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Vortrag Celan, Heidegger,

Hölderlin
Zwischen Wirklichkeitslast
und Wahnlast
1. Hellingrath sagt: „Es ist Kleine-Leute-haft, es ist von dem, was uns
so oft den Namen Bedienten-Seelen eingetragen hat, es ist, daß die
Deutschen ihres eigenen Selbstgefü hls nicht sicher sind, wenn sie
es nicht vom Mund der Nachbarn ablesen kö nnen. Und doch, mit
der seltsamen Doppelheit, die Wesen und Rätsel des Deutschen ist,
es wohnt auch etwas darin von einer kindlich tiefen staunenden
Demut, einer kindlich gläubigen Vertrauensseligkeit, einem
Nichlbcgrei- fenkö nnen der Mö glichkeit, der Fähigkeit zu hassen
und zu lü gen, etwas von Eigenschaften, die uns das Recht zum
Glauben geben, daß, wenn die Wahrheit und die Gerechtig- keit und
die Stärke Gottes hier auf Erden Häuser bauen, sie es unter keinem
andern Volk als dem unsern tun, unter uns Barbaren, kleinen Leuten
und Emporgekommenen. „(Hellingrath-Hölderlin)

2. Heidegger sagt: „Wir beachten zunächst, an welcher Stelle dieses


Wort ü ber die Sprache steht: im Entwurf zu einer Dichtung, die
sagen soll, wer der Mensch ist im Unterschied zu den anderen
Wesen der Natur; genannt werden die Rose, die Schwäne, der
Hirsch im Walde (IV, 300 und 385). In der Absetzung gegen die
anderen Lebewesen beginnt das angefü hrte Bruchstü ck deshalb
mit: »Aber in Hü tten wohnet der Mensch. «Wer ist der Mensch?
Jener, der zeugen muß, was er sei. Zeugen bedeutet einmal ein
Bekunden; aber zugleich meint es: fü r das Bekundete in der
Bekundung einstehen. Der Mensch ist der, der er ist, eben in der
Bezeugung des eigenen Daseins. (Celan’s Hölderlin- Heidegger’s
Hölderlin) Dazu kommen wir noch in dem Gedicht:
ICH KENNE DICH…
3. Diese Bezeugung meint hier nicht einen nachträglichen und beiher-
laufenden Ausdruck des Menschseins, sondern sie macht das Da-
sein des Menschen mit aus. Aber was soll der Mensch bezeugen?
Seine Zugehö rigkeit zur Erde. Diese Zugehö rigkeit besteht dar- in,
daß der Mensch der Erbe ist und der Lernende in allen Din- gen.
Diese aber stehen im Widerstreit. Was die Dinge im Wider- streit
auseinanderhält und damit zugleich zusammenschließt, nennt
Hö lderlin die »Innigkeit«. Die Bezeugung des Zugehö rens zu dieser
Innigkeit geschieht durch das Schaffen einer Welt und ihren
Aufgang ebenso wie durch die Zerstö rung derselben und den
Untergang. Die Bezeugung des Menschseins und damit sein
eigentlicher Vollzug geschieht aus der Freiheit der Entscheidung.
Diese ergreift das Notwendige und stellt sich in die Bindung eines
hö chsten Anspruchs. Das Zeugesein der Zugehö rigkeit in das
Seiende im Ganzen geschieht als Geschichte. Damit aber Geschichte
mö glich sei, ist dem Menschen die Sprache gegeben. Sie ist ein Gut
des Menschen.“
(Martin Heidegger-Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung- GA-

4. Nach Seng: “Paul Celans ‘Sprachgitter’-Metapher lädt dazu ein, den


Vorgang der Fixierung und Konzentration von Erfahrung in der
Sprache des Gedichts mit der Entstehung kristalliner Strukturen zu
vergleichen. Sprach-Kristalle schließen nach eigenen Gesetzen an
einen semantischen Kern an, ihr Wachstum ist nicht linear,
gleichwohl herrscht in den Innenräumen kristalliner Gebilde die
Geometrie des Gitters vor. Zerlegt man das komplexe und bizarre
Gebilde in seine ‘positiven’ Bestandteile, entdeckt man nichts
anderes als eben diese beinahe mathematische Regelmäßigkeit,,die
den sezierenden Beobachter in einen kü nstlich-unheimlich Abgrund
blicken läßt. Die Zerlegung des Gesamtkristalls in seine kleinsten
Wort- Bestandteile, in die Elemente einer Konstruktion,
entindividualisiert die Figur, nimmt ihr gerade das, was in ihr sich
der mechanischen Gesetzmäßigkeit entgegengewendet hat. Der
Struktur des “Sprachgitters” entspricht es, daß zur Begegnung mit
dieser geschichtlich einmaligen Erfahrung die gesamte Figur
gesehen werden muß, da, komplementär zu den ‘positiven’
Elementen, den Gittern, auch die ‘negativen’ Elemente der Sprache,
die Leerstellen und von den Gittern eingeschlossenen weißen
Räume, mitsprechen.” (GELLHAUS 1995: 52) Joachim Seng zitiert
dazu ein Buch, das Celan gelesen haben soll, um eine ähn- liche
Erklärung der Metapher zu geben: „Zu dem Begriff ‚Raumgitter‘ [...]
er- klärt das vom Dichter benutzten Buch, es stelle ‚ein
dreidimensionales Punktsystem dar, das von zweidimensionalen
Netzebenen aufgebaut wird, die selbst wieder aus
eindimensionalen Punktreihen bestehen.‘ Die Gestalt und die
Struktur dieses den Kristall aufbauenden ‚Raumgitters‘, kann
anhand einer einzigen ‚Elementarzelle‘ bestimmt werden, die das
kleinstmö gliche dreidimensionale Gebilde darstellt, das alle
vorkommenden Punktlagen des jeweiligen Gitters enthält und
dessen einfache Parallelverschiebung es gestattet, das ganze Gitter
aufzubauen. Natü rlich kann und darf dieses naturwissenschaftliche
Baugesetz nicht einfach auf die Struktur von Celans neuem
Gedichtband ü bertragen wer- den. Celan interessierte hier
offensichtlich der beschriebene mineralogische Vorgang, der auf
die Dichtung bezogen bedeuten wü rde, daß in der Konzepti- on und
Struktur des einzelnen Gedichts, die Struktur des gesamten
„Sprachgitters“ angelegt ist. Fü r die ‚Schwierigkeit‘ des
(Zueinander-)Sprechens‘, die Celan im ‚Sprachgitter‘ mitsprechen
sah, dü rfte auch von Bedeutung sein, daß die Kristalle den von
ihnen eingenommenen Raum nicht als Kontinuum ausfü l- len,
sondern ‚in Wirklichkeit ein Diskontinuum‘ sind. Die Gitterstruktur
läßt unbesetzten, freien Raum zwischen den einzelnen Punkten. Es
gehö rt zum in- neren Aufbau des Ganzen, wie zum Sprechen das
Schweigen, die gemeinsam die poetische Sprache Celan, sein
‚Sprachgitter’ bilden.“ (SENG 1: 174). SENG, Joachim. Auf den Kreis-
Wegen der Dichtung. Zyklische Komposition bei Paul Celan am
Beispiel der Gedichtbä nde bis ‚Sprachgitter‘. Heidelberg, Winter
1998. (SENG 1)
Das Gedicht: „ Ich kenne Dich“

Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts,


textnah interpretiert Von Stefan George bis Ulla
Hahn Reihe: Frankfurter Hochschulschriften zur
Sprachtheorie und Literaturästhetik Christoff
Neumeister

5. Das Gedicht sollte ursprünglich Schlußgedicht der 1965 als


Privatdruck erschienenen Sammlung „Atemkristall“ sein, bekam
dann aber die Mittelposition der diese Sammlung abschließenden
Dreiergruppe zugewiesen. Es nimmt allein schon durch seine
Position eine Sonderstellung ein. Sie ist auch daran erkennbar, daß
es vom Dichter in Klammern gesetzt ist, und daß es, im
Unterschied zu allen anderen Gedichten der Sammlung, eine ganz
konventionelle Form hat.2

Gereimte Verse in rein jambischem Rhythmus, mit abwechselnd


weiblichem und männlichem Schluß, die ersten drei Verse aus fünf
Jamben, die vierte dann überraschend nur noch aus vieren
bestehend. Schema der Reime, Versschlüsse und der Vers-
Silbenzahlen:

Auch die Verseinteilung ist ganz konventionell: Sie folgt der


syntaktischen Einteilung.

Der Sprecher wendet sich wie in „WORTAUFSCHÜTTUNG“ an ein


Du. Es ist aber, wie sich gleich erweisen wird, ein anderes als das
dort angesprochene, welches wir als “Geist der Sprache”
bezeichnet hatten. Auf diesen Wechsel der Anrederichtung
aufmerksam zu machen könnte eine der Funktionen der
Klammern sein.
6.