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Qualifizierte wandern aus, wenig Qualifizierte ein

Die bi-kulturelle Gesellschaft


Von Gastautor
Mo, 11. Januar 2016

Im Ergebnis befindet sich Westeuropa heute auf dem Weg in eine bikulturelle Gesellschaft.
Die Illusion Multikulti war gestern, die homogene Gesellschaft vorgestern. Ein Gastbeitrag
von Barbara Köster.

Der Umgang mit der Integration ist im Westen eine der wichtigsten Fragen der Gegenwart. Wird sie
nicht endlich in angemessener Weise bearbeitet, sehen Deutschland und andere Länder Europas
einer Zukunft mit einer ethnisch und religiös gespaltenen Bevölkerung entgegen. Die europäischen
Eliten erkennen nun erst den Ernst der Lage. Zu lange war Integrationspolitik gekennzeichnet durch
Wunschdenken, Opportunismus, Tabuisierung, Verharmlosung und Verdächtigung. Im Ergebnis
befindet sich Westeuropa heute auf dem Weg in eine bikulturelle Gesellschaft. Multikulti war
gestern. In einigen schwedischen Städten hat sich in einer Generation ein 40%-Anteil von
Muslimen aufgebaut. Sie sind nun semi-muslimische Kommunen. Der innere Frieden der
bikulturellen Gesellschaften hat keine gute Prognose.

Europa war immer Auswanderungsland


Es begann alles mit einer Übereinkunft von Politik und Wirtschaft in goldenen Zeiten, als
Vollbeschäftigung in Deutschland herrschte, und die Wirtschaft vor der Alternative stand, die Löhne
weiter erhöhen zu müssen oder neue Arbeitskräfte ins Land zu holen, um sie senken zu können.
Man entschied sich für Letzteres, auch weil man glaubte, es sei im außenpolitischen Interesse, und
gab dem Drängen der Entsendeländer nach, das gerade im Falle der Türkei besonders stark war. Es
war der Auftakt zu einer demographischen Revolution, die offiziell nicht stattfand. Bis zum Ende
der Kohl-Regierung 1998 lautete das Mantra „Deutschland ist kein Einwanderungsland“. Trotz
dieser Wegseh-Politik gab es selbstverständlich Einwanderung.
Nach dem Wechsel zu Rot/Grün richtete sich der Blick auf die „gelungene Integration“. Migration,
die vorher nicht sein durfte, gab es nun doch, und war zudem ohne jedes Zutun der Politik
wundersam erfolgreich. Es galt das neue Mantra der „Bereicherung durch Immigration“, die die
Gesellschaft „offener“ machen würde. Deutschland war einmal ziemlich homogen. In den Jahren
des wirtschaftlichen Wiedererstarkens prägte der Soziologie Helmut Schelsky das Wort von der
„formierten Mittelstandsgesellschaft“. Dieses ferne Idyll ist in Heinz-Erhard-Filmen zu besichtigen.
Deutschland war auch ganz selbstverständlich eine Solidargemeinschaft. Die ist es auch heute noch,
aber nicht mehr selbstverständlich. Solidarität und Homogenität hängen zusammen. Je heterogener
eine Gesellschaft, desto geringer die Solidaritätsbereitschaft. Gerade klassische
Einwanderungsländer verhalten sich gegenüber den Neuzugängen neutral. Sie warten ab, was diese
einbringen und zeigen von sich aus kein Entgegenkommen außer dem formalen Angebot, Erfolg
haben zu können.
Die Sprachregelung „Bereicherung durch Zuwanderung“ ist von der Merkel-Regierung
übernommen und in den letzten Monaten durch entsprechendes Handeln bekräftigt und auf die
Spitze getrieben worden. Die dabei bewirkten Rechtsbrüche haben die Nation bis ins Mark
getroffen und Europa zerrüttet. Die EU steht als Mixtur aus Uneinigkeit, Unfähigkeit und
Ohnmacht da.
Deutschland hatte keine Erfahrung mit Masseneinwanderung. Ganz Europa hatte dies nicht
gekannt, Europa war immer Auswanderungsland. Die Integration bisheriger Migranten kann auch
darum nicht als geglückt bezeichnet werden. Nun sieht es sich zusätzlich mit einer bisher
unvorstellbar hohen Zahl von Einwanderern und der daraus folgenden Kettenmigration – einer zieht
den anderen nach – konfrontiert, die schwer zu unterbrechen ist. Hier muss der Staat zur Einsicht
gelangen, dass Immigration nicht grundsätzlich unabwendbar ist. Die Agenda liegt bei der
Einwanderungsgesellschaft. Ein demokratischer Staat verliert nicht an Legitimität, wenn er
Zuwanderung begrenzt. Es gibt kein einseitiges Recht auf Immigration und keine rechtliche
Privilegierung eines Bi- oder Multikulturalismus’.
Der innere Frieden hat nun Priorität. Die Situation ist nicht einfach. Die Sorge vor zu viel
Einwanderung ist rational und legitim. Sie entspricht soziologischer, psychologischer und nicht
zuletzt politischer Vernunft. Immigration und Massenimmigration ist nicht dasselbe. Fremde
Gruppen, die eine bestimmte Größe überschreiten, sind kaum mehr zu integrieren, sondern bauen
eigene Strukturen auf. Die bi-kulturelle Gesellschaft entsteht.
Durch Migration hat in den letzten Jahrzehnten bereits eine massive Unterschichtung stattgefunden,
die durch die neue Einwanderungswelle verstärkt wird. Nach Deutschland und Europa wanderten
und wandern überwiegend Unterschichtangehörige aus anderen Ländern ein. Für die Türkei war die
deutsche Politik die Erhörung ihrer Gebete zur Lösung ihres Arbeitslosenproblems, die Remissen
eine sprudelnde Quelle harter Devisen. Die vielen zumeist ungebildeten Menschen brachten einen
bildungsfernen, wenig weltoffenen Lebensstil mit ins Land. Etliche lehnen eine aufgeklärte, offene
Gesellschaft ab und wollen ihre vormoderne, teilweise archaische Lebensform hier weiterführen.
Sie bauen sich ihr Dorf in einer europäischen Stadt neu auf. Über die Satellitenschüssel kommt
nicht nur die Welt, sondern auch die Provinz ins Wohnzimmer.

Wer kommt, wer geht?


Der Einwanderung von Unqualifizierten steht inzwischen eine Auswanderung von Qualifizierten
gegenüber. Die obere Gesellschaftsschicht schottet sich ab und schickt ihre Kinder auf britische
Public Schools. Die Unterschicht ist zum großen Teil ins Prekariat abgedrängt, die Mittelschicht
fühlt sich von sozialer Unsicherheit bedroht. Masseneinwanderung hat dazu beigetragen, dass
gesellschaftliche Bindungen gelockert und Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl
geschwunden sind. Ob Deutschland wirklich offener geworden ist und noch wird, ist fraglich.
Der Bevölkerungswandel ist ein anrüchiges Thema. Migrationsforschung wird moralisch
aufgeladen, Demographieforschung ist dubios. Es könnte ja dabei herauskommen, dass in
absehbarer Zeit viele Stadtteile oder sogar ganze Städte mehrheitlich muslimisch sein werden. Und
dann würde sich zeigen, dass muslimische Areale nicht selbstverständlich mehr auch die der
Alteingesessenen sind. Massenpräsenz von Einwanderern in europäischen Städten bedeutet nicht
unbedingt Bereicherung und Erweiterung, sondern eher eine Einschränkung für die angestammte
Bevölkerung. Wenn aus einem früheren Arbeiterstadtteil eine ethnische Enklave wird, ziehen sich
die ehemaligen Bewohner zurück. Einige Stadtteile in London, Bradford, Malmö, Göteborg,
Brüssel, Duisburg sind praktisch abgetreten. Sie sind kolonisiert. Immigranten können zu
Kolonisten werden. Sie wollen nicht Teil der Gesellschaft sein, die sie aufgenommen hat, und deren
Regeln übernehmen, sondern ihre eigene mit anderen Regeln auf bereinigtem Territorium aufbauen.
Christopher Caldwell schreibt in seinem Buch „Reflections on the Revolution in Europe“ aus dem
Jahre 2010: „Ethnische Gruppen an Europa anzupassen, heißt nicht, etwas zu dem hinzuzufügen,
was es in Europa bereits gibt. Es bedeutet zu verändern, was Europa hat. Immigration passt schlecht
zum Wohlfahrtsstaat, der ein Eckstein europäischer Identität seit dem 2. Weltkrieg ist. Sie
verkompliziert die Anstrengungen, eine Europäische Union zu errichten. Der Islam, zu dem sich
ungefähr die Hälfte aller Neuankömmlinge bekennt, fühlt sich unwohl mit der europäischen
Tradition des Säkularismus’. Es wäre arrogant, von vornherein zu unterstellen, im Kampf zwischen
diesen beiden hätte der Säkuralismus die besseren Karten. Die spirituelle Oberflächlichkeit, den
muslimische Einwanderer im Westen wahrnehmen, ist keine Einbildung. Vermutlich wird es
Europas größte Pflicht sein, seine Kultur zu erhalten.“ (S. 22, Übersetzung BK)

Enklavenkultur
Einem Teil des politischen Spektrums ist die Arbeiterklasse als historisches Subjekt und Objekt der
Betreuung abhanden gekommen. Ihren Platz nehmen nun die Muslime ein. Die Fehleinschätzung
deren Lebenswelten und Mentalitäten nimmt ähnlich groteske Formen an wie weiland im Falle der
Arbeiterschaft. Alte Themen müssen wieder neu buchstabiert werden: Frauenemanzipation,
Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, etc. Die islamischen Grundlinien zu diesen Fragen bewegen
sich im vormodernen Bereich und werfen eine Gesellschaft, die im Diskurs schon viel weiter war,
zurück auf Anfang. Zur Wiederaufnahme des Streits um längst abgeschnitten geglaubte alte Zöpfe
ist man aber in weiten Teilen der Bevölkerung zu alt, zu müde und zu zermürbt.
Für Muslime steht fest, dass Ungläubige den Islam annehmen, wenn sie nur mit ihm bekannt
gemacht werden. Natürlich geschieht dies nicht, und aufgeklärte Geister finden alleine die
Vorstellung von spontaner Bekehrung auf Zuruf belustigend. Andererseits gehen diese aufgeklärten
Geister davon aus, dass Muslime, bekannt gemacht mit westlichen Werten wie Freiheit,
Demokratie, Individualismus und Selbstverwirklichung, sich diesen zuwenden und sich von
religiösen Traditionen lösen würden. Diese Vorstellung hat sich ebenfalls als naiv herausgestellt.
Genauso blauäugig ist die Rede von Bildung und Erziehung als Integrationsbeschleunigern. Das
kann funktionieren, muss aber nicht. Der Islam ist selbstverständlich auch ein Erziehungssystem
nach eigenen Regeln, und auch Islamisten setzen auf Erziehung.
Man muss in Betracht ziehen, dass die muslimischen Ethnien in Europa auf Wachstum und
Separierung angelegt sind. Die Strategie religiöser Führer zielt darauf ab, in Europa „muslimische
Inseln“ zu schaffen. So bildet der Islam eine „Enklavenkultur“. (Mary Douglas) Erziehungsziel ist
die Einfügung und Einordnung in die muslimische Gemeinschaft, nicht die Integration in eine
westliche Gesellschaft.
Gastautorin Barbara Köster hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert.