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Peyman Jafari

DER

ANDERE

IRAN

Geschichte und Kultur von 1goo bis zur Gegenwart

Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert

Verlag C. H. Beck

Titel der niederländischen Originalausgabe:

«Her andere Iran. V an de revolutie tot vandaag" 2009 by PeymanJafari Originally Published by Ambo I Anthos Uitgevers, Amsterdam

Originally Published by Ambo I Anthos Uitgevers, Amsterdam Der Autor hat das Buch für die deutsche

Der Autor hat das Buch für die deutsche Ausgabe aktualisiert und um ein Kapitel erweitert.

Die Übersetzung dieses Buches "lvurde gefordert vom Nederlands Letterenfonds.

Für die deutsche Ausgabe:

(v Verlag C.H.Beck oHG, München 2010 Umschlaggestaltung: www.kunst-oder·reklame.de Umschlagbild: Demonstration in Teheran, Dezember 2009, Foto: Maryam Rahmanian I UPI i laif Satz: Fotosatz Reinhard Amann, Aichstetten Druck und Bindung: CPI - Ebner & Spiegel, Ulm Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier

(hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff) Printed in Germany

ISBN 978 3 406 60644 I

www.beck.de

Für meine Eltern Shahnaz und Fereydoun

Vorwort

9

Inhalt

1. Vom Zoroastrismus zum Islam 17

Vor dem Islam

Schia 24- Religion und Politik 2.8

1 9 - Der Einzug des Islam in Persien

22- Der Iran und die

2.

Orient trifft Okzident

32

Die wirtschaftliche Entwicklung 33 - Religion und Philosophie 35 - Die

Qadscharen und der Westen 37- Zwischen Anpassung und Widerstand

40

Die Konstitutionelle Revolution (1905-1909)

45

Erwachen aus einem Albtraum 46 Der Kampf um die Verfassung 48 Vom Bürgerkriegzur Restauration 52.

Autoritäre Modernisierung zwischen den

 

Revolutionen (1909-1979)

57

Reza Schah: der Mann der Ordnung 5 9 Mossadegh und die Ölkrise 62

Der Staatsstreich gegen Mossadegh

64

und die Ölkrise 62 Der Staatsstreich gegen Mossadegh 64 Die Ruhe vor dem Sturm 67 Die

Die Ruhe vor dem Sturm 67

Die unerwartete Revolution (1979)

71

Die «Große Zivilisation» 72 Die Opposition 77 - 1977-1978: Ein Wirbelsturm von Protesten 82 Februar 1979: «Der Frühling der Freiheit» 87- 1979-1983: Die Konterrevolution 8 9

der Freiheit» 87- 1979-1983: Die Konterrevolution 8 9 6. Chomeini: Unter dem Mantel des Ayatollahs (1979-1989)

6. Chomeini: Unter dem Mantel des

Ayatollahs (1979-1989)

g6

Fundamentalismus oder Populismus? 9 8 - Der längste Krieg

roo

Die

Rafsandschani: Vom Populismus zum

Neoliberalismus (1989-1997)

109

<<Führer des Aufbaus» m - Mullah-Millionäre und die mostaza_fan n6 - Pragmatiker gegen Konservative II9 - Veränderungen in Kultur und Gesellschaft 122

8. Chatami: Von der Euphorie zur

Ent täuschung (1997-2005} 128

Zwischen Demokratie und Theokratie 130 Religiöse Intellektuelle und die Säkularisierung 132 Das Reformprojekt 135 Der "Teheraner Frühling» 137 - Wandel und W iderstand in der Gesellschaft 140 Die Jugend: Auf der Suche nach Spaß, Jobs und Demokratie 140 Frauen: Die Kraft der Beharrlichkeit 145 - Die Arbeiterbewegung: Eine erstarkende Kraft 148 - Die Konservativen und die Gegenreformen 149

Kraft 148 - Die Konservativen und die Gegenreformen 149 9· Ahmadinedschad: Die Farce des Populismus (2005-2010)
Kraft 148 - Die Konservativen und die Gegenreformen 149 9· Ahmadinedschad: Die Farce des Populismus (2005-2010)

Ahmadinedschad: Die Farce des Populismus (2005-2010)

157

<< t\.us

Die Neokonservativen 164 Der Iran, die USA und das Nuklearpro­

dem Geschlecht der Frommen)) 158 Der Überraschungssieger 161

gramm r66 GebrocheneVersprechen und Repression 172

10. Der Anfang vom Ende 180

Der Wahlkampf 180 Der Riss an der Spitze 183 - Der Aufstand von «Schmutz und Staub)) 186 - Irrtümer rgr Die unvollendete Revolu­ tion 196

Anhang 199

Zeittafel

201

-

Übersicht

über

die

Machtverteilung

im

Iran

206

Glossar

207- Anmerkungen

207- Anmerkungen

209

Literatur

217- Personenreg ister

221

Vorwort

Seit der Revolution von I979, die den Schah vom pfauenthron stieß, steht der Iran unausgesetzt im Scheinwerferlicht. Das Land gerät von einer internationalen Kontroverse in die andere: die Geiselnahme der amerikanischen Botschaftsmitarbeiter, der Krieg mit dem Irak, die Fatwa gegen Salman Rushdie, die Unterstützung von Hamas und Hisbollah, das Nuklearprogramm. Auch die innenpolitischen Ent­ wicklungen bringen den Iran regelmäßig in die Nachrichten: der Machtkampf zwischen Reformern und Konservativen, die Rolle der Ayatollahs und des Militärs, die Protestaktionen für politische Verän­ derungen. In jüngster Zeit rückte der Iran in den Blickpunkt des Weltinte­ resses, als imJuni 2009 Proteste gegen die offenbar manipulierte Prä­ sidentschaftswahl ausbrachen. Ayatollah Ali Chamenei, politisches und geistliches Oberhaupt des Landes, bezeichnete diese Proteste als «Karikatur)) der «großen Bewegung)) von 1979. Damit räumte er indirekt ein, dass die Demonstrationen im Jahr 2009 mit denen der iranischen Revolution vergleichbar waren und dass nicht weniger als das Erbe dieser Revolution auf dem Spiel stand. Auch die Demons­ tranten selbst beriefen sich mit ihren Slogans auf 1979, und auslän­ dische Journalisten zogen Parallelen zwischen beiden Ereignissen. Die Revolution fesselt das Interesse am Iran auch noch nach drei Jahrzehnten, vor allem wegen der Widersprüche, die sie dem Land aufgebürdet hat. Sie hat Kräfte freigesetzt, die sich längst noch nicht voll entfaltet haben. Wie bei anderen Revolutionen ist es im Grunde noch zu früh, um mit einiger Gewissheit ein Urteil zu fällen. Als der chinesische Premierminister Zhou Enlai einmal von Journalisten gefragt wurde, was er von der Französischen Revolution halte, ant­ wortete er: «Es ist noch zu früh, um etwas darüber zu sagen.)) In dieser Erwiderung, die zu einem geflügelten Wort wurde, steckt ein

10

Vorwort

Körnchen Wahrheit. Historische Ereignisse in der Größenordnung von Revolutionen sind wie ein Stein, der in einen See geworfen wird; die Wellen können noch nachJahrzehnten die Wasseroberfläche auf­ rühren. Mit der iranischen Revolution verhält es sich nicht anders. Für ein abschließendes Urteil ist es vielleicht noch zu früh, doch 1979 ist zwangsläufig ein Bezugspunkt, will man die jüngsten Entwick­ lungen im Iran und in der Region verstehen. Auch das Gegenteil trifft zu. Wer in die Vergangenheit blickt, tut dies mit den Augen von heute. Darum ist jede Geschichte eine

Geschichte der Gegenwart. Die

dominanten Mächte des Augenblicks farben unsere Sicht auf die Ver­ gangenheit. Im Fall des Iran sind es zwei aktuelle Themen, die unseren Blick auf das Land beeinflussen. Das erste ist der «War on Terror)} nach dem n. September 2001. Nach den entsetzlichen Anschlägen auf New York erklärte der amerikanische Präsident George W Bush den Iran zum Bestandteil einer «Achse des Bösem und besetzte die Nachbarländer Afghanistan und Irak. Durch die Kriegsdrohungen der USA und das Nuklearprogramm des Iran verschärften sich die Spannungen zwi­ schen den beiden Ländern. Das zweite Thema ist das Erstarken des islamischen Fundamentalismus. Seit der iranischen Revolution wurde

großen T hemen, Konflikte und

nie so oft und heftig über Islam und Politik diskutiert wie nach dem 11. September 2001. Die Islamische Republik Iran wird als eine der treibenden Kräfte hinter dem Wachstum des fundamentalistischen und antiwestlichen Islam gesehen. Diese beiden T hemen bilden sozusagen die Brille, durch die viele Menschen auf den Iran blicken. Das so entstehende Bild ist stark verzerrt. Der Iran wird als ein Land gesehen, das von Mullahs mit der Intelligenz einer Pistazie regiert wird, Atomwaffen gegen den Westen baut und von religiösem Fanatismus besessen ist. Das vorherrschende Bild des Iran ist nicht nur durch die T hemen

Terrorismus und Fundamentalismus geprägt, sondern auch dadurch, wie diese Begriffe interpretiert werden. Seit Anfang der neunziger Jahre Samuel Huntingtons Buch The Clash of Civilizations erschien (dt.

Vorwort

11

Kampf der Kulturen, 1996), hat sich die Vorstellung verbreitet, die Welt werde durch den Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen zer­ rissen. Die Anhänger der Theorie des «Clash of Civilizations)) gehen von einem unveränderlichen Wesenskern des Islam aus, der Länder wie den Iran in die Richtung von Diktatur, Terrorismus und Konflikt mit dem demokratischen und säkularen Westen treibe. Während der Westen durch Dynamik charakterisiert wird, gelten die islamischen Länder als statisch. Es herrscht eine starke Tendenz, alles, was sich in islamischen Ländern ereignet, auf den Einfluss der Religion zurück­ zuführen. Diese übertriebene Fixierung auf den Islam hat dafür ge­ sorgt, dass die Rolle von Politik, sozialen Gegensätzen und wirtschaft­ lichen Entwicklungen aus dem Blickfeld gerät.1 Ironischerweise sind es gerade die Konservativen im Iran, die meinen, ihre Auffassung vom Islam müsse in allen gesellschaftlichen Bereichen maßgeblich sein. Mit den neokonservativen Vordenkern im Westen verbindet sie, dass sie an die Besonderheit der islamischen Länder glauben, die Demokratie, Frauenrechte und bürgerliche Freiheiten unmöglich mache. Wer den «Kampf der Kulturen» zum Ausgangspunkt nimmt, ge­ langt unvermeidlich zu banalen «Analysem> oder endet mit Kriegser­ klärungen. Wer davon ausgeht, die Bevölkerung des Iran unterscheide sich im Kern von den Menschen in der westlichen Welt, glaubt an die Klischees, mit denen wir überhäuft werden. Immer steht eine Kamera bereit, um eine Schar verschleierter Frauen oder eine Gruppe bärtiger Männer, die «Tod Amerika)) rufen, auf unsere Fernsehschirme zu bringen. So verfestigt sich die Vorstellung, dass die Iraner von einer Religion besessen sind, die zu Frauenunterdrückung und antiwestli­ chen Emotionen animiert. Seit einigen Jahren wird das Klischee zum Glück immer häufiger von Journalisten und Schriftstellern in Frage gestellt, die unsere Auf­ merksamkeit auf die Widersprüchlichkeiten im Iran lenken. In ihren Geschichten dominieren oft hippe Typen, die auf die islamischen Regeln pfeifen, und elegante junge Frauen, die mit Gucci-Taschen und Hermes-Sehals durch die Straßen flanieren. Selten fehlen in der Beschreibung die große Sonnenbrille und das üppige Haar, das unter

12

Vorwort

einem kleinen Kopftuch hervorschaut. Skipisten, Internetcafes und Parks sind die beliebtesten Orte, an denen diese jungen Leute foto­ grafiert werden. Zohreh Watanchah, einejunge Frau, die als eine der besten Rennfahrer des Iran manchen Mann besiegt hat, ist zu einem dieser Antiklischeebilder geworden. Die Underground-Musikkultur ist ein anderes Lieblingsthema vonJournalisten, die Teheran besuchen und sich über den Alkohol- und Drogenkonsum in dem islamischen Land wundern. Solche Reportagen sind ein wirkungsvolles Gegengift gegen das einseitige Bild von einem totalitären und fundamentalistischen Iran, das seit der Revolution im We sten dominiert. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Gegenbilder selbst zu Klischees werden, denn im Grunde zeichnen auch sie ein einseitiges Bild. Die Ideologen des «Kampfs der Ku lturen)) haben sich lange alle Mühe geg eben, den Iran als grundsätzlich anders darzustellen. Es scheint, als könne dieses Bild nur richtiggestellt werden, indem man beweist, dass «sie)), die Men­ schen im Iran, eigentlich nichts anderes wollen, als so wie «wir)) im We sten zu sein. Nicht die Religion, sondern das Erlangen einer Eintrittskarte zur globalen McWorld scheint die neue Obsession der

iranischen Jugend zu sein. Wa s unive rsell und gut ist, kommt offenbar per definitionem aus dem We sten. Bequemer weise wird außer Acht gelassen, dass es schon aufgrund sozialer Unterschiede im Iran ebenso wenig wie bei uns eine einheitliche Mentalität gibt. In dieser Art Berichterstattung über den Iran tritt der Lebensstil an die Stelle der Religion, aber das so entstehende Bild bleibt gefangen im kulturellen Paradigma, dass Okzident und Orient Gegenpole sind. Mein Buch Der andere Iran ist eine Antwort auf diese irreführende Vo rstellung und die dahinter verborgene Ideologie von den aufein­ anderprallenden Kulturen. Es will nicht nur die lange und komplexe Geschichte des Iran verständlich machen, sondern auch die gängigen Iranbilder korrigieren. Die Geschichte des Iran beginntJahrhunderte vor dem Einzug des Islam, und auch nach der Islamisierung spielten viel mehr Kräfte als nur die Religion eine Rolle. Im gleichen Maße, wie die Schia, die im Iran vorherrschende Form des Islam, das Land

Vo rwort

13

beeinflusst hat, haben umgekehrt die politischen und sozialen Gegen­ sätze die Schia selbst verändert. Fremde Großmächte waren ein ebenso großes Hindernis für eine Demokratisierung wie inländische Diktatoren. Im Folgenden hoffe ich zu zeigen, wie tief die Sehnsucht nach politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der irani­ schen Geschichte verwurzelt ist. Der andere Iran ist die Geschichte der Männer und Frauen, die mit all ihren ethnischen und religiösen Unterschieden - die Quelle von Widerstand und Wandel bilden. Sie entsprechen nicht den Stereotypen passiver Opfer religiöser Fana­ tiker und ausländischer Großmächte. Ihr Leben wird nicht nur vom Glauben, sondern auch von der Herausbildung eines modernen Staates, von der Entwicklung der Wirtschaft und den zunehmenden sozialen Gegensätzen bestimmt. In diesem Sinn ist Der andere Iran anders - und doch wieder nicht. Das Buch schildert einen kleinen Ausschnitt aus dem universalen Erzählen vom Kampf der Menschen um Selbstbestimmung. Die moderne Geschichte des Iran ist wie ein langer Zyklus, in dem auf den Frühling wieder der Winter folgt. Im Frühling blühen die demokratischen Bestrebungen, schießen die gesellschaftlichen Or­ ganisationen wie Pilze aus dem Boden und wird die Gesellschaft zu einer bunten Palette sozialer Bewegungen. Doch dann kommt der Winter: Politische Aktivitäten frieren ein, der Frost sprengt die gesell­ schaftlichen Organisationen und jagt die demokratischen Bestre­ bungen von den Straßen und Plätzen in die Häuser. Dieser Zyklus geht zurück bis zum Beginn des zwanzigsten Jahr­ hunderts, als die Konstitutionelle Re volution (1905-1909) die Macht des Schahs durch die Einführung eines gewählten Parlaments ein­ schränkte und damit schon sehr früh den ersten Impuls zu einer Demokratisierung im Mittleren Osten setzte. Malek al-Scho'ara Bahar, Lyriker und Teilnehmer an der Revolution, nannte seine Zeit­ schrift Neuer Frühling. Nach dem Niedergang der Revolution und der Niederlage der Demokraten kam der Winter zu Pferde, in der Person des Kosakenoffiziers Reza Chan, der sich 1926 zum König krönen ließ und das Land mit harter Hand regierte.

14

Vorwort

In den vierziger Jahren, als der größte Teil der Welt die finstersten

Tage erlebte, rüttelte ein neuer Frühling die iranische Gesellschaft

aus dem Winterschlaf Politische Parteien, Gewerkschaften und Frau­

enorganisationen wurden gegründet und oppositionelle Zeitungen

veröffentlicht. Der Wunsch nach Demokratie und nationale Gefiihle

kulminierten in der Wahl des Rechtsanwalts Mossadegh zum Pre­

mierminister. 1951 verstaatlichte Mossadegh die iranische Ölindustrie

und zog sich damit den Zorn Großbritanniens und der USA zu. Der

von diesen beiden Ländern initiierte Militärputsch, der 1953 zum

Sturz Mossadeghs führte, läutete einen langen Winter ein. Die de­

pressive und misstrauische Stimmung, die sich über das Land legte,

vermittelt das Gedicht ((Winter» von Mehdi Achawan Sales auf sug­

gestive We ise:

Dein Grüßen zu erwidern, scheun sie sich, gesenkt sind alle Köpfe. Keiner wagt, das Haupt zur Antwort zu erheben, und man meidet die Gefahrten. Die Blicke reichen wenig weiter als zum Fuß, Der Weg ist dunkel und der Boden glattgefroren. Und wenn dujemand freundschaftlich die Hand entgegenstreckst, Zieht er die seine widerwillig unter seiner Achsel kurz hervor;

Denn beißend ist der Frost. (

)•

Diese Stimmung schlug Ende der siebziger Jahre um, als Millionen

Menschen auf die Straße g ingen und die Diktatur des Schahs beende­

ten. Die Revolution bekam den Namen «Frühling der Freiheit». Aufs

Neue blühten die politischen Parteien, Gewerkschaften, Frauenor­

ganisationen, Betriebs- und Nachbarschaftskomitees und Bewegun­

gen ethnischer Minderheiten. Doch es dauerte nicht lange, bis die An­

hänger von Ayatollah Chomeini die Macht an sich rissen und dem

Frühling ein Ende machten. Wieder folgte der Winter, nun in der

Form der Islamischen Republik, die Oppositionsparteien und freie

Gewerkschaften verbot, Andersdenkende einkerkerte und die Frei­

heiten der Frauen einschränkte. Der lange Krieg mit dem Irak machte

den Winterhimmel der achtziger Jahre noch grauer.

Vorwort

15

1997 setzte mit der Wahl des reformorientierten Präsidenten Cha­

tami Tauwetter ein. In einer euphorischen Atmosphäre entstanden

im ganzen Land soziale und intellektuelle Bewegungen, Zeitungen

und Weblogs und forderten die vorhandenen Machtstrukturen he­

raus. Mit großem Optimismus strebten die Iraner einer besseren

Zukunft entgegen. Die vorsichtigen Reformen unter Chatami stie­

ßen jedoch bald auf den Widerstand der konservativen Kräfte, die

Zeitungen verboten und Dissidenten von Wahlen ausschlossen. De­

moralisierung trat an die Stelle von Hoffuung auf Veränderung und

des neokonser vativen Präsidenten

machte den Weg frei für die Wahl

Ahmadinedschad. In der zweiten Hälfte des Jahres 2009 kehrte der

Frühling wieder zurück, mit Massenprotesten gegen die manipu­

lierte Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad.

Die Metaphorik von Frühling und Winter könnte zu Unrecht das

Bild von einem Land vermitteln, das sich nicht wandelt. Ich hoffe

jedoch, in den folgenden Kapiteln zu zeigen, dass der Iran eine enorme

Entwicklung erlebt hat. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts

schrieb ein englischer Reisender nostalgisch nach Hause: «Es gibt

keine Städte in Persien und auch keine ArmenvierteL Es gibt keine

durch Dampfmaschinen angetriebenen Industrien, und darum gibt

es auch nicht die mechanische Tyrannei, die den Kopf betäubt, das

Herz sterben lässt und Körper und Geist durch ihre Eintönigkeit

niederdrückt. Es gibt weder Gas noch Elektrizität, aber ist der Licht­

schein einer Öllampe nicht viel angenehmer?)>-' Dieser Engländer

hätte den Iran ein Jahrhundert später nicht wiedererkannt. Fast

70 Prozent der Bevölkerung leben heute in Städten, ein Teil davon in

den Armenvierteln. Die größte Autofabrik im Nahen und Mittleren

Osten befindet sich etwas außerhalb von Teheran, und fast jedes

kleine Dorf in der Islamischen Republik verfügt über Gas und Elek­

trizität. Der Iran ist eines von rund zehn Ländern, die Satelliten mit

eigenen Trägerraketen in die Erdumlaufbahn transportieren können.

Dass der iranische Satellit im Februar 2009 ins All gebracht wurde,

war natürlich kein Zufall. Ein strahlender Präsident Ahmadinedschad

erschien im iranischen Fernsehen, um mit diesem technologischen

16

Vorwort

Fortschritt den dreißigsten Jahrestag der Iranischen Revolution zu würdigen. Viele Iraner waren stolz auf diesen nationalen Erfolg, doch manche störte, dass Ahmadinedschad ihn für sich beanspruchte. Sie schickten sich per SMS einen Witz zu, der die Gegensätze in ihrem Leben treffend illustriert: Ein paar Tage nach dem Abschuss des Sa­ telliten erscheint Ahmadinedschad im Fernsehen und sagt: «Liebe Landsleute, ich habe gute Nachrichten. Wir haben die Bilder des Satelliten empfangen und können euch mitteilen, dass die Erde tat­ sächlich rund ist.)) Dieser Witz verspottet die politischen Führer des Iran, die ein in vieler Hinsicht modernes Land regieren, dabei aber auch traditio­ nelle Auffassungen vertreten. Der scheinbare Gegensatz betrifft nicht nur die Politik, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Nicht von un­ geHihr wird so häufig das Wort «paradox» benutzt, wenn es um den Iran geht. Zu oft jedoch soll dieser Begriff suggerieren, der Iran berge etwas Mystisches und Unbegreifliches in sich. Die folgenden Kapitel werden zeigen, wie das iranische Paradox aus den politischen, sozia­ len und wirtschaftlichen Entwicklungen geboren wurde. Die Kapitel r bis 3 beschäftigen sich mit der Rolle des Islam im Iran, der problematischen Begegnung mit dem We sten im neunzehnten Jahrhundert und der Konstitutionellen Revolution (1905-1909). Kapi­ tel 4 behandelt die Ära der Pahlavi, die von 1926 bis 1979 das Zepter schwangen. Die Iranische Revolution selbst kommt in Kapitel 5 zur Sprache, und die Kapitel6 bis ro handeln von der Zeit danach. Natür­ lich besteht für den Leser keinerlei Notwendigkeit, diesem chronolo­ gischen Aufbau zu folgen. Wer sich nur für die neueste Geschichte des Iran interessiert, kann auch mit Kapitel4 oder 5 beginnen.

1. Vo m Zoroa strism u s zum Islam

Wie jede nationale Identität ist auch die des Iran fließend, wider­ sprüchlich und umstritten. In der Zeit des Schahs wurde zum Beispiel die vorislamische Epoche als die Quelle einer authentischen irani­ schen Kultur verherrlicht. Nach der Revolution war es genau um­ gekehrt: Die Epoche des Islam wurde von den neuen Machthabern glorifiziert, und die vorislamische Zeit rückte in den Hintergrund. In Wirklichkeit wird die iranische Volkskultur sowohl durch die Schia als auch durch die vorislamische Epoche beeinflusst, und hinzu kom­ men noch andere Faktoren wie das Mosaik aus verschiedenen Spra­ chen und ethnischen Gruppierungen. In vielen Häusern wird man so­ wohl das Schahnameh (Das Buch der Könige), das Epos, in dem der Dichter Ferdowsi um dasJahr 1ooo die frühe Geschichte des Iran auf­ zeichnete, als auch den Koran vorfinden. Für viele Iraner ist Husain, der dritte schiitische Imam, ebenso ein Held wie Rustam, die irani­ sche Version des Herkules. Wie sehr Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind, zeigte sich, als 2007 der Kino-Hit 300 herauskam. Im Iran kam es zu wütenden Reaktionen; eine Zeitung titelte: «Hollywood erklärt dem Iran den Krieg.>> Ein Berater von Präsident Ahmadinedschad be­ zeichnete den Film als einen Versuch Amerikas, die iranische Kultur zu ((demütigen)), Worum ging es? Der Film beginnt im Jahr 480 v. Chr., als die idyllische Ruhe in Sparta, wo Demokratie herrscht, auch Frauen etwas zu sagen haben und Jungen zu tapferen Kämpfern erzogen werden, massiv gestört wird. Der persische König Xerxes ist im Begriff, mit seinen «asiatischen Horden» die griechischen Städte anzugreifen, um «Vernunft und Gerechtigkeit zu zerstören>). Der Spartanerkönig Leonidas zieht mit dreihundert Männern los, um ihn am Gebirgspass der T hermo­ pylen aufzuhalten. Die Spartaner sind gut aussehende, weiße, mus-

18

1. Vom Zoroastrismus zum Islam

kulöse Männer. Der Perser Xerxes hat ein afrikanisches Äußeres, und seine Soldaten aus «der Finsternis» Asiens erinnern an Al-Qaida­ Kämpfer. Die Spartaner sterben einen tragischen Tod, jedoch nicht umsonst, wie König Leonidas mit seinen letzten Worten deutlich macht:

Wir retten die Welt vor Mystizismus und Tyrannei. Kein Rückzug, keine Kapi­ tulation. Das ist das Gesetz Spartas. Ein neues Zeitalter ist angebrochen, ein Zeitalter der Freiheit, und jeder wird wissen, dass die Spartaner bis zum letzten Atemzug gekämpft haben, um sie zu verteidigen.

Der Film wurde von vielen zu Recht als eine Projektion des «Kampfs

der Kulturen)) in

wird in dem Film 300 als die Wiege der westlichen Kultur dargestellt, die vom Orient bedroht wird. So wie in der Antike die griechischen Stadtstaaten und das Persische Reich einander gegenüberstanden, stehen sich heute der Westen und die islamische Welt gegenüber. Die­ ser Mythos beruht auf der Annahme, dass die Geschichte eine Ab­ folge von Zivilisationen ist, die durch ihre kulturellen oder religiösen Werte und Normen geprägt sind. Die jüdisch-christliche Tradition und die Aufklärung bilden in dieser Sicht den Kern der westlichen Kultur, Despotismus und der Islam den Kern des Orients. Der sozio­ ökonomische Kontext, in den Kulturen und Religionen eingebettet sind, diese komplexe Basis verschiedener Zivilisationen, verschwin­ det so aus dem Blickfeld. Was übrig bleibt, ist die Vorstellung, dass

die Antike gesehen. Das k lassische Griechenland

sowohl der Westen wie die islamischen Länder einzigartige und un­ veränderliche Eigenschaften besitzen und dass es diese Eigenschaften sind, die, unabhängig von Zeit und Ort, dem Westen und dem Osten die Richtung weisen und zu Konflikten führen.' Diese Sicht auf die Geschichte des Iran leidet auch unter dem fal­ schen Gegensatz zwischen dem Westen und dem Osten. Seit der Gründung des Persischen Reichs vor etwa 2500Jahren bis zur Errich­ tung der Islamischen Republik ist der Iran durch Veränderungen und soziale Konflikte gekennzeichnet, die sich nicht auf den Islam zu -

Vor dem Islam

19

rückführen lassen. Religion hat sicherlich eine wichtige Rolle ge­ spielt, jedoch nicht als die Ursache sozialen Unfriedens und politi­ scher Aufstände, sondern eher für die Form, in der diese Konflikte zum Ausdruck kamen. Wie wir sehen werden, hat der Iran eine Geschichte, die weiter in die Vergangenheit reicht als der Islam und die ebenfalls zur histori­ schen Entwicklung des Landes beigetragen hat. Zudem wird der Islam allzu oft als eine selbständige Kraft gesehen, die den Lauf der Ereignisse bestimmt hat. Dieses Kapitel betont gerade deshalb die sozialen und politischen Veränderungen, die den Einzug und die Aus­ prägung des Islam selbst, wie die Entwicklung der Schia, in hohem Maße bestimmt haben. Über die Jahrhunderte hin hat sich der Islam kontinuierlich verändert, oft durch Spaltungen und innere Konflikte, die zu neuen Auslegungen führten.

Vor dem Islam

das Ge­

biet, das heute Iran heißt, das Zentrum des Persischen Reichs, das sich

zur Zeit seiner größten Machtentfaltung vom Nil in Ägypten bis zum Indus in Indien erstreckte. Viele Iraner verweisen gern auf die Macht und den Reichtum injener Zeit, um dem schlechten Image ihres Lan­ des im Westen etwas entgegenzusetzen. Die Architektur von Städten

und Ktesiphon (T isfun), die ausgeklügelten Bewässe­

rungs- und Kommunikationssysteme, die monotheistische Botschaft des Zoroastrismus2 sind nur einige Beispiele für die zivilisatorischen Höhepunkte jener Zeit. Die Stadt Gundischapur mit ihrer Bibliothek und Universität genoss im sechsten Jahrhundert einen guten Ruf als Zentrum für Medizin, Astronomie und Mathematik. So gern Iraner heute das alte Persien als eine idyllische Gesellschaft mit unerreichter Toleranz, Macht und Kultur sehen, ist dieses Bild doch ein wenig idealisiert. Wo die Vergangenheit durch die nationalistische Brille betrachtet wird, droht immer die Gefahr einer Mythenbildung. Die persischen Könige gingen im Allgemeinen nicht sanftmütig mit ihren

wie Persepolis

Lange vor der Islamisierung im siebten Jahrhundert bildete

20

1. Vom Zaraastrismus zum Islam

Untertanen und den Bewohnern neu eroberter Gebiete um. Kriege waren ein wichtiges Mittel, ihr Imperium zu vergrößern und zu er­ halten, mit allen Konsequenzen für die normale Bevölkerung. Das Leben innerhalb des Imperiums war eher durch soziale Krisen und Aufstände als durch Harmonie gekennzeichnet. Das Persische Reich entstand, als Kyros der Große 559 v. Chr. König der Perser wurde. Er eroberte ein weiträumiges Gebiet und grün­ dete die Achämeniden-Dynastie.> Die Achämeniden herrschten bis 330 v. Chr., als Alexander der Große Persepolis eroberte und in Brand steckte. Erst einJahrhundert später fiel das Territorium wieder unter die Regentschaft einer iranischen Dynastie, der Parther. Sie herrsch­ ten fast 500 Jahre über ein Gebiet, das um ein Geringes größer war als der heutige Iran, bis die Familienfehden und die Kriege mit den Rö­ mern zu ihrem Untergang führten. 226 n. Chr. führte Ardaschir Papakan, ein zoroastrischer Priester aus dem Haus Sasan, einen siegreichen Volksaufstand gegen die Dy­

nastie der Parther an und gründete das Sassanidenreich. Die Gründe für die Rebellion der Bevölkerung bestanden jedoch nach wie vor. Die Sassaniden befanden sich in permanentem Kriegszustand mit dem Byzantinischen Reich an ihrer Westgrenze. Unter den Sassani­ den wuchs außerdem die Macht einer neuen Klasse von Priestern und Aristokraten, die auf Kosten der restlichen Bevölkerung immer grö­ ßeren Reichtum anhäuften. Im sechsten Jahrhundert n. Chr. hatte sich Ktesiphon, die Hauptstadt des Sassanidenreiches, zur größten Stadt der Welt entwickelt, und der Luxus ihrer Paläste war legendär. Mit dieser Bereicherung an der Spitze der Gesellschaft ging ein wirt­ schaftlicher Niedergang einher. Der Unmut in der Bevölkerung über große Klassenunterschiede, Armut und Kriege äußerte sich in dissi­ denten religiösen Bewegungen. Die Sassaniden waren erst kurze Zeit an der Macht, als der erste Rebell erschien, der Prophet Mani (ungefahr 216-276 n. Chr.). Die Re­ ligionen jener Zeit waren seiner Ansicht nach zu sehr an ein Gebiet oder Volk gebunden. Er vereinte Aspekte des Zoroastrismus, Bud­ dhismus und Christentums zu einem neuen Glauben, der Menschen

Vor dem Islam

21

auf der ganzen Welt verbinden sollte. Während der Zoroastrismus von einem ständigen Kampf zwischen Gut und Böse ausgegangen war, sprach Mani von einem neuen Dualismus dem Kampf zwi­ schen dem Materiellen und dem Spirituellen. Das materielle Leben setzte er mit dem Bösen gleich und das Spirituelle mit dem Guten. Es war kein Zufall, dass gerade in jener Zeit der wirtschaftlichen Misere und der Herausbildung eines hierarchischen Klassensystems das Weltliche mit dem Bösen in Verbindung gebracht wurde. Manis Lehre ging den orthodoxen zoroastrischen Priestern und Aristokra­ ten zu weit; sie brachten ihn auf grausame Art zu Tode, und seine An­ hänger wurden massenhaft verfolgt. Das konnte jedoch nicht verhin­ dern, dass der Manichäismus sich in den folgenden Jahrhunderten bis nach China und Europa ausbreitete. Im fünftenJahrhundert zeichnete sich der allmähliche Niedergang des Sassanidenreiches allerorts in den ärmlichen Verhältnissen der Bevölkerung ab. Auch die Belastung durch die Kriege, die die Sassani­ denherrscher führten, wurde unerträglich. Vor diesem Hintergrund begann um das Jahr 488 Mazdak eine radikale und revolutionäre Form des Manichäismus zu predigen. Seine Botschaft fiel auf frucht­

baren Boden, und er gewann binnen weniger Jahre eine riesige An­ hängerschaft. Seine Lösung gegen Armut und Ungleichheit war der gemeinschaftliche Besitz allen Reichtums und Unterstützung der Armen, eine primitive Form des Sozialismus, die ihn bei den Wohl­ habenden verhasst machte. In seiner Ablehnung von Privatbesitz ging er so weit, für die Aufhebung der Ehe und die Einführung freier Beziehungen einzutreten. Es verwundert kaum, dass die zoroastri­ schen und christlichen Geistlichen, die ihre Ämter dem König ver­ dankten, ihm feindlich gegenüberstanden. Um das Jahr 525 wurden Mazdak und riesige Scharen seiner Anhänger abgeschlachtet; die Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit aber blieb auch in den folgen­ den Jahrhunderten eine Quelle von Aufständen.

22

1. Vom Zoroastrismus zum Islam

Der Einzug des Islam in Persien

W ährend das Sassanidenreich und Byzanz miteinander Krieg führten und ihrem Niedergang entgegensahen, entstand auf der Arabischen Halbinsel ein neues Handelszentrum rund um die Städte Mekka und Medina. Allmählich entwickelte sich eine komplexe Beziehung zwi­ schen diesen Städten und den Beduinen, nomadisch lebenden Hirten, die von Oase zu Oase zogen. Die traditionellen Verhältnisse begannen sich aufzulösen. Es gab keinen Staat, die Loyalität jedes Individuums galt dem Stamm und Clan, und von allen Mitgliedern wurde gegen­ seitige Hilfe erwartet. Das änderte sich allmählich, als sich eine viel hierarchischere Struktur herausbildete. An der Spitze der Stämme entstand eine mächtige und reiche Elite, die sich als Händler in den Städten niederließ oder enge Verbindungen zu Händlern unterhielt.

Was nun die Stellung jedes Individuums und Clans bestimmte, war die Nähe zu dieser Elite. Anders als in der Vergangenheit war diese Elite weniger abhängig vom Stamm und fühlte sich nicht mehr an die traditionelle Verpflichtung gebunden, für die armen Stammesmit­ glieder zu sorgen, die nun ihre alten Sicherheiten verloren.4 Nicht nur die traditionellen sozialen Verhältnisse lösten sich auf, sondern auch die religiösen. Durch die zunehmenden Kontakte mit fernen Ländern wuchs der Einfluss von Christentum und Judentum, und der alte Glaube der Beduinen erodierte. Das durch diese Ver­ änderungen ausgelöste Gefühl der wegbrechenden Sicherheiten und des Chaos wurde noch verstärkt durch die Kriege und die sozialen Unruhen, die mit dem Verfall des sassanidischen und des Byzantini­ schen Reichs einhergingen. In dieser chaotischen Lage versuchte der Prophet Mohammed An­ fang des siebtenJahrhunderts, Kohärenz zu schaffen.5 Seine neue Bot­ schaft sprach sowohl die Armen als auch die Händler an, die sich zum Islam bekehrten.6 Es gelang ihm, eine ihm treu ergebene Gruppe von Anhängern zu sammeln, die bereit waren, bis zum Äußersten zu gehen; er schloss taktische Bündnisse mit den Bauern und Stadtbe­ wohnern, die sich nach Frieden sehnten, mit den Händlern, die den

Der Einzug des Islam in Persien

23

Wunsch nach einem starken Staat hatten, und mit den Beduinen, die von den Neueroberungen profitieren wollten. Als Mohammed 632 starb, war ein großer Teil der Arabischen Halb­ insel zum Islam bekehrt. Sein Nachfolger Abu Bakr eroberte die ge­ samte Halbinsel und gründete das Kalifat, das islamische Reich, das sich unter seinen Nachfolgern sogar auf Spanien und Indien aus­ dehnte. Die Energie der nomadischen Stämme richtete sich in der Folgezeit nach außen, und sie griffen die Städte am Rand des innerlich bereits geschwächten sassanidischen und Byzantinischen Reichs an. In vielen Fällen begrüßten die jüdischen und christlichen Bewohner dieser Städte die islamischen Herrscher oder leisteten zumindest kei­ nen Widerstand, weil sie der byzantinischen und sassanidischen Herr­ schaft überdrüssig waren. Anfangs wurden sie auch nicht gezwun­ gen, zum Islam überzutreten, solange sie ihre Steuern bezahlten. Im neunten Jahrhundert urteilte ein syrischer Patriarch beim Rückblick auf zwei Jahrhunderte islamischer Herrschaft: «Es stimmt, dass wir

und dennoch war es zu unse­

rem Vorteil, von der Grausamkeit der Römer [L e. Byzantiner] befreit zu werden,)>i 65r besiegten die arabischen Heere das Sassanidenreich, doch es dauerte einige Jahre, bis sie die letzten Aufstände niedergeschlagen hatten. Die meisten Iraner blieben anfangs dem Zoroastrismus treu. Im ersten Jahrhundert nach der Eroberung des Iran (650-760) traten nur ro Prozent der Bevölkerung zum Islam über. Im folgenden Jahr­ hundert steigerte sich dieser Anteil auf 95 Prozent.S Der Steuer zu entgehen und auf der gesellschaftlichen Leiter aufzusteigen, waren die wichtigsten Gründe für die Konversion. Dass seit der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts Iraner zunehmend an der politischen Macht teilhatten, war offenbar der entscheidende Faktor. Der Iran wurde zwar islamisch, aber nicht arabisch. Kulturell, poli­ tisch und später religiös entwickelte er einen eigenen Charakter in­ nerhalb der islamischen Welt. Die persische Sprache veränderte sich, unter anderem durch den Einfluss des Arabischen, erlebte jedoch im neunten und zehnten Jahrhundert unter den Samaniden (8Ig-roos)

mehr oder weniger gelitten haben (

),

24

1. Vom Zaraastrismus zum Islam

eine neue Blüte. Die Samalliden gründeten das erste islamische Reich iranischer Prägung und schufen damit die Grundlage für die Ent­ wicklung einer eigenen politischen Struktur. Nachdem die Safawiden im sechzehnten Jahrhundert die Schia zur offiziellen Religion mach­ ten, unterschied sich der Iran auch in religiöser Hinsicht von den um­ gebenden Ländern.

Der Iran und die Schia

Der Prophet Mohammed stand nicht nur an der Spitze einer reli­ giösen Gemeinschaft, sondern auch eines politischen Systems. Nach seinem Tod imJahr 632 erkannten die meisten Muslime die Autorität der drei aufeinanderfolgenden Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman (Osman) an. Für diese Muslime, die Sunniten, waren die Kalifen politische Führer ohne religiöse Autorität, da diese nur aus dem Koran und dem Vorbild des Propheten (der Sunna) hergeleitet wer­ den konnte. Die geistlichen Führer, die Ulama, waren dafür ver­ antwortlich, den Koran und die Sunna in die zeitgenössische Praxis umzusetzen. Eine Minderheit der Muslime war jedoch der Ansicht, dass die Herrschaft Mohammeds auf seinen Vetter und Schwiegersohn Ali hätte übergehen müssen. Als einer der ersten hatte er sich zum Islam bekannt, und der Prophet soll ihn zu seinem Nachfolger bestimmt

haben. Alis Anhänger wurden später Schüten genannt. Sie vertraten die Auffassung, dass die politische und religiöse Autorität wie bei Mo­ hammed bei einer einzigen Person liegen solle. Zu Anfang waren die religiösen Trennlinien zwischen Sunniten und Schiiten gar nicht so deutlich. Hinter der Spaltung verbargen sich jedoch soziale und poli­ tische Konflikte, die die Kluft zwischen diesen wichtigsten Strömun­ gen des Islam vergrößerten. W ährend sich das islamische Reich unter den Kalifen ausdehnte, nahmen die inneren Gegensätze zu. Von den Neueroberungen pro­ fitierten die Anführer der Stämme und die mächtigen Familien in Mekka, die die eroberte Beute untereinander aufteilten. Auch die Ka-

Der Iran und die Schia

25

lifen gehörten zu dieser Gruppe. Nach dem Tod des dritten Kalifen Uthman aus dem Clan der Umayyaden ging die Führung auf Ali über. Einige mächtige Familien der Umayyaden wollten ihre Privilegien nicht aufgeben und widersetzten sich. 661 wurde Ali, wahrscheinlich in ihrem Auftrag, von einem seiner Freunde mit einem Schwert, des­ sen Klinge vergiftet war, ermordet. Was eigentlich ein politischer und sozialer Konflikt war, eskalierte nach Alis Tod. Die Umayyaden übernahmen die Macht und gründe­ ten eine Erbdynastie. Ihr Reichtum und ihre T yrannei wurden aller­ dings auch von vielen Sunniten missbilligt. Die Schüren waren der Ansicht, die Nachfolge müsse in der Familie Mohammeds bleiben, die nicht der reichen Händlerschicht angehörte, und die Führung müsse deshalb auf Alis Sohn übergehen. Sie hofften, dass damit die religiöse und politische Macht nah beim einfachen Volk bleiben und nicht zu Korruption führen würde wie bei den Umayyaden, die zu den reichen Familien gehörten. Die Schia wurde mithin aus einem hauptsächlich politischen Konflikt geboren, doch um sich zu behaupten und auszubreiten, be­ nötigte sie eine Basis in der Gesellschaft. Sie fand sie in den großen Gruppen Menschen, denen die Korruption und der Reichtum der Umayyaden (661-750) ein Dorn im Auge waren. In ihren von Mauern umgebenen Palästen pflegten die Kalifen einen luxuriösen Lebensstil, und gerade das hatte der Prophet als sündig abgelehnt. Unter den Be­ wohnern der meisten Städte in ihrem Herrschaftsbereich waren viele Nicht-Araber, die sich zum Islam bekehrt hatten, die sogenannten mawali. Sie wurden als Muslime zweiter Klasse behandelt, denen die Rechte und Privilegien «echter» Muslime versagt blieben, wie die Be­ freiung von der Steuer.9 Unter den mawali, aber auch in vielen Noma­ denstämmen, die von dem neuen Reichtum nicht profitierten, wuchs die Unzufriedenheit. Die Schia wurde zu einem wichtigen Kristallisationspunkt des so­ zialen Unmuts unter der Herrschaft der Umayyaden, insbesondere bei den Bewohnern des früheren Persischen Reichs, für die sie ein Mittel war, sich von den sunnitischen, arabischen Herrschern zu

26

1. Vom Zoroastrismus zum Islam

sich dabei nicht um einen

distanzieren.

ethnischen Konflikt, wie manche iranische Nationalisten behaupten,

sondern um

Die persische Elite

unter den unzufriedenen Gruppen auch viele Araber.

andererseits gab es

gesellschaftlichen Klassen.

Im Wesentlichen handelte es

einen Gegensatz

zwischen

unterstützte

die Umayyaden,

Die übriggebliebene persische Aristokratie arbeitete mit dem arabischen Staat

zusammen, solange

bekehrte,

Die islamisier­

ten persischen Stadtbewohner und Bauern tauschten ihren Zoroastrismus ge­

sowohl arabi­

gen

sche wie persische -Aristokratie richteten.

er

ihre Privilegien anerkannte.

Wenn sie sich

tauschte sie ihren Zoroastrismus gegen den orthodoxen Islam.

abweichende islamische Strömungen, die sich gegen die

10

ersten Jahrhunderten

nach der Islamisierung zur Schia bekannte, blieb die Mehrheit bis ins

Obwohl sich

ein großer

Teil

der

Iraner in

den

Der Iran und die Schia

27

unter Dschingis Chan

einer Herrschaft

wurde

vereinigt. Die folgenden zweiJahrhunderte waren eine der blutigsten

Die mon­

golischen

die Krieger von T imur Lenk, der im vierzehnten Jahrhundert die Dy­

von Plünde­

rungen und massenhaften Abschlachtungen. Der wirtschaftliche und kulturelle Schaden, den der Iran dadurch erlitt, war immens, doch das

nastie der

und

und traumatischsten Epochen der iranischen

Erst

nach

das

der mongolischen Invasion 1219

Gebiet

des heutigen

Iran wieder

unter

Geschichte.

Reiter Dschingis Chans im

Timuriden gründete,

dreizehnten Jahrhundert

hinterließen eine Spur

Land trotzte auch dieser Eroberung.

südlichen Städte wie Schi­

ergeben hatten, wurden

die Zentren einer neuen Blütezeit der iranischen Sprache und Kultur.

ras, die

Die

sich widerstandslos

den

Mongolen

Große Dichter wie Sa'di und Hafis stammen aus jener Zeit.'2

Unter

der mongolischen

und timuridischen Herrschaft nahmen

späte siebzehnteJahrhundert sunnitisch.

Schiiten bildeten nicht nur

die Kontakte

mit Europa und

dem Femen

Osten zu,

und es

ent­

im

Iran,

sondern auch im

übrigen

islamischen Reich

eine wichtige

wickelte sich

ein kultureller Austausch zwischen

dem

Iran und die­

Minderheit. Das Aufkommen der Schia wurde schließlich ein wichtiger Grund

für den Niedergang der Umayyaden. Ihre politischen Rivalen, die Ab­

Schiiten

und andere unzufriedene Gruppen mit Hilfe einer radikalen Gerech­

tigkeitsbotschaft

hatten,

begann

Imperien.

So

rer, sich einander oft überschneidender Dynastien.U Zwei davon sind

erwähnten

Samaniden

in

Herrschaft ande­

dann selbst langsam

Sunnitischen Islam ein. Das

Abbasiden jedoch eine konservative Version des

die Herrschaft erlangt

basiden, gelangten

an die Macht,

indem sie unter

Nachdem sie

der Abbasiden

anderem

mobilisierten.

die

führten

Kalifat

(750-1258)

zu bröckeln, und es entstanden neue

Iran immer

wieder

unter die

von Bedeutung: die

ihrer

Rolle

bereits

geriet

der heutige

diesem Zusammenhang

(8r9-I005) aufgrund

für das Wiederaufleben

der persischen Sprache und Kultur sowie die Buyiden

die erste schiitische Dynastie waren. Das neunte und zehnteJahrhun­

den

da sie

(945-1055),

zwischen

dert

wird

deshalb

auch als

ein iranisches

Intermezzo

sen Regionen. Die mongolischen und timuridischen Herrscher über­ nahmen sogar das Persische als offizielle Sprache für den Hof und die

des

Iran bis nach Zentral- und Westasien. Nach dem Zerfall des timuridischen Reichs Mitte des fünfzehnten

unter

den Safawiden wiedervereinigt wurde.

mehr be­

Die Safawiden-Könige waren

sich bewusst, dass

durfte als einer starken Armee. Sie brauchten etwas, um eine gemein­

same

deutendsten Konkurrenten abzusetzen,

Reich, mit dem sie sich im Kriegszustand befanden. Unter den Safawi­

den wurde die Schia zur Staatsreligion erklärt.

derheit

Rest wurde

zum

Bevölkerung zu fördern und sich gegen ihren be­

Verwaltung ihres Reichs

fördern und sich gegen ihren be­ Verwaltung ihres Reichs und verbreiteten so das kulturelle Erbe Jahrhunderts

und verbreiteten so das kulturelle

Erbe

Jahrhunderts war der Iran erneut zersplittert, bis das Land

Identität der

es

zum Aufbau eines

eigenen

das

Staates

1502

sunnitische Osmanische

Eine bedeutende Min­

und

der

im

der

Bevölkerung war bereits

gezwungen.

schiitisch,

übertritt

Das bezeichnete

auch einen Wandel

Charakter der Schia, die jahrhundertelang eine

wichtige Opposition

arabischen

Abbasiden

und

den

türkischen

Ghaznawiden

und

Seld­

gegen

die

mächtige

und

reiche

Elite

gewesen

war.

Die

Safawiden

schuken gesehen, die im elftenJahrhundert über den Iran herrschten.

hatten

die

radikale

Lehre

der

Schia

benutzt,

um

die

Bevölkerung

28

1. Vom Zoroastrismus zum Islam

gegen die alten Herrscher zu mobilisieren. Doch nachdem sie ihre Macht konsolidiert hatten, ersetzten sie die radikale Schia, die von so­ zialer Gerechtigkeit und Aufstand gegen die Mächtigen sprach, durch eine konservative Version, die vor allem ihre eigene Macht rechtferti­ gen sollte. Politische und soziale Faktoren beeinflussten also sowohl die Entstehung wie die weitere Entwicklung der Schia.

Religion und Politik

Im heutigen Iran Hegt die politische Macht zu einem großen Teil in den Händen des schiitischen Klerus. Die Entwick lung der Schia zeigt jedoch, dass Religion und Politik nicht immer auf diese Weise mit­ einander verknüpft waren. Einige Elemente entstanden erst in den letzten beidenJahrhunderten, und einige gehen auf die Frühzeit des Islam zurück. Nach Alis Tod hätte die religiöse und politische Führung der Ge­ meinschaft nach Ansicht der Schiiten auf dessen Sohn übergehen müssen. Ali und seine elf Nachfolger (die Nachfolge ging vom Vater auf den Sohn) werden von den Schiiten als Imame'3 bezeichnet. Doch nach Alis Tod übernahmen die Umayyaden die Macht und gründeten eine Erbdynastie, die von vielen frommen Muslimen als rechtswidrig und korrupt angesehen wurde. Anfangs wollten sich Alis Nachfolger, die Imame, nicht damit ab­

finden, und sie nahmen den Kampf gegen die Umayyaden auf. Hu­ sain, der dritte Imam, wurde zum Symbol dieses Kampfes. Im Jahr 68o wurde er zusammen mit einigen seiner Verwandten und An­ hänger in der Nähe von Kerbela im heutigen Irak von der Armee des damaligen umayyadischen Kalifen Yazid enthauptet. Husain wurde für die Schiiten zum Symbol des Martyriums im Kampf zwischen Ge­ rechtigkeit und Tyrannei. Sein Todestag wird noch heute jedes Jahr groß begangen. Nach Husains Tod hielten sich die Imame, die auf ihn folgten, von politischen Abenteuern fern. Der sechste Imam, Dscha'far al-Sadiq, entpolitisierte die Schia weiter, indem er äußerte, der Imam verdanke

Religion und Politik

29

seine Autorität nicht politischer Macht, sondern der Tatsache, dass er vom Propheten abstamme und mit «dem Wissen des Göttlichen>> ge­ segnet sei. Dadurch sei er in religiösen Urteilen unfehlbar. Das Schick­ sal seiner Vorgänger vor Augen, betonte er, dass die religiöse Autori­ tät der Imame und die politische Macht der Kalifen voneinander ge­ trennt seien, bis Allah anders darüber entscheiden werde. Er hielt die Schiiten deshalb dazu an, sich nicht gegen die Kalifen aufzulehnen. Das Kalifat galt zwar als Symbol für Unterdrückung, Unrecht und Korruption, doch der Kampf dagegen wurde auf einen unbekannten Zeitpunkt in der Zukunft verschoben. Vielen hochstehenden Schiiten aus der reichen Händlerschicht, die mit den Kalifen eng zusammen­ arbeiteten und wichtige politische Ämter bekleideten, kam das sehr gelegen. Diese Anpassung an den Status quo erhielt nach dem Tod des elften Imam eine religiöse Rechtfertigung. Die schiitischen Geist­

lichen erklärten, dessen kleiner, Mahdi genannter Sohn sei für das menschliche Auge unsichtbar geworden. Der Zeitraum, in dem sich der Mahdi in «Verborgenheit» (ghaibat) befinde, werde enden, wenn er zurückkehre, um die Welt von allem Unrecht zu erlösen. Ein sol­ cher apokalyptischer und messianischer Glaube ist auch imJudentum und Christentum zu finden. Die «Verborgenheit» des Mahdi schuf ein großes Problem für die Schiiten. Nach wem sollten sie sich richten, wenn es um die Leitung

in religiösen und weltlichen Fragen ging? Für den ersten Aspekt for­

mulierten die Schiiten im Laufe der Jahrhunderte folgende

Während der Abwesenheit des Mahdi würden die Ulama der isla­ mischen Gemeinschaft Rat erteilen, wenn es um die Interpretation religiöser Texte ging. Für den zweiten Aspekt des Problems fanden sie keine eindeutige Lösung. Die Doktrin der «Verborgenheit» bedeutete die Trennung von reli­ giöser und politischer Macht, da nur der Mahdi beide in seiner Per­ son vereinen konnte. Das ermöglichte zwei verschiedene politische Schlussfolgerungen. Wenn der zwölfte «verborgene» Imam der Ein­ zige ist, der Anspruch auf die weltliche Macht erheben kann, dann ist während seiner Abwesenheit jeder Herrscher im Grunde ebenso in-

auf die weltliche Macht erheben kann, dann ist während seiner Abwesenheit jeder Herrscher im Grunde ebenso

Lösung:

30

1. Vom Zoroastrismus zum Islam

akzeptabel wie akzeptabel. Diese Schlussfolgerung bildete die Grund­ lage des Quietismus: Die Gläubigen müssen sich von weltlichen Angelegenheiten fernhalten und sich auf das jenseits konzentrieren, indem sie ein frommes Leben führen. Oie andere Schlussfolgerung konnte darin bestehen, dass die Gläubigen sich gegen die unrechtmä­ ßigen Herrscher auflehnen mussten. Welche dieser beiden Schluss­ folgerungen Anhänger fand, hing weitgehend von den politischen und sozioökonomischen Umständen ab. Es ist interessant, festzustellen, dass der Quietismus sehr lange in der Schia vorherrschte. Als die Safawiden im sechzehnten Jahrhun­ dert die Schia zur offiziellen Religion des Iran erklärten, übertrugen sie den schiitischen Geistlichen wichtige Ämter. So entstand eine enge Koalition zwischen den politischen und religiösen Autoritäten. Obwohl die Geistlichen die safawidischen Schahs (Könige) akzeptier­ ten, nicht zuletzt, um ihre religiösen Gesetze in der Praxis durchzu­ setzen, entwickelten sie keine religiöse Theorie über die Funktion des Staates während der Abwesenheit des zwölften Imam. Was das betrifft:, blieb also eine Mehrdeutigkeit bestehen, die es möglich machte, dass die Geistlichen später Anspruch auf die politische Macht erheben konnten. Es gab drei Faktoren, welche die Position des schiitischen Klerus gegenüber dem Staat bereits im sechzehnten und siebzehnten Jahr­ hundert stärkten. Der erste Faktor war politischer Natur: Der safa­ widische Staat selbst befand sich im Zustand des Ve rfalls, bis er 1722 von afghaniseben Stämmen überrannt wurde. Der zweite Faktor ist sozioökonomischer Art: Die Geistlichen vergrößerten ihren Grund­ besitz und gewannen so mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Staat. Der dritte Faktor betrifft die Religion: Die Geistlichen erhiel­ ten viel größere Macht über die Gläubigen. Die Schiiten hatten die Imame anfangs als die ultimative und unfehlbare Quelle religiöser Rechtsprechung angesehen, doch was war während der Abwesenheit des zwölften Imam? Zunächst lautete die Antwort, dass die Gläubi­ gen sich für einen Rat an die Mudschtahids, die religiösen Rechtsge­ lehrten, wenden sollten. Im siebzehnten Jahrhundert erhielten die

Religion und Politik

31

Mudschtahids jedoch viel mehr Macht als religiöse Führer der Ge­ meinschaft, die während der Abwesenheit des zwölften Imam für religiöse Fragen verantwortlich waren. Somit bildete sich innerhalb der Schia eine konservative und hier­ archische Struktur heraus. Selbstverständlich entstanden auch Ge­ genbewegungen.'4 Manche Gläubige wandten sich dem Sufismus zu, um über einen spirituellen Weg zu Gott zu finden und die Geistlich­ keit zu umgehen . Andere beriefen sich auf die rebellische Tradition innerhalb der Schia und initiierten verschiedene Aufstände. Es ist kein Zufal l, dass dies vor allem im neunzehnten Jahrhundert geschah, als imperialistische Mächte in Erscheinung traten und die sozialen und politischen Verhältnisse im Iran auf den Kopf stellten. Die traumatischen Veränderungen, die der Iran in diesem Zeit­ raum durchlebte, wirkten sich gravierend auf das Verhältnis zwi­ schen Politik und Religion innerhalb der Schia aus. Während ein Teil der Geistlichen dem Staat verbunden blieb, wandte sich ein anderer

Teil dagegen. Religion wurde auch zur Inspirationsquelle fü r soziale und intellektuelle Bewegungen gegen die Vorherrschaft auslän­ discher Mächte.

Die

wirtschaftliche Entwicklung

33

2. Orient trifft Okzident

Der bekannte Historiker Eric Hobsbawm bezeichnet das neunzehnte Jahrhundert als «das imperiale Zeitalter>> die Epoche, in der im We s­ ten der moderne Imperialismus aufkam und sich bis in alle Winkel der Erde verbreitete. Der Iran hatte schon viel eher Bekanntschaft mit Europäern gemacht. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts hatte zum Beispiel die niederländische Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) an der Küste des Persischen Golfs mehrere Handelsnieder­ lassungen gegründet. «Die Niederländer hatten keinen leichten Stand in Persien, und die Angehörigen der VOC wurden nicht immer mit dem Respekt behandelt, der ihnen ihrer Ansicht nach zukam. In der Vergangen heit hatte der persische Hof deutlich gemac ht, dass die Vertreter der VOC lediglich Händler waren, die zwar Privil egien ge­ nossen, aber nur toleriert wurden, solange sie sich angemessen ver­ hielten>>, schrieb ein Historiker über die Beziehungen zwischen der niederländischen VOC und dem Iran.1 I 766 mussten die Niederländer sogar ihren letzten Handelsposten, Fort Mosselsteyn auf der Insel Charg, aufgeben, als die Iraner die Insel zurückeroberten. Auch bei der britischen Anwesenheit im Iran ging es vom sech­ zehnten bis achtzehnten Jahrhundert vor allem um den Handel und die Konkurrenz mit den Portugiesen am Persischen Golf. Die politi­ schen Beziehungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und den Safaw iden beruhten darauf, dass sie als Nachbarn des Osmani­ schen Reichs, das nach Osten und We sten expandierte, die gleichen Sicherheitsinteressen hatten. Im neunzehnten Jahrhu ndert sah das Ve rhältnis zwischen dem Iran und den westlichen Ländern völlig anders aus. Von halbwegs gleichrangigen Beziehungen wie in der Zeit zuvor konnte nun nicht mehr die Rede sein. Aus dem Norden griffen die Russen und aus dem Süden die Briten den Iran mehrmals an. Eine Kolonisierung des Lan-

des gelang ihnen nicht, doch sie schafften es, den Iran für ihre geo­ politischen und wirtschaftlichen Interessen zu benutzen. Es ist kein Zufall, dass gerade im neunzehnten Jahrhundert im We sten die Vo rstellung aufkam, der Orient sei ökonomisch wie kul­ turell aufgrund des Islam rückständig. Schließlich gab es dort weder eine kapitalistische Entwicklung noch eine Aufklärung, Phänomene, die mit dem Abendland gleichgesetzt wurden. Diese Auffassung spielte eine wichtige Rolle, wenn es darum ging, die Kolonisierung der Region zu rechtfertigen. In diesem Kapitel hoffe ich zu zeigen, dass die Ansätze der kapi­ talistischen Entwicklung und des Aufklärungsdenkens bereits vor dem Erscheinen der ausländischen Großmächte im Iran vorhanden waren. Während der traumatischen Begegnung zwischen dem Iran und dem Westen im neunzehnten Jahrhundert wurden diese Ansätze jedoch zerstört. Das bedeutet nicht, dass der Iran sich nicht weiter­ entwickelte, im Gegenteil. Wie wir sehen werden, wandelten sich Politik, Wirtschaft und Religion auf dramatische Weise, allerdings im Kontext von und als Reaktion auf die ausländischen Dominanzbe­ strebungen.

als Reaktion auf die ausländischen Dominanzbe­ strebungen. Die wirtschaftliche Entwicklung Etwa zwischen dem Jahr Iooo

Die wirtschaftliche Entwicklung

Etwa zwischen dem Jahr Iooo und dem Jahr ISOO bestand keine nen­ nenswerte Kluft zwischen Westeuropa, dem Nahen und Mittleren Osten und China2 - drei Regionen, die rege Handelsbeziehungen un­ terhielten. Im Orient läutete der erfolgreiche Aufstand der Abbasiden im achten Jahrhundert nicht nur eine neue politische Ära ein, son­ dern brachte auch ökonomische Umwälzungen mit sich. Während in diesem Zeitraum in Europa die Städte im Schwinden begriffen waren, entstanden im Nahen und Mitderen Osten große Städte wie Kairo, Bagdad, Buchara, Samarkand, Täbris, Isfahan, Hamadan, Nischapur und Kerman, die zudem über ein Bankensystem miteinander verbun­ den waren.3 Der Iran bildete einen Schnittpunkt wichtiger Handelsrouten wie

34

2. Orient trifft Okzident

der Seidenstraße. Die pulsierenden Wirtschaftsaktivitäten in den ira­ nischen Städten beschrieb Marco Polo in seinem Reisebericht vom Ende des dreizehnten Jahrhunderts. Über Täbris sagt er: «Die Stadt ist sehr günstig gelegen, hier kommen alle Waren zusammen, aus Indien, aus Baudac, Mosul und Cremosor und noch aus manchem andern Ort. Lateinische Händler verkehren hier, da kaufen sie die fremdländischen Waren. Hier erwerben sie auch Edelsteine, die Aus­ wahl ist groß. In dieser Stadt treiben die reisenden Kaufleute gewinn­ bringenden HandeL» Er beschreibt den Iran als ein Land, in dem das Handwerk und der Handel blühen: «Gold- und Seidenstoffe der verschiedensten Art werden hergestellt. In der Umgebung wächst Baumwolle. An Weizen, Gerste, Hirse, allerlei Maissorten, Wein und

Fr üchten herrscht Überfluß . (

) Die Einheimischen verfertigen alles,

was zu einer vollständigen Ritterausrüstung nötig ist, also Zaumzeug und Sattel, Speer und Schwert, Bogen und Köcher und alles übrige.»4 Das sind nur Beispiele für den relativ hohen Zivilisationsgrad des Iran. Die Gründe dafür, dass, anders als in Westeuropa, keine kapita­ listische Entwicklung in Gang kam, sind weitaus komplexer, als der

simplifizierende Verweis auf die Rolle des Islam vermuten lässt. Die kapitalistische Entwicklung blieb nämlich nicht nur - trotz der vor­ handenen Ansätze - im Nahen und Mittleren Osten aus, sondern auch in China, einem nicht-islamischen Land. Was beide Regionen

gemeinsam hatten, war nicht die Religion, sondern das Verhältnis zwischen ihrer Staatsform und der Wirtschaft. Die Kluft zwischen dem Orient und Westeuropa entstand nicht durch «inhärente» Merkmale dieser geographischen Räume, son­ dern durch das, was der niederländische Historiker Jan Romein als «Gesetz des bremsenden Vorsprungs» bezeichnete. Aufgrund des

hohen Entwicklungsstandes war im Orient und in China ein starker Staat entstanden, der - nicht zuletzt durch zu hohe Steuern - weiteres Wirtschaftswachstum verhinderte. Westeuropa litt sehr viel weniger unter diesem Hemmfaktor. Die Verg rößerung der Kluft zwischen Westeuropa und dem Rest der Welt wurde zudem beschleunigt durch die europäische Entdeckung und Plünderung des amerikanischen

Religion und Philosophie

35

Kontinents, den Handel mit Sklaven aus Afrika und die Kolonisierung großer Teile der Welt.

der seit dem achtzehnten Jahrhundert in West­

europa aufkam, war von Anfang an ein internationales System, das sich mit militärischer und ökonomischer Gewalt über die ganze Welt

verbreitete, um sich - so Marx - eine Welt nach seinem Bilde zu schaf­

fe n. Das gelang natürlich

in den anderen Teilen der Welt nicht tatenlos zusah, sondern auf ver­ schiedene Weise reagierte. Der Kapitalismus entwickelte sich seit dem Ende des neunzehntenJahrhunderts auch im Iran, doch war die­ ser Prozess nicht die Wiederholung dessen, was sich in den europäi­

schen Ländern abgespielt hatte. W ährend sich die Wirtschaft dort re­ lativ unabhängig entfalten konnte, musste im Iran ein starker Staat aufgebaut werden, um das Land von oben und gegen den Druck von außen zu industrialisieren.

nicht in vollem Maße, da die Bevölkerung

Der Kapitalismus,

Religion und Philos oph ie

Im Iran waren nicht nur die Ansätze des Kapitalismus vorhanden, sondern auch die Ideen, die mit der Aufklärung assoziiert werden, wie rationales und wissenschaftliches Denken. Die Frage des Verhält­ nisses zwischen Religion und Rationalität wurde heftig debattiert. Mehrere iranische Denker leisteten einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Entwicklung in den islamischen Ländern. Razi (Rhazes, um 864-925) und Ibn Sina (Avicenna, 980-1037) schrieben zwei Standardwerke der Medizin; sie stützten sich darin auf das Wis­ sen der Griechen, gingen aber weit darüber hinaus. Ibn Sinas Buch wurde ins Lateinische übersetzt und blieb bis ins sechzehnte Jahrhun­ dert das wichtigste Handbuch der europäischen Medizin.5 Al-Chwa­ rizmi legte im neunten Jahrhundert die Grundlagen der Algebra und verfasste mehrere Bücher über Astronomie. Die bahnbrechenden Arbeiten von Biruni (973-1048) auf dem Gebiet der experimentellen Physik, Anthropologie und Soziologie machten ihn wahrscheinlich zum größten Gelehrten seiner Zeit. Er behauptete bereits um das

36

2. Orient trifft Okzident

Jahr Iooo, dass sich die Erde um die Sonne drehte und nicht umge­ kehrt. Iranische Gelehrte leisteten auch einen bedeutenden Beitrag zur Debatte über das Ve rhältnis zwischen Religion und Philosophie. Der Philosoph und Arzt Razi schrieb dazu drei Bücher, darunter Der Betrug der Propheten. Er war der Ansicht, dass «alle Missstände aus Traditionen und Gewohnheiten hervorgingen, dass Religion die Ur­ sache aller Kriege sei und der Philosophie und Wissenschaft feindlich gegenüberstehe. Er glaubte an den Fortschritt der Wissenschaft und hielt Platon, Aristoteles und Hippakrates für weitaus wichtiger als die heiligen Schriften.»6 Während Menschen wie Razi trotz solcher anti­ religiösen Ansichten meist eines natürlichen Todes starben, endeten ihre Mitstreiter in Europa in jener Zeit auf dem Scheiterhaufen. Im Iran beschränkte sich das Feuer auf hitzige Debatten, wie die Reak­ tion von Ibn Sina einJahrhundert später deutlich macht: «Razi befasst sich ungefragt mit Metaphysik und überschreitet seine Kompetenz. Er hätte sich besser auf die Chirurgie und die Untersuchung von Urin- und Stuhlproben beschränken sollen, doch er hat seine Unwis­ senheit in diesen Dingen verraten.»? Während Razi der Religion die rationale Philosophie entgegen­ setzte, wollte Ibn Sina beide versöhnen, indem er sie als verschiedene Ausdrucksformen einer Wahrheit sah. Die Ideen Ibn Sinas und seiner Mitstreiter führten zu einer der größten Kontroversen im Islam, bei der große Persönlichkeiten wie der iranische Gelehrte Al-Ghazali (1058-mr) eine orthodoxe Position einnahmen und die Tradition der griechischen Philosophen ablehnten. Al-Ghazali bekämpfte die ratio­ nalistische Interpretation des Islam und postulierte, nur eine spiritu­ elle Beziehung zu Gott könne dabei helfen, die Wahrheit zu finden. Mit der Stagnation der sozioökonomischen Entwicklungen im Iran und im übrigen Nahen und Mittleren Osten stagnierte auch die kriti­ sche Entwicklung des Islam, und Al-Ghazalis Auffassungen gewan­ nen zunehmend an Boden. Diese orthodoxen Auffassungen wurden jedoch immer wieder in Frage gestellt. Als der Iran unter der Herrschaft der Safawiden auf-

Die Qadscharen und der Westen

37

blühte, versuchte Mullah Sadra (1572-164I) erneut, Philosophie und Religion zu versöhnen. Er wandte sich gegen die Unterordnung unter die Autorität der Ulama, die den Islam nur auf die Traditionen grün­ deten, und trat für eine mehr humanistische Sichtweise und für den Glauben an den Fortschritt ein. Auch in den folgenden Jahrhunderten gab es Entwicklungen, die die Macht der Ulama untergruben, wie die Zunahme des Sufismus und verschiedener dissidenter Strömungen innerhalb der Schia. Die religiösen und philosophischen Debatten enthielten das Potenzial für eine alternative Entwicklung in Richtung einer größeren Bedeutung von Rationalität und Wissenschaft. Mit dem Auftreten des Imperialis­ mus änderte sich jedoch der Kontext, in dem diese Debatten statt­ fanden. Es ist wichtig zu sehen, dass es keine dem Denken der Iraner inhärente Feindseligkeit gegenüber den Ideen der europäischen Auf­ klärung gab, zumal sie darin viele Elemente ihrer eigenen Entwick­ lung erkennen konnten. Das Problem war nur, dass die Aufklärung mit Bajonettgewehren in den Iran und den Rest der Region getragen wurde.

Die Qadscharen und der Westen

Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts läutete den Vormarsch der westlichen Länder in den Nahen und Mittleren Osten ein. 1784 wurde Indien offiziell zu einer britischen Kolonie. 1798 fiel Napoleon in Ägypten ein und gab damit den Startschuss zur Aufteilung des Ge­ biets, das durch den Niedergang des Osmanischen Reiches zur Dis­ position stand. Diese Eroberung erfolgte ungefähr zu dem Zeitpunkt, als die Qadscharen an die Macht kamen (1796), die den Iran nach mehrerenJahrzehnten des Chaos unter ihrer Herrschaft vereinten. Es dauerte nicht lange, und die europäischen Mächte standen vor ihren Toren Russland im Norden und Großbritannien im Süden. Bereits zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurde den Qa­ dscharen eine Lektion über die neuen Weltverhältnisse erteilt. In zwei Kriegen (1 804-I8I3 und 1826-1828) eroberte Ru ssland die iranischen

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2. Orient trifft Okzident

Gebiete im Kaukasus. In zwei demütigenden Friedensverträgen, Gu­ listan (1813) und Turkmantschai (1828), erzwang Russland eine Reihe wirtschaftlicher Zugeständnisse, darunter einen festen, niedrigen Zoll­ tarif für seine in den Iran exportierten Produkte . Unterdessen zwang Großbritannien mit einer Invasion in den Süden des Iran die Qadscha­ ren zum Ve rzicht auf Territorien, die im he utigen Afgh anistan liegen. Die Qadscharen erklärten sich damit im Frieden von Paris (1857) ein­ verstanden und erhielten dafür die von Großbritannien besetzten Ge­ biete zurück. Obwohl es Ru ssland und Großbritannien nicht gelang, den Iran zu kolonisieren, u. a. auch, weil sie sich gegenseitig Konkurrenz mach­ ten, durchdrangen sie das Land wirtschaftlich und politisch, sodass es in Abhängigkeit geriet. Wie bereits erwähnt, unterhielten europäische Länder schon während der Zeit der Safawiden Handelsbeziehungen zum Iran. Dabei handelte es sich um relativ gleichrangige Beziehun­ gen: Auch der Iran exportierte eigene Produkte. Die Verträge, die den Iran nun den Interessen Großbritanniens und Ru ssl ands unte rwarfen, resultierten in einer völlig asymmetrischen Beziehung.

Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts verachtfachte sich der Außenhandel. Der Iran wurde zum Absatzmarkt für ausländische Produkte, und die Inlandsproduktion wurde auf die Nachfrage aus dem Ausland abgestimmt. Importiert wurden vor allem Massengüter

wie Textilien, Eisenwaren, Glas, Zucker und Tee, exportiert wurden Baumwolle, Seide, Reis, Tabak und Te ppiche. So wurde der Iran in die kapitalistische Weltwirtschaft integriert, die seine innere Ent­ wicklung fortan in hohem Maße bestimmte. Die Einfuhr europäischer Waren ruinierte die traditionelle Wirt­ schaft des Iran und damit die Erwerbsquelle der Handwerker. Händ­

ler hatten es zunehmend schwerer, da die Briten und Russen ihre eigenen Unternehmen gründeten, die den H andel dominierten. Für die riesige Masse der Bauern ging der Lebensstandard rasch zurück, als Großgrundbesitzer begannen, für den internationalen Markt zu produzieren. Die Ausbeutung der Bauern verschärfte sich weiter, und ihre Einkünfte wurden von den Preiss chwankungen auf dem We lt-

Die Qadscharen und der Westen

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markt abhängig. Die Situation der Bevölkerung verschlechterte sich zudem dadurch, dass die Qadscharen Ackerland aus staatlichem Be­ sitz an reiche Händler und Grundbesitzer verkauften und die Steuern erhöhten, um eine umfangreichere Bürokratie und eine größere Ar­ mee zu finanzieren. Viele Bauern hatten große Mühe, noch über die Runden zu kommen. Zehntausende von ihnen gingen als Gastarbei­ ter in das Gebiet um Baku, die Hauptstadt der heutigen Republik Aserbaidschan, um in der Erdölindustrie zu arbeiten.8 Gegen Ende des neunzehntenJahrhunderts erreichte die Unzufrie­ denheit der Bevölkerung ihren Höhepunkt. Dass die Qadscharen mit

ihrem luxuriösen Lebensstil und den teuren Reisen nach Europa das Geld zum Fenster hinauswarfen, war vielen Iranern ein Dorn im Auge. Zudem nahm die Konzessionsvergabe an ausländische Mächte bizarre Formen an. Ein britischer Staatsmann schrieb über die Kon­ zession, die die Qadscharen 1872 seinem Landsmann Baron Julius de Reuter erteilten, dass sie «für Europa buchstäblich atemberaubend war und allen Reichtum Persiens fü r einen Zeitraum von siebzig Jahren in ausländische Hände gab>) .9 Unter dem Druck von Protesten wurde diese Konzession zurückgenommen, doch zehn Jahre später folgte eine neue. 1881 erhielt der Brite Talbot für fünfzig Jahre das Recht fü r den Kauf und Ve rkauf von Tabak und eine weitgehende

Kontrolle über die Tabakproduktion. Das war der sprichwörtliche

Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Bevölkerung, ins­ besondere die unmittelbar betroffenen Händler, reagierte mit Em­ pörung. Ein Teil des Klerus war auf der Seite des Schahs und unter­ hielt gute Beziehungen zu den Briten, ein anderer Teil unterstützte jedoch den Widerstand. Ein hoher Geistlicher erließ eine Fatwa (reli­ giöses Gutachten), die zum Boykott von Tab ak aufrief, vergleichbar mit Gandhis Aufruf zum Boykott englischer Textilien, die die indi­ schen vom Markt verdrängten. Die Fatwa wurde massenhaft befolgt, sogar vom Harem des Schahs, und in mehreren Städten brachen Unru­ hen aus. Schließlich wurde die Tabakkonzession wieder eingezogen. Diese nationale Eruption war die erste moderne Protestbewegung im Iran.

wurde die Tabakkonzession wieder eingezogen. Diese nationale Eruption war die erste moderne Protestbewegung im Iran.

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2. Orient trifft Okzident

In dieser Zeit begannen antiwestliche Einstellungen eine zuneh­ mend größere Rolle zu spielen. Der Grund dafür ist jedoch nicht im Islam als solchem, sondern in der unerfreulichen Konfrontation mit dem Imperialismus zu suchen. Noch zu Anfang des neunzehntenJahr­ hunderts hatten verschiedene Europäer das Land besucht und so­ gar Gottesdiensten in Moscheen beigewohnt. Christliche Missionare konnten ungehindert Schulen, Druckereien und Kirchen eröffnen, ohne feindselig behandelt zu werden. Einem Missionar sprachen die Ulama sogar ihren Dank dafür aus, dass er eine theologische Debatte zwischen dem Islam und dem Christentum angestoßen hatte. Mon­ sieur Tancoigne , ein französischer Diplomat, berichtete: «<ch habe kein einziges Mal, auch nicht in den niedrigeren Schichten, eine Be­ zeichnunggehört, die für t1nsere Religionbeleidigend gewesen wäre .»ro

Zwischen Anpassung und Widerstand

Als Russland und Großbritannien zunehmend Macht gewannen, stellte sich im Iran die Frage, was dagegen unternommen werden solle. Als Antwort bildeten sich zwei politische Strategien heraus. Einige moderne Staatsmänner und Intellektuelle entfalteten Initiati­ ven, um den Staat gegenüber den ausländischen Mächten zu stärken. Sie wollten das Land von oben und mit autoritären Methoden moder­ nisieren, um die Kluft zum We sten zu schließen. Aus der Bevölkerung heraus entstanden wiederum Initiativen, die die Gesellschaft sowohl den ausländischen Mächten wie auch dem autoritären Staat gegen­ über stärken sollten und die mehrmals in Aufstände mündeten. Die Entwicklungen im neunzehnten Jahrhundert waren deshalb durch die Wechselwirkung zwischen den Modernisierungsbestrebungen von oben und denen von unten geprägt. Den ersten Ve rsuch einer Modernisierung von oben unternahm Kronprinz Abbas Mirza (1789-1833). Als Befehlshaber der Armee hatte er persönlich den bitteren Geschmack der Niederlagen in den Krie­

gen mit Russland gekostet. Sein Fazit daraus war, dass die einzige Lö­ sung die Modernisierung der Armee und die Zentralisierung der

die Modernisierung der Armee und die Zentralisierung der Zwischen Anpassung und Widerstand 41 Staatsgewalt sei. Um

Zwischen Anpassung und Widerstand

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Staatsgewalt sei. Um die Armee zu bewaffnen, ließ er Fabriken zur Produktion von Kanonen und Gewehren bauen. Er schickte auch zum ersten Mal iranische Studenten nach Europa, die sich den Mili­ tärwissenschaften, technischen Fächern und europäischen Sprachen widmen sollten. Seine Bemühungen scheitertenj edoch an der Macht der Qadscharen, die ihre Privilegien nicht einbüßen wollten, um eine

teure Armee zu finanzieren. Auch die Stammesführer, die nicht zu­ gunsten eines starken zentralen Staates auf ihre Macht verzichten wollten, vereitelten sein Vorhaben. Den zweiten Modernisierungsversuch unternahm um r8so Amir Kabir in seiner Funktion als Premierminister. Auch er wollte die Armee stärken und errichtete mehrere Rüstungsbetriebe. Außerdem gründete er die erste amtliche Zeitung sowie die erste säkulare höhere Schule des Landes. Seine Reformbestrebungen scheiterten ebenfalls, da er sich den gleichen Problemen wie seine Vorgänger gegenüber­ sah." Modernisierung erwies sich als schwierige Aufgabe, doch die ent­ stehende Intelligentsia war von ihrer Notwendigkeit überzeugt. Mal­ korn Chan (r833-1908), ein säkularer Intellektueller, der in Paris stu­

diert hatte, beschrieb die Stimmung unter seinen Zeitgenossen mit folgenden Wo rten:

Diese übermächtige Flut [der Westen] bahnt sich einen Weg über die ganze

Wie naiv wir doch sind, diese welterobernde Flut mit unseren

Mit einem solch niedrigen Etat, mit

solchen Ministern, mit einer solchen Regierung und mit solch armseliger Wis­ senschaft wollen wir der Macht Europas entgegentreten. Bei Gott: Das ist un­ möglich! Bei Gott: Es wird nicht gelingen! Wenn wir uns nicht in den nächsten Jahren von diesem niedrigen Niveau zu dem von Europa erheben, werden wir akzeptieren müssen, dass wir in der europäischen Flut ertrinken. 12

Erde (

).

bloßen Händen aufhalten zu wollen (

).

Dagegen wollten andere - säkular wie religiös orientierte - Intellek­ tuelle den Iran nicht durch eine Anpassung an den We sten moderni­ sieren; sie vertraten den Standpunkt, die Modernisierung müsse mit einem antiimperialistischen Kampf einhergehen. Repräsentant die-

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2. Orient trifft Okzident

ser Strömung und Vorläufer des modernen Islamismus war der Intel­ lektuelle Dschamal al-Din Al-Afghani (I839-1897, im Iran bekannt als Asadabadi) .13 Er hatte eine konventionelle religiöse Au sbildung ab­ solviert, ließ sich jedoch auch von dissidenten Strömungen innerhalb des Islam und den modernen Wissenschaften inspirieren. Seine Neu­ gier führte ihn auch nach Indien, wo er den britischen Kolonialismus unmittelbar kennenlernte, gegen den er für den Re st seines Lebens einen tiefen Hass empfand. Der Aufenthalt fiel zeitlich mit dem In­ dischen Aufstand (r857) zusammen, der ihn von der Notwendigkeit und der Möglichkeit einer antikolonialen Bewegung in der gesamten Region überzeugte. Er erlebte dort auch, dass der Islam eine mobi­ lisierende Kraft sein konnte. Zugleich gelangte er zu der Erkenntnis, dass der Islam der konservativen Ulama den modernen Waffen und der wirtschaftlichen Macht Europas nicht gewachsen war; deshalb trat er für einen «ursprünglichen Islam>> als modernisierende und an­ tikoloniale Kraft ein. Mit dieser Botschaft zog er durch Afghanistan, die Türkei, Äg ypten, Indien, den Iran und Frankreich. Sein Ziel war eine Bewegung gegen den Kolonialismus, der die säkulare und reli­ giöse Opposition vereinen sollte. Al-Afghanis Ideen haben viele Be rührungspunkte mit dem mo­ dernen Islamismus, den Chomeini mehr als ein halbes Jahrhundert später im Iran einführte. Faktisch handelte es sich bei beidem um na­ tionalistische Reaktionen mit religiösem Anstrich gegen die ausländi­ sche Dominanz. Beide Bestrebungen speisten sich aus den Frustratio­ nen in der Bevölkerung, weil die Regierung vor den Kolonialmächten

in die Knie ging. Beide ide alisierten den Islam, indem sie auf die «Fun­ damente)) zurückgingen. Bei diesem Prozess der Rückwendung ging

es jedoch nicht darum, Vergaugenes zu kopieren, sondern neu zu interpretieren. Es gibt aber mindestens einen wichtigen Unterschied. Wie wir

noch sehen werden, kombinierte Chomeini seine moderne Neuinter­ pretation viel stärker mit konservativen Ideen als Al-Afghani, der für einen Dialog mit modernen westlichen Ideen aufgeschlossen war. Der Grund dafür liegt in ihrem unterschiedlichen Lebenskontext. In sei-

Zwischen Anpassung und Widerstand

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nem Kampf gegen die ausländische Vorherrschaft musste Al-Afghani es auch mit dem traditionellen Staat der Qadscharen und den konser­ vativen Ulama aufnehmen. Modernisierung schien für ihn der Weg nach vorn. Chomeini hingegen war mit einem Staat konfrontiert, der als Fahnenträger der Moderne auftrat und in dem eine verwestlichte Elite das Zepter führte. Bemerkenswert ist im Übrigen, dass in dem Jahrhundert zwischen dem Auftreten Al-Afghanis und Chomeinis nicht religiöse, sondern säkulare Strömungen wie der Nationalismus und der Sozialismus die bedeutendste Rolle spielten. Intellektuelle wie Al-Afghani wollten ihren Landsleuten die Auf­ klärung nahebringen und sie aus ihrem «langen Schlaf der Unwis­ senheit» wachrütteln. Von den Alltagssorgen der Bevölkerung waren ihre philosophischen Höhenflüge anfangs weit entfernt. Ihr politi­ scher Kampf war zudem mehr von ihrer Abneigung gegen den Im­

perialismus als von ihrer Liebe zur Demokratie inspiriert. Doch während sie ihr Leben entweder bei Hofe oder - wenn sie in Ungnade fielen im Exil verbrachten, wurde der Lauf der Geschichte woan­ ders bestimmt. Die Gesellschaft wurde von explosionsartigen Protes­

ten gegen die autoritär herrschenden Qadscharen wie auch gegen die kolonialen Mächte aufgerüttelt. Neben die Forderung nach natio­ naler Unabhängigkeit trat bei diesen Aufständen die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit.

Der Aufstand der Babi zwischen 1843 und 1852 erschütterte die Qadscharenmonarchie in ihren Grundfesten. Mirza Ali Mohammed (gen. al-Bab, r8I9-185o) formulierte, ausgehend von dem messiani­ schen Glauben an die Rü ckkehr des Mahdi und die dissidente Tr adi­ tion innerhalb der Schia, eine neue Religion.14 Er stützte sich auf eine weltlichere Auslegung des Islam aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Diese Auffassung besagte, dass eine Verbindung zwi­ schen dem verborgenen Imam, dem Mahdi, und seinen Anhängern existiere. In naher Zukunft würde diese Verbindung in Gestalt eines Menschen erscheinen, um den Kampf gegen das Unrecht auf der Welt anzuführen. Mirza Ali Mohammed erklärte, dass er «das To n> (al-Bab) zum Mahdi sei. Seine Ideen gewannen schnell Anhänger

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2. Orient trifft Okzident

unter den Armen auf dem Land und in den Städten. Schließlich ging Mirza AB Mohammed noch einen Schritt weiter und bezeichnete sich selbst als den erwarteten Erlöser, den Mahdi. Für die Qadscharen und die konservativen Ulama ging er damit einen Schritt zu weit, und sie ließen ihn exekutieren. Nach seinem Tod kam es in verschiedenen Gegenden zu Revolten seiner Anhänger. Die bemerkenswerteste Persönlichkeit in der Babi­ Bewegung war eine Frau, Qurrat al-'Ain, die wegen ihres Muts und ihrer Intelligenz eine führende Rolle spielte . «Die Erscheinung einer solchen Frau wie Qurrat al-'Ain ist in jedem Land ein seltenes Phäno­ men, in einem Land wie Persien jedoch außergewöhnlich, nein, fast ein Wunder», schrieb ein britischer Historiker in jener Zeit. «Unver­ gleichbar und unsterblich hebt sie sich unter ihren Landesgenos­ sinnen hervor. Wenn der Babi-Glaube keinen anderen Anspruch auf Größe hätte, dann wäre dies schon genug: dass er eine Heldin wie Qurrat al-'Ain hervorgebracht hat.>l'' Der Babi-Glaube hatte mit der Botschaft einer mehr egalitären Gesellschaft die Herzen der Armen gewonnen, doch er blieb eine elitäre und undemok:ratische Bewe­

gung. Deren historische Bedeutung liegt darin, dass sie die Aufmerk­ samkeit vom Himmlischen auf das Irdische verlagerte und die hoff­ nungsvolle Erwartung der Ankunft des Mahdi durch aktives Handeln zur Veränderung der Welt ersetzte. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bildete sich eine neue, viel größere Protestbewegung und griff nicht nur die Forderungen

nach nationaler Unabhängigkeit und sozialer Gerechtigkeit auf, sondern stellte auch eine ganz neue Forderung: die Beendigung der autoritären Monarchie der Qadscharen. Inspiriert wurde diese neue Bewegung von Ideen, die sowohl der Tradition des Protestes im Iran als auch den neuen politischen Strömungen in Europa wie dem Libe­ ralismus und dem Sozialismus entstammten.

Die Konstitutionelle Revolution (1905-1 909)

Als Fath Ali Schah 1831 sein Porträt auf einer Felswand bei Teheran verewigen ließ, war er vermutlich davon überzeugt, dass seine Qadscharendynastie für immer über den Iran herrschen würde. Doch die Geschichte nahm eine ironische Wendung, als wenige Kilometer von diesem Ort entfernt das Ende der Qadscharen eingeläutet wurde. Am 30. April r896 erschoss Mirza Reza Kermani, ein ehemaliger Schü­ ler Al-Afghanis, Naser ad-Din Schah. EinigeJahre zuvor hatte er mitan­ sehen müssen, wie der Schah seinen antikolonialistischen Lehrer aus einer Moschee wegschleppen ließ und in die Ve rbannung schick te. We nig später war er selbst an der Reihe gewesen, weil er die Mei nung vertrat, dass der Schah durch die an Großbritannien und Russland vergebenen Konzessionen die Interessen des Volkes verschacherte. Das Attentat war eine Racheaktion für die Demütigung und das Un­ recht, das er und seine Landsleute erdulden mussten. Der Schah war nach dem Attentat in seine Kutsche gesetzt wor­

den, und obwohl er bereits tot war, hatte sein Minister den ganzen Weg nach Teheran so getan, als rede er mit ihm, und seinen Arm

manchmal aus dem Fenster bewegt, als winke der Schah den Men­ schen zu. Die Nachricht vom Tod des Herrschers sollte sich nicht wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreiten. Die Befürchtung, es könnte zu Tumulten kommen, war nicht unbegründet. Mirza Reza Kermanis

gekränkter Stolz entsprach nicht nur seiner persönlichen, sondern einer nationalen Gefühlslage, die in den folgenden Jahren zu einem revolutionären Ausbruch gegen inländische Tyrannei und auslän­ dische Unterdrückung führte - die Konstitutionelle Revo lution. Zwi­ schen 1905 und 1909 versuchten die Revolutionäre, die Macht des

Schahs durch eine Ve rfassung (Konstitution) einzuschränken und ein Parlament (madschles) einzusetzen. Die Demok:ratisierungsbewegung richtete sich auch gegen die ausländischen Großmächte, die die dikta-

46 3·

Die Ko nstitutionelle Revolution

torisehen Qadscharen unterstützten, weil sie politisch und wirtschaft­ lich davon profitierten. Es ist kein Zufall, dass der Anfang der modernen iranischen Ge­ schichtsschreibung mit dieser Revolution zusammenfallt, die auch als «das Erwachen der Iraner)) bezeichnet wurde.' Die Ideale der Iraner, die seitdem versucht haben, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, wur­ den auf dem Schlachtfeld der Konstitutionellen Revolution gebo­ ren: Unabhängigkeit von Fremdherrschaft, Freiheit von inländischer Tyrannei, soziale Gere chtigkeit und wirtschaftliche Entwicklung. Jeder politische Umbruch, der seither stattfand, kann als ein Ve rsuch gesehen werden, eines dieser Ideale, allerdings auf Kosten der ande­ ren, zu verwirklichen: die Moder nisierung der Wirtschaft unter den Pahlavi (1926-1979) und die nationale Unabhängigkeit von ausländi­ schen Mächten unter der Islamischen Republik. Die Konstitutionelle Revolution repräsentiert den allerersten Mo­ ment, in dem Iraner bereits im frühen zwanzigsten Jahrhundert - den Ve rsuch unternahmen, eine demokratische Politik einzuführe n, doch erkennen mussten, dass die Welt inzwischen von Großmächten beherrscht wurde, die aus Eigeninteresse entschlossen waren, diesen Ve rsu ch - mit Unterstützung der herrschenden Klasse in ihrem eige­ nen Land - im Keim zu ersticken.

Erwachen aus einem Albtraum

Nach dem tödlichen Attentat auf Naser ad-Din Schah 1896 trat Moz­ affar al-Din Schah die Nachfolge an und setzte die verhasste Politik seines Va ters fort. Er verkaufte das Monopol zur Ausbeutung der Öl­ vorkommen im Süd- und Zentraliran an den Briten D' Arcy und er nahm hohe Kredite auf, um seine extravaganten Reisen nach Europa

zu finanzieren. Die Großbritannien und Russland erteilten Konzes­ sionen ruinierten das Leben von Händlern, Handwerkern und Kauf­ leuten im traditionellen Basar, der auch das soziale Zentrum jeder

Stadt bildete. Die Handwerker waren meist in Zünften organisiert. Die Ulama machten sich fü r die Basaris stark, mit denen sie enge so-

Erwachen aus einem Albtraum

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ziale und finanzielle Bindungen hatten. Auch sie waren unzufrieden und wandten sich unter anderem gegen die Einführung säkularer Bildung, die ihre religiösen Schulen bedrohte. Die wachsende Gruppe Intellektueller wurde sich zunehmend der rückständigen Lage des Iran bewusst und trat für eine rasche Modernisierung ein. Die Masse der armen Bauern und sehr viele Stadtbewohner, die zunehmend in kleinen Werkstätten arbeiteten, litten unter der allgemeinen wirtschaftlichen Misere. Ende 1905 kam es in dieser brisanten Lage zur Explosion. Ein wich­ tiger Anlass war die Krise der Binnenwirtschaft in jenem Jahr, hinzu kamen jedoch externe Faktoren. Die russische Revolution von 1905 motivierte Iraner zur Rebellion gegen ihren eigenen König. Die Nie­ derlage Russlands im Krieg gegen Japan im Jahr zuvor gab ihnen die Zuversich t, dass es möglich wäre, Russland zu besiegen, falls es dem Schah zu Hilfe eilen würde. Die ersten Proteste imJahr 1905 brachen aus, als der Schah den Ba­ zaris Geld schuldig blieb und sie unter Druck setzte, in Zeiten hoher Inflation auf Preiserhöhungen zu verzichten. Als Knalleffekt tauchte zudem ein Foto des Belgiers joseph Naus auf, der im Auftrag des Schahs das Zollwesen reformieren sollte. Hatte er sich mit seiner Tä­

tigkeit schon unbeliebt gemacht, so ging er mit diesem Foto, auf dem er sich als Mullah (rangniedriger Geistlicher) verkleidet hatte, für viele zu weit. Die Händler und Geistlichen reagierten mit sym­ bolischen Aktionen, indem sie sich an heiligen Stätten wie Moscheen einschlossen. Im Dezember 1905 eskalierten die Proteste; es kam zu immer mehr Aktionen dieser Art und zu Streiks. Angeführt wurden die Proteste von einer Koalition aus Händlern, Geistlichen und Intellektuellen; ihre Forderungen wurden nun radikaler. Sie forderten nicht nur die Entlassung des Gouverneurs von Teheran, der mehrere Demonstran­ ten hatte erschießen lassen, sondern auch die Einsetzung eines

wählten Parlaments (madschles) und eine Ve rfassung. Ein britischer Diplomat berichtete, verwundert über den Charakter dieser Proteste, nach London:

und eine Ve rfassung. Ein britischer Diplomat berichtete, verwundert über den Charakter dieser Proteste, nach London:

48 Die Ko nstitutionelle Revolution

Zu den bemerkenswerten Merkmalen der Revolution - denn was hier ge­ schieht, verdient aufj eden Fall den Namen Revolution gehört, dass der Kle­ rus auf der Seite von Fortschritt und Freiheit steht. Das ist meines Wissens in der Weltgeschichte beispiellos. Wenn die Reformen, für die das Volk mit Hilfe der Geistlichen gekämpft hat, verwirklicht werden, geben sie [die Geistlichen] alle Macht ab.2

Am 5· August 1906 erklärte sich Mozaffar al-Din Schah unter dem Druck der Proteste mit der Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung einverstanden. Damit hatte die Konstitutionelle Revo­ lution ihren ersten offiziellen Sieg errungen, doch der Kampf um die Ausgestaltung der Verfassung stand noch bevor und stieß auf neue Probleme.

Der Kampf um die Ve rfassung

In einer Zeit, in der nur eine Handvoll europäischer Länder ein par­ lamentarisches System mit allgemeinem Wahlrecht hatte, war die Konstitutionelle Revolution ein außergewöhnliches Ereignis, das den Iran auf den Weg der Demokratisierung brachte. Das Parlament trat zum ersten Mal im Oktober 1906 zusammen und verabschiedete ein Grundgesetz, das sich an der Verfassung der belgischen konstitutio­ nellen Monarchie orientierte. Die Macht des Schahs wurde einge­ schränkt und der Souveränität des Volks unterworfen, das die Minister durch gewählte Vertreter kontrollieren sollte. Das Prinzip der Gleich­ heit vor dem Gesetz wurde eingeführt, außerdem individuelle Rechte und Freiheiten wie die Pressefreiheit. Nicht nur eine Demokratisie­ rung, sondern auch die nationale Unabhängigkeit war das Ziel der

Konstitutionellen Revolution. Darum machte das Parlament der Kon­ zessionsvergabe an fremde Mächte und der Kreditaufnahme im Aus­ land ein Ende. Um eine größere finanzielle Unabhängigkeit des Landes zu erreichen, sollte eine eigene Nationalbank gegründet werden.3 Die neuen Freiheiten der Konstitutionellen Revolution ließen im ganzen Land Zeitungen, Zeitschriften und Organisationen aufblü­ hen. Nicht nur politische Analyse und Satire erlebten einen Höhen-

Der Kampf um die Verfassung

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flug, auch die Dichtkunst erfuhr eine drastische Veränderung. Die satirische Wochenzeitschrift ((Sur-e Esrafil>�, das wichtigste und popu­ lärste Blatt aus dieser Zeit, scheute nicht davor zurück, die konser­ vativen Ulama zu verspotten, die imperialistischen Mächte scharf zu kritisieren und sozialistische Ideen zu verkünden. In der ersten Num­ mer beschrieb die Redaktion die Ziele wie folgt:

In der Verteidigung der Konstitutionellen Sache und der Unterstützung des Parlaments, der Bauern, der Schwächeren, der Armen und der Unterdrückten

) Wir haben keine Angst vor

hoffen wir bis zum Ende standhaft zu bleiben. (

Einschüchterung oder vor dem Tod. Wir legen keinen Wert auf ein Leben

) Wir fürchten nichts außer dem All­

mächtigen Gott und seinen Gesetzen und den Gesetzen der Nation.4

ohne Freiheit, Gleichheit und W ürde. (

Auch etliche revolutionäre Organisationen erschienen auf der politi­ schen Bühne. Die wichtigsten waren die sogenannten Anjomans, Ver­ einigungen, die entweder aus den bestehenden Zünften hervorgin­ gen oder sich vom Modell der Sowjets inspirieren ließen, der Räte der revolutionären Arbeiter, Bauern und Soldaten, die sich während der Revolution von 1905 in Russland gebildet hatten. Allein in Teheran

gab es dreißig Anjomans, in denen sich Handwerker, Studenten oder Schriftsteller zusammenschlossen. Auch ethnische und religiöse Min­ derheiten wie Azeris, Armenier, Juden und Zoroastrier organisierten sich in Anjomans, um die Konstitutionelle Revolution zu unterstüt­ zen.s Das sich daraus entwickelnde Solidaritätsgefühl begann die re­ ligiösen und ethnischen Schranken zu durchbrechen. Der britische Botschafter im Iran berichtete entrüstet über die Anjomans und ((den Geist des Widerstandes gegen Unterdrückung und selbst gegen jede Autorität im ganzen Land».6 Seine Empörung, die auch von den ge­ mäßigten Kräften innerhalb der Revolution geteilt wurde, bezog sich insbesondere darauf: dass die Anjomans eine radikal neue und demo­ kratische Organisationsform verkörperten, in der die normale Bevöl­ kerung ihre Macht bündeln konnte. Wie grundlegend die Konstitutionelle Revolution die traditionel­ len Verhältnisse auf den Kopf stellte, zeigt auch die emanzipatorische

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Die Konstitutionelle Revolution

Wirkung auf Frauen. Die ersten Organisationen und Publikationen von Frauen im Iran stammen aus dieser Periode. «Die persischen Frauen waren seit 1907 fast sprungartig die fortschrittlichsten, um nicht zu sagen radikalsten der We lt geworde n. Dass diese Behauptung den ewigen We isheiten widerspricht, hat nichts zu besagen. Es ist eine Tatsache)), schrieb ein amerikanischer Augenzeuge. Er schilderte, wie die verschleierten Frauen, die «von einem Tag auf den anderen Leh­ rerinnen, Journalistinnen, Gründerinnen von Frauenorganisationen und Rednerinnen über politische Themen geworden waren», das erreichten, wofür die Frauenbewegung im Westen Jahrzehnte ge­ braucht hatte.7 Die Revolution gab Frauen das Selbstvertrauen, für ihre Rechte einzutreten und sogar die herrschenden Tabus in Bezug auf den Schleier oder die Polygamie zur Diskussion zu stellen. Ihr Kampf brachte sie in Konflikt mit den Ulama und den Theologiestu­ denten, die sich gegen Bildungsmöglichkeiten für Frauen wandten.

Die Frauenzeitschrift Musdwit (Gleichheit) druckte zum Beispiel einen offenen Brief an Theologiestudenten ab, unterzeichnet von «Anhängerinnen der Bildung für die unterdrückten Frauen im Iram:

der Bildung für die unterdrückten Frauen im Iram: Sind wir, die unterdrückten Frauen im Iran, nicht

Sind wir, die unterdrückten Frauen im Iran, nicht Menschen wie ihr? Sind wir nicht Bundesgenossen und Mitstreiter im Kampf für die Menschenrechte? Seht ihr uns nur als stimmlose Lasttiere oder betrachtet ihr uns als Menschen? Wir appellieren an euer Gerechtigkeitsgefüh L Wann werden v.rir nicht länger ausgeschlossen von dem Gebot: «Das Streben nach Wissen ist eine Pflicht für jeden Muslim, ob Mann oder Frau?»8

In dieser gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung trat im Oktober 1906 das Parlament zu seinen konstituierenden Sitzung zusammen. Bei den Wahlen zum Parlament besaßen Frauen, wie auch in vielen euro­ päischen Ländern, kein Stimmrecht, und auch einige Berufe mit nied­ rigem Sozialstatus waren von der Wahlteilnahme ausgeschlossen.

Deshalb bestanden die Abgeordneten vor allem aus Handwerkern, Ulama, Händlern und einer kleinen Zahl von Intellektuellen und

Mitgliedern der königlichen Familie. Im Parlament bildeten sich drei Fraktionen: Monarchisten, Gemäßigte und Liberale. Die Monarchis-

Der Kampf um die Verfassung

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ten vertraten die Qadscharen und waren folglich gegen die politi­ schen Reformen. Die Gemäßigten, die die Mehrheit bildeten, vertra­ ten einen Teil der Ulama, die Händler und die Zünfte, während in der Gruppierung der Liberalen vor allem Intellektuelle vertreten waren. Gemäßigte und Liberale arbeiteten nach dem Vorbild der belgiseben Ve rfassung ein Dokument aus, das die Bedeutung des Parlaments festlegte. Am 30. Dezember 1906, kurz vor seinem Tod, unterzeich­ nete Mozaffar al-Din Schah dieses Dokument auf dem Sterbebett. Sein Sohn Mohammed Ali Schah, dessen Regierungsstil autoritärer war, begann den Demokratisierungsprozess jedoch bald zu hinter­ treiben. Zum unvermeidlichen Konflikt kam es, als das Parlament 1907 ein zweites Dokument vorlegte, das neben einer Garantie individueller Rechte und Gleichheit vor dem Gesetz die Macht des Parlaments ge­ genüber der Regierung stärkte. Die Souveränität des Schahs wurde nicht auf Gott, sondern auf das Volk zurückgeführt. Das Grundge­

setz berücksichtigte auch den islamischen Charakter des Iran, indem es einen «Hohen Rat» von Mudschtahids vorsah, der die beschlos­ senen Gesetze auf Vereinbarkeit mit der Scharia - den islamischen Rechtsgrundsätzen überprüfen durfte. Die Mudschtahids sollten vom Parlament gewählt werden. Mohammed Ali Schah weigerte sich, das zweite Dokument zu unterzeichnen, und forderte ein Sys­ tem, das seine Legitimität aus den islamischen Rechtsgrundsätzen ableitete und in dem seine Regierung viel größeres Gewicht als das

Parlament haben sollte. Unterstützung erhielt er von den konserva­ tiven Ulama, die befürchteten, dass die politischen Reformen zu weit gehen würden. Doch als er begann, die Madschles zu behindern, re­ agierte die Bevölkerung in mehreren Städten mit Massenprotesten und Streiks. In Te heran fa nd eine Kundgeb ung mit 50 ooo Te ilneh­ mern statt, darunter 3000 bewaffuete Freiwillige, vor allem aus dem Anjoman der Azeris, in dem die Sozialisten großen Einfluss hatten. Der Schah musste einlenken; die Konstitutionelle Revolution war einstweilen gerettet, doch die Gegenkräfte formierten sich neu, und die Gegensätze innerhalb der Bewegung nahmen stark zu.

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Die Ko nstitutionelle Revolution

Vom Bürgerkrieg zur Restauration

Als die liberalen Parlamentarier das Wah lrecht ausweiten und für re­ ligiöse Minderheiten das Recht auf eine eigene Vertretung einführen wollten, kam der Gegensatz zur Fraktion der Gemäßigten an die Oberfläche. Außerhalb des Parlaments führten die radikalen, sozialis­ tisch orientierten Kräfte eine Kampagne für säkulare Reformen, um die Macht der Ulama zurückzudrängen und die sozialen Missstände in Angriff zu nehmen. Die Konstitutionalisten spalteten sich nicht nur auf, ihre Popularität wurde auch stark erschüttert, als hohe Le­ bensmittelpreise und wirtschaftliche Stagnation die Lage der unteren sozialen Schichten verschlechterten. Die reaktionären Kräfte, die die autoritäre Monarchie wiederherstellen wollten, profitierten davon und begannen einen Teil der Bevölkerung zu mobilisieren. Sie erhielten massiven Beistand von dem erzkonservativen Scheich Fazlollah Nuri, einem der höchsten geistlichen Würdenträger, der die Konstitutionelle Revolution zuvor unterstützt, jedoch Angst vor den radikalen sozialen Ve rän derungen bekommen hatte. Die Trennlinie zwischen Anhängern und Gegnern der Revolution verlief ansonsten nicht zwischen Religiösen und Säkularen. Zwei andere hohe Geistli­ che, mit denen Nuri zusammengearbeitet hatte, standen weiter auf der Seite der Konstitutionalisten. Auch die Bevölkerung entschied sich nicht einfach für die Seite von Scheich Fazlollah Nuri, weil er ein hoher Geistlicher war. Das zeigte sich, als er im Dezember r907 eine Massendemonstration von Geistlichen, Theologiestudenten, Bauern und den Allerärmsten in der Stadt gegen das Parlament anführte, unterstützt vom Schah, der von einem Staatsstreich träumte. Aufs Neue gingen große Gruppen der Bevölkerung auf die Straße, um die Revolution zu verteidigen. Hunderttausende, darunter mehrere tau­ send bewaffuete Freiwillige, versammelten sich vor dem Parlament in Te heran. Ein britischer Aug enzeuge berichtet, wie er diese Szene erlebte:

Vom Bürgerkrieg zur Restauration

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Es ist kennzeichnend für diese Bewegung, dass das Parlament und die Mo­ schee, Seite an Seite, ihren Mittelpunkt bilden. In und um diese beiden Gebäude versammelte sich eine so große Menschenmenge wie noch nie für den uralten Kampf gegen die Mä chte der Ty rannei und Finsternis. Ver­ westlichte junge Männer mit weißen Kragen, Mullahs mit weißen Turbanen, Seyyids [Nachfahren des Propheten] mit den grünen und blauen Insignien ihrer Abstammung, die kulah-namadis (Filzkappen tragende Bauern und Ar­ beiter), die braunen Abayas (Umhänge) der einfachen Händler. In den lierzen aller brannte das heilige Feuer des Kampfes für die Freiheit.9

Dieser massenhafte Widerstand wehrte den Putschversuch ab, jedoch nur für kurze Zeit. Aufgrund mehrerer Faktoren gelang es dem Schah, die reaktionären Kräfte neu zu formieren und zu stärken. Russland und Großbritannien teilten den Iran in einen nördlichen (russischen) und südlichen (britischen) Einflussbereich auf und steigerten ihre Ak­ tivitäten gegen die Konstitutionelle Revolution. Außerdem erhielt der Schah von einem ausländischen Magnaten ro ooo Pfund Sterling, um Stammesführer zu bestechen und gegen die Konstitutionalisten zu bewaffuen.10 Im Juni rgo8 fü hlte er sich stark genug, um mehrere Revolutionsführer zu verhaften, das Parlament zu beschießen und so die alte Ordnung wiederherzustellen. Daraufhin kam es zu einem Bürgerkrieg, der das Land bis Juli r909 im Griff hatte . Die Bes chießung des Parlaments und die Eroberung Te herans durch Truppen des Schahs und seiner Verbündeten lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Drei der fünf bedeutendsten schiitischen Wür­ denträger wandten sich gegen den Schah und bekundeten ihre Un­ terstützung des Parlaments: «Allah hat Tyrannen verflucht. Für den Augenblick haben Sie gewonnen, aber nicht auf Dauer.>>u Die Ret­ tung fü r die Revolution kam tatsächlich schon bald, nicht von oben, sondern aus Täbris im Nordwesten und Isfahan im Süden. Die Stadt Täbris erfreute sich einer wirtschaftlichen Entwicklung auf relativ hohem Niveau und spielte eine wichtige Rolle im inter­ nationalen Handel. Nicht zuletzt, weil mehrere zehntausend Iraner gleich hinter der Grenze im Russischen Reich arbeiteten, war die Stadt eine Brutstätte für revolutionäre und sozialistische Ideen. Die

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3- Die Ko nstitutionelfe Revolution

Bewohner von Täbris unter Sattar Chan lieferten den Truppen des Schahs und der Stämme, die die Stadt umzingelt hatten, einen hef­ tigen Kampf. Der Bürgerkrieg hatte eine radikalisierende Wirkung auf die kons­ titutionelle Bewegung. Manche Teilnehmer sahen den Bürgerkrieg immer mehr als einen Klassenkampf zwischen den einfachen Händ­ lern, Handwerkern, Bauern und Arbeitern auf der einen und den reichen Händlern und Großgrundbesitzern, darunter vielen Geist­ lichen, auf der anderen Seite. Die 1904 in Baku gegründete Sozial­ demokratische Partei des Iran gewann in raschem Te mpo massenhaft Anhänger. Dieser radikale Teil der Bewegung strebte nicht nur nach politischer, sondern auch nach wirtschaftlicher Demokratisierung, die soziale Gerechtigkeit und Gleichheit garantieren sollte. u Auch Frauen nahmen aktiv am Bürgerkrieg teil, und es gab interna­ tionale Bekundungen von Solidarität. Verschleierte Frauen kämpften Seite an Seite mit den Männern auf den Barrikaden, ebenso Dutzende Freiwillige aus Geergien und Armenien. Der internationalistische Charakter der Revolution zeigte sich auch in dem tragischen Schick­ sal des jungen Amerikaners Howard Conklin Baskerville. Er war als christlicher Missionar nach Täbris gegangen, gab diese Positionjedoch auf, um an der Seite der Revo lutionäre zu kämpfen. Beim Ve rsuch, mit einer von ihm angeführten Gruppe von Studenten die Umzinge­ lung der Stadt zu durchb rechen, wurde er erschossen. '3 Im April 1909 eroberten russische Truppen Täbris und entwaffue­ ten die Bewohner, doch deren Kampf hatte inzwischen mehrere Pro­ vinzen zu Aufständen ermutigt. Aufständische aus dem Norden und Süden des Landes zogen nach Te heran und eroberten die Stadt im Juli 1909 im Kampf gegen die Truppen des Schahs zurück. Der Bürger­ krieg war endlich vorbei. Mohammed Ali Schah wurde zur Abdan­ kung gezwungen und sein zwölfjähriger Sohn Ahmad, der einige Monate später nach Russland ging, wurde zum neuen Herrscher aus­ gerufen. Die Revolution hatte erfolgreich eine konstitutionelle Mo­ narchie zustande gebracht. Das Wa hlrecht wurde auf die unteren Schichten ausgedehnt, und die religiösen Minderheiten erhielten das

Vom Bürgerkrieg zur Restauration

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Recht auf einen garantierten Sitz im Parlament. Einige wichtige Geg­

ner der Revo lution wurden vor Gericht gestellt und

urteilt. Insbesondere die Hinrichtung des Geistlichen Scheich Fazlol­ lah Nuri, die große Te ile der Bevölkerung guthießen, war auffallig in einem Land, in dem die Macht der Ulama angeblich unangreifbar

war. Im November 1909 konstituierte sich das zweite Parlament, doch die Anjomans, die im Widerstand die Hauptrolle gespielt hatten, wurden als Zugeständnis an die alten Machthaber und ihre ausländi­ schen Beschützer kaltgestellt. Die alte Zerrissenheit innerhalb der Madschles kehrte zurück, noch dazu in einem höheren Maß. Die Sozial-Gemäßigte Partei, die die Unterstützung der Großgrundbesitzer und der Ulama genoss, war zu Kompromissen mit der alten Ordnung bereit und geriet des­ halb in Konflikt mit der Demokratischen Partei, die wiederum mehr politische und soziale Reformen forderte. Das bedeutendste Hindernis für die Demokratie kam jedoch aus dem Ausland. Das Parlament hatte im Mai 19n den Amerikaner Mor­ gan Shuster mit der Sanierung der Staatsfinanzen beauftragt. Russ­ land, das der Ansicht war, der Iran benötige dazu seine Zustimmung, benutzte dies als Vorwand für eine Invasion. Großbritannien wiede­

zum To de ver­

rum stationierte mit größerem Eifer denn je Tr uppen im Süden des Landes; nur wenige Jahre zuvor (1908) hatte der Brite D' Arcy dort etwas entdeckt, was viel wertvoller war als alle wirtschaftlichen Mo­ nopole, die der Iran Großbritannien bis dahin eingeräumt hatte:

Erdöl. In den großen Städten kam es zu Massendemonstrationen unter der Losung «Unabhängigkeit oder To d;;, doch die zögerlichen Par­ lamentarier fügten sich den Forderungen der Großmächte . Tausende von ausländischen Soldaten besetzten das Land, das Parlament funk­ tionierte kaum noch, die Anführer der Konstitutionellen Revolution

flohen, und der Iran glitt langsam in ein Chaos. In den Provinzen sorgten die Stämme fü r Unruhe und erhielten dabei Unterstützung von Großbritannien und Russland, die den Ersten Weltkrieg zum An­ lass nahmen, ihre Präsenz im Iran zu verstärken. Es wurde nun deut-

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3· Die Ko nstitutionelle Revolution

lieh, dass sich die Großmächte angesichts der strategischen Lage und der großen Ölvorkommen nicht ohne weiteres zurückziehen wür­ den. Dazu ließe sich noch einiges sagen, doch das letzte Wort soll Morgan Shuster haben:

Die Fähigkeit der Perser, sich selbst zu regieren, wurde scheinheilig von Krei­ sen in Abrede gestellt, die etwas bestreiten, ohne sich vorher sachkundig zu machen. Dass sich die Perser in der praktischen Politik und in der Hand­ habung einer repräsentativen konstitutionellen Regierung ungeschickt an­ stellten, lässt sich nicht bestreiten; aber dass sie das volle Recht hatten, sich entsprechend ihren eigenen Gebräuchen, ihrem Naturell, ihren Eigenschaf ten und Neigungen zu entwickeln, ist ebenso offenkundig. Fünf Jahre sind nichts im Leben einer Nation; es ist nicht einmal eine lange Zeit für eine ein­ zelne Reform; und dennoch verkünden nach nur fünfJahren, in denen es dem persischen Volk trotz aller Schwierigkeiten und Obstruktionen durch die sogenannten befreundeten Mächte gelang, die Versuche eines Diktators ab­ zuwehren, der ihnen die hart erkämpften Freiheiten entreißen wollte, zwei europäische Nationen [Großbritannien und Russland] der ganzen Welt, dass diese Menschen ungeeignet, rückständig und unfahig seien, eine stabile und wohlgeordnete Regierungsform zu schaffen. Wenn sie die Fakten über Per­ siens Niedergang zur Kenntnis nehmen, fallt es sogar den größten Skeptikern wie Schuppen von den Augen, und es wird deutlich, dass dieses Land ein hilf­ loses Opfer des infamen Spiels mit gezinkten Karten war, das ein paar euro­ päische Mächte mit dem Geschick jahrhundertelanger Übung noch immer spielen, mit den schwächeren Ländern als Einsatz und mit den Leben, der Würde und dem Fortschritt ganzer V ölker als Pfand.•4

4.Auto ritä re Modern isierung zwischen den Revol utionen (1909-1979)

In der Zeit zwischen der Konstitutionellen Revolution und der Revo­ lution von I979 erlebte der Iran drei tiefgreifende politische Wandlun­ gen. In den zwanziger Jahren hatte ein Kosakenoffizier, Reza Chan, mit britischer Unterstützung das Chaos beendet, das nach der Nieder­ lage der Konstitutionellen Revolution im Iran herrschte . Reza Chan bestieg den Pfauenthron und gründete die Dynastie der Pahlavi. In den vierzige r Jahren fand eine Wa chablösung statt: Großbritannien zwang Reza Schah, abzudanken, und sein junger Sohn Mohammed Reza trat die Nachfolge an. Das wichtigste Merkmal der Pahlavi-Ära war der autokratische Stil, mit dem Vater und Sohn das Land regierten und die Wirtschaft modernisierten. Mit ihrer Politik schadeten sie sich jedoch selbst, da sie die gesellschaftliche Basis ihrer Macht unterhöhlten. Reza Schah brachte die Nomadenstämme, die zu Beginn des zwanzigsten Jahr­ hunderts noch eine große Rolle spielten, unter die Kontrolle der zentralen Staatsgewalt, indem er ihre Wanderungen einschränkte, sie entwaffnete, ihre Führer sabotierte und interne Konflikte schürte. Hintergrund seines Handeins war das Ziel, einen modernen Staat mit einem Volk, einer Kultur und einer Sprache zu schaffen. In der Vergan­ genheit waren Stamme sfüh rer und ihre Truppen zwar eine poten­ zielle Gefahr für die Zentralmacht gewesen, doch die Schahs hatten sich ihrer auch jederzeit bedienen können, wenn ihre eigene Position gefahrdet war. Reza Schahs Modernisierungsprojekt hatte zur Folge, dass sein Sohn nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr auf die Macht der Stammesführer zurückgreifen konnte. Unter Mohammed Reza verschwand ein weiterer Stützpfeiler der Monarchie: die Macht der Großgrundbesitzer. Der Schah verwen­ dete die gestiegenen Öleinnahmen, um das Land zu industrialisieren,

58 4. Autoritäre Modernisierung zwischen den Revolutionen

und änderte die politische Struktur, in der die Grundbesitzer früher viel zu sagen hatten. Unter den Pahlavi wuchs die Macht des Staates, er entfernte sich jedoch zugleich von der Gesellschaft. Die Moderni­ sierung der Wirtschaft brachte außerdem neue soziale Kräfte hervor, die nicht mehr zu der alten Ordnung passten. Die zweite Wa ndlung erfolgte innerhalb der Opposition gegen die Pahlavi und die sie unterstützenden ausländischen Mächte. Bis in die fünfziger Jahre bildeten zwei säkulare Bewegunge n, Nationalismus und Kommunismus, wie in der gesamten Region die wichtigsten Ge­ genkräfte in der Gesellschaft. Vi ele politische Parteien, Zeitungen und gesellschaftliche Organisationen wie etwa die Gewerkschaften standen unter dem Einfluss dieser Strömungen. Seit den sechzigerJah­ ren begannen die Islamisten unter der Führung des charismatischen Geistlichen Ayatollah Chomeini die Rolle der Opposition zu über­ nehmen. Die Wende hatte sich 1953 angebahnt, als der demokratisch gewählte Premierminister Mossadegh durch einen von den USA und Großbritannien initiierten Putsch gestürzt wurde. Die nationalisti­ schen und kommunistischen Bewegungen, die ihn unterstützt hat­ ten, wurden verfolgt und ve rloren ihre Kraft und ihren Elan. Die Folge war ein politisches Vakuum in der Gesellschaft. Bekanntermaßen dul­ det die Politik ein Vakuum ebenso wenig wie die Natur. Den Raum, den die säkularen Kräfte hinterließen, nahmen die Islamisten ein. Die dritte Wandlung vollzog sich auf internationaler Ebene. Bis

zum Zweiten We ltkrieg war Großbritannien der größte Akteur auf der Weltbühne, der seine Macht auch im Nahen und Mittleren Osten geltend machte. Nach dem Krieg änderte sich das politische Kräfte­ verhältnis; Sowjetunion und USA standen sich als Supermächte ge­ genüber und teilten die We lt in den westlichen und östlichen Einfluss­ bereich auf. Der Iran blieb nicht nur in der westlichen Hälfte, als die USA den Platz ihres Bündnispartners Großbritannien übernahmen, unter Mohammed Reza Schah entwickelte sich das Land sogar zu einem wichtigen Stützpfeiler.

Reza Schah: der Mann der Ordnung

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Reza Schah: derMann der Ordnung

Die Fronten, an denen der Erste Weltkrieg ausgetragen wurde, be­ fanden sich in großem Abstand vom Iran, der vom Beginn des Krieges an seine Neutralität erklärt hatte. Das konnte jedoch nicht verhin­ dern, dass vier Mächte das Land zu einem Schlachtfeld machten. 1914 marschierten die Armeen des Osmanischen Reichs in die Provinz Aserbaidschan ein. Ihre deutschen Bündnispartner bewaffueten einige Stämme im Süden des Iran und organisierten einen Aufstand gegen die britischen Truppen, die dort aktiv waren. Russland, ein Bündnis­ partner Großbritanniens, stationierte Truppen im Norden.1 Bis zu der Zeit, als diese Mächte den Iran wieder (teilweise) ver­ ließen, hatten sie eine immense Ve rwü stung angerichtet. Vi ele Iraner gelangten zu der Schlussfolgerung, dass ein unabhängiger und star­ ker Iran nicht nur ein Ideal war, sondern auch zum Überleben not­ wendig. Da die Zentralregierung geschwächt war, blühten überall im Land fü r kurze Zeit wieder revo lutionäre und demokratische Be­ wegungen auf, die nicht zuletzt von den Ereignissen in Ru ssland inspiriert waren. Dort hatten die Bolschewiki eine sozialistische Re­ volution gegen den Zaren angeführt und eine Rätedemokratie er­ richtet. Als Zeichen ihres Internationalismus zog die neue Regierung die russischen Truppen vom iranischem Territorium ab und machte alle Geheimabkommen zwischen dem Zaren und Großbritannien über den Iran öffentlich. Der Abzug der Besatzer im Norden schuf Raum für die sozialen Bewegungen, die stark nach links tendierten. In der kaspischen Re­ gion fü hrte Mirza Ku tschek Chan, ein Mullah, der Guerillero gewor­ den war, die Bewegung der Dschangali (Männer aus dem Dschungel)

an, die vom Islam inspiriert eine demokratische und egalitäre Gesell­ schaft anstreb ten. 1920 gründeten einige sozialistische Veteranen der Konstitutionellen Revolution die Ko mmunistische Partei des Iran. 2 Für kurze Zeit entstand sogar eine Sozialistische Sowjetrepublik im Norden des Iran.J Die ersten Gewerkschaften wurden gegründet, und in der Provinz Aserbaidschan ließ die Demokratische Partei den

60 Autoritäre Modemisierung zwischen den Revolutionen

Traum von der Konstitutionellen Revolution wieder aufleben. «Es

) wir wollen die

Söhne unseres eigenen Landes sein», erklärte ihr populärer Führer, ein Geistlicher wohlgemerkt.4 Das Aufleben oppositioneller Bewegungen bildete eine erhebliche Bedrohung für die Position Großbritanniens. 1914 war die britische Flotte von Kohle auf Öl umgestellt worden, und der Iran grenzte seit 1917 an den Einflu ssbereich des sozialistischen Russland. Darum ver­ suchte Großbritannien mit ganzer Kraft, den Iran unter seine Kon­ trolle zu bringen. Die demokratischen Kräfte konnten gerade noch

verhindern, dass der Iran kolonisiert wurde, aber sie waren nicht stark genug, die von Großbritannien protegierte Zentralregierung zu besiegen. Das Patt zwischen dieser Regierung und der nationalisti­ schen und sozialistischen Opposition führte zu einem chaotischen Zustand des Landes. In der Bevölkerung wuchs das Verlangen nach Ordnung, und ge­ nau das hatte Reza Chan zu bieten. Er versprach, mit harter Hand Ordnung zu schaffen, das Land unabhängig zu machen und zu mo­ demisieren.s Unterstützt von englischem Militär unternahm er 1921 einen Staatsstreich. Nach einem kurzen Flirt mit republikanischen

muss Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit geben (

Ideen setzte er 1925 den Qadscharenherrscher Ahmad Schah ab und ließ sich zum König krönen. Die Ve rfassung von 1907 blieb offiziell in Kraft, war jedoch in der Praxis Makulatur. Reza Schah regierte das Land als Autokrat, den Wahlen und Gesetze nicht interessierten. Für seine Dynastie wählte er den Namen Pahlavi, ein Verweis auf die vorislamische Epoche. Einige Intellektuelle hatten bereits vorher aufgrund einer idealisierten Sicht dieser Zeit eine neue Form des Na­ tionalismus begründet. Reza Schah erhob diesen Nationalismus zu einer Art Staatsideologie, um eine neue iranische Identität zu schaf­

fen und die Bevölkerung für sein Modernisierungsprojekt zu gewin­ nen. 1935 ersuchte er alle ausländischen Botschafter, nicht mehr den alten Namen Persien zu benutzen, sondern die Bezeichnung Iran (Persien ist eigentlich der Name einer südlichen Provinz). Er war wegen seines brutalen Charakters bekannt und regierte, in-

Reza Schah: der Mann der Ordnung

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dem er sogar seinen Beamten Angst einjagte. «<ch werde dich elimi­ nierem), war einer seiner oft benutzten Aussprüche. Die Polizei wurde unter seiner Herrschaft zu einem berüchtigten Instrument der Ein­ schüchterung und Repression. «<ch bin die Polizei», soll er einmal ge­ äußert haben.6 Indem er die rebellischen Stämme, sozialen Bewegun­ gen und linken Organisationen unterdrückte, gelang es Reza Schah, innerhalb kürzester Zeit alle Macht in seiner Hand zu konzentrieren und die Grundlagen für einen autoritären Staat zu schaffen: eine

starke Armee, eine umfangreiche Bürokratie, ein Steuersystem und loyale Bündnispartner. Dieser starke Staat diente nur einem Ziel: der Modernisierung des Landes von oben. Mit dem Bau von Straßen und Eisenbahnlinien schuf er eine moderne Infrastruktur und initiierte ein ehrgeiziges Industrialisierungsprogramm. 1925 besaß der Iran nur 2o moderne In­ dustrien; 1941 wuchs diese Zahl auf 346, darunter Textil fab riken und Chemiebetriebe.7 Reza Schah erreichte, wovon die Reformer des neunzehntenJahrhunderts geträumt hatten, nämlich wirtschaftliche Entwicklung,jedoch auf Kosten von Idealen wie Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Seine ausländischen Bündnispartner ließen sich davon übrigens nicht um den Schlaf bringen, wie der geringschätzige Kom­

mentar eines britischen Abgesandten 1933 deutlich macht: «Wie lange Persien von Angst vor einem einzigen Mann regiert werden kann,

lässt sich schwer vorhersagen. Seine Geschichte ist eine lange Folge von Tyrannen, die sich im Grad ihrer Grausamkeit unterscheiden,

und Perser haben wahrscheinlich eine geringere Abneigung gegen Unterdrückung als die meisten anderen Völker.»8 In der Bevölkerung herrschte selbstverständlich großer Unmut,

sowohl wegen Reza Schahs Te rror der Angst als auch wegen seiner Sozial- und Kulturpolitik, die den Iranern westliche Ve rhaltensregeln auferlegte. 1935 ordnete er an, dass alle Männer ihre traditionelle Kopf­ bedeckung gegen Hüte mit Krempen tauschen mussten. Frauen durf· ten nicht mehr mit dem Tschador, einem traditionellen Gewand, das den ganzen Körper bedeckt, in der Öffentlichkeit erscheinen. Höher­ gebildete Frauen hatten kein Problem damit, doch Frauen auf dem

bedeckt, in der Öffentlichkeit erscheinen. Höher­ gebildete Frauen hatten kein Problem damit, doch Frauen auf dem

62 4.Autoritäre Modernisierung zwischen den Revolutionen

Land oder in den städtischen Unterschichten konnten sich damit nicht abfinden und verließen kaum noch das Haus. Statt die gesell­ schaftliche Teilhabe von Frauen zu fö rdern, wirkte diese Politik in die entgegengesetzte Richtung und traumatisierte einen großen Teil der Bevölkerung.

Mossadegh und die Ölkrise

Schon früher hatte sich gezeigt, dass Iraner immer dann, wenn sich eine Möglichkeit dazu bot, alles daransetzten, ihre Freiheit zu er­ kämpfen. Eine neue Chance tat sich auf, als der Beginn des Zweiten We ltkriegs Reza Schahs autoritäres Modernisierungsprojekt unter­ brach. In denJahren zuvor hatte er die Beziehungen mit Deutschland als Gegengewicht zum Einfluss Großbritanniens und der Sowjet­ union intensiviert, was ihm verübelt wurde. Von Neuern wurde der Iran in einen Krieg hineingezogen, für den er nicht verantwortlich war, als im August 1941 die Alliierten vom Norden und Süden aus ins Land einfielen und Reza Schah zur Abdankung zwangen. Sein zwei­ undzwanzigjähriger Sohn Mohammed Reza trat die Nachfolge an. Die Zeit, die darauf folgte, war von demokratischer Partizipation

und Experimenten geprägt, bis der von der CIA und dem Ml6 (dem britischen Geheimdienst) inszenierte Staatsstreich dieser Phase ein

Ende bereitete.

Durch die Abdankung Reza Schahs und den Krieg, der die Auf­ merksamkeit Großbritanniens absorbierte, entstand eine günstige Situation für die Opposition. Kritische Intellektuelle griffen wieder zur Feder und gaben Dutzende neuer Zeitungen heraus. Linke Ak­ tivisten vrorden freigelassen, und einige von ihnen gründeten die

Tudeh-Partei (Partei der Massen), die zur größten Partei des Landes

vrorde. Zehntausende wurden Mitglieder von Gewerkschaften und Frauenorganisationen. Ein Teil der Opposition forderte die Einhal­ tung des Grundgesetzes, während eine Minderheit eine demokra­ tische Republik anstrebte. Wa s jedoch alle vereinte, war der Ruf nach nationaler Unabhängigkeit. Ein fairer Anteil an den Öle irrn ahmen wurde zur populären Forderung der Opposition.

Mossadegh und die Ö lkrise

63

Seit der Gründung der Anglo-Persian Oil Company (in den drei­ ßiger Jahren änderte sich der Name in Anglo-Iranian Oil Company, AIOC) im Jahr 1909 waren ungefähr 8oo Millionen Pfund Sterling nach Großbritannien geflossen, während der Iran nur 105 Millionen Pfund erhielt.9 Nicht von ungefähr bezeichnete der britische Pre­ mierminister Churchill die AIOC als einen «Preis aus dem Märchen­ land,jenseits unserer kühnsten Träume)).1° Für die Iraner selbst war es eher ein imperialistischer Albtraum. In der Ölindustrie herrschte große Wut über die schlechten Arbeitsbedingungen. In Ölstädten wie Abadan, die eine Art britische Kolonie waren, existierte ein System der Apartheid, wie die Aufschrift «Nicht für Iraner» an den Trinkwas­ serbrunnen deutlich machte. Die schlechten Arbeitsbedingungen führten hin und wieder zu Streiks, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Ende der vierzigerJahre wurde das Thema Öl auf Platz I der politi­ schen Agenda gesetzt, als eine Gruppe von Parlamentariern forderte,

das Abkommen mit Großbritannien aus dem Jahr 1933 müsse revi­ diert werden. Sprecher dieser Gruppe war ein Rechtsanwalt, der in Europa studiert und sich in jenen Jahren einen Namen als Verteidiger

der Verfassung gemacht hatte - Mohammed Mossadegh. Großbritan­ nien wehrte sich dagegen mit Hilfe des Schahs und dessen loyaler Ge­

folgschaft, die aufgrund von Manipulationen zahlreich im Parlament

vertreten war. Mossadegh und seine Mitstreiter gründeten die Natio­ nale Front, um gegen die ausländischen Einflüsse und die inländische Autokratie anzukämpfen. Sie forderten unter anderem Pressefreiheit,

freie und faire Wahlen und ein Ende der Behinderungen durch den Schah.

1950 erzielte die Nationale Front bei den Parlamentswahlen ein be­ achtliches Ergebnis und unterbreitete der AIOC einen Vorschlag zur

fairen Aufteilung der Öleinnahmen. Als sich die AIOC weigerte, auf diesen Vorschlag einzugehen, kam es zu großen Protesten und zu

Streiks; nun forderte die Bevölkerung nicht weniger als die vollstän­ dige Ve rstaatlichung des iranischen Öls. Die Nationale Front fühlte sich von Großbritannien provoziert und übernahm diese populäre

64 Autoritäre Modernisierung zwischen den Revolutionen

Forderung. Auch ein bedeutender Teil der Geistlichen schloss sich der Bewegung an. Ayatollah Kaschani rief alle «aufrechten Muslime und patriotischen Bürger auf, sich dem Kampf um die Verstaatlichung anzuschließen und so gegen die Feinde des Islam und des Iran zu kämpfen>>.ll Als Mossadegh im März 1951 Premierminister wurde, begriffen seine Gegner, dass es ernst war. In Großbritannien und in den USA entbrannte eine wahre Propagandaschlacht; die Medien bezeichne­ ten Mossadegh als wutschäumenden «Extremisten» oder einfach als «Irrem. Britische Politiker und ihre iranischen Verbündeten verbrei­ teten das Gerücht, er wolle den Schah absetzen, um den Iran der Sowjetunion auszuliefern. Die amerikanische Regierung, die keine unmittelbaren Interessen am iranischen Öl hatte und von der brö­ ckelnden Position Großbritanniens zu profitieren hoffte, schlug an­ fangs einen vorsichtigen Kurs gegenüber Mossadegh ein, fügte sich jedoch 1953 der harten Linie Großbritanniens, die Regierung Mos­ sadegh durch einen Putsch zu stürzen. Dass in jenem Jahr der Re­ publikaner Eisenhower den Demokraten Truman im Amt des Prä­ sidenten ablöste, spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

ablöste, spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Der Staatsstreich gegen Mossadegh Zwischen April 1951 und

Der Staatsstreich gegen Mossadegh

Zwischen April 1951 und August 1953 geriet Mossadegh immer wie­ der in Konflikt mit monarchistischen Politikern und Offizieren, die von Großbritannien unterstützt wurden. Er konnte sich jedoch - dank des Rückhalts im Volk behaupten. Als er zum Beispiel 1952 vom Schah derart sabotiert wurde, dass er zurücktreten musste, bra­ chen im ganzen Land spontane Proteste aus, und die Nationale Front

und die Tudeh-Partei riefen zu einem Generalstreik und zu Demons­ trationen auf. Der Schah machte einen Rückzieher und beauftragte Mossadegh mit der Bildung einer neuen Regierung. Von diesen Entwicklungen alarmiert, begannen einige Offiziere, mit Hilfe der britischen Geheimdienste und der CIA unter dem Code­ namen «Operation Aj ax» einen Putsch vorzubereiten. '2 Ein iranischer

Der Staatsstreich gegen Mossadegh

65

General, der während des Zweiten Weltkrieges mit den Nazis sym­ pathisiert hatte, bekam die Hauptrolle zugewiesen und wurde von einem großen Netz von Informanten unterstützt, die die Briten schon vorher rekrutiert hatten. Im März 1953 schickten die USA eine Million Dollar an ihre CIA-Agenten zur Ausführung der Operation Ajax. Mit diesem Geld wurden Verbündete von Mossadegh im Parlament, in der Armee und in der Bürokratie bestochen. Der fundamentalistische Ayatollah Kaschani erhielt Geld, um seine Unterstützung Mossa­ deghs aufzugeben und zu Demonstrationen gegen die Regierung aufzurufen. Die berüchtigtenSchläger von Teheran wurden dafür be­ zahlt, ihre Banden zusammenzutrommeln und mit Krawallen Chaos anzurichten, damit die Armee einen Vorwand zum Einschreiten hatte. Schließlich wurden Dutzende Journalisten bestochen, damit sie Mossadegh als Spion der Sowjetunion anschwärzten. Am r6. August 1953 schlugen die Putschisten zu, doch ihre Pläne waren dank Mitgliedern der Tudeh-Partei in der Armee nach außen gesickert. Am folgenden Tag organisierte die Tudeh Massendemons­

trationen, um die demokratische Regierung zu unterstützen. Die CIA ersannjedoch eine List, um den Gang der Dinge zu ihrem Vorteil urnzusteuern. CIA-Informanten erhielten den Auftrag, sich unter die Demonstranten zu mischen, Läden und Moscheen anzugreifen und so einen Keil zwischen Mossadegh und die Tu deh zu treiben, die sich ohnehin schon misstrauten. Au ßerdem überzeugte der amerikani­ sche Botschafter Mossadegh davon, dass Ausländer bedroht würden, und forderte ein Ende der Proteste. Mossadegh hegte großes Miss­ trauen gegenüber Großbritannien, kam jedoch nicht auf den Gedan­ ken, dass sich die USA imperialistischer Praktiken schuldig machen würden. Er glaubte dem Botschafter aufs Wort und rief die Demons­ tranten dazu auf, nach Hause zu gehen; die Polizei erhielt den Auf­ trag, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dieser verhängnisvolle Schach­ zug führte zu Verwirrung bei Mossadeghs Anhängern und gab den Putschisten die Gelegenheit, sich zu reorganisieren und einen neuen Versuch zu wagen. Am 19. August 1953 griffen mehrere Panzer Mossa­ deghs Haus an, doch diesmal blieb es auf der Straße ruhig - der Staats-

66 4· Autoritäre Modernisierung zwischen den Revolutionen

streich gelang. Der Schah kehrte zurück, Nationale Front und Tudeh­ Partei wurden verboten. Zwei Minister wurden exekutiert. Mossadegh und einige andere hohe Politiker wurden zu Gefangnisstrafen verur­ teilt. Die härtesten Maßnahmen trafenjedoch die Aktivisten der Tu­ deh-Partei. Mehr als 3000 Mitglieder wurden verhaftet, 200 erhielten lebenslängliche Gefängnisstrafen, und Dutzende wurden exekutiert. Unweigerlich stellt sich die Frage: Wie konnte der Putsch trotz Mossadeghs großer Popularität gelingen? Der Ölboykott der west­ lichen Länder gegenüber dem Iran hatte Mossadeghs Regierung finanziell handlungsunfahig gemacht. Mossadegh selbst beging den großen Fehler, nicht zu Demonstrationen und Streiks aufzurufen, um die Bevölkerung zu mobilisieren, und statt dessen auf die USA zu vertrauen, ohne zu wissen, dass sie zusammen mit Großbritannien an dem Staatsstreich beteiligt waren. Nicht weniger Schuld trug die Tu deh-Partei. Sie hatte von Anfang an eine schwankende Haltung gegenüber Mossadeghs Nationaler Front eingenommen und sie vor allem als Konkurrenz angesehen. Diese Haltung schlug in pures Sek­ tierertum um, als Mossadegh sich nach dem ersten Putschversuch ge­ gen die Tudeh wandte. Beim zweiten Putschversuch ve rhielt sich die

Tu deh pas siv, statt zu versuchen, alle Kräfte, auch Mossadeghs An­ hänger, zu mobilisieren; man war sich nicht darüber im Klaren, dass Mossadeghs Sturz alle fortschrittlichen Bewegungen um Jahrzehnte

zurückwerfen würde. Dass die Tudeh es gewohnt war, auf Direktiven aus Moskau zu warten, spielte wahrscheinlich auch noch eine Rolle. Moskau hatte nämlich zu diesem Zeitpunkt weder Interesse an

grundlegenden Umwälzungen im Iran noch an einem eskalierenden Konflikt mit den USA. Der Staatsstreich von 1953 hinterließ eine traumatische Spur im Nationalbewusstsein des Iran. Ein halbes Jahr vor dem Coup gegen Mossadegh hatte sich der amerikanische Präsident Eisenhower in

einer Versammlung des Nationalen Sicherheitsrates schon gefragt, warum die meisten Menschen in unterdrückten Ländern die USA so hassten. Diese Frage muss dem amerikanischen Präsidenten 1979 von neuem durch den Kopf gegangen sein, als auf den Straßen des

Die Ruhe vordem Sturm

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Iran «Tod Amerika)) gerufen wurde. Blowback, der Begriff, den der CIA für das Phänomen benutzt, dass Geheimoperationen in anderen Ländern wie ein Bumerang zurückkehren können, ist der Schlüssel zu einer Antwort auf diese Frage. '3

Die Ruhe vor dem Sturm

«<ch verdanke meinen Thron Gott, meinem Volk, meiner Armee - und Ihnen», sagte der Schah zu Kermit Roosevelt, dem amerikanischen Drahtzieher des Staatsstreichs von 1953 .'4 In den folgenden Jahrzehn­ ten spürten die USA mehr von dieser Dankbarkeit als das iranische Volk. Der Schah machte aus dem Iran einen Militärstützpunkt für die USA an der Südgrenze der Sowjetunion und knüpfte enge Beziehun­ gen zu Israel an. Er machte den Iran zu einem Polizisten Amerikas, der den Einfluss nationalistischer und linker Bewegungen in der Re­ gion eindämmen sollte.

Auch auf wirtschaftlicher Ebene ernteten die USA und ihre west­ lichen Bündnispartner die Früchte des Staatsstreiches. Ein interna­

tionales Ölkonsortium wurde gegründet; die amerikanischen Firmen und British Petroleum hieltenjeweils 40, Shell 14 und die Compagnie Fran�aise des Perroles 6 Prozent der Anteile. Der neue Vertrag sah eine Gewinnteilung vor; 50 Prozent der Profite behielt das Konsor­

tium, 50 Prozent erhielt der Iran. Ironischerweise hatte die nationa­ listische Bewegung zu höheren Öleionahmen geführt, die der Schah

nun verwenden konnte, um das Land zu industrialisieren. 1972 stattete der damalige Bundeskanzler Willy Brandt Teheran einen Besuch ab, als dessen Ergebnis ein wichtiges Handelsabkom­ men geschlossen wurde. Drei Jahre später war die Bundesrepublik

der zweitgrößte Exporteur nicht-militärischer Güter in den Iran. In dieser Zeit startete der Schah mit Hilfe der USA ein Atomprogramm, an dem mehrere wichtige deutsche Unternehmen beteiligt waren, wie Thyssen Krupp und die Kraftwerk Union AG, ein Joint venture der Siemens AG und AEG Telefunken. Als treuer Bündnispartner war der Schah im Westen ein gern ge-

68 4· Autoritäre Modernisierung zwischen den Revolutionen

sehener Gast. So besuchte er im Mai 1959 die Niederlande, wo ihm ein überschwenglicher Empfang bereitet wurde, während nur einige Jahre zuvor Mossadegh nach Den Haag gekommen war, um sich, ver­ gebens, beim Internationalen Gerichtshof über Großbritannien zu beklagen. Diese Besuche liefen jedoch nicht ohne Aufsehen ab. Als der Schah 1967 zu einem Staatsbesuch in Deutschland war, empfin­ gen ihn massenhafte Proteste von Studenten, die auf die heuchleri­ sche Unterstützung eines diktatorischen Regimes durch ihre Regie­ rung aufi:nerksam machen wollten. Hunderte Studenten, die sich in Berlin vor der Deutschen Oper versammelt hatten, wurden von der Berliner Polizei und vom Geheimdienst des Schahs angegriffen. Der Student Benno Ohnesorg kam durch einen Schuss in den Hinterkopf ums Leben. Als Gegenleistung für seine Loyalität zum Westen erhielt der Schah umfangreiche Finanz- und Militärhilfen der USA. Die amerikani­ schen und israelischen Geheimdienste halfen ihm beim Aufbau der Armee und des berüchtigten Geheimdienstes SAVAK, bei dem einige tausend Me nschen fe st angestellt und für den um ein Vi elfaches mehr inoffiziell tätig waren. Die Militärausgaben stiegen von 67 Millionen Dollar 1953 auf 9,4 Milliarden Dollar 1977.'5 Der Schah errichtete eine äußerst repressi ve Diktatur; kritische Journalisten, Intellektuelle und Angehörige der Opposition wurden verhaftet und gefoltert. Um den

Schein von Demokratie zu wahren, rief er zwei Parteien ins Leben, die sich kaum voneinander unterschieden, außer dass die eine die Re· gierung bildete und die andere die Opposition. Nach einem relativ ruhigen Jahrzehnt konnte der Repressions­ apparat des Schahs zu Beginn der sechziger Jahre nicht verhindern, dass vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise und zunehmender Inflation Proteste ausbrachen. Diese Proteste kennzeichneten einen wichtigen Bruch mit der Vergangenheit, da nicht mehr die säkularen

Nationalisten und Kommunisten, sondern die islamische Opposition der Ulama die Hauptrolle beanspruchte . Chomeini, ein Ayatollah, der sich bis dahin wie die meisten anderen Geistlichen apolitisch ver­ halten hatte, erlangte in dieser Zeit landesweite Bekanntheit.

Die Ruhe vor dem Sturm

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1963 wurde er dreimal verhaftet; in seinen Predigten hatte er den Schah beschuldigt, den Iran dem amerikanischen Imperialismus aus­ zuliefern und die israelische Unterdrückung der Palästinenser zu un· terstützen. Die Proteste gegen seine Ve rhaftung wurden gewaltsam niedergeschlagen, und Hunderte Menschen verloren das Leben. Als der Schah 1964 ein Gesetz durch das Parlament schleuste, das ame­ rikanischen Militärangehörigen und Beratern Immunität verlieh, und danach auch noch einen Kredit über 200 Millionen Dollar bei den USA für Waffenkäufe aufnahm, äußerte Chomeini von neuem Kritik. Diesmal 'Wtirde er aus dem Iran verbannt und ließ sich im Irak nie­ der, wo er bis 1978 bleiben sollte . Von dort aus agitierte er weiterhin mit Pamphleten und To nbandkassetten, die von einem Untergrund· Netzwerk verbreitet wurden, gegen die Diktatur des Schahs und die «Arroganz» der USA. Obwohl Chomeini und die islamistische Op­ position zu einem wichtigen Faktor wurden, bildeten sich auch neue säkulare Kräfte, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden. Nach den Protesten von 1963 brach eine Zeit der Ruhe an. Der Schah reorganisierte den SAVAK und verstärkte die Kontrolle über die Bevölkerung, aber er versuchte auch, durch einige Reformen eine breitere gesellschaftliche Basis zu gewinnen. Auch das bis Mitte der

siebzigerJahre anhaltende Wirtschaftswachstum trug dazu bei. Die­ ser Zeitraum war durch die Fortsetzung der staatskapitalistischen

Entwicklung gekennzeichnet, die unter Reza Schah begonnen hatte, sich nun jedoch in beschleunigte m Te mpo vollzog. Der Schah gab r963 mit seiner «Weißen Revolution» das Startsignal für diesen Pro­ zess, bei dem Bodenreformen eine wichtige Rolle spielten, da zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Land lebten. Das ursprüngliche Ziel war es, die Staatskontrolle in den ländlichen Gebieten zu vergrößern und einen Teil des Bodens der Großgrundbesitzer unter der wach­ senden Zahl armer Bauern zu verteilen, um so die soziale Basis des Regimes zu vergrößern. Die Reformen brachten jedoch nicht die gewünschten Ergebnisse: Die Regeln begünstigten nicht die kleinen und mittelgroßen Bauern, sondern die großen Agrarbetriebe. Um den Iran in raschem Te mpo zu industrialisieren, hatte der

und mittelgroßen Bauern, sondern die großen Agrarbetriebe. Um den Iran in raschem Te mpo zu industrialisieren,

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Autoritäre Modernisierung zwischen den Revolutionen

Schah ein ehrgeiziges Wirtschaftsprogramm gestartet. Sein Ziel war es, das Land zu einem der fünf mächtigsten Staaten der Welt zu machen. Faktisch verfolgte er die gleiche Strategie wie sein Va ter, nämlich Modernisierung von oben. Der Staat bildete den Motor der kapitalistischen Entwicklung, die gestiegenen Öleinnahmen, 20 Mil­ liarden Dollar 1975-1976, waren der Treibstoff. Obwohl ein Te il davon fü r Rü stung, Korruption, Paläste und Prestigeprojekte wie ein Atom­ programm vergeudet wurde, wurde auch in die Industrialisierung investiert. In den siebziger Jahren erreichte die iranische Wirtschaft

eine der höchsten Wa chstum sziffern

men pro Kopf der Bevölkerung stieg von 200 Dollar im Jahr 1963 auf rooo Dollar Ende der siebzigerJahre. 16 1971 lud der Schah Hunderte Staatsoberhäupter und Angehörige von Königshäusern zu einer Großveranstaltung ein, um «2500 Jahre Persisches Reich)) zu feiern. Damit wollte er der Welt vor allem de­ monstrieren, dass unter seiner Führung die <<Große Zivilisation» wie­ der zum Leben erweckt worden war. Bezeichnend für die ihm eigene Arroganz ist es, dass er gar nicht erst auf den Gedanken kam, die Hunderte von angereisten Journalisten könnten sich mehr fü r das ärmliche Leben der Bevölkerung interessieren als fü r sein extravagan­ tes Fest, das 300 Millionen Dollar verschlang.

weltweit. Das Nationaleinkom­

s. Die unerwa rtete Revolution (1979)

Der Iran sei eine «<nsel der Stabilität in einer der turbulentesten Welt­ gegenden>>, erklärte der amerikanische Präsident Carter im Dezem­ ber 1977 und lobte den Schah fü r «den Respekt, die Bewunderung und die Liebe», die sein Vo lk ihm verdientermaßen entgegenbringe . Nur zweiJahre spätermusste der Schah unter dem Druckvon Massenpro­ testen des Volke s aus dem Land fliehen. Der Tu rban rückte an die Stelle der Krone . Am I. Februar 1979 kehrte Ayatollah Chomeini aus dem Exil zurück und begab sich vom Flughafen sofort zu dem Fried­ hof mit Gräbern Hunderter «Mär tyrer)) der Revolution. Vo r mehr als einer Million Menschen, die sich versammelt hatten, legte er seine Zukunftsvorstellungen dar:

Ich muss euch sagen, dass Mohammed Reza Pahlavi, der üble Verräter, fort ist. Er ist geflohen und hat das Land ausgeplündert. Er zerstörte unser Land und füllte die Friedhöfe. Er ruinierte die Wirtschaft unseres Landes. Sogar die Re­ formen, die er im Namen des Fortschritts durchführte, machten das Land dekadent. Er unterdrückte unsere Kultur, zerstörte Menschenleben und Men­ schenkraft. Wir sagen, dass dieser Mann, seine Regierung und sein Parlament

illegal sind. (

) Ich werde meine Regierung ernennen. Ich werde der

sind. ( ) Ich werde meine Regierung ernennen. Ich werde der gegenwärtigen Regierung ins Gesicht schlagen.

gegenwärtigen Regierung ins Gesicht schlagen. Ich werde mit der Un­ terstützung der Nation eine neue Regierung ernennen, weil die Nation mich akzeptiert.'

Die Staatsform, die Chomeini für den Iran vor Augen hatte, war na­ türlich die Islamische Republik, die einen Monat nach seiner Ankunft durch eine Vo lksabstimmung begründet wurde. We gen dieses Resul­ tats wird die Revolution zu Unrecht als «islamisch» bezeichnet. Ers­ tens waren außer den Islamisten nicht nur säkulare Nationalisten und linke Organisationen aktiv; sondern auch religiöse Kräfte, die keines­ fa lls einen islamischen, vom Klerus geführten Staat anstreb ten.

72

s. Die unerwartete

Revolution

Zweitens

suggeriert

«islamisch»,

das

Ergebnis

der

Revolution,

Chomeinis

Sieg,

habe

von Anfang an festgestanden. Zwischen

1977

und 1979

musste Chomeini zwischen verschiedenen politischen Kräf

ten lavieren,

können. Sein Charisma und sein taktisches Gespür halfen ihm enorm, doch auch die Fehler seiner Konkurrenten spielten ihm in die Hände.

Auch nach dem Sturz des Schahs im Februar

1979 war sein Sieg noch

keine beschlossene Sache. Chomeinis Anhänger benötigten vierJahre, um den Rest der Opposition zu marginalisieren, und erst während des

langen Krieges mit dem Irak in den achtzigerJahren konnten sie ihre Macht endgültig festigen.

«isla­

misch»,

sondern entsprach, wie wir sehen werden, einer spezifischen

Auslegung, die er Ende der sechzigerJahre entwickelt

hatte: welayat-e

Sein Ziel war es, die Poli­ Der Islam wurde politi­

tik zu islamisieren, doch es siert.

ausschalten zu

um schließlich eine nach der

anderen

Drittens

war

das

politische

Programm

Chomeinis

nicht

faqih (Vormundschaft des Re chtsgelehrten).

kam umgekehrt:

i h (Vormundschaft des Re chtsgelehrten). kam umgekehrt: der Millionen Men­ schen, die auf die Straße

der Millionen Men­

schen, die auf die Straße gingen und die Absetzung des Schahs fo rder­

außer

ten.

Frage, doch sie waren stark von sozialen,

politischen und wirtschaft­

Schließlich

zielt

«islamisch»

auf

die

Motive

Dass religiöse Gefühle

eine wichtige

Rolle spielten,

steht

Die

«Große Zivilisation»

73

fühlte sich dennoch in einem politischen System gefangen, das keine Teilhabe, geschweige denn Kritik duldete. Vo n außen gesehen schien der Iran eine «<nsel der Stabilität» zu sein, doch das Modernisierungs­

projekt des Schahs hatte unter der Oberfläche

geschaffen.

der Gesell­

dere zwischen der politischen

Die eine ve rlief zwischen den sozialen Schichten, die an­

zwei tiefe Bruchlinien

Machtelite und dem Rest

schaft. Unter dem Schah hatte der Iran seit den sechzigerJahren ein beein­

druckendes

Wohl­

standes

betrug der Anteil der reichsten zwanzig Prozent der Bevölkerung an

der ärms­

ten

der Iran schon damals eines der Länder mit der größten Ungleichheit,

doch in den folgenden 14 Jahren wurde die Reich noch größer.2

5 Prozent ausmachte. Damit war

den Gesamtausgaben fast 52 Prozent, während der Anteil

Schichten zugute. 1960

Wirtschaftswachstum erlebt.

allem

Die

Steigerung des

kam jedoch vor

den höheren

zwanzig Prozent weniger als

Kluft zwischen Arm und

Einer

Schätzung zufolge

konzentrierte

45

Familien,

und

zusammen

wirtschaftliche

die eine enge Beziehung

der größten

sich die

85

Macht 1974 in den Händen von

zum

Unternehmen des Landes besaßen.J Während des Wirtschaftswachs­

neue Gruppe

tums

Schah-Regime hatten

Anfang der

Prozent

eine

siebziger Jahre entstand

auch

lichen

Faktoren geprägt,

die auch

von sich aus

den

Gang

der Ereig­

reicher

Händler

und

Industrieller, die

sich jedoch

vom

politischen

nisse bestimmten.

 

System,

das

die

Anhänger

des

Schahs privilegierte, nicht

vertreten

Die «Große Zivilisation>>

Der Schah

messen

Iraner

klafftejedoch ein Abgrund. Der Iran des Schahs war ein Land immen­

ser Gegensätze. Gleich neben modernen Industriezentren lagen Dör­ fe r, die weder Wa sser noch Elektrizität hatten. In den Städten konnte

zumindest

reisen und

die

schen

zwi­

des Altertums

wollte

sich

an

den

großen Perserkönigen

und behauptete,

seiner

Rhetorik

die «Große Zivilisation» zu errichten;

und

den Erfahrungen

der einfachen

ein

Teil

der

Bevölkerung

eine

Universität

besuchen,

Entwicklung in der We lt verfolgen und sogar ins Ausland

fühlte. Die zunehmende Zahl von Arbeitern in der Industrie,

Bau­

Diensdeistungssektor begann zudem

einen starken Gegenpol zur Wirtschaftselite zu bilden.

dass relativ

ausgebildet waren, äußerte sich in einem gesteigerten Selbstbewusst­

besser

gewerbe und

Die Tatsache,

im

im

modernen

Arbeiter in

mehr

Großbetrieben arbeiteten

und

sein, das zur Forderung nach bess eren Arbeitsbedingungen fü hrte.

die von der Modernisierung der

Mittelschicht.

Händlern,

Handwerkern und Geschäftsinhabern, bekam den Druck zu spüren.

Ein

Vor

Wirtschaft hart getroffen wurde, war die traditionelle

Eine

seit jeher wichtige Gruppe,

der

Basar,

äußerte

ein

allem

Bazari

wirtschaftliches

Netzwerk

von

gegenüber einem

amerikanischen Journalisten:

74

s. Die unerwartete Revolution

«Wenn wir den Schah gewähren lassen, wird er uns vernichten. Die Banken übernehmen alles. Große Geschäfte nehmen uns die Exis­ tenzgrundlage weg. Und die Regierung will den Basar planieren, um Raum fü r Bürogebäude zu sch affen.>>4 Der Basar hatte und hat nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine soziale und religiöse Funktion, sodass die Unzufriedenheit, die dort aufkam , sich schnell und weit verbreitete.5 In jedem Basar stehen eine oder mehrere Moscheen, die von den Bazaris finanziert werden. Die Ulama, die da­ mals fast 90 ooo Mitglieder zählten und ebenfalls ihre traditionellen We rte und Normen bedroht sahen, hatten seit jeher enge (Familien-) Bande mit den Bazaris und waren über Tausende Moscheen und re­ ligiöse Einrichtungen bis tief in die Kapillaren der Gesellschaft vor­ gedrungen. Die sogenannte «Weiße Revolution)) des Schahs hatte gravierende Folgen für die ländlichen Regionen, wo die Lebensbedingungen der Bevölkerung nicht anders waren als einJahrhundert zuvor. Das wich­ tigste Element der ((Weißen Revolution)) war die Bodenreform, mit der der Schah die Macht der alten Großgrundbesitzer schwächen und mehr Rückhalt bei den Bauern gewinnen wollte. Er war erfolgreich beim ersten Te il dieses Vo rhabens, scheiterte jedoch beim zweiten Teil, sodass die alte Basis seiner Macht schwand, ohne dass eine neue hinzukam. Mehr als eineinhalb Millionen Familien erhielten ein kleines Stück Land. Das bedeutete freilich, dass eine von drei Familien leer ausging.

Für die, die ein Stück Land bekommen hatten, reichte die Größe des Besitzes nur in einem von vier Fällen aus, um einen eigenen Betrieb zu gründen. Der Rest musste sein Grundstück an große Agrarbe­ triebe verkaufen. Wie in der Stadt begannen moderne kapitalistische Unternehmen auch auf dem Land die traditionelle Wirtschaft zu er­ setzen. Die bedeutendste Folge war, dass das Problem der Armut und Arbeitslosigkeit nicht gelöst wurde und viele Bauern in die großen Städte abwan derten. Die Urbanisieru ng erfolgte in rasantem Te mpo. Von 1966 bis 1977 stieg die Einwohnerzahl Teherans von zweieinhalb auf viereinhalb Millionen.6

Die «Große Zivilisation»

75

Zu einem bedeutenden Teil ging dieses Wachstum auf das Konto der städtischen Armen, die Chomeini die mostazafan (die Unterdrück­ ten oder Entrechteten) nannte. Sie strandeten in den sich ausdeh­ nenden Elendsvierteln und mussten versuchen, ihr Brot als Tage­ löhner oder Straßenverkäufer zu verdienen, und oft wurden sie wie Abschaum behandelt. Die gebildete und westlich orientierte Mittel­ schicht in den Städten sah die Zugezogenen als Dörfler (dehati) , er­ kennbar an ihrem Akzent und ihrer religiösen, traditionellen Lebens­

weise. Die ländlichen Zuwanderer fühlten sich in der Stadt entwur­ zelt und fanden Halt in ihrem Glauben und den sozialen Netzen rund um die Moscheen. Die sozialen Gegensätze bekamen damit auch eine kulturelle und religiöse Dimension. Durch den Ausbau des Bildungssystems wuchs die neue Mittel­

schicht. Zwischen 1963 und 1977 stieg die Zahl der Hochschulstuden­ ten von 24 885 auf 154 215/ Während ein kleiner Teil davon in die Führungsebene der Armee und der Bürokratie aufgenommen wurde, hatten die meisten Absolventen große Schwierigkeiten, Arbeit zu finden, und endeten nicht selten als Taxifahrer. Das Modernisierungsprojekt des Schahs unterhöhlte nicht nur die alten Gesellschaftsstrukturen, sondern auch die politische Legitimi­ tät seiner Regierung. Er schaffte es, fa st die gesamte Ges ellschaft - sieht man einmal von der allerhöchsten Führungsebene ab -, dem

politischen System zu entfremden. Seine Macht basierte nicht auf Rü ckhalt im Volk, sondern auf den Streitkräften, dem Geheimdienst SAVAK, der Bürokratie und den Politikern, die sich von ihm gängeln ließen. Zwischen 1963 und 1977 wuchs die Zahl der Militärangehö­

Mann, und der Ve rteidigungsetat nahm

rigen von 20 ooo auf 410

in diesem Zeitraum um den Faktor 25 zu. 8 über ein weit gespanntes Informantennetz hatte der SAVAK eine große Dosis Misstrauen in die Gesellschaft gestreut. Kaum jemand wagte es, seine Meinung zu äußern, da der Taxifahrer, der Arzt, der Lehrer, im Grunde j eder auf der Gehaltsliste des Geheimdienstes stehen konnte. Die Erzählungen über die grausamen Foltermethoden des SAVAK schürten zudem die Angst, irgendein Risiko einzugehen.

ooo

77

76

s. Die unerwartete Revolution

Die Kluft zwischen diesem archaischen System politischer Ver­ flechtungen und einer sich modernisierenden Gesellschaft wurde in den siebziger Jahren nur noch größer. Während der Schah ein Jahr­ zehnt zuvor noch zwei Parteien gegründet hatte, damit bei den Parla­ mentswahlen der Schein einer Alternative gewahrt blieb, löste er die Parteien 1975 auf und schuf die Partei der Wiederauferstehung. Auf kritische Journalistenfragen antwortete er: ((Gedankenfreiheit! Ge­ dankenfreiheit! Demokratie, Demokratie ! Fünfjährige, die streiken

Demokratie? Freiheit? Was bedeuten

diese Wörter? Ich will nichts damit zu tun habenß

Schahs litt vor allem unter seinem innige n Ve r­

und auf die Straße gehen!

Die Legitimität des

hältnis zu den USA, die seine Diktatur unterstützten. Aufgrund der strategischen Lage war der Iran neben Israel zum wichtigsten Stütz­ pfeiler der amerikanischen Dominanz im Nahen und Mittleren Osten geworden. Nachdem Großbritannien 1968 seine Präsenz im Persi­ schen Golf verringert hatte, nutzte der Schah seine Chance, die Rolle der regionalen Macht zu übernehmen. Anfang der siebziger Jahre

organisierte er sogar mehrere militärische Interventionen in der Re­ gion, unter anderem gegen die Rebellen in Oman, um seine Rolle als Amerikas ((Golf-Polizist)) zu unterstreichen. Zwischen r972 und 1976

wurde er von den USA mit Waffen im Wert von 10 Milliarden Dollar

belohnt. Die enge Beziehung zu den USA manifestierte sich auch in der Anwesenheit einer großen Zahl amerikanischer Experten und

Berater, die Mitte der siebziger Jahre von 24 ooo auf fa st 6o ooo an­ stieg.W Da sie viele Privilegien hatten und Immunität vor der irani­

schen Gerichtsbarkeit genossen, verbreitete sich in der iranischen Bevölkerung das Gefühl, nicht der Schah, sondern die Amerikaner

hätten in Wirklichkeit das Sagen. Die Abneigung gegen den ameri­ kanischen Einfluss war im übrigen nicht gleichbedeutend mit einer Vorliebe für die Sowje tunion; gegen dieses Land hegte die Bevölke­ rung genauso großes Misstrauen.

Die Opposition

Die Opposition

Gegen Ende der siebziger Jahre bahnte sich die Unzufriedenheit mit den sozialen und politischen Verhältnissen, die sich unter der Ober­ fläche aufgebaut hatte, einen Weg. Wie sich dieser Unmut manifes­ tierte, welche Strategien er wählte und welche Alternativen er an­ strebte, wurde durch die politischen und intellektuellen Strömungen bestimmt, die am Vorabend der Revolution die Opposition bildeten. Die wichtigsten waren:

Die politischen Organisationen. Die kommunistische Tudeh-Partei war in den siebziger Jahren nur noch ein Schatten ihrer Ve rgangenheit.

Die Unterdrückung durch den Schah hatte sie stark geschwächt, und wegen ihrer Loyalität mit dem stalinistischen Ostblock hatte sie an Popularität eingebüßt. Dank ihrer realen Wurzeln in der Bevölkerung erholte sie sich einigermaßen und propagierte über verschiedene

Publikationen und eine Rundfunkstation eine friedliche Umwälzung

durch Demonstrationen, Streiks und, falls der Schah es zuließe, Wah­ len. Ihre Strategie basierte auf der Bildung einer Koalition mit der

Nationalen Front, den «progressiven Ulama)) und dem «liberalen Flü­ gel der nationalen Bourgeoisie».u Die Nationale Front selbst war auch geschwächt, doch einige alte Mitstreiter Mossadeghs hauchten ihr neues Leben ein und erklärten:

«Wir sind Muslime, Iraner, Konstitutionalisten und Mossadeghisten:

Muslime, weil wir uns weigern, unsere Prinzipien von unserer Politik

zu trennen; Iraner, weil wir unser nationales Erbe achten; Konstitu­ tionalisten, weil wir Freiheit des Denkens, freie Meinungsäußerung

und Vereinigungsfr eiheit fo rdern; Moss adeghi sten, weil wir die natio­ nale Unabhängigkeit wollen.>P Die Nationale Front hatte einen säku­ laren und einen religiösen Flügel. An der Spitze der Religiösen stan� den Bazargan von der Iranischen Freiheitsbewegung und Taleqani,

ein hoher Geistlicher, der ein bedeutendes We rk verfasst hatte, in dem er ausführlich begründete, dass die Schia gegen Autokratie und für Demokratie sei. Diese Relig iösen strebten ein demokratisches

78

s. Die unerwartete Revolution

System an, innerhalb dessen die islamischen Werte respektiert wurden. In den sechzigerJahrenverloren einige Studenten von der Nationa­ len Front und der Tudeh-Partei die Geduld mit den in ihren Augen zu moderaten und wirkungslosen Methoden ihrer Parteien und spra­ chen sich für den bewaffneten Kampf aus. Am Vorabend der Revolu­ tion gab es zwei wichtige Guerillaorganisationen: die kommunistisch orientierte Organisation der Volksfedayin (Fedayin) und die links-isla­ misch orientierte Modschahedin-e Chalq. Neben diesen landesweit operierenden Organisationen wuchs in einigen Provinzen der Einfluss politischer Parteien, die sich für die Rechte nationaler Minderheiten stark machten. Die wichtigste war die Kurdische Demokratische Partei des Iran (KPD-1), die mit dem Slogan «De mokratie für Iran, Autonomie für Kurdi stan» gegen den Schah kämpfte.1.J

Die religiösen Intellektuellen. Die intellektuellen Debatten des zwan­ zigsten Jahrhunderts waren durch das Ringen mit der Moderne ge­ kennzeichnet, mit der der Iran wie der Rest der Dritten We lt in der Form von militarisiertem Imperialismus Bekanntschaft machte. I4 Die Abneigung gegen das autoritäre Modernisierungsprojekt des Schahs und die Enttäuschung über das Scheitern der säkularen Reaktionen darauf (Nationalismus und Kommunismus) ebneten religiösen Ideo­ logien den We g. Eine wichtige Mittlerfunktion erfüllte Dschalal Al-e Ahmad; er entstammte einer Familie von Geistlichen, schloss sich mit zwanzig der Tudeh an, verließ die Partei jedoch wegen seiner Kritik am Sta­ linismus und entwickelte sich zu einem tonangebenden Intellektuel­ len. Er führte den Begriff gharbzadegi («vom Westen geschlagen>; oder «vergiftet>;) ein, der sowohl bei säkularen wie religiösen Aktivisten sehr populär wurde. Gharbzadegi war für ihn eine «Krankheit», die von außen in die Gesellschaft eindringt und sie zersetzt. Die Ursache sah er in der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Dritten Welt vom Westen, und die Symptome be schrieb er als Entfremdung, Materialis-

Die Opposition

79

mus und Nachahmung der westlichen Kultur. Hatten bisher die poli­ tischen und wirtschaftlichen Ursachen des Imperialismus irn Fokus gestanden, so rückte der Begriff gharbzadegi nun die kulturellen Fol­ gen in den Mittelpunkt. Von dieser Position aus war es ein kleiner Schritt, die kulturellen Veränderungen nicht als Folge des Imperialismus zu sehen, sondern als die Ursache. Diese Ansicht war populär unter den Ulama, die die ökonomische Benachteiligung des Iran und die Vo rherrschaft des Westens darauf zurückführten, dass Muslime ihren «wahrem) Glau­ ben gegen westliche Einflüsse eingetauscht hätten. Al-e Ahmad repräsentierte die Bewegung säkularer Intellektueller in Richtung Religion, doch auch das Umgekehrte geschah unter dem Einfluss der nationalistischen und linken Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt. Ein Beispiel dafür ist Ali Schariati; seine Ideen spiel­ ten eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Bildung einer ganzen Schicht von Intellektuellen und Aktivisten, die zu den fü hrenden Ak­ teuren der Revolution von 1979 gehörten.1' Während Schariati Anfang der sechziger Jahre an der Sorbonne promovierte, ließ er sich als gläubiger Muslim von den nationalen Be­ freiungsbewegungen in Algerien inspirieren und vom Marxismus, zu dem er eine Art Hassliebe entwickelte. Er bewunderte die Fähigkeit des Marxi smus, die Welt zu erklären, lehnte jedoch die materialisti­ sche Sichtweise ab. Nach seiner Rückkehr in den Iran machte er sich zwischen 1967 und 1972 einen Namen mit einer Reihe von Vorträgen, in denen er eine revolutionäre Auslegung des Islam fo rmulierte; er sprach damit vor allemjunge, gebildete Menschen an, die auf der Su­ che nach einer politischen Strategie waren statt der religiösen Haar­ spaltereien, mit denen sich die Ulama beschäftigten. Schariati gelangte zu neuen Einsichten durch seine Erfahrung mit dem Putsch von 1953 , seine Arbeit als Lehrer in einer armen Provinz und seine Bekanntschaft mit radikalen westlichen Ideen. Dass sein politischer Islam eine Neuinterpretation aus dem Blickwinkel der siebziger Jahre und nicht der Zeit des Propheten Mohammed war, zeigt sich an Folgendem: Während seiner Tätigkeit als Lehrer brachte

80

s. Die unerwartete Revolution

er das Buch Abu Zarr Ghifari: Choda-parast-e Socialist, ((Abu Zarr Qe­

fari: der Gott anbetende Sozialist)), heraus, das auf einem Roman des radikalen ägyptischen Schriftstellers Abd ol-Hamid Dschaudat al­ Sahar beruhte. Das Buch handelte von einem der ersten Anhänger des Propheten, der nach Mo hammeds To d die Kalifen als korrupt ab­ lehnte und Ali, den ersten Imam der Schiiten, unterstützte. Nachdem Ali besiegt worden war, zog sich Abu Zarr in die Wüste zurück, wo er ein einfaches Leben fü hrte und predigte, dass der Islam für die Armen und gegen die Reichen kämpfe. Abu Zarr wurde für Schariati zu einer mythischen Figur, auf die er seine modernen Ideale projizierte. Abu Zarr wandelte sich so in eine islamische Entsprechung von Camus, Sartre, Fanon oder Che Guevara. Für viele religiöse Iraner war Schariati deshalb eine islamische Ant­ wort auf Marx, dessen Ideen große Anziehungskraft auf junge Leute hatten, allerdings in einer völlig deformierten Gestalt - der des Sta­ linismus. Schariati sprach ebenfalls von einer klassenlosen Gesell­ schaft, jedoch einer islamischen (nezam-e towhidi). Ausgehend von diesen Ideen konnten die islamischen Aktivisten, die hauptsächlich aus der Mittelschicht stammten, den Marxismus ablehnen und doch ihrer Wut über Armut und Ungleichheit Ausdruck geben. Sie konn­ ten sich gegen die Diktatur des Schahs und die amerikaDisehe Vor­ herrschaft auflehnen und den Iran dennoch durch die Übernahme westlicher Te chnologien und sogar sozialwissenschaftlicher Erkennt­ nisse voranbringen. Sie wollten Modernisierung ohne gharbzadegi und unter Wahrung ihrer nationalen Identität. Schariati trat auch für ein gleichwertigeres Verhältnis zwischen Mann und Frau ein. Kurzum, Schariati ermöglichte es religiösen jungen Menschen, sich von den

konservativen Ulama abzuwenden, ohne dem Islam Lebewohl zu sagen.

Chomeini und die Ulama. Was für die Anhänger Schariatis, der schon vor der Revolution starb, zum Dilemma werden sollte, war der Wille, unter dem Banner des Islam einen Aufstand zu beginnen, ohne des­ sen Führung den Ulama zu überlassen . Anfangs schien das kein gro-

Die Opposition

81

ßes Problem zu sein, da die Mehrheit der Ulama der apolitischen Tra­ dition des Quietismus folgte. Bis zur Wiederkehr des Mahdi würden die weltlichen Angelegenheiten ja vom Staat geregelt werden. Man­ che Akteure ignorierten den Schah und andere unterstützten ihn so­ gar. Außerdem reagierten die Ulama mehrheitlich auf die Probleme, die sie am meisten empörten - Prostitution, Alkoholismus, Drogen­ konsum und Kriminalität wie Konservative das in der Regel tun. Sie kritisierten nicht das soziale und politische System, sondern den mo­ ralischen Verfall der Gesellschaft. Diejenigen, die sich mit der Politik einließen, waren gemäßigte Geistliche wie Ay atollah Taleqani, der die Nationale Front unter­ stützte. Sie wollten nicht den Sturz des Schahs, sondern forderten die Einhaltung der Verfassung. Als der Schah zwischen 1975 und 1977 mehr Druck auf die Ulama ausübte, unter anderem durch eine stär­ kere staatliche Kontrolle der religiösen Seminare, wurde die Position der moderaten Kleriker untergraben, und eine dritte Gruppe gewann an Boden: die radikalen Geistlichen. Die wichtigste Persönlichkeit aus dieser Gruppe war Ayatollah Chomeini, der bis Anfang der sechzigerJahre einen apolitischen Kurs verfolgt hatte. Er änderte seine Haltung während der «Weißen Revo­ lution)}, und er wandte sich gegen die Bodenreform und die Diktatur als solche. Der Autor einer wichtigen Biographie bemerkt, dass Cho­ meinis Rhetorik nach 1964 nationalistischer wurde: <« Das Interesse und der Stolz des Iran> hielten nun Einzug in das Vokabular der Geist­ lichen im Allgemeinen und Chomeinis im Besonderen und machten Chomeini fü r die nicht-klerikalen Aktivisten akzeptableu16 Dieser Schritt ging mit einem bedeutenden Wandel seiner Ideen einher. Ende der sechzigerJahre schockierte er - aus dem irakischeu Exil ­ die klerikale Hier archie mit einer Reihe von Vorträgen, in denen er die unpolitische Haltung der Ulama kritisierte. Seine Vorträge wur­

den im Iran unter dem Titel We layat-e Fa qih: Hokumat-e Eslami (Die

Vormundschaft des Rechtsgelehrten: Die islamische Regierung) he­ rausgegeben und verbreitet. In diesen Texten interpretierte er das Prinzip derwelayat-efaqih neu und definierte es nun als die Herrschaft

In diesen Texten interpretierte er das Prinzip der welayat-efaqih neu und definierte es nun als die

82

Die unerwartete Revolution

des höchsten Geistlichen, der während der Abwesenheit des Mahdi als «Vormund» der Gläubigen fu ngieren müsse. Von diesem Zeitpunkt an predigte Chomeini den AufStand gegen die Monarchie. Um potenzielle Bündnispartner nicht abzuschrecken, sprach er jedoch kaum noch von welayat-efaqih. Stattdessen legte er den Nachdruck auf die soziale Misere der Unterschichten und das Unrecht, das die USA dem Iran antaten. Dazu musste er auch seine alten Ideen über die Gesellschaft ändern. Wie nahezu alle Religionen betrachtete der Islam Privateigentum und eine hierarchische Gesell­ schaftsordnung als gottgegebene Realität. Die Armen sollten sich in ihr Schicksal fügen, ohne die Reichen zu beneiden, die Reichen wie­ derum sollten Korruption und Verschwendung ve rmeiden und den Armen helfen. Chomeini brach mit dieser Tr adition und sprach nun von Klassen und Revolution Begriffe, die mit politisch linken Vor­ stellungen assoziiert wurden. Die Gesellschaft, so Chomeini, sei in zwei feindliche Klassen gespalten: die mostazafan (die Verworfenen, die Unterdrückten) und die mostakberin (die Unterdrücker). Zu Letz­

teren gehörten nicht nur der Schah und die reiche Elite, sondern auch die Imperialisten aus West und Ost:

Der Schah hat den Ausländern alle unsere Bodenschätze und die lebens­ wichtigen Belange des Vo lkes überlassen. Amerika hat er Öl gegeben, der Sowjetunion Gas, Großbritannien und anderen Ländern Weideland, Wälder

) Das imperialistische System hat die Kontrolle

und einen Te il des Öls.(

über die Armee, das Bildungswesen und die Wirtschaft unseres Landes übernommen und verwehrt unserem Volk die Möglichkeit der Entwick­

lung.'7

1977-1978: Ein Wirbelsturm von Protesten

1977 erwartete niemand, dass große Proteste ausbrechen, geschweige denn, dass diese Aktionen das Schah-Regime stürzen würden. Die Opposition war schwach und uneinig, Armee und SAVA K schienen unbesiegbar. Doch unter der Oberfläche hatten sich Wut und Enttäu­ schung angestaut; eine explosive Situation war entstanden. Es lässt

1977-1978: Ein Wirbelsturm von Protesten

83

sich nur mutmaßen, was schließlich den Funken bildete und die Pro­ teste in Gang brachte, doch mindestens zwei Faktoren spielten eine entscheidende Rolle . Der erste war die Wirtschaftskrise mit hoher Inflation und zunehmender Arbeitslosigkeit. Sie traf nicht nur die un­ teren Schichten hart, sondern auch die Bazaris, denen der Schah die Schuld an den hohen Preisen gab. Der zweite Faktor war die relative Lockerung der Diktatur die sogenannte «Carter-Brise>); der ameri­ kanische Präsident Jimmy Carter hatte durch seine Betonung der Menschenrechte den Schah zu dieser Veränderung veranlasst. Auch die Tatsache, dass Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty Inter­ national das Schah-Regime an den Pranger stellten, spielte eine wich­ tige Rolle. Die Wirtschaftskrise motivierte mehr Menschen, aktiv zu werden, und die Lockerung der Repression bedeutete, dass es weni­ ger Hindernisse gab, die sie aufhalten konnten. Die gängige Deutung der Revolution schreibt den Sturz des Schahs

vor allem den Geistlichen und den Intellektuellen zu. Es stimmt, dass ab Mai 1977 Schriftsteller und Rechtsanwälte die «Carter-Brise» nutz­ ten, um mit Manifesten und offenen Briefen Bürgerrechte einzu­ fordern. Aber diese Art «respektabler» Aufrufe war nichts Neues; bedrohlich wurde die Lage fü r den Schah durch zwei andere Äuß e­ rungen des Protestes im Sommer und Herbst 1977- Zu physischen Konfrontationen mit dem Regime kam es zum ersten Mal in den Armenvierteln am Rande Teherans, als die Stadt­

verwaltung im Sommer Bulldozer, Polizisten und SAVAK-Agenten schickte, um die Behausungen der Bewohner zu räumen. Das eska­

lierte in Straßenschlachten, bei denen mitunter so ooo Menschen gegen die Ve rtreter der Behörden kämpften. Im Herbst folgten noch mindestens dreizehn Angriffe auf die Armenviertel, bei denen es auch Tote gab.'8 Die zweite Manifestation des Protestes waren Sabotageakte und Streiks in der Industrie. Im Juli wurde zum Beispiel in der Niederlas­ sung von General Motors in Te heran Feuer gelegt; daraufhin wurden 300 Arbeiter verhaftet. In den folgenden drei Monaten kam es in etwa 130 Betrieben zu ähnlichen Brandstiftungen. Im gleichen Zeitraum

84

s. Die unerwartete Revolution

fanden mehrere Streiks gegen Lohnsenkungen und die Streichung von Zulagen statt. Die Wirtschaftskrise brachte die iranischen Arbei­ ter gegen die Regierung in Stellung, aber es sollte noch einJahr dau­ ern, bis eine Streikwelle dem Regime den Todesstoß versetzte. In der Zwischenzeit spielten die Intellektuellen und die Geistlichen die sichtbarste Rolle. Der kurz zuvor gegründete Schriftstellerverband veranstaltete im Oktober 1977 gemeinsam mit dem Goethe-Institut eine Reihe von Lyrik-Abenden, an denen zahlreiche bekannte Intellektuelle die Dik­

tatur verspotteten. Am zehnten Abend fü hrte die Polizei eine Razzia durch. Die Besucher, es waren mehrere Tausend, rannten hinaus, und

auf den Straßen waren zum ersten Mal seitJahren Parolen gegen den Schah zu hören. Ein Student wurde getötet, und Dutzende wurden verhaftet.

Mit dem Erscheinen der Ulama auf dem Kampfschauplatz traten die Proteste in eine neue Phase ein. Im Januar 1978 leistete sich der Schah einen groben Fehler; er erteilte einer mit dem Regime liierten

Zeitung den Auftrag oder zumindest die Zustimmung, einen Artikel

zu veröftentlichen, der Chomeini in den Dreck zog. Er spioniere für

Großbritannien, und er ve rfasse außerdem erotische Gedichte. Zu­ dem sei er nicht einmaliranischer Abstammung. Qom, sozusagen der

Va tikan der iranischen Schiiten, reagierte mit äußerster Empörung.

Die Seminare und der Basar wurden geschlossen, und Tausende de­

monstrierten mit Parolen wie << Wir wollen unsere Verfassung» und

«Chomeini soll zurückkehren».

Während der Scharmützel mit den Sicherheitskräften kam es zu

Dutzenden To ten und Verletzten. Chomeini und andere bedeutende

Ulama riefen die Bevölkerung dazu auf, der «Märtyrer» von Qom

nach der schiitischen Tradition am vie rzigsten Tag ihres To des zu gedenken. Bei den Gede nkveranstaltungen gab es wieder viele Tote,

sodass vierzig Tage später erneut Gedenkfeiern stattfanden. So ent­

stand im Abstand von vierzig Tagen ein Zyklus von Protesten, die den Ulama wegen des religiösen Charakters die Gelegenheit verschafften,

sich an die Spitze der aufkommenden Bewegung zu manövrieren.

1977-1978: Ein Wirbelsturm von Protesten

85

Ein auffalliges Merkmal dieser Proteste war, dass die Te iln ehmer kaum Gewalt gegen Personen anwandten. «Vor allem die Banken

wurden zur Zielscheibe der Proteste, aber seltsamerweise wurden sie

) Alles in allem kann man, abgesehen vom pro­

vozierenden Auftreten des SAVAK, nicht davo n sprechen, dass es in den vergangenen Wochen zu <blinden oder <unkontrollierten Gewalt gekommen ist», berichtete die niederländische Zeitung NRC Han­ delsblad im April r978. '9 Obwohl der Schah die Demonstrationen mit

nicht geplündert. (

brutaler Gewalt niederschlagen ließ, verhielten sich die westlichen Regierungen so, als sei nichts geschehen. Exemplarisch war der Be­

schluss der niederländischen Regierung, die Lieferung von Kriegs­

schiffen an den Schah zu genehmigen. Der Schah befinde sich schließ­

lich ((mit niemandem im Kriegszustand», ließ die niederländische

Regierung verlauten.20 Im Sommer 1978 schwächten sich die Proteste ab, unter anderem

weil der Schah die Repressionen gegen die säkularen Kräfte steigerte

und den Ulama und den Bazaris entgegenzutreten versuchte. Um die Inflation einzudämmen, beschnitt die Regierung die Ausgaben der öffentlichen Hand drastisch und fü hrte damit eine leichte Rezes­

sion herbei. Die Regierung strich die Zulagen für alle Beamten, und die Löhne sanken, im Bausektor sogar um 30 Prozent. Die Zahl der

Arbeitslosen in den Städten schoss von fa st null auf 400 ooo, und der

Schah verschärfte seine Ausfalle gegen die Arbeiter: «Die, die nicht

arbeiten, werden wir wie Mäuse bei den Schwänzen packen und

hinauswerfen.))2'

In der ersten Hälfte des Jahres 1978 hatte die religiöse Opposition

das Netz der Moscheen und den Basar benutzt, um die Ulama, die

Theologiestudenten und die Bazaris zu mobilisieren. Es kam zu Mas­

sendemonstrationen, doch sie bildeten keine ernsthafte Bedrohung für das Regime. In der zweiten Jahreshälfte 1978 begannen sich die

Kräfteverhältnisse gravierend zu verändern, denn die Arbeitneh­ mer vor allem in der strategisch wichtigen Ölindustrie verstärkten

durch Streiks den Druck auf den Schah. Gegen Ende des Sommers, als die Straßenproteste wieder in Gang

86

s. Die unerwartete Revolution

kamen, geschahen zwei Katastrophen, die die Te mperatur des Lan­ des auf den Siedepunkt brachten. Im August kamen 400 Frauen und Kinder durch Brandstiftung in einem Kino ums Leben. Man gab dem Schah die Schuld; Tausende gingen mit dem Ruf ;<Verbrennt den Schah» auf die Straße. Um die Gemüter zu besch�ichtigen, ersetzte der Schah den Premierminister, doch das nützte nichts. Das zweite Blutbad fa nd statt, als am 8. September in Te heran Elitetruppen das Feuer auf Ta usende Demo nstranten eröffneten. Wegen der großen Zahl der Opfer ging dieser Tag als «Schwarzer Freitag» in die Ge­ schichte ein. Zwischen dem Schah und der Bevölkerung floss nun ein Strom aus Blut; kein Zugeständnis konnte die Ereignisse ungesche­ hen machen. Arbeitnehmer in der Ölindustrie reagierten mit einem ausgedehn­ ten Streik auf die abendliche Ausgangssperre, die nach dem Schwar­ zen Freitag eingeführt worden war, und forderten Lohnerhöhun­ gen. Wenn die Ölhähne geschlossen waren, hatte der Schah keinen Handlungsspielraum mehr. Diesem Beispiel folgten andere Wirt­ schaftszweige, sodass im Lauf des Monats Oktober eine Streikwelle fast das ganze Land lähmte. Die Streikenden stellten nicht nur wirt­

schaftliche, sondern auch politische Forderungen wie die nach der Freilassung politischer Gefangener.

Weil die Ölproduktion zum Erliegen kam, geriet der Schah in

Panik und schwankte zwischen Zugeständnissen und Repression. Einerseits ersetzte er ein weiteres Mal den Premierminister und ließ

Hunderte politische Gefangene frei. Andererseits forderte er von der irakiseben Regierung, Chomeini zu deportieren, der daraufhin nach Paris emigrierte. Dass sich Chomeini weigerte, mit dem Schah und

den Befürwortern einer konstitutionellen Monarchie Kompromisse

zu schließen, steigerte seine Popularität noch mehr. Während die Streiks weitergingen, kam es von neuem zu Mas­ sendemonstrationen im Rhythmus von vierzig Tagen. Im Novem­ ber richtete sich der Schah über das Fernsehen an die Bevölkerung, um ihr mitzuteilen, dass er «die Botschaft ihrer Revolution gehört» habe - eine Geste, die viel zu spät kam. Überdies interessierte sich die

Februar 1979: «Der Frühling der Freiheit»

87

Bevölkerung nicht mehr für ihn, sondern forderte schlicht seinen Abgang. Ende r978 erreichten die Proteste ihren Höhepunkt. Am n. De­ zember waren fa st zwei Millionen Menschen auf den Straßen Tehe­ rans und skandierten Parolen gegen den Schah und für Chomeini. Eine neue und noch größere We lle von Generalstreiks legte nun das gesamte Land lahm. Die Guerillaorganisationen steigerten die Zahl

ihrer bewaffneten Aktionen, und Soldaten weigerten sich, noch län­ ger auf Demonstranten zu schießen. Der Schah blickte auf die Ame­

rikaner, wartete auf grünes Licht, alle Bremsen zu lösen, doch die wollten sich nicht die Finger verbrennen, zumal ein Massengemetzel den Lauf der Dinge wahrscheinlich auch nicht mehr aufgehalten hätte.

Fe bruar 1979: «Der Frühling der Freiheit»

Anfang 1979 wurde dem Schah der Boden unter den Füßen zu heiß,

und er flog am 16. Januar nach Ägypten. Zwei Wo chen später landete Chomeini mit einem Flugzeug voller Journalisten in Teheran und er­

nannte Bazargan, den Führer der liberal-religiösen «<ranischen Frei­

heitsbewegung>>, zum Premierminister einer Übergangsregierung. «Das Ungeheuer ist weg, der Engel ist gekommen», sangen ausgelas­

sene Menschenmassen auf der Straße, und im ganzen Land herrschte

Feierstimmung. Chomeinis Ansehen nahm mythische Formen an. Irgendwann beschworen Tausende von Menschen, das Gesicht des Ayatollahs sei auf dem Mond zu sehen. Er bekam den Titel Imam, den die Schiiten bis dahin nur für die zwölf heiligen Männer benutzt

hatten, die nach dem Tod des Propheten der schiitischen Gemein­ schaft gedient hatten. Doch auch wenn Chomeinis Macht überirdi­ sche Dimensionen zu besitzen schien, so musste er zunächst doch ein

weltliches Problem lösen. Die Regierung des Schahs saß nämlich

noch im Sattel, und die Armee hielt dem Monarchen die Treue. Dieses Problem wurde nicht von Chomeini selbst, sondern von den linken Guerillaorganisationen und der Tudeh-Partei gelöst - ein

88

Die unerwartete Revolution

Zeichen, dass das Geschehen noch immer außerhalb seiner Kontrolle ablief. Die Fedajin und die Modschahedin-e Chalq kamen am 9. Feb­ ruar einer Gruppe meuternder Kadetten auf dem Luftstützpunkt Teheran zu Hilfe. Sie verteilten die erbeuteten Waffen an Studenten, die in der ganzen Stadt Barrikaden errichteten und Polizeistationen angriffen. Am n. Februar stürmten die Guerillaorganisationen, Mit­ glieder der Tu deh und meuternde Soldaten die Kasernen der kaiserli­ chen Garde und das berüchtigte Evin-Gefangnis. Das Ende der Mon­ archie und der Beginn einer neuen Ära wurde eingeläutet, als um sechs Uhr abends der Nachrichtensprecher von Radio Teheran er­ klärte: «Dies ist die Stimme von Radio Te heran, die Stimme des wah­ ren Iran, die Stimme der Revolution.» Mitten im Winter 1979 war der «Frühling der Freiheit» angebro­ chen. Zeitungen und Bücher, die vorher nicht durch die Zensur des SAVAK gekommenwaren, wurden nun in großen Auflagen gedruckt. Universitäten, Betriebe und die Straße wurden zu Foren, wojeder mit jedem diskutierte. Marginalisierte Gruppen wie Frauen und ethni­ sche Minderheiten organisierten sich und forderten gleiche Rechte. An den Arbeitsstätten ging der Kampf um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen weiter. Im ganzen Land entwickelten sich die Streikkomitees, die sich in den letzten Monaten des Jahres 1978 gebil­ det hatten, zu Schuras (Räten). Die Schuras wurden von den Arbeitern selbst gewählt und sollten deren Interessen gegenüber dem Manage­ ment und dem Staat verteidigen. In einigen Betrieben, aus denen das

Management geflohen war, übernahmen die Beschäftigten die Lei­ tung der Produktion. Zum ersten Mal seitJahrzehnten gründeten Ar­ beitnehmer eine unabhängige Gewerkschaft, die am Tag der Arbeit folgende Erklärung veröffentlichte:

Wir, die Arbeiter des Iran, haben durch unsere Streiks, Besetzungen und De­

monstrationen das Regime des Schahs gestürzt und während dieser Zeit Ar­ beitslosigkeit, Armut und Hunger erduldet. Viele von uns wurden im Kampf getötet. Wirhaben dies alles getan, um einen Iran frei von Unterdrückung und Ausbeutung zu schaffen. Wir haben die Revolution gemacht, um der Arbeits­ losigkeit und dem Wohnungsmangel ein Ende zu setzen, um die vom SAVAK

1979-1983: Die Konterrevolution

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geführten Gewerkschaften durch die unabhängigen Arbeiterschuras zu er­ setzen � Schuras, die von den Arbeitern je des Betriebes zur Verteidigung ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen gebildet wurden. 22

1979-1983: Die Konterrevolution

Während Stadtteilkomitees und Schuras im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden schossen, plante Chomeini bereits, wie er sie aus dem Weg räumen oder vollständig unter Kontrolle bringen könnte. Er war nicht bereit, eine liberale Demokratie zu dulden, geschweige denn eine Gesellschaftsform, die der Bevölkerung direkte Kontrolle über die Wirtschaft und die Tagespolitik gestattete. Die Revolution sah er als Resultat der Opfer, die die Ulama gebracht hatten, und ihnen dachte er nun die Aufgabe zu, einen islamischen Staat zu gründen. In Wirklichkeit hatte natürlich eine breite Koalition aus städtischen Armen, Bazaris, Geistlichen, Angehörigen der neuen Mittelschicht, Guerrillaorganisationen, der Arbeiterbewegung und der politischen Parteien den Schah gestürzt. Chomeini aber war es gelungen, sich an die Spitze dieser Koalition zu stellen. Wie war das möglich gewesen? Seit dem Moment, als die Proteste 1977 ausbrachen, taktierte Cho­ meini als charismatischer Führer mit großem Geschickzwischen den verschiedenen Kräften und spielte sie gegeneinander aus, bis er sie 1983 alle kaltgestellt hatte. Dabei waren mehrere Faktoren im Spiel. Erstens blieben die Chomeinisten bis Anfang 1979 bewusst vage mit Aussagen über ihr politisches Programm. Chomeini erklärte, dass die Ulama in einer islamischen Republik keine unmittelbare Rolle in der Politik erhalten würden und dass er selbst nach Qom gehen wolle, was er zu Anfang auch wahr machte. Zweitens gelang es ihm, mit sei­ ner Rhetorik über «den Islam der Slumbewohner» die Unterschichten von der Linken fernzuhalten und hinter sich zu scharen. Drittens konnten sich die Chomeinisten auf ein Netz von Moscheen und reli­ giösen Einrichtungen stützen, um die Massen zu mobilisieren, wäh­ rend die säkularen Kräfte nach den Jahrzehnten der Unterdrückung

90

Die unerwartete Revolution

und auch aufgrund strategischer Fehler nur schwach organisiert waren. Viertens hatten die beiden wichtigsten Oppositionsparteien, die Nationale Front und die Tudeh, keine Ambitionen, in der Frage der Richtung und Führung der Bewegung mit Chomeini in Konkurrenz zu treten. Die liberale Nationale Front glaubte nicht, dass die Ulama imstande seien, selbst Regierungsverantwortung zu übernehmen, und unterstützte Chomeini aus Angst vor radikalen sozialen Ve rän­ derungen, falls die Linke zu großen Einfluss bekommen sollte. Die stalinistische Tudeh-Partei glaubte nicht an die Möglichkeit einer sozialistischen Veränderung im Iran und war der Ansicht, dass die Revolution nur zu einer liberal-demokratischen Republik führen könne. Sie akzeptierte deshalb die führende Rolle Chomeinis als Re­ präsentant der «progressiven Bourgeoisie» gegen den reaktionären Schah. Und schließlich spielte der erstaunliche Mangel an Koopera­ tionsbereitschaft der nicht-islamischen Opposition eine Rolle für die letztendliche Niederlage. Die Chomeinisten waren somit gut aufgestellt, um ihre Pläne für einen islamischen Staat umzusetzen. Doch vorher mussten sie noch alles, was außerhalb ihrer Kontrolle geschah, unter ihre H errschaft bringen oder einfach aus dem Weg räumen. So begann eine Phase der Konterrevolution gegen die demokratischen Bewegungen und Orga­ nisationen, die sich an der Basis der Gesellschaft gebildet hatten. Wie notwendig dieser Schritt war, hatte Chomeini erkannt, als auch nach dem Sturz des Schahs die Proteste in den Armenvierteln und die Streiks in einigen Betrieben weitergingen. Am r. Mai, dem Tag der Arbeit, demonstrierten eineinhalb Millionen Arbeiter und Arbeits­ lose in Te heran. Sie trugen Tr ansparente, auf denen unter anderem stand: «Verstaatlichung aller Betriebe», «Es gibt keine netten Kapita­ listen>>, «Ein Hoch auf freie Gewerkschaften und echte Schuras» und «Gleicher Lohn für Männer und Frauen)) .23 Chomeini griff zu Repression und nutzte außerdem den Einfluss seiner Mitstreiter in den Betrieben, um die Streikbewegung zu bre­ chen und die vielen hundert Schuras, die ein alternatives Machtzent-

die vielen hundert Schuras, die ein alternatives Machtzent- 1979-1983: Die Ko nterrevolution 91 rum bildeten,

1979-1983: Die Ko nterrevolution

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rum bildeten, aufzulösen oder in ((islamische Räte)) umzuwandeln. Das war nicht besonders schwierig, denn es existierte kein politisches Netzwerk, das die Schuras landesweit koordinierte, um diesen An­ griff abzuwehren. Ein solches Netzwerk hätten die linken Parteien aufbauen können, doch die hatten sich in der Zeit zuvor hauptsäch­ lich auf die «bewaffnete Propaganda)), die <<progressive Geistlichkeit»> und die «liberale Bourgeoisie>) ausgerichtet. Nachdem die Schuras und die Streikbewegung Ende 1979 zerschla­ gen waren, konnte Chomeini die anderen Hindernisse nacheinander aus dem Weg räumen. Die Organisationen, die bewaffneten Wider­ stand hätten leisten können, die Fedayin, die Modschahedin und die kurdischen Re bellen, wurden von den neu gegründeten Pa sdaran, der Revolutionsgarde, mit harter Hand bekämpft. Vor allem Frauen lit­ ten schwer unter den Repressionen. Paradoxerweise hatten Frauen noch nie zuvor in so großer Zahl am politischen und gesellschaftlichen Leben teilgenommen wie in der Zeit der Revolution. Unter Cho­ meini aber wurden ihre Rechte wieder beschnitten. Im Sommer 1980 wurde das Tragen des Schleiers in staatlichen Gebäuden und später auch in der Öffentlichkeit zur Pflicht. Nach der Frauenbewegung wa­ ren die Bewegungen an der Reihe, die in den Provinzen Kurdistan, Aserbaidschan und Chusistan mehr Autonomie anstrebten. Während Chomeini mit seinen politischen Konkurrenten abrech­ nete, errichtete er in raschem Te mpo eine eigene Machtbasis, indem er immer mehr Bereiche des Staatsapparates unter seine Kontrolle brachte. Am 30. März 1979 hielt er ein Re ferendum ab. Die Bevöl­ kerung konnte nur für oder gegen die Errichtung einer «Islamischen Republik» stimmen. Die übergroße Mehrheit stimmte dafür, da eine Ablehnung auf die Fortsetzung der Monarchie hinausgelaufen wäre. Außerdem beschrieben die Chomeinisten die Islamische Republik zu Anfang als ein weitgehend demokratisches System und zögerten den Entwurf einer Verfassung hinaus. Die Abfassung des Te xtes und das Referendum über die Ve rfassung im Dezember 1979 verliefen dann sehr undemokratisch. So kam das Prinzip der welayat-e faqih zustande. Der faqih, der Oberste Führer,

92

Die unerwartete Revolution

sollte als der höchste islamische Rechtsgelehrte an der Spitze des neuen politischen Systems stehen (siehe Anhang S. 206). Chomeini wurde zum faqih auf Lebenszeit ernannt. Derfa qih wird nach der Ve r­ fa ssung vom Expertenrat gewählt, dessen Mitglieder durch allge­ meine Wa hlen bestimmt werden. Außerdem gibt es einen Wächter­ rat, der aus sechs geistlichen und sechs weltlichen Rechtsgelehrten besteht. Der faqih beruft die sechs Geistlichen, und das Parlament wählt sechsJuristen, deren Einsetzung der- vomfaqih ernannte- Lei­ ter derJustiz zustimmen muss. Der Wächterrat überprüft, ob die Ge­ setze des Parlaments mit islamischem Recht vereinbar sind. Neben diesen theokratischen Strukturen wurden auch demokratische Ele­ mente in die Ve rfassung aufge nommen. Eine der zentralen Parolen der Revolution lautete ja «Freiheit». Die Ve rfassung sprach von Pres­ sefreiheit und gleichen Bürgerrechten unabhängig von Rasse, Ethni­ zität und Ge schlecht. Der Wille des Volkes wurde durch Wahlen für das Parlament (madschles), die Regierung und den Präsidenten an­ erkannt. Die Kandidaten mussten jedoch vom Wächterrat zugelas­ sen werden . Außer diesen politischen Elementen enthielt die neue Verfassung auch einige soziale und ökonomische Artikel, die den populistischen Charakter der Chomeinisten unterstrichen: Renten, Versorgung mit Wohnraum, soziale Sicherheit und Bildung, Bekämp­ fu ng von Armut und Arbeitslosigkeit; alle wichtigen Unternehmen müssen sich im Besitz des Staates befinden . Ende desJahres I979 war es den Chomeinisten gelungen, die Macht größtenteils in ihren Händen zu konzentrieren. Nachdem sie zu­ nächst mit der Interimsregierung des religiös-liberalen Bazargan zu­ sammengearbeitet hatten, um die Schuras und die linke Opposition auszuschalten, wandten sie sich nun gegen ihn und erzwangen im November seinen Rücktritt. Seine gemäßigte Haltung war jetzt ein Hindernis für die Wendung, die Chomeini vollziehen wollte, um die Kräfteverhältnisse endgültig zu seinem Vorteil zu verändern. Eine ausgezeichnete Gelegenheit dazu ergab sich, als am 4. No­ vember I979 islamistische Studenten, die sich «Befolger der Linie des Imam Chomeini» nannten, die amerikanische Botschaft stürmten

1979-1983: Die Ko nterre vo lution

93

und 66 Diplomaten als Geiseln nahmen. Sie fo rderten von den USA die Auslieferung des Schahs, damit er für seine Ve rbrechen vor Ge­ richt gestellt werden konnte, eine Entschuldigung fü r das dem Iran angetane Unrecht und eine Freigabe der gesperrten Bankkonten. Wundersamerweise gelang es den Studenten, die Dokumente, die das Botschaftspersonal in den Reißwolf geworfen hatte, zu rekons­ truieren und Spionageaktivitäten zu enthüllen. Die Botschaft galt fo rtan als «Spionagenest». Als die Ve rhandlungen mit der iranischen Re gierung ergeb nislos blieben, stimmte Präsident Carter einem Geheimplan zur Befreiung der Geiseln zu. Was die Umsetzung betraf, war dieser Plan in etwa so realistisch wie der Plot eines James-Bo nd-Films. Vo n einem Luftstütz­ punkt in Ägypten aus sollten Flugzeuge mit speziell trainierten ame­ rikanischen Kommandos in den Iran fliegen. In der Nähe Teherans sollten sich die Amerikaner ein paar hundertiranischen Informanten anschließen, die bereits mit Trucks bereitstanden, um von dort aus zur Botschaft zu fa hren. Nach der Befreiung sollten die Geiseln von Helikoptern abgeholt werden. Die Rettungsoperation endete im Ap­ ril 1980 in einem Fiasko, als die amerikanischen Helikopter in einem Sandsturm havarierten. Die Geiselnahme dauerte schließlich 444 Tage. Nachdem der Schah im Juli 1980 an Krebs gestorben war, nahmen die Amerikaner erneut Ve rhandlungen auf und akzeptierten diesmal die meisten Be dingun­ gen der iranischen Regierung. Im Januar 1981 konnten die Geiseln in die USA ausreisen. Durch die Geiselnahme des amerikanischen Botschaftspersonals war es den Chomeinisten gelungen, mit ihrem Antiimperialismus die linken Kräfte zu übertrumpfen und die gemäßigte Übergangsregie­ rung aufs Abstellgleis zu schieben. Die Geiselnahme lenkte auch die Aufmerksamkeit von der umstrittenen Verfassung ab, die am r. De­ zember 1979 durch ein Referendum angenommen wurde. Außerdem enthüllte die misslungene militärische Rettungsaktion, dass die irani­ sche Armee von amerikanischen Agenten infiltriert war, und die Cho­ meinisten profitierten von der Angst vor einem von den USA gelenk-

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Die unerwartete Revolution

ten Putsch wie im jahr 1953. Sie nutzten diesen für sie günstigen Zeit­ raum, um gemäßigte Ulama zu isolieren und die Gegenkräfte, vor allem die Fedayin und die Modschahedin-e Chalq, die während der Revolution stark gewachsen waren, gezielt auszuschalten. Es gab noch eine Machtbastion, die Chomeini nicht in der Hand hatte. Im Januar 1980 gewann Bani Sadr, ein respektierter liberal-reli­ giöser Politiker, die Präsidentschaftswahlen. Die Chomeinisten hatten ein halbes Jahr zuvor ihre Kräfte in der Islamisch-Republikanischen Partei (IRP) gebündelt, doch ihr Kandidat erzielte ein beschämend niedriges Ergebnis. Mit vorausschauendem Blick hatte Chomeini nach der Revolution den Islamischen Revolutionsrat gegründet, der als Parallelregierung fungierte. Damit untergrub er die Position von

Bani Sadr, um ihn schließlich zu stürzen. Zuvor aber hatte Bani Sadr

sich noch durch die Unterstützung von Chomeinis «Kulturrevolu­ tion» verdient gemacht, die die linken Oppositionellen an den Univer­ sitäten aus dem Weg räumen sollte.

Chomeini nutzte die Chance, mit Bani Sadr abzurechnen, als im September 1980 Saddam Husseirr den Iran angriff. Als Oberbefehls­

haber der Streitkräfte gab er ihm die Schuld an dem ungünstigen Ver­

lauf des Krieges, und als er auch noch Chomeini kritisierte, fiel er in

Ungnade und floh im Juli 1981 aus dem Land. Die Modschahedin-e

Chalq, die auch mit Chomeini in Konflikt geraten waren, stellten sich

auf Bani Sadrs Seite und riefen zum bewaffueten Kampf auf. Sie ver­ übten 1981 zwei Bombenanschläge, bei denen Dutzende Führer der

Islamisch-Republikanischen Partei umkamen. Sie waren jedoch kein

ernstzunehmender Gegner für die Militärmacht der Islamischen Re­

publik und ließen sich später im Irak nieder, wo sie militärische und

finanzielle Unterstützung von Saddam Husseirr erhielten und zu

einer Sekte degenerierten. Vor allem durch diesen Schritt, den die

übergroße Mehrheit der Iraner als Verrat ansah, verloren die Mo­

dschahedin-e Chalq das Ansehen, das sie sich erworben hatten. Die Tu deh-Partei und der größte Teil der Fedayin unters tützten Chomeini weiterhin, bis auch sie 1983 verboten wurden. Die Gefäng­ nisse fü llten sich weiter mit Tau senden neuer linker Aktivisten, von

1979-1983: Die Ko nterrevolution

95

denen viele hingerichtet wurden. Die Krone des Schahs wurde gegen den Turban des Ayatollahs eingetauscht, und auf den «Frühling der Freiheit)) folgte ein langer Winter von Krieg, wirtschaftlichem Nieder­ gang und Repression. In den achtziger Jahren überlebte die Islami­ sche Re publik nicht nur den Krieg mit dem Irak und die Wirtschafts­ krise, sondern konsolidierte auch ihre Macht.

6. Chomeini: Unter dem Mantel des Ayatollahs

97

6. Chomei ni: U nter dem Ma ntel des Ayato llahs (1979-1 989)

IN DIESER SACKGASSE

Sie schnüffeln an deinem Mund, Ob du - Gott bewahre! - etwa gesagt hast, ich liebe dich. Sie schnüffeln an deinem Herzen.

Es ist eine seltsame Zeit, du Liebliche.

Und die Liebe Geißeln sie an Straßensperren Mit Peitschenhieben.

Die Liebe muß man im hintersten Zimmer des Hauses verbergen.

In dieser winklig-krummen Sackgasse der Kälte Verbrennen sie

Im Feuer

Lieder und Gedichte.

Bring dich nicht durch Denken in Gefahr.

Es ist eine seltsame Zeit, du Liebliche.

Jener, der an deine Tür klopft zur Nachtzeit,

Ist gekommen, deine Lampe zu zerschlagen.

Das Licht muß man im hintersten Zimmer des Hauses verbergen.

Die da sind Schlächter An ve rrammelten Durchfahrten Mit blutigen Beilen und Blöcken.

Es ist eine seltsame Zeit, du Liebliche.

Sie schneiden das Lächeln von den Lippen Und die Melodien aus dem Mund.

Die Leidenschaft muß man im hintersten Zimmer des Hauses verbergen.

Kanarienvögel am Bratspieß Auf Feuer von Lilien und Jasmin.

Es ist eine seltsame Zeit, du Liebliche.

Satan sitzt Siegestrunken Zum Festschmaus bei unserem TrauermahL

Gott muß man im

hintersten Zimmerdes Hauses verbergen.

Dieses Gedicht von Ahmad Schamlu1 aus dem Juli I979 war ein Vo r­ zeichen für das, was den Iranern in den achtzigerJahren bevorstand. Die Revolution hatte eine Tür zu unbegrenzten Möglichkeiten ge­ öffuet, doch dadurch, dass Chomeini an die Macht kam, wandelte sich der Iran in eine Sackgasse. Aus dem Frühling der Freiheit wurde der Winter der Angst. Angst vor den Pasdaran, die an Straßenspe rren Autos stoppten, um nach Waffen, Musik und Alkohol zu suchen. Angst, seine Meinung zu äußern. Angst, zu erfahren, dass der Sohn oder die To chter exekutiert worden war. Angst, wegen «unmora­ lischen> Kleidung verhaftet zu werden. Und dann war da auch noch der Krieg mit dem Irak, der zwischen r980 und r9 88 jeden Tag To d und Verderben brachte. Ein Regime, das die Freiheit in Ketten gelegt hatte, und ein Krieg, der nicht enden wollte - das waren für viele Ira­ ner die achtzigerJahre. Kennzeichnend für diesen Zeitraum waren auch die langen Schlan­ gen vor den Geschäften. Es mangelte an allem, doch die Regierung hatte ein Rationierungssystem fü r die notwendigsten Produkte ein­ geführt. Obwohl die Wirtschaft in Scherben lag, boten die sozialen Programme der Regierung den Armen einigen Schutz. Viele erwarteten, dass die Islamische Republik den Krieg und die Wirtschaftskrise nicht überleben würde; wenige glaubten, die Mul­ lahs seien fähig, einen modernen Staat zu lenken. Doch der Staatskle­ rus überlebte nicht nur die schwierigen achtzigerJahre, sondern kon­ solidierte auch seine Macht. Unter Chomeini entwickelte sich der Staatsapparat zu einer Machtstruktur, von der die Pahlavi nur hatten träumen können. Aber anders als in jener Zeit trieb der Staat seine Wurzeln viel tiefer in die Gesellschaft hinein. Die Is lamische Republik

98 6. Chomeini: Unter dem Mantel des Ayatollahs

absorbierte in gewis ser Weise einen großen Teil der Gesellschaft, in­ ternalisierte damit jedoch auch deren Gegensätze. Gegensätze, die in den achtziger Jahren als Konflikt zwischen einer rechten und einer

linken Fraktion innerhalb der Ma chtelite in Erscheinung traten.

Fundamentalismus oder Populismus?

Die iranische Revo lution führte zu einer weltweiten Flut von Publi­ kationen und politischen Diskussionen über die Ideologie und die Praxis Chomeinis und seiner Islamischen Republik. <<Fundamentalis­

tisch» war das Etikett, das Chomeinis Islam verpasst wurde. Dieser Begriff suggeriert eine orthodoxe Haltung, eine buchstabengetreue Auslegung des Koran, eine strikte Befolgung traditioneller Regeln,

eine Rückkehr zu den Traditionen aus der Zeit des Propheten und eine Ablehnung aller Erscheinungen der Moderne. Doch legt man

diese Kriterien zugrunde, kommen Chomeini und seine Anhänger nicht einmal in die Nähe des «Fundamentalismus)>. Chomeini war der

Ansicht, dass Laien sich nicht auf den wortgetreuen Text des Koran

stützen könnten; nur die gelehrtesten Ulama seien in der Lage, den

Koran zu interpretieren. Manche Regeln, die er einführte, wie die

Pflicht zum Tr agen des Kopftuchs, stehen nirgendwo im Koran. Raf­

sandschani, einer seiner wichtigsten Anhänger, erklärte nach der

Revolution: «Wo in der islamischen Geschichte findet man ein Par­

lament, einen Präsidenten, einen Premierminister und Minister? Fak­ tisch hat es achtzig Prozent von dem, was wir nun tun, in der Ge­

schichte des Islam noch nie zuvor gegeben.))2 Auch Chomeini war

kein Tr aditionalist. Er befürwortete neue Te chnologien, Industrien und eine «moderne Kultur». Einem seiner Anhänger zufolge mussten

Traditionalisten als reaktionär betrachtet werden, ((da sie uns in das

Zeitalter des Esels zurückbringen wollen. Wa s wir brauchen, ist nicht die Anbetung der Ve rgange nheit, sondern eine wirkliche Renais­

sance.>:>-3

Viel mehr als mit «Fundamentalismus)) hat Chorneinismus mit Populismus gemeinsam, jener Politik, die nach dem Zweiten Welt-

Fundamentalismus oder Populismus?

99

krieg in vielen Entwicklungsländern aufkam. Populismus wird hier nicht in der gewöhnlichen Bedeutung von Demagogie verstanden, sondern als politische Bewegung der Mittelschicht, die versucht, die Unterschichten mit Verbalattacken gegen die Machtelite und Ver­ sprechungen sozialer Gerechtigkeit zu mobilisieren.4 Die Bazaris hatten Chomeini durch ihr Netzwerk und auch finan­ ziell unterstützt. Die Mullahs popularisierten seine Ideologie, um der gesamten Bevölkerung die Richtung vorzugeben. Ve rtreter der mo­ dernen Mittelschicht wie Intellektuelle, Ingenieure, Anwälte, Ärzte,

Journalisten, Schriftsteller, leitende Beamte und Manager bildeten die

Kader, die die Islamische Republik aufbauten. Wie in anderen Ent­ wicklungsländern hatten sich die Angehörigen dieser Gesellschafts­ schicht vor der Revolution maßlos über die Rückständigkeit ihres Landes geärgert. Sie träumten von einer schnellen Entwicklung und einer Te ilhabe am globalen Fortschritt ohne wirtschaftliche oder

kulturelle Dominanz anderer Staaten. Zudem hatten sie ein direktes

materielles Interesse an diesem Projekt. Vo r der Revolu tion hatte der Ausbau des Bildungssystems eine große Gruppe von Universitäts­ absolventen hervorgebracht, die keine (angemessene) Arbeit finden

konnten. Der Chorneinismus eröffnete vielen Mitgliedern der mo­

dernen Mittelschicht die Möglichkeit, persönliches Vorwärtskommen

mit einer religiösen Haltung zu verbinden. Diesen Leuten bot sich die

Chance, auf der gesellschaftlichen Leiter aufzusteigen, als direkt nach

der Revolution 130 ooo Manager das Land verließen.s Andere fanden

eine Position in der wachsenden Bürokratie, die von zwanzig Minis­

terien mit 304 ooo Beamten im Jahr 1979 auf sechsundzwanzig Minis­ terien mit 850 ooo Beamten im Jahr r982 anwuchs.6

Auf ihrem Weg an die Macht hatten die Chomeinisten gegen so­

ziale Ungerechtigkeit und ((kapitalistische Blutsauger» gewettert, um die Unterschichten zu mobilisieren. Um die Islamische Republik nach

der Revolution zu konsolidieren und zu legitimieren, versuchten sie, diese Gruppen mit einer populistischen Ökonomie an sich zu binden. Eine der ersten Maßnahmen Chomeinis war die Gründung der Stif­ tung der Unte rdrückten (Bonyad-e Mostazafan), die einen Teil der kon-

100 6. Chomeini: Unter dem Mantel des Ayatollahs

fiszierten Besitzungen des Schahs erhielt, um damit den Armen zu helfen. Diese Stiftung erhielt außerdem eine große Zahl verstaatlich­ ter Betriebe, die Schätzungen zufolge 700 ooo Menschen Arbeit bo­ ten.? Neben der Stiftung der Unterdrückten wurden weitere bonyads gegründet, die wie ein Staat im Staat funktionierten. Ende der acht­ zigerJahre empfingen 12,4 Millionen Menschen in irgendeiner Form Hilfe von solchen Stiftungen.8 Viele junge Leute, vor allem aus länd­ lichen Gegenden und den städtischen Armenvierteln, fanden ihren Weg nach oben in die Ränge der Pasdaran, der Revolutionsgarde. Die Unterschichten profitierten auch von den Subventionen für Grund­ bedürfnisse wie Brot, Reis, Zucker, Öl, Elektrizität und Wasser, die ein Viertel der Ausgaben der öffentlichen Hand ausmachten. Das Ergebnis war eine reale Umverteilung des Wo hlstandes, die in dem Jahrzehnt des Krieges und der wirtschaftlichen Misere Millionen Menschen das Leben erträglicher machte. Der Anteil der ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung am Nationaleinkommen stieg von n,4 Prozent im Jahr 1977 auf 13,4 Prozent im Jahr 1991. Obwohl die Islamische Republik für viele Iraner Unterdrückung und Leid bedeutete, brachte sie auch Millionen Menschen soziale und materielle Vo rteile. Dass das neue Regime im Übrigen nicht vor

Gewaltanwendung zurückschreckte, zeigt die Ta tsache, dass zwi­ schen Juni 1981 undJuni 1985 mehr als 8ooo Mitglieder hauptsächlich linker Gruppierungen hingerichtet wurden. Durch Repression, aber auch durch soziale Programme und den Druck des Krieges blieben

die politischen Gegensätze in den achtzigerJahren größtenteils unter der Oberfläche.

Derlängste Krieg

Am 22 . September 1980 überrumpelte Saddam Hussein die neuen

Machthaber im Iran mit einer militärischen Invasion.9 Schon in frü­ heren Zeiten war es zwischen den beiden Ländern zu Streitigkeiten wegen des Grenzverlaufs an dem Fluss gekommen, der im Irak Schatt al-Arab und im Iran Arwandrud heißt. Saddam Hussein sah das

Der längste Krieg

101

Chaos, in dem sich der Iran nach der Revolution befand, als hervorra­ gende Gelegenheit, den Grenzkonflikt zum Vo rwand zu nehmen, um die Kräftebalance zwischen den beiden Staaten drastisch zu verän­ dern. Er befürchtete, dass die Umwälzung im Iran die Kurden und Schiiten im Irak auf ähnliche Ideen bringen könnte, und er wollte die Islamische Republik schwächen. Außerdem ging er davon aus, dass kein anderer Staat dem Iran zu Hilfe kommen und dass er den Krieg in kurzer Zeit gew innen würde. Der erste Te il seines Kalküls ging auf, der zweite Teil erwies sich als großer Irrtum. Der Irak erhielt aber tatsächlich Hilfe von mehreren arabischen Ländern, darunter Saudi­ Arabien und Kuwait, vor allem jedoch von den USA und in geringe­ rem Umfang von der Sowjetunion, während der Iran mit der Unter­ stützung Syriens auskommen musste. Die Reaktion des UN-Sicherheitsrats war schockierend, passte freilich zu seinem Ruf als politischem Instrument der Großmächte. Ohne einen Unterschied zwischen Angreifer und Opfer zu machen, rief der Sicherheitsrat zu einem Waffenstillstand auf. Saddam Hussein erklärte sich dazu bereit, wenn der Iran seinen Teil des Schatt al-Arab dem Irak übereignen würde. Der Iran weigerte sich und beharrte darauf, dass der Irak als «Aggressor» angesehen werden müsse. Durch den Überrumpelungs effekt rückten die irakiseben Tr uppen anfangs schnell auf iranisches Te rritorium vor, gerieten jedoch bald

in eine Pattsituation. Der traumatischste Moment für die Iraner war die Eroberung von Chorramschahr, «Stadt der Freude)), die nach dem

Blutbad, das die irakiseben Truppen dort angerichtet hatten, in Chu­ ninschahr, «Stadt des Blutes;;, umbenannt wurde. Die Wiedererobe­ rung der Stadt im Mai r983 war ein wichtiger Markstein des Krieges:

Der Iran drängte die irakiseben Tr uppen hinter die offiziellen Gren­ zen zurück. Die Unterstützung, die Saddam Hussein während des Krieges von den USA erhielt, spielte eine große Rolle. So bekam die irakisehe Ar­ mee nicht nur Wa ffen, sondern auch Satellitenbilder der iranischen Truppenbewegungen ein Privileg, das bis dahin nur Israel genossen hatte. Außerdem waren die USA und Buropa bereit wegzuschauen,

102 6. Chomeini: Unterdem Mantel des Ayatollahs

als Saddam Hussein Chemiewaffen einsetzte. Mehr noch, der Irak erhielt das Know-how und das Material aus westlichen Ländern. Der UN-Bericht von 1992 über die Chemiewaffen des Irak umfasst eine Liste westlicher Unternehmen, die zu der Entwicklung dieser Wa ffen beigetragen haben. Mehr als die Hälfte der rund 150 dort erwähnten Firmen stammten aus Deutschland. Auch die USA waren mit 24 Un­ ternehmen gut vertreten. Die niederländischen Firmen Melchemie, KBS und van Anraat lieferten Schätzungen zufolge 45 Prozent der Rohstoffe für das irakisehe Chemiewaftenprogramm.10 Zwischen Dezember 1980 und März 1984 meldete der Iran 36 einzelne Giftgas­ angriffe, doch die USA sahen darin keinen Grund, ihre Unterstützung Saddam Husseins einzustellen. Ende 1983 reiste Donald Rumsfeld, der zwanzig Jahre später als Verteidigungsminister den Krieg gegen den Irak leiten sollte, nach Bagdad, wo er Saddam Hussein die Botschaft übermittelte, eine iraki­ sehe Niederlage «schade den Interessen der USA». Das war eine diplo­ matische Erklärung, dass die USA den Irak voll unterstützen würden. Durch die ausländische Unterstützung konnte Saddam Hussein den Krieg fo rtsetzen, doch die Machthaber in Te heran trugen ebenso viel Schuld. Nachdem die irakischeu Truppen im Mai 1982 von ira­ nischem Territorium vertrieben worden waren, hätte sich Chomeini um einen