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Zeitschrift fiir Wirtschaftspolitik (Gustav Fischer Vertag, Stuttgart) Jg. 44 (1995) Heft 2. S.

¡57 - 184

Friedrich Thießen1

Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg


im Nahen Osten (12. - 14. Jahrhundert)

Seit geraumer Zeit stehen zwei Formen der Organisation des Bankwesens im
Wettstreit um die internationale Vorherrschaft: Universalbanksysteme und
Trennbanksysteme. Während in Deutschland immer wieder die Vorzüge des
Universalbanksystems betont werden - zuletzt z. B. von Jürgen Sarrazin -, halten
die Vereinigten Staaten (noch) an den Grundstrukturen des Trennbankensystems
fest (vgl. Sarrazin, 1994, 137 ff.). Die Anhänger des Trenn- oder Spezialbanken-
systems werfen der Universalbank u.a. eine Anhäufung von Macht mit der
Gefahr der Interessenkollision, Behinderung des Wettbewerbs verschiedener
Finanzprodukte (vor allem Depositen versus Effekten) und eine Gefährdung der
Depositen durch übergroße Risiken des Aktivgeschäftes vor. Die Vorteile der
Universalbank dagegen werden in ihrer großen Flexibilität und Stabilität, der
Nutzbarkeit von Kostensynergien und der vielfaltigen Möglichkeiten zur Risiko-
streuung gesehen (vgl. Sarrazin, 1994; Büschgen, 1970).

Daß eine der ersten Universalbanken moderner Prägung mit nahezu voll-
ständiger Produktpalette und einem internationalen Filialnetz bereits im Mittel-
alter existierte, ist heute kaum bekannt. Ebensowenig bekannt ist, daß diese
Universalbank eine Lebensdauer von fast 200 Jahren erreichte und am Ende
dieser Periode nicht an einer Bankenkrise zugrundeging, sondern mit der ge-
waltsamen, politisch motivierten Auflösung ihres Trägers liquidiert wurde. Auch
nicht bekannt ist, daß dieser Träger ein christlicher Ritterorden war, dessen
eigentliche Aufgabe darin bestand, in den von den Kreuzrittern besetzten Ge-
bieten des Nahen Ostens militärisch tätig zu sein.

Warum eine mittelalterliche christliche Institution in das internationale Fi-


nanzgeschäft einstieg und dabei für ihre Kunden eine Produktpalette entwik-
kelte, die der Produktpalette einer modernen Großbank recht nahe kommt, soll
in dem vorliegenden Aufsatz untersucht werden. Diese Tatsache erstaunt, weil
die Schwierigkeiten der praktischen Abwicklung von Finanztransaktionen wegen
der Informations- und Transportprobleme des 12. und 13. Jahrhunderts ungleich
größer scheinen als heute. Um so mehr verwundert es, daß manche Pro-
blemlösungen der Templer, wie z.B. die der Frage Dezentralisierung / Zentra-
lisierung den Lösungen ähneln, die moderne Banken heute verwenden.

1 Für wertvolle Hinweise bin ich Hans Willgerodt zu Dank verpflichtet.


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158 ZJW44/2 (1995) Friedrich ΊΉίφβη

Desweiteren soll eine These über die Funktion der Finanzgeschäfte der
Templer überprüft werden, die in der Literatur vielfach zu finden ist. Die These
lautet, daß die Templer ihr Finanzimperium (nur) deshalb aufbauten, weil die
Bankgeschäfte ihnen in dem geführten Krieg besonders dienlich waren. Daß
diese These angezweifelt werden kann, läßt sich zeigen, indem man Argumente
aus der modernen Finanzmarkttheorie auf die historischen Fakten anwendet.

Im folgenden werden zunächst die Bankgeschäfte der Templer erläutert.


Dann werden die Thesen der Literatur über die Absichten der Templer mit ihren
Finanzgeschäften vorgestellt und diskutiert. Schließlich wird eine modifizierte
These aufgestellt, die den Vorzug hat, weder mit den historischen Fakten, noch
mit der modernen Finanzmarkttheorie im Widerspruch zu stehen. Zuerst jedoch
soll kurz das geschichtliche Umfeld rekapituliert werden, in dem sich die Templer
bewegten.2

I. Geschichtliches Umfeld

1096 bis 1099 hatte der erste Kreuzzug unter starker Beteiligung romanischer
Fürsten und Ritter stattgefunden. Er endete mit der Erstürmung Jerusalems und
der Gründung des Königreiches Jerusalem nach dem Vorbild französischer
Lehnsstaaten.3 20 Jahre später, 1119, kam es zur Gründung des Templerordens,
der der ganz neuen Klasse der Ritterorden angehörte, die das Mönchs- und
Ritterideal vereinigte.4 Bernard de Clairvaux gab dem Templerorden die Aufgabe,
die Pilgerwege zu sichern und die Feinde des Kreuzes zurückzustoßen.5

Nach seiner Gründung erlebte die Institution Templer einen beispiellosen


Zulauf vor allem aus dem unteren und mittleren Adel (vgl. Burman, 1986, 91;
Demurger, 1991, 81). Fast 200 Jahre lang kamen die Templer ihren Aufgaben nach.
Zur Unterstützung ihrer Aktivitäten im Nahen Osten schufen sie sich dabei in
den Kernländern des Westens durch den Aufbau eines Stützpunktenetzes eine
Basis, deren Wert die Begehrlichkeit der Regierenden weckte. Als zum Ende des

2 Zur Geschichte: Charpentier (1965); Dailliez (1980, 11 ff.); Partner 4fT.).


3 Kleinere Lehnsstaaten sind das Fürstentum Antiocheia, die Grafschaft Edessa und Tripolis;
vgl. Demurger ( 1991); Burman (1986); Dailliez (1980).
4 Zum Verhältnis von Klerikern und Adligen siehe Partner (1982, 6).
5 "Die Mission der neuen Miliz besteht darin, die Armen und Schwachen auf den Wegen zu
geleiten, die Jesus Christus gegangen ist", Aussage Bernard de Clairvaux's aus: 'De Laude..
zitiert nach Demurger (1991, 45). J.Leclercqs charakterisiert Bernard de Clairvaux's Aufassung
von der Aufgabe der Templer so: 'Er führt eher aus eine Wallfahrt, als daß er Kriegern Mut
zuspricht', ebenda.
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 159

13. Jahrhunderts der Kreuzzugsgedanke in Europa an Anziehungskraft verlor


und die militärischen Erfolge nachließen, ergriff der König von Frankreich die
Initiative und ließ 1307 unter einem Vorwand führende Köpfe des Ordens
verhaften und wegen Ketzerei verbrennen. Der Orden selbst erfuhr 1312 auf dem
Konzil von Vienne seine offizielle Aufhebung. Das Vermögen wurde teils von
verschiedenen Königshäusern konfisziert, teils den Johannitern übertragen. Mit
einer vernünftigen Begründung der Auflösung hatte man so große Schwierig-
keiten, daß selbst das betriebswirtschaftliche Argument verwendet wurde, die
Templer sollten im Johanniter-Orden aufgehen, damit man die doppelte Verwal-
tung, d. h. modern gesprochen Overhead-Kosten', einspare.6 Bis zur Auflösung
des Ordens hat es sieben Kreuzzüge7 und unendlich viele Schlachten gegeben,
an denen die Templer maßgeblich beteiligt waren.

II. Die Bankgeschäfte der Templer

Vor diesem Hintergrund fanden also die finanzwirtschaftlichen Aktivitäten


der Templer statt. Grenzen wir zunächst das Untersuchungsobjekt ab. Was sind
Finanzgeschäfte? Das Kreditwesengesetz listet in seinem ersten Paragraphen
einige der Tätigkeiten auf, die man als Finanzgeschäfte bezeichnet. Dort findet
man:
1. Einlagengeschäft
2. Kreditgeschäft
3. Diskontgeschäft
4. Effektengeschäft
5. Depotgeschäft

6 Wörtlich: 'denn wo es zwei Präzeptoren gibt, gäbe es dann nur noch einen'. Siehe Demurger
(1991,231).
7 2.K: 1147-49, Anlaß: Verlust von Edessa. Konrad III, Ludwig VII. Angriffe auf Damaskus und
Askalon, viele Verluste auf An- und Abmarsch. Endet katastrophal. 3.K: 1189-92, Anlaß:
Saladin erobert Jerusalem. Friedrich I, Richard Löwenherz, Phillip II. Augustus. Christen
behalten Nordsyrien und Küstenstrich Jaffa bis Tyros. Im Waffenstillstand Besuchsrecht
Jerusalems für friedliche Pilger vereinbart. 4.K: 1202-04, Anlaß: Mahnung Papst Innocenz III,
Französischer Adel, Eroberung von Zara in Dalmatien und Konstantinopels, (letzter all-
gemeiner Kreuzzug). 4aX: 1217-18, Andreas II von Ungarn, kein Erfolg. 5.K: 1228-29,
Friedrich II, Jerusalem durch Vertrag mit ägyptischem Sultan wiedergewonnen. Außerdem
Bethlehem und Nazareth. 6.K: 1248-54, Ludwig IX, Ziel: Sturz der Sarazenenherrschaft in
Ägypten. Gefangennahme des Königs und Freilassung gegen hohes Lösegeld (April 1250).
Kreuzzug scheitert. 7.K: 1270, Ludwig IX, Ziel Tunis, scheitert an Seuchen im Lager. Ende:
1291, Akkon wird von den Mamelucken erobert. Die letzten Besitzungen der Kreuzfahrer
werden geräumt. Templer verlegen ihren Standort nach Zypern.
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6. Investmentgeschäft
7. Involvierender Forderungsankauf
8. Garantiegeschäft
9. Zahlungsverkehr

Mit Ausnahme des Investmentgeschäftes haben die Templer alle in dieser


Liste aufgeführten Geschäfte getätigt. 8 Diese Aussage gilt für die 'Wertpapier'-
orientierten Geschäfte mit der Einschränkung, daß sich die Schuldtitel des 12.
und 13. Jahrh. von den heute gebräuchlichen unterschieden 9 und insofern auch
die Leistungen der Banken (hier der Templer) in diesem Bereich Unterschiede zu
den heutigen wertpapierorientierten Dienstleistungen aufweisen.

Daneben haben die Templer aber noch weitere, nicht oder nicht speziell in §1
KWG erwähnte finanzwirtschaftliche Aktivitäten durchgeführt. Um nur einige
zu nennen:

• Geldtransporte
• Devisengeschäfte
• Emissionsgeschäft

Piquer erwähnt, daß die Templer im Namen des französischen Königs An-
leihen ('emprunts') begeben und bei italienischen Banken piaziert haben
(Piquet, 1939, 25; siehe auch Schaube, 1898, 612).

• Euro- und OfFshore-Kreditgewährung


• Beratungs- und andere Dienstleistungen.

8 Vgl. Piquet (1939). Am deutlichsten wird das umfassende Angebot in den Dienstleistungen
für den König von Frankreich: 'the Paris Temple . . . offered a complete financial service,
controlling debts, and paying pensions. The great French nobels and merchants were clearly
encouraged by the confidence of the monarchy and used the services of the Temple to a
similar extent'; Burman (1986, 88). Zum Garantiegeschäft vgl. Burman (1986, 81 f.). Zum
revolvierenden Forderungsankauf: Territorialfürsten haben den Templern lokales Steuerauf-
kommen für mehrere Jahre gegen Sofortdarlehen verkauft.
9 Vgl. Schaube (1898). Die Ausführungen insbes. 612ff. lassen den Schluß zu, daß Wertpapiere
in nicht unbedeutendem Umfang emittiert und gehandelt worden sind. Effekten sind
vertretbare Wertpapiere. Es ist nicht ganz klar, ob die Schuldtitel der fraglichen Jahr-
hunderte wirklich Effekten waren (vgl. Schaube, 1898). Anleihen, d.h. Darlehen gegen
Schuldverschreibungen auf den Inhaber (Creifelds, 1986), lassen sich dagegen nachweisen
0Schaube, 1898, 612ff.; 619). Zur Aufbewahrung der Urkunden siehe: Schaube (1898, 621).
Manchmal findet sich in der Literatur auch der Begriff 'Anleihe', ohne daß klar wird, um
welche Art von Transaktion es sich genau handelt (vgl. z.B. Piquet, 1939, 52; Demurger, 1991,
173; Charpentier, 1965, 65).
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 161

Um nur eine zu nennen: Die Templer wurden von Philipp II. Augustus von
Frankreich damit beauftragt, die eroberte Normandie in das französische
Münzwesen einzugliedern (Demurger, 1991, 210; Delisle, 1975, 62). Die Deut-
sche Bundesbank hat mit der Eingliederung der neuen Bundesländer eine
ähnliche Aufgabe gerade hinter sich.
• Diversifizierung in das Versicherungsgeschäft

Auch hier ein Beispiel: Gerald von Novillas schloß mit den Templern einen
Vertrag, aus dem er gegen eine Einmalzahlung an die Templer im Krankheits-
fall von den Templern Geld ausgezahlt bekam (vgl. Burman, 1986, 79).

III. Das Depotgeschäft

Das am meisten zitierte Bankgeschäft der Templer ist das Depotgeschäft. Es ist
aber auch das am wenigsten innovative. Die Templer boten es nämlich in einer
Form an, die wir heute als 'geschlossenes Depot' bezeichnen. Darunter versteht
man die Verwahrung von beweglichen Gütern derart, daß der Verwahrer weder
Eigentum noch unmittelbaren Besitz am Inhalt der hinterlegten Sache erlangt.10
Der Verwahrer muß genau die hinterlegten Stücke zurückgeben. Das ganze war
also mehr ein Schlicßfachgeschäft als ein modernes EfFektendepotgeschäft.11

Als Anbieter von Depots waren die Templer aber sehr erfolgreich, was man
u.a. daran ablesen kann, daß die Könige von Aragón, England oder Frankreich
ihre Kronjuwelen und Staatsschätze bei den Templern deponierten und nicht bei
einem der vielen Konkurrenten. 12 Der Grund war: Nichts erschien in den
unruhigen Zeiten des 12. und 13. Jahrhunderts verläßlicher, als die Verbindung
eines gottgeweihten Hauses mit der Kampfkraft der Tempelritter.13

Welch komplexe Aufgaben die Templer bewältigten, zeigt folgendes Beispiel: Im Juni 1220
schrieb der Pariser Bürger Pierre Sarazin sein Testament und legte fest, daß die Templer nach
seinem Ableben sein Vermögen verkaufen, vom Erlös sofort 100 Pariser Pfunde seiner Mutter
auszahlen und den Rest in einem Depot beim Pariser Tempel bis zur Volljährigkeit seiner Erben
aufbewahren sollten (Delisle, 1975, 4 f.).

10 Unmittelbarer Besitz nur am Behältnis, nicht am Inhalt. Bei Wertpapierdepots ist der Kunde
i.d.R. Eigentümer und die Bank unmittelbarer Besitzer.
11 Man konnte aber auch Maultiere, Pferde und Sklaven beim Orden abgeben und nach der
Pilgerfahrt wieder abholen; vgl. Burman (1986, 80).
12 Privatleute brachten Schmuckstücke und deponierten Geldbeträge; vgl. Delisle (1975, 4 f.).
13 Piquet (1939, 3 f.); die wichtigsten Standorte der Templer, deren Häuser in Paris, London,
LaRochelle, Tomár, Gardeny galten als absolut sicher.
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Die Templer hatten das Depotgeschäft folgendermaßen organisiert: Für jedes


eröffnete Depot gab es einen verschließbaren Kasten. Den Schlüssel dafür hatte
der Schatzmeister der jeweiligen Templerfiliale. Er allein durfte den Kasten
öffnen - aber nur mit Einwilligung des Hinterlegers. Das heute i.d. R. verwendete
Zwei-Schlüssel-System hatten die Templer nicht nötig; dazu genoß der Orden
einen zu guten Ruf.

Die Templer waren ausgesprochen kundenfreundlich und betrieben das De-


potgeschäft nicht nur in ihren Komptureien, sondern überall da, wo eine ent-
sprechende Nachfrage war. Während der Kreuzzüge boten sie z.B. Depots auf
ihrem Hauptschiff an, das vor den Küsten des Nahen Ostens kreuzte.

Die Kästen, in denen die Templer die anvertrauten Depotgüter verwahrten,


wurden im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte Anlaß iür eine Vielzahl von
Spekulationen über den angeblich sagenhaften Reichtum des Ordens. Zitat: Von
allen Seiten strömte das Geld in die Truhen der Templer (Charpentier, 1965, 53).
Und ein weiteres Zitat: Von den Summen, die unaufhörlich in ihre riesigen
Truhen flössen, behielten sie nur die Kosten für ihre Feldzüge für sich, sonst
hatten sie keine Ausgaben (Charpentier; 1965, 57).

IV. Das Einlagengeschäft

Die Templer wären als Bankiers nicht so berühmt geworden, hätten sie nur
das Depotgeschäft betrieben. Viel innovativer waren sie im Einlagengeschäft.
Wie das Einlagengeschäft der Templer genau entstand, ist aus den vorhandenen
Quellen nicht nachvollziehbar. Die Weiterentwicklung eines Bargeld depots, d.h.
eines deposition regulare (bei dem der Verwahrer genau das eingelegte Verwahrgut
zurückgeben mußte), hin zur Einlage auf einem echten Konto, dem depositimi
irreguläre, bei dem der Verwahrer nur noch Sachen gleicher Art, Menge und G ü t e
erstatten muß, erscheint zumindest logisch.

Grundlage des modernen Einlagengeschäftes ist ein Konto. Wir betrachten


heute Konten als Vereinbarungen des Typs, die in § 355 HGB geregelt sind, d.h.
Kontokorrente. Ein Kontokorrent hat folgende Eigenschaften:

• Zweiseitige Ansprüche und Leistungen werden regelmäßig aufgerechnet und


es wird ein Saldo festgestellt,
• auf den Saldo dürfen Zinsen erhoben werden, selbst wenn dadurch unter-
jährige Zinseszinsen entstehen,
• der Rechnungsabschluß geschieht regelmäßig.
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 163

Die Konten, die die Templer anboten, hatten bereits ganz ähnliche Eigen-
schaften. Ansprüche und Leistungen wurden verrechnet und Salden ausge-
wiesen. I.d.R. geschah dies dreimal im Jahr: Zu Lichtmeß, Pfingsten und
Allerheiligen (Piquet, 1939,37). Es wurde ein Kontostand ermittelt und es wurden
sogar Kontoauszüge versandt (vgl. Piquet, 1939, 39 ff.).

Leider gibt es keine Informationen darüber, wie die Verzinsung der Konten
geregelt war. Wir wissen auch nicht, wie die Templer die Kosten der Konto-
führung deckten. Es sind zwar einige - teilweise sogar recht genaue - Aufzeich-
nungen über Kontobewegungen erhalten; darin finden sich aber so gut wie keine
Vermerke zu Zinsen und Gebühren. Leopold Delisle, von dem die intensivsten
Recherchen stammen, faßt seine Ergebnisse folgendermaßen zusammen: 'Je n'ai
à peu près rien trouvé qui fasse entrevoir comment les Templiers s'indemnisaient
des peines ...' (Delisle, 1975, 87).

Wir werden auf das Problem der Kosten weiter unten zurückkommen und
halten hier nur fest, daß die Templer auf Einlagen auf laufende Konten wahr-
scheinlich keine Zinsen gezahlt haben - darin zumindest unterscheiden sie sich
nicht von modernen Banken, die überwiegend hierfür keine Zinsen bezahlen.

V. Zahlungsverkehr

Wenn die Templer auf Einlagen keine Zinsen zahlten, welche Vorteile hatten
dann die Kunden? Wo war der Unterschied zu einem Depot? Ökonomisch
gesehen liegt der Unterschied in den Verfiigungsmöglichkeiten. Blickt man heute in
ein Standardlehrbuch zur Bankbetriebslehre, dann findet man folgende übliche
Verfügungsformen über laufende Konten:

Verfiigungsmöglichkeiten über Konten

• Einzahlungen auf eigenes Konto und fremde Konten


• Abhebungen
• nationale und internationale Überweisungen,
- Lastschriften,
- Daueraufträge,
• Scheck, Wechselinkasso

Wenn man in rechtlicher Hinsicht nicht ganz so strenge Maßstäbe anlegt,


sondern mehr auf die ökonomischen Eigenschaften der gebotenen Dienstlei-
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stungen abstellt, kann man sagen, daß die Templer alle genannten Verfugungs-
möglichkeiten angeboten haben: Über ein Templerkonto konnte man fast ge-
nauso verfügen wie über ein heutiges Bankkonto.14 Außer dem Standardpro-
gramm gab es weitere Dienstleistungen, die unten noch angesprochen werden.

Ein Kassenbuch des Pariser Templerhauses von 1295/96 weist Bewegungen


auf über 60 Konten auf (Delisle, 1975, 76). Inhaber waren der König, seine
Familie, Kleriker, Pariser Beamte, Kaufleute und verschiedene andere Seigneurs
ohne Berufsvermerk. Das Kassenbuch verzeichnet die Geschäftsvorfälle mit den
Namen der Beteiligten. Es finden sich über 900 Personen, mit denen von März
1295 bis Juli 1296 Transaktionen getätigt wurden (Delisle, 1975,211 ff.).

Kern der Dienstleistungen der Templer war die Möglichkeit, nationale und
internationale Überweisungen zu tätigen.15 Die Templer verfügten in Frankreich
über ein riesiges Standortnetz. Aber auch international waren die Templer
beinahe überall vertreten. In der Literatur werden Templerstandorte in folgenden
Ländern erwähnt:16 Portugal, Spanien incl. Balearische Inseln, Italien, England,
Schottland, Irland, Dänemark, Schweden, Deutsches Reich bis weit in den Osten
incl. Mähren und Böhmen, Polen, Österreich, Ungarn, Slowenien, Kroatien,
Griechenland und Zypern. Man konnte an irgendeinem Standort Geld einzahlen
und an irgendeinem anderen Standort abheben (vgl. Burman, 1986, 85).

Nun konnten die Zahlungen im Mittelalter noch nicht per Telex oder Swift
transferiert werden. Als Informationsvehikel mußten entweder Schreiben, in
denen sich die jeweiligen Kassenverantwortlichen von den Zahlungswünschen
der Kunden und den bereits eingeleiteten Schritten unterrichteten (siehe aus-
führlich Piquet, 1939, 41; 46 ff ; 63 ff), verwendet werden oder Zahlungsanweisun-
gen, die unseren heutigen Schecks nahekommen. 17 Der König von Frankreich
deckte Ausgaben im Ausland häufig, indem er Anweisungen auf sein Konto bei
den Templern in Paris ausstellte (vgl. Piquet, 1939, 37 f.). Am 5. November 1257

14 Vgl. Piquet (1939, 36 ff.). Angaben zu den verschiedenen Aktivitäten eines Schalterbeamten
der Templer: Delisle (1975, 74). Zu den Einzahlungen auf eigene und fremde Konten: 1247
erhielten die Templer den Auftrag, 10% der Einnahmen aller Kirchen Frankreichs auf einem
Sonderkonto zu sammeln und damit Ausgaben des Königs von Frankreich für den fur 1248
geplanten Kreuzzug zu bestreiten; siehe Delisle (1975, 65).
15 Piquet (1939, 51) erwähnt eine Überweisung des Königs von England (Heinrich Iii.) an einen
französischen Grafen im Jahr 1224, die durch Belastung des Kontos des Königs bei den
Templern in London und Gutschrift des Kontos des Grafen bei den Templern in La Rochelle
verbucht wurde.
16 Vgl. Charpentier (1965, 55f.); Demurger( 1991); Dailliez (1980,161). Die Templer hatten sich im
Westen in sieben und im Nahen Osten in drei Provinzen organisiert, die sich wiederum in
verschiedene Commanderien teilten (Piquet, 1939, 20).
17 Vgl. Piquet (1939, 46), der das Wort 'Scheck' ausdrücklich verwendet.
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 165

hatte der Botschafter Henri III. in Rom eine Zahlungsverpflichtung an dortige


Florentiner Kaufleute über 540 Mark d'esterlins, die er mit einem Scheck auf sein
Konto bei den Templern in London bezahlte (Delisle, 1975, 23).

Statt Scheck und Zahlungsanweisung finden sich in der Literatur auch die
Bezeichnungen 'letter of payment', 'tratta', 'bill of trade' oder 'Wechselbriefe'.18
Die Frage, was es genau war, interessiert hier weniger: Die Templer waren keine
Innovatoren; sie verwendeten die Zahlungsmedien, die in den italienischen
Stadtstaaten entwickelt worden waren. Allerdings waren die Templer selbst in
diesen Stadtstaaten (Siena, Lucca, Florenz) mit Stützpunkten präsent.19

Besonders vorteilhaft war die internationale Überweisung für die Kreuzritter


und Pilger auf ihrem Weg in den Nahen Osten. Sie konnten sich auf diese Weise
den gefahrlichen Transport von Bargeld ersparen.
1266 überwies z.B. der Herzog der Bourgogne 500 Silbermark an seinen Sohn, der sich im
Heiligen Land aufhielt. Es ist auch eine Vereinbarung bekannt, derzufolge ein Kreuzritter sein
Gut in Frankreich an die Templer verpfändete und dafür im Königreich Jerusalem eine
regelmäßige Rente ausgezahlt bekam.

Man kann sich fragen, mit welchen Zahlungsmitteln in den Kreuzfahrerstaaten


bezahlt wurde, wenn niemand Bargeld dorthin mitnahm? Diese Frage wird
von den Historikern kontrovers diskutiert.20
Aber es zeichnet sich folgende Erklärung ab (siehe u.a. Burman, 1986, 74): In
den ersten Jahren nach Eroberung Jerusalems gab es tatsächlich kein ge-
ordnetes Finanzwesen in den neuen Staaten. Die Kreuzritter und Pilger
brachten ihr Geld 'von zu Hause' mit. Bei Ausgrabungen hat man für diese
Zeit eine Fülle von unterschiedlichen Münzen aus ganz Europa gefunden.
Nach und nach etablierte sich aber das Bankenwesen. Zuerst eröffneten vor
allem italienische Banken Filialen,21 später auch die Ritterorden - damit war
der organisatorische Rahmen fur den bargeldlosen grenzüberschreitenden
Zahlungsverkehr geschaffen.

Im 40. Jahr nach Eroberung Jerusalems kam es dann zur ersten Münzprägung
im neuen Königreich (Pesant, 1980, 109fT.; Metcalf, 1980, 4ff.). Damit konnte
ein neuer Geldkreislauf entstehen, der von dem der Heimatmärkte (fast) nicht
mehr abhängig war: Die Kreuzfahrer zahlten z.B. bei den Templerfilialen in

18 Schaube (1898, 603 ff.); Burman (1986, 89); Louis Charpentier (1978, 171); Metcalf (1980,
S. 6 ff.).
19 Seit Mitte des 12.Jh. Stützpunkte in den Städten in Italien, in denen sich das Bankwesen am
schnellsten entwickelte (Siena, Lucca, Florenz), Burman (1986, 75).
20 Vgl. Demurger (1991,172f.); Metcalf {1980, 3ff); Delisle (1975); ältere Ansichten: Piquet (1939,
70 f.).
21 Zu italienischen Banken im Nahen Osten vgl. Metcalf (\9i0,8).
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ihren Heimatländern lokale Währung ein. Dieses Geld blieb in den Heimat-
regionen, da es in Form von lokalen Krediten wieder in den Kreislauf der
Heimatländer zurückgepumpt wurde. Nach Ankunft im Königreich Jerusalem
erhielten die Kreuzfahrer die dortige Jerusalemer Währung, die (fast) aus-
schließlich in den neuen Staaten zirkulierte und mit der sie ihren Lebensunter-
halt während ihres Pilgeraufenthaltes bestritten.22 Geldtransporte waren damit
zwar noch möglich, aber nicht mehr nötig, völlig unabhängig davon, ob das
Königreich Jerusalem einen realen Nettoeinfuhr- oder Ausfuhrsaldo hatte.

Ob man von Geldschöpfung sprechen kann, ist ein Problem des Nachweises.
Da die Templer kein eigenes Münzgeld ausgegeben haben, könnte sich die
Geldschöpfung nur auf Giralgeld beziehen. Viele der uns bekannten Kredit-
vorgänge betreffen Transaktionen, die die unmittelbare Auszahlung von Mün-
zen zur Folge hatten; insoweit haben die Templer zwar zu einer Mobilisierung
von Horten, nicht aber zu einer Geldschöpfung i.e.S. 23 beigetragen. Wie aber
verhält es sich mit den großen Debetsalden des Kontos des Königs von
England? Die Auszahlung einer vom König gewährten Rente (s.u.) durch
Erhöhung seines Kreditkontos und Gutschrift auf dem Haben-Konto des
Begünstigten wäre Geldschöpfung. Transaktionen dieser Art sind nicht nach-
gewiesen - denkbar wären sie.

Neben der Überweisung war eine weitere Verfugungsmöglichkeit über Kon-


ten bei den Templern der Dauerauftrag. Die Templer zahlten z.B. Pensionen und
Renten aus (vgl. Piquet, 1939, 59ff.), die vom König oder von Fürsten deren
Familienangehörigen oder Vasallen gestiftet worden waren. 1280 beauftragte z.B.
der Herzog der Bourgogne die Templer, einmal jährlich 1000 Tourische Pfunde an
Robert, Herzog von Nevers, zu überweisen (Delisle, 1975, 36; Burman, 1986, 85 f.).

Die Templer zogen auch Steuerzahlungen ein, worin man eine Vorläufer-
dienstleistung des heutigen Lastschriftverfahrens sehen kann.24 Interessant ist

22 Es gab natürlich auch - insgesamt aber nur unbedeutende Größenordnungen erreichende


(vgl. Metcalf, 1980, 12) - Geldtransporte (vgl. das Beispiel in: Demurger, 1991, 173). In der
Literatur wird dabei immer wieder auf das Problem von Handelsbilanzungleichgewichten
hingewiesen, die über Geldtransporte zum Ausgleich gebracht werden müßten (z.B. De-
murger, 1991, 173). Ein Handelsbilanz-Ungleichgewicht ist dafür aber keine hinreichende
Bedingung, da es sich auch um Geschenke gehandelt haben kann.
23 Zählt man die Bargeldbestände in den Kassen der Templer nicht zur Geldmenge, lag
Geldschöpfung vor.
24 Louis Charpentier (1978, 172 f.). Die (von den Templern) eingezogenen Steuergelder der
Champagne und Flanderns wurden unter dem Schutz von Ordensrittern in die Schatz-
kammern des Templerhauses von Paris transportiert; auch Burman (1986, 75). 1166,1185,1188
mußten die Templer Sondersteuern nicht nur entgegennehmen, sondern selbst einsammeln;
Burman (1986, 86). Weitere Beispiele Burman (1986, 86); zum Vorgang bei Abbuchungen
siehe Piquet (1939, 51).
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 167

noch eine Dienstleistung, die man heute vielleicht als Ausgabe einer corporate
credit card bezeichnen würde: Es gab spezielle Vereinbarungen zwischen dem
König von England und den Templern, denenzufolge diplomatische Missionen
von königlichen Beamten ihre Reisekosten durch Anweisungen auf die jeweils
nächste Templerfiliale decken konnten. Die Filialen gaben die Informationen
über erfolgte Abbuchungen dann an den Tempel in London weiter, der das
Konto des Königs belastete (vgl. Delisle, 1975, 54).

VI. Kreditgeschäft

Trotz der Tendenz zur Securitization wird das Kreditgeschäft heute noch oft
als das Kerngeschäft der Banken betrachtet. Das Kreditgeschäft wird in Geld-
und Kreditleihe unterteilt. Die Templer haben beide Arten betrieben. Im folgen-
den wird die Geldleihe, das eigentliche Kreditgeschäft, behandelt.

Das Geldleihgeschäft läßt sich folgendermaßen gliedern:


• Festlegung von Basisparametern (Kreditart, -nehmer, -zweck etc.)
• Konditionenfestlegung
• Innerbetriebliche Organisation des Kreditgeschäftes (Formale Abwicklung,
Prüfung, Entscheidungsgewalt, Zusage)
• Sicherheitenpolitik
• Liquiditätspolitik (Kassenhaltung, Refinanzierung)

Zu allen Punkten lassen sich Quellen finden, so daß man das Kreditgeschäft
der Templer sehr schön mit dem modernen Geschäft vergleichen kann.

Darüberhinaus ist die Art der Durchführung und der Ursprung des Kreditge-
schäftes sehr aufschlußreich fiir die Frage, warum die Templer Finanzgeschäfte
betrieben haben.

1. Ursprung des Kreditgeschäftes der Templer


Was die Templer letztlich dazu gebracht hat, das Kreditgeschäft aufzunehmen,
ist nicht genau bekannt. Tatsache ist, daß sie bei der Darlehensgewährung ihres
Zeitalters ein 'major player' gewesen sind.25 Die Templer begannen schon früh in
ihrer Geschichte mit dem Kreditgeben: 1135 lieh der Orden dem Pilger Petre

25 Im wegen der Maurenkämpfe unsicheren Spanien waren die Templer z.B. praktisch der
einzige institutionelle Anbieter von Krediten; Burman (1986, 84).
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168 ZfW44/2 (1995) Friedrich Thitßen

Desde aus Saragoza in Spanien 50 Morabitin gegen Verpfandung seines Hauses


und seiner Weingärten für eine Wallfahrt nach Jerusalem.26

Zwei Ursachen für die Hinwendung zum Kreditgeschäft scheinen nahezu-


liegen:27 Zum einen konnte sich das Kreditgeschäft als Pfandleihe aus einer
Erweiterung des Depotgeschäftes heraus entwickelt haben. Es ist bekannt, daß
die Templer in großem Umfang pfandgesicherte Darlehen gegeben haben. Es
wurden nicht nur bewegliche Sachen verpfändet, sondern auch Immobilien.

Die zweite Ursache könnte das große GeWeinkommen der Templer gewesen
sein. Wie es zu diesem Geldeinkommen gekommen ist, muß erläutert werden:
Bereits kurz nach Gründung des Templerordens begann sich durch Schenkun-
gen, Erbschaften, Einbringungen und staatliche Privilegien ein erhebliches Ver-
mögen anzusammeln (vgl. Burman, 1986, 92f.; Demurger, 1991, 136ff.). Die fol-
gende Tabelle 1 zeigt die Vielfalt an Geschenken, die den Templern zuflössen.

Tab. 1 : Arten von Schenkungen an die Templer28

Burgen Kirchen
Einmalige Geldzahlungen Königreiche 31
Fischteiche Landwirtschaftliche Güter
Freizukämpfende Gebiete 29 Leibeigene
Flußabschnitte Mühlbäche
Frauen samt Nachkommen Mühlen
Gerichtsherrschaften Mühleneinnahmen
Grenzmarken 30 Nießbrauch von Gütern
Gottesdiensteinnahmen Ödland
Häuser Olivenhaine
Hemden Pferde
Hosen Salinen
Hühner Städte samt Einwohnern
Jährliche Renten Waffen
Kinder Weg- und Durchgangszölle
Weiderechte
Zehnte

26 Louis Charpentier (1978, 173). Das behandelte Dokument ist eines der ersten, das sich
überhaupt mit finanziellen Transaktionen befaßt. Dies deutet auf die Bedeutung des Kredit-
geschäftes hin.
27 Das Kreditgeben durch Bischöfe und Klöster war im 12.Jh. eine verbreitete Erscheinung.
Insofern könnten die Templer anfanglich gedacht haben, es sei ihre Pflicht, Kredit auszurei-
chen. Das Aufkommen der Organisationshandbücher ('retrais') 1172-86 zeigt aber, daß sich
die Einstellung zur Kreditvergabe änderte (vgl. Edbury/Metcalf, 1980, 10).
28 Zu den Schenkungen siehe Demurger ( 1991).
29 In Spanien.
30 Land nördlich Antiochia.
31 Der Schenker war Alfons der /. König von Aragón und Navarra, der letztere verschenken
wollte.
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 169

Mit wenigen Ausnahmen akzeptierten die Templer alles, ob es nun groß oder
klein, bedeutend oder unbedeutend war. Sie beließen die Geschenke aber nicht
in dem übernommenen Zustand, sondern strukturierten um. Ziel der Reor-
ganisationen war es, den monetären Ertrag zu vergrößern (vgl. Demurger, 1991,
168). Die Form des geldlichen Ertrages war für das 12./13.Jh. durchaus noch
etwas besonderes, obwohl das mittelalterliche Denken in Realgütern in dieser
Zeit langsam in den Hintergrund trat.32 Dazu wandelten die Templer z.B.
Spanndienste, Fronpflichten und Naturalabgaben in geldliche Abgaben um. 33 Die
Templer versuchten auch, variable Einkommen in fixe zu verwandeln: Sie
tauschten Ernteanteile gegen festgelegte periodische Geldzahlungen (Demurger;
1991, 146). Wenn man will, kann man von ersten Swap-Geschäften sprechen.

Landwirtschaftliche Güter, die in der Nähe von Templer-Komptureien lagen,


wurden durch Grundstückstausch und -kauf vergrößert (vgl. Burman, 1986, 92;
Demurger, 1991, 141 f.). Die optimierten Flächen bewirtschafteten die Templer
dann mit neuen, leistungsfähigeren Methoden (z.B. dem vieijährigen Frucht-
wechsel, teilweise wurde sogar der völlige Verzicht auf die Brache versucht) (vgl.
Burman, 1986, 91 ff.; Demurger; 1991, 150f.). Nahe gelegene Güter wurden selbst
bewirtschaftet. Entfernt gelegene Güter wurden als Zinsgüter vergeben (De-
murger; 1991, 142), wahrscheinlich um die Kontrollkosten zu optimieren. 1255
wurde z.B. ein 140km von der Kompturei Villel entferntes Gut an zwei Juden
verpachtet (Demurger; 1991,148). Um Pächter für Güter in entvölkerten Gebieten
zu gewinnen, erfanden sie zusammen mit den Johannitern die 'quévaise', eine
neue Form der Erbpacht (Demurger; 1991,149 f.).

Ergebnis aller Schenkungen und Umstrukturierungen war ein wachsendes


Vermögen, dessen Erträge in Form von Ge/dzahlungen anfielen. Soweit dieses
Geld nicht in den Nahen Osten geschickt werden mußte, 34 lag es in den Tresoren
der Komptureien und wartete auf Verwendung. Und die Templer verwendeten es
zur Kreditgewährung.

32 Dies war eine allgemeine Erscheinung im 13.Jh., wobei die Templer es früher und sy-
stematischer betrieben (Demurger; 1991, 146).
33 Demurger (1991, 146). In der Region von Nizza zahlten 60% der Abgabepflichtigen (383 von
637) ihre Abgaben in Geldform und nur 3,2% in Naturalzins und der Rest (213) gemischt;
Demurger (1991, 146).
34 Die 'responsio' der Komptureien betrug anfanglich 1/3 der Erträge, wurde später aber auf
1/10 gesenkt, und im 14. Jh. häufig auf einen Fixbetrag festgelegt; Demurger (1991, 144;
168).
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170 ZJW44/2 (1995) Friedrich Thitfen

2. Basisparameter

Wer waren die Kreditnehmer?


Kreditnehmer waren Kaufleute und Bauern der Regionen, dann die wichtige
Gruppe der Jakobs-, Rom- oder Jerusalem-Pilger. Großkreditnehmer waren
Könige, Bischöfe und Abteien, die Kriege oder Kirchenbauten damit finan-
zierten. 1216 schuldete z.B. die Abtei von Cluny den Templern 1000 Mark Silber;
der Graf der Champagne mußte dafür bürgen.
Es wurden kurz- und langfristige Kredite vergeben (vgl. Piquet, 1939, 54ff.).
Kurzfristige Kredite wurden z.B. für die Finanzierung von Warentransportzeiten
bis zum Verkauf bei der nächsten Messe gewährt oder zur Zwischenfinanzierung
von Liquiditätsengpässen. Langfristige Kredite standen oft im Zusammenhang
mit Pilgerreisen oder Bauvorhaben. Üblich waren Tilgungen in einer Summe
oder in regelmäßigen Jahresraten (vgl. Piquet, 1939, 54).

3. Konditionenfindung

Was verdienten die Templer am Kreditgeschäft? Für eine echte Kosten /


Nutzen-Analyse reichen die Quellen leider nicht aus. Einige Angaben hat man
zur Höhe der Zinsen. In Aragón nahmen die Templer offensichtlich 10% p.a.,
während Juden angeblich 20% verlangt haben sollen. 35 Der Bischof von Zaragoza
bezahlte 1232 für einen Kredit der Templer von 500 Morabitin 50 Morabitin
'Wucher'. 36 In Italien soll die Finanzierung des sehr riskanten Überseehandels
für einen round-trip eines Schiffes, der 9 Monate dauerte, zwischen 33% und 60%
gekostet haben.
Problematisch war für die Templer die Ächtung des Zinsnehmens durch die
Kirche. 1179 war das Kreditgeben vom 3. Lateranischen Konzil verdammt wor-
den (Burman, 1986, 83). Geiz und Geldleihen galten im 12./13. Jh. als Inbegriff
der verwerflichen Dekadenz des sich entwickelnden städtischen Lebens. Die
Templer machten sich zwar darüber lustig (Burman, 1986, 82), mußten aber
vorsichtig sein. Vielleicht ist das der Grund, warum man in der ansonsten recht
genauen Buchhaltung 37 der Templer kaum Angaben zu den Erträgen der abge-
wickelten Geschäfte findet.
Häufig wurden die Verträge so abgefaßt, daß der Zins nicht ausdrücklich
genannt werden mußte. 38 Eine verbreitete Methode war die Verbindung des

35 Demurrer (1991, 170f.); die Zahlen sind nur mit großer Vorsicht zu verwenden.
36 Die Laufzeit ist nicht bekannt; vgl. Demurger (1991, 170f.).
37 Zur Qualität der Buchhaltung: Delisle (1975); Burman (1986, 90); Demurger (1991, 151).
38 Vgl. Piquet (1939, 54). Piquet (1939, 53) vermutet, daß nicht das Zinsnehmen an sich, sondern
die Vereinnahmung der Strafen, die durch Zahlungsverzögerungen der Kreditnehmer fällig
wurden, die eigentliche Verdienstquelle im Kreditgeschäft waren.
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 171

Kredits mit einer Wechseloperation: In Europa waren viele Münzarten im Umlauf,


die Märkte waren wahrscheinlich nicht übermäßig transparent und Schwankun-
gen der Wechselkurse waren an der Tagesordnung;39 es bot sich also geradezu an,
den Kredit in irgendeiner Münzart auszuzahlen und die Rückzahlung in einer
anderen Münze festzulegen - in der Abweichung vom Tageskurs war dann der
Zins unsichtbar enthalten. 1244 lieh sich Jolande von Bourbon z.B. bei den
Templern 10000 syrische Besants,40 die sie mit 3750 tourischen Pfunden zurück-
zahlen mußte.41

In den Wechselbriefen Ludwigs des Heiligen wird erstaunlich häufig außer


Währung und Betrag der Schuldsumme nur die Währung der empfangenen
Gegenleistung, nicht aber deren Höhe genannt; z.B.: They lent us, and bor-
rowed in their own name, a considerable sum. Kindly repay them without delay
2000 marks of silver'.42

Nach einer anderen Methode wurden Gebühren bei der Auszahlung abge-
zogen, in denen der Zins enthalten war - wir kennen die Methode der abge-
zinsten Kreditgewährung als Diskontkredit. Es ist ein Kreditvertrag bekannt, bei
der der kreditgewährende Templerbruder Thomas für einen Saisonkredit zur
Finanzierung von Korn über 16350 Tourische Silbermünzen 229 1/2 Besants
'Ausgabenerstattung' verlangte.

Es wurden auch Kredite gegen die Verpfändung von Gütern gegeben, deren
Erträge während der Kreditlaufzeit den Templern zustanden. Dies gilt z.B. für die
Erträge der Güter, die Pilger in der Zeit ihrer Abwesenheit den Templern zur
Verwaltung überantworteten.

Eine heute noch bei islamischen Banken häufig verwendete Methode ver-
meidet den Zins durch ein fiktives Kaufgeschäft: Die Bank kauft Güter per Kasse
und verkauft sie gleichzeitig wieder per Termin zu einem anderen Preis an den

39 Often it happens that the besant is worth five sous, and often it happens that the besant is
worth ten sous'. Quelle: Livre des Assises de la Cour de Bourgeois, das eine Zusammenfas-
sung des Handelsrechtes von Accra ist; siehe Edbury (1980,123 f.).
40 Im Deutschen wird die Währung Byzantiner genannt.
41 Demurger (1991,172). Zwei weitere Beispiele: 1207 bestätigte Simon Rubens in einem letter of
exchange, daß er 34 Pfund Genueser Dinare erhalten habe, wofür sein Bruder William in
Palermo 8 Mark gutes Silber an den Überbringer bezahlen werde (Metcalf, 1980, 7). Am 22.
August 1213 wies der Englische König sein Schatzamt an, den Templern 9 Silbermark zu
bezahlen. Dies war das Entgelt für einen Kredit von 1 Goldmark, die er von ihnen erhalten
hatte.
42 Brief Ludwigs II. an Suger, Metcalf (m0,10). Vgl. auch Schaube (1898, 611).
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172 ZfW 44/2 (¡995) Friedrich Thitßen

Kreditnehmer - eine Übergabe der Güter findet natürlich nicht statt. Auch dieses
Verfahren haben die Templer angewendet (Burman, 1986, 83).

4. Innerbetriebliche Organisation des Kreditgeschäftes

Wie haben die Templer ihr umfassendes internationales Kreditgeschäft orga-


nisiert? Im modernen Bankwesen kommt die Organisation des Kreditgeschäftes
regelmäßig nach größeren Kreditausfällen ins Rampenlicht; danach hört man
wieder lange Zeit nichts mehr.

Auch die Templer stellten offensichtlich fest, daß man im Kreditgeschäft nicht
ohne eine gut definierte Organisation auskommt, denn es sind Richtlinien zum
Kreditgeschäft erhalten geblieben. 43 Interessant sind die Lösungen, zu denen die
Templer gekommen sind. Dazu einige Beispiel:

Es wurden ausdrücklich die Personen bestimmt, die Kredite gewähren durf-


ten. Dann wurden - genau wie heute üblich - gestaffelte Limite für Kreditober-
grenzen festgelegt. Der Großmeister des Tempels in Jerusalem konnte kleinere
Kredite alleine ausreichen. 44 Kredite bis zu 1000 Besants konnte er geben, wenn
einige der Weisen Männer (Prud'hommes, hochrangige Ordensleute) zustimm-
ten. 45 Für Kredite über 1000 Besants mußte die Mehrheit der Prud'hommes
zustimmen. Es ist ein Fall bekannt, demzufolge der Schatzmeister des Pariser
Tempels dem König von Frankreich 400000 Gulden ohne Rücksprache mit dem
Großmeister in Jerusalem geliehen hatte. Er wurde daraufhin trotz Fürbitten des
Königs und des Papstes aus dem Orden ausgeschlossen (vgl. Demurger, 1991,
240).

Wie heutige Großbanken auch, standen die Templer vor dem Problem, die
Geschäfte ihrer vielen Filialen zu strukturieren und die Abläufe zu organisieren.
Es entstand eine Filialorganisation, die in etwa eine 3-stufige Form gehabt haben
muß. Dabei bilden die verschiedenen Komptureien, die keine spezialisierten
Finanzfachleute hatten, 46 die untere Filialebene und tätigten vor allem Kleinge-
schäft. Das größere Geschäft mit den wichtigen Kunden blieb aufgrund von
bewußten organisatorischen Festlegungen nur bestimmten regionalen Zentral-
stellen wie z.B. dem Tempel in Paris und London vorbehalten (Demurger, 1991,

43 Die Organisationsrichtlinien sind ab 1172-86 nachweisbar; vgl. Edbury/Metcalf(\980, 10).


44 Dafür gibt es keine direkte Quellen; indirekt ergibt sich diese Befugnis aber aus der
Tatsache, daß er bis zu einem Wert von 100 Besants Geschenke allein gewähren durfte.
Quelle siehe nächste Fußnote.
45 Zu den Kreditgrenzen siehe Dailliez (1980, 141 ff.); Metcalf (1980, 9); Piquet (1939, 24);
Geschenke konnte er bis zu einem Wert von 100 Besants allein gewähren.
46 Dies hielt sie aber nicht davon ab, Finanzgeschäfte zu betreiben (vgl. Demurger, 1991, 210).
Es ist eine Quelle bekannt, derzufolge ein Arzt der Templer einen Kredit ausreichte (vgl.
Demurger, 1991, 175).
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 173

210). Dort arbeiteten Finanzspezialisten, die z.T. internationalen Ruf hatten


CDemurger, 1991, 208 ff.). Das Hauptquartier in Jerusalem, später Zypern, als
Spitze der Pyramide entschied über die allergrößten Geschäfte selbst. Die Glie-
derung zeigt, daß die Templer den Konflikt zwischen Zentralisation und Dezen-
tralisation ähnlich wie heute üblich derart lösten, daß die Schwierigkeit und
Bedeutung (Größenordnung) des einzelnen Geschäftes über die Ebene ent-
schied, auf der das Geschäft zu genehmigen und abzuwickeln war.47

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kam es zu Kreditausfällen. Es sind Ur-


kunden über eine Vielzahl von Rechtsstreitigkeiten erhalten geblieben. Die
Rechtsabteilung der Templer muß große Dimensionen gehabt haben. Die Quali-
tät ihrer Arbeit läßt sich aus dem folgenden kleinen zeitgenössischen Gedicht
(vgl. Charpentier; 1965, 56) erschließen:

Die Brüder, die Meister des Tempels,

die so viele Prozesse gewannen, daß keiner sich mit ihnen einzulassen wagte,

wo sind sie geblieben?


Hervorragend muß auch die Ausbildung der Templer als Fachleute für die
Finanzverwaltung gewesen sein, denn vielfach wurden Templer abgeworben, um
als königliche Finanzbeamte Dienst zu tun. Selbst Karl /., König von Neapel,
wählte keinen Banker aus den innovativen Finanzzentren Florenz oder Mailand,
sondern den Templerbruder Arnoul als Schatzmeister (vgl. Delisle, 1975,37).

5. Sicherheitenpolitik
Wenn ein Kunde nicht zahlungsfähig ist, heißt das noch nicht, daß der
Bankier sein Geld verloren hat: er kann sich an seinen Sicherheiten schadlos
halten, wenn er sich solche hat einräumen lassen. Auch die Templer benutzten
Sicherheiten.

Bedeutend waren drei Typen: Pfänder, Bürgschaften Dritter und Geldbußen.


Mit Ausnahme der Geldbuße sind alle Sicherungsinstrumente auch heute noch
gebräuchlich.48

47 Weitere Aspekte zur Organisation siehe Piquet (1939,26f.).


48 Im 13. Jh. dagegen war die Geldbuße weit verbreitet. Um 1261 wurde z.B. vom englischen
König für einen Kredit von 780 Mark bei Nichteinhaltung des RückZahlungstermins eine
Strafe von 200 Mark vereinbart (Piquet, 1939, 55). Die Verwendung von Bußen als Kreditsi-
cherung ist heute eher unüblich. Sie deutet daraufhin, daß die Kreditsummen im Verhältnis
zum Vermögen der Kreditnehmer damals eher klein waren. Piquet (1939, 53) sieht in dem
Instrument der Strafen, die durch eine Zahlungsverzögerung fallig geworden sind, die
eigentliche Verdienstquelle im Kreditgeschäft.
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174 ZJW44/2 (1995) Friedrich Thitßen

Bei der Kreditvergabe im Nahen Osten - im Kriegsgebiet also - verließ man


sich nicht nur auf Sicherheiten, sondern arbeitete geeignete Kreditvertragstypen
aus: Kreditverträge wurden z. B. im Beisein von vier Zeugen - zwei von jeder
Seite - abgeschlossen (vgl. Metcalf, 1980, 7). Kreditnehmer waren aber i.d.R.
Kreuzritter. Starb der Ritter in der Schlacht, war es für die Bank - trotz aller
Zeugen - oft schwer und teuer, den geschuldeten Betrag oder die Sicherheiten
einzutreiben. Es bürgerten sich deshalb Verträge ein, bei denen mehrere Kreuz-
ritter gemeinsam einen einzigen Kredit aufnahmen und gesamtschuldnerisch
hafteten (vgl. Metcalf, 1980, 7f.). Aber auch bei diesem Vertragstyp hat der
zuständige Templerbruder bestimmt nicht gut geschlafen, wenn alle Gesamt-
schuldner in dieselbe Schlacht zogen.

6. Liquiditätspolitik und Refinanzierung

Unter Liquiditätspolitik versteht man alle Vorkehrungen, die jemand trifft,


unter Wahrung der Rentabilität den Zahlungsansprüchen anderer an ihn jeder-
zeit gerecht zu werden. In der Liquiditätspolitik zeigt sich das eigentliche Kön-
nen eines Bankiers.

Wie sicherten sich die Templer gegen eigene Zahlungsunfähigkeit? Ob sie eine
systematische Liquiditätspolitik betrieben haben, weiß man nicht. Man weiß
aber, daß die Templer genau wie moderne Banken Zahlungsmittelreserven gehalten
haben. Diese Reserven hielten sie aber knapp und mußten Geldtransporte
durchführen, mit denen sie die Liquidität der Überschußfilialen zu den Defizitfi-
lialen brachten. 49 Verpflichtungen, die sich nicht aus den Beständen und durch
kurzfristige Geldtransporte beseitigen ließen, wurden durch Refinanzierung am -
heute würde man sagen - Interbankenmarkt eingedeckt (vgl. Schaube, 1898).

Adolf Schaube beschreibt einen Kreditbrief, mit dem die Templer einen von
ihnen ausgereichten Kredit bei Genueser Bankiers refinanzierten (vgl. Schaube,
1898, 618). Während des 2. Kreuzzuges (1147-49) lieh sich Ludwig der VII. in
Jerusalem von den Templern 15000 Besants, die sich die Templer mangels
Liquidität in den eigenen Kassen ihrerseits bei venezianischen Bankiers geliehen
hatten. 50

49 Vgl. Demurger (1991, 173 f.). Die Transporte zwischen dem Westen und dem Königreich
Jerusalem waren aber eher unbedeutend (vgl. Metcalf, 1980, 12). In Jerusalem wurde
Liquiditätssicherung für größere Kredite offensichtlich eher über den Interbankenmarkt
betrieben, wofür auch die weiter unten genannten Beispiele sprechen (vgl. auch Schaube,
1898).
50 Vgl. Metcalf (1980, 10). Ein weiteres Beispiel aus einem Brief Ludwigs II. an Suger. 'They lent
us, and borrowed in their own name, a considerable sum.', a.a.O. S. 10.
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Oslen 175

Die andere Seite des Liquiditätsproblems ist die Gefahr der Überliquidität, d. h.
des Vorhaltens einer zu hohen schlecht oder gar nicht verzinslichen Kassen-
reserve. Wie gut die Templer dieses Problem im Griff hatten, bewies sich im Jahr
1307, als der Orden aufgelöst wurde. Der König von Frankreich hoffte, die
sagenhaften Reichtümer der Templer an sich reißen zu können, und beschlag-
nahmte das Vermögen.51 Um so enttäuschter war er, als seine Beamten in den
Tresoren der Templer so gut wie keine wertvollen beweglichen Güter fanden. Außer
den Immobilien gab es nur Inventare mit Namen von Leuten, denen der Orden
Geld geliehen hatte (Louis Charpentier, 1978,173; 275). ' . . . inventories of Templar
movable property - treasure, cash, gold and silver - show them to have possessed
remarkably little'.52 Diese Begebenheit ist Beweis genug, mit welch hoher Quali-
tät die Templer das Bankgeschäft verstanden.

Die Zeitgenossen und Nachkommen der Templer wollten das aber einfach
nicht wahrhaben - wahrscheinlich verstanden sie das Bankgeschäft gar nicht -
und suchten noch lange nach dem sagenhaften Reichtum: 'Der Orden ver-
schwand und mit ihm die vielen kleinen Schätze. Aber der eigentliche Schatz des
Ordens blieb unauffindbar' (Louis Charpentier; 1978, 282). Das Depotgeschäft
zusammen mit dem geringen Barvermögen des Ordens bei seiner Zerschlagung
bilden wahrscheinlich den Kern der vielen Legenden, die sich um die Templer
ranken.

VII. Zusammenhang zwischen dem Auftrag der Templer und den


Finanzgeschäften - Die These der Literatur

Wir kommen nun zu der in der Einleitung angedeuteten Frage: Warum haben
die Templer, deren eigentliche Aufgabe es doch war, Krieg zu fuhren, in solch
intensivem Maße das Bankgeschäft betrieben? Diese Frage ist bisher nicht
abschließend untersucht worden. "But how and why the Templars... were drawn
into banking is still a problem on which the available evidence throws very little
light" (Metcalf, 1980,11). Wir wollen die Frage auf das Kreditgeschäft eingrenzen,
das offensichtlich im größten Widerspruch zur Kriegsfiihrung als vorrangige
Aufgabe steht. Die in der Literatur am häufigsten zu findende These lautet
folgendermaßen: Aus allem Handeln der Templer wird deutlich, daß ihr Ziel eine

51 Es sind Anweisungen überliefert, wie die Beamten dabei vorzugehen hatten; vgl. Charpentier
(1965, 192 ff.); Demurger (1991, 242).
52 Burman (1986,173); zur geringen Liquidität vgl. auch Piquet (1939, 92).
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176 ZJW44/2 (1995) Friedrich Thitßen

Vergrößerung der monetären Einkünfte, d. h. der in Geldform anfallenden Über-


schüsse, war.53

Die Notwendigkeit, einen GeWüberschuß zu erwirtschaften, ergibt sich der


Literatur zufolge aus dem Sachziel der Templer, der Kriegfiihrung. 'All Templars
were "directed by the same motive, the . . . financing of the holy war"'.54 In der
Hinwendung zu einer geWorientierten Wirtschaftsweise spiegelt sich 'their con-
stant aim of creating funds for use in battle against Moslems.55 Für eine Ali-
mentierung des Krieges gerade mit Geldeinkünften sprechen aus Sicht der Lite-
ratur zwei Gründe:

Erstens: Da die Templer ihr Vermögen im wesentlichen in den europäischen


Kernländem angelegt hatten, Ressourcen aber in den Kampfgebieten des Nahen
Ostens brauchten, mußten sie ein Medium finden, das ihnen auf effiziente Weise
den Ressourcentransfer von West nach Ost ermöglichte. Dafür war Geld ideal.
'Es war einfacher, Geld ins Morgenland zu bringen als Naturalien' (Demurger;
1991,146).

Ein weiterer Grund sprach für Geld: Der Krieg im Nahen Osten flaute häufig
für längere Zeiten ab und flammte dann plötzlich wieder auf. Die Templer
mußten also ein Medium finden, das sie möglichst schnell mobilisieren konnten.
Und dafür sei Geld ideal, denn es ermögliche 'die rasche Mobilisierung von
Ressourcen für die Unterstützung des heiligen Landes'. 56 Und weiter: Durch die
Hinwendung zur Geldwirtschaft 'war man . . . in der Lage, die Ressourcen des
Ordens rasch zu mobilisieren' (Demurger; 1991, 146).

Die Kausalkette, die die Literatur aufbaut, lautet also vereinfacht folgen-
dermaßen:

i) Hoher Ressourcenverbrauch durch den Krieg,


ii) Geld als liquidestes aller Güter ist am schnellsten in die Kriegsgebiete
transferierbar (einfacher Transport und rasche Mobilisierung), und damit
ergibt sich als Konklusion:

53 Dies war - wie gezeigt - für die Zeit des 12./13.Jh., die noch weitgehend in realen Gütern
dachte, innovativ. (Zitat:) "The Templar estates 'were administrated primarily with a view to
the money revenue which they yielded'. "Und weiter: ' . . . , rather than the sustenance which
could be derived from them' (Burman, 1986, 75, Burman zitiert dabei eine andere Quelle).
54 Burman (1986, 97) eine Quelle aus dem Jahr 1935 zitierend. Die Lücke im Zitat ist zu
ersetzen mit: 'increase of the common revenue and the'.
55 Burman (1986, 76). Vollständig: This (i.e. the beginning of a more or less capitalistic
agriculture on large estates) reflected...
56 Ziel: Die rasche Mobilisierung von Ressourcen an Menschen und Material für die Unter-
stützung des heiligen Landes; Demurger (1991, 94).
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 177

iii) Alle Verhaltensweisen, die zu einer Maximierung des Geldeinkommens füh-


ren, leisten auch den maximalen Beitrag zur Kriegsführung.

Noch einmal Demurger. 'Die finanziellen Aktivitäten der Templer werden nun
verständlicher: sie fügen sich in den allgemeinen Kontext der wirtschaftlichen
Aktivitäten der Ritterorden ein. Angesichts ihrer Mission (der Kriegführung)
konnten die Orden nichts anderes tun als produzieren, um Profit zu machen'
(Demurger, 1991, 152).

VIII. Widersprüche in der These der Literatur

Die Kausalkette der Literatur klingt plausibel, aber sie enthält widersprüch-
liche Elemente: Die These, Geld sei schnell mobilisierbar und einfach trans-
ferierbar gewesen, ist unvollständig, weil man in den Kriegsgebieten letztlich
kein Geld, sondern Männer, Waffen und Pferde brauchte. Da das Kriegsgebiet
hinsichtlich dieser Güter eine Defizitregion war, war der Realtransfer gar nicht zu
umgehen. Der Bedarf an Realgütern geht auch aus der 1280 geäußerten drin-
genden Bitte des Großmeisters der Johanniter in Jerusalem hervor, Getreide (d.h.
kein Geld) zu senden "um unsere kranken Herren und unsere Brüder zu er-
halten".57 Es gab niemanden, der diesen Realtransfer schneller - d.h. immer
dann, wenn der Krieg gerade wieder aufloderte - und effizienter hätte besorgen
können, als die Templer mit ihren vielen Standorten und ihrem Informationsvor-
teil über das Kriegsgeschehen.58 Dabei standen gerade den Templern viele
Möglichkeiten offen, den Realtransfer unter völliger Ersparung des Zwischen-
schritts von umständlichen, gefährlichen und teuren Geldzahlungen zu organi-
sieren. 59

57 und weiter: 'Das besagte Land ist nur zu einem kleinen Teil mit Kriegsleuten besetzt und
leert sich immer mehr.... Die Trockenheit greift um sich, alle Getreide sind verdorben, das
Maß Weizen kostet vier Besant und mehr'; Demurger ( 1991, 182).
58 Demurger ( 1991, 177 f.); in der Tat waren die Templer in erheblichem Maße am Realtransfer
beteiligt. Sie unterhielten eine eigene Schiffslinie für Transporte vom europäischen Kon-
tinent zum Nahen Osten. Sie entwickelten sogar die sog. Torschiffe' auf denen Pferde
transportiert werden konnten; vgl. auch Burman (1986, 91).
59 Vgl. Demurger (1991, 145; 176). Im Orient befindliche Leute hätten auch mit Gütern in
Europa entlohnt werden können, die nach deren Dienstzeit fallig geworden wären; zwi-
schendurch war eine geldlose Versorgung mit Nahrung und Wohnen möglich, die auch den
Tempelbrüdern gewährt wurde; d.h. eine Bezahlung der Angestellten im Nahen Osten war
nicht unbedingt nötig. Wegen der Notwendigkeit von SchifFstransporten waren Realgüter
kaum schlechter, in jedem Fall aber kaum langsamer transportierbar als Geld.
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178 ZJW44/2 (1995) Friedrich Thitßen

Auch eine andere These ist nicht stichhaltig: Dieser zufolge hat die Finanz-
wirtschaft der Templer mit ihren Profiten dazu beigetragen, die verfügbaren
Kriegsressourcen zu maximieren.

Es läßt sich leicht zeigen, daß die finanziellen Aktivitäten der Templer gar
nicht zu einer Maximierung der sofort mobilisierbaren Ressourcen führten. Dazu
hätten die Templer eine Cash 77ow-Optimierung, nicht eine langfristige Ertrags-
Maximierung betreiben müssen. 60 Eine Cash Flow-Orientierung wäre nötig
gewesen, weil es keine vollkommenen Kapitalmärkte 61 gab; man konnte im
Krisenfall nicht beliebig viele zukünftige Erträge in sofort verfügbare Kaufkraft
verwandeln (z.B. durch Kreditaufnahme).

Die fehlende Cash Flow-Orientierung kann man vor allem an drei Tat-
beständen festmachen:

i) Kreditvergabe
ii) Kassenhaltungspolitik (Liquiditätsvorsorge)
iii) Immobilienbesitz.
Ad i) Eine umfangreiche Vergabe von Krediten erzeugt keinen Cash Flow,
sondern bindet ihn. Bei kurzfristiger Kreditvergabe in Zeiten flauer
Kriegstätigkeit könnte man vielleicht noch von einer Zwischenanlage,
einem 'Parken' von Liquidität sprechen. Tatsächlich haben die Templer
aber auch Kredite mit sehr langen Laufzeiten vergeben (vgl. Piquet, 1939,
54 f.).
Selbst an den Cash-Rückflüssen aus Kredittilgungen waren die Templer
nicht immer interessiert. Es sind Texte überliefert, aus denen hervorgeht,
daß die Templer versuchten, sich in den Besitz verpfändeter Immobilien
zu bringen (vgl. Demurger, 1991, 142 f.), statt die ordnungsgemäße Kredit-

60 Cash Flows sind die pro Periode anfallenden Zuwächse an Zahlungsmitteln. Erträge sind
rein rechentechnisch auf eine Periode bezogene Anteile am Gesamterfolg (i.e. gesamten
Cash Flow-Zuwachs) eines Projektes. Auf vollkommenen Finanzmärkten kann man sich auf
erst in der Zukunft realisierte, d.h. in Zahlungsmitteln zufließende Projekterfolge bereits in
der Gegenwart Zahlungsmittel leihen; man kann also Erträge in Cash Flows umwandeln.
Auf unvollkommenen Finanzmärkten kann dies unmöglich sein - z.B. weil es niemanden
gibt, der bereit ist, Kredit zu gewähren. Dann kann man trotz rentabler Projekte illiquide
werden. Dies sollte besonders für eine kriegführende Partei ein beachtenswertes Risiko
sein.
61 Dafür gibt es nur Indizien, wie z.B. den Text einer Absicherung gegen Zahlungsverzug
{Schaube, 1898, 618). Selbst Wechsel, die auf den Finanzplatz Paris, das Finanzzentrum der
Templer im Westen, gezogen waren, lauteten auf 14 Tage nach Sicht (Schaube, 1898, 612 f.).
Auch die Beispiele in Metcalf (1980, 7, 1./2. Absatz) deuten auf einen niedrigen Voll-
kommenheitsgrad hin.
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 179

rückzahlung von Darlehen zu erreichen. Sie haben also die illiquidere


vor der liquideren Form bevorzugt.
Ad ii) Die Templer haben auch kaum Liquiditätsreserven gehalten (vgl. Piquet,
1939,92). Dies ist zwar von einem Bankier nicht anders zu erwarten; für
eine kriegführende Partei, die sich für ein plötzliches Aufflammen der
Kampfhandlungen rüstet, ist es ein eher merkwürdiges Verhalten.
Ad iii) Auch in ihrer Landwirtschaft haben die Templer erhebliche Mittel ge-
bunden statt freizusetzen. Die Templer bevorzugten den (personalbin-
denden) Eigenbetrieb vor dem Verkauf oder der Verpachtung62 - Verkauf
und Verpachtung hätten es erlaubt, kurzfristig wesentlich mehr Ressour-
cen in die Kriegsgebiete zu transferieren.
In Spanien setzten die Templer anfanglich sogar ganz erhebliche Res-
sourcen ein, statt aus dem Land herauszuziehen. Sie haben z.B. ihnen
geschenkte, aber noch besetzte Gebiete mühsam freigekämpft (Demurger,
1991, 139) und dann neu besiedelt, wobei sie den Bauern Steuerbefrei-
ung für 2 Jahre gewährten (Demurger; 1991, 149; Burman, 1986, 92). In
England mußten große Flächen Marschlandes erst urbar gemacht wer-
den (Burman, 1986, 93).
Auch in Paris haben die Templer in erheblichem Maße Geld investiert,
statt Cash zu entnehmen. Sie haben große Grundstücke gekauft und
diese zusammen mit Schenkungen zum sog. 'Enclos du Temple' zusam-
mengefaßt. In seinem Inneren haben sie eine prächtige Kirche und
mehrere Turmbauten errichtet. Später haben sie auch außerhalb dieses
Enclos bereits bebautes Land gekauft und dann verpachtet (Demurger,
1991, 211). Es waren die Templer, die den Marais trockenlegten.

Dies alles sind keine Handlungsweisen, die man betreibt, wenn man mög-
lichst viele Ressourcen möglichst schnell und häufig ganz überraschend in ein
Kriegsgebiet schicken muß.

Wie aber läßt sich das Verhalten der Templer erklären? Die ursprüngliche,
den Templern von Bernard de Clairvaux gesetzte Aufgabe war nicht die Führung
eines Angriffs- und Eroberungskrieges, sondern die Sicherung der Pilgerwege. Dies
ließ sich als sehr langfristige Aufgabe interpretieren. Folgerichtig konnten sich
die Templer eine sehr langfristig ausgelegte Organisationsform geben. Sie orien-
tierten sich dabei am Vorbild der Mönchsorden: Die Tempelritter mußten bei
ihrem Eintritt ihr Vermögen abgeben und in persönlicher Armut, d.h. Ab-
hängigkeit vom Orden, leben. Die Versorgung im Alter übernahm der Orden.63

62 Vgl. Demurger (1991, 147f.); Der Orden von Cluny z.B. hatte ebenfalls großen Grundbesitz,
den er aber nicht selbst bewirtschaftete; vgl. Louis Charpentier (\978, 93).
63 Die Existenz spezieller Pensionärskomptureien ist überliefert; vgl. Demurger (1991,181).
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180 ZjW 44/2 (1995) Friedrich Thießen

Mit einer solchen Organisationsstruktur konnten die Templer überhaupt kein


Interesse an einer allzu heftigen Kriegsfiihrung haben. Die immer wieder gewal-
tig aufflammenden Kriegswellen waren für den Orden ein bedrohendes Element
und mußten eher gedämpft werden.64 Tatsächlich sind Texte überliefert, aus
denen hervorgeht, daß die Templer die Vorhaben der Kreuzritter oft bremsten
und von Kriegszügen abrieten.65 1168 weigerten sich die Templer z.B. an einem
Feldzug der Christen gegen Ägypten teilzunehmen (Demurger, 1991, 113). Sie
nahmen es sogar in Kauf, mit solchem Verhalten ihren Ruf zu beschädigen. Dies
geht auch aus dem folgenden verbitterten zeitgenössischen Gedicht hervor.66

Und ich sage Euch, wenn die Templer


Uns ohne Neid geholfen hätten,
So hielten wir ganz Syrien, Jerusalem und Ägypten.

Die Maximierung der im Krieg einsetzbaren Ressourcen war also gar nicht
das Ziel der Templer.67 Viel wahrscheinlicher ist es, daß die Templer es als Ziel
ansahen, in einem für Adlige akzeptablem Ambiente68 - hierzu gehört der
Lebensstandard, bezahlte Bedienstete für niedere Aufgaben69 und ein ange-
messener, sicherer Lebensabend - eine langfristig angelegte Aufgabe, die unter

64 Ein eher passives Verhalten erkennen einige Autoren auch aus der Größe der Burgen im
Nahen Osten: 'Die pure Stärke dieser befestigten Plätze ist der ausschlaggebende Beweis für
die Schwäche und den Pessimismus der Kreuzfahrerreiche. Man verzichtet auf die Offensive
und sucht den Feind nicht mehr'. M. Benvenisti, zit. nach Demurger (1991, 215).
65 'Hätte das Hospital und der Tempel und die Ritterbrüder unseren Reitern beim Angriff ein
Beispiel gegeben, unsere große Ritterschaft wäre nicht im Gefängnis'; Zitat Philipps von
Nanteuil (Demurger; 1991, 198). Tatsächlich war es eher so: 'Die Kreuzritter waren so sicher,
daß gerade für sie ein Wunder geschehen werde, daß sie nicht versäumten, die Waffenruhen
zu brechen; sie führten die Ritter in unnütze Gefahren, ließen sich schlagen und reisten ab,
überließen ihnen die Last des Krieges und beschuldigten sie, sie schlecht unterstützt zu
haben (vgl. Demurger, 1991, 224f.). Die Templer kannten die Kampfkraft der ansässigen
Franken und wußten, welche Gebiete man mit den verfügbaren Ressourcen höchstens
verteidigen konnte, wenn die aktuelle Welle aufgeputschter Kreuzritter wieder abgezogen
sein würde.
66 Zitat Philipps von Nanteuil·, siehe Demurger (1991, 298).
67 Dies zeigt sich auch besonders drastisch an den unzureichenden Anstrengungen, genügend
Mensch und Material zur Verteidigung gegen die Offensive der Muslims 1291 herbeizu-
schaffen, die schließlich zur endgültigen Vertreibung der Christen aus den Kreuzfahrer-
staaten führte; vgl. Demurger (1991, 236f.).
68 Vgl. Demurger ( 1991, 76ff.). Zum Status von Adligen und Nichtadligen im Orden siehe Louis
Charpentier (1978,107 f.).
69 Vgl. Demurger (1991, 148). Der Orden beschäftigte eine Fülle von Angestellten. Dazu
gehören: farmers, agricultural labourers, shepards and millers, gardeners and artisans (Bur-
man, 1986, 97). Im Heiligen Land beschäftigte man Fußtruppen und leichte Reiterei; vgl.
Demurger ( 1991, 121).
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 181

anderem kriegerische Elemente enthielt - zu erfüllen. Die Sicherheit der ab-


hängigen Tempelritter in ihrem eigenen Orden war umso größer, je langfristigere
und verläßlichere Erträge der Orden erwirtschaftete.

Vor diesem Hintergrund müssen die bankwirtschaftlichen Aktivitäten ge-


sehen werden. Bankgeschäfte zu betreiben war im 12.Jh. für Mönchsorden mehr
als üblich (vgl. Barman, 1986, 81). Es war also geradezu selbstverständlich, daß die
Templer Depots in ihren Kirchen anboten und kleinere Kredite ausreichten (vgl.
Piquet, 1939, 3 f.; Metcalf, 1980, 10). Daß die Templer dabei zu den großen
Bankiers des Mittelalters70 aufrückten, erklärt sich aus der großen Rentabilität der
Geschäfte.71 Diese hat ihre Ursachen in vier, von den Konkurrenten kaum
einholbaren Wettbewerbsvorteilen:

a) 4ihrem
)
großen Filialnetz - dem Hauptfaktor überhaupt - (vgl. dazu Piquet, 1939,
'
b) der fühzeitigen Hinwendung zur Überschußproduktion in Cash (was angesichts
unsicherer Refinanzierungsmärkte erst ein aus Sicht der Kunden stetiges und
verläßliches Kreditgeschäft ermöglicht),
c) ihrem guten 'Rating, das sie als moralisch einwandfrei handelnde, gleichzeitig
aber auch kämpf- und durchsetzungsstarke Organisation innehatten und
d) ihrem Informationsvorteil über die politische Lage im Königreich Jerusalem.72

Die genannten Wettbewerbsvorteile in Verbindung mit der geringen Preis-


elastizität der Nachfrage (u.a. Wunsch der Pilger, Kreuzritter, Könige, ins Heilige
Land zu reisen (vgl. dazu das Beispiel in Metcalf, 1980, 12)) ermöglichten eine so
große Wertschöpfüng, daß die nach sicheren, verläßlichen Erträgen strebenden
Templer gar nicht anders konnten, als das Bankgeschäft auszubauen.73

70 Vgl. Burman (1986, 88 f.). 'It is clear... that the Templars provided a complete banking service
for the king such as no other banker, even the commercial banks then beginning to flourish
in Italy, could perform at that time'; Burman (1986, 89).
71 Wie gezeigt, gibt es keine exakten Aufzeichnungen über die Ertragssituation der Finanzge-
schäfte. Aus verschiedenen überlieferten Verträgen kann man aber schließen, daß die
Finanzgeschäfte sehr rentabel gewesen sein müssen; vgl. dazu Metcalf (1980, 12).
72 Ein Großteil der Kredite hängt direkt oder indirekt mit dem Heiligen Land zusammen
(Reisewünsche von Templern, Warenlieferungen). Diese waren deshalb mit dem Risiko von
Kriegsgebieten verbunden. Ein Informationsvorteil über die Lage kann die Risikokosten
erheblich senken.
73 Für das folgende Argument bin ich A skan Wieck zu Dank verpflichtet: Es könnte sein, daß
die dem unteren und mittleren Adel entspringenden Templer aus sozialen (Prestige-)
Gründen ein Interesse nach ähnlichem Reichtum, vor allem Landbesitz hatten wie die
mächtigen Territorialfürsten.
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182 ZjW44/2 (1995) Friedrich Thitßen

IX. Zusammenfassung und Schlußfolgerungen

Der Ritterorden der Templer hat im 12. und 13. Jh. ein einzigartiges inter-
nationales Finanzimperium aufgebaut. Die Templer haben die meisten der Fi-
nanzdienstleistungen angeboten, die auch heute als typische Geschäfte einer
international operierenden Großbank gelten.

Problematisch ist die Verbindung der Finanzaktivitäten der Templer mit ihren
eigentlichen militärischen Aufgaben im Nahen Osten. Die Literatur behauptet,
daß die Finanzgeschäfte im unmittelbaren Zusammenhang mit dem von ihnen
geführten Krieg zu sehen sei, und ihre Hauptaufgabe darin gelegen habe, diesen
Krieg zu unterstützen. Die Erkenntnisse über den Unvollkommenheitsgrad der
mittelalterlichen Finanzmärkte deuten aber daraufhin, daß auch andere Gründe
eine Rolle gespielt haben müssen.

Eindrucksvoll ist aber in jedem Fall die Tiefe und Ausdehnung der Bank-
geschäfte, die nicht zuletzt auf die Vertrauenswürdigkeit zurückzufuhren ist, mit
der die Templer ihre Dienstleistungen erbrachten. 74 Frei von staatlicher Ban-
kenaufsicht, befreit von Eingriffen der lokalen Gerichtsbarkeit, des lokalen
Klerus und sonstiger Regulierungen, 75 aber sehr wirksamer Selbstkontrolle erar-
beiteten sich die Templer ein Leistungsangebot und ein Anbieterrenommee, das
es ihnen ermöglichte, fast 200 Jahre lang Bankgeschäfte zu betreiben, wobei sie
die Produktpalette schrittweise erweiterten, um schließlich eine fast moderne
Universalbank zu sein.

Die eigentlichen Ursachen dieses Erfolges bleiben weiteren Forschungen


vorbehalten. Hier sollen nur zwei Faktoren - ein disziplinierender und ein
Freiräume öffnender - genannt werden, die den Erfolg möglich gemacht haben
können: Zum einen waren die Templer wegen der ständigen Verluste in den
Kriegsgebieten gezwungen, jederzeit attraktiv für weitere Schenkungen und
Eintritte zu sein. Dies mag disziplinierend auf ihr Anbieterverhalten gewirkt
haben. Zum anderen mögen die herrschenden Mächte die Entfaltung der Finanz-
aktivitäten der Templer deshalb nicht behindert haben, weil deren Vorteile

74 Es sind Verfehlungen von Templerbrüdern bei der Abwicklung von Finanzgeschäften


überliefert, die vom Orden selbst viel stärker geahndet wurden, als die Geschädigten dies für
angemessen hielten; vgl. Demurger (1991).
75 Die Templer bewegten sich in einem weitestgehend 'regulierungsfreien' Raum: Sie unter-
standen direkt dem Papst, der ihnen in der Bulle Ome datum optimum viele Privilegien
gewährt hatte. Weitere Privilegien erhielten sie von den Territorialfürsten. Eine Folge dieser
Privilegien waren die häufigen Streitigkeiten mit dem lokalen Klerus und lokalen weltlichen
Gewalten; ausführlich zu Privilegien: Demurger (1991).
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Die Finanzgeschäfte der Templer und ihr Beitrag zum Krieg im Nahen Osten 183

einfach zu offensichtlich waren. Davon zeugt das Ausmaß, in dem die Könige die
Finanzdienstleistungen der Templer in Anspruch nahmen. Wie sie die Lei-
stungen einschätzten, beleuchtet der folgende Ausschnitt aus einem Brief Lud-
wigs des VII. von Frankreich: "Wir können uns nicht vorstellen, wie wir ohne den
Beistand der Templer in diesen Landen hätten überleben können. Sie liehen uns
eine beträchtliche Summe. Sie muß ihnen zurückgegeben werden".76 Das Bei-
spiel der Templer legt die Folgerung nahe, daß Vertrauen in das zuverlässige
Verhalten von Banken auch dadurch gewonnen werden kann, daß sie sich selbst
eindeutige Regeln des Verhaltens auferlegen. Im Fall der Templer wurde die
Disziplin der Einhaltung solcher Regeln durch den militärisch-religiösen Cha-
rakter des Ordens begünstigt, lag aber auch in seinem langfristigen Organisa-
tionsinteresse.

LITERATURVERZEICHNIS

Büschgen, Hans E. (1970), Universalbanken oder spezialisierte Banken als Ordnungs-


alternativen fiir das Bankgewerbe der Bundesrepublik Deutschland unter besonderer
Berücksichtigung der Sammlung und Verwendung von Kapital, Gutachten fiir die
Gesellschaft für Bankwissenschaftliche Forschung e.V, Köln, vervielfältigtes
Manuskript.
Burman, Edward (1986), The Templars, London.
Charpentier, John (1965), Die Templer, Stuttgart; Übersetzung der Originalaus-
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Creifelds, Carl (Hrsg.) (1986), Rechtswörterbuch, München.
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Delisle, Léopold (1975), Mémoire sur les opérations financières des Templiers, Genf.
Demurger, Alain (1991), Die Templer - Aufstieg und Untergang 1118-1314, Mün-
chen.
Edbury, Peter (1980), "A note on the repayment of loans in mid-thirteenth-
century acre", in: D.M. Metcalf und PW Edbury (Hrsg.), Coinage in the Latin
East, The Fourth Oxford Symposium on Coinage and Monetary History, BAR
International Series, o. O.

76 Demurger{ 1991, 208). Ein weiteres Beispiel: 1295 legte EdwardI. von England die Verwaltung
der Einnahmen der Krone in die Hände der berühmten italienischen Bankiers Biche und
Mouche, von deren Leistungen er wenig erfreut war, so daß er sie 1303 den Templern gab; vgl.
Demurger (1991, 209).
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184 ZJW44/2 (1995) Friedrich Thießen

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Fourth Oxford Symposium on Coinage and Monetary History, BAR Inter-
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Schaube, Adolf (1898), "Die Wechselbriefe Königs Ludwig des Heiligen von
seinem ersten Kreuzzuge und ihre Rolle auf dem Geldmarkt von Genua", in:
JahrbücherfiirNationalökonomie und Statistik, 3. Folge, Band XV

Dr. Friedrich Thießen


LehrstuhlfiirAB WL und Bankbetriebslehre
Universität Frankfurt
Mertonstr. 17
D - 60054 Frankfurt

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