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Z. Physiother. Jg.

42 (1990) 389—396 Georg Thieme Leipzig GmbH

Aus der Betriebspoliklinik Technische Universität Dresden (Arztlicher Direktor: MR Dr. med. G. AL-
SCHNER)

Ergebnisse der C02-Gasinsufflationstherapie bei Patienten mit


Kopfschmerzen und anderen Beschwerden
2. Mitteilung
Von H. STEUBER

Schlüsselwörter: Gasinsufflation — Therapieergebnisse —


Kopfschmerz

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Zusammenfassung
Es wird tiber Ergebnisse mit der C02-Gasinsufflationstherapie an 378 Patienten mit Kopfschmerz-
syndromen und anderen Beschwerden berichtet.
SchluBfolgerungen Behandlungsrnodalitäten werden gezogen.

Summary
Results of CO2 gas insufflation therapy on 378 patients with headache syndromes and other
complaints are presented.
Conclusions are drawn concerning therapeutiv procedures.

1. Methode
1.1. Steilte die erste Mitteilung (STEUBER) Testergebnisse von 105 Patienten dar, so soil die
zweite Mitteilung die Ergebnisse quasi einer multizentrischen Studie aus drei Dresdner
Ambulanzeinrichtungen bekanntmachen:
1. Poliklinik Dr.-Neustadt (48 Patienten);
2. Poliklinik Dr. -Blasewitz (125 Patienten);
3. Poliklinik der TU Dresden (205 Patienten);
insgesamt 378 Patienten.
1.2. In allen drei Einrichtungen wurden die gleichen Klassifikationsmerkrnale, diagnostischen
Kriterien, Uberweisungsmodalitaten und Behandlungsprinzipien angelegt, urn Vergleichbarkeit
der Ergebnisse zu erreichen.
1.3. Die technisch-apparativen Voraussetzungen waren in allen drei Einrichtungen identisch; das
Therapiemittel CO2 ohnehin. Die Insufflationszahien pro Behandlungsserie bewegten sich von
durchschnittlich 9,54 bis zu 9,8 Insufflationen pro Serie.
1.4. Die Behandlungsergebnisse wurden im Zeitraum vorn April 1987 bis April 1989 erzielt.
Jahreszeitliche Schwankungen haben wir bei den statistischen Berechnungen nicht berucksichtigt;
sie sind uns bei Ubersichtsbetrachtung allerdings auch nicht aufgefallen.
1.5. BezUglich der Nomenklatur, so wie wir sie verwendeten und in der ersten Mitteilung
beschrieben haben (STEUBER), hat es in der Zwischenzeit von der ,,International Headache
Society" (IHS) eine Anderung gegeben; Begriffe wie klassische oder einfache Migrane werden
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nicht mehr verwendet; ,,klassische Migräne" heute oft nur im Sinne von ,,typischer Migräne"
usw. Für die Kiassifizierung der Kopfschrnerztypen bei unseren Patienten karn diese Anderung
jedoch zu spat, da wir erst im Oktober 1989 von ihr Kenntnis erhielten.
1.6. Zur mathematisch-statistischen Absicherung der Ergebnisse verwendeten wir wieder den
Chiquadrattest nach Pearson (Ergebnisse aus Kontingenztafeln) bei einern Signifikanzniveau von
5% (= Irrturnswahrscheinlichkeit). AuBerdern verwendeten wir zur Schätzung von Wahrschein-
lichkeiten die Methode der ,,Konfidenzintervalle fur eine unbekannte Wahrscheinlichkeit" unter
Benutzung der ,,Aproximation durch die Normalverteilung". Auch hier sind wir von einern
,,Konfidenzniveau" 0,95 (d. h. Irrtumswahrscheinlichkeit von 5%) ausgegangen.
1.7. Eine Kontroligruppe aus Patienten ohne Behandlung haben wir nicht gebildet. Für uns stand
im Vordergrund die Behandlung der Patienten mit dem Ziele der Beschwerdeverbessening; erst
hinterher ergab sich uns die Nützlichkeit einer gewissen wissenschaftlichen Aufarbeitung der
Ergebnisse.

2. Ergebnisse
Bei der Darstellung der Ergebnisse verzichten wir in dieser Mitteilung auf aligemeine Beobach-
tungen wie Alter der Patienten, Beschwerdedauer, flankierende Laborergebnisse etc.
Hierzu ist, im Vergleich zu den Ergebnissen an 105 Patienten der ersten Mitteilung, auch bei

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gröBeren Patientenzahlen kein neuer Gesichtspunkt aufgetaucht. Vielmehr soil es ausschlieBlich
urn die Darstellung der Behandlungsergebnisse gehen, die wir von verschiedenen Seiten beleuch-
ten wollen.
2.1. In der Diagnose-Gruppe ,,Klassische Migrane" (69 Patienten) können wir einen kontinuierli-
chen Anstieg der Besserungsraten von der 2. bis zur 12. Woche nach Behandlungsende
feststellen. Dieses Ergebnis ist statistisch signifikant, d. h., zu verschiedenen Befragungszeiten ist
die Angabe der Patienten uber Verbesserung oder Verschlechterung deutlich signifikant voneinan—
der unterschieden, und zwar mit beiden verwendeten statistischen Methoden, (Tab. 1 a).
2.2. Keinen statistisch signifikanten Unterschied dagegen gibt es zwischen den unterschiedlichen
Befragungszeiten in der Gruppe ,,einfache Migrane" (148 Patienten), obwohl absolut ebenfalls
eine Zunahme der Besserung (zumindest im Bereich ,,gering gebessert") zu verzeichnen ist
(Tab. Ib).
2.3. Auch in der Zusarnmenfassung der Ergebnisse aus beiden Migranegruppen (217 Patienten)
hell sich — trotz vorhandener steigender Tendenz der Besserungsangaben — kein statistisch
signifikanter Unterschied zwischen den Befragungszeiten nachweisen (Tab. 2).
Mehr als jeder 7. Migrane-Patient gibt nach unseren Erfahrungen urn die 2. Woche nach
Behandlungsende herurn eine Verschlechterung seiner Beschwerden durch die Insufflationsthera-
pie an. 12 Wochen nach Behandlungsende ist es nur noch jeder 20. Patient.
Rund jeder 7. Migräne-Patient (= 14,28%) zeigte während keiner der Befragungszeitraume eine
Besserung seiner Beschwerden an. Dabei ist bei diesen Patienten eine Haufung der neurose-
relevanten Items aus dern Beschwerdefragebogen nach Hock und Hess nicht zu verzeichnen. 18
von 31 dieser Patienten (= 58,06%) wiesen einen normalen Beschwerdefragebogentest auf; in
der gesamten Migräne-Gruppe lag dieser Anteil mit 55,5% in etwa gleich hoch.
2.4. Spannungskopfschmerz. 92 Patienten wurden insgesarnt unter dieser Diagnose (heute
tension-type headache; Soyka) behandelt. Die Ergebnisse zeigen einen HOhepunkt der Wirksam-
keit urn die 6. Woche nach Behandlungsende mit 66 % Besserung. 12 Wochen nach Behandlungs-
ende dagegen ist em Abfall der Patientenzahlen mit Besserung festzustellen.
Die Unterschiede in den Häufigkeiten zwischen den einzelnen Befragungszeiten sind nicht
statistisch signifikant (Tab. 3).
Auch bei Patienten der Diagnosegruppe Spannungskopfschrnerz gab es einen etwa gleich grollen
Prozentsatz (= 16,6 %) wie schon bei Migrane-Patienten beschrieben, der alle Befragungs-
zeiträume hin keine Verbesserung der Kopfschmerz-Situation angab. Auch bei diesen Patienten
bestand keine besondere (der Gesamt-Diagnosegruppe gegenuber höhere) Neuroserelevanz (10
von 15 Patienten mit normalen Beschwerdefragebogen-Werten bei den zu keiner Zeit gebesserten
Patienten; 45 von 92 mit norrnalen Beschwerdefragebogen-Werten in der Gesamtgruppe).

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Tabelle 1 a. 69 Patienten mit ,,Klassischer Migrane"

Beurteilung 2. Woche 6. Woche 12. Woche


absol. %, absol. rel. % abol. %

deutlich gebessert 9 14,06 19 28,78 11 31,4


bis vollig
abgeklungen
gebessert 25 39.06 21 31,8 14 40
gleichgebliegen 23 35,9 19 28,78 9 25,7
verschlechtert 6
10,09 10 6 — 2,8
deutlich verschlechtert 1 3

Zahi der 64 92,95 66 95,65 35 50,72


Beurteilungen

Unterschiede statistisch signifikant

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Tabelle lb. 143 Patienten mit ,,einfacher Migrane"

Beurteilung 2. Woche 6. Woche 12. Woche


absol. % absol. rel. % abol. %

deutlich gebessert 40 27,9 37 21,7 27 24,5


bis vollig
abgeklungen
gebessert 46 32,16 56 38,09 44 40
gleichgeblieben 37 25,8 41 27,8 32 29,09
verschlechtert
13 '9 8 '8 6 '36
deutlich verschlechtert 13 6 2

Zahi der 143 96,62 147 99,32 110 74,32


Beurteilungen

Unterschiede statistisch nicht signifikant

2.5. Uber Behandlungsergebnisse bei Patienten mit HNO- und anderen Diagnosen soil hier nicht
berichtet werden.
2.6. In der Einrichtung 2 untersuchten wir unter einem besonderen Blickwinkel in einer
Stichprobe die Wirksamkeit unterschiedlicher Isufflationsarten, damit indirekt auch die der
thglich applizierten C02-Menge. 53 Patienten mit Migrane (38) und Spannungskopfschmerz (15)
wurden in einer Modalität I (Mo I) mit täglich einer Insufflation von 50 cm3 CO2einseitig in die
Nacken-Kopfschmerz-Zonen behandelt.
Das ist die Modalität, die wir in der ersten Mitteilung bereits beschrieben haben. Ebenfalls 53
zufallig ausgewahlte Patienten mit Migräne (27) und Spannungskopfschmerz (26) wurden taglich
beiderseitig mit je 50 cm3 CO2 behandelt in einer Modalität II (Mo II) (Tab. 4).
Während in der Mo I Uber die Wochen nach der Behandlung hin em gleichbleibendes Ergebnis
jeweils knapp unter 2/3 Besserung zu verzeichnen war, zeigen die Ergebnisse der Patienten mit
Mo II bei höherer Besserungsrate einen Abfall bis zur 12. Woche nach Behandlungsende hin,
allerdings mit z. T. mehrfach höherem Anteil von Verschlechterungen gegenuber der Zeit vor der
C02-Gasinsufflationstherapie.

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Tabelle 2. 217 Patienten mit Migräne/gesamt

Beurteilung 2. Woche 6. Woche 12. Woche


absol. % absol. % abol. %

deutlich gebessert 49 23,6 56 26,29 38 26,2


bis völlig
abgeklungen
gebessert 71 34,2 77 36,15 58 40
gleichgebliegen 60 28,9 60 28,16 41 28,2
verschlechtert
deutlich verschlechtert
13
14
13 04' 9
9 '38
6
2
5 '51

Zahi der 207 95,39 213 98,15 145 66,82


Beurteilungen

Unterschiede statistisch nicht signifikant

Tabelle 3. 92 Patienten mit Spannungsschmerz

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Beurteilung 2. Woche 6. Woche 12. Woche
absol. 0/ absol. % abol. 0/

deutlich gebessert 22 24,4 22 24,4 17 21,7


bis vollig
abgeklungen
gebessert 34 37,7 38 42,2 31 39,7
gleichgeblieben 22 24,4 18 20 19 24,3
verschlechtert 8
12'2 12' 2 14 , 1
deutlich verschlechtert 4 4 3

Zahi der Beurteilungen 90 97,8 90 97,8 78 84,7

Unterschiede statistisch nicht signifikant

Die Unterschiede der Beurteilung zwischen beiden Stichproben bestehen, sind jedoch nicht
statistisch signifikant, weder in den beiden Gruppen dec Stichprobe insgesamt, noch auf die
einzelnen Befragungszeiträume bezogen.
2.7. In einer weiteren Stichprobenuntersuchung gingen wir der Frage nach, weiche Umfeld-
Variablen sich auf die Ergebnisse der Insufflationstherapie auswirken könnten. Dabei lag es nahe,
diese Ergebnisse unter dem Aspekt der Schonung der Patienten zu prüfen. Waren doch von
anderen Autoren (siehe bei STEUBER) z. T. wesentlich bessere Ergebnisse mitgeteilt worden, die
unter Kurregime-Bedingungen, d. h. mit einern zusätzlichen Schonfaktor für die Patienten erzielt
worden waren.
In einer Stichprobe von 94 Patienten aus dec Einrichtung 3 wurden a) 46 Patienten mit
unterschiedlichen Diagnosen (Migrane, Spannungskopfschmerz, HNO-Diagnosen), denen eine
Schonarbeit in Form von 6-Stunden-Arbeitszeit taglich während der Zeit der Behandlungsserie
zuerkannt wurde, verglichen mit b) 48 Patienten der gleichen Diagnosen, die Schonarbeit
ablehnten.
Die Tabelle 5 zeigt die Ergebnisse.
Die Zuerkennung ,,Schonarbeit" wurde als mögliches unterstützendes Moment der Therapie im
Rahmen dec gruppenweise durchgefuhrten Einfuhrung in die Behandlung den Patienten angeboten
und von den unter a) genannten Patienten angenommen, von den unter b) genannten abgelehnt.

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Tabefle 4. Stichprobe Insufflat. -Modalittit (106 Patienten)

Beurteilung 2. Woche 6. Woche 12. Woche 2. Woche 6. Woche 12. Woche


absol. 0/ absol. 0/ absol. 0/ absol. % absol. 0/ absol. 0/

deutlich gebessert 16 17 16 11 12 12
bis vbllig abgeklungen 62,26 62,26 60,3 71,69 73,58 62,2
'C
C
gebessert 17 16 16 27 27 21
C' gleichgeblieben 16 30,18 16 30,18 18 33,9 9 16,9 5 9,4 12 22,6
verschlechtert 3 2 6
deutlich verschlechtert 1 1
56 3,77 11,3 1509 15,09
1 3 2 I

Zahi der Beurteilungen 53 100 52 52 53 100 52 53

Mo. I einseit. tag!. alternier. — Mo. II tag!. bds. Unterschiede: statistisch nichtsignifikant

Tabelle 5. Stichprobe Schonarbeit (94 Patienten)

Beurteilung 2. Woche 6. Woche 12. Woche 2. Woche 6. Woche 12. Woche


absol. % absol. 0/ absol. 0/ absol. % absol. % absol. 0/

deutlich gebessert 9 11 9 9 12 11
bis vollig abgeklungen 47,4 56,51 56,45 50 65,95 68,74
gebessert 13 15 17 14 19 22
gleichgeb]ieben 19 41,3 17 36,95 18 39,13 16 34,7 15 31,91 10 20,83
verschlechtert 2
deutlich verschlechtert ' 10,86 6,25 15,2 2,12 10,4

Zahi der Beurteilungen 46 100 46 100 46 100 46 47 48 100


— 46 mit Schonarbeit — —
48 Pat. ohne Schonarbeit
• •
0 Alter 48,3 Jahre 0 Alter 44,12 Jahre
24 von 46 Pat. normalerJ3eschwerdefragebogen 38 von 48 Pat.: normaler Beschwerdefragebogen
( 52,77 %) statist.signifikant ( 79,16%)
Unterschiede in den Beurteilungen: statistisch nicht signifikant.

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Zwischen beiden Gruppen der Stichprobe bestand em nicht signifikanter Altersunterschied der
Patienten a): 48,3 Jahre im Durchschnitt; b): 44,18 Jahre im Durchschnitt. Bezuglich neurotischer
Tendenz im Beschwerdefragebogen-Test zeigten 24 von 46 Patienten der Gruppe a) (= mit
Schonarbeit) einen normalen Beschwerdefragebogen; dagegen waren es 38 von 48 Patienten der
Gruppe ohne Schonarbeit. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant (Methode der Konfidenz-
intervalle),
2.8. Wie schon in der ersten Mitteilung deutlich gernacht, haben wir den Patienten nach
AhschluB der Behandlungsserie Beurteilungskarten mitgegeben, die 2, 6 und 12 Wochen nach
Behandlungsende auszufüllen waren. Kriterien der Beurteilung bei Kopfschmerz waren Intensität
und Häufigkeit der Beschwerden sowie — vodergrundig betont erfragt — der Medikamentenver-
brauch in dieser Zeit.
In der Einrichtung 3 sind auch — offenbar mit zu unpriizisen Angaben für die Patienten —
Kopfschmerzkalender ausgegeben worden, aus denen aber hinterher das Verhaltnis vor/nach der
Behandlung nicht deutlich genug erkennbar wurde.
Die Haufigkeiten der Antworten der Patienten ihre Befindlichkeiten nach Behandlungsende
ist aus der jeweils letzten Spalte der Tabellen 1—5 ersichtlich. In einer Stichprobe aus 100
Patientenunterlagen der Einrichtung 3 mit den Diagnosen Migrane, Spannungskopfschrnerz und
HNO-Diagrarnm, zufällig aus dem Unterlagenstapel herausgezogen, haben wir versucht, doch
noch zu differenzierteren Aussagen die Befindlichkeiten ,,Verbesserung"/,,Gleichgeblie-

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benen"/,,Verschlechterung" zu kommen.
Dabei stimmen prinzipiell die Abnahme der Intensitat/Beschwerdehäufigkeit und die Medika-
mentenverbrauchsabnahme mit den Befindlichkeiten der Patienten uberein, d. h., Besserung
spiegelt sich tatsächlich in Abnahme des Medikamentenverbrauchs im jeweiligen Befragungszeit-
raurn wider. Ohne durchgeführte statistische Absicherung ist aus den Beurteilungskarten der
Patienten bei Angabe der Verbesserung eine Senkung des Medikamentenverbrauchs urn minde-
stens ½ der Menge abzulesen, bezogen auf den Zeitpunkt vor Behandlungsbeginn.
2.9. Mit einem dreidimensionalen Chiquadrat-Test waren folgende Ubergreifende Signifikant-
Unterschiede deut]ich zu machen:
Unterschiede der Patienten-Beurteilungen zwischen den Diagnosen Migräne, Spannungskopf-
schrnerz, HNO sind statistisch signifikant, jedoch nur in der 2. Woche nach Behandlungsende.
In einem Beziehungsgefüge A (Einschatzung der Patienten) zu B (Befragungszeit) zu C (Dia-
gnose) ist immer dann statistische Signifikanz der Unterschiede festzustellen, wenn C (Diagnose)
in einer festen Beziehung steht, z. B.
AB : C = statistisch nicht signifikant, aber
AC: B sowie BC: A = statistische Signifikanz.
Hieraus wird deutlich, daB die Behandlungsunterschiede zwischen den drei Diagnose-Gruppen
nicht nur zufallig bestehen, sondern tatsächliche, mathematisch-statistisch zu sichernde Beobach-
tungen sind.

3. Diskussion

3.1. Insufflationsort und Behandlungsergebnisse


Sie könnten die Wirksamkeit der C02-Gasinsufflationstherapie entsprechend dern bisher bekannt
gewordenen Hypothesen belegen (vorwiegend Badal, siehe bei1 STEUBER; auch RICHTER). Nach
den Patientenangaben spielt weniger die insufflierte Menge als vielmehr der Stich und das
entstehende subkutane Gasemphysem die entscheidende Rolle.
Auch die Bestatigung der von Richter postulierten Wirkungsweise: das subkutan entstehende
künstliche Gasemphysern wirke als flächenhaftes Trauma, wobei die lokale Hyperarnie ebenfalls
traumatisch bedingt sei, ist durch unsere Anwendung denkbar. Diese Hypothese erhält eine
mogliche Zusammenhangsunterstützung durch die unter Punkt 2.6. dargestellten Ergebnisse der
unterschiedlichen Insufflationsmodalitaten. Wenn der Hypothese von Richter gefolgt werden soil,
dann konnte die Intensivierung der nociceptiven Afferenz durch die von uns Mo II benannten

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Insufflationsart zur anfänglichen Erhohung des Besserungsraten bei den mit dieser taglich
doppelten Insufflation behandelten Patienten gefuhrt haben, wobei unserer Meinung nach das
zweimalige Stechen die entscheidende Rolle dabei zu spielen scheint, nicht die doppelte C02-
Gasmenge. Geben doch die Patienten das Druck- und Spannungsgefuhl urn den Insufflationsort
herum unabhangig von der insufflierten Menge des Gases an, wie an Beispielen ungewolit
niedriger Mengen wahrend der Insufflation deutlich wird. Ob die Insufflationsgeschwindigkeit
eine Rolle spielt, wie Richter angibt, haben wir nicht speziell nachprufen können.

3.2. Zur Effektivitat der C02-Gasinsufflationstherapie bei abgeklärten Kofpschmerz-Syndromen

Mit den von uns vorgelegten Behandlungsergebnissen läBt sich unserer Meinung nach auch ohne
das parallele Nichtbehandeln einer Kontroligruppe die gute und z. T. sehr gute Wirksamkeit der
C02-Gasinsufflationstherapie bei geklarten Kopfschmerz-Syndromen für rund 2/3dieser Patienten
belegen. Dabei halt diese Wirkung viele Wochen an.
Eine 100 %ige Wirksamkeit oder gar em Verschwinden der Migrane bei den bekannten vielfälti-
gen pathogenetischen Entstehungsmechanismen (TAUBERT) erschien uns von Anfang an hdchst
unwahrscheinlich. Wie bei jeder Therapie, so mut3 auch hier mit einem Teil von Therapieversa-

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gem gerechnet werden, wenn es sich urn eine nicht-kausale Therapie handelt. Unserer Erfahrung
nach muB in einem Anteil von 10—20% bei Migrane-Patienten mit soich einer Versagerquote
gerechnet werden.
Moglicherweise sprechen Patienten mit einer sogenannten ,,Klassischen Migrane" anders auf die
C02-Gasinsufflationstherapie an als Patienten mit der ,,einfachen Migrane"; zurnindest was den
Faktor der zeitlichen Wirkung anbetrifft. Die unterschiedlichen Ergebnisse, wie sie unter Punkt 2
dargestelit worden sind, könnten em Hinweis dafür sein.
Der Anteil von neurotischer Tendenz liegt bei Patienten mit Spannungskopfschmerz gering höher
(51,08%) als bei Patienten mit Migrane (44,5%) siehe auch bei KRöNER und HEIss, KRAUSE,
TAUBERT.
Bei Patienten, die uber den ganzen Befragungszeitraum von 12 Wochen keinerlei Besserung
angeben, scheint diese neurotische Tendenz keine ursächliche Rolle zu spielen, da sowohi bei
Migranepatienten als auch bei soichen mit Spannungskopfschmerz der Patientenanteil mit
normalen Beschwerdefragebogen-Testergebnissen groBer ist als bei den Patienten mit Besse-
rungstendenzen.
Die Deutung der Ergebnisse aus Tabelle 5 (Schonarbeitsprinzip) fhllt uns schwer.
Zieht man die von uns genannten Einflul3grol3en Alter und neurotische Tendenz von den
Ergebnissen ab, bleibt offenbar nur die SchluBfolgerung möglich, daB unter ambulanten Therapie-
Bedingungen die Verordnung von Schonarbeit für die Zeit der Behandlung keinen zusätzlichen
Gewinn für die Wirksamkeit der C02-Gasinsufflationstherapie bringt.

Literatur
1. BAROLIN, G. S.: Nosologie des Kopfschmerzes, Phänomenologie, Kiassifizierung, Differenzierung wie
5, S. 37—48.
2. KRONER, B., M. HEiss: Der Einsatz von Entspannungsverfahren bei chronischen Kopfschmerzen. In:
Fortschritte der klinischen Psychologie, Bd. 26: ,,Migräne" (Herausgeber: H. Pp. HUBER), Urban und
Schwarzenberg, München-Wien-Baltimore 1982, S. 154— 175.
3. KRAUSE, W.-R.: Psychotherapeutische Methoden in der Kopfschmerz-Behandlung. Z. ärztl. Fortbild. 82
(1989) 24, 1255—1257.
4. RICHTER, R. A. (vom P. Flechsig-Institut für Hirnforschung der KMU-Leipzig; personliche Mitteilung
vom 26. 4. 1989.
5. SOYKA, D.: Die neue Kopfschmerz-Klassifikation der International Headache Society (IHS). Munch.
med. Wochenschr. 131 (1989) 15, 281 —282.

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6. STEUBER, H.: Erste Ergebnisse der C02-Gasinsufflationstherapie bei Patienten mit Kopfschmerzen und
Beschwerden, Z. Physiother. 42 (1990), 125—131.
7. TAUBERT, K.: Zur Pathogenese der Migrane. Z. arztl. Fortbild. 82 (1988) 24, 1227—1238.

Manuskripteingang: 20. 4. 1990


Manuskriptannahme: 24.4. 1990

Anschrift des Verfassers: Dr. med. H. STEUBER,


FA für Physiotherapie,
Holbeinstral3e 82,
0-8019, Dresden

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