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2001

Jürgen Habermas
FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

Jan Philip Reemtsma


_________________________________
Laudatio

Es hat in letzter Zeit Versuche gegeben, die einer Art Leitidee, die mir bei aller scheinbaren
Bedeutung des Werks von Jürgen Habermas Unscheinbarkeit doch sowohl ins Zentrum von
durch Historisierung zu dementieren. Habermas Habermas' Theoretisieren zu führen als auch die
sei der Philosoph der alten Bundesrepublik Spur des historischen Umfelds, der Bundesrepu-
Deutschland - nun, in der neuen, der Berliner blik Deutschland in ihrer sonderbar prekären -
oder wie man sie nennen möchte, möge man ihn zuweilen fragilen, zuweilen wie selbstverständ-
ehren, man brauche ihn aber nicht mehr zu hö- lich gelingenden - Existenzweise zu zeigen
ren. So könnte es also der Friedenspreis des scheint. Es ist die Leitidee der Anschließbarkeit.
Deutschen Buchhandels allen recht machen: den Die ausdauernde Prüfung der Anschlussfähigkeit
Verehrern sowieso, den Verächtern als Besie- von Theorien erfährt der Leser, sagen wir: der
gelung der Historisierung als Erledigungsform. »Theorie des kommunikativen Handelns« zu-
Über bloße Meinungen zu streiten ist nicht inter- nächst formal, zuweilen im Medium der eigenen
essant. Interessanter ist die Feststellung, dass das Ungeduld, wenn er wissen möchte, »wie es
Argument nicht stimmt. Die historische Veror- weitergeht«, aber erst einmal noch durch die
tung des philosophisch-gesellschaftstheoreti- Prüfung einer konkurrierenden Weber-Interpre-
schen Entwurfs von Jürgen Habermas macht tation (1, 2, 3 und a, b und c) hindurch muss, und
diesen nicht zu einem Archivstück. Dass etwas, dem ein Blick aufs Inhaltsverzeichnis den nöti-
dessen Genesis analysierbar ist, darum nur auf gen Hinweis darauf gibt, dass hier kein Voll-
deren Umstände begrenzte Geltungsdauer habe, ständigkeitswahn obwaltet, sondern ein Prinzip:
wäre denn doch ein dummer Gedanke. »Die Fähigkeit, die besten Traditionen anzueig-
Doch kann man es ja nicht von der Hand nen und zu verarbeiten, ist... ein Zeichen für die
weisen: Wer sich die kürzliche Einladung in die Anschlussfähigkeit und die Fassungskraft von
Volksrepublik China vergegenwärtigt, wer sich Gesellschaftstheorien, die immer auch auf die
die Philosophieregale englischer oder ameri- Durchsetzung eines bestimmten, im kollektiven
kanischer Buchläden ansieht, der kommt um die Selbstverständnis verwurzelten Paradigmas von
Feststellung nicht herum, dass Jürgen Habermas Gesellschaft abzielen.«1 Das Geschäft der An-
der Philosoph der Bundesrepublik Deutschland schließbarkeitsprüfung ist eben nicht nur eines
ist. Dass dieser Genitivus subjectivus gültig ist, der Bemühung um Integration, sondern auch der
wird niemand bestreiten, mancher ihn aber auch kritischen Prüfung: Ein Sozialwissenschaftler,
als objectivus verstehen und an den politischen der sich mit der Frage auseinander setze, aus was
Publizisten denken. Ich möchte aber einen für Gründen bestimmte Theorien ganz allgemein
Schritt weitergehen und das Geschäft der Histo- gesprochen »Bedeutung gewonnen« haben,
risierung über solche selbstverständlichen Zu- müsse sich, so Habermas, die Gründe vergegen-
schreibungen hinaus betreiben, denn nur so wärtigen, »mit denen sich neue Ideen durchge-
kommt man über die Gleichung Historisch-Wer- setzt haben. Von diesen Gründen muss sich der
den = Veralten hinaus. Um eines der Lieblings- Sozialwissenschaftler nicht selbst überzeugen
zitate des Preisträgers zu verwenden: Contra lassen, um sie zu verstehen; aber er versteht sie
deum nisi deus ipse. nicht, wenn er nicht mindestens implizit zu ihnen
Ich widerstehe der Versuchung, das Ge- Stellung nimmt.«2 Das Prinzip der Anschließbar-
samtwerk auf einen thematischen Nenner zu keitsprüfung konstituiert den Rhythmus von
bringen, der angesichts seiner Komplexität be-
stenfalls zu einem wohlwollenden »Ja ... aber ...« 1
Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt / M. 1987,
führen könnte, und greife lieber nach einem Bd. 2, S. 298
nicht einmal theorietechnischen Begriff, sondern 2
Ebd. Bd.1, S. 269

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FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

Habermas' Theoriesprache. Sie entfaltet ein kierten Ziele sicher (das ist ja die eigentliche Be-
Stück vorgefundener Theorie bis zu einem di- deutung von »methodos«: step by step) erreicht
lemmatischen, aporetischen oder bloß unbefrie- werden.
digenden Ende, und dieses Ende wird die Stelle, Aber darum geht es mir weniger als darum,
an die eine weitere Theorie angeschlossen wer- dass der von mir gewählte Begriff der An-
den kann, um so den Theorieprozess insgesamt schließbarkeit, der ja zugegebenermaßen ein
voranzutreiben. Als »konstruierende Puzzlear- wenig blass wirkt und dem es auch gar nicht um
beit«3 hat er selbst das einmal - ironisch unter Originalität zu tun ist (muss nicht eine Theorie,
Wert - ausgezeichnet. Die teleologische Aus- in der es um kommunikatives Handeln geht, die
richtung auf die eigene Theorie des kommuni- Frage nach der Bedingung kommunikativer An-
kativen Handelns, die mehr ist als »argumenta- schlüsse variantenreich behandeln und in sich
tive Synthesis«4 des Vorgefundenen, kommt selbst darstellen?), dass diese Idee oder besser
aber in diesem Ziel nicht zur Ruhe - in ihr ist die die sie begleitende oder vielleicht fundierende
Dynamik des Anschlussbegehrens selber verkör- Emotion, historische Prägung aufweist - auf sie
pert. Die Erfüllbarkeit, aber nicht Abschließbar- hinzuweisen ist in dieser Hinsicht alles andere
keit ihres eigenen Anschließungsbegehrens weist als trivial. 1958 schreibt Habermas über Karl
die »Theorie des kommunikativen Handelns« als Jaspers' Philosophie der Kommunikation: »So
proof of the pudding aus: Er möchte, so Haber- unterstehen alle philosophischen Gedanken als
mas, kurz vor Ende des zweiten Bandes, »den ihrem obersten Richtmaß der Frage, ob sie
völlig offenen Charakter und die Anschlussfä- Kommunikation hemmen oder fördern. Die un-
higkeit eines gesellschaftstheoretischen Ansatzes freiwillige Isolierung unterm Terror des Nazire-
betonen [...], dessen Fruchtbarkeit sich allein in gimes verschärfte Erfahrungen schon aus früher
verzweigten sozialwissenschaftlichen und philo- Lebensgeschichte, denen zufolge Jaspers der
sophischen Forschungen bewähren kann.«5 Abbruch der Kommunikation als das Böse
Die Frage nach der Anschließbarkeit prägt schlechthin erscheint.«6 Nach 1945 stellt sich
bereits und entscheidend die frühen, 1971 erst- das Problem dann anders als unter Bedingungen
malig publizierten »Philosophisch-politischen intellektueller Isolation - die Frage der An-
Profile« mit den Aufsätzen aus den 50er Jahren schließbarkeit stellt sich als Auswahlproblem.
über Gehlen, Plessner und je zweimal über Hei- Darum ist der zeitlich erste der Aufsätze in den
degger und Jaspers und denen aus den 60ern »Philosophisch-politischen Profilen« so bedeut-
über Bloch, Löwith, Mitscherlich, Wittgenstein, sam als Signalsetzung für den politischen Publi-
(erneut) Jaspers, über Arendt, Abendroth, Mar- zisten ebenso wie - trotz der einleitenden Be-
cuse und den beiden über Adorno, der eine ein merkungen - für den Theoretiker des philosophi-
Nachruf. In diesen frühen Arbeiten finden sich schen Diskurses der Moderne: »Der Philosoph
Markierungen einer intellektuellen Landkarte, Martin Heidegger beschäftigt uns hier nicht als
die erstaunlich deutlich sagen, wo der Weg hin- Philosoph, sondern in seiner politischen Aus-
gehen, wenn auch noch offen bleibt, wie er ge- strahlung.« In der Auseinandersetzung mit ihr
bahnt werden soll. Die dem Leser im Vorwort trete die »Wächterschaft der öffentlichen Kritik
zur ersten Auflage der »Theorie des kommuni- in ihre Rechte«; sie habe »die Bedingungen zu
kativen Handelns« gegebene Auskunft, während klären, unter denen öffentliche Störungen zu-
der Vorarbeiten sei ihrem Verfasser zeitweilig stande kamen, Bedingungen also, die zu verän-
über den Details der Anschließbarkeitsprüfungen dern sind, um dergleichen Störungen in Zukunft
»das Ziel der ganzen Untersuchung aus dem zu vermeiden«.7 Videant philosophi ne quid res
Blick« geraten, mag als biografische Reminis- publica detrimenti capiat - es geht um die Publi-
zenz ihre eigene Wahrhaftigkeit haben; der Leser kation von Heideggers »Einführung in die Meta-
hat ein Ergebnis vor Augen, in dem in den De- physik«. Es handelte sich um die unveränderte
tails, den Wegbiegungen, die manchmal an die Veröffentlichung8 von Vorlesungen aus dem
Benjaminsche Übersetzung des Wortes »Me-
6
thode« als »Umweg« erinnern, die früh mar- »Die Gestalten der Wahrheit«, in: Philosophisch-politische
Profile, Frankfurt/M. 1981, S. 87
7
3
»Martin Heidegger«, in: ebd., S.65
»Dialektik der Rationalisierung«, in: Die neue 8
Sie waren eben nicht ganz unverändert, und in diesem
Unübersichtlichkeit, Frankfurt / M. 1985, S. 207 Umstand liegt eine kuriose versetzte Pointe. Habermas zitierte
4
Ebd. Heidegger so: »mit der inneren Wahrheit und Größe dieser
5
Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.2, S. 562 Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch

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Jahr 1935, enthaltend die Formulierung von der einzelnen zur Disposition, sondern sind gemein-
»inneren Wahrheit und Größe« der nationalso- samer Besitz. Deshalb lassen sie sich in be-
zialistischen Bewegung. wusster Weise auch nur im Medium des öffentli-
Habermas stellte anlässlich dieses philoso- chen Streits um die jeweils richtige Interpreta-
phisch-politischen Skandals die Frage nach der tion verändern«12, heißt es in dem Aufsatz »Was
»faschistischen Intelligenz«, und er stellte sie bedeutet: >Aufarbeitung der Vergangenheit
doppelt: als die nach der Vorgeschichte des Na- heute<?« - der Titel unterscheidet sich nur durch
tionalsozialismus wie nach der gerade mal acht- die Hinzufügung des Wortes »heute« von dem
jährigen Nachgeschichte, die »durch das kon- des in den 60er Jahren gehaltenen Vortrags von
stante Ausweichen vor diesem Problem gekenn- Theodor W. Adorno, bezieht sich aber auf zwei
zeichnet« sei,9 und er klagt die vergeudeten acht deutsche Vergangenheiten, deren Aufarbeitung
Jahre ein, in denen es an Mut gefehlt habe, »das je spezifischer Anstrengungen bedarf, die unter
Risiko der Auseinandersetzung mit dem, was anderem dann nur gelingen können, wenn man
war, was wir waren, einzugehen«.10 Hier ist ein sie nicht miteinander verwechselt.
Lebensthema angeschlagen, das aufzugeben die Habermas hat die frühe Bundesrepublik als
Bundesrepublik Deutschland ihrem Philosophen einen Ort der prolongierten Abschließung be-
nicht gestattete. Es waren Interventionen unter- schrieben, in dem »die kulturelle und geistige
schiedlicher Art gegen die »Entsorgung der Ver- Provinzialisierung, in die uns die Nazis gestürzt
gangenheit« beziehungsweise die Reduktion der hatten, keineswegs mit einem Ruck, sondern
Aufarbeitung der Vergangenheit als eine »Art relativ langsam überwunden worden ist. Die
Schadensabwicklung« bis hin zu dem Leserbrief Traditionen der Aufklärung und der radikalen
an den Frankfurter Oberbürgermeister Wallmann Moderne sind in ganzer Breite doch erst bis zum
1987 zur Frage der historischen Besonderheit Ende der 50er Jahre rezipiert worden, dann aller-
des deutschen Antisemitismus. Alle diese Inter- dings« - und dieser Nachsatz bedarf ebenso gro-
ventionen sind getragen von der Überzeugung, ßer Beachtung - »vorbehaltloser als je in der
dass in der Bundesrepublik Deutschland »nur die deutschen Geschichte«.13 -»Schließlich lernten
Vermeidung eines falschen Normalitätsbewusst- wir auch über Carnaps, Wittgensteins und Pop-
seins halbwegs normale Verhältnisse hat entste- pers Schriften die in der angelsächsischen Welt
hen lassen«11. Denn: »Je weniger Gleichberech- herrschende Philosophie kennen; wir sahen, dass
tigung und menschenwürdige Gemeinsamkeit mit Wissenschaftstheorie und Sprachanalyse
ein repressiver Lebenszusammenhang im Inne- Maßstäbe für methodische Disziplin gesetzt
ren einmal gewährt, je mehr er sich zuvor nach worden waren, denen die kontinentale Philo-
außen durch Usurpation und Zerstörung fremden sophie nicht mehr genügte.«14 Habermas ist
Lebens erhalten hatte, umso fragwürdiger ist die sowohl Nutznießer als auch entscheidender Be-
Kontinuität jener Überlieferungen geworden, förderer ihrer Rezeption gewesen. Dieser Schritt
welche die Identität des Gemeinwesens bestim- zu einer intellektuellen Westbindung ist ein
men, umso größer die ererbte Bürde einer gewis- wichtiger Teil der Mentalitätsgeschichte der
senhaft sondierenden Aneignung dieser Tradi- Bundesrepublik, ein großer Schritt aus dem Pfad
tionen. Nun stehen Überlieferungen keinem des Sonderwegs.
Diese Sequenz von prolongierter Abschlie-
ßung und forcierter Anschließung - »vorbehalt-
bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen)« (ebd.
S. 66) Christian Lewalter hielt Habermas in einem Beitrag in loser als je in der deutschen Geschichte« - ist der
der »Zeit« daraufhin vor, er habe den in Klammern gesetzten Erfahrungshintergrund für die Überzeugung von
Satz Heideggers nicht als deutliche Distanzierung von der Habermas, dass Kulturen nur unter Bedingungen
nationalsozialistischen Bewegung verstanden. Heidegger selbst
sekundierte in einem Leserbrief in derselben Zeitung und fügte der Gewalt fensterlose Monaden sind oder blei-
hinzu, es wäre ein Leichtes gewesen, »den herausgegriffenen ben können. Diese erfahrungsgegründete Über-
Satz samt den übrigen, die Sie herausgegriffen haben, für das zeugung findet dann ihren theoretischen Aus-
Druckmanuskript zu streichen« - er habe das nicht getan und
werde das auch zukünftig nicht tun. Tatsächlich aber hatte druck in dem gegen den Philosophen Heidegger
Heidegger, wie sich später herausstellte, den in Klammern
12
gesetzten Satz für die 53er Publikation in das Druckmanuskript Was bedeutet »Aufarbeitung der Vergangenheit« heute, in:
eingefügt. Die Normalität einer Berliner Republik, Frankfurt / M. 1995,
9
Ebd., S. 66 S. 23
10 13
Ebd. S. 72 Interview mit Gad Freudenthal, in: Kleine politische
11
Rezension von Richard Rorty »Achieving our Country«, in: Schriften I-IV, Frankfurt /M. 1981, S. 470
14
Zeit der Übergänge, Frankfurt/ M. 2001, S. 164 S. 769f

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gerichteten Bestehen darauf, dass das allem weil »dieser Begriff, der ja aus der Tradi-
»hermeneutische« keinen Vorrang vor dem tion der griechischen Metaphysik stammt [...],
»prädikativen Als«15 habe. Heidegger habe »mit auf einen speziellen Weltbezug, auf den kogniti-
der Historisierung des Seins [...] eine ven Bezug zur Welt des Seienden eingeengt« ist.
Entwurzelung der propositionalen Wahrheit und »Ein entsprechender Begriff, der den Bezug zur
die Entwertung des diskursiven Denkens«16 sozialen und zur subjektiven Welt ebenso ein-
vollzogen, und diese Denkfigur habe ihm schließt wie den zur objektiven Welt, ist in der
zumindest erleichtert, sich temporär, aber wie- Philosophie nicht ausgebildet worden. Diesen
derum folgenreich für seine eigene Philosophie, Mangel soll die Theorie des kommunikativen
mit der Bewegung des Nationalsozialismus zu Handelns wettmachen.«20 Es geht hier nicht um
identifizieren. Oder gegen Wittgenstein, dass Erkenntnistheorie oder irgendeine diesbezügli-
auch angesichts der »Mannigfaltigkeit der histo- che Nachfolgedisziplin, sondern um die Theorie
rischen Sprachspiele und Lebensformen« man der kommunikativen Grundlagen sozialer Inte-
dem Sinnapriori keinen Primat vor der Tatsa- gration.
chenfeststellung einräumen müsse17 - und gene- Andererseits haben gerade Horkheimer und
rell in der Überzeugung, dass sich »die Spuren Adorno in der »Dialektik der Aufklärung«,
einer transzendierenden Vernunft« nicht »im Adorno dann besonders im letzten Teil der »Ne-
Sand der Historisierung und Kontextualisierung« gativen Dialektik« - bis hin zur Mitteilung eines
verlaufen, sondern dass »eine in historischen eigenen Traums21 - den Zeitkern ihres Philoso-
Kontexten verkörperte Vernunft die Kraft zu phierens betont. Der Gefahr der Adhäsion an das
einer Transzendenz von innen« sich bewahre.18 Unwahre wollten sie durch den radikalen Gestus
Ich reduziere einen Denkweg nicht auf das des Nicht-Anschlusses entgehen - bei Adorno in
Moment seiner impliziten Zeitzeugenschaft, der »Negativen Dialektik« bis in die Konse-
wenn ich die Zeit berücksichtige, in der er einge- quenz des Stils: beinahe jeder Satz streicht den
schlagen wurde - dass »in den internen Bezie- voraufgegangenen durch. Das Unternehmen des
hungen zwischen Genesis und Geltung« nicht Buches »Dialektik der Aufklärung«, das ur-
»der Teufel« stecke, »der auszutreiben sei«, hat sprünglich »Philosophische Fragmente« hieß,
Habermas gegen Horkheimer und Adorno be- hat sich für Habermas als vielleicht die größte
tont.19 Darum ist ja die »Theorie des kommuni- intellektuelle wie wohl auch emotionelle Heraus-
kativen Handelns« kein philosophischer Ent- forderung erwiesen - so sehr, dass Axel Honneth
wurf, sondern die Grundlegung einer Gesell- mit einem gewissen Recht die Rekonstruktion
schaftstheorie. Das mag auf den ersten Blick so der Gedanken der »Dialektik der Aufklärung«
aussehen, als seien hier die Ansprüche niedriger auf »theoretisch fortgeschrittenem Niveau« ins
gehängt worden. Das Gegenteil ist der Fall. Stolz Zentrum der »Theorie des kommunikativen
sein, worauf auch immer, kann ja jeder. Das Handelns« stellt.22 Obwohl Denken dem Zivili-
Recht zur Bescheidenheit, die nicht nur koketter sationsbruch ernstlich nur begegnen kann, wenn
Quatsch wäre, ergibt sich nur aus tatsächlichen es, des Schreckens inne werdend, sich der Illu-
Verdiensten. Die »Theorie des kommunikativen sion entschlägt, ihn irgendwie denkerisch »be-
Handelns« müsste im Grunde (es steht an peri- wältigen« zu können, muss es doch auch, will es
pherem Ort, Band 1, Seite 75) »Kritik der onto- nicht selber zum Ritual regredieren, dem Um-
logischen (oder besser: ontologisierenden) Ver- stand intellektuell wie emotionell Rechnung
nunft« heißen, heißt aber nicht nur darum nicht tragen, dass »es weitergeht«, und dass dies zwar
so, weil heutzutage jedes buchartig aufgetrie- die Katastrophe fortleben lässt, aber, trotz Ben-
bene Feuilleton so heißen könnte, sondern vor jamin, nicht nur als Katastrophe.
Den Versuch der »Dialektik der Aufklä-
15
Vgl. »Hermeneutik und analytische Philosophie. Zwei rung«, die Selbstkritik der Vernunft so in die
komplementäre Spielarten der linguistischen Wende?«, in:
Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit II, Oldenburg
letzte Konsequenz zu treiben, dass auch diese
1998, S. 28ff
16 20
Der philosophische Diskurs der Moderne, Frankfurt/ M. Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.1, S. 75
1985, S. 182 21
17
Vgl. Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, in: ders.
Vgl. Anm. 15 Gesammelte Schriften, herausgegeben von Rolf Tiedemann,
18
Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Bd. 6, Frankfurt / M. 1984, S. 356
22
Vernunft, Stuttgart 2001, S. 9 Axel Honneth, »Jürgen Habermas«, in: Dirk Kaesler,
19
Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 156; Herv. Ludgera Vogt (Hg.), Hauptwerke der Soziologie, Stuttgart
J.P.R. 2000, S. 187

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Form der Selbstbezüglichkeit der Kritik verfällt, Vernunft überwunden werden.«26 Notabene:
hat Habermas mit guten Gründen kritisiert. »wenn überhaupt« und »überwunden«, nicht:
Wenn das selbstkritische Potenzial der »geheilt«. Gerade darum aber reagiert der Theo-
skeptischen Vernunft ebenso ideologischer retiker der kommunikativen Vernunft, zu deren
Schein ist wie die von ihm kritisierte ideolo- Tugenden eben auch das Verschonen gehören
gisch-selbstgewisse Vernunft, entfalle der kriti- muss, zu Recht empfindlich, wenn der Gestus
sche Maßstab der Selbstkritik, und das Unter- des Kommunikationsabbruchs und der An-
nehmen der Vernunftkritik lande im performati- schlussverweigerung als Lehrstoff auftritt: »Es
ven Selbstwiderspruch. Dies habe Adorno er- besteht eine Asymmetrie zwischen dem rhetori-
kannt, und die letzte Konsequenz, ihn stilistisch schen Gestus, mit dem diese Diskurse Verständ-
zu demonstrieren, gezogen.23 Damit tendiert nis heischen, und der kritischen Behandlung, der
Adornos Philosophie zur Geste, zum Verstum- sie institutionell, zum Beispiel im Rahmen einer
men. Darum steht er in der Iphigenie-Interpreta- akademischen Vorlesung unterzogen werden«27
tion, die ernst macht mit der Ambivalenz der müssen.
Goethe'schen Charakterisierung, sie sei »verteu- Diese Anschlussverweigerung widerspricht
felt human«, an der Seite des Thoas, solidarisch nach Habermas nicht nur den Maßstäben aka-
mit seinem »Lebt wohl!« im Augenblick seiner demischer Sittlichkeit, sondern geht contre
Resignation.24 Darum auch Adornos späte Nähe coeur, gegen jene »zentrale Intuition, die ich in
zu existenzialistischen Motiven und die Wieder- meiner >Theorie des kommunikativen Han-
aufnahme der Beschäftigung mit Kierkegaard, delns< expliziert habe. Das ist die Intuition, dass
einsetzend mit der Reminiszenz an das Todes- in sprachliche Kommunikation ein Telos von
wort des Apostaten. gegenseitiger Verständigung« - nicht nur von
Habermas verweigert den Anschluss an die Verstehen - »eingebaut ist«.28 Diese Intuition
Philosophie der Unmöglichkeit des Anschlusses. sowohl systematisch als auch historisch als Ent-
»Wer an einem Ort, den die Philosophie einst faltung einer ebenso intellektuellen wie politi-
mit ihren Letztbegründungen besetzt hielt, in schen Chance darzustellen, dient das Werk von
einer Paradoxie verharrt, [...] kann die Stellung Jürgen Habermas spätestens seit der Habilitati-
nur halten, wenn mindestens plausibel zu ma- onsschrift vom »Strukturwandel der Öffentlich-
chen ist, daß es keinen Ausweg gibt. Auch der keit«. Mit systematischen, historischen, soziolo-
Rückzug aus einer aporetischen Situation muß gischen wie anthropologischen Argumenten
verlegt sein, sonst gibt es einen Weg, eben den begründet Habermas diese Chance nicht zuletzt
zurück. Dies, meine ich, ist aber der Fall.«25 damit, dass sie die einzige ist und als Option
Dass in einer Sackgasse etwas zurückbleibt, unvermeidlich auch dann, wenn wir meinen, es
wenn man sie verlässt, muss der nicht leugnen, ginge uns eigentlich um etwas anderes. Wir
der akzeptiert, dass man sie verlassen muss, können aus dem Prozess der Modernisierung
wenn man weitergeht. Weder die kommunika- und Rationalisierung nicht einfach aussteigen.
tive Vernunft, noch ihre Theorie kann alles ein- Auch intellektuell nicht, weil wir die Argumente
gemeinden; sie sollte es darum nicht versuchen zur Kritik der Moderne aus den ihr eigenen Ra-
und kann dann aus solchen Gesten des Verzichts tionalitätsstandards gewinnen, denn anders als
einen Sinn dafür entwickeln, was auch ihr fehlen andere historische Formationen, die sich voll-
muss. Umgekehrt aber bedarf das Nicht-Identi- ständig über Konventionen und Glaubensakte
sche (um diesen Begriff denn doch noch einmal erhalten können, gehört es unabdingbar zu ihr,
zu verwenden) gerade den Raum der kommuni- sich selbst nie selbstverständlich geworden zu
kativen Rationalität, um als Stummes anwesend sein und sein zu können. Der Modus der kriti-
zu sein und nicht als bloß Deviantes abgeschafft schen Distanz zu sich selbst - als permanente
zu werden. »Die Wunden, die die Vernunft Problembewältigung und -generierung - ist ihre
schlägt, können, wenn überhaupt, nur durch die historische Signatur, und insofern kann sie sich

26
»Schmerzen der Gesellschaft. Jürgen Habermas im
23
Vgl. Theorie des kommunikativen Handelns, Bd.1, S. 489ff, Gespräch mit Pekinger Künstlern und Intellektuellen«, in: Die
Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 130ff - u.a.m. Zeit, 10. Mai 2001
24 27
Vgl. Theodor W. Adorno, »Zum Klassizismus von Goethes Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 390
28
Iphigenie«, in: ders. Gesammelte Schriften Bd. u, S. 495ff Die neue Unübersichtlichkeit, S. 173; vgl. auch
25
Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 155 Philosophisch-politische Profile, S. 175f

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selbst nicht kritisch überwinden.29 der Re-Lektüre etwas altbacken wirken, aber in
Allerdings kann sie, und damit die Chancen einem natürlich relevant bleiben: dass die le-
einer Kultur der selbstkritischen Reflexion, zer- bensweltliche Rationalität natürlich auch durch
stört werden. Es sind nach Habermas im We- schlichte Verblödung vor die Hunde gehen kann
sentlichen drei Wege der Destruktion denkbar. - und was heißt da schon »nur«. Dass eine Be-
Denkbar ist eine Zerstörung moderner Rationa- drohung unserer Freiheit nicht als Zerstörung
lität, die den Preis gesellschaftlicher Entdifferen- des Rechts, nach eigener Façon selig zu werden,
zierung zu zahlen bereit ist. Träger solcher Zer- auftritt, sondern als Demontage der Fähigkeit,
störung könnte das Militant- und Mörderisch- sich eine eigene Façon zu geben, ist die nicht aus
werden der Globalisierungskritik sein (ich brau- der Luft gegriffene Besorgnis, in der sich tradi-
che die Stichworte nicht zu nennen) - oder eine tionelle Kulturkritik und Habermas' Warnung
Reaktion darauf, die sich emotionell wie macht- vor den Möglichkeiten der Selbstmanipulation
pragmatisch in diesen Strudel der Entdifferenzie- der Gattung treffen. Auf der anderen Seite
rung ziehen lässt. Denkbar ist zweitens eine könnte man fragen, ob nicht auch ein Gattungs-
Selbstdestruktion durch beschleunigt fortschrei- selbstverständnis zu gewinnen sein könnte, das
tende Differenzierung: die Aufzehrung lebens- der Abwehr der Zumutungen des Möglichen
weltlicher kommunikativer Rationalität durch durch die beiden von Habermas kritisierten
die Imperative formal organisierter Handlungs- Haltungen der Selbstsakralisierung und der
systeme. Dieser Prozess ist, nach Luhmann, ebenso narzisstischen Grandiositätsoption á la
bereits weitgehend abgeschlossen. Allerdings ist »What a piece of work is man« gleich fern wäre,
das, wenn ich richtig sehe, für Luhmann eine aber dennoch seine Sorge um den Bestand der
Frage der Theorie, für Habermas eine der Empi- anthropologischen Substanz des modernen Men-
rie. Schließlich - und dieser Möglichkeit galten schen zwar ernst nähme, aber (jedenfalls diesbe-
Habermas' jüngste Beiträge zur Diskussion um züglich) nicht umstandslos teilte; ein Selbstver-
die Chancen und Risiken der Gentechnologie - ständnis, das vielleicht in der neuesten Selbst-
wäre denkbar, dass es dem Menschen so an die kränkung des Menschen, seiner Deklarierung zur
anthropologische Substanz geht, und zwar durch Biomasse, eine ethische Chance sehen und ihr
die Auswirkungen seiner Fähigkeiten zur vielleicht (etwa mit Schopenhauer nachdenkend)
Selbstmanipulation auf Selbstbild und -bewusst- Gestalt geben könnte - nun, wie dem auch sei -
sein, dass ihm sowohl das Gefühl für die Kon- Habermas hat angemeldet, welcher Art der Dis-
tingenz der eigenen Existenz als Voraussetzung kussionsbedarf ist, und ein genaueres Fragen
der Fähigkeit zur kritischen Aneignung seines nach dem Konnex von rationaler und biologi-
eigenen Lebens als auch sein Potenzial der Le- scher Lebensgestaltung (in beiderlei Sinn)
bensführung in Eigenregie abhanden kommt. Ob könnte die oft doch sehr sterile Aufgeregtheit der
sich hier tatsächlich eine neue Gefahr der De- blätterübergreifenden Diskussion überstehen,
struktion moderner Rationalität auftut, ob dem von der sich erst herausstellen wird, ob, um das
post-post-modernen Menschen vielleicht wirk- angemessene Gleichnis aus Jurassic Park zu
lich die Existenziale abhanden kommen, ist zwar bemühen, die Wellenbewegungen im Wasserglas
auch eine empirische Frage, und Habermas for- der sprichwörtliche negligeable Sturm waren
muliert hier eine Hypothese mit Fragezeichen - oder der Indikator dafür sind, dass draußen tat-
aber die ist natürlich normativ aufgeladen: auf sächlich ein Monstrum herumtrabt.
die Ungewisse Möglichkeit ihrer Falsifikation Habermas hat auf ein spezielles modernes
dürfe man es nicht ankommen lassen. Krisenbewusstsein hingewiesen, das sich zuerst
Zwar betont Habermas, dass es ihm nicht bei den Junghegelianern herausgebildet habe -
um das gehe, was traditionellerweise »Kultur- und diesbezüglich seien wir »Zeitgenossen der
kritik« heiße30, vielleicht aus Sorge, etwa mit Junghegelianer geblieben«31: »Weil die Ge-
jenen Passagen der »Dialektik der Aufklärung« schichte als Krisenprozess, die Gegenwart als
in Zusammenhang gebracht zu werden, die bei Aufblitzen kritischer Verzweigungen, die Zu-
kunft als das Andrängen ungelöster Probleme
29
verstanden wird, entsteht ein existenziell ge-
Vgl. u. a. Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 74 schärftes Bewusstsein für die Gefahr versäumter
30
Vgl. »Begründete Einsamkeit. Gibt es postmetaphysische
Antworten auf die Frage nach dem > richtigen Leben<?«, in:
Entscheidungen und unterlassener Eingriffe. Es
Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer
31
liberalen Eugenik?, Frankfurt/ M. 2001, S. 28 Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 67

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FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

entsteht eine Perspektive, aus der sich die »die uns am Ende übrigbleibt, nachdem wir ein-
Zeitgenossen für den aktuellen Zustand als die gesehen haben, dass den Gefährdungen einer
Vergangenheit einer zukünftigen Gegenwart zur universalen Zerbrechlichkeit allein das gefahr-
Rechenschaft gezogen sehen. Es entsteht die volle Mittel zerbrechlicher Kommunikation sel-
Suggestion einer Verantwortlichkeit für den ber widerstehen kann. Contra deum nisi deus
Anschluss32 einer Situation an die nächste, für ipse.«35
die Fortsetzung eines Prozesses, der seine Sie haben, verehrter Herr Habermas, einmal
Naturwüchsigkeit abgestreift hat und sich wei- gesagt, Sie seien kein Weltanschauungsprodu-
gert, das Versprechen einer selbstverständlichen zent. Das ist sicher richtig. Sie haben aber im
Kontinuität zu geben.«33 selben Atemzug gesagt: »Der Denker als Le-
In diesem Sinne ist die Sorge um die Zu- bensform, als Vision, als expressive Selbstdar-
kunft der modernen Rationalität und die der stellung - das geht nicht mehr.«36 Nun, wenn Sie
Bundesrepublik Deutschland vom selben mich den Begriff der »expressiven Selbstdar-
Schlage, ohne dass man behaupten müsste, diese stellung« durch den des öffentlichen Anspruchs
verkörpere jene nun in besonders, sagen wir: und Auftritts ersetzen lassen, möchte ich es so
bestechender Form. In beiden Fällen geht es um fassen: das geht wohl noch, aber immer seltener
das Problem des Substanzerhalts, das nicht kon- gut. Aber manchmal eben doch. Ich möchte die
servativ zu lösen ist. Es kann nicht anders sein, Zuerkennung des Friedenspreises des Deutschen
als dass diese werknotwendige Haltung Haber- Buchhandels auch als Dank dafür verstehen.
mas den Vorwurf der einen Seite einträgt, er Doch soll an einem solchen Tag das Under-
lasse nicht die altmodische Attitüde des Alarmi- statement nicht der letzte Tonfall sein. Wir ehren
sten, des Mahners und Warners hinter sich, und in Jürgen Habermas den Verfasser eines Werks,
den der anderen, sein eigentliches Anliegen be- das die Kontingenz seiner Entstehungsbedin-
stehe seit dem Linksfaschismusvorwurf an den gungen in eine komplexe Diagnose der Unver-
SDS darin, wirklich radikale Kritik zu delegiti- meidlichkeiten, Chancen und Risiken unseres
mieren. Es kann nicht anders sein. Man könnte weltgeschichtlichen Ortes verwandelt hat, einen
dem ironisch mit Mephistopheles begegnen: Mann, der darum einer der großen Theoretiker
»Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen, wie man des ausgehenden 20. Jahrhunderts genannt wer-
die Sachen eben sieht« und dann darüber hin- den muss, weil er einen der bedeutendsten Bei-
weggehen, aber ich fürchte, dass auch das den träge zu dessen zentraler intellektueller Aufgabe
Ärger kaum mindern wird, den der mal so, mal geleistet hat, metaphysische und geschichtsphi-
so Etikettierte dabei empfindet. losophische Motive in sozialwissenschaftliche
Auch das kann nicht anders sein bei jeman- Rekonstruktionen und Hypothesen zu transfor-
dem, den ich mit Worten charakterisieren mieren - und eben gerade darum auch einer des
möchte, die er selbst auf einen ganz anderen, beginnenden 21. Jahrhunderts: wird sich doch in
einen Antipoden in der Theorie, Michel Foucault diesem erweisen, welche theoretischen An-
nämlich, angewendet hat, und die trotzdem so schlüsse sein Werk finden wird und welches
gut passen, wenn er von der Spannung »zwi- Schicksal seine Hypothesen haben werden. Ha-
schen einer beinahe heiter szientifischen Zu- bermas zu historisieren heißt, die von ihm selbst
rückhaltung des ernsten, um Objektivität be- betonte Offenheit seines Werks als Anschlus-
mühten Gelehrten einerseits, und der politischen schance zu nutzen, mit ihm über das 21. Jahr-
Vitalität des verletzbaren, subjektiv reizbaren, hundert nachzudenken.
moralisch empfindlichen Intellektuellen anderer-
seits« spricht34. Für die Verklammerung dieser
beiden Rollen, der des Wissenschaftlers und
Gelehrten einer- und des Intellektuellen in der
öffentlichen Debatte andererseits, steht die Ma-
xime, dass »Humanität [...] die Kühnheit« ist,

32
Hervorhebung J. P. R.
33
Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 73
34 35
»Mit dem Pfeil ins Herz der Gegenwart. Zu Foucaults Philosophisch-politische Profile, S. 119
36
Vorlesung über Kants >Was ist Aufklärung<«, in: Die neue »Dialektik der Rationalisierung«, in: Die neue
Unübersichtlichkeit, S. 126 Unübersichtlichkeit, S. 207

8
FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

Jürgen Habermas
_________________________________
Dankesrede

Glauben und Wissen

Wenn uns die bedrückende Aktualität des scheen. Diese untergründige Korrespondenz hat
Tages die Wahl des Themas aus der Hand reißt, übrigens die zivilreligiöse Trauergemeinde im
ist die Versuchung groß, mit den John Waynes New Yorker Stadion vor drei Wochen nicht zu
unter uns Intellektuellen um den schnellsten einer symmetrischen Einstellung des Hasses
Schuss aus der Hüfte zu wetteifern. Noch vor verleitet: Bei allem Patriotismus erklang kein
kurzem schieden sich die Geister an einem ande- Ruf nach kriegerischer Entgrenzung des natio-
ren Thema - an der Frage, ob und wie weit wir nalen Strafrechts.
uns einer gentechnischen Selbstinstrumentalisie- Trotz seiner religiösen Sprache ist der Fun-
rung unterziehen oder gar das Ziel einer damentalismus ein ausschließlich modernes
Selbstoptimierung verfolgen sollen. Über die Phänomen. An den islamischen Tätern fiel sofort
ersten Schritte auf diesem Wege war zwischen die Ungleichzeitigkeit der Motive und der Mittel
den Wortführern der organisierten Wissenschaft auf. Darin spiegelt sich eine Ungleichzeitigkeit
und der Kirchen ein Kampf der Glaubensmächte von Kultur und Gesellschaft in den Heimatlän-
entbrannt. Die eine Seite befürchtete Obskuran- dern der Täter, die sich erst infolge einer be-
tismus und eine wissenschaftsskeptische Einhe- schleunigten und radikal entwurzelnden Moder-
gung archaischer Gefühlsreste, die andere Seite nisierung herausgebildet hat. Was unter glückli-
wandte sich gegen den szientistischen Fort- cheren Umständen bei uns immerhin als ein
schrittsglauben eines kruden Naturalismus, der Prozess schöpferischer Zerstörung erfahren wer-
die Moral untergräbt. Aber am 11. September ist den konnte, stellt dort keine erfahrbare Kompen-
die Spannung zwischen säkularer Gesellschaft sation für den Schmerz des Zerfalls traditionaler
und Religion auf eine ganz andere Weise explo- Lebensformen in Aussicht. Dabei ist die Aus-
diert. sicht auf Besserung der materiellen Lebensver-
Die zum Selbstmord entschlossenen Mör- hältnisse nur eines. Entscheidend ist der durch
der, die zivile Verkehrsmaschinen zu lebenden Gefühle der Erniedrigung blockierte Geistes-
Geschossen umfunktioniert und gegen die kapi- wandel, der sich politisch in der Trennung von
talistischen Zitadellen der westlichen Zivilisa- Religion und Staat ausdrückt. Auch in Europa,
tion gelenkt haben, waren, wie wir aus Attas dem die Geschichte Jahrhunderte eingeräumt
Testament und Osama bin Ladens Mund inzwi- hat, um eine sensible Einstellung zum Januskopf
schen wissen, durch religiöse Überzeugungen der Moderne zu finden, ist »Säkularisierung«
motiviert. Für sie verkörpern die Wahrzeichen immer noch, wie sich am Streit um die Gentech-
der globalisierten Moderne den Großen Satan. nik zeigt, mit ambivalenten Gefühlen besetzt.
Aber auch uns, dem universalen Augenzeugen Verhärtete Orthodoxien gibt es im Westen
des »apokalyptischen« Geschehens am Fernseh- ebenso wie im Nahen und im Ferneren Osten,
schirm, drängten sich beim masochistisch wie- unter Christen und Juden ebenso wie unter
derholten Anblick des Einsturzes der Zwil- Moslems. Wer einen Krieg der Kulturen ver-
lingstürme von Manhattan biblische Bilder auf. meiden will, muss sich die unabgeschlossene
Und die Sprache der Vergeltung, in der nicht nur Dialektik des eigenen, abendländischen Säkula-
der amerikanische Präsident auf das Unfassbare risierungsprozesses in Erinnerung rufen. Der
reagierte, erhielt einen alttestamentarischen »Krieg gegen den Terrorismus« ist kein Krieg,
Klang. Als hätte das verblendete Attentat im und im Terrorismus äußert sich auch der ver-
Innersten der säkularen Gesellschaft eine reli- hängnisvoll-sprachlose Zusammenstoß von
giöse Saite in Schwingung versetzt, füllten sich Welten, die jenseits der stummen Gewalt der
überall die Synagogen, die Kirchen und die Mo- Terroristen wie der Raketen eine gemeinsame

9
FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

Sprache entwickeln müssen. Angesichts einer anderen gewinnen, und zwar nach liberalen
Globalisierung, die sich über entgrenzte Märkte Spielregeln, welche die Antriebskräfte der Mo-
durchsetzt, erhofften sich viele von uns eine derne begünstigen.
Rückkehr des Politischen in anderer Gestalt - Dieses Bild passt nicht zu einer postsäkula-
nicht in der Hobbistischen Ursprungsgestalt des ren Gesellschaft, die sich auf das Fortbestehen
globalisierten Sicherheitsstaates, also in den religiöser Gemeinschaften in einer sich fortwäh-
Dimensionen von Polizei, Geheimdienst und rend säkularisierenden Umgebung einstellt.
Militär, sondern als weltweit zivilisierende Ge- Ausgeblendet wird die zivilisierende Rolle eines
staltungsmacht. Im Augenblick bleibt uns nicht demokratisch aufgeklärten Commonsense, der
viel mehr als die fahle Hoffnung auf eine List sich im kulturkämpferischen Stimmengewirr
der Vernunft - und ein wenig Selbstbesinnung. gleichsam als dritte Partei zwischen Wissen-
Denn jener Riss der Sprachlosigkeit entzweit schaft und Religion einen eigenen Weg bahnt.
auch das eigene Haus. Den Risiken einer andern- Gewiss, aus der Sicht des liberalen Staates ver-
orts entgleisenden Säkularisierung werden wir dienen nur die Religionsgemeinschaften das
nur mit Augenmaß begegnen, wenn wir uns Prädikat »vernünftig«, die aus eigener Einsicht
darüber klar werden, was Säkularisierung in auf eine gewaltsame Durchsetzung ihrer Glau-
unseren postsäkularen Gesellschaften bedeutet. bens Wahrheiten und auf den militanten Gewis-
In dieser Absicht nehme ich das alte Thema senszwang gegen die eigenen Mitglieder, erst
»Glauben und Wissen« wieder auf. Sie dürfen recht auf eine Manipulation zu Selbstmordat-
also keine »Sonntagsrede« erwarten, die polari- tentaten Verzicht leisten.1 Jene Einsicht verdankt
siert, die die einen aufspringen und die anderen sich einer dreifachen Reflexion der Gläubigen
sitzen bleiben lässt. auf ihre Stellung in einer pluralistischen Gesell-
schaft. Das religiöse Bewusstsein muss erstens
Säkularisierung in der postsäkularen die kognitiv dissonante Begegnung mit anderen
Gesellschaft Konfessionen und anderen Religionen verarbei-
ten. Es muss sich zweitens auf die Autorität von
Das Wort »Säkularisierung« hatte zunächst Wissenschaften einstellen, die das gesellschaftli-
die juristische Bedeutung der erzwungenen che Monopol an Weltwissen innehaben.
Übereignung von Kirchengütern an die säkulare Schließlich muss es sich auf die Prämissen des
Staatsgewalt. Diese Bedeutung ist auf die Ent- Verfassungsstaates einlassen, die sich aus einer
stehung der kulturellen und gesellschaftlichen profanen Moral begründen. Ohne diesen Refle-
Moderne insgesamt übertragen worden. Seitdem xionsschub entfalten die Monotheismen in rück-
verbinden sich mit »Säkularisierung« entgegen- sichtslos modernisierten Gesellschaften ein de-
gesetzte Bewertungen - je nachdem ob wir die struktives Potenzial. Das Wort »Reflexions-
erfolgreiche Zähmung der kirchlichen Autorität schub« legt freilich die falsche Vorstellung eines
durch die weltliche Gewalt oder den Akt der einseitig vollzogenen und abgeschlossenen Pro-
widerrechtlichen Aneignung in den Vordergrund zesses nahe. Tatsächlich findet diese reflexive
rücken. Nach der einen Lesart werden religiöse Arbeit bei jedem neu aufbrechenden Konflikt
Denkweisen und Lebensformen durch vernünf- auf den Umschlagplätzen der demokratischen
tige, jedenfalls überlegene Äquivalente ersetzt; Öffentlichkeit eine Fortsetzung.
nach der anderen Lesart werden die modernen Sobald eine existenziell relevante Frage auf
Denk- und Lebensformen als illegitim entwen- die politische Agenda gelangt, prallen die Bür-
dete Güter diskreditiert. Das Verdrängungsmo- ger, gläubige wie ungläubige, mit ihren weltan-
dell legt eine fortschrittsoptimistische Deutung schaulich imprägnierten Überzeugungen auf-
der entzauberten, das Enteignungsmodell eine einander und erfahren, während sie sich an den
verfallstheoretische Deutung der obdachlosen schrillen Dissonanzen des öffentlichen Mei-
Moderne nahe. Beide Lesarten machen densel- nungsstreites abarbeiten, das anstößige Faktum
ben Fehler. Sie betrachten die Säkularisierung des weltanschaulichen Pluralismus. Wenn sie
als eine Art Nullsummenspiel zwischen den mit diesem Faktum im Bewusstsein der eigenen
kapitalistisch entfesselten Produktivkräften von Fehlbarkeit gewaltlos, also ohne das soziale
Wissenschaft und Technik auf der einen, den
haltenden Mächten von Religion und Kirche auf 1
J. Rawls, Politischer Liberalismus, Frankfurt/M. 1998, S.
der anderen Seite. Einer kann nur auf Kosten des 132-141; R. Forst, »Toleranz, Gerechtigkeit, Vernunft«, in:
ders. (Hg.), Toleranz, Frankfurt/M. 2000, S.144-161

10
FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

Band eines politischen Gemeinwesens zu zerrei- sprechenden und handelnden Personen, die sich
ßen, umgehen lernen, erkennen sie, was die in gegenseitig Absichten und Motive zuschreiben,
der Verfassung festgeschriebenen säkularen heraus. Was wird nun aus solchen Personen,
Entscheidungsgrundlagen in einer postsäkularen wenn sie sich nach und nach selber unter natur-
Gesellschaft bedeuten. Im Streit zwischen Wis- wissenschaftliche Beschreibungen subsumieren?
sens- und Glaubensansprüchen präjudiziert Wird sich der Commonsense am Ende vom
nämlich der weltanschaulich neutrale Staat poli- kontraintuitiven Wissen der Wissenschaften
tische Entscheidungen keineswegs zugunsten nicht nur belehren, sondern mit Haut und Haaren
einer Seite. Die pluralisierte Vernunft des konsumieren lassen? Der Philosoph Winfrid
Staatsbürgerpublikums folgt einer Dynamik der Sellars hat diese Frage 1960 (in einem berühm-
Säkularisierung nur insofern, als sie im Ergebnis ten Vortrag über »Philosophy and the Scientific
zur gleichmäßigen Distanz von starken Traditio- Image of Man«) gestellt und mit dem Szenario
nen und weltanschaulichen Inhalten nötigt. einer Gesellschaft beantwortet, in der die altmo-
Lernbereit bleibt sie aber, ohne ihre Eigenstän- dischen Sprachspiele unseres Alltages zugunsten
digkeit preiszugeben, osmotisch nach beiden der objektivierenden Beschreibung von Be-
Seiten hin geöffnet. wusstseinsvorgängen außer Kraft gesetzt worden
sind.
Die wissenschaftliche Aufklärung des Com- Der Fluchtpunkt dieser Naturalisierung des
monsense Geistes ist ein wissenschaftliches Bild vom
Menschen in der extensionalen Begrifflichkeit
Natürlich muss sich der Commonsense, der von Physik, Neurophysiologie oder Evolutions-
sich über die Welt viele Illusionen macht, von theorie, das auch unser Selbstverständnis voll-
den Wissenschaften vorbehaltlos aufklären las- ständig entsozialisiert. Das kann freilich nur
sen. Aber die in die Lebenswelt eindringenden gelingen, wenn die Intentionalität des menschli-
wissenschaftlichen Theorien lassen den Rahmen chen Bewusstseins und die Normativität unseres
unseres Alltagswissen, der mit dem Selbstver- Handelns in einer solchen Selbstbeschreibung
ständnis sprach- und handlungsfähiger Personen ohne Rest aufgehen. Die erforderlichen Theorien
verzahnt ist, im Kern unberührt. Wenn wir über müssen beispielsweise erklären, wie Personen
die Welt, und über uns als Wesen in der Welt, Regeln - grammatische, begriffliche oder mora-
etwas Neues lernen, verändert sich der Inhalt lische Regeln - befolgen oder verletzen können.2
unseres Selbstverständnisses. Kopernikus und Sellars' Schüler haben das aporetische Gedan-
Darwin haben das geozentrische und das anthro- kenexperiment ihres Lehrers als Forschungspro-
pozentrische Weltbild revolutioniert. Dabei hat gramm missverstanden.3 Das Vorhaben einer
die Zerstörung der astronomischen Illusion über naturwissenschaftlichen Modernisierung unserer
den Umlauf der Gestirne geringere Spuren in der Alltagspsychologie4 hat sogar zu Versuchen
Lebenswelt hinterlassen als die biologische Des- einer Semantik geführt, die gedankliche Inhalte
illusionierung über die Stellung des Menschen in biologisch erklären will.5 Aber auch diese avan-
der Naturgeschichte. Wissenschaftliche Er-
kenntnisse scheinen unser Selbstverständnis 2
W. Sellars, Science, Perception and Reality, Altascadero,
umso mehr zu beunruhigen, je näher sie uns auf Cal. 1963,1991, S. 38
3
den Leib rücken. Die Hirnforschung belehrt uns P. M. Churchland, Scientific Realism and the Plasticity of
Mind, Cambridge U. P., Cambridge, 1979
über die Physiologie unseres Bewusstseins. Aber 4
J. D. Greenwood (Hg.), The future of folk psychology,
verändert sich damit jenes intuitive Bewusstsein Cambridge U. P., Cambridge 1991, »Introduction«, S. 1-21
5
von Autorschaft und Zurechnungsfähigkeit, das W. Detel, »Teleosemantik. Ein neuer Blick auf den Geist?«,
alle unsere Handlungen begleitet? in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 49, 2001, S. 465-491.
Die Teleosemantik möchte mithilfe neodarwinistischer
Wenn wir mit Max Weber den Blick auf die Annahmen und begrifflicher Analysen zeigen, wie sich das
Anfänge der »Entzauberung der Welt« lenken, normative Bewusstsein von Lebewesen, die Symbole
sehen wir, was auf dem Spiel steht. Die Natur verwenden und Sachverhalte repräsentieren, entwickelt haben
könnte. Demnach entsteht die intentionale Verfassung des
wird in dem Maße, wie sie der objektivierenden menschlichen Geistes aus dem selektiven Vorteil bestimmter
Beobachtung und kausalen Erklärung zugänglich Verhaltensweisen (wie z. B. des Bienentanzes), die von
gemacht wird, entpersonalisiert. Die wissen- Artgenossen als Abbildungen interpretiert werden. Auf der
Folie von eingewöhnten Kopien dieser Art sollen abweichende
schaftlich erforschte Natur fällt aus dem sozialen Verhaltensweisen als Fehlrepräsentationen gedeutet werden
Bezugssystem von erlebenden, miteinander können - womit der Ursprung von Normativität eine natürliche
Erklärung gefunden hätte

11
FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

ciertesten Ansätze scheinen daran zu scheitern, der Kern eines Selbstverständnisses, das sich nur
dass der Begriff von Zweckmäßigkeit, den wir in der Perspektive eines Beteiligten erschließt, aber
das darwinsche Sprachspiel von Mutation und einer revisionären wissenschaftlichen Beobach-
Anpassung, Selektion und Überleben hineinstek- tung entzieht. Der szientistische Glaube an eine
ken, zu arm ist, um an jene Differenz von Sein Wissenschaft, die eines Tages das personale
und Sollen heranzureichen, die wir meinen, Selbstverständnis durch eine objektivierende
wenn wir Regeln verletzen - wenn wir ein Prädi- Selbstbeschreibung nicht nur ergänzt, sondern
kat falsch anwenden oder gegen ein moralisches ablöst, ist nicht Wissenschaft, sondern schlechte
Gebot verstoßen.6 Philosophie. Auch dem wissenschaftlich aufge-
Wenn man beschreibt, wie eine Person et- klärten Commonsense wird es keine Wissen-
was getan hat, was sie nicht gewollt hat und was schaft abnehmen, beispielsweise zu beurteilen,
sie auch nicht hätte tun sollen, dann beschreibt wie wir unter molekularbiologischen Beschrei-
man sie - aber eben nicht so wie ein naturwis- bungen, die gentechnische Eingriffe möglich
senschaftliches Objekt. Denn in die Beschrei- machen, mit vorpersonalem menschlichen Leben
bung von Personen gehen stillschweigend Mo- umgehen sollen.
mente des vorwissenschaftlichen Selbstver-
ständnisses von sprach- und handlungsfähigen Kooperative Übersetzung religiöser Gehalte
Subjekten ein. Wenn wir einen Vorgang als die
Handlung einer Person beschreiben, wissen wir Der Commonsense ist also mit dem Be-
beispielsweise, dass wir etwas beschreiben, das wusstsein von Personen verschränkt, die Initiati-
nicht nur wie ein Naturvorgang erklärt, sondern ven ergreifen, Fehler machen und Fehler korri-
erforderlichenfalls auch gerechtfertigt werden gieren können. Er behauptet gegenüber den Wis-
kann. Im Hintergrund steht das Bild von Perso- senschaften eine eigensinnige Perspektiven-
nen, die voneinander Rechenschaft fordern kön- struktur. Dieses selbe, naturalistisch nicht greif-
nen, die von Haus aus in normativ geregelte bare Autonomiebewusstsein begründet auf der
Interaktionen verwickelt sind und sich in einem anderen Seite auch den Abstand zu einer religiö-
Universum öffentlicher Gründe begegnen. sen Überlieferung, von deren normativen Ge-
Diese im Alltag mitgeführte Perspektive er- halten wir gleichwohl zehren. Mit der Forderung
klärt die Differenz zwischen dem Sprachspiel nach rationaler Begründung scheint die wissen-
der Rechtfertigung und dem der bloßen Be- schaftliche Aufklärung einen Commonsense, der
schreibung. An diesem Dualismus finden auch im vernunftrechtlich konstruierten Gebäude des
die nichtreduktionistischen Erklärungsstrategien7 demokratischen Verfassungsstaates Platz ge-
eine Grenze. Auch sie nehmen ja Beschreibun- nommen hat, doch noch auf ihre Seite zu ziehen.
gen aus einer Beobachterperspektive vor, der Gewiss, auch das egalitäre Vernunftrecht hat
sich die Teilnehmerperspektive unseres Alltags- religiöse Wurzeln - Wurzeln in jener Revolutio-
bewusstseins (von der auch die Rechtferti- nierung der Denkungsart, die mit dem Aufstieg
gungspraxis der Forschung zehrt) nicht zwanglos der großen Weltreligionen zusammenfällt. Aber
ein- und unterordnen lässt. Im alltäglichen Um- diese vernunftrechtliche Legitimation von Recht
gang richten wir den Blick auf Adressaten, die und Politik speist sich aus längst profanisierten
wir mit »Du« ansprechen. Nur in dieser Einstel- Quellen der religiösen Überlieferung. Der Reli-
lung gegenüber zweiten Personen verstehen wir gion gegenüber beharrt der demokratisch aufge-
das »Ja« und »Nein« der Anderen, die kritisier- klärte Commonsense auf Gründen, die nicht nur
baren Stellungnahmen, die wir einander schul- für Angehörige einer Glaubensgemeinschaft
den und voneinander erwarten. Dieses Bewusst- akzeptabel sind. Deshalb weckt wiederum der
sein von rechenschaftspflichtiger Autorschaft ist liberale Staat aufseiten der Gläubigen auch den
Argwohn, dass die abendländische Säkularisie-
6
rung eine Einbahnstraße sein könnte, die die
W. Detel, »Haben Frösche und Sumpfmenschen Gedanken? Religion am Rande liegen lässt.
Einige Probleme der Teleosemantik«, in: Deutsche Zeitschrift
für Philosophie 49, 2001, S.601-626 Die Kehrseite der Religionsfreiheit ist tat-
7 sächlich eine Pazifizierung des weltanschauli-
Diese Forschungsstrategien tragen der Komplexität der auf
höheren Entwicklungsstufen jeweils neu auftretenden chen Pluralismus, der ungleiche Folgelasten
Eigenschaften (des organischen Lebens oder des Mentalen)
Rechnung, indem sie darauf verzichten, Prozesse der höheren
hatte. Bisher mutet ja der liberale Staat nur den
Entwicklungsstufe in Begriffen zu beschreiben, die auf Gläubigen unter seinen Bürgern zu, ihre Identität
Prozesse einer niederen Entwicklungsstufe zutreffen

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FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

gleichsam in öffentliche und private Anteile Wahl und der Nutzenmaximierung nicht auf.8
aufzuspalten. Sie sind es, die ihre religiösen Deshalb wollte Kant das kategorische Sol-
Überzeugungen in eine säkulare Sprache über- len nicht im Sog des aufgeklärten Selbstinteres-
setzen müssen, bevor ihre Argumente Aussicht ses verschwinden lassen. Er hat die Willkürfrei-
haben, die Zustimmung von Mehrheiten zu heit zur Autonomie erweitert und damit - nach
finden. So machen heute Katholiken und der Metaphysik - das erste große Beispiel für
Protestanten, wenn sie für die befruchtete Eizelle eine säkularisierende und zugleich rettende De-
außerhalb des Mutterleibes den Status eines konstruktion von Glaubenswahrheiten gegeben.
Trägers von Grundrechten reklamieren, den Bei Kant findet die Autorität göttlicher Gebote
(vielleicht vorschnellen) Versuch, die Got- in der unbedingten Geltung moralischer Pflich-
tesebenbildlichkeit des Menschengeschöpfs in ten ein unüberhörbares Echo. Mit seinem Begriff
die säkulare Sprache des Grundgesetzes zu über- der Autonomie zerstört er zwar die traditionelle
setzen. Die Suche nach Gründen, die auf allge- Vorstellung der Gotteskindschaft.9 Aber den
meine Akzeptabilität abzielen, würde aber nur banalen Folgen einer entleerenden Deflationie-
dann nicht zu einem unfairen Ausschluss der rung kommt er durch eine kritische Anverwand-
Religion aus der Öffentlichkeit führen und die lung des religiösen Gehaltes zuvor. Sein weiterer
säkulare Gesellschaft nur dann nicht von wichti- Versuch, das radikal Böse aus der biblischen
gen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden, Sprache in die der Vernunftreligion zu überset-
wenn sich auch die säkulare Seite einen Sinn für zen, mag uns weniger überzeugen. Wie der ent-
die Artikulationskraft religiöser Sprachen be- hemmte Umgang mit diesem biblischen Erbe
wahrt. Die Grenze zwischen säkularen und reli- heute wieder einmal zeigt, verfügen wir noch
giösen Gründen ist ohnehin fließend. Deshalb nicht über einen angemessenen Begriff für die
sollte die Festlegung der umstrittenen Grenze als semantische Differenz zwischen dem, was mora-
eine kooperative Aufgabe verstanden werden, lisch falsch und dem, was zutiefst böse ist. Es
die von beiden Seiten fordert, auch die Perspek- gibt den Teufel nicht, aber der gefallene Erzen-
tive der jeweils anderen einzunehmen. gel treibt nach wie vor sein Unwesen - im ver-
Die liberale Politik darf den fortwährenden kehrten Guten der monströsen Tat, aber auch im
Streit über das säkulare Selbstverständnis der ungezügelten Vergeltungsdrang, der ihr auf dem
Gesellschaft nicht externalisieren, also in die Fuße folgt.
Köpfe von Gläubigen abschieben. Der demo- Säkulare Sprachen, die das, was einmal ge-
kratisch aufgeklärte Commonsense ist kein Sin- meint war, bloß eliminieren, hinterlassen Irrita-
gular, sondern beschreibt die mentale Verfas- tionen. Als sich Sünde in Schuld, das Vergehen
sung einer vielstimmigen Öffentlichkeit. Säku- gegen göttliche Gebote in den Verstoß gegen
lare Mehrheiten dürfen in solchen Fragen keine menschliche Gesetze verwandelte, ging etwas
Beschlüsse fassen, bevor sie nicht dem Ein- verloren. Denn mit dem Wunsch nach Verzei-
spruch von Opponenten, die sich davon in ihren hung verbindet sich immer noch der unsenti-
Glaubensüberzeugungen verletzt fühlen, Gehör mentale Wunsch, das anderen zugefügte Leid
geschenkt haben; sie müssen diesen Einspruch ungeschehen zu machen. Erst recht beunruhigt
als eine Art aufschiebendes Veto betrachten, um uns die Irreversibilität vergangenen Leidens -
zu prüfen, was sie daraus lernen können. In An- jenes Unrecht an den unschuldig Misshandelten,
betracht der religiösen Herkunft seiner morali- Entwürdigten und Ermordeten, das über jedes
schen Grundlagen sollte der liberale Staat mit Maß menschenmöglicher Wiedergutmachung hi-
der Möglichkeit rechnen, dass die »Kultur des nausgeht. Die verlorene Hoffnung auf Resurrek-
gemeinen Menschenverstandes« (Hegel) ange- tion hinterlässt eine spürbare Leere. Horkhei-
sichts ganz neuer Herausforderungen das Arti- mers berechtigte Skepsis gegen Benjamins über-
kulationsniveau der eigenen Entstehungsge-
schichte nicht einholt. Die Sprache des Marktes 8
dringt heute in alle Poren ein und presst alle zwi- A. Honneth, Kampf um Anerkennung, Frankfurt/ M., 1992
9
Die Vorrede zur ersten Auflage von Die Religion innerhalb
schenmenschlichen Beziehungen in das Schema der Grenzen der bloßen Vernunft beginnt mit dem Satz: »Die
der selbstbezogenen Orientierung an je eigenen Moral, so fern sie auf dem Begriffe des Menschen, als eines
Präferenzen. Das soziale Band, das aus gegen- freien, eben darum auch sich selbst durch seine Vernunft an
unbedingte Gesetze bindenden Wesens, gegründet ist, bedarf
seitiger Anerkennung geknüpft wird, geht aber weder der Idee eines andern Wesens über ihm, um seine Pflicht
in den Begriffen des Vertrages, der rationalen zu erkennen, noch einer andern Triebfeder als des Gesetzes
selbst« (I. Kant, Werke (Weischedel), Bd. IV, S. 649

13
FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

schwängliche Hoffnung auf die wiedergutma- entäußern, weil es sich als die absolute Macht
chende Kraft humanen Eingedenkens - »Die nur erfährt, wenn es sich aus der schmerzlichen
Erschlagenen sind wirklich erschlagen« - de- Negativität der Selbstbegrenzung wieder hervor-
mentiert ja nicht den ohnmächtigen Impuls, am arbeitet. So werden zwar die religiösen Inhalte in
Unabänderlichen doch noch etwas zu ändern. der Form des philosophischen Begriffs aufgeho-
Der Briefwechsel zwischen Benjamin und Hork- ben. Aber Hegel bringt die heilsgeschichtliche
heimer stammt aus dem Frühjahr 1937. Beides, Dimension der Zukunft einem in sich kreisenden
der wahre Impuls und dessen Ohnmacht, hat sich Weltprozess zum Opfer.
nach dem Holocaust in der ebenso notwendigen Hegels Schüler brechen mit dem Fatalismus
wie heillosen Praxis einer »Aufarbeitung der dieses trostlosen Vorblicks auf eine Ewige Wie-
Vergangenheit« (Adorno) fortgesetzt. Nichts derkehr des Gleichen. Sie wollen die Religion
anderes manifestiert sich übrigens in der an- nicht länger im Gedanken aufheben, sondern
schwellenden Klage über das Unangemessene ihre profanisierten Gehalte durch solidarische
dieser Praxis. Die ungläubigen Söhne und Anstrengung realisieren. Dieses Pathos einer
Töchter der Moderne scheinen in solchen Au- entsublimierenden Verwirklichung von Gottes
genblicken zu glauben, einander mehr schuldig Reich auf Erden trägt die Religionskritik von
zu sein und selbst mehr nötig zu haben, als ihnen Feuerbach und Marx bis zu Bloch, Benjamin
von der religiösen Tradition in Übersetzung und Adorno: »Nichts an theologischem Gehalt
zugänglich ist - so, als seien deren semantische wird unverwandelt fortbestehen; ein jeglicher
Potenziale noch nicht ausgeschöpft. wird der Probe sich stellen müssen, ins Säkulare,
Profane einzuwandern.«12 Inzwischen hatte frei-
Der Erbstreit zwischen Philosophie und lich der historische Verlauf gezeigt, dass sich die
Religion Vernunft mit einem solchen Projekt überfordert.
Weil die derart überanstrengte Vernunft an sich
Die Geschichte der deutschen Philosophie selbst verzweifelt, hat sich Adorno, wenn auch
seit Kant lässt sich als ein Gerichtsprozess ver- nur in methodischer Absicht, der Hilfe des mes-
stehen, in dem diese ungeklärten Erbschaftsver- sianischen Standpunktes versichert: »Erkenntnis
hältnisse verhandelt werden. Die Hellenisierung hat kein Licht als das von der Erlösung her auf
des Christentums hatte zu einer Symbiose zwi- die Welt scheint.«13 Auf diesen Adorno trifft der
schen Religion und Metaphysik geführt. Diese Satz zu, den Horkheimer auf die Kritische Theo-
löst Kant wieder auf. Er zieht eine scharfe rie insgesamt gemünzt hat: »Sie weiß, daß es
Grenze zwischen dem moralischen Glauben der keinen Gott gibt, und doch glaubt sie an ihn.«14
Vernunftreligion und dem positiven Offenba- Unter anderen Prämissen bezieht heute Jacques
rungsglauben, der zwar zur Seelenbesserung Derrida eine ähnliche Stellung - auch in dieser
beigetragen habe, aber »mit seinen Anhängseln, Hinsicht ein würdiger Adorno-Preisträger. Zu-
den Statuten und Observanzen [...] endlich zur rückbehalten will er vom Messianismus nur
Fessel« geworden sei.10 Für Hegel ist das der noch »das kärgliche Messianistische, das von
pure »Dogmatismus der Aufklärung«. Er höhnt allem entkleidet sein muss«.15
über den Pyrrhussieg einer Vernunft, die den Der Grenzbereich zwischen Philosophie und
siegenden, aber dem Geist der unterworfenen Religion ist freilich vermintes Gelände. Eine
Nation erliegendenden Barbaren darin gleicht, sich selbst dementierende Vernunft gerät leicht
dass sie nur »der äußeren Herrschaft nach die in Versuchung, sich die Autorität und den Ge-
Oberhand« behält.11 An die Stelle der Grenzen stus eines entkernten, anonym gewordenen Sa-
ziehenden tritt eine vereinnahmende Vernunft. kralen bloß auszuleihen. Bei Heidegger mutiert
Hegel macht den Kreuzestod des Gottessohnes die Andacht zum Andenken. Aber dadurch, dass
zum Zentrum eines Denkens, das sich die posi-
tive Gestalt des Christentums einverleiben will. 12
T.W. Adorno, »Vernunft und Offenbarung«, in: ders.,
Die Menschwerdung Gottes symbolisiert das Stichworte, Frankfurt/M. 1969,S.20
13
Leben des philosophischen Geistes. Auch das T.W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/M. 2001
Absolute muss sich zum Anderen seiner selbst (Nachdruck der Ausgabe von 1951), S. 480
14
M.Horkheimer, Gesammelte Schriften Bd. 14, S.508
15
10
J. Derrida, »Glaube und Wissen«, in: J. Derrida, G. Vattimo
Kant, Die Religion... S. 785 (Hg.), Die Religion, Frankfurt/M. 2001, S. 33; vgl. auch J.
11
G.W. F. Hegel, »Glauben und Wissen«, in: ders., Jenaer Derrida, »Den Tod geben«, in: A. Haverkamp (Hg.), Gewalt
Schriften 1801-1807 (Frankfurt/ M. 1970, Werke Bd. 2), S. 287 und Gerechtigkeit, Frankfurt / M. 1994, S. 331 - 445

14
FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

sich der Jüngste Tag der Heilsgeschichte zum zu verstehen, was mit Ebenbildlichkeit gemeint
unbestimmten Ereignis der Seinsgeschichte ver- ist. Liebe kann es ohne Erkenntnis in einem an-
flüchtigt, gewinnen wir keine neue Einsicht. deren, Freiheit ohne gegenseitige Anerkennung
Wenn sich der Posthumanismus in der Rückkehr nicht geben. Dieses Gegenüber in Menschgestalt
zu den archaischen Anfängen vor Christus und muss seinerseits frei sein, um die Zuwendung
vor Sokrates erfüllen soll, schlägt die Stunde des Gottes erwidern zu können. Trotz seiner Eben-
religiösen Kitsches. Dann öffnen die Warenhäu- bildlichkeit wird freilich auch dieser Andere als
ser der Kunst ihre Pforten für die Altäre aus aller Geschöpf Gottes vorgestellt. Hinsichtlich seiner
Welt, für die aus allen Himmelsrichtungen zur Herkunft kann er Gott nicht ebenbürtig sein.
Vernissage eingeflogenen Priester und Schama- Diese Geschöpflichkeit des Ebenbildes drückt
nen. Demgegenüber hat die profane, aber nicht- eine Intuition aus, die in unserem Zusammen-
defaitistische Vernunft zu viel Respekt vor dem hang auch dem religiös Unmusikalischen etwas
Glutkern, der sich an der Frage der Theodizee sagen kann. Hegel hatte ein Gespür für den Un-
immer wieder entzündet, als dass sie der Reli- terschied zwischen göttlicher »Schöpfung« und
gion zu nahe treten würde. Sie weiß, dass die dem bloßen »Hervorgehen« aus Gott.16 Gott
Entweihung des Sakralen mit jenen Weltreligio- bleibt nur solange ein »Gott freier Menschen«,
nen beginnt, die die Magie entzaubert, den My- wie wir die absolute Differenz zwischen Schöp-
thos überwunden, das Opfer sublimiert und das fer und Geschöpf nicht einebnen. Nur so lange
Geheimnis gelüftet haben. So kann sie von der bedeutet nämlich die göttliche Formgebung
Religion Abstand halten, ohne sich deren Per- keine Determinierung, die der Selbstbestimmung
spektive zu verschließen. des Menschen in den Arm fällt.
Dieser Schöpfer braucht, weil er Schöpfer-
Beispiel Gentechnik und Erlösergott in einem ist, nicht wie ein Tech-
niker nach Naturgesetzen zu operieren oder wie
Diese ambivalente Einstellung kann auch ein Informatiker nach Regeln eines Codes. Die
die Selbstaufklärung einer vom Kulturkampf ins Leben rufende Stimme Gottes kommuniziert
zerrissenen Bürgergesellschaft in die richtige von vornherein innerhalb eines moralisch emp-
Richtung lenken. Die postsäkulare Gesellschaft findlichen Universums. Deshalb kann Gott den
setzt die Arbeit, die die Religion am Mythos Menschen in dem Sinne »bestimmen«, dass er
vollbracht hat, an der Religion selbst fort. Nun ihn zur Freiheit gleichzeitig befähigt und ver-
freilich nicht mehr in der hybriden Absicht einer pflichtet. Nun - man muss nicht an die theologi-
feindlichen Übernahme, sondern aus dem Inter- schen Prämissen glauben, um die Konsequenz zu
esse, im eigenen Haus der schleichenden Entro- verstehen, dass eine ganz andere, als kausal vor-
pie der knappen Ressource Sinn entgegenzuwir- gestellte Abhängigkeit ins Spiel käme, wenn die
ken. Der demokratisch aufgeklärte Common- im Schöpfungsbegriff angenommene Differenz
sense muss auch die mediale Vergleichgültigung verschwände und ein Peer an die Stelle Gottes
und die plappernde Trivialisierung aller Ge- träte - wenn also ein Mensch nach eigenen Prä-
wichtsunterschiede fürchten. Moralische Emp- ferenzen in die Zufallskombination von elter-
findungen, die bisher nur in religiöser Sprache lichen Chromosomensätzen eingreifen würde,
einen hinreichend differenzierten Ausdruck be- ohne dafür einen Konsens mit dem betroffenen
sitzen, können allgemeine Resonanz finden, Anderen wenigstens kontrafaktisch unterstellen
sobald sich für ein fast schon Vergessenes, aber zu dürfen. Diese Lesart legt die Frage nahe, die
implizit Vermisstes eine rettende Formulierung mich an anderer Stelle beschäftigt hat. Müsste
einstellt. Eine Säkularisierung, die nicht ver- nicht der erste Mensch, der einen anderen Men-
nichtet, vollzieht sich im Modus der Überset- schen nach eigenem Belieben in seinem natürli-
zung. chen Sosein festlegt, auch jene gleichen Frei-
Beispielsweise berufen sich in der Kontro- heiten zerstören, die unter Ebenbürtigen beste-
verse über den Umgang mit menschlichen Em- hen, um deren Verschiedenheit zu sichern?
bryonen manche Stimmen auf Moses 1,27: »Gott
schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde
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Gottes schuf er ihn.« Dass der Gott, der die Obgleich die Vorstellung der »Emergenz« seinem eigenen
Begriff der absoluten Idee, die die Natur »aus sich entläßt«,
Liebe ist, in Adam und Eva freie Wesen schafft, entgegenkommt. Vgl. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie
die ihm gleichen, muss man nicht glauben, um der Religion II, S. 55 ff. und 92 ff. (Frankfurt / M. 1969, Werke
Bd. 17)

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