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SWP-Studie

Felix Heiduk (Hg.)

Das kommende Kalifat?


»Islamischer Staat« in Asien:
Erscheinungsformen, Reaktionen und Sicherheitsrisiken

Stiftung Wissenschaft und Politik


Deutsches Institut für
Internationale Politik und Sicherheit

SWP-Studie 9
Juni 2018
Der »Islamische Staat« (IS) wurde in seinen syrisch-irakischen Kerngebieten
zwar für besiegt erklärt, doch hat er sich mittlerweile in andere Regionen
ausgebreitet. Dies betrifft auch Asien, einen Kontinent, auf dem mehr als
500 Millionen Muslime leben. Zu den Ländern, in denen IS-affiliierte Grup-
pen 2017 verstärkt aufgefallen sind, gehören unter anderem Afghanistan,
Indonesien und die Philippinen. Vor diesem Hintergrund untersucht die
vorliegende Studie das Auftreten des IS in Asien, die Reaktionen darauf und
die Auswirkungen des Phänomens auf nationale und regionale Stabilität.
Die Befunde der Studie entkräften zunächst Befürchtungen, es könnte in
der Region zu einer raschen Wiedergeburt des IS kommen. Es gibt derzeit
keine Anzeichen, dass sich die Erfolge der Organisation auf irakischem
und syrischem Gebiet kurz- bis mittelfristig in Teilen Asiens wiederholen
werden. Den dortigen IS-Ablegern fehlt es dafür an militärischer Stärke,
logistischer Infrastruktur und lokaler Verankerung. Die Gewaltaktionen
asiatischer IS-Ableger beschränken sich vielerorts auf sporadische Anschläge
und Vorstöße. Militärische Siege über den vermeintlichen Gegner oder
dauerhafte Geländegewinne werden dabei nur selten erreicht.
Dies sollte jedoch nicht zur Einschätzung verleiten, der IS in Asien sei
lediglich ein Schreckgespenst. IS-Gruppen dort profitieren, wie andere
militante Akteure auch, vielfach von Legitimitätsdefiziten politischer Eliten
und der Schwäche staatlicher Strukturen. Und gerade weil solche Gruppen
weitgehend unabhängig von der Zentrale des IS entstanden sind, ist dessen
militärische Niederlage in Syrien und Irak kein Garant dafür, dass die Ab-
leger in Asien ebenfalls geschwächt sind oder auseinanderfallen.
SWP-Studie

Felix Heiduk (Hg.)

Das kommende Kalifat?


»Islamischer Staat« in Asien:
Erscheinungsformen, Reaktionen und Sicherheitsrisiken

Stiftung Wissenschaft und Politik


Deutsches Institut für
Internationale Politik und Sicherheit

SWP-Studie 9
Juni 2018
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ISSN 1611-6372
Inhalt

5 Problemstellung und Empfehlungen

7 Der »Islamische Staat« (IS) in Asien:


Einleitung und Vorüberlegungen
Felix Heiduk

13 Der »Islamische Staat« in Zentralasien


Uwe Halbach

23 Der »Islamische Staat« in Südasien


Christian Wagner

39 Der »Islamische Staat« in Afghanistan


Nicole Birtsch

49 China und der Kampf gegen die »drei üblen Kräfte«


Gudrun Wacker

59 Der »Islamische Staat« in Südostasien


Felix Heiduk

74 Schlussfolgerungen
Felix Heiduk

77 Anhang
77 Abkürzungen
78 Die Autorinnen und Autoren
Problemstellung und Empfehlungen

Das kommende Kalifat?


»Islamischer Staat« in Asien:
Erscheinungsformen, Reaktionen
und Sicherheitsrisiken

Der »Islamische Staat« (IS) hat 2017 massiv an politi-


scher und militärischer Macht in seinen syrischen
und irakischen Kerngebieten verloren. Große Teile
des ehemals vom IS beherrschten Territoriums im
Irak werden mittlerweile wieder von Regierungs-
einheiten bzw. anderen bewaffneten Gruppen kon-
trolliert. Die De-facto-Hauptstadt des IS, Raqqa, fiel
im Oktober an die von den USA unterstützten Syrian
Democratic Forces (SDF). Im Dezember erklärte der
irakische Premier Haider al-Abadi den Krieg gegen
die Organisation, der bis dahin mehr als drei Jahre
angedauert hatte, für beendet. Zum Zeitpunkt der
Erstellung dieser Studie im Frühjahr 2018 waren nur
noch ein schmaler Streifen syrischen Territoriums
an der Grenze zum Irak sowie kleinere Gebiete in
Zentral- und Südsyrien unter der Kontrolle des IS.
Dass er in seinen Hochburgen eine fast vollständige
militärische Niederlage erlitten hat, ist jedoch keines-
wegs gleichbedeutend mit einem Sieg über ihn oder
gar mit seinem Ende.
In einigen Gebieten außerhalb Syriens und des Irak
haben Angriffe von IS-Gruppen während der letzten
Monate sogar an Intensität zugenommen. Dies gilt
unter anderem für einige Länder Asiens wie Afgha-
nistan, Indonesien und die Philippinen. Angesichts
des Niedergangs in seinem Kernland stellt sich die
Frage, ob und inwieweit es dem IS gelingen wird, sich
stärker in Asien auszubreiten. Ziel der vorliegenden
Studie ist es, zu dieser Frage – jenseits der Betrach-
tung einzelner Vorkommnisse – eine möglichst
systematische Bestandsaufnahme zu leisten. Dabei
gibt es drei Analyseschritte: Untersucht werden das
Auftreten des IS in Asien, die Reaktionen darauf in
Politik und Gesellschaft sowie die Auswirkungen des
Phänomens auf die nationale und regionale Stabilität.
Die Untersuchung erfolgt auf Grundlage einer ver-
gleichenden Fallanalyse.
Die Befunde der Studie entkräften Befürchtungen,
es könnte zu einer raschen Wiedergeburt des IS in
Asien kommen. Erstens gibt es derzeit keine Anzei-
chen dafür, dass sich die Erfolge des IS auf irakischem
und syrischem Gebiet kurz- bis mittelfristig in Teilen

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Das kommende Kalifat?
»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Problemstellung und Empfehlungen

Asiens wiederholen werden. Den dortigen IS-Ablegern Teilen der lokalen Bevölkerung die Wahrnehmung
fehlt es dafür an militärischer Stärke, logistischer besteht, das Vorgehen staatlicher Sicherheitskräfte
Infrastruktur und lokaler Verankerung. Bislang lässt gegen »den IS« sei vornehmlich gegen sie selbst
sich auch kaum beobachten, dass sie Koalitionen mit gerichtet.
anderen militanten Gruppen eingehen oder diese
unterwandern würden. Die einzelnen Analysen dieser
Studie ergeben zugleich ein sehr heterogenes Bild des
IS in Asien. Sie ziehen die Annahme in Zweifel, die
Organisation würde hier rasant an Boden gewinnen.
Nach wie vor sind Verbindungen zwischen der IS-
Führung und asiatischen Ablegern jenseits punk-
tueller personeller Kontakte kaum nachweisbar. Die
vorhandenen Informationen lassen vielmehr den
Schluss zu, dass sich die IS-Gruppen in Asien –
rhetorisch wie praktisch – primär an perzipierten
Missständen vor Ort orientieren. Entsprechend räu-
men sie ihren lokalen bzw. nationalen Zielen meist
weit mehr Platz ein als dem Kampf für ein globales
Kalifat. Personelle Verbindungen zur IS-Zentrale
(wie auch von asiatischen IS-Gruppen untereinander)
können zwar in einer Reihe von Fällen nachgewiesen
werden. Dies bedeutet aber nicht, dass die lokalen
IS-Ableger vom Nahen Osten aus gesteuert würden.
Zweitens reagieren die asiatischen Staaten, teils
in Verbindung mit dem Vorgehen externer Mächte
(allen voran der USA), viel schneller und repressiver
auf IS-Aktivitäten, als dies in Syrien und dem Irak
der Fall war. Viele Regierungen in Asien haben
bereits vor einigen Jahren das nötige Spektrum an
Anti-Terror-Instrumenten entwickelt. Daher sind
dauerhafte Geländegewinne oder militärische Siege
des IS bislang ausgeblieben.
Dies sollte – drittens – jedoch nicht zur Ein-
schätzung verleiten, der IS in Asien sei lediglich ein
Schreckgespenst. Gerade weil entsprechende Gruppen
hier weitgehend unabhängig von der Zentrale des
IS entstanden sind, ist dessen militärische Niederlage
in Syrien und dem Irak kein Garant dafür, dass die
asiatischen Ableger ebenfalls geschwächt sind oder
auseinanderfallen. Denn das Bündel an politischen
und sozio-ökonomischen Faktoren, von denen sie
profitieren, bleibt bestehen. Die Propaganda des IS
ist auch für Angehörige der Mittelschicht attraktiv,
die sich vielfach über soziale Medien radikalisieren.
Dies stellt asiatische Staaten vor neue Herausforde-
rungen ideologischer, technologischer und politischer
Art. Es ist anzunehmen, dass in naher Zukunft wei-
tere Mutationen der Idee eines islamischen Kalifats
in Asien auftreten werden – als eine Option unter
vielen verschiedenen Formen des Ringens um eine
islamische Ordnung. Dazu trägt bei, dass vielerorts in

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Der »Islamische Staat« (IS) in Asien: Einleitung und Vorüberlegungen

Felix Heiduk

Der »Islamische Staat« (IS) in Asien:


Einleitung und Vorüberlegungen

Der IS wurde in seinen syrisch-irakischen Kern- lierten Gebiete im afghanisch-pakistanischen Grenz-


gebieten zwar für besiegt erklärt, doch hat er sich gebiet sowie die erwähnte Besetzung der philippini-
mittlerweile in andere Regionen ausgebreitet. Nach schen Stadt Marawi. Und auch wenn in einigen Fällen
Medienberichten konnte der IS im Jemen 2017 seine die Präsenz ausländischer Kämpfer (aus Nachbarlän-
Truppenstärke verdoppeln. Er bekannte sich auch dern oder dem Nahen Osten) nachgewiesen werden
zu dem Anschlag, der im November des Jahres eine konnte, so bewegt sich deren Zahl allen Schätzungen
Moschee auf der Sinai-Halbinsel traf und mehr als zufolge nur im zweistelligen Bereich. Selbst nach der
300 Menschenleben forderte – der verheerendste militärischen Niederlage des IS in Syrien und Irak ist
Terrorangriff in der Geschichte Ägyptens. Auch in bislang keine jihadistische »Ausreisewelle« Richtung
Asien traten IS-affiliierte Gruppen 2017 verstärkt in Asien feststellbar.
Erscheinung. Ableger in Afghanistan bekannten sich Auch war die Zahl der Jihadisten, die von Asien
unter anderem zu dem Anschlag auf ein schiitisches in den Nahen Osten ausreisten, verglichen mit den
Kulturzentrum in Kabul, bei dem im November Ausreisezahlen westeuropäischer Länder sehr gering.
40 Menschen starben, und zu einem Attentat auf Nur wenige Hundert begaben sich zwischen 2014 und
einen Markt, das im Januar 2018 über 20 Todesopfer 2016 aus Zentral-, Süd-, Ost- und Südostasien in die
hinterließ. 1 In Kabul kamen Ende 2017 mehr Men- vom IS kontrollierten Gebiete in Syrien und dem Irak.
schen durch IS-Anschläge ums Leben als durch Und auch die in Asien selbst operierenden IS-Ableger
Angriffe der Taliban. Auf den Philippinen eroberten verfügen in den seltensten Fällen über mehr als 100
IS-Kämpfer im Mai 2017 die 200 000 Einwohner zäh- bewaffnete Kämpfer. Mehr noch, sie konkurrieren vor
lende Stadt Marawi auf der Insel Mindanao. Erst Ort in der Regel mit anderen militanten Gruppierun-
nach monatelanger verlustreicher Belagerung gelang gen, die qualitativ wie quantitativ besser aufgestellt
es dem philippinischen Militär im Oktober, die IS- sind, um Rekruten, Geld und die Unterstützung der
Kämpfer aus Marawi zu vertreiben. Bevölkerung. Solche Konkurrenten sind beispiels-
Die Gewaltaktionen der asiatischen IS-Ableger weise die Taliban in Afghanistan oder die »Islamische
beschränken sich vielerorts auf sporadische Anschlä- Befreiungsfront der Moros« (MILF) auf den Philippi-
ge und Angriffe. Sie gelten Zielen, die aus Sicht des nen. Bislang ist in Asien nicht zu beobachten, dass
IS hohen Symbolcharakter haben – wie Militär, Anhänger des IS – wie es etwa im Irak geschah –
Polizei, Regierungsvertreter, »Ausländer« aus west- andere militante Gruppen unterwandern und an-
lichen Staaten oder China sowie religiöse Minder- schließend deren Führung übernehmen. Vielmehr
heiten und »Apostaten«. Militärische Siege über den sind IS-Anhänger in einigen asiatischen Ländern auch
vermeintlichen Gegner oder dauerhafte Gelände- in bewaffnete Auseinandersetzungen mit anderen
gewinne werden dabei aber nur selten erreicht. Aus- jihadistischen Organisationen verwickelt. Zudem ist
nahmen bilden die von IS-Gruppen partiell kontrol- es den IS-affiliierten Gruppen Asiens allenfalls in eng
umgrenzten Gebieten gelungen, die Unterstützung
der einheimischen Bevölkerung zu erlangen. Eine
1 Fahim Abed, »ISIS Suicide Bomber Kills 20, Including flächendeckende lokale Verankerung des IS, die
Members of Police Force, at Afghan Market«, in: The New York
den Aufbau parastaatlicher Strukturen ermöglichen
Times, 5.1.2018, <https://www.nytimes.com/2018/01/04/
würde, scheint in Asien ebenfalls ausgeblieben zu
world/asia/isis-kabul-suicide-attack.html> (eingesehen am
sein.
23.2.2018).

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»Islamischer Staat« in Asien
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Felix Heiduk

Nach wie vor sind Verbindungen zwischen der nennen sind hier die Gefahren, die von militärisch
IS-Führung und asiatischen Ablegern jenseits punk- geschulten und ideologisch radikalisierten Rückkeh-
tueller personeller Kontakte kaum nachweisbar. Die rern ausgehen, gerade nachdem das IS-Kalifat als
vorhandenen Informationen lassen vielmehr den territoriale Einheit zerschlagen worden ist. Vor neuen
Schluss zu, dass sich die IS-Gruppen in Asien – Problemen stehen die Staaten Asiens auch deshalb,
rhetorisch wie praktisch – primär an perzipierten weil lokale Gruppen auftreten, die Ideologie, Strategie
Missständen vor Ort orientieren. Entsprechend räu- und Taktik vom IS übernommen haben. Ausdruck
men sie ihren lokalen bzw. nationalen Zielen meist findet dies unter anderem im Alleinvertretungs-
weit mehr Platz ein als dem Kampf für ein globales anspruch solcher Akteure, in ihrem gewaltsamen
Kalifat. Personelle Verbindungen zur IS-Zentrale (wie Vorgehen gegen vermeintliche Apostaten sowie
auch von asiatischen IS-Gruppen untereinander) andere Religionsgruppen und in ihrer vollständigen
können zwar in einer Reihe von Fällen nachgewiesen Ablehnung moderner politischer Institutionen (ein-
werden. Dies bedeutet aber nicht, dass die lokalen IS- schließlich Staatsgrenzen). Der IS präsentiert sich
Ableger vom Nahen Osten aus gesteuert würden. Der somit auch in Asien als radikalere Alternative zu
Blick auf das Auftreten des IS in unterschiedlichen anderen militanten Gruppen, selbst jenen aus dem
Ländern Asiens zieht so zunächst einmal die Annah- Al-Qaida-Lager.
me in Zweifel, die Organisation würde hier rasant an IS-Gruppen in Asien profitieren dabei, wie andere
Boden gewinnen. Denn auf operativer Ebene ist der militante Akteure auch, vielfach von Legitimitäts-
IS in weiten Teilen Asiens nach wie vor schwach defiziten politischer Eliten und der Schwäche staat-
aufgestellt. licher Strukturen. Die entsprechenden Gruppen
stoßen in Räume schwacher oder erodierter Staatlich-
IS-Gruppen in Asien profitieren von keit vor und besetzen diese. In überwiegend musli-
den Legitimitätsdefiziten und der mischen Ländern Asiens kommt erschwerend hinzu,
Schwäche staatlicher Strukturen. dass innerhalb der Mehrheitsgesellschaft orthodoxe
oder konservativere Islam-Interpretationen an Bedeu-
Doch für einige Länder der Region weisen die tung gewinnen. Die zunehmende Diskriminierung
Ergebnisse dieser Studie deutlich darauf hin, dass IS- religiöser Minderheiten (vor allem von Christen
affine Organisationen an Präsenz gewinnen und und Buddhisten) sowie Gewaltakte gegen islamische
einen wachsenden Aktivismus an den Tag legen. Vor »Häretiker« (wie etwa Ahmadiyah oder Schiiten) wer-
diesem Hintergrund befürchten Beobachter, dass die den vielerorts gutgeheißen oder gar offen unterstützt.
erwähnten Anschläge und bewaffneten Operationen Solche Phänomene sind Ausdruck weitverbreiteter
erste Anzeichen für künftige Bemühungen des IS sein gesellschaftlicher Einstellungsmuster.
könnten, in Asien sehr viel stärker als bisher Fuß zu Dabei unterscheidet den IS in seinem wahrnehm-
fassen – einem Kontinent, auf dem über 500 Millio- baren Verhalten zunächst wenig von anderen mili-
nen Muslime leben, mehr als in den Ländern des tanten revolutionären Bewegungen. Weder ist der
Nahen und Mittleren Ostens. Für solche Absichten Versuch, die gesellschaftliche, soziale und politische
spricht nicht nur der Umstand, dass die Aktionen Ordnung durch extreme Gewaltanwendung zu über-
propagandistisch über Asien hinaus aufbereitet wer- winden, als Alleinstellungsmerkmal des IS zu werten,
den. Auch gibt es Berichte, wonach asiatische IS- noch gilt dies für seinen Anspruch, durch göttliche
Gruppen aus dem Nahen Osten finanziert werden Vorsehung legitimiert zu sein. Auch die Vorgehens-
und IS-affine Akteure in der Region selbst sich zuneh- weise, die der IS in Syrien und dem Irak erfolgreich
mend vernetzen. 2 angewandt hat, ähnelt der vieler anderer bewaffneter
Somit stellt das Phänomen IS für die Länder Asiens Bewegungen: Man sickert zunächst über klandestine
in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung dar. Zu Netzwerke in gegnerische Gebiete ein, gewinnt dort
die Unterstützung von Teilen der Bevölkerung, er-
obert dann Territorium, indem man Guerillakrieg mit
2 Bilveer Singh/Kumar Ramakrishna, Islamic State’s Wilayah konventioneller Militärtaktik kombiniert, und baut
Philippines: Implications for Southeast Asia, Singapur: RSIS,
21.7.2016, <https://www.rsis.edu.sg/rsis-publication/rsis/
co16187-islamic-states-wilayah-philippines-implications-for-
southeast-asia/#.WMgHaXpFuyo> (eingesehen am 23.2.2018).

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Der »Islamische Staat« (IS) in Asien: Einleitung und Vorüberlegungen

in dem Gebiet schließlich proto-staatliche Strukturen breite an Normen und Handlungsoptionen durch
auf. 3 direkte Ableitung aus dem Koran als legitim definiert
In Bezug auf die eigene Islam-Interpretation und und andere Normen und Handlungsoptionen wiede-
das daraus abgeleitete Staatsverständnis unterscheidet rum als unislamisch verurteilt. 9
sich der IS jedoch von anderen Gruppierungen des Die ideologische Radikalität des IS, verbunden mit
radikal-islamistischen Spektrums, einschließlich seinen militärischen Erfolgen 2014/2015, der Selbst-
al-Qaida. Er versteht die Kerntexte des Islam als einzi- darstellung als wahr gewordene islamistische Utopie
gen legitimen Bezugspunkt für politisches Handeln und dem Zugriff auf materielle Ressourcen (vor allem
und die Ordnung von Staat und Gesellschaft. 4 Moder- Erdöl), verhalf der Organisation zu rascher Expan-
ne politische Institutionen, etwa Wahlen oder auch sion. 10 Dabei ist es seit Jahren Teil der offiziellen IS-
Staatsgrenzen, lehnt er als unislamisch ab. 5 Anerken- Strategie, in andere Gebiete der muslimischen Welt
nung finden nur politische Autoritäten, die im Koran vorzudringen. Bereits kurz nach Ausrufung des Kali-
als Führer des Gemeinwesens genannt werden. Der fats durch IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi im Juni
IS versteht sich dabei als Gegenentwurf zur »korrup- 2014 machte die Organisation ihre territorialen Be-
ten« Moderne. Das einzig mögliche Korrektiv sieht er strebungen öffentlich. Eine entsprechende Karte zeigt
darin, eine gesellschaftliche und politische Ordnung als Expansionsräume neben dem afghanisch-pakista-
zu errichten, die allein auf Gott ausgerichtet ist. nischen Grenzgebiet (der sogenannten IS-Provinz
Der IS legitimiert sich über seinen Anspruch, »die Khorasan) auch große Teile Zentralasiens bis hin zum
in Koran und Sunna vorgegebene göttliche Ordnung äußersten Westen Chinas. Auch aus vielen Teilen
zur Anwendung zu bringen und/oder im Handeln Asiens reisten Jihadisten nach Syrien und in den Irak,
von dieser Ordnung geleitet zu sein«. 6 Demnach sind um sich dem IS anzuschließen. Zudem leisteten loka-
»keine Kompromisslösungen in den Konflikten mit le islamistische Gruppen unter anderem in Bangla-
seinen Gegnern« denkbar. 7 Selbst konservative Mus- desch und Afghanistan sowie auf den Philippinen
lime, deren Islam-Interpretation von jener des IS den Treueschwur (bai’at) auf al-Baghdadi. Bei ihren
abweicht, werden konsequent als Apostaten gebrand- Aktionen bezogen sie sich vielfach direkt auf den IS.
markt. Die spezifische Islam-Deutung des IS fungiert Von dessen Propagandamaschine wird das Auftreten
somit als eine Art »enabler«, 8 indem sie eine Band- affiliierter Gruppen in Asien massiv ausgeschlachtet.
Solche Ableger versuchten – oft mit ausländischer
3 Craig Whiteside, »New Masters of Revolutionary Warfare: Unterstützung –, die spektakulären Erfolge des IS in
The Islamic State Movement (2002–2016)«, in: Perspectives der eigenen Region zu wiederholen.
on Terrorism, 10 (2016) 4, <www.terrorismanalysts.com/pt/ Den Fallanalysen vorangestellt werden sollen auch
index.php/pot/article/view/523> (eingesehen am 23.2.2018); einige Überlegungen zur Methodik. 11 Denn Studien
Stathis Kalyvas, »Is ISIS a Revolutionary Group and If Yes, zu Terrorismus im Speziellen und zu Gewaltakteuren
What Are the Implications?«, in: Perspectives on Terrorism, im Allgemeinen müssen eine Reihe methodischer
9 (2015) 4, S. 42–47; Stephen M. Walt, »ISIS as Revolu- Herausforderungen bewältigen. Zunächst gibt es ein
tionary State«, in: Foreign Affairs, 17.11.2015, <https://www.
Quellen- bzw. Informationsproblem. Die im Fokus
foreignaffairs.com/articles/middle-east/isis-revolutionary-
stehenden Organisationen sind meist illegale, klan-
state> (eingesehen am 23.2.2018).
destin operierende und gewaltbereite Gruppen. Daher
4 Guido Steinberg, »Islamistischer Terrorismus: Sechs
Thesen auf dem Prüfstand«, in: Internationale Politik, 3 (2017),
S. 62–67. 9 Die ultrakonservativen Islam-Interpretationen von Grup-
5 Christoph Günther, »Ein Staat der Emigration und des pen wie al-Qaida und IS werden vom Großteil der Muslime
Jihad: Das Staatsmodell des ›Islamischen Staates‹«, in: Peter weltweit abgelehnt. Vgl. Mark Juergensmeyer, Terror in the
Lintl/Christian Thuselt/Christian Wolff (Hg.), Religiöse Bewe- Mind of God: The Global Rise of Religious Violence, Berkeley: Uni-
gungen als politische Akteure im Nahen Osten, Baden-Baden 2016, versity of California Press, 2003.
S. 132. 10 Vgl. z.B. Wolfram Lacher, »Libyen: Wachstumsmarkt
6 Ebd., S. 149. für Jihadisten«, in: Guido Steinberg/Annette Weber (Hg.),
7 Ebd., S. 150. Jihadismus in Afrika. Lokale Ursachen, regionale Ausbreitung, inter-
8 Simon Cottee, »›What ISIS Really Wants‹ Revisited: nationale Verbindungen, Berlin: Stiftung Wissenschaft und
Religion Matters in Jihadist Violence, but How?«, in: Studies Politik, März 2015 (SWP-Studie 7/2015), S. 42.
in Conflict & Terrorism, 40 (2016) 6, <https://doi.org/10.1080/ 11 Ulrich Schneckener, »Die Grenzen der Terror-
1057610X. 2016.1221258> (eingesehen am 23.2.2018). Forschung«, in: Handelsblatt, 6.9.2006.

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ist es nahezu unmöglich, Informationen durch etab-


lierte sozialwissenschaftliche Methoden zu gewinnen
– wie Interviews, Erhebungen mit Fragebögen oder
teilnehmende Beobachtung. Der Großteil an Infor-
mationen, die über solche Gruppen verfügbar sind,
wurde entweder von ihnen selbst veröffentlicht oder
aber von Dritten wie Militär, Nachrichtendiensten,
Polizei und Medien. Die von den Gruppen publizier-
ten Inhalte dienen vor allem der Propaganda nach
außen sowie der Selbstvergewisserung nach innen.
Fast nie ist es möglich, die Informationen in unab-
hängiger Weise zu überprüfen und als glaubwürdig
oder unglaubwürdig einzustufen.
Ähnliche methodische Probleme werfen die von
Dritten veröffentlichten Angaben auf, vor allem wenn
sie von Sicherheitsbehörden kommen. 12 Auch Dritt-
parteien können Informationen manipulieren, gezielt
zurückhalten oder bewusst nur partiell publizieren.
Hier mangelt es ebenfalls an Transparenz, was eine
unabhängige sozialwissenschaftliche Überprüfung
verhindert. Mehr noch, der Informationsstand von
Sicherheitsbehörden beruht in Teilen auf Verhör-
protokollen, die möglicherweise unter Anwendung
von Druckmitteln oder gar Folter zustande gekom-
men sind. Vielfach sind die Gespräche, die im Rah-
men dieser Studie mit Mitarbeitern staatlicher Sicher-
heitsbehörden geführt wurden, nicht zitierfähig.
Werden Sekundärquellen wie etwa Zeitungsartikel
oder NGO-Berichte genutzt, ergeben sich ähnliche
methodische Probleme. Auch für die so vermittelten
Informationen gilt, dass sie oft unvollständig, kaum
überprüfbar oder mit Bewertungen und Meinungen
vermengt sind.

12 Natasha Hamilton-Hart, »Terrorism in Southeast Asia:


Expert Analysis, Myopia and Fantasy«, in: The Pacific Review,
18 (2006) 3, S. 303–325.

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Karte 1

Zentralasien
Der »Islamische Staat« in Zentralasien

Uwe Halbach

Der »Islamische Staat« in Zentralasien

Einleitung in Zusammenhang mit globalem Terrorismus


brachte. 2
Zentralasien ist die größte Region mit muslimischer Ein anderer Befund zeigt sich jedoch, wenn es um
Mehrheitsbevölkerung im Raum der ehemaligen islamistisch begründete Gewaltaktivitäten in den
Sowjetunion. Hier kam es seit Ende der 1980er Jahre zentralasiatischen Staaten selbst geht. In der globalen
zu einem Prozess, der als »islamische Wiedergeburt« Terrorismus-Statistik liegt die Region weit hinter
bezeichnet wurde. Mit dieser Parole setzten sich Nachbarn in Südasien wie Afghanistan und Pakistan,
religiös aktive Gruppen wie die Partei Islamischer ebenso – im postsowjetischen Rahmen – hinter
Wiedergeburt Tadschikistans in Kontrast zur dem Nordkaukasus und Russland oder auch EU-
religionsfeindlichen Politik der sowjetischen Zeit. Staaten wie Frankreich und Belgien. Das Gebiet im
Zugleich traten sie in politische Auseinandersetzung Raum der zerfallenen Sowjetunion, in dem sich ein
mit »post«-sowjetischen Machteliten. Missstände wie jihadistischer Untergrund am stärksten entfaltet hat,
systemische Korruption boten ihnen Angriffsflächen liegt nicht in Zentralasien, sondern im kaukasischen
für einen Appell an »islamische Gerechtigkeit«. Dabei Landesteil Russlands, also in der Nachbarschaft Euro-
profitierten regimefeindliche islamistische Organisa- pas. Zentralasien bildet kein Epizentrum des islamis-
tionen von globalen Dynamiken des Islamismus; dies tischen Terrorismus, auch wenn dort in den letzten
gilt etwa für die Islamische Bewegung Usbekistans Jahren einzelne Anschläge von islamistischen Grup-
(IBU), die 1999 mit militärischen Aktionen im Drei- pen begangen wurden. Von 85 000 »incidents of
ländereck zwischen Kirgistan, Tadschikistan und terrorism«, die zwischen 2001 und 2015 weltweit
Usbekistan die Sicherheitskräfte herausforderte. In erfasst wurden, entfielen 62 auf die fünf zentral-
jüngster Zeit lenkten Terroranschläge auf internatio- asiatischen Staaten. Im Global Terrorism Index (GTI),
naler Bühne die Aufmerksamkeit auf Täter zentral- der Terror-Aktivitäten auf Länderebene jährlich im
asiatischer Herkunft. Dazu zählen zwei Gewaltakte Zehnjahresrückblick bemisst, rangierten 2016 diese
in Istanbul – der Bombenanschlag auf dem Atatürk- Staaten auf den mittleren bis unteren Rängen (Kirgi-
Flughafen im Juni 2016 und das Massaker im Nacht- stan 84., Kasachstan 94., Usbekistan 117. Rang) –
club Reina am Neujahrstag 2017. In Sankt Petersburg weit hinter Russland (Rang 30). Am schlechtesten war
verübte ein junger Usbeke aus Kirgistan im April hier noch Tadschikistan auf Rang 56 platziert. 3 Selbst
2017 ein Attentat auf die Metro. Kurz darauf tötete in Berichte zu Zentralasien, die unter Überschriften wie
Stockholm ein Asylsuchender aus Usbekistan fünf »Facing Radical Islam« stehen, räumen ein, dass die
Fußgänger. Zuletzt kam es Ende Oktober 2017 in New Region gegenwärtig keine besondere Priorität auf der
York zu einem Terroranschlag, den ein seit mehreren transnationalen Agenda größerer Terror-Organisatio-
Jahren dort lebender Usbeke mit einem Pick-up be- nen wie IS oder al-Qaida darstellt. 4
ging. Im Dezember 2017 gab der russische Inlands-
geheimdienst FSB bekannt, man habe Männer aus 2 Uwe Halbach, Zentralasien im Umfeld des globalen Jihadismus,
Zentralasien mit Verbindungen zum IS verhaftet, die Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, Juli 2017 (SWP-
Anschläge in Moskau zu Neujahr und vor der Präsi- Aktuell 48/2017).
dentenwahl im März 2018 geplant hätten. 1 Diese 3 Global Terrorism Index 2016, Sydney: Institute for Econo-
Ereignisse ließen ein Bild entstehen, das Zentralasien mics and Peace, 2016.
4 Erlan Karin, Central Asia: Facing Radical Islam, ifri/Russia/
NIS Center, Februar 2017, <https://www.ifri.org/sites/default/
1 »Moskau meldet Vereitelung von Anschlägen an Neu- files/atoms/files/rnv98_erlan_karin_central_asia_radical_
jahr«, in: Neue Zürcher Zeitung, 13.12.2017. islam_eng_2017.pdf> (eingesehen am 2.2.2018), S. 1.

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»Islamischer Staat« in Asien
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Uwe Halbach

Blickt man auf die Rolle Zentralasiens im Umfeld der Kämpfer kam eben nicht unmittelbar aus den
des globalen Jihadismus, so haben zwei Arten von Heimatländern, sondern aus Migrantengemeinden
Auswanderung große Bedeutung. Zum einen geht es im Ausland.
um Arbeitsmigration aus Usbekistan, Kirgistan und
Tadschikistan ins Ausland, vor allem nach Russland,
aber auch in die Türkei und andere Länder. Der Einzug des IS nach Zentralasien?
Migrationskorridor von Zentralasien nach Russland
gilt als einer der größten im Weltmaßstab. Allein Von einem Einzug des IS nach Zentralasien in Gestalt
2016 begaben sich mehr als vier Millionen Migranten, lokaler Milizen kann weit weniger die Rede sein als
vorwiegend aus dem GUS-Raum, auf den russischen von der umgekehrten Konstellation: Jihad-Migranten
Arbeitsmarkt – trotz der Wirtschaftsflaute im Land. aus der Region und der russischen Arbeitsdiaspora
Davon kamen rund 70 Prozent aus Usbekistan, Kirgi- beteiligten sich zwischen 2013 und 2016 an Kampf-
stan und Tadschikistan. 5 Mittlerweile leben Millionen formationen des IS und anderer Terrormilizen in
zentralasiatischer Gastarbeiter unter teils prekären Syrien und dem Irak. Dagegen wurde in einem Land
Rechts- und Arbeitsverhältnissen in Russland. wie Kirgistan erstmals im Oktober 2017 ein Terror-
anschlag vermeldet, für den der IS die Verantwortung
Bis zu 4000 »foreign fighters« aus übernahm (eine Messerattacke auf einen Polizei-
Zentralasien sollen sich nach Syrien beamten). 6 Aus den zentralasiatischen Staaten wird
und in den Irak begeben haben. von IS-Anhängern berichtet, die durch Internet-Propa-
ganda rekrutiert werden – von Schläfer-Zellen, die
Die andere Form der Auswanderung steht in direk- aber keine größeren organisierten Milizen bilden.
tem Zusammenhang mit globalem Jihadismus. Hier Mit dem Einzug des IS in Afghanistan verstärkte
geht es darum, dass Personen sich terroristischen sich indes das Bedrohungsnarrativ, wonach dieser
Organisationen im Ausland anschließen – zwischen weltweit schlimmste Terrorismus-Generator auch auf
2013 und 2016 vor allem in Syrien und dem Irak. Zentralasien ausstrahle. Russische Sicherheitsexper-
Auch wenn Zahlenangaben dazu nicht verlässlich ten warnten vor einer IS-Invasion, die Moskau zur
sind und oft weit auseinandergehen, stammte doch militärischen Intervention in Zentralasien veranlas-
ein beträchtlicher Teil der dortigen »foreign fighters« sen würde, um Mitgliedstaaten der Eurasischen Wirt-
aus dem GUS-Raum. Für Zentralasien liegen die am schaftsunion zu schützen. 7 Ähnliche Töne kamen
häufigsten genannten Zahlen zwischen 2000 und 2015 von Präsident Wladimir Putin auf einem Gipfel
4000 Personen, die sich – zum Teil mit ihren Fami- der Organisation des Vertrags für kollektive Sicher-
lien – nach Syrien und in den Irak begeben haben. heit, in der Russland mit zentralasiatischen und
Zwischen den beiden Migrationsphänomenen besteht anderen nachsowjetischen Staaten kooperiert. Bei
insofern eine Verbindung, als ein erheblicher Teil der dem Treffen, das in der tadschikischen Hauptstadt
Bürger zentralasiatischer Staaten, die sich an auswär- Duschanbe stattfand, schlug Putin einen Bogen von
tige Jihad-Fronten begeben und Terror-Aktionen im Syrien nach Afghanistan. Er verwies auf die Präsenz
Ausland begangen haben, in ihren Gastländern (wie von IS-Milizen am Hindukusch und machte geltend,
Russland) rekrutiert wurde. dass der IS seine Terror-Aktivitäten nach Zentral- und
Hat Zentralasien sein Problem mit islamistischer Südasien ausweite. Im Gastland des Gipfels war dieses
Gewalt exportiert? Im Falle Usbekistans sind militante Szenario gerade zum Thema geworden, nachdem ein
Gruppen wie die IBU nach 1999 vom allmächtigen hoher Sicherheitsbeamter Tadschikistans den Über-
Sicherheitsapparat aus dem Land geworfen worden.
Usbekische Jihadisten haben sich dabei vor allem
nach Afghanistan und Pakistan abgesetzt. Fraglich ist
jedoch, ob die Auswanderung militanter Kräfte aus 6 »Islamic State Claims First Attack in Kyrgyzstan«, in:
Zentralasien nach Syrien und in den Irak von staat- BBC Monitoring Central Asia, 29.10.2017.
lichen Stellen begünstigt wurde. Denn ein großer Teil 7 Noah Tucker, »Public and State Responses to ISIS Messag-
ing: Uzbekistan«, in: Marlene Laruelle (Hg.), Uzbekistan.
Political Order, Societal Changes, and Cultural Transformations,
5 »Migranty trudjatsja v poluteni« [Die Migranten schuften Washington D.C.: The George Washington University,
im Halbschatten], in: Kommersant, 26.6.2017. Central Asia Program 2017, S. 108–115 (110).

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»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Der »Islamische Staat« in Zentralasien

tritt zu der Terrormiliz vollzogen hatte. 8 Vor 2014 andere zentralasiatische Regierungen stellte das Re-
galt Afghanistan als wichtigster Bezugspunkt, wenn gime von Islam Karimow den IS nun in einer Weise
zentralasiatische Macht- und Sicherheitseliten externe dar, als bedrohe er unmittelbar die territoriale Souve-
Bedrohungen durch islamistische Gewalt und die ränität und Integrität des Landes. Nationale Medien
Präsenz eigener Staatsbürger an auswärtigen Jihad- ließen verlauten, der IS habe das Land ins Fadenkreuz
Fronten ansprachen. In Afghanistan hatte sich vor genommen und bereite sich auf eine Invasion im
allem die IBU verschanzt. Nun aber traten die Kämpfe Zentrum Mittelasiens vor. Die Medien in Russland
in Syrien und dem Irak ins Zentrum der Bedrohungs- unterstützten dieses Bedrohungsnarrativ zu einer
perzeptionen. Zeit, als Moskau seine sicherheitspolitische Präsenz in
Dass zentralasiatische Staatsbürger sich zum Jihad Zentralasien zu festigen suchte und seinen militäri-
in Syrien und dem Irak aufmachten, bezog man dabei schen Einsatz in Syrien mit der Bekämpfung des IS
einseitig auf den Machtbereich des IS. An diesen Fron- begründete. Eine islamistische Gruppierung wie die
ten kämpften aber auch andere Milizen, denen sich seit Mitte der 1990er Jahre in Zentralasien aktive Hizb
Auswanderer aus dem GUS-Raum angeschlossen hat- ut Tahrir al Islami wurde in die Nähe des IS gerückt,
ten. Solche Akteure lieferten sich in Syrien und dem obwohl sie sich in ihrer Propaganda von Terroraktio-
Irak auch untereinander Konflikte um Ressourcen; nen distanzierte. Dagegen kam es ab 2015 zuneh-
zum Teil bildeten sie eigene Brigaden, die nicht mit mend vor, dass IBU-Führer zum IS übertraten. Theo-
dem IS verbunden waren. Einige davon verwiesen auf logisch gebildete Muslime Usbekistans wiederum
Zentralasien – wie das Bataillon Imam Buchari, in verurteilten in sozialen Medien den Terror und die
dem etwa 400 Bürger Usbekistans kämpften, oder religiöse Anmaßung des IS. 11
die 2014 von einem Uighuren und einem Kirgisen ge- Von einem Einzug des IS nach Zentralasien kann
gründete Miliz Katibat al Tawhid wal Jihad. Diese ord- bislang allenfalls mit deutlichen Einschränkungen
nete sich zunächst al-Qaida zu, schwor im September gesprochen werden. Die sicherheitspolitischen Eliten
2015 der Nusra-Front Gefolgschaft und beteiligte sich in der Region rechnen sich dies als Verdienst an und
an Angriffen auf russische Truppen in Syrien. 9 verweisen auf ihre strikte Kontrolle der religiösen
Usbekistan wurde wie andere zentralasiatische Szene. Doch die – erwartete oder bereits erfolgte –
Staaten um 2013/2014 darauf aufmerksam, dass eige- Rückkehr zentralasiatischer Jihad-Auswanderer in
ne Staatsbürger in die Kampfgebiete Syriens und des ihre Heimatländer bleibt eine Herausforderung. Bis-
Irak ausreisten. Unter den zentralasiatischen Jihad- lang liegen dazu kaum verifizierte Angaben vor. Wie
Migranten überwogen zunächst ethnische Usbeken bei der Auswanderung ist man hier mit divergieren-
aus der Republik selbst, aus der usbekischen Minder- den, widersprüchlichen Informationen konfrontiert.
heit in der Nachbarrepublik Kirgistan und aus der Ein Beispiel aus Kasachstan: Der IS postete im Jahr
Arbeitsdiaspora in Russland sowie anderen Ländern 2015 Video-Clips mit kasachischen Kämpfern und
(etwa der Türkei). Usbeken, die zum IS übergetreten behauptete, Kasachen kämen in Scharen nach Syrien.
waren, entwickelten eigene Online-Foren in ihrer Kasachische Behörden bezifferten die Zahl der aus
Nationalsprache – wie den Mediendienst Khilafat – dem eigenen Land dorthin ausgereisten Jihadisten im
und posteten Propagandatexte auf Facebook, Twitter März 2016 allerdings nur auf 200. 12 Im Dezember
und dem russischsprachigen Internetportal Odno- 2017 wiederum teilte der stellvertretende Direktor des
klassniki. 10 Das Muftiat in Usbekistan setzte die Zahl Nationalen Sicherheitskomitees mit, dass sich in den
usbekischer Staatsbürger, die sich mit dem IS ver- Kriegszonen Syriens und des Irak allein 390 Jugend-
bündet hatten, mit »einigen Hundert« an. Wie auch liche aus Kasachstan, darunter 176 Mädchen, auf-
hielten, deren Rückführung in ihre Heimat nun ge-
fordert sei. 13
8 Zu dem Gipfel siehe Uwe Halbach, Reaktionen auf den Eine Herausforderung für Zentralasien wie für
»Islamischen Staat« (ISIS) in Russland und Nachbarländern, Berlin: viele andere Regionen und Länder bleibt zudem die
Stiftung Wissenschaft und Politik, Oktober 2015 (SWP-
Aktuell 85/2015).
9 »Katibat al Tawhid wal Jihad«, in: trackingterrorism.org, 11 Ebd.
<https://www.trackingterrorism.org/group/katibat-al-tawhid- 12 Karin, Central Asia [wie Fn. 4].
wal-jihad> (eingesehen am 7.2.2018). 13 »Nearly 400 Kazakh Kids in Middle Eastern Conflict
10 Tucker, »Public and State Responses« [wie Fn. 7]. Zones«, in: BBC Monitoring Central Asia, 13.12.2017.

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»Islamischer Staat« in Asien
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Uwe Halbach

islamistische Online- und Offline-Rekrutierung – Das Regime unter Karimow begegnete dieser Her-
auch, aber nicht ausschließlich durch den IS. Dies gilt ausforderung mit einem religionspolitischen »crack-
ungeachtet der Zerschlagung des Islamischen Staates down«, der aus Usbekistan das Land mit der höchsten
und seines »Kalifats« in Syrien und dem Irak. Wie Zahl an Häftlingen im postsowjetischen Raum mach-
sieht darauf die Antwort auf der jeweiligen Länder- te, die wegen »religiösen Extremismus« einsitzen. Die
ebene aus? Derzeit zeigen sich Unterschiede bei der bereits erwähnte Islamische Bewegung Usbekistans
staatlichen Sicherheits- und Religionspolitik in Zen- galt als der prominenteste islamistische Gewaltakteur,
tralasien – auch zwischen den beiden größten wurde allerdings gegen Ende der 1990er Jahre aus
Staaten der Region, Usbekistan und Kasachstan. 14 dem Land verdrängt. In ihrem Exil in Afghanistan
und Pakistan hat sie sich internationalisiert. 15 Die
staatliche Sicherheitspolitik machte in der Karimow-
Politische Reaktionen in den Ära keinen Unterschied zwischen terroristischen
zentralasiatischen Staaten Organisationen und Gruppen wie Hizb ut Tahrir, die
zwar ein islamistisches Weltbild vertraten, sich aber
Usbekistan ist mit rund 33 Millionen Menschen das von Terror-Aktivitäten distanzierten.
einwohnerreichste Land Zentralasiens; es stellt Mit der Auswanderung von Usbeken an die Jihad-
45 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit Grenzen zu Fronten in Syrien und dem Irak verschärfte sich, wie
allen übrigen zentralasiatischen Staaten und zu bereits erwähnt, die Konfrontation zwischen dem
Afghanistan bildet Usbekistan das Kernland dieser Staat und (angeblichen wie tatsächlichen) islamis-
Region. Sicherheitspolitische Herausforderungen tischen Akteuren. Allerdings hat sich in den letzten
haben hier grenzüberschreitende Bedeutung – so zwei Jahren die Haltung der offiziellen staatlichen
im Fergana-Tal, dem östlichen Landesteil im Grenz- und religiösen Stellen verändert. Regierung und
gebiet zu Kirgistan und Tadschikistan, wo die Staats- Muftiat riefen zu pädagogischen Maßnahmen auf,
grenzen durch Siedlungsgebiete einzelner Volksgrup- um islamistischer Radikalisierung zu begegnen. 16 Die-
pen laufen. Auch mit Blick auf die Geschichte des se Tendenz verstärkt sich mit den bemerkenswerten
Islam in Zentralasien kommt Usbekistan eine beson- Reformsignalen, die der neue usbekische Präsident
dere Rolle zu. Es liegt im Zentrum des sesshaften Schawkat Mirsijojew – Nachfolger des 2016 verstor-
Kulturkreises dieser Region, in dem der Islam tiefer benen Karimow – in seiner Innen- und Außenpolitik
verwurzelt ist als in nomadischen Gebieten etwa aussendet. Darin deutet sich eine Öffnung Usbeki-
Kasachstans. Die usbekischen Städte Buchara und stans an, das bislang einer der repressivsten und
Samarkand bilden historische Zentren islamischer nach außen hin besonders verschlossenen Nachfolge-
Kultur in diesem Teil Eurasiens. Von hier strahlten staaten der Sowjetunion war.
Sufi-Orden wie Naqschbandiyya auf weite Teile der Impulse einer Liberalisierung zeigen sich dabei
islamischen Welt aus. Im Fergana-Tal liegen mit Städ- auch auf religionspolitischem Feld. Im September
ten wie Namangan und Andishan Hochburgen einer 2017 teilte Präsident Mirsijojew mit, dass von 17 000
»religiösen Wiedergeburt«, wie sie beim Übergang Personen, die als »Extremisten« registriert waren, ein
von der sowjetischen in die nachsowjetische Periode Großteil rehabilitiert worden sei und wieder in die
erfolgte. Hier kam es am frühesten zur Konfrontation Gesellschaft integriert werden solle. 17 Auch ist vor-
zwischen der säkularen Machtelite um Republik- gesehen, in Buchara, Samarkand und Taschkent neue
führer Karimow und autonom auftretenden religiö- islamische Bildungszentren zu schaffen. Die offizielle
sen Gruppen. Letztere entzogen sich der Kontrolle der Geistlichkeit soll so in ihrer – bislang eher dürftigen
noch aus sowjetischer Zeit stammenden offiziellen
Geistlichkeit. Sie entfalteten politische Aktivitäten
und präsentierten sich auf lokaler Ebene als nicht- 15 Zur Internationalisierung der IBU und der mit ihr ver-
staatliche »Organisatoren von Ordnung und Recht«. bundenen Islamischen Dschihad-Union, die auch Anhänger
in Deutschland hatte, siehe: Guido Steinberg, Al-Qaidas deut-
sche Kämpfer. Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus,
14 Zur gegenwärtigen religionspolitischen Situation in den Hamburg: Edition Körber-Stiftung, 2014, S. 253–297.
zentralasiatischen Ländern siehe: Elmira Nogoybayeva u.a., 16 Tucker, »Public and State Responses« [wie Fn. 7].
Central Asia: A Space for »Silk Democracy«. Islam and State, 17 »Leader Says Most of Uzbeks Listed as Extremists
Almaty: Friedrich-Ebert-Stiftung, 2017. Rehabilitated«, BBC Monitoring Central Asia, 2.9.2017.

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Der »Islamische Staat« in Zentralasien

– theologischen Kompetenz und Autorität gestärkt Kasachen nach Syrien und in den Irak. Als der kasa-
werden, um religiöser Radikalisierung besser ent- chische Sicherheitsdienst im Juli 2017 seinen 20. Jah-
gegentreten zu können. Zu diesem Zweck wurde in restag feierte, bescheinigte ihm Präsident Nursultan
Taschkent bereits ein Zentrum islamischer Zivilisation Nasarbajew heroische Verdienste: Der Versuch, eine
gegründet, das den intellektuellen Nachwuchs für das terroristische Infrastruktur im Land aufzubauen, sei
Republik-Muftiat heranziehen soll. Präsident Mirsijo- dank des Einsatzes der Sicherheitskräfte gescheitert. 21
jew forderte mit Nachdruck eine Verbesserung der Um unter Terrorismusverdacht zu geraten, reicht es
religiösen Bildung. Er schlug vor, ein Zentrum für dabei schon, dass man religiöse Lieder in arabischer
Hadith-Forschung zu gründen und Wettbewerbe in Sprache postet. Im August 2017 wurde deswegen ein
Koran-Kunde abzuhalten. 18 Den zuvor allmächtigen junger Mann in Almaty vor Gericht gestellt. 22
Sicherheitsapparat wies Mirsijojew in die Schranken;
aus den geistlichen Verwaltungsstäben ließ er Ge- In Tadschikistan hat sich der Umgang
heimdienstkräfte abziehen. des Staates mit religiösen Akteuren
Im Gegensatz zum Usbekistan Karimows galt besonders stark verhärtet.
Kasachstan lange Zeit als religionspolitisch liberal.
Wurde seine religiöse Landschaft beschrieben, ver- Allerdings beschränkt sich auch in Kasachstan die
wies man auf konfessionelle Vielfalt, auf Erscheinun- Abwehr von religiösem Extremismus und entspre-
gen von islamisch-vorislamischem Synkretismus, chenden Einflüssen aus dem Ausland nicht auf sicher-
Toleranz und nomadische Tradition. Während der heitspolitische und strafrechtliche Maßnahmen. So
letzten Jahre erfuhr der Terminus »Extremismus« mahnte der für religiöse Angelegenheiten zuständige
dann aber einen fast inflationären Gebrauch in dem Minister, dass die Ausbildung religiöser Kader im
Land; dabei wird er besonders auf religiöse Radikali- eigenen Land verbessert werden müsse, damit sich
sierung bezogen. Die Zahl diesbezüglicher Gerichts- einer Abwanderung zu Bildungseinrichtungen im
urteile ist gestiegen. Menschenrechtsaktivisten weisen islamischen Ausland entgegenwirken lasse. 23 Sein
darauf hin, dass die Artikel des Strafgesetzbuchs hier- Ministerium hat eine Gefährderliste aufgestellt,
bei weit auslegbar sind. 19 Einen Wendepunkt brach- erwägt zugleich aber neue, »weiche« Methoden zur
ten Anschläge auf Sicherheitskräfte in Westkasach- Deradikalisierung dieses Personenkreises. 24
stan. 2011 wurde das Religionsgesetz verschärft; auf Das Land, in dem sich der staatliche Umgang mit
der offiziellen Terroristenliste fanden sich islamisti- religiösen Akteuren am meisten verhärtet hat, ist
sche Gruppen wie Hizb ut Tahrir und die Islamische Tadschikistan, der ärmste und strukturschwächste
Partei Ostturkestans, aus Südasien stammende Staat Zentralasiens und des gesamten GUS-Raumes.
Missionsbewegungen wie Tabligh e Jamaat und Die Regierung in Duschanbe begründet ihren Kurs
militante Netzwerke wie Lashkar e Taiba. Auch ein zum einen mit der Migration tadschikischer Muslime
populärer Sufi-Orden namens Senim-Bilim-Omir an auswärtige Jihad-Fronten, zum anderen mit sicher-
(Glaube-Wissen-Leben) wurde 2012 als extremistisch heitspolitischen Herausforderungen, die von Afgha-
aus Kasachstan verbannt, sein Führer, ein aus Afgha- nistan herrühren – jenem Land, mit dem Tadschiki-
nistan stammender Kasache, zu 14 Jahren Haft ver- stan über 1400 Kilometer die längste und poröseste
urteilt. 20 Dabei assoziiert man in den muslimischen Grenze in Zentralasien teilt. Bereits ab 2009 wurde
Teilen des GUS-Raumes den Sufismus meist eher per Gesetz die Religionsfreiheit massiv eingeschränkt.
positiv mit einem unpolitischen traditionellen Islam. Seitdem wurden Dutzende Islamschulen geschlossen
Die Kampfansage der staatlichen Stellen an religiöse und Vorschriften für Predigten erlassen. Solche Me-
Akteure, die des Extremismus verdächtigt wurden, thoden lieferten »all jenen Argumente, die die staat-
verschärfte sich ab 2014 mit der Auswanderung von

21 Kazachstanskaja Pravda, 13.7.2017.


18 »President Says Uzbekistan Lags Behind in Religious 22 »Kazakh on Trial for Listening Religious Songs in
Education«, BBC Monitoring Central Asia, 17.12.2017. Arabic«, BBC Monitoring Central Asia, 30.8.2017.
19 »Extremism Convictions on Rise in Kazakhstan«, 23 »Kazakh Minister Warns against Foreign Religious
in: BBC Monitoring Central Asia, 18.8.2017. Education«, BBC Monitoring Central Asia, 5.8.2017.
20 Central Asia: A Space for »Silk Democracy«. Islam and State 24 »Kazakh Police to Take Extra Measures to Prevent
[wie Fn. 14], S. 26. Radicalism«, BBC Monitoring Central Asia, 15.12.2017.

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Uwe Halbach

lichen Eingriffe in die Freiheit der Religionsausübung Verbindung zu Terrorgruppen. 28 Im Sommer 2017
als Beweis für Religionsfeindlichkeit der politischen gingen Sicherheitskräfte in Duschanbe von Haus zu
Elite werten und als Missachtung des in der Verfas- Haus, um »unliebsame Personen« aufzugreifen. Dabei
sung festgeschriebenen Prinzips der Trennung von standen mutmaßliche religiöse Extremisten im Zen-
Staat und Religion«. 25 trum der Zielgruppe. Die Aktion, die unter der Parole
Generell sagten Tadschikistans Behörden dem Sala- »Operation Ordnung« stand, war gerichtlich nicht
fismus oder »Wahhabismus« den Kampf an. Diese autorisiert. 2017 häuften sich Anti-Terror-Operatio-
fundamentalistischen Strömungen wurden 2009 und nen und militärische Manöver in Tadschikistan auf
abermals 2014 gesetzlich verboten. 2015 verschärfte nationaler wie multilateraler Ebene. 29
sich die staatliche Kontrolle der Religionsausübung Tadschikistan ist das einzige Land des postsowjeti-
ein weiteres Mal, nachdem ein hochrangiger tadschi- schen Raumes, in dem bis vor kurzem noch eine
kischer Sicherheitsbeamter, Gulmurod Khalimow, Partei der Islamischen Wiedergeburt registriert war.
zum IS übergetreten war. Der Elitekämpfer hatte an In allen übrigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion
fünf von den USA finanzierten Trainingskursen teil- wurden Parteien verboten, die sich auf ethnischer
genommen und war mit dem Sohn von Präsident oder religiöser Grundlage definierten. Während der
Emomali Rahmon befreundet. Nach dem Seiten- ersten Hälfte der 1990er Jahre war die Partei der
wechsel wandte er sich in einer Video-Botschaft an Islamischen Wiedergeburt an den inneren Macht-
seine Landsleute, vor allem an jene, die in Russland kämpfen in Tadschikistan beteiligt. Sie trat als ein
als Gastarbeiter leben, und drohte, nach Tadschiki- Vertragspartner bei der Friedensregelung auf, die
stan zurückzukehren und dort die Scharia durch- 1997 von Russland und anderen internationalen
zusetzen. 26 Akteuren vermittelt wurde, um den tadschikischen
Die Zahl tadschikischer Jihad-Auswanderer wuchs Bürgerkrieg zu beenden. Sie war nun Teil des politi-
zwischen 2014 und 2015 um ein Vielfaches. Der schen Systems, wurde in der Folgezeit aber von der
Generalstaatsanwalt des Landes gab im März 2016 säkularen Machtelite um Präsident Rahmon margi-
die Zahl der Tadschiken, die an auswärtigen Jihad- nalisiert, 2015 schließlich kriminalisiert und auf die
Fronten kämpfen, mit 1094 an. Der Großteil dieser Terroristenliste gesetzt. Die Regierung behauptete, die
Auswanderer – bis zu 85 Prozent – soll dabei aller- Partei habe einen Staatsstreich vorbereitet. Begründet
dings aus Gastarbeiter-Gemeinden in Russland kom- wurde dies mit Anschlägen auf Polizisten in Duschan-
men. Andererseits wurde berichtet, dass allein aus be, welche die Partei finanziert habe – ein Vorwurf,
einem kleinen Dorf namens Tschorkischlak im Nor- den auswärtige Beobachter für konstruiert halten.
den Tadschikistans sich an die hundert junge Leute Die meisten führenden Parteimitglieder landeten im
nach Syrien begeben hätten. Im ersten Halbjahr 2016 Gefängnis oder gingen ins Exil. Letzteres gilt etwa für
wurden in Tadschikistan 368 Mitglieder von Terror- Parteichef Muhammed Kabiri. Er hat wiederholt er-
Organisationen verhaftet; 133 davon sollen IS-Mitglie- klärt, dass Terrorismus die Religion pervertiere, aber
der gewesen sein. 27 Das nationale Interpol-Büro im eben auch auf Missstände in der Regierungsführung
tadschikischen Innenministerium teilte im November seines Landes hingewiesen. Regimekritik wird in
2017 mit, dass 2528 Bürger des Landes steckbrieflich Tadschikistan wie in anderen postsowjetischen Staa-
gesucht würden, darunter 1873 wegen angeblicher ten sehr schnell mit »Extremismus« gleichgesetzt.

28 »Over 2500 Tajik Nationals on Interpol Wanted List«,


25 Andrea Schmitz, Islam in Tadschikistan. Akteure, Diskurse, BBC Monitoring Central Asia, 23.11.2017.
Konflikte, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, März 29 »Russia Taking Part in CSTO Anti-terrorist Exercise in
2015 (SWP-Studie 6/2015), S. 6. Tajikistan«, BBC Monitoring Central Asia, 14.11.2017; »Russian
26 Paul Stronski, »Tajikistan’s Security Chief Has Troops Conduct Anti-terror Drill in Tajik Mountains«, ebd.,
Gone Over to ISIS. Now What?«, carnegieendowment.org, 6.10.2017; »Tajikistan Starts Large-scale Drill in Volume of
<http://carnegieendowment.org/2015/07/20/tajikistan-s- 50 000 troops«, ebd., 27.9.2017; »Anti-terror Drills in North-
security-chief-has-gone-over-to-isis-now-what/idmh> (ein- ern Tajikistan«, ebd., 17.9.2017; »Tajik Police Holds Anti-
gesehen am 25.4.2018). terror Drills in Capital«, ebd., 7.8.2017; »Tajikistan Holds
27 Zu diesen Angaben der staatlichen Stellen siehe Karin, Anti-terror Drills Near Afghan Border«, ebd., 18.7.2017;
Central Asia [wie Fn. 4]. »Tajikistan Holds Anti-terror Drills in North«, ebd., 6.4.2017.

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Der »Islamische Staat« in Zentralasien

Kirgistan hat sich, ähnlich wie Kasachstan, unter Auswirkungen auf die nationale
den zentralasiatischen Staaten lange mit einer libera- und regionale Stabilität
len Religionspolitik hervorgehoben. Als Gründe dafür
galten wiederum nomadische Traditionen, konfessio- Seit längerem diskutieren Regionalexperten darüber,
nelle Vielfalt und Toleranz. Doch in letzter Zeit ver- wie ernst Warnungen zentralasiatischer Macht- und
schärften sich auch hier die Konflikte zwischen dem Sicherheitseliten zu nehmen sind, es gebe von innen
Staat und religiösen Akteuren. Auf die Kämpfe in wie außen eine islamistische Bedrohung. Man erör-
Syrien und dem Irak sowie die Auswanderung eigener tert, ob dem eine realistische Risikoanalyse zugrunde
Staatsbürger dorthin reagierten Medien und staatliche liegt oder ob die Gefahr bewusst übertrieben wird –
Stellen Kirgistans, indem sie den Blick ganz auf den IS aus dem innen- und außenpolitischen Kalkül heraus,
fixierten. Nach Schätzungen von 2016 kämpften rund sich als Hüter säkularer Staatlichkeit zu profilieren
500 Auswanderer aus Kirgistan in den Reihen des IS, und dabei Stabilitätsdefizite auszublenden, für die
darunter 120 Jugendliche unter 16 Jahren. 30 Die Be- man selbst verantwortlich ist (wie etwa systemische
hörden nahmen vor allem die usbekische Minderheit Korruption). Die externe Dimension bezog sich lange
im Süden des Landes ins Visier und brachten sie mit auf ein befürchtetes Überschwappen islamistischer
Islamismus in Verbindung. Bereits 2015 verhaftete Gewalt aus Afghanistan, bevor ab 2013 mit dem IS
man den in dieser Provinz prominentesten Imam, der Schauplatz Syrien/Irak in den Vordergrund trat.
Rashod Qori Kamalow, einen ethnischen Usbeken. 31 Mittlerweile hat der IS in seinem Kerngebiet erheblich
Dabei hatte er sich vom IS distanziert. Nachdem Abu an Territorium und Staatlichkeit eingebüßt, und die
Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 den »Islamischen Staat« Auswanderung von »foreign fighters« dorthin geht
ausgerufen und sich selbst zum Kalifen aller Muslime seit 2016 zurück. Damit wird in der islamistischen
ernannt hatte, verdammte Kamalow diesen Schritt Außenwelt Zentralasiens wieder Afghanistan mit
bei einer Freitagspredigt in seiner Moschee in Kara- seiner nach wie vor prekären Sicherheitslage zur
Suu als unerhörte Anmaßung; dabei berief er sich auf ersten Adresse, zumal dort auch der IS militärisch
theologische Quellen. Position bezogen hat. Es besteht weitgehend Konsens
Um religiöse Radikalisierung zu bekämpfen, will darüber, dass der IS auch nach seiner Verdrängung
der kirgisische Islamgelehrte Kadyr Malikow die aus Syrien und dem Irak ein ernstzunehmender
zwischenstaatliche Zusammenarbeit in der Region Terrorismus-Generator bleibt. Zudem stellt sich die
vertiefen – nicht nur auf sicherheitspolitischer, Frage, wie viele der »foreign fighters« in ihre Heimat-
sondern vor allem auch auf bildungspolitischer und länder zurückkehren werden.
theologischer Ebene. Er wirbt dafür, in Zentralasien Islamistische Rekrutierung durch Netzwerke wie
größere islamische Unterrichtszentren zur Ausbil- den IS ist aber nur eine von mehreren Herausforde-
dung von Imamen zu gründen. Dafür vorschlagen rungen für die Stabilität Zentralasiens. In Kirgistan
hat er historische Metropolen wie Samarkand und hatte das größte Gewaltereignis des Jahrzehnts nicht
Buchara im benachbarten Usbekistan. Man dürfe die mit religiöser Radikalisierung zu tun, sondern mit
religiöse Erziehung zentralasiatischer Muslime nicht dem inter-ethnischen Antagonismus zwischen kirgisi-
auswärtigen Akteuren überlassen. Malikow plädiert scher Mehrheitsbevölkerung und usbekischer Minder-
für einen Islam, der mit säkularer Staatlichkeit ver- heit im Süden des Landes – 2010 forderte dieser
einbar ist. Zugleich wendet er sich gegen religions- Konflikt Hunderte Todesopfer. Zwar beschworen die
politische Repressionen wie im Nachbarland Tadschi- Sicherheitseliten Zentralasiens lange die Gefahr,
kistan, die sich beim Kampf gegen Extremismus als dass aus Afghanistan islamischer Radikalismus über-
kontraproduktiv erweisen könnten. 32 schwappe und die eigene Region »talibanisiert« wer-
de. Doch der weitaus konkretere und nachweisbare
Spill-over-Effekt ist der Drogentransfer aus Afghani-
stan, der durch Korruption in den Grenzschutz- und
Sicherheitsorganen der Transitstaaten begünstigt
30 Zitiert in Uran Botobekov, »Kyrgyzstan’s Self-Defeating wird. Andere Risiken für die regionale Stabilität erge-
Conflict with Moderate Islam«, in: The Diplomat, 22.6.2016.
ben sich aus Wasser- und Grenzkonflikten zwischen
31 Tucker, »Public and State Responses« [wie Fn. 7], S. 110.
den Staaten, insbesondere zwischen Usbekistan und
32 Friedrich Schmidt, »Sieger brauchen tiefe Taschen«, in:
seinen Nachbarn Tadschikistan und Kirgistan. Der
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2017.
neue usbekische Präsident Mirsijojew stellt deshalb

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Uwe Halbach

verbesserte Nachbarschaftsbeziehungen und regio-


nale Zusammenarbeit ins Zentrum seiner Außen-
politik. Dabei bezieht er in die zwischenstaatliche
Kooperation auch religionspolitische Elemente ein,
etwa gemeinsame Bildungszentren.

Das sowjetische Erbe der


Säkularisierung hat Muslime gegen
Extremismus eher resistent gemacht.

Zentralasien-Experten aus westlichen, russischen


und regionalen Forschungsinstitutionen warnen vor
übertriebenen, politisch instrumentalisierten Dar-
stellungen islamistischer Radikalisierung. Der nach-
sowjetische Prozess »islamischer Wiedergeburt« in der
Region dürfe nicht allein auf die kleine Minderheit
radikaler oder extremistischer Gruppen bezogen wer-
den. Es sei deutlicher zu unterscheiden zwischen
gläubigen Muslimen, politisch argumentierenden,
aber nicht gewaltorientierten religiösen Kräften und
islamistischen Gewaltakteuren. Anthropologische
Feldforschung in Zentralasien weist darauf hin, dass
die Bedeutung der Religion nach 1991 zwar erheblich
gewachsen ist, aber die aus sowjetischer Zeit ererbte
Säkularisierung die muslimische Bevölkerung relativ
resistent dagegen gemacht hat, sich durch extremis-
tische Gruppen mobilisieren zu lassen. 33
Gleichwohl sollten jene Aufrufe unterstützt wer-
den, die den Kampf gegen religiösen Extremismus
mit verbesserter theologischer Bildung untermauern
wollen. Selbst in einem Land wie Kirgistan, in dem
religiöse Bildungseinrichtungen gefördert wurden
(und nicht abgebaut wie in Tadschikistan), gilt nur
eine Minderheit der Imame als ausreichend qualifi-
ziert. Hier und in anderen Regionen des GUS-Raumes
mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung geht es
darum, dass religiöse Autoritäten auftreten können,
die nicht mehr als Vertreter eines »Islam von Gnaden
des KGB« gelten – ein Stigma, das der offiziellen
Geistlichkeit aufgrund ihrer strikten Unterstellung
unter staatliche Kontrolle bis heute anhaftet.

33 Dazu Edward Lemon, »Islam, the State, and Security in


Post-Soviet Central Asia«, EurasiaNet.org, 2.11.2017.

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»Islamischer Staat« in Asien
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20
Karte 2

Südasien (Ausschnitt: Kaschmir aus Sicht Pakistans)


Der »Islamische Staat« in Südasien

Christian Wagner

Der »Islamische Staat« in Südasien

Die Region Südasien 1 ist für den IS von großem Inter- neue sicherheitspolitische Probleme, steht er doch
esse, denn hier lebt rund ein Drittel der Muslime im Zentrum der Agitation militanter islamistischer
weltweit. Pakistan und Bangladesch zählen mit etwa Gruppen in Pakistan.
200 bzw. 160 Millionen Menschen nach Indonesien Angesichts des militärischen Niedergangs des IS im
zu den größten muslimischen Staaten überhaupt. In Nahen Osten stellt sich die Frage, ob und inwieweit
Indien sind 14 Prozent der Bevölkerung Muslime – die Organisation in den muslimischen Gesellschaften
mehr als 170 Millionen Menschen. Bei den rund Südasiens Fuß fassen konnte und hier womöglich
350 000 Einwohnern der Malediven handelt es sich neue Schwerpunkte ausbilden wird. Allerdings ver-
gemäß Verfassung zu 100 Prozent um Muslime. Des fügt der IS nur über eine schwache Basis in der
Weiteren gibt es muslimische Minderheiten in Nepal Region. Nach einer Schätzung gab es bis Dezember
und Sri Lanka. Die Bedeutung dieses Raumes für den 2015 aus ganz Südasien nur 600 bis 700 IS-Anhänger,
IS zeigte sich auch darin, dass Anführer Abu Bakr al- die in Syrien und dem Irak kämpften. 2 Zum Ver-
Baghdadi Anfang 2015 verkündete, sein Kalifat auf gleich: Allein Frankreich stellte eine vierstellige Zahl
das Gebiet der IS-Provinz Khorasan ausdehnen zu an IS-Kämpfern im Nahen Osten. Dem IS ist es somit
wollen, die Pakistan, Iran, Afghanistan und Teile Zen- nicht gelungen, sich als wichtiger Akteur im religiös-
tralasiens umfasst. extremistischen Konfliktspektrum Südasiens zu etab-
Zugleich zählt Südasien seit vielen Jahren zu den lieren. Allerdings hat er durch den umfangreichen
wichtigsten Krisenregionen weltweit. Das Konflikt- Einsatz von sozialen Medien ein Radikalisierungs-
spektrum beinhaltet dabei sicherheitspolitische potential erlangt, das wohl bedrohlicher ist als seine
Herausforderungen traditioneller wie auch neuer Art. reale Fähigkeit, Anschläge zu verüben.
Zu den klassischen Problemfeldern zählen Territorial-
dispute wie jener um die Zugehörigkeit Kaschmirs,
der seit 70 Jahren die indisch-pakistanischen Bezie- Pakistan
hungen prägt, ebenso der Streit um die Durand-Linie,
die von der afghanischen Regierung nicht als Grenze Das Auftreten des IS in Pakistan
zu Pakistan anerkannt wird. Der indisch-pakistani-
sche Konflikt wird durch die nukleare Aufrüstung Im Herbst 2014 gab es erste Anzeichen, dass der IS
beider Länder weiter verschärft; damit geht die Ge- versuchte, in Pakistan Fuß zu fassen. IS-Anhänger,
fahr einer atomaren Eskalation im Krisenfall einher. die ihre Stützpunkte im Osten Afghanistans hatten,
Zu den neuen sicherheitspolitischen Herausforderun- verteilten lokalsprachliche Schriften in der pakistani-
gen gehören in Südasien neben den Folgen des Klima- schen Grenzstadt Peschawar und in benachbarten
wandels vor allem die Aktivitäten unterschiedlicher afghanischen Flüchtlingslagern. 3 Zudem tauchten
nichtstaatlicher Gewaltakteure. In einer Reihe regio-
naler Staaten agieren religiös-extremistische, ethno-
nationalistische und linksradikale Aufstandsbewe- 2 Ajai Sahni, »Countering Daesh Extremism in South Asia«,
gungen. Der Kaschmir-Konflikt verbindet alte und in: Beatrice Gorawantschy/Rohan Gunaratna/Megha Sarmah/
Patrick Rueppel (Hg.), Countering Daesh Extremism, Singapur:
Konrad-Adenauer-Stiftung, 2016, S. 30.
1 Südasien umfasst die acht Mitgliedstaaten der South 3 Zahir Shah Sherazi, »Islamic State Footprints Surface in
Asian Association for Regional Cooperation (SAARC). Dies Parts of Bannu«, in: Dawn, 14.11.2014, <www.dawn.com/
sind Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Indien, Malediven, news/1144256/islamic-state-footprints-surface-in-parts-of-
Nepal, Pakistan und Sri Lanka. bannu> (eingesehen am 22.2.2018).

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Christian Wagner

IS-Graffitis in verschiedenen pakistanischen Städten nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten war. 6
auf, darunter Karatschi, Lahore, Rawalpindi und Tatsächlich starb Mullah Omar bereits 2013 in Paki-
Quetta. stan an Tuberkulose, doch wurde sein Tod erst im
Der IS rekrutierte seine Anhänger aus unterschied- Sommer 2015 offiziell bestätigt. 7
lichen Schichten in Pakistan. Den weitaus größten Zweitens gelang es dem IS, Anhänger in der pakis-
Teil bilden – erstens – Anhänger der pakistanischen tanischen Mittelschicht zu rekrutieren. Dies geschah
Taliban, der Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), die seit vor allem über soziale Medien. Eine Reihe von IS-
2007 dafür kämpfen, einen Talibanstaat in Pakistan Anhängern wurde verhaftet, die aus wohlhabenden
zu schaffen. Die dazugehörigen Gruppen haben ihre Familien stammten. Viele von ihnen waren zuvor
Rückzugsgebiete vor allem in den Stammesgebieten, anderen radikalen Organisationen gefolgt, wie
den Federally Administered Tribal Areas (FATA), sowie Jamaat-ud Dawa (JuD), die als ziviles Aushängeschild
jenseits der Grenze in Afghanistan. Die TTP rekrutiert der militanten Lashkar-e-Toiba (LeT) gilt, oder sonsti-
sich wiederum aus verschiedenen Stämmen in der gen salafistischen Gruppierungen. 8 Der IS schaffte es,
Region und ist sehr heterogen. Ideologische, politi- Anhänger auch unter Studenten an pakistanischen
sche, religiöse und persönliche Rivalitäten haben be- Universitäten zu rekrutieren. 9 Verschiedene Studien
reits in der Vergangenheit wiederholt zu Konflikten belegen eine Radikalisierung höherer Bildungsschich-
innerhalb der TTP und zu Abspaltungen geführt. ten des Landes, nicht nur für Anliegen des IS, sondern
auch für die von Gruppen wie LeT. Eine Untersuchung
Der IS konnte auch in Pakistans des Counterterrorism Department in der pakistani-
Mittelschicht Anhänger rekrutieren – schen Provinz Sindh ergab, dass von 500 »Hardcore«-
vor allem über soziale Medien. Militanten 64 einen Master- und 70 einen Bachelor-
abschluss hatten. 10 Im Falle der LeT ließ sich zeigen,
Eine der ersten TTP-Fraktionen, die sich zum IS dass ihre Mitglieder einen deutlich höheren Bildungs-
bekannten, war Jamaatul Ahrar (JuA). Die Gruppe
lehnte, wie der IS, Grenzen zwischen islamischen
Ländern ab und verkündete, die Scharia nicht nur in
Afghanistan und Pakistan, sondern weltweit durch-
setzen zu wollen. Allerdings erkannte JuA den IS-
Anführer al-Baghdadi nicht als Kalifen an, sondern 6 Abdul Basit, »Al Qaeda and the Afghan Taliban’s IS Predi-
folgte weiter dem Führer der Taliban, Mullah Omar. 4 cament«, in: The Express Tribune, 12.5.2015, <http://tribune.
Im Oktober 2014 erklärte eine Reihe lokaler TTP- com.pk/story/884582/al-qaeda-and-the-afghan-talibans-is-
Führer aus verschiedenen Stammesregionen, dar- predicament/> (eingesehen am 22.2.2018).
unter der damalige Sprecher der Gruppe, öffentlich 7 »Taliban-Führer Mullah Omar ist offenbar tot«, in: Frank-
ihre Gefolgschaft zum IS. In Videobotschaften er- furter Allgemeine Zeitung, 29.7.2015, <www.faz.net/aktuell/
kannten sie auch die Führung durch al-Baghdadi als politik/ausland/afghanistan-verkuendet-tod-von-taliban-
fuehrer-mullah-omar-13725154.html> (eingesehen am
IS-Kalifen an. 5 Vor allem die militärischen Erfolge
22.2.2018).
des IS und die zahlreichen Auftritte al-Baghdadis
8 Muhammad Amir Rana, »The Task Ahead«, in: Dawn,
veranlassten Talibankämpfer zum Übertritt, zumal
3.1.2016, <http://www.dawn.com/news/1230345/the-task-
ihr bisheriger Anführer, Mullah Omar, seit 13 Jahren ahead> (eingesehen am 22.2.2018).
9 Imtiaz Ali/Rashid Sheikh, »›IS-trained‹ Med Student Was
Radicalised by Man on Social Media: University VC«, in:
4 Shamim Shahid, »Spillover Effect: ISIS Making Inroads Dawn, 18.4.2017, <https://www.dawn.com/news/1327549/is-
into Pakistan, Afghanistan«, in: The Express Tribune, 3.9.2014, trained-med-student-was-radicalised-by-man-on-social-media-
<http://tribune.com.pk/story/757186/spillover-effect-isis- university-vc> (eingesehen am 18.4.2017); Umair Muham-
making-inroads-into-pakistan-afghanistan> (eingesehen am madzai, »Da’ish Recruits US-returned IT Grad from Pesha-
22.2.2018). war«, in: The Express Tribune, 14.11.2017, <https://tribune.com.
5 Tahir Khan, »TTP Spokesperson, Five Other Leaders pk/story/1505846/daish-recruits-us-returned-grad-peshawar>
Declare Allegiance to Islamic State«, in: The Express Tribune, (eingesehen am 22.2.2018).
14.10.2014, <https://tribune.com.pk/story/775152/ttp-spokes 10 Huma Yusuf, »How Pakistan’s Identity Crisis Gives Rise
person-five-other-leaders-declare-allegiance-to-islamic-state/> to Female Radicalisation: Dawn Columnist«, in: The Straits
(eingesehen am 22.2.2018). Times, 24.4.2017.

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Der »Islamische Staat« in Südasien

stand haben als der Durchschnitt der pakistanischen schiitischen Gruppen. 2014 reiste eine IS-Delegation
Bevölkerung. 11 in die pakistanische Provinz Belutschistan – mit dem
Die Form der Radikalisierung von IS-Sympathisan- Ziel, die verschiedenen militanten Gruppen dort zu
ten aus der Mittelschicht bereitet den pakistanischen einen. 16 Daraus ergab sich eine Kooperation zwischen
Sicherheitsbehörden große Sorge. Wenn sich etwa dem IS und Jundullah, einer lokalen taliban-nahen
LeT-Anhänger extremistischen Ideen zuwenden, wird Gruppe, die für Anschläge auf Schiiten und andere
dies oft von ihren Familien mitgetragen und geför- religiöse Minderheiten verantwortlich war. 17 Darüber
dert. Bei IS-Anhängern hingegen scheint ein solches hinaus trat der IS auch in Kontakt zu militanten
Phänomen deutlich seltener zu sein. Problematisch Gruppen wie Lashkar-e-Jhangvi (LeJ) und Lashkar-e-
für die Sicherheitsbehörden ist hier vielmehr eine Toiba (LeT) in der Provinz Punjab; aus ihren Reihen
Selbstradikalisierung durch soziale Medien, die unab- konnte er eine Reihe von Kämpfern gewinnen. 18 Die
hängig von Familien stattfinden kann und gegen die LeJ war eine der stärksten militanten Gruppen sunni-
es kaum Möglichkeiten der Prävention gibt. 12 tischer Ausrichtung. Seit Jahren verübte sie Attentate
Unklar bleibt, inwieweit es dem IS gelungen ist, auf Schiiten und deren Einrichtungen in Pakistan.
sich dauerhaft als eigenständige Kraft im Konflikt- Wie eng die Verbindung zwischen LeJ und IS wurde,
spektrum des Landes zu etablieren. So gibt es keine zeigte sich unter anderem in der Gründung der
gesicherten Angaben zur Zahl seiner Anhänger in Lashkar-e-Jhangvi Al Almi (LeJA), die in Belutschistan
Pakistan. Doch vermutlich stellt kein Land in Süd- als »Gesicht des IS« gilt. 19
asien mehr IS-Kämpfer. Allein dem IS in Afghanistan Es kam zu mehreren Terror-Angriffen in Pakistan,
sollen sich 1200 Pakistanis angeschlossen haben. In für die der IS und lokale militante Gruppen die Ver-
Pakistan selbst wurden in verschiedenen Landesteilen antwortung übernahmen. Der erste große Anschlag
bislang etwa 150 Personen als IS-Anhänger verhaf- fand im Mai 2015 in Karatschi statt. Bei einem Über-
tet. 13 Muhammed Amir Rana, einer der führenden fall auf einen Bus mit Anhängern der Ismaeliten,
Sicherheitsexperten des Landes, schätzte 2016, dass einer schiitischen Glaubensrichtung, wurden 43 Men-
rund 700 Pakistanis nach Syrien gereist waren und schen getötet. Jundullah, die mit dem IS zusammen-
sich dort dem IS angeschlossen hatten. 14 Neuen Mit- arbeitete, bekannte sich dazu. 20 Für einen Anschlag
gliedern soll die Organisation 500 US-Dollar pro auf eine Polizeiakademie, bei dem im Oktober 2016
Monat gezahlt haben, was ihre Attraktivität wohl in der Nähe von Quetta 61 Menschen starben, rekla-
beträchtlich erhöhte. 15 mierte zwar der IS die Verantwortung; doch gehen
Die Ideologie des IS fällt in Pakistan auf fruchtba- Sicherheitsexperten davon aus, dass die Aktion wohl
ren Boden; zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine von der LeJ durchgeführt wurde. 21 Im Juni 2017
Zusammenarbeit bietet sie vor allem im Spektrum
militanter anti-schiitischer Gruppen. Neben dem
Kampf gegen den Westen gibt es in Pakistan eine bis
zu den 1980er Jahren zurückreichende Tradition 16 Pakistan Security Report 2014, Islamabad: Pakistan Insti-
tute for Peace Studies (PIPS), 2015, S. 45; Iqbal, »Evolving
sektiererischer Gewalt zwischen sunnitischen und
Wave of Terrorism« [wie Fn. 13], S. 67.
17 Musa Khan Jalalzai, »IS, Afghanistan and Pakistan«,
11 Christine C. Fair, »Insights from a Database of Lashkar- in: The Daily Times, 15.12.2014, <www.dailytimes.com.pk/
e-Taiba and Hizb-ul-Mujahideen Militants«, in: Journal of opinion/16-Dec-2014/is-afghanistan-and-pakistan> (einge-
Strategic Studies, 37 (2014) 2, S. 279f. sehen am 22.2.2018).
12 Muhammad Amir Rana, »The Threat Is Still There«, 18 Iqbal, »Evolving Wave of Terrorism« [wie Fn. 13], S. 65.
in: Dawn, 22.11.2015, <http://www.dawn.com/news/1221368/ 19 Shezad Baloch, »Tell-tale Signs of IS Presence in Balochi-
the-threat-is-still-there> (eingesehen am 22.2.2018). stan«, in: The Express Tribune, 23.6.2017, <https://tribune.com.
13 Khuram Iqbal, »Evolving Wave of Terrorism and Emer- pk/story/1442354/tell-tale-signs-presence-balochistan/> (ein-
gence of Daesh in Pakistan«, in: Gorawantschy u.a. (Hg.) gesehen am 22.2.2018).
Countering Daesh Extremism [wie Fn. 2], S. 64. 20 Imtiaz Ali, »43 Killed in Attack on Bus Carrying Ismailis
14 »Islamic State Unable to Make Inroads in Pakistan«, in Karachi«, in: Dawn, 14.5.2015, <https://www.dawn.com/
in: The Express Tribune, 15.6.2016, <http://tribune.com.pk/ news/1181698> (eingesehen am 22.2.2018).
story/1123263/islamic-state-unable-make-inroads-pakistan/> 21 Salman Masood, »Pakistan Reels after Attack on Police
(eingesehen am 22.2.2018). Training College Leaves 61 Dead«, in: The New York Times,
15 Iqbal, »Evolving Wave of Terrorism« [wie Fn. 13], S. 68. 25.10.2016, <https://www.nytimes.com/2016/10/26/world/

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bekannte sich der IS zur Ermordung von zwei chinesi- »schlechten« Taliban. Zu den guten Taliban, die
schen Lehrern, die in Belutschistan entführt worden weiter von den pakistanischen Sicherheitskräften
waren. 22 Zugleich hatte der IS mit den wechselnden unterstützt wurden, zählte unter anderem das Haq-
Loyalitäten der Talibangruppen zu kämpfen. So über- qani-Netzwerk, das für eine Reihe von Angriffen auf
nahm die JuA zwar die Verantwortung für einen westliche Einrichtungen in Afghanistan verantwort-
Selbstmordanschlag in Quetta am 8. August 2016, tat lich ist. Zu den schlechten Taliban gehörten jene
dies jedoch wieder als »Tehreek-e-Taliban Pakistan Gruppen im Stammesgebiet, die seit 2002/2003 gegen
Jamaat-ur-Ahrar«, nicht im Namen des IS. 23 die Armee kämpften und sich Ende 2007 zur TTP
zusammenschlossen.
Reaktionen in Pakistan Die militärischen Auseinandersetzungen haben
sich vor allem seit 2011 deutlich intensiviert. Nach
Der pakistanische Staat befindet sich seit Jahrzehnten Angaben des pakistanischen Innenministeriums wur-
in einem andauernden Kampf gegen verschiedene den dabei von 2001 bis November 2013 insgesamt
Formen politischer Gewalt. Nach offizieller Darstel- 48 994 Personen getötet. Darunter fielen 17 642 Opfer
lung leidet weltweit kein anderes Land stärker unter allein in die drei Jahre von 2011 bis 2013. Vor dem
Terrorismus; bislang forderte er in Pakistan über Hintergrund der rasant zunehmenden Gewalt ver-
50 000 Menschenleben. Allerdings hat die Mehrzahl abschiedete die Regierung in Islamabad im Frühjahr
der Konflikte hier vorwiegend interne Ursachen. Das 2014 eine National Internal Security Policy (NISP), um
gilt für die Aufstandsbewegung in Belutschistan, die den Kampf gegen den Terrorismus zwischen den ins-
wechselseitigen Angriffe zwischen sunnitischen und gesamt 33 nationalen Sicherheitsbehörden besser
schiitischen Militanten (sectarian violence) oder die abzustimmen. 24
Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Die Koordination soll durch die National Counter
ethnischen Gruppen in Karatschi. Terrorism Authority (NACTA) erfolgen. Neben einer
Ein ähnliches Muster zeigt sich auch im Fall der besseren Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden
TTP. Die pakistanischen Sicherheitskräfte unterstütz- beinhaltet die NISP auch ein Deradikalisierungs-
ten seit den 1990er Jahren die Taliban in Afghanistan, programm. Zugleich unternahm die Regierung einen
um sich dort strategische Tiefe für kommende Kon- weiteren Anlauf, um Koranschulen zu registrieren
flikte mit Indien zu sichern. Nach den Anschlägen und deren Lehrinhalte zu kontrollieren. Im Sommer
vom 11. September 2001 und der internationalen 2014 startete die Armee eine großangelegte Militär-
Militärintervention in Afghanistan fanden die Taliban operation in den Stammesgebieten. Sie richtete sich
ihre Rückzugsorte zunächst in den pakistanischen nach Angaben der Streitkräfte gegen alle militanten
Stammesgebieten. Gruppen, also auch gegen das Haqqani-Netzwerk.
Die Unterstützung Pakistans für die USA und der Am 16. Dezember 2014 wurden bei einem An-
westliche Einmarsch in Afghanistan führten nach schlag auf die Armeeschule in Peschawar insgesamt
2001 dazu, dass ein Teil der Taliban sich gegen die 141 Menschen getötet, darunter 131 Kinder. Als
pakistanische Armee wandte und einen Talibanstaat Reaktion darauf verabschiedete die Regierung am
in Pakistan zu errichten suchte. Auf pakistanischer 25. Dezember einen zwanzig Punkte umfassenden
Seite unterschied man fortan zwischen »guten« und National Action Plan (NAP) für den Kampf gegen
Terrorismus. 25 Eine weitere Folge des Anschlags war,
asia/quetta-attack-isis-pakistan.html?_r=0> (eingesehen am dass im Januar 2015 vom Parlament der 21. Verfas-
22.2.2018). sungszusatz angenommen wurde. Er gestattet den
22 »Islamic State Claims it Killed Two Chinese Teachers
Kidnapped in Quetta«, in: The Express Tribune, 9.6.2017,
<https://tribune.com.pk/story/1431110/islamic-state-claims- 24 Farooq Awan, »Surgical Strikes, Peace Talks to Go
killed-two-chinese-teachers-kidnapped-quetta/> (eingesehen Side by Side«, in: The Daily Times, 26.2.2014, <http://www.
am 22.2.2018). dailytimes.com.pk/islamabad/26-Feb-2014/surgical-strikes-
23 »Islamic State Faces Uphill ›Branding War‹ in Afghani- peace-talks-to-go-side-by-side> (eingesehen am 26.2.2014).
stan, Pakistan«, in: The Express Tribune, 15.8.2015, <http:// 25 Abdul Manan, »Fight against Terrorism: Defining
tribune.com.pk/story/1162725/islamic-state-faces-uphill- Moment«, in: The Express Tribune, 25.12.2014, <https://tribune.
branding-war-afghanistan-pakistan/> (eingesehen am com.pk/story/811947/fight-against-terrorism-defining-
22.2.2018). moment/> (eingesehen am 22.2.2018).

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Der »Islamische Staat« in Südasien

Streitkräften, gesonderte Militärgerichte außerhalb Angesichts dieses umfangreichen Konfliktspek-


der regulären Gerichtsbarkeit zu schaffen. Dahinter trums und der teils seit Jahrzehnten andauernden
stand die Absicht, in Anti-Terror-Verfahren schneller Auseinandersetzung mit militanten Gruppen verwun-
Urteile zu fällen und den zivilen Justizapparat zu ent- dert es nicht, dass Islamabad dem IS zunächst keine
lasten. Allerdings gingen der Entscheidung kontro- große Priorität beimaß. Am 29. Mai 2015 erklärte das
verse Debatten im Parlament voraus. Das Militär hatte Außenministerium, der IS sei in Pakistan nicht prä-
Pakistan seit der Staatsgründung 1947 die meiste Zeit sent. 28 Allerdings erging kurz darauf, am 15. Juli, das
regiert. Mit der Parlamentswahl 2013 gab es zum offizielle Verbot des IS durch die Regierung. 29
ersten Mal einen regulären Übergang zwischen zwei Pakistan wurde 1947 zwar auf religiöser Basis
gewählten Regierungen. Viele Abgeordnete kritisier- gegründet, doch haben islamistische Parteien nur
ten, dass die Macht des Militärs nun abermals ausge- geringen Rückhalt in der Bevölkerung. Bei Wahlen
weitet werde, wenn ihm Kompetenzen in der Recht- liegt ihr Stimmenanteil bei 5 bis 6 Prozent. Noch
sprechung abgetreten würden. Bis Dezember 2016 immer ist ein Volksislam weit verbreitet, der sich
verurteilten die neuen Militärgerichte 144 Personen; unter anderem in der Verehrung von Sufis äußert.
dabei verhängten sie in 140 Fällen die Todesstrafe. 26 Diese und andere moderate Muslime sind in den letz-
Im Frühjahr 2017 wurde die Militärgerichtsbarkeit ten Jahren aber verstärkt zum Anschlagsziel militant-
vom Parlament verlängert. islamistischer Gruppen geworden. Einzelne religiöse
Parteien wie die Jamiat Ulema-i-Islam-Samiul Haq
In der pakistanischen Bevölkerung (JUIF-S) gelten als geistige Ziehväter der Taliban, doch
haben islamistische Parteien nur werden deren extremistische Islam-Interpretationen
geringen Rückhalt. von der Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung
abgelehnt.
Im Kampf gegen die islamistische Radikalisierung Für die Ideologie des IS existiert in Pakistan eben-
gibt es durchaus Erfolge. Der wichtigste ist vermut- falls keine Massenbasis. Allerdings gibt es immer
lich, dass die Unterscheidung zwischen »guten« und wieder Geistliche, die offen mit ihm sympathisieren.
»schlechten« Taliban spätestens seit dem Anschlag Dazu gehört unter anderem Maulana Abdul Aziz, der
von Peschawar 2014 sehr viel kritischer gesehen wird die rote Moschee in Islamabad leitet. Im Sommer
als noch vor einigen Jahren. Zudem hat die Militär- 2007 lieferten sich militante Islamisten, die sich in
offensive in den Stammesgebieten bewirkt, dass die dieser Moschee verschanzt hatten, tagelange Feuer-
Zahl der Anschläge seit 2014 deutlich gesunken ist gefechte mit Sicherheitskräften. Bei der Erstürmung
und die Sicherheitslage besser wurde. Im Frühjahr gelang Aziz in Frauenkleidern zunächst die Flucht,
2017 gab die Regierung ihren Plan bekannt, die Stam- bevor er verhaftet wurde. 2009 kam er auf Kaution
mesgebiete in die Provinz Khyber-Pakhtunkhwa (KP) frei; seitdem steht er wieder der roten Moschee vor.
zu integrieren. Politische Teilhabe und wirtschaft- Mittlerweile sympathisiert er offen mit den Ideen des
liche Entwicklung in diesen Landesteilen sollen ver-
bessert werden, damit sich die militärischen Erfolge
Fight«, in: Dawn, 2.9.2016, <www.dawn.com/news/1281559/
dort verstetigen lassen. Allerdings gibt es noch eine
national-inaction-plan-how-selective-interest-and-short-term-
Reihe von Problemen. Dazu gehört etwa, dass ver-
fixes-plague-pakistans-anti-terror-fight> (eingesehen am
botene Gruppen sich immer wieder neu formieren, 22.2.2018); Khurram Husain, »Terror Financing«, in: Dawn,
die Reform der Koranschulen nur schleppend voran- 27.4.2017, <https://www.dawn.com/news/1329393/terror-
kommt und die Finanzströme militanter Gruppen financing> (eingesehen am 22.2.2018).
bislang nicht effektiv eingedämmt werden können. 27 28 Ijaz Kakakhel, »No Islamic State Footprints Found in
Pakistan, Says FO«, in: The Daily Times, 29.5.2015, <http://
www.dailytimes.com.pk/national/29-May-2015/no-islamic-
26 International Commission of Jurists (ICJ), Military Injustice state-footprintsfound-in-pakistan-says-fo> (eingesehen am
in Pakistan. Questions and Answers, Dezember 2016, S. 2, 29.5.2015).
<https://www.icj.org/wp-content/uploads/2016/12/Pakistan- 29 Maryam Usman, »Da’ish Outlawed Despite Doubts
military-courts-QA-Advocacy-2016-ENG.pdf> (eingesehen am over Its Existence«, in: The Express Tribune, 21.12.2015,
22.2.2018). <http://tribune.com.pk/story/1013556/inconsistent-policy-
27 Ismail Khan, »National Inaction Plan? How Selective daish-outlawed-despite-doubts-over-its-existence/> (ein-
Interest and Short-term Fixes Plague Pakistan’s Anti-terror gesehen 22.2.2018).

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IS. Einige der Studentinnen seiner Moschee sollen im Indischen Subkontinent (AQIS) angeschlossen. 34
einen Treueschwur auf den IS abgelegt haben. 30 Die Spitze von al-Qaida fürchtete, der IS könnte ihr
Die seit vielen Jahren zu beobachtende Islamisie- den Führungsanspruch im Kampf gegen den Westen
rung des öffentlichen Raumes wird begleitet von einer streitig machen. Sie erklärte den IS daher für illegi-
zunehmenden Konkurrenz zwischen verschiedenen tim, bot ihm aber dennoch an, im Ringen mit dem
muslimischen Strömungen – wie den Deobandis, gemeinsamen Feind zusammenzuarbeiten. 35 Als eine
Barelvis oder Ahle-e-Hadith (Salafisten). In Reaktion Bewegung gegen den Islam gilt der IS wiederum bei
auf das Erscheinen des IS hat der Pakistan Ulema Vertretern der salafistischen LeT – die ebenfalls eine
Council diesen bereits im Oktober 2014 als »unisla- militante Ideologie propagiert, bei den VN als Terror-
misch« gebrandmarkt. 31 Die Medienauftritte verhafte- organisation gelistet ist, zahlreiche ausländische
ter oder übergelaufener IS-Sympathisanten bzw. TTP-/ Terroristen ausgebildet hat und mit Unterstützung
IS-Kommandeure haben in Pakistan eine kontroverse des pakistanischen Militärs eine Reihe von Anschlä-
Diskussion darüber ausgelöst, ob solche Einstellungen gen in Indien verübte. 36 Dem IS ist es auch nicht
überhaupt eine breite Öffentlichkeit erhalten soll- gelungen, das Misstrauen innerhalb seiner eigenen
ten. 32 Dabei werben radikale islamistische Gruppen Reihen zu beseitigen. Mitglieder aus Afghanistan und
sehr offensiv für ihre Anliegen. LeT- und JuD-Anfüh- Pakistan sollen sich wechselseitig beschuldigt haben,
rer Hafeez Saeed, der auf der Sanktionsliste der Ver- amerikanische bzw. pakistanische Agenten zu sein. 37
einten Nationen steht und als Drahtzieher des An- So spricht viel dafür, dass der IS nur wenig An-
schlags in Mumbai 2008 gilt, hat eine eigene Partei klang und Unterstützung in Pakistan findet. Es gibt in
gegründet, die bei der diesjährigen Parlamentswahl dem Land zahlreiche militante Gruppen, die schon
antreten will. Für Aufsehen sorgte kürzlich die bis lange existierten, bevor der IS entstand, und die ähn-
dahin weitgehend unbekannte Gruppe Tehreek-i- liche Ziele wie er verfolgen. Der IS kann ihnen wenig
Labaik Ya Rasool Allah (TLYR), die zu den Barelvis bieten, da etwa eine logistische Hilfe aufgrund der
zählt. Über Wochen hinweg blockierte sie im Novem- Distanz nach Syrien nicht möglich ist. Tatsächlich hat
ber 2017 die Hauptstadt Islamabad. Der Vorfall zeig- der IS die militante Szene in Pakistan, die sich um
te, dass religiöse Akteure nicht unbedingt über ein Taliban und al-Qaida gruppiert, gespalten und damit
demokratisches Mandat verfügen müssen, um ihre eher geschwächt als gestärkt. Obwohl sich Teile der
Forderungen durchzusetzen – entscheidend ist viel- TTP zum IS bekannten, wies sie dessen Führungs-
mehr ein großes Mobilisierungspotential. 33 anspruch zurück; stattdessen folgte sie weiter ihrem
Das Auftreten des IS sorgte in Pakistan auch für Emir Mullah Omar. Zudem ist die Idee, ein Kalifat zu
Kontroversen zwischen den militanten Gruppen, errichten und die Scharia einzuführen, keine Erfin-
denn Teile der Taliban hatten sich bereits al-Qaida dung des IS. Sie wird in Pakistan seit vielen Jahren
von Gruppen wie Tanzeem-e-Islami propagiert. Der
IS hat es bislang auch nicht geschafft, charismatische
Führer in Pakistan zu gewinnen, die neue Kämpfer
rekrutieren könnten. Darüber hinaus haben auslän-
30 Qadeer Tanoli/Arsalan Altaf, »›Khilafat Is Coming‹:
Islamic State Flag Put Up on Islamabad’s Main Thorough-
fare«, in: The Express Tribune, 24.11.2017, <https://tribune.com. 34 »TTP Faction Hails New Al Qaeda Branch«, in: The Express
pk/story/1515109/khilafat-coming-islamic-state-flag-put- Tribune, 6.9.2014, <https://tribune.com.pk/story/758570/ttp-
islamabads-main-thoroughfare> (eingesehen am 22.2.2018). faction-hails-new-al-qaeda-branch/> (eingesehen am
31 »IS is Anti-Islamic: Ulema Council«, in: Dawn, 2.10.2014, 22.2.2018).
<http://www.dawn.com/news/1135717/is-is-anti-islamic- 35 »Al Qaeda Chief Calls Islamic State Illegitimate, but
ulema-council> (eingesehen am 22.2.2018). Suggests Cooperation to Fight the West«, in: The Express
32 »From Militants to Talking Heads?«, in: Daily Times, Tribune, 9.9.2015, <http://tribune.com.pk/story/953938/al-
10.5.2017, <http://dailytimes.com.pk/editorial/10-May-17/ qaeda-chief-again-calls-islamic-state-illegitimate-but-suggests-
from-militants-to-talking-heads> (eingesehen am 22.2.2018). cooperation-to-fight-the-west/> (eingesehen am 22.2.2018).
33 »List of Demands Put Forward by TLY and Accepted by 36 Abid Hussain/Umer Farooq/Ghulam Dastageer/Sher Ali
Govt for Ending the Faizabad Protest«, in: Dawn, 28.11.2017, Khan, »Islamic Republic versus Islamic State«, in: Herald,
<https://www.dawn.com/news/1373197/list-of-demands-put- 21.3.2015, <http://herald.dawn.com/news/1153362/> (einge-
forward-by-tly-and-accepted-by-govt-for-ending-the-faizabad- sehen am 22.2.2018).
protest> (eingesehen am 22.2.2018). 37 Iqbal, »Evolving Wave of Terrorism« [wie Fn. 13], S. 69.

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Juni 2018

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Der »Islamische Staat« in Südasien

dische Kämpfer des IS keinen Anreiz, in Pakistan ze zum Nachbarstaat anzuerkennen. 39 Daraus resul-
aktiv zu werden. 38 tiert ein sehr asymmetrisches Grenzregime, denn es
gibt auf pakistanischer Seite deutlich mehr Wach-
Auswirkungen auf die nationale und posten als auf afghanischer. Diese Konstellation ver-
regionale Stabilität schafft allen transnationalen militanten Gruppen –
ob al-Qaida, afghanische Taliban oder IS – ein hohes
Aus der Präsenz des IS in Pakistan ergeben sich kaum Maß an Bewegungsfreiheit und erleichtert es ihnen,
Auswirkungen auf die ohnehin prekäre Stabilität des grenzüberschreitende Terrornetzwerke aufzubauen.
Landes. Im Gesamtkontext des militanten Spektrums
ist der IS zwar eine neue Bedrohung, doch bildet er,
ungeachtet einer Reihe von Anschlägen, nicht die Indien
größte innenpolitische Gefahr. Neu ist allerdings, dass
mit dem IS das Problem der Selbstradikalisierung Das Auftreten des IS in Indien
durch soziale Medien in den Fokus der öffentlichen
Diskussionen rückte. Hier zeigt sich ein Unterschied Indien rückte erstmals im Sommer 2014 in den Fokus
gegenüber den bisherigen, meist geduldeten Formen des IS. Dessen Anführer al-Baghdadi erklärte in einer
einer »organisierten« Radikalisierung, wie sie etwa in Ansprache zum Ramadan einer Reihe von Staaten,
der Agitation islamistischer Parteien, in extremisti- in denen Muslime unterdrückt würden, den Krieg –
schen Koranschulen oder im öffentlichen Auftreten darunter Indien. 40 Bis Herbst 2017 wurden in dem
von Gruppen wie der LeT zum Ausdruck kommt. Land insgesamt 167 Personen im Zusammenhang mit
Auch für die regionale Stabilität ergeben sich IS-Aktivitäten verhaftet oder verhört. Die National
kaum Rückwirkungen durch den IS. Zwar bean- Investigation Agency (NIA), die nach dem Anschlag
sprucht er mit der von ihm ausgerufenen Provinz von Mumbai Ende 2008 als zentrale Stelle zur Ver-
Khorasan, nationale Grenzen zu überwinden. Zu- folgung terroristischer Straftaten geschaffen worden
gleich operiert er vor allem von Afghanistan aus. war, erhob im selben Zeitraum Anklage gegen 98 Per-
Doch ist dieses grenzüberschreitende Moment eben- sonen. 41
falls nicht neu. Zahllose militante Gruppen haben das Dies sind sehr geringe Zahlen, wenn man bedenkt,
afghanisch-pakistanische Grenzgebiet schon als Rück- dass in Indien – laut Zensus von 2011 – rund 170
zugsraum genutzt. Wie erwähnt, wurden sie dabei Millionen Muslime leben; sie bilden mit einem Anteil
zum Teil sogar vom pakistanischen Militär unter- von etwa 14 Prozent die größte religiöse Minderheit
stützt, das versuchte, durch Einflussnahme in diesem des Landes. 42 Allerdings kamen drei Viertel der ver-
Gebiet eine strategische Tiefe gegenüber Indien zu dächtigen Personen aus nur fünf Bundesstaaten.
gewinnen. Diese gehören, mit Ausnahme von Uttar Pradesh, zu
Die afghanische Regierung weigert sich seit Paki- den wohlhabenden Regionen des Landes – nämlich
stans Unabhängigkeit 1947, die Durand-Line als Gren-

38 Umair Arif, »What Can the IS Offer Pakistani Mili-


tants?«, in: The Express Tribune, 28.3.2016, <http://tribune.com.
pk/story/1073889/can-offer-pakistani-militants/> (eingesehen 39 Amina Khan/Christian Wagner, »The Changing Charac-
am 22.2.2018); »Islamic State Unable to Make Inroads in ter of the Durand Line«, in: Internationales Asienforum,
Pakistan«, in: The Express Tribune, 15.6.2015, <http://tribune. 44 (2013) 1/2, S. 71–84.
com.pk/story/1123263/islamic-state-unable-make-inroads- 40 Praveen Swami, »India among Jihad Targets of ISIS«, in:
pakistan/> (eingesehen am 22.2.2018); Naveed Ahmad, The Hindu, 2.7.2014, <www.thehindu.com/news/international/
»Why Islamic State Has Been Unable to Enter Pakistan?«, in: world/india-among-jihad-targets-of-isis/article6167595.ece>
The Express Tribune, 16.6.2016, <http://tribune.com.pk/story/ (eingesehen am 22.2.2018).
1124047/islamic-state-unable-enter-pakistan/> (eingesehen 41 Nijeesh N., »Daesh: Diminishing Challenge«, in:
am 22.2.2018); Imtiaz Ali, »IS May Exploit Sectarian Hatred, South Asia Intelligence Review, 16 (2017) 18.
Extremist Outfits, Says CTD Study«, in: Dawn, 27.2.2017, 42 Rukmini S./Vijaita Singh, »Muslim Population Growth
<https://www.dawn.com/news/1317158/is-may-exploit- Slows«, in: The Hindu, 13.2.2017, <www.thehindu.com/news/
sectarian-hatred-extremist-outfits-says-ctd-study> (eingesehen national/Muslim-population-growth-slows/article10336665.
am 22.2.2018). ece> (eingesehen am 22.2.2018).

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Christian Wagner

Tamil Nadu, Karnataka, Maharashtra und Kerala. 43 eher aus dem gehobenen Bildungsmilieu der musli-
Neben den verhafteten IS-Anhängern sollen sich wei- mischen Gemeinschaft kommen, 47 obwohl Indiens
tere 88 indische Staatsbürger der Organisation in Muslime im Durchschnitt ein schlechteres sozio-
Syrien, Irak und Afghanistan angeschlossen haben. ökonomisches Entwicklungsniveau aufweisen als die
Von diesen sollen 25 im Kampf gefallen sein. Auffäl- Hindus. Das erklärt vermutlich auch, warum die
lig ist zudem, dass viele IS-Anhänger bzw. -Sympathi- Radikalisierung in vielen Fällen offenbar über soziale
santen aus Südindien stammen. So sollen von den 25 Medien erfolgte. Diese Form der Selbstradikalisierung
getöteten Kämpfern 21 aus dem südlichen Landesteil entzieht sich, wie erwähnt, nicht nur der Kontrolle
kommen, davon 12 aus dem Bundesstaat Kerala. Mit- staatlicher Behörden, sondern erfolgt auch außerhalb
glieder der dortigen Popular Front of India (PFI) haben traditioneller Institutionen wie Familie oder lokaler
den IS in sozialen Medien unterstützt und versucht, religiöser Organisationen. 48
nach Syrien auszureisen. 44 Als ein Grund dafür gilt,
dass es in den Golfstaaten zahlreiche keralesische Die Radikalisierung von IS-Anhängern
Gastarbeiter gibt, die dort mit der radikalen Ideologie erfolgt oftmals außerhalb
des IS in Kontakt gekommen sind. 45 Indische IS- traditioneller Institutionen.
Kämpfer sollen auch bei amerikanischen Drohnenan-
griffen in Afghanistan getötet worden sein. In Indien Zweitens gibt es in Indien durchaus einige Kon-
selbst gab es bis Herbst 2017 allerdings nur einen flikte, in die Muslime direkt involviert sind. Das gilt
Anschlag, der dem IS zugerechnet wurde. Im März zum einen für die Auseinandersetzung um Kaschmir,
2017 kam es im Bundesstaat Madhya Pradesh zu einer die seit Jahrzehnten schwelt. Selbst wenn in dieser
Explosion in einem Zug, bei der zehn Personen Region die Unterstützung militanter Gruppen durch
verletzt wurden. Anschließend wurde eine Reihe von Pakistan entfiele, bliebe wohl noch immer ein hohes
Personen verhaftet, die man dem IS zuordnete. 46 Potential an lokaler Unzufriedenheit, das der IS für
Den indischen Sicherheitsbehörden bereitete das sich nutzen kann. Dies betrifft vor allem die jüngere
Aufkommen des IS einiges Kopfzerbrechen. Erstens Bevölkerung, der es an sozio-ökonomischen Perspek-
zeigen bisherige Festnahmen, dass die IS-Anhänger tiven fehlt. 49 Islamistische Propaganda betreiben hier
Gruppen wie die von Pakistan aus operierende LeT.
43 »The IS Challenge«, in: The Hindu, 28.2.2017, Daneben haben al-Qaida und der IS angekündigt, ihre
<www.thehindu.com/opinion/editorial/the-is-challenge/ Aktionen auf Kaschmir auszudehnen. 50 In der Region
article17378478.ece> (eingesehen am 22.2.2018).
44 Shashank Shekhar/Arvind Ojha, »Popular Front of India 47 Rajiv Kalkod, »I’m a Soldier, I Have No Regrets, Says ISIS
Member Exposed as ›ISIS Sympathiser‹ on Facebook After Twitter Handler Mehdi Masroor Biswas«, in: The Economic
Failing to Reach Syria Three Times and Posting Al-Qaeda Times, 19.12.2014, <http://economictimes.indiatimes.com/
Poetry«, in: Daily Mail, 1.11.2017, <www.dailymail.co.uk/ news/politics-and-nation/im-a-soldier-i-have-no-regrets-says-
indiahome/indianews/article-5040351/Popular-India-member- isis-twitter-handler-mehdi-masroor-biswas/articleshow/
exposed-ISIS-sympathiser.html> (eingesehen am 22.2.2018). 45571460.cms> (eingesehen am 22.2.2018); Marri Ramu,
45 Nijeesh N., »Daesh: Diminishing Challenge« [wie Fn. 41]; »11 Hyderabad Youths Picked Up for IS Links«, in: The Hindu,
Dhruva Jaishankar/Sara Perlangeli, »Assessing the Islamic 29.6.2016, <www.thehindu.com/news/cities/Hyderabad/
State Threat to India: It Is a Serious But Manageable Chal- hyderabad-youths-picked-by-city-police-nia-for-links-with-
lenge«, in: Times of India, 6.5.2017, <http://blogs.timesofindia. islamic-state/article8787455.ece> (eingesehen am 22.2.2018);
indiatimes.com/toi-edit-page/assessing-the-islamic-state- Rukmini Callimachi, »Not ›Lone Wolves‹ After All«, in:
threat-to-india-it-is-a-serious-but-manageable-challenge/> The New York Times, 5.2.2017.
(eingesehen am 22.2.2018); Kallol Bhattacherjee, »12 to 15 48 Vijaita Singh, »Centre Plans Anti-terror Cyber-push«,
Indians Fought Alongside IS Against Iraqi Forces: Envoy«, in: The Hindu, 11.4.2016, <www.thehindu.com/news/national/
in: The Hindu, 19.7.2017, <www.thehindu.com/news/national/ centre-plans-antiterror-cyberpush/article8459082.ece>
12-to-15-indians-fought-alongside-is-against-iraqi-forces- (eingesehen am 22.2.2018).
envoy/article19307322.ece> (eingesehen am 22.2.2018); 49 Vijaita Singh, »Radicalisation a Real Threat, Says Intel
Vijaita Singh, »Indian IS Recruiter Armar’s Death not yet Official«, in: The Hindu, 27.4.2016, <www.thehindu.com/
Verified«, in: The Hindu, 22.8.2017, <www.thehindu.com/ news/national/radicalisation-a-real-threat-says-intel-official/
news/national/armars-death-not-yet-verified/article19541071. article 8525146.ece> (eingesehen am 22.2.2018).
ece> (eingesehen am 22.2.2018). 50 Abdul Hammed Khan, Changed Security Situation in Jammu
46 Nijeesh N., »Daesh: Diminishing Challenge« [wie Fn. 41]. and Kashmir. The Road Ahead, New Delhi: Institute for Defence

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Der »Islamische Staat« in Südasien

sind auch schon Slogans und Symbole des IS auf- außerhalb des Bundesstaates nur wenig Resonanz
getaucht, doch räumten 2015 selbst Vertreter der bei Muslimen. Zudem rühmte sich Indien stets damit,
indischen Sicherheitsbehörden ein, dass damit wohl dass indische Muslime sich nicht internationalen
eher die staatlichen Stellen irritiert werden sollten. 51 Terrorgruppen wie al-Qaida angeschlossen hätten.
Bei seinem Versuch, Einfluss in Kaschmir zu gewin- Im Unterschied zu den von Pakistan aus operie-
nen, wandte sich der IS allerdings sowohl gegen Paki- renden Terrorgruppen propagiert der IS eher Ideen
stan und militante Gruppen, die von dort unterstützt wie die Errichtung eines Kalifats und die Durch-
wurden, als auch gegen lokale militante Gruppen setzung der Scharia. Zugleich verfolgt er eine klare
und Vertreter gemäßigter Organisationen, die gegen anti-schiitische Linie. Er findet damit Anklang vor
Indien kämpfen. Im Dezember 2017 ereignete sich in allem unter Angehörigen der höheren Bildungs-
Kaschmir ein Anschlag, der einem Sympathisanten schichten von Indiens Muslimen. Daraus ergibt sich
des IS zugerechnet wurde. 52 potentiell ein grundsätzlich neues Bedrohungs-
Drittens gibt es in Indien einen zunehmend radi- szenario, das durch innovative Rekrutierungswege
kalen Hindu-Nationalismus, wie er von militanten über soziale Medien noch verschärft wird.
Gruppen im Dunstkreis der regierenden Bharatiya
Janata Party (BJP) gepflegt wird. Damit geht die Gefahr Reaktionen in Indien
einher, dass es zu einer Gegenreaktion und damit
einer Radikalisierung auf Seiten der Muslime kommt, Die indische Regierung steht, wie ihr pakistanischer
die vom IS genutzt werden kann. Counterpart, seit Jahrzehnten einem komplexen
Schließlich besteht das Risiko, dass durch den IS innenpolitischen Konfliktspektrum gegenüber. Im
erstmals eine Radikalisierung unter Muslimen ein- Falle Kaschmirs führte der Streit über die Ausgestal-
setzen könnte, die thematisch von Pakistan unabhän- tung der internen Autonomie immer wieder zu Kri-
gig ist. Ein Großteil des militanten muslimischen sen im bilateralen Verhältnis zu Pakistan, weil von
Extremismus in Indien, sei es in Kaschmir durch die dort aus militante islamistische Gruppen unterstützt
LeT oder in Form von Gruppen wie der Student Isla- wurden. Ansonsten reicht die Bandbreite an Konflik-
mic Movement India (SIMI) oder den Indian Mujahi- ten von den zahllosen Aufstandsbewegungen im
deen (IM), hat seinen ideologischen Ursprung in Nordosten Indiens bis hin zu Anschlägen maoisti-
Pakistan. 53 Ein Drittel der verhafteten IS-Anhänger scher Gruppen in Zentralindien.
zeigte Sympathien für diese Gruppierungen. 54 Bislang Der indische Staat hat mit wechselndem Erfolg
fanden innenpolitische Dauerthemen wie Kaschmir eine Vielzahl von Instrumenten entwickelt, um die
verschiedenen Konfliktherde zu bekämpfen. Zu den
bislang gewählten Strategien zählt die Suche nach
Studies and Analyses, 2017, S. 49; Riyaz Wani, »How Al-Qaeda politischen Lösungen ebenso wie die Verabschiedung
Came to Kashmir«, in: The Diplomat, 20.12.2017, <https://
des umstrittenen Armed Forces Special Powers Act
thediplomat.com/2017/12/how-al-qaeda-came-to-kashmir/>
(AFSPA) oder der Einsatz von Spezialkräften. Kontro-
(eingesehen 22.2.2018).
vers wird darüber diskutiert, ob es in Indien eine
51 »India and the IS«, in: The Hindu, 24.6.2015, <www.
thehindu.com/opinion/editorial/indias-strategy-to-tackle-
einheitliche Counterinsurgency Strategy (COIN) gibt
islamic-state-spread/article7457170.ece> (eingesehen am oder nicht. Probleme bereiten die Abgrenzung von
22.2.2018); International Institute for Strategic Studies (IISS), Zuständigkeiten zwischen den verschiedenen Sicher-
Armed Conflict Survey, 2016, S. 225; Abdul Hammed Khan, heitskräften (Polizei, Armee, paramilitärische Ein-
»Changed Security Situation in Jammu and Kashmir« [wie heiten), deren oftmals fehlende bzw. unzureichende
Fn. 50], S. 49. Koordination sowie die zum Teil mangelhafte Aus-
52 Amira Jadoon, An Idea or a Threat? Islamic State Jammu bildung und Ausrüstung. 55
& Kashmir, Combating Terrorism Center, 9.2.2018, <https://ctc.
usma.edu/idea-threat-islamic-state-jammu-kashmir> (einge-
sehen 22.2.2018).
53 Riddhi K. Shah, »The Al-Qaeda and the Lashkar-e-Toiba:
A Case of Growing Ideological Homogeneity?«, in: India
Quarterly, 70 (2014) 2, S. 93. 55 Bibhu Prasad Routray, »India: Fleeting Attachment to
54 Jaishankar/Perlangeli, »Assessing the Islamic State the Counterinsurgency Grand Strategy«, in: Small Wars &
Threat to India« [wie Fn. 45]. Insurgencies, 28 (2017) 1, S. 57–80.

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Indiens erste Reaktion auf den IS bestand darin, blieb. Wie eine Umfrage ergab, meinten 66 Prozent
dass die Gruppe im Februar 2015 verboten wurde. 56 der Inder im Frühjahr 2017, dass der IS eine große
Viele Sicherheitsexperten im Land sahen eine Gefahr Bedrohung für ihr Land darstelle. Weniger Sorgen
der Radikalisierung und sprachen sich dafür aus, die bereiteten den Menschen der Klimawandel (47 Pro-
Online-Überwachung sozialer Netzwerke zu verstär- zent) und die Bedrohung durch China (44 Prozent). 62
ken. Die indische Regierung initiierte darüber hinaus
ein Programm zur Deradikalisierung inhaftierter IS- Auswirkungen auf die nationale
Anhänger. Im November 2016 waren 65 Personen in und regionale Stabilität
diesem Programm. 57
Der IS stellt vermutlich auf absehbare Zeit keine
In Indien unterzeichneten mehr als unmittelbare Bedrohung für die nationale Stabilität
tausend muslimische Geistliche Indiens dar. Wesentlich gravierender für das Land
eine Fatwa gegen den IS. sind bestehende innenpolitische Konfliktherde wie
Kaschmir und der Nordosten oder die anhaltende
Allerdings findet die Ideologie des IS kaum Zu- Militanz maoistischer Gruppen. Es gab zwar bis zum
spruch unter Indiens Muslimen. Einer der wichtigsten Frühjahr 2017 eine Reihe von Verhaftungen, deren
Gründe dafür sind die synkretistischen Traditionen Zahl sich im unteren dreistelligen Bereich bewegte,
des indischen Islam. 58 Zudem haben sich muslimi- aber nur einen Anschlag, der dem IS zugerechnet
sche Gelehrte des Landes klar gegen den IS positio- wurde. Aufgrund der Vielzahl militanter Gruppen
niert. Im September 2015 unterzeichneten über 1000 bleibt seine Attraktivität sehr begrenzt. Die poten-
muslimische Geistliche eine Fatwa gegen die tielle Radikalisierung durch soziale Medien stellt für
Gruppe. 59 Nachdem sich im Bundesstaat Kerala 21 die Sicherheitsbehörden das größte Problem dar.
Personen dem IS angeschlossen hatten, verurteilten Eine weitere Herausforderung – wenn auch keine
ihn lokale muslimische Organisationen. 60 Die neue – ist die grenzüberschreitende Zusammen-
Anhänger des IS erweitern zwar das Konfliktspektrum arbeit zwischen militanten Gruppen. Die Maoisten
in Indien, doch bislang ist die Bedrohung für die in Nepal haben während des dortigen Bürgerkriegs
Sicherheitsbehörden beherrschbar. 61 (1996–2006) mit maoistischen Gruppen in Indien
Allerdings hat die Organisation eine enorme zusammengearbeitet. Verschiedene Aufstandsbewe-
öffentliche Aufmerksamkeit im Land erfahren, auch gungen im Nordosten Indiens verfügen über Lager
wenn es nur wenige Anschläge durch den IS gab und und Rückzugsgebiete in Bhutan, Bangladesch und
der Kreis seiner Unterstützer vergleichsweise klein Myanmar. Militante islamistische Gruppen aus Indien
haben durch Kontakte zu religiösen Parteien in Bang-
ladesch dort wiederholt Schutz und Unterstützung
56 »India Bans Islamic State Terror Group«, in: The Hindu, erhalten. Der IS scheint über eine Zusammenarbeit
27.2.2015, <http://www.thehindu.com/news/national/india- mit lokalen Gruppen in Bangladesch die Möglichkeit
bans-islamic-state-terror-group/article6937495.ece> (ein-
zu nutzen, seine Netzwerke von dort in den angren-
gesehen am 22.2.2018).
zenden indischen Bundesstaat Westbengalen hinein
57 Josy Joseph, »IS Unlikely to Become Strong in India:
auszudehnen. 63
Experts«, in: The Hindu, 15.11.2016, <www.thehindu.com/
news/national/is-unlikely-to-become-strong-in-india-
Allerdings hat Indien in den letzten Jahren seine
experts/article7880884.ece> (eingesehen am 22.2.2018). Sicherheitskooperation mit einer Reihe von Nachbar-
58 »India and the IS« [wie Fn. 51]. staaten, darunter auch Bangladesch, deutlich ausge-
59 »Indische Geistliche verurteilen den IS«, in: Neue Zürcher
Zeitung, 9.9.2015, <http://www.nzz.ch/international/asien-und- 62 Bruce Stokes/Dorothy Manevich/Hanyu Chwe, Three Years
pazifik/indische-geistliche-verurteilen-den-is-1.18610217> (ein- In, Modi Remains Very Popular, Pew Research Center 2017,
gesehen am 22.2.2015). S. 26.
60 G. Anand, »Probe into IS Ties Extends to Sri Lanka«, in: 63 »Unemployed Youths Being Roped in by ISIS, JMB in
The Hindu, 11.7.2016, <www.thehindu.com/news/national/ West Bengal Border districts«, in: The Economic Times,
probe-into-is-ties-extends-to-sri-lanka/article8831827.ece> 11.7.2016, <http://economictimes.indiatimes.com/news/
(eingesehen am 22.2.2018). politics-and-nation/unemployed-youths-being-roped-in-by-
61 Jaishankar/Perlangeli, »Assessing the Islamic State isisjmb-in-west-bengal-border-districts/articleshow/
Threat to India« [wie Fn. 45]. 53151460.cms> (eingesehen am 22.2.2018).

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Der »Islamische Staat« in Südasien

baut. 64 Die Lager militanter Gruppen in Bangladesch Abhängigkeit von Indien verringern; sie öffneten sich
haben vor allem während der Regierungszeit der in dieser Phase stärker gegenüber dem Westen und
Bangladesh Nationalist Party (BNP), die mit islami- den Golfstaaten.
schen Parteien koalierte, immer wieder die Beziehun- Die ersten militant-islamistischen Gruppen, wie
gen zu Indien belastet. 2008 übernahm die traditio- Harkat-ul-Jihad-al Islami Bangladesh (HuJI-B), entstan-
nell indien-freundliche Awami-Liga (AL) die Macht in den Ende der 1980er Jahre im Land. Gegründet wur-
Dhaka. Sie zeigte sich auf Drängen Neu-Delhis bereit, den sie von Rückkehrern aus dem Afghanistan-Krieg,
gegen solche Lager vorzugehen. 2009 führten die die dort an der Seite der Mujahedin gegen die Sowjet-
Sicherheitskräfte beider Staaten ihre erste gemeinsa- union gekämpft hatten.
me Anti-Terror-Übung durch. Des Weiteren verein- Nach dem Übergang Bangladeschs zur Demokratie
barte man eine Reihe von Abkommen zur Bekämp- 1991 verstärkte HuJI-B seine Aktivitäten, vor allem in
fung der grenzüberschreitenden organisierten Krimi- der Regierungszeit der AL unter Premierministerin
nalität. 65 Als Bangladeschs Premierministerin Sheikh Sheikh Hasina (1996–2001). 1992 wurde HuJI-B for-
Hasina im April 2017 Indien besuchte, wurde ein mal gegründet; die Gruppe folgte der Ideologie von
Memorandum of Understanding (MoU) zur Verteidi- al-Qaida und Osama bin Laden. Ihr Ziel war ein
gungskooperation unterzeichnet. 66 islamisches Regime in Bangladesch, das sich an den
afghanischen Taliban orientiert. Während ihrer
Kriegsteilnahme in Afghanistan waren HuJI-B-Kader
Bangladesch in Pakistan ausgebildet worden; sie gewannen so
Kontakte zu den militanten Gruppen dort. Zudem
Das mehrheitlich muslimische Bangladesch, das frü- unterhielt HuJI-B enge Verbindungen zur Jamaat-i-
here Ost-Pakistan, setzte nach seiner Unabhängigkeit Islami (JI), der größten und wichtigsten islamischen
1971 zunächst auf eine säkulare Ausrichtung von Partei in Bangladesch, die 1971 gegen die Unabhän-
Staat und Gesellschaft. Die regierende Awami-Liga gigkeit des Landes gekämpft hatte. 67 HuJI-B ist verant-
(AL) war aber nicht in der Lage, den Wiederaufbau wortlich für eine Reihe von Anschlägen und Attenta-
des Landes nach Bürgerkrieg und Naturkatastrophen ten in Bangladesch. 68
voranzubringen. Außerdem entwickelte sie zuneh- 1998 wurde die Jama’atul Mujahideen Bangladesh
mend autokratische Tendenzen. Nach einem Putsch (JMB) gegründet, die darauf zielte, durch den bewaff-
1975 verstärkten die nachfolgenden Militärregierun- neten Kampf ein islamisches Regime im Land zu
gen die Islamisierung des Landes. Die aus dem Militär errichten. Die regierende BNP ging nach ihrem Wahl-
hervorgegangene Bangladesh Nationalist Party (BNP) sieg 2001 unter Premierministerin Khaleda Zia erst-
propagierte einen Bangladeschi-Nationalismus, der mals eine Koalition mit der islamischen JI ein. 2004
die Religion betonte und sich so vom säkular gepräg- trat dann zum ersten Mal die Jagrata Muslim Janata
ten Bengali-Nationalismus der AL abgrenzte. Außen- Bangladesh (JMJB) in Erscheinung, die enge Verbin-
politisch wollten die Militärregierungen damit ihre dungen zur JMB aufweist. Allerdings orientiert sich
die JMJB ideologisch stark an den Taliban. Sie hat
ihren regionalen Schwerpunkt im Nordwesten Bang-
64 Christian Wagner, Sicherheitskooperation in Südasien.
ladeschs und kämpft in den ländlichen Regionen vor
Bestandsaufnahme, Ursachen, Perspektiven, Berlin: Stiftung
Wissenschaft und Politik, Januar 2014 (SWP-Studie 2/2014).
allem gegen Mitglieder militanter kommunistischer
65 »Indo-Bangla Military Cooperation Increasing«, in: Gruppen. 69
The Times of India, 22.11.2011, <http://articles.timesofindia.
indiatimes.com/2011-11-22/pune/30428193_1_military- 67 Institute for Policy Analysis of Conflict (IPAC), How
exercise-bangladesh-army-bangladesh-military-academy> Southeast Asian and Bangladeshi Extremism Intersect, Mai 2017
(eingesehen am 22.2.2018); Smruti S. Pattanaik, »Bangladesh (IPAC Report, 37), S. 3f.
Army: Evolution, Structure, Threat Perception, and Its Role«, 68 South Asia Terrorist Portal, »Harkat-ul-Jihad-al Islami
in: Vishal Chandra (Hg.), India’s Neighbourhood: The Armies of Bangladesh (HuJI-B)«, <www.satp.org/satporgtp/countries/
South Asia, New Delhi: Pentagon Press, 2013, S. 39. bangladesh/terroristoutfits/Huj.htm> (eingesehen am
66 Suhasini Haidar, »Teesta Hangs Fire as Sheikh Hasina 22.2.2018).
Arrives«, in: The Hindu, 6.4.2017, <www.thehindu.com/news/ 69 Shahab Enam Khan, »Bangladesh: The Changing
national/teesta-hangs-fire-as-bangladesh-pm-sheikh-hasina- Dynamics of Violent Extremism and the Response of the
arrives/article17855609.ece> (eingesehen am 22.2.2018). State«, in: Small Wars & Insurgencies, 28 (2017) 1, S. 201.

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Das kommende Kalifat?
»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Christian Wagner

Internationales Aufsehen erregte eine Anschlags- Im August 2014 erschien auf YouTube ein englisch-
welle der JMB im August 2005. Innerhalb von einer sprachiges Video mit dem Titel »Muslims in Bangla-
Stunde ließ die Organisation rund 500 Sprengsätze in desh Give Bayah to the Caliph Ibrahim (Hafizahulla)«.
63 der 64 Distrikte des Landes detonieren. 70 Die Regie- Dies gilt als erstes Bekenntnis von Bangladeschern
rung ging danach erstmals verstärkt gegen islamisti- zum IS. 75 Im Januar 2015 wurden erstmals Unterstüt-
sche Gruppen in Bangladesch vor. 2005 wurden so- zer des IS in Bangladesch verhaftet; ihre Ausbildung
wohl HuJI-B als auch die JMB verboten, einige ihrer hatten sie in Pakistan erhalten. 76 Offiziell trat der IS
Führer verhaftet und hingerichtet. Diese erste Gene- allerdings nicht vor Herbst 2015 in Erscheinung.
ration militanter islamistischer Gruppen war damit Damals veröffentlichte die IS-Publikation Dabiq ein
bis 2009 weitgehend ausgeschaltet. 71 Interview mit Tamim Chowdhury (Kriegsname Abu
Ibrahim al-Hanif), dem Führer der Organisation in
Das Auftreten des IS in Bangladesch Bangladesch. Der Titel lautete »The Revival of Jihad in
Bengal«. 77 Dem IS gelang es, enge Verbindungen zur
2013 wurden in Bangladesch führende Mitglieder der lokalen JMB aufzubauen. Damit erhielt er Zugriff auf
JI für Verbrechen, die sie während des Befreiungs- deren Ressourcen, etwa hinsichtlich Rekrutierung
krieges von 1971 begangen hatten, vor Gericht ge- und Ausbildung. 78
stellt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. 72 Die
Prozesse sorgten für heftige innenpolitische Kontro- IS und al-Qaida sind Konkurrenten –
versen. In der Folge kam es zu einer neuen Welle doch lokale Ableger arbeiten
islamistischer Gewalt im Land. Nachdem Abdul mitunter zusammen.
Quader Mollah, der Führer der Jamaat-i-Islami, im
Dezember 2013 exekutiert worden war, formierten Seit 2013 haben diese militant-islamistischen Grup-
sich verbotene islamistische Gruppen wie HuJI-B und pen in Bangladesch eine Reihe von Anschlägen und
die JMB von neuem. Zugleich etablierten sich weitere Attentaten auf Ausländer, liberale Aktivisten sowie
Gruppen im militanten Spektrum des Landes. Das religiöse und sexuelle Minderheiten verübt. Mehr als
2013 gegründete Ansarullah Bangla Team (ABT) gilt 50 Menschen starben. Al-Qaida und IS zielten dabei
als regionaler Ableger von al-Qaida in Bangladesch. auf unterschiedliche Gruppen. Die Attacken von
Während noch 2014 nur eine einzige islamistisch al-Qaida richteten sich vor allem gegen säkulare Akti-
motivierte Gewalttat im Land gezählt wurde, waren visten, während der IS offenbar für die Ermordung
es 2015 bereits 25 Vorfälle, 2016 dann 27. 73 von Ausländern verantwortlich war. Zwar konkurrie-
Al-Qaida hatte im Zuge ihres Zerwürfnisses mit ren die beiden Organisationen miteinander, doch hat
dem IS bereits 2014 einen eigenen Ableger in Süd- sich in Bangladesch gezeigt, dass ihre lokalen Ableger
asien gegründet, al-Qaida im Indischen Subkontinent auf operativer Ebene auch zu Kooperation und Koor-
(AQIS). Ihm werden in Bangladesch militante Grup- dination fähig sind. 79
pen wie ABT und dessen Nachfolgeorganisation Ansar Zudem gelang es dem IS, Anhänger in der bangla-
al-Islam (AAI) zugerechnet. 74 deschischen Diaspora zu gewinnen. Im Mai 2016 wur-
den in Singapur acht Gastarbeiter aus Bangladesch
70 South Asia Terrorist Portal, Jama’atul Mujahideen Bangla-
desh (JMB), <www.satp.org/satporgtp/countries/bangladesh/ to-get-serious-about-counterterrorism/> (eingesehen am
terroristoutfits/JMB.htm> (eingesehen am 22.2.2018). 22.2.2018).
71 Khan, »Bangladesh« [wie Fn. 69], S. 195. 75 Iftekharul Bashar, »Daesh Threat in Bangladesh: An
72 »Bangladesh Executes Top Jamaat Leader Motiur Rah- Overview«, in: Gorawantschy u.a. (Hg.), Countering Daesh
man over ›1971 War Crimes‹«, in: Dawn, 10.5.2016, Extremism [wie Fn. 2], S. 74.
<http://www.dawn.com/news/1257512/bangladesh-executes- 76 »Suspected IS Members Arrested in Bangladesh Claim
top-jamaat-leader-motiur-rahman-over-1971-war-crimes> They Were Trained in Pakistan«, in: The Express Tribune,
(eingesehen am 22.2.2018). 19.1.2015, <http://tribune.com.pk/story/824117/bangladesh-
73 IPAC, How Southeast Asian and Bangladeshi Extremism police-arrest-four-suspected-islamic-state-members/> (ein-
Intersect [wie Fn. 67], S. 6. gesehen am 22.2.2018).
74 Iftekharul Bashar, »Bangladesh Needs to Get Serious 77 Khan, »Bangladesh« [wie Fn. 69], S. 204.
about Counterterrorism«, in: East Asia Forum, 3.3.2016, 78 Bashar, »Daesh Threat in Bangladesh« [wie Fn. 75], S. 77.
<http://www.eastasiaforum.org/2016/03/03/bangladesh-needs- 79 Khan, »Bangladesh« [wie Fn. 69], S. 6.

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Juni 2018

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Der »Islamische Staat« in Südasien

verhaftet, weil sie den IS unterstützt hatten. Da sie die Verantwortung für 21 Anschläge in Bangladesch
nicht nach Syrien ausreisen konnten, um dort für den übernommen, ohne dass die Regierung widerspro-
IS zu kämpfen, wollten sie nach Bangladesch zurück- chen hätte. 84 Nach dem Angriff im Diplomatenviertel
kehren und mit Anschlägen die Regierung stürzen. 80 erklärten die Sicherheitsbehörden, dass Mitglieder
Der international am stärksten beachtete Anschlag der »Neo-JMB« und des ABT den Anschlag im Namen
ereignete sich am 1. Juli 2016 im Diplomatenviertel des IS durchgeführt hätten. 85 Dabei wird JMB dem
von Dhaka. Er galt einem Café, in dem überwiegend IS-Lager zugerechnet, ABT hingegen eher al-Qaida –
Ausländer verkehrten. Unter den 29 Toten befanden was einmal mehr zeigt, dass beide Organisationen bei
sich 18 Personen aus Italien, Japan, den USA und Anschlägen zusammenarbeiten können.
Indien. Zwei Aspekte im Zusammenhang mit dem
Attentat waren bemerkenswert. Erstens offenbarten Reaktionen in Politik und Gesellschaft
die nachfolgenden Untersuchungen, dass die Angrei-
fer mehrheitlich aus Bangladeschs Mittel- und Ober- Die Regierung Bangladeschs kämpft seit vielen Jahren
schicht stammten und zum Teil sogar aus Familien mit unterschiedlichen Mitteln gegen die wachsende
von Mitgliedern der Regierungspartei kamen. Viele Militanz im Land. Radikale Gruppen wurden verbo-
hatten Privatschulen besucht oder an ausländischen ten, und immer wieder gibt es Verhaftungen sowie
Universitäten studiert. 81 Der IS rekrutierte seine Mit- teils großangelegte Razzien. So zogen die Anschläge
glieder nicht mehr nur an radikalen Koranschulen, auf Ausländer und Minderheiten im Juni 2016 eine
sondern mittels sozialer Medien auch aus der wach- landesweite Verhaftungswelle nach sich; dabei wur-
senden städtischen Mittelschicht des Landes. In den den insgesamt 5325 Personen festgenommen, von
ländlichen Gebieten werben IS und JMB zudem um denen 85 einen radikal-islamistischen Hintergrund
arbeitslose Jugendliche, von denen viele vermutlich gehabt haben sollen. 86
ebenfalls einen höheren Schulabschluss haben. 82 Dies Die Regierung hat aber noch weitere Maßnahmen
ist eine bedeutende Neuerung, denn militante isla- gegen Militanz und Radikalisierung ergriffen. 2009
mistische Gruppen hatten ihre Anhänger zuvor meist entstand ein »National Committee on Militancy Resis-
aus den ländlichen Regionen und aus Koranschulen tance and Prevention«, das eine bessere Koordination
rekrutiert. 83 zwischen den verschiedenen staatlichen Stellen er-
Bemerkenswert war zweitens auch der Streit um möglichen soll. 87 Die Anti-Terror-Gesetze wurden ver-
die Urheberschaft des Anschlags. Der IS übernahm schärft und Regeln zur Eindämmung der Terrorismus-
offiziell die Verantwortung. Bangladeschs Innen- finanzierung erlassen. Zudem erarbeitete die Regie-
minister wies dies jedoch zurück und leugnete sogar rung Vorgaben für Predigten in den Moscheen. 2015
die Präsenz des IS im Land. Dabei hatte die Organisa- richtete sie einen »Community Support Mechanism«
tion zwischen September 2015 und Juni 2016 bereits (CSM) ein; finanziert wird er unter anderem aus Mit-
teln des »Global Fund for Community Engagement

80 »8 Bangladeshis Held in Singapore for IS Related Terror


Plots«, in: The Hindu, 3.5.2016, <www.thehindu.com/news/ 84 »Islamic State Claims Third Attack in Week on Bang-
international/8-bangladeshis-held-in-singapore-for-isrelated- ladesh Minorities«, in: The Hindu, 11.6.2016, <http://www.
terror-plots/article8551764.ece> (eingesehen am 22.2.2018); thehindu.com/news/international/islamic-state-claims-third-
Joyeeta Bhattacharjee, »Bangladesh: Diaspora and Threat of attack-in-week-on-bangladesh-minorities/article 8717837.
Radicalism«, <http://www.orfonline.org/research/south-asia- ece> (eingesehen am 22.2.2018).
weekly-volume-ix-issue-19/> (eingesehen am 22.2.2018). 85 »Haroon Habib, 2 Banned Groups Behind Dhaka
81 »Bangladesh Politician ›Stunned‹ by Son’s Role in Attacks«, in: The Hindu, 5.6.2016, <www.thehindu.com/
Attack«, in: The Express Tribune, 5.7.2016, <http://tribune.com. news/international/2-banned-groups-behind-dhaka-attacks/
pk/story/1136710/bangladesh-politician-stunned-sons-role- article8808480.ece> (eingesehen am 22.2.2018).
attack/> (eingesehen am 22.2.2018); IPAC, How Southeast Asian 86 »Bangladesh Arrests over 5,000 in Crackdown on
and Bangladeshi Extremism Intersect« [wie Fn. 67], S. 7f. Extremists«, in: The Hindu, 12.6.2016, <www.thehindu.com/
82 »Unemployed Youths Being Roped In by ISIS, JMB in news/international/bangladesh-arrests-over-5000-in-crack-
West Bengal Border Districts« [wie Fn. 63]. down-on-extremists/article8721003.ece> (eingesehen am
83 Iftekharul Bashar, »Countering Violent Extremism 22.2.2018).
in Bangladesh«, in: Counter Terrorist Trends and Analyses, 87 Bashar, »Countering Violent Extremism in Bangladesh«
9 (2017) 6, S. 18. [wie Fn. 83], S. 18.

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»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Christian Wagner

and Resilience« (GCERF), einer privat-öffentlichen Myanmar. Die Regierung in Dhaka hat ihre sicher-
Einrichtung gegen Extremismus. Mit dem CSM unter- heitspolitische Zusammenarbeit mit Indien in den
stützt die Regierung lokale Imame und religiöse letzten Jahren deutlich ausgeweitet. Eine Kooperation
Gelehrte in deren Kampf gegen radikale Ideen. 88 mit der Regierung Myanmars in Hinblick auf die
Anfang 2017 ließ sie wegen extremistischer Aktivitä- Rohingya gestaltet sich allerdings deutlich schwie-
ten 21 Bildungseinrichtungen überwachen, 18 davon riger.
in der Hauptstadt Dhaka. 89 Eine besondere Heraus- Der Umgang mit militanten Islamisten stellt in
forderung ist die Kontrolle des Internets bzw. der Bangladesch eine besondere innenpolitische Heraus-
sozialen Medien. Mit 22 Millionen Usern ist Dhaka forderung dar. Denn die Frage nach der Rolle des
im weltweiten Vergleich die zweitgrößte Region von Islam in Staat und Gesellschaft ist eng verknüpft mit
Facebook-Nutzern. 90 der parteipolitischen Polarisierung zwischen der AL
Religiöse Führer in Bangladesch haben sich wieder- auf der einen und BNP sowie JI auf der anderen Seite.
holt gegen islamistischen Terrorismus ausgesprochen. Damit verbinden sich zentrale Symbole wie der Frei-
Im Juni 2016 verständigten sich verschiedene musli- heitskampf von 1971, die Frage nach damaligen
mische Organisationen auf eine gemeinsame Fatwa Kriegsverbrechen und die Diskussion über Bangla-
gegen Selbstmordattentate und alle Formen von deschs nationale Identität. Die erste Verfassung sah
Gewalt, die im Namen der Religion verübt wird. Das das mehrheitlich muslimische Land noch als säkular.
Dokument wurde von mehr als 100 000 Muftis, Alims Erst unter den Militärregimen nach 1975 erhielt der
und Ulemas unterzeichnet. 91 Islam eine stärkere Rolle in Staat und Gesellschaft.
Die Gratwanderung zwischen einer gesellschaftlich
Auswirkungen auf die nationale akzeptierten Islamisierung und der Abgrenzung
und regionale Stabilität gegenüber extremistischen, militanten Islam-Inter-
pretationen bleibt für Bangladesch die zentrale innen-
Das Aufkommen des IS hat in Bangladesch zwar für politische Herausforderung. Unterdessen hat Saudi-
zusätzliche Anschläge gesorgt und so eine Verschlech- Arabien angekündigt, das Land beim Bau von mehr
terung der Sicherheitslage bewirkt. Die nationale als 500 neuen Moscheen zu unterstützen – mindes-
Stabilität dürfte dadurch aber nicht gefährdet sein. tens eine in jeder Stadt. Abzuwarten bleibt, ob dies
Zugleich besteht die neue Herausforderung, dass der ein Beitrag zur Lösung oder zur weiteren Verschär-
IS seine Anhängerschaft über soziale Medien verstärkt fung von Bangladeschs Problemen sein wird. 92
unter den gebildeten Schichten des Landes rekrutie-
ren kann, ebenso in der Diaspora. Zudem haben loka-
le Gruppen wie Neo-JMB und ABT/AAI durch Zusam- Resümee
menarbeit mit den transnationalen Organisationen IS
und al-Qaida an Schlagkraft gewonnen. Es mag dem IS zwar gelungen sein, in Südasien Fuß
Die grenzüberschreitende Kooperation militanter zu fassen, doch ist er im Kontext der jeweiligen natio-
Akteure ist für Bangladesch und seine Nachbarn kein nalen Konfliktspektren meist ein eher schwacher
neuartiges Phänomen. Viele militante Gruppen aus Akteur. Seine Ideologie wirkt unter militanten isla-
dem Nordosten Indiens hatten und haben Lager und mistischen Gruppen der Region nur wenig attraktiv.
Rückzugsgebiete in Bangladesch. Zusammenschlüsse Die überwiegende Mehrzahl der wenigen IS-Anhänger
wie HuJI-B pflegten bereits in den 1980er Jahren Kon- besteht aus Überläufern anderer militanter Gruppen,
takte zu militanten Gruppen unter den Rohingya in vor allem der pakistanischen TTP. Des Weiteren
konnte der IS unter gut gebildeten, aber unzufrie-
denen Mittelschichten neue Anhänger rekrutieren.
88 Khan, »Bangladesh« [wie Fn. 69], S. 210f. Dabei sind die Zahlen, gemessen anhand der Verhaf-
89 Bashar, »Countering Violent Extremism in Bangladesh« tungen, aber deutlich kleiner als in Westeuropa. Es
[wie Fn. 83], S. 18.
90 Ebd.
91 »Terrorism Is ›haram‹: 1 Lakh Bangladeshi Clerics Say in 92 »Bangladesh to Have Saudi-Financed Mosques«, in:
Fatwa«, in: The Hindu, 19.6.2016, <www.thehindu.com/news/ The Hindu, 26.4.2017, <www.thehindu.com/news/inter
international/terrorism-is-haram-1-lakh-bangladeshi-clerics- national/bangladesh-to-have-saudi-financed-mosques/article
say-in-fatwa/article8748609.ece> (eingesehen am 22.2.2018). 18226310.ece> (eingesehen am 22.2.2018).

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»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Der »Islamische Staat« in Südasien

ist deshalb auch nicht davon auszugehen, dass sich


Südasien dauerhaft zu einer neuen Basis des IS nach
dessen Niedergang im Nahen Osten entwickeln wird.
Für die geringe ideologische Attraktivität des IS in
Südasien gibt es verschiedene Gründe. Erstens wird
der Islam in der Region noch immer von synkretis-
tischen Traditionen geprägt, also Verknüpfungen mit
anderen Religionen. Ein Beispiel ist die große Bedeu-
tung von Sufis, die auch immer wieder ins Visier
militanter Islamisten geraten. Zweitens fehlt dem IS
im Kontext konkurrierender Gruppen eine eigenstän-
dige Programmatik, etwa bei Themen wie Kaschmir.
Seine globale Agenda findet vergleichsweise wenig
Anhänger in der Region. Internationale Themen
extremistischer Gruppen wie der Kampf gegen die
USA, den Westen oder Israel erzeugten schon früher
kaum ideologischen Widerhall unter Muslimen in
Südasien. Drittens gibt es eine gewaltsame Rivalität
mit anderen islamistischen Akteuren. Schließlich
erfährt der IS in der Region, anders als militante
Gruppen wie die LeT in Pakistan oder HuJI-B in Bang-
ladesch, keine Unterstützung durch staatliche Stellen
oder Parteien; er muss sich vielmehr oft lokale Part-
ner für seine Aktivitäten suchen.
Diese Aspekte sollten die betroffenen Regierungen
aber nicht dazu verleiten, die Bedrohung durch den
IS leichtfertig abzutun. Militante Gruppen wie TTP
oder LeJ waren anfangs ebenfalls keine große Gefahr,
haben sich dann aber etwa in Pakistan als selbstge-
züchtetes »Frankenstein-Monster« erwiesen. Ein quali-
tativ neues Moment sind Rekrutierungsmechanis-
men, die über soziale Medien laufen und bislang
unbekannte Formen der (Selbst-) Radikalisierung er-
möglichen. Dies erfordert eine Diskussion über das
Verhältnis zwischen moderaten und extremistischen
Positionen. Eine solche Debatte steht aber in allen
drei Staaten erst am Anfang.

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»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Karte 3

Afghanistan und Pakistan


Der »Islamische Staat« in Afghanistan

Nicole Birtsch

Der »Islamische Staat« in Afghanistan

Seit 2014 sind Gruppen, die sich dem »Islamischen schiitische Moscheen in Kabul und Herat, zu einem
Staat« zuordnen, in Afghanistan aktiv. Im Januar Überfall auf das Kabuler Militärkrankenhaus im März
2015 rief der IS die Provinz Khorasan als regionalen 2017 und zu dem Anschlag auf ein schiitisches Kul-
Ableger für Afghanistan und Pakistan aus. Mittler- turzentrum in der Stadt, der im Dezember 2017 mehr
weile unterscheiden die afghanische Regierung, die als 40 Menschenleben forderte. 3
Unterstützungsmission der Vereinten Nationen Der Zusammenbruch des IS-Kalifats in Syrien und
UNAMA und die Nato zwischen einer Präsenz des dem Irak wird sich vermutlich auch auf die Stärke
ISKP (Islamischer Staat Khorasan-Provinz) 1 im Osten und den weiteren Bestand der regionalen Organisa-
und selbstproklamierten IS-affiliierten Gruppen im tion ISKP in Afghanistan auswirken. Ob sich nun wie
Norden des Landes. Die Angaben zur Zahl der IS- befürchtet zentralasiatische und arabische IS-Kämpfer
Anhänger in Afghanistan variieren; aktuelle Schät- vermehrt nach Afghanistan und Pakistan zurück-
zungen gehen von etwa 1500 aus. 2 ziehen, bleibt abzuwarten. Was aber voraussichtlich
Der territoriale Einfluss des ISKP beschränkte sich vom IS in der Region bleiben wird, sind gestärkte sala-
Ende 2017 im Wesentlichen auf Gebiete in den Pro- fistische Netzwerke in Afghanistan und Pakistan, die
vinzen Nangarhar und Jowzjan. Weder hat der ISKP Ideologie eines Jihadi-Salafismus und die Vertiefung
es geschafft, sich in der Fläche auszubreiten oder eine der konfessionellen Kluft zwischen Sunniten und
kohärente Führung zu etablieren, noch vermochte er Schiiten.
Unterstützung der Bevölkerung zu erzeugen. Seine
Ideologie ist nicht lokal verwurzelt und konkurriert
mit jener anderer jihadistischer Gruppen wie der Aufkommen des IS in Afghanistan
Taliban. Von Letzteren wurde und wird der ISKP in
vielen Provinzen bekämpft. Nichtsdestotrotz kann Im Juni 2014 hatte Abu Bakr al-Baghdadi sein Kalifat
er sich lokale Streitigkeiten und Missstände sowie ausgerufen und die von ihm geführte Gruppierung
Friktionen unter den Taliban zunutze machen, um von ISIL (Islamischer Staat im Irak und in der Levante)
militante Gruppen für sich zu vereinnahmen und in IS umbenannt. Anschließend veröffentlichte die
Unterstützer zu rekrutieren. Zur Finanzierung und Organisation eine Karte, auf der dargestellt war, in
Mobilisierung kann der ISKP auf salafistische Netz- welche Regionen man in den kommenden fünf Jah-
werke in Afghanistan und Pakistan zurückgreifen. Er ren expandieren wollte. Sie zeigte Afghanistan und
verfügt über Kontaktnetze und Verbindungen, die es Pakistan als Teil der sogenannten Provinz (wilayah)
ihm ermöglichen, gerade in der Hauptstadt Kabul Khorasan, die zugleich auch Teile des Iran, Zentral-
medienwirksame Aktionen durchzuführen. Bekannt asiens und Chinas umfasste. Im selben Jahr kommu-
hat er sich unter anderem zu mehreren Angriffen auf nizierte der IS mit militanten Gruppen Südasiens.
Er wollte herausfinden, welche Unterstützung er von
1 Während sich die Abkürzung ISKP auf die regionale dort erwarten konnte, um seinen Einfluss auf die
Organisation Islamic State Khorasan Province bezieht, wird Region auszubreiten. Offenbar war der IS fähig und
die Abkürzung IS verwendet, wenn generell vom Islami- bereit, Gelder für den Aufbau eines Netzwerks in
schen Staat die Rede ist. Regierung und Medien Afghanistans
bezeichnen den IS mit dem arabischen Akronym Daesh.
2 Michael M. Phillips, »A Fight in Afghanistan That Ameri-
ca Is Winning – In Achin, the U.S. and Its Afghan Allies 3 »41 Killed In Deadly Kabul Suicide Bombing«, Tolo News,
Have Driven Away Islamic State«, in: The Wall Street Journal, 28.12.2017, <www.tolonews.com/afghanistan/explosion-
11.12.2017. reported-kabul-city-0> (eingesehen am 9.2.2018).

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»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Nicole Birtsch

Südasien zur Verfügung zu stellen. 4 Er startete eine Der schnelle Erfolg des IS in Syrien und Irak, ver-
Informationskampagne und verbreitete unter ande- bunden mit der Gründung eines Kalifats, zog auch
rem Materialien in paschtunischen Gebieten Afgha- Extremisten aus Afghanistan und seinem regionalen
nistans und Pakistans. Strategisch waren die beiden Umfeld an, die sich einer in ihren Augen erfolg-
Länder für den IS interessant, weil er dort auf mili- reichen, überregional agierenden Jihadisten-Gruppe
tante Netzwerke, sichere Rückzugsgebiete im gemein- anschließen wollten. Außerdem profitierte der ISKP
samen Grenzgebiet und eine lange Tradition der von einer schwachen lokalen Regierungsführung, so
Unterstützung jihadistischer Gruppen zurückgreifen etwa in Nangarhar. Im Frühling und Sommer 2015
konnte. expandierte er vor allem in dieser Provinz, dann
weitete er seinen Einfluss auf die nördlichen, eben-
Unzufriedene Talibankommandeure falls an Pakistan grenzenden Provinzen Kunar und
ließen sich für den IS mobilisieren. Nuristan aus. Die afghanische Regierung und ihre
Sicherheitskräfte waren in den meisten Distrikten um
Im Januar 2015 rief der »Islamische Staat« in die Spin-Ghar-Bergkette südlich und östlich Jalala-
Afghanistan das Wilayat Khorasan aus. Zum Emir bads, der Provinzhauptstadt Nangarhars, nicht prä-
ernannt wurde Hafiz Saeed Khan Orakzai, ein vor- sent. Auch die Taliban hatten dieses Gebiet nur
maliger Kommandeur der pakistanischen Taliban. teilweise unter Kontrolle, da dort unterschiedliche
Abdul Rauf Khadim, ein Überläufer der afghanischen Gruppen operierten und das Stammesgefüge zerbro-
Taliban, der als Häftling im US-Gefangenenlager chen war. 7 Begünstigt wurde der Erfolg des ISKP in
Guantánamo Salafist geworden war, wurde zweiter Nangarhar auch durch die geographische Nähe zu
Emir. Der ISKP konnte auf Saeeds und Khadims Netz- den Stammesgebieten Pakistans, aus denen die obers-
werke zurückgreifen, um Kämpfer in Ost- und Süd- ten pakistanischen Führer des ISKP stammten, sowie
afghanistan zu rekrutieren. Innerhalb weniger durch die Präsenz von Salafismus-Anhängern in der
Wochen tauchte die Gruppe in mehreren Provinzen Region. 8 In den Provinzen Kunar und Nuristan geht
auf, darunter Helmand, Kabul, Farah, Logar und Nan- das Aufkommen des Salafismus teilweise bis auf die
garhar. Dem ISKP gelang es, unzufriedene Taliban- 1960er Jahre zurück. Er beeinflusste dort die Lehr-
kommandeure zu mobilisieren, die sich eine bessere pläne in Moscheen und Koranschulen (Madrasa). 9
Position und mehr Ressourcen erhofften, ebenso Hinzu kommt, dass einige Madrasa in Afghanistan
Mitglieder anderer militanter Gruppen wie der in und Pakistan einen gewaltbereiten Jihadismus pro-
Afghanistan und Pakistan aktiven Islamischen Bewe- pagieren, der Schüler und Absolventen möglicher-
gung Usbekistans (IBU). Letztere hatte bereits im weise dazu bewegte, sich dem ISKP anzuschließen.
Oktober 2014 ihre Unterstützung für den IS erklärt. 5 Schätzungen zufolge kontrollierte der ISKP im
Im Sommer 2015 schwor sie al-Baghdadi den Treue- Frühling 2015 Gebiete mit insgesamt bis zu 500 000
eid, nachdem der Tod von Talibanführer Mullah Einwohnern, mit Schwerpunkt in den Provinzen Nan-
Omar bekannt geworden war. 6

4 Seth G. Jones u.a., Rolling Back the Islamic State, Santa 7 Borhan Osman, »Descent into Chaos: Why Did Nangar-
Monica: Rand Corporation, 2017, S. 158. Die Autoren nen- har Turn into an IS Hub?«, Afghanistan Analysts Network,
nen ein mögliches Volumen von mehreren Hunderttausend 27.11.2016, <https://www.afghanistan-analysts.org/descent-
Dollar. <https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/ into-chaos-why-did-nangarhar-turn-into-an-is-hub/> (ein-
research_reports/RR1900/RR1912/RAND_RR1912.pdf> (ein- gesehen am 9.2.2018).
gesehen am 9.2.2018). 8 »IS in Afghanistan: How Successful Has the Group
5 Damon Mehl, »The Islamic Movement of Uzbekistan Been?«, BBC, 25.2.2017, <www.bbc.com/news/world-asia-
Opens a Door to the Islamic State«, in: Combating Terrorism 39031000> (eingesehen am 9.2.2018).
Center at West Point, 8 (2015) 6, <https://ctc.usma.edu/posts/ 9 Katja Mielke/Nick Miszak, Making Sense of Daesh in Afghani-
the-islamic-movement-of-uzbekistan-opens-a-door-to-the- stan: A Social Movement Perspective, Bonn: Bonn International
islamic-state> (eingesehen am 9.2.2018). Center for Conversion (BICC), 14.7.2017 (BICC Working
6 Edward Lemon, »IMU Pledges Allegiance to Islamic State«, Paper, 6/2017), S. 7, <https://www.bicc.de/uploads/tx_bicc
EurasiaNet.org, 1.8.2015, <www.eurasianet.org/node/74471> tools/BICC_Working_Paper_6_2017.pdf> (eingesehen am
(eingesehen am 9.2.2018). 9.2.2018).

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Der »Islamische Staat« in Afghanistan

garhar und Farah. 10 Am stärksten war die Gruppe ten Auseinandersetzungen des ISKP mit den Taliban
zwischen August und Dezember 2015, als sie geschätzt wie auch den Stammesgemeinschaften. 14 Trotzdem
bis zu 4000 Kämpfer umfasste. 11 Dabei handelte es konnte er sich im Grenzgebiet der Provinz festsetzen.
sich hauptsächlich um Pakistani, Afghanen und Zen- In den von ihm dauerhaft kontrollierten Territorien
tralasiaten, wie von afghanischen Sicherheitsbeamten übte er Formen lokaler Regierungstätigkeit aus – wie
sowie Einwohnern aus Gebieten unter ISKP-Einfluss Rechtsprechung, Besteuerung, Bildung (etwa durch
berichtet wurde. Einführung eines eigenen islamischen Curriculums)
An der Spitze des ISKP stehen vor allem ehemalige oder Einsetzung loyaler salafistischer Mullahs. 15
Kommandeure der pakistanischen Talibangruppie-
rung Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP). Nach Schätzun- Propaganda, Rekrutierung und
gen der US-Streitkräfte und afghanischer Sicherheits- Finanzierung
beamter sollen auch 70 bis 80 Prozent der Kämpfer
aus dieser militanten Gruppe stammen. Einige von Die Propaganda des ISKP umfasst verschiedene The-
ihnen kamen wohl schon 2014 nach Afghanistan, menbereiche. Er ruft zum Jihad auf und beschwört
nachdem die pakistanische Regierung eine Militär- die religiöse Verpflichtung, ein Kalifat zu errichten.
offensive in den Stammesgebieten Nord-Wasiristans Darüber hinaus stellt sich der ISKP als einzige legi-
unternommen hatte. Die mittlere Führungsebene des time Jihadi-Kraft in der Region dar; er versucht ein
ISKP besteht im Wesentlichen aus ehemaligen afgha- neues, den lokalen Gegebenheiten angepasstes
nischen Taliban; an der Basis kämpfen auch auslän- Narrativ des Jihads zu schaffen. Dafür werden bei-
dische Jihadisten, die meist aus Zentralasien stam- spielsweise Hauptwerke des Salafi-Jihadismus in die
men. 12 Es gibt eine lose Verbindung zur Mutterorga- Sprachen Paschtu und Dari übersetzt.
nisation in Syrien und dem Irak; im Vordergrund Die Rekrutierungswege des ISKP umfassen persön-
stehen dabei aber eher Fragen von Finanzierung und liche Kontakte wie auch soziale Medien (Facebook-
professioneller Medienarbeit als operative Vorgaben. und Twitter-Accounts), ebenso den Radiosender
Name, Symbole und mediale Formate des IS werden »Voice of the Caliphate« in Nangarhar. Diese Mittel
als Branding genutzt. Talibangruppen, die zum ISKP zielen auf verschiedene Kategorien potentieller Rek-
überwechselten, tauschten etwa ihre weiße Fahne ruten, von denen viele bereits jihadistischen Gruppen
gegen die schwarze des IS. 13 angehören oder radikalen Strömungen nahestehen.
In Nangarhar wurde der ISKP von lokalen Salafis- Darunter fallen junge Männer, die sich von jihadisti-
ten-Netzwerken unterstützt. Anfänglich trat er nicht scher Abenteuerromantik und dem Narrativ eines
gewalttätig auf; durch den Kauf von Lebensmitteln Kampfes um das Kalifat angesprochen fühlen. Das gilt
regte er eher die lokale Wirtschaft an, statt wie die etwa für junge Afghanen, deren Väter oder Großväter
Taliban Steuern von der Bevölkerung einzutreiben. einst auf Seiten der Mujahedin gegen die kommunis-
Ab Mitte 2015 aber setzte der ISKP zunehmend auf tische Regierung und die sowjetischen Truppen im
Gewalt. Er ließ Stammesälteste und Mullahs ermor- Land kämpften. Geworben wird ebenso um inhaftier-
den, Schreine (Orte der Heiligenverehrung) zerstören te Taliban oder Angehörige lokaler Jihadistengrup-
und den Opiumanbau verbieten. Dies führte zu direk- pen, die im ISKP eine radikalere Alternative sehen.
Denn verglichen mit den Taliban wendet er sich stär-
10 Jones u.a., Rolling Back the Islamic State [wie Fn. 4], S. 161.
ker gegen die Einflussnahme des pakistanischen
Bis Winter 2016/17 soll der Kontrollbereich des IS Khorasan Geheimdienstes in Afghanistan, und anders als die
auf ein Gebiet mit etwa 64 000 Einwohnern geschrumpft Taliban mit ihrem nationalen Ansatz propagiert er
sein. einen globalen Jihad bis hin zur Neuordnung der
11 Casey Garret Johnson, The Rise and Stall of the Islamic State islamischen Welt. Eine weitere Zielgruppe sind Jiha-
in Afghanistan, Washington, D.C.: United States Institute of disten aus Zentralasien, denen der ISKP ideologisch
Peace (USIP), November 2016 (USIP Special Report 395), S. 2, ebenfalls eine attraktivere Perspektive bietet als die
<https://www.usip.org/sites/default/files/SR395-The-Rise-and-
Stall-of-the-Islamic-State-in-Afghanistan.pdf> (eingesehen am
9.2.2018).
12 »IS in Afghanistan« [wie Fn. 8]. 14 Ebd.
13 Johnson, The Rise and Stall of the Islamic State in Afghanistan 15 Mielke/Miszak, Making Sense of Daesh in Afghanistan
[wie Fn. 11], S. 9. [wie Fn. 9], S. 20.

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»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Taliban mit ihrem begrenzten Fokus. 16 Dieser Unter- Familien dabei. 19 Diese Kämpfer werden in Verbin-
schied dürfte insbesondere dann zum Tragen kom- dung gebracht mit den militanten Bewegungen East
men, sollte sich in Afghanistan eine politische Lösung Turkestan Islamic Movement (ETIM) und der bereits
zwischen Regierung und Taliban abzeichnen, an der erwähnten Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU).
ausländische Kämpfer nicht teilhaben würden. Dass der Tod von Mullah Omar so lange verschwiegen
Im Jahr 2016 sollen dem ISKP nach Schätzungen wurde, hatte nicht nur einige Talibanmitglieder zur
rund 270 Millionen Dollar zur Verfügung gestanden Abwendung von der neuen Führung veranlasst, son-
haben. Dieser Betrag setzt sich zusammen aus priva- dern auch internationale Kämpfer, die sich betrogen
ten Spenden, Geldern aus den Golfstaaten, Zahlungen fühlten.
vom IS in Syrien und Irak sowie lokalen Steuerein- Diese internationalen Kämpfer sind zusammen mit
nahmen. Eine Rolle bei der Mobilisierung von Res- lokalen militanten Gruppen aktiv, meist ehemaligen
sourcen spielen salafistische Gelehrte, Religionsschu- Taliban, deren Unterstützung und lokalen Kenntnisse
len, Moscheen und Wohltätigkeitsorganisationen in sie benötigen. Die Ex-Taliban sind häufig für die
Afghanistan und Pakistan. 17 Viele salafistische Schu- Durchführung von Operationen verantwortlich, kön-
len und Moscheen wurden nach 2001 mit finanzieller nen aber ihrerseits auf Kenntnisse, Ressourcen und
Unterstützung aus den Golfstaaten gegründet. 18 Sie grenzüberschreitende Netzwerke der internationalen
tragen dazu bei, dass sich die Gewichte in der religiö- Kämpfer zurückgreifen. 20 Zwischen beiden Seiten
sen Landschaft verschieben, auch wenn der gewalt- kommt es so zu pragmatischen Allianzen.
bereite Jihadi-Salafismus nur einen geringen Teil an In der Provinz Jowzjan, die an Turkmenistan
der Ausbreitung des Salafismus ausmacht. grenzt, kontrollieren IS-affiliierte Gruppen nach
Angaben von Einwohnern die Distrikte Darzab und
IS-affiliierte Gruppen im Norden Qush Tepa (September 2017), beide mit einem hohen
Afghanistans usbekischen Bevölkerungsanteil. Zum Aufkommen
und Erstarken solcher Gruppen hat das Zusammen-
Im Norden Afghanistans operieren Gruppen, die sich spiel verschiedener Faktoren geführt: interne Kon-
selbst dem IS zuordnen, von denen aber nicht verläss- flikte bei den Taliban, ein Zustrom zentralasiatischer
lich bekannt ist, inwiefern sie tatsächlich formale Kämpfer, die mit ihren Familien vor der Militäroffen-
Verbindungen zu ISKP oder IS unterhalten. Die afgha- sive in Pakistan nach Afghanistan geflohen sind,
nische Regierung spricht hier von etwa 600 Kämp- Drohungen und Gewalt gegen Zivilisten und eine
fern. Berichten zufolge sollen darunter neben ehema- schwache Regierung. 21 Viele Familien haben sich in
ligen Taliban auch Usbeken, Tadschiken, Tschetsche- die Provinzhauptstadt Scheberghan geflüchtet. Sie
nen und Uighuren sein; einige haben demnach ihre berichten von Erpressungen, Schulschließungen und
Kämpfen zwischen IS-affiliierten Gruppen und den
Taliban. 22
Die Distrikte Darzab und Qush Tepa in Jowzjan
standen unter Kontrolle von Qari Hekmat, dem
16 Borhan Osman, »ISKP’s Battle for Minds: What Are Its
ehemaligen Taliban-Schattengouverneur Darzabs,
Main Messages and Who Do They Attack?«, Afghanistan
bevor er am 5. April 2018 durch einen Luftschlag
Analyst Network, Dezember 2016, <https://www.afghanistan-
analysts.org/iskps-battle-for-minds-what-are-their-main-
getötet wurde. Er war 2015 nach internen Konflikten
messages-and-who-do-they-attract/> (eingesehen am
9.2.2018). 19 Hintergrundgespräch der Autorin mit einem Berater des
17 Avinash Paliwal, »Afghanistan, Wilayat Khorasan Nationalen Sicherheitsrates in Afghanistan, November 2017.
and the Dilemma of Fighting the ›Bigger Evil‹«, The Wire, 20 Wie Fn. 19.
3.2.2017, <https://thewire.in/113076/rashomon-effect- 21 Abubakar Siddique, »Resilient IS Cell Tightens Hold
regional-powers-and-the-wilayat-khorasan-in-a-post-truth- Over Northern Afghan Province«, Gandhara, 16.11.2017,
era/> (eingesehen am 9.2.2018). Der Autor bezieht sich auf <https://gandhara.rferl.org/a/afghanistan-islmic-state-jawzjan/
Schätzungen von Antonio Giustozzi, der seit vielen Jahren 28856188.html> (eingesehen am 9.2.2018).
in und über Afghanistan forscht. Der Betrag aus den Golf- 22 Mustafa Sarwar/Alem Rahmanyar/Mohammad Moqim
staaten ist nicht weiter nach Gebern aufgeschlüsselt. Nahib, »Civilians Recount IS Atrocities in Northern Enclave«,
18 Mielke/Miszak, Making Sense of Daesh in Afghanistan Gandhara, 28.12.2017, <https://gandhara.rferl.org/a/afghani
[wie Fn. 9], S. 6. stan-is-atrocities/28943556.html> (eingesehen am 9.2.2018).

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»Islamischer Staat« in Asien
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Der »Islamische Staat« in Afghanistan

über seine Dominanz und über Besteuerungsfragen Auswirkungen des IS in Afghanistan


von den Taliban abgesetzt worden. Danach hatte er
sich zusammen mit seinen Kämpfern zu einem Teil Das Aufkommen des IS in Afghanistan ist verbunden
des IS erklärt. Er benutzte dessen Insignien, etwa mit einer langfristigen Transformation der religiösen,
Briefkopf und Logo. Über seine Verbindung zum kulturellen und politischen Landschaft in der Grenz-
regionalen ISKP und zum zentralen IS-Kalifat ist aber region zu Pakistan. Seine Anhänger lassen sich aus
wenig bekannt. Dass er IS-Zeichen verwendete, be- verschiedenen Motiven mobilisieren, ideologischen
weist nicht unbedingt seine Zugehörigkeit zu der ebenso wie opportunistischen. Das Spektrum der IS-
Organisation. Ein solches Vorgehen kann auch dazu Gefolgschaft reicht von militanten Salafisten, die vor
dienen, der eigenen Macht einen Rahmen zu geben; Erscheinen des IS unter dem Schirm des Islamischen
so gelingt es leichter, den Herrschaftsanspruch der Emirats der Taliban gekämpft haben, bis zu Taliban-
Taliban herauszufordern und die Bevölkerung ein- kommandeuren, die nach dem Tod Mullah Omars
zuschüchtern. Seit 2016 vermerkt das VN-Büro für im IS neue Chancen für sich sahen. Wo und wie das
Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) einen Phänomen IS jeweils aufgekommen ist, hing vom
Anstieg des Schlafmohn-Anbaus in Afghanistan, dar- größeren Kontext und von lokalen Dynamiken ab. 25
unter auch in der Provinz Jowzjan. Dort vergrößerte In einigen Gegenden Afghanistans waren IS-Gruppen
sich die entsprechend genutzte Fläche von unter 100 nur kurzzeitig präsent, in anderen – wie Nangarhar
Hektar in den Jahren 2008–2015 auf 409 Hektar im – konnte sich der ISKP zeitweise konsolidieren. In
Jahr 2016 und 3237 Hektar 2017. Davon lagen 1495 wieder anderen Gebieten war und ist nicht eindeutig,
Hektar (46 Prozent) in Darzab und Qush Tepa. 23 Die ob sich dort IS-Gruppen aufhielten oder aufhalten.
Kontrolle über diese beiden Distrikte half Qari Hek-
mat, Gelder zu generieren und sie unabhängig zu Reaktion der Taliban auf den IS
verwalten.
Sein Tod hat erst einmal nicht bewirkt, dass die Während al-Qaida die Taliban bei Mittelbeschaffung
von ihm durchgesetzte Vorherrschaft geschwächt und Training unterstützt, ihre lokale Vorherrschaft
worden wäre. Bisher vermochten weder Regierung aber nicht in Frage stellt, beansprucht der ISKP reli-
noch Taliban, die Kontrolle über den Distrikt zurück- giöse Autorität in Afghanistan; damit steht er in Kon-
zugewinnen. Mit Maulawi Habib Rahman wurde kurrenz zu den Taliban. Der IS hat al-Qaida und die
offenbar unangefochten ein Nachfolger für Qari Taliban denn auch scharf kritisiert. So warf er ihnen
Hekmat ernannt. Rahman stammt aus der Provinz vor, dass sie ihren Anhängern den Glauben an die
Balkh und ist damit nicht lokal verwurzelt; 2016 Einheit Gottes (Tawhid) nur unzulänglich lehrten und
hatte er sich der Gruppe um Qari Hekmat angeschlos- die Stammesgesetze bei ihnen gegenüber der Scharia
sen. Seine Führungsqualitäten wird er noch unter eine zu große Rolle spielten. Ebenso verurteilte der
Beweis stellen müssen. 24 IS die enge Kooperation der Taliban mit dem paki-
stanischen Geheimdienst, ihren mangelnden Kampf
gegen die Schiiten und ihre Bereitschaft, Grenzen
anzuerkennen, statt ein länderübergreifendes Kalifat
anzustreben. 26 Darüber hinaus beschuldigte der IS
Mullah Omar, eine verfälschte Version des Islam zu
praktizieren. Die religiöse Ideologie der Taliban ist –
23 United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC), anders als jene des IS – geprägt von der sunnitischen
Afghanistan Opium Survey 2017. Cultivation and Production, Hanafi-Schule und dem puristischen Deobandismus,
Kabul/Wien, November 2017, S. 68, <www.unodc.org/ wie er auf dem indischen Subkontinent gelehrt wird.
documents/crop-monitoring/Afghanistan/Afghan_opium_ Viele Taliban sind zudem in der paschtunischen
survey_2017_cult_prod_web.pdf> (eingesehen am 9.2.2018). Stammesgesellschaft verwurzelt und durch Familien-
24 Obaid Ali, »Still under the IS’s Black Flag: Qari Hekmat’s traditionen dem Sufismus verbunden.
ISKP Island in Jawzjan after his Death by Drone«, Afghanistan
Analysts Network, 15.5.2018, <https://www.afghanistan-
analysts.org/still-under-the-iss-black-flag-qari-hekmats-iskp- 25 Mielke/Miszak, Making Sense of Daesh in Afghanistan
island-in-jawzjan-after-his-death-by-drone/> (eingesehen am [wie Fn. 9], S. 5.
7.6.2018). 26 Jones u.a., Rolling Back the Islamic State [wie Fn. 4], S. 155.

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Im Juni 2015 wandte sich Mullah Mansour, damals wurden 850 Zivilisten getötet oder verletzt. Insgesamt
Mitglied der Führungsschura der Taliban und späterer ist die Zahl der Opfer in dieser Phase fast doppelt so
Nachfolger Mullah Omars, mit einem offenen Brief hoch wie im gesamten vorangegangenen Berichts-
an IS-Chef al-Baghdadi. Darin schrieb er, der Kampf in zeitraum 2009–2015. Ein großer Teil der Angriffe
Afghanistan müsse unter einem gemeinsamen Ban- richtet sich gegen die schiitische Minderheit in Afgha-
ner und nur einer Führung stattfinden – und zwar nistan. 29 Für den Zeitraum Januar bis September 2017
jener der Taliban. 27 Der ISKP stellt für die Taliban verzeichnet UNAMA 278 zivile Opfer durch Angriffe
eine Konkurrenz um Ressourcen und Vorherrschaft auf schiitische Moscheen und Einrichtungen. 30 Für
dar, weil er kaltgestellte oder unzufriedene Taliban- die meisten Angriffe, vor allem auf Moscheen in
kommandeure mobilisiert, seinen Kämpfern Kabul und Herat, hat der ISKP die Verantwortung
anscheinend einen höheren Sold zahlt und ak- übernommen. Dagegen distanzieren sich die Taliban
tiv Propaganda betreibt. Die Taliban laufen so Gefahr, explizit von Attacken auf die schiitische Bevölkerung.
ihre religiös-ideologische Dominanz und die Die Minderheit fühlt sich angesichts der Bedrohung
Monopolstellung auf dem jidahistischen Kampffeld durch den ISKP nicht ausreichend von der afghani-
zu verlieren. Sie haben allerdings schnell reagiert und schen Regierung unterstützt und wirft ihr vor, sich
abtrünnige Talibankommandeure, die mit dem IS nicht für die Sicherheit der Schiiten einzusetzen.
sympathisierten, erfolgreich bekämpft, unter Zu dem Anschlag auf ein schiitisches Kultur-
anderem in den Provinzen Zabul, Ghazni, Farah, zentrum in Kabul am 28. Dezember 2017 bekannten
Helmand und Logar. So wurde verhindert, dass sich sich sowohl der IS über seine Nachrichtenagentur
dort IS-Zellen etablieren. Zum Kampf gegen den ISKP Amaq als auch der ISKP. Sie begründeten die Tat da-
haben die Taliban auch Kämpfer der 2015 gegründe- mit, dass die Einrichtung vom Iran unterstützt werde
ten Spezialkräfte-Einheit »Red Units« eingesetzt, die und dort Kämpfer für die iranische Fatemiyoun-
mehrere Hundert, wenn nicht bis zu 1000 Kämpfer Division rekrutiert würden. 31 Die Aussage bezieht
umfassen soll. Die Fähigkeiten dieser Einheit sind sich darauf, dass afghanische Flüchtlinge im Iran und
zwar nicht mit denen westlicher Spezialkräfte zu junge Schiiten in Afghanistan angeworben werden,
vergleichen, aber ihre Mitglieder sind besser ausge- um mit den iranischen Revolutionsgarden im syri-
bildet und ausgerüstet als andere Talibankämpfer. 28 schen Bürgerkrieg auf Seiten der Assad-Regierung zu
kämpfen. 32 Die rekrutierten Jugendlichen und jungen
Zunahme sektiererischer Gewalt
29 United Nations Assistance Mission in Afghanistan
Der ISKP lehnt den Sufismus ab und betrachtet (UNAMA), »Protection of Civilians in Armed Conflict: Attacks
Schiiten als Ungläubige. Ein von ihm verkündetes Against Places of Worship, Religious Leaders and Worship-
Ziel lautet, den Polytheismus auszumerzen, wie er in pers«, 7.11.2017, <https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/
Afghanistan in Schreinen zur Heiligenverehrung files/resources/unama_report_on_attacks_against_places_
praktiziert wird. Im November 2017 veröffentlichte of_worship_7nov2017_0.pdf> (eingesehen am 9.2.2018).
30 UNAMA, »Quarterly Report on the Protection of Civil-
UNAMA einen Sonderbericht über Angriffe auf Glau-
ians in Armed Conflict: 1 January to 30 September 2017«,
bensstätten, religiöse Führer und Gläubige in Afgha-
12.10.2017, S. 3, <https://unama.unmissions.org/sites/default/
nistan. Darin werden 51 Vorfälle im Zeitraum von
files/unama_protection_of_civilians_in_armed_conflict_
Januar 2016 bis September 2017 dokumentiert. Bei quarterly_report_1_january_to_30_september_2017_-
Angriffen auf Moscheen und bei gezielten Tötungen _english.pdf> (eingesehen am 9.2.2018).
oder Entführungen religiöser Führer und Gelehrter 31 Thomas Joscelyn, »Islamic State’s Khorasan ›Province‹
Claims Responsibility for Attack on Cultural Center in
27 Abubakar Siddique, »Taliban Warns IS Militants Against Kabul«, in: Long War Journal, 28.12.2017, <https://www.
Opening a New Front in Afghanistan«, Gandhara, 16.6.2015, longwarjournal.org/archives/2017/12/islamic-states-khorasan-
<https://gandhara.rferl.org/a/afghanistan-taliban-islamic-state/ province-claims-responsibility-for-attack-on-cultural-center-
27075631.html> (eingesehen am 9.2.2018). in-kabul.php> (eingesehen am 9.2.2018).
28 Frud Bezhan, »Explainer: Taliban ›Special Forces Unit‹ 32 Human Rights Watch, »Iran: Afghan Children Recruited
Bursts into Spotlight with Deadly Attacks«, Radio Free Europe, to Fight in Syria. Protection Gaps Increase Children’s Vul-
4.12.2017, <https://www.rferl.org/a/afghanistan-taliban- nerability«, 1.10.2017, <https://www.hrw.org/news/2017/10/
special-forces-emerge-deadly-attacks/28896629.html> 01/iran-afghan-children-recruited-fight-syria> (eingesehen
(eingesehen am 9.2.2018). am 9.2.2018).

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Der »Islamische Staat« in Afghanistan

Männer erhalten finanziellen Lohn für ihren Einsatz. Unverändert hoch scheint die Fähigkeit des ISKP,
Für den Fall, dass sie getötet oder verletzt werden Anschläge in Kabul zu verüben, auch wenn er wo-
oder in Gefangenschaft geraten, wird ihren Familien möglich nicht in jedem Fall zu Recht die Verantwor-
als Ausgleich die iranische Staatsbürgerschaft in Aus- tung für entsprechende Taten übernimmt. Die von
sicht gestellt. In der Regel werden die jungen Afgha- ihm reklamierten Angriffe zielen im Wesentlichen
nen nach kurzer Ausbildung jeweils für drei Monate auf weiche Ziele wie Moscheen oder Fernsehsender.
an der Front eingesetzt. Es gibt dazu kaum belastbare 2017 hat der ISKP möglicherweise mehr Zivilisten in
Zahlen, aber Berichten zufolge überleben viele von der Hauptstadt getötet als die Taliban. Mit deren
ihnen spätestens den zweiten Einsatz-Turnus nicht. 33 militärischer Kampfkraft und Schlagfähigkeit kann
er sich insgesamt jedoch keineswegs messen.
Seit dem Aufkommen des IS in Afghanistan sind
Auswirkungen auf die nationale die USA entschieden gegen dessen Führung im Land
und regionale Stabilität vorgegangen. Nur wenige Wochen nach Proklamation
des Wilayat Khorasan wurde der zweite Emir, Khadim,
Die Präsenz des IS wird von afghanischen und inter- im Februar 2015 durch einen US-Luftangriff getötet.
nationalen Politikern wie Sicherheitsexperten Der erste Emir, Hafiz Saeed, starb im Sommer 2016
unterschiedlich eingeschätzt. Manche beurteilen das bei einem Drohnenangriff. Sein Nachfolger, Sheikh
Phänomen als eher unbedeutend, andere sehen darin Abdul Hasib, kam im Mai 2017 ums Leben – dessen
eine regionale Sicherheitsbedrohung. Die aktuellen Nachfolger wiederum, Abu Saeed, im Juli des Jahres. 35
Zahlen über den ISKP und selbsterklärte IS-affiliierte Seit 2015 gerät die Bevölkerung im Osten Afghani-
Kämpfer in Afghanistan variieren und werden von stans, dem Kerngebiet des ISKP, zwischen die Fronten
unterschiedlichen Akteuren je nach Interessenlage eines verlustreichen Dreifachkampfes. Taliban und
instrumentalisiert. Während die afghanische Regie- ISKP bekriegen einander um Territorium und Vor-
rung die Präsenz und Relevanz des IS auf gesamt- herrschaft; beide wiederum sind Ziel von Anti-Terror-
staatlicher Ebene eher heruntergespielt hat, betonten Aktionen, die gemeinsam von afghanischen Sicher-
lokale Autoritäten immer wieder die vom IS ausge- heitskräften und US-Militär durchgeführt werden.
hende Gefahr, auch um politische Aufmerksamkeit Und überdies kämpfen lokale regierungsnahe Milizen
für die Situation vor Ort und damit Zuweisungen von gegen den ISKP.
Sicherheitsressourcen zu erreichen. Der Oberkom-
mandierende der US- und Nato-Streitkräfte in Afgha- 2017 haben amerikanische Luft-
nistan, General John W. Nicholson, ging Ende Novem- angriffe gegen IS-Ziele in Afghanistan
ber 2017 von etwa 1500 IS-Kämpfern im Land aus. deutlich zugenommen.
Laut UNAMA sind die Zahlen ziviler Opfer des
Konflikts weiterhin auf hohem Niveau. Demnach gab Auf Anforderung von Verteidigungsminister
es 3438 Tote und 7015 Verletzte im Zeitraum von Ashton Carter hat die Obama-Administration im
Januar bis Dezember 2017. Für 65 Prozent der Opfer Januar 2016 die Einsatzbefugnisse der amerikani-
sind Anti-Regierungs-Gruppen verantwortlich. Davon schen Streitkräfte so erweitert, dass sie auch IS-Ziele
macht UNAMA die Taliban für 1574 Tote und den bekämpfen können. Am 13. April 2017 – bereits
ISKP für 399 Tote verantwortlich. Die verbleibenden unter Präsident Donald Trump – haben die USA
330 getöteten Opfer werden nichtidentifizierten öffentlichkeitswirksam eine GBU-43-Bombe (»Mother
Regierungsgegnern einschließlich selbstproklamier- of all Bombs«) auf ein vom ISKP in Nangarhar ge-
ten IS-Gruppen zugeordnet. 34 nutztes Tunnelsystem abgeworfen. Nach Berichten
der afghanischen Regierung sollen dabei über 80

33 Hintergrundgespräch der Autorin mit einem politischen


Analysten in Kabul, November 2017. 35 Borhan Osman, »Another ISKP Leader ›Dead‹: Where
34 UNAMA, »Afghanistan. Protection of Civilians in Armed Is the Group Headed After Losing So Many Emirs?«, Afghan
Conflict. Annual Report«, S. 4f, <https://unama.unmissions. Analysts Network, 23.7.2017, S. 1, <https://www.afghanistan-
org/sites/default/files/afghanistan_protection_of_civilians_ analysts.org/another-iskp-leader-dead-where-is-the-group-
annual_report_2017_final_6_march.pdf> (eingesehen am headed-after-losing-so-many-amirs/> (eingesehen am
11.6.2018). 9.2.2018).

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ISKP-Mitglieder getötet worden sein. Als Präsident stan und Tadschikistan. Man erwarte, dass deren Zahl
Trump am 21. August 2017 in einer Rede die neue durch Kämpfer, die aus Syrien und dem Irak fliehen,
Strategie Washingtons für Afghanistan und Südasien noch steigen werde. 38 Seit dem Aufkommen des IS
vorstellte, rückte er den Kampf gegen Terrorismus in Afghanistan hat Russland zum einen den zentral-
in den Vordergrund und verkündete als Ziel, den IS asiatischen Staaten eine verstärkte Militärkooperation
zu vernichten. Im selben Jahr nahmen die amerika- angeboten. Zum anderen forderte Moskau die afgha-
nischen Luftangriffe signifikant zu. Laut General nische Regierung und damit auch Washington auf,
Nicholson wurden seit März 2017 rund 1400 Boden- nicht nur im Osten des Landes gegen den ISKP vorzu-
operationen und Luftschläge in Afghanistan durch- gehen, sondern ebenso im Norden gegen IS-affiliierte
geführt; dabei sollen Stellungen und Einrichtungen Gruppen. 39
zerstört und über 1600 Mitglieder des ISKP ausge- Im Zuge ihres Anti-Terror-Kampfes suchen die USA
schaltet worden sein. Nicholson kündigte in einer zu verhindern, dass IS-Kämpfer aus Syrien und dem
Pressekonferenz am 28. November 2017 an, man Irak Afghanistan als Rückzugsort nutzen und sich
werde künftig auch IS-affiliierte Kämpfer in den dort womöglich neu formieren. Afghanische Sicher-
nordafghanischen, an Turkmenistan grenzenden heitsbeamte wie auch General Nicholson vermerkten
Provinzen Faryab und Jowzjan bekämpfen. 36 im November 2017, es gebe bisher keine Evidenz
Das Aufkommen des IS in Afghanistan und Paki- dafür, dass nach Zerschlagung des IS-Kalifats ver-
stan hat die Region insgesamt alarmiert. Daher for- mehrt Kämpfer aus Nahost nach Afghanistan gelangt
derten neben den beiden Ländern selbst auch Iran, seien. 40 Möglicherweise bemühen sich die afghani-
Indien, Russland und China eine regionsübergreifen- sche Regierung und der US-General, die Gefahr in der
de Zusammenarbeit im Kampf gegen die Organisa- Öffentlichkeit herunterzuspielen. Andere Akteure
tion. Über die konkrete Umsetzung, etwa den Infor- wiederum warnen, dass Kämpfer aus Syrien und dem
mationsaustausch der Geheimdienste und Koopera- Irak nach Afghanistan zögen und versuchten, im
tionen zur Sicherung der Grenzen, ist allerdings Norden des Landes einen Stützpunkt zu errichten.
wenig bekannt. Russland und China fürchten, dass Entsprechend äußerten sich der russische Sonder-
der IS nach Zentralasien überschwappt oder islamis- gesandte Kabulov und der Ende 2017 abberufene
tische Bewegungen wie IBU und ETIM gestärkt wer- Gouverneur der Provinz Balkh, Atta Mohammad
den. Der Iran wiederum fühlt sich durch den salafis- Noor. 41 Denkbar ist, dass sie das Narrativ von der IS-
tischen Jihadismus und den damit verbundenen Bedrohung instrumentalisieren, um politische Auf-
Kampf gegen Schiiten bedroht. Wie Russland zuge- merksamkeit zu gewinnen und Sicherheitsressourcen
geben hat, unterhält es Kontakte zu Talibanmitglie- zu generieren. Offizielle, belastbare Zahlen zu etwai-
dern, um Informationen über den IS in Afghanistan gen IS-Kämpfern aus Syrien und Irak sind nicht be-
auszutauschen. Dagegen bestreitet Moskau, die Tali- kannt. Einzelnen Berichten zufolge scheinen derzeit
ban finanziell und mit Waffenlieferungen zu unter- vor allem zentralasiatische und chinesische IS-Kämp-
stützen. 37 Russland nennt nach wie vor hohe Zahlen fer aus Syrien nach Afghanistan zu gelangen. 42 Laut
von IS-Kämpfern in Afghanistan. Der russische Son-
dergesandte für das Land, Zamir Kabulov, bemerkte
38 Ayaz Gul, »Russia Says about 10,000 IS Militants
im Dezember 2017, Moskau sei besorgt über die
Now in Afghanistan«, Voice of America, 23.12.2017,
wachsende Präsenz von IS-Kämpfern in den nord- <https://www.voanews.com/a/russia-afghanistan-islamic-
afghanischen Provinzen an der Grenze zu Turkmeni- state/4176497.html> (eingesehen am 9.2.2018).
39 Hintergrundgespräch mit Hanif Atmar, National
36 »Department of Defense Press Briefing by General Security Council, Kabul, November 2017.
Nicholson via Teleconference from Kabul«, rs.nato.int, 40 Wie Fn. 39.
28.11.2017, <https://www.rs.nato.int/news-center/transcripts/ 41 »Noor Warns of Daesh Movements in North«, Tolo,
defense-press-briefing-by-general-nicholso.aspx> (eingesehen 1.1.2018, <www.tolonews.com/afghanistan/noor-warns-
am 9.2.2018). daesh-movements-north> (eingesehen am 9.2.2018).
37 Sune Engel Rasmussen, »Russia Accused of Supplying 42 Christine-Felice Röhrs/Jan Kuhlmann, »Neue Terror-
Taliban as Power Shifts Create Strange Bedfellows«, in: Heimat: Afghanistan als Zuflucht für IS-Kämpfer«, in:
The Guardian, 22.10.2017, <https://www.theguardian.com/ Tiroler Tageszeitung (online), 14.12.2017, <www.tt.com/politik/
world/2017/oct/22/russia-supplying-taliban-afghanistan> 13786078-91/neue-terror-heimat-afghanistan-als-zuflucht-
(eingesehen am 9.2.2018). für-is-kämpfer.csp> (eingesehen am 9.2.2018).

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Der »Islamische Staat« in Afghanistan

Medienberichten sollen am 2. Januar 2018 in Darzab


26 IS-Kämpfer bei einem Treffen getötet worden sein,
darunter vier Franzosen und drei Usbeken. 43
Für Afghanistan als Rückzugsort spricht auf der
einen Seite, dass dort Strukturen des IS zwar ge-
schwächt, aber noch präsent sind. Es gibt regionale
salafistische Netzwerke und militante Gruppen vor
Ort, die etwa Trainingscamps organisieren können.
Auf der anderen Seite ist Afghanistan relativ schwer
zu erreichen, und es gibt dort wiederum kaum Rück-
zugsorte, an denen sich der IS ungehindert, ohne
Wissen und Unterstützung der Taliban ausbreiten
könnte. 44 Solange die Taliban keine strategische Part-
nerschaft anstreben, müssen die IS-Kämpfer mit
ihnen als unerbittlichen Gegnern rechnen, die keine
Konkurrenz dulden. Zusätzlich zu den Taliban üben
die USA zusammen mit den afghanischen Sicherheits-
kräften einen hohen Verfolgungsdruck auf IS-Kämp-
fer aus. Möglicherweise ist es auch für abtrünnige
Taliban nicht mehr attraktiv, Allianzen mit dem IS
einzugehen, weil dessen Ressourcen nach dem Ende
des Kalifats schwinden. Andererseits könnten private
Spender aus den Golfstaaten weiter daran interessiert
sein, den Salafismus, auch jenen militanter Ausrich-
tung, in Afghanistan zu stärken.
Insgesamt hat der IS sich weder in der Fläche
Afghanistans ausbreiten noch bedeutende Unterstüt-
zung in der Bevölkerung generieren können. Aber
er kann auf terroristische Netzwerke zurückgreifen,
um Anschläge und komplexe Angriffe in Kabul aus-
zuüben. Die Taliban hingegen haben ihre Vormacht-
stellung im Kampf gegen den IS bestätigt, und die
von ihnen kontrollierten Teile Afghanistans werden
weiterhin Aktions- und Rückzugsort extremistischer
Gruppen bleiben. Der Jihadi-Salafismus wiederum
hat einen neuen Rahmen für extremistische Akteure
in Afghanistan geschaffen. Wie er die religiöse und
jihadistische Landschaft dort mittel- bis langfristig
verändern wird, ist dabei noch offen.

43 »French, Uzbek Daesh Militants Killed in Jawzjan Air


Operation«, Tolo, 2.1.2018, <https://www.tolonews.com/index.
php/afghanistan/french-uzbek-daesh-militants-killed-jawzjan-
air-operation> (eingesehen am 9.2.2018).
44 Röhrs/Kuhlmann, »Neue Terror-Heimat« [wie Fn. 42].

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Karte 4

Volksrepublik China
China und der Kampf gegen die »drei üblen Kräfte«

Gudrun Wacker

China und der Kampf gegen die


»drei üblen Kräfte«

Einleitung China 1949 lebten dort zunächst nur sehr wenige


Han-Chinesen, geschätzt knapp 7 Prozent. Erst wäh-
In China leben nach dem letzten offiziellen Zensus rend der Kulturrevolution (1966–1976) und dann
von 2010 etwa 23 Millionen Muslime. 1 Sie sind ganz durch die Wirtschaftsreformen nach 1979, mit denen
überwiegend Sunniten und gehören insgesamt zehn die Mobilität der Bevölkerung stieg, erhöhte sich der
Bevölkerungsgruppen an (»nationalen Minderheiten« Anteil von Han-Chinesen in Xinjiang deutlich. 2008
im chinesischen Sprachgebrauch). Die größte musli- lag er Schätzungen zufolge bei 40 Prozent. 3 Laut
mische Ethnie sind die turkstämmigen Uighuren, die Zensus von 2010 stellen die Uighuren mit 45 Prozent
mehrheitlich in der Autonomen Region Xinjiang- in »ihrer« Autonomen Region noch knapp die Mehr-
Uighur im Nordwesten Chinas leben; die zweitgrößte heit, gegenüber 40 Prozent Han-Chinesen. Seit dem
ist die Hui-Minderheit, »sinisierte« Muslime, die über 19. Jahrhundert hat es verschiedene – erfolglose –
China verteilt leben, in Xinjiang aber ebenfalls stark Aufstandsbewegungen gegeben, die ein von China
vertreten sind. Außerdem gibt es in dieser Region unabhängiges »(Ost-) Turkistan« zum Ziel hatten,
kleinere Gruppen von Kasachen, Kirgisen, Usbeken zuletzt in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahr-
und Tadschiken. Sie sind Angehörige der Titular- hunderts.
nationen der an Xinjiang grenzenden zentralasiati- Der Islam wird in der Volksrepublik China als
schen Republiken Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan Religion toleriert, solange er sich – aus offizieller
und Tadschikistan, die nach Auflösung der Sowjet- Sicht – nicht politisiert. Nach Ende der Kulturrevo-
union unabhängig wurden. Umgekehrt wird die Zahl lution erlebte er, wie andere Religionen im Land,
der Uighuren in den zentralasiatischen Republiken einen Aufschwung. Moscheen und Imame benötigen
auf 300 000 geschätzt. 2 Außerdem gibt es, bedingt aber eine offizielle Genehmigung; sie unterliegen
durch verschiedene Abwanderungsbewegungen, strenger Kontrolle und Überwachung. Zu Protesten
größere Gruppen von Exil-Uighuren in der Türkei, und Demonstrationen von Muslimen gegen die Be-
Deutschland und den USA. hörden kam es vermehrt in den 1990er Jahren. Aus-
Die Region Xinjiang, insbesondere die Oasenkultur löser waren meist Verbote der Glaubensausübung,
südlich des Tianshan-Gebirgszuges, war historisch, etwa an islamischen Feiertagen. Es wurden auch
kulturell und religiös eigentlich ein Teil Zentral- Anschläge auf islamische Würdenträger verübt, die
asiens. Das chinesische Kaiserreich eignete sich die als Verräter und Kollaborateure der Han-dominierten
traditionelle Pufferregion erst im 18. Jahrhundert Behörden gesehen wurden. Die politische Führung
offiziell an und machte sie als »Neue Front/Grenze« der Region und die Zentralregierung in Beijing nah-
(wörtliche Übersetzung von Xinjiang) zu einer eige- men solche Aktionen als separatistisch motiviert
nen Provinz. Auch nach Gründung der Volksrepublik wahr; sie galten auch als inspiriert durch die noch
frische Unabhängigkeit der ehemals sowjetischen
Nachbarrepubliken in Zentralasien.
1 Colin Mackerras, »Muslim Minorities in China«, in:
The Wiley Blackwell Encyclopedia of Race, Ethnicity, and National-
ism, First Edition, Chicester 2016.
2 Siehe Uran Botobekov, »Al-Qaeda, the Turkestan Islamic 3 Zia Ur Rehman, »ETIM’s Presence in Pakistan and China’s
Party, and the Bishkek Chinese Embassy Bombing«, in: Growing Pressure«, in: Norwegian Peacebuilding Resource Centre
The Diplomat, 29.9.2016. (NOREF) Report, August 2014, S. 1.

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Gudrun Wacker

Wenn im Falle Chinas von muslimischem Extre- Afghanistan und Pakistan operiert haben, bevor sie
mismus oder militant-islamistischen Gruppen die sich 2006 als Turkistan Islamic Party (TIP) neu for-
Rede ist, geht es fast ausschließlich um Angehörige mierten. Sie stehen al-Qaida nahe. 6 In öffentlichen
der uighurischen Minderheit in Xinjiang. Im offiziel- Erklärungen unterstützen sich TIP und al-Qaida
len Sprachgebrauch ist von den »drei üblen Kräften« gegenseitig.
die Rede – Separatismus, Terrorismus und religiöser In China selbst kam es im Juli 2009 zu massiven
Extremismus, wobei diese Phänomene nicht klar Ausschreitungen gegen Han-Chinesen in Xinjiangs
voneinander abgegrenzt werden. Insofern behandelt Hauptstadt Urumqi. Auslöser war ein Video, das aus
Beijing antichinesische Aktivitäten in Xinjiang unter der südlichen Provinz Guangdong stammte. Es zeigte,
dem Oberthema von Chinas territorialer Integrität, wie einige uighurische Arbeiter von han-chinesischen
dem ebenso die Unabhängigkeitsbestrebungen in Kollegen verfolgt und zusammengeschlagen wurden,
Tibet und Taiwan zugeordnet werden. weil man sie zu Unrecht der Vergewaltigung einer
Han-Chinesin bezichtigte. Diese Auseinandersetzun-
gen hatten zwar keinen terroristischen Hintergrund,
Erscheinungsformen: Anschläge in China, demonstrierten aber, wie volatil die Lage in Xinjiang
uighurische Kämpfer im Ausland war. Sie läuteten eine neue Phase der Überwachung
und Kontrolle in der Region ein. Offenbar stieg in der
Seit den 90er Jahren kam es in Xinjiang verschiedent- Folge aber auch die Zahl (illegaler) Ausreisen von
lich zu Anschlägen, die sich im Wesentlichen gegen Uighuren über Nachbarländer.
die chinesischen (Sicherheits-) Behörden richteten. Bereits im Vorfeld der Olympischen Spiele von
Von offizieller Seite antwortete man darauf mit einer Beijing 2008 war es in verschiedenen chinesischen
ersten Kampagne unter dem Motto »Hart durchgrei- Städten zu Anschlägen auf Busse gekommen. In den
fen«, d.h. verstärkten Kontrollen, Razzien und Straf- Folgejahren ereignete sich eine ganze Serie von Ge-
maßnahmen. 4 Nach den Terrorangriffen in den USA waltakten, bei denen die Täter entweder mit Autos
vom 11. September 2001 stellte die chinesische Regie- in eine Menschenmenge fuhren oder an belebten
rung eine Liste von Anschlägen im eigenen Land Plätzen mit Messern und Macheten wahllos Leute an-
zusammen, und eine bis dahin unbekannte Gruppie- griffen. Solche Vorfälle gab es im Oktober 2013 auf
rung namens ETIM (East Turkestan Islamic Move- dem Tian’anmen-Platz in Beijing, im März 2014
ment) wurde von den USA und den Vereinten Natio- auf dem Bahnhof von Kunming (Provinz Yunnan)
nen auf die Liste terroristischer Vereinigungen sowie im Mai 2014 und März 2015 auf dem Bahnhof
gesetzt. Wie verlässlich die Berichte über die Organi- von Guangzhou (Guangdong). Zum einen zeigte sich
sation sind, ist jedoch schwer zu beurteilen. ETIM soll hier eine deutliche geographische Verschiebung und
Verbindungen über Zentralasien und Pakistan nach Ausdehnung des Anschlagsgeschehens, zum anderen
Afghanistan und auch nach Tschetschenien unter- aber auch eine neue Qualität der Aktionen. Nicht
halten haben. Nach dem 11. September wurden in mehr chinesische Behörden oder Sicherheitskräfte
Afghanistan auch eine Reihe Uighuren verhaftet und waren das vorrangige Ziel, sondern die Zivilbevölke-
in das US-Gefangenenlager Guantánamo gebracht. 5 rung.
Uighurische Kämpfer sollen in der Islamischen Bewe- Auch in Xinjiang selbst ereigneten sich ähnliche
gung Usbekistans (IBU) sowie unter den Taliban in Anschläge, so 2011 im südlich gelegenen Kaschgar
sowie im April und Mai 2014 am Bahnhof bzw. auf
4 Chien-peng Chung, »China’s ›War on Terror‹: September einem Markt von Urumqi. 7 Im Februar 2017 kam es
11 and Uighur Separatism«, in: Foreign Affairs, 1.7.2002, führt zu einer Messerattacke mit mehreren Toten in der
einen offiziellen chinesischen Regierungsbericht an, nach
dem Uighuren zwischen 1990 und 2001 für 200 Anschläge
mit 162 Toten und mehr als 440 Verletzten verantwortlich 6 Siehe Jacob Zenn, »China’s Counter-Terrorism Calculus«,
waren. Eine »Hart durchgreifen«-Kampagne gab es in China in: China Brief, 16 (16.1.2016) 2, <https://jamestown.org/
auch landesweit, in Xinjiang aber richtete sie sich speziell program/chinas-counter-terrorism-calculus> (eingesehen
gegen Aufrührer. am 30.11.2017).
5 Siehe Martin I. Wayne, »Inside China’s War on Terror- 7 Siehe Shannon Tiezzi, »China’s Minister for Public
ism«, in: Journal of Contemporary China, 18 (2009) 59, S. 249– Security Outlines Anti-Terrorism Agenda«, in: The Diplomat,
261 (251f). 19.12.2015.

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China und der Kampf gegen die »drei üblen Kräfte«

Stadt Hotan. 8 Insgesamt wurden zwischen September 2013 auch am Krieg in Syrien. 13 Wegen des Anti-
2009 und Januar 2017 aus Xinjiang 33 Anschläge Terror-Kampfes in Afghanistan und Pakistan wichen
gemeldet, die höchste Zahl davon mit 14 im Jahr uighurische Gruppen und Einzelpersonen nach
2014. 9 Nicht nur geographisch, sondern auch bei der Syrien und in den Irak aus, wo sie sich überwiegend
Motivation für die Anschläge scheint eine Verschie- der al-Qaida nahestehenden Al-Nusra-Front ange-
bung stattgefunden zu haben. Weniger wichtig schlossen haben sollen, eine kleine Zahl von ihnen
wurden ethno-nationalistische und separatistische aber auch dem IS. 14 Schätzungen zur Zahl uighuri-
Beweggründe, die auf mehr Autonomie und kulturell- scher Kämpfer in Pakistan/Afghanistan und Syrien/
religiöse Freiheit für Xinjiang zielen; in den Vorder- Irak sowie zu ihren Kapazitäten lassen sich praktisch
grund traten stattdessen religiöse Motive. Dieser nicht verifizieren. Im Jahr 2012 schrieb etwa die Glo-
Wandel wurde auch angeregt durch eine Identifika- bal Times von 300 chinesischen Staatsangehörigen,
tion der Täter mit dem globalen Jihad, sowohl in der die für den IS kämpften; bis 2016 soll sich die Zahl
Rhetorik als auch in den Strategien. 10 verdreifacht haben oder sogar auf mehrere Tausend
gestiegen sein. 15 Thailand, Laos, Kambodscha und
2014 benannte der IS Vietnam sind die südostasiatischen Festlandsstaaten,
China als Angriffsziel für über die Uighuren offenbar versuchen, China zu ver-
terroristische Aktionen. lassen. 16 Ihr Ziel ist, entweder in die Türkei und dann
weiter nach Syrien bzw. in den Irak zu reisen – oder
Nicht nachzuweisen ist, ob es direkte Verbindun- aber, wenn dies nicht möglich ist, nach Malaysia
gen zwischen den verschiedenen Anschlägen in oder Indonesien zu kommen. Ein entsprechendes Bild
China und den außerhalb des Landes operierenden ergibt sich aus den gemeldeten Zahlen der von Sicher-
uighurischen Gruppen bzw. der TIP gibt. Vertreter der heitskräften der jeweiligen Länder verhafteten oder
TIP bekannten sich im Ausland über Videobotschaf- bei Anti-Terror-Aktionen umgekommenen Uighu-
ten teilweise zu diesen Taten oder priesen sie als ren. 17 Berichtet wurde auch, dass türkische Staats-
Jihad. 11 Es ist allerdings mehr als fraglich, ob die TIP angehörige oder sogar Konsulate der Türkei in China
die Aktionen selbst geplant hat. Wahrscheinlicher ist, und Südostasien gefälschte Pässe des Landes an
dass dahinter einzelne Zellen in China stecken, deren Uighuren verkauft bzw. für sie ausgestellt haben. 18
Taten die TIP nur bejubelt hat. 12
Die TIP hatte sich Berichten zufolge 2006 neu und 13 Siehe Catherine Putz, »Brits Blacklist East Turkestan
als Teil des Al-Qaida-Netzwerks formiert, mit Basis in Islamic Movement«, in: The Diplomat, 28.7.2016; Zenn,
den Stammesgebieten Pakistans. Sie war zunächst »China’s Counter-Terrorism Calculus« [wie Fn. 6].
in Zentral- und Südasien aktiv und beteiligt sich seit 14 Siehe Siegfried O. Wolf, From China to Turkey: The Uighurs
in a Position of a New Asia’s Rising Force in the Global Jihad,
Brüssel: South Asia Democratic Forum (SADF), 12.1.2016
(SADF Focus, 27), S. 6, <http://sadf.eu/new/wp-content/
8 Siehe »Eight Killed in Xinjiang Knife Attack: Police Shoot uploads/2017/01/FOCUS-27.SOW_.pdf> (eingesehen am
Three Attackers«, in: South China Morning Post, 15.2.2017. 10.1.2018).
9 Siehe »Beyond the Borders. China Seeks to Counter 15 Zahlen aufgeführt in ebd., S. 7f.
Militancy in Central Asia«, in: Jane’s Intelligence Review, Januar 16 Die Ausreise über Zentralasien oder direkt nach Paki-
2017, S. 28f. stan dürfte aufgrund der gestiegenen Sicherheitsvorkehrun-
10 Siehe Adrien Morin, »Is China’s Counterterrorism Policy gen in Xinjiang schwieriger geworden sein.
in Xinjiang Working?«, in: The Diplomat, 23.2.2017. 17 Siehe ausführlicher zu den belegten Fällen in Südost-
11 Siehe Raffaello Pantucci/Edward Schwarck, »Transition asien: Zachary Abuza, »The Uighurs and China’s Regional
in Afghanistan: Filling the Security Vacuum – The Expan- Counter-Terrorism Efforts«, in: Terrorism Monitor, 15 (2017) 16,
sion of Uighur Extremism?«, in: CIDOB Policy Research Project, <https://jamestown.org/program/the-uighurs-and-chinas-
Mai 2014, S. 11f, <https://www.cidob.org/en/publications/ regional-counter-terrorism-efforts> (eingesehen am
publication_series/stap_rp/policy_research_papers/transition_ 29.11.2017).
in_afghanistan_filling_the_security_vacuum_the_expansion 18 Siehe Zhang Yan, »Turkey to Help Foiling Suspects from
_of_uighur_extremism/(language)/eng-US> (eingesehen am Xinjiang«, in: China Daily, 15.1.2015, <https://jamestown.org/
10.1.2018). program/uyghur-militants-in-syria-the-turkish-connection>
12 Siehe Zenn, »China’s Counter-Terrorism Calculus« (eingesehen am 10.1.2018). Zur Rolle der Türkei in der
[wie Fn. 6]. Uighuren-Frage siehe Michael Clarke, »Uyghur Militants in

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Gudrun Wacker

Jedoch handelt es sich bei den ausreisenden Uighuren Chinesen. 24 Anschläge im Ausland, für die Uighuren
durchaus nicht immer um Kämpfer, die sich jihadis- (mit)verantwortlich gemacht wurden, gab es unter
tischen Gruppen anschließen wollen. Viele verlassen anderem in Bangkok im August 2015 sowie in der
Xinjiang aufgrund der angespannten Lage dort, um kirgisischen Hauptstadt Bischkek, wo im August 2016
in anderen Ländern Asyl zu suchen. 19 Sie nutzen die chinesische Botschaft attackiert wurde. 25
allerdings für ihre Flucht dieselben Netzwerke von Bislang liegen keine Berichte vor, die darauf hin-
Menschenschmugglern. deuten, dass sich uighurische Mitglieder oder Unter-
Vom IS wurde China erstmals 2014 als Angriffsziel stützer des IS bzw. Nahost-Rückkehrer in China oder
für terroristische Aktionen benannt, mit der Begrün- Zentral- bzw. Südasien aufhalten. 26 Innerhalb Chinas
dung, dort würden Muslime unterdrückt und zu ist der IS bislang hauptsächlich in zwei Bereichen
Unrecht inhaftiert. 20 Al-Qaida war Anfang der 2000er relevant. Erstens spielt er als Teil der globalen terro-
Jahre zunächst noch zurückhaltend mit Kritik am ristischen Bedrohung eine Rolle im offiziellen
chinesischen Staat, begann aber schon 2006 damit, Sicherheitsdiskurs; zweitens übernahmen Gruppen,
China bzw. chinesische Bürger im Ausland zum Ziel die in China aktiv sind, ihre Vorgehensweise und
zu erklären. 21 Die Organisation veröffentlichte kurz jihadistische Rhetorik von transnationalen Netz-
nach dem Aufruf des IS einen Bericht, der die Lage in werken wie IS und al-Qaida.
Xinjiang anprangerte, und eine Reihe von Botschaf-
ten, die zum Kampf gegen China aufriefen. 22 Im
November 2015 meldete der IS in Syrien, er habe Reaktion des Staates und der Gesellschaft
einen chinesischen Staatsbürger hingerichtet. 23
Bei einer ganzen Reihe terroristischer Anschläge Bereits ab den 90er Jahren reagierten chinesische
im Ausland kamen auch chinesische Staatsbürger Behörden mit einer Doppelstrategie auf Proteste,
ums Leben, so etwa in Mali im November 2015; Unruhen und Anschläge. Zum einen setzten sie auf
mitunter richteten sich die Angriffe gezielt gegen ein striktes Durchgreifen (»strike hard«), d.h. ver-
stärkte Überwachung, Kontrolle und Strafverfolgung
gegenüber als illegal eingestuften Aktivitäten. Zum
anderen versuchte man aber auch, durch massive
Investitionen, vor allem in die Infrastruktur, die wirt-
Syria: The Turkish Connection«, in: Terrorism Monitor, schaftliche Entwicklung in der Region Xinjiang (wie
14 (4.2.2016) 3, <https://jamestown.org/program/uyghur- auch in Tibet) anzukurbeln. Solche Bemühungen
militants-in-syria-the-turkish-connection> (eingesehen am wurden Ende der 90er Jahre unter der Überschrift
4.12.2017). »Go West« bzw. »Große Erschließung des Westens«
19 Siehe Nodirbek Soliev, »Uyghur Militancy in and Beyond an der gesamten westlichen Peripherie Chinas voran-
Southeast Asia: An Assessment«, in: Counter Terrorist Trends getrieben. Sie haben aber nicht unbedingt zur Stabili-
and Analyses, 9 (2017) 2, S. 4–20 (16f), <https://www.rsis.edu. sierung der Lage beigetragen, wie die obige Aufstel-
sg/wp-content/uploads/2017/02/CTTA-February-2017.pdf>
lung von Anschlägen zeigt. Vielmehr zogen sie ver-
(eingesehen am 10.1.2018).
20 Siehe Mathieu Duchâtel, Terror Overseas: Understanding
China’s Evolving Counter-terror Strategy, London: European 24 Eine Auflistung von Anschlägen auf chinesische Staats-
Council on Foreign Relations (ECFR), Oktober 2016 (ECFR bürger im Ausland findet sich bei Duchâtel, Terror Overseas
Policy Brief, 193), S. 4, <www.ecfr.eu/page/-/ECFR_193_- [wie Fn. 20], S. 3.
_TERROR_OVERSEAS_UNDERSTANDING_CHINAS_EVOLVING_ 25 Siehe Thomas Fuller/Edward Wong, »Thailand Blames
COUNTER_TERROR_STRATEGY.pdf> (eingesehen am Uighur Militants for Bombing at Bangkok Shrine«, in:
30.11.2017). Laut einem Artikel von März 2017 produzierte The New York Times, 15.9.2015, <https://www.nytimes.com/
der IS insgesamt drei Propagandavideos mit uighurischen 2015/09/16/world/asia/thailand-suspects-uighurs-in-bomb-
Kämpfern und eine Audiobotschaft in chinesischer Sprache, attack-at-bangkok-shrine.html> (eingesehen am 5.12.2017);
siehe Nodirbek Soliev, »How Serious Is the Islamic State Ivan Nechepurenko, »Suicide Bomber Attacks Chinese
Threat to China?«, in: The Diplomat, 14.3.2017. Embassy in Kyrgyzstan«, in: The New York Times, 30.8.2016,
21 Siehe Duchâtel, Terror Overseas [wie Fn. 20], S. 4. <https://www.nytimes.com/2016/08/31/world/asia/bishkek-
22 Siehe Zachary Keck, »Al-Qaeda Declares War on China, china-embassy-kyrgyzstan.html> (eingesehen am 5.12.2017).
Too«, in: The Diplomat, 22.10.2014. 26 Siehe Soliev, »How Serious Is the Islamic State Threat in
23 Siehe Duchâtel, Terror Overseas [wie Fn. 20], S. 1. China?« [wie Fn. 20].

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China und der Kampf gegen die »drei üblen Kräfte«

stärkt Han-Chinesen in die Region. Die Uighuren und nale Leitungsinstitution für Anti-Terror-Arbeit sowie
andere Minderheiten sahen sich nicht als Hauptnutz- ein staatliches Anti-Terror-Nachrichtenzentrum. 31
nießer des wirtschaftlichen Aufschwungs, zumal es Erstmals wird auch definiert, was man in China offi-
ihnen an den nötigen Chinesisch-Kenntnissen und ziell unter Terrorismus versteht. 32 Das Gesetz gibt vor,
Qualifikationen mangelte, und sie fühlten sich zu- dass alle (auch ausländische) Telekommunikations-
nehmend marginalisiert. Als Reaktion auf die An- unternehmen und Internetdienstprovider die Regie-
schlagswelle in den Jahren 2013/2014 gab es erneut rung bei Prävention und Untersuchung terroristischer
eine Anti-Terror-Kampagne. Ende 2015 wurde offiziell Aktivitäten unterstützen. Die Berichterstattung über
verlautbart, man habe 181 »gewalttätige Terror- Anschläge und Gegenmaßnahmen der Regierung
banden« zerstört. 27 wird eingeschränkt, und die Bürger sind aufgerufen,
In den letzten vier Jahren hat China unter der sich als Informanten zu betätigen (»Volkskrieg« gegen
Führung Xi Jinpings eine ganze Reihe neuer Sicher- den Terrorismus). 33 Im Dezember 2015 ernannte
heitsgesetze auf den Weg gebracht, 28 darunter auch China auch den ersten Anti-Terror-Beauftragten; er
erstmals ein Anti-Terror-Gesetz (Dezember 2015, in kam aus den Reihen des Ministeriums für Öffentliche
Kraft getreten am 1. Januar 2016). Diese Maßnahmen Sicherheit. 34
wurden aber nicht durch den IS ausgelöst, denn
Kämpfer aus China stehen, wie erwähnt, überwie- Xi Jinping rief 2017 dazu auf, eine
gend al-Qaida nahe. Die Gesetze sind allgemeiner »große Mauer aus Stahl« um
darauf gerichtet, organisatorische Mechanismen beim Xinjiang zu errichten
Kampf gegen Terrorismus und Separatismus festzu-
legen sowie Koordination und Informationsaustausch Die Anschläge in Paris und Mali von November
zu verbessern. 29 Sie sollen Operationen effizienter 2015 sowie zunehmende propagandistische Aktivitä-
machen und den Informationsfluss zwischen den ten jihadistischer Gruppen wie des IS außerhalb
relevanten Ministerien und Institutionen verbessern; Chinas hatten dazu beigetragen, dass Beijing im
involviert sind hier vor allem die Ministerien für Dezember des Jahres das bereits seit längerem disku-
Staatssicherheit und für Öffentliche Sicherheit, die tierte Anti-Terror-Gesetz verabschiedete und weitere
Volksstaatsanwaltschaft und Gerichtshöfe. Das neue
Anti-Terror-Gesetz sieht vor, dass Volksbefreiungs- 31 Siehe Mattis, »New Law Reshapes Chinese Counter-
armee und bewaffnete Volkspolizei unter bestimmten terrorism Policy and Operations« [wie Fn. 29].
Bedingungen auch Anti-Terror-Einsätze im Ausland 32 Artikel 3 des Gesetzes definiert Terrorismus, terroristi-
durchführen können. 30 Neue Einrichtungen sollen sche Aktivitäten und terroristische Organisationen. Hier
den Kampf gegen den Terrorismus unterstützen; dazu heißt es, »Terrorismus bedeutet jedes Vorhaben oder jede
gehören eine – dem Staatsrat unterstellte – natio- Aktivität, die durch Gewalt, Sabotage oder Drohung eine
gesellschaftliche Panik hervorruft, die öffentliche Sicherheit
unterminiert, persönliche und Eigentumsrechte antastet
27 Siehe Tiezzi, »China’s Minister for Public Security« oder staatliche Behörden und internationale Organisationen
[wie Fn. 7]. bedroht, mit dem Ziel, politische, ideologische oder andere
28 2014: Spionageabwehrgesetz; Juni 2015: Nationales Zwecke zu erreichen«. Übersetzt nach Standing Committee
Sicherheitsgesetz; Dezember 2015: Anti-Terrorismus-Gesetz; of the National People’s Congress, »Counterterrorism Law
April 2016/Januar 2017: Gesetz für ausländische NGOs; of the People’s Republic of China (Effective)« [Zhonghua
2016/Juni 2017: Cybersicherheitsgesetz; Mai 2017: Entwurf Renmin Gongheguo fan-kongbuzhuyi fa], Order No. 36 of
Nationales Geheimdienstgesetz. the President, 27.12.2017, <http://en.pkulaw.cn/display.aspx?
29 Siehe Peter Mattis, »New Law Reshapes Chinese cgid=261788&lib=law> (eingesehen am 19.3.2018).
Counterterrorism Policy and Operations«, in: China Brief, 33 Siehe Zunyou Zhou, »China’s Comprehensive Counter-
16 (2016) 2, <https://jamestown.org/program/new-law- Terrorism Law«, in: The Diplomat, 23.1.2016; ebenso »All
reshapes-chinese-counterterrorism-policy-and-operations/> Sections of Society Urged to Help Prevent Radicalization«,
(eingesehen am 4.12.2017). in: Global Times, 30.3.2017, <www.globaltimes.cn/content/
30 Siehe Duchâtel, Terror Overseas [wie Fn. 20], S. 2; Lauren 1040343.shtml> (eingesehen am 30.11.2017).
Dickey, »Counterterrorism or Repression? China Takes On 34 Siehe Zhang Yan, »China Names First Counterterrorism
Uighur Militants«, War on the Rocks, 19.4.2016, <https://waron- Chief«, China Daily, 21.12.2015, <www.chinadaily.com.cn/
therocks.com/2016/04/counterterrorism-or-repression-china- china/2015-12/21/content_22757979.htm> (eingesehen am
takes-on-uighur-militants/> (eingesehen am 8.5.2017). 17.11.2017).

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Gudrun Wacker

Maßnahmen ergriff. 35 2016 erfolgte auch ein perso- eine gesetzliche Grundlage. 40 Ebenfalls im März rief
neller Wechsel in der Autonomen Region Xinjiang. Xi Jinping beim Nationalen Volkskongress in Beijing
Chen Quanguo, zuvor Parteisekretär in Tibet, über- dazu auf, eine »große Mauer aus Stahl« um Xinjiang
nahm diesen Posten nun in der Nordwestregion und zu errichten – dies auch als Reaktion auf ein neuer-
verstärkte in der Folge die Kontroll- und Überwa- liches IS-Propagandavideo, in dem ein Kämpfer in
chungsmaßnahmen noch einmal erheblich. 36 Neben uighurischer Sprache Drohungen gegen China aus-
Volksbefreiungsarmee und bewaffneter Volkspolizei gestoßen hatte. 41 Der virtuellen Verbreitung jihadis-
sind in Xinjiang auch die sogenannten Produktions- tischer Propaganda haben die chinesischen Behörden
und Konstruktionskorps in die Terrorbekämpfung gleichermaßen den Kampf angesagt. 42 Unklar ist,
involviert. Es handelt sich dabei um militärisch- inwieweit die Vorschriften neben den Uighuren auch
kommerzielle Einheiten, d.h. militärische Einheiten, auf andere ethnische Gruppen muslimischen Glau-
die Landwirtschaft, Bergbau und Industrieunterneh- bens angewendet werden.
men betreiben. Sie wurden bereits 1954 gegründet Ob all diese und weitere – oft nur auf lokaler
und kontrollieren etwa ein Drittel des Landes in Ebene umgesetzte – Maßnahmen tatsächlich dazu
Xinjiang. 37 führen, Gewalttaten zu verhindern und eine weitere
Nachdem es im Dezember 2016 und im Februar Radikalisierung unter den Uighuren nachhaltig zu
2017 erneut zu Zwischenfällen gekommen war, 38 unterbinden, bleibt allerdings abzuwarten. Wenn
marschierten in mehreren Städten der Region bewaff- staatlicherseits schon die Ausübung religiöser Bräu-
nete Truppen auf, um Stärke zu demonstrieren. 39 che in den Bereich des Illegalen abgedrängt wird,
Im März wurde dann gemeldet, dass die Regierung kann auch der gegenteilige Effekt eintreten.
Xinjiangs ein weiteres Gesetz zur Bekämpfung von Negative Reaktionen gegenüber Uighuren und dem
»religiösem Extremismus« (einer der »drei üblen Islam gab es in der breiteren Gesellschaft Chinas vor
Kräfte«) verabschiedet hatte. Es enthält unter ande- allem aufgrund der Auseinandersetzungen in Urumqi
rem Vorschriften zur Kindererziehung und gegen 2009, bei denen vorwiegend han-chinesische Tote
Verschleierung. Einige der Einschränkungen waren und Verletzte zu beklagen waren, und wegen der fol-
zuvor schon praktiziert worden, erhielten nun aber genden Anschläge in verschiedenen Teilen des Lan-
des. Die offiziellen Medien berichten im Zusammen-
hang mit dem Islam hauptsächlich über Anschläge
und gewaltsame Auseinandersetzungen, solche im
35 Siehe Cui Jia, »New Anti-Terror Security Guidelines Land selbst oder weltweit. Das Bild der Muslime in
Made Public«, in: China Daily USA, 14.12.2015, <http://usa. China wird dadurch mitgeprägt. 43
chinadaily.com.cn/epaper/2015-12/14/content_22709769.
htm> (eingesehen am 17.11.2017).
36 Siehe Willy Wo-Lap Lam, »Beijing’s New Scorched-Earth
Policy Against the Uighurs«, in: China Brief, 17 (6.2.2017) 2,
<https://jamestown.org/program/beijings-new-scorched-earth-
policy-uighurs/> (eingesehen am 29.11.2017). 40 Nectar Gan, »Ban on Beards and Veils – China’s Xin-
37 Siehe Morin, »Is China’s Counterterrorism Policy in jiang Passes Law to Curb ›Religious Extremism‹«, in: South
Xinjiang Working?« [wie Fn. 10]. China Morning Post, 30.3.2017.
38 Siehe »Chinese Kill Four after Xinjiang Attack«, in: 41 Siehe Tom Phillips, »China: Xi Jinping Wants ›Great
BBC News, 28.12.2016, <http://www.bbc.com/news/world-asia- Wall of Steel‹ in Violence-hit Xinjiang«, in: The Guardian,
china-38454095> (eingesehen am 5.12.2017); »Eight Dead 11.3.2017, <https://www.theguardian.com/world/2017/mar/
after Knife Attack in China’s Western Xinjiang Region«, in: 11/china-xi-jinping-wants-great-wall-of-steel-in-violence-hit-
The Telegraph, 15.2.2017, <www.telegraph.co.uk/news/2017/ xinjiang> (eingesehen am 5.12.2017).
02/15/eight-dead-knife-attack-chinas-western-xinjiang- 42 Siehe z.B. »China Tech Companies Pledge to Tackle Con-
region/> (eingesehen am 5.12.2017). tent That Promotes Terrorism«, in: The Guardian, 12.4.2016,
39 Siehe Tom Phillips, »Chinese Troops Stage Show of Force <https://www.theguardian.com/world/2016/apr/12/25-china-
in Xinjiang and Vow to ›Relentlessly Beat‹ Separatists«, in: tech-companies-sign-pledge-anti-terrorism-law> (eingesehen
The Guardian, 20.2.2017, <https://www.theguardian.com/ am 5.12.2017).
world/2017/feb/20/chinese-troops-stage-show-of-force-in- 43 Siehe z.B. Rose Luqiu/Fan Yang, »Anti-Muslim Sentiment
xinjiang-and-vow-to-relentlessly-beat-separatists> (einge- Is on the Rise in China. We Found that the Internet Fuels –
sehen am 5.12.2017). and Fights – This«, in: The Washington Post, 12.5.2017.

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»Islamischer Staat« in Asien
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54
China und der Kampf gegen die »drei üblen Kräfte«

Auswirkungen auf die nationale chen SCO-Dokumenten wird die Bekämpfung der
und regionale Sicherheit »drei üblen Kräfte« als ein zentrales Ziel der Organisa-
tion dargestellt. Damit betont man die enge Verbin-
China fällt im Global Terrorism Index zwar nicht in dung zwischen Xinjiang und Zentralasien, aber auch
die Spitzenkategorie jener Länder, die am stärksten die gemeinsame Bedrohungsvorstellung der beteilig-
unter Terrorismus leiden, belegt aber immerhin ten Staaten. Schon vor dem 11. September war dabei
Rang 23 (hinter Südsudan und Bangladesch). 44 Auf Afghanistan als externe Gefahrenquelle für eine mög-
nationaler Ebene werden Anschläge, die sich in China liche Destabilisierung der Region identifiziert wor-
ereignen, offiziell als Bedrohung für die Stabilität des den. Die Zusammenarbeit beim Kampf gegen Terroris-
Landes angesehen, egal ob sie einen terroristischen mus erfolgt auch in Form gemeinsamer Militärübun-
oder »nur« separatistischen Hintergrund haben. Geht gen. Solche Manöver begannen im Rahmen der SCO
es speziell um Xinjiang, so gelten entsprechende Ge- bereits 2002; sie sind auch ein fester Bestandteil der
walttaten als Gefahr für Chinas territoriale Integrität. militärischen Kooperation zwischen China und Paki-
Damit rechtfertigt Beijing, dass Überwachung und stan. In den letzten Jahren kamen bilaterale Übungen
Kontrolle verstärkt sowie persönliche Freiheiten ein- mit Indien, Thailand und Indonesien hinzu. 47 Anfang
geschränkt werden. Externe Beobachter fragen indes, 2015 meldeten chinesische Medien, das Land werde
ob es die Radikalisierung in der Bevölkerung Xinjiangs die Kooperation mit der Türkei in der Terrorismus-
nicht eher vorantreibt, wenn die Behörden hart bekämpfung verstärken. 48 Im August 2016 kündigten
vorgehen und dabei die Grenze zwischen legitimer China, Pakistan, Afghanistan und Tadschikistan an,
Religionsausübung und den »drei üblen Kräften« den gemeinsamen militärischen Kampf gegen Terro-
verwischen. 45 Was die externe Dimension des Prob- rismus zu intensivieren. 49
lems anbelangt, so ist schwer einzuschätzen, wie stark Auch mit anderen Staaten baut China die Zusam-
aus China stammende Kämpfer zur Destabilisierung menarbeit bei der Terrorismusbekämpfung mittler-
der Nachbarstaaten beitragen. Die Zahl von Uighuren, weile aus, so etwa mit einigen Ländern Afrikas. 50
die sich in Südostasien jihadistischen Gruppen oder Ein offizielles Papier über Chinas Politik in der arabi-
terroristischen Zellen angeschlossen haben, scheint schen Welt (»Arab Policy Paper«) von Januar 2016
relativ gering zu sein, und der IS spielt unter diesen betont die Kooperation mit den arabischen Staaten
Gruppen bislang keine entscheidende Rolle. auf diesem Gebiet. 51
Mit den Nachbarstaaten, die als Transitländer oder
Im Kampf gegen Terrorismus als Enddestinationen für potentielle uighurische
verstärkt China die Kooperation Kämpfer bekannt geworden sind, hat Beijing seit 2013
mit anderen Staaten.

Die chinesische Regierung bemüht sich bei der me Grenze mit China haben – Kasachstan, Kirgistan und
Terrorismusbekämpfung schon seit den 1990er Tadschikistan. Bei Gründung der SCO wurde noch Usbeki-
stan in die Organisation aufgenommen.
Jahren um Kooperation und Informationsaustausch
47 Siehe dazu ausführlich Duchâtel, Terror Overseas [wie
mit anderen Ländern. Den Rahmen dafür bietet in
Fn. 20], S. 8.
erster Linie die Shanghaier Organisation für Zusam-
48 Siehe Zhang Yan, »Turkey to Help Foiling Suspects from
menarbeit (SCO), die 2001 – kurz vor den Anschlä- Xinjiang« [wie Fn. 18].
gen vom 11. September – als Nachfolge-Organisation 49 Siehe »Beyond the Borders« [wie Fn. 9], S. 28f; ebenso
der »Shanghai Five« 46 gegründet wurde. In zahlrei- Duchâtel, Terror Overseas [wie Fn. 20], S. 9f.
50 Siehe Tiezzi, »China’s Minister for Public Security«
44 Siehe die Auflistung des Institute for Economics & [wie Fn. 7].
Peace, Global Terrorism Index 2016, S. 10, <http://economics 51 Siehe »Full Text of China’s Arab Policy Paper«, Xinhua,
andpeace.org/wp-content/uploads/2016/11/Global-Terrorism- 13.1.2016, unter Punkt 5.3, <http://news.xinhuanet.com/
Index-2016.2.pdf> (eingesehen am 30.11.2017). Die zugrunde english/china/2016-01/13/c_135006619.htm> (eingesehen am
gelegten Zahlen dürften dabei auf chinesischen Meldungen 30.11.2017); ebenso Andrea Ghiselli, »China’s First Overseas
basieren. Base in Djibouti, An Enabler of its Middle East Policy«, in:
45 Siehe Soliev, »Uyghur Militancy« [wie Fn. 20] S. 18. China Brief, 16 (25.1.2016) 2, <https://jamestown.org/program/
46 Die Shanghai Five bestanden aus China, Russland und chinas-first-overseas-base-in-djibouti-an-enabler-of-its-
den drei zentralasiatischen Republiken, die eine gemeinsa- middle-east-policy/> (eingesehen am 19.3.2018).

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»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Gudrun Wacker

teilweise Vereinbarungen getroffen, die den Informa- nahm die Zahl derer, die sich aus China absetzten,
tionsaustausch sowie Auslieferung bzw. Rückführung offenbar zu, wobei es sich meist um Asylsuchende
festgenommener chinesischer Staatsbürger regeln. handelte. Die Ausreise erfolgte zunehmend über Süd-
Dies betrifft etwa Thailand, Malaysia und Indonesien. ostasien. Potentielle Kämpfer versuchten, von dort
Im Falle der letzten beiden Staaten, die islamisch ge- über die Türkei nach Syrien oder in den Irak zu kom-
prägt sind, stößt eine solche Zusammenarbeit mit men. Vor Ort schlossen sie sich überwiegend der
China allerdings auch auf Kritik in der Bevölkerung. 52 al-Qaida nahestehenden Al-Nusra-Fraktion an. Einige
Erschwert werden Rückführungen nach China da- traten auch jihadistischen Terrorgruppen in Südost-
durch, dass die fraglichen Personen häufig mit türki- asien bei. Sowohl al-Qaida als auch der IS erklärten
schen Pässen ausgestattet sind. Nicht immer handelt China zum Feind und zu einem Angriffsziel des Jihad.
es sich bei den in Südostasien festgenommenen Aus den vorliegenden Berichten ist zu schließen,
Uighuren um jihadistische Kämpfer; eine ganze Reihe dass das Phänomen IS im Zusammenhang mit China
von ihnen wurde wegen Menschenschmuggel ange- nur geringe Bedeutung hat – sowohl was Aktivitäten
klagt. 53 Chinas Forderung nach Rückführung bezieht im Land selbst betrifft als auch hinsichtlich Kämp-
sich offenbar generell auf Angehörige der uighuri- fern, die aus China stammen und in anderen Staaten
schen Minderheit. Im Juli 2015 beispielsweise lieferte aktiv sind. Dass sich Uighuren sowohl in Syrien und
Thailand 109 Uighuren an China aus, 54 und auch dem Irak als auch in einigen südostasiatischen Staa-
Kambodscha, Malaysia und Indonesien haben Uighu- ten dem Jihad angeschlossen haben, scheint durch
ren nach China ausgewiesen. 55 Videos und Festnahmen ausreichend belegt, selbst
Zhang Jie, Experte des Instituts für Asien-Pazifik wenn sich die Zahl dieser Akteure nicht verifizieren
und globale Strategie an der chinesischen Akademie lässt. Angesichts massiver Überwachungsmaßnahmen
für Sozialwissenschaften, vermutet zwar eine hohe und Bewegungseinschränkungen vor allem in Xin-
Zahl an »extremen Elementen«, die aus China über jiang ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass uighuri-
Südostasien in den Nahen Osten ziehen. Die größere sche Kämpfer aus dem Ausland nach China zurück-
Bedrohung sieht er allerdings bei jenen, die in Süd- zukehren versuchen, um dort den Jihad weiterzufüh-
ostasien bleiben und dort Anschläge verüben. 56 ren. Ob – und gegebenenfalls welche – Verbindun-
gen zwischen den im Ausland operierenden Organi-
sationen und den in Xinjiang und anderen Teilen
Fazit Chinas aktiven Gruppen bestehen, ist umstritten, weil
belastbare Daten fehlen. Jedenfalls hat der chinesi-
Bereits vor den Anschlägen vom 11. September 2001 sche Staat auf die Anschläge im eigenen Land mit
waren Uighuren aus Xinjiang über Pakistan nach verschärfter Überwachung und Kontrolle sowie der
Afghanistan gereist, wo sie sich al-Qaida bzw. der Beschneidung individueller Freiheiten reagiert. Wie
Islamischen Bewegung Usbekistans anschlossen. Nach sehr diese Maßnahmen auf längere Sicht dazu beitra-
den ethnischen Zusammenstößen in Urumqi 2009 gen werden, Anschläge zu verhindern, bleibt abzu-
warten. Xinjiang spielt in Chinas Initiative der Neuen
Seidenstraße (»Belt and Road Initiative«) eine wichtige
52 Siehe Abuza, »The Uighurs and China’s Regional
Rolle; von hier führt der landseitige Korridor über
Counter-Terrorism Efforts« [wie Fn. 17].
53 Ebd.
Zentralasien nach Europa. Schon deshalb sind Stabi-
54 Siehe Siegfried O. Wolf, »It’s Not Only about Illegal lität und Sicherheit in der Region ein zentrales
Migration & International Law: The Uighur Conundrum«, in: Anliegen des chinesischen Staates.
E-International Relations, 21.7.2015, <www.e-ir.info/2015/07/ Durch das 2015 verabschiedete Anti-Terror-Gesetz
21/its-not-only-about-illegal-migration-international-law-the- wurde ein rechtlicher Rahmen geschaffen, der innere
uighur-conundrum/> (eingesehen am 4.12.2017). und äußere Sicherheit miteinander verbindet und
55 Siehe Abuza, »The Uighurs and China’s Regional erstmals auch den Einsatz chinesischer Sicherheits-
Counter-Terrorism Efforts« [wie Fn. 17]. kräfte im Ausland vorsieht. Im Verhältnis zu anderen
56 Siehe Zhang Jie, »Zhongguo – Dongmeng fan-kong Staaten bemüht sich China um Zusammenarbeit bei
hezuo: tiaozhan yu shenhua lujing« [Anti-Terror-Zusammen-
der Terrorismusbekämpfung. Dies gilt für den Infor-
arbeit zwischen China und ASEAN: Herausforderungen und
mationsaustausch oder die Auslieferung chinesischer
Wege zur Vertiefung], in: Guoji Wenti Yanjiu, 179 (2017) 3,
Staatsbürger ebenso wie für gemeinsame Anti-Terror-
S. 27–50 (35f).
Übungen. Solche Anstrengungen wird Beijing schon

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China und der Kampf gegen die »drei üblen Kräfte«

deshalb weiter verstärken, weil Projekte im Rahmen


der Neuen Seidenstraße auch eine ganze Reihe von
Ländern betreffen, in denen terroristische Gruppen
operieren. Chinas Interesse an Stabilität, ob es wirt-
schaftlich begründet ist oder den Schutz eigener Bür-
ger im Ausland betrifft, ist so nochmals gestiegen.

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Karte 5

Südostasien
Der »Islamische Staat« in Südostasien

Felix Heiduk

Der »Islamische Staat« in Südostasien

Schon kurz nachdem Abu Bakr al-Baghdadi im Som- Streitigkeiten und staatlichen Repressionsdruck deut-
mer 2014 das islamische Kalifat ausgerufen hatte, lich geschwächt. Das Auftauchen des IS in Syrien und
leisteten ihm Jihadisten in Malaysia, in Indonesien dem Irak revitalisierte dann vielerorts die darnieder-
und auf den Philippinen den Treueschwur. Bald kur- liegenden jihadistischen Gruppen des maritimen Süd-
sierten Bilder und Videos auf islamistischen Internet- ostasien. Seit 2014 haben vor allem indonesische und
Portalen, die malaysische und indonesische Jihadisten philippinische Gruppen ihren eigenen Jihad in den
kämpfend unter IS-Fahne in Syrien und dem Irak Kontext des IS eingebettet und sich miteinander
zeigten. Laut Sicherheitsbehörden sind dorthin von vernetzt. Die vorliegende Untersuchung legt den
2014 bis 2016 Hunderte Kämpfer aus Südostasien Fokus daher auf Indonesien und die Philippinen als
ausgereist. Und auch aus der Region selbst tauchten »Hotspots« IS-inspirierter Militanz in Südostasien.
Bilder bewaffneter Gruppen auf, die den Treueschwur
auf al-Baghdadi ablegen, IS-Fahnen zur Schau stellen
oder Propaganda für die Organisation betreiben. IS in Indonesien: Revitalisierung
Wiederholt führten IS-affine Gruppen in Südostasien des Jihadismus
auch Anschläge und militärische Operationen durch,
zu denen sich der IS direkt bekannte. Dies gilt etwa Der in großen Teilen Indonesiens praktizierte Islam
für den Angriff auf einen Nachtclub in Kuala Lumpur ist zwar überwiegend tolerant und vielerorts gar mit
mit acht Verletzten (Juni 2016), für Selbstmord- prä-islamischen Glaubenswelten und Traditionen
anschläge auf Polizisten in Jakarta (Mai 2017) und verschmolzen. Bestrebungen, einen indonesischen
auf drei Kirchen sowie das Polizeihauptquartier in Islamstaat zu errichten, gab es dennoch bereits seit
Surabaya (Mai 2018), ebenso für die Einnahme der den 1940er Jahren, als das Land um seine Unabhän-
Stadt Marawi auf der südphilippinischen Insel Minda- gigkeit rang. Eine der zentralen politischen Fragen,
nao durch Hunderte Jihadisten (Mai 2017). Vor allem mit denen sich die Unabhängigkeitsbewegung aus-
die Eroberung Marawis wurde von der IS-Propaganda- einandersetzen musste, war denn auch die nach einer
maschine ausgeschlachtet. Die Stadt konnte erst im islamischen oder säkularen Verfassung. Am Ende
Oktober 2017, nach monatelangem Häuserkampf, setzte sich der Nationalist Sukarno durch, der 1945
von Manila als »befreit« deklariert werden. Hundert- Indonesiens erster Präsident wurde. Er durchkreuzte
tausende Menschen wurden aus Marawi und den Forderungen, einen Islamstaat (Negara Islam Indo-
angrenzenden Gemeinden vertrieben, große Teile der nesia) mit der Scharia als Kernstück der Verfassung
Stadt vollständig zerstört. zu errichten. Stattdessen wurde die bis heute gültige
Dabei ist das Phänomen IS auch in Südostasien eng Verfassung verabschiedet, die eine freie Ausübung
verknüpft mit prekärer Staatlichkeit, porösen Gren- der sechs offiziell anerkannten Religionen garantiert
zen, Marginalisierung bestimmter ethnischer oder und diese formal gleichstellt.
religiöser Gruppen und innerstaatlichen Gewalt- Mit der Machtübernahme Suhartos 1965 wurden
konflikten. Zudem operieren vor allem im maritimen islamistische Kräfte noch weiter marginalisiert. Zwar
Südostasien schon seit Jahrzehnten militant-islamis- bediente sich Suharto islamistischer Milizen, als er
tische Bewegungen. Aus Afghanistan zurückkehrende 1965/66 die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI)
Jihadisten hatten Ende der 1990er Jahre ein trans- liquidieren ließ. Doch unterdrückte er schon bald
nationales Netzwerk namens Jemaah Islamiyah (JI) auch die Islamisten; sie waren potentiell die letzte
geschaffen. Es steckte unter anderem hinter den Opposition in der von ihm errichteten autoritären
Terroranschlägen von Bali 2002 und hatte Verbindun- Ordnung. Der organisierte politische Islam spielte
gen zu al-Qaida. Ab 2006 wurde die JI durch interne

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Felix Heiduk

fortan über Jahrzehnte hinweg keine signifikante Führung hatte er seine eigene Organisation JAT ge-
Rolle mehr in Indonesien. gründet. 1
Erst das Ende des Suharto-Regimes 1998 öffnete die Die Radikalität des IS führte in Indonesien, ähnlich
Bühne Indonesiens wieder für den politischen Islam. wie in Syrien, aber auch zur Spaltung jihadistischer
In diesem Spektrum wurden zahlreiche Parteien Netzwerke und Gruppierungen in Unterstützer und
und zivilgesellschaftlichen Verbände neu gegründet. Gegner der Organisation. Umstritten waren vor allem
Daneben entstanden diverse militant-islamistische der Alleinvertretungsanspruch des IS und seine Poli-
Organisationen. Einige operieren in einer Grauzone tik, als »Apostaten« gebrandmarkte Muslime zu legi-
zwischen Kooptation und Repression, so etwa die timen Zielen des Jihad zu erklären. Einige bekannte
Front der Verteidiger des Islam (FPI, Front Pembelah Gruppen wie Jemaah Islamiya und Majelis Mujahidin
Islam). Sie wurde unter anderem durch Massen- Indonesia (MMI) verkündeten öffentlich ihre Loyalität
demonstrationen gegen den christlichen Gouverneur zu al-Qaida. Ihre Online-Foren und -Magazine nutzten
Jakartas 2016 bekannt und verfügt über Verbindun- sie in der Folge, um al-Baghdadi und den IS als irre-
gen bis in konservative Parteien und das Militär. Zu- geleitet und antimuslimisch zu verurteilen. Teilweise
dem kam es zur Wiederbelebung bzw. Neugründung zog sich der Riss zwischen Pro- und Anti-IS-Lager quer
militanter jihadistischer Organisationen, die die aus durch Familien, wie das Beispiel Abu Bakar Bashir
ihrer Sicht »säkulare« staatliche Verfasstheit Indone- zeigt. Kurz nach seinem Treueschwur auf al-Baghdadi
siens mit Gewalt bekämpften. An erster Stelle zu nen- kam es zu einem Exodus von JAT-Mitgliedern, ange-
nen ist hier das mehrere Hundert Mitglieder starke führt von zweien seiner Söhne, die eine eigene jiha-
JI-Netzwerk, das Verbindungen in weite Teile des distische Organisation namens Jamaah Ansharusy
maritimen Südostasien sowie zu al-Qaida unterhielt. Syariah (JAS) gründeten. 2
Nach Ende der Suharto-Diktatur konsolidierte sich
das Netzwerk, und es kam zu Dutzenden von Terror- Hunderte Indonesier reisten nach
angriffen. Die JI verübte Anschläge auf »westliche« Syrien und in den Irak aus, um dort
Ziele wie Nachtclubs (so auf Bali 2002), auf westliche unter IS-Fahne zu kämpfen.
Botschaften und internationale Hotels, später auch
verstärkt auf Repräsentanten des indonesischen Nichtsdestotrotz gelang es den Anhängern des IS in
Staates, vor allem Polizei und Militär. Als Reaktion Indonesien schnell, Aufmerksamkeit und Unterstüt-
darauf wurde der staatliche Repressionsapparat zung für das Kalifat zu generieren. Neben öffentli-
massiv ausgebaut und der Druck auf die JI erhöht. chen Treueschwüren von Führungspersönlichkeiten
Dutzende Mitglieder des Netzwerks wurden bei wie Abu Bakar Bashir kam es vor allem zu umfang-
Polizei-Einsätzen getötet, Hunderte zu Gefängnis- reichen Propaganda-Aktionen. Bereits ab März 2014
strafen verurteilt. Hinzu kamen interne Divergenzen. wurden einige Pro-IS-Demonstrationen abgehalten,
Daher gelang es der JI zwischen 2009 und 2016 nicht darunter auch im Zentrum Jakartas. An verschiede-
mehr, größere Anschläge durchzuführen. nen Orten des Landes gab es Informationsveranstal-
tungen in Moscheen, die stets mit Treueschwüren der
Das Auftreten des IS in Indonesien Anwesenden abgeschlossen wurden. Schätzungen
zufolge hatten bis Ende August 2014 mehr als 2000
Seit 2014 hat das Phänomen IS zu einer Revitalisie- Indonesier öffentlich den Eid auf al-Baghdadi ab-
rung des indonesischen Jihadismus geführt. Kurz
nach Ausrufung des Kalifats durch al-Baghdadi 2014
leisteten ihm eine Reihe jihadistischer Gruppen aus
1 Institute for Policy Analysis of Conflict, The Evolution of
dem Land den Treueschwur. Zu ihnen gehörten etab-
ISIS in Indonesia, Jakarta: IPAC, 24.9.2014, <http://www.
lierte militante Akteure wie Mujahidin Indonesia
understandingconflict.org/conflict/read/30/The-Evolution-of-
Timur (MIT), Jamaah Anshorut Tauhid (JAT) und Ring ISIS-in-Indonesia> (eingesehen am 4.1.2018).
Banten, aber auch neuere Gruppierungen wie Forum 2 Rendi A. Witular, »Sons, Top Aides Abandon Ba’asyir
Aktivis Syariah Islam (FAKSI) und Forum Pendukung over ISIL, Form New Jihadist Group«, in: The Jakarta Post,
Daulah Islamiyah (FPDI). Unter den Eidleistenden war 13.8.2014, <www.thejakartapost.com/news/2014/08/13/sons-
zudem Abu Bakar Bashir, ehemaliges spirituelles top-aides-abandon-ba-asyir-over-isil-form-new-jihadist-
Oberhaupt der JI. Nach einem Zerwürfnis mit deren group.html> (eingesehen am 4.1.2018).

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Der »Islamische Staat« in Südostasien

gelegt. 3 Solche Aktionen wurden über jihadistische Monaten hinweg militärisch und ideologisch ausge-
Medienkanäle verbreitet, ebenso wie ins Indonesische bildet, um anschließend IS-Kampfeinheiten zugeteilt
übersetzte Pamphlete und Propagandavideos des IS. zu werden. Mehr als 400 Indonesier scheiterten beim
Vor allem online entfalteten sich rege Propaganda- Versuch, in das vom IS kontrollierte Gebiet zu gelan-
Aktivitäten, über Diskussionsforen, soziale Medien gen; sie wurden entweder an der Ausreise gehindert
und die jihadistische Pro-IS-Website Al-Mustaqbal. oder von Transitländern wie Malaysia und der Türkei
Weitere Aufmerksamkeit erzeugte ein am 23. Juli nach Indonesien abgeschoben. 62 IS-Veteranen mit
2014 über IS-Kanäle veröffentlichtes Video in indo- Verbindungen zu bewaffneten Gruppen glückte laut
nesischer Sprache. Es zeigt indonesische Jihadisten, Polizei bislang die Rückkehr aus Nahost nach Indo-
die von Syrien aus ihre Landsleute zur Unterstützung nesien. Weitere 20 Indonesier sollen auf Mindanao
des IS und zur Ausreise nach Syrien auffordern. 4 im Süden der Philippinen unter IS-Fahne kämpfen. 6
Weitere Propagandavideos auf Indonesisch wurden in 510 Kämpfer aus dem größten muslimischen Land
den Folgemonaten über IS-eigene Medienkanäle ver- der Welt mögen eine im internationalen Vergleich
öffentlicht. 2016 wurde zudem über den IS-Medien- sehr kleine Zahl darstellen. Doch sind Schätzungen
verlag Al-Furat damit begonnen, eine Zeitschrift in zufolge mehrere Tausend Menschen in Indonesien
malaiischer Sprache herauszugeben (Al-Fatihin), die direkt daran beteiligt, den IS zu unterstützen. Neben
in allen Ländern des maritimen Südostasiens ver- der bereits erwähnten Propaganda-Arbeit geht es
trieben werden sollte. 5 dabei um die Sammlung und Verteilung von Spen-
Diese Aktivitäten wie auch die Propaganda IS- dengeldern, die Anwerbung von Rekruten sowie die
affiner Gruppen im Land selbst verfehlten ihre Wir- Organisation der Ausreise von Kämpfern und gege-
kung nicht. Schätzungen zufolge reisten in der Folge benenfalls auch deren Familien in das sogenannte
mehrere Hundert Indonesier nach Syrien und in den Kalifat. 7
Irak aus, um dort unter IS-Fahne zu kämpfen. Der Bis Anfang 2016 hatten die IS-affinen Gruppen in
Großteil von ihnen war schon zuvor in jihadistischen Indonesien vor allem durch Propaganda-Aktivitäten
Organisationen wie JAT, Ring Banten oder MIT orga- auf sich aufmerksam gemacht. Dies änderte sich im
nisiert. Wie die Polizei im Mai 2017 bekanntgab, lag Januar des Jahres, als eine Starbucks-Filiale und eine
die Zahl der identifizierten Staatsbürger Indonesiens, Polizeistation im Zentrum von Jakarta angegriffen
die in Syrien und Irak für den IS kämpften, bei 510, wurden. Der IS bekannte sich zu der Attacke, bei der
davon 113 Frauen. Der Umstand, dass viele der aus- neben den fünf Tätern auch zwei Zivilisten starben
gereisten Jihadisten ihre Familien mit nach Syrien und weitere Personen teils schwer verletzt wurden.
brachten, lässt auf eine langfristige Bindung zum IS Nach bisherigen Erkenntnissen wurde der Anschlag
schließen. 84 Indonesier sind laut Polizei in Syrien von Bahrun Naim geplant und mitfinanziert, einem
und Irak bislang gefallen. Zusammen mit mehreren der Anführer der Majmu’ah Persiapan al-Arkhabily in
Dutzend aus Malaysia stammenden Kämpfern bilde- Syrien. 8 Er hatte bereits Ende 2015 in einem Blog-Post
ten Indonesier in Syrien im September 2014 eine die Pariser Attentate vom 13. November als vorbild-
eigene IS-Trainingseinheit namens Katibah Nusan- haft für künftige Aktionen in Indonesien dargestellt.
tara, später umbenannt in Majmu’ah Persiapan Der Großteil der in Jakarta verwendeten Waffen
al-Arkhabily. In dieser wurden Kämpfer über mehrere wurde illegal von den Philippinen eingeschmuggelt.
In der Folge kam es zu einer Reihe von Anschlägen in
3 Institute for Policy Analysis of Conflict, The Evolution of Indonesien, zu denen sich abermals der IS bekannte.
ISIS in Indonesia [wie Fn. 1], S. 16. Ziel waren größtenteils Polizeibeamte. So sprengten
4 Peter Lloyd/Suzanne Dredge, »ISIS Targets Indonesian
Muslims in Recruitment Video«, ABC News, 28.7.2014,
<http://www.abc.net.au/news/2014-07-28/isis-releases- 6 Jewel Topsfield, »A New School of Thought in Indonesia«,
recruitment-video-target-indonesian-muslims/5629960> The Sydney Morning Herald, 29.7.2017.
(eingesehen am 4.1.2018). 7 Greg Fealy, Indonesian and Malaysian Support for the Islamic
5 »Al Fatihin: A Newspaper for Malay-Speaking IS Mili- State, Washington, D.C.: USAID, 6.1.2016, S. 8.
tants«, in: Malaymail Online, 1107.2016, <http://www. 8 »Indonesia Names ›Mastermind‹ of Jakarta Attacks«,
themalaymailonline.com/malaysia/article/al-fatihin-a- aljazeera.com, 15.1.2016, <www.aljazeera.com/news/
newspaper-for-malay-speaking-is-militants> (eingesehen 2016/01/indonesia-arrests-isil-suspects-jakarta-attacks-
am 4.1.2018). 160115032055865.html> (eingesehen am 4.1.2018).

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sich im Mai 2017 zwei Selbstmordattentäter an einer Für die Ausreise nach Syrien erfolgte auf Grundlage
Busstation in Jakarta nahe einer Gruppe Polizisten recht allgemeiner Kriterien ebenfalls ein Auswahl-
in die Luft und töteten drei von ihnen. Im Juni 2017 prozess. Bei positivem Urteil ging ein Empfehlungs-
wurden bei einem Angriff auf einen Polizei-Check- schreiben (tazkiyah) aus Indonesien an bestehende
point ein Beamter erstochen und ein weiterer schwer Kontakte in Syrien; meist waren dies indonesische
verletzt. Und am 13. Mai 2018 verübte eine sechs- Kämpfer in den Reihen des IS. Dann wurde eine
köpfige Familie Selbstmordanschläge auf mehrere Verbindung zwischen Raqqa und dem ausreisewil-
Kirchen in Surabaya. 13 Menschen starben, über ligen Rekruten hergestellt. Letzterer wurde, bevor er
40 wurden verletzt. Einen Tag später erfolgte ein aufbrach, von den indonesischen IS-Ablegern ideo-
Selbstmordanschlag auf das Polizeiquartier Surabaya, logisch geschult und in der Reiseplanung unterstützt.
den ebenfalls eine ganze Familie durchführte. Dabei Die meisten jener Aktivisten, die indonesischen IS-
wurden 10 Menschen verletzt. Ablegern beitreten, waren zuvor schon in radikalen
Netzwerken tätig. 10 Zwar sind auch Fälle von Online-
IS-affine Gruppen vernetzen sich Radikalisierung bekannt geworden. Doch wenn
zunehmend zwischen Indonesien und Ausreisen in Richtung Syrien allein auf Basis von
anderen südostasiatischen Ländern. Internet-Kontakten angetreten wurden, endete dies
vielfach damit, dass die Sicherheitsbehörden den
Andere von IS-affinen Gruppen geplante Attentate betreffenden Rekruten verhafteten. 11
schlugen fehl oder konnten durch die Sicherheits- Neben der Revitalisierung jihadistischer Aktivitä-
behörden vereitelt werden. Bereits im Februar 2015 ten in Indonesien selbst haben sich mit dem Einzug
hatten Anhänger des IS eine Chlorbombe in einem des IS nach Südostasien auch transnationale Verbin-
Einkaufszentrum bei Jakarta deponiert; doch sie dungen ausgeweitet. Zum einen gehen Beobachter
explodierte nicht. Laut Polizei ähnelte der Sprengsatz davon aus, dass mit Bildung der Katibah Nusantara
in seiner Bauart den vom IS in Syrien hergestellten in Syrien die beteiligten Jihadisten aus Südostasien
Bomben. Hinter dem Anschlagsversuch wurden daher ihre Kontakte untereinander ausgebaut haben und so
indonesische IS-Rückkehrer vermutet. Im August entstandene Netzwerke über Rückkehrer auch in die
2016 hob die Polizei eine Terrorzelle mit IS-Verbin- Region selbst transferiert werden. Zum anderen
dungen aus, die von Indonesien aus geplant hatte, wurden bei Polizeiaktionen in Malaysia und auf den
das berühmte Marina Bay Sands Casino in Singapur Philippinen während der letzten Monate immer
mit Raketen anzugreifen. Im August 2017 wurden wieder auch indonesische IS-Kämpfer verhaftet oder
IS-Unterstützer festgenommen, die einen Chemie- getötet. Solche Aktivisten waren dabei stets von loka-
waffen-Anschlag auf den Präsidentenpalast in Jakarta len jihadistischen Netzwerken mit IS-Verbindungen
vorbereiteten. unterstützt worden, oder sie hatten sich, wie die in
Die Rekrutierung der Attentäter verlief in den
meisten der bekannten Fälle über indonesische
14.12.2016, <www.understandingconflict.org/en/conflict/
Gruppen, die eng mit dem IS kooperieren, wie FAKSI,
read/57/Update-on-Indonesian-Pro-ISIS-Prisoners-and-
MIT oder JAT. Bei dem üblichen Verfahren tritt ein
Deradicalisation-Efforts> (eingesehen am 4.1.2018).
Anwerbungswilliger zunächst mit einem lokalen
10 Eine Ausnahme bilden einige bekannt gewordene Fälle
IS-Ableger in Kontakt. Solche Gruppen verfügen über erfolgreicher Online-Rekrutierung von Frauen. So wurde im
Auswahlgremien, die potentielle Rekruten überprü- Dezember 2016 Dian Yulia Novi festgenommen, die sich als
fen und sie bei positivem Ergebnis in die vorhan- erste weibliche Selbstmordattentäterin Indonesiens vor dem
denen Netzwerke integrieren. Darüber hinaus finden Präsidentenpalast in die Luft sprengen wollte. Ihre Radikali-
Rekrutierungsaktivitäten auch verstärkt in indonesi- sierung hatte primär über das Internet stattgefunden, wäh-
schen Gefängnissen statt. Dort wird nicht nur IS- rend sie in Taiwan als Haushaltshilfe beschäftigt war. Vgl.
Propaganda durch inhaftierte Jihadisten verbreitet; Charlie Campbell, »ISIS Unveiled: The Story behind Indo-
auch sind Fälle bekannt geworden, in denen Häft- nesia’s First Female Suicide Bomber«, in: Time Magazine
linge von IS-affinen Gruppen angeworben wurden. 9 (Online), 3.3.2017, <http://time.com/4689714/indonesia-isis-
terrorism-jihad-extremism-dian-yulia-novi-fpi/> (eingesehen
am 4.1.2018).
9 Institute for Policy Analysis of Conflict, Update on Indone- 11 Fealy, Indonesian and Malaysian Support for the Islamic State
sian Pro-ISIS Prisoners and Deradicalisation Efforts, Jakarta: IPAC, [wie Fn. 7].

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Der »Islamische Staat« in Südostasien

Marawi kämpfenden Indonesier, gar lokalen philip- erst Ende Juli 2014 in den Fokus von Politik und
pinischen Gruppen angeschlossen. 12 Dies spricht Medien (und damit nach den Präsidentschaftswahlen
dafür, dass sich IS-affine Gruppen zwischen Indone- vom 9. Juli). Auslöser war, dass im Internet das bereits
sien und anderen südostasiatischen Ländern stärker erwähnte indonesisch-sprachige IS-Propagandavideo
vernetzt haben. Die transnationalen Verbindungen veröffentlicht wurde; zugleich häuften sich Berichte,
reichen dabei von Indonesien bis nach China. Bei dass indonesische Jihadisten nach Syrien ausreisten.
Polizeiaktionen gegen die MIT auf der indonesischen Eine erste Reaktion der neugewählten Regierung
Insel Sulawesi wurden mehrmals uighurische Kämp- unter Präsident Joko Widodo (»Jokowi«) bestand
fer aus der chinesischen Region Xinjiang festgenom- darin, Anfang August 2014 ein generelles Verbot des
men bzw. getötet. Nach Polizeiangaben waren die IS in Indonesien zu verkünden. Begründet wurde es
Uighuren mit gefälschten Pässen über Thailand und damit, dass Ideologie und Ziele des IS unvereinbar
Malaysia nach Indonesien gereist, um sich dort in seien mit der indonesischen Verfassung, insbesondere
Trainingscamps ausbilden zu lassen, die von lokalen der Pancasila-Staatsdoktrin und der »NKRI« (Negara
IS-Gruppen betrieben wurden. 13 Kesatuan Republic Indonesia, The Unitary State of
the Republic of Indonesia). 15 Der IS stifte indonesische
Reaktionen in Politik und Gesellschaft Staatsbürger dazu an, die eigene Nation zu verraten,
indem er Loyalität zu einer ausländischen Entität
Bereits seit 2012 gab es Berichte, dass indonesische bekunde. Das staatliche Framing der IS-Bedrohung
Jihadisten in Syrien aktiv seien; dies bezog sich zu- basierte insofern weniger auf der spezifischen Islam-
nächst auf die al-Qaida nahestehende Al-Nusra-Front, Interpretation des IS oder auf der Gewalt, die er gegen
ab 2014 dann auch auf den IS. Solche Meldungen »Häretiker« und »Ungläubige« ausübt, sondern in
riefen in Indonesien zunächst kein größeres Echo erster Linie auf dem Vorwurf des Hochverrats. 16
hervor. Dort beherrschten in jener Zeit vor allem die Wie die Regierung erklärte, sollten »Versuche der
hart umkämpften Präsidentschaftswahlen von 2014 Förderung des IS in Indonesien unterbunden wer-
die Tagespolitik. 14 Nennenswerte politische oder den«. 17 Dies klang zunächst deutlich und entschie-
mediale Aufmerksamkeit blieb auch dann noch aus, den, erwies sich aber schon bald als bloße politische
als in Raqqa das Kalifat ausgerufen wurde und sich Absichtserklärung. Denn der zur Verfügung stehende
andeutete, dass in Indonesien eine Unterstützerszene rechtliche Rahmen war und ist schlicht ungenügend,
entstand. um den IS in Indonesien umfassend zu bekämpfen.
Das Phänomen IS im Allgemeinen und dessen Ver- Das geltende Anti-Terror-Gesetz von 2003 stellt weder
bindungen nach Indonesien im Besonderen gelangten die Mitgliedschaft in einer ausländischen Terror-
organisation unter Strafe noch Unterstützung für sie
oder den Aufenthalt in Trainingscamps, die von ihr
12 Institute for Policy Analysis of Conflict, Pro-ISIS Groups betrieben werden. Auf Basis geltenden Rechts war
in Mindanao and Their Links to Indonesia and Malaysia, Jakarta, somit ein generelles Verbot des IS in Indonesien
25.10.2016, <http://file.understandingconflict.org/file/2016/
kaum durchsetzbar.
10/IPAC_Report_33.pdf> (eingesehen am 10.1.2018); »Malay-
Unterdessen ging die Polizei repressiv gegen im
sia Arrests 4 Alleged ISIS Militants in Perak and Sabah«, in:
Land operierende Mitglieder militanter Organisatio-
The Straits Times, 16.6.2017 (online), <www.straitstimes.com/
asia/se-asia/malaysia-arrests-4-alleged-isis-militants-in-perak-
and-sabah> (eingesehen am 10.1.2018); Bilveer Singh, 15 »Agus Surya Bakti, ›ISIS Harus Diperangi Bersama‹«
»Southeast Asia Braces for the Post-Islamic State Era«, in: [ISIS muss gemeinsam bekämpft werden], detakjakarta.com,
The Diplomat, 17.7.2017 (online), <http://thediplomat.com/ 23.3.2015, <http://www.detakjakarta.com/berita-1897-agus-
2017/07/southeast-asia-braces-for-the-post-islamic-state-era/> surya-bakti-isis-harus-diperangi-bersama.html> (eingesehen
(eingesehen am 10.1.2018). am 10.1.2018).
13 »Indonesian Forces Kill Two Chinese Uighur Fighters«, 16 Dominic Berger, »Why Indonesia Banned ISIS«, in:
aljazeera.com, 16.3.2016, <www.aljazeera.com/news/2016/ New Mandala, 1.10.2014 (online), <www.newmandala.org/
03/indonesian-forces-kill-chinese-uighur-fighters- why-indonesia-banned-isis/> (eingesehen am 10.1.2018).
160316073253769.html> (eingesehen am 10.1.2018). 17 »Indonesian Government Officially Bans ISIS«, in: Jakarta
14 Felix Heiduk, Indonesiens Erneuerung? Chancen und Heraus- Globe, 5.8.2014 (online), <http://jakartaglobe.id/news/ indone-
forderungen der Jokowi-Präsidentschaft, Berlin: Stiftung Wissen- sian-government-officially-bans-isis/> (eingesehen
schaft und Politik, August 2014 (SWP-Aktuell 55/2014). am 10.1.2018).

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nen vor, etwa der MIT. Insbesondere die Anti-Terror- ment eingebracht. 21 Zentrale Punkte der Vorlage
Einheit Densus 88 führte Dutzende Aktionen durch, waren unter anderem:
bei denen gesuchte Terroristen wie auch Terror- ∎ Möglichkeit der Internierung von Terrorverdächti-
verdächtige festgenommen oder getötet wurden. Das gen bis zu sechs Monaten ohne Gerichtsverfahren
bekannteste Opfer war der im Juli 2016 umgekom- ∎ Strafbarkeit des Beitritts zu terroristischen Organi-
mene Santoso (alias Abu Wardah), Anführer der MIT sationen im In- und Ausland und der Rekrutierung
und damals meistgesuchter Terrorist Indonesiens. Er für sie (dies betrifft auch die Teilnahme an Aus-
hatte 2014 al-Baghdadi die Treue geschworen und bildungsaktivitäten solcher Organisationen)
sich selbst fortan als »Kommandant der Armee des ∎ Strafbarkeit von »hate speech«, die den Grund-
Islamischen Staates in Indonesien« bezeichnet. 18 sätzen der Verfassung widerspricht
Allerdings wurde Densus 88 für sein Vorgehen von ∎ verstärkte Kooperation von Polizei und Militär in
Menschenrechtsgruppen kritisiert. Wie es hieß, agiere der Terrorismusbekämpfung
die Einheit nach dem Motto »shoot first, ask questions ∎ Möglichkeit der Aberkennung der indonesischen
later«; auch von Folterungen und Todesfällen in Poli- Staatsbürgerschaft im Fall einer Loyalitätsbekun-
zeihaft wurde berichtet. Die indonesischen Sicher- dung gegenüber anderen staatlichen Entitäten
heitskräfte sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, im (einschließlich IS)
Zuge des Anti-Terror-Kampfes die Menschen- und Die öffentliche Debatte um die Gesetzesnovelle
Bürgerrechte auszuhöhlen. 19 flammt seitdem immer wieder auf, wenn es in indo-
Das Vorgehen der Polizei gegen den weiteren IS- nesischen Städten zu Terroranschlägen kommt, wie
Unterstützerkreis im Land gestaltete sich schwierig. etwa in Jakarta 2016, Medan 2017 oder Surabaya
Zwar schritt sie regelmäßig ein, wenn etwa Rekrutie- 2018. Doch ist bislang weder die Diskussion im Parla-
rer des IS auffielen oder dessen Flagge öffentlich zur ment beendet noch der Gesetzentwurf zur Abstim-
Schau gestellt wurde. Die entsprechenden Personen mung vorgelegt worden. 22 Die zentralen Streitpunkte
kamen jedoch stets aus dem Polizeigewahrsam wieder bei dem Thema betreffen zum einen die Frage, ob
frei; für eine Anklage fehlte schlicht die legale Grund- und wie das Militär in die Terrorismusbekämpfung
lage. 20 Angesichts dieser juristischen Lücken begann eingebunden werden soll. Kontrovers ist zum anderen
Ende 2014 eine Diskussion über die Reform der be- die im Gesetzentwurf vorgesehene Möglichkeit, im
stehenden Anti-Terror-Gesetzgebung. Getragen von Fall von Terrorismusverdacht die Bürgerrechte zu
einem Konsens zwischen Regierung und Opposition beschneiden.
wurde Ende 2015 mit »äußerster Priorität« ein ent- Neben »harten« polizeilichen wie juristischen Mit-
sprechender Gesetzentwurf ins indonesische Parla- teln setzt die indonesische Regierung auf eine Reihe
»softer« Präventionsmaßnahmen im Kampf gegen den
IS. Ein Großteil der entsprechenden Programme zielt
darauf, in Moscheen, Schulen, Gefängnissen und
18 Cindy Wockner, »Indonesian Police Are Confident Killed sozialen Medien die Pancasila-Staatsideologie sowie
the Country’s Most Wanted Terrorist Santoso Who Pledged
nationale Werte stärker zu verbreiten – als eine Art
Allegiance to Islamic State«, news.com.au, 19.7.2016 (online),
»Gegenpropaganda« und gemäß Jakartas spezifischem
<www.news.com.au/world/asia/indonesian-police-are-con
Framing der IS-Bedrohung. Im Juli 2017 blockierte
fident-killed-the-countrys-most-wanted-terrorist-santoso-who-
pledged-allegiance-to-islamic-state/news-story/529b4f85d445
die Regierung den elektronischen Nachrichtendienst
c8b827f0100c91a28f73> (eingesehen am 10.1.2018).
19 Elly Burhaini Faizal, »Counterterrorism vs Upholding 21 Vgl. The House of Representatives of the Republic of
Human Rights«, in: The Jakarta Post, 13.4.2016 (online), Indonesia, RUU tentang Perubahan atas Undang-Undang Nomor
<www.thejakartapost.com/news/2016/04/13/counterterrorism- 15 Tahun 2003 tentang Pemberantasan Tindak Pidana Terorisme
vs-upholding-human-rights.html> (eingesehen am 10.1.2018); (Proposed Law to Amend Law Number 15, 2003, on Combating the
Amnesty International, Indonesia: Weak Accountability Systems Crime of Terrorism), 26.1.2016, <www.dpr.go.id/prolegnas/
and Lack of Respect for Rights Hampering Police Reform, London, index/id/71> (eingesehen am 10.1.2018).
1.7.2016, <https://www.amnesty.org/en/documents/asa21/ 22 »House Must Quickly Revise Antiterrorism Laws,
4390/2016/en/> (eingesehen am 10.1.2018). Says PAN Lawmaker«, in: Jakarta Globe, 27.6.2017, <http://
20 Adam J. Fenton/David Price, »Breaking ISIS: Indonesia’s jakartaglobe.id/news/house-must-quickly-revise-
Legal Position on the ›Foreign Terrorist Fighters‹ Threat«, antiterrorism-laws-says-pan-lawmaker/> (eingesehen am
in: Australian Journal of Asian Law, 16 (2015) 1, S. 1–18. 7.2.2018).

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Der »Islamische Staat« in Südostasien

Telegram; dies geschah mit der Begründung, terroris- auf religiöser Ebene. 26 So hat beispielsweise die NU
tische Akteure nutzten ihn zur Anschlagsplanung schon vor Jahren das Konzept »Islam Nusantara«
und für Propaganda. Die Sperre der App wurde erst (Islam des Archipels) erarbeitet. Es betont Werte wie
Wochen später aufgehoben, nachdem das Unter- Pluralismus und interreligiöse Toleranz und wendet
nehmen in die Forderung der Regierung eingewilligt sich damit gegen die perzipierte »Arabisierung« des
hatte, eine Reihe von Kanälen und Chatrooms zu indonesischen Islam. Auch versuchen Islamgelehrte,
löschen. 23 inhaftierte Jihadisten zu deradikalisieren, indem sie
Der islamischen Zivilgesellschaft kommt bei den ihnen in regelmäßigen Gesprächskreisen moderatere
»weicheren« Maßnahmen eine besondere Bedeutung Islam-Interpretationen vermitteln.
zu. Regierungsbehörden arbeiten eng mit den großen
islamischen Organisationen des Landes zusammen. Religiöse Intoleranz gehört in
Die beiden größten, Nahdlatul Ulama (NU) und Indonesien seit langem zur
Muhammadiyah, haben zusammen nach eigenen gesellschaftlichen Realität.
Angaben mehr als 100 Millionen Mitglieder. Von der
Regierung werden sie als wichtige Bollwerke betrach- Bei alldem darf nicht unerwähnt bleiben, dass
tet, die auf gesellschaftlicher Ebene ein Vordringen konservative Islam-Auslegungen, Intoleranz und die
des IS verhindern sollen. Indonesiens muslimische Diskriminierung religiöser Minderheiten auf gesell-
Zivilgesellschaft hat sich, von moderaten bis zu schaftlicher Ebene seit langem zur Realität Indone-
äußerst konservativen Organisationen, weitestgehend siens gehören. Verhindert wird dies auch nicht durch
vom IS und dessen Ideologie distanziert. Nach Um- eine Verfassung, die die Religionsfreiheit im Rahmen
fragen haben 79 Prozent der Indonesier eine negative der sechs offiziellen Staatsreligionen formell garan-
Meinung vom IS und nur 4 Prozent eine positive. 24 tiert und Diskriminierung in Glaubensfragen ver-
Dies ist beachtlich in einem Land, in dem staatliche bietet. Tatsächlich kommt es regelmäßig zu Gewalt-
Reaktionen gegenüber islamischen Organisationen, akten gegen religiöse Minderheiten – vor allem
selbst wenn diese in Terrorakte involviert sind, poli- Christen und Buddhisten – wie auch gegen islami-
tisch immer sehr heikel sind. Denn alle Akteure sche »Häretiker« wie Ahmadiyah und Schiiten. Gewalt
fürchten den Vorwurf, anti-islamisch zu sein. gegenüber Andersgläubigen und religiöse Diskrimi-
Der IS wird in Indonesien auf breiter Front ab- nierung sind dabei immer auch Ausdruck weitver-
gelehnt, bis in einige salafistische Gruppen hinein. breiteter gesellschaftlicher Einstellungsmuster. In den
Insofern unterscheidet sich der Umgang mit ihm letzten Jahren haben Umfragen offenbart, dass ein
deutlich von jenem mit al-Qaida und al-Qaida-nahen orthodoxes Islamverständnis zunehmend an Bedeu-
Organisationen wie der Jemaah Islamiyah. Letztere ist tung gewinnt und die religiöse Toleranz schwindet.
bis heute in Indonesien nicht offiziell verboten, und Beim »World’s Muslims Survey« des Pew-Instituts
selbst Vertreter moderater islamischer Organisationen etwa vertraten 72 Prozent der befragten Muslime
äußerten öffentlich die Ansicht, JI und al-Qaida seien aus Indonesien die Ansicht, es gebe nur eine gültige
Geschöpfe der CIA, die Amerika einen Vorwand für Islam-Interpretation. Nicht mehr als 24 Prozent
seinen weltweiten Krieg gegen den Islam liefern akzeptierten Schiiten, gerade einmal 12 Prozent
sollten. 25 Indonesiens muslimische Zivilgesellschaft Ahmadiyah als Muslime. Beide Werte sind im Ver-
führt die Auseinandersetzung mit dem IS vor allem gleich zu anderen untersuchten Staaten sehr niedrig.
95 Prozent der befragten Muslime in Indonesien
23 »Indonesia Lifts Threat to Ban Encrypted App Telegram«, sagten zudem, sie hätten ausschließlich muslimische
bloomberg.com, 1.8.2017, <https://www.bloomberg.com/news/ Freunde. Dass die eigenen Kinder einen Partner ande-
articles/2017-08-01/indonesia-lifts-threat-to-ban-encrypted- rer Religion heiraten, war im Falle von Söhnen für
app-telegram> (eingesehen am 7.2.2018).
24 Michael Lipka, »Muslims and Islam: Key Findings in the
U.S. and around the World«, Pew Research Center, 9.8.2017,
<http://www.pewresearch.org/fact-tank/2017/08/09/muslims-
and-islam-key-findings-in-the-u-s-and-around-the-world/>
(eingesehen am 2.7.2018). 26 »Terrorismus und Islam hängen zusammen. Ein Ge-
25 Fealy, Indonesian and Malaysian Support for the Islamic State spräch mit Kyai Haji Yahya Cholil Staquf«, in: Frankfurter
[wie Fn. 7], S. 22. Allgemeine Zeitung, 19.8.2017.

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6 Prozent der Befragten vorstellbar, bei Töchtern so- los, weil sie ihren Besitz vor der Ausreise verkauft
gar nur für 2 Prozent. 27 haben. Über eine staatliche Notversorgung hinaus
Und auch hinsichtlich der skizzierten »weichen« gibt es auch für diese Personen kein strukturiertes
Maßnahmen zeigen sich schon jetzt Mängel und Programm, um sie bei einem Ausstieg aus jihadisti-
Defizite. So verspricht es oftmals keinen nachhaltigen schen Netzwerken zu unterstützen. 29
Erfolg, dass inhaftierte Jihadisten an Deradikalisie-
rungsprogrammen teilnehmen. Jakarta veröffentlicht Auswirkungen auf die nationale
zwar keinerlei quantitativen Daten über Rückfällig- und regionale Stabilität
keit; daher lässt sich kaum analysieren, welche Wir-
kung die in Gefängnissen durchgeführten Maßnah- Den IS-affinen Gruppen Indonesiens ist es bisher zu
men haben. Es sind jedoch Beispiele von Jihadisten keinem Zeitpunkt gelungen, Gebiete des Landes ein-
bekannt, die nach der Entlassung erneut straffällig zunehmen, zu kontrollieren oder dort proto-staatli-
wurden. Und eine ganze Reihe der Indonesier, die in che Strukturen aufzubauen. Die Gewalttaten, die
Syrien unter IS-Fahne kämpfen, haben vor ihrer Aus- bislang von ihnen ausgingen, bestanden in Angriffen
reise »erfolgreich« entsprechende Gesprächskreise in kleiner Einheiten auf staatliche Sicherheitskräfte
Gefängnissen durchlaufen. Dasselbe gilt für den Kreis sowie einigen kleineren Bombenattentaten. Solche
derer, die in Indonesien selbst seit 2014 Attentate im Vorfälle ereigneten sich aber nur sporadisch. Staat-
Namen des IS verübten. 28 Mehr noch, in einigen liche Institutionen wurden dadurch nicht ernsthaft
Fällen hat sich erwiesen, dass spätere IS-Aktivisten geschwächt oder in Frage gestellt. IS-affine Gruppen
überhaupt erst im Gefängnis mit jihadistischen Ideen mögen eine sicherheitspolitische Herausforderung für
in Kontakt kamen und dort von anderen Häftlingen Indonesien darstellen; sie sind bisher aber nicht stark
für den IS rekrutiert wurden. genug, um die nationale Stabilität und Sicherheit zu
Es gibt vielfältige Gründe dafür, weshalb solche bedrohen. Auch gibt es keine Anzeichen dafür, dass
Akteure einen »Rückfall« in die militante Szene erfah- indonesische IS-Gruppen als Inkubator für regionale
ren bzw. dort verbleiben. Die Gefängnisverwaltungen Aktivitäten der Organisation wirken. Die vorliegen-
leiden unter strukturellen Problemen wie knappen den Informationen deuten zwar auf eine zunehmen-
Budgets und endemischer Korruption. Ehemalige de regionale Vernetzung IS-affiner Gruppen hin, doch
Häftlinge sind oftmals stigmatisiert und sozio-ökono- deren zentrales Operationsgebiet sind derzeit die Süd-
mischer Marginalisierung ausgesetzt. Zudem fehlt es philippinen.
nach der Entlassung fast vollständig an Überwachung Nichtsdestotrotz ist es solchen Gruppen von 2014
und Nachsorge durch staatliche Organe. Dabei hat bis 2016 gelungen, Hunderte von Rekruten (teils samt
dieses Problem erhebliche Dimensionen. Derzeit Familie) anzuwerben und nach Syrien zu entsenden,
warten über 300 wegen Terrorismus Inhaftierte auf wobei ein weitverzweigtes internationales Unterstüt-
ihr Gerichtsverfahren, und jährlich werden Dutzende zernetzwerk half. In Syrien entstand bereits 2014 eine
von ihnen freigelassen, weil sie ihre Strafe abgesessen eigene malaiisch sprechende IS-Brigade, über die sich
haben. Fehlende Überwachung und Nachsorge be- das Netzwerk von IS-Unterstützern im ganzen mariti-
trifft auch Syrien-Rückkehrer und jene, die beim Ver- men Südostasien weiter entfalten konnte. Auf ideo-
such des Grenzübertritts in der Türkei verhaftet und logischer Ebene ließ sich die Weltanschauung des IS
anschließend nach Indonesien abgeschoben wurden. samt Alleinvertretungsanspruch in Teilen der existie-
Diese Gruppe umfasst mindestens 200 Personen, da- renden jihadistischen Netzwerke verankern. Anderer-
von 60 Prozent Frauen und Kinder. Viele sind mittel- seits schwächte die Radikalität dieser Ideologie von
Beginn an das Wirkungspotential des IS in Indone-
27 »The World’s Muslims: Religion, Politics and Society«, sien. Schon 2014 kam es wegen inhaltlicher Differen-
pewforum.org, 30.4.2013, <http://www.pewforum.org/2013/ zen zum Bruch zwischen Al-Qaida- und IS-Unter-
04/30/the-worlds-muslims-religion-politics-society-overview/>
(eingesehen am 7.2.2018).
28 Nurul Fitri Ramadhani/Margareth S. Aritonang, 29 »Update on Indonesian Pro-ISIS Prisoners and Deradi-
»Deradicalization Efforts Failing: Police«, in: The Jakarta Post, calisation Efforts«, understandingconflict.org, <http://www.
1.3.2017, <http://www.thejakartapost.com/news/2017/03/01/ understandingconflict.org/en/conflict/read/57/Update-on-
deradicalization-efforts-failing-police.html> (eingesehen Indonesian-Pro-ISIS-Prisoners-and-Deradicalisation-Efforts>
am 7.2.2018). (eingesehen am 7.2.2018).

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Der »Islamische Staat« in Südostasien

stützern; der Riss zog sich in der Folge quer durch den während der spanischen Kolonialzeit an christ-
etablierte Netzwerke und bis in Familien hinein. liche Siedler aus dem Norden vergeben, um die pejo-
Mehr noch, die muslimische Zivilgesellschaft des Lan- rativ als »Moros« (Mauren) bezeichneten Muslime zu
des hat sich, bis hin zu stark konservativen Organisa- »zivilisieren« und die Region zu »entwickeln«. Auch
tionen, klar vom IS distanziert. Sie sucht auf religiö- viele der staatlichen Verwaltungsposten wurden mit
ser Ebene aktiv die Auseinandersetzung mit dem IS Angehörigen der christlichen Eliten besetzt. Waren
und will so vor allem präventive Wirkung erzielen. Anfang des 20. Jahrhunderts noch geschätzte 98 Pro-
Damit werden die staatlichen Repressionsmaßnah- zent der Bewohner Mindanaos Muslime, so sind es
men von zivilgesellschaftlicher Seite flankiert. Inwie- heute weniger als 30 Prozent. Auch nach der Unab-
fern bereits radikalisierte Muslime mit Zugang zu hängigkeit der Philippinen 1946 setzte sich die demo-
IS-Netzwerken dadurch beeinflusst werden können, graphische, politische und sozio-ökonomische Margi-
ist jedoch fraglich. nalisierung der Moros weitgehend fort. Vor diesem
Die Analyse der staatlichen Anti-Terror-Politik Hintergrund formierte sich in den 1960er Jahren eine
offenbart zudem Schwachpunkte. Zum einen ist das politische Bewegung, die darauf zielte, auf Mindanao
bereits 2014 von Jakarta erlassene IS-Verbot in der einen eigenen muslimischen Staat zu errichten. 30
Praxis bislang nicht vollständig durchsetzbar. Lücken Manilas Reaktion auf die muslimische Unabhän-
in der existierenden Anti-Terror-Gesetzgebung (aus gigkeitsbewegung bestand hauptsächlich in militäri-
dem Jahr 2003) machen es unmöglich, etwa die Pro- scher Repression, die wiederum auf Seiten der Moros
pagandatätigkeit für ausländische Terrororganisatio- zur Bildung der Moro National Liberation Front
nen, die Rekrutierung für sie oder den Aufenthalt in (MNLF) führte. 31 Die MNLF hat jedoch keine ausge-
entsprechenden Trainingscamps strafrechtlich zu prägte islamistische Ideologie, und auf das Ziel der
verfolgen. Eine legislative Reform wird seit 2015 vom Eigenstaatlichkeit verzichtete sie in den 1990er Jah-
indonesischen Parlament debattiert, ohne dass bisher ren zugunsten von Autonomierechten im Rahmen
ein Gesetzentwurf zur Abstimmung gebracht worden der neugeschaffenen Autonomen Region Muslimi-
wäre. Zum anderen darf nicht unerwähnt bleiben, sches Mindanao (ARMM). Allerdings spalteten sich
dass in Indonesien trotz der breiten politischen und eine Reihe radikalerer Gruppen von der MNLF ab.
gesellschaftlichen Gegenbewegung zum IS streng Aus ihr hervorgegangen sind unter anderem die Moro
konservative Islam-Interpretationen, religiöse Intole- Islamic Liberation Front (MILF) sowie militante isla-
ranz und illiberale Einstellungsmuster auf dem Vor- mistische Gruppen wie die Abu-Sayyaf-Gruppe (ASG),
marsch sind. Am spektakulärsten äußert sich dies in die Bangsamoro Islamic Freedom Fighters (BIFF) und
zunehmenden Gewaltakten gegen religiöse Minder- die Maute-Gruppe, zudem einige kleinere jihadisti-
heiten und islamische »Häretiker«. Daneben gibt es sche Verbände. Alle diese Vereinigungen sind fast
weitere Indikatoren für eine konservative Wende in ausschließlich auf Mindanao und dem Sulu-Archipel
wachsenden Teilen des indonesischen Islam – so die im äußersten Südwesten der Philippinen präsent. 32
Verabschiedung lokaler Scharia-Verordnungen, der
starke Widerhall, den streng konservative Fatwas des
30 Syed Serajul Islam, »Ethno-Communal Conflict in the
staatlich mandatierten Indonesischen Islamgelehrten-
Philippines: The Case of Mindanao-Sulu Region«, in: Rajat
rates erfahren, und die Kooptation gewaltbereiter
Ganguly/Ian Macduff (Hg.), Ethnic Conflict and Secessionism in
islamistischer Gruppen wie der FPI durch »moderate« South and Southeast Asia: Causes, Dynamics, Solutions, London
politische Akteure. 2003, S. 195–224; Daniel Joseph Ringuet, »The Continuation
of Civil Unrest and Poverty in Mindanao«, in: Contemporary
Southeast Asia, 24 (2002) 1, S. 33–49; Thomas M. McKenna,
Die Südphilippinen – nächster Schau- Muslim Rulers and Rebels: Everyday Politics and Armed Separatism
platz des IS? in the Southern Philippines, Berkeley: University of California
Press, 1998.
Auf den Philippinen ist die Entstehung militant- 31 Eric U. Gutierrez, Rebels, Warlords, and Ulama: A Reader on
islamistischer Gruppen eng verknüpft mit dem Bild Muslim Separatism and the War in Southern Philippines, Quezon
City: Institute for Popular Democracy, 2000.
einer »christlichen« Kolonialisierung der Insel Minda-
32 Alfredo L. Filler, »The Abu Sayyaf Group: A Growing
nao im Landessüden, die ehemals mehrheitlich von
Menace to Civil Society«, in: Terrorism and Political Violence,
Muslimen bewohnt war. Ausgedehnte Gebiete des
14 (2002) 4, S. 131–162, <doi:10.1080/714005638>.
rohstoffreichen, überaus fruchtbaren Mindanao wur-

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Das Auftreten des IS auf den Philippinen und Indonesien dienten. Unklar ist, ob die derzeit
auf den Philippinen unter IS-Fahne kämpfenden Mili-
Wenige Wochen nachdem Abu Bakr al-Baghdadi im tanten auch Rückkehrer aus dem Irak bzw. Syrien
Juni 2014 das Kalifat ausgerufen hatte, tauchte im umfassen. 34
Internet ein Video auf, in dem Isnilon Hapilon, einer Anfang 2016 berichteten IS-Nachrichtenportale wie
der ASG-Anführer, den Treueschwur auf den IS-Chef Al-Furat erstmals, es gebe zwischen den diversen IS-
ablegte; weitere jihadistische Gruppen folgten damit. loyalen Gruppen auf Mindanao eine verstärkte Koor-
Nach Angaben der IS-Nachrichtenagentur Amaq ope- dination unter dem gemeinsamen Anführer Hapilon.
rierten 2016 zehn »IS-Bataillone« auf den Philippinen. Ein Propagandavideo, das auch in der Landessprache
Neben Teilen der ASG zählen dazu BIFF, die mittler- Tagalog verfügbar ist, zeigt die Ernennung Hapilons
weile als »IS Lanao« firmierende Maute-Gruppe, Ansar zum Emir aller Kämpfer Südostasiens, die unter IS-
Khilafah, Katibat Ansar al-Sharia, Katibat Marakah Fahne in den Jihad ziehen. Der Akt wird bildlich be-
al-Ansar, Jund al-Tawhid und Jamaat al-Tawhid wal- gleitet von Treueschwüren philippinischer wie auch
Jihad. Zur Stärke der einzelnen Gruppen gibt es keine indonesischer und malaysischer Kämpfer. Für eine
verlässlichen Daten; Schätzungen reichen von weni- verstärkte Anbindung philippinischer Gruppen an
gen Dutzend Kämpfern etwa im Fall von Jamaat den IS sprechen noch weitere Indizien. So wickeln die
al-Tawhid wal-Jihad bis hin zu mehreren Hundert für erwähnten Zusammenschlüsse ihre externe Kommu-
Gruppen wie ASG oder BIFF. Mit dem Treueschwur nikation exklusiv über IS-eigene Nachrichtenkanäle
verbindet sich der Anspruch, in näherer Zukunft im ab. In ihrer Außendarstellung ähneln diese Gruppen
Süden der Philippinen eine Provinz des IS mit ent- immer stärker dem originalen IS. Sie verwenden des-
sprechenden proto-staatlichen Strukturen zu errichten. sen Logo und nutzen IS-Naschids als Hintergrund-
musik in ihren Videos. Die Opfer von Enthauptungen
Das Verhalten philippinischer zwangen sie wiederholt, orangefarbene Gefängnis-
Jihadisten hat sich durch ihre kleidung zu tragen, wie man dies von IS-Videos aus
Anbindung an den IS verändert. Syrien kennt. 35
Zudem bekannte sich der IS in Syrien seit 2016 zu
Neben der Gründung lokaler IS-Ableger im Süden diversen Gewaltakten auf Mindanao – Bombenatten-
der Philippinen seit Juli 2014 haben nach Schätzun- taten, Überfällen auf Polizei und Militär wie auch
gen bis zu 200 Filipinos das Land in Richtung Syrien Hinrichtungen von Gefangenen. In den entsprechen-
bzw. Irak verlassen, um sich dort dem IS anzuschlie- den Erklärungen ist stets von »Soldaten des Kalifats«
ßen. Auch wenn die Regierung in Manila solche Aus- die Rede. 36 Auch wurden in der IS-eigenen Wochen-
reisen wiederholt bestritten hat, kann als gesichert zeitung al-Naba’ Infographiken zu IS-Aktivitäten auf
gelten, dass eine Reihe philippinischer Staatsbürger den Philippinen veröffentlicht. 37 Ein im Dezember
zumindest 2015/2016 unter IS-Fahne in Syrien und 2015 von der Organisation veröffentlichtes Video
dem Irak aktiv war. 33 Denn verschiedene dort auf-
genommene Videos, die das größtenteils aus Südost-
asiaten bestehende IS-Bataillon Katibah Nusantara
veröffentlicht hat, zeigen neben Indonesiern und
Malaysiern auch philippinische Jihadisten. Ab Ende 34 Institute for Policy Analysis of Conflict, Pro-ISIS Groups
2014 hatten Indonesien und Malaysia die Kontrollen in Mindanao [wie Fn. 12].
an ihren Flughäfen und Häfen umfassend verstärkt, 35 Charlie Winter, »Signs of a Nascent Islamic State Pro-
um IS-Sympathisanten an der Ausreise nach Nahost vince in the Philippines«, in: warontherocks.com, 25.5.2016,
zu hindern. Manila hingegen vernachlässigte solche <https://warontherocks.com/2016/05/signs-of-a-nascent-
Maßnahmen lange Zeit. Nach Einschätzung von islamic-state-province-in-the-philippines/> (eingesehen
Experten führte dies dazu, dass die Philippinen am 7.2.2018).
2015/2016 als Transitland für Jihadisten aus Malaysia 36 Video unter: <https://videos.files.wordpress.com/
w9McaAFp/isis-philippines_dvd.mp4> (eingesehen am
7.2.2018).
33 Peter Chalk, »The Islamic State in the Philippines: 37 <https://azelin.files.wordpress.com/2017/03/the-islamic-
A Looming Shadow in Southeast Asia?«, in: CTC Sentinel, state-al-nabacc84_-newsletter-73.pdf> (eingesehen am
9 (2016) 3, S. 10–14. 7.2.2018).

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Das kommende Kalifat?
»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Der »Islamische Staat« in Südostasien

zeigt zudem IS-Trainingscamps, die sich laut Sprecher August 2016 wurden 15 Soldaten durch die ASG in
auf den Philippinen befinden. 38 Patikul (Sulu) getötet. Auf dem Nachtmarkt der Stadt
Im Kontext der stärkeren Anbindung philippini- Davao explodierte im September 2016 ein selbst-
scher Jihadisten an den IS hat sich auch das beobacht- gebauter Sprengsatz. 18 Menschen starben bei dem
bare Verhalten der Gruppen verändert. Zum einen Anschlag, zu dem sich der IS bekannte. Im Dezember
scheint die Entscheidungsgewalt über die verschiede- 2016 wurden 34 Menschen durch eine Bombe ver-
nen »IS-Bataillone« zumindest formell zentralisiert letzt, die die Maute-Gruppe auf dem Marktplatz von
worden zu sein, indem Hapilon zum Emir aufstieg. Hilongos auf der Insel Leyte zündete. Ebenfalls im
Zugleich wechselten die Gruppen ihre Namen. Die Dezember feuerten BIFF-Mitglieder zwei Granaten auf
von Hapilon angeführten Teile der ASG operieren die staatliche Verwaltung des Ortes Shariff Aguak. 40
nun unter der Bezeichnung »IS Basilan«, die Maute- Laut philippinischen Sicherheitskräften plante die
Gruppe nennt sich »IS Lanao«, und die BIFF agiert als Maute-Gruppe zudem einen Anschlag in Manila, der
»IS Maguindanao«. Infolge der Zentralisierung kam aber vereitelt werden konnte. 41
es zu einer Reihe größerer militanter Operationen, Neben Terroranschlägen wenden die IS-affinen
die koordiniert ausgeführt wurden. Allen voran zu Gruppen zunehmend auch konventionelle militäri-
nennen ist die Besetzung Marawis, Hauptstadt der sche Taktiken an. Die Maute-Gruppe eroberte 2016
Provinz Lanao del Sur auf Mindanao. An dem Unter- zweimal die Kleinstadt Butig in der Provinz Lanao del
nehmen von Mai 2017 beteiligten sich mehrere Hun- Sur. Sie hielt den Ort jeweils für mehrere Tage gegen
dert Kämpfer von Gruppen, die bis dahin weitgehend die philippinische Armee. Hunderte Kämpfer riegel-
unabhängig voneinander agiert hatten. Auch verla- ten Zufahrtsstraßen ab, besetzten Regierungsgebäude
gerte sich deren Hauptoperationsgebiet von dem und hissten die IS-Fahne. Erst nach dem Einsatz von
Mindanao vorgelagerten Sulu-Archipel auf den mehr- Kampfflugzeugen und Artillerie konnte die Maute-
heitlich muslimischen Südwesten der Insel. Gruppe aus Butig vertrieben werden. Zu Beginn des
Veränderungen zeigen sich ebenso im Charakter Ramadan im Mai 2017 erfolgte dann die Eroberung
der Gewaltanwendung. Vor allem für die ASG be- Marawis – die bisher spektakulärste Operation der
stand der wesentliche Modus Operandi der letzten philippinischen IS-Gruppen. In einer von langer Hand
Dekade in Entführungen (oft von Ausländern) zwecks geplanten Aktion nahmen Hunderte von Kämpfern
Lösegeld-Erpressung. Viele Beobachter sahen daher große Teile der Stadt ein und hielten sie mehr als
in der ASG lange Zeit primär ein kriminelles Netz- 150 Tage lang. Mehrere Dutzend der Militanten kamen
werk, das vordergründig radikal-islamische Symbolik aus dem Ausland, größtenteils aus Malaysia und Indo-
zur Schau stellt, um so seine Aktivitäten zu legitimie- nesien. Bei den Kämpfen wurden 300 000 Menschen
ren. Seit die einschlägigen Gruppen den Treueschwur aus Marawi und Umgebung vertrieben; 920 Aufstän-
auf al-Baghdadi abgelegt haben, lässt sich indes ein dische, 165 Polizei- und Militärangehörige und
Wandel in ihrem Verhalten feststellen. Entführungen 45 Zivilisten verloren laut Regierung ihr Leben.
und Lösegeld-Erpressungen sind in den Hintergrund Die Rekrutierung von Kämpfern für IS-Gruppen
getreten – zugunsten von Bombenanschlägen, Atta- erfolgt auf den Philippinen primär lokal in den länd-
cken auf »Apostaten«, Überfällen auf Polizei und lichen Gebieten Mindanaos und des Sulu-Archipels.
Militär sowie Angriffen auf ganze Städte und Gemein- Ethnische Zugehörigkeit bzw. Clanmitgliedschaft sind
den. So wurde etwa im März 2016 ein saudischer bislang für Gruppen wie ASG und Maute zentrale
Kleriker in der Stadt Zamboanga auf Mindanao durch Bezugspunkte für Anwerbeversuche. Dabei stellt Min-
mehrere Kugeln schwer verletzt. Zuvor hatte ihn die danao strukturell einen fruchtbaren Nährboden für
IS-Zeitschrift Dabiq als Apostaten bezeichnet. 39 Im

40 Tony Lopez, »ISIS Now in PH«, manilastandard.net,


38 Video unter: <https://videos.files.wordpress.com/ <www.manilastandard.net/opinion/columns/virtual-reality-
3cYlTzkc/jund-al-khilacc84fah-in-the-philippines-22training- by-tony-lopez/239455/isis-now-in-ph-2-.html> (eingesehen
camp22_dvd_dvd.mp4> (eingesehen am 7.2.2018). am 7.2.2018).
39 AFP, »PH Probes Attack on ISIS-Targeted Top Saudi 41 »PNP Foils Possible Maute Attack in Metro Manila«,
Cleric«, 2.3.2016, Rappler, <http://www.rappler.com/nation/ abs-cbn.com, <http://news.abs-cbn.com/news/03/21/17/pnp-
124367-ph-police-probe-attack-saudi-cleric> (eingesehen am foils-possible-maute-attack-in-metro-manila> (eingesehen
7.2.2018). am 7.2.2018).

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»Islamischer Staat« in Asien
Juni 2018

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Felix Heiduk

entsprechende Bemühungen dar. Die Insel ist der Fahnen und Propagandavideos seien bloß Instrumen-
ärmste, am wenigsten entwickelte Teil der Philippi- te, um die eigene Reputation zu steigern, internatio-
nen, weist hohe Armutsraten auf und leidet seit nale Aufmerksamkeit zu erregen und Gegner einzu-
Jahrzehnten unter Bürgerkrieg und dysfunktionalen schüchtern. Die Bedeutung entsprechender Vorgänge
staatlichen Strukturen. In letzter Zeit gibt es auch für die nationale Sicherheit wurde verharmlost, der
vermehrt Berichte aus Mindanao über gezielte Rekru- Einfluss des IS als marginal bis inexistent eingestuft.
tierungsversuche an Universitäten und Colleges. 42 Tatsächlich wurde das Problem in Manila trotz viel-
Die individuellen Motive dafür, jihadistischen fältiger Indizien fast zwei Jahre lang weitgehend
Gruppen beizutreten, reichen von ideologischer Nähe ignoriert. 46 Ende November 2016 erfolgte die erste
über persönliche Rachewünsche bis hin zu mone- offizielle Verlautbarung, mit der überhaupt aner-
tären Interessen angesichts von Soldzahlungen an kannt wurde, dass es IS-affine Gruppen auf Mindanao
Kämpfer. 43 Zwar erfolgt die Anwerbung vor allem gab. Zuvor hatte die Maute-Gruppe wochenlang die
über lokale Netzwerke, doch kursieren seit Sommer Stadt Butig besetzt gehalten. 47 Über die Gründe, wes-
2016 auch Videos, in denen potentielle Rekruten aus halb Manila so lange die Augen verschloss, ist wenig
anderen Teilen Südostasiens aufgerufen werden, sich bekannt. Beobachter vermuten, dass dabei die Sorge
den von Hapilon geführten IS-Gruppen auf Mindanao eine Rolle spielte, Terrorangst könnte Tourismus und
anzuschließen. 44 Bei bewaffneten Auseinanderset- ausländische Investitionen in Mitleidenschaft ziehen,
zungen zwischen staatlichen Sicherheitskräften und ebenso die Fixierung der Administration von Präsi-
IS-Gruppen auf der Insel wurden denn auch Malay- dent Rodrigo Duterte auf den Krieg gegen Drogen. 48
sier, Indonesier und Singapurer getötet, ebenso Ein echter Perzeptionswandel in Manila setzte erst
Marokkaner, Jemeniten und Saudis. 45 mit dem Angriff auf Marawi ein. Bereits einen Tag
nach Beginn der Operation verhängte Duterte das
Reaktionen in Politik und Gesellschaft Kriegsrecht für ganz Mindanao. Es erlaubte dem Mili-
tär unter anderem, lokale Verwaltungsfunktionen,
Bis zur Eroberung von Marawi bestand die Reaktion auch im Sicherheitsbereich, zu übernehmen, Durch-
Manilas auf die Aktivitäten IS-affiner Gruppen vor suchungen ohne richterlichen Beschluss auszuführen
allem darin, das Problem herunterzuspielen. Zu- und Personen ohne Haftbefehl über längere Zeit
nächst einmal war bei den Akteuren nicht von »IS« festzusetzen. Duterte ging jedoch noch weiter und
oder »Jihadisten« die Rede. Vielmehr sprachen die gab der Armee freie Hand bei der Rückeroberung
zivile Regierung und das Militär von »Banditen« oder Marawis; den beteiligten Soldaten garantierte er Straf-
»kriminellen Banden«, die ihre Gewalttaten primär losigkeit. 49 Verhandlungen mit Jihadisten, die Duterte
zur Selbstbereicherung verübten. Auch mutmaßten noch im November 2016 öffentlich erwogen hatte,
staatliche Stellen vielfach, die Treueschwüre, IS- schloss er seit Juni 2017 wiederholt aus. 50

42 Mussolini Sinsuat Lidasan, »Understanding the Local 46 Jonathan Head, »Maute Rebel Group: A Rising Threat
Context of ISIS Recruitment«, 1.2.2017, <https://www. to Philippines«, BBC News, 31.5.2017, <http://www.bbc.com/
pressreader.com/philippines/sunstar-davao/20170201/ news/world-asia-40103602> (eingesehen am 7.2.2018).
281681139604765>; Sami Moubayed, »The Philippines: 47 Carmela Fonbuena, »Duterte Confirms Maute Terror
A New Source of Grass Roots for ISIS?«, atimes.com, <http:// Group’s ISIS Links«, in: Rappler, 29.11.2016, <http://www.
www.atimes.com/article/philippines-new-source-grass-roots- rappler.com/nation/153905-duterte-confirmation-maute-isis-
isis/> (beide eingesehen am 7.2.2018). links> (eingesehen am 7.2.2018).
43 Interview mit einem Mitarbeiter des Institute for 48 Interview mit einem National Security Adviser der
Autonomy and Governance, Makati City, 25.5.2017. philippinischen Regierung, Manila, 26.5.2017.
44 »ISIS to Followers in SE Asia: ›Go to the Philippines‹«, 49 Joe Sterling/Buena Bernal, »Duterte Jokes about Rape
in: Rappler, 25.6.2016, <http://www.rappler.com/nation/ While Rallying Troops to Fight Militants«, CNN, 28.5.2017,
137573-isis-fight-southeast-asia-philippines> (eingesehen am <http://edition.cnn.com/2017/05/26/asia/philippines-duterte-
7.2.2018). speech/index.html> (eingesehen am 10.1.2018).
45 »Indonesian Militants’ Presence in Marawi City Sparks 50 Raoul Dancel, »Duterte Sends More Troops to Marawi«,
Alarm«, in: The Straits Times, <www.aljazeera.com/news/ in: The Straits Times, 20.6.2017 (online), <http://www.
2017/05/foreign-fighters-killed-battle-philippine-city- straitstimes.com/asia/se-asia/duterte-sends-more-troops-to-
170530022319686.html> (eingesehen am 7.2.2018). marawi> (eingesehen am 10.1.2018).

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Der »Islamische Staat« in Südostasien

Über die Verstärkung militärischer Repression hin- Lokale zivilgesellschaftliche Organisationen wie das
aus passierte jedoch lange nur wenig. Rekrutierungs- Consortium of Bangsamoro Civil Society kritisierten
maßnahmen jihadistischer Gruppen wurden kaum gleichermaßen die Anwendung terroristischer Gewalt
unterbunden, ihre Finanzierungsquellen nicht be- wie die Verhängung des Kriegsrechts. 55
schnitten, die Verbindungen zu lokalen Clans und
lokaler Politik nicht gekappt und auch die porösen Auf Mindanao haben IS-Gruppen in
Außengrenzen Mindanaos nicht stärker überwacht. weiten Teilen der muslimischen
Jihadisten aus Malaysia und Indonesien reisten Be- Gesellschaft nur wenig Rückhalt.
richten zufolge per Passagierboot zu Dutzenden nach
Mindanao ein. 51 Auch Deradikalisierungsprogramme Auch MILF und MNLF – die anderen muslimi-
oder spezifische Cyber-Abwehrmaßnahmen wurden schen Gewaltakteure, die auf Mindanao operieren –
bislang nicht initiiert. verurteilten die Gewalt in Marawi. Die MILF bezeich-
Erst im Zuge des Anti-Terror-Kampfes in Marawi nete den Angriff auf die Stadt als »terroristisch« und
wurde auch gegen die lokalen Unterstützernetzwerke »nicht zu rechtfertigen«; sie unterstützte sogar die
des IS vorgegangen. Diese reichen nach Aussagen der Regierung bei der Nothilfe in den betroffenen Gegen-
philippinischen Sicherheitskräfte teilweise bis in die den. 56 Umfragen unter der muslimischen Bevölke-
lokalen staatlichen Institutionen hinein. Nachdem rung Mindanaos deuten auf eine ungebrochene,
etwa der ehemalige Bürgermeister Marawis inhaftiert breite Unterstützung für die etablierten Rebellen-
worden war, weil er im Verdacht stand, die Maute- gruppen hin, während jihadistische Gruppen wie die
Gruppe zu unterstützen, fand man bei der Durchsu- ASG kaum Zuspruch erfahren. 57 Zustimmungsraten
chung eines seiner Häuser Granaten, Gewehre, Muni- von über 80 Prozent findet in den muslimischen
tion sowie Materialien zum Bau von Rohrbomben. 52 Gebieten Mindanaos nach wie vor auch der Friedens-
Was über die lokalen Unterstützernetzwerke von prozess mit der Zentralregierung und das Bangsamoro
Gruppen wie Maute und ASG bekannt geworden ist, Basic Law (BBL) als Kernbestandteil einer Autonomie-
lässt erkennen, dass für sie zumindest in einigen regelung für diese Teile der Insel. 58 Aus solchen Be-
Gegenden Mindanaos und des Sulu-Archipels gesell-
schaftlicher Rückhalt besteht. Gleichzeitig brachten www.mindanews.com/statements/2017/05/philippine-center-
viele Einwohner Marawis aber auch ihre Ablehnung for-islam-and-democracy-on-the-marawi-crisis> (eingesehen
gegenüber den IS-Gruppen zum Ausdruck. 53 am 10.1.2018).
Muslimische Geistliche aus Mindanao verurteilten die 55 »Consortium of Bangsamoro Civil Society on Martial
terroristische Gewalt in der Stadt und die Übergriffe Law, Terrorism and Counter-Terrorism«, in: Minda News,
der Maute-Gruppe gegen Christen als »unislamisch«. 54 25.5.2017 (online), <www.mindanews.com/statements/2017/
05/consortium-of-bangsamoro-civil-society-on-martial-law-
terrorism-and-counter-terrorism> (eingesehen am 10.1.2018).
51 Haeril Halim, »Indonesian Militants Can ›Easily‹ Enter 56 Edwin O. Fernandez, »MILF Starts Helping Evacuate
Philippines«, in: The Jakarta Post, 26.4.2017, <http://www. Trapped Marawi Civilians«, inquirer.net, 1.6.2017 (online),
thejakartapost.com/news/2017/04/26/indonesian-militants- <http://newsinfo.inquirer.net/901568/milf-starts-helping-
can-easily-enter-philippines-.html> (eingesehen am evacuate-trapped-marawi-civilians> (eingesehen am
10.1.2018). 10.1.2018).
52 Jigger J. Jerusalem, »Explosives, Bomb Components 57 Social Weather Stations, »First Quarter 2017 Social
Seized in Former Marawi Mayor’s Other House«, inquirer.net, Weather Survey: Net Public Trust is Poor for NDF and
28.6.2017, <http://newsinfo.inquirer.net/909422/explosives- CPP/NPA; Bad for MNLF and MILF; Very Bad for ASG; Pinoy
bomb-components-seized-in-another-house-of-former- Muslims Trust Muslim Rebel Groups Except ASG«, 1st Quarter
marawi-mayor> (eingesehen am 10.1.2018). 2017 Social Weather Survey SWS Special Report, 19.6.2017
53 Interview mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von (online), <https://www.sws.org.ph/downloads/media_release/
International Alert, Quezon City, 29.5.2017. pr20170619%20-%20Trust%20in%20specific%20rebel%20
54 John Unson, »Muslim Clerics Denounce Desecration movements %20and%20armed%20groups%20(Special%20
of Marawi Cathedral«, philstar.com, 7.6.2017, <http://www. report_FINAL).pdf> (eingesehen am 10.1.2018).
philstar.com/nation/2017/06/07/1707622/muslim-clerics- 58 Social Weather Stations, »SWS Launches Publication,
denounce-desecration-marawi-cathedral> (eingesehen am ›Filipino Public Opinion on the Bangsamoro Basic Law
10.1.2018); »Philippine Center for Islam and Democracy on (BBL) and the Mamasapano Incident‹«, sws.org.ph, 24.8.2015,
the Marawi Crisis«, in: Minda News, 25.5.2017 (online), <http:// <https://www.sws.org.ph/swsmain/artcldisppage/?artcsyscode

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Felix Heiduk

funden kann abgeleitet werden, dass die IS-Gruppen koordinierte Operationen mit indonesischen oder
auf Mindanao in weiten Teilen der muslimischen malaysischen Gruppen, ebenso wenig über Pläne,
Gesellschaft dort nur wenig Rückhalt haben. von Mindanao aus Anschläge in anderen Ländern zu
verüben. Um die porösen Außengrenzen der Philip-
Auswirkungen auf die nationale pinen besser zu kontrollieren, hat das Land mit Indo-
und regionale Stabilität nesien und Malaysia eine intensivere Zusammen-
arbeit bei der Seeüberwachung vereinbart.
Für Mindanao stellen die IS-Gruppen sicherlich eine Die neue Qualität jihadistischer Militanz, die von
neue sicherheitspolitische Herausforderung dar, ohne philippinischen IS-Gruppen ausgeht, zeigt sich daher
jedoch nach derzeitigem Erkenntnisstand die natio- bislang vor allem auf lokaler Ebene. Zum einen hat
nale Stabilität der Philippinen nachhaltig zu gefähr- es die verstärkte Kooperation der Gruppen unter Füh-
den. Bislang sind die Gruppen weder politisch noch rung von IS-Emir Hapilon ermöglicht, auf Mindanao
militärisch stark genug, um über die kurzzeitige Ein- konzentrierte Militäraktionen durchzuführen, wie
nahme von Gebieten hinaus erobertes Territorium die Angriffe auf die Städte Butig und Marawi. Solche
dauerhaft zu halten und dort eigene proto-staatliche Unternehmen besitzen vor allem propagandistischen
Strukturen zu etablieren. Auch mangelt es ihnen in Wert; sie haben das Ansehen dieser Gruppen inner-
der Bevölkerung an Unterstützung. Obwohl der IS halb jihadistischer Netzwerke auf Mindanao wie auch
auf Mindanao zu großen Teilen aus Abspaltungen in der ganzen Region massiv gestärkt. Zum anderen
von der MILF hervorgegangen ist, hat er es bisher ist damit eine radikalere, militantere Alternative zu
nicht geschafft, die Organisation zu unterwandern den etablierten, konfliktmüden Moro-Gruppen MILF
oder sich als glaubwürdigere Alternative zu präsen- und MNLF entstanden. Die neuen Akteure sind gegen
tieren. Zwar gibt es inhaltlich einige grobe Über- Friedensverhandlungen mit Manila und eine Auto-
schneidungen zwischen dem IS und den etablierten nomieregelung für Mindanao; stattdessen zielen sie
militanten Gruppen, etwa die Kritik an der fortgesetz- darauf, einen unabhängigen »Islamischen Staat« auf
ten Marginalisierung der Moros durch die christlich der Insel zu errichten. Dabei ist es unter Hapilons
dominierte Mehrheit in Manila. Aber darüber hinaus Ägide sogar gelungen, verschiedene ethnische Grup-
unterscheiden sich die Akteure stark voneinander, pen und Clans zusammenzuführen, also bisher
was die Art des Vorgehens und die politischen Ziele bestehende Grenzen zu überwinden. 59 All dies könnte
angeht. Die IS-affinen Gruppen versuchen, mit militä- das Label »IS« für junge Menschen attraktiv machen,
rischer Gewalt eine IS-Provinz (wilayah) auf Mindanao die frustriert sind angesichts ihrer sozio-ökonomi-
als Teil eines globalen Kalifats zu schaffen. Dagegen schen Perspektivlosigkeit auf Mindanao. Dasselbe gilt
haben MILF und MNLF – teils brüchige – Waffen- für einfache MILF-Kämpfer, die wegen der schlep-
stillstände mit Manila geschlossen und schon vor län- penden Verhandlungen mit Manila und der bislang
gerer Zeit das Ziel der Eigenstaatlichkeit zugunsten ausgebliebenen Friedensdividende enttäuscht sind. 60
einer weitreichenden Autonomieregelung für die IS-affine Gruppen profitieren darüber hinaus von
muslimischen Gebiete Mindanaos aufgegeben. Zu- der Schwäche staatlicher Strukturen auf Mindanao.
mindest auf der Führungsebene von MILF und MNLF Die Insel hinkt den anderen Landesteilen weit hinter-
ist derzeit keinerlei Annäherung an IS-affine Gruppen her, was Wohlstand, Bildungssystem, Gesundheits-
oder gar eine Kooperation mit ihnen zu erkennen. versorgung, Infrastruktur und öffentliche Sicherheit
Auch die regionale Dimension philippinischer IS- angeht. In vielen Gegenden Mindanaos sind staatliche
Aktivitäten beschränkt sich derzeit auf einen recht Institutionen de facto seit Jahren nicht mehr vorhan-
geringen Zulauf an ausländischen Kämpfern, meist den, wenn es sie nach Republikgründung überhaupt
aus Indonesien und Malaysia, und sporadische Be- je gegeben hat. An ihrer Stelle existieren schatten-
richte über den transnationalen Schmuggel von staatliche und schattenwirtschaftliche Strukturen, die
Waffen. Bisher gibt es keine Informationen über

59 Joseph Hincks, »ISIS in the Philippines: The Battle for


=ART-20151027030111> (eingesehen am 10.1.2018). Zum Marawi City«, time.com, 16.6.2017, <http://time.com/marawi-
Zeitpunkt der Fertigstellung dieser Studie war das BBL be- philippines-isis/> (eingesehen am 10.1.2018).
reits vom philippinischen Parlament gebilligt, aber noch 60 Interview mit einem Mitarbeiter des Institute for
nicht vom Präsidenten unterzeichnet. Autonomy and Governance, Makati City, 25.5.2017.

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Der »Islamische Staat« in Südostasien

von lokalen Clans oder Aufstandsbewegungen errich- nesien. Auch leisteten Hunderte Einzelpersonen aus
tet wurden. Neben den erwähnten bewaffneten Grup- Südostasien den Treueschwur auf al-Baghdadi. Ab
pen gibt es vielfach lokale Milizen, die aus Fehden 2014 wurde zudem IS-Propaganda in regionale Lan-
rivalisierender Clans hervorgegangen sind und die dessprachen übersetzt und lokal verbreitet. In der
ebenfalls dazu beitragen, das staatliche Gewaltmono- Folge kam es zu einer Reihe überwiegend kleinerer
pol auszuhöhlen bzw. zu fragmentieren. Die Staats- Anschläge auf Bars und Cafés, Märkte, Polizei und
schwäche auf Mindanao eröffnet Rückzugsräume und Militär, zu denen sich IS-affine Gruppen bekannten
Finanzierungsmöglichkeiten für die IS-affinen Grup- und die von der IS-Zentrale propagandistisch aufbe-
pen. Dass diese, wie von Präsident Duterte angekün- reitet wurden. Organisiert und durchgeführt wurden
digt, schnell eingedämmt oder gar zerschlagen wer- diese Gewaltakte von klandestinen Zellen. In einigen
den, erscheint daher unrealistisch. Fällen sollen die Taten mit Verbindungsmännern aus
Vieles hängt vom Erfolg der Friedensverhandlun- der IS-Zentrale abgestimmt bzw. von diesen mitfinan-
gen ab, die von der Duterte-Regierung derzeit mit ziert worden sein. Nach derzeitiger Datenlage sind die
MILF und MNLF geführt werden. Die Friedensinitiati- in Südostasien operierenden Gruppen allerdings nicht
ven früherer Regierungen – 1976, 1989, 1997, 2008 in der Lage, ein Szenario zu wiederholen, wie es von
und zuletzt 2014 – sind allesamt gescheitert. In 2014 bis 2017 in Syrien und dem Irak bestand. Dafür
Mindanaos Zivilgesellschaft wie von Seiten der MILF sind sie militärisch zu schwach und haben zu wenig
und der MNLF werden aber große Hoffnungen in Rückhalt in der Bevölkerung; zudem sehen sie sich
den heutigen Präsidenten gesetzt – nicht nur weil umfangreichen staatlichen Repressionsmaßnahmen
Duterte den Inselkonflikt weit oben auf seiner politi- ausgesetzt, bis hin zur Verhängung des Kriegsrechts.
schen Agenda verortet hat, sondern vor allem auch Größere militante Aktionen unter IS-Flagge waren
weil er selbst aus Mindanao stammt und »Moro-Blut bisher nur auf der philippinischen Insel Mindanao zu
durch seine Adern fließt«. 61 Ein erfolgreicher Ab- beobachten. Dort hatten sich eine Reihe militanter
schluss der Verhandlungen, inklusive zügiger Imple- Gruppen unter Führung Isnilon Hapilons zusammen-
mentation des Bangsamoro Basic Law, würde das von geschlossen, der von Raqqa aus zum Emir ernannt
IS-affinen Gruppen vertretene Narrativ durchbrechen, worden war. Dass im Oktober 2017 die besetzte Stadt
Gespräche mit der Zentralregierung seien sinnlos, Marawi von der philippinischen Armee zurückerobert
weil Manila ohnehin keine Zusagen einhalte. Auf und Hapilon getötet wurde, sollte nicht zum Umkehr-
der anderen Seite könnte es die IS-Gruppen massiv schluss verleiten, damit sei das Ende des IS im
stärken, sollten die Friedensverhandlungen erneut maritimen Südostasien besiegelt. Zwar konnte die
scheitern. Denn Teile der MILF und der MNLF würden Errichtung einer IS-Provinz in der Region abgewendet
dann, enttäuscht vom abermaligen Vertrauensbruch werden. Der muslimische Teil Mindanaos und das
Manilas, womöglich zu radikaleren Gruppen über- der Insel vorgelagerte Sulu-Archipel dürften aber im
laufen. Fokus jihadistischer Militanz bleiben. Während die
Maute-Gruppe nach den Kämpfen um Marawi als
aufgerieben gilt, verfügen etwa Abu Sayyaf und BIFF
Ausblick laut Schätzungen weiterhin über mehrere Hundert
Kämpfer. Mehr noch, fortbestehende Marginalisie-
Im maritimen Südostasien ist das Phänomen IS seit rungserfahrungen der Moros im Verbund mit der
2014 in unterschiedlichen Ausprägungen präsent. Es Utopie des Kalifats haben das Potential, mittelfristig
äußerte sich zunächst darin, dass mehrere Hundert eine neue Generation militanter Jihadisten auf den
Jihadisten aus der Region nach Syrien und in den Irak Plan zu rufen.
reisten (oftmals samt Familien), um dort für den IS zu
kämpfen. Der Großteil von ihnen stammte aus Indo-

61 Carolyn O. Arguillas, »Duterte: ›I want hunger


stopped … I will improve the Moroland‹«, in: MindaNews,
30.10.2016, <www.mindanews.com/top-stories/2016/10/
duterte-i-want-hunger-stopped-i-will-improve-the-moroland/>
(eingesehen am 18.1.2018).

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Felix Heiduk

Felix Heiduk

Schlussfolgerungen

Der IS wird von seinen Anhängern als politisches punktuell Fuß zu fassen; sie rivalisieren hier jedoch
Unternehmen mit globalem Anspruch verstanden. mit den Taliban. Generell haben IS-Ableger innerhalb
Doch was das Auftreten der Organisation betrifft, des recht breiten Spektrums islamistischer Gruppen
lag die Aufmerksamkeit bislang vor allem auf dem Südasiens kaum Attraktivität entfalten können.
syrisch-irakischen IS-Territorium sowie auf Netzwer- In der westchinesischen Region Xinjiang rief der
ken und Einzelpersonen, die in Nordamerika und IS zu Angriffen gegen die Zentralregierung in Beijing
Europa Anschläge im Namen des IS begingen. Seit auf. Mehrere kleinere Attentate 2016/2017 wurden
2017 ist allerdings deutlich geworden, dass der IS von der Organisation reklamiert, ohne dass jedoch
auch in Teilen Asiens Fuß fassen konnte. Dies zeigen eine Präsenz uighurischer IS-Mitglieder in Xinjiang
nicht nur Berichte über asiatische IS-Kämpfer in nachgewiesen werden konnte. Nach Schätzungen
Syrien und dem Irak. Vielmehr werden zunehmend reisten einige Hundert Uighuren – meist über die
auch Staaten Asiens selbst zum Schauplatz von An- Türkei – nach Syrien und in den Irak; dort sollen sie
schlägen und anderen bewaffneten Aktionen, für die sich aber mehrheitlich al-Qaida-nahen Gruppen an-
der IS die Verantwortung übernimmt. Es gibt derzeit geschlossen haben. In Indonesien gewann der IS
jedoch keine Anzeichen, dass sich das jihadistische innerhalb militant-islamistischer Organisationen
Staatsbildungsprojekt, welches von 2014 bis 2017 in schnell viel Aufmerksamkeit und auch Unterstüt-
Nahost Bestand hatte, auf asiatischem Boden in naher zung. So wurde Bestrebungen, ein islamisches Kalifat
Zukunft wiederholen lassen wird. Dafür sind die zu errichten, neues Leben eingehaucht. Laut Polizei-
IS-affinen Gruppen dort zu schwach. Sie erfahren angaben reisten rund 500 Indonesier in das nahöst-
massive staatliche Repression und insgesamt eine liche IS-Gebiet aus, und 2016, 2017 und 2018 ver-
breite gesellschaftliche Ablehnung, die oftmals bis übten Anhänger der Organisation mehrere Anschläge
ins islamistische Milieu selbst hineinreicht. im Land selbst. Eine dauerhafte Bedrohung der natio-
Aus Zentralasien stammte zwar im kontinentalen nalen Stabilität Indonesiens ergibt sich daraus jedoch
Vergleich eine große Zahl an IS-Unterstützern, die nicht.
sich in Syrien und dem Irak der Organisation an- Dennoch stellt zumindest in einigen Teilen Asiens
schlossen. Doch bildet die Region kein neues Epizen- das Vordringen des IS ein wachsendes Problem dar.
trum des IS. Auffallend ist höchstens die Beteiligung Dies zeigen vor allem die Aktivitäten, die entspre-
von Bürgern zentralasiatischer Staaten an terroristi- chende Gruppen 2017 in Afghanistan und im Süden
schen Anschlägen im Ausland. So wird etwa hinter der Philippinen entfaltet haben. Von »dem IS« sollte
dem Selbstmordanschlag auf dem Istanbuler Flug- hier aber nicht gesprochen werden, denn dies sug-
hafen 2016 ein Netzwerk von IS-Anhängern aus geriert die Existenz zentraler Kommandostrukturen
Kirgistan und Usbekistan vermutet. Auch in den süd- und Hierarchien, für die es bisher keine klaren An-
asiatischen Staaten Bangladesch, Pakistan und Indien zeichen gibt. Vielmehr ist das Phänomen IS in Asien
verfügt der IS nur über eine schwache Basis. Aus stark durch lokale Kontexte geprägt. Seine einzelnen
Südasien mit seinen fast 450 Millionen Muslimen Ableger sind vielfach militante Gruppen mit langer
kämpften nur um die 700 IS-Anhänger in Syrien und Tradition. Aus unterschiedlichen Motiven haben sie
Irak. Lokale Ableger haben einige kleinere Anschläge ihre Loyalität zum IS verkündet; manchen ging es
verübt, sind ansonsten aber vor allem in den sozialen dabei um den propagandistischen Effekt, anderen
Medien aktiv. Vor Ort konkurrieren sie mit einer eher um Erhöhung der eigenen Glaubwürdigkeit oder
Vielzahl anderer nichtstaatlicher Gewaltakteure um auch nur den Zufluss von Ressourcen. Solche Grup-
Macht und Einfluss. Allenfalls im afghanisch-pakista- pen übernehmen dann einzelne Ideen, Taktiken und
nischen Grenzgebiet gelang es IS-affiliierten Gruppen, rhetorische Versatzstücke des IS, ohne aber dabei die

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eigenen Agenden und Bezüge aufzugeben. Neben tungswelle gegen »Extremisten«; sie zielte allerdings
etablierten jihadistischen Strukturen spielen vor nicht nur auf mutmaßliche IS-Anhänger, sondern
allem digitale Räume eine zunehmend wichtige Rolle. ebenso auf nichtgewalttätige Regimegegner mit reli-
Hier sind Foren und Chatrooms entstanden, über die giöser Motivation.
in einheimischen Sprachen IS-Propaganda verbreitet In Südostasien wurde die Reaktion auf den IS eben-
wird und Aktivisten den Anschluss zu jihadistischen falls primär von den staatlichen Sicherheitsorganen
Netzwerken finden. getragen. Die Anti-Terror-Einheit der indonesischen
Polizei führte Dutzende Aktionen durch, bei denen
Auf den IS haben asiatische sie einschlägig Verdächtige festnahm oder tötete. Auf
Regierungen bislang vor allem mit den Philippinen erschöpft sich die Anti-IS-Politik wei-
Repression geantwortet. testgehend in Militäroperationen. Oftmals erscheinen
in Asien die von staatlicher Seite eingesetzten Mittel
Unter dem Label »IS« hat vor allem subregional nicht verhältnismäßig gegenüber dem Ausmaß der
eine Vernetzung lokaler Gruppen stattgefunden. Bedrohung. Das deutlichste Beispiel dafür bietet
Diese teilen eine Reihe sehr allgemeiner ideologischer Chinas Vorgehen gegen die »antichinesischen« Akti-
Bezugspunkte. Sie lehnen die bestehende politische vitäten in der Region Xinjiang. Auf die perzipierte
und gesellschaftliche Ordnung als unislamisch ab Bedrohung durch Terrorismus, religiösen Extremis-
und zielen darauf, diese durch bewaffnete Gewalt mus und Separatismus antwortete Βeijing zum einen
revolutionär zu verändern; sie unterstützen den mit einer großangelegten Kampagne zur Zerschla-
Alleinvertretungsanspruch des IS, und sie verurteilen gung terroristischer Gruppen. Zum anderen wurde in
andere Islam-Interpretationen als häretisch. Eine ganz Xinjiang aber auch die öffentliche Ausübung
zentrale Kontrollinstanz gibt es dabei aber nicht. Der religiöser Bräuche massiv eingeschränkt.
IS in Asien setzt sich aus vielen unterschiedlichen Allen untersuchten Staaten ist gemein, dass ihre
Gruppen zusammen, deren Ziele, Organisations- Anti-Terror-Politik für betroffene Bevölkerungs-
formen, Rekrutierungs- und Finanzierungswege gruppen intransparent bleibt und das Agieren der
größtenteils lokal bestimmt sind. Umgekehrt macht Sicherheitskräfte demokratischer Kontrolle entzogen
die damit verbundene Autonomie der diversen ist. Dabei laufen die staatlichen Organe Gefahr, in
Ableger eine Persistenz des IS in Asien überhaupt ihrem Handeln als antimuslimisch wahrgenommen
erst möglich. zu werden; dies droht existierende Gräben zwischen
Auf das Erscheinen des IS in Asien antworteten die Behörden und lokaler Bevölkerung weiter zu ver-
Regierungen der untersuchten Staaten, unabhängig tiefen. Viele Menschen haben den Eindruck, das
von deren politischer Verfasstheit, bislang vor allem oftmals brutale Vorgehen von Sicherheitskräften
mit Repression durch die Sicherheitsorgane. Örtliche gegen »den IS« sei gegen sie selbst gerichtet. IS-Unter-
IS-Ableger wurden verboten, die IS-Mitgliedschaft stützer nutzen dies in den sozialen Medien zu Propa-
unter Strafe gestellt. Während in einigen dieser Län- gandazwecken. In der Bevölkerung droht ein Kreis-
der islamistische Vereinigungen mitunter durch den lauf von Unterentwicklung, Marginalisierung und
Staat bzw. staatliche Akteure kooptiert werden, sind Gewalterfahrung in Gang gesetzt zu werden, der die
für IS-affine Gruppen bzw. IS-Unterstützer keine Kontinuität jihadistischer Militanz befördert. Auf
solchen Fälle zu verzeichnen. Bei Polizei- und Militär- der südphilippinischen Insel Mindanao etwa werden
aktionen wurden Hunderte Personen verhaftet oder neue IS-Anhänger gezielt in Familien und Clans
getötet, die der IS-Anhängerschaft verdächtig waren. rekrutiert, die bereits Todesopfer durch staatliche
So reagierte etwa die Führung in Kabul auf das Auf- Anti-Terror-Operationen zu beklagen hatten.
treten des IS mit verstärkten Militäroperationen im Angesichts dieser Befunde ist anzunehmen, dass
afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Die USA das Phänomen IS in Asien für absehbare Zeit Bestand
beteiligten sich als externer Verbündeter aktiv daran, haben wird. Die Auswirkungen sind bislang aber vor
die Organisation in Afghanistan militärisch zu be- allem lokal spürbar. In keinem der untersuchten
kämpfen. Auch in anderen Staaten Südasiens kam es Länder ist es IS-affinen Gruppen gelungen, die staat-
zu Militär- und Polizeioperationen gegen Personen liche oder gesellschaftliche Ordnung nachhaltig in
und Gruppen, die verdächtigt wurden, den IS zu Frage zu stellen. Teilweise ist zu beobachten, dass
unterstützen. Im zentralasiatischen Usbekistan erfolg- Regierungen die vom IS ausgehende Gefahr aus poli-
te im Kontext des Anti-Terror-Kampfes eine Verhaf- tischem Kalkül bewusst übertreiben. Das gilt vor

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allem für China, aber auch einige Länder Zentral-


asiens. Den staatlichen Akteuren ermöglicht es der
Anti-IS-Kampf, hart gegen angebliche oder echte
Oppositionelle aus dem religiösen Lager vorzugehen
und sich nach innen wie außen als Stabilitäts-
garanten darzustellen.
Auf subregionaler Ebene sind einige Fälle von
transnationaler Vernetzung und Kooperation zwi-
schen verschiedenen IS-Gruppen bekannt geworden.
Dies betrifft vor allem die beiden derzeitigen IS-
Hotspots in Asien – das zu den Philippinen gehören-
de Mindanao und die sogenannte IS-Provinz Khorasan
in Südafghanistan. Hier wie dort sind die staatlichen
Außengrenzen porös, was IS-Anhänger genutzt
haben, um Personen, Waffen und Geld zu schmug-
geln. Darüber hinaus aber gibt es in Asien kaum
Anzeichen dafür, dass solche Akteure dauerhaft über
Landesgrenzen hinweg operativ zusammenarbeiten
oder sich gar genuin transnationale IS-Gruppen
bilden. In den Reihen einiger der untersuchten IS-
Ableger kämpfen neben Einheimischen zwar auch
Ausländer, aber deren Zahl ist, anders als im syrisch-
irakischen Kernland der Organisation, weiterhin sehr
gering. Zudem sind die Führungszirkel der betreffen-
den IS-Gruppen nach aktuellem Informationsstand
stets aus Persönlichkeiten zusammengesetzt, die aus
dem jeweiligen Gebiet selbst stammen. Trotz durch-
lässiger Außengrenzen in vielen Staaten der Region
sind sogenannte Spill-over-Effekte bislang also gering.
Daher ist nicht zu erwarten. dass sich die Sicherheits-
lage in Asien durch das Auftreten des IS drastisch
verschlechtern wird.
Die sicherheitspolitische Herausforderung für die
betroffenen Staaten besteht vor allem darin, eine
Anti-Terror-Politik zu entwickeln und umzusetzen,
die den Primat des Militärischen überwindet und
stattdessen auf mehreren Säulen basiert. Neben der
Strafverfolgung müsste eine solche Politik auch
Strategien umfassen, die darauf zielen, Missstände
wie Armut, Entwicklungsdefizite, Korruption und
Diskriminierung zu beheben. Dabei gilt es, die
jeweiligen lokalen Kontexte genau zu analysieren,
aus denen IS-Anhänger hervorgegangen sind. Vor
digitalen Räumen darf nicht haltgemacht werden,
denn dort findet ein Teil der jihadistischen Propa-
ganda-Aktivitäten statt. Und auch auf theologischer
Ebene sollte der Kampf gegen den IS geführt werden
– hier sind Antworten auf die spezifische Islam-
Interpretation seiner Anhänger zu liefern.

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Abkürzungen

Anhang

Abkürzungen

AAI Ansar al-Islam JI Jemaah Islamiyah


ABT Ansarullah Bangla Team JMB Jama’atul Mujahideen Bangladesh
AFSPA Armed Forces Special Powers Act JMJB Jagrata Muslim Janata Bangladesh
AL Awami-Liga JuA Jamaatul Ahrar
AQIS Al-Qaida im Indischen Subkontinent JuD Jamaat-ud Dawa
ARMM Autonomous Region in Muslim JUIF-S Jamiat Ulema-i-Islam-Samiul Haq
Mindanao JuT Jamaatul Ahrar
ASG Abu-Sayyaf-Gruppe KGB Komitee für Staatssicherheit
BBL Bangsamoro Basic Law KP Khyber-Pakhtunkhwa
BIFF Bangsamoro Islamic Freedom Fighters LeJ Lashkar-e-Jhangvi
BJP Bharatiya Janata Party LeJA Lashkar-e-Jhangvi Al Almi
BNP Bangladesh Nationalist Party LeT Lashkar-e-Toiba
BNPT National Agency for Combating MILF Moro Islamic Liberation Front
Terrorism (Indonesien) MIT Mujahidin Indonesia Timur
COIN Counterinsurgency Strategy MMI Majelis Mujahidin Indonesia
CSM Community Support Mechanism MNLF Moro National Liberation Front
CSTO Organisation des Vertrags über NACTA National Counter Terrorism Authority
kollektive Sicherheit NAP National Action Plan
ETIM East Turkestan Islamic Movement NIA National Investigation Agency
FAKSI Forum Aktivis Syariah Islam NISP National Internal Security Policy
FATA Federally Administered Tribal Areas NKRI Negara Kesatuan Republic Indonesia /
FPDI Forum Pendukung Daulah Islamiyah The Unitary State of the Republic of
FPI Front Pembelah Islam / Islamic Indonesia
Defenders Front NU Nahdlatul Ulama
FSB Föderaler Dienst für Sicherheit der PFI Popular Front of India
Russischen Föderation PKI Partai Komunis Indonesia
GCERF Global Fund for Community Engage- SCO Shanghaier Organisation für Zusam-
ment and Resilience menarbeit
GTI Global Terrorism Index SDF Syrian Democratic Forces
GUS Gemeinschaft Unabhängiger Staaten SIMI Student Islamic Movement India
HuJI-B Harkat-ul-Jihad-al Islami Bangladesh TIP Turkistan Islamic Party
IBU (IMU) Islamische Bewegung Usbekistans TLYR Tehreek-i-Labaik Ya Rasool Allah
(Islamic Movement Usbekistan) TTP Tehrik-e-Taliban Pakistan
IM Indian Mujahedin UNAMA Unterstützungsmission der Vereinten
IS »Islamischer Staat« Nationen in Afghanistan
ISIL Islamischer Staat im Irak und in der UNODC Büro der Vereinten Nationen für
Levante Drogen- und Verbrechensbekämpfung
ISIS Islamischer Staat im Irak und in Syrien VN Vereinte Nationen
ISKP Islamic State Khorasan Province
JAS Jamaal Anschorul Syariat
JAT Jamaah Anshorut Tauhid
JI Jamaat-i-Islami (Bangladesch)

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Anhang

Die Autorinnen und Autoren

Nicole Birtsch war bis Januar 2018


Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe Asien.
Dr. Uwe Halbach ist Wissenschaftler in der
Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien.
Dr. Felix Heiduk ist Wissenschaftler in der
Forschungsgruppe Asien.
Dr. Gudrun Wacker ist Senior Fellow in der
Forschungsgruppe Asien.
Dr. habil. Christian Wagner ist Senior Fellow
in der Forschungsgruppe Asien.

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