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prof. schwartz structural design


Tragwerksentwurf I Professur für Tragwerksentwurf — ETH Zürich — Winter 2011
Vorwort

Der vorliegende Einführungskurs in die Thematik der Der Schwerpunkt liegt somit stärker auf dem Trag- leichtern, den Dialog zwischen Architekten und Bau-
Tragwerke wurde für die beiden ersten Semester des werksentwurf als auf der Tragwerksanalyse. ingenieuren fördern, und so zur Entwicklung von ar-
Architekturstudiums entwickelt. Er wird in den weite- chitektonischen Entwürfen beitragen, bei welchen die
ren Semestern fortgesetzt, in welchen die Tragwerke in Um das Erreichen dieser Ziele zu erleichtern, wird vor- statischen und die gestalterischen Belange ineinander
Stahlbeton, Stahl, Holz, Mauerwerk sowie das Tragwerk wiegend ein intuitives Vorgehen befolgt. Der behandel- übergehen.
Baugrund detaillierter behandelt werden. Dieser erste te Stoff ist entlang eines Pfades organisiert. Nach der
Band Tragwerksentwurf I beinhaltet den im 1. Semes- Einführung in die wesentlichen Grundlagen werden Bei der Konzeptfindung und Ausarbeitung des vorlie-
ter behandelten Vorlesungsstoff und ist als Einheit mit sukzessiv Seil- und Bogentragwerke, gemischte Bo- genden Manuskriptes wurde ich tatkräftig von meinem
dem zweiten Band Tragwerksentwurf II zu verstehen, gen-Seiltragwerke, Fachwerke, Balken und schliesslich Oberassistenten Dr. Toni Kotnik unterstützt. An der
welcher den Stoff des 2. Semesters beinhaltet. schlanke Stützen mit Hilfe der graphischen Statik un- Bearbeitung des Textes und der Bilder haben sich mei-
tersucht. Im Anschluss an die Behandlung der jeweili- ne Assistenten Christoph Becker, Ali Kahrom, Thomas
Der Kurs basiert auf dem Buch L’Art des Structures von gen, in der Ebene angeordneten Tragwerke werden die Kohlhammer, Mario Rinke und Christoph Schmid be-
Prof. Dr. Aurelio Muttoni. Es handelt sich um eine vom Form und die Tragwirkung der artverwandten räumli- teiligt. Ihnen sei an dieser Stelle für ihre Unterstützung
Üblichen abweichende Methode, welche als Haupt- chen Tragwerke beschrieben. bestens gedankt.
werkzeug die graphische Statik einsetzt. Das Vorgehen
ermöglicht es, auf elegante Art und Weise die inneren Der Kurs verfolgt somit das Ziel, eine wahre Statik für
Kräfte zu visualisieren, und fördert das Gefühl für die Architekten zu sein und nicht eine Vereinfachung der Zürich, im September 2008
Zusammenhänge zwischen der zweckmässigen Form Statik der Bauingenieure. Möge er allen Interessierten
eines Tragwerkes und den wirkenden inneren Kräften. den Einstieg in die interessante Welt der Tragwerke er- Prof. Dr. Joseph Schwartz

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structural design
Tragwerksentwurf I Vorwort
1. Semester 2. Semester
2 Kräfte und 5 Materialver- 14 Biegung
Gleichgewicht halten und Be- Krümmung,
Äussere Kräfte, messung Durchbiegung,
Gleichgewicht, Spannung, Deh- Biegesteifigkeit
innere Kräfte nung, Grenzzu-
stände

1 Tragwerk 3 Seile 6 Bögen 8 Bogen-Seil- 10 Ebene Fach- 12 Balken, 15 Stützen


und architek- Form und Form und Tragwerke werke Rahmen und Stabilität
tonischer Kräfte, Kräfte, Scheiben
Entwurf Stabilität Stabilität

4 Räumliche 7 Räumliche 9 Räumliche 11 Räumliche 13 Räumliche


Seiltragwerke Bogentrag- Bogen-Seil- Fachwerke Balken
Seilnetze, Mem- werke Tragwerke Balkenroste,
branen, pneuma- Gewölbe, Kup- Platten
tische Tragwerke peln, Schalen

prof. schwartz
Inhalt Tragwerksentwurf I
Inhalt

1 Tragwerk und architektonischer Entwurf 1 3.3 Tragwirkung eines Seiles unter zwei 20 5.5 Durch Temperaturveränderungen 42
vertikalen Lasten bedingte Verformungen
1.1 Die Kapelle Oberrealta 1
3.4 Tragwirkung eines Seiles unter mehreren 21 5.6 Materialverhalten des Glases 42
1.2 Die Kapelle Sogn Benedetg 3 beliebig gerichteten Lasten
5.7 Materialverhalten des Stahls 43
1.3 Das Picture Window House 4 3.5 Tragwirkung eines Seiles unter gleich- 22
mässig verteilter Belastung 5.8 Materialverhalten des Aluminiums 45

3.6 Tragwirkung eines Seiles unter seiner 24 5.9 Materialverhalten des Betons 45
2 Kräfte und Gleichgewicht 7 Eigenlast 5.10 Materialverhalten von Natursteinen 46
3.7 Bauwerke mit an Seilen aufgehängten 24 5.11 Materialverhalten des Holzes 46
2.1 Die Kraft als vektorielle Grösse 7 Bauteilen
5.12 Bemessung: Grenzzustand der 47
2.2 Relevante Kraftarten für die 7 3.8 Formänderungen des Tragseiles infolge 26 Gebrauchstauglichkeit
Tragwerksanalyse ungleichmässig verteilter Nutzlasten oder
Auflagerverschiebung 5.13 Bemessung: Grenzzustand der 48
2.3 Gleichgewichtsbedingungen zweier Kräfte 8 Tragsicherheit
3.9 Massnahmen zur Begrenzung der Form- 27
2.4 Resultierende von zwei beliebig 10 änderungen infolge veränderlicher Lasten 5.14 Ermüdung 50
gerichteten Kräften
2.5 Resultierende von zwei parallelen Kräften 10
4 Räumliche Seiltragwerke 33 6 Bögen 51
2.6 Gleichgewicht von drei beliebig 12
gerichteten Kräften 4.1 Seilnetze 33 6.1 Duale Tragwerke 51
2.7 Resultierende von drei und mehreren 13 4.2 Zelte und Membranen 35 6.2 Gegenüberstellung einfacher Bogen- 52
beliebig gerichteten Kräften und Seiltragwerke
4.3 Begehbare pneumatische Membranen 36
2.8 Resultierende von drei und mehreren 13 6.3 Historische Anwendungen 53
parallelen Kräften 4.4 Geschlossene pneumatische Membranen 37
mit hohem Druck 6.4 Tragwirkung eines Bogens unter mehre- 55
2.9 Innere Zugkräfte 14 ren beliebig gerichteten Lasten
2.10 Innere Druckkräfte 15 6.5 Stabilitätsversagen des Bogens unter un- 55
5 Materialverhalten und Bemessung 39 gleichmässig verteilten Nutzlasten
5.1 Innere Kräfte und Verformungen im 39 6.6 Massnahmen zur Vermeidung eines 56
3 Seile 17 Tragelement Stabilitätsversagens unter veränder-
lichen Nutzlasten
3.1 Tragwirkung eines Seiles unter einer 17 5.2 Steifigkeit eines Tragelementes 40
6.7 Beeinflussung der inneren Bogenkräfte 59
konzentrierten Einzellast 5.3 Innere Kräfte im Material 40 mittels Gelenken
3.2 Beeinflussung der inneren Kräfte durch 19 5.4 Verformungen und Steifigkeit des 41 6.8 Kreisförmige Mauerwerksbögen 61
Last und Geometrie des Tragwerks Materials

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structural design
Tragwerksentwurf I Inhalt
7 Räumliche Bogentragwerke 63

7.1 Tonnengewölbe 63
7.2 Kreuzgewölbe 64
7.3 Klostergewölbe 66
7.4 Kuppeln mit auf die äusseren Lasten 67
abgestimmten radialen Bögen
7.5 Kuppeln und weitere Tragwerke mit be- 69
liebig geformten radialen Bögen
7.6 Fächergewölbe 73
7.7 Schalen 73
7.8 Aufgelöste räumliche Bogentragwerke 78

8 Bogen-Seiltragwerke 81

8.1 Einfache Bogen-Seiltragwerke 81


8.2 Ermittlung der inneren Kräfte 83
8.3 Konsolartige Bogen-Seiltragwerke unter 86
Einzellasten
8.4 Konsolartige Bogen-Seiltragwerke unter 87
mehreren Lasten
8.5 Zusammengesetzte Bogen-Seiltragwerke 90

9 Räumliche Bogen-Seil-Tragwerke
10 Ebene Fachwerke
11 Räumliche Fachwerke
12 Balken, Rahmen und Scheiben
13 Räumliche Balken
14 Biegung
15 Stützen

Literatur 95

prof. schwartz
Inhalt Tragwerksentwurf I
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structural design
Tragwerksentwurf I Vorwort
prof. schwartz
Inhalt Tragwerksentwurf I
1 Tragwerk und architektonischer Entwurf

Jeder architektonische Entwurfsgedanke ist eng ver- gung der gestalterischen Belange ins Innere des Bau- Die beiden Aspekte der physikalischen Notwendigkeit
bunden mit dessen Ausführungsvorstellung. Damit ein werks hineinzudenken, dieses ebenfalls zu entwerfen. und gestalterischen Freiheit spiegeln das typische Ver-
Entwurf ausführbar wird, müssen unter anderem die hältnis, nämlich die Trennung, zwischen Ingenieur und
grundlegenden physikalischen Gesetze berücksichtigt Soll ein hervorragendes architektonisches Resultat er- Architekt wider. In diesem Kapitel wird anhand von
werden. Zu diesen gehören zu einem wesentlichen Teil zielt werden, so ist es hilfreich, den Entwurf von An- drei ausgewählten Beispielen exemplarisch aufgezeigt,
auch diejenigen der Baustatik. Ein architektonischer fang an in Zusammenarbeit zwischen Tragwerksplaner wie hochwertige Architektur entsteht, wenn die stati-
Entwurf, welcher durch seine Ausführung in ein Bau- und Architekt zu entwickeln, und das Tragwerk unter schen und die gestalterischen Belange ineinander über-
werk umgesetzt wird, ist nicht ohne weiteres davor ge- Berücksichtigung der gestalterischen Belange im Lau- gehen.
feit, einzustürzen oder sich auf Dauer infolge von Trag- fe des Entwurfsprozesses so weiter zu entwickeln, dass
werksmängeln unbefriedigend zu verhalten. Um sein Tragwerk und architektonischer Entwurf sich gegensei-
Verhalten vernünftig planen und beurteilen zu können, tig ergänzen und vervollkommnen. Hier liegt ein gro- 1.1 Die Kapelle Oberrealta
ist es unumgänglich, ein Tragwerk unter Berücksichti- sses Potential für eine spannende Zusammenarbeit.
Die kleine Kapelle Oberrealta ist der erste gebaute Ent-
wurf des Architekten Christian Kerez (Bild 1.1). Das
im Jahre 1993 vom Architekturbüro Fontana und Part-
ner ausgeführte Bauwerk ist ein kleines Einraumhaus,
dessen Innenraum durch die gleiche Betonschale gebil-
det wird wie das äussere Volumen. Der Gebäudekörper
ist mit dem architektonischen Raum identisch.

Am Rand eines Plateaus, oberhalb der fruchtbaren


Ebene im Domleschg, besetzt die Kapelle in der Tradi-
tion der alpinen Gebetsnischen einen ausgezeichneten
Ort in der Topographie im Dialog mit den Bergen und
Schlössern der anderen Talseite. Die Vereinfachung der
Form dieses aufs Minimum reduzierten Baukörpers be-
gründet der durch die Betrachtungsweise der Zysterzi-
enser beeinflusste Architekt mit der „überwältigenden
Schönheit der Landschaft und der Armseligkeit jegli-
chen menschlichen Versuches, dieser Mächtigkeit etwas
gegenüberzustellen”.

Die materielle Umsetzung des vertrauten Archetypus


Haus, wie er den frühchristlichen Kirchenbauten zu-
grunde liegt, irritiert: die Kapelle erscheint abstrakt und
vermittelt gleichzeitig doch die Vertrautheit der kind-
lichen Strichzeichnung. Die kleine Kapelle Oberrealta
wird so zum Monument, nicht ihrer Grösse oder Form
wegen, sondern als begehbare Skulptur der „Urhütte”.
Bild 1.1: Kapelle St. Nepomuk, Oberrealta, 1993-94, Arch.: Rudolf Fontana & Partner, Entwurf: Christian Kerez, Ing.: Toni Cavigelli

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structural design 1
Tragwerksentwurf I Tragwerk und architektonischer Entwurf
Das Bauwerk erinnert an einen geschliffenen und aus- auf den ersten Blick als selbstverständlich anmutende
gehöhlten Stein. Trotz seiner Einfachheit weist es ein Baukörper besitzt somit ein inneres Tragwerk, beste-
inneres Tragwerk auf: ähnlich wie bei einem Karten- hend aus den Dachplatten, Wänden und Fundamenten,
haus besteht dieses aus einzelnen Scheiben und Platten die im Innenraum wahrnehmbar artikuliert werden.
(vgl. Kapitel 12 und 13), welche sich an ihren Kanten Die Dachplatten stützen ihre Eigenlasten und allfällige
berühren. Ein wesentlicher Aspekt des Tragwerks liegt Schneelasten auf die Wände ab. Die Wände geben zu-
in der Art und Weise, wie diese Kanten miteinander ver- sätzlich zu den erwähnten Lasten ihre Eigenlasten auf
bunden sind. Das Kartenhaus fällt wegen des Fehlens die Streifenfundamente ab, welche, Füssen ähnlich, so
dieser Verbindungen zusammen. Bei der Kapelle wurde ausgelegt sind, dass der Baugrund die gesamten Lasten
als Baumaterial Stahlbeton eingesetzt, welcher vor Ort aufzunehmen vermag. Dank der Verbindung der ein-
gegossen wurde (Bild 1.3). So wurde es möglich, die zelnen Tragelemente ist der Baukörper tragfähig, und
einzelnen Bauteile, d.h. die Streifenfundamente, die vier zwar nicht nur für Eigenlasten und Schneelasten, son-
Bild 1.2: Grundriss und Schnitt, Kapelle St. Nepomuk, Oberrealta Wände und die beiden geneigten Dachplatten, in einem dern auch für Horizontalkräfte, welche bei Wind oder
„Guss”, das heisst monolithisch herzustellen. Nicht nur bei einem Erdbeben auftreten (Kapitel 2). In der redu-
Der reine Betonbau ist eine Hülle um die Grundmau- der Beton läuft bei den Verbindungen durch, sondern zierten Einfachheit des Tragwerks zeigt sich so die Idee
ern der ursprünglichen, zur Ruine verfallenen Kapelle auch die eingelegten stählernen Bewehrungseisen. Der der Urhütte, des archetypischen Hauses.
(Bild 1.2). Er wurde mit Hilfe gängiger 50-cm Schal-
tafeln erstellt. Die Distanzhalter bleiben sichtbar (Bild
1.3). Die Zeit wird dem Baukörper sukzessiv die Patina
der nahen Felsen und Burgen überziehen.

Der Innenraum ist ein Raum der Leere und der Aus-
blendung. Ein schmaler konischer Schlitz reduziert den
Innenraum auf das Wesentliche und bringt gleichzei-
tig eine transzendentale Dimension ins Spiel, welche
Schutz und Geborgenheit ausstrahlt (Bild 1.5).

Bild 1.3: Schalung, Kapelle St. Nepomuk, Oberrealta Bild 1.4: fertige Betonfläche, Kapelle St. Nepomuk, Oberrealta Bild 1.5: Innenraum, Kapelle St. Nepomuk, Oberrealta

2 prof. schwartz
Tragwerk und architektonischer Entwurf Tragwerksentwurf I
1.2 Die Kapelle Sogn Benedetg

Das zweite ausgewählte Bauwerk steht ebenfalls in den


Bergen, und ersetzt eine frühere kleine Kirche, welche
1984 durch eine Lawine zerstört wurde. Neu errichtet
an einem geschützten Ort leicht oberhalb des Dorfes
Sumvitg, liegt die von Peter Zumthor entworfene, mit
Holzschindeln verkleidete Holzkapelle wie eine „Ar-
che” an einem Bergweg am Steilhang (Bild 1.7). Wie
bei seinen anderen Projekten hat sich der Architekt
mit dem konkreten Ort auseinandergesetzt, um einen Bild 1.6: Grundriss und Schnitte, Kapelle Sogn Benedetg, bei Sumvitg
„in sich ruhenden” Baukörper zu entwerfen. Der Ent-
wurf überzeugt durch seine Bildhaftigkeit und durch
die Selbstverständlichkeit, mit der sich der Bau in der
Landschaft behauptet. In Anlehnung an historische Ka-
pellen wächst das turmartige Bauwerk ohne Sockel aus
dem Steilhang heraus, nur die unten leicht abgeschrägte
Verkleidung aus Schindelholz trennt das Bauwerk vom
Boden.

Anders als bei der Kapelle von Christian Kerez besteht


das Tragwerk aus aufgelösten Bauteilen. Das hat nur
teilweise mit dem Baumaterial zu tun, denn es ist einer-
seits durchaus möglich, auch in Stahlbeton mit aufgelös-
ten Bauteilen wie Stützen und Balken zu arbeiten, und
andererseits gibt es auch zeitgenössische Holzbauwer-
ke, welche mit Holzplatten konstruiert sind und somit
kontinuierliche Oberflächen aufweisen, ohne jemals die
äussere und innere Homogenität eines Stahlbetonbaus
erreichen zu können.

Bei der Kapelle ist das nach innen gestülpte Tragwerk


sehr sorgfältig auf den gestalterischen Ausdruck des
Gebäudes abgestimmt: es besteht aus 37 frei stehenden
Stützen (vgl. Kapitel 15), welche mit der gekrümmten
Dachpfette und den zugehörigen Sparren ein sichtbares
Skelett bilden durch welches der längliche Raum eine in
die Höhe gerichtete Bewegung erhält (Bild 1.6 und 1.8).
Eindrücklich ist die Sorgfalt, mit welcher der architek-
Bild 1.7: Kapelle Sogn Benedetg, bei Sumvitg, 1985-88, Arch.: Peter Zumthor, Ing.: Jürg Buchli & Jürg Conzett

DARCH
structural design 3
Tragwerksentwurf I Tragwerk und architektonischer Entwurf
tonische Entwurf und das Tragwerk aufeinander abge- noch verstärkt wird. Die Verbindung des Daches mit ter Farbigkeit und diffusem Schattenwurf. Von aussen
stimmt wurden, besonders gut zu erkennen am Über- den Wänden ist im Gegensatz zur Kapelle von Ober- ist das Tragwerk nur im Lichtbandbereich zu erkennen:
gang der Pfette in die Sparren über dem im Grundriss realta nicht kontinuierlich, sondern diskret gestaltet. die restliche Wandoberfläche ist vollständig mit Holz-
rundlich verlaufenden Chor sowie beim Übergang der Aus dem Schnitt in Bild 1.6 ist weiter zu erkennen, dass schindeln „verkleidet”, welche dank ihrer im Laufe der
Sparren in die Stützen im hinteren, spitz verlaufenden die Wände ebenfalls auf Streifenfundamente aufgelegt Zeit immer stärker werdenden Patina die Einheit von
Kapellenbereich (Bild 1.9). sind, und dass im Gegensatz zur Kapelle Oberrealta die Gebäude und Natur weiter verstärken. (Bild 1.10).
Bodenplatte nicht aus auf die Erde gelegten Steinen
Ähnlich und doch ganz anders als bei der Kapelle Ober- besteht, sondern aus einem einfachen Holzboden, wel-
realta tragen auch hier die Wände das Dach: die seitli- cher auf den Stützen aufliegt und trotzdem mittels ei- 1.3 Das Picture Window House
chen Wände sind in diskrete Stützen aufgelöst, und das ner Fuge von der Wandverkleidung getrennt ist, so dass
Dachelement, dessen Sparren (vgl. Kapitel 12) hier wie er wie über unbekannten Grund zu schweben scheint Das dritte ausgewählte Bauwerk steht ca. 90 km von der
die Adern eines Blattes die Brettverschalung des Daches (Bild 1.8). In der Tragwirkung zeigt sich so ein „flie- Stadt Tokio entfernt am Strand der Izu-Halbinsel und
tragen, hat eine sehr starke räumliche Verbindung mit gendes Dach” als Gegenüber zum „fliegenden Boden”, wird nicht als Ferienhaus genutzt, sondern ganzjährlich
den Wänden, welche durch das horizontale Lichtband womit eine ausserordentliche Leichtigkeit der Elemente von einem Witwer bewohnt (Bild 1.12). Das Grund-
erzielt wird. stück in der Nähe des höchstgelegenen Punktes eines
Hügels bietet eine wunderbare Sicht auf den Pazifik.
Die von den Stützen abgesetzte Gebäudehülle vermag Der Architekt Shigeru Ban hat diese Aussicht rahmen
dank ihrer Krümmung im Grundriss das Tragwerk un- wollen und das Haus zum Fenster werden lassen; mit
ter horizontalen Kräften zu stabilisieren, obschon nur der Konsequenz, dass dem Tragwerk eine zentrale Rol-
feine Stahlstangen beide Tragelemente miteinander ver- le zukommt, um den Entwurf überhaupt realisierbar zu
binden (Bild 1.8 und 1.9). Das durch das Fensterband machen.
eindringende Licht vermag sich so hinter den regel-
mässigen Stützen kontinuierlich entlang der silbergrau Die Interpretation des Ortes bewegte den Architekten
gestrichenen hölzernen Wandverkleidung zu verteilen, zu einem stützenfreien Erdgeschoss; nur so wird es
und vermittelt dem Raum ein feines Spiel von abgestuf- möglich, die Kontinuität des natürlichen Geländeflus-

Bild 1.8: Innenraum, Kapelle Sogn Benedetg, bei Sumvitg Bild 1.9: Tragwerk, Kapelle Sogn Benedetg, bei Sumvitg Bild 1.10: Holzschindeln, Kapelle Sogn Benedetg, bei Sumvitg

4 prof. schwartz
Tragwerk und architektonischer Entwurf Tragwerksentwurf I
ses vom Meer bis zur Hügelspitze zu wahren. Das Haus des Fachwerkes bestehen aus quadratischen Hohlpro- raubende Aussicht verleiht jedoch dem Tragwerk eine
wurde somit nicht als Brücke gebaut, um ein Hindernis filen, während die diagonalen Streben aus Rohren be- unerwartete Unaufdringlichkeit.
zu überwinden, sondern um selber eine kleine Barriere stehen (Bild 1.13). Das zweite Fachwerk ist vollständig
darzustellen. Wenn alle Schiebefenster geöffnet wer- verkleidet in der Zwischenebene eingebettet, welche die Auf der Nordseite dagegen, wo das Fachwerk voll-
den, verschmilzt der Innenraum mit dem Aussenraum Zimmer vom Korridor trennt und somit nicht mehr als ständig verborgen liegt, deutet nichts mehr darauf hin,
(Bild 1.11). Neben zwei Küchenelementen und einer Tragwerkselement erkennbar (Bild 1.15). wie die Decken halten können. Diese bewusst einge-
freistehenden Treppe, die zu den Schlafzimmern und setzte „Verunklärung” des Tragwerks trägt wesentlich
den Bädern im Obergeschoss führt, weist der puristisch Das Haus hat somit zwei Gesichter: auf der Südseite zum Zauber des Hauses bei. Der Stellenwert der Inge-
anmutende Wohnraum keine weiteren Einrichtungen ist die Konstruktion von zeichenhafter Direktheit, und nieurlogik als Formgenerator wird hier relativiert; die
auf. Die beiden seitlich angeordneten Brückenpfeiler vermittelt auf eindrückliche Weise die Funktionsweise Technik wird zwar keineswegs versteckt, genau so we-
beinhalten nebst dem Eingang weitere Nutzräume und des Tragwerks mit seinen grossen Kräften. Die atembe- nig wird sie jedoch gefeiert. Vielmehr verbindet sich in
tragen mit ihren Stützen den Brückenträger.

Wie aus den Grundrissen, dem Schnitt und der Axo-


nometrie (Bild 1.14) hervorgeht, kann das Tragwerk
nicht mehr mit denselben einfachen Überlegungen ver-
standen werden wie bei den beiden in den Abschnitten
1.1 und 1.2 behandelten Kapellen. Das Primärtragwerk
besteht aus Stahlträgern, welche entweder als Balken,
oder als Streben von Fachwerken die Lasten abtragen
Die 20 m weit gespannte Obergeschossbrücke enthält
zwei in Längsrichtung verlaufende Fachwerkträger (vgl.
Kapitel 10). Eines dieser Fachwerke ist frei sichtbar
als gestalterisches Element in der seeseitigen Fassade
angeordnet (Bild 1.12). Die vertikalen Pfostenelemente

Bild 1.11: Wohnraum, Picture Window House Bild 1.12: Picture Window House, Shizuoka, 2001, Arch.: Shigeru Ban, Ing.: Hoshino Architect & Engineer

DARCH
structural design 5
Tragwerksentwurf I Tragwerk und architektonischer Entwurf
diesem Haus die durch die Spannweite gegebene physi-
kalische Notwendigkeit mit der gestalterischen Freiheit.
So werden durch die Brückenkonstruktion räumliche
Volumen eingeschlossen, die im japanischen Kontext
lediglich einen dienenden Charakter haben. Neben dem
eigentlichen Wohnraum im Erdgeschoss wird dadurch
auch der Korridor im Obergeschoss zu einem gedeck-
ten Aussenraum, vergleichbar der Engawa in einem his-
torischen japanischen Wohnhaus.

Im Picture Window House verbindet sich so eine tra-


ditionelle Wohntypologie mit modernen Vorstellungen
vom Wohnen, mit dem Tragwerk als Grenzschicht.
Diese Grenzschicht ist aber dank der Ausbildung als
offener Fachwerkträger zugleich trennend wie auch
verbindend. Die „Verunklärung” des Tragwerks dient Bild 1.14: Grundriss und Axonometrie, Picture Window House
somit der Klärung des Entwurfs und es ist dieses
Spannungsfeld zwischen Notwendigkeit und Freiheit,
in dem der Dialog zwischen Ingenieur und Architekt
stattfinden sollte.

Bild 1.13: Innenansicht, Picture Window House Bild 1.15: Aussenansicht, Picture Window House

6 prof. schwartz
Tragwerk und architektonischer Entwurf Tragwerksentwurf I
2 Kräfte und Gleichgewicht

Die Darstellung und die elementare Handhabung der Wenn dagegen diejenigen Kräfte untersucht werden,
Kräfte bilden die Grundlage jeglicher Tragwerksüber- welche im Inneren der Tragelemente hervorgerufen
legungen. Besonders in der graphischen Statik ist die werden, spielt die genaue Lage der Kraft in der Regel
Veranschaulichung der Kräfte, der Gleichgewichtsbe- eine Rolle, so dass bei entsprechenden Aufgabenstel-
dingungen, der Bildung von Resultierenden sowie der lungen die Kenntnis des Angriffspunktes der Kraft we-
äusseren und inneren Kräfte in Tragelementen von sentlich ist. Im Allgemeinen ist somit in der Tragwerks-
zentraler Bedeutung. lehre die Kraft durch drei Grössen bestimmt:

1. Richtung
2.1 Die Kraft als vektorielle Grösse 2. Intensität
3. Angriffspunkt. Bild 2.2: Massenanziehung am Beispiel von Erde und Mond
In der Tragwerkslehre werden die Kräfte F (force = Kraft)
durch Vektoren dargestellt. Ein Vektor ist im mathe- In der Literatur wird bei der ersten Grösse manch- angezogen (Bild 2.2). Mit anderen Worten ist jede Mas-
matischen Sinne durch seine Richtung und durch seine mal zwischen Richtung und Sinn unterschieden. Die se der Anziehungskraft der Erde unterworfen. Umge-
Intensität vollständig definiert und kann frei verschoben Richtung ist dann als Gerade definiert, und mit dem kehrt erfährt aber auch die Erde eine Gravitationskraft
werden. Man redet dabei von freien Vektoren (Bild 2.1a). Sinn wird die Orientierung des Kraftvektors auf dieser von jeder Masse, welche sich auf der Erde befindet,
Geraden festgelegt. Im vorliegenden Manuskript wird beispielsweise von einer Person. Die Erde und eine be-
die Richtung im vektoriellen Sinn verstanden, defi- liebige Person können somit betrachtet werden als zwei
a) b) niert durch einen Winkel zwischen 0 und 360° ab einer Massen, welche sich gegenseitig anziehen (Bild 2.3).
Referenzachse. Wenn nebst den vektoriellen Grössen Nach dem Newtonschen Gravitationsgesetz (Isaac
F Richtung und Intensität auch noch der Angriffspunkt Newton, 1642-1727) hat die Kraft, welche die Erde auf
Angriffspunkt
als geometrische Grösse festgelegt ist, redet man von die Person ausübt, die gleiche Intensität wie die Kraft,
F gebundenen Vektoren. Der Angriffspunkt und die Rich- welche die Person auf die Erde ausübt. Sie ist propor-
F F tung der Kraft definieren eindeutig eine Gerade, die tional zum Produkt der beiden Massen und umgekehrt
Wirkungslinie. Beim Darstellen der Kräfte ist es zweck- proportional zum Quadrat des Abstandes der beiden
Wirkungslinie mässig, die Länge ihres Vektors proportional zur Grö- Massen. Setzt man in diese Formel die Masse und den
sse der Kraft zu wählen. Radius der Erde ein, wobei der Radius näherungsweise
Bild 2.1: Kraft F als freier (a) und gebundener Vektor (b) den Abstand des Schwerpunktes der Erde von dem-

Da die Kräfte meistens geometrisch an einen Ort ge- 2.2 Relevante Kraftarten für die
bunden sind, werden zusätzliche Festlegungen erfor- Tragwerksanalyse
derlich. Häufig wird in Ergänzung zur Richtung und G
Grösse der Kraft auch noch ihr Angriffspunkt ange- Eine erste Art von Kräften, welche auf ein Tragwerk
geben (Bild 2.1b). Da, wie weiter unten gezeigt wird, wirken, sind vom physikalischen Standpunkt aus gese-
eine Verschiebung der Kraft entlang ihrer Achse keinen hen Gravitationskräfte und werden als Lasten bezeich- -G
Einfluss auf die Formulierung der Gleichgewichtsbe- net.
dingungen hat, reicht es in vielen Fällen aus, die Achse
zu kennen auf welcher die Kraft liegt, die so gennante Eine beliebige Masse, z.B. eine Person, ein Stuhl, ein
Wirkungslinie (oder Kraftlinie). Tisch oder ein Teil des Tragwerks wird von der Erde
Bild 2.3: Gravitationskraft am Beispiel einer Person

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structural design 7
Tragwerksentwurf I Kräfte und Gleichgewicht
W
Q
G

Bild 2.4: Veränderliche Last Q und ständige Last G Bild 2.5: Windkraft W Bild 2.6: Durch Erdbebenkräfte beschädigte Brücke in Kobe, 1995

jenigen des Gegenstands auf der Erde beschreibt, so Die auf ein Tragwerk wirkenden Lasten (Gravitations- welche beispielsweise ein Dach zum Abheben bringen
resultiert für die Anziehungskraft des Gegenstands die kräfte), werden in zwei Gruppen unterteilt: kann. Wird angenommen, dass die Windlast gleichmä-
Beziehung ssig über die ebene Fläche verteilt ist, an der sie angreift,
1. die ständigen Lasten G (die Eigenlasten der tra- so stimmt ihr Angriffspunkt mit dem Schwerpunkt die-
G = m ∙ 9.81. genden und nicht tragenden Bauteile, welche zeit- ser Fläche überein.
lich unveränderlich sind) (Bild 2.4)
Diese verknüpft die Last G in [N] linear mit der Masse 2. die veränderlichen Lasten Q (Eigenlasten der Per- Die vier beschriebenen auf ein Tragwerk wirkenden
m in [kg] eines auf der Erde befindlichen Gegenstands; sonen, der Möbel, des Schnees, oder anderer Kraftarten stellen im Sinne der Tragwerkslehre so ge-
dabei ist die Grösse 9.81 mit der Einheit [m/s2] eine Nutzlasten) (Bild 2.4). nannte äussere Kräfte dar und werden als Einwirkungen
Proportionalitätskonstante, welche als Erdbeschleuni- bezeichnet.
gung bezeichnet wird. Wie alle Kräfte wird auch die Zusätzlich können zwei weitere, nicht primär durch die
Last als Gravitationskraft in Newton ausgedrückt. Die- Gravitation bedingte Kraftarten, auf ein Tragwerk ein-
se Messgrösse entspricht einem Kilogramm, multipli- wirken. Es sind dies 2.3 Gleichgewichtsbedingungen zweier Kräfte
ziert mit einem Meter, dividiert durch eine Sekunde im
Quadrat: 3. die Windkräfte W (Bild 2.5) Eine auf der Oberfläche der Erde stehende Person er-
4. die Massenkräfte (Erdbeben, Anprall). fährt nicht nur die Gravitationskraft der Erde. Aus Er-
1 [Newton] = 1 [N] = 1 [kg∙m/s2]. fahrung ist bekannt, dass der Boden die 'aktive' Funktion
Die Windkräfte sind Druck- und Sogkräfte als Folge des
Ein Gegenstand mit einer Masse m von 1 [kg] hat folg- Widerstandes, welchen ein Bauwerk der Windströmung
lich auf der Erde eine Eigenlast G von 9.81 [N], oder entgegensetzt. Die Massenkräfte resultieren dagegen
näherungsweise 10 [N]. Das bedeutet, dass eine Per- aus der Beschleunigung der Massen, welche bei einem
son mit einer Masse von 70 [kg] einer Last G von exakt Erdbeben (Bilder 2.6 und 2.7) oder einem Anprall auf-
686.7 [N] entspricht, also angenähert 700 [N] respek- treten. Diese Einwirkungsarten können grundsätzlich
tive 0.7 [kN]. Die Lasten haben als Angriffspunkt den beliebig gerichtet sein, sie werden in der Tragwerksleh-
Schwerpunkt des Gegenstandes, an dem sie angreifen. re jedoch meist vereinfachend als vorwiegend in hori-
Die Lasten werden im Volksmund als Gewichte be- zontaler Richtung wirkend angenommen. Zusätzlich
zeichnet. ist beim Wind die vertikale Sogkraft zu untersuchen,
Bild 2.7: Erdbeben-Ersatzkraft in einem Brückenquerschnitt

8 prof. schwartz
Kräfte und Gleichgewicht Tragwerksentwurf I
hat, die Person zu halten, indem er eine nach oben ge- system an der Subsystemgrenze entsteht, die gleiche 1. sie gleiche Intensität und
richtete Kraft auf ihre Füsse ausübt. Um diese Kraft Intensität haben müssen (Bild 2.8 a und b). 2. entgegengesetzte Richtung haben und
darstellen zu können, muss die Person im Gedanken 3. auf der gleichen Wirkungslinie liegen.
vom restlichen System Person-Erde abgetrennt werden Um diese Situation zu beschreiben sagt man, dass 'die
(Bild 2.8b). Der abgetrennte Teil des Systems, mit allen Aktion der Reaktion entspricht' (kurz: actio = reactio, Die beiden ersten Bedingungen können in einer gleich-
Kräften, die darauf wirken, wird als Subsystem bezeich- berühmte von Isaac Newton formulierte Gleichung). bedeutenden Bedingung zusammengefasst werden: die
net. Dieses Prinzip gilt immer wenn Subsysteme abgetrennt beiden Kräfte müssen sich vektoriell aufheben. Somit
werden. Es setzt voraus, dass ein Subjekt definiert wird, lauten die verallgemeinerten Gleichgewichtsbedin-
Generell kann festgehalten werden, dass bei einer welches die Aktion ausübt und ein Objekt, welches die gungen zweier Kräfte:
solchen Betrachtung Kräfte sowohl im Inneren des Aktion erleidet und eine Reaktion ausübt. Das Prinzip
Subsystems als auch an den Grenzen des Subsystems gilt auch, wenn das Subjekt und das Objekt miteinander Zwei Kräfte sind miteinander im Gleichgewicht, wenn
vorhanden sind, d.h. überall dort, wo die Subsystem- ausgetauscht werden. Um mögliche Verwirrungen aus-
grenzen das zu untersuchende System von der Umwelt zuschliessen ist es zweckmässig, zu definieren, welcher 1. sie sich im Kräfteplan vektoriell aufheben und
abschneiden. Einzelne dieser Kräfte können in Spezial- Gegenstand welche Kraft auf welchen Gegenstand 2. sie im Lageplan auf der gleichen Wirkungslinie
fällen gleich null sein. ausübt (Kraft der Person auf den Boden oder Kraft des liegen.
Bodens auf die Person).
Im beschriebenen Beispiel ist offensichtlich, dass die Im Kräfteplan werden die Kräfte unabhängig von ihrem
Kraft des Bodens auf die Person, welche beim Ab- Damit die im Bild 2.8b dargestellte Person im Gleich- Angriffspunkt zeichnerisch unter Berücksichtigung ih-
trennen der Person vom Gesamtsystem an der Subsys- gewicht ist, müssen verschiedene Bedingungen erfüllt rer Richtung vektoriell aneinandergereiht, d.h. vektori-
temgrenze entsteht, und die Kraft der Person auf den sein. Die beiden an ihr angreifenden Kräfte sind mit- ell addiert. Sowohl Richtung als auch Intensität müssen
Boden, welche beim Abtrennen der Erde vom Gesamt- einander im Gleichgewicht, wenn somit korrekt übertragen werden, wobei die Länge der
Pfeile proportional zur Intensität der Kraft aufzutragen
ist. Mehrere Kräfte heben sich dann vektoriell auf,
wenn das Ende des zuletzt aufgetragenen Kraftvektors
mit dem Anfang des zuerst aufgetragenen Kraftvektors
übereinstimmt.

Im Lageplan werden die Kräfte unter Berücksichtigung


ihrer Angriffspunkte geometrisch korrekt am physi-
kalischen System dargestellt. Grundsätzlich muss die
Grösse der Kraft nicht massstäblich zu ihrer Intensität
aufgezeichnet werden. Eine qualitative Darstellung ist
ausreichend, die Richtung und Wirkungslinie sollte dage-
gen exakt sein.

Lageplan Kräfteplan
Die Bedeutung der ersten Bedingung (vektorielles Auf-
heben) kann leicht verstanden werden, wenn im Ge-
danken die Kraft unter den Füssen zum Verschwinden
a) Subsystem Erde b) Subsystem Person c) Translationsbewegung d) Rotationsbewegung
gebracht wird. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn eine
Bild 2.8: Gleichgewichtsbedingung am Subsystem

DARCH
structural design 9
Tragwerksentwurf I Kräfte und Gleichgewicht
Person von einem Tisch springt. Dann ist diese nicht Im Bild 2.9 ist ein Baum dargestellt, auf welchen nebst 2.5 Resultierende von zwei parallelen Kräften
mehr im statischen Gleichgewicht, sondern erfährt eine der vertikalen Eigenlast G eine horizontale Windkraft
Translationsbewegung (Bild 2.8c). W wirkt. Die Resultierende R dieser beiden Kräfte wird Falls die beiden Ausgangskräfte parallel gerichtet sind,
vektoriell im Kräfteplan ermittelt, indem eine zu den versagt das unter Abschnitt 2.4 beschriebene Verfah-
Auch die Bedeutung der zweiten Bedingung (gleiche beiden Kräften G und W statisch äquivalente Kraft ren. Die Intensität und die Richtung der Resultierenden
Wirkungslinie) kann einfach verstanden werden. Wenn durch Vektoraddition konstruiert wird. Wie weiter oben lassen sich zwar auch in diesem Fall im Kräfteplan er-
eine Person beim Stehen sich zu stark nach vorne beugt, beschrieben, wird dazu ein Kräftezug aufgezeichnet, mitteln, das Verschieben der Resultierenden in den La-
dann fällt diese nach vorne über, das heisst, der Körper und der Anfangspunkt dieses Kräftezugs mit seinem geplan ist jedoch nicht mehr auf einfache Weise mög-
erfährt eine Rotationsbewegung um den vorderen Punkt Endpunkt verbunden. Beim Aufzeichnen des Kräfte- lich, da der Schnittpunkt der Wirkungslinien der beiden
der Füsse (Bild 2.8d). zugs spielt die Reihenfolge grundsätzlich keine Rolle. parallelen Ausgangskräfte im Unendlichen liegt.
Die Intensität der resultierenden Kraft kann unter der
Bedingung, dass die beiden Ausgangskräfte proportio- Im Bild 2.10 wird für den Fall zweier unterschiedlich
2.4 Resultierende von zwei beliebig nal zu ihrer Intensität aufgezeichnet worden sind, aus grosser, gleich gerichteter Kräfte gezeigt, nach welcher
gerichteten Kräften dem Kräfteplan herausgemessen werden. Der Kräfte- Gesetzmässigkeit der Schnittpunkt sich ins Unendliche
plan liefert zudem die Richtung der Resultierenden. verschiebt, wenn die Neigung der zweiten Kraft pro-
Im zuvor behandelten Beispiel (Bild 2.8) wurde gezeigt, gressiv von der Horizontalen in die Vertikale verdreht
dass eine der beiden verallgemeinerten Gleichgewichts- Die so ermittelte Resultierende wird anschliessend wird. Die senkrecht zu den Ausgangskräften gemes-
bedingungen verlangt, dass sich die Kräfte vektoriell parallel in den Lageplan verschoben. Ihre Wirkungslinie senen Abstände zur Wirkungslinie der Resultierenden
aufheben. Im Kräfteplan wurden die Kräfte aneinan- muss durch den Schnittpunkt der beiden Ausgangskräf- verhalten sich umgekehrt proportional zu den Intensi-
dergereiht. Wenn allgemein der Anfangspunkt der zu- te verlaufen. Nur so kann gewährleistet werden, dass die täten der beiden Ausgangskräfte. Für den Fall von zwei
erst aufgetragenen Kraft mit dem Endpunkt der zuletzt Resultierende statisch äquivalent zu den Ausgangskräf- parallelen Kräften wird dieses Resultat auch als Hebel-
aufgetragenen Kraft verbunden wird, resultiert ein neu- ten ist, d.h. dass das System entlang der Wirkungslinie gesetz bezeichnet. Im Bild 2.10 wird rechts schematisch
er Kraftvektor. Wird dieser im Lageplan auf einer Wir- der Resultierenden eine Translation und keine Rotation gezeigt, wie die Lage der Wirkungslinie der Resultie-
kungslinie angeordnet, welche durch den Schnittpunkt erfährt. renden in diesem Fall geometrisch konstruiert werden
der Wirkungslinien der beiden Ausgangskräfte verläuft, kann. Weiter sind die analogen Überlegungen für zwei
so hat dieser neue Kraftvektor die gleiche statische Wir-
kung wie die beiden aneinander gereihten Kräfte. Die-
ser neue Kraftvektor wird als Resultierende der beiden
Kräfte bezeichnet.

Die Resultierende ist statisch äquivalent zu den beiden


Ausgangskräften. Es kann somit gefolgert werden, dass W
zwei Kräfte, welche miteinander im Gleichgewicht sind,
eine Resultierende gleich null haben. Diese hat keine R
beschleunigende Wirkung auf den Körper, an dem sie G
G
angreift. Wenn die beiden Ausgangskräfte zusätzlich R
auf der gleichen Wirkungslinie liegen, erzeugen sie kei- W
ne Rotationsbewegung, und somit liegt ein Gleichge-
wichtszustand vor.
Bild 2.9: Resultierende als statisch äquivalente Kraft von zwei Kräften in allgemeiner Lage

10 prof. schwartz
Kräfte und Gleichgewicht Tragwerksentwurf I
a
β
b
α
α β
β α F2
P R
a
β
F1
b α

a
F2 F2 F2
b a a a b a b
b
b
R F1 F1 F2 a F1
F1 = b

R
R
G

F2 a
F2 b
b F1 = b
b b
a a a a
b R
R a F1 F1 F2 F1 F2

F2
P F1
R
Bild 2.10: Resultierende von zwei parallelen Kräften

DARCH
structural design 11
Tragwerksentwurf I Kräfte und Gleichgewicht
Im dritten Schritt werden im Kräfteplan die Anfangs- gefasst werden. Im Bild 2.12 ist eine Staumauer dar-
F2 F2 und Endpunkte der beiden Ausgangskräfte mittels gestellt an der die Eigenlast und eine Wasserkraft an-
R Strahlen mit dem beliebig gewählten Pol P verbunden. greifen. Das Gleichgewicht erfordert eine dritte Kraft
Abschliessend wird zuerst der mittlere Strahl in den an der Subsystemgrenze der Staumauer. Durch die Bil-
F1 F1
Lageplan verschoben. Die zwei äusseren Strahlen des dung der Resultierenden R der beiden Ausgangskräfte
Kräfteplans werden dann so in den Lageplan übertra- wird dieser Fall auf den Fall der Gleichgewichtsbedin-
gen, dass sie durch die beiden Schnittpunkte des ersten gungen zweier Kräfte zurückgeführt. Die Kraft, welche
Strahls mit den Wirkungslinien der Ausgangskräfte ver- der Baugrund auf das Tragwerk ausübt, kann somit
laufen. Die Wirkungslinie der Resultierenden verläuft eindeutig ermittelt werden. Ihre Wirkungslinie muss of-
im Lageplan durch den Schnittpunkt der beiden zuletzt fensichtlich durch den Schnittpunkt der Wirkungslinien
aufgetragenen Strahlen. der beiden Ausgangskräfte verlaufen. Somit lauten die
F2 F2
verallgemeinerten Gleichgewichtsbedingungen dreier
R Kräfte:
F1 P F1 2.6 Gleichgewicht von drei beliebig
(beliebig) gerichteten Kräften Drei Kräfte sind miteinander im Gleichgewicht, wenn

Die Bedingungen, welche erfüllt sein müssen, damit 1. sie sich im Kräfteplan vektoriell aufheben und
R drei beliebig gerichtete Kräfte miteinander im Gleich- 2. ihre Wirkungslinien sich im Lageplan in einem
gewicht sind, können einfach hergeleitet werden indem Punkt schneiden.
Lageplan Kräfteplan
zwei dieser Kräfte zu einer Resultierenden zusammen-
Bild 2.11: Ermitteln der Resultierenden von zwei parallelen Kräften
mit Hilfe des Seilpolygon-Verfahrens

parallele, unterschiedlich grosse und entgegengesetzt


gerichtete Kräfte dargestellt. In diesem Fall liegt die
Resultierende nicht mehr zwischen, sondern ausserhalb
der beiden Ausgangskräfte. W W
R
In Bild 2.11 ist das Vorgehen zur Ermittlung der Resul-
tierenden detailliert beschrieben. Im ersten Schritt wer-
den die beiden Ausgangskräfte im Lageplan dargestellt.
Im zweiten Schritt werden im Kräfteplan die Intensität G G
und die Richtung der Resultierenden ermittelt. Dabei W
wird die Reihenfolge der Ausgangskräfte so festgelegt, -R -R
dass die Kräfte im Lageplan von rechts nach links zu be-
rücksichtigen sind. Diese erste Konvention wird einge- G
führt, um die Lesbarkeit der graphischen Lösung zu -R
verbessern. Die Intensität und Richtung der zu ermit-
telnden Resultierenden wird dadurch nicht beeinflusst.
Bild 2.12: Gleichgewicht von drei beliebig gerichteten Kräften

12 prof. schwartz
Kräfte und Gleichgewicht Tragwerksentwurf I
Im Lageplan werden die Kräfte unter Berücksichtigung F3 wird gezeigt, wie das schrittweise Verfahren mit Hilfs-
ihrer Angriffspunkte geometrisch korrekt am physika- F2 resultierenden gemäss Abschnitt 2.7 auch im Fall paral-
lischen System dargestellt. Im Kräfteplan werden die leler Kräfte angewendet werden kann.
Kräfte unabhängig von ihrem Angriffspunkt zeichne- R 12
risch unter Berücksichtigung ihrer Richtung vektoriell an- R Im Abschnitt 2.5 wurde bereits gezeigt, wie im Fall von
einandergereiht, d.h. vektoriell addiert. Mehrere Kräfte F1 zwei parallelen Kräften die Lage der Resultierenden im
heben sich dann vektoriell auf, wenn der Kräftezug ge- F1 F2 Lageplan auf der Basis des Hebelgesetzes graphisch
schlossen ist, d.h. das Ende des zuletzt aufgetragenen Kräfteplan mit Hilfe des Strahlensatzes ermittelt werden kann. Aus
Kraftvektors mit dem Anfang des zuerst aufgetragenen R 12 den Bildern 2.10 und 2.11 geht dabei hervor, dass bei
Kraftvektors übereinstimmt. F3 der graphischen Anwendung des Strahlensatzes im La-
geplan die Verbindungslinie der beiden Ausgangskräfte
Die erste Bedingung (vektorielles Aufheben) stellt wie- nicht unbedingt horizontal aufgetragen werden muss.
derum sicher, dass das Bauwerk keine Translationsbe- Verschiebt man daher den Strahl um Pol P1 zwischen
wegung erfährt, und die zweite Bedingung (gemein- der ersten Zwischenresultierenden R12 und der Kraft F3
samer Schnittpunkt der Wirkungslinien) schliesst eine zum Strahl um Pol P2 zwischen den Kräften F1 und F2,
Rotationsbewegung des Bauwerkes aus. Lageplan R so erhält man eine wesentlich geordnetere Darstellung
im Kräfteplan (Bild 2.14b).

2.7 Resultierende von drei und mehreren Mit Hilfe dieser Betrachtungen haben wir das so ge-
beliebig gerichteten Kräften nannte Seilpolygon-Verfahren hergeleitet, welches sowohl
Bild 2.13: Resultierende von drei und mehreren beliebig gerichteten bei parallelen als auch bei beliebig gerichteten Kräften
Ein erstes, etwas schwerfälliges Verfahren zur Ermitt- Kräften zur Ermittlung der Resultierenden angewendet werden
lung der Resultierenden von drei und mehreren Kräften kann. Im Kräfteplan wird nach vektorieller Addition
besteht in einem schrittweisen Vorgehen (Bild 2.13). zweiten Schritt wird die gesuchte Resultierende R auf der Ausgangskräfte ein Pol P frei gewählt. Vom Pol
Die Kräfte werden im Kräfteplan vektoriell addiert, analoge Weise als resultierende Kraft von R12 und F3 im aus werden Strahlen zu den Anfangs- und Endpunkten
wobei die Reihenfolge wiederum so festgelegt wird, Lageplan dargestellt. Dieses Verfahren kann für die Er- der Ausgangskräfte aufgezeichnet. Anschliessend wer-
dass die Kräfte im Lageplan von rechts nach links zu mittlung der Resultierenden von beliebig vielen Kräften den diese Strahlen in den Lageplan so übertragen, dass
berücksichtigen sind. benützt werden. Im Allgemeinen sind zur Ermittlung sich die zwei im Kräfteplan auf die jeweilige Kraft zu-
der Resultierenden von n Kräften n-1 Zwischenschritte laufenden Strahlen im Lageplan mit der Wirkungslinie
Nach der vektoriellen Addition der drei Ausgangskräfte erforderlich. Eine elegantere Methode wird im folgen- der entsprechenden Kraft in einem Punkt schneiden.
kann die Resultierende im Kräfteplan wiederum durch den Abschnitt vorgestellt. Im Lageplan entsteht somit ein an den Wirkungslini-
Verbinden des Anfangspunktes der ersten Kraft mit en der Ausgangskräfte geknickter Strahlenzug, welcher
dem Endpunkt der letzten Kraft eindeutig bestimmt als Seilpolygon bezeichnet wird. Die Wirkungslinie
werden. Mehr Mühe bereitet die Ermittlung der Lage 2.8 Resultierende von drei und mehreren der Resultierenden muss dabei im Lageplan durch den
ihrer Wirkungslinie im Lageplan. Diese wird mit Hilfe parallelen Kräften Schnittpunkt des ersten und des letzten Strahles des
von Zwischenresultierenden bestimmt. Die Wirkungs- Seilpolygons verlaufen, bilden doch diese beiden Strah-
linie der ersten Zwischenresultierenden R12 verläuft im Genau wie bei der Ermittlung der Resultierenden von len im Kräfteplan zusammen mit der Resultierenden
Lageplan durch den Schnittpunkt der Wirkungslinien zwei Kräften, versagt das unter Abschnitt 2.7 vorge- ein Kräftedreieck.
ihrer statisch äquivalenten Kräfte F1 und F2. In einem stellte Verfahren im Fall paralleler Kräfte. In Bild 2.14a

DARCH
structural design 13
Tragwerksentwurf I Kräfte und Gleichgewicht
Das Seilpolygon hat, wie im Kapitel 3 gezeigt wird,
eine physikalische Bedeutung, welche seinen Namen
F1 F2 begründet. Wie bereits erwähnt, kann das Seilpolygon-
F3
F3 verfahren auch zur Ermittlung der Resultierenden von
P2 R beliebig gerichteten Kräften angewendet werden.

F2
P1 2.9 Innere Zugkräfte
R 12 F1 R 12
Alle bisher behandelten Kräfte sind im Sinne der Trag-
werkslehre so genannte äussere Kräfte. Sowohl die
Eigenlasten, die Nutzlasten, die Windkräfte, die Mas-
R senkräfte als auch die an den Subsystemgrenzen vor-
handenen Reaktionskräfte können als Einwirkungen
a) Zwischenresultierenden mittels betrachtet werden, welche auf das mit dem Subsystem
Hebelgesetz abgetrennte Tragelement wirken. Alle äusseren Kräfte
werden in diesem Manuskript mit grüner Farbe dar-
gestellt. Diese äusseren Kräfte rufen im Inneren des
Tragelementes sogenannte innere Kräfte hervor, wel-
che zum Beispiel zum Bruch des Tragelementes führen
können.
F2 F3
F3 Auf das Seil der im Bild 2.15 dargestellten Pendelleuch-
R
te PH5 von Poul Henningsen wirken die vom Lam-
F1 penkörper und von der Deckenbefestigung ausgeübten
P F2 Kräfte. Das Seil überträgt die Kraft vom Lampenkörper
zur Decke und umgekehrt. Mit anderen Worten kann
R 12 F1 R 12 gesagt werden, dass das Seil vom Lampenkörper und
von der Deckenbefestigung gezogen wird.

Um die Bedeutung der inneren Kraft besser zu ver-


stehen soll vereinfacht angenommen werden, dass die
R
Masse des Seiles verglichen mit derjenigen des Lampen-
körpers vernachlässigbar ist. Bei der Betrachtung des
b) Seilpolygonverfahren Subsystems Seil kann man sich vorstellen, es bestehe
eine Kraftübertragung durch das Seil welches auf Zug
beansprucht ist. Das Seil kann in weitere Subsysteme
zerlegt und diese untersucht werden. Alle angreifenden
Bild 2.14: Resultierende von drei und mehreren paralellen Kräften Kräfte müssen dabei die gleiche Intensität haben, d.h.

14 prof. schwartz
Kräfte und Gleichgewicht Tragwerksentwurf I
Z

Z
Z

Z
G

G
Bild 2.15: Innere Zugkräfte an der Pendelleuchte PH5 von Poul Henningsen, 1958

jeder Teil ist der gleichen Beanspruchung unterworfen, Z ist die innere Kraft und G die äussere Last, welche 2.10 Innere Druckkräfte
unabhängig von seiner Länge und seinem Querschnitt. auf das Seil wirkt. Nach Konvention wird die innere
Quantitativ kann die innere Zugkraft Z des Seiles defi- Zugkraft mit positivem Vorzeichen behaftet. In diesem Auf den Stab der im Bild 2.16 dargestellten Stehleuchte
niert werden als die Kraft, welche von einem Ende des Manuskript werden die inneren Zugkräfte mit roter Far- PH80 von Poul Henningsen wirken die vom Lampen-
Seiles zum anderen übertragen wird. Im vorliegenden be dargestellt; in der Folge werden alle auf Zug bean- körper und vom Lampenfuss ausgeübten Kräfte. Der
Fall ist das die Gravitationskraft G welche die Erde auf spruchten Tragelemente mit roter Farbe versehen, um Stab überträgt die Kraft vom Lampenkörper zum Lam-
den Lampenkörper ausübt und umgekehrt, also die Übertragung der inneren Kraft von einem Ende des penfuss und umgekehrt. In diesem Fall kann man davon
Tragelementes zum anderen zu veranschaulichen. sprechen, dass der Stab vom Lampenkörper und vom
Z = G gemessen in [N] resp. [kN] Lampenfuss gedrückt wird. Wie zuvor soll angenom-

DARCH
structural design 15
Tragwerksentwurf I Kräfte und Gleichgewicht
D
G
D

D
D

D D

Bild 2.16: Innere Druckkraft an der Stehleuchte PH80 von Poul Henningsen, 1974

men werden, dass die Masse des Stabes verglichen mit als die Kraft, welche von einem Ende des Stabes zum Druckkraft mit negativem Vorzeichen behaftet. In die-
derjenigen des Lampenkörpers vernachlässigbar ist. anderen übertragen wird. Im vorliegenden Fall ist das sem Manuskript werden die inneren Druckkräfte mit
die Gravitationskraft G, welche die Erde auf den Lam- blauer Farbe dargestellt; in der Folge werden alle auf
Auch hier kann man sich bei der Betrachtung des Sub- penkörper ausübt und umgekehrt. Druck beanspruchten Tragelemente mit blauer Farbe
systems Stab vorstellen, es bestehe eine Kraftübertra- versehen, um die Übertragung der inneren Kraft von
gung durch den Stab welcher auf Druck beansprucht D = – G gemessen in [N] resp. [kN] einem Ende des Tragelementes zum anderen zu ver-
ist. Dies kann wiederum mit Hilfe zusätzlicher Subsys- anschaulichen. So wie die äusseren Kräfte als Einwir-
teme veranschaulicht werden. Wie zuvor kann quantita- D ist die innere Kraft und G die äussere Last, welche kungen bezeichnet werden, redet man bei den inneren
tiv die innere Druckkraft D des Stabes definiert werden auf den Stab wirkt. Aus Konvention wird die innere Kräften von Auswirkungen.

16 prof. schwartz
Kräfte und Gleichgewicht Tragwerksentwurf I
3 Seile

Im Kapitel 2 wurden die Begriffe der äusseren und in- Sei hierzu ein mit seinen beiden Enden auf gleicher
neren Kraft eingeführt und es wurde gezeigt, dass die Höhe festgebundenes Seil in der Feldmitte durch eine
inneren Kräfte eine Folge der äusseren Kräfte sind. Zu- Last Q beansprucht. Die Eigenlasten des Seiles werden
dem wurden die Begriffe der inneren Druckkraft und zunächst einmal vernachlässigt. Zur Untersuchung der
der inneren Zugkraft eingeführt. Allgemein lassen sich Tragwirkung des Seiles wird dieses im Lageplan mass-
in Bezug auf die Wirkungslinie der äusseren Kraft drei stäblich dargestellt (Bild 3.2a). Die Neigungen der bei-
unterschiedliche innere Fälle unterscheiden: den Seilsegmente müssen dabei der Wirklichkeit ent-
sprechen. Aus Erfahrung ist bekannt, dass das Seil sich
1. Wirkt die äussere Kraft in der Achse des Tragele- unter dem Einfluss der Last nach unten verformt, um
mentes und ist weg von diesem gerichtet, so wird eine Gleichgewichtslage zu finden und dabei die Form
eine innere Zugkraft erzeugt. Beispielhaft hierfür eines Dreiecks annimmt.
ist die Tragwirkung von Seilen (Kapitel 3 und 4) Bild 3.1: Seiltänzer
2. Wirkt die äussere Kraft in der Achse des Trage-
lementes und ist auf dieses zu gerichtet, so wird a) äussere Kräfte
l
eine innere Druckkraft erzeugt. Exemplarisch
lässt sich dies an Bögen untersuchen. (Kapitel 6 B A B
und 7) Q
3. Wirkt die äussere Kraft in eine beliebige Richtung
A

f
bezüglich der Achse des Tragelementes so wird
neben einer möglichen inneren Zugkraft respekti-
ve Druckkraft auch eine so genannte Biegung er- Q
zeugt. Diese Art der Tragwirkung spielt bei Fach- b) innere Kräfte
werken, Balken, Rahmen oder schlanken Stützen
BH AV BV
eine Rolle. (Kapitel 10 bis 15).
BV K3 A B
Z2
K1 Q S1 S2
Z1 AH BH
3.1 Tragwirkung eines Seiles unter AV K2
K2 K1 K3
einer konzentrierten Einzellast AH
Z1 Q Z2
Seile sind nach obiger Klassifikation Tragelemente, die
lediglich Kräfte in Seilrichtung, also innere Zugkräfte, AV BV
übertragen können. Der einfachste Fall einer solchen c) Gesamtsystem
Belastung wurde bereits in Abschnitt 2.9 behandelt. In
Bild 3.1 ist ein Seiltänzer dargestellt, welcher auf einem AH BH
Seil läuft und somit von diesem getragen wird. Da das
Gewicht des Tänzers eine äussere Kraft erzeugt welche Z1 Z2
nicht axial gerichtet ist, muss die Tragwirkung des Seiles
Q
einer eigenen Logik folgen welche im Folgenden genau-
er untersucht werden soll.
Bild 3.2: Seil mit einer Last

DARCH
structural design 17
Tragwerksentwurf I Seile
Die Geometrie dieses Tragwerks ist im Lageplan de- 5 kN
5 kN
finiert durch den Abstand der beiden Auflagerpunk- (10 kN) (10 kN)
te und der Differenz der Höhe des tiefsten und des
12.5 kN 12.5 kN
höchsten Punktes des Seiles. Im technischen Sprachge- (25 kN) (25 kN) 12.5(25)
13.5 kN
brauch wird die Länge l als Spannweite und die Höhe f (27 kN 13.57 kN) (27)
als Pfeilhöhe bezeichnet. kN) (2 5 (10) 13.5
13.5 10 (20)
Um die Tragwirkung des Seiles zu verstehen, wird zu- (27)
a) einfache und doppelte Last 5 (10)
erst ein Subsystem gebildet (Bild 3.2a), welches die bei- 10 kN
(20 kN) 12.5 (25)
den Seilsegmente und die Last Q beinhaltet. An den 5 kN 5 kN
Subsystemgrenzen wirken die beiden Auflagerkräfte A
und B in Richtung der entsprechenden Seilsegmente. 6.2 kN 6.2 kN 6.2
Diese beiden Kräfte werden parallel in den Kräfteplan 5
übertragen; dabei ergeben sich ihre Intensitäten aus 7.9
10
der Bedingung, dass sie mit der Kraft Q im Gleich- 7.9
gewicht sein müssen, d.h. die drei Kräfte Q, A und B 5
7.9 N
sich vektoriell aufheben müssen. Dabei wird betreffend b) doppelte Pfeilhöhe kN 7.9k 6.2
Reihenfolge der Aufzeichnung der Kräfte die weitere
Konvention eingeführt, dass die Kräfte im Lageplan im 10 kN
Uhrzeigersinn berücksichtigt werden. Die drei Kräfte Q, 7.5 kN
A und B sind die äusseren am Seil angreifenden Kräfte. 2.5 kN
9.3 kN 9.3 kN 9.3
Im Weiteren sollen die inneren Kräfte des Seiles unter-
sucht werden (Bild 3.2b). Zu diesem Zweck wird zuerst 2.5
9.6
ein Subsystem K1 abgetrennt, welches den Seiltänzer, 12 12 10
kN
dargestellt durch die Last Q, und zwei kurze Teile des 9.6 kN 7.5
Seiles beinhaltet. An den Grenzen des Subsystems c) Last im Viertelspunkt 10 kN
werden die inneren Kräfte Z1 und Z2 in Richtung der 9.3
entsprechenden Seilsegmente eingeführt. Diese Kräfte 5.3 kN
werden vom Seil auf den Knoten ausgeübt und daher 3.4 kN
als innere Knotenkräfte bezeichnet. Sie werden wie-
derum so in den Kräfteplan übertragen, dass die erste 8.5 kN 13.4 kN 13.4
Gleichgewichtsbedingung, das vektorielle Aufheben der 9.2 kN
Kräfte, erfüllt ist. Die zweite Gleichgewichtsbedingung,
kN
14.4 5.6 14.4
der Schnitt der Wirkungslinien der drei Kräfte in einem 9.2 10
d) schräg angreifende Kraft
gemeinsamen Punkt, verlangt, dass der Schnittpunkt 3.3
der beiden Seilsegmente auf der Wirkungslinie der 8.5
Schwerkraft der aufgehängten Masse liegen muss. Die 10 kN
Intensitäten der inneren Kräfte Z1 und Z2 werden aus
Bild 3.3: Einfluss der Spannweite, der Pfeilhöhe und der äusseren Kraft auf die Seilgeometrie

18 prof. schwartz
Seile Tragwerksentwurf I
dem Kräftedreieck herausgemessen. Wegen der Sym- ergänzt. Beim rechten Auflager wird analog vorgegan- Um den Einfluss der Seilgeometrie zu veranschau-
metrie des Systems sind die inneren Kräfte auf beiden gen. Aus Symmetriegründen sind die Intensitäten der lichen, wird die Pfeilhöhe f verdoppelt (Bild 3.3b). In-
Seiten des Knotens selbstverständlich gleich gross. Auflagerkräfte identisch (AH = BH und AV = BV). Die folge der grösseren Neigungen der beiden Seilsegmente
Hälfte der Last wird zum linken Auflager (AV) und die verändern sich die Kräftedreiecke der drei Subsyste-
Unter dem Begriff Knoten wird im Allgemeinen ein andere Hälfte zum rechten Auflager (BV) abgetragen. me und somit auch der Cremonaplan. Die vertikalen
Subsystem verstanden, dessen Abmessungen gegen Kräfte bei den Auflagern sind gleich geblieben, d.h. zu
Null streben. Wie in der Einleitung zu diesem Kapitel Im Bild 3.2b sind die drei Kräftedreiecke der Knoten jedem Auflager wird nach wie vor die Hälfte der Last
beschrieben, erkennt man durch Inspektion des Lage- K1, K2 und K3 so aneinandergesetzt worden, dass die übertragen. Die inneren Kräfte im Seil haben dagegen
plans, ob in einem Seilsegment eine innere Druck- oder Kräfte Z1 und Z2 deckungsgleich sind. Der entstande- abgenommen, und deshalb haben sich auch die beiden
eine innere Zugkraft vorhanden ist: zieht die wirkende ne Kräfteplan wird nach dem italienischen Ingenieur horizontalen Auflagerkräfte halbiert.
Knotenkraft am Subsystem bzw. am Knoten (innere Antonio Luigi Cremona (1830-1903) häufig auch als
Zugkraft im Tragelement) oder drückt sie gegen das Cremonaplan bezeichnet. Dieser spielt in der graphi- Die Tatsache, dass die Pfeilhöhe variiert werden kann,
Subsystem bzw. den Knoten (innere Druckkraft im schen Statik eine wichtige Rolle. Um die Darstellung ist eine wesentliche Erkenntnis für den Tragwerksent-
Tragelement). des Cremonaplanes zu vereinheitlichen, wird weiterhin wurf. Es ist somit zu einer gegebenen Lastkonfigurati-
die eingeführte Konvention befolgt, dass die Kräfte im on eine ganze Familie von Seilgeometrien möglich (vgl.
Anschliessend werden mit weiteren Subsystemen S1 Kräfteplan in derjenigen Reihenfolge aufzutragen sind, Abschnitt 3.4). Durch die Variation der Pfeilhöhe wird
und S2 die beiden Seilsegmente untersucht. Aus dem welche sich ergibt, wenn die Kräfte des Lageplans im Uhr- jedoch nicht nur die Geometrie des Seiles verändert,
Bild 3.2b ist ersichtlich, dass aus Gleichgewichtsgrün- zeigersinn berücksichtigt werden. sondern es werden auch die inneren Kräfte im Seil und
den an den beiden Enden der Seilsegmente die Kräfte die horizontalen Auflagerkräfte beeinflusst.
Z1 bzw. Z2 angreifen müssen. Die Seilkräfte stimmen Als Resultat der Untersuchung können die Art der inne-
betreffend Intensität und Wirkungslinie mit den Kno- ren Kräfte (Zug im Seil), die Intensitäten und die Auf- Wenn nicht nur die Pfeilhöhe f sondern gleichzeitig
tenkräften überein, weisen aber in der Darstellung die lagerkräfte im Lageplan dargestellt werden (Bild 3.2c). auch die Spannweite l halbiert wird, resultiert ein Seil
entgegengesetzte Richtung auf. Es ist zu bemerken, dass bei diesem aus Seilsegmenten mit der halben Länge und der gleichen Neigung wie das
zusammengesetzten Tragwerk alle Seilsegmente auf ursprüngliche Seil im Massstab 2:1. In diesem Fall blei-
Durch sinnvolles Bilden weiterer Subsysteme K2 und Zug beansprucht sind. ben, wie aus dem Cremonaplan ersichtlich, die Kräfte
K3 können auf analoge Weise auch die Kräfte unter- und die Beanspruchungen des Seiles unverändert.
sucht werden, welche das Seil auf die Auflagerpunkte
ausübt. Auch in diesen beiden Punkten stimmen die 3.2 Beeinflussung der inneren Kräfte durch Es ist somit offensichtlich, dass bei gegebener Lastgeo-
Seilkräfte mit den Knotenkräften bezüglich Intensi- Last und Geometrie des Tragwerks metrie die inneren Kräfte und die Auflagerkräfte nur
tät und Wirkungslinie überein. Das Gleichgewicht am vom Verhältnis l/f und von der Intensität der Last ab-
Knoten K2 verlangt, dass zusätzlich zu Z1 eine Aufla- Bei gleich bleibender Seilgeometrie werden die inneren hängen. Das Verhältnis l/f wird als Schlankheit des Trag-
gerkraft A gemäss Bild 3.2a angreift. Diese Kraft wird Seilkräfte und die Auflagerkräfte proportional von der werks bezeichnet.
üblicherweise in eine horizontale Komponente AH und Intensität der angreifenden Last beeinflusst. Die Kräf-
in eine vertikale Komponente AV aufgeteilt, deren Wir- te verdoppeln sich, wenn die Intensität der Last ver- Greift die Last dagegen bei gleich bleibender Spann-
kungslinien sich im Lageplan mit der Wirkungslinie der doppelt wird und umgekehrt. Zur Veranschaulichung weite und Pfeilhöhe nicht mehr in der Mitte des Seiles
Kraft Z1 in einem Punkt, nämlich dem theoretischen dieser Tatsache sind im Bild 3.3a die Seil- und Aufla- sondern im Viertelspunkt an, so wird aus dem Cremo-
Auflagerpunkt, schneiden müssen. Das entsprechende gerkräfte eines Seiles unter einer Last von 10 kN denje- naplan ersichtlich, dass sich die inneren Kräfte des Sei-
Kräftedreieck zur Ermittlung von Grösse und Richtung nigen unter einer Last von 20 kN (Werte in Klammern) les und die Auflagerkräfte verändern (Bild 3.3c). Es wird
dieser Auflagerkraftkomponenten wird im Kräfteplan gegenübergestellt. nun ein grösserer Anteil der Last zum näher gelegenen

DARCH
structural design 19
Tragwerksentwurf I Seile
Auflager hin abgetragen. Die vertikale Komponente l/4 l/2 l/4
der entsprechenden Auflagerkraft beträgt dann 3/4 der
gesamten Last Q, während der verbleibende Anteil der
Last, nämlich 1/4 von Q, zum anderen Auflager ab-
getragen wird. Die beiden horizontalen Auflagerkräfte
bleiben dagegen gleich. Dies ist dann der Fall, wenn die

f
a) Systemgeometrie
Lasten vertikal wirken.
5 kN 5 kN
Auch im allgemeinen Fall einer in eine beliebige Rich-
tung wirkenden Kraft (Bild 3.3d) kann wie oben be-
schrieben vorgegangen werden. Die zweite Gleichge-
wichtsbedingung verlangt nach wie vor, dass sich die
beiden geraden Segmente des Seiles in einem Punkt mit
der Wirkungslinie des Seiles schneiden müssen. Wie
kN
aus dem Cremonaplan ersichtlich ist, haben dabei die 11.2
beiden horizontalen Auflagerkräfte, im Gegensatz zum R=10 kN
5 kN R = 10 kN 5 kN
Fall mit vertikaler Last, jedoch nicht mehr die gleiche b) Subsystem des Mittelstücks
11.2
Intensität. kN

5 kN 5 kN
3.3 Tragwirkung eines Seiles unter zwei
vertikalen Lasten
10 kN K1 K4 10 kN 10 kN
Gegeben sei ein Seil unter zwei gleich grossen vertikalen K4
Lasten Q = 5 [kN], welche in 1/4 und 3/4 der Spann- 10 kN 5 kN 5 kN
11.2 K2 K3 N K3
kN k
weite angreifen (Bild 3.4a). Das Seil nimmt unter diesen 11.2
Bedingungen eine aus drei Segmenten bestehende po- 5 kN K 2 5 kN
c) Innere und äussere Kräfte K1
lygonale Form an. Infolge der symmetrischen Ausbil- 5 kN 5 kN
dung des Seiles verläuft das mittlere Seilsegment dabei R = 10 kN 10 kN
parallel zur Verbindungslinie der beiden Auflager.

Zur Untersuchung des Systems können die Subsysteme


K1, K2, K3 und K4 eingeführt werden (Bild 3.4c). Aus 11.2 kN
dem zugehörigen Cremonaplan geht eindeutig hervor, kN 11.2
10 kN 10 kN
dass jede der beiden Lasten einzig zum näher gelegenen
d) Knotengleichgewichte
Auflager hin abgetragen wird, und dass die innere Kraft 5 kN 5 kN
des mittleren Seilsegmentes der horizontalen Auflager- K2 K3
kraft entspricht.

Bild 3.4: Seilkräfte und Seilform bei zwei vertikalen Lasten

20 prof. schwartz
Seile Tragwerksentwurf I
Es fällt auf, dass der Kräfteplan sehr ähnlich ist wie der- Im zweiten Schritt wird ein Seil konstruiert, welches Dazu werden in einem dritten Schritt die Seilzwischen-
jenige des Seiles mit einer in Feldmitte wirkenden Last durch die Auflager verläuft und in der Lage ist, die segmente konstruiert und deren inneren Kräfte ermit-
von 10 [kN]. Unter der Bedingung, dass die Resultie- Resultierende R zu tragen (Bild 3.5b). Dabei kann die telt. Sowohl die Geometrie als auch die inneren Seil-
rende R = 2·Q = 10 [kN] der beiden Lasten in Feldmit- Pfeilhöhe des gestrichelt eingezeichneten Seiles unter kräfte verändern sich sprungartig an den Punkten, an
te wirkt, und die Pfeilhöhe 2·f beträgt, weisen die bei- R frei gewählt werden. Wie beim Beispiel im Abschnitt welchen die Wirkungslinien der Lasten das Seil schnei-
den äusseren Seilsegmente die gleichen inneren Kräfte 3.3 stimmt auch in diesem Fall im Bereich der beiden den. In diesen Punkten wird das Seil umgelenkt. So-
auf wie das Seil unter den beiden Lasten Q, und auch Auflager die Geometrie des Seiles unter R überein mit wohl die Neigung der Seilzwischensegmente als auch
die Auflagerkräfte sind gleich. Dieser Sachverhalt ist in derjenigen des Seiles unter den vier Lasten. Die inne- die Intensität der zugehörigen inneren Kräfte können
den Bildern 3.4b und 3.4c dargestellt. Wird nämlich der ren Kräfte Z1 und Z5 können somit im Cremonaplan aus dem Cremonaplan herausgelesen werden und hier-
mittlere Bereich des Seiles mit den beiden Lasten zu eindeutig mit Hilfe des Kräftedreiecks R - Z1 - Z5 (vgl. durch die Seilzwischensegmente progressiv im Lage-
einem einzigen Subsystem zusammengefasst, so spielt Kräfteplan) ermittelt werden. Aus diesem Dreieck kön- plan konstruiert werden. Dabei ist zu beachten, dass
es keine Rolle mehr, ob die beiden Kräfte Q oder de- nen dann im Cremonaplan schrittweise die Auflager- die einzelnen Dreiecke im Cremonaplan das Knoten-
ren Resultierende R = 2·Q berücksichtigt werden. Es ist kräfte bestimmt und in den Lageplan übertragen wer- gleichgewicht in den entsprechenden Umlenkpunkten
lediglich darauf zu achten, dass die Achsen der beiden den. des Lageplanes beschreiben.
äusseren Seilsegmente sich mit der Wirkungslinie der
Resultierenden R in einem Punkt schneiden müssen. B
Q4 Q4
A Q1
Wie weiter unten gezeigt, wird diese Art der Betrach-
Q2 Q3
tung mittels Resultierender zur Lösung des allgemeinen
Falles eines Seiles unter zwei oder mehreren beliebig Q3
P R
grossen und beliebig gerichteten Kräften, sowie eines
Seiles unter verteilten Lasten herangezogen. Q2
R
a)

3.4 Tragwirkung eines Seiles unter mehreren Q1


beliebig gerichteten Lasten Q1

Gesucht werden die Form sowie die inneren Kräfte und Z1 BV BH


Z2
die Auflagerkräfte eines Seiles, welches in der Lage ist, K1
die vier in Bild 3.5 dargestellten, beliebig gerichteten AV BH Z5
Kräfte zu den gegebenen Auflagern abzutragen. Das AH Q4
Lösungsverfahren stützt sich auf die im vorigen Ab- Q1 Q2 Q3 BV Z4
schnitt 3.3 beschriebenen Betrachtungen. Z4 Z5 R
Z2 Z3 Z3
Z1
Zuerst wird die Resultierende R der Lasten entweder Z2
K1 R K1
schrittweise gemäss Abschnitt 2.10 oder mit Hilfe eines b)
Seilpolygons gemäss Abschnitt 2.11 ermittelt (Bild 3.5a). AV Z1

AH
Bild 3.5: Ermittlung von Seilkräften und Seilform bei mehreren beliebig gerichteten Kräften

DARCH
structural design 21
Tragwerksentwurf I Seile
B
Zwischen Lageplan und Kräfteplan besteht im Allge-
meinen eine enge Beziehung. So beeinflusst die Verän-
P
derung der Pfeilhöhe oder eine vertikale Verschiebung
Q2 eines der Auflager den Cremonaplan. Die Veränderung
A Q1 der Pfeilhöhe bewirkt eine Verschiebung des Pols P ent-
lang einer zur Auflagerlinie parallelen Achse (vgl. auch
Q2
B Bild 3.3b), die vertikale Verschiebung eines Auflagers
bewirkt dagegen eine vertikale Verschiebung des Pols
P im Cremonaplan. Umgekehrt ergibt sich aus diesem
Zusammenhang aus der Variation des Pols im Cremo-
Q1 naplan die Möglichkeit einer gezielten Kontrolle der
A Seilgeometrie und damit der Seil- und Auflagerkräfte
B (Bild 3.6).

3.5 Tragwirkung eines Seiles unter


Q2 gleichmässig verteilter Belastung
A
Q1
Bei den bisher behandelten Beispielen bestehen die Sei-
P le aus geraden Liniensegmenten welche bei den Wir-
kungslinien der Lasten abrupt die Richtung ändern.
Der Seilverlauf entspricht also einem Polygon welches
definiert wird durch die angreifenden äusseren Lasten,
die Lage der Auflager und die gewählte Pfeilhöhe. Die
Bild 3.6: Durchlaufen der Familie von Seilgeometrien durch Variation der Lage des Pols entsprechende Seilform wird häufig ebenfalls als Seil-
polygon bezeichnet.

Mit der Übertragung der Seilkräfte in den Lageplan beiden Seilsegmente nämlich nicht auf der Wirkungs- Oft sind bei Seiltragwerken keine konzentrierten, son-
wird ersichtlich, dass alle inneren Kräfte an den Kno- linie der im Knoten angreifenden Kraft, so ist die Seil- dern verteilte Lasten vorhanden etwa die Eigenlasten
ten ziehen, was bedeutet, dass das Seil überall innere geometrie nicht korrekt und die zweite Gleichgewichts- des Tragwerks oder Schneelasten. Diese verteilten
Zugkräfte aufweist. Diese Betrachtung scheint im vor- bedingung daher nicht erfüllt. Lasten können interpretiert werden als Summe vieler
liegenden Fall trivial zu sein; sie gibt dagegen bei der infinitesimaler konzentrierter Lasten welche nebenei-
Behandlung komplizierter Tragwerke systematisch da- Die beschriebene Konstruktion eines Seiles unter meh- nander angeordnet sind. Das Seilpolygon wird sich also
rüber Auskunft, ob in einem Tragelement eine innere reren Lasten lässt die physikalische Bedeutung des aus unendlich vielen Strichen mit infinitesimaler Länge
Zug- oder eine innere Druckkraft vorhanden ist. Seilpolygons zur Ermittlung der Resultierenden (vgl. zusammensetzen, oder anders gesagt, das Seilpolygon
Abschnitt 2.11) erkennen: Dieses Seilpolygon kann wird zu einer kontinuierlichen gekrümmten Kurve.
Bei der Konstruktion des Seilzuges im Lageplan stellt nämlich als ideelles Hilfsseil angesehen werden, welches
sich beim letzten Knoten heraus, ob das Vorgehen kor- infolge seiner polygonalen Form die Lasten zu tragen Dieser Zusammenhang wird im Folgenden genauer
rekt durchgeführt wurde. Liegt der Schnittpunkt der vermag! betrachtet. Dazu soll zuerst ein Seil unter acht Einzel-

22 prof. schwartz
Seile Tragwerksentwurf I
lasten à 10 [kN] untersucht werden welche in einem
gleichbleibenden Abstand von l/8 = 1.0 m angeordnet 10 10 10 10 10 10 10 10 kN
sind und deren zwei äussere Lasten einen Abstand von
l/16 = 0.5 m zu den Auflagern aufweisen (Bild 3.7a).
40 kN 40 kN
Das Lösungsverfahren wurde bereits im Abschnitt 3.4 60 kN
vorgestellt. In einem ersten Schritt wird dazu im Kräf-
teplan die Resultierende R = 80 [kN] ermittelt. Die In- 60 kN 60 kN
kN
tensität der Resultierenden entspricht der Summe der 72

1.33 m
acht Lasten und die Wirkungslinie verläuft aus Symmet- 72 kN 60 kN 72 kN 40 kN

f
riegründen vertikal durch die Feldmitte. Anschliessend R
60 kN
wird die Pfeilhöhe eines ideellen Seiles frei gewählt (im
vorliegenden Fall zu 2.66 m) und die sich daraus erge- R 72
40 kN
bende Seilgeometrie eingezeichnet. Die inneren Kräf- a) polygonale Approximation kN
te der äusseren Seilsegmente sowie die Auflagerkräfte
können nun im Kräfteplan aufgezeichnet werden. An-
80 kN 60 kN
schliessend können die Kräfte aller Zwischensegmen-
te im Cremonaplan aufgetragen und in den Lageplan
übertragen werden. Die Pfeilhöhe f für das Seil unter 0.5 1 1 1 1 1 1 1 0.5
den acht Lasten beträgt 1.33 m und somit genau die
8m
Hälfte derjenigen des ideellen Seiles unter R. Weiter ist
zu erkennen, dass die Form des Seiles sich einer Para-
bel, also einer Kurve zweiter Ordnung annähert.
q = 10 kN/m
Im Bild 3.7b ist zudem ein Seil unter einer gleichmässig
verteilten Last q = 10 [kN/m] dargestellt. Um die ver-
teilten Lasten von den konzentrierten Lasten zu unter- 40 kN 40 kN
scheiden, werden die verteilten Lasten mit Kleinbuch- 60 kN
staben q im Gegensatz zu den konzentrierten Lasten 60 kN 60 kN
Q bezeichnet. Die Einheit der verteilten Lasten beträgt
kN
[kN/m] oder [N/m]. Die Resultierende der verteilten 72
40 kN
1.33 m

Lasten des betrachteten Seiles hat, wie das Seil unter


f

acht Lasten à 10 [kN], die Intensität R = q ∙ l = 80 [kN] R


2·f

und die Wirkungslinie liegt aus Symmetriegründen in R 40 kN


2.66 m

Feldmitte. Wird auch in diesem Fall die Pfeilhöhe des 72


ideellen Seiles zu 2.66 m gewählt, so ergibt sich der
kN
gleiche Cremonaplan für die Resultierende R, ebenso
die gleichen Seilkäfte bei den Auflagern und somit die b) parabolische Seilgeometrie
60 kN
gleichen Auflagerkräfte wie im Fall des Seiles unter acht
Bild 3.7: Seilkräfte und Seilform bei gleichmässig verteilter Belastung

DARCH
structural design 23
Tragwerksentwurf I Seile
Einzellasten. Die Pfeilhöhe des Seiles unter verteilten
Lasten entspricht wie im Beispiel des Seiles unter acht
Lasten exakt der Hälfte der Pfeilhöhe des ideellen Sei-
les unter R. Dies kann nachgewiesen werden, indem die
Anzahl der einzelnen Lasten progressiv erhöht wird, mit
dem Ziel, die Lösung gegen diejenige mit der verteilten
Belastung konvergieren zu lassen. Weiter kann gezeigt
werden, dass die Seilkurve einer verteilten Last mit kon-
stanter Intensität exakt einer Parabel entspricht. Diese
kann selbstverständlich auch mathematisch hergeleitet
werden; die Lösung der entsprechenden Differential-
gleichung sprengt jedoch den Rahmen des vorliegenden
Kurses und ist für die weitere graphische Untersuchung Bild 3.9: Portugisischer Expo-Pavillon, Lissabon, 1997-98, Arch.: Alvaro Siza, Ing.: Segadães Tavares e Associados
entsprechender Tragwerke nicht erforderlich. Die Seil-
kräfte können aus dem Cremonaplan für jede beliebige wisse Grenze nicht überschreitet, ist der Unterschied 3.7 Bauwerke mit an Seilen aufgehängten
Seilneigung und somit in jedem beliebigen Punkt des zwischen der Kettenlinie und der Parabel jedoch ver- Bauteilen
Seiles direkt herausgemessen werden. nachlässigbar klein.
Bei Bauten wirken die Eigenlasten respektive die verän-
Alvaro Sizas Entwurf für den Portugiesischen Expo- derlichen Nutzlasten häufig nicht direkt am tragenden
3.6 Tragwirkung eines Seiles unter Pavillion in Lissabon ist ein anschauliches Beispiel für Seil, sondern werden mittels Hilfsseilen an dieses ange-
seiner Eigenlast die Geometrie einer Seilkonstruktion unter Eigenlast hängt. Hängebrücken sind hierfür ein weit verbreitetes
(Bild 3.9). Weil die Eigenlast des Stahlbetondachs über Beispiel. Weil das Gewicht der Fahrbahn in horizon-
Ein Seil welches nur durch seine Eigenlast beansprucht die abgewickelte Länge des Daches infolge seiner kon- taler Richtung in der Regel konstant verteilt und we-
wird verhält sich ähnlich wie ein Seil unter gleichmässig stanten Stärke gleichmässig verteilt ist und das Gewicht sentlich grösser als das Gewicht der Aufhänge- und der
verteilten Lasten. Die Last ist jedoch streng genom- des Daches mögliche Nutzlasten dominiert, nimmt das Tragseile ist, entspricht die resultierende Form der tra-
men nicht mehr gleichmässig verteilt, weil das Seil ein Dach im Schnitt die Form einer Kettenlinie an. genden Seile einer Parabel. Bei der Golden Gate Bridge
pro Längeneinheit zwar konstantes Gewicht aufweist, in San Francisco nahmen die Tragseile im Bauzustand
die Neigung des Seiles jedoch variiert. Die Intensität zunächst die Form einer Kettenlinie an (Bild 3.10 links).
der verteilten Last pro horizontale Längeneinheit des Erst während des Einbaus der Fahrbahnplatte näherte
Tragwerks wird daher umso grösser, je stärker das Seil sich ihre Form sukzessiv derjenigen der Parabel an. Da
geneigt ist. Die Form des Seiles muss also leicht von die Aufhängeseile konzentrierte Einzelkräfte auf die
derjenigen der Parabel abweichen. Tragseile übertragen, sind die Tragseile im Endzustand
streng genommen nicht parabelförmig, sondern weisen
Diejenige Form, welche das Seil unter Eigenlast an- eigentlich eine polygonale Form auf (Bild 3.10 rechts).
nimmt, wird als Kettenlinie bezeichnet und kann ma- Parabel
thematisch durch eine Cosinus Hyperbolicus-Funktion Ein über mehrere Felder verlaufendes Seiltragwerk
beschrieben werden (Bild 3.8). Wenn das Verhältnis der wie die Golden Gate Bridge kann mit Hilfe von Sub-
Kettenlinie
Pfeilhöhe zur Spannweite nicht zu gross ist und die systemen genauer untersucht werden (Bild 3.11). Die
Neigung des Seiles in der Nähe der Auflager eine ge- mittlere Spannweite hat eine ähnliche Geometrie wie
Bild 3.8: Vergleich von Kettenlinie und Parabel

24 prof. schwartz
Seile Tragwerksentwurf I
das bereits untersuchte System. Die vertikalen Aufla-
gerkraftkomponenten des mittleren Tragseiles werden
von den Pylonen, und die horizontalen Komponenten
werden von den Seilen der benachbarten Spannweiten
aufgenommen. Letztere haben ihre Auflager auf un-
terschiedlichen Höhen: eines am oberen Ende der Py-
lone, und eines bei den Verankerungsblöcken, wo die
horizontalen Komponenten der Seilkräfte in das Erd-
reich eingeleitet werden. Alternativ kann das gesamte
Tragseil auch als ein einziges Tragelement betrachtet
werden, welches sich von einem Ende der Brücke bis
Bild 3.10: Golden Gate Bridge, San Francisco, 1933-37, Arch.: Irving F. Morrow, Ing.: Joseph B. Strauss & Othmar Ammann zum anderen ausdehnt. In diesem Fall schneidet das
Subsystem

1. die beiden Enden des Tragseils, auf welche die


zwei Auflagerkräfte bei den Verankerungsblök-
ken wirken,
2. alle Aufhängekabel, auf welche die Lasten wirken
und
3. die beiden auf Druck beanspruchten Pylone, auf
welche nach oben gerichtete Auflagerkräfte wir-
ken.

Die Form, welche das Tragseil auf seiner ganzen Länge


H H H H einnimmt, ergibt sich aus einem Seilzug unter den zwei
Auflagerkräften an den Enden und den nach unten ge-
H H
richteten Lasten sowie den nach oben gerichteten Kräf-
te der beiden Pylone.

Tragsysteme dieser Art finden auch bei Gebäuden An-


wendung. So wird bei der Papierfabrik Burgo von Pier
Luigi Nervi (Bild 3.12) das Dach mit Hilfsseilen an den
Tragseilen aufgehängt. Wie bei den Hängebrücken ist
auch in diesem Fall die abgehängte Last wesentlich
schwerer als die Seile, so dass das Seilpolygon sich der
H H Parabel annähert. Die tragenden Seile der mittleren
Spannweite übertragen wie zuvor die Kräfte auf die
Pylone. Allerdings kompensieren sich die Horizontal-
komponenten der Tragseile zweier benachbarter Felder
Bild 3.11: Subsysteme einer Hängebrücke

DARCH
structural design 25
Tragwerksentwurf I Seile
3.8 Formänderungen des Tragseiles infolge
ungleichmässig verteilter Nutzlasten
oder Auflagerverschiebung

Wenn auf ein Seil zusätzlich zu den ständigen Lasten


auch noch an einem beliebigen Ort veränderliche Las- Q
ten wirken, so beeinflussen diese die Form des Seiles.
Im Bild 3.13a ist ein Seil dargestellt auf welches eine G
ständige Last G in Feldmitte und eine veränderliche a) Seilgeometrie ohne (schwarz) und mit (rot) Nutzlast Q
Last Q im Viertelspunkt wirkt. Ohne die Last Q wür-
de das nur durch die ständige Last G beanspruchte Seil
q
eine symmetrische Dreiecksform annehmen. Durch die
zusätzlich veränderliche Last Q nimmt das Seil jedoch g
eine aus drei Segmenten bestehende polygonale Form
an. Die zusätzliche Last Q bewirkt somit eine deutlich
sichtbare Formänderung des Seiles.

Ein Seil unter verteilten Lasten verhält sich ähnlich.

4m
f
Im Bild 3.13b ist ein Seil dargestellt, auf welches die w = 0.57
q/g=0.5
ständige Last g gleichmässig verteilt auf der gesamten
Bild 3.12: Papierfabrik Burgo, Mantua, 1961-62, Arch. & Ing.: Pier q/g=1
Luigi Nervi
Seillänge angreift. Zusätzlich wirkt eine einseitige ver- q/g=2
änderliche Last q. Bei dieser kann es sich zum Beispiel
um eine Schneelast handeln welche infolge Windver- l
nicht vollständig; die Pylonkräfte sind deshalb nicht wehungen nur auf der einen Hälfte der Spannweite an- 12 m
mehr vertikal gerichtet. greift. Das Bild zeigt die sich ergebende Veränderung
der ursprünglich parabolischen Seilform unter drei ver- q
Im Bauzustand (Bild 3.12 oben) liegt ein reines Seil- schiedenen Intensitäten der veränderlichen Last q und
tragwerk vor. Im fertigen Zustand unterscheidet sich die resultierende maximale vertikale Verschiebung w. g
die Abtragung der äusseren Seilkräfte der seitlichen
Spannweiten dagegen von derjenigen der behandelten Massgebend für die Formänderung des Seiles ist im
Hängebrücke: die Seilkräfte werden nicht ins Erdreich, Allgemeinen nicht primär der absolute Wert der ver-

2m
sondern horizontal in das Dach eingeleitet, so dass änderlichen Last q, sondern vor allem das Verhältnis

f
w = 0.27
das Dach über seine gesamte Länge mit einer inne- der veränderlichen Last q zur ständigen Last g. Wird q/g=0.5
ren Druckkraft beansprucht ist. Es handelt sich somit dieses Verhältnis vergrössert, so resultieren grössere q/g=1
q/g=2
streng genommen nicht mehr um ein reines Seiltrag- Formänderungen. Weiter kann gezeigt werden, dass
l
werk, sondern um ein kombiniertes Bogen-Seiltragwerk die Schlankheit l/f die Formänderungen des Seiles bei
12 m
gemäss Kapitel 8. einseitiger Nutzlast beeinflusst. So sind bei Seilen mit
kleiner Schlankheit l/f die Formänderungen grösser als b) Formänderung bei Schlankheit 3 (oben) und 6 (unten)
bei Seilen mit grosser Schlankheit.
Bild 3.13: Veränderung der Seilform infolge veränderlicher Nutzlasten

26 prof. schwartz
Seile Tragwerksentwurf I
Natürlich bewirkt auch eine horizontale Verschiebung In vielen konkreten Fällen ist es daher unumgänglich, angreifen zu lassen welche nicht aus Gravitationslasten
der Auflager eine Formänderung des Seiles, da hierdurch konstruktive Massnahmen zu treffen, um die Formän- bestehen, sondern von einem anderen Seil ausgeübt
die Schlankheit beeinflusst wird. Ein Zusammenrücken derung des Seiles unter den veränderlichen Nutzlasten werden. Das Tragwerk besteht dann aus einem Tragseil
der Auflager führt zu einer Reduktion der Spannweite zu begrenzen. Dazu sind Eingriffe ins Tragwerk erfor- und einem mit Verbindungsseilen mit diesem verbun-
bei unveränderter Seillänge, was eine Einsenkung des derlich welche dessen Gestaltung je nach Lösungsan- denen gegenläufig gekrümmten Spannseil; das entspre-
Seiles vor allem in Feldmitte zur Folge hat. satz wesentlich beeinflussen können. chende Tragwerk wird als Seilbalken bezeichnet.

Bild 3.16 zeigt die inneren Kräfte eines entsprechenden


3.9 Massnahmen zur Begrenzung der Form- Vergrösserung der ständigen Lasten Tragwerks, welche durch die Vorspannung des unteren
änderungen infolge veränderlicher Lasten Seiles oder der Verbindungsseile im Tragwerk erzeugt
Eine erste Möglichkeit, den Formänderungen eines Seiles werden. Durch die Bildung von drei Subsystemen, wel-
Die im vorherigen Abschnitt beschriebenen Formän- unter veränderlichen Nutzlasten entgegenzuwirken, be- che das Tragseil, das Spannseil und die Verbindungs-
derungen unter veränderlichen Lasten können die steht in der Vergrösserung der ständigen Lasten (Bild 3.14).
Nutzung des Tragwerkes beeinträchtigen. So muss Infolge des kleineren Verhältnisses der veränderlichen
zum Beispiel bei Dächern die mögliche Formänderung Lasten zu den ständigen Lasten reduziert sich der Ein-
derart begrenzt werden, dass kein Schaden an den an- fluss der veränderlichen Lasten auf die resultierende
grenzenden tragenden und nicht tragenden Bauteilen, Seilform. Gleichzeitig erhöhen sich jedoch die inneren
insbesondere an den Fassaden, entstehen kann. Zudem Kräfte im Seil sowie die Auflagerkräfte. Trotz dieses
können über eine bestimmte Grenze hinausgehende Nachteils wird dieses Vorgehen manchmal benutzt,
Formänderungen zu Problemen mit der Dachentwäs- insbesondere bei nicht zu grossen Spannweiten. wie
serung führen. etwa in der von Le Corbusier projektierten Maison des
Jeunes et de la Culture (Bild 3.15). Das Dach besteht
hierbei aus an Seilen aus hochfestem Stahl aufgehäng-
ten Plattenelementen aus Stahlbeton, mit den Platten
als stabilisierende ständige Lasten.

Mit der Vergrösserung der ständigen Lasten kann ein P1 P8


P2 P7
weiteres Problem der Seiltragwerke entschärft werden: P3 P P6
4 P5
Bild 3.14: Seilstabilisierung durch Lastvergrösserung wenn die ständigen Lasten zu klein sind, können die
durch Wind erzeugten Sogkräfte auf die äussere Ober-
fläche des Daches oder die Zunahme des Drucks im
inneren der Konstruktion infolge Wind zum Abheben
des Daches führen.

Seilbalken

Eine Lösung, welche ähnlich funktioniert wie die be-


reits diskutierte, besteht darin, vertikale Kräfte am Seil
Bild 3.15: Maison des Jeunes et de la Culture, Firminy, 1961-65, Arch.: Bild 3.16: innere Kräfte eines Seilbalkens
Le Corbusier
DARCH
structural design 27
Tragwerksentwurf I Seile
seile abtrennen, können die inneren Kräfte dargestellt ter an: die Pfeilhöhe des tragenden Seils, diejenige des se Abstände sehr klein sind, nähert sich die Form des
werden, welche in den einzelne Tragelementen wirken, Spannseils, der Abstand zwischen den beiden Seilen und Seiles einer kontinuierlich gekrümmten Kurve an. Die
ohne dass eine äussere Last am Tragwerk angreift. die Geometrie der Verbindungsseile. In Bild 3.17 sind eine Verbindungsseile können auch als Membran ausgebil-
Anzahl von Varianten mit unterschiedlichem Abstand det sein: in diesem Fall nehmen die Seile tatsächlich die
Die Kräfte, welche beim Spannen des Spannseiles ins zwischen dem tragenden und dem gespannten Seil dar- Form einer Kurve an.
Tragwerk eingeleitet werden, steifen das tragende Seil gestellt.
aus, und umgekehrt wird auch das Spannseil über die Die Vielfalt der Formen ist somit bei den Seilbalken
Hilfsseile durch das tragende Seil ausgesteift. Mit die- Falls sich das tragende Seil und das Spannseil über- sehr gross. Sie haben aber alle ein Tragseil mit einer ge-
ser Lösung wird auch das Problem des Abhebens der lappen, sind die Verbindungselemente nicht mehr auf gen die ständigen Lasten nach oben gerichteten Krüm-
Dachkonstruktion infolge Windsog vermieden. Zug, sondern auf Druck beansprucht und können so- mung und einem im Gegensinn gekrümmten Spann-
mit nicht mehr aus Seilen bestehen, sondern müssen als seil. Der Ingenieur David Jawerth entwickelte in den
Seilbalken können unterschiedliche Formen annehmen. Druckstreben ausgebildet werden. Durch Variation der 1950er Jahren vorgespannte Seilbalken, bei welchen die
Beim Entwurf solcher Tragelemente bietet sich bei ge- Abstände der Verbindungsseile erhält man unterschied- Verbindungsseile nicht vertikal, sondern geneigt an-
gebener Spannweite die Variation folgender Parame- liche Verläufe der Trag- und der Spannseile. Wenn die- geordnet sind, so dass zwei benachbarte Seile jeweils

Bild 3.18: Seilbalken mit diagonalen Verbindungsseilen nach David


Jawerth

Bild 3.17: Verschiedene Typen von Seilbalken Bild 3.19: Kansai International Airport, Osaka, 1988-94, Arch.: Ren-
zo Piano, Ing.: Peter Rice

28 prof. schwartz
Seile Tragwerksentwurf I
oben oder unten in einem Punkt zusammenlaufen (Bild
3.18). Entsprechende Tragwerke sind ausserordentlich
effizient da sie unter nicht symmetrischen Lasten nur
sehr geringe Formänderungen aufweisen. Die Begrün-
dung liegt darin, dass sie sich ähnlich verhalten wie die
im Kapitel 10 behandelten Fachwerke.

Allgemein weisen die Seilbalken dank ihrer überwiegend


auf Zug beanspruchten Elemente eine grosse Leichtig-
keit und vor allem auch eine grosse Transparenz auf. Aus
diesem Grund hat der Ingenieur Peter Rice diese in den
80er Jahren als stabilisierende Tragelemente bei gross-
en Verglasungen eingesetzt mit der Funktion als Tra- Bild 3.21: Messehalle 26, Hannover, 1995-96, Arch.: Herzog & Part-
gelemente zur Aufnahme der Windlasten (Bild 3.19). ner, Ing.: Schlaich Bergermann & Partner
Grundsätzlich ist betreffend Tragwerksentwurf fest-
P1 P6 zuhalten, dass die Anordnung von Spannseilen, sowie gen Belastung des Tragseiles unter aller an ihm angrei-
P2 P P4 P5
3 auch andere weiter unten aufgezeigte Möglichkeiten fenden Lasten: dies sind die einseitige Nutzlast und die
zur Reduktion der Formänderungen des Tragseiles, ei- im Bereich der Nutzlast kleiner und im restlichen Be-
nen geometrischen und gestalterischen Eingriff in das reich grösser gewordenen Kräfte in den Verbindungs-
Lichtraumprofil des sich unterhalb des Tragwerkes be- seilen. Ein Beispiel für die Anwendung solcher stabili-
findenden Raumes bedeuten. sierender Spannseile ist das Seiltragwerks des Daches
q der Messehalle 26 in Hannover von Herzog & Partner.
(Bild 3.21).
Stabilisierende Spannseile
Es ist zu beachten, dass einseitige veränderliche Lasten,
Ein mit den Seilbalken verwandtes Tragwerk besteht welche grösser sind als die Summe der vertikalen Kom-
aus einem Tragseil und einer Serie von stabilisieren- ponenten der Spannkräfte in den stabilisierenden Sei-
den Spannseilen, welche zwischen dem Tragseil und len, zu einem Entspannen dieser Seile führen, so dass
zusätzlichen Auflagern verlaufen (Bild 3.20). Auch die die Stabilisierung inaktiv wird. Diese Überlegung liefert
Wirkungsweise ist verwandt: die vorgespannten stabi- ein Kriterium für die Festlegung der Spannkräfte in den
Abnahme der Zunahme der
Beanspruchung Beanspruchung lisierenden Seilkräfte bewirken Zugkräfte im Tragseil stabilisierenden Seilen.
und verhindern dessen Anheben im weniger belasteten
q Bereich. Das Tragseil möchte sich in diesem Bereich
nach oben anheben, was zu einer Zunahme der Kräfte Versteifungsträger
in den stabilisierenden Seilen führt. Umgekehrt verhält
sich das Tragseil im Bereich der einseitig wirkenden Eine weitere Möglichkeit zur Reduzierung der Form-
Nutzlast: hier möchte es sich nach unten senken, was zu änderungen infolge einseitiger veränderlicher Lasten
P- P P+ P einer Entlastung der stabilisierenden Seile führt. Der so besteht in der Anordnung eines Versteifungsträgers wel-
entstandene Ausgleich führt zu einer quasi gleichmässi- cher mit Verbindungsseilen an das Tragseil angehängt
Bild 3.20: Subsysteme eines mit Spannseilen stabiliserten Tragseils

DARCH
structural design 29
Tragwerksentwurf I Seile
und an seinen beiden Enden an einem zusätzlichen Auf- ken die angreifenden Kräfte eine leichte Verbiegung sowohl konzentrierte als auch nur über einen Teil der
lager befestigt ist. Der Träger setzt sich, dank seiner so des Versteifungsträger, was in einer geringen Formän- Länge verteilte Lasten auf die gleiche Weise wie im Fall
genannten Biegesteifigkeit (vgl. Kapitel 12), den For- derung des Tragseiles resultieren kann. Diese Lösung des Versteifungsträgers auf das Tragseil verteilt wer-
mänderungen des Tragseiles entgegen und hilft ähnlich zur Stabilisierung kommt häufig bei Hängebrücken zur den. Dies bedeutet aber, dass bei biegesteifen Tragsei-
wie beim Tragseil mit stabilisierenden Spannseilen, die Anwendung. Dabei wirkt die Fahrbahnplatte welche len die Wirkungslinie der Seilkräfte nicht unbedingt mit
einseitigen veränderlichen Lasten so auf das Tragseil den Strassen- oder Bahnverkehr trägt als Versteifungs- der Achse des Tragwerks übereinstimmen muss. Beim
umzuverteilen, dass die gesamte auf das Tragseil wir- träger wie etwa bei der San Francisco-Oakland Bay Tragwerksentwurf kann dies ausgenutzt werden, indem
kenden Kräfte wiederum quasi gleichmässig verteilt Bridge (Bild 3.23). die Achse eines biegesteifen Seiles nicht zwingend affin
sind. zum Verlauf der inneren Kräfte unter ständigen Lasten
Auch im Hochbau können solche Tragwerke zur Über- gewählt werden muss. Auf diese Art wird es möglich,
Das im Bild 3.22 dargestellte Beispiel zeigt ein solches spannung grosser Spannweiten eingesetzt werden. Die in gewissen Grenzen auch weiteren Anforderungen an
Tragwerk unter einer konzentrierten Einzellast in Feld- bereits zuvor erwähnte Dachkonstruktion von Pier das Lichtraumprofil des Raumes gerecht zu werden.
mitte. Ohne Versteifungsträger hätte das Seil die Ten- Luigi Nervi für die Papierfabrik Burgo ist ein solches
denz, die Form eines Dreieckes mit einer beträchtlichen Beispiel (vgl. Bild 3.12). Dabei hat das Dach in diesem Ein sehr anschauliches Beispiel für die diese Art der
Formänderung in Feldmitte anzunehmen. Der Träger Fall die Funktion des Versteifungsträgers, während die Formgebung ist das Dachtragwerk der Schwimmhalle des
bewirkt jedoch eine Verteilung der konzentrierten Last parabolischen Seile sichtbar geführt sind. Olympiazentrums in Tokyo von Kenzo Tange (Bild 3.25).
auf mehrere Verbindungsseile. Im Allgemeinen bewir-

Biegesteife Tragseile

Eine weitere Möglichkeit zur Stabilisierung des Trag-


seiles besteht in der Vereinigung des Versteifungsträ-
gers mit dem Tragseil. Man redet dann von biegesteifen
Tragseilen (Bild 3.24). Unter dem Einfluss der ständigen
Lasten verhält sich das System wie ein Seil, während Bild 3.24: biegesteifes Tragseil

Bild 3.22: innere Kräfte im Versteifungsträger Bild 3.23: San Francisco-Oakland Bay Bridge, 1933-36, Arch.: Rudolf Bild 3.25: National Olympic Gymnasium, Tokyo, 1961-64, Kenzo
Modrzejewski, Ing.: Charles Purcell Tange, Ing.: Tsuboi & Kawaguchi

30 prof. schwartz
Seile Tragwerksentwurf I
q Kombination mehrerer Tragseile

Eine weitere Möglichkeit, die Formänderungen des


Tragseiles unter einseitigen veränderlichen Nutzlasten
zu beschränken, besteht in der Kombination mehrerer
Tragseile mit dem Ziel, dass unabhängig von der Lage
der Last immer ein Seil in der Lage ist, die Last voll-
ständig aufzunehmen. Wenn vor allem Nutzlasten auf
der einen oder auf der anderen Hälfte der Spannweite
q aufgenommen werden sollen, kann die Aufgabe elegant
mit zwei Seilen gelöst werden (Bild 3.26). Falls die Ach-
se des aus den beiden Seilen bestehenden Tragwerks
die Form einer Parabel annimmt, so sind unter gleich- Bild 3.28: Randfeld der Tower Bridge
mässig verteilten ständigen Lasten beide Seile gleich
stark belastet, so dass die Resultierenden der inneren
Seilkräfte in der Tragwerksachse verlaufen.
inaktives Seil
Dieses System kam bei den seitlichen Feldern der Tower
q Bridge in London zur Anwendung (Bild 3.27 & 3.28).
Die Seile sind zusätzlich mit Diagonalstäben verbunden.
Dadurch entstehen biegesteife Seilsegmente welche in
der Lage sind, beliebige Anordnungen von veränderli-
chen Lasten, wie oben beschrieben, aufzunehmen.

inaktives Seil
Bild 3.26: Funktionweise von kombinierten Tragseilen

Bild 3.27: Tower Bridge, London, 1894, Arch.: Sir Horace Jones, Ing.: Sir John Wolfe-Barry

DARCH
structural design 31
Tragwerksentwurf I Seile
32 prof. schwartz
Seile Tragwerksentwurf I
4 Räumliche Seiltragwerke

Bei den im Kapitel 3 behandelten Seiltragwerken be- so stabilisiertes Seil ist nicht nur extrem steif, sondern ein Seilnetz, bei welchem die Tragseile eine nach oben
findet sich das tragende Seil und das zugehörige Ver- weist noch einen anderen Vorteil auf: Durch die räumli- gerichtete Krümmung aufweisen (Bild 4.1a) und die
steifungssystem immer in einer gemeinsamen vertika- che Ausdehnung des Seilsystems ist das Tragwerk in der Spannseile mit ihrer entgegengesetzt gerichteten Krüm-
len Ebene. Es ist jedoch auch möglich, ein Tragseil mit Lage, Lasten aufzunehmen welche nicht in der Ebene mung die Tragseile nach unten ziehen (Bild 4.1b).
Hilfe eines Seilsystems zu versteifen, welches die Tragsei- des Tragseiles wirken, wie zum Beispiel Windlasten.
lebene lediglich schneidet. Auf diese Art erhält man auch Die statische Wirkungsweise von räumlichen Seiltrag-
bei kleinen Spannkräften ein extrem steifes Tragwerk. werken ist somit vergleichbar mit den in Abschnitt 3.9
4.1 Seilnetze besprochenen Seilbalken: die nach unten gerichteten,
Die prinzipielle Funktionsweise eines solchen räum- von den Spannseilen ausgeübten Zugkräfte und die
lichen Seiltragwerks ist schematisch in Bild 4.1 dar- Um ein Dach zu tragen bedarf es mehrerer Tragseile. ständigen Lasten werden von den Tragseilen aufge-
gestellt. Durch Bildung von Subsystemen werden die Diese können im Grundriss parallel sein, wie bei eini- nommen. Die veränderlichen Lasten bewirken im Be-
auf das Tragwerk wirkenden Kräfte ersichtlich: Die im gen in Kapitel 3 betrachteten Beispielen, oder aber im reich wo sie angreifen eine Zunahme der Kräfte in den
Grundriss quer zur Tragseilebene verlaufenden Vor- Grundriss beliebige Richtungen aufweisen. Die Spann- Tragseilen und umgekehrt eine entsprechende Abnah-
spannseile weisen Zugkräfte auf, welche im Gleichge- seile können dabei mehrere Tragseile schneiden und me der Kräfte in den Spannseilen.
wicht sind mit den Umlenkkräften des Tragseiles. Ein diese dadurch stabilisieren. Auf diese Art erhält man

äussere Kraft durch die Aktion


des Spannseils auf das Tragseil
Knoten aus entgegengesetzt ge- äussere Kraft durch die Aktion
krümmtem Tragseil und Spannseil des Tragseils auf das Spannseil

a) innere Kräfte im Tragseil b) innere Kräfte im Spannseil

Bild 4.1: räumliches Seiltragwerk und innere Kräfte in Tragseil (a) und Spannseil (b)

DARCH
structural design 33
Tragwerksentwurf I Räumliche Seiltragwerke
Wie zuvor beschrieben besitzt das hyperbolische Para-
boloid die Besonderheit, dass die parabelförmigen Kur-
ven in den Vertikalschnitten gleichmässig verteilte Um-
lenkkräfte aufweisen. Veränderungen in der Verteilung
dieser Kräfte führen zu Formänderungen und damit zu
andersartigen Flächen. Unter der Bedingung, dass eine
der beiden Hauptkrümmungen nach oben und eine
nach unten gerichtet ist, können diese Flächen wie ab-
gespannte Seilnetze wirken. Das Dach des olympischen
Stadions in München ist ein eindrückliches Beispiel für
a) Seilnetz entlang der Hauptkrümmungsrichtungen b) erzeugende Geraden die formalen Freiheiten, welche diese Art von Tragwer-
Bild 4.2: hyperbolisches Paraboloid ke zulassen (Bild 4.3).

Im Allgemeinen beschreiben Seilnetze räumliche Flä- Bei hyperbolischen Paraboloiden existieren sogar zwei
chen. Diejenige räumliche Fläche, welche sich aus stati- senkrecht aufeinander stehende Familien von Erzeu-
scher Sicht ähnlich wie die ebene Parabel verhält, ist das genden (Bild 4.2b). Werden die beiden Seilscharen der
hyperbolische Paraboloid. Auch mathematisch sind bei- Tragseile und Spannseile entlang dieser Geraden ange-
de miteinander vergleichbar: die Parabel ist eine Kur- ordnet, so entspricht die generierte räumliche Fläche
ve zweiter Ordnung, das hyperbolische Paraboloid ist nach wie vor einem hyperbolischen Paraboloid. Die
eine Fläche zweiter Ordnung. Dies bedeutet, das jeder Krümmung der einzelnen Seile ist jedoch null und da-
ebene Schnitt durch das hyperbolische Paraboloid eine her können die Tragseile wegen ihrer unendlich grossen
allgemeine Kurve zweiter Ordnung darstellt, also eine Schlankheit ohne grosse Formänderungen keine Las-
Parabel oder eine Hyperbel. Da beide Seilformen das ten aufnehmen. Auch die stabilisierende Wirkung der
Resultat einer gleichmässig verteilten Last sind (vgl. Ka- Spannseile ist nicht mehr möglich.
pitel 3), folgt aus der Schnitteigenschaft des hyperboli-
schen Paraboloids, dass die Umlenkkräfte in den Seilen Wird daher eine Fläche durch ein räumliches Seiltrag-
gleichmässig über die Seillänge verteilt sind. werk beschrieben, so müssen die Richtungen der Trag-
seile und der Spannseile so festgelegt werden, dass ihre
Hyperbolische Paraboloide sind Beispiele für so genann- Krümmungen nicht null sind. Aus statischer Sicht ist
te Regelflächen, eine Klasse von Flächen mit speziellen das Tragwerk am effizientesten, wenn die nach oben
geometrischen Eigenschaften. Bei allen Flächen dieser gerichtete Krümmung der Tragseile und die nach un-
Familie ist es möglich eine Schar ebener Schnitte durch ten gerichtete Krümmung der Spannseile maximal sind.
die Fläche so zu setzen, dass die sich daraus ergebende Diese optimalen Richtungen sind die so genannten
Familie von Schnittkurven eine Schar von Geraden ist, Hauptkrümmungsrichtungen der Fläche und sie sind in
also Parabeln mit unendlich grosser Brennweite. Diese jedem Punkt stets rechtwinklig zueinander gerichtet.
Schar von Schnittgeraden wird auch als Erzeugende der
Fläche bezeichnet.
Bild 4.3: Olympiapark, München, 1968-72, Arch.: Günter Behnisch &
Frei Otto, Ing.: Jörg Schlaich

34 prof. schwartz
Räumliche Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
Die abgespannten Seilnetze können in massiven Trag- von Tierfellen oder Stoffen, welche auf Holzästen ge- und die Spannkräfte. Das statische Verhalten von Mem-
elementen verankert sein, wie beim Beispiel des Stadi- spannt und am Boden befestigt waren, hat der Mensch branen ist identisch mit demjenigen der Seilnetze. Beim
ons in Saint-Ouen (Bild 4.4). Sie können aber auch ein gelernt, sehr effiziente Tragwerke zu bauen (Bild 4.5). Seil wurde die innere Kraft Z in [kN] oder in [N] defi-
Randseilsystem belasten, wie beispielsweise beim Dach niert. Bei den Membranen werden dagegen die inneren
des Münchner Olympia-Stadions. Hier geben die Rand- Mit Ausnahme von Tragwerken, welche eine häufige Kräfte z pro Längeneinheit mit den Einheiten [kN/m]
seile, welche durch die Trag- und Spannseile beanspru- und schnelle Montage und Demontage voraussetzen, oder [N/mm] angegeben.
cht sind, ihre Zugkräfte direkt auf die konzentrierten wie zum Beispiel Zirkuszelte oder Campingzelte, hat
Auflagerpunkte ab, welche ihrerseits aus Fundamenten diese Tragwerksart bis in die 1960er Jahre kein grosses Die Untersuchung eines Teilstückes der Membran als
und aus Pylonen bestehen. Interesse bei Architekten geweckt. Mit der Einführung Subsystem verdeutlicht, dass das Teilstück zwei in un-
von synthetischen Materialien, insbesondere mit PVC terschiedliche Richtungen wirkenden inneren Kräften
beschichtetem Polyester und mit Glasfasern verstärk- ausgesetzt ist (Bild 4.7). Dies bestätigt das zu den Seil-
4.2 Zelte und Membranen tem Teflon, beides sowohl beanspruchungs- als auch netzen analoge Tragverhalten, sind doch die Seilnetze
witterungsresistent, haben die Membranen interessante aus einer Schar von Tragseilen und einer diese kreuzen-
Wenn man in Gedanken die Abstände zwischen den neue Anwendungen gefunden. de Schar von Spannseilen zusammengesetzt.
Seilen immer kleiner werden lässt, dann gehen die Seil-
netze in aus Stoff bestehende Zelte über. Diese Trag- Das von Skidmore, Owings & Merrill (SOM) entwor- Im Gegensatz zu den Seilnetzen haben bei den Mem-
werke sind aus sehr frühen Zeiten bekannt: mit Hilfe fene Haj-Terminal in Jeddah ist sicherlich eines der branen die inneren Kräfte keine vorgegebenen Rich-
spektakulärsten Beispiele (Bild 4.6). Bemerkenswert an tungen. Wie bei den Seilnetzen erhält man aber auch bei
diesem Tragwerk ist nicht nur die überdeckte Fläche den Membranen das effizienteste Tragverhalten, wenn
von 425'000 m2, sondern vor allem die sehr kurze Mon- die inneren Kräfte in den Hauptkrümmungsrichtungen
tagezeit von lediglich 3 Monaten wirken. Diese inneren Kräfte werden entweder in steife,
als Auflager wirkende Randelemente eingeleitet oder sie
Gemeinsam ist all diesen Tragwerken, dass sie sehr können durch gespannte Randseile aufgenommen wer-
kleine Eigenlasten aufweisen. Als Hauptkräfte für die den, welche wie bei den Seilnetzen an ihren Enden an
Formgebung wirken somit die veränderlichen Lasten punktförmigen Auflagern befestigt sind.

Bild 4.4: Sporthalle, Saint Ouen, 1968-71, Arch.: Anatole Kopp, Ing.: Bild 4.5 traditionelles Nomadenzelt in Tibet Bild 4.6: Haj-Terminal, König-Abdul-Aziz-Flughafen, Jeddah, 1978-81,
René Sarger Arch.: SOM, Ing.: Schlaich Bergermann & Partner

DARCH
structural design 35
Tragwerksentwurf I Räumliche Seiltragwerke
wenn die nach unten wirkenden äusseren Lasten gleich
z2 gross geworden sind wie die nach oben gerichteten ver-
b2
tikalen Komponenten der Innendruckkräfte.
b1
Eines der ersten Tragwerke dieser Art wurde kurz nach
dem zweiten Weltkrieg zum Schutz von Radaranlagen
Z 1 = z 1· b 1 vom Ingenieur Walter Bird gebaut (Bild 4.8). Auch in

z1
diesem Fall wurde die Entwicklung erst möglich durch
die Einführung von genügend festen Materialien. Da
diese Art von Tragwerke in der Regel nicht gegen steife
Z 2 = z 2· b 2 Fassaden angrenzen, spielen die Formänderungen prak-
tisch keine Rolle, so dass weichere Materialien gewählt
werden können. Häufig kommen daher Nylonfasern
mit einer Neoprenbeschichtung zur Anwendung.
Bild 4.7: Tragwirkung einer Membran mit gegenläufigen Hauptkrümmungen
Da das Tragverhalten vom Innendruck abhängt, ist
Beim Entwurf eines Zeltes ist genau wie beim Entwurf Das Tragverhalten von pneumatischen Systemen wird die Aufrechterhaltung dieses Druckes zwingend. We-
eines Seilnetzes darauf zu achten, dass in jedem Punkt leichter verständlich, wenn die Membran durch ein gen der grossen Abmessungen solcher pneumatischen
die beiden Hauptkrümmungen in entgegengesetzter Seilsystem idealisiert wird (Bild 4.10). Die nach oben Tragwerke und aufgrund der notwendigen Öffnungen
Richtung angeordnet sind. Zusätzlich müssen die für wirkende Kraft des Innendruckes kann dann im Über- für die Erschliessung können sie nicht vollständig dicht
die Formstabilisierung notwendigen Spannkräfte mög- schneidungspunkt von zwei Seilen konzentriert werden. ausgebildet werden, so dass ständig Luft in den Innen-
lichst genau in Richtung der Hauptkrümmungen einge- Die Eigenlasten und Nutzlasten wirken dieser nach raum gepumpt werden muss. Es handelt sich also um
leitet werden. oben gerichteten Kraft des Innendrucks entgegen. Aus Tragwerke, welche nur dank einer ständigen Energiezu-
dieser Modellierung folgt, dass die Tragfähigkeit des fuhr funktionieren können.
Tragwerks bei einer Laststeigerung dann erschöpft ist,
4.3 Begehbare pneumatische Membranen

Im Gegensatz zu den Zelten, wo die Lasten durch das


tragende Seilsystem aufgenommen werden und die Sta-
bilisierung durch ein Spannsystem sichergestellt wird,
werden bei den pneumatischen Tragwerken die Lasten
durch einen inneren Luftdruck aufgenommen. Auch in
diesem Fall ist die Membran in zwei Richtungen ge-
spannt. Die Membran weist jedoch in beide Richtungen
eine nach unten gerichtete Krümmung auf (Bild 4.10).
Der Innendruck bewirkt dabei eine Vorspannung durch
welche in den beiden Hauptkrümmungsrichtungen der
Membran Zugkräfte entstehen.

Bild 4.8: Radome-Prototyp, 1948, Arch. & Ing.: Walter Bird Bild 4.9: BC Place Stadium, Vancouver, 1982-83, Arch.: Studio Phi-
lips Barrett, Ing.: Geiger-Berger

36 prof. schwartz
Räumliche Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
Bauwerke mit pneumatischen Membranen weisen häu- 4.4 Geschlossene pneumatische Membranen
fig ein kleines Schlankheitsverhältnis l/f auf. Um dieses mit hohem Druck
Verhältnis zu erhöhen, ist es notwendig, die pneumati-
sche Membran ähnlich wie beim biegesteifen Seil mit Geschlossene pneumatische Membranen haben eine
einer Serie von Hohlräumen zu verstärken. Die Art der grundlegend andersartige Tragwirkung wie begehbare
Tragwirkung wird dadurch nicht verändert. Die umge- pneumatische Membranen. Um diese Tragwerke intu-
benden Schichten werden jedoch durch die Luftschicht itiv zu verstehen stelle man sich aufblasbare Rettungs-
vorgespannt und ziehen die Membran daher gegen den ringe oder Luftmatratzen vor. Mit der Behandlung der
inneren Luftdruck nach unten. Auf diese Art können Balken in Kapitel 12, an welche sich ihre statische Wir-
grosse Spannweiten überbrückt werden wie das Bei- kungsweise anlehnt, werden diese Tragwerke verständ-
spiel des für 60'000 Besucher Platz bietende BC Place lich. Bild 4.11 zeigt eine seltene Tragwerksanwendung.
Stadiums in Vancouver verdeutlicht. (Bild 4.9).

Bild 4.11: Fuji Expo-Pavillion, Osaka, 1970, Arch.: Yakata Murata


Ing.: Mamuro Kawaguchi
z2

b1

b2 Z 2 = z 2· b 2 Z 1 = z 1· b 1

z1

äussere Kraft durch die Wirkung


des Luftdrucks auf den Knoten

Bild 4.10: Tragwirkung einer pneumatischen Membran

DARCH
structural design 37
Tragwerksentwurf I Räumliche Seiltragwerke
38 prof. schwartz
Räumliche Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
5 Materialverhalten und Bemessung

5.1 Innere Kräfte und Verformungen Zuerst sollen die wichtigsten Einfussfaktoren auf die
im Tragelement Verformungen beschrieben werden. Q
Wenn eine Spiralfeder gezogen wird, verlängert sie sich. 1. Die angreifenden äusseren Kräfte haben einen a)
Dasselbe gilt auch für Baumaterialien. So verlängert grossen Einfluss: Je grösser ihre Intensität, umso
sich zum Beispiel auch ein Holzstab oder ein Stahlstab grösser wird die Verformung sein.
wenn an beiden Enden eine Zugkraft angebracht wird 2. Die Art des Materials hat ebenfalls einen wesent-
(Bild 5.1a). Greift dagegen eine Druckkraft an einer Be- lichen Einfluss: So hat ein Seil aus Stahl eine viel
tonstütze an, so verkürzt sich diese (Bild 5.1b). Obwohl kleinere Verformung unter der gleichen Zugkraft
die entsprechenden Verformungen in der Regel klein wie beispielsweise ein Seil aus Gummi mit glei- Z

l
sind, kann ihre Untersuchung notwendig werden. chem Querschnitt.
3. Im Weiteren beeinflussen die Abmessungen des
Tragelementes (Querschnittsfläche und Länge)
die Verformung.

∆l
Um diese Einflüsse quantifizieren zu können, wird ein
Z Experiment durchgeführt. Eine Feder wird belastet, in-
dem ein Gewicht Q daran gehängt wird. Die Verlänge-
∆l

D rung δl der Feder wird dabei gemessen (Bild 5.2a).

Wenn das Gewicht Q und damit die innere Kraft Z


Q
∆l

vergrössert werden, nimmt auch die Verlängerung δl


zu. Wenn die Kraft zum Beispiel verdoppelt wird, ver-
doppelt sich auch die Verlängerung. Das bedeutet, dass
beim Auftragen der Werte in ein Diagramm eine gerade
Linie resultiert (Bild 5.2b). Mit anderen Worten zeigt Z [N]
die Feder ein lineares Verhalten. Wie weiter unten ge- b) 30
zeigt wird, gilt das nicht unbedingt für alle Materialien
und auch nicht für alle inneren Kräfte.
20
Wenn nun das an der Feder hängende Gewicht angeho-
ben wird, wird die innere Kraft in der Feder reduziert. Z
S=
Z D Entfernt man das Gewicht vollständig, so ist die innere 10 1 δl
Kraft wiederum null und die Feder verkürzt sich auf
a) b) ihre ursprüngliche Länge. Im Diagramm (Bild 5.2b)
bedeutet das, dass dieser Zustand der inneren Kraft ∆l [mm]
und der zugehörigen Verformung im Ursprung des 120 240 360
Diagrammes abgebildet sind. Die Feder zeigt somit ein
Bild 5.1: Längenänderung bei Zug (a) und Druck (b) vollständig reversibles Verhalten. Dieses wird als elasti-
sches Verhalten bezeichnet. Bild 5.2: Tragverhalten einer Feder

DARCH
structural design 39
Tragwerksentwurf I Materialverhalten und Bemessung
5.2 Steifigkeit eines Tragelementes Verformung δl/l des Tragelementes konstant bleibt,
wie im Abschnitt 5.4 detailliert gezeigt wird. tes und somit auch die Steifigkeit abhängig vom Ma-
Wenn das Verhalten elastisch und reversibel ist, reicht terial sind, wird als Proportionalitätskonstante der so
ein einziger Parameter aus, um das Verhalten eines In einem weiteren Experiment werden die beiden Fe- genannte Elastizitätsmodul E eingeführt. Somit ist die
Tragelementes quantitativ zu definieren. Diese Grösse, dern parallel angeordnet. Auf diese Art wird die Quer- Steifigkeit direkt proportional zum Elastizitätsmodul E.
welche die Neigung der Geraden im Diagramm Z ( δl ) schnittsfläche der Feder verdoppelt. Jede der beiden Aus der Formel ist ersichtlich, dass dieser die Einheit
darstellt, wird als Steifigkeit S = Z/δl bezeichnet Federn weist dann die Hälfte der Kraft Z auf, so dass [N/mm2] hat.
(Bild 5.2). Im Weiteren wird untersucht, welche Haupt- die Verlängerung δl im Vergleich zum Fall mit einer Z A
S= = E.
parameter die Steifigkeit eines Tragelementes beeinflus- Feder halbiert wird (Bild 5.3b). Die Steifigkeit ist also δl l
sen. verdoppelt worden. Das bedeutet, dass die Steifigkeit
direkt proportional zur Querschnittsfläche A ist. Dieser Ausdruck gilt sinngemäss auch für auf Druck
Die Länge der Feder kann einfach verdoppelt werden, beanspruchte Tragelemente. In diesem Fall sind die
indem eine zweite Feder mit den gleichen Eigenschaf- Die als Verhältnis der Beanspruchung Z zur Verlän- Verkürzung ∆l und damit auch die Druckkraft D ne-
ten an die erste angehängt wird. Mit der Hilfe von Sub- gerung δl definierte Steifigkeit eines Tragelementes ist gativ.
systemen wird ersichtlich, dass beide Federn die gleiche somit direkt proportional zur Querschnittsfläche A und
innere Kraft aufweisen wie die untersuchte einzelne umgekehrt proportional zur Länge l. Das entsprechen-
Feder. Die Verlängerung δl summiert sich dagegen, de Gesetz lautet: 5.3 Innere Kräfte im Material
so dass die doppelte Verformung und somit die hal- Z A
bierte Steifigkeit resultiert wie im Falle der einzelnen = c. Von den beiden im Bild 5.4 dargestellten Stützen hat
δl l
Feder (Bild 5.3a). Verallgemeinernd heisst das, dass die die rechte einen doppelt so grossen Querschnitt wie die
Steifigkeit umgekehrt proportional zur Länge ist. Es ist zu mit c als Proportionalitätskonstante. Da, wie weiter linke. Wenn die Eigenlasten der Stützen zunächst ein-
bemerken, dass unter konstanter Kraft die spezifische oben beschrieben, die Verformung eines Tragelemen- mal vernachlässigt und beide Stützen mit der gleichen
äusseren Kraft Q belastet werden, ist die innere Kraft
D unabhängig von der Länge und vom Querschnitt
der Stützen. Die Kraft in den beiden Stützen ist also
a) b)
identisch. Es ist aber leicht vorstellbar, dass bei einer
Z [N] Z [N] progressiven Reduzierung der Querschnittsfläche jede
Stütze einen Minimalquerschnitt aufweist, bei dessen
30 30
Unterschreiten ein Materialversagen erzeugt wird. So-
mit beeinflusst der Stützenquerschnitt den Grad der
Materialbeanspruchung.
20 20

Wenn die rechte Stütze vertikal in zwei gleich grosse


Teile gespalten wird, so weisen diese beiden Teile eine
10 10
halb so große innere Kraft auf wie die linke Stütze. Die
innere Kraft im Tragelement Stütze ist also nur von der
Intensität der inneren Druckkraft abhängig.
∆l [mm] ∆l [mm]
120 240 360 480 600 720 60 120 180 240 360 480 600 720
Im Gegensatz dazu ist die innere Kraft D im Material
Bild 5.3: Einfluss der Länge und der Querschnittsfläche auf die Steifigkeit der Feder immer auch zusätzlich auf die Querschnittsfläche A

40 prof. schwartz
Materialverhalten und Bemessung Tragwerksentwurf I
bezogen. Deshalb wird eine auf die Querschnittsfläche Genau wie die Druckkraft wird auch die zugehörige 5.4 Verformungen und Steifigkeit des Materials
bezogene Kraft definiert: Druckspannung mit einem Minuszeichen versehen.
Die Steifigkeit eines auf Zug beanspruchten Tragele-
σ= D gemessen in [N/mm2] Wird ein Seil mit einer Zugkraft untersucht, so resultiert mentes beträgt nach Abschnitt 5.2
A im Inneren des Materials eine auf die Querschnittsflä-
Z A
Die bezogene innere Kraft ist somit in der linken Stüt- che A bezogene Zugkraft Z, welche als Zugspannung S= = E.
ze zweimal so gross wie in der rechten Stütze, weil die bezeichnet wird. δl l
rechte einen doppelt so grossen Querschnitt hat als die Die zweite Gleichung kann umgeformt werden zu:
linke. Diese bezogene innere Kraft wird von den Bau- σ= Z gemessen in [N/mm2] Z δl
ingenieuren als Spannung bezeichnet und beschreibt die A = E.
A l
innere Beanspruchung des Materials. Sie kann als dieje- Die Zugspannung wird wie die zugehörige Zugkraft
nige Kraft interpretiert werden, welche auf einen Quer- mit positivem Vorzeichen angegeben. Gemäss Abschnitt 5.3 entspricht Z/A der bezogenen
schnittsteil mit der Einheitsfläche A = 1 wirkt. Im Fall inneren Kraft, d.h. der Spannung σ. Wird nun ∆l/l als
einer inneren Druckkraft resultiert eine Druckspannung. bezogene Verformung ε (Verformung pro Länge) defi-
niert, so resultiert folgendes Gesetz:
D D σ =
σ = E . ε oder E
ε
Diese Beziehung wurde erstmals von Robert Hoo-
D ke (1635–1703) vorgeschlagen und wird deshalb als
Hookesches Gesetz bezeichnet. Die zweite Formel be-
D/2 D/2 σ schreibt die Steifigkeit des Materials (Elastizitätsmodul E )
als Verhältnis der bezogenen inneren Kraft (Spannung σ ),
und der bezogenen Verformung (Dehnung ε ).

Diese Beziehung, welche sich auf das Material bezieht,


1 ist analog zu derjenigen, mit der die Steifigkeit des Tra-
A 2A
gelementes definiert wurde. Sie kann ebenfalls in einem
so genannten Spannungs-Dehnungs-Diagramm als Ge-
rade dargestellt werden, wobei der Elastizitätsmodul E
D/2 D/2 σ die Steigung der Geraden beschreibt. Im Bild 5.5 ist das
Spannungs-Dehnungs-Diagramm für das Material dem
D
Last-Verformungs-Diagramm für das Tragelement gemäss
Abschnitt 5.1/5.2 gegenübergestellt. Es wird nochmals
betont, dass bei der Darstellung des Tragelementes eine
Veränderung der Querschnittsfläche oder der Länge
das Verhalten und somit die Darstellung beeinflusst.
D D Beim sich auf das Material beziehenden Diagramm ha-
ben diese Parameter dagegen keinen Einfluss.
Bild 5.4: Einfluss der Querschnittsfläche auf die bezogene Kraft

DARCH
structural design 41
Tragwerksentwurf I Materialverhalten und Bemessung
5.5 Durch Temperaturveränderungen machen beispielsweise bei langen Brücken bewegliche ft ft
σ
bedingte Verformungen Fahrbahnübergänge erforderlich und sind eine der Be- Bruch σ
gründungen für die Anordnung von Dehnungsfugen
Eine Temperaturveränderung bewirkt ebenfalls eine (oder auch Dilatationsfugen) in Hochbauten.
Verformung des Tragelementes. Bei einer Erwärmung E
verlängert es sich, und bei einer Abkühlung verkürzt
1
es sich. Die auf die ursprüngliche Länge bezogenen 5.6 Materialverhalten des Glases ε Bruch
Verformungen, d.h. die Dehnungen, können wie folgt
quantifiziert werden: Wenn ein Glasstab auf Zug beansprucht wird, ver-
δl längert er sich wie jedes andere Material auch. Diese
ε= = α . δT Verlängerung ist mit dem Auge kaum wahrnehmbar.
l σ
Wird der Stab wieder entlastet, nimmt er wieder sei-
Bruch ft
wobei ∆T die Temperaturdifferenz in °C und αT den ne ursprüngliche Länge an. Wird der Stab progressiv -f c
Temperaturausdehnungskoeffizient, welcher material- immer stärker belastet, reisst er plötzlich schlagartig in
abhängig ist, darstellt. Für Stahl und Beton gilt: zwei Stücke (Bild 5.6). Die maximale Spannung, welche Bild 5.6: Spannungs-Dehnungsverhalten von Glas bis zum Bruch
beim Erreichen des Bruches im Glasstab vorhanden
αT = 0.00001 [°C -1] = 0,01 [ ‰ / °C ]. ist, wird als Zugfestigkeit ft (tension = Zug) bezeichnet.
Auf Druck verhält sich das Glas ähnlich: die maximale Da der Glasstab beim Erreichen der Zugfestigkeit ft
Das bedeutet zum Beispiel, dass bei einer Temperatur- Spannung beim Erreichen des Bruches wird als Druck- schlagartig ohne jegliche Vorankündigung bricht, wird
veränderung von 100 °C die Länge eines 1 m langen festigkeit fc (compression = Druck) bezeichnet. Aus das Verhalten als spröd bezeichnet.
Stabes sich um 1 ‰ seiner ursprünglichen Länge, d.h. dem Spannungs-Dehnungs-Diagramm ist ersichtlich,
um 1 mm verändert. Diese Temperaturverformungen dass das Glas ein linear-elastisches Verhalten aufweist. Zum Bruch eines Glasstabes auf Zug sind grosse Kräf-
te erforderlich. Daher kann alternativ ein einfaches
Z Experiment durchgeführt werden, indem der Glasstab
(oder auch ein Glasstreifen) auf Biegung beansprucht
wird (Bild 5.7). Die Verformungen können dann we-
sentlich besser visualisiert werden; im Kapitel 12 wird
Z [N] σ [N/mm2]
gezeigt, warum das qualitative Verhalten des Biegestabs
analog ist zu demjenigen des Zug- oder Druckstabs.
A σ Die ausnützbaren mechanischen Eigenschaften von
l

Glas lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1 1. ausnützbare Zugfestigkeit ft = 40 N/mm2


Z
S= E 2. Elastizitätsmodul E = 70'000 N/mm2
δl 3. Temp.-ausdehungskoeff. αT = 0.007 ‰/ °C
1 Z 1
σ
δl [mm] ε [-]
Bild 5.5: Last-Verformungs-Diagramm für das Tragelement gegenüber dem Spannungs-Dehnungs-Diagramm für das Material

42 prof. schwartz
Materialverhalten und Bemessung Tragwerksentwurf I
fy
σ b σ 3 4 5
a) b)
2

E E E

6' 1 1 1
ε ε
6

-fy 2'

b' 5' 4' 3'

3
Bild 5.7: Belastung eines Glasstabs bis zum Bruch
1

5.7 Materialverhalten des Stahls 4


2
Wird das analoge Experiment wie im Abschnitt 5.5 für
Glas beschrieben mit einem Stahlstab aus konventio-
5
nellem Baustahl S235 durchgeführt, erhält man in einer
ersten Phase qualitativ das gleiche Resultat. Der Stab 1
verformt sich nämlich proportional zur angreifenden
6
äusseren Kraft. Bei einer Entlastung nimmt er dann wie
Glas wieder die ursprüngliche Form an (Bild 5.8a).

Wenn dagegen bei der Belastung eine gewisse Grenze σ


überschritten wird, beginnt der Stab sich irreversibel ft
zu verformen, d.h. zu fliessen. Wird er in diesem Zu- fy
stand wieder entlastet, nähert sich seine Form der ur-
sprünglichen an, ohne sie jedoch wieder zu erreichen c)
(Bild 5.8.b).
ε
εt
Die Spannungs-Dehnungs-Kurve eines auf Zug be-
anspruchten Stabs (Bild 5.8c), welcher sich qualitativ
gleich verhält wie ein Biegestab, unterscheidet sich klar
von derjenigen des Glases. Sie weist auch zunächst ein -f y
gerades Segment auf, welches die linear-elastische Phase -f t
Bild 5.8: Verhalten des Stahls

DARCH
structural design 43
Tragwerksentwurf I Materialverhalten und Bemessung
Temperaturausdeh-
Elastizitätsmodul E

nungskoeffizent αT
Bruchdehnung εt
beschreibt. Die Neigung dieses geraden Segmentes ent- Wenn der fliessende Stahl noch weiterbelastet wird,

Fliessgrenze fy

Festigkeit ft
spricht dem Elastizitätsmodul E, welcher für alle Stahl- ist ab einer bestimmten Verformung (ca. 10‰ = 1

[N/mm2]

[N/mm2]

[N/mm2]

Raumlast
[‰/ °C]

[kN/m3]
arten einen Wert von 210'000 N/mm2 aufweist. %) wieder eine Zunahme der äusseren Kraft erfor-

Stahlart
derlich (Bild 5.8c). Diese Phase wird Verfestigungs-

[-]
Die anschliessende plastische Phase mit den irreversiblen phase genannt. Bei sehr grossen Verformungen S235 235* 360* 0.210*
Verformungen ist durch eine konstante äussere Kraft (> 100 ÷ 200 ‰ = 10 ÷ 20 %!) wird die Zugfestigkeit
S355 210'000 355* 510* 0.170* 0.01 78.5
charakterisiert und somit auch durch eine konstante des Materials ft (tension = Zug) erreicht. Es bildet sich
S500 500* 580* 0.140*
Spannung. Die entsprechende Kraft wird als Fliesskraft ein Riss, welcher den ganzen Querschnitt durchtrennt
Fy (to yield = fliessen) und die zugehörige Spannung als so dass der Stab bricht (Bild 5.9). Stahl
für
Fliessspannung oder Fliessgrenze fy bezeichnet. Für unse- Drähte, 210'000**
1410 1570 0.050* 0.01 78.5
÷1670* ÷1860*
ren untersuchten konventionellen Baustahl beträgt die Das Verhalten des Stahls wird mit einem Spannungs- Litzen
Seile
Fliessspannung 235 N/mm2, dieser Wert ist Bestandteil Dehnungs-Diagramm beschrieben, welches quantitativ
der Stahlbezeichnung S235 (steel = Stahl, Fliessgrenze durch vier Parameter definiert ist: Elastizitätsmodul E, * Mindestwerte
** üblicherweise wird dieser Wert um ca. 10 ÷ 25 % redu-
= 235 N/mm2). Fliessspannung fy , Festigkeit ft , und Bruchdehnung εt . ziert zur Berücksichtigung des Effektes der Verwin-
dung der Drähte
Im Diagramm (Bild 5.8b) wird das Fliessverhalten mit Der Elastizitätsmodul E ist wie erwähnt konstant für Tabelle 5.1: Materialkennwerte von Stahl
einem horizontalen Liniensegment beschrieben. Weiter alle Stahlarten und beträgt E = 210'000 N/mm2. Die
ist das Verhalten bei einer Entlastung, nachdem sich Fliessgrenze (Fliessspannung) fy ist dagegen von der
der Stab bereits plastisch verformt hat, dargestellt. Es Stahlart abhängig. Sie variiert zwischen 235 N/mm2 gramme beim Stahl auf den Bereich für das auf Zug
fällt auf, dass die Neigung des entsprechenden Seg- bei gewöhnlichem Baustahl und ca. 3000 N/mm2 beim beanspruchte Material. Die Bruchdehnung εt kann
mentes gleich ist wie diejenige des Anfangssegmentes, sehr hochfesten Stahl für Klaviersaiten. Es ist zu beach- recht große Werte annehmen. Da die zugehörigen sehr
was bedeutet, dass der Elastizitätsmodul gleich ist. Der ten, dass der hochfeste Stahl keine eigentliche plastische grossen Verformungen im Tragelement nicht zugelas-
Abstand des Punktes bei völliger Entlastung vom Ko- Phase besitzt, sondern progressiv von der elastischen in sen werden können, wird bei der Berechnung als Ma-
ordinatenursprung stellt die bleibende, plastische Ver- die plastische Phase übergeht. Man behilft sich zur De- ximalwert der Spannung die Fliessgrenze angenommen
formung dar. finition der Fliessgrenze fy mit einem nominellen Punkt und die Verfestigungsphase vernachlässigt. Dies ist der
im Spannungs-Dehnungs-Diagramm, bei welchem die Grund, warum die Stähle mit ihrer Fliessgrenze fy be-
Wird der Stab nun neu belastet, zeigt er wieder ein bleibende Dehnung 2 mm/m beträgt. Die zugehörige zeichnet werden.
linear-elastisches Verhalten, beschrieben durch dasselbe Spannung stellt dann die Fliessgrenze fy dar.
geneigte lineare Segment wie bei der Entlastung. Nach σ ft
Erreichen der Fliesskraft treten weitere irreversible, Zwischen den oben genannten Stahlarten gibt es un-
plastische Verformungen auf, beschrieben durch ein ter anderem hochfesten Stahl, verwendet in Stahlkon-
Stahl für Drähte, Litzen und Seile
weiteres horizontales Segment. struktionen (fy = 355 N/mm2, S355), Bewehrungsstahl,
als Verstärkung im Stahlbeton (fy = 500 N/mm2, S500 E
S 500
bzw. B500) und Spannstahl, verwendet für Kabel und 1
S 335
Litzen von gespannten Konstruktionen und für Spann- fy S 235 ft
beton (fy =1410 bis 1670 N/mm2). Im Bild 5.10 sind 500
die zu diesen ausgewählten Stahlarten zugehörigen 335
235
Spannungs-Dehnungs-Diagramme dargestellt. Übli-
cherweise beschränkt sich die Darstellung dieser Dia- ε
Bild 5.9: Gerissene Stahlzugproben Bild 5.10: Spannungs-Dehnungs-Kurven verschiedener Stahlsorten

44 prof. schwartz
Materialverhalten und Bemessung Tragwerksentwurf I
ke, welche grossen Erdbebeneinwirkungen ausgesetzt

Temperaturausdeh-
Elastizitätsmodul E

nungskoeffizent αT
Die Grössenordnung der Bruchdehnung ist beach- sein können. Hier können die kontrollierten, grossen

Druckfestigkeit fc

Zugfestigkeit ft
tenswert: für Stahl S235, welcher gewöhnlich in Stahl- plastischen Verformungen zur Energiedissipation he-
konstruktionen verwendet wird, wird beim Bruch eine rangezogen werden. Aus dem Bild 5.10 ist aber auch

[N/mm2]

[N/mm2]

[N/mm2]

Raumlast
Betonart

[‰/ °C]

[kN/m3]
Verlängerung erreicht, welche ca. einem fünftel der Ori- ersichtlich, dass die Duktilität des Stahls mit zunehmen-
ginallänge entspricht. Bei Spannstahl beträgt die Verlän- der Festigkeit abnimmt, d.h. Stahl spröder wird.
gerung beim Bruch nur 0.5 % der Ursprungslänge. C 12/15 28'000 ... 12 1.1 ... Beton mit
34'000 2.0 wenig Ze-
Viele andere Baustoffe weisen ein Verhalten auf, wel- ment und
Es ist zu bemerken, dass der Stahl qualitativ den glei- ches zwischen den beiden beschriebenen Extremen viel Wasser
chen Verlauf im Spannungs-Dehnungs-Diagramm auf- liegt: dem sehr duktilen Verhalten von Stahl und dem C 20/25 30'000 ÷ 20 1.5 ÷ gewöhnli-
weist, unabhängig davon, ob er auf Druck oder auf spröden Verhalten von Glas. 36'000 2.9 0.01 25 cher Beton
Zug beansprucht wird (Bild 5.8c). C 35/45 34'000 ÷ 35 2.2 ÷ Beton mit
42’000 4.2 viel Zement
C 55/65 37'000 ÷ 55 2.9 ÷ und wenig
Der Unterschied des Verhaltens von Stahl mit demje- 5.8 Materialverhalten des Aluminiums 44'000 5.3 Wasser
nigen von Glas ist sehr ausgeprägt: wie im Abschnitt
Tabelle 5.2: Materialkennwerte von Beton
5.5 gezeigt, ist das Verhalten von Glas sehr spröd. Der Das Verhalten von Aluminium (Bild 5.11) entspricht
Bruch erfolgt schlagartig, ohne jegliche Vorankündi- weitgehend demjenigen des Stahls mit hohen Festigkei- σ
gung. Das Verhalten von Stahl ist demgegenüber we- ten und weist kein sogenanntes Fliessplateau auf. Die ft
sentlich gutmütiger; Stahl ist ausgesprochen duktil, d.h. Materialkennwerte sind wie folgt:
verformungsfähig. Vernünftig konstruierte Stahlbauten
haben den grossen Vorteil, dass sich Probleme mit der 1. Elastizitätsmodul E = 70'000 N/mm2 Zug
Tragfähigkeit durch grosse Verformungen ankündigen. 2. Fliessgrenze fy = 180 ÷ 300 N/mm2 Druck ε
Dies ist im Allgemeinen von grossem Vorteil für die Si- 3. Zugfestigkeit ft = 200 ÷ 350 N/mm2
cherheit und im Speziellen sehr vorteilhaft für Bauwer- 4. Temp.-ausdehnungskoeff. αT = 0.024 ‰/ °C

σ ft -f c = -12 N/mm 2
5.9 Materialverhalten des Betons
fy Das Verhalten des Betons hängt vor allem von der
Art der Beanspruchung ab. Auf Zug verhält sich Be-
ton recht spröd, ähnlich wie Glas. Der Bruch erscheint
Zug
Druck
ε schlagartig infolge eines Risses, welcher sich senkrecht
-f c = -28 N/mm 2
zur Beanspruchungsrichtung entwickelt. Die Zugfestig-
keit des Betons wird mit ft (tension = Zug) bezeichnet.
Wenn der Beton dagegen auf Druck beansprucht wird,
-f y
weist er ein ganz anderes Verhalten auf. Oberhalb einer
gewissen inneren Kraft entstehen Risse parallel zur Be-
anspruchungsrichtung, welche eine irreversible Verfor- -fc = -44 N/mm 2
-f t
mung zur Folge haben. Die Beanspruchung kann dann
Bild 5.11: Spannungs-Dehnungs-Verhalten von Aluminim Bild 5.12: Spannungs-Dehnungs-Verhalten von drei Betonarten

DARCH
structural design 45
Tragwerksentwurf I Materialverhalten und Bemessung
Stahl S500 Beton Verhältnis genschaften des Betons mit denjenigen des Stahls. Es terial. Unter dem Mikroskop erkennt man, dass Holz
C20/25 Stahl/Beton ist ersichtlich, dass sehr grosse Unterschiede vorhanden eine eigene innere Tragstruktur aufweist. Es besteht aus
Elastizitätsmodul E 210'000 ~ 33'000 ~6:1 sind, welche die unterschiedlichen Anwendungsarten aneinandergereihten Röhrchen und hat einen ähnlichen
[N/mm2] dieser beiden Materialien begründen. Aufbau wie Wellkarton.
Zugfestigkeit ft 580 ~ 2.2 ~ 300 : 1
[N/mm2]
Das mechanische Verhalten von Holz, in Faserlängsrich-
Bruchdehnung εt [‰] 140 0.06 ~ 2'000 : 1 5.10 Materialverhalten von Natursteinen

Tabelle 5.3: Gegenüberstellung der Eigenschaften von Stahl und Be- Beton ist eigentlich ein künstlicher Stein (Konglome-

Temperaturausdeh-
Elastizitätsmodul E

nungskoeffizent αT
Druckfestigkeit fc
ton rat). Es erstaunt deshalb nicht, dass viele Steinarten ein

Art des Steines

Zugfestigkeit ft
qualitativ ähnliches Verhalten aufweisen wie Beton. Die

[N/mm2]

[N/mm2]

[N/mm2]

Raumlast
[kN/m3]
noch ein wenig gesteigert werden, bevor die Druck- verschiedenen Steinarten unterscheiden sich jedoch be-

[‰/°C]
festigkeit fc (compression = Druck) erreicht wird. Bei trächtlich in Bezug auf ihre Festigkeitswerte. Im All-
weiterer Belastung entstehen noch weitere Risse, wel- gemeinen haben die Sedimentgesteine wie Sandstein,
Sandstein 6'000 ÷ 20'000 1÷2 10 ÷ 60 27 0.08
che eine Abnahme der Festigkeit bewirken. Die Druck- Konglomerat oder Kalkstein kleinere Festigkeiten und
Marmor 60'000 ÷ 90'000 2 ÷ 15 80÷130 28 0.06
festigkeit des Betons ist ca. zehn mal grösser als seine Elastizitätsmodule als die metamorphen und kristalli-
Zugfestigkeit. nen Gesteine wie Marmor, Gneis, Granit oder Basalt. Gneis und 20'000 ÷ 50'000 2 ÷ 15 80÷180 30 0.03
Granit
(Bild 5.13).
Wird der Gehalt des Zementes, die Art der Gesteins- Tabelle 5.4: Mechanische Eigenschaften von Stein
körnung (Kies und Sand) oder vor allem der Wasserge- Genau wie beim Beton variiert auch beim Stein das Ver-
halt verändert, dann entstehen Betone mit unterschied- halten des auf Druck beanspruchten Materials mit der σ
ft
lichen Festigkeiten. Die Bezeichnung des Betons, z.B. Festigkeit. Betone und Steine mit kleinen Festigkeiten
C20/25 (concrete = Beton) enthält die an Prüfzylin- weisen relativ grosse irreversible Verformungen auf, zum
Zug
dern gemessene Betondruckfestigkeit (Zylinderdruck- Teil vor, oft jedoch nach dem Erreichen der Druckfes-
Druck
ε
festigkeit fc = 20 N/mm2) und die an Prüfwürfeln er- tigkeit. Materialien mit hoher Festigkeit verhalten sich
mittelte Betondruckfestigkeit (Würfeldruckfestigkeit dagegen wesentlich spröder. Beim Erreichen der Druck-
fc' = 25 N/mm2), welche infolge der Versuchsbedin- festigkeit bilden sich schlagartig unzählige Risse, welche
gungen höher liegt als die Zylinderdruckfestigkeit. Die einen explosionsartigen Bruch verursachen; das Materi-
Berechnung erfolgt mit der Zylinderdruckfestigkeit. al löst sich in Splitter auf.
E
Im Bild 5.12 ist das Spannungs-Dehnungsverhalten von Auch der Bruch unter Zugbeanspruchung erfolgt sehr Kalkstein
1
drei verschiedenen Betonarten dargestellt. Im Gegen- spröd; er wird ausgelöst durch einen einzigen, senkrecht
satz zum Stahl ist der Elastizitätsmodul von der Be- zur Beanspruchungsrichtung verlaufenden Riss (Trenn-
tonart abhängig. Weiter fällt auf, dass ähnlich wie beim bruch). Granit
Stahl die Duktilität des Betons mit zunehmender Festig-
keit abnimmt, d.h., dass der Beton mit zunehmender
Festigkeit unter Druckbeanspruchung spröder wird. 5.11 Materialverhalten des Holzes
-f c spröder
Tabelle 5.3 zeigt einen Vergleich der mechanischen Ei- Holz ist ein vorwiegend aus Zellulose bestehendes Ma- Bruch
Bild 5.13: Spannungs-Dehnungs-Linien verschiedener Steine

46 prof. schwartz
Materialverhalten und Bemessung Tragwerksentwurf I
tung beansprucht, ist sehr ähnlich wie dasjenige ande- Druckfestigkeit fc kann Holz noch mit beträchtlichen sind im Allgemeinen in den SIA-Normen festgelegt
rer Materialien mit einer ausgeprägten elastischen Phase. plastischen Verformungen weiterbelastet werden, wo- und werden im Spezifischen für jedes Bauwerk in der
Wird Holz auf Zug über eine gewisse Grenze hinaus bei die Spannung langsam abnimmt (Bild 5.14). sogenannten Nutzungsvereinbarung mit der Bauherr-
beansprucht, so wird es überbeansprucht, es entstehen schaft vereinbart. Die Nutzungsvereinbarung ist ein
Risse, und es verliert seine Festigkeit. Unter Druckbe- Die verschiedenen Holzarten haben unterschiedliche me- Dokument, welches die Einwirkungen, auf welche
anspruchung beobachten wir ein Zerquetschen und In- chanische Eigenschaften, welche vor allem von der Dich- die einzelnen Bauteile ausgelegt werden müssen, die
stabilwerden der Wände der Röhrchen, was zu irrever- te des Materials abhängig sind, also von der Menge von Grenzwerte der Verformungen, und weitere objektspe-
siblen Verformungen führt. Nach dem Erreichen der Zellulose und der Menge an Leerräumen in Abhängig- zifische Kriterien, welche für die einwandfreie Nutzung
keit des totalen Volumens (Tabelle 5.5). Im Gegensatz des Bauwerkes einzuhalten sind, festhält. Mit der Be-
zum Beton und zum Stahl ist beim Holz die Zugfestig- grenzung der Verformungen ist in der Regel auch ein

Temperaturausdeh-
Elastizitätsmodul E

nungskoeffizent αT
keit grösser als die Druckfestigkeit. schwingungsfreies Verhalten sichergestellt. Die in der

Druckfestigkeit fc
Zugfestigkeit ft
Nutzungsvereinbarung mit der Bauherrschaft abge-
Rohdichte ρ

Beim Holz ist darauf zu achten, dass es in Abhängigkeit machten Verformungseinschränkungen sind im juristi-
[N/mm2]

[N/mm2]

[N/mm2]

[‰/°C]
[kg/m3]
Holzart

der inneren Feuchte eine Volumenänderung erfährt: Holz schen Sinn als privat-rechtiche Regelungen zu verste-
schwindet beim Austrocknen und quillt bei Wasserauf- hen, welche somit mit der Bauherrschaft ausgehandelt
Balsa 80 ÷ 200 2'500 ÷ 16÷22 8÷18 nahme infolge des kapillaren Saugens der Röhrchen. werden können.
6'000
Fichte Die Berechnung der Verformungen soll an einem kon-
- ohne Fehler 400 ÷500 15'000 30 30 0.005
- Konstruk- 11'000 13 20 5.12 Bemessung: Grenzzustand der kreten Beispiel behandelt werden. Im Bild 5.15a ist ein
tionsholz Gebrauchstauglichkeit Seil dargestellt, an welchem ein Behälter aufgehängt ist,
Buche 600 ÷ 750 10'000 17 22 welcher mit Wasser gefüllt werden kann. Der Behälter
Eiche 600 ÷ 800 10'000 17 22 0.008 Unter Bemessung bzw. Dimensionierung wird die Er- hat eine Eigenlast von 5 kN und fasst total 2500 Liter
mittlung der erforderlichen Bauteilabmessungen ver- Wasser, was einer Nutzlast von 25 kN entspricht. Die
Tabelle 5.5: Mechanische Eigenschaften von Holz (nach SIA 265)
standen. In den modernen Normen werden zwei ver- gesamte Last beträgt somit auf Gebrauchsniveau
schiedene Grenzzustände unterschieden:
σ Qtot = G + Q = 5 + 25 = 30 kN
ft 1. der Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit
2. der Grenzzustand der Tragsicherheit. Im Bild 5.15b sind alle inneren Kräfte sowie die Aufla-
gerkräfte gemäss Abschnitt 3.1 ermittelt worden.
In diesem Abschnitt wird der Grenzzustand der Ge-
E brauchstauglichkeit behandelt. Die inneren Kräfte verursachen eine Verformung des
1 Seiles, bedingt durch die Verlängerung der beiden
Zug Die Nachweise, welche zu führen sind, sollen sicher- Seilsegmente. Ausgehend von der Querschnittsfläche
Druck
ε stellen, dass das Tragwerk sich unter den Lasten auf dem A = 177 mm2 und von der m, Länge der beiden Seilseg-
-f c
Gebrauchsniveau, d.h. den so genannten Gebrauchslas- mente l1 = l2 = 32 + 4 2 = 5m , ergibt sich die Verlän-
ten vernünftig verhält. Es geht namentlich darum, das gerung der Seilsegmente unter den inneren Seilkräften
Tragwerk so auszubilden, dass die Verformungen der
einzelnen Tragelemente des Bauwerkes sich innerhalb Zi . li 25000N . 5000mm
festgelegter Grenzwerte bewegen. Diese Grenzwerte δli = = = 3.3 mm
Ai . E 210000N/mm2 . 177mm2
Bild 5.14: Spannungs-Dehnungs-Kurve von Holz

DARCH
structural design 47
Tragwerksentwurf I Materialverhalten und Bemessung
8.0 m Z1 = Z2 = 25 kN gemäss Abschnitt 5.3 zu:
Im Bild 5.15c wird gezeigt, wie die neue Form des Seiles
a) 4.0 m 4.0 m b)
mit den unter der Last verlängerten Seilsegmenten kon-
struiert werden kann. Dabei wird angenommen, dass
A B die Verformungen klein sind, sodass die Auslenkung
BH 20.0 kN der Seilsegmente rechtwinklig linear zum ursprüngli-
chen Seilsegment abgetragen werden kann.
kN
1 2 BV 5 .0
2
15.0 kN Z2 Q tot Streng genommen folgt diese Auslenkung einem Seg-

3.0 m
ment eines Kreises, dessen Ursprung sich am gegen-
30.0 kN
überliegenden Ende des Seilsegmentes befindet. Die
AV 25 Z 1
Seil: S235 .0 vorgenommene Linearisierung hat bei kleinen Verfor-
15.0 kN kN
Ø = 15 mm mungen keinen nennenswerten Einfluss auf das Resul-
fy = 235 N/mm2 A H 20.0 kN tat. Aus der Konstruktion gemäss Bild 5.15c kann die
E = 210'000 N/mm2 Einsenkung des Seiles in der Achse der Wirkungslinie
G = 5 kN der Last herausgemessen werden zu w = 5.5 mm.
Q = 25 kN
1 2 Der Wert w muss kleiner sein als der in der Nutzungs-
vereinbarung festgelegte Wert. Ist dies nicht der Fall, so
kann entweder versucht werden, die Eigenlast des Be-
c) hälters zu reduzieren, was beim vorliegenden Verhältnis
von Nutzlast zu Eigenlast kaum zum Ziel führen wird,
oder es kann der Querschnitt des Seiles vergrössert wer-
mm den, da die Verlängerung des Seilsegmentes umgegehrt
.3 ∆l
=3 =3 proportional zu dessen Querschnittsfläche ist.
1

∆l .3
2
mm
Wie im Abschnitt 3.8 gezeigt wurde, führt eine Verän-
90° 90° derung des Angriffspunktes der Lasten zu wesentlich
w = 5.5 mm

grösseren Formänderungen des Seiles. Deshalb sind


in diesen Fällen in der Regel die im Abschnitt 3.9 be-
schriebenen konstruktiven Massnahmen erforderlich,
um die Kriterien der Gebrauchstauglichkeit erfüllen zu
können.

5.13 Bemessung: Grenzzustand der Trag-


sicherheit

Die Nachweise der Tragsicherheit, welche zu führen


Bild 5.15: Ermittlung der Seillasten und Verformungen auf Gebrauchsniveau

48 prof. schwartz
Materialverhalten und Bemessung Tragwerksentwurf I
8.0 m Überbelastung des Tragwerks abgedeckt. Die Sicher-
heitsfaktoren sind in den technischen Normen festge-
4.0 m 4.0 m
legt. In der Schweizer Norm (die europäischen Normen
enthalten ähnliche Werte) lauten sie wie folgt:
A B B H 29.5 kN
1. ständige Lasten γG = 1.35
2. veränderliche Lasten, inkl. Windlast: γQ = 1.50
1 2 BV kN
.9
22.1 kN 36 Die zu berücksichtigende Last setzt sich im Beispiel aus

3.0 m
Z 2d den um den Lastbeiwert γG erhöhten Eigenlasten und
Q d,tot
den um den Lastbeiwert γQ erhöhten Nutzlasten zu-
Seil: S235 44.2 kN sammen. Die entsprechende Last wird als Last auf dem
fy = 235 N/mm2 Z 1d Bemessungsniveau, bzw. Bemessungslast Qtot,d bezeichnet
AV 36 (design = Bemessung):
E = 210'000 N/mm2 .9
22.1 kN kN
Gd = 6.7 kN Qtot,d = γG · G + γQ · Q =
Qd = 37.5 kN = 1.35 · 5 + 1.5 · 25 = 44.2 kN.
A H 29.5 kN
Im Bild 5.16 werden die inneren Kräfte auf Bemes-
Bild 5.16: Ermittlung der Seillasten auf Bemessungsniveau
sungsniveau im Seil unter den Bemessungslasten ermit-
telt:
Z1d = Z2d = 36.9 kN ≅ 37 kN
sind, sollen sicherstellen, dass unter den so genannten Gegebenheiten haben im Gegensatz zu denjenigen der
Bemessungslasten ein Versagen des Tragwerks ausge- Gebrauchstauglichkeit im juristischen Sinn öffentlich- Um genügend vorsichtig zu sein, muss im Weiteren be-
schlossen ist. Es geht namentlich darum, das Tragwerk rechtlichen Charakter. Sie können nicht mit der Bau- rücksichtigt werden, dass auch die Festigkeit des Mate-
so auszubilden, dass die Widerstände der einzelnen Tra- herrschaft ausgehandelt werden. Es handelt sich somit rials und die Querschnittsfläche kleiner als vorgesehen
gelemente des Bauwerkes in jedem Fall grösser sind als bei der Tragsicherheit um ein härteres Kriterium als bei sein können. In der Tat sind im Stadium der Projektie-
die maximal auftretenden inneren Kräfte. Die zu be- der Gebrauchstauglichkeit. rung des Tragwerkes die Festigkeitswerte des Materi-
rücksichtigenden Kombinationen von Lasten werden als, welches bei der Ausführung verwendet wird, noch
aus so genannten Gefährdungsbildern abgeleitet und als Der Nachweis der Tragsicherheit soll anhand des im nicht genau bekannt.
Bemessungssituationen bezeichnet. Auch diese werden Abschnitt 5.12 behandelten Seiltragwerks durchgeführt
im Spezifischen für jedes Bauwerk in der Nutzungsver- werden. Da das Versagen des Seiles unter allen Umstän- Aus diesem Grund muss der Tragwiderstand des Trag-
einbarung sowie in der Projektbasis festgelegt. Die Pro- den ausgeschlossen werden muss, werden Sicherheits- werks bei der Berechnung reduziert werden, indem
jektbasis ist ein die Nutzungsvereinbarung ergänzendes faktoren eingeführt. Die Einwirkungen, d.h. im behan- die nominelle Materialfestigkeit durch einen weiteren
Dokument, welches vor allem die ingenieurspezifischen delten Beispiel die Lasten, werden mit so genannten Sicherheitsfaktor, den so genannten Widerstandsbeiwert
Grundlagen der Bemessung des Tragwerkes enthält Lastbeiwerten multipliziert. Es wird somit mit Lasten γM , reduziert wird, welcher von der Art des Materials
und somit im Gegensatz zur Nutzungsvereinbarung gerechnet, welche höher sind, als die in Wirklichkeit abhängt.
für den nicht fachkundigen Bauherrn schwieriger zu gemäss Nutzungsvereinbarung maximal vorgesehe-
verstehen ist. Alle mit der Tragsicherheit verbundenen nen. Mit dieser Reserve wird eine nie auszuschliessende Dieser Faktor ist abhängig von der Streuung der Festig-

DARCH
structural design 49
Tragwerksentwurf I Materialverhalten und Bemessung
Zd
keitswerte des Materials. Stahl weist dank seiner sehr Aerf ≥
sorgfältig kontrollierten Produktion eine viel kleinere fd
Streuung der Festigkeitswerte auf als beispielsweise
Holz (Knoten, Schwindrisse, diverse Imperfektionen)
oder Mauerwerk. Die Widerstandsbeiwerte für die gän- Im behandelten Beispiel bedeutete das:
gigen Baumaterialien sind: 37'000
Aerf ≥ = 165 mm2
235/1.05
1. Stahl: γM = 1.05
2. Betonstahl: γM = 1.15
3. Beton: γM = 1.50 gewählt: Ø 15 mm mit Avorh = 177 mm2
4. Holz: γM = 1.50 ÷ 1.70
5. Mauerwerk: γM = 2.00 Im Abschnitt 5.2 wurde gezeigt, dass zu grosse Verfor-
mungen unter Gebrauchslasten durch Vergrösserung
Nach Einführung des Bemessungswertes der Festigkeit der Seilquerschnittsfläche reduziert werden können. Es
fd = f/γM erhält man den Tragwiderstand ZRd (Resistance = sind somit Fälle möglich, bei welchen sich die Quer-
Widerstand) der Seilsegmente aus Stahl S235 auf Bemes- schnittsflächen der Tragelemente nicht aus dem Krite-
sungsniveau: rium der Tragsicherheit, sondern aus demjenigen der
Gebrauchstauglichkeit ergeben. Im Folgenden werden
ZRd = fd · A wir uns bei der Bemessung vereinfachend vorwiegend
ZRd = 235/1.05 · 177 = 39614 N = 39.6 kN auf das Kriterium der Tragsicherheit abstützen.

Die Bedingung für die Tragsicherheit sagt aus, dass die


Bemessungswerte der inneren Kräfte kleiner sein müs- 5.14 Ermüdung
sen als die Bemessungswerte der Tragwiderstände:
Wenn das Material eines Tragelementes einer Belastung
Zid ≤ ZRd unterworfen wird, welche sehr häufig in ihrer Intensität
Z1d Z2d 36.9 kN ≤ ZRd = 39.6 kN
= = und evtl. auch in ihrer Richtung variiert, kann ein sprö-
der Bruch unter wesentlich kleineren Spannungen als der
mit Z1d und Z2d der Bemessungswerte der inneren Kräf- Festigkeit des Materials auftreten.
te in den zwei Seilstücken. Die Bedingung ist erfüllt und
somit der Nachweis der Tragsicherheit für das Seil er- Dieses Phänomen, welches als Ermüdung bezeichnet
bracht. wird, hat eine große Bedeutung bei Eisenbahnbrücken,
weil die beweglichen Lasten (Lokomotive und Wagen)
Die Bemessung eines Tragelementes auf Tragsicherheit, verglichen mit den Eigenlasten relativ gross sind. Bei
d.h. die Ermittlung der erforderlichen Querschnittsflä- konventionellen Hochbauten ist die Ermüdung meis-
che eines Tragelementes, kann somit sehr einfach durch tens nicht massgebend.
Division des Bemessungswertes der inneren Kraft
durch den Bemessungswert der Festigkeit fd gewonnen
werden:

50 prof. schwartz
Materialverhalten und Bemessung Tragwerksentwurf I
6 Bögen

Seile sind Tragelemente, die die von aussen einwirken- einer gegebenen Lastsituation im zugehörigen Kräfte- kungslinie von R liegenden Pols entspricht somit einem
den Kräfte durch innere Zugkräfte in Seilrichtung über- plan (vgl. Bild 3.6). Infolge der engen Beziehung zwi- Seil mit Schlankheit null und parallelen Auflagerkräften
tragen. Wie das in den Abschnitten 2.9 und 2.10 be- schen der Geometrie des Kräfteplans und der daraus mit entgegengesetzer Richtung zu derjenigen der Last
trachtete Beispiel der hängenden und stehenden Lampe resultierenden Geomtrie des Lageplans entsprechen die (vgl. Abschnitt 2.5).
von Poul Henningsen deutlich gemacht hat, kommt es Winkel α respektive β zwischen den Auflagerkräften A
bei der Umkehrung der Geometrie und Belastung zu respektive B und der Last R im Kräfteplan den Winkeln Wenn der Pol über die Wirkunglinie von R hinaus wei-
einer Transformation von inneren Zugkräften in innere zwischen den korrespondierenden Wirkungslinien der tergeschoben wird, so schneiden sich die Wirkungsli-
Druckkräfte und umgekehrt. Im Folgenden soll dieses Auflagerkräfte und der Wirkungslinie der Last im La- nien der Auflagerkräfte in einem Punkt oberhalb der
Prinzip der Dualität genauer untersucht und auf Trag- geplan (Bild 6.1a). Auflager und erzeugen hierdurch eine Seilgeometrie,
werke angewendet werden. welche auf Grund der mangelnden Steifigkeit von Sei-
Wird der Pol P parallel zur Auflagerlinie in Richtung len physikalisch unmöglich ist. Diese virtuelle Seilgeo-
der Last verschoben, so verkleinern sich die Winkel metrie wird als Bogen bezeichnet. Bögen können somit
6.1 Duale Tragwerke α und β im Kräfteplan und damit auch im Lageplan. verstanden werden als invertierte Seile. Durch Punkt-
Da die Wirkungslinien von A und B durch die gegebe- spiegelung des Pols P an dem Schnittpunkt der Aufla-
Bei der Betrachtung von Seilen in Kapitel 3 wurde be- nen Auflager verlaufen müssen, führt die Verschiebung gerlinie AB mit der Wirkungslinie der Resultierenden
reits darauf hingewiesen, dass eine gegebene Belastung von P daher zu einer Rotation der Wirkungslinien der R wird der Kräfteplan eines Bogens in den Kräfteplan
mit einer unendlich grossen Familie von möglichen Auflagerkräfte um die Auflager (Bild 6.1b). Je geringer eines Seils überführt, dem dualen Seil. Umgekehrt kann
Seilgeometrien aufgenommen werden kann. Die un- im Kräfteplan die Distanz zwischen dem Pol P und hierdurch auch zu jedem Seil ein dualer Bogen definiert
terschiedlichen Seillagen bewirken eine Veränderung der Last R ist, desto kleiner wird dabei die Schlankheit werden.
der Lage des Pols P in Bezug auf die Resultierende R des Seiles im Lageplan. Der Grenzfall des auf der Wir-

a) B
b)
B B
B B
A R R R R R B
A A
β A
A R
A
α

P P
P P
P
β
P
α

Bild 6.1: Dualität von Seil- und Bogentragwerk

DARCH
structural design 51
Tragwerksentwurf I Bögen
Diese Dualität erlaubt es auch auf einfache Art, be- ten Einzelkraft ausgesetzt, welche aus den Kräften der durch seine Eigenlasten beansprucht, so entspricht seine
kannte Zusammenhänge für Seile auf Bögen zu über- Schrägseile resultiert. Im Bild 6.3a ist die Ermittlung optimale Form derjenigen der Kettenlinie. Bei nicht all-
tragen. Wie aus Bild 6.1b ersichtlich wird, muss bei der der inneren Kräfte in einem entsprechenden System mit zu kleinen Schlankheiten sind jedoch wie beim Seil die
Übertragung jedoch berücksichtigt werden, dass die Hilfe von Subsystemen dargestellt und der Lösung ei- Unterschiede zwischen Parabel und Kettenlinie gering.
durch die äussere Kraft R erzeugten inneren Kräfte in nes dualen Seiltragwerks (Bild 6.3b) gegenübergestellt.
einem Bogen nicht Zugkräfte sind wie in einem Seil, Bei den Bögen wird die Querschnittsfläche oft der
sondern Druckkräfte. Die Dualität zwischen den Seilen und den Bögen gilt Beanspruchung angepasst. Infolge der Querschnitts-
unabhängig von der Art der Belastung (Bild 6.4). Ist die vergrösserung im Auflagerbereich sind dann auch die
Last gleichmässig verteilt, so entspricht die Form des Bo- Eigenlasten in dieser Zone grösser. Die optimale Bo-
6.2 Gegenüberstellung einfacher Bogen- gens derjenigen einer Parabel. Wird der Bogen dagegen genform wird dementsprechend im Auflagerbereich
und Seiltragwerke

Der einfachste Fall eines Bogens ist im Bild 6.2 darge- D2


stellt. Der Pylon der Severinsbrücke in Köln ist am obe- Q Q Q Q Q
ren Ende einer grossen vertikal nach unten gerichte-
a) D1

D1 D2 D1 D2

f
l/2 l/2

l/2 l/2

Z1 Z2
Z1 Z2
f

b) Z2
Q Q Q Q
Q
Z1
Bild 6.2: Severinsbrücke, Köln, 1958-59, Arch.: Gerd Lohmer, Ing.: Bild 6.3: Vergleich von Bogen und dualem Seil unter einer Last Q
Fritz Leonhardt

52 prof. schwartz
Bögen Tragwerksentwurf I
eine Zunahme der Krümmung gegenüber der Parabel auf die Verteilung der inneren Kräfte, sondern auch gen zu ermitteln, welche die gewünschten statischen
respektive Kettenlinie aufweisen, und daher steiler ver- eine Möglichkeit zur Verbesserung des Tragverhaltens Anforderungen am besten erfüllt. Die Lösungen wur-
laufen. Beim im Bild 6.5 dargestellten Gateway Arch unter veränderlichen Lasten sowie unter Windlasten. den empirisch hergeleitet: das Resultat wurde mit Hilfe
von Eero Saarinen (1910-1961) mit einer Spannweite l von Modellen gefunden und das Experiment übte eine
und einer Pfeilhöhe f von 192 m ist die Veränderung entscheidende Rolle aus. Nur dank dem Studium der
der Querschnittsfläche mit der Zunahme der Eigenlas- 6.3 Historische Anwendungen Seilsysteme gelang es, das Problem korrekt zu formu-
ten zu den Auflagern hin und die damit verbundene lieren. Dieses Problem beschäftigte damals die besten
Veränderung der Bogenform offensichtlich. Wie im Gegen Ende des 17. Jahrhunderts haben viele Archi- Mathematiker wie etwa Gottfried Wilhelm Leibniz
Folgenden gezeigt wird, ist dies nicht nur eine Antwort tekten eine Regel gesucht, um diejenige Form der Bö- (1646-1716) oder die Gebrüder Johann (1667-1748)
und Jakob Bernoulli (1654-1705).

Die erste praktische Anwendung geht auf den Mathe-


matiker und Ingenieur Giovanni Poleni (1683-1761)
zurück. Er wurde mit dem Nachweis der Stabilität der
Kuppel des Petersdoms in Rom beauftragt (Bild 6.6)
und mit der Suche nach einer Erklärung der entstan-
denen Risse. Poleni untersuchte dazu die Rippen, wel-
che die Kuppel bilden. Er benützte ein Modell, welches
aus einem mit Kugeln belasteten Seil bestand, wobei
er jeder Kugel das Gewicht des zugehörigen Bogenab-
schnitts zuordnete. Im Bild 6.7 ist die Originalkonst-
ruktion des Seilpolygons dargestellt.

Es ist Poleni auf bemerkenswerte Weise gelungen, das


f

Tragverhalten der Kuppel erstmals theoretisch korrekt


f

f
f

Kettenlinie

Parabel
Parabel

Bild 6.4: Vergleich von Bogen und dualem Seil unter gleichmässig verteilter Last Kettenlinie Bild 6.5: Gateway Arch, St. Louis, 1965, Arch.: Eero Saarinen, Ing.:
Hannskarl Bandel
DARCH
structural design 53
Tragwerksentwurf I Bögen
zu erfassen und hierdurch das Entstehen der Risse mit Die Einfachheit, mit welcher sich Seilmodelle herstellen
der zu grossen Abweichung der Drucklinien von den lassen, hat immer wieder Architekten und Ingenieure
Achsen der Bogenrippen zu begründen. Auch sein In- dazu bewogen, die Form der zu entwerfenden Bögen
standsetzungsvorschlag, nämlich im unteren Bereich mit Hilfe der Analogie zwischen den beiden Tragwerks-
der Kuppel eiserne Zugringe anzuordnen, zeugt von arten zu finden, nehmen doch die Seile automatisch die
Polenis herausragendem Verständnis der grundlegen- statisch optimale Form der Seilpolygone an.
den mechanischen Zusammenhänge des Tragverhaltens
der Bögen. Aus kinematischer Sicht (vgl. Abschnitt 6.5) Im für die Architektur wichtigen Spezialfall von hori-
wurden mit dieser Massnahme weitere Verformungen zontalen Auflagern und vertikalen Lasten ergibt sich
des unteren Kuppelbereichs nach aussen verhindert. der Bogen direkt aus dem dualen Seil durch Spiegelung
Aus statischer Sicht wurden die Rippenbögen durch die der Seilgeometrie an der Auflagerlinie, wie aus den Bil-
nach innen gerichteten Umlenkkräfte der Eisenringe dern 6.3 und 6.4 ersichtlich. Eine Tatsache welche sich
zusätzlich belastet, so dass sich die Drucklinien in Rich- zum Beispiel Antoni Gaudi (1852-1926) beim experi-
tung der Rippenachsen verschieben konnten. mentellen Entwurf des komplexen Gewölbes für die

Bild 6.8: Antoni Gaudis Entwurf des Gewölbes der Colònia Güell
durch Verwendung dualer Seile, 1898

Colonia Güell zu Nutze gemacht hat (Bild 6.8). In dem


Fall von horizontalen Auflagern und vertikalen Lasten
gilt für die Beziehung von Bogentragwerk und dualem
Seiltragwerk folgendes:

1. die horizontalen Auflagerkräfte sind identisch


2. die vertikalen Auflagerkräfte sind invertiert und
3. die inneren Kräfte haben die gleiche Intensität,
aber entgegensetztes Vorzeichen.

Bild 6.6: Schnitt durch die von Giacomo della Porta entworfene Kup- Bild 6.7: Analyse des Tragverhaltens der Kuppel des Petersdoms von
pel des Petersdoms, Rom, 1547-1590 Giovanni Poleni mittels grafischer Statik und dualem Seil, 1748

54 prof. schwartz
Bögen Tragwerksentwurf I
6.4 Tragwirkung eines Bogens unter mehreren entweder mit Hilfe von Zwischenresultierenden oder mit 6.5 Stabilitätsversagen des Bogens unter
beliebig gerichteten Lasten Hilfe des Seilpolygons (vgl. Abschnitte 2.7 und 2.8) er- ungleichmässig verteilten Nutzlasten
mittelt werden. Anschliessend kann nach der Wahl der
Im Allgemeinen kann die Form eines Bogens unter Pfeilhöhe der Bogen mit zwei geraden Segmenten zur Wird ein Seil zusätzlich zu den gleichmässig verteilten
beliebiger Belastung und Auflagergeometrie aus dem Aufnahme der Resultierenden aller Lasten entworfen ständigen Lasten durch eine veränderliche Nutzlast be-
Studium des dualen Seiles durch eine affine Transfor- und die Zwischensegmente mit Hilfe des Kräfteplanes ansprucht, so verändert sich die Form des Seiles (vgl.
mation abgeleitet werden. Aus diesem Grund ist das wie beim Seil entwickelt werden (Bild 6.9). Falls die Las- Abschnitt 3.8). Aus dem Bild 6.10a ist ersichtlich, dass
Vorgehen zur Bestimmung der Form, der inneren Kräf- ten parallel gerichtet sind, so ist wie beim Seil auch beim sich das Seil nach dem Aufbringen der veränderlichen
te und der Auflagerkräfte eines Bogens, auf den meh- Bogen die Lösung mit Hilfe von Zwischenresultieren- Last q unter dieser Last nach unten verschiebt, bis es
rere Lasten in beliebige Richtungen wirken, identisch den nicht mehr möglich (vgl. Bild 2.9). die neue Gleichgewichtslage gefunden hat. Im Mo-
mit demjenigen bei den Seilen. Die Resultierende kann ment, wo die Last aufgebracht ist, herrscht zunächst ein
labiler Gleichgewichtszustand (das Seil bewegt sich!),
welcher wieder in einen stabilen Gleichgewichtszustand
übergeht. Die sogennannte Kinematik, d. h. die Bewe-
Q1 Q4 Q4 gung der Seilsegmente unter veränderlichen Lasten,
Q3 führt somit zu einem dynamischen Verhalten der nicht
Q2 durch konstruktive Massnahmen stabilisierten Seile.
Q3
P R Dies hat schlimmstenfalls Probleme mit der Gebrauchs-
tauglichkeit zur Folge; unter der Voraussetzung dass die
Q2 Festigkeitsreserven des Seiles genügen, bleibt die Trag-
R
sicherheit jedoch gewährleistet.
B Q1
Im Bild 6.10b ist das gleiche Vorgehen für einen schlan-
A ken Bogen dargestellt. Hier ist ein grundlegender Un-
terschied zum Seil festzustellen: Mit der Zunahme der
BH veränderlichen Last q hat der Bogen die Tendenz, sich
K1 unter der Last nach unten zu verformen, währenddem
Q4 D5
Q1 Q2 die Gleichgewichtsdrucklinie des Bogens sich nach
Q3 Q4 oben verschieben müsste. Ohne Einfluss von aussen,
D4 BV
D1 D2 Q3 d.h. ohne Anheben des Bogens bis zur Form der neu-
D3 en Drucklinie, ist kein Gleichgewichtszustand möglich.
R Dies bedeutet, dass auch eine sehr kleine Veränderung
K1 D3 Q2 D2 der Lasten eine Verschiebung des Bogens aus seiner
D4
BH Gleichgewichtslage zur Folge hat: Es liegt ein Instabi-
D2 R Q1 K1 AV
D1 litätsproblem vor! Das Problem betrifft beim Bogen,
AH D5
im Gegensatz zum Seil, die Tragsicherheit: Eine solche
D1 BV Instabilität führt unweigerlich zum Einsturz des Trag-
AH
AV werks. Die Einführung konstruktiver Massnahmen zur
Stabilisierung des Bogens ist also unumgänglich.
Bild 6.9: Bogen unter mehreren beliebigen Lasten

DARCH
structural design 55
Tragwerksentwurf I Bögen
q 6.6 Massnahmen zur Vermeidung stabilisierenden Seilen. Auch bei den Bögen ist die Ein-
eines Stabilitätsversagens unter führung zusätzlicher Stäbe eine effiziente Massnahme,
g veränderlichen Nutzlasten um die Stabilität sicherzustellen. In Bild 6.12 sind zwei
einfache Möglichkeiten gezeigt, wie ein Bogen mit zwei
Im Fall der Seile ist es möglich, die Formänderungen konzentrierten Lastangriffspunkten mit Hilfe zusätzli-
des Tragwerks durch Erhöhung der ständigen Lasten cher Tragelemente stabilisiert werden kann.
durch g+q belastetes Seil
zu reduzieren, weil die Verschiebung des Seiles eine
Funktion des Verhältnisses der veränderlichen zu den In Bild 6.12a wird exemplarisch eine zusätzliche Druck-
ständigen Lasten ist. Auch beim Bogen führt eine ent- strebe eingeführt. Diese Druckstrebe wirkt, vom kinema-
a) durch g erzeugte Seilform
sprechende Massnahme zur Reduktion der Verschie- tischen Standpunkt aus betrachtet, wie ein Spriess wel-
bung der Drucklinie; da aber auch bei einer sehr kleinen cher den Punkt unter der höheren Last daran hindert,
Verschiebung das Gleichgewicht des Bogens ohne äu- sich nach unten zu verschieben. Aus statischer Sicht er-
q ssere Eingriffe nicht mehr sichergestellt werden kann, laubt das zusätzliche Element, ein zweites Bogensystem
g bleibt der Einsturz unvermeidbar. Aus diesem Grund zu aktivieren welches die Nutzlast Q abzutragen ver-
führt weder die Lösung mit Erhöhung der Eigenlasten noch mag. Durch Superposition der beiden Tragwerke wird
Gleichgewicht- Drucklinie unter Belastung g+q die zum Seilbalken analoge Lösung zu einer Stabilisierung klar, dass nur das linke geneigte Bogensegment und das
des Bogens. zusätzliche Tragelement beeinflusst werden, wenn die
Nutzlast Q verändert wird.

Stabilisierung mit zusätzlichen Druckstreben In Bild 6.12b wird exemplarisch ein zusätzliches Seil-
durch g belasteter Bogen
respektive Spannseilen segment eingebaut. Dieses Seilsegment weist die duale
durch g+q belastete Bogenform Tragwirkung auf wie die zusätzlich eingeführte Druck-
b) Wie in Kapitel 3 gezeigt wurde, kann ein tragendes Seil strebe. Das Seilsegment verhindert, vom kinematischen
Bild 6.10: Unterschied im Verhalten von dualem Seil (a) und Bogen stabilisiert werden durch Ergänzung einer Serie von Standpunkt aus betrachtet, den schwächer belasteten
(b) unter veränderlichen Nutzlasten
Q
Die systemische Situation und die sich daraus ergeben- G G G G Q
de Differenz zwischen dem labilen, sich stabilisierenden
a)
Gleichgewicht beim Seil und diejenige des labilen, insta-
bilen Gleichgewichts beim dualen Bogen kann anhand
des einfachen, ebenfalls dualen Modells einer Kugel
= +
auf einer gekrümmten Flächen veranschaulicht werden
(Bild 6.11). Q Q Q
G G G G Q
b)

= +
a) b)

Bild 6.11: stabiles (a) und instabiles (b) Gleichgewicht Bild 6.12: Stabilisierung eines Bogens mittels zusätzlicher Tragelemente

56 prof. schwartz
Bögen Tragwerksentwurf I
Punkt des Bogens daran, sich nach oben zu verschie- um leichte und transparente Tragwerke zu erzeugen. dadurch den schlanken Bogen daran, sich zu verfor-
ben. Aus statischer Sicht erlaubt das zusätzliche Ele- Sowohl die Warenhäuser GUM in Moskau (Bild 6.13) men.
ment, ein Seilsystem zu aktivieren, welches eine nach wie auch die Überdachung des Bahnhofs in Chur (Bild
oben gerichtete gleich grosse Kraft wie die Nutzlast 6.14) weisen extrem filigrane Bögen auf, deren Stabili- Die von Robert Maillart (1872-1940) entworfene Brücke
Q abzutragen vermag. Wird der Bogen ohne Seil an sierung mit Hilfe von Seilsystemen erfolgt welche zum über das Val Tschiel (Bild 6.15) ist hierfür ein Beispiel.
beiden Punkten mit G+Q belastet, so resultiert durch Teil bei den Auflagern der Bögen verankert sind. Diese Bogenbrücke hat mit lediglich 23 cm Stärke, dank
Superposition der beiden Tragwerke am linken Punkt der aussteifenden Fahrbahnplatte, bereits einen genü-
eine Last G+Q und eine Last G+Q – Q = G am rech- gend stabilen Bogen aus Stahlbeton.
ten Punkt. Auch in diesem Fall ist somit klar, dass nur Stabilisierung mit Hilfe eines Versteifungsträgers
die inneren Kräfte im rechten geneigten Bogensegment
und im Seil beeinflusst werden, wenn die Nutzlast Q Die Lösung mit der Ergänzung eines Versteifungsträgers, Stabilisierung durch Vergrösserung
verändert wird. wie sie bei den Seiltragwerken vor allem bei den Hän- der Bogenbreite
gebrücken angewendet wird, kann auch dazu dienen,
Ein gekrümmter Bogen unter verteilten Lasten kann mit einen Bogen zu stabilisieren. In diesem Fall basiert die Wie bei den Seilen besteht auch bei den Bögen die
Hilfe einer Serie von zusätzlichen Tragelementen stabili- Tragwirkung auf zwei verschiedenen Prinzipien: Der Möglichkeit, den stabilisierenden Versteifungsträger
siert werden. Oft werden stabilisierende Seile eingesetzt Träger verteilt die konzentrierten Lasten und hindert mit dem Bogen zu kombinieren. Dies kann erfolgen,
indem die Breite des Bogens vergrössert wird, so dass
ein gedrungener Bogen entsteht. Diese Massnahme
wird vor allem bei Bögen aus Material ohne nennens-
werte Zugfestigkeit, beispielsweise Natursteinmauer-
werk oder schwach bewehrter Stahlbeton, ergriffen.
Aus kinematischer Sicht gelingt es damit, die Steifigkeit
des Bogens soweit zu vergrössern, dass dieser sich un-

Bild 6.13: Staatliches Warenhaus GUM, Moskau, 1889-93, Arch.: Bild 6.14: Überdachung der Postautostation, Chur, 1988, Arch.: Ri- Bild 6.15: Brücke über das Val Tschiel, 1925, Arch. & Ing.: Robert
Alexander Pomerantsev, Ing.: Vladimir Shukhov chard Brosi & Obrist und Partner, Ing.: Peter Rice Maillart
DARCH
structural design 57
Tragwerksentwurf I Bögen
erlaubt, die tatsächliche Tragsicherheit des Tragwerkes
q q
zu beurteilen.
g g
Aus diesen Überlegungen wird klar, dass die Druckli-
Gleichgewicht- Drucklinie unter Belastung g+q Gleichgewicht- Drucklinie = Wirkungslinie der inneren Kräfte nie sich nicht beliebig dem Querschnittsrand annähern
kann. Die Fläche 2·b·t muss mindestens so gross sein,
dass die Festigkeit des Materials nicht überschritten
wird. Der Abstand der Drucklinie vom Querschnitts-
rand ist somit durch das Bemessungskriterium
durch g belasteter Bogen
Dd Dd
durch g+q belastete Bogenform σ= ≤ fd begrenzt zu b≤
2.b.t 2 . t . fd
Die erste Formel dient beim sogennanten Nachweis
a) b)
der Tragsicherheit zur Ermittlung und zum Vergleich
Bild 6.16: Verhalten eines schlanken (a) und eines gedrungenen (b) Bogens unter einseitiger Nutzlast der Spannung mit der Druckfestigkeit bei gegebener
Bogengeometrie, zum Beispiel bei einem bestehenden
ter den veränderlichen unsymmetrischen Lasten nicht grosse innere Zugkräfte im Bogen aufweist, sprengt Bauwerk. Die zweite Formel dient zur Bemessung, d.h.
mehr nach unten bewegt. Aus statischer Sicht wird es den Rahmen der Überlegungen dieses Kapitels und zur Festlegung der Bogenbreite bei freier Wahl der Bo-
dank der grösseren Bogenbreite möglich, die Drucklinie wird im Kapitel 12 behandelt. gengeometrie, beim Entwurf eines Bogentragwerks.
im Bogen im Bereich der Nutzlasten nach oben zu ver-
schieben (Bild 6.16). Zur Bemessung eines gedrungenen Bogens kann ange-
nommen werden, dass in den Bereichen der verscho-
Wie in der Einleitung zu Kapitel 3 beschrieben, bedeu- benen Drucklinie der Bogen eine reduzierte nominelle q
tet eine Verschiebung der Drucklinie gegenüber der Breite 2·b aufweist, welche dem doppelten Abstand der
Bogenachse, dass der Bogen auf Biegung beansprucht Drucklinie vom näher gelegenen Querschnittsrand b g
b
wird. Bei den im Folgenden behandelten Bögen mit entspricht (Bild 6.17). Auf diese Art und Weise wird b
t
Material ohne Zugfestigkeit muss die Drucklinie inner- sichergestellt, dass die innere Druckkraft im Schwer-
halb des Bogenmaterials verlaufen. Die Biegung ist also punkt der überdrückten Querschnittszone liegt und
in diesen Fällen definiert als innere Druckkraft, welche somit das Integral der konstanten Spannungen in der σ
im Querschnitt eine Exzentrizität zum Querschnitts- überdrückten Zone statisch äquivalent zur inneren
schwerpunkt, also der Bogenachse, aufweist. Dank Druckkraft ist. Dies bedeutet aber, dass das Material
diesem einfachen Sachverhalt gelingt es, den Bogen ausserhalb der beanspruchten Zone 2·b·t als nicht wirk-
weiterhin als Tragelement zu behandeln, welches nur sam betrachtet wird. Es handelt sich selbstverständlich
innere Druckkräfte aufweist. um eine Vereinfachung, welche es erlaubt, die Tragwir-
kung zu verstehen. Es ist jedoch zu sagen, dass unter
Bei einem Material, welches eine grosse Zugfestigkeit der Voraussetzung genügender Verformungsfähigkeit
aufweist, wie etwa Stahl, kann die Drucklinie wesent- (Duktilität) des Materials, dieses Vorgehen keine Nähe-
lich ausserhalb des Materials liegen. Die entsprechende rung, sondern einen (auf der sicheren Seite liegenden)
Tragwirkung, welche nebst den inneren Druckkräften Grenzzustand nach der Plastizitätstheorie darstellt, der es
Bild 6.17: Innere Druckkräfte und Spannungen in einem gedrunge-
nen Bogen

58 prof. schwartz
Bögen Tragwerksentwurf I
q
6.7 Beeinflussung der inneren Bogenkräfte Interessant ist die Frage, wie viele Gelenke in einem g
mittels Gelenken Bogen angeordnet werden können, ohne dass dieser
ins labile, instabile Gleichgewicht gerät. Mit Hilfe eines
Beim von Gustave Eiffel (1832-1923) entworfenen Via- einfachen Experiments mit einem Bogen mit Gelenken
dukt von Garabit (Bild 6.18) wurden zwei Gelenke bei kann man sich vergewissern, dass das Gleichgewicht in-
den Auflagern eingeführt. Ein Gelenk bedeutet in kon- stabil wird, wenn der Bogen mehr als drei Gelenke auf-
struktiver Hinsicht, dass der Bogen im entsprechenden weist.
Querschnitt eine gegen null strebende Breite aufweist.
In statischer Sicht heisst dies, dass die innere Bogenkraft
durch das Gelenk verlaufen muss. Gelenke werden übli- Dreigelenkbogen
cherweise auf der Bogenachse angeordnet. Im Gelenk-
querschnitt kann die Drucklinie des Bogens also nicht Der in Bild 6.19 dargestellte Bogen mit drei Gelenken
gegenüber der Bogenachse verschoben sein, so dass im weist gegenüber einem Bogen mit nur zwei Gelenken Bild 6.19: Innere Kräfte im Dreigelenkbogen
Gelenkquerschnitt definitionsgemäss keine Biegung eine Besonderheit auf: für jede Lastkonfiguration ist
vorhanden sein kann. nur eine mögliche Lage der inneren Drucklinie mög-
lich. Wie weiter oben mehrmals gezeigt, kann generell
die Pfeilhöhe frei gewählt werden. Beim Bogen mit
drei Gelenken, dem sogenannten Dreigelenkbogen, ist
dagegen nur eine Pfeilhöhe möglich, welche erlaubt,
dass die Drucklinie gleichzeitig durch die drei Gelen-
ke verläuft. Aus statischer Sicht bedeutet dies, dass die
inneren Kräfte im Dreigelenkbogen mit den Gleichge-
wichtsbedingungen allein eindeutig bestimmt werden
können. Entsprechende Tragwerke werden deshalb als Bild 6.20: Optimiale Form eines Dreigelenkbogens unter gleichmä-
ssig verteilter Eigenlast und veränderlichen Nutzlasten
statisch bestimmt bezeichnet.

Im Bild 6.20 ist die optimale Form des Dreigelenkbo-


gens dargestellt. Diese kann ermittelt werden aus der
Drucklinie unter gleichmässig verteilten Lasten so wie
aus den extremen unsymmetrischen Belastungssituatio-
nen. Die Form erinnert an das aus zwei Tragseilen be-
stehende Seiltragwerk der Randfelder der Tower Bridge
in London (vgl. Bild 3.28) und die Tragwirkung unter
einseitigen Nutzlasten ist für beide Systeme in der Tat
identisch. Bei der Salginatobelbrücke von Maillart spie-
gelt sich dieses Verständnis von den möglichen Druck-
linien in der variablen Stärke des Dreigelenkbogens wi-
der (Bild 6.21).

Bild 6.18: Gelenk beim Auflager des Viadukts von Garabit, bei Can- Bild 6.21: Salginatobelbrücke, bei Schiers, 1930, Arch. & Ing.: Robert
tal, 1884, Arch.: Gustave Eiffel, Ing.: Maurice Koechlin Maillart
DARCH
structural design 59
Tragwerksentwurf I Bögen
q Bögen ohne Gelenke

g Wird der Bogen bei den Auflagern nicht gelenkig gela-


gert, sondern eingespannt, so ist die Variationsmöglich-
keit der inneren Druckkraft am grössten. In Bild 6.24 sind
die zwei Extreme dargestellt:

1. Im linken Bild ist die Pfeilhöhe fmax maximal und

fmax
fmin
gleichzeitig die Spannweite lmin minimal.
2. Im rechten Bild ist die effektive Pfeilhöhe fmin mi-
nimal und gleichzeitig die effektive Spannweite
lmax maximal.

Bild 6.22: Brücke Maria Pia, Porto, 1877, Arch.: Gustave Eiffel, Ing.: Bild 6.23: Innere Kräfte bei einem Zweigelenkbogen Im Sinne der Plastizitätstheorie kann die Drucklinie für
Theophile Seyring
die Bemessung frei gewählt werden. Wie weiter oben
angedeutet, ist die sich in Wirklichkeit einstellende
Zweigelenkbogen In der Folge wird der Schwerpunkt auf die Tragwir- Drucklinie im Bogen abhängig von verschiedenen nur
kung entsprechender Tragwerke gelegt, indem vor al- unzureichend bekannten Faktoren.
Bei einem Zweigelenkbogen wie etwa der Brücke Maria lem extreme Druckliniengeometrien mit maximalen
Pia über den Douro (Bild 6.22) ist eine ganze Familie und minimalen Pfeilhöhen untersucht werden. So führt zum Beispiel eine Verschiebung der Auflager
von affinen Drucklinien möglich mit den in Bild 6.23 zu einer Veränderung der Drucklinie und somit auch zu
dargestellten Extremen. Ein entsprechendes Tragwerk einer Veränderung der horizontalen Beanspruchung im
wird als statisch unbestimmt bezeichnet. Auch in einem
statisch unbestimmten Tragwerk wird sich in Wirklich-
keit ein einziger Spannungszustand einstellen der ein- g g
deutig durch seine Pfeilhöhe definiert ist.

Zur Bestimmung der entsprechenden Drucklinie sind


zusätzlich zu den Gleichgewichtsbedingungen wei-
tere Betrachtungen erforderlich, welche mit dem Ma-
terialverhalten, den Verformungen und den Randbe-

fmin
fmax

dingungen des Tragwerks zu tun haben. Die inneren


Kräfte in einem statisch unbestimmten Tragwerk sind H min H min H max H max
beispielsweise von den Temperaturveränderungen, von
allfälligen Auflagerverschiebungen und von möglichen
plastischen Materialverformungen beeinflusst. Die
quantitative Untersuchung dieser Effekte sprengt den
Rahmen dieses Kurses. lmin lmax

Bild 6.24: Extreme Situation in einem Bogen ohne Gelenke unter gleichmässig verteilter Last

60 prof. schwartz
Bögen Tragwerksentwurf I
g g Unter der Annahme, dass die Lasten gleichmässig ver-
teilt sind, muss die Breite des Bogens, rechtwinklig
zur Bogenachse gemessen, aus geometrischen Grün-
den mindestens h = 0.155·r betragen. Zu diesem Wert
muss noch die notwendige Zone mit b = Dd /2·t·fcd zur
Aufnahme der Beanspruchung und die Reserve für die
Verschiebung der Drucklinie unter den veränderlichen
Lasten ergänzt werden.
H min H min H max H max
In Wirklichkeit erreicht die Breite dieser Bögen auch
bei den sehr massiven historischen Bauten diesen Mi-
nimalwert nicht. Sobald sich die Wirkungslinie der in-
a) b) neren Beanspruchung dem Querschnittsrand nähert,
entstehen breite Risse, und die einzelnen Bogenteile
Bild 6.25: Bildung von Gelenken infolge Rissbildung durch Auseinanderschieben (a) oder Zusammenrücken (b) der Auflager können gegenüber den anderen rotieren als ob Gelenke

Bogen. Entfernen sich die beiden Auflager voneinander 6.8 Kreisförmige Mauerwerksbögen g
(Bild 6.25), so resultiert eine Abnahme der horizontalen
Bogenbeanspruchungen. In der Antike wurden Mauerwerksbögen häufig kreis-
förmig ausgebildet, was eine beträchtliche Abweichung
Wenn, infolge dieser Verschiebung, die untere Gren- der geometrischen Form des Bogens von der Druckli- h = 0.155 r
h
ze mit der minimalen Pfeilhöhe und der maximalen nie unter ständigen Lasten zur Folge hat. Zur Gewähr-
Spannweite der Drucklinie erreicht wird, so entstehen leistung, dass die Wirkungslinie der Beanspruchungen a)
r
bei einer weiteren Verschiebung der Auflager Risse trotzdem innerhalb des Bogens bleibt, muss dieser mit r
im Bogen. Wird der Abstand zwischen den Auflagern einer genügenden Breite entworfen werden (Bild 6.27a).
weiter vergrössert, so öffnen sich diese Risse und der
Bereich verhält sich wie ein Gelenk. Die Wirkungslinie
der Bogenbeanspruchung liegt in der Nähe des Quer-
schnittsrandes.

Beim Erreichen dieser Grenze entsteht, infolge der


Bildung von Rissen, ein Dreigelenkbogen, bei wel-
chem die Lage der Wirkungslinie und die Intensität der
horizontalen Bogenbeanspruchung nur noch von der b)
Systemgeometrie und von der Belastung abhängen (sta-
tisch bestimmtes System).

Bild 6.26: Pont du Gard, Nimes, 1.Jhd. n. Chr.. Bild 6.27: Tragwirkung (a) und Versagensmechanismus (b) von Kreis-
bögen
DARCH
structural design 61
Tragwerksentwurf I Bögen
vorhanden wären. Wie im Bild 6.27b gezeigt, entstehen
bei diesem System, im Gegensatz zum zuvor behandel-
ten Fall, fünf Gelenke und das System wird instabil. In
der Tat werden die vier Bogenteile frei rotieren und die
Bogenform sich immer stärker von derjenigen der opti-
malen Drucklinie entfernen.

Bei sorgfältiger Beobachtung der historischen Bögen


wird klar, dass solche Bewegungen durch die Aufstän-
derungswände verhindert werden. Diese Wände werden
durch die Verformungen des Bogens horizontal über-
drückt (Bild 6.28). Umgekehrt üben diese Wände somit
einen seitlichen Druck auf den Bogen aus, welcher die Bild 6.29: Palazzo Ducale, Urbino, 1444-1472, Arch.: Luciano Lau-
rana
Drucklinie so anzupassen vermag, dass die Wirkungsli-
nie der Beanspruchungen ins Innere des Bogenmateri-
als zurückgeschoben wird. det bei Bögen aus Mauerwerk, sowohl für Brücken und
Aquädukte, als auch bei Stürzen von Hochbauten, wo
Das Aufständerungsmauerwerk hat somit eine fun- das Aufständerungsmauerwerk Bestandteil der Fassade
damentale Tragwerksfunktion, und sein Ausbau kann ist, wie beispielsweise beim Palazzo Ducale in Urbino
zum Einsturz des Bogens führen! Die Aquäduktbrücke (Bild 6.29).
Pont du Gard bei Nimes ist eines der berühmten rö-
mischen Bauwerke, bei welchem die statische Funktion
des Aufständerungsmauerwerks gut erkennbar ist (Bild
6.26). Diese Konstruktionsart wurde häufig angewen-

g g

Bild 6.28:Drucklinie mit (blau) und ohne (schwarz) Mitwirkung der Aufständerungsmauerwerk

62 prof. schwartz
Bögen Tragwerksentwurf I
7 Räumliche Bogentragwerke

Falls Bögen räumlich angeordnet werden und zusätz- 7.1 Tonnengewölbe


lich, wie beim Übergang von den Seiltragwerken zu den
Membranen, die Distanz zwischen benachbarten Tra- Bei der Verwendung von Bögen zur Überdachung ei-
gelementen dabei immer kleiner wird, dann entstehen ner Fläche wie etwa der Galleria Vittorio Emanuele in
mehrere Familien von klassischen Tragwerken mit zum Mailand (Bild 7.1) werden diese konventionell parallel
Teil weit zurückreichender baugeschichtlicher Tradition. nebeneinander angeordnet und durch ein quer zu den
Dies sind die so genannten Gewölbe, Kuppeln und Scha- Bögen verlaufendes Sekundärtragwerk, bestehend aus
len, welche als Bogentragwerke weitgehend nur innere horizontalen Balken, ergänzt. Diese übertragen die
Druckkräfte aufweisen und deshalb in der Antike sehr gleichmässig verteilten Dachlasten auf die Bögen, de-
erfolgreich in Naturstein-Mauerwerk erstellt werden ren Tragwirkung weitgehend derjenigen der im vorhe-
konnten. Die Tragsicherheit, die Gebrauchstauglichkeit rigen Kapitel behandelten Einzelbögen entspricht (Bild
und insbesondere auch die Dauerhaftigkeit dieser sehr 7.2a). Bild 7.3: Taq-e Kisra Palast, Seleukia-Ktesiphon, um 550
interessanten Bauwerke sind so hervorragend, dass sie
zum Teil mehrere Jahrtausende überlebt haben. Wenn die Bögen so nahe aneinander angeordnet wer- rechtwinklig angeordneten Geraden der horizontalen
den, dass sie sich berühren und dadurch das Sekundär- Balken. Tonnengewölbe sind daher entwickelbare Flä-
tragwerk überflüssig wird, entsteht ein Tonnengewölbe chen und können somit mittels einem Blatt Papier ein-
(Bild 7.2b). Die Auflager, welche sowohl Kräfte in ver- fach nachgebildet werden.
tikaler als auch in horizontaler Richtung aufzunehmen
haben, müssen linienförmig über die gesamte Tonnen- Das im Bild 7.3 dargestellte Gewölbe des sassanidischen
gewölbelänge ausgebildet werden. Die Hauptkrüm- Palastes Taq-e Kisra bei Bagdad hat eine ausreichende
mungsrichtungen eines Tonnengewölbes ergeben sich Stärke zur Gewährleistung der Stabilität unter veränder-
aus den parallel angeordneten Bögen und den dazu lichen Lasten infolge Wind und nicht zu starkem Erd-

a) b)

Bild 7.1: Gallerie Vittorio Emanuele, Mailand, 1865-77, Arch.: Giu- Bild 7.2: Tragwirkung einer Folge von diskreten Bögen mit Sekundärtragwerk (a) und einem Tonnengewölbe (b)
seppe Mengoni
DARCH
structural design 63
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
beben. Der fehlende Teil ist infolge eines heftigen Erd-
bebens zerstört worden. Es ist bemerkenswert, wie gut
b
fmax fmin die Form mit derjenigen der Drucklinie infolge stän-
diger Lasten übereinstimmt. Im Bereich der Auflager,
Lage der maximalen und
minimalen Pfeilhöhe wo die Bögen praktisch vertikal verlaufen, hat die Wand
eine beträchtliche Stärke, so dass die Wirkungslinie der
inneren Druckkräfte leicht geneigt verlaufen kann (vg.
Abschnitt 6.6). Dies ist nicht das Resultat einer rech-
nerischen Analyse, deren Grundlagen erst mehr als ein Bild 7.6: Geometrische Konstruktion eines Kreuzgewölbes
Jahrtausend nach Fertigstellung des Bauwerks entwi-
ckelt wurden, sondern vielmehr eines tiefgehenden em-
pirischen Wissens und einer umfangreichen bautechni- 7.2 Kreuzgewölbe
schen Erfahrung.
Werden zwei Tonnengewölbe mit gleicher Bogengeo-
Die Anwendung moderner Materialien, wie zum Bei- metrie rechtwinklig zueinander angeordnet und das
spiel Stahlbeton, armiertes Mauerwerk, Stahlblech oder Material unterhalb ihrer Überschneidungskurven ent-
Verbundwerkstoffe ermöglicht es, stabile Gewölbe mit fernt, so resultiert eine Fläche, welche als Kreuzgewölbe
gewellten Oberflächen zu bauen (Bild 7.5). Auf diese bezeichnet wird (Bild 7.6).
Art kann die Stärke auf wenige Zentimeter beschränkt
werden, was eine beträchtliche Materialeinsparung zur Im quadratischen Überlappungsbereich sind vier Be-
Bild 7.4: Tonnengewölbe mit variabler Pfeilhöhe f durch gewellte Folge hat. Die Tragwirkung ist jedoch identisch mit standteile von Tonnengewölben vorhanden, welche
Oberfläche derjenigen der Bögen, bei welchen die Stabilität durch sich an vier Kanten berühren. Unterhalb dieser Kanten
Erhöhung der Bogenbreite erzielt wurde. Bei dieser Art fehlt das Material. Jeweils zwei Gewölbe stützen sich
von Gewölben entspricht die effektive Breite b nicht auf die gemeinsame Kante ab, wodurch sich zwei im
der Materialstärke, sondern der Weite der Wellung. Grundriss diagonal angeordnete Bögen bilden. Diese
Bögen sind in jedem Punkt durch zwei Kräfte aus den
Die Wirkungslinie der inneren Kräfte kann sich in der angrenzenden Gewölbeteilen belastet, deren Resultie-
Tat auf der gekrümmten Oberfläche so verschieben, rende in der Ebene der diagonalen Bögen liegt und
dass sie der idealen Drucklinie entspricht. Im Bild 7.4 somit in diese eingeleitet werden kann (Bild 7.7). Das
sind zwei Extreme dargestellt: einmal verlaufen die so entwickelte Kreuzgewölbe kann die Lasten, im Ge-
Drucklinien in den Rinnen und einmal auf den Graten, gensatz zum Tonnengewölbe, in nur vier Punkten in das
was der minimalen Pfeilhöhe fmin und der maximalen Erdreich abgeben.
Pfeilhöhe fmax entspricht. Unter einseitigen Nutzlasten
kann die Drucklinie unter den Lasten tendenziell im Im Allgemeinen sind Kreuzgewölbe viel stabiler als
Bereich der Grate und auf der nicht belasteten Gewöl- Tonnengewölbe. Der Grund hierfür ist die Tatsache,
beseite tendenziell im Bereich der Rinnen verlaufen. So dass sich die zwei Elemente, die das Gewölbe bilden,
kann sich die Drucklinie optimal an die veränderlichen gegenseitig stabilisieren können. Jedes Element nimmt
Lasten anpassen. die gleiche Funktion wie die Aufständerungswände bei
den kreisförmigen Bögen wahr (vgl. Abschnitt 6.8).
Bild 7.5: Silo, Vergara, 1974, Arch. & Ing.: Eladio Dieste

64 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
Die ersten bedeutenden Anwendungen dieser Trag- zusammen. So entsteht ein Tragwerk, welches auf einer
Kräfte entlang der Bögen werksformen gehen auf die römische Antike zurück. Serie von im Grundriss kreisförmig angeordneten Pfei-
Das Kreuzgewölbe der Basilika von Massenzio, welches lern aufgelagert ist.
30 n. Chr. in Beton erbaut wurde, wies eine Spannweite
von gut 25 m auf. Auch das Dach des Bades der Villa Die sichtbaren Pfeiler im Inneren sind selbstverständ-
Adriana in Tivoli, gegen 120 n. Chr. ebenfalls in Beton lich nur in der Lage, die vertikalen Komponenten der
erbaut, war als Kreuzgewölbe ausgebildet. Auch in der Gewölbebeanspruchungen aufzunehmen, während die
Architektur der Renaissance wurde das Kreuzgewölbe horizontalen Komponenten von einer Serie von Ram-
häufig verwendet, zum Beispiel beim Entwurf von An- penbögen aufgenommen werden, welche radial ange-
Kraft entlang der Kante drea Palladio (1508-1580) für die Loggia des Palazzo ordnet sind (Bild 7.10). Da beim Chor der Kathedrale
della Ragione (Bild 7.8). nicht Tonnengewölbe mit derselben Bogengeometrie
verwendet wurden, besitzt das Kreuzgewölbe keine
In der Gotik haben die Kreuzgewölbe eine beträchtliche quadratische, sondern eine rechtwinklige Grundfläche.
Entwicklung erfahren. Ausser der charakteristischen Durch diese Differenz in der Geometrie folgen die re-
Bild 7.7: Tragwirkung eines Kreuzgewölbes Form mit dem Knick am Höchstpunkt, wurden in sultierende Kräfte von angrenzenden Gewölbeteilen
dieser Periode die dreiteiligen Kreuzgewölbe eingeführt. nicht mehr wie zuvor den diagonalen Bögen, sondern
Ihre Geometrie mit den sechs Gewölbeelementen wird verlaufen quer dazu und erzeugen dadurch Biegung in
generiert durch Kreuzung von drei Tonnengewölben, den Kanten. Auch diese Kraft kann nicht durch die
deren drei Grate sich in einem Punkt schneiden. Die sichtbaren Pfeiler alleine abgeleitet werden, sondern
Überdeckung des Mittelschiffes der Kathedrale von wird durch die ausfachenden Gewölbeelemente aufge-
Beauvais (Bild 7.9) veranschaulicht auf eindrucksvolle nommen.
Weise diese geometrische Konstruktion. Der Chor ist
gedeckt von einem Gewölbe, das nach dem gleichen Eine andere Variante des Kreuzgewölbes ist im Bild
Prinzip gebildet ist. Hier treffen acht Gewölbeelemente 7.11 dargestellt, ein Entwurf für eine Kathedrale in

Bild 7.8: Arkaden des Palazzo della Ragione, Vicenza, 1546-1549, Bild 7.9: Chor der Kathedrale St.Pierre, Beauvais, 1247-1337 Bild 7.10: Apsis der Kathedrale St.Pierre, Beauvais, 1247-1337
Arch.: Andrea Palladio
DARCH
structural design 65
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
wölbeelemente liegenden Bogensegmente haben ihre
a)
Auflager am unteren Gewölberand, so dass wie bei den
Tonnengewölben, im Gegensatz zu den Kreuzgewöl-
ben, die Auflagerung kontinuierlich über den gesamten
Umfang erfolgen muss. Im oberen Bereich sind die
Bögen durch die Grate unterbrochen. Die Bogenkräf-
te werden hier teilweise durch diejenigen der Bögen
der benachbarten Flächen kompensiert und teilweise
in die Grate eingeleitet (Bild 7.12b). Im Gegensatz zu Kraft entlang des Grats
den Kreuzgewölben, bei welchen die Grate durch die
Bögen nach unten beansprucht werden, werden diese
bei den Klostergewölben nach oben beansprucht. Ihre b)
Beanspruchung ist null auf der Höhe der Auflager und
nimmt nach oben durch die Einleitung der Bogenkräfte
progressiv zu, bis die maximale Druckbeanspruchung
im Scheitel erreicht wird.
Kräfte entlang der Bögen
Klostergewölbe können auf einfache Art mit Tonnen-
gewölben kombiniert werden, so dass rechtwinklige Bild 7.12: Geometrische Konstruktion (a) und Tragwirkung (b) eines
Bild 7.11: Modell für die Kathedrale von New Norcia bei Perth, 1958, Grundflächen überdeckt werden können. In diesen Fäl- Klostergewölbes
Arch.: P. L. Nervi, F. Vecchini & C. Vannoni len müssen die Druckkräfte in den Graten, welche, wie
beschrieben ihr Maximum in den Scheiteln erreichen, Wie die Kreuzgewölbe können auch die Klostergewölbe
New Norcia. Dieses Kreuzgewölbe wurde generiert von einem im Scheitel des Tonnengewölbes in Längs- durch die Überschneidung von einer beliebigen Anzahl
durch die Kombination von drei gleichartigen Tonnen- richtung verlaufenden Druckelement aufgenommen von Tonnengewölben zusammengesetzt werden. Auf
gewölben. In diesem Fall ist für jedes Tonnengewölbe werden (Bild 7.13a). diese Art entstehen Klostergewölbe, deren Umfang aus
nur ein Element vorhanden und die resultierende Über- einem regelmässigen Polygon mit einer beliebigen An-
deckung ist im Grundriss dreiecksförmig und weist da- zahl von Seiten besteht, zum Beispiel ein Klostergewöl-
her nur drei Auflagerpunkte und drei Grate auf. be mit einem achteckigen Grundriss (Bild 7.13b).

7.3 Klostergewölbe

Diejenigen Gewölbeteile, welche bei der geometrischen


Konstruktion des Kreuzgewölbes entfernt werden,
ergeben eine weitere Gewölbeart, welche als Kloster-
Klostergewölbe
gewölbe bezeichnet wird und aus vier Elementen von
Tonnengewölben und vier Graten im Bereich ihrer Tonnengewölbe

Überschneidung besteht (Bild 7.12a). Klostergewölbe


a) b)
Die in der Hauptkrümmungsrichtung der Tonnenge-
Bild 7.13: Variationen: Kombination von Kloster- und Tonnengewölbe (a) und Klostergewölbe mit achteckigem Grundriss (b)

66 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
Die „Kuppel” von Santa Maria del Fiore in Florenz 7.4 Kuppeln mit auf die äusseren Lasten
von Filippo Bruneleschi (1377-1446) ist das bekanntes- abgestimmten radialen Bögen
te Beispiel eines Klostergewölbes mit einem solchen
achteckigen Grundriss (Bild 7.14). Das Tragwerk be- Vom Standpunkt des Tragwerkes aus betrachtet, wird Horizontalring
steht aus zwei Gewölben aus Mauerwerk: ein äusseres, der Begriff der Kuppel den Überdeckungen mit kreis-
welches nur 0.58 m stark ist, und ein inneres mit einer förmigem und elliptischem Grundriss vorenthalten. Ein
variablen Stärke zwischen 2.40 m unten und 2.10 m solches Tragwerk kann verstanden werden als ein Klos-
oben. Die zwei Gewölbe sind durch 8 vertikal verlau- tergewölbe, das aus einer unendlichen Zahl von Ober-
fende Rippen im Bereich der Kanten, und mit weiteren flächen und Graten besteht. Die Breite der Oberflächen
16 dazwischen liegenden und zusätzlichen horizontalen wird dann infinitesimal klein, so dass die tragenden Ele-
Rippen miteinander verbunden. Die Gesamtstärke des mente zu einer unendlichen Serie von radial angeordne-
Gewölbes beträgt ca. 4 m.
Radialbogen

Bild 7.15: Kuppel als Rotationsfläche

ten Bögen streben. Kuppeln sind also Rotationsflächen


mit Radialbögen als erzeugende Linie und kreisförmigen
oder elliptischen Horizontalringen. Um die Tragwirkung
von Kuppeln besser zu veranschaulichen, können wir
diese durch eine endliche Anzahl von Bögen und Rin-
gen darstellen (Bild 7.15).

Die einzelnen Bögen tragen diejenigen Lasten ab, wel-


che auf ihre Oberfläche wirken. Die Intensität der in
diesen Bögen wirkenden inneren Kräfte kann einfach
mit Hilfe der graphischen Statik ermittelt werden. Zur
Ermittlung der Beanspruchung des Materials, d.h. der
Druckspannung oder der Kraft pro Oberflächenein-
heit, wird die innere Druckkraft dividiert durch die
Querschnittsfläche, bestehend aus dem Abstand zwei-
er benachbarter Bögen multipliziert mit der Stärke der
Kuppel (vgl. Kapitel 5).

Die Querschnittsfläche nimmt nach oben hin ab, und


strebt im Bereich der Rotationsachse, d.h. auf dem
Scheitel der Kuppel, gegen null. Das bedeutet, dass
die Spannung im Material gegen unendlich strebt. Ein
Bild 7.14: „Kuppel” der Santa Maria del Fiore, Florenz, 1418-36, Arch. & Ing.: Filippo Brunelleschi

DARCH
structural design 67
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
a) b)

Bild 7.17: Tragwirkung einer Kuppel als Bogen- und Ringtragwerk (a) und mit einer Lichtöffnung im Scheitel (b)

Kuppel nicht zwingend notwendig. Kuppeln können


daher mit grossen Scheitelöffnungen versehen werden
(Bild 7.17b). Die Ringe im Bereich der Öffnung werden
dabei selbstverständlich stärker beansprucht als diejeni-
gen einer Kuppel ohne Öffnung.

Die Römer waren grosse Meister im Erstellen von Kup-


peln. Exemplarisch hierfür steht die Kuppel des Panthe-
Bild 7.16: Kuppel des Pantheons, Rom, 118-125 ons in Rom, dessen charakteristische Öffnung im Schei-
tel einen Durchmesser von 9 m erreicht (Bild 7.16).
Die im Inneren sichtbaren Bögen und Ringe sind, ob-
solcher Zustand ist natürlich physikalisch unmöglich, wohl im Sinne der Statik ausgebildet, rein dekorativ.
weil kein Material eine entsprechende Beanspruchung Das Tragwerk besteht in der Tat aus einer massiven
aufzunehmen vermag. Die Lasten können somit im Be- Betonkuppel.
reich des Scheitels nicht nur von den Radialbögen auf-
genommen werden, sondern werden in die Horizontal- Der Palazzetto dello Sport in Rom ist eine moderne
ringe abgeleitet, auf welche sich die Bögen im oberen Anwendung dieser Tragwerksart (Bild 7.18). Die Kup-
Kuppelbereich abstützen können (Bild 7.17a). pel besteht aus einer filigranen Schale aus Stahlbeton.
Auch in diesem Fall dürfen die auf der Innenseite an-
Wie das mit Hilfe eines Kräftedreiecks dargestellte geordneten Rippen nicht fehl interpretiert werden; sie
Gleichgewicht zeigt, können die inneren Kräfte der Bö- dienen als Begrenzung der vorfabrizierten Elemente
gen progressiv in die Ringe eingeleitet werden. Dank und zur Stabilisierung der Schale. Ausserdem stimmt
dieser Tatsache ist das Material im Scheitelbereich der im vorliegenden Fall die Richtung der Rippen nicht mit
Bild 7.18: Palazzetto dello Sport, Rom, 1956-57, Arch.: Pier Luigi
Nervi & Annibale Vitellozz, Ing.: Pier Luigi Nervi

68 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
derjenigen der tatsächlichen Druckbeanspruchung in der werks gebildet.
Kuppel überein. Am Rand der Scheitelöffnung ist der Bei der in Kapitel 6 behandelten Kuppel des Peters-
verstärkte Ring gut sichtbar. An ihrem Perimeter ist die doms in Rom, wo die Suche nach Erklärungen für diese
Kuppel auf 36 Y-förmigen Stützen aufgelagert, welche Risse zum ersten Mal zur Konstruktion der Drucklinien
radial in Richtung der Tangente der Kuppel angeordnet eines Bogens geführt hat, wurde eine Verstärkung der
sind. Auf diese Art können die inneren Kräfte der Kup- Tragstruktur mit Hilfe von horizontalen Zugringen aus
pel direkt in die Fundamente abgeleitet werden. Eisen vorgeschlagen (vgl. Abschnitt 6.3). Diese waren
in der Lage, horizontale Kräfte auf die radialen Bögen
auszuüben und so die Drucklinien gemäss Bild 7.20b
7.5 Kuppeln und weitere Tragwerke mit ins Innere der Tragstruktur zurückzuschieben, ähnlich
beliebig geformten radialen Bögen wie bei den kreisförmigen Bögen mit Hilfe des Auf-
ständerungsmauerwerks (vgl. Abschnitt 6.8). Bild 7.20: Planetarium, Jena, 1926, Arch.: Johannes Schreiter & Hans
Kugelförmige Kuppeln Schlag, Ing.: Franz Dischinger & Walter Bauersfeld
Das Beispiel der Kuppel des Petersdoms zeigt ein-
Die Drucklinie eines Bogens unter gleichmässig ver- drücklich, wie durch eine sehr einfache konstruktive worfen werden können als die Bögen. Wenn die Krüm-
teilter Belastung folgt einer Parabel (vgl. Kapitel 6). Vorkehrung eine optimale Tragwirkung erzielt werden mung der radialen Bögen grösser ist als diejenige der
Aus geometrischen Gründen ist bei Kuppeln kon- kann, auch wenn die Form der Kuppel nicht derjenigen idealen Drucklinie, besteht in einer Kuppel aus zugfes-
stanter Stärke die Eigenlast nicht gleichmässig ver- der Drucklinien der radialen Bögen entspricht. Das ver- tem Material die Möglichkeit der Ausbildung von Zu-
teilt, sondern in Richtung des Scheitels abnehmend. deutlicht, dass die Kuppeln mit viel grösserer Freiheit ent- gringen. Falls die Zugfestigkeit des Materials ungenü-
Unter diesen Bedingungen sind die radialen Druck-
linien in den Radialbögen, unter Vernachlässigung Druck des Horizontalrings
der Wirkung der horizontalen Zugringe, nicht mehr auf den Radialbogen
parabelförmig, sondern haben die Form einer Kurve
dritten Grades. Wie zuvor bemerkt, werden die Span-
nungen im Scheitelbereich unter der radialen Tragwir-
kung grösser als die Materialfestigkeit, so dass innere Drucklinie mit
K1 Ringkräften
Druckringe aktiviert werden. Diese Aktivierung der
Horizontalringe bewirkt eine Veränderung der Form Drucklinie ohne
der Drucklinien in den Radialbögen in Richtung der Ringkräfte
Form einer Parabel. K1
Druck des Radial-
In der Antike waren Kuppeln meist kugelförmig. Die bogens auf den
entsprechenden Drucklinien der radialen Bögen nähern Horizontalring
Kraft durch hori-
sich demzufolge gefährlich dem inneren Rand und das K2 zontale Zugringe
Tragwerk hat die Tendenz, ähnlich wie bei kreisför- K2
migen Bögen, nach aussen auszuweichen. Aus diesem
Grund haben sich, sowohl bei den Mauerwerkskuppeln
a) b)
der Renaissance als auch bei den Betonkuppeln der Rö-
mer, grosse radiale Risse im unteren Bereich des Trag-
Bild 7.19: Tragwirkung einer kugelförmigen Kuppel mit Zugringen (a) und Drucklinie mit und ohne Verstärkungsringe (b)

DARCH
structural design 69
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
gend ist, muss eine Zugbewehrung vorgesehen werden. Bogens eine Umlenkkraft U erzeugt wird (Bild 7.21). in diesem Fall mit Hilfe einer in horizontaler Richtung
Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist das Planetarium Diese Umlenkkraft kann verstanden werden als diejeni- wirkenden Kraft H beeinflusst werden. Sowohl die ver-
in Jena (Bild 7.20) mit seiner halbsphärischen Kuppel ge Kraft, welche benötigt wird, um die Richtungsände- tikal wirkende äussere Last als auch die zusätzliche Ho-
aus Stahlbeton mit einem Durchmesser von 25 Metern rung der Kraft im Bogen vorzunehmen. Die Drucklinie rizontalkraft können in je eine Komponente QU bzw.
und einer Stärke von nur 6 Zentimetern! einer auf einem Radialbogen wirkenden äusseren Last HU , welche in Richtung der Umlenkkraft wirken, und
ist deshalb nur dann deckungsgleich mit der Bogenach- in je eine Komponente QT bzw. HT , welche in Richtung
Wie das Beispiel der Kuppel des Petersdoms zeigt, gibt se, wenn die Umlenkkraft U mit der rechtwinklig zur der Bogentangente wirken, zerlegt werden. Es ist somit
es eine enge Beziehung zwischen der Geometrie des Bogenachse gerichteten Komponente der äusseren Last stets möglich, die Kraft H so festzulegen, dass die bei-
Radialbogens und den inneren Kräften in den Hori- im Gleichgewicht ist. Wenn jedoch die Krümmung der den Komponenten QU und HU exakt mit der Umlenk-
zontalringen. Dieser Zusammenhang wird durch das Bogenachse zu stark oder zu schwach ist, so ist das be- kraft U im Gleichgewicht sind, was bedeutet, dass die
Krümmungsverhalten der radialen Bögen der Kuppel schriebene Gleichgewicht verletzt und die Drucklinie Drucklinie der äusseren Last und der Horizontalkraft
und der Wirkungslinie der auf die Kuppel wirkenden folgt nicht mehr der Bogenachse, sondern verläuft auf auf der Bogenachse liegt. Die Kraft H kann durch die
Kräfte beschrieben. Generell gilt, dass durch die Krüm- der Aussenseite (Bild 7.21a) bzw. auf der Innenseite des Horizontalringe aufgebracht werden. Ist die Krüm-
mung auf einer beliebigen infinitesimalen Strecke eines Bogens (Bild 7.21b). Der Verlauf der Drucklinie kann mung κR im Radialbogen kleiner als die Krümmung
Druckkräfte im
Horizontalring
Drucklinie Q Achse des Q
D Radialbogens D
HT

QT QU
U
+ + H
= H H

HU U
D DH = H T
DQ = QT D + DQ + DH
Umlenkkraft äussere Last Ringkraft Radialbogen Horizontalring

a) Wirkung einer Ringdruckkraft


Zugkräfte im
Horizontalring
Q Achse des Q
D Radialbogens HT D
Drucklinie

QT QU
U
+ + H
= H H

D HU U
Z H = HT D + DQ + Z H
DQ = QT
Umlenkkraft äussere Last Ringkraft Radialbogen Horizontalring

b) Wirkung einer Ringzugkraft


Bild 7.21: Beziehung zwischen der Krümmung der Wirkungslinie von Lasten und den inneren Kräften in den Horizontalringen einer Rotationsfläche

70 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
κD der Drucklinie unter äusseren Lasten, so entstehen ner ist als diejenige der Drucklinie der Lasten, müssen
Druckräfte in den Horizontalringen (Bild 7.21a). Ist die sich, wie gezeigt, in den Horizontalringen der Kuppel
Krümmung κR im Radialbogen dagegen grösser als die horizontale Druckringe ausbilden. Die kegelförmigen
Krümmung κD der Drucklinie im Radialbogen, so ent- Kuppeln stellen in diesem Sinne einen Spezialfall dar,
stehen Zugkräfte in den Horizontalringen (Bild 7.21b). denn die Radialbögen des Kegels sind Geraden und die
Krümmung der radialen Bögen ist somit null. Für die
Durch dieses Kriterium lässt sich leicht eine qualitative Umlenkkraft gilt somit U = 0 und daher folgt aus Bild
Aussage über die Art der inneren Kräfte in den Horizontalrin- 7.21, dass QU mit HU im Gleichgewicht ist. Die Umlen-
gen von Kuppeln machen. In Bild 7.22 sind die Krüm- kung muss also vollständig von den Horizontalringen
mung entlang des Ringbogens und der Drucklinie für durchgeführt werden.
den Fall einer kugelförmigen Kuppel unter Eigenlast
dargestellt. Die Drucklinie entspricht also einer Kurve Da die Radialbögen Geraden sind, nimmt die Eigenlast
dritter Ordnung. Wie das Bild zeigt, besitzt diese Kurve bei gleichbleibender Kuppelstärke linear zum Scheitel
im Bereich des Scheitels eine grössere Krümmung als hin ab. Die Drucklinie ist also eine Kurve dritten Gra-
der Kreis, der eine konstante Krümmung aufweist. Im des (Bild 7.24). In jedem Punkt des Radialbogens er-
Scheitelbereich stehen die Horizontalringe daher unter Bild 7.23: Taj Mahal, bei Agra, 1631-48, Arch.: Abu Fazel zeugt die Last eine Tangentialkraft QT.(Bild 7.21). Diese
Druck. Im Gegensatz dazu stehen die Horizontalringe muss im weiteren Verlauf des Radialbogens nicht mehr
im Bereich des Auflagers unter Zug, da die Krümmung umgeleitet werden, da der Bogen eine Gerade ist. Diese
werden können.
der Parabel zum Rand hin immer mehr abnimmt. Diese Kräfte weisen daher einen kontinuierlichen Zuwachs
Zwiebeldächer
Ergebnisse entsprechen Polenis Analyse der statischen im Bogen auf. Die innere Druckkraft in Richtung der
Probleme des Petersdoms und machen deutlich, dass Radialbögen nimmt also von oben nach unten progres-
aus der Untersuchung des Krümmungsverhaltens der Die Kuppeln der orthodoxen, islamischen und hinduis- siv zu.
Radialbögen und der Wirkungslinien der Lasten Aus- tischen Kulturen weichen häufig stark von der idealen,
sagen über das Verhalten von Tragwerken gewonnen durch die Drucklinie gegebene, Form ab (Bild 7.23).
Wie im Beipiel zuvor ist die Krümmung der Radialbö- κD
κD gen im Auflagerbereich grösser als die Krümmung der
Drucklinie Drucklinie und daher wird die Tragsicherheit einzig
ermöglicht durch die Aktivierung von stark auf Zug
beanspruchten Ringen im unteren Bereich der Kup-
κR peln. Oft ist jedoch bei Zwiebeldächern die Form der
Radialbogen inneren Tragstruktur nicht identisch mit der äusserlich
sichtbaren, so dass die Abweichung der Form von der κR = 0
optimalen Drucklinie nicht immer so ausgeprägt ist wie
es auf den ersten Blick scheint.

Druck Druck
Zug Druck Zug Kegeldächer

Wenn die Krümmung der radialen Bögen dagegen klei-


Bild 7.22: Krümmungsverhalten und resultierender Zug und Druck Bild 7.24: Tragwirkung eines Kegeldaches unter Eigenlast
in einer kugelförmigen Kuppel unter Eigenlast
DARCH
structural design 71
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
Die Ausbildung einer Aussparung im oberen Bereich ist die Neigung umgekehrt und die Tragwirkung ent- Tragwerken, wie beispielsweise Rotationshyperbolo-
des Kegels bewirkt lediglich eine Reduktion der inneren spricht derjenigen eines Kegels mit nach unten gerich- iden oder Kegeln, sind häufig nicht die Eigenlasten,
Beanspruchung in den radialen Geraden. Die beschrie- teter Spitze. Die Zunahme der Druckkraft in Richtung sondern die Wind- bzw. die Erdbebenkräfte massgebend
bene Tragweise bleibt dagegen unverändert und ein Ke- der radialen Bögen hat hier eine nach aussen gerichtete für die Bemessung. In diesem Fall ist die Analyse der
geldach kann, wie zuvor bei den Kuppeln, im Scheitel Komponente, so dass die Horizontalringe auf Zug be- Tragwirkung komplizierter, weil die Lasten nicht mehr
geöffnet werden (Bild 7.25). ansprucht werden (Bild 7.27). Im Gegensatz zu den bis- symmetrisch sind. Es resultieren dann innere Kräfte,
herigen Beispielen sind beim Rotationshyperboloid die deren Richtungen nicht mehr mit den radialen Bögen
Randbögen und die Drucklinie umgekehrt gekrümmt. und den horizontalen Ringen übereinstimmen. Im Fall
Rotationshyperboloide Für die Krümmung gilt also κR < 0 < κD im unteren von Kuppeln aus Mauerwerk oder aus Beton kann die
Bereich und κD < 0 < κR im oberen. Hierdurch verstär- Tragwirkung jedoch immer noch mit einer Serie von
Das Tragverhalten der Rotationshyperboloide (Bild 7.26) ken sich die Normalkräfte QU und HU gegenseitig, d.h. auf Druck beanspruchten Bögen und auf Zug bean-
unter Eigenlasten folgt dem gleichen Prinzip wie oben die resultierenden Zug- respektive Druckkräfte in den spruchten Seilen beschrieben werden, deren Richtung
beschrieben. Im unteren Bereich ist das Tragverhalten Horizontalbögen sind grösser als in einer vergleich- auf der Tragwerksfläche sich in Abhängigkeit der verti-
analog zu demjenigen des Kegels. Im oberen Bereich baren gleichseitig gekrümmten Situation. Bei hohen kalen zur horizontalen Belastung verändern kann.

Zug

κR κD

Druck

Bild 7.25: Bundeskunsthalle, Bonn, 1989-92, Arch.: Gustav Peichl, Bild 7.26: Kühlturm bei Charleroi Bild 7.27: Tragwirkung eines Rotationshyperboloids unter Eigenlast
Ing.: Polonyi und Fink

72 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
Gegensatz zu den bisher betrachteten Kuppeln krümmt sich auf der Oberfläche effektiv Bögen ausbilden, wel-
Spante sich die erzeugende Linie dabei jedoch weg von der Ro- che die Beanspruchungen in einer einzigen Richtung
tationsachse. Die resultierenden, trichterförmigen geo- abtragen, genau wie bei den Gewölben. Diese Bögen
metrischen Elemente werden daher auch als Konoide sind radial angeordnet wie die Stäbe bei einem Fächer.
(Cone = Kegel) bezeichnet.
Ein zeitgenössisches Beispiel von Fächergewölben ist
Fächergewölbe sind häufig aus mehreren Konoiden ge- die Überdeckung des Centre des Nouvelles Industries
bildet, welche einer neben dem anderen angeordnet et Technologies in Paris (Bild 7.30). Es handelt sich um
sind. Ihre Schnittkurven sind als Längs- und Quergrate ein im Grundriss dreieckförmiges Tragwerk in Stahlbe-
sichtbar, und im oberen Scheitelbereich ist ein formal ton von beeindruckenden Dimensionen. Um die Sta-
fremdartiges horizontales Element ausgebildet, welches bilität zu erhöhen und den Einfluss der veränderlichen
Konoid
als Spante bezeichnet wird. In diesen Diskontinuitäts- Lasten zu begrenzen ist das Tragwerk aus zwei Schalen
bereichen geben die Bögen, wie bei den Kreuzgewöl- aus Stahlbeton zusammengesetzt (Stärke 6-12 cm), wel-
ben, ihre Kräfte an die Grate oder an die horizontalen che einen veränderlichen Abstand zwischen 1.90 m und
Flächen ab. Letztere stellen somit nicht nur aus gestalte- 2.75 m zueinander aufweisen.
Bild 7.28: Fächergewölbe rischer, sondern auch aus statischer Sicht eine Störung
dar (Bild 7.29).
7.7 Schalen
7.6 Fächergewölbe Da die Radialbögen eines Fächergewölbes sich von der
Rotationsachse weg krümmen, sind Konoide eine do- In den bisherigen Abschnitten wurden räumliche Bo-
In England fand im 14. Jahrhundert eine Weiterent- pelt gekrümmte Fläche und müssten im Sinne der Trag- gentragwerke betrachtet, welche durch wiederholte An-
wicklung der Kreuzgewölbe statt. Dabei wurden die werkslehre eigentlich als Schalen und nicht als Gewölbe wendung einer einfachen geometrischen Operation auf
Gewölbeelemente und die Grate in ein kontinuierliches bezeichnet werden. Trotzdem werden die vorliegenden einen Ausgangsbogen erzeugt werden können: Ton-
Tragelement integriert (Bild 7.28). Erreicht wurde dies Tragwerke als Gewölbe betrachtet, denn vom statischen nengewölbe durch eine Tanslation des Bogens, Kup-
durch die Rotation eines Bogens um eine Achse. Im Gesichtspunkt her ist die Bezeichnung zutreffend, weil peln durch eine Rotation des Bogens.

Bild 7.29: King's College Chapel, Cambridge, 1446-1515 Bild 7.30: Centre des Nouvelles Industries et Technologies, Paris, 1956-58, Arch.: Robert Edouard Camelot, Jean de Mailly und Bernard Louis Zehr-
fuss, Ing.: Nicolas Esquillan
DARCH
structural design 73
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
Die Familie der räumlichen Bogentragwerke ist jedoch
wesentlich grösser und beinhaltet eine ganze Serie
von Flächen, welche nicht unbedingt diesen einfachen
Symmetrie erzeugenden Bildungsgesetzen folgen. Man
spricht dann von Kuppeln ohne Rotationssymmetrie oder
einfach von Schalen. Darunter werden räumliche Trag-
werke verstanden, welche vorwiegend auf Druck bean-
sprucht sind, so dass ihre Stärke verglichen mit ihren
restlichen Abmessungen sehr gering ist. Mit anderen
a) b)
Worten handelt es sich um zu den räumlichen Seil-
tragwerken duale Tragwerke, welche auf Druck bean-
Bild 7.31: Flächenerzeugung durch Translation eines Bogens Bild 7.32: Versuchskuppel, Jena, 1932, Ing.: Franz Dischinger & Ul-
sprucht sind. rich Finsterwalder

die im Gegensatz zum Tonnengewölbe nicht mehr zwei erzielt werden, wie Heinz Isler mit seine Schalenbauten
Schalen mit gleich gerichteter Krümmung Auflagerlinien besitzt, sondern lediglich vier Auflager- bewiesen hat (Bilder 7.33 und 7.34).
punkte (Bild 7.31b). Die verschobenen Bögen können
Tonnengewölbe entstehen durch die Translation eines dann nicht mehr auf identische Art die Lasten abtra- In Spezialfällen kann, wie in Abschnitt 7.5 gezeigt wur-
Bogens (Bild 7.31a). Dieses einfache Bildungsgesetz gen: das Tragwerk hat sich in ein wahrhaft räumliches de, ein System von Bögen durch eine auf Zug bean-
erlaubt es, das Tragverhalten der Gesamtfläche aus Tragwerk verwandelt. spruchte Zone (System von Zugelementen) gehalten
dem Tragverhalten des einzelnen Bogens direkt abzu- sein. Die Einführung des Betons hat es ermöglicht, mit
leiten. Das Tragverhalten ist dabei jedoch noch nicht Im Gegensatz zum Tonnengewölbe ist die entstandene sehr dünnen Schalen von wenigen Zentimetern Stärke
wirklich räumlich, sondern im Wesentlichen planar. Für Fläche doppelt gekrümmt, mit einer Familie von Bögen beträchtliche Spannweiten zu überdecken. Die ersten
die durch Rotation erzeugten Kuppeln gilt sinngemäss als Sekundärtragwerk. Durch die Krümmung können Beispiele weisen dabei relativ massive Randelemente
dasselbe. sich somit zwei verschiedene Systeme von Druckbögen auf (Bild 7.32). Diese dienten vor allem der Einleitung
bilden, welche in der Lage sind, je einen Anteil der Las- der inneren Kräfte in die Auflager und wirkten Stabili-
Durch die Translation des erzeugenden Bogens werden ten abzutragen. Die Tragwirkung von Schalen funktio- tätsproblemen entgegen.
beim Tonnengewölbe zwei Auflagerlinien erzeugt, d.h. niert also nicht mittels Einzelbögen, sondern als syste-
der Bogen und die Auflagerlinien charakterisieren die misches Zusammenspiel von Bögen. Durch Variation Eine interessante Entwicklung bestand darin, die Schale
Gewölbefläche vollständig. Werden diese Auflagerlini- einer der Auflagerlinien, etwa der Reduktion auf einen entlang ihren Rändern zu falten, um eine Versteifung
en durch einen Bogen ersetzt, so entsteht eine Fläche, Punkt, können auf diese Art sehr elegante Tragwerke zu erzielen. Bei der von Isler entwickelten Schale im
Bild 7.34 verlaufen die so erhaltenen Versteifungen bis
zu den Auflagern. Eine Alternative besteht darin, die
Stärke der Schale im Bereich der Ränder und der Aufla-
ger zu vergrössern.
Schalen mit entgegengesetzt gerichteter
Krümmung

Bild 7.33: Überdachung der Autobahnraststätte Deitingen, 1968, Bild 7.34: Gartencenter Wyss, Soleta, 1961, Arch. & Ing.: Heinz Isler
Arch. & Ing.: Heinz Isler

74 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
Kraft, welche ins Randelement
eingeleitet werden muss

Bild 7.35: Geometrische Konstruktion einer Sattelfläche und das hyp- Bild 7.36: Tragwirkung einer Schale in der Form eines hyperbolischen Bild 7.37: Tragwirkung einer aus vier hyperbolischen Paraboloiden
bolische Paraboloid als linearisierte Version Paraboloids bestehenden Überdachung mit Eckauflagerung

beansprucht werden kann, indem sich eine Membran


Werden die Auflagerlinien durch nach unten gekrümm- ausbildet, deren inneren Kräfte von den Bewehrungs-
te Bögen ersetzt, so entsteht bei Verschiebung des er- eisen aufgenommen werden (Bild 7.36). Jedes dieser
zeugenden Bogens entlang dieser Linien eine Fläche Elemente ist somit in der Lage, einen Teil der Lasten
mit entgegengesetzt gerichteter Krümmung, eine so- abzutragen.
genannte Sattelfläche (Bild 7.35). Diese weist dasselbe
Krümmungsverhalten auf wie ein hyperbolisches Para- Die Analyse kann getrennt durchgeführt werden, in-
boloid. In Kapitel 4 wurde gezeigt, das ein auf Zug wir- dem zuerst die Bögen und in einem zweiten Schritt die
kendes räumliche Seitragwerk diese Eigenschaft besitzt. Seile der Membran untersucht werden. Bei der Vertei-
Eine auf Druck wirkende Schale mit entgegengesetzt lung der Lasten auf die Bögen und auf die Membran
gerichteter Krümmung kann daher verstanden werden muss das Gleichgewicht an den Rändern berücksichtigt
als ein zu räumlichen Seiltragwerken duales Tragwerk. werden. Falls keine steifen Randträger vorhanden sind,
welche Zug- oder Druckkräfte in Querrichtung aufneh-
Der Prototyp eines solchen räumlichen Seiltragwerks ist men können, müssen die Kraftkomponenten der Bögen
das hyperbolische Paraboloid. In Abschnitt 4.2 wurde und der Membran sich in dieser Richtung gegenseitig
verdeutlicht, dass die in den Hauptkrümmungsrichtun- aufheben. Es verbleibt dann lediglich eine innere Kraft
gen des hyperbolischen Paraboloids liegenden parabo- entlang des Randes, welche mit einer dünnen Rippe
lische Schnitte entgegensetzte Krümmungsrichtungen oder mit einem schmalen Bereich in der Schalenebe-
aufweisen. Wird eine entsprechende Schale aus einem ne aufgenommen werden kann. Durch nebeneinander
Material mit Druck- und Zugfestigkeit, wie zum Bei- Anordnen mehrerer hyperbolischer Paraboloide, deren
spiel Stahlbeton, ausgeführt, können sich unter einer Berührungslinien Kanten bilden, enstehen interessante
vertikalen Last auf Druck beanspruchte Bögen in Rich- Tragwerke. Eine klassische von Felix Candela (1910-
tung der nach unten gekrümmten Parabeln ausbilden, 1997) entwickelte Zusammensetzung dieser Art besteht
während in der anderen Richtung die Schale auf Zug aus vier identischen Elementen, welche im Zentrum
Bild 7.38: Tragwirkung einer aus vier hyperbolischen Paraboloiden
bestehenden Überdachung mit zentraler Stütze
DARCH
structural design 75
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
Die Zusammensetzung der vier Elemente kann alter- im Bereich der Schnitte Kanten auszubilden, oder aber
nativ auch so erfolgen, dass das resultierende Tragwerk diese Bereiche so zu formen, dass man eine kontinuier-
gemäss Bild 7.37 an seinen vier Ecken aufgelegt ist. liche Fläche erhalten kann.
Dieses hat eine Verwandschaft mit den Fächergewöl-
ben (vgl. Abschnitt 7.6). Bei jedem Auflager laufen zwei
auf Druck beanspruchte Randrippen zusammen, deren Schalen mit beliebig gerichteter Krümmung
innere Druckkräfte wie beim Fächergewölbe nebst ver-
tikalen auch horizontale, in Grundrissdiagonale gerich- Alle bisher behandelten Gewölbe waren dadurch ge-
tete horizontale Komponenten aufweisen, deren Auf- kennzeichnet, dass sich über die gesamte Gewölbeflä-
nahme sicherzustellen ist. che der Grundtypus der Krümmung nicht verändert
hat. Dabei lassen sich bei Flächen drei Krümmungs-
Ähnlich wie bei den Fächergewölben ist es auch mög- typen unterscheiden: sind die Hauptkrümmungsrich-
Bild 7.39: Industriepark Great Southwest, Dallas, 1958, Arch. & Ing.: lich, mehrere hyperbolische Paraboloide nebeneinander tungen in einem Punkt der Fläche entgegengesetzt
Felix Candela anzuordnen. Auf diese Art erhält man eine Überda- gekrümmt, so spricht man von einem hyperbolischen
chung mit vielen Auflagern (Bild 7.40). Bei Candelas Punkt, sind die Hauptkrümmungsrichtungen gleich
auf einer Stütze aufgelagert sind (Bild 7.39). Überdachung fallen bei den beschriebenen hyperbo- gerichtet gekrümmt, so spricht man von einem ellipti-
lischen Paraboloiden die Ränder mit den geradlinigen schen Punkt. Ist eine der Richtungen nicht gekrümmt,
Die vier Kanten sind Druckstäbe mit zur Stütze hin zu- Erzeugenden zusammen. Dies ist jedoch nicht notwen- so wird der Punkt als parabolisch bezeichnet (Bild 7.42).
nehmenden inneren Kräften, deren horizontale Kom- dig. So hat Candela in anderen Projekten gezeigt, dass Das hyperbolische Paraboloid, die Kuppeln und das
ponenten sich bei der Stütze kompensieren, während auch andere Randkurven, wie etwa eine Parabel oder Tonnengewölbe sind Musterbeispiele für Gewölbe mit
die vertikalen Komponenten sich addieren und in die Hyperbeln, zur Verbindung verwendet werden können einer hyperbolischen, elliptischen oder parabolischen
Stütze eingeleitet werden (Bild 7.38). Auch an den äu- (Bild 7.41). Krümmung und beschreiben zugleich das prinzipielle
sseren Rändern sind Randkräfte vorhanden, welche Analog zu den Kreuzgewölben, welche aus der Zusam- Tragwerksverhalten von derartig gekrümmten Flächen.
von vier auf Zug beanspruchten Randelementen auf- mensetzung von Tonnengewölben resultieren, entste- Ein Ansatz zum Verstehen des Tragverhaltens einer be-
genommen werden. hen komplexere Schalen aus der Zusammensetzung liebig gekrümmten Fläche besteht daher darin, durch
von Sattelflächen (Bild 7.42). Es ist dabei auch möglich eine Krümmungsanalyse diese Fläche in überwiegend

Bild 7.40: Grosshandelsmarkt, Mexiko Stadt, 1956, Arch. & Ing.: Fe- Bild 7.41: Schalungsarbeit für das Tragwerk der Casa Almada, Mexiko Bild 7.42: Restaurant Los Manantiales, Xochimilco, 1957, Arch. &
lix Candela Stadt, 1951-52, Arch.: Horacio Almada, Ing.: Felix Candela Ing.: Felix Candela

76 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
Tonnengewölbe
Kreuzgewölbe
Klostergewölbe

parabolisch
Kuppel
Fächergewölbe
Bild 7.44: Krümmungsanalyse einer beliebig gekrümmten Schale
Sattelfläche

elliptisch Verwendung einer beliebig geformten Fläche als Trag-


werk ein komplexes, sich gegenseitig beeinflussendes
Hyperboloid Zusammenspiel von Zug- und Druckkräften zwischen
Schalen den verschieden gekrümmten Tragwerkselementen
stattfindet. Aus diesem Grund ist der auf Zug und
Druck belastbare Stahlbeton trotz des grossen Scha-
hyperbolisch lungsaufwands immer noch das bevorzugte Material bei
Bild 7.43: Klassifikation der Krümmung und zugehörige Modellflächen der Realisierung von Bauwerken mit komplexer Geo-
metrie, wie etwa dem Krematorium in Kakamigahara
hyperbolisch, elliptisch oder parabolisch gekrümmte abgeleitet werden kann. von Toyo Ito (Bild 7.45) oder dem Learning Center der
Bereiche zu zerlegen (Bild 7.43). Ähnlich wie in der zu- ETH Lausanne von Sanaa.
vor behandelten Überdachung von Candela kann dann Die genaue Art der Zerlegung in einfachere Tragwerks-
das Gesamtverhalten der Fläche zusammengesetzt wer- elemente macht eine differentialgeometrische Betrach-
den aus einer Vielzahl einfacherer Tragwerkselemente, tung der Fläche notwendig und übersteigt den Rahmen 7.8 Aufgelöste räumliche Bogentragwerke
deren Tragverhalten jeweils aus den drei Prototypen dieser Vorlesung. Es wird jedoch deutlich, dass bei der

Bild 7.45: Krematorium, Kakamigahara, 2006, Arch.: Toyo Ito, Ing.: Bild 7.46: Kuppel des Reichstags, Berlin, 1992-99, Arch.: Norman Bild 7.47: Konferenzraum im Lingotto, Turin, 1996, Arch.: Renzo
Mutsuro Sasaki Foster, Ing.: Leonhardt Ändra & Partner Piano, Ing.: Büro Ove Arup
DARCH
structural design 77
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
zu entwickeln. Kontinuierliche Schalentragwerke aus recht gut anpassen. Unter seitlichen Wind- oder Erd-
Stahlbeton sind heute aus wirtschaftlichen Gründen bebenkräften können die Bögen und die Ringe dagegen
immer seltener ausführbar, so dass die zeitgenössischen ihre Richtung auf der Tragwerksfläche nicht verändern.
Schalentragwerke weitgehend diskrete Tragwerke auf- Die zur Gewährleistung des Gleichgewichtes unter ho-
weisen. rizontalen Einwirkungen erforderlichen konstruktiven
Massnahmen werden in den Kapiteln 10 bis 12 behan-
Wie das Beispiel der Kuppel des Reichstags in Berlin delt.
zeigt, können Stahlkuppeln aus diskreten Bögen und
Ringen zusammengesetzt werden (Bild 7.46). Die Ver- Die effizienteste Massnahme besteht in einer Ausfa-
kleidung, häufig aus verglasten Oberflächen bestehend, chung der Zwischenräume der Bögen und Seile entwe-
hat im Allgemeinen keine primär tragende Funktion der durch Druck- oder Zugdiagonalen (Bild 7.47), oder
Bild 7.48: Aquatoll, Neckarsulm, 1988-90, Arch.: Karl-Ulrich Bech- mehr. Die Bögen werden mit Hilfe der Ringe stabili- durch eine Beplankung. Eine weitere Lösung, welche
ler, Ing.: Schlaich, Bergermann und Partner
siert, welche weiter eine grössere Freiheit bei der Form- ein wesentlich weicheres Tragverhalten zur Folge hat,
bildung erlauben, da die Bögen, ähnlich wie bei den besteht in der Aktivierung der Biegesteifigkeit der
Bei den in diesem Kapitel behandelten Tragwerken aus kontinuierlichen Kuppeln, dank der Umlenkkräfte der Druckbögen und der Zugelemente (Vierendeel-Trag-
Mauerwerk oder Beton wurden die inneren Kräfte mit Ringe nicht mehr der idealen Drucklinie infolge äusse- wirkung). Bei den beschriebenen Lösungen treten die
Hilfe von in der Tragwerksfläche liegenden ideellen rer Lasten folgen müssen. Auch betreffend Anordnung radialen Bögen und die horizontalen Ringe dominant
Druckbögen und Zugeseilen aufgenommen. Es liegt von Scheitelöffnungen gelten die gleichen Überlegun- in Erscheinung.
somit nahe, den umgekehrten Weg zu beschreiten wie gen wie bei den kontinuierlichen Kuppeln.
er im Bild 7.2 beschrieben wurde, und die inneren Kräf- Dank der grossen Freiheit betreffend Ausbildung der
te auf ausgewählte diskrete Tragelemente, welche auf der Die Diskretisierung der Tragelemente bringt den Nach- inneren Kräfte sind weitere diskrete Tragwerke für die
Tragwerksoberfläche liegen, zu konzentrieren. Das Ma- teil mit sich, dass die Richtungen der inneren Kräfte Kuppeln entwickelt worden. Die im Bild 7.48 darge-
terial zwischen diesen Bögen und Zugseilen ist dann für durch diejenige der Tragelemente vorgegeben sind und stellten Gitterkuppel besteht aus zwei sich kreuzenden
das Tragwerk überflüssig geworden und kann weggelas- somit die Anpassungsfähigkeit der Tragwirkung einge- Bogenscharen. Diese gewährleisten noch kein genü-
sen werden. Es wird somit möglich, räumliche Bogen- schränkt wird. Das Tragwerk kann sich zwar, wie be- gend ausgesteiftes Tragwerk, so dass auch hier die von
tragwerke zum Beispiel aus Stahl- oder aus Holzstreben schrieben, bei einseitigen Nutzlasten dank der Ringe den Bögen gebildeten Maschen mit kreuzweisen Seilen

Bild 7.49: Stahlgerüst des Planetarium, Jena, 1926, Arch.: Johannes Bild 7.50: US Expo-Pavillion, Montreal, 1967, Arch & Ing..: Buck- Bild 7.51: Weald and Downland Gridshell, bei Chichester, 2002,
Schreiter & Hans Schlag, Ing.: Franz Dischinger & Walter Bauersfeld minster Fuller & Shoji Sadao Arch.: Edward Cullinan, Ing.: Buro Happold

78 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
ausgefacht wurden. alisieren lassen, welche weit mehr als 180° im Schnitt
abdecken (Bild 7.50).
Zur Vermeidung der Ausfachungen zwischen den tra-
genden Bogensegmenten können drei Bogenscharen Diskret ausgebildete Schalen mit beliebigen Geometri-
angeordnet werden. Die entsprechenden Tragwerke en der Bogenelemente, wie das Weald and Downland
werden als geodätische Kuppeln bezeichnet. Ihre Gitter- Museum, werden als Gitterschalen bezeichnet (Bilder
struktur basiert auf einem Ikosaeder, also einem Poly- 7.51 und 7.52). Wie weiter oben erwähnt, stellen sie aus
eder aus 20 gleichen Seitenflächen. Die Anordnung der wirtschaftlichen Gründen den zeitgemässen Typus der
Stäbe erlaubt die Bildung von inneren resultierenden Schalen dar. Auch bei diesen Tragwerken kann durch
Druckkräften in beliebige Richtungen auf der Kuppel- kreuzen dreier Bogenscharen eine grosse Steifigkeit
fläche, so dass sich beliebig gerichtete ideelle Druck- und eine gute Stabilität erzielt werden. Wenn eine sehr
bögen, und falls erforderlich, auch Zugringe bilden grosse Transparenz des Tragwerks verlangt wird, ist es
können. allerdings vorzuziehen, auf die dritte Bogenschar zu
verzichten und es durch eine Schar filigraner Kabel zu
Die Kuppel des Zeiss-Planetariums in Jena (Bild 7.20) ersetzen. Die Multihalle in Mannheim, entworfen von
wurde mit Hilfe eines solchen Stahlgerüsts erstellt, wel- Carlfried Mutschler und Frei Otto, ist ein anschauliches
ches in die sehr dünne Schale aus Spritzbeton einbeto- Beispiel hierfür (Bilder 7.53 und 7.54).
niert wurde (Bild 7.49). Dieses als geodätische Kuppel
ausgebildete Stahlgerüst diente einerseits als Leergerüst .
für die Schalung, andererseits ist es zuständig für die
Aufnahme der Zugkräfte, welche entstehen, weil die
radialen Bögen in der kugelförmigen Kuppel nicht der
idealen Drucklinie unter den äusseren Lasten entspre-
chen. Buckminster Fuller (1895-1983) verwendete geo-
dätische Kuppeln in mehreren Projekten und bewies
dabei, dass sich mit dieser Tragwerksart Kuppeln re-

Bild 7.52: Weald and Downland Gridshell, bei Chichester, 2002, Bild 7.53: Multihalle, Mannheim, 1975, Arch.: Carlfried Mutschler & Bild 7.54: Multihalle, Mannheim, 1975, Arch.: Carlfried Mutschler &
Arch.: Edward Cullinan, Ing.: Buro Happold Frei Otto, Ing.: Büro Ove Arup & Büro Happold Frei Otto, Ing.: Büro Ove Arup & Buro Happold
DARCH
structural design 79
Tragwerksentwurf I Räumliche Bogentragwerke
80 prof. schwartz
Räumliche Bogentragwerke Tragwerksentwurf I
8 Bogen-Seiltragwerke

Am Beispiel von Kuppelbauten wurde bereits darauf sammenbinden der Auflager kann sowohl beim Entwurf geneigten inneren Seil- bzw. Bogenkraft ist im Gleich-
hingewiesen, dass gebaute Tragwerke häufig zugleich neuer Tragwerke als auch zur Verstärkung bestehender gewicht mit der vertikalen Auflagerkraft, während die
Druck- wie auch Zugelemente benötigen. Erst das Bauwerke angewendet werden. horizontale Komponente im Gleichgewicht ist mit der
von Poleni vorgeschlagene Zugband für die Kuppel inneren Kraft des neuen horizontalen Tragelementes.
des Petersdoms verhinderte die weitere Rissbildung, Die Tragwirkung wird aus einfachen Subsystemen bei Aus dieser Betrachtung folgt eindeutig, dass das neue
verursacht durch die nicht exakte Übereinstimmung den Auflagern ersichtlich: die vertikale Komponente der Tragelement beim Bogen auf Zug und beim Seil auf
der Drucklinien mit der Bogenachse. Dieses Problem
ist kein Einzelfall, sondern ein generelles Phänomen.
qq
Bei den Seil- und Bogentragwerken weisen die Aufla-
gerkräfte horizontale Komponenten auf, welche in das
Erdreich oder an angrenzende Bauelemente eingeleitet
werden müssen. Falls dies nicht möglich ist, drängen
sich Lösungsansätze auf, diese Kräfte mit zusätzlichen
auf Druck oder auf Zug beanspruchten, die Auflager
verbindenden Tragelementen aufzunehmen. Die ent-
sprechenden Tragwerke werden als Bogen-Seiltragwer-
ke bezeichnet. Nebst ihrer Anwendung als eigentliche qq
Tragwerksart kommt den Bogen-Seiltragwerken im wei-
teren Verlauf des Manuskripts eine zentrale Bedeutung
zu, denn Bogen-Seiltragwerke werden systematisch he-
rangezogen, um die inneren Kräfte in Fachwerken, Bal- qq
ken und Rahmen vereinfachend zu visualisieren.

8.1 Einfache Bogen-Seiltragwerke AA BB

Wie bei den Seilen und Bögen, so auch bei den räum-
lichen Seil- und Bogentragwerken, werden die Lasten
mit Hilfe gekrümmter Tragelemente aufgenommen, AA BB qq
welche vorwiegend innere Zug- oder Druckkräfte auf-
weisen. Da diese Tragelemente bei den Auflagern ge-
neigt verlaufen, entsteht nebst der vertikalen auch eine DD DD
horizontale Auflagerkraft, eine Zugkraft bei den Seilen
und eine Druckkraft bei den Bögen. Falls die Auflager
nicht in der Lage sind, die Horizontalkomponenten der
ZZ ZZ DD DD
Auflagerkräfte aufzunehmen, können diese bei einem
Seiltragwerk mit Hilfe eines einfachen Druckstabes und AA BB AA BB
bei einem Bogentragwerk mit Hilfe eines einfachen Sei-
les gemäss Bild 8.1 aufgenommen werden. Dieses Zu- ZZ ZZ
Bild 8.1: Tragwirkung einfacher Bogen-Seiltragwerke

DARCH
structural design 81
Tragwerksentwurf I Bogen-Seiltragwerke
in Plougastel. Während des Verschiebens von einem
Brückenfeld zum nächsten wurde das bogenförmige
Leergerüst auf zwei hölzerne Flösse abgestellt. Diese
Flösse waren selbstverständlich nur in der Lage, verti-
kale Auflagerkräfte zu übertragen (Auftriebskraft von
Archimedes). Durch die Zugglieder aus Stahl konnten
die horizontalen Auflagerkräfte aufgenommen werden.

Um die zusätzlichen, die Auflager verbindenden Tra- Kraft senkrecht


gelemente aktivieren zu können, muss eines der beiden zur Auflagerfläche
Auflager verschieblich ausgebildet werden. Nur so kann
Bild 8.2: Schwimmende Schalung der Brücke Albert-Louppe, Plou- gewährleistet werden, dass das zusätzliche Tragelement
gastel, 1924-30, Ing.: Eugène Freyssinet sich verformen kann, eine unabdingbare Bedingung zur Verdrehung
Verschiebung parallel
Erzeugung einer inneren Kraft. Beide Auflager dürfen zur Auflagerfläche
dagegen nicht verschieblich sein, weil dies zu einem la- a) b)
Druck beansprucht sein muss. Beim Bogen ist gut er- bilen System führen würde, welches unter horizontalen
sichtlich, wie die Zugkraft des horizontalen Zuggliedes äusseren Kräften (Wind oder Erdbeben) davongleiten Bild 8.3: Feste (a) und verschiebliche ( b) Lager
die geneigte Bogenkraft in die vertikale Richtung um- würde. Aus diesem Grund ist es erforderlich, auf der
lenkt. Dieser Effekt ist analog zu demjenigen der Zug- einen Seite ein festes Lager anzuordnen um die horizon- als auch die vertikale Verschiebung verhindert ist (vgl.
ringe bei den Kuppeln. Da die Kraft an beiden Enden talen Lasten aufnehmen zu können, und auf der ande- Abschnitt 6.7). Demzufolge können Kräfte mit einer
des neuen Tragelementes gleich gross ist, wird klar, dass ren Seite ein verschiebliches Lager anzuordnen, um die beliebigen Richtung aufgenommen werden, also Kräfte
die horizontalen Komponenten der Auflagerkräfte von für die Aktivierung des Zugglieds erforderliche Verfor- mit einer horizontalen und einer vertikalen Kompo-
einer Seite des Tragwerks zur anderen übertragen werden. mung sicherzustellen. nente. Solche festen Auflager werden mit einem klei-
nen Dreieck dargestellt (Bild 8.3a). Die verschieblichen
Im Bild 8.2 ist ein Tragwerk dargestellt, welches die- Die Gelenke bei den Auflagern der Bögen sind ein ty- Auflager sind Bauteile, welche Verschiebungen in einer
ses Prinzip ausnützt. Es handelt sich um die Schalung pisches Beispiel von festen Auflagern, welche eine Ver- Richtung zulassen und somit nur Kräfte senkrecht zur
für den Bau eines Stahlbetonbogens für eine Brücke drehung ermöglichen, während sowohl die horizontale Verschiebungsebene übertragen können. Sie werden mit

Bild 8.4a: Bewegliches Auflager: Rollenlager Bild 8.4c: Bewegliches Auflager: Gleitlager
Bild 8.4b: Bewegliches Auflager: Pendellager

82 prof. schwartz
Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
einem kleinen Dreieck dargestellt, welches auf einem Diese Lager bestanden früher tatsächlich aus Stahlrol- Die Elbe-Brücke in Hamburg ist ein Beispiel für ein Bo-
kleinen Kreis aufliegt, welcher eine Rolle symbolisiert len, welche zwischen zwei Platten frei rollen konnten: gen- und Seiltragwerk, bei welchem der Bogen und das
(Bild 8.3b). die untere Platte wurde fixiert und die obere, am Trag- Seil die gleiche Pfeilhöhe aufweisen (Bild 8.6). Bogen-
werk befestigte Platte, war beweglich (Bild 8.4a). Eine und Seiltragwerk haben einerseits die gleich grossen
andere seltenere konstruktive Lösung bestand in einem Eigenlasten, andererseits sind die Lasten der Fahrbahn-
100% g kurzen Pendelstab, welcher mittels Gelenken an beiden platte mit Zugseilen so an den beiden Tragelementen
Enden fixiert war (Bild 8.4b). Die modernen verschieb- aufgehängt, dass die Zugseile die Hälfte ihrer Kraft
lichen Gleitlager nutzen den geringen Gleitwiderstand an das Seiltragwerk abgeben, und die restliche Hälfte
zwischen synthetischen Materialien wie Teflon und der ihrer Kraft an das Bogentragwerk weiterleiten. Es ist
polierten Oberfläche von Chromstahl aus (Bild 8.4c). zu bemerken, dass jedes Seiltragwerk nur eine einzige
Bei solchen Materialpaarungen beträgt die Längskraft Belastung aufzunehmen vermag. Unter veränderlichen
nicht mehr als 1/20 der vertikal übertragenen Kraft, so Nutzlasten sind somit wie bei den Seilen und bei den
dass man von beweglichen Lagern mit praktisch freier Bögen stabilisierende Massnahmen erforderlich.
75% g
Bewegung reden kann.
Wenn die Lasten im oberen Bereich des Tragwerks
angreifen, etwa Schneelasten oder Eigenlasten des Da-
25% g 8.2 Ermittlung der inneren Kräfte ches, so sind ebenfalls Sekundärelemente notwendig
um die Lasten auf die Seile zu übertragen (Bild 8.7).
Bogen-Seiltragwerke unterscheiden sich in der Trag- Beim Lagerhaus in Chiasso von Robert Maillart ist zu-
wirkung nur betreffend Aufnahme der horizontalen sätzlich die Form des Druckglieds an die Dachform
50% g
Auflagerkräfte von reinen Bögen oder Seilen. Die Auf- angepasst, so dass eine konzentrierte Umlenkung in
teilung der abzutragenden Lasten auf das Bogen- und Feldmitte resultiert (Bild 8.8). Diese Umlenkkraft wird
Seiltragwerk erfolgt im allgemeinen Fall in Abhängig-
50% g keit der Pfeilhöhen (Bild 8.5). So übernimmt beim Bo- A
gen mit Zugglied der Bogen selbstverständlich 100%
der Lasten, während bei einem System, bei welchem die
Pfeilhöhe des Bogens dreimal so gross ist wie diejenige
25% g des Seiles, der Bogen 75% und das Seil 25% der Lasten
übernimmt.

75% g B
N1 = N2 A
Q N3 N1 Q N2
N1
N3

N5 N3
N3 N5
N4
100% g N4
B
Bild 8.5: Aufteilung der äusseren Lasten auf Bogen und Seil Bild 8.6: Elbe-Brücke, Hamburg, 1868-72, Arch. & Ing.: Gerhard Bild 8.7: Tragwirkung eines Seils mit Druckglied
Hermann Lohse
DARCH
structural design 83
Tragwerksentwurf I Bogen-Seiltragwerke
a) äussere Lasten b) Auflagerkräfte c) innere Kräfte unter den Resultierenden
W
W D2 B
B
G R R D3
G R
A AV
G = g. l Z
AH D1
A
g R G R
w

W = w. l W
D2

f
D1 D3
AH AH
A Z
A
AV B AV B

l
Bild 8.9: Einfaches Bogen-Seiltragwerk unter beliebig gerichteten äusseren Kräften

auf das Seil übertragen, welches somit ebenfalls eine und Seiltragelementen können mit den in Kapitel 3 und
konzentrierte Umlenkung in Feldmitte aufweisen muss. Kapitel 6 behandelten Verfahren ermittelt werden. Das d) innere Kräfte unter verteilter Last
Der Mittelpfosten des Tragwerks ist demzufolge auf Verfahren wird im Folgenden anhand von zwei Beispie-
Zug beansprucht. len eines Bogens mit Zugglied aufgezeigt.

Die Auflagerkräfte sind im allgemeinen Belastungsfall Als erstes Beispiel wird ein Tragwerk mit einer Spann- R
von der Anordnung der festen und der verschieblichen weite l und einer Pfeilhöhe f untersucht, welches durch
Auflager abhängig. Die inneren Kräfte in den Bogen- eine gleichmässig verteilte Eigenlast g und durch eine g
gleichmässig verteilte Windlast w beansprucht ist w
(Bild 8.9a). Die Ermittlung der Resultierenden R der
äusseren Lasten erfolgt auf bekannte Weise im Kräf-
te- und im Lageplan. Anschliessend werden die Aufla-
gerkräfte wie in Bild 8.9b dargestellt ermittelt. Da die
Auflagerkraft B rechtwinklig zur Verschiebefläche des ver- A B
schieblichen Auflagers gerichtet sein muss, ist die Auf-
gabe eindeutig lösbar. Die drei Kräfte A, B, und R sind gelegt werden, da sie sowohl durch diesen Schnittpunkt
miteinander im Gleichgewicht, wenn sie sich im Kräf- als auch durch das feste Auflager verlaufen muss. Das
teplan vektoriell aufheben und wenn ihre Wirkungslini- Kräftedreieck kann dann gezeichnet und die Grössen
en sich in einem Punkt schneiden. Die Wirkungslinien der Auflagerkräfte herausgemessen werden. Die Zerle-
der Kräfte B und R sind bekannt, und somit auch der gung der Auflagerkräfte in ihre Komponenten ist voll-
Schnittpunkt der Wirkungslinien der drei Kräfte. Da- ständigkeitshalber ebenfalls im Kräfteplan dargestellt.
mit kann die Wirkungslinie der Kraft A ebenfalls fest-
Bild 8.8: Magazzini Generali, Chiasso, 1924, Ing.: Robert Maillart

84 prof. schwartz
Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
a) äussere Lasten und Resultierende b) Auflagerkräfte c) innere Kräfte unter den Resultierenden

g. l g. l B
R
P q.l B
R
q.l 2 R R q.l
g. l A
2 2
g. l
R A q.l
q
2
g D3
D1 D2

A B A B

Bild 8.10: Einfaches Bogen-Seiltragwerk unter parallelen äusseren Kräften

Die Ermittlung der inneren Kräfte ist in Bild 8.9c dar- gezeichnet werden, unter der Bedingung, dass der ge- d) innere Kräfte unter verteilter Last R
gestellt. Zuerst wird ein Bogen entworfen, welcher in krümmte Bogen unter gleichmässig verteilten Lasten in
der Lage ist, die Resultierende R zu tragen. Aus der den polygonalen Bogen unter konzentrierten Lasten so q
Pfeilhöhe f ergeben sich im Lageplan die Wirkungslinie eingeschrieben sein muss, dass er diesen sowohl bei den g
für die beiden Druckkräfte D1 und D3 , deren Intensi- Auflagern als auch bei jedem Zwischensegment tangen-
tät anschliessend aus dem Kräfteplan ermittelt werden tial berührt. Die Lösung kann selbstverständlich durch
kann, sind sie doch im Gleichgewicht mit der Kraft R. Zerlegung der konzentrierten Kräfte in mehrere Ein-
Auch die Kraft Z im Zugglied geht aus dem Kräfteplan zelkräfte präzisiert werden (vgl. Bild 3.7).
hervor, und zwar aus den Gleichgewichtsbedingun-
gen der Kräfte A, D1 und Z beim linken Auflager und Falls die angreifenden Lasten G und Q parallel sind,
aus den Gleichgewichtsbedingungen der Kräfte B, D3 kann sinngemäss vorgegangen werden (Bild 8.10a). So- A B
und Z beim rechten Auflager. Abschliessend wird die wohl die Resultierende R als auch die Auflagerkräfte A
Resultierende durch die Kräfte G und W ersetzt und und B können nicht mehr auf einfache Weise ermittelt
der Bogen durch Einführung des Zwischensegmentes werden. Die Resultierende R wird mit Hilfe des Seilpo-
angepasst. Die Ergänzung der Kraft D2 im Kräfteplan lygons konstruiert. Im zweiten Schritt kann ein Bogen- beiden Kräfte G und Q ersetzt, das Zwischensegment
liefert eine Kontrolle der Lösung. Seiltragwerk entworfen werden, welches in der Lage ist, des Bogens entwickelt und die Kraft D2 aus dem Kräf-
die Resultierende R zu tragen (Bild 8.10b). Aus dem teplan ermittelt. Bild 8.10d zeigt die qualitative Lösung
Im Bild 8.9d ist die Lösung für das Bogen-Seiltragwerk zugehörigen Kräfteplan werden sowohl die Auflager- für das Bogen-Seiltragwerk unter gleichmässig verteil-
unter den gleichmässig verteilten Lasten g und q dar- kräfte A und B als auch die Kräfte D1, D3 und Z gewon- ten Lasten.
gestellt. Diese kann auf einfache Weise qualitativ auf- nen. Im nächsten Schritt (Bild 8.10c) wird R durch die

DARCH
structural design 85
Tragwerksentwurf I Bogen-Seiltragwerke
8.3 Konsolartige Bogen-Seiltragwerke cher erforderlich ist, wenn ein Lager verschieblich der untere drückt gegen die Wand. Das die Auflager
unter Einzellasten ausgebildet wird. Die Ermittlung der Auflagerkräfte verbindende vertikale 'Zugglied' ist immer noch auf
unter einer konzentrierten Last am Konsolende erfolgt Zug beansprucht, weil beim untersuchten Tragwerk die
Die vorgängig behandelten Tragwerke waren an ih- einfach aus der Betrachtung der Wirkungslinie. Denn äussere Last zum festen Auflager geleitet werden muss.
ren beiden Enden aufgelagert und mit vertikalen oder die Wirkungslinien der drei wirkenden Kräfte, also die Aus dem Bild 8.12a ist jedoch ersichtlich, dass eine
geneigten Lasten beansprucht. In der Folge werden Last und die beiden Auflagerkräfte, müssen sich in ei- Druckkraft resultiert, wenn die Auflager ausgetauscht
Tragwerke untersucht, welche an einem ihrer Enden nem Punkt schneiden, und zwei dieser Wirkungslinien, werden, oder gleichbedeutend, wenn die äussere Last
aufgelagert sind und am anderen Ende bzw. auf ihrer nämlich diejenige der Last und diejenige der Kraft im von unten nach oben gerichtet ist. Wird das bewegliche
gesamten Länge belastet werden. verschieblichen Auflager, sind bekannt (Bild 8.11b). Auflager durch ein festes ersetzt, so kann auf das verti-
Auch die inneren Kräfte der drei Stäbe können einfach kale 'Zugglied' verzichtet werden (Bild 8.12b).
Das als Konsole bezeichnete Tragwerk in Bild 8.11a ermittelt werden, indem Subsysteme in den einzelnen
besteht aus zwei geneigten Stäben sowie aus einem Knoten untersucht werden (Bild 8.11c). Die äussere Fassadenebene der Hongkong and Shang-
dritten, die Auflager verbindenden Vertikalstab, wel- hai Banking Corporation von Norman Foster wird
Ein Vergleich dieses Tragwerks mit den früher un- durch Konsolen strukturiert, welche primär aus einem
tersuchten, über zwei Auflager gespannten Bogen-
a) Seiltragwerken ergibt, dass die inneren Kräfte der Stä-
be unterschiedlich sind: ein Stab ist immer noch auf
Druck beansprucht, der andere ist jedoch auf Zug be-
ansprucht. Der obere Stab zieht also an der Wand, und

a)
b)

c) b)

Bild 8.11: Konsole unter einer konzentrierten Einzellast Bild 8.12: Einfluss der Art des Auflagers auf die Auflagerkräfte und Bild 8.13: Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC),
die inneren Kräfte Hong Kong, 1979-85, Arch.: Norman Foster, Ing.: Büro Ove Arup

86 prof. schwartz
Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
geneigten Zugstab und einem horizontalen Druckstab
bestehen (Bild 8.13). Diese Konsolen tragen über verti-
kale Zugelemente die darunter liegenden Decken. Wie
bei den einfachen Bogenseiltragwerken im Bild 8.5 dar-
gestellt, kann auch bei den Konsolen die Neigung des
Druck- und des Zugelementes gewählt werden. Der
Einfluss dieser Wahl ist aus dem Kräfteplan ersichtlich.

8.4 Konsolartige Bogen-Seiltragwerke


unter mehreren Lasten

Wenn mehrere Konsolen, welche einzeln in der Lage Bild 8.15: Le Viaduc de Millau, Département Aveyron, 1993-2004, Bild 8.16: Ganterbrücke, bei Eisten, 1976-80, Arch. & Ing.: Christian
sind, konzentrierte Lasten aufzunehmen, ineinander Arch.: Norman Foster, Ing.: Michel Virlogeux Menn
verschachtelt werden, können diese als Gesamttrag-
werk mehrere konzentrierte Lasten tragen (Bild 8.14). Entsprechende abgespannte Tragwerke werden häufig Sie bestehen aus Vorspannkabeln, welche in Scheiben
Bei diesen sogenannten abgespannten Tragwerken ist angewendet bei Brücken mit mittleren Spannweiten einbetoniert worden sind.
es möglich, bei beschränkter Anzahl der schrägen Sei- von 100 m bis 350 m. Beim von Michel Virlogeux ent-
le auch konzentrierte Lasten aufzunehmen, wenn das worfenen Viaduc de Millau (Bild 8.15), ein Bauwerk Abgespannte Tragwerke werden auch bei Dächern mit
Druckelement als Versteifungsträger wirkt. welches zurzeit den Spannweitenrekord für abgespann- grossen Spannweiten angewendet. Ein Vorteil gegen-
ten Brücken (häufig auch als Schrägseil- oder Schräg- über dem Tragwerk der Hängebrücken besteht darin,
Falls zwei Konsolen symmetrisch bezüglich ihrer ver- kabelbrücken bezeichnet) hält, sind die Seile in einem dass die abgespannten Tragwerke viel weniger empfind-
tikalen Auflagerachse zueinander angeordnet werden, vergleichsweise geringen Abstand am Fahrbahnträger lich auf ungleichmässig verteilte Nutzlasten reagieren,
sind die beiden horizontalen Auflagerkraftkomponen- befestigt, so dass diesem eine untergeordnete Funktion wird die Last doch gemäss Bild 8.14 in jeder beliebigen
ten jeweils miteinander im Gleichgewicht, und es müs- als Versteifungsträger zukommt. Anders bei der Gan- Position auf direktem Weg zu den Auflagern abgetra-
sen lediglich die vertikalen Auflagerkraftkomponenten, terbrücke von Christian Menn, wo die geneigten Zu- gen.
ähnlich wie bei den Hängebrücken, aufgenommen wer- gelemente wesentlich konzentrierter wirken (Bild 8.16).
den.

+ + =

Bild 8.14: Überlagerung von Konsolen zu abgespannten Tragwerken

DARCH
structural design 87
Tragwerksentwurf I Bogen-Seiltragwerke
pektive 8.10). Das Endfeld der in Kapitel 3 behandelten
Q1 Q4 Papierfabrik Burgo ist ein Beispiel für ein konsolenarti-
Q2 Q3
Q4 ges Bogen-Seiltragwerk (Bild 8.18). Die Dachplatte ist
R mit sekundären vertikalen Hängeseilen an den Tragsei-
Q3
P len aufgehängt und dient gleichzeitig als Druckglied.
Q2
Q1

B
B KR
Q4 100% g
KR
R Q3 R
AV
Q2 A
AH
Q1 25% g
A AV AH

K5 B
K5 Z K4
75% g
B K3 Z
Q4 K4 D4
K2
K1 D4 Q3 K3
D3 D3
K2 50% g
K0 D2 Q2 D2 A
Q3 K1
Q4 Q1 D1
D1 Q2
A K0
Q1
50% g
Bild 8.17: Konsolenartiges Bogen-Seiltragwerk unter parallelen Lasten

75% g
Eine grundlegend andere Möglichkeit, mehrere Einzel-
lasten oder auch verteilte Lasten mit Bogen-Seiltrag-
werken aufzunehmen, besteht darin, das Druckelement 25% g
und/oder das Zugelement polygonal zu formen bzw. zu
krümmen. Im Bild 8.17 ist eine entsprechende Lösung
mit einem gekrümmten Druckstab, d.h. einem Bogen,
dargestellt. Es ist ersichtlich, dass die Lösung sinnge- 100% g
mäss nach dem gleichen Verfahren erfolgt, welches
bereits zur Lösung der über zwei Auflager gespannten
Bogen-Seilttragwerken angewendet wurde (Bild 8.9 res-
Bild 8.18: Endfeld der Papierfabrik Burgo, Mantua, 1961-62, Arch. & Bild 8.19: Aufteilung der äusseren Lasten auf die Tragelemente
Ing.: Pier Luigi Nervi

88 prof. schwartz
Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
Auch bei der Konsole unter gleichmässig verteilten Las- Q1
Q1 Q6
ten nimmt der Bogen bzw. das Seil die Form einer Pa-
rabel an, also einer Kurve zweiter Ordnung (Bild 8.20).
Die Lösung kann wie bei den zwischen zwei Auflagern
gespannten Bögen oder Seilen elegant auf der Basis der
doppelten Pfeilhöhe hergeleitet werden.

Beispiele für Konsolen unter gleichmässig verteilten


Lasten sind Türme. Diese tragen horizontal wirkende
Wind- oder Erdbebenkräfte als vertikale Konsolen ab.
Der Entwurf der Form des Eiffelturms erfolgte nach
diesem Prinzip, wobei das Ziel verfolgt wurde, ein mög- Q6
lichst transparentes Tragwerk zu erhalten (Bild 8.21).
Der Ingenieur Maurice Koechlin (1856-1946), welcher
zuerst die Form des Turms vorschlug, hat diese auf der
Grundlage der zuvor beschriebenen Überlegungen ent-
Bild 8.21: Entwurfsüberlegungen für den Eiffelturm, Paris, 1887-89, Arch.: Büro Eiffel, Ing.: Maurice Koechlin

Q
B wickelt. Er erhielt dafür im Jahr 1884 ein Patent und
K2 führte in der Folge die Projektleitung als Chefingenieur
G.
KR , K 1 des Büros Eiffel durch.
B K2 K R K1 q. AV
A Wie bei den einfachen Bogen-Seiltragwerken gilt auch
2·f

K0
bei den Konsolen, dass eine ganze Familie von Trag-
werken, je nach Anteil der Aufnahme der Lasten durch
f

AH AH
das Seil bzw. durch den Bogen, ausgebildet werden kann
K0 (Bild 8.19). Die Aufteilung der abzutragenden Lasten
A AV auf das Bogen- und Seiltragwerk erfolgt wie bei einem
l einfachen Bogen-Seiltragwerk in Abhängigkeit von der
Pfeilhöhe (vgl. Bild 8.5). So übernimmt beim Bogen
Q mit Zugglied der Bogen selbstverständlich 100% der
Z
Lasten, während bei einem System, bei welchem die
B Z = Dmin
Pfeilhöhe des Bogens dreimal so gross ist wie diejenige
Dmin des Seiles, der Bogen 75% und das Seil 25% der Lasten
übernimmt.

Dmax Dmax

Bild 8.20: Konsolenartiges Bogen-Seiltragwerk unter verteilten Lasten

DARCH
structural design 89
Tragwerksentwurf I Bogen-Seiltragwerke
b)
8.5 Zusammengesetzte Bogen-Seiltragwerke

Über zwei Auflager gespannte Bogen-


Seiltragwerke mit einer Auskragung

Zunächst soll ein Tragwerk untersucht werden, welches


Q1
zwei Auflager überbrückt und zusätzlich bei einem Auf- Z1
lager konsolartig auskragt. In einem ersten Schritt wird a) Z2 Q1 Z1
B K1
angenommen, es wirke nur eine Einzellast am Ende K2
der Konsole. Wie aus dem Bild 8.22a ersichtlich ist, ist D1
die Lösung sehr einfach: es handelt sich, was die inne- K1 A K2
D2 = D 1 D1 Z2
ren Kräfte anbelangt, um ein auf den Kopf gestelltes
einfaches Bogen-Seiltragwerk, welches zwei Auflager
A
überspannt und eine einzige Last, nämlich die rechte B
Auflagerkraft trägt (Bild 8.22b)! Es ist zu beachten, dass
beim im Bild 8.22a dargestellten Tragwerk das auf der
zur Konsole entgegengesetzten Seite liegende Auflager Bild 8.22: Über zwei Auflager gespanntes Bogen-Seiltragwerk mit Q1
vom Boden abhebt, wenn es nicht festgehalten wird. belasteter Auskragung (a) und alternatives Tragwerk mit identischen B1
inneren Kräften (b)
Die Auflagerkraft A ist somit nach unten gerichtet.
A1
Aus dieser Feststellung folgt eine weitere, verblüffende Q3
Erkenntnis: nicht nur das untersuchte überspannende Q2 Q1 +
und auskragende Ausgangstragwerk, sondern auch je- nur Lasten auf Konsole
des zwei Auflager überspannende Bogen-Seiltragwerk Q2
Z1 A2
kann als Zusammensetzung von (mindestens) zwei
Konsolen interpretiert werden. Die Konsole ist somit Z4
K2 D2 = D 1
das eigentliche Grundelement der Bogenseiltragwerke, B2
und wie in den Kapiteln 10 und 12 gezeigt wird, auch Z2 K1 Q3
der Fachwerke und der Balken. D1
Z3
In einem zweiten Schritt sollen zusätzlich zur äusseren A B =
Last weitere Lasten zwischen den beiden Auflagern nur Lasten im Feld
wirken. Da in diesem Tragwerksbereich sowohl das Seil Q1
Z1
als auch der Bogen infolge der äusseren Last auf der
Konsole bereits innere Kräfte aufweisen, können wei- einfaches Bogen-Seiltragwerk Konsole Konsole Z2
tere Lasten aufgenommen werden, indem mindestens A
eines dieser beiden Elemente einen polygonalen bzw. Bild 8.23: Über zwei Auflager gespanntes Bogen-Seiltragwerk mit be- Q2
lasteter Auskragung unter drei Lasten B Z3
gekrümmten Verlauf annimmt. Da die Kraft in den
entsprechenden Elementen bereits festliegt, kann die
Q3 Z4

90 prof. schwartz
Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
Pfeilhöhe nicht frei gewählt werden, sondern sie ergibt
sich eindeutig aus dem Kräfteplan. Im Bild 8.23 ist eine f
entsprechende Lösung dargestellt.
l' = 0 f
l
Über zwei Auflager gespannte Bogen-
Seiltragwerke mit zwei Auskragungen l

Falls an beiden Enden des einfachen Bogen-Seiltrag- 0.84·f


werkes eine Auskragung vorhanden ist, kann analog
vorgegangen werden wie im Fall einer Auskragung. Im 0.16·f 0.16·f
0.16·f 0.16·f
Bild 8.25 sind zusammengesetzte Bogen-Seiltragwerke l' : l = 0.20
für verschiedene Verhältnisse l '/l unter einer gleich-
mässig verteilten Last dargestellt. Dabei wird mit l ' die l' l' l' 0.84·f l'
Länge der Konsole bezeichnet und mit l diejenige des
einfachen Bogen-Seiltragwerks. Der Verlauf des Bo-
0.50·f
gens bzw. des gekrümmten Seiles ist im Feld immer
gleich, d.h. die Pfeilhöhe f bleibt konstant, so dass auch 0.50·f 0.50·f 0.50·f 0.50·f
die Kraft im horizontalen Zugglied bzw. im horizonta- l' : l = 0.35
len Druckglied für alle dargestellten Beispiele gleich ist. 0.50·f
l' l' l' l'
In den fünf abgebildeten Beispielen variiert die Länge
l ' der Konsole. Die Konsole bewirkt eine Unterteilung
der Pfeilhöhe in einen Teil in Feldmitte und einen Teil
über den Auflagern. 0.33·f
0.67·f 0.67·f
0.67·f 0.67·f
l' : l = 0.40
0.33·f
l' l' l' l'

l' : l = 0.50

l' l' l' l'

Bild 8.24: Rip Bridge, Woy Woy, 1974, Arch.: Donald Charles, Ing.: Bild 8.25: Über zwei Auflager gespanntes Bogen-Seiltragwerk mit zwei Auskragungen
Albert Freid

DARCH
structural design 91
Tragwerksentwurf I Bogen-Seiltragwerke
Wenn l ' die Hälfte der Spannweite l erreicht, befindet folgen. Insbesondere die Vierbeiner, sowohl die Säu- Über mehrere Felder verlaufende
sich der Bogen überall unterhalb des Zugglieds: dieser getiere als auch die Reptilien, können vom statischen Bogen-Seiltragwerke
Spezialfall kann als vier Konsolen interpretiert werden, Standpunkt als Bogen-Seiltragwerke mit zwei Konso-
welche sich paarweise im Gleichgewicht halten. len, nämlich dem Kopf und dem Schwanz, angesehen Die einfachste Lösung, um mehrere Felder zu über-
werden. Thompson stellt die statisch erforderlichen spannen, besteht darin, einfache Bogen-Seiltragwerke
Bei der Rip-Bridge nahe Sydney wurde gerade diese Bogen-Seiltragwerke verschiedener Vierbeiner dar und eines neben dem anderen anzuordnen (Bild 8.27). Bei
Tragwerksart mit Bogen und Zugglied angewendet beschreibt ihre Analogie mit der tatsächlichen Form der der dargestellten Brücke ist die Fahrbahnplatte, welche
(Bild 8.24). Die vertikalen und diagonalen Streben ha- Tiere (Bild 8.26). als Zugglied wirkt, kräftig ausgebildet, so dass sie als
ben dabei die Aufgabe, das Tragwerk unter veränderli- Versteifungsträger zur Stabilisierung des Tragwerks
chen Lasten zu stabilisieren. Als duale Lösung hierzu, Diese Analogien sind in Übereinstimmung mit der unter veränderlichen Lasten dienen kann. Die Zugglie-
also mit Seil und Druckglied ist wiederum Nervis Pa- Evolutionstheorie: bei zunehmender Beanspruchung der können auf zwei verschiedene Arten interpretiert
pierfabrik Burgo zu erwähnen (Bilder 3.12 & 8.20). des ‚Feldbereichs’ entwickelt sich das Lebewesen wei- werden: jedes einzelne Zugglied kompensiert die hori-
ter, indem es die Höhe seines ‚Tragwerks’ anpasst so zontalen Auflagerkräfte der einzelnen Bögen, oder das
Auch in der Natur ist diese Tragwerksart verbreitet. So dass die Knochen, welche die inneren Druckkräfte auf- Zugband läuft durch das gesamte Tragwerk durch und
stellt D'Arcy W. Thompson (1860-1948) in seiner 1917 nehmen, und die auf Zug beanspruchten Sehnen nicht kompensiert nur die horizontalen Auflagerkräfte der
veröffentlichten Arbeit Über Wachstum und Form fest, überbeansprucht werden. Eine Tierart ist somit in der äusseren Felder. Bei den Zwischenauflagern kompen-
dass viele Organismen der Tierwelt Formen aufweisen, Lage seine eigene Effizienz zu erhöhen und dadurch sieren sich in diesem Fall die Horizontalkomponenten
welche dem Verlauf der statischen Beanspruchungen seine Überlebenswahrscheinlichkeit zu vergrössern. der Bogenkräfte gegenseitig, was bedeutet, dass das
Zuglied bei den Zwischenauflagern nicht zwingend mit
den Bögen verbunden werden muss.

Eine elegantere Lösung besteht darin, das Prinzip des


Schwanz
Bogen-Seiltragwerkes mit Konsolen anzuwenden. Ein-
B A Kopf

Kopf l
Schwanz
B A

Schwanz Kopf

A
Bild 8.26: Darstellung nach D’Arcy W. Thompson eines Dinosauriers mit langem und schwerem Schwanz (Stegosaurus), für ein Pferd oder ein Rind Bild 8.27: Serie von einfachen Bogen-Seiltragwerken
und für einen Vierbeiner mit langem Hals und schwerem Kopf (Titanotherium)

92 prof. schwartz
Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
a) b) c)

Z -D·f

f -
D
l x
l

M [kNm]

-D·f

f
D -
x
l
l

Bild 8.28: Demonstration des Prinzips eines Gerber-Trägers


M [kNm]
D
fache Bogen-Seiltragwerke mit kürzeren Spannweiten
stützen sich auf Konsolenpaare ab, welche symmet- l x
risch zur Auflagerachse angeordnet sind (Bild 8.28). f +
Die entsprechende Tragwirkung wird als Durchlaufwir- l D·f
kung bezeichnet. Dort wo sich im Feld Seil und Bogen
kreuzen, können Gelenke angeordnet werden. M [kNm]

Diese Tragwerke werden als Gerber-Träger bezeichnet D


nach dem Ingenieur Heinrich Gottfried Gerber (1832- l x
1912), der sie im Jahr 1866 patentiert und ein Jahr spä- f +
D·f
ter als erste Anwendung die Mainbrücke in Hassfurt l
projektiert hat (Bild 8.29). Bei dieser Brücke sind Seil
M [kNm]
D -D·f ' - -
f '' f'
f'
f '' l l+l'
x
D·f '' +
l' l'' l' l' l l'
M [kNm]

D -D·f ' - -
f'
f '' D·f '' l
+
l
M [kNm]
Bild 8.29: Mainbrücke, Hassfurt, 1867, Arch. & Ing.: Heinrich Gott- Bild 8.30: Zusammenstellung von Bogen-Seiltragwerken mit gekrümmtem Druckglied und geradem Seil (a) mit gekrümmtem Seil und geradem
fried Gerber Druckglied (b) und dem Verlauf des Biegemoments (c)

DARCH
structural design 93
Tragwerksentwurf I Bogen-Seiltragwerke
und Bogen im mittleren Feld symmetrisch zur Längs- der Vertikalkomponenten der inneren Kräfte im Seil
achse angeordnet, das heisst Seil und Bogen weisen die und im Druckglied. Die entsprechende Grösse wird
gleiche Krümmung auf. Die vertikalen und diagonalen von den Bauingenieuren als Querkraft bezeichnet und
Streben haben die Aufgabe, das Tragwerk unter verän- besitzt die Einheit [kN]. Auch die Querkraft ist nur von
derlichen Lasten zu stabilisieren. Mit der gleichen Ziel- der Geometrie der Auflager und von den äusseren Kräf-
setzung folgt in den Randfeldern die Formgebung von ten, nicht aber von der Tragwerksart selber abhängig.
Seil und Bogen nicht vollständig derjenigen des Bogen-
Seiltragwerks. Hier müssten sich der Bogen und das Seil Sowohl Biegemoment als auch Querkraft sind für die
kreuzen; dies würde jedoch zu einem unter veränderli- analytische Statik geeignete Hilfsgrössen; im Rahmen
chen Lasten labilen Tragwerk führen. der graphischen Statik haben sie dagegen keine Bedeu-
tung und werden in diesem Manuskript nicht weiter
Im Bild 8.30 ist zusammenfassend eine Auswahl von verwendet.
Bogen-Seiltragwerken dargestellt, gegliedert nach
Tragwerken mit Bögen und geraden Seilen (Bild
8.30a) und nach Tragwerken mit gekrümmten Sei-
len und geraden Druckgliedern (Bild 8.30b). Im Bild
8.30c ist das Produkt der inneren Druckkraft D im
Druckglied mit dem rechtwinklig zur Druckglied-
achse abgetragenen Abstand z des Seils vom Druck-
glied in Diagrammen dargestellt. Dieses Produkt wird
von den Bauingenieuren als Biegemoment bezeichnet
und hat die Einheit [kN·m]. Im dargestellten Spezial-
fall eines horizontalen Druckglieds stimmt die Form
des Seils somit mit dem Kurvenverlauf der Biegemo-
mentlinie überein.

Der Betrag des Biegemomentes kann dank der Dualität


der Seil- und Bogentragwerke ebenfalls aus den im Bild
8.30a dargestellten Tragwerken mit horizontalen Seilen
gewonnen werden. Das Biegemoment ist nur von der
Geometrie der Auflager und von den äusseren Kräf-
ten, nicht aber von der Tragwerksart selber abhängig.
Wählt man beispielsweise beim Bogen-Seiltragwerk
eine grössere Pfeilhöhe, so resultiert eine geringere in-
nere Druckkraft im Druckglied, so dass das Produkt
D·z bzw. D·f tatsächlich unverändert bleibt.

Die erste Ableitung des Biegemomentes nach der


Längskoordinate x entspricht an jedem Ort der Summe

94 prof. schwartz
Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf I
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96 prof. schwartz
Literaturverzeichnis Tragwerksentwurf I
DARCH
structural design 97
Tragwerksentwurf I Literaturverzeichnis
DARCH
prof. schwartz structural design
Tragwerksentwurf II Professur für Tragwerksentwurf — ETH Zürich — Winter 2011
Vorwort

Der vorliegende Einführungskurs in die Thematik der Der Schwerpunkt liegt somit stärker auf dem Trag- leichtern, den Dialog zwischen Architekten und Bau-
Tragwerke wurde für die beiden ersten Semester des werksentwurf als auf der Tragwerksanalyse. ingenieuren fördern, und so zur Entwicklung von ar-
Architekturstudiums entwickelt. Er wird in den weite- chitektonischen Entwürfen beitragen, bei welchen die
ren Semestern fortgesetzt, in welchem die Tragwerke in Um das Erreichen dieser Ziele zu erleichtern, wird vor- statischen und die gestalterischen Belange ineinander
Stahlbeton, Stahl, Holz, Mauerwerk sowie das Tragwerk wiegend ein intuitives Vorgehen befolgt. Der behandel- übergehen.
Baugrund detaillierter behandelt werden. Dieser zweite te Stoff ist entlang eines Pfades organisiert. Nach der
Band Tragwerksentwurf 2 beinhaltet den im 2. Semes- Einführung in die wesentlichen Grundlagen werden Bei der Konzeptfindung und Ausarbeitung des vorlie-
ter behandelten Vorlesungsstoff, und ist als Einheit mit sukzessiv Seil- und Bogentragwerke, gemischte Bo- genden Manuskriptes wurde ich tatkräftig von meinem
dem ersten Band Tragwerksentwurf 1 zu verstehen, wel- gen-Seiltragwerke, Fachwerke, Balken und schliesslich Oberassistenten Dr. Toni Kotnik unterstützt. An der
cher den Stoff des 1. Semesters beinhaltet. schlanke Stützen mit Hilfe der graphischen Statik be- Bearbeitung des Textes und der Bilder haben sich mei-
handelt. Im Anschluss an die Behandlung der jeweili- ne Assistierenden Gabriela Dimitrova, Lucienne Köpf-
Der Kurs basiert auf dem Buch L’Art des Structures von gen, in der Ebene angeordneten Tragwerke, werden die li, Ali Kahrom und Maximilian Schrems beteiligt. Ihnen
Prof. Dr. Aurelio Muttoni. Es handelt sich um eine vom Form und die Tragwirkung der artverwandten räumli- sowie Frau Ruth Schmid sei an dieser Stelle für ihre Un-
Üblichen abweichende Methode, welche als Haupt- chen Tragwerke beschrieben. terstützung bestens gedankt.
werkzeug die graphische Statik einsetzt. Das Vorgehen
ermöglicht es, auf elegante Art und Weise die inneren Der Kurs verfolgt somit das Ziel, eine wahre Statik für
Kräfte zu visualisieren, und fördert das Gefühl für die Architekten zu sein, und nicht eine Vereinfachung der Zürich, im Februar 2009
Zusammenhänge zwischen der zweckmässigen Form Statik der Bauingenieure. Möge er allen Interessierten
eines Tragwerkes und den wirkenden inneren Kräften. den Einstieg in die interessante Welt der Tragwerke er- Prof. Dr. Joseph Schwartz

DARCH
structural design
Tragwerksentwurf II Vorwort
1. Semester 2. Semester
2 Kräfte und 5 Materialver- 14 Biegung
Gleichgewicht halten und Be Krümmung,
messung Durchbiegung,
Biegesteifigkeit

1 Tragwerk 3 Seile 6 Bögen 8 Bogen-Seil- 10 Ebene Fach- 12 Balken und 15 Stützen


und architek- Tragwerke werke Scheiben
tonischer
Entwurf

4 Räumliche 7 Räumliche 9 Räumliche 11 Räumliche 13 Räumliche


Seiltragwerke Bogentrag- Bogen-Seil- Fachwerke Balken
werke Tragwerke

prof. schwartz
Inhalt Tragwerksentwurf II
Inhalt

1 Tragwerk und architektonischer Entwurf 11 Räumliche Fachwerke 23 14 Biegung 45


2 Kräfte und Gleichgewicht
3 Seile
11.1 Räumlich zusammengesetzte 23
4 Räumliche Seiltragwerke ebene Fachwerke 14.1 Biegung und Krümmung 45
5 Materialverhalten und Bemessung 14.2 Biegesteifigkeit 46
6 Bögen 11.2 Raumfachwerke 24
7 Räumliche Bogentragwerke 11.3 Gewölbe und Kuppeln aus Fachwerken 25 14.3 Verformung von auf Biegung 49
8 Bogen-Seiltragwerke beanspruchten Balken
11.4 Freie Formen aus Fachwerken 25
14.4 Widerstand von auf Biegung 51
beanspruchten Balken
9 Räumliche Bogen-Seil-Tragwerke 1
14.5 Effizienz der Tragwerke 53
12 Balken und Scheiben 27
9.1 Einfache räumliche Bogen-Seiltragwerke 1
9.2 Räumliche Bogen-Seiltragwerke 2 12.1 Tragverhalten eines einfachen Balkens 27
mit Zug- und Druckringen 15 Stützen 57
12.2 Einfache Tragwerke unter konzentrierten 29
9.3 Räumliche Kombinationen 3 und verteilten Lasten
von Bogen und Seilen 15.1 Das Wesen des Instabilitätsproblems 57
12.3 Zusammengesetzte Tragwerke 32
9.4 Tensegrity-Tragwerke 4 15.2 Der Widerstand einer Stütze 58
12.4 Rahmen 33 unter Druchbelastung
12.5 Scheiben 37 15.3 Einfluss der Länge der Stütze auf die 59
10 Ebene Fachwerke 7
kritische Last

10.1 Das Fachwerk als Kombination 7 15.4 Einfluss der Auflagerbedingungen 59


von Bogen-Seiltragwerken 13 Räumliche Balken 39 der Stütze auf die kritische Last

10.2 Ermittlung der inneren Kräfte 8 15.5 Einfluss der Materialsteifigkeit der Stütze 61
auf die kritische Last
13.1 Nebeneinander angeordnete Balken 39
10.3 Einfluss der Lage der äusseren Kräfte 9
15.6 Einfluss der Querschnittabmessungen 61
13.2 Balkenroste 39 der Stütze auf die kritische Last
10.4 Ermittlung der Gurtkräfte 10
13.3 Platten 41 15.7 Einfluss der Querschnittform der 62
10.5 Labile, statisch bestimmte und 12
statisch unbestimmte Fachwerke 13.4 Faltwerke 42 Stütze auf die kritische Last
10.6 Geometrie der Fachwerke 13 15.8 Stützen mit veränderlichem Querschnitt 63
10.7 Verschiedene Arten von Fachwerken 14
15.9 Beulen 63
10.8 Weitere Fachwerkarten 19

Literatur 65

DARCH
structural design
Tragwerksentwurf II Inhalt
prof. schwartz
Inhalt Tragwerksentwurf II
9 Räumliche Bogen-Seiltragwerke

Als räumliche Bogen-Seiltragwerke werden im Folgen-


den Tragwerke verstanden, welche aus räumlich ange-
ordneten Druck- und Zugelementen bestehen und bei
den Auflagern keine horizontalen Kraftkomponenten
aufweisen. Es handelt sich somit um in sich geschlosse-
ne Tragwerke, deren Druck- und Zugelemente sowohl
gerade als auch gekrümmt sein können.

Wie die Betrachtung des Tragverhaltens von Kuppeln


deutlich macht, ist die Abgrenzung zu den räumlichen Bild 9.1: Tragwirkung einfacher, räumlicher Bogen-Seiltragwerke und Fallschirm als analoges Tragwerk
Bogen-Seiltragwerken zum Teil fliessend. So werden
beispielsweise bei den Kuppeln die horizontalen Kom- mit Hilfe mehrerer horizontaler Druckstäbe, respekti- sem Fall ein dynamischer Gleichgewichtszustand vor.
ponenten der Auflagerkräfte teilweise mit Hilfe von ve einer Druckscheibe, und bei überwiegend auf Druck Am Rand des Fallschirms wirken die Seilkräfte, welche
tangentialen Zugringen aufgenommen. Das heisst, dass beanspruchten Schalentragwerken mit Hilfe mehrerer tangential an den Schirm anschliessen und dank ihrer
die horizontalen Ringkräfte stets zu einer Kompensie- horizontaler Seile, respektive einer Zugmembran aufge- Neigung sowohl die horizontalen als auch die vertikalen
rung der Horizontalkomponenten der Tangentialkräfte nommen werden (Bild 9.1). Diese aussteifenden Ele- ‚Auflagerkräfte’ der Fallschirmmembran aufnehmen.
beitragen (vgl. Abschnitt 7.4 und 7.5). mente übernehmen hierbei im Räumlichen die Rolle
der Druckstrebe respektive des Zugseils in einfachen Ein solches Zusammenbinden der Auflagerkräfte findet
Bogen-Seiltragwerken (vgl. Abschnitt 8.1). sich häufig bei Schalentragwerken, wobei das Zusam-
9.1 Einfache räumliche Bogen-Seiltragwerke menführen der horizontalen Seilkräfte mit unter der
Rundkappenfallschirme weisen ein ähnliches Tragver- Erde verlaufenden Kabeln oder Stahlbetonriegeln er-
Gekrümmte räumliche Tragwerke wie zum Beispiel halten auf (Bild 9.1). Die Zugmembran des Fallschirms folgen kann. So werden beispielsweise beim Fächerge-
Membranen, Gewölbe, Kuppeln oder Schalen laufen ist beansprucht durch die verteilte, nach oben gerichtete wölbe des Centre des Nouvelles Industries et Techno-
häufig geneigt in die Auflager, so dass nebst den vertika- Auftriebskraft. Beim Erreichen der konstanten Fallge- logies in Paris (Bilder 7.31 und 9.2) die Auflagerkräfte
len auch horizontale Auflagerkräfte entstehen. Falls die schwindigkeit ist die Resultierende gleich null, d.h. die mit Hilfe von drei Seilen aufgenommen, welche die drei
Auflager nicht in der Lage sind, die Horizontalkompo- nach oben gerichteten Auftriebskräfte sind im Gleich- Auflager miteinander verbinden (Bild 9.2a). Diese Lö-
nenten der Auflagerkräfte aufzunehmen, können diese gewicht mit der angehängten Last. Da sich das Ge- sung ist statisch äquivalent mit der alternativen Lösung
bei einer auf Zug beanspruchten Membran prinzipiell samtsystem ohne Beschleunigung bewegt, liegt in die- (Bild 9.2b), bei welcher die drei Seile in der Mitte mit-

a) b)
Bild 9.2: Centre des Nouvelles Industries et Technologies, Paris, 1956-58, Arch.: Robert Edouard Camelot, Jean de Mailly, Bernard Louis Zehrfuss, Ing.: Nicolas Esquillan (l=218 m, f=46 m) Schematische Dartstellung des Trag-
verhaltens (a) und Variante des Zusammenführens der horizontalen Seilkräfte (b)
DARCH
structural design 1
Tragwerksentwurf II Räumliche Bogen-Seiltragwerke
einander verbunden sind. Diese Lösung würde dem in
Bild 9.1 dargestellten Prinzip entsprechen, hat aber den
Nachteil, dass die drei Seile im Zentrum des Grundris-
ses gekoppelt werden müssen.

9.2 Räumliche Bogen-Seiltragwerke


mit Zug- und Druckringen

Wie am Beispiel des Centre des Nouvelles Industries et


Technologies ersichtlich, und wie bei der Behandlung Bild 9.3: Aufnahme der horizontalen Auflagerkräfte mittels Zugring Bild 9.4: Umbau, Las Arenas, Barcelona, 2000-09, Arch.: Richard Ro-
respektive Druckring gers, Ing.: Expedition Engineering und BOMA (d=240 m)
der Schalen bereits erwähnt (vgl. Bild 7.20), können die
horizontalen Auflagerkräfte anstatt mit horizontalen,
sternförmig verlaufender Seilen eleganter, nämlich mit bei welcher die Randstützen tangential zu den radialen durch einen Druckring aufgenommen wird (Bild 9.5a).
einem Zugring aufgenommen werden (Bild 9.3). Dies Bögen verlaufen, sind hier die Randstützen vertikal, Die vertikale Lage der stabilisierenden Seilschar gegen-
gilt sinngemäss ebenfalls für Membranen. Diese Lö- also in Richtung der verbleibenden vertikalen Auflager- über der tragenden kann wie beim ebenen Seilbalken
sungen haben beim praktischen Tragwerksentwurf aus kräfte angeordnet. frei gewählt werden. Im Bild 9.5b ist eine alternative
konstruktiver und architektonischer Sicht Vorrang ge- Lösung dargestellt, bei welcher die stabilisierende Seil-
gegenüber der direkten Kopplung gemäss Bild 9.1. Eine Zugmembran mit Druckring ist häufig starken schar oberhalb der tragenden angeordnet ist. In diesem
Formänderungen unter ungleichmässigen Nutzlasten Fall werden zwei Druckringe benötigt.
Am Beipiel des Projektes der Überdachung des histori- unterworfen. Es ist deshalb zweckmässig, mit Hilfe ei-
schen Stadions Las Arenas in Barcelona (Bild 9.4) wird ner gegenläufig gekrümmten, vorgespannten Membran Ähnlich wie bei der in Bild 9.2 dargestellten Schale müs-
ersichtlich, wie mit Hilfe eines horizontalen Zugringes diesen Formänderungen entgegen zu wirken. Ähnlich sen auch bei aus Seilbalken bestehenden räumlichen
die horizontalen Auflagerkräfte der Druckbögen ins wie beim Seilbalken (Bild 3.17) entsteht so ein räumli- Bogen-Seiltragwerken nicht alle Seile durch den zent-
Gleichgewicht gebracht werden. Verglichen mit Nervis ches Tragwerk, bestehend aus zwei Membranen respek- ralen Punkt geführt werden, sondern können alternativ
Kuppel des Palazzetto dello Sport in Rom (Bild 7.18), tive zwei Seilscharen, deren horizontale Auflagerkräfte mittels eines inneren Zugrings im Gleichgewicht gehal-

Druckring 1

Zugring
Druckring 2

a) b) c)
Bild 9.5: Aus Seilbalken bestehende Bogen-Seiltragwerke mit zwei Seilscharen und einem Druckring (a), mit zwei Druckringen (b) und Variante mit Bild 9.6: Überdachung Mercedes-Benz Arena, Stuttgart, 1992-93,
zwei Druckringen und einem zentralen Zugring in der Überdachung der Mercedes-Benz Arena (c) Arch.: asp Architekten, Ing.: Schlaich, Bergermann & Partner

2 prof. schwartz
Räumliche Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf II
ten werden (Bild 9.5c). Die Überdachung des Mercedes
Benz-Stadions in Stuttgart weist ein entsprechendes
Tragwerk auf (Bild 9.6). Die zwischen den einzelnen
Seilen gespannten Verbindungselemente bestehen aus
einfachen Bogen-Seiltragwerken, welche die Membran
der Dacheindeckung tragen.

9.3 Räumliche Kombinationen


von Bogen und Seilen

Das Prinzip der räumlichen Kombination von Bögen


und Seilen bietet eine grosse Freiheit in der architekto-
nischen Ausführung. Bei ausgeführten Bauwerken mit
einem Tragwerk aus räumlich angeordneten Bögen und
Seilen werden die horizontalen Komponenten der Auf-
lagerkräfte häufig nicht vollständig kompensiert, son-
dern in andere Bauteile eingeleitet.

Bei Kenzo Tanges Yoyogi National Gymnasium für die


Olympiade in Tokio ist dies der Fall: Die horizontalen
Auflagerkräfte der Haupttragseile werden weitgehend
mittels unterm Terrain liegenden Druckstreben kom-
pensiert (Bild 9.7). Die im Grundriss kreisförmig an-
geordneten Bögen nehmen die horizontalen Auflager-
kräfte der Dachmembran auf und leiten diese teils in
die Pylone, welche als vertikale Konsolen wirken, teils
in die Endpunkte der Haupttragseile ein.

Ein vergleichbarer Aufbau in der Tragstruktur findet


sich bei der Eishalle der Yale University von Eero Saa-
rinen (Bild 9.8). Das primäre Tragelement entlang der
zentralen Achse besteht dabei jedoch nicht mehr aus ei-
nem über Pylonen geführten Seil, sondern wurde durch
einen grossen Bogen ersetzt, an welchem die Zugseile
für die Dachkonstruktion aufgehängt sind. Diese Seile
leiten die anfallenden Dachlasten in die als Kettenlinie
geformten Bögen der Aussenwände ab.
Grundsätzlich besteht bei der räumlichen Anordnung
Bild 9.7: Yoyogi National Gymnasium, Tokio, 1961-64, Arch.: Kenzo Bild 9.8: D. S. Ingalls Hockey Rink, New Haven, 1956-58, Arch.: Eero
Tange, Ing.: Yoshikatsu Tsuboi Saarinen, Ing.: Fred N. Severud (l=99 m, f=21 m)
DARCH
structural design 3
Tragwerksentwurf II Räumliche Bogen-Seiltragwerke
9.4 Tensegrity-Tragwerke eines der ersten Beispiele für ein Tensegrity-Tragwerke.
Ein solches Rad wie etwa das London Eye von David
Eine spezielle Klasse von in sich geschlossenen, aus rei- Marks und Julia Barfield (Bild 9.11) ist ein selbststabili-
nen Druck- und Zugelementen bestehenden Tragwer- sierendes System, bei welchem ein druckbeanspruchter
ken sind die sogennanten Tensegrity-Tragwerke. Diese Ring, die Felge, durch ein radiales System von Zugsei-
bestehen aus einem kontinuierlichen System von Zu- len, die Speichen, gegen zwei zentrale Ringseile, die
gelementen und einem diskontinuierlichen Subsystem Nabe, vorgespannt wird. Die Vorspannung ermöglicht
von Druckelementen die sich gegenseitig stabilisieren. es auch, Druckkräfte durch die dünnen Zugglieder zu
Die Struktur bedarf daher immer einer ausreichenden übertragen. Die kontinuierlich angeordneten Speichen
Vorspannung der Zugelemente. geben dem Druckring die erforderliche Stabilität. Die
aus Seilbalken bestehenden räumlichen Bogen-Seiltrag-
Bild 9.9: Umbau, Mercat de Santa Caterina, Barcelona, 1999-2001,
Der Begriff Tensegrity wurde geprägt vom amerikani- werke (Bild 9.5) können somit ebenfalls als Tensegrity-
Arch.: EMTB, Ing.: Jose Maria Velasco schen Architekten und Ingenieur Richard Buckminster Tragwerke betrachtet werden.
Fuller (1895-1983) und geht zurück auf die Verschmel-
von Bögen und Seilen eine grosse gestalterische Frei- zung der Begriffe tension (engl. Spannung) und integrity Der amerikanische Künstler Kenneth Snelson, ein Stu-
heit, wie die Markthalle Santa Caterina in Barcelona von (engl. Ganzheit) (Bild 9.10). Bereits vor Fuller hatte der dent von Fuller, hatte bereits während seiner Studien-
Enric Miralles und Benedetta Tagliabue eindrücklich russische Konstruktivist Karl Ioganson zu Beginn des zeit damit begonnen, kleinere Skulpturen nach dem
aufzeigt (Bild 9.9). Drei schlanke Bogen-Seiltragwerke 20. Jahrhunderts in einer Studie für skulpturale Arbei- Tensegrity-Prinzip zu bauen. Später realisierte er auch
bilden die Primärstruktur der Halle. Die dazu quer ten mit solchen Tragwerken experimentiert. Projekte in grösserem Massstab. Eine der schönsten da-
verlaufende frei geformte tonnengewölbeartige Über- bei entstandenen Skulpturen ist der Needle Tower im
dachung des Marktes ist an diesen Bögen aufgehängt. Tensegrity-Strukturen sind in der Natur weit verbreitet, Smithsonian Institute in Washington D.C. (Bild 9.12).
Auf diese Weise wird ohne Durchbiegung des Daches sowohl auf mikroskopischer, wie auch auf makrosko- Der Turm ist ca. 18 m hoch und besteht aus einer Ad-
eine grössere stützenfreie Fläche ermöglicht. pischer Ebene. Buckminster Fuller erwähnt das Spei- dition von nach dem Tensegrity-Prinzip angeordneten
chenrad mit seinen tangential verspannten Speichen als Druckelementen.

Bild 9.10: Tensegrity-Modell einer geodätischen Kuppel, Montreal, Bild 9.11: London Eye, London, 1999, Arch.: Marks Barfield Ar- Bild 9.12: Needle Tower, Smithsonian Institute, Washington D.C.,
1967, Arch.: Richard Buckminster Fuller chitects, Ing.: Mace Group 1968, Arch.: Kenneth Snelson

4 prof. schwartz
Räumliche Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf II
dabei durch die dazwischen gespannte Membran sta-
bilisiert. Die Membranfläche übernimmt die Funktion
des Ringseiles. Bezieht man den Druckring mit in das
System ein, gehören die Seilkuppeln zu den geschlosse-
nen selbststabilisierenden Tensegrity Systemen.

Tensegrity-Tragwerke bilden somit eine grundlegende


Tragwerksart, in der das Zusammenspiel von Zug und
Druck und die räumliche Verteilung der Lasten studiert
werden kann. Obwohl sich verschiedene Forscher be-
müht haben Tensegrity-Tragwerke als Leichtbautrag-
werke weiterzuentwickeln und einzusetzen, haben sie
im Bauwesen eine untergeordnete Bedeutung behalten.
a) b)
Eines der wenigen zeitgenössischen Beispiele ist die als
Installation geplante, aber nicht ausgeführte, Errich-
Bild 9.13: Geiger Kuppel nach David H. Geiger (a) und Aspension Dome nach Buckminster Fuller (b) tung einer temporären Brücke für das National Building
Museum von Wilkinson Eyre Architects in Zusammen-
Grundsätzlich lassen sich Tensegrity Tragwerke auf der Der Ingenieur David H. Geiger (1935-89) verband das arbeit mit Cecil Balmond (Bild 9.15). Diese Struktur
Basis unterschiedlichster geometrischer Figuren entwi- Prinzip der Tensegrity-Systeme mit tragenden Memb- basiert auf einer Akkumulation von tetraederförmigen
ckeln. All diese Tragwerke zeichnen sich durch die Be- ranflächen und erreichte dadurch mit seinen nach ihm Tensegrity-Zellen mit Druckelementen aus Glas.
sonderheit aus, dass sich die Druckstäbe nicht gegen- benannten Kuppeln maximale Spannweiten bei einem
seitig berühren, und die Seile vorgespannt sein müssen Minimum an Konstruktionsgewicht (Bild 9.13). Die
(Bild 9.14). radial angeordneten unterspannten Gratseile werden

Bild 9.14: Free Ride Home, Storm King Art Center, Mountainville, Bild 9.15: Tensegrity Bridge, National Building Museum, Washington
1974, Arch.: Kenneth Snelson D.C., 2003, Arch.: Wilkinson Eyre Architects, Ing.: Cecil Balmond
DARCH
structural design 5
Tragwerksentwurf II Räumliche Bogen-Seiltragwerke
6 prof. schwartz
Räumliche Bogen-Seiltragwerke Tragwerksentwurf II
10 Ebene Fachwerke

In den Kapiteln 3, 6 und 8 wurden schrittweise die aus- Beispiel eines symmetrischen Tragwerkes unter einer nitiven Tragwerks betrachtet werden. Bei den fiktiven
schliesslich auf Zug belasteten Seiltragwerke, die aus- Einzellast in Feldmitte aufgezeigt werden. Ein solches Auflagern werden die dort wirkenden Kräfte mittels
schliesslich auf Druck belasteten Bogentragwerke und symmetrisches Bogen-Seiltragwerk trägt je 50% der eines Zugelementes an ein zweites Bogen-Seiltragwerk
die sowohl auf Zug wie auf Druck belasteten Bogen- Last zu einem fiktiven Auflager ab (Bild 10.1a). Die- angehängt, welches als zweites Subsystem die Kräfte
Seiltragwerke behandelt. Bogen-Seiltragwerke entste- ses Tragwerk kann als Subsystem des gesuchten defi- zu einem weiteren fiktiven Auflager weiterleitet (Bild
hen dabei als Überlagerung eines auf Druck belasteten Q Q
Bogens und eines auf Zug belasteten Seils. In diesem
Kapitel wird gezeigt, wie durch sukzessive Überlage- Q/2 Q/2
Q/2 Q/2
rung von Bogen-Seiltragwerken eine flächige Verteilung
der Druck- und Zugkräfte ermöglicht wird und dabei
a)
das Bogen-Seiltragwerk in ein Fachwerk übergeht. Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
Q Q

Q Q
Es ist somit stets möglich, die Tragwirkung eines Fach-
werkes vereinfachend mit derjenigen eines Bogen-Seil-
Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
tragwerkes darzustellen. Abgestützt auf diesen Sach- Q/2 Q/2
verhalt können die inneren Kräfte in Fachwerken auf
einfache Art mit Hilfe der graphischen Statik ermittelt b)
Q/2 Q/2 Q/2 Q/2 Q
werden. Aus diesem Zusammenhang wird ersichtlich, Q Q
Q
Q Q
dass die durch das Fachwerk implizierte Überlagerung
eine Verteilung der Kräfte in der Ebene des Tragwerks
erzeugt und dies einerseits zu kleineren Kräften in den Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
geneigten Tragelementen führt und andererseits das
Tragsystem praktisch unempfindlich wird gegenüber c)
Q Q
Q Q
einseitigen Lasten. Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
Bild 10.1: Fachwerk als Kombination von Bogen-Seiltragwerken

10.1 Das Fachwerk als Kombination Q Q


von Bogen-Seiltragwerken
Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
Falls bei einer vorgegebenen Spannweite ein Tragwerk
mit einer möglichst kleinen Pfeilhöhe entworfen wer-
den soll, so weisen die Druck- und die Zugelemente Q Q
grosse innere Kräfte auf. Dieser Sachverhalt wurde Q/2 Q/2 Q QQ Q/2 Q/2

bereits an einem einfachen Seiltragwerk im Bild 3.3b


anschaulich dargelegt. Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
Q/2 Q/2 Q/2 Q/2

Um die Kräfte in den vertikalen bzw. geneigten Tra-


Q Q
gelementen klein zu halten, können mehrere Bogen-Seil- Q/2 Q/2 Q Q
Q/2 Q/2 Q/2
Q/2 Q/2 Q/2
tragwerke miteinander kombiniert werden. Dies soll am
Bild 10.2: Fachwerk als einfaches Bogen-Seiltragwerk mit Kraftausbreitungen

DARCH
structural design 7
Tragwerksentwurf II Ebene Fachwerke
Betrachtungsrichtung
10.1b). bezeichnet werden, konstant. Infolge der Überlage-
rung der einzelnen Bogen-Seiltragwerke nehmen die
1000 kN
375 Dieses Verfahren kann beliebig oft fortgesetzt werden, Kräfte in den horizontalen Tragelementen, welche als
? 1
bis die Lasten das effektive Auflager erreicht haben Gurte bezeichnet werden, dagegen von den Auflagern
1
500
-625
(Bild 10.1c). Das Vorgehen kann sowohl mit Tragwer- zur Feldmitte hin progressiv zu. Die Tragwirkung kann
?
1 ken, welche aus Bögen und geraden Seilen bestehen, auch anders interpretiert werden: ausgehend von einem
500 kN 500 kN als auch mit Tragwerken, welche aus polygonalen Seilen gemischten Bogen-Seiltragwerk, welches die Last Q di-
und geraden Druckelementen bestehen, durchgeführt rekt zu den beiden Auflagern abträgt, stellen die Pfos-
1000 kN
2 ? 375 werden. ten und die Diagonalen des Fachwerkes zusammen mit
2
-625 kN
den Gurtkräften eine so genannte Kraftausbreitung dar
? 1
1
500 500
Die Tragelemente des Fachwerkes werden als Fach- (Bild 10.2).
2
375 kN - 375
werkstäbe bezeichnet. Im untersuchten Beispiel mit
500 kN 500 kN einer konzentrierten äusseren Last in Feldmitte sind
die Kräfte in allen vertikalen Tragelementen, welche 10.2 Ermittlung der inneren Kräfte
1000 kN
2 -375 kN 750 als Pfosten bezeichnet werden, sowie auch die Kräfte
-625 kN
500 kN
? 3
in den schrägen Tragelementen, welche als Diagonalen Bei Fachwerken wird angenommen, dass alle Fachwerk-
1
500
1 -625
? 2
3
375 kN 3
- 375 Q=1000 kN
500 kN 500 kN -1230
500
4 1000 kN
2 ?
-375 kN
750
4 1125
-1230 kN -1230 kN 1000

2m
-625 kN 500 kN 3
? 1
500 2 4 a)
1 -625 kN -625 500
375 kN 3 750 kN
- 375 1125 kN 500
500 kN
- 750 -1230
500 kN

500 kN 500 kN
1000 kN
2 -375 kN 4 -750 kN 1125
500 kN 500 kN 750 1.5 m 1.5 m 1.5 m 1.5 m 1.5 m 1.5 m
-625 kN ? 1 3 5
-625 kN 500 2 4 500 9m
1 -625 -625
?
- 375 5
375 kN 3 750 kN 5
- 750
500 kN 500 kN 1000 kN
1000 kN 2 -375 kN 4 -750 kN -750 kN 8 -375 kN 10 10 8
2 -375 kN 4 6 11 9 7
?
500 kN 500 kN -625 kN -625 kN -625 kN
500 kN
-750 kN 6 6 6
500 kN
-625 kN ?
1000 b) 6
1 1125
-625 kN
-625 kN
375 kN 3 750 kN 5 1125 kN
1
750
3 5
1 -625 kN -625 kN
-625 kN 500 kN 500 kN 11 1 3 5
500 kN 500 kN 500 2 4 500 2 4
-625 -625 375 kN 3 750 kN 5 1125 kN 7 750 kN 9 375 kN
- 375
- 750
500 kN 500 kN
Bild 10.3: Sukzessive Ermittlung der Stabkräfte Bild 10.4: Fachwerk mit einer Einzellast (a) und innere Stabkräfte (b)

8 prof. schwartz
Ebene Fachwerke Tragwerksentwurf II
stäbe gerade und in den Knoten gelenkig angeschlossen Stäben können sinngemäss wie beim Knoten 1 ermit- den Cremonapläne wird ebenfalls ersichtlich, dass die
sind. Daraus folgt, dass jeder Stab mit einer zentrisch telt und im Cremonaplan dargestellt werden. So wird Diagonalen und Pfosten des Fachwerkes in Kombinati-
wirkenden inneren Kraft beansprucht ist, welche so- sukzessiv von Knoten zu Knoten fortgeschritten, bis on mit den Gurten als Kraftausbreitungselemente der ge-
wohl eine Zugkraft als auch eine Druckkraft sein kann. alle inneren Kräfte bestimmt sind. Aus Symmetriegrün- neigten Druckelemente des gemischten Bogen-Seiltrag-
den sind beim behandelten Beispiel die Stabkräfte auf werkes interpretiert werden können (vgl. Bild 10.2).
Im Folgenden sollen die inneren Kräfte in einem Fach- der linken Fachwerkseite identisch zu denjenigen der
werk unter zentrischer Einzellast gemäss Bild 10.4a rechten Fachwerkseite. Ein Vergleich des Cremonapla-
ermittelt werden. In einem ersten Schritt können die nes des Fachwerkes mit demjenigen des eingepassten 10.3 Einfluss der Lage der äusseren Kräfte
Auflagerkräfte bestimmt werden, indem ein einfaches Bogen-Seiltragwerkes liefert die Begründung für die
Bogen-Seiltragwerk mit gleicher Spannweite in das Wahl der Pfeilhöhe des gemischten Bogen-Seiltragwer- Das beschriebene Vorgehen der sukzessiven Bestim-
Fachwerk eingepasst wird. Dabei wird die Pfeilhöhe kes: wird diese gleich der Höhe des Fachwerkes gesetzt, mung der inneren Kräfte in einem Fachwerk kann sinn-
des Bogen-Seiltragwerkes gleich gross wie die Höhe des so resultieren verwandte Cremonapläne (Bild 10.4b). gemäss unabhängig von der Lage der äusseren Lasten
Fachwerkes gewählt. Die Bedeutung dieser Festlegung Die Zugkraft im Zugelement des Bogen-Seiltragwerkes ist angewendet werden. So kann das Verfahren auch zur
wird nach dem Erstellen des Cremonaplans ersichtlich. in der Tat identisch mit der maximalen Zuggurtkraft des Untersuchung eines Fachwerkes verwendet werden,
Fachwerkes in Feldmitte. Aus der Überlagerung der bei- wenn dieses gemäss Bild 10.5 mit zwei Einzellasten
Die inneren Kräfte im Fachwerk können gemäss Bild
10.4b systematisch mit Hilfe von Subsystemen in den
einzelnen Knoten ermittelt werden. Ausgegangen wird 300 kN
von einem Knoten mit zwei unbekannten Stabkräften. 200 kN 800 kN
Das ist im vorliegenden Fall der Knoten 1 beim lin-
800 kN
ken Auflager. Mit Hilfe des Subsystems 1 im Knoten
a)
können die Kräfte in beiden angrenzenden Stäben er- 700 kN

2m
mittelt werden, wobei die Intensität aus dem Cremo-
naplan hervorgeht, und die Richtung der Kraft beim
Verschieben in den Lageplan Auskunft darüber gibt, ob 200 kN
der Stab auf Druck oder auf Zug beansprucht ist (Bild 700 kN 300 kN
1.5 m 1.5 m 1.5 m 1.5 m 1.5 m 1.5 m
10.3). Drückt die Kraft gegen den Knoten, so ist eine 9m
Druckkraft im Stab vorhanden; zieht dagegen die Kraft
am Knoten, so ist eine Zugkraft im Stab vorhanden.
Der untere Gurtstab ist somit, ebenso wie das Seil des 10 8
200 kN 4 800 kN 6
Bogentragwerks, auf Zug, und die Diagonale des Fach- 11 9 7 5
2 -525 kN -900 kN 6 -450 kN 8 -225 kN 10
werks auf Druck beansprucht (vgl. Bild 10.1).
-625 kN -300 kN -375 kN -375 kN -375 kN 4
-875 kN
Nachdem die Kräfte in den beiden ersten Stäben be- b)
1 3
kannt sind, können diese auf die benachbarten Knoten 505 kN 375 kN 300 kN 300 kN
1 11 2
übertragen werden. Im Knoten 3 reduzieren sich somit 525 kN 3 900 kN 5 675 kN 7 450 kN 9 225 kN
die unbekannten Stabkräfte auf drei, und im Knoten
2 auf zwei Kräfte. Der Knoten 2 ist somit lösbar ge- 700 kN 300 kN
worden und die inneren Kräfte in den angrenzenden
Bild 10.5: Stabkräfte in einem Fachwerk mit zwei Einzellasten

DARCH
structural design 9
Tragwerksentwurf II Ebene Fachwerke
belastet wird, welche nicht symmetrisch, sondern auf 10.4 Ermittlung der Gurtkräfte talkomponenten der im Knoten angreifenden Diagona-
der linken Seite des Fachwerkes angeordnet sind. Es ist lenkräfte den Gurt belastet oder entlastet. Hieraus kann
dabei jedoch darauf zu achten, dass die äusseren Kräf- Erkennen der am stärksten die relative Lage der maximalen Gurtkraft abgeleitet
te in den Knoten angreifen, da sonst zusätzlich zu den beanspruchten Gurtstäbe werden.
Druck- bzw. Zugkräften Biegung in den Stäben ent-
steht (vgl. Einleitung zu Kapitel 3). Nach der Bestim- Im vorherigen Abschnitt wurde ein Fachwerk unter Diese Betrachtung ist besonders dann sehr nützlich,
mung der Auflagerkräfte mit Hilfe eines eingepassten beliebig angeordneten Lasten untersucht und alle inne- wenn das Fachwerk aus einer grossen Anzahl von Stä-
Bogen-Seiltragwerkes können dann die inneren Kräfte ren Kräfte mit Hilfe des Cremonaplanes ermittelt (Bild ben besteht und eine vollständige Analyse die Unter-
sukzessiv ermittelt werden, indem von Knoten zu Kno- 10.5). In einem ersten Schritt wurden dazu die inneren suchung von vielen Subsystemen erfordern würde. Die
ten gesprungen wird. Kräfte im zugehörigen Bogen-Seiltragwerk sowie die beschriebene Beziehung zwischen maximal beanspruch-
Auflagerkräfte ermittelt. Im Folgenden wird aufgezeigt, tem Gurtstab und zugehörigem Bogen-Seiltragwerk gilt
Das Fachwerk ist im Gegensatz zum Seiltragwerk und dass mit diesem Schritt die Tragwirkung des Fachwer- jedoch nur bei Fachwerken mit parallelen Gurten. Sind
zum Bogentragwerk in der Lage, einseitige Lasten auf- kes bereits vollständig erkannt ist und, wie im vorheri- die Gurte nicht parallel, also bei veränderlicher Höhe
zunehmen, ohne dabei wie das Seiltragwerk eine neue gen Abschnitt bereits angedeutet, die Tragwirkung des des Fachwerks, so wird das Erkennen des am stärks-
Form annehmen zu müssen, oder wie der schlanke Bo- Fachwerks als Verfeinerung derjenigen des Bogen-Seil- ten beanspruchten Gurtstabes aufwändiger. Es ist dann
gen stabilitätsgefährdet zu sein. Die Kräfte in den Dia- tragwerkes verstanden werden kann. derjenige Stab zu finden, welcher das grösste Verhältnis
gonalen und Pfosten können sich den äusseren Lasten
anpassen, wie ein Vergleich der Druck- und Zugkräfte Im Bild 10.6 ist das Bogen-Seiltragwerk dem Verlauf 800 kN 200 kN
zu untersuchender Druckstab
in den Bildern 10.4 und 10.5 zeigt. Ein Fachwerk kann der Gurtkräfte gegenübergestellt. Es wird ersichtlich, 200 kN
im Sinne von Bild 6.12 somit auch als ein ausgesteiftes dass die Gurtkräfte sich proportional zum Verlauf des
Bogen-Seiltragwerk interpretiert werden. Bogen-Seiltragwerkes verändern. Da die Stabkräfte
-900 kN entlang eines Fachwerkstabes konstant sind, kann die
graphische Darstellung der Gurtkräfte als Darstellung
-525 kN -450 kN zu untersuchender Zugstab
des Bogen-Seiltragwerks mit geringerer Auflösung ver- 700 kN 300 kN 700 kN
-225 kN
a) standen werden. Aus dem Vergleich der Gurtkräfte mit
800 kN
dem Bogen-Seiltragwerk wird deutlich, dass die Gurt- 200 kN D1 D1
kräfte an denjenigen Orten maximal sind, wo der Abstand D1
200 kN 800 kN RD
zwischen Druck- und Zugelement des zugehörigen Bogen- D2 300 kN
Z1 Z1
Seiltragwerks am grössten ist. Durch diese Regel können D2
somit diejenigen Gurtstäbe einfach bestimmt werden, Z1
die für die Bemessung massgebend sind. 700 kN 800 kN
700 kN
Wenn die Drucklinie des Bogen-Seiltragwerks, wie im 800 kN
200 kN 200 kN
700 kN 300 kN
Bild 10.6, im Bereich der maximalen Gurtkraft keine D1
900 kN zum Zugelement parallele Strecke aufweist, dann stellt RD
675 kN sich die Frage, auf welcher Seite des Knotens der ma-
525 kN
450 kN ximal beanspruchte Gurtstab liegt. In diesem Fall gibt D2
b) 225 kN Z1
eine einfache qualitative Gleichgewichtsüberlegung im
Knoten Auskunft darüber, ob die Summe der Horizon- 700 kN
Bild 10.6: Kraftverlauf im Druckgurt (a) und Zuggurt (b) Bild 10.7: Ermittlung der maximalen Gurtkräfte mit Hilfe des linken
Subsystems

10 prof. schwartz
Ebene Fachwerke Tragwerksentwurf II
vom Abstand des Druck- zum Zugelement des Bogen- greifen vier unterschiedliche Kräfte an, aus deren Zu- kes, im vorliegenden Beispiel also des Druckelementes.
Seiltragwerkes zur effektiven Höhe des Fachwerks hat. sammenspiel mittels des Cremonaplans die maximale Es kann daher gefolgert werden, dass die Kräfte in den
Gurtkraft ermittelt werden kann: Diagonalen und Pfosten in dem Bereich am grössten sind,
• die Resultierende der äusseren Kräfte und der Auf- wo die Neigung der geneigten Tragelemente des Bogen-
Direkte Ermittlung der Kräfte in den Gurtstäben lagerkraft Seiltragwerks am grössten sind.
• die Kraft D1 im Druckgurt
Sind auf Grund des Bogen-Seiltragwerkes die Aufla- • die Kraft Z1 im Zuggurt Bei den bisher behandelten Fachwerken, alle an beiden
gerkräfte und die Lage der maximal beanspruchten • und die Kraft D2 im Pfosten. Enden aufgelagert und mit von oben nach unten ge-
Gurtstäbe bekannt, so können mit Hilfe eines einfa- richteten äusseren Lasten beansprucht, befinden sich
chen Subsystems die inneren Kräfte der am stärksten Die Kräfte D1 , Z1 und D2 sind dabei unbekannt. Die die Orte maximaler Beanspruchung der Diagonalen
beanspruchten Gurtstäbe bestimmt werden. Jedes mög- Aufgabe kann nur gelöst werden, wenn zwei unbekann- stets im Bereich der Auflager, ist doch der Bogen des
liche Subsystem muss dabei selbstverständlich dieje- te Kräfte zu einer Resultierenden zusammengefasst Bogen-Seiltragwerks in diesen Bereichen am stärksten
nigen Stäbe schneiden, die untersucht werden sollen. werden, so dass nur noch zwei unbekannte Kräfte vor- geneigt. Es ist zu bemerken, dass die innere Kraft der
Für die Untersuchung der inneren Kräfte stehen somit handen sind. Im vorliegenden Fall kann die Druckgurt- Diagonalen im Auflagerknoten gemäss Bild 10.9 mit ei-
grundsätzlich zwei mögliche Subsysteme zur Auswahl kraft D1 und die Pfostenkraft D2 zu einer Resultieren- nem einfachen Kräftepolygon direkt ermittelt werden
(Bild 10.7 und Bild 10.8). An jedem dieser Subsysteme den RD zusammengefasst werden, deren Wirkungslinie kann.
mit derjenigen des Druckstabs des Bogen-Seiltragwerks
200 kN 800 kN
zu untersuchender Druckstab übereinstimmen muss. Anschliessend können die Un- Das Bogen-Seiltragwerk gibt auch Auskunft darüber,
bekannten Z1 und RD mit Hilfe des Cremonaplanes er- ob die Diagonalen auf Druck oder auf Zug beansprucht
mittelt werden, und RD in die Kräfte D1 und D2 zerlegt sind. Wie aus dem Bild 10.5 hervorgeht, sind die Diago-
werden. nalen auf Druck beansprucht, wenn sie qualitativ gleich
geneigt sind wie der Bogen des Bogen-Seiltragwerks
Wie aus Bild 10.6 ersichtlich, ist die maximale Gurtkraft und umgekehrt. Dieselbe Aussage gilt sinngemäss auch
300 kN 700 kN 300 kN Z1 identisch mit der Zugkraft des Bogen-Seiltragwerks, 200 kN 800 kN
zu untersuchender Zugstab wenn die Pfeilhöhe des Bogen-Seiltragwerks mit der
D1 D1 Höhe des Fachwerks übereinstimmt. Die maximale
Druckkraft D1 des Fachwerks weist dieselbe Intensität auf. DL DR
D2
RD
D2 300 kN D2 Dieser Sachverhalt ist auch im Cremonaplan des Fach-
Z1
werkes ersichtlich (Bildes 10.5). ZL ZR
700 kN 300 kN
Z1
300 kN
Erkennen der am stärksten beanspruchten DR
Diagonalen und Pfosten 300 kN
RD ZR
D1
ZL
D2 Aus dem Cremonaplan des Bildes 10.5 kann weiter ab-
gelesen werden, dass die Vertikalkomponenten der in-
DL
neren Kräfte in den Diagonalen und Pfosten identisch 700 kN
Z1 sind mit den Vertikalkomponenten der inneren Kräfte
300 kN in den geneigten Tragelementen des Bogen-Seiltragwer-
Bild 10.8: Ermittlung der maximalen Gurtkräfte mit Hilfe des rechten Bild 10.9: Ermittlung der maximalen Kräfte in den Diagonalen und
Subsystems Pfosten
DARCH
structural design 11
Tragwerksentwurf II Ebene Fachwerke
bei der Anwendung von Bogen-Seiltragwerken mit ge- zahl S der Stäbe und die Anzahl A der Unbekannten im =>
radem Druckelement und gekrümmtem Seil. Das Stu- Auflager in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander =>
dium der Neigung des Bogens des Bogen-Seiltragwerks stehen. Generell wird eine Kraft eindeutig durch die In- 1
b) A = 1 d) A = 3
erweist sich somit als sehr hilfreich bei komplexeren tensität und Richtung definiert (vgl. Abschnitt 2.1). Für
Tragwerken oder wenn die äusseren Lasten teils nach die Bestimmung der Auflagerkraft in einem festen Auf- =>
3 2
unten, teils nach oben gerichtet sind. lager werden daher zwei Grössen benötigt. In einem
verschieblichen Auflager ist hingegen die Richtung der a) c) A = 2 e) A = 2 f) A = 1
Auflagerkraft immer bekannt und für die Bestimmung Bild 10.10: Einfaches Bogen-Seiltragwerk als Gleichungssystem (a)
10.5 Labile, statisch bestimmte und wird deshalb nur eine Grösse, die Intensität, benötigt. Rollenlager (b), Kipplager (c), Einspannung (d), Einspannung 1-ach-
sig verschieblich (e) und Einspannung 2-achsig verschieblich (f)
statisch unbestimmte Fachwerke
Im einfachsten Fall eines Fachwerks folgt somit K=3, Grössen analog zu Bild 10.10 bestimmt werden. Über-
Im Allgemeinen verändert sich die Drucklinie eines Bo- S=3 und A=3 (Bild 10.10). Mittels des Cremonaplanes steigt die Anzahl Unbekannter die Anzahl bestimmba-
gens bei Variation der Lastsituation (vgl. Bild 3.13 und können in Knoten 1 die zwei unbekannten Intensitäten rer Grössen, so ist das Fachwerk statisch unbestimmt;
Bild 6.10). Das im Bild 10.11a dargestellte Bogen-Seil- der Druckkräfte in den Stäben ermittelt werden. Damit ist die Anzahl Unbekannter kleiner als die Anzahl be-
tragwerk wird deshalb als labil bezeichnet, weil es nicht kann anschliessend aus den Informationen des Lage- stimmbarer Grössen, so ist das Fachwerk überbestimmt
in der Lage ist, beliebige Lasten aufzunehmen ohne plans in Knoten 2 die Intensität der Zugkraft und der und daher labil. Zusammenfassend gilt somit:
dabei die Form zu verändern. Durch Ergänzung eines Auflagerkraft im verschieblichen Auflager konstruiert
zusätzlichen Stabes wird der Bogen stabilisiert, und es werden. Daraus ergibt sich in Knoten 3 die Intensität • S+A < 2· K: das System ist labil,
entsteht ein einfaches Tragwerk, bestehend aus 5 Stä- und Richtung der zweiten Auflagerkraft. Durch die Be- • S+A = 2· K: das System ist statisch bestimmt
ben, welche in 4 Knoten gelenkig angeschlossenen sind trachtung der drei Knoten können also alle sechs unbe- • S+A > 2· K: das System ist statisch unbestimmt.
und zwei Dreiecke aufspannen (Bild 10.11b). Die inne- kannte Grössen festgelegt werden.
ren Kräfte in diesem Tragwerk können wie zuvor mit Da die obigen Überlegungen nur auf dem Zusammen-
Hilfe des im Abschnitt 10.2 beschriebenen Verfahrens Diese Betrachtung macht deutlich, dass durch das Zu- wirken von Lageplan und Cremonaplan beruhen, kann
ermittelt werden. Das Tragwerk wird daher als innerlich sammenspiel von Lageplan und Cremonaplan in jedem
statisch bestimmt bezeichnet. Knoten eines Fachwerkes immer genau zwei unbe-
a) S+A = 4+3
kannte Grössen, also Intensitäten und/oder Richtungen 2· K = 8
Das sukzessive Berechnen der inneren Stabkräfte in ei- von Stab- oder Auflagerkräften, berechnet werden kön-
nem Tragwerk beruht ganz wesentlich auf der Existenz nen. Generell kann das grafische Verfahren daher ver-
eines initialen Subsystems mit nur zwei Unbekannten. standen werden als ein Gleichungssystem, in welchem
Wird ein weiterer Stab eingefügt, so kommen in jedem genau 2·K Grössen eindeutig bestimmt werden können.
b) S+A = 5+3 d) S+A = 3+4
Knoten des Tragwerks drei Stäbe zusammen (Bild Durch den Lageplan werden für die S Stabkräfte im 2· K = 8 2· K = 8
10.11c). Es ist dann unmöglich geworden, ein Subsys- Fachwerk die Richtungen festgelegt, die zugehörigen
tem mit nur zwei Unbekannten zu bilden. Ein solches Intensitäten sind dabei noch unbekannt. Auch die In-
Tragwerk wird als statisch unbestimmt bezeichnet. Bei tensität im verschieblichen Auflager, respektive Inten-
statisch unbestimmten Tragwerken ist es nicht mehr sität und Richtung im nicht verschieblichen Auflager,
c) S+A = 6+3
möglich, die Stabkräfte eindeutig mit den Gleichge- sind unbestimmt. In einem beliebigen Fachwerk sind 2· K = 8
wichtsbedingungen zu ermitteln. Die inneren Stabkräfte somit insgesamt S+A Grössen unbekannt.
in einem Fachwerk lassen sich also nur dann vollständig
bestimmen, wenn die Anzahl K der Knoten, die An- Gilt daher 2· K = S+A, so können alle unbekannten
Bild 10.11: Labiles (a), statisch bestimmtes (b), statisch unbestimmtes
Tragwerk (c) und Seil/Bogen als labiles Tragwerk (d)

12 prof. schwartz
Ebene Fachwerke Tragwerksentwurf II
das beschriebene Vorgehen auch zur Überprüfung der tional verändert, so ändert sich nichts an den inneren Höhe wie auch die Spannweite wurde beim Fachwerk
statischen Bestimmtheit von beliebigen Arten von Trag- Kräften. Dies wird beim Vergleich der Cremonapläne im Bild 10.12d gegenüber dem Fachwerk im Bild 10.12c
werken angewendet werden. Es ist interessant zu sehen, im Bild 10.12c und Bild 10.12d deutlich. Sowohl die verdoppelt. Beide Fachwerke weisen dann die gleichen
dass ein Seil unter mehreren Lasten, vom beschriebe- 16.66 N
30 N 10 N
nen Standpunkt aus gesehen, als Tragwerk mit einem
hohen Labilitätsgrad zu betrachten ist (Bild 10.11d). In 15 N

19
N
1.2 m

.50
der Tat kann die Gleichgewichtslage nur als Folge von

.50
6.5
32

6.5

N
Verformungen erreicht werden. Im analogen Fall eines

N0
a)
25 N
Bogens mit mehr als drei Gelenken, führt die Labilität
zur Instabilität des Bogens. 25 N
20.83 N 12.50 N
15 N

4m
10.6 Geometrie der Fachwerke
8.33 N
30 N 10 N
Einfluss der Höhe und der Spannweite
auf die inneren Kräfte der Fachwerke 15 N

Bei der Behandlung der Seile und der Bögen unter kon-

16.2
0N
2.4 m

0N
5.40
27.1
zentrierten Lasten wurde gezeigt, dass die horizontale

5.40
25 N

N
Komponente der inneren Kräfte direkt proportional
zur Spannweite und umgekehrt proportional zur Pfeil- b)
höhe ist (vgl. Bild 3.3). Mit anderen Worten, wird bei
gleich bleibender Pfeilhöhe die Spannweite verdoppelt 25 N
10.42 N 6.25 N
15 N
oder bei gleich bleibender Spannweite die Pfeilhöhe
halbiert, so verdoppelt sich die Horizontalkomponente 33.33 N 15 N
der inneren Kräfte. 30 N 10 N
29.
60N 20
48. N

0.6 m
9.7 N
c) 0N .70
Für die Fachwerke gelten die gleichen Beziehungen für 9 25 N
die inneren Kräfte der Gurte, die Höhe und die Spann- 41.66 N 25.00 N
25 N 15 N
weite. Im Bild 10.12 sind vier verschiedene Fachwerke
dargestellt. Die Höhe wurde im Bild 10.12b gegen-
über dem Fachwerk im Bild 10.12a verdoppelt, im Bild 33.33 N 10 N
30 N
10.12c dagegen halbiert. Aus den zugehörigen Cremo- N
60
naplänen ist ersichtlich, wie beim Fachwerk mit doppel- 48. 29.
20 15 N
1.2 m

9.7 N N
0N 0
ter Höhe die horizontalen Komponenten aller inneren d) 9.7
Kräfte halbiert werden. Analog führt eine Halbierung
der Höhe zu einer Verdoppelung der inneren Kräf- 25 N
41.66 N 25.00 N 25 N

te der Gurte. Werden dagegen alle Abmessungen des 15 N


8m
Fachwerks bei gleich bleibender äusseren Last propor-
Bild 10.12: Einfluss einer proportionalen Veränderung der Geometrie eines gegebenen Fachwerks (a) auf die inneren Kräfte: doppelte Höhe (b),
halbe Höhe (c), doppelte Breite (d)
DARCH
structural design 13
Tragwerksentwurf II Ebene Fachwerke
Bild 10.13: Fachwerk mit V-förmigen Diagonalen (System Warren) Bild 10.14: Fachwerk mit N-förmigen Diagonalen (System Howe) Bild 10.15: Fachwerk mit N-förmigen Diagonalen (System Pratt)

inneren Kräfte auf. werksart 1848 patentieren liess. Eine Anwendung von N-förmigen auf Druck beanspruchten Diagonalen (Bild
Warren-Fachwerken findet sich entlang der Fassade des 10.14). Für diese Fachwerke wird gelegentlich die Be-
Centre Pompidou in Paris. Die Stabdimensionen sind zeichnung System Howe verwendet. Der Ingenieur Wil-
10.7 Verschiedene Arten von Fachwerken hierbei in Abhängigkeit der Beanspruchung ausgebil- liam Howe hat 1840 diesen Fachwerktyp patentieren
det: alle Druckstäbe haben einen rohrartigen Quer- lassen, obschon eine Tragstruktur von dieser Art be-
In Abhängigkeit der Anordnung der Pfosten und der schnitt, während die Zugstäbe einen Vollquerschnitt reits von Andrea Palladio fast drei Jahrhunderte früher
Diagonalen ergeben sich verschieden Arten von Fach- mit kleinerem Durchmesser aufweisen. Wie im Kapitel vorgeschlagen wurde.
werken, auf welche im Folgenden genauer eingegangen 15 gezeigt wird, müssen auf Druck beanspruchte Quer-
wird. schnitte eine spezielle Form haben, damit diese nicht Ist dagegen die Neigung der Diagonalen von den Aufla-
ausknicken. Dagegen können auf Zug beanspruchte gern in Richtung Feldmitte abfallend, so wird das Trag-
Stäbe einen beliebigen Querschnitt aufweisen. werk als Fachwerk mit N-förmigen auf Zug beanspruch-
V-förmige Diagonalen ten Diagonalen bezeichnet oder auch als System Pratt
nach den Ingenieuren Caleb Pratt und seinem Sohn
Im Bild 10.13 ist das Grundprinzip eines Fachwerkes N-förmige Diagonalen Thomas Willis Pratt, die diesen Tragwerkstyp 1844 pa-
mit V-förmigen Diagonalen dargestellt. Ein solches tentieren liessen (Bild 10.15).
Fachwerk wird auch als Warren-Fachwerk bezeichnet, Die in den Abschnitten 10.1 bis 10.3 behandelten Fach-
nach dem Ingenieur James Warren, der diese Trag- werke waren Beispiele für sogenannte Fachwerke mit Im Gegensatz zum System Howe werden die Randfel-
der im System Pratt nicht durch Diagonalen, sondern
durch Pfosten begrenzt. Dieser Fachwerktyp besitzt da-
her eine rechtwinklige Grundform, wodurch sich dieses
Tragwerk leichter in eine präzise architektonische For-
mensprache wie etwa bei Mies van der Rohe einbinden
lässt (Bild 10.17).

X-förmige Diagonalen

Eine weitere Konfiguration von Fachwerken entsteht


durch Überlagerung eines Fachwerkes mit N-förmigen
auf Zug beanspruchten Diagonalen mit einem Fach-
werk mit N-förmigen auf Druck beanspruchten Dia-
Bild 10.16: Centre Pompidou, Paris, 1971-77, Arch.: Richard Rogers Bild 10.17: Projekt, Nationaltheater, Mannheim, 1953, Arch.: Ludwig
& Renzo Piano, Ing.: Ove Arup (l = 60 m) Mies van der Rohe (l=80 m, h=8 m)

14 prof. schwartz
Ebene Fachwerke Tragwerksentwurf II
Q/2

+
a) A/2 + Q/2

A/2

=
b)

=
Bild 10.19: Vorspannung eines Fachwerks mit X-förmigen Diagona-
len durch Zug- (a) oder Druckvorspannung (b) in den Pfosten Q

A
Bild 10.18: Fachwerk mit X-förmigen Diagonalen (System Long) Bild 10.20: Doppeldecker Fairey Swordfish I, Grossbritannien, 1934 Bild 10.21: Fachwerk mit X-förmigen Diagonalen ohne Pfosten

gonalen (Bild 10.18). Es handelt sich um ein Fachwerk überflüssige Diagonale. Unter äusseren Lasten können gene Längsverformungen einzelner Stäbe vor deren Be-
mit Pfosten und X-förmigen Diagonalen, auch als System sich daher zwei verschiedene Tragweisen einstellen: ein festigung erzeugt werden. Diese sind somit vollständig
Long bezeichnet nach dem Ingenieur Stephen H. Long Teil der Last wird vom Fachwerk mit auf Zug bean- unabhängig von den äusseren Lasten. Das Prinzip der
(Patente 1830 und 1839). Dieses Tragwerk ist statisch spruchten Diagonalen abgetragen, während die restli- Vorspannung kann einfach verstanden werden: bei ei-
unbestimmt, denn in jedem Feld befindet sich eine che Last vom Fachwerk mit auf Druck beanspruchten nem unbelasteten Fachwerk mit X-förmigen Diagona-
Diagonalen abgetragen wird. Die Pfosten, welche ihre len, dessen Pfosten zu kurz sind, müssen diese Pfosten
Funktion für beide Tragsysteme wahrnehmen müssen, mittels einer Zugkraft verlängert werden bevor sie in
werden infolge der ersten Tragweise auf Druck und den entsprechenden Knoten befestigt werden können.
infolge der zweiten Tragweise auf Zug beansprucht. Die Zugkräfte in den Pfosten erzeugen Druckkräfte in
Die beiden Beanspruchungen kompensieren sich somit den Diagonalen und Zugkräfte im oberen und im unte-
zum Teil, so dass die Kräfte in den Pfosten wesentlich ren Gurt (Bild 10.19a). Diese inneren Kräfte sind iden-
geringer sind als diejenigen in den Diagonalen. Tragwer- tisch mit denjenigen, die in einem statisch bestimmten
ke nach dem System Long, wie etwa der Kristallpalast, Fachwerk ohne Pfosten vorhanden sind, wenn es mit
weisen somit eine gewisse Redundanz auf und folglich nach unten gerichteten Knotenlasten im oberen Gurt
eine recht grosse Tragsicherheit (Bild 10.22). und mit nach oben gerichteten Knotenlasten im unte-
ren Gurt beansprucht wird. Wenn die Vorspannkräfte
Die starke statische Unbestimmtheit des Systems er- der Pfosten stets grösser bleiben als die Druckkräfte,
laubt es, Vorspannkräfte in den Stäben einzuführen. Es welche infolge ständiger oder veränderlicher Lasten als
handelt sich dabei um Kräfte, welche durch aufgezwun- äussere Kräfte auftreten, so bleiben die Pfosten auf
Bild 10.22: Kristallpalast, London, 1851, Arch.: Joseph Paxton, Ing.:
Fox Henderson (l = 21,97m)
DARCH
structural design 15
Tragwerksentwurf II Ebene Fachwerke
Zug beansprucht und können demzufolge auch mit Druckkraft verkürzt werden müssen bevor sie in den gegen gesetzter Neigung auf Zug beansprucht sind.
Seilen ausgebildet werden. Knoten fixiert werden können, dann entsteht die genau Dies kann leicht mit Hilfe eines Subsystems überprüft
umgekehrte Situation mit auf Zug beanspruchten Dia- werden, welches die beiden Diagonalen und die beiden
Falls das Fachwerk so vorgespannt wird, dass die gonalen und auf Druck beanspruchten Gurten (Bild Teile eines Pfostens schneidet. Auch dieses Fachwerk
Pfosten ohne äussere Lasten auf Druck beansprucht 10.19b). Es ist zu bemerken, dass das gleiche Resultat kann aus der Überlagerung von zwei entgegengesetzt
sind, etwa durch zu lange Pfosten, die mit Hilfe einer durch Vorspannen der Diagonalen hätte erzielt werden gerichteten Fachwerken mit N-förmigen Diagonalen
können. Dieses Prinzip wurde bei den ersten Dop- gewonnen werden. Auch in diesem Fall kompensieren
peldecker-Flugzeugen angewendet, wobei die beiden sich die Zuggurtkräfte des oberen und die Druckgurt-
Q/2
Tragflächen als Gurte wirkten und die vorgespannten kräfte des unteren Teilfachwerkes, wenn jedes der bei-
Diagonalen aus filigranen Stahlseilen bestanden (Bild den Teiltragwerke exakt die Hälfte der äusseren Lasten
10.20). Die Pfosten, welche stets auf Druck beanspru- übernimmt. Ein solches Tragwerk ist statisch bestimmt,
cht wurden, waren dabei als Holzstäbe ausgebildet. d.h. es ist möglich, die Analyse mit dem Knoten beim
A/2
+ Q/2
Weil in einem Fachwerk mit druck- und zugfesten Stä-
ben die Pfosten als überflüssig betrachtet werden kön-
nen, ist ein Fachwerk mit X-förmigen Diagonalen auch
ohne Pfosten möglich (Bild 10.21). Ein solches Tragwerk
A/2
= Q
kann aus der Überlagerung von zwei entgegengesetzt
gerichteten Fachwerken mit V-förmigen Diagonalen
a)
gewonnen werden. Die Zuggurtkräfte des oberen und
die Druckgurtkräfte des unteren Teilfachwerkes kom-
pensieren sich, wenn jedes der beiden Teiltragwerke
exakt die Hälfte der äusseren Lasten übernimmt. Sind
A
Pfosten bei den beiden Auflagern vorhanden, dann
weist das Tragwerk aber einen statischen Unbestimmt-
heitsgrad auf.

Q
K-förmige Diagonalen
b)

Eine weitere Anordnung der Diagonalen und der Pfos-


ten ist im Bild 10.23a dargestellt: Es handelt sich um ein
Fachwerk mit K-förmigen Diagonalen. Die Diagonalen
A sind in den Knoten im Mittelbereich der Pfosten mit-
einander verbunden und im unteren Bereich auf Druck
und im oberen Bereich auf Zug beansprucht. Die obe-
ren Diagonalen sind in Richtung des Druckelementes
des Bogen-Seiltragwerks geneigt und somit auf Druck
beansprucht, während die unteren Diagonalen mit ent-
Bild 10.23: Fachwerk mit K-förmigen Diagonalen in Richtung Aufla- Bild 10.24: Gegenüberstellung verschiedener Fachwerksausbildungen
ger (a) oder Feldmitte (b)

16 prof. schwartz
Ebene Fachwerke Tragwerksentwurf II
Auflager zu beginnen und mit Hilfe von Subsystemen Fachwerkausbildungen und zum Vergleich ein Bogen-
alle anderen Knoten sukzessive zu behandeln, ohne da- Seiltragwerk dargestellt. Die äusseren Lasten sind bei a)
bei mehr als zwei Unbekannte gleichzeitig zu haben. allen Tragwerken gleich, und die inneren Stabkräf-
Es ist auch möglich, die Diagonalen des behandelten te massstäblich dargestellt. Es ist ersichtlich, dass bei
Tragwerks zu kehren (Bild 10.23b). In diesem Fall sind Fachwerken mit V-förmigen Diagonalen die ersten
die oberen Diagonalen auf Zug und die unteren auf Diagonalen auf Druck oder auf Zug beansprucht sind,
Druck beansprucht. Diese Konfiguration ist sehr ver- je nachdem ob die Auflager beim Unter- oder Obergurt
wandt mit der vorher beschriebenen Sie ist allerdings angeordnet werden. Die Ergänzung von zusätzlichen b)
weniger effizient, weil die Gurte stärker beansprucht Pfosten in einem V-förmigen Fachwerk ist nur dann
werden. sinnvoll, wenn die Lasten direkt auf dem oberen Gurt
angreifen oder wenn dieser stabilisiert werden muss.
In den Bildern 10.24 und 10.25 sind die gängigsten Wenn grosse Lasten auf den unteren Gurt wirken, ist es
zweckmässig, Pfosten anzuordnen, welche diese Lasten
an die Knoten des oberen Gurtes aufhängen.

Bei N-förmigen Fachwerken mit Zugdiagonalen kann, c)


ähnlich wie beim dargestellten Fachwerk mit V-förmi-
gen Diagonalen, der erste Pfosten entfallen, wenn das
Auflager oben angeordnet wird. Der erste Gurtstab ist
unbeansprucht, wenn die Auflagerkraft vertikal ist; er
kann jedoch nicht weggelassen werden, weil das Trag-
werk sonst labil würde.
d)
Das Fachwerk mit X-förmigen Diagonalen mit Pfosten
hat einen statischen Unbestimmtheitsgrad von 8. Es
ist ersichtlich, dass die Diagonalen, verglichen mit den
anderen Fachwerken, schwach beansprucht sind. Auch Bild 10.26: Variationen der Fachwerksform: linsenförmig (a), trapez-
Fachwerke mit X-förmigen Diagonalen ohne Pfosten förmig (b), dreieckförmig (c), Fachwerk System Polonceau (d)
sind statisch unbestimmt, sie weisen jedoch nur einen
überflüssigen Stab auf. Dagegen sind die Diagonalen in
einem K-förmigen Fachwerk effizienter, je stärker sich
diese dem Bogen-Seiltragwerk annähern.

Einfluss der Form der Gurte auf


die inneren Kräfte der Fachwerke

Die bisher behandelten Tragwerke stellen Spezialfälle


dar, nämlich Fachwerke mit konstanter Höhe, also mit
Bild 10.25: Gegenüberstellung verschiedener Fachwerksausbildungen Bild 10.27: Isarbrücke bei Grosshesselohe, 1857, Arch. & Ing.: Fried-
rich August von Pauli, Heinrich Gerber und Ludwig Werder
DARCH
structural design 17
Tragwerksentwurf II Ebene Fachwerke
Q1 Q4
Q2 Q4
Q3
R Q3
Q1 Q
Q1 Q4 4 P
Q2 Q
Q42
Q1
Q Q2 Q3 Q
Q4 Q4
parallelen Gurten, und Tragwerke, deren Gurte einem 1 Q RR Q3 4 Q4
Q
1 Q4 Q
Q
Q1 Q22 Q
Q33 Q4 Q43 31 Q4
Bogen-Seiltragwerk entsprechen und die äusseren Las- Q2 R QQ Q3 P P
R 2
Q3 Q2
3 R P Q Q3
ten zu tragen vermögen. Bei einem solchen Tragwerk P
P Q
23

Q221 Q1
sind die Diagonalen und die Pfosten, falls überhaupt Q1 Q1 QQ4 4 Q2
QQ QQ33 Q4
Q
Q1
vorhanden, nicht beansprucht oder sie übertragen ge- Q
Q11
2 2
Q 1
Q1
Q
Q22 Q
Q33
4
Q4
mäss Bild 10.26a lediglich äussere Lasten zu den Um- Q 1 Q2 Q3
lenkpunkten der Gurte. Sobald jedoch zusätzlich eine
veränderliche Last aufgebracht wird, verändert sich das
Bogen-Seiltragwerk, was eine Beanspruchung der Dia- Q4
gonalen zur Folge hat.
Q
Q4 3
Q Q
Oft ergibt sich die Form der Fachwerke nicht aus dem Q 24
Q344
inneren Kräftefluss, sondern aus anderen Erfordernis- Q3 Q31
Q
32 Q4
max. Abstand
sen, wie zum Beispiel dem Verlauf eines Daches. Im Q221 Q2
Q
Q3
Bild 10.26b ist ein trapezförmiges Fachwerk darge- Q
Q1 Q
1 1
Q2
stellt, dessen oberer Gurt einer möglichen Dachform max. Neigung
folgt. In diesem Fachwerk ist unter verteilten Lasten a) Q1
der mittlere Diagonalenbereich entgegengesetzt bean- Q1 Q4
Q2 Q3 Q4
sprucht, verglichen mit den Fachwerken mit konstanter Q1
Q2 Q3 Q4
Q
Q1 Q Q1
Höhe. Der Grund liegt darin, dass in diesem Bereich Q1 1 Q
Q2 Q
Q3 Q4 4
Q2 2
Q33 Q1
die Neigung des Bogen-Seiltragwerks kleiner ist als die Q Q2
Q4 Q
Q1
Neigung des Gurtes. Im Weiteren ist die maximale Be- Q1 12
Q Q
Q2 Q3 Q
Q223 13
anspruchung der Gurte nicht in Feldmitte, wo das Trag- Q
b) Q3 Q24
Q Q1
werk am höchsten ist, sondern im Zwischenbereich wo 34

Q44 Q3
Q
Q2
das Verhältnis vom Abstand zwischen dem Druck- und
Q4
Bild 10.29: Untersuchung eines konsolartigen Fachwerks durch Ermittlung der massgebenden Q3 Diagonalenkräfte (a) sowie der vollständi-
Gurt- und
gen Analyse des Fachwerks mittels Subsystemen in jedem Knoten (b)
Q4

dem Zugelement des Bogen-Seiltragwerks zur Höhe bezeichnet. Es ist ein Spezialfall eines dreieckförmigen
des Fachwerks maximal ist. Fachwerkes, das als Kombination von zwei geneigten
Fachwerken betrachtet werden kann, welche zu einem
Im Bild 10.26c ist der Grenzfall eines dreieckförmigen Bogen zusammengesetzt sind und mit einem Zugglied
Fachwerkes dargestellt, bei welchem alle Diagonalen zusammengebunden werden. Auch in diesem Fall sind
entgegengesetzt beansprucht sind zu denjenigen des die Stäbe bei den Auflagern am stärksten beansprucht.
Fachwerks mit konstanter Höhe. Die maximale Gurt- Das System Polonceau fand in der zweiten Hälfte des
beanspruchung liegt dann bei den Auflagern. 19. Jahrhunderts insbesondere bei Perron-Dächern von
Bahnhöfen Anwendung, wie etwa dem Gare du Nord
Das im Bild 10.26d dargestellte Tragwerk wird nach dem in Paris (Bild 10.28). Dank der Tatsache, dass die in-
Ingenieur Camille Polonceau auch als System Polonceau neren Elemente überall auf Zug beansprucht sind und
Bild 10.28: Gare du Nord, Paris, 1861-65, Arch.: Jakob Ignatz Hit-
torff

18 prof. schwartz
Ebene Fachwerke Tragwerksentwurf II
18 kN 18 kN 20 kN
deshalb durch Seile gebildet werden können, weisen
diese Tragwerke eine sehr grosse Transparenz auf.

2m
10.8 Weitere Fachwerkarten

Konsolen und Türme


9m 3m
Auch das im Bild 10.29 dargestellte Fachwerk kann nach
dem Verfahren untersucht werden, welches weiter oben 18 kN 18 kN

eingeführt wurde: zunächst die Untersuchung eines zu-


18 kN
gehörigen Bogen-Seiltragwerks, dann das Erkennen der

1.15 m
20 kN 44.7 kN

2m
der am stärksten beanspruchten Druck- und Zugstäbe 30 kN
18 kN
und die anschliessende Ermittlung der inneren Kräfte max. Abstand
30 kN
in den Stäben mittels geeigneter Subsysteme.

2m
11.3 kN 11.3 kN
20 kN
Der Bogen des Bogen-Seiltragwerks erreicht den maxi- max. Neigung 44.7 kN
malen Abstand zum Zugglied im Bereich der Auflager
(Bild 10.29a). Die in diesem Bereich liegenden Gurtstä- 18 kN 18 kN 20 kN
17 kN 30 kN
be des Fachwerks sind somit am stärksten beansprucht. 15 kN
Aus der Neigung des Bogens des Bogen-Seiltragwerks 30.8 kN 30.8 kN
20 kN
ist zudem ersichtlich, dass alle Diagonalen auf Druck 20 kN 25 kN
beansprucht sind und dass diejenigen im Bereich der 2m
Auflager am stärksten beansprucht werden. Es ist auch
17 kN 15 kN 15 kN
11.3 kN 44.7 kN
Bild 10.31: Innere Kräfte in einem Fachwerk mit Konsole

möglich, einen Knoten nach dem andern zu untersu- Center in Chicago (Bild 10.30). Bei beiden Gebäuden
chen und mit Hilfe das Cremonaplanes die Beanspru- ist das Fachwerk in die Fassadenebene integriert. Das
chungen aller Stäbe gemäss Bild 10.29b zu ermitteln. Fachwerk kann aber auch im Gebäudekern liegen, wie
etwa beim im Bau befindlichen Burj Dubai.
Türme und Hochhäuser tragen die horizontalen Wind-
und Erdbebenkräfte als vertikal angeordnete Konsolen
ab (vgl. Bild 8.21). Wenn die Tragwerksform nicht die- Einfache Fachwerke mit Konsolen
sem Bogen-Seiltragwerks entspricht, so sind Diagona-
len unentbehrlich und als Tragwerk resultiert dann ein Wie im Abschnitt 8.5 gezeigt, können Konsolen mit
Fachwerk. Bekannte Beispiele hierfür sind die Bank über zwei Auflager gespannten Tragwerken kombiniert
of China in Hong Kong oder auch das John Hancock werden. Im Bild 10.31 ist die Ermittlung der Stabkräf-
Bild 10.30: Bank of China, Hong Kong, 1989, Arch.: I.M. Pei, Ing..
Robertson, Fowler and Associates (h = 369 m); John Hancock Cen-
ter, Chicago, 1969, Arch.: Skidmore, Owings & Merrill, Ing.: F. Kahn
(h = 344 m) DARCH
structural design 19
Tragwerksentwurf II Ebene Fachwerke
angrenzenden Gurtstab (15 kN) addiert, so resultiert 10.33). Die behandelten Tragwerke weisen dabei die
eine Druckkraft von 30 kN. Besonderheit auf, dass die Konsolen, aus welchen sie
bestehen, linear angeordnet sind, d.h. auf einer gemein-
f
Die maximale Zuggurtkraft im Feld, sowie auch die zu- samen Geraden liegen. Falls dies nicht mehr der Fall ist,
gehörige Druckgurtkraft, wird mit Hilfe der Betrach- sondern das Tragwerk eine polygonale Form annimmt,
l
a) tung ermittelt, dass die Gurtkräfte sich proportional wird von einem Bogen oder von einem Rahmen gespro-
zum Abstand zwischen Bogen und Seil des Bogen- chen. Dabei basiert die Unterscheidung zwischen Bo-
Seiltragwerks verhalten. Die Neigung des Bogens des
Bogen-Seiltragwerks ist maximal im gesamten Kon-
solenbereich. Die Diagonalenkraft resultiert aus dem
f2 f3 f4 Knotengleichgewicht beim Angriffspunkt der Konso-
f1 lenlast von 18 kN und die Pfostenkraft entspricht in
0.5·l diesem Bereich der Konsolenlast.
b)
l
Bild 10.32: Serie von einfachen Fachwerken (a) und Gerberträger (b)
Bild 10.34: Bogentragwirkung bei einer innerhalb des Materials ver-
Über mehrere Auflager verlaufende Fachwerke laufenden Drucklinie
te in einem entsprechenden Tragwerk dargestellt. Der
Abstand zwischen dem Bogen und dem Seil des Bogen- Im Bild 10.32 sind Fachwerke zu den in den Bildern
seiltragwerks ist maximal links vom rechten Auflager. 8.27 und 8.29 dargestellten Bogen-Seiltragwerken er-
In diesem Bereich ist die Zuggurtkraft maximal, und sie gänzt. Die Effizienz des Gerberträgers wird nun of-
entspricht 30 kN, also exakt der Zugkraft des Zugele- fensichtlich, denn unter der Voraussetzung gleicher
mentes des Bogen-Seiltragwerkes. Die Druckgurtkraft Spannweiten und gleicher Lasten ist die totale Pfeilhö-
über dem rechten Auflager ist theoretisch gleich gross, he der Bögen bei den aneinander gereihten einfachen a) Drucklinie im Rahmen
allerdings auf einer Strecke mit Länge null, d.h. im Auf- Tragwerken und beim Gerberträger identisch. Bei der
lagerpunkt selbst. Wird nämlich die Horizontalkom- Serie von einfachen Tragwerken ist jedoch der maxima-
ponente der Diagonalenkraft (15 kN) zur Stabkraft im le Abstand zwischen Bogen und Seil wesentlich grösser.
Das bedeutet, dass beim als Gerberträger ausgebildeten
5 kN 5 kN Fachwerk die maximalen Gurtkräfte wesentlich geringer
sind. Es ist allerdings zu bemerken, dass ähnlich wie
beim Tragwerk im Bild 10.31 beim Gerberträger die
Gurte auch über den Auflagern beansprucht werden, b) Umlenkung der Drucklinie
und zwar im unteren Gurt auf Druck und im oberen
Gurt auf Zug.
7.5 kN 2.5 kN

Rahmenartige Fachwerke

Alle in diesem Kapitel behandelten Tragwerke sind c) Kraftausbreitung


zusammengesetzt aus einer Folge von Konsolen (Bild
Bild 10.33: Fachwerk als eine Folge von Konsolen Bild 10.35: Rahmentragwirkung bei einer ausserhalb des Materials
verlaufenden Drucklinie

20 prof. schwartz
Ebene Fachwerke Tragwerksentwurf II
gen und Rahmen lediglich auf der Anordnung der äu- 10.35a ist ein solcher Druckverlauf in der Regel nicht am stärksten beanspruchten Fachwerkstreben ermittelt
sseren Lasten und der daraus resultierenden Drucklinie. mehr möglich. Fällt die Drucklinie daher ausserhalb des werden (Bild 10.36b). Dieses Wissen kann anschliessend
Wie im Kapitel 6 gezeigt wurde, muss bei Bögen die Materials, so trägt das Tragwerk nicht mehr als Bogen, zur Dimensionierung der Stäbe verwendet werden, wie
Form so gewählt werden, dass die Drucklinie innerhalb sondern als Rahmen. Es werden dann nebst den inne- etwa beim aus vorfabrizierten Elementen zusammen-
des Materials liegt und zudem die Festigkeit nirgends ren Druckkräften auch innere Zugkräfte erzeugt. Mit gesetzten Fachwerksrahmen im Patera Building von
überschritten wird (Bild 10.34). Bei einem polygonal Hilfe dieser Zugkräfte wird die Drucklinie so umgelenkt, Michael Hopkins (Bild 10.37).
geformten Rahmen mit Lastanordnung gemäss Bild dass sie im Inneren des Materials verbleiben kann (Bild
10.35b). Durch Ausbildung eines Fachwerks können
die inneren Kräfte des Rahmens anschliessend, wie in Fachwerke für andersartige Tragwerksformen
Abschnitt 10.1 gezeigt, über die gesamte Rahmenbreite
verteilt werden (Bild 10.35c). Einige in diesem Skript behandelte Tragwerksformen
können bei genauerer Betrachtung auch als Fachwerke
Im Bild 10.36 ist ein rechtwinkliges Rahmentragwerk betrachtet werden. Zum Beispiel das System Jawerth,
dargestellt, welches als Fachwerk ausgebildet ist. Da die ein Seilbalken, welcher als ein auf Zug beanspruchtes
globale Tragwirkung mit einer bogenartigen Drucklinie Fachwerk verstanden werden kann, so dass die Gurte
ohne Zugelement beschrieben wird (gestrichelte Linie), nie Druckkräfte erhalten (Bild 3.18). Ein weiteres Bei-
weisen die Auflagerkräfte horizontale Komponenten spiel sind die als Fachwerk ausgebildeten Seile welche
auf. Die Pfeilhöhe der Drucklinie kann in diesem Fall die seitlichen Felder der Tower Bridge in London tra-
frei gewählt werden, d.h. das Tragwerk ist wie der Zwei- gen (Bild 3.27). Auch der Bogen, die Stützen und die
gelenkbogen statisch unbestimmt. Die Drucklinie wird Fahrbahn der vom Büro Eiffel erstellten Brücke Maria
wiederum mit Hilfe von Zugelementen ins Innere des Pia in Porto (Bild 6.23) oder die Bogen und Seile der
Materials zurück verschoben (Bild 10.36a). Aus dem so Elbe-Brücke in Hamburg stellen Fachwerke dar (Bild
a) gebildeten Bogen-Seiltragwerk kann die Tragwirkung 8.6). Der Eiffelturm in Paris kann global als ein Bo-
des Fachwerkes erkannt und Lage und Intensität der gen-Seiltragwerk betrachtet werden (Bild 8.21). Dieses

b)

Bild 10.36: innere Kräfte in einem rechteckigen Rahmen (a) und mög- Bild 10.37: Patera Building, Stoke on Trent, 1980-82, Arch.: Michael Bild 10.38: Eiffelturm, Paris, 1887-89, Arch.: Büro Eiffel, Ing.: Mau-
liche Ausbildung als Fachwerkrahmen (b) Hopkins, Ing.: Anthony Hunt rice Koechlin
DARCH
structural design 21
Tragwerksentwurf II Ebene Fachwerke
Bogen-Seiltragwerk besteht selbst aber aus einer Viel-
zahl von Fachwerken (Bild 10.38). So sind die Gurte
aus vier Stäben zusammengesetzt, welche mit Diago-
nalen verbunden sind, die ihrerseits auch wiederum aus
Fachwerken bestehen. Bei der Tragwerksbetrachtung
muss daher zwischen der Globalform und der lokalen
Ausformung der Elemente der Golbalform unterschie-
den werden.

22 prof. schwartz
Ebene Fachwerke Tragwerksentwurf II
11 Räumliche Fachwerke

Als räumliche Fachwerke werden im Folgenden Trag-


werke verstanden, welche aus räumlich angeordneten
Druck- und Zugstäben bestehen, die in Knoten gelen-
kig miteinander verbunden sind. Die Stäbe sind gerade
und weisen nur axiale Druck- oder Zugkräfte auf, und
die äusseren Lasten greifen in den Knoten an.

11.1 Räumlich zusammengesetzte


ebene Fachwerke

Fachwerke werden im Hochbau häufig zur Bildung von


ebenen Überdachungen verwendet. Eine einfache Lö- a) b) c)
sung besteht in der Anordnung einer Serie von Fachwer-
ken parallel zur Dachebene, welche als Primärtragwerk Bild 11.1: Primärtragwerk, bestehend aus in parallelen Ebenen angeordneten Fachwerken (a) und Trägerrost aus Fachwerken mit Auflagern an allen
wirken. Die ständigen und die veränderlichen Lasten Seiten (b) sowie mit Auflagern nur in den Ecken (c)
werden von einem System von Sekundärelementen bis zu
den Fachwerken getragen, welche ihrerseits die Lasten unteren Gurt befestigt sein, wie dies beim so genannten lichen Fachwerke tragen jedoch die Lasten nicht nur
zu den an den Rändern der Überdachung angeordneten Shed-Dach der Fall ist. bis zu den anderen Fachwerken ab, sondern übertra-
Auflagern abtragen (Bild 11.1a). gen einen Teil der Lasten direkt zu ihren Auflagern. Es
Eine Alternative zu den parallel angeordneten Fach- sind somit, im Falle einer rechteckigen Überdachung,
Wie das Beispiel des Boden- respektive Deckenaufbaus werken besteht darin, zwei Serien von Fachwerken recht- verteilte Auflager an allen Enden erforderlich. Bei einem
des World Trade Centers zeigt (Bild 11.2), kann das winklig zueinander anzuordnen, so dass ein so genann- solchen Tragwerk müssen die Lasten nicht unbedingt
Sekundärsystem aus Balken oder Platten bestehen und ter Trägerrost entsteht (Bild 11.1b). Die zweite Serie in der gleichen Richtung bis zu den Auflagern abgetra-
an den unteren Gurten angehängt sein, auf den oberen von Fachwerken ersetzt die Balken des im vorherigen gen werden. Eine Last kann alternativ auch in diagona-
Gurten aufgelegt oder abwechselnd am oberen und am Beispiel beschriebenen Sekundärsystems. Diese zusätz- ler Richtung abgetragen werden (Bild 11.3), so dass die

Bild 11.2: Bodenaufbau, World Trade Center, New York, 1966-73, Bild 11.3: Airside Center Flughafen Zürich, 2003-04, Arch.: Grims- Bild 11.4: USM-Fabrik, Münsingen, 1962-64, Arch.: Bruno und Fritz
Arch.: Minoru Yamaski, Ing.: John Skilling and Leslie Robertson haw Architects, Ing.: Basler + Partner & Arup Haller, Ing.: Emch + Berger
DARCH
structural design 23
Tragwerksentwurf II Räumliche Fachwerke
Auflager einer rechteckigen Überdachung zum Beispiel
nur in den vier Ecken angeordnet werden können (Bild
11.1c).

Beim im Bild 11.4 dargestellten Beispiel der Fabrikati-


onshalle sind die Fachwerke im Abstand von 4.8 m in
einem quadratischen Raster angeordnet und jeweils in
den 4 Ecken eines quadratischen Moduls von 14.4 m
aufgelagert. Diese Module können so angeordnet wer-
den, dass ein Trägerrost von beliebigen Abmessungen Bild 11.6: Verbunddrachen als Raumfachwerk aus vorfabrizierten Te-
entsteht, welcher nur alle 14.4 m, sowohl an der Au- Bild 11.5: Raumfachwerk traedern von Alexander Graham Bell, 1904
ssenkante wie auch im Innern, aufgelagert ist.
Das erste Tragwerk dieser Art wurde vom Physiker ist das ‚System Mero’, welches Ende der 1950er Jahre
Alexander Graham Bell vorgeschlagen, welcher besser vom Ingenieur Max Mengeringhausen aus der Studie
11.2 Raumfachwerke als Erfinder des Telefons bekannt ist. Er erhielt 1904 der Geometrie natürlicher Kristallstrukturen entwickelt
ein Patent für vorfabrizierte Tetraeder in Stahl, die so wurde. In einem einzelnen Knoten können in diesem
Die Effizienz der Trägerroste aus Fachwerken kann we- zusammengesetzt werden konnten, dass Raumfach- System bis zu 18 rohrförmige Stäbe zusammengeführt
sentlich gesteigert werden, wenn die Diagonalen so an- werke verschiedener Formen entstanden (Bild 11.6). Die werden, was eine grosse Flexibilität bei der Konstruk-
geordnet werden, dass sie überall mit in beide Richtun- daraus entstehende Tragstruktur ist so leicht, dass Bell tion von Raumfachwerken und eine schnelle Montage
gen verlaufenden Gurten verbunden sind (Bild 11.5). diese zum Bau von Flugdrachen verwendete. ermöglicht (Bild 11.8).
Es entsteht dann ein wirklich räumliches Tragwerk, bei
welchem die Diagonalen nicht nur Dreiecke bilden, wie In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurden Durch das räumliche Verbinden der Gurte wird die
bei den ebenen Fachwerken, sondern Tetraeder oder Py- verschiedene Systeme zur Konstruktion von Raum- Last flächig verteilt, und hierdurch die Tragwirkung der
ramiden, wie am Beispiel des dvg-Verwaltungsgebäudes fachwerken mit industriell herstellbaren standardisier- Gesamtstruktur verbessert. Mit Raumfachwerken kön-
in Hannover gut zu sehen ist (Bild 11.7). ten Knoten und Stäben entwickelt. Am bekanntesten nen deshalb grosse Spannweiten überbrückt werden. Ein

Bild 11.7: dvg-Verwaltungsgebäude, Hannover, 2000, Arch.: Hascher Bild 11.8: Sheikh Khalifa Stadium, Al Ain, 2002-03, Arch.: Rice Perris Bild 11.9: US Air Force Hangar Projekt, 1951, Arch.: Konrad Wachs-
+ Jehle, Ing.: Weischede, Hermann und Partner Ellis (l = 130 m), Ing.: Mero TSK International mann

24 prof. schwartz
Räumliche Fachwerke Tragwerksentwurf II
beeindruckendes Beispiel hierfür ist das in Bild 11.9 vi zwischen 1935 und 1941 errichten konnte. Im Bild 11.4 Freie Formen aus Fachwerken
dargestellte Projekt einer Fugzeughalle, welche im Jahre 11.10 ist die 1940 erbaute Halle in Marsala dargestellt.
1951 vom Militärflugwesen der Vereinigten Staaten an Die klostergewölbeartige Tonne aus vorfabrizierten Auf Grund der geometrischen Flexibilität und der gross-
Konrad Wachsmann in Auftrag gegeben wurde. Elementen aus Stahlbeton war als ein Raumfachwerk en Tragfähigkeit sind die räumlichen Fachwerke zur
auf 6 Punkten aufgelagert und hatte die Abmessungen Ausbildung von frei geformten, doppelt gekrümmten
Das Ziel bestand darin, in kurzer Zeit und in einer be- 100 m x 40 m. Alle acht Hallen wurden 1944 bei Luft- Flächen geeignet. Ein gebautes zeitgenössisches Bei-
liebigen Situation ein grosses Tragwerk mit Auskragun- angriffen zerstört. spiel für eine solche Anwendung ist die BMW-Welt von
gen bis zu 50 m zu erstellen, wobei nur standardisierte Coop Himmelb(l)au aus dem Jahr 2007 (Bild 11.12).
Elemente verwendet werden durften, welche sich leicht Die womöglich berühmteste Kuppel aus Fachwerk ent- Das Raumfachwerk des komplex geformten Dachs
transportieren lassen, nicht mehr als 5 kN wiegen und stand 1967 im Rahmen der Weltausstellung in Montreal variiert dabei in seiner Tiefe zwischen 2 m und 12 m
nicht grösser als 1 x 3 x 1 m sein durften. Die aus diesen als Tragwerk für den Pavillon der Vereinigten Staaten. in Abhängigkeit der inneren Kräfte. Zur Eingangsfas-
Elementen zu errichtenden Gebäude sollten zerlegbar Buckminster Fuller entwarf die zu dieser Zeit grösste sade hin läuft das räumliche Dach in einen flächigen
und ohne Materialverlust an anderer Stelle beliebig wie- sphärische Kuppel, deren Oberfläche aus einem Raum- Doppelkegel aus, wodurch sich das Tragverhalten von
derverwendbar sein. Als besondere Anforderungen an fachwerk bestand (Bilder 11.11 und 7.51). Der Durch- einem Raumfachwerk in eine Schale verändert.
das Tragwerk waren neben den sehr grossen Auskra- messer der Kuppel betrug über 76 m, die Höhe 61 m
gungen zudem stützenfreie Aussenseiten vorgesehen. und das Innenvolumen 190'000 Kubikmeter. Die Kup-
pel war damit grösser als die Kuppel des Petersdom.

11.3 Gewölbe und Kuppeln aus Fachwerken Das Traggerüst bestand aus Stäben, die auf der Aussen-
seite Dreiecke und auf der Innenseite Sechsecke bilde-
Sowohl Balkenroste aus Fachwerken als auch Raum- ten und mittels Zwischenstäben zu 5900 Knoten zu-
fachwerke können als aufgelöste räumliche Tragwerke sammengeschweisst wurden. Die Aussenhaut bestand
für Gewölbe und Kuppeln dienen (vgl. Abschnitt 7.8). aus getöntem Acrylglas. Das Gebäude brannte 1976 ab,
Beispiele hierfür sind die Serie von acht Flugzeughallen wurde 1999 jedoch wieder aufgebaut, und wird heute
für die italienische Luftwaffe, welche Pier Luigi Ner- als Museum genutzt.

Bild 11.10: Birgi Flugzeughalle, Marsala, 1940, Arch. & Ing.: Pier Lu- Bild 11.11: US Expo-Pavillion, Montreal, 1967, Arch. & Ing.: Richard Bild 11.12: BMW-Welt, München, 2001-07, Arch.: Coop Himmel
igi Nervi Buckminster Fuller & Shoji Sadao b(l)au, Ing.: Bollinger + Grohmann
DARCH
structural design 25
Tragwerksentwurf II Räumliche Fachwerke
26 prof. schwartz
Räumliche Fachwerke Tragwerksentwurf II
12 Balken und Scheiben

Bei der Berechnung der inneren Kräfte von Fachwerk- ge verbreitert werden, bis sie sich gegenseitig berühren 200 kN 800 kN
trägern wurde angenommen, dass jeder der Stäbe des und somit ein kontinuierliches Material entsteht. Diese
Fachwerks mit einer in Achsenrichtung zentrisch wir- Betrachtungsweise, deren theoretische Begründung auf
kenden Kraft beansprucht wird (vgl. Kapitel 10). Diese dem statischen Grenzwertsatz der Plastizitätstheorie

2m
Annahme ermöglicht es, die Belastung auf einfache Art beruht und den Rahmen dieser Einführung übersteigt,
systematisch mit Hilfe des Cremonaplans zu ermitte- führt zu so genannten diskontinuierlichen Spannungsfel-
len. dern, wobei die Resultierenden der Spannungsfelder die
700 kN 300 kN
inneren Kräfte im Fachwerk darstellen.
9m
Bereits in Abschnitt 5.3 wurde zudem im Zusammen-
hang mit der Definition der Spannung σ darauf hin- a) Balken mit äusseren Kräften
gewiesen, dass die in einem Element wirkende innere 12.1 Tragverhalten eines einfachen Balkens
200 kN 800 kN
Kraft sich stets auf das gesamte zur Verfügung stehen-
de Material verteilt. Die genaue Verteilung ist im Allge- Im Bild 12.2a ist ein einfacher Balken dargestellt, wel-
meinen abhängig von der Geometrie und dem Materi- cher bezüglich Geometrie und äusseren Lasten dem im
al des Elements. In einer ersten Näherung kann aber Abschnitt 10.3 behandelten Fachwerk entspricht. Die
angenommen werden, dass die Belastung gleichmässig Eigenlasten des Balkens seien wiederum vernachläs-
auf den Querschnitt verteilt wird, wenn die Stabachse sigt. Die Balkenhöhe und -länge sind gegenüber dem
durch den Schwerpunkt des Querschnitts verläuft (Bild Fachwerk etwas grösser gewählt worden, so dass dieses 700 kN 300 kN
12.1). Auf dieser Annahme basiert die Definition der direkt in den Balken eingeschrieben werden kann (Bild b) Balken mit eingeschriebenem Fachwerk
Spannung σ als eine auf die gesamte Querschnittsfläche 12.2b). Die oberen auf Druck beanspruchten Gurtstä-
bezogene Kraft. Durch die Verteilung der Belastung be des eingeschriebenen Fachwerks stellen die Druckzo- 200 kN 800 kN
im Material erzeugt jede innere Kraft also einen Belas- ne des Balkens dar, die unteren Gurtstäbe entsprechen
Druckzone
tungsbereich, ein sogenanntes Spannungsfeld. der Zugzone, während die Kräfte der Diagonalen und
Pfosten beim Balken von der dazwischen liegenden Schubzone
Im vorliegenden Kapitel wird gezeigt, dass Balken, Rah- Schubzone aufgenommen werden (Bild 12.2c).
men und Scheiben als Fachwerke interpretiert werden Zugzone

können, deren Gurte, Pfosten und Diagonalen solan- Die Druckzone und die Zugzone bleiben nicht an
700 kN 300 kN
die linienförmigen Gurte des Fachwerks gebunden,
c) Spannungsfeld im eingeschriebenen Fachwerk
sondern erstrecken sich über das zur Verfügung ste-
hende Material. Die Beanspruchung schmiegt sich an 200 kN 800 kN
den oberen und unteren Rand an, so dass der Abstand
zwischen Druck- und Zuggurt, welcher als wirksame Druckzone
Höhe bezeichnet wird, im Sinne einer Optimierung der +

statischen Effizienz möglichst gross wird. Die effektiv Schubzone

vorhandene Verteilung der Spannungen, sowohl in der Zugzone


Zugzone als auch in der Druckzone, hängt vor allem
vom Verhalten des Materials des Balkens ab. Im Rah- 700 kN 300 kN
men dieses Kurses wird gemäss Bild 12.1 als Verein- d) Spannungsfeld im Balken
fachung, wie in der Einleitung erwähnt, eine konstante
Bild 12.1: Spannung in einem Stab als gleichmässige Verteilung der Bild 12.2: Einfacher Balken mit eingeschriebenem Spannungsfeld
Belastung über den Querschnitt
DARCH
structural design 27
Tragwerksentwurf II Balken und Scheiben
Spannungsverteilung sowohl in der Druck- als auch in Knoten besteht. Die Lösung ist somit nicht eindeutig.
der Zug- und Schubzone angenommen. Dies entspricht Diese Erkenntnis führt zu einer gewissen Freiheit beim
in der Tat dem Verhalten eines Balkens mit einem per- Tragwerksentwurf. Eine physikalische Erklärung für die-
fekt duktilen Material wie zum Beispiel Stahl unter sehr se Tatsache liegt darin, dass sich duktiles Material so
grossen äusseren Lasten (vgl. Abschnitt 5.7). Es wird lange wie möglich wehrt, bis der Bruch eintritt. Wird Bild 12.3: Stark beanspruchter Versuchsbalken aus Stahlbeton
dabei davon ausgegangen, dass die Druck- und die ein Fachwerk gewählt und dessen Elemente korrekt
Zugzone sich im Bereich der maximal beanspruchten bemessen, so wird das Tragwerk auf dieses Fachwerk Stahlbetonträger
Fachwerkstäbe in der plastischen Phase mit kompletter zurückgreifen, falls sich nicht ein effizienteres Tragwerk
Ausnützung des Materials befinden. einstellt. Das Vorgehen ist somit auf der sicheren Sei- Wenn das Material eines Tragwerks vor allem Druckbe-
te. Es ist aber zu bemerken, dass das sich einstellende anspruchungen widerstehen kann, zugleich aber seine
Auch die Diagonalen und Pfosten des eingeschrie- Fachwerk auch teilweise durch den Tragwerksentwurf Zugfestigkeit begrenzt ist, ist es notwendig, Verstärkun-
benen Fachwerks sind somit eine Vereinfachung der selbst beeinflusst werden kann, indem der Balken nach gen einzufügen, um Zugkräfte übertragen zu können.
tatsächlich vorhandenen inneren Kräfte. Das Material dem gewählten Fachwerk konstruiert wird. Im Folgen- Dies ist zum Beispiel bei Beton der Fall, welcher des-
zwischen den einzelnen Diagonalen nimmt ebenfalls den wird gezeigt, dass die Spannungsverhältnisse in der halb mit Hilfe von Bewehrungen aus Stahl verstärkt wird,
einen Teil der Beanspruchung auf, oder anders ausge- Schubzone einerseits von der Materialart (Stahlbeton, da Stahl ein Material mit hoher Zugfestigkeit ist (vgl.
drückt, die Diagonalen können sich so stark ausbreiten, Holz, Stahl usw.) abhängig sind und andererseits durch Kapitel 5). Diese Bewehrungen müssen dort angeord-
bis sie sich gemäss Bild 12.2d gegenseitig berühren. Die die konstruktive Ausbildung dieser Zone beeinflusst net werden, wo innere Zugkräfte erwartet werden: in
inneren Kräfte des eingeschriebenen Fachwerks im Bild werden können. der Zugzone und in der Schubzone des Balkens.
12.2b können daher als resultierende innere Kräfte des
im Bild 12.2d dargestellten Spannungsfeldes interpre-
tiert werden.
a) b)
Aus der Darstellung ist ersichtlich, dass sowohl in der
200 kN 800 kN 200 kN 800 kN
Druck- als auch in der Zugzone einachsige Spannungs-
verteilungen herrschen. In der Schubzone sind die
Verhältnisse dagegen komplizierter: hier sind unbean-
spruchte Bereiche vorhanden, Bereiche die durch Zug
oder Druck beansprucht werden, aber auch Bereiche, in
denen sich die Spannungsbereiche der Druck und der
Zugstreben überlagern. Eine ähnliche Situation ist auch 700 kN 300 kN 700 kN 300 kN
bereits bei den Membranen und Schalen aufgetreten,
200 kN 800 kN 200 kN 800 kN
bei welchen derselbe Materialteil zugleich in zwei ver- Betondruckzone Betondruckzone
schiedene Richtungen beansprucht war.

In einem Balken können zu einer gegebenen Lastsitu-


ation unendlich viele verschiedene Fachwerke einge-
schrieben werden, da ein Balken als ein kontinuierliches
Längsbewehrung Längsbewehrung
Tragwerk innerlich unendlichfach statisch unbestimmt
700 kN Betondruckdiagonalen Stahlbügel 300 kN 700 kN Betondruckpfosten Stahlbewehrung 300 kN
ist, d.h. aus einer unendlichen Anzahl von Stäben und
Bild 12.4: Typische Bewehrung von Stahlbetonträgern mit Bügeln (a) und geneigter Hauptbewehruung (b) und zugehörigen inneren Kräften

28 prof. schwartz
Balken und Scheiben Tragwerksentwurf II
Beim Spannungsfeld gemäss Bild 12.2 müssten somit in ist in Feldmitte am stärksten, dort wo die innere Zug- Spannungsfeld ist im Bild 12.5 dargestellt. Die beiden
der Schubzone sowohl vertikale Bügel zur Aufnahme kraft am grössten ist (Bild 12.4b). Es sind auch so ge- Flansche sind einachsig beansprucht, während der Stahl
der Zugkräfte der Pfosten als auch geneigte Bügel zur nannte konstruktive Längsbewehrungsstäbe am oberen im Steg eine zweiachsige Beanspruchung, mit Zug in
Aufnahme der Zugkräfte der Diagonalen angeordnet Rand erkennbar, welche vor allem der Befestigung der die eine Richtung und Druck in die andere Richtung
werden. Obschon dies grundsätzlich möglich wäre, ist restlichen Eisen dienen und eine Verschiebung dieser aufweist.
es aus konstruktiver Sicht wesentlich zweckmässiger, Eisen während des Betonierens verhindern. In der
nur vertikale bzw. nur geneigte Bügel einzusetzen. Druckzone übernimmt der Beton die inneren Kräfte.
Wie im Bild 12.4 dargestellt, ist der Beton auch in der 12.2 Einfache Tragwerke unter konzentrierten
Im Bild 12.4a ist eine mögliche Lösung für die Beweh- Schubzone beansprucht und bildet bei der Lösung mit und verteilten Lasten
rung eines Balkens mit vertikalen Bügeln schematisch vertikalen Bügeln die Diagonalen.
dargestellt. Das Fachwerk wurde so entworfen, dass alle Einfacher Balken
Pfosten durch Zug beansprucht werden und so die Bü- Bei dem im Bild 12.3 dargestellten Versuchsbalken mit
gel vertikal ausgebildet werden können. Entsprechend vertikaler Bewehrung, fotografiert nach dem Eintreten Mittels des eingeschriebenen Fachwerks können Über-
ist im Bild 12.4b eine mögliche Lösung für die Beweh- des Bruches, deuten die zahlreichen Risse in der Zug- legungen aus Kapitel 10 sinngemäss auch auf Balken
rung eines Balkens mit geneigten Bügeln schematisch zone an, dass der Beton hier dem Stahl die Aufgabe der aller Art übertragen werden. Das Bogen-Seiltragwerk ist
dargestellt. Aufnahme der Zugbeanspruchung vollständig überge- somit auch bei den Balken ein wichtiges Hilfsinstrument
ben hat. Die obere Druckzone sieht dagegen intakt aus. zur Beurteilung des generellen Tragverhaltens. Wie im Ab-
Heute werden in der Praxis zumeist Lösungen mit verti- Der Beton hat in diesem Bereich die Druckkräfte über- schnitt 10.1 gezeigt wurde, erfolgen erste Kraftausbrei-
kalen Bügeln bevorzugt, weil diese sich auf der Baustel- tragen. In der Schubzone ist der Beton ebenfalls geris- tungen beim Übergang vom Bogen-Seiltragwerk zum
le einfacher verlegen lassen als geneigte. Die Längsbe- sen, und die Richtung der Risse entspricht der Richtung Fachwerk, und gemäss Abschnitt 12.1 weitere Kraftaus-
wehrung, welche die Kräfte in der Zugzone des Balkens der einachsig beanspruchten Diagonalen, während die breitungen beim Übergang vom Fachwerk zum Balken.
aufnehmen muss, ist in beiden Fällen gut erkennbar. Sie vertikal verlaufende Bügelbewehrung die Pfostenkräfte Das in den Balken eingeschriebene Bogen-Seiltragwerk
aufnimmt. stellt daher auf eine stark vereinfachte Art die Tragwir-
200 kN 800 kN
kung des Balkens dar.

Stahlträger Im Bild 12.6 sind Bogen-Seiltragwerke für einen Balken


unter einer konzentrierten Last in Feldmitte und für
Stahl ist im Gegensatz zum Beton sowohl zug- als auch einen Balken unter einer gleichmässig verteilten Last
druckfest. Die diagonalen Fachwerkkräfte in der Schub- dargestellt. Der Fall des Balkens unter einer verteilten
700 kN 300 kN zone können bei einem Träger aus Stahl am effizientes- Last kann auf denjenigen des Balkens unter einer kon-
ten mit Hilfe eines x-förmigen Fachwerks aufgenommen zentrierten Einzellast zurückgeführt werden, indem die
200 kN 800 kN
werden. Die Wahl eines geeigneten Fachwerks zur Er- konzentrierte Last Q als Resultierende der gesamten
Druckflansch mittlung der inneren Kräfte hängt also entscheidend verteilten Lasten q·l betrachtet wird. Die Pfeilhöhe des
vom Material des Tragwerks ab. Bogens unter der Resultierenden ist hierbei doppelt so
Steg gross wie diejenige des parabelförmigen Bogens. Die
Bei einem doppel-T-Träger werden die Druck- und inneren Kräfte in der Zug- und in der Druckzone kön-
Zugflansch die Zugzonen von den so genannten Flanschen gebil- nen also ermittelt werden, sobald die wirksame Höhe z
700 kN 300 kN
det, während sich die Schubzone im Steg ausbildet. festgelegt ist. Diese Höhe ist in erster Linie von der Form
Das entsprechende Fachwerk mit einem zugehörigen des Querschnitts abhängig (vgl. Kapitel 14). Ein Ver-
Bild 12.5: Stahlträger mit zugehörigen inneren Kräften

DARCH
structural design 29
Tragwerksentwurf II Balken und Scheiben
Q
q q

z
h
Q/2 Q/2 Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
l l Schubzone Druckzone und Zugzone Schubzone
maximal belastet maximal belastet maximal belastet
q∙l = Q

2z
z

z
N N/2
Q/2 Q/2 Q/2 Q/2
l/2 l/2 l/2 l/2 q

a) Q/2 b) Q/2 c)

N N/2 Q/2
Bild 12.6: Einfacher Balken unter konzentrierter (a) und verteilter Belastung (b) und Bereiche maximaler innerer Beanspruchung (c) Q/2

gleich der beiden Kräftedreiecke zeigt, dass die Kräfte Winkel zwischen der Tangente an die Drucklinie und alternativer Kraftfluss gefunden werden muss, wenn
in den Gurten halbiert werden, wenn die Last über die der Zuglinie des Bogen-Seiltragwerks am grössten ist. diese durch Aussparungen geschwächt werden.
gesamte Balkenlänge verteilt wird. Dies erklärt sich da- Die Bereiche der grössten Beanspruchung für einfache
durch, dass die Last, welche in der Nähe der Auflager Balken sind in Bild 12.6c dargestellt. Die Kenntnis der
angreift, den mittleren Teil des Balkens weniger stark am stärksten beanspruchten Bereiche ist beim Trag- Konsolen
beansprucht. werksentwurf sehr hilfreich, denn Aussparungen oder
sonstige Schwächungen sollten in diesen Bereichen vermie- Auch die Konsolen können verstanden werden, indem
Wie bei den Fachwerken gibt auch bei den Balken das den werden. Aus diesem Grund ist es auch sinnvoll, die ein Fachwerk eingeschrieben und das zugehörige Bo-
Bogen-Seiltragwerk Auskunft darüber, wo sich die am am schwächsten beanspruchten Bereiche zu erkennen: gen-Seiltragwerk untersucht wird. Im Bild 12.7 ist eine
stärksten beanspruchten Bereiche befinden: die inneren eventuelle Aussparungen in diesen Bereichen sind meist Konsole aus einem unteren Bogen und einem oberen
Kräfte der Druck- und Zugzonen entlang der Gurte belanglos für die Tragwirkung. Im Bild 12.6c sind vor- Zugglied dargestellt. Sowohl unter konzentrierter wie
sind proportional zum Abstand zwischen dem Druck- teilhafte Positionen zur Anordnung von Aussparungen auch unter verteilter Last haben die inneren Kräfte im
und dem Zugelement des Bogen-Seiltragwerks. Die in- und Schwächungen im Fall eines Balkens unter verteil- Zug- und Druckglied des Bogen-Seiltragwerks die glei-
neren Kräfte in der Schubzone entlang der Diagonalen ter Belastung angegeben. Es ist allerdings zu bemerken, che Intensität wie die maximalen Gurtkräfte des Fach-
und Pfosten sind am grössten, wo der eingeschlossene dass auch in Bereichen kleinerer Beanspruchung ein werks und somit auch wie die maximalen inneren Kräfte

30 prof. schwartz
Balken und Scheiben Tragwerksentwurf II
Q q q

h
z
l l
Schubzone
maximal belastet

Q q∙l = Q
Z Z

z
l/2

q
Q Z Q

Z Z
a) b) c)

Bild 12.7: Balkenartige Konsole unter konzentrierter (a) und verteilter Belastung (b) und Bereiche maximaler innerer Beanspruchung (c)

in der Druck- und Zugzone der balkenartigen Konsole.


Im Bild 12.7c sind die Bereiche grösster Beanspruchung
sowie vorteilhafte Positionen zur Anordnung von Aus-
sparungen und