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STUDIA PHÆNOMENOLOGICA V (2005), 335-353

HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS


HEIDEGGER, GADAMER UND DIE
TRANSLATIONSWISSENSCHAFT1
Larisa CERCEL
(Technische Universität Darmstadt)

Abstract: This article attempts to start an interdisciplinary dialogue, deal-


ing with the different approaches on translation coming from philoso-
phy and translation studies. The article argues that, despite many efforts
of describing the phenomenon of translation from the point of view of
linguistics, theory of literature and communication sciences, it is only
the hermeneutical perspective that is able to interpret this phenomenon
starting from itself and thus to reach to a comprehensive understand-
ing of it. Hermeneutical reflections on translating came both from the
hermeneutic philosophy (F. E. D. Schleiermacher, M. Heidegger, H.-
G. Gadamer, P. Ricoeur) and from the translation studies (F. Paepcke,
R. Stolze in Germany, H. Meschonnic, A. Bermann and J.-R. Ladmi-
ral in France, G. Steiner in the Anglo-American area). However these
two orientations have not, so far, entered into a dialogue. It is only these
latest three books discussed in the present article that offer the prem-
ises of bringing closer the two hermeneutical traditions which devel-
oped so far in a parallel fashion, thus setting a starting point for discussing
upon a general hermeneutical “theory” of translation.
Radegundis STOLZE, Hermeneutik und Translation, Tübingen: Gunter Narr
Verlag, 2003, 349 S.
Miles GROTH, Translating Heidegger, Amherst, N.Y.: Humanity Books, 2004,
314 S.
Claudia HEILMANN-SENNHENN, TextVerstehenÜbersetzen. Der Dialog des
Übersetzens in Hans-Georg Gadamers philosophisch-hermeneutischer Per-
spektive unter Einbeziehung von Martin Heideggers Fundamentalontologie,
Berlin: dissertation.de – Verlag im Internet, 2002, 346 S.
So aktuell die Problematik des Übersetzens ist, so schwierig scheint
ein verstehender Zugang zu diesem äußerst komplexen Phänomen zu
sein. Der Versuch, den Übersetzungsvorgang sachgerecht zu explizieren,

1 Der vorliegende Aufsatz entstand im Rahmen meines Promotionsstudiums an der Tech-

nischen Universität Darmstadt. Für die Unterstützung meines Forschungsprojektes bin ich
Herrn Prof. Dr. Rudolf Hoberg und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst beson-
ders dankbar.
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wurde mehrfach und aus verschiedenen Perspektiven – vor allem sprach-,


literatur- und kommunikationswissenschaftlich – unternommen, ohne
jedoch ein der umfassenden Realität des Übersetzens gerecht werden-
des Konzept vorzulegen. Erst in der hermeneutischen Annäherung an
den Übersetzungsakt wurde m. E. eine solche verstehende Grundlage
geliefert.
Hermeneutische Überlegungen zum Übersetzen wurden sowohl in der
hermeneutischen Philosophie als auch in der Übersetzungswissenschaft
angestellt, doch eine gegenseitige Kenntnisnahme und ein gemeinsames
Gespräch, geschweige denn ein gemeinsames Wirken, ließen sich bis vor
kurzem nicht erkennen. Erst die drei im vorliegenden Aufsatz zur Diskus-
sion stehenden Publikationen neueren Datums bieten die Möglichkeit ei-
ner Annäherung dieser bisher parallel verlaufenden Entwicklungen der
Übersetzungsforschung. Diese Veröffentlichungen stehen – wie es zu
zeigen sein wird – in einem Ergänzungsverhältnis und liefern die Basis
für eine integrative hermeneutische Theorie des Übersetzens.

1. Das Problem des Übersetzens


in der philosophischen Hermeneutik

Bekanntlich ist das Phänomen der Sprache im 20. Jahrhundert in den


Vordergrund der philosophischen Diskussion getreten, so dass die
Sprachphilosophie zu einem Schlüsselbegriff zahlreicher philosophi-
scher Richtungen geworden ist. Ludwig Wittgenstein löste durch seinen
Tractatus logico-philosophicus ein „linguistic turn“ in der angelsächsi-
schen Philosophie aus, und parallel dazu entwickelte sich auch in der
hermeneutischen Tradition der sogenannten kontinentaleuropäischen
Philosophie eine intensive Beschäftigung mit dem Phänomen der
Sprache. In innigem Zusammenhang mit diesem Primat des Sprachlichen
steht auch die Bedeutung, die der Übersetzungsproblematik im Werk pro-
minenter Vertreter der hermeneutischen Philosophie des 20. Jahrhunderts
– vor allem bei Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und Paul
Ricœur – zukommt.2
Die Topik der Übersetzung wird in den Texten Heideggers vor allem
seit 1935 im Kontext seiner Beschäftigung mit Hölderlin angeschlagen,
sie geht vollends 1942-43 in seiner Vorlesung über Parmenides auf
und wird ausführlich diskutiert in drei späteren Texten: in der Ab-

2 Zur Beziehung zwischen Hermeneutik und Sprachphilosophie siehe den anre-

genden Aufsatz von I. M. FEHÉR, „Hat die Hermeneutik eine Sprachphilosophie?“ in:
Mesotes (1998): Das Phänomen und die Sprache, hg. von J. Trinks, Wien: Turia + Kant,
S. 97-116.
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handlung Der Spruch des Anaximander (1946) aus den Holzwegen, in


der zweiten Vorlesung Was heißt Denken? aus dem Sommersemester
1952 und in der Vorlesung Der Satz vom Grund aus dem Winterse-
mester 1955/56.
Die Beschäftigung mit Heideggers Übersetzungsbegriff macht von
vornherein deutlich, dass das Übersetzen bei ihm aus ontologischer Sicht
thematisiert wird. Um den Unterschied zur herkömmlichen, weit aus-
gebreiteten Auffassung vom Übersetzen deutlich zu machen, leitet er
ein Begriffspaar in die Diskussion ein: Übersetzen steht für ein technisch-
philologisches Verständnis des Übersetzens, das mehr oder weniger prob-
lemlos zu bewältigen ist, während dem Übersetzen eine viel breitere
Tragweite verliehen und in den Fragehorizont des Seinsdenkens gestellt
wird.3 Heidegger verbindet also das Problem des Übersetzens mit dem
Haupttopos seines Denkens, d.h. mit der Seinsfrage.
Im Bereich des Übersetzens liegen für Heidegger die normierten Text-
arten wie Fachtexte oder Geschäftsbriefe, die keine besonderen Probleme
aufwerfen. Er betrachtet sie abschätzend und ist nicht einmal dazu bereit,
ihnen die Benennung „Übersetzung“ anzuerkennen. Er ist ausschließlich
am Übersetzen interessiert. Nur die Texte der Dichter und Denker, die
seiner Meinung nach eine wesentliche Übersetzung ausmachen, können
da eingebettet werden. Die Spezifik dieser Art von Übersetzung besteht
darin, dass sie zugleich wortgetreu auslegend und überliefernd ist. „Das
Ziel wesentlichen Übersetzens besteht demnach darin, die unentdeck-
te oder verschüttete Nennkraft von Worten sprechend werden zu lassen
und schließlich den Leser zu befähigen, ‚in den Erfahrungsbereich und
die Erfahrungsarghline, in denen Worte anfänglich in einer anderen
Sprache gesagt sind, überzusetzen.“4
Bei Gadamer wird das Problem des Übersetzens sowohl in
Wahrheit und Methode (1960) als auch in anderen Texten, insbeson-
dere in den Bänden 2, 3, 8, 9 und 10 seiner Gesammelten Werke disku-
tiert und fast immer als exemplarische Manifestation des Verstehens
herangezogen. Aus diesem Grund soll der zu übersetzende Text laut
Gadamer nicht als linguistischer Gegenstand, sondern im Lichte eines
hermeneutischen Begriffs verstanden werden. Er wirft der Linguistik
und insbesondere der Semantik vor, dass sie den Text als Endprodukt
sieht, das hinsichtlich seiner Produktion analysiert wird in der Absicht,
den Mechanismus aufzuklären, dank dessen die Sprache funktioniert,

3 Vgl. hierzu den Aufsatz von H.-D. GONDEK, „Das Übersetzen denken: Über-

setzen und Übersetzen“ in: Heidegger Studies, 12 (1996), S. 37-55.


4 C. HEILMANN-SENNHENN: TextVerstehenÜbersetzen, 2002, S. 194.
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wobei von seinem Inhalt abgesehen wird.5 Aus hermeneutischer Sicht


ist der Text ein Zwischenprodukt, eine Phase in der Mitteilung. Viel-
mehr ist er ein schriftlicher Ausdruck eines Inhalts und eines Individu-
ums. Grundlage der Möglichkeit, dieses Individuelle wiederzugeben, ist
das Verstehen.
Verstehen ist aber schon Auslegung. Daher ist die Aufgabe des Über-
setzers keineswegs eine leichte. Er soll den Text so gründlich verwan-
deln, dass die Übersetzung nicht „wie eine Landkarte im Vergleich zu
der Landschaft selbst“ oder als Summe von „Buchstaben ohne Geist“6
erscheint. Er soll versuchen, die Vieldeutigkeit, die Wörter an sich haben,
mit hinüberzutragen, auch wenn der Zusammenhang den jeweiligen Sinn
eindeutig macht. „Die Aufgabe des Übersetzers muss daher immer die
sein, nicht das Gesagte abzubilden, sondern sich in Richtung des Gesagten,
d.h. in seinen Sinn, einzustellen, um in die Richtung seines eigenen Sagens
das zu Sagende zu übertragen.“7
Die Bedeutung des Übersetzens ist der Heidegger- und Gada-
mer-Forschung erst in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufge-
gangen. Seitdem wurden dieser Problematik viele Aufsätze8, Symposien9
und neuerdings auch eigenständige Arbeiten gewidmet. Im Folgenden
möchte ich zwei neuliche Beiträge zum Verständnis der Heideggerschen

5 Eine ausführliche Auseinandersetzung GADAMERS mit der linguistischen Per-

spektive ist in „Semantik und Hermeneutik“, Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 174-183


zu finden.
6 H.-G. GADAMER, „Sprache und Verstehen“ in: Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 197.
7 H.-G. GADAMER, „Mensch und Sprache“ in Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 153.
8 Ich liste hier eine Auswahl der zahlreichen Aufsätze auf: Fr. VEZIN, „La traduc-

tion comme travail phénoménologique“, in: Heidegger Studies, 3-4 (1987-1988), S. 109-
122; E. ESCOUBAS, „De la traduction comme ‚origine‘ des langues: Heidegger et
Benjamin“, in: Les temps modernes, nr. 514-515/1989, S. 97-142; Fr.-W. VON HERRMANN,
„Übersetzung als philosophisches Problem“, in: D. PAPENFUSS, O. PÖGGELER (Hg.),
Zur philosophischen Aktualität Heideggers, Bd. 3, Frankfurt am Main: Klostermann,
1992, S. 108-124; J. GRONDIN, „Die hermeneutische Dimension der Übersetzung“, in:
A. P. FRANK, K.-J. MAASS, F. PAUL, H. TURK (Hg.), Übersetzen, verstehen, Brücken
bauen, Berlin: Erich Schmidt, 1993, S. 151-157; G. FIGAL, „Übersetzungsverhältnisse“,
in: Der Sinn des Verstehens, Stuttgart: Reclam, 1996, S. 101-111; L. HEIDBRINK, „Das
Eigene im Fremden: Martin Heideggers Begriff der Übersetzung“, in: A. HIRSCH (Hg.),
Übersetzung und Dekonstruktion, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997; J. SALLIS,
„Hermeneutik der Übersetzung“, in G. FIGAL, J. GRONDIN, D. J. SCHMIDT (Hg.),
Hermeneutische Wege. H.-G. Gadamer zum Hundertsten, Tübingen: Mohr Siebeck,
2000, S. 149-159; eine Sammlung von Aufsätzen in: W. BÜTTEMEYER, H. J. SANDKÜHLER
(Hg.), Übersetzung – Sprache und Interpretation, Frankfurt a.M.: Peter Lang, 2000,
besonders R. CRISTIN, „Phänomenologie und Übersetzung“, ebd., S. 189-208.
9 Etwa das internationale Kolloquium „Heidegger-Sprache-Übersetzung“ vom 7.-

8. März 2002 in Lissabon.


HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS 339

bzw. Gadamerschen Auffassung vom Übersetzen vorstellen. Der umfas-


sende Rahmen der Diskussion wird jedoch von einer übersetzungs-
wissenschaftlichen Abhandlung ausgemacht, die eine Grundlegung des
Übersetzungsaktes in der Tradition der Hermeneutik initiiert. Mein
Anliegen ist es dabei zu zeigen, dass sich diese drei Beiträge gegenseit-
ig ergänzen, so dass im Ausgang davon eine solide hermeneutische
Theorie des Übersetzens erarbeitet werden kann, die sowohl den philo-
sophischen Überlegungen zum Übersetzen als auch den translations-
wissenschaftlichen Untersuchungen Rechnung trägt.

2. Die Wirkung der Hermeneutik


in der Übersetzungswissenschaft

Die von Martin Heidegger durch seine frühen Freiburger Vor-


lesungen eingeleitete und von Hans-Georg Gadamer weiterentwickelte
hermeneutische Wende in der Philosophie des 20. Jahrhunderts gehört
unzweifelhaft zu denjenigen Ereignissen, die den Rahmen philosophi-
scher Fachdiskussionen sprengen und zu einer maßgeblichen Dimension
des Denkens auch in anderen Bereichen wird. Dieses anfangs begrenzte
Geschehen rückte immer mehr in den Vordergrund, bis es zu einer ex-
plosionsartigen Entwicklung in der gegenwärtigen Forschung gelangte,
was Jean Greisch sogar zu behaupten veranlasste, dass wir uns derzeit
in einem „Zeitalter der hermeneutischen Vernunft“10 befinden. Die Welle
des Hermeneutischen erreichte jedoch die Übersetzungsforschung, eine
traditionell der Sprachwissenschaft verpflichtete Domäne, erst in den
80er Jahren als ein später Widerhall derselben. Seine Bedeutung für die
Grundlagenforschung der Übersetzungswissenschaft wird sich dennoch
– wie es zu zeigen sein wird – insbesondere durch die zur Diskussion
stehende Abhandlung R. Stolzes als eminent erweisen. Um eine solche
Aussage zu untermauern ist an dieser Stelle eine kurze Übersicht über
die Entwicklung der Übersetzungsforschung erforderlich.
Seitdem sich die Übersetzungswissenschaft in der Mitte des 20. Jahr-
hunderts etabliert hat, sah sich das wissenschaftliche Nachdenken über
das Übersetzen mit einer Flut von verschiedenartigen Übersetzungs-
theorien11 konfrontiert, die im Bann der Sprach-, Kommunikations- oder

10 J. GREISCH, Hermeneutik und Metaphysik. Eine Problemgeschichte, München:

Fink, 1993, S. 11ff.


11 Eine detaillierte Darstellung der zahlreichen Übersetzungstheorien liefern folgende

Arbeiten: R. STOLZE, Übersetzungstheorien. Eine Einführung, 3., vollständig überar-


beitete und erweiterte Aufl., Tübingen: Gunter Narr, 2001; E. GENTZLER, Contempo-
rary Translation Theories, London / New York: Routledge, 1993.
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Literaturwissenschaft standen. Jahrzehntelang bedeutete die Überset-


zungsforschung eine mehr oder weniger treue Widerspiegelung der Ent-
wicklungen, Akzentsetzungen und Begrifflichkeiten dieser Wissenschaften.
Die Problematik der Standortbestimmung der Übersetzungswissenschaft
gilt nun zwar generell seit den 90er Jahren als entschieden, als die
Forderung erhoben wurde, die Übersetzungswissenschaft von fremden
Modellen und Betrachtungsweisen loszulösen und sie als eigenständi-
ge Disziplin zu gründen, doch erweist sie sich auch heute weiterhin als
äußerst heterogen im Hinblick auf die zahlreichen Ansätze, Theorien,
Paradigmen und Begriffsapparate, die das Problem des Übersetzens aus
verschiedenen Perspektiven beleuchten sollen.
Der gemeinsame Versuch von Katharina Reiß und Hans J. Vermeer,
Mitte der 70er Jahre „eine allgemeine Translationstheorie“12 in der Gestalt
eines formalisierten, für alle Texte geltenden und alle Gesichtspunkte
der Translation abdeckenden Übersetzungsmodells vorzulegen, wurde
zwar von der scientific community des Faches als signifikanter Schritt
in die Richtung der Vereinheitlichung der Auffassungen über den Über-
setzungsvorgang anerkannt, doch letztendlich als reduktionistisch an-
gesehen. Ein weiterer Versuch, die diversen Konzeptionen über das
Übersetzen zu vereinheitlichen, stammt von Radegundis Stolze, die in
ihrem neuesten Buch Hermeneutik und Translation bestrebt ist, den
„gemeinsamen hermeneutischen Horizont“, ja die Grundlage dieser
Theorienvielfalt aufzuzeigen, die sie in der hermeneutischen Tradition
verortet sieht.
Radegundis Stolze vertritt in der Nachfolge von Fritz Paepcke13,
dessen Schülerin sie im Übrigen auch ist, den so genannten hermeneuti-
schen Ansatz in der Übersetzungsforschung, der auf einen Blickwech-
sel der tradierten Betrachtungsperspektive abzielt: Im Mittelpunkt des
übersetzungswissenschaftlichen Forschungsinteresses stehen nicht mehr
Ausgangstext (Original), Zieltext (Übersetzung) und somit sprachim-
manente Fragestellungen, sondern der Übersetzer selbst, sein deutender
Umgang mit Texten und die Art und Weise, wie sich ihm der zu über-
setzende Text erschließt, d. h. das Problem des Übersetzens rückt aus

12 K. REISS / H. J. VERMEER, Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie,

Tübingen: Niemeyer, 1984, 2. Auflage 1991.


13 F. PAEPCKE gilt als der Begründer des hermeneutischen Ansatzes in der

Übersetzungswissenschaft. Zu seinen wichtigsten Texten gehören „Übersetzen als


hermeneutischer Entwurf“ (1978), „Übersetzen als Hermeneutik“ (1979), „La dimension
herméneutique de la compréhension“ (1981). Alle sind im von K. BERGER und H.-M.
SPEIER herausgegebenen Band Im Übersetzen leben – Übersetzen und Textvergleich,
Tübingen: Gunter Narr, 1986 zu finden. Es sei noch gemerkt, dass Paepcke eine enge
Beziehung zu H.-G. Gadamer pflegte.
HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS 341

dem Horizont der Sprachwissenschaft in denjenigen der Hermeneutik.


Die Position R. Stolzes in der Übersetzungswissenschaft wird deut-
licher, wenn man sich die wissenschaftliche Situation der Überset-
zungswissenschaft selbst vergegenwärtigt. Das Fehlen einer eigenen
Begrifflichkeit und Methodik stellt diese Fachdisziplin unter einen
ständigen Legitimationszwang. Als wissenschaftlich gültig werden nur
diejenigen theoretischen Bemühungen betrachtet, die sachlich-nach-
vollziehbare, intersubjektiv-überprüfbare Leistungen im Sinne einer em-
pirisch-textuellen, neuerdings kognitionswissenschaftlich belegten
Beweisführung aufweisen. Als höchstes Ziel der gegenwärtigen Über-
setzungsforschung gilt die Erarbeitung einer streng wissenschaftlichen
Methode des Übersetzens14. Unter diesen Umständen ist nicht ver-
wunderlich, dass sich die Hermeneutik in der Translationswissenschaft
bisher keiner besonderen positiven Beachtung erfreut hat. Selbst in Pu-
blikationen neueren Datums wird auf angeblich wesentliche Un-
zulänglichkeiten des hermeneutischen Denkens hingewiesen: Wolfram
Wilss stößt sich an „mehr oder minder tiefsinnigen hermeneutischen
Spekulationen“15, Werner Koller beklagt das „Fehlen von Systematisierung
und Typologie“16 oder spricht schlicht und einfach von „hermeneutischem
Kaugummi“17. Der Verbannung des Hermeneutischen ins Unbedeutende,
ja Abschätzige liegt eine bedauerliche Ignoranz gegenüber den neueren
Entwicklungen der Hermeneutik zugrunde, der R. Stolze abzuhelfen
versucht.
Dieser Trend der Übersetzungsforschung prägt auch das wissen-
schaftliche Vorgehen von R. Stolze in dem Sinne, dass der Kern ihrer
bisherigen wissenschaftstheoretischen Position von einer ständigen Be-
mühung um die Verwissenschaftlichung des hermeneutischen Über-
setzungsvorgangs gekennzeichnet ist, was übrigens nicht ausschließlich
einem äußeren Legitimationszwang, sondern auch einer persönlichen
Überzeugung zu verdanken ist. Während sie in Hermeneutisches Über-
setzen (1992)18 um eine Umsetzung des hermeneutischen Kanons in die

14 Dieses Desiderat der Übersetzungsforschung wird vor allem von H. Gerzymisch-


Arbogast vertreten. Siehe dazu H. GERZYMISCH-ARBOGAST, Übersetzungswissenschaftliches
Propädeutikum, Tübingen / Basel: A. Francke, 1994 und H. GERZYMISCH-ARBOGAST /
K. MUDERSBACH, Methoden des wissenschaftlichen Übersetzens, Tübingen: Francke,
1998.
15 W. WILSS, „Was ist fertigkeitsorientiertes Übersetzen?“, in: Lebende Sprachen

3 / 1989, S. 111.
16 W. KOLLER, Einführung in die Übersetzungswissenschaft, 4., völlig neu bearbeitete

Auflage, Heidelberg / Wiesbaden: Quelle & Meyer, 1992, S. 209.


17 W. KOLLER, „Zum Gegenstand der Übersetzungswissenschaft“, in: R. ARNTZ /

G. THOME (Hg.): Übersetzungswissenschaft: Ergebnisse und Perspektiven. Festschrift


für Wolfram Wilss zum zum 65. Geburtstag, Tübingen: Narr, 1990, S. 23.
342 LARISA CERCEL

Sprache der Linguistik, d. h. in die Sprache einer als wissenschaftlich


anerkannten Disziplin anhand von fünf translatologischen Kategorien
(Thematik, Semantik, Lexik, Pragmatik und Stilistik) bemüht war, wird
ihr Plädoyer für ein hermeneutisches Vorgehen beim Übersetzen in
Hermeneutik und Translation in vielfacher Hinsicht radikalisiert.
Ausgehend von der schon angeführten Feststellung einer mangelnden
Beachtung des hermeneutischen Ansatzes in der Übersetzungswissenschaft
(Kap. 1) versucht R. Stolze, die These der Relevanz der Hermeneutik für
die Frage der Translation zu untermauern, indem sie einen geschichtlichen
Überblick über die ältere und neuere Hermeneutik (Kap. 2) anbietet.
Ihre Absicht ist es dabei, eine naturgemäße Einbettung der Überset-
zungsfrage in die Tradition der Hermeneutik aufzuzeigen: „Im Zen-
trum translationswissenschaftlicher Überlegungen hat der Translator
mit seinem Denken und Wissen, mit seiner Kompetenz als geistiger Dis-
position zu stehen. Eine wissenschaftliche Erörterung der Translation
mit dieser Prämisse könnte sich sinnvollerweise in den Horizont der
Hermeneutik stellen, welche von jeher den deutenden Umgang der Men-
schen mit ihrer Lebenswelt reflektiert hat.“ (37) Dabei kreist ihre
geschichtliche Darstellung um wesentliche Aspekte des hermeneutischen
Denkens (und Übersetzens) wie Verstehen, Auslegen, Wahrheit und Sub-
jekt, die immer wieder im Zusammenhang mit ihrem cartesianischen oder
aufklärerischen Gegenbild zu Wort gebracht werden. Ein Schwerpunkt
der Präsentation liegt in der ontologischen Wende der Hermeneutik
(Kap. 3), die auf Heidegger zurückzuführen ist: Verstehen wird von ihm
als „die eigentliche Form der menschlichen Existenz“ (68) begründet.
Im Vordergrund steht nun nicht mehr das Verstandene, sondern der
Verstehende selbst. Gadamersche Topoi wie wirkungsgeschichtliches Be-
wusstsein, hermeneutische Situation, Horizontverschmelzung oder Di-
alogik werden ebenfalls in die Diskussion eingeführt.
Dieser hermeneutische Diskurs wird dann in den kommenden Kapiteln
auf den Übersetzungsvorgang angewendet. Eine erste Absicht besteht
darin, dem Translator eine Orientierung in seiner Situiertheit (Kap. 4)
zu ermöglichen. Diese Problematik erweist sich für den translatorischen
Prozess als zentral, denn seiner Realisation liegen subjektive Bedin-
gungen zugrunde: Der Translator als Person ist „ein historisch und sozial
verwurzeltes Individuum“ (106). Um eine solche Orientierung zu fördern,
entwirft R. Stolze ein Modell der „Wissensebenen als lebensweltliche
Verweisungszusammenhänge“ (106). Des Weiteren wird die Basis ei-
ner translatorischen Expertenhaltung (Kap. 5) erarbeitet. Ausschlaggebend

18R. STOLZE, Hermeneutisches Übersetzen. Linguistische Kategorien des Verstehens


und Formulierens beim Übersetzen, Tübingen: Gunter Narr, 1992.
HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS 343

ist dabei, dass der Übersetzer in einen Dialog mit dem Originaltext tritt,
„hinhört“, was der betreffende Text mitzuteilen hat. Durch sein rezep-
tives Offensein für den Sinn der Textvorlage und durch seine Dialog-
bereitschaft kann der Übersetzer die Modalitäten des Textes wahrnehmen:
seine Individualität, Übersummativität und Multiperspektivität. Der
üblichen Vorstellung in der Übersetzungswissenschaft, eine möglichst
detaillierte „übersetzungsrelevante Textanalyse“ sei für das Verstehen
der Textvorlage unerlässlich, stellt nun Stolze die hermeneutische Auf-
fassung von der Textwahrheit entgegen: Die Aufgabe des Übersetzers
besteht zunächst nicht in der aktiven kognitiven Verarbeitung des Ori-
ginaltexts, vielmehr soll er sich dem „Ergriffensein von der Wahrheit“
dieses Textes in seiner Ganzheit überlassen, um durch einfühlende „Teil-
habe“ am „Mitteilungsgeschehen“ des Textes zu partizipieren. Daraus
ergibt sich eine adäquate translatorische Herangehensweise (Kap. 6): Das
intuitiv Verstandene, im „vertrauensvollen Offensein“ Wahrgenommene
wird dann vom Übersetzer aus-gelegt, d. h. die Wahrheit des Original-
textes, so wie sie sich ihm erschließt, wird von ihm offen gelegt und nicht
interpretiert im Sinne eines bestimmten, mehr oder weniger bewussten,
mehr oder weniger ideologisch geprägten Anliegens. Stolze fordert vom
Übersetzer eine „Solidarität“ oder sogar „Identifikation“ mit der Mit-
teilung, eine Selbstüberwindung und Hinwendung zum Anderen im
Text. Nach diesem Deverbalisierungsprozess, in dem es darum ging,
den mitgeteilten Gedanken adäquat zu erfassen, hat der Übersetzer den
Zieltext zu formulieren (Kap. 7). Dabei wird angestrebt, „der Mitteilung
kommunikative Präsenz zu verschaffen“ (207). Basierend auf seinem
Sprachgefühl und auf seiner Sensibilität legt der Übersetzer einen sprach-
lichen Entwurf vor, der in einem Verhältnis der „Stimmigkeit“ mit der
Textvorlage zu stehen hat: „Stimmigkeit ist ein dynamisches Phänomen,
und sie ist dann erreicht, wenn wie beim Verstandenhaben das Sprachge-
fühl sagt: ‚Jetzt ist die Formulierung gelungen, das ist genau, was ich
sagen wollte.‘“ (217) Entscheidend für die effektive Produktion des
Translats sind Rhetorik und Stilistik. Die Sinneinheit zwischen Ori-
ginaltext und translatorischem Entwurf wird nun freilich einer strengen
Evaluierungs- und Revisionsmethodik unterzogen. Den Unterschieden
im Übersetzungsvorgang von Literatur und Fachkommunikation
(Kap. 8), auf die in der Regel vielfach hingewiesen wird, stellt Stolze
den Gedanken entgegen, dass sich der Umgang mit diesen Textsorten
im hermeneutischen Ansatz als identisch erweist. Ein abschließendes
Kapitel fasst den Ertrag der hermeneutischen Neuorientierung der Über-
setzungswissenschaft (Kap. 9) zusammen: die Entwicklung eines Kon-
zepts für die Grundlegung der Translation in der Hermeneutik.
344 LARISA CERCEL

Drei Ergebnisse erachte ich als wesentlich in der vorliegenden Ar-


beit. Während die Vorwissenschaftlichkeit des Hermeneutischen in der
Übersetzungsforschung generell negativ als unwissenschaftlich beklagt
wird, tritt sie nun bei R. Stolze eben positiv als vor-wissenschaftlich in
den Vordergrund, d. h. als der methodischen Überprüfung mit wis-
senschaftlichen Instrumenten vorgeordnet. Der schon 1992 geäußerte
Gedanke einer notwendigen Zusammenführung von einer herme-
neutischen Herangehensweise an einen zu übersetzenden Text mit der
wissenschaftlichen Begründung der getroffenen Übersetzungsent-
scheidungen wird nun zu einer Fundierung des Übersetzungsvorgangs
in der Tradition der Hermeneutik. Was die Problematik der Vorwis-
senschaftlichkeit betrifft, wäre vielleicht ein Hinweis oder eine Beru-
fung auf die Zentralität des Vortheoretischen im heideggerschen Denken
wünschenswert gewesen.19
Ein zweiter radikaler Beitrag der Arbeit von R. Stolze zur Über-
setzungsforschung besteht in einer nicht übersehbaren Dynamisierung
des Übersetzungsvorgangs und der Begrifflichkeit der Übersetzungs-
wissenschaft selbst. Während das Übersetzen bisher generell auf die sta-
tische Analyse von Textstrukturen und -relationen fixiert war, die mit
immer feiner geschliffenen Sezierungsinstrumenten durchgeführt wurde,
wird nun bei Stolze der Zugriff des Translators auf diese Texte betont,
wie dieser an den betreffenden Text herangeht und worauf er beim trans-
latologischen Handeln zu achten hat, damit er eine verantwortungsvolle,
angemessene Übersetzung vorlegen kann. So spricht Stolze etwa nicht
mehr von einem Übersetzungsmodell, sondern von einem herme-
neutischen Entwurf, nicht mehr von Analyse, sondern von Dialog mit
dem zu übersetzenden Text, nicht mehr von Transfer von einer Sprache
in eine andere, sondern vom Präsentieren, nicht mehr von Text, son-
dern von Mitteilung, nicht mehr von Methodik des Übersetzens, son-
dern von einer Orientierung des Translators. Diese prozessorientierte
Auffassung vom Übersetzen als Aufgabenstellung bedeutet für die Über-
setzungswissenschaft eine Änderung „der Koordinaten vom Statischen
ins Dynamische“ (304).
Ein dritter wichtiger und zugleich überraschender Aspekt in diesem
Band besteht darin, dass Stolze ihre integrative wissenschaftliche Posi-
tion auch mit der folgenden Beobachtung belegt: Ihrer Meinung nach
sind manche der neuesten Ergebnisse der Kognitionsforschung sehr wohl
mit hermeneutischen Grundthesen vereinbar. Der von Hanna Risku20 und

19M. HEIDEGGER, Zur Bestimmung der Philosophie, GA 56/57, Frankfurt am Main:


Klostermann, 1987.
HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS 345

Marianne Garre21 angedeutete Gedanke einer möglichen Annäherung


zwischen hermeneutischen Fragestellungen und empirischen Befunden
der Kognitionsforschung und insbesondere der sogenannten situated
cognition wird von Stolze weiterentwickelt. Ein einziges Beispiel sei hier
angeführt: In der neueren Kognitionsforschung wird das Denken nicht
mehr als bloße Informationsverarbeitung aufgefasst, sondern als ein dy-
namisches System, das in ständiger Interaktion mit seiner jeweiligen
Umwelt steht. Die Umgebung einer Person und ihre individuelle Ent-
wicklungsgeschichte werden nun als zu den Denk- und Verhaltens-
prozessen gehörend angesehen, eine Vorstellung, mit der die Hermeneutik
sehr wohl vertraut ist.
Die neue Publikation von R. Stolze lässt sich zusammenfassend als
ein Teil dieses schwierigen und unüblichen Wegs verstehen, den die junge
Übersetzungswissenschaft zurücklegen muss, um sich ausgehend von
den vielen Teilen, d. h. von den bereits unüberschaubaren Überset-
zungstheorien, als eine einheitliche Wissenschaft konstituieren zu kön-
nen, während der übliche Weg der Wissenschaften ja die Zerlegung eines
Ganzen in immer ausdifferenziertere Teile bedeutet und in immer spezia-
lisiertere Wissenschaftszweige führt. Stolze vertritt die Meinung, dieses
Ganze der Übersetzungswissenschaft sei die hermeneutische Erfahrung,
die diese heterogene Erscheinung zu einem ganzen, einheitlichen We-
sen werden lässt und zugleich ihren unhintergehbaren Kern ausmacht,
solange anerkannt wird, dass die Translation eine humanbestimmte Akti-
vität ist und die Hermeneutik Dimensionen des Menschen aufschließt,
die in anderen wissenschaftlichen Richtungen ausgeblendet bleiben.
An der soliden, durchaus verdichteten Argumentation R. Stolzes wäre
vielleicht einzuwenden, dass sie sich auf die übersetzungstheoretischen
Beiträge der im Dienste ihrer Argumentation gestellten Klassiker der
Hermeneutik selbst nicht systematisch bezieht. Die Beiträge von Heideg-
ger, Betti, Gadamer und Ricœur zum Problem des Übersetzens werden
von ihr nicht verwertet. In diesem Punkt erachte ich die Abhandlungen
von Miles Groth und Claudia Heilmann-Sennhenn als eine notwendi-
ge Ergänzung zur grundlegenden Arbeit von Radegundis Stolze.

20 H. RISKU, Translatorische Kompetenz: kognitive Grundlagen des Übersetzens als


Expertentätigkeit, Tübingen: Stauffenburg, 1998.
21 M. GARRE, Human rights in translation: legal concepts in different languages,

Copenhagen: Copenhagen Business School Press, 1999.


346 LARISA CERCEL

3. Martin Heideggers Philosophie der Übersetzung

Miles Groth, Psychologieprofessor an Warner College in New York


City und Verfasser weiterer zwei Bände über Heidegger22 liefert eine her-
vorragende Sammelarbeit der heideggerschen Aussagen zum Übersetzen.
Bekanntlich hat Heidegger dieser Thematik keinen speziellen Text gewid-
met, vielmehr sind seine Stellungnahmen dazu seinem großangelegten
Werk verstreut. Es ist zum ersten Mal, dass diese Problematik über einen
so umfassenden Zeitraum (1915-1969) chronologisch verfolgt und der
Versuch unternommen wird, auf Grund dieser disparaten Äußerungen
die heideggersche Philosophie der Übersetzung in ihrem vollen Um-
fang, nicht nur in deren Teilaspekten auszuloten.
Der Anstoß zu diesem Unterfangen kam von der Beobachtung, dass
Heidegger im englischsprachigen Raum sich immer noch keiner ihm
gebührenden Rezeption erfreut. Im ersten Teil des Bandes („Early Trans-
lations of Fundamental Words“) geht Miles Groth der Ursache für diese
gescheiterte Aufnahme Heideggers nach, und die sieht er in der nicht stim-
migen englischen Übersetzung seiner Grundbegriffe: Sein, Seiendes, Da-
sein, Existenz. Dabei untersucht er nicht alle, sondern nur die frühen
Übersetzungen Heideggers sowie die frühen kritischen Stellungnahmen
zu seinem Werk, die ebenfalls maßgeblich zur Verwirrung, wenn nicht
sogar die Voraussetzungen für eine Hostilität gegenüber seiner Philoso-
phie geschaffen haben.
Das erste Kapitel („Mistranslations in the Early Critical Literature“)
bietet eine chronologische Darstellung der 1929-1949 erschienenen en-
glischsprachigen Literatur zu Heidegger. Angefangen bei der Besprechung
von Sein und Zeit, die Gilbert Ryle 1929 in der prestigeträchtigen
Zeitschrift Mind veröffentlichte, über mehr oder weniger anvisierte
Berichte von Heideggers Studenten über dessen Lehrtätigkeit in Freiburg
bis hin zu kompetente Aufsätze von Sachkennern wie etwa Karl Löwith
oder Hannah Arendt – erwiesen sich all diese Stellungnahmen zu Hei-
degger als bedürftig im Hinblick auf die Übertragung der heideggerschen
Grundkonzepte ins Englische.
Auch die Erscheinung des ersten Heidegger-Bandes auf Englisch –
Existence and Being, 1949 – scheint nicht viel an der misslungenen Rezep-
tion Heideggers zu ändern. Miles Groth bespricht ausführlich im zwei-
ten Kapitel („The First Heidegger in English“) die translatologischen
Entscheidungen der drei verschiedenen Übersetzer Douglas Scott, R.

22 M. GROTH, Preparatory Thinking in Heidegger’s Teaching, New York: Philo-


sophical Library, 1987 und DERS., The Voice That Thinks: Heidegger Studies, Green-
burg, Pa.: Eadmer Press, 1997.
HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS 347

F. C. Hull und Alan Crick sowie des Herausgebers Werner Brock, der
den Band mit einer umfangreichen Studie einleitete. Merkwürdigerweise
halten sich Übersetzer und Herausgeber nicht an dieselben Überset-
zungslösungen, so dass der terminologische Wirrwarr den Leser nur
noch konfuser macht.
Dabei vertritt Miles Groth die Meinung – und das ist die Haupt-
these seiner Studie –, dass die Schwierigkeit der Übertragungen von
Heideggers Schriften in eine Fremdsprache nicht in der sprichwörtlich
gewordenen Komplexität seiner Sprache besteht. Benötigt wird hier eine
andersartige Annäherung an den Übersetzungsvorgang, die Heidegger
selbst in seinen Übertragungen aus dem Griechischen liefert, und d.i.:
„For Heidegger, translating was not at all a matter of words, but of ways
of thinking.“ (108) So zeichnet sich der Ausweg aus der bisherigen um-
strittenen Umsetzung der heideggerschen Philosophie ins Englische aus:
„The ,improvement‘ of Heidegger translations has to do with gaining
acces to his thought, not finding the right English words to stand in
for his German terms.“ (108)
Der wesentliche Beitrag zur Heidegger-Forschung liefert Miles Groth
m. E. im dritten Kapitel seines Bandes („Elements of a Theory of Trans-
lation“), wo er die heideggersche Philosophie des Übersetzens nachzu-
zeichnen versucht. Wie schon angeführt, erfolgt diese sowohl geschichtliche
als auch systematische Rekonstruktion der inneren, organisch ver-
laufenden Entwicklung der Auffassung Heideggers vom Übersetzen über
den bisher umfassendsten untersuchten Zeitraum. Strukturanlog zum
ersten Teil werden diejenigen Texte Heideggers vorgeführt, in denen der
Rekurs auf die Übersetzungsproblematik präsent ist, und zwar von sei-
ner Habilitationsschrift Die Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns
Scotus (1915) bis hin zu einer Notiz Heideggers zum 1969 von Albert
Borgmann gehaltenen Vortrag „Heidegger and Eastern Thought“.
Die Untersuchung Groths besticht insbesondere durch drei Aspekte.
Erstens, durch seine provokative These, dass das Übersetzen den heim-
lichen, doch unverkennbaren Kern des heideggerschen Denkens ausmacht,
wobei seine Philosophie als ein ständiges Bemühen um die adäquate Über-
tragung der klassischen griechischen Denkinhalte in die Sprache der Mo-
derne gilt. Die unangemessene Übersetzung der Griechen zunächst ins
Latein und nachträglich in die europäischen Sprachen sei der Grund
dafür, dass der Zugang zum authentischen griechischen Denken zwei
Jahrtausende lang versperrt blieb. Zweitens überzeugt Groth durch seine
Fähigkeit, die Transformationen und die allmähliche Raffinierung des
heideggerschen Begriffs der Übersetzung an Hand von präzisen Text-
analysen aufzuweisen. Im Laufe der Zeit „the meaning of translating
348 LARISA CERCEL

changed from (1) reading a text written in one language in the vocabu-
lary of another language (literary translation), to (2) interpreting a text
(hermeneutics), to (3) moving from thought to word as a response to be[-
ing]“ (121). Drittens kommt Groth ein Verdienst durch die gründliche
Aufarbeitung der Konstitutivmomente einer heideggerschen Philosophie
vom Übersetzen zu. Bei Heidegger steht die Übersetzungsproblematik
in engem Zusammenhang mit den Phänomenen der Sprache und des
Denkens, wobei das Übersetzen Zugang zu einer sprachlich vermittelten
Denkerfahrung verschafft. Eine solche Übersetzung, sei sie intra- oder
interlingual, ist immer Auslegung. Wesentlich beim Übersetzen ist nicht
eine perfekte Übertragungstechnik, sondern die rezeptive Offenheit des
Translators für den andersartigen Denkweg des zu übersetzenden Au-
tors. Heidegger meint, die Philosophie jedes großen Denkers konzentriert
sich auf ein Grundwort, worauf er immer wieder in seinen Reflexionen
zurück kommt. Die Aufgabe des Übersetzers besteht darin, dieses eine
Wort zu identifizieren und es adäquat zu vermitteln. Diese Wortzen-
triertheit Heideggers ergibt auch weitere Konsequenzen für seine Über-
setzungspraxis, die Groth unter der Bezeichnung paratactic method
subsumiert und forlgendermaßen definiert: „Heidegger’s translation
practice, which is determined by his philosophy of translation, is char-
acterized by a procedure that works paratactically, word by word, rather
than syntactically, by way of analysis of propositions.” (165) Eine aus-
führliche Darstellung dieser übersetzerischen Praxis wird im vierten
Kapitel der Studie geboten, in dem der Schwerpunkt von Heideggers
Übersetzung des Parmenides, Fragment VI ausgemacht wird. Heideg-
ger wird darin sozusagen „bei der Arbeit“ beobachtet, um seine Auf-
fassung vom Übersetzen anschaulicher zu machen.
Abschließend lässt sich bemerken, dass Groths Studie aufgrund der
reflektierten Aufbereitung der Materialien zur heideggerschen Auffassung
vom Übersetzen klarerweise die Basis für eine gründliche Auseinader-
setzung mit dieser Thematik bereitstellt. Der Hinweis Groths auf methodo-
logische Aspekte des Übersetzens bieten bei weitem einen Ansatzpunkt
für eine konkrete Anwendung bzw. Nutzbarmachung der Gedanken Hei-
deggers für die hermeneutische Übersetzungswissenschaft, die bisher
den Eindruck vermittelt hat, dass sie die Überlegungen Heideggers zum
Übersetzen als allzu abstrakt und ohne Anwendungsmöglichkeit be-
trachtet. Die Etikettierung dieser Reflexionen als existentiales Deuten,
folglich als einen Übersetzungsbegriff, der sich allzu sehr von der Über-
setzungspraxis entfernt, bietet mit einen Grund für eine klare Scheu der
Übersetzungswissenschaft gegenüber der heideggerschen Philosophie
des Übersetzens. Miles Groth verhilft ihr dazu, eine entgegenkommende
Gestalt anzunehmen.
HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS 349

4. Hans-Georg Gadamers Auffassung vom Übersetzen

Die Arbeit von Claudia Heilmann-Sennhenn ist eine Dissertation, die


sie 1999 der Neuphilologischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg vorgelegt hat. Der Untertitel des Buches verweist ausführlich
auf seine Intention, nämlich Gadamers Übersetzungstheorie vor dem Hin-
tergrund der heideggerschen Fundamentalontologie aufzuarbeiten, so dass
der Leser im Endeffekt „ein philosophisch-hermeneutisches Gesamt-
bild des Übersetzens“ (6) vor Augen geführt bekommt. Und das wird
ihm in der minuziösen Untersuchung Heilmann-Sennhenns tatsächlich
zuteil.
Die absolute Neuheit der zur Debatte stehenden Arbeit lässt sich unter
zwei Aspekten betrachten: Zum einen liefert sie m. W. den ersten Ver-
such, die in Gadamers umfangreichem Gesamtwerk verstreuten Gedanken
zum Übersetzen zusammenzuführen und zu systematisieren. Im Un-
terschied zu Heidegger, dessen Übersetzungsphilosophie reichlich in Stu-
dien und Aufsätzen thematisiert wurde, erfreute sich Gadamers Auffassung
vom Übersetzen außer den knappen Hinweisen von Jean Grondin23 auf
die Bedeutung dieser Problematik bei Gadamer keiner Beachtung in der
Sekundärliteratur. Zum anderen geht die Verfasserin noch einen Schritt
weiter und verwertet dieses Material für die Translationswissenschaft,
indem sie Perspektiven einer von Gadamer ausgehenden Überset-
zungsforschung eröffnet, was die Untersuchung von Claudia Heilmann-
Sennhenn nur noch attraktiver für Übersetzungswissenschaftler macht.
Auf die ersten Kapitel des Buches, die dem Verstehen im intralin-
gualen Bereich bei Heidegger und Gadamer gewidmet sind, werde ich
hier nicht eingehen. Es sei nur kurz angemerkt, dass Kapitel 6 („Be-
dingung und Möglichkeit des Übersetzens in Heideggers Perspektive“)
sich als eine lohnende Ergänzung zu Groths Studie lesen lässt. Im Fol-
genden werde ich mich auf den Problemkreis des interlingualen Ver-
stehens, d.i. des Übersetzens im engeren Sinn bei Gadamer konzentrieren.
Ohne jeden Zweifel misst Gadamer der Übersetzungsfrage eine große
Bedeutung bei, wenn er schreibt: „Der Vorgang des Übersetzens schließt
im Grunde das ganze Geheimnis menschlicher Weltverständigung und
gesellschaftlicher Kommunikation ein.“24 Die Basis für seine Gedanken
zum Problem des Übersetzens bilden folglich seine Überlegungen zur

23 J. GRONDIN, „Die hermeneutische Dimension der Übersetzung“, in: A. P. FRANK,

K.-J. MAASS, F. PAUL, H. TURK (Hg.): Übersetzen, verstehen, Brücken bauen, Berlin:
Erich Schmidt, 1993, S. 151-157 und DERS., Einführung zu Gadamer, Tübingen: Mohr
Siebeck, 2000.
24 H.-G. GADAMER, „Wie weit schreibt Sprache das Denken vor?“ (1972), in: GW

2, S. 205.
350 LARISA CERCEL

zwischenmenschlichen Kommunikation und zum menschlichen Verste-


hen, das ebenfalls wie bei Heidegger als die ursprüngliche Vollzugsform
des Daseins angesehen wird und im Gesamtkontext der gadamerschen Auf-
fassung von Sprache, Mensch und Welt situiert werden soll.
Die zentrale Frage in den Ausführungen Gadamers betrifft das Wie
des Übersetzens, die Art und Weise, wie es sich ereignet, seine Pro-
zesshaftigkeit. Übersetzen ist ein Vollzug und die resultierende Über-
setzung steht in einer dynamischen komplexen Beziehung zum
Original. Textverstehen und damit auch Textübersetzen sind ihrem We-
sen nach vorläufig und bedingt: Vorläufig dadurch, dass eine Überset-
zung „eine Phase im Verständigungsgeschehen“25 ist, bedingt vor allem
durch textübergreifende Elemente. Eine Grundvoraussetzung jeglichen
Verstehens und Übersetzens ist bei ihm das Prinzip der Wirkungsge-
schichte. Übersetzen fördert eine Tradition zutage, weil es sich in der
Auslegung des bereits Verstandenen abspielt und in einen Verstehens-
zusammenhang einrückt.
Konstitutivmomente des „hermeneutisch bewussten Übersetzens“
sind des Weiteren die Interpretation und die Applikation. Für den Über-
setzer heißt es, dass er sich seiner eigenen hermeneutischen Situation
bewusst werden muss, damit es klar wird, unter welchen Bedingungen
die von ihm vertretene Interpretation steht. Erst die Erhellung des eige-
nen Rezeptionshorizonts – der geschichtlichen, gesellschaftlichen und
individuellen Situation – macht die Vorurteilshaftigkeit einer jeden
Interpretation deutlich. In engem Zusammenhang mit der Applika-
tionsproblematik steht der Gedanke der Treue in Bezug auf den zu über-
setzenden Text, die die Hermeneutik als „Sachtreue bei Kontexttreue
fordert, und zwar unter starker Betonung des produktiven Aspekts,
ohne welchen der Textverstehensprozess, der im ganzen Treue als
Teilhabe einfordern mag, nicht fortgeführt wird“ (226). Demnach ist
hermeneutisch gesehen die absolute Treue zum Originaltext nicht aus-
schlaggebend und nicht als höchstes Gebot anzusehen. Wirkungs-
geschichtlich können „freie“ Übersetzungen überaus von Bedeutung
sein.
So ist hier anzumerken, dass die Beziehung zwischen Übersetzer und
Originaltext für Gadamer die Gestalt der Relation zwischen Ich und Du
einnimmt, die ins Gespräch kommen sollen. Die Fremdheit, die der Über-
setzer im Text spürt, wird durch die Aneignung dieses Fremden in das
Eigene überwunden, so dass man zu einer Horizontverschmelzung kommt.
Der Übersetzer ist also mit daran beteiligt. Sein Wirken besteht nicht
nur im bloßen Reproduzieren, sondern in der Auslegung des Aus-

25 H.-G. GADAMER, „Text und Interpretation“ (1983), in: GW 2, S. 341.


HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS 351

gangstextes. Von horizontverschmelzendem Übersetzen spricht


Gadamer auch im Hinblick auf die Relation zwischen Originaltext –
den Heilmann-Sennhenn in ihrer Studie adäquater Initialtext nennen
möchte – und Translat. Die übliche Textfixierung von zahlreichen vor
allem sprachwissenschaftlich geprägten Übersetzungstheorien soll zu
einem Übersetzer, Ausgangs- und Zieltext übergreifenden „dialogischen
Zusammenspiel im umfassenden sprachlich-, wirkungsgeschichtlichen,
lebensweltlichen Kontext“ (211) heranwachsen.
Die Eckpunkte der Übersetzungsauffassung Gadamers, die ich hier
allerdings nur als einen allgemeinen Diskussionsrahmen anskizziert habe,
werden dann anhand des sogenannten „eminenten Übersetzens“ von
Literatur im 8. Kapitel der Untersuchung verfolgt. Bei Gadamer hat Lite-
ratur wegen ihrer hohen sprachlich-ästhetischen Ansprüche und ihrer
Vielschichtigkeit exemplarischen Charakter und stellt für jeden Über-
setzer eine Herausforderung dar. Von ihrer Komplexität ausgehend stellt
sich im Falle von literarischen und insbesondere von dichterischen Werken
die Frage nach der Übersetzbarkeit bzw. Unübersetzbarkeit solcher Texte,
wobei die Verfasserin hier die Problematik zwischen sprachlich und sub-
jektiv bedingtem Scheitern einer Übersetzung unterscheiden möchte.
Schließlich werden in einem applikativen Teil gadamersche grundlegende
hermeneutische Übersetzungsprämissen anhand des Sonetts LX von
Shakespeare und seiner Übersetzung durch Celan verfolgt – ein für
Übersetzungswissenschaftler hoch interessanter und anregender Abschnitt.
Besonders aufschlussreich ist aber für Übersetzungstheoretiker das
letzte Kapitel der Studie, die Perspektiven für eine Verwertung der
Vorstellungen Gadamers für die Übersetzungsforschung eröffnet, so dass
die angeklagte Nichtanwendbarkeit philosophisch-hermeneutischer
Überlegungen zum Übersetzen hier überwunden wird. Ansätze dafür
bieten etwa eine hermeneutische Betrachtung des Verstehens und Über-
setzens als lebendigen Vollzugs, die Notwendigkeit eines ganzheitlich
gerichteten Blicks auf den jeweilig zu übersetzenden Text, der ein
möglichst adäquates Verstehen des Textsinnpotentials im gegebenen
Kontext fördern soll, das Aufzeigen der Bedingungen, unter denen eine
Übersetzung steht, das Verhältnis der Übersetzung zu Originaltext und
Wirkungsgeschichte.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Studie von Clau-
dia Heilmann-Sennhenn in mehrfacher Hinsicht Neuland beschritten hat:
Sie hat als erste die Übersetzungsauffassung Gadamers dokumentiert, sie
genetisch in ihrem Bezug zur Fundamentalontologie Heideggers erörtert
und die Voraussetzungen für ihre Anwendung in der Übersetzungs-
forschung geschaffen. Damit hat sie eine speziell für eine hermeneu-
tikbasierte Annäherung an den Übersetzungsakt eine hoch profitable
352 LARISA CERCEL

Arbeit geleistet und auch allgemein die Übersetzungsforschung durch


Erschließung von neuen, aufschlussreichen Dimensionen vorangebracht.

5. Perspektiven einer Hermeneutik des Übersetzens

Im vorliegenden Aufsatz habe ich versucht, anhand von drei neuer-


lich erschienenen Veröffentlichungen die Problematik des Übersetzens
aus zwei Perspektiven darzulegen: aus der Sicht der hermeneutischen
Übersetzungswissenschaft und derjenigen der hermeneutischen Philoso-
phie. R. Stolzes Abhandlung Hermeneutik und Translation kann mit
Recht den Anspruch erheben, die erste systematische zusammenhän-
gende hermeneutische Theorie des Übersetzens, allerdings unter
Berücksichtigung übersetzungs- und sprachwissenschaftlicher Aspekte,
vorgelegt zu haben. Die Studien von Miles Groth und Claudia Heilmann-
Sennhenn haben den Verdienst, zwei wichtige Beiträge der philoso-
phischen Hermeneutik – vertreten durch Heidegger und Gadamer – zum
Übersetzen zu systematisieren. Als ein Desiderat der künftigen
Forschung kann dann die Rekonstruktion und Auswertung der Über-
setzungsauffassungen weiterer Vertreter der Hermeneutik wie Friedrich
Schleiermacher26, Emilio Betti und Paul Ricœur27 sowie hermeneutisch
argumentierender Übersetzungsforscher wie Antoine Bermann, Henri
Meschonnic, Jean-René Ladmiral und Fritz Paepcke oder Literatur-
wissenschaftler mit einem ebenfalls hermeneutischen Hintergrund wie
Rudolf Kloepfer und George Steiner28 angesehen werden.
Die im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes besprochenen Beiträge
machen deutlich, dass sie bei aller Identität des Forschungsbereichs –
des hermeneutischen Übersetzens – doch Unterschiede in ihrem Aus-
gangspunkt und in ihren Perspektiven aufweisen. Die hermeneutische Über-
setzungswissenschaft geht primär vom konkreten Übersetzungsvorgang

26 Ein Versuch, Schleiermachers Übersetzungstheorie für die heutige Überset-


zungswissenschaft aufzuwerten, wurde unternommen von I. RÜBBERDT / H. SALEVSKY,
„New ideas from historical concepts: Schleiermacher and modern translation theory“,
in: M. SNELL-HORNBY ET AL. (ed.), Translation as intercultural communication, Am-
sterdam / Philadelphia: John Benjamins Publishing Company, 1995, S. 301- 312. Schleier-
machers Übersetzungstheorie wird auch von A. NICOLETTI in ihrer Arbeit Übersetzung
als Auslegung in Goethes „West-östlichem Divan“: im Kontext frühromantischer Über-
setzungstheorie und Hermeneutik, Tübingen / Basel: Francke, 2002 besprochen.
27 Als Diskussionsbasis könnte der Band von P. RICŒUR, De la traduction, Paris:

Bayard, 2004 gelten.


28 Vor kurzem hat S. MATSUDO-KILIANI in ihrer Heidelberger Dissertation Sprache

– Verstehen – Übersetzen. Der Übersetzungsbegriff George Steiners, Norderstedt:


Books on Demand, 2004 einen ersten Versuch gemacht, Steiners Übersetzungsauffas-
sung systematisch darzustellen.
HERMENEUTIK DES ÜBERSETZENS 353

aus und ist darum bemüht, eine zuverlässige Methodik auszuarbeiten,


während die philosophische Hermeneutik durch Heidegger und Gadamer
eine Ontologisierung des Übersetzungsaktes vornimmt und weder eine
Methodik noch Kriterien für eine Übersetzungskritik vorliegt und auch
nicht anstrebt. Damit sind die Voraussetzungen für ein gegenseitiges Miss-
trauen praktisch schon vorgegeben und führen dazu, dass die beiden
genannten Akteure sich respektvoll, doch zurückhaltend zueinander ver-
halten. Das hat konkret zur Folge, dass etwa R. Stolze keinen Bezug auf
die Übersetzungsauffassungen von Heidegger oder Gadamer nimmt,
Miles Groth so gut wie niemals hermeneutische übersetzungswissenschaft-
liche Literatur verwertet, obwohl manche Titel in seiner Bibliographie
präsent sind, während Heilmann-Sennhenn doch einen weiteren Schritt
macht und kurz Stolze und Paepcke in ihren Erörterungen anführt.
Zu den künftigen Aufgaben einer Hermeneutik des Übersetzens
gehört meines Erachtens noch zweierlei: die Anstellung eines Dialogs
zwischen den Diskursfeldern der hermeneutischen Übersetzungswissen-
schaft und der hermeneutischen Philosophie zum Thema Übersetzen
sowie die Ausarbeitung einer integrativen hermeneutischen Auffassung
vom Übersetzen, die die bislang disparaten Forschungsergebnisse sum-
mieren sollte. Die Bedingung der Möglichkeit eines solchen Dialogs ist
meiner Meinung nach die Untersuchung der begrifflichen Grundlagen
der Diskussion. So ist es zunächst einmal geboten, die Hauptbegriffe des
übersetzungsrelevanten hermeneutischen Forschungsfeldes – Begriffe
allgemeiner Art wie Übersetzen, Auslegung, Interpretation, Deutung,
Verstehen – und für jeden Autor spezifische Begriffe29 auf ihren Inhalt
hin zu hinterfragen. Im Anschluss an diese begriffliche Untersuchung
sollte dann der geometrische Punkt der bestehenden hermeneutischen
Ansätze in Form einer wenn möglich einheitlichen, die noch disparaten
Forschungsergebnisse der zwei Disziplinen summierenden hermeneutischen
Auffassung vom Übersetzen aufgearbeitet werden. Nur darauf aufbauend
lässt sich der Abstand zwischen dem „übersetzungspraktischen Tun“ der
Übersetzungswissenschaft und dem „übersetzungstheoretischen Denken“
(A. Hirsch) der Philosophie überbrücken und die Möglichkeit ihrer An-
näherung verwirklichen.

29 Es geht um Begriffe wie Individualität, Übersummativität und Multiperspekti-

vität bei Fr. Paepcke, Intuition, Autopoiese, Evidenz, Solidarität und Identifikation mit
der Mitteilung bei R. Stolze, réécriture, praxéologie herméneutique, den Gegensatz zwi-
schen sourcier und cibliste bei J.-R. Ladmiral, Verfremdung, Entfremdung bei Fr.
Schleiermacher, hermeneutischer Zirkel, hermeneutische Intuition, Hermeneutik der
Faktizität, hermeneutische Phänomenologie bei M. Heidegger, Wirkungsgeschichte,
Horizontverschmelzung, philosophische Hermeneutik, Applikation bei H.-G.
Gadamer und reproduktive Interpretation bei E. Betti.