Sie sind auf Seite 1von 20

Christiane Nord

Fertigkeit Übersetzen
Ein Selbstlernkurs zum
Übersetzenlernen und Übersetzenlehren

Editorial Club Universitario


Alicante 2002
Título: Fertigkeit ÜBersetzen

Autora: © Christiane Nord

I.S.B.N.: 84-8454-210-6
Depósito legal: A-877-2002

Edita: Editorial Club Universitario


www.ecu.fm

Printed in Spain
Imprime: Imprenta Gamma Telf.: 965 67 19 87
C/. Cottolengo, 25 - San Vicente (Alicante)
www.gamma.fm
gamma@gamma.fm

Reservados todos los derechos. Ni la totalidad ni parte de este libro puede reproducirse o transmitirse
por ningún procedimiento electrónico o mecánico, incluyendo fotocopia, grabación magnética o
cualquier almacenamiento de información o sistema de reproducción, sin permiso previo y por escrito
de los titulares del Copyright.
i

Inhalt
Vorwort .......................................................................................................... iii
Einleitung ..........................................................................................................1
1 Was ist denn eigentlich Übersetzen?......................................................4
1.1 Zuerst ein bisschen Sprachkunde ..............................................................4
1.2 Wo begegnet uns Übersetzen? ..................................................................5
1.3 Übersetzen ist nicht gleich Übersetzen......................................................6
1.4 Wer fertigt Übersetzungen an?..................................................................8
1.5 Exkurs: Was sagt die Übersetzungswissenschaft zu ihrem Gegenstand?...8
2 Was passiert beim Übersetzen?............................................................12
2.1 Zuerst noch ein bisschen Selbstbeobachtung.......................................... 12
2.2 Exkurs: Theoretische Modelle des Übersetzungsprozesses .................... 14
2.2.1 Linguistische Modelle des Übersetzungsprozesses ........................14
2.2.2 Kommunikationstheoretische Modelle des Übersetzungsprozesses15
2.2.3 Funktionale Modelle des Übersetzungsprozesses..........................16
2.2.4 Handlungstheoretische Modelle des Übersetzungsprozesses.........17
2.2.5 Psycholinguistische Modelle des Übersetzungsprozesses..............18
2.3 Phasen des Übersetzungsprozesses .........................................................20
2.4 Exkurs: Textfunktionsmodelle .................................................................21
2.4.1 Karl Bühler und das Organonmodell ............................................22
2.4.2 Roman Jakobsons funktionales Kommunikationsmodell................23
2.4.3 Ein übersetzungsdidaktisches 4-Funktionen-Modell .....................25
2.5 Der Übersetzungsauftrag.........................................................................28
2.5.1 Textfunktionen und Übersetzungsfunktionen................................29
2.5.2 Was müssen wir über den Übersetzungsauftrag wissen? ...............34
2.5.3 Was sagt uns der Übersetzungsauftrag? ........................................36
2.6 Übersetzungsrelevante Textanalyse ........................................................38
2.6.1 Das Textmaterial ..........................................................................39
2.6.2 Erste Analyseschritte am Puddingtopf...........................................41
2.6.3 Textanalyse systematisch ..............................................................48
2.6.4 TEST: Woran erkennt man die Funktion? .....................................55
2.7 Vom Ausgangstext zum Zieltext: Transferleistungen..............................57
2.7.1 Das “Hürdenmodell” des Übersetzens...........................................58
2.7.2 Übersetzungsstrategie ...................................................................60
2.7.3 Übersetzungsprobleme - Übersetzungsschwierigkeiten.................62
2.7.4 Übersetzerische Hilfsmittel ...........................................................66
2.8 Noch mehr Selbstbeobachtung ...............................................................71
2.8.1 Hier kommt der Auftrag................................................................71
2.8.2 Ihre Übersetzung...........................................................................73
2.9 Zusammenfassung ..................................................................................74
ii Fertigkeit Übersetzen

3 Was ist Übersetzungskompetenz?........................................................74


3.1 Zuerst ein bißchen Brainstorming ...........................................................75
3.2 Noch ein Modell ....................................................................................75
3.3 Exkurs: Übersetzungskompetenz theoretisch...........................................80
3.3.1 Übersetzungskompetenz als Fähigkeit, Wissen einzusetzen ...........80
3.3.2 Übersetzungskompetenz als interkulturelle Kompetenz .................81
3.3.3 Übersetzungskompetenz als Textverarbeitungskompetenz.............82
3.3.4 Übersetzungskompetenz als Fähigkeit zur Analogiebildung..........83
3.3.5 Übersetzungskompetenz als eigenständige Kompetenz..................83
3.4 Erwerb der Übersetzungskompetenz .......................................................85
3.4.1 Übersetzen im Fremdsprachenunterricht .......................................85
3.4.2 Übersetzen als fünfte Fertigkeit.....................................................88
3.4.3 Übersetzen als professionelle Tätigkeit .........................................92
4 Wie vermittelt man Übersetzungskompetenz?....................................93
4.1 Vorbemerkungen ...................................................................................93
4.1.1 Im Anfang war der Frust ..............................................................93
4.1.2 Grundprinzipien des Übersetzungsunterrichts ..............................96
4.1.3 Eignungsfeststellungen .................................................................97
4.2 Curriculum..................................................................................................98
4.2.1 Übersetzungspropädeutik..............................................................99
4.2.2 Einführung in das Übersetzen .....................................................105
4.2.3 Übersetzen für Fortgeschrittene ..................................................107
4.3 Unterrichtsmittel und Unterrichtsgestaltung..............................................107
4.3.1 Auswahl von Texten und Unterrichtsmaterial .............................108
4.3.2 Didaktisierung einer Übersetzungsaufgabe .................................114
4.3.3 Die Sprach- und Übersetzungskartei als Lehr- und Lernmittel ....116
4.3.4 Arbeitsformen im Übersetzungsunterricht...................................122
4.4 Leistungskontrolle und Leistungsbewertung .............................................128
4.4.1 Was ist ein Übersetzungsfehler? .................................................128
4.4.2 Kategorisierung der Übersetzungsfehler .....................................130
4.4.3 Gewichtung der Übersetzungsfehler............................................130
4.4.4 Aus Fehlern lernen!.....................................................................132
5 Jetzt wird’s ernst - Unterrichtseinheit Übersetzen ...........................134
5.1 Lernzielbestimmung .............................................................................134
5.2 Textauswahl..........................................................................................135
5.3 Didaktisierung und Aufgabenstellung...................................................136
5.4 Arbeitsplan ...........................................................................................138
5.5 Evaluierung...........................................................................................140
6 Schlussbetrachtung.............................................................................141
7 Lösungsschlüssel .................................................................................144
8 Glossar übersetzungsmethodischer Termini.....................................168
9 Bibliographie.......................................................................................175
iii

Vorwort

Das vorliegende Buch wurde ursprünglich im Auftrag des Goethe-Instituts ver-


fasst und sollte als Fernstudienbrief in einer Reihe mit anderen Fernstudienbrie-
fen zum Thema Deutsch als Fremdsprache veröffentlicht und zunächst für ein
spanisch- und italienischsprachiges Zielpublikum “regionalisiert”, das heißt: für
diese speziell sprachlich und kulturell adaptiert, werden. Eine zu diesem Zweck
1999 angefertigte vorläufige deutsche Fassung wurde in vielen Ländern gelesen
und im Unterricht sowie im Selbststudium erprobt. Positive Rückmeldungen
kamen vor allem aus Spanien, aus Lateinamerika, aber auch aus Indonesien, In-
dien und Südafrika. Die allerorten waltenden Sparzwänge führten dann dazu,
dass das Goethe-Institut auf eine Veröffentlichung als Studienbrief verzichtete,
weil, wie man sagte, das Übersetzen ja nicht zum “Kerngeschäft” dieser Institu-
tion gehöre. Immerhin erhielt ich schließlich meine Autorenrechte an dem Text
zurück, sodass ich mich um eine Veröffentlichung in anderem Rahmen küm-
mern konnte.
Nun ist jedoch ein Studienbrief eine eigene Textsorte, die nicht ohne weiteres in
ein Programm aus Monografien oder anderen Fachbüchern passt. Da der Text
jedoch andererseits zur Zufriedenheit mehrerer Studierendengenerationen an der
Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) und anderswo eingesetzt worden war, ent-
schloss ich mich zu einer Publikation in fast unveränderter Form, also als inter-
aktiver Kurs zum Selbststudium und zur Unterstützung einführender Vorlesun-
gen im Bereich der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung sowie für Deutsch-
lehrende im In- und Ausland, die – häufig ohne irgendeine Anleitung – im oder
neben dem Deutschunterricht auch Übersetzungsunterricht erteilen (müssen).
Das sind zwei Adressatenkreise, die wenig Überschneidungen aufweisen. Den-
noch bin ich der Meinung, dass für beide in diesem Buch eine Menge nützlicher
Informationen zu finden sind, und ich hoffe, der Erfolg gibt mir irgendwann
Recht. Ganz herzlich gedankt sei an dieser Stelle meiner Kollegin und Freundin
Irene Prüfer, Universität Alicante, durch deren Vermittlung und tätige Hilfe die
Veröffentlichung zu einem für Studierende und Lehrende auch in weniger rei-
chen Ländern erschwinglichen Preis möglich wurde.
Dank gebührt auch den studentischen Benutzerinnen und Benutzern der Erpro-
bungsfassung, die mich auf zahlreiche Druck und Konvertierungsfehler hinwie-
sen, von denen ich ohne ihre Hilfe vermutlich viele nicht gefunden hätte. Alle
Fehler und Unzulänglichkeiten, die noch in dem Buch zu finden sind, gehen
selbstverständlich auf mein Konto. Für Hinweise bin ich dankbar, damit sie nach
und nach alle verschwinden.

Christiane Nord
Magdeburg, im August 2002
Christiane.Nord@Fachkommunikation.HS-Magdeburg.DE
Einleitung 1

Einleitung
Übersetzen lernen ohne Sprachen?
Ein Selbstlernkurs zum Übersetzen – “für welche Sprachen denn?” werden Sie
vielleicht fragen. Kann man denn über das Übersetzen reden, ohne zwei be-
stimmte Sprachen – ein “Sprachenpaar”, wie wir meistens sagen – als bekannt
vorauszusetzen? Da Sie diesen Kurs auf Deutsch lesen, setze ich voraus, dass
Sie Deutsch können (auch wenn es vielleicht nicht Ihre Muttersprache ist) – und
da Sie sich für das Übersetzen interessieren, gehe ich davon aus, dass Sie min-
destens eine weitere Sprache beherrschen. “Beherrschen” heißt nicht nur spre-
chen, lesen, verstehen und schreiben können, sondern auch, über das Funktionie-
ren dieser Sprache Bescheid wissen, zum Beispiel über die Grammatik, über den
Wortschatz, über den Satzbau, über die Schwierigkeiten, die diese Sprache Men-
schen mit anderer Muttersprache bietet (das nennen wir “metasprachliches Wis-
sen”*.
Vielleicht entscheiden Sie sich an dieser Stelle bereits einmal, welches diese an-
dere Sprache für Sie sein soll.
Meine Sprachen sind Deutsch und

Sie können diese Entscheidung später natürlich jederzeit rückgängig machen.


Bei der Fertigkeit “Übersetzen” geht es nicht primär um Sprachenpaare, denn
sprachliche Kenntnisse und die Beherrschung sprachlicher Fertigkeiten sind die
Voraussetzung für den Erwerb übersetzerischer Kompetenz (siehe Kapitel 3),
nicht Bestandteil derselben. Das haben Sie sicher schon selbst festgestellt: Wenn
Menschen zwei Sprachen gut beherrschen (z.B. zweisprachig aufgewachsene
Kinder), dann bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch gut übersetzen kön-
nen. Aber darauf kommen wir später noch öfter zurück.
Was kommt auf Sie zu?
In diesem Selbstlernkurs möchte ich Sie mit einigen theoretischen und methodi-
schen Grundlagen des Übersetzens vertraut machen, die auch für das Überset-
zenlernen und das Übersetzenlehren von Bedeutung sind. Dabei sollen Theorie
und Praxis fruchtbar miteinander verbunden werden – wie bei einem Zopf, der
auch nur hält, wenn die verschiedenen Haarsträhnen abwechselnd verflochten
werden. Theoretische Grundlagen, deren Kenntnis nicht unbedingt notwendig
ist, um der Argumentation folgen zu können, werden als “Exkurse” gekenn-
zeichnet – so kann man sie auch ruhig zuerst einmal überspringen und später
darauf zurück kommen.
Was ist Übersetzen?
Sie alle haben sicherlich schon Erfahrungen mit dem Übersetzen und mit Über-
setzungen gemacht. In Kapitel 1 wollen wir zunächst von diesen Alltagserfah-
rungen ausgehen, damit Sie sich darüber klar werden, was Sie selbst eigentlich
unter “Übersetzung” (bzw. dem entsprechenden Wort in Ihrer Sprache und
2 Fertigkeit Übersetzen

Kultur) verstehen, wo überall uns Übersetzungen im Alltag begegnen und wer


sie anfertigt. Wir stellen fest, dass es verschiedene Formen des Übersetzens gibt,
aus denen wir für unsere Zwecke einige besonders unter die Lupe nehmen wer-
den. In einem ersten Exkurs schauen wir uns an, was die Übersetzungswissen-
schaft zur Frage “Was ist denn eigentlich Übersetzen?” zu sagen hat und was
wir damit anfangen können.
Was passiert beim Übersetzen?
In Kapitel 2 geht es dann um die zentrale Frage, wie so ein Übersetzungspro-
zess abläuft und was alles dazu gehört. Wenn Sie selbst schon einmal etwas
übersetzt haben, können Sie auf Ihre Erfahrungen zurückgreifen. Wenn nicht,
ist Ihre Fantasie gefordert, oder Sie probieren es einfach einmal aus. Auch hier-
über hat sich die Übersetzungswissenschaft natürlich bereits Gedanken gemacht.
Es gibt verschiedene Modelle, von denen ich Ihnen einige vorstellen möchte,
damit Sie sich selbst ein Bild machen können. Am praktischen Textbeispiel
werden wir dann die Phasen des Übersetzungsprozesses, besonders die Text-
analyse- und Textproduktionsphase, sowie die Mittel der Recherche, die dem
Übersetzer zur Verfügung stehen, etwas genauer ansehen. Sie werden auch
selbst übersetzen und dann später Ihre Übersetzungen kritisch begutachten müs-
sen, Wenn Sie sich dabei beobachten, können Sie eine Menge über sich selbst
und über die Vorgänge beim Übersetzen lernen.
Was ist Übersetzungskompetenz?
Nun haben Sie vielleicht schon eher eine Vorstellung davon, was man alles wis-
sen und können muss, um einen Text aus der Sprache A in die Sprache B zu
übersetzen. In Kapitel 3 werden wir uns daher etwas näher mit der so genannten
“Übersetzungskompetenz” beschäftigen. Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten
gehören dazu? Wie und wo (also in welcher Art Unterricht) kann man diese Fä-
higkeiten und Fertigkeiten und das notwendige Wissen erwerben? Ist der
Fremdsprachenunterricht dazu geeignet, diese Fähigkeiten und Fertigkeiten –
oder vielleicht wenigstens einige davon – zu vermitteln oder kann er so gestaltet
werden, dass zumindest die Voraussetzungen für ihren späteren Erwerb entste-
hen? Wie müsste ein Fremdsprachenunterricht aussehen, damit er die Sprach-
Lernenden sinnvoll auf das Übersetzen-Lernen vorbereitet? Hier muss auch un-
terschieden werden zwischen dem Übersetzen als Übungsform im Fremdspra-
chenunterricht und dem Übersetzen als eigenständigem Lehr- und Lernziel.
Wie lehrt man Übersetzen?
In Kapitel 4 soll es um den Aufbau und die Ausgestaltung eines Übersetzungs-
kurses gehen. Wie könnte man – hinreichende Sprach- und Kulturkenntnisse
und eine “übersetzungssensitive” Sprachausbildung, wie in Kapitel 3 diskutiert,
vorausgesetzt – eine Übersetzungskompetenz sinnvoll und systematisch auf-
bauen? Wie könnte eine didaktische Progression im Übersetzungsunterricht
aussehen? Welche Art von Texten sind für die verschiedenen Phasen des Über-
setzenlernens geeignet? Wie bestimmt man den Schwierigkeitsgrad einer Über-
Einleitung 3

setzungsaufgabe? Und schließlich: Wie sind Übersetzungsleistungen im Unter-


richt zu bewerten, damit die Übersetzungskompetenz stetig zunimmt und die
Motivation der Lernenden nicht “baden geht”? Als wichtiges Lehr- und Lern-
mittel im Übersetzungstraining stellen wir die “Integrierte Sprach- und Überset-
zungskartei” (SPÜK) vor.
Probieren geht über Studieren!
In Kapitel 5 wird dann an einem konkreten Beispiel einmal durchgespielt, wie
eine Übersetzungsstunde mit einem deutschen Ausgangstext aussehen könnte –
bis dahin haben Sie hoffentlich schon Lust bekommen, sie an Ihren
Schülerinnen und Schülern auszuprobieren.
Eine kleine Schlussbetrachtung (Kapitel 6) mit einer Empfehlung, wie Sie sich
weiter mit dem hochinteressanten Thema Übersetzen und Übersetzenlernen be-
schäftigen können, rundet das Ganze ab.
Wo sind die Antworten?
In den Kapiteln 1 bis 4 finden Sie an verschiedenen Stellen Aufgaben, die Ihnen
helfen sollen, sich zu bestimmten Fragen Gedanken zu machen oder das bisher
Besprochene in die Praxis umzusetzen. In Kapitel 7 werden Lösungsvorschläge
oder –hinweise angeboten, mit denen Sie Ihre eigenen Lösungen vergleichen
können. Das gilt jedoch nicht für alle Aufgaben. Manchmal geht es ja auch nur
darum, dass Sie über Ihre eigenen Erfahrungen nachdenken sollen. Oder Sie
sollen einen vorgegebenen Text oder eine Äußerung in Ihre gewählte Kontrast-
sprache übersetzen – auch in diesen Fällen kann ich natürlich keine “richtige”
Lösung vorschlagen, da ich Ihre Kontrastsprache nicht kenne und vielleicht
auch gar nicht beherrsche. Dann weise ich aber, wenn nötig, auf die methodi-
schen oder theoretischen Aspekte hin, auf die es mir ankommt.
Was bedeuten die Fachtermini?
Kapitel 8 enthält ein alphabetisches Glossar mit den wichtigsten übersetzungs-
wissenschaftlichen und –methodischen Fachausdrücken. Sie werden im Text
jeweils bei ihrer ersten Erwähnung kurz erläutert und mit einem Sternchen*
versehen. Aber vielleicht möchten Sie den einen oder anderen doch noch ein-
mal nachschlagen, wenn er später wieder vorkommt oder wenn Sie ein be-
stimmtes Kapitel noch einmal gesondert aufgreifen wollen.
Was sollte man lesen?
Ganz am Schluss des Buches finden Sie eine Bibliographie mit allen erwähnten
Titeln. Die für unser Thema grundlegenden Arbeiten sind kurz kommentiert; es
werden auch Lese-Empfehlungen gegeben. Achten Sie auf Neuerscheinungen!
Jetzt wissen Sie in etwa, was auf Sie zukommt, und es bleibt mir nur noch, Ih-
nen zu wünschen, dass Sie bei der Lektüre und der Lösung der Aufgaben so viel
Spaß haben wie ich beim Schreiben. Denn Spaß muss sein, Spaß am Spiel mit
der Sprache und den Sprachen und Spaß an der Vermittlung zwischen den Kul-
turen.
4 Fertigkeit Übersetzen

1 Was ist denn eigentlich “Übersetzen”?


1.1 Zuerst ein bisschen Sprachkunde
Wir schauen einmal nach, was in den deutschen Wörterbüchern (DUDEN 1993ff;
WEHRLE/EGGERS 1968) alles unter dem Stichwort “übersetzen” zu finden ist.
Aufgabe 1
Was steht in Ihrem deutschen Wörterbuch? Überlegen Sie, was die aufgeführten
Anwendungsbeispiele über die Bedeutung des Wortes aussagen. Oder handelt es
sich vielleicht um mehrere verschiedene Wörter? Welche Kästchen gehören zu-
sammen?
übersetzen: wir flogen
übersetzen: jenes
nach Pula und
eintönig
sprudelnde ÜB ERSETZEN! setzten von dort mit
Dauergeräusch, dem Boot nach Brio-
das Liszt sinfo- ni über
nisch übersetzt
hat übersetzen,
übertragen,
deuten, interpretieren, dolmetschen,
auslegen, erklären, verdeutschen, in
klarmachen, enthüllen, einer anderen
umschreiben, paraphra- übersetzen: kannst Sprache wie-
sieren, bearbeiten... du mir diesen Brief dergeben
übersetzen?
übersetzen: die
Gewalt der Kriege übersetzen: die Gene der
übersetzte sich in Mücken können von einer Ele-
einen Realismus, fantenzelle gelesen und in Pro-
der die Tatsache teine übersetzt werden.
des Krieges als
“höhere Gewalt” übersetzen: der
anerkennt alte Fährmann hat
uns übergesetzt

Das deutsche Wort übersetzen ist wohl im 17. Jahrhundert als Lehnbildung zu
den lateinischen Verben traducere und transferre (bzw. dem dazugehörigen
Partizip Perfekt translatum) entstanden (vgl. DUDEN) und steht dadurch in schö-
ner Eintracht mit französisch traduire, spanisch traducir, italienisch tradurre,
portugiesisch traduzir und englisch translate. Sie alle haben die gemeinsame
Grundbedeutung “hinüber-bringen” – und Jacob GRIMM hat das in seiner Schrift
“über das pedantische in der deutschen sprache” vor mehr als 150 Jahren so
ausgedrückt (zit. n. STÖRIG 1963):
1. Was ist Übersetzen? 5

übersétzen ist ´übersetzen, traducere navem. Wer nun, zur seefart aufge-
legt, ein schif bemannen und mit vollem segel an das gestade jenseits füh-
ren kann, musz dennoch landen, wo andrer boden ist und andre luft
streicht. (Grimm 1847)
Auf diese schöne Metapher kommen wir noch zurück. Was da beim Übersetzen
von wo nach wo hinüber gebracht wird, das soll uns im nächsten Abschnitt be-
schäftigen.

Und wie ist das in Ihrer Sprache?

translate
tradurre ?
? traduzir
?
traduire traducir
1.2 Wo begegnet uns Übersetzen?
Man hat unsere Zeit “das Jahrhundert der Übersetzung” genannt – Übersetzun-
gen bilden einen wichtigen Bestandteil des Textrepertoires jeder Sprach- und
Kulturgemeinschaft. Oft ist uns nicht einmal bewusst, dass es sich bei einem
Text, den wir lesen, um eine Übersetzung handelt.
Aufgabe 2
Überlegen Sie bitte, bei welchen Gelegenheiten und in welchen Situationen Sie
schon einmal mit dem Übersetzen in Berührung gekommen sind, und charakteri-
sieren Sie diese kurz in ein paar Stichworten.
1. ...................................................................................................... .....................
2. ..................................................................................................... ......................
3. ...................................................................................................... .....................
4. .................................................................................................... .......................
5. ..................................................................................................... ......................
6. ..................................................................................................... ......................
6 Fertigkeit Übersetzen

Hier ein paar Anregungen, falls Ihnen nichts einfällt...


Im Lateinunterricht haben
wir früher immer über- Die Bedienungsanleitung von
setzt – Caesar und so was, der neuen Waschmaschine
Neulich war ich auf schrecklich!!! war in fünf Sprachen – wel-
einer Konferenz, da ches war denn da die Über-
wurden alle Vorträge setzung?
übersetzt!
Im “Spiegel” stand heu-
te, was Bush vor der
Ich lese gerade
UNO gesagt hat... –
“Hundert Jahre Ein-
reden die da Deutsch?
samkeit” von Gabriel
García Márquez...

Übersetzungen kommen in den verschiedensten Situationen unseres Alltags vor.


Nicht immer sind wir uns bewusst, dass ein Text, den wir lesen oder hören, eine
Übersetzung ist. “Übersetzung” kann sowohl die Tätigkeit als auch das dabei
angefertigte Produkt bezeichnen. Um Verwechslungen zu vermeiden, nennen
wir die Tätigkeit Übersetzen* und das Produkt Übersetzung*.
Und da wir gerade bei der “Sprachregelung” sind: Das Original, also den Text,
der bei der Übersetzung als Vorlage dient, nennen wir Ausgangstext* (kurz:
AT), und den Text, der beim Übersetzen produziert wird, nennen wir Zieltext*
(kurz: ZT) oder Translat*.

1.3 Übersetzen ist nicht gleich Übersetzen


Bei den soeben angestellten Überlegungen ist Ihnen bestimmt aufgefallen, dass
es verschiedene Arten des Übersetzens gibt. Wir unterscheiden
¾ nach dem Tätigkeitsumfeld: Übersetzen im Fremdsprachenunterricht (als
Übungsform oder als Form der Lernzielkontrolle) und professionelles Über-
setzen in der beruflichen Praxis,
¾ nach der Übersetzungsrichtung: Übersetzen in die Muttersprache (im Fremd-
sprachenunterricht: Her-Übersetzung) und Übersetzen in die Fremdsprache
(im Fremdsprachenunterricht: Hin-Übersetzung),
¾ nach der Realisierungsform: Dolmetschen und Übersetzen; beide werden oft
als Translation zusammengefasst, in der Alltagssprache wird jedoch auch
“Übersetzen” häufig als Oberbegriff für Übersetzen und Dolmetschen ver-
wendet,
¾nach den besonderen Bedingungen der Dolmetschtätigkeit: Simultandolmet-
schen und Konsekutivdolmetschen,
¾nach dem Ort, an dem die Dolmetschtätigkeit durchgeführt wird: Behörden-
dolmetschen, Gerichtsdolmetschen, Krankenhausdolmetschen...,
¾nach dem Bereich, aus dem der Ausgangstext stammt: gemeinsprachliches
Übersetzen, Fachübersetzen, Literaturübersetzen und Bibelübersetzen,
1. Was ist Übersetzen? 7

¾nach dem Medium, über das eine Übersetzung vermittelt wird: mündliches
Übersetzen (auch: Stegreif- oder Spontanübersetzen, trotz des Namens ei-
gentlich eher eine Form des Dolmetschens) und schriftliches Übersetzen.
All diese Übersetzungsformen – ab jetzt sagen wir korrekt: Translationsformen
– sind im Glossar definiert und gegebenenfalls kurz erläutert.
In diesem Buch werden wir uns schwerpunktmäßig mit dem Übersetzen be-
schäftigen, und zwar mit dem professionellen Übersetzen. Der Bereich des
Dolmetschens wird gelegentlich gestreift (besonders im Zusammenhang mit der
Didaktik, Kapitel 4). Da in der professionellen Praxis die Bibelübersetzung eine
eher untergeordnete Rolle spielt (das ist meist das Feld von Theologen – obwohl
auch hier ein wenig Professionalität beim Übersetzen kein Fehler wäre, vgl.
BERGER/NORD 1999), wird dieser Bereich hier ausgeklammert. Ebenso werden
wir auf die Literaturübersetzung nur in den Zusammenhängen eingehen, wo sich
Aspekte der gemeinsprachlichen und der Fachübersetzung auf die Literaturüber-
setzung übertragen lassen.
Bleibt noch die Frage der Übersetzungs“richtung”, also die Frage, ob in die oder
aus der Fremdsprache übersetzt wird.
Aufgabe 3
Was meinen Sie zu den folgenden Behauptungen:
(a) Übersetzen aus der Fremdsprache in die Muttersprache ist grundsätzlich
leichter als umgekehrt.
stimmt stimmt nicht weiß ich nicht
(b) Man sollte nie in die Fremdsprache übersetzen, immer nur in die eigene
Muttersprache.
stimmt stimmt nicht weiß ich nicht
(c) Für die Übersetzung in die Fremdsprache gelten andere Qualitätsmaßstäbe
als für die Übersetzung in die Muttersprache.
stimmt stimmt nicht weiß ich nicht
(d) Fachübersetzer/innen mit fachlicher und übersetzerischer Kompetenz können
genauso gut in die Fremdsprache wie aus der Fremdsprache übersetzen.
stimmt stimmt nicht weiß ich nicht
(e) Beim Übersetzen in die Fremdsprache werden andere Strategien benutzt als
beim Übersetzen in die Muttersprache.
stimmt stimmt nicht weiß ich nicht
(f) Es kommt auf die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel an, ob Übersetzen in
die Fremdsprache möglich ist.
stimmt stimmt nicht weiß ich nicht
(g) Die Prozesse, die im Kopf ablaufen, sind bei der Übersetzung in die Fremd-
sprache anders als bei der Übersetzung in die Muttersprache.
stimmt stimmt nicht weiß ich nicht
8 Fertigkeit Übersetzen

Aufgabe 4
Können Sie einige dieser Aussagen dem Übersetzen im Fremdsprachenunterricht
zuordnen?
(a) (b) (c) (d) (e) (f) (g)

1.4 Wer fertigt Übersetzungen an?


Aufgabe 5
Wie ist es in Ihrem Land – wer macht die Übersetzungen, mit denen Sie es tag-
täglich zu tun haben? Sind es
ausgebildete Übersetzerinnen und Übersetzer?
Fremdsprachensekretäre und –sekretärinnen?
Ingenieurinnen oder Ingenieure mit Fremdsprachenkenntnissen?
fremdsprachliche “native speakers”, die der Auftraggeber gerade zufällig
kennt (also zum Beispiel die Freundin der Ehefrau des Kollegen)?
Studierende der Fremdsprachenausbildung?
Absolventinnen und Absolventen von Sprachkursen, zum Beispiel des
Goethe-Instituts?
die Autorinnen oder Autoren der Ausgangstexte selbst, wenn sie die
Fremdsprache beherrschen?
Lehrende der Fremdsprachenausbildung, die sich damit ein Zubrot verdie-
nen?
Wenn es überwiegend ausgebildete Übersetzerinnen und Übersetzer sind, wo
werden sie ausgebildet,
an Universitäten, Fachhochschulen oder anderen akademischen Einrichtun-
gen?
an privaten Schulen?
von den Arbeitgebern selbst?
an anderen Ausbildungsstätten, zum Beispiel:
............................................................................................................
Wenn es vorwiegend autodidaktisch oder überhaupt nicht ausgebildete Überset-
zerinnen und Übersetzer sind, dann sollten Sie überlegen, ob es nicht sinnvoll
wäre, an Ihrer Einrichtung eine Übersetzerausbildung zu institutionalisieren oder
wenigstens den Sprachlernenden eine übersetzerische Grundkompetenz zu ver-
mitteln! Bei solchen Überlegungen kann Ihnen dieser Selbstlernkurs behilflich
sein.

1.5 Exkurs: Was sagt die Übersetzungswissenschaft zu ihrem Gegenstand?


Nachdem wir uns nun zunächst von der praktischen Seite an unser Thema her-
angetastet haben, machen wir einen kleinen Ausflug (wissenschaftlich: Exkurs)
in die Übersetzungswissenschaft. Was das ist? Das Schöne an der deutschen
Sprache sind ihre zusammengesetzten Substantive (“Nominalkomposita”) –
man weiß gleich, woran man ist. Übersetzungswissenschaft ist die wissen-
1. Was ist Übersetzen? 9

schaftlich fundierte Beschäftigung mit dem Übersetzen und seinen Produkten,


den Übersetzungen. Und dazu gehört, dass man zunächst einmal den Gegen-
stand definiert. In seiner Einführung in die Übersetzungswissenschaft zählt
KOLLER (41992) eine Reihe von Definitionen auf, von denen ich Ihnen hier eini-
ge vorstellen möchte.
Im Englischen ist hier von translating die Rede, das als Oberbegriff für Dolmet-
schen und Übersetzen verwendet wird. Da sich jedoch der Kontext auf schriftli-
che Realisierungsformen bezieht, sind sie als Definitionen für das Übersetzen
anzusehen.
Erste Ansätze zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Übersetzen ent-
standen in den 50er und 60er-Jahren im Zusammenhang mit Experimenten zur
Maschinenübersetzung. Die optimistische Ansicht, dass maschinelles Überset-
zen einmal möglich sein werde, spiegelt sich in Oettingers strikt systemlinguisti-
scher Definition.
Definition 1
Übersetzen ist die Ersetzung von Elementen einer Sprache A, der Ausgangs-
sprache, durch äquivalente Elemente einer Sprache B, der Zielsprache (Antho-
ny G. OETTINGER 1960: 110, Übers. C.N.).
Im Gegensatz dazu ist Catfords Definition textbezogen und schließt die Ebene
der Sprachverwendung mit ein.
Definition 2
Übersetzen ist die Ersetzung von Textmaterial einer Sprache durch äquivalen-
tes Textmaterial einer anderen Sprache (J. C. CATFORD 1965: 20, Übers. C.N.).
Der krasse Rationalismus, der aus Oettingers Definition spricht, so als gebe es
zwischen Sprachelement und Wirklichkeit eine 1:1-Beziehung, wird in Winters
Definition dadurch relativiert, dass von “Interpretationen” der Wirklichkeit die
Rede ist. Dennoch steht auch hinter Definition 3 die Auffassung, dass Interpre-
tationen der Wirklichkeit objektivierbar und damit “äquivalent” übersetzbar sei-
en. Alle drei Definitionen sehen das Übersetzen als ein Ersetzen an.
Definition 3
Übersetzen bedeutet, die Formulierung einer Interpretation eines Ausschnitts
der Wirklichkeit in und um uns durch eine andere, möglichst äquivalente For-
mulierung zu ersetzen, wobei sich die beiden Formulierungen verschiedener
Sprachen bedienen (W. W INTER 1961: 68, Übers. C.N.).
Eugene A. Nida ist Bibelübersetzer. Daher sucht er nach einem “natürlichen”
Äquivalent in der Zielsprache, das heißt, nach einem inhaltlichen und stilisti-
schen Gegenstück zu der ausgangssprachlichen “Botschaft”, das auf die Emp-
fänger der Übersetzung ähnlich natürlich wirken soll wie der Ausgangstext auf
seine Empfänger. Diese Form der Äquivalenz nennt er “dynamic equivalence”
(NIDA 1964) oder später “functional equivalence” (DE WAARD/NIDA 1986).
10 Fertigkeit Übersetzen

Definition 4
Übersetzen ist die zielsprachliche Herstellung des nächstliegenden natürlichen
Äquivalents (“closest natural equivalent”) zu der ausgangssprachlichen Bot-
schaft, wobei die Äquivalenz zuerst für den Inhalt und dann auch für den Stil
gelten soll (Eugene A. NIDA/ Charles R. TABER 1969: 12, Übers. C.N.).
Ähnlich ist der Begriff der “kommunikativen Äquivalenz” der so genannten
Leipziger Schule der Translationswissenschaft zu verstehen. Nach diesem Kon-
zept sind zwei Texte verschiedener Sprachen dann kommunikativ äquivalent,
wenn ein ideal zweisprachiger Sprecher in der Kommunikation mit einem eben-
so ideal zweisprachigen Adressaten die freie Wahl hätte, den einen oder den an-
deren zur Realisierung seiner kommunikativen Intentionen zu verwenden, da
beide den gleichen kommunikativen Effekt auslösen. Angesichts dieser “idea-
len” Voraussetzungen erscheint Übersetzen nach der folgenden Definition aller-
dings ein wenig Erfolg versprechendes Unternehmen zu sein.
Definition 5
Translation ist in ihrer Erscheinungsform ein sprachlicher Prozess, bei dem ei-
nem Text einer Sprache LA ein Text einer Sprache LB zugeordnet wird, der dem
Text der Sprache LA kommunikativ äquivalent ist (vgl. JÄGER 1975: 36)
Alle bisher aufgeführten Definitionen nennen Äquivalenz als die Grundlage da-
für, dass ein Text als “Übersetzung” eines anderen betrachtet werden kann. Die
Schwierigkeit liegt nun darin, dass der Begriff der Äquivalenz, wie auch schon
die angeführten Zitate zeigen, oft nicht befriedigend definiert wird. Daher haben
manche Autoren versucht, ihn durch spezifizierende Adjektive zu konkretisie-
ren, also beispielsweise denotative, dynamische, finalistische, formale, funktio-
nale, konnotative, stilistische, textnormative, wirkungsmäßige Äquivalenz (vgl.
u.a. KOLLER 41992: 216). Durch diese Spezifizierungen wird jedoch automatisch
der unspezifizierte Begriff immer bedeutungsleerer.
Definition 6
Mit dem Begriff der Äquivalenz wird eine Beziehung zwischen AS-Text (bzw.
Textelementen) und ZS-Text (bzw. Textelementen) postuliert. Der Begriff Äqui-
valenz sagt dabei noch nichts über die Art der Beziehung aus: diese muss
zusätzlich definiert werden. [...] Die Äquivalenzforderung lässt sich jeweils in die
Formel bringen: die Qualität(en) X des AS-Textes muss (müssen) gewahrt wer-
den. Das bedeutet, dass Inhalt, Form, Stil, Funktion etc. des AS-Textes im ZS-
Text gewahrt werden müssen, oder dass zumindest versucht werden muss,
diese Qualitäten so weit wie möglich zu wahren (KOLLER 1979: 186-187, Her-
vorhebungen im Original).
Definition 6 zeigt, dass Äquivalenz bei manchen Autoren nichts weiter als
“Übersetzungsrelation" bedeutet, also eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen
Texten verschiedener Sprache. Diese kann auf unterschiedlichen, bei der Trans-
lation jeweils gleich oder “invariant” zu haltenden Bezugsgrößen basieren, als
da sind: Inhalt, Form, Stil, (intendierte) Wirkung, Funktion usw.
1. Was ist Übersetzen? 11

Äquivalenztheoretische Ansätze sind ausgangstextorientiert, da es ihnen darum


geht, bestimmte Merkmale des Ausgangstexts beim Übersetzen zu “bewahren”
oder “invariant zu halten”. Das Problem ist nur: Wer sagt dem Übersetzer, wel-
che Merkmale das in einem konkreten Fall sind? Die äquivalenzorientierte
Übersetzungstheorie gibt darauf die Antwort: Das sagt ihm der Ausgangstext
selbst. Wir werden diese Aussage im nächsten Kapitel einmal testen.
Der Äquivalenzbegriff stammt aus den exakten Wissenschaften (Mathematik,
formale Logik, Elektrotechnik). Vielleicht ist das der Grund dafür, dass manche
Übersetzungswissenschaftler/innen ihn nicht so recht mögen. Im Gefolge der so
genannten “pragmatischen Wende” in der Sprachwissenschaft und der Entwick-
lung der Textlinguistik und Texttheorie (vgl. z.B. S.J. SCHMIDT 1976) in den
70er-Jahren des 20. Jahrhunderts wird die Kritik am Äquivalenzkonzept immer
lauter und verbreiteter (vgl. z.B. SNELL-HORNBY 1986a: 15f.).
Gleichzeitig werden erste schüchterne Kontakte zur Übersetzungspraxis in Indu-
strie, Wirtschaft, Behörden, Organisationen aufgenommen, und es zeigt sich,
dass dort keineswegs das Postulat der Äquivalenz an erster Stelle steht, sondern
die Forderung, dass eine Übersetzung als Text in der Zielsprache und -kultur die
von ihr erwarteten kommunikativen Funktionen erfüllen müsse. Daraus ergibt
sich eine Trendwende zu einer am Funktionsbegriff orientierten Translations-
theorie, die aus folgenden Definitionen abzulesen ist.
Definition 7
Interaktion (und als deren Sondersorte: Translation) wird von ihrem Zweck
(Skopos) bestimmt (Vermeer 1978, 1983: 54).
Definition 8
Translation ist die Produktion eines funktionsgerechten Zieltextes in einer je
nach der angestrebten oder geforderten Funktion des Zieltextes (Translat-
skopos) unterschiedlich spezifizierten Anbindung an einen vorhandenen Aus-
gangstext. Durch die Translation wird eine kommunikative Handlung möglich,
die ohne sie aufgrund vorhandener Sprach- und Kulturbarrieren nicht zustande-
gekommen wäre (NORD 1988, 21991: 31).
Hier wird deutlich, dass Übersetzen (als eine Form von Translation) nicht mehr
als rein sprachliche Ersetzungs- oder Reproduktionstätigkeit (im Extremfall: als
Code-switching*-Operation) angesehen wird, sondern als eine kommunikative
Handlung zwischen Handelnden, die verschiedenen Kulturgemeinschaften an-
gehören. Damit kommen handlungstheoretische und kulturwissenschaftliche
Faktoren in den Blick, die durch die Fixierung auf sprachliche Strukturen vorher
weitgehend ausgeblendet waren.
An dieser Stelle wollllen wir die theoretische Diskussion zunnächst wieder ver-
lassen und uns erneut der praktischen Seite des Übersetzens zuwenden. Wir wer-
den aber auf die vorgestellten Definitionen und die dahinter stehenden Auffas-
sungen von Sprache und Kommunikation noch öfter zurückkommen.
12 Fertigkeit Übersetzen

2 Was passiert beim Übersetzen?

In diesem Kapitel wollen wir uns dem Vorgang des Übersetzens zuwenden. Wir
beginnen mit einem kleinen praktischen Experiment, bei dem Sie sich selbst be-
obachten sollen, und gehen dann auf die einzelnen Phasen des Übersetzungspro-
zesses und die Einflussfaktoren ein, die darin wirksam sind. Der theoretische
Exkurs kommt bereits im zweiten Abschnitt und stellt einige Modelle des Über-
setzungsprozesses vor, die Sie mit Ihrem eigenen Vorgehen vergleichen können.

2.1 Zuerst noch ein bisschen Selbstbeobachtung


Aufgabe 6
Übersetzung des Texts “Pudding 1”
Übersetzen Sie bitte den folgenden Text in “Ihre” Sprache. Nehmen Sie sich so
viel Zeit, wie sie wollen, und benutzen Sie alle Hilfsmittel, die Sie benötigen. No-
tieren Sie Ihre Überlegungen zur Vorgehensweise oder zu einzelnen
“Problemen” und ihrer Lösung in Stichworten auf einem separaten Blatt
Papier.
Schreiben Sie Ihre Übersetzung in der endgültigen Form, in der sie “abgege-
ben” werden soll, möglichst mit Schreibmaschine oder Computer.

Puddingpulver
VANILLE-GESCHMACK
Inhalt für 0,5 l Milch
Sie benötigen: ½ l Milch und 40 g Zucker (2 gehäufte Esslöffel).

Zutaten: Stärke, Salz, Aroma, Farbstoffe Lactoflavin und Norbixin.

Es sind nur Farbstoffe eingesetzt, die auch in der Natur vorkommen.


Zubereitung für einen sturzfähigen Pudding:
1. Den Beutelinhalt mit 6 Esslöffeln Milch und 2 gehäuften Esslöffeln
Zucker anrühren.
2. Die restliche Milch zum Kochen bringen. Das angerührte
Puddingpulver hinzufügen und nochmals kurz aufkochen lassen.
3. Den Pudding in kalt ausgespülte Schalen füllen, kalt stellen, stür-
zen und beliebig garnieren.
Zubereitung für eine Sahne-Creme
Zubereitung erfolgt wie oben angegeben, aber mit 50 g Zucker. Die
Speise beim Abkühlen mehrmals umrühren, damit sich keine Haut
bildet. Anschließend 1 Becher steifgeschlagene Sahne unter den
Pudding rühren.

So, das haben Sie fein gemacht. Jetzt wollen wir mal sehen, wie Sie vorgegan-
gen sind.
2. Was passiert beim Übersetzen? 13

Aufgabe 7
Versuchen Sie, Ihr Vorgehen in ein Schema nach dem folgenden Muster einzu-
tragen. In der ersten Spalte notieren Sie die “großen” Arbeitseinheiten (Pha-
sen) vom ersten Zur-Kenntnis-Nehmen des Ausgangstexts bis zur Fertigstellung
des Zieltexts – wenn solche in Ihrem Arbeitsprotokoll zu erkennen sind. In der
zweiten Spalte können Sie dann die kleineren Arbeitseinheiten (Schritte) eintra-
gen, wenn Sie zum Beispiel abschnittsweise vorgegangen sind oder Hilfsmittel
(welche?) konsultiert haben. Und in der dritten Spalte notieren Sie gegebenen-
falls Ihren Kommentar, wenn Sie im Nachhinein das betreffende Vorgehen sinn-
voll oder überflüssig finden oder Ihnen noch ein zusätzlicher Schritt eingefallen
ist.

Phasen Schritte Kommentar


1. ........................... 1.1 zu 1.1
.............................. 1.2 zu 1.2

1.3 zu 1.3

2. ........................... 2.1 zu 2.1


............................... 2.2 zu 2.2

2.3 zu 2.3

usw. usw. usw.

Aufgabe 8
Könnten Sie Ihr Vorgehen auch grafisch darstellen, mit Pfeilen, Kreisen, Recht-
ecken und ähnlichen Formen? Dann versuchen Sie es doch einmal, hier ist
Platz:

Nachdem Sie jetzt schon sehr übersetzungswissenschaftlich tätig waren und


zwar nicht einen modellhaften, aber doch Ihren eigenen Übersetzungsprozess
vereinfacht beschrieben und abgebildet haben, soll jetzt wieder ein theoretischer
14 Fertigkeit Übersetzen

Exkurs eingeschoben werden. Auf den Text und Ihre Übersetzung kommen wir
danach natürlich wieder zurück.

2.2 Exkurs: Theoretische Modelle des Übersetzungsprozesses


Je nach theoretischem Ansatz wird der Übersetzungsprozess unterschiedlich
modelliert. Daher müssen wir die verschiedenen Modelle jeweils ihrer theoreti-
schen Grundlage zuordnen.
2.2.1 Linguistische Modelle des Übersetzungsprozesses

Rein linguistische Modelle beschreiben den Übersetzungsprozess meist als


zweiphasigen Code-Switching-Prozess. In der ersten Phase (Analyse-, Deko-
dier-, Rezeptions- oder Verstehensphase) wird der Ausgangstext rezipiert und in
möglichst all seinen Aspekten erfasst, analysiert und in die Zielsprache umko-
diert, und in der zweiten Phase (Synthesephase, Rekodierungsphase, Reproduk-
tionsphase) wird der Zieltext “zusammengesetzt”. (Wir erinnern uns an Oettin-
gers und Catfords Übersetzungsdefinitionen aus dem ersten Exkurs, 1.5.).
Abb. 1: Zwei-Phasen-Modell

Ausgangs- Übersetzer Zieltext


text (AT) (TRL) (ZT)

Analysephase Synthesephase

WILSS (1978: 16) befürwortet das Zwei-Schritt-Schema, weil es die “doppelte


Funktion des Translators als AT-Empfänger und ZT-Sender” gut zum Ausdruck
bringe und “die Tätigkeit des Übersetzers wirklichkeitsnäher abbildet”. Dies
trifft jedoch vor allem auf automatisierte oder teilautomatisierte Übersetzungs-
vorgänge zu, z.B. bei der Übersetzung normativ festgelegter formelhafter Wen-
dungen wie “No Entry”/”Zutritt verboten” oder bei stark formalisierten Text-
sorten wie etwa Wetterberichten. Das Zwei-Phasen-Schema des Übersetzungs-
prozesses suggeriert, dass rezeptive Kompetenz in der Ausgangssprache und
produktive Kompetenz in der Zielsprache bereits die translatorische Kompetenz
ausmachen (vgl. NORD 21991: 34f.).
Etwas deutlicher wird der Vorgang in dem folgenden Modell von NIDA (1969),
das an Chomskys Transformationsgrammatik (1957, 1965) anknüpft. Hier wird
zwischen Analyse und Synthese eine Transferphase eingeschoben, in der die in
der Analysephase durch intuitive Rücktransformationen (back transformations)
auf Kernstrukturen (kernels bzw. near-kernels) zurückgeführten Elemente der
Ausgangstextoberfläche in die Zielsprache übertragen und dann dort wieder zu
Oberflächenstrukturen aufgebaut (restructured) werden (vgl. NIDA 1976, NIDA/
TABER 1969).
2. Was passiert beim Übersetzen? 15

Abb. 2: Transformationsmodell

Ausgangssprache Zielsprache
TEXT TEXT

Analyse Synthese
(Rücktransformation) (Restrukturierung)

TRANSFER

2.2.2 Kommunikationstheoretische Modelle des Übersetzungsprozesses


Ebenfalls linguistisch fundiert, aber kommunikationstheoretisch erweitert sind
die Modelle, die in der so genannten Leipziger Schule der Translationswissen-
schaft entstanden. KADE (1968: 30f.) betrachtet den Übersetzungsprozess als
Teil eines zweisprachigen Kommunikationsaktes, in dem die kommunikative
Funktion der Sprache im Mittelpunkt steht. Als wesentliche Größen, die an die-
sem Kommunikationsakt beteiligt sind, nennt er die Kommunikationspartner
(Ausgangstextverfasser, Übersetzer, Benutzer der Übersetzung), die Sprache als
Kommunikationsmittel und die “objektive Wirklichkeit als Objekt der Kommu-
nikation und als Situationskontext im weitesten Sinne". Der Übersetzungspro-
zess verläuft prinzipiell nach folgendem Schema: Aufnahme des Ausgangstexts
→ intellektuelle Bearbeitung des Ausgangstexts auf semantisch-funktioneller
Basis → Zuordnung von zielsprachlichen Einheiten nach empirischen Werten
auf Grund von Sprach- und Sachkenntnis (Kodierungswechsel) → Aufbau des
zielsprachlichen Textes auf Grund der Kenntnis der Normen der Zielsprache →
Wiedergabe des Textes in der Zielsprache (KADE 1968: 39). KADE bezeichnet
sein Modell zunächst ebenfalls als Zweiphasenmodell, wobei jedoch die beiden
Phasen durch den Umschlüsselungsvorgang, der die eigentliche Translation dar-
stellt, verbunden seien.
Dieser Umschlüsselungsvorgang wird später zu einer eigenen Phase (Transfer)
ausgebaut, sodass wir im Endeffekt zu einem Dreiphasenschema nach dem
folgenden Muster gelangen (vgl. Kade 1968a).
Abb. 3: Drei-Phasen-Modell

Translator

S L1-Text E U S‘ L2-Text E‘

1. Phase 2. Phase 3. Phase