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50.569 Widerspruchsfreiheit HWPh Bd. 12, 703 50.570 Widerstand HWPh Bd.

12, 703

Mitteil., Abh. Math. Seminar der Hamburg. Univ. 1 (1922)


157–177. Widerstand (griech. ἀντιτυπία; lat. resistentia; engl.
[18] A. N. WHITEHEAD/B. RUSSELL: Principia Mathema- resistance; frz. résistance)
tica 1–3 (Cambridge 1910–13, 21925–27). I. Naturphilosophie. – Die klassische Mechanik
[19] K. GÖDEL: Über formal unentscheidbare Sätze der Prin- der Neuzeit, die am Ende des 17. Jh. ihre erste Gestalt
cipia Mathematica und verwandter Systeme. Mh. Math. Physik ausbildete, unterscheidet in ihrer Bewegungslehre
38 (1931) 173–198. Coll. works 1, hg. S. FEFERMAN (New (Dynamik) zwei verschiedene Formen von W., die in
York/Oxford 1986) 144–195. Bewegungsvorgängen vereint auftreten können, kon-
[20] a.O.; vgl. A. TARSKI: Einige Betrachtungen über die Be- zeptuell aber unabhängig voneinander sind: 1. den
griffe der ω-W. und der ω-Vollständigkeit. Mh. Math. Physik Strömungs-W. (in viskosen Medien: Reibungs-W.),
40 (1933) 97–112. d.h. die Kraft, den das Medium, in dem sich ein Kör-
[21] G. GENTZEN: Die W. der reinen Zahlentheorie. Math. per bewegt, auf ihn ausübt, und 2. den Trägheits-W.,
Ann. 112 (1936, ND 1967) 493–565. eine sog. Scheinkraft, die einer Änderung des Zu-
[22] D. HILBERT: Die Grundlegung der elementaren Zahlen- stands der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung
lehre. Math. Ann. 104 (1931) 485–494, hier: 491. entgegenwirkt und der Masse proportional ist. Neben
diesen dynamischen Begriffen kannte die neuzeitliche
Literaturhinweise. D. HILBERT/P. BERNAYS: Grundla-
gen der Math. 2 (1939, ND 1970) § 5. – S. C. KLEENE: In-
Mechanik bis ins 19. Jh. den W.-Begriff auch auf
trod. to metamathematics (Amsterdam/Groningen 1952, ND dem Gebiet der Festigkeitslehre: 3. Festigkeits-W.,
1991). – A. A. FRAENKEL/Y. BAR-HILLEL/A. LEVY s. d.h. der W., den ein fester Körper jedem Versuch ent-
Anm. [7] § 4. – K. SCHÜTTE: Beweistheorie (1960). gegensetzt, den Zusammenhang seiner Teile aufzuhe-
V. PECKHAUS ben. Der Begriff perpetuiert Merkmale der Antitypie
 (s.d.), die von der Stoa bis ins 17. Jh. als eine Ma-
terieeigenschaft begegnet, die den W. eines Körpers
gegen Durchdringungerklären soll. – Über das Feld
der Mechanik hinaus verwendet die Physik seit dem
19. Jh. den Begriff ‹W.› auch in anderen Gebieten, so
vor allem in der Elektrizitätslehre (‹elektrischer W.›,
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‹induktiver W.›, ‹kapazitiver W.› usw.), aber auch auf schen Ansätze dagegen, die die atomistische Annah-
dem Gebiet des Magnetismus und der Wärmelehre me eines Vakuums  (s.d.) verwerfen, vollzieht sich
[1]. alle Bewegung notwendigerweise in einem Medium.
1. Strömungs-W. – Der Strömungs-W. ist Gegen- In der Bewegungslehre des ARISTOTELES hat das
stand der naturphilosophischen Bewegungslehre seit Medium als – im Unterschied zu festen Körpern –
ihren Anfängen in der griechischen Antike, auch wenn wohldurchteilbares (εὐδιαίρετος) [9] darüber hinaus
sich vor der Neuzeit kein entsprechender Fachtermi- den Status einer notwendigen positiven Bedingung
nus herausgebildet zu haben scheint. Im Griechischen der Bewegung [10]. Und im Falle der Projektilbewe-
wie im Lateinischen wird der Strömungs-W. mit Ver- gung nach der Trennung vom Projektor spricht er dem
ben der Alltagssprache beschrieben: ἐμποδίζω [2] Medium sogar die Rolle eines Bewegers zu [11],
und ἀντικόπτω [3] bzw. ‹resistere› und ‹subsistere› wobei diese seine Theorie nicht mit der von ihm abge-
[4]; manchmal wird er nur indirekt durch eine Aussa- lehnten Antiperistasis  (s.d.) zu verwechseln ist.
ge über die Dichte des Mediums zur Sprache gebracht Erst mit der Impetustheorie des PHILOPONOS, wel-
[5]. Selbst zu Beginn des 17. Jh. ist die naturphiloso- che die Fortbewegung des Projektils nach Trennung
phische Bedeutung von ‹resistentia› noch deutlich vom Projektor mit einer dem Projektil vom Projektor
ihrer logischen bzw. kategorientheoretischen nachge- eingedrückten bewegenden Kraft, eben dem Impetus
ordnet [6], während der Begriff im 18. Jh. vor allem  (s.d.), erklärt, verliert das Medium diese Doppel-
in seiner naturphilosophischen Bedeutung verwendet rolle, sowohl eine Bedingung der Bewegung als auch
wird [7]. ein sie hindernder W. zu sein, und wird nur noch als
Der Strömungs-W. ist nicht nur einfach ein Gegen- W. verstanden, der eine Bewegung je nach seiner
stand, sondern integraler Bestandteil der naturphilo- Dichte stärker oder schwächer retardiert [12].
sophischen Bewegungslehre in Antike, Mittelalter Eine eingehende Untersuchung der Gesetzmäßig-
und früher Neuzeit. Eine Ausnahme bildet in dieser keiten des Strömungs-W. beginnt erst im 17. Jh. mit
Hinsicht lediglich der antike Atomismus, der den der neuzeitlichen Hydro- und Aerodynamik, die – im
Strömungs-W. zwar ebenfalls thematisiert [8], für den Unterschied zur Hydrostatik – nicht an eine ausgear-
aber Bewegung gerade nicht notwendigerweise Bewe- beitete Theorie der Antike anknüpfen konnte. (Die hy-
gung in einem Medium war. Für alle naturphilosophi- drodynamischen Phänomene, die HERON VON
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ALEXANDRIA im Zusammenhang mit gewissen Au- [16].


tomaten ansprach, betrafen nicht den Strömungs-W.) Gleichwohl finden sich in diesen Bewegungstheori-
Die theoretische Behandlung des Strömungs-W., die en Erklärungen für unübersehbare Phänomene, die
mit I. NEWTON einsetzt [13] und im 18. Jh., von D. heute auf den Trägheits-W. zurückgeführt werden. In
BERNOULLI bis J. L. LAGRANGE, ein ausgezeich- der Antike hatte z.B. HIPPARCHOS das Gewicht
neter Gegenstand der sich entwickelnden analytischen (βάρος) der schweren Körper als ein Vermögen ver-
Mechanik ist [14], hat in der zeitgenössischen Natur- standen, mit dem die Körper jedem Versuch, sie in ir-
philosophie kaum Spuren hinterlassen und gehört zur gendeine Richtung zu bewegen, W. leisten [17], eine
engeren Geschichte der neuzeitlichen Physik. Auffassung, die möglicherweise für J. KEPLERS Be-
2. Trägheits-W. – Das oberste Prinzip der Aristote- griff der «trägen Materie» von Bedeutung war [18].
lischen Bewegungslehre, nämlich daß «alles Bewegte Beachtung verdient in diesem Zusammenhang auch
von etwas bewegt wird» (ἅπαν τὸ κινοῦμενον ὑπό ein mittelalterlicher Begriff, der prima facie der späte-
τινος ἀνάγκη κινεῖσθαι; «omne quod movetur ab ali- ren Trägheitsbewegung direkt widerspricht, nämlich
quo movetur») [15], liegt allen Bewegungslehren vor der Begriff einer «inclinatio ad quietem». Diese incli-
dem 17. Jh. zugrunde, die so den modernen Begriff natio ist zunächst lediglich eine andere Form der ‘na-
der Trägheit  (s.d.) prinzipiell ausschließen. Dem- türlichen Bewegungʼ des Aristoteles: Die ‘natürliche
entsprechend ist der Strömungs-W. bzw. das Angrei- Bestrebungʼ einer materiellen Substanz, an ihren ‘na-
fen einer anderenentgegenwirkenden Kraft in diesen türlichen Ortʼ zu gelangen, ist nichts anderes als das
Bewegungslehren nicht die einzige Ursache, die ein Bestreben, an diesem Ort zu ruhen. Dies verstehen die
Bewegtes zur Ruhe bringen kann. Nach dem Prinzip mittelalterlichen Kommentatoren des Aristoteles so,
des Aristoteles kann eine Bewegung nicht andauern, daß eine materielle Substanz auch bestrebt ist, an die-
wenn ihre Bewegungsursache zu wirken aufhört. Im sem Ort zu verbleiben; sie weiteten dieses Verständ-
Rahmen der Impetustheorie nehmen zudem einige nis im 14. Jh. dahingehend aus, daß die materielle
ihrer Vertreter an, daß die durch einen Impetus be- Substanz an diesem Ort jeder erzwungenen Bewegung
wirkte Bewegung nicht allein durch den Strömungs- W. entgegensetzt, und zwar nicht nur einer der ‘natür-
W. endlich zur Ruhe kommt, sondern auch deswegen, lichenʼ Bewegungsrichtung entgegengesetzten Bewe-
weil der mitgeteilte Impetus mit der Zeit ‘ermüdetʼ gung [19], sondern ebenso einer, die senkrecht zu die-
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ser Richtung angreift, also einer horizontalen Ver- einander laufen wie in den verschiedenen Spielarten
schiebung [20]. Hier dient also die Bewegungsten- der Dynamik vor dem 17. Jh.
denz hin zum ‘natürlichen Ortʼ zur Erklärung von 3. Antitypie und Festigkeits-W. – PLATON führt
Phänomenen, die in der späteren klassischen Mecha- die Eigenschaft eines Körpers, hart (σκλερός) zu sein,
nik mit dem Trägheits-W. erklärt werden. In ver- neben der Dichtigkeit darauf zurück, daß er bezüglich
gleichbarer Weise wird im Rahmen der Impetustheo- äußerer Einwirkung die unnachgiebigste bzw. wider-
rie der W., den ein Bewegtes jedem Versuch leistet, ständigste geometrische Form (ἀντιτυπότατον εἶδος)
es zur Ruhe zu bringen, auf den Impetus zurückge- besitze [24]. EPIKUR definiert Körper geradezu
führt [21]. Indem zusätzlich die Größe von Impetus durch ihre Ausdehnung und ihr Vermögen, W. gegen
und Masse ins Verhältnis gesetzt werden, kommt äußere Einwirkung zu leisten, nimmt aber als Erklä-
auch die Masse als ein Faktor bei diesen Erklärungen rung für dieses Vermögen eine den Atomen innewoh-
ins Spiel [22]. nende Härte (στερεότης) an, die er dafür verantwort-
Ein Widerhall der impetustheoretischen Erklärun- lich macht, daß diese der Bewegung anderer Atome
gen findet sich noch in NEWTONS ‹Principia›, wo Einhalt gebieten können, während die bloß ausge-
die Trägheit als eine «vis insita» definiert ist [23]. dehnte Leere keinen entsprechenden W. leiste und
Gleichwohl stellt das in diesem Werk als «Lex I» for- sogar die Trennung der einzelnen Atome voneinander
mulierte Trägheitsprinzip («Corpus omne perseverare befördere [25]. ‹Härte› und ‹W.› (ἀντιτυπία) scheint
in statu suo quiescendi vel movendi uniformiter in di- er dabei synonym zu gebrauchen [26]. SEXTUS EM-
rectum, nisi quatenus illud a viribus impressis cogitur PIRICUS diskutiert nach Epikur Härte bzw. Solidität,
statum suum mutare») den Bruch mit dem obersten aber auch verwandte Materieeigenschaften in der Tra-
Prinzip aller früheren Bewegungstheorien dar, daß dition der Stoa [27], unter dem Begriff «antitypia»
alles Bewegte von etwas bewegt sei; es bedeutet zu- [28]. Er weist eine Unterscheidung zwischen existie-
gleich die Etablierung des Prinzips, dem in der klassi- renden Substanzen (wie Körpern) und ebenfalls exi-
schen Mechanik der Neuzeit ein vergleichbarer Fun- stierenden, mit diesen Substanzen untrennbar verbun-
damentalstatus zukommt. Auf seiner Grundlage stel- denen Materieeigenschaften (wie «antitypia») zurück:
len sich Strömungs-W. und Trägheits-W. als zwei dy- Ein W. existiere ebensowenig unabhängig vom wider-
namische Faktoren sui generis dar, die nicht länger in- stehenden Körper wie ein Nicht-W. bzw. Nachgeben
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(εἶξις) unabhängig vom Nicht-Widerstehenden bzw. habet tres diasteses (hoc est distantias) cum antity-
Leeren [29]. Die Konstitution von Körpern aus Ei- pia») [34]. Dabei stellt er den von ihm behaupteten
genschaften wie Größe, Form, W. oder Gewicht wird ontologischen Primat des Räumlichen, der sich u.a. in
von Sextus als Versuch, Existierendes aus Nichtexi- seiner frühen Unterscheidung von mathematischem
stierendem aufzubauen, im Gegensatz zu Epikur ver- und physikalischem Raum und in einem Vorrang der
worfen [30]. Mathematik vor der Naturphilosophie manifestiert
Im Neuplatonismus setzt sich gleichwohl die Auf- [35], nicht in Frage: «antitypia» (bzw. «anteresis»)
fassung durch, der W. sei eine allgemeine und wesent- unterscheidet zwar als W. («resistentia et renitentia»)
liche Materieeigenschaft: PLOTIN gebraucht die Aus- den bloßen Raum vom natürlichen Körper; sie ist
drücke ἀντιτυπία wie auch ἀντείρεσις, um eine Ei- aber als solche ihrerseits auch auf die räumliche Aus-
genschaft zu bezeichnen, die zur bloßen Ausdehnung dehnung angewiesen [36].
hinzutreten muß, um physische Körperlichkeit zu In der Neuzeit knüpft besonders P. GASSENDI an
konstituieren [31]. Den W. faßt er dabei als Ursache den Atomismus Epikurs an und bestimmt (in Abgren-
der Härte auf, die – etwa bei der Erde bzw. dem Erdi- zung von Descartes) Materie als Seiendes, das nicht
gen – nur als eine spezielle und sinnlich wahrnehm- nur ausgedehnt, sondern auch fähig ist, W. auszuüben
bare Eigenschaft begegnet [32]. Dem Argument des («Anticipatio, seu notio, quam de corpore habemus
Sextus, wonach die Auszeichnung von Eigenschaften est, vt sit quid dimensiones habens, & capax resisten-
(wie dem W.) bedeute, Seiendes (wie Körper) aus tiae») [37]. Wenn Gassendi an anderer Stelle mit
Nichtseiendem zu konstituieren, sucht Plotin durch Bezug auf Epikur nur Größe, Form und Schwere
eine Differenzierung des Aristotelischen Qualitätsbe- («gravitas», «pondus») als essentielle Eigenschaften
griffes beizukommen [33]. Noch im ausgehenden 16. der Atome nennt [38], legt er diesen Eigenschaften
Jh. kann sich dann der Neuplatoniker F. PATRIZI auf Festigkeit («soliditas») und W. («resistentia») gleich-
eine lange naturphilosophische Tradition berufen, in sam als Substanz («subiectum Naturam») zugrunde
der physische Körperlichkeit durch die «Antitypie, [39]. Synonymisierungen wie «Ἀντιτυπία, Vis resi-
welche ein W. ist» («antitypia, quod est resistentia»), stendi, seu Resistentia» [40] deuten dabei bereits auf
und durch die räumliche Ausdehnung als wesentliche eine dynamische Interpretation des W. hin, wobei die
Eigenschaften bestimmt wird («Corpus est, quod Bestimmung des Verhältnisses von W. und Schwere
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ein ungelöstes Problem seiner Materietheorie bleibt Körpern Bewegung hervorbringendes Prinzip auszu-
[41]. Auch in der von Gassendi stark beeinflußten weisen [48]. Geregelt wird dieser Wechselwirkungs-
frühen Naturphilosophie von G. W. LEIBNIZ ist prozeß durch das Gesetz der Krafterhaltung [49], das
neben der Ausdehnung der W. gegen Durchdringung in seiner Nahwirkungstheorie als Prinzip der Bewe-
für physische Körper wesentlich («Nihil igitur ponen- gungsgesetze («principium legum motus») [50] fir-
dum est in corporibus, quod non ex definitione Exten- miert und zum Aufbau einer mathematischen Mecha-
sionis et Antitypiae fluat») [42], wobei auch Leibniz nik beiträgt, die im späteren 18. und im 19. Jh. ‹anti-
zwischen W. und Undurchdringlichkeit nicht scharf typia› und ‹Undurchdringlichkeit› als nicht quantifi-
unterscheidet («Essentia autem materiae seu ipsa zierbare Grundbegriffe der Bewegungslehre für die
forma corporeitatis consistit in ἀντιτυπίᾳ seu impene- Naturphilosophie zunehmend irrelevant werden läßt.
trabilitate») [43]. Neuplatonistisch geprägt erscheint Andererseits bringt es eine von TH. HOBBES, J.
hier seine Bestimmung des W. als unterscheidender LOCKE und anderen grundgelegte mechanistische
Eigenschaft von primärem Raum («Ens primo-exten- Wahrnehmungstheorie mit sich, daß der Begriff ‹W.›
sum, ... corpus mathematicum») und sekundärer Ma- Eingang in die Erkenntnistheorie findet (vgl. unten:
terie («ens secundo-extensum, ... corpus physicum») II.) [51].
[44]. In der späteren Ausbildung seiner Dynamik auf Der Festigkeits-W. ist zu keiner Zeit mit der Un-
der Grundlage der Monadenlehre [45] versteht er den durchdringlichkeit  (s.d.) gleichgesetzt worden, ob-
W. gegen Durchdringung wie auch den Trägheits-W. wohl der vieldeutige Begriff der Festigkeit oder Soli-
als Wirkungen einer allen Körpern innewohnenden dität  (s.d.) vor dem 17. Jh. zuweilen auch die Un-
primitiven passiven Kraft [46]. Faßte somit bereits durchdringlichkeit umfaßte. Unter dem Einfluß des
der junge Leibniz W. als ein Prinzip auf, das über- neuzeitlichen Atomismus erhält die Undurchdringlich-
haupt erst Bewegung von einem Körper auf einen an- keit im 17. Jh. den Status einer materietheoretischen
deren zu übertragen erlaubt, wird es ihm mit der me- Grundkategorie mit der Konsequenz, daß die Festig-
taphysischen Grundlegung der Dynamik durch kör- keit als eine abgeleitete Eigenschaft gewisser Körper
perkonstituierende primitive Kräfte möglich, den W. verstanden wird, die deshalb nicht auf die Undurch-
als zugleich passives Prinzip (Undurchdringlichkeit, dringlichkeit zurückführbar sei, weil letztere aller Ma-
Trägheit) [47] wie auch als ein aktives, in anderen terie zukomme. Der neuzeitliche Begriff des Festig-
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keits-W. steht deswegen weder in einem Zusammen- und passivem W. und der Gegenüberstellung von
hang mit dem Leibnizschen Begriff der Antitypie  Strömungs-W. einerseits und Trägheits-W. sowie Fe-
(s.d.) noch mit demjenigen der Grundkraft Repulsion stigkeits-W. andererseits, wie sie in der Physik des
[52] in der Kantischen Materietheorie. 18. Jh. üblich wurde [56]. Diese Gegenüberstellung
Im Mittelalter wurde der Festigkeits-W. als ein na- beruhte nämlich auf dem Newtonschen Kraftbegriff
türliches Bestreben eines Körpers nach «continuitas» («Vis impressa est actio in corpus exercita, ad mutan-
verstanden [53] und wie die dynamischen Formen des dum ejus statum vel quiescendi vel movendi uniformi-
W. (Strömungs-W. und Trägheits-W.) als eine Kraft ter in directum») [57], nach dem der Strömungs-W.
angesehen. Bis zum Anfang des 18. Jh. war eine Un- als eine Kraft begriffen wird, der Festigkeits-W. (wie
terscheidung zwischen «resistentia activa» und «resis- der Trägheits-W.) dagegen gerade nicht. Eine einge-
tentia passiva» im Gebrauch, die zwischen dem retar- hende wissenschaftliche Untersuchung der Festigkeit
dierenden bzw. eine Bewegung ganz aufhebenden W. beginnt erst im 17. Jh. Der ‹Erste Tag› der ‹Discorsi›
eines handelnden, nämlich selbst in Bewegung be- G. GALILEIS, der diesem Thema gewidmet ist, stellt
findlichen Körpers und dem eines leidenden, nämlich die Geburtsurkunde der modernen Festigkeitslehre
ruhenden Körpers differenzierte, wobei der Festig- und Materialwissenschaft dar.
keits-W. zusammen mit dem Trägheits-W. eines ru- Bei I. KANT und in der auf Kant folgenden Natur-
henden Körpers unter den passiven W. fiel [54]. E. philosophie werden der Sache nach sowohl Strö-
CHAUVIN führt aktiven wie passiven W. auf ein Be- mungs-W. als auch Trägheits-W. und Festigkeits-W.
streben der Körper zurück, ihren Zustand zu erhalten. – wenn auch weitestgehend ohne Bezugnahme auf die
Dem liegt ein metaphysisches Erhaltungsprinzip Wissenschaftsentwicklungen ihrer Zeit – diskutiert.
(«omne bonum est sui conservativum») [55] zugrun- Dabei nimmt das traditionelle, von Epikur bis Leibniz
de, das nicht mit der Trägheit der klassischen Mecha- erörterte Problem, inwiefern der W. eines Körpers
nik verwechselt werden darf, da es beide Formen des gegen die äußere Einwirkung anderer Körper konsti-
W. als Kräfte faßt und zwischen gleichförmiger und tutiv für physische Körperlichkeit sei, den breitesten
beschleunigter Bewegung nicht unterscheidet. Es be- Raum ein, ohne daß grundsätzlich neue Problembe-
steht deswegen auch nureine scheinbare Übereinstim- handlungen erkennbar wären [58].
mung zwischen dieser Unterscheidung von aktivem
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Anmerkungen. im 18. Jh. vgl. J. S. T. GEHLER: Physikal. Wb. 10 (21842)


1723–1860 (Art. ‹W. der Mittel›).
[1] Vgl. Art. ‹Widerstand›, in: H. FRANKE (Hg.): Lex. der
Physik 3 (1969) 1892–1894. [15] ARISTOTELES: Phys. VII, 1, 241 b 34.
[2] ARISTOTELES: Phys. IV, 8, 215 a 29. [16] Für die Antike vgl. WOLFF, a.O. [10] 46. 58f. 94; für das
MA vgl. A. MAIER: Die Impetustheorie, in: Zwei Grundpro-
[3] EPIKUR: Ep. ad Herod. (DIOG. LAERT. X, 61). Opere, bleme der scholast. Naturphilos. (Rom 31968) 113–314, hier:
hg. G. ARRIGHETTI (Turin 21973) 34–73, 55f. 184–188.
[4] LUKREZ: De rer. nat. II, 236. [17] Vgl. M. WOLFF: Hipparchus and the Stoic theory of mo-
[5] z.B. in: ARISTOTELES: Phys. IV, 8, 215 b 1–12. tion, in: J. BARNES/M. MIGNUCCI (Hg.): Matter and meta-
physics (Neapel 1988) 473–545, 488.
[6] R. GOCLENIUS: Lex. philos. (Frankfurt 1613) 992–993
(Art. ‹resistentia›). [18] J. KEPLER: Mysterium cosmographicum, Notae ad cap.
XVI (1596, 21621). Ges. Werke 8 (1963) 94, 9–14; vgl. P.
[7] E. CHAUVIN: Lex. philos. (Leeuwarden 1713) 569 (Art. PARKER/B. R. GOLDSTEIN: Is 17th-cent. physics indebted
‹resistentia›). to the Stoics? Centaurus 27 (1984) 148–164.
[8] EPIKUR, a.O. [3]; LUKREZ, a.O. [4]. [19] So z.B. THOMAS VON AQUIN: In Arist. Phys. IV, lect.
12. Op. omn. 18 (Parma 1865) 351.
[9] ARISTOTELES: Phys. IV, 8, 215 a 31.
[20] Vgl. A. MAIER: Zwischen Philos. und Mechanik (Rom
[10] Vgl. M. WOLFF: Fallgesetz und Massebegriff (1971) 39.
1958) bes. 213–236.
[11] ARISTOTELES: Phys. IV, 8, 215 a 13ff.; VIII, 10, 266 b
[21] Vgl. z.B. AVICENNA: Kitab as-Sifa, Auszug, in: S.
40ff.; De caelo 301 b 22ff.
SAMBURSKY (Hg.): Der Weg der Physik (1978) 191–193,
[12] WOLFF, a.O. [10] 38–52. 191; vgl. dazu: A. HASNAOUI: La dynamique d'Ibn Sina, in:
J. JOLIVET/R. RASHED (Hg.): Et. sur Avicenne (Paris 1984)
[13] I. NEWTON: Philos. nat. princ. math. II (1687, 21713). 103–123, 104.
[14] Vgl. C. A. TRUESDELL: Rational fluid mechanics, [22] Vgl. z.B. JOH. BURIDANUS: Quaest. sup. octo libr.
1687–1765, in: L. EULER: Op. omn. II/12 (1954) Phys. (Paris 1509), ND, in: MAIER, a.O. [16] 207–214, bes.
VIII–CXXV; zur nicht-analyt. Behandlung des Strömungs-W. 211, 140–143.

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[23] NEWTON, a.O. [13] def. III. [36] 231; vgl. 238.
[24] PLATO: Tim. 62 b 8–c 3; vgl. 55 c 6–56 a 8. [37] P. GASSENDI: Syntagma philos., Prooem. Op. omn. 1–6
(Lyon 1658, ND 1964) 1, 55 a.
[25] EPIKUR, a.O. [3] 39f. 53f. (DIOG. LAERT. X, 44. 61).
[38] Synt. philos. III, sec. I, a.O. 1, 266 b.
[26] Deperdit. librorum reliquiae frg. 24 [49], a.O. 215–217,
217. [39] a.O. 267 a; vgl. O. R. BLOCH: La philosophie de Gassen-
di (La Haye 1971) 206.
[27] Vgl. SVF 2, 123 (Nr. 381).
[40] a.O.
[28] SEXTUS EMP.: Pyrrhon. instit. III, 39f. 45–47; vgl.
124–128. 152. Opera, hg. H. MUTSCHMANN/J. MAU/K. [41] Vgl. BLOCH, a.O. [39] 206–208.
JANÁCEK 1–4 (1911–62) 1, 143f. 145f.; vgl. 167–169. 175.
[42] G. W. LEIBNIZ: Br. an J. Thomasius (20./30. April
[29] Adv. dogm. IV, 239, a.O. 2, 352f. 1669). Akad.-A. II/1 (1926, ND 1972) 23; vgl. 16.
[30] 240, a.O. 353. [43] a.O. 16; vgl. 21f. 23; vgl. auch: G. W. LEIBNIZ: Marii
Nizolii De veris principiis (1670). Akad.-A. VI/2 (1966) 435.
[31] PLOTIN: Enn. II, 1 (40), 6f.; II, 6 (17), 2; VI, 1 (42), 26. 443; hierzu: K. MOLL: Der junge Leibniz 1–3 (1978–96) 2,
Opera, hg. P. HENRY/H.-R. SCHWYZER 1–3 (Oxford 146. 149f. 153f. 164.
1964–82) 1, 138f. 192; 3, 36.
[44] a.O. [42] 21.
[32] Enn. II, 1 (40), 6, a.O. 1, 138.
[45] Vgl. Art.  ‹Monade; Monas II. 1.–4.›. Hist. Wb. Philos.
[33] Enn. II, 6 (17), bes. 2; vgl. VI, 1 (42), 10, a.O. 1, 192f.; 6 (1984) 117–120.
vgl. 3, 14–16.
[46] G. W. LEIBNIZ: Gegen Descartes [Mai 1702]. Die phi-
[34] F. PATRICIUS: De rerum natura libri II. Alter de spacio los. Schr., hg. C. I. GERHARDT 1–7 (1875–90, ND 1965) 4,
physico, alter de spacio mathematico (Ferrara 1587), zit. nach: 395; vgl. Br. an F. W. Bierling (12. Aug. 1711), a.O. 7, 501;
On physical space (De spacio physico), übers. B. BRIC- Br. an R. Ch. Wagner (4. Juni 1710), a.O. 529.
KMANN. J. Hist. Ideas 4 (1943) 224–245, 228.
[47] Specimen dynamicum (1695). Math. Schr., hg. C. I.
[35] a.O. 243f. GERHARDT (1849–63, ND 1971) 6, 241f.; vgl. 236f.

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50.587 Widerstand HWPh Bd. 12, 709 50.588 Widerstand HWPh Bd. 12, 709

143; Encycl. der philos. Wiss. im Grundrisse §§ 261. 265f.


[48] Br. an H. Fabri (Mai 1702), a.O. 100. (1830). Akad.-A. 20 (1992) 252f. 257–261; J. F. FRIES: Die
[49] Vgl. Art.  ‹Energie›. Hist. Wb. Philos. 2 (1972) mathemat. Naturphilos. nach philos. Methode bearb. (1822).
494–499, 495f. Sämtl. Schr., hg. G. KÖNIG/L. GELDSETZER 13 (1979)
560–563; Die Geschichte der Philos. 2 (1840), a.O. 19 (1969)
[50] a.O. [46] 395. 349f.: mit Bezug auf Leibniz und Newton; 682–684: mit Kri-
tik an Hegel.
[51] TH. HOBBES: De corpore III, cap. 15, 2 (1655). Op. phi-
los. lat., hg. W. MOLESWORTH (London 1839–45, ND W. LEFÈVRE/H. PULTE
1961) 1, 178; cap. 22, 2, a.O. 271f.
[52] Vgl. Art.  ‹Repulsion/Attraktion›. Hist. Wb. Philos. 8 II. Erkenntnistheorie. – Eine erkenntnistheoreti-
(1992) 884–891, 888. sche Bedeutung gewinnt der Begriff ‹W.› im 17. Jh.
[53] JOH. BURIDANUS: Quaest. sup. octo libr. Phys. IV, qu. durch die Erklärung der Wahrnehmung als Folge
IX (Paris 1509, ND 1964) fol. 74; vgl. A. MAIER: Die Vor- einer von außen erfahrenen Einwirkung materieller
läufer Galileis im 14. Jh. (Rom 1949) 69 (Anm. 17). Körper auf die Sinnesorgane des Wahrnehmenden,
[54] Vgl. GOCLENIUS, a.O. [6]; CHAUVIN, a.O. [7]. also als mechanischer Vorgang. So führt etwa TH.
HOBBES aus, daß das Phantasma oder die Vorstel-
[55] CHAUVIN, a.O.
lung einem W. des Inneren auf eine von außen erfah-
[56] Vgl. GEHLER, a.O. [14]. rene Einwirkung entspringe [1]. Hobbes greift dabei
[57] Vgl. NEWTON, a.O. [13] def. IV.
auf eine naturphilosophische Bestimmung des W. zu-
rück (vgl. oben: I.), der zufolge dieser nicht als etwas
[58] Vgl. bes. I. KANT: Metaphys. Anfangsgründe der Natur- bloßes Passives zu denken sei, sondern als der Impuls
wiss. (1786). Akad.-A. 4, 539. 541. 548f. 552; J. G. FICHTE:
Grundlage der ges. Wiss.lehre (1794, 21802). Sämmtl. Werke,
eines Körpers, der dem Impuls eines ihn berührenden
hg. I. H. FICHTE I/1 (1845) 292f.; F. W. J. SCHELLING: anderen Körpers entgegengesetzt ist [2]. Während bei
Ideen zu einer Philos. der Natur (1797). Akad.-A. I/5 (1994) Hobbes der Begriff des W. einzig in der mechanisti-
200f.; Von der Weltseele (1798, 21806). Akad.-A. I/6 (2000) schen Erklärung der Wahrnehmung seinen Ort hat,
78f.; G. W. F. HEGEL: Wiss. der Logik 1 (1812). Akad.-A. 11 wird der W. bei J. LOCKE im Zusammenhang mit
(1978) 104; Wiss. der Logik 2 (1816). Akad.-A. 12 (1981)
dem Tastsinn zu einem wesentlichen Gehalt der
Wahrnehmung selbst: «The Idea of Solidity we recei-
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50.589 Widerstand HWPh Bd. 12, 710 50.590 Widerstand HWPh Bd. 12, 710

ve by our Touch; and it arises from the resistance Fichteschen Philosophie die Rede ist, ist nicht unbe-
which we find in Body, to the entrance of any other stimmt das Bewußtsein des Menschen, sondern genau
Body into the Place it possesses, till it has left it. dasjenige des Ich, dessen abstrakten Begriff Fichte am
There is no Idea, which we receive more constantly Anfang der ‹Grundlage der gesamten
from Sensation, than Solidity» [3]. Lockes Auffas- Wissenschaftslehre› gibt [10]. F. BOUTERWEK ver-
sung bleibt für die auf ihn folgende Philosophie ein steht in ausdrücklicher Abgrenzung gegen Fichte den
wesentlicher Anknüpfungspunkt [4]. Bei A.-L.-C. W. deräußeren Realität als gleichursprünglich mit der
DESTUTT de TRACY wird die W.-Erfahrung zum Äußerung subjektiver Kraft und gelangt so zu seinem
Grund für das Bewußtsein des Daseins von etwas Begriff vom Absoluten als Virtualität  (s.d.), d.h.
dem Ich Äußerem: «Action voulue et sentie d'une als der Einheit von Kraft und W. bzw. Subjektivität
part, et résistance de l'autre; voilà, j'ose n'en pas dou- und Objektivität [11]. Für W. DILTHEY ist das
ter, le lien entre les êtres sentans et les êtres sentis» W.-Erlebnis der Grund für «unseren Glauben an die
[5]. Hervorzuheben ist dabei, daß der W. immer rela- Realität der Außenwelt» [12]. Allerdings schließt er
tiv nicht nur zu einem Willen, sondern zu einer durch nicht an die ihm voraufgegangene spekulative Philo-
den Willen hervorgerufenen Bewegung ist [6]. Konse- sophie an, da er das Verhältnis von Willen und W. als
quenterweise ist die W.-Empfindung daher ebenso als ein schlechthin ursprüngliches und deshalb «uner-
Grund des Bewußtseins des Wollenden von sich gründliches» Lebensverhältnis denkt. Diese Ur-
selbst anzusehen, wie F.-P. MAINE de BIRAN im sprünglichkeit der jegliches Bewußtsein konstituie-
Anschluß an Destutt de Tracy hervorgehoben hat [7]. renden Stellung des W.-Erlebens zeigt sich auch
J. G. FICHTES Rede vom W. entspricht nur äußer- daran, daß es zeitlich die erste Gestalt des Bewußt-
lich diesen Überlegungen; zwar ist auch für ihn W. seins bildet, macht es doch den Kern der mutmaßli-
konstitutiv für das Bewußtsein und seinen Gegen- chen Erlebnisse eines Embryos im Mutterleib aus
stand [8], aber Fichte bleibt nicht dabei stehen, den [13]. Insofern fließen in Diltheys W.-Begriff transzen-
W. als bloße Gegebenheit zu betrachten, sondern dentale und empirisch-psychologische Überlegungen
denkt ihn als Produkt einer durch die «Gesetze des zusammen.
Bewußtseyns» zu begreifenden Tätigkeit des Ich [9]. M. SCHELER lehnt auf dem Hintergrundder Hus-
Und das Bewußtsein, von dem im Zusammenhang der serlschen Phänomenologie Diltheys Begriff der W.-
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50.591 Widerstand HWPh Bd. 12, 710 50.592 Widerstand HWPh Bd. 12, 711

Empfindung ab [14]. Der W. sei vielmehr in einem Zusammenhang gehört auch die Bestimmung der mo-
intentionalen Erlebnis gegeben und konstitutiv für die ralischen Handlung durch W. JAMES: «And if a brief
praktische Realität [15]. Dabei könne es zu einer pa- definition of ideal or moral action were required, none
thologischen Verschiebung des W. vom Äußeren in could be given which would better fit the appearances
das Innere kommen, die es zu korrigieren gilt [16]. than this: It is action in the line of the greatest resi-
Dies verweist auf die praktische Bedeutung des stance» [22].
W.-Begriffs, wie sie sich exemplarisch bei I. KANT Anmerkungen.
zeigt. Mit W. in praktischer Hinsicht benennt Kant
das wesentliche Merkmal des Verhältnisses zwischen [1] HOBBES: De corp. IV, 25, a.O. [51 zu I.] 1, 318.
reiner Vernunft und Neigung im Hinblick auf die Wil- [2] IV, 15, a.O. 178.
lensbestimmung; die eine Seite leiste der anderen W.
[3] J. LOCKE: An essay conc. human underst. II, 4, § 1
[17]. Für die Bestimmung des Menschen entschei- (1690), hg. P. H. NIDDITCH (Oxford 1975) 122f.; vgl. Art.
dend ist dabei die Überwindung des W. der Neigung  ‹Sinne, die, D. 2.›. Hist. Wb. Philos. 9 (1995) 842f.
allein durch die reine Vernunft, d.h. durch «die leben-
[4] z.B. G. BERKELEY: Three dialogues (1713). Works, hg.
dige Vorstellung der Würde des Gesetzes» [18]. A. A. LUCE/T. E. JESSOP (London 1948–57, ND 1979) 2,
Damit hängt Kants Begriff vom Erhabenen zusam- 191; A treat. conc. the princ. of human knowledge § 116
men: «Erhaben ist das, was durch seinen W. gegen (1710), a.O. 93; G. W. LEIBNIZ: Nouv. ess. sur l'entend. hu-
das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt» [19]. main II, 4, § 1 [1704] (1765). Akad.-A. VI/6 (1962) 122ff.; D.
HUME: A treat. of human nature I, 4 (1739/40). The philos.
F. NIETZSCHE schließt in der Sache, wohl aber
works, hg. T. H. GREEN/T. H. GROSE 1 (London 21886)
nicht ausdrücklich, an diese Bestimmung des Erhabe- 515; E. B. de CONDILLAC: Traité des sensations II, 4 (Paris
nen an, wenn er darlegt, inwiefern der W. eine not- 1754) 152; H. SPENCER: Princ. of psychol. II, 6, 17, §§
wendige Bedingung zur Größe des Menschen ist: 347f. 350 (1855). Works 5 (London 1899, ND 1966) 232ff.
«Den höchsten Typus freier Menschen hätte man dort 239ff.
zu suchen, wo beständig der höchste W. überwunden [5] A.-L.-C. DESTUTT de TRACY: Elém. d'idéologie I, 7
wird» [20]. Das zielt auf Nietzsches Rede vom «Wil- (Paris 1804, 31817) 136; vgl. P.-J. G. CABANIS: Rapports du
len zur Macht»  (s.d.), denn Macht manifestiert sich physique et du moral de l'homme (Paris 1802) 34.
darin, «dass ein W. überwunden wird» [21]. In diesen
HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie
50.593 Widerstand HWPh Bd. 12, 711 50.594 Widerstand HWPh Bd. 12, 711

[6] DESTUTT de TRACY, a.O. 141f. [17] I. KANT: Grundleg. zur Met. der Sitten (1785). Akad.-A.
4, 424; KpV A 57. 133. Akad.-A. 5, 32. 75.
[7] F.-P. MAINE de BIRAN: Division des faits psycholog. et
physiolog. Oeuvr. philos., hg. V. COUSIN (Paris 1841) 3, [18] KpV A 265, a.O. 147.
196.
[19] KU B 115, a.O. 267.
[8] z.B. J. G. FICHTE: System der Sittenlehre (1798). Akad.-
A. I/5 (1977) 25f.; vgl. Art.  ‹Streben 6. a)›. Hist. Wb. Phi- [20] F. NIETZSCHE: Götzen-Dämmerung. Streifzüge eines
los. 10 (1998) 286–291. Unzeitgemässen 38 (1889). Krit. Ges.ausg., hg. G. COLLI/M.
MONTINARI 6/3 (1969) 134.
[9] a.O.
[21] Der Antichrist 2 (1895), a.O. 168.
[10] Grundl. § 1, a.O. [58 zu I.] 91f.
[22] W. JAMES: The princ. of psychology 1–2 (New York
[11] F. BOUTERWEK: Idee einer Apodiktik (Halle 1799) 2, 1890) 2, 549.
68.
Literaturhinweis. B. SCHMIDT: Das W.-Argument in der
[12] W. DILTHEY: Beitr. zur Lösung der Frage vom Ur- Erkenntnistheorie (1985).
sprung unseres Glaubens an die Realität der Aussenwelt und
seinem Recht (1890). Ges. Schr. (1914ff.) 5, 90ff. A. HOMANN

[13] a.O. 98; vgl. Art.  ‹Unergründlichkeit›. Hist. Wb. Phi- III. Psychoanalyse. – Der psychoanalytische Be-
los. 11 (2001) 147–150.
griff ‹W.› dient zur Bezeichnung jener meist unbe-
[14] M. SCHELER: Erkenntnis und Arbeit (1926). Ges. wußten Kräfte, die sich dem Ziel der psychoanalyti-
Werke 8 (21960) 370ff.; Idealismus und Realismus [1927/28], schen Behandlung entgegensetzen und zugleich deren
a.O. 9 (21995) 210ff.
notwendigen Gegenstand bilden. Das Konzept des W.
[15] Der Formalismus in der Ethik und die mat. Wertethik steht in enger Verbindung zu den Konzepten der Ab-
(1916, 31926), a.O. 2 (51966) 149ff. wehrmechanismen [1] und der Übertragung  (s.d.).
[16] Die Idole der Selbsterkenntnis (1911), a.O. 3 (41955) Im Gegensatz zu der eher okkasionellen Verwendung
258f. des Terminus in der Motivations- und Sozialpsycho-
logie – wie z.B. im Kontext des Begriffes der Reak-
tanz [2] – hat die Psychoanalyse eine systematische

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50.595 Widerstand HWPh Bd. 12, 711 50.596 Widerstand HWPh Bd. 12, 712

Theorie der W.-Phänomene vorgelegt. Der Begriff «Schritt zu seiner Überwindung». Neben den Theori-
‹W.› wurde später auch von anderen psychotherapeu- en des Unbewußten und der kindlichen Sexualität bil-
tischen Schulrichtungen mit z.T. modifiziertem Be- den von nun an die «Lehren vom W. und von der Ver-
deutungsgehalt übernommen und in andere theoreti- drängung ... die Hauptbestandteile des psychoanalyti-
sche Kontexte (z.B. der kognitiven oder Systemtheo- schen Lehrgebäudes» [7] und ein Fundament ihrer
rie) transponiert [3]. Technik, durch die sich Einsicht in den Aufbau von
S. FREUD wird mit dem klinischen Phänomen des Träumen, Fehlleistungen und neurotischen Sympto-
W. vertraut, als er sich in der Therapie noch suggesti- men gewinnen läßt.
ver und hypnotischer Techniken bedient. Bereits 1889 In seinen behandlungstechnischen Schriften unter-
erwähnt er, die Beeinflussung erfolge «nur selten ohne sucht Freud zwischen 1911 und 1915 eingehend das
W. von seiten des Hypnotisierten» [4]. Besonders in Verhältnis von W. und Übertragung, d.h. der agierten
der Therapie hysterischer Erkrankungen stößt er auf Wiederholung  (s.d.) anstelle der bewußten Erinne-
den engen Zusammenhang zwischen W. und Verdrän- rung der «vergessenen Vergangenheit» [8]. Wenn die
gung  (s.d.): Hier sei «eine psychische Kraft ... zu Übertragung auf die Person des Analytikers vor allem
überwinden ..., die sich dem Bewußtwerden (Erin- deshalb zum Bewußtsein durchdringt, «weil sie auch
nern) der pathogenen Vorstellungen widersetze» [5]. dem Widerstande Genüge tut» [9], so gibt es anderer-
Dieser W. zeigt sich als dieselbe Kraft, die bei der seits doch auchkeinen W. ohne Übertragung [10].
Genese des Symptoms als Abwehr der unerträglichen Freud entwickelt daraus ein dialektisches Modell des
Vorstellung von seiten des Ich wirksam geworden Verhältnisses von Wiederholung und Erinnerung im
war. Während Freud zu dieser Zeit noch versucht, die psychoanalytischen Prozeß [11], welcher vor allem
Phänomene von W. und Verdrängung in einem neuro- die Analyse von Übertragungs-Widerständen zum In-
physiologischen Funktionsmodell der Psyche aufzulö- halt hat (W.-Analyse).
sen [6], überwindet er therapeutisch die suggestive Die weitere Ausarbeitung der Theorie des W. ist
Beeinflussung des W. und legt mit der Methode der von der Untersuchung des Wiederholungszwanges
freien Assoziation die Grundlage für die psychoanaly- und der genaueren Einsicht in die Abwehroperationen
tische Behandlungstechnik, d.h. der genauen Untersu- des Ich geprägt. Während das klinische Phänomen
chung und «Aufdeckung des Widerstandes» als ersten des Wiederholungszwanges Freud zur Einführung des
HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie
50.597 Widerstand HWPh Bd. 12, 712 50.598 Widerstand HWPh Bd. 12, 713

Todestriebes  (s.d.) und zur Revision seiner Trieb- mitiver Destruktivität. Diese kann gegen einzelne psy-
theorie führt, ermöglicht ihm die Strukturtheorie eine chische Funktionen (z.B. Denkfunktionen) wie auch
genauere Differenzierung der verschiedenen W.-For- gegen die Möglichkeit von Entwicklung und Verände-
men sowie Einblick in das Verhältnis von W. und rung überhaupt gerichtet sein [17].
Charakterbildung (sog. Charakter-W.). 1926 unter- Die Berücksichtigung von Erkenntnissen über die
scheidet Freud fünf Arten von W., wobei er den «Ver- Bedeutung von Loslösungsprozessen für die frühe
drängungswiderstand», den «Übertragungswider- Identitätsbildung [18] findet ihren Ausdruck in einer
stand» und den «Krankheitsgewinn» dem Ich zu- erweiterten Sichtweise von W.-Phänomenen, die auch
schreibt. Dem stellt er den W. von seiten des Es Schritte zur Entwicklung von Selbstkohärenz und Au-
sowie den W. des Über-Ich gegenüber, welcher vom tonomie miteinbezieht. Vor diesem Hintergrundschla-
Schuldbewußtsein oder Strafbedürfnis ausgeht [12]. gen vor allem ich- und selbstpsychologische Autoren
Letztere W.-Formen bringt er in seiner Arbeit ‹Die Modifikationen der klassischen Behandlungstechnik
endliche und die unendliche Analyse› mit der «negati- bei bestimmten Störungsformen vor [19].
ven therapeutischen Reaktion» und der Tätigkeit des Andererseits wird das W.-Konzept gerade durch
Todestriebes in Zusammenhang [13]. Weiterentwicklungen der psychoanalytischen Behand-
Die Entwicklung nach Freud ist durch die weitere lungstechnik vertieft und differenziert. Dies betrifft
Entfaltung der theoretischen Hauptrichtungen, den Er- zum einen das Verständnis regressiver Prozesse [20],
kenntniszuwachs über die frühkindliche Entwicklung zum anderen die Rolle der Gegenübertragung, d.h. der
sowie durch die Fortschritte in den behandlungstech- Verwicklung des Analytikers in bestimmte W.-Kon-
nischen Konzepten charakterisiert. Während A. stellationen (Gegenübertragungs-W.) [21]. Insbeson-
FREUD [14] die vom Ich ausgehenden Abwehrme- dere die systematische Berücksichtigung von Gegen-
chanismen analysiert und ichpsychologische Autoren übertragungsprozessen hat zu einem vertieften Ein-
vor allem in den USA die Technik der W.-Analyse blick in die Dynamik von W.-Phänomenen geführt.
weiter ausarbeiten [15], beschreiben M. KLEIN [16] Neuere interpersonale und sozial-konstruktive Ansät-
und ihre Schüler in Großbritannien bestimmte ze betonen deshalb den Interaktions- und Prozeßcha-
W.-Manifestationen bei schweren psychischen Stö- rakter von Übertragung und W. [22].
rungen als Ausdruck und Bewältigungsversuche pri- In Abhebung vor allem zu ichpsychologischen An-
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50.599 Widerstand HWPh Bd. 12, 713 50.600 Widerstand HWPh Bd. 12, 713

sätzen nimmt in Frankreich die strukturale Psycho- sifikationsmöglichkeit wissenschaftlicher Aussagen


analyse-Interpretation J. LACANS Motive der dialek- [28], wird von hermeneutischer Seite der eigenständi-
tischen Philosophie Hegels auf. Sie betrachtet W. im ge Status der psychoanalytischen Theoriesprache re-
Zusammenhang mit dem imaginären Charakter des klamiert [29]. Diese läßt sich nach P. RICŒUR [30]
Ich und sieht darin ein konstitutives Element in der weder in der erklärenden Rede der Naturwissenschaft
Entfaltung der intersubjektiven Begehrensstruktur noch in der motivierenden Rede der Phänomenologie
[23]. auflösen, sondern erfordere einen «discours mixte»,
Freuds Überlegungen zu Charakter-Widerständen welcher die Arbeit der Exegese mit Begriffen der
und zur negativen therapeutischen Reaktion werden Kraft verknüpft, wie sie in der psychoanalytischen
von W. REICH [24] und anderen Autoren weiterge- Praxis als W. und Übertragung erfahrbar werden.
führt. Schon frühzeitig beschreiben K. ABRAHAM Anmerkungen.
[25] und J. RIVIERE [26] hochkomplexe Widerstän-
de als Abwehrorganisationen. Daraus gehen in neue- [1] Vgl. Art.  ‹Abwehrmechanismus›. Hist. Wb. Philos. 1
(1971) 67–70.
rer Zeit Theorien über pathologische Organisationen
der Persönlichkeit hervor, die sich sowohl als Inein- [2] Vgl. S. S. BREHM/J. W. BREHM: Psycholog. reactance:
andergreifen von Abwehrmechanismen wie auch als A theory of freedom and control (New York 1981).
komplexes Netz von Objektbeziehungen verstehen [3] Vgl. F. CASPAR: Art. ‹W.›, in: A. SCHORR (Hg.):
lassen [27]. Diese Überlegungen sind auf Gruppen- Handwb. der Angewandten Psychol. (1993) 731–733.
prozesse und Institutionen übertragbar und ermögli- [4] S. FREUD: Rez. von A. Forel, Der Hypnotismus (1889).
chen in der psychoanalytischen Situation ein genaue- Ges. Werke, hg. A. FREUD u.a. [GW] (London 1940–87)
res Verständnis schwieriger Übertragungs-Gegen- Nachtragsband (1987) 135; vgl. Art.  ‹Hypnose 3.›. Hist.
übertragungs-Konstellationen. Wb. Philos. 3 (1974) 1244–1246.
In der philosophischen Rezeption hat das Konzept [5] S. FREUD/J. BREUER: Studien über Hysterie: Zur Psy-
des W. vor allem in der Debatte um den erkenntnis- chotherapie der Hysterie (1895, 21909). GW 1, 268.
theoretischen Status psychoanalytischer Aussagen [6] Vgl. S. FREUD: Entwurf einer Psychologie (1895). GW,
eine Rolle gespielt. Während einerseits argumentiert Nachtr.bd. 387ff.
wird, der Begriff des W. unterlaufe die geforderte Fal-
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50.601 Widerstand HWPh Bd. 12, 713 50.602 Widerstand HWPh Bd. 12, 714

[7] «Selbstdarstellung» (1925). GW 14, 65f. [20] Vgl. M. BALINT: The basic fault: Therapeutic aspects of
regression (London 1968); D. W. WINNICOTT: Playing and
[8] Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten (1914). GW 10, reality (London 1971).
130.
[21] Vgl. P. HEIMANN: On countertransference. Int. J. Psy-
[9] Zur Dynamik der Übertragung (1912). GW 8, 369. cho-Anal. 31 (1950) 81–84; H. RACKER: Transference and
[10] Vorles. zur Einf. in die Psychoanalyse (1915–17). GW countertransference (London 1968).
11, 300f. [22] M. M. GILL: Analysis of transference (New York 1982).
[11] Vgl. a.O. [8]; H. WEISS: Der Andere in der Übertragung [23] Vgl. J. LACAN: Fonction et champ de la parole et du lan-
(1988). gage en psychanalyse. Ecrits I (Paris 1966) 237–322; La direc-
[12] Hemmung, Symptom und Angst (1926). GW 14, 192. tion de la cure et les principes de son pouvoir, a.O. 585–645;
Le séminaire II. Le moi dans la théorie de Freud et dans la
[13] Die endl. und die unendl. Analyse (1937). GW 16, 88. téchn. de la psychanalyse (Paris 1978).
[14] A. FREUD: Das Ich und die Abwehrmechanismen (Wien [24] W. REICH: Charakteranalyse (Wien 1933).
1936).
[25] K. ABRAHAM: Über eine bes. Form des neurot. W.
[15] R. GREENSON: The technique and practice of psycho- gegen die psychoanalyt. Methodik. Int. Z. Ärztl. Psychoanal. 5
analysis (New York 1967). (1919) 173–180.
[16] M. KLEIN: Notes on some schizoid mechanisms. Int. J. [26] J. RIVIERE: A contrib. to the analysis of the negat. thera-
Psycho-Anal. 27 (1946) 99–110; Envy and gratitude (London peutic reaction. Int. J. Psycho-Anal. 17 (1936) 304–320.
1957).
[27] Vgl. H. ROSENFELD: Psychotic states (London 1965);
[17] W. R. BION: Learning from experience (London 1962). J. STEINER: Psychic retreats (London 1993).
[18] M. S. MAHLER/F. PINE/A. BERGMAN: The psycho- [28] A. GRÜNBAUM: Psychoanalyse in wiss.theoret. Sicht
log. birth of the human infant (New York 1975). (1987).
[19] Vgl. H. KOHUT: The analysis of the self (New York [29] Vgl. A. SCHÖPF: S. Freud (1982); W. TRESS: Psycho-
1971); G. BLANCK/R. BLANCK: Ego psychology: Theory analyse als Wissenschaft. Psyche 29 (1985) 385–412.
and practice (New York/London 1974).

HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie
50.603 Widerstand HWPh Bd. 12, 714 50.604 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 714

[30] P. RICŒUR: De l'interprétation (Paris 1965) 75; dtsch.:


Die Interpretation (1974) 79. Widerstandsrecht (lat. ius resistentiae, ius resi-
Literaturhinweise. W. LOCH: Voraussetzungen, Mecha- stendi). Erst im Zuge der Einrichtung des modernen
nismen und Grenzen des psychoanalyt. Prozesses (Bern/Stutt- Verfassungsstaates und der Auseinandersetzung zwi-
gart 1965). – H. THOMÄ/H. KÄCHELE: Lehrb. der psycho- schen monarchischem Anstaltsstaat und konstitutio-
analyt. Therapie (1985). – H. R. ETCHEGOYEN: The funda-
neller Bewegung um Art. 13 Bundesakte (Einrichtung
mentals of psychoanal. technique (London/New York 1991). –
M. ERMANN: Art. ‹Widerstand›, in: W. MERTENS/B. Landständischer Verfassung) wird ‹W.› zum Sammel-
WALDVOGEL (Hg.): Hb. psychoanalyt. Grundbegriffe begriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Rechts-
(2000) 797–802. gründe zum Ungehorsam oder zur Gewaltanwendung
H. WEISS gegen Magistrate, von der Herrscherverlassung bis
hin zu deren Absetzung. Die Gründe reichen von
ständischen Vertragsgarantien zugunsten Dritter bis
zu natur- und strafrechtlichen Begründungen: defensio
ipsi, defensio suae coniugi, defensio in casu necessita-
tis, protectio, Gegenwehr, Notwehr, ius iudicandi, ius
puniendi, nur ausnahmsweise ausdrücklich ius resi-
stendi. Lexika des 18. Jh. kennen nur die durch ius di-
vinum oder ius naturale begründete und strafrechtlich
eingehegte Notwehr für den einzelnen Untertanen (de-
fensio naturalis/necessaria, favor necessitatis). Mit
Hinweis auf Grotius, Pufendorf und Thomasius wird
die organisierte und kollektive Bekämpfung des höch-
sten Magistrats in Abwägung der Folgeschäden für
das Gemeinwesen ausdrücklich ausgeschlossen [1].
Die Abwägung zwischen den Rechten des Einzelnen
und der Notwendigkeit der Unterordnung unter eine
anerkannte Zwangsgewalt zieht sich zwar bereits
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50.605 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 715 50.606 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 715

durch die mittelalterliche und frühneuzeitliche Dis- Staatszweckes seine Selbsständigkeit [d.h. als bürger-
kussion, fußte damals jedoch auf dem konkurrieren- liche Privatrechtsgesellschaft]; und der Regent hat die
denNebeneinanderkontroversgedeuteterunterschied- Oberherrschaft, nur unter der Bedingung pflichtmäsi-
licher Rechte (ius divinum, ius naturale, Kanonisches ger Wahl der Mittel zu Erreichung jenes Zweckes. Es
Recht, Gewohnheitsrecht usw.). Der Verfassungsbe- kann also ... das Volk von dem Regenten als bloßes
wegung nach 1806 geht es demgegenüber um den Mittel für andere Zwecke (Tyranney, Sultanismus,
Schutz der bürgerlichen Privatrechtsgesellschaft ge- Macchiavellismus) nicht behandelt werden (Recht des
genüber dem Staat, aber ebenso um die völlige Positi- gewaltsamen Widerstandes, jus resistendi)» [4].
vierung des geltenden Rechts unter Ausschaltung kon- Neben den Versuch der verfassungsrechtlichen Einhe-
kurrierender Rechtsgründe. I. KANT und Juristen wie gung der Exekutive durch höchste Gerichte [5] tritt
A. BAUER folgern: «Wider das gesetzgebende Ober- die publizistische Ausdeutung von Unruhen im Sinne
haupt des Staats giebt es also keinen rechtmäßigen eines W., so im Gefolge der Revolution von 1830 in
Widerstand des Volks; denn nur durch Unterwerfung Braunschweig durch F. MURHARD 1832, der die
unter seinen allgemein-gesetzgebenden Willen ist ein «Stimmen für die Rechtmäßigkeit des Widerstandes
rechtlicher Zustand möglich» [2]. Ein W. würde «im und der Zwangsübung gegen die bestehende Staatsge-
Staat, dessen Zweck in Rechtssicherheit besteht, einen walt» als Zeichen für die erreichte «höhere Stufe der
Zustand des Despotismus oder der Anarchie» bewir- Kultur und Zivilisation» als W. geschichtsphiloso-
ken [3]. Als jedoch der nach 1806 nicht mehr durch phisch zusammenfaßt [6].
Reichsgerichte gebundene Staat den Forderungen der 1. Antike Wurzeln. – Die Notmaßnahmen der römi-
Verfassungsbewegung nach Schutz der bürgerlichen schen Bürgerkriege führen – wie SCIPIO NASICA
Privatrechtsgesellschaft nach 1815 nicht nachzukom- SERAPIOS Aufforderung (133 v.Chr.) an diejenigen,
men scheint, fassen deren Verfechter die Vielzahl wi- «die wollen, daß die öffentlichen Belange unversehrt
dersprüchlicher Deutungen konkurrierender Rechte in seien» («qui rem publicam salvam esse volunt»), zur
Form eines Rechtsgedankens ‹W.› neu als Teil der Gewaltanwendung gegen Tiberius Gracchus – zu
neuen positiven Verfassungsordnung zusammen. Handlungsanweisungen an die Bürger, im Notfall auf
«Vermöge des Unterwerfungs Vertrags behält das eigene Faust gegen Feinde («hostes») die Rechte von
Volk, der Inbegriff der Staatsbürger, ausserhalb des unverurteilten Bürgern («cives indemnatus») zu bre-
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50.607 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 715 50.608 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 716

chen [7]. CICERO verteidigt das dann entstehende In- verlangt, hängt die christliche Reflexion, unabhängig
strument des «senatus consultum» zu Notmaßnahmen von der lehensrechtlichen Praxis [12], ganz vom Be-
gegen Feinde zur Bewahrung von Herrschaft und griff der Tyrannis  (s.d.) und der Gewißheit göttli-
Würde des römischen Volkes («ut imperium populi cher Gerechtigkeit ab. JOHANNES VON SALISBU-
Romani maiestasque conservaretur») [8]. Die von ihm RYS Polycraticus folgert vor diesem Hintergrundin
63 v.Chr. als Konsul befohlene Hinrichtung von be- einem an Cicero angelehnten Syllogismus, der Tyrann
reits verhafteten Anhängern Catilinas – also weder könne erschlagen werden, denn er falle dann durch
«hostes» im bisherigen Sinne noch mit «senatus con- das Schwert, das er ergriffen hat (Mtth. 26, 52), bre-
sultum ultimum» – führt zu seiner Verurteilung che die Gesetze, deren Diener er ist («justitiae et juris
wegen der Ermordung von unverurteilten Bürgern. famulus»), und begehe «crimina majestatis». Er ist
Von ihm selbst wiederum wird die Tat mit dem Hin- darum «publicus hostis» [13], gegen den die bewaff-
weis darauf, «daß das Wohl des Volkes höchstes Ge- nete Hand des Gemeinwesens ausgeübt wird («Arma-
setz sein soll» («salus populi suprema lex esto»), be- ta itaque manus [rei publicae] in hostem ... exerce-
gründet [9]. Später fügt er die ausdrückliche Rechtfer- tur») [14], sofern er nicht anders kontrolliert werden
tigung der Ermordung des Senators Clodius durch kann («honestum fuit occidere, si tamen aliter coerceri
Milo – ohne senatorische Deckung – als Verteidigung non poterat») [15]. THOMAS VON AQUIN entwik-
des eigenen Lebens («vitam ... liceat defendere») und kelt demgegenüber in Auseinandersetzung mit der
des öffentlichen Wohls und Vaterlands («pro salute ‹Politik› und ‹Ethik› des Aristoteles eine Kasuistik
rei publicae», «periculis patriam liberare») hinzu des Tyrannen «ex parte exercitii» und «defectu tituli»
[10]. Während des Krieges mit Caesar unterstreicht und kontrastiert Ciceros Befürwortung der Ermordung
Cicero die Pflicht zum Rechtsbruch durch jeden ein- des Tyrannen mit dem christlichen Gehorsamsgebot
zelnen Bürger, der für das Vaterland zum Piraten wer- [16]. Allerdings sind, unter Ausschluß von «privati
den müsse («infero navigabimus, et ... boni cives personae», gegenüber dem Usurpator «jene, welche
amantes patriae mare infestum habebimus») [11]. das Gemeine Beste verteidigen, nicht als Aufrührer zu
2. Mittelalter. – Da das Neue Testament (Röm. 12, bezeichnen» («illi vero qui bonum commune defen-
17, 13; Mtth. 5, 39) Gehorsam gegen die rechtmäßige dunt ... non ... dicendi seditiosi») [17].
Herrschaft und Verzicht auf Selbstrache (Apg. 5, 29) 3. Frühe Neuzeit. – Die Entstehung sich gegensei-
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50.609 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 716 50.610 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 717

tig ausschließender Konfessionen läßt die Verteidi- denen Notwehr [20] als «defensio» («Paterfamilias
gung des eigenen Glaubens auch gegen rechtmäßig debet defensionem suae coniugi et suis liberis, ergo in
eingesetzte Herrschaft zum Strukturproblem werden. oppugnatione aedium facit officium dilectionis») [21].
Gegen die andersgläubige Obrigkeit gewinnen das In der Pamphletistik wird dieses Naturrecht der
eine Mal Apg. 5, 29, die «vocatio dei» und «Exempla Selbstverteidigung seit 1546 als ‘Notʼ- oder
Israelitarum», ein anderes Mal ein auf einzelne Amts- ‘Gegenwehrʼ einem häufig als ‘Vaterlandʼ apostro-
handlungen begrenztes W. mit Bezug auf lehens-, ge- phierten Gemeinwesen zugestanden – mit Bezug auf
wohnheits- und naturrechtliche Argumente gesteigerte Deutschland oder auf eine Region oder Stadt, zum
Bedeutung und führen in Gebieten unterschiedlicher Schutz von Religion und weltlicher Rechtsordnung.
monarchischer Legitimität zu völlig verschiedenen Eine Inflationierung dieses engen Rechts ist die
Ergebnissen. Im Reich dominiert von 1530 bis 1542 Folge.
zunächst die «von natur und recht zugelassene gegen- Im Reich setzen sich Selbstverteidigung des Vater-
wehre» [18], in der bis zu einer Konzilsentscheidung landes, obrigkeitliche Gegenwehr und Notwehr bis in
der causa religionis lehensrechtliche Ansprüche, ob- die 1640er Jahre fort. Neben eine fürstenfreundliche
rigkeitliche Pflichten und das allein Obrigkeiten zu- Position der Verteidigung des territorialen Vaterlan-
stehende Naturrecht der Selbstverteidigung kombi- des allein durch reichsfürstliche Obrigkeiten («sicut
niert werden. In der Krise vor dem Frankfurter An- contra se ipsum nemo debet armari, ita nec contra pat-
stand 1539 argumentiert M. LUTHER, daß auch die riam» [22]) tritt eine landständefreundliche Position:
dritte der gegen den Teufel gesetzten göttlichen die Verteidigung des auch städtischen Vaterlandes
Schöpfungsordnungen, «Oeconomicum» (Hausvater- («Religio, libertas & jura patriæ sunt defendenda»
stand), im Falle der apokalyptischen Bedrohung von [23]) auch durch Landstände, ja sogar «civi boni»
Gottes Ordnung dem «Beerwolf» zu widerstehen habe gegen den Fürsten («Defensio contra vim & inju-
(«resistendum est ei sic-ut monstro furioso») [19]. riam», «tyrannidem ... removere», «patriæ amantes
PH. MELANCHTHON differenziert seit 1543 die al- optimates & privati resistere ... debent» [24]). Man
lein der Obrigkeit vorbehaltene «vindicta» von der in beruft sich auf ein bei J. ALTHUSIUS mit einem aus
der ‹Carolina› 1532 strafrechtlich eingeschränkten, der Identitätsrepräsentation des regnum begründeten
nun jedoch naturrechtlich jedem Hausvater zugestan- («actum jurisdictionis ... & superioritatis» [25]), eige-
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50.611 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 717 50.612 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 717

nen ständischen W. der Ephoren («ius resistendi», dines») im Besitz des Herrschaftsrechts und höchster
«ius iudicandi vel puniendi») [26]. Die naturrechtli- Amtsgewalt («ius ... gubernandi»; «summam potes-
che Selbstverteidigung bleibt allein im Sinn der straf- tam») haben das Recht, sich zu wehren («habe[n]t ius
rechtlichen Notwehr gestattet [27]. Ein W. des Haus- se defendendi»; «ius potestatis suae iurisdictionem
mannsstandes als vocatio dei zur Verteidigung des suam defendere») [31]. J. CALVIN warnt vor einer
Vaterlandes (z.B. mit 2. Kön. 11; 2. Chr. 23; Jos.) Inanspruchnahme der vocatio dei durch einzelne Un-
[28] oder als naturrechtliche Notwehr (mit Cicero tertanen und schreibt allein den dem Volk als Vor-
‹Pro Milone›) behalten die reformierten und lutheri- mündern vorgesetzten Ständen ein W. zu [32].
schen Autoren besonderen Krisensituationen vor. Ent- G. BUCHANANS ambivalente Andeutungen selb-
scheidend ist die «Unterscheidung zwischen der recht- ständiger Gewaltanwendung einzelner Untertanen
mäßigen Verteidigung und Rebellion» («differentia unter Bezug auf das römische Beispiel [33] bleiben
defensio & rebellionis ingens»): «die Noth- oder Ge- die Ausnahme. Da das Wohl des Volkes höchstes Ge-
genwahr ist ein ordentliches Schutzwerck / in allen setz sei, können Bürger, die den Gesetzen gehorchen
Rechten gegruendet und zugelassen / nicht andern zu und durch ihre Würde geachtet sind, alle Strafen des
schaden fuergenommen / sondern wider unrechte ge- Krieges gegen den Tyrannen wenden. In England
walt / sich und die Seinigen auffzuhalten / wenn sonst kann die Publizistik der marianischen Exulanten auf
keine andere Rettungs Mittel obrig sind» [29]. So- die Gegenwehr der niederen Magistrate («ordayned ...
wohl das entstehende Reichsstaatsrecht als auch das to stande in defence of trewe religion, lawes, and
jüngere Naturrecht belassen den Fürsten die Gegen- welth of their nation, and to be a shylde») nicht zu-
wehr und den Untertanen die Notwehr, verzichten rückgreifen und diskreditiert W. durch ihren Rück-
aber in der Regel auf ein W. für Landstände und Un- griff auf die vocatio dei für Untertanen (mit Richt.
tertanen zugunsten des Rekurses auf die Reichsgerich- 19f.: «one facte of the Isralites worthie memorie ... at
te. In den Niederlanden bleibt die Diskussion über- what tyme they had no lawfull Magistrate in all Isra-
wiegend auf der Ebene ständischer Privilegien, sei es ell. Who notwithstanding rose up whollie together»,
in der Terminologie von «Defension, gegenwehr und und 4. Mos.: «any priuate man haue som special in-
rettung» [30], sei es in der natur- und völkerrechtli- warde cŏmaundement ... of God: as Moses ..., Phi-
chen Terminologie von H. GROTIUS: Stände («or- nees ..., and Ahud») [34]. In Frankreich schließt T.
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50.613 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 718 50.614 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 718

BEZA in ausdrücklichem Bezug auf Magdeburg und In England und Schottland provoziert der Zusammen-
auf Exempla Israelitarum nach der Bartholomäus- bruch der monarchischen Ordnung wegen der man-
nacht 1572 zunächst an die Diskussion über die Ge- gelnden ständischen Differenzierung die Symbiose der
genwehr niederer Magistrate zum Schutz der Unterta- Verteidigung des Gemeinwesens – ständisch oder an
nen und die Verteidigung der Rechtsordnung des Ge- Cicero geschult – und der naturrechtlichen Notwehr
meinwesens durch die Stände an («ad inferiores ma- des Einzelnen von 1642 bis 1689 zu einem aus dem
gistratus», «salutem ... procurare [etiam armata manu Naturzustand überkommenen Rechtsprivileg auf
si possunt]»; «iusta defensione adversus iniustum per- Selbstverteidigung. Das ältere Naturrecht löst sich
secutorem»; «defensores ac protectores iurium ipsius demgegenüber schrittweise auf: «every private man
supremae potestatis ... et coerceant et mulctent») [35]. may defend himselfe by force, if assaulted, though be
Die ‹Vindiciae› übernimmt Calvins am Römischen the force of a Magistrate or his owne father ... yet here
Recht orientierte Figur der Vormundschaft und kom- whole nations being exposed to enmity»; «the law of
biniert sie mit der Korporationslehre der Postglossa- Nature will allow this self defence even to private per-
toren und einem am AT belegten und am deutschen sons, in cases of necessity»; «every man has a right of
Beispiel des Reiches in seinen Konsequenzen illu- resisting ... that which ought not to be done to him»
strierten doppelten Bund zwischen Gott, König und [38]. Die in der neuen Konzeption des Naturzustan-
korporativem Volk und König und Volk («duplex ... des und durch aufgeklärte Ideen des göttlich inspirier-
fœdus», «pactum», «pactio»), den die Stände in Vor- ten Fortschritts zur irdischen Glückseligkeit begrün-
mundschaft des Volkes verteidigen («acti[o] tutelæ») deten Selbstermächtigungen für Bürger und Adel im
[36]. Nach der Inanspruchnahme der vocatio dei für Kampf gegen Tyrannen [39] (jedes «Volck hat so wol
einzelne Untertanen durch die katholischen Monar- das Recht als jeder priuatus seine Glueckseligkeit und
chomachen bleibt die das W. betreffende Publizistik Wolfahrt auf alle Weise zu befordern und auf festen
seit den 1590er Jahren in England und Frankreich Fuß zu setzen» [40]) werden im Verlauf des 18. Jh.
völlig diskreditiert. Die Hugenotten berufen sich zwi- zu Begründungen der Revolution und entstehen im
schen 1610 und der Kapitulation von La Rochelle al- Schnittpunkt von klassischer Bürgerethik und jünge-
lein auf die naturrechtliche Selbstverteidigung im rem Naturrecht, während das ältere ständische W. an
Falle eines bevorstehenden Massakers an ihnen [37]. Boden verliert.
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50.615 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 718 50.616 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 719

4. 19. und 20. Jh. – Auch wenn die Befürworter der führen kann, zeigt aber, daß auch hier ‹W.› ledig-
eines W. gegen den verfassungslosen monarchischen lich als Metapher für normativ gerechtfertigte Gewalt-
Staat im Deutschen Bund den Bogen zum Mittelalter anwendung dient.
schlagen, scheint dem W. mit der Trennung von sou- Anmerkungen.
veränem Anstaltsstaat und bürgerlicher Privatrechts-
gesellschaft zur Befriedung von Normkonflikten der [1] Vgl. J. H. ZEDLER: Grosses vollst. Univ.Lex. (1732–54,
ND 1961) 7 (1734) 398; a.O. 24 (1740) 1440–1449; J. G.
Boden «rechtslogisch» jedenfalls entzogen, da der
WALCH: Philos. Lex. 2 (41775, ND 1968) 284–296.
«Rechtspositivismus als Begrenzung ideologischen
Verfügungsanspruchs» ein W. im engeren Sinne aus- [2] I. KANT: Met. der Sitten I: Rechtslehre (1797). Akad.-A.
6, 320.
schließt [41]. Die moderne Erfahrung der nationalso-
zialistischen Schreckensherrschaft scheint die Not- [3] A. BAUER: Lehrb. des Naturrechts (1808) 318.
wendigkeit überpositiver Normen jedoch erneut zu [4] J. L. KLÜBER: Oeffentl. Recht des teutschen Bundes und
bestätigen. Nach 1945, besonders aber im Gefolge der Bundesstaaten (1817) 291f.
der Perhorreszierung staatlicher Strukturen in den
[5] Vgl. z.B. Kurhess. Verfassung von 1831:§ 113 zur ge-
1960er Jahren zugunsten der vermeintlichen normati- richtl. Überprüfung von Amtshandlungen; Begründung: § 123
ven Richtigkeit der Handlungen ‘des Volkesʼ oder des II mit Bezug auf das Edikt vom 26. 11. 1743 zur reichsrechtli-
Einzelnen gegen den Staat, gewinnt ‹W.› als Meta- chen Privilegierung des alten landherrlichen Gerichts; vgl. §
pher für den legitimen Gesetzesbruch [42] in ganz un- 126.
terschiedlichen Kontexten neue Bedeutung, dies aller- [6] F. MURHARD: Über Widerstand, Empörung und Zwangs-
dings, ohne daß das Problem einer konsistenten über- übung der Staatsbürger gegen die bestehende Staatsgewalt in
positiven Normordnung als Voraussetzung von W. sittl. und rechtl. Beziehung (1832, ND 1969) 195. 411.
immer hinreichend reflektiert würde. Auch in der in- [7] VALERIUS MAXIMUS: Factorum et dictorum memorabi-
ternationalen Ordnung hat sich das Souveränitätsprin- lium libri novem III, 2, 17, hg. K. KEMPF (1854, 21888, ND
zip so weit als zentrale Norm etabliert, daß aus ihm 1966) 119.
ein W. der Staaten als Recht zur Selbstverteidigung [8] CICERO: Pro C. Rabirio perduellionis reo ad quirites oratio
gefolgert wird. Bereits die Tatsache, daß dieses im 20.
Verfolg des Schutzes zur Intervention in andere Län-
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50.617 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 719 50.618 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 719

[9] De legibus III, 3, 8. [21] PH. MELANCHTHON: Loci theologici: De vindicta


(1543). Corp. Ref. 21, hg. C. G. BRETSCHNEIDER/H. E.
[10] Pro T. Annio Milone 6. 96. BINDSEIL (1854, ND New York/London 1963) 720–724,
[11] Ep. ad Att. IX, 19, 3. 723.

[12] Vgl. Magna Charta 1215; Sachsenspiegel. Quedlinburger [22] H. ARNISAEUS: De iure maiestatis I, V, 12 (Straßburg
Handschr., hg. K. A. ECKHARDT (1966) Landrecht III, 78, § 1635).
2: «unrechtes wederstân». [23] J. ALTHUSIUS: Politica methodice digesta 38, § 84 (Her-
[13] JOH. VON SALISBURY: Polycraticus III, 15. MPL 199, born 31614, ND 1961) 919.
512; vgl. CICERO: Laelius de amicitia 24, 89; De off. III, 36. [24] Polit. 7, § 60, a.O. 127; 8, § 91, a.O. 165; 38, § 68, a.O.
[14] Polycr. VI, 1, a.O. 589. 913.

[15] VIII, 18, a.O. 788. [25] 38, § 93, a.O. 921.

[16] THOMAS VON AQUIN: In II Sent., d. 44, q. 2. Op. [26] Vgl. 8, § 91, a.O. 165.
omn., hg. R. BUSA 1 (1980) 255 C-257 B. [27] ARNISAEUS: De iure maiest. II, IV, a.O. [22]; ALTHU-
[17] S. theol. II–II, 42, 2. SIUS: Polit. 38, § 67, a.O. 912: «in casu necessitatis & vitæ
suæ defendendæ».
[18] Abschied des II. Schmalkaldischen Bundestags zu Nürn-
berg vom 17. 5.–26. 5. 1534 (26. 5. 1534), in: Die Schmalkal- [28] ALTHUSIUS: Polit. 38, § 68, a.O. 913.
dischen Bundesabschiede 1533–1536, hg. E. FABIAN (1958) [29] J. FABRICIUS: Einunddreissig Kriegsfragen (Stettin
37–52, 43. 1630) 223f.
[19] M. LUTHER: Die Zirkulardisputation über das Recht des [30] W. VON ORANIEN: Bekentnus sampt andern jrer F.G.
Widerstands gegen den Kaiser (9. 5. 1539). Weim. Ausg. 39/II Mitverwandten Defension un Nothwehr wider des Duca de
(1932, ND 1964) 34–91: Thesen 52. 55. 58. 66. Alba Unchristliche unnd unerhörte verfolgung gegen alle
[20] Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karl's V. Stendt der Niderlanden tyrannischer Weise geübet (o.O. 1568)
CXXXIX–CXLV. CL (1532), hg. H. ZOEPFL (1876) A ij.
117–123. 129f. [31] H. GROTIUS: Commentarius in Theses XI, §§ 22. 16.

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50.619 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 719 50.620 Widerstandsrecht HWPh Bd. 12, 720

32f. [ca. 1603–1608]; vgl. De iure belli ac pacis I, IV («De


bello subditorum in superiores») (1625). [39] J. LOCKE: Two treat. of government (1690). The works
5 (1823, ND 1963).
[32] J. CALVIN: Institut. christ. religionis III, 10, 6; IV, 20, 31
(1559). Corp. Ref. 30/II, hg. G. BAUM u.a. (1864, ND New [40] W. VON SCHRÖDER/G. S. TREUER: Disquisitio poli-
York/London 1964) 532. 1116f. tica. Vom absoluten Fürstenrecht (1719) 204.

[33] G. BUCHANAN: De iure regni apud Scotos (1579) 34. [41] B. KOCH: Rechtsbegriff und W. (1985) 13; vgl. K.
89f. 97. WOLZENDORFF: Staatsrecht und Naturrecht in der Lehre
vom W. des Volkes gegen die rechtswidrige Ausübung der
[34] CH. GOODMANN: How superior powers ought to be Staatsgewalt (1916, ND 1961) 498f.
obeyd (1558, ND New York 1931) 35. 186; ANON. [J. POY-
NET]: A shorte treatise of politike power ([Straßburg?] 1556) [42] Vgl. Art.  ‹Ungehorsam, ziviler›. Hist. Wb. Philos. 11
Seite vor H. (2001) 162f.

[35] T. BEZA: De iure magistratuum 30. 37. 40. 42 (1574, lat. Literaturhinweise. A. KAUFMANN (Hg.): W. (1972). –
1576) (1580), hg. K. STURM (1965). C. LINK: Jus resistendi, in: A. SCHEUERMANN/R. WEI-
LER/G. WINKLER (Hg.): Convivium Utriusque Iuris (1976)
[36] S. J. BRUTUS: Vindiciae contra tyrannos (Edinburg 55–68. – E. WOLGAST: Die Religionsfrage als Problem des
1579) 11. 14. 36. 50 (33. 55f. 146) zur Absetzung von Kaiser W. im 16. Jh. (1980). – R. VON FRIEDEBURG: W. und
Wenzel. Konfessionskonflikt (1999). – R. VON FRIEDEBURG (Hg.):
W. in der frühen Neuzeit (2001); Self-defence and religious
[37] J. BOUCHER: De justa Henrici Tertii abdicatione e Fran- strife in early modern Europe (2002). – J. MIETHKE/CH.
corum regno, libri quatuor (Paris 1589); Mémoires du Duc de STROHM: Art. ‹Widerstand/Widerstandsrecht›, in: Theolog.
Rohan. Sur les choses advenues en France depuis la mort de Realenzykl. 35 (2003) 739–767.
Henri-le-Grand jusques à la paix faite avec les Réformés au
mois de juin 1629, in: Coll. des mém. relatifs à l'hist. de France R. VON FRIEDEBURG
XVIII, hg. M. PETITOT (Paris 1822).
[38] H. PARKER: Observations upon some of his Majesties
late answers and expresses (o.O. 1642) 16f.; J. STEWART:
Ius populi vindicatum 203 (161) (London 1669); A. SIDNEY:
Discourses conc. government, ch. 3, s. 4 (London 1698), hg.
TH. G. WEST (Indianapolis, Ind. 1990) 339.

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