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Ulrich Port

Marienbild und Militanz in Friedrich Schillers Die Jungfrau von


Orleans. Longue durée, Nachleben und Aktualisierung barock-
katholischer ­Schlagbilder im Zeitalter der Revolutionskriege

Das Bild als Vergegenwärtigung eines Nach- lieren prima facie also weder mit dem spätmittel-
lebens, mitsamt den Momenten des Anachro- alterlichen Schauplatz des Jeanne-d’Arc-Dramas
nistischen, des unkalkulierbaren historischen noch mit dem mainstream der Marienbilder zur
Erscheinens und der Wiederkehr eines Ver- Entstehungs- und Publikationszeit der Tragödie
drängten – dieses Phänomen möchte ich an um 1800.
einem klassischen Dramen- und Theatertext Im Folgenden werde ich versuchen, diesen
der deutschen Literatur und seinen historischen Bildkomplex vom Dramentext ausgehend zu
Kontexten untersuchen. Es ist ein Text, dessen konturieren, ihn in seiner Ereignishaftigkeit
sprachlich evozierte Bilder sich zu großen Tei- idiographisch zu beschreiben und schließlich
len aus ikonisch-bildkünstlerischen Archiven historisch als Signum der Zeit um 1800 zu lesen.
speisen: Friedrich Schillers Jeanne-d’Arc-Tra- Zu letzterem gehört auch, nach den gesellschaft-
gödie Die Jungfrau von Orleans, geschrieben lichen und kulturellen Bedingungen zu fragen,
1800/1801, erstmals publiziert und am Theater die die militante Maria als barocke Wiedergän-
uraufgeführt ebenfalls 1801. Im Fokus soll dabei gerin um 1800 ermöglichen.
eine prominente Figur aus Religion, Bildkunst Nebenbei versuche ich damit Aby Warburgs
und Literatur stehen, die Jungfrau und Gottes- Idee des ›Nachlebens‹ an einem Sujet zu er-
mutter Maria. Sie gehört zwar nicht zum Kreis proben, das nicht pagan-antiken Ursprungs ist.
der dramatis personae des Stückes, bildet aber Bezüglich des energetisch-dynamischen Pri-
den entscheidenden Bezugspunkt für die re- märvorgangs und der Symptombildung ähnelt
ligiöse Orientierung, die Berufungsvision und die Jungfrau Maria als Verkörperung eines
die Handlungsmotivation der Protagonistin zurückgekehrten Verdrängten aber durchaus
Johanna. Dieser Tatbestand, seine sprachlich- zwei Frauenfiguren paganer Provenienz, der
theatrale Präsentation sowie die auffällige Mi- ›Ninfa‹ und der ›Gradiva‹, die bei Warburg und
litarisierung, die die Figur Marias dabei erfährt, Sigmund Freud geradezu emblematisch für
sind die Symptome, von denen aus ich mich dem die machtvolle und zugleich unberechenbare
Bild als Vergegenwärtigung nähern möchte. Wiederkehr eines Verdrängten stehen.1 Wie
Mit dieser militanten Marienfigur – auf der die Ninfa hat die Maria ihre versatile Kraft und
Ebene des Dramenpersonals entspricht ihr bei Gewalt bewahrt, ist, mit einer Metapher War-
der Titelheldin Johanna komplementär ein Pa- burgs, ein »Energiekonserve-Symbol«2, das in
thos aggressiver Marienfrömmigkeit – scheint verschiedenen historischen Konstellationen
in Schillers Tragödie ein mehrfach anachronis- angezapft werden kann. Und wie die Ninfa trägt
tisches Bild auf. Dessen ikonographische, religi- Maria ein Doppelgesicht von Hilfsbereitschaft
onspolitische und kriegshistorische Spuren wei- und Vernichtungsdrang, firmiert »als Schutz-
sen vornehmlich zurück auf barockkatholische engel und als Kopfjägerin«3, wie Warburg im
Schlagbilder aus dem Zeitalter der Konfessiona- Mnemosyne-Atlas von der Ninfa schreibt. Dass
lisierung bzw. der Gegenreformation. Sie korre- hier pagane und christliche Figuren in einem

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Äquivalenzverhältnis erscheinen, ist nicht nur heben. Erstens: Schon seit dem 15. Jahrhundert
eine Analogie post festum. So wie sich die pa- werden in diversen chronikalen und poetischen
gane Ninfa in die alttestamentliche Judith, eine Texten über Jeanne d’Arc Affinitäten zwischen
Fruchtkorbträgerin bei der Geburt des Täufers ihr und der Jungfrau Maria geltend gemacht
oder einen christlichen Schutzengel verwandeln und in typologischen Deutungen profiliert.
kann, so ist – was ich aus Platzgründen nicht Dass Jeanne d’Arc ihren himmlischen Auftrag
ausführlicher erörtern werde – in Schillers jedoch durch Maria erhalten haben soll, habe
Tragödie ein verwirrendes Spiel mit christlich- ich nur in drei zeitgenössischen chronikalen
paganen Überblendungen und Verdichtungen Überlieferungen und zwei weiteren des 16. Jahr-
auszumachen.4 hunderts behauptet gefunden6 – gemessen an
Mit Blick auf das Nachleben barockkatho- der Dichte von historischen Quellen, die es
lischer Schlagbilder um 1800 – in denen selbst zum Fall Jeanne d’Arc gibt, ist das ausgespro-
oft wiederum noch ältere Erbschaften sichtbar chen wenig. In den umfangreichen Prozess-
werden – möchte ich mit einigen Merkwürdig- akten und der überwältigenden Mehrheit aller
keiten und Irritationsmomenten der Jungfrau Geschichtschroniken hingegen führt Jeanne
von Orleans beginnen, durch die ich allererst auf d’Arc als Auftraggeber für ihre Mission immer
das Marienthema gekommen bin – Irritations- wieder die Stimme eines Engels, oft konkreti-
momente vor allem, wenn man das kritisch-dis- siert als Erzengel Michael, die heilige Katharina
tanzierte Verhältnis Schillers zum Christentum, und die heilige Margaretha, und schließlich
insbesondere zum Katholizismus berücksichtigt, den König des Himmels, also Jesus Christus,
von dem viele seiner Dramen, Gedichte und his- an.7 Gleiches gilt für die Dichtungen, die von
toriographischen Schriften Zeugnis ablegen. Bei der Pucelle handeln. Mit der signifikanten Aus-
Schillers Jeanne-d’Arc-Tragödie sind zwei Ab- nahme von Shakespeares Henry VI spielt eine
weichungen von der Geschichte der historischen Marienfrömmigkeit Jeannes nirgends eine
Jeanne d’Arc recht offensichtlich. Die Krisis von Rolle – weder in Christine de Pisans Ditié de
Johannas Mission beruht in der Tragödie nicht Jeanne d’Arc noch im geistlichen Spiel des Mis-
darauf, dass es nach der Königskrönung von tère du siège d’ Orleans, weder in den verschie-
Charles zwischen der Pucelle und dem Hof zu denen Renaissancedramen um ihre Figur noch
Konflikten über die Fortsetzung des Krieges in Jean Chapelains heroischem Epos La Pucelle
gegen die Engländer kommt, sondern dass Jo- ou la France délivrée, und auch nicht in dessen
hanna sich in den englischen Heerführer Lionel von Schiller verachteter Parodie, Voltaires La
verliebt und an ihrer eigenen Rolle als blindem Pucelle. In Schillers Tragödie hingegen wird
Gottes-Werkzeug zu zweifeln beginnt. Dieser Johannas Sendungseifer gänzlich durch die
Einfall Schillers soll hier nicht weiter interes- Beziehung zur Muttergottes bestimmt. Maria
sieren.5 Der zweite umso mehr. Er betrifft den als »Himmelskönigin«8 gibt Johanna den gött-
Tod der Pucelle. Schillers Johanna wird in der lichen Auftrag, die Engländer zu vernichten
Schlacht tödlich verwundet und stirbt mit einer und den Dauphin zu krönen. Ihr Bild ziert
Vision der Himmelskönigin Maria vor Augen Johannas Kriegsfahne, sie ist die einzige Ad-
– die wohl größte Abweichung von der Lebens- ressatin von Johannas Dankgebeten nach den
geschichte Jeanne d’Arcs. Schlachtorgien und eben auch diejenige Figur
Neben dieser Abweichung von der Geschichte aus dem himmlischen Personal, die der ster-
der historischen Pucelle sind in unserem Zu- benden Heldin am Schluss erscheint. An dieser
sammenhang noch einige weitere ›marianische‹ Stelle exemplarisch eine Passage aus Johannas
Besonderheiten von Schillers Version hervorzu- Bericht über ihre Berufung:

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Da rief ich flehend Gottes Mutter an,
Von uns zu wenden fremder Ketten Schmach,
Uns den einheimschen König zu bewahren.
[…]
Da trat die Heilige zu mir, ein Schwert
Und Fahne tragend, aber sonst wie ich
Als Schäferin gekleidet, und sie sprach zu mir:
»Ich bins. Steh auf, Johanna. Laß die Herde.
Dich ruft der Herr zu einem anderen Geschäft!
Nimm diese Fahne! Dieses Schwert umgürte
dir!
Damit vertilge meines Volkes Feinde,
Und führe deines Herren Sohn nach Reims,
Und krön ihn mit der königlichen Krone!«
[…]
Und also sprechend ließ sie das Gewand
Der Hirtin fallen und als Königin
Der Himmel stand sie da im Glanz der Sonnen,
Und goldne Wolken trugen sie hinauf
Langsam verschwindend in das Land der
Wonnen.9

Eine als Schäferin gekleidete Maria erweist sich


zunächst originär dem 18. Jahrhundert mit sei-
1  Alonso Miguel de Tovar, Pastrix bona, ­Andachtsbildchen,
ner Vorliebe für pastorale Idyllen und Schäfer-
vor 1758, Öl auf Leinwand, ca. 43 × 31 cm. Málaga,
spiele zugehörig. Es ist das Motiv der Pastrix ­Museo Carmen Thyssen
bona, der ›Guten Hirtin‹, das Schiller benutzt,
wenn er Maria im »Gewand / Der Hirtin« auf-
treten lässt.10 Als Vergleichsbeispiel kann ein an religiösen Vorstellungen aus dem Zeitalter
Gemälde von Alonso Miguel de Tovar aus der der Gegenreformation und einer im Barock
Mitte des Jahrhunderts dienen (Abb. 1). Jedoch kreierten Ikonographie. Es sind vier für die
changiert das Bild der liebevoll sorgenden Hir- katholischen Marienvorstellungen dieser Zeit
tin in der Jungfrau von Orleans bereits durch prominente Bildsujets, die hier, zum Teil kon-
die militärischen Requisiten »Schwert / Und fundiert, zusammenkommen: die Immaculata
Fahne« auf merkwürdige Weise. Und als Maria conceptio Mariae (unbefleckte Empfängnis), die
ihr Schäferinnenkostüm schließlich ablegt, Maria de Victoria (Maria vom Siege), Maria als
kommt unter der bukolischen Harmlosigkeit die Regina caeli (Himmelskönigin) sowie die As-
hieratisch-herrscherliche Himmelskönigin zum sumptio Mariae (Himmelfahrt Mariens).11 Alle
Vorschein, die nunmehr mit einigen anderen diese Vorstellungen gibt es zwar, mit Ausnahme
Bildvorstellungen das Drama dominiert. der Maria vom Siege, auch schon im Mittelalter,
Damit zu einer weiteren Eigentümlichkeit: jedoch stammt die besondere Ikonographie und
Trotz der historischen Lokalisierung der Dra- ›Schlagbild‹-Illokution, die im Drama aufgeru-
menhandlung im ersten Drittel des 15. Jahr- fen wird, aus dem Konfessionellen Zeitalter. Ihre
hunderts orientiert sich das Stück meist deutlich Kriegsfahne etwa beschreibt Johanna so:

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2  Cornelis Galle II nach Peter Paul Rubens, Maria vom Siege, 3  Bartolomé Esteban Murillo, Immaculata conceptio, um 1650,
Mitte 17. Jahrhundert, Kupferstich, 24,1 × 13,5 cm. Köln, Öl auf Leinwand, 436 × 292 cm. Sevilla, Museo de Bellas Artes
Wallraf-Richartz-Museum, Graphische Sammlung

Und eine weiße Fahne laß mich tragen, lata conceptio (ebenfalls Mitte 17. Jahrhundert),
Mit einem Saum von Purpur eingefaßt. Giovanni Battista Tiepolo, Immaculata conceptio
Auf dieser Fahne sei die Himmelskönigin (1767 –1769) und zuletzt Beispiele aus einem Ver-
Zu sehen mit dem schönen Jesusknaben, wendungszusammenhang zur Zeit Schillers –­
Die über einer Erdenkugel schwebt, einem Gebrauchszusammenhang, der im Drama
Denn also zeigte mirs die heilge Mutter.12 offenbar seinen Tribut einfordert: die Abbildung
des Sujets auf kurpfälzisch-bayerischen Militär-
Ikonographisch sind hier die drei zuerst ge- fahnen. Alle im Drama aufgegriffenen Bildvor-
nannten Bildtypen zu einer einzigen Marienfigur stellungen betonen in apologetischer Absicht das
kombiniert, was in der Geschichte dieser Sujets Herrscherliche, Kämpferische und Siegreiche
recht häufig vorkommt. An dieser Stelle einige der Marienidee im Kontext der gegenreformato-
Vergleichsbeispiele (Abb. 2 – 6): Cornelis Galle II . rischen ecclesia militans et triumphans.13
nach Rubens, Maria vom Siege (Mitte 17. Jahr- Damit sind wir bei der nächsten Eigentüm-
hundert), Bartolomé Esteban Murillo, Immacu- lichkeit von Schillers Johanna: der militant-ge-

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walttätigen Seite ihrer Marienfrömmigkeit. Jo- Ratlosigkeit oder zu Urteilen geführt, die dem
hannas Marienstandarte, ihr Schlachtruf »Gott Text oder seiner Hauptfigur Johanna religions-
und die Jungfrau!«14 und der einem englischen geschichtliche Unkorrektheit attestieren.19 Die­
Anführer entgegengeworfene Satz: »Die heilge ser Einschätzung gegenüber möchte ich be-
Jungfrau opfert dich durch mich!«15 sind ebenso
von den Marienvorstellungen des 16. und 17. Jahr-
hunderts gedeckt wie Johannas Kampfverhalten
in der für ihren Gegner tödlich endenden Be-
gegnung mit dem walisischen Soldaten Mont-
gomery. Dieser erleidet auf dem Schlachtfeld
das gleiche Schicksal wie Apostaten, Häretiker
oder die Heere der Heiden durch das Eingreifen
Marias, so wie es in Predigten, Jesuitendramen
und Bildkunst der katholischen Glaubenspropa-
ganda dieser Zeit eindrucksvoll vorgeführt wird:
»Verlorner! In der Jungfrau Hand / Bist du ge-
fallen, die verderbliche, woraus / Nicht Rettung
noch Erlösung mehr zu hoffen ist.«16
Auch Johannas Anrede an die himmlische
Jungfrau im Anschluss an die Tötung Montgo-
merys erinnert auffällig an die Beanspruchung
Marias in diversen kriegerischen Auseinander-
setzungen katholischer Mächte mit Protestanten
und Osmanen: »Erhabne Jungfrau, du wirkst
Mächtiges in mir! / Du rüstest den unkriegeri-
schen Arm mit Kraft, / Dies Herz mit Unerbitt-
lichkeit bewaffnest du.«17 Zum Vergleich sei ein
durch den Jesuitenlyriker Jacob Balde über-
liefertes Mariengebet des kaiserlich-ligistischen
Generals Tilly aus dem Dreißigjährigen Krieg
herangezogen: Der Heerführer widmet sich
in seinem kriegerischen Engagement ganz der
Jungfrau Maria: »Salve Virgo potens […] / Te
propter mea bella calent; te propter anhelat /
Spiritus in corde hoc« (Gruß Dir, mächtige Jung-
frau […] / Für Dich führe Krieg ich, führ Dich
lechzt / Wagemut hier im Herz).18
Johanna wird, im spirituellen wie handfest
kriegskunstmäßigen Sinne, durch die Gnade
Marias zur Gotteskriegerin. Diese seltsame
Verschränkung von Marienfrömmigkeit und
exzessiver Gewalt hat die germanistische For-
4  Giovanni Battista Tiepolo, Immaculata conceptio,
schung, wo sie denn überhaupt das Mariensujet 1767 – 1769, Öl auf Leinwand, 115 × 170 cm. Madrid,
ernstgenommen hat, bis heute irritiert und zu Museo del Prado

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haupten, dass Schillers Johanna mit Blick auf
ihre marienfromme Militanz keineswegs eine
poetische Phantasie mit historisch unmotivier-
ten Elementen darstellt. Evident ist, dass einige
der in die Jungfrau von Orleans eingearbeiteten
barocken Marienbilder mit Blick auf den mittel-
alterlichen Schauplatz der Tragödie anachronis-
tisch sind. Das schmälert deren Signifikanz aber
keineswegs – im Gegenteil: Der anachronis-
tische Einschlag macht gerade auf die besondere
Bedeutung aufmerksam. Mit diesen Bildbestän-
den aus dem Konfessionellen Zeitalter, in denen
5 Unbekannt, Leib-Guidon des Dragoner-Regiments der pfälzischen ihrerseits noch die kulturelle Virulenz anderer
Kurfürstin, 1784 Zeiten gespeichert ist, bricht sich eine histori-
sche Erfahrung Bahn, die mit den (religions-)
politischen Konstellationen zur Entstehungszeit
des Dramas um 1800 ›kurzgeschlossen‹ werden
konnte.
An dieser Stelle deshalb ein kleiner Exkurs
zur Geschichte der militarisierten Maria: Das
kriegerische Engagement der Gottesmutter hat
byzantinische und mittelalterliche Ursprünge,
ist aber spirituell insbesondere in der Kontro-
verstheologie und Frömmigkeitskultur des
Konfessionalisierungszeitalters, bildpropagandis­
tisch dominant in der Gegenreformation, dem
Dreißigjährigen Krieg und den Türkenkriegen
des 16. und 17. Jahrhunderts zu verorten.20 Die
Politisierung des Marienkults wird von katho-
lischen Herrscherhäusern (Habsburger, Wit-
telsbacher, Bourbonen u. a.) kräftig betrieben.
Maria wird zur Beschützerin von Städten und
Gemeinschaften und zur Patronin katholischer
Länder.21 Solche politischen Indienstnahmen
wie auch die protestantischen Konterpolemiken
waren Schiller, wie seine historischen Schriften
dokumentieren, durchaus bekannt.22
In den Kriegen dieser Zeit erfolgte aber auch
eine signifikante Verwandlung der defensiv-
schützenden Patrona ins Offensiv-Aggressive.
Maria ermutigt zur Schlacht, treibt an, befiehlt
und greift aber auch selbst aktiv ins Kampf-
6 Unbekannt, Fahnenjunker des Kurpfälzischen Garde-Regiments geschehen ein. Von katholischen Schriftstellern,
mit Leibfahne, 1760 Predigern, Herrschern und Militärs erhält sie

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in der Tradition des Hymnos Akáthistos Titel
wie »Erzstrategin«, »Heerfuehrerin« oder »Ge-
neralissima«.23 Sie führt katholische Heere zum
Sieg über Heiden und Protestanten, wird zur
Siegerin der Seeschlacht bei Lepanto (1571) oder
der Schlacht am Weißen Berg bei Prag (1620)
stilisiert. Im Dreißigjährigen Krieg ist der Name
Maria der Schlachtruf der Bayerischen Armee,
deren Banner das Bild der Heiligen Jungfrau
tragen, analog die Fahnen der Habsburgischen
Armee und der Katholischen Liga. An dieser
Stelle sei als Beispiel auf die Hauptstandarte
des bayrischen Herzogs Maximilian (Abb. 7)
verwiesen. Sie zeigt Maria mit dem Jesuskind, 7  Wolfgang Kilian, Allegorie auf den siegreichen bayerischen Herzog
Maximilian, 1631, Hauptstandarte des bayerischen Herzogs Maximilian,
Reichsapfel und Zepter, darüber Engel, die
Kupferstich. Wien, Graphische Sammlung Albertina
Maria die Krone aufs Haupt setzen, dazu die
einer typologisch-marianischen Deutung des
Hohen Lieds entlehnte Aufschrift: »Terribilis
ut castrorum acies bene ordinata« (schrecklich Rosarii pugna pro nobis« (nicht »ora«) – Königin
wie eine zur Schlacht geordnete Armee, Über- des heiligsten Rosenkranzes, kämpfe für uns.26
setzung Wilfried Stroh). In der Lyrik, in Kir- Bislang habe ich mich vornehmlich auf der
chenliedern und Predigten des 17. Jahrhunderts Ebene der motivisch-ikonographischen Be-
werden weitere eingängige Bilder und Formeln schreibung von Bildsujets in der Jungfrau von
für die militarisierte Maria kreiert. Und so er- Orleans und der Identifikation ihrer historischen
scheint die Mutter Gottes in der Literatur des Ursprünge im Zeitalter der Konfessionalisierung
Barock schließlich als »Mutter des Kriegslagers« bewegt. Meine weiteren Ausführungen zielen
(Castrorum Mater) oder Kriegsgöttin (VICTO- darauf, diese Bilder als Rückkehr eines Ver-
RIA bellis)24 oder wird in der Subscriptio eines drängten in einer spezifischen Konstellation zu
Seeschlachtfreskos in der Pfarrkirche von Ais- lesen, als ein Nachleben, dessen Aktualisierung
lingen mit folgendem Reim gefeiert: »Laß man provoziert wird durch die religionspolitischen
nur die Türkhen klagen, wie Maria sie erschla- Konflikte der Französischen Revolution und die
gen.«25 Als ikonisches Pendant zu diesen Versen konfessionsgeographischen Besonderheiten der
zum Abschluss des Exkurses ein Druckblatt der ersten beiden Koalitionskriege 1792 –1802. Auf
Dominikanischen Rosenkranz-Bruderschaft aus den ersten Blick erscheinen die in Schillers Tra-
Köln mit dem Titel Triumphus sacratissimi rosa- gödie aufgerufenen aggressiv-konfessionalisti-
rii (Abb. 8): Eine lächelnde Maria mit den Insig- schen Marienbilder nicht nur anachronistisch in
nien der Himmelskönigin tritt mit ihrem Fuß Bezug auf den spätmittelalterlichen Schauplatz
auf einen am Boden liegenden geköpften Türken, der Jeanne-d’Arc-Geschichte, sondern auch in
in der rechten Hand hält sie triumphierend ein Bezug auf die Entstehungs- und Publikations-
Schwert, auf der Linken trägt sie das Jesuskind, zeit des Dramas um 1800. Kann man doch zum
das wiederum den abgeschlagenen Türkenkopf einen im vorausgegangenen Jahrhundert der
am Schopf greift. Im Bildhintergrund erscheint Aufklärung ein Abschleifen konfessioneller
die Seeschlacht von Lepanto. Eine dem Bild bei- Gegensätze und eine Kräftigung der Toleranz-
gefügte Bittinschrift lautet: »Regina Sacratissimi idee beobachten, eine Entwicklung, die den »Re-

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Gebrüdern Schlegel, Hölderlin oder Jean Paul.
Maria erscheint hier als eine Inkarnation von
Zärtlichkeit, Sanftmut und Mutterliebe, als eine
von naiver Humanität, Friedfertigkeit und De-
mut durchdrungene ›Magd des Herrn‹.
Beide Tatbestände bieten aber nur Teilansich-
ten des deutschen und europäischen Religions-
panoramas. Zum ersten nämlich gibt es am Ende
des 18. Jahrhunderts gerade in Deutschland auf
bestimmten Gebieten eine Verschärfung der
religiösen/konfessionellen Gegensätze, etwa in
den kulturkampfgleichen Auseinandersetzun-
gen zwischen der Berliner Aufklärung und den
intellektuellen Milieus in Bayern und Österreich
um das Verhältnis von Aufklärung und kon-
fessioneller Prägung, oder innerkatholisch zwi-
schen den Anhängern reformkatholischer Bewe-
gungen (Febronianismus, Josephinismus) und
den Vertretern der Tradition. Hier erscheint die
Figur Marias als untrügliches symbolisches Un-
terscheidungsmerkmal zwischen Protestanten
und Katholiken bzw. Reformern und Traditio-
nalisten.28 – Zum zweiten ist die weichgespülte,
meist kunstreligiös motivierte Marienverehrung
der deutschen Literatur um 1800 nicht die ein-
zig mögliche marianische Frömmigkeitspraxis
der Zeit. Ihr Kontrastprogramm hat sie in den
religionspolitischen Konflikten zwischen Re-
volution und Gegenrevolution. Es ist auch hier
die Figur Marias, die ihre symbolische Macht im
8 Unbekannt, Triumphus SS.mi Rosarii, Druckblatt der Dominikanischen Identifikations- und Distinktionswert beweist,
Rosenkranz-Bruderschaft aus Köln. Köln, Historisches Stadtmuseum,
Graphische Sammlung den sie – europaweit – für die feindlichen Par-
teien besitzt. Das gilt innerfranzösisch für die
déchristianisation von 1793/1794 und den Bür-
ligionsfanatismus«, wie Schiller das in seinen gerkrieg in der tiefkatholischen Vendée, das gilt
historischen Schriften zum Konfessionellen aber auch für die im Laufe der Koalitionskriege
Zeitalter nennt,27 als Pathologie einer fernen Ver- in den 1790er-Jahren von Frankreich besetzten
gangenheit erscheinen lässt. Und kommt es doch Gebiete Europas, die fast alle katholisch waren:
zum zweiten in den 1790er-Jahren zu einem re- das Rheinland und Belgien – d. h. die alten geist-
gelrechten Marienenthusiasmus in der deutsch- lichen Fürstbistümer Lüttich, Köln, Trier und
sprachigen Literatur, einer Begeisterung, die sich Mainz –, Luxemburg, Savoyen, Teile der Schweiz,
aber gänzlich unmilitant, überkonfessionell und Tirol, die Toskana, Genua, Rom und Neapel.29 In
kunstfromm-kontemplativ gibt, bei Autoren Sachen Religion verläuft die markanteste ›welt-
wie Herder, Wackenroder, Tieck, Novalis, den geschichtliche‹ Konfrontationslinie der 1790er-

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9  Etienne Béricourt, Mascarade antireligieuse, 1792/1793, 10 Unbekannt, Fest der Vernunft, 10. November 1793
Aquarell. Paris, Bibliothèque nationale (20 brumaire an II ) in Notre Dame de Paris, Kupferstich,
12 × 20 cm. Paris, Bibliothèque nationale

Jahre nicht einfach zwischen areligiöser Revolu- Chor der Kathedrale auf einen Triumphbogen
tion und überkommenem Christentum, sondern im Stadtzentrum versetzt und mit phrygischer
spezifischer zwischen antiklerikaler, in Teilen Mütze und Pike, den ikonographischen Wahr-
auch antichristlicher (dabei aber sich selbst sa- zeichen der Jakobiner, ausgestattet. In anderen
kralisierender) Revolution und Katholizismus. Städten geschieht Ähnliches: Madonnenfiguren
Diese Konstellation lässt die Marienbilder zum werden ihrer christlichen Semantik entkleidet
Politikum werden. und zu Göttinnen der Freiheit oder der Vernunft
Der revolutionäre Ikonoklasmus attackiert umkodiert.32 Auch das berühmt-berüchtigte
Maria als eine der wichtigsten symbolischen Pariser Fest der Freiheit und der »Göttin Ver-
Stützen von Adelsherrschaft, Aberglauben und nunft« (Déesse de la Raison), das am Höhepunkt
Klerikalismus. Unter dem Schlachtruf »brûler der D­ echristianisierungskampagne am 10. No-
l’idole« werden in Frankreich 1793/1794 die vember 1793 (20 brumaire an II ) in Notre-Dame
Eckmadonnen in den Straßen und die Statuen – von ihrem Patrozinium her, wie der Name
Marias aus den Kirchen entfernt und dabei mit unschwer erkennen lässt, eine Marienkirche
Parolen wie »la Vierge Marie sans miracles« der – stattfand, hat seine marianisch-antimaria-
katholische Wunderglaube und die Ohnmacht nischen Konnotationen. In der Feuille du salut
der vermeintlichen Himmelskönigin verspot- public teilt die Pariser Kommune mit, »que la
tet.30 Marienbilder berühmter Wallfahrtsstätten statue de la Liberté y sera élevée en place de celle
wie die schwarze Madonna von Liesse oder la de la ci-devant Sainte-Vierge, impudemment
Vierge Recevresse aus Avioth werden zerstört appelée la mère du Sauveur«.33 Dass bei diesem
und dabei auch symbolischen Hinrichtungen Fest kein allegorisches Standbild oder eine um-
durch Autodafés oder Enthauptungen über- programmierte Madonnenplastik, sondern eine
antwortet.31 Die zeitgenössischen Aquarelle von lebende Repräsentation in Gestalt einer bekann-
Etienne Béricourt zeigen eine – unfreiwillige – ten Schauspielerin und Opernsängerin favo-
Teilnahme Marias an antireligiösen Maskera- risiert wurde, hatte seinen Grund in der Sorge
den, wenn Madonnenstatuen etwa in karneva- der Organisatoren, eine Statue könne eben doch
lesken Spektakeln parodistisch beweihräuchert zu stark an die Madonna erinnern und zu neu-
werden (Abb. 9). In Puy wird die Barockstatue erlicher Idolatrie führen.34 Gerade vor diesem
einer Jungfrau der Himmelfahrt aus dem Hintergrund erscheint es allerdings kurios, dass

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die Darstellerin zwar mit einer Jakobinermütze ziehen. Die Briganten des Herzogtums Toskana,
ausgestattet war (Abb. 10), zudem aber »enve- das seit Mitte des 18. Jahrhunderts habsburgi-
loppée d’une grande draperie bleue«35, also im sche Sekundogenitur war, benutzen den glei-
Kleidungsstück und seiner Farbe deutlich eine chen Ehrentitel für die Muttergottes, mit dem
(Schutzmantel-)Madonna assoziieren lässt. Schiller in seiner Geschichte des Dreißigjährigen
Die marianischen Reaktionen der Revoluti- Kriegs Habsburgerkaiser Ferdinand II . zitiert,
onsgegner folgten auf dem Fuß. Während des um dessen militante Marienverehrung auf den
Bürgerkriegs in der Vendée kommt es zu Ma- Punkt zu bringen.42 Ein heute in Neapel befind-
rienerscheinungen, bei denen die Madonna liches Gemälde (Abb. 11) aus jenen Jahren gibt
ihre Anhänger aufruft, mit den gottlosen Re- der Hoffnung Ausdruck, den Revolutionsspuk
volutionären kurzen Prozess zu machen.36 Die durch die 1798/1799 gebildete zweite Koalition,
Initialzündung lieferte die Frauenkongregation das Bündnis von Österreich, England, Russ-
Filles de la Sagesse, die schon ab 1792 gegen die land, der Türkei und dem Königreich Neapel,
Revolution agitiert hatte und Marias »l’appel au vertreiben zu können – mithilfe von Maria. Das
sang«37, wie Jules Michelet das in seiner Revolu- Bild zeigt, wie die gekrönten Häupter der Allianz
tionsgeschichte nennt, in die Welt sandte. Auch die Revolution in Gestalt einer weiblichen Figur
aus dem katholischen Rheinland, den Mosel- mithilfe einer anderen – himmlischen – Frau in
gebieten und Südwestdeutschland sind zahl- die Flucht schlagen.43 Die Komposition orientiert
reiche Empörungen angesichts der Schändung sich dabei an einem Bildtyp, der insbesondere für
und Zerstörung von Marienstatuen durch Re- die Darstellung von Schlachten der Konfessions-
volutionssoldaten überliefert.38 Als Reaktion auf und Türkenkriege des 16. bis 18. Jahrhunderts
solche Vorgänge werden in Bayern und Öster- Verwendung fand, bei denen die rechtgläubige
reich reformkatholische Maßnahmen revidiert, Seite durch Interventionen der Gottesmutter den
Marienwallfahrten und andere Praktiken der Sieg davonträgt. Exemplarisch zeigt sich dies in
Volksfrömmigkeit von der Obrigkeit nicht mehr einem Wiener ›Sinn-Bild‹, das in Kombination
eingeschränkt, sondern zum Zwecke mora- mit einem Meditationstext des berühmten Hof-
lischer Kriegsertüchtigung nunmehr gefördert. predigers Abraham a Sancta Clara recht weite
Auf Initiative von Erzherzogin Maria-Anna wird Verbreitung fand (Abb. 12): links die siegreichen
1796 die im Zuge der Josephinischen Reformen christlichen Truppen, rechts die fliehenden Os-
seit 1783 verbotene Wallfahrt zum Habsburger- manen, darüber Maria.44
Staatsheiligtum Mariazell wiedereröffnet, an Die besondere Position von Schillers Jungfrau
der sich in den Folgejahren viele adelige und ge- von Orleans in diesem dichten ›marianischen‹
krönte Häupter der antifranzösischen Koalition Feld zu bestimmen, ist schwierig, insofern der
beteiligen werden.39 Dramentext in Sujetaneignung, ästhetischer
Und noch ein Stück weiter südlich, in der Faktur, Adressatenbezug und Gesamtintention
Toskana, lautet 1799 der Schlachtruf der anti- komplexer und polyvalenter ist als die meist
revolutionären Aufstands-Bewegung namens propagandistisch vereindeutigten Schlagbilder
Viva Maria: »Viva Maria! Morte ai Giacobini!«40 der militanten Maria in ihren politisch-agita-
In Arezzo wählt die Miliz unter Führung des torischen Verwendungszusammenhängen. Im
Marchese Albergotti das wundertätige Bild der Folgenden seien einige Facetten genannt, deren
Madonna del Conforto, das erst drei Jahre zu- ausführlichere Diskussion ich einer größeren
vor im Dom inthronisiert worden war, zur »Ge- Untersuchung in Buchform vorbehalten muss.
neralissima« ihrer Insurrektion.41 Von hier aus Erstens: Als zeitgenössische Referenz des Dra-
lässt sich abermals eine direkte Linie zu Schiller mas bereits erwähnt wurde der literarische

222 Zeitschrift für Kunstgeschichte 81. Band / 2018

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Marienkult der Frühromantik. Diese Literatur Zweitens: Die Geschichte Jeanne d’Arcs so
gehört selbst zu den religionsförmigen Reakti- massiv und zugleich suggestiv vom Problem ei-
onsbildungen der Revolutionsepoche, propagiert nes gewaltförmigen »Religionsfanatismus«45 her
dabei aber ein Marienbild, das mit wenigen Aus- zu inszenieren, ja in Teilen neu zu erfinden, wie
nahmen frei von jeder Aggressivität und Gewalt Schiller das tut – vgl. Johannas marienfromme
ist. In diesem Zusammenhang lässt sich Schil- Militanz und ihren Tod auf dem Schlachtfeld
lers Jungfrau von Orleans, laut Untertitel Eine mitsamt der finalen Marienvision –, war um
romantische Tragödie, als Kontrapunkt lesen, 1800 nicht selbstverständlich, wie andere zeitge-
nämlich als eine ›Tragödie der romantischen nössische Bearbeitungen des Stoffs dokumentie-
Marienbegeisterung‹. Indem das Stück gerade ren.46 Doch ist für Schillers Version als unmittel-
auf die militanten Mariensujets des Barock zu- barer Bezugspunkt eben die religionspolitische
rückgreift, konfrontiert es die ›demilitarisierte‹ Sprengkraft in den Auseinandersetzungen zwi-
Kulturkatholizität der Romantiker mit dem von schen der Französischen Revolution und ihren
ihr Verdrängten. Gegnern zu berücksichtigen. In dieser Konfron-

11 Unbekannt, Die europäischen Herrscher der Zweiten Koalition schlagen 12  Unbekannt, Emblem Stella matutina illuxit vesperi,
mithilfe der Jungfrau Maria die Revolution in die Flucht, um 1799. Neapel, aus: Abraham a Sancta Clara, Aller Freud / und Frid,
Museo di San Martino Frid und Freud […], 1698, Druck. Wien, ­Österreichische
Nationalbibliothek

Zeitschrift für Kunstgeschichte 81. Band / 2018 223

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tation, in der sich in den 1790er-Jahren prima Schlagbildern befeuerten49 religiösen Sendungs-
facie ein religiöses und ein religionsfeindliches pathos in seinen hochgradig ambivalenten, d. h.
Lager gegenüberstehen, eignet beiden Seiten eine inspirierenden wie verhängnisvollen Folgen. Die
Tendenz, ihre jeweiligen politischen Ordnungs- Zwiespältigkeit der Bewertung bildet das Drama
vorstellungen zu sakralisieren. Legitimations- polyperspektivisch auf der Ebene der Diegese,
strategisch erinnert das in gewisser Weise an seiner dargestellten Welt, in Begebenheiten,
die heiße Phase der Konfessionalisierung, nur Handlungen, Konflikten, Personal, Sprechweisen
dass an die Stelle von verfeindeten christlichen und Bildern sowie einer adressatenbezogenen
Denominationen die Opposition eines vom Cha- Janusgesichtigkeit ab. Den ›Gebildeten unter den
risma seiner nationalen wie weltgeschichtlichen Verächtern‹ der Religion und dem »Geschmack
Mission erfüllten Revolutionsgeistes und einer des Kenners« wird die Möglichkeit eröffnet, das
zunächst nur okkasionell, in der Fieberkurve Geschehen vom Standpunkt einer avancierten
der Auseinandersetzung dann immer osten- Religionskritik aus zu deuten, aus deren Perspek-
tativer auf die Ressourcen der christlichen Re- tive Johannas fanatisch-gewalttätige Marien-
ligion zurückgreifenden Gegenrevolution tritt. frömmigkeit als voraufklärerischer Aberglauben
Seien es ›Freiheit und Gleichheit‹, ›Menschheit‹, erscheint, dem »Kinderverstand des Volks« hin-
›geheiligtes Menschenrecht‹, ›Nation‹ oder, auf gegen ein Identifikationsangebot offeriert, das auf
der Gegenseite, ›Kirche‹, ›Krone‹, ›Gottesgna- in der Popularreligiosität gepflegte Vorstellungen
dentum‹, ›Treue‹ zur gottgewollten Ständeord- und Bildressourcen zurückgreift, um diese äs-
nung u. ä.: »Die Revolution […] setzt bei ihren thetisch geläutert und überformt in Szene zu
Akteuren ebenso wie bei ihren Gegnern eine Sa- setzen.50 Die Tragödie stellt damit selbst ein Feld
kralisierungsdynamik politischer Leitbegriffe in heterogener, ja konfligierender kultureller Kräfte
Gang.«47 Ähnliches gilt für die Kriege der 1790er- dar, sie erscheint als ein »Auseinandersetzungs-
Jahre. Die Räume der Koalitions-/Revolutions- produkt« (wie Edgar Wind vom Symbol gesagt
kriege wie des innerfranzösischen Vendée- hat), in dem sich im Medium sprachlich-thea-
Bürgerkriegs sind (auch) sakrale Räume, die in traler Narrationen und Bilder unterschiedliche
einer am Ende des Aufklärungsjahrhunderts in Akteure und Vorstellungen, Interessen, Ängste
vielen Bereichen tendenziell säkularisierten Welt und Bedürfnisse artikulieren, hemmen oder aus-
zum Asyl des Heiligen werden können und eine tauschen und ihr Verhältnis bis zum Ende per-
Sphäre darstellen, in der es zu epiphanischen Er- manent neuverhandeln.51
eignissen – unter anderem Erscheinungen der Das Schlagbild der militanten Maria um 1800
Jungfrau und Gottesmutter Maria – kommt. lässt sich so als Revenant im Warburgschen
Auch bildet der Tod auf dem Schlachtfeld eine Sinne52 lesen. Dies gilt für die Erscheinung Ma-
der wenigen Todesarten, die mit einer hoch- rias in Schillers Jungfrau von Orleans wie für die
pathetischen Sakralsemantik aufgeladen werden. Inanspruchnahme der Gottesmutter in diversen
Mit Blick auf diese – für ihren Autor Schiller gegenrevolutionären Aktivitäten. Beides gehört
zeitgenössische – Dimension erweist sich Die zum gleichen historischen Augenblicks-Symp-
Jungfrau von Orleans als mehrdeutig changie- tom. Es weist auf ein Nachleben, bei dem sowohl
rendes Werk. Weder lässt sich eine eindeutig re- mit hartnäckig-beharrenden Dimensionen einer
ligionskritische noch eine eindeutig affirmative longue durée (Fernand Braudel)53 wie mit eruptiv-
Gesamtaussage des Textes dingfest machen. Das diskontinuierlich in eine »Jetztzeit« eingespreng-
Drama zeigt sich vielmehr ebenso fasziniert wie ten Vergangenheits-»Splittern« (Walter Benja-
irritiert von einem durch die himmlische »Ge- min)54 zu rechnen ist. Zum Abschluss deshalb
neralissima« initiierten48 und von (Marien-) einige Gedanken über das Verhältnis von langer

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Dauer, Nachleben und Vergegenwärtigung, ins- burgs großkalibrigem »Nachleben der Antike«,
besondere mit Blick auf die mnemisch-medialen weitgehend mit einem Nachleben mittlerer
Bedingungen, die eine Wiedergängerei wie dieje- Reichweite zu tun, bei dem sowohl die ›Wieder-
nige der militanten Maria möglich machen. Erinnerung‹ an längst Vergessenes bzw. Ver-
Wenn man weder eine göttliche Epiphanie drängtes wie auch eine longue durée religiöser
noch eine kollektivpsychologische Vererbung Vorstellungen und Praktiken von Bedeutung
von Archetypen zur Erklärung heranzieht (und ist, die die Stürme mentaler Veränderungen
ich tue beides nicht), so muss man irgendeine des Aufklärungsjahrhunderts in katholischen
Form von Speichermedium ansetzen, aus dem ›Biotopen‹ wie dem Rheinland, Bayern, Ös-
ein Nachleben von Bildern seine Vitalität be- terreich, der Vendée oder Teilen Italiens über-
zieht. Hier sind verschiedene idealtypische Kon- lebt hat. Beispiele für Erstgenanntes sind etwa
stellationen denkbar: Ein Nachleben kann sich die schon erwähnte Wiederaufnahme von Ma-
einer plötzlichen Wiederentdeckung verdanken, rienwallfahrten oder die literarische Wieder-
die dann ihrerseits ein ›Erinnern an das nie Ge- entdeckung von katholischen ›Volksdichtun-
sehene‹55 provoziert: Ein Beispiel von geradezu gen‹ und barocken Marienlyrikern wie Jacob
paradigmatischer Modellhaftigkeit ist die Wie- Balde und Friedrich von Spee im Umkreis der
derauffindung der Laokoongruppe im Jahr 1506. Romantik. Beispiele für die longue durée des
Ein derart spektakulärer Fall ist aber wohl eher Barockkatholizismus sind neben Patrozinien,
selten. Andere Aktualisierungsformen eines Wallfahrten und Prozessionen57 strukturkon-
Nachlebens können sich aus Realien speisen, servative Textgattungen wie die Predigt- und
die zwar kontinuierlich überliefert wurden, aber Erbauungsliteratur, Mirakelbücher, Kirchen-
lange unbeachtet geblieben oder ihrer ursprüng- lieder, Volksschauspiele u. a.,58 ferner liturgi-
lichen Bedeutung und Funktion verlustig ge- sche Ausstattungen, Gemälde und Skulpturen,
gangen sind wie im Falle von Spolien, Münzen, Votivtafeln und Fahnen, konserviert in oraler
Florilegien, Gesangsbüchern und anderem. Eine Tradierung und militärischer Traditionspflege,
weitere Möglichkeit fußt auf einer longue durée in Kirchenräumen und Kapellen, auf Bildstö-
im Sinne Braudels, einer zäh-resilienten Sphäre cken, Mariensäulen oder Hauswänden. Teile
kultureller Praktiken. Diese Sphäre besitzt ihren dieser katholischen »Sakrallandschaft«59 sind
eigenen langsamen Zeitrhythmus, übersteht di- zudem erst im Spätbarock des 18. Jahrhunderts
verse »Scheintode«56 und bleibt in Trägheit und entstanden. In Zeiten großer Säkularisierungs-
Beharrungseffekten von Akteuren und Zeugen tendenzen und starker antiklerikaler oder anti-
fast unbemerkt. Im Rahmen von Braudels Regis- katholischer Strömungen wie der französischen
tern müsste man das Nachleben respektive seine und der norddeutsch-protestantischen Aufklä-
konkreten Vergegenwärtigungsweisen dann auf rung, dem Josephinismus und schließlich der
den zeitrhythmischen Ebenen von Konjunktur Französischen Revolution wird diese fast unbe-
(conjoncture) und Ereignis (évènement) verorten. wegliche und lebensweltlich selbstgenügsame
Die relativ immobile Ebene der ›langen Dauer‹ Ebene zum politisch konfliktträchtigen Feld
bildet so gesehen eine Art Matrix, deren träge- und dynamisiert sich. Die Marienbilder brechen
unauffällige Produktivität einer creatio continua aus dem Modus träger Latenz und Alltäglichkeit
gleicht, aus der aber auch immer wieder chrono- aus. Sie werden ›geistesgegenwärtig‹ enteignet,
logie- und kontinuitätssprengende Erinnerungs- neu kontextualisiert, rabiat aktualisiert und in
gestalten ihr ›mnemisches Potenzial‹ beziehen. ihrem aggressiven Schlagbilder-Charakter wie-
Im Falle der militanten Marien-Schlagbilder dererinnert – in Schillers Tragödie wie in der
um 1800 haben wir es nun, verglichen mit War- konter­revolutionären Agitation.

Zeitschrift für Kunstgeschichte 81. Band / 2018 225

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1 Vgl. Sigmund Freud, Der Wahn und die Träume in W. Mater, der Isis, der Artemis/Diana, der Athene/Mi-
Jensens ›Gradiva‹, in: ders., Studienausgabe, Bd. 10, nerva u. a. (vgl. zusammenfassend z. B. Walter Delius,
Frankfurt a. M. 1982, 13 – 85; Aby M. Warburg, Bruch- Geschichte der Marienverehrung, München 1963, 30 –
stücke zur ›Ninfa Fiorentina‹ und ›Florentinische 34, 113 und 119). Züge und Funktionen dieser Göttinnen
Wirklichkeit und antikisierender Idealismus‹, in: werden auf Maria übertragen, Kultpraktiken für die
ders., Werke in einem Band, hg. von Martin Treml, Marienverehrung adaptiert bzw. enteignet, Marien-
Sigrid Weigel und Perdita Ladwig, Berlin 2010, 198 – kirchen über heidnischen Tempeln errichtet. Nicht
233; ders., Mnemosyne-Atlas, Tf. 6, 39, 46 – 47 und 77, von ungefähr heißt eine der bekanntesten Marien-
in: ders., Gesammelte Schriften. Studienausgabe, hg. kirchen Roms Santa Maria sopra Minerva. Auch gab es
von Horst Bredekamp, Michael Diers, Kurt W. Forster in Literatur und Bildkunst immer wieder Allegoresen
u. a., Berlin 1998ff., Bd. 2.1, 24 – 25, 68 – 69, 84 – 87 und heidnischer Texte und »außerbiblische Typologien«
128 –129. Zu den Korrespondenzen zwischen Freud (Friedrich Ohly), die zwischen heidnischem Personal
und Warburg vgl. Gabriele Huber, Warburgs Ninfa, und Maria ein heilsgeschichtliches Vorausdeutungs-
Freuds Gradiva und ihre Metamorphose bei Masson, und Erfüllungsverhältnis konstruieren, in der
in: Silvia Baumgart, Gotlind Birkle, Mechthild Fend lateinischen Hymnenliteratur, im Ovidius moralizatus
u. a. (Hg.), Denkräume zwischen Kunst und Wissen- aus dem 14. oder im Defensorium inviolatae virginitatis
schaft, Berlin 1993, 443 – 460; Sigrid Weigel, Aby beatae Mariae aus dem 15. Jahrhundert (vgl. Friedrich
Warburgs ›Göttin im Exil‹. Das ›Nymphenfragment‹ Ohly, Typologische Figuren aus Natur und Mythus,
zwischen Brief und Taxonomie, gelesen mit Heinrich in: Walter Haug [Hg.], Formen und Funktionen der
Heine, in: Wolfgang Kemp, Gert Mattenklott, Monika Allegorie, Stuttgart 1979, 126 –166, hier 130 –131 und
Wagner u. a. (Hg.), Vorträge aus dem Warburg-Haus, 151). Die barocklateinischen Oden des Jesuitendichters
Bd. 4, Berlin 2000, 65 –103, bes. 93 – 95; Georges Didi- Jacob Balde sprechen die Madonna in einer parodia
Huberman, Das Nachleben der Bilder. Kunstgeschichte sacra Horazischer Muster dezidiert als Göttin (dea/
und Phantomzeit nach Aby Warburg, Berlin 2010 [frz. Diva) an (vgl. z. B. Opera Poetica Omnia [Neudruck der
2002], 379 – 392. Ausgabe München 1729], hg. von Wilhelm Kühlmann
2 Aby Warburg, Grundbegriffe II , Notizbuch 1929, und Hermann Wiegand, Frankfurt a. M. 1990, Bd. 1, 38
zitiert nach Ernst H. Gombrich, Aby Warburg. Eine und 291). Baldes Odae Partheniae führen dabei nicht
intellektuelle Biographie, Hamburg 1992, 327. Zum nur das latinisierte griechische Wort für ›Jungfrau‹ im
»Energiekonserve«-Potenzial der Ninfa siehe Huber Titel, sondern lassen darüber hinaus auch noch das
1993 (wie Anm. 1), 451. Kultbild der Athena Parthenos assoziieren.
3 Aby Warburg über die Ninfa, Mnemosyne-Atlas, Tf. 5 Die wichtigste intertextuelle Referenz für diese
47, in: Warburg 1998ff. (wie Anm. 1), Bd. 2.1, 86. Erfindung Schillers ist wohl Voltaires komisches Epos
4 So, wenn der Autor selbst als Titelbild der Tragödie La Pucelle d’ Orléans (autorisierte Publikation 1762),
einen »Minervakopf« vorschlägt (Brief an Unger vom das Jean Chapelains heroisches Gedicht La Pucelle
26. April 1801, in: Friedrich Schiller, Schillers Werke. ou la France délivrée von 1656 parodiert. In dieser
Nationalausgabe, Bd. 31: Briefwechsel, hg. von Stefan libertin-antiklerikalen Parodie wird die Jungfräulich-
Ormanns, Weimar 1985, 29), der als Titelkupfer, keit Jeannes bzw. ihr Erhalt zum handlungstragenden
gezeichnet von Heinrich Meyer nach einer antiken Element in einer grotesken, candide-gleichen Welt
Kamee aus der Sammlung Goethes, die Erstausgabe männlicher Geilheit. Schiller hat Voltaires frivole Be-
dann auch ziert, oder wenn die von der Jungfrau handlung des Stoffs in einem Gedicht mit dem Titel
Maria zum Kampf berufene Johanna von einem Boten Voltaires Püçelle und die Jungfrau von Orléans scharf
beschrieben wird als »eine Jungfrau, mit behelmtem kritisiert, und man kann seine Tragödie als eine Art
Haupt / Wie eine Kriegesgöttin, schön zugleich / Und Parodie der Parodie lesen, insofern alles, was bei
schrecklich anzusehn« (Friedrich Schiller, Die Jung- Voltaire an Heroischem depotenziert und verspottet
frau von Orleans, in: ders., Sämtliche Werke, hg. von erscheint, bei Schiller ernsthaft-erhaben reheroisiert
Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, München wird, insbesondere das Motiv des Liebesverbots.
7
1984, Bd. 2, 720, V. 955 – 957). – Diese christlich- 6 Die ersteren vgl. Procès de condamnation et de
paganen Polyvalenzen sind angemessen keineswegs réhabilitation de Jeanne d’Arc dite La Pucelle, hg. von
als originäre Einfälle des Autors Schiller zu begreifen. Jules Quicherat, Paris 1841, Bd. 4, 268 – 269 (Le Miroir
Konfessionell unvoreingenommene Analysen (insbes. des femmes vertueuses), 430 (Lefèvre de Saint-Remi),
aus der sogenannten ›Religionsgeschichtlichen Schule‹ 501 (Eberhard Windeck); die letzteren, die wohl
der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts: Hugo direkte Quellen für William Shakespeares Jeanne-
Greßmann, Wilhelm Bousset, Hans Leisegang, Eduard d’Arc-Darstellung in King Henry VI , Part 1 waren,
Norden) haben für die Anfänge der Marienverehrung vgl. Geoffrey Bullough (Hg.), Narrative and Dramatic
Assimilationen von und Überblendungen mit anti- Sources of Shakespeare, Bd. 3, London 1960, 57 (Edward
ken weiblichen Gottheiten aufgedeckt, mit der Magna Hall) und 77 (Raphael Holinshed).

226 Zeitschrift für Kunstgeschichte 81. Band / 2018

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7 Vgl. exemplarisch aus der großen Menge an doku­ Die Jungfrau von Orleans. Grundlagen und Gedanken
mentierenden Texten: Procès de condamnation et zum Verständnis des Dramas, Frankfurt a. M. 1988,
de réhabilitation de Jeanne d’Arc dite La Pucelle 58). Ähnlich – hier chronologisch sortiert – Gerhard
(wie Anm. 6), Bd. 1, 52 (Engelsstimme); Bd. 1, 85 – 87, Storz, Der Dichter Friedrich Schiller, Stuttgart 41968,
173 (Hlg. Michael); Bd. 1, 97, 153 –155 und 177 (Ka- 355; Benno von Wiese, Friedrich Schiller, Stuttgart
tharina und Margaretha); Bd. 3, 103 und 115; Bd. 5, 117 4
1978, 732 und 745; Peter Pfaff, König René und die
(Himmelskönig). Geschichte. Zu Schillers ›Jungfrau von Orleans‹, in:
8 Friedrich Schiller, Die Jungfrau von Orleans, in: Achim Aurnhammer, Klaus Manger und Friedrich
Schiller 71984 (wie Anm. 4), Bd. 2, 726, V. 1159. Strack (Hg.), Schiller und die höfische Welt, Tübingen
9 Ebenda, 724 – 725, V. 1093ff. 1990, 407 – 421, hier 413; Peter-André Alt, Schiller.
10 Vgl. hierzu auch Wolfgang Riedel, Religion und Ge- Leben – Werk – Zeit, München 2000, Bd. 2, 525; Karl
walt in Schillers späten Dramen (›Maria Stuart‹, ›Die S. Guthke, Schillers Dramen. Idealismus und Skepsis,
Jungfrau von Orleans‹), in: ders. (Hg.), Würzburger Tübingen 22005, 244 und 253; Horst Albert Glaser,
Schiller-Vorträge 2009, Würzburg 2011, 23 – 44, hier Voltaires ›Pucelle‹ und Schillers ›Jungfrau von Orleans‹
40, Anm. 40. oder: Vorwärts ins Mittelalter!, in: Klaus Manger
11 Auf das Sujet der Assumptio werde ich an dieser (Hg.), Der ganze Schiller – Programm ästhetischer Er-
Stelle nicht weiter eingehen. Es ist vornehmlich für ziehung, Heidelberg 2006, 445 – 458, hier 456; Albert
die Schlussszene von Bedeutung, in der die auf dem Meier, Klassik – Romantik, Stuttgart 2008, 278; Riedel
Schlachtfeld tödlich verwundete Johanna mit einer 2011 (wie Anm. 10), 38 und 42 – 43; Hans-Georg Pott,
Vision ihrer eigenen Himmelfahrt und des dortigen Heiliger Krieg, Charisma und Märtyrertum in Schil-
Empfangs durch Maria vor Augen stirbt (vgl. Schiller lers romantischer Tragödie ›Die Jungfrau von Orleans‹,
7
1984 [wie Anm. 4], Bd. 2, II , 811 – 812). Berücksichtigt in: Athenäum 20, 2010, 111 –142, hier 112.
man neben dem Sprechtext Johannas noch das Ge- 20 Eine der ältesten Mariendichtungen, der byzanti-
baren der umstehenden Figuren sowie die szenischen nische Hymnos Akáthistos aus dem 7. Jahrhundert,
Anweisungen, zeigt sich, dass das Finale von Schil- feiert Maria im ersten Kontakion als »unbesiegbare
lers Tragödie durch eine metonymisch verschobene Heerführerin« (στρατηγη) gegen die Konstantinopel
und ironisierte Bilddramaturgie der Himmelfahrt belagernden Heiden. Zum Überblick seit dem Mittel-
Mariens strukturiert wird, wie sie sich nach dem alter vgl. Klaus Schreiner, Maria. Jungfrau, Mutter,
Prototyp von Tizians Assunta im 16. und 17. Jahr- Herrscherin, München 1996, 368 – 409; ders., Maria
hundert herausgebildet hat (vgl. mit Bildbeispielen Victrix. Siegbringende Hilfen marianischer Zeichen
Ulrich Port, Gegenrevolutionäres Theater aus dem in der Schlacht auf dem Weißen Berg (1620), in: Jo-
Schlagbilderarsenal des gegenreformatorischen Ka- hannes Altenberend (Hg.), Kloster – Stadt – Region.
tholizismus. Schillers ›Jungfrau von Orleans‹ und die Festschrift für Heinrich Rüthing, Bielefeld 2002, 87 –
politische Ästhetik der Revolutionskriege, in: Oliver 144.; ders., Kriege im Namen Gottes, Jesu und Mariä.
Kohns (Hg.), Perspektiven der politischen Ästhetik, Heilige Abwehrkämpfe gegen die Türken im späten
Paderborn 2016, 17 – 68). Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: ders. (Hg.),
12 Friedrich Schiller, Die Jungfrau von Orleans, in: Heilige Kriege. Religiöse Begründungen militärischer
Schiller 71984 (wie Anm. 4), Bd. 2, 726, V. 1157 –1162; Gewaltanwendung: Judentum, Christentum und Is­
entsprechend in IV.3 ebenda 780, V. 2730 – 2734. lam im Vergleich, München 2008, 151 – 192.
13 In Anlehnung an Martin Lechner, Maria, Marien- 21 Vgl. zu diesen (religions-)politischen Dimensionen
bild, V. Das Marienbild des Barock, in: Engelbert Delius 1963 (wie Anm. 4), 235 – 257; Georg Söll, Maria
Kirschbaum(Hg.), Lexikon der christlichen Ikono- in der Geschichte von Theologie und Frömmigkeit,
graphie, Freiburg i. Br. 1971, Bd. 3, 199. in: Wolfgang Beinert und Heinrich Petri (Hg.), Hand-
14 »Johanna (zu den Rittern […]). […] Und macht dem buch der Marienkunde, Regensburg 1984, 192 – 206;
Feinde eure Schreckensnähe / Durch lauten Schlacht- komprimiert Johannes Burkhardt, Das Reformations-
ruf kund – Gott und die Jungfrau! / Alle (rufen laut jahrhundert. Deutsche Geschichte zwischen Medien-
unter wildem Waffengetös). Gott und die Jungfrau!« revolution und Institutionenbildung 1517–1617, Stutt-
(Schiller 71984 [wie Anm. 4], Bd. 2, 737, V. 1500 –1502). gart 2002, 108 – 110; Bridget Heal, The cult of the
15 Ebenda, 770, V. 2465. Virgin Mary in early modern Germany. Protestant and
16 Ebenda, 741, V. 1591 –1593. catholic piety, 1500–1648, Cambridge 2007, Kapitel
17 Ebenda, 743, V. 1676 –1678. 2 – 4; Damien Tricoire, Mit Gott rechnen. Katholische
18 Tillius redivivus, in: Balde 1990 (wie Anm. 4), Bd. 8, Reform und politisches Kalkül in Frankreich, Bayern
292 und 294 (Übersetzung Wilfried Stroh). und Polen-Litauen, Göttingen 2013, 75 – 77, 191 – 193,
19 Exemplarisch Claudia Albert: »Von der christlichen 205 – 225 und 319 – 329.
Jungfrau Maria führt […] offensichtlich kein Weg zur 22 Vgl. Friedrich Schiller, Geschichte des Abfalls der ver-
kriegerischen Jungfrau Johanna« (Friedrich Schiller: einigten Niederlande von der spanischen Regierung,

Zeitschrift für Kunstgeschichte 81. Band / 2018 227

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in: Schiller 71984 (wie Anm. 4), Bd. 4, 204 – 205 und Franz Michael Leuchsenring verfassten Beitrag zur
216 – 218; ders., Geschichte des Dreißigjährigen Geschichte itziger geheimer Pro­ selytenmacherei in
Kriegs, in: Schil­ler 71984 (wie Anm. 4), Bd. 4, 428, 458, der Berlinischen Monatsschrift, Januar 1785, 75 – 77).
626 und 673. Innerkatholisch kommt es in reformkatholisch re-
23 Für diese zeitgenössischen Bezeichnungen vgl. gierten Ländern, dem Josephinischen Österreich,
z. B. Andreas Veit und Ludwig Lenhart, Kirche und dem habsburgischen Teil der Niederlande, den rhei-
Volksfrömmigkeit im Zeitalter des Barock, Freiburg nischen Fürstbistümern, dem Erzbistum Salzburg,
i. Br. 1956, 60; Paul Münch, Das Jahrhundert des dem Herzogtum Toskana u. a. zu massiven Aus-
Zwiespalts. Deutsche Geschichte 1600–1700, Stutt- einandersetzungen um das (Marien-)Wallfahrts-
gart/Berlin/Köln 1999, 115 –116. »Generalissima« ist wesen und andere Praktiken popularer Frömmig-
ein Ehrentitel, den Kaiser Ferdinand II . für Maria keit. Administrative Eingriffe der Obrigkeiten wie
verwendet – ein (religions-)politischer Sprechakt, das Verbot von Wallfahrten, die Schließung von
den Schiller in seiner Geschichte des Dreißigjährigen Loretokapellen oder die Konfiszierung von Devo-
Kriegs zitiert, erläutert und narrativ mit der jesuitisch- tionalien provozieren heftige, in Teilen gewalt-
marianischen Sozialisation des Kaisers verknüpft same Reaktionen des Kirchenvolks – etwa beim
(vgl. Schiller 71984 [wie Anm. 4], Bd. 4, 427 – 428 und sogenannten Madonnenaufstand von Prato im Mai
458). Schillers Quelle dürfte eine Schrift von Wil- 1787 – und erregen dabei auch überregional Auf-
helm Lamormaini, Ferdinands Beichtvater, Berater sehen, wie zeitgenössischen deutschen Zeitschriften
und gegenreformatorischer Ultra, sein, Ferdinandi zu entnehmen ist. – Vgl. hierzu Charles A. Bolton,
II . Romanorum Imperatoris virtutes, Wien 1638. Der Church-Reform in eighteenth-century Italy. The sy-
zwölfte Band von Franz Christoph von Khevenhil- nod of Pistoia, 1786, Den Haag 1969; Anna Coreth,
lers Annales Ferdinandei, eines der Quellenwerke für Pietas Austriaca. Österreichische Frömmigkeit im
die Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs, bietet diese Barock, München 21982, 62 – 72; Christoph Dipper,
Schrift als Anhang in einer deutschen Übersetzung. Volksreligiosität und Obrigkeit im 18. Jahrhundert,
Dort findet sich die »Generalissima« im Kapitel »An- in: Wolfgang Schieder (Hg.), Volksreligiosität in der
dacht gegen die allerseligsten Jungfrauen und Mutter modernen Sozialgeschichte, Göttingen 1986, 73 – 96;
Gottes« gleich zweimal (vgl. 2405). Werner Freitag, Volks- und Elitenfrömmigkeit in der
24 Balde 1990 (wie Anm. 4), Bd. 1, 39 und 272. Frühen Neuzeit. Marienwallfahrten im Fürstbistum
25 Zitiert nach Mechthild Müller, ›In hoc vince‹. Münster, Paderborn 1991, 317 – 357; Peter Hersche,
Schlachtendarstellungen an süddeutschen Kirchen- Devotion, Volksbrauch oder Massenprotest? Ein
decken im 18. Jahrhundert. Funktion und Geschichts- Literaturbericht aus sozialgeschichtlicher Sicht zum
interpretation, Frankfurt a. M./New York 1991, 70. Thema Wallfahrt, in: Das achtzehnte Jahrhundert
26 Vgl. hierzu Rebekka Mallinckrodt, Struktur und und Österreich. Jahrbuch der Österreichischen Gesell-
kollektiver Eigensinn. Kölner Laienbruderschaften im schaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts 9, 1994,
Zeitalter der Konfessionalisierung, Göttingen 2005, 7 – 34; Ludwig Hüttl, Marianische Wallfahrten im
262; Heal 2007 (wie Anm. 21), 258 – 259. süddeutsch-österreichischen Raum. Analysen von der
27 Alternativ auch »Religionseifer«, »Religionsenthusias­ Reformations- bis zur Aufklärungsepoche, Köln 1985,
mus« oder »Religionshaß« (vgl. z.  B. Schiller 71984 154 – 184; Eva Kimminich, Religiöse Volksbräuche
[wie Anm. 4], Bd. 4, 542, 367, 247 und 371). im Räderwerk der Obrigkeiten. Ein Beitrag zur Aus-
28 Im Rahmen der inter-konfessionellen Kontroverse wirkung aufklärerischer Reformprogramme am Ober-
wird der symbolpolitische Distinktionswert Marias rhein und in Vorarlberg, Frankfurt a. M. 1989; Dieter
publizistisch greifbar etwa in Friedrich Nicolais Narr und Friedrich Zoepfl, Aufklärung und Marien-
vielbändigen Reisebeschreibungen über Bayern und verehrung, in: Konrad Algermissen (Hg.), Lexikon
Österreich (vgl., ohne Anspruch auf Vollständig- der Marienkunde, Bd. 1, Regensburg 1967, 415 – 421;
keit, Friedrich Nicolai, Beschreibung einer Reise Nicholas Perry und Loreto Echeverría, Under the heel
durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781, of Mary, London 1988, 56 – 62.
Berlin 1783 –1796, Bd. 1, 183; Bd. 2, 628 – 629; Bd. 3, 29 Vgl. die – hier ergänzte – Liste bei Timothy C. W.
74 – 75 und 198 –199; Bd. 4, 31 – 32 und 313; Bd. 5, Blanning, The French Revolution in Germany.
27 – 29, 33 – 39 und 65, Beilage 13; Bd. 6, 508 – 516, Occupation and Resistance in the Rhineland 1792 –
525 und 550 – 551; Bd. 7, 22 – 23 und 84 – 85; Bd. 8, 1802, Oxford 1983, 226.
35 – 37, Beilage 12) oder in den sorgenvollen bis pa- 30 Michel Vovelle, La Révolution contre l’Église. De la
ranoiden Texten der Berlinischen Monatsschrift Raison à l’ Etre suprême, Brüssel 1988, 91.
– dem Flaggschiff protestantischer Aufklärung – 31 Vgl. z. B. Jean Wirth, Aspects modernes et con-
über »Kryptokatholiken«, »verlarvte Jesuiten« und temporains de l’iconoclasme, in: Peter Blickle, Andre
»Proselytenmacher« (vgl. exemplarisch im anonym Holenstein, Heinrich Richard Schmidt u. a. (Hg.),
publizierten, wohl vom dissidenten Radikalaufklärer Macht und Ohnmacht der Bilder. Reformatorischer

228 Zeitschrift für Kunstgeschichte 81. Band / 2018

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Bildersturm im Kontext der europäischen Geschichte, 48 Vgl. Johannas Bericht über ihre Berufung durch
München 2002, 466; Bernard Plongeron (Hg.), Auf- Maria oben Anm. 9.
klärung, Revolution, Restauration (1750–1830) (Die 49 Vgl. exemplarisch Johannas Kriegsfahne (siehe oben,
Geschichte des Christentums, Bd. 10), Freiburg i. Br. 215 – 216, und Anm. 12).
2000, 607. 50 Zitate in Anlehnung an Schillers Doppelcodierung
32 Vgl. etwa Plongeron 2000 (wie Anm. 31), 384. einer idealisierten Volksdichtung in seiner Rezension
33 19 brumaire an II , zitiert nach: Procès verbaux du Co- Über Bürgers Gedichte, in: Schiller 71984 (wie
mité d’Instruction publique, hg. von M.J. Guillaume, Anm. 4), Bd. 5, 973 – 974.
Paris 1894, Bd. 2, 803 – 804. 51 Zum »Auseinandersetzungsprodukt« vgl. Edgar
34 Vgl. Pierre Bertaux, Die Neue Religion, in: ders. Wind, Einleitung, in: ders., Hans Meier und Richard
Hölderlin und die Französische Revolution, Frankfurt Newald (Hg.), Kulturwissenschaftliche Bibliographie
a. M. 1969, 64 – 84, hier 77. zum Nachleben der Antike, Leipzig/Berlin 1934, V –
35 Georges Wille, Mémoires et journal de J.G. Wille, XVII , hier IX . Im vorliegenden Zusammenhang
Graveur du Roi, Paris 1857, 449, zitiert nach Marie- sehr gut passend und deshalb alludiert ist Stephen
Louise Biver, Fêtes révolutionnaires à Paris, Paris Greenblatts Modell einer »circulation of social
1979, 78. energy« und das (kultur-)poetologische Konzept
36 Jules Michelet, Histoire de la Révolution française, der »negotiation«/»Verhandlung« (Stephen Green-
Paris 1970, Bd. 1, 1159; David Blackbourn, Wenn ihr sie blatt, Shakespearian negotiations. The circulation
wieder seht, fragt wer sie sei. Marienerscheinungen in of social energy in Renaissance England, Oxford
Marpingen – Aufstieg und Niedergang des deutschen 1988, bes. 5 – 8 und 19); vgl. auch Greenblatts Cha-
Lourdes, Reinbek 1997, 61. rakterisierung von Kunstwerken als »fields of force,
37 Michelet 1970 (wie Anm. 36), Bd. 1, 1159; vgl. auch places of dissension and shifting interests, occasions
Plongeron 2000 (wie Anm. 31), 608. for the jostling of orthodox and subversive impulses«
38 Vgl. exemplarisch Quellen zur Geschichte des Rhein- (Introduction, in: ders. [Hg.], The power of forms
landes im Zeitalter der Französischen Revolution in the English Renaissance, Oklahoma 1982, 3 – 6,
1780–1801, hg. von Joseph Hansen, 4 Bde., Bonn hier 6).
1931 –1938, Bd. 2, 628 und 663. 52 Der Wiedergänger/Revenant ist eine von War-
39 Vgl. Coreth 21982 (wie Anm. 28), 70; Dipper 1986 (wie burgs Vorzugsmetaphern für ein zivilisationsge­
Anm. 28), 92 – 93. schichtlich nur vermeintlich Überwundenes, das
40 Massimo Viglione, ›Libera Chiesa in libero Stato‹? Il in unterschiedlichen historischen Konstellationen
Risorgimento e i cattolici: uno scontro epoccale, Rom wiedererweckt werden kann und dabei ein ganzes
2005, 98 – 99, Zitat 99; Giovanni Assereto, I ›Viva »Schattenreich der vorgeprägten Revenants« zu kon-
Maria‹ nella Repubblica ligure, in: Anna Maria Rao stituieren vermag (Warburg, Grisaille, Notizbuch
(Hg.), Folle controrivoluzionarie. Le insorgenze po- 1929, 32, zitiert nach Gombrich 1992 [wie Anm. 2],
polari nell’ Italia giacobina e napoleonica, Rom 1999. 334); vgl. auch oben Anm. 1.
41 Massimo Viglione, Le insorgenze. Rivoluzione & 53 Zum dreistufigen Konzept historischer Zeit (lange
controrivoluzione in Italia 1792–1815, Mailand 1999, Dauer – Konjunkturen – Ereignisse) vgl. Fernand
48 – 49. Braudel, Geschichte und Sozialwissenschaften –
42 Vgl. oben Anm. 23. Die ›longue durée‹, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.),
43 Vgl. Viglione 1999 (wie Anm. 41), 27. – Dass nunmehr Geschichte und Soziologie, Köln 1976, 189 – 215, bes.
auch die heidnischen Türken unter dem Segen der 191 – 193 und 207 – 209; ders., Das Mittelmeer und die
Gottesmutter kämpfen, bildet im historischen Längs- mediterrane Welt in der Epoche Philipps II ., 3 Bde.,
schnitt des Motivs der ›Heerführerin Maria‹ ein Frankfurt a. M. 1990, Bd. 1, 20 – 21 (hier, im Vorwort
kurioses Detail. zur ersten Auflage von 1946, wird die »gleichsam
44 Abraham a Sancta Clara, Aller Freud / und Fried unbewegte Geschichte« allerdings noch vornehmlich
ist Ursach Maria (1698), in: ders., Ein Karren voller mit dem geographischen Milieu identifiziert) und
Narren und andere kleine Werke, hg. von Franz Eybl, 25 – 26; Bd. 2, 552; Bd. 3, 453 – 455.
Salzburg/Wien 1993, 103 –105. 54 Diese Metaphorik in: Walter Benjamin, Über
45 Schiller, vgl. oben Anm. 27 (Hervorhebung des Teil- den Begriff der Geschichte, in: ders., Gesammelte
substantivs vom Verfasser). Schriften, hg. von Rolf Tiedemann und Hermann
46 Vgl. z. B. Robert Southeys Epos Joan of Arc von Schweppenhäuser, Frankfurt a.  M. 1991, Bd. 
1.2,
1796/1798 und John Daly Burks Drama Female pa- 693 – 704, hier 704.
triotism, or The death of Joan d’Arc von 1798. 55 Vgl. diese Denkfigur bei Walter Benjamin: »Bilder,
47 Friedrich Wilhelm Graf, Sakralisierung von Kriegen: die wir nie sahen, ehe wir uns ihrer erinnerten« (Aus
Begriffs- und problemgeschichtliche Erwägungen, einer kleinen Rede über Proust […], in: Benjamin 1991
in: Schreiner 2008 (wie Anm. 20), 1 – 30, hier 22. [wie Anm. 54], Bd. 2.3, 1064).

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56 Braudel 1990 (wie Anm. 53), Bd. 2, 576, mit Blick auf anonym verlaufende Proliferationen nicht unter-
den beharrend-zählebigen »Unterbau« von Kulturen. schätzt werden. In dieser Literatur, der grosso modo
57 Im Jahr 1814, am Ende der Revolutionskriegsepoche, eine konservativ-konservierende Tendenz eignet,
beobachtet Goethe auf dem Sankt-Rochus-Fest zu wurde noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein eine
Bingen verschiedene Prozessionszüge, zu deren wie ganze Palette von Genres gehandelt, die dezidiert auf
selbstverständlich gepflegtem Bestand Madonnen- ›Volkstümlichkeit‹ in barock-gegenreformatorischer
bilder gehören. Recht zu Beginn des Textes heißt Tradition setzen. Zu den Sonderentwicklungen der
es: »Damit wir aber sogleich erführen, daß wir katholisch-oberdeutschen Literatur seit dem 17. Jahr-
uns in ein frommes Land bewegten, entgegnete hundert vgl. Dieter Breuer, Apollo und Marsyas.
uns vor Mosbach ein italienischer Gipsgießer, auf Zum Problem der volkstümlichen Literatur im 17.
dem Haupt sein wohlbeladenes Brett gar kühnlich Jahrhundert, in: Wolfgang Brückner, Peter Blickle
im Gleichgewichte schwenkend. Die darauf und Dieter Breuer (Hg.), Literatur und Volk im 17.
schwebenden Figuren aber waren […] bunt angemalte Jahrhundert. Probleme populärer Kultur in Deutsch-
Heilige. Die Mutter Gottes thronte über allen«. Und land, Wiesbaden 1985, Bd. 1, 23 – 40; ders., Deutsche
einige Seiten später: »Prozessionen dauerten fort. Nationalliteratur und katholischer Kulturkreis, in:
Dörfer unterschieden sich von Dörfern […]. Jede Klaus Garber (Hg.), Nation und Literatur im Europa
Gemeinde hatte ihre Mutter Gottes, von Kindern der Frühen Neuzeit, Tübingen 1989, 701 – 715; ders.,
und Jungfrauen getragen, neu gekleidet, mit vielen Das Ärgernis der katholischen Literatur. Zur Ge-
rosenfarbenen, reichlichen, im Winde flatternden schichte einer Ausgrenzung, in: Klaus Garber (Hg.),
Schleifen geziert.« (Goethe, Sankt-Rochus-Fest zu Europäische Barock-Rezeption, Bd.  1, Wiesbaden
Bingen, in: ders., Werke. Hamburger Ausgabe, hg. 1991, 455 – 463; Günter Hess, Deutsche National-
von Erich Trunz, München 131982, Bd. 10, 401 und literatur und oberdeutsche Provinz. Zu Geschichte
412). und Grenzen eines Vorurteils, in: Jahrbuch für Volks-
58 Ich beschränke mich hier aus Kompetenzgründen auf kunde N.F. 8, 1985, 7 – 30.
die Gegebenheiten im Deutschen Reich. Die geist- 59 Den Begriff »Sakrallandschaft« für ein genuin
liche Literatur des katholisch-oberdeutschen Raums barockkatholisches Konzept der »Sakralisierung des
bildet, was ihre Prägekraft für die hegemoniale, öffentlichen Raums« prägte Georg Schreiber, Die
protestantisch dominierte Literatur- und Kultur- Sakrallandschaft des Abendlandes, Düsseldorf 1937;
szene Deutschlands im 18. Jahrhundert betrifft, ein bis vgl. hierzu Peter Hersche, Muße und Verschwendung.
heute nur unzureichend aufgearbeitetes Archiv. Sie Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeit-
sollte mit Blick auf die Resilienz ihrer Sujets und meist alter, 2 Bde., Freiburg i. Br. 2006, 556 – 568, Zitat 557.

Abbildungsnachweis: 1  https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alonso_Miguel_De_Tovar_Divine_
Shepherdess.jpg (letzter Zugriff am 19. Februar 2018).  — 2  Dietmar Spengler, Spiritualia et pictura. Die
graphische Sammlung des ehemaligen Jesuitenkollegs in Köln, Köln 2003, Abb. 112. — 3 Bartolomé Esteban
Murillo, 1617 –1682 (Ausst.-Kat. Madrid, Museo del Prado; London, Royal Academy of Arts), hg. von der Royal
Academy of Arts, London 1982, 87, Kat.-Nr. 13. — 4 Guido Piovene, L’opera Completa di Giambattista Tiepolo,
Mailand 1968, Tf. LXIV. — 5, 6 Hermann Kühlmann, Geschichte der Bayerischen Fahnen und Standarten,
Bd. 3.1, München 1959 [als Manuskript gedruckt], 79, Abb. 153; 69, Abb. 132.  — 7  Klaus Schreiner, Maria
Victrix. Siegbringende Hilfen marianischer Zeichen in der Schlacht auf dem Weißen Berg (1620), in: Johannes
Altenberend (Hg.), Kloster – Stadt – Region. Festschrift für Heinrich Rüthing, Bielefeld 2002, 87 –144, hier 104,
Abb. 2. — 8 Heal 2007 (wie Anm. 21), Abb. 59. — 9 Michel Vovelle, La Révolution Française. Images et Récit
1789 – 1799, Bd. 4, Paris 1986, 155. — 10 Paris, BNF, Estampes, coll. Hennin, t. 133, no. 11687. — 11 Viglione
1999 (wie Anm. 41), 27. — 12 Abraham a Sancta Clara 1993 (wie Anm. 44), 105.

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