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Deutschland

Flughafens Berlin-Brandenburg Interna-


tional liegen.

Angst 21 Mehr als 30 Bürgerinitiativen sind in-


nerhalb kurzer Zeit entstanden. Sie wer-
den angeführt von Anwälten, Selbstän-
In der Hauptstadt entdeckt das Bürgertum den Charme des digen, dem klassischen Mittelstand. Vie-
le haben gutgläubig auf die Versprechen
Widerstands. Drohen Berlin Stuttgarter Verhältnisse? der Politik vertraut, dass Berlin zwar ei-
nen stadtnahen neuen Airport be-

M
it einem Sonderzug kommen Wowereit (SPD) wächst die Furcht vor kommt, Lärm und Dreck aber überwie-
sie nach Berlin: 600 Stuttgarter Stuttgarter Verhältnissen – und vor der gend das dünner besiedelte Branden-
Demonstranten wollen am wohl künftigen Anführerin der Protest- burg belästigen.
Dienstag ihren Protest in die Hauptstadt welle, Renate Künast, die nächstes Jahr „Jetzt wachen sie auf, und Wowereit
tragen. Vor dem Kanzleramt werden sie für die Grünen das Rote Rathaus er- bekommt es mit der Angst zu tun“, sagt
einen „Widerstandsbaum“ präsentieren, obern will (siehe Seite 32). Wie in Ba- Ferdi Breidbach und kann sich eine ge-
an der Bahn-Zentrale am Potsdamer den-Württemberg liegen die Grünen wisse Genugtuung nicht verkneifen.
Platz ist ein „Schreikonzert“ geplant, hier in den Umfragen mit 30 Prozent Sein Bürgerverein Brandenburg-Berlin
dem Bundestag soll auf Booten von der derzeit deutlich vor der SPD. (BVBB) kämpft bereits seit 1995 gegen
Spree aus die Meinung gesagt werden. Reichlich nervös versucht sich Wowe- den Standort Schönefeld und favorisiert
„Stuttgart 21 ist überall“, meint Han- reit vorerst in Normalität. Am vergan- einen weiter südlich gelegenen Bau-
nes Rockenbauch, Sprecher der Aktivis- genen Mittwoch begab er sich auf Kiez- platz. Der BVBB fing mit 330 Mitglie-
ten, „die Menschen wollen sich nicht tour, besuchte einen Tag lang den West- dern an. Aktuell sind es 3300 Mitstreiter.
mehr damit abfinden, dass über ihre Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg Auftrieb erhofft sich die Bewegung
Köpfe hinwegregiert wird.“ samt Feuerwehrwache und Integrations- jetzt, da Zehntausende betroffene Bür-
Mit dieser Parole sind die Schwaben projekten. Nur den Ortsteil Lichtenrade ger in Berlin und Potsdam von den ge-
derzeit vielen Berlinern hochwillkom- ließ er außen vor, obwohl er dort aufge- planten Flugrouten erfahren, die Boule-
men. Schon am Bahnhof wollen Haupt- wachsen ist, lange lebte und das Viertel vardpresse täglich gegen die Flugpla-
stadtdemonstranten ihre Stuttgarter Hel- in den Schlagzeilen ist. Denn seit vor nung wütet und selbst das Feuilleton
den empfangen und den Schulterschluss kurzem mögliche Flugrouten für den der „Frankfurter Allgemeinen“ vor
feiern. Denn auch in Berlin sind zuletzt Airport-Neubau bekannt wurden und „Lärm, Dunst, Erschütterungen, Kero-
zahlreiche Bürgerinitiativen entstanden, Lichtenrade besonders betroffen ist, sin“ über der Schlösserlandschaft am
Tausende gehen auf die Straße, organi- kennt der Zorn der Bürger im Südwes- Wannsee (wo auch ihr Mitherausgeber
sieren Volksbegehren, finanzieren Gut- ten der Stadt kaum noch Grenzen. Frank Schirrmacher lebt) warnt.
achter, lassen Anwälte klagen. Gleich Jetzt ist es auch in den gutbürger- Wie in Stuttgart fühlen sich die Pro-
drei Großprojekte erzürnen die Bürger: lichen Wohngegenden im Westen Ber- testler, trotz jahrelanger Diskussionen,
der neue Großflughafen Schönefeld, ein lins und den angrenzenden Brandenbur- Anhörungen und Einspruchsverfahren,
geplanter Autobahnbau und die Priva- ger Gemeinden mit der Ruhe vorbei. nicht richtig eingebunden in den Air-
tisierung ihrer Wasserversorgung – Demonstrationen und Informationsver- port-Beschluss und seine Folgen.
Angst 21. Berlin, sonst eher für Mai-Kra- anstaltungen mobilisieren Tausende An- Kühl formuliert es Elmar Giemulla,
walle und brennende Luxuskarossen wohner, deren Eigenheime neuerdings Honorarprofessor für Luftrecht an der
berüchtigt, entdeckt sein rebellisches unter den von der Deutschen Flugsiche- TU Berlin: „So sollte der Rechtsstaat
Bürgertum. Bei Regierungschef Klaus rung favorisierten Flugschneisen des eben nicht funktionieren.“ Während des
MARIO WEIGT / ANZENBERGER

Berliner Protestthemen Flughafenneubau, Autobahnverlängerung: Viele haben gutgläubig auf die Versprechen der Politik vertraut

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Sitz im Abgeordnetenhaus. Das war 1985,
sie blieb, mit einer kurzen Pause, bis
durch“, sagt Wowereit, der deshalb auch Ende 2000.
schon bei Bundesverkehrsminister Peter Sie war dabei, als die erste rot-grüne
Ramsauer (CSU) vorfühlte. Ob der hel- Koalition in der Stadt regierte. Das alte
fen kann oder will, ist ungewiss. West-Berlin. Der Senat unter Walter
Konfliktvermeidung scheint bei der Momper hielt nur anderthalb Jahre, stän-
Landesregierung ohnehin derzeit das dig stritt die Alternative Liste mit der
oberste Regierungsziel zu sein. Konse- SPD. Mittendrin fiel die Berliner Mauer.
quent verschob der rot-rote Senat des- Künast schien die ewige Landespoli-
halb auch die Vergabe der Arbeiten für tikerin zu sein. Als die Grünen über
die geplante Verlängerung der Stadt- die erste rot-grüne Bundesregierung ver-
autobahn 100 von Neukölln nach Trep- handelten, war Künast in der Kommis-
tow bis nach der Wahl, obwohl SPD und sion.
Linke das rund 420-Millionen-Euro- Aber ein wichtiges Amt wurde ihr erst
Projekt im Koalitionsvertrag von 2006 zwei Jahre später angeboten. Das Land-
klar vereinbart haben. Die Finanzierung wirtschaftsministerium mit dem Verbrau-
CLEMENS BILAN / DAPD

stand, das Planfeststellungsverfahren ist cherschutz dazu, sie brauchte eine Kopf-
auf dem Weg, die Bauarbeiten könnten schmerztablette, als sie das Angebot hör-
pünktlich beginnen. Nach Dauerprotes- te. So hat sie es in ihrem Buch über die
ten in den betroffenen Vierteln jedoch Zeit als Ministerin beschrieben. Nach der
will die rot-rote Koalition den Auto- Tablette sagte sie schnell zu.
Regierender Bürgermeister Wowereit bahnstreit im Wahlkampf lieber meiden. Das ist zehn Jahre her. Als Künast in
„Das halten wir nicht durch“ Und dann ist da noch die Wasserver- der Bundesregierung war, wurde Wowe-
sorgung: In Berlin wird es wahrschein- reit, mit dem sie im Abgeordnetenhaus
gesamten Genehmigungsverfahrens gin- lich einen Volksentscheid dazu geben. gesessen hatte, Regierender Bürgermeis-
gen alle von Flugrouten über dünnbe- 165 000 Unterschriften liegen schon vor. ter. Auch Wowereit galt mal als Hoffnung
siedeltem Gebiet aus. „Was wir jetzt er- Wenn die Bürgerinitiative „Berliner seiner Partei für die Bundespolitik.
leben, wurde von keinem deutschen Ge- Wassertisch“ bis Dienstag abend 23 Uhr Nach der Rede, die Künast am 5. No-
richt überprüft“, sagt Giemulla: „Die weitere 7000 Unterstützer findet, wer- vember in Berlin halten will, im Museum
Menschen, die nun betroffen sein sollen, den die Berliner darüber abstimmen, ob für Kommunikation, fahren die Grünen
wurden nie gehört.“ Sie werden es wohl bisher geheime, elf Jahre alte Verträge ins Wendland, Castor-Demo, am 7. No-
auch nicht mehr. Der Rechtsweg ist aus- öffentlich zu machen sind. vember ist Landesdelegiertenkonferenz
geschöpft. Die Aktivisten stören sich an der Ge- in Berlin. Ein langes grünes Wochenende,
Also landet der ganze Ärger in der heimhaltung alter Vertragsklauseln, die viele Bilder, das ist der Plan.
Politik, bei Wowereit, der nach fast den Verkauf von 49,9 Prozent der Was- Dann zehn Monate Wahlkampf. Die
neun Amtsjahren ohnehin schon um sei- serbetriebe an die Konzerne RWE und Grünen in Berlin hätten nichts dagegen,
ne Wiederwahl bangen muss. Kaum et- Veolia regeln. Es geht um Gewinn- wenn Künast im Bundestag so lange Frak-
was könnte ihm mehr schaden als eine garantierungen und steigende Ver- tionsvorsitzende bleibt. Wowereit fängt
andauernde Fluglärmdebatte bis zum brauchspreise, die Details sind nur schon an, ihr die „Rückfahrkarte in die
Wahltag am 18. September 2011. Doch schwer zu verstehen. Bundespolitik“ vorzuwerfen.
die Deutsche Flugsicherung will erst vor Trotzdem ist die Unterstützung groß. Auch in bundesweiten Umfragen kom-
der geplanten Airport-Eröffnung Mitte „Wasser gehört nicht in die Hände von men die Grünen der SPD immer näher.
2012 entscheiden. „Das halten wir nicht Konzernen“, sagt Thomas Rudek, einer Ihr Rivale Jürgen Trittin könnte nach der
der Antreiber der Bürgerinitiative. Bin- nächsten Bundestagswahl Vizekanzler
nen wenigen Wochen haben er und sei- oder gar Kanzler sein, wer weiß.
ne Partner den Senat schon in die Enge Renate Künast könnte Regierende Bür-
getrieben. Es gibt bereits ein neues In- germeisterin in Berlin sein. Über den Bau
formationsfreiheitsgesetz, das Geheim- von einem Stück Stadtautobahn entschei-
klauseln in Landesverträgen künftig er- den, eine Steuer für Touristen, sich um
schwert; außerdem setzt sich der Senat die steigenden Mieten kümmern, im Win-
bei RWE und Veolia schon für eine Of- ter vermutlich auch um das Eis auf den
fenlegung der alten Verträge ein. Straßen. Und um die Schulen, das derzeit
Geholfen hat es wenig. Rudek, der größte Thema, über das noch allein in
wie Wowereit Sozialdemokrat ist, und den Ländern entschieden wird.
seine Leute machen einfach weiter, sie Bildungspolitik finde sie spannend,
trauen dem Senat nicht. „Alles Ablen- sagt Künast in Ludwigsburg.
kungsmanöver“, sagt Rudek. „Da wird Sie will sich noch zu den Grünen set-
wieder nur in Hinterzimmern gemau- zen, die sie in die Stadt eingeladen haben,
schelt.“ sie warten an einem Tisch um die Ecke
Um fehlende Unterschriften noch auf- im Restaurant.
zutreiben, braucht er sich am Dienstag Wie wird das nächste Jahr?
RAINER JENSEN / DPA

nur vor den Berliner Hauptbahnhof „Die nächste Wahl ist in Baden-Würt-
zu stellen, wenn sich Schwaben und temberg, und ich würde mich mehr wun-
Hauptstädter zum gemeinsamen Protest dern, wenn wir nicht regieren, als wenn
treffen. M����� D��������, wir mitregieren.“
A������ W��������� Und in Berlin?
Da auch, sagt sie. Sie nimmt ihr Wein-
glas und läuft los. W����� H��������

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