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Schlichter Geißler, Ministerpräsident Mappus

Plan B ist Plan A

Die alternativen Konzepte. Das Ak-


tionsbündnis gegen Stuttgart 21 favori-
siert das Projekt „K21“, das die Umge-
staltung des alten Kopfbahnhofs vorsieht.
Doch es gibt noch weitere Ideen. Der Ei-
senbahnexperte Rudolf Breimeier schlägt
im Fachblatt „Eisenbahn-Revue Interna-
tional“ vor, den jetzigen Hauptbahnhof
in der Stadtmitte nur noch als Regional-
haltestelle zu nutzen und stattdessen die
Durchgangsstation Bad Cannstatt zu ei-
nem Fernbahnhof auszubauen.
Solche Alternativen sollen ebenfalls in
den Gesprächen mit Geißler diskutiert
werden. Das Problem: Auf lange Sicht
wären sie vielleicht kostengünstiger, doch
könnten sie nicht zeitnah verwirklicht

BERND WEISSBROD / DPA


werden. Für das jetzige Großprojekt wur-
den im Zuge der Planfeststellungsverfah-
ren mehr als 10 000 Einwände abgearbei-
tet, ein halbes Dutzend Gerichtsverfahren
durchgefochten und Hunderte öffentliche
Diskussionen geführt.
Gespräche sein wird, ist unklar. „Wenn „Für K21 gibt es nichts: keine Planung,
VERKEHR
diese Phase der Schlichtung vorbei ist“, keine Finanzierung, keine Genehmigung,

Zurück sagt Geißler, „muss jede Seite ihre eige-


nen Konsequenzen ziehen.“
Doch welche? Die Landesregierung hat
keine Linienführung“, sagt Mappus. Die
Entscheidung für ein solches Alternativ-
konzept bedeute „zurück auf Los und

auf Los neben dem ursprünglichen Plan A auch


andere mögliche Szenarien durchgespielt.
Und verworfen. Drei Varianten haben die
wieder bei null anfangen – inklusive 16-
jähriger Planungsphase“. Zudem gingen
wohl bereits genehmigte rund 200 Millio-
nen Euro EU-Subventionen verloren, die
In Baden-Württemberg haben die Strategen in der Villa Reitzenstein, dem
Stuttgarter Regierungssitz, identifiziert: immer nur für eine bestimmte Förderpe-
Schlichtungsgespräche im Streit Den sofortigen Ausstieg. Sollte man riode erteilt werden. „Für Stuttgart 21 en-
um Stuttgart 21 begonnen. Doch von heute auf morgen sämtliche laufen- det diese Frist 2013. Was bis dahin nicht
Alternativen kommen für die den Verträge kündigen, würde das nach abgerufen wird, ist weg“, heißt es im
Landesregierung nicht in Frage. Berechnungen der Bahn 1,4 Milliarden Stuttgarter Verkehrsministerium.
Euro kosten. Darin enthalten wären die Zudem müsste die Landesregierung

A
lle hat er vorgestellt. Die Ministe- Ausgaben für bereits begonnene Bauauf- auch bei Alternativprojekten mit heftigen
rin, den grünen Oberbürgermeis- träge, die Rückabwicklung von Grund- Bürgerprotesten rechnen. Die K-21-Trasse
ter, den Bahnexperten, den jun- stücksverkäufen inklusive Verzinsung etwa würde durch dichtbesiedeltes Gebiet
gen Rothaarigen vom Aktionsbündnis. und die Vorplanungskosten. Übrig blie- geführt werden, inklusive zweier neuer
Nur einen hat der alte Mann vergessen. ben ein sanierungsbedürftiges Gleisfeld Bahnbrücken über den Neckar. Die erste
Wahrscheinlich vor Aufregung, die Ver- und ein maroder Kopfbahnhof. Bürgerinitiative hat für diesen Fall bereits
anstaltung wird ja live übertragen. Zwar bestreiten die Gegner des Pro- ihren Widerstand angekündigt.
Also lacht Stefan Mappus ein wenig jekts die gewaltige Summe, die Bahnchef Nach Abwägung aller drei Varianten
hilflos, aber herzhaft, sein Kopf wird rot, Rüdiger Grube genannt hat. Doch auch kommen die Planer in der Stuttgarter
die Augen klein. Heiner Geißler hat es sie räumen ein, dass ein Ausstieg zum jet- Staatskanzlei denn auch zum Ergebnis,
versäumt, ihn vorzustellen. Ausgerechnet zigen Zeitpunkt teuer würde. dass Plan B zwingend mit Plan A iden-
ihn, den Ministerpräsidenten von Baden- Das Volk soll entscheiden. Nach einer tisch sein muss – egal, wie die Schlich-
Württemberg. SPIEGEL-Umfrage wünschen sich zwei tungsgespräche ausgehen. Für sie gibt es
Es ist kein gutes Omen für das Drama, Drittel der Baden-Württemberger diese Lö- keine Alternative zu Stuttgart 21.
das derzeit im Stuttgarter Rathaus auf- sung, die von den Grünen und inzwischen So bleibt Mappus nur die schwache
geführt wird. Regie führt der 80-jährige auch der SPD gefordert wird. Doch in der Hoffnung, die Gegner von den Vorteilen
Polit-Veteran Geißler. Er diktiert die Re- Staatskanzlei hält man dies für juristisch des Projekts zu überzeugen und alle Zwei-
geln beim „großen Faktencheck“ zum problematisch. „Die Landesverfassung er- fel auszuräumen. Scheinbar demütig be-
umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21. öffnet keinen Weg zur Volksabstimmung teuert er inzwischen, nun „genau hin-
Bitte keine Angriffe und keine Emotio- über Stuttgart 21“, hat Mappus erklärt und hören“ zu wollen, „wenn konstruktive
nen, stellte Geißler gleich am vergange- beruft sich auf ein entsprechendes Gutach- Vorschläge für Korrekturen, Veränderun-
nen Freitag klar: „Es geht jetzt um die ten des Verfassungsrechtlers Paul Kirchhof. gen und Verbesserungen zu Stuttgart 21
Sache.“ Und nicht um Personen. Die SPD will am Dienstag ein Gegengut- unterbreitet werden“. Wie die Regierung
Geißler hat die undankbare Aufgabe, achten vorlegen, das – wenig über- wirklich denkt, machte CDU-Frak-
mit seinen „Schlichtungsgesprächen“ die raschend – zu dem Ergebnis kommt, dass tionschef Peter Hauk klar. In der Frage,
aufgewühlte Auseinandersetzung um das es rechtlich zulässig wäre, das Volk über ob Stuttgart 21 letztlich gebaut werde,
milliardenteure Megavorhaben politisch die finanzielle Beteiligung des Landes ent- „kann es am Ende keinen Kompromiss
zu befrieden. Doch was das Ergebnis der scheiden zu lassen. geben“. S����� K�����

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