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Taxon

Taxon (das, Pl.: Taxa; von altgriechisch τάξις táxis, (An-)Ordnung, Rang) bezeichnet in der Systematik der Biologie eine Einheit, der
entsprechend bestimmter Kriterien eine Gruppe von Lebewesen zugeordnet wird. Meist drückt sich diese Systematik durch einen
eigenen Namen für diese Gruppe aus. Die Regeln der Bildung wissenschaftlicher Namen für Taxa sind Inhalt des entsprechenden
nomenklatorischen Codes. Die Einordnung nach dem Grad der Verwandtschaft in das entsprechende hierarchische System wird von
der akademischen Disziplin der sich auf die Ergebnisse der biologischen Systematik stützenden Taxonomie vorgenommen.
Unterschiedliche systematische Vorstellungen führen zu unterschiedlichen taxonomischen Ansätzen und damit zu alternativen
Ergebnissen bei der wissenschaftlichen Benennung von Taxa. Traditionell werden häufig aus dem Lateinischen oder Griechischem
abgeleitete Namen vergeben. Ein solchermaßen mit Namen versehenes Taxon wird als nominellesTaxon bezeichnet.[1]

Inhaltsverzeichnis
Formtaxa
Synonyme
Taxa in der klassischen Taxonomie
Namensregeln für klassische Taxa
Abgrenzung klassischer Taxa
Taxa in der kladistischen Taxonomie
Operationale taxonomische Einheiten (MOTU)
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Formtaxa
Grundsätzlich lassen sich Formtaxa und echte Taxa unterscheiden. Erstere sind Gruppen von Lebewesen, die von der Systematik
zwar als nicht stammesgeschichtlich zusammengehörig erkannt worden sind, aber aus praktischen Gründen dennoch mit eigenem
Namen beibehalten werden. Beispiele für solche Formtaxa sind:

die Wirbellosen (Invertebrata), die sich dadurch auszeichnen, dass sie keineKnochen besitzen. Zu dieser vonJean-
Baptiste de Lamarck benannten Gruppe gehört der weitaus größte e Til aller Tierarten. Wirbellose Tiere wie
Schwämme (Porifera), Insekten (Insecta) oder Seesterne (Asteroidea) sind jedoch nur sehr entfernt miteinander
verwandt und bilden keine natürliche Verwandtschaftsgruppe.
die Flechten (Mycophycophyta), die alssymbiotische Lebensgemeinschaften vonPilzen und Algen keine
selbständigen Lebewesen sind, sondern aus zwei fundamental verschiedenen Partnern bestehen. Dennoch werden
sie teils bis heute als eigenes Taxon mit dazugehörigen Untergruppierungen wieGattungen und Arten geführt.
die Fungi imperfecti (Deuteromycota), die eine Sammelgruppe für all diejenigen Pilze darstellen, die entweder über
keine sexuellen Fortpflanzungsstrukturen verfügen oder deren Fortpflanzungswege noch unverstanden sind.
Teilweise werden sogar ungeschlechtliche Stadien von Pilzen aufgenommen, die ansonsten durchaus zur sexuellen
Vermehrung im Stande sind. Stammesgeschichtlich gehören viele Organismen dieser Gruppe zu anderen Gruppen
der Pilze wie den Schlauch- (Ascomycota) oder Ständerpilzen (Basidiomycota).
die Protisten (Protista), die als Gesamtheit allerOrganismen mit echtem Zellkern(Eukaryota) definiert werden, ohne
Tiere (Animalia), Pilze (Fungi) oderPflanzen (Plantae) zu sein. Oft werden sieEinzeller genannt, obwohl sich in
dieser Gruppe zahlreichemehrzellige Organismen finden, die, wie beispielsweise dieBraunalgen (Phaeophyta), zu
den größten Lebewesen unseres Planeten zählen.
Während heute weitgehend unumstritten ist, dass es sich bei vorstehenden Beispielen um Formtaxa handelt, ist die Frage, was als
echtes Taxon anzusehen ist, problematisch und hängt von grundsätzlichen Überlegungen hinsichtlich der Systematik ab: Was aus
Sicht der einen ein gültiges Taxon ist, kann aus der Perspektive einer anderen lediglich eine formel
le Gruppe sein.

Synonyme
Am einfachsten aufzulösen sind Unstimmigkeiten, die lediglich aufgrund synonymer Benennungen entstehen. So können zum
Beispiel zwei Biologen, die in unterschiedlichen Regionen derselben Art begegnen, dieser zunächst unterschiedliche Namen
zuordnen oder es können zwei ursprünglich als getrennt angesehene Arten als Teilpopulationen einer einzigen erkannt werden. Auf
diese Weise hat zum Beispiel der Feldhase (Lepus europaeus) im Laufe der Zeit dreiundvierzig verschiedene wissenschaftliche
Bezeichnungen (Synonyme) erhalten. Eine andere Möglichkeit ist, dass aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse eine veraltet
geglaubte Gruppierung doch wieder als echtes Taxon angesehen wird, aber in Unkenntnis einer vielleicht Jahrhunderte
zurückliegenden Benennung zunächst einen neuen Namen erhält. In beiden Fällen wird der Konflikt dadurch gelöst, dass der älteste
verfügbare Name als „gültiger“ Name nach derPrioritätsregel Vorrang über die „jüngeren Synonyme“ erhält.

Nur in seltenen Fällen gibt es Ausnahmen, z. B. geht Equus ferus Boddaert, 1785 vor Equus caballus Linnaeus 1758, da nach einer
Entscheidung der ICZN-Kommission von 2003 dem jüngeren Namen Vorrang vor dem älteren gegeben wurde.[2] Eine andere
Ausnahme ist Tyrannosaurus rex Osborn, 1905, ausnahmsweise mit Vorrang vor Manospondylus gigas Cope, 1892.[3] Keine
Ausnahme gab es für Brontosaurus Marsh, 1879, für den der ältere NameApatosaurus Marsh, 1877 verwendet werden muss.

Der umgekehrte Fall, dass zwei verschiedenen Taxa derselbe Name zugeordnet wird, kann ebenfalls auftreten. Auch hier ist dann der
Name nur für das zuerst benannte Taxon verwendbar (wenn überhaupt), für das andere Taxon kann dieser Name nicht verwendet
werden.

Von größerer theoretischer Bedeutung für die Gültigkeit eines Taxons sind aber tiefergehende systematische Überlegungen zu der
Frage, nach welchen Kriterien bestimmt wird, welche Gruppe von Lebewesen ein echtes Taxon bildet und welche nicht. Als
bedeutendste Systeme gelten zu Beginn des 21. Jahrhunderts die klassische und die kladistische Taxonomie. Ihre folgende
Gegenüberstellung ist zur Herausarbeitung der Unterschiede idealisiert; in der biologischen Praxis werden oft beide Systeme
nebeneinander oder in Kombination verwendet.

Taxa in der klassischen Taxonomie


Die klassische Taxonomie geht auf ein durch den schwedischen Naturforscher Carl von Linné (dessen Name in dieser Zeit Carl
Linnæus lautete) eingeführtes Klassifikationssystem zurück. Danach werden nicht nur alle Lebewesen in eine Hierarchie ineinander
verschachtelter Taxa gruppiert, sondern diesen Gruppen wird auch je eine Kategoriestufe zugeordnet. Die basale Kategorie, die
Grundlage für die gesamte Klassifikation, bildet die Art, die nach den unterschiedlichsten Gesichtspunkten definiert sein kann, bei
sich geschlechtlich fortpflanzenden Organismen aber oft durch das Kriterium der Interfertilität festgelegt ist, was bedeutet, dass
Mitglieder einer Art unter natürlichen Bedingungen gemeinsame fruchtbare Nachkommen zeugen können. Diese Definition des
Artbegriffs ist wie auch ihre Alternativen nicht unproblematisch, eine weitergehende Erläuterung findet sich im Artikel zurArt.

Namensregeln für klassische Taxa


Jede Art (Spezies) erhält nach einer auf Linné zurückgehenden Konvention einen zweiteiligen (binären) Namen, der aus dem Namen
der nächsthöheren Kategorie, der Gattung, und dem so genannten Artepithet (in der Zoologie: dem Artnamen) zusammengesetzt ist
und deshalb auch als Binomen bezeichnet wird. Diese beiden Teile des Art-Binomens werden nach den Konventionen heute meist
kursiv geschrieben: Gattungsname groß und Artepithet/-name klein. Alle Taxa höheren Ranges haben nach diesen Regeln einen aus
einem einzelnen Wort bestehenden Namen, der mit einem Großbuchstaben anfängt und nicht kursiv geschrieben wird. Jeder
Gattungsname kann innerhalb des Organismenreiches nur einmal vergeben werden (derselbe Gattungsname kann aber in der
Zoologie und in der Botanik parallel vergeben werden). Der zweite Teil des Art-Binomens kann in verschiedenen Gattungen
mehrmals vergeben und verwendet werden.
Linné führte neben der Gattung auch die Ränge Ordnung, Klasse und Reich ein. Später wurde dieses System um die zwischen
Gattung und Ordnung gelegeneFamilie und den zwischen Klasse und Reich gelegenenStamm (in der Zoologie) beziehungsweise die
Abteilung (in der Botanik) erweitert. In neuester Zeit wurden noch weitere Ränge wie Domäne, Reihe, Kohorte, Legion oder Tribus
eingeführt. Alle Kategorien können noch durch die Vorsätze „Über-“ beziehungsweise „Unter-“ feiner untergliedert werden. Bei
manchen Taxa lässt sich schon durch den Namen feststellen, welcher Kategorie der klassischen Rangsysteme sie angehören: So
bezeichnet zum Beispiel die Endung „-aceae“ eine Familie von Pflanzen, während eine Familie von Tieren die Endung „-idae“ trägt.
Die genauen Benennungsregeln sind in den jeweiligen und voneinander unabhängigen Regelwerken der Biologischen Nomenklatur
festgeschrieben.

Für die Benennung von Unterarten werden dreiteilige (trinominale) Namen verwendet. Sie bezeichnen Taxa innerhalb einer Art, die
zwar gut charakterisiert und voneinander unterschieden werden können, deren Individuen aber mit denen anderer, ebenfalls gut
abgrenzbarer Taxa innerhalb der gleichen Art noch fruchtbar kreuzungsfähig sind. Beim Trinomen von Unterarten wird dem Art-
Binomen der Unterartname, stets kleingeschrieben, nachgestellt, und genau wie das Art-Binomen wird das Unterart-Trinomen
vollständig kursiv geschrieben.

Abgrenzung klassischer Taxa


Die Abgrenzung der Taxa erfolgte bei Linné noch nach rein formellen Kriterien, den so genannten essentiellen Merkmalen. So
unterteilte er zum Beispiel die Blütenpflanzen nach der Zahl und Anordnung der Staub- und Fruchtblätter der Blüte, also nach ihren
Fortpflanzungsstrukturen. Schon sein Zeitgenosse, der französische Naturforscher Georges Louis Leclerc Graf von Buffon, wies
jedoch auf die Willkürlichkeit dieses Kriteriums hin.

Seit den bahnbrechenden Arbeiten des britischen Geologen und Naturforschers Charles Darwin hat sich stattdessen die Vorstellung
durchgesetzt, dass die Einteilung der Lebewesen in Taxa ihre natürlichen Verwandtschaftsverhältnisse berücksichtigen sollte. Aber
auch diese Sicht- und Vorgehensweise war nicht neu. Viel frühere Forscher einschließlich Linné hatten immer wieder, sobald neue
Erkenntnisse über die Verwandtschaften bekannt geworden waren, die Taxonomie angeglichen und dementsprechend die
Fledermäuse nicht mehr den Vögeln und die Wale nicht mehr den Fischen zugeordnet. Ausgesprochen willkürliche Taxa, die auf rein
formellen Kriterien basierten, wie beispielsweise Flugtiere, wurden spätestens seit 1700 nicht mehr verwendet und flossen in Linnés
moderne wissenschaftliche Namensgebung nicht mehr ein.

Allerdings versuchen klassische Systematiken, wie die von dem deutsch-amerikanischen Evolutionsbiologen Ernst Mayr und dem
amerikanischen Paläontologen George Gaylord Simpson formulierte so genannte evolutionäre Systematik nicht nur die
stammesgeschichtlichen Verzweigungen in die Definition von Taxa einfließen zu lassen, sondern auch weitere Kriterien zur
Klassifikation heranzuziehen, um wesentliche evolutionsgeschichtliche Neuerungen abzubilden.

So stellt Ernst Mayr zum Beispiel in seiner 1990 vorgestellten Klassifikation die einzelligen
Protisten (Protista) in
einer eigenen Unterdomäne denMehrzellern (Metabionta) gegenüber, zu denen er Tiere (Animalia), Pflanzen
(Plantae) und Pilze (Fungi) zählt, obwohl das Kriterium der Mehrzelligkeit im Laufe der Evolutionsgeschichte sehr
wahrscheinlich mehrfach unabhängig voneinander entstanden ist. Entscheidend ist nach Mayr hier aber nicht der
nur molekulargenetisch feststellbare Verwandtschaftsgrad, sondern eben auch die äußere Erscheinungsform
(Morphologie).
Das System der bedeutenden EvolutionsbiologinLynn Margulis (1988, 1996) fasst bewusst entgegen den
(wahrscheinlichen) Verwandtschaftsverhältnissen die beiden Gruppen derArchaebakterien (dann Archaebacteria)
und echten Bakterien (dann Eubacteria) zu dem Taxon der Prokaryoten (Procaryota) zusammen, weil sie als
Organismen, deren Zellen keinenZellkern besitzen, eine andereOrganisationsform haben als die Eukaryoten
(Eukaryota), in deren Zellen sich ein solcher befindet. Der Strukturunterschied, der mit der „Erfindung“ des Zellkerns
einherging, wird damit als bedeutender eingeschätzt als eine möglichst genaue Abbildung des evolutionären
Stammbaums.
Ein weiteres Beispiel lässt sich an den beiden Gruppen derVögel (Aves) und Reptilien (Reptilia) erkennen. Sie
werden in der klassischen Taxonomie als gleichrangige Klassen geführt, obwohl heute unumstritten ist, dass erstere
entwicklungsgeschichtlich aus letzteren hervorgegangen sind, was sich auch darin äußert, dass eine
Kriechtiergruppe, die Krokodile (Crocodylia), stammesgeschichtlich enger mit den Vögeln verwandt ist als mit
anderen Kriechtieren wie zum Beispiel denSchlangen (Serpentes) – siehe dazu auchArchosaurier (Archosauria).
Die Abtrennung der Vögel als separate Klasse wird jedoch von traditionellenaxonomen
T wie Mayr oder Simpson
nicht nur mit Verweis auf die bedeutenden Unterschiede in Anatomie und Physiologie, die Vögel heute von den
Reptilien trennen, sondern auch in Hinsicht auf den bedeutenden ökologischen Rollenwechsel, der mit der
Eroberung des Luftraums verbunden war , als gerechtfertigt angesehen.
Die Robben (Pinnipedia), die stammesgeschichtlich von landlebendenRaubtieren (Carnivora) abstammen, aber
wegen des extremen Wandels ihres Lebensraumes oft als selbständigeOrdnung im gleichen Rang wie die
Raubtiere geführt werden, sind ein vergleichbarer Fall.
Charakteristisch ist in jedem Fall, dass nicht nur das Kriterium
der stammesgeschichtlichen Verwandtheit, sondern darüber
hinaus auch deutliche morphologische Unterschiede
(Diskontinuitäten), ökologische Nischenwechsel, die
Komplexität des anatomischen Bauplans oder die Artenvielfalt
einer Gruppe zur Abgrenzung eines Taxons herangezogen
werden. Daraus folgt, dass Mitglieder eines Taxons durch ihre
weitere evolutionäre Entwicklung in ein anderes,
gleichrangiges Taxon übertreten können, wie dies zum Beispiel
bei den Vögeln geschehen ist, die wie bereits erwähnt nach
klassischer Sicht eine gleichrangige Gruppe neben den
Kriechtieren bilden. Umgekehrt werden nach rein
Klassische Einteilung der Landwirbeltiere
stammesgeschichtlichen Kriterien gebildete Gruppen, die
morphologisch stark voneinander abweichende Untertaxa
enthalten, aus klassischer Sicht oft abgelehnt; so wird zum Beispiel die Zusammenfassung der Schwestergruppen der Vögel und
Krokodile zu den Archosauriern (Archosauria) als absurd verworfen.

Während heutige Anhänger der klassischen Systematik polyphyletische Taxa, also Gruppen, die nicht einmal ihren letzten
gemeinsamen Vorfahren einschließen, dennoch meist ablehnen, besteht weitgehende Einigkeit, dass paraphyletische Taxa, Gruppen,
die nicht alle Nachkommen ihres letzten gemeinsamen Vorfahren enthalten, nicht nur erlaubt, sondern wegen der – trotz neu
eingeführter Stufen wie Kohorte oder Legion – begrenzten Zahl an Kategorien nahezu unumgänglich sind.

Als Vorteil der klassischen Taxon-Definition gilt ihre vergleichsweise Stabilität: Da sich wissenschaftliche Ansichten über die
genauen Verwandtschaftsverhältnisse von Lebewesen weitaus schneller wandeln können als Ansichten über die äußere
Erscheinungsform, ist eine solche Klassifikation insbesondere für nicht-biologische Anwendungsgebiete wie zum Beispiel in der
Land- und Forstwirtschaft von größerer Praxisrelevanz. Als Nachteil gilt jedoch heute die relative Willkürlichkeit bei der
Abgrenzung der Taxa: So ist in einem gegebenen Fall ohne genaue Angaben des Taxonomen für Außenstehende oft nicht zu
erkennen, welches Kriterium – Diversität, ökologischer Nischenwechsel oder stammesgeschichtliche Verwandtschaft – gerade zur
Abgrenzung des Taxons herangezogen wurde. Kritiker der klassischen Taxonomie haben daher in Anlehnung an den englischen
Biologen Thomas Henry Huxley ironisch die Einführung eines eigenen Reiches „Psychozoa“ für den Menschen gefordert, das
gleichrangig neben den Reichen der Tiere, Pflanzen und Pilze stehen soll, um den bedeutenden ökologischen Nischenwechsel des
Menschen beim Verlassen der afrikanischen Savanne auch taxonomisch zur Geltung zu bringen.

Taxa in der kladistischen Taxonomie


→ Hauptartikel: Kladistik
Einen gänzlich anderen Weg bei der Abgrenzung von Taxa geht die auf den deutschen Systematiker und Insektenforscher Willi
Hennig zurückgehende so genannte kladistische Taxonomie, die sich auf die Ergebnisse der kladistischen Systematik stützt. Ihr
Grundprinzip ist, dass nur natürliche Gruppen von Lebewesen benannt werden sollten. Als solche werden nur Fortpflanzungs- und
Abstammungsgemeinschaften akzeptiert, also Gruppen von Lebewesen, die einen gemeinsamen Genpool bilden (Arten) oder alle
Nachkommen eines gemeinsamen Vorfahren enthalten. Diese monophyletische Taxa werden auch Kladen (Plural, von Singular die
Klade) oder Monophyla genannt. Kriterien wie morphologische Diskontinuitäten, Artenvielfalt etc. werden bewusst nicht zur
Abgrenzung eines Taxons herangezogen, die Klassifikation soll damit ausschließlich die natürlichen Verwandtschaftsverhältnisseder
Lebewesen getreu abbilden. Unter kladistisch orientierten Taxonomen wird mitunter der Begriff Taxon dann als Synonym für Klade
gebraucht, da andere Taxa nicht als gültig akzeptiert werden.
Mit der Zurückweisung paraphyletischer Gruppen einher geht die Ablehnung der als Überbleibsel der typologisch orientierten
Klassifikation des 18. und 19. Jahrhunderts angesehenen Kategorien. Sie gelten der kladistischen Taxonomie mit Ausnahme der
allerdings etwas anders definierten Art als biologisch bedeutungslos, weil in der Natur zwar mitunter eine vertikale, aber keine
horizontale Ordnung der Taxa existiert: So ergibt es zwar Sinn, etwa davon zu sprechen, dass die Raubtiere (Carnivora) eine
Untergruppe der Säugetiere (Mammalia) sind, die wiederum eine Untergruppe der Wirbeltiere (Vertebrata) bilden. Dagegen wird die
Aussage, dass den Entenvögeln (Anatidae) dieselbe Rangstufe zukommt wie den Korbblütlern (Asteraceae), als wissenschaftlich leer
betrachtet, die Vergleichbarkeit aus klassischer Sicht gleichrangiger Taxa also bestritten. Um die Tradierung biologischer
Informationen nicht zu gefährden, werden die alten Taxonnamen allerdings fast immer beibehalten – ohne die teilweise in diesen
Namen enthaltenen Rangstufen zu berücksichtigen.

Die Bedeutung der traditionellen Ränge geht in einem kladistischen System auf die so genannten Schwestergruppen (Adelphotaxa)
über, darunter versteht man zwei Taxa, die einst durch den Prozess der Artbildung (Speziation) aus einer Stammart hervorgegangen
sind, welche nach der Aufspaltung dann gemäß strenger kladistischer Anschauung als erloschen, also nicht mehr existent gilt. Durch
weitere Aufspaltungsprozesse (Kladogenese) können sich aus den beiden ursprünglichen Schwesterarten mit der Zeit zwei nun
zahlreiche Arten umfassende Gruppen von Lebewesen entwickeln, die aber zu jedem Zeitpunkt im selben Verwandtschaftsverhältnis
– eben als Adelphotaxa – zueinander stehen. Phänomene wie horizontale Genübertragung oder insbesondere bei Pflanzen
Hybridbildung können dieses Bild komplizieren, von grundsätzlicherer Bedeutung sind diese Prozesse auf lange Sicht zumindest für
Organismen mit echtem Zellkern(Eukaryota) jedoch nicht.

Beispiele für Schwestertaxa sind:

die Krokodile (Crocodylia) und Vögel (Aves), die als Archosaurier (Archosauria) zusammengefasst werden. Nur
moderne Lebewesen sind hierbei berücksichtigt, der Begrif f Schwestertaxon ändert sich also, je nachdem, ob auch
fossile Arten hinzugezogen werden oder nicht.
die Strahlenflosser (Actinopterygii) und Muskelflosser (Sarcopterygii), allerdings nur, wenn letztere Gruppe auch die
Landwirbeltiere (Tetrapoda) umfasst.
Nicht verwechselt werden darf der Begriff der Schwestertaxa mit den
ursprünglichen Unterarten, aus denen diese hervorgegangen sind.
Während sich zwei Schwestertaxa im idealen Fall allein aus der
Merkmalsanalyse heute existierender Lebewesen ableiten lassen, ist
ihre Stammart beziehungsweise die beiden Schwesterarten, in die
diese sich aufgeteilt hat, heute auch bei bester fossiler Überlieferung
in nahezu keinem Fall mehr rekonstruierbar. Ausnahmen bestehen
nach strenger Ansicht nur bei einer wissenschaftlich beobachteten
Artbildung – ein äußerst seltenes Phänomen.[4] Aus diesem Grunde
werden in kladistischen Taxonomien auch niemals Vorfahren
beziehungsweise Nachkommen eines Taxons identifiziert: Alle Kladogramm der Landwirbeltiere; Reptilien
existierenden (monophyletischen) Taxa einer gegebenen Gruppe, die aufgelöst
auch fossile Gruppen umschließen kann, werden in ein System aus
Schwestertaxa eingeordnet, von denen jedes zwar als logische
Zusammenfassung oder Teilmenge, niemals aber als historischer Vorgänger oder Nachfolger anderer Taxa gelten kann. Dargestellt
wird dieses System in diagrammatischer Weise in einem so genannten Kladogramm, einem Baumdiagramm, in dem sich jeder Ast
idealerweise jeweils in zwei Unteräste aufspaltet. Am Ende der feinsten Verästelung sitzen die (fossilen oder modernen) Arten; die
Knotenpunkte werden dagegen nicht benannt, sie stehen für die virtuellen, das heißt nie festgelegten Stammarten.

Bei der Benennung von Taxa nach kladistischer Systematik ergeben sich gewisse Schwierigkeiten: Wie bereits erwähnt, führen
klassische Taxa oft ihre Rangstufe im Namen mit, daneben ist durch die binäre Nomenklatur für Arten festgeschrieben, dass ein
Artname Informationen über seine Gattung enthält. Damit ist es erstens problematisch, zwischen Gattung und Art gelegene Taxa zu
benennen, zweitens zieht ein Wechsel in der systematischen Stellung einer Art zugleich auch immer eine Umbenennung nach sich.
Deshalb gibt es heute Bestrebungen, die bisherige Nomenklatur zugunsten von neuen auf die kladistischeaxonomie
T zugeschnittenen
Namensregeln zu überwinden. Vom 6. bis zum 9. Juli 2004 fand dazu eine Konferenz in Paris statt, auf der die Internationale
Gesellschaft für phylogenetische Nomenklatur (International Society for Phylogenetic Nomenclature (ISPN)) begründet wurde,
welche die in internationaler Zusammenarbeit erarbeiteten Regeln des so genannten PhyloCode überwachen wird, der nach der
Vorstellung seiner Verfasser langfristig alle bisherigen Nomenklatur-Regelwerke wie den botanischen (ICBN) oder zoologischen
Nomenklatur-Code (ICZN) ablösen soll. Das Erstpublikationsdatum der Konferenzberichte wird als Startdatum des PhyloCode
angegeben.

Ihren Befürwortern gilt die nach kladistischen Kriterien errichtete Taxonomie als einzige wirklich wissenschaftliche Methode zur
Beschreibung, Einteilung und Benennung von Taxa, die im Gegensatz zur traditionellen Klassifikation, die als reines
Schubladensystem angesehen wird, echte biologische Information widerspiegelt. Kritikern wie den oben erwähnten Ernst Mayr oder
Gaylord Simpson gilt die kladistische Taxonomie dagegen als zu instabil und daher nicht praxistau
glich.

Wie bereits zu Beginn angesprochen, muss die obenstehende Gegenüberstellung der beiden Taxonomien als idealisiert angesehen
werden. Während es sich auch in der klassischen Taxonomie zunehmend durchsetzt, nach Möglichkeit monophyletische Taxa zu
bilden und nur in Ausnahmefällen auf paraphyletische Gruppen auszuweichen, sind bei kladistisch arbeitenden Taxonomen
zumindest auf Art- und Gattungsebene oft noch die klassischen binären Namen in Gebrauch. Ob sich die PhyloCode genannte
Nomenklatur durchsetzen wird, bleibt zu Beginn des 21. Jahrhunderts abzuwarten. Auch bei höheren Taxa werden paraphyletische
Gruppen zumindest informell noch weiterverwendet.

Operationale taxonomische Einheiten (MOTU)


Mit Hilfe molekularbiologischer Methoden können taxonomische Zugehörigkeiten erkannt werden. Nach DNA-Analyse und
Vergleich in Genbibliotheken lassen sich molecular operational taxonomic units (MOTUs) definieren, was ermöglichen kann, Arten
zu definieren.[5] Damit konnten bei Saprolegnia 18 Arten bestätigt und weitere 11 potenzielle Arten identifiziert werden.[6]

Literatur
Gottlieb Wilhelm Bischoff: Wörterbuch der beschreibenden Botanik oder Die Kunstausdrücke, welche zum
Verstehen der phytographischen Schriften nothwendig sind, lateinisch-deutsch und deutsch-lateinisch . 2. Auflage.
Schweizerbart, Stuttgart 1857 D( igitalisat)
Willi Hennig: Grundzüge einer Theorie der Phylogenetischen Systematik.Deutscher Zentralverlag, Berlin 1950,
Koeltz, Königstein 1980 (Repr.), ISBN 3-87429-188-X.
Willy Hennig: Phylogenetic Systematics.Univ. of Illinois Press, London 1966.ISBN 0-252-06814-9
Lynn Margulis, Karlene V. Schwartz: Die fünf Reiche der Organismen.Spektrum d. Wiss., Heidelberg 1989.ISBN 3-
89330-694-3
Lynn Margulis, Karlene V. Schwartz: Five Kingdoms, an Illustrated Guide to the Phyla of Life on Earth.Freeman,
New York NY ³1998 (englisch. Orig.),ISBN 0-7167-3027-8.
Ernst Mayr: Cladistic Analysis or Cladistic Classification.in: E. Mayr: Selected Essays. Evolution and the Diversity of
Life. Harvard Univ. Press, Cambridge Mass41997, ISBN 0-674-27105-X.
Ernst Mayr: Two empires or three? in: Proceedings of the National Academy of Sciences(PNAS). NAS, Washington
DC 95.1998, S. 9720. ISSN 0027-8424
K. de Queiroz, J. Gauthier:Phylogeny as a central principle in taxonomy , phylogenetic definitions of taxon names.in:
Systematic Zoology. Baltimore Md 39.1990, S. 307.ISSN 0039-7989
George G. Simpson: Principles of Animal Taxonomy. Columbia University Press, New York 1961, ISBN 0-231-
02427-4.
Carl Woese: Default taxonomy, Ernst Mayr's view of the microbial world. in: Proceedings of the National Academy of
Sciences (PNAS). NAS, Washington DC 95.1998, S. 11043. ISSN 0027-8424

Weblinks
Wiktionary: Taxon – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Einführung in die biologische Systematik mit Kurzübersicht der verschiedenen Ansätze
(Memento vom 28.
September 2007 im Internet Archive) (englisch)
Übersicht der beiden wichtigsten Taxonomie-Ansätze (englisch)
anspruchsvoller Essay über Artbildung, Phylogenie und axonomie
T (englisch)
Ausführliche Kritik Ernst Mayrs an kladistischer a
Txonomie am Beispiel des Drei-Domänen-System der Lebewesen
(englisch)
Ausführliche Antwort Carl Woeses, des Initiators des Drei-Domänen-Systems(englisch)
Wissenschaftler schlägt Neudefinition des schwankenden Artbegriffs vor, Deutschlandradio, 15. Dezember 2005

Einzelnachweise
1. Erwin J. Hentschel, Günther H. Wagner: Zoologisches Wörterbuch. 6. Auflage. Gustav Fischer Verlag, Jena 1996,
S. 427.
2. International Commission on Zoological Nomenclature:Usage of 17 specific names based on wild species which are
pre-dated by or contemporary with those based on domestic animals (Lepidoptera, Osteichthyes, Mammalia):
conserved. Opinion 2027 (Case 3010). (http://www.biodiversitylibrary.org/page/34357823) In: Bulletin of Zoological
Nomenclature. 60, Nr. 1, 2003, S. 81–84.
3. http://www.miketaylor.org.uk/dino/faq/s-class/priority/index.html(englisch)
4. Joseph Boxhorn: Observed Instances of Speciation(http://www.talkorigins.org/faqs/faq-speciation.html) (englisch)
5. Mark Blaxter, Jenna Mann, Tom Chapman, Fran Thomas, Claire Whitton, Robin Floyd, Ey ualem Abebe: Defining
operational taxonomic units using DNA barcode data.In: Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci.360, Nr. 1462, 29.
Oktober 2005, S. 1935–1943,doi:10.1098/rstb.2005.1725(https://doi.org/10.1098/rstb.2005.1725)(PDF (http://rstb.r
oyalsocietypublishing.org/content/360/1462/1935.full.pdf) ).
6. Jose Vladimir Sandoval-Sierra, Maria P . Martín, Javier Diéguez-Uribeondo:Species identification in the genus
Saprolegnia (Oomycetes): defining DNA-based molecular operational taxonomic units. In: Fungal Biol., 118, Nr. 7,
Juli 2014, S. 559–578,doi:10.1016/j.funbio.2013.10.005(https://doi.org/10.1016/j.funbio.2013.10.005) .

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