Sie sind auf Seite 1von 324

MF BllOl

Zeitschrift für freie

deutsche Forschung

(Paris, France)

Extent of publication:

Jahrgang 1, Nummer 1 (Juli 1938)- Jahrgang 2, Nummer 1 (März 1939)

Leo Baeck Institute,

New York

MF BllOl

Zeitschrift für freie

deutsche Forschung

(Paris, France)

LBI Library’s Holdings:

Jahrgang 1, Nummer 1 (Juli 1938); Jahrgang 2, Nummer 1 (März 1939)

Leo Baeck Institute,

New York

MF BllOl

Zeitschrift für freie

deutsche Forschung

(Paris, France)

Jahrgang 1, Nummer 1

(Juli 1938)

Leo Baeck Institute,

New York

-•tL.

»'

S\lOl

ZEIISCIBIFT

FOB

FIFIF IFIISCIF FlRimt

(LIBRES RECHERCHES ALLEMANDES)

JAHRGANG I

JULI 1938

HERÄUSGEGEBEN

VON D'!l

NUMMER I

FREIEN DEUTSCHEN HOCHSCHULE IN PARIS

Geleitwort

INHALT

Prof. ALBERT EINSTEIN : Physik und Realität

Prof. ALFRED STERN : Die logischen, psychologischen und physikalischen Grenzen der Ünbestimmtheitsrela-

+»on

S,

S.

S.

I

5

20

Prof. SIEGFRIED MARCK : Zur Philosophie des National-

sozialismus

S.

40

Prof. JULIUS E. LIPS : Regierungs- und Verwaltungsformen

bei den Naturvölkern

S.

53

Dr. WOLFGANG HALLGARTEN : «Fremdheitskomplex»

und Übernationalismus

S.

82

Dr. JOHANN L. SCHMIDT : Die nationalsozialistische Wis-

senschaft und die Aufgaben der freien deutschen

Forschung

S. 109

Fortsetzung des Inhaltsverzeichnisses auf der 2. Umschlagseite

Fortsetzung des Inhaltsverzeichnisses (von der ersten Umschlagseite).

Deutsche Denker der Vergangenheit über Fragen der deutschen

Gegenwart : Herder

S.

122

Alfred Adler j

(Dr. Hans Pollnovv)

S. 124

William Stern f (Dr, Hans Pollnuw)

S. 125

Glossen Kasse und Wissenschaft im 3. Reich

S. 128

Zur Methodik der amtlichen deutschen Lebenshaltungsstatistik

(Peter Förster)

S. 131

üteraturberichte Rassengesetzliche Rechtslehre und I-iChre vom totalen Staat (Dr,

Joachim Seiler)

Wehrwissenschaften (Rudolf Feistmann)

S. 135

S. 143

Bibliographie der Veröffentlichungen der freien deutschen Wissenschaftler

S.

149

Chronik Studienbedingungen und -möglichk eiten im Dritten Reich (Karl

Obermann)

S. 150

Professoren, die im Jahre 1937 aus politischen oder «rassischen»

Gründen entlassen, pensioniert, bezw. emeritiert wnrden

S. 157

Chronik des wissenschaftlichen Lebens in Deutschland (E. F.)

S, 158

Die Personalveränderungen an den österreichischen Universitäten

nach der Annexion durch Hitler (E. F.)

S. 161

Buchbesprechungen

Prof. Hans Hallraann, «Spanien und die französisch-englische Mit-

telmeerrivalität 1898-1907. Ein Beitrag zur Geschichte

der entstehenden und sich festigenden Entente Cordiale».

(R.

F.)

Robert Scholz, Lebensfragen der bildenden Kunst (L. F.) Mitteilungen der Freien Deutschen Hochschule in Paris

S. 164

S. 165

S. 168

Zuschriften an die Redaktion sind zu richten an : Science et Litterature (für

die Redaktion der Zeitschrift für Freie Deutsche Forschung)

21, rue Cujas Paris 5*^

IN DEN NÄCHSTEN NUMMERN DER ZEITSCHRIFT WERDEN

U. A. FOLGENDE AUFSÄTZE ERSCHEINEN

Prof. ALBERT EINSTEIN: Physik und Realität (Schlussteil).

Prof. THEODOR GEIGER : Soziologische Kritik des Denkens.

Prof. F. HEINEMANN: Die Theorie der möglichen Phänomenolo-

gien (mit besonderer Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die

Psychologie). Dr. ARNOLD HIRSCH: Zur Geschichte des bürgerlichen Bewusst-

seins im deutschen Roman.

Prof. JULIUS LIPS: Regierungs- und Verwaltungsformen bei den

Naturvölkern (Schlussteil).

Prof. ALFRED MEUSEL: Zur Aussenpolitik Deutschlands nach

1918.

Prof. ERICH STERN : Beiträge zum Studium von Charakterstörun-

gen bei Kindern und Jugendlichen.

Dr. JOHANN L. SCHMIDT : Wandlungen des Humanismus.

Prof. EDMOND VERMEIL : Heine’s soziale Ansichten.

m

r

ZEITSCHRIFT FÜR FREIE DEUTSCHE FORSCHUNG

Herausgegeben von der

Freien Deutschen Hochschule Paris

JAHRGANG I

Geleitwort

JULI 1938

NUMMER i

Im wissenschaftlichen Leben Deutschlands und Österreichs sind

seit dem Machtantritt des NationalsoziEüismus grosse Veränderungen

vor sich gegangen, über 1.800 Wissenschaftler, darunter fast alle

Gelehrten, die die Weltgeltung Deutschlands und Österreichs in der

internationalen Forschung der Gegenwart repräsentieren, mussten die Universitäten, die Institute, die Laboratorien verlassen und, um ihre Arbeit fortsetzen und ihr Leben fristen zu können, ins Ausland

gehen. An vielen Universitäten, wie etwa Heidelberg, hat fast die

Hälfte der Professoren und Dozenten ihre Tätigkeit einstellen müs- sen. Von den Mathematikern und Physikern, die die Universität Göt-

tingen weltberühmt machten, sind mit zwei Ausnahmen alle gezwun-

gen worden, ihre Katheder und ihr Land zu verlassen.

Doch nicht nur im Lehrkörper der Universitäten sind

weitgehende

Änderungen vor sich gegangen, sondern auch in den allgemeinen

Vorbedingungen und in der organisatorischen Struktur des Hoch-

Schullebens selbst.

Die Wissenschaft steht und fällt mit ihrer freien Betätigung

das ist ein soziologisches Gesetz, das sich durch die ganze Geistes-

geschichte der Menschheit bewahrheitet. Wie kann

geistiges

Neu-

land erobert werden, in das einzutreten von vornherein verboten ist?

Geleitwort

Freie Forschung hat sich unter unsäglichen Widerständen in jahr-

hundertelangen Kämpfen durchringen müssen. Freie Wissenschaft

will die Methoden der Forschung vervollkomnen und den Bestand

der Wahrheit auf der Welt mehren.

Der Nationalsozialismus erniedrigt die Wissenschaft zum Dienst

am totalitären Zwangsstaat. Der Nationalsozialismus, der die univer-

^lle Bedeutung der Wissenschaft nicht anerkennt, die wissenschaft-

liche Beweisführung hinter irrationaler Blut- und Bodenmystik

zurüclraetzt,

will der Wissenschaft ihre Ziele vorschreiben und ihren

Weg abstecken.

Es hatte seine innere Begründung, wenn sich in der Herausbildung

des neuzeitlichen Wissenschaftsbetriebes die Stätte der wissenschaft-

lichen Forschung und Lehre als akademische Geistes-Republik be-

trachtete, die «Universitas littera'rum» ein Freistaat im Staate wmrde.

Mochten feudale und absolute Regierungen noch so zögernd diese

Freiheit zugestehen, mochten obrigkeitliche Eingriffe die «Freihei-

ten» in Einzelfällen antasten und durchbrechen das

Prinzip

selbst

bheb unangefochten bis zum Machtantritt des Nationalsozialismus.

Im Dritten Reich gibt es keine freie Wissenschaft mehr, kein freies

Geistesleben, keine Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers nur vor

der Wahrheit und der Menschheit. Die ganze deutsche Wissenschaft

soll zur «Wehrwissenschaft» umgestaltet werden. Das arische Ras-

senprivileg, der Führerkult und die Infamierung der freien

Forschung

das ist die eiserne Ration, die der nationalsozialistische Wissen-

schaftler heute ständig bei sich zu führen hat. Aus dem Buch der

deutschen Geistesgeschichte sollen die Blätter von 1789 bis 1933

brutal herausgerissen werden. Werke

namhafter

deutscher Denker

md Dichter hat man auf öffentlichem Markte verbrannt, sie sind

em deutschen Volke unzugänglich gemacht. Die nationalsozialisti- sche Wissenschaftsbetätigung ist auf dem Arierpass und dem Be-

kenntnis zum Antihumanismus aufgebaut.

Die Autonomie der Universitäten, Grundlage und Symbol der Frei-

heit wissenschaftlicher Forschung, ist aufgehoben. Die Rektoren

werden nicht mehr von den Fakultäten gewählt, sondern von

der

Regierung ernannt, und zwar nicht nach wissenschaftlichen, son-

dern nach politischen Gesichtspunkten, als Vertrauensleute der natio-

nalsozialistischen Staatsführung. Sie entscheiden auf Grund des Püh-

i

Oeleitwort

rei^niuips in allen

Universitätsfragen und kontrollieren die gesamte

Unterstützung und Beförderung

ihre fachlichen Fähigkeiten

totalitären Staat massge-

deutschen Wissen-

wurde

Tätigkeit der Professoren. Bei der

er jungen Wissenschaftler sind nicht

sondern ihre Ergebenheit gegenüber dem

bend An die Spitze der höchsten Institution der

^aft. des vor kurzem eingesetzten Reichsforschungsrates,

kein Gelehrter, sondern, entsprechend den militärischen Zielsetzun- gen der Wissenschaft im nationalsozialistischen Deutschland, ein Ar-

tillenegeneral gestellt. Reichsunterrichtsminister Rust lehnte die

Vorai^tzungslosigkeit der wissenschaftlichen Forschung ausdrück-

lich ab.

Während also im Dritten Reich die Vorbedingungen für freie For-

schung nicht mehr bestehen, setzen die deutschen Wissenschaftler, die das Land verlassen mussten oder freiwillig verlassen haben, ihre

Arbeit im Ausland fort. Ein Teil von ihnen hat an ausländischen

Universitäten und Instituten einen Wirkungskreis gefunden und ar-

beitet dort im Geiste der besten Traditionen der deutschen Wissen-

schaft. Allerdings kommt diese Forschungsarbeit ausschliesslich aus-

ländischen Hörem und Lesern zugute, und erreicht am

wenigsten

den Kreis, für den sie eigentlich bestimmt ist: das deutsche und

deutschsprachige Publikum.

Die von der Freien Deutschen Hochschule in Paris herausgegebene

zweimonatlich erscheinende Zeitschrift für freie deutsche Forschung

versucht diesem schmerzhaft empfundenen Mangel abzuhelfen. Sie

gibt aUen deutschen und deutschsprachigen

Wissenschaftlern,

die

im Geiste einer freien Forschung arbeiten, die Möglichkeit, über

die Ergebmsse ihrer Arbeit in deutscher Sprache zu berichten. So

soUen die besten Traditionen der deutschen Wissenschaft, trotz der

schwierigen Arbeitsbedingungen, gepflegt und erhalten werden. Die Zeitschrift bringt Beiträge aus allen Forschungsgebieten, vor allem

aus den Gebieten der Philosophie, der Soziologie, der

Psychologie

der Ökonomie, der Geschichtsv/issenschaft, der Rechtswissenschaft,

der Literatur und Kunstwissenschaft, sowie über die

wichtigsten

Probleme der theoretischen Physik, Chemie und Biologie. Jede Num-

mer enthalt ausser Abhandlungen eine Reihe von

Sammelbespre-

Chro-

chungen, Einzelbesprechungen, Glossen und Übersichten, sowie

nationalsozialistischen

Deutschland, über die Arbeit und Arbeitsmöglichkeiten der deut-

4

Geleitwort

sehen Wissenschaftler im Ansleinde, über die wichtigsten Neuer-

scheinungen auf allen Forschungsgebieten u.a.m.

Die von ihrer Heimat imd von ihren Lehrstätten vertriebenen

Wissenschaftler Deutschlands und Österreichs, Vertreter und Vertei-

diger echter deutscher \md österreichischer Wissenschaftstradition,

wollen in dieser Zeitschrift den Anfang zu einer Sanunlung von Er-

gebnissen ihrer freien Forschimgsarbeit bieten, die nicht unter dem

Druck imd der Drohung nationalsozialistischer Zensur entstanden

sind, eine Zusammenfassung von geistigen Werten eine Brücke,

wenn auch vorerst nur eine Notbrücke, in ein künftiges freies deut-

sches Reich des Geistes und der menschlichen Wohlfahrt.

X

Physik und Realität

von

Prof. ALBERT EINSTEIN

(Princeton, U. S. A.)

§ 1 . ALLGEMEINES ÜBER DIE WISSENSCHAFTLICHE

METHODE.

Oft und gewiss nicht ohne Berechtigung ist gesagt worden, dass

Philosoph sei. Warum sollte

der Naturwissenschaftler ein schlechter

es al^ mcht auch für den Physiker das Richtigste sein, das Philo-

sophieren deni Philosophen zu überlassen ? Für eine Zeit, in welcher

die Fliysiker über ein festes, nicht angezweifeltes System von Fun-

damentalbegriffen und Fundamentalgesetzen zu

mag dies wohl so sein, nicht aber in einer Zeit, in

verfügen glauben welcher das ganz^

gegenwärtig.

Fundament der Physik problematisch geworden ist, wie

In solcher Zeit des durch die Erfahrung erzwungenen Suchens nach

einer neuen, solideren Basis kann der Physiker die kritische Betrach-

tung der Grundlagen nicht einfach der Philosophie überlassen, weil

nur er selber am besten weiss

und fühlt, wo ihn der Schuh drückt;

Fundament muss er sich über die

von ihm benutzten Begriffe

auf der Suche nach einem neuen

Berechtigung bezw. Notwendigkeit der

nach Kräften klar zu werden versuchen.

Alle Wissenschaft ist nur eine Verfeinerung des

Denkens des All-

Besinnung

des

be-

tags. Damit hän^ es zusammen, dass die kritische

Physikers sich nicht auf die Untersuchung der Begriffe seiner

sonderen Wissenschaft beschränken kann, sondern dass er an der

kritischen Betrachtung des viel schwieriger zu

analysierenden Den-

kens des Alltags nicht achtlos Vorbeigehen kann.

Auf der Bühne unseres seelischen Erlebens

erscheinen in bunter

Vorstellungen

sich die Phy-

«Begreifen»

Folge Sinneserlebnisse, Erinnerungsbilder an solche,

und Gefühle. Im Gegensatz zur Psychologie beschäftigt sik (unmittelbar) nur nüt den Sinneserlebnissen und dem

des Zusammenhanges zwischen ihnen. Aber auch der Begriff der

«realen Aussenwelt» des Alltagsdenkens stützt sich ausschliesslich

auf die Sinneseindrücke.

6

Albert Einstein

Nun ist zunächst zu bemerken, dass uns die Unterscheidung zwi-

schen Sinneseindrücken (Empfindungen) und Vorstellungen nicht

oder doch nicht mit Sicherheit gegeben ist. Mit dieser Problematik,

welche auch den Realitätsbegriff affiziert, wollen wir uns hier aber nicht beschäftigen, sondern die Sinneserlebnisse als solche, bezw. als

seelische Erlebnisse besonderer Art erkennbar und gegeben an-

nehmen.

Der erste Schritt zur Setzung einer «realen Aussenwelt» liegt nach

meiner Ansicht in der Bildung des Beg^riffes des körperlichen Ob-

jekts, bezw. körperlicher Objekte verschiedener Art. Gewisse sich

wiederholende Komplexe von Sinnesempfindungen (zum Teil zusam-

men mit Sinnesempfindungen, die als Zeichen für Sinneserlebnisse

der Mitmenschen gedeutet werden) werden gedanklich aus der Fülle

des Sinneserlebens willkürlich herausgehoben, und es wird ihnen ein

Begriff zugeordnet der Begriff des körperlichen Objekts. Logisch betrachtet ist dieser Begriff nicht identisch mit der Gesamtheit jener

Smnesempfindimgen, sondern er ist eine freie Schöpfung des mensch-

lichen (oder tierischen) Geistes. Dieser Begriff verdankt aber ande-

rerseits seine Bedeutimg und Berechtigung ausschliesslich der Ge-

samtheit jener Sinnesempfindungen, denen er zugeordnet ist.

Der zweite Schritt liegt darin, dass wir jenem Begriff des körper-

lichen Objekts in imserem (unsere Erwartungen bestimmenden) Denken von den jenen Begriff veranlassenden Sinnesempfindungen

weitgehend unabhängige Bedeutung zuschreiben. Dies meinen wir,

wenn wir dem körperlichen Objekt «reale Existenz» zuschreiben.

Die Berechtigung dieser Setzimg liegt einzig darin, dass wir mit Hilfe

derartiger Begriffe und zwischen ihnen gesetzter gedanklicher Rela-

tionen uns in dem Gewirre der Sinnesempfindungen zurecht zu fin-

den vermögen. Damit hängt es zusammen, dass jene Begriffe und

Relationen obgleich freie Setzungen des Denkens uns fester

imd unabänderlicher erscheinen als das einzelne Sinneserlebnis, des-

sen Charakter der Illusion oder Halluzination gegenüber doch nie

vollkommen gesichert erscheint. Andererseits aber haben jene Be-

griffe und Relationen, insbesondere die Setzung realer Objekte,

überhaupt einer «realen Welt», nur insoweit Berechtigung, als sie

mit Sinneserlebnissen verknüpft sind, zwischen welchen sie gedank-

liche Verknüpfungen schaffen.

Dass die Gesamtheit der Sinneserlebnisse so beschaffen ist, dass

sie durch das Denken (Operieren mit Begriffen und Schaffung und

Anwendung bestimmter funktioneller Verknüpfimgen zwischen diesen

sowie Zuordnung der Sinneserlebnisse zu den Begriffen) geordnet

werden können, ist eine Tatsache, über die wir nur staimen, die wir

L.

9

.

Physik und Realität

7

aber niemals werden begreifen können. Man kann sagen: Das ewig

Unbegreifliche an der Welt ist ihre Begreiflichkeit. Dass die Setzimg

einer realen Aussenwelt ohne jene Begreiflichkeit sinnlos wäre, ist

eine der grossen Erkenntnisse Immanuel Kants.

Wenn hier von «Begreiflichkeit» die Rede ist, so ist dieser Aus-

druck hier zimächst in seiner bescheidensten Bedeutung gemeint.

Er bedeutet: durch Schaffung allgemeiner Begriffe imd Be2dehun-

gen zwischen diesen Begriffen, sowie durch irgendwie festgelegte

Beziehimgen zwischen Begriffen und Sinneserlebnissen zwischen letz- teren irgend eine Ordnung hersteilen. In diesem Sinne ist die Welt xmserer Sinneserlebnisse begreifbar, und dass sie es ist, ist ein

Wimder. Über die Art und Weise, wie wir Begriffe zu bilden und zu ver-

knüpfen haben, und wie wir sie den Sinneserlebnissen zuzuordnen haben, lässt sich nach meiner Ansicht a priori nicht das Geringste

aussagen. Nur der Erfolg bezüglich der Herstellimg einer Ordnung

der Sinneserlebnisse entscheidet. Die Regeln der Verknüpfxmgen von

Begriffen müssen nur überhaupt festgelegt sein, da sonst Erkenntnis

in dem von uns angestrebten Sinne unmöglich wäre. Man hat diese

Regeln mit den Regeln eines Spieles verglichen, die an sich willkür-

lich sind, deren Bestimmtheit aber das Spiel erst möglich macht. Diese Festlegung wird aber niemals eine endgültige sein können,

sondern nur für einen ins Auge gefassten Anwendungsbereich Gül-

tigkeit beanspruchen dürfen, (d.h. es gibt keine endgültigen Kate-

gorien im Sinne Kants)

Die Verknüpfimg der elementaren Begriffe des Alltags-Denkens

mit Komplexen von Sinneserlebnissen ist nur intuitiv erfassbar imd wissenschaftlich logischer Fixierung imzugänglich. Die Gesamtheit

dieser Verknüpfungen selbst nicht begrifflich fassbar ist das

einzige, was das Gebäude der Wissenschaft von einem leeren logi- schen Begriffs-Schema unterscheidet; vermöge dieser Verknüpfun-

gen werden die rein begrifflichen Sätze der Wissenschaft zu generel-

len Aussagen über Komplexe von Sinneserlebnissen.

Die mit typischen Komplexen von Sinneserlebnissen direkt und intuitiv verknüpften Begriffe wollen wir «primäre Begriffe» nennen.

Alle anderen Begriffe sind physikalisch betrachtet nur inso-

weit sinnvoll, als sie mit den «primären Begriffen» durch Sätze in

Verbindung gebracht sind. Diese Sätze sind teils Definitionen der

Begriffe (imd hieraus logisch ableitbarer Aussagen), teils Sätze, die

nicht aus den Definitionen zu folgern sind und wenigstens indirekt

Beziehungen zwischen den «primären Begriffen» und damit zwischen

g

Albert Einatein

Sinneserlebnissen aussagen. Sätze der letzteren Axt sind «Behauptun-

gen über die Wirklichkeit» oder «Naturgesetze», d.h. Sätze, die sich

zu bewähren haben an den durch die primären Begriffe erfassten

Sinneserlebnissen. Welche von den Sätzen als Definitionen und wel-

che als Naturgesetze anzusprechen sind, hängt weitgehend von der

gewählten Darstellung ab; es ist überhaupt nur dann notwendig,

eine solche Unterscheidung wirklich durchzuführen, wenn man unter-

suchen will, inwieweit das ganze ins Auge gefasste Begriffssystem

vom physikalischen Standpunkte betrachtet wirklich inhaltvoll ist.

Schichtenstruktur des Wissenschaftlichen Systems.

Ziel der Wissenschaft ist erstens die möglichst voüständige be-

griffliche Erfassung imd Verknüpfung der Sinneserlebnisse in ihrer

Mannigfaltigkeit, zweitens aber die Erreichung dieses Zieles

ganzen

unter

Verwendung eines Minimums von primären Begriffen und

Relationen (Streben nach möglichster logischer Einheitlichkeit des

Weltbildes bezw. logischer Einfachheit seiner Grundlagen) Die Wissenschaft braucht die ganze Mannigfaltigkeit der primä-

ren d h unmittelbar mit Sinneserlebnissen verknüpften Begriffe so-

Sätze. In ihrem ersten Entwicklungssta-

wie der sie verknüpfenden

dium enthält sie nichts

weiter. Auch das Denken des Alltags begnüg

sich im grossen Ganzen mit dieser Stufe. Diese kann aber einen wirk-

lieh wissenschaftlich eingestellten Geist nicht befriedigen, da die so

Gesamtheit von Begriffen und Relationen der logischen

gewinnbare

Einheitlichkeit völlig entbehrt. Um diesem Mangel abzuhelfen, erfm-

det man ein begriffs- und relationsärmeres System, welches die pri-

mären Begriffe und Relationen der «ersten Schicht» als logisch ab-

Begriffe und Relationen enthält. Dieses neue «sekundäre

erkauft die gewonnene höhere logische Einheitlichkeit mit

geleitete

System»

dem

Umstande, dass seine an den Anfang gestellten Begriffe (Be-

der zweiten Schicht) nicht mehr unmittelbar mit Komplexen

griffe

von

Sinneserlebnissen verbunden sind. Weiteres Streben nach logi-

scher Einheitlichkeit führt zur Aufstellung eines noch ärmeren ter-

tiären Systems von Begriffen und Relationen zur Deduktion der Be-

griffe und Relationen der sekundären (und damit indirekt der pri-

Schicht. So geht es fort, bis wir zu einem System von denk-

mären)

bar

grösster Einheitlichkeit und Begriffsarmut der logischen Grund-

lagen gelangt sind, das mit der Beschaffenheit des sinnlich Gegebe-

nen vereinbar ist. Ob wir bei diesem Streben je zu einem definitiven

kommen, wissen wir nicht. Wird man um seine Meinung ge-

System

fragt,

so ist man geneigt, mit Nein zu antworten ; beim Ringen mit

j

Physik und Realität

f

den Problemen wird man aber wohl von der Hoffnung getragen,

dass dies höchste Ziel wirklich weitgehend erreichbar sei.

F.in Anhänger der Abstraktions- bezw. Induktions-Theorie würde die vorgenannten Schichten «Abstraktions-Stufen» nennen. Ich halte

es aber für unrichtig, die logische Unabhängigkeit der Begriffe ge-

genüber den Sinneserlebnissen zu verschleiern; es handelt sich nicht

um eine Beziehung wie die der Suppe zum Rindfleisch, sondern eher

wie die der Garderobe-Nummer zum Mantel.

Ferner sind die Schichten nicht klar gegeneinander abgegrenzt.

j

f

'

Nicht einmal die Zugehörigkeit eines Begriffes zur primären Schicht

ist völlig scharf. Es handelt sich hierbei eben um freigebildete Be-

griffe, die mit einer für die Anwendung hinreichenden Sicherheit mit

Komplexen von Sinneserlebnissen intuitiv verknüpft sind, so dass

bei dem Konstatieren des Zutreffens oder Nicht-Zutreffens eines

Satzes für einen besonderen Erlebnisfall (Elxperiment) keine Unsi-

cherheit besteht. Wesentlich ist nur die Bestrebung, die Vielheit der

erlebnisnahen Begriffe und Sätze als logisch abgeleitete Sätze einer

möglichst engen Basis von Grund-Begriffen und Grimd-Relationen

darzustellen, die ihrerseits an sich frei wählbar sind (Axiome). Mit

dieser Freiheit ist es aber nicht weit her; sie ist nicht ähnlich der

Freiheit eines Novellen-Dichters, sondern vielmehr der Freiheit eines

Menschen, dem ein gut gestelltes Worträtsel aufgegeben ist. Er kann

zwar jedes Wort als Lösimg vorschlagen, aber es gibt wohl nur eines, welches das Rätsel in allen Teilen wirklich auflöst. Dass die

Natur so wie sie unseren Sinnen zugänglich ist den Charakter

eines solchen gut gestellten Rätsels habe, ist ein Glaube, zu wel-

chem die bisherigen Erfolge der Wissenschaft allerdings einiger-

massen ermutigen.

Die Vielheit der Schichten, von der wir oben gesprochen haben,

entspricht den einzelnen Fortschritten, die das Ringen um Einheit-

lichkeit der Basis im Laufe der Entwicklung gezeitigt hat. Vom Stand-

punkte des Endzieles sind die intermediären Schichten nur tempo- rär, um am Ende als belanglos zu verschwinden. Wir aber haben es

!

zu tun mit der Wissenschaft von heute, in welcher diese Schichten

problematische Teilerfolge darstellen, welche sich gegenseitig stüt-

zen, aber auch gegenseitig bedrohen; denn das Begriffssystem von

heute weist tiefe Zwiespältigkeiten auf, auf die wir später stossen

werden.

Das Ziel der folgenden Zeilen ist es, zu zeigen, welche Wege der

konstruierende Menschengeist eingeschlagen hat, um zu einer logisch

möglichst einheitlichen begrifflichen Basis der Physik zu gelangen.

10

Albert Einstein

S 2. DIE MECHANIK UND DER VERSUCH, AUF SIE DIE

GESAMTE PHYSIK ZU