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KULTUR

Der ultimative Heidegger-Prozess


Veröffentlicht am 27.04.2015 | Lesedauer: 8 Minuten

.. Von Hannah Lühmann


Stv. Ressortleiterin Feuilleton

Drei Tage, dreißig Vortröge, kaum Pausen. In Siegen saß rnan Über den dunklen
Philosophen zu Gericht. Eine Exkursion ins Herz der Finsternis

V ielleicht muss man ja, um über Heidegger zu Gericht zu sitzen, an den


schrecklichsten Ort Deutschlands fahren: nach Siegen. Es ist sicher ungerecht, sich
über Orte lustig zu machen, die derart jeglicher Schönheit beraubt sind wie Siegen. Denn
es weiß ja jeder, dass da nichts ist in Siegen als Lagerhallen und längliche
Erdgeschossläden, die aussehen wie Lagerhallen, und eine Innenstadt, die keine ist, und
eine Straßenführung, die einen weinen macht. Siegen ist grau, die Pizzerien riechen nach
Schwimmbad, in Hauptbahnhofsnähe gibt es drei mongolische Restaurants und eine Bar
mit lilafarbenen Licht und niedrigen Korbsesseln, sie heißt „Bar Celona“. Wahrscheinlich
muss man verliebt sein, um Siegen auszuhalten.

Es ist ungerecht, über Siegen zu j ammern, aber man muss es einmal sagen, wie schlimm es
dort ist, denn die drei Tage der letzten Woche, die wir in dieser Stadt verbracht haben,
waren so dermaßen nervenaufreibend und deprimierend, dass es unredlich wäre, nicht
Zeugnis davon abzulegen, wie schrecklich es war. Zeugnis ablegen allein schon, um
herauszufinden, ob es nun Heideggers Schuld ist, dass man sich schwört, nie wieder einen
Fuß in diese Stadt zu setzen, die mit Heidegger, so rein biografısch
(https://www.welt.de/themen/biografien/) , ja eigentlich gar nichts zu tun hat, oder ob
es wirklich einfach nur an ihr liegt, also an der Stadt allein.

Aber der Reihe nach. Worum geht es? In Siegen gab es eine Heidegger-Tagung,
hauptsächlich mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die eine sogenannte
„kritische Einstellung“ zu dem Philosophen haben. Nun könnte man sich fragen, wie es
möglich ist, keine sogenannte „kritische Einstellung“ zu Heidegger zu haben, der noch bis
1945 NSDAP-Mitglied war und in dessen sogenannten „Schwarzen Heften“, seinen
deutungsumrauschten „Denktagebüchern“, sich immer deutlicher aufs Unangenehmste
manifestiert, dass er ein schlimmer Antisemit war.

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Die Wissenschaftlerinnen Marion Heinz und Sidonie Kellerer haben diese Tagung initiiert.
Marion Heinz ist Heidegger-Expertin und hat lange in Wuppertal (https://www.welt.de
/themen/wuppertal/) gelehrt. Wuppertal wiederum ist so etwas wie das schlagende Herz
der Hermeneutik in einem phänomenologisch und hermeneutisch ansonsten weithin
abgestorbenen deutschen Universitätskörper. In Wuppertal sitzt das Martin-Heidegger-
Institut. In Wuppertal liest man ihn noch. Freiburg (https://www.welt.de/themen
/freiburg/) wäre noch zu nennen, in Freiburg gibt es einen Lehrstuhl, den manche
„Heidegger-Lehrstuhl“ nennen, weil Heidegger ihn innehatte – und natürlich Husserl! –
und der gerade „umgewandelt“, also abgeschafft werden sollte, was er jetzt wahrscheinlich
doch nicht wird. In Freiburg ist es schön, in Freiburg scheint die Sonne. Freiburg ist nicht
Siegen.

In Siegen quält sich der Bus die Serpentinen zum außerhalb der Stadt gelegenen
Tagungsort empor, einmal bleibt der Bus stehen, der Busfahrer schnellt von seinem Sitz
auf und beginnt zu schreien, dass es einen ängstigt. Das Haltestellensignal dröhnt, am
Eichenhang sind wir. Eine deutsche Adresse. Ohne Mensa. Die Suppe und die
Salamibrötchen sind für die Referenten, es ist kein Geld für Heidegger in Siegen. Artur-
Woll-Haus, ein geschwungenes Gebäude mit einem schmalen Balkon aus grauem Metall,
zwei Feuertreppen führen hinunter auf den Parkplatz, wo man in den sehr kurzen Pausen
steht und sehr viel raucht.

Sidonie Kellerer, die andere Tagungsinitiatorin, hat einen wichtigen Aufsatz veröffentlicht,
der vielen als Schlüssel zur Bestätigung eines Verdachts dient: Heidegger hat uns
manipuliert. Sein berühmter Aufsatz „Zeit des Weltbildes“ ist 195o erschienen, er findet
sich in einem jener wundervollen, leinenhellen Vittorio Klostermann Bücher, die schon
beim Kauf aussehen, als wären sie von Generationen gelesen worden: „Holzwege“. Man
muss eines wissen über die Heidegger-Forscher-Szene: Es ist kompliziert. Sehr
kompliziert. Diejenigen, die Heidegger als Philosophen weiterhin ernst nehmen, heißen in
der kritischen Heidegger-Forscher-Szene „Apologeten“. Den Apologeten diente der
Weltbild-Aufsatz dazu, an eine Art von Widerstand Heideggers während der Nazizeit zu
glauben. Der Aufsatz basiert auf einem Vortrag, den Heidegger bereits 1938 gehalten hat.
Kellerer hat herausgefunden, dass Heidegger die als nazikritisch gedeuteten Passagen, in
denen er vom „planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen“
spricht, nachträglich in den Text hineingebastelt hat. Außerdem geriet ihr zufällig ein

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Briefwechsel in die Hand, aus dem hervorgeht, dass Heidegger nicht, wie er behauptet
hatte, von der Freiburger Zeitung „Der Alemanne“ wegen seines Vortrags ungestraft
attackiert worden ist, sondern dass der „Alemanne“, im Gegenteil, scharf für seine Kritik
am Parteigenossen Heidegger kritisiert worden ist. Kellerer sollte diesen Briefwechsel,
wenn es nach dem Marbacher Archiv gegangen wäre, nie kriegen, er wurde ihr aus
Versehen mitgeschickt. So ist es in der Heidegger-Szene: sehr kompliziert. Die Heidegger-
Söhne und Nachlassverwalter, so heißt es, haben den Daumen auf allem, was die
Veröffentlichung betrifft. Und die anderen, die ihn kritisch lesen, sind eine Clique, so wie
jede Wissenschaftlerszene eine Clique ist, aber diese Clique hat ein hermeneutisches
Hobby: Es besteht darin, nachzuweisen, dass Heideggers frühe Schriften, also namentlich
natürlich „Sein und Zeit“, direkt auf seine späteren antisemitischen Bemerkungen
verweisen. Der Feind ist die textimmanente Lektüre. Also nie, niemals, unter keinen
Umständen einen Heidegger-Text nur als Philosophie lesen. Immer den ideologischen
Kontext der Zeit im Auge behalten. Gewünschtes Ergebnis vieler: nachzuweisen, dass
Heidegger eigentlich schon immer, mit allem, was er schrieb, daraufliin arbeitete, eine Art
völkische Seinslehre zu etablieren. Die Heidegger-Kritiker-Clique ist klein, und fast alle
sind da: Emmanuel Faye, der ein sehr merkwürdiges Buch geschrieben hat, in dem er sagt,
Heideggers Werk sei der Einzug des Nationalsozialismus in die Philosophie und andeutet,
Heidegger habe die Vernichtung Paul Celans gewünscht. Der großartige Rainer Marten, der
Heidegger-Schüler war und in Freiburg gelehrt hat, der jetzt aber nie Heideggerianer
gewesen sein will. Der alte Theodor Kiesiel, auch ein Heidegger-Experte, wurde aus
Amerika eingeflogen.

Artur-Woll-Haus, der Tagungssaal mit Blick auf den Parkplatz, es geht los. Dieter Thomä,
Professor in Sankt Gallen und Verfasser eines Heidegger-Handbuchs, das viele
verzweifelte Studenten vor dem Verständniskollaps bewahrt hat, ist ein großer Mann mit
fahlem Haar und klugen Augen, er tritt ans Referentenpult. Er wolle die Empörung nicht
zu seiner Sache machen. Thomä hält einen ruhigen Vortrag, in dem er dem Begriff des
„geistigen Antisemitismus“ nachgeht. Heidegger habe alles mögliche verteufelt, er sei ein
Denker der Superlative gewesen, das Christentum galt ihm als undeutsch, der
Kommunismus als grauenhaft, der Jesuismus als teuflisch, der Idealismus als bodenlos.
Thomä erwähnt dies, um seine Interpretation des Wesens von Heideggers spezifıschem
Antisemitismus deutlicher zu machen, dem Technikfeind seien die Juden eher eine
weitere Gruppe gewesen, die an der „Ausbeutung des Müllbergs der Moderne“ beteiligt
gewesen sei. Das macht es nicht weniger schlimm, natürlich nicht, und das behauptet

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Thomä auch keine Sekunde. Aber er sagt auch, der Mann, also Heidegger, sei ja nun einmal
tot, und man könne ihn schlecht vor Gericht zerren.

Das ist jedoch der Zeitpunkt, zu dem die Gerichtsverhandlung beginnt, als welche diese
Tagung sich herausstellt, eine Gerichtsverhandlung mit sehr vielen ad hominem
argumentierenden Anklägern und keinem Pflichtverteidiger. Ende des Vortrags von
Thomä, verhaltenes Klatschen, erster Auftritt Richard Wolin. Wolin ist amerikanischer
Ideengeschichtler, und er sieht Heideggers Technikkritik in einem direkten
Zusammenhang zu seinem Antisemitismus. „Wenn erst das wesenhaft ,Jüdische“ im
metaphysischen Sinne gegen das Jüdische kämpft, ist der Höhepunkt der
Selbstvernichtung in der Geschichte erreicht“, schreibt Heidegger in seinem jüngst
erschienen Band der Schwarzen Hefte, und darin lauert natürlich die bodenlose
Gemeinheit, dass er den Juden unterstellt, als Handlungstreiber der „Machenschaften“,
also des technischen, wissenschaftlichen, rechnerischen Weltbilds, selbst zu ihrer
Vernichtung geführt zu haben.

Man kann sich aber auch fragen, wie zielführend es ist, die „Schwarzen Hefte“ gleichsam
als Lektüreschlüssel an Heideggers Gesamtdenken anzusetzen. Richard Wolin greift also
zum Mikrofon und sagt, zu Thomä gewandt, nur: „How can you do this?“ Ja, wie kann er
nur? In jedem ruhigeren Nachdenken lauert für die Kritiker, so scheint, die Gefahr der
Relativierung. Der Psychoanalytiker Anton M. Fischer nennt das in einem der wenigen
heiteren Vorträge dieser Tagung ein Ergebnis der Unfähigkeit zu trauern. Heidegger sei ein
entzogenes Liebesobjekt, mit allen daraus folgenden Projektionen. Erste Pause, sechzig
Minuten, es bildet sich eine kleine Fahrgemeinschaft mit dem Ziel, die Mensa zu finden,
der Fußweg beträgt 25 Minuten. Serpentine um Serpentine trägt uns durch traurige
Nadelwälder tiefer hinein in den Stadtkern, vorbei an der Mensa, das Navigationssystem
versagt in Siegen. Die Dönerbude heißt Istanbul (https://www.welt.de/themen
/istanbul-staedtereise/) , neben dem Fenster dümpelt bräunlich die Sieg, nach welcher
die Stadt wohl heißt, ein Kran hebt träge den Uferschlamm, es wird wohl renaturiert in
Siegen, neben dem Ufer liegen längliche Teppichrollen, die aussehen wie Wollwürste.
Heidegger hätte vielleicht griesgrämig die versehrte Erde beklagt. Ein Professor sagt, für
ihn gebe es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Heidegger und all den anderen
Nazi-Philosophen, Bäumler zum Beispiel.

Im Artur-Woll-Haus geht der Prozess weiter. Prozessdauer: dreitägig. Sitzungen:

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dreistündige Sitzung am Mittwochabend, vorbereitender Film. Donnerstag: zehn Panels.


Freitag: Elf Panels. Die Pausen dauern, nach Tagungsplan, fünfzehn Minuten. Tatsächlich
laufen sie so ab: sobald eine Art von Diskussion entsteht, wird sie abgebrochen, weil es
weitergeht. Am zweiten Tag geht ein italienischer „Privatforscher“ umher und verteilt
Flyer, auf denen steht, alle zwanzig Jahre komme es zu einer bestimmten planetarischen
Konstellation zwischen Jupiter und Saturn, die auch Hölderlin wahrgenommen habe.
Später ruft er in die Abschlussdiskussion, vielleicht habe Heidegger das Sein tatsächlich
gesehen, in den frühen Dreißigern. Es wird natürlich auch viel Kluges gesagt. Die in Sydney
lehrende Wissenschaftlerin Daniela Helbig entfaltet eine hinreißend kluge philologische
Untersuchung zur Form des Denktagebuchs. Am Ende sagt noch einer, die Tatsache, dass
Heidegger jetzt auch im Iran gelesen werde, sei bedenklich, man solle nur abwarten, bis sie
auch dort seinen Antisemitismus entdeckten. Haben wir wirklich so viel Angst? Vor
Heidegger?

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