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MÄRZ 2019

D6940E

SFR 10,90

€ 7,50

HEFT 3

46. JAHRGANG

2 0 1 9 D6940E SFR 10,90 € 7,50 HEFT 3 46. JAHRGANG ZWEI UND ZWEI
2 0 1 9 D6940E SFR 10,90 € 7,50 HEFT 3 46. JAHRGANG ZWEI UND ZWEI
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ZWEI UND ZWEI

Wenn Paare mit Paaren befreundet sind

AM HERD

Die Psychologie des Kochens

DAS SELBST

Ist es nur eine Illusion?

DIE KUNST DES AUFGEBENS Was wir gewinnen, wenn wir Was wir gewinnen, wenn wir loslassen,
DIE KUNST
DES AUFGEBENS
Was wir gewinnen, wenn wir
Was wir gewinnen, wenn wir
loslassen, statt durchzuhalten

Mit einem Geleitwort von Katharina Domschke

inkl. Downloadmaterial 19,99 (D) | ISBN 978-3-608-43211-4

www.klett-cotta.de/schattauer

| ISBN 978-3-608-43211-4 € www.klett-cotta.de/schattauer Ina Hullmann Coach Dich doch selber! Mit Leichtigkeit
Ina Hullmann Coach Dich doch selber! Mit Leichtigkeit mentale Superkräfte entfalten Mit einem Geleitwort von
Ina Hullmann
Coach Dich doch selber!
Mit Leichtigkeit mentale Superkräfte entfalten
Mit einem Geleitwort von Gunther Schmidt
2017.
256 Seiten, Klappaenbroschur.
19,99 (D) | ISBN 978-3-608-43225-1
2017.
208 Seiten, 14 Abb., Klappenbroschur.

Gregor Hasler

Resilienz: Der Wir-Faktor

Gemeinsam Stress und Ängste überwinden

Fragen Sie sich auch, warum wir zunehmend gestresst sind, Ängste und chronische Er- schöpfung sich wie eine Epidemie verbreiten? Die Ursachen sind komplexer als man denkt, aber wir sind dieser Dynamik nicht hilflos ausgeliefert. Das Buch führt vor Augen, was uns in die Stress-Krise geführt hat – und zeigt den Schlüssel, der uns auch wieder hinaus- führen kann: den Wir-Faktor.

Ina Hullmann

Coach Dich doch selber!

Mit Leichtigkeit mentale Superkräfte entfalten.

Alltagsstress, Grübelfallen – und zu allem Überfluss raubt uns eine Prüfung oder ein anstehendes Bewerbungsgespräch nachts auch noch den Schlaf: Manchmal scheint das Leben nichts Besseres zu tun zu haben, als uns Steine in den Weg zu legen. Die aus einer Beratungsserie im Fernsehen bekannte Diplom-Psychologin Ina Hullmann zeigt mit ihrem fünfstufigen Programm zum Selbst- coaching, wie Sie Krisen meistern und ge- stärkt aus ihnen hervorgehen.

Giovanni A. Fava Well-Being Therapie (WBT) Eine Kurzzeittherapie zur psychischen Stabilisierung Behandlungsmanual –
Giovanni A. Fava
Well-Being
Therapie (WBT)
Eine Kurzzeittherapie zur psychischen Stabilisierung
Behandlungsmanual – Arbeitsmaterialien – Klinische Anwendungen
Übersetzt und bearbeitet von
Eva-Lotta Brakemeier, Isabel Schamong, Simon Bollmann
NEU
2018.
159 Seiten, broschiert.
inkl. Downloadmaterial
34,99 (D) | ISBN 978-3-608-43291-6

Giovanni A. Fava

Well-Being Therapie (WBT)

Eine Kurzzeittherapie zur psychischen Stabilisierung. Behandlungsmanual - Arbeits- materialien - Klinische Anwendungen

Wie kann Psychotherapie eine Haltung vermitteln, durch die Patienten ihr Wohlbefin- den aktiv selbst beeinflussen können? Dieses Buch zeigt, wie dies mit dem neuen Well- Being-Therapie- Ansatz (WBT), basierend auf der positiven Psychologie, gelingt. Die gute Nachricht: Positive Gefühle sind nicht das Ergebnis äußerer Einflüsse, sondern man kann lernen, auf sie einzuwirken.

Thorsten Heedt Borderline- Persönlichkeitsstörung Das Kurzlehrbuch NEU 2019. ca. 312 Seiten, broschiert. €
Thorsten Heedt
Borderline-
Persönlichkeitsstörung
Das Kurzlehrbuch
NEU
2019.
ca. 312 Seiten, broschiert.
24,99 (D) | ISBN 978-3-608-40009-0

Thorsten Heedt

Borderline-

Persönlichkeitsstörung

Das Kurzlehrbuch

Informativ, konzis und auf der Höhe der Forschung bietet dieses Buch einen schnellen und doch fachkundig-genauen Überblick über die Störung und die möglichen Vorge- hensweisen in bestimmten Therapiephasen und -situationen. Es definiert, was eine Bor- derline-Persönlichkeitsstörung ausmacht und stellt das nötige neurobiologische Grundla- genwissen sowie Behandlungsansätze vor.

Fred Christmann Faszination Psyche Sich selbst und andere besser verstehen NEU 2018. 337 Seiten, 10
Fred Christmann
Faszination Psyche
Sich selbst und andere besser verstehen
NEU
2018.
337 Seiten, 10 Abb., Klappaenbroschur.
24,99 (D) | ISBN 978-3-608-43292-3

Fred Christmann

Faszination Psyche

Sich selbst und andere besser verstehen

Wie unsere Psyche funktioniert. Wer sich selbst und andere besser versteht, hat es ein ganzes Stück weit leichter im Leben. Das neue Buch des bekannten Verhaltensthera- peuten Dr. Christmann öffnet die Türen zu den faszinierenden Facetten unserer Psyche. Sie werden feststellen: Nichts ist bloße Wissenschaft, alles betrifft Sie persönlich.

Andreas Hillert Lehr  Koch  Bracht  Ueing  Sosnowsky-Waschek  Lüdtke AGIL –
Andreas Hillert
Lehr  Koch  Bracht  Ueing  Sosnowsky-Waschek  Lüdtke
AGIL – Arbeit und
Gesundheit im
Lehrerberuf
Das persönliche Arbeitsbuch
NEU
2019, ca. 224 Seiten, broschiert
inkl Downloadmaterial
24,99 (D) | ISBN 978-3-608-40006-9

Hillert, Lehr, Koch, Bracht, Ueing, Sosnowsky-Waschek, Lüdtke

AGIL – Arbeit und Gesundheit im Lehrerberuf

Das persönliche Arbeitsbuch

AGIL, ist ein auf die spezifische Situation von Lehrerinnen und Lehrern ausgerichtetes Präventions- und Behandlungsprogramm. Wissenschaftliche Studien belegen: Durch das Programm verbessert sich die Lebens- qualität stark belasteter Lehrkräfte deutlich – kommen auch Sie AGIL durch den Schulalltag!

Liebe Leserinnen und Leser

E s war ein Julitag in den Vogesen, und Jan Ullrich war erkältet. Ausgerechnet er – als Träger des Gelben Trikots der Tour de France – zeigte bei der Bergetappe Schwächen. Da fuhr sein Teamkollege

Udo Bölts zu ihm heran und sagte den berühmt gewordenen Satz: „Quäl dich, du Sau.“ Bislang schien mir klar zu sein: Für Leistungssportler ist Aufgeben nie- mals eine Option. „Das würde ich nicht so sehen“, sagt Professor Oliver Stoll. Er leitet den Bereich Sportpsychologie & Sportpädagogik & Sport- soziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und beglei- tet Profisportler als psychologischer Berater. Oliver Stoll erklärt mir, warum gerade Aufgebenkönnen aus seiner Sicht eine zentrale Fähigkeit für einen Leistungssportler ist:„Wenn ein wirklich hochklassiger Marathonläufer bei Kilometer 20 merkt: es geht heute nicht, dann gibt er durchaus auf. Der muss sich nicht beweisen, dass er einen Marathon in 2 Stunden 20 laufen

kann, wenn er eine Bestzeit von 2 Stunden 12 anstrebt. Dann spart er sich lieber die Körner, die er auf den weiteren 22 Kilometern investieren müss- te, für den nächsten Versuch. Diesen kann er dann auch schneller wieder angehen, weil die Erschöpfung nicht so groß ist. Es ist also als Leistungs- sportler häufig eine sehr rationale und sinnvolle Entscheidung, ein Rennen aufzugeben.“ Natürlich vielleicht nicht gerade, wenn man in einem olym- pischen Finale steht, räumt Stoll ein. Als Sportpsychologe unterstützt er Profis im Bereich „Volition“, das heißt bei der Willensentwicklung. Sie lernen zum Beispiel, Belohnungsaufschub zu ertragen und durch intensive Trainingseinheiten zu gehen. Für das Auf- geben entwickeln die Sportler selbst eine Expertise, so Oliver Stoll, die Athleten kennen ihren Körper durch die vielen Jahre der Erfahrung am bes- ten und wissen, wann es richtig ist aufzuhören. Woher kommt denn dann die Vorstellung vom Helden, der immer die Zähne zusammenbeißt und durchzieht? „Das ist aus meiner Sicht eher die Gesellschaft, die vom stets erfolgreichen, stets nach vorne blickenden Sportler ausgeht – ein Bild, das die Menschen wahrscheinlich gerne von sich selbst hätten“, so Stoll. Aber auch manchem Sportler gelingt es nicht, zum richtigen Zeitpunkt aufzuhören. Wir sehen das beim Thema Doping, und wir sehen das bei Sportlern, die ihre Karriere beenden müssen, weil ihre Schmerzen einfach unerträglich geworden sind. Unser Blick auf sie hat daran seinen Anteil. Wie können wir selbst in unserem Alltag die Fähigkeit entwickeln aufzugeben? Den richtigen Moment dafür erkennen? Und lernen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sondern manchmal einfach: eine gute Entscheidung? Mit diesen Fragen beschäftigt sich unsere Titelgeschichte ab Seite 16. Viel Vergnügen mit der „Kunst des Aufgebens“ wünscht

Viel Vergnügen mit der „Kunst des Aufgebens“ wünscht Dorothea Siegle, Chefredakteurin PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019

Dorothea Siegle, Chefredakteurin

Vergnügen mit der „Kunst des Aufgebens“ wünscht Dorothea Siegle, Chefredakteurin PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 3

IN DIESEM HEFT

TITEL

16

Die Kunst des Aufgebens

Wann uns Loslassen weiterbringt als Durchhalten

Von Annette Schäfer

24

Von Zielen und Zweifeln

Wie leicht wir Projekte aufgeben, hängt auch von unserem Alter ab

Von Annette Schäfer

12

Im Fokus: Im Angesicht der Katastrophe

Der Sozialwissenschaftler Martin Voss über menschliches Verhalten in Krisen

28

Das Ideal des perfekten Körpers

Weshalb Schönheit in unserer Gesell- schaft zur ethischen Pflicht wurde

Von Silke Pfersdorf

34

„Eine große Kraft, die wir viel zu wenig nutzen“

Laut Nachhaltigkeitsforscher Thomas Bruhn braucht es für eine umwelt- freundliche Gesellschaft nicht nur bes- sere Technik, sondern auch die richtige Geisteshaltung

40

Eine Politik zum Glück

Eine große Analyse zeigt, wo Staaten ansetzen können, um die Zufriedenheit der Bürger zu steigern

Von Jochen Paulus

46

Unbewusste Gedanken und Gefühle? Nichts als Hirngespinste

Warum wir unser Selbst womöglich gar nicht verstehen können, erklärt Nick Chater

womöglich gar nicht verstehen können, erklärt Nick Chater TITELTHEMA 16 Um jeden Preis weitermachen. Das ist

TITELTHEMA

16 Um jeden Preis weitermachen. Das ist ein weitverbreitetes Ideal.

Doch bereits die Formulierung zeigt, dass uns Durchhalten viel kosten kann. Manchmal vergessen wir dadurch uns selbst und das, worum es uns wirklich geht. – Was wir gewin­

nen, wenn wir Projekte aufgeben, und wie wir den richtigen Zeitpunkt dafür erkennen

46 Ist Selbsterkenntnis unmöglich? Der Psychologe Nick Chater revol­ tiert gegen Grundannahmen der Psychologie und
46 Ist Selbsterkenntnis unmöglich? Der Psychologe Nick Chater revol­ tiert gegen Grundannahmen der Psychologie und

46 Ist Selbsterkenntnis unmöglich? Der

Psychologe Nick Chater revol­ tiert gegen Grundannahmen der Psychologie und behauptet, dass das, was wir für Einsichten in unser Selbst halten, nichts als Einbildungen sind. Unser Bemü­ hen um Reflexion sei überflüssig. Das kann beängstigend sein, aber auch befreiend

Das kann beängstigend sein, aber auch befreiend 72 Warum zelebrieren so viele Leute das Kochen? Weil

72 Warum zelebrieren so viele Leute das Kochen? Weil es

nicht nur körperliche, sondern auch psychische Bedürfnisse befriedigt. Kochen vermengt sinnliche, konzentra­ tive, soziale und kulturelle Elemente. Was mit unserer Psyche geschieht, wäh­ rend wir schnippeln, rühren und braten

58

Freunde im Doppelpack

Treffen befreundete Paare aufeinander, haben sie erst einmal eine gute Zeit. Unbeachtet bleibt, wie sie sich dabei vergleichen und aneinander wachsen

Von Lisa Meyer

64

Abgebrochen

Anders als bisweilen suggeriert, stürzen Frauen nach einer Abtreibung nur selten in eine Krise. Wie sie die Entscheidung verarbeiten, hängt nicht nur von ihnen selbst ab

Von Susanne Donner

72

Die Psychologie des Kochens

Über die beruhigende Wirkung der Zubereitung von Essen

Von Lisa Meyer

RUBRIKEN

26

Therapiestunde

Kein Plan

Von Michael Broda

38

Psychologie nach Zahlen

Auf Fremde zugehen

Von Anna Gielas

70

Studienplatz

Tausende Jahre in drei Tagen

Von Ariane Wetzel

78

Lekys Aussichten

Ich bebe mich durchs Leben

Von Mariana Leky

3

Editorial

6

Themen & Trends

52

Körper & Seele

57

Schilling & Blum: Irgendwas mit Menschen

80

Buch & Kritik

91

Medien

92

Leserbriefe

93

Impressum

94

Noch mehr Psychologie Heute

95

Markt

106 Im nächsten Heft

REDAKTION: SUSANNE ACKERMANN Ich will Nicht alles, was wir tun, macht uns gleichermaßen Spaß. Wie
REDAKTION: SUSANNE ACKERMANN Ich will Nicht alles, was wir tun, macht uns gleichermaßen Spaß. Wie

REDAKTION:

SUSANNE ACKERMANN

REDAKTION: SUSANNE ACKERMANN Ich will Nicht alles, was wir tun, macht uns gleichermaßen Spaß. Wie könnte

Ich will

Nicht alles, was wir tun, macht uns gleichermaßen Spaß. Wie könnte man sich motivieren? Vielleicht indem man sich sehr disziplinierte Menschen zum Vorbild nimmt. Sie sind offenbar in der Lage, per- sönliche Gründe für ihre Aktivitäten zu finden oder diese als sinnvoll anzusehen – auch wenn sie sie ge- rade nicht mögen. Diese Fähigkeit macht es ihnen leichter, durchzuhalten und Ziele zu erreichen. Zu diesem Fazit kommen Psychologen nach vier Studien mit 3000 Teilnehmern, in denen erstmals ein möglicher Zusammenhang zwischen Selbstkon- trolle und der sogenannten „autonomen Motivation“ untersucht wurde. Diese Art der Motivation beruhe auf einem ausgeprägten Gefühl der Selbstbestim- mung, heißt es. Die Forscher ließen einen Teil der Probanden an acht aufeinanderfolgenden Tagen in einer Tagebuch- studie erfassen, was sie tagsüber in der Arbeit gerade machten. In den Experimenten mussten die Teilneh- mer wiederholt langweilige und sinnlose Aufgaben erledigen. Außerdem erhoben die Psychologen, was die Probanden gerade antrieb, wie sie sich fühlten

und ob sie zufrieden damit waren, wie sie gerade ihre Zeit verbrachten. Bei allen wurde außerdem er- mittelt, wie hoch ihre Selbstkontrolle war. Die sehr disziplinierten Teilnehmer konnten Sinn in allen Aufgaben finden, egal ob sie dazu aufgefor- dert worden waren oder die Tätigkeit selbst gewählt hatten, egal ob diese langweilig oder spannend war. Sie schrieben sich quasi selbst vor, etwas tun zu wol- len und es für sinnvoll zu erachten. Die Forscher ent- deckten auch Hinweise darauf, dass die Probanden dies vor allem dann machten, wenn sie es am meisten brauchten, etwa in Momenten der Erschöpfung. Außerdem stellten die Psychologen fest: Je besser ihre Probanden in der Lage waren, selbstbestimmte Gründe für eine Aufgabe zu finden, desto zufriede- ner waren sie damit, wie sie ihre Zeit gerade verwen- deten. Auch waren diese Teilnehmer mit ihrem Leben insgesamt zufriedener und fühlten sich weniger aus- gebrannt.

SAC

Sinn zu finden in all unserem Tun ist auch eine Frage der Selbstdisziplin

Benjamin A. Converse u. a.: Self-control and the reasons behind our goals. Online first publication, 2018. Journal of Personality and Social Psychology. DOI: 10.1037/pspp0000188

Mein Job gehört mir!
Mein Job
gehört mir!

Menschen, die ihren Job als

ihr Eigentum betrachten, engagieren sich mehr bei ihrer Arbeit. Manchmal wirkt sich dies aber negativ aus, nämlich dann, wenn diese „mentalen Jobbesitzer“ zugleich vermehrt Angst vor Verlusten haben. Dann neigen sie zu destruktivem Verhalten, behalten zum Beispiel wichtige Informationen für sich, um ihren Besitz, sprich den Job zu schützen. Sie tun das nicht, um anderen zu schaden.

Bis zu80 %

der Teilnehmer zweier nationaler US-Umfragen mit 2000 und 2500 Befragten gaben an, ihrem Arzt re- levante Fakten zu verschweigen, etwa über ihre Ernährung oder ob sie Medikamente nehmen und Sport treiben. Die Forscher sehen zwei Gründe dafür: Menschen möchten nicht, dass ihre Ärzte sie verurteilen. Und es sei ihnen pein- lich, dass sie sich womöglich falsch verhalten.

DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2018.5293

DOI: 10.1037/apl0000337

10.1001/jamanetworkopen.2018.5293 DOI: 10.1037/apl0000337 Wie Frauen und Männer sind Sind Männer wirklich

Wie Frauen und Männer sind

Sind Männer wirklich risikobereiter als Frauen und Frauen altruistischer als Männer? Die Frage klingt wie ein veraltetes Klischee, aber offenbar ist es tat- sächlich so, stellten Forscher in einer Metaanalyse fest. Hierzu werteten sie Daten von repräsentativen Stichproben aus 76 Ländern und mit 80 000 Teilneh- mern aus allen Kontinenten und unterschiedlichsten Kulturen aus. Das Ergebnis: Je weiter ein Land wirtschaftlich entwickelt war und je mehr Gleichheit es zwischen den Geschlechtern gab, desto unterschiedlicher die seelischen Neigungen von Frauen und Männern. Die Forscher folgern daraus: Stehen uns alle materiellen und immateriellen Ressourcen zur Verfügung, un- sere psychischen Präferenzen auch auszuleben, dann machen wir das. Frauen und Männer sind offenbar sehr wohl unterschiedlich – sofern sie die Möglich- keit dazu haben, so die Studienautoren. SAC

Armin Falk, Johannes Hermle: Relationship of gender diffe- rences in preferences to economic development and gender equality. Science, 362, 2018. DOI: 10.1126/science.aas9899

Mütter bevorzugen Töchter und Väter Söhne, wenn es darum geht, in welches ihrer Kinder sie

Mütter bevorzugen Töchter und Väter Söhne, wenn es darum geht, in welches ihrer Kinder sie investieren wollen. Diese einfache Antwort erhielten US-amerikanische und finnische Forscher auf die Frage, wovon es abhängt, wie Eltern in die Zukunft ihrer Kinder investieren. Dabei spielten weder finanzielle Möglichkeiten noch Bildung noch das soziale Milieu eine Rolle, nur das Geschlecht der Befragten.

DOI: 10.1038/s41598-018-33650-1

Geschlecht der Befragten. DOI: 10.1038/s41598-018-33650-1 Fußballtrainer toben manchmal und schreien herum, wenn ihre

Fußballtrainer toben manchmal und schreien herum, wenn ihre Mannschaft schlecht spielt. Sie sollten das nicht tun, ergab eine Studie. Trainer seien erfolgrei- cher, wenn sie ihre Gefühle im Griff haben und diese regulieren, gerade nach Niederlagen. An- dernfalls steige das Risiko eines Teufelskreises: Verliere eine Mannschaft mehrmals, wird der Coach immer wütender, und es wird schwerer, diesen Negativ- trend zu durchbrechen – weil die Kluft zwischen dem Trainer und der Mannschaft weiter wächst.

DOI: 10.3390/sports6040123

der Mannschaft weiter wächst. DOI: 10.3390/sports6040123 Du siehst gut aus! Zu viele Selfies zu machen und

Du siehst gut aus!

Zu viele Selfies zu machen und sich zu vergleichen ver- schlechtert das Selbstwertgefühl und das Körperbild von Jugendlichen – solche Sorgen machen sich manche Eltern. Das brauchen sie aber nicht, zeigt eine kleine psychologische Studie mit 179 jungen Frauen zwischen 18 und 21 Jahren. Anders als erwartet, beschäftigten sich diejenigen am intensivsten mit den digitalen Selbst- porträts, die mit ihrem Körper zufrieden waren und über ein gutes Selbstbewusstsein verfügten. Offenbar sei dies für solche Frauen eine Möglichkeit, mehr Anerkennung für ihr gutes Aussehen zu bekommen, heißt es. Dagegen fanden die Psychologen weder Hinweise darauf, dass intensives Selfieposten das Körperbild ver- schlechterte, noch darauf, dass sich Probandinnen mit einem negativen Körperbild oder geringem Selbstwert- gefühl intensiver mit Selfies beschäftigten, etwa um mehr Anerkennung zu bekommen. Einige Teilneh- merinnen gaben an, pro Woche bis zu 30 Bilder von sich ins Netz zu stellen.

SAC

Jolanda Veldhuis u. a.: Me, my selfie, and I: The relations between the selfie behaviors, body image, self-objectification, and self-esteem in young women. Psychology of Popular Media Culture, 2018. DOI: 10.1037/ppm0000206

Digitaler Stress

Die E-Mails nehmen überhand, die aktuelle Soft- ware ist ein Rätsel, und der Chef kündigt ein noch komplizierteres Programm an? Wer diese Umstän- de nur allzu gut kennt, empfindet wahrscheinlich digitalen Stress. Er entsteht nicht durch die bloße Präsenz digitaler Technologien, ergab eine Studie. „Vielmehr tritt er dort auf, wo der Digitalisierungs- grad des Arbeitsplatzes nicht zu den Kompetenzen der Arbeitnehmer passt“, schreiben die Forscher. Wenn die Herausforderung der Technologien die Fähigkeiten des Einzelnen übersteigt, entstehe Lei- densdruck. Die Studie beleuchtet digitalen Stress unter deut- schen Arbeitnehmern. Die Wissenschaftler befrag- ten über 2600 Freiwillige zwischen 19 und 88 Jah- ren mithilfe eines Onlinefragenkatalogs. Die meis- ten Umfrageteilnehmer gaben ein mittleres Ausmaß an digitalem Stress an. Dabei waren Frauen stärker gestresst als Männer und Jüngere stärker betroffen als Ältere – womöglich weil Arbeitgeber von jüngeren Mitarbeitern besonders gute digitale Kompetenzen erwarten. „Die Verunsicherung im Umgang mit digitalen Technologien wird als größter Stressor wahrgenom- men“, so die Forscher. Daneben gebe es noch andere Faktoren, die dazu beitrügen: die Unzuverlässigkeit der Technologien, die digitale Überflutung – also Beschleunigung, Zeitdruck und Zunahme der Arbeit durch digitale Technologien – sowie die Komplexität

durch digitale Technologien – sowie die Komplexität und Omnipräsenz von Geräten wie Smartphone und Tablet.

und Omnipräsenz von Geräten wie Smartphone und Tablet. Letztere empfanden die Befragten als den kleinsten der Stressfaktoren. Die Forscher hoffen, dass ihre Studie Präven- tionsmaßnahmen fördern kann: „Das Ziel ist, ein Gleichgewicht zwischen den individuellen Kompe- tenzen und den Anforderungen durch die Digitali- sierung herzustellen.“ ANNA GIELAS

Unsere Fähigkeiten passen nicht immer zu den Anforderungen der Software

Henner Gimpel u. a.: Digitaler Stress in Deutschland. Eine Be- fragung von Erwerbstätigen zu Belastung und Beanspruchung durch Arbeit mit digitalen Technologien. Diskussionspapier Nr. 101, Hans-Böckler-Stiftung 2018

Das innere Kind heilen Erwachsene, deren Mütter in der Kindheit emotional al abwesend waren, können
Das innere Kind
heilen
Erwachsene, deren Mütter in der Kindheit emotional
al
abwesend waren, können oft nicht genau beschreiben, ben,
was in ihrem Leben fehlt. Sehr oft jedoch kämpfen sie sie
mit Beziehungs- oder Selbstwertproblemen.
Dieses Buch hilft dabei, die verborgenen Verletzungen gen
auszugraben. Einfühlsam wird gezeigt, wie man sich ch
selbst die Mutter sein kann, die man sich damals
gewünscht hätte.
PSYCHOLOGIE HEUTE
03/2019
www koesel de
www.koesel.de
9
336 Seiten| € 24,00 [D]
ISBN 978-3-466-34719-3
Auch als E-Book erhältlich
Viele mögen das Alleinsein nicht Jeder ist immer wieder mal allein – aber es ist

Viele mögen das Alleinsein nicht

Jeder ist immer wieder mal allein – aber es ist nicht für alle dasselbe. Die einen fühlen sich einsam und deprimiert, andere genießen die Ruhe, mal ganz für sich zu sein. Psychologen haben 100 Ältere und

50 Studenten je dreimal am Tag über zehn Tage hin-

weg zu ihren Gedanken, ihrer sozialen Situation und ihrem emotionalen Empfinden befragt. Sie wollten wissen, wie die Teilnehmer das Alleinsein erlebten

und ob es etwas mit ihrer Persönlichkeit zu tun hatte. Die Mehrheit – 50 Prozent der Probanden – ent- wickelte negative Gefühle, wenn sie allein waren oder keine soziale Interaktion hatten. Eine Minderheit von

25 Prozent machte positive Erfahrungen. Die übrigen

Teilnehmer empfanden gemischte Gefühle. Diejenigen Befragten, die leicht ins Grübeln ge- rieten, sich immer wieder selbst reflektierten und hinterfragten, neigten eher zu negativen Gefühlen. Teilnehmer mit einem guten Selbstvertrauen, die po- sitiv über ihre sozialen Fähigkeiten dachten, konnten es eher genießen, allein zu sein. Laut den Forschern sind weitere Untersuchungen nötig, um herauszu- finden, wie viel Zurückgezogenheit für die jeweiligen Charaktere wohltuend ist und wann das Alleinsein doch zu viel wird. ARIANE WETZEL

Jennifer C. Lay u. a.: By myself and liking it? Predictors of distinct types of solitude experiences in daily life. Journal of Personality, 2018. DOI: 10.1111/jopy.12421

Ganz ehrlich?

Stets vollkommen ehrlich mit anderen zu sein, das ver- meiden wir eher – manchmal fürchten wir, unhöflich zu sein, auf Unverständnis, Ärger und Ablehnung zu stoßen. Aber offenbar sind diese Erwartungen falsch, ergab eine Studie. Die Psychologen brachten Teilnehmer in einem Feld- experiment sowie im Labor in verschiedene Gesprächs- situationen und forderten sie auf, entweder stets abso- lut ehrlich, jeweils sehr freundlich oder einfach wie im- mer zu sein. Dabei definierten die Forscher Ehrlichkeit als Übereinstimmung mit den eigenen inneren Über- zeugungen, Gedanken und Gefühlen, unabhängig da- von, ob diese richtig oder falsch waren. Die Teilnehmer fanden die ehrlichen Gespräche viel angenehmer als gedacht und reagierten weniger negativ als befürchtet auf offene Kritik. Die grundehrlichen Un- terhaltungen erhöhten das Wohlbefinden, wurden als sehr sinnvoll empfunden und stärkten das Gefühl, mit dem Gesprächspartner verbunden zu sein. SAC

Emma Levine, Taya R. Cohen: You can handle the truth: Mispredic- ting the consequences of honest communication. SSRN, 2018. DOI: 10.2139/ssrn.2910067

ting the consequences of honest communication. SSRN, 2018. DOI: 10.2139/ssrn.2910067 10 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019

Die Quellen zu dieser Studiengrafik finden Sie auf psychologie-heute.de / literatur. Illustration: Anton Hallmann / Sepia. Text: Eva-Maria Träger

HAHA!

Lachen ist gesund. Aber warum? Und was bringt uns überhaupt zum Lachen?

FRÜHE ENTWICKLUNG

Lachen ist etwas, das Menschen über alle Kulturen teilen und das uns in die Wiege gelegt ist: Säuglinge lachen schon ab einem Alter von etwa vier Monaten, wenn man sie kitzelt, oder sogar noch früher. Viele lächeln schon im ersten Monat nach der Geburt.

Viele lächeln schon im ersten Monat nach der Geburt. KOOPERATIVE WIRKUNG Lachen wirkt ansteckend und verbindet
Viele lächeln schon im ersten Monat nach der Geburt. KOOPERATIVE WIRKUNG Lachen wirkt ansteckend und verbindet

KOOPERATIVE WIRKUNG

Lachen wirkt ansteckend und verbindet uns so mit anderen. Es signalisiert grundsätzlich die Bereitschaft zum
Lachen wirkt ansteckend und verbindet uns
so mit anderen. Es signalisiert grundsätzlich
die Bereitschaft zum „Spielen“, zeigt also,
dass wir uns in einer Situation sicher fühlen,
und das schafft Vertrauen und Nähe. Es
führt zudem zu einer kurzzeitigen
Schwächung der Muskulatur.
TYPISCHES MUSTER Ein Lachen besteht aus einer raschen Folge von Lauten, die in einem charak-
TYPISCHES MUSTER
Ein Lachen besteht aus einer raschen
Folge von Lauten, die in einem charak-
teristischen rhythmischen Muster ver-
knüpft sind. Trotz individueller Unter-
schiede können wir es bei anderen
leicht als solches erkennen. Stimmhaf-
tes Lachen empfinden wir als positiver
und freundlicher als lautloses.
Hihi
Hoho
Hehe
SOZIALE FUNKTION Lachen ist wie Lächeln ein wichtiges soziales Signal. Es tritt in mehr als
SOZIALE FUNKTION
Lachen ist wie Lächeln ein wichtiges
soziales Signal. Es tritt in mehr als 95
Prozent unserer Unterhaltungen auf.
In einem Gespräch mit Menschen, mit
denen wir befreundet sind, lachen wir
eher, als wenn wir uns mit Fremden
austauschen.
GERICHTETER EINSATZ
Wir werden häufig unwillkürlich
zum Lachen gebracht, können
Lachen aber auch bewusst
selbst hervorrufen – und
setzen es mitunter auch
strategisch ein. Vor oder
nach einem verbalen Angriff
etwa lachen wir oft,
um die Situation zu
entschärfen.
POSITIVER EINFLUSS
BESCHÄMENDE ERFAHRUNG
Wir lachen aus vielfältigen Gründen – etwa
weil wir uns amüsieren, um Zustimmung zu
zeigen oder einfach weil andere auch lachen.
Meist ruft es positive Gefühle in uns hervor,
es fördert Stimmung und Energie und wirkt
Angst, Ärger und Stress entgegen.
Unter Gelotophobie versteht man die Furcht,
ausgelacht zu werden. Betroffene sind davon
überzeugt, auf andere lächerlich zu wirken.
Sie empfinden Lachen nicht als Ausdruck
von Freude, sondern als bösartig und
beziehen es irrational häufig auf sich.
IM FOKUS Eine Katastrophe wirkt nach: Lauenburg in Schleswig­Holstein im Jahr 2013 – die Elbe
IM FOKUS Eine Katastrophe wirkt nach: Lauenburg in Schleswig­Holstein im Jahr 2013 – die Elbe

IM FOKUS

IM FOKUS Eine Katastrophe wirkt nach: Lauenburg in Schleswig­Holstein im Jahr 2013 – die Elbe ist

Eine Katastrophe wirkt nach: Lauenburg in Schleswig­Holstein im Jahr 2013 – die Elbe ist über die Ufer getreten, die Stadt steht unter Wasser

1212

PSYCHOLOGIEPSYCHOLOGIE HEUTEHEUTE 03/201903/2019
PSYCHOLOGIEPSYCHOLOGIE HEUTEHEUTE
03/201903/2019

Im Angesicht der Katastrophe

Das bisherige Jahrhundert der Katastrophen begann am 11. September 2001 in New York. Es folgten weitere Terror- anschläge, Tsunamis, Beben, Brände, Stürme und Fluten. Welche Auswirkungen solche Katastrophen auf Menschen und die Gesellschaft haben, untersucht das Team von Martin Voss an der Katastrophenforschungsstelle der Freien Universität Berlin

Herr Professor Voss, was ist das eigentlich, eine Katastrophe?

Das ist ein sehr flexibler Begriff, sozialwissenschaft- lich gesehen. Wir Katastrophenforscher definieren die Katastrophe nicht nach irgendwelchen objektiven statistischen Merkmalen, nach Schadenssummen oder Opferzahlen. Sondern wir schauen, was die Ka- tastrophe für verschiedene Menschen bedeutet und was daraus für sie folgt. Und darauf gibt es ganz vie- le Antworten. Eine Katastrophe ist das, was Menschen als solche bezeichnen.

Und als solche empfinden.

Das ist eng miteinander gekoppelt. Die Bezeichnung gibt immer auch einen Modus des Empfindens wie- der. Die Katastrophe konnotiert meist etwas Schick- salhaftes. Die Katastrophe legitimiert den Menschen zu weinen, zu leiden, zu trauern, zu verzweifeln. Man kann sogar sagen: Die Katastrophe lässt sich daran erkennen, dass Menschen die Sinnfrage stellen. Warum ist das passiert? Warum ist das mir passiert?

Sie meinen, dies ist ein einendes Element der Katastrophe?

Ja genau. Das ist das Globale an der Katastrophe, dass diese Frage überall gestellt wird: Warum? Bei den Antworten gehen Menschen entweder ins Spirituell- Mystische oder ins Rational-Technische. In diesem finden Sie ein weites Feld an Erklärungen, immer von der jeweiligen Kultur geprägt.

an Erklärungen, immer von der jeweiligen Kultur geprägt. Martin Voss ist Professor für sozialwissenschaftliche

Martin Voss ist Professor für

sozialwissenschaftliche

Katastrophenfor-

schung an der Freien Universität Berlin und

leitet die dortige Kata-

strophenforschungs-

stelle (KFS)

Machen wir es konkret und bleiben wir in Deutsch­ land. Wie war das zum Beispiel nach dem Elb­ hochwasser im Jahr 2013 bei Fischbeck in Sach­ sen­Anhalt, als ein Deich gebrochen ist?

Da fragten sich die Leute, warum der Deich ausge- rechnet an dieser Stelle gebrochen ist, wo er eigentlich gar nicht hätte brechen können, sollen, dürfen. Im kollektiven Gedächtnis war nicht mehr präsent, dass es dort vor längerer Zeit schon verheerende Hoch- wasser gegeben hatte. Und so findet man vor Ort die Vermutung, dass gezielt gesprengt wurde, um Was- ser ablaufen zu lassen und Magdeburg zu schützen, und dass die Dörfer in der Gegend ‚geopfert‘ wurden. Daran koppelt sich alles Mögliche: Wer könnte kon- kret dafür verantwortlich gewesen sein? Letztlich lassen sich solche Theorien nicht völlig aus der Welt schaffen, selbst wenn überhaupt nichts an ihnen dran ist, weil man kaum den Gegenbeweis führen kann, dass nicht gesprengt wurde. Insofern bleibt immer etwas hängen, vor allem Vertrauensverlust und Skep- sis gegenüber den Behörden.

Das Hochwasser dort ist ja schon einige Jahre her. Die Verarbeitung müsste doch langsam be­ endet sein?

Das glauben Sie vielleicht. Die Wahrheit sieht anders aus. Wir haben das untersucht und können sagen:

Auch drei, vier, fünf Jahre danach merken wir, dass für viele Menschen die Katastrophe nicht vorbei ist.

IM FOKUS

Menschen verhalten sich im Katastrophenfall meist soli- darisch, bereichern sich nicht am Hab und Gut des Nachbarn

Wir haben es bei der Verarbeitung mit einem fort- laufenden Prozess zu tun, der wahrscheinlich kein wirkliches Ende hat. Viele der Betroffenen wollten drei Jahre später noch immer nicht über das Erlebte sprechen. Die Menschen leiden hinter ihren Vorhän- gen unter vielfältigen Konsequenzen – Alkohol, Kon- flikte in der Familie, zerbrochene Ehen. Manche mussten sich beruflich umorientieren. Wenige haben ihre Heimat verlassen.

Bedeutet eine Katastrophe dann so etwas wie eine psychosoziale Zäsur?

Ja, wir erkennen lauter Brüche, die zeigen, dass sich das soziale und psychologische Gefüge vor Ort deut- lich verändert und noch nicht wieder in ein Gleich- gewicht und eine Ordnung gefunden hat. Das sozi- ale Gefüge wird immer noch ausgehandelt. Es sind aber auch Erinnerungskulturen erwachsen von der Art, dass man in dieser Zeit ein Gemeinschaftsgefühl erlebt hat, dass das Hochwasser die Menschen stark aneinander gebunden hat. Doch danach treten oft wieder alte Konflikte hervor, etwas verändert viel- leicht, teils sogar verstärkt.

Wer leidet am stärksten unter einer Katastrophe? Menschen, die zuvor schon eher labil waren, die wenig Einkommen haben oder wenig innere Wi­ derstandskraft?

Grob gesprochen: ja. Aber hinter dieser Matrix ver- bergen sich nicht selten Leidensstrukturen, die stark biografisch und kontextuell geprägt sind, individu- ell und kollektiv. Da kommen alte Konflikte hoch, aus Wendezeiten, aus DDR-Zeiten und noch viel wei- ter zurück. Landkonflikte zum Beispiel, die vor zig Jahren abgelaufen waren. Da brechen plötzlich sozi- ale Konflikte auf, die auch Leute mit viel Hab und Gut sehr belasten, sie psychisch stark angreifen. Na- türlich gilt in der Regel: Wer viel Geld hatte, war in der Katastrophe besser geschützt und konnte sie bes- ser bewältigen. Doch zum Teil haben Menschen furchtbar gelitten, von denen man es nach rein sta- tistischen Kriterien nicht erwartet hätte. Und sie tun es noch immer.

Und umgekehrt? Gab es Leute, die sich in der Katastrophe als unerwartet resilient erwiesen haben?

Auch in dieser Richtung haben wir Überraschungen erlebt. Es gab Menschen, die vor dem Hochwasser eher vulnerabel erschienen. Aber diese Leute hatten beispielsweise aufgrund einer bestimmten berufli- chen Situation die Kompetenz, Menschen mehr zu helfen als andere. Sie hatten einen Berufsabschluss, der sie nicht gerade ökonomisch herausgestellt hätte. Aber dann wurden sie zu guten Samaritern, sind so- zial gestärkt aus der Katastrophe hervorgegangen und gewannen an Ansehen im Dorf.

Wo wir bei Helden sind: Ist der Held des Alltags auch der Held in der Katastrophe?

Wir können nicht linear sagen, dass der, der im Be- rufsleben als Manager eine Führungsrolle innehat und Verantwortung für Menschen trägt, auch in der Katastrophe am rationalsten agiert und die Zügel in die Hand nimmt. Umgekehrt können wir sagen, dass Leute, die normalerweise nicht in Führungspositio- nen sind, diese Kompetenz in der Katastrophe ent- wickeln können. Da gibt es empirisch alle möglichen Beispiele für die eine wie die andere Richtung. Da ist etwa der Kellner, der beim Großbrand im Club im- mer wieder hineinrennt und Menschen herausholt, während der Geschäftsführer längst über alle Berge ist. Die Menschen verhalten sich in der Katastrophe nicht einfach, wie man es unter Alltagsbedingungen erwarten würde.

Was würde man denn erwarten?

Die meisten Menschen stellen sich vor, dass im Fal- le einer Katastrophe Panik ausbricht, Schockstarre, irrationales Verhalten, Plünderungen und egoisti- sches Gebaren auftreten und dass die Leute hilflose Opfer sind. Solche Vorstellungen bezeichnet die Ka- tastrophenforschung als Desaster-Mythen. Die Em- pirie zeigt hingegen, dass diese Vorstellungen äußerst selten und nur unter sehr besonderen Bedingungen zutreffen. Solche Desaster-Mythen halten sich auch nach unseren Erkenntnissen beharrlich. In unserer repräsentativen Umfrage mit 1000 Berlinern erwar- teten zum Beispiel fast zwei Drittel der Befragten eine Panik im Katastrophenfall.

Wie verhalten sich die Menschen denn tatsäch­ lich?

Tatsächlich verhalten sie sich meist solidarisch. Von sozialen Normen abweichendes Verhalten ist nicht völlig ausgeschlossen, aber eben seltener als erwartet. Menschen verhalten sich allermeist nicht asozial, und sie bereichern sich auch nicht am Hab und Gut des Nachbarn, nur weil der sich hat evakuieren lassen.

Und was passiert während einer Massenpanik wie bei der Love­Parade 2010 in Duisburg?

Dass bei der Love-Parade im Gedränge Menschen über andere gestolpert sind, lässt sich nicht wirklich mit Panik erklären. Das passiert in der Regel weder aus egoistischen Motiven, noch weil Menschen voll- kommen den Kopf verlieren. Da kann man nicht an- ders, man wird geschoben. Auch hier dominierte ganz klar das prosoziale Verhalten. Grundsätzlich: Man sucht nach Informationen und man informiert selbst, wen man erreichen kann. Und da ist plötzlich auch der Nachbarschaftskonflikt nicht mehr dominant. Man versucht herauszufinden, wo man aktiv werden kann. Vielleicht kann man den Feuerlöscher in die Hand nehmen. Es läuft also erst einmal ein sehr ra- tionaler Katalog an Verhaltensweisen ab. Aus Sicht des Katastrophenschutzes ist es sehr wichtig, dass Menschen eine realistische Vorstellung davon haben, mit was sie in einer solchen Situation rechnen müs- sen, das ist dann sozusagen ein verstärkender Effekt, der die geringe Wahrscheinlichkeit abweichenden Verhaltens nochmals reduziert.

Die nächste Katastrophe, das nächste Hochwas­ ser kann schneller kommen, als man denkt. Was sollte aus psychologischer Sicht besser gemacht werden?

Wir arbeiten eng mit Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz zusammen, das auch an un- serem Hochwasser-Forschungsprojekt beteiligt war. Nach unseren Resultaten müsste in einer Katastro- phenbewältigungssituation ein Betreuungsdienst dafür sensibilisiert sein, dass er es mit Menschen zu tun hat, bei denen psychisch gerade sehr viel in Be- wegung gerät und eine große Verletzlichkeit besteht. Und dass gerade diese Verletzlichkeit die Aufmerk- samkeit der Betreuer fordert und rechtfertigt.

Können das die Hilfsorganisationen überhaupt leisten?

Sie haben recht: Die Hilfsorganisationen haben nur begrenzte Ressourcen und können sich nicht um al- les kümmern. Es sind ja fast alles Ehrenamtliche, die ohnehin schon viel Freizeit und Energie aufbringen, um das alles nebenher zu machen. Es ist uns dennoch wichtig, zu zeigen, dass man mit den vorhandenen Möglichkeiten sehr viel mehr für die psychischen Bedürfnisse der Opfer tun kann, wenn man weiß, was in deren Köpfen gerade vorgeht. Da schauen wir gemeinsam mit den Hilfsorganisationen, wie sie sich auf den nächsten Fall noch besser vorbereiten kön- nen. Zeitversetzte Angebote erscheinen beispielswei- se angebracht, weil bei einigen Katastrophenopfern die psychische Verarbeitung erst Monate bis Jahre

Es ist nicht sicher, dass ein Manager auch im Fall einer Katastrophe die Führung übernimmt

später einsetzt. Für die Lagebewältigung werden noch mehr Ressourcen benötigt – gerade bei psychosozi- aler Notfallbetreuung. Menschen brauchen oft viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung ihres Leids. Das muss sich eine Gesellschaft aber leisten wollen.

Wie kann ich mich am besten auf die nächste Katastrophe vorbereiten? Indem ich mich be­ sonders gut sozial vernetze, um Hilfe zu bekom­ men?

Tatsächlich ist das soziale Netzwerk auch im Katas- trophenfall sehr wichtig, denn im Notfall ist es immer besser, Teil einer solidarischen Gemeinschaft zu sein. Das hat sich bei vielen Katastrophen gezeigt, vor kur- zem etwa beim Hurrikan Irma in den USA. Ohne Nachbarschaftshilfe wäre die Zahl der Opfer vermut- lich deutlich höher ausgefallen. Aber: Obacht bei der Auswahl der Freunde! Denn nicht jedes soziale Netz- werk ist per se gut. Wenn Sie sich zum Beispiel als Mensch mit Migrationshintergrund nur in Ihrer Muttersprache bewegen, dann bekommen Sie weni- ger der wichtigen Informationen, die relevant sind. Möglichst offene Netzwerke sind in Bezug auf Kata- strophen wichtig.

Es gibt ja auch Menschen, die Katastrophen be­ harrlich ignorieren.

Ja, das sehen wir in einem laufenden Projekt zu Ex- tremwetterwarnungen: Einige Menschen machen im Katastrophenfall dicht und wollen keine Informati- onen. Andere wiederum reagieren über. Das liegt unter anderem daran, dass wir durch die modernen Massenmedien bei fast jeder Katastrophe im letzten Winkel der Erde quasi in Echtzeit dabei sind, obwohl wir uns in Sicherheit befinden. Auch dadurch, also unabhängig von der Frage, ob Katastrophen tatsäch- lich mehr geworden sind, erscheint die Zukunft als zunehmend unsicher. Zwischen beiden Typen gibt es jedenfalls ein breites Spektrum der Katastrophen- Risikowahrnehmung. Wir klassifizieren diese Typen und denken über Wege nach, Informationen stärker zu personalisieren, dem jeweiligen Bedarf entspre- chend. Mit einer App könnte man beispielsweise den individuellen Risikotyp erfassen und jeden Einzelnen im Falle des Falles mit passgenauen Informationen versorgen. So eine App könnte die Menschen zugleich in Hilfsmaßnahmen einbinden, gemäß ihren Fähig- keiten und Kompetenzen. Dazu haben wir in einem anderen Forschungsprojekt unter der Leitung eines Fraunhofer-Instituts gearbeitet, um die bereits ver- breitete Katwarn-App weiterzuentwickeln.

INTERVIEW: KLAUS WILHELM

PH

ILLUSTRATIONEN: OLIVER WEISS

TITEL

Die Kunst des Aufgebens Wer erfolgreich sein will, muss vor allem eines können: durchhalten, dranbleiben,
Die Kunst
des Aufgebens
Wer erfolgreich sein will, muss vor allem eines
können: durchhalten, dranbleiben, nicht lockerlassen.
So lautet das gängige Credo. Dabei ist es in
manchen Situationen viel sinnvoller, ein Ziel
aufzugeben – und zu neuen Ufern aufzubrechen
VON ANNETTE SCHÄFER
N ach Island auswandern – das war
für Madeline Jost und ihren
Freund Jan Wölke der ganz große
Traum. Die schreibende Fotogra-
fin (31) und der Musiker (37) aus
Hamburg waren 2016 sechs Monate lang mit einem
kleinen Wohnmobil kreuz und quer über die Insel
im Atlantik gefahren und hatten auf ihrem Blog
Soundtracking die Musikszene des Landes dokumen-
tiert. Danach war ihnen klar: Wir wollen auf Dauer
auf Island leben. Zurück in Deutschland, stürzten
sie sich in die Organisation. Mithilfe isländischer
Freunde fanden sie ein altes Bauernhaus, das sie kau-
fen wollten, um daraus ein kleines Museum mit an-
geschlossener Zimmervermietung zu machen. Sie
verhandelten mit den Eigentümern, engagierten
Handwerker und bereiteten den Umzug vor.
Anfang 2017 schien der Traum greifbar nah. Der
Hausrat war verpackt, nur der endgültige Zuschlag
für das Haus fehlte noch. Und dann kam der große
Rückschlag. Die Eigentümer teilten ihnen mit, sie
würden das Anwesen nun doch an die lokalen Bauern
verkaufen. Vier Monate hatte das Paar geplant und
organisiert, und nun stand es auf einmal mit leeren
Händen da. Was tun? Aus Sorge, auf der Insel kein
ähnlich attraktives und erschwingliches Objekt zu
finden, verzichteten sie darauf, nach Alternativen zu
suchen und noch mehr Zeit und Energie zu
investieren. „Wir waren traurig und verzweifelt“, er-
zählt Madeline. „Dennoch beschlossen wir, den
Traum von Island aufzugeben.“
Wenn man dem berühmten Football-Coach
Vincent Lombardi glaubt, dann sind Leute wie
Madeline Jost und Jan Wölke Verlierer. Der 1970

Erfolgreiche Menschen wissen, wann man dranbleibt. Und wann man aufgibt

verstorbene Amerikaner hat den Spruch geprägt:

„Gewinner geben niemals auf, und Leute, die aufge- ben, gewinnen nie.“ Damit hat er das Ideal der west- lichen Kultur ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Man bewundert Leute, die trotz Schwierigkeiten un- beirrt an ihren Zielen festhalten. Diese Einstellung scheint in den USA besonders ausgeprägt zu sein, aber auch hierzulande regiert die Norm, dass man sich nicht unterkriegen lässt und einmal Begonnenes zu Ende führt. Dabei wird leicht vergessen, dass es in manchen Situationen besser ist, genau das Gegenteil zu tun:

Projekte beenden, Pläne ad acta legen. Das Aufgeben führe zu Unrecht ein Schattendasein, sagen Psycho- logen, denn für ein ausgeglichenes und erfüllendes Leben sei Ziele loslassen zu können ebenso wichtig wie dranzubleiben. Damit ist nicht gemeint, bei der ersten Schwierigkeit die Flinte ins Korn zu werfen. Aber von Zielen abzulassen kann sinnvoll sein – wenn sie unrealistisch sind, wenn sie nur unter sehr hohem Aufwand zu erreichen sind, wenn man über lange Zeit nicht weiterkommt oder wenn sie den eigenen Bedürfnissen oder Fähigkeiten nicht (mehr) entspre- chen. Nicht nur tut es Körper und Seele gut, weil es abträgliche Belastungen reduziert. Es kann auch Frei- raum dafür schaffen, neue Vorhaben im Beruf und Privatleben anzugehen, die einem wirklich liegen.

Exzessive Persistenz

Veronika Brandstätter, Psychologieprofessorin an der Universität Zürich, hat das Aufgeben von Zielen intensiv erforscht. Sie bestreitet nicht, dass Stehver- mögen und Ausdauer wichtig sind, ganz im Gegen- teil. „Sie sind die Grundvoraussetzungen jeglichen Lernens. Alles, was wir können, haben wir nur ge- lernt, weil wir ausdauernd waren und bei Schwie- rigkeiten, die beim Lernen immer auftreten, dran- geblieben sind.“ Die Arbeiten von Forschern wie Angela Duckworth (University of Pennsylvania) be- legen, wie wichtig Hartnäckigkeit (grit) für den Er- folg in der Ausbildung, im Beruf und in Beziehungen ist (siehe Psychologie Heute 11/2016).

Aber Ausdauer sei nur eine Seite der Medaille:

„Man kann auch zu viel Durchhaltevermögen haben. Wenn ein Mensch an einem Ziel klebt, obwohl es ihn immer wieder überfordert und seine Kräfte über- steigt, dann ist das kontraproduktiv“, so Brandstät- ter. „Exzessive Persistenz“, wie Psychologen das nen- nen, führe zu ständigen Frustrationen und könne sogar depressive Verstimmungen hervorrufen. Au- ßerdem vergebe man die Chance, seine Energie, Zeit und andere Ressourcen in gewinnbringendere Pro- jekte zu stecken. „Jeder hat sicher Beispiele parat, wo er im Nachhinein sagt: Es wäre besser gewesen, wenn ich das Ziel früher aufgegeben hätte.“ Auch der amerikanische Psychologe Alan Bern- stein und die Wissenschaftsjournalistin Peg Streep betonen, dass Aufgeben eine wertvolle Fähigkeit ist, die einen im Leben voranbringt. Dinge beenden zu können sei wichtig, erläutern sie in ihrem Buch Quit- ting, weil der menschliche Verstand darauf program- miert sei, hartnäckig zu sein, selbst wenn ein Ziel unerreichbar ist. Diese inneren Programme, die oft unbewusst abliefen, könnten einen beispielsweise dazu verleiten, die eigenen Fähigkeiten zu überschät- zen oder sein Engagement noch zu erhöhen, wenn einem ein Ziel entgleitet. Solche Impulse seien au- ßerordentlich nützlich gewesen, als das Überleben des Menschen noch ganz von physischen Betätigun- gen wie dem Jagen, von schnellen Reaktionen und eisernem Durchhaltewillen abhängig war. Auch heu- te noch setze der Verstand diese Strategien ein, die nichts mit Rationalität und Logik zu tun haben. Zu lernen, wie man aufgibt, kann einen davor be- wahren, aussichtslose Unternehmungen immer wei- ter zu verfolgen. Aufzugeben sei kein Selbstzweck, heben Bernstein und Streep hervor, sondern ein not- wendiger erster Schritt, um einen Neustart zu machen und seine Ziele umzudefinieren. „Den Wert des Auf- gebens zu akzeptieren mag der eigenen Intuition wi- dersprechen. Wir haben alle gelernt, dass Aufgeben ein Zeichen von Schwäche ist. Doch die Wahrheit ist: Erfolgreiche Menschen wissen sowohl, wann man dranbleibt, als auch, wann man aufgibt.“

Ein ausgeträumter Traum

In diesem Licht betrachtet, sind Madeline Jost und ihr Freund Gewinner – und sie sehen sich auch selbst als Menschen, die etwas gewonnen haben. Den Traum vom Auswandern aufzugeben sei nicht leicht gewe- sen, wie die Fotografin betont: „Aber heute sage ich:

Was für ein Glück, dass wir nicht weiter einem aus- geträumtenTraumhinterhergelaufensind.“Zunächst hätten sie sich sehr verloren gefühlt. Aber dann

gingen sie die Neugestaltung ihrer Zukunft ganz sys- tematisch an: Sie beschlossen, an einen Ort zu ziehen, der ähnlich menschenleer und ruhig wie Island ist, aber in der Nähe ihres alten Wohnortes Hamburg liegt. Eine Google-Suche legte eine passende Region nahe: das Wendland. Und dann ging alles ganz schnell: Innerhalb von drei Wochen fanden sie in Lüchow eine große helle Wohnung, in die sie zügig einziehen konnten. Ein- mal dort, knüpften sie Kontakte zu alten und neuen Freunden, akquirierten Projekte und Auftraggeber. Kurze Zeit später kauften sie sich ein Haus, das sie jetzt umbauen und schon bald bewohnen werden. „Wir haben nun hier im Wendland das gefunden, was uns an Island so gefallen hat“, resümiert Made- line. „Dadurch ist mir klargeworden, dass ich viele Möglichkeiten habe, mir das Leben so einzurichten, wie es mir entspricht. Das gibt mir ein unglaubliches Vertrauen. Zudem hat uns die gemeinsame Erfah- rung als Paar auf die Probe gestellt und uns näher zusammengebracht.“ Positive Effekte, wie sie Madeline beschreibt, sind kein Einzelfall. Studien zeigen, dass Aufgeben in meh- rerlei Hinsicht förderlich ist. Menschen, die von sich sagen, dass sie sich eher leicht von unrealistischen

Zielen lösen, zeichnen sich durch ein hohes psychi- sches Wohlbefinden aus, wie die Untersuchungen des Motivationsforschers Carsten Wrosch (Concordia University, Montreal) und anderer Wissenschaftler zeigen. Solche Leute fühlen sich weniger nervös und unter Druck und empfinden eher, dass sie ihre Zu- kunft gestalten und steuern können. Ziele nicht los- lassen zu können ist dagegen mit hoher emotionaler Belastung, Stressgefühlen und depressiven Sympto- men verbunden.

Ein Ziel, das zu einem passt

Wer unrealistische Vorhaben aufgibt, reduziert Stress – und das tut auch dem Körper gut. So wurden in einer weiteren Studie von Wrosch Probanden, die sich relativ leicht von Zielen abwenden konnten, we- niger von Verdauungs- und Schlafstörungen, Ekze- men, Asthmaanfällen und anderen Gesundheitspro- blemen geplagt als Menschen, die an einem einmal ins Auge gefassten Ziel klebten. Aufgeben kann aber nicht nur körperliche und seelische Erleichterung verschaffen, sondern einen auch auf einen Pfad zu mehr Erfüllung und Zufriedenheit bringen. Denn wenn man ein bisheriges Vorhaben fallenlässt und sich neuen Möglichkeiten öffnet, dann stehen die

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Hab ich das Zeug zur Superwoman? Oder ist es sinnvoll, Platz für neue Vorhaben zu schaffen?

Den lange erträumten Roman zu schreiben – es gelingt nicht. Ein echter Schlussstrich ist nun wichtig

Chancen gut, dass man ein Ziel findet, das besser zu einem passt. Darauf deutet eine Studie von Veroni- ka Brandstätter und Marcel Herrmann mit jungen Erwachsenen hin. „Nachdem man ein wichtiges Ziel aufgegeben hat, was ja nicht leicht ist, geht man bei der Suche nach Alternativen in der Regel sorgfältiger vor“, erläutert die Wissenschaftlerin. „Man hat in gewisser Weise seine Lektion gelernt und eruiert sei- ne Möglichkeiten nun sorgsamer. Man hat sich selbst vielleicht auch besser kennengelernt und weiß ge- nauer, worauf es einem wirklich ankommt.“ Das kann bedeuten, das Chemiestudium trotz guter Noten abzubrechen, weil man feststellt, dass man für die einsame Arbeit im Labor zu menschen- orientiert ist, und auf Jura umzusatteln mit dem Ziel, später mal als Mediator zu arbeiten. Oder jemand gibt die ehrenamtliche Arbeit im Hospiz dran, weil sie ihn seelisch überfordert. Und engagiert sich künf- tig für ältere Menschen in einem Verein für Nach- barschaftshilfe. Schließlich ist Aufgeben auch eine wirkungsvol- le Strategie, um seine Erfolgsaussichten zu erhöhen. Das klingt vielleicht paradox, ist in der Wirtschaft aber schon lange bekannt. Ein berühmtes Credo des ehemaligen Chefs des US-Konzerns General Electric, Jack Welch, lautete: „Entweder wir sind mit einem Produkt auf dem Weltmarkt die Nummer eins oder zwei,oderwirhaltenunsmit dem Produkt nicht auf.“ Dies ist eine Heran- gehensweise, die auch für Indivi- duen vielverspre- chend sein kann, wie der amerika-

nische Autor Seth Godin in einem kleinen Ratgeber erläutert. Egal ob man Sportler, Grafikdesigner oder Firmenchef sei: Wer Herausragendes erreichen wolle, so Godin, der müsse Zeit und Energie in das vielver- sprechendste Ziel stecken – und jene, in denen man nur mittelmäßig ist oder trotz größter Anstrengun- gen über längere Zeit nicht weiterkommt, von der Liste streichen. Dieses strategische Aufgeben, wie er es nennt, habe nichts mit Scheitern zu tun, sondern sei „eine bewusste und kluge Entscheidung auf der Basis der Optionen, die einem zur Verfügung stehen“. Die positiven Wirkungen des strategischen Auf- gebens sind auch empirisch belegt. Experimental- studien eines Teams um den australischen Sportpsy- chologenNikosNtoumanis(Curtin University,Perth) zeigten, dass Athleten, die relativ früh erkannten, dass ein vorgegebenes Ziel in einer Sportart (Rad- fahren) für sie unerreichbar war, und auf eine ande- re Sportart (Rudern) umsattelten, weniger grübelten und emotional haderten als Sportler, die länger an ihrem unrealistischen Ziel festhielten. Der Wechsel auf ein vielversprechenderes Vorhaben führe auch zu insgesamt höheren Leistungen, vermutet der For- scher – eine These, die er gerade in einer aktuellen Studie untersucht. „Ein unerreichbares Ziel aufzu- geben setzt neben Zeit und Energie auch kognitive und emotionale Ressourcen frei, die genutzt werden können, um andere Ziele mit größerem Erfolg zu verfolgen“, so Ntoumanis.

Warum das Loslassen so schwerfällt

Die Reißleine zu ziehen ist in manchen Situationen die genau richtige Entscheidung – aber eine, die ganz schön schwerfallen kann, wie Christine Bader fest- stellte. Die Managerin und Autorin aus Seattle kün- digte 2017 ihren vermeintlichen Traumjob als Di- rektorin für soziale Verantwortung bei Amazon, den sie erst 2015 angenommen und auf den sie seit Jahren hingearbeitet hatte. „Er stellte sich als doch nicht so perfekt heraus“, wie Bader in einem Artikel in der New York Times schreibt, „nicht zuletzt, weil sich meine Zwillinge während meiner 22-monatigen Tätigkeit von stummen Babys in neugierige und unwiderstehliche kleine Menschen verwandelt hat- ten. Meine Bürostunden waren zu bewältigen, aber

wenn ich nach Hause kam, war ich nicht so präsent, wie ich es sein wollte.“ Sie hätte es durchziehen können, meint sie in der Rückschau, schließlich half ihr Mann kräftig mit, und sie hatte ein großzügiges Gehalt. „Aber als ich innehielt und mal wirklich aufmerksam war – und aufhörte, geschäftig die Logistik zu managen und durch den Schmerz zu laufen, wie man das [im Laufsport] nennt –, wusste ich, dass die Situ- ation nicht richtig war. Also gab ich den Job auf.“ Dabei ließ sie es nicht bewenden: Sie verabschiedete sich auch von halbfer- tigen Schreibprojekten, die nicht in Fluss kommen wollten, und gab das Marathonlaufen, das ihr in der Tat Schmerzen verursachte, auf. Leichtgefallen sei ihr das Loslas- sen nicht, gibt sie zu. Es habe ihr weh- getan, das Team bei Amazon zu ver- lassen. Und wenn sie andere Marathonläufer sah, verspürte sie heftigen Neid. „Aber die Qualität und Quantität an Zeit, die ich nun für meine Familie und für mich habe, haben mich mehr als entschädigt. Mir ist klargeworden, dass man manchmal die Pau- setaste drücken muss.“ Im Nachhinein ist es oft offensichtlich, dass es vorteilhaft war, etwas aufgegeben zu haben. Doch zu erkennen, dass es besser wäre, ein Vorhaben ein- zustellen, während man es verfolgt, und den Ausstieg dann auch durchzuziehen ist keineswegs leicht. Psychologen verweisen auf eine Reihe von sozialen, emotionalen und kognitiven Faktoren, die dazu bei- tragen, dass Menschen an Ideen und Projekten kleben (siehe Kasten Seite 23). Auch die eigene Disposition kann einem einen Strich durch die Rechnung machen. Manche Typen von Menschen, so haben Forscher festgestellt, haben mehr Mühe damit, sich von Zielen zu lösen, als an- dere. Das gilt beispielsweise für sogenannte lageori- entierte Menschen. Dies sind Leute, wie Psychologe Bernstein und Wissenschaftsjournalistin Streep er- läutern, die in Situationen, in denen ein Vorhaben schlecht läuft, von negativen Emotionen überwältigt werden und zögerlich reagieren. Sie fallen ins Grü- beln, suchen die Schuld bei sich und bleiben in der

Situation gefangen. Handlungsorientierte Menschen dagegen können negative Gefühle regulieren, bleiben entscheidungsfreudig und nach vorne gerichtet – und verabschieden sich, wenn nötig, von einem Projekt. Zudem tun sich Menschen, deren Motivation es ist, etwas zu vermeiden („Ich will keine Fehler machen und keinen Misserfolg haben“), schwerer mit dem Aufgeben als solche, die etwas erreichen wollen („Ich will Erfolg ha- ben“). In einer Studie der Psychologinnen Heather Lench und Linda Levine mussten Probanden in einer vorgegebenen Zeit drei Se- rien von Anagrammen lösen, also Buchstabenrätsel, bei denen man durch Um- stellen von Buchstaben aus einem Wort ein neues sinnvolles Wort bildet. Der Dreh: Die erste Serie enthielt nur Wörter, aus denen sich keine an- deren sinnvollen Wörter bilden ließen. Es zeigte sich, dass sich Teilnehmer mit Vermeidungszielen länger mit den unlösbaren Rätseln aufhielten (und mehr Ärger dabei empfanden), während die Teilnehmer mit (positiven) Annäherungszielen schneller das ers- te Set ad acta legten und zum zweiten und dritten übergingen.

Mache ich Fortschritte, stehe ich still?

Es gibt viele Faktoren, die die Loslösung von Zielen erschweren – aber auch die Art, wie man aufgibt, kann problematisch sein. Nicht jede Form des Auf- gebens ist vorteilhaft. Ein Student, der sich nach ein paar vermasselten Klausuren in einem Frustanfall exmatrikuliert, wird möglicherweise im Nachhinein feststellen, dass er vorschnell gehandelt hat. Eine Au- torin, die ein Buchprojekt einfach im Sande verlau- fen lässt, ohne einen echten Schlussstrich zu ziehen, wird wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, sich ernsthaft einem anderen Stoff zuzuwenden. Gekonntes Aufgeben, schreiben Bernstein und Streep, beinhaltet ein umsichtiges und bewusstes Vorgehen. Eine erste zentrale Frage lautet: Ist es sinn- voll, von meinem Ziel abzulassen? Die Beantwortung

Frage lautet: Ist es sinn- voll, von meinem Ziel abzulassen? Die Beantwortung TITEL PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019

TITEL

Trauer, Ärger, Aggression:

Unterdrücken hilft hier wenig

läuft letztlich auf eine Kosten-Nutzen-Analyse hinaus, so Brandstätter: „Bin ich bereit, noch mehr an Kosten, Nachteilen oder gar Schmerzen in Kauf zu nehmen, um mein Ziel, von dem ich mir Vortei- le verspreche, zu realisieren? Dabei besteht natürlich das Grundproblem, dass man nicht in die Zukunft blicken kann und nicht genau weiß, ob man das Ziel tatsächlich erreicht und ob der Aufwand, den man betreiben muss, es wert ist.“ Hundertprozentig sicher wird man bei der Ein- schätzung also selten sein. Aber es gibt Indikatoren. Ein wichtiges Kriterium hinsichtlich der Erreichbar- keit ist die Frage, ob man Fortschritte erzielt oder nicht: Gibt es Anzeichen, dass ich mich vorwärtsbe- wege, zumindest ein wenig? Habe ich kritische Mei- lensteine erreicht und wichtige Hürden genommen? Oder stehe ich schon lange still, beziehungsweise fal- le ich sogar zurück, und das obwohl ich mir große Mühe gegeben habe? Manchmal ist es auch sinnvoll, so Brandstätter, schon vorab objektive Kriterien zu definieren, die als Richtschnur für einen Abbruch dienen. Bei der Frage der Kosten können viele Faktoren einfließen, etwa ob ein Projekt dem körperlichen Wohlbefinden schadet, welche anderen wichtigen Ziele man dafür zurückstellen muss und wie sehr es die Psyche belastet. Einen wichtigen Indikator kön- ne man unter das Stichwort chronisches Zähnezu- sammenbeißen fassen: „Wenn man sich bei einem Vorhaben permanent überwinden und immer wieder gegen innere Widerstände ankämpfen muss, wenn es nur noch darum geht, sich hart an die Kandare zu nehmen, dann ist das ein Warnsignal, dass man vielleicht in das Falsche investiert“, so Brandstätter. Und schließlich ist zu fragen, ob das Ziel überhaupt (noch) den eigenen Bedürfnissen und Wünschen entspricht.

Ablösung auf vier Ebenen

Hat man die Entscheidung getroffen, ein Ziel aufzu- geben, dann ist es wichtig, sich vollständig und um- fassend davon zu lösen. Dazu gehören vier Ebenen, wie Streep und Bernstein erläutern.

– Erstens gilt es, den Kopf vom bisherigen Ziel

freizumachen. Grübeleien wie „Habe ich vielleicht doch zu früh aufgegeben? Hätte ich vielleicht mehr Erfolg gehabt, wenn ich xy gemacht hätte?“ können

hartnäckig sein. Es hilft laut Bernstein und Streep wenig, solche aufdringlichen Gedanken unterdrü- cken zu wollen. Wirkungsvoller sei, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

– Zweitens muss man mit negativen Gefühlen um-

gehen, die beim Aufgeben von Zielen häufig und unter Umständen in heftiger Form auftreten und

von Bedauern und Trauer bis zu Ärger und Aggres- sion reichen können. Auch hier gilt: Unterdrücken hilft wenig.

– Das führt zur dritten, der motivationalen Ebe-

ne und beinhaltet, ein neues Ziel ins Auge zu fassen, was sehr hilfreich ist, um sich mental und emotional vom bisherigen Ziel zu lösen. Das kann bedeuten, ein ganz neues Vorhaben anzugehen oder auch das bisherige Ziel so abzuändern, dass es besser zu den eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten passt. Man könnte beispielsweise beschließen, nach Abbruch des Tiermedizinstudiums, das einem zu theoretisch war, eine Ausbildung zum Tierheilpraktiker anzufangen.

– Und viertens schließlich gilt es, konkrete Maß-

nahmen zu ergreifen, um das alte Vorhaben zu be- enden und sich in Richtung des neuen Ziels zu be- wegen.

Ein lauter Weckruf

Ein solcher Ablösungsprozess kann langwierig sein, aber am Ende stellt man möglicherweise fest, dass sich ganz unerwartete und vielversprechende Mög- lichkeiten eröffnen. So ging es auch Deirdre, einer 28-Jährigen, deren Geschichte Bernstein und Streep in ihrem Buch erzählen:

Mit sieben fing Deirdre mit dem wettbewerbs- mäßigen Schwimmen an, und der Sport bestimmte ihre Kindheit und frühe Jugend – eine große Schwimmkarriere schien möglich. Doch dann kam alles anders. Mit 14 entwickelte sie eine schmerzhaf- te Sehnenscheidenentzündung in beiden Schultern. Der Arzt riet ihr, den Sport aufzugeben, aber sie konnte sich das nicht vorstellen. „Mein ganzes Selbst- vertrauen und Selbstwertgefühl waren mit dem Schwimmen verbunden.“ Sie quälte sich, versuchte es mit einer mehrmonatigen Pause, aber auch danach blieb der Schmerz so stark, dass sie kaum 500 Meter schwimmen konnte. Sie versuchte das Schwimmen aufzugeben. Sie lenkte ihren Fokus auf anderes, fing Theaterspielen an, verbrachte ein Schuljahr im Ausland. Aber sie

sehnte sich nach der Anerkennung und den Glücksgefühlen, die sie beim Schwimmen gefunden hatte. Und so stieg sie immer wieder ins Becken: für das Team ihrer Universität, als Schwimmlehrerin und Coach. Erst sechs Jahre nachdem die Schulterprobleme angefangen hatten, gab sie endgültig auf. Bis heute hat sie Schmerzen. Es sei eine ständige Erinnerung daran, dass Durchhalten schädlich sein kann: „Von meiner Natur her gebe ich nicht leicht auf, und ich brauchte offenbar einen lauten Weckruf, bevor ich das verstanden habe.“ Aber Deirdre wirkt nicht bit- ter. Die Lektionen, die sie gelernt hat, kämen ihr heu- te als Therapeutin zugute, sagt sie. So arbeitet sie mit Opfern von häuslicher Gewalt, die oft Probleme ha- ben, die schädliche Situation zu verlassen. „Insgesamt hat mich das Aufgeben zu einer interessanteren und

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vielfältigeren Person gemacht, als ich es wahrschein- lich geworden wäre, wenn ich weiter geschwommen wäre. So viele Erfahrungen, die ich gemacht habe, wären an mir vorbeigegangen, wenn ich [den Sport] nicht aufgegeben hätte.“

ZUM NACH- UND WEITERLESEN

Veronika Brandstätter, Marcel Herrmann: Goal disengagement in emerging adulthood: The adaptive potential of action crises. International Journal of Behavioral Development, 40/2, 2016,

117–125

Peg Streep, Alan Bernstein: Quitting. Why we fear it – and why we shouldn't – in life, love, and work. Da Capo Lifelong Books, Philadelphia 2015

Seth Godin: The dip. A little book that teaches you when to quit (and when to stick). Portfolio/Penguin, New York 2007

Carsten Wrosch u. a.: Giving up on unattainable goals: benefits for health? Personality and Social Psychology Bulletin, 33/2, 2007, 251–265

WAS DAS LOSLASSEN BREMSEN KANN

Identität

Wichtige Ziele tragen zum Identitätsgefühl bei, so Vero- nika Brandstätter: „Sie aufzugeben kann deshalb zu gro- ßer Selbstverunsicherung führen.“ Der Sozialpsychologe Eric Klinger habe das sogar mit einem psychologischen Erdbeben verglichen, das einen in den Grundfesten er- schüttert. Dieser Effekt werde noch verstärkt, wenn auch andere einen mit einem bestimmten Ziel identifi- zieren, weil man seit Jahren davon spricht.

Denkfallen

Der menschliche Verstand ist darauf programmiert, ver- einfachte kognitive Operationen einzusetzen, die es uns ermöglichen, mit begrenztem Wissen und in begrenzter Zeit Entscheidungen zu treffen und Urteile zu fällen. Das Problem: Manche dieser Urteilstendenzen können einen dazu verleiten, an einem Ziel festzuhalten, obwohl es ob- jektiv betrachtet besser wäre, aufzugeben. Eine solche Denkfalle wird etwas sperrig „Verfügbarkeitsheuristik“ genannt: Sie beinhaltet, dass wir durch Geschichten an- derer – zum Beispiel Medienberichte über Sportler oder Jungunternehmer, die sich durchgebisssen haben – die Wahrscheinlichkeit überschätzen, ein eigenes schwieri- ges Projekt zu einem guten Ende zu führen. Eine weitere Falle: Menschen tendieren dazu, Ent- scheidungen davon abhängig zu machen, wie viel sie bereits in ein Projekt investiert haben. So denkt die Grün- derin einer wenig erfolgreichen Yogaschule vielleicht:

„Jetzt habe ich schon so viel Zeit und Geld in die Schule gesteckt; das will ich nicht verlieren, indem ich sie nun zumache.“ Dabei kommt es für eine objektive Beurtei- lung nur auf die zukünftigen Kosten und Erträge an. Psy- chologen nennen das „Sunk-Cost-Täuschung“. Zudem kann die Frustration, mit einem Projekt nicht weiterzukommen, dazu führen, dass es einem nun wert- voller erscheint als zu dem Zeitpunkt, als man damit an- gefangen hat. „Das Ziel wird aufgrund seiner Unerreich- barkeit buchstäblich immer reizvoller“, so Bernstein und Streep. Und je wertvoller uns ein Ziel erscheint, desto eher halten wir daran fest.

Gesellschaftliche und soziale Einflüsse

In einer Gesellschaft, in der Leute mit Stehvermögen Heldenstatus genießen, ruft Aufgeben leicht Gefühle von Scham und Angst hervor, was die Bereitschaft, ein Projekt aufzugeben, sehr hemmen kann. Dazu können weitere Faktoren im sozialen Umfeld kommen, erläutert Veronika Brandstätter. So mag eine Studentin, die fest- stellt, Medizin sei eigentlich nichts für sie, am Studien- gang festhalten, weil sie die vorwurfsvollen Blicke oder den Druck ihrer Eltern fürchtet, die beide Ärzte sind. Oder eine Mitarbeiterin in einer Unternehmensberatung quält sich trotz Zweifeln jahrelang durch 70-Stunden- Wochen, weil sie in einer Wettbewerbssituation mit ih- ren Teamkollegen gefangen ist, in der es darum geht, wer den längsten Atem und die stärksten Nerven hat.

VON ZIELEN UND ZWEIFELN

Wie leicht wir Projekte aufgeben und zu Neuem aufbrechen, hängt auch mit unserem Alter zusammen

Kinder und Jugendliche

Ein Kind lässt Pläne und Aktivitäten oft nach kurzer Zeit wieder fallen: In einem Monat buddelt es stun- denlang im Garten, um sich auf eine Karriere als Pa- läontologe vorzubereiten. Im nächsten wendet es sich stattdessen dem Schlagzeugspielen zu oder be- schließt, Bloggerin zu werden. In jungen Jahren fällt die Zielablösung in der Re- gel leichter, so Veronika Brandstätter, denn man hat noch nicht die Verpflichtungen, die ein Erwachsener berücksichtigen muss. Außerdem stehen einem auch mehr Alternativen offen, weil man noch jung genug ist und Zeit hat, um theoretisch alles zu lernen. Projekte anzufangen und sie wieder aufzugeben spielt im Kinder- und Jugendalter aber auch eine be- sondere Rolle für die Entwicklung. Das Überangebot an Aktivitäten und Hobbys könne zwar dazu führen, dass junge Menschen rastlos vom einen zum anderen wechselten – aus Angst etwas zu verpassen –, kriti-

siert die Psychologin. „Aber generell ist Experimen- tieren für sie wichtig, um die Welt zu entdecken, Wis- sen und Erfahrungen zu sammeln, soziale Netze zu knüpfen und auch herauszufinden, was ihnen liegt.“ Auf diese Weise kann Aufgeben sogar längerfris- tig das Durchhaltevermögen stärken, wie Angela Duckworth (University of Pennsylvania) erläutert:

Durch spielerische Beschäftigung und Ausprobieren könnten echtes Interesse und sogar Leidenschaft entstehen – zentrale Voraussetzungen für spätere Zielstrebigkeit: „Kinder arbeiten nicht hart für etwas, das ihnen egal ist.“ Je älter ein Kind werde, desto wichtiger sei, dass es an einer Sache dranbleibe, da- mit es erlebe, dass man durch Erfahrung besser wird und Rückschläge überwinden kann. Doch auch für ältere Jungen und Mädchen sei Aufhören manchmal die richtige Wahl, um Neues auszuprobieren und et- was zu finden, das sie wirklich lieben.

TITEL

Junge Erwachsene Im Alter zwischen 18 und 25 geht es darum, die ei- gene Identität
Junge Erwachsene
Im Alter zwischen 18 und 25 geht es darum, die ei-
gene Identität in den verschiedensten Bereichen zu
formen, erklärt Brandstätter: „Man muss herausfin-
den, was einen beruflich interessiert und wie man
zukünftig seinen Lebensunterhalt verdienen will.
Man bildet auch eine politische Werthaltung und
einen Lebensstil heraus. Man steht vielleicht kurz
davor, eine Lebenspartnerschaft einzugehen. Sich
persönliche Ziele zu setzen und sich wieder von ih-
nen zu lösen kann man in der Phase der emerging
adulthood als eine Form der Identitätsfindung in-
terpretieren. Man erforscht verschiedene mögliche
Selbst und probiert sie aus.“
Einerseits legt man sich in diesen wichtigen Ent-
wicklungsjahren auf bestimmte Dinge fest; ande-
rerseits können ernsthafte Zweifel an den eigenen
Zielen und Plänen aufkommen: Ist das Studienfach
wirklich das richtige für mich? Will ich mit dem
jetzigen Freund, der derzeitigen Freundin alt wer-
den? „Eine solche Phase des Haderns ist nicht an-
genehm“, so Brandstätter. „In einer Handlungskrise,
wie wir das nennen, können starke negative Emotio-
nen auftreten, man fühlt sich häufig auch körperlich
nicht gut, und die Leistungsfähigkeit kann leiden.
Aber so unangenehm das ist, es führt auch dazu,
dass man seinen Blick öffnet, anderen Möglichkei-
ten aufgeschlossener gegenübersteht, sorgfältiger
abwägt und sich ein klareres Bild seiner Präferenzen
und Optionen bildet – und am Ende oft ein Ziel fin-
det, das besser zu einem passt.“
Weil junge Erwachsene in der Identitätsfindung
sind, tritt dieser positive Effekt der Handlungskrise
bei ihnen offenbar besonders stark hervor. So zeigte
sich in einer Längsschnittstudie mit 207 Studenten
von durchschnittlich 21 Jahren: Je schwerwiegender
eine Krise war, die ein junger Mensch bei der Aufgabe
eines Ziels im Bereich Beruf, Liebe, Familie, Gesund-
heit oder Freizeitaktivitäten durchgemacht hatte, als
desto wichtiger und identitätsstiftender bewertete
er das neue Ziel, auf das er im Laufe der Krise um-
geschwenkt war, und desto sicherer war er, dass er
damit die richtige Wahl getroffen hatte. „Persönliche
Ziele sind Ausdruck der Persönlichkeit eines Men-
schen“, erläutert Brandstätter. „Die hohe Entschei­
dungssicherheit bei diesen Probanden weist also
darauf hin, dass sich ihre Identität stabilisiert hat.“

Loslassen im Alter

Im Alter ist Aufgeben aus anderen Gründen wichtig. Wenn Augen und Ohren weniger gut wahrnehmen, die Muskeln schwächer werden oder das Gedächtnis nachlässt, können Projekte und Aktivitäten, die man bislang mit Begeisterung verfolgt hat, zunehmend schwieriger oder gar unmöglich werden. Für den einen ist es die stundenlange Gartenarbeit, für ei- nen anderen das Skilaufen oder Klavierspielen. Wer trotz Funktionseinschränkungen Ziele, die eigentlich nicht mehr erreichbar sind, weiterverfolgt, erläutern Carsten Wrosch (Concordia University, Montreal) und Kollegen, muss mit ständigen Frustrationen und Misserfolgen umgehen und kann dann zunehmend unter Stimmungsproblemen leiden – bis hin zu einer Depression. Dies bestätigt auch eine empirische Untersuchung der Forscher. In einer Längsschnittstudie befragten sie 135 Kanadier im Alter zwischen 64 und 90 Jahren (Durchschnitt: 72), inwieweit es ihnen schwerfalle, nicht mehr über ein wichtiges Ziel, das sie aufgeben mussten, nachzudenken. Es zeigte sich, dass diejeni-

gen, die sich mit dem Loslassen schwertaten, wäh- rend der sechsjährigen Studienlaufzeit mit zuneh- menden Funktionseinschränkungen mehr depressi- ve Symptome entwickelten. Bei Senioren dagegen, die sich leichter von Zielen distanzierten, ging der Anstieg von mentalen und körperlichen Zipperlein nicht mit mehr Stimmungsproblemen einher. Bes- sere Stimmung wiederum war mit einer geringeren Anfälligkeit für akute Krankheiten verbunden, wie eine Nachfolgestudie von Wrosch und der Psycho- login Joelle Jobin zeigt. So erkrankten Senioren, die von sich sagten, sie trennten sich eher leicht von Zielen, signifikant weniger häufig an grippalen Infekten als Senioren mit Beharrungstendenzen. Dies galt insbesondere für die besonders alten Teil- nehmer der untersuchten Gruppe. Natürlich ist es wichtig, im Alter aktiv zu bleiben und weiter ge- wisse Herausforderungen zu suchen, aber starr an alten Zielen festzuhalten ist, wie Wroschs Arbeiten zeigen, kontraproduktiv. ANNETTE SCHÄFER

PH

ILLUSTRATION: MICHEL STREICH

THERAPIESTUNDE

ILLUSTRATION: MICHEL STREICH THERAPIESTUNDE D ie Arbeit mit Borderlinepatienten gehört sicherlich nicht immer zu den

D ie Arbeit mit Borderlinepatienten

gehört sicherlich nicht immer zu

den attraktivsten Tätigkeiten in

meinem therapeutischen Arbeitsalltag. Zu häufige Beziehungstests – „Hält der Therapeut auch wirklich zu mir?“ –, zu wenig Möglichkeiten zur Regulation der überbordenden Emotionen, die zu Selbst- bestrafung und -verletzung führen, ma- chen die Arbeit in der Regel nicht gerade leicht. Aber wer will schon immer nur mit „unkompliziert erscheinenden“ Patienten arbeiten? Anna * kam mit der Diagnose Border- linepersönlichkeitsstörung in unsere Pra- xis. Sie war damals 25 Jahre alt und bereits

berentet, ich begleite sie therapeutisch seit nunmehr 13 Jahren. Traumatisierungen, sexuelle Gewalter- fahrungen, Erfahrung mit harten Drogen, wiederkehrende Angst und Panikattacken sowie unzählige Beziehungsabbrüche

kennzeichnenihreBiografie.StändigeAuf-

enthalte in verschiedenen psychiatrischen Krankenhäusern mit Spezialabteilungen und Suizidversuche – mein Optimismus, ihr helfen zu können, war anfangs sicher-

* Name von der Redaktion geändert

KEIN PLAN

Kein formuliertes Therapieziel, keine festen Vereinbarungen:

Ist das überhaupt Psychotherapie? Und wie reagiert eine Borderlinepatientin auf dieses Vorgehen?

wie reagiert eine Borderlinepatientin auf dieses Vorgehen? Michael Broda arbeitet als Psychologischer Psychothera-

Michael Broda arbeitet als Psychologischer Psychothera- peut in eigener Praxis in Dahn. Er ist Mitherausgeber und Schriftleiter der Fachzeitschrift Psychotherapie im Dialog und Mitherausgeber der Lehrbücher Praxis der Psychotherapie und Techniken der Psychotherapie

licheherverhalten.SiekonntekeinenBlick-

kontakt halten, trug die Haare wie ein Vi- sier vor ihrem Gesicht, murmelte leise vor sich hin. Ein Handgeben zur Begrüßung war ebenso wenig möglich wie eine genaue Exploration der Traumatisierungen, da sie dabei stets unmittelbar dissoziierte, das heißt aus der Realität verschwand und sich in eine eigene ruhige Innenwelt begab. Was löste sie in mir aus? Zuerst ein starkes Mit- gefühl mit ihrer Not und Verzweiflung,

verbunden mit dem Ziel, mit ihr das Leben anzusehen und nicht ständig über dessen Beendigung zu verhandeln. Ich sagte ihr, dass ich mit ihr arbeiten wolle – unter der Bedingung, dass sie bis zumnächstenvereinbartenTerminkeinen Suizidversuch unternehmen werde bezie- hungsweise sich in der Not sofort an einen Therapeuten wende. Sie stimmte dem Non-Suizid-Vertrag zu, später allerdings berichtete sie mir, dass sie dachte, es pas- siere ihr ja nichts weiter, wenn sie diesen „erfolgreich“ brechen würde. Sie zeigte sich erstaunt, dass ich keine weiteren Be- dingungen formulierte, wie sie es aus vor- herigen Klinikaufenthalten kannte.

Ich machte ihr deutlich, dass ich nicht sagen könne, wohin unsere gemeinsame Therapiereise gehe, mich aber sehr inter- essiere, wie sie die Welt sehe, was für Träu- me sie habe und wo ihr die Krankheit möglicherweise im Weg stehe. Das mag erstaunen, aber ehrlicherwei- se muss ich sagen, dass sich Patienten nach mehreren stationären Aufenthalten in der Regel mit borderlinespezifischen Thera- pietechniken fast besser auskennen als ich. Um der starken inneren Spannung zu be- gegnen, die sie zur Selbstverletzung treibt, lernenBorderlinepatienten,denDruckauf ungefährliche Art zu mindern, etwa in eine Chilischote zu beißen oder sich mit Igelball oder Gummiband körperliche Reize zu schaffen, die von der inneren An- spannung ablenken, statt sich zu ritzen. Allerdings läuft man mit dem Verweis auf diese in akuten Krisensituationen hilfrei- chen Techniken auch Gefahr, etwas in der Beziehung im Moment auszublenden und „wegzutechnisieren“.

Therapeutische

Unaufgeregtheit

Es folgte eine über Jahre gehende, nieder- frequente begleitende Arbeit mit monat- lichen Sitzungsterminen und der Mög- lichkeit der Notfall-Kontaktaufnahme sowie anfangs halbierten Therapiestun- den mit 25-minütiger Dauer. Ich bekam den Eindruck, dass ihr die therapeutische „Unaufgeregtheit“ und Gelassenheit gut- tat und dass sie den Umstand, dass ich keinen Veränderungsdruck auf sie ausüb- te, für sich zu nutzen begann. Zunächst versuchte sie, Beziehungen zu Pferden aufzubauen – sie kümmerte sich bei der Pflege, half im Stall mit, hatte eine für sie sinnvolle Aufgabe und bekam ein Gefühl für eine unkomplizierte Be- ziehung – wenn auch nur zu einem Tier. Sie begann Kontakte zu pflegen und ver- suchte beruflich wieder geringfügig ein- zusteigen. Von ihren Eltern, die sie stark in der Krankenrolle sahen und ihr kein selbständiges Leben zutrauten, löste sie sich. Vor zwei Jahrenverliebtesie sichdann

überraschend in jemanden, der psychisch ebenfalls auffällig war. Sie heiratete und berichtete von einer zunehmend unpro- blematischen Sexualität. Ihren ehemals starken Kinderwunsch hatten ihr Ärzte nach den multiplen Traumatisierungen vor langer Zeit schon genommen. In der letzten Sitzung war die zwischen- zeitlich aufgehellte und meist fröhliche Patientin wieder zurückgezogener und „verhüllter“ und antwortete auf meine Frage, wie sie mit sich zurechtkomme:

„Überhaupt nicht gut – ich bin schwan- ger!“

Kein Druck – und eine verlässliche Beziehung

Wie Sie sich vorstellen können, war das eine Mitteilung, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte, ich zeigte mich freu- dig überrascht und gratulierte ihr spon- tan. Sie: „Ich kann mich nicht freuen – alle meine Zukunftspläne sind plötzlich durchkreuzt, und ich habe Angst vor der Verantwortung.“ Ich: „Kann es sein, dass Ihr Körper nach dieser ganzen schönen Entwicklung, die Sie geschafft haben, jetzt dazu vielleicht erstmals wieder bereit ist? Und Ihre Psyche sagt: Die Verantwortung kann ich mit der Hilfe meines Partners und meiner Freundinnen und Freunde übernehmen?“ Sie reagierte nachdenklich und sagte: „Ich muss mich an diesen Ge- danken wohl erst noch gewöhnen.“ Ich:

„Lassen Sie sich Zeit und nehmen Sie sich die nötige Ruhe, Sie müssen heute noch nicht so weit sein, diese neue Perspektive klar denken zu können.“ Ich erinnerte mich, dass ich ihr im Lauf der Jahre häufiger das Oscar Wilde zu- geschriebene Zitat mitgegeben hatte: „Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende!“ Welch eine Entwicklung für eine Frau, die leicht als „Drehtürpatientin“ hätte enden können – als jemand, der ent- lassen wird, bevor er ausreichend thera- piert worden ist, und deshalb bald wieder in einer Klinik landet. Was hat ihr mög- licherweise geholfen, einen solchen Weg

zu vermeiden? Ich denke in erster Linie:

Beziehung. Sie konnte sich auf mich ver- lassen, fühlte sich nicht unter Druck ge- setzt, musste keine Veränderungsschrit- te planen, keine Therapieziele vereinba- ren, keine Fortschritte als Legitimation weiterer Gespräche vorweisen. Sie hat viel Bestätigung erhalten, kleine Veränderun- gen wurden anerkannt, ihr Potenzial und ihre Ressourcen standen im Mittelpunkt. Wenn Sie mich fragen, ob das Psychothe- rapie ist, würde ich antworten: Auch das ist Psychotherapie. Genauso wie es sinn- voll sein kann, mit Menschen Ziele ab- zusprechen, Vereinbarungen zu treffen oder ihnen Aufgaben zu stellen, kann es richtig sein, solche Elemente zu unterlas- sen. Denn sie schädigen unter Umständen ein ohnehin stark ausgeprägtes negatives Selbstkonzept weiter („Ich bekomme es einfach nicht hin“, „Alle anderen haben ihre Gefühle besser im Griff“, „Auch in dieser Therapie werde ich wieder versa- gen“). Im Gegenteil: Anna gewann zu- nehmend das Gefühl, doch für etwas und jemanden gut zu sei, und gelangte zu der Überzeugung, dass ihr Veränderungen in Einstellung und Verhalten gelangen. Sie begann über ihr Leben und nicht über dessen Beendigung nachzudenken. Manchmal würde ich mir wünschen, Kostenträger könnten auch akzeptieren, dass Veränderungen bei solch biografisch schwer belasteten Patienten ihre Zeit brau- chen. Zum Glück gibt es als Abrechnungs- möglichkeit die sogenannte „Gesprächs- ziffer“. Die Vergütung ist deutlich schlech- ter als bei einer bewilligten Psychothera- pie, dafür ohne Kontingentbegrenzung. Auf diese Weise kann ich mit der Patien- tin im Quartal dreimal 50 Minuten spre- chen, ohne mit den gültigen Richtlinien in Konflikt zu kommen. Ja – 13 Jahre sind eine lange Therapiedauer, aber wie viele stationäre Aufenthalte wurden vermie- den, wie viele Notarzteinsätze überflüssig? Rein rechnerisch hat die Behandlung die Krankenkasse bislang etwa 7000 Euro ge- kostet – weniger als ein einziger mehrwö- chiger stationärer Aufenthalt. PH

Das Ideal des perfekten Körpers

* NAME GEÄNDERT

Wenn wir trainiert und schlank sind, gelten wir als wertvoll. Schönheit ist zur ethischen Pflicht geworden. Warum?

VON SILKE PFERSDORF

W enn Sandra Pallmann* sich auszieht, ist sie niemals nackt. Denn einen kleinen Apparat an ihrem Handgelenk legt sie nicht ab. „Mein Fitnesstra-

cker zählt jeden Schritt, überwacht sogar meinen Schlaf“, schwärmt sie. „Er sagt mir, wie viel Körper- fett ich habe, coacht meine Ernährung.“ Sandra Pall- mann, 27 Jahre alt, hat ein Ziel. Es lautet: vier Kilo weniger, definierte Muskeln, festere Oberschenkel. Die Düsseldorferin hatte schon immer eine norma- le, schlanke Figur. Aber sie ist auch überzeugt, dass ein schlankerer und muskulöserer Körper sie glück- licher macht: „Schon Coco Chanel hat gesagt: Nichts schmeckt so gut, wie es sich anfühlt, dünn zu sein.“ Wie viele andere versucht Sandra Pallmann, einer Vorstellung nahezukommen, wie der Körper heute geformt und beschaffen sein sollte: nämlich jung, gesund, schlank, fest und trainiert. Von diesem Ide- al berichtet die britische Philosophin und Professo- rin an der University of Birmingham Heather Wid- dows in ihrem Buch Perfect Me. Es verbreite sich seit

einigen Jahren in der ganzen Welt. Und indem es so viele teilten, sei es nicht mehr nur ein Schönheits-, sondern auch ein ethisches Ideal geworden. Was ist da passiert, und warum versuchen so viele, dieser Pflicht nachzukommen?

Wir wollen attraktiv sein

Schönheitsideale an sich sind keine Erfindung der Neuzeit. Sie haben eine bewegte Vergangenheit. Die griechische Klassik feierte Frauen mit sanften Run- dungen, die Renaissance verehrte üppige Frauen- körper, in der Romantik hungerten sich Frauen mit Essig und Zitrone zur schlanken Linie. „Es gibt kei- ne Kultur, in der Menschen unattraktiv sein wollen“, sagt Dr. Martin Gründl, Psychologe und Attrakti- vitätsforscher an der Hochschule Harz in Wernige- rode. „Was als schön empfunden wird, hängt laut

Studien zur Hälfte vom sogenannten private taste, den individuellen Vorlieben ab und zur anderen Hälf- te vom shared taste, dem gerade vorherrschenden allgemeinen Geschmack, bei dem alle Menschen gleich empfinden. Dieses allgemeine Ideal ist zum Teil erlernt, zum Beispiel durch Einflüsse von Me- dien, aber ist zu einem großen Teil auch dem Men- schen angeboren. Ein Hinweis auf eine genetische Festlegung ist, dass bestimmte Schönheitskriterien überall und zu allen Zeiten gültig waren.“ Studien lassen vermuten, dass 50 Prozent der ästhetischen Bewertung einem „inneren Code“ entspringen, das heißt, alle finden bestimmte Merkmale schön: „In keiner Gesellschaft galt oder gilt es als attraktiv, alt oder kränklich auszusehen“, sagt Dr. Gründl. „Wei- tere Beispiele sind eine glatte, ebenmäßige Haut oder auch Symmetrie.“ Der britische Sozialpsychologe Viren Swami von der Anglia Ruskin University in Cambridge kommt in einem Forschungsüberblick zu dem Schluss, dass das heutige schlanke Körperideal seinen Ursprung in den westlichen Ländern hat. Es ist in anderen Kulturen nach und nach übernommen worden, vor allem in den großen Städten und Ballungsgebieten. Laut Swami belegen Studien, dass Migranten, die in westlichen Kulturen leben, dünner sein wollen als die Landsleute in ihrer Heimat. Darüber hinaus un- terliegen heute auch Bevölkerungsgruppen, die vor- her noch davon verschont blieben, dem Diktat des Ideals: Ältere zum Beispiel. „50 ist das neue 40“, heißt es in diversen Frauenzeitschriften, und ältere Schau- spielerinnen wie Jane Fonda, Catherine Deneuve oder Helen Mirren werben für Kosmetikprodukte oder werden mit ihren sportlichen, schlanken Körpern als Vorbild für ihre Altersgruppe der immerhin rund 70-Jährigen präsentiert. Bei Schwangeren wiederum gilt: „Der akzeptierte schwangere Körper ist glatt und fest und – abgesehen von einem schönen Bauch – schlank“, konstatiert Widdows, und zu den

wichtigsten Bedingungen für eine gelungene Mut- terschaft gehöre, nach der Geburt möglichst schnell wieder zur alten Körperform zurückzukehren.

Geschönte Bilder setzen Standards

Für die weltweite Angleichung habe vor allem das Internet gesorgt, vermutet Heather Widdows und meint damit die ständige Flutung mit Bildern. „Auf Facebook und vielen anderen Social Media wie In- stagram, Snapchat und anderen geht es letztlich hauptsächlich oder auch ausschließlich um Bilder“, erklärt die Wissenschaftlerin und ergänzt: „Der Zu- gang ist übers Smartphone immer griffbereit, und wenn man bedenkt, dass es etwa in Indien schon mehr Handys als Spülklos gibt, kann man anneh- men, dass diese visuelle und virtuelle Kultur ständig wachsen wird.“ Spezielle Apps, die Bilder anschlie- ßend durch Filter verschönern oder aber sogar die Attraktivität eines Selfies bewerten, befeuern den Trend. „Die Filter setzen Standards“, ergänzt der Psy- chologe Martin Gründl. „Man kann kaum noch ein ungeschöntes Bewerbungsfoto schicken, also gerät man unter Zugzwang.“ Geschönte Fotos von Gleich- gesinnten setzen uns offenbar stärker unter Druck als die von Models. Sehen unsere Bekannten ver- meintlich schöner aus als wir, haben wir schnell das Gefühl: So könnte ich auch aussehen.

Das Schönheitsideal feiert seinen weltweiten, all- umfassenden Triumphzug. „Indem es dominanter wird, wird es akzeptierter und kaum noch hinter- fragt“, sagt Widdows. „Und je weniger es infrage gestellt wird, desto mehr wird es zum allgemein

akzeptiertenWerterahmen.“Unddamitwirdeswich-

tiger: „Je dominanter das Schönheitsideal wird, des- to größer wird sein ethischer Aspekt und desto eher wird eine Verschönerungsmaßnahme zur ethischen Pflicht“, ist Heather Widdows überzeugt. Doch das ist noch nicht der einzige Grund, warum sich so vie- le anstrengen, dieser Anforderung nachzukommen. Für diese Akzeptanz gibt es auch Ursachen, die in unserer psychischen Entwicklung liegen, wie der ös- terreichische Psychologe und Psychoanalytiker Klaus Posch erläutert. Er beschreibt in einem wissenschaft- lichen Beitrag unseren grundlegenden Wunsch nach Identifikation, also danach, andere Personen zu ver- stehen und sie gut zu finden, weil wir uns zugehörig fühlen wollen. Das tun schon kleine Kinder, indem sie ihre Eltern und Freunde toll finden. Später iden- tifizieren wir uns auch mit den Ideen anderer, etwa denen von Vorbildern. Eng damit verbunden ist un- sere Fähigkeit, Personen (oder Ideen) positiver zu se- hen, als sie vielleicht sind: „In jeder Beziehung gibt es auch Elemente von Idealisierungen.“ Jeder Mensch durchlaufe verschiedene Entwicklungsstufen – bis

WAS WIR IN UNSER AUSSEHEN INVESTIEREN

Jüngere zwischen 14 und 21 Jahren wenden viel Zeit dafür auf, um auf Selfies schön auszusehen, bestäti- gen Tiefeninterviews sowie eine repräsentative Um- frage, die das Marktforschungsinstitut Rheingold im März 2018 veröffentlichte. Laut Studie machen mehr als 80 Prozent dieser Altersgruppe regelmäßig Sel- fies, 40 Prozent der Mädchen brauchen für ein Selfie mindestens 30 Minuten. Zwei Drittel der Befragten gaben an, sich vorher zu schminken, Make-up auf- zutragen und die Haare sowie die Augenbrauen zu stylen – dies, damit die Bilder am Ende „ganz natür- lich“ aussähen und die Kosmetik nicht auffalle. Einen jugendlichen und fit wirkenden Körper er- arbeiten sich immer mehr Menschen in Fitnessstu- dios – in Deutschland nimmt die Zahl derer, die dort mehrmals wöchentlich trainieren, seit Jahren zu und lag im Jahr 2017 laut Angaben der Webdatenbank

Statista bei 4,3 Millionen. Und fast jeder zweite Deutsche ist laut Umfragen mit seinem Gewicht unzufrieden – aber das Abnehmen erfordert men-

tale Investitionen, Disziplin, Geduld und Durchhalte- vermögen über eine längere Zeit. Viele kaufen teure Diätprodukte, die die Gewichtsreduktion beschleuni- gen sollen, aber ihren Zweck nicht erfüllen. Körperliche Eingriffe wie die Aufspritzung von Falten und Lippen oder die Behandlung mit soge- nanntem Botox sind viel beliebter geworden und mittlerweile auch gesellschaftsfähig. Aber sie sind teuer. Eine Botoxbehandlung, die sogenannte „Fal- tenunterspritzung“, kostet, wie die Stiftung Waren- test vor ein paar Jahren ermittelte, zwischen 200 und 400 Euro und hält vier bis sieben Monate. Wer dann weiterhin faltenlos erscheinen will, muss wie-

der investieren.

SAC

wir als Erwachsene eine Identität entwickelt haben, die uns erlaubt zu unterscheiden, wel- che Ideale wir brauchen, was eine unrealis- tische Versuchung ist und wo wir Widerstand leisten wollen. Das Ideal des perfekten Körpers ist be- sonders verlockend für viele – es sei vielleicht nicht ohne weiteres zu erlangen, aber man könne etwas dafür tun, nämlich den Körper verändern, schreibt die in Österreich tätige Werberin und Marktforscherin Helene Kar- masininihremBuchWahre Schönheit kommt von außen. Das Training im Fitnessstudio macht uns fitter und muskulöser. Wer we- niger isst, wird schlanker. Botox sorgt dafür, dass wir eine Zeitlang faltenloser aussehen. Einige dieser Maßnahmen haben noch dazu den Vorteil, dass wir damit zugleich etwas für die Gesundheit tun können.

Der moderne Mensch als Unternehmer seiner selbst

Und die Eigenschaften, die es braucht, Schön- heit zu erlangen oder zu erhalten, seien in der Achtung unserer Gesellschaft stark ge- stiegen, meint die deutsche Philosophin Rebekka Reinhard in ihrem Buch Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen): „Das Bild eines perfekt gestylten und durchtrai- nierten Menschen suggeriert Selbstdisziplin – und das ist durchaus eine Charaktereigen- schaft. Eine, die in der neoliberalen Gesell- schaft Hochkonjunktur hat. In unserer Welt der Bilder gilt: Schönheit ist äußere, körper- liche Schönheit, und körperliche Schönheit steht für Leistung und Erfolg.“ Für den Psychoanalytiker Klaus Posch in- szenieren wir mit einem makellosen körper- lichen Erscheinungsbild „überzeugendes Auftreten und zugleich Vertrauen, sozialen Erfolg und Aufmerksamkeit“. Implizit informierten wir unser Gegenüber darüber, wir seien „anpassungsfä- hig und anpassungswillig“. Indem wir zeigen, dass wir an unserem Körper arbeiten, so formuliert es die Marktforscherin Karmasin, suggerieren wir noch mehr, nämlich dass wir über die richtige moralische Haltung verfügen und „selbstverantwortlich an den gesellschaftlich geforderten Vorgaben arbeiten“. Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Frei- burg, ist überzeugt, dass schöne Körper heutzutage einen Marktwert haben: „Wir leben in einer ökono-

Ein modellierter

Körper suggeriert

Disziplin und

Leistungsbereitschaft

mistischen Zeit, in der sich der moderne Mensch als Unternehmer seiner selbst begreift: Er ist verantwort- lich dafür, dass er nicht nur seine Aktien gut anlegt, sondern seinen Körper wie eine Aktie behandelt.“ Da gelte es, das Maximum herauszuholen: „Deshalb“, folgert Maio, „spielt das äußere Erscheinungsbild heute eine viel größere Rolle als noch in den 70er Jahren. Der Körper wird zu Markte getragen, des- wegen wird er gestylt, modelliert und perfektio- niert.“ Das Dreigespann Leistung, Erfolg und Diszi- plin ist durch die Schönheit längst zum unverzicht- baren Karrierequartett geworden. Viele Studien be- legen das mittlerweile – sogar bei Politikern stellt die

Wenn man sich zu sehr mit der eigenen Schönheit beschäftigt, führt das zu einer psychischen Verengung

physische Attraktivität inzwischen das zweitwich- tigste Erfolgskriterium dar. Schönheit taugt als Langzeitziel, ist allgemeingül- tig und überstrahlt persönliche Vorlieben, fordert bestimmte Gewohnheiten und Praktiken ein, struk- turiert den Alltag, schafft Identität und Bedeutung und stellt, kurz gesagt, ein besseres Leben in Aussicht, fasst Widdows das Versprechen der Schönheit zu- sammen. Aber macht Schönheit auch glücklich? Ei- ne Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit hält fest: „Gutes Aussehen fördert den wirt- schaftlichen Erfolg und wirkt sich damit positiv auf die individuelle Lebenszufriedenheit aus.“ Sich einem allgemeinen Ideal beugen, um individuell zufrieden zu sein – nur scheinbar ein Widerspruch.

Das Monster zerstören

Aber es gibt einen Nachteil: „Das Ich wird zum form- baren Objekt“, sagt Widdows, weil es sich über den Körper manifestiere. Wir stylen und formen den Körper, um unseren Erfolg zu präsentieren und zu zeigen, dass unsere moralische Haltung die richtige ist. Dafür müssen wir uns gefallen lassen, dass an- dere über unseren Körper – und das bedeutet: über unseren Charakter – urteilen. Bodyshaming, das Verunglimpfen von Figur oder Aussehen, ist auf allen Social-Media-Kanälen gängige Praxis. „Jede Ver- schönerungsanstrengung wird zum Muss“, sagt

Widdows. Wer das Spiel nicht mitmacht, outet sich als zu geizig, zu faul oder zu dumm, denn: „Mit allem, auch mit der Verweigerung, treffen wir eine Aussage.“ Das Ganze wird nicht einfacher dadurch, dass sich selbst schaden kann, wer Schönheits- und Körper- ideale allzu sehr zum eigenen Maßstab macht. Der Psychoanalytiker Klaus Posch sieht in der Überbe- wertung des perfekten Körpers die Gefahr, dass wir die Realität „illusionär verkennen“. Wer sich aus Angst, als hässlich zu gelten, zurückziehe, schränke sich ein und hindere sich selbst daran, Menschen kennenzulernen. Darüber hinaus sieht der Psycho- loge ein Risiko, dass es zu „psychischer Verengung“ führe, wenn man sich zu sehr nur mit der eigenen Schönheit beschäftige oder sogar eine Sucht danach entwickele. Dies reduziere andere Entwicklungsmög- lichkeiten. Das heißt: Wer zu viel Zeit und Geld in die Herstellung des schönen Körpers investiert, muss andere Interessen zurückstellen und auf schöne Er- fahrungen verzichten. Für Heather Widdows ist klar: Wer das Monster zerstören will, muss ihm ins Gesicht sehen. „Erst dann können wir davon absehen, einen Teil unserer Identität mit Verschönerungsmaßnahmen schaffen zu wollen.“ Ihre Überlegung ist wie folgt: Gibt man

offen zu, dass der wachsende Schönheitsdruck einem zu schaffen macht, verliert das Ideal zumindest einen Teil der Akzeptanz – und damit vielleicht den Status als ethisches Ideal. Ob es so kommen wird und wie viele das wirklich wollen, ist offen. Sandra Pallmann hatte sich dafür entschieden, dem Körperideal näherzukommen, und hat ihr Ziel erreicht: „Wenn ich heute Fotos von der dickeren Sandra anschaue, denke ich: Das bin ich doch gar nicht“, erzählt sie. „Jetzt beneiden mich viele, ich werde auch von mei- nen Kollegen ganz anders behandelt. Ich fühle mich wie ein neuer Mensch.“ Sandra hatte Größe 42, trägt jetzt 38/40. Im Jahr 2019 bedeutet das eine echte

Wesensveränderung.

PH

QUELLEN UND LITERATUR ZUM WEITERLESEN

Heather Widdows: Perfect me. Beauty as an ethical ideal. Prince- ton University Press, Princeton, Oxford 2018

Ada Borkenhagen u. a. (Hg.): Schönheitsmedizin. Kulturge- schichtliche, ethische und medizinpsychologische Perspektiven. Psychosozial, Gießen 2016

Helene Karmasin: Wahre Schönheit kommt von außen. Ecowin, Salzburg 2011

Klaus Posch: Die Schönheit der Körper. Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, 6/2011

Waltraud Posch: Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt. Campus, Frankfurt 2009

Winfried Menninghaus: Das Versprechen der Schönheit. Suhr- kamp, Frankfurt 2007

Alessandra D'Agostino u. a.: Beauty matters: Psychological fea- tures of surgical and nonsurgical cosmetic procedures. Psycho- analytic Psychology, 35/2, 2018. DOI: 10.1037/pap0000099

Viren Swami: Cultural influences on body size ideals: Unpacking the impact of westernization and modernization. European Psy- chologist, 2013. DOI: 10.1027/1016-9040/a000150

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34 PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019

ILLUSTRATION: HELENA PALLARÉS

„Eine große Kraft, die wir viel zu wenig nutzen“

Wie kann der gesellschaftliche Umschwung zu einem schonenden Umgang mit Ressourcen endlich gelingen? Der Nach- haltigkeitsforscher Thomas Bruhn sagt:

Unsere Geisteshaltung und grundsätzliche Einstellung zum Leben sind entscheidend

Herr Dr. Bruhn, Sie sagen, wir brauchen ein an­ deres Bewusstsein, um unseren Lebensstil zu verändern. Warum?

Es gibt sehr viele Ansätze, Menschen durch geschick- te Marketingstrategien zu überlisten, beispielsweise faire Produkte zu kaufen, den Stromanbieter zu wech- seln, weniger Plastikmüll zu produzieren. Richtig erfolgreich sind diese Ansätze aber nicht, weil sie ver- suchen, uns in ein ökologisches Verhalten hineinzu- manipulieren. Die innere Motivation fehlt. Ich glau- be, dass wir uns viel stärker mit unserer geistigen Haltung beschäftigen und unsere Beziehung zu uns selbst, zu anderen und zur Erde hinterfragen sollten. Darin liegt eine große Kraft, die wir bislang noch viel zu wenig nutzen.

Zahlreiche Initiativen setzen aber doch genau an diesem Punkt an und rufen dazu auf, im eige­ nen Stadtteil Müll wegzuräumen und Gemüse­ beete anzulegen, also sich verantwortlicher zu fühlen.

Das stimmt – aber vielfach finden die Akteure noch nicht zusammen, und das verhindert die Entwick- lung. Wir haben in Deutschland eine große Nach- haltigkeitscommunity, die sich stark auf technische Lösungen wie beispielsweise die Entwicklung erneu- erbarer Technologien konzentriert und auf politische

Lösungen wie Gesetze zum Emissionsschutz. Und eine andere wachsende Gemeinschaft beschäftigt sich mit der Kultivierung des Geistes: Achtsamkeit und anderegeistigePraktiken boomen,immer mehr Men- schen meditieren, und an vielen Stellen wird über die gesellschaftliche Bedeutung von Empathie dis- kutiert. Meist stehen Gesundheit und Wohlbefinden dabei im Vordergrund, aber auch die Suche nach ei- nem ressourcenschonenden Lebensstil spielt eine wichtige Rolle. Beide Ansätze ergänzen sich wunderbar und könn- ten sich befruchten – es sind aber bisher zwei weit- gehend getrennte Sphären. Wer einen Achtsamkeits- kurs besucht, weiß deshalb noch lange nichts über praktische Möglichkeiten, weniger CO 2 zu verbrau- chen. Und wer in der Nachhaltigkeitscommunity von Bewusstseinsentwicklung spricht, landet leicht in der Esoterikecke. In einem Projekt am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam, das ich seit 2016 leite, fördern wir deshalb den Austausch zwi- schen beiden Themen und den Beteiligten.

Wie muss man sich Ihre Arbeit konkret vorstel­ len?

Wir betreiben einerseits klassische Forschung, um herauszufinden, welche Bewusstseinsveränderung notwendig ist für einen ökologischen Wandel. An- dererseits verknüpfen wir Akteure aus den Bereichen Nachhaltigkeit und Bewusstseinswandel durch Ver- anstaltungenunddenAufbaueinerOnlinedatenbank und Plattform mit Informationen zu relevanten Menschen, Akteuren und Publikationen. Den dritten Schwerpunkt bildet die Entwicklung neuartiger Räu- me, Lernformate und Curricula für Transformati- onsprozesse. Das Besondere daran ist: Wir bringen Bewusst- seinswandel und nachhaltiges Verhalten im Alltag zusammen. Wir leiten auch sogenannte Transforma- tions Labs. Mit diesem Format unterstützen wir Men- schen und Organisationen, inneren Wandel und wirksames nachhaltiges Verhalten zu verbinden. Wir als Team versuchen auch, die Geisteshaltung zu le- ben, mit der wir uns konzeptionell befassen.

Was bedeutet Bewusstseinsentwicklung und in­ nere Veränderung in diesem Zusammenhang für Sie?

Dass ich mir klarer werde über das Wesen meiner Existenz – meine Beziehung zu mir und der Welt – und dass ich erkenne, dass beides zusammenhängt:

mein innerer Zustand, der mich drängt, immer mehr aus mir und anderen rauszuholen, und mein Umgang mit dem Planeten und seinen Rohstoffen.

Warum beute ich mich selbst aus? Welche Bezie- hung habe ich zur Welt? Ist sie für mich wie eine Maschine? Oder ein Selbstbedienungsladen? Oder erkenne ich mich selbst als einen Teil dieser Welt? Realisiere ich, dass die Art und Weise, wie ich mit mir und meinen Grenzen umgehe, mein Verhalten beeinflusst? Wenn die restliche Erde für mich etwas Abstrak- tes, von mir Getrenntes ist, lasse ich meinen Müll einfach liegen, und es ist mir egal, wie viel Strom und Kerosin ich verbrauche oder welches Leid mein Fleischkonsum verursacht. Wenn mich der Zustand der Erde wirklich berührt, weil ich mich als Teil von ihr fühle, kann ich nicht mehr einfach so weiterma- chen, sondern bemühe mich, stimmige Beziehungen zur Welt zu entwickeln.

Sie haben Ihr Projekt A Mindset for the Anthro- pocene genannt. Warum?

Der Begriff des Anthropozäns beschreibt die Tatsa- che, dass die Menschheit zum ersten Mal in unserer Zivilisationsgeschichte als globales Kollektiv die Funktionsweise des gesamten Erdsystems prägt und damit auch die Lebensgrundlagen aller Lebewesen. Wir haben damit eine ganz andere Verantwortungs- rolle als noch vor 200 Jahren: Das Wohlbefinden allen Lebens und die Stabilität des gesamten Erdsystems

Es gibt keinen Automatis­ mus der Art „Weil ich meditiere, fahre ich nicht mehr mit dem SUV zum Einkaufen“

Nachhaltiges Leben beginnt im Geiste, sagt Thomas Bruhn. Er rät, regelmäßig innezuhalten und sich ehrlich und in Ruhe folgende Fragen zu stellen:

Warum kaufe ich gerade diesen Gegenstand? Welches Bedürfnis steht dahinter? Benötige ich ihn wirklich? Wenn nicht, welche andere Funktion erfüllt er für mich?

Was halte ich für wirklich bedeutsam in dieser Welt und diesem Leben? Fördere ich durch mein Handeln das, was mir wichtig ist?

Bevor ich aus dem Affekt heraus auf irgendetwas reagiere: Schaffe ich es, kurz bewusst zu atmen und mir darüber klarzuwerden, was ich im nächsten Moment tun oder sagen möchte?

Sehe ich meine Umgebung hauptsächlich unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit für mich? Oder sehe ich in den

Dingen und Menschen um mich herum ihren eigenen Wert, einfach nur weil sie existieren?

Kann ich mir die Welt, in der ich gerne leben möchte, vorstellen? Und handele ich so, wie ich in dieser von mir gewünschten Welt handeln würde? Falls nicht, warum

ist das so?

BS

sind davon abhängig, wie wir mit unserem Planeten umgehen. Unsere Denkweisen und Geisteshaltungen entscheiden darüber, wie wir den Herausforderungen begegnen – deshalb der Begriff Mindset.

Viele Menschen haben aber den Eindruck, nur ein kleines Rädchen zu sein, das nicht viel gegen den Klimawandel bewirken kann.

Genauso ging es mir auch, bevor ich an unser Insti- tut kam. Und ich fühle mich immer noch regelmäßig eingeschüchtert von der schieren Größe der Heraus- forderungen, vor denen unsere Welt steht. Ich erlebe oft, dass Menschen sagen: „Es nützt nichts, wenn ich mich ändere, erst muss sich das System ändern.“ Im Gegensatz dazu sagen mir Vertreter „des Systems“ in scheinbar einflussreichen Positionen aber auch:

„Das System wird sich nicht ändern, bevor sich nicht die Menschen ändern.“ Diese Diskussion führt letztlich zu nichts. In mei- nen Augen gibt es diese Trennung nicht. Ich sehe die Zusammenhänge der Welt eher wie ein neuronales Netzwerk, bei dem jede Zelle in Beziehung steht mit dem Gesamtsystem. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich als einzelne Zelle nur sehr klein bin, aber gleichzeitig bin ich auch Teil des Gesamtsystems und viel stärker mit allem verbunden, als es mir manch- mal scheint. Und meine Geisteshaltung ist damit auch prägender Bestandteil des Gesamtsystems.

Wie kommen wir unserer Geisteshaltung auf die Spur?

Die entscheidende Frage dabei ist für mich: Was treibt mich an? Wo kann ich in meinem Umfeld etwas ver- ändern? Ist mir mein Anliegen wichtig genug, dass ich mich von der Opferrolle emanzipiere, oder finde ich es vielleicht sogar ganz bequem, fremdbestimmt zu sein und darüber zu jammern? Ich begreife unser Projekt auch als einen Ermuti- gungsprozess für jeden Menschen, der dieses Poten- zial in sich suchen möchte.

Welches Mindset ist dabei hilfreich?

Das Ziel unseres Projekts ist nicht, zu sagen: So musst du denken, fühlen und handeln. Das wäre in meinen Augen vermessen und übergriffig. Wir suchen nicht nach dem ultimativen Ansatz, sondern wir wollen aufzeigen, was bereits möglich ist. Dafür müssen wir aber nichts neu erfinden, wir bringen Menschen und Prozesse miteinander in Kon- takt, die bisher an verschiedenen Enden des Problems arbeiten. In Workshops starten wir mit konkreten Nach- haltigkeitsproblemen wie zu viel Plastik, CO 2 -Aus- stoß oder Kerosinverbrauch. Wir regen die Teilneh- mer aber auch an, ihre eigenen mentalen Muster und

Weltanschauungen zu reflektieren. Erst zum Schluss entwickeln wir konkrete Ansätze, wie sich beispiels- weise die Erkenntnis „Ich bin ein Teil der Erde“ in nachhaltiges Verhalten im eigenen Unternehmen übersetzen lässt. Wenn sich die innere Haltung nicht verändert, passiert nichts.

Können Sie ein praktisches Beispiel nennen?

Eine Politikberaterin hatte den Eindruck, dass die in der Beratung übliche Vorgehensweise, eine Studie zu präsentieren, ein Briefing zu machen und ein paar Schlüsselbotschaften herüberzubringen, bei ihrem Gegenüber nichts anrührte. Nur mit Fakten konnte sie keinen Politiker dazu bewegen, sich für Nachhal- tigkeit zu engagieren, und das hat sie frustriert. Wir haben sie in Kontakt gebracht mit dem Netz- werk Mindful Nation UK. Diese Initiative in Groß- britannien organisiert unter anderem Achtsamkeits- kurse für Politiker, die so aufgebaut sind, dass Fragen zu sozialer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in die Meditationspraxis integriert sind. Das hat der Frau ganz neue Ideen gegeben, wie sie erfahrungsbasierte Lernprozesse oder auch emotionale Aspekte in ihre Arbeit integrieren kann.

Nur zu verstehen verändert also offenbar nichts Was braucht es darüber hinaus?

Wir bombardieren uns gegenseitig mit noch mehr Zahlen, wie hoch der CO 2 -Ausstoß durch fleischin- tensive Ernährung ist, aber das führt nur zu Infor- mationsmüdigkeit. An Informationen haben wir oh- nehin eher einen Overkill. Wissen ist das eine, sich berühren lassen das andere. Kontemplation, also ein tieferes, betrachtendes Einlassen ermöglicht eine Ver- bindung auf der emotionalen, intuitiven Ebene. Wir im Team pflegen eine regelmäßige Achtsamkeits- und Mitgefühlsmeditation als einen von vielen Zugängen zu innerer Transformation unserer ethischen Ori- entierungen und Weltanschauungen.

Führt eine regelmäßige Meditationspraxis denn tatsächlich zu einem veränderten Lebensstil?

An der Technischen Universität Berlin forschte bis vor kurzem ein interdisziplinäres Team zu der Frage, ob und – wenn ja – wie sich Achtsamkeit auf den Konsum auswirkt. Das sogenannte BiNKA-Projekt zielte darauf ab, Menschen zu nachhaltigem Konsum zu befähigen und die Diskrepanz zwischen Umwelt- bewusstsein und tatsächlichem Verhalten zu über- winden. Und tatsächlich hilft Meditation demnach, sich wirklich berühren zu lassen und mehr Verant- wortung zu spüren. Man darf aber daraus nicht den Kurzschluss ziehen: Wenn wir alle schön meditieren, sind wir vorbildlich ökologisch. Ich kann auch einen Acht-

sind wir vorbildlich ökologisch. Ich kann auch einen Acht- Dr. Thomas Bruhn ist Physiker. Er arbeitet

Dr. Thomas Bruhn ist Physiker. Er arbeitet seit 2012 am Institut für transformative

Nachhaltigkeitsfor-

schung (IASS) in Potsdam. 2016 hat er die Leitung des Projekts A Mindset for the Anthropocene übernommen

samkeitskurs besuchen und danach mit dem SUV zum Einkaufen fahren. Unbestritten ist: Die Achtsamkeitspraxis ermög- licht etwas, das herkömmliche Informationspolitik nicht schafft. Das Bewusstsein für Zusammenhänge kann anders haften bleiben, es ist nicht nur eine kognitive Information, die abgespeichert wird. Die Teilnehmer lassen sich berühren und identifizieren sich mehr mit ihrem Wunsch, anders zu leben.

Das allein reicht aber nicht.

Leider nein. Sensibel für das eigene Konsumverhal- ten zu werden ist ein wichtiger Schritt. Aber es braucht natürlich auch Informationen: Was kann ich tatsäch- lich tun? Wo habe ich Einflussmöglichkeiten? Tech- nokratische Aspekte sind ebenfalls wichtig. Auf der Onlineplattform FindingSustainia zum Beispiel stellen sich die Teilnehmer jeden Monat einer neuen Aufgabe. Etwa: vier Wochen lang sozio-fair einkaufen, vier Wochen lang emissionsarm leben, plastikfrei leben. Die Idee ist, sich eine Sache vorzu- nehmen und sie durchzuhalten. Vielleicht traue ich mich nicht, mit meinem Einmachglas in den Super- markt zu gehen und zu sagen: „Packen Sie mir die Oliven bitte hier rein.“ Dann lese ich von anderen, die beim dritten Mal von der Verkäuferin angestrahlt wurden, mache es auch und stelle fest, dass es kein Problem ist, wenn ich das selbstbewusst vertrete. Und immer einen wiederverwertbaren Coffee-to-go- Becher dabei zu haben ist auch nicht so schwer. Information, Sensibilisierung, Reflexion, prakti- sche Befähigung – das gehört unbedingt zusammen. Aber natürlich gerate auch ich selbst dabei immer wieder an meine Grenzen.

Inwiefern?

Ich lebe in einer Altbauwohnung mit Gasetagenhei- zung. Mein Jahresfußabdruck, den ich allein durch meine Heizung produziere, misst mindestens zwei- einhalb Tonnen CO 2 . Das ist mein theoretisches Jah- resbudget, ohne etwas gegessen oder Strom bezogen zu haben. Ich habe einen Ökostromanbieter und fliege wenig, das schafft einen kleinen Ausgleich. Aber mein eigenes Verhalten ist inkohärent, und darunter leide ich auch. Auch im Team stoßen wir an Grenzen. Wir verstehen uns als lebendes Labor. Wir überlegen, welche Konferenzen wirklich wichtig sind, und fliegen nur dorthin. Wir kochen zweimal in der Woche mit Gemüse, das auf unserer Dachterrasse wächst. Es geht nicht so schnell voran, wie wir das gerne hätten, aber ich habe ein großes Vertrauen in

langsame Prozesse.

PH

INTERVIEW: BIRGIT SCHÖNBERGER

ILLUSTRATION: TILL HAFENBRAK

PSYCHOLOGIE NACH ZAHLEN

ILLUSTRATION: TILL HAFENBRAK PSYCHOLOGIE NACH ZAHLEN AUF FREMDE ZUGEHEN 5 DURCHAUS EIGENNÜTZIGE GRÜNDE, KONTAKT

AUF FREMDE ZUGEHEN

5 DURCHAUS EIGENNÜTZIGE GRÜNDE, KONTAKT AUFZUNEHMEN

M anchmal kostet es Überwin- dung, auf Fremde zuzugehen. Vorurteile, Unsicherheit, aber

auch Gleichgültigkeit stehen uns im Weg. Doch wer die Hürden überwindet, kann davon auf vielfältige Weise profitieren.

1

HILFSBEREITSCHAFT

Im Jahr 1954 stellte der Psychologe Gordon Allport seine Kontakt-

hypothese auf: Je mehr wir mit Fremden zu tun haben, umso weniger Vorurteile hegen wir ihnen gegenüber. Mit der Ver- trautheit schwinden die Ressentiments. Mehr noch: Solche Begegnungen spornen auch generell unsere Hilfsbereitschaft an. Das beobachteten kürzlich Forscher um Jared Nai von der Singapore Management University. In ihrer Studie werteten sie un-

VON ANNA GIELAS

ter anderem die Daten der offiziellen Web- site aus, auf der Freiwillige im Zuge der Boston-Attentate von 2013 Fremden ihre Hilfe angeboten hatten. „Diese Helfer wa- ren größtenteils Menschen aus multikul- turellen Nachbarschaften der amerikani- schen Großstadt“, berichten die Wissen- schaftler. Sie kontrollierten, ob andere Einflüsse wie Bildung oder Religiosität die altruistische Haltung erklären konnten. Aber am Ende deutete alles auf Allports Kontakthypothese: Es war der tägliche Um- gang mit Menschen aus anderen Kulturen, der die freiwilligen Helfer aus Boston so hilfsbereit gemacht hatte.

Jared Nai u. a.: People in more racially diverse neigh- borhoods are more prosocial. Journal of Persona- lity and Social Psychology, 2018. DOI: 10.1037/

pspa0000103

2

SCHMERZTOLERANZ

Fremde lindern körperlichen Schmerz. Buchstäblich. Die Pro-

banden eines internationalen For- schungsteams lagen in der Röhre eines Magnetresonanztomografen, während ihnen schmerzhafte Stromstöße auf ihren linken Handrücken verabreicht wurden. Anschließend wurde ein Teil der Teilneh- mer von einer Person ihrer eigenen Nati- onalität verarztet. In der anderen Gruppe sorgten Menschen aus einem der Balkan- länder – einem für die Behandelten frem- den Kulturkreis – für die Schmerzlinde- rung. Und gerade in dieser Gruppe schlug die Behandlung besser an als in der ersten. „Die schmerzbezogene Hirnaktivierung war bei diesen Probanden verringert“, be- richtet Philippe Tobler von der Universi-

tät Zürich. Er und seine Kollegen vermu- ten dahinter eine Art Überraschungs- effekt: „Die Studienteilnehmer, die schmerzlindernde Maßnahmen von ei- nem Fremden erhielten, hatten nicht mit der effektiven Hilfe gerechnet.“ Umso größer war ihre Verblüffung, als es dann doch viel weniger weh tat – und gerade dieser Kontrast zur Erwartung senkte das Schmerzempfinden zusätzlich.

Grit Hein, Jan Engelmann, Philippe Tobler: Pain re- lief provided by an outgroup member enhances analgesia. Proceedings of the Royal Society B: Bio- logical Sciences, 2018. DOI: 10.1098/rspb.2018.0501

3

SELBSTLOSIGKEIT

Mit dem Alter scheint es uns leichterzufallen, selbstlos gegen-

über anderen Menschen zu sein. Das be- stätigten Narun Pornpattananangkul und sein Team aus Singapur in einer Studie. Sie basierte auf dem „Diktatorspiel“, in dem Probanden eine Geldsumme zwi- schen sich und einem Fremden aufteilen sollen.DabeiwarendieälterenTeilnehmer deutlich freigiebiger als die jüngeren.

„Menschen wenden sich mit dem Alter generell eher vom Eigeninteresse ab und suchen nach Quellen, die dem Leben einen größeren Sinn verleihen“, vermuten die Forscher. Und gerade Selbstlosigkeit ge- genüber Fremden, von der wir uns nichts versprechen können, schenke dem Leben mehr Bedeutung.

Narun Pornpattananangkul u. a.: Social discounting in the elderly: Senior citizens are good samaritans to strangers. The Journals of Gerontology: Series B, 2017. DOI: 10.1093/geronb/gbx040

4

SENSIBILITÄT

Bereits kurze Achtsamkeits- übungen machen uns empfäng-

licher für die soziale Ausgrenzung ande- rer Menschen – und motivieren uns, etwas dagegen zu unternehmen. Das dokumen- tierten Forscher um Daniel Berry von der California State University. Ein Teil ihrer Probanden übte sich aktiv in Achtsamkeit,

die anderen entspannten sich einfach so. Anschließend schauten alle Teilnehmer einem digitalen Ballspiel zu. Dabei wurde einer der Spieler von den zwei anderen

ausgeschlossen: Er bekam kaum den Ball zugespielt. Das änderte sich, als die acht- samkeitstrainierten Teilnehmer in das Spiel eingreifen durften. Sie bezogen den Ausgegrenzten nicht nur deutlich häufiger ein als zuvor die virtuellen Mitspieler, son- dern auch als die Probanden von der Kon- trollgruppe. Außerdem schrieben die Achtsamen dem Fremden eine herzliche- re, zuversichtlichere Nachricht als jenen beiden Spielern, die ihn ausgegrenzt hat- ten. „Die Studie verdeutlicht, dass wir Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für Men- schen, die uns fremd sind, fördern kön- nen“, so die Wissenschaftler.

Daniel R. Berry u. a.: Mindfulness increases proso- cial responses toward ostracized strangers through empathic concern. Journal of Experimental Psy- chology: General, 2018. DOI: 10.1037/xge0000392

5

OFFENHEIT

Musik schlägt eine Brücke zwi- schen den Kulturen: Dank ihr

lernen wir fremde Länder und ihre Be- wohner auf positive Weise kennen. Por- tugiesische Forscher dokumentierten die besondere Wirkung der Musik bei jungen Heranwachsenden. Sechs Monate lang nahm eine Gruppe an einem Programm teil, das sie mit den musikalischen Tra- ditionen und Eigenarten fremder Kultu- ren vertraut machte. Dabei lauschten die jungen Teilnehmer nicht nur der unbe- kannten Musik, sondern sangen nach ei- niger Zeit selbst mit. Nach insgesamt 20 Sitzungen, die jeweils 90 Minuten dau- erten, untersuchten die Forscher um Félix Neto, ob das Programm die er- wünschten Folgen hatte: Tatsächlich zeig- ten die jungen Probanden deutlich weni- ger Vorurteile (etwa gegenüber Migran- ten) als die Kontrollgruppe, die nicht an dem musikalischen Projekt teilgenom- men hatte. Der positive Effekt war aller- dings auf Menschen aus jenen Ländern beschränkt, die die jungen Probanden während ihrer musikalischen Odyssee kennengelernt hatten. PH

Félix Neto u. a.: Can music reduce national preju- dice? A test of a cross-cultural musical education program. Psychology of Music, 2018. DOI: 10.1177/0305735618774867

Psychology of Music, 2018. DOI: 10.1177/0305735618774867 * Depressionen * Angststörungen * Chronische
Psychology of Music, 2018. DOI: 10.1177/0305735618774867 * Depressionen * Angststörungen * Chronische
Psychology of Music, 2018. DOI: 10.1177/0305735618774867 * Depressionen * Angststörungen * Chronische
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Eine Politik zum Glück

Was kann der Staat tun, um die Lebensqualität seiner Bürger zu fördern? Die gängige Antwort lautet:

den Wohlstand steigern. In einer umfassenden Datenanalyse kommen Verhaltensökonomen nun jedoch zu dem Schluss: Mehr Einkommen macht kaum zufriedener. Die Politik kann aber an anderen Hebeln ansetzen

VON JOCHEN PAULUS

I ch glaube nicht, dass wir noch reicher sein müssen“, sagt Professor Andrew Clark von der Paris School of Economics. Clark ist ein ungewöhnlicher Ökonom, denn er erforscht nicht, was Menschen und Gesellschaften

wohlhabender, sondern was sie glücklicher macht. Als er vor Jahrzehnten anfing, Leute nach ihrem Be- finden zu befragen, statt sich einfach ihre Kaufent- scheidungen anzusehen, galt das vielen Kollegen als „ausgesprochen bizarre Methode, sich mit mensch- lichem Verhalten zu beschäftigen“, erinnert er sich. Er musste sich sogar anhören, dass er wohl den Beruf verfehlt habe. Heute ist er „sicher einer der Top-Hap- piness-Forscher“, sagt sein deutscher Kollege Jan Del- hey, Soziologieprofessor an der Universität Magde- burg. Und Clark kommt zu erstaunlichen Ergebnis- sen. Partnerschaften beispielsweise hält er nicht für

besonders glücksfördernd. Bildung auch nicht, ein- zelne Schulen und sogar Lehrerinnen dagegen schon. Unlängst hat Clark mit vier Gleichgesinnten das Buch The Origins of Happiness veröffentlicht – die Ursprünge des Glücks. „Unser Ziel ist ehrgeizig: Es geht darum, das Denken über das, was für Menschen wichtig ist, zu revolutionieren.“ Das Buch ist ein Glücksratgeber, aber nicht für Bestsellerfreunde, son- dern für Politiker und andere Entscheidungsträger. Was kann der Staat tun, um Menschen glücklicher zu machen? Das Werk wertet die Daten von großen Untersu- chungen aus. Wenn die Forscher also mehr Geld meist nicht für besonders vordringlich halten, ist das kei- ne subjektive Sein-statt-haben-Gesellschaftskritik, sondern basiert auf harten Daten. Aus Deutschland verwenden die Forscher Ergebnisse des Sozio-oeko-

ILLUSTRATIONEN: MATTHIAS SEIFARTH

ILLUSTRATIONEN: MATTHIAS SEIFARTH nomischen Panels (SOEP), für das jedes Jahr um die 30 000 Frauen und

nomischen Panels (SOEP), für das jedes Jahr um die 30 000 Frauen und Männer befragt werden. Es geht um Einkommen, Gesundheit, Bildung, Arbeit und Freizeit. Nach Möglichkeit werden jährlich die glei- chen Teilnehmer befragt. So lässt sich feststellen, wie sich ihr Leben verändert und womit die Verände- rungen zusammenhängen. Die Forscher nehmen sich auch ähnliche Untersuchungen aus Großbritannien, Australien und der Schweiz vor. Damit gelten ihre Erkenntnisse zwar erst einmal nur für „vier reiche Länder“, wie Delhey anmerkt. Bei Bedarf ziehen die Forscher aber auch umfassendere Untersuchungen wie den Gallup World Poll heran, der fast alle Länder umfasst. Glück im Sinne von Lebenszufriedenheit wird da- bei meist mit einer schlichten, aber aussagekräftigen Frage erfasst: „Wie zufrieden sind Sie alles in allem

mit Ihrem Leben – auf einer Skala von 0 bis 10?“ Anders als viele Glücksforscher nimmt Clarks Team nicht einzelne mögliche Ursachen für das Glück un- abhängig voneinander in den Fokus, sondern ana- lysiert viele auf einmal. Auf diesem Weg kann man die wirklichen Quellen von Glück und Zufriedenheit besser eingrenzen. Welche also sind das?

1. Der Faktor Geld

Ja, Geld verändert den Glückswert. Aber nur an der zweiten Stelle hinter dem Komma – um noch nicht einmal ein Zehntel eines Punktes auf der Skala der Lebenszufriedenheit. Jedenfalls gilt das in reichen Ländern. In armen macht es allerdings einen großen Unterschied, ob jemand mit ein paar Rupien im Slum lebt oder mit einem kleinen Vermögen in einem schö- nen Haus. Folgerichtig sind die Bewohner reicher

Wir wollen nicht mehr Geld. Wir wollen mehr Geld als die anderen

Länder im Schnitt glücklicher als die von armen. Aber dann geschieht etwas Merkwürdiges. Wenn der Wohlstand in einem Land wächst, nimmt das Glück deswegen noch lange nicht zu. So stiegen die Real- einkommen in Deutschland von 1991 bis 2015 um 15 Prozent, die Lebenszufriedenheit dagegen stag- nierte auf der Skala von null bis zehn bei etwa 7,5 Punkten. In China ergibt sich das gleiche Bild. Zwar arbeitet sich das Land mit sehr hohen Wirtschafts- wachstumsraten aus der Armut, doch die Chinesen sind nicht glücklicher als 1990. EsgibtmindestenszweiErklärungen,warummehr Geld oft nicht mehr Glück bringt. Zum einen gewöh- nen Menschen sich schnell an ihren neuen Wohlstand – bald gibt er ihnen nichts mehr. Zum anderen ist Reichtum relativ: „Natürlich wollen die Leute mehr Geld“, konstatiert Clark, „aber einer der Gründe ist, dass sie reicher sein wollen als andere.“ Das Dumme ist nur: „Wir können nicht alle reicher sein als die anderen.“ Deutsche Daten zeigen dieses Prinzip lehr- buchhaft: Ein höheres eigenes Einkommen steigert das persönliche Glück um 0,26 Punkte. Ein höheres Einkommen der anderen aber senkt es um 0,25 Punkte – wenn alle mehr Geld haben, bleibt prak- tisch nichts. Dem gleichen Prinzip saßen zufällig ausgewählte Angestellte der University of California auf. Sie er- fuhren, was ihre Kolleginnen und Kollegen verdien- ten. Lag ihr eigenes Gehalt darunter, sank prompt die Zufriedenheit mit dem Job. Es ist also ziemlich sinnlos, mehr Reichtum zu schaffen, aber es könnte helfen, ihn gleichmäßiger zu verteilen. Superreichen tut es nicht wirklich weh, ein paar Millionen oder Milliarden zu verlieren, aber Arme würde mehr Geld glücklicher machen. Man gewöhnt sich zwar an Geld, aber an Armut „gewöhnt man sich nie“, sagt Clark. Er hält es für machbar, staatlicherseits sicherzustellen, „dass kaum jemand weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Ein- kommens hat – das ist die EU-Definition von Armut“.

Allerdings rät er zu einer gewissen Vorsicht. Um- verteilung muss als fair empfunden werden. Leuten Geld zu geben, die es in den Augen der anderen nicht verdienen, „wird das Wohlbefinden nicht erhöhen“. Daher hält Clark es oft für eleganter, die Steuern nicht deshalb zu erhöhen, um den Ärmeren direkt mehr Geld zu geben, sondern um die zusätzlichen Einnah- men in bessere Schulen, Kindergärten, Schwimm- bäder und dergleichen zu stecken. Das kommt vor allem denen zugute, die nicht einfach auf Privatschu- len ausweichen oder ein Kindermädchen engagieren können. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman verweist auf das Beispiel Dänemark. Dort entscheidet der Staat über 55 Prozent der Ausgaben – in den Au- gen vieler Amerikaner blanker Sozialismus. In Deutschland sind es 44 Prozent, in den USA 38 Pro- zent. „Die schlichte Wahrheit ist, dass das Leben für die meisten Dänen besser ist als für die meisten Ame- rikaner“, hält Krugman fest. Die Dänen zählen zu den glücklichsten Menschen der Erde. Mehr Staat bedeutet zwar keineswegs immer mehr Glück, aber in vielen Ländern hilft es, wenn der Staat für sozia- len Ausgleich sorgt.

2. Der Faktor Arbeit

Eher noch schlimmer als ein Mangel an Geld ist ein Mangel an Arbeit. In Deutschland kostet Arbeitslo- sigkeit fast einen vollen Glückspunkt. Auch daran gewöhnen sich die Betroffenen nie. Selbst wenn sie wieder Arbeit haben, finden sie über Jahre nicht zu- rück zum alten Glück. Daniel Oesch von der Universität Lausanne hat anhand von Daten des SOEP und dem vergleichba- ren Schweizer Panel noch eine weitere Tücke der Ar- beitslosigkeit gefunden. „Unsere Studie widerlegt die unter Ökonomen vorherrschende Ansicht, dass Men- schen weniger unter Arbeitslosigkeit leiden, wenn sie dieses Schicksal mit vielen anderen teilen“, sagt der Soziologieprofessor. Nicht nur dass weitere Arbeits- lose das Unglück ihrer Leidensgenossen nicht lindern – ihre Niedergeschlagenheit färbt sogar auf ihre Um- gebung ab: Rechnerisch senkt jeder Arbeitslose auch das Glück von anderen.

3. Der Faktor Bildung

Arbeitslosigkeit lässt sich oft verhindern, wenn Men- schen besser ausgebildet werden. Auch sonst hat Bil- dung einige positive Auswirkungen auf das Glück, indem sie beispielsweise die Kriminalität verringert. Aber für sich genommen bringt sie nach Clarks Da- ten überraschend wenig – jedenfalls dann, wenn man

allein nach dem Bildungsabschluss fragt (Hauptschu- le, Abitur, Studium). „Es stimmt, dass Bildung einen relativ geringen Effekt auf die Lebenszufriedenheit hat“, bestätigt auch der Magdeburger Glücksforscher Delhey. In Deutschland bringt ein besserer Bildungs- stand gerade mal 0,05 Glückspunkte. Und die lösen sich in nichts auf, wenn die Bildung der anderen be- rücksichtigt wird. Im Dorf der einzige Doktor zu sein ist schon was. An der Uniklinik einer unter vie- len zu sein hebt die Lebenszufriedenheit dagegen nicht. Trotzdem sind gute Schulen keine Geldverschwen- dung. Clarks Team zeigt anhand von Daten der bri- tischen ALSPAC-Studie (Avon Longitudinal Study of Parents and Children): Wenn ein Kind auf eine bessere Grundschule geht, hat es selbst noch mit 16 nicht nur bessere Noten, sondern ist auch emotio- nal gesünder, fühlt sich also besser. Das zeigt der Vergleich der Absolventen verschiede- ner Schulen. Der Bildungsabschluss selbst scheint also nicht so wichtig fürs Glück, wohl aber auf welcher Schule diese Bildung vermittelt wurde. Es gibt nur ein Problem:

Niemand weiß, was die besseren Schulen ausmacht. „Wenn wir uns die beobacht- baren Merkmale anschauen, die Klassengröße beispielsweise“, bedauert Clark, „können wir nicht erklären, warum manche Schulen besser abschnei- den als andere.“ Vielleicht hat es mit dem allgemeinen „Klima“ an der Schule zu tun – und auf jeden Fall spielen die Lehrkräfte eine Rolle: Selbst für die einzelnen Grund- schullehrer lassen sich langanhaltende Effekte auf die Zufriedenheit der Schüler nachweisen – bis min-

destenszum20.Lebensjahr.Erstaunlicherweisewirkt

der segensreiche Einfluss vor allem auf das Wohlbe- finden und weniger auf die Mathekenntnisse. Wie die Lehrkräfte das machen, weiß ebenfalls keiner. „Man kann sich vorstellen, dass eine gute Schule Kindern Selbstbewusstsein einimpft“, überlegt der deutsche Glücksforscher Delhey. Es würde sich also auch zwecks Glücksförderung lohnen, in bessere Schulen zu investieren – sobald die Forschung raus- hat, was sie auszeichnet.

4. Der Faktor Partnerschaft

Vom Ehepartner erwartet sich manche und mancher den Himmel auf Erden. Auch Glücksratgeberbücher empfehlen Heiraten wärmstens. Im Durchschnitt allerdings bringen Ehen und eheähnliche Verbin- dungen wenig bis nichts. Ja, in den ersten Jahren nach dem Kennenlernen steigt das Glück kontinu-

ierlich, aber dann geht die Kurve wieder nach unten, wobei der Wendepunkt ziemlich genau mit dem Tausch der Ringe zusammenfällt. Dabei gibt es allerdings große Unterschiede zwi- schen den Ländern und zwischen den Geschlechtern.

In Großbritannien fällt das Glück nach der Eheschlie- ßung bei beiden Geschlechtern nur ein wenig, und im australischen Durchschnitt hält es vor allem bei den Frauen sogar an. Doch in Deutschland geht es bei den Männern deutlich bergab; bei den Frauen geht es erst hoch und dann wieder runter und ist nach vier Jahren wieder auf dem alten Vermählungs- niveau. Die nationalen Unterschiede sind ein Rätsel. Doch für den häufigen Trend nach unten gibt es ei-

nenErklärungsansatz,derschonvonanderenGlücks-

phänomenen bekannt ist: Gewöhnung. „Ich weiß, was mit Laura nicht stimmt“, räsoniert der unentschlossene Held aus Nick Hornbys Roman High Fidelity mit Blick auf seine langjährige Freun- din. „Dass ich sie nie mehr für das erste, zweite oder dritte Mal sehen werde. […] Sicher, ich liebe sie und mag sie, und wir können gut miteinander reden, ha- ben netten Sex …, aber was zählt das?“

Eine versteckte Glücks- quelle, die fast niemand auf der Rechnung hat:

seelische Gesundheit

Andererseits ist Gewöhnung „offenbar keine un- entrinnbare Macht, die die Wirkungen sämtlicher Lebensumstände auslöscht“, wie Richard Lucas von der Michigan State University und Andrew Clark schon vor Jahren in einer Studie notierten, die eben- falls mit SOEP-Daten arbeitete. Im Schnitt hob Hei- raten das Glück zwar nicht dauerhaft, aber für die einzelnen Paare ergab sich ein ganz unterschiedliches Bild: Manche machte das Leben zu zweit deutlich glücklicher, für andere war es eine Bürde. „Eine Ehe kann schön und erfüllend sein, aber auch ausgespro- chen stressig“, resümieren die Forscher. Auf den ersten Blick scheint es, als ob der Staat wenig für das Beziehungsglück seiner Bürgerinnen und Bürger tun könnte. Clark sieht das nicht so. „Es gibt Ehevorbereitungskurse. Nicht Eheberatung, wenn alles in die verkehrte Richtung läuft, sondern Beratung zu Beginn. Diese Dinge bekommt man schwer auf Anhieb hin.“ Warum also nicht da inves- tieren?

5. Der Faktor Kinder

Vielleicht sollten die Berater auch gleich beim Leben mit Kindern unterstützen. Denn die wirken auf die Glückskurve ähnlich wie die große Liebe: Bevor das Kind geboren wird, steigt das Glück in freudiger Er- wartung. Dann sinkt es, und schon zwei Jahre später sind Eltern im Schnitt kaum glücklicher als vorher. Das besagen etliche, wenn auch nicht alle Untersu- chungen. Vielen macht es wenig Spaß, sich um ihre Kinder zu kümmern. Als der Psychologe und Nobelpreis- träger Daniel Kahneman 900 texanische Frauen ih- ren Tag rekapitulieren ließ, gaben sie beim Fernsehen, Einkaufen und Kochen mehr Glücksgefühle zu Pro- tokoll als beim Kinderhüten. Etliche Experten allerdings glauben, dass Fragen nach der Lebenszufriedenheit die Freuden der El- ternschaft nicht wirklich erfassen. „Die Leute wollen glücklich sein, aber sie wollen auch, dass ihr Leben einen Sinn hat. Kinder zu haben gibt dem Leben ei-

nen großen Sinn, selbst wenn es das Glück verrin- gert“, schrieb der renommierte Sozialpsychologe Roy Baumeister einmal. Hier gibt es womöglich eine tie- fere Dimension der Zufriedenheit, die in den Um- fragen nicht erfasst wird.

6. Der Faktor Psyche

Während etliche vermeintliche Glücksbringer die Lebenszufriedenheit also nur wenig erhöhen, gibt es eine kaum zu überschätzende Glücksquelle, die fast niemand auf der Rechnung hat: seelische Gesund- heit. Das zeigt sich beim Blick auf die Unglücklichs- ten. Sie machen etwa 7,2 Prozent der Bevölkerung aus. Clarks Berechnungen zeigen: Verschwände die Arbeitslosigkeit, dann sänke der Anteil der Unglück- lichsten nur auf etwa 6,9 Prozent. Würde die Armut restlos besiegt, würde sich der Anteil auf ungefähr 6,6 Prozent verringern. Ließen sich dagegen Depres- sionen und Ängste aus der Welt schaffen, ginge der Anteil auf 5 Prozent zurück. Anders ausgedrückt:

Jeder dritte Unglückliche käme dann auf ein norma- les Maß an Glück. SämtlichekörperlichenErkrankungenweitgehend heilen zu können würde dagegen nur jedem Zehnten aus dem Unglück helfen. Denn während viele mit einer körperlichen Krankheit halbwegs zufrieden le- ben, ist eine Depression immer schrecklich. Und während körperliche Krankheiten meist erst im Ren- tenalter zum ernsthaften Problem werden, suchen psychische Störungen Menschen jeden Alters heim. In jedem Lebensjahr leiden zehn Prozent der Bevöl- kerung mindestens einmal an einer Angststörung, Depression, Traumastörung oder Suchterkrankung. Oft sind immer wieder dieselben Frauen und Män- ner betroffen. Wie glücklich wird sich ein 16-Jähriger zwei Jahr- zehnte später fühlen? Nichts sagt dies so treffgenau vorher wie seine seelische Gesundheit, sagt Clark:

„Nicht wie gut man in der Schule ist, nicht die Zeug- nisse, nicht wie gut man mit anderen Kindern aus- kommt, ob man Sachen kaputtmacht oder sich prü- gelt.“ Weil psychische Störungen so viel Glück verhin- dern, empfiehlt Clark Regierungen dringend, ihre Behandlung zu verbessern. „Es kostet nicht einmal Geld“, argumentiert er. Natürlich müssten die The- rapien bezahlt werden, „aber was die Vermeidung von Arbeitslosigkeit, Klinikaufenthalten und Arzt- besuchen spart, übersteigt die Kosten von Therapie- programmen bei weitem“. Richard Layard, emeritierter Ökonom der London School of Economics, Mitglied des britischen Ober-

hauses und einer von Clarks Koautoren, ist einer der geistigen Väter des britischen IAPT-Programms (Im- proving Access to Psychological Therapies). Gut zehn- tausend neue Psychotherapeuten sollen in wissen- schaftlich abgesicherten Verfahren gegen Ängste und Depressionen ausgebildet werden. Derzeit wird schon mehr als eine halbe Million Patienten im Jahr be- handelt. Etwa die Hälfte wird angeblich wieder ge- sund, wobei die Zahl nicht ganz unumstritten ist. Aber selbst wenn es nur ein Viertel wäre, meint Clark, „wäre dies eine gigantische Verbesserung der Ge- sundheit der Gesellschaft“.

7. Der Faktor Gemeinwesen

Psychische Störungen und viele andere Vorausset- zungen von Glück oder Unglück fallen für einzelne Menschen sehr unterschiedlich aus. Trotzdem gilt das Diktum des Mystikers John Donne aus dem 17. Jahrhundert: Niemand ist eine Insel. Die Gemein- schaft ist wichtig. Die Forschung beweist, dass die Politik eine Menge tun kann, um die Bevölkerung glücklich zu machen, auch weil die Qualität des Zu- sammenlebens in einer Gesellschaft eine große Rol- le für das Glück der Bürgerinnen und Bürger spielt. Denken die Regierenden vor allem an sich und sind womöglich hoffnungslos korrupt? Sind sie demokra- tisch bestimmt und achten das Recht? Sind die Men- schen frei? Vertrauen sie einander? All diese Dinge haben nachweislich große Folgen. Meinungsforscher haben in fast allen Ländern die Frage gestellt: „Wenn Sie in Not sind, gibt es dann Verwandte oder Freunde, auf deren Hilfe Sie zählen können, wann immer Sie sie brauchen?“ In Ländern, in denen jeder sich auf jemanden verlassen kann, liegt das Glück zwei Punkte höher als in anderen.

PH

LITERATUR

Andrew E. Clark u. a.: The origins of happiness. The science of well-being over the life course. Princeton University Press, Prince- ton 2018

Daniel Oesch, Oliver Lipps: Does unemployment hurt less if there is more of it around? A panel analysis of life satisfaction in Germany and Switzerland. European Sociological Review, 29/5, 2013, 955– 967. DOI: 10.1093/esr/jcs071

Richard E. Lucas, Andrew E. Clark: Reexamining adaptation and the set point model of happiness: Reactions to changes in mar- ital status. Journal of Personality and Social Psychology, 84/3, 2003, 527– 539. DOI: 10.1037/0022-3514.84.3.527

David M. Clark: Realizing the mass public benefit of evidence- based psychological therapies: The IAPT Program. Annual Re- view of Clinical Psychology, 14, 2018, 159–183. DOI: 10.1146/annurev-clinpsy-050817-084833

PSYCHOLOGIE HEUTE

03/2019

DIE

WAHRHEIT

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 DIE WAHRHEIT KANN NICHT BEKEHRT WERDEN OSCAR®-NOMINIERTER LUCAS HEDGES
PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 DIE WAHRHEIT KANN NICHT BEKEHRT WERDEN OSCAR®-NOMINIERTER LUCAS HEDGES

KANN

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 DIE WAHRHEIT KANN NICHT BEKEHRT WERDEN OSCAR®-NOMINIERTER LUCAS HEDGES

NICHT

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LUCAS HEDGES
LUCAS HEDGES

OSCAR®-PREISTRÄGERIN

OSCAR®-NOMINIERTER LUCAS HEDGES OSCAR®-PREISTRÄGERIN UND OSCAR®-PREISTRÄGER RUSSELL CROWE NICOLE KIDMAN

UND OSCAR®-PREISTRÄGER

UND OSCAR®-PREISTRÄGER

RUSSELL CROWE

NICOLE KIDMAN

UND OSCAR®-PREISTRÄGER RUSSELL CROWE NICOLE KIDMAN DREHBUCH UND REGIE JOEL EDGERTON DER VERLORENE SOHN
UND OSCAR®-PREISTRÄGER RUSSELL CROWE NICOLE KIDMAN DREHBUCH UND REGIE JOEL EDGERTON DER VERLORENE SOHN

DREHBUCH UND REGIE JOEL EDGERTON

CROWE NICOLE KIDMAN DREHBUCH UND REGIE JOEL EDGERTON DER VERLORENE SOHN erzählt die ergreifende und wahre
CROWE NICOLE KIDMAN DREHBUCH UND REGIE JOEL EDGERTON DER VERLORENE SOHN erzählt die ergreifende und wahre
CROWE NICOLE KIDMAN DREHBUCH UND REGIE JOEL EDGERTON DER VERLORENE SOHN erzählt die ergreifende und wahre
CROWE NICOLE KIDMAN DREHBUCH UND REGIE JOEL EDGERTON DER VERLORENE SOHN erzählt die ergreifende und wahre

DER VERLORENE SOHN erzählt die ergreifende und wahre Geschichte des 19-jährigen Jared (Lucas Hedges), der in einem Baptistenprediger-Haushalt in den amerikanischen Südstaaten aufwächst. Als sein strenggläubiger Vater (Russell Crowe) von der Homosexualität seines Sohnes erfährt, drängt er ihn zur Teilnahme an einer fragwürdigen Reparativtherapie. Vor die Wahl gestellt, entweder seine Identität oder seine Familie zu riskieren, lässt er sich notgedrungen auf die absurde Behandlung ein. Seine Mutter (Nicole Kidman) begleitet Jared zu der abgeschotteten Einrichtung, deren selbst ernannter Therapeut Viktor Sykes (Joel Edgerton) ein entwürdigendes Umerziehungsprogramm leitet. Eine zutiefst bewegende und zugleich universelle Geschichte über den mutigen Kampf eines jungen Mannes für ein selbstbestimmtes Leben.

den mutigen Kampf eines jungen Mannes für ein selbstbestimmtes Leben. AB 21. FEBRUAR IM KINO /DerVerloreneSohn.DE
den mutigen Kampf eines jungen Mannes für ein selbstbestimmtes Leben. AB 21. FEBRUAR IM KINO /DerVerloreneSohn.DE
den mutigen Kampf eines jungen Mannes für ein selbstbestimmtes Leben. AB 21. FEBRUAR IM KINO /DerVerloreneSohn.DE

AB 21. FEBRUAR IM KINO

/DerVerloreneSohn.DE 45
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IM FOKUS

ILLUSTRATION: MAGDA WEL

Unbewusste Gedanken und Gefühle? Nichts als Hirngespinste

Wir können gar keine tiefen Einsichten in unser Selbst gewinnen, sagt der Verhaltenswissenschaftler Nick Chater. Was wir für ureigenste Gedanken halten, sind für ihn nichts als zufällige Fantasien – unser Bewusstsein wird von ganz anderen Stellen gelenkt

Herr Chater, Sie sagen, dass wir die vergangenen Jahrzehnte in dem Irrglauben verbracht haben, Wesen mit geistiger Tiefe zu sein. Die Vorstel­ lung einer inneren Welt mit uns unbewussten Gedanken und Gefühlen sei eine Illusion.

Genau, der menschliche Geist ist seicht und allein durch unser unmittelbares bewusstes Erleben defi- niert. Da tummeln sich keine unbewussten Gedan- ken und Gefühle unter der Oberfläche, die auf mys- teriöse Weise unser Handeln beeinflussen. Genauso wenig werden unsere Beweggründe von vorgeform- ten Werten, Einstellungen oder Vorlieben bestimmt, die als Teil unseres Ichs auf Abruf bereitliegen.

Wovon dann?

Wir erfinden Erklärungen. Wenn mich jemand fragt, warum ich heute Tee statt Kaffee trinke, dann spinnt mir mein Gehirn in diesem Moment eine Antwort zusammen. Meine Erklärung beginnt erst dann zu existieren, wenn ich gefragt werde. Zu einem späte- ren Zeitpunkt kann sie potenziell ganz anders aus- fallen. Unser Gehirn ist so gut darin, die Gründe für unser Verhalten ad hoc zu improvisieren, dass es uns tatsächlich so vorkommt, als könnten wir unsere Mo- tivationen einfach aus einer Art innerer Bibliothek heraussuchen und auslesen. Aber das ist ein Irrtum.

heraussuchen und auslesen. Aber das ist ein Irrtum. Nick Chater ist Professor für Verhal- tenswissenschaften

Nick Chater ist Professor für Verhal- tenswissenschaften an der Warwick Business School in England. Der Psychologe forscht unter anderem zur Entscheidungsfindung und berät die britische Regierung bei der Um- setzung von Nudging

Haben Sie Beweise?

Split-Brain-Patienten etwa. Bei ihnen können sich die beiden Gehirnhälften nicht austauschen. Das Sprachzentrum, das immer nur in einer Hälfte liegt, hat also keine Verbindung zur anderen Hemisphäre. Befragt man diese Patienten zu Aktivitäten, die von der Hemisphäre ohne Sprachzentrum ausgehen, erfindet die sprachfähige andere Hälfte irgendeine Geschichte. Von dem, was tatsächlich passiert ist, hat sie keine Ahnung. Ein anderes Beispiel ist das Phä- nomen der Wahlblindheit: Um das zu erforschen, zeigten schwedische Wissenschaftler Testpersonen zwei Gesichter und ließen sie das attraktivere aus- wählen. Dann vertauschten sie die Bilder unauffällig, gaben der Versuchsperson das falsche Bild und for- derten sie auf, zu erklären, warum sie dieses Gesicht attraktiver fand. Den meisten Testpersonen fiel nicht auf, dass sie sich gar nicht für dieses Gesicht entschie- den hatten, sie begründeten ausführlich die Wahl, die sie nie getroffen hatten.

Klingt, als ob wir verzweifelt einen Sinn in unse­ rem Handeln suchen.

Wir wollen kohärente Wesen sein, können aber ein- fach nicht nachvollziehen, woher unsere Motivatio- nen kommen. Das Einzige, dessen wir uns je bewusst

Sich selbst verstehen zu wollen ist sinnlos, wir können es nicht - und brauchen es auch nicht

sind, sind unsere Wahrnehmungen – unser Bewusst- sein ist allein durch die Interpretationen unserer Sin- neseindrücke definiert. Ich empfinde also etwa einen Gesichtsausdruck als herablassend, bin mir aber nie bewusst, wie ich zu dieser Interpretation gekommen bin. Die einzelnen neuronalen Aktivitäten, die mein Gehirn zu der Erkenntnis geführt haben, sind mir so verborgen wie die Prozesse in meiner Leber.

Also finden doch unbewusste Vorgänge im Ge­ hirn statt?

Natürlich gibt es jede Menge komplizierte Hirnak- tivitäten, derer wir uns nicht bewusst sind – in dem Sinne nicht bewusst, wie wir uns der biochemischen Aktivitäten in unseren anderen Organen nicht be- wusst sind. Bei diesen unbewussten Vorgängen han- delt es sich aber nicht um ein Unbewusstsein, das irgendwann bewusst werden könnte – so wie es etwa Freud proklamiert hat. Wir können nie und nimmer Zugang zu diesen Hirnprozessen bekommen.

Aber es ist doch schon so, dass mir Informatio­ nen bewusst werden können, die mir vorher nicht bewusst waren. Ich kann mich zum Beispiel an die Schuldgefühle erinnern, die ich als Kind hat­ te, weil ich in der Schule besser als meine Schwes­ ter war. Und dann könnte ich erkennen, dass mei­ ne Angst vor Erfolg vielleicht in diesem Gefühl begründet liegt. Wo war diese Information, so­ lange sie mir nicht bewusst war?

Wenn ich mich an etwas erinnere, hole ich das nicht aus den Tiefen meines Geistes. Stattdessen bestim- men Erinnerungsspuren unsere gegenwärtigen Ge- danken und Gefühle – Fragmente von Interpretati- onen vergangener Ereignisse. Sie sind Teil der uns unbewussten Gehirnprozesse, aber sie als unbewuss- te Gedanken zu betrachten, wäre falsch. Der bewuss- te Gedanke und der unbewusste Prozess, der zu die- sem Gedanken führt, sind zwei vollkommen ver- schiedene Stadien des Gedankenprozesses. So ist es ausgeschlossen, dass Gedanken mal das eine und mal das andere sein und zwischen einem bewussten und einem unbewussten Stadium hin und her springen können.

Wenn jemand also etwa während einer Therapie Gefühle entdeckt, über denen vorher ein Deckel gelegen zu haben scheint …

… dann hat er diese Gefühle nicht vorher in eine Welt verdrängt, in der sie weiterexistiert haben. Er hat nicht plötzlich eine Wahrheit wiedergefunden, sondern hat – geleitet von Erinnerungsspuren – sei- ne momentane Sinneserfahrung interpretiert.

Das ist tatsächlich eine ungewöhnliche Sichtwei­ se. Andererseits: In unserer klassischen Inter­ pretation von einer verdrängten inneren Welt wie auch in Ihrer Auffassung bleibt der Moment von der Vergangenheit geprägt. Geht es hier al­ so nur um Begrifflichkeiten? Warum sträuben Sie sich, solche Spuren als unbewusste Tiefe un­ seres Geistes zu bezeichnen?

Weil diese Vorstellung suggeriert, dass das Unbe- wusste bewusst werden kann. Wir haben uns in die Idee verliebt, dass es da diese Welt mit Gedanken und Gefühlen in uns gibt, die unabhängig existiert und munter interagiert, während wir gerade mit et- was anderem beschäftigt sind. Freud hat uns diesen Mythos eingebrockt. Es gibt aber keine Gedanken und Gefühle, derer wir uns nicht bewusst sind. Das Einzige, was je im Gehirn verarbeitet wird und uns bewusst werden kann, sind die Informationen des Moments, eine nach der anderen. Alle Hirnprozesse, die diese Momentinterpretation beeinflussen, sind nicht bewusstseinsfähig.

Wie erklären Sie dann Situationen, in denen uns plötzlich Lösungen zu Problemen einfallen, an die wir gar nicht mehr gedacht haben?

Es ist natürlich verlockend zu denken, dass ohne un- ser bewusstes Zutun Probleme gelöst werden, zumal es dafür gefühlte Anhaltspunkte gibt. Allerdings konnte die Forschung bisher noch keine Beweise für solche unbewussten Gedankenprozesse finden. Die sinnvollere Annahme ist, dass wir nach einer Pause mit einem klaren Geist an unser altes Problem her- angehen, gereinigt von all den Teillösungen, die uns vorher in Sackgassen geführt haben.

Woher wissen Sie das?

Meine Kollegen und ich haben untersucht, ob par- allel zum bewussten Nachdenken unbewusste Ge- dankenprozesse stattfinden können. Wir baten Test- personen, so viele Nahrungsmittel und Länder wie möglich aufzuzählen. Andere Versuchspersonen soll- ten nacheinandererst nur Länder odernurNahrungs- mittel aufzählen. Und es war nicht so, dass die, die beide Instruktionen zum selben Zeitpunkt bekom- men hatten, schneller waren, weil sie bewusst über die eine und zugleich unbewusst über die andere

Sache hätten nachdenken können. Unser Gehirn ist nicht fähig, nach Ländern zu suchen, während wir über Nahrungsmittel nachdenken. Es ist einfach nicht möglich, an mehr als einer Sache mental zu arbeiten.

Langsam bekomme ich Angst um meine Identi­ tät. Wer bin ich, wenn ich immer nur im Moment bin und alles, was ich erinnere und denke, nur Fantasieprodukte meines Gehirns sind?

Unsere Persönlichkeit bekommt Kohärenz, weil jede Interpretation einer WahrnehmungaufErinnerungs- spuren vergangener Interpretationen basiert. Und jede neue Erfahrung beeinflusst die Interpretation der nächsten. So erschaffen wir eine persönliche Tra- dition, auf deren Grundlage wir improvisieren. Wie ein Jazzmusiker: Der hat ein Arsenal an verschiede- nen Schnipseln und Phrasen, die er auf unterschied- liche Weisen zusammenfügt. Je mehr Erfahrung er hat, umso flexibler wird er und umso größer wird sein Repertoire an Phrasen. Er spielt nicht einfach ins Blaue hinein, und sicher denkt er auch nicht über Theorie und Geschichte des Jazz nach. Alles, was er braucht, ist sein Repertoire, das er sich im Laufe sei- nes Spiels aufgebaut hat. Mit dieser Analogie wird vielleicht klarer, warum wir auch ohne ein reges un- bewusstes inneres Leben einen mehr oder weniger stabilen Charakter haben können. Oder sprechen wir lieber von einem Stil, so wie ihn Musiker haben: Wir agieren unter dem Einfluss der Erfahrungen, die wir gesammelt haben.

In Ordnung, es gibt also schon eine gewisse Kon­ stanz. Sie verstehen unter Unbewusstem eben einfach etwas anderes als Freud. Sie sagen, ich habe nur keinen Zugriff darauf. Irgendwie hat das auch etwas Befreiendes: Ich muss keine Wahrheit und keinen Schlüssel zum Verständnis meiner selbst suchen, denn da ist nichts zu fin­ den. Ich brauche mich nicht zu fragen, warum ich fühle, wie ich fühle oder ob ich nicht eigent­ lich tief drinnen etwas anderes fühle. Nur zum Moment habe ich Zugriff.

Das ist in der Tat radikal erlösend. Die ewige Suche nach uns selbst und unserer Wahrheit steht uns oft im Weg – wenn jemand etwa versucht, erst heraus- zufinden,warumseineBeziehungenimmerscheitern, bevor er sich erlaubt, eine neue einzugehen. Zu den- ken, dass wir uns erst verstehen und reparieren soll- ten, bevor wir weiterleben, ist ein fundamentaler Fehler. Unser Ich existiert nur in unseren momen- tanen bewussten Erfahrungen.

Hat Psychotherapie einen Wert für Sie, auch oh­ ne dass Sie an eine versteckte emotionale Welt glauben?

Es gibt keine verborgenen Gefühle, es gibt nur die, die wir im Moment empfinden

Gefühle, es gibt nur die, die wir im Moment empfinden Die hier angespro- chenen Thesen vertritt

Die hier angespro- chenen Thesen vertritt Chater in seinem aktuellen Buch The mind is flat. The illusion of mental depth and the improvised mind. (Penguin Books

2018)

Wer eine Therapie mit dem Ziel beginnt, der Sache mit sich selbst auf den Grund zu gehen, begibt sich auf eine hoffnungs- und sinnlose Suche. Denn es gibt zwar Spuren aus der Vergangenheit, aber die können wir höchstens mit neuem Verhalten überschreiben. Über Erinnerungen und Gedanken kommen wir an die nicht ran. Wir sind kein Kreuzworträtsel, das sich lösen lässt. Aber natürlich kann Therapie uns helfen, in zukünftigen Situationen besser zu improvisieren und etwa bestimmte Verhaltens- und Denkmuster, die uns das Leben schwermachen, nach und nach abzuschwächen. Um noch einmal die Analogie zum Jazzmusiker zu bemühen: Wenn der sein Spiel ver- bessern will, guckt er nicht in seine Vergangenheit und zerbricht sich den Kopf darüber, dass er sich im Alter von acht Jahren dieses eine schreckliche Stil- element von einem Rocker abgeguckt und es über die Jahre in sein Spiel verschleppt hat. Nein, er fragt sich, was er besser machen will, übt und legt positi- ve Spuren für die Zukunft an. Gerade weil unser Geist so seicht ist und wir nicht aus mysteriösen Tie- fen heraus gesteuert werden, haben wir beste Vor- aussetzungen, uns unaufhörlich neu zu interpretie- ren und zu verändern. Außerdem können wir uns in dem Wissen, dass unser Gehirn von Moment zu Mo- ment improvisiert, jeder Menge unangenehmer Ge- fühle entledigen.

Inwiefern?

Wir fühlen oft auf eine Weise, denken aber, dass wir anders fühlen sollten, und verurteilen uns dafür. Trauer ist ein gutes Beispiel: Menschen, die jemanden verloren haben, fühlen sich oft schuldig, wenn sie zwischendurch mal eine glückliche Stunde oder ei- nen guten Tag haben. Dabei ist das normal, denn das Gehirn kann ja immer nur ein Gefühl zulassen. Au- ßerdem können wir schlicht nichts dafür, was es sich gerade zusammenspinnt. Eine andere Frage, die viele Leute umtreibt, ist die, was denn eigentlich ihr authentisches und wah- res Gefühl ist. Oft fühlen wir mal so, mal so. Im ei- nen Moment sind wir sicher, dass wir unseren Part- ner lieben, und im nächsten Moment fragen wir uns, ob wir uns mit diesem Gefühl etwas vormachen und nur aus Bequemlichkeit zusammen sind. Dann den- ken wir, dass sich das echte Gefühl irgendwo tief in uns drin befindet und wir es finden müssen, um ein authentisches Leben zu führen. Das ist unnötige Pla- gerei: Es gibt keine Unterscheidung zwischen einer- seits tiefen und wahren, andererseits oberflächlichen, falschen Emotionen. Es gibt nur die Gefühle, die wir im Moment wahrnehmen. PH

INTERVIEW: YVONNE VÁVRA

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REDAKTION: THOMAS SAUM-ALDEHOFF Nie wieder depressiv Psychologen und Psychiater sagen depressiven Men- schen heute oft
REDAKTION: THOMAS SAUM-ALDEHOFF Nie wieder depressiv Psychologen und Psychiater sagen depressiven Men- schen heute oft

REDAKTION:

THOMAS SAUM-ALDEHOFF

REDAKTION: THOMAS SAUM-ALDEHOFF Nie wieder depressiv Psychologen und Psychiater sagen depressiven Men- schen heute oft

Nie wieder depressiv

Psychologen und Psychiater sagen depressiven Men- schen heute oft eine düstere Zukunft vorher. „De- pression galt einmal als Krankheit, bei der auf ein- zelne Episoden eine vollständige Erholung folgt“, schrieb ein führender Experte, „doch bei vielen Pa- tienten ist sie chronisch und wiederkehrend.“ Bei solchen finsteren Prognosen geht oft unter, dass es nicht so kommen muss. Zumindest nach der ersten Episode einer reinen Depression sind die Aussichten für eine vollständige Genesung gar nicht so schlecht. Bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen kehrt die Krankheit selbst über Jahr- zehnte nicht wieder, wie drei große Studien zeigten. Darauf hat jetzt ein Team um Jonathan Rottenberg von der University of South Florida in einem Diskus- sionsbeitrag zur Depressionsforschung hingewiesen. „Was wäre“, fragen die Autoren, „wenn zwei verschie- dene Varianten der Depression existierten, eine grim- mige, chronisch wiederkehrende, lebenslange Versi- on und eine relativ gutartige, zeitlich begrenzte?“ In den meisten Studien sind Patienten mit guter Prog- nose allerdings unterrepräsentiert, weil sich die For-

scher eher auf die schweren Fälle in Kliniken kon- zentrieren. Rottenberg schlägt vor, in Studien nicht nur Pa- tienten einzubeziehen, die gelernt haben, mit ihrer Krankheit zu leben und ihr positive Seiten abzuge- winnen, während sie weiter leiden. Vielmehr gelte es, gezielt nach Menschen zu suchen, denen sich ein „hochfunktionaler Endzustand nach Depression“ bescheinigen lässt. Diese früher Depressiven sollten ein erfülltes Leben führen – mit positiven Gefühlen, guten Beziehungen. Sie sollten sich selbst akzeptieren und einen Sinn in ihrem Dasein sehen. Wie vielen das gelingt, kann nur zukünftige Forschung zeigen. Ironischerweise, so die Autoren, müssten die pes- simistischen Fachleute solche positiven Beispiele so- gar in den eigenen Reihen kennen. Zu ihnen zählt Kay Redfield Jamison, die als junge Frau eine ma- nisch-depressive Erkrankung entwickelte und später eine der führenden Experten für das Leiden wurde, das heute bipolare Störung heißt. JOCHEN PAULUS

Nach dem Dunkel kommt wieder Licht: Gar nicht so selten folgt einer depressiven Episode im Leben keine weitere mehr

DOI: 10.1177/1745691618769868

Schüchterne Menschen tauen auf, sobald sie Alkoholisches getrunken haben. Das haben englische Forscher in einem Experiment mit hundert Teilnehmern bestätigt, von denen die Hälfte zu sozialen Ängsten neigte. Doch nach dem angstlösenden Schwips folgte der Psychokater am Folgetag: Wieder ernüchtert, waren die Scheuen sogar schüchterner als zuvor.

DOI: 10.1016/j.paid.2018.10.034

schüchterner als zuvor. DOI: 10.1016/j.paid.2018.10.034 „Wir sind alle Mentalisierer. Dies geht auf die große

„Wir sind alle Mentalisierer. Dies geht auf die große kognitive Revolution zurück, die der Homo sapiens vor etwa 70 000 Jahren, vermutlich in Afrika, erreicht hat. Wir entwickelten die Fähigkeit, uns eine Realität vorzustellen, die sich von der, die wir unmittelbar wahrnehmen, unter- scheidet. Diese Fähigkeit ermöglicht es uns, uns vorzustellen, was im Geist eines anderen vor sich gehen könnte. Sie befähigt uns zugleich da- zu, uns vorzustellen, welche Art von Gefühl dazu geführt haben mag, dass wir selbst das taten, was wir gerade getan haben. Dies ist notwendig, weil es schwer, wenn nicht unmöglich ist, den eigenen Geist in Echtzeit zu erkennen.“

ist, den eigenen Geist in Echtzeit zu erkennen.“ Peter Fonagy, Psychologieprofessor am University College

Peter Fonagy, Psychologieprofessor am University College London, in einem Interview in der Zeitschrift Nervenheilkunde

, in einem Interview in der Zeitschrift Nervenheilkunde den sie zum ersten Mal berührten – also

den sie zum ersten Mal berührten – also etwa zwei unterschiedliche Stifte. Sie sollten nun jenen Gegen- stand nennen, den sie bereits taktil studiert hatten. Unmittelbar nach dem Einprägen erkannten die Pro- banden so 94 Prozent der Objekte. Eine Woche spä- ter erinnerten sie sich immerhin noch an 85 Prozent. „Diese Ergebnisse zeigen, dass detaillierte, dau- erhafte Repräsentationen im Langzeitgedächtnis ein natürlicher Bestandteil der haptischen Wahrneh- mung sind“, so die Forscher. ANNA GIELAS

DOI: 10.1177/0956797618803644

Ich taste mir’s ins Gedächtnis

Sie wollen sich etwas gut merken? Fas- sen Sie es an! Unser Langzeitgedächt- nis speichert Informationen besonders zuverlässig, wenn wir sie mithilfe des Tastsinns aufnehmen. Diese neurona- le Eigenart haben Fabian Hutmacher und Christof Kuhbandner von der Uni- versität Regensburg jetzt experimentell un- tersucht. Mit verbundenen Augen erkundeten die Teilneh- mer insgesamt 84 Alltagsgegenstände – einzig mit- hilfe ihrer Hände. Regenschirm, Stift, Hammer, Quietscheentchen: Die Objekte waren grundver- schieden, aber wohlvertraut. Die Probanden hatten jeweils zehn Sekunden, um sich mit der Form, Ober- fläche und dem Gewicht eines Gegenstandes vertraut zu machen. Auch bei den anschließenden Gedächt- nistests sahen die Teilnehmer nichts. Sie bekamen jeweils einen der Alltagsartikel, die sie schon ange- fasst hatten, und einen korrespondierenden Artikel,

Kinder, die früh eingeschult werden, haben ein erhöhtes Risiko, dass man bei ihnen später eine

Kinder, die früh eingeschult werden, haben ein erhöhtes Risiko, dass man bei ihnen später eine Aufmerksam- keitsstörung (ADHS) diagnostiziert. Das stellten Harvard-Forscher fest, als sie den Werdegang von Kindern verglichen, die knapp vor oder nach dem Stichtag zur Einschulung geboren wurden. Womöglich werde bei den Früheingeschulten Unreife als ADHS missdeutet, so die Autoren.

Chemiker am Max-Planck- Institut in Mainz haben ein findiges Verfahren entdeckt, mit dem die Altersfreigabe eines Films unbesehen er- mittelt werden könnte: Sie maßen während 135 Vorfüh- rungen von elf Filmen unter- schiedlicher Genres die Kon- zentration von Isopren im Kinosaal. Der Stoff wird über die Atemluft und Haut aus- geschieden und signalisiert emotionale Anspannung. Tatsächlich korrelierte der Isoprengehalt der Kinoluft mit der Altersbeschränkung des gezeigten Films.

DOI: 10.1056/NEJMoa1806828

DOI: 10.1371/journal.pone.0203044

DOI: 10.1056/NEJMoa1806828 DOI: 10.1371/journal.pone.0203044 Waschzwang: Kann man ihn per Video austoben? Wasch mich,

Waschzwang:

Kann man ihn per Video austoben?

Wasch mich, aber mach mich nicht nass

Viele Menschen mit einer Zwangser- krankung haben eine Abneigung, Gegenstände wie etwa einen Tür- griff anzufassen, die mit Keimen „kontaminiert“ sein könnten. Ha- ben sie dennoch ein verdächtiges Objekt berührt, können sie nicht anders, als sich sofort ausgiebig die Hände zu waschen, manchmal bis diese bluten. Britische Forscher der Universität Cambridge haben nun eine originelle Methode erprobt, diesen Waschdrang zu befriedigen, ohne tat- sächlich die Hände zu waschen: Sie verla- gerten die Zwangshandlung sozusagen in eine me- dial vermittelte alternative Realität. Weil sie sichergehen wollten, dass ihr Experiment die Zwangsstörung nicht unbeabsichtigt verschlim- mern statt verbessern würde, rekrutierten Baland Jalal und seine Kollegen keine Zwangspatienten, son- dern 93 Freiwillige, die nur tendenziell zum Wasch- zwang neigten. Während die Probanden der Kont-

rollgruppe eine Reihe sinnfreier Gesten ausführten und dabei gefilmt wurden, traf es die anderen Teilnehmer hart:

Sie mussten vor laufender Kamera ein Stück Toilettenpapier in einer nicht eben sauber wirkenden Bett- pfanne berühren. Außerdem wurden sie beim Händewaschen gefilmt. Die Videos wurden auf eine App gespielt, von der aus die Probanden sie eine Woche lang viermal täglich anschauen muss- ten – erst die Bettpfannenszene (oder die Gesten), dann die erlösende Hand- reinigung. Tatsächlich hatte das Training den beabsichtigten Effekt: Bei den Bettpfannenprobanden, nicht aber in der Kontrollgruppe gingen die Zwangssymptome zurück. Ob der Trick auch echten Zwangskranken hilft, muss sich aber erst noch herausstellen. TSA

DOI: 10.1038/s41598-018-33142-2

Wenn Achtsamkeit an Grenzen stößt Achtsamkeitstherapienrichtengegenhäu- fige psychische Störungen offenbar wenig aus.

Wenn Achtsamkeit an Grenzen stößt

Achtsamkeitstherapienrichtengegenhäu-

fige psychische Störungen offenbar wenig aus. Zu diesem Schluss kommt ein Team um den Psychotherapieforscher Lars- Göran Öst von der Universität Stockholm. Die Behandlungen basieren auf einer buddhistischen Meditationstechnik. Es gilt, sich ganz auf den Augenblick zu kon- zentrieren, seine Gedanken, Gefühle und Empfindungen bewusst wahrzunehmen,

ohne sie zu bewerten. Auf diesem Grund- prinzip fußen verschiedene Therapiefor- men, etwa die von Jon Kabat-Zinn entwi- ckelte achtsamkeitsbasierte Stressreduk- tion (MBSR). Achtsamkeitstherapien könnennachweislichStressempfindungen reduzieren und Rückfälle nach Depres- sionen vermeiden helfen. Doch nachdem sie groß in Mode gekommen sind, werden sie zunehmend auch zur Behandlung aku- ter psychischer Störungen empfohlen. Zu Recht? Öst fand 19 Studien zu dieser Frage, an denen insgesamt knapp 1300 Patienten teilgenommen hatten. Ihre Ergebnisse fal- len insgesamt sehr bescheiden aus. Behan-

delten Patienten geht es hinterher im Schnitt zwar besser als solchen, die keine Behandlung bekommen haben, etwa weil

sie erst einmal auf eine Warteliste gesetzt wurden.DochwirkungslosePlacebopillen und psychologische Pseudotherapien

müssensichdenAchtsamkeitsbehandlun-

gen nur selten geschlagen geben. Außer- dem gilt: Je hochwertiger die Studie, des- to schlechter die Ergebnisse der Achtsam- keitstherapie. Lediglich in einer Studie zur Hypo- chondrie, die alle Qualitätsanforderungen erfüllte, schnitt die Achtsamkeitstherapie gut ab. Doch hier fehlen weitere Studien, die dies bestätigen. Keine Nachweise für die Wirksamkeit einer Achtsamkeitsthe- rapie sehen die Autoren bei anderen Stö- rungen: Depression, generalisierter Angst- störung, posttraumatischer Belastungs- störung,PanikstörungoderInsomnie.Öst empfiehlt bei diesen Leiden gut abgesi- cherte Behandlungen wie die kognitive Verhaltenstherapie. JOCHEN PAULUS

DOI: 10.1017/S0033291718000259

Alice Crames, M.Sc. Dipl.-Sozialarbeiterin, Heilpraktikerin für Psychotherapie Praxis für Psychotherapie, Coaching
Alice Crames, M.Sc.
Dipl.-Sozialarbeiterin, Heilpraktikerin
für Psychotherapie
Praxis für Psychotherapie, Coaching
und Gesundheitsförderung
In der Haag 15, 54298 Welschbillig
www.praxis-alice-crames.de
Ich bin
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und Psychologischer Berater e.V.
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1959

Das wirksamste Alarmgeräusch für Kinder ist die Stimme der Mutter. Amerikanische Pädiater testeten drei mütterliche Weck- rufvarianten sowie den hohen Standard- alarmton eines Feuermelders an 176 fünf- bis zwölfjährigen schlafenden Kindern. Das Mutterorgan weckte die Kleinen in 86 bis 91, der Piepton nur in 53 Prozent der Fälle.

DOI: 10.1016/j.jpeds.2018.09.027

in 53 Prozent der Fälle. DOI: 10.1016/j.jpeds.2018.09.027 Lieber gemeinsam essen Spinat statt Pommes? Mancher

Lieber gemeinsam essen

Spinat statt Pommes? Mancher Jugendliche rümpft da die Nase. Ernäh- rungspredigten sind dann oft zwecklos, wie frustrierte Eltern wissen. Doch es hilft schon, wenn man die Mahlzeiten gemeinsam einnimmt. Das haben Ernährungswissenschaftler aus Kanada, den USA und Groß- britannien herausgefunden. Kathryn Walton und ihre Kollegen befragten mehr als 2700 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 24 Jahren, die noch bei ihren Eltern lebten. Bei etwa drei Vierteln waren die Familienverhältnisse stabil, bei den anderen zerrüttet. Doch selbst bei einem schwierigen Familienleben zeigte sich, dass die Befragten von gemeinsamen Mahlzeiten profitierten. So war das Essen abwechslungs- reicher und bestand eher aus Obst und Gemüse als aus Fertigprodukten und süßen Getränken. Auch waren diese Teilnehmer nicht so oft über- gewichtig. Für die Eltern sei es bei einer gemeinsamen Mahlzeit viel leichter, mit gutem Vorbild voranzugehen und so ohne viel Aufhebens das Essverhalten ihrer Kinder zu prägen, meint Walton. Wer sich zudem beim Zubereiten der Mahlzeiten von den Kindern helfen lasse, erreiche auch eher, dass sie die Speisen goutierten. ARIANE WETZEL

DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2018.5217

Der Herzinfarkt galt lange Zeit – zu Unrecht, wie man heute weiß – als „Managerkrankheit“. Vor 60 Jahren wurde diese Idee in die Welt gesetzt:

Am 21. März 1959 erschien im renom- mierten Journal of the American Me- dical Association eine Studie von Meyer Friedman und Ray Rosenman, zweier Kardiologen aus San Francis- co. Sie hatten eine Gruppe von 83 Männern untersucht, denen „ein intensives überdauerndes Leistungs- streben“ eigen war und die sich in Beruf und Privatleben ständig Wett- bewerb und Zeitdruck auferlegten, und stellten fest: Bei diesen hem- mungslosen Ehrgeizlingen waren ge- fährliche Arterienablagerungen sie- benmal so häufig wie in den Kontroll- gruppen. In den folgenden Jahren trugen Friedman und Rosenman wei- tere Merkmale dieser vermeintlich herzgefährdeten „Typ-A-Persönlich- keit“ zusammen: Ellenbogeneinsatz, ungeduldig, rastlos, unduldsam, be- ziehungslos. Ihr 1974 veröffentlichtes Buch Type A behavior and your heart wurde zum Bestseller, und drei Jahre später erklärte die amerikanische Ge- sundheitsbehörde Typ A offiziell zum Herzrisikofaktor. Doch fortan häuften sich die Studien, in denen keine Ver- bindung zwischen Typ A und dem Herzen bestätigt werden konn- te. Aus dem Vermächtnis des Typ-A-Konzepts gilt heute allenfalls „Feindseligkeit“ – eine Facette dieses Persönlichkeitstyps – als Faktor, der mit ei- nem leicht erhöhten Herzrisiko einhergeht.

der mit ei- nem leicht erhöhten Herzrisiko einhergeht. Es ist ein Irrtum, dass „Managertypen“ besonders

Es ist ein Irrtum, dass „Managertypen“ besonders infarktgefährdet sind

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 57

Freunde im Doppelpack

Anstrengend, verstaubt und spießig – um das Image des Pärchenabends steht es nicht gut. Zu Unrecht:

Die Freundschaft unter Paaren bereichert nicht nur die Freizeit. Ihre Dynamiken beleben die Beziehung

VON LISA MEYER

ILLUSTRATIONEN: LEHEL KOVÁCS

D as Treppenhaus einer Altbauwoh- nung im Dortmunder Süden. Drit- ter Stock. An der Tür hängt ein Salzteigschild mit der Aufschrift „Hier leben, lieben, lachen und strei-

ten Volker und Kerstin“. Patrick Salmen steht mit seiner Frau davor – und ist geneigt zu brechen. Mit dieser Szene beginnt der Poetry-Slammer, Autor und Kabarettist seine Nummer Der Raclette-Abend. Eine Nummer über „ein Phänomen, mit dem ich ein wenig überfordert bin“, murmelt Salmen in sein Mikrofon und legt eine bedeutungsschwangere Pause ein. „Pär- chenabende. Das endet immer im Chaos, und zum Schluss stirbt einer.“ Das Publikum lacht. Salmen –hipperVollbart,roteKappe,Holzfällerhemd–grinst und kehrt zurück zum Salzteigschild: „In meinem Kopf schweben zwei Gedanken. Erstens: Ich hasse meinLeben.Zweitens:VorurteileüberPärchenabende sind wie Gitarristen vor dem Auftritt. Sie stimmen.“ Das Publikum lacht lauter. Hunderttausende haben das Video dieses Auftritts auf YouTube gesehen, Tausende auf den Button mit dem hochgereckten Daumen geklickt. Egal ob Kabarett, Kino, Theater oder Literatur – das Aufeinandertreffen zweier Paare dient gerne als Vorlage für satirische Scherze und hämischen Spott. Dabei ist die Paarfreundschaft weit mehr als eine Lachnummer. Die Begegnung zwei plus zwei lässt uns wachsen, bereichert unser Leben und stärkt un- sere Beziehung – oder führt zu Tragödien. Trennt sich ein Paar, eckt ein neuer Partner an oder kommt Neid ins Spiel, zeigt sich, wie komplex und fragil die- se Konstellationen sind. Wer um ihre Besonderheiten weiß, kann die Fallstricke vermeiden.

Bastion gegen die Vereinzelung

„Das Bedürfnis, uns mit anderen zu verbünden, ist tief in uns verwurzelt“, sagt die Kölner Paarthera- peutin Marina Gardini. „Wir brauchen den Zusam- menschluss mit Freunden – auch als Paar.“ Das gilt besonders für westliche Gesellschaften. Denn sie sind geprägt von „einer Abkehr vom gemeinschaftsori- entierten Leben, hin zu einem zunehmenden Maß an Privatisierung und Individualismus“, wie der Fa- milienforscher Allen Barton von der University of Georgia beobachtet. Dieser Kulturwandel zieht nach sich, dass Paare selten ein Teil größerer Gemeinschaf- ten sind, etwa der Kirche oder des Dorfs. Entspre- chend bedeutsamer wird die Rolle von kleineren so- zialen Einheiten. Einheiten wie der Freundschaft im Doppelpack. Das zeigt auch eine der wenigen wis- senschaftlichen Untersuchungen, die sich mit dieser

Konstellation beschäftigen. Mehr als 400 Personen haben Geoffrey Greif und Kathleen Holtz Deal, Pro- fessoren an der University of Maryland School of So- cial Work, für ihr Buch Two Plus Two. Couples and Their Couple Friendships interviewt. 78 Prozent der 246 vergebenen Personen in der Stichprobe gaben an, die Freundschaft mit anderen Paaren sei ihnen wich- tig oder sogar sehr wichtig. Hätten die Wissenschaftler Hanna Driefer dazu befragt, sie hätten die gleiche Antwort erhalten. Als die 32-Jährige bei einem Grillfest auf Cordula und Andreas trifft, Freunde ihres neuen Freundes Mat- thias, schießt ihr ein Satz in den Kopf: „Die sind es.“ Aufgeschlossen erscheinen ihr die beiden, unkom- pliziert, herzlich. Zwei begeisterte Kletterer und Fans gepflegter Schafkopfrunden. „Ich hätte vorher gar nicht sagen können, dass mir etwas fehlt. Erst als ich die zwei kennengelernt habe, ist mir bewusstgewor- den, dass ich das vermisst habe: ein eng befreunde- tes Paar.“ Ein Gespann mit ähnlichen Interessen, Werten und Themen. Ein doppeltes Gegenüber für Urlaubsfahrten, Wochenendausflüge und den ein oder anderen bierseligen Abend.

Pärchenabend statt Cliquengrillen

Geht es nach Greif, haben sich die vier zur richtigen Zeit gefunden. „Paarfreundschaften spielen im Lau- fe des Lebens mal eine größere, mal eine kleinere Rolle. Am wichtigsten sind sie jedoch zu Beginn der ersten Ehe, wenn sich ein Paar neu als Paar definie- ren muss.“ Während die meisten Menschen in ihrer Jugend und den frühen Zwanzigern einzelne Freun- de oder ganze Cliquen als Bezugspunkte haben, etablieren sich mit den ersten langfristigen und ernst- haften Beziehungen auch Paare im Freundeskreis. Sie dienten als Vergleichsbasis, so Greif, um die eigene Identität der Partnerschaft zu festigen, und spielten eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge. Paare in den mittleren Jahren hätten hingegen oft Schwierigkeiten, diese Freundschaften aufrechtzu- erhalten. Neben Karriere, Kindern und pflegebedürf- tigen Eltern bleibt in der Rushhour des Lebens nicht viel Zeit, in soziale Kontakte zu investieren. „Sobald aber der Nachwuchs das Haus verlassen hat und die berufliche Position gesichert ist, haben Paare mehr Kapazitäten“, sagt Greif. „Ältere Menschen schätzen diese Art der Verbindung wieder sehr.“ Das gilt auch für das letzte Viertel des Lebens. Doch fällt es Ehe- paaren dann zunehmend schwer, sich mit anderen zu vernetzen. „Wenn im Bekanntenkreis schon ei- nige verwitwet sind und die Freunde immobiler wer- den, werden Paarfreundschaften seltener.“

Doch egal in welchem Alter – die Rechnung zwei plus zwei geht nicht immer auf. „Sie glauben, dass es schwer ist, einen echten Freund zu finden?“, fragt etwa Irene Levine, Psychologin an der New York Uni- versity School of Medicine und Autorin eines Freund- schaftsblogs. „Multiplizieren Sie diese Komplexität mit zwei und versuchen Sie dann, ein Paar zu finden, mit dem Sie und Ihr Partner harmonieren.“ Damit die Suche erfolgreich verlaufen kann, hilft es, vor allem auf eines zu achten: Ähnlichkeit. „In einer ex- trem pluralistischen Gesellschaft fühlen sich Paare in der Gegenwart ähnlicher Menschen wohler“, sagt Gardini. Buchliebhaber möchten mit Buchliebha- bern, Triathleten mit Triathleten und FDP-Wähler mit FDP-Wählern ihre Freizeit verbringen. „Natür- lich können auch Unterschiede bereichern, aber nur wenn sie nicht zu groß sind.“ StimmenWertevorstellungen,sozioökonomischer Status und Bildungshintergrund halbwegs überein, müssen sich schließlich auch noch die Erwartungen an die Freundschaft decken. So haben Greif und Holtz

Deal herausgefunden, dass sich Paare in den USA zwischen zwei Polen bewegen: Spaßorientierung und emotionaler Teilhabe. „Die meisten Paare suchen ein anderes Paar, mit dem sie sich amüsieren können“, sagt Greif. „Ihre Freundschaft basiert auf gemeinsa- men Aktivitäten und gleicht eher der Herangehens- weise von Männern.“ Eine kleinere Gruppe von Paa- ren definiert ihre Freundschaft hingegen über Em- pathie und Selbstoffenbarung – dem typischeren Interaktionsstil von Frauen. Gardini nimmt an, dass dieses Verhältnis hierzulande ähnlich ausfällt. Denn:

„Paarfreundschaften fokussieren sich oft auf Hob- bys“, sagt die Psychologin. „Sie brauchen keine son- derliche Tiefe und beruhen nicht unbedingt darauf, dass man sich bei schweren Lebensereignissen un- terstützt.“ Dass das kein Manko sein muss, erlebt Hanna Driefer. „Anfangs war ich etwas enttäuscht, weil die Gespräche oft bei banaleren Themen geblieben sind:

den Jobs oder dem Sport.“ Mittlerweile hat sie ak- zeptiert, dass die Freundschaft im Quartett auf einer

RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN DER PAARFREUNDSCHAFT

NEID

Freunde sind uns ähnlich und teilen viele Erlebnisse mit uns. Deshalb vergleichen wir uns mit ihnen und empfinden gerade ihnen gegenüber manchmal Neid oder Schadenfreude. Nicht ohne Grund: Sie dienen als Bezugsrahmen, um herauszufinden, was uns ausmacht. Im Falle einer Viererfreundschaft betrifft diese Identi- tätsfindung nicht nur jeden Einzelnen, sondern auch jedes der Paare. „Sie beteiligen sich bewusst oder un- bewusst an einer Beziehungsdarstellung und legen ein öffentliches Gesicht an, um ein Gefühl von Intimität und Exklusivität zu erzeugen“, sagt Greif. Wenn der Ver- gleich mit- und die Darstellung voreinander die Freund- schaft belasten, hilft nur eines: Reflexion. Wer sich selbst eingestehe, dass er Neid empfindet oder imponie- ren möchte, könne versuchen, diese Impulse umzuwan- deln und zu ergründen, ob sie wirklich notwendig sind.

INDISKRETION

„Viele Männer beschrieben in unseren Interviews das Gefühl, dass eine Grenze überschritten wurde, als ihre Partnerinnen intimere Themen angesprochen haben. Themen, von denen sie dachten, dass sie nur sie beide etwas angingen“, sagt Greif. Auch für solche Situa- tionen braucht es einen bewussten Umgang mit den

eigenen Bedürfnissen. Paartherapeutin Gardini rät dazu, diese mit dem jeweiligen Partner zu besprechen. Dann könne es eine Viererfreundschaft gut aushalten, wenn einzelne Personen, eine engere Verbindung haben, „solange nichts hinausgetragen wird, was die jeweilige Partnerschaft oder Freundschaft belastet. Und niemand ausgeklammert wird.“

ENTTÄUSCHTE ERWARTUNGEN

Die Wünsche und Hoffnungen, die Paare in die Begeg- nung mit anderen legen, können sich stark voneinan- der unterscheiden. So haben Greif und Holtz Deal das Sozialverhalten von Paaren untersucht und dabei drei Typen ausgemacht. „Seekers sind extravertiert und auf der Suche nach anderen Paaren“, schreiben die Auto- ren. Keepers hingegen haben bereits eine große Anzahl von Freunden, sind nicht abgeneigt, neue Freundschaf- ten mit Paaren zu schließen, suchen aber nicht danach. Und Nesters sind eher introvertiert. Sie sind zufrieden, wenn sie in ihrem Nest sind, in ihrem Haus. Treffen Paare mit einem unterschiedlichen Wunsch nach Enge oder Distanz aufeinander, kann das zu Konflikten und Frustration führen. Oft leiden Freundschaften auch dann, wenn sich eines der Paare in seinen Bedürfnissen verändert, etwa nach der Familiengründung.

LM

In der Gruppe verändern sich Menschen. Darum zeigen sich beim Zusammentreffen mit Freunden oft ganz

In der Gruppe verändern sich Menschen. Darum zeigen sich beim Zusammentreffen mit Freunden oft ganz neue Seiten des Partners

anderen Ebene sehr wertvoll sein kann. „Ich habe Freundinnen, mit denen ich über alles reden kann. Aber die würden nie mit mir unter freiem Himmel auf einem Berggipfel schlafen oder durch Steilwände klettern. Es ist wirklich bereichernd, diese Erlebnis- se nicht nur mit Matthias zu teilen.“

Leidenschaftliche Liebe neu entfachen

Paarfreundschaften tun uns gut. „Menschen mit Freunden leben länger und glücklicher“, sagt Greif. „Denn Freunde halten uns auf Trab, sozial und geis- tig. Sie achten auf unsere Gesundheit und sorgen da- für, dass wir in Bewegung bleiben.“ Gefüttert mit aktuellen Studienergebnissen, ließe sich die Liste der Wohltaten noch eine ganze Weile fortsetzen: vom sinkenden Risiko für Bluthochdruck und Depressi- onen über ein gesteigertes Selbstwertgefühl bis hin zum gestärkten Immunsystem. Im Vergleich zur klas- sischen Sandkasten-, Fußball- oder Frühstücks- freundschaft hat die Konstellation aus zwei Paaren aber noch einen weiteren, entscheidenden Vorteil:

Sie steigert die Beziehungsqualität. „Paare, die Freun- de teilen, werden stärker in ein soziales Netzwerk integriert, und das kann ihre eigene Beziehung stär- ken“, schreiben Greif und Holtz Deal. „Wir glauben deshalb, dass Paare durch ihre Freundschaften mit

anderen Paaren nicht nur viel Spaß haben, sondern sich auch gegenseitig mehr schät- zen.“ Empirisch belegt wurde diese Vermu- tung durch den Psychologen Keith Welker an der University of Colorado Boulder. In einer Studie mit 176 Probanden untersuch- te er, ob die Interaktion zwischen zwei Paaren das Gefühl von Nähe innerhalb der Partnerschaften verstärken kann. Tat- sächlich zeigten seine Experimente, dass gemeinsame Aktivitäten die Zuneigung zwischen den jeweiligen Partnern erhö- hen. „Paarfreundschaften können damit eine Möglichkeit sein, das Gefühl von lei- denschaftlicher Liebe in romantischen Beziehungen neu zu entfachen“, schreibt Welker. Einen wichtigen Grund für diese Wir- kung sieht der Forscher darin, dass wir uns als Vierergespann in Situationen begeben, denen wir uns als Paar allein nicht aus- setzen würden. Nie hätten Hanna Driefer und ihr Freund Matthias Münch an einer Whiskeyverkostung teilgenommen, wäre Andreas nicht ein ausgesprochener Fan des Hochprozentigen. Nie hätten sie einen Surfkurs ge- bucht, hätte Cordula ihnen nicht von dem Gefühl vorgeschwärmt, auf den Wellen zu reiten. Mit zwei weiteren Menschen kommen neue Anregungen ins Freizeitleben, frische Ideen, die die vertrauten Mus- ter eines eingespielten Duos durchbrechen. „Diese ungewohnten positiven Erfahrungen sind wichtig, um die Beziehungszufriedenheit zu fördern“, so Wel- ker. „Darüber hinaus ermöglicht die enge Interakti- on zwischen Paaren, dass sich die Partner selbst offenbaren.“ Wer seinen Liebsten in der Viererkon- stellation erlebt, lernt ihn von einer anderen Seite kennen – und entdeckt vielleicht neue, attraktive Charakterzüge: seine Zuhörerqualitäten, seine Em- pathie oder das Talent, eine ganze Runde zu unter- halten. Gleichzeitig geben uns befreundete Paare wichti- ge Rückmeldungen, an denen die eigene Beziehung wachsen kann. Nicht nur weil wir noch ein weiteres Exemplar des anderen Geschlechts aus nächster Nä- he studieren können. „Als Paar sucht man sich selbst in den anderen“, sagt die Paartherapeutin Gardini, „und findet sich im Gegenüber wieder.“ Das befreun- dete Duo hält uns also den Spiegel vor – mit seinen charmanten und seinen befremdlichen Eigenheiten. Der Freund kann mitlachen, wenn die Liebste ihn

In der Viererkonstellation gleichen wir unsere Beziehung mit der anderen ab – bekommen Bestätigung oder Veränderungsimpulse

veräppelt? Vielleicht könnte man sich selbst etwas weniger ernst nehmen. Die Freundin nennt ihren Mann in aller Öffentlichkeit Hasi? Niemals würde man sich selbst diese Blöße geben. „Wenn ein Paar mit einem anderen Paar interagiert, wird die eigene Beziehung neu überdacht“, weiß Greif. „Denn ande- re Paare dienen als Modelle. Sie bieten einen Einblick, wie Partner miteinander umgehen, und zeigen al- ternative Verhaltensweisen auf.“ So gibt die Begeg- nung zwei plus zwei Veränderungsimpulse – oder aber die Bestätigung, dass die eigene Partnerschaft im Vergleich gut bestehen kann.

Das „Like him, hate her“­Phänomen

Doch natürlich schlagen in solchen Konstellationen auch schwierige Erscheinungen auf, etwa das Like him, hate her-Phänomen. So bezeichnen Greif und Holtz Deal es, „wenn ein Paar mit einem anderen Paar befreundet ist, von dem es einen der beiden mag, den anderen aber nicht“. Variationen seien das Like him but don’t talk about politics- oder das Don’t get her started on her work-Syndrom. In diesen Fällen, das zeigt ihre Studie, versuchen Paare den Kontakt zu reduzieren oder sich nur noch in einer größeren Gruppe zu treffen. Ein Konfliktherd nicht nur für die Viererrunde, sondern auch für beide Part- nerschaften. Denn: „Manchmal möchte der eine sei- ne knappe Freizeit nicht für einen anstrengenden Kontakt opfern, der andere fühlt sich aber dem Freund zur Loyalität verpflichtet“, sagt Greif. Das zweite Paar wiederum muss damit umgehen, dass der oder die Neue nicht mit offenen Armen in den Kreis der Freunde aufgenommen wird. In manchen Fällen gelingt es dann, den Kontakt auf bestimmte Aktivitäten zu begrenzen. Findet sich gar keine ge- meinsame Ebene, kann es eine Lösung sein, die Be- ziehung in einen Eins-zu-eins-Kontakt unter den Männern oder Frauen auszulagern. Doch auch die-

ser Schritt müsse behutsam erfolgen, meint Gardini:

„Es ist sehr schwer zu ertragen, wenn der eigene Part- ner abgelehnt wird. Die Freizeit ist ein Luxusgut, da soll es reibungsfrei laufen.“ Noch schwieriger wird es, wenn größere Brocken in das Getriebe der Freundschaft gelangen: Le- benskrisen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit – oder Trennung. Geht eine der Beziehungen in die Brüche, stellt das die Freundschaft des ganzen Quartetts auf die Probe. Wer hält zu wem, wenn der Abschied kein einvernehmlicher war? Wer trifft wen, wenn es die übliche Runde nicht mehr gibt? Und wer teilt welche Informationen, wenn plötzlich Fronten auftauchen, die es vorher nicht gab? Greif und Holtz Deal haben 58 geschiedene Personen und 123 Paare dazu befragt, was diese Herausforderungen mit ihrer Viererrunde machten. Über die Hälfte der Paare berichtete, dass die Freundschaft mit einem der beiden Expartner in die Brüche ging. Und 13 Prozent erlebten, dass der Kontakt sogar zu beiden Personen abbrach. Nicht ohne Grund, wie die Autoren vermuten: „Wer Ehe- probleme hat, fühlt sich vielleicht unwohl im Beisein anderer Paare und zieht sich schon vorher zurück“, schreiben Greif und Holtz Deal. „Und nach der Schei- dung muss sich das intakte Paar plötzlich stärker um die Freundschaft zu beiden bemühen – was nicht immer gelingt.“

Loyalitätskonflikte nach einer Trennung

Auch Hanna Driefer und Matthias Münch sind da- mit gescheitert. Als sich Eva und Kilian, ein weiteres Pärchen aus dem Freundeskreis, nach acht gemein- samen Jahren trennten, versuchten sie zunächst, bei- de in ihrem Leben zu halten. „Eva konnte es aber irgendwann nicht mehr ertragen, dass ich ihren Exfreund weiter sehe“, erzählt Hanna. „Sie fand den Gedanken furchtbar, dass ich Informationen weiter- geben könnte und dass ich mehr von ihm weiß als

sie.“ Diesen Solidaritätskonflikt lösten Hanna Drie- fer und Matthias Münch, indem sich jeder auf die gleichgeschlechtliche Freundschaft konzentrierte. Doch auch diese Strategie ging nicht lange gut: „Zu viert haben wir uns zum Kochen und zu Spieleaben- den getroffen“, sagt Matthias Münch. „Nach der Tren- nung wollte Kilian mit mir um die Häuser ziehen und sich ins Partyleben stürzen. Das war nichts für mich.“ Mittlerweile sind nur noch die beiden Frauen befreundet. Ein typischer Verlauf, glaubt Psychologin Gardi- ni. Denn wenn sich die Lebenssituation oder Inter- essenslage bei einem der Paare ändere, setze das viel Kooperationsbereitschaft und Einsatz bei allen Be- teiligten voraus. „Alte Strukturen, Aktivitäten und Dynamiken passen dann einfach nicht mehr, und es wird schnell deutlich: Geht es nur um gemeinsame Aktivitäten oder auch um ein Interesse an den Men- schen?“ Wem die Freundschaft etwas bedeutet, der sollte ihr ausreichend Zeit geben, sich auf einer neu- en Ebene einzupendeln. Und akzeptieren, dass Geben und Nehmen – etwa nach einer Trennung – für eine Weile unausgeglichen sind. Das gelingt leichter, wenn nicht alle Erwartungen auf dem (einstigen) Vierergespann lasten. Gardini rät deshalb, sich einen größeren Freundeskreis zu suchen: „Bei einer Gruppe aus vier bis sechs Paaren verlaufen sich viele Probleme, da gibt es Subgruppen, und das System ist nicht so leicht aus dem Gleichge- wicht zu bringen.“ In diesem Kreis wird auch der

unsympathische Neue leichter mitgezogen. Und nach einer Trennung fühlt sich die Singlefreundin nicht so schnell wie das dritte Rad am Moped. Neben un- seren Paarfreundschaften sollten wir aber auch in- dividuelle Zweierfreundschaften pflegen, meint Greif. „Alles auf eine Karte zu setzen kann riskant sein.“ Patrick Salmen würde dieser Einschätzung wohl sofort zustimmen – bei dem Gedanken an den Rac- lette-Abend mit Volker und Kerstin. „Es war immer eine meiner größten Ängste, nur noch Pärchen in meinem Bekanntenkreis zu haben.“ Trocken brum- melt er seine Worte ins Mikrofon. „Gemeinsames Kochen, geteilte Ferienwohnungen, Käsefondue. Das alles habe ich mir bis vor kurzem unglaublich grau- sam vorgestellt.“ Das Publikum ist jetzt in Fahrt. Salmen blickt aufsein A4-Papierund legt nach:„Doch ich war naiv und muss mein Urteil korrigieren: Es ist alles noch viel schlimmer.“ Tausende Likes pran- gen unter dem Video, eines kommt von Hanna. Sie kann aus vollem Herzen über die Satire lachen – dank- bar, dass sie den Pärchenabend anders kennt. PH

ZUM WEITERLESEN

Geoffrey L. Greif, Kathleen Holtz Deal: Two plus two. Couples and their couple friendships. Routledge, New York 2017

Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie unter psychologie- heute.de/literatur

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Abgebrochen

Millionen Frauen haben eine Schwangerschaft abgebrochen. Natürlich ist dies eine konfliktbeladene Entscheidung, oft begleitet von emotionalen Turbulenzen. Doch anders als bisweilen suggeriert wird, ist sie nur selten Auslöser für eine seelische Krise

VON SUSANNE DONNER

M elanie Seeger, wie wir sie hier nennen wollen, hatte sich immer Kinder ge- wünscht. Aber als sie mit Mitte vier- zig überraschend schwanger wird, folgt auf einen kurzen Anflug von

Stolz über die eigene Fruchtbarkeit bald Panik. Sie fühlt sich zu alt für ein Kind, ihr Partner mit 46 ebenfalls. Sie fürchten, der Elternschaft körperlich und emotional nicht gewachsen zu sein. Melanies Partner drängt auf einen Ab- bruch. Er will seine Haltung auch nicht weiter diskutieren. Sie fühlt sich alleingelassen. Ständig ist ihr nun übel von der beginnenden Schwangerschaft. Alleinerziehend zu sein traut sie sich nicht zu. Zu oft musste sie erleben, wie Frau- en nach dem Mutterschutz im Beruf „auf dem Abstellgleis landeten“. Bei der Schwangerschaftskonfliktberatung hört ihr die Mitarbeiterin ruhig zu, wendet aber kaum etwas ein. Seeger fühlt sich in einer „Schockstarre“. Sie kann nicht mehr klar und vor allem weiträumig denken. Als sie in der neunten Schwangerschaftswoche zum Abtreibungs- termin geht, zeigt ihr der Frauenarzt noch einmal den Fötus auf dem Ultraschallbild. Seeger hält diesen Moment kaum aus. Nur nichts denken, nichts fühlen, sagt sie sich. Dann setzt die Narkose ein.

Der Abbruch hinterlässt Spuren. Doch er führt nicht in die Depression

2017 brachen in Deutschland 101 200 Frauen eine Schwangerschaft ab. Bis heute ist das Thema ein ge- sellschaftliches Tabu. Wer sich gegen das Austragen eines Kindes entschieden hat, schweigt darüber meist zeitlebens oder vertraut sich allenfalls sehr wenigen Menschen an. Vielleicht trägt auch dieses Schweigen zu der verbreiteten Annahme bei, von einer solchen schweren Entscheidung müsse eine Frau zwangsläu- fig seelische Verletzungen davontragen. „Viele – so- gar manche Politiker – denken, etwas bleibt“, sagt Antonia Biggs, eine Reproduktionsforscherin an der University of California in San Francisco, die zum Thema Schwangerschaftsabbruch forscht. Welche seelischen Auswirkungen eine Abtreibung hat, fragten Forscher allerdings schon viele Male in verschiedenen Studien ab. Das Ergebnis: Ein Schwan- gerschaftsabbruch ist zwar für viele eine einschnei- dende Lebenserfahrung, aber nur sehr wenige Frau- en zerbrechen daran seelisch. Belastend ist jedoch für sehr viele die Stigmatisierung. Daher verheimli- chen sie den Abort. Eine genaue Analyse nahm zuletzt Antonia Biggs vor. Die Forscherin interviewte 863 Frauen über vier Jahre lang alle sechs Monate. Etliche von ihnen, rund zwei Drittel, hatten ihre Schwangerschaft abgebro- chen. Das übrige Drittel wollte dies tun, durfte es aber in den Vereinigten Staaten aus rechtlichen Grün- den nicht – etwa wegen des fortgeschrittenen Stadi- ums der Schwangerschaft. „Die Wahl der geeigneten Kontrollgruppe, nämlich Frauen, die ungewollt schwanger sind und das Kind trotzdem austragen, ist ganz entscheidend“, sagt Biggs. „Es reicht nicht, Frauen mit einem Schwangerschaftsabbruch mit der Normalbevölkerung zu vergleichen.“ Biggs’ Ergebnisse zeigen, dass die konfliktbelade- ne Entscheidung durchaus akute seelische Spuren bei vielen Frauen hinterließ: Eine Woche nach dem Ab- bruch oder nach dem abgelehnten Abort hatte mehr

als jede dritte Frau mindestens ein Symptom – aber meist nicht das Vollbild – einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie gaben beispielsweise an, dass ihr Selbstwertgefühl erschüttert sei. Sie waren un- zufrieden mit dem Leben, hatten Angst oder fühlten sich gestresst. „Diese Belastungsreaktion war aber bei Frauen mit Abbruch nicht ausgeprägter oder häu- figer als bei den anderen.“ Und als Biggs die Frauen fragte, worauf sie ihre seelisch angeschlagene Verfassung zurückführten, gab jede dritte die prekären Lebensumstände an:

Gewalt und Stress zu Hause, Kriminalität und Miss- brauch. Doch es gab auch 64 Frauen, die ihren Ge- mütszustand mit der Schwangerschaft erklärten. Für 19 der 863 Befragten war dabei der Abbruch selbst die Bürde. Die übrigen haderten eher mit der unge- wollten Schwangerschaft davor. Vor allem aber be- lasteten sie die Reaktionen des Umfelds. Je mehr Zeit zwischen dem Schwangerschaftsab- bruch und den Befragungen verstrich, desto mehr hellte sich die Stimmung der Befragten allerdings auf. Nach vier Jahren führte nur noch ein Prozent der Frauen die momentane Belastung auf die unge- wollte Schwangerschaft zurück. „Die Frauen sind auch nicht gefährdeter als andere, eine posttrauma- tische Belastungsstörung zu entwickeln“, ergänzt Biggs. Die Rate für Depressionen ist ebenfalls nicht erhöht, erbrachte eine weitere Untersuchung anderer Forscher, die 2017 erschien. Ängstlicher seien sogar zunächst jene Frauen, denen ein Abbruch verweigert worden war. Es sind nicht die einzigen Studien, sondern nur zwei unter mehreren Dutzend, die alle in diese Rich- tung weisen. „In der Wissenschaft sind wir uns seit einiger Zeit einig: Ein Schwangerschaftsabbruch macht nicht seelisch krank. Das ist sehr gut belegt“, fasst Biggs zusammen.

Widersprüchliche Emotionen

Dass die Frauen auf lange Sicht gut im Leben zu- rechtkommen, bedeutet aber nicht, dass der Abbruch kein Einschnitt ist: Die Betroffenen leiden und trau- ern üblicherweise, mitunter erheblich. „Oft sind sie schon gestresst, aufgewühlt und erschüttert,nachdem sie erfahren haben, dass sie ungewollt schwanger sind“, schildert die Psychologin Frauke Petras, Be- raterin bei pro familia in Berlin. „Die Frauen gehen im Geiste alle Szenarien durch und wägen ab“, führt Anne Achtenhagen, Psycholo- gin bei der Konfliktberatungsorganisation donum vitae aus. „Wenn etwa der Arbeitsvertrag gerade un- terschrieben ist, bedeutet die Geburt eines Kindes

unter Umständen eine existenzielle Gefährdung, ein Zunichtemachen der Zukunftspläne und eine Er- schütterung der Identität.“ Es sind oft berufliche Gründe, die Frauen dazu bringen, sich für einen Ab- bruch zu entscheiden. Noch häufiger befinden sich die Betroffenen in instabilen Partnerschaften und möchten deshalb kein Kind. Auch mangelnde finan- zielle Mittel spielen eine Rolle. Das häufigste Gefühl unmittelbar nach dem Ab- bruch ist Erleichterung, stellte die Gynäkologin Co- rinne Rocca von der University of California in einer Befragung von 667 Frauen fest. In das positive Gefühl mischen sich jedoch nach und nach auch negative Empfindungen: Trauer über den Verlust des Kindes und manchmal Bedauern und Wut über die eigene Lebenslage, die eine Mutterschaft als nicht zu be- wältigen erscheinen lässt. „Es gibt kaum eine Frau, die nicht diese widersprüchlichen Emotionen nach einer Abtreibung erfährt“, sagt Petras. Über einen Zeitraum von drei Jahren verblassen die Emotionen allerdings. Und: 99 Prozent der Frau- en halten ihre Entscheidung auch dann noch für richtig, ermittelte Rocca. Ein sehr kleiner Teil, eine unter hundert, bedauert jedoch, das Baby nicht zur Welt gebracht zu haben. Diese Frauen leiden.

Wenn Frauen den Entschluss bereuen

Als Melanie Seeger nach dem Abbruch nach Hause geht, fällt ihr blitzartig ein Name für das Kind ein. Warum nicht früher, fragt sie sich. Der Gedanke gibt ihr einen Stich, und sie empfindet die Entscheidung gegen das Baby zunehmend als falsch. Sie hätte es vielleicht doch geschafft, alleinerziehend zu sein. Sie habe sich zu sehr von ihrem Freund bedrängen las- sen, sagt sie heute. Sie entwickelt eine Depression, leidet unter Panik- attacken und wird schließlich in eine Klinik aufge- nommen. Als Auslöser sieht sie den Schwanger- schaftsabbruch an. Obwohl sie heute, fünf Jahre nach dem Entschluss, den sie rückblickend als Fehlent- scheidung wertet, wieder gesund ist und arbeiten kann, trauert sie noch immer. „An den Jahrestagen des Abbruchs trage ich Schwarz. Am errechneten Geburtstermin kaufe ich Blumen und ein kleines Geburtstagsgeschenk und spreche mit meinem Kind, so als wäre es da und wir würden Geburtstag feiern.“ Seeger gehört zu jener kleinen Gruppe von Frauen, die sich im Nachhinein für den Schwangerschafts- abbruch verurteilen und die – noch seltener – sogar seelisch krank werden. Besonders gefährdet sind Frauen, die ein Wunschkind erwarteten, aber auf- grund einer schweren Erkrankung des Fötus diesen

abtreiben lassen, konnte Rocca in ihren Befragungen zeigen. Oft ist das Baby dann so weit entwickelt, dass nicht Tabletten oder eine Absaugung die Schwan- gerschaft beenden können. Bei dem dann erforder- lichen Fetozid spritzt ein Arzt dem Baby ein Medi- kament ins Herz, das den Herzstillstand einleitet. Dann muss die Frau das Kind auf natürlichem Weg gebären. Diese Prozedur ist eine extreme seelische wie körperliche Grenzerfahrung, die niemand je ver- gessen kann. Sie ist nicht mit einem medikamentösen oder ope- rativen Abbruch in der Frühschwangerschaft zu ver- gleichen, den beiden gängigen Methoden. 61 Prozent der Frauen wählten 2016 hierzulande die operative Methode, nur 21 Prozent entschieden sich für eine medikamentöse Abtreibung – obwohl Frauen vor einer OP mehr Angst haben, wie der Reproduktions- mediziner Heribert Kentenich berichtet. Er hat 219 Frauen dazu befragt. Nach dem Abbruch verursachen die Medikamente aber stärkere Nebenwirkungen, vor allem über Wochen schmerzhafte Blutungen. Auf den Verarbeitungsprozess wirkte sich das allerdings nicht nennenswert aus – einige For- scher hatten gemutmaßt, die Abtreibungspille könnte psy- chisch strapaziöser sein, weil die Frau zur Handelnden wird, indem sie die Subs- tanz schluckt. In einigen Studien wur- de auch erfragt, wie es sich auswirkt, wenn die Frau das Baby vor der Abtreibung noch einmal in einer Ultraschall- aufnahme sieht. Seeger erleb- te dies als besonders schreck- lich. Der Arzt hatte ihr keine Wahl gelassen. Die meisten Frauen wollen den Fötus vor dem Eingriff nicht mehr an- schauen. Jene, die sich dafür entschieden, verfolgte das Bild bisweilen in Albträumen und Flashbacks. Die Gynäkologin Kristina Gemzell Danielsson vom Karolinska-Institut in Stockholm ist jedoch der Auf- fassung, dass die Frau- en damit eine

„Seien Sie vorsichtig mit sich. Sie waren damals in einer anderen Situation“

Möglichkeit wahrnahmen, sich zu verabschieden. Langfristig könnten die Frauen den Eingriff damit besser in ihr Leben integrieren, schrieb die Ärztin 2014 in einem Fachartikel. Eine andere Gruppe, die später oft mit einer Ab- treibung hadert, sind Frauen, die sich wie Seeger vom Partner dazu überreden lassen, berichtet Petras. Bei minderjährigen Mädchen übernehmen Eltern oft diesen Part. Wenn die so Bedrängten sich insgeheim ein Kind wünschten, kommen später Gewissensbis- se: Hätte ich es vielleicht doch allein geschafft – und wie wäre mein Kind geworden?

Gefährdung oder Panikmache?

Es gibt noch eine weitere Gruppe, die Gefahr läuft, den Abbruch später als Fehler anzusehen. Die Ge- sundheitswissenschaftlerin Inger Wallin Lundell von der schwedischen Linköpings Universitet ermittelte in einer Studie mit 1514 Frauen, dass jene besonders gefährdet sind, die schon vorher ausgeprägt ängstlich oder depressiv waren. Seelisch labile Frauen laufen dreimal so häufig Gefahr, den Einschnitt nicht zu bewältigen. „Dann ist der Abbruch wie ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, bestätigt Ach- tenhagen aus ihrer Beratungserfahrung. Diese psychisch gefährdeten Frauen müssten im Schwangerschaftskonflikt besonders fürsorglich be-

ABTREIBUNG TROTZ „PILLE DANACH“

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist seit 2015 wie- der gestiegen. Die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ ist laut dem Berufsverband der Frauenärzte indirekt dafür verant- wortlich. Dies ist eine Notfallverhütung, kein Medikament zum Abbruch. Aber: Sie wird oft falsch angewandt, so dass es folglich mehr ungewollte Schwangerschaften und des- halb wiederum mehr Abbrüche gibt. Die Notfallverhütung bewirkt nämlich bei bereits bestehender Schwangerschaft nichts mehr. Es ist also fatal, wenn sie nur einige Stunden zu spät eingenommen wird. Auch muss nach der Anwen- dung der Notfallverhütung für den Rest des Zyklus unbe- dingt ein Kondom verwendet werden, da hormonelle Me- thoden generell nicht mehr funktionieren. Bei Frauen mit höherem Gewicht ist die Notfallverhütung weniger wirk- sam. Die Kundinnen in all diesen Punkten sorgsam aufzu- klären, gelinge den Apothekern nicht immer, beklagt der Berufsverband der Frauenärzte.

raten werden, fordert Wallin Lundell. Sollten sie ei- ne Abtreibung wünschen, könnte ihnen auch eine Nachsorge helfen. Aktuell passiert das nicht. Notlei- dende können allerdings in Deutschland aus freien Stücken eine Beratung in Anspruch nehmen. Einige, die danach Hilfe suchten, hat Achtenhagen schon betreut. „Wenn eine Frau den Abbruch im Nach- hinein als falsch empfindet, sage ich zunächst immer:

‚Seien Sie vorsichtig mit sich. Sie waren damals in einer anderen Situation als heute und haben anders empfunden, aber Sie hatten sicher auch Ihre Gründe, zu dieser Entscheidung zu gelangen.‘“ Gemeinsam mit den Frauen arbeitet sie heraus, in welchen Punk- ten sie sich verurteilen, und versucht sie zu ertüch- tigen, sich selbst zu verzeihen. Dass es einzelne Frauen gibt, die die Abtreibung später bereuen und darunter leiden, hat den Lebens- rechtsaktivisten Vincent Rue und die Psychologin Anne Speckhard aus den USA schon in den 1990er Jahren veranlasst, ein neuartiges Krankheitsbild, das „Post-Abortion-Syndrom“ auszurufen. Sie stellten es mit ausgewählten Fallbeispielen der Öffentlichkeit vor. Bis heute hält es sich hartnäckig im Internet und wird von Abtreibungsgegnern ins Feld geführt. Die Botschaft lautet: Wer abtreibt, wird psychisch krank. Die Fachgesellschaften in Europa und den USA weisen diese These im Kleid der Wissenschaftlichkeit durchweg scharf zurück. Es gebe dafür keinerlei Belege, und die Diskussion sei Panikmache, sagt et- wa die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Das „Post-Abortion-Syndrom“ ist international nicht als Krankheit anerkannt.

Das verinnerlichte Stigma

Hingegen ist die psychische Belastung durch Stig- matisierung bisher kaum untersucht. Erst in jüngster Zeit richten Forscher ihr Augenmerk darauf: Wie gut eine Frau, eine Abtreibung verkraftet hängt nämlich auch von ihrem Umfeld ab. „Freunde und Angehö- rige, denen sie sich anvertrauen kann, helfen, ein gra- vierendes Lebensereignis zu verarbeiten“, beobachtet Gemzell Danielsson. Das Problem ist aber, dass vie- le Frauen schweigen. Denn Schwangerschaftsabbrü- che sind in allen Gesellschaften tabuisiert und wer- den mehr oder minder verachtet. In Internetforen wie urbia.de und profemina.org hierzulande sind Frauen nach einer Abtreibung regelmäßig üblen Be- schimpfungen ausgesetzt, wenn sie sich anonym ou- ten. Demzufolge kontrollieren viele Forenbetreiber die Posts vor der Veröffentlichung. Der Psychologe Franz Hanschmidt an der Uni- versität Leipzig ist der erste Wissenschaftler in

Deutschland, der sich diesem Thema zuwendet. Im Jahr 2016 brachte er eine Übersichtsarbeit heraus, in der er 14 Studien zur Stigmatisierung von Schwan- gerschaftsabbrüchen in verschiedenen Ländern aus- wertete. Demnach ist die Abwertung von Frauen nach einem Abbruch allgegenwärtig. Allerdings unter- suchten die Studien in der Regel keine konkreten Verurteilungen durch Mitmenschen. Diese sind sel- ten, weil die allermeisten Frauen ihren Abbruch ge- heim halten. Vielmehr erkundigten sich die Forscher nach der Sorge der Frauen vor übler Nachrede und einem schlechten Ansehen. Sie fragten auch danach, ob die Frauen sich selbst abwerteten, sofern sie die Abtreibung als verwerflich ansahen. Psychologen sprechen hierbei von „internalisierter Stigmatisie- rung“: Die Betroffene brandmarkt sich selbst, weil sie nach ihren eigenen Maßstäben eine unethische Handlung vollzogen hat.

Heraus aus der Anonymität

Stigmatisierung führe „zu einer Kultur der Scham und des Schweigens“, berichtet Hanschmidt. „Die Frauen sind auch viele Jahre nach dem Abbruch in einem Bedrohungszustand, weil sie um ihr Ansehen fürchten, wenn der Abbruch bekannt würde. Sie müs- sen ihn verheimlichen und ihre Energie darauf ver- wenden.“ Das Schweigen ist fatal, denn ein Austausch mit anderen ist ein wichtiger Mechanismus, um tief- greifende Ereignisse hinter sich zu lassen. So begeben sich die Frauen mit der Erfahrung der Abtreibung in die Isolation. Das befördert das Grübeln und „kann zu Symptomen von Angst und Depressivität beitra- gen – bei den allermeisten Frauen nicht so, dass sie krank werden, aber durchaus bei einigen in belas- tender Weise“, berichtet Hanschmidt. Die Stigmati- sierung ist wahrscheinlich das größte Risiko für eine seelische Bürde nach einem Abbruch. Der Psychologe konnte auch belegen, dass eine restriktive Gesetzgebung mit mehr Abwertung ein- hergeht. Denselben Effekt hat eine ausgeprägte Glau- benskultur, jedoch nur dann, wenn die Religion die Abtreibung moralisch verurteilt. Für die katholische Kirche ist sie selbst zu einem sehr frühen Zeitpunkt tabu. Für das Judentum hingegen beginnt Leben erst 40 Tage nach der Zeugung, und laut Islam kommt die Seele in den 120 Tage alten Embryo. Die „Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozi- alwissenschaften“ fragt in regelmäßigen Abständen unter anderem nach den Einstellungen der Bevölke- rung zum Schwangerschaftsabbruch. Daraus geht hervor, dass die Beendigung noch am ehesten Frau- en zugestanden wird, die vergewaltigt wurden oder

Der eigenen Geschichte Raum geben: Noch immer scheuen sich Frauen, über ihre Abtreibung zu reden

medizinische Gründe vorbringen können. Dagegen finden fast 60 Prozent, dass es einer Frau verboten werden solle, aus Angst vor einer Situation als Al- leinerziehende abzutreiben. Dabei belegt die Studie frauen leben 3 der Bundeszentrale für gesundheitli- che Aufklärung, dass eine schwierige Partnerschaft derzeit der Hauptgrund für die Beendigung von Schwangerschaften ist. „Es gibt ein verbreitetes ge- sellschaftliches Unbehagen in Deutschland über Schwangerschaftsabbrüche, besonders über jene aus sozialen Gründen. Das bedingt Stigmatisierung“, analysiert Hanschmidt. In den USA formiert sich Widerstand gegen die Ausgrenzung der betroffenen Frauen. Die 1 in 3-Kam- pagne ruft öffentlich und über soziale Medien Frau- en auf, die eigene Erfahrung mit einem Abbruch zu schildern. Sie hat mittlerweile 30 000 Facebook- Abonnenten. Doch wie sehr sich Frauen auch in Deutschland noch scheuen, über ihre Abtreibung zu reden, wurde bei der Recherche zu diesem Beitrag deutlich: Trotz Monaten der Suche über Internet- foren, die Beratungsorganisationen pro familia und donum vitae sowie über private Kontakte und trotz Zusage der Anonymität meldete sich nur eine muti- ge Frau: Melanie Seeger. Hanschmidt fordert: „Wir brauchen mehr Raum für die individuellen Geschich- ten der Frauen. Es gibt nicht die Abtreibung. Jede Erfahrung, jede Motivlage ist in ihren Nuancen an-

ders.“

PH

ZUM WEITERLESEN

Die australische Sozialforscherin Erica Millar identifiziert in ihrem neuen Buch Happy Abortions (Wagenbach 2018) ein fatales „emotionales Skript“ in unserer Kultur, das besagt: „Frauen dür- fen abtreiben, solange sie sich deshalb ‚richtig, richtig schlecht‘ fühlen.“

ILLUSTRATION: JONI MAJER

STUDIENPLATZ

TAUSENDE JAHRE IN DREI TAGEN

Forscher untersuchten anhand eines Onlinekunstprojekts, wie sich Kulturen entwickelt haben könnten

VON ARIANE WETZEL
VON ARIANE WETZEL

A nfangApril2017botdasInter-

netportal Reddit seinen Nut- zern an, ein digitales Kunst-

werk zu erschaffen. Die Entwickler stell- ten dazu eine 1000 mal 1000 Pixel große weiße digitale Leinwand zur Verfügung. Auf diese durften User drei Tage lang ver- schiedenfarbige Pixel platzieren, wohin sie wollten – aber immer nur eins zu ei- nem Zeitpunkt und erst nach fünf Mi- nuten das nächste.

Reddit teilte dazu mit: “Individually youcancreatesomething.Togetheryou can create something more.” Das lie- ßen sich die User nicht zweimal sagen – insgesamt mehr als eine Million von ihnen machten mit. Nach den drei Tagen fand sich auf der Leinwand eine Vielzahl von Motiven aus mehr als 16 Millionen Pixeln. Zu sehen waren Nationalflaggen, Symbole und Comicfiguren aller Art sowie eine Mona Lisa – alle eng nebeneinander.

Einzelkämpfer hatten keine Chance

Entstand das Kunstwerk ungeordnet, war es also ein Ergebnis von spontaner Krea- tivität? Offenbar nicht, fanden Thomas Müller und James Winters vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsge- schichte heraus. Vielmehr sehen sie ihre Vermutung bestätigt, dass sich mensch- licheKulturenentwickelnkönnten,indem sich aus anfänglich großer Vielfalt und einer Art Chaos nach und nach Regeln und Verhaltensmuster bilden. „Bei dem Kunstprojekt hat sich gezeigt, wie sich, ausgehend von einer leeren Leinwand, vie- le kulturelle Merkmale wie Symbole und Zeichen entwickeln konnten. Die Vielfalt nahm zuerst zu, dann wurde das Ganze immer strukturierter und geordneter durch die Einführung von Regeln“, erklärt Müller. Die Forscher hatten 250 000 Mit- schnitte der drei Projekttage angefertigt und ausgewertet, so dass sie die Entwick- lung bis ins Detail untersuchen konnten. Wie die Wissenschaftler beobachteten, hatten Einzelkämpfer kaum eine Chance, sich gegen Nutzer, die sich zu Gruppen zusammenschlossen, durchzusetzen. Oh- ne Unterstützung von anderen mussten Individualisten ihre Motive aufgeben, weil sie aufgrund der zeitlichen Beschränkung schlicht zu wenige Pixel hatten. Dagegen konnten Nutzer ein Motiv planen und

dieses bis zum Schluss erhalten, wenn sie für ihre Bildideen warben und andere Nutzer dafür gewannen, ihre Pixel in ih- rem Kunstwerk zu platzieren und so zu helfen, dieses zu vervollständigen.

Nationalflaggenwarenoffenbarbeson-

ders beliebt. Sie wurden schließlich ein recht häufiges Bildmotiv, weil sich offen- bar sehr viele Nutzer einer Nationalität mit ihrer Flagge identifizieren konnten und deshalb an den Flaggenbildern ande- rer User mitarbeiteten. „Bei dem Projekt war es unglaublich wichtig zu kooperie- ren“, fasst Müller die entscheidende Stra- tegie zusammen.

Sich gegenseitig schützen

Als der Platz auf der Leinwand knapper wurde, erhöhte sich der Wettbewerbs- druck, was auch zu brenzligen Situationen führte. So kam es zwischen zwei Gruppen, die die deutsche und französische Flagge erstellten, auf einem umstrittenen Gebiet zu einem Konflikt. Dieser wurde erst ge- löst, als sich die beiden Gruppen darauf einigten, überschüssige deutsche Pixel in eine EU-Flagge umzugestalten. „Die Teil- nehmer stritten um Gebiete, haben sich dann aber gemeinsam mit den Nachbarn in diese Gebiete integriert“, berichtet Thomas Müller. Das sei so, als ob man sage: „Wenn du einen Teil von mir be- schützt und ich einen Teil von dir, werden

wir insgesamt sicherer sein“, ergänzt der Wissenschaftler James Winters. „Die digitale Leinwand war für uns wie eine Petrischale, in der Bakterien versu- chen, den Platz zu erobern“, sagt Müller. Kunst sehen die Forscher in diesem Zu- sammenhang als eine spezielle Form kul- tureller Ausdrucksweisen, vergleichbar mit der Sprache. Auch diese bestehe schließlich nicht nur aus einem Wort, son- dern bilde sich aus sehr vielen. Sie brauche eine bestimmte Struktur, wie sie Gram- matik und Syntax bieten, und erfahre ei- ne ständige Weiterentwicklung über die Zeit. Mit Kunstwerken oder grafischen Symbolen verhalte es sich ähnlich. In einer weiteren Studie wollen die Wis- senschaftler mithilfe von Computer- simulationen untersuchen, wie die Grup- pengröße das Zusammenspiel beein- flusste und wie sich bestimmte Vorlieben darauf auswirkten. „Was wir im Kern he- rausfinden wollen, ist, wie es zu den ge- ordneten, aber vielfältigen Verhaltenswei- sen kommt“, sagt Müller. PH

Thomas F. Müller, James Winters: Compression in cultural evolution: Homogeneity and structure in the emergence and evolution of a large-scale online collaborative art project. PLOS, 2018. DOI:

10.1371/journal.pone.0202019

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 264 Seiten, Klappenbroschur, 27 € (D)
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DEB DANA

Die Polyvagal-Theorie in der Therapie

„Die Polyvagal-Theorie ist für Traumatherapeuten wie für Traumatisierte ein Geschenk des Himmels, weil sie ihnen allen hilft, Symptome und Reaktionen zu verstehen, die lange für mysteriös und unbeein ußbar gehalten wurden. Deb Dana erklärt in ihrem Buch nicht nur sehr verständlich die Theorie, sondern zeigt Therapeuten außerdem eine Anzahl praktischer Möglichkeiten auf, ihren Klienten zu helfen, den eigenen autonomen Zustand zu regulieren.“

zu helfen, den eigenen autonomen Zustand zu regulieren.“ „In ihrem Buch transformiert Deb Dana eine neurobiologisch
zu helfen, den eigenen autonomen Zustand zu regulieren.“ „In ihrem Buch transformiert Deb Dana eine neurobiologisch
zu helfen, den eigenen autonomen Zustand zu regulieren.“ „In ihrem Buch transformiert Deb Dana eine neurobiologisch

„In ihrem Buch transformiert Deb Dana eine neurobiologisch fundierte Theorie auf brillante Art in eine klinische Praxis. So erwacht die Polyvagal-Theorie zum Leben.“

Stephen W. Porges

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Richard C. Schwartz

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Die Psychologie des Kochens

Wer regelmäßig kocht, tut damit nicht nur seinem Leib, sondern auch seiner Seele etwas Gutes. Das wird neuerdings sogar psychotherapeutisch genutzt

VON LISA MEYER

S chon unsere Sprache zeugt davon, wie sehr Kochen unse- ren Alltag prägt. Wir kochen vor Wut oder auch nur mit Wasser, geben unseren Senf dazu und versalzen anderen die Suppe. Wir rupfen ein Hühnchen mit der Tochter, rie- chen den Braten, hauen den Kollegen in die Pfanne und

schmoren im eigenen Saft. Dass Essen nicht nur geschmacklich, son- dern auch sprichwörtlich so präsent ist, liegt daran, dass seine Zube- reitung eine der folgenreichsten und notwendigsten Beschäftigungen im Leben aller Menschen ist – und ein Meilenstein in unserer Ge- schichte.

„Die Möglichkeit, Nahrung zu garen, ist ein wesentlicher Übergang vom animalischen zum menschlichen Dasein, das heißt von der Na- tur zur Kultur“, schrieb die 2015 verstorbene Gisla Gniech, Professo- rin für Psychologie an der Universität Bremen, in ihrem Buch Essen und Psyche. Über Hunger und Sattheit, Genuss und Kultur. Lange habe das Kochen vor allem dazu gedient, biologische Grundbedürf- nisse zu stillen und das Überleben zu sichern. „Heute befriedigt es Wünsche nach sinnlichen Erlebnissen und ist – ob Galadiner oder Fast Food – ein Gemeinschaftserlebnis“, so Gniech. Nicht ohne Grund zählen laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung 66 Prozent der Deutschen das Kochen zu ihren liebsten Freizeitaktivitäten. „Der Boom an TV-Kochsendungen und Rezeptbüchern, die wachsende Anzahl von Kochschulen und Genuss- seminaren, die Renaissance der Wochen- und Bauernmärkte, nicht zuletzt die enorme Vielfalt an Food-Blogs und das Phänomen der Food-Fotografien in sozialen Medien“ zeugten von der großen Be- deutung des Kochens in unserer modernen Gesellschaft, stellen die Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler und der Kulturwissen- schaftler Wolfgang Reiter in ihrem Beitrag für den Band Die Philo- sophie des Kochens fest. Die sogenannten Foodies als „Menschen, die

den kulinarischen Genuss zum Lifestyle erhoben haben, zum Angelpunkt, um den sich ihre Welt(sicht) dreht“, vermehrten sich rasant.

Kochen und Gefühle

Sinnestaumel statt Sättigung, Lifestyle statt Leibes- fülle – wo niemand mehr Hunger leiden muss, wird Kochen zum Ausdrucksmedium. Zum Beispiel bei dem „leidenschaftlichen Hobbybäcker und -koch“ Björn Valentin. Mit blondem Schopf, Ringelshirt und Herzchentasse strahlt er den Lesern seines Blogs Herz- futter entgegen. Gerichte wie ein Melonen-Radies- chen-Salat, eine Kürbis-Gorgonzola-Herbstpfanne und eine Heidelbeer-Cassis-Torte warten dort auf Nachahmer. Dem Berliner geht es um „Inspiration, Freude, Leidenschaft und Glücksmomente“, schreibt er, kurz um „Essen aus Liebe“. In seinen Rezepten spielen Mengenangaben und Verarbeitungstipps des- halb nur eine Nebenrolle. Die Bühne gehört vergöt- terten Erdnüssen, geliebten Burgern, himmlischen Hühnchen und Fischen mit Heimatgefühl. Wie viele Menschen verknüpft der 28-Jährige so manche Speise mit positiven Empfindungen. „Durch Kindheitserinnerungen und bestimmte Erlebnisse

sind Essen und Kochen oft mit Emotionen verbun- den“, sagt Christina Bermeitinger, die am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim zu diesem Thema forscht und mit ihren Studenten ein Kochbuch der Gefühle herausgegeben hat. Das Zubereiten von Nahrungsmitteln beschert uns eine ganze Palette an schönen Gefühlen: Vor- freude,Überraschung,NeugierdeoderZufriedenheit. Löffeln wir nach vollbrachter Arbeit dann die Grieß- nockerlsuppe à la Oma, breitet sich ein heimelig- warmes Gefühl ins uns aus. Servieren wir den Freun- den ein opulentes Drei-Gänge-Menü, fallen wir am Ende des Abends mit stolzgeschwellter Brust ins Bett. Forscher der US-amerikanischen National Insti- tutes of Health stellten entsprechend in einer Über- blicksarbeit fest, dass Kochen „positive Stimmung, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl fördert“. Eine Erklärung für diesen Effekt liefern Wissenschaftler von der University at Buffalo. In mehreren Experi- menten zeigten Jordan Troisi und Shira Gabriel, dass bestimmte Speisen Gefühle der Einsamkeit und Iso- lation lindern können. „Die emotionale Wirkung von Wohlfühlgerichten resultiert aus ihrer Verbindung zu sozialen Beziehungen“, wissen die Psychologen.

THERAPIE IN DER KÜCHE

Eine „Kochtherapie“ wird zur Ver- haltensaktivierung eingesetzt – eine klassische verhaltenstherapeu- tische Technik. Antriebslosigkeit und Passivität sollen überwunden und positive Erlebnisse und zielori- entiertes Verhalten befördert wer- den. Angewandt wird der Ansatz in psychiatrischen Kliniken und Ein- richtungen zur psychosomatischen Rehabilitation wie etwa der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Freiburg. Auch Psychologen und Berater mit eige- ner Praxis bieten Kochkurse an. Bei Depressionen, Angst- und Erschöpfungszuständen, Essstö- rungen, ADHS, sozialen Problemen oder auch Suchterkrankungen kann ein solches Kochprogramm die

psychotherapeutische Behandlung ergänzen. Die körperliche Betätigung beim Kochen mildere negative Gefühle wie Angst und Stress, sagt etwa die US-Sozialpädagogin Julie Ohana, die solche Kurse anbietet. „Zu den positiven Effekten zählen außerdem ein gesteigertes Selbstwertgefühl und der Kontakt auf einer tieferen zwischenmenschlichen Ebene.“ Indem sich die Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit richte, würden Grübelschleifen durchbrochen. Symptome wie Müdigkeit oder Depressivität hätten weniger Platz. Ähnlich wie bei anderen krea- tiven Therapieverfahren wie etwa Musik- oder Kunsttherapie ist die Gruppendynamik beim the-

rapeutischen Kochen oft Teil des Prozesses. Dabei werden soziale Interaktionen trainiert und Kom- munikationsfähigkeiten geschult. Gemeinsam wird ein Menü zube- reitet – auch „mit dem Ziel der Verbesserung von Alltagsfähig- keiten und Fertigkeiten“, so das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, das Kochtherapie begleitend zur Psychotherapie für stationäre Patienten und für Patien- ten der Tagesklinik anbietet. Die Teilnehmer erführen dabei, dass sie aus eigener Kraft Proble- me bewältigen und Kontrolle aus- üben können. Genusstrainings und Wahrnehmungsübungen lenkten den Blick auf positive Erfahrungen.

LM

tina Bermeitinger. „Viele setzen das Kochen außer- dem ein, um zu entspannen oder abzuschalten.“ Wir-

tina Bermeitinger. „Viele setzen das Kochen außer- dem ein, um zu entspannen oder abzuschalten.“ Wir- kungen wie diese machen sich auch Therapeuten, Praxen und Kliniken zunutze, indem sie für Patien- ten sogenannte „Kochtherapien“ als Methode der Verhaltensaktivierung anbieten (siehe Kasten). In diesen speziellen, das psychotherapeutische Vorgehen zumeist begleitenden Programmen lernen die Betroffenen so beispielsweise, ihre Achtsamkeit zu schulen und soziale Interaktionen zu trainieren – offenbar mit Erfolg: Die Metaanalyse der US-ame- rikanischen National Institutes of Health kommt zu dem Schluss, dass die wissenschaftlichen Belege für den Nutzen von Kochinterventionen zwar noch spär- lich ausfallen; erste Studien legten dennoch positive Einflüsse nahe, etwa auf das Selbstvertrauen, sozia- le Kompetenzen, Angstzustände, Gefühle von Selbst- wirksamkeit sowie die Lebensqualität. Die Forscher um Hauptautorin Nicole Farmer erklären sich den Effekt damit, dass Kochen schöne Erinnerungen hervorruft und Konzentration erfordert. Geruchs-, Geschmacks-, Tast- und Sehsinn

Sie erinnern uns an unsere Familie, die Kind- heit und Momente der Fürsorge – „und sor- gen damit tatsächlich für Wohlgefühl“, mei- nen die Forscher. Doch nicht nur Gerichte erzeugen Gefüh- le, Gefühle erzeugen auch Gerichte: „In be- stimmten Stimmungen bevorzugen wir be- stimmte Nahrungsmittel“, sagt Psychologin Christina Bermeitinger. „Wenn es uns gut geht, bereiten wir uns eher Speisen mit fri- schen, knackigen Zutaten zu. Wenn es uns weniger gut geht, greifen wir eher zu Junk- food und Fertiggerichten.“ Egal ob wir uns trösten, belohnen oder umsorgen wollen – oft ist die Nahrung ein Mittel, um unsere Laune zu heben. Denn „Glück und Wohlbe- finden sind die Folge der Befriedigung von drei verschiedenen Bedürfnissen“, so Gisla Gniech: dem physiologischen, dem sinnli- chen und dem sozialen. Das Kochen und Es- sen bediene alle drei dieser Ebenen. Aber auch mit negativen Gefühlen kann Kochen verbunden sein. Der Stress beim Bra- ten der Weihnachtsgans, der Erwartungs- druck durch die Geburtstagsgäste, die Angst, ein Gericht zu überwürzen, oder der Zorn darüber, dass eine Speise angebrannt ist – diese Empfindungen sind fast jedem Koch bekannt. Daneben wabere eine große Furcht durch die deutschen Küchen, beobachten Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler und Kulturwissenschaftler Wolfgang Reiter. „Traue nie- mandem, nur dir selbst“, das sei die Botschaft vieler Kochbücher auf dem Markt. „Problematisch daran ist nicht, dass sie auf Missstände in der industriellen Lebensmittelproduktion und auf Probleme unseres Nahrungssystems aufmerksam machen“, schreiben die Autoren, sondern, „dass sie ihre Leser zu para- noiden Essern manipulieren, ihnen Angst und ein schlechtesGewissenmachen“.Sowürdenimmerneue Lebensmittel verteufelt, Ernährungsfallen deklariert, Industrielügen aufgedeckt und Diätratschläge pro- duziert – bis kaum ein Verbraucher mehr wisse, wie er sich richtig verhalten kann.

Kochen und Genesung

Verunsicherung, Frustration, Ärger – das sind die Schattenseiten des neuen Hypes ums Kochen. Gleich- zeitig ist Kochen ein guter Weg, belastende Emotio- nen zu regulieren: „Wir können uns dabei regelrecht abreagieren – Kräuter hacken, Kartoffeln stampfen oder Teig kneten“, sagt Psychologieprofessorin Chris-

Hacken, stampfen, kneten: Kochen ist ein guter Weg, belastende Emotionen zu regulieren

Nahrung wird heute als Weg zur Erlösung gesehen. So hat Kochen fast religiöse Züge angenommen

werden gleichermaßen angesprochen und verankern uns ganz in der Gegenwart. Wir lernen Neues, sind kreativ und erhalten unmittelbare Rückmeldungen über die Konsequenzen unseres Tuns. Am Ende liegt etwas Greifbares auf dem Teller und beschert uns nicht nur ein Geschmacks-, sondern auch ein Erfolgs- erlebnis. Die Tatsache, dass mit häufigerem Kochen oft auch eine gesündere Ernährung einhergeht, kann das Wohlbefinden zusätzlich steigern. Nicht zuletzt, vermuten die Autoren, „könnte auch die Interaktion in den Kochgruppen einen Teil der positiven Effekte auf psychosoziale Faktoren erklären“.

Kochen und Gemeinschaft

„Das gemeinsame Essen und Kochen hat eine Reihe sozialer Funktionen“, sagt auch Christina Bermei- tinger. „Kommunikation wird geschult, soziale Re- geln werden gelernt, der Zusammenhalt wird ge- stärkt.“ Stellen wir uns mit anderen hinter den Herd, lernen wir unterschiedliche Vorlieben zu akzeptieren, eigene Bedürfnisse auszudrücken und zusammen an einem Ziel zu arbeiten. Beim Essen in der Gruppe schließlich fühlen wir uns als Teil eines Kollektivs und bemühen uns um Harmonie. Doch während Kochen in der Gemeinschaft meist bereichernd ist, kann Kochen für die Gemeinschaft tagtäglichen Stress, lästige Pflicht und organisato- rischen Aufwand bedeuten. Das hat beispielsweise Magda Fuchs fast 30 Jahre lang erlebt. Tag für Tag hat die heute 56-Jährige ihrer fünfköpfigen Familie ein warmes Mittagessen serviert. „In dieser Frequenz ist das Kochen nur noch selten ein Genuss“, sagt sie. „Irgendwann bist du froh, wenn du irgendeinen Ein- fall hast und es schnell geht.“ Eine Idee finden, Zu- taten einkaufen, Essen zubereiten, Arbeitsfläche auf- räumen, Töpfe abwaschen: eine zermürbende Rou-

tine, die nur vom Wochenende unterbrochen wurde. „Da hat öfter mein Mann das Kochen übernommen. Zumindest wenn es den klassischen Sonntagsbraten gab oder gegrillt wurde.“

Kochen und Gesellschaft

Den Mann von Magda Fuchs würden die Meinungs- forscher des Rheingold-Instituts vielleicht als wild boy betiteln. In tiefenpsychologischen Interviews ha- ben sie verschiedene Ernährungstypen ausfindig ge- macht. Neben „Salatsingles“, „großen Kindern“ oder „Food-Posern“ zählen auch eben diese „wilden Jungs“ dazu. Mit wissenschaftlicher Präzision rücken diese wild boys demnach – freilich nur zu besonderen An- lässen – ihrem Entrecote vom Galicien-Beef zu Lei- be. Mittels komplexer Gerätschaften inszenierten sie ihre Männlichkeit und zelebrierten den Fleischgenuss als Symbol der Urkraft, so die Forscher. Zu ihnen gehört auch Schriftsteller Carsten Otte, der sich und seine Artgenossen in dem Buch Der gastrosexuelle Mann ergründet: Dieser „investiert in ausgefallenes Kochwerkzeug, kennt sich mit Sous-vide-Gartem- peraturen aus und macht aus jedem Amuse-Gueule ein wahres Vorspiel. Seine Leidenschaft erwacht nicht unterm Auto, sondern in der Küche.“ Hobbyköche wie den 46-Jährigen betrachtet das Autorenduo Hanni Rützler und Wolfgang Reiter als Teil einer „neuen Genusselite“. Diese neige dazu, die gesellschaftliche Relevanz ihrer Obsessionen zu über- schätzen, und betreibe eine „Vergötterung des Ko- chens und das Hochstilisieren der Kulinarik zum Heilsweg für das Individuum und die Gesellschaft“. Wer sich ihrem Diktat nicht unterwerfe, sehe sich schnell als Opfer der Lebensmittelindustrie bemit- leidet oder zum Drückeberger ernannt. „Insbeson- dere Müttermit Kindern bekommen das heuteimmer mehr zu spüren“, kritisieren die Wissenschaftler. In der New York Times findet der Essayist William Deresiewicz deutliche Worte für diese Entwicklung:

Foodism ist ein Instrument des Statusstrebens und der Konkurrenz, ein allgegenwärtiger Anlass für Sno- bismus und soziale Aggression“, schreibt er. Das Ko- chen habe darüber fast religiöse Züge angenommen:

„Nahrung drückt heutzutage symbolische Werte aus und absorbiert die spirituellen Energien der gebilde- ten Klasse. Sie hat sich mit dem Sinn des Lebens ver- bunden und wird als Weg zur Erlösung gesehen, so- wohl für das Selbst als auch für die Menschheit.“ Diese Überhöhung prallt auf die Realität der gro- ßen Mehrheit. Deren Esskultur sei „durch einen Verlust von Struktur und Rhythmisierung, dafür aber durch eine starke Zunahme von Hektik, Zeit-

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knappheit und Multioptionalität charakterisiert“, stellt Thomas Ellrott, Ernährungspsychologe an der

Universität Göttingen, in einer Studie fest. Zeit und Ort des Essens werden durch den Job diktiert, Snacks ersetzen Mahlzeiten, Kochbücher dienen eher als Er- satzbefriedigung denn Motivation. „Delegiertes Genießen“ nennen Kulturwissen- schaftler dieses verbreitete Phänomen: Die Fertig- pizza kauend beobachten wir im TV, wie andere die Mangoldfüllung in den selbstgemachten Ravioliteig füllen. Zwar gibt in Studien noch mehr als die Hälf- te der Befragten an, regelmäßig zu Hause zu kochen, doch versteht darunter nur ein kleiner Teil ein voll-

ständigausfrischenZutatenzubereitetesEssen.Papp-

kartons vom Lieferservice, Convenience-Produkte und Restaurantbesuche sind nicht selten ein fester Bestandteil des Alltags.

Kochen und Genuss

Wie also glückt uns der Spagat zwischen Wirklich- keit und Anspruch? Zwischen Sous-vide-Garer und Maggi Fix? Vielleicht indem wir uns ein Leben mit beiden Facetten des Kochens erlauben: als Alltags- pflicht, aber auch als Selbstfürsorge. Denn: „Kochen ist eine entspannende, kreative, lustige und inspirie- rende Tätigkeit, die uns hilft, uns freier, ehrlicher und offener zu fühlen“, sagt die Beraterin und Sozi- alpädagogin Julie Ohana, die im US-Bundesstaat Michigan eine culinary art therapy anbietet. In Einzelsitzungen oder bei Kochabenden mit der ganzen Familie lernen ihre Klienten, dass das Prä- dikat „Soulfood“ nicht von trendigen Zutaten und hippen Rezepten abhängt, sondern allein von unse- rem Erleben. Der Lieblingssong aus dem Küchenra-

dio, der liebevoll angerichtete Teller, die nette Ge- sellschaft – all das trägt dazu bei, dass der Genuss wieder im Vordergrund steht. Die Psychologin Christina Bermeitinger rät au- ßerdem, ganz bewusst die verschiedenen Sinne mit- einzubeziehen: „Was rieche ich da eigentlich? Wie fühlt sich die Schale einer Gurke im Vergleich zu der einer Paprika an? Wie klingt es, wenn die Suppe im Topf vor sich hin blubbert?“ Mal könne es wohltuend sein, sich Gerichte aus der Kindheit vorzunehmen, mal bescheren neue Gewürze und Zutaten spannen- de Erfahrungen. Vor allem aber sollten wir eines ver- meiden, sagt Bermeitinger, und das sei, „das Essen und Kochen übermäßig mit Bedeutung und Erwar- tungen aufzuladen“. Nicht nur was und wann wir essen, sondern auch wie und mit wem, dürfe durch- aus variieren, sich verändern und den individuellen Bedürfnissen angepasst werden. Wie bei Magda Fuchs. Mittlerweile sind ihre drei Kinder ausgezogen – und die Freude am Kochen ist zurückgekehrt. „Jetzt, wo ich nicht mehr unbedingt etwas auftischen muss, habe ich wieder Spaß daran“, sagt sie. Heute entscheidet allein ihr Appetit, was auf den Herd kommt. Und ihr Gefühl. PH

ZUM WEITERLESEN

Stevan Paul (Hg.): Die Philosophie des Kochens. Mairisch, Ham- burg 2018

Jean-Claude Kaufmann: Kochende Leidenschaft. Soziologie vom Kochen und Essen. UVK, Konstanz 2006

Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website:

psychologie-heute.de/literatur

UNSERE BELIEBTESTEN BÜCHER PSYCHOLOGIE HEUTE 10/2018 5. Aufl. 2018, 496 Seiten, Klappenbroschur, 36 € (D)
UNSERE BELIEBTESTEN BÜCHER
PSYCHOLOGIE HEUTE
10/2018
5. Aufl. 2018, 496 Seiten, Klappenbroschur, 36 € (D)
2.
Aufl. 2017, 232 Seiten, Klappenbroschur, 22 € (D)
2.
Aufl. 2018, 240 Seiten, Klappenbroschur, 25 € (D)
2. Aufl. 2019, 208 Seiten, Klappenbroschur, 22 € (D)
(D) 2. Aufl. 2018, 240 Seiten, Klappenbroschur, 25 € (D) 2. Aufl. 2019, 208 Seiten, Klappenbroschur,

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ILLUSTRATION: ELKE EHNINGER

LEKYS AUSSICHTEN

ILLUSTRATION: ELKE EHNINGER LEKYS AUSSICHTEN ICH BEBE MICH DURCHS LEBEN M ein Freund Vadim sitzt vor

ICH BEBE MICH DURCHS LEBEN

M ein Freund Vadim sitzt vor mir, und seine Hände zittern. Wir sitzen in Vadims Haus am Kamin, es ist

warm und Vadims Hände haben, soweit man sehen kann, keinen Grund zum Zittern. Trotzdem tun sie das, und zwar so, als sei Vadim eben erst dem Leibhaftigen oder einer kolossalen Liebe begegnet. Es sind aber nur wir beide hier, und wir waren einander frü- her mal eine mittlere Liebe, das war während unseres Studiums und ist also zwanzig Jah- re her. Den ganzen Tag lang haben wir viel gere- det, weil wir uns nur selten sehen. Jetzt reden wir nicht mehr, weil Vadim an einem Vortrag schreiben muss. Ich sitze ihm gegenüber, schaue in ein Buch und denke aber eigentlich über Vadim nach. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Vadims Hände zittern. Sie zittern am Kamin, sie zit-

dass Vadims Hände zittern. Sie zittern am Kamin, sie zit- Mariana Leky ist mit ihrem Roman

Mariana Leky ist mit ihrem Roman Was man von hier aus sehen kann seit vielen Wochen in den Bestseller- listen. In Psychologie Heute schreibt sie jeden Monat darüber, was die Menschen, die sie umgeben, bewegt. Mit psychologischen Themen kennt sich Leky aus: In ihrer Familie sind zehn Psychoanalytiker

tern, wenn er Tee kocht, wenn er Kartoffeln schält, nachdenkt, schreibt, wenn er im Su- permarkt ist, im Wald, in der Straßenbahn, sie zittern immer. Vadim ist ein paar Mal gründlich untersucht worden, aber man hat in seinem ganzen Körper nie einen Grund zum Zittern gefunden. Als wir uns kennen- lernten, litt Vadim unter seinem anlasslosen Zittern, weil er sich viele Gedanken darüber machte, was die Leute denken. Die Leute den- ken, dachte Vadim, dass er sehr nervös ist oder sehr ängstlich oder ein Trinker, und er bestellte nie Suppe, wenn wir essen waren, und nie Getränke, die in Gläsern mit Stiel serviert wurden. „Es muss irgendwie aufhören“, sagte er damals zu mir, „ich halte nicht aus, was die Leute denken.“ Ich weiß noch, wie ich nase- weis sagte: „Du weißt doch gar nicht, was die Leute denken, es sind nur deine Gedan-

ken über das, was die Leute denken könn- ten“, und ich glaube, ich schob noch hin- terher: „Es ist doch auch ganz egal, was sie denken.“ Das war leider reine Großspurigkeit. Ich weiß noch, wie ich mit Kommilito- ninnen in der Mensa einen dieser Psycho- tests aus einer Zeitschrift machte. Eine Frage lautete: „Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie wichtig ist Ihnen, was an- dere über Sie denken?“ – „Zehn“, wollte ich sagen, aber stattdessen log ich: „Höchs- tens eins“, weil mir sehr wichtig war, dass die Kommilitoninnen über mich dachten, dass ich mir keine Gedanken darüber ma- che, was andere über mich denken. Weil es keine organische Ursache für Vadims Zittern gab, kam er schließlich aufs Psychische und beschloss, eine Ver- haltenstherapie zu machen. In meiner Fa- milie gibt es einige Psychoanalytiker, und sie hielten damals alle nicht viel von Ver- haltenstherapie. Sie rümpften die Nase, als Vadim von seinen Verhaltenstherapie- plänen erzählte, sie schauten Vadim an, als habe er gerade mitten in einer Wag- neroper gesagt, dass er den Soundtrack von Dirty Dancing gehaltvoller findet. In seiner Verhaltenstherapie musste Vadim das Zittern auf die Spitze treiben, er musste die angeblichen Gedanken der Leute befeuern. Er musste aus therapeu- tischen Gründen am Vormittag Dosenbier kaufen und an der Kasse das Portemon- naie in der Hand so zittern lassen, dass es auf den Boden fiel. Er musste in der Men- sa Kartoffelsuppe über den ganzen Tisch

verteilen. Mir wurde allein schon bei der Vorstellung übel, und ich überlegte, den Therapeuten wegen seelischer Grausam- keit anzuzeigen, doch Vadim machte das alles zwar unter Qualen, aber mit Feuer- eifer und lernte, dass die Leute meistens nicht nur nichts Schlimmes, sondern überhaupt nichts über einen denken. Heute plagen Vadim seine zitternden Hände nicht mehr, „ich bebe mich so durchs Leben“, hat er heute früh gesagt. Während ich hier am Kamin auf Va- dims Hände schaue, fällt mir sehr plötz- lich etwas ein, an das ich zwanzig Jahre lang nicht gedacht habe. Ich erinnere mich, dass sich einmal, kurz nach Vadims Therapie, ein junger Mann, ein Student wahrscheinlich, den wir noch nie gesehen hatten, zu Vadim und mir an den Men- satisch setzte. Der Mann sah ganz unauf- fällig aus, aber die Hände, mit denen er sein Tablett auf den Tisch stellte, waren riesig und verformt. Sie waren groß wie Kürbisse, die Finger viel zu breit, sie wirk- ten gelenklos, wie aufgepustete Papiertü- ten. Winzige Fingernägel waren wie ins Fleisch gedrückt. Der junge Mann aß mit etwas, das aussah wie kurzstieliges Salat- besteck, weil er eine Gabel nicht hätte hal- ten können. Er hatte sich neben mich gesetzt, ich saß also zwischen ihm und Vadim. Ich fragte mich auf einer Skala von eins bis zehn, wie der Mann aushielt, was die Leu- te dachten, ob sich auf seinen unverform- ten Schultern alle Versuche aller Umsit- zenden stapelten, bloß nicht auf seine

Hände zu starren, und all das jähe Mitleid, auch meines, all das rasch überspielte Er- schrecken, auch meines. Ich schaute auf Vadims Hände, die wie immer flatterten, und dachte: Ich bin umzingelt von ver- rückt gewordenen Händen und umzingelt von meinen Gedanken über anderer Leu- te Gedanken. „Schmeckt ja heute ausnahmsweise ganz gut“, sagte Vadim. „Stimmt“, sagte der Mann. Ich nickte zustimmend, nach rechts zu Vadim und nach links zu dem Mann, dabei hatte ich, obwohl ich meinen Teller schon halb leer gegessen hatte, kei- ne Ahnung, wie es schmeckte, denn es war sehr einnehmend, permanent Menschen mit Gedanken auszustatten. Ich war die einzige von uns dreien, die ihr Essen um- standslos zum Mund transportieren konnte, und gleichzeitig die einzige, die nicht wusste, wie es schmeckte, weil ich vollauf damit beschäftigt war, mögliche Gedanken in Leute hineinzustopfen. Jetzt, an Vadims Kamin, weiß ich wie- der genau, wie anstrengend das war, stän- dig mit diesen Mutmaßungen beschäftigt zu sein, anstatt den Leuten, wie es sich gehört, die Inneneinrichtung ihrer Köpfe gefälligst selbst zu überlassen. „Vadim“, sage ich, und er schaut von seinem Block auf. „Kannst du dich an den Studenten erinnern, der so riesige Hände hatte?“ Vadim schaut mich an, ein biss- chen erstaunt, ein bisschen belustigt. „Deine Hände zittern ja“, sagt er. PH

PSYCHOLOGIE HEUTE 03/2019 304 Seiten, Klappenbroschur, 28 € (D)
PSYCHOLOGIE HEUTE
03/2019
304 Seiten, Klappenbroschur, 28 € (D)

SHARI Y. MANNING

Ich liebe einen Borderliner

„Stärker als viele andere Störungen wirkt sich die Borderline-Persönlichkeitsstörung auf Beziehungen aus. Das vorliegende Buch macht Familienangehörige und Freunde von Menschen mit einer BPS mit wertvollen Fertigkeiten vertraut, die ihnen ermöglichen, sowohl den von dieser Störung Betro enen als auch sich selbst zu helfen. Dr. Manning hat in diesem Buch, das jeder mit der Problematik Konfrontierte lesen sollte, ausgezeichnete Arbeit geleistet.“

lesen sollte, ausgezeichnete Arbeit geleistet.“ „Probieren Sie die Empfehlungen, die in diesem Buch
lesen sollte, ausgezeichnete Arbeit geleistet.“ „Probieren Sie die Empfehlungen, die in diesem Buch

„Probieren Sie die Empfehlungen, die in diesem Buch gegeben werden, aus. Sie werden staunen, wie positiv sich dies auf Ihre Beziehungen auswirken wird.“

Marsha M. Linehan

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Perry D. Ho man, Präsidentin der National Education Alliance for Borderline Personality Disorder/USA

D. Ho man , Präsidentin der National Education Alliance for Borderline Personality Disorder/USA www.gp-probst.de

www.gp-probst.de

BUCH & KRITIK

REDAKTION: KATRIN BRENNER-BECKER

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Nur Mut!

Warum so zögerlich? Melanie Wolfers zeigt, wie wir angstfreier leben können

Ist Ihnen schon einmal bewusstgeworden, dass Ihr Leben wie ein Film an Ihnen vor- beiläuft – statt dass Sie es selbst in die Hand nehmen und mutig Entscheidungen tref- fen? Dann könnte Trau dich, es ist dein Leben eine anregende und hilfreiche Lek- türe für Sie sein. „Wir haben jeden Au- genblick neu die Wahl: Wir können am Ufer sitzen bleiben oder uns mit unserem Lebensschiff aufs Wasser hinauswagen“, schreibt die Autorin Melanie Wolfers. In ihrem neuen Buch schildert sie, selbst Theologin und Seelsorgerin, viel- fältige Situationen, für die man Mut braucht: etwa um sich im Beruf oder im Privatleben für einen neuen Weg zu ent- scheiden und seine Träume zu verwirkli- chen. Aber auch um sich anderen Men- schen gegenüber zu öffnen und enge Be- ziehungen eingehen zu können. Mut ist notwendig, um Verantwortung zu über- nehmen – sei es für einen anspruchsvollen Job oder in der Rolle als Eltern. Und es braucht Mut, um seine Meinung zu sagen und sich dem Risiko auszusetzen, Kritik oder Ablehnung zu erfahren. Wolfers schildert solche Situationen, dieUnsicherheitauslösenkönnen,anhand anschaulicher Fallbeispiele. Dabei lässt sie auch eigene Erfahrungen einfließen, die zeigen, dass das Thema Mut in ihrem Le- ben eine zentrale Rolle spielt: etwa wie sie trotz Zweifeln die Entscheidung traf, in einen religiösen Orden einzutreten. Oder wie sie sich in einer Überlastungssituati- on dazu durchrang, sich Freunden anzu- vertrauen. Gleichzeitig enthält das Buch viele konkrete Tipps und Denkanregun- gen: Wie kann es gelingen, sich mehr um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern? Wie schafft man es, in Beziehungen Ver- trauen aufzubauen? Wie findet man den Mut, sein Leben zu genießen oder kreativ tätig zu werden? Oder den Mut, nach vor-

ne zu schauen und auch weitreichende Entscheidungen zu treffen? Die Grundidee des Buches –„mutig handeln, dabei Verletzbarkeit aushalten und akzeptieren, dass auch Enttäuschun- gen zum Leben gehören“ – kann sicher in vielen Situationen des Lebens hilfreich sein. Allerdings taucht diese Idee in Va- riationen immer wieder auf – hier hätte sicher einiges kürzergehalten werden kön- nen. Zudem ist der Gedanke, sich seinen Ängsten zu stellen und trotz Unsicherheit mutig zu handeln, nicht neu: Ähnliche Konzepte spielen in vielen psychothera- peutischen Ansätzen, etwa in Achtsam- keits- oder Selbstsicherheitstrainings oder bei der Therapie von Ängsten, eine Rolle. In Trau dich, es ist dein Leben wird das Thema stärker aus philosophischer Sicht beleuchtet, wobei zugleich viele histori- sche und gesellschaftliche Beispiele ein- fließen. Immer wieder stellt die Autorin auch einen Bezug zu Religion und christ- lichem Glauben her: etwa wenn sie be- schreibt, wie man seine eigenen Schritte auf Gott abstimmen kann, oder wenn sie darlegt, dass man in schwierigen Situati- onen aus einer spirituellen Kraft schöpfen kann. Das mag für gläubige Menschen nachvollziehbar und hilfreich sein. Wer dem christlichen Glauben nicht zugetan ist, wird mit solchen Ausführungen we- niger anfangen können oder diese viel- leicht eher kritisch sehen.

CHRISTINE AMRHEIN

diese viel- leicht eher kritisch sehen. CHRISTINE AMRHEIN Melanie Wolfers: Trau dich, es ist dein Leben.

Melanie Wolfers: Trau dich, es ist dein Leben. Die Kunst, mutig zu sein. Bene! München 2018, 223 S., € 17,–

„Nichts hinterlässt einen scha- leren Nach- geschmack als der Eindruck:

Ich bleibe Zuschauerin im eigenen Leben“

MELANIE WOLFERS

Chaosjahre

Drei Bücher helfen, Jugendliche durch die Pubertät zu begleiten und die eigene Elternrolle neu zu erkunden

Jugendliche treiben ihre Eltern gelegent- lich zur Verzweiflung. Sie sind launisch, risikobereit und ständig bemüht, Grenzen auszutesten. Wir wissen heute, dass die Pubertät, die schon mit 11 Jahren begin- nen kann, eine prägende Lebensphase ist. Doch wie begegnen wir unseren Kindern, die uns plötzlich fremd vorkommen? Und wie erklärt die Hirnforschung die Verhal- tensänderungen von Adoleszenten? Drei Bücher können helfen, Pubertie- rende besser zu verstehen. Maja Overbeck lädt zu einem Perspek- tivwechsel ein. Die Pubertät sei keine Pro- blemphase, sondern „die schönste Zeit“ im Leben von Eltern. „Mit zunehmendem Alter meines Kindes stellen sich bei mir zwei Dinge ein: das Glücksgefühl, wieder ein selbstbestimmter Mensch zu sein, und die Erkenntnis, dass die Zeit mit meinem Kind endlich ist.“ Die Trendforscherin – Mutter eines sechzehnjährigen Sohnes – schreibt als Betroffene, die jeden Tag by doing lernt.

– schreibt als Betroffene, die jeden Tag by doing lernt. Sie sieht ihr Buch nicht als

Sie sieht ihr Buch nicht als Ratgeber, son- dern möchte ihre persönlichen Erfahrun- gen weitergeben, die sie durch zahlreiche Gespräche mit Heranwachsenden gesam- melt hat. Sie beschreibt, wie das Leben mit Pu- bertierenden außer Kontrolle geraten kann, entwickelt Strategien, wie man Ju- gendliche unterstützen und was beim Ein- üben einer neuen Rolle helfen könnte. Dabei plädiert sie dafür, Pubertierende sanft zu behandeln, Ausfälle zu tolerieren, Vertrauen einzuüben, loszulassen, aber präsent zu bleiben. Zwar sei Streit in der Pubertät normal, aber wichtig seien auch Wertschätzung und Versöhnung. Maja Overbeck spricht gezielt die „Ge- neration der Helikoptereltern“ an: über- besorgte, eher wohlhabende Eltern, die Wert auf Selbstoptimierung und Leistung legen.AusderElternperspektivebeschreibt sie klug und mitfühlend Alltagsprobleme, die im Zusammenleben mit Pubertieren- den auftreten können. Schwerwiegendere

Konflikte, die in dieser Lebensphase auch vorkommen können, werden nicht thema- tisiert. Elisabeth Raffauf richtet sich mit ihrem Buch Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen an Pubertierende und Eltern. Auch die Psychologin mit dem Schwer- punkt Familien- und Erziehungsberatung will keinen Ratgeber schreiben, denn „es gibt nicht den Rat“. Sie beschreibt mögli- che Probleme und zeigt Lösungsmöglich- keiten auf. So empfiehlt sie Pubertieren- den, den Eltern auch mal etwas zu ver- schweigen. Es gebe einfach Themen, die

mal etwas zu ver- schweigen. Es gebe einfach Themen, die Maja Overbeck: I love Teens. Wie

Maja Overbeck: I love Teens. Wie es Spaß macht, unsere Kinder durch die Pubertät zu begleiten. Piper, München 2018, 232 S., € 17,–

Eltern nichts angehen. Liebe zum Beispiel. „Neugierige Eltern müssen belogen wer- den. Aus Selbstschutz.“ Die Eltern müss-

ten sich klarmachen: Ablösung ist das Ziel. Und das könne durchaus wehtun. „Ablö- sung und Harmonie passen nicht zusam- men.“ In der Pubertät hätten Eltern und Kinder nun mal komplett entgegengesetz- te Aufgaben. Der Job der Kinder sei es, Grenzen zu testen – und die Eltern müss- ten zeigen, wo die eine oder andere Gren- ze verläuft. Eine Herausforderung sei der Medienkonsum. „Der Mediensog ist uns allen über den Kopf gewachsen – auch den

ausgewiesenenMedienexperten“,behaup-

tet sie und gibt sich ratlos: „Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen.“ Sie rät, mit den Jugendlichen zu verhandeln. Elisabeth Raffauf hat schon vor knapp 20 Jahren ein Buch zum Thema Pubertät geschrieben. Viele Themen, etwa Drogen- und Medienkonsum, werden erneut auf- gegriffen, jedoch aktualisiert. Auch wenn das Kapitel über Medien- konsum nicht zufriedenstellt und die Pro- bleme weiblicher Heranwachsender zu kurz kommen, ist es insgesamt ein lesens- wertes Buch, das die Bedürfnisse von Ju- gendlichenundElternindenBlicknimmt. Kommt Pubertät nur in unserem abendländischen Kulturkreis vor? Sarah- Jayne Blakemore erklärt, dass sie ein kul- turübergreifendes Entwicklungsstadium ist. Und adoleszenztypische Verhaltens- weisen gebe es auch bei Tieren. Die vor allem im angelsächsischen Raum promi- nente Neurowissenschaftlerin zeigt auf, was wir heute über das Gehirn von Her- anwachsenden wissen. Dabei überblickt sie 20 Jahre Hirnforschung. Im Zentrum ihrer Darstellung stehen Identitätsent-

Im Zentrum ihrer Darstellung stehen Identitätsent- Elisabeth Raffauf: Die tun nicht nichts, die lie- gen da

Elisabeth Raffauf: Die tun nicht nichts, die lie- gen da und wachsen. Was in der Pubertät hilft. Patmos, Ostfildern 2018, 192 S., € 18,–

PSYCHOLOGIE HEUTE

03/2019

wicklung, Risikobereitschaft, das „sozia- le Gehirn“ und psychische Krankheiten. Die Risikofreude sei der „hartnäckigs- te und schwierigste Aspekt im Verhalten von Heranwachsenden“. Hier gibt es noch viele Forschungslücken. Jedoch könne

manalsbewiesenannehmen,dassJugend-

liche nicht generell einen Hang zu riskan- ten Lebensweisen haben. Vielmehr gelte, dass die Bereitschaft zum Risiko mit der Gegenwart von Gleichaltrigen wachse. Hier spiele das Streben nach Anerkennung

eine entscheidende Rolle. Faszinierend sei diePlastizitätunseresGehirns.Wennman eine Aufgabe übe, verändere sich die Ge-

hirnstruktur.DieseVeränderungenkönn-

ten erstaunlich schnell nachgewiesen wer- den – sie verlören sich wieder, wenn die Aktivität nachlässt. Belegbar sei auch ei- ne erhöhte Anfälligkeit für psychische Krankheiten in dieser Lebensphase, be- sonders Depressionen seien häufiger. Was dafür ursächlich sei, müsse noch erforscht werden. Die Autorin berichtet anschaulich und lebensnah. Sie nimmt ihre Leser – wis- senschaftlicheLaien,aberauchPädagogen und Psychologen – mit und zeigt, wie sich ihr Interesse für ihr Fachgebiet entwickel- te und welche Fragen sie anspornen. Sou- verän geht sie auf Irrtümer und Fehlin- terpretationen ein. Ohne den medialen Höhenflug zu erwähnen, den diese Wis- senschaft zeitweise erlebte, stellt sie her- aus, „dass die Vorgänge im Gehirn von Jugendlichen komplizierter und anders sind, als man noch bis vor kurzer Zeit an- genommen hat“. Es sei an der Zeit, sich genauer anzusehen, was in diesen Jahren des Ausprobierens im Gehirn vorgeht.

CHRISTINE WEBER-HERFORT

des Ausprobierens im Gehirn vorgeht. CHRISTINE WEBER-HERFORT Sarah-Jayne Blakemore: Das Teenager-Gehirn. Die

Sarah-Jayne Blakemore:

Das Teenager-Gehirn. Die entscheidenden Jah- re unserer Entwicklung. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2018, 291 S., € 18,–

Durch Schreiben das Selbstwertgefühl stärken

€ 18,– Durch Schreiben das Selbstwertgefühl stärken James W. Pennebaker Heilung durch Schreiben Ein Arbeitsbuch
€ 18,– Durch Schreiben das Selbstwertgefühl stärken James W. Pennebaker Heilung durch Schreiben Ein Arbeitsbuch

James W. Pennebaker

Heilung durch Schreiben

Ein Arbeitsbuch zur Selbsthilfe

Übersetzt von Irmela Erckenbrecht. Mit einem Geleitwort von Andrea B. Horn. 2., unveränderte Auflage 2019. 184 Seiten, 3 Abbildungen, kartoniet € 19,95 / CHF 26.90 ISBN 978-3-456-85976-7 Auch als eBook erhältlich

Gedanken und Gefühle schriftlich nie- derzulegen hilft erwiesenermaßen dabei, emotional belastende Erfahrungen zu verarbeiten und die psychische ebenso wie die physische Gesundheit zu fördern. Alle Übungen, die in dem Buch ausgeführt werden können, stärken das Selbstwert- gefühl und die Fähigkeit zu akzeptieren, dass das Leben gut ist – auch wenn es gerade nicht den Anschein machen sollte.

und die Fähigkeit zu akzeptieren, dass das Leben gut ist – auch wenn es gerade nicht
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AUFGEBLÄTTERT

AUFGEBLÄTTERT Wie erinnern wir? In ihrem grafischen Essay über die Zeit kommt die Illustratorin Julia Hoße
AUFGEBLÄTTERT Wie erinnern wir? In ihrem grafischen Essay über die Zeit kommt die Illustratorin Julia Hoße

Wie erinnern wir? In ihrem grafischen Essay über die Zeit kommt die Illustratorin Julia Hoße zu dem Schluss: In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester (Edition Bücher- gilde, € 26,– ). Sie erinnert sich an den Tag der Einschulung der kleinen Schwester, als ihr Name falsch ausgesprochen wurde und

sie vor Scham im Boden versinken wollte, an die Flucht der

„Wie die Liebe und die Musik hat die Mathematik die Gabe, Men- schen glücklich zu machen“, be- hauptet der Mathematiker Christi- an Hesse in seinem Buch Leben². Wie Sie mit Mathematik Ihre Ehe verbessern, länger leben und glück­

lich werden (Gütersloher Verlagshaus, € 18,– ). In 31 unterhaltsamen Kapiteln zeigt Hesse auf, wo in unserem Alltag überall Mathematik im Spiel ist. Der Leser erfährt etwa, warum das Todesfallrisiko am eigenen Geburtstag am höchsten ist, wie man beim Warten die „schnellste“ Schlange auswählt und wie man sich bei eBay-Versteigerungen am besten verhält. Interessant – wenngleich nicht neu – ist auch „die Mathematik des Eheglücks“:

Bereits in den 1970er Jahren entdeckten die For- scher James Murray und John Gottman die soge- nannte 5:1-Formel, die besagt, dass es nach einer negativen Bemerkung oder Geste im Rahmen einer Paarinteraktion keineswegs genüge, einmal nett zu sein und Zuneigung auszudrücken. Fünf- mal freundlich sein für eine negative Äußerung oder Geste ist demzufolge das magische Verhält- nis für stabile Ehen.

ist demzufolge das magische Verhält- nis für stabile Ehen. Großeltern nach Ostberlin, die Ausreise der Tante

Großeltern nach Ostberlin, die Ausreise der Tante in den Westen. Im letzten Kapitel widmet sich Hoße der Zeit als physikalischem Phänomen. Sie streift damit die Themen Tod und Ewigkeit und lädt ein, über die eigene Vergangenheit zu sinnieren – atmosphärisch unterstützt von ihren stilis- tisch variierenden Illustrationen: mal flächig, mal linear, mal mit Tusche oder Bleistift.

mal flächig, mal linear, mal mit Tusche oder Bleistift. Scheiden tut weh. Bei Eltern kommt zu

Scheiden tut weh. Bei Eltern kommt zu dem Trennungsschmerz häufig die Angst, dass ihre Kinder durch die Veränderung des Familien- systems Schaden nehmen könnten. Liselotte Staubs Praxisleitfaden für getrennte Eltern Trennung mit Kindern – was nun? (Hogrefe, € 19,95) unterscheidet sich von anderen Tren-

nungsratgebern darin, dass er zunächst die Eltern in den Fokus stellt: Die Psychologin und Psychotherapeutin macht deutlich, dass sich die Eltern zunächst mit ihren Bedürfnis- sen und Nöten vertraut machen sollten, bevor sie sich mit den Anpassungsproblemen ihrer Kinder beschäftigen. Im praktischen Teil des Buches widmet sich Staub ganz kon- kreten Fragen: Was soll ich tun, wenn das Kind glaubt, dass die Eltern wieder zusammenkommen? Wie soll ich damit umgehen, wenn mein Kind mich oder meine neue Partner- schaft ablehnt? Hilfreich dürfte der Anhang sein, der sich direkt an Kinder richtet und ihnen in verständlicher Sprache Fragen beantwortet, etwa: „Was mache ich, wenn ich Sehn- sucht nach dem Vater oder der Mutter habe?“

Besser schlafen!

Wir müssen unser Verhalten tagsüber ändern, um nachts besser schlafen zu können, rät Tatjana Crönlein

Rund sechs Prozent der Bundesbürger lei- den unter Schlafstörungen. Ihr Leidens- druck ist enorm, was nicht zuletzt dazu geführt hat, dass es sehr viele Bücher zur Therapie von Schlafstörungen gibt. Jetzt ist ein neues hinzugekommen: Schlafen können. Schlafstörungen erfolgreich bewäl- tigen. Es stammt von der Psychologin Tatja- na Crönlein, die an der Universität Re- gensburg als Schlafforscherin arbeitet. Allein das klingt schon verheißungsvoll, und ihr verhaltenstherapeutischer Ansatz ist es auch. Doch gerade der hätte in dem Buch deutlich mehr Raum bekommen können. Stattdessen besteht die erste Hälfte der knapp 200 Seiten überwiegend aus Defi- nitionen, Fallberichten, historischen Hin- tergründen und Tests, die einen Leser mit Schlafstörungen eher zum schnellen Durchblättern verleiten dürften. Und wenn er liest, dass Perfektionismus und exzessiver Medienkonsum die Schlafqua- lität verschlechtern und Schlafmittel kei- ne Dauerlösung sind, könnte er gar genervt sein, weil er das schon längst weiß (oder ignoriert, weil er nichts daran ändern will). Immerhin: In Sätzen wie „Beim Ein- schlafen produziert der Körper mehr Schlaf, als wir es selbst wahrnehmen kön- nen“ oder „Nächtliche Wachzeiten werden oft länger erinnert und damit in ihrer Dauer überschätzt“ bemerkt man die tie- fe Sachkenntnis der Autorin. Im zweiten Teil des Buchs erfährt der Leser, wie er schlaffördernde Verhaltens- maßnahmen ergreifen und schlafstören- de Denkmuster verändern kann. Dazu gehört, dass man sich keine unrealisti- schen Ziele setzt, wie etwa, dass man den Schlaf wiederherstellen will, den man „früher mal hatte“. Dies funktioniere ein- fach nicht, warnt Crönlein. Ein realisti-

PSYCHOLOGIE HEUTE

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sches Ziel sei vielmehr „eine Verbesserung der Schlafkontinuität und damit der Schlafqualität“. DieSchlafforscherinrätaußerdemzum Anfertigen eines Schlafprotokolls, um konkret erfassen zu können, wo es über- haupt hakt im Schlafprozess. Eine ent- sprechende Vorlage dafür findet sich im Onlinematerial, das es zusätzlich zum Buch gibt und das dessen Praxiswert deut- lich steigert. Darüber hinaus erfährt der Leser, wie er typische Insomniker-Ängs- te abbauen und umgekehrt einen positiven Schlafdruck aufbauen kann, so dass der Schlaf „einfach so“ über ihn kommt. In einem Schlafbuch darf schließlich auch nicht der Entspannungsteil fehlen. Crönlein verhält sich darin angenehm un- dogmatisch. Es wird also keine Entspan- nungsmethode hochgelobt, sondern viel- mehr das Augenmerk darauf gelegt, wie man insgesamt lernen kann, Druck aus dem Hexenkessel des Alltags zu nehmen. Dazu gehört die Einsicht, dass wir unser Verhalten tagsüber ändern müssen, wenn wir unseren Nachtschlaf verbessern wol- len. „Wir fangen also schon morgens an,

unseren Nachtschlaf vorzubereiten“, be- tont Crönlein. Es sind solche trivial klin- genden, aber zutiefst erhellenden Sätze, die eine besondere Stärke des Buchs aus-

machen.

JÖRG ZITTLAU

eine besondere Stärke des Buchs aus- machen. JÖRG ZITTLAU Tatjana Crönlein: Schla- fen können. Schlafstörun- gen

Tatjana Crönlein: Schla- fen können. Schlafstörun- gen erfolgreich bewälti- gen. Ein verhaltensthera- peutischer Ratgeber. Beltz, Weinheim 2018, 188 S., € 24,95

peutischer Ratgeber. Beltz, Weinheim 2018, 188 S., € 24,95 Leseprobe in der App Natur NEU Nutzen

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Nutzen Sie die positiven Wirkungen des

Naturerlebens in Psychotherapie und

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Dieser Ansatz verknüpft therapeutisches

Naturerleben mit der Praxis der Acht-

samkeit, getragen von einer humanis

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tisch-personzentrierten Haltung.

Außerdem gibt das Buch einen Überblick

über die Vielfalt naturtherapeutischer

Konzepte und den aktuellen Stand der

empirischen Forschung.

Im praktischen Teil:

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