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Religionsgeschichtlich betrachtet haben die Wunder Jesu oft den Charakter von Epi-

phanien. So nannte man das unerwartete, hilfreiche Erscheinen einer Gottheit, die sich
bei dieser Gelegenheit als Rettung“ erwies. Gerade Jesu Gehen auf dem Meer trägt

Züge solcher überraschenden Erscheinungen (vgl. Mk 6,47-52). Ähnlich ist es mit dem
Erscheinen Jesu am See in Joh 21, das als einigermaßen rätselhaft geschildert wird.
Auch wenn es keine Auferstehungsgeschichte wäre, könnte doch jeder hellenistische
Leser sagen, dieses sei eine Epiphanie Jesu.
Besonders häufig sind solche Epiphanie-Elemente in den Gebeten, die die Wundertäter vor den
jeweiligen Heilungen verrichten: Act Johannis 75: Gott, dessen Name gepriesen wird von uns,

Gott, der alle böse Macht zähmt, Gott, der du uns immer erhörst ... zeige uns ...“ (Totenerweckung);
Act Thomae 3o: Du Herr und Vater aller, komm in dieser Stunde, da ich dich anrufe, und zeige

mir deine Herrlichkeit, und ihn, der hier liegt, richte auf ...“ (Totenerweckung); Acta Philippi 19(14)
Heiliger Vater ... schicke deinen geliebten Sohn Jesus Christus ...“

Die alte Kirche nennt das am 6. Januar gefeierte Fest Erscheinung des Herrn“, und

zwar genau in diesem Sinn: In drei Szenen jeweils zu Beginn der Evangelien wird Jesus
gleichbleibend als Heiland und Retter erfasst. So bei den Magiern nach Mt 2, bei der
Taufe nach Mk 1 und bei der Hochzeit von Kana nach Joh 2 - wo es ja auch heißt,
dass Jesus so seine Herrlichkeit offenbarte“. So feierte die Kirche die drei klassischen

Epiphanien Jesu, und das Wort Epiphanie“ wies in dieser Verwendung drei Merkmale

auf: Eine kurze Szene, einen heilvollen Effekt (keine Unglücke oder Katastrophen) und
eine überzeugende Klarstellung, um wen es sich bei dem hier Präsentierten handelte.
Wunder sind in ihrer Einmaligkeit Epiphanieberichten sehr ähnlich und haben als
solche stets anfangshafte Strukturen. Der Beweis dafür ist, dass sie in den Evangelien
ganz gehäuft am Anfang stehen. Dies gilt selbst für das Johannesevangelium, in dem
wir in den letzten zehn Kapiteln kein Wunder finden, vom reichen Fischfang in Joh 21
abgesehen. Joh 2-5 berichtet häufig von Wundern, danach finden sie sehr viel weniger
Erwähnung.
Das heißt: Wunder sind einmalige Anfänge, sie sind ein Hineinstolpern in die
Wirklichkeit Gottes. In jeder andauernden Geschichte werden sie rar oder werden von
zweifelnden Menschen geradezu per definitionem ausgeschlossen. In der Botschaft
Jesu sind sie keine Fremdkörper, sondern sie ihre unmittelbare Verwirklichung. Sie
sind die Umsetzung von Gottes Politik in Fakten, und zwar als unverwechselbare,
unvertretbare Taten der Heilsgeschichte mit Bezug sowohl in die Vergangenheit als
auch in die Zukunft.
Klaus Berger, Der Wundertäter Jesu – Die Wahrheit über Jesus, 2010, S. 132f.
Nazoräer

Nur in Lk 18,37, nicht in den Parallelen bei Markus und Matthäus, steht das Wort
Nazoräer“ als Titel Jesu ( Sie meldeten ihm, dass Jesus der Nazoräer vorbei gehe“).
” ”
Das ist auffällig, weil Lukas nur in Lk 18,35 43 von einer Blindenheilung berichtet.
Andererseits bringt er den Titel Nazoräer“ auffallend häufig in Wundergeschichten,

und er scheint damit Besonderes zu verbinden. Nach Apg 2,22 wirkte Jesus der

Nazoräer, ein Mann, von Gott vor euch beglaubigt durch Machttaten, Wunder und
Zeichen, die Gott durch ihn wirkte in eurer Mitte ...“. Nach Apg 3,6 sagt Petrus: Im

Namen Jesu Christi des Nazoräers: Steh auf und geh umher.“ Weiterhin wird Jesus in
Apg 4,10, 6,14 und 26,9 Nazoräer genannt.
Die Belege lassen erkennen, dass besonders Lukas den Titel verwendet, und zwar im
Zusammenhang mit dem Wunderwirken Jesu. Nazoräer“ bezeichnet demnach einen

charismatischen Wundertäter.
Dass die Kreuzesinschrift Jesu nach dem Johannesevangelium (und nur dort) Jesus
gleichfalls Nazoräer nennt, ist wohl nur in dem Sinne zu deuten, dass der Titel hier
dem König der Juden“ benachbart ist. Letzterer verweist in die Tradition von Davids

Sohn, und damit bietet die Inschrift das, was wir hier nacheinander behandelt haben
(vgl. dazu besonders den Königstitel Joh 6,15 in Reaktion auf die Speisung in Joh 6).
Zum religionsgeschichtlichen Ursprung: Der hebräische Stamm nezer heißt Wur-
zel; er könnte auf die (Kräuter-)Wurzelkenntnisse Salomos hinweisen, über die Weish
6,23 ausdrücklich im Kontext von dessen wunderbaren Fähigkeiten berichtet. Kräuter
sind Nahrung der jüdischen Einsiedler in Betlehemnach Asc Jes 1,8 11. Andererseits
berichten Kirchenväter immer wieder und wohl nicht zufällig von einer Gruppe jüdi-
scher Asketen und Heiler. Sie aßen kein Fleisch, es gab sie vor und nach Christus, an
den sie nicht glaubten. Sie werden Nazaräer“ genannt (so auch der Prophet Jeremia),

Hieronymus berichtet von der Nazaraener Sekte; Tertullian kennt Juden, welche die
Christen insgesamt Nazaraei nannten. Die Palaia (gr.) nennt Nazorener eine Gruppe
exorzistischer Magier, und Nazorikos heißt auserwählt vom Mutterleib“ an.

Fazit: Wir haben den Wortstamm nazor, und andererseits den Stamm nazar – beide be-
zeichnen jeweils asketisch-exorzistische Gruppierungen. Lukas, der das Wort Nazoräer
offenbar in genauer Kenntnis der Sachlage verwendet, bezeichnet damit die Wunder
wirkende Vollmacht Jesu. Folglich gäbe es im Umkreis Jesu weiterentwickelte Formen
von Nasiräern, aber auch Nazoräer wie ihn selbst. Beide Gruppierungen sind jedenfalls
nicht nur dem Wort nach, sondern auch den Phänomenen nach eng verwandt. Nazoräer
sind also eine Gruppe von besonderen Menschen, die sich charismatisch oder exorzi-
stisch versteht und teilweise auch vegetarisch lebt. Der Titel bringt zum Ausdruck, wie
Jesus selbst bzw. eine frühe Gruppe von Christen sein Wirken verstanden hat. Spätere
Kirchenlehrer siedeln das Wort Nazoräer/Nazaräer inhaltlich zwischen Mönch und
Magier an.
Fazit: Wegen der Kreuzesinschrift nach Joh 19,19 ist Nasoräer“ der älteste und ganz

sicher bezeugte Titel Jesu. Wie auch immer man ihn zu erklären versucht, stets ergibt
sich eine Ausrichtung auf einen charismatischen Heiler. Der Titel bewahrt daher wie
kein anderer die Erinnerung an die Heilungswunder Jesu; zugleich legen alle Belege
des Wortes nahe, dass damit ein bestimmter sanfter, friedfertiger, z. T. vegetarischer
Lebensstil verbunden war.
Klaus Berger, Der Wundertäter Jesu – Die Wahrheit über Jesus, 2010, S.136f.