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In Deutschland sichert der Staat durch gesetzlich verankerte Versicherungen seine


Bürger gegen existentielle Risiken ab. Dazu gehören Krankheit (Krankenversiche-
rung), Einkommensverlust im Alter (Rentenversicherung), Gesundheitsrisiko am
Arbeitsplatz (Unfallversicherung), Arbeitslosigkeit (Arbeitslosenversicherung) und
Pflegebedürftigkeit (Pflegeversicherung). Die Bürger brauchen sich gegen diese Ri-
siken im Prinzip also nicht freiwillig (durch Privatversicherungen) absichern. Auch
werden die Risiken nicht der Familie (Familienunterhalt) überlassen. Vielmehr
übernimmt der Staat die Verantwortung durch gesetzliche Regeln und Kontrolle
dieses Sicherungssystems, überlässt die Durchführung hingegen mehreren öffent-
lich-rechtlichen Institutionen.
In dieses Leistungsgeflecht werden die ärztlichen Gutachter von allen Versicherun-
gen, also von gesetzlichen und privaten Versicherungen, im Vorfeld ihrer Entschei-
dungen eingeschaltet. Dabei sind die Fragen und die Probleme vielschichtig. Im
Rahmen eines Gutachtenauftrags bedürfen Gutachter jeweils der Kenntnisse über
die Rechtsgrundlagen des gegliederten Versicherungssystems. Nicht zuletzt tragen
die Gutachter zu einem harmonischen Übergang an den Zuständigkeitsgrenzen der
einzelnen Sozialversicherungsträger bei, etwa wenn sie die Anerkennung eines Ar-
beitsunfalls empfehlen, was die Zuständigkeit der gesetzlichen Unfallversicherung,
anstatt die der Krankenversicherung (Privatunfall) bedeutet.
Die Regeln der Sozialversicherung stehen im Sozialgesetzbuch. Der Allgemeine Teil
des Sozialgesetzbuches (SGB I) fasst ebenso wie das SGB IV und SGB X (Verwal-
tungsverfahren) wesentliche Grundsätze für alle Zweige zusammen. Dazu gehören
die sozialrechtlichen Grundpositionen des Bürgers, seine Mitwirkungspflichten
(§§60 f. SGB I) und die Auskunftspflicht der Ärzte (§100 SGB X etc.). Daneben
existieren spezielle Kodifikationen des Rechts, etwa der gesetzlichen Krankenversi-
cherung (SGB V), der gesetzlichen Rentenversicherung (SGB VI) und der gesetzli-
chen Unfallversicherung (SGB VII). Eine Zusammenfassung des Rehabilitations-
rechts aller Versicherungszweige findet sich seit dem 1. Juli 2001 im SGB IX.
Die Rehabilitationsträger sind in einer Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitati-
on (BAR e. V.) zusammengeschlossen. Sie hat ihren Sitz in Frankfurt/Main (www.
bar-frankfurt.de). Diese Interessengemeinschaft für Rehabilitation wie auch jeder
Sozialversicherungsträger geben, zumeist über ihre Verbände, Empfehlungen und
Richtlinien, auch zur Begutachtung, heraus, an denen sich u.a. die Leistungserbrin-
ger, also auch die Ärzteschaft, orientieren sollten. Diese Regeln gehören als Rechts-
quellen zum Handwerkszeug eines jeden ärztlichen Gutachters. In den nachfolgen-
den Darstellungen des Versicherungssystems und deren Regeln werden gerade diese
für die Gutachter besonders wichtigen Leitlinien entweder abgedruckt (s. Anhang)
oder mit der Bezugsquelle versehen – jeweils indes nur mit einer Relevanz zum
Thema Unfall. Von besonderer Bedeutung für die ärztliche Begutachtung von Un-

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fallfolgen sind die öffentlich-rechtlichen Rechtsansprüche von Unfallgeschädigten.


Solche Ansprüche ergeben sich vor allem aus dem öffentlich-rechtlichen Versiche-
rungsverhältnis zu den Trägern der Sozialversicherung. Dies sind in erster Linie die
Träger der gesetzlichen Unfall-, Kranken- und Rentenversicherung.
Das Gutachten der ärztlichen Sachverständigen über die Folgen eines Privatunfalls
ist erforderlich, um über die etwaigen Rechtsansprüche der von dem Unfall betrof-
fenen Personen entscheiden zu können. Sowohl diese Ansprüche selbst als auch die
Zuständigkeit zur Entscheidung darüber sind von dem Rechtsverhältnis zwischen
Versicherern und Versicherten abhängig, aus dem die von einem Unfall betroffene
Person ihre Ansprüche wegen der Personenschäden herleitet und an dem sich die
Gutachter orientieren müssen. Ein solches privates Rechtsverhältnis kann gegen-
über einem Schädiger aus der schuldhaften, d.h. vorsätzlichen oder fahrlässigen,
und rechtswidrigen Verursachung eines Unfalls (unerlaubte Handlung §§ 823 ff.
Bürgerliches Gesetzbuch) oder aus strengeren Haftungsverpflichtungen, wie z.B.
der Gefährdungshaftung des Kraftfahrzeughalters (§7 Straßenverkehrsgesetz) be-
stehen.
Während die privatrechtlichen Ansprüche, soweit nicht eine außergerichtliche Erle-
digung erfolgt, vor den ordentlichen Gerichten zu verfolgen sind, wird über die
öffentlich-rechtlichen durch Verwaltungsakt (Bescheide) entschieden. Die Rechtmä-
ßigkeit der Entscheidung eines Leistungsträgers der Sozialversicherung unterliegt
der Prüfung durch die Sozialgerichtsbarkeit. Eine der Voraussetzungen für eine
rechtmäßige Entscheidung ist die sachgemäße Begutachtung. Zwar haben die Gut-
achter nicht die Aufgabe, aus den mit den Mitteln der ärztlichen Wissenschaft ge-
wonnenen Erkenntnissen über den Sachverhalt rechtliche Schlüsse zu ziehen. Aber
ihnen muss doch bekannt sein, welche durch ein Gutachten festzustellende Tatsa-
chen für eine Entscheidung rechtserheblich sind. Das gilt etwa für die mit der Beur-
teilung des Ursachenzusammenhangs und der Minderung der Erwerbsfähigkeit in
der gesetzlichen Unfallversicherung zusammenhängenden Rechtsgrundlagen.
Zuvor ist aber wegen der Inanspruchnahme als Gutachter durch alle Sozialleis-
tungsträger auf die Vorschriften des Sozialgesetzbuches X hinzuweisen, die das
Rechtsverhältnis zwischen den Gutachtern und den Auftraggebern grundsätzlich
regeln. Danach dienen u.a. die schriftlichen Äußerungen der Sachverständigen dem
Sozialversicherungsträger als Beweismittel zur Ermittlung des Sachverhalts (§ 21
Abs. 1 SGB X). Für eine etwaige Rechtspflicht eines ärztlichen Sachverständigen,
ein Gutachten zu erstatten, gilt §407 der Zivilprozessordnung entsprechend, wenn
dieses Gutachten zur Entscheidung über Art, Umfang und Höhe einer Sozialleistung
unabweisbar ist (§ 21 Abs. 3 SGB X). Zwangsmaßnahmen ergeben sich aus §22
SGB X.
Nach der genannten Vorschrift der Zivilprozessordnung ist u.a. zur Erstattung ei-
nes Gutachtens verpflichtet, wer zur Ausübung der Wissenschaft, deren Kenntnis
Voraussetzung der Begutachtung ist, öffentlich bestellt oder ermächtigt ist (§407

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Abs. 1 ZPO). Das ist bei einem approbierten Arzt der Fall. Gleiches gilt, wenn ein
Sachverständiger sich gegenüber einem Sozialleistungsträger zur Erstattung eines
Gutachtens bereit erklärt hat (§407 Abs. 2 ZPO).
Der Sachverständige kann die Erstattung eines Gutachtens aus den Gründen ver-
weigern, aus denen ein Zeuge die Aussage verweigern kann, ebenso wenn er sich
mit guten Gründen für befangen hält und eine Befangenheit anerkannt werden
muss. Ein Grund kann in der verwandtschaftlichen Beziehung zur begutachtenden
Person liegen.
Die Sozialleistungsträger sind verpflichtet, darauf hinzuwirken, dass die Berechtig-
ten die ihnen zustehenden Sozialleistungen in zeitgemäßer Weise umfassend und
schnell erhalten (§ 17 Abs. 1 Nr. 1 SGB I). Die Erfüllung dieser Verpflichtung hängt
bei vielen Sachverhalten auch davon ab, dass der Sachverständige durch schnelle
Erledigung eines Gutachtenauftrags die schnelle Entscheidung der Sozialleistungs-
träger ermöglicht. Das SGB IX (Rehabilitationsrecht) gibt eine Frist von zwei Wo-
chen vor (§14 Abs. 5 Satz 5). Im Bereich der gesetzlichen Unfallversicherung ist
dazu in § 49 Abs. 2 des Ärztevertrags für die Erstattung von Rentengutachten eine
Frist von längstens drei Wochen vereinbart. Sollte ein Sachverständiger diese Frist
oder einen anderen im Gutachtenauftrag genannten Termin aus guten Gründen
nicht einhalten können, ist er verpflichtet, den Unfallversicherungsträger unverzüg-
lich zu benachrichtigen.
Personen, die Sozialleistungen beantragen oder erhalten, haben andererseits bei der
Gutachtenerstattung dadurch mitzuwirken, dass sie sich auf Verlangen des Leis-
tungsträgers ärztlichen und psychologischen Untersuchungsmaßnahmen unterzie-
hen. Kommt eine solche Person dieser – oder einer anderen – Mitwirkungspflicht
ohne rechtserhebliche Begründung nicht nach, können Rechtsnachteile in Form von
Versagung oder Entziehung der Leistung die Folge sein. Behandlungen und Unter-
suchungen,
– bei denen im Einzelfall ein Schaden für Leben oder Gesundheit mit hoher Wahr-
scheinlichkeit ausgeschlossen werden kann,
– die mit erheblichen Schmerzen verbunden sind oder
– die einen erheblichen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit bedeuten,
können abgelehnt werden (§§65 ff. SGB I).
Diese Mitwirkungspflicht der Patienten/Versicherten berührt, wie alle anderen
Rechtsregeln im Verhältnis der Versicherung zu ihren Versicherten, auch das Ver-
hältnis zwischen Gutachtern und Patienten/Versicherten. Deswegen hat sich jeder
Gutachter mit den Rechtspositionen der Versicherten auseinanderzusetzen, um
seine Rechte und Pflichten zu kennen und Streit zu vermeiden. Jeder Gutachter
sollte sich überdies im klaren sein, dass er auch zur Stärkung des Vertrauens aller
Beteiligten beiträgt. Die Versicherungen benötigen gute, aber auch überzeugende
Gutachten. Denn weitere Gutachten und gerichtliche Streitigkeiten kosten die Auf-

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traggeber Geld. Ein erfolgreicher Gutachter wird sich, neben der Berücksichtigung
der Rechtspositionen, dieser Verantwortung annehmen, die er durch die Vorberei-
tung, die Abfassung und die Verwertung seines Gutachtens übernimmt. Jeder Gut-
achter trägt insoweit zum sozialen Frieden in der Gesellschaft bei.
Vernachlässigt wird in diesem Buch die Abfassung von Gutachten zur Arzthaftung.
Diesem speziellen Rechtsgebiet widmen sich entsprechende Empfehlungen, die im
Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Medizinrecht in der Deutschen Gesellschaft für
Gynäkologie und Geburtshilfe, erstellt und abgedruckt wurden von der Deutschen
Gesellschaft für Unfallchirurgie in: DGU – Mitteilungen und Nachrichten 45/2002,
59 – 56. Für die Unfallbegutachtung bieten dieses Rechtsgebiet und überhaupt die
Gerichtbarkeit keine Besonderheiten, die hervorzuheben sind.

Tipp
Jedes Jahr im Sommer findet das „Heidelberger Gespräch“ statt, das sich an Ärzte
und Juristen aus den Bereichen Sozialmedizin und Sozialrecht richtet und Begutach-
tungsprobleme aufnimmt; Infos unter „Heidelberger Gespräch, Postfach 10 17 42,
70015 Stuttgart“.

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