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6 Teilhabe von Menschen mit Behinderungen

6.1 Allgemeines

Im SGB IX ist das Rehabilitationsrecht (Teil 1) und das Schwerbehindertenrecht


(Teil 2) zusammengefasst. In den Kreis der Rehabilitationsträger (gesetzliche Kran-
ken-, Renten- und Unfallversicherung, Bundesagentur für Arbeit) sind neu die
Träger der öffentlichen Jugend- und Sozialhilfe aufgenommen worden. Das SGB IX
regelt Leistungen nach der Akutversorgung, also Leistungen zur Teilhabe von Men-
schen mit Behinderungen in der Gesellschaft. Neue Rechtsbegriffe lassen den behin-
dertenbezogenen Charakter des am 1. 7. 2001 in Kraft getretenen Gesetzes erken-
nen. Anstatt des übergeordneten Begriffes Rehabilitation findet der Begriff Teilhabe
Eingang in die Gesetzessprache. Dies ist auch in der Begutachtung zu berücksichti-
gen. Der Begriff der „Beruflichen Rehabilitation“ wird durch „Leistung zur Teilha-
be am Arbeitsleben“ ersetzt und der der „Sozialen Rehabilitation“ durch „Leistung
zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft“. Nur der Begriff „Leistung zur medi-
zinischen Rehabilitation“ bleibt vertraut (§ 5). Seit dem März 2009 gilt die UN-
Behindertenrechtskonvention (BRK) durch Ratifizierung auch in Deutschland. Dort
wird der Begriff „Teilhabe“ mit „Inklusion“ umschrieben. Im Wesentlichen spie-
geln sich die Ziele und Pflichten in der BRK in denen des schon seit 2001 geltenden
SGB IX.

6.2 Aufgabe der Gutachter

Das SGB IX greift die medizinische Begutachtung für die Rehabilitationsträger an


verschiedenen Stellen auf. Grundsätzlich regeln weiterhin die Spezialgesetze der
Reha-Träger das spezifische Recht der Begutachtung. Im SGB IX geht es im We-
sentlichen um die Begutachtung der Rehabilitationsbedürftigkeit und der Leistungs-
fähigkeit, z.B. für eine Maßnahme der beruflichen Bildung (Umschulung). Im
Rahmen dieses Anwendungsbereiches des SGB IX soll die Begutachtung möglichst
nach einheitlichen Grundsätzen durchgeführt werden (§ 12 Absatz 1 Nr. 4). Dazu
sind Gemeinsame Empfehlungen gemäß § 13 unter den Reha-Trägern auf der Ebene
der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation vereinbart worden (s. An-
hang 2.9). In diesem Verein, der von den Bundesverbänden der traditionellen Reha-
Träger (Kranken-, Renten- und Unfallversicherung, Bundesagentur für Arbeit) im
Wesentlichen finanziert wird und in dem weitere Beteiligte, die Teilhabeleistungen
gewähren, Mitglieder sind, können jeweils der aktuelle Stand und weitere Informa-
tionen abgefragt werden (Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) Tel.:
069 605018-0 E-Mail: info@bar-frankfurt.de und www.bar-frankfurt.de).

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Für die Gutachter von Bedeutung ist zudem §14 Absatz 5 SGB IX, wonach Reha-
Träger nur Sachverständige beauftragen dürfen, bei denen Zugangs- und Kommu-
nikationsbarrieren für Menschen mit Behinderungen nicht bestehen. Neu ist im
Übrigen, dass die Reha-Träger den Leistungsberechtigten in der Regel drei wohn-
ortnahe Sachverständige unter Berücksichtigung sozialmedizinischer Dienste zur
Auswahl benennen müssen (§14 Absatz 5 Satz 3 SGB IX). Damit wird die bewähr-
te Regelung in der gesetzlichen Unfallversicherung (§200 Abs. 2 SGB VII) über-
nommen. Haben sich Leistungsberechtigte für einen benannten Sachverständigen
entschieden, so wird dem Wunsch Rechnung getragen. Der Sachverständige nimmt
eine umfassende sozialmedizinische, bei Bedarf auch psychologische Begutachtung
vor und erstellt das Gutachten innerhalb von 2 Wochen.
Weitere ärztliche Aufgaben sind im SGB IX aufgenommen. Zum einen sollen die
Rehabilitationsträger über o. a. „Gemeinsame Empfehlungen“ gemäß §13 Absatz 2
Nr. 8 die Einbindung der behandelnden Hausärzte oder Fachärzte einerseits und
der Betriebs- oder Werksärzte andererseits sicherstellen, um deren Zusammenwir-
ken bei der Einleitung und Ausführung von Leistungen zur Teilhabe zu verbessern.
Darin kommt der präventive Charakter des SGB IX zum Ausdruck. Bereits im Be-
trieb sollen frühe Maßnahmen und Informationen initiiert werden, um die Gesund-
heit und den Arbeitsplatz der Mitarbeiter möglichst zu erhalten. Diese gemeinsame
Empfehlung ist unter www.bar-frankfurt.de einsehbar. §61 SGB IX erwähnt zu-
dem die ärztliche Beratung, die sich auf geeignete Leistungen zur Teilhabe behin-
derter Menschen erstrecken muss. In den Bundesländern können Landesärzte be-
stellt werden, die über besondere Erfahrung in der Hilfe für Behinderte und von
Behinderung bedrohte Menschen verfügen. Die Aufgaben werden in § 62 Absatz 2
beschrieben. Sie umfassen die Begutachtung und die Beratung von Landesbehörden
entsprechend der Medizinischen Dienste anderer Rehabilitationsträger.

6.3 Inhalt des Rehabilitationsrechts

Die Schwerpunkte des SGB IX können wie folgt zusammengefasst werden: Der
Gesetzgeber fordert zum einen die Kooperation der Rehabilitationsträger ein. Für
die Begutachtung wichtig sind einige der bereits erwähnten sog. „Gemeinsamen
Empfehlungen“, die auf der Ebene der BAR in Frankfurt am Main erarbeitet wer-
den. Zum anderen wird der Vernetzung von der Akutversorgung mit Leistungen
zur medizinischen Rehabilitation und diese wiederum mit denen zur Teilhabe am
Arbeitsleben und am Leben in der Gemeinschaft große Bedeutung beigemessen.
Gemeinsame Servicestellen der Reha-Träger (§§22 ff.) sollen zudem den Leistungs-
berechtigten eine trägerübergreifende und wohnortnahe Beratung ermöglichen, um
rasch Leistungen zur Teilhabe beim zuständigen Reha-Träger einleiten zu können.
Dabei handelt es sich nicht um selbstständige und rechtsfähige Institutionen, durch
die sämtliche Leistungsfälle durchgeschleust werden müssen, sondern um ein frei-
williges Angebot der Reha-Träger, das auch die Gutachter nutzen können. Unter

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www.reha-servicestellen.de stehen alle Servicestellen in Deutschland. Nach dem


Willen des Gesetzgebers sollen Ärzte sogar auf die Möglichkeiten einer Gemeinsa-
men Servicestelle hinweisen (§61 SGB IX). Auf die Beschleunigung der Zuständig-
keitsklärung innerhalb der Reha-Träger wird in §14 Wert gelegt. Darin sind auch
zusätzliche Regeln der Ausführung von Gutachten aufgenommen. Nicht zuletzt
sollten die Gutachter das behindertenpolitische Ziel des SGB IX beachten, wonach
der Gesetzgeber mit überwältigender Mehrheit der Selbstbestimmung der Leis-
tungsberechtigten eine rechtliche Stärkung gewährt hat. So wurden die Wunsch-
und Wahlrechte hervorgehoben (§ 9), die selbstbeschafften Leistungen geregelt
(§ 15), persönliche Budgets für Leistungen zur Teilhabe ermöglicht (§ 17 Abs. 2)
sowie die Selbsthilfe gefördert (§ 29) und Leistungen zur Motivation von Leistungs-
berechtigten eingeführt (§§ 26 Abs. 3, 33 Abs. 6). Als einer der ersten Staaten in der
Welt hat Deutschland die UN-Konvention zur Stärkung der Rechte Behinderter mit
Wirkung vom 28. 3. 2009 in das deutsche Recht übernommen.
Leistungen zur medizinischen Rehabilitation, in die die Gutachter oft eingeschaltet
sind, umfassen gemäß §26 Abs. 2 insbesondere
– Behandlung durch Ärzte, Zahnärzte und Angehörige anderer Heilberufe, soweit
deren Leistungen unter ärztlicher Aufsicht auf ärztliche Anordnung ausgeführt
werden, einschließlich der Anleitung, eigene Heilungskräfte zu entwickeln,
– Arznei- und Verbandmittel,
– Heilmittel einschließlich physikalischer, Sprach- und Beschäftigungstherapie,
– Psychotherapie als ärztliche und psychotherapeutische Behandlung,
– Hilfsmittel,
– Belastungserprobung und Arbeitstherapie.
Hinzu kommt die stufenweise Wiedereingliederung (§28), wonach medizinische
und die sie ergänzenden Leistungen erbracht werden sollen, wenn arbeitsunfähige
Leistungsberechtigte nach ärztlicher Feststellung ihre bisherige Tätigkeit nur teil-
weise verrichten können oder sie durch eine stufenweise Wiederaufnahme ihrer
Tätigkeit voraussichtlich besser wieder in das Erwerbsleben eingegliedert werden
können. Dazu hat die BAR eine gute „Arbeitshilfe“ erstellt, die unter www.bar-
frankfurt.de einsehbar und zu bestellen ist.

6.4 Beziehungen der Reha-Träger zu den Gutachtern

In der gesetzlichen Unfallversicherung enthält der Ärztevertrag an zahlreichen Stel-


len Informationspflichten der Ärzte gegenüber den UV-Trägern, wie etwa zahlrei-
che Berichte und Stellungnahmen, so z. B. die frühe Information darüber, wenn die
behandelnden Ärzte Maßnahmen zur Belastungserprobung oder Arbeitstherapie
für erforderlich halten (s.o. 2.6). So werden Maßnahmen im Rahmen der oft später
einsetzenden Begutachtung von Maßnahmen zur Teilhabe überflüssig. Die anderen
Reha-Träger haben gemeinsam mit ihren Medizinischen Diensten einige Regeln

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vorgegeben, um diejenigen Bürgerinnen und Bürger, die eine Teilhabeleistung benö-


tigen, frühzeitig zu erkennen. Dazu sind insbesondere die ärztlichen Gutachter, die
für die Medizinischen Dienste tätig werden, angehalten (s. o. 3.8 und 3.9). Bei der
Frage, bei welchen Behinderungen, unter welchen Voraussetzungen und nach wel-
chen Verfahren von den Ärzten Mitteilungen über Behinderungen an die Kranken-
kassen zu machen sind, gibt es Rehabilitations-Richtlinien, gemäß §92 Abs. 1 Satz
2 Nr. 8 SGB V vom Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen herausgegeben
(www.g-ba.de). Ziel ist die frühzeitige Erhebung der Rehabilitationsbedürftigkeit,
um Maßnahmen rechtzeitig einzuleiten und die Zusammenarbeit zwischen Ver-
tragsärzten und Leistungsträgern zu verbessern. Die Mitteilung muss unterbleiben,
wenn die Leistungsberechtigten trotz ärztlicher Beratung über die Vorteile einer
Teilhabeleistung einer Mitteilung an die Krankenkasse ausdrücklich widersprechen.
Den Rehabilitations-Richtlinien ähnliche Regeln bestehen für Ärzte, die im Zusam-
menhang mit Maßnahmen zur Sozialhilfe Informationen an das Gesundheitsamt
weiterleiten. Die Rehabilitations-Richtlinien sind von den Krankenkassen gemein-
sam mit den Trägern der gesetzlichen Rentenversicherung verabschiedet worden,
um ein nahtloses Ineinandergreifen beider Rehabilitationsträger zu Gunsten von
Einzelfällen zu ermöglichen. Dazu trägt auch die Gemeinsame Empfehlung zu
Nahtlosigkeit/Einheitlichkeit von Maßnahmen zur Teilhabe bei, die unter www.
bar-frankfurt.de einsehbar ist.

Tipps
Kommentar zum SGB IX, Krankenhaus- und Rehalex (elektronisch) v. Senger-
Sparenberg/Mehrhoff, 2009, Verlag LexisNexis, Münster (www.lexisnexis.de).
Rehabilitation und Teilhabe, Wegweiser für Ärzte und andere Fachkräfte der Re-
habilitation (Hrsg. Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation) 3. Auflage Köln
2005.
Die Rehabilitation, Zeitschrift für Praxis und Forschung in der Rehabilitation,
Georg Thieme Verlag Stuttgart, kunden.service@thieme.de.
Blumenthal, W., Schliehe, F. (Hrsg.), Teilhabe als Ziel der Rehabilitation, Heidel-
berg 2009.
Mehrhoff, F., Schian, H.-M. (Hrsg.), Zurück in den Beruf, Berlin 2009.

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