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7 Gesetzliche Pflegeversicherung*

7.1 Allgemeines

Ziel der Pflegeleistungen ist es, einerseits die Situation der Pflegebedürftigen und
andererseits der pflegenden Angehörigen und sonstigen Pflegepersonen zu verbes-
sern. Die zivilrechtliche Unterhaltspflicht wird von einer gesetzlichen Versicherung
übernommen, um möglichst unabhängig von der Inanspruchnahme der Sozialhilfe-
leistungen zu sein.
Durch seine Beitragszahlung erwirbt der Versicherte einen Rechtsanspruch auf Hil-
fe bei Pflegebedürftigkeit. Der Anspruch ist unabhängig von der wirtschaftlichen
Lage der Versicherten. Eine Bedürftigkeitsprüfung und eine Heranziehung der An-
gehörigen zu den Kosten finden nicht statt. Die Absicherung des Pflegerisikos im
Rahmen der solidarischen Pflegeversicherung ist offen für eine Ergänzung im Rah-
men privater Vorsorge. Die Pflegeversicherung hat nicht das Ziel, die gesamten
Kosten des Pflegefalls sicherzustellen.
Um Pflegebedürftigkeit zu mindern oder ihre Verschlimmerung zu verhindern, sind
die Möglichkeiten der medizinischen Rehabilitation, aber auch aktivierende und
rehabilitative Elemente der Pflege gezielt einzusetzen. Als Grundsatz gilt: Vorrang
von Prävention und Teilhabe/Rehabilitation vor der Inanspruchnahme von Pflege-
leistungen. Es besteht in jedem Einzelfall die Verpflichtung zur Prüfung und Durch-
führung der notwendigen und zumutbaren Maßnahmen zur medizinischen Rehabi-
litation.
Ab dem 1. 7. 2008 gilt das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz v. 28. 5. 2008 (BGBl. I
S. 874 – 914), mit dem die Qualität der pflegerischen Versorgung weiter entwickelt
und die Leistungssätze den finanziellen Veränderungen angepasst wurden (www.
mds-ev.de).

7.2 Versicherter Personenkreis

Die Versicherungspflicht richtet sich nach dem Grundsatz: Die Pflegeversicherung


folgt der Krankenversicherung. Der versicherte Personenkreis umfasst diejenigen,
die in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert sind, also sowohl die Pflicht-
versicherten als auch die freiwillig Versicherten. Das sind rd. 90 % der Bevölke-
rung.

* Unter Mitwirkung von Christian Hassel, AOK-Bundesverband, Berlin.

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7.3 Beiträge

Der bundeseinheitliche Beitragssatz beträgt 1,95 %. Kinderlose: 2,2 %. Die zusätz-


lichen 0,25 % sind vom Versicherten allein zu tragen. Die Höhe der Beiträge richtet
sich nach dem beitragspflichtigen Einkommen des einzelnen Mitglieds. Die Ein-
nahmen werden bis zur Beitragsbemessungsgrenze der gesetzlichen Krankenversi-
cherung berücksichtigt. Die Beiträge werden grundsätzlich von den Versicherten
und von den Arbeitgebern je zur Hälfte aufgebracht.

7.4 Leistungsberechtigte

Pflegebedürftig sind Personen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seeli-
schen Krankheit oder einer Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig
wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer in er-
heblichem Maße der Hilfe bedürfen. Die pflegebedürftigen Menschen werden je
nach der Häufigkeit des Hilfebedarfs in drei Pflegestufen unterteilt:
Pflegestufe I: erheblich pflegebedürftig =
Hilfebedarf mindestens einmal täglich für wenigstens zwei Verrichtungen mindes-
tens eineinhalb Stunden, davon 45 Minuten für die Grundpflege.
Pflegestufe II: schwer pflegebedürftig =
Hilfebedarf mindestens dreimal täglich zu verschiedenen Tageszeiten mindestens
drei Stunden, davon zwei Stunden für die Grundpflege.
Pflegestufe III: schwerst pflegebedürftig =
Hilfebedarf rund um die Uhr mindestens fünf Stunden, davon vier Stunden für die
Grundpflege.
Die Feststellung, ob und in welchem Umfang Pflegebedürftigkeit vorliegt, erfolgt
durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen.

7.5 Leistungen

Die Leistungen in der Pflegeversicherung richten sich danach, ob häusliche oder


stationäre Pflege erforderlich ist. Vorrang hat die häusliche Pflege.

7.5.1 Häusliche Pflege


Die Leistungen in der häuslichen Pflege werden nach dem o.g. Grad der Pflegebe-
dürftigkeit gestaffelt. Als Sachleistung zur Pflege (z. B. Pflegeeinsätze durch ambu-
lante Dienste) übernimmt die Pflegekasse monatlich
z für erheblich Pflegebedürftige: bis zu € 420,–
ab 1. 1. 2010: bis zu € 440,–
ab 1. 1. 2012: bis zu € 450,–

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Leistungen 71

z für Schwerpflegebedürftige: bis zu € 980,–


ab 1. 1. 2010: bis zu € 1040,–
ab 1. 1. 2012: bis zu € 1100,–
z für Schwerstpflegebedürftige: bis zu € 1470,–
ab 1. 1. 2010: bis zu € 1510,–
ab 1. 1. 2012: bis zu € 1550,–
wobei in besonderen Härtefällen
die Sachleistungen bis zu € 1918,–
monatlich betragen können.
Das Pflegegeld i.S. v. Geldleistungen beträgt monatlich
z PS I: € 215,–
ab 1. 1. 2010: € 225,–
ab 1. 1. 2012: € 235,–
z PS II: € 420,–
ab 1. 1. 2010: € 430,–
ab 1. 1. 2012: € 440,–
z PS III: € 675,–
ab 1. 1. 2010: € 685,–
ab 1. 1. 2012: € 700,–
Pflegegeld und Pflegesachleistungen können auch kombiniert in Anspruch genom-
men werden. Bei Verhinderung der Pflegeperson übernimmt die Pflegekasse einmal
jährlich für 4 Wochen die Kosten für eine Ersatzpflegekraft bis zu € 1432,–.
Als weitere Leistungen können gewährt werden:
z PS I: bis zu € 420,–
ab 1. 1. 2010: bis zu € 440,–
ab 1. 1. 2012: bis zu € 450,–
z PS II: bis zu € 980,–
ab 1. 1. 2010: bis zu € 1040,–
ab 1. 1. 2012: bis zu € 1100,–
z PS III: bis zu € 1470,–
ab 1. 1. 2010: bis zu € 1510,–
ab 1. 1. 2012: bis zu € 1550,–
z Kurzzeitpflege
bis zu 4 Wochen im Kalenderjahr bis zu € 1470,–
ab 1. 1. 2010: bis zu € 1510,–
ab 1. 1. 2012: bis zu € 1550,–
z Pflegehilfsmittel (z.B. Pflegebett)

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z Zuschüsse zu pflegebedingtem
Umbau der Wohnung bis zu € 2557,– je Maßnahme
z unentgeltliche Pflegekurse für Angehörige und ehrenamtliche Pflegepersonen.
z Für pflegebedürftige mit demenzbedingten Fähigkeitsstörungen sowie für psy-
chisch Kranke und für Menschen mit geistigen Behinderungen, die einen An-
spruch auf Leistungen der Pflegeversicherung haben, wird ein zusätzlicher Be-
treuungsbetrag von bis zu € 100 monatlich (Grundbetrag) oder bis zu € 200
monatlich (erhöhter Betrag) gezahlt. Die Höhe des jeweiligen Anspruchs wird
von der Pflegekasse auf Empfehlung des MDK im Einzelfall festgelegt und dem
Versicherten mitgeteilt.

7.5.2 Stationäre Pflege


Bei stationärer Pflege übernimmt die Pflegeversicherung als pflegebedingte Aufwen-
dungen monatlich
z Pflegestufe I: € 1023,–
z Pflegestufe II: € 1279,–
z Pflegestufe III: € 1470,–
ab 1. 1. 2010: € 1510,–
ab 1. 1. 2012: € 1550,–
Für schwerst Pflegebedürftige stehen zur Vermeidung von Härtefällen ausnahms-
weise bis zu € 1750,– (ab 1. 1. 2010 € 1825,–; ab 1. 1. 2012 € 1918,–) monatlich
zur Verfügung. Kosten für Unterkunft und Verpflegung trägt der Pflegebedürftige
selbst. Die Finanzierung der Investitionskosten obliegt den Ländern. Für die Pflege
in vollstationären Einrichtungen der Behindertenhilfe wird ein Zuschuss zu den
pflegebedingten Aufwendungen in Höhe von monatlich € 256,– übernommen.
Die vom Gesetzgeber festgelegte Höhe der Pflegeleistungen wird künftig durch
Rechtsverordnung der Bundesregierung der Entwicklung angepasst. Für unentgelt-
lich tätige häusliche Pflegekräfte übernimmt die Pflegeversicherung die Beitragszah-
lungen zur Rentenversicherung. Die Länder, die Kommunen, die Pflegeeinrichtun-
gen und die Kassen wirken eng zusammen, um eine leistungsfähige, regional geglie-
derte, ortsnahe und aufeinander abgestimmte ambulante und stationäre pflegerische
Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Hierzu haben die Bundesländer
entsprechende Landespflegegesetze erlassen. Die Pflegekassen haben durch Versor-
gungsverträge und Vergütungsvereinbarungen mit Pflegeheimen, Sozialstationen
und ambulanten Pflegediensten die pflegerische Versorgung der Versicherten zu
gewährleisten. Hierzu sind vertragliche Beziehungen zwischen den Pflegeeinrichtun-
gen und den Pflegekassen mit dem Ziel, eine quantitativ ausreichende und qualita-
tiv hochwertige Versorgung der Pflegebedürftigen zu gewährleisten, umgesetzt
worden (s. www.mds-ev.de). Seit dem 1. 1. 09 haben Versicherte einen Anspruch
auf Pflegeberatung. Die Kassen setzen hierzu Pflegeberater ein.

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Begutachtung von Pflegebedürftigkeit 73

7.6 Begutachtung von Pflegebedürftigkeit

Die Begutachtung von Pflegebedürftigkeit wird maßgeblich durch die im elften


Sozialgesetzbuch (SGB XI) normierten Begriffe und die Stufen der Pflegebedürftig-
keit bestimmt (s. o.). Verbindlich konkretisiert wird dies durch die Pflegebedürftig-
keits- und Begutachtungs-Richtlinien der Verbände der Kranken- und Pflegekassen
auf Bundesebene, die bundesweit die Begutachtung mit einem hohen Maß an ein-
heitlichen Kriterien ermöglichen sowie die Überprüfbarkeit der Begutachtungser-
gebnisse gewährleisten. Um dieses Ziel zu erreichen, ist zudem bei dem Medizini-
schen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen ein internes und ein
externes Qualitätssicherungsverfahren verbindlich eingeführt worden. Einzelheiten
dazu und zu den Begutachtungsrichtlinien (neu April 2009) in www.mds-ev.de.

Für die Empfehlung des Gutachters, ob die Voraussetzungen der Pflegebedürftig-


keit erfüllt sind und welche Stufe der Pflegebedürftigkeit vorliegt, wird ein einheit-
liches und verbindliches Formular verwendet. Regionale Abweichungen sind nicht
zulässig. Das Gutachten muss ein nachvollziehbares, schlüssiges, vollständiges und
begründetes Bild des Hilfebedarfs des Pflegebedürftigen widerspiegeln.

Die Ziele der sozialen Pflegeversicherung sind auch bei der Begutachtung zu beach-
ten. Danach soll dem Pflegebedürftigen ermöglicht werden, ein selbstbestimmtes
und selbstständiges Leben führen zu können. Im Vordergrund steht die aktivieren-
de Pflege, mit der vorhandene Fähigkeiten erhalten und ggf. verlorene Fähigkeiten
zurückgewonnen werden sollen. Auch die pflegerische Kompetenz und Motivation
der pflegenden Angehörigen soll gestärkt und gefördert werden.

Die sozialmedizinische Begutachtung bewertet nicht die Schwere der Krankheit


oder Behinderung, sondern allein den aus der konkreten Funktionseinschränkung
resultierenden Hilfebedarf in bezug auf die gesetzlich definierten Verrichtungen des
täglichen Lebens in den Bereichen der hauswirtschaftlichen Versorgung, der Grund-
pflege (wie Waschen, Duschen, Baden, Darm-Blasenentleerung, Ernährung, Aufste-
hen und Zubettgehen, An- und Auskleiden, Gehen, Stehen) und des Bedarfs an
allgemeiner Beaufsichtigung und Betreuung. Die Pflegestufe wird nach Art, Häufig-
keit und zeitlichem Umfang des Hilfebedarfs bei den Verrichtungen bestimmt.

Blindheit oder Taubheit sind z.B. alleine noch nicht ursächlich für Pflegebedürftig-
keit im Sinne des SGB XI. Auch sagt der Grad der Behinderung eines Schwerbehin-
derten nichts über die Voraussetzung der Pflegebedürftigkeit aus. Daraus folgt
auch, dass sich die Begutachtung statt nach diagnostisch-therapeutischen Gesichts-
punkten stärker nach pflegerischen Kriterien orientiert. Kenntnisse über pflegeri-
sche Zielsetzungen und Maßnahmen sind erforderlich, um Interventionsmöglich-
keiten durch pflegerisches Handeln bei der Ermittlung des individuellen Hilfebe-
darfs erkennen und berücksichtigen zu können. Pflegebedürftigkeit ist als ein Pro-
zess zu verstehen, der insbesondere durch präventiv orientierte Maßnahmen und

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aktivierend-rehabilitative Pflege beeinflusst werden kann, Pflegebedürftigkeit ist


also kein unveränderbarer Zustand.
Maßgeblich ist die Einschränkung der Fähigkeit, die regelmäßig wiederkehrenden
Verrichtungen ohne fremde Hilfe vornehmen zu können. Hilfebedarf ist auch dann
gegeben, wenn die Verrichtung zwar motorisch ausgeübt, jedoch deren Notwendig-
keit nicht erkannt oder nicht in sinnvolles Handeln umgesetzt werden kann. Die
verschiedenen Formen der Hilfeleistungen – Unterstützung, teilweise oder vollstän-
dige Übernahme, Beaufsichtigung der Ausführung dieser Verrichtungen oder die
Anleitung zu deren Selbstvornahme – spiegeln die Individualität des Hilfebedarfs
wider und sind gleichrangig bei der Begutachtung maßgeblich.
Zu folgenden Sachverhalten ist in dem Gutachten differenziert Stellung zu neh-
men:
– Vorliegen der Voraussetzung für Pflegebedürftigkeit und Beginn der Pflegebedürf-
tigkeit,
– Pflegestufe,
– Prüfung, ob und in wieweit ein außergewöhnlich hoher Pflegeaufwand vorliegt
(Härtefall),
– Umfang der Pflegetätigkeit der Pflegepersonen,
– Prüfung, ob und inwieweit ein erheblicher Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung
und Betreuung gegeben ist,
sowie in einem individuellen Pflegeplan
– Prognosen über die weitere Entwicklung der Pflegebedürftigkeit,
– Vorschläge über weitere Versorgungsformen (z.B. erforderliche Pflegehilfsmittel)
sowie Aussagen über die im Einzelfall sich ergebenden Notwendigkeiten und die
Zeitabstände für eine Wiederholungsbegutachtung,
– Feststellung, ob und in welchem Umfang Maßnahmen zur Beseitigung, Minde-
rung oder Verhütung einer Verschlimmerung der Pflegebedürftigkeit einschließ-
lich der Leistungen zur medizinischen Rehabilitation geeignet, notwendig und
zumutbar sind.
Die vom Gutachter festgestellten funktionellen Defizite und Fähigkeitsstörungen
sowie die aus den noch vorhandenen Fähigkeiten bestehenden Ressourcen bestim-
men den individuellen Hilfebedarf. Dazu sind zunächst die pflegebegründende
Anamnese und pflegebegründenden Befunde zu erheben. Zu beschreiben ist die
derzeitige Versorgungs- und Betreuungssituation aus der Sicht des Antragstellers
bzw. seiner Pflegeperson (Ist-Zustand). Darunter sind die ärztliche Betreuungssitu-
ation, die Art der Heil- und Hilfsmittelversorgung, der Umfang der bisherigen
pflegerischen Versorgung sowie Angaben zu den pflegerelevanten Aspekten der
Wohnsituation, wie Stockwerk, Lage von Bad und Toilette zu subsumieren.
In der pflegebegründenden Vorgeschichte ist zu schildern, wie sich Beginn und
Verlauf der Krankheit/Behinderung, die ursächlich für den bestehenden Hilfebedarf
sind, ergeben. Eventuell vorhandene längerfristige Aufzeichnungen über den Pflege-

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verlauf (Pflegetagebücher, Entwicklungsberichte von Rehaträgern) sowie Fremdbe-


funde sind ebenfalls zu berücksichtigen.
Die pflegebegründenden Befunde werden aufgrund der funktionellen Einschrän-
kungen (medizinisches Instrumentarium) und der Aktivitäten des täglichen Lebens
– ATL – (pflegerisches Instrumentarium) erhoben. Über die Funktionseinschrän-
kungen und die Fähigkeiten/Ressourcen des Antragstellers muss sich der Gutachter
ein Bild machen. Der notwendige Umfang der Untersuchung wird dabei durch Art
und Ausmaß der Krankheit/Behinderung bestimmt. Neben dem Allgemeinzustand
und der Leistungsfähigkeit sind klinisch feststellbare funktionelle Einschränkungen
oder Schädigungen einzelner Organsysteme bezogen auf den Stütz- und Bewegungs-
apparat, auf innere Organe, Sinnesorgane, ZNS sowie Psyche präzise nach Art,
Lokalisation und Schweregrad ihrer Ausprägung auf den Hilfebedarf bzw. die Re-
habilitationsmöglichkeiten zu beschreiben (z. B. schlaffe oder spastische Parese,
vollständige oder Teilparese). Die Nennung einer reinen Diagnose, z.B. Zustand
nach Apoplexie, ist nicht zielführend. Entscheidend ist die daraus resultierende
Funktionseinschränkung, z.B. Hemiparese mit Steh- und Gehunfähigkeit.
Neurologische und psychische Störungen sind bezogen auf Verhaltensstörungen,
Kontaktaufnahme, Kooperationsfähigkeit, Orientierung zur Person, zur Zeit, zum
Ort, zur Gedächtnisfunktion und zum formalen Gedankenablauf zu beschreiben.
Mit den Aktivitäten des täglichen Lebens – ATL – können Hilfebedarf und Res-
sourcen des Antragstellers unabhängig vom klinischen Krankheitsbild umfassend
und ganzheitlich abgebildet werden. Mit den einzelnen Items (vitale Funktionen
aufrechterhalten, sich situativ anpassen können, für Sicherheit sorgen können, sich
bewegen können, sich sauberhalten und kleiden können, essen und trinken können,
ausscheiden können, sich beschäftigen können, kommunizieren können, ruhen und
schlafen können, soziale Bereiche des Lebens sichern können) soll anhand verschie-
dener Grade eingeschätzt werden, bei welchen Aktivitäten des täglichen Lebens die
Selbstständigkeit des Versicherten erhalten geblieben ist und wie sich Fähigkeitsein-
schränkungen auf die psychosoziale Gesamtsituation auswirken könnten. Anhand
der ATL können auch Rückschlüsse auf die Belastung der Pflegepersonen/Angehö-
rigen gezogen werden. Die ATL bilden damit in ihrer Gesamtheit den Rahmen für
die weiteren Empfehlungen an die Pflegekasse zum individuellen Pflegeplan.

Hilfebedarf bei Kindern: Pflegebedürftige Kinder sind zur Feststellung des Hilfe-
bedarfs mit einem gesunden Kind gleichen Alters zu vergleichen. Maßgeblich für
die Beurteilung des Hilfebedarfs ist nicht der natürliche, altersbedingte Pflegeauf-
wand, sondern nur der darüberhinausgehende Hilfebedarf, der z. B. als Langzeit-
folge einer angeborenen Krankheit oder Behinderung u.a. in häufigeren Mahlzei-
ten oder zusätzlicher Körperpflege oder Lagerungsmaßnahmen besteht. Im ersten
Lebensjahr liegt Pflegebedürftigkeit nur ausnahmsweise vor, z.B. bei schweren
Zerebralparesen, die mit ausgeprägten Störungen der Mundmotorik einhergehen
und die Nahrungsaufnahme erheblich erschweren.

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Zusammenfassend ergibt sich der maßgebliche Hilfebedarf des Pflegebedürftigen


für die Verrichtungen des täglichen Lebens nach Art, Häufigkeit, zeitlichem Um-
fang und Prognose aus:

– der individuellen Ausprägung von funktionellen Einschränkungen und Fähig-


keitsstörungen durch Krankheit oder Behinderung (Befund und Anamnese),
– der individuellen Lebenssituation (Wohnverhältnisse, soziales Umfeld),
– der individuellen Pflegesituation,
– der Individualität des Pflegebedürftigen,
– der Prüfung, ob ein erheblicher Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung und Be-
treuung gegeben ist.

In der Begutachtungssituation muss einerseits in jedem Einzelfall der individuelle


Hilfebedarf des Versicherten festgestellt und andererseits die subjektive Sicht des
Gutachters durch konkrete Vorgaben geleitet werden. Das Verständnis über den
maßgeblichen Hilfebedarf muss einheitlich sein und ist aus diesem Grunde als Vor-
gabe zu dem Zeitaufwand für die Verrichtungen in den Begutachtungs-Richtlinien
beschrieben. Diese sogenannten „Zeitkorridore“geben für den grundpflegerischen
Zeitaufwand in den einzelnen Verrichtungen Orientierungswerte vor. Beim Vorlie-
gen von Erschwernisfaktoren (wie z. B. Hemiplegien, schwere kardiopulmonale
Dekompensation, Fehlstellungen der Extremitäten, starke therapieresistente Schmer-
zen) kann – mit nachvollziehbarer Begründung – über diese Zeitkorridore hinaus-
gegangen werden.

Zusätzliche gutachterliche Empfehlungen: Im Anschluss an die Pflegestufenbestim-


mung ist in einer Prognose die weitere Entwicklung der Pflegebedürftigkeit abzu-
schätzen, nachvollziehbar zu dokumentieren und in Bezug zu einem möglichen
Termin einer Wiederholungsbegutachtung zu stellen. Darüber hinaus sind im Rah-
men des individuellen Pflegeplans, wenn erforderlich, weitere Empfehlungen an die
Pflegekasse zu beschreiben, die über die derzeitige Versorgungssituation hinausge-
hen. Dies bezieht sich z. B. auf bauliche Maßnahmen zur Anpassung des Wohnum-
feldes (Verbreiterung von Türen, Versetzen von Türgriffen, behindertengerechter
Umbau der Dusche oder Wanne, Beseitigung von Stolperquellen wie Teppichläufer)
oder auf Beratung und Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige (Ersatz-
pflege, Pflegekurse).

Auch Maßnahmen zur Rehabilitation sind zu berücksichtigen. In jedem Einzelfall


ist im Rahmen der Begutachtung zu prüfen, ob mit den Zielen der Rehabilitation
die Wiedergewinnung, Verbesserung oder der Erhalt einer möglichst weitgehenden
Selbstständigkeit des Versicherten bei den Verrichtungen des täglichen Lebens er-
reicht werden kann. Indikationen für Rehabilitationsmaßnahmen liegen dann vor,
wenn eine Rehabilitationsbedürftigkeit und eine Rehabilitationsfähigkeit bestehen
und die vorgeschlagenen Maßnahmen zumutbar sind. Ebenso sind ggf. Empfehlun-
gen zu präventiven Leistungen und zur Heilmittelversorgung anzusprechen.

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Eine bundesweit einheitliche und qualitativ hochwertige Begutachtung von Pflege-


bedürftigkeit kann wesentlich nur mit konkretisierten Vorgaben und Definitionen
umgesetzt werden; dies ist mit dem verbindlichen Instrumentarium der Begutach-
tungs-Richtlinien realisiert. Die Zugangsvoraussetzungen zur Inanspruchnahme
von Leistungen der Pflegeversicherung stehen damit auf einer einheitlichen Grund-
lage. Die Individualität des Pflegebedürftigen muss aber weiterhin im Zentrum der
Begutachtung stehen.

Tipps
Bundesministerium für Gesundheit, http://www.bmg.bund.de/themen/pflege.
Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend,
http://www.bmfsfj.de/top/sonstige/Politikbereiche/Familie/.
Texte zum Gesundheits- und Sozialrecht, Pflegeweiterentwicklungsgesetz 2008 –
Textausgabe mit systematisch zugeordneten Begründungen und Aussagen aus den
Parlamentsdrucksachen, Remagen, 2008.
Richtlinien der Spitzenverbände der Pflegekassen zur Begutachtung von Pflegebe-
dürftigkeit nach dem XI. Buch des Sozialgesetzbuches (Begutachtungs-Richtlinien)
vom 1. 7. 2009 (www.mds-ev.org).

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