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Als vor hundert Jahren am 9. November die Revolution in Deutschland ausbrach unddamit das imperialistische Blutvergießen des Ersten Weltkriegs beendete, geschah diesnicht aus dem Nichts. Der deutsche Imperialismus hatte es trotz einiger Anfangserfolgeund massiver Gebietsgewinne im Osten nicht geschafft, sich global neue Einflusssphärenund Kolonialgebiete zu sichern. Nach Jahren von Abnutzungskrieg an der Westfront inFrankreich und Belgien betrat nun der US-Imperialismus die Bühne in Europa, umseinerseits Ansprüche auf die Gestaltung der Nachkriegsordnung in Europa anzumelden.Der Kriegseintritt der USA bedeutete den Todesstoß für die deutschen Armeen aufmilitärischem Gebiet. Daran konnte auch die Eroberung neuer Gebiete in Folge des Brest-Litowsk-Vertrages mit der jungen, aber noch sehr geschwächten Sowjetunion nichtsändern.Im Inneren hatte der Krieg seinen Teil dazu beigetragen, einen Zersetzungsprozessin Gang zu setzen, der ständig durch sinnlose Opfer an der Front, steigende Armut undKriegsmüdigkeit aber auch die neue Perspektive befeuert wurde, die die Oktoberrevolutionin Russland erzeugt hatte.Doch nach einer Revolution hatte es in Deutschland lange nicht ausgesehen.Zunächst hatte das Kaiserreich es geschafft, jegliche Opposition zum Krieg durchVerhaftungen und Strafversetzungen zu besonders gefährlichen Militäreinsätzen an derFront klein zu halten. Die Kriegspropaganda des Kaisers hatte auch in weiten Teilen derArbeiterklasse Fuß gefasst, nicht zuletzt, weil die SPD, die damals größte Arbeiterparteider Welt, den Marxismus und die sozialistische Revolution bestenfalls noch inSonntagsreden zelebrierte, ihre Alltagspraxis sich jedoch mit dem kapitalistischen StatusQuo abgefunden hatte. Reichskanzler Bismarck, der Deutschland auf administrativemGebiet in einen modernen Nationalstaat verwandelt hatte, war sich der Gefahr derrevolutioren Arbeiterbewegung bewusst. Er hatte daher 1883/4 eine ersteSozialgesetzgebung eingeführt, um den revolutionären Tendenzen innerhalb der künftigenSPD das Wasser abzugraben.
Von der revolutionären zur reformistischen Sozialdemokratie
Die industrielle Revolution hatte das deutsche Reich in eine imperialistischeWirtschaftsmacht verwandelt, das auf ökonomischem Gebiet nun selbst dem britischenImperialismus seine Märkte streitig machte. Bereits 1913 machte das deutsche Reichwirtschaftlich Britannien, der damals vorherrschenden imperialistischen Macht, aufWeltebene Konkurrenz. Paul Kennedy beschrieb, dass neben der Anwendung industriellerMethoden in der Landwirtschaft und der raschen Verdrängung des AnalphabetentumsDeutschlands „Kohleproduktion von nur 89 Millionen Tonnen 1890 auf 277 MillionenTonnen 1914 anstieg, kurz hinter Britanniens 292 Millionen und Österreich-Ungarns 47Millionen, Frankreichs 40 Millionen und Russlands 36 Millionen. Im Stahlsektor war dasWachstum sogar noch spektakulärer, und Deutschlands Ausstoß 1914 von 17,6 MillionenTonnen war größer als der Britanniens, Frankreichs und Russlands zusammengenommen.
 
Noch beeindruckender war die deutsche Leistung in neueren Industrien desZwanzigsten Jahrhunderts wie der Elektrik, Optik und Chemie. Riesenfirmen wie Siemensund AEG, die unter sich 142.000 Leute beschäftigten, dominierten die europäischeElektroindustrie. Deutsche Chemiefirmen, geführt von Bayer und Hoechst, produzierten 90Prozent der globalen industriellen Färbemittel. Diese Erfolgsgeschichte spiegelte sichnatürlich in Deutschlands Außenhandelszahlen wider, mit sich verdreifachenden Exportenzwischen 1890 und 1913, die das Land nahe an Britannien als den hrendenWeltexporteur brachten; nicht überraschend expandierte auch seine Handelsmarine zurzweitgrößten der Welt am Vorabend des Krieges. Zu diesem Zeitpunkt war sein Anteil ander globalen Industrieproduktion (14,8 Prozent) höher als der Britanniens (13.6 Prozent)und zweieinhalb mal so hoch wie der Frankreichs (6.1 Prozent).“ (Paul Kennedy,
The Rise and Fall of the Great Powers 
, 1988, S.210f) Auf politisch-administrativem Gebiet bliebDeutschland eine Monarchie. Der Versuch einer bürgerlichen Revolution war 1848gescheitert, als das Bürgertum aus Angst vor dem erstarkenden Proletariat ein Bündnismit der Monarchie gegen die Arbeiterklasse schloss, um so die Gefahr eines Übergangsvon einer bürgerlichen in eine proletarische Revolution zu verhindern. Diese Perspektivevertraten Marx und Engels bereits in ihrer
Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850 
. Demnach stuften sie Deutschland bereits damals als reif für einesozialistische Revolution ein, insbesondere in Koordination mit Revolutionen in anderenentwickelten Industrienationen. Im Zuge der Industrialisierung, die Arbeiter massenhaft inGroßbetriebe zusammenfasste, hatte sich in Deutschland mit der SPD eine marxistischePartei gebildet, die schnell zu einer Massenorganisation heranreifte und der Arbeiterklassenicht nur als politische Kampfpartei, sondern auch als allumfassende Kultureinrichtungdiente. International galt die SPD Marxisten in anderen Ländern als leuchtendes Vorbild. Dennoch hatte es die deutsche Bourgeoisie verstanden, die stetig wachsendenSozialdemokraten durch eine Kombination aus staatlicher Repression, den sogenanntenSozialistengesetzen, und einigen sozialstaatlichen Maßnahmen in Schach zu halten.Bereits 1891 bemerkte Friedrich Engels unter Verweis auf die Aufgaben für Revolutionärein Deutschland, dass bereits das Erfurter Programm der SPD opportunistische Züge trug,die aus Bismarcks Politik von Zuckerbrot und Peitsche herrührten:
„Aus Furcht vor einer Erneuerung des Sozialistengesetzes, aus Erinnerung an allerleiunter der Herrschaft jenes Gesetzes gefallenen voreiligen Äußerungen soll jetzt aufeinmal der gegenwärtige gesetzliche Zustand in Deutschland der Partei genügenkönnen, alle ihre Forderungen auf friedlichem Weg durchzuführen. Man redet sich undder Partei vor, „die heutige Gesellschaft wachse in den Sozialismus hinein“, ohne zufragen, ob sie nicht damit ebenso notwendig aus ihrer alten Gesellschaftsverfassunghinauswachse und diese alte Hülle gewaltsam sprengen müsse, wie der Krebs dieseine, als ob sie in Deutschland nicht außerdem die Fesseln der noch halbabsolutistischen und obendrein namenlos verworrenen politischen Ordnung zusprengen habe.“
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Friedrich Engels,
Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs 1891
, 18.und 19. Juli 1891, MEW, Band 22, S.234
Die wirtschaftliche Entwicklung des aufstrebenden deutschen Imperialismus führtezur Herausbildung privilegierter Schichten im Proletariat, deren Lebensperspektive nichtlänger auf das reine Existenzminimum reduziert war und einige Annehmlichkeiten mit sichbrachte. Diese Erfahrung führte zur Herausbildung konservativeren Denkens unter einigendieser Bessergestellten. Es dauerte nicht lange, bis diese Entwicklung sich auch in derTheoriebildung führender Denker der SPD herauskristallisierte. Die sozialistischeRevolution, für deren Agitation man seinerzeit schnell im Gefängnis landen konnte, warTeilen der privilegierten Schichten der Arbeiter zu ungemütlich geworden. Nur wenigeJahre nach Engels' Tod fanden diejenigen, die von der sozialistischen Revolution Abstandnehmen wollten, ihren ersten Vertreter in Eduard Bernstein. Bernstein entwickelte in den
 
späten 1890er Jahren die Theorie, derzufolge die ständige Expansion des Kapitalismusdie Grundlage für den Sozialismus erzeugen würde. Es könne daher lediglich darumgehen, die Regierungsform auf politischem Gebiet zu reformieren, statt den Kapitalismusals sozioökonomisches System durch Revolution zu beseitigen. Anfangs regte sich gegendiese allzu offene Revision des marxistischen Programms Widerstand in weiten Teilen derPartei. Karl Kautsky, der als der hervorragendste Marxinterpret in der SPD gesehenwurde, widersprach Bernstein. Aber auch die große deutsche Revolutionärin RosaLuxemburg, die zu diesem Zeitpunkt noch kaum von sich Reden gemacht hatte, hieltBernstein entgegen:
„Der heutige Staat ist eben keine „Gesellschaft“ im Sinne der „aufstrebendenArbeiterklasse“, sondern Vertreter der
kapitalistischen
Gesellschaft, d.h., Klassenstaat.Deshalb ist auch die von ihm gehandhabte Sozialreform nicht eine Bestätigung der„gesellschaftlichen Kontrolle“, d.h., der Kontrolle der freien arbeitenden Gesellschaftüber den eigenen Produktionsprozeß, sondern eine Kontrolle der
Klassenorganisation des Kapitals über den Produktionsprozeß des Kapitals 
. Darin, d.h. in den Interessendes Kapitals findet denn auch die Sozialreform ihre natürlichen Schranken.“
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Rosa Luxemburg,
Sozialreform oder Revolution,
Gesammelte Schriften, Bd. 1/1,S.392
Ironischerweise berufen sich heutzutage diverse Strömungen wie die SozialistischeAlternative (SAV) und die deutschen Anhänger Tony Cliffs, Marx21, die in der Linksparteiarbeiten, und selbst Teile der Partei Die Linke auf Rosa Luxemburg, bei gleichzeitigerVerwerfung ihrer Ansichten beglich des Zusammenhangs von kapitalistischemProduktionsprozess und bürgerlichem Staat. Die britische Schwesterorganisation der SAVvertreibt immer noch eine Broschüre aus ihrer Zeit in der Labour-Partei als
The Militant 
, inder sie schrieb:
„Wenn die nächste Labour-Regierung im Parlament ein Ermächtigungsgesetz erlässt,um die 200 Monopole, Banken und Versicherungsunternehmen zu verstaatlichen, die80 bis 85 Prozent der Wirtschaft kontrollieren, würde den 196 Direktoren dieser Firmenein entscheidender Schlag versetzt, die die wirkliche Regierung Britanniens sind.Durch die wirtschaftliche Macht, die sie ausüben, diktieren sie den Kurs, dem sowohlTory- als auch Labour-Regierungen folgen müssen. Sie würden für die Verstaatlichungihres Vermögens auf Grundlage 'nachgewiesenem Bedarfs' kompensiert werden. Solchein Schritt, unterstützt durch die Macht der Arbeiterbewegung außerhalb desParlaments, rde die Einführung eines sozialistischen und demokratischenProduktionsplans gestatten, ausgearbeitet und implementiert durch Gewerkschafts-komitees, Betriebsräte, Hausfrauen und kleine Geschäftsleute.“
󲀓
The state: a warning to the labour movemen
, 1983, socialistparty.org.uk/ pamphlets/state/ 
Der bürgerliche Staat gilt ihnen als Kampfarena, die nur durch einetransformatorisch ausgerichtete sozialistische Partei übernommen werden muss. DasProgramm der Partei Die Linke bekräftigt seit der Parteigründung zu jedem Zeitpunkt,keine Revolution, sondern lediglich Reformen durch das Parlament erwirken zu wollen.Luxemburg war nicht gegen Reformen, schrieb aber in Vorwegnahme von TrotzkisÜbergangsprogramm, wie diese als Schritt zur Revolution dienen müssten:
„Für die Sozialdemokratie bildet der alltägliche praktische Kampf um soziale Reformen,um die Besserung der Lage des arbeitenden Volkes noch auf dem Boden desBestehenden, um die demokratischen Einrichtungen vielmehr den einzigen Weg,den proletarischen Klassenkampf zu leiten und auf das Endziel, auf die Ergreifungder politischen Macht und die Aufhebung des Lohnsystems, hinzuarbeiten. Für dieSozialdemokratie besteht zwischen der Sozialreform und der sozialen Revolution einunzertrennlicher Zusammenhang, indem ihr der Kampf um die Sozialreform
das Mittel 
, die soziale Umwälzung aber
der Zweck
ist.“

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