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Prof. Dr. H Flashar Vortrag am Friedrich-Gymnasium 25.2.

2008

Die homerische Odyssee


Die Odyssee ist – nach der Ilias – das zweite große Gründungsdokument der europäischen
Literatur. Die europäische Literatur beginnt bei den Griechen und hier nicht mit kleinen
ungelenken Gedichten, sondern mit zwei Paukenschlägen, eben mit der Ilias und mit der etwa
eine Generation jüngeren Odyssee, mit zwei hochdifferenzierten Epen, die in ihrer subtilen
Struktur zwingend den Gebrauch der Schrift voraussetzen. Das ist umso erstaunlicher, als erst
etwas mehr als ein halbes Jahrhundert vor der Ilias die Griechen die Schrift mit 26 Buchstaben
von den Phöniziern übernommen und für die Zwecke des allgemeinen Gebrauchs umgestaltet
und eingeführt haben. Vorher lebten die Griechen jahrhundertelang in schriftlosem Zustand.
Wir haben hier eine technologische Entwicklung vor uns, die in ihrem Tempo durchaus mit
Einführung und Ausbreitung von Computer und Handy in unserer Zeit vergleichbar ist.
Gegenüber den orientalischen Schriftsystemen mit Hieroglyphen, Bilderschrift und Silbenschrift
hat die griechische Buchstabenschrift den Vorzug, dass sie überaus leicht zu lernen und zu
handhaben ist. Das hat dazu geführt, dass bald wenigstens die Mehrzahl der Bevölkerung lesen
und schreiben konnte. Und das ist ein erster Schritt zur Demokratie, wie sie bei den Griechen ja
auch zuerst entstanden ist. Wer lesen und schreiben kann, ist nicht mehr abhängig von
Schriftgelehrten, die mit ihrem Herrschaftswissen Sachverhalte vermitteln oder auch
zurückhalten können, sondern er hat selber einen ganz anderen Zugang zu Informationsquellen
aller Art.
Am Anfang dieser Entwicklung stehen also die beiden homerischen Epen, wobei die Odyssee als
das jüngere Epos wahrscheinlich von einem anderen Verfasser stammt als es der Dichter der
Ilias ist.
Über die Person Homers (den Dichter der Ilias also) wissen wir so gut wie nichts. Dass er blind
gewesen sein soll, ist Legende. Nur: dass er ein Schreibersklave in Assyrien und noch dazu
Eunuch gewesen sein soll – wie der Literat Raoul Schrott neuerlich neben andern absurden
Thesen über die Ilias auch in der Presse behauptet hat – kann man sicher ausschließen.
Nun sind die homerischen Epen nicht vom Himmel gefallen. Sie setzen vielmehr eine lange
Tradition mündlicher Dichtung voraus, kleinere Heldenlieder, deren Ereignisse ein Sänger
improvisierend aneinander reihte. Man muss sich das nach Art unseres Fernsehens und seiner
Krimiserien vorstellen. Die Griechisch sprechenden Menschen (es gab ja keinen griechischen
Staat lebten) in dieser vorhomerischen Zeit) in Streusiedlungen, deren Mittelpunkt der Herrensitz
eines keineswegs armseligen Adeligen war. Was tut man in den langen Winterabenden?
Fernsehen gab es noch nicht vorlesen konnte man nicht, da in dieser Zeit der Gebrauch der
Schrift unbekannt war. Also beschäftigte man einen Sänger, der einen bestimmten und bekannten
Faktenkanon (z.B. die Vorgänge um Troia) auch in Fortsetzung über viele Abende mithilfe von
bestimmten Stütz-Merkversen improvisierend darstellen konnte. Der König der Phäaken (in der
Odyssee) konnte z.B. einem Säger sagen: Singe das Lied vom hölzernen Pferd. Jeder wusste, was
damit gemeint war.
Im Laufe des 8. Jahrhunderts ändern sich diese Rahmenbedingungen erheblich. Etwa gleichzeitig
mit der Einführung der Buchstabenschrift lässt sich in verschiedenen Gegenden der griechischen
Welt eine Siedlungsverdichtung beobachten, die gegenüber den älteren Streusiedlungen zu einer
Zusammenballung in Richtung auf eine stadtstaatlichen Poliskultur führte. Zentrum des
politischen Lebens ist jetzt weniger der Herrschersitz als die Agora, der zentrale Platz der Polis.
In diese Atmosphäre gehören die beiden homerischen Epen. Sie sind etwas Neues,
Großkompositionen mit sublimen Fernbeziehungen, so sorgsam komponiert, dass sie nicht auf
dem Boden reiner Mündlichkeit entstanden sein können. Dabei kommen wir mit der Odyssee in
das erste, vielleicht sogar zweite Quartal des 7. Jahrhunderts, auf alle Fälle aber deutlich vor der
von dem Elegiker Archilochos beschriebenen Sonnenfinsternis des Jahres 648, die für uns das
erste sichere Datum in der Geschichte der griechischen Literatur ist.

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Das besondere an den homerischen Epen ist nun, dass sie noch einmal die mykenische Welt mit
den Vorgängen um Troia widerspiegeln (deren Historizität bis heute umstritten ist), jetzt nicht
mehr im Sinne des alten typischen Heldenliedes mit der Bewunderung des Helden durch ein
Männerpublikum bei Hofe, sondern so, dass auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen alte
Ideale kritisch hinterfragt werden.
Die Odyssee ist das Gedicht von der Heimkehr des Odysseus nach der Eroberung Troias durch
die Griechen. Dabei ist das Schicksal des Odysseus nach alter mythischer Überlieferung in die
Frage eingebettet, wie denn die anderen Helden nach Hause gekommen sind. Die Griechen sind
(in der poetischen Fiktion natürlich) mit einer riesigen Armada von über 1000 Schiffen nach
Troia gefahren. Vielleicht erinnern sich einige von Ihnen an den vor einigen Jahren überall
gezeigten Troia-Film, in dem das Beängstigende dieser Riesenflotte vor dem kleinen Troia
sinnfällig wurde. Troia erwies sich neun Jahre lang als militärisch uneinnehmbar. Nur durch die
List des Odysseus mit dem hölzernen Pferd gelang die Einnahme der Stadt. Die Verluste waren
ungeheuer, die Rückfahrt eine einzige Katastrophe. Fast alle gerieten in gewaltige Seestürme und
verloren unterwegs zusätzlich Schiffe und Mannschaften. Agamemnon, der Oberbefehlshaber,
war mit 100 Schiffen ausgefahren, kam mit einem wieder und wurde unmittelbar nach seiner
Rückkehr ermordet. Menelaos geriet vor Ägypten in einen Seesturm, kam aber dann
einigermaßen unversehrt nach Hause. Odysseus verlor sämtliche seiner 12 Schiffe und alle
Gefährten. Nur er selbst und das, was er auf dem Leibe hatte, blieb übrig. Das Urbild des
Spätheimkehrers aller Zeiten.
Nur bei Odysseus unter allen homerischen Helden ist die Heimkehr mit ausführlich geschilderten
Irrfahrten verbunden. Dabei hat der Leser der Odyssee den Eindruck, dass es Odysseus gar nicht
besonders eilig hat, nach Hause zu kommen. Er begegnet Frauen, die ihn eine Zeit lang
faszinieren, aber nicht dauernd an sich binden können: Kalypso, Nausikaa, Kirke, – unser
Ausdruck „bezirzen“ kommt daher. Und so ist Odysseus, nach der Erkenntnis von der
Sinnlosigkeit des Sterbens bei der Belagerung Troias, auf der Suche nach sich selbst, nach seiner
Identität, die er findet, nachdem er alles um sich herum verloren hat und als Summe seines
Leidens und Lebens nichts als seine nackte Existenz gerettet hat.
Aber ist die Sehnsucht nach Familie und Heimat, nach Geborgenheit, nach Abgeschiedenheit auf
Ithaka wirklich das letzte Ziel des leidgeprüften, Vieles erduldenden Odysseus, oder gehört nicht
das unablässige Suchen, das Erleben und Ausleben ständig wechselnder Erfahrungen zur
Existenz des Odysseus? Der Text provoziert zu solchen Fragen, lässt sie aber letztlich
unbeantwortet. Nur eine Andeutung des Sehers Teiresias weist darauf, daß Odysseus immer
weiterziehen muß, bis an ein utopisch unbestimmtes Ende.
Die Irrfahrten, in deren Schilderung alte Seefahrergeschichten und Märchenmotive eingegangen
sind, ließen sich relativ einfach erzählen. Man könnte die Irrfahrten mit den Aufenthalten des
Odysseus auf den drei Inseln Aiaie (Kirke), Ogygia (Kalypso) und Scheria (Phäaken) der Reihe
nach erzählen und dabei die einzelnen Abenteuer chronologisch einbauen, wobei übrigens
sämtliche Versuche, die Reiseroute geographisch zu verifizieren, gescheitert sind. Das geschieht
aber nicht. Vielmehr befindet sich Odysseus zu beginn des Epos auf der vorletzten Station seiner
Reise, bei Kalypso. Alles Frühere wird durch Rückblenden hereingeholt, meist durch
Erzählungen des Odysseus selbst. Wir erkennen hier schon ein der Ilias noch unbekanntes
Kompositionsprinzip, das darin besteht, in einen Hauptstrang der Erzählung und da an bestimmte
Knotenpunkte Seitenstränge in z.T. komplizierter Verflechtung anzubinden. Das ganze ist wie
ein Baum mit einem Hauptstamm und seitlich gebogenen Zweigen, die wieder in den
Hauptstamm zurückführen. Hinzu kommt, dass das Geschehen gleichzeitig auf drei Ebenen
spielt, von denen Handlungsimpulse ausgehen. Während Odysseus bei Kalypso ist, beschließen
die Götter auf einer Versammlung auf Betreiben der Athena, die Heimkehr des Odysseus ins
Werk zu setzen, als Poseidon, der Widersacher des Odysseus, gerade auf Reisen ist. Gleichzeitig
steuert die Situation auf Ithaka einer Krise zu. Odysseus hatte bei seiner Wegfahrt von Ithaka an
seine Frau Penelope folgende Bitte gerichtet: Falls er nicht wiederkehre, sollte sie sich solange

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um seine Eltern und den Sohn Telemachos kümmern, bis diesem der Bart sprieße. Dann könne
sie sich wieder verheiraten und das Haus verlassen. Der Sohn solle dann Haus und Besitz als
neuer „König“ von Ithaka übernehmen. Dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Inzwischen sind
zahlreiche Freier im Königshaus, die unter Missachtung der ungeschriebenen Gesetze der
Gastfreundschaft das Vermögen des Odysseus verprassen. Penelope kann nur noch zu der List
greifen, sie würde sich wiedervermählen, wenn sie mit der Webarbeit an dem Totengewand ihres
Schwiegervaters Laertes fertig sei, während sie heimlich das Gewebte wieder auftrennt. Zugleich
wird Telemachos, jetzt zum Mann gereift, ausgeschickt, um Erkundigungen über den Verbleib
seines Vaters Odysseus einzuholen, – ein letzter, verzweifelter Versuch den Gang der Dinge
aufzuhalten, weil Penelope im Innersten noch an die Rückkehr ihres Mannes Odysseus glaubt.
Sehr ausführlich werden nun die Reisevorbereitungen für Telemachos geschildert, das
Beschaffen eines Schiffes, das Aufgebot von Ruderern, Herbeiholen und Verladen des Proviants,
alles unter dem Schutz der Athena, die nach dem Götterglauben der damaligen Zeit mitfährt.
Man fährt die ganze Nacht durch und kommt am nächsten Morgen, einige Zeit nach
Sonnenaufgang, in Pylos an, offenbar in der Annahme, dass der hier regierende alte Nestor, der
vor Troia an den Kämpfen gar nicht mehr teilgenommen hat, aber immer einen guten Rat wusste,
unbeschadet von Troia zurückgekehrt sei und auch jetzt Telemachos weiterhelfen könne.
Bei dieser Gelegenheit kann man viel über die damaligen Gebräuche lernen, über die
Opferbräuche und über die Gastfreundschaft. Denn in dem Augenblicke als Telemachos an Land
geht, gerät er unversehens in eine Opferzeremonie der Leute von Pylos. Ein Opfer war eine
aufwendige Sache, ein Spektakel wie im Theater. Da war, so hören wir, am Strand ein Gerüst mit
neun Sitzreihen aufgebaut, in jeder saßen 500, insgesamt also 4500 Menschen, viel in Anbetracht
des doch kleinen Herrensitzes Pylos. Es werden neun schwarze Stiere geschlachtet. Man kostet
die inneren Teile, während die Schenkel gegrillt dem Gott Poseidon zum Opfer dargebracht
werden. In diese Zeremonie platzt nun Telemachos mit seiner Begleitung hinein. Keinesfalls
wird er als Störenfried empfunden, sondern von Nestor und seinen beiden Söhnen freundlich
begrüßt. Auch wird er nicht etwa gleich gefragt, wer er sei und was er hier eigentlich wolle. Das
widerspräche den Gebräuchen der Gastfreundschaft. Vielmehr wird er aufgefordert, am Strand
auf weichen Fellen Platz zu nehmen. In einem goldenen Becher wird ihm (trotz der
Morgenstunde) Wein gereicht, zunächst aber, um einen Weihguss für Poseidon darzubringen und
dann zu Poseidon zu beten. Dann bekommt er die auf einen Spieß gezogenen äußeren Teile des
Opferfleisches, also einen Grillspieß. Erst nach einem ausgiebigen Mahl fragt Nestor: „Fremde,
wer seid ihr?“ Da gibt sich Telemachos zu erkennen und fragt, ob Nestor etwas von seinem
Vater wisse. Der alte Nestor antwortet sehr weitschweifig und erzählt ausführlich die ganze
Geschichte des Krieges vor Troia und dann, wie er als erster unbeschadet nach Hause gekommen
ist, was er von den anderen weiß, wann Odysseus zum letzten Mal gesehen wurde, bevor sich
seine Spur verloren hat. Von seinem Verbleib weiß er nichts. Ein Schlag ins Wasser also für
Telemachos, der auch tief betrübt und hoffnungslos ist. Man sieht aber, was der Dichter wollte.
Der einfachen Erzählung wird Relief, Tiefe und Hintergrund gegeben. Das Schicksal des
Odysseus erscheint auf der Folie der Geschicke der anderen Helden.
Die weitschweifigen Erzählungen des Nestor scheinen den ganzen Tag gedauert zu haben. Es
wird schon dunkel („Schon ist das Licht in das Dunkel hinabgegangen“), Telemachos will zum
Schiff zurück. Das kommt gar nicht in Frage, entgegnet Nestor, er werde sich doch nicht auf das
harte Verdeck des Schiffes niederlegen, sondern müsse in seinem königlichen Haus bequemer
übernachten. Gesagt, getan. Man trinkt noch einmal viel, diesmal einen zehnjährigen Wein, mit
Wasser gemischt. Am nächsten Morgen wird noch einmal ein großes Opfer dargebracht, diesmal
für Athena, ein Rind, das eigens von der Weide geholt wird. Während der Opfervorbereitungen
durch Nestor, nimmt Telemachos ein Bad, d.h. er wird gebadet und anschließend gesalbt von der
jüngsten und besonders schönen Tochter des Nestor. Die Badewanne könne sie noch heute bei
einem Besuch der Ausgrabungen des antiken Pylos (ca. 10 km von der heutigen Stadt Pylos
entfernt) sehen.

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Nestor hatte am Vortage dem Telemachos geraten, trotz der brenzlichen Situation in Ithaka nicht
sofort zurückzukehren, sondern vorher noch Menelaos in Sparta aufzusuchen, der nach
Überstehen schwerer Seestürme gerade erst zurückgekehrt sei und vielleicht Näheres wisse.
Großzügigerweise stellt Nestor hierfür einen Wagen mit zwei Pferden zur Verfügung. Auch lässt
er reichlich Proviant einpacken; einer seiner Söhne begleitet ihn (die Gefährten lässt Telemachos
am Schiff zurück) und in zwei Tagesreisen erreichen sie Sparta.
Bei dem Königspalast des Menelaos angelangt, geraten sie in eine Hochzeitsfeier, genauer gesagt
in eine Doppelhochzeit. Sowohl ein Sohn als auch eine Tochter des Menelaos feiern Hochzeit.
Da zögern sie doch ein wenig, ob sie hier wirklich eintreten sollen, und ein Diener des Menelaos
sagt: „Da sind einige Fremde, zwei Männer, sollen wir ihnen die schnellen Pferde ausspannen
oder sie geleiten, dass sie zu einem anderen kommen, der sie freundlich aufnimmt?“ Es passt
also eigentlich nicht. Aber selbstverständlich nimmt Menelaos die beiden auf: „Spanne die
Pferde der Fremden aus und führe sie hinein, dass sie teilnehmen an dem Gastmahl!“ Sie werden
in Wannen (es gab also mehrere) von Mägden gewaschen und gesalbt, bekommen wollene
Kleidung, Brot, viele Speisen und Wein. Ausdrücklich sagt Menelaos, sie sollten jetzt ordentlich
essen und trinken, erst dann wolle er fragen, wer sie überhaupt seien. So entspricht es den
Gebräuchen der Gastfreundschaft. Die beiden Gäste staunen über die Pracht des von Gold, Silber,
Bernstein und Elfenbein verzierten Prunksaales. Es ist offenbar alles eine Nummer größer als bei
Nestor. Menelaos erzählt, wie er zu dem Reichtum gekommen ist, er erzählt – wie Nestor – von
Troia, von der beschwerlichen Heimfahrt, die bei ihm acht Jahre gedauert hat voller Sorge, was
wohl aus dem einen geworden ist, von dem er nichts weiß, aus Odysseus. „Wir aber wissen nicht,
ob er lebt oder ob er tot ist. Klagen gewiss doch jetzt um ihn Laertes, der Greis, und die
verständige Penelopeia und Telemachos, den er neugeboren zurückgelassen hat in seinem
Hause.“ Telemachos muss weinen; er hält sich mit beiden Händen den purpurnen Mantel vor die
Augen. Da rauscht die schöne Helena herein (um derentwillen der ganze troische Krieg geführt
wurde) mit einem Schwarm von Dienerinnen, die ihr einen Lehnstuhl und einen Schemel für die
Füße bereitstellen. „Wissen wir schon“, so fragt sie ihren Mann Menelaos, „was für Männer das
sind, die in unser Haus gekommen?“ Und sie vermutet, auf ihren weiblichen Instinkt vertrauend,
es könnte Telemachos sein, weil er dem Odysseus so verblüffend ähnlich sieht. Menelaos äußert
die gleiche Vermutung aufgrund der auffallenden Reaktion des Fremden auf die Nennung des
Namens Odysseus. Die beiden Fremden geben sich nun zu erkennen und alle brechen in
Wehklagen über Odysseus aus, als wäre er schon gestorben. Dann aber will man doch die Klage
auf eine andere Zeit verschieben und sich wieder am Mahl erfreuen. Helena mischt ein Kummer
stillendes Zaubermittel in den Wein. Man erzählt sich allerlei heitere Geschichten, auch von
Odysseus, so auch von der List mit dem hölzernen Pferd. Die Technik des Dichters der Odyssee,
in Rückblenden dem Geschehen Tiefe zu geben, wird hier abermals deutlich. Man verliert sich in
heiteren Odysseuserinnerungen, aber was Telemachos eigentlich hören wollte, hat er nicht
erfahren. Ein Angebot des Menelaos, noch länger – nämlich insgesamt 12 Tage – zu bleiben,
lehnt Telemachos selbstverständlich ab. Die Gefährten warten in Pylos und wer weiß, was auf
Ithaka los ist. Die Erkundungsreise hat zwar Telemachos zum Mann reifen lassen; er hat etwas
von der Welt gesehen, aber erreicht hat er nichts. Man ist so schlau wie vorher, auch der Leser
oder Hörer des Epos weiß (falls er nicht ein Vorwissen vom Hergang hat) nichts. Er ahnt wohl,
dass Odysseus noch lebt und zurückkehren wird, aber über nahezu 2000 Verse taucht er nicht auf,
sondern ist nur abwesend anwesend, weil ständig von ihm die Rede ist. Die Dichtung ist also auf
Spannung und einen langen Atem angelegt.
Mitten in der Schilderung des Gelages mit Fleisch, Brot, Wein und guten Gesprächen wechselt
der Dichter plötzlich den Schauplatz, ohne ein Wort des Überganges. Man ist wieder auf Ithaka
und die Lage spitzt sich gefährlich zu. Die Freier planen, Telemachos bei seiner Rückkehr zu
ermorden. Mit einem Schiff fahren sie etwas aus dem Hafen hinaus bis zu einer vorgelagerten
Insel, um Telemachos aufzulauern, noch bevor er heimatlichen Boden betritt. Jetzt wird die
Frage ganz drängend: Was ist mit Odysseus? Lebt er, und wenn ja, wo ist er?

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Er ist auf der sagenumwobenen Insel Ogygia, in einer Grotte in den Armen der schönen Nymphe
Kalypso. Er hatte schon einige Abenteuer hinter sich, von denen erst sehr viel später in der
Odyssee die Rede sein wird. Bei jedem dieser Abenteuer hatte es Verluste gegeben, zuletzt hatte
Odysseus alle Gefährten verloren; er selbst saß auf dem Kiel des umgekippten und
untergehenden Schiffes. Kalypso hat ihm das Leben gerettet. Sie ist schön, hat eine wunderbare
Stimme, mit der sie zauberhaft singt. Sie nimmt Odysseus auf in ihre durchaus komfortable
Grotte, sie sind in Liebe vereint und es muss auch für Odysseus ein wunderbares Gefühl gewesen
sein, aus höchster Not errettet, in der Grotte am Meer, mit allem Nötigen versorgt, die Nächte
mit der schöne Nymphe zu verbringen. Wir würden das romantisch finden. Aber solche Gefühle
halten bekanntlich nicht ewig an. Und vor allem: Odysseus, der tatkräftige Held, ist zur
Untätigkeit verdammt, der Liebe der schönen, göttlichen Nymphe ausgeliefert. Er ist isoliert,
verliert seine Energie. So sitzt er am Tage am Strand und – so heißt es im Text: „Niemals
wurden ihm die beiden Augen von Tränen trocken und es verrann sein süßes Leben, während er
um die Heimkehr jammerte. Denn ihm gefiel die Nymphe nicht mehr, sondern er ruhte die
Nächte nur gezwungen in der gewölbten Höhle, ohne Wollen bei ihr, der Wollenden. Die Tage
aber saß er auf den Steinen und am Strande, mit Tränen und Seufzern und Schmerzen sein Herz
zerreißend.“
Wie soll es weitergehen? Es entspricht dem Glauben der Zeit, dass in derart ausweglosen
Situationen die Götter eingreifen, und zwar einzelne Götter höchstpersönlich. So wird denn
erneut eine Götterversammlung einberufen, die nun die endgültige Heimkehr des Odysseus
beschließt. Und zwar ergehen genaue Anweisungen von Zeus. Zunächst soll Telemachos nach
dem Willen der Götter unversehrt nach Ithaka heimkehren; die Freier werden mit ihrem
Mordanschlag keinen Erfolg haben. Odysseus selber wird heimkehren, aber nicht direkt und
nicht ohne neue Leiden, die er zu erdulden hat. Er muss zuerst noch zur Insel Scheria in 20-
tägiger Fahrt, nicht in einem schönen Schiff, sondern auf einem einfachen Floß. Hermes, der
Götterbote, begibt sich zu Kalypso, um ihr diesen Ratschluss des Zeus mitzuteilen. Ausführlich
wird beschrieben, wie die göttliche Nymphe in ihrer Höhle am Webstuhl arbeitet, wie sie ein
Herdfeuer macht, wie es nach Zedernholz duftet, wie Bäume, ein Weinstock und Quellen die
Höhle umgeben. Natürlich muss Kalypso gehorchen, wenn auch schwer getroffen. Es gibt ein
Abschiedsmahl, das beide, sich gegenübersitzend, schweigend einnehmen. Danach macht
Kalypso einen letzten Versuch, den Geliebten zu halten, indem sie ihm ausmalt, was für Leiden
ihm noch bevorstehen, wenn er sie verlässt, und wie viel Glück und Seligkeit sein wird, wenn er
bei ihr bliebe. Natürlich vergebens! Aber Odysseus erkennt die Aufrichtigkeit und Unbedingtheit
ihrer Liebe und so sind sie noch eine Nacht in Zuneigung beieinander, eine letzte Nacht.
Die nächsten drei Tage sind damit ausgefüllt, ein Floß zu bauen. Odysseus erweist sich als
gelernter Zimmermann, wie überhaupt alle homerischen Helden handwerklich geschickt sind
und immer selber mitanpacken. So werden jetzt allein 20 Bäume gefällt, lange Bretter gemacht,
Weidenflechtwerk, Pfosten, Streben, ein Steuerruder hergestellt. Kalypso scheint einen
Werkzeugkasten zu haben. Sie reicht Odysseus einen Bohrer, Bolzen und Klammern. Sie hat
auch Tücher, um daraus Segel zu machen. Schließlich gibt sie ihm Reiseproviant, Kleidung und
einen Schlauch Wein mit. Sie erweist sich als nobel und großzügig. Odysseus fährt 18 Tage ganz
allein und friedlich, bis Poseidon am 19. Tag einen gewaltigen Sturm erregt, der das Steuer, den
Mastbaum und schließlich das ganze Floß zertrümmert, so dass Odysseus in Todesangst, sich an
den letzten Balken klammernd, schwimmend doch noch das Land – die Insel Scheria – erreicht,
nackt, erschöpft, entstellt, am Ende seiner psychischen und physischen Existenz. Er ist auf der
untersten Stufe angekommen, – ein Wrack.
„Er aber ließ sinken die beiden Knie und die starken Arme, denn von dem Salze war sein Herz
bezwungen. Geschwollen war er am ganzen Leib, und Meerwasser quoll ihm viel herauf durch
den Mund und durch die Nasenlöcher. Atemlos und ohne Stimme lag er, ohnmächtig und eine
schreckliche Ermattung kam über ihn.“ Dass ein Held, ohne den die Einnahme Troias gar nicht
möglich gewesen wäre, so jämmerlich dargestellt werden kann – nicht mehr Gegenstand der

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Bewunderung, sondern des Mitleids – das ist schon Ausdruck einer Zeit des Umbruchs, in der
alte Ideale hinterfragt werden. Odysseus hat nicht nur (wie bei Kalypso) seine Energie, sondern
jetzt auch seine Identität verloren.
Die Funktion der Darstellung von Odysseus’ Aufenthalt bei den Phäaken ist es nun, ihm sein
Selbstverständnis, sein Selbstbewusstsein zurückzugeben. Er muss wieder Odysseus werden.
Wie das geschieht, ist hohe poetische Kunst. Es geschieht in drei Schritten. Der erste ist die
Wiederherstellung der äußeren Erscheinung des Odysseus. Dabei greifen mehrere scheinbare
Zufälle ineinander. Nausikaa, die Königstochter, hat einen Traum. Im Traum erschien ihr die
Göttin Athena mit der Weisung, sie solle am Strand ihre Gewänder waschen. Das macht
Nausikaa auch am nächsten Tag; ein Mauleselgespann wird mit Wäsche beladen, diese wird von
Nausikaa und mehreren Dienerinnen gewaschen und getrocknet. Es schließt sich ein Ballspiel an,
wobei Nausikaa versehentlich einen Ball zur Seite wirft in Richtung Odysseus, der von dem
Geräusch erwacht, noch benommen aus dem Gebüsch hervortritt, seinen nackten Körper
notdürftig mit einem Zweig bedeckt, nicht wissend, wo er überhaupt ist. Und nun kommen
wieder die Regeln der Gastfreundschaft zum Zuge. Odysseus erhält Kleidung, Bad, Mahl, wird
aufgenommen im Hause des Königs Alkinoos; am nächsten Tag soll ein Gastmahl stattfinden
und allerlei Festspiele. Nach seinem Namen und seinem Anliegen fragt noch niemand. Odysseus
ist insofern wiederhergestellt, als er nun wieder ein Mensch unter Menschen ist, aber noch nicht
Odysseus.
Der zweite Schritt der Wiederherstellung des Odysseus als Person erfolgt durch die Macht der
Dichtung. Wie bei einer solchen Festveranstaltung damals üblich, war ein Sänger zugegen, der
nun aufgefordert wurde, das Lied von der List des Odysseus mit dem hölzernen Pferd
vorzutragen. Der Sänger bringt also diese Episode zu Gehör, dessen Hauptakteur unerkannt unter
den Zuhörern sitzt. Und die Kraft der Dichtung ist so unmittelbar, dass Odysseus bitterlich
weinen muss. „Tränen quollen ihm aus den Lidern hervor und benetzten seine
Wangen.“ Alkinoos, der König, merkt es, bittet den Sänger aufzuhören, um dem Fremden nicht
noch mehr Kummer zu bereiten. Nach dem Grund seines Kummers gefragt, gibt er nun seinen
Namen preis: „Ich bin Odysseus, Sohn des Laertes.“ Mit dem bedeutungsvollen Ausspruch
seines Namens ist Odysseus wieder er selbst geworden. In vollem Sinne ist er aber erst
wiederhergestellt, wenn nicht nur sein Name genannt ist, sondern wenn auch seine Taten
vergegenwärtigt sind. So übernimmt Odysseus jetzt die Rolle des Sängers und berichtet über
mehr als 2000 Verse von seinen Abenteuern seit der Abreise von Troia.
Das Kompositionsprinzip der Odyssee, die Ereignisse nicht der Reihenfolge nach, sondern
unterbrochen durch Rückblicke zu erzählen, ist hier kunstvoll verknüpft mit den Erfordernissen
der Handlung selbst. Odysseus soll ganz wiederhergestellt werden. So ist der dritte und letzte
Schritt dazu der, dass Odysseus nicht nur seinen Namen nennt, sondern seine Taten
vergegenwärtigt. Es ist eine alte und neue psychologische Erkenntnis, dass das Aussprechen
(nicht das Ausfragen) der eigenen Erlebnisse zur Selbstfindung beiträgt. Es ist das Grundprinzip
der Tiefenpsychologie.
Wir erfahren daher jetzt, und erst jetzt, die Abenteuer und Irrfahrten des Odysseus und seiner
Gefährten, bevor er zu Kalypso auf die Insel Ogygia kommt. Es sind insgesamt 10 Abenteuer, in
deren Verlauf Odysseus 12 Schiffe und alle Gefährten verliert. Unter diesen Abenteuern, die also
jetzt Odysseus selber als Ich-Erzählung in der 1. Person Singularis vorträgt, hat stets der
Aufenthalt bei den Kyklopen besonderes Interesse erregt. Zwar verliert er auch hier sechs
Gefährten, die der Riese Polyphem sofort verspeist, aber im Ganzen triumphiert am Ende die
Intelligenz des Odysseus. Der Hergang dürfte Ihnen bekannt sein. Warum Odysseus von der
vorgelagerten Ziegeninsel in das Land der Kyklopen eindringt, wird nicht deutlich. Es mag
Neugierde sein oder auch die Aussicht, Proviant für die Weiterfahrt zu gewinnen. Jedenfalls
dringt Odysseus mit den Gefährten in die offenbar sehr geräumige Höhle des Polyphem ein, die
sie leer vorfinden. Dann kommt der Riese zurück, versperrt durch einen Felsblock den Eingang
der Höhle und verspeist mehrere Gefährten. Als er am nächsten Tag die Höhle verlässt, versperrt

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er den Eingang so, dass Odysseus und seine Gefährten nicht hinaus können. Als er wiederkommt,
wiederholt sich die Prozedur. Dieses Mal bietet Odysseus dem Kyklopen von dem mitgebrachten
Wein an; dieser trinkt unmäßig, verfällt in tiefen Schlaf. Odysseus blendet mit einem
vorbereiteten Pfeil den Einäugigen und macht mit dem Trick, er heiße „Niemand“ Hilferufe des
Riesen unschädlich. „Niemand hat mich geblendet!“ Dann bindet Odysseus sich und die übrig
gebliebenen sechs Gefährten unter die Schafe, die der nun blinde Polyphem am Morgen
heraustreibt. Auf diese Weise gelangt Odysseus selber aus der Höhle und zu seinem Schiff, von
dem aus er den blinden Polyphem verhöhnt. Man hat gerade anhand dieser Szenen in Odysseus,
wie ihn der Dichter darstellt, einen neuen rationalen, aufgeklärten Menschentyp gesehen.
Während die Vertreter des alten Heldenideals wie Aias und Achill in der Höhle den Kyklopen
direkt angegriffen, getötet hätten und dadurch nie aus der Höhle herausgekommen wären, weil
der Eingang durch den Felsblock gesperrt war, denkt Odysseus mehrere ‘Schachzüge’ im Voraus
und kommt nur so zum Erfolg. Aber man muss mit solchen Etikettierungen vorsichtig sein. Denn
die Alternative: geradlinige Kraft und listenreiche Intelligenz ist nicht neu, sondern liegt schon
der Ilias und dem gesamten Troiamythos zugrunde. Denn die Eroberung Troias war ja trotz eines
Massenaufgebotes neun Jahre lang durch militärische Gewalt nicht möglich, sondern nur durch
die durchkalkulierte List des Odysseus mit dem hölzernen Pferd, also durch die gleiche
Rationalität wie bei dem Kyklopenabenteuer. Und es kommt noch etwas hinzu. Als Odysseus
schon wieder auf dem Schiff war, verhöhnt er nicht nur Polyphem, sondern auch den Gott
Poseidon, als dessen Söhne die Kyklopen gelten. Auch nicht Poseidon werde das Auge des
Polyphem heilen können. Und das Gebet des Polyphem an Poseidon, Odysseus möge entweder
überhaupt nicht oder spät, auf schlimme Weise und nach Verlust aller Gefährten nach Hause
zurückkehren, geht in Erfüllung. Die gewaltigen Seestürme, die Odysseus fast und die Gefährten
ganz vernichten, sind auch eine Konsequenz dieses doch sehr ambivalenten Erfolges der
Intelligenz des Odysseus. Selbst Zeus wendet sich unmittelbar nach dem Kyklopenabenteuer von
Odysseus ab. Odysseus opfert dem Zeus, der aber nimmt das Opfer nicht an, sondern „sann
darauf, wie alle gut gedeckten Schiffe und die lieben Gefährten zugrunde gingen.“ Die
Nichtannahme des Opfers hat auch zur Folge, dass in den weiteren Abenteuern die Gefährten
nicht mehr bedingungslos dem Odysseus folgen, ihm teilweise direkt widersprechen. Odysseus
muss nicht seine Intelligenz, aber den Hochmut auf seine Intelligenz bitter büßen.
Auf die weiteren Abenteuer kann ich jetzt nicht mehr im Einzelnen eingehen. Sie haben einen
stark märchenhaften, jedenfalls übernatürlichen Eindruck. Das gilt besonders für die Begegnung
mit Kirke, die die Gefährten mit ihrem Gesang bzirzt, aber auch mit ihren Zauberkünsten die
Gefährten in Schweine verwandelt, die aber dann auch wieder zurückverwandelt werden. Es gilt
aber auch für die Fahrt des Odysseus in die Unterwelt, wo er von dem Seher Teiresias über die
Weiterfahrt informiert wird, dann aber in der Begegnung mit dem Schatten der verstorbenen
Helden deren Schicksal erfährt, vom Dichter wiederum als Rückblende gestaltet, um dem
Geschick des Odysseus Tiefe und Relief zu geben, ganz ähnlich wie Telemachos in Pylos von
Nestor und in Sparta von Menelaos die gleichen Informationen erhalten hatte.
Dies alles und noch Manches mehr berichtet Odysseus am Hofe der Phäaken beim König
Alkinoos, „wie ein Sänger“. Der Bericht endet mit dem Untergang aller Gefährten und der
Strandung des Odysseus auf Ogygia, wo ihn Kalypso rettet.
Die Wirkung seines Vortrags war ungeheuer. Alle waren wie betroffen und schwiegen. Alkinoos,
der Odysseus gern als Schwiegersohn gesehen hätte, verspricht würdige Gastgeschenke und
Geleit zu Schiff bis nach Ithaka. Man geht schlafen und am dritten Tage – die antike
Gastfreundschaf erstreckt sich in der Regel auf drei Tage – nimmt Odysseus Abschied und wird
mit einem Schiff nach Ithaka gebracht und dort, als ihn tiefer Schlaf umfängt, mit allen
Gastgeschenken an einem Ölbaum abseits des Weges abgesetzt.
Die endgültige Heimkehr gestaltet sich als schwierig. Odysseus kann nicht nach seinem
Erwachen geradewegs nach Hause gehen. Er wusste durch die Voraussage des Teiresias in der
Unterwelt, dass in seinem Hause die Freier sich gegen alle Regeln der Gastfreundschaft

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eingenistet haben, und: er war 20 Jahre nicht da, wusste nicht, was aus Frau und Kind geworden
war. Auf Ithaka selber wird Odysseus noch einmal ein schwieriger Weg auferlegt, der beides,
sowohl den starken Arm als auch den klugen Kopf verlangt, um ans Ziel zu gelangen. Zunächst
erkennt er die Heimat gar nicht, erst als der Nebel sich lichtet und Athena in Gestalt eines
Hirtenjungen zu ihm kommt, da „frohlockte der vielduldende Odysseus, sich freuend seines
Landes. Und er küsste die nahrunggebende Ackerscholle und betete zu den Nymphen.“
Nun wird ein Plan geschmiedet, dessen Urheber weitgehend Athena ist. Odysseus solle als
Bettler verkleidet zunächst zu dem Schweinehirten Eumaios gehen, wo er Telemachos treffen
und erfahren werde, wie es in seinem Hause steht. Dort schlägt ihm zunächst Feindseligkeit
entgegen, in Form der Hunde des Schweinehirten, die den Odysseus drohend und bellend
anfallen. Doch schnell ist Eumaios zur Stelle, um die Hunde zu verscheuchen. Jeder, der in
Griechenland auf dem Lande Hunde auf sich zukommen sah, weiß, dass das nicht ganz
ungefährlich ist. Doch nun wird Odysseus aufgenommen und alles läuft wieder nach den Regeln
der Gastfreundschaft: Bewirtung, Nachtlager, dreitägiger Aufenthalt. Nur die Frage nach dem
Namen des Gastes wird jetzt zum Problem und zieht sich in die Länge, weil einerseits Odysseus
vorsichtig sein muss und andererseits Eumaios, der seinen Herren für tot hält, misstrauisch ist
gegenüber Lügengeschichten über Odysseus, die er inzwischen schon oft gehört hat, zumal
Odysseus selber eine aus Wahrheit und Dichtung gemischte Erzählung auftischt. Manchmal hält
man auch die Wahrheit für Lüge. Einer erkennt ihn gleich. Es ist der Hund Argos, seit 20 Jahren
ohne Herren, bei Eumaios verwahrlost, mit Hundeläusen überdeckt, auf einem Misthaufen
sitzend: „Da wedelte er, als er den Odysseus nahe bei sich stehen sah, mit dem Schwanz und
legte beide Ohren an. Der blickte zur Seite und wischte sich eine Träne ab“. Doch konnte er
nicht mehr zu seinem Herrn kommen. Dann war sein Leben zu Ende. Es ist nun ein
wohlüberlegter Kunstgriff des Dichters, am zweiten Tage des Aufenthaltes von Odysseus bei
Eumaios Telemachos von seiner Erkundungsreise zurückkehren zu lassen, und zwar zunächst in
die Hütte des Schweinehirten. Hier findet er das Ziel seiner vergeblichen Erkundung vor, hier
kommt es nach einigem Hin und Her zur Wiedererkennung von Vater und Sohn mit allen
Zeichen der Rührung und vielen Tränen. Wieder gibt es Gelegenheit zu Rückblicken, wenn
Odysseus auch hier, in der Hütte des Eumaios, Teile seiner Irrfahrten erzählt.
Schließlich ist Odysseus nach erneuter Beratung mit Telemachos über das weitere Vorgehen in
seinem eigenen Palast zunächst als Bettler verkleidet und noch lange nicht am Ziel. Die
Wiedererkennung mit Penelope kann erst erfolgen, wenn das Problem der Freier gelöst ist, die
jetzt den vermeintlichen Bettler nicht nur verhöhnen, sondern regelrecht misshandeln.
Auf den Weg zur endgültigen, auch inneren Heimkehr kann ich nur mit ein paar Bemerkungen
eingehen, zumal Sie diesen Gang der Handlung nachher szenisch dargeboten bekommen. Dieser
letzte Teil der Odyssee ist eine meisterhafte Verflechtung von Täuschung und Wahrheit, von
Vorsicht, Selbstbeherrschung und schließlicher Wiedererkennung und Vereinigung der beiden,
Odysseus und Penelope. Beide stehen sich schon einmal gegenüber, als Odysseus noch die
Bettlerrolle einnimmt und daher von Penelope nicht erkannt wird. Und es gehört zum Plan des
Odysseus, nur von Telemachos und sonst von niemandem erkannt zu sein. Fast wäre dieser Plan
vorzeitig gescheitert, als die alte Amme Eurykleia beim Waschen der Füße Odysseus an einer
alten Narbe erkennt. Mit einem blitzschnellen Griff an die Kehle der Amme und deren
Versprechen tiefster Verschwiegenheit verhindert Odysseus die vorzeitige Entdeckung.
Dann die Bogenprobe. Penelope verspricht, demjenigen als Gattin zu folgen, der den Bogen des
Odysseus zu spannen und mit dem Pfeil durch zwölf Äste zu schießen versteht. Dass nur
Odysseus den Bogen spannen kann, zeigt noch einmal, dass in der Odyssee nicht ein neues
Menschenbild vorgesetzt wird, in dem Kraft durch Intelligenz ersetzt wird, sondern eines, in dem
Intelligenz die Kraft ergänzt und funktionalisiert.
Das kommt auch noch einmal im Freiermord zum Ausdruck, dem Teil der Dichtung, den mit
Sympathie zu begleiten uns heute am schwersten fallen dürfte. Es sind immerhin 86 Freier, von

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Prof. Dr. H Flashar Vortrag am Friedrich-Gymnasium 25.2.2008

denen Odysseus, unterstützt durch Telemachos und den Schweinehirten Eumaios, 84 tötet; zwei
werden verschont. Das Ganze wird stilisiert wie ein kriegerischer Waffengang. Auch die Freier
sind bewaffnet und schießen ihre Speere gegen Odysseus. Zunächst ist es ein Fernkampf, dann
ein abschließender Nahkampf. Dass Odysseus alle besiegt, ist neben seiner eigenen Kraft dem
Eingreifen Athenas zu verdanken, die die Speere der Freier ablenkt, so dass sie in Pfosten, Türen
und Wänden einschlagen. Durch eine solche übernatürliche Komponente – die die ganze
Odyssee durchzieht – wird ein ursprüngliches Märchenmotiv (einer besiegt viele) auf das Epos
übertragen und dort mit dem zum Epos gehörenden Handeln von Göttern plausibel. Das Vorbild
und Muster des Freiermordes ist sichtlich die Szene im 21. Buch der Ilias, in der Achill allein -
als Rachetat - zahlreiche Troer am Fluss Skamander tötet. Ein solcher Kriegskampf wird nun auf
das Haus und damit auf einen inneren Vorgang übertragen. Und obwohl die Maßnahme mit den
Freveltaten der Freier deutlich begründet wird, bleibt für unsere durch geschichtliche Ereignisse
sensibilisierten Ohren doch ein Missbehagen, wenn wir hören: „Da blickte Odysseus um sich in
seinem Hause, ob sich noch einer von den Männern versteckt hielte, um der schwarzen
Todesgöttin zu entgehen. Doch sah er sie alle miteinander im Blute und im Staube liegen, viele.
Und wie Fische, welche Meerfischer aus dem grauen Meer auf den Strand heraufgezogen haben,
die nach den Wogen der Salzflut lechzend auf dem Sande ausgeschüttet sind, und der strahlende
Helios hat ihnen die Lebenskraft herausgenommen: so lagen die Freier übereinander
hingeschüttet.“ Doch damit nicht genug. Die zwölf Mägde, die untreu geworden waren und sich
mit den Freiern eingelassen hatten, müssen den blutbesudelten Saal reinigen, die Leichen
heraustragen und werden anschließend im Hof von Telemachos erhängt. „Und sie zappelten mit
den Füßen, ein weniges nur, nicht gar sehr lange.“ Da schaudern wir doch ein wenig.
Über diesen „Abgründen des Daseins“ (Hölscher) erheben sich nun die zarten Töne des
Wiedersehens und Wiederfindens zwischen Odysseus und Penelope. Wie dies in den einzelnen
Annäherungen und Retardationen vor sich geht, mögen Sie in der anschließenden Aufführung
erleben. Die endgültige Wiedererkennung der beiden ist das von Anfang an erstrebte Ziel . Die
Sehnsucht nach diesem Ziel durchzieht in immer wiederkehrenden Motiven das ganze Epos.
Mit dem Erreichen dieses Zieles könnte die Dichtung am Ende sein. Sie ist es aber nicht, denn
bei aller Freude des Wiedersehens stellt sich nun die Herrschaft des Odysseus, König von Ithaka,
als durchaus ungesichert heraus und es bedarf der Befriedung und Versöhnung. Es ist ganz
ähnlich wie in der Ilias. Auch hier ist mit de Erreichen des Handlungszieles (Achills Rache an
der Ermordung des Patroklos) das Epos nicht zu Ende, sondern am Schluss steht eine allseitige
Versöhnung.
Sie ist hier deshalb auch sinnvoll, weil das Verhalten des Odysseus in der Bevölkerung
keinesfalls allgemeine Akzeptanz findet. So kommt es zu einer Volksversammlung der Ithakesier
und sogar zu Handgreiflichkeiten rivalisierender Bevölkerungsgruppen. Einer sagt auf der
Versammlung, Odysseus habe erst alle Schiffe und ihre Besatzung zugrunde gerichtet und dann
auch noch fast 100 Bürgerinnen und Bürger ermordet. Der soll wieder unser König sein?
Dagegen gibt es nur bewaffneten Widerstand! Dass der Dichter eine solche Stimme, die sich
gewiss nicht durchsetzt, überhaupt zu Worte kommen lässt, weist auf eine kritische Vorsicht,
durch die wir uns nicht unreflektiert der Gestalt des Odysseus in admirativer Identifikation
nähern sollten. Auch hier bedarf es zur Lösung des Konfliktes das Eingreifen einer Gottheit,
konkret: der Friedensstiftung durch Athena und Zeus. Zeus sagt zuerst: „Doch wollen wir ein
Vergessen des Mordes an den Söhnen wie den Brüdern setzen und sie sollen einander befreundet
sein wie vorher, und es soll Reichtum und Friede in Fülle sein!“ Und Athena ergänzt: „Zeus
entsprossener Laertes-Sohn, reich an Erfindungen, Odysseus! Halte ein und hemme den Streit
des Krieges, der keine Unterschiede macht! Dass dir nicht der Sohn des Kronos zürne, der weit
umblickende Zeus!“ Deutliche Warnungen! Dieser Schluss mit Versöhnung und Friedensstiftung,
den überkluge Philologen von der vermeintlich ursprünglichen Dichtung abtrennen wollten,
gehört unbedingt dazu. Er setzt einerseits das Geschehen in eine relativierende Distanz und
bringt andererseits erst die allseitige Versöhnung. Er ist im Übrigen auch das literarische Vorbild

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Prof. Dr. H Flashar Vortrag am Friedrich-Gymnasium 25.2.2008

für den Schlussteil der Orestie des Aischylos. Auch hier ist die Handlung mit dem Erreichen
ihres eigentlichen Zieles nicht am Ende, sondern erst mit einer Aussöhnung der rivalisierenden
Gruppen durch eine Friedensstiftung der Athena.
Überblicken wir nun die hier nur in den Grundzügen knapp umrissene Odyssee im Ganzen, so
kann man nur staunen über die raffinierte und komplexe Struktur der poetischen Komposition
wie über den Reichtum der Erfindungen im Einzelnen. Das Kompositionsprinzip ist nicht mehr –
wie in der Ilias – das kontinuierliche Fortschreiten der einzelnen Handlungsteile, sondern die
komplizierte Verflechtung von Seitensträngen mit chronologischem Rückschreiten und deren
Anbindung an einen mehrfach aufgehaltenen und unterbrochenen Hauptstrang der Handlung. Für
dieses mit komplizierten Motiv- und Fernbeziehungen arbeitende Gestaltungsprinzip gab es
keine literarische Tradition, die so allererst vom Dichter der Odyssee begründet wurde.
Diesem Kompositionsprinzip der Verflechtung korrespondiert ein gegenüber der Ilias anders
akzentuiertes Menschenbild. Die Gestalten der Ilias sind klar, in sich einheitlich, fast statisch in
sich ruhend, ohne innere Entwicklung. Die Gestalten der Odyssee sind geschmeidig, flexibel im
Reagieren auf Situationen, zum Teil undurchsichtig. Gewiss ist Odysseus schon in der alten,
vorhomerischen Tradition listig und reich an Einfällen, der Weiterdenkende. Diese Komponente
seines Wesens wird in der Odyssee verstärkt. Er ist jetzt nicht nur listig, sondern verschlagen,
äußerst leidensfähig, zugleich aber der perfekte Lügner, als den ihn später Platon geradezu
negativ sieht. Odysseus als Inbegriff eines neuen Menschentyps war auch eine Bezugsgestalt der
Sophistik des 5. Jahrhunderts in der Ambivalenz, die dieser Bewegung eigen ist. Schon bei
Euripides, in dessen Satyrspiel Kyklops, ist Odysseus wie ein Kolonialherr, der überheblich in
die Naturreservate der Kyklopen mit ihrem Eigenleben eindringt. Das ist er in der Odyssee (noch)
nicht, aber wir sollten dies im Blick haben, wenn wir von Odysseus als dem Prototypen des
europäischen Menschen sprechen.
Die Gestalten der Odyssee sind eingebettet oder: ‘eingeflochten’ (entsprechend dem
Kompositionsprinzip der Verflechtung) in die Welt und dabei vor allem in die Natur, zu der sie –
ganz anders als die Gestalten der Ilias – in einer unmittelbaren und individuellen Beziehung
stehen. Winter und schlechtes Wetter gelten als beschwerlich, böse Tiere zu Lande und zu
Wasser als gefährlich. Aber die Welt wird auch in ihren Reizen und Wundern erfahren, in
Entdeckerfreude und Abenteuerlust. Die Umwelt schafft auch wieder Situationen, in denen sich
der Menschen zurechtfinden muss. Der Kampf ums Dasein kommt ganz neu in den Blick; man
muss sich durchsetzen und alle Mittel dazu werden eingesetzt. Man kann aus der Odyssee lernen,
was Geduld heißt, auch wenn sie als Mittel eingesetzt wird, Ziele zu erreichen. Man kann lernen,
wie ein Mensch trotz aller Widerstände mit Geduld, Beharrlichkeit, Klugheit und mit langem
Atem das Leben meistert, das ihm nicht in den Schoß gelegt wird.
Der poetische Rahmen der Odyssee ist das alte Epos mit seiner weit zurückreichenden
mündlichen Tradition. Ohne Ilias keine Odyssee. Aber die Odyssee ist zugleich das letzte Epos
in diesem Rahmen. Die Odyssee hat eine unermessliche Wirkung auf bildende Kunst, Musik,
Malerei und Literatur bis heute entfaltet. Sie wird weiterleben und hoffentlich auch weiter
gelesen werden. Und so stelle ich an den Schluss meiner Ausführungen ein ganz anspruchloses
Goethe-Zitat. Es heißt: „Abends zu Hause. Homers Odyssee.“ Heute aber heißt es: Abends im
Friedrichs-Gymnasium. Treffpunkt Ithaka.

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