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Nr. 2 4.

Januar 2019 07038 € 3,50

\
\ WOCHE

WOCHE
Das kompakte Nachrichtenmagazin
SHISHA-BARS
Unbekannte
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WIRTSCHAFT
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THAILAND
Kinder
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Droht der
Verkehrskollaps?
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Inhalt 3

Frankfurter Allgemeine Woche


Ausgabe 2
4. Januar 2019

Meinung
5 Gesprächsstoff
6 Bild der Woche

9 Ein Verlust
Die CDU braucht Politiker
,, Mehr als drei, vier
Ziele sollte man
wie Friedrich Merz.
Titelillustration Jan Bazing

9 Veränderte Machtbalance sich zu Beginn des


Allein Donald Trumps Worte Jahres nicht setzen.

‘‘
schaffen in Syrien eine neue Lage.
Seite 32
Titel Woche-Reporter 10 Kinder im Ring
Am Limit Thailands gefährliche Boxtradition
Auf deutschen
Straßen und Titel 14 Am Limit
Schienen wird es Droht der Verkehrskollaps?
immer enger.
Droht uns der 20 Kluge Karren
Verkehrskollaps Wie Technik Staus verhindern könnte.
– oder kann die
Wende doch Politik 22 Die Kriege der anderen
noch gelingen? Syriens Kurden zwischen Vernichtung
Seite 14 und Unterwerfung
25 Kalter Rauch Zwischen den Fronten
Unbekannte
Gefahr Shisha-Bars boomen – aber über die Der amerikanische Abzug
Gefahren ist kaum etwas bekannt. aus Syrien bringt die
In Deutschland wird Kurden in neue Gefahr.
immer öfter Shisha 27 Auch du, Spanien
Seite 22
geraucht. Vor allem Auf der Iberischen Halbinsel feiern
junge Leute Rechtspopulisten erste Erfolge.
steigen darauf ein.
28 Feuerland
Seite 25
Wie der Klimawandel Malawi
Geschäft verändert.
mit Singles 31 Mächtiger Mentor
Zum Jahreswechsel Wolfgang Schäuble kämpft für
nutzen besonders Parteifreund Merz.
viele die Dienste
von Partnerbörsen. 31 Unterdessen in Leipzig
Seite 40 Krawall zum Jahreswechsel

Kinder als Gesellschaft 32 „Nicht zu hart mit sich selbst sein“


Kämpfer Ein Psychologe über gute Vorsätze und Stimme des Volkes?
Der Tod eines den inneren Schweinehund In Spanien ist die
jungen Kickboxers 34 Auf Hanf gebaut rechtspopulistische Partei
hält Thailand Vox im Aufwind.
Eine Stadt in Kalifornien will mit
in Atem. Seite 27
Drogen aus der Krise kommen.
Fotos AFP, Reuters

Seite 10
35 Spitzen der Gesellschaft
Guter Hoffnung mit Herzogin Meghan

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


4
Inhalt
Frankfurter Allgemeine Woche
Ausgabe 2
4. Januar 2019

Wirtschaft 36 Der Traum von Vollbeschäftigung


Sind bald alle Deutschen in Arbeit?
40 Zu allein
Für Partnerbörsen im Internet könnte
es kaum besser laufen als jetzt.
42 Streit um die Lufthoheit
Europäische und amerikanische
Milliardenauftrag Hersteller ringen um einen Grüne Hoffnung
Um den Ersatz der Auftrag der Bundeswehr. Das kalifornische
Tornado-Flotte ringen Wüstenstädtchen
europäische und 44 Lieferando ist hungrig
Needles will den

,,
amerikanische Der umkämpfte Markt für
Aufschwung schaffen
Rüstungshersteller. Essenslieferanten konsolidiert sich.
– mit Marihuana.
Seite 42 45 Wochengrafik Seite 34
Das Geschäft mit Drohnen boomt.

Geld 46 Rutschgefahr an der Börse


Um Was bei der Kapitalanlage im Jahr 2019
Vollbeschäftigung zu berücksichtigen ist
47 Frag den Mohr
zu erreichen, Lohnt der Kauf von CO2-Zertifikaten?

müsste die Feuilleton 48 Sind wir nicht Menschen?


Arbeitslosenzahl Eine Kurzgeschichte des amerikanischen
Schriftstellers T. C. Boyle
um gut eine 56 Raubkunst Wenn der

‘‘
Hunger kommt
Million sinken. Der Direktor der Florentiner Uffizien
will ein Bild zurück. Der Markt
Seite 36 57 Optimist – Pessimist der Essenslieferanten
ordnet sich neu.
Für fiktive Frauen läuft es rund – was
Es winkt ein
realen Journalisten aber wenig hilft. lukratives Geschäft.
Seite 44
Wissen 58 Was kommt
2019 wird ein großes Jahr für
Wissenschaft und Technik.
62 Gut zu wissen
Schwächelnde Nasen, sorgenvolle Briten
und faszinierende Himmelskörper Woche-Newsletter
Sie wollen schon
Sport 64 Die zweite Chance
am Donnerstag wissen,
T. C. Boyle Bei der Handball-WM ruhen viele was am Freitag
In der Geschichte „Sind Blicke auf dem Bundestrainer. im Heft steht? Dann
wir nicht Menschen?“ 66 Das war’s abonnieren Sie unseren
treiben transgene Newsletter unter
Haustiere ihr Unwesen. Greser & Lenz
www.fazwoche.de/
Seite 48 63 Impressum newsletter

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Gesprächsstoff 5

Amberg und Bottrop Tierhaltung

Mehr Schutz Leinenpflicht für


Hunde in Berlin
vor Gewalt
Für alle, die sich vor wild her-
gefordert anrasenden, bellenden, sab-
bernden Hunden fürchten,
Gewaltexzesse um die Silvesternacht haben deren weit entfernte Besitzer
Polizei und Politiker alarmiert und mögliche noch ein hilfloses „Der tut
Gesetzeslücken offenbar werden lassen. Im nichts, der will nur spielen“
bayerischen Amberg hatte Ende Dezember hinterherrufen, beginnt die-
eine Gruppe junger Asylbewerber aus Syrien, ses Jahr mit einer guten Nach-
Iran und Afghanistan wahllos Passanten an- richt: Berlin hat eine allge-
gegriffen und dabei mindestens zwölf Perso- meine Leinenpflicht für Hun-
nen verletzt. Bundesinnenminister Horst See- de eingeführt. Außerhalb
hofer (CSU) kündigte daraufhin Gesetzesän- von Auslaufzonen und Privat-
derungen an, um gewalttätige Asylbewerber grundstücken müssen Hun-
in Zukunft schneller wieder außer Landes de dort seit dem 1. Januar an
bringen zu können. der Leine geführt werden.
Regelungsbedarf sieht auch der nord- Beim Warten angefahren: Haltestelle in Bottrop Ähnlich rigide Regelungen
rhein-westfälische Vorsitzende und stellvertre- gab es bisher nur in Ham-
tende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft sich Ärzte verhalten sollen, wenn Patienten burg; die meisten anderen
der Polizei, Michael Mertens, nach einem Vor- Anzeichen einer möglichen Fremdgefähr- Bundesländer sehen einen
fall in Bottrop am 31. Dezember. Allerdings dung zeigen, wann solche Personen gemeldet Leinenzwang bei Versamm-
liegt der Fall hier komplizierter: In Bottrop werden müssen.“ Dafür brauche es einen poli- lungen, in öffentlichen Ver-
war ein 50 Jahre alter Mann mit seinem Auto tischen Willen und, um Personen vorüberge- kehrsmitteln, nahe Spielplät-
in mehrere Menschengruppen gefahren. „Wir hend in Behandlung in einer geschlossenen zen, in Gaststätten und Ein-
vermuten, dass er vorher geschaut hat, wel- Anstalt zu nehmen, auch klare medizinische kaufszentren oder während
che Leute ausländisch aussahen, und diese Prognosen, so Mertens. Eine Häufung sol- der Brut- und Setzzeit vor.
Gruppen gezielt angesteuert hat“, sagte Mer- cher Attacken oder ein spezielles Milieu, aus Auch für die Länge der Leine
tens der F.A.Z. Woche. Außerdem gebe es An- dem mögliche Täter stammen, sieht er je- gibt es genaue Vorschriften.
zeichen, dass der Mann psychisch erkrankt doch ebenso wenig wie der Vorsitzende der Berlin wäre allerdings nicht
sei oder sich zumindest in einer psychischen Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Berlin, wenn es nicht wenigs-
Ausnahmesituation befand. Möglichkeiten, Wendt: „Bei den bekannten Einzelfällen zum tens eine Ausnahme erfun-
wie die Bevölkerung besser vor solchen Taten Beispiel 2016 am Breitscheidplatz in Berlin den hätte: Auf unbelebten
geschützt werden könne, sieht Mertens vor al- und im April 2018 in Münster handelt es sich Straßen und Plätzen (!) dür-
lem in einer engeren Vernetzung zwischen Po- um nicht vergleichbare und vom konkreten fen Halter mit Hundeführer-
lizei, Ärzten und Gesundheitsämtern. „Es Geschehensablauf her unterschiedliche Vor- schein ihre Hunde auch wei-
müssen Standards entwickelt werden, wie kommnisse“, so Wendt. sku. terhin frei laufen lassen. sku.

Allensbach-Umfrage
Entschieden Sie sich als Berufstätiger
lieber für mehr Geld oder mehr Urlaub?
Die Gewerkschaft EVG hat unlängst
Mehr Geld Mehr Urlaub
für die Bahnmitarbeiter ausgehandelt,
dass die Angestellten anstatt
Fotos EPA, Getty, dap (2), Illustration Carlo Giambarresi

einer Lohnerhöhung auch mehr 40


in Prozent
37
Urlaub nehmen können. Fragt man die
Deutschen, was sie wählen würden,
wenn sie die Möglichkeit hätten, 23

ergibt sich ein recht gemischtes Bild. Unentschieden


Rund 1200 Befragte (Bevölkerung von 16 Jahren an), Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach, F.A.Z.-Grafik heu.

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6 Bild der Woche

Lauf ohne
Wasser

Wenn der einzige Baum in der


Landschaft ein ausgetrockneter
Wasserlauf ist, der, aus der Vogelper-
spektive betrachtet, die Silhouette
eines Baums in den Boden zu zeich-
nen scheint, hat sie zugeschlagen:
die große Dürre. Vier Milliarden
Menschen leiden Schätzungen zu-
folge an mindestens einem Monat
im Jahr unter Wasserknappheit,
Tendenz steigend. Klimawandel, Be-
völkerungswachstum und höhere
Lebensstandards lassen den Durst
weltweit größer werden. Das Welt-
wirtschaftsforum stuft die Wasser-
krise als eine der drängendsten glo-
balen Gefahren ein. Davon, was es
bedeutet, wenn kein Regen fällt, hat
Europa im Hitzesommer 2018 ei-
nen schwachen Vorgeschmack be-
kommen. Die 48 Jahre alte australi-
sche Umweltaktivistin und Ultra-
läuferin Mina Guli treibt die Dürre
seit langem um. Sie hat 2012 die ge-
meinnützige Firma „Thirst“ ge-
gründet, die Chinesen im Wasser-
sparen schult. Unser an Silvester
aufgenommenes Foto zeigt, wie
Guli über den Grund des Leeu-
Gamka-Stausees in Südafrika läuft.
Mit hundert Marathons in hundert
Tagen will sie Aufmerksamkeit
schaffen. Als sie ihren 59. Lauf been-
det hatte, öffneten sich kurz die
Schleusen des Himmels. Erleichte-
Foto Kelvin Trautman/Flux Communications/AP

rung brachte das kaum. Und Mina


Guli plagt inzwischen eine Verlet-
zung. Sie will gehend weiterma-
chen, wohl wissend, dass ihre Akti-
on nicht mehr ist als ein Tropfen
auf dem heißen Stein.

Ursula Scheer

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


   

    
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Meinung 9

CDU

Ein Verlust
Von Jasper von Altenbockum

Ein wirklich ernstzunehmender Gegner ist Friedrich Merz für Platz für Merz. Wolfgang Schäubles Intervention gegen das „Zu-
Annegret Kramp-Karrenbauer nicht mehr. Es war ein Fehler griffsrecht“ der CDU-Vorsitzenden auf die Kanzlerkandidatur
von Merz, sich auf einen Kabinettsposten einzuschießen. Er war die Retourkutsche auf so viel Selbstgewissheit.
hat sich damit nur selbst ins Abseits geschoben. Denn wer hät- Aber vielleicht ging es in dieser zweiten, unausweichli-
te ernsthaft annehmen können, dass Angela Merkel etwa Peter chen Abwehr auch nur noch um das Spiel um die Schuld am
Altmaier, ihren ehemaligen Kanzleramtschef, entlässt, um Scheitern von Merz. Schuld sind aber nicht Merkel und
Merz Platz zu machen? Hätte sie das dann nicht schon viel Kramp-Karrenbauer, sondern er selbst. Sein Ehrgeiz hat es
eher tun können, tun müssen, als Kramp-Karrenbauer nach nicht zugelassen, dem Beispiel von Jens Spahn zu folgen: Prä-
Berlin kam, um ihre Nachfolge anzutreten – und mit dem Pos- sidium, Mandat, Ochsentour. Das ist ein Verlust für die
ten des Generalsekretärs vorliebnehmen musste (vielleicht CDU. Denn es besteht kein Zweifel, dass sie Politiker braucht
nicht zu ihrem Nachteil)? wie diesen Friedrich Merz, besser gesagt: gebraucht hätte.
Der zweite Grund, warum Merz als Minister ein Ding der Weil sie gegangen sind, gegangen wurden, fehlt der Partei die
Unmöglichkeit war und vorläufig ist: Er hätte als der Unterlege- Breite, die sie zur Volkspartei braucht. Schäuble ist der letzte
ne ein größeres Podium – Kabinett, Bundestag, Ministerium – Mohikaner. Kramp-Karrenbauer sucht jetzt den Schulter-
gehabt als die neue CDU-Vorsitzende. Mit dem Ergebnis, dass schluss mit der CSU. Das ist ein guter Anfang. Ausdruck der
ihm die Rolle des Kanzlerkandidaten mindestens so sehr zugefal- Versöhnung ist die Unterstützung der CDU für einen CSU-
len wäre wie Kramp-Karrenbauer. Man kann Merkel und ihre Spitzenkandidaten in der Europawahl. Wenn das gut klappt,
Nachfolgerin für die Falschen halten. Aber blöd sind sie nicht. könnte der eine oder andere CSU-Politiker noch auf den Ge-
Entsprechend alpha-männlich-feixend war ihre Reaktion: Beim danken kommen, dass das Modell auch für den Bund eine
Durchzählen am Kabinettstisch habe keiner gefehlt, also kein gute Sache sei. (Siehe Seite 31.)

Syrien

Veränderte Machtbalance
Von Rainer Hermann

Gute Nachrichten aus Syrien sind selten. Eine davon betrifft die tergetaucht sind, eine unverhoffte Chance, sich neu zu organi-
Zahl der Opfer von Gewalt. Im vergangenen Jahr sind in Syrien sieren. Nur wenn sich das Damaszener Regime und die syri-
„nur“ noch knapp 20 000 Menschen durch den Krieg getötet schen Kurden auf eine Zusammenarbeit verständigen, kann die
worden, so wenig wie in keinem anderen Jahr seit seinem Be- drohende Ausweitung des türkisch kontrollierten Teils in Sy-
ginn 2011. Ausgelöst worden war er durch eine Erhebung unzu- rien verhindert werden. Eine solche Einigung ist möglich,
friedener Syrer, die rasch in einen vielschichtigen Krieg münde- wenn das Regime, das die territoriale Integrität Syriens wieder-
te. Die heiße Phase nähert sich ihrem Ende, keineswegs besei- herstellen will, den Kurden (begrenzte) Autonomierechte zuge-
tigt sind aber die Ursachen für den Aufstand. Denn das Regime steht und sich diese im Gegenzug zur Einheit Syriens beken-
in Damaskus hat sich nicht verändert. Der Krieg, in dem es mili- nen. Ohne Chance ist das nicht. Denn beide wollen eine Aus-
tärisch die Oberhand behielt, ließ es sogar noch brutaler wer- weitung der türkischen Präsenz in Syrien verhindern.
den. Daher wird im Inneren die Gewalt andauern. Ob es so weit kommt, hängt nicht zuletzt vom Verhalten
Neue Gefahr droht dem syrischen Regime auch von au- Russlands ab, dem Garanten für das Überleben des Regimes.
ßen. Denn allein die Ankündigung des amerikanischen Präsi- Auf Initiative Moskaus haben sich in Syrien jedoch auch Russ-
denten, seine Truppen aus Syrien abzuziehen, hat die Machtba- land, Iran und die Türkei zu einer Allianz zusammengeschlos-
lance in dem umkämpften Land verändert. Die Türkei kündig- sen. In Syrien verfolgen sie unterschiedliche Ziele. Gemeinsam
te eine Offensive im kurdischen Nordsyrien an, so dass für die ist ihnen aber, dass sie als Nachfolgestaaten großer Imperien an
Kurden, die bisher mit amerikanischen Soldaten erfolgreich alte Größe anknüpfen wollen und sich dabei als eurasische Staa-
den „Islamischen Staat“ (IS) bekämpften, die Verteidigung ge- ten sehen, die in der gleichen Region um Einfluss konkurrie-
gen die Türkei zur obersten Priorität geworden ist. Das ver- ren. Das birgt Konfliktstoff, der sich künftig auch auf dem syri-
schafft den 30 000 IS-Kämpfern, die in Syrien und im Irak un- schen Schlachtfeld entladen dürfte. (Siehe Seite 21.)

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10
Woche-Reporter

Kinder
im Ring
Seit dem Tod eines jungen Kickboxers diskutiert
Thailand darüber, ob Minderjährige weiter
den Nationalsport ausüben dürfen. Boxverbände sehen
dagegen jahrhundertealte Traditionen bedroht.

E
in abwechselndes Knallen und Schnaufen tönt hängt. Dann ziehen seine mit weißem Band verbundenen Hän-
aus einem Haus am Stadtrand von Chiang de den Kopf des Partners hinunter. Er pfeffert abwechselnd
Rai. Das Gebäude ist ein flacher Bau, an den sein rechtes und linkes Knie in die nun nach unten zeigenden
Seiten offen und mit einem Wellblechdach be- Schlagpolster. Jedes Mal gibt es einen Knall, als würde man
deckt. Es erinnert mehr an eine Autowerkstatt als an eine mit einer Peitsche auf ein Sofakissen einschlagen. Nach mehre-
Sporteinrichtung. Doch im hinteren Teil des Gebäudes steht ren Schlägen steigert sich das Schnaufen des Boxers langsam
statt einer Montagegrube ein Boxring. Dort setzt gerade ein zu einem angestrengten Grunzen. Es geht so lange, bis der Part-
Boxer seine jugendliche Kraft dafür ein, auf zwei dicke Schlag- ner sich nicht mehr auf seinen Füßen halten kann. Mit dem
polster einzudreschen. Ein anderer junger Mann hat sie sich Hintern fällt er auf den Ringboden. Der Boxer tänzelt auf den
über die Unterarme gezogen. Nun werden sie mit heftigen Zehenspitzen durch den Ring. Dann lässt er sich mit den Hän-
Schlägen und Tritten malträtiert. Knallen, Schnaufen, Knal- den auf den Boden fallen und macht einige Liegestütze.
len, Schnaufen. Dazwischen bellt der Sparringspartner Anwei- In der Luft mischen sich verschiedene Gerüche von
sungen an seinen Boxer: „Links!“, „Komm rein!“, „Mehr!“, hal- Schweiß – dem frischen und dem alten, der zuvor schon in vie-
len seine Kommandos durch den Ring. In der Hitze von Nord- len Trainingsstunden in den Boden und die Geräte eingesi-
thailand hat sich auf dem muskulösen Rücken des Boxers ckert ist. Der muffige Geruch erinnert an einen Raubtierkäfig.
glänzender Schweiß gebildet. Vom Rand schauen dem erfahreneren Kampfesbruder zwei
Der Boxer schlägt immer schneller auf seinen Trainings- jüngere Boxer zu. Ein vierter Junge hat sich in die Wohnräume
partner ein, bis dieser am Rand des Boxrings tief in den Seilen der Boxschule zurückgezogen. Die Boxer hier sind zwischen

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neun und 18 Jahre alt. Der junge Mann, der gerade sein Trai- Dass Kinder im sagt Caovalit Chimlack, der Leiter der
ning absolviert hat, heißt Yodsuria. Er ist als Einziger in dieser Muay Thai Schule in Chiang Rai. Dazu gehört ihm
Schule volljährig. Er trainiert für einen großen Kampf in der gegeneinander zufolge, dass Kinder das Gelernte auch
Hauptstadt Bangkok. Nach dem Training referiert er in kur- antreten, ist in früh im Boxring anwenden. „Ein
zen, knappen Worten seine Lebensgeschichte. „Ich habe mit Thailand üblich. Kampf dauert nur fünfzehn Minuten.
acht Jahren angefangen zu boxen. Ich sah meinen Vater und Das tut nicht sehr weh“, sagt er. Auch
meinen Onkel, die auch Boxer waren. Und ich konnte mein ei- für den jüngsten Hoffnungsträger in seinem Kader, den neun
genes Geld verdienen“, sagt er. Jahre alten Pae-sa, wünsche er sich deshalb Kampferfahrung.
Aber derzeit gebe es in der Umgebung zu wenige Kinder in sei-
Die Jungen sollen Kampferfahrung sammeln ner Gewichtsklasse.
Seit seinem zwölften Lebensjahr trainiere er nun hier in der Der Besitzer der Boxschule vertritt eine Meinung, die
Boxschule in Chiang Rai „Muay Thai“, wie die thailändische derzeit nicht sehr populär ist. Denn in Thailand wird darüber
Version des Kickboxens heißt. Der Sport zeichnet sich da- nachgedacht, Kinder aus dem Ring zu verbannen. Die Diskus-
durch aus, dass mit Tritten, Schlägen, Ellenbogen und Knien sion ist eine Reaktion auf den tragischen Tod eines 13 Jahre al-
gekämpft wird. In Thailand ist es nicht ungewöhnlich, dass ten Jungen bei einem Boxkampf im November.
schon Kinder an den Sport herangeführt werden. „Am besten Anucha Tasako hat schon mehr als 170 professionelle
ist es, wenn sie mit acht oder neun Jahren anfangen. Nur so Wettbewerbe hinter sich, als er bei einem Tempelfest in der
Foto Getty

können sie die Fähigkeiten lernen, die ein Boxer braucht“, Provinz Samut Takan nahe Bangkok wieder in den Ring steigt.

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12 Woche-Reporter

Pae-sa ist erst neun Jahre alt,


soll aber bald Wettkämpfe
bestreiten (Bild oben).
Der 18 Jahre alte Yodsuria
ist schon ein paar Schritte
weiter (Bild rechts).

Eine undeutliche Videoaufnahme des Kampfes zeigt, wie er strenger regulieren soll. Demnach könnte Kindern unter zwölf
sich in der dritten Runde schon einmal vom Boden aufrappeln Jahren das Boxen komplett verboten werden. Kinder im Alter
muss. Er rettet sich an das andere Ende des Rings. Dann von zwölf bis fünfzehn Jahren sollen verpflichtet werden, im
kommt der deutlich kräftigere Gegner in dominanter Haltung Ring Helme zu tragen.
auf ihn zugetänzelt. In der Berichterstattung über den Fall Doch die Boxverbände halten es für falsch, der jahrhun-
heißt es später, der Gegner sei zwei Jahre älter gewesen. dertealten Tradition auf diese Weise Fesseln anzulegen. Landes-
In dem Video nähert sich der Größere dann mit erhobe- weit sollen in den Boxschulen rund 100 000 Kinder unter 15
nen Fäusten. Auch der Dreizehnjährige hat seine Fäuste oben. Jahren aktiv sein. Eigentlich gibt es eine Registrierungspflicht
Aber es wirkt nur noch wie eine hilflose Abwehrgeste. Der Geg- für Boxer in diesem Alter. Aber die wird kaum eingehalten.
ner schlägt ein paar Geraden in Richtung des Kopfes, die zu- Viele Befürworter verweisen darauf, dass die jungen Boxer aus
nächst noch in den Handschuhen des Jüngeren landen. Unter armen Familien stammten. „Es ist besser als Drogen und
den hereinbrechenden Fausthieben gibt Anucha Tasako Glücksspiele“, sagt Caovalit Chimlack, der Chef der Boxschule
schnell jegliche Verteidigungshaltung auf. Die Handschuhe sa- in Chiang Rai. Manche der Jungboxer ernähren ihre gesamte
cken nach unten. Zwei, drei kräftige Schläge treffen ihn nun Familie. Im Fall des getöteten Anucha Tasako sollte der Gewin-
von rechts mitten ins Gesicht. Die nächste Linke geht direkt ner ein Preisgeld von 2000 Baht bekommen (54 Euro). Das ers-
aufs Kinn und dann noch einmal die Rechte und die Linke. Da te Preisgeld von 300 Baht (acht Euro) habe er schon mit acht
baumelt der Kopf schon unkontrolliert im Nacken, die Augen oder neun Jahren verdient, sagt sein Onkel Damrong Tasako,
sind in Richtung Decke gerichtet. Ohnmächtig fällt Anucha Ta- der den Jungen großgezogen hatte, in einem Interview.
sako auf den Boden. Der Junge stirbt zwei Tage später in ei- Im Vergleich zu dem Lohn eines Reisbauern, der um die
nem Krankenhaus an seinen Verletzungen. 200 Euro im Monat verdient, ist das viel Geld. Für die Jungen
ist das Boxen ein Ticket raus aus der Provinz. „Es war sein
Ein Verbot des Kinderboxens droht Traum, einmal im Lumpini-Stadion oder Rajadamnern-Stadi-
Der Tod des Dreizehnjährigen versetzte Thailand in einen on der Champion zu werden“, sagt der Onkel mit Blick auf die
Schock. Manche sagen, der Kampf hätte abgebrochen werden wichtigsten Wettkampfstätten in Bangkok. Nach dem Tod sei-
müssen, weil der Junge seinem Gegner in keiner Weise gewach- nes Neffen wolle er niemandem die Schuld zuschreiben: „Er
sen war. Die Ärztin Jiraporn Laothamatas konnte zudem seit- starb wie ein Krieger. Er war ein Kämpfer.“ Caovalit Chimlack
her in einer Studie nachweisen, dass das frühe Boxen irrepara- von der Boxschule in Chiang Rai sagt, auch bei anderen Sport-
ble Schäden an den Gehirnen der Kinder hinterlässt. Sie be- arten wie Fußball könne mal was passieren. „Dagegen sagt
zeichnet das Kinderboxen als „Missbrauch“. Nun wurde ein aber auch keiner was.“ Außerdem wisse ein ausgebildeter Bo-
Gesetz auf den Weg gebracht, das den Einsatz von Kindern in xer, wie er sich im Ring schützen könne. Mit der richtigen Aus-
dem Nationalsport des südostasiatischen Landes erstmals bildung sei der Sport deshalb auch nicht gefährlich. Außer-

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13

Der dreizehn Jahre alte Anucha


Tasako (Bild oben) starb an
Verletzungen, die er im Ring erlitten
hatte. Sein Traum soll es gewesen
sein, einmal im Lumpini-Stadion
Champion zu werden (Bild rechts).

dem solle sich niemand einmischen: „Muay Thai ist unsere Während der Besitzer der Boxschule dann noch über
Tradition!“, ruft er empört aus. seine eigene Erfahrung als einstiger Kinderboxer berichtet,
absolviert der 18 Jahre alte Yodsuria den Rest seines Trai-
Viele Eltern sehen ihre Söhne fast nie nings. Ähnlich intensiv wie zuvor auf seinen Sparringspart-
Doch ganz frei von schlechtem Gewissen ist er offenbar nicht. ner boxt er nun auf einen Sack ein, der von einem Balken
Er verweigert den Besuchern trotz vorheriger Zusage, seinem hängt. „Er ist stark, das ist gut an ihm“, sagt Caovalit Chim-
jüngsten Kämpfer Pae-sa ebenfalls beim Training zuzuschau- lack über seinen besten Nachwuchskämpfer. Für den Kampf
en. Das Thema ist derzeit zu sensibel. Stattdessen geht der am Wochenende bekommt er 30 000 Baht ausgezahlt (800
Neunjährige nun hinter das Gebäude und spielt mit den Euro), die Hälfte geht an Chimlack. Der Boxlehrer sagt, die
Kampfhähnen, die Caovalit Chimlack dort unter geflochtenen Jungen seien für ihn wie Söhne. Er selbst habe keine Kinder.
Körben hält. Pae-sa hat ein weiches Gesicht mit fast weibli- Und die meisten Eltern der Jungen wohnten in weit entfern-
chen Zügen. Sein kindlicher Körper und seine Arme wirken ten Provinzen. Sie sehen ihre Söhne oft nur, wenn sie zu ei-
schmächtig. Die Trainingshose mit den thailändischen Schrift- nem der Kämpfe kommen.
zeichen hängt locker über den dünnen Beinen. Auch er Yodsurias großer Kampf findet dann am Wochenende
kommt aus einer armen Familie in der Provinz. Er ist mit sei- im Stadion von Rajadamnern in der Hauptstadt Bangkok
nem Bruder hierhergekommen, der ebenfalls zum Boxer aus- statt. Der Kampf wird sogar im nationalen Fernsehen übertra-
gebildet wird. gen. Die Halle ist voll besetzt. Es tönt schrille Trötenmusik aus
Der Junge hat vorher beim Kennenlernen nur ein paar den Lautsprechern. Der Ring ist mit Werbung zugeklebt. In
Sätze gesagt: „Ich mag das Boxen sehr, aber ich habe so gut wie der ersten Runde gelingt es seinem Gegner, Yodsuria mehrere
keine Wettkämpfe.“ Der Chef Caovalit Chimlack behauptet, heftige Tritte direkt in den Bauch zu versetzen. Doch in den
Pae-sa dürfe selbst entscheiden, wie viel Training er sich jeden verbleibenden Runden wiederholt er im Ring das, was er in
Tag zumutet. Am Vormittag besuche er die örtliche Grund- den Tagen zuvor mit seinem Sparringspartner geübt hatte. Mit
Fotos Nuttakarn Sumon, Till Fähnders, AFP, Prisma

schule. Mindestens eine Trainingseinheit am Nachmittag ge- unbändiger Kraft prallen die Schläge und Tritte auf seinen Geg-
hört aber offensichtlich zur Routine des Neunjährigen. Eine ner. Nach Ende der fünften Runde wird Yodsuria schließlich
solche Einheit beinhaltet für die älteren Jungen einen 45 Minu- zum Sieger des Kampfs gekürt. Zum Jubel reißt er seine mus-
ten langen Lauf und danach eineinhalb Stunden im Ring, an kulösen Arme hoch. Er hat es geschafft. Auf jeden Gewinner
den Boxsäcken und anderen Geräten, die in dem Gebäude von kommen aber Dutzende andere, die ihre Boxerkarriere schon
der Decke hängen und auf dem Boden liegen. „Man fängt erst im Kindesalter wieder abbrechen. Für sie sind es nicht nur ver-
einmal klein an und steigert das Training dann nach und lorene, sondern auch gefährliche Jahre.
nach“, sagt Caovalit Chimlack. Aber natürlich bleibe den Kin-
dern auch noch Zeit zum Spielen und Lernen. Till Fähnders, Chiang Rai

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Titelthema 15

Am
Limit
Auf deutschen Straßen und Schienen
wird es immer enger.
Droht uns der Verkehrskollaps?

G
ünther Krause plagte ein Albtraum. Russen ka- Am deutlichsten zeigt sich in der Ferienzeit im Sommer
men darin vor, Polen und Tschechen und Bal- oder an Weihnachten, wie sehr das ganze Land unter der Last
ten auch. In seiner Schreckensvision ging es des Verkehrs ächzt. Doch auch an jedem beliebigen Freitag-
den Menschen aus diesen Ländern wirtschaft- nachmittag kann man garantiert ein Land im Stillstand erle-
lich gut. So gut, dass sie die finanziellen Mittel hatten, um sich in ben. 723 000 Mal standen 2017 irgendwo im Land die Auto-
ihren Lastwagen und Ladas auf den Weg nach Deutschland zu fahrer im Stau. Das war, wie fast jedes Jahr, wenn der deut-
machen. Nicht dauerhaft, sondern vor allem, um mit den Deut- sche Autofahrerclub ADAC seine neue Bilanz zieht, ein All-
schen Geschäfte zu machen, mit ihnen Waren auszutauschen zeithoch. Die Karawanen erstreckten sich über eine Länge
und vielleicht auch, um hier ein paar Tage ihrer Freizeit zu ver- von 1,45 Millionen Kilometern. Das heißt: Sie gingen mehr
bringen. So wie in Italien, Frankreich oder Spanien auch. Doch als 36 Mal um die Erde.
das alles verhieß in den Augen des Bundesverkehrsministers
nichts Gutes: Denn der Slawen-Treck in den Westen rollte Dreißig Stunden pro Jahr im Stau
schnurstracks auf die deutsche Autobahn. Der Stillstand kostet nicht nur Nerven, sondern auch enorm
Das war vor 25 Jahren. Der Osten Europas war noch viel Geld. Berufspendler kommen zu spät zur Arbeit, Waren
arm und vergleichsweise immobil, was für den Verkehr in verspätet an ihr Ziel. Speditionen müssen Standzeiten in ihrer
Deutschland von Vorteil war. Doch nicht nur dem damaligen Kalkulation berücksichtigen, Unternehmen geben die Kosten
Bundesverkehrsminister war klar, dass dieser Zustand nicht in Form von höheren Preisen an die Bevölkerung weiter. Nicht
von Dauer sein würde. Seine Worte hätte der CDU-Politiker zu vergessen der erhöhte Kraftstoffverbrauch und die damit ver-
aus Rostock vielleicht weniger drastisch wählen können, doch bundenen höheren Ausgaben aller Verkehrsteilnehmer für Ben-
im Kern hat seine Prognose bis heute Bestand: Die Blechlawi- zin. Zwar gibt es nach wie vor kein einheitliches Modell, das
ne, die über deutsche Straßen rollt, wird größer und größer, den volkswirtschaftlichen Schaden berechnet, der durch Staus
und das liegt nicht nur am inländischen Verkehr. Jedes Jahr entsteht. Aber unter dem Strich liegen die Summen immer
aufs Neue verschärfen die Staupropheten ihren Pessimismus, dicht beieinander. Die Beratungsfirma Inrix schätzte den Scha-
denn noch immer hält die Entwicklung der Verkehrswege mit den durch Staus auf deutschen Straßen 2017 auf knapp 80 Milli-
Illustration Kai Simons

dem wirtschaftlichen Fortschritt Europas nicht Schritt. Und arden Euro, Verkehrsforscher Schreckenberg spricht von Einbu-
glaubt man Fachleuten wie Michael Schreckenberg von der ßen von 60 bis 100 Milliarden Euro im Jahr. In den 30 Stunden,
Uni Duisburg-Essen, dann „deutet nichts auch nur ansatzwei- die der deutsche Autofahrer im vergangenen Jahr durchschnitt-
se auf eine Besserung hin“. lich stehend verbrachte, zahlte er 1770 Euro obendrauf.

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„Schmetterlingseffekt“
Die Ordnung des Autobahnverkehrs
wird durch das blaue Auto, das auf
die Autobahn auffährt, gestört. Dies
löst eine Kettenreaktion aus, da die
Autos die Abstände zueinander nicht
mehr einhalten können und immer
mehr Autofahrer bremsen müssen.

Auf den ersten Blick mag offensicht- bleibe da nicht. „Wir rennen nur noch den Miss-
lich sein, woran das liegt: am immer dich- ständen hinterher.“
ter werdenden Verkehr. Noch nie rollten so viele Um gegen den forschreitenden Verfall anzu-
Autos und Lastwagen über die deutschen Straßen kommen – und darüber hinaus auch das wachsende
wie heute. Zum Jahresanfang 2018 waren nach An- Verkehrsaufkommen etwas aufzufangen –, inves-
gaben des Kraftfahrt-Bundesamtes 46,5 Millio- tiert der Bund zurzeit mehr Geld ins Autobahnnetz
nen Personenwagen zugelassen; das waren fast als je zuvor: 2018 waren es 8,6 Milliarden Euro, 950
fünf Millionen Fahrzeuge mehr als noch 2010. Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor. Für die
Auch die Zahl der Lastwagen und Zugmaschinen nächsten zwölf Jahre hat die Regierung 150 Milliar-
steigt kontinuierlich. Und als wäre das nicht ge- den Euro für das große Infrastrukturprogramm ein-
nug, wird mit jedem ausländischen Fahrzeug, das geplant. Die Not der Autofahrer lindern wird die Of-
sich auf den Weg nach Deutschland macht oder fensive vorerst aber nicht: Denn wenn mehr gebaut
die kostenlosen Autobahnen zum Transit nutzt, wird, gibt es auch mehr Staus.
das Gedrängel auf der Straße größer.
Besonders langsam schieben sich die Kolon- Kaum einer will auf das Auto verzichten
nen vor allem dort über den Asphalt, wo der Ur- Eine weitere Herausforderung ist der wachsende
laubsverkehr auf Baustellen trifft. 586 Stellen, an Güterverkehr. Je besser es in Europa wirtschaftlich
denen vier Tage oder länger gebaut werden muss- läuft, desto mehr Lastwagen sind unterwegs. Und
te, zählte das Verkehrsministerium auf deutschen die deutschen Autobahnen sind das Nadelöhr,
Autobahnen während der Sommerferien. Ein neu- durch das die Reise sowohl von Nord nach Süd als
er Negativrekord, der sogar die Zahlen aus dem Su- auch von Ost nach West verläuft. Laut dem Bundes-
perstaujahr 2017 in den Schatten stellt. Bundesver- verkehrswegeplan 2030 des Bundesverkehrsministe-
Nur neun Prozent
kehrsminister Andreas Scheuer (CSU) verspricht riums wird die Transportleistung gegenüber dem der Deutschen
in solchen Zeiten zwar gern mal, dass nur dort ge- Jahr 2010 um 43 Prozent wachsen. Allein der Hafen können sich
baut würde, wo es wirklich nötig sei. Doch das ist im belgischen Antwerpen plant, seinen Umschlag vorstellen, auch
offenbar immer häufiger der Fall. Straßen und in den nächsten 15 Jahren um 50 Prozent zu stei- ohne Auto
Brücken sind vielerorts in keinem guten Zustand. gern – mit der Folge, dass der Güterverkehr hierzu- auszukommen.
Allein zwischen Aschaffenburg und Dortmund, lande im Jahr um mindestens zwei Prozent zulegen Mehr als die Hälfte
der Sauerlandlinie A 45, sind 31 Talbrücken maro- dürfte. Ursprünglich war von Antwerpen nach will dagegen
de, wie Stauforscher Schreckenberg erzählt. Viel Duisburg eine neue Eisenbahnstrecke geplant, die niemals auf ihr
Zeit und Geld, um neue Kapazitäten zu schaffen, einen Teil des Gütertransports übernehmen sollte. Auto verzichten.

Die Stau-Hauptstädte Immer mehr Staus


Wartezeit im Jahr in Stunden Kosten im Jahr in Mrd. € in Deutschland
München 49 2,0
Heilbronn 46 0,14
Köln 46 1,2
Stuttgart 46 0,68
Hamburg 41 2,4
Berlin 40 4,3
Frankfurt 39 0,69 2006 2017
Ruhrgebiet 36 1,5 117000 723 000

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


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Doch der neue Bundesverkehrswegeplan sieht die- ven zu sparen, wechseln auf die Straße – bis wieder
se Verbindung nicht mehr vor. Für Fachleute wie alles beim Alten ist.
Schreckenberg ist klar: „Das wird die Situation ein- Fachleute wie der Kölner Ökonom Axel
mal mehr verschärfen.“ Ockenfels plädieren daher schon länger dafür, für
Für das wohl größte Problem auf den Stra- die Straßennutzung Gebühren zu erheben, die
ßen halten Fachleute allerdings weder die steigen- sich an der Beliebtheit der jeweiligen Straßen ori-
de Fahrzeugdichte noch die vielen Baustellen, son- entieren. Neuere Studien zeigen, dass so die Stra-
dern die Verkehrsteilnehmer selbst. Man steht ßennutzung effektiv gesteuert werden kann. Die
nicht nur im Stau, man ist auch Teil des Staus. Das Preise können den Fahrern durch smarte Bedie-
Auto öfter stehenzulassen und mit der Bahn zur nungshilfen im Auto oder Handy in Echtzeit kom-
Arbeit oder in den Urlaub zu fahren kommt für muniziert werden; smarte Assistenzsysteme helfen
viele Deutsche nicht in Frage – auch wenn sie wis- im Zweifelsfall dabei, eine günstigere Strecke zu
sen, dass ihnen ein stundenlanges Rumstehen finden. Allein: Politisch wären solche Ideen wohl
droht. Als das Allensbach-Institut die Bevölkerung kaum umsetzbar.
im Sommer 2017 nach ihren Fahrgewohnheiten Auch die Bereitstellung weiterer finanzieller
fragte, hielten sich nur neun Prozent für imstande, Mittel, wie sie der Bund verspricht, wird kaum Ab-
auch ohne Auto auszukommen. Mehr als die Hälf- hilfe schaffen. Denn: Nach Einschätzung der Ver-
te wollte dagegen niemals auf ihr Auto verzichten. kehrsministerien der Länder fehlt es nicht an
Und rund ein Drittel hielt es für „nur sehr schwer Geld, sondern an Kapazitäten in der Planung und
vorstellbar“. im Bau. Wie drastisch die Engpässe sind, zeigt ein
Obwohl die Not immer größer wird, sind Blick nach Nordrhein-Westfalen, dem mit Ab-
echte Lösungsansätze nach wie vor rar. Am nächst- stand staureichsten Bundesland der Republik.
liegenden erscheint der Ausbau des Straßennetzes. Von den 5700 Mitarbeitern der zuständigen Lan-
In der Realität allerdings fehlt dafür oft entweder desplanungsbehörde gehen nach Angaben einer
der Platz an den Verkehrsbrennpunkten oder das Sprecherin in den nächsten zehn Jahren 1300 in
Geld. Und auch wenn gebaut wird, ist die Abhilfe den Ruhestand. Der Markt für Bauingenieure ist
nur von kurzer Dauer. Ökonomen sprechen vom leer gefegt und eine Arbeit in der öffentlichen Ver-
„fundamentalen Gesetz der Straßenverstopfung“: waltung ohnehin für die meisten uninteressant,
Sobald wieder Platz auf der Straße ist, zieht das weil die Industrie bessere Gehälter zahlt.
neue Verkehrsteilnehmer an. Pendler, die zuvor Gleichzeitig wird deutlich mehr gebaut als
das Auto stehen gelassen haben, um Zeit und Ner- früher. Das führt nicht nur zur Überlastung des

Die schlimmsten Stau-Abschnitte Überlastungsstau


Staukilometer je Kilometer Autobahn Das blaue Auto wechselt im dichten Verkehr ab-
A 3 Oberhausen – Köln 445 rupt die Spur – die nachfolgenden Autos müssen
A 3 Frankfurt – Würzburg 427 dadurch bremsen. Der Stau nimmt seinen Anfang.
A 8 Stuttgart – Karlsruhe 401 Obwohl das auslösende Auto normal weiter fährt,
A 1 Köln – Euskirchen 360 verdichtet sich der Verkehr nach hinten immer
mehr und wird zu einem nennenswerten Stau.
A 5 Heidelberg – Karlsruhe 347
A 3 Passau – Linz 292
A 9 Nürnberg – München 288
A 4 Köln – Heerlen/Aachen 277
18

11 344 000 000 Menschen haben 2017


den Nahverkehr genutzt

Personals, es gibt auch erste Engpässe beim Bau- volle Züge quetschen – während die Masse der
material. Die Folge: Bauarbeiten verzögern sich, Deutschen weiter im Stau steht.
es wird sich weiter stauen. Dabei predigen Politiker und Umweltschützer
Große Hoffnungen ruhen deshalb auf der seit Jahrzehnten die Notwendigkeit, Verkehr von der
Schiene. Im Koalitionsvertrag widmen sich CDU, Straße auf die Schiene zu verlagern. Das kann aller-
CSU und SPD den Chancen der Bahn so ausführ- dings nur klappen, wenn die Infrastruktur funktio-
lich wie selten zuvor. „Mit einem Schienenpakt von niert. Lange setzten Bund und Bahn vor allem auf
Politik und Wirtschaft wollen wir bis 2030 doppelt den Ausbau der schnellen ICE-Strecken. Im Fernver-
so viele Bahnkundinnen und Bahnkunden gewin- kehr zahlt sich das aus. Doch in der Zeit, in der Milli-
nen und dabei u. a. mehr Güterverkehr auf die um- arden für Köln–Frankfurt oder Berlin–München
weltfreundliche Schiene verlagern“, heißt es dort ausgegeben wurden, blieben andere Verbindungen
ehrgeizig. Einen Haken gibt es allerdings: Schon zurück – vor allem jene in Richtung Osteuropa. Ne-
jetzt ist das System an der Grenze der Belastbarkeit. benstrecken wurden vernachlässigt, es gibt zu viele
Nach aller Erfahrung wächst die Nachfrage der Kun- eingleisige, nicht elektrifizierte Abschnitte. Um zu
den gerade dort, wo die Schienenkapazität schon sparen, verringerte die Bahn die Zahl der Überhol-
heute überfordert ist, wo sich (auch wegen vieler gleise. Jeder Neu- und Ausbau ist milliardenteuer
Baustellen) Verspätungen und Zugausfälle ansam- und dauert Jahre bis Jahrzehnte.
meln – und wo die Züge so voll sind, dass das Mit- Schon seit einigen Jahren steuert der Bund in
fahren zur Qual werden kann. Baustellen im Netz, der Infrastrukturpolitik um: Instandhaltung geht
Probleme mit den Fahrzeugen und Personalmangel vor Neubau, Gleise und Brücken werden saniert.
haben die Pünktlichkeitswerte der Deutschen Bahn Doch die Mammutaufgabe hat eine Kehrseite. Die
in den vergangenen Monaten in den Keller getrie- Bahn weiß vor lauter Baustellen nicht mehr, wohin
ben. Nur drei von vier Fernzügen waren 2018 mit ihren Zügen. Der Zustand wird noch länger an-
pünktlich, versprochen waren 82 Prozent. dauern, der Höhepunkt der Brückensanierungen
Auch der Blick auf die Marktanteile lässt den ist dieses Jahr geplant. So warnt die Bahn ihre Kun-
Betrachter ernüchtert zurück. Zwar melden die Ver- den vor: Auf den Strecken Berlin–Hannover und
kehrsunternehmen jedes Jahr neue Fahrgastrekor- Hannover–Hamm etwa wird im ersten Halbjahr ge-
de im Fern- und Regionalverkehr. Weil aber der Ver- baut – die Züge sind dann um bis zu 45 Minuten
kehr insgesamt stark wächst, stagniert der Anteil länger unterwegs.
der Schiene hier bei acht Prozent. Das heißt: Wer Die Güterbahnen ächzen derweil unter ei-
Bahn fährt, darf sich zu Stoß- und Urlaubszeiten in nem anderen Problem: der flexibleren, günstigeren

Das Straßennetz ist Güterverkehr


sechsmal so groß in Deutschland in Tonnen

Schienennetz Straßennetz
Lkw
38460 Km 229 970 Km
3111819 000

Bestand Pkw Bahn


46474 594 363 512 000 Quellen: ADAC; INRIX; Destatis; eigene
Recherche; Flaticon/ F.A.Z.-Grafik Piron

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142 000 000 nutzten den


Fernverkehr

Konkurrenz auf der Straße. Daran dürfte sich rela- Was mit Blick auf die Schiene zu tun ist, um
tiv wenig ändern, obwohl die Lkw-Maut seit Juli das wachsende Verkehrsaufkommen zu bewältigen,
auch auf allen Bundesstraßen erhoben wird und ist für Bund und Deutsche Bahn klar: Neue Schie-
der Bund die Mautsätze zum Jahresbeginn spürbar nen zu bauen ist eine teure und langwierige Sache,
angehoben hat. 2017 dümpelte der Marktanteil der die vorhandenen Kapazitäten müssen also besser ge-
Schiene im Güterverkehr um die 18 Prozent – ob- nutzt werden. Im Gütertransport sollen bald 740
wohl der Bund, um es nicht bei Lippenbekenntnis- Meter lange Züge fahren können, und durch ein ge-
sen zu belassen, seit Jahren Milliardenbeträge in schickteres Baustellenmanagement sollen sich die
das System investiert. Störungen verringern. Digitalisierung soll dabei hel-
fen, genauso wie moderne Technik einen engeren
Das Verkehrsnetz muss besser genutzt werden Taktverkehr ermöglichen soll. Bahnchef Richard
Die Rettung des Schienengüterverkehrs allein mit Lutz verkündete Anfang des Jahres das Projekt „Digi-
marktwirtschaftlichen Mitteln scheint derzeit so tale Schiene Deutschland“: Durch technische Auf-
aussichtslos wie eh und je. Die erlösende Nachricht rüstung des Netzes etwa mit dem modernen euro-
für die Deutsche Bahn und ihre Wettbewerber kam päischen Signalsystem ETCS werden 20 Prozent
denn auch aus Berlin, in letzter Minute vor der (ver- mehr Züge fahren können, ohne dass ein einziger Ki-
späteten) Verabschiedung des Haushalts 2018 im lometer Schiene neu verlegt werden muss, so das
Sommer: Finanzminister Olaf Scholz (SPD) war Versprechen. Mehr als 30 Milliarden Euro wird das
nach einigem Zögern doch bereit, Geld zur Unter- in den beiden nächsten Jahrzehnten kosten.
stützung der Güterbahnen auszugeben. Damit der Die Kinderkrankheiten der neuen Technolo-
Transport auf der Schiene billiger und konkurrenz- gie ließen sich vor einem Jahr auf der Neubaustre-
Umweltschützer
fähig zur Straße werden kann, sollen sie weniger cke Erfurt–Nürnberg besichtigen: Eine Reihe von
und Politiker
Entgelte für die Nutzung der Trassen an die Netzge- ICE fuhren mit Verspätung oder blieben sogar lie- propagieren seit
sellschaft der Deutschen Bahn zahlen. 175 Millio- gen. Güterzüge fahren dort bisher gar nicht. Denn Jahrzehnten, den
nen Euro stellte Scholz im Etat für das zweite Halb- die Güterbahnen zögern, ihre Wagen mit der Tech- Verkehr stärker
jahr 2018 ein, 350 Millionen sind es in diesem Jahr; nik auszurüsten, weil in Deutschland nur wenige auf die Schiene zu
damit reduzieren sich die Trassenpreise um fast die Strecken damit ausgestattet sind. Bis sich die Vortei- verlagern. Eine
Hälfte. Erst vor kurzem genehmigte die EU-Kommis- le auszahlen und womöglich den Marktanteil der Chance dafür gibt
sion die Förderung. Weitere Etatmittel für Innovatio- Schiene erhöhen, wird noch Zeit vergehen. es aber nur, wenn
nen im Güterverkehr verweigerte Scholz jedoch der die Infrastruktur
enttäuschten Branche. Maja Brankovic und Kerstin Schwenn funktioniert.

60
Die verkehrsstärksten Bahnhöfe in Deutschland Pünktlichkeit der Deutschen Bahn
Tagesdurchschnitt Zugabfahrten (Fern- und Nahverkehr, S-Bahn) Verspätung weniger als sechs Minuten, 2017
Hamburg 1800
Frankfurt 1800
Köln 1800
Fern- Nah-
München 1450 verkehr
78,5%
verkehr
94,4%
PROZENT
Berlin 1300 der verspäteten Ab-
Stuttgart 1200 fahrten haben ihren
Ursprung an einem
Hannover 760 2016 2016 der zehn verkehrs-
Dortmund 750 78,9% 94,8% stärksten Bahnhöfe.

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20 Titelthema

Kluge Karren
kehr zunimmt. „Natürlich werden Menschen wei-
ter grobe Schnitzer begehen, aber wenn sie es tun,
richten sie keinen Schaden mehr an.“
Mit diesen Worten skizzierte der renommier-
te amerikanische Industriedesigner Norman Bel
Schon lange träumen Menschen von autonomen Geddes in seinem Buch „Magic Motorways“ den
Autos. Nun ist auch die Technik so weit Verkehr der Zukunft. Das Buch erschien im Jahre
– und sie dürfte manchen Stau verhindern. 1940. Schon in zwanzig Jahren, so prophezeite Ged-
des, würden die selbstfahrenden Autos Wirklich-
keit sein, und zwar überall. Damit hat sich der Ame-
rikaner verschätzt, wie so viele andere vor und

E
s ist eine Vision mit Revolutions- nach ihm. In der mehr als hundert Jahre währen-
charakter. Autos helfen ihrem Fahrer, den Geschichte des Automobils wähnte man auto-
sich ohne Gefahr in den Verkehr einzu- nome Fahrzeuge immer wieder nur zwei Jahrzehn-
fädeln. Sie unterstützen ihn dabei, Kreuzungen zu te entfernt – und wartete dann doch vergeblich auf
überqueren. Technik bremst und beschleunigt das sie. Bis jetzt.
Fahrzeug zur rechten Zeit. Die Autos bügeln die Im vergangenen Jahrzehnt hat die Autobran-
Fehler der Fahrer aus, mehr noch: Sie bewahren die che rund um die Welt viel Geld und Gehirnaktivi-
Menschen davor, überhaupt welche zu machen. tät darauf verwendet, ihre Produkte mit dem Inter-
Die Unfallzahlen sinken rapide, obwohl der Ver- net zu verbinden und Aufgaben zu automatisieren,

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21

die bisher beim Fahrer lagen. Immer leistungsfähi- als das Zehnfache. Wo heute 43 Autos fahren,
gere, kleinere und vor allem günstigere Computer könnten es in Zukunft mehr als 500 sein, sagen die
sowie die dazugehörige Software ermöglichten die Unternehmensberater.
Entwicklung, aber auch weiterentwickelte Sensor- Auch in den Innenstädten kann neue Techno-
technik: Kameras, Radarsysteme oder die „Lidar“ logie die Straßen entlasten, wie zum Beispiel For-
genannte Abstands- und Entfernungsmessung per schungsanstrengungen der Technischen Universi-
Laserstrahl. tät Berlin belegen. Im dort angesiedelten Labor für
Wer sich im Internet das derzeit am häufigs- Verteilte Künstliche Intelligenz arbeiten Wissen-
ten verkaufte Auto in Deutschland zusammenstellt, schaftler gerade an Parkplätzen, die Autos und ih-
den Golf von Volkswagen, erkennt schnell, was heu- ren Fahrern signalisieren, wenn sie frei sind. Solche
te selbst in Mittelklassemodellen schon technisch intelligenten Parkräume könnten gerade in Groß-
möglich ist – sofern denn die Bereitschaft da ist, städten die lästige und teure Parkplatzsuche been-
den entsprechenden Aufpreis zu zahlen. Für den den. Laut einer Erhebung des amerikanischen Auto-
Golf bietet VW rund ein halbes Dutzend Fahrassis- software-Dienstleisters Inrix sind die Deutschen im
tenzsysteme an: Ein Toter-Winkel-Assistent zeigt Durchschnitt 41 Stunden im Jahr damit beschäf-
dem Fahrer an, wann er gefahrlos überholen kann. tigt, einen Parkplatz zu finden. Auf mehr als 40 Mil-
Der Spurhalteassistent erkennt, wenn der Mensch liarden Euro beziffert Inrix die damit verbundenen
unbeabsichtigt den eigentlich vorgesehenen Pfad wirtschaftlichen Einbußen.
nach links oder rechts verlässt – und steuert im Das komplett automatisierte Fahren steht
Zweifel dagegen. Die automatische Distanzrege- aber erst am Ende einer Reihe von Entwicklungs-
lung wiederum passt die Geschwindigkeit des Fahr- schritten, die erst noch zu gehen sind. Einstweilen
zeugs je nach Verkehrsfluss an und bremst das ist es eine Vision, wenn Entwickler vom Verkehr auf
Auto, wenn eine Kollision droht. Der im Jahr 1958 Abruf schwärmen, davon, dass sich Nutzer mit ih-
verstorbene Bel Geddes hätte seine Freude daran ge- rem Smartphone Robotertaxen ordern. Dass es so
habt. Doch sind all diese Systeme erst der Anfang. weit kommt, darüber sind sich viele Fachleute aber
einig. Nicht umsonst arbeiten Autohersteller wie
Perfekter Verkehrsfluss Volkswagen, Zulieferer wie Continental oder Ver-
Inzwischen arbeitet jeder Hersteller auf der Welt dar- kehrsunternehmen wie die Deutsche Bahn heute
an, seine Autos weiter zu automatisieren. Deutsche schon an solchen Robotaxis. Deren Verbreitung wür-
Fahrzeugproduzenten und deren Zulieferer etwa de wohl dazu führen, dass Städter zunehmend auf
wollen innerhalb der nächsten drei Jahre 18 Milliar- ein eigenes Auto verzichten.
den Euro investieren, um ihre Produkte noch stär- Früher als in Städten dürften autonome Au-
ker zu vernetzen und zu automatisieren. Das Ziel sei tos aber auf Fernstraßen zum Einsatz kommen.
nicht nur, den Straßenverkehr sicherer zu machen, Fahrzeuge mit einem Autobahnassistenten sollen
heißt es vom Verband der Automobilindustrie. Es ihren Insassen die Lenkarbeit abnehmen. Zwar
geht längst auch darum, die Effizienz des bestehen- fließt der Verkehr auf der Autobahn mit hohem
den Straßennetzes zu steigern. Das ist auch drin- Tempo, dafür ist er ohne Ampeln, Zebrastreifen,
gend nötig angesichts einer steigenden Zahl von Au- Fußgänger oder Fahrradfahrer auch deutlich weni-
tos und einer Infrastruktur, die nicht schnell genug ger komplex als der Stadtverkehr. Und zum Bei-
mitwächst. spiel das richtig dosierte Bremsen oder das Reißver-
Wie stark automatisiert fahrende Autos die schlussverfahren beherrschen fahrende Computer
Straßen entlasten könnten, zeigt eine Modellrech- sehr viel besser als fahrende Menschen. So dürfte
nung der Unternehmensberatung Arthur D. Little. sich in Zukunft der ein oder andere Stau verhin-
Die Berater haben dafür den Verkehr auf einem dern lassen.
Teilstück der Bundesstraße 3 zwischen Frankfurt Aber wann wird das alles Wirklichkeit? Es sei
und Bad Vilbel beobachtet. Sie zählten, wie viele schwer vorherzusagen, in welchem Jahr autonome
Autos vorbeifuhren, und berechneten mit einem Autos tatsächlich losrollen, heißt es bei der Schwei-
mathematischen Modell zwei Szenarien: einen zer Investmentbank UBS. „Aber wir erwarten, dass
Mischverkehr aus je fünfzig Prozent herkömmli- die Technik innerhalb der nächsten zehn Jahren
chen und autonomen Autos sowie einen vollkom- den Massenmarkt erreichen wird“, lautet das Ergeb-
men autonomen Verkehr. Das Ergebnis: Im Misch- nis einer im Mai veröffentlichten Analyse. Die In-
Illustration Mart Klein und Miriam Migliazzi

verkehr nimmt die Kapazität der Straße im Ver- vestmentbanker sehen dafür einen weiteren wichti-
gleich zur heutigen Situation um gut ein Fünftel gen Treiber – neben Sicherheits-, Komfort- und Ef-
ab – die selbstfahrenden Autos, die sich strikt an fizienzgewinnen. Anfang des nächsten Jahrzehnts
die Regeln halten, bremsen die menschlichen Fah- könnte sich das globale Geschäft mit autonomen
rer aus. Im autonomen Fall aber, wenn alle Fahr- Autos auf 1,3 bis 2,8 Billionen Dollar summieren.
zeuge perfekt aufeinander abgestimmt über die
Straße rollen, steigert sich die Kapazität um mehr Martin Gropp

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FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019
Politik 23

Die Kriege
der
anderen
Die Kurden im Nordosten Syriens
stehen vor der Wahl zwischen zwei Übeln:
Vernichtung oder Unterwerfung.

V
on Erleichterung kann nicht die Rede sein.
Aber die Nachricht aus Washington, der
Truppenabzug aus Syrien werde langsamer
vonstattengehen als ursprünglich verkündet,
verschafft der kurdischen Selbstverwaltung und ihren Milizen
im Nordosten des Landes zumindest eine Atempause. „Wir
schicken unsere Truppen langsam nach Hause, damit sie bei ih-
ren Familien sein können“, hieß es zu Beginn der Woche in ei-
nem Tweet des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.
Gleichzeitig werde Amerika die Überreste des „Islamischen
Staates“ (IS) weiter bekämpfen. „Wir wissen nicht, wie die
jüngste Ankündigung aus Amerika in die Tat umgesetzt wird“,
sagt Fawzia Yousif, eine örtliche Funktionärin. Auch sie weist
darauf hin, dass der Kampf gegen den IS noch nicht gewonnen
ist. Einwohner der Region freuen sich zumindest darüber, dass
nach dem „Stress“ und der „Panik“ in den vergangenen Wo-
chen etwas Zeit gewonnen wurde. Doch sie wissen nicht, wie
viel.
Furcht und Unsicherheit dominieren die Äußerungen
kurdischer Gesprächspartner, was die Zukunft betrifft. Denn
die andauernde Bedrohung durch den IS und Tausende Dschi-
hadisten, die ihren Gegnern ein erbittertes letztes Gefecht lie-
fern wollen, ist bei weitem nicht ihre einzige Sorge. Wenn in
einer Angelegenheit Übereinstimmung
Kurden in Qamishli herrscht, dann darin, dass die Kurden
demonstrieren ohne amerikanischen Schutz am Ende
gegen den Abzug vor der Wahl zwischen zwei Übeln ste-
Foto AFP

der Amerikaner. hen werden: einem Einmarsch des

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24 Politik

türkischen Militärs und seiner arabischen Hilfstruppen – oder fentlichkeitswirksam vorangetrieben werden. Schweres Gerät
einer Rückkehr des syrischen Regimes. Die Türkei will sie ver- wird in die Grenzregion verlegt. Die arabischen Brigaden, die
nichten, das Regime will sie unterwerfen. Ankara für seinen Feldzug angeworben hat, zeigen sich kampf-
bereit. Solche Hilfstruppen Ankaras haben zuvor schon den
Der Verteilungskampf ist schon entbrannt Kurdenkanton Afrin erobert, und sie kontrollieren Territori-
Trump hatte am 19. Dezember nicht nur Amerikas kurdische um in nordsyrischen Regionen westlich des Euphrats. Der tür-
Alliierte in Syrien geschockt, als er ebenfalls über Twitter ver- kische Verteidigungsminister Hulusi Akar nahm die Neujahrs-
kündete, der IS sei besiegt, er werde die rund 2000 amerikani- feier zum Anlass, die Truppen im Grenzgebiet zu inspizieren
schen Soldaten jetzt nach Hause holen. Aber sie hat er damit und die Drohung zu erneuern, Ankara werde keine Bedro-
am empfindlichsten getroffen. Die Kurden scheinen in dem hung entlang der Grenze dulden. „Gott wird uns den Sieg
geopolitischen Machtkampf, der im Osten Syriens ausgefoch- schenken“, kündigte Erdogan an.
ten wird, unter die Räder zu geraten. Die Vereinigten Staaten, Lange hatte die bloße Präsenz amerikanischer Truppen
Russland, Iran, die Türkei und das Assad-Regime verfolgen in der Konfliktregion einem türkischen Feldzug im Weg ge-
hier eigene Interessen, und die Grenzen zwischen Gegnern standen. Angesichts der Abzugsankündigung haben sich die
und Verbündeten lassen sich nicht immer scharf ziehen. Die Kurden an das syrische Regime gewandt. Die syrischen Streit-
Verteilungskämpfe werden umso offener ausgetragen, seit- kräfte sollen nun als Puffer dienen. Baschar al Assad war in
dem das IS-Kalifat als gemeinsamer Feind von der Landkarte mehreren Fällen ein – mal mehr, mal weniger – heimlicher
so gut wie getilgt ist. Alliierter der kurdischen Kräfte gewesen. Dass die Amerika-
Kurdische Milizen konnten im Krieg gegen die Dschiha- ner sie irgendwann nicht mehr brauchen würden, wussten
disten als Verbündete Washingtons ungekannte militärische sie schon lange. Und entsprechend lange gibt es aus der Füh-
Stärke und politische Macht erwerben. Sie bilden das Rück- rung schon die Forderung, ein Arrangement mit dem Re-
grat der „Syrian Democratic Forces“, jener Truppe, die für die gime zu finden, das ihnen weiterhin Eigenständigkeit bietet.
internationale Koalition gegen den IS viele verlustreiche Ge- Erst vor Monaten gab es Verhandlungen darüber. Im Som-
fechte geführt hat. Zugleich brachten die Anti-IS-Milizionäre mer war eine kurdische Delegation in Damaskus. Nach kur-
ein beachtliches Territorium unter kurdische Kontrolle, und dischen Angaben soll jetzt Assads Patron Russland in einem
das nicht immer zur Freude der arabischen Bevölkerung. Vor Dialog vermitteln. „Die syrische Regierung wurde gebeten,
allem alarmierte dies den nördlichen Nachbarn Syriens, die während der Gespräche die Grenzen zu sichern“, sagt die
Türkei: Weil die kurdischen sogenannten Volksverteidigungs- Funktionärin Fawzia Yousif. Die Volksverteidigungskräfte
kräfte und ihre politischen Vertreter treue Kader des PKK-An- hatten Ende Dezember in einer Erklärung eine entsprechen-
führers Abdullah Öcalan sind, gelten sie der türkischen Füh- de Einladung ausgesprochen.
rung als gefährliche Feinde. Für Präsident Recep Tayyip Erdo-
gan ist die PKK eine Terrorbande, und einen Quasistaat in Sy- Im Kurdengebiet liegen die Erdölfelder
rien unter Öcalans Banner will er um jeden Preis verhindern. Das Regime kam dieser Bitte gerne nach. Die Staatspresse in-
So droht er mit einer Großoffensive, deren Vorbereitungen öf- szenierte prompt seine angebliche Rückkehr in die Stadt Man-
bidsch – auch wenn kein syrischer Soldat wirklich einen Fuß
dorthin setzte. Für den syrischen Machthaber Assad und seine
TÜRKEI Verbündeten in Moskau und in Teheran wäre eine Wiederein-
gliederung des Nordostens in sein zerstörtes Reich ein Ge-
winn. Dort liegen Erdölfelder, deren Einkünfte das Regime an-
Afrin Manbidsch gesichts der überstrapazierten Finanzen gut gebrauchen könn-
Aleppo Hassakeh te. Es hat aber derzeit keinen Zugriff, weil sie noch im Aktions-
Assadsee
Idlib IRAK radius der Amerikaner liegen. Iran könnte überdies seine stra-
E up tegische Landverbindung durch die Levante in den Libanon
Latakia
ausbauen, wenn Damaskus den Nordosten Syriens zurückbe-
h ra

Deir al Zor
SYRIEN kommt. Assad, der sich schon in der Vergangenheit geweigert
t

Homs hatte, den Forderungen nach strukturellen Änderungen nach-


SYRISCHE zukommen, dürfte einen hohen Preis verlangen, jetzt, da die
Abu Kamal
LIBANON
WÜSTE kurdisch beherrschten Regionen verwundbarer werden. Und
es ist nicht ausgemacht, dass er sich an die Vereinbarung hält,
wenn er wieder stark genug ist, sie zu brechen.
Damaskus
Junge Männer in Städten wie Manbidsch, die sich dem
Golan- Kurden Aufstand gegen den Machthaber angeschlossen hatten, fürch-
höhen Syrische Armee ten sich schon jetzt vor der Rückkehr seiner Sicherheitskräfte.
Türkische Armee und FSA 1) Und selbst jenen, die nicht zu den Feinden des Regimes zäh-
JORDANIEN Rebellengruppen len, drohte im Fall einer Übergabe an Damaskus die Zwangsre-
Quelle: syria.liveuamap.com „Islamischer Staat“ (IS) krutierung in die ausgezehrten Streitkräfte.
Stand 2.1.2019 100 km
F.A.Z.-Karte Levinger 1) Freie Syrische Armee
Christoph Ehrhardt, Beirut

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Kalter
funden und verbreitete sich vor allem in Persien. Auch junge Leute
Das persische Wort Shisha bedeutet „Flasche“. Was- rauchen Shisha;
serpfeifen stehen heute zum Privatgebrauch auch in die Drogenbeauf-

Rauch
vielen deutschen Wohnzimmern. Und Shisha-Bars tragte Marlene
finden sich schon lange nicht mehr nur in Stadtvier- Mortler sieht
teln, in denen mehrheitlich Einwanderer leben. einen „klaren
Selbst in alten, umgebauten Dorfkneipen wird heu- Aufwärtstrend“.
te oft Shisha geraucht.
In Deutschland wird immer Wie viele andere Betreiber auch muss Ali
öfter Shisha geraucht. Über die Mese seit einiger Zeit damit leben, dass die Konkur-
Gefahren der orientalischen renz härter wird, weil Shisha-Bars, wie er selbst sagt,
„wie Pilze aus dem Boden“ schießen. In Berlin sol-
Wasserpfeifen ist wenig bekannt. len es schon rund tausend sein. Zugleich beginnen
Politiker und Behörden zu verstehen, dass dieser

I
m Vorbereitungsraum der Alois-Shisha- Trend neue Gefahren für Bar-Angestellte und Kon-
Bar in Fellbach sind die Shisha-Schläuche sumenten mit sich bringt – und damit neuen Rege-
nach Geschmacksrichtungen sortiert. lungsbedarf. In Baden-Württemberg versucht die
„Traube-Minze“, „Falim-Lemon“ sowie „Sonstige“. für das Gaststättengewerbe zuständige Wirtschafts-
Unter einer metallenen Dunstabzugshaube zündet ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), durch
die studentische Aushilfskraft Özgür, der den Gäs- einen rigiden Erlass Ordnung in den relativ jungen
ten die Shishas gleich servieren will, drei kleine Koh- Zweig des Gastronomiegewerbes zu bringen. Ande-
lestücke an und wartet, bis sie glutrot durchgeglom- re Landesregierungen beschäftigen sich auch schon
men sind. Gute Shisha-Kohle wird aus Kokosnuss- mit dem Problem, beraten aber noch.
schale gemacht, weil sie eine lange Brenndauer ga- Im Südwesten gilt seit dem Herbst eine Allge-
rantiert. „Die Kohle muss richtig durchgeglüht sein. meinverfügung. Sie untersagt die Vorbereitung und
Und die Shisha-Raucher sollten gut gegessen und ge- den Verkauf von Shishas in allen normalen Gaststät-
trunken haben, dann kann nicht viel passieren“, ten. Bars, die Shishas anbieten, müssen jetzt vor al-
sagt Ali Mese, der die Bar vor sieben Jahren eröffnet lem wegen der Gefahr von Kohlenmonoxid-Vergif-
hat. Davor arbeitete der Türke im Daimler-Werk in tungen hohe Auflagen erfüllen. Das geruchlose Gas
Untertürkheim. Als der Konzern eine großzügige wird beim Verschmelzen des Tabaks in den Wasser-
Abfindung anbot, entschloss er sich, am deutschen pfeifen freigesetzt. Shisha-Bars müssen eigens eine
Wasserpfeifen-Boom teilzuhaben. Diese Art des Ta- Lüftungsanlage einbauen, um sicherzustellen, dass
Foto Getty

bakrauchens wurde im 16. Jahrhundert in Indien er- die Konzentration von Kohlenmonoxid nicht über

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dem erforderlichen Grenzwert liegt. Die Anlage Uwe Stedtler, stellvertretender Leiter der Ver-
muss so gut sein, dass pro Shisha und Stunde 130 Ku- giftungs-Informations-Zentrale (VIZ), berichtet
bikmeter Luft nach außen befördert werden kön- von zahlreichen Fragen in telefonischen Beratungs-
nen. In den Vorbereitungsräumen, wo die Kohle an- gesprächen: „Wir hatten im Jahr 2018 elf Anfragen
geheizt wird, muss es einen zusätzlichen Dunst- zur Inhalation von Shisha-Rauch, davon vier, bei de-
abzug geben. Shisha-Bars sollten künftig außerdem nen explizit das Kohlenmonoxid als Problem und
mit mehreren Kohlenmonoxid-Warnmeldern ausge- wichtigstes Gift dokumentiert worden ist.“ Der Me-
stattet sein, die regelmäßig kontrolliert werden müs- diziner betont, dass die Inhalation von Kohlenmo-
sen. Schwangere, Menschen mit Herz-Kreislauf-Er- noxid keineswegs die einzige Gefahr darstellt: „Der
krankungen sowie Minderjährige müssen durch ein Rauch aus Shisha-Pfeifen ist wie Zigarettenrauch
Schild am Eingang vor den Gefahren der Kohlen- auch ein komplexes Gemisch potentiell schädlicher
stoffmonoxid-Emission gewarnt werden. Inhaltsstoffe. Beim regelmäßigen Shisha-Rauchen
wird auch krebserregender Teer inhaliert. Der Shi-
Deutlich höhere Nikotinaufnahme sha-Rauch enthält außerdem flüchtige organische
Nach Auffassung des Ministeriums sind Gäste und Substanzen wie Formaldehyd und Acrolein, die aku-
Shisha-Barkeeper ohne diese Maßnahmen einer „er- te Atemwegsreizungen, Husten und auch chroni-
heblichen Gefahr“ ausgesetzt, sie können im sche Lungenschäden verursachen können.“
schlimmsten Fall eine Kohlenmonoxid-Vergiftung Medizinisch sind die Langzeitfolgen des Shi-
erleiden, die zum Tod führen kann. Das geruchlose sha-Rauchens noch unzureichend erforscht. Wahr-
Kohlenmonoxid mindert die Bindungsfähigkeit des scheinlich ist das Rauchen der Shisha sogar gefährli-
Hämoglobins für Sauerstoff, zusätzlich verlangsamt cher als das einer Zigarette: Weil der Rauch durch
sich durch das Kohlenmonoxid die Aufnahme von das Wasser abgekühlt wird, liegen viele Giftstoffe
Sauerstoff im Blut. Schon geringe Mengen Kohlen- im Rauch als Aerosole vor, sie können somit besser
monoxid reichen aus, um die Sauerstoffaufnahme in die feinen Lungenbläschen vordringen. Und weil
gefährlich einzuschränken. Außerdem dauert es Wo- der Rauch kälter ist, wird er tiefer inhaliert. Die
chen, bis sich die Sauerstoffaufnahme nach einer Behauptung, das Wasser entgifte den Tabakrauch,
kurzfristigen hohen Kohlenmonoxid-Aufnahme ist eine schöne Mär. Die Nikotinaufnahme ist für
wieder normalisiert. In Hamburg soll es zwischen den Shisha-Raucher möglicherweise sogar hundert-
2015 und 2018 etwa zwanzig schwere Kohlenmono- mal höher als beim Rauchen einer Zigarette. Nach
xid-Vergiftungen gegeben haben, in Nordrhein- Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation
Westfalen berichteten Toxikologen des Universitäts- (WHO) entspricht die inhalierte Rauchmenge bei
klinikums Düsseldorf von 40 Patienten mit Kohlen- einer Shisha-Sitzung der von etwa 100 Zigaretten.
monoxid-Vergiftungen. Die dem Shisha-Tabak zugesetzten Aromastoffe
Auch Ali Mese in Fellbach bekam schon zwei- können außerdem Kontaktallergien hervorrufen.
mal Besuch vom Ordnungsamt. Beim ersten Be- Die Wirkung der Befeuchtungsmittel, mit denen
Das Gerücht, such wurden eine zu schwache Entlüftungsanlage der Shisha-Tabak ebenfalls angereichert wird, ist we-
dass das Wasser und die fehlenden Kohlenmonoxid-Warnmelder nig erforscht. Durch den Schwelprozess des Tabaks
in den Shishas moniert. „Ich habe die Melder nachgerüstet und auf der Shisha-Kohle entstehen 3600 bis 4000 Stoffe;
Giftstoffe heraus- eine zweite Entlüftungsanlage eingebaut“, sagt etwa 70 stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.
filtere, hält Mese. „Beim zweiten Besuch stimmten die Werte Schlecht desinfizierte Shisha-Schläuche oder
sich hartnäckig. zum Glück, die haben sehr gründlich gemessen.“ schmutzige Mundstücke bergen zudem ein Infekti-
onsrisiko. Deutsche Bakteriologen untersuchten vor
acht Jahren Shisha-Schläuche mit einer Stichprobe:
45 Prozent waren stark mit Keimen kontaminiert.
Etwa die Hälfte aller deutschen Zehntklässler
gab nach einer Studie der Krankenkasse DAK an,
schon einmal an einer Wasserpfeife gezogen zu ha-
ben. Etwa ein Viertel aller Jugendlichen mit Migrati-
onshintergrund raucht regelmäßig Shisha. Der Erlass
zur besseren Belüftung von Gasträumen zur Verhin-
derung von Kohlenmonoxid-Vergiftungen, wie er in
Baden-Württemberg beschlossen wurde und in ande-
ren Bundesländern erwogen wird, kann nur ein ers-
ter Schritt sein. Auf die Sozial- und Gesundheitsmi-
nister in Bund und Ländern kommt viel Arbeit zu –
vor allem bei der Aufklärung der Bevölkerung.

Rüdiger Soldt, Stuttgart

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Politik 27

N Auch du,
ach ihrem überra- listen haben sich in Portugal noch
schenden Erfolg in An- nicht formiert, wo in diesem Jahr
dalusien traut sich die ebenfalls Wahlen anstehen.

Spanien
Partei „Vox“ in Spanien alles zu. Bis Die spanische Vox-Partei ver-
Anfang Dezember schienen Rechts- dankt ihren Aufstieg der Eskalation
populisten in Spanien keine Chance des Katalonien-Konflikts. Für ihre
zu haben. Doch ausgerechnet im Anhänger sind katalanische Politi-
Stammland der Sozialisten (PSOE) ker wie Carles Puigdemont und sein
feierte die Splitterpartei ihren bisher Rechtspopulisten spielten Nachfolger Quim Torra Erzfeinde
größten Triumph: Aus dem Stand ge- auf der Iberischen Halbinsel Spaniens. Vox verlangt, die „Einheit
wann sie im Dezember zwölf Sitze. lange keine Rolle. Das Spaniens“ mit allen Mitteln zu ver-
Im andalusischen Regionalparla- teidigen. So solle Madrid die katala-
ment in Sevilla führt seitdem an könnte sich jetzt ändern. nische Autonomie bis zur „vollstän-
„Vox“ politisch kein Weg mehr vor- digen Niederlage des Staatsstreichs“
bei. Seit einer Woche ist die Partei im aussetzen, wie es im Hundert-Punk-
Präsidium des Regionalparlaments te-Programm heißt. Vox will einen
vertreten. Und am 16. Januar hängt starken Zentralstaat. Die sozialisti-
es von den Rechtspopulisten ab, ob sche Partei des spanischen Minister-
es in Andalusien zu einer kleinen Re- präsidenten Pedro Sánchez verlor in
volution kommt: Die größte autono- Andalusien auch deshalb viele Stim-
me Region Spaniens soll dann zum men, weil ihre konservativen Mit-
ersten Mal in ihrer Geschichte mit glieder die Regierung in Madrid für
Juan Manuel Moreno von der Volks- zu nachgiebig gegenüber den Separa-
partei (Partido Popular, PP) einen tisten hält. Nur mit ihren Stimmen
konservativen Regierungschef erhal- wurde Sánchez im vergangenen Juni
ten – seit Anfang der achtziger Jahre Regierungschef.
hatten die Sozialisten die größte Regi- In Andalusien spielte zudem
on Spaniens fest im Griff. der ständig wachsende Zustrom von
Siegestrunken kündigte die Migranten aus Afrika eine Rolle.
Vox-Führung an, von Sevilla und Mehr als 62 000 Menschen kamen
Córdoba aus die „Reconquista“, die 2018 nach Spanien – so viele wie nie
„Rückeroberung“ ganz Spaniens zu zuvor. Die meisten von ihnen lande-
beginnen – Reconquista ist das spani- ten an den andalusischen Küsten,
sche Wort für den Sieg der katholi- Der Vox-Vorsitzende Santiago Abasca (links) wo zum Beispiel in der Provinz Al-
schen Könige über die muslimi- und der andalusische Vox-Kandidat mería Vox besonders erfolgreich
schen Mauren Ende des 15. Jahrhun- Francisco Serrano Castro nach dem Wahlerfolg war. Vox verlangt, eine Mauer um
derts. Im Mai stehen in Spanien im Dezember die spanischen Nordafrika-Exklaven
Kommunal-, Regional- und Europa- Ceuta und Melilla zu bauen sowie
wahlen an. Vox hofft, an die andalusi- die Reisefreiheit im Schengen-
sche Überraschung anzuknüpfen, die Meinungsforscher nicht Raum auszusetzen. Erste Kontakte hat Vox schon zu Steve Ban-
vorhergesagt hatten. Möglicherweise gibt es im neuen Jahr non geknüpft, dem früheren Wahlkampfleiter und Chefstrate-
auch noch vorgezogene Parlamentswahlen. Bis vor kurzem hat- gen von Donald Trump, der „rechte Nationalpopulisten“ aller
te die im Jahr 2013 von unzufriedenen PP-Mitgliedern gegrün- Länder vereinigen will.
dete Vox-Partei, die versprach, Spanien „wieder groß zu ma- Spätestens in den Wahlen im Mai wird sich zeigen, ob die
chen“, politisch noch ein Schattendasein gefristet. In der Parla- Rechtspopulisten im Rest Spaniens Fuß fassen können. In An-
mentswahl 2016 erhielt sie nur 0,2 Prozent der Stimmen. dalusien zögerten die konservative Volkspartei (PP) und die li-
berale Ciudadanos-Partei nicht und suchen die Zusammenar-
Zustrom von Migranten stärkt Vox-Partei beit mit den Rechtspopulisten. Mit ihrem Erstarken fragmen-
Bis zur Wahl in Andalusien erklärten Politikwissenschaftler das tiert sich das spanische Parteiensystem weiter. Jahrzehntelang
mit der „iberischen Ausnahme“. Als wichtigsten Grund nann- wechselten sich PP und Sozialisten in Madrid an der Regierung
ten sie die Jahre der Diktatur, die erst 1975 mit dem Tod von ab. Aber sie haben längst keine eigenen Mehrheiten mehr. Die
Francisco Franco zu Ende gegangen war. Etwa die Hälfte der Ciudadanos-Partei und die Linkspopulisten von Podemos sind
Spanier hat die Franco-Herrschaft noch miterlebt, die nationa- erst wenige Jahre alt und haben schon einen festen Platz in der
le Symbole und Slogans für ihre Zwecke nutzte. Nun gilt diese Parteienlandschaft. Vox könnte laut einer Anfang Januar veröf-
Ausnahme nur noch für das Nachbarland Portugal. Wie in Spa- fentlichten Umfrage in nationalen Wahlen mehr als zehn Pro-
Fotos dpa, Reuters

nien herrschte dort bis zur Nelkenrevolution 1974 eine Rechts- zent der Stimmen erhalten, ähnlich viel wie in Andalusien.
diktatur. Heute ist in Lissabon eine sozialistische Minderheitsre-
gierung im Amt, die zwei Linksparteien tolerieren; Rechtspopu- Hans-Christian Rößler, Madrid

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Feuerland A
ls hier noch Elefanten lebten, war es einfacher.“
Connis Matewere sagt es mit dem nüchternen
Bedauern einer Landwirtin, die tüchtige Unter-
stützer verloren hat. Für sie waren die gewaltigen Tiere, die vor
Malawi war nicht nur ein Vorzeigeland wenigen Jahren noch frei durch die Wald- und Steppenland-
schaft im südlichen Malawi zogen, eine Art Ordnungsfaktor –
in Afrika, sondern auch ein hier, unweit der Distrikthauptstadt Mangochi, wo der riesige
Geheimtipp für Touristen. Doch der Malawi-See endet und die Grenze zum Nachbarland Moçam-
Klimawandel verändert alles. bique nahe ist. Holzdiebe und Betreiber illegaler Holzkohlemei-
ler mieden die Region wegen der Elefanten, denn die tonnen-
schweren Kolosse verjagten die menschlichen Störenfriede.
Normalerweise sind Afrikaner eher schlecht auf das
größte Landsäugetier zu sprechen. Nach nächtlichen Besu-
chen von Elefanten bleiben oft zertrampelte Ernten zurück,
und auch wer tagsüber einem Elefanten begegnet, sucht besser
das Weite. Immer wieder kommen Menschen bei Begegnun-
gen mit Elefanten zu Tode. 520 der Tiere wurden darum im
Jahr 2017 in das Landesinnere umgesiedelt, darunter auch die
120 Tiere aus der Region im Süden. Die resolute Chefin des

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Politik 29

Eine Plackerei, Forstkomitees aus dem Flecken Chiwalo Kamuzu Banda, der das Land in die Unabhängigkeit führte
die ganze Tage in seufzt. Nun müssen sie und ihre Mitstrei- und diktatorisch über Jahrzehnte regierte, trat als Greis 1994 wi-
Anspruch nimmt: ter regelmäßig Patrouille gehen und zei- derstandslos ab, nachdem er in einer demokratischen Wahl un-
Holzsammlerin im gen, dass niemand hier einfach Bäume terlegen war. In Reiseführern wird Malawi als Geheimtipp ge-
Süden Malawis fällen und daraus Holzkohle herstellen führt. Es ist landschaftlich vielfältig, mitunter atemberaubend
darf. Am Ende der Trockenzeit wirkt schön und für Touristen vergleichsweise unkompliziert. Nach
das südliche Malawi wie mit wenigen weichen Pastellfarben wie vor leben vier Fünftel der Einwohner auf dem Land.
gezeichnet. Ockerfarbene Erdtöne sind von Einsprengseln
gelblichen Grases durchsetzt. Aus der trockenen Erde sprie- Immer rascherer Verlust der Lebensgrundlagen
ßen dicke grüne Stengel mit einer Vitalität, die Afrikas Natur Doch vor diesem ruhigen Hintergrund sind die Folgen von
so einzigartig macht. Zarte Grüntupfer in den Bäumen kündi- Überbevölkerung, Klimawandel und nachlässiger Regierungs-
gen das Wachstum der Natur an. Darüber spannt sich ein führung umso deutlicher abzulesen. Malawi verliert mit zu-
sanft-blauer Himmel. Die Landschaft wäre von herbem Reiz, nehmender Geschwindigkeit seine Lebensgrundlage. Men-
würde sie nicht immer wieder an ein verlassenes Schlachtfeld schen wie Connis Matewere und ihre Mitstreiter versuchen,
erinnern. Überall ragen Baumstümpfe wie abgebrochene, fau- die malawische Forstbehörde zu unterstützen, der das Perso-
le Zähne aus dem Boden. Am Wegesrand sind ausgeblichene nal fehlt, um die Wälder zu kontrollieren. Eingebunden ist
Stämme zurückgeblieben, wo Holzdiebe bei ihrer Arbeit ge- das in ein Projekt der Deutschen Welthungerhilfe, den Forst
stört wurden. Selbst das Flussbett ist ausgetrocknet und vol- nachhaltig zu nutzen – als Holzlieferant und Schattenspender
ler Gestrüpp. Das Unterholz ist rußverschmiert wegen der für Gemüse- und Pflanzenfelder. Zwar hat auch der malawi-
zahlreichen Buschfeuer, die von Menschen gelegt wurden, sche Staat solche Konzepte – aber nicht die Kapazität, sie in
um Tiere bis hin zu Mäusen zu jagen, die mancherorts als De- die Tat umzusetzen.
likatesse gelten. Afrikaner sind geschult im Umgang mit Europäern, und
in Malawi hat man rasch gelernt, dem Klimawandel viele Übel
Selbst die alten Baobab-Bäume sind in Gefahr zuzuschreiben. Idon Chadzuka, der am Ufersaum des Malawi-
„Unser Leben hat sich in den vergangenen Jahren völlig verän- Sees auf einem traditionellen Einbaum sitzt, klagt über den zu-
dert“, sagt Connis Matewere. Grund sei der Klimawandel. In rückgehenden Fischbestand in dem fast 600 Kilometer langen
dem von Landwirtschaft geprägten Land hat er unmittelbare und etwa 80 Kilometer breiten Süßwassersee. Zunächst macht
Folgen. Die Gewissheit gilt nicht mehr, dass man mit dem No- der 54 Jahre alte Vorsitzende einer lokalen Fischervereinigung
vember-Regen pflanzen und im April des Folgejahres ernten den Klimawandel dafür verantwortlich. Doch dann gibt er zu,
kann. Mal bleibt der Regen aus, mal kommt er mit der Kraft dass auch der Mensch durch Überfischung seinen Teil dazu
einer Sintflut und spült die Keimlinge mit sich fort. Mal beigetragen habe. Heutzutage sei es so-
wächst der Mais bis zur Höhe der Hüfte, und dann setzt plötz- Eine andere Arbeit gar schwer geworden, kleine Köder-
lich Trockenheit ein. Der Grundwasserspiegel sinkt, und selbst gibt es hier nicht: fische zu fangen, geschweige denn die
die großen Baobab-Bäume sind in Gefahr. Das ist ein Symbol, Holzkohleförderer großen Tiere. Mitunter werde mit engen
denn viele dieser Bäume sind über 2000 Jahre alt und eigent- an einem illegalen Moskitonetzen selbst die Brut noch aus
lich imstande, bis zu 150 000 Liter Wasser zu speichern, wenn Meiler in Kachala dem Wasser gefischt, berichtet er. Hinter
ihre Wurzeln nur das Grundwasser erreichen.
Und dann ist da der Mensch. Seit 1950 hat sich die Bevöl-
kerung Malawis auf fast 18 Millionen Bewohner versechsfacht.
„Überall sind Menschen“, sagt die 52 Jahre alte Connis Mate-
were. „Und überall wurden Felder angelegt. Wir haben keine
Wälder mehr.“ Dabei sind es die Bäume, die mit ihren Blät-
tern den Boden vor dem Austrocknen schützen und deren
Wurzeln die Erde festhalten. Fehlen sie, spült Regen die Kru-
me fort. Tiefe Erosionskanäle zerteilen die Felder. Das Sam-
meln von Feuerholz wird zur Plackerei, die einen ganzen Ar-
beitstag kostet. Hinzu kam 2017 noch ein Schädling, der in
Afrika „Army Worm“ genannt wird – auf Deutsch „Heer-
wurm“. Wie Eroberer machen die Raupen sich über die Felder
her und ziehen weiter, wenn sie abgefressen sind. In 20 der 28
Distrikte Malawis wurde wegen der Schädlingsplage der Kata-
strophenzustand ausgerufen. 350 000 der 800 000 Einwohner
waren im Distrikt Mangochi von Hunger und Mangelernäh-
rung betroffen.
Malawi hatte bisher nie für die negativen Schlagzeilen ge-
sorgt, die Afrika sonst regelmäßig liefert. Die Menschen sind
von überwältigender Freundlichkeit, ethnische Spannungen
sind unbekannt. Bürgerkriege hat es hier nie gegeben. Hastings

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30 Politik

der Uferböschung lag vor wenigen Jahren noch ein umgerechnet fünf Euro verdient. Wer aber von der Forstbehör-
sumpfiger Ausläufer des Sees. In diesem Flachwasser, de gefasst wird, hat nicht nur die Ladung, sondern auch sein
von kleinen Grasinseln durchsetzt, fanden die Jung- Fahrrad verloren. Ein Verlust, der mit umgerechnet fast 60
fische einen natürlichen Schutz. Durch Austrocknung je- Euro zu Buche schlägt und praktisch den Ruin bedeutet. Die
doch verlandete die weite Fläche völlig. Irene Pathiwi, jungen Männer sind zwischen 22 und 29 Jahre alt, alle Famili-
eine Bäuerin aus der Nachbarschaft, führt die Besucher enväter, und sie berichten, es gebe keine andere Arbeit. Sie
auf ein Gemüsefeld und dreht sich mit ausgestreckten stammen aus dem Ort Kachala, der berüchtigt ist für seine
Armen im Kreis. „Hier überall war Wasser“, sagt die 60 Meiler und sein landesweites Vertriebssystem.
Jahre alte Frau. Nichts erinnert heute mehr daran.
Die Fischer klagen, dass es zwischen November und Fe- Hunderte illegale Holzkohlemeiler
bruar zwar ein Fisch- und Fangverbot gebe, um die Bestände Abgeholzte Hügel säumen den Weg in das Dorf. Unweit der
nicht völlig zu verlieren, dies aber nicht beachtet werde. Die Straße liegt in Kachala der Meiler von Tingo Marupia. Der
Behörden kontrollierten unregelmäßig, wenn überhaupt. Hang ist strategisch gewählt: so, dass die großen Bäume gefällt
Mancher Bauer, dessen Saat vertrocknet sei, fange nun illegal und zum Ofen hin gerollt werden konnten. Mechanische Hilfs-
Fische. Tatsächlich bieten entlang der Hauptverkehrsstraße mittel wie Flaschenzüge, Motorsägen oder Gestelle sind hier
junge Burschen den Autofahrern größere Barsche oder Welse nicht auszumachen. Die Menschen arbeiten mit Äxten, Ha-
cken, Rechen und Spaten. Wird eine Erdschicht abgetragen,
weil das Holz verkohlt ist, besprengen die Männer den Brenn-
stoff mit Wasser aus Gießkannen und Schüsseln. So archaisch
die Arbeit in Hitze und Rauch ist, so routiniert sind die Helfer.
Die aufgesammelte Kohle wird in geflochtene Gestelle geschüt-
tet und mit Sackleinen umhüllt. Dann ist sie transportbereit.
Seit zehn Jahren ernährt der 42 Jahre alte Tingo Marupia
seine Familie auf diese Weise, und mit ihm arbeiten acht Dorf-
bewohner, die ebenfalls Meiler besitzen. So hilft jeder jedem.
Bryson Bwandi ist eine Art lokaler Anführer der Köhler. Er
klingt wie ein Manager, der fast schon routinemäßig beklagt,
wie schwer die – ungesetzlichen – Geschäfte geworden seien
und wie gering der Gewinn, den sie abwerfen. Ob er nicht wis-
se, dass er die Zukunft seiner Kinder gefährde und deren Le-
bensgrundlage zerstöre, wird er gefragt. „Wir tun das heute
für uns und unsere Kinder“, sagt er. Die Menschen hätten kei-
ne andere Möglichkeit, um Geld zu verdienen.
Leonhard Kamangadazi ist der Chef des Forstdistrikts,
und er kennt ihn wie seine sprichwörtliche Westentasche. Mit
vier Mitarbeitern soll er ein Gebiet von etwa 160 Quadratkilo-
metern kontrollieren. Es gebe die richtigen Gesetze und Stra-
tegien im Land, doch sie würden nicht umgesetzt, sagt er.
Auch Johannes Kaltenbach von der Welthungerhilfe sieht das
an, und auf großen Gestellen glänzen Umgerechnet fünf so. Es gebe eine nationale Holzkohlestrategie, die weit ins
Hunderte kleiner silberner Fischleiber Euro verdienen die nächste Jahrzehnt reiche – nur für die Durchsetzung der Plä-
beim Trocknen in der Sonne. Männer für drei ne werde zu wenig getan. Malawi verliert mittlerweile Jahr für
Wer von Mangochi aus Richtung Sack Holzkohle in Jahr drei Prozent seiner Waldfläche, und viele haben die Holz-
Lilongwe fährt, der zweitgrößten Stadt der Hauptstadt. verkohlung zum dauerhaften Job gemacht. Warum denn
des Landes, wird mit der Abwesenheit überhaupt mit Holzkohle gehandelt werde? „Wir haben nicht
des Staates auf Schritt und Tritt konfrontiert. Sanft steigt die 24 Stunden Elektrizität am Tag“, entgegnet der malawische
Straße an und erklimmt einen Höhenzug. Die Landschaft Forstwirt. Häufig und vor allem in der Regenzeit falle der
leuchtet in den gewohnten Ockertönen. Schon von weitem er- Strom aus. Die Holzkohle sei ein ständig verfügbarer und ver-
kennt man wie irrlichternde Punkte auf der ansteigenden Stra- lässlicher Energieträger.
ße Lastenradfahrer, die Holzkohle transportieren. Sie stammt Es habe auch Zeiten gegeben, da sei es einfacher gewe-
aus Hunderten illegalen Meilern im Bergland und ist in Säcke sen, den Wald zu schützen, sagt Kamangadazi. „Aber dann
aus weißem Plastikgewebe gefüllt, jeder etwa 35 Kilo schwer. kam dieser Aufschrei.“ Er rollt mit den Augen und spricht von
Häufig steigen die Kuriere ab und schieben die Räder. Mit denen, die sich von den frei laufenden Elefanten bedroht ge-
dem allerersten Morgenlicht gegen 5 Uhr sind die Radler auf- fühlt hätten. Nun seien die Tiere fort. Sicher, auch Elefanten
gebrochen. Sie leisten Schwerstarbeit, denn selbst im Schatten fügten den Bäumen Schaden zu. Aber nicht in dem Ausmaß,
erreichen die Temperaturen rasch 30 Grad. in dem es jetzt die Menschen tun.
Bereitwillig geben die Männer Auskunft. Wer drei Säcke
Holzkohle in der Distrikthauptstadt Mangochi verkauft, hat Peter Pauls, Mangochi (Text und Fotos)

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Unterdessen in 31

Leipzig

Gewalt gegen
Sachen
Vermummte Gewalttäter haben in
Leipzig den Jahreswechsel genutzt,

Mächtiger Mentor
um in Teilen der Stadt Chaos zu
stiften. 50 bis 60 Angreifer nah-
men eine Villa im Südwesten der
Stadt ins Visier, in der der 5. Straf-
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ist keiner, der schnell senat des Bundesgerichtshofs ange-
aufgibt. Besonders, wenn er für Parteifreunde kämpft. siedelt ist. Sie schlugen die Fenster-
scheiben der ehemaligen Indus-
triellenvilla ein und versuchten,

W
olfgang Schäuble (unser Bild) wird im Spätsommer dieses Jahres 77 Jah- die Eingangstür anzuzünden. Zu-
re alt. Am regulären Ende dieser Legislaturperiode im Herbst 2021 wird vor hatten sie in der Nähe Barrika-
ihm nur noch ein Jahr fehlen, dann wäre er ein halbes Jahrhundert lang den errichtet und spitze Gegen-
ununterbrochen Mitglied des Deutschen Bundestages. Sein CDU-Parteibuch stammt stände auf der Straße verteilt. Im-
aus dem Jahr 1965. Schäuble ist der längstgediente Abgeordnete des obersten deutschen mer wieder kommt es in Leipzig
Parlaments, ihn als den erfahrensten zu bezeichnen ist zwar nicht objektiv messbar, wür- zu politisch motivierten Sachbe-
de aber wohl kaum bestritten werden. schädigungen. Vor allem im links-
In Zeiten, da ganze Generationen den Begriff Work-Life-Balance nutzen, um das alternativ geprägten Stadtteil Con-
Berufsleben nicht zu viel Herrschaft über das Private gewinnen zu lassen, wirkt Schäub- newitz und der Südvorstadt wer-
le wie aus der Art gefallen. Für ihn ist das Gleichgewicht zwischen politischer Arbeit den Geschäfte, Autos und Gebäu-
und seinem Leben vermutlich relativ leicht herzustellen, weil er den Eindruck erweckt, de kleinerer Firmen angegriffen,
dass sich beides sehr weit überschneidet. Schäuble ist mit Leib und Seele Politiker. die große Konzerne beliefern.
Er macht daraus kein Gesetz, sagte er kürzlich in der F.A.Z., es müsse ja nicht je- Auch Behörden werden zur Ziel-
der so machen wie er: mit 30 in den Bundestag einziehen und mit 76 immer noch drin scheibe. So gab es etwa 2017 einen
sitzen. Er sagte das in einem Interview, in dem er dafür warb, dass Friedrich Merz Partei- Brandanschlag auf ein Jobcenter.
vorsitzender der CDU werde. Schäuble scheint es sich zur Aufgabe, zur Herausforde- „Es geht darum, Institutionen zu
rung gemacht zu haben, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Merz auf einen ein- treffen, die für das Establishment
flussreichen Posten zu bringen, und der wirkmächtigste ist immer noch der des Bundes- stehen“, sagte ein Sprecher des
kanzlers. Ihm selbst war dieser Schritt nicht vergönnt. Helmut Kohl, dem er lange und sächsischen Landeskriminalamtes
loyal diente, tat nicht, was erforderlich gewesen wäre, um ihn zum Kanzler zu machen. der F.A.Z. Woche. Das Aggressions-
Schäuble, der seit 1990 durch ein Attentat gelähmt ist, reagierte auf Kohls Verhalten potential von rechts wie auch von
nicht in der Art, dass er mit der Politik gebrochen hätte. Selbst als ihn die Parteispenden- links sei gestiegen – auch, weil bei-
affäre nach nur kurzer Zeit sein Amt als CDU-Vorsitzender kostete, schmiss er nicht de Lager im Zuge der verschärften
hin, sondern kämpfte weiter. Einwanderungsdebatte stärker in
Noch in der vorigen Legislaturperiode galt Wolfgang Schäuble als derjenige, der zu- die Öffentlichkeit gedrängt seien,
mindest bis zur nächsten Wahl das Kanzleramt hätte übernehmen können, wenn Amts- etwa mit Demonstrationen. Um
inhaberin Angela Merkel überraschend ausgeschieden wäre. Doch nun, da die Verhältnis- seine Aktivitäten gegen politischen
se an der CDU-Spitze durch die Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers zur Vorsitzenden Extremismus jeder Spielart zu bün-
so geregelt sind, dass diese wohl den Zugriff aufs Kanzleramt hätte, sollte überraschend deln, hat das LKA 2017 ein neues
gehandelt werden müssen, sind Schäubles letzte Aussichten vermutlich dahin. Daher mobiles Abwehrzentrum geschaf-
kämpft er – Interview für Interview – für Merz und für den Fall, dass nicht überraschend, fen. Dieses hat nun auch im Fall
sondern erst in eineinhalb oder zwei Jahren über die Kanzlerkandidatur entschieden wer- der Leipziger Silvesternacht die Er-
den muss. Der Gedanke ans Aufgeben scheint Schäuble vollkommen fremd. mittlungen übernommen.
Foto Imago

Eckart Lohse, Berlin Christoph Strauch

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Gesellschaft

Macht hier etwa jemand Diät? Mehr rauchen, um weniger zu essen, ist auch keine Lösung.

„Nicht zu hart mit sich


selbst sein“
Voller guter Vorsätze starten viele ins neue Jahr – und scheitern.
Wie hält man durch? Ein Gespräch mit dem Psychologen Sebastian Bartoschek
über das Seelenleben des inneren Schweinehunds.

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Herr Bartoschek, zu Neujahr 2018 schädlich sind. Da darf man nicht zu Anfangsphase der Diät zudem: Was wür-
hatten Sie sich vorgenommen hart zu sich selbst sein, wenn man sich de dir denn jetzt guttun? Typisch Psycho-
abzunehmen. Hat das geklappt? einen weniger schädlichen Ersatz sucht. loge, aber genau die richtige Frage.
Ja, aber ganz anders als geplant. Ich Wir sind keine Heiligen, und irgendein
habe anfangs damit ein bisschen rumge- Ventil braucht man. Ich kenne viele, die Und was hat Ihnen gutgetan?
eiert, dann hatte ich eine Lebervergif- sich exzessiv in Sport werfen. Ich war mehr draußen unterwegs und
tung, und der Arzt sagte mir: Schön, machte Fotos von Gebäuden. Man sollte
dass Sie abnehmen wollen, jetzt müssen Helfen Fitnessapps, am Ball zu sich öfter bewusst machen: Was macht
Sie. Er verschrieb mir eine Low-Carb- bleiben? mir Spaß, und nehme ich mir die Zeit
Diät. Ich habe tatsächlich zwölf Kilo ab- Ich war früher gläubiger Katholik, da dafür? Ich habe angefangen, bewusster
genommen innerhalb von zweieinhalb geht man regelmäßig beichten. Dabei auf dem Handy zu spielen. Das macht
Monaten. bekommen Sie mit, was Sie sich vorge- man oft nebenher und vor allem gern in
nommen und nicht gepackt haben. Im sozial geächteten Kontexten, zum Bei-
Wie sinnvoll sind Neujahrsvorsätze Prinzip sind diese ganzen Tracking- spiel am Tisch mit der Familie. Da nervt
überhaupt? Apps nichts anderes als eine Minibeich- es. Meine Erkenntnis aus diesem Jahr –
Aus psychologischer Sicht wäre es bes- te. Über eine Schlaf-App habe ich zum ich hatte durch die Erkrankung viel Zeit
ser, sich am 1. Januar ganz allgemein sei- Beispiel erfahren, dass sich mein Herz- zum Nachdenken – die Zeit, die ich
ne guten Vorsätze zu machen, sich dann schlag, wenn ich Alkohol trinke, nachts habe, möchte ich wirklich da sein. Das
aber eine Woche später noch einmal in nicht sonderlich beruhigt. So etwas zu klingt etwas nach dem ganzen Achtsam-
Ruhe hinzusetzen und durchzugehen, lernen und regelmäßig über die Mess- keitsgedöns, das seit ein paar Jahren wie-
der die ganz große Nummer ist. Das ist
was man wirklich ernst meint. werte zu schauen, das hätten die Jesui-
nichts Neues, aber es ist etwas dran: Sich
ten wohl Gewissenserforschung ge-
bewusstmachen, was man tut, ist eine
Wie viele Vorsätze sollten am Ende nannt.
gute Strategie. Meistens sind wir mit
auf der Liste stehen?
dem Kopf schon beim nächsten Ding
Aus der Arbeitspsychologie wissen wir, Aber mit modernen Mitteln.
und am Ende hat man das Gefühl,
dass wenige, aber dafür klar formulierte Und ohne, dass man eine dritte Person
nichts so richtig gemacht zu haben.
Ziele sinnvoll sind. Mehr als drei, vier dazuholen muss. Und wenn wir beim
Ziele sollte man sich nicht setzen, diese Beispiel Abnehmen bleiben, da heißt es Klingt wie ein Plädoyer gegen
aber sehr spezifisch und konkret ma- immer, man solle nicht jeden Tag auf die das berühmte Multitasking.
chen und einen klaren Zeitrahmen ab- Waage steigen. Ich aber habe mich da Genau das. Das ist leider Teil unserer Ar-
stecken. gar nicht dran gehalten, bin eher ein Da- beitskultur. Ich habe mir vorgenom-
tenfetischist, wie so einige heutzutage. men, bewusst bei der Sache zu sein.
Wie sollte man mit Kollegen Ich habe eine Smartwatch und die mit
und Freunden umgehen, die sagen: meiner Waage gekoppelt. Zudem jeden Was sind Ihre Vorsätze für 2019?
Das schaffst du eh nicht? Tag Blutdruck gemessen und alles im Ich will regelmäßige Feierabende haben
Das muss man aushalten können. Mein iPhone notiert. Ich habe mich daran er- und jedes zweite Wochenende frei. Bis-
Schwiegervater sagte immer wieder: götzt, diese Kurve zu sehen, die von Tag her habe ich immer gesagt, ich will je-
Lass uns zusammen laufen gehen, das zu Tag runterging. des Wochenende freihaben, oder der
ist doch besser als Tennis. Aber man Sonntag gehört der Familie. Ich bin seit
braucht sich nichts vormachen. Ich mag Gibt es psychologische Tricks, zwei Jahren regelmäßig daran geschei-
laufen nicht, ich brauche eben einen um Vorsätze wie das Abnehmen tert. Deshalb ist das neue realistische
Ball. Das hab ich ihm so gesagt. Dafür länger durchzuhalten? Ziel: zwei Wochenende im Monat. Da
wurde ich belächelt. Aber das Belächeln Das Hauptproblem ist dabei die erste weiß ich, das kann ich mit der Arbeit so
von anderen über die eigene Zielsetzung Phase der unglaublichen Unzufrieden- geschoben bekommen, dass es klappt.
muss man ignorieren. heit. In meinem Büro bin ich umgeben Und ich will mehr Zeit mit den Kindern
von Psychologen. Ich habe also allen haben.
Wie steht es mit Ersatzdrogen? klargemacht, dass ich Diät mache und
Raucher, die aufhören wollen, eventuell schlechtgelaunt bin und dass Die Fragen stellte Maria Wiesner.
erzählen oft, dass sie mehr essen. es nichts mit ihnen zu tun hat. Man
Ich arbeite seit 19 Jahren mit Alkoholi- weiß aus der Psychologie, dass es etwas
kern und kann klar sagen: Das ist so. bringt, die wahrgenommene Kontrolle Sebastian Bartoschek
Fotos Christine Klein, Christine Ruthenfranz

Wenn man eine Suchtdisposition hat, durch andere Leute zu erhöhen. Und ich
dann steigt man auf so etwas ein. Man habe mir durch diese Vorwarnung die Sebastian Bartoschek ist
will etwas angenehmes vermehren. In ganzen Sprüche geschenkt, die man promovierter Diplom-
dem Moment, wo man davon weggeht, sonst bekommt wie: „Iss mal was, du Psychologe und
will man das Angenehme ersetzen. Un- bist ja unausstehlich.“ Da entsteht leitet ein Institut für Psychologische
ter Sucht- und Genussmitteln gibt es sol- schnell das Gefühl, etwas essen zu müs- Dienstleistungen in Herne.
che, die mehr, und solche, die weniger sen. Ein guter Kollege fragte mich in der

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Auf Hanf gebaut
Mit Marihuana aus der Krise: Das kalifornische Städtchen Needles will
Amerikas Boomtown des legalisierten Drogenkonsums werden.

W
enn man von Los Ange- schen unterhalb der Armutsgrenze le- Jobs seien bereits entstanden, Starbucks
les Richtung Grand ben, hofft nämlich, sich mit Cannabis will bald eine Filiale in Needles eröffnen.
Canyon fährt, kommt dem Niedergang entgegenzustemmen. Die Geschichte des Städtchens ist
man kurz vor dem Colorado-Fluss, der Seit 2016 ist der private Gebrauch von Rückschlägen geprägt: 1883 als Bau-
Kalifornien von Arizona trennt, durch von Cannabis in Kalifornien legal, und arbeitersiedlung gegründet, weil am Ort
ein Kaff namens Needles. „Needless“, in Needles haben bereits vier „Dispensa- eine Eisenbahnbrücke über den Colora-
nennen es Spötter: überflüssig. Durchrei- ries“, Marihuana-Apotheken, eröffnet. do-Fluss gespannt wurde, konnte Need-
senden mag in Erinnerung bleiben, dass Ein Cannabis-Konzern hat zwölf Hektar les wenig später mehr als ein halbes Dut-
es hier das teuerste Benzin zwischen Bars- Land gekauft und plant den Bau mehre- zend Saloons, ein neoklassizistisches Ho-
tow und Flagstaff gibt, und wer sich von rer Gewächshäuser. Außerdem funktio- tel und sogar ein chinesisches Badehaus
der Autobahn herunter wagt, entert ein niert man einen ehemaligen Fastfood-La- vorweisen. Doch dann wurde die Brü-
ziemlich heruntergekommenes Örtchen den in eine Fabrik für „Edibles“ um – cke weggespült, und ein neuer, besserer
– in dem junges Grün sprießt. Das mit Cannabisölen versetzte Bonbons Bahnübergang im zehn Meilen südlich
5000-Seelen-Nest, in dem viele Men- und Gebäck. Dreihundertfünfzig neue gelegenen Topock gebaut. In den zwanzi-

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Spitzen der Gesellschaft 35

Cheryll Luell betreibt in Mexiko wurde das Verbot von Mari-


einen der vier huana kürzlich für verfassungswidrig er-
Marihuana-Shops im Ort. klärt. Sollte sich Amerika ebenfalls zu ei-
ner landesweiten Legalisierung entschlie-
ßen, rechnet die Investmentbank Co-
ger Jahren, als die Große Depression wen vor, könnte bis 2030 ein 75-Milliar-
und verheerende Staubstürme die Men- den-Dollar-Markt entstehen. Anleger
schen scharenweise Richtung Westen hoffen auf einen Goldrausch.
trieben, erlebte Needles einen neuen
Boom: Der Ort war für Reisende aus Großanleger zögern noch
dem Osten die erste Station auf der be- Aber auf Bundesebene gilt in den Verei-
rühmten Route 66 in Kalifornien. In nigten Staaten der Gebrauch von Mari-
den Siebzigern und Achtzigern jedoch huana weiterhin als Verstoß gegen das
erreichte der Ausbau des Autobahnnet- Betäubungsmittelgesetz, und nach der
zes den amerikanischen Westen, der demonstrativen Milde der Obama-Jahre
I-40 Highway umging Needles, und die hat die Regierung Trump die Gangart
Motels und Diner entlang der histori- wieder verschärft – auch in Needles
schen Route verfielen.
Jetzt soll Marihuana für einen neu-
beschlagnahmten FBI-Beamte bereits
Ware aus Dispensaries. Da sich Banken
Guter Hoffnung
en Aufschwung sorgen. Der frisch ge- mit der Verwaltung von Einnahmen aus für 2019
wählte Bürgermeister, Jeff Williams, ein dem Cannabis-Geschäft genaugenom-
ehemaliger Polizist und langjähriger men strafbar machen, blicken viele In- Nein, keine Sorge: Wir verschonen
Gegner der Marihuana-Legalisierung, vestoren derzeit eher nach Kanada. Sie mit der Weitergabe von rühren-
hofft das zumindest. Leicht war es nicht, Der Tabakkonzern Altria, der un- den Neujahrssprüchlein, die die
ihn davon zu überzeugen. „Es ähnelte ter anderem Marlboro-Zigaretten her- Prominenz Anfang Januar immer
dem Wendemanöver eines Kriegs- stellt, und die Mutterfirma der Biermar- so auf Instagram postet. Der Geist
schiffs“, sagte der Lokalpolitiker der ke Corona, Constellation Brands, inves- des kleinen Prinzen fährt pünkt-
„New York Times“. Gespräche mit Ärz- tierten dort im vergangenen Jahr fast lich zum Feuerwerk in sie und pro-
ten und die Not der Kleinstadt, in der er sechseinhalb Milliarden Dollar in Can- duziert jede Menge Kalendersprü-
aufwuchs, überzeugten ihn schließlich. nabis-Unternehmen. Auch der Geträn- che, verbunden mit den besten
Die Verlockungen des Marihuana- kekonzern Coca-Cola schielt, was Pläne Wünschen. Aber wünschen kann
Geschäfts sind schwer von der Hand zu für einen Markteinstieg betrifft, über man sich vieles – also schauen wir
weisen, anderswo erntet man bereits die die nördliche Grenze, um daheim nicht uns doch lieber an, was uns im
Dividenden des „Green Rush“. Im Bun- in juristische Untiefen zu geraten. Jahr 2019 wirklich erwartet an der
desstaat Colorado, wo Marihuana seit In Needles lässt man sich nicht be- Promi-Front. Auf jeden Fall dür-
2014 legal angebaut, vertrieben und be- irren. Die Lage am Colorado-Fluss ist fen Sie damit rechnen, ab Februar
steuert wird, stieg der mit Cannabis er- immerhin ein Pfund, mit dem man beim Friseur wieder völlig orientie-
rungslos durch die Gazetten zu
zielte Umsatz auf mehr als 1,5 Milliarden nicht nur bei Anbau-Investoren wu-
blättern: Die ganzen Ihnen völlig
Dollar. 2017 konnte Colorado Besucher- chern kann. Kaum eine Dreiviertelstun-
unbekannten Menschen, um die
rekorde verzeichnen, die 21 Milliarden de Autofahrt entfernt liegt das Wasser-
es da gehen wird, haben dann
Dollar in die Kassen spülten – nicht zu- sportparadies Lake Havasu City, in dem
dank „Dschungelcamp“ und „Ba-
letzt dank des Marihuana-Tourismus, alljährlich zu den Collegeferien Tausen-
chelor“ einen gewissen Ruhm er-
der den Behörden zufolge eine Zuwachs- de partylustige junge Leute aus ganz langt. Aber es gibt Wichtigeres,
rate von 51 Prozent verzeichnet. Denver Amerika einfallen. Lake Havasu City zum Beispiel im britischen Königs-
hat einen solchen Einwohnerzuwachs liegt am Ostufer des Colorado-Flusses haus: Im April bekommt Herzogin
seit der Legalisierung zu verzeichnen, in Arizona, wo der private Gebrauch Meghan (unser Foto) ihr erstes
dass schon einige Alteingesessene, von von Marihuana unter Strafe steht. Mit Kind. Das scheint sicher, aber zwei
Staus und höheren Immobilienpreisen dem gezielten Aufbau einer Cannabis- Fragen dazu sind völlig offen: Ob
entnervt, das Weite suchen. Auch in Kultur im nahen Needles ist es durchaus sie nach dem Vorbild ihrer
Needles werden Grundstückspreise nach denkbar, dass man dem Nachbarstaat ei- Schwippschwägerin Kate wenige
Jahren des Preisverfalls wieder teurer. nige Tourismus-Dollar streitig machen Stunden nach der Geburt wie aus
Zehn amerikanische Bundesstaa- kann. In den Shops der Kleinstadt wirbt dem Ei gepellt vor die Fotografen
ten haben Marihuana legalisiert, in 33 man bereits mit „Route 420“-Souvenirs, tritt. Und wo genau wir ihr ein
Fotos Joe Buglewicz/Laif, dpa

ist die Droge zum medizinischen Ge- ein Code für Cannabis. Und vielleicht Denkmal bauen, wenn sie stattdes-
brauch zugelassen. Kanada legalisierte steht Needles mit dem grünen Gold tat- sen zwei Tage später zerwühlt in
im vergangenen Jahr als zweites Land sächlich eine neue Glanzzeit bevor. Jogginghosen die Klinik verlässt.
weltweit nach Uruguay den Handel mit
der Hanfpflanze und ihren Wirkstoffen, Nina Rehfeld, Phoenix Julia Bähr

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Wirtschaft

Der Traum
von der
Vollbeschäftigung
Die Arbeitslosenzahlen sinken immer weiter.
Die Unternehmen stellen sogar Menschen ein, die früher
kaum eine Chance gehabt hätten.
Sind bald alle Menschen in Deutschland in Arbeit?
37

H
eiko Zimmermann versucht jeden Tag, das
Unmögliche möglich zu machen: Seine Auf-
gabe im Duisburger Jobcenter ist es, alleiner-
ziehende Frauen in Arbeit zu bringen. Die
größte Hürde, sagt er, sei die häufig fehlende Nachmittagsbe-
treuung für die Kinder. „Wie soll ich eine Stelle finden für je-
manden, der nur unter der Woche und nur von 8 bis 13 Uhr
arbeiten kann?“ Zimmermann, Jeans, T-Shirt, die Haare zu ei-
nem Dutt gebunden, schüttelt den Kopf. „Ob am Empfang, als
Küchenhilfe, als Reinigungskraft: selbst Teilzeitstellen erfor-
dern heute flexible Arbeitszeiten.“ Manchmal ruft er selbst in
einer Schule an und bittet um Unterstützung.
Jennifer Wagner kennt diese Probleme sehr genau. Die
junge, zierliche Frau, die eigentlich anders heißt, zieht ihre 13
Jahre alte Tochter allein groß. Mit Mitte 30 hat sie, von ein
paar Minijobs einmal abgesehen, noch nie gearbeitet. Immer-
hin, die Grundlagen sind da: nachgeholte mittlere Reife, eine
Weiterbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, weite-
re Kurse etwa zum Thema Lohnbuchhaltung. Als sie vor zwei
Jahren zum ersten Mal zu Arbeitsvermittler Zimmermann
kam, war für den sofort klar: Diese Frau muss ganz schnell Be-
rufserfahrung sammeln. Nur wie?
Deutschland träumt von der Vollbeschäftigung, doch
erreicht werden kann dieses Ziel nur, wenn auch Frauen wie
Jennifer Wagner Arbeit finden. Vollkommen unrealistisch er-
scheint das nicht mehr. Im Oktober ist die Arbeitslosenquo-
te in Deutschland erstmals seit der Wiedervereinigung unter
die 5-Prozent-Marke gesunken. Im November ging es weiter
runter auf 4,8 Prozent. Weniger als 2,2 Millionen Menschen
waren damit ohne Arbeit – eine kleine Sensation. Möglich ge-
macht haben es die gute Wirtschaftslage in Deutschland und
der große Bedarf der Unternehmen an Arbeitskräften. Die
werden zunehmend knapp. 44,8 Millionen Menschen waren
im Durchschnitt des Jahres 2018 in Deutschland erwerbstä-
tig, hat das Statistische Bundesamt gerade mitgeteilt, ein Re-
kordwert. Der Aufschwung am Arbeitsmarkt scheint kein
Ende zu kennen.
Von solch einer Entwicklung konnte Deutschland lange
nur träumen. Zwar gab es schon einmal sehr niedrige Arbeits-
losenzahlen, das war in der Wirtschaftswunderzeit der fünfzi-
ger und sechziger Jahre. Die Arbeitslosenquote betrug damals
im früheren Bundesgebiet zum Teil weniger als 1 Prozent. Ge-
nau genommen herrschte nicht nur Vollbeschäftigung, son-
dern es gab einen eklatanten Arbeitskräftemangel, sagen Ar-
beitsmarktforscher. Nicht umsonst wurden im großen Stil
Im Duisburger Gastarbeiter aus Italien und der Türkei angeworben. Dann
Jobcenter kommt aber kamen die Ölkrisen, später die Umbrüche im Zuge der
nicht für jeden Wiedervereinigung, und die Arbeitslosenquoten schossen in
Arbeitslosen ein die Höhe. Das Dilemma war, dass sie in Zeiten des Auf-
Foto Daniel Pilar

passendes schwungs nicht in gleichem Umfang wieder sanken – die So-


Stellenangebot ckelarbeitslosigkeit wuchs und wuchs. Den traurigen Höhe-
aus dem Drucker. punkt dieser Entwicklung markierte das Jahr 2005: Fast

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


38 Wirtschaft

5 Millionen Arbeitslose und eine Arbeitslosenquote von 11,7 Ein weiterer Indikator für verhärtete Arbeitslosigkeit:
Prozent, das war damals die Situation. Unter den durchschnittlich rund 2,5 Millionen Arbeitslosen
Über das, was dann passierte, haben sich selbst viele im Jahr 2017 waren mehr als 1,1 Millionen Menschen, die offi-
Fachleute erst einmal verwundert die Augen gerieben. Die Ar- ziell als Langleistungsbezieher gelten. Sie bekamen in mindes-
beitslosigkeit sank fast kontinuierlich, und sogar im Krisen- tens 21 der vergangenen 24 Monate Arbeitslosengeld II (Hartz
jahr 2009, als rund um Deutschland herum viele Menschen IV). „Wenn das Ziel Vollbeschäftigung glaubhaft verfolgt wer-
ihre Arbeit verloren, bewahrheiteten sich hierzulande die Hor- den soll, muss dieses Segment aufgebrochen werden“, sagt Hol-
rorprognosen nicht. Ganz offiziell haben Union und SPD im ger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirt-
vergangenen Jahr das Ziel der Vollbeschäftigung in ihrem Ko- schaft in Köln.
alitionsvertrag festgeschrieben. Die guten Nachrichten, die die
Bundesagentur für Arbeit Monat für Monat vermeldet, werfen Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit
die Frage auf: Wie weit sind wir davon noch entfernt? Eine große Herausforderung ist dabei die häufig sehr niedrige
Die Antwort lautet: noch ein gutes Stück, trotz aller Re- Qualifikation der Arbeitslosen. So gab es im November mehr
korde am Arbeitsmarkt. „Um Vollbeschäftigung zu erreichen, als eine Million Arbeitslose, die eine Arbeit auf Helferniveau
müsste die Arbeitslosenzahl noch um gut eine Million sinken“, anstrebten. Gemeldete Stellen gab es in diesem Bereich aber
sagt Enzo Weber vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- nur 154 000. Für Fachkräfte hingegen mehr als dreimal so vie-
und Berufsforschung. Üblicherweise spricht man von Vollbe- le. Unter Ausländern ist die Arbeitslosigkeit mit einer Quote
schäftigung, wenn die Arbeitslosenquote weniger als 3 bis 4 Pro- von 12 Prozent ebenfalls mehr als dreimal so hoch wie die der
zent beträgt. Eine eindeutige Definition gibt es allerdings nicht. Deutschen mit 3,9 Prozent. Auch viele Flüchtlinge haben nach
In den sechziger Jahren nannte der Sachverständigenrat zur Be- wie vor keine Arbeit. Gründe sind unter anderem häufig eine
gutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung noch eine fehlende Ausbildung sowie sprachliche und kulturelle Hür-
Arbeitslosenquote von 0,8 Prozent als Maßstab. Klar ist: Wäh- den. Eine dritte Gruppe, die derzeit sehr im Fokus der Öffent-
rend das Ruhrgebiet ebenso wie beispielsweise Bremerhaven lichkeit steht, sind die Langzeitarbeitslosen. Ihre Zahl muss
und einige Regionen in Ostdeutschland vom Ziel der Vollbe- weiter sinken, wenn Vollbeschäftigung erreicht werden soll,
schäftigung noch weit entfernt ist, kann man es in Bayern und trotz aller schon vorhandenen Erfolge.
Baden-Württemberg mit Arbeitslosenquoten von 2,7 und 3,0 Das allein reicht aber womöglich nicht. Aus Sicht vie-
Prozent schon als erfüllt ansehen. Damit wird ein wichtiger ler Fachleute bedeutet Vollbeschäftigung mehr als niedrige
Punkt deutlich, der zunächst überraschend sein mag: Auch in Arbeitslosigkeit. Gerade viele Frauen arbeiten in Deutsch-
Zeiten von Vollbeschäftigung wird es immer eine gewisse Ar- land in Teilzeit. Jüngsten Zahlen des Statistischen Bundes-
beitslosigkeit geben. Denn auch wenn die Wirtschaft brummt, amts zufolge war es im vergangenen Jahr fast jede zweite.
machen immer mal Betriebe dicht. Wird jemand arbeitslos, Von Vollbeschäftigung könne da nicht die Rede sein, meint
kann es einige Wochen dauern, bis geeignete Stellenangebote Arbeitsmarktforscher Weber. Darüber hinaus zählen eine
gefunden und Bewerbungen geschrieben sind – Fachleute spre- Million Menschen in Deutschland zur stillen Reserve: Sie ste-
chen hier von „Sucharbeitslosigkeit“. Sie bereitet eigentlich nie- hen dem Arbeitsmarkt grundsätzlich zur Verfügung, sind
mandem größeres Kopfzerbrechen. aber nicht als arbeitslos registriert, obwohl sie nicht arbei-
ten. Schließlich sind in der offiziellen Arbeitslosenzahl all
Zahl der Langzeitarbeitslosen deutlich gesunken die Menschen, die sich in arbeitsmarktpolitischen Maßnah-
Anders verhält es sich mit der strukturellen Arbeitslosigkeit. men oder Integrationskursen befinden, nicht erfasst. Sie fal-
Hier geht es darum, dass offene Stellen und Arbeitslose nicht len in die Unterbeschäftigung, die zuletzt allerdings eben-
zusammenpassen, beispielsweise weil sie an unterschiedli- falls deutlich gesunken ist.
chen Orten sind oder Bewerber nicht die richtige Qualifikati- Die Erfolge zeigen sich aber nicht nur in der Statistik,
on mitbringen. Das lässt sich nicht so leicht beheben. Ähnli- sondern auch im Arbeitsalltag des Duisburger Jobvermittlers
ches gilt, wenn Arbeitslose schon älter sind, gesundheitliche Heiko Zimmermann. Mehr als zwei Jahre lang betreute er die
oder psychische Schwierigkeiten haben oder keinen Berufs- alleinerziehende Mutter Jennifer Wagner, drückte ihr Stellen-
abschluss vorweisen können. Gerade auf viele Langzeitar- ausschreibungen in die Hand und ermunterte sie nach jeder
beitslose trifft das zu. Umso bemerkenswerter ist, dass ihre abgelehnten Bewerbung, es weiter zu versuchen. Vor einiger
Zahl trotzdem von fast 1,8 Millionen im Jahr 2005 auf inzwi- Zeit bekam Wagner dann sogar gleich zwei Stellen angeboten.
schen nur noch 764 000 gesunken ist, was neben der guten Ein Zeitarbeitsunternehmen wollte sie für eine kaufmänni-
Konjunktur auch an den aktuell vieldiskutierten Hartz-Re- sche Tätigkeit. Sie entschied sich aber für Angebot Nummer
formen liegt. zwei, eine Stelle als Inklusionshelferin. Seit Ende August be-
Wie hoch derzeit der Anteil der strukturellen Arbeitslo- gleitet sie ein Kind mit leichtem Autismus durch den Schulall-
sigkeit ist, lässt sich nicht exakt beziffern. Zahlen der Bundes- tag. Das besondere Glück: Da das Kind in der Regel von 8 bis
agentur für Arbeit zufolge waren im Oktober von den 2,2 Mil- 13 Uhr Unterricht hat, muss sie sich um die Betreuung ihrer
lionen Arbeitslosen 683 000 Menschen weniger als drei Mona- eigenen Tochter keine Sorgen machen – weder am Nachmit-
te arbeitslos und mehr als eine Million weniger als sechs Mona- tag noch in den Schulferien. Eine Fügung, die selbst Jobver-
te. Hier ist eher von normaler Sucharbeitslosigkeit auszuge- mittler Zimmermann kaum für möglich gehalten hätte.
hen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass fast 1,2 Millionen
Menschen länger als sechs Monate arbeitslos waren. Britta Beeger

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


39

Arbeitslosenquoten
in Deutschland
Regionaldirektionen und Agenturbezirke,
November 2018, Arbeitslosenquoten bezogen
auf alle zivilen Erwerbspersonen in Prozent

Höchste Quote
10,7 Prozent im
Bezirk Duisburg

Niedrigste Quote
1,7 Prozent im
Bezirk Freising

2018
5 2005 46 45,1
4,86 Erwerbstätige
1,7 - 3,5 44
4 Deutschland, in Millionen
3,6 - 5,3 42
5,4 - 7,1 40
3 1994
7,2 - 8,9 2018 37,8
Arbeitslose 38
9,0 - 10,7 Deutschland, in Millionen
2,19
2 36
Quelle: Bundesagentur für Arbeit/ F.A.Z.-Grafik Niebel 1991 2018 1991 2018

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


40

Zu allein
Warum findet sie keinen Mann? Aigner sagt, sie
verstehe das Interesse an ihrem Privatleben nicht.
Sie sei „gerne allein“ – auch wenn das für die aller-
meisten eine „seltsame Vorstellung“ sei. So wie ihr
Zum Jahresbeginn begeben geht es laut einer Umfrage des Meinungsfor-
schungsinstituts Allensbach immerhin 4,4 Millio-
sich besonders viele Singles nen anderen Alleinstehenden im Land, die berich-
auf die Suche nach einem ten, freiwillig und gerne Single zu sein.
neuen Partner. Das Geschäft Dabei standen, zumindest statistisch gese-
hen, die Chancen nie besser, einen Partner zu fin-
der Online-Partnerbörsen den, wenn man einen sucht. Denn der Pool an ein-
könnte nicht besser laufen. samen Herzen in Deutschland war selten so groß
wie heute: 18,5 Millionen Alleinstehende zählte das
Statistische Bundesamt im vergangenen Jahr. Unter

M
an kann in Deutschland alles sein, diesem Begriff fasst die Behörde alle Personen, „die
hat Ilse Aigner einmal gesagt. Man ohne Ehe- oder Lebenspartner und ohne ledige Kin-
kann geschieden sein, zum vierten der in einem Ein- oder Mehrpersonenhaushalt le-
Mal verheiratet, schwul, lesbisch oder „irgend- ben“. Mitte der neunziger Jahre hatten die Statisti-
was“. Es gebe nur eine Sache, die bis heute „gar ker noch 14,2 Millionen Alleinstehende gezählt.
nicht geht“: alleinstehend zu sein, zumal als Frau. Eine aktuelle repräsentative Umfrage der Online-
Ilse Aigner weiß, wovon sie spricht – und sie sagt Partnerdienste Elitepartner und Parship unter den
es sehr oft. Die CSU-Politikerin war Bundesland- 18- bis 65-Jährigen im Land schätzt die Zahl der 18,5 Millionen
wirtschaftsministerin, bayerische Wirtschaftsmi- Singles in dieser Altersgruppe auf 16,8 Millionen. Alleinstehende
nisterin und ist heute Präsidentin des dortigen Die wenigsten Alleinstehenden sind also verwitwe- leben in
Landtags – und doch gibt es kaum ein Interview, te Rentner, sondern deutlich jünger. Deutschland.
in dem die 54-Jährige nicht zu ihrem Beziehungs- Gerade im Januar suchen besonders viele Sin- Vor mehr als
status Stellung bezieht. Ilse Aigner ist Single. Viele gles aktiv nach einer Beziehung. Denn dass rund 10 Jahren waren
fragen sich daher: Was ist nur los mit dieser Frau? um Weihnachten gerade Alleinstehende mit ihrem es 14,2 Millionen.

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Wirtschaft 41

Beziehungsstatus hadern, ist weit mehr als nur ein Insgesamt


Klischee. Die Online-Seelsorger von „die-liebes- 2017
kümmerer.de“ berichten, dass im Dezember die 18,5
Zahl der Hilfesuchenden auf ihrer Plattform deut-
lich steigt. Im Januar dann beginnt nicht nur die
Diät- und Fitnessstudiozeit, es ist auch Flirt-Sai-
1997 Singles in Deutschland
son. Mehr als doppelt so viele Singles wie sonst mel- 14,3
den sich bei Online-Partnerbörsen wie Parship Zahl der Alleinstehenden in Millionen
oder Tinder an – bis dann mit dem Valentinstag die 2017
Normalität in Deutschland wiederkehrt. 1997 Frauen 9,5
Die Online-Partnerbörsen haben den Druck 8,6
zum Aktivwerden erheblich erhöht. 2500 Partner- 2017
börsen oder Dating-Portale gibt es laut einer Markt- 9,0
studie des Unternehmens „Singlebörsen-Ver-
gleich.de“. Für sie scheint die Sache klar: Wer heute Männer Im Januar suchen
noch allein ist, ist selbst schuld. Angeblich im Minu- 1997 besonders viele
tentakt werden im Internet traurige Schicksale beer- 5,7 Singles aktiv nach
digt, finden einsame Herzen ihr Glück in der Zwei- Quelle: Statistisches Bundesamt F.A.Z.-Grafik swa. einer Beziehung.
samkeit. Die Plattformen untermalen ihre Verspre-
chen mit allerlei Statistiken, die Paarungswillige zeitiger Preisgabe aller möglichen privaten Informa-
zum Mitmachen verlocken. Dreißig Prozent aller tionen, dass man als Gratisnutzer nach einem Tag
heutigen Beziehungen hätten ihren Anfang im entweder flieht oder die Kreditkarte zückt. Wer sich
Netz gefunden, werden Umfragen hoch- und run- für Letzteres entscheidet, ist für eine sechsmonatige
terzitiert. Und während es im echten Leben im „Premium-Mitgliedschaft“ bei Elitepartner oder
Schnitt rund fünf Jahre dauere, bis man einen neu- Parship 420 Euro los. Wer pessimistischer ist und ei-
en Partner gefunden hat – und jeder Fünfte sogar nen Zwölf-Monats-Vertrag abschließt, bekommt
mehr als ein Jahrzehnt alleine bleibt –, kommt man das volle Paket für knapp 660 Euro im Jahr. Und
in der Online-Welt statistisch gesehen schon nach die Hoffnungen der Deutschen in die Angebote
zehn Wochen zum Erfolg. sind groß: 2016 war ihnen das Online-Dating
knapp 200 Millionen Euro wert.
Studie: Singles sind „ökologische Zeitbomben“ Aber nicht alle gehen davon aus, dass der
Dass der Beziehungsstatus „Single“ ein Zustand ist, Weg über Parship und Co. letzten Endes den Aus-
den es zu überwinden gilt, sehen nicht nur jene so, weg aus der Single-Gesellschaft bringen wird. Die
die damit ihr Geld verdienen – das klingt selbst in israelische Soziologin Eva Illouz etwa gehört zu de-
der Wissenschaft durch. Studie um Studie rechnet nen, die in der Liebe aus dem Netz das Ende der Ro-
ihnen vor, dass Alleinstehende ungesünder leben, mantik sehen. In ihrem Buch „Warum Liebe weh
früher sterben und auch ganz allgemein unglückli- tut“, das 2012 erschienen ist, schreibt sie von „ein-
cher sind als all die anderen, deren Paarungsversu- schüchternden emotionalen Erwartungen“, die
che geglückt sind. Soziologen wie der Heidelberger durch das Online-Dating aufgebaut würden. Die
Forscher Jan Eckhard sprechen in ihren Aufsätzen Folge seien nicht mehr, sondern weniger erfolgrei-
vom „Risiko der Partnerlosigkeit“. Und britische che Bindungen. Durch das Abgleichen psychologi-
Wissenschaftler vom University College London scher Profile von Interessenten in Internet-Kontakt-
rechnen vor, dass Alleinstehende „ökologische Zeit- börsen entstehe der Eindruck, die Partnerwahl kön-
bomben“ sind: Sie geben ein Drittel mehr für ihren ne informierter, rationaler und rationeller erfolgen.
alltäglichen Konsum aus, produzieren 42 Prozent Die Ergebnismaximierung sei zum Selbst-
mehr Verpackungsmüll und haben einen deutlich zweck geworden, eine „Mentalität des Verglei-
höheren Energieverbrauch pro Kopf. chens“ mache es immer schwieriger, sich für eine
Kein Wunder also, dass das Geschäft mit der Möglichkeit zu entscheiden, die einem „gut genug“
Liebe im Internet läuft. Seit das Suchen und Finden vorkomme. „Das Internet arrangiert die Auswahl
der Liebe eingezogen ist in die virtuelle Welt, ist die wie auf einem Buffet und lädt zu einer Form von
Zahl der Alleinstehenden zwar besonders rasant ge- Wahl ein, die aus der ökonomischen Sphäre abgelei-
stiegen – und doch wollen jeden Monat 11,9 Millio- tet ist“, ist bei Illouz zu lesen. Oder anders gesagt:
nen Deutsche diese zusätzliche Chance aufs Glück Im Internet verkommt die Partnersuche zum On-
nicht ungenutzt lassen, wie die Umfrage der On- line-Shopping – wem die Ware nicht gefällt,
line-Partnerbörsen ebenfalls notiert. Ihre Dienste tauscht sie einfach um. Im schlimmsten Fall aber
Foto Plainpicture

lassen sich die Plattformen einiges kosten: Das Ba- kann man sich bei dem ganzen Angebot erst gar
sisangebot gibt es zwar schon kostenlos – allerdings nicht entscheiden.
mit derart eingeschränkten Funktionen bei gleich- Maja Brankovic

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


42 Wirtschaft

Kalter Krieger: Der


Eurofighter wurde
Ende der neunziger
Jahre entwickelt.

Streit um die Dass Lockheed mit seiner Neuheit F 35 der härteste Riva-
le der Europäer ist, hat vor allem technische Gründe. Der von
der Rüstungsschmiede in Kalifornien hergestellte Kampfjet ist

Lufthoheit
wegen seiner Flugeigenschaften und von seiner Unsichtbarkeit
für feindliches Radar her militärisch vielseitig einsetzbar. Ange-
sichts eines Entwicklungsetats in zweistelliger Milliardenhöhe
ist die Lockheed-Neuheit bis heute das teuerste Rüstungspro-
jekt der Welt. Doch die hohen Kosten schreckten Militärs in
Die Bundeswehr braucht neue
Ländern wie Italien, den Niederlanden, Norwegen oder Groß-
Kampfflugzeuge. Viele Hersteller buhlen britannien nicht ab, zumindest Teile ihrer veralteten Flotten
um diesen milliardenschweren Auftrag. durch die F 35 zu ersetzen.
Käme dagegen in der Ausschreibung der Bundeswehr
Für Europa steht viel auf dem Spiel.
der Eurofighter als Tornado-Ersatz zum Zuge, würden die Mi-
litärs in Berlin auf ein System setzen, das bereits zu Zeiten des

D
Kalten Krieges als Jagdflugzeug entwickelt wurde und seit
as Bieterrennen um den Milliardenauftrag der Ende der neunziger Jahre – parallel zu den Tornados – auf aus-
Bundeswehr läuft geräuschlos und nahezu un- ländischen Missionen im Einsatz ist. Daher muss der Euro-
bemerkt von der Öffentlichkeit ab. Dabei han- fighter für die neuen Aufgaben der Luftwaffe entsprechend
delt es sich um das wohl wichtigste Rüstungsvorhaben der weiterentwickelt und grundlegend modernisiert werden, sagt
nächsten Jahrzehnte. Noch im Januar will Verteidigungsminis- Bernhard Brenner, Vertriebsvorstand für Kampfflugzeuge bei
terin Ursula von der Leyen (CDU) entscheiden, welches Flug- Airbus Defence and Space, der Rüstungssparte des deutsch-
zeug künftig die veraltete Flotte von bis zu 90 Tornado-Jets er- französischen Konzerns.
setzen soll. Dass für Airbus bei diesem Großauftrag, der über die Ge-
Um das milliardenschwere Projekt bewerben sich neben samtlaufzeit einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen
dem vom Airbus-Konzern geführten Eurofighter-Konsortium kann, viel auf dem Spiel steht, hat allerdings auch andere
auch einige amerikanische und europäische Konkurrenten. Gründe. Schließlich soll mit dem Tornado-Nachfolger nur die
Neben den Rüstungsherstellern Saab aus Schweden und Frank- Zeitspanne überbrückt werden, bis unter der Regie eines neu-
reichs Dassault sind aus Übersee die Branchengrößen Lock- en Hersteller-Konsortiums in Europa ein neuer, digital gesteu-
heed Martin und Boeing mit von der Partie. Nach einer vorläu- erter Kampfjet abhebt. Bis spätestens 2040 wollen Airbus und
figen Auslese unter diesen Bietern haben sich Eurofighter und der französische Rivale Dassault ihr ehrgeiziges Vorhaben un-
Lockheed Martin als Favoriten herauskristallisiert. ter dem sperrigen Kürzel FCAS realisieren. Die Investitionen

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


43

Überflieger:
Die F 35 von Lockheed
ist das teuerste
Rüstungsprojekt der Welt.

in das ehrgeizige Projekt sind langfristig auf einen dreistelligen fügt, seien dessen Betriebskosten weitgehend transparent und
Milliardenbetrag taxiert. Damit verbinden vor allem die Politi- auch auf lange Sicht gut kalkulierbar, heißt es.
ker in Berlin und Paris ihre Hoffnung, gemeinsame Rüstungs- Doch trotz der Favoritenrolle der Europäer wird um den
projekte in Europa voranzutreiben, um amerikanischen Kon- Großauftrag erbittert gerungen. Vor allem die Manager von
kurrenten die Stirn zu bieten. Nicht von ungefähr gilt der Bau Lockheed sehen gute Chancen, mit ihrer F 35 auch bei deut-
eines neuen Kampfjets für die europäischen Streitkräfte als schen Militärs zum Verkaufsabschluss zu kommen. Der vom
wichtigster Gradmesser für die neue Partnerschaft zwischen amerikanischen Waffengiganten entwickelte Kampfjet wurde
deutschen und französischen Rüstungsherstellern. bereits an mehrere Streitkräfte in Europa sowie in die Türkei
oder auch Australien verkauft. Mit einem stattlichen Preis von
Technologieschub für Europas Rüstungsindustrie rund 100 Millionen Dollar je Stück sowie hohen Kosten für
Danach verstehen Airbus und Dassault künftige Kampfjets als den Betrieb und die Nutzung von Software-Lizenzen galt die
„fliegende Systeme“, die mit Satelliten kommunizieren, unbe- F 35 vielen Einkäufern jedoch als zu teuer.
mannte Drohnenschwärme steuern oder in Eigenregie über Um gerade in Europa besser ins Geschäft zu kommen,
den Einsatz von Raketen entscheiden. Um die dafür erforderli- biete Lockheed – je nach Abnahmemenge – hohe Preisnachläs-
chen IT-Systeme parat zu haben, müssen die Airbus-Manager se an oder handele im Zusammenspiel mit der amerikani-
ihr militärisches Wissen auf aktuellem Stand halten und den schen Luftwaffe, die auch als Verkäufer der F 35 fungiert, indi-
Einsatz von Künstlicher Intelligenz prüfen. viduelle Offerten mit befreundeten Abnehmerstaaten aus.
Die geplante Weiterentwicklung des Eurofighters, der Erst vor wenigen Wochen landete der Hersteller aus Kali-
bei einem Zuschlag der Bundeswehr für den Ersatz der Torna- fornien einen Coup in Belgien. Für umgerechnet 4 Milliarden
do-Flotte erforderlich wird, verschafft den dafür nötigen tech- Euro erwarben die Militärs dort 34 Kampfjets. Dieser Einkauf
nologischen Schub: „Der Eurofighter bekäme durch diesen komme die belgische Luftwaffe, auf eine Gesamtnutzungsdau-
Auftrag sozusagen eine zweite Luft“, bestätigt Airbus-Mann er von 40 Jahren gerechnet, günstiger als die vergleichbaren
Brenner. Zudem verschafft ein positives Signal aus Berlin auch Angebote der europäischen Rüstungshersteller, teilte die Regie-
den nötigen Rückenwind für ähnliche Verkaufskampagnen in rung in Brüssel mit, ohne jedoch weitere Details zu nennen.
der Schweiz, Finnland und Kanada. Auch in diesen Ländern Kenner der Rüstungsindustrie gehen davon aus, dass der von
rangeln Eurofighter und Lockheed um Großaufträge. amerikanischer Seite kalkulierte Stückpreis deutlich unter der
Unabhängig von politischen Motiven sind für die Ein- Grenze von 100 Millionen Dollar liegt. Lockheed selbst stellt
käufer der Bundeswehr der Preis sowie die Kosten für den lang- zudem in Aussicht, diesen Wert aufgrund interner Einsparun-
Fotos Imago, EPA

fristigen Betrieb der Jets entscheidend. Auch in diesem Punkt gen auf 80 Millionen Dollar bis 2020 senken zu wollen.
wähnen sich die Airbus-Manager im Vorteil. Weil die Luftwaf-
fe bereits über einige Erfahrungen mit dem Eurofighter ver- Ulrich Friese

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


44 Wirtschaft

Lieferando
unerlässlich ist“, sagt Takeaway-Gründer Jitse Groen.
Für die Kunden könnte das jedoch in Zukunft höhe-
re Bestellgebühren bedeuten, wenngleich Takeaway
vorsichtig sein muss mit Preiserhöhungen. Denn der

ist hungrig größte Konkurrent für Online-Lieferdienste ist im-


mer noch das Telefon und der Marktanteil von Be-
stellungen im Internet entsprechend gering.
Angefangen hat Groen in Deutschland vor
Die Bestell-Plattform Takeaway kauft fast zehn Jahren, damals noch unter der Marke Lie-
ferservice.de. Sie wurde vor vier Jahren mit Lieferan-
das Deutschland-Geschäft ihres
do zusammengeschlossen, als Groen den Konkur-
größten Konkurrenten. Was das für die renten kaufte. „Damals haben wir 40 Prozent unse-
Marken Foodora und Co. bedeutet. rer Kunden verloren, weil die verwirrt wurden von
anderen Logos und anderen Namen“, sagte Groen
vor einiger Zeit im Gespräch mit der F.A.Z. Das
wird auch mit dem neuen Deal eine Herausforde-
rung. Heute ist für Groen kaum etwas so wichtig
wie die Markenbekanntheit. „Wir müssen da sein,
wenn die Leute hungrig sind. Nur wissen wir nicht,
wann die Leute Hunger haben, deshalb müssen wir
schon vorher in ihrem Kopf sein.“ In den Kopf müs-
sen für die Kunden in Zukunft in Deutschland we-
niger Marken: Lieferheld, Pizza.de und Foodora sol-
len verschwinden und allesamt auf Lieferando um-
gestellt werden. Innerhalb von sechs Monaten nach
Abschluss der Transaktion soll es so weit sein. Ein
ehrgeiziges Ziel.
Takeaway und Delivery Hero haben jeweils
zwei Geschäftsmodelle: Sie bieten Internetplattfor-
men an, auf denen Restaurants gelistet werden, bei
denen hungrige Kunden bestellen können. Sie ver-
mitteln Pizzerien, Sushi-Läden oder indischen Re-
staurants über Apps und Internetseiten die Essensbe-
stellungen ihrer Kunden und kassieren dafür eine

U
Provision. Das Essen liefern die Restaurants aller-
Foodora-Fahrer, nsere Innenstädte sind zugeklebt mit dings selbst aus. Das Geschäftsmodell ist profitabel,
wie hier in Berlin, Werbung für Bestellplattformen wie mit solchen Angeboten hat es Takeaway im Heimat-
radeln künftig Lieferando, Lieferheld oder Foodora. markt Niederlande schon vor einigen Jahren ge-
für Lieferando. Durch die Straßen radeln ihre Fahrer auf orangfarbe- schafft, schwarze Zahlen zu schreiben. Teurer sind
nen Rädern oder mit pinkfarbenen Boxen auf dem die Angebote wie Foodora, für das Delivery Hero
Rücken. In Zukunft dürfte sich der Anblick ändern. selbst Fahrer angestellt hat. Auch Takeaway bietet sol-
Denn die Berliner Essensliefer-Plattform Delivery che Services an: Kunden können ihr Essen also auch
Hero verkauft ihr gesamtes Deutschland-Geschäft bei Nordsee oder Vapiano bestellen, selbst wenn sich
an den niederländischen Konkurrenten Take- diese Restaurants keine eigenen Lieferdienste leisten.
away.com. Schon länger war über einen Zusammen-
Damit gehören neben der Marke Lieferando schluss der erbitterten Gegner spekuliert worden.
dann auch die Bestellplattformen Pizza.de, Liefer- Denn sie beide stecken allein in Deutschland jedes
held und der Bringdienst Foodora zu Takeaway. Deli- Jahr zweistellige Millionenbeträge in das Marke-
very Hero erhält dafür 508 Millionen Euro in bar ting, um sich gegenseitig Kunden abzujagen und au-
und 9,8 Millionen Aktien im Wert von rund 422 Mil- ßerdem neue zu gewinnen. Für Werbung hat Take-
lionen Euro. Wenn die Aktionäre von Takeaway zu- away nur in Deutschland im vergangenen Jahr 71
stimmen, hält Delivery Hero rund 19 Prozent der Ak- Millionen Euro ausgegeben. Der Fokus von Deli-
tien an dem Konkurrenten. Als Aktionär will Deli- very Hero liegt nun auf Wachstum in anderen
very Hero dann an der verbesserten Marktposition Märkten, die liquiden Mittel betragen 1 Milliarde
von Takeaway mitverdienen, die in Deutschland Euro. Von den Einnahmen will Delivery Hero ei-
nun, ähnlich wie Flixbus im Fernbusverkehr, alle gro- nen großen Teil investieren, vor allem in Asien. In
ßen Konkurrenten in sich vereint hat. Die Transakti- Deutschland liefern aber nun die Niederländer.
on erweitert die Größe von Takeaway erheblich,
„was für den Aufbau profitabler Essenslieferdienste Jonas Jansen

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Wochengrafik 45

100
Fliegen für PLUS MINUS
jedermann + Das Geschäft mit
Drohnen gehört
zu den wachstums-

METER
Kriegsgerät, Spielzeug, trächtigsten der
Wirtschaftsfaktor:  kommenden Jahre.

Drohnen heben jetzt
kommerziell richtig ab.
- Der Alarm in
London-Gatwick
ist die Maximalhöhe
für Drohnenflüge –
hat gezeigt: Drohnen es sei denn, man
können nützlich, aber hat eine Erlaubnis als
auch gefährlich sein. „Luftfahrzeugführer“.


Wachstumsschub Immer mehr in der Luft
Weltmarkt für zivile Drohnen nach Branchen in Milliarden Dollar Prognose zur globalen Auslieferung ziviler Drohnen
in Millionen
67,7
Infrastruktur Transport
45,2 Landwirtschaft 13,0 48,4
32,4 34,5
Wartung, Boden- und Paketzustellung 23,8
Überwachung, Bewässerungsanalyse, 15,9
6,4 10,2
Reparatur Saat, Düngung
Medien, Unterhaltung
2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021
Sicherheit 8,8
Grenzüberwachung, Was an einer Drohne fasziniert
10,5 Sicherung von Werbeplakate, Umfrage in Deutschland, Auswahl in Prozent (2016)1)
Veranstaltungen Foto-/Videoaufnahmen
Landschaftsaufnahmen aus der Vogelperspektive 54

Versicherungen Bergbau Tiere beobachten 38


Telekommunikation
4,3 Reiz der Technik 29
6,8 6,3
Planung/Erkundung Spaß am Fliegen 27
Begutachtung von neuer Abbaugebiete,
Bereitstellung von Hotspots,
Ansprüchen Umweltschäden erkennen 1 Beobachten der Nachbarn
Wartung Mobilfunkmasten
1) 1007 Befragte, Mehrfachnennungen möglich. Quellen: F.A.Z.-Archiv; Freepik.com; PwC; Reichelt Elektronik; Statista; Tractica/ F.A.Z.-Grafik Walter


025 82 DJI
UNTERM
BEHINDERUNGEN

,
KILOGRAMM   
STRICH
. Drohnen versprechen
die Wirtschaft
– ist eine Drohne des Luftverkehrs heißt der größte effizienter zu machen.
schwerer, muss sie
der Eigentümer mit
durch zivile Drohnen
wurden 2018 in
Drohnenhersteller der
Welt. Den Marktanteil . Dem gegenüber stehen
seinem Namen Deutschland gezählt. der Chinesen Sorgen vor Unfällen
und seiner Adresse 2015 waren es beziffern Fachleute und zunehmender
Foto dpa

kennzeichnen. erst 14 gewesen. mit 80 Prozent. Überwachung.

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Geld

Rutschgefahr an der Börse


Die Konjunkturprognosen für 2019 sind besser als die Stimmung der deutschen Anleger.
Wer auf internationale Papiere setzt, kann von dieser Entwicklung profitieren.

D
as Jahr 2018 hat Anlegern der F.A.Z.-Index für 100 deutsche Ak- ko, dass die Börsen in einzelnen Län-
an den Kapitalmärkten tien um rund 20 Prozent einbrach, gab dern besonders schwach abschneiden.
drei unliebsame Erkennt- der F.A.Z.-Index für 100 europäische Ak- Wie überall in der Welt tendieren deut-
nisse beschert. Die erste, nach Jahren tien um 14 Prozent nach. In den Verei- sche Aktienanleger dazu, überdurch-
der Hausse verschüttete Erkenntnis lau- nigten Staaten ermäßigte sich der schnittlich viel Geld an der deutschen
tet: Es gibt Jahre, in denen die Aktienkur- S&P-Index für 500 amerikanische Werte Börse zu investieren. So nachvollziehbar
se deutlich fallen können. Die zweite: um knapp 10 Prozent. diese Neigung auch ist, so gefährlich ist
Die Tagesschwankungen von Aktienkur- Welche Schlüsse lassen sich aus sie. Denn 2018 war nicht das erste Jahr,
sen und anderen Finanzmarktpreisen diesen Erkenntnissen für die Kapitalan- in dem der deutsche Aktienmarkt im in-
können gewaltig sein. Vor allem in der lage im Jahre 2019 ziehen? Auch wenn ternationalen Vergleich schlecht abge-
zweiten Jahreshälfte kam es vor, dass Ak- sich Kurse nicht zuverlässig vorhersagen schnitten hat. Schließlich besitzt der
tienkurse von Unternehmen, die uner- lassen, ist die Vermutung gestattet, dass deutsche Aktienmarkt Eigentümlichkei-
wartet schlechte Quartalsergebnisse vor- es auch künftig starke kurzfristige Kurs- ten, die ihn anfällig machen.
legten, an einem Tag um mehr als 10 Pro- schwankungen geben wird. Langfristige Weil viele Deutsche keine Aktien
zent einbrachen. Und die dritte Erkennt- Anleger müssen sich daher um solche kaufen, werden die Kurse der deutschen
nis lautet: Der deutsche Aktienmarkt kurzfristigen Ereignisse wenig küm- Aktien de facto von ausländischen und
hat im vergangenen Jahr deutlich mern und gegen eine unerfreuliche Kurs- vor allem amerikanischen Anlegern ge-
schlechter abgeschnitten als die Aktien- entwicklung einzelner Aktien hilft eine macht. Doch deren Verhalten ist meist
märkte in anderen Ländern: Während breite Streuung. Sie schützt vor dem Risi- schwer vorhersehbar.

Mehrwert
Jahre alt ist das Konzept von Digitalwährungen
mit ihrem bekanntesten Vertreter Bitcoin. Im Januar
2009 wurde der erste Bitcoin geschürft, bis zur
ersten Transaktion dauerte es aber noch bis zum

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Frag den Mohr 47

des Wirtschaftswachstums in den Indus-


Die Kurse deutscher Aktien
werden von ausländischen trienationen kommen wird, der eine Re- Lohnt
Investoren gemacht. zession folgen könnte. Die bisher vorlie-
genden Konjunkturdaten sehen aber bes-
der Kauf von
ser aus als die Stimmung: Sie sprechen CO2-Zertifikaten?
Zudem ist der deutsche Aktien- wohl für ein niedrigeres Wirtschafts-
markt wegen der globalen Ausrichtung wachstum als im vergangenen Jahr, aber Im vergangenen Jahr
vieler Unternehmen stärker von der Ent- es existieren keine konkreten Hinweise lohnte er auf jeden
wicklung der Weltwirtschaft und nicht auf einen Konjunktureinbruch oder gar Fall. CO2-Zertifikate
zuletzt der Schwellenländer abhängig als eine Rezession. Sollte sich das Wirt- waren eine der weni-
der amerikanische Aktienmarkt. Was im schaftswachstum besser entwickeln als gen Geldanlagen, die
Zeitalter der Globalisierung als Stärke von der Börse erwartet, können sich die kräftige Gewinne verzeichneten. So
der deutschen Wirtschaft galt, könnte Kurse im Jahresverlauf zumindest stabili- hat ein CO2-Zertifikat der Com-
im Zeitalter von Zöllen und Handelskon- sieren. Bricht die Wirtschaft entgegen merzbank mit der Wertpapierkenn-
flikten aber zur Bürde werden. den Einschätzungen der Konjunkturfor- nummer CZ549S im Jahresverlauf
Die deutsche Wirtschaft ist zudem scher doch ein, können die Aktienkurse von 7,50 Euro auf rund 24 Euro zu-
stärker als viele andere nationale Volks- noch einmal deutlich fallen. gelegt. Die Kursbewegung war je-
wirtschaften von der Industrie getrie- Gegen die Ausschläge von Aktien- doch alles andere als kontinuier-
ben. Autohersteller sind dabei die promi- kursen hilft eine Strategie, in der im Rah- lich. 2018 war das erste Jahr, in
nentesten Vertreter der deutschen Indus- men eines Sparplans monatlich oder dem sich der Kauf von CO2-Zertifi-
trie. Viele Fachleute vermuten aller- vierteljährlich Aktien oder Anteile an katen wirklich lohnte. Zuvor war
Aktienfonds erworben werden. Dann
dings, dass der Wandel von der Indus- das europäische Emissionshandels-
kauft man zwar auch, wenn die Kurse
trie- zur Wissensgesellschaft gerade in system sehr industriefreundlich aus-
sehr hoch sind, aber man ist auch im
der heimische Wirtschaft zu einer umfas- gelegt gewesen. Es wurden reichlich
Markt, wenn die Kurse fallen. Das Pro-
senden Transformation führen wird, als Zertifikate für Energie- und Indus-
blem für den Anleger ist, dass alle Hoff-
deren Folge die traditionelle Industrie trieunternehmen ausgegeben und
nungen auf höhere Zinsen vergeblich
leiden wird. Auch das ist ein Grund, die entsprechend sank der Preis. Mitt-
sein dürften. Die Aussichten für die In-
Aktienanlage geographisch breit zu dustrienationen dürften in einer Kombi- lerweile hat die Politik die Zahl der
streuen – weit über Deutschland hinaus. nation aus niedrigem Wirtschaftswachs- Zertifikate verknappt. Der Ausstoß
Nach dem schlimmen Aktienjahr tum, niedriger Inflation und niedrigem von CO2, zu dem die Zertifikate be-
2018 dürften sich jedoch viele Anleger Zinsniveau bestehen. Die Zinsen für rechtigen, soll teurer werden und
fragen, ob Aktien überhaupt eine gute Bankeinlagen und Anleihen hoher Qua- zu Einsparungen anregen. Die Preis-
Wahl sind. Die Antwort lautet: Es bleibt lität dürften also niedrig bleiben. Als zu- entwicklung von CO2 bleibt damit
nicht viel anderes übrig, wenn mit Kapi- verlässige Renditebringer dürften siche- stark von politischen Entscheidun-
talanlagen auf lange Sicht positive Rendi- re Anleihen damit ausfallen. gen beeinflusst. Das sollten Anleger
ten erzielt werden sollen. Wahr ist: Auch Was aber ist mit Anleihen niedrige- wissen. Sie kaufen zudem nicht die
2019 kann ein schlechtes Aktienjahr wer- rer Bonität? Sie bieten höhere Renditen, Original-CO2-Zertifikate an der
den. Die Hurra-Prognosen von Banken aber auch größere Risiken und gerade in Leipziger Energiebörse EEX oder
oder Vermögensverwaltern, die üblicher- einer Welt, in der sich das Wirtschafts- der Londoner ICE, sondern speziell
weise für ein Aktienjahr steigende Kurse wachstum verlangsamen dürfte, gehen für Privatanleger konzipierte Pro-
verheißen, sind für eine zuverlässige mit Anleihen schwacher Schuldner – dukte. Da sie die Zertifikate anders
Markteinschätzung kaum geeignet. egal, ob Unternehmen oder Staaten – Ri- als die Industrie nicht wirklich zu ei-
Ob 2019 ein gutes Aktienjahr siken einher, die ein Anleger nicht tra- nem bestimmten Stichtag für ihren
wird, dürfte stark von der wirtschaft- gen sollte. Der Aktienkurs eines Unter- CO2-Ausstoß benötigen, müssen
lichen Entwicklung beeinflusst werden. nehmens, dem es nur vorübergehend die zugrunde liegenden Kontrakte
In den jüngsten Kursverlusten drückt schlecht geht, kann sich wieder erholen. immer wieder erneuert werden.
Foto Bloomberg

sich die Sorge der Börse aus, dass es min- Das wird in der Finanzsprache Rol-
destens zu einer starken Verlangsamung Gerald Braunberger len genannt und ist in den meisten
Fällen mit Verlusten verbunden.
Die werden freilich in Jahren mit
derart starken Kursgewinnen wie
Jahr 2010. Ihren bisherigen Höhepunkt feierte 2018 weit überkompensiert. Ob
sich solche Jahre wiederholen, steht
die Digitalwährung vor ziemlich genau einem allerdings in den Sternen.
Jahr, als ein Bitcoin bis zu knapp 20 000 Dollar
Daniel Mohr ist Redakteur für
kostete. Heute sind es nur noch rund 4000 Dollar. Finanzen und freut sich über Ihre
Fragen unter fragdenmohr@faz.de

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Feuilleton 49

T. C.
BOYLE
Sind wir
nicht
Menschen?

Ein Vorabdruck
Illustration Carlo Giambarresi

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


50 Feuilleton

D
er Hund war kirschrot, und was er im Maul hatte, konnte ich erst erkennen, als er unter den
Hortensien stehen blieb und das Ding schüttelte. Die kleine Episode hätte sich abgespielt,
ohne dass ich sie bemerkt hätte, aber ich war zum Herd gegangen, um Teewasser aufzuset-
zen, und sah zufällig in den Vorgarten. Das tiefe, satte Blaugrün des Rasens, das es schaffte, sowohl an
das dunkle Türkis des Ozeans als auch an das Viridiangrün der Wiesen von Kentucky zu erinnern,
war mein Stolz, und es ärgerte mich, wenn sich irgendwelche Hunde, ganz gleich welcher Farbe, dar-
auf vergnügten. Er hatte eine Menge Geld gekostet – eine Mischung aus Rotschwingel, Bahiagras und
Manilagras, versehen mit einem bestimmten Algen-Gen, so dass er abends, im Licht der Verandabe-
leuchtung, phosphoreszierte –, und er war zwar unempfindlich gegen Trockenheit und Krankheiten,
nahm es aber übel, wenn irgendwelche Menschen – oder Tiere – auf ihm herumspazierten.
Ich ging auf die Veranda und klatschte in die Hände, um den Hund zu verscheuchen, doch er
rührte sich nicht. Oder vielmehr: Er rührte sich, aber nur, um die Schultern anzuspannen und seine
Beute fester zu packen, bei der es sich, wie ich jetzt sah, um das Mikroschwein meiner Nachbarin Alli-
son handelte. Es war rehäugig, nicht größer als ein Pekinese und hatte aufgehört zu zappeln. Als ich
von der Veranda trat und mich nach etwas umsah, mit dem ich dem Hund drohen könnte, klopfte
mein Herz wie verrückt. Allison gehörte zu den Leuten, die ihre Haustiere vermenschlichten, und die-
ses Schweinchen war der Mittelpunkt ihres freund- und ehemannlosen Lebens, und wer würde ihr
die traurige Nachricht überbringen müssen? Wut stieg in mir auf. Woher war dieser blöde Köter ge-
kommen, und wem gehörte er überhaupt? Ich besaß keinen Rechen, auf dem Rasen lag nichts herum
(die Straßenbäume waren genetisch modifiziert und ließen zu keiner Jahreszeit irgendetwas fallen, we-
der Samen noch Zweige oder Blätter), und so stürmte ich mit leeren Händen auf das Tier zu und rief
das Erstbeste, das mir in den Sinn kam: „Böser Hund! Böser böser Hund!“
Ich dachte nicht nach. Und das Ergebnis entsprach nicht dem, was ich mir erhofft hätte, wenn
ich nachgedacht hätte: Zwar ließ der Hund das Schweinchen, bei dem sich etwaige Wiederbelebungs-
maßnahmen mittlerweile erledigt hatten, sogleich fallen, sprang aber im selben Moment hoch und
packte meinen linken Unterarm, wobei er ununterbrochen knurrte, als wäre mein Arm ein Stock, den
er bei einem freundschaftlichen Gerangel zwischen uns beiden erobert hatte. Eigenartigerweise floss
weder Blut, noch spürte ich einen Schmerz, nur einen festen, unnachgiebigen Druck und heißen, nas-
sen Speichel, während ich in die eine Richtung zog und der Hund, der mich aus stumpfen rosaroten
Augen anstarrte, in die andere zerrte. „Lass los!“, rief ich, doch der Hund dachte nicht daran. „Böser
Hund!“, rief ich und zog. Der Hund zerrte.
Auf der Straße war niemand zu sehen. Weder im Nachbargarten noch im Haus hinter mir war
jemand, der mir hätte helfen können. Ich war vor zehn Minuten aufgestanden und hatte T-Shirt,
Shorts und Slipper angezogen, und nun war ich, um acht Uhr morgens an einem sonst ganz norma-
len Tag, in diesen idiotischen interspeziären Pas de deux verwickelt und bereits erschöpft. Der Hund,
dieses kirschrote haarlose Monstrum mit den kräftigen Kiefern und schwellenden Muskeln eines Pit-
bulls, machte keine Anstalten, mich loszulassen: Er hatte meinen Arm und wollte ihn behalten. Nach
einer Weile ließ ich mich auf ein Knie nieder, damit ich nicht die ganze Zeit gebeugt stehen musste,
aber das schien den Hund nur noch entschlossener zu machen: Er versuchte, mich zu sich hinunterzu-
ziehen, und stemmte seine Pfoten tief in den Rasen. Ohne zu wissen, was ich tat, ballte ich die freie
Hand zur Faust und schlug ihm in rascher Folge dreimal auf den Kopf.
Das zeitigte sofort Wirkung: Der Hund heulte auf, ließ meinen Arm los und wich zum Rand
der Rasenfläche zurück, von wo er mich misstrauisch beäugte, als hätte ich eigenmächtig die Spielre-
geln geändert. Im nächsten Augenblick, gerade als ich merkte, dass ich doch blutete, rief hinter mir
jemand: „Das habe ich gesehen!“

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Feuilleton 51

Ein Mädchen kam über den Rasen auf mich zu, ein unnatürlich großes Mädchen, das ich zuerst
für einen Teenager hielt, bis ich merkte, dass es ein Kind von elf oder zwölf Jahren war. Der Hund lief
sofort zu ihr, und mir wurde alles klar. Sie baute sich vor mir auf, sah mich streng an und sagte: „Sie
haben meinen Hund gehauen.“
Das fand ich nicht witzig. „Ich blute“, sagte ich und zeigte ihr meinen Arm. „Siehst du? Dein
Hund hat mich gebissen. Du solltest ihn an die Kette legen.“
„Das kann nicht sein –, Ruby würde nie jemanden beißen. Sie hat bloß . . . gespielt, das ist alles.“
Ich hatte nicht vor zu diskutieren. Es handelte sich um mein Grundstück und meinen Arm,
und das tote Tier, das auf meinen Rasen blutete, war Allisons Mikroschwein. Ich zeigte darauf.
„Oh“, sagte sie und senkte die Stimme. „Das tut mir leid. Ich wusste nicht . . . Ist es Ihrs?“
„Es gehört meiner Nachbarin.“ Ich wies auf das Haus hinter der Hecke. „Sie wird am Boden zer-
stört sein. Dieses Schwein“ – ich wollte seinen Namen nennen, um auf meine persönliche Beziehung
zu diesem Tier hinzuweisen, doch er wollte mir einfach nicht einfallen – „ist ihr ein und alles. Und
direkt billig war es auch nicht.“ Ich warf einen Blick auf den knallroten Hund mit den rosaroten Au-
gen. „Wie du dir sicher vorstellen kannst.“
Sie war gut zehn Zentimeter größer als ich, und ihre Augen, die von einem beinahe leuchtenden
Violett waren, das es in der Natur gar nicht gibt – jedenfalls bis vor kurzem nicht –, musterten mich
unverwandt. „Sie braucht es ja nicht zu erfahren.“
„Was soll das heißen: ,Sie braucht es ja nicht zu erfahren‘? Das Tier ist tot – siehst du das nicht?“
„Es könnte ja überfahren worden sein.“
„Ich kann es nicht fassen: Ich soll meine Nachbarin anlügen?“
Das Mädchen zuckte die Schultern. Der Hund ließ sich hechelnd nieder. „Ich hab doch gesagt,
es tut mir leid. Ruby ist durchs Gartentor weggelaufen, als meine Mutter zur Arbeit gegangen ist, und
ich bin gleich hinterhergerannt, das haben Sie doch gesehen.“
„Und das?“ Ich hob den Arm, der nicht zerbissen, sondern eher abgeschürft war, denn die meis-
ten neuen Rassen haben genetisch modifizierte Zähne, um in Situationen wie diesen ernsthafte Verlet-
zungen zu vermeiden. „Der Hund ist hoffentlich geimpft.“
„Sie ist ein Kirschpit“, sagte sie mit einem verächtlichen Blick. „Die können gar keine Krankhei-
ten übertragen. Ich meine, das weiß doch jeder.“
Es war Dienstag, und ich arbeitete zu Hause, wie jeden Dienstag und Donnerstag. Ich war,
wie praktisch alle auf dem Planeten, in der IT-Branche tätig und hatte festgestellt, dass ich zu Hau-
se mehr erledigen konnte als im Büro. Meine Kollegen mit ihren Launen, Ansichten, Tics und so
weiter waren eine Prüfung – nicht dass ich sie nicht mochte, aber wenn es hoch herging, waren sie
irgendwie immer im Weg. Oder vielleicht stimmte es ja, vielleicht mochte ich sie einfach nicht. Je-
denfalls ging ich nach dieser kleinen Begegnung mit diesem Mädchen und seinem Hund ins Haus,
strich eine antibiotische Salbe auf meinen Arm, nahm den Tee und ein paar Proteinkekse mit an
den Schreibtisch und schaltete den Computer an. Wenn ich überhaupt an das tote Schweinchen
dachte, dann nur im Zusammenhang mit Allison, die das Tier natürlich würde sehen wollen, was
die Frage aufwarf, was ich bis dahin damit machen sollte: es einfach liegen lassen oder es in eine
Mülltüte stecken und in der Kühltruhe aufbewahren, bis Allison vom Büro nach Hause kam? Ich
dachte daran, meine Frau anzurufen – Connie war Regionaldirektorin der Bank USA, eine Virtuo-
sin auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen, und würde wissen, was zu tun war –,
aber ich wollte sie wegen einer solchen Banalität nicht bei der Arbeit stören. Ich hätte das Schwein-
chen natürlich auch beerdigen oder es auf den Müll werfen und mich dumm stellen können, aber
letztlich tat ich gar nichts.

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


52 Feuilleton

Es war nach drei, als ich beschloss, Mittagspause zu machen, und weil es ein so schöner Tag war,
ging ich mit meinem Sandwich und einem Glas Eistee hinaus auf die Veranda. Inzwischen hatte ich
das Schweinchen, den Hund und den Kummer, der Allison bevorstand, vollkommen vergessen,
doch sobald ich hinaustrat, wurde ich daran erinnert: Die Bäume waren voller kreischender, kräch-
zender, plappernder Papageienkrähen, die sich aus einem ganz bestimmten Grund eingefunden hat-
ten. (Ich weiß nicht, ob es diese Vögel in Ihrer Gegend auch schon gibt – falls nicht, wird es nicht
mehr lange dauern, glauben Sie mir. Sie waren der Einfall eines Molekularembryologen an der hiesi-
gen Universität, der glaubte, die Kombination von Genen der Aaskrähe mit denen der invasiven Pa-
pageien werde den Überfällen der Letzteren auf die örtlichen Obstplantagen und Weingärten ein
Ende machen, denn die daraus resultierenden Vögel würden Abfälle und Aas bevorzugen und oben-
drein die heimischen Krähen verdrängen, denen fast sämtliche Singvogelbruten in unseren Gärten
zum Opfer gefallen waren. Das einzige Problem war der Geräuschfaktor: Irgendetwas schien nicht
nur die Lautstärke, sondern auch die Komplexität der Vogelrufe verdoppelt zu haben, so dass man
mittlerweile bei praktisch allen Aktivitäten unter freiem Himmel Ohrstöpsel brauchte.)
Ich hätte jedenfalls gern welche gehabt. Die Vögel waren überall, fluchten routiniert (Scheißvo-
gel! Scheiße-Scheiße-Scheiße!) und schlugen sich die glänzenden Flügel um die Köpfe. Beunruhigt
rannte ich zum zweiten Mal an diesem Tag die Verandatreppe hinunter und über den Rasen zum Blu-
menbeet, wo sich ein Schwarm Vögel auf den Überresten von Allisons Haustier niedergelassen hatte.
Ich fuchtelte mit den Armen, und sie flogen widerwillig davon und kreischten dabei Kackvogel! oder
den zerhackten Schrei, der mich praktisch jeden Morgen weckte: Krach-arsch! Was das Schweinchen
betraf (das ich, wie mir jetzt klarwurde, in die Garage hätte legen sollen), so waren seine Augen ver-
schwunden, und die bläuliche Haut war mit roten Wunden übersät. Soll ich ehrlich sein? Ich wollte
dieses Ding nicht anfassen – es war eklig. Die Vögel waren eklig. Wer konnte wissen, welche Zoonose-
Erreger sie mit sich herumtrugen? Und so stand ich vor einem Dilemma, als Allisons Wagen nebenan
mit blitzenden Lichtreflexen in die Einfahrt fuhr.
Allison war Anfang dreißig und hatte eine topplastige Statur und rotblondes, unbezähmbar
krauses Haar, das sie unter diversen Tüchern verbarg, was ihr etwas Exotisches verlieh, als wäre sie
hier, in diesem Vorort, gestrandet. Sie hatte ein gutes Herz und ein trauriges Gesicht, und hinter ihr
lag eine katastrophale Beziehung nach der anderen. Unwillkürlich wollte ich sie beschützen: eine
Frau, ganz allein in dem großen Haus, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. Daher hatte ich, als sie
mit bereits tränennassen Augen über den Rasen auf mich zukam, das Gefühl, nicht genug getan zu
haben, zog, ohne lange nachzudenken, mein Hemd aus und breitete es über das tote Schweinchen.
„Ist sie das?“, fragte Allison und sah auf das hastig bedeckte Ding zu meinen Füßen. „Nein, sa-
gen Sie’s mir nicht.“ Und dann blickte sie mich an und wiederholte immer wieder meinen Namen:
„Roy, Roy, Roy“, als würde sie an etwas ersticken. Scheiße, Scheiße!, schrien die Papageienkrähen in
den Bäumen. Kack, kack, kack! Im nächsten Augenblick warf sie sich in meine Arme und klammerte
sich so fest an mich, dass ich kaum noch Luft bekam.
„Ich will sie gar nicht sehen“, sagte sie leise, und jede Silbe war ein warmer Lufthauch auf mei-
ner nackten Brust. Ich roch ihr Haar, ihr Shampoo und den Schweiß in ihren Achselhöhlen. „Die
Arme“, schluchzte sie und hob den Kopf, so dass ich die Tränen in ihren Augen sehen konnte. „Ich
habe sie so geliebt, Roy, ich habe sie so geliebt.“
Ich dachte an ein Abendessen bei ihr: Connie und ich, ein anderes Paar, Allison und ihr letzter
Freund, ein Grobian mit einem Quadratschädel, der im Tierheim arbeitete und streunende oder
transgene Tiere einschläferte. Allison behielt ihr Schweinchen während des ganzen Essens auf dem
Schoß und fütterte es von ihrem Teller, und danach, als alle im Wohnzimmer saßen und Brandy mit

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Feuilleton 53

Benedictine tranken, stellte sie das Tier auf den Hocker am Klavier, wo es mit seinen modifizierten
Hufen „Twinkle, Twinkle, Little Star“ spielte.
„Nein“, gab ich ihr recht, „das wollen Sie nicht sehen.“
„Es war ein Hund, nicht? Das hat“ – und hier musste sie kurz innehalten, um sich zu fassen –
„das hat jedenfalls Terry Wolfson gesagt, als sie mich in der Arbeit angerufen hat.“
Ich wollte gerade etwas Tröstliches sagen, irgendeine Plattitüde wie: Das arme Tierchen habe
nicht leiden müssen – obwohl ich doch genau wusste, dass dieser Köter so gnadenlos darauf herum-
gekaut hatte wie auf meinem Arm –, als von der Straße her jemand „Hallo?“ rief und wir auseinan-
derfuhren. Das hochgewachsene Mädchen stakste in Plateauschuhen auf uns zu. Der Hund war
auch wieder dabei, diesmal an der Leine. Ich spürte Ärger in mir aufwallen – hatte sie denn nicht
schon genug angerichtet? –, Ärger und Verlegenheit. Ich zeigte mich nicht gern halbnackt in der Öf-
fentlichkeit – und ich wurde auch nicht gern bei einer innigen Umarmung mit meiner unverheirate-
ten Nachbarin ertappt.
Falls sie meine Gedanken erriet, ließ sie sich nichts anmerken. Sie ging weiter, bis sie vor uns
stand, und der Hund trottete brav neben ihr her. Der Blick ihrer violetten Augen ging von mir zu dem
Etwas unter dem blutigen T-Shirt und schließlich zu Allison. „Je suis désolée, madame“, sagte sie.
„Pardonne-moi. Mon chien ne savait pas ce qu’il faisait – il est un bon chien, vraiment.“
Dieses Mädchen, dieses Kind überragte uns beide, seine Mimik war lebhaft. Es hatte Lidstrich,
Lippenstift und Blusher aufgetragen, als wäre es zehn Jahre älter und unterwegs zu einem Nachtclub,
und sein Haar – blonde Naturlocken – bedeckte wie ein Zelt die Schultern und fiel lang über den Rü-
cken. „Was redest du da?“, sagte ich. „Und warum sprichst du Französisch?“
„Weil ich es kann. Puedo hablar en español también, und Deutsch kann ich auch. Ich habe ei-
nen IQ von 162 und laufe hundert Meter in 9,58 Sekunden.“
„Toll“, sagte ich und wechselte einen Blick mit Allison. „Bewundernswert. Wirklich. Aber was
machst du hier? Was willst du?“
Deine Mutter!, kreischten die Vögel. Leck mich!
Sie trat von einem Fuß auf den anderen und wirkte verlegen wie das Kind, das sie ja war. „Ich
wollte Ihnen sagen, dass Sie es bitte, bitte nicht melden sollen, denn mein Vater sagt, dann muss sie
eingeschläfert werden. Sie ist ein guter Hund, wirklich, und sie hat so was noch nie gemacht, und wir
lassen sie nie, niemals frei herumlaufen. Es war bloß –“
„Ein unglücklicher Zufall?“, sagte ich.
„Ja“, sagte sie. „Eine Anomalie. Ein Unfall.“
Allisons Wangenmuskeln spannten sich. Aus rosaroten Augen sah der Hund gelassen zu uns
auf, als ginge ihn das alles nichts an. Eine garantiert insektenlose Brise strich raschelnd durch die Bäu-
me an der Straße. „Und was soll ich jetzt dazu sagen?“, fragte Allison. „Weißt du, wie ich mich fühle?
Ich soll dir verzeihen? Tut mir leid – das kann ich nicht. Nicht jetzt.“ Sie sah das Mädchen wütend an.
„Du liebst deinen Hund, hm?“
Das Mädchen nickte. „Und ich liebe Shushawna – ich habe sie geliebt.“ Ihre Stimme brach.
„Mehr als alles andere auf der Welt.“
Wir betrachteten das blutige T-Shirt zu unseren Füßen. Dann hob das Mädchen den Blick und
sagte: „Mein Vater will für alle Schäden aufkommen. Hier.“ Sie zog zwei Visitenkarten aus der Handta-
sche und reichte sie Allison und mir. „Er wird sämtliche Kosten für etwaige ärztliche Behandlungen
übernehmen“, versicherte sie mir, warf einen zweifelnden Blick auf meinen Arm und wandte sich
dann zu Allison. „Und er wird Ihnen Ihr Haustier ersetzen, wenn Sie das wollen, madame. Es war ein
Mikroschwein, oder? Von Recombicorp? Oder wenn Sie wollen – das hat mein Vater ausdrücklich

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


54 Feuilleton

gesagt –, könnten wir Ihnen einen Kirschpit wie Ruby besorgen oder auch eine Hundekatze, wenn
Ihnen das lieber wäre . . .“
Es war ein schmerzlicher Moment. Ich konnte alle beide verstehen, sowohl Allison als auch
das Mädchen, obgleich Connie und ich kein Haustier hatten, auch nicht von einer dieser neuen hy-
poallergenen Rassen, ebenso wenig wie Kinder, obwohl wir oft darüber gesprochen hatten. Hier
ging es um eine größere Trauer, ausgelöst durch tiefe Verbundenheit und Verlust und die Tatsache,
dass die Welt sich ändert, ganz gleich, ob wir dafür bereit sind oder nicht. Wir hätten den Moment
überstanden, glaube ich, wir wären zu einer Art Übereinkunft gelangt – Allison war nicht nachtra-
gend, und ich würde ebenfalls kein Theater veranstalten –, doch in diesem Augenblick strich die Bri-
se durch den Vorgarten, schlug das T-Shirt zurück und enthüllte den augenlosen Kopf des Schwein-
chens, und das war’s dann. Allison stieß einen erstickten Schrei aus, und der knallrote Köter riss sich
los und stürzte sich darauf.
Ich war in der Küche und mixte mir einen Drink, als Connie nach Hause kam. Die Haustür fiel
dröhnend ins Schloss. (Connie war immer in Eile und verschwendete keine Bewegung. Ich hatte sie
ungefähr hundertmal gebeten, die Tür nicht zuzuschlagen, aber sie war einfach außerstande, die zwei
Sekunden zu erübrigen, die es dauerte, eine Tür geräuschlos zu schließen.) Im nächsten Augenblick
donnerte ihr Aktenkoffer auf das Tischchen in der Eingangshalle, die Absätze hämmerten – tack-
tack-tack-tack – auf das Parkett, und dann war sie in der Küche und sagte: „Mach mir auch einen,
Schatz, ja? Oder nein, lieber Wein. Haben wir noch Wein?“
Ich fragte sie nicht, wie ihr Tag gewesen war – ihre Tage waren immer gleich: Vollgas, nichts als
Situationen, mit denen sie sich befasste wie ein Fünf-Sterne-General, der den Feind ins Meer zurück-
wirft. Ich umarmte sie nicht und gab ihr auch keinen Kuss. Wir gehörten nicht zu den Leuten, die so
was taten – in ihren Augen (und, um ehrlich zu sein, auch in meinen) war das einfach überflüssig. Wort-
los öffnete ich den Küchenschrank, nahm ein Glas heraus, schenkte ihr den Sancerre ein, den sie so
mochte, und reichte ihn ihr. Das Fenster stand offen, um die leise Brise hereinzulassen, doch von den
Vögeln war nichts zu hören. Sie waren wohl davongeflogen, um einen anderen Garten heimzusuchen.
„Allisons Schweinchen ist heute getötet worden“, sagte ich, „in unserem Vorgarten. Von einem
dieser transgenen Pitbulls – du weißt schon, diese knallroten, für die sie so viel Reklame machen.“
Sie zog die Augenbrauen hoch, ließ den Wein im Glas kreisen und nippte daran.
„Und mich hat er auch gebissen“, fügte ich hinzu und hob den Arm, um den sich wie eine Man-
schette kurz unterhalb des Ellbogens eine bläulich-violette Verfärbung gelegt hatte.
Ihre Antwort hatte überhaupt nichts mit dem zu tun, was ich gesagt hatte, aber unsere Unterhal-
tungen waren oft zusammenhangslos: In ihrem Kopf lief ein ganz bestimmtes Frage-und-Antwort-
Spiel ab und in meinem ein anderes, und so passten unsere Antworten nie ganz zusammen. Sie ging
gar nicht auf meine Verletzung, den Hund, Allison oder die emotionalen Folgen dieses Ereignisses ein,
sondern stellte das Glas auf die Theke, tupfte sich die Lippen ab und sagte: „Ich will ein Kind.“

Fortsetzung in der kommenden Woche

„Sind wir nicht Menschen?“ (Are We Not Am 28. Januar erscheint


Men?), aus T.C. Boyle: „The Relive Box“. T.C. Boyles Roman „Das Licht“.
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren,
Erscheinungstermin: Frühjahr 2020. © 2019 Hanser Verlag, München 2019, 284 S.,
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München geb., 25 Euro.

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Feuilleton 55

Illustration Carlo Giambarresi

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56 Feuilleton

A Raubkunst
m Neujahrstag hat Eike und müsse unverzüglich zurückgege-
Schmidt, Direktor der ben werden. Die Staatsanwaltschaft
Florentiner Uffizien, im Florenz ermittelt.
Palazzo Pitti ein Gemälde aufgehängt. Der Direktor der Uffizien, Der deutsche Museumsdirektor
Genauer gesagt, die Schwarzweißre- Schmidt hat die Reproduktion mit
produktion eines Gemäldes, das dort Eike Schmidt, will ein Bild zurück. der Aufschrift „Rubato – Stolen – Ge-
lange hing: das Stillleben einer Blu- stohlen“ und einer Erklärung über
menvase des niederländischen Malers das Schicksal des Werks versehen. Bei
Jan van Huysum. Das 47 mal 35 Zenti- der publikumswirksamen Aktion im
meter kleine Ölgemälde wurde zu Be- Palazzo Pitti sagte er: „Deutschland
ginn des Zweiten Weltkrieges auf die hat die moralische Pflicht, dieses
Jaufenburg in Südtirol gebracht. Dort asdf Werk unserem Museum zurückzuge-
entwendeten es 1943 Soldaten der ben. Wegen dieses Vorfalls sind die
deutschen Wehrmacht und ließen es Wunden des Zweiten Weltkriegs und
nach Deutschland bringen. des Nazi-Terrors noch immer nicht
Fast ein halbes Jahrhundert war Schmidt und die Reproduktion des Werks verheilt.“ Schmidt wird bald ans
Jan van Huysums „Vaso di Fiori“ ver- Kunsthistorische Museum in Wien
schollen. 1991 tauchte das Bild wieder auf. Gegenwärtig befin- wechseln. „Wir sind gerne bereit, diese fotografische Erinne-
det es sich im – unrechtmäßigen – Besitz einer Familie in rung zu entfernen, wenn den Uffizien das Original zurückgege-
Deutschland, mutmaßlich in einem der fünf neuen Bundeslän- ben wird“, sagte er. Ob er seiner Wahlheimat Italien das beson-
der. Über Vermittler hat die Familie den italienischen Behör- dere Abschiedsgeschenk aus Deutschland noch wird überge-
den den „Rückkauf“ angeboten beziehungsweise die Zahlung ben können, steht freilich dahin.
einer Art Ablösesumme. Die Behörden haben dieses Ansinnen
zurückgewiesen: Das Gemälde gehöre dem italienischen Staat Matthias Rüb, Rom

Strizz

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Optimist Pessimist 57

In der Welt der Fiktion wenden sich die realen Bedingungen zum Besseren.
Die harte Wirklichkeit von Journalisten bestimmt indes
Geschichten von Mord und Totschlag. Da gibt es kein Happy End.

Frauen auf dem Journalisten auf


Karrieresprung der Abschussliste
Von Ursula Scheer Von Michael Hanfeld

Wie schnell der Wind sich doch dreht: Vor Weihnachten zieht die Organisation
Eben noch erschütterte der Weinstein- „Reporter ohne Grenzen“ Bilanz, in den
Skandal das Filmbusiness, schon über- Tagen zwischen den Jahren folgen ande-
bietet man sich in der Branche mit Insze- re internationale Journalistenvereinigun-
nierungen komplexer Frauencharakte- gen. Was sie vorlegen, ist eine Addition
re, gerne in fortgeschrittenem Alter, die des Schreckens, eine Beschreibung des
mehr bieten als romantische Heldinnen Zustands der Pressefreiheit, und diese
oder schwach ausgeleuchtete Mütter hin- wird nicht besser. Sie benennen, wie vie-
ten in den Kulissen. Für beide Rollen ste- le Journalisten und Mitarbeiter von Me-
he sie nicht zu Verfügung, sagte Keira dienorganisationen in oder wegen der
Knightley dem „Guardian“, und das Dis- Ausübung ihrer Tätigkeit ums Leben ge-
ney-Märchen „Cinderella“ sei für ihre kommen sind. 94 seien es gewesen, teilt
Tochter verboten, weil eine Prinzessin die Internationale Journalisten-Föderati-
von heute doch bitte unabhängig den gif- on (IFJ) mit, zwölf mehr als im Jahr zu-
tigen Apfel aushuste, statt sich vom Prin- vor: 84 Journalisten, Kameraleute und
zen vielleicht gegen ihren Willen küssen Techniker sowie zehn weitere Mitarbeiter.
zu lassen. Sie wurden gezielt ermordet, Opfer von
Nun gut, in ihrer Unmärchenhaftig- Bombenanschlägen oder gerieten ins
keit ist das schon eine fragwürdige Kreuzfeuer; in Afghanistan, in Mexiko,
Emanzipationspädagogik. Aber was op- im Jemen, in Syrien, Indien, Pakistan, den
timistisch stimmen kann, ist eine regel- Vereinigten Staaten und Somalia, aber
rechte Schwemme ambitionierter Kinofilme, die gera- auch in Europa, wo vier Journalisten getötet wurden.
de aus dem Leben bedeutender Schrifstellerinnen er- Einer von ihnen war der saudi-arabische Regimekriti-
zählen, die sich gegen männliche Widerstände durch- ker Jamal Khashoggi, der im Oktober im Konsulat Sau-
setzten. „Astrid“ handelt von der jungen Astrid Lind- di-Arabiens in Istanbul von einem Tötungskommando
gren; Glenn Close spielt in „Die Frau des Nobelpreis- umgebracht wurde. Ein weiterer war der slowakische
trägers“ eine ehelich unterlegene Ghostwriterin, Journalist Ján Kuciak. Er wurde mit seiner Verlobten
„Mary Shelley“ mit Elle Fanning erklärt die Entste- Martina Kušnirová im Februar 2018 erschossen. Kuciak
hung von „Frankenstein“, und in „Colette“ schlüpft hatte zu Verbindungen führender Politiker zur organi-
Keira Knightley in die Rolle der frivolen Grande sierten Kriminalität recherchiert. Sein Fall stürzte das
Foto Florence Museum Press Office/AFP Illustration Thomas Fuchs

Dame der französischen Literatur. Das Zauberhafte Land in eine tiefe politische Krise, die Regierung stürzte,
an letzterem Film ist, dass er, obwohl er Colette selbst im Oktober nahm die Polizei vier Verdächtige fest, de-
notorisch unterschätzt, mit leichter Hand Genderste- nen der Mord an Kuciak und Kušnirová zur Last gelegt
reotype als schon vor hundert Jahren brüchig aus- wird. Die Tat, sagte der slowakische Präsident Andrej
weist. Es tritt nicht nur als eine faszinierende Trans- Kiska in seiner Neujahrsansprache, habe die Gesell-
gender-Figur auf, sondern auch als ein Betrüger, Lie- schaft zur Selbstreflexion gezwungen und 2018 zu ei-
bender und maskuline Muse brillierender Mann: Do- nem „Jahr des Ringens um Anständigkeit und Gerechtig-
minic West spielt als Colettes Ehepartner Willy alle an keit“ gemacht. Dass 2019 in diesem Ringen nicht nur in
die Wand. Das ist dann wohl wahrer Feminismus: der Slowakei, sondern weltweit diejenigen die Ober-
dass die interessanteste Figur im Raum nicht zwang- hand behalten, die für die (Presse-)Freiheit eintreten,
haft immer eine Frau sein muss. wagt man nicht zu hoffen.

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Was kommt
Fliegende Autos und ein schwimmendes Atomkraftwerk, Steaks aus der Petrischale,
digitale Gesichtserkennung, Wetterkapriolen sowie ein Blick auf die
dunkle Seite des Mondes. 2019 wird ein großes Jahr für Wissenschaft und Technik.
Wissen 59

Fliegende Flitzer Internet im Höchsttempo


„Nur Fliegen ist schöner.“ Als der Autohersteller Opel vor 50 Im Mobilfunk wird eine neue Ära eingeläutet. Nach LTE
Jahren sein sportliches GT-Modell auf den Markt brachte, wa- (4G) und UMTS (3G) startet 5G in Deutschland. Die jüngs-
ren fliegende Autos allenfalls etwas für spleenige Ingenieure te Variante im Zahlen- und Buchstabensalat der Kommuni-
oder bunte Comic-Hefte. Zwar hatte schon 1918 der amerika- kationstechnik soll das Internet auf dem Smartphone schnel-
nische Rennfahrer Glenn Curtiss einen ersten Entwurf für so ler und die Kommunikation zwischen Maschinen leichter
einen fliegenden Flitzer gemacht, zwar drehte eine rollende machen. So werden durch das neue Netz auf der einen Seite
Kiste der Firma Pitcairn Aircraft zwanzig Jahre später ihre ers- die Latenzzeiten und der Energieverbrauch der Geräte verrin-
te Runde über Washington. Doch so richtig hob die Idee nicht gert. Auf der anderen Seite können in kürzerer Zeit mehr Da-
ab. Das wird sich ändern. Denn gleich mehrere Hersteller be- ten übertragen und mehr Teilnehmer als bisher gleichzeitig
reiten einen Marktauftritt vor. 2019 wird der chinesische Auto- im Netz bedient werden. Während es in China schon erste
bauer Geely über seine amerikanische Tochtergesellschaft Ter- Handys gibt, die mit diesem neuen Standard arbeiten, setzt
rafugia ein zweisitziges Auto mit ausklappbaren Flügeln ver- Deutschland im Frühjahr eine seiner milliardenschweren
kaufen – zum Preis von einer halben Million Dollar. Das slowa- Auktionen an, um die Frequenzen unter den Netzanbietern
kische Unternehmen Aeromobile zieht mit einem 300 PS star- zu versteigern. Aufgrund der komplizierten Technik der neu-
ken Verbrennungsmotor nach. Der Dritte im Bund ist die hol- en Netze sind allerdings wöchentliche Aktualisierungen der
ländische Gesellschaft PAL-V. Sie wird versuchen, von 2020 an Nutzer-Software erforderlich. Diese Aktualisierungen kön-
mit einem dreirädrigen auch Gyrocopter genannten Zweisit- nen schnell zu großen Lücken im Sicherheitsnetz führen
zer samt einklappbaren Flügeln den beiden Konkurrenten Pa- und Cyberangriffen Tür und Tor öffnen.
roli zu bieten. Opel jedoch, einer der Auto- und Flugzeugpio-
niere der zwanziger Jahre, kämpft heute ums Überleben.
Am Himmel braut sich was zusammen
Leonardos Jubiläum Der Welt stehen turbulente Wochen ins Haus. Denn Forscher
sagen für 2019 das bislang wärmste Jahr der Menschheitsge-
Florenz rüstet sich für ein Jubiläum: den 500. Todestag von
schichte voraus. Es besteht nach Angaben der World Meteoro-
Leonardo da Vinci am 2. Mai. Es wird nicht einfach sein, Herr
logical Organization (WMO) eine 80 Prozent hohe Wahr-
über die zu erwartenden Massen an Besuchern in der Haupt-
scheinlichkeit, dass ein auch „El Niño“ genanntes Wetterphä-
stadt der Toskana zu werden. Doch nichts war auch je einfach
an diesem Mann: sein Leben nicht, sein Werk nicht, und selbst nomen mit einer bislang noch nicht gesehenen Kraft bereits
seine Grabstätte gibt Rätsel auf. Als er 1519 auf Schloss Clos begonnen hat. Dieses Phänomen braut sich im Pazifik zusam-
Lucé im französischen Amboise starb, verlor die Renaissance men, geht es dort doch mit der Umkehr der Temperaturver-
ihr wohl größtes Genie. Er hatte phantastische Maschinen ent- hältnisse einher. Eigentlich ist das Wasser vor der Küste Süd-
worfen und riesige Anlagen gebaut, er konnte in Spiegelschrift amerikas kälter und das vor Australien und den indonesischen
schreiben, studierte Mathematik, baute Flugapparate, konzi- Inseln wärmer. Bei El Niño aber erwärmt sich der Ostpazifik
pierte den ersten Hubschrauber und das erste Auto; er malte vor Südamerika stärker, während vor Australien und Indone-
in Öl, zeichnete mit der Feder und gab der Welt einige ihrer sien die Wassertemperatur sinkt.
größten Kunstwerke: das Abendmahl, die Mona Lisa, den vi- Diese scheinbar kleine Veränderung hat große Folgen
truvianischen Menschen. Bis heute beschäftigt er die Gelehr- für Wind und Wetter auf dem gesamten Planeten. Das letzte
ten, bis heute konnten sie ihn nicht bis ins Detail entschlüs- Phänomen dieser Art wurde 2016 registriert, das bislang
seln, bis heute ist selbst der Verbleib seiner Gebeine ungewiss. wärmste Jahr seit der wissenschaftlichen Aufzeichnung des
Denn sein Grab in der Amboiser Kirche Saint-Florentin wur- Wetters. Viele der großen Korallenriffe im Pazifik sind seit-
de von Napoleons Soldaten in der Französischen Revolution dem schwer beschädigt oder gar schon abgestorben. Bislang
samt Gotteshaus abgerissen. Ein halbes Jahrhundert später ging die WMO davon aus, dass 2019 nur mit einem schwa-
grub man die Überreste aus, fand ein chen El Niño zu rechnen sei. Im Oktober aber hat sich das
Ein Gyrocopter Skelett, trug es in der Kapelle Saint- Wasser im östlichen Pazifik so stark erwärmt, dass nun mit ei-
genanntes fliegendes Hubert zu Grabe und legte einen nem relativ starken Phänomen gerechnet werden muss. Das
Foto Reuters

Auto über den Ufern schweren Grabstein mit der Auf- heißt für den Rest der Welt: schwere Stürme, heftige Nieder-
des Toten Meers. schrift „Leonardo da Vinci“ darüber. schläge und Kapriolen auf dem Thermometer.

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China startet eine Rakete mit seiner Mond-Sonde „Chang’e-4“ Russlands schwimmendes Atomkraftwerk

Von der Petrischale auf den Teller: Ein Steak von Aleph Farms Das erste Bauhaus: Das Haus am Horn in Weimar

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Wissen 61

Atomkraftwerk auf hoher See out. Der legendäre Apple-Chef Steve Jobs war ein Fan. Von
Es ist eines der größten und gefährlichsten Experimente der Schanghai bis Chicago, von Tokio bis Tel Aviv mit seinen
Menschheitsgeschichte: Wenn nach den eisigen Winterwo- rund 4000 auf die alten Bauhausmeister zurückgehenden
chen 2019 im Nordosten Russlands die ersten wärmeren Win- Häusern wird das gefeiert.
de wehen, wird sich eine gigantische Barke über die Ostsibiri-
sche See auf die Stadt Pewek zubewegen. Auf ihrer fußballfeld- Gesichtskontrolle
großen Ladefläche sind zwei Atomreaktoren der Modellmar- George Orwell hatte ihn einst kommen sehen: „Big Brother“.
ke KLT-40S montiert. Beide sind mit jeweils rund 250 Brenn- Mit den technischen Entwicklungen rund um die Künstliche
elementen bestückt und sollen im Jahresverlauf 40 000 priva- Intelligenz (KI) scheint die Menschheit nun einen großen
te Haushalte mit Strom beliefern. Das erste schwimmende Schritt in diese Richtung zu machen. Denn während China an
Atomkraftwerk der Welt: die Akademik Lomonossow. Über der Totalüberwachung seiner Bürger durch digitale Technik ar-
Jahre hatten russische Ingenieure in der Tausende Kilometer beitet, wird in den kommenden Monaten auch in Amerika
entfernten U-Boot-Werft von Sewerodwinsk daran gearbei- eine KI-Anwendung für Furore sorgen: die Gesichtserken-
tet. Es gab Pannen, Verzögerungen und Probleme. Das nung. Computer können zwar schon seit einiger Zeit über
schwimmende Kraftwerk lief im Juni 2010 in Sankt Peters- Bildschirme die Gesichter von Millionen Menschen mit nahe-
burg offiziell vom Stapel. Im April 2018 wurde es von Schlep- zu hundertprozentiger Genauigkeit erkennen. Nun aber hat
pern erst über die Ostsee, dann über die Nordsee und den die Datenindustrie ein paar handliche Anwendungen für den
Nordatlantik in die Barentssee nach Murmansk gezogen. Im Alltag daraus gemacht. So werden Kartenbesitzer von Base-
kommenden Frühjahr soll die Atombarke mit einem Eisbre- ball-Spielen einiger amerikanischer Top-Teams von den kom-
cher und einem Schlepper vor Pewek in Position gebracht menden Wochen an keine Papier- oder elektronischen Tickets
werden. Dann, so lautet der Plan, soll der kommerzielle Be- mehr in Händen halten, sondern einfach so durch die Sicher-
trieb beginnen. Umweltschutzorganisationen nennen die Aka- heitsschleusen der Stadien gehen. Sind ihre Gesichtsmerkmale
demik Lomonossow eine „nukleare Titanic“; Moskau nennt doch auf den Computern der Veranstalter gespeichert, so dass
sie die „Zukunft der Menschheit“. eine eindeutige Zuordnung der Person möglich ist. In Singa-
purs neuester Shopping-Mall wird technische Gesichtserken-
Frische Steaks aus der Petrischale nung eingesetzt, um Passanten eine passende Shoppingliste
Fleisch aus der Konserve ist seit den Napoleonischen Kriegen auf ihr Handy zu spielen. In Tokio wird die gleiche Technik er-
bekannt. Fleisch aus der Petrischale steht seit Jahren ganz probt, um die Stadt für die Olympischen Spiele 2020 sicher zu
oben auf der Agenda der Forschung. Das sogenannte In-vitro- machen. Sieben von zehn Fluggesellschaften und Flughäfen in
Fleisch sorgte zwar immer wieder für Schlagzeilen, schmeckte der Welt testen Verfahren zur Gesichtserkennung. Apple hat
aber bestenfalls wie ein gammliger Döner. Ein kleines Biotech- seine Smartphones mit sogenannter Facial Recognition ausge-
Unternehmen aus Israel will es nun aber geschafft haben, stattet. Der koreanische Konkurrent Samsung zieht nach.
recht delikates Rindfleisch ganz ohne das Schlachten von Rin-
dern auf den Tisch zu bringen – und zwar in der Form eines Licht auf der dunklen Seite des Mondes
knackigen Steaks. Und das könnte in diesem Jahr schon in den Pink Floyd hat sie besungen, Mark Twain hat sie beschrieben,
Handel kommen. Dabei hat die Firma Aleph Farms angeblich China macht sich nun auf, sie zu erkunden: die dunkle Seite des
nichts weiter machen müssen als die natürlichen Fleischzellen Mondes. Hat Peking doch eine unbemannte Weltraummission
von Kühen zu analysieren, sie im Labor zu kopieren und in ausgerüstet, die mit der nach der chinesischen Mondgöttin be-
der Atmosphäre eines wohltemperierten Kühlhauses zu kulti- nannten Sonde „Chang’e-4“ schon in diesen Tagen auf der von
vieren. So sind die Zellen aus sich heraus gewachsen. Sie bilde- der Erde abgewandten Seite ein ferngesteuertes Fahrzeug aus-
ten ein Gewebe und entwickelten dabei sowohl das Aroma wie setzt, das dann die Oberfläche des Trabanten erkunden wird.
auch den Geschmack eines saftigen Stück Rindfleischs. Eine Die Bilder, die die Sonde im Laufe des Jahres zur Erde funken
etwa handtellergroße Scheibe Fleisch soll nicht mehr als 50 wird, dürften unter den Menschen eine neue Begeisterung für
Euro kosten und dabei Umwelt und Tierwelt schonen. den Mond entfachen – ganz so wie vor einem halben Jahrhun-
dert, als mit dem Amerikaner Neil Armstrong der erste Mensch
Das Bauhaus feiert Geburtstag den Mond betreten hatte. In Finsternis allerdings dürfte das Vor-
Das Bauhaus wird im April 2019 hundert Jahre alt. Doch die haben der Chinesen nicht stattfinden. Denn da sich der Mond
altehrwürdigen Einrichtungen in Weimar, Dessau und Ber- einmal im Monat um sich selbst dreht, während er gleichzeitig
Fotos Xinhua/eyevine /Laif, dpa (2), Roger Hagmann

lin lassen ihre Fans nicht nur weit in die Vergangenheit bli- die Erde umrundet, ist unserem Planeten zwar immer dieselbe
cken. Der einst von einer Gruppe aus Architekten, Ingenieu- Mondhälfte zugewandt. Seit der Mensch jedoch Satelliten, Rake-
ren, Gestaltern und Malern rund um den deutschen Bau- ten und Raumstationen ins Weltall schießt, steht fest: auf der
meister Walter Gropius während einer Schaffenszeit von nur vermeintlich dunklen Seite herrscht kein Schatten. Und nicht
14 Jahren kreierte Bauhaus-Chic wirft aufgrund seines gestal- nur das: Sowjetische Wissenschaftler hatten schon 1959 mit ih-
terischen Minimalismus und seiner Zeitlosigkeit einen Blick rer Mondsonde Lunik3 festgestellt, dass die vermeintlich dunk-
in die Zukunft des Aussehens: von Computern bis Fahrrä- le Mondseite deutlich heller ist als die andere Hälfte.
dern, von Autos bis zu Wohneinrichtungen. Die Form folgt
der Funktion, Schnickschnack ist teuer, und Schnörkel sind Stephan Finsterbusch

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62 Gut zu wissen

Astronomie 1
Saturn verliert seine Ringe
Nichts ist für die Ewigkeit – schon gar nicht
im Weltall. Wie britische Wissenschaftler
nun herausfanden lösen sich die Ringe um
den Saturn langsam aber stetig auf. Da diese
Ringe fast ausschließlich aus Milliarden Stü-
cken Wassereis bestehen, gehen ihre Auflö-
sungserscheinungen als Regen über dem Pla-
neten nieder. Dieser Regen hinterlässt Spu-
Nervensystem ren in der Atmosphäre des Saturns – und die-
se Spuren können die Wissenschaftler mes-
Im Alter riecht sen. Wie die Forscher um James O’Dono-
die Nase ghue in der Fachzeitschrift „Nature“ schrei-
deutlich weniger ben, dünnen sich die Ringe im Laufe der Zeit
aus. In vielleicht 300 Millionen Jahren könn- Die Ringe des Saturns
Im Alter sehen die Augen ten sie dann ganz verschwunden sein. „Wir
schlechter, und die Ohren hö- schätzen, dass dieser Ring-Regen eine so gro- schläge. Und das wirft ein neues Licht auf die
ren weniger, die Knochen ße Wassermenge abtropfen lässt, dass sich in Ringe um den Saturn. Denn ihre Geschichte
schmerzen häufiger, und die einer halben Stunde eine Schwimmhalle von ist bis heute nicht geklärt. So ist etwa unklar,
Kräfte lassen nach. Doch olympischer Größe füllen könnte“, erklärte wie alt sie sind und ob sie schon zur Entste-
nicht nur das: Auch die Nase O’Donoghue. Der Forscher hatte mit seinem hung des Sonnensystems vor vier Milliarden
riecht nicht mehr ganz so Team die Ringe des Saturns durch eines der Jahren da waren oder erst vor 100 Millionen
gut wie in jungen Jahren. beiden sogenannten Keck-Teleskope auf Ha- Jahren entstanden. Die Ringe sind zwischen
Das jedenfalls stellten Wissen- waii untersucht. Dabei setzten sie Infrarot- 10 Meter und 100 Meter dick und haben ei-
schaftler um Carsten Marr Untersuchungen ein. Damit konnten sie nen Durchmesser von fast einer Million Kilo-
vom Institut of Computatio- Emissionen von Wasserstoffionen feststellen. metern. Sie liegen genau in der Äquator-Ebe-
nal Biology des Helmholtz- Diese Ionen sind ein Indikator für Nieder- ne des Saturns.
Zentrums München nach Ex-
perimenten mit Mäusen fest.
Die Tiere wurden mit einge-
färbten Nervenzellen so prä-
pariert, dass die Forscher
dem Riechsinn bei der Ar-
„Die Botschaft ist: Nehmt
beit zusehen und die dabei
gewonnenen Daten mit ei-
nem aufwendigen Computer-
die Wissenschaft ernst.“
system analysieren konnten.
Das Ergebnis: Riechnerven
gehen aus Stammzellen her- Der britische Zellforscher und Nobelpreisträger
vor. Sie durchlaufen dabei Sir Paul Nurse nach der Unterzeichnung eines
verschiedene Stadien. Mit zu- Briefes an Theresa May and Jean-Claude-Juncker,
nehmendem Alter lässt die- in denen viele Spitzenforscher und Nobelpreisträger
ser Prozess nach. Der Grund: für einen geordneten Brexit plädieren, um den
Die Riechzellen bleiben unge- Schaden eines Rückzugs aus der EU für die
nutzt in den Stammzellen lie- Wissenschaft im Vereinten Königreich so klein
gen. wie möglich zu halten.

Summa Summarum
bislang unbekannte Tierarten haben Forscher
im vergangenen Jahr im Delta des asiatischen
Flusses Mekong entdeckt. Wie die Naturschützer
des World Wide Funds mitteilten, waren darunter

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Impressum 63

Astronomie 2 Frankfurter Allgemeine Woche


Wochenmagazin der
Rendezvous im All Frankfurter Allgemeinen Zeitung
© F.A.Z. GmbH,
Frankfurt am Main, 2019
Ein Auftakt nach Maß: Denn die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa ist mit einem techni-
schen Meisterstück in das neue Jahr gestartet. Flog doch knapp 6,5 Milliarden Kilometer von Alle Rechte vorbehalten.
der Erde entfernt am Rande unseres Sonnensystems die Raumsonde „New Horizons“ relativ Verantwortlicher Redakteur
Dr. Nikolas Busse
knapp an einem „Ultima Thule“ genannten Himmelskörper vorbei. Dabei konnte sie ihre digi-
talen Kameras auf dieses Himmelsobjekt richten, erste Aufnahmen machen und in den frühen Redaktion
Philip Eppelsheim, Susanne
Stunden dieses jungen Jahres mehrere technische Signale zur Erde senden. Nie zuvor war es Kusicke, Andreas Nefzger (Politik);
der Wissenschaft gelungen, so nah an einen so weit entfernten Himmelskörper heranzukom- Maja Brankovic, Daniel Mohr
(Wirtschaft); Melanie Mühl, Ursula
men. Ultima Thule liegt faktisch in der äußersten Region des Sonnensystems, dem sogenann- Scheer (Feuilleton/Gesellschaft);
ten Kuipergürtel. Der sieht aus wie eine riesige Unterlegscheibe, befindet sich außerhalb der Stephan Finsterbusch (Wissen)
Bahn des Planeten Neptun und Art Director
setzt sich aus Hunderttausenden Holger Windfuhr
kleineren Himmelskörpern zu- Bildredaktion
Christian Pohlert
sammen. Die sind teilweise nur
wenige Hundert Kilometer Chefin vom Dienst
Dr. Elena Geus
groß. Die Existenz dieses Gür-
Gestaltung
tels ist erst seit Ende der achtzi- Benjamin Boch
ger Jahre bekannt. Vor fünf Jah- Informationsgrafik
ren entdeckten die Wissenschaft- Thomas Heumann
ler mit dem Weltraumteleskop Anschrift
„Hubble“ dann Ultima Thule. Frankfurter Allgemeine Zeitung
GmbH, Hellerhofstraße 2–4,
Die genaue Form und Farbe die- 60327 Frankfurt, woche@faz.de
ses Objektes sind noch nicht be-
Geschäftsführung
kannt. Das könnte sich mit wei- Thomas Lindner (Vorsitzender),
teren Aufnahmen durch die Ka- Dr. Volker Breid
meras von New Horizons än- Verantwortlich für Anzeigen
dern. Die Raumsonde der Ame- Ingo Müller;
für Anzeigenproduktion:
rikaner war 2006 ins All geschos- Andreas Gierth
sen worden. Sie sollte unter an- Druck
derem den „Pluto“ erkunden. Vogel Druck und Medienservice
Diesen Zwergplaneten hatte die GmbH, Leibnizstr. 5,
97204 Höchberg
Sonde nach fast zehn Jahren
Vervielfältigungs- und
Illustration von der Sonde New Horizons und Ultima Thule Flugzeit passiert. Sie machte ge- Nutzungsrechte für Inhalte
stochen scharfe Bilder von ihm der Frankfurter Allgemeinen
und sorgte so bei den Wissenschaftlern auf der Erde für Furore. Der Pluto dreht am inneren Woche erwerben Sie
auf www.faz-rechte.de
Rande des Kuipergürtels seine Bahnen. Nachdem New Horizons nun Ultima Thule vor der
Linse hat, könnte die Forschung ein weiteres Kapitel im Missionsbuch aufschlagen. Die rund
zweieinhalb Tonnen schwere Sonde flog mit einer Geschwindigkeit von 50 000 Kilometern je
Stunde in 3500 Kilometern Abstand an Ultima Thule vorüber. Dabei machte sie tausend Auf-
nahmen. Diese Bilder per Funk zur Erde zu senden wird aufgrund der Größe der Daten fast
Fotos dpa, AFP (3), Picture Alliance

zwei Jahre dauern. Die am Neujahrstag empfangenen ersten kleineren Funksignale der Sonde
hatten mehr als sechs Stunden gebraucht, bevor sie die riesige Distanz bis zur Erde zurückleg- Abo-Bestellung:
ten. „Wir haben endlich den Rand des Sonnensystems erreicht“, sagte Hal Weaver vom Johns- Telefon (069) 75 91-33 59 oder
Hopkins-Forschungszentrum in den Vereinigten Staaten. Die Objekte, die dort im Kuipergür- www.faz.net/woche-abo;
Monats-Abonnement-Preise
tel kreisen, haben sich seit Milliarden Jahren offenbar kaum verändert. Daher könnte ihre nä- Inland: 13,90 € (3,20 €
here Erkundung noch für einige Überraschungen sorgen. pro Ausgabe, statt 3,50 €
im Einzelkauf);
Digitalabonnement: 11,90 €;
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FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Die zweite Chance
Bei der Handball-WM ruhen nicht nur große Hoffnungen auf der deutschen Mannschaft,
sondern auch viele Blicke auf dem Bundestrainer: Christian Prokop muss nun liefern.

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


Sport 65

A
m liebsten möchte keiner beim Dort ging Prokops Stern auf. Vor zwei Jahren wur-
Deutschen Handballbund (DHB) de er zum Trainer der Saison gewählt. Das ließ den
mehr über den unsichtbaren Ruck- DHB bei ihm anklopfen. Prokop hatte in jungen
sack sprechen, den Bundestrainer Jahren eine steile Karriere gemacht.
Christian Prokop seit einem knappen Jahr mit sich Die Schwierigkeit im Handball und seiner
herumträgt. Prokop ist seit Februar 2017 Chef der Turnierform bei Großereignissen wie einer WM
deutschen Männer-Nationalmannschaft; er kam als oder EM aber sind die hohe Leistungsdichte unter
weitgehend Namenloser mit ziemlich wenig Erfah- den führenden Nationen und die hohe Fehleranfäl-
rung im Trainerjob einer Bundesliga-Mannschaft. ligkeit der einzelnen Teams in solchen Drucksitua-
In seinem Fall war das der SC DHfK Leipzig. tionen. Prognosen über den Ausgang eines Tur-
Dieser 40 Jahre alte „Innovativtrainer“ mit niers sind da unmöglich. Bei der WM 2017 spielten
seinem Sinn für ausgeklügelte Handballtaktiken die Deutschen unter Sigurdsson herausragend, bis
sollte die Deutschen also vor einem Jahr zur Titel- sie im Achtelfinale gegen Qatar einen Schwarzen
verteidigung bei der Europameisterschaft in Kroa- Tag erwischten. Ein Jahr später schien die DHB-
tien führen. Im Januar 2016 hatte der Isländer Da- Auswahl unter Prokop auf einem guten Weg. Dann
gur Sigurdsson mit der deutschen Mannschaft bei standen die ambitionierten Deutschen den guten
der EM in Polen den Titel geholt. Nach einer enttäu- Spaniern gegenüber, und plötzlich lief bei Prokops
schenden Weltmeisterschaft 2017 trat Sigurdsson Mannschaft nichts mehr.
aber zurück. Prokop übernahm von ihm eine ziem-
lich selbstbewusste Mannschaft voller Europameis- Viele Talente und eine lenkende Hand
ter, schied bei der EM vor einem Jahr jedoch schon Er habe bei jenem Turnier den Draht zur Mann-
vor dem Halbfinale aus. Er wollte der Mannschaft schaft verloren, wird es später heißen. Es ging um
seine Handschrift verleihen – das aber ging schief. Aufstellungen, Strategien und Taktiken, die vielen
Prokop, von DHB mit einem Fünf-Jahres-Vertrag missfielen. Spielzüge wurden vom Team anders ge-
ausgestattet, durfte weitermachen. spielt als vom Trainer geplant. Prokop stand ziem-
Diese Vorgeschichte muss man kennen, um lich dumm und einsam da – obwohl ja nicht er im
sich auszumalen, was auf Prokop und seine 16 aus- Alleingang dieses Turnier verpatzt hatte, sondern
erwählten Handballprofis dieser Tage zukommt: Es seine ziemlich erfahrene und eigentlich auch ziem-
ist die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Deutsch- lich gute Mannschaft. Das deutsche Team hat heute
land ist mit Dänemark Gastgeber. Die Hallen wer- Talente im Kader, von denen andere nur träumen
den gut gefüllt sein, Millionen Menschen werden können. Und auch das Klima ist wieder besser.
die Spiele am Bildschirm verfolgen. Die Erwartung Topspieler wie Torwart Andreas Wolff oder
an das deutsche Team ist hoch, der Druck riesig. Abwehr-As Hendrik Pekeler (beide THW Kiel) be-
Wenn das Turnier am 10. Januar mit dem richten, dass der Umgang zwischen Team und Trai-
Spiel der DHB-Auswahl gegen die gemeinsame ner besser geworden sei. Prokop sei lockerer, bereit,
Mannschaft von Nord- und Südkorea in Berlin be- auf Teambelange einzugehen, ohne die eigene Chef-
ginnt, werden viele Fans hoffen, dass Deutschlands rolle abzugeben. Er selbst hatte nach der verpatzten
beste Ballwerfer an alte Zeiten anknüpfen können. EM viele Nationalspieler und Vereinstrainer be-
Viele Augen werden auf den Trainer gerichtet sein. sucht, um deren Sicht der Dinge zu hören. Ein Trai-
Prokop gibt sich optimistisch. ner, der aus seinen Fehlern lernt? Auf jeden Fall ei-
Anders als seine Vorgänger im höchsten deut- ner, der die Lehren aus seinem ersten großen Tur-
schen Handballtraineramt ist er kein Ziehkind des nier gezogen haben und es nun besser machen will.
DHB, wie es einst Heiner Brand und dessen Nach- Sein Minimalziel: das Halbfinale in Hamburg. Das
folger Martin Heuberger waren. Er hatte in seiner Maximalziel: das Finale im dänischen Herning.
Christian Prokop Jugend für den Zweitligisten Dessau sowie für die Für den DHB hängt viel an diesem Turnier.
während eines Erstligisten Wuppertal und Minden gespielt, kam Der mit 750 000 Mitgliedern größte Handballver-
Länderspiels der auf ein halbes Dutzend Einsätze in der B-National- band der Welt will sich offen, bunt, geschickt dar-
DHB-Auswahl mannschaft und hatte sich nach einer schwereren stellen. Er möchte die Lücke zum Fußball verrin-
in Leipzig im Knieverletzung als Profi früh dem Trainerberuf gern und der zweitbeliebteste Teamsport der Deut-
vergangenen Jahr verschrieben. schen bleiben. Bei allem organisatorischen Ge-
Er machte den Trainerschein, ließ sich in ei- schick gehört zur einer großen WM eine große
nem jahrelangen Studium außerdem zum Lehrer deutsche Mannschaft – und für die ist vor allem der
für Sport und Wirtschaft ausbilden, trainierte Ju- Trainer verantwortlich. Christian Prokop hat eine
gendmannschaften in Hildesheim, war Trainer in zweite Chance, eine dritte wird es nicht geben.
Braunschweig, Hannover, Magdeburg, Schwerin so-
Foto dpa

wie in Essen und ging vor fünf Jahren nach Leipzig. Frank Heike

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 2/2019


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Das Abgeschmackteste zum Jah- noch auf dem Spielplan hält, weil sie es nicht erträgt, dass der
Das war’s reswechsel sind diese sogenann-
ten guten Vorsätze, an die sich so-
stolze Jüngling im zarten Alter von 63 Jahren wieder einer
Frau unterlegen war, die zudem noch einen umgekehrt propor-
wieso kein Aas hält! Dieses ganze Gelaber von weniger essen tional zur Größe des lächerlichen Saarlandes ausgeprägten
und trinken, mehr Sport, mal wieder ein Buch, öfter mal aufs Sinn für Humor hat und die Ambitionen des politisch ewig Er-
Smartphone verzichten, noch mehr Achtsamkeit und Zuwen- folglosen mit den Bemerkungen in die Tonne trat, dass die Par-
dung und Gesprächsbereitschaft und verschwitztes Aufeinan- tei die Alternative Ministeramt oder nichts nicht schätzen
derzugehen, oder, wie Bundespräsident Steinmeier es aus- würde und überhaupt ein Blick in die Runde beim Kabinetts-
drückte: Lassen Sie uns dafür sorgen, dass unsere Gesell- frühstück ergeben habe, dass das Kabinett vollzählig gewesen
schaft mit sich im Gespräch bleibt! Macht nur, aber lasst mich sei – schöner als mit der Formulierung Annegret Kramp-Kar-
in Ruhe, möchte man ihm zurufen, und an die erleuchteten renbauers, es gebe für die Kanzlerin keinen Handlungsbe-
Worte der alten Hexe Margaret Thatcher erinnern, die bei sol- darf, kann man niemandem in den Hintern treten!
chen unangenehm euterwarmen und von Mundgeruch um- Schön in den Hintern getreten hat auch Amerikas soge-
wehten Vorstellungen von menschlichem sogenanntem Mitein- nannter Präsident seinen Spezialkräften im Irak, die naturge-
ander konstatierte, dass es so etwas wie Gesellschaft gar nicht mäß gerne unerkannt bleiben und für Fotos nicht zur Verfü-
gebe. Aber letztlich sind es ja nur noch gut 360 Tage und dann gung stehen, was Trampel Trump nicht anfocht. Trost spendet
ist auch dieses verfluchte Jahr wieder rum, und dann das nächs- da J. D. Salinger, der vor hundert Jahren geboren wurde: Ich hof-
te und übernächste und überübernächste, aber: Mach dir fe nur, daß irgend jemand soviel Vernunft hat, mich einfach in
nichts aus dem Hohn, nimm dir die Niederlage nicht zu Her- den Fluß zu werfen, wenn ich einmal wirklich sterbe. (. . .) Wer
zen: auf geht’s, altes Herz! (Emerson) will denn noch Blumen, wenn er tot ist? Niemand.
Vielleicht bleibt uns allen ja wenigstens das Merz-Thea-
ter erspart, das die Laienspielschar aus schlechten Verlierern Richard Wagner

Greser und Lenz

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