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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


14 ± 15/2007 ´ 2. April 2007

Nationalsozialismus
Peter Longerich
Tendenzen und Perspektiven der Tåterforschung

Saul Friedlånder
Eine integrierte Geschichte des Holocaust

Hans Mommsen
Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus

Harald Welzer
Die Deutschen und ihr ¹Drittes Reichª

Beate Kosmala
Stille Helden

Rçdiger Fleiter
Kommunen und NS-Verfolgungspolitik

Astrid Irrgang
Feldpost eines Frontsoldaten

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Die Auseinandersetzung mit Hitler und der Zeit des National-
sozialismus hat Konjunktur. Spielfilme (¹Der Untergangª) und
¹Dokudramenª (¹Speer und Erª), Komædien (¹Mein Fçhrerª
von Dani Levy) und Romane (zuletzt Norman Mailers ¹The
Castle in the Forestª çber die Kinderjahre Hitlers) finden ein
internationales Publikum, Fernsehdokumentationen ¹machen
Quoteª zur besten Sendezeit.

In der Zeitgeschichtsforschung schreitet die in den 1980er Jah-


ren von Martin Broszat geforderte Historisierung des National-
sozialismus voran. Es werden bald kaum noch Zeitzeugen am
Leben sein. Mit der TV-Serie ¹Holocaustª und der spåten Entfal-
tung der Holocaustforschung ist der Vælkermord an den euro-
påischen Juden in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Be-
schåftigung mit dem Nationalsozialismus gerçckt. Die Tåterfor-
schung hat zu verstehen versucht, wie aus ¹ganz normalen
Månnernª gewissenlose Massenmærder wurden. Die fortschrei-
tende Entrechtung der Juden und ihre Ausplçnderung in
Deutschland und im besetzten Europa sind grçndlich analysiert
worden, ebenso die Frage, was die Deutschen çber das ¹offene
Geheimnisª des Holocaust wissen konnten und wollten.

Es ist eine bittere Erkenntnis, dass nur ein kleiner Teil der
deutschen Bevælkerung schon frçh den barbarischen Charakter
des Regimes erkannte. Die Mobilisierungsbereitschaft der
¹Volksgenossenª war hoch. Zur Ingangsetzung der Vernich-
tungsmaschinerie wåhrend des Krieges war kein ¹Fçhrerbefehlª
notwendig. Nur ganz wenige leisteten den Verfolgten couragiert
Hilfe. Diese ¹stillen Heldenª sollen kçnftig in einer Gedenk-
ståtte in Berlin gewçrdigt werden.

Hans-Georg Golz
Peter Longerich tens haben die zahlreichen Bemçhungen,
neue thematische Zugånge zum Thema Holo-

Tendenzen und caust zu finden, zu einer Debatte darçber ge-


fçhrt, wie hoch man die unmittelbaren mate-

Perspektiven der
riellen Interessen an der Verfolgung der
Juden veranschlagen soll (Raub, Ausbeutung
von Arbeitskraft, Hungerpolitik): ¹Utilitåreª

Tåterforschung versus ¹ideologischeª Tåtermotivation lauten


die Schlagworte dieser Diskussion, die maû-
geblich von Gætz Aly angestoûen wurde.

Essay Meines Erachtens sind wir in der Holo-


caustforschung an einen Punkt gelangt, an
dem eine Strukturierung der Debatten in
Form solcher Dichotomien nicht mehr sinn-

D ie groûe Debatte zwischen Intentiona-


listen und Funktionalisten, welche die
Tåterforschung seit den 1970er Jahren be-
voll ist, da die Konfrontation jeweils eindi-
mensionaler Erklårungen der Komplexitåt
unseres Forschungsgegenstand nicht gerecht
schåftigt, ist zwar nicht beendet, hat aber an werden kann. Der Forschungsgegenstand,
Strahlkraft verloren. daran sei erinnert, ist der systematische Mas-
Tatsåchlich sind in senmord an den europåischen Juden.
Peter Longerich den vergangenen Jah-
Dr. phil. habil., geb. 1955; ren eine groûe Anzahl Schaut man mit zeitlicher Distanz auf die
Professor of Modern German von Arbeiten erschie- Debatte zwischen Strukturalisten und Inten-
History, Director of the Research nen, die unterschiedli- tionalisten, so wird ihre Begrenztheit deut-
Centre for the Holocaust and che Aspekte des Tå- lich. Beide Schulen haben unterschiedliche
Twentieth-Century History, terhandelns beleuch- Aspekte desselben Phånomens betont, die
Royal Holloway, University of ten. Dabei lassen sich sich bei nåherem Hinsehen gar nicht aus-
London, Egham, Surrey Tendenzen erkennen, schlieûen: Menschen, die beabsichtigen, einen
TW20 0EX, England/UK. die Forschungsdebat- Massenmord durchzufçhren, sind auf Struk-
p.longerich@rhul.ac.uk te nach dem Vorbild turen angewiesen; die Strukturen handeln
der Intentionalisten- nicht von sich aus, sondern durch Menschen,
Funktionalisten-Diskussion anhand von ein- die ihr Tun mit Absichten verbinden. Øhnlich
ander ausschlieûenden Gegensatzpaaren aus- verhålt es sich mit dem Verhåltnis von Zen-
zurichten. Dies soll an drei Beispielen skiz- trum und Peripherie: Die Initiative von Nazi-
ziert werden. Potentaten in den Regionen war unabdingba-
rer Bestandteil einer zentral gesteuerten Poli-
Erstens hat die in der zweiten Hålfte der tik. Die Fçhrungsrolle des Zentrums war
1990er Jahre gefçhrte Kontroverse zwischen aber erst durch den Wettbewerb der verschie-
Daniel Goldhagen und Christopher Brow- denen Funktionstråger gesichert. Und letzt-
ning dazu gefçhrt, dass Motive und Hand- lich wurden die ¹pragmatischenª Begrçndun-
lungsweise der Tåter im Rahmen einer De- gen fçr die Verfolgung der Juden ± Arisie-
batte um ¹Dispositionª und ¹Situationª erær- rung, Wohnraumbeschlagnahme, Ausbeutung
tert werden. Zweitens ist mit der intensiven von Arbeitskraft ± mit ideologischen Recht-
Erforschung des Holocaust in den Gebieten fertigungsstrategien zur Deckung gebracht,
unter deutscher Kontrolle ± man denke etwa wåhrend die Ideologie wiederum aus den
an die bahnbrechenden Arbeiten von Christi- ¹Erfolgenª dieser pragmatischen Vorgehens-
an Gerlach çber Weiûrussland oder von Die- weise eine zusåtzliche Absicherung erfuhr.
ter Pohl çber Galizien ± die Einsicht gewach- Weiter kænnte man anfçgen, dass sich
sen, dass die Handlungsspielråume der deut-
schen Funktionseliten in den besetzten Der Autor hat zahlreiche Arbeiten zur Geschichte des
Gebieten weitaus græûer waren als bisher an- Nationalsozialismus und des Holocaust veræffentlicht,
zuletzt: ¹Davon haben wir nichts gewusst!ª Die Deut-
genommen; diese Erkenntnis hat eine anhal- schen und die Judenverfolgung 1933±1945, Mçnchen
tende Diskussion çber das Verhåltnis von 2006. Dieser Essay basiert auf der Einleitung der çber-
¹Peripherieª und ¹Zentrumª innerhalb der arbeiteten Fassung seines Buches ¹Politik der Vernich-
Maschinerie der Verfolgung ausgelæst. Drit- tungª, das 2008 bei Pantheon erscheinen wird.

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menschliches Handeln nur sehr unzureichend Strukturierung kçnftiger Holocaustforschung
mit Hilfe der Pole Disposition und Situation besonders wichtig zu sein scheinen.
erklåren låsst, wie Harald Welzer in einem
viel beachteten Buch çber ¹Tåterª aus sozial- 1. Zunåchst kommt es darauf an, den Stel-
psychologischer Sicht gezeigt hat. Menschen lenwert der Judenverfolgung innerhalb der
handeln vor allem im Rahmen von sozialen Gesamtpolitik des Regimes angemessen zu
Rollen; diese veråndern sich mit den Anfor- bestimmen. Damit stellen sich Grundfragen
derungen, und damit veråndert sich auch die der Interpretation des Nationalsozialismus.
fçr das Handeln entscheidende Wahrneh- Wesentlich fçr die Analyse des Gesamtkom-
mung von Situationen. plexes scheint mir zu sein, dass die Ausschlie-
ûung der Juden von Anfang an fçr die natio-
Je mehr sich die Forschung entfaltet, umso nalsozialistische Bewegung zentral war, ja,
deutlicher wird, dass sich Gegensatzpaare dass diese Zielsetzung Einzigartigkeit und
wie Intention und Funktion, Rationalitåt Besonderheit des Nationalsozialismus als his-
und Ideologie, Disposition oder Situation, torisches Phånomen ausmacht. Im Kern des
Zentrum und Peripherie nicht ausschlieûen, Nazi-¹Projektesª ging es doch darum, eine
sondern dass sie unterschiedliche Aspekte rassisch homogene Volksgemeinschaft zu
der historischen Wirklichkeit beleuchten und schaffen, in der das deutsche Volk sich quasi
sich ergånzen, ja sich gegenseitig bedingen. selbst verwirklichen sollte. In der Harmonie
Sie stehen in einem dialektischen Verhåltnis dieser angestrebten Volksgemeinschaft, so die
zueinander, das sich nur aufheben låsst, Auffassung der Nationalsozialisten, lieûen
wenn man den Widerspruch als Ansatzpunkt sich alle wesentlichen Probleme der Zeit
betrachtet, eine çbergeordnete und weitaus (seien sie auûen-, innen-, sozial-, wirtschafts-
komplexere historische Wirklichkeit heraus- oder kulturpolitischer Art) læsen. Da die
zuarbeiten. Begreift man ein Gegensatzpaar Errichtung einer solchen rassisch homoge-
als dialektisch, so erscheint es als geradezu nen Volksgemeinschaft schon aufgrund der
sinnlos, immer wieder zu versuchen, ein Ele- ihr zugrundeliegenden rassistischen Irrlehre
ment gegen das andere auszuspielen; eine nicht mæglich war, konnte die auf Reinhal-
solche Debatte muss in der Sackgasse enden. tung der Rasse setzende Politik nur auf eine
Stattdessen werden wir uns daran gewæhnen Weise funktionieren: durch Negativmaûnah-
mçssen, eindimensionale Erklårungen als un- men, durch die Diskriminierung, Entfernung,
befriedigend hinter uns zu lassen und die Ausschaltung und Beseitigung von Fremden,
systematische Ermordung der europåischen wobei aus historischen Grçnden die antijçdi-
Juden als vielschichtigen, komplexen Vor- schen Maûnahmen den zentralen Stellenwert
gang zu begreifen, der im Kontext der Ge- einnahmen. Im Zuge dieses Ausschaltungs-
samtgeschichte des Regimes gesehen werden prozesses sollte es der NSDAP gelingen, die-
muss. jenigen Lebensgebiete unter ihren Einfluss
zu bringen, die ¹entjudetª werden sollten.
Komplexitåt und Kontextualisierung ± mit Damit wurde die antisemitische Politik fçr
diesen Stichworten lassen sich die Herausfor- die NSDAP zum Schlçssel fçr die Beherr-
derungen beschreiben, vor denen die Holo- schung zunåchst der deutschen Gesellschaft,
caustforschung heute steht. Zunehmende spåter fast ganz Europas. Die antisemitische
Einsicht in die Komplexitåt des historischen Ideologie war nicht nur ¹Weltanschauungª,
Geschehens und in seinen historischen Kon- ein Sammelsurium abwegiger Ideen, sondern
text muss aber nicht notwendigerweise dazu in ihr war der totale Herrschaftsanspruch des
fçhren, dass die Forschung kçnftig nur noch Nationalsozialismus begrçndet.
Erklårungsmodelle anbieten wird, die so
kompliziert sind, dass sie etwa im Rahmen 2. Die gesellschaftliche Ausgrenzung der
pådagogischer Arbeit nicht mehr vermittelbar Juden, ihre Entrechtung, Enteignung, Vertrei-
sind. Im Gegenteil, diese Einsicht wird dazu bung bzw. Deportation, ihr Einsatz als Skla-
fçhren, dass weitaus umfassendere und nach- venarbeiter und schlieûlich ihre systematische
vollziehbarere Erklårungen fçr das Gesche- Ermordung: Diese Etappen der Judenverfol-
hen angeboten werden kænnen, als dies bis gung stellen sich als komplexe Vorgånge dar,
dato der Fall war. Unter den Stichworten ihre Durchsetzung ± zunåchst in Deutsch-
Komplexitåt und Kontextualisierung mæchte land, dann im besetzten Europa ± erforderte
ich fçnf Punkte benennen, die mir fçr die Maûnahmen, die eine Vielzahl von Institutio-

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nen involvierten. Die Etappen der Verfolgung ¹Dritten Reichesª sehr unterschiedliche For-
hatten ± çber die katastrophalen Konsequen- men an. Sie wurde aus taktischen Grçnden
zen fçr den jçdischen Lebensbereich hinaus ± modifiziert, zurçckgenommen oder beschleu-
weit reichende Folgen und nicht kalkulier- nigt; in kritischen Phasen vollzog sich ihre
bare Rçckwirkungen ækonomischer, innen- Entwicklung sprunghaft und in sich selbst
politischer, auûenpolitischer und kulturpo- dynamisierenden Handlungssequenzen. Diese
litischer Art. Die Tåter bewegten sich Entwicklung låsst sich mit einem konventio-
weitgehend auf Neuland, sie unternahmen nellen Modell politischer Entscheidungsbil-
Experimente, verwarfen bereits eingeschlage- dung (Formulierung der politischen Ziele,
ne Læsungsansåtze, sie improvisierten und Entscheidungsbildung, Durchfçhrung der
entwickelten Initiativen, um das çbergeord- Entscheidung) nicht mehr ausreichend fassen.
nete Ziel einer Beseitigung der Juden durch- Die Durchfçhrung der Judenpolitik nahm
zusetzen. Es kam zu Friktionen und Kom- vielmehr eine solche Dynamik an, dass die
petenzkonflikten. Die Judenverfolgung er- Entscheidungsbildung selbst, ja die Formulie-
schæpfte sich nicht in der Durchsetzung rung der politischen Vorgaben hiervon erfasst
bestimmter Maûnahmen, sondern sie entwi- wurden.
ckelte sich ± unter dem Einfluss dieser unter-
schiedlichen Faktoren ± zur ¹Judenpolitikª. 5. Die abrupten Verånderungen unterwor-
Diese bildete innerhalb des Nationalsozialis- fene, widersprçchlich verlaufende, in kom-
mus ein eigenes Politikfeld, vergleichbar mit plexen Zusammenhången eingebundene und
konventionellen Politikbereichen wie der vollkommen pråzedenzlose Judenpolitik lieû
Auûen-, Wirtschaft- oder der Sozialpolitik. sich nicht mit Hilfe bloûer Befehlsempfånger
durchfçhren, sondern es bedurfte solcher Ak-
3. Die Judenpolitik entwickelte sich nicht teure, die Eigeninitiative entwickelten und in-
autonom, sondern stand im Kontext anderer tuitiv verstanden, was die Fçhrung von ihnen
Politikfelder; ja, sie durchdrang diese und wollte. Charakteristisch fçr die Judenpolitik
verånderte sie von Grund auf. Die National- sind groûe Handlungsspielråume der ausfçh-
sozialisten gingen mit einem rassistischen renden Organe. Dieses System konnte nur
Ansatz an traditionelle Politikfelder heran funktionieren, wenn die Judenpolitik in ihren
und definierten sie teilweise um. So gingen sie wichtigsten Aspekten unter den beteiligten
davon aus, dass es tatsåchlich so etwas wie Akteuren konsensfåhig war. Sie konnte aber
ein ¹internationales Judenproblemª gebe, auf auch nur dann funktionieren, wenn sie zu-
das sich die Auûenpolitik zu konzentrieren mindest von einem Teil der Bevælkerung, der
habe; sie gingen davon aus, dass die Sozialpo- aktiven Anhångerschaft des Nationalsozialis-
litik im nationalsozialistischen Staat als mus, aktiv unterstçtzt wurde. Es war daher
¹Volkspflegeª nur ¹Ariernª und nicht ¹ras- notwendig, Mittel und Ziele der Judenpolitik
sisch Minderwertigenª gelten sollte, und beståndig, in unterschiedlichen Abstufungen
verånderten damit den Charakter der Sozial- der Offenheit, zu kommunizieren. Die Ju-
politik im ¹volksbiologischenª Sinn; sie un- denpolitik wurde ± wenn auch håufig in ver-
terstellten, dass jçdische Arbeit per se unpro- deckter Form ± æffentlich propagiert, debat-
duktiv und parasitår sei, und zogen jçdische tiert und legitimiert. Gerade in der letzten
Menschen grundsåtzlich nur zu besonders Phase der Judenpolitik, in der Phase der
schweren und erniedrigenden kærperlichen ¹Endlæsungª, entstand eine sehr schwer
Arbeiten heran. In åhnlicher Weise ordneten nachzuvollziehende Ambivalenz zwischen
sie die Ernåhrungs-, Wohnungs-, Wissen- Geheimhaltung und Propagierung.
schafts- und Besatzungspolitik sowie andere
Politikbereiche rassistischen Hierarchien und Die Einsicht in die Komplexitåt der natio-
Denkschemata unter, in denen der Antisemi- nalsozialistischen Judenpolitik låsst es als
tismus stets ein Hauptmotiv bildete. wenig sinnvoll erscheinen, weiterhin den Ver-
such unternehmen zu wollen, aus der Fçlle
4. Schlieûlich verånderten sich im Laufe des historischen Materials eine einzelne Ent-
der nur zwælf Jahre wåhrenden NS-Herr- scheidung oder auch eine Reihe von Ent-
schaft die allgemeinen Rahmenbedingungen scheidungen herauszufiltern, die letztlich zur
der rassistischen Politik wåhrend des Krieges ¹Endlæsungª, zum millionenfachen Massen-
mit rasender Geschwindigkeit. Die Judenpo- mord gefçhrt habe. Sinnlos erscheint diese
litik nahm in verschiedenen Phasen des Vorgehensweise nicht nur, weil diese Debatte

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ganz offensichtlich an die Grenzen des aus Jahre 1933 bis 1939 als unmittelbare Vorge-
den Quellen Beweisbaren gestoûen ist, son- schichte der Phase der Vernichtung verstårkt
dern vor allem deswegen, weil die Festlegung in die Analyse einzubeziehen. In der Vor-
eines Zeitpunkts der Komplexitåt der Vor- kriegszeit waren die Institutionen entstanden,
gånge nicht angemessen ist. Vielmehr gab es die in der Kriegszeit die Vernichtungspolitik
einen durch die politisch Verantwortlichen organisierten; in diesem Zeitraum hatte sich
schrittweise vorangetriebenen, hæchst viel- die Judenpolitik entfaltet und radikalisiert.
schichtigen Entscheidungsprozess, in dem Das Regime lernte, den neuen Politikbereich
sich deutlich eine Reihe von Eskalationsstu- auf vielfåltige Weise fçr seine Zwecke einzu-
fen nachweisen lassen. Das hat fçr die Dar- setzen.
stellung der Entwicklung, die zur ¹Endlæ-
sungª gefçhrt hat, einer Reihe von Konse- Zweitens: Die Erschlieûung neuer themati-
quenzen. scher Zugånge macht es notwendig, die Ju-
denpolitik systematisch mit anderen zentra-
Erstens: Wenn wir das Modell aufgeben, len Themenfeldern zunåchst der deutschen
nach dem ein Entschluss den systematischen Innenpolitik, schlieûlich der deutschen Herr-
Mord an den europåischen Juden in Gang ge- schaft auf dem europåischen Kontinent zu
setzt habe, wenn wir weiter die Vorstellung vernetzen. Fçr die Kriegszeit bedeutet dies,
eines auûer Kontrolle geratenen und unge- dass wir die deutsche Bçndnispolitik, die Po-
steuerten, kumulativen Radikalisierungspro- litik europaweiter innerer Repression, die
zesses hinter uns lassen, dann erhalten die Themen Arbeit, Ernåhung und Kriegsfinan-
verschiedenen Phasen der Judenpolitik ein zierung in die Analyse einbeziehen mçssen.
neues Gewicht: Zum einen eræffnen sich neue Es mçsste deutlich werden, wie diese The-
Perspektiven auf die Jahre 1939 bis 1941, die menfelder in einem rassistischen und antise-
nun als eine Phase erscheinen, in denen das mitischen Sinn umdefiniert wurden. Es mçss-
Regime bereits genozidale Projekte gegen- te gezeigt werden, wie das NS-System den
çber den Juden erwog, die als besonders Versuch unternahm, noch wåhrend des Krie-
sinister erscheinen, wenn man in Betracht ges die Grundlagen fçr ein rassistisches Impe-
zieht, dass das Regime zur selben Zeit ras- rium zu errichten, in dem die Ermordung der
sistisch motivierte Massenmordprogramme Juden zum kleinsten gemeinsamen Nenner
gegen die polnische Bevælkerung und so ge- der von Deutschland gefçhrten Allianz
nannte Erbkranke durchfçhrte. Zum anderen wurde.
tritt deutlicher ins Bewusstsein, dass auch im
Zeitraum ab Frçhjahr 1942 das Leben von Drittens: Wenn wir die Geschichte der
mehreren Millionen jçdischer Menschen von ¹Endlæsungª als Kette fortgesetzter Entschei-
politischen Entscheidungen, von der weiteren dungen betrachten, die sich zum Gesamtzu-
Entwicklung der Judenpolitik abhing. Groûe sammenhang einer ¹Judenpolitikª verdichten
jçdische Gemeinschaften konnten çberwie- låsst, dann mçssen wir das Schicksal der çbri-
gend gerettet werden (wie in Frankreich, Ita- gen durch die Nationalsozialisten verfolgten
lien, Dånemark, Alt-Rumånien oder in Bul- Gruppen zumindest so weit in die Analyse
garien), oder sie gingen unter (wie in Ungarn einbeziehen, als sich unmittelbare Auf-
oder Griechenland); um das Schicksal der jç- schlçsse und Vergleichsansåtze ergeben.
dischen Zwangsarbeiter wurden erbitterte
Konflikte ausgetragen. Es ist deutlich zu ma- Viertens: Wenn wir davon ausgehen, dass
chen, dass auch nach der Ingangsetzung der der Entscheidungsprozess in der Judenpolitik
europaweiten ¹Endlæsungª die Judenpolitik nach dem grundsåtzlichen Entschluss zur
aus einer Kette fortgesetzter Entscheidungen ¹Endlæsungª keineswegs zu Ende war, son-
bestand (und nicht als ¹Durchfçhrungª ein- dern auch ab 1942 fortlaufend Entscheidun-
mal gefållter Beschlçsse anzusehen ist). gen getroffen wurden, die das Leben von Mil-
lionen Menschen betrafen, dann wird deut-
Wenn wir den Zeitraum von 1939 bis 1945 lich, dass die Durchfçhrung der Judenpolitik
als einen fortgesetzter Entscheidungen in der nicht nur auf Prioritåtensetzungen der deut-
Judenpolitik betrachten und die Analyse schen Fçhrung zurçckzufçhren, sondern in
nicht auf einen Entscheidungszeitraum von zunehmendem Maûe abhångig war vom Ver-
einigen Monaten beschrånken, dann kommen halten der Bçndnispartner, der einheimischen
wir schlieûlich nicht darum herum, auch die Verwaltungen in den besetzten Gebieten und

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nicht zuletzt auch von der Einstellung der Saul Friedlånder
einheimischen Bevælkerung, aber auch von

Eine integrierte
dem Verhalten der Kriegsgegner.

Es kommt ein weiterer, wichtiger Faktor

Geschichte des
hinzu: Die jçdische Seite, die 1941 der In-
gangsetzung der ¹Endlæsungª vællig unvor-
bereitet und ohnmåchtig gegençberstand,

Holocaust
kommt in der zweiten Kriegshålfte zuneh-
mend als ein Faktor ins Spiel, der die Vorge-
hensweise der Tåter beeinflusste: durch
Flucht, durch den Versuch, sich durch ein
Leben im Versteck oder Untergrund der Ver-
folgung zu entziehen, aber auch durch Bemç-
hungen, durch Verhandlung oder Bestechung
das Råderwerk der Vernichtung zumindest
D ass eine integrierte Geschichte des Ho-
locaust notwendig ist, wurde mir erst-
mals im Laufe der Mitte und Ende der 1980er
zu verlangsamen und ± wenn auch nur an- Jahre gefçhrten Debatten klar. Ausschlagge-
satzweise ± das Verhalten der Tåter zu beein- bend war insbesondere die Auseinanderset-
flussen. zung mit Martin Broszat çber das 1985 von
ihm vorgelegte ¹Plådoyer fçr eine Histori-
Mit der Berçcksichtigung aller dieser Fak- sierung des Nationalsozialismusª. Eines der
toren stæût die reine Tåterforschung an ihre Argumente Broszats richtete sich gegen die
Grenzen, das heiût, es wird mit Fortschreiten traditionelle Schwarz-
des Krieges immer schwieriger, den Verlauf weiûdarstellung des Saul Friedlånder
der Verfolgung und Ermordung der europå- Dritten Reiches, an Dr. phil., geb. 1932; Professor
ischen Juden ausschlieûlich mit Blick auf die deren Stelle ein Bild in für Geschichte (emeritus) an der
Tåter und ihr Handeln zu rekonstruieren. abgestuften Grautænen Universität Tel Aviv/Israel und
Damit ist nicht gesagt, dass die Konzentrati- treten sollte. Broszats an der University of California,
on auf die Tåter fçr die Zeit nach 1942 histo- kaum verhçllter Sub- Los Angeles/USA.
riographisch unmæglich oder sinnlos ist, son- text, der im Zuge un- friedlan@history.ucla.edu
dern es geht darum, deutlich zu machen, wo seres 1988 gefçhrten
pråzise die Grenzen lagen, innerhalb derer Briefwechsels zutage trat, besagte, die Wahr-
die Tåter einigermaûen autonom handeln nehmung der jçdischen Ûberlebenden von
konnten. Dies erfordert aber eine enge Ver- dieser Vergangenheit sei ebenso wie die ihrer
netzung mit den anderen Zweigen der Holo- Nachkommen zwar ¹achtenswertª, aber sie
caustforschung, die sich mit der Geschichte stelle doch eine mythische Erinnerung dar,
der Opfer, mit den verschiedenen Kråften in die einer rationalen deutschen Geschichts-
den besetzten und verbçndeten Låndern schreibung ein Hindernis in den Weg lege,
sowie mit der Haltung der alliierten und neu- das zu einer Vergræberung fçhre.
tralen Staaten befassen.
Diese Auffassung verewigte die intellektu-
Diese notwendige Vernetzung zwischen elle Abtrennung der Geschichte der Juden
den Forschungsrichtungen wird nichts daran wåhrend der NS-Zeit und çberlieû ihre Bear-
åndern, dass innerhalb der verschiedenen beitung bestenfalls jçdischen Historikern.
Zweige der Holocaustforschung nach wie vor Meine Arbeit, 1 mit der ich 1990 begann,
ganz unterschiedliche Fragegestellungen ver- sollte zeigen, dass im Hinblick auf den pro-
folgt werden. Der Beitrag der Tåterforschung fessionellen Umgang mit diesem Gegenstand
besteht vor allem darin, Erklårungen fçr das eine Unterscheidung zwischen Historikern
Jahrhundertverbrechen anzubieten. Einen unterschiedlicher Herkunft nicht gerechtfer-
Einblick in die Forschungsdebatte zu geben, tigt ist; såmtliche Historiker, die sich mit die-
die hinter der Formulierung solcher Erklå-
rungsansåtze steht, war der Sinn dieser Skizze. Ûbersetzung aus dem Englischen: Dr. Martin Pfeiffer,
Berlin.
1 Vgl. Saul Friedlånder, Das Dritte Reich und die Ju-

den. Erster Band: Die Jahre der Verfolgung. 1933±


1939; zweiter Band: Die Jahre der Vernichtung. 1939±
1945, Mçnchen 1998/2006.

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sem Thema befassen, mçssen sich çber ihre Das Bild wirft einige Fragen auf. Wie war
unvermeidlich subjektive Herangehensweise es mæglich, dass die Zeremonie am 18. Sep-
im Klaren sein und gençgend selbstkritische tember 1942 stattfand, obgleich jçdische Stu-
Einsicht aufbringen kænnen, um diese Sub- denten mit Wirkung von diesem Datum an
jektivitåt unter Kontrolle zu halten. Mir kam aus den niederlåndischen Universitåten aus-
es in erster Linie darauf an, auch die jçdische geschlossen wurden? Die Herausgeber des
Dimension in eine integrierte historische Er- Bandes ¹Photography and the Holocaustª
zåhlung einzubeziehen. fanden die Antwort: Der letzte Tag des aka-
demischen Jahres 1941/42 war Freitag, der
In dieser kurzen Darstellung befasse ich 18. September 1942; das Semester 1942/43 be-
mich zunåchst mit dem Begriff einer inte- gann am Montag, dem 21. September 1942.
grierten Geschichte des Holocaust, wende Die dreitågige Unterbrechung machte es
mich dann einigen Entscheidungen hinsicht- mæglich, dass Moffie die Doktorwçrde ver-
lich der Erzåhlweise und der Interpretation liehen bekam, bevor der Ausschluss jçdischer
zu, die ein derartiger Ansatz erforderlich Studenten obligatorisch wurde. Mit anderen
macht, und schildere schlieûlich einige Pro- Worten: Die Universitåtsbehærden erklårten
bleme, die bei dieser Form der Geschichtsdar- sich bereit, den administrativen Kalender ent-
stellung auftreten kænnen. gegen den Intentionen des deutschen Erlasses
anzuwenden. Diese Entscheidung signali-
sierte eine Haltung, die an niederlåndischen
Integrierte Geschichte Universitåten seit Herbst 1940 weit verbreitet
war; die Photographie dokumentiert einen
David Moffie wurde am 18. September 1942 Akt des Trotzes, des Umgehens von Gesetzen
an der Universitåt Amsterdam zum Doktor und Verfçgungen des Besatzers.
der Medizin promoviert. Auf einer anlåsslich
dieses Ereignisses aufgenommenen Photogra- Es gibt noch mehr zu sagen. Die Deporta-
phie stehen Professor Ariens Kappers, Mof- tionen aus den Niederlanden begannen am
fies Doktorvater, und Professor H. T. Deel- 14. Juli 1942. Fast jeden Tag verhafteten die
man zur Rechten des frisch gebackenen Dok- Deutschen und die einheimische Polizei auf
tors der Medizin, der Assistent D. Granaat den Straûen niederlåndischer Stådte Juden,
zu seiner Linken. Ein weiteres Mitglied des um ihr wæchentliches Soll zu erfçllen. Moffie
Lehrkærpers, das von hinten zu sehen ist, håtte an dieser æffentlichen akademischen Ze-
mæglicherweise der Dekan der Medizinischen remonie nicht teilnehmen kænnen, wenn er
Fakultåt, steht ihnen gegençber auf der ande- nicht eine der speziellen (und zeitlich be-
ren Seite eines groûen Schreibtisches. Im un- schrånkten) 17 000 Ausnahmebescheinigun-
deutlich auszumachenden Hintergrund er- gen erhalten håtte, welche die Deutschen dem
kennt man mit Mçhe die Gesichter eines Teils Judenrat zuteilten. Indirekt erinnert das Bild
der Menschen, die sich in dem ziemlich kar- somit an die Kontroverse um die Methoden,
gen Saal versammelt haben und bei denen es welche die Oberhåupter des Rates anwand-
sich zweifellos um Familienmitglieder und ten, um zumindest vorçbergehend einige der
Freunde handelt. Die Angehærigen des Lehr- Juden Amsterdams zu schçtzen und die
kærpers sind in ihre akademischen Festge- groûe Mehrheit der niederlåndischen und
wånder gekleidet, wåhrend Moffie und Assis- auslåndischen Juden ihrem Schicksal zu çber-
tent Granaat einen Smoking und einen wei- lassen.
ûen Schlips tragen. Auf der linken Seite seiner
Smokingjacke trågt Moffie einen handteller- Das auf Moffies Jackett aufgenåhte ¹Joodª,
groûen Judenstern, auf dem das Wort ¹Joodª das dem frischgebackenen Dr. med. die Er-
geschrieben steht. Moffie war der letzte jçdi- mordung verhieû, erscheint, wie wir alle wis-
sche Student an der Universitåt Amsterdam sen, nicht in Blockbuchstaben oder in irgend-
in der Zeit der deutschen Besatzung. Kurze einer anderen gebråuchlichen Schrift. Die
Zeit spåter wurde er nach Auschwitz-Birken- Schriftzeichen waren eigens fçr diesen Zweck
au deportiert. Er gehærte schlieûlich zu den entworfen worden (und in den Sprachen der
20 Prozent der niederlåndischen Juden, die Lånder, aus denen die Deportationen vorge-
çberlebten; derselben Statistik zufolge kam nommen wurden, åhnlich gezeichnet: ¹Judeª,
der græûte Teil der bei der Zeremonie anwe- ¹Juifª, ¹Joodª usw.); sie hatten eine krumme,
senden Juden nicht mit dem Leben davon. abstoûende und unbestimmt bedrohliche

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Form, die an das hebråische Alphabet erin- gen beschrånkt, brauchen wir nicht nåher
nern und doch leicht entzifferbar bleiben auszufçhren. Von Bedeutung im Rahmen des
sollte. Diese Aufschrift mit ihrer eigentçmli- groûen Netzwerks aus Initiativen, Unterstçt-
chen Gestaltung låsst die auf der Photogra- zung und Hinnahme ist jedoch mæglicher-
phie abgebildete Situation in ihrer Quintes- weise das Ausmaû der Informationen çber
senz sichtbar werden; die Deutschen waren die Vernichtung der Juden, die schon frçh in
versessen darauf, die Juden als Individuen ganz Europa (einschlieûlich Deutschlands na-
auszurotten und das auszulæschen, was der tçrlich) zur Verfçgung standen. Am 18. Juni
Stern und seine Inschrift repråsentierten: 1942 schrieb der Zahlmeister der Reserve
¹den Judenª. H. K. aus Brest-Litowsk nach Hause: ¹In Be-
reza-Kartuska, wo ich Mittagsstation machte,
So vermittelt ein einziger Schnappschuss hatte man gerade am Tage vorher etwa 1 300
dem Betrachter eine Ahnung von einer Viel- Juden erschossen. (. . .) Månner, Frauen und
zahl von Interaktionen zwischen deutschen Kinder mussten sich dort vællig ausziehen
ideologischen Halluzinationen und Verwal- und wurden durch Genickschuss erledigt.
tungsmaûnahmen, niederlåndischen Institu- Die Kleider wurden desinfiziert und wieder
tionen und individuellen Entscheidungen, jç- verwendet. Ich bin der Ûberzeugung: Wenn
dischen Institutionen und, im Mittelpunkt der Krieg noch långer dauert, wird man die
von alledem, dem Schicksal eines einzelnen Juden auch noch zu Wurst verarbeiten und
Juden. In Worte çbersetzt, in seinem Kontext den russischen Kriegsgefangenen oder den
erzåhlt, auf unterschiedlichen Bedeutungs- gelernten jçdischen Arbeitern vorsetzen mçs-
ebenen interpretiert, låsst sich das Bild als sen.ª Einige Monate spåter schrieb Soldat
metonymische Repråsentation einer Ge- S. M., der auf dem Weg zur Front war, aus der
schichte mit vielen Facetten ansehen, eines Stadt Auschwitz: ¹Juden kommen hier, das
Unternehmens, das sich als eine integrierte heiût in Auschwitz, wæchentlich 7±8 000 an,
Geschichte des Holocaust definieren lieûe. die nach kurzem den ,Heldentod` sterben.ª
Und er fçgte hinzu: ¹Es ist doch gut, wenn
Eine integrierte Geschichte des Holocaust man einmal in der Welt umher kommt (. . .).ª
ist aus mehreren Grçnden notwendig. Erstens
låsst sich diese Geschichte nicht auf deutsche In Minden hatten die Einwohner das
Entscheidungen und Maûnahmen beschrån- Schicksal der aus ihrer Stadt Deportierten
ken, sie muss vielmehr diejenigen von Behær- schon im Dezember 1941 erærtert und æffent-
den, Institutionen und den unterschiedlichs- lich davon gesprochen, dass Juden, die nicht
ten gesellschaftlichen Gruppen der besetzten arbeitsfåhig seien, erschossen wçrden. Einige
Lånder und der Satellitenstaaten im von Wochen spåter, im Februar 1942, notierte Bi-
Deutschen kontrollierten Europa einbezie- schof Wilhelm Berning aus Osnabrçck, es
hen. Zweitens ist es offenkundig, dass in gebe einen Plan, såmtliche Juden zu vernich-
jedem Stadium jçdische Wahrnehmungen ten. Schon sehr bald erreichte diese Informa-
und Reaktionen (ob kollektiv oder individu- tion nicht nur die Bevælkerung der osteuro-
ell) ein untrennbarer Bestandteil dieser Ge- påischen Lånder, sondern auch Behærden in
schichte waren und man sie somit im Hin- neutralen Staaten, vor allem in der Schweiz
blick auf eine allgemeine historische Darstel- und in Schweden, sowie zentrale religiæse
lung nicht als separaten Bereich ansehen und humanitåre Institutionen. Solches Wissen
kann. Und schlieûlich drittens verbessert eine zu einem frçhen Zeitpunkt verleiht der Reak-
gleichzeitige Darstellung von Ereignissen, die tion staatlicher Stellen im neutralen Europa
sich auf allen Ebenen und an verschiedenen ebenso wie der des Vatikans oder des Interna-
Orten abgespielt haben, die Wahrnehmung tionalen Komitees vom Roten Kreuz gerade
der Græûe, der Komplexitåt und wechselseiti- zu dem Zeitpunkt, als die Vernichtung ihr
gen Verflochtenheit der gewaltigen Zahl von volles Ausmaû erreichte ± im Frçhsommer
Komponenten dieser Geschichte. Ich will 1942 ±, eine zusåtzliche Dimension.
diese drei Punkte nåher skizzieren.
Bislang ist die jçdische Dimension kaum in
Die Tatsache, dass die Geschichte der Ver- allgemeine Untersuchungen çber diese Epo-
nichtung der Juden Europas nicht an den che einbezogen worden. Und wenn in der
Grenzen des Deutschen Reiches Halt macht hauptsåchlich nichtjçdisch orientierten Ge-
und sich nicht nur auf deutsche Entscheidun- schichtsschreibung auf diese Dimension an-

APuZ 14 ± 15/2007 9
gespielt wird, gibt es die Tendenz, dabei vor- Aufzeichnungen an. Diese Zeugnisse schil-
wiegend auf institutionell-kollektives jçdi- dern in allen Einzelheiten die Initiativen und
sches Verhalten einzugehen: auf die Entschei- die alltågliche Brutalitåt der Tåter, die Reak-
dungen jçdischer Fçhrungsgruppen oder auf tionen der Bevælkerung, das Leben und die
einige der bekanntesten Widerstandsversuche. Vernichtung ihrer Gemeinden, aber sie halten
Doch von ihrer grundlegenden historischen auch die Welt ihres Alltags fest, die von Ver-
Bedeutung her spielte sich die Interaktion zweiflung, Gerçchten, Illusionen und Hoff-
zwischen den Juden in den besetzten Låndern nung bestimmt ist, welche sich fortwåhrend
und den Satellitenstaaten Europas, den Deut- abwechseln, meist bis zum Ende.
schen und der umwohnenden Bevælkerung
hauptsåchlich auf einer weit elementareren ¹Mein lieber Papa, traurige Nachrichten.
Ebene ab. Von Anfang an stellten alle Nach meiner Tante bin ich an der Reihe fort-
Schritte, die von einzelnen Juden oder jçdi- zugehen.ª So begann die hastig mit Bleistift
schen Gruppen unternommen wurden, um geschriebene Postkarte, die die 17-jåhrige
die Bemçhungen der Nazis zu stæren, ein Louise Jacobson am 12. Februar 1943 aus
Hindernis, wie geringfçgig es auch immer ge- Drancy an ihren Vater schickte, der sich noch
wesen sein mag, auf dem Weg zur vollståndi- in Paris aufhielt. ¹Ich bin sehr zuversicht-
gen Vernichtung dar: ob es darum ging, Be- lichª, fuhr sie fort, ¹so wie alle hier. Mach
amte, Polizisten oder Denunzianten zu beste- Dir bitte keine Sorgen, Papa. Erstens fahren
chen, Familien dafçr zu bezahlen, dass sie wir unter sehr guten Bedingungen los. Ich
Kinder oder Erwachsene verstecken, in die habe in dieser Woche sehr, sehr gut gegessen.
Wålder oder ins Gebirge zu fliehen, sich in Ich habe nåmlich eine Berechtigung fçr zwei
kleine Dærfer oder in groûe Stådte zurçckzu- weitere Pakete erhalten. Das erste stammt
ziehen, zu konvertieren, sich Widerstands- von einer Freundin, die schon deportiert wor-
gruppen anzuschlieûen, Lebensmittel zu steh- den ist, und das zweite von Tante Rachel.
len oder sonst etwas zu tun, das zum Ûberle- Und dann kam ja auch noch eins von Dir,
ben fçhrte. Auf dieser Mikroebene mçssen genau im richtigen Moment. (. . .) Wir fahren
jçdische Reaktionen und Initiativen unter- morgen frçh ab. Ich bin mit Freunden zusam-
sucht und in die umfassenderen Bereiche die- men, denn morgen werden sehr viele abge-
ser Geschichte integriert werden. Auf dieser holt. Ich habe meine Uhr und den Rest mei-
Mikroebene ist ein groûer Teil der Geschichte ner Sachen bei zuverlåssigen Leuten aus mei-
eine von Individuen. nem Zimmer hinterlassen. Lieber Papa, ich
kçsse Dich hunderttausendmal von ganzem
Die Geschichte der Vernichtung des euro- Herzen. Courage et ™ bientÖt, Deine Tochter
påischen Judentums auf der individuellen Louise.ª Am 13. Februar 1943 fuhr Louise in
Ebene låsst sich aus der Perspektive der Transport Nr. 48 zusammen mit 1 000 ande-
Opfer nicht nur auf Grund von Aussagen vor ren franzæsischen Juden nach Auschwitz.
Gericht, Interviews und Memoiren rekon- Eine çberlebende Freundin, eine Chemiein-
struieren, sondern auch mit Hilfe der unge- genieurin, war wåhrend der Selektion mit ihr
wæhnlich groûen Zahl von Tagebçchern (und zusammen. ¹Sag, du bist Chemikerinª, hatte
Briefen), die wåhrend der Ereignisse geschrie- Irma geflçstert. Als Louise an der Reihe war
ben und im Laufe der nachfolgenden Jahr- und sie nach ihrem Beruf gefragt wurde, ant-
zehnte aufgefunden wurden. Diese Tagebç- wortete sie: ¹Studentinª; sie wurde nach
cher und Briefe schrieben Juden aller Lånder, links, in die Gaskammer, geschickt.
aller Lebensbereiche, aller Altersgruppen, die
entweder unter unmittelbarer deutscher Solche persænlichen Chroniken, solche in-
Herrschaft oder mittelbar in der Sphåre der dividuellen jçdischen Stimmen sind die un-
Verfolgung lebten. Selbstverståndlich muss mittelbarsten Zeugnisse von Dimensionen
man die Tagebçcher mit derselben kritischen laufender Ereignisse, die in anderen Quellen
Aufmerksamkeit benutzen wie jedes andere gewæhnlich nicht wahrgenommen werden.
Dokument. Als Quellen fçr die Geschichte Wie Blitzlichter, die Teile einer Landschaft er-
jçdischen Lebens wåhrend der Jahre der Ver- hellen, beståtigen sie Ahnungen, sie warnen
folgung und Vernichtung bleiben sie jedoch uns vor vorschnellen Verallgemeinerungen,
unersetzlich. Hunderte, wahrscheinlich Tau- sie durchbrechen die Selbstgefålligkeit wis-
sende von Zeugen vertrauten ihre Beobach- senschaftlicher Distanziertheit. Håufig wie-
tungen der Verschwiegenheit ihrer privaten derholen sie nur das, was bekannt war, aber

10 APuZ 14 ± 15/2007
sie drçcken es mit unvergleichlicher Ein- zaghaft formuliert sein, ab. Selbstverståndlich
dringlichkeit aus. So brachte im Rahmen gingen weder Protestanten noch Katholiken
ihrer Erinnerungen an die Ermordung von auf das Schicksal der nicht getauften Juden
etwa 12 000 Juden in Stanislawow am 12. Ok- ein. Mit anderen Worten: Als die Deportatio-
tober 1941 die junge Tagebuchschreiberin nen aus Deutschland begannen und vor
Elsa Binder das Schicksal ihrer beiden Freun- allem, als die ersten Vernichtungsståtten in
dinnen Tamarczyk und Esterka zur Sprache: Betrieb genommen wurden, konnten sich
¹Ich hoffeª, schrieb Elsa, ¹dass der Tod gut Hitler und seine Helfer auf die Passivitåt der
zu Tamarczyk war und sie gleich geholt hat. einzigen Gegenkraft verlassen, die einst das
Und dass sie nicht leiden musste wie ihre Ge- Regime wegen seiner verbrecherischen Poli-
fåhrtin Esterka, bei der man mit ansehen tik herausgefordert hatte.
musste, wie sie erwçrgt wurde.ª
Die Gleichzeitigkeit der Entscheidung, alle
Schlieûlich erweitert die integrierte Dar- Juden Europas zu ermorden, und des erklår-
stellung ± das ist der dritte Punkt ± die histo- ten Nichteingreifens der christlichen Kirchen
rische Wahrnehmung des Holocaust um eine zugunsten getaufter Juden stellt die Frçh-
wesentliche Dimension; sie braucht nicht phase der ¹Endlæsungª in ihren umfassende-
transnational zu sein. Sie kann sich auf ver- ren deutschen Kontext. Eben dieser Kontext
schiedene Ereignisse beziehen, die gewæhn- nimmt eine weitere sowohl tragische als auch
lich nicht miteinander verknçpft werden und ironische Bedeutung an, denn zur selben Zeit
die sich zu gleicher Zeit und in ein und dem- feierten Juden im Reich und im gesamten be-
selben Land abspielten. Ende Dezember 1941 setzten Europa ihre bevorstehende Befreiung,
war die Entscheidung zur Vernichtung aller weil die sowjetischen Armeen vor Moskau
Juden Europas gefållt worden. Zur gleichen erste Erfolge verzeichneten. Nur in Wilna
Zeit gab die Hauptvertretung der Deutschen und etwas spåter in Warschau wurde winzi-
Evangelischen Kirche, die Kirchenkanzlei, als gen Gruppen klar, dass die allgemeine Ver-
Reaktion auf eine stark antisemitische Erklå- nichtung gerade erst anlief.
rung einer Reihe deutschchristlicher Kirchen
eine Verlautbarung heraus, in der sie getauf-
ten Juden jegliche Solidaritåt versagte: ¹Der
Durchbruch des rassischen Bewusstseins in Erzåhlung und Interpretation
unserem Volk, verstårkt durch die Erfahrun-
gen des Krieges und entsprechende Maûnah- Es mag ungewæhnlich sein, bei der Erærte-
men der politischen Fçhrung, haben die Aus- rung eines historischen Projekts, bei dem per
scheidung der Juden aus der Gemeinschaft Definition alle Aufmerksamkeit der Begriffs-
mit uns Deutschen bewirkt. Dies ist eine un- bildung und Interpretation gelten sollte, Pro-
bestreitbare Tatsache, an welcher die deut- blemen der Erzåhlung Raum zu geben. Tat-
schen Evangelischen Kirchen nicht achtlos såchlich aber haben diese Probleme mein Un-
vorçbergehen kænnen. Wir bitten daher im ternehmen beinahe zum Scheitern gebracht.
Einvernehmen mit dem Geistlichen Vertrau- Wir haben es mit Ereignissen zu tun, die sich
ensrat der Deutschen Evangelischen Kirche in Deutschland, in såmtlichen besetzten Lån-
die obersten Behærden, geeignete Vorkehrun- dern und Satellitenstaaten Europas und da-
gen zu treffen, dass die getauften Nichtarier rçber hinaus abgespielt haben. Wir haben es
dem kirchlichen Leben der deutschen Ge- mit Institutionen und individuellen Stimmen,
meinde fernbleiben.ª mit Ideologien und religiæsen Traditionen zu
tun. Keine allgemeine Geschichte des Holo-
Die Bekennende Kirche protestierte, aber caust kann der Interaktion dieser Vielfalt von
ihr Protest war der einer Minderheit und Elementen gerecht werden, wenn sie sie nach
machte keine Gegenmaûnahmen erforderlich. Art eines Lehrbuchs isoliert nebeneinander
Wenige Wochen zuvor hatten mehrere katho- darstellt. Wenn man das Schicksal einzelner
lische Bischæfe einen Text kursieren lassen, in Juden, hauptsåchlich Verfasser von Tagebç-
dem Unterstçtzung fçr konvertierte deutsche chern, verfolgt, also eine Zeitspanne darstellt,
Juden, die man in den ¹Ostenª geschickt die sich vom Kriegsbeginn in den meisten
hatte, zum Ausdruck kommen sollte. Die Fållen bis zu ihrem Lebensende erstreckt,
Mehrheit der Bischofskonferenz lehnte jeden wird eine chronologische Entfaltung des Ge-
derartigen Schritt, mochte er auch noch so samtprozesses unvermeidlich.

APuZ 14 ± 15/2007 11
Plætzliche Schnitte in der Erzåhlung, ge- çberschçssiger Bevælkerungsteile, die Neu-
folgt von abrupten Perspektivwechseln, sind verteilung und Dezimierung von Bevælke-
Verfahrensweisen, die im Film, aber kaum in rungsgruppen zur Erleichterung der deut-
der Geschichtsschreibung çblich sind. Ich schen Kolonisierung im Osten oder, wie
habe mich jedoch entschlossen, diese Metho- kçrzlich ausgefçhrt, die systematische Aus-
den in meiner Arbeit zu verwenden, weil sie plçnderung der Juden Europas, um das Fçh-
die einzig mægliche Læsung fçr ein anders ren des Krieges zu ermæglichen, ohne die
nicht zu læsendes Dilemma darstellen. Mein deutsche Gesellschaft allzu sehr zu belasten,
Projekt erzwang çberdies eine teilweise oder, genauer gesagt, um die wirtschaftlichen
Rçckkehr zur Chronik, aber, darauf hat der und gesellschaftlichen Ziele von Hitlers
Historiker Dan Diner hingewiesen, nicht zu Volksstaat nicht zu gefåhrden. Eine Reihe
einer Form, die der Begriffsbildung vorausge- dieser Interpretationen, insbesondere die
gangen wåre; die Chronik blieb die einzige letztgenannte, haben in Deutschland ein gro-
Zuflucht, nachdem ich andere Interpretati- ûes Echo gefunden.
onsrahmen ausprobiert und fçr unzulånglich
befunden hatte. Allerdings schlieût eine der- Ein derartiger Ansatz kann jedoch keine
artige Form der chronologisch berichtenden Antwort auf grundlegende Fragen geben:
Darstellung parteiische Interpretationen nicht Warum entschloss sich Hitler, die Juden zu
aus, und ebenso wenig kænnen Annahmen vernichten, wåhrend er sie aller Besitztçmer
çber den allgemeinen historischen Kontext beraubte? Warum entschied er persænlich im
des Holocaust ± etwa die Krise des Liberalis- Herbst 1943, die Deportation der Juden Då-
mus in Europa ± oder, pointierter, allgemeine nemarks und Roms zu forcieren, obgleich
Thesen çber den historischen Ort der Ver- beide Operationen mit groûen Risiken behaf-
nichtung der Juden im breiten Spektrum der tet waren (es bestand die Mæglichkeit, dass es
Zielsetzungen der Nazis ausgeschlossen wer- in Dånemark zu Unruhen kommen und dass
den. der Papst æffentlich Protest einlegen wçrde)
und ihr ¹Nutzenª gleich Null war? Warum
Dieser Punkt fçhrt mich zum Hauptpro- schlug Himmler die wiederholten Bitten der
blem der Interpretation: zur zentralen Stel- Wehrmacht ab, jçdische Facharbeiter von der
lung des Holocaust in der Geschichte des Na- Vernichtung auszunehmen? Die sekundåre
tionalsozialismus. Die Verfechter des Histori- Funktion, die der antijçdischen Politik zuge-
sierungskonzepts betonten, die Verbrechen schrieben wird, passt auch nicht zu scheinbar
der Nazis seien zunåchst deswegen in den marginalen, aber bezeichnenden anderen Vor-
Mittelpunkt der Geschichte des Dritten Rei- gången: der Reichsfçhrer SS verlangte per-
ches gerçckt, um den Erfordernissen der sænlich von Finnlands Ministerpråsidenten,
Kriegsverbrecherprozesse zu gençgen. Spåter sein Land mæge seine 30 bis 40 auslåndischen
seien, derselben Argumentation zufolge, die Juden an die Deutschen ausliefern; im Juli
Konzentration auf die verbrecherische Di- 1944 wurden die kleinen, verarmten sephardi-
mension des Dritten Reiches und seine schen jçdischen Gemeinden auf den Øgå-
Schwarzweiûdarstellung fçr eine volkspåda- ischen Inseln deportiert; noch wenige Tage
gogische Geschichtsschreibung unabdingbar vor der Befreiung von Paris wurden Hunder-
geworden; auûerdem sei diese Schwerpunkt- te von jçdischen Kindern festgenommen und
setzung das Ergebnis der mythischen Erinne- aus Frankreich nach Auschwitz abtranspor-
rung der Ûberlebenden. Aus dieser Sicht war tiert.
40 Jahre nach Kriegsende die Zeit reif, die
verbrecherische Politik des Regimes in einen Der einzige Ansatz, der mir in einer inte-
umfassenderen und differenzierteren Kontext grierten Geschichte des Holocaust mæglich
zu stellen, in dem die Juden nicht mehr not- erscheint, muss die Behandlung der Juden un-
wendigerweise im Mittelpunkt standen. Im mittelbar ins Zentrum der Weltanschauung
Sinne dieses historischen Trends war die Ver- des Regimes und seiner Strategien rçcken.
folgung und Vernichtung der Juden Europas ¹Im groûen und ganzen kann man sagenª,
nur ein sekundårer Aspekt von Maûnahmen, notierte Goebbels Ende April 1944 nach
mit denen ganz andere Ziele verfolgt wurden, einem langen Gespråch mit Hitler, ¹dass eine
etwa die Herstellung eines neuen wirtschaftli- langfristige Politik in diesem Krieg nur mæg-
chen und demographischen Gleichgewichts lich ist, wenn man von der Judenfrage aus-
im besetzten Europa durch die Ermordung geht.ª Diese Wahnvorstellung wurde von

12 APuZ 14 ± 15/2007
Hitlers engsten Mitarbeitern, von Dienststel- trieben wurden. Nachdem die Deportationen
len der Partei und des Staates, von Beamten begonnen hatten, machten ortsansåssige
und Technokraten auf allen Ebenen des Sys- Juden in Lodz Front gegen Deportierte aus
tems sowie von bedeutenden Teilen der Be- dem Westen. In Westerbork schçtzten sich
vælkerung begeistert unterstçtzt und umge- deutsche Juden, die Elite des Lagers, die eng
setzt. Die ¹Logikª, die hinter dieser juden- mit den deutschen Kommandanten zusam-
feindlichen Leidenschaft stand, wurde von menarbeitete, damit, dass sie niederlåndische
der Propaganda ståndig wiederholt. Wie Jef- Juden auf die Abgangslisten setzten, wåhrend
frey Herf gezeigt hat, zeichnete diese Propa- sich zuvor die niederlåndische jçdische Elite
ganda ein immer bedrohlicheres Bild ¹des sicher gefçhlt hatte und davon çberzeugt ge-
Judenª als tædlichen und unbarmherzigen wesen war, dass nur Flçchtlinge (vor allem
Feind des Reiches, der zu dessen Vernichtung deutsche Juden) in die inlåndischen Lager ge-
entschlossen war. So entschied sich Hitler schickt und dann deportiert werden wçrden.
im Rahmen eben dieser halluzinatorischen Der Hass der getauften Juden auf ihre jçdi-
Logik, als das Reich an beiden Fronten, im schen Brçder im Warschauer Ghetto ist be-
Osten wie im Westen, kåmpfen musste, ohne rçchtigt.
dass Hoffnung auf einen raschen Sieg bestand
und als erste Andeutungen der Niederlage er- Es sollte jedoch erwåhnt werden, dass un-
kennbar wurden, fçr die sofortige Vernich- geachtet aller Spannungen weit verbreitete
tung. Sonst wçrden, so sah er es, die Juden Wohlfahrtsanstrengungen sowie Bildungs-
ebenso wie 1917/1918 Deutschland und das und Kulturaktivitåten in vielen jçdischen Ge-
neue Europa von innen heraus zerstæren. Als meinden allen offen standen. Ûberdies zeigte
sich die militårische Lage zuspitzte, wurde sich eine Festigung der Bindungen innerhalb
die Vernichtung bis zum Øuûersten beschleu- kleiner Gruppen, denen ein bestimmter poli-
nigt. tischer oder religiæser Hintergrund gemein-
sam war. Typische Fålle waren politische Ju-
gendgruppen in den Ghettos, jçdische Pfad-
Beantwortbare und unbeantwortbare finder in Frankreich und natçrlich die eine
Fragen oder andere Gruppe orthodoxer Juden. Wenn
wir uns das groûe Bild ansehen, kænnen wir
Eine integrierte Geschichte fçhrt zu verglei- zu dem Schluss kommen, dass meist spezifi-
chenden Fragestellungen sowie zu allgemei- sche ethnisch-kulturelle, politische oder reli-
neren Zusammenhången, die man sonst nur giæse Bindungen, die Untergruppen mit-
undeutlich wahrnimmt. Ein wichtiges Bei- einander teilten, Vorrang vor allen Verpflich-
spiel kænnte die Frage nach der jçdischen So- tungen hatten, die von einer gemeinsamen
lidaritåt angesichts der Katastrophe sein. Die Jewishness herrçhrten.
deutsche jçdische Fçhrung versuchte Ende
1939 und Anfang 1940, gefåhrdeten polni- Wåhrend Vergleiche, die zum Wesen einer
schen Juden die Emigration aus dem Reich integrierten Geschichte gehæren, in einer
nach Palåstina zu versperren, um alle Aus- Reihe von Fållen unsere Wahrnehmung
wanderungsmæglichkeiten deutschen Juden grundsåtzlicher Probleme færdern, werfen sie
vorzubehalten; die alteingesessene franzæsi- gelegentlich auch Fragen auf, die keine ein-
sche jçdische Fçhrung (das Consistoire) for- deutige Antwort zulassen. So schrieb am 27.
derte von der Vichy-Regierung unablåssig Juni 1945 die jçdisch-æsterreichische Chemi-
eine klare Unterscheidung zwischen einhei- kerin Lise Meitner, die 1939 von Deutschland
mischen und auslåndischen Juden hinsichtlich nach Schweden emigriert war, an ihren ehe-
ihres Status und der ihnen zustehenden Be- maligen Kollegen und Freund Otto Hahn,
handlung. Die Judenråte in Polen ± insbeson- der seine Arbeit im Reich fortgesetzt hatte.
dere in Warschau ± gestanden Angehærigen Nach der Feststellung, er und die wissen-
der einheimischen Mittelklasse, die sich Be- schaftliche Gemeinschaft in Deutschland håt-
stechungsgelder leisten konnten, ein Bçndel ten vieles çber die sich verschårfende Verfol-
von Privilegien zu, wåhrend die Armen, die gung der Juden gewusst, fuhr Meitner fort:
Flçchtlinge aus den Provinzen und die Masse ¹Ihr habt auch alle fçr Nazi-Deutschland ge-
derer, die çber keinerlei Einfluss verfçgten, arbeitet und habt nie auch nur passiven Wi-
zunehmend gezwungen waren, Sklavenarbeit derstand versucht. Gewiss, um Euer Gewis-
zu verrichten, oder in Hunger und Tod ge- sen loszukaufen, habt Ihr hier und da einem

APuZ 14 ± 15/2007 13
bedrångten Menschen geholfen, aber Millio- Hans Mommsen
nen Unschuldiger hinmorden lassen, und kei-
nerlei Protest wurde laut.ª Meitners cri de
cúur, der an Hahn und damit an die promi-
nentesten Naturwissenschaftler Deutschlands
Forschungs-
gerichtet war, von denen keiner ein aktives
Parteimitglied, keiner in verbrecherische Ak- kontroversen
zum National-
tivitåten verwickelt gewesen war, håtte eben-
sogut der gesamten intellektuellen und geist-
lichen Elite des Reiches (selbstverståndlich
mit einigen Ausnahmen) sowie weiten Teilen
der Eliten in den besetzten Låndern und den
Satellitenstaaten Europas gelten kænnen.
sozialismus
Ein noch beunruhigenderer Aspekt dersel-
ben Frage zeichnet sich mit Blick auf die Hal-
tung der christlichen Kirchen ab. In Deutsch- S eit einigen Jahren steht die Geschichte der
nationalsozialistischen Zeit weniger stark
im Mittelpunkt der historischen Forschung,
land hat ± wiederum mit Ausnahme weniger,
von denen keiner den hæheren Rången der wåhrend der Geschichte der Bundesrepublik
evangelischen oder der katholischen Kirche und der DDR zunehmende Aufmerksamkeit
angehærte ± kein protestantischer Bischof, gewidmet wird, ja als Reaktion auf die Wie-
kein katholischer Prålat æffentlich gegen die dervereinigung geradezu ein Ûbergewicht der
Vernichtung der Juden protestiert. Als Mån- DDR-Forschung zu
ner guten Willens wie Bischof Konrad Prey- verzeichnen ist. Dabei Hans Mommsen
sing aus Berlin oder der wçrttembergische scheint die historische Dr. phil., geb. 1930; em. O. Pro-
Bischof Theophil Wurm, die Stimme der Be- Perspektive des Dik- fessor für Neuere Geschichte an
kennenden Kirche, angewiesen wurden, ihre taturvergleichs den der Ruhr-Universität Bochum;
Versuche des vertraulichen Protestes einzu- Blick auf das Alltags- korrespondierendes Mitglied
stellen, fçgten sie sich. leben und die soziale der British Academy und der
Lage der Bevælkerung Österreichischen Akademie der
Und wenn wir berçcksichtigen, dass sich der DDR eher unter- Wissenschaften; Mitglied der
im Allgemeinen ± sieht man von begrenzten belichtet zu haben, deutsch-tschechischen und
Protesten in den Niederlanden und von den- obwohl vor allem deutsch-slowakischen Histori-
jenigen mehrerer franzæsischer Bischæfe ab, Lutz Niethammer ker-Kommission sowie der
die in einigen Fållen widerrufen wurden ± die und seine Mitstreiter Weiûe Rose-Stiftung e.V.;
deutsche Situation in den meisten Låndern mit der Entfaltung Possenhofener Straûe 14,
des besetzten Europas wiederholte, dann er- der Oral History we- 82340 Feldafing.
hålt diese Frage ihr volles Gewicht. Dass sentlich dazu beige- hans.mommsen@t-online.de
keine nennenswerte Anzahl von Persænlich- tragen haben, diese
keiten, die zur intellektuellen oder geistlichen Lçcke im bislang
Elite Europas zåhlten, æffentlich ihre Stimme stark von Westdeutschland her geprågten
gegen die Ermordung der Juden erhob, låsst Bild der DDR auszufçllen. 1
sich leicht verstehen. Dass auf der gesamten
europåischen Bçhne nicht einmal einige we- Bei der NS-Forschung hingegen ist eine
nige Stimmen in diesem Sinne laut wurden, deutliche Schwerpunktverschiebung zu kon-
ist verwirrend. Dass in Deutschland nicht statieren. Sie hångt einerseits damit zusam-
eine einzige Persænlichkeit von Format bereit men, dass seit einer Reihe von Jahren die Ju-
war, sich zu Wort zu melden, bleibt ebenso denverfolgung und der Holocaust zum zen-
wie zahlreiche andere Aspekte dieser Ge- tralen Paradigma der Behandlung des Dritten
schichte eine fortwåhrende Quelle der Fas- Reiches geworden sind. Zwar hat sich die so
sungslosigkeit. genannte ¹Tåterforschungª auch auf andere
1 Vgl. Lutz Niethammer, Drei Fronten, ein Fehlschlag

und das Unbewuûte der Aufklårung, in: Norbert Frei


(Hrsg.), Was heiût und zu welchem Ende studiert man
Geschichte des 20. Jahrhunderts, Gættingen 2006,
S. 113 ff.

14 APuZ 14 ± 15/2007
verfolgte Gruppen, etwa die Sinti und Roma, senschaftspolitik zustimmten, in den Dienst
ausgeweitet, aber im Mittelpunkt steht die der Ostraumexpansion gestellt oder mit dem
Frage nach der direkten und indirekten Betei- Programm rassischer Homogenisierung sym-
ligung von Funktionstrågern des Regimes an pathisiert haben. 4
der Judenvernichtung. Dabei tritt die indivi-
duelle Schuld und weltanschauliche Indoktri- Die Vorstellung, dass die Wehrmacht sich
nation in den Vordergrund und wird tenden- bis in die letzten Kriegsmonate hinein eine
ziell von den politischen Prozessen, die zur gewisse Autonomie bewahrt und von der ver-
¹Endlæsungª gefçhrt haben, abgekoppelt. brecherischen Politik des Regimes freigehal-
Daraus ergibt sich eine Ex-Post-Sicht, welche ten hat, ist nicht erst durch die Hamburger
die einzelnen Verlåufe in einen stufenfærmi- Wehrmachtsausstellung vollståndig widerlegt
gen Prozess rassenpolitischer Radikalisierung worden. Von der jçngeren Forschung ist die
einordnet, der notwendig in der Shoah endet. Mitverantwortung namentlich der Armeefçh-
rung im Einzelnen nachgewiesen worden.
Parallel dazu hat sich die Zahl der Studien Auch wohlmeinende Bestrebungen, die An-
zur nationalsozialistischen Lagergesellschaft, gehærigen der Militåropposition von dem
insbesondere zur Geschichte der Konzentra- Vorwurf freizusprechen, jedenfalls zunåchst
tionslager vervielfacht. Zugleich konzentriert die von Hitler proklamierte Linie des ¹Ras-
sich die Forschung auf die Instrumente des senvernichtungskriegesª unterstçtzt und die
Terrors. Neben der bahnbrechenden Studie Tåtigkeit der Einsatzgruppen gebilligt zu
von Michael Wildt çber das Personal des haben, erwiesen sich als unhaltbar. 5 Vielmehr
Reichsicherheitshauptamtes liegt eine Fçlle zeigen jçngste Forschungen, dass die Genera-
von Studien zu den einzelnen Apparaten im litåt aus unterschiedlichen Motiven heraus
Bereich von SS und Polizei vor, die eingehen- die Vernichtungspolitik gegençber der So-
de Informationen çber die politisch-weltan- wjetunion gedeckt und bejaht hat. Promi-
schauliche Indoktrination der an der Vernich- nente Vertreter des ¹Anderen Deutschlandª
tungspolitik des Regimes aktiv beteiligten Tå- waren zumindest anfånglich in die kriminel-
tergruppen vermitteln. Den Anfang machte len Zielsetzungen des Regimes verstrickt,
die verdienstvolle Untersuchung von Chri- wenngleich sie ± allerdings erst sehr spåt ±
stopher Browning. 2 Zugleich haben sich die den Entschluss zum Bruch mit Hitler und
verfçgbaren Daten çber die Repression gegen dem Fçhrerstaat fassten.
die Arbeiterschaft, in erster Linie die
Zwangsarbeiter, darunter das System der
Arbeitserziehungslager, entscheidend erwei- Funktionalismus vs. Ideengeschichte
tert. 3
Bereits seit den 1960er Jahren hatten sich die
Eine åhnliche Ausweitung der Forschung zeitgeschichtliche Forschung und Publizistik
ist auch fçr andere Politikbereiche zu ver- in Deutschland zunehmend dem Schicksal
zeichnen, so fçr den Komplex der Euthanasie der Opfer des Regimes zugewandt, wobei
und der Eugenik. Davon ausgehend liegen dieser Begriff eine zunehmend moralische
aufschlussreiche Studien çber die privilegierte Fårbung gewann und in einem sehr breiten,
Stellung der Ørzte und ihre aktive Unterstçt- nicht nåher definierten Sinn verwandt wurde.
zung der Rassenpolitik vor. In den vergange- Die Fokussierung des Erkenntnisinteresses
nen Jahren ist auch der bis dahin eher ver- auf die vom NS-Regime verfolgten und ideo-
nachlåssigte Bereich der Wissenschaftspolitik logisch ausgegrenzten Gruppen war mit einer
als Bestandteil der NS-Politik berçcksichtigt 4 Vgl. Doris Kaufmann, Einleitung, in: dies. (Hrsg.),
worden. Einerseits stellt sich immer klarer
Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im
heraus, dass sich groûe Teile der Hochschul- Nationalsozialismus. Bestandsaufnahme und Per-
lehrer und Akademiker, auch wenn sie nicht spektiven der Forschung, Bd. I,1, Gættingen 2000,
immer den vorgegebenen Linien der NS-Wis- S. 9± 20, sowie Michael Grçttner, Wissenschaftspolitik
im Nationalsozialismus, in: ebd., Bd. I, 2, S. 557± 584.
5 Vgl. Johannes Hçrter, Hitlers Heerfçhrer. Die deut-
2 Vgl. Christopher R. Browning, Ganz normale Mån- schen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjet-
ner. Das Reserve-Polizeibataillon 191 und die ¹End- union 1941/42, Mçnchen 2006; ders./Felix Ræmer, Alte
læsungª in Polen, Reinbek 1993. und neue Geschichtsbilder vom Widerstand im
3 Vgl. Gabriele Lotfi, KZ der Gestapo. Arbeits- Ostkrieg, in: Vierteljahrshefte fçr Zeitgeschichte, 54
erziehungslager im Dritten Reich, Frankfurt/M. 2003. (2006), S. 301 ±322.

APuZ 14 ± 15/2007 15
Tendenz zur Ausblendung der politischen Nimmt man die çberschçssige Polemik
Prozesse verknçpft. Die Inflation des Opfer- weg, bleibt die Behauptung, die Funktionalis-
begriffs schlug seit den 1990er Jahren in ver- ten håtten einer Beschænigung der NS-Ver-
stårktes Interesse an den verantwortlichen brechen in die Hånde gearbeitet und der Ex-
Akteuren um. Den Einsatzpunkt stellte die kulpierung zahlreicher Funktionstråger des
monumentale Biographie von Ulrich Herbert Regimes Vorschub geleistet. Die Zuspitzung
çber Werner Best dar. Fragen zur verglei- von Dan Diner, die Funktionalisten håtten
chenden Typologie und Motivation der Tåter ¹Verantwortungª durch ¹Strukturª ersetzt, 12
traten zunehmend in den Mittelpunkt der ist jedoch absurd und endet in historischem
Forschung. 6 Personalismus. Der tiefere Grund des Dissen-
ses liegt in der ausgeprågt ideengeschichtli-
Zahlreiche jçngere Studien, angeregt von chen Tendenz der von Herbert ins Leben ge-
den Arbeiten Herberts, zielen darauf ab, mit- rufenen Schule, die zugleich moralischen Ge-
tels der Aufschlçsselung der Rolle und Moti- sichtspunkten verpflichtet ist. 13 Doch die
vation der ¹Tåterª gleichsam das Bewegungs- zeitgeschichtliche Forschung in Deutschland
gesetz der NS-Diktatur erfassen zu kænnen. 7 ist nur in untergeordnetem Maûe dafçr ver-
Diese Bestrebungen verknçpfen sich håufig antwortlich zu machen, dass die Verfolgung
mit einer Kritik an der funktionalistischen von NS-Verbrechen nur schleppend erfolgte
Schule, die durch die Hervorhebung struktu- und die Initiative dazu bei der Justiz lag.
reller Faktoren dazu tendiere, die schuldhafte
Verstrickung der Handelnden zu verdecken. Bei allen Verdiensten des biographiege-
Dies reicht bis zu dem Vorwurf, die ¹Funk- schichtlichen Zugriffs fçr ein tieferes Ver-
tionalistenª håtten die Person Adolf Hitler ståndnis der Funktionsweise des NS-Herr-
nicht durch benennbare Personen oder Grup- schaftssystems stæût dieser auf methodische
pen, sondern durch abstrakte Strukturen er- und sachliche Grenzen. Das gilt zunåchst fçr
setzt und Tåter und Opfer in gleicher Weise die nur beschrånkte Verfçgbarkeit biographi-
anonymisiert. 8 Damit verbindet sich die Un- scher Quellen schon bei Angehærigen der
terstellung, der Funktionalismus sei durch Mittelklasse, wåhrend politische Einstellun-
¹eine Tendenz zur Entsubstantialisierung der gen und Haltungen von Vertretern der Unter-
realen Geschichteª und ¹eine ostentative Ver- schichten nur ausnahmsweise mit individuel-
nachlåssigung von Weltanschauung und Ideo- len Zeugnissen rekonstruiert werden kænnen.
logieª gekennzeichnet. 9 Die Kontroverse Wichtiger erscheint, dass der græûere Teil ge-
reicht bis zu dem Vorwurf einer ¹zweiten rade der an der Gewaltentfesselung im Re-
Entnazifizierungª und der zugespitzten Pole- gime unmittelbar Beteiligten biographiege-
mik, es drånge sich der Eindruck auf, dass die schichtlich kaum erfassbar ist und ihre Hand-
Schuld Hitlers begrenzt werden solle 10 und lungen in die Trivialitåt des Unsagbaren
dass die Akteure des ¹Verwaltungsmassen- absinken, was exemplarisch in der Studie
mordsª als ¹willenlose Objekteª und ¹hilf- Karin Orths çber die Konzentrationslager
lose Befehlsempfångerª gezeichnet wçrden. 11 zum Ausdruck kommt. 14 Die Tåterforschung
± etwa in der grundlegenden Untersuchung
6 Vgl. Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien
von Michael Wildt 15 ± orientiert sich an
çber Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft.
1903± 1989, Bonn 2001. male Deutsche (Dachauer Symposien zur Zeit-
7 Vgl. Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann geschichte, Bd. 2), Gættingen 2002, S. 20 ff.; Ulrich
(Hrsg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Herbert, Vernichtungspolitik. Neue Antworten und
Tåterbiographien, Darmstadt 2004. Fragen zur Geschichte des ¹Holocaustª, in: ders.
8 Vgl. Ulrich Herbert, The Holocaust in German (Hrsg.), Nationalsozialistische Vernichtungspolitik
History. Some Introductory Remarks, in: Moshe Zim- 1939± 1945, Frankfurt/M. 1998, S. 21.
mermann (Hrsg.), On Germans and Jews under the 12 Vgl. N. Berg (Anm. 9), S. 566.

Nazi Regime, Jerusalem 2006, S. 74. 13 Herbert verweist nachdrçcklich auf die Ursprçnge
9 Vgl. Nicolas Berg, Der Holocaust und die west- Bests im vælkischen Lager, um dessen Rolle im SS-Ap-
deutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, parat zu erklåren.
Gættingen 2003, S. 513. 14 Vgl. Karin Orth, Die Konzentrationslager der SS.
10 Vgl. U. Herbert (Anm. 8), S. 74; N. Berg (Anm. 9), Sozialstrukturelle Analysen und biographische Stu-
S. 513. dien, Gættingen 2000.
11 Gerhard Paul (Hrsg.), Die Tåter der Shoah im 15 Vgl. Michael Wildt, Generation des Unbedingten.

Spiegel der Forschung, in: ders. (Hrsg.), Die Tåter der Das Fçhrungskorps des Reichssicherheitshauptamtes,
Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz nor- Hamburg 2002.

16 APuZ 14 ± 15/2007
einem bestimmten Typus des NS- und SS- der ålteren Vorstellung den Boden zu entzie-
Funktionårs, der in der Regel einen akademi- hen, nach der die Verbrechen des Regimes
schen oder doch intellektuellen Hintergrund nur von kleinen Minderheiten im Umfeld der
hat. In der Masse der Fålle lassen sich çber SS begangen worden seien. Sie zeigen zu-
politisch-weltanschauliche Handlungsmotive gleich, dass von einem einheitlichen Tåterty-
jedoch keine hinreichenden Aussagen ma- pus nicht gesprochen werden kann und dass
chen, 16 und es stellt sich ohnehin die Frage, die politische Sozialisation der Vollstrecker in
welche Relevanz ihnen zukommen wçrde. den Apparaten der SS, Polizei und NSDAP
den maûgeblichen Faktor fçr die Bereitschaft
Ungeachtet der betråchtlichen Leistungen, darstellte, sich in den Dienst der Vernich-
welche die ¹Tåterforschungª aufzuweisen tungspolitik zu stellen, wåhrend die vælkisch-
hat, ist doch unverkennbar, dass sie an Gren- ideologische Vorprågung in der Weimarer
zen stæût, die nicht dem Mangel an biogra- Zeit nur von untergeordneter Bedeutung ist.
phischen Informationen zuzuschreiben sind. In seiner Untersuchung des Fçhrungskorps
Schon der Begriff des ¹Tåtersª umgreift einen des Reichssicherheitshauptamtes gelangt Mi-
Typus, der in den weltanschaulich aufgelade- chael Wildt zu dem Resultat, dass der struk-
nen bçrokratischen Apparaten des Regimes turelle Einfluss der ¹SS-Weltanschauungsbç-
anzutreffen ist, aber auf die ¹Macherª im en- rokratieª maûgebend war, um die Tåter zum
geren Sinne ± die hohen NS-Chargen ± kaum ihnen abverlangten Mordhandwerk zu moti-
angewandt werden kann, deren intellektuelle vieren. 18
und menschliche Mediokritåt sich einer sinn-
vollen biographischen Darstellung entzieht. Der methodische Zugriff, mittels einer ver-
Das Medium der historischen Biographie er- gleichenden Biographieforschung und eines
scheint daher nur bedingt geeignet, die poli- wie auch immer differenzierten Tåterbegriffs
tisch-gesellschaftlichen Strukturen des Drit- die fçr die NS-Diktatur charakteristische Ge-
ten Reiches aufzuschlçsseln, die durch eine walteskalation und Entgrenzung des Verbre-
systematische Erosion der Autonomie der In- chens zu erklåren, ist daher nur begrenzt er-
dividuen zugunsten von deren instrumentel- giebig. Die Dynamik des Prozesses kumulati-
ler Verfçgbarkeit fçr die Zwecke des Regimes ver Radikalisierung, die fçr das NS-System
gekennzeichnet sind. Fçr die NS-Herrschaft kennzeichnend ist, geråt dabei nicht in den
ist es gerade charakteristisch, dass Tåter Blick, und die Analyse der engeren Fçh-
durchweg als Kollektive, jedenfalls stets in rungsgruppe ergibt ein eher einfærmiges Bild.
bçrokratischen oder kameradenhaften Zu- Insofern bietet die Tåterforschung keine Al-
sammenhången handeln, hinter denen die in- ternative, sondern nur eine Ergånzung der
dividuellen Charaktere zurçcktreten. funktionalistischen Methode, die die zerstæ-
rerische Dynamik des NS-Herrschaftssys-
Als ursprçnglich primår juristisch determi- tems strukturell und nicht allein ideologisch
nierte Kategorie zielt der Tåterbegriff auf ein zu erklåren sucht.
sachlich abgrenzbares und individuell verant-
wortliches Handeln. Neben der Ermordung Die Tåterforschung ist in der Regel mit
von Juden, Sinti und Roma stehen die Eutha- einer Hervorhebung der weltanschaulichen
nasie, Menschenversuche und die Verbrechen Faktoren verbunden, und sie hat das Ver-
in den Konzentrationslagern und den Repres- dienst, nachgewiesen zu haben, dass gerade in
sionsapparaten des Sicherheitsdienstes, der den Verfolgungsapparaten extrem antisemiti-
Ordnungspolizei und der Zivilverwaltung im sche Einstellungen handfest gewirkt haben,
Vordergrund. Die zahlreichen neueren Arbei- wie umgekehrt die Funktionalisten dazu
ten zu diesem Bereich 17 haben dazu beigetra- neigten, in der Gegenbewegung zur herr-
gen, das extreme Ausmaû der Kriminalisie- schenden Meinung den ideologischen Faktor
rung der NS-Gesellschaft aufzudecken und gegençber den systemischen und bçrokrati-
schen Bedingungen zu gering einzuschåtzen.
16 Vgl. Dieter Pohl, Die Ermordung der Juden im
Mittlerweile haben sich in der Forschung die
Generalgouvernement, in: U. Herbert (Anm. 11), Standpunkte angenåhert, denn es ist evident,
S. 110 ff.
17 Vgl. Gerhard Paul, Einleitung, in: ders. (Anm. 11);
dass weltanschauliche Motive fçr sich nicht
Michael Mallmann/Gerhard Paul, Sozialisation, Milieu ausreichten, die Eskalation der Vernichtung
und Gewalt. Fortschritte und Probleme der neueren
Tåterforschung, in: dies. (Anm. 7), S. 1 ± 32. 18 Vgl. M. Wildt (Anm. 15), S. 856 ff.

APuZ 14 ± 15/2007 17
voranzutreiben. Um die tædliche Interaktion des Krieges in eine zunehmende Ûberschnei-
zu beschreiben, die sich seit 1941 zwischen dung der Kompetenzen zwischen innerer
den lokalen Machthabern und dem Reichs- und allgemeiner Verwaltung, Parteiapparat,
sicherheitshauptamt vollzog, bedarf es einer Reichssicherheitshauptamt und Sonderver-
Analyse des komplexen Zusammenwirkens waltungen çberging. 22 Abgesehen davon ist
rivalisierender Instanzen, auch wenn sich vor das Ausmaû von Improvisation, von unkon-
Ort ein Zusammengehen aufdrångte. 19 trolliertem Wildwuchs der Sonderverwaltun-
gen und der allenthalben um sich greifenden
ungeheuren Korruption schwerlich zu unter-
Kumulative Radikalisierung schåtzen. 23 Von den unerhærten zerstæreri-
schen und verbrecherischen Auswirkungen
Michael Wildt hat in seiner eindrucksvollen der NS-Politik darf nicht auf deren innere
Analyse der ¹Generation des Unbedingtenª Rationalitåt und Konsistenz geschlossen wer-
ein faszinierendes Psychogramm der Fçh- den, wie çberhaupt deren kurzfristig epheme-
rungsgruppe des Reichssicherheitshauptamtes rer Charakter allzu leicht çbersehen wird.
erstellt. Im Unterschied zu den politischen
¹Hoheitstrågernª, also der engeren Funktio- Mit der Fokussierung der Forschungsdis-
nårselite der Partei, zeichnet sich der in den kussion auf die Implementierung des Holo-
Apparaten der SS herangezçchtete Tåtertypus caust und die Vernichtungspolitik gegen
durch technokratische Effizienz und bçro- ¹Fremdvælkischeª ist die Frage nach den Ur-
kratische Disziplin aus. Er arbeitet den Typus sachen der sich ståndig steigernden Dynamik
einer spezifischen ¹Weltanschauungsbçrokra- des Herrschaftssystems eher in den Hinter-
tieª heraus, deren besondere Mentalitåt dem grund getreten. Die nach und nach alle Poli-
kontinuierlichen Radikalisierungsprozess so- tikfelder erfassende weltanschauliche Durch-
wohl bezçglich der Herrschaftsmethoden dringung erklårt zwar, warum sich gegen die
wie der langfristigen Zielsetzungen zugrunde Vernichtungspolitik des Regimes keine signi-
liegt, und erhebt den Anspruch, damit die fikanten Widerstånde bei den traditionellen
¹Kontroverse um Intention und Funktionª Eliten wie bei den gemåûigt eingestellten
auflæsen zu kænnen. 20 Doch handelt es sich Mitgliedern der NSDAP und ihrer angeglie-
bei der Mentalitåt des SS-Fçhrungskorps um derten Verbånde einstellten. Aber die Ursa-
einen Sonderfall der sich in den NS-Fçh- chen des kumulativen Radikalisierungspro-
rungsgruppen durchsetzenden Bindungslo- zesses, der das NS-System kennzeichnet, sind
sigkeit und Amoralitåt, die in den von Hitler nicht einfach auf ideologische Fanatisierung
gefeierten neuen Fçhrertypen im Osten kul- zu reduzieren. Damit sich die Propaganda
minierten. 21 ¹beim Wort nehmenª konnte, also ideologi-
sche Fernziele in reales politisches Handeln
Die diversifizierte Forschung des vergange- umgesetzt wurden, bedurfte es spezifischer,
nen Jahrzehnts vermittelt den Eindruck einer im politischen System selbst angelegter Fak-
gewissen inneren Kompaktheit des NS-Regi- toren. 24
mes, dem es gelang, fast alle Politikbereiche
ideologisch zu durchdringen. Dabei tritt der In den vergangenen Jahren ist diese Radi-
hochgradig fluktuierende Charakter der NS- kalisierung çberwiegend auf Hitlers weltan-
Politik unterhalb der ideologischen Fernziele schaulichen Fanatismus und auf dessen di-
allzu leicht in den Hintergrund. Denn der in- rekte und indirekte Eingriffe zurçckgefçhrt
neren Stabilisierung des NS-Herrschaftssys- worden. Dies ist die Quintessenz zweier
tems bis 1938/39 folgt mit dem Ausbruch sonst so unterschiedlich ausgerichteter Ge-
und der Ausweitung des Zweiten Weltkrieges
eine schleichende Auflæsung des zentralen 22 Vgl. den Ûberblick bei Dieter Rebentisch, Fçhrer-
Regierungsapparates, der in der letzten Phase staat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart
1989, S. 499 ff., S. 533 ff.
19 Vgl. D. Pohl (Anm. 16), S. 113 f. 23 Vgl. vor allem Frank Bajohr, Parvençs und Pro-
20 M. Wildt (Anm. 15), S. 856 f. fiteure. Korruption in der NS-Zeit, Frankfurt/M. 2004.
21 Vgl. Hans Mommsen, Der Krieg gegen die Sowjet- 24 Diese Formel findet sich bei Martin Broszat, Sozi-

union und die deutsche Gesellschaft, in: Bianka Pie- ale Motivation und Fçhrerbindung im National-
trow-Ennker (Hrsg.), Pråventivkrieg. Der deutsche sozialismus, in: ders. (Hrsg.), Nach Hitler. Der
Angriff auf die Sowjetunion, Frankfurt/M. 2000, schwierige Umgang mit unserer Geschichte, Mçnchen
S. 65 f. 1988, S. 32 f.

18 APuZ 14 ± 15/2007
samtanalysen wie Saul Friedlånders ein- dere mit dem Fortgang des Ostkrieges ± ge-
drucksvollem Werk zur Geschichte des Ho- wesen ist. Zwar gelang es der Goebbels'schen
locaust und Richard Evans Geschichte des Propaganda, die Person Hitlers als des ¹Fçh-
Dritten Reiches. 25 In beiden Darstellungen rers der Nationª zur einer çbermenschlichen
geht die Triebkraft des Geschehens primår Figur zu machen. Sie vermochte es, Attribute
von Hitler aus, wenn auch ideologische bzw. nationaler Identitåt auf dessen Person zu
antisemitische Voreinstellungen in der Bevæl- çbertragen und alternative nationale Identifi-
kerung komplementår einwirkten. Der ent- kationsmæglichkeiten abzublocken. Dadurch
scheidende Faktor liegt nach Friedlånder in wurde die Figur Hitlers von der an der Partei,
der ¹persænlichen Wirkungª Hitlers und des- den Bonzen und der SS artikulierten Kritik
sen ¹zwanghaftem Antisemitismusª, der auf unter der Formel ¹Wenn das der Fçhrer
eine in Deutschland schon långer herausgebil- wçssteª von der Verantwortung fçr Niederla-
dete ¹antijçdische Kulturª getroffen sei. Er gen, Verbrechen und Missstånde ausgenom-
greift auf die im Sinne seiner çbergreifenden men.
Interpretation nach nicht unbedingt notwen-
dige Auffassung zurçck, Hitler habe am 12. Gleichwohl beeintråchtigte der Krieg
Dezember 1941 einen umfassenden Befehl gegen die Sowjetunion seine Popularitåt, und
zur Implementierung der Shoah gegeben. 26 sie ging in dem Maûe zurçck, in dem sich die
militårischen Niederlagen nach Stalingrad
Gleichwohl wird die Frage, in welchem håuften. Gleichwohl blieb der Fçhrerkult ge-
Umfang Hitler ± ungeachtet seiner uneinge- rade fçr diejenigen Funktionåre, die alle
schrånkten Vetomacht ± den politischen Ent- Brçcken hinter sich abgebrochen sahen, bis
scheidungsprozess der letzten Jahre des Regi- zuletzt erhalten und erwies sich als wirksa-
mes maûgebend geprågt hat und wie stark der mes Mittel, um sie zum Durchhalten zu be-
Anteil nachgeordneter Machttråger, nicht zu- wegen.
letzt Heinrich Himmlers gewesen ist, nach
wie vor unterschiedlich beurteilt. In seiner
Hitler-Biographie hat Ian Kershaw das Wech-
¹Gefålligkeitsdiktaturª?
selverhåltnis zwischen den politischen Initia-
Es ist indessen fragwçrdig, die politische
tiven des Diktators und den Erwartungshal-
Tragfåhigkeit der von Goebbels wirkungsvoll
tungen seiner Anhånger betont und damit
beschworenen ¹Volksgemeinschaftª zu hoch
den Ansatz Martin Broszats fortgefçhrt, nach
zu bewerten. Es ist bezeichnend, dass die NS-
dem dieser, indem er sich an vorherrschende
Fçhrung, wie Gætz Alys Studie çber ¹Hitlers
Ressentiments und Stimmungen anpasste, als
Volksstaatª eindrçcklich zeigt, 29 die Belas-
Produkt der ihn umgebenden Gesellschaft
tungsfåhigkeit der Bevælkerung vergleichs-
betrachtet werden mçsse. 27 In der Tat besteht
weise gering einschåtzte und sich scheute,
weitgehende Einigkeit in der Forschung, dass
den breiten Massen erhæhte Steuern aufzuer-
von einer Interaktion zwischen der Zentrale
legen. Das Regime war stattdessen bestrebt,
und den Vollstreckern vor Ort auszugehen
durch die ækonomische und finanzpolitische
ist. 28
Ausbeutung der besetzten Lånder die mate-
rielle Versorgung des Altreichs auf einem er-
In diesem Zusammenhang stellt sich die
tråglichen Niveau zu halten. Fçr diese bis zu-
Frage, wie stabil der Fçhrerkult ± insbeson-
letzt durchgehaltene Politik besaûen die Er-
25 Vgl. Saul Friedlånder, Die Jahre der Vernichtung.
fahrungen der Kriegswirtschaft im Ersten
Das Dritte Reich und die Juden 1939±1945, Mçnchen Weltkrieg entscheidende Bedeutung. Um sich
2006; Richard J. Evans, Das Dritte Reich, Bd. 2, Mçn- die Sympathien der Bevælkerung zu sichern,
chen 2006; dazu Hans Mommsen, Terror und Angst, sorgte Martin Bormann dafçr, dass die Ver-
in: Die Zeit, November 2006, S. 17 f. sorgung der Bombengeschådigten und der
26 Vgl. Christian Gerlach, Die Wannseekonferenz, das
aus den bedrohten Grenzgebieten ausgesie-
Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische
delten Bevælkerung ausschlieûlich bei der
Grundentscheidung, alle Juden Europas zu vernichten,
in: Werkstatt Geschichte, 6 (1997), S. 7 ±44. Partei bzw. der NS-Volkswohlfahrt lag, die in
27 Vgl. Ian Kershaw, Hitler 1889±1936, Stuttgart 1998, ihrem Auftrag tåtig war.
S. 26 f.; M. Broszat (Anm. 24), S. 127 ff.
28 Vgl. Ulrich Herbert, Die deutsche Militår- 29 Vgl. Gætz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassen-

verwaltung in Paris und die Deportation der franzæsi- krieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt/M. 2005,
schen Juden, in: ders. (Anm. 11), S. 208. S. 66 ff.

APuZ 14 ± 15/2007 19
Detaillierte Regionalstudien wie jçngst Zçge die Einkommensverhåltnisse der Unter-
Jill Stevensons Analyse von ¹Hitler's Home schicht im Verhåltnis zur Lage von 1928 kei-
Frontª in Wçrttemberg zeigen jedoch ein- neswegs verbessert. Neuere Untersuchungen
drçcklich, dass der Grad des innenpolitischen zeigen, dass von einem durch die Politik des
Konsenses bei den ¹Volksgenossenª sehr ge- Regimes maûgeblich unterstçtzten ækonomi-
teilt war, auch wenn sie sich nach auûen hin schen Aufschwung trotz der Ûberwindung
dem diktatorischen Regime unterwarfen, da der Massenarbeitslosigkeit keine Rede sein
es keine Mæglichkeit gab, ihre Resistenz poli- kann. 32
tisch zu artikulieren. Es ist bemerkenswert,
dass die Wçrttemberger zwischen ihrer Loya- Aly ist so weit gegangen, den Unterdrç-
litåt zu Hitler und ihrer Einstellung zur Par- ckungscharakter des Regimes zu relativie-
tei und deren regionalen Repråsentanten klar ren, und spricht von einer ¹Gefålligkeits-ª
differenzierten. 30 In kirchlichen Angelegen- und ¹Zustimmungsdiktaturª. 33 Er stçtzt sich
heiten, nicht zuletzt dem Religionsunterricht, dabei auf die bis zum Beginn des Russland-
aber auch im Hinblick auf die Agrarpolitik krieges gçnstig ausfallenden Meinungsumfra-
des Regimes bestand eine eindeutige Opposi- gen. In seinem jçngsten Buch neigt er indes-
tion. Diese Teildistanzierung lieûe sich an an- sen dazu, diese Ergebnisse zu relativieren. 34
deren Regionen und Lokalstudien vielfåltig Wie weit die Bevælkerung die Politik des Re-
beståtigen. 31 Desgleichen ist das Ausmaû der gimes, die materiellen Belastungen im Kriege
Ûbereinstimmung mit der Politik des Regi- mæglichst niedrig zu halten, direkt und indi-
mes, von wenigen Hæhepunkten wie den Sie- rekt ± nicht zuletzt durch æffentliche Verstei-
gen çber Polen und Frankreich abgesehen, gerung jçdischen Wohnungs- und Haushalts-
eher begrenzt. Es scheint daher angebracht, eigentums, aber auch durch materielle Vor-
auf den Begriff der ¹Volksgemeinschaftª, der teile fçr Familien, deren Våter eingezogen
ja durch die Goebbels'sche Propaganda einge- waren ± mit dauerhafter Zustimmung hono-
fårbt wurde, im analytischen Kontext zu ver- rierte, ist kaum verlåsslich zu bestimmen. 35
zichten. Indessen wird man schwerlich zu weit gehen,
wenn man feststellt, dass der Begriff ¹Zustim-
Einige Schritte weiter ging Gætz Aly in sei- mungsdiktaturª den Tatbestand verdeckt,
nem kontrovers aufgenommenen Buch çber dass die Loyalitåt groûer, aber abnehmender
¹Hitlers Volksstaatª. Ausgehend von der Ein- Teile der Bevælkerung in erster Linie durch
sicht, dass die Erfahrungen des kriegswirt- den direkten und indirekten Unterdrç-
schaftlichen Systems im Ersten Weltkrieg die ckungsapparat des Regimes und die Aus-
von Hitler und seinen Gefolgsleuten einge- schaltung jeder freien Kommunikation be-
schlagene Strategie maûgebend beeinflusst dingt war. Gerade in der Endphase des Krie-
habe, betont er die Bestrebungen des Regi- ges trat die massive terroristische Bedrohung
mes, sich durch ækonomische Konzessionen auch der eigenen Bevælkerung offen zu Tage.
die Sympathien der lohnabhångigen Bevælke- Die verhångnisvolle Rolle der Justiz, die in
rung zu sichern. Es ist unbestreitbar, dass die den bei den Reichsverteidigungskommissaren
NS-Fçhrungsgruppe gerade seit der Krise
nach Stalingrad an der pseudosozialistischen 32 Vgl. Ludolf Herbst. Der totale Krieg und die Ord-
Linie festhielt und sich gegen steuerliche nung der Wirtschaft 1939±1943, Stuttgart 1982,
Maûnahmen zu Ungunsten der unteren Be- S. 207 ff.; Christoph Buchheim/Jonas Scherner, An-
vælkerungsschichten wandte. Das sollte aber merkungen zum Wirtschaftssystem des ¹Dritten
nicht zu der Ansicht fçhren, die NS-Sozial- Reichsª, in: Werner Abelshauser u. a. (Hrsg.), Wirt-
politik habe eine Einkommensumverteilung schaftsordnung, Staat und Unternehmen. Neue For-
schungen zur Wirtschaftsgeschichte des National-
zugunsten der Unterschicht herbeigefçhrt,
sozialismus, Essen 2003, S. 89±94; Christoph
denn die Sozialpolitik des Regimes seit den Buchheim, Unternehmen in Deutschland und NS-Re-
1930er Jahren hat trotz ihrer populistischen gime 1933±1945, in: Historische Zeitschrift, 282
(2006), S. 351 ±390.
30 Vgl. Jill Stevenson, Hitler's Home Front. Wçrttem- 33 G. Aly (Anm. 29), S. 49, S. 333.

berg under the Nazis, London 2006. 34 Vgl. Gætz Aly (Hrsg.), Volkes Stimme. Skepsis und
31 Exemplarisch: Hamburg im ¹Dritten Reichª, hrsg. Fçhrervertrauen im Nationalsozialismus, Frankfurt/
von der Forschungsstelle fçr Zeitgeschichte in Ham- M. 2006, S. 130 ff.
burg, Gættingen 2005, darin vor allem Frank Bajohr, 35 Vgl. Frank Bajohr, ¹Arisierungª in Hamburg. Die

Die Zustimmungsdiktatur. Grundzçge nationalsozia- Verdrångung der jçdischen Unternehmer 1933± 1945,
listischer Herrschaft in Hamburg, S. 69±121. Hamburg 1997.

20 APuZ 14 ± 15/2007
eingesetzten Sondergerichten offenen Wider- Harald Welzer
stand gegen die offizielle Durchhaltepolitik
mit massiven Sanktionen bestrafte, und das
Tåtigwerden von mehr oder weniger willkçr-
lich urteilenden Standgerichten verwandelten
Die Deutschen
nun auch das Altreich in ein groûes Gefång-
nis. und ihr
Sicherlich wirkte noch immer der Hitler-
Kult nach, aber die lokalen und regionalen
¹Drittes Reichª
Parteifçhrer hielten sich nur noch mit der
Androhung von Gewalt an der Macht. Der
NS-Staat befand sich långst in der Auflæsung,
bevor er unter den harten Schlågen der alliier-
ten Armeen endgçltig zerfiel. Wåhrend sich
Goebbels anschickte, die fçr den ¹Werwolfª
D ie gesellschaftliche Wirklichkeit des
¹Dritten Reichesª wird gewæhnlich
durch das Prisma des Holocaust betrachtet.
in hastig geschaffenen Ausbildungslagern zu- Der aber war erst das Ergebnis eines drama-
sammengezogenen HJ-Jungen fçr die Aufga- tisch beschleunigten gesellschaftlichen Wand-
be zu trainieren, die ¹nationalsozialistische lungsprozesses, und der Alltag des National-
Ideeª auch nach dem bevorstehenden militå- sozialismus sieht im Blick durch dieses Pris-
rischen Zusammenbruch fçr die kommende ma eigentçmlich statisch und hermetisch aus.
Generation am Leben zu erhalten, zerbræ- Dabei vermochte die
ckelten die letzten Reste des Groûgermani- nationalsozialistische
schen Reiches. Gesellschaft eine un- Harald Welzer
geheure psychosoziale Dr. phil., geb. 1958; Sozialpsy-
Die klågliche Rolle, die Hitler dabei Energie und Dynamik chologe; Professor und Direktor
spielte, tritt in dem Maûe, in dem sich das ge- bei ihren Mitgliedern des Center for Interdisciplinary
schichtliche Interesse der Zusammenbruch- gerade deshalb freizu- Memory Research am Kultur-
phase zuwendet, immer mehr ins æffentliche setzen, weil das ¹Tau- wissenschaftlichen Institut,
Bewusstsein. Die æffentliche Ironisierung des sendjåhrige Reichª Postfach 102745,
Diktators, wie sie derzeit im Film und in den von den meisten Deut- 45027 Essen.
Medien hervortritt, scheint ein Indikator schen als ein gemein- harald.welzer@kwi-nrw.de
dafçr zu sein, dass die Erklårungskraft der sames Projekt emp-
Person, die bislang wenig hinterfragt wurde, funden wurde, an dem man teilhaben wollte
allmåhlich schwindet. In diesem Zusammen- und auch durfte, sofern man die rassisch defi-
hang wird man sich an die Mahnung Martin nierten Kriterien dafçr erfçllte.
Broszats erinnern, nicht ¹von den riesenhaf-
ten Wirkungen auf die Ursåchlichkeit der Ausgerechnet diese Gesellschaft hat bis
Personª Hitlers zu schlieûen. 36 Dies gilt heute keine klaren mentalitåtsgeschichtlichen
umso mehr angesichts der Notwendigkeit, Konturen, was sich etwa anhand der in letzter
die Geschichte des Nationalsozialismus in Zeit intensiv diskutierten Frage zeigt, was die
den internatonalen Zusammenhang zu stel- Deutschen vom Holocaust wussten und wie
len, was sich als zukçnftige Aufgabe der For- es um die Zustimmung zum Regime im Ver-
schung stellt, nachdem die Entwicklung in laufe seiner Herrschaft stand. Inzwischen
den von Deutschland im Zweiten Weltkrieg zeichnet sich ab, dass diese Zustimmung in
besetzten oder von ihm abhångigen Låndern den Jahren nach 1933 bis zum Ûberfall auf
inzwischen weitgehend erschlossen worden die Sowjetunion kontinuierlich anwuchs, so
ist. dass es an der Zeit wåre, die gesellschaftliche
Wirklichkeit des ¹Dritten Reichesª als ein so-
ziales Parallelogramm zu beschreiben, in dem
sich die emotionale und materielle Lage der
nichtjçdischen Deutschen in dem Maûe ver-
besserte, wie sich die Situation der ¹Nicht-
arierª verschlechterte ± womit die Ausgren-
36 Vgl. M. Broszat (Anm. 24), S, 122 f.
zung der Juden, wie Peter Longerich argu-
mentiert hat, nicht nur als Herrschaftszweck,

APuZ 14 ± 15/2007 21
sondern auch als Herrschaftsinstrument zu Die Struktur des Nichtwissens
verstehen wåre. 1 Das bedeutet aber zugleich,
dass man sich von der Vorstellung freimachen Am 2. August 1914, dem Tag nach der deut-
muss, es gebe bei Gesellschaftsverbrechen auf schen Kriegserklårung gegen Russland, no-
der einen Seite Tåter, die Verbrechen planen, tiert Franz Kafka in Prag in seinem Tagebuch:
vorbereiten und ausfçhren, und auf der ande- ¹Deutschland hat Russland den Krieg erklårt.
ren Seite Unbeteiligte oder Zuschauer, die in ± Nachmittag Schwimmschule.ª Das ist ledig-
mehr oder weniger groûem Umfang von die- lich ein besonders prominentes Beispiel dafçr,
sen Taten ¹wissenª. Mit solchen Personenka- dass Ereignisse, die die Nachwelt als histori-
tegorien kann der Handlungszusammenhang, sche zu bewerten gelernt hat, in der Echtzeit
der schlieûlich in den Massenmord und in die ihres Entstehens und Auftretens nur selten als
Vernichtung fçhrte, nicht angemessen be- solche empfunden werden. Wenn sie çber-
schrieben werden. Es gibt in einem solchen haupt zur Kenntnis genommen werden, dann
Zusammenhang keine Zuschauer, es gibt auch als Teil eines Alltags, in dem noch unendlich
keine Unbeteiligten. Es gibt nur Menschen, viel mehr wahrgenommen wird und Auf-
die gemeinsam, jeder auf seine Weise ± der merksamkeit beansprucht, und so geschieht
eine intensiver und engagierter, der andere es, dass selbst intelligente Zeitgenossen einen
skeptischer und gleichgçltiger ± eine gemein- Kriegsausbruch nicht bemerkenswerter fin-
same soziale Wirklichkeit herstellen. den als den Umstand, dass man am selben Tag
seinen Schwimmkurs absolviert hat.
Aber wie kann man rekonstruieren, was
die Deutschen çber den Fçhrer, ihr Land und In dem Augenblick, in dem Geschichte statt-
die Politik der Vernichtung gedacht haben? findet, erleben Menschen Gegenwart. His-
Eine moderne Umfrageforschung gab es vor torische Ereignisse zeigen ihre Bedeutung erst
70 Jahren noch nicht, und die offiziellen im Nachhinein, nåmlich dann, wenn sie nach-
Stimmungs- und Lageberichte, 2 die das Re- haltige Folgen gezeitigt haben oder sich, mit
gime regelmåûig erhob, sind von nur be- einem Begriff von Arnold Gehlen, als ¹Konse-
grenzter Aussagekraft, da sie erstens stark die quenzerstmaligkeitenª erwiesen haben, also als
subjektiven Auffassungen der Berichterstatter pråzedenzlose Ereignisse mit Tiefenwirkung
spiegeln und zweitens nicht nur als Untersu- fçr alles, was danach kam. Damit ergibt sich ein
chungs-, sondern zugleich als Steuerungs- methodisches Problem, wenn man die Frage
instrument der æffentlichen Stimmung ge- stellt, was Menschen von solch einem Ereignis
dacht waren und insofern erheblich verzerrt wahrgenommen bzw. gewusst haben. Erstma-
sind. 3 ligkeitsereignisse werden in der Regel gerade
deshalb nicht wahrgenommen, weil sie neu
Man wird sich daher mit einem Patchwork sind, man also das, was geschieht, nicht mit Er-
ganz unterschiedlicher Datenquellen begnç- fahrungen abgleichen kann. Aus diesem Grund
gen mçssen, das die Zustimmung zur Politik haben viele jçdische Deutsche die Dimension
des Regimes, insbesondere zur Judenpolitik, des Ausgrenzungsprozesses nicht erkannt, des-
in unterschiedlichen Farbtænen abbildet und sen Opfer sie wurden. 4
das aus Beobachtungen des Alltagsverhaltens
der Volksgenossinnen und Volksgenossen, aus Geschichte geschieht nicht punktuell, son-
Daten zum Wissen çber den Vernichtungspro- dern sie ist ein fçr die begleitende Wahrneh-
zess sowie aus retrospektiven Interview- und mung langsamer Prozess, der erst durch Be-
Umfragedaten zusammengefçgt ist. griffe wie ¹Zivilisationsbruchª nachtråglich
auf ein abruptes Ereignis verdichtet wird. Die
Interpretation dessen, was Menschen vom
Entstehen eines Prozesses wahrgenommen
1 Vgl. Peter Longerich, Politik der Vernichtung. Eine haben, der sich erst sukzessive zur Katastrophe
Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Juden- auftçrmte, ist ein åuûerst vertracktes Unter-
vernichtung, Mçnchen 1998. fangen ± auch deswegen, weil wir unsere Frage
2 Vgl. Otto Dov Kulka/Eberhard Jåckel, Die Juden in

den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933± 1945,


nach der zeitgenæssischen Wahrnehmung mit
Dçsseldorf 2004.
3 Vgl. Peter Longerich, ¹Davon haben wir nichts ge- 4 Vgl. Raul Hilberg, Tåter, Opfer, Zuschauer. Die

wusst!ª Die Deutschen und die Judenverfolgung Vernichtung der Juden 1933±1945, Frankfurt/M. 1992,
1933± 1945, Mçnchen 2006, S. 38 ff. S. 138.

22 APuZ 14 ± 15/2007
dem Wissen darum stellen, wie die Sache aus- Cohns oder die Briefe Lilly Jahns auf der Mi-
gegangen ist. Ûber dieses Wissen verfçgten die kroebene des sozialen Alltags nachzeichnen,
Zeitgenossinnen und Zeitgenossen logischer- wie in verblçffend kurzer Zeit Menschen-
weise nicht. Norbert Elias hat es nicht zu Un- gruppen aus dem Universum der sozialen
recht als eine der schwierigsten Aufgaben der Verbindlichkeit ausgeschlossen werden ± aus
Sozialwissenschaften bezeichnet, die Struktur jenem Universum also, in dem Normen wie
des Nichtwissens zu rekonstruieren, die zu an- Gerechtigkeit, Mitleid oder Nåchstenliebe
deren Zeiten vorgelegen hat. 5 noch in Kraft sind, aber nicht mehr fçr dieje-
nigen gelten, die per definitionem aus der Ge-
Schlieûlich muss der Holocaust als ein meinschaft ausgeschlossen sind. Man çber-
genozidaler Prozess betrachtet werden, der sieht bei der Betrachtung des nationalsozialis-
Ende Januar 1933 begann und mit der Befrei- tischen Systems håufig, dass dieses zwar ein
ung der Lager im Frçhjahr 1945 zu Ende Unrechts- und Willkçrsystem gewesen ist,
ging. Dabei ist der sich in unterschiedlichen dass die Willkçr und das Unrecht aber fast
Intensitåtsschçben vollziehende Ausgren- ausschlieûlich die Nicht-Zugehærigen traf,
zungs-, Ausschlieûungs-, Beraubungs- und wåhrend die Mitglieder der Volksgemein-
Deportationsprozess von dem mit Kriegsbe- schaft nach wie vor in weiten Bereichen so-
ginn 1939 experimentierten, aber mit dem wohl Rechtssicherheit als auch staatliche Fçr-
Ûberfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 in sorge genossen.
aller Radikalitåt einsetzenden Vernichtungs-
prozess zu unterscheiden. Denn wåhrend die So zeigt eine retrospektive Befragung mit
Vernichtung einer, wie Longerich sie nachge- 3 000 Personen, die in den 1990er Jahren
zeichnet hat, flexiblen Geheimhaltungspolitik durchgefçhrt wurde, dass nahezu drei Viertel
unterlag, die ab Mitte 1942 auf ein kompli- der vor 1928 geborenen Befragten nieman-
zenhaftes, wenn auch ominæses Mitwissen den kannten, der aus politischen Grçnden
der Deutschen setzte, 6 fanden alle Einzel- mit der Staatsgewalt in Konflikt geraten und
schritte des sozialen Ausgrenzungsprozesses deshalb verhaftet oder verhært worden war. 8
der jçdischen Deutschen in der Úffentlichkeit Noch mehr Befragte gaben an, sich selbst
statt. In Deutschland vollzog sich vom Tag niemals bedroht gefçhlt zu haben, und das,
der so genannten Machtergreifung an ein fun- obwohl in derselben Befragung zu hohen
damentaler Wertewandel, in dem es zuneh- Anteilen angegeben wird, dass man illegale
mend als normal empfunden wurde, dass es Radiosender gehært oder Witze çber Hitler
kategorial unterschiedliche Menschengrup- und kritische Øuûerungen çber die Nazis ge-
pen gab, fçr die entsprechend unterschiedli- macht habe. 9 Ein hæchst bemerkenswertes
che Normen des zwischenmenschlichen Um- Ergebnis dieser Studie liegt darin, dass sich
gangs auf der einen und der Rechtsetzung im Nachhinein jeweils zwischen einem Drit-
und -anwendung auf der anderen Seite gal- tel und mehr als der Hålfte der Befragten
ten. 7 Hier geht es nicht darum, was man ¹ge- dazu bekennen, an den Nationalsozialismus
wusstª, sondern woran man teilgehabt hat. geglaubt, Hitler bewundert und nationalso-
zialistische Ideale geteilt zu haben. 10 Ein
åhnliches Bild zeichnet eine Allensbach-Um-
Der soziale Alltag der Ausgrenzung frage aus dem Jahr 1985. Die Befragten, die
1945 mindestens 15 Jahre alt gewesen sein
Man kann zur Rekonstruktion des Werte- mussten, bekennen zu 58 Prozent, an den
wandels im nationalsozialistischen Deutsch- Nationalsozialismus geglaubt zu haben, 50
land, der sich als fortschreitende Normalisie- Prozent sahen ihre Ideale in ihm verkærpert,
rung radikaler Ausgrenzung bezeichnen låsst, und 41 Prozent bewunderten den Fçhrer. 11
zeitgenæssische Quellen heranziehen, die wie Dabei zeigte sich auch, dass die Zustimmung
die Aufzeichnungen Sebastian Haffners, die
Tagebçcher Victor Klemperers oder Willy 8 Vgl. Eric Johnson/Karl-Heinz Reuband, What we

knew. Terror, Mass Murder and Everyday Life in Nazi


5 Vgl. Norbert Elias, Was ist Soziologie?, Mçnchen Germany, London 2005, S. 349.
2004. 9 Vgl. ebd., S. 357.
6 Vgl. P. Longerich (Anm. 3), S. 263 ff. 10 Vgl. ebd., S. 330 ff.
7 Vgl. Harald Welzer, Tåter. Wie aus ganz normalen 11 Zit. nach Karl-Heinz Reuband, Das NS-Regime

Menschen Massenmærder werden, Frankfurt/M. 2005, zwischen Akzeptanz und Ablehnung, in: Geschichte
S. 48 ff. und Gesellschaft, 32 (2006) 3.

APuZ 14 ± 15/2007 23
zum NS-System mit dem Niveau des Bil- sei, ¹an seiner Stelle ins Gefångnis zu gehen.
dungsabschlusses steigt ± was dem gångigen Am 19. April wurde der Gebrauch des Jiddi-
Vorurteil zuwiderlåuft, dass Bildung vor ge- schen auf Viehmårkten in Baden verboten.
genmenschlichen Einstellungen schçtzt. 12 Am 24. April wurde die Verwendung jçdi-
Mit steigender formaler Bildung stieg auch scher Namen zum Buchstabieren im Telefon-
die Zustimmung zu Hitlers Welt, und die verkehr untersagt. Am 8. Mai verbot es der
Aspekte, die seiner Politik positiv zuge- Bçrgermeister von Zweibrçcken Juden, auf
schrieben werden, sind auch in dieser Studie dem nåchsten Jahrmarkt Stånde zu mieten.
die Bekåmpfung von Arbeitslosigkeit und Am 13. Mai wurde die Ønderung jçdischer
Kriminalitåt sowie der Bau der Autobahnen. Namen in nichtjçdische verboten. Am 24.
Ein Viertel der Befragten betonen noch ein Mai wurde die restlose Arisierung der deut-
halbes Jahrhundert nach dem Ende des schen Turnerschaft angeordnet, wobei die
¹Dritten Reichesª das Gemeinschaftsgefçhl, vollståndige arische Abstammung aller vier
das damals geherrscht habe. 13 Groûeltern gefordert wurde.ª 14

Dieses freilich bezog sich auf die Mitglie- Besonders bemerkenswert an dieser un-
der der Volksgemeinschaft, und diese wurde vollståndigen, beispielhaften Liste ist zum
gerade dadurch gestiftet, dass nicht jeder zu einen die Kreativitåt im Auffinden unter-
ihr gehæren konnte. Das verbreitete Gefçhl, schiedlichster Aspekte des ¹Jçdischenª, wie
nicht bedroht zu sein und keinerlei Repressi- etwa bei der Buchstabierliste fçr den Telefon-
on zu unterliegen, beruhte auf einem starken verkehr, zum anderen das freiwillige, oft vo-
Gefçhl der Zugehærigkeit, deren Spiegelbild rauseilende Praktizieren antijçdischer Aus-
die tåglich demonstrierte Nicht-Zugehærig- grenzungsmaûnahmen durch Privatpersonen
keit von anderen Gruppen, insbesondere von in Vereinsfunktionen oder durch Kommunal-
Juden, war. Unmittelbar nach dem 30. Januar beamte, welche die entsprechenden Maûnah-
1933 setzte eine ungeheuer beschleunigte Pra- men durchaus nicht håtten ergreifen mçssen,
xis der Ausgrenzung der Juden ein, und zwar sondern aus freien Stçcken ergriffen haben.
ohne relevanten Widerstand der Mehrheitsbe- Das verweist nicht nur auf antisoziale Be-
vælkerung ± obwohl mancher vielleicht çber dçrfnisse, die unter den neuen Verhåltnissen
den ¹SA- und Nazipæbelª die Nase rçmpfte freudig befriedigt wurden, sondern auch da-
oder die einsetzende Kaskade der antijçdi- rauf, dass solche Maûnahmen innerhalb der
schen Maûnahmen als unfein, ungehærig, entsprechenden Vereine, Verbånde und Kom-
çbertrieben oder einfach als inhuman emp- munen bei Nicht-Betroffenen auf Zustim-
fand. Was ich mit ¹ungeheuer beschleunigtª mung, jedenfalls nicht auf Protest oder gar
meine, låsst sich mit einer Auflistung von auf Widerstand stieûen.
Saul Friedlånder illustrieren: ¹Im Mårz 1933
untersagte die Stadt Kæln Juden die Benut- Im sozialen Alltag des Nationalsozialismus
zung stådtischer Sportanlagen. Vom 3. April sind Maûnahmen, die andere treffen, aber
an mussten in Preuûen Antråge von Juden von Nicht-Betroffenen zur Kenntnis genom-
auf Namensånderung dem Justizministerium men werden, allgegenwårtig. Wie immer auch
vorgelegt werden (. . .). Am 4. April schloss die Gesetze und Maûnahmen bei den Volks-
der deutsche Boxer-Verband alle jçdischen genossinnen und Volksgenossen ankamen ±
Boxer aus. Am 8. April sollten alle jçdischen festzuhalten ist, dass sich auch in dieser frç-
Dozenten und Assistenten an Universitåten hen Phase, die ja auch fçr die Nicht-Betroffe-
des Landes Baden unverzçglich entlassen nen einen erheblichen Wertewandel hinsicht-
werden. Am 18. April entschied der Gauleiter lich zwischenmenschlicher Umgangsformen
von Westfalen, dass einem Juden das Verlas- bedeutete, keinerlei Unmut artikulierte. Aber
sen des Gefångnisses auf Kaution nur gestat- was heiût Nicht-Betroffene? Wenn man den
tet wçrde,ª wenn der Kautionssteller bereit Vorgang der Ausgrenzung, Beraubung und
Vernichtung als Handlungszusammenhang
12 Den mæglichen Einwand, die besser Gebildeten
betrachtet, ist es logisch unmæglich, von
gingen eben offener mit ihrer Vergangenheit um, kann Nicht-Betroffenen zu sprechen: Wenn eine
man damit entkråften, dass der U.S. Strategic Bombing
Survey, der schon 1945 zur Einschåtzung der psycho-
logischen Folgen der Bombardierung der Deutschen 14 Saul Friedlånder, Das Dritte Reich und die Juden.

erhoben wurde, zum selben Befund gelangte; vgl. ebd. Die Jahre der Verfolgung 1933±1939, Mçnchen 1998,
13 Vgl. E. Johnson/K.-H. Reuband (Anm. 8), S. 341. S. 49 ff.

24 APuZ 14 ± 15/2007
Personengruppe auf solch schnelle, verdichte- gischen Postulate in eine greif- und fçhlbare
te, æffentliche und nichtæffentliche Weise aus Wirklichkeit, und Interviews mit ehemaligen
dem Universum der moralischen Verbind- Volksgenossinnen und -genossen legen bis
lichkeit ausgeschlossen wird, dann bedeutet heute Zeugnis ab von der psychosozialen At-
das umgekehrt, dass sich der wahrgenom- traktivitåt und emotionalen Bindungskraft
mene und gefçhlte Stellenwert der Zugehæ- dieses Ein- und Ausschlieûungsprozesses.
rigkeit zur Volksgemeinschaft erhæht. Nicht umsonst besteht bis heute weitgehende
Ûbereinstimmung unter den Zeitgenossen,
So ist es psychologisch kein Wunder, dass dass das ¹Dritte Reichª mindestens bis zum
die praktische Umsetzung der Theorie von Russlandfeldzug als ¹schæne Zeitª zu be-
der Herrenmenschenrasse åuûerst zustim- schreiben sei; bei vielen geht diese Zuordnung
mungsfåhig war. Vor dem Hintergrund dieser auch noch bis weit in den Krieg hinein. 16
in Gesetze und Maûnahmen gegossenen Ausgrenzung, Verfolgung und Beraubung der
Theorie konnte sich noch jeder sozial deklas- Anderen wurden kategorial nicht als solche
sierte, ungelernte Arbeiter ideell jedem jçdi- erlebt, weil diese Anderen per definitionem
schen Schriftsteller, Schauspieler oder Ge- gar nicht mehr dazugehærten und ihre antiso-
schåftsmann çberlegen fçhlen, zumal dann, ziale Behandlung den Binnenbereich der Mo-
wenn der gesellschaftliche Prozess die fakti- ralitåt und Sozialitåt der Volksgemeinschaft
sche soziale und materielle Deklassierung der nicht mehr berçhrte.
Juden durchsetzte. Die Aufwertung, die der
Volksgenosse auf diese Weise erfuhr, bestand Ein besonders betrçbliches Kapitel in die-
auch im Gefçhl einer relativ verringerten so- sem Zusammenhang bilden die so genannten
zialen Gefåhrdung ± einem ganz neuen Arisierungen jçdischer Geschåfte und Unter-
Lebensgefçhl in einer exklusiven Volksge- nehmen sowie die æffentlichen Versteigerun-
meinschaft, zu der man nach den wissen- gen von Wert- und Einrichtungsgegenstånden
schaftlichen Gesetzen der Rassenauslese un- aus jçdischem Besitz. Wåhrend insgesamt
abånderlich gehærte und zu der die anderen etwa 100 000 Betriebe im Zuge der ¹Arisie-
genauso unabånderlich niemals gehæren rungª ihre Besitzer wechselten, låsst sich die
konnten. Beteiligung an den Versteigerungen kaum
noch quantifizieren, aber anhand von Bei-
spielen wenigstens dimensionieren. In Ham-
Wåhrend es den einen zunehmend schlech- burg etwa wurden 1941 die Ladungen von
ter ging, fçhlten sich die anderen immer bes- 2 699 Gçterwagen und 45 Schiffen mit ¹Ju-
ser. Das nationalsozialistische Projekt bot ja dengutª versteigert; 100 000 Hamburger er-
nicht nur eine glanzvoll ausgemalte Zukunft, steigerten Mæbel, Kleidungsstçcke, Radios
sondern auch ganz handfeste Gegenwartsvor- und Lampen, die aus etwa 30 000 jçdischen
teile wie zum Beispiel exzellente Karriere- Familien stammten. 17 Hinzu kamen der viel-
chancen. Der Nationalsozialismus hatte eine tausendfache Besitzerwechsel von Immobili-
extrem junge Fçhrungselite, und nicht wenige en, Autos und Kunstgegenstånden. Gelegent-
gerade der jçngeren Volksgenossinnen und lich wurden die Behærden mit der Bitte nach
-genossen konnten groûe persænliche Hoff- besonders begehrten Gçtern bedrångt, noch
nungen mit dem Siegeszug der ¹arischen bevor ihre rechtmåûigen Besitzer abtranspor-
Rasseª verbinden. 15 Vor diesem Hintergrund tiert worden waren, und es werden Fålle ge-
ist die enorme Freisetzung von individueller schildert, wo bei noch nicht deportierten
und kollektiver Energie zu verstehen, die Juden geklingelt wurde, damit man schon in
diese Gesellschaft kennzeichnete.
16 Vgl. z. B. Lutz Niethammer/Alexander von Plato,
Seine psychosoziale Durchschlagskraft
¹Wir kriegen jetzt andere Zeitenª, Bonn 1985; Harald
bezog das nationalsozialistische Projekt aus Welzer/Robert Montau/Christine Plaû, ¹Was wir fçr
der unmittelbaren Umsetzung seiner ideolo- bæse Menschen sind!ª Der Nationalsozialismus im
Gespråch zwischen den Generationen, Tçbingen 1997;
Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall,
15 Eine zeitgenæssische Statistik gab das Durch- ¹Opa war kein Nazi!ª Nationalsozialismus und
schnittsalter der fçhrenden Personen in der Partei mit Holocaust im deutschen Familiengedåchtnis, Frank-
34 und im Staat mit 44 Jahren an. Vgl. Gætz Aly, Hit- furt/M. 2002; E. Johnson/K.-H. Reuband (Anm. 8),
lers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler So- S. 341.
zialismus, Frankfurt/M. 2005, S. 12 ff. 17 Vgl. G. Aly (Anm. 15), S. 154.

APuZ 14 ± 15/2007 25
Augenschein nehmen konnte, was man auf In einer solchen Aussage, der sich zahllose
der bereits angesetzten Versteigerung erwer- åhnliche hinzufçgen lieûen, dokumentiert
ben kænne. 18 sich die normative Verschiebung, die zwi-
schen 1933 und 1941 stattgefunden hatte, in
Auch hier fallen Wissen und soziale Praxis aller Klarheit, und diese Verschiebung um-
in eins, und es wird ein Handlungszusam- fasst auch die Definition dessen, was als Ver-
menhang sichtbar, in dem das verånderte brechen betrachtet wurde und was nicht.
Normengefçge nicht von oben nach unten
durchgesetzt wird, sondern in dem auf prak-
tische und sich verschårfende Weise das Ver- Wissen çber die Massentætungen
håltnis zwischen den Menschen entsolidari-
siert wird und eine neue soziale ¹Normalitåtª Wissen çber Verbrechen setzt voraus, dass
etabliert wird. In dieser Normalitåt mag es etwas als Verbrechen definiert ist. Da sich
zwar ein Durchschnittsvolksgenosse noch diese Definition mit der Entwicklung der na-
1941 fçr undenkbar halten, dass Juden um- tionalsozialistischen Gesellschaft stark ver-
standslos getætet werden, aber nichts Bemer- schoben hatte, geht es bei der Frage, was die
kenswertes darin sehen, dass Ortsschilder Deutschen vom Holocaust wussten, primår
verkçnden, der entsprechende Ort sei ¹juden- um die Massenmorde und Vernichtungsak-
freiª, dass Parkbånke nicht von Juden be- tionen, die mit dem Ûberfall auf die Sow-
nutzt werden dçrfen und auch nicht mehr jetunion am 22. Juni 1941 einsetzten und
darin, dass die jçdischen Bçrger entrechtet schlieûlich in den Vernichtungslagern kul-
und beraubt werden. minierten. 20 Die ersten der in diesem Zusam-
menhang stattfindenden ¹Judenaktionenª be-
Vor diesem Hintergrund argumentierte in treffen die in den rçckwårtigen Heeresgebie-
einem der Kriegsverbrecherprozesse ein Be- ten lebenden Juden, die schon bis Ende 1941
amter des Auswårtigen Amtes, Albrecht von in gigantischen Zahlen einer sich schnell pro-
Kassel, als er aufgefordert wurde, zu erklåren, fessionalisierenden Mordpraxis zum Opfer
was man unter dem Begriff ¹Endlæsungª ver- fielen. 21 Informationen çber diese systemati-
standen habe: schen Tætungen wurden wahrscheinlich vor
allem in Form vereinzelter Gerçchte kommu-
¹Dieser Ausdruck ,Endlæsung` ist ja in ver- niziert. Sowohl SS- wie Wehrmachtsangehæ-
schiedenem Sinne gebraucht worden. 1936 rige als auch Personen aus der Zivilverwaltung
bedeutete Endlæsung ja nur, dass die Juden und der Wirtschaft berichteten vereinzelt in
alle Deutschland verlassen sollten, und dabei Feldpostbriefen und vermutlich weit æfter in
sollten sie allerdings ausgeplçndert werden; direkten Kommunikationen von der Durch-
es war nicht schæn, aber auch nicht verbre- fçhrung der so genannten Judenaktionen.
cherisch . . .
Im Herbst 1941 begannen die Deportatio-
Richter Maguire: War das soeben eine rich- nen der noch im Lande lebenden jçdischen
tige Ûbersetzung? Deutschen, sofern diese nicht mit einem
nichtjçdischen Partner verheiratet waren
Dr. Becker: Ich bitte Sie, noch einmal den oder in kriegswichtiger Produktion arbeite-
Satz zu wiederholen. ten. Diese Deportationen fanden in aller Úf-
fentlichkeit statt, weil die Opfer mit der
Antwort: Ich habe gesagt, es war leider Reichsbahn abtransportiert wurden und ent-
nicht schæn, aber nicht verbrecherisch. Man weder mit Lastwagen oder in græûeren oder
wollte ihnen nicht ans Leben, sondern man kleineren bewachten Gruppen zu den Bahn-
wollte ihnen nur das Geld wegnehmen.ª 19 hæfen gebracht wurden. Unabhångig davon,
wie die Reaktion der ærtlichen Bevælkerung
jeweils ausfiel, kann kein vernçnftiger Zwei-
fel daran bestehen, dass die Deportationen als
18 Vgl. Frank Bajohr/Dieter Pohl, Der Holocaust als 20 Vgl. Jochen Bæhler, Auftakt zum Vernichtungs-

offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Fçhrung krieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt/M.
und die Alliierten, Mçnchen 2006, S. 30 ff. 2006.
19 Zit. nach Raul Hilberg, Die Vernichtung der euro- 21 Vgl. Peter Klein (Hrsg.), Die Einsatzgruppen in der

påischen Juden. Bd. III, Frankfurt/M. 1989, S. 1097. besetzten Sowjetunion 1941/1942, Berlin 1997.

26 APuZ 14 ± 15/2007
solche allgemein bekannt waren. Nicht selten ten, Andeutungen, Augenzeugenberichten
zogen sie groûe Mengen Zuschauer an, es und Teilinformationen bestehendes Wissen
wurde geklatscht, gejohlt und kommentiert, allgemein verbreitet hatte. Longerich hat ar-
und besonders Schulkinder taten sich durch gumentiert, dass es dem Regime zu diesem
Geschrei, Spott und Schmåhungen hervor. 22 Zeitpunkt nicht mehr unwillkommen war,
Es låsst sich freilich im Nachhinein nicht ab- dass ein solches Wissen existierte, da die Ab-
schåtzen, wie groû die Bevælkerungsanteile sicht bestand, die Bevælkerung angesichts der
derjenigen gewesen sind, die das Spektakel sinkenden Siegeszuversicht in ¹Mithaftungª
mit eigenen Augen sehen wollten, und was fçr die Verbrechen zu nehmen und System-
die Haltung dazu auf Seiten derjenigen war, treue durch Komplizenschaft zu erzeugen.
die diesen Ereignissen lieber fernblieben.
Aber das Wissen darçber, dass jetzt die letz- Nun war das verbreitete Wissen um die
ten im Land verbliebenen Juden gegen ihren Vernichtung der europåischen Juden eben
Willen und unter Zwang ¹nach Ostenª trans- kein lexikalisches und von irgendeiner In-
portiert wurden, war æffentliches Wissen. stanz beglaubigtes Wissen, sondern hatte die
hybride Form des offenen Geheimnisses. 27
Freilich klafften die Einschåtzungen dar- Diese spezifische Wissensform verdankte sich
çber, was die Deportationen fçr die Betroffe- erstens ihrer inoffiziellen und verbotenen
nen bedeuteten, erheblich auseinander. So Quellen, zweitens ihrer Strafbewehrtheit als
schreibt bereits am 24. Oktober 1941 eine ¹Greuelpropagandaª und drittens der unaus-
nichtjçdische Hamburgerin an ihre Tochter gesprochenen, aber doch hinreichend deutli-
çber die Deportation ihrer jçdischen Nach- chen Betonung dessen, was geschah, in der
barn: ¹Wohin? Russland? Polen? Jedenfalls Propaganda selbst. Kommunikation in der
ins Verderben, in den sicheren Tod.ª 23 Ande- Form des offenen Geheimnisses stellt es dem
re werden die Vorgånge in dem Glauben auf diese Weise Wissenden frei, die Informa-
wahrgenommen haben, dass die Betroffenen tionen als glaubhaft oder phantastisch, als au-
zum ¹Arbeitseinsatzª in den Osten geschickt thentisch oder als Feindpropaganda einzu-
wçrden, wie es die Propaganda suggerierte, schåtzen. Es gibt ihm auch die Mæglichkeit,
und wieder andere lehnten die Deportationen sich im Nachhinein indifferent gegençber
ab, weil sie zu human seien und man die dieser Art von Wissen zu verhalten: Schlieû-
Leute doch gleich vor Ort erschieûen solle, lich besteht das Wesen eines Geheimnisses
anstatt ¹die teuren Kohlen fçr den Transportª darin, nur von Eingeweihten gewusst zu wer-
aufzuwenden. 24 den.

Schlieûlich gab es zwei Nachrichtenquellen Diese spezifische Form der Wissenskom-


ganz gegensåtzlicher Natur, die Wissen çber munikation schlågt sich auch darin nieder,
die Massenmorde verbreiteten: 25 Es handelte dass in der bereits erwåhnten schriftlichen
sich zum einen um die alliierten Rundfunk- Befragung Mitte der 1990er Jahre nur etwas
sender, namentlich die deutschsprachigen mehr als ein Drittel der Befragten antworte-
Sendungen der BBC sowie ab Ende 1942 er- ten, sie håtten schon vor Ende des Krieges
scheinende Artikel in der amerikanischen ¹gewusstª, ¹gehærtª oder ¹geahntª, dass die
Presse çber die systematische Vernichtung Juden massenhaft getætet wurden. 28 Bleibt
der Juden, 26 zum anderen um immer andeu- hier unklar, wie die Befragten selbst ¹Wis-
tungsreichere Artikel und Reden von Seiten senª, ¹Hærenª und ¹Ahnenª definieren,
der Fçhrungselite des ¹Dritten Reichesª. bleibt umgekehrt auch offen, welches ¹offene
Geheimnisª sich hinter jenen 62 Prozent der
Vor dem Hintergrund zahlreicher Einzel- Befragten verbirgt, die angaben, nichts von all
beobachtungen und -belege solcher Art kann dem gewusst zu haben. Die Urheber dieser
man mit einiger Plausibilitåt davon ausgehen, Studie sind çbrigens unterschiedlicher Auf-
dass sich ab etwa Mitte 1942 ein aus Gerçch- fassung darçber, wie diese Zahlen zu inter-
pretieren sind, und gehen schlieûlich von
einer konservativen Schåtzung von etwa
22 Vgl. F. Bajohr/D. Pohl (Anm. 18), S. 47.
einem Drittel und einer weniger konserva-
23 Privatarchiv des Autors.
24 F. Bajohr/D. Pohl (Anm. 18), S. 45.
25 Vgl. ebd., S. 57. 27 Vgl. F. Bajohr/D. Pohl (Anm. 18).
26 Vgl. P. Longerich (Anm. 3), S. 240. 28 Vgl. E. Johnson/K.-H. Reuband (Anm. 8), S. 369.

APuZ 14 ± 15/2007 27
tiven von etwa der Hålfte der Bevælkerung des Rabbiners nicht mehr da. Aber das war
aus, die Kenntnis von den Massenmorden die einzige Jçdin an unserem Oberlyceum,
hatten. 29 die ich kannte. Und die konnte ja auch ausge-
wandert sein oder sonst wie. Es ist ja etlichen
Eine weitere Mæglichkeit, changierende auch gelungen. Ob die nun inhaftiert war
Phånomene wie Systemvertrauen, Skepsis oder ausgewandert, das konnten wir nicht
oder Stimmung retrospektiv zu messen, be- feststellen. Wir hatten ja auch keinen persæn-
steht darin, Verhalten zu ermitteln ± also lichen Kontakt, die war sechs Jahre ålter, in
etwa zu rekonstruieren, bis wann die Volks- einer anderen Klasse, also die kannte ich
genossen ihr Sparvermægen staatlichen Ban- nicht, und sie håtte mich auch nicht ge-
ken anvertrauten und ab wann es ihnen doch kannt.ª 31
sicherer erschien, es zu privaten Geldinstitu-
ten zu tragen, oder herauszufinden versu- Auf der Ebene der Erzåhlstruktur ist der
chen, ab wann trauernde Familienangehærige Ausgrenzungs- und Verfolgungsprozess, in
mehrheitlich aufhærten, in Anzeigen mitzu- dem die Juden immer weniger werden und
teilen, der Sohn sei ¹fçr Fçhrer, Volk und Va- schlieûlich ganz verschwunden sind, durch-
terlandª gefallen, und stattdessen nur noch aus pråsent, und zahlreiche Zeitzeugenerzåh-
schlicht das Vaterland oder gar kein Moment lungen offenbaren bei genauerer Betrachtung
der Sinngebung mehr erwåhnten. So hat Gætz analoge Strukturen. Das verweist einmal
Aly mittels einer ¹Adolf-Kurveª erhoben, mehr auf den schillernden Charakter dessen,
wie sich die Namensvorlieben von 1932 bis was unter dem Begriff ¹Wissen çber die Ju-
1945 wandelten, wie die Zahl der Kirchenaus- denvernichtungª zu verstehen ist.
tritte schwankte, wie sich das Sparverhalten
ånderte und in welchem Ausmaû der feine Insgesamt wird man resçmieren kænnen,
Unterschied im Heldentod markiert wurde. dass ein Wissen çber die verbrecherische Be-
Mit den Ergebnissen solcher Untersuchungen handlung der Juden im Vorfeld der Vernich-
låsst sich plausibel argumentieren, dass die tung zu annåhernd 100 Prozent verbreitet
Stimmung der Volksgenossinnen und -genos- war, aber zunehmend weniger als verbreche-
sen zwischen 1937 und 1939 den Gipfel er- risch empfunden und eingeordnet wurde.
reichte und erst ab 1941 rapide zu sinken be- Ûber manifeste Informationen hinsichtlich
gann. 30 der Massenvernichtungen, die ab 1941 statt-
fanden, verfçgten mit einiger Wahrscheinlich-
Eine weitere Informationsquelle fçr histo- keit zwischen einem Drittel und der Hålfte
risch vorhandenes Wissen liegt in der Analyse der Zeitgenossen, wåhrend ein nicht quantifi-
der latenten Gehalte von Zeitzeugenerzåh- zierbarer weiterer Anteil der Bevælkerung
lungen, in denen zwischen den Zeilen und çber Wissen in Form des offenen Geheimnis-
auch durchaus entgegen der Absicht der Er- ses verfçgte. Diese Form des Wissens hat den
zåhler Teile des offenen Geheimnisses offen- Vorteil, dass man sich von ihm im Nachhin-
bart werden. So fanden wir in einer unserer ein problemlos distanzieren kann, und zwar
Interviewstudien das prågnante Beispiel einer nach innen wie nach auûen.
alten Dame, die mitteilte, von der Judenver-
folgung nichts wahrgenommen zu haben, Genau davon legt der gebetsmçhlenhaft
aber in ihrer Erzåhlung die Struktur des fort- wiederholte Satz Zeugnis ab, dass man ja
schreitenden Verschwindens der Juden aus ¹nichts gewusstª habe. Leider spricht alle
dem Alltag reproduzierte: ¹Ja, wir hatten ja historische und sozialpsychologische Evi-
wenig Juden. Die Geschåfte, die geschlossen denz dafçr, dass das nicht wahr ist. Noch be-
wurden, daraus war ja noch nicht zu entneh- drçckender erscheint, dass manches darauf
men, was in den Gaskammern geschah. Also, hindeutet, dass die Judenverfolgung die Zu-
ja, wir hatten ganz ganz wenig Juden. Im stimmungsbereitschaft der nichtjçdischen
Grunde genommen fiel das nicht so auf. Er- Deutschen zum Nationalsozialismus nicht
schçtternd war diese Kristallnacht, und an behinderte, sondern færderte.
unserer Schule war dann plætzlich die Tochter

29 Vgl. ebd., S. 397. 31 H. Welzer u. a. 1997 (Anm. 16), S. 69 ff.


30 Vgl. Gætz Aly (Hrsg.), Volkes Stimme, Frankfurt/
M. 2006.

28 APuZ 14 ± 15/2007
Beate Kosmala groûer Teil stand im Zwangsarbeitseinsatz. 3
Als am 15. Oktober 1941 die ¹Evakuierun-

Stille Helden genª begannen, waren deren tædliche Folgen


fçr die Betroffenen nicht absehbar. Dass sich
viele schon im Herbst und Winter 1941 ver-
zweifelt bemçhten, der Deportation zu ent-

E rst in den vergangenen Jahren ist das æf-


fentliche Interesse an Lebensgeschichten
von Menschen gewachsen, die wåhrend der
kommen, zeigen zahlreiche Versuche, çber
bezahlte ¹Mittlerª die Zurçckstellung von
der ¹Evakuierungª zu erreichen. 4 Im Folgen-
nationalsozialistischen Diktatur verfolgten den wird die Darstellung der Hilfeleistungen
Juden halfen. Auch die wissenschaftliche Er- fçr Juden auf den Zeitraum vom Oktober
forschung dieses Themas begann spåt: Zwi- 1941 bis 1945 fokussiert.
schen 1997 und 2002 gab es am Zentrum fçr
Antisemitismusforschung der Technischen
Universitåt Berlin ein Forschungsprojekt zur
Die Verfolgten
¹Rettung von Juden im nationalsozialisti-
Zeitgenæssische Quellen ± Tagebçcher bzw.
schen Deutschland 1933±1945ª. 1 Kurz da-
Briefe ± stehen kaum zur Verfçgung, da die
rauf setzte um den Freiburger Militårhistori-
Untergetauchten jeglichen Hinweis auf ihre
ker Wolfram Wette die Erforschung einzelner
Identitåt vermeiden mussten. Doch auch
Rettungsaktionen von Wehrmachtsangehæ-
Nachkriegsberichte lassen Rçckschlçsse auf
rigen und anderen
die Reaktionen der Opfer zu. 5 Anna Drach,
Deutschen in den be-
Beate Kosmala
setzten Låndern ein. 1 Die Forschung des TU-Projektes bezog sich auf das
Dr. phil., geb. 1949; wissen-
schaftliche Mitarbeiterin an der Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von
Die Frage nach der 1937. Es entstand eine Datenbank mit 3 000 Daten-
Gedenkstätte Deutscher
Rettung ist untrenn- såtzen von Helfern bzw. 2 600 von Verfolgten. Vgl.
Widerstand, Stauffenberg- Wolfgang Benz (Hrsg.), Ûberleben im Dritten Reich.
bar mit der Dimension
straûe 13±14, 10785 Berlin. Juden im Untergrund und ihre Helfer, Mçnchen 2003;
der Vernichtung ver-
kosmala@gdw-berlin.de Beate Kosmala/Claudia Schoppmann, Ûberleben im
bunden. Um das Phå- Untergrund. Hilfe fçr Juden in Deutschland 1941±
nomen von Hilfe und 1945, Berlin 2002. Seit 2005 wird diese Datenbank an
Rettung in seiner historischen Bedeutung re- der Gedenkståtte Deutscher Widerstand auf der Basis
konstruieren zu kænnen, bedurfte es der Ho- neuer Aktenbestånde ergånzt. Dort wird eine ståndige
locaustforschung, die erst in den 1980er Jahren Ausstellung fçr die zentrale Gedenkståtte ¹Stille Hel-
zu einer historischen Teildisziplin wurde. Erst denª vorbereitet; die Eræffnung ist fçr 2008 geplant.
Kçnftig werden auch Rettungsaktionen von Deut-
die Forschung der vergangenen Jahre vermit- schen in den besetzten Låndern einbezogen. Vgl.
telt ein vollståndigeres Bild von den Depor- Wolfram Wette (Hrsg.), Retter in Uniform, Frankfurt/
tationen aus Deutschland, 2 eine deutlichere M. 2002; ders. (Hrsg.), Zivilcourage. Empærte, Helfer
Vorstellung von der Wahrnehmung der De- und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS, Frankfurt/
portationen in der deutschen Bevælkerung M. 2004.
2 Vgl. Alfred Gottwald/Diana Schulle, Die ¹Ju-
und ihren Reaktionen, vom Wissen çber den
dendeportationenª aus dem Deutschen Reich 1941±
Genozid. Diese Bereiche der NS- und Holo- 1945, Wiesbaden 2005; Wolf Gruner, Von der Kollek-
caustforschung stehen in engem Zusammen- tivausweisung zur Deportation der Juden aus
hang mit der Frage, ob und wie sich die Grup- Deutschland (1938±1939), in: Birthe Kundrus/Beate
pe der Helfer von der Bevælkerungsmehrheit Meyer, Die Deportation der Juden aus Deutschland.
unterschied und was die spezifische Qualitåt Plåne ± Praxis ± Reaktionen 1938±1945, Gættingen
ihres Handelns ausmacht. 2004, S. 21±62.
3 Vgl. Wolf Gruner, Der geschlossene Arbeitseinsatz

deutscher Juden, Berlin 1997.


Die Forschung çber die Rettung von Juden 4 Vgl. Susanne Willems, Der entsiedelte Jude. Albert
kann sich nicht auf das Verhalten der deut- Speers Wohnungsmarktpolitik fçr den Berliner
schen Bevælkerung bzw. der Gruppe der Hel- Hauptstadtbau, Berlin 2002, S. 327 ±355.
5 Vgl. Beate Kosmala, Zwischen Ahnen und Wissen.
fer beschrånken, sondern muss die Deutung
des Geschehens durch die Betroffenen einbe- Die Flucht vor der Deportation (1941±1945), in:
B. Kundrus/B. Meyer (Anm. 2), S. 135±159. Die Zeit-
ziehen. Die 164 000 als Juden Verfolgten, die zeugenberichte stammen aus der Wiener Library, der
Anfang Oktober 1941 noch in Deutschland Sammlung von Dr. Ball-Kaduri und dem Archiv des
lebten, waren eine isolierte und statistisch ge- Leo Baeck Instituts (LBI) New York; Signaturen nach
sehen verarmte und çberalterte Gruppe; ein Yad Vashem Archives (YVA), Jerusalem.

APuZ 14 ± 15/2007 29
als Krankenpflegerin im Jçdischen Kranken- nisª. 13 Soldaten, die von der Ostfront Briefe
haus in Berlin an den Deportationsvorberei- schrieben oder wåhrend ihres Heimaturlaubs
tungen beteiligt, schreibt çber die frçhen çber ihre Erlebnisse sprachen, waren eine
Transporte: ¹Damals glaubten noch alle an wichtige Quelle. Die Juden lebten nicht abge-
die ,Umsiedlung`.ª 6 Dies galt auch fçr den schottet von Kontakten zur nichtjçdischen
Anwalt Alfred Cassierer: ¹Wir dachten, es Bevælkerung. 14 ¹Bei dem verbotenen Besuch
wird in Polen nicht so gemçtlich sein, aber von Bars, Theatern usw. geschah es nun
man wird leben kænnen.ª 7 Die Tatsache, dass manchmal, dass man mit Soldaten oder Zivil-
die Reichsvereinigung der Juden in Deutsch- personen zusammentraf, die ohne zu wissen,
land zur Mitwirkung an den Deportationen wen sie vor sich hatten, berichteten, dass sie
gezwungen wurde, machte es fçr die jçdische bei Reisen durch besetzte Gebiete im Osten
Bevælkerung noch schwerer, frçhzeitig einen gesehen hatten, wie deportierte Juden auf
Ausweg zu suchen. 8 Nach einigen Monaten teils grausame, teils raffinierte Weise ermor-
zogen die Zurçckgebliebenen Schlussfolge- det worden warenª, schreibt der junge Kurt
rungen aus dem Verschwinden ihrer Angehæ- Lindenberg. Er habe sich gesagt, es sei besser,
rigen. Lotte Themal, die sich Ende Februar im Tiergarten zu erfrieren, ¹als in Polen an
1943 in Berlin versteckte, musste feststellen, Cholera oder Flecktyphus zu krepieren oder
dass von ihrer im November 1941 nach Lodz dort abgeschlachtet zu werdenª. 15 In man-
deportierten Schwester seit April 1942 kein chen Zeitzeugenberichten wird darauf hinge-
Lebenszeichen mehr kam. 9 wiesen, dass die Verfolgten von nichtjçdi-
schen Deutschen vor der Deportation ge-
Im Sommer 1942 zeichnete sich fçr viele die warnt worden seien. Im November 1942
Absicht der Deportation immer deutlicher ab. appellierte die Berliner Wåschereiinhaberin
Ruth Abraham åuûert çber den Abschied von Emma Gumz an Ella und Inge Deutschkron,
ihren Eltern: ¹Sie wussten, dass es ihr Ende sich nicht deportieren zu lassen. Sie habe vom
war, sie træsteten mich und prophezeiten, das Nachbarssohn, einem Soldaten, erfahren, was
Kind, das ich unter meinem Herzen trage, er gesehen habe. 16
wird mich vor dem Untergang retten.ª 10 An-
dere glaubten den Informationen nicht, etwa Das neu bearbeitete Gedenkbuch enthålt
Ruth Abrahams Angehærige: ¹Mein Schwager die Namen aller Deportierten, informiert
(. . .) hatte die Illusion, dass er im KZ weiter ar- aber nicht çber untergetauchte Juden. 17 Die
beiten werde, wie er das bisher getan hatte und bei der Arbeit am Berliner Gedenkbuch 18
es so çberleben werde, und meine Schwester entstandene Datenbank enthålt Angaben zu
und die Kinder mussten sich ihm fçgen.ª 11 rund 3 500 jçdischen Personen, die ¹illegalª
Selly Dyck, die am 8. Januar 1943 ihren Eltern gelebt haben, auch solchen, die schlieûlich
vor der Deportation beim Packen half, berich- doch verhaftet und deportiert wurden. Bis zu
tet: ¹Wåhrend sich die Gestapoleute und ihre 12 000 als Juden Verfolgte tauchten im Deut-
jçdischen Begleiter zum Essen setzten, ver- schen Reich unter, 19 davon bis zu 7 000 in
schwand ich aus der Wohnung. Diesen Schritt
hatte ich mit meiner Mutter verabredet (. . .). 13 Frank Bajohr/Dieter Pohl, Der Holocaust als offe-

Wie uns allen dabei ums Herz war, kann man nes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Fçhrung und
sich schwer vorstellen.ª 12 die Alliierten, Mçnchen 2006; vgl. auch Peter Longe-
rich, ¹Davon haben wir nichts gewusst!ª Die Deut-
1942 waren die Massenverbrechen an den schen und die Judenverfolgung 1933±1945, Mçnchen
2006.
Juden in Osteuropa ein ¹offenes Geheim- 14 Vgl. Marion Kaplan, Der Mut zum Ûberleben. Jç-

dische Frauen und ihre Familien in Nazideutschland,


6 YVA 02/417, S. 1. Berlin 2003, S. 207.
7 YVA 01/198, S. 1. 15 YVA 02/33, S. 5.
8 Vgl. Beate Meyer, Das unausweichliche Dilemma: 16 Vgl. Inge Deutschkron, Ich trug den gelben Stern,

Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, die Mçnchen 200118, S. 193 f.


Deportationen und die untergetauchten Juden, in: 17 Vgl. Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden

B. Kosmala/C. Schoppmann (Anm. 1), S. 273±298. unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in


9 YVA 02/346, S. 2. Deutschland 1933±1945, Bde. I ± IV, hrsg. vom Bun-
10 LBI New York, M.E. 564, S. 6. Siehe auch: Reha desarchiv, Koblenz 2006.
und Al Sokolow, Ruth und Maria. Eine Freundschaft 18 Gedenkbuch Berlins der jçdischen Opfer des Na-

auf Leben und Tod, Berlin 2006. tionalsozialismus, FU Berlin 1995.


11 LBI New York, M.E. 564, S. 8. 19 Bei Wolfgang Benz, Ûberleben im Untergrund
12 YVA 02/754, S. 5. 1943± 1945, in: ders. (Hrsg.), Die Juden in Deutsch-

30 APuZ 14 ± 15/2007
Berlin. Wie viele in der ¹Illegalitåtª çberleb- Berlin lebten, und nimmt einen Mittelwert
ten, ist allenfalls fçr die Reichshauptstadt an- von 6 000 Untergetauchten an, haben etwa
nåhernd feststellbar. Die Liste der Alliierten acht Prozent versucht, sich durch die Flucht
çber in Berlin registrierte Juden vom August zu entziehen. Nur etwa ein Viertel von ihnen
1945 enthålt die Namen von 1 314 Perso- hat die Befreiung erlebt. Eine unbekannte
nen. 20 Durch die Bearbeitung neuer Akten- Zahl kam durch die Bombardierungen ums
bestånde wird die Zahl von mehr als 1 500 Leben, andere fielen Straûenkontrollen zum
Berliner Untergetauchten nach oben korri- Opfer oder wurden verraten. Eine besondere
giert werden kænnen. 21 Gefahr waren die etwa 30 jçdischen Fahnder
(¹Greiferª), die von der Gestapo angesetzt
Zwischen der zunehmenden Gewissheit der wurden, ¹Illegaleª aufzuspçren. 24
Betroffenen çber die geplante Ermordung und
der allmåhlich steigenden Zahl derer, die in Schlussfolgerungen aus eigenen Beobach-
den Untergrund flçchteten, besteht ein deut- tungen aus dem nichtjçdischen Umfeld zu
licher Zusammenhang. Von rund 1 000 regis- ziehen, war fast nur Berliner Juden mæglich.
trierten Fållen, in denen der genaue Zeitpunkt In anderen Groûstådten war die Deportation
des Untertauchens bekannt ist, flçchteten 52 der ¹Volljudenª im Herbst 1942 nahezu abge-
Prozent erst 1943 in den Untergrund, die schlossen. 25 Allerdings waren 1944 und 1945
meisten im Zusammenhang mit der so ge- auch zahlreiche jçdische Partner und Kinder
nannten Fabrik-Aktion. 22 Trotz dieser reichs- aus ¹Mischehenª von Deportation bedroht
weiten Groûrazzia auf jçdische Zwangsarbei- und verbargen sich bei ¹arischenª Verwand-
ter und ihre Angehærigen am 27. Februar 1943 ten oder anderen Helfern. 26 Die Unterstçt-
konnten in Berlin mindestens 4 000 Zwangsar- zung von Nichtjuden war unabdingbar. 27
beiter untertauchen, weil sie zufållig dem Ar-
beitsplatz fern geblieben waren, in letzter Se- Die Helfer
kunde hatten flçchten kænnen oder gewarnt
worden waren: Die Razzia war den Firmen In der Inlandspropaganda wurde zu den De-
vorher bekannt gewesen. Anfang Mårz wur- portationen geschwiegen; die Zeitungsleser
den fast 8 000 Berliner Juden nach Auschwitz erhielten nach dem 15. Oktober 1941 zumin-
deportiert, etwa zwei Drittel der Opfer der dest Hinweise auf das Schicksal der Juden. 28
Fabrik-Aktion. 23 Geht man von 73 000 Juden Auch gingen die Deportationen ¹vor aller
aus, die vor Beginn der Deportationen noch in Augenª vor sich. Da in Teilen der Bevælke-
rung Bedenken spçrbar wurden (Goebbels:
¹Humanitåtsgefçhl der intellektuellen und
land 1933±1945, Mçnchen 19882, S. 660: ¹annåhernd
10.000ª; Konrad Kwiet/Helmut Eschwege, Selbst- gesellschaftlichen Schichtenª), brach der Pro-
behauptung und Widerstand. Deutsche Juden im pagandaminister Ende Oktober 1941 eine an-
Kampf um die Existenz und Menschenwçrde 1933±
1945, Hamburg 1984, S. 150, nennen 10 000 bis 12 000 24 Zum ¹jçdischen Fahndungsdienstª vgl. Doris Tau-

(inkl. besetzte Gebiete); Gerald Reitlinger, Die End- senfreund, Erzwungener Verrat. Jçdische ¹Greiferª im
læsung, Berlin 19614, S. 180 nennt fçr Berlin (Mitte Dienst der Gestapo 1943±1945, Berlin 2006.
1943) etwa 9 000 Untergetauchte. 25 Dies gilt fçr Frankfurt/M., Hamburg und Mçn-
20 Vgl. Verzeichnis der nach der Befreiung durch die chen. Beate Meyer weist fçr Hamburg nach, dass nur
Alliierten in Berlin registrierten Juden, August 1945, wenig mehr als 50 Verfolgte, die çberwiegend nach den
in: Jçdische Gemeinde zu Berlin (Bibliothek). Das Luftangriffen im Sommer 1943 flçchteten, unter fal-
Mitgliederverzeichnis der Jçdischen Gemeinde vom scher Identitåt çberlebten: ¹A conto Zukunftª. Hilfe
Juli 1947 beståtigt diese Græûenordnung in etwa mit und Rettung fçr untergetauchte Hamburger Juden, in:
der Zahl 1 379. Zeitschrift des Vereins fçr Hamburgische Geschichte,
21 Die systematische Erhebung der OdF-Akten im 88 (2002), S. 205 ±233. In Frankfurt/M. konnten bis zu
Landesarchiv Berlin und im Archiv des Centrums Ju- 20 als ¹Volljudenª klassifizierte Personen ermittelt
daicum Berlin; Bestånde in der Behærde der BStU çber werden, die vor der Deportation flçchteten. Vgl. dazu
Juden in der DDR. Monica Kingreen, Verfolgung und Rettung in Frank-
22 Vgl. Claudia Schoppmann, Die ¹Fabrikaktionª in furt am Main und der Rhein-Main-Region, in: B. Kos-
Berlin: Hilfe fçr untergetauchte Juden als Form mala/C. Schoppmann (Anm. 1), S. 167 ±190.
humanitåren Widerstands, in: Zeitschrift fçr Ge- 26 Vgl. Wolfram Wette (Hrsg.), Stille Helden. Ju-

schichtswissenschaft, (2005) 2, S. 138± 148, hier denretter im Dreilåndereck wåhrend des Zweiten
S. 141 f. Weltkriegs, Freiburg 2005.
23 Vgl. Wolf Gruner, Widerstand in der Rosenstraûe. 27 Vgl. Wolfgang Benz, Juden im Untergrund und ihre

Die Fabrik-Aktion und die Verfolgung der ¹Misch- Helfer, in: ders. (Anm. 1), S. 11± 48.
ehenª 1943, Frankfurt/M. 2005. 28 Vgl. P. Longerich (Anm. 13), S. 182 ff.

APuZ 14 ± 15/2007 31
tisemitische Kampagne vom Zaun, die den fessionen und politischen Richtungen an oder
Juden die Schuld am Krieg aufbçrdete: Man waren nichtreligiæs und unpolitisch. Viele ver-
werde diejenigen, die sich zu Juden freund- fçgten weder çber bedeutende finanzielle Mit-
lich verhielten, wie Juden behandeln. 29 Vie- tel oder groûe Wohnungen, noch waren sie
lerorts machte die Gestapo ernst: Frauen, die besonders gebildet oder hatten wichtige
jçdischen Bekannten Lebensmittel brachten, Kontakte. Die meisten waren wohl das, was
wurden mit der Begrçndung in ¹Schutzhaftª man als ¹gewæhnlicheª Deutsche bezeichnet.
genommen, sie håtten ¹die Maûnahmen der Nicht alle handelten uneigennçtzig. Einige
Reichsregierung zur Ausschaltung der Juden nutzten die Notlage der Verfolgten aus, indem
aus der Volksgemeinschaftª sabotiert. 30 sie Gegenleistungen forderten, auch sexuelle.
Herbert Strauss, der in Berlin ¹illegalª lebte:
Gehen wir von 6 000 Untergetauchten in der ¹Wer daher die Motive ,erforscht`, die diese
Vier-Millionen-Metropole Berlin aus und ver- Menschen dazu bewegen, uns gejagten Juden
anschlagen durchschnittlich sieben helfende zu helfen, wird allzu leicht ein liebenswertes,
Personen fçr einen Verfolgten, kann man eine aber arg vereinfachtes Bild von ihnen zeichnen
Zahl von çber 30 000 Helfern annehmen. Sie (. . .).ª 33 Drei der wichtigsten Motive sollen
gehæren zu dem kleinen Teil der deutschen Be- im Folgenden skizziert werden.
vælkerung, der sich nicht in die Triade aktiver
Zustimmung, Zurçckhaltung und kritischer Solidarisches Handeln: Ein kleinerer, aber
Distanz einfçgten. Die Frage nach den Moti- herausragender Teil der Helfer hegte von An-
ven derer, die sich çber die Einschçchterungs- fang an keine Zweifel am verbrecherischen
versuche des Regimes hinwegsetzten, ist Charakter des Regimes. Oft konnten sie auf-
schwierig zu beantworten. Nur wenige schrift- grund ihrer beruflichen und sozialen Situation
liche Selbstzeugnisse liegen vor. 31 Da ihr Hilfe leisten. Meist agierten sie in Netzwer-
Durchschnittsalter zur Zeit der Hilfeleistung ken, die sich entweder auf frçhere Zusammen-
zwischen 40 und 50 Jahren lag, lebten 1990 nur hånge stçtzten (Kirchen, Sozialdemokraten,
noch wenige. Ein Glçcksfall fçr die Forschung Kommunisten, Nationalkonservative) oder
ist die Ehrungsinitiative ¹Unbesungene Hel- die sie neu zu knçpfen wussten. 34 Gertrud
denª von 1958 bis 1966, die Innensenator Joa- Luckner, Fçrsorgerin beim Deutschen Cari-
chim Lippschitz ins Leben rief, um (West-) tasverband Freiburg, setzte sich 1940 fçr die
Berliner Bçrger, die Verfolgte (in den meisten aus Wien in den Distrikt Lublin Deportierten
ebenso ein wie fçr die aus Baden nach Gurs
Fållen Juden) unterstçtzt und versteckt hatten,
verschleppten Juden. In ihrer Position als Be-
zu wçrdigen. In rund 1 500 Akten finden sich
auftragte des Freiburger Erzbischofs suchte
Personalien und Øuûerungen von Helfern und
sie Kontakte zur Bekennenden Kirche, den
Verfolgten, welche die Rekonstruktion von
Quåkern und zu katholischen Kreisen; sie lieû
Rettungsgeschichten ermæglichen. 32 Dies gilt
Påsse fålschen und verhalf Verfolgten zur
auch fçr die rund 250 einschlågigen Bundes- Flucht. Zunåchst setzte sie sich fçr katholische
verdienstkreuz-Akten und die Files der ¹Ge- ¹Nichtarierª, ab 1942 auch fçr untergetauchte
rechten unter den Vælkernª der israelischen ¹Glaubensjudenª ein, bis sie im Mårz 1943
Gedenkståtte Yad Vashem. verhaftet und wegen ¹projçdischer Betåtigung
Anders, als es sich Goebbels vorgestellt und Verbindung mit staatsfeindlichen Krei-
hatte, kamen die Helfer aus allen sozialen senª ins KZ Ravensbrçck eingewiesen wurde.
Schichten, gehærten unterschiedlichen Kon- Harald Poelchau, Gefångnispfarrer in Ber-
lin-Tegel, gehært als Mitglied des Kreisauer
29 Vgl. ebd., S. 193. Kreises zu den herausragenden Gestalten des
30 Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518, deutschen Widerstands. Lange Zeit kaum
Nr. 6713. Vgl. Beate Kosmala, Missglçckte Hilfe und bekannt war sein Einsatz zur Rettung von
ihre Folgen, in: dies./C. Schoppmann (Anm. 1),
S. 205 ±222.
31 Vgl. Ruth-Andreas Friedrich, Der Schattenmann, 33 Herbert A. Strauss, Ûber dem Abgrund. Eine jçdi-

Frankfurt/M. 1947; Harald Poelchau, Die Ordnung sche Jugend in Deutschland 1918±1943, Berlin 1999,
der Bedrångten, Berlin 1963; Maria Gråfin von Malt- S. 294.
zan, Schlage die Trommel und fçrchte dich nicht, 34 Die Gruppen werden ausfçhrlicher dargestellt in:

Frankfurt/M.-Berlin 1988. Beate Kosmala, Zivilcourage in extremer Situation.


32 Vgl. Dennis Riffel, Unbesungene Helden. Die Retterinnen und Retter von Juden im ¹Dritten Reichª,
Ehrungsinitiative des Berliner Senats 1958 bis 1966, in: Zivilcourage lernen, hrsg. von der Bundeszentrale
Berlin 2007. fçr politische Bildung, Bonn 2004, S. 106±116.

32 APuZ 14 ± 15/2007
Juden. Auch Poelchau schuf sich ein Netz von griffen in einer bestimmten Situation die Initi-
Helfern. 35 Er stand mit der Dahlemer Be- ative. Der Berliner Herrenschneider Richard
kenntnisgemeinde in Verbindung und arbeite- Gustke gehærte dazu. Der jçdische Zwangsar-
te mit der Widerstandsgruppe ¹Onkel Emilª beiter Fritz Pagel kannte ihn aus der Vor-
um Ruth Andreas Friedrich zusammen, deren kriegszeit und beschreibt ihn als Nazi-Gegner,
Mitglieder aus ethisch-humanitåren Motiven der sich durch auslåndische Rundfunksendun-
Verfolgte unterstçtzten. Poelchaus Verbin- gen çber den Kriegsverlauf informierte. Gust-
dungen reichten weit çber Berlin hinaus. 36 ke bot Pagel Ende 1942 an, die vierkæpfige Fa-
Weniger bekannt ist Elisabeth Abegg mit milie in seinem Wochenendhaus in Branden-
ihrem Helfernetz, das Verstecke in Berlin, burg unterzubringen. Im Januar 1943 kam der
Brandenburg, Ostpreuûen und im Elsass ver- Familienvater auf das Angebot zurçck. Nach
mittelte. Auch sie war sozial engagiert und einem halben Jahr wurden Nachbarn auf die
rettete zahlreiche Untergetauchte, ohne dass unbekannten Bewohner aufmerksam. Die Po-
die Hilfe entdeckt wurde. Ihr Netz bestand lizei verlangte von Gustke, die Arbeitsbçcher
aus NS-Gegnern verschiedener konfessionel- seines ¹Mietersª und dessen 18-jåhrigen Soh-
ler und politischer Orientierung. Die 1933 nes vorzulegen. Die Untergetauchten mussten
zwangspensionierte Studienråtin stand der fliehen, wurden bei einer Straûenkontrolle auf-
Sozialdemokratie und der Frauenbewegung gegriffen und deportiert. Nur Fritz Pagel çber-
nahe und trat 1940 den Quåkern bei. 37 Eine lebte Auschwitz.
Studie rekonstruiert die Struktur des Berliner
Retternetzes um Helene Jacobs und den Maria Nickel, Ehefrau eines Lkw-Fahrers
¹Nichtarierª Franz Kaufmann mit vier Hel- und Mutter von zwei kleinen Kindern, gehært
ferbçndnissen, die in der Bekennenden Kirche zu den zahlreichen ¹einfachenª Berlinerin-
verwurzelt waren. 38 Eine Verbindung von po- nen, die Leben retteten. Im November 1942
litischem Widerstand gegen das Regime und beobachtete die katholische Hausfrau in ihrer
Hilfe fçr Juden stellt die aus Juden und Nicht- Nachbarschaft jçdische Zwangsarbeiterinnen
juden bestehende Gemeinschaft fçr Frieden auf dem Weg zur Fabrik in Kreuzberg und
und Aufbau in Berlin und in Luckenwalde beschloss, einer von ihnen, einer schwangeren
dar. Der als Jude Verfolgte Werner Scharff und Frau, zu helfen. Im Januar 1943 lieû sie fçr
der ¹arischeª Justizangestellte Hans Winkler Ruth Abraham einen Postausweis auf ihren
mobilisierten Ressourcen fçr die Unterbrin- Namen ausstellen und çberlieû Walter Abra-
gung von Juden und verteilten Flugblåtter. ham den Fçhrerschein ihres Mannes. Mit die-
Zur Gruppe gehærten NSDAP-Mitglieder, sen Ausweisen tauchten die Abrahams nach
Kommunisten, Soldaten und Unpolitische. 39 der Geburt ihrer Tochter unter. Bei einer Po-
lizeikontrolle wurden die Dokumente einge-
Hilfsangebote in bestimmten Situationen: zogen, die Abrahams konnten jedoch ent-
Personen, die vor und nach ihren Hilfeleis- kommen. Die Gestapo drohte Nickel, ihr die
tungen nie æffentlich in Erscheinung traten, er- Kinder wegzunehmen und sie in ein Arbeits-
erziehungslager einzuweisen, wenn man ihr
35 Vgl. Beate Kosmala, Zuflucht in Potsdam bei ¹Judenbegçnstigungª nachweisen kænne. Die
Christen der Bekennenden Kirche, in: W. Benz Frau lieû sich nicht beirren und unterstçtzte
(Anm. 1), S. 113±130. die Verfolgten weiter. 40
36 Vgl. Klaus Harpprecht/Harald Poelchau, Ein Le-

ben im Widerstand, Reinbek 2004; Henriette Schup-


pener, ¹Nichts war umsonstª ± Harald Poelchau und Reaktives Handeln: Ein Groûteil der Hil-
der deutsche Widerstand, hrsg. von Joachim Scholty- feleistungen kam zustande, weil zum Unter-
seck und Fritz Delp, Berlin 2006. tauchen entschlossene Juden nichtjçdische
37 Vgl. Martina Voigt, Grçûe von ¹Ferdinandª. Elisa-
Bekannte, ehemalige Patienten, Kunden, Kol-
beth Abeggs vielfåltiger Einsatz fçr Verfolgte, in: Beate legen oder sogar Unbekannte direkt um Hilfe
Kosmala/Claudia Schoppmann (Hrsg.) fçr den Fær-
baten. Alice Læwenthal: ¹Tagelang bat ich ab-
derverein Blindes Vertrauen e.V. des Museums Blin-
denwerkstatt Otto Weidt, Sie blieben unsichtbar. wechselnd bei verschiedenen christlichen
Zeugnisse aus den Jahren 1941 bis 1945, Berlin 2006, Freunden um eine Unterkunft wenigstens fçr
S. 104 ±116. eine Nacht. Ich habe sie bei Menschen gefun-
38 Vgl. Katrin Rudolph, Hilfe beim Sprung ins Nichts,
den, an deren Hilfsbereitschaft ich frçher nie
Berlin 2005.
39 Vgl. Barbara Schieb, Die Gemeinschaft Frieden und

Aufbau, in: Johannes Tuchel (Hrsg.), Der vergessene 40 Sokolow, Ruth und Maria; Landesarchiv Berlin,

Widerstand, Gættingen 2005, S. 97± 113. Akte Unbesungene Helden, Nr. 599.

APuZ 14 ± 15/2007 33
gedacht hatte. Ich habe aber auch Ablehnung prågungen darzustellen, auch mit ihren pro-
jeder nur kleinsten Hilfe erfahren bei Men- blematischen Seiten. Natçrlich gibt es wichti-
schen, die sich frçher in guten Zeiten als ge Parallelen zwischen den Hilfeleistungen
meine besten Freunde bezeichnet hatten.ª 41 fçr Juden und denen fçr andere verfolgte
Wanda Feuerherm, eine Nåherin aus Berlin- Gruppen, doch hat die Hilfe fçr Juden para-
Lichtenberg, gehært zu denen, die eine solche digmatischen Charakter: Sie standen in der
Bitte nicht abschlug. Als sie Ende 1942 von NS-Ideologie auf der untersten Stufe der
Erna Segal, der Frau eines ihr bekannten jçdi- ¹Rassenhierarchieª, und seit 1939, verstårkt
schen Pelzhåndlers, gebeten wurde, die 18- seit 1941, wurden sie als die Schuldigen am
jåhrige Tochter zu verstecken, willigte sie Krieg und als Feinde des deutschen Volkes
ein. 42 An diesem Beispiel lassen sich zentrale par excellence gebrandmarkt.
Aspekte der Hilfe zeigen: Helferin und Ver-
folgte kannten sich schon vor dem Krieg; die Die Bezeichnung ¹Stille Heldenª ent-
Initiative ging von den Verfolgten aus; Feuer- spricht dem Wunsch ehemaliger Verfolgter,
herm gehært zu den zahlreichen Frauen, die die dank mutiger Helfer die ¹Illegalitåtª
Juden versteckten, wåhrend der Ehemann als çberstanden haben. Inzwischen wird dieser
Soldat an der Front war. Weit mehr als die Ausdruck in der Literatur und den Medien
Hålfte der bekannt gewordenen Hilfeleisten- verwendet, læst aber auch Abwehr aus, oft ge-
den waren Frauen. rade bei den so bezeichneten Helfern, die sich
nicht als Helden stilisiert sehen wollen. Auf
Die Untersuchung missglçckter Hilfeleis- jeden Fall fordert diese Bezeichnung zur Dis-
tungen vermittelt den Eindruck, dass das Ri- kussion heraus.
siko kaum kalkulierbar war: Einweisung in
Von der Gedenkståtte kænnte man erwar-
ein Konzentrationslager (in einigen Fållen
ten, insbesondere jugendlichen Besuchern
mit Todesfolge), Gefångnis- und Zuchthaus-
Identifikationsmæglichkeiten oder gar Vorbil-
strafen, relativ kurze Haft im Gestapo-Ge-
der anbieten zu kænnen, doch in einer direkten
fångnis, Verwarnungen und Einschçchterun-
Ûbertragung wird dies nicht funktionieren.
gen oder auch nur geringfçgige Geldbuûen.
Die Geschichten der Verfolgten und ihrer
Zuweilen geschah es, dass untergetauchte
Helfer kænnen aber wichtige Erkenntnisse
Juden aus der Wohnung ihrer Helfer heraus
zur NS-Diktatur vermitteln: Die Helfer, eine
verhaftet wurden, ohne dass die Helfer be-
kleine Minderheit, die ihr Handeln meist nicht
langt wurden.
als Widerstand, sondern als selbstverståndlich
und ¹normalª definierten, widerlegen die Ent-
Die Gedenkståtte ¹Stille Heldenª schuldigung vieler Deutscher nach dem Krieg,
gegen den Terror habe man nichts tun kænnen.
Durch den Aufbau der Gedenkståtte ¹Stille Ihre Geschichten zeigen, dass es Handlungsal-
Heldenª in der Rosenthaler Straûe in Berlin ternativen gab, die zwar riskant waren, aber
entsteht in enger råumlicher und inhaltlicher nicht von vornherein todesbereiten Wider-
Nåhe zum Museum Blindenwerkstatt Otto stand verlangten. Es gilt, die Handlungsmæg-
Weidt ein Gedåchtnisort fçr die jahrzehnte- lichkeiten und Zwangslagen von Helfern und
lang sowohl in der æffentlichen Wahrneh- Verfolgten in der Diktatur auszuloten.
mung als auch in der Widerstandsgeschichte
Die Auseinandersetzung mit dem Handeln
kaum beachteten Helfer 43 wie fçr die Ver-
der Helfer, das immer wieder als Zivilcourage
folgten. Dies geschieht im Auftrag des Bun-
charakterisiert wird, wirft Fragen auf: Wer-
desbeauftragen fçr Kultur und Medien und
den die Hilfeleistungen fçr Juden in der NS-
wird gefærdert mit Mitteln des Europåischen
Zeit mit der Bezeichnung ¹zivilcouragiertes
Fonds fçr Regionale Entwicklung (EFRE).
Handelnª, das eher ein Element demokrati-
Ziel der Dauerausstellung ist es, die Hilfe fçr
scher Alltagspraxis ist, hinreichend erfasst?
Juden in der NS-Zeit mæglichst in allen Aus-
Solche Ûberlegungen kænnen zum Ûberden-
41 YVA 02/622, S. 4.
ken des eigenen Handelns im sozialen und
42 Yad Vashem Jerusalem, Department of the Righ- politischen Alltag der Gegenwart und zu So-
teous Among the Nations, ger 3782. lidaritåt und Zivilcourage in der Demokratie
43 Vgl. Peter Steinbach, ¹Unbesungene Heldenª, in: ermutigen.
Gçnther B. Ginzel (Hrsg.), Mut zur Menschlichkeit,
Kæln ± Bonn 1993, S. 183±203.

34 APuZ 14 ± 15/2007
Rçdiger Fleiter Die Ergebnisse zeigen: Die Stådte und Ge-
meinden waren stårker in die Verfolgungspo-

Kommunen und
litik einbezogen als bislang angenommen. Sie
entlieûen Mitarbeiter aus rassischen und poli-
tischen Grçnden. Sie wirkten an der Juden-

NS-Verfolgungs-
verfolgung und an Deportationen mit, ¹ari-
siertenª Kunstgegenstånde, private Bibliothe-
ken, Gold- und Silbergegenstånde sowie

politik
Immobilien. Die kommunalen Gesundheits-
åmter sorgten fçr die massenhafte Sterilisie-
rung von ¹Erbkrankenª. Die Stadtverwaltun-
gen vertrieben Sinti und Roma aus ihren
Wohnungen und verfolgten sie. Die stådti-
schen Bauåmter beschåftigten in groûer Zahl

D ie Stådte und Gemeinden spielten im


Dritten Reich eine wichtige Rolle, hat-
ten sie doch als untere Verwaltungsbehærden
Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Beson-
ders bemerkenswert ist, dass die kommunalen
Beamten und Angestellten ihre Handlungs-
die NS-Politik auf kommunaler Ebene umzu- spielråume håufig nicht im Sinne der Opfer
setzen. Die Kommunalverwaltungen standen nutzten, sondern immer wieder çber Direkti-
in engem Kontakt mit der Bevælkerung und ven ¹von obenª hinausgingen bzw. sogar Ver-
erfuhren deren Reaktionen ± zustimmender folgungsmaûnahmen aus eigenem Antrieb
wie ablehnender Art ± ersannen. Auf dem Gebiet der Verfolgungs-
unmittelbarer als jede politik lassen sich keine nennenswerten Ge-
Rçdiger Fleiter gensåtze zwischen den Kommunen und den
andere Behærde. Aus
Dr. phil., geb. 1974; Redakteur ærtlichen Parteistellen ausmachen, die sich
Sicht des Regimes er-
beim Ernst Klett Schulbuch- ansonsten heftige Konflikte lieferten. Daher
fçllten sie eine wichti-
verlag Leipzig, Braunstraûe 12, muss das Bild von einem Gegensatz zwischen
ge Funktion: Fçr den
04347 Leipzig. der ¹alten Bçrokratieª und der neuen
Durchhaltewillen und
r.fleiter@web.de NSDAP-Bçrokratie, wie es in der ålteren Li-
die Moral der Bevæl-
kerung ist zum Bei- teratur entwickelt wurde, in Frage gestellt
spiel die Bedeutung des kommunalen Krisen- werden.
managements nach Bombenangriffen kaum
zu çberschåtzen.

Aufgrund ihrer integrativen Funktion Gegensatz von Staat und Partei?


waren die Kommunen auch in die NS-Verfol-
gungspolitik involviert ± sonst wåre diese Die Rolle der Beamtenschaft im Dritten
nicht so ¹effektivª durchzusetzen gewesen. Reich wurde Mitte der 1960er Jahre von
Es gibt wohl kaum eine Verfolgungsmaûnah- Hans Mommsen erstmals systematisch unter-
me, bei der kommunale Stellen nicht einbezo- sucht. Mommsen zeigte in seinem Standard-
gen oder wenigstens darçber unterrichtet ge- werk, dass es sich beim NS-Staat um ¹kein
wesen wåren. Umso erstaunlicher ist die Tat- monolithisch strukturiertes, von einheit-
sache, dass die Mitwirkung der Kommunen lichem politischen Wollen durchstræmtes
an der NS-Verfolgungspolitik lange Zeit
1 Vgl. Rçdiger Fleiter, Stadtverwaltung im Dritten
wenig beachtet wurde. Lokalgeschichtliche
Abhandlungen beschrånken sich håufig auf Reich. Verfolgungspolitik auf kommunaler Ebene am
Beispiel Hannovers, 2., korr. Aufl., Hannover 2007.
die ¹Gleichschaltungª der Rathåuser und bre- 2 Vgl. Sabine Mecking/Andreas Wirsching (Hrsg.),
chen danach ab. Im vergangenen Jahr ist die Stadtverwaltung im Nationalsozialismus. Systemsta-
erste Untersuchung erschienen, die am Bei- bilisierende Dimensionen kommunaler Herrschaft,
spiel Hannovers die Beteiligung einer Kom- Paderborn 2005; Bernhard Gotto, Nationalsozia-
mune an der NS-Verfolgungspolitik von 1933 listische Kommunalpolitik. Administrative Normalitåt
bis 1945 umfassend untersucht. 1 Die Studie und Systemstabilisierung durch die Augsburger Stadt-
verwaltung 1933± 1945, Mçnchen 2006; Detlef
wird gestçtzt durch eine Reihe neuer Arbei- Schmiechen-Ackermann/Steffie Kaltenborn (Hrsg.),
ten aus anderen Stådten, die ebenfalls die Stadtgeschichte in der NS-Zeit. Fallstudien aus Sach-
systemstabilisierenden Dimensionen kommu- sen-Anhalt und vergleichende Perspektiven, Mçnster
naler Herrschaft betonen. 2 2005.

APuZ 14 ± 15/2007 35
Herrschaftsgebildeª handelte. 3 Aus diesen Die Fokussierung auf die Auseinanderset-
Ûberlegungen wurde spåter von Mommsen zungen zwischen Partei und Staat brachte
und anderen Historikern die Polykratie- jedoch das Problem mit sich, dass die tradi-
Theorie entwickelt, nach der der NS-Staat tionelle Bçrokratie stets als gemåûigteres Ele-
eine ¹Herrschaft der Vielenª gewesen sei. ment gegençber einer vermeintlich radikale-
Mommsen lenkte die Aufmerksamkeit weg ren Parteibçrokratie erschien. Die Beamten-
vom vermeintlich starken, alle Geschicke be- schaft wurde bei Mommsen als passives
stimmenden Fçhrer auf andere gesellschaftli- Element beschrieben, dessen Kompetenzen
che Akteure, in diesem Fall das Berufsbeam- durch den Parteiapparat ¹ausgehæhltª wor-
tentum. Das war ein wichtiger Schritt fçr die den seien und das sich einer ¹fortschreitenden
historische Forschung, denn es gab in den Zersetzung des Staatsapparatesª ausgesetzt
1950er und 1960er Jahren in Justiz und Ge- gesehen habe. So erschien das Beamtentum
sellschaft der Bundesrepublik die Tendenz, ganz çberwiegend als Opfer der Nationalso-
die Verantwortung fçr die NS-Verbrechen zialisten. Indem Mommsen die Geschichte
auf einen engen Kreis hoher Parteifunktionå- des Beamtentums im Dritten Reich als ¹Ge-
re zu beschrånken, um von der Mitwirkung schichte seiner inneren und åuûeren Selbstbe-
der Funktionseliten und breiter Teile der Be- hauptungª charakterisierte, reproduzierte er
vælkerung abzulenken. 4 letztlich die Selbstsicht der Beamtenschaft auf
das Regime. 7
Mommsen wies nach, dass der Beamtenap-
parat ± trotz Durchfçhrung des Berufsbeam- Unbeachtet blieb das eigentliche Handeln
tengesetzes ± im Kern unangetastet geblieben von Verwaltungsbeamten, die bei der Durch-
war, und verwies auf die gemeinsamen Inte- fçhrung zahlreicher Verbrechen mitgewirkt
ressen, die Hitler und das traditionelle Beam- hatten. Zwar war nach dem damaligen For-
tentum verbunden hatten. 5 Im Zentrum sei- schungsstand die Beteiligung der Beamten-
ner Analyse stand die innere Struktur des schaft noch nicht im vollen Ausmaû bekannt,
NS-Systems, die er durch einen Dualismus doch erste Untersuchungen waren bereits ver-
zwischen Partei und Staat bestimmt sah. Hit- æffentlicht. 8 Zu Recht ist in der neueren For-
ler habe das Verhåltnis zwischen Partei und schung darauf verwiesen worden, dass ¹die
Staat nie grundsåtzlich geklårt, sondern in der Verfolgungsmaûnahmen auch und gerade von
Schwebe gehalten. Obwohl sich das Regime denjenigen Behærden formuliert und exeku-
nach der Machtçbertragung grundsåtzlich tiert wurden, die lange im Gegensatz zur
zum Berufsbeamtentum bekannt habe, sei NSDAP und als ,konservative Beharrungs-
parallel zum traditionellen Verwaltungsappa- kråfte` galtenª. 9 Analysiert man die Rolle der
rat eine Parteibçrokratie aufgebaut worden. Beamtenschaft im Nationalsozialismus daher
Das konkurrierende Nebeneinander von Par- auf der Handlungsebene, erscheint die Beam-
tei- und Staatsstellen habe wåhrend der ge- tenschaft neben anderen (Partei-)Akteuren als
samten Zeit des Dritten Reichs zu schweren Vollstreckerin der NS-Politik ± von einem
inneren Spannungen gefçhrt und sei von ¹tie- Gegensatz zwischen Partei und Staat kann
fe(r) Gegensåtzlichkeitª geprågt gewesen. unter diesem Gesichtspunkt keine Rede sein.
Die NSDAP habe gegençber den Beamten
ein ¹ausgeprågt feindseliges, politisch moti- Die Studien zur Kommunalverwaltung im
viertes Misstrauenª an den Tag gelegt, wie Dritten Reich orientierten sich fortan in Anleh-
umgekehrt die Fachbeamten die Arbeit der nung an Mommsens Beamtenstudie am Dualis-
oft dilettantisch vorgehenden Parteifunktio- mus-Paradigma. Horst Matzerath ging 1970
nåre gering geschåtzt håtten. 6 der Frage nach, ob die kommunale Selbstver-

7 Vgl. ebd., S. 15. Vgl. die Kritik von Mommsens An-


3 Vgl. Hans Mommsen, Beamtentum im Dritten satz bei Nicolas Berg, Der Holocaust und die west-
Reich, Stuttgart 1966, S. 18. deutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung,
4 Vgl. dazu z. B. Rçdiger Fleiter, Die Zentrale Stelle Gættingen 20043, S. 564.
der Landesjustizverwaltungen zur Aufklårung von 8 Vgl. Lon Poliakov/Josef Wulf, Das Dritte Reich

NS-Verbrechen und ihr gesellschaftliches und justizi- und seine Diener. Dokumente, Berlin 1956. Zur Nicht-
elles Umfeld, in: Geschichte in Wissenschaft und Un- Rezeption dieses Werks durch die westdeutschen
terricht (GWU), 53 (2002), S. 32±50. Historiker vgl. N. Berg (Anm. 7), S. 337±370.
5 Vgl. H. Mommsen (Anm. 3), S. 14. 9 Wolf Gruner/Armin Nolzen (Hrsg.), ¹Bçrokra-
6 Vgl. ebd., S. 23. tienª. Initiative und Effizienz, Berlin 2001, S. 7±15.

36 APuZ 14 ± 15/2007
waltung im Nationalsozialismus Bestand ge- Wåhrend groûe Arbeiten wie Raul Hilbergs
habt habe. 10 Aus dieser Perspektive erschienen ¹Vernichtung der europåischen Judenª die
die Vorgånge nach 1933 als ¹Zerstærungspro- Judenverfolgung eher als zentral initiierten
zessª der kommunalen Selbstverwaltung: ¹Die Prozess darstellten, hat Gruner erstmals
Gemeinde als ærtliche politische Ebene war in die lokale Ebene als Faktor im Verfolgungs-
der Hand der Partei.ª 11 Matzerath schlussfol- prozess in den Blick genommen. 16 Fçr den
gerte, Mommsen zitierend: ¹Die kommunale Aspekt der Judenverfolgung nahm er 1998
Selbstverwaltung war eines der ,traditionellen` einen entscheidenden Paradigmenwechsel
Elemente, die der Nationalsozialismus ,parasi- vor, indem er von einer ¹wechselseitigen Dy-
tår ausnutzte und zersetzte`.ª 12 Abermals er- namisierungª der lokalen und zentralen Poli-
schien die staatliche bzw. kommunale Verwal- tik sprach. 17 Gruner wies nach, dass die Dy-
tung durch ihre Gegençberstellung mit der namik der NS-Politik nicht nur von oben
Parteibçrokratie als gemåûigteres Element. So nach unten verlief, sondern Anstæûe zur Ra-
untersuchte Matzerath das Verhåltnis der bei- dikalisierung der Judendiskriminierung in be-
den kommunalpolitischen Institutionen von stimmten Phasen des Dritten Reiches von der
Staat und Partei, dem Deutschen Gemeindetag lokalen Ebene ausgingen. Immer wieder hat
(Staat) und dem Hauptamt fçr Kommunalpoli- er Vorstæûe der ærtlichen Partei- und Kom-
tik (Partei). Durch den Ømter-Dualismus habe munalverwaltungen beobachtet, die nicht auf
sich eine ¹immer stårkere Zuordnung von Poli- Reichsgesetze warteten, sondern aus eigenem
tik einerseits [Hauptamt fçr Kommunalpolitik, Antrieb auf eine Radikalisierung der Juden-
R.F.] und sachgebundener Aufgabenerfçllung verfolgung drångten.
andererseits [Deutscher Gemeindetag, R.F.]ª
vollzogen. 13 Die Fallstudie aus Hannover beståtigt Gru-
ners Thesen auf ganzer Linie. Bei dieser
Nach dem heutigen Forschungsstand er- Stadtverwaltung handelte es sich um eine
scheint diese Gegençberstellung als zu stark, traditionelle Verwaltung, in der bis 1937
denn zur ¹sachgebundenen Aufgabenerfçl- der konservative Oberbçrgermeister Arthur
lungª des Deutschen Gemeindetages gehærte Menge das Selbstverståndnis der meisten Be-
unter anderem die Koordinierung des staatli- amten prågte. Er war seit 1925 im Amt und
chen Raubes von Schmuck, Gold und Silber trat nie in die NSDAP ein. Wåhrend in den
aus jçdischem Eigentum im Frçhjahr 1939. 14 meisten Kommunen die Oberbçrgermeister
Einmal mehr muss ± von der Handlungsebe- rasch ausgetauscht wurden, stand Menge in
ne aus betrachtet ± die These vom Dualismus Hannover ± åhnlich wie Carl Friedrich Goer-
zwischen Staat und Partei relativiert werden. deler in Leipzig ± auch nach 1933 fçr Kon-
tinuitåt. Das Verhåltnis der Kommunalver-
waltung zur NSDAP war denkbar schlecht,
Radikalisierung von unten: so dass Menge 1937 als Oberbçrgermeister
das Beispiel Hannover nicht wieder antreten durfte. Doch auch mit
seinem Nachfolger, einem Parteimitglied, war
Neue Anstæûe fçr die Forschung hat Wolf die NSDAP unzufrieden, so dass er vorzeitig
Gruner Ende der 1990er Jahre gegeben. 15 gehen musste. Im November 1941 schrieb die
Gauleitung an das Hauptamt fçr Kommunal-
10 Vgl. Horst Matzerath, Nationalsozialismus und politik: ¹Ich hoffe zuversichtlich, dass die
kommunale Selbstverwaltung, Stuttgart 1970. vom Gauleiter eingeleiteten Schritte eine Er-
11 Ebd., S. 434.
neuerung der Stadtverwaltung an Haupt und
12 Ebd. Vgl. auch H. Mommsen (Anm. 3), S. 18.
13 Ebd., S. 227.
Gliedern und damit auch die Schaffung eines
14 Vgl. Wolf Gruner, Úffentliche Wohlfahrt und Ju-

denverfolgung. Wechselwirkung lokaler und zentraler jahrshefte fçr Zeitgeschichte (VfZ), 48 (2000), S. 75±
Politik im NS-Staat (1933± 1942), Mçnchen 2002, 126.
bes. S. 291±293; ders., Der Deutsche Gemeindetag und 16 Die Radikalisierung durch die lokale Ebene wird

die Koordinierung antijçdischer Kommunalpolitik. auch thematisiert bei Michael Wildt, Gewaltpolitik.
Zum Marktverbot fçr jçdische Håndler und zur Volksgemeinschaft und Judenverfolgung in der deut-
¹Verwertungª jçdischen Eigentums, in: Archiv fçr schen Provinz 1932 bis 1935, in: Werkstatt Geschichte,
Kommunalwissenschaften, 37 (1998), S. 261± 291. 35 (2004), S. 23±43; Peter Longerich, Politik der Ver-
15 Vgl. Wolf Gruner, Die NS-Judenverfolgung und die nichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozia-
Kommunen: Zur wechselseitigen Dynamisierung von listischen Judenverfolgung, Mçnchen 1998.
zentraler und lokaler Politik 1933±1941, in: Viertel- 17 Vgl. W. Gruner (Anm. 15).

APuZ 14 ± 15/2007 37
Vertrauensverhåltnisses zwischen Partei und es keine dualistischen Tendenzen zwischen
Stadtverwaltung zur Folge haben werden, das Parteimitgliedern und Nicht-Nationalsozia-
hier leider noch niemals bestanden hat.ª 18 listen. Der Groûteil der Sterilisierungen
wurde wåhrend der Amtszeit des nicht-natio-
Trotz habitueller Distanz zur NSDAP und nalsozialistischen Oberbçrgermeisters Menge
konservativem Selbstverståndnis ± auf dem vorgenommen ± es gibt keine Hinweise, dass
Feld der Verfolgungspolitik war die Stadtver- Menge den eugenischen Maûnahmen kritisch
waltung Hannover kein Sonderfall. Sie gleicht gegençberstand.
einem Mikrokosmos des Regimes, in dem be-
obachtet werden kann, wie sich das Deutsche Judenverfolgung: In allen Phasen des Drit-
Reich nach 1933 vom Rechtsstaat zu einem ten Reichs spielte die Stadtverwaltung Hanno-
¹Doppelstaatª (Ernst Fraenkel) verånderte. 19 ver bei der Judenverfolgung eine aktive Rol-
Grundsåtzlich handelten die stådtischen Mit- le. 21 Die Diskriminierungen betrafen immer
arbeiter nach 1933 auf der Basis des çber- weitere Lebensbereiche der jçdischen Ein-
kommenen Normenstaates weiter: Sie fçhr- wohner und reichten vom Verbot des Betre-
ten Grundbçcher, erhoben Steuern, schlossen tens der Markthalle bis hin zu separaten Úff-
Vertråge ab und beachteten das gçltige Ver- nungszeiten fçr Juden in stådtischen Ømtern.
waltungsregelwerk. Daneben setzten sie aber Bereits kurz nach der Machtçbertragung stieû
auch Maûnahmen um, die das traditionelle die Kommune Aktionen an, die durch keine
Regelwerk und den Gleichheitssatz der Wei- zentralen Vorgaben gedeckt waren: Sie ån-
marer Reichsverfassung auûer Kraft setzten. derte Straûennamen, verbannte Bçcher jçdi-
Dazu drei Beispiele. scher Autoren aus der Stadtbibliothek und
verlieh jçdischen Unternehmern keine æffent-
Erb- und Rassenpflege: Auf der Basis der lichen Auftråge mehr. Um jçdische Håndler
zentralen, reichsweit gçltigen Erb- und Ras- von Mårkten und jçdische Sportler aus den
sengesetzgebung grçndete die Stadtverwal- Vereinen auszuschlieûen, nahm die Kommune
tung Hannover 1935 ein Gesundheitsamt und sogar Konflikte mit den Aufsichtsbehærden in
eræffnete dort eine Abteilung Erb- und Ras- Kauf, die eine Radikalisierung untersagten.
senpflege. 20 Das Gesundheitsamt richtete Oft gençgten einzelne Beschwerden aus der
seine Tåtigkeit nach erb- und rassepflegeri- Bevælkerung, um eine neue Diskriminierungs-
schen Gesichtspunkten aus, stellte çber 2 100 maûnahme anzustoûen. Zunehmend koordi-
Sterilisationsantråge, nahm tausende von nierte der Deutsche Gemeindetag die Juden-
Ehegesundheitsuntersuchungen vor und er- politik in allen Kommunen des Reiches. 22
fasste çber ein Viertel der Stadtbevælkerung
in einer Erbkartei. Das Amt setzte die vorge- Nach dem Judenpogrom im November
gebenen Unrechtsnormen unnachgiebig um. 1938 separierten die Kommunen die Juden in
Der verantwortliche ¹Erbarztª ging dabei so der Fçrsorge und im Wohnbereich von der
radikal vor, dass er vom Regierungspråsiden- çbrigen Bevælkerung. Auûerdem wurden sie
ten strafversetzt wurde. Die NSDAP-Gaulei- zur Abgabe såmtlicher Gold- und Silberge-
tung erwog sogar, die Geheime Staatspolizei genstånde gezwungen. Wie çberall im Reich
auf den Mediziner anzusetzen ± wohlge- war es auch in Hannover die Stadtverwal-
merkt: nicht wegen regimekritischen Verhal- tung, die die Juden dazu ins stådtische Leih-
tens, sondern wegen Ûbererfçllung auf dem amt bestellte. Doch sie belieû es nicht bei der
Gebiet der Eugenik. Dabei stand das Personal Durchfçhrung des staatlichen Raubes, son-
der Abteilung Erb- und Rassenpflege mit we- dern versuchte darçber hinaus, zu profitieren:
nigen Ausnahmen der NSDAP mit formaler Oberbçrgermeister Henricus Haltenhoff,
Distanz gegençber. Trotzdem wurde die Erb- Menges Nachfolger, kaufte 1940 zu gçnstigen
und Rassengesetzgebung in Hannover von Preisen Gegenstånde aus dem beschlagnahm-
allen Beteiligten im einvernehmlichen Han- ten Gut an, um das Ratssilber um 142 Stçcke
deln umgesetzt. Auf der Handlungsebene gab zu ergånzen. Die Kommune betrieb eine ei-
genståndige ¹Arisierungspolitikª: Sie erwarb
18 Stellv. Gauleiter an Hauptamt fçr Kommunal-
zwischen 1933 und 1945 zu unlauteren Be-
politik, 24. 11. 1941, Bundesarchiv Berlin, NS 25/798.
19 Ernst Fraenkel, The Dual State, A Contribution to 21 Vgl. ebd., S. 123 ±276.
the Theory of Dictatorship, New York 1941. 22 Vgl. W. Gruner, Der Deutsche Gemeindetag
20 Vgl. R. Fleiter (Anm. 1), S. 57±121. (Anm. 14), S. 261±291.

38 APuZ 14 ± 15/2007
dingungen çber hundert bebaute und unbe- Fçr das Funktionieren des lokalen Systems
baute Grundstçcke von Juden, wofçr sie der Zwangsarbeit waren die Stadtverwaltun-
knapp drei Millionen RM ausgab. Sie nutzte gen unverzichtbar: Sie beschåftigten nicht nur
die Notlage wohlhabender jçdischer Einwoh- eigene Zwangsarbeiter, sondern die kommu-
ner aus, um Kunstsammlungen in stådtische nalen Wirtschafts- und Ernåhrungsåmter und
Museen zu çberfçhren und eine Privatbiblio- die Gesundheitsåmter waren fçr alle Arbeiter
thek in das Magazin der Stadtbibliothek ein- und Gefangenen im Stadtgebiet zuståndig,
zugliedern. Mit den freiwilligen Kaufgeschåf- also auch fçr die in der Industrie eingesetzten
ten dokumentierte sie indirekt ihre zustim- Kråfte. Die stådtischen Desinfektionsanstal-
mende Haltung zur Verfolgungspolitik. Die ten entlausten in groûer Zahl Gefangene, die
spektakulårste Radikalisierung durch die sich ¹auf Transportª befanden. Die Stadtbau-
Stadtverwaltung geschah im September 1941, råte waren als ¹Leiter der Sofortmaûnahmenª
als die Kommune auf Druck der NSDAP- nach Bombenangriffen zentrale Figuren beim
Gauleitung die noch nicht zusammengefass- Kriegsgefangeneneinsatz, ihre Kompetenzen
ten Juden gewaltsam aus ihren Håusern trieb reichten weit çber den Bereich der Stadtver-
und in ¹Judenhåusernª einquartierte: Ohne waltungen hinaus. Solange ihre Interessen ge-
rechtstechnische Grundlage ¹verwerteteª die wahrt blieben, çbernahmen die Stadtver-
Stadtverwaltung das beschlagnahmte Mobili- waltungen diese Tåtigkeiten ohne Protest.
ar und wurde dafçr von der zuståndigen Allerdings zeigten sie kein Interesse an Maû-
Oberfinanzdirektion gerçgt. nahmen, die sich fçr sie nicht auszahlten. So
wehrte sich die Stadtverwaltung Hannover
Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene: Zur dagegen, tausende von Gefangenen aus den
Aufrechterhaltung der Infrastruktur wåhrend Durchgangslagern zu entlausen, die nicht im
des Bombenkrieges nutzten die Stadtverwal- Stadtgebiet verblieben. Sie hatte auch kein In-
tungen die Mæglichkeit, Zwangsarbeiter und teresse daran, zur langfristigen Eindåmmung
Kriegsgefangene einzusetzen. Allein die ¹volksbiologischer Gefahrenª Bordelle fçr
Stadtverwaltung Hannover betrieb zeitweise Auslånder einzurichten. Die Behandlung der
22 Lager und beschåftigte zu Spitzenzeiten Auslånder folgte einem rassenideologisch aus-
bis zu 9 000 Kriegsgefangene und Zwangsar- gerichteten Regelwerk, das von unterschied-
beiter. 23 Annette Schåfer kommt zu dem Er- lichen Verpflegungs- und Versorgungssåt-
gebnis, dass die Kommunen bei der Zwangs- zen bis zur Separierung von Kranken nach
arbeiterbeschåftigung ¹in der Regel nçchter- Rassenzugehærigkeit reichte. Die stådtischen
nem Interessenkalkçlª folgten, auch wenn Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter wur-
Entscheidungen ¹im Einzelfall auf der den zu gefåhrlichen Arbeiten, etwa zur Ent-
Grundlage rassenideologischer Kriterienª ge- schårfung von Bomben, eingeteilt. Stadtver-
fållt wurden. 24 Das gilt auch fçr Hannover: waltungen wie Kæln kooperierten zu diesem
Der Wunsch nach Beschåftigung von Kriegs- Zweck sogar mit der SS, um KZ-Håftlinge
gefangenen und Zwangsarbeitern entsprang dafçr zu rekrutieren. 26
dem stådtischen Interesse, die umfangreichen
Arbeiten trotz Personalmangels zu bewålti- Bilanz und Forschungsdesiderate
gen. Aus diesem Grund drang die Stadtver-
waltung bei çbergeordneten Stellen auf die Die Ergebnisse der Fallstudie beståtigen Gru-
Zuweisung neuer Arbeiter und verschårfte ners These von der ¹wechselseitigen Dynami-
dadurch das System der Zwangsarbeit. Die sierung von zentraler und lokaler Ebeneª.
Kommunen wirkten als dynamisierende Dass sein Befund am Beispiel von Hannover
Kraft bei der Zwangsarbeiterbeschåftigung verifiziert werden konnte, ist besonders aus-
und befçrworteten von Anfang an den Ar- sagekråftig, weil die dortige Kommunalver-
beitseinsatz sowjetischer Kriegsgefangener, waltung im Vergleich mit anderen Stådten
obwohl er innerhalb der NS-Fçhrung aus weniger nazifiziert war. Doch selbst diese
ideologischen Erwågungen umstritten war. 25 Verwaltung mit konservativem Selbstver-
ståndnis und mit Distanz zur NSDAP radika-
23 Vgl. R. Fleiter (Anm. 1), S. 301±339. lisierte die Politik der NS-Regierung, auch
24 Vgl. Annette Schåfer, Zwangsarbeit in den Kom- wenn Stådte wie Frankfurt am Main oder
munen. ¹Auslåndereinsatzª in Wçrttemberg 1939±
1945, in: VfZ, 49 (2001), S. 70. 26 Vgl. Karola Fings, Messelager Kæln. Ein KZ-Au-
25 Vgl. ebd., S. 55. ûenlager im Zentrum der Stadt, Kæln 1996.

APuZ 14 ± 15/2007 39
Mçnchen etwa bei der ¹Arisierungª noch ± Die Personalåmter entlieûen nach dem Berufsbeam-
schårfer vorgingen. 27 tengesetz Mitarbeiter aus politischen und rassischen
Grçnden.
Die NS-Verfolgungspolitik durch die
± Die Sportåmter beschlagnahmten die Sportanlagen
Kommunen ist noch immer nur unzurei-
von jçdischen Vereinen und der Arbeiterbewegung.
chend erforscht. Fçr die Lokalgeschichts-
schreibung tut sich hier ein weites For- ± Die Gartenverwaltungen vertrieben Juden aus den
schungsfeld auf, wie allein am Beispiel der æffentlichen Grçnanlagen.
Edelmetallabgabe fçr Juden gezeigt werden ± Die Statistischen Ømter ermittelten die Anzahl von
kann: Diese zentrale, organisatorisch aufwån- Juden und ¹Mischlingenª im Stadtgebiet in Zusam-
dige Verfolgungsmaûnahme wurde nicht von menarbeit mit der Geheimen Staatspolizei.
der Partei oder der Gestapo, sondern von den ± Die Einwohneråmter fçhrten Suchkarten des Ge-
Kommunen ausgefçhrt. In rund 60 kommu- sundheitsamtes fçr Geschlechtskranke.
nalen Pfandleihanstalten im Reich wurden so ± Die Wohlfahrtsåmter lieferten Informationen in
genannte æffentliche Ankaufstellen eingerich- Sterilisations- sowie Ehegesetzgebungsverfahren und
tet, in denen Verwaltungsmitarbeiter die ab- waren an der Verfolgung von ¹Asozialenª beteiligt.
gegebenen Gegenstånde registrierten, ihren ± Die Standesåmter arbeiteten bei der Umsetzung der
Wert abschåtzten, den Juden eine geringe Ehegesetzgebung mit den Gesundheitsåmtern Hand in
Entschådigung dafçr auszahlten, die Gegen- Hand.
stånde einschmelzen lieûen, versteigerten
± Die Stadtarchive lieferten Material zur ¹Sippenfor-
oder an eine zentrale Stelle nach Berlin wei-
schungª.
terleiteten. Die Leihåmter schickten insge-
samt 135 Tonnen Silber und 1,3 Tonnen Gold ± Die Schulåmter gaben Beurteilungen von Hilfsschç-
an die Schmelzanstalten. 28 Die Gesamtein- lern zur Verwendung in Sterilisationsverfahren weiter
nahmen der æffentlichen Ankaufstellen fçr und schlossen jçdische Kinder vom Unterricht aus.
Wertsachen von Juden beziffert Stefan Mehl ± Die Wohnungsåmter vertrieben Juden, Sinti und
reichsweit mit rund 54 Millionen RM. 29 Roma aus ihren Wohnungen und bereiteten Deporta-
Trotz dieser Dimensionen fehlt die Aktion tionen vor.
in såmtlichen bisher vorliegenden Stadtge- ± Die Fçrsorgebehærden schlossen Juden von Sozial-
schichten. Auûer in Hannover ist sie lediglich leistungen aus.
in Frankfurt am Main nåher untersucht. 30 ± Die Oberbçrgermeister genehmigten in vielen Kom-
munen die ¹Arisierungenª von Einzelhandelsgeschåf-
Auch andere Verfolgungsfelder fehlen in
ten.
vielen lokalgeschichtlichen Darstellungen.
Letztlich lieûe sich çber die erwåhnten Bei- ± Die Grundstçcksåmter kauften Immobilien von jç-
spiele hinaus anhand jedes beliebigen kom- dischen Eigentçmern, die auswandern mussten oder
munalen Amtes die Mitwirkung der Stådte an deportiert wurden.
der NS-Verfolgungspolitik dokumentieren: ± Die Kåmmereien verbuchten das ¹arisierteª Vermæ-
gen in den stådtischen Haushalten.
27 Vgl. Doris Eizenhæfer, Die Stadtverwaltung Frank-
± Die Bauåmter organisierten die stådtischen Kriegs-
furt am Main und die ¹Arisierungª von Grundbesitz,
gefangeneneinsåtze.
in: S. Mecking/A. Wirsching (Anm. 2), S. 299 ±324; ± Die Wirtschafts- und Ernåhrungsåmter waren fçr
Ulrike Haerendel, Kommunale Wohnungspolitik im die Lebensmittelrationierung fçr såmtliche Einwohner
Dritten Reich. Siedlungsideologie, Kleinhausbau und zuståndig ± inklusive der Juden sowie der Insassen in
¹Wohnraumarisierungª am Beispiel Mçnchens, Mçn- Gefångnissen, Gefangenen- und Konzentrationslagern.
chen 1999.
28 Vgl. Ralf Banken, Der Edelmetallsektor und die
Kaum eine Behærde verfçgte çber einen solch umfas-
Verwertung konfiszierten jçdischen Vermægens im senden Ûberblick çber das NS-Lagersystem.
¹Dritten Reichª. Ein Werkstattbericht çber das Un-
tersuchungsprojekt ¹Degussa AGª aus dem For- Die Liste lieûe sich fortsetzen. Den Kom-
schungsinstitut fçr Sozial- und Wirtschaftsgeschichte munen bleibt viel Arbeit, wenn sie ihre Mit-
an der Universitåt zu Kæln, in: Jahrbuch fçr Wirt- wirkung an der NS-Verfolgungspolitik aufar-
schaftsgeschichte, (1999) 1, S. 171, Fn. 246.
29 Vgl. Stefan Mehl, Das Reichsfinanzministerium und
beiten wollen.
die Verfolgung der deutschen Juden 1933±1943, Berlin
1990, S. 85.
30 Vgl. Monica Kingreen, Raubzçge einer Stadt-

verwaltung. Frankfurt am Main und die Aneignung


¹jçdischen Besitzesª, in: Beitråge zur Geschichte des
Nationalsozialismus, 17 (2001), S. 17±50.

40 APuZ 14 ± 15/2007
Astrid Irrgang des Krieges zum Leutnant befærdert und
schlieûlich zum nationalsozialistischen Fçh-

Feldpost eines rungsoffizier ernannt. Stælten kåmpfte an


zentralen Frontabschnitten: beim Ûberfall

Frontsoldaten
auf die Sowjetunion im Sommer 1941 bis
zum Winter 1942/43; nach einer Ausbil-
dungsphase im Reich bei der Landung der
Alliierten in der Normandie im Sommer
1944; bei der Niederschlagung des Warschau-

F eldpost ist eine Kategorie von Briefen,


die in existenzieller Situation verfasst
wurden. Auf unbestimmte Zeit getrennt von
er Aufstandes 1944 und schlieûlich in den
Abwehrkåmpfen in Ostpreuûen 1944/45, in
deren Verlauf Stælten gefallen ist.
den Angehærigen und dem zivilen Leben,
unter groûen kærperlichen und psychischen Peter Stælten wurde 1922 geboren und
Entbehrungen und Strapazen, allzu håufig im wuchs mit zwei jçngeren Schwestern behçtet
Bewusstsein der Mæglichkeit des eigenen ge- in einer protestantisch-bildungsbçrgerlichen
waltsamen Tætens und Sterbens sprechen Familie in Berlin-Zehlendorf auf. Der Vater,
Menschen çber sich und ihre Umgebung. Dr. Wilhelm Stælten, hatte im Ersten Welt-
Ihre Zwiesprache mit den Angehærigen inter- krieg gedient, beide Eltern waren in der bçn-
essiert die historische Forschung in besonde- dischen Jugend engagiert gewesen. Die Schul-
rer Weise, hilft die Auswertung dieser Kom- aufsåtze aus der Gymnasialzeit zeugen von
munikation doch, die einem temperamentvollen, reich begabten,
Verwandlung von Zi- neugierigen Jungen, der Maler werden wollte.
Astrid Irrgang vilisten in auf Leben Stælten zog als Notabiturient ¹in der Hoff-
Dr. phil, geb. 1974; wissen- und Tod kåmpfende nung auf manches Abenteuer und manches
schaftliche Referentin in der Soldaten besser zu Erlebnis und manchen moralischen Nutzenª
Studienstiftung des deutschen verstehen. ebenso wie alle anderen Jungen seiner Schul-
Volkes, Berliner Büro, klasse freiwillig in den Krieg. Fçnf Jahre spå-
Jägerstraûe 22/23, 10117 Berlin. Die Fakten des ter, wenige Wochen vor seinem Tod in Ost-
irrgang@studienstiftung.de Zweiten Weltkriegs preuûen, waren ihm seine vorher so geliebten
sind hinlånglich be- Zeichenutensilien ¹fremd geworden wie
kannt, das Innenleben der am Kriegsgesche- einem Eskimo das Fischbesteckª. Er spçrte
hen beteiligten Menschen aber entzieht sich seine ¹Wesensschatten auf einer Skala tanzen
in weiten Teilen noch immer unserem Ver- mit Minus davorª, konnte vom Kriegsgesche-
ståndnis. Eine Analyse dieses Innenlebens hen nur noch ¹satirisch berichten und einer
hångt ab von einer sich kontinuierlich çber Frau schon gar nichtª und formulierte zum
einen långeren Zeitraum erstreckenden Quel- Jahreswechsel 1944/45 ¹keine persænlichen
lenbasis. Nur aus ihr kænnen çber die bloûe Ziele mehr, nur noch Wçnscheª. Das Glacis,
Momentaufnahme einzelner Briefe hinaus auf dem Stælten sich operieren sah, verengte
Aussagen çber die Mentalitåt der Verfasser sich im Laufe seines Kriegseinsatzes immer
gewonnen werden. Geschlossene Quellen- mehr. Waren Phantasien zu Beginn des
kærper, die exemplarische Untersuchungen Kriegseinsatzes erwartungsvoll in die Zu-
erlauben, haben Seltenheitswert. Allzu håufig kunft gerichtet, wandten sich diese im Laufe
haben die Briefe ebenso wie ihre Autoren den der Jahre immer mehr zur eigenen Vergan-
Krieg nicht çberstanden oder liegen fçr die genheit, von deren Glçck und Anlauf sich
Forschung unzugånglich auf privaten Dach- Stælten abgeschnitten wusste.
bæden. Die hier skizzierte Einzelfallstudie,
die Auswertung eines umfangreichen und ge- 1 Dieser Beitrag beruht auf der Doktorarbeit der Au-
schlossenen Feldpostfundus, verdankt sich torin ¹Leutnant der Wehrmacht Peter Stælten in seinen
insofern einem Glçcksfall. 1 Feldpostbriefen. Vom richtigen Leben im falschenª,
die im Dezember 2005 von der Philosophischen Fa-
Die Korrespondenz kultåt IV der Albert-Ludwigs-Universitåt, Freiburg im
Breisgau, als Dissertation angenommen wurde. Die
Arbeit erscheint unter gleichem Titel in der Reihe
Autor der Briefe ist der Frontsoldat Peter Historiae des Rombach-Verlages. Alle Zitate sind, so-
Stælten, einer von 20 Millionen Soldaten der fern nicht anders kenntlich gemacht, Briefen von Peter
Deutschen Wehrmacht. Er wurde im Laufe Stælten entnommen.

APuZ 14 ± 15/2007 41
Schon von der Geographie seiner Einsåtze zuletzt von Martin Humburg und Klaus Lat-
her handelt es sich bei Stælten um einen unge- zel formulierte Desiderat von Einzelfallstu-
wæhnlichen Zeitzeugen, stellte ihn doch sein dien. Insbesondere diese beiden Autoren
langes Ûberleben in den gefahrvollen Erleb- haben mit ihren umfangreichen systemati-
nisråumen weit auûerhalb der Ûberlebenssta- schen Arbeiten die Terra incognita vermes-
tistik eines deutschen Frontsoldaten. Ûber sen, 2 innerhalb derer es die Koordinaten von
seine Eindrçcke hat er seiner Familie und sei- Stælten auszumachen gilt.
ner Braut ausfçhrlich und gedankenreich be-
richtet. Er stand dabei unter einem auch in- Als Spiegelfigur dient der Gefreite Hein-
ternational als typisch zu bezeichnenden rich Bæll und seine ebenfalls umfangreiche
Mitteilungsdruck des Soldaten im Felde ge- Kriegskorrespondenz, um die unterschiedli-
gençber der Heimat. Das Schreiben von Brie- che Haltung zu illustrieren, aus der heraus
fen in der Extremsituation Krieg hatte entla- einzelne Soldaten sich dem Kriegsgeschehen
stende und stabilisierende Funktion. Die unterwarfen. 3 Bæll tritt aus diesen Briefen,
Kommunikation mit der Heimat war Ersatz anders als Stælten, als am Soldatentum Lei-
fçr dortiges Leben und ein Ausflug in den dender und um Abstand zum Kriegsgesche-
verbauten Teil der zivilen Biographie. Alle hen Bemçhter hervor. Er fand keinen An-
am Krieg beteiligten Nationen erkannten die schluss unter seinen Kameraden und nutzte
Angewiesenheit ihrer Soldaten auf diese Kon- jede Gelegenheit, sich dem Dienst zu entzie-
takte und bemçhten sich, Einfluss auf die Art hen, etwa durch das Fålschen von Urlaubs-
der Gespråchsfçhrung mit der Heimat zu scheinen oder das Simulieren von Krankhei-
nehmen. ten ± eine Haltung, die Stælten nicht mit sei-
nem Selbstverståndnis håtte vereinbaren
Der Austausch mit der Heimat war nicht kænnen. Man kann sagen, dass Bæll der Typ
nur im ¹Dritten Reichª das Herzstçck geisti- des Landsers war, der, ohne Engagement fçr
ger Kriegfçhrung. Unmittelbar nach dem çberwælbende Kriegsziele, wie Millionen an-
Ûberfall des Deutschen Reiches auf Polen be- derer der Einberufung folgte, das unvermeid-
gann die deutsche Feldpost ihren Dienst. bare Minimum seiner soldatischen Pflichten
Wåhrend der sechs Kriegsjahre versorgte sie, erfçllte und im Ûbrigen eine Mitverantwor-
anders als ihre Vorgångerin im Ersten Welt- tung fçr das groûe Ganze nicht sah. Das
krieg, zuverlåssig ein immer græûeres Gebiet, schlieût nicht aus, dass er in seinem engeren
das auf dem Hæhepunkt der deutschen Ex- Umfeld so gehandelt hat, wie es ihm seine
pansion vom Nordkap bis zum Kaukasus, christliche Grundhaltung nahe legte.
den Pyrenåen und Nordafrika reichte. Sie
versah ihren Dienst auch noch, als die Wehr- Wenn vor dieser Folie ein vergleichender
machtsfçhrung sich von Hitler auf seinem Blick auf Stælten geworfen wird, so hat dieser
Weg in die Katastrophe hatte mitnehmen las- vor allem eines mit dem Soldaten Bæll ge-
sen und unter Aufgabe jeglicher militårischer mein: die Vorstellung von der Begrenztheit
Verantwortung einen aussichtslosen Kampf des Verantwortungsbereiches durch einen
um die letzten Quadratkilometer des Reiches vorgegebenen militårischen Rahmen. Bæll
weiterfçhrte. Es sollte nicht unerwartet kom- hilft diese Begrenzung dabei, die Einsicht in
men, çberrascht aber doch, dass es fçr einen das Verbrecherische des Krieges zu bewålti-
solch riesigen Apparat ein ¹Leben nach dem gen. Stælten indes sieht eher das einzelne cri-
Todeª gibt: Seine humanitåre Komponente men, dem er im Rahmen seiner Mæglichkei-
hat die Katastrophe çberdauert und arbeitet ten zu begegnen sucht, etwa durch Korrekt-
bis heute, jedes staatlichen Einflusses entklei- heit beim ¹Requirierenª oder durch Erste
det, in Gestalt des Suchdienstes des Deut- Hilfe gegençber einem russischen Verwunde-
schen Roten Kreuzes weiter, nach wie vor ten. Den Schluss vom Einzelnen auf das All-
portofrei und mit dem Frankierstempel
¹Kriegsgefangenenpostª. 2 Vgl. Martin Humburg, Das Gesicht des Krieges.

Feldpostbriefe von Wehrmachtsoldaten aus der So-


Stæltens Wahrnehmung des Krieges, seiner wjetunion, Opladen-Wiesbaden 1998; Klaus Latzel,
Deutsche Soldaten ± nationalsozialistischer Krieg?
Rolle in ihm und ihre Darstellung gegençber
Kriegserlebnis ± Kriegserfahrung 1939±1945, Pader-
verschiedenen Adressaten çber fçnf Jahre born 2000.
hinweg bilden den Kern des Erkenntnisinte- 3 Vgl. Jochen Schubert (Hrsg.), Heinrich Bæll. Briefe

resses. Es geht dabei um eine Antwort auf das aus dem Krieg 1939±1945, 2 Bde., Kæln 2001.

42 APuZ 14 ± 15/2007
gemeine scheint er sich kaum gestattet zu sondern darauf, wie Stælten sich an den Gege-
haben. Es ist auch diese Fokussierung auf benheiten der Wirklichkeit mehr und mehr
sein Umfeld, die Stælten zum todesmutigen gerieben und schlieûlich aufgerieben hat. Es
Kåmpfer werden låsst. Aus dieser Nahsicht geht um die Rekonstruktion seiner Wahrneh-
im vergleichenden Exkurs Bæll-Stælten ver- mung, seines inneren Erlebens und seiner
liert die in der Forschung håufig so monoli- Voraussetzungen, weniger um den åuûeren
thisch erscheinende Wehrmacht einiges von historischen Geschehenszusammenhang. Aus
ihrer Homogenitåt. 4 militårhistorischer Sicht ist von den Briefen
wenig Neues zu erwarten. Es ist gleichwohl
In Stæltens Briefen kann ein Spannungsbo- die Deutung von Stæltens Fall, der Befund
gen von jugendlicher Kriegsbegeisterung einer gewissen Typizitåt und ihrer sozialen
çber einen mehr und mehr zur Gewohnheit Wirksamkeit, mit denen dieser åuûere histori-
gewordenen Umgang mit tædlichen Gefahren sche Geschehenszusammenhang besser ver-
bis zu seinem mæglicherweise sogar gesuch- standen werden kann.
ten Tod gegen Ende des Krieges ausgemacht
werden. Dabei wåchst mit Stæltens Einsicht
in den katastrophalen Kriegsverlauf seine Frontabschnitte werden
Verzweiflung bei der Suche nach einem Sinn zu Lebensabschnitten
der brutalen Auseinandersetzung. Diese Ver-
zweiflung begleitet ihn; mæglicherweise fçhrt Autobiographische Texte sind ebenso wie an-
sie ihn in sein letztes Gefecht um das ostpreu- dere Quellengattungen kein Abbild von
ûische Dorf Jadden im Januar 1945. Wirklichkeit, sondern ein vieldeutiges Kon-
strukt wirklicher Erfahrungen, dessen Be-
So sehr Stælten in Ratlosigkeit çber den schaffenheit sich ebenso sehr individuellen
Sinn des Krieges geriet, so wenig gestattete er wie kulturellen Vorgaben verdankt. Autobio-
sich gleichzeitig, seine Rolle in diesem Krieg graphische Texte sind soziale Texte mit einem
in Frage zu stellen und ein Abseits zu suchen. schwer quantifizierbaren Anteil an Vergesell-
Stæltens Engagement war Folge der Bemç- schaftung. Als methodisches Problem stellt
hung um ein ¹richtiges Lebenª in einem von sich die Herausforderung, wie sich Denken,
uns heute zweifelsfrei als ¹falschª einzuord- Fçhlen und Handeln erfassen und darstellen
nenden Kontext. Dieser Befund einer starken, lassen, damit der Anspruch auf wissenschaft-
unauflæsbaren inneren Gebundenheit, ohne liche Relevanz erhoben werden kann. Eine
dass eine nationalsozialistische Grundgesin- Antwort liegt im Bemçhen um Schlçssigkeit
nung vorgelegen hat, ist von hoher Brisanz; sie der Rekonstruktion dieses Einzelfalles. Zur
ist der deutungsbedçrftige Zug von Stæltens Schårfung der Einzelfallanalyse trågt auch die
soldatischer Persænlichkeit. Der Schluss, dass Auswertung umfangreicher Primår- und Se-
Stælten kein Nationalsozialist war, liegt nahe, kundårquellen bei.
denn es fehlte ihm nicht nur ¹Fçhrerglaubenª,
sondern auch jede Neigung zum Antisemitis- Feldpost ist von åuûerer und innerer Zen-
mus oder die Zuschreibung eines Untermen- sur gekennzeichnet. Diese Zensur åuûert sich
schentums seiner slawischen Gegner. in einer geradezu prismatischen Aufbrechung
der Berichte in den unterschiedlichen Gegen-
Stæltens Einzelschicksal wird vor der Ku- stånden und Formen, die Stælten und seine
lisse der jeweiligen Kriegsschauplåtze ausge- Briefpartner wåhlen: Mit der Familie wird ein
leuchtet. Durch Auswertung von Akten aus bildungsbçrgerlicher Dialog gefçhrt, der in
Militårarchiven kann nicht nur der histori- der Korrespondenz mit dem Vater wesentlich
sche Kontext, sondern auch und vor allem von dem Bemçhen getragen ist, seinen Erwar-
das engere Umfeld dargestellt werden, in dem tungen zu entsprechen; die Freundin erfåhrt
sich Stælten bewegte. Dabei liegt auf der sehr viel mehr çber seine jeweilige Gemçts-
Hand, dass der Fokus nicht auf der Suche verfassung, und dem Freund æffnet Stælten
nach Ûberraschungen in der Kulisse liegt, sich am meisten auch çber Kriegsgråuel. Die
hohe Schreibfrequenz Stæltens, der auch
4 Vgl. dazu Andreas Kunz, Wehrmacht und Nieder-
unter hæchster Kampfanspannung nicht sel-
lage. Die bewaffnete Macht in der Endphase der na- ten drei Briefe am Tag verfasste, gestattet es,
tionalsozialistischen Herrschaft 1944±1945, Mçnchen sein adressatenorientiertes Schreiben in die
2005. Untersuchung einzubeziehen. Stælten und

APuZ 14 ± 15/2007 43
seine Briefpartner fçhrten ihre Korrespon- ckenden Erlebnissen ausgesetzt zu sein und
denz auf einer hohen sprachlichen und reflek- nicht ¹an der Front und im Kampf Gesun-
tierenden Ebene, was ebenfalls zur Faszinati- dung und Vergessen findenª zu kænnen. So
on der Lektçre beitrågt. Betrachtet man die kommt es zu dem nur auf den ersten Blick
Stælten'sche Feldpost mit diesem Vorwissen, paradoxen Wunsch, aus dem Lazarett wieder
so sind ihm, wie wahrscheinlich vielen Solda- in den kameradschaftlichen Einsatz an die
ten, Frontabschnitte zu Lebensabschnitten Ostfront zurçckzufinden, ¹auch wenn diese
geworden. Leitmotiv ist Stæltens Pflicht- und Welt mit der meinen nur die Grenze gemein
Gehorsamsethos. Es fçhrt den Soldaten Stæl- hatª. Spåtestens hier, wo mit Fronteinsåtzen
ten vom kampfbegeisterten Abiturienten Entlastung gesucht wird, obwohl jene doch
çber den bei aller Ernçchterung verlåsslichen die Schrecken des zu Verdrångenden nur an-
Kåmpfer und engagierten Offizier zum ver- wachsen lassen, vollzieht sich auch im Innen-
zweifelten, todesbereiten Soldaten im End- leben Stæltens ungewollt und unbewusst die
kampf. Indienstnahme des militårischen Anforde-
rungskatalogs. Einer besonderen Nåhe zum
In Russland, der ersten Etappe, springt die Nationalsozialismus bedarf es dazu nicht.
Siegesgewissheit des der Schule durch Not-
abitur Entronnenen hervor, weniger der ver- Seine mehrmonatige Spezialausbildung am
brecherische Charakter des Unternehmens neuen Panzertyp ¹Tigerª im Reich absolviert
¹Barbarossaª, den Stælten allerdings durch er 1943 nur widerwillig, so sehr drångt es ihn,
humanes Verhalten zu relativieren sucht. das Gelernte an der Front anzuwenden. In
Stælten verschlieût die Augen nicht vor den dieser Phase ist Stælten ganz von den Anfor-
Begleiterscheinungen des deutschen Vormar- derungen seines soldatischen Lebens einge-
sches in der Sowjetunion, 5 sie erschçttern ihn nommen. Månnliche Bewåhrung in Gefahr,
aber nicht so tief, dass die Anpassung an Fçhrung in bedrohter Lage haben ihre Spuren
die Welt des Krieges misslingen kænnte. Die hinterlassen. Dies fållt auch den Eltern auf:
Kluft zwischen den zivilen, verinnerlichten ¹Peter war am Sonntag auf Urlaub hier, laut,
Werten und der Barbarei des Krieges quålt stçrmisch, fast zu zackig, von seiner Fçhrer-
Stælten noch nicht, er vermag sie zu schlie- aufgabe stårker geprågt, als wir das je fçr
ûen. Schon in diesem ersten Einsatz fin- mæglich gehalten håtten. Aber er wird auch
den sich jedoch in der Korrespondenz da dank seiner starken inneren Kråfte das
die typischen Sprachstrategien von Feldpost: Gleichgewicht wieder finden. Im Geheimen
Verschweigen, Verharmlosen, Poetisierung, arbeiten schon alle guten Geister wie Hælder-
Phraseologisierung und Imagepflege. 6 Belas- lin und Rilke, denen er sehr zugetan ist, an
tungserlebnisse entziehen sich zu seinem ei- dieser Aufgabe.ª 7 In einem Brief an die Mut-
genen Erstaunen der Versprachlichung und ter erlåutert Stælten seine Prågung: ¹Vom
werden in der Korrespondenz weitgehend Kommiss will ich auch nicht wieder erzåhlen.
ausgespart. Die Menge des zu Verdrångenden Er ist aber nun einmal ein notwendiges Ûbel,
wåchst, ohne dem Vergessen anheim zu und ich muss, um etwas zu leisten gerade bei
fallen. uns innerlich daran beteiligt sein. Seid froh,
dass Ihr Euch alle so aus dem Geist der Zeit
Ein långerer Lazarettaufenthalt 1941/42 heraushalten kænnt ± und sagt mir dies nicht
konfrontiert den an schwerer Furunkulose zu oft. Ich muss doch weghæren, weil ich
Erkrankten mit der Erfahrung, den bedrç- mehr als hier nicht sagen kann, und mich lei-
der nicht zu einem Bild des Offiziers åndern
5 Zu den Motiven der Kriegfçhrung der Wehr-
kann, der reitet, ins Kasino geht, mit ein paar
Fçhrungsaufgaben und Ehrbegriffen spielt
machtsgeneralitåt der drei Heeresgruppen sowie såmt-
licher Panzergruppen, die zwischen 1941 und 1942 an und im Ûbrigen so hoch çber dem Dienst
der Ostfront zum Einsatz kamen, vgl. Johannes Hçr- steht, dass die Erziehung zum Soldaten allein
ter, Hitlers Heerfçhrer. Die deutschen Oberbefehls- die Uffz. leisten mçssen.ª
haber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, Mçn-
chen 2006. Hier sehen wir eine Motivkette, von der
6 Vgl. Isa Schikorsky, Kommunikation çber das Un-
sich zu læsen Stælten nicht nur nicht gelingt ±
beschreibbare. Beobachtungen zum Sprachstil von
Kriegsbriefen, in: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache er unternimmt solche Versuche wohl auch gar
und Literatur in Forschung und Lehre, 2 (1992),
S. 295 ±315. 7 Dr. Wilhelm Stælten an einen Freund, 11. 2. 1943.

44 APuZ 14 ± 15/2007
nicht. Er sieht sich als Soldat, als Offizier, schreibt eine Satire des Grauens, Hieronymus
und er sieht hier auch seine gegenwårtige Be- Bosch in Prosa. Im Untergang Haltung zu
rufung, selbst wenn fçr die Nachkriegszeit bewahren, wie es die polnischen Aufståndi-
andere Wçnsche existieren. Als Soldat fçhrt schen bis zur Kapitulation tun, und der Wert,
er Befehle Vorgesetzter aus, ohne fçr sich das eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, wer-
Recht einer sachlichen oder gar moralischen den fçr ihn zum Vorbild fçr den zu erwarten-
Beurteilung zu beanspruchen. Seiner Beru- den Untergang Deutschlands und wohl auch
fung nachkommend will er ¹Leistungª brin- seiner eigenen Person.
gen. Mangelhafte Leistungen wçrden ihn
nicht nur um den beruflichen Erfolg bringen, Stælten benennt die deutsche Unterlegen-
sondern auch seine gefçhlte Berufung ver- heit gegençber den çbermåchtigen Gegnern.
schçtten. Der Offiziersberuf ist ihm daher Doch Zweifel an der Wçnschbarkeit eines
nicht nur Arbeit, sondern, auch im Kleinen, deutschen Sieges werden nicht benannt und
Wirken im Kernbereich seiner Berufung. sind auch nicht versteckt erkennbar. Obwohl
er, wie die Quellen nahe legen, die Chance
Im Sommer 1944 durchlebt Stælten in der eines ehrenvollen Rçckzugs hat, schlågt er
Normandie seine erste tiefe Krise. Durch sein Leben und das seiner Panzerbesatzung
einen selbstverursachten Unfall kampfunfå- im Januar 1945 in die Schanze und verbrennt
hig, çberlebt er als einziger Offizier seiner in seinem Kampfwagen.
Kompanie die Landung der Alliierten. Die
bisherigen Mittel der Selbstdisziplinierung
und -darstellung versagen. Stæltens Seelenle- Vom richtigen Leben im falschen
ben erreicht, erneut im Lazarett sich selbst
ausgeliefert, einen ungekannten Tiefpunkt. Es Stæltens prismatische Berichterstattung deckt
gelingt ihm, mittels eines an Hælderlins ¹Hy- die fçnf Jahre ab, in denen der deutsche Vor-
perionª angelehnten, anspruchsvollen Essays, marsch funktionierte, langsamer wurde, sich
seiner Verzweiflung Herr zu werden. In in Rçckzug und schlieûlich in eine Art letztes
einem fiktiven Dialog zwischen fçnf jungen Gefecht verwandelte. Diese åuûere Entwick-
Menschen wird das Nichts, ein Abgrund der lung findet ihre Entsprechung in Stæltens in-
Sinnlosigkeit, der alles und jeden zu ver- nerer Welt. Bewegend und exemplarisch an
schlingen droht, durch den Glauben an hæ- dieser deutschen Vita ist, wie sich der hoch
heren Sinn und Bestimmung aufgehoben. begabte, differenziert denkende junge Mann
Von diesem Zeitpunkt an zeichnet Stælten kraft seiner Vaterlandsliebe und Erziehung
eine starke Opferbereitschaft aus, deren Un- durch das auch fçr ihn spåtestens ab War-
terstræmung das als Schuld gefçhlte Ûberle- schau 1944 erkennbar verbrecherische Re-
ben im Blick auf seine gefallenen Kameraden gime hat in Dienst nehmen lassen. Stælten
ist. Der ¹Triumph des Ûberlebendenª (Elias durchlief zwar alle nationalsozialistischen
Canetti) 8 bleibt ihm fremd. Sozialisierungsstationen wie Hitlerjugend,
Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht, aber es
Auf der nåchsten Station, dem Warschauer waren offenbar die bildungsbçrgerlichen Tu-
Aufstand, wird Stæltens Haltung auf eine genden aus seinem Elternhaus, die er fçr
fçrchterliche neue Probe gestellt. Entsetzt seine Rolle im Krieg mobilisierte. Die Fçh-
schreibt er çber den rçcksichtslosen deut- rerpropaganda spielte dabei keine Rolle.
schen Einsatz gegen die unterlegenen polni-
schen Aufståndischen: ¹Wie håtte Bosch Stæltens Milieu war das eines anspruchsvol-
seine Hællenphantasien gemalt, wenn er das len Bildungskanons, tåtigem Christentum
gesehen håtte?ª In den nach einer Logik der verpflichtet, groûstådtisch, protestantisch-na-
Selbstaufopferung handelnden Polen erkennt tional gesinnt und schichtspezifisch staatstra-
er seine eigentlichen ideellen Verbçndeten, gend. Es entsprach seinem Selbstverståndnis,
gegen die er gleichwohl mit allen militåri- dem Staat, wie auch immer dieser sich pråsen-
schen Mitteln vorzugehen hat. In diesem Wi- tieren mochte, auch bei Zweifeln zu dienen.
derspruch hilft ihm nur blanker Zynismus. Er Wirkmåchtig war hier sicherlich das Obrig-
keitsverståndnis des Paulinischen Ræmerbrie-
8 Zit. bei Thomas Kçhne, Der Soldat, in: Ute Frevert/ fes. Einer besonderen Staatsnåhe, etwa durch
Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.), Der Mensch des Parteimitgliedschaft, bedurfte es nicht: ¹Ge-
20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1999, S. 361. horsam, mehr haben wir nicht zu verantwor-

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ten!ª, schreibt Stælten, und meint damit, dass grads 1943 erreichen wollte 11 ± zur Opferbe-
er auch nicht weniger zu verantworten habe. reitschaft musste Stælten nicht çberzeugt wer-
Seine Gewissensnæte bleiben stets erkennbar. den, sie war ihm natçrliche Bedingung ehren-
Typischerweise ergeht sich Stælten in seinen haften Soldatentums. Aus dieser Fessel haben
Briefen håufig nur in Andeutungen, was of- sich nur sehr starke Persænlichkeiten læsen
fenbar weniger der Furcht vor der åuûeren kænnen. Selbst ein Offizier wie Wilm Hosen-
Zensur denn der ¹Schere im Kopfª und dem feld, der seine Freiråume in Warschau 1944
Bemçhen um Selbsterhaltung geschuldet war. zur Rettung von Juden und Polen einsetzte,
Das so geschaffene Bild von einer Kriegs- kåmpfte anschlieûend als Hauptmann in der
wirklichkeit, in dem Gråuel sehr selten und Uniform der Wehrmacht weiter und lieû alle
die Judenvernichtung gar nicht benannt wer- Chancen auf Rettung der eigenen Person un-
den, bestimmte auch das Nachkriegswelt- genutzt. 12
bild, zumindest in der Bundesrepublik. Stæl-
ten håtte mit hoher Wahrscheinlichkeit im Wie Stælten uns aus seinen Briefen entge-
Falle seines Ûberlebens wie das Gros seiner gentritt, kann man ihn sich schlecht als jeman-
Kameraden und anders als Bæll nach dem den vorstellen, der sich mit strategischen Op-
Krieg çber das Erlebte geschwiegen und sich tionen beschåftigt oder gar politische Alterna-
um Verdrångung bemçht, wie er selbst in tiven abwågt. Es ist auch keinerlei Interesse an
einem wichtigen Briefzitat an einen Freund einer solchen Tåtigkeit erkennbar. Er er-
voraussagt. Hier prophezeit er klug, was scheint eher als Mann des Hier und Jetzt, als
zur Lebenswirklichkeit der Kriegsteilnehmer ein tatkråftiger Arbeiter am Nåchstliegenden.
werden sollte, dass nåmlich jene Verdrång- Ganz im Sinne des Paulinischen Ræmerbriefs
ung gleichwohl nicht zur Erlæsung von war er ohne Wenn und Aber der Obrigkeit un-
den bedrçckenden Kriegseindrçcken fçhren tertan und dçrfte kaum auf die Idee gekom-
wçrde. 9 men sein, sie in Frage zu stellen. Stæltens Aus-
beutung seitens dieser Obrigkeit wurde durch
Die Auswertung der Quellen gestattet es, eine tief empfundene Liebe zum Vaterland er-
die Loyalitåt eines nicht nationalsozialistisch leichtert; personifiziert gewiss nicht im ¹Fçh-
ideologisierten jungen Mannes zu verstehen rerª, sondern in den Seinen zu Hause. Er
und zugleich das Verdrångungsmoment zu setzte sein Leben dafçr ein, zu ihrem Schutz
erfassen, das jedem seiner Briefe eingeschrie- auch in aussichtsloser Lage beizutragen.
ben ist. Die stark protestantisch und bil-
dungsbçrgerlich geprågte Erziehung des Stu- Die Umstånde seines Todes zeigen, dass
dienratssohnes bildete den Humus fçr eine ihm nicht die Courage zur Alleinstellung
Mentalitåt, die sich bei vællig unterschiedli- fehlte, sondern allenfalls das Vermægen, sei-
cher Motivlage mit der Vernichtungs- und nen Standpunkt auf der hæheren Ebene des
Selbstvernichtungspolitik der nationalsoziali- politischen Groûen und Ganzen zur Geltung
stischen Fçhrung treffen konnte. Es ist be- zu bringen. Diese Haltung, am Fall Stælten
zeichnend, dass Stælten die Vorbildfunktion ausgeleuchtet, musste konsequenterweise in
der Warschauer Aufståndischen fçr den End- der totalen Niederlage gegençber einer Welt
kampf in seiner Feldpost thematisiert, noch selbstgeschaffener Feinde enden.
ehe Heinrich Himmler sie nur wenig spåter,
im November 1944, vor Vertretern von Par-
tei, Wehrmacht und Wirtschaft als offizielle 11 Vgl. Hans-Joachim Gehrke, Die Thermopylenrede

Losung vorgeben sollte. 10 Stælten ist gerade- Hermann Gærings zur Kapitulation Stalingrads. Anti-
zu idealtypisch fçr jene jungen Offiziere, die ke Geschichtsbilder im Wandel von Heroenkult zum
Hermann Gæring in seiner berçchtigten Europadiskurs, in: Bernd Martin (Hrsg.), Der Zweite
Thermopylen-Rede zur Kapitulation Stalin- Weltkrieg in historischen Reflexionen, Freiburg i. Br.
2006, S. 13 ±29. Ein Mitschnitt der Originalrede
befindet sich im Deutschen Rundfunkarchiv, Frank-
9 Stælten wçnschte sich ¹jene Dinge in seine Freun-
furt/M., Nr. 52/8920.
deshånde zu legen, die bis zum furchtbaren Ausdruck 12 Vgl. Wilm Hosenfeld, ¹Ich versuche jeden zu ret-
die Seele immer wieder beschåftigen (. . .), indem ich ten.ª Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen
sachlich und genau berichte, was ich weiû (und es ist und Tagebçchern, hrsg. im Auftrag des Militårge-
nur ein Teil, was ich weiû, was man mir sagte) und was schichtlichen Forschungsamtes von Thomas Vogel,
ich sicher in meinem Leben nicht mehr çber die Lippen Mçnchen 2004.
bekomme. Ob es ganz hçlfe?ª
10 Vgl. Bundesarchiv, Berlin, Abt. Reich, NS 19/4017.

46 APuZ 14 ± 15/2007
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Erfolge und Grenzen von Friedensmissionen ISSN 0479-611 X
Nationalsozialismus APuZ 14 ± 15/2007

Peter Longerich
3-7 Tendenzen und Perspektiven der Tåterforschung
Komplexitåt und Kontextualisierung heiûen die Herausforderungen der Holo-
caustforschung. Die systematische Ermordung der europåischen Juden muss als
komplexer Vorgang in der Gesamtgeschichte des Regimes gesehen werden.

Saul Friedlånder
7-14 Eine integrierte Geschichte des Holocaust
Eine integrierte Geschichte des Holocaust ist notwendig, weil sie sich nicht auf
deutsche Maûnahmen beschrånken darf und weil jçdische Wahrnehmungen und
eine gleichzeitige Darstellung der Komplexitåt dieser Geschichte entsprechen.

Hans Mommsen
14-21 Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus
In den jçngsten Forschungen zum Nationalsozialismus rçckt die Frage nach
dem Verhåltnis von weltanschaulichen und strukturellen Faktoren und nach der
Stellung Hitlers im Herrschaftssystem in den Vordergrund.

Harald Welzer
21-28 Die Deutschen und ihr ¹Drittes Reichª
Die verbrecherische Behandlung der Juden war weithin bekannt. Manches deutet
darauf hin, dass sie die Zustimmungsbereitschaft der nichtjçdischen Deutschen
zum Nationalsozialismus nicht behinderte, sondern færderte.

Beate Kosmala
29-34 Stille Helden
Die Geschichten von Helfern zeigen, dass es Handlungsalternativen gab, die
zwar riskant waren, aber nicht von vornherein todesbereiten Widerstand abver-
langten.

Rçdiger Fleiter
35-40 Kommunen und NS-Verfolgungspolitik
Die Kommunen wirkten an der NS-Verfolgungspolitik stårker mit als bisher an-
genommen. Dabei fçhrten die Rathåuser nicht nur Weisungen aus, sondern gin-
gen immer wieder çber zentrale Vorgaben hinaus.

Astrid Irrgang
41-46 Feldpost eines Frontsoldaten
Die Einzelfallstudie zeichnet die Verwandlung eines Abiturienten vom Zivilisten
zum opferbereiten Wehrmachtsleutnant nach und untersucht die mentale In-
dienstnahme durch das Militår auf ihre breitere Gçltigkeit.