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Psychologie. Hirnforschung. Medizin.

Nr. 01/2019 € 7,90 · 15,40 sFr. · www.gehirn-und-geist.de

Neue Serie
Große Denkschulen
der Psychologie

Rausch
Das Chaos im Gehirn verrät viel
über das Bewusstsein

D 575 25

Gewaltfreie
Emotionen Kommunikation Neuroimplantate
Neuroforscher knacken Auf die Beziehung »So lebe ich mit
den Gefühlscode kommt es an Hirnschrittmacher«
DIE WOCHE DAS WÖCHENTLICHE WISSENSCHAFTSMAGAZIN

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ATLAS EXPERIMENT, CERN 2014

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EDITORIAL

Unter Dirndln I N D I E S E R AU S G A B E

weimal im Jahr wird der kollektive Rausch ein paar

Z Wochen lang Teil meines Alltags. Dann sind die Abteile


der Stuttgarter S-Bahn nach Feierabend voller lauter –
und meist fröhlicher – Menschen in Dirndl und Lederhose.
Es wird gekichert, gesungen, geschnarcht und gepöbelt und
der Duft der vielen erfolgreich geleerten Maßkrüge liegt in
der Luft.
Solche »rauschhafte Vergemein-
schaftungen«, wie sie die Soziologin Malek Bajbouj
Yvonne Niekrenz nennt, treten nicht von der Charité in Berlin ergründet, wie
nur bei Volksfesten wie dem Cann- Gefühle im menschlichen Gehirn entstehen.
statter Wasen, sondern auch beim Ab S. 38 gibt er einen Überblick über
Fasching, auf Festivals oder bei Fuß- die Geschichte der Emotionsforschung.
ballspielen auf. Ihnen gemeinsam
ist: Ausgelassenheit, Enthemmung
und ein Gefühl der Zusammenge-
Liesa Klotzbücher hörigkeit. In jeder Gesellschaft gibt
Redakteurin es Enklaven, in denen die üblichen
klotzbuecher@spektrum.de Konventionen des Alltags außer
Kraft gesetzt werden, sagt Niekrenz,

LUKAS GRUENKE
die über den rheinischen Karneval promoviert hat. Dafür hat
sich die aus Norddeutschland stammende Forscherin selbst
in den Kölner Straßenkarneval begeben, mit feiernden Jecken
geredet, Prunksitzungen besucht und als Mitglied einer Christian Jung
bekam vor knapp zehn Jahren die Diagno-
Prinzengarde an einem Festumzug teilgenommen. Im Inter-
se Parkinson. Im Sommer 2018 ließ er
view ab S. 20 spricht sie mit meinem Kollegen Steve Ayan sich einen Hirnschrittmacher einsetzen.
über die Funktion des Rauschs und die Frage, ob er einen Seine Eindrücke aus der Wach-OP und der
geregelten Rahmen und Rituale benötigt. Zeit danach schildert er ab S. 58.
Auch der Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris er-
forscht das Thema, allerdings mit einer völlig anderen Heran-
gehensweise und einem anderen Ziel. Er verabreicht Freiwil-
ligen im Dienst der Wissenschaft Halluzinogene und unter-
sucht, was anschließend im Gehirn passiert. Denn unter dem
Einfluss der Drogen wird das Denken schrankenlos, die Gren-
ze zwischen Ich und Umwelt verschwimmt. Carhart-Harris
hofft, durch seine psychedelischen Experimente das Wesen des
menschlichen Bewusstseins, jenes große Rätsel der Hirnfor-
schung, besser zu verstehen. Auch dazu kann der Rausch
offenbar gut sein. Laurent Cohen
vom Hôpital de La Pitié-Salpêtrière in Paris
Eine berauschende Lektüre wünscht berichtet ab S. 66 von einem Patienten,
der nach einem Autounfall plötzlich nicht
mehr rechnen konnte.

GEHIRN&GEIST 3 01_2019
IN DIESER AUSGABE

LINKS: ANTONIOGUILLEM / STOCK.ADOBE.COM;


MITTE: ILBUSCA / GETTY IMAGES / ISTOCK;
RECHTS: ZEPHYR / SCIENCE PHOTO LIBRARY
Psychologie Hirnforschung Medizin

Gewaltfreie Die Vermessung Hirnschritt-


Kommunikation der Gefühle macher 2.0
24 »Hartes Verhandeln« führt
selten zum Ziel. Wer
Konflikte erfolgreich lösen will,
34 Schon lange fahnden For-
scher nach den neuronalen
Grundlagen von Emotionen. Der
52 Mit gezielten elektrischen
Impulsen direkt ins Gehirn
behandeln Ärzte bereits zahlreiche
muss die Bedürfnisse und Anatom Franz Joseph Gall etwa neurologische Erkrankungen. Neue
Gefühle des Gegenübers wahr- glaubte um 1800, das Gehirn beste- »Closed loop«-Systeme, die solche
nehmen – und seine eigenen he aus verschiedenen Organen, von Stromschläge dosierter abgeben,
preisgeben! denen jedes bestimmte Neigungen versprechen einen größeren Effekt
Von Katja Gaschler steuere. Heute nutzen Psychiater bei weniger Nebenwirkungen.
Erkenntnisse aus dem Hirnscanner, Von Christian Jung
31 Serie »Denkschulen um affektive Störungen gezielt zu
der Psychologie« Teil 1 behandeln. 58 Unter Strom
Das Sein in der Von Malek Bajbouj Um die Symptome seiner Parkinson-
Erscheinung erkrankung zu lindern, hat sich
Bewusste Empfindungen und Zu- 46 Die größten unser Autor Christian Jung einer
stände gehen mit einer ganz Experimente tiefen Hirnstimulation unterzogen.
besonderen Erlebnisqualität einher. Das Wie und Was Im Erfahrungsbericht schildert er
In diesem »Erscheinen der Dinge« des Sehens
die Operation und ihre Wirkung.
suchen Phänomenologen nach Die Neuropsychologen Melvyn
den grundlegenden Prinzipien des Goodale und David Milner ent- 64 Infografik
Geistes. deckten den zweifachen Pfad der Alzheimer verstehen
Von Luisa Maria Schulz visuellen Verarbeitung im Gehirn. Die wichtigsten Fakten über die
Seitdem ist klar: Ein Objekt zu neurodegenerative Erkrankung.
36 Gute Frage erkennen und damit zu hantieren,
Trauern Tiere? sind verschiedene Paar Stiefel. 66 Der rätselhafte Fall
Warum vermutlich auch Hunde und Von Daniela Ovadia Zahlensalat im Gehirn
Katzen trauern können und was Nach einem Autounfall kann Herr N.
das mit der Kontrolle egoistischer selbst bei einfachsten Rechnungen das
Impulse zu tun hat, weiß der Ergebnis nur noch schätzen. Was
Verhaltensforscher Kurt Kotrschal. passiert im Gehirn, wenn wir Mathe-
matik betreiben?
Von Laurent Cohen

GEHIRN&GEIST 4 01_2019
Editorial 3
Geistesblitze
u. a. mit diesen Themen: Warum
Lavendelduft beruhigend wirkt /
Schwerelosigkeit mit Folgen /
Senkt eine Blinddarm-OP das
Parkinsonrisiko? / Mamas
Stimme ist der beste Rauchmel-
der / Die richtige Dosis Sport
gegen Depression 6
Therapie kompakt
ADHS: Ungezügelte Kreativität /
Depression: Konkretes Denken
hilft beim Entscheiden / Trauma:
Wer die Wahl hat, wird schneller
gesund 50
Bücher und mehr
u. a. mit: Bandy X. Lee: Wie
gefährlich ist Donald Trump? /
Markus Gabriel: Der Sinn des
Denkens / Robert Rossa, Julia
Rossa: SOS Gefühlschaos 70
Impressum 75
TV- & Radiotipps 78
ALVINA_DENISENKO / GETTY IMAGES / ISTOCK

Vorschau 81

STEFFEN JÄNICKE; MIT FRDL. GEN. VON


Titelthema: Rausch ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Chaos auf Zeit Hirschhausens Hirnschmalz


Seit wann geht es um den
12 Unter LSD-Einfluss wird das Denken schrankenlos, die Grenze
zwischen Ich und Umwelt verschwimmt. Gleichzeitig arbeiten
neuronale Netzwerke im Gehirn dann desorganisierter als sonst. Diese
Patienten? 82

Unordnung sei auch der Grund für den außergewöhnlichen Geistes-


zustand, glaubt der Neuroforscher Robin Carhart-Harris. Mit psychede-
lischen Experimenten ist er dem Wesen des Bewusstseins auf der Spur.
Von Theodor Schaarschmidt

20 Interview
»Rausch ist ambivalent«
Die Soziologin Yvonne Niekrenz hat den rheinischen Karneval beforscht. Gehirn&Geist
Verpassen Sie keine Ausgabe!
Ihr Befund: Rausch braucht Regeln, um nicht aus dem Ruder zu laufen!
www.gehirn-und-geist.de/abo
TITELBILD: ALVINA_DENISENKO / GETTY IMAGES / ISTOCK

GEHIRN&GEIST 5 01_2019
GEISTESBLITZE

In solchen 3-D-Rekonstruktionen des Gehirns der Taufliege


BRZOZOWSKA / GETTY IMAGES / ISTOCK

können Forscher exakt jene Nervenzellen nachverfolgen, die das


Riechsystem mit den so genannten Pilzkörpern verbinden.

Riechen
Lila Beruhigungsmittel

L
avendelduft macht bekanntermaßen ruhig und Nase bestimmte olfaktorische Sinneszellen reizen, die
schläfrig. Verantwortlich dafür ist in erster Linie dann Nervensignale an das Gehirn schicken. Nachge-
der Inhaltsstoff Linalool – der seine Wirkung schaltete Hirnprozesse beruhigen letztlich die schnup-
tatsächlich nur dann entfaltet, wenn er über den pernden Tiere. Nager ohne Geruchssinn reagieren
Geruchssinn aufgenommen wird, wie japanische weder auf Lavendelduft noch auf Linalool, auch wenn
Forscher nun entdeckten. sie den Stoff über das Lungenepithel in den Körper
Typische Mittel gegen Angst- und Spannungszu- aufnehmen.
stände wie Valium oder andere Benzodiazepine Im Gehirn wirkt Lavendel dabei aber ähnlich wie
gelangen nach der Einnahme in der Regel über Magen die typischen Benzodiazepine auch: Beide aktivieren
und Darm ins Blut und von dort aus an bestimmte dieselben GABA-A-Rezeptoren. Blockierten die
Rezeptoren im Gehirn. Die Medikamente wirken Forscher diese mit dem Wirkstoff Flumazenil, unter-
effektiv, werden aber oft zu lange eingenommen und banden sie auch die beruhigende Wirkung des Dufts.
haben starke Nebenwirkungen. Zudem machen sie Lavendel oder Linalool dürften sich damit als
abhängig. vergleichsweise nebenwirkungsfreie und leicht
Lavendel hingegen habe keine solche Nachteile, anzuwendende Alternativen zu klassischen Beruhi-
berichten Hideki Kashiwadani von der Universität gungsmitteln anbieten, schließen die Forscher – zum
Kagoshima und seine Kollegen nach Experimenten an Beispiel zur Beruhigung von Patienten vor einer
Mäusen: Die flüchtigen Inhaltsstoffe der Blüte wirken einfachen Operation oder vor dem Einleiten einer
gar nicht, wenn sie geschluckt oder gespritzt werden Vollnarkose. Als generelle Einschlafhilfe hat sich der
oder in die Lunge gelangen und von dort ins Blut Duft ohnehin bereits bewährt.
übertreten. Stattdessen muss der Lavendelduft in der Front. Behav. Neurosci. 10.3389/fnbeh.2018.00241, 2018

GEHIRN&GEIST 6 01_2019
Demenz
Auch die Verpackung des Erbguts spielt eine Rolle

D
ie Alzheimerkrankheit gibt Wissenschaftlern soll. Dies wirkt sich stark auf die Expression der Gene
nach wie vor viele Rätsel auf. Sicher ist aber, aus: Die Ablesemaschinerie der Zelle erreicht dicht
dass es sich bei ihr um eine ziemlich komplexe verpackte Abschnitte nicht.
Erkrankung handelt, an deren Entstehung auch Dabei stießen Mill und seine Kollegen tatsächlich
epigenetische Prozesse beteiligt sind – also Mechanis- auf Unterschiede in Erbgutabschnitten, die etwa
men, die beeinflussen, wie unser Erbgut abgelesen regulieren, wie die bei der Krankheit eine wichtige
wird. Das unterstreicht eine Untersuchung von Rolle spielenden Tau- und Beta-Amyloid-Gene
Forschern um Jonathan Mill von der University of abgelesen werden. Diese Abweichungen sind in den
Exeter, für die das Team Proben aus dem entorhinalen Neuronen von Kranken und Gesunden regelmäßig
Kortex des Gehirns von verstorbenen Gesunden und auszumachen, so die Forscher. Ob sie Ursache oder
Demenzkranken analysierte. In diesem Areal machen Folge der Erkrankung sind, ist aber noch unklar.
sich neuronale Veränderungen bei Alzheimer beson- Bei Mäusen konnten Wissenschaftler bereits in der
ders stark bemerkbar. Vergangenheit erfolgreich Medikamente testen, die an
Ihr Augenmerk richteten die Wissenschaftler dabei Enzymen ansetzten, die Histone deazetylieren. Aller-
vor allem auf Abweichungen bei der Azetylierung von dings verfügen Mensch wie Maus über insgesamt elf
Histonen. Letztere fungieren als Verpackungsproteine verschiedene solcher Histondeazetylasen: Welche Ziele
des Erbguts: Sie sind chemisch mit verschiedenen idealerweise anzusteuern sind – und ob sich der
Markern versehen – beispielsweise eben Azetylgrup- Ansatz tatsächlich auf den Menschen übertragen lässt,
pen –, die regulieren, ob die Bindung zwischen DNA müssen weitere Versuche erst noch zeigen.
und Histonen lokal verdichtet oder gelockert werden Nat. Neurosci. 21, S. 1618–1627, 2018

Raumfahrt
Schwerelosigkeit mit Folgen

N
ach mehreren Monaten auf der ISS kehren offenbar dazu führt, dass der Liquor, der Gehirn und
Raumfahrer mit einem leicht veränderten Rückenmark umspült, vermehrt ins Gehirn eindringt
Gehirn auf die Erde zurück. Das berichtet ein und dabei das Gewebe leicht zusammendrückt.
Team um Peter zu Eulenburg von der LMU München. Ob sich diese Veränderungen auf das Denken
Die Wissenschaftler untersuchten für ihre Studie zehn auswirken, ist noch nicht erforscht. Berichten zufolge
Kosmonauten vor und nach ihrer Mission sowie sieben verschlechtert sich bei längeren Aufenthalten im All
Monate später im Hirnscanner. Die Teilnehmer hatten die Sehleistung der Astronauten. Auch dies könnte
im Schnitt 189 Tage an Bord der Internationalen darauf zurückgehen, dass die Gehirn-Rückenmarks-
Raumstation verbracht. Flüssigkeit auf Netzhaut und Sehnerv drückt.
Dabei schrumpfte offenbar die graue Substanz der N. Engl. J. Med. 379, S. 1678–1680, 2018
Probanden, also jene Teile des zentralen Nervensys-
tems, die hauptsächlich aus Nervenzellkörpern
bestehen. Gleichzeitig nahmen mit Flüssigkeit gefüllte
Bereiche an Volumen zu. Sieben Monate nach der
Rückkehr zur Erde hatte sich die graue Substanz bei
GEORGETHEFOURTH / GETTY IMAGES / ISTOCK

allen Teilnehmern größtenteils wieder erholt – dafür


hatte sich jedoch die weiße Substanz, die Nervenzell-
fortsätze enthält, im Vergleich zu den früheren
(SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)

Untersuchungen verringert.
Die Wissenschaftler machen dafür die veränderten
Druckverhältnisse verantwortlich, die unter Schwerelo-
sigkeit im Körper herrschen. Im Erdorbit zieht keine
Schwerkraft die Körperflüssigkeiten nach unten – was

GEHIRN&GEIST 7 01_2019
Nervensystem
Senkt eine Blinddarm-OP das Parkinsonrisiko?

M
ehr als 100 000 Menschen landen in Wie die Wissenschaftler in weiteren Experimenten
Deutschland pro Jahr mit einer Blinddarm- beobachten konnten, sammeln sich im Wurmfortsatz
entzündung auf dem OP-Tisch. Von der offenbar nach und nach größere Mengen an fehlgefal-
Erkrankung ist dabei genau genommen nicht der teten Alpha-Synuclein-Proteinen an, die bei Parkin-
Blinddarm selbst betroffen, sondern der Wurmfortsatz sonpatienten üblicherweise im Gehirn anzutreffen
(Appendix), ein nur wenige Zentimeter langes sind. Dort tragen sie vermutlich zum Absterben von
Anhängsel. Klagen die Patienten über Bauchschmer- dopaminproduzierenden Nervenzellen bei und sorgen
zen, Fieber und Übelkeit, hilft oft nur noch die so für die typischen Bewegungsstörungen. Bereits in
Entfernung des Appendix – und das kann langfristig der Vergangenheit gaben Studien Hinweise darauf,
vielleicht nicht nur vor weiteren Blinddarmentzün- dass Alpha-Synuclein sich auch im Darm der Betroffe-
dungen schützen: Wie Bryan Killinger vom Van Andel nen abzulagern scheint. Zudem klagen Parkinson-
Research Institute in Grand Rapids und sein Team patienten oft schon Jahre vor dem eigentlichen
entdeckten, leiden Menschen ohne Wurmfortsatz Krankheitsbeginn über Darmprobleme.
offenbar auch seltener an der Parkinsonkrankheit. Da sich bislang allerdings nur eine Korrelation und
Die Forscher analysierten Daten von etwa 1,6 Milli- kein kausaler Zusammenhang nachweisen ließ,
onen Schweden. Dabei fiel auf, dass Teilnehmer, warnen die Autoren davor, sich den Wurmfortsatz pro-
denen der Appendix entfernt worden war, ein rund phylaktisch entfernen zu lassen. Zumal neuere
20 Prozent niedrigeres Risiko hatten, später an Erkenntnisse darauf hindeuten, dass der Appendix
Parkinson zu erkranken – bei Probanden auf dem doch nicht so überflüssig ist, wie Mediziner lange
Land sank die Wahrscheinlichkeit sogar um ein annahmen: Auch heute noch scheint er bei gewissen
Viertel. Zudem begann die Krankheit bei den Betroffe- Immunprozessen eine Rolle zu spielen. Und auch eine
nen durchschnittlich 3,5 Jahre später im Vergleich zu Operation an sich sei schließlich nicht risikolos.
Menschen, die keine Blinddarm-OP benötigt hatten. Sci. Translat. Med. 10, eaar5280, 2018

Partnerschaft
Wer zusammenzieht, nimmt zu

W
er mit seinem Partner oder seiner Partnerin nahmen nach mehreren Jahren Trennung wieder zu.
in eine gemeinsame Wohnung zieht, nimmt Den anfänglichen Gewichtsverlust erklärt das Team
zu, berichtet eine Arbeitsgruppe um Jutta dadurch, dass Menschen, die neu auf Partnersuche
Mata von der Universität Mannheim nach einer Studie sind, ihr Gewicht bewusst reduzieren, um attraktiver
an knapp 21 000 Deutschen beiderlei Geschlechts. zu wirken.
Demnach legen Paare im neuen gemeinsamen Haus- Health Psychol. 37, S. 948–958, 2018
halt doppelt so viel an Gewicht zu wie in den ersten
WUNDERVISUALS / GETTY IMAGES / ISTOCK
(SYMBOLBILD MIT FOTOMODELLEN)

Ehejahren. Das bringt ein wenig Licht in die Frage,


warum Verheiratete im Schnitt mehr wiegen als
Singles: Offenbar hängt die Gewichtszunahme nicht
mit dem Familienstand zusammen, sondern in erster
Linie mit den veränderten Lebensgewohnheiten, die
eine Partnerschaft mit sich bringt.
Die Daten stammen aus dem Sozio-oekonomischen
Panel, bei dem Fachleute seit 1984 im Jahresrhythmus
regelmäßig insgesamt 12 000 Haushalte befragen. Mata
und ihr Team werteten Daten aus einem Zeitraum von
16 Jahren aus; dabei zeigte sich auch, dass das zusätzli-
che Gewicht wieder verschwindet, wenn sich die Paare
trennen – zumindest am Anfang. Besonders Männer

GEHIRN&GEIST 8 01_2019
GEISTESBLITZE

Verhaltensforschung
Hunde sind doch nicht so schlau

S
ind Hunde besonders kluge Tiere? Nicht unbe-
UNSPLASH / HYUNWON JANG (UNSPLASH.COM/PHOTOS/LYK3KSSQYEO)

dingt, meint nun ein Forscherteam, das mehr als


300 Studien zu diesem Thema ausgewertet hat: In
allen fünf »Disziplinen«, darunter Raumwahrneh-
mung, Selbstwahrnehmung und soziale Kognition,
erbrachten andere Tierarten mindestens ebenso gute
Ergebnisse.
Die Wissenschaftler um Stephen Lea von der
University of Exeter verglichen Hunde dazu mit
Tieren wie Schimpansen, Wölfen, Katzen, Delfinen
und Pferden. »Wir tun Hunden keinen Gefallen,
wenn wir zu viel von ihnen erwarten«, fasst Leas
Koautorin Britta Osthaus von der Canterbury Christ
Church University zusammen. »Hunde sind Hunde,
und bei der Frage, wie man sie am besten behandelt,
müssen wir ihre wahren Bedürfnisse und Fähigkeiten
berücksichtigen.«
In einer Mitteilung werfen die beiden Wissen-
schaftler manchen Fachkollegen einen Mangel an
Objektivität vor: »Uns schien es so, dass viele Studien
in der Hundekognitionsforschung darauf angelegt
sind, zu ›beweisen‹, wie klug Hunde sind«, sagte Lea.
Die Tiere würden beispielsweise mit Schimpansen
verglichen, und dann, wenn sie bei den Tests besser
abschneiden, als besonders intelligent dargestellt.
Learn. Behav. 10.3758/s13420-018-0349-7, 2018

Kinder
Mamas Stimme ist der beste Rauchmelder

B
richt nachts ein Feuer aus, entscheiden manch- zweite Kind aus dem Schlaf, und das auch erst im
mal Minuten oder Sekunden, ob sich die Schnitt nach zweieinhalb Minuten. Die Wissenschaftler
Bewohner des betreffenden Hauses in Sicherheit untersuchten außerdem, ob sich die Aufwachquote
bringen können oder nicht. Ein Rauchmelder kann noch weiter verbesserte, wenn die Mutter bei ihrer
deshalb Leben retten – sofern er denn gehört wird. Ansage auch den Namen des Kindes erwähnte – das
Versuche zeigen jedoch, dass insbesondere kleine war jedoch nicht der Fall. Getestet wurden insgesamt
Kinder durch das Piepsen nicht oder erst nach 176 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren. Die
Minuten aus dem Tiefschlaf geweckt werden. Laut Teilnehmer konnten sich damit bereits selbst in
Forschern gibt es jedoch eine sehr effektive Alternative: Sicherheit bringen, waren aber noch jung genug, um
die Stimme der Mutter. den charakteristischen, unerschütterlichen Tiefschlaf
In Schlaflabortests, die Wissenschaftler um Mark zu zeigen. Kinder über zwölf würden hinreichend
Splaingard vom Ohio State University College of schnell auf den herkömmlichen Alarm reagieren, so
Medicine durchführten, wachten 80 bis 90 Prozent der die Forscher. Weitere Tests sollen jetzt klären, ob
tief schlafenden Kinder fast augenblicklich auf, wenn ausschließlich die Stimme der Eltern den gewünschten
ihnen die Stimme der Mutter vorgespielt wurde. Der Weckeffekt hat oder ob dafür jede Stimme geeignet ist.
Alarm eines Feuermelders riss hingegen nur etwa jedes J. Pediatr. 10.1016/j.jpeds.2018.09.027, 2018

GEHIRN&GEIST 9 01_2019
ALEXANDER CHERNYAKOV / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)
Psychische Erkrankungen
Die richtige Dosis Sport gegen Depression

B
ewegung gilt als Stimmungsaufheller. Sie hebt die anstrengenden körperlichen Aktivitäten wie Joggen
Laune nicht nur bei passionierten Sportlerinnen oder Radfahren teilgenommen. Im Schnitt hatten sie
und Sportlern, sondern auch bei Menschen mit mehr als neun Wochen trainiert; doch auch die
Depressionen. Allerdings fällt es Letzteren krankheits- vierwöchigen Programme erzielten bereits einen
bedingt besonders schwer, sich zu regelmäßigen deutlichen Effekt.
sportlichen Aktivitäten zu motivieren. Wie oft und wie Die antidepressive Wirkung von Sport ist allerdings
lange sich die Betroffenen dazu aufraffen sollten, zeigt umstritten. Auf der einen Seite gibt es längst Hinweise
nun eine Metaanalyse: Dreimal wöchentlich eine darauf, wie der Effekt zu Stande kommen könnte, etwa
Dreiviertelstunde, und das einen Monat lang – dann sei über die Regulation des neuronalen Wachstumsfaktors
ein deutlicher antidepressiver Effekt bereits nachzuwei- BDNF im Gehirn. Auf der anderen Seite erläuterten
sen, erklären Wissenschaftler. Gesundheitsforscher der Universität Kopenhagen 2017
Die Daten stammen aus randomisierten klinischen in einem Review im »British Medical Journal«, dass die
Kontrollstudien, bei denen erkrankte Versuchsperso- antidepressive Wirkung von Sport überwiegend in
nen ambulant oder stationär mit Medikamenten, methodisch schwächeren Studien oder infolge eines
Psychotherapie oder beidem behandelt wurden. Ein Publikationsbias nachgewiesen wurde. Demnach
zufällig ausgewählter Teil trieb darüber hinaus regel- wären vor allem gewünschte Ergebnisse veröffentlicht
mäßig unter Aufsicht Sport. Das zusätzliche Training worden; der Effekt würde infolgedessen überschätzt. In
minderte die depressiven Symptome bei den insgesamt einem älteren Review für das Netzwerk Cochrane
455 Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 18 Collaboration waren auch britische Psychiater 2013 zu
und 65 Jahren. dem Schluss gekommen, dass methodisch gute
Wie das Team um den griechischen Sportpsycholo- klinische Studien lediglich einen kleinen Effekt bele-
gen Yannis Theodorakis von der Universität Thessalien gen. Das griechische Forscherteam schreibt aber, in
berichtet, wirkte das Training unabhängig von der den von ihnen verwendeten Daten keine Anzeichen für
Schwere der Depression und der Sportart; allerdings eine verzerrte Publikationspraxis gefunden zu haben.
hatten die Patienten in allen Studien an moderat Depress. Anxiety 10.1002/da.22842, 2018

Sozialverhalten In Ländern, in denen es verboten ist, Kinder zu schlagen,


gibt es auch weniger Gewalt unter Jugendlichen: Eigenen Aussagen
zufolge geraten dort rund ein Drittel weniger Jungen und nur etwa halb so
viele Mädchen »sehr häufig« in körperliche Auseinandersetzungen.
BMJ Open 10.1136/bmjopen-2018-021616, 2018

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GEISTESBLITZE

Selbstmitgefühl
Wer sich selbst verzeiht, leidet weniger unter Schmerzen

M
enschen, die nicht nur anderen, sondern auch Probanden weniger Anzeichen einer Depression zeig-
sich selbst mit Mitgefühl begegnen, werden ten und von geringeren Schmerzen berichteten. Dieser
offenbar weniger stark durch chronische Zusammenhang stand offenbar vor allem mit dem Maß
Schmerzen beeinträchtigt. Darauf deutet eine Untersu- an Selbstmitgefühl in Verbindung: Wer gütig zu sich
chung von einem Team um Sérgio A. Carvalho von der selbst war, war aktiver und weniger depressiv – und
Universität in Coimbra, Portugal, hin. Die Wissen- zwar unabhängig von der Intensität der Schmerzen.
schaftler untersuchten, was die Schmerzakzeptanz von Unter Selbstmitgefühl verstehen Forscher die
Patienten beeinflusst. Leidet jemand lange Zeit an Fähigkeit, sich auch bei Fehlern und Misserfolgen so
Schmerzen, die keine Therapie zu lindern vermag, hilft verständnisvoll und freundlich wie ein guter Freund zu
es oft, die eigene Sichtweise zu verändern: Statt die behandeln (siehe Gehirn&Geist 8/2018, S. 42). Wer
Pein zu bekämpfen und von sich zu schieben, kann es Aussagen wie »Ich versuche, meine Fehler als Teil der
sinnvoll sein, sie als Teil des Erlebens zu akzeptieren menschlichen Natur zu sehen« zustimmt, zeigt eher
und nach Wegen zu suchen, trotzdem verschiedenen Selbstmitgefühl als jemand, der sich für unliebsame
Aktivitäten nachzugehen. Wem das gelingt, der ist Eigenschaften Vorwürfe macht. Studien belegen, dass
besser davor geschützt, zusätzlich an einer psychischen Menschen, die sich selbst verzeihen können, besser
Störung wie einer Depression zu erkranken. gegen Stress und Belastungen gewappnet sind. Die
Um herauszufinden, was diesen Prozess begünstigt, Autoren glauben deshalb, es könnte vorteilhaft sein,
befragten Carvalho und seine Kollegen mehr als gerade Schmerzpatienten zu mehr Selbstmitgefühl zu
200 Schmerzpatienten, von denen die meisten die ermutigen. Ein ursächlicher Zusammenhang lässt sich
Diagnose Fibromyalgie erhalten hatten. Dabei entdeck- aus ihrer Studie allerdings nicht ableiten.
ten sie zunächst wenig überraschend, dass aktivere J. Clin. Psychol. 10.1002/jclp.22689, 2018

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TITELTHEMA

RAUSCH Unter dem Einfluss von Halluzinogenen verhalten sich


neuronale Netze viel desorganisierter als sonst, erklärt der britische
Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris. Mit seinen psyche-
delischen Studien will er ein neues Modell des Bewusstseins entwerfen.

Chaos auf Zeit


VON THEOD OR SCHAARSCHMIDT

GETTY IMAGES / AFP / FABRICE COFFRINI

GEHIRN&GEIST 12 0 1 _ 2 0 1 9
Der Schweizer Chemiker
Albert Hofmann entdeckte 1938
die Droge LSD – und testete
ihre halluzinogene Wirkung an
GETTY IMAGES / AFP / FABRICE COFFRINI

sich selbst.

GEHIRN&GEIST 13 0 1 _ 2 0 1 9
folgenden Jahrzehnten damit geschah, war Hofmann
zuwider: Der Harvard-Psychologe Timothy Leary pro-
pagierte als Guru der Hippiebewegung den Massenkon-
U N S E R AU TO R
sum von LSD. Gleichzeitig missbrauchten Geheim-
Theodor Schaarschmidt ist Diplom- dienste die Droge für fragwürdige Militärexperimente.
psychologe und arbeitet als Wissenschafts- Ende der 1960er Jahre setzten dann viele Staaten die
journalist in Berlin. Droge auf ihre Verbotslisten. Das bedeutete auch ein jä-
hes Ende für viele ehrgeizige Forschungsprojekte, wel-
che etwa die bewusstseinsverändernde Wirkung der

G
egen fünf Uhr nachmittags merkte der Substanz für die Psychotherapie nutzbar machen woll-
Chemiker, dass etwas mit ihm nicht ten. Mehrere Jahrzehnte lang wagten sich nur noch we-
stimmte. »Schwindel, Angstgefühl, nige seriöser Forscher an LSD und ähnliche Drogen –
Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz«, oder die zuständigen Ethikkomissionen und Förder-
hält er in seinem Protokoll fest. Der geldgeber machten ihnen einen Strich durch die
Heimweg mit dem Rad erschien ihm Rechnung.
beschwerlich: »Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte Das scheint sich heute radikal zu ändern. Die ehemals
und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. verschriene Substanz kehrt allmählich aus ihrer Verban-
Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom nung zurück. Immer mehr Wissenschaftler verwenden
Fleck zu kommen«, erinnert er sich. Die Nachbarin, LSD und verwandte Drogen für ihre Studien, nicht weni-
Frau R., kam ihm plötzlich vor wie eine »bösartige, ge sprechen von einer psychedelischen Renaissance in
heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze.« Einige der Forschung. Seit 2014 untersuchten mehr als 30 bild-
Stunden später sei die anfangs unangenehme Erfahrung gebende Studien die Wirkung dieser Stoffe. Die meisten
dann umgeschlagen: »Jetzt begann ich allmählich, das davon stammen aus Großbritannien, der Schweiz und
unerhörte Farben- und Formenspiel zu genießen, das Spanien. Ein Forscher scheint ganz besonders entzückt
hinter meinen geschlossenen Augen andauerte. Kalei- zu sein von den neuen Möglichkeiten: Robin Carhart-
doskopartig sich verändernd, drangen bunte phantasti- Harris, 37, Psychologe und Leiter der psychedelischen
sche Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich Arbeitsgruppe am Imperial College in London.
öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zer-
sprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständi- Psychedelika als Hoffnungsträger
gem Fluss.« Sogar Geräusche hätten sich in optische Er glaubt nicht, dass die Forschungsgremien laxer im
Empfindungen verwandelt, berichtet der Forscher: Aus Umgang mit diesen illegalen Stoffen geworden seien.
dem Rauschen eines vorbeifahrenden Autos wurde so Warum aber wurden dann in den letzten Jahren so viele
ein »in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wech- Studien mit Psychedelika genehmigt? »Das lässt sich
selndes Bild«. durch eine Art Schneeballeffekt erklären«, meint Car-
Was der Schweizer Albert Hofmann da im Frühling hart-Harris. Antragsteller könnten sich auf die vielen
1943 erlebte, sollte später als der erste dokumentierte erfolgreichen Projekte aus den letzten Jahren berufen.
LSD-Trip in die Geschichte eingehen. Noch heute feiern »Vielleicht ist es auch eine Generationenfrage. Junge
Fans der Droge in aller Welt den 19. April in Erinnerung Forscher, vielleicht auch persönlich erfahren mit psy-
an Hofmanns denkwürdige Radtour als »Bicycle Day«. chedelischen Drogen, wissen von vornherein, dass die
Dabei hatte der vorsichtige Wissenschaftler eine ver- Forschung an Substanzen wichtig ist«, so der Wissen-
meintlich winzige Dosis von 250 Mikrogramm zu sich schaftler. Er setzt große Hoffnungen auf Psychedelika:
genommen – tatsächlich jedoch ein Vielfaches der Mit ihrer Hilfe will er nicht weniger als ein neues Mo-
Wirkdosis dieses hochpotenten Stoffs. Doch was in den dell des menschlichen Bewusstseins erschaffen.

Auf einen Blick: Bruch mit der Ordnung

1 2 3
Unter dem Einfluss von psyche- Das Ausmaß der »Entropie«, Wissenschaftler untersuchen
delischen Drogen verhalten sich der Unordnung im Gehirn, ist den Einsatz von Psychedelika
Nervenzellen viel chaotischer. entscheidend dafür, in wel- in der Psychotherapie. Der
Zugleich wird das Denken schran- chem von zwei Bewusstseinszu- durch die Drogen induzierte außer-
kenlos, die Grenze zwischen ständen wir uns befinden, glaubt gewöhnlich offene Bewusstseins-
dem eigenen Ich und der Umwelt der Hirnforscher Robin Carhart- zustand könnte den Behandlungs-
fließend. Harris. erfolg verbessern, etwa bei thera-
pieresistenten Depressionen.

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TITELTHEMA / R AUSCH
DOI: 10.3389/FNHUM.2014.00020, 2014, FIG. 3 (FRONTIERSIN.ORG/ARTICLES/10.3389/FNHUM.2014.00020/

Nach der Gabe von Psilocybin (Grafiken links,


NEUROIMAGING RESEARCH WITH PSYCHEDELIC DRUGS. IN: FRONTIERS IN HUMAN NEUROSCIENCE 8,
R.L. CARHART-HARRIS ET AL.: THE ENTROPIC BRAIN: A THEORY OF CONSCIOUS STATES INFORMED BY

Teilnehmer 1
roter Balken) schwankte das so genannte
BOLD-Signal bei drei Versuchsteilnehmern im
Bereich des linken (blaue Linie) und rechten
(grüne Linie) Hippocampus deutlicher als
FULL) / CC BY 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/3.0/LEGALCODE)

zuvor. Anhand des durch funktionelle Magnet-


Signalschwankungen

Teilnehmer 2 resonanztomografie (fMRT) gemessenen Sauer-


stoffgehalts kann indirekt auf die Aktivität
bestimmter Hirnregionen geschlossen werden.
Insbesondere veränderten sich die Signale stark
in der rechten Hippocampusregion (farbige
Bereiche in den Hirnschnitten rechts).
Teilnehmer 3

Zeit in Minuten

Carhart-Harris begeht mit seinem Ansatz zwei Ta- nen Ich und unserer Umwelt unterscheiden; die Gren-
bubrüche auf einmal. Er hantiert mit illegalen Drogen zen verschwimmen. In diesem Ausnahmezustand seien
und scheut sich nicht vor Begriffen wie Unbewusstes wir anfällig für magisches Denken und Paranoia und
oder dem freudschen Ich, die viele Neurowissenschaft- hätten eine Vorliebe für Übernatürliches. Personen erle-
ler nur ungern verwenden. Man will sich fernhalten ben ihn häufig als positiv, mystisch und religiös; viele
von psychoanalytischen Theorien, die sich einer stren- halten ihn für eine Grundlage des kreativen Schaffens.
gen empirischen Testung meist entziehen und des- Und tatsächlich kamen etwa Probanden, die eine winzi-
wegen als unwissenschaftlich gelten. Carhart-Harris ge Menge halluzinogener Pilze konsumiert hatten, in ei-
sticht also in ein regelrechtes Wespennest, wenn er in nem 2018 veröffentlichten Experiment auf originellere
seinen Artikel immer wieder auf die Theorien von Sig- Ideen als eine Kontrollgruppe.
mund Freud zurückgreift. Der Brite bemüht sich aller-
dings, den alten Ideen neues Leben einzuhauchen – Anarchie im Gehirn
und prüft seine Hypothesen mit Hilfe von psychede- Carhart-Harris versteht das primäre Bewusstsein als
lischen Drogen. Atavismus, einen Rückfall in ein früheres Stadium evo-
Mit seinen unkonventionellen Methoden will Car- lutionärer Entwicklung. In einen solchen regressiven
hart-Harris einige harte Nüsse aus der Hirnforschung Zustand geraten Menschen beispielsweise in bestimm-
knacken: Was macht den gesunden Wachzustand eines ten Traumphasen, bei psychedelischen Trips oder zu
Menschen aus? Was ist das neuronale Korrelat dessen, Beginn einer Psychose. Die üblichen Regeln und Be-
was wir gemeinhin als Ich-Erleben bezeichnen? Und schränkungen des menschlichen Denkens seien dann
was genau geschieht im Gehirn, wenn der normale außer Kraft gesetzt, hier herrsche Anarchie im Nerven-
Wachzustand in eine Schieflage gerät? Um einer Ant- system (siehe Grafik auf S. 17).
wort auf diese Fragen näherzukommen, unterscheidet Doch was unterscheidet das primäre vom sekundä-
der Forscher zwei grundlegend verschiedene Ich-Zu- ren Bewusstsein auf neuronaler Ebene? Hier kommt ein
stände: Da wäre zunächst das sekundäre Bewusstsein. Begriff ins Spiel, den Carhart-Harris aus der Wärme-
Das ist gewissermaßen der Alltagszustand, also jener, lehre entlehnt hat: Entropie. Salopp gesagt die Unord-
in dem Sie (höchstwahrscheinlich) gerade diese Zeilen
lesen. Denn unter gewöhnlichen Bedingungen versu-
chen wir, die Welt präzise wahrzunehmen, Überra-
schungen zu minimieren und Erlebtes kritisch zu re- Robin Carhart-Harris ver-
flektieren.
Das primäre Bewusstsein hingegen sei gekennzeich-
mutet, das Chaos im Nerven-
net durch einen schrankenlosen Denkstil und einen system sei für die tief greifen-
sorglosen Umgang mit den Einflüssen von außen – bis
hin zu einem Gefühl des Einsseins mit dem Universum.
den psychologischen Effekte
Bisweilen könnten wir kaum noch zwischen dem eige- von LSD verantwortlich

GEHIRN&GEIST 15 0 1 _ 2 0 1 9
KURZ ERKL ÄRT: nung eines Systems. Prozesse in so komplexen Netzwer-
ken wie dem Gehirn laufen fast nie ganz geordnet ab,
Halluzinogene sind Drogen, die das Bewusstsein aber auch nicht vollkommen chaotisch. Das jeweilige
verändern und die Sicht auf die Realität verzerren. Ausmaß an Zufälligkeit lässt sich mit neurowissen-
LSD (Lysergsäurediethylamid) ist eines der stärks- schaftlichen Methoden abschätzen. Narkoseärzte ma-
ten bekannten Halluzinogene. Die zur Herstellung chen sich das beim so genannten Entropie-Monitoring
der synthetischen Droge notwendige Lysergsäure zu Nutze, welches mittels Elektroden Spannungs-
wird aus dem Mutterkorn gewonnen, einem gifti- schwankungen an der Kopfoberfläche misst. Dabei gilt:
gen Getreidepilz (oben). Einen ähnlichen Rausch- Je gleichförmiger das gemessene Signal, desto tiefer ist
zustand löst auch Psilocybin aus. Es ist in psycho- die Anästhesie. Wacht der Patient allmählich auf, wird
aktiven Pilzen wie dem in Mitteleuropa verbreite- es immer unregelmäßiger.
ten Spitzkegeligen Kahlkopf (unten) enthalten. Im primären Bewusstseinszustand – etwa während
eines Trips – weist das Gehirn laut Carhart-Harris’ The-
orie mehr Entropie auf als im normalen Wachzustand.
Die Signale verlaufen viel ungeordneter als im gewöhn-
lichen, sekundären Bewusstsein. Normalerweise wür-
ACCIPITER: R. ALTENKAMP, BERLIN (COMMONS.WIKIMEDIA.ORG/WIKI/FILE:MUTTERKORN_090719.JPG) /

den neuronale Mechanismen die Entropie aktiv unter-


drücken, um einen geordneten Ablauf sicherzustellen.
Diese versagen unter dem Drogeneinfluss jedoch, so die
Vermutung.

Frei umherziehende Gedanken,


CC BY-SA 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/LEGALCODE)

lebhafte Eindrücke
Um seine Hypothese zu testen, lud Carhart-Harris’ Ar-
beitsgruppe 15 Freiwillige für ein ungewöhnliches Expe-
riment ein. Alle waren älter als 21, ohne psychiatrische
Vorgeschichte und erfahren im Umgang mit psychedeli-
schen Drogen – so wollte es der Versuchsplan. Bevor
sich die Teilnehmer in einen Hirnscanner begaben, be-
kamen sie nach dem Zufallsprinzip ein Placebo oder
Psilocybin in die Venen gespritzt. Das ist der psychede-
lische Wirkstoff aus den »Zauberpilzen«, dem LSD
nicht unähnlich. Unter dem Einfluss der Droge erzähl-
ten die Versuchspersonen, ihre Gedanken würden ver-
mehrt frei umherziehen, sie berichteten von ungewöhn-
lichen körperlichen Empfindungen und einer lebhaften
Vorstellungskraft – das deckt sich mit vielen bekannten
Erfahrungsberichten.
Weitaus überraschender waren die Ergebnisse der
funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT): Be-
stimmte Hirnegionen wie der mediale präfrontale Kor-
tex und der posteriore zinguläre Kortex, die sonst eng
miteinander gekoppelt waren, agierten nun unabhängi-
ARP (MUSHROOMOBSERVER.ORG/IMAGE/SHOW_IMAGE/6514) / CC BY-SA 3.0

ger voneinander. Auch die Unordnung der Signale


schien unter dem Einfluss von Psilocybin zuzunehmen.
Dazu betrachteten die Forscher, wie sehr sich die Sig-
(CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/LEGALCODE)

nalstärke der einzelnen Datenpunkte in den fMRT-Auf-


nahmen vom Gruppenmittel unterschied. Bekamen die
Probanden lediglich ein Placebo gespritzt, agierten Ner-
venzellen eher einheitlich. Nach Gabe von Psilocybin
wichen die Signalstärken in den einzelnen Datenpunk-
ten plötzlich viel stärker von den Durchschnittswerten
ab, sprich: Das neuronale Netzwerk verhielt sich plötz-
lich viel chaotischer.
Das 2012 veröffentlichte Experiment lieferte Robin
Carhart-Harris und seinem Team einen ersten Hinweis

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TITELTHEMA / R AUSCH

darauf, dass an ihrer Entropie-Vermutung tatsächlich Halluzinationen, bei denen sich im visuellen Kortex ein
etwas dran sein könnte. Zwar konnte seine eher rudi- erhöhter Blutfluss und eine verminderte Alpha-Wellen-
mentäre Messung noch keine exakte Auskunft über das Aktivität zeigten.
tatsächliche Ausmaß an Entropie im Gehirn geben. So ein Entropiehoch könnte dabei helfen, Stereotype
Dennoch zeigt sie, dass sich bestimmte neuronale Netz- und rigide Denkmuster aufzubrechen, glaubt Carhart-
werke unter dem Einfluss der psychedelischen Droge Harris. Tatsächlich zeigte die Psychologin Katherine
viel desorganisierter verhalten. Seither erschienen wei- MacLean 2011, wie nachhaltig sich Psilocybin auf die
tere Studien, die mit anderen Messmethoden zu ähnli- Persönlichkeit auswirken kann: Selbst 16 Monate nach
chen Ergebnissen kamen. Michael Schartner und seine der Einnahme des Halluzinogenes zeigten die meisten
Kollegen spritzten Testpersonen entweder niedrig do- Teilnehmer eine deutlich erhöhte Offenheit für neue Er-
siertes Ketamin, LSD, Psilocybin oder ein Placebo. An- fahrungen in einem Persönlichkeitstest. Doch ob die
schließend maßen sie mit Hilfe der Magnetenzephalo- kurzfristig desorganisierende Wirkung der Droge im
grafie (MEG) die elektromagnetische Aktivität des Ge- Gehirn ursächlich für diesen Effekt war, bleibt unklar.
hirns. Schartners Team entdeckte, wie die MEG-Signale
nach der Injektion plötzlich deutlich stärker variierten Verändert Psilocybin die Persönlichkeit?
als in der Kontrollbedingung. Auch hier schien sich zu Bei einer Studie von 2018, an der auch Carhart-Harris
bestätigen: Unter Drogeneinfluss war die Entropie im beteiligt war, wiesen die Probanden, die an einer thera-
Gehirn messbar erhöht. pieresistenten Depression litten, drei Monate nach der
Carhart-Harris’ Thesen gehen allerdings noch ein Einnahme von Psilocybin ebenfalls eine höhere Offen-
ganzes Stück weiter: Er vermutet, dass dieses Chaos auf heit für neue Erfahrungen und Extraversion sowie ge-
Zeit im Nervensystem direkt für die tief greifenden psy- ringere Neurotizismuswerte auf. Auch andere Depressi-
chologischen Effekte von LSD und ähnlichen Substan- onsbehandlungen reduzieren das Ausmaß an Neuroti-
zen verantwortlich sei. So berichteten in einem 2016 zismus, doch die erhöhte Offenheit und Extraversion
veröffentlichten Experiment seiner Arbeitsgruppe vor war erstaunlich. Diese Veränderungen könnten daher
allem jene Probanden davon, unter LSD sei die Grenze auf den psychedelischen Effekt zurückzuführen sein,
zwischen dem eigenen Ich und der Umwelt fließend, vermuteten die Forscher. Zudem hing die Art, wie der
die eine reduzierte Kommunikation in einem Netzwerk Rauschzustand wahrgenommen wurde, und die dabei
von Arealen aufwiesen, die sonst beim Nichtstun aktiv erlebte Einsicht offenbar mit den Persönlichkeitsverän-
sind. Insbesondere die Aktivitäten des parahippocam- derungen zusammen.
palen und des retrosplenialen Kortex waren entkoppelt. Carhart-Harris will noch einen weiteren Unterschied
Ebenso erlebten vor allem jene Teilnehmer optische zwischen den primären und sekundären Bewusst-

Die Theorie vom entropischen Gehirn

Entropie hoch Entropie niedrig

superkritisch subkritisch

primärer sekundärer reduziertes


Bewusstseinszustand Bewusstseinszustand Bewusstsein

psychedelischer Trip, Koma,


gesunder
REM-Schlafphase, Narkose,
Wachzustand
Frühphase einer Psychose Tiefschlaf

Laut dem Neuroforscher Robin Carhart-Harris ist das Ausmaß an Entropie, also an neuronaler Unord-
nung im Gehirn, entscheidend dafür, in welchem Bewusstseinszustand wir uns befinden. Im Tief-
schlaf verläuft die Hirnaktivität eher gleichförmig. Während eines LSD-Rauschs nimmt die Entropie
hingegen deutlich zu, vermutet der Wissenschaftler.
nach Front. Hum. Neurosci. 10.3389/fnhum.2014.00020, 2014, Neuropharmacol 10.1016/j.neuropharm.2018.030.010, 2018

GEHIRN&GEIST 17 0 1 _ 2 0 1 9
Was hat das nun mit LSD und Zauberpilzen zu tun?
NEUROIMAGING RESEARCH WITH PSYCHEDELIC DRUGS. IN: FRONTIERS IN HUMAN NEUROSCIENCE 8, DOI:
10.3389/FNHUM.2014.00020, 2014, FIG. 2C (FRONTIERSIN.ORG/ARTICLES/10.3389/FNHUM.2014.00020/FULL) /

Während des gewöhnlichen sekundären Bewusst-


R.L. CARHART-HARRIS ET AL.: THE ENTROPIC BRAIN: A THEORY OF CONSCIOUS STATES INFORMED BY

seinszustands befindet sich das Gehirn laut Carhart-


Harris kurz vor dem Punkt der Kritikalität. Doch im
primären Zustand würde diese magische Grenze über-
schritten – das Gehirn befinde sich dann im Zustand
des »Superkritischen«. Die Entladungen seien dann
nicht nur viel chaotischer als unter normalen Bedin-
CC BY 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/3.0/LEGALCODE)

gungen, sondern auch instabiler und anfälliger für Ein-


flüsse von außen. »Das könnte die Überempfindlichkeit
für Umweltreize erklären, die für den psychedelischen
Zustand so typisch ist«, so der Forscher.
In der Tat reagieren viele Menschen während psy-
chedelischer Trips außergewöhnlich sensibel für äußere
Reize. Schon Timothy Leary sprach in den 1960er Jah-
ren davon, wie Set und Setting, also der innere Gemüts-
zustand und die äußere Reizumwelt, einen Drogen-
rausch maßgeblich beeinflussen können: Schließlich
können Trips mit ein und derselben Droge sehr unter-
schiedlich verlaufen – Nutzer erzählen von inspirieren-
Unter dem Einfluss der psychedelischen Droge Psilo- den Traumreisen, aber auch von bizarren Horrortrips.
cybin (oben) war die Kommunikation des dorsolatera- Manchmal können schon kleine Reizänderungen einen
len präfrontalen Kortex mit einer Reihe von Arealen, raschen Umschwung bewirken.
die ebenfalls beim Nichtstun aktiv sind, im Vergleich zu
vorher (unten) reduziert. Furcht einflößendes Klavierkonzert
Dieses Phänomen zeigte sich auch in einer 2018 erschie-
nen Therapiestudie des britischen Neurowissenschaft-
lers Mendel Kaelen. Dessen Team verabreichte Patien-
seinszuständen ausgemacht haben: das Maß an »Kriti- ten mit behandlungsresistenten Depressionen eine
kalität«. Damit bezeichnet man eine vertrackte Eigen- hohe Dosis synthetisches Psilocybin. Dann sollten sie es
schaft von Systemen, die aus sehr vielen ähnlichen und sich in einem kuschelig eingerichteten Zimmer gemüt-
miteinander verknüpften Elementen bestehen. Gemeint lich machen, eine Schlafmaske aufsetzen und klassi-
ist ein besonderer Zustand am Wendepunkt zwischen scher Musik lauschen. Doch nicht alle erfreuten sich an
Ordnung und Chaos. Das lässt sich gut an einem Stun- Beethovens 5. Klavierkonzert: Nur ein Teil der Patien-
denglas beobachten. Wenn Sand in den unteren Glas- ten erlebte die Musik als angenehm und beschrieb eine
kolben rinnt, bildet sich dort ein kegelförmiger Haufen. Harmonie mit dem Erlebten. Auf andere wirkte sie hin-
Kommt dann neuer Sand hinzu, löst dieser oft kleine gegen unangenehm oder gar Furcht einflößend. Tat-
Lawinen aus, die die Basis ausweiten und neuen Platz an sächlich sagte die Reaktion eines Patienten auf die Mu-
der Spitze schaffen. Die Lawinengrößen folgen dabei ei- sik voraus, wie sehr sich seine depressiven Symptome in
ner so genannten Potenzverteilung: Man kann viele den sieben Tagen nach dem Trip verbesserten. Die In-
kleine Lawinen beobachten, aber nur sehr wenig große. tensität des Rauschs hatte hingegen keinen Einfluss auf
Diese stetigen Umbrüche helfen also dabei, dass der die Stimmung. Allerdings verzichteten die Forscher auf
Sandhügel immer wieder zu seiner typischen Form zu- eine Kontrollgruppe. Auch deshalb bleibt unklar, ob das
rückkehrt. musikalische Erlebnis wirklich die Verbesserung der
Mit dieser »selbstorganisierten Kritikalität« versu- Symptomatik verursachte.
chen Wissenschaftler, eine Vielzahl unterschiedlicher Auch Carhart-Harris’ These der erhöhten Kritikalität
Phänomene zu erklären – etwa Plattentektonik, Wald- während außergewöhnlicher Bewusstseinsphasen lässt
brände oder Magnetismus. Auch im Gehirn lassen sich noch viele Fragen offen. Psychedelische Drogen bewir-
lawinenartige Entladungen von miteinander verknüpf- ken tatsächlich bei vielen Menschen eine bemerkens-
ten Nervenzellen beobachten, die diesem Potenzgesetz werte Offenheit gegenüber Einflüssen von außen. Je-
folgen. Deswegen vermuten einige Forscher, auch das doch konnte der Forscher bislang nicht beweisen, dass
Gehirn organisiere sich von selbst so, dass es sich stets sich das tatsächlich auf einen superkritischen Zustand
nahe der Kritikalität befindet – denn so sollen neurona- im Gehirn zurückführen lässt. Ein erstes Indiz stammt
le Netzwerke am effektivsten arbeiten können. Die Idee von Wissenschaftlern von der University of Auckland.
ist allerdings umstritten, noch ist die Beweislage eher Sie erfassten mittels verschiedener bildgebender Ver-
dünn. fahren potenzverteilte Aktivitätsmuster, um herauszu-

GEHIRN&GEIST 18 0 1 _ 2 0 1 9
TITELTHEMA / R AUSCH

finden, wie rhythmisch oder arhythmisch sich die elek- M E H R L E S E N AU F


trische sowie elektromagnetische Aktivität der Hirn- »SPEKTRUM.DE«
rinde verhielt. Unter Einfluss von LSD und Ketamin Darf man Halluzinogene in der Psycho-
veränderten sich die gemessenen Spannungsschwan- therapie einsetzen? Über die Chancen und
kungen, genauer der Alpha- und der Beta-Rhythmus. Risiken der psycholytischen Therapie und
Solche Potenzverteilungen sind typisch für kritische weitere neue Behandlungsansätze infor-
Zustände. Deswegen wertet Carhart-Harris die Studie miert das neue Gehirn&Geist-Dossier:
als Beleg dafür, dass psychedelische Drogen die Kritika- wwww.spektrum.de/shop
lität des Gehirns beeinflussen. Doch ob es wirklich ge-
nau diese neuronalen Effekte sind, die Drogennutzer
während ihrer Trips so anfällig für Umweltreize ma- Umgang mit ihrem bevorstehenden Tod zu finden. Der
chen, bleibt offen. Die gefundenen Aktivitätsmuster Mediziner betont freilich, dass die Substanz eine psy-
müssen nicht zwingend für das Vorliegen von Kritikali- chologische Begleitung keinesfalls ersetzen könne. Sie
tät sprechen. Es gibt auch andere Erklärungen dafür. sei in eine Therapie eingebettet und nicht wie ein Blut-
Ungeachtet dessen tüfteln einige Forscher wieder druckmittel, das man täglich zu Hause einnehme.
vermehrt daran, mit Hilfe von LSD und artverwandten Tatsächlich profitierten viele seiner Patienten von der
Drogen psychische Störungen zu behandeln. Die Idee außergewöhnlichen Reise und berichteten, nun weniger
dahinter: Der außergewöhnlich offene Bewusstseins- Angst vor dem Sterben zu haben. Auch depressive Pati-
zustand könnte als Katalysator für die Psychotherapie enten erlebten in den Wochen nach dem Trip eine deut-
dienen (ein Streitgespräch zum Thema lesen Sie in liche Verbesserung ihrer Symptome. Doch die For-
Gehirn&Geist 11/2018, S. 52). Neu ist das nicht. Schon schung steckt noch in den Kinderschuhen. Eine klassi-
seit den 1950er Jahren erprobten Forscher, wie mit einer sche Verblindung, wie bei klinischen Studien üblich,
psycholytischen Therapie etwa Alkoholismus oder greift bei psychedelischen Drogen nicht: Ob es sich um
»neurotische« Leiden behandelt werden könnten. Lei- eine Wirksubstanz oder ein Placebo handelt, spüren so-
der waren viele der Studien methodisch unsauber oder wohl Teilnehmer als auch Personal meist schnell. Zu-
schlecht dokumentiert. Mit dem Verbot dieser Drogen dem lässt sich in der Auswertung nur schwer auseinan-
versandeten auch die Versuche, Psychedelika in der derhalten, welchen Anteil die Droge selbst leistet – und
Therapie zu etablieren. was aufs Konto der psychologischen Betreuung geht.
Bleibt noch die Frage: Wie ergeht es den Patienten
Halluzinogene für die Psychotherapie während ihrer Trips im Dienst der Wissenschaft? Erns-
Doch auch in der Therapieforschung erlebten die um- te Nebenwirkungen bleiben zumeist aus. Zwar erlebten
strittenen Substanzen in den letzten Jahren eine Wie- einige Angstzustände, Paranoia, Kopfschmerzen oder
dergeburt. Davon zeugen viele neuere Therapiestudien, Übelkeit. Bleibende Schäden aber erlitt kein Proband.
die Psilocybin, LSD oder den Pflanzensud Ayahuasca Auch die Teilnehmer in Carhart-Harris’ bildgebenden
zur Behandlung psychischer Störungen einsetzen  – Studien überstanden ihre psychedelische Laborerfah-
etwa bei behandlungsresistenten Depressionen, Alko- rung problemlos – trotz der Enge und den lauten Klopf-
holabhängigkeit, Nikotinsucht oder Zwangsstörungen. geräuschen des Hirnscanners. »Wir hatten in mehr als
Der Schweizer Psychiater Peter Gasser erprobt LSD in 100 psychedelischen fMRT-Durchläufen erst einen Frei-
der Palliativmedizin: Die Substanz soll Menschen mit willigen, der uns bat, den Scanner wieder verlassen zu
unheilbaren Krankheiten dabei helfen, einen besseren dürfen. Es ist also definitiv machbar.« H

QUELLEN

Carhart-Harris, R. L et. al.: The Entropic Brain:


A Theory of Conscious States Informed by Neuroimaging Research with Psychedelic Drugs.
In: Frontiers in Human Neuroscience 10.3389/fnhum.2014.00020, 2014
Carhart-Harris, R. L.: The Entropic Brain – Revisited.
In: Neuropharmacology 10.1016/j.neuropharm.2018.030.010, 2018
Muthukumaraswamy, S. D., Liley, D. T.: 1/f Electrophysiological Spectra in Resting
and Drug-Induced States Can Be Explained by the Dynamics of Multiple Oscillatory Relaxation Processes.
In: Neuroimage 179, S. 582–595, 2018
Schartner, M. M. et. al.: Increased Spontaneous MEG Signal Diversity for Psychoactive
Doses of Ketamine, LSD and Psilocybin.
In: Scientific reports 10.1038/srep46421, 2017
Weiter Quellen im Internet: www.spektrum.de/1606798

GEHIRN&GEIST 19 0 1 _ 2 0 1 9
TITELTHEMA

GESELLSCHAFT Die Soziologin Yvonne Niekrenz von der Universität


Rostock erklärt, warum kollektive Enthemmung für viele von uns
ein fester Bestandteil des Lebens ist.

»Rausch ist
ambivalent«
Frau Doktor Niekrenz, Sie haben über den rheini- lich meist eng beschränkt – sie dauern maximal ein paar
schen Straßenkarneval promoviert. Was war das Tage, mit einem klar definierten Ende, und sie vollzie-
Ergebnis Ihrer Untersuchung? hen sich an bestimmten, öffentlichen Orten. Das hat
Ausgangspunkt war für mich die Beobachtung, dass es auch etwas damit zu tun, dass man umso mehr »Gas
in jeder Gesellschaft bestimmte Enklaven gibt, in denen gibt«, wenn man weiß, dass Aschermittwoch schon wie-
die üblichen Regeln des Alltags vorübergehend außer der alles vorbei ist. Aber nicht nur Karneval ist endlich,
Kraft gesetzt sind. Ob das nun das Oktoberfest ist oder sondern auch das Leben selbst. Dieser Memento-mori-
der Karneval, Fußballspiele oder Musikfestivals, hier Gedanke – die Einsicht in die Vergänglichkeit – ist zum
kommt es regelmäßig zu »rauschhaften Vergemein- Beispiel in bekannten Trinksprüchen enthalten: »So
schaftungen«, wie ich es nenne – die Ausgelassenheit jung kommen wir nicht wieder zusammen.« Und wenn
und das Überschreiten der sonst gültigen Konventionen wir uns an unsere eigene Sterblichkeit erinnern, ist das
stiftet eine besondere Form von Zusammengehörigkeit. oft ein wichtiger Antreiber und steigert den Exzess.
Mich hat interessiert, wie es dazu kommt. Laut der Aus-
wertung meiner Interviews scheinen dafür feste Rah- In der Psychologie gibt es die Terror-Management-
menbedingungen besonders wichtig zu sein. Ein auffäl- Theorie, wonach die Konfrontation mit der eigenen
liges Merkmal von solchen außeralltäglichen Situatio- Endlichkeit Menschen zusammenschweißt und
nen ist ihr stark reglementierter, fast schon ritueller beispielsweise patriotischer macht. Konnten Sie das
Charakter. Anfang und Ende des Feierns, der genaue bestätigen?
zeitliche Ablauf, die Verkleidungen, der Fundus an Lie- Unbedingt. Gerade im Karneval kann man beobachten,
dern, die man singt – diese Dinge geben dem scheinbar wie sich vollkommen Fremde in den Armen liegen und
so hemmungslosen Rausch ein recht enges Schema vor. den Moment zelebrieren. Die Gemeinschaft der Feiern-
Das gilt für den Karneval ebenso wie etwa für das Fan- den ist für kurze Zeit wie eine große, glückliche Familie.
verhalten im Fußballstadion. Das schließt aber keine Verpflichtungen ein. Nach dem
Fest geht jeder seiner Wege.
Es scheint, als müsse man gerade Ereignissen, bei
denen Menschen ihre Hemmungen fallen lassen, Warum tun Menschen so etwas? Welche Funktion
einen Rahmen geben. erfüllt es?
Das ist richtig. Beim Karneval etwa wird viel getrunken Für viele stellt es offenbar eine Art Ventil dar. Diese Me-
und getanzt, man singt, reißt Witze, lässt sich gehen. All tapher tauchte auch in meinen Gesprächen im Kölner
das sind Formen der Enthemmung. Solche rauschhaf- Karneval immer wieder auf. Das exzessive, ausgelassene
ten Events sind jedoch sowohl zeitlich als auch räum- Feiern ist für die meisten Karnevalisten wie eine Art

GEHIRN&GEIST 20 0 1 _ 2 0 1 9
YVONNE NIEKRENZ

(geboren 1980 in Güstrow) studier-


te Soziologie und Germanistik in
Rostock. Nach Stationen an der
Universität Bielefeld und der
Leuphana Universität Lüneburg
forscht und lehrt sie derzeit an der
Universität Rostock.
SILKE PAUSTIAN; MIT FRDL. GEN. VON YVONNE NIEKRENZ

Reinigungsritual, das einen von der Last des Alltags be- Viele Rauschformen sind körperlich anstrengend, es
freit. Das funktioniert naturgemäß aber nur dann, wenn geht dabei auch um Grenzerfahrungen wie etwa beim
irgendwann auch wieder Schluss damit ist und man Durchfeiern oder beim nächtelangen Computerspielen.
wieder in den üblichen Bahnen weiterlebt – und sich Das geht an die Substanz und wird entsprechend eher
auf die nächste Sause im folgenden Jahr freut. von jungen Leuten praktiziert, die sich schneller wieder
davon erholen können. Es gibt allerdings durchaus
Muss man für solche Sozialforschung eigentlich auch den »seniorengerechten« Rausch – das sind dann
selbst auch karnevalsbegeistert sein oder haben Sie meinetwegen die Wagner-Festspiele in Bayreuth oder
damit privat weniger am Hut? Stammtischrunden.
Ich komme aus dem karnevalsfernen Norden und hatte
für meine Forschung eine gute wissenschaftliche Dis- Sie haben die Ventilfunktion angesprochen. Gibt es
tanz, mit der ich ganz unvoreingenommen fragen konn- weitere gesellschaftliche Funktionen des Rauschs?
te, wie dieses Spektakel eigentlich funktioniert. Die Nun, die genannten Ereignisse haben häufig einen ge-
Menschen im Rheinland haben mir mit ihrer herzli- meinsamen Nenner: Sie stiften Gemeinschaft. Statt sich
chen Offenheit alles beantwortet und mich zum Feiern allein zu Hause einem Rausch hinzugeben, hat es schon
mitgenommen. eine besondere Note, gemeinsam mit anderen ein Kon-
zert oder Happening zu erleben. Man fühlt sich dabei
Es gibt viele Formen des Rauschs. Haben diese einen häufig als Teil eines größeren Ganzen. Für jüngere Men-
gemeinsamen Nenner? schen steckt darin meist auch ein Moment der Identifi-
Meist werden die substanzgebundenen Rauschzustände, kation. Man gehört eben zu diesen oder jenen Musik-
ausgelöst etwa durch Drogen wie Alkohol, Marihuana fans. Menschen bekommen hier eine Vorstellung von
oder LSD, von den nichtsubstanzgebundenen unter- gemeinschaftlichem Zusammenhalt.
schieden. Musik, Tanz und Lichteffekte auf Festen,
Konzerten oder organisierten Events wie Gaming Con- Steckt darin nicht immer auch ein Moment der
ventions oder auch Sportveranstaltungen können Abgrenzung von anderen, bis hin zu den einander
berauschend wirken. Gemeinsam haben solche Veran- feindlich gesinnten Lagern verschiedener Fußball-
staltungen, dass sich das Individuum dabei als Teil eines klubs oder benachbarter Karnevalshochburgen?
kollektiven Ausnahmezustands erleben kann. Ja, mit dem Wir-Gefühl wächst meist auch das Tren-
nende, manchmal sogar das Ressentiment gegenüber
Ist der Rausch ein Vorrecht der Jugend oder gibt es anderen. Rauschhafte Vergemeinschaftungen sind inso-
ihn in jedem Alter? fern ambivalent, sie können den Einzelnen mitunter zu

GEHIRN&GEIST 21 0 1 _ 2 0 1 9
TITELTHEMA / GESELLSCHAFT

Enthemmung fördert nicht potenzial etwa in der Legalisierung von weichen Dro-
gen wie THC liegen kann. Ich denke, das sollte man auf
nur originelle Gedanken, keinen Fall vergessen. Viele Substanzen sind an sich
sondern auch Impulse, die verboten, der Konsum geringer Mengen wird aber ge-
duldet oder zumindest nicht strafrechtlich verfolgt. Die
sonst durch soziale Kon- mit Abstand verbreitetste Droge, der Alkohol, ist dage-
ventionen gedeckelt werden gen nahezu frei zugänglich. Zwar gibt es ein Abgabever-
bot an Minderjährige und mancherorts kommt man
nach 22 Uhr nicht mehr so leicht an Alkohol heran, aber
die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Schäden
durch Alkohol sind schon immens. Es ist durchaus
Verhalten anstiften, das derjenige, nüchtern betrachtet, sinnvoll, die Verfügbarkeit insbesondere des substanz-
gar nicht gutheißt. Exzessiver Alkoholgenuss etwa oder gebundenen Rauschs zu regulieren. Um ihre guten Sei-
auch gewalttätiges Handeln. Bei allen positiven Aspek- ten hervorzubringen, müssen rauschhafte Ereignisse
ten des Rauschs gilt es darauf zu achten, dass Menschen und Zustände kanalisiert werden und brauchen Regeln –
sich und andere dadurch nicht allzu sehr schaden. Auch selbst wenn dies lediglich rituelle Festlegungen sind.
aus diesem Grund sind feste Regeln und Grenzen wich-
tig. Nicht umsonst gibt es eine ganze Reihe von Regeln Leben wir aber nicht in einer Zeit, die den Rausch
und Ritualen wie etwa den Karneval, die helfen können, zur Pflicht, gar zum Dauerzustand erhebt?
den Rausch zu regulieren. Rausch bedarf per Definition auch Phasen der Nüch-
ternheit. Permanenter Rausch ist Sucht, also patholo-
Rausch führt zu einer Enthemmung, die mal kreati- gisch. Wer sich allabendlich betrinkt oder andauernd in
ve Ideen freisetzt und mal dumpfen Vorurteilen und Onlinespielen den Kick sucht, hat ein Problem und
Gewalt zum Ausbruch verhilft. Wovon hängt das ab? braucht meist Hilfe. Die wachsende Zahl an Verhaltens-
Das ist schwer zu beantworten. Sicherlich spielen dabei süchten weist darauf hin, dass wir in der heutigen Ge-
der Kontext und die Erwartung eine große Rolle. Wer sellschaft dafür zumindest stärker sensibilisiert sind.
wie zum Beispiel die Beat-Literaten der 1960er Jahre un- Die »Festivalisierung« des modernen Lebens wurde von
ter Drogeneinfluss künstlerisch produktiv sein will, hat Soziologen bereits vor einiger Zeit diagnostiziert. Sie
im Rausch eben meist andere Offenbarungen als etwa wird erstens dadurch getrieben, dass der Rausch zu ei-
Rocker bei kollektiven Trinkriten. Natürlich werden nem riesigen lukrativen Markt geworden ist. Man über-
durch Enthemmung nicht nur originelle Gedanken häuft uns mit Angeboten, uns zu berauschen. Zweitens
oder Assoziationen gefördert, sondern auch Impulse, haben Erlebnisse dem materiellen Besitz vielfach den
die sonst durch soziale Konventionen gedeckelt werden. Rang abgelaufen, was das soziale Prestige angeht. Wir
So können sich rassistische Ausfälle oder andere höchst zeichnen uns heute gegenüber anderen weniger da-
bedenkliche Tendenzen Bahn brechen. Für die Dauer durch aus, was wir haben, als vielmehr durch das, was
des Rauschs wird das mitunter geduldet – nach dem wir erleben: exotische Urlaube, tolle kulturelle Events,
Motto: Lass den nur reden, der ist doch besoffen. Aber sportliche Verausgabung und so weiter. Selbst Einkau-
Rauschzustände bergen eben eine Gefahr, die man nicht fen oder zum Friseur gehen soll heute zu einem beson-
aus dem Blick verlieren sollte. deren Erlebnis werden. Hier haben wir es oft mit einer
Inflation dessen zu tun, was einmal ein Rausch war. Das
Viele Rauschzustände könnte man auch allein im nutzt sich allerdings schnell ab, es gibt keinen Rausch
stillen Kämmerlein herbeiführen, warum prak- ohne meist längere Pausen dazwischen.
tizieren wir das dennoch eher in Gemeinschaft?
Rausch dient oft dazu, Gesellschaft im Kleinen zu er- Hilft uns der kleine, wohl dosierte Rausch dabei, das
proben. Gesellschaft ist ja zunächst etwas sehr Abstrak- Leben zu meistern?
tes. In solchen Vergemeinschaftungen wie beim Karne- Es hilft durchaus, sein Augenmerk auf die beiläufigen
val wird dies in konkret Erfahrbares überführt. Das ist »Alltagsräusche« zu richten, die uns Befriedigung ver-
wichtig für den sozialen Kitt. Das bedeutet, wir fühlen schaffen. Auch Gefühle können berauschen – etwa die
uns in diesem Ausnahmezustand der jeweiligen Grup- Nähe zu anderen Menschen, die Anstrengung im Sport
pe besonders verbunden und identifizieren uns mit ihr, oder der Genuss von Musik. Es müssen nicht immer die
ob nun mit dem Sportklub oder einer Musikgruppe ganz großen Erlebnisse damit verbunden sein. H
oder auch einer lokal definierten Gemeinschaft.
Die Fragen stellte »Gehirn&Geist«-Redakteur Steve Ayan.
Sollten wir offener mit Rauschzuständen umgehen?
Der jüngste Drogen- und Suchtbericht der Bundesre- Dieser Artikel im Internet:
gierung weist deutlich darauf hin, welches Gefahren- www.spektrum.de/artikel/1606800

GEHIRN&GEIST 22 0 1 _ 2 0 1 9
LESERBRIEFE

SCHREIBEN
SIE UNS!
Voreilige Schlüsse Leserbriefe
Wer eine optimistische Lebenseinstellung hat, erkrankt
sind willkommen! Schicken Sie uns Ihren
seltener an Demenz. Höchste Zeit, unsere Sichtweise auf Kommentar unter der Angabe, auf welches
das Älterwerden zu überdenken, schrieb unser Kolum- Heft und welchen Artikel Sie sich beziehen,
nist Eckart von Hirschhausen (»Glaube versetzt Berge – einfach per E-Mail an: gug-leserbriefe@spektrum.de
und verhindert Plaques«, Heft 10/2018, S. 90). Oder kommentieren Sie im Internet auf spektrum.de direkt
unter dem zugehörigen Artikel. Die individuelle Web-
Andreas Grund, Uetersen: Der Wunsch nach demenz- adresse finden Sie im Heft jeweils auf der ersten Artikel-
freiem Leben als Vater positiver Gedanken? So müsste seite abgedruckt. Kürzungen innerhalb der Leserbriefe
werden nicht kenntlich gemacht. Leserbriefe werden in
ich den Artikel wohl verstehen. Mir drängt sich den-
unserer gedruckten und digitalen Heftausgabe veröffent-
noch ein anderer Gedanke auf: Kann es sein, dass Herr licht und können so möglicherweise auch anderweitig im
Hirschhausen zu früh die geistige Grundhaltung als Internet auffindbar werden.
beeinflussend für Demenz identifiziert? Oder ist die Folgen Sie uns auch auf Facebook und Twitter und
Aussage am Ende gar nicht so abschließend zu verste- diskutieren Sie mit:
hen, wie das hier rüberkommt? facebook.com/gehirnundgeist
So hießt es im Text etwa: »Siehe da: Die mit
twitter.com/gundg
positiven Erwartungen ans Älterwerden blieben fitter
im Kopf.« Leider wird im Umfeld dieser Formulierung
nicht ausreichend erklärt, wie man denn »positive
Erwartungen« eigentlich misst. Gleichzeitig ist dieses Herr Pauen meint, dass dies ein prinzipiell lösbares
»fitter im Kopf« nicht zwangsweise mit dem Begriff der Problem sei, und beschreibt die Abbildung von
Demenz verknüpft. Farbwahrnehmungen einer Person in einen Farben-
Viel offensichtlicher erscheint mir, dass sich eine raum als Beleg dafür, dass subjektive Empfindungen
beginnende Demenz schon früh in Form von depressi- objektiviert werden können. Leider ist Psychometrik
ver Stimmung zeigt. Zum Beispiel scheint das Zytokin nicht die Lösung, denn die gleiche Untersuchung
IL-6 sowohl Depressionen zu fördern, als auch im könnte man auch an einer Software durchführen, die
Zusammenhang von Demenz immer wieder aufzutau- auf Farberkennung spezialisiert ist, solange man das
chen. Auch eine Verbindung zu dem aktuellen Thema Verfahren an ihre Reaktionsmöglichkeiten anpasst,
Mikrobiom hätte sich derzeit geradezu aufgedrängt. und man würde ganz ähnliche Diagramme erhalten.
Hier lägen mögliche Zusammenhänge von Depression Dennoch würde ich dieser Software deswegen kein
und Demenz sogar viel näher. Summa summarum ist Bewusstsein unterstellen. Es mag ja sein, dass wir eines
die Aussage »Positives Denken verhindert Plaques« Tages in der Lage sein werden, Bewusstsein psychome-
meiner Meinung nach etwas vorschnell. Eine Depressi- trisch zu erfassen, so wie wir andere psychische und
on lässt sich allzu oft eben nicht einfach durch positi- psychologische Phänomene zu erfassen trachten wie
ves Dagegendenken beseitigen. Angst oder Dissoziation. Doch zeigt uns die Erfahrung
mit all diesen Phänomenen, dass wir in den meisten
Fällen nach wie vor Zaungäste einer Blackbox sind.
Zaungäste einer Blackbox Das Bewusstsein ist ein besonderer Fall, denn hier
Die Annahme, subjektives Erleben lasse sich wissen- müssen wir nicht nur Gesetzmäßigkeiten aufdecken
schaftlich nicht erklären, beruht auf Trugschlüssen, und beschreiben, sondern auch noch das Zustande-
argumentiert der Bewusstseinsexperte Michael Pauen kommen von subjektivem Erleben erklären. Ob sich
(»Denkfallen der Skeptiker«, Dossier 1/2018, S. 24). diese Lücke jemals schließen lässt, ist offen, denn das
Beste, was uns zur Handhabung bisher eingefallen ist,
Christian Hornstein, per E-Mail: Bewusstsein ist kein sind Korrelationen, also indirekte Hinweise.
kategoriales Phänomen, sondern ein graduelles. Viele Es geht um mehr als nur darum, das Phänomen
Faktoren modulieren es. Daher fällt die Qualität des Bewusstsein zuverlässig mit einem neuronalen
Erlebens für den Erlebenden je nach Situation so Erregungsmuster oder neurophysiologischen Prozes-
unterschiedlich aus. Wir sitzen alle in der ersten Reihe, sen zu korrelieren. Ein noch so valider und reliabler
wenn es um unser eigenes Bewusstsein geht. Das ist neuronaler Prädiktor erklärt uns immer noch nicht,
unser Erfahrungsprivileg, wie Herr Pauen es nennt. wie es sein kann, dass tote Materie, ab einem ganz
Beobachter hingegen müssen immer erschließen. Für bestimmten Organisations- und Interaktionsgrad,
uns kann unser Bewusstsein unmittelbar und evident emergent eine völlig neue Eigenschaft hervorbringt,
sein, für andere ist dies nie der Fall. und warum es ausgerechnet Bewusstsein ist.

GEHIRN&GEIST 23 0 1 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE

Gewaltfreie
Kommunikation
VO N K AT JA G A S C H L E R

OSTILL / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELLEN)

GEHIRN&GEIST 24 0 1 _ 2 0 1 9
SOZIALKOMPETENZ Mit klarem Ziel vor Augen
und den besten Argumenten gehen Sie in ein
Gespräch – und scheitern kläglich. Woran liegt
das nur?
OSTILL / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELLEN)

GEHIRN&GEIST 25 0 1 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Empathisch kommunizieren

1 2 3
Um in schwierigen Konflikt- Die »gewaltfreie Kommunika- Lange war nicht belegt, ob
gesprächen zu einer Einigung tion« (GFK), begründet durch GFK-Schulungen überhaupt
zu kommen, empfiehlt es sich den klinischen Psychologen etwas bewirken. Inzwischen
zunächst, Verbundenheit zwischen Marshall B. Rosenberg (1934–2015), ergaben kontrollierte Studien:
den Parteien aufzubauen. Dies beschreibt den Gesprächsprozess Teilnehmer können ihre Empathie-
gelingt, wenn alle Teilnehmer das zum Aufbau der Beziehung. Die fähigkeit verbessern und emo-
Gefühl haben, dass in der Dis- Methode wird von zertifizierten tional belastende Situationen besser
kussion ihre Bedürfnisse gehört Trainern unterrichtet. bewältigen.
werden.

D
er Freund meiner Schwester hatte sie Es geht darum, wie man etwas ausdrückt, also um
wieder einmal geschlagen, und sie rief Worte und Formulierungen. Jedoch ist GFK keine blo-
mich weinend an. Ich bin schnell da- ße Kommunikationstechnik, wie Trainer immer wieder
bei auszuteilen und hätte normaler- betonen. Vielmehr komme es darauf an, ein neues, em-
weise geschrien: ›Ich habe dir doch pathischeres Bewusstsein zu schaffen – aufmerksam zu
gesagt, du sollst dich nicht mit ihm sein dafür, was der andere fühlt und was er braucht, die
einlassen. Ich hab’s dir gesagt!!!‹ Aber damit war ich nie eigenen Emotionen und Bedürfnisse wahrzunehmen
wirklich zu ihr durchgedrungen  … Also, dieses Mal und auszudrücken – und damit auch persönlich zu
sagte ich: Wie fühlst du dich deshalb? Sie war vollkom- wachsen. Und der Begründer der GFK, Marshall B. Ro-
men von den Socken. Das hatte ich sie noch nie gefragt. senberg (1934–2015), versuchte tatsächlich zeitlebens
Wir redeten eine Weile, und ich hatte immer die gewalt- ganz im Sinn Mahatma Gandhis weltweit Frieden zu
freie Kommunikation dabei im Kopf … und ich glaube, stiften. Er arbeitete nicht nur als Therapeut mit psy-
ich half ihr, weil … es fühlte sich so an, als wenn sie mir chisch Kranken, verzweifelten Paaren und Familien,
zuhört.« (J. S.*, entlassen auf Bewährung) sondern vermittelte auch in der afroamerikanischen
Hin und wieder trifft man auf Menschen, die die Bürgerrechtsbewegung und half, die Rassentrennung
Welt verbessern wollen. Elizabeth Marlow gehört zu an den Schulen zu überwinden. Später gründete er eine
ihnen. Die Pflegewissenschaftlerin von der University gemeinnützige Organisation und rief Lehrgänge für
of San Francisco setzt sich für Menschen am Rand der Konfliktlösung in mehr als 60 Ländern ins Leben. Nicht
Gesellschaft ein: arme Familien, Obdachlose, Drogen- zuletzt reiste er selbst immer wieder in Kriegsgebiete
abhängige, Gefängnisinsassen. Um sich wirklich ändern wie Palästina, Serbien oder Ruanda, wo er verfeindete
zu können, so ihr Kredo, müsse man manchmal ganz Volksgruppen miteinander ins Gespräch brachte.
am Boden gewesen sein. Vielleicht auch deshalb ist sich Rosenbergs Wunsch nach einem friedlicheren Mitei-
Marlow sicher, dass gerade Straffällige von den Kursen nander kam nicht von ungefähr. Als Neunjähriger zog
zur »gewaltfreien Kommunikation« profitieren. er mit seiner Familie um, von Ohio nach Michigan in
J. S. ist einer von 30 Exhäftlingen, die an ihrer Stu- ein armes Viertel von Detroit. Dort herrschten Arbeits-
die teilnahmen. »Das Problem seiner Schwester ver- losigkeit, Überbevölkerung und Wohnungsnot, die
schwand natürlich nicht einfach, weil er die GFK ein- Neid und Hass zwischen den Ethnien schürten. In der
setzte, aber seine Verbundenheit zu ihr wuchs«, erklärt zweiten Woche nach seiner Ankunft, am 20. Juni 1943,
die Forscherin. Und das sei wichtig, denn je stärker brachen blutige Rassenunruhen aus. 34 Menschen star-
das soziale Netzwerk der Entlassenen, desto seltener ben, 433 wurden verwundet. Franklin Roosevelt beor-
werden sie rückfällig. Außerdem: Nach dem achtwöchi- derte schließlich 6000 Soldaten in die Stadt, um den
gen Training war seine Empathiefähigkeit messbar ge- Ausschreitungen Einhalt zu gebieten. Kaum hatte nach
stiegen. den Ferien die Schule wieder begonnen, beschimpften
Der Begriff »gewaltfreie Kommunikation«, kurz
GFK, weckt unterschiedliche Assoziationen. Manche
denken an Mahatma Gandhis gewaltlosen Widerstand,
andere vielleicht an die Hippie-Bewegung, an antiauto- U N S E R E AU TO R I N
ritäre Erziehung oder an Eheberatung. Worum handelt
Katja Gaschler ist Redakteurin bei
es sich bei der GFK genau – um eine Methode zur psy- »Gehirn&Geist«. Sie ist von der Vorstel-
chologischen Gesprächsführung, um Selbsterfahrung, lung einer gewaltfreien Kommunikation
Therapie oder um den Schlüssel zum Weltfrieden? Ir- in ihrer Familie begeistert. Leider holpert
gendwie vereint sie ein bisschen von allem. es noch bei der Umsetzung.

* Name geändert. Zitiert aus Marlow, E. et al., J. Correct. Health Care 18, S. 8–19, 2012

GEHIRN&GEIST 26 0 1 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / SOZIALKOMPETENZ

und verprügelten zwei Mitschüler Rosenberg wegen STECKBRIEF


seiner jüdischen Abstammung. All das nahm den Jun- G E WA L T F R E I E
gen stark mit. Bereits als Teenager, so schreibt der Psy- KO M M U N I K AT I O N ( G F K )
chologe später, habe er sich mit der Frage beschäftigt,
wodurch die mitfühlende Natur des Menschen derart Synonyme: einfühlsame Kommunikation,
verschüttet werden kann. Sprache der Liebe, Sprache der Einfühlsamkeit,
Ist es möglich, auch unter widrigsten Umständen Giraffensprache
empathisch miteinander umzugehen? Rosenberg war
davon überzeugt und wollte möglichst vielen Menschen Begründer: Marshall B. Rosenberg (1934–2015),
einen Weg dorthin aufzeigen. Zunächst aber studierte klinischer Psychologe
er Psychologie mit klinischem Schwerpunkt. Während
seiner Promotion arbeitete er zusammen mit dem hu- Verbreitung: weltweit; etwa 500 Trainer derzeit
manistischen Psychologen Carl Rogers (1902–1987), der im deutschsprachigen Raum
in den 1940er Jahren die klientenzentrierte Psychothe-
rapie entwickelt hatte. Vieles davon floss in Rosenbergs Schulungen: zunehmend im Gesundheitswesen
»gewaltfreie Kommunikation« ein, die in den 1960er und in angeschlossenen Studiengängen, in der
Jahren Konturen annahm. So baute er etwa auf Rogers’ Weiterbildung von Mediatoren, in größeren
Konzept des aktiven (empathischen) Zuhörens auf. Firmen und Konzernen, in der Jugend- und
Dazu gehört es, nachzuvollziehen, was eine vorgebrach- Familienhilfe sowie bei der Resozialisierung von
te Idee für den anderen bedeutet, die Gefühle des Ge- Straftätern
genübers zu erspüren sowie dessen Motive und Werte
zu begreifen, erklärt die Sozialpädagogin und GFK-
Trainerin Anne-Claire Museux von der kanadischen
Université Laval in Québec. Wir neigen dazu, uns in
Konfliktgesprächen sofort auf das gewünschte Ergebnis
zu konzentrieren. Doch zuallererst müsse man eine Be-

ETAN J. TAL (COMMONS.WIKIMEDIA.ORG/WIKI/FILE:MARSHALLROSENBERG1990.JPG) / CC BY-SA 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/LEGALCODE)


ziehung herstellen, die jedem die Sicherheit gibt, dass
seine Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Bitten, nicht fordern


Dazu braucht es die richtige Ausdrucksweise  – offen
und klar, aber keinesfalls urteilend oder wertend. Will
man eine Bitte vorbringen, lohnt es sich zu überlegen:
Was genau soll (und kann) der andere für mich tun (sie-
he »Konflikte ansprechen, ohne zu verletzen«, S.  29)?
Wird das Anliegen zu vage oder anklagend formuliert,
etwa: »Ich würde mir wünschen, dass du dich mehr für
den schulischen Erfolg unserer Tochter engagierst«, re-
agiert der Angesprochene vermutlich verletzt und ab-
wehrend. Besser wäre es zu fragen: »Ich mache mir
wirklich Sorgen, dass Lina wegen Mathe nicht versetzt
wird: Wärst du bereit, mit ihr für die nächste Klassenar-
beit zu üben?« Außerdem muss die Bitte verhandelbar
sein – sie ist ein Wunsch, dem der andere nachkommen
kann, keine Forderung, die bei Nichterfüllen bestraft
wird! Niemand, auch kein Kind, so Rosenbergs Über-
zeugung, wird etwas gerne und mit vollem Einsatz tun,
nur weil man es von ihm fordert.
Alles in allem keine leichte Aufgabe. Selbst wenn
man Rosenbergs Standardwerk »Nonviolent Commu-
nication« genau studiert oder an einem Kurs teilge-
nommen hat, ist es oft schwierig, die Ideen konsequent
umzusetzen. Rosenberg schlägt beispielsweise vor, im
empathischen Gespräch zu »paraphrasieren«, also in
eigenen Worten zu wiederholen, was wir verstanden Marshall Rosenberg benutzte zur Verdeutlichung
haben (»Wenn du sagst, dass …«), und eventuell eine der GFK oft zwei Handpuppen: Wolf und Giraffe.

GEHIRN&GEIST 27 0 1 _ 2 0 1 9
Vermutung anzuschließen (etwa: »Könnte es sein, dass emotionaler Stress sowie häufig auch Konflikte mit Pati-
du verletzt bist und mehr Wertschätzung brauchst?«). enten und Kollegen. 2014 boten Marcianna Nosek und
Manche Kursteilnehmer finden diese Ausdrucksweise ihre Mitarbeiter von der University of Francisco 55 Stu-
künstlich, oder sie fürchten, man könnte ihnen vorwer- dierenden der Krankenpflege im ersten Ausbildungs-
fen, eine »Technik« anzuwenden. jahr ein GFK-Training an. Nach der Intervention re-
Rosenberg reagierte auf diese Einwände. Wenn je- agierten die Versuchsteilnehmer laut einem validierten
mand zu uns sage »Lass mich bloß in Ruhe mit dem Fragebogen (Interpersonal Reactivity Index, IRI) tat-
Psychomist«, brauche er offenbar zunächst ein besseres sächlich empathischer. Allerdings fehlte auch hier eine
Verständnis unserer Absichten. Auch gelte es den kul- Kontrollgruppe.
turellen Hintergrund zu berücksichtigen: Ein chinesi- Diesen Mangel behoben die Psychologinnen Renata
scher Kursteilnehmer hatte ihm einmal eindringlich vor Wacker und Isabel Dziobek von der Freien Universität
Augen geführt, wie undenkbar es für ihn sei, seinen Va- Berlin 2016 in einer Studie mit Mitarbeitern einer
ter direkt auf dessen Gefühle anzusprechen. GFK beru- Gesundheitsorganisation. 29 Personen durchliefen ein
he nicht auf mechanisch anzuwendenden Regeln, be- dreitägiges GFK-Training, 27 weitere füllten lediglich
tonte Rosenberg. Sie sei eine Haltung, und die könne Fragebogen aus. Nach dem Kurs fiel es den Teilnehmern
man sogar ohne Worte üben, mit einem Blick, einem in einem inszenierten Konfliktgespräch leichter als zu-
Lächeln, einer Umarmung  … Gern erzählte er seinen vor, ihre eigenen negativen Emotionen mit Worten aus-
Zuhörern auch von Situationen, in denen er selbst falsch zudrücken. Zudem konnten sie besser gewaltfrei kom-
reagierte. Und er stellte klar: Es geht nicht darum, per- munizieren als die Kontrollpersonen. Die Empathie-
fekt zu sein, sondern es besser als bisher zu machen. messung (mit der deutschen Variante des IRI) zeigte
Rosenberg war Psychologe, Therapeut und besaß bereits einen positiven Trend, jedoch zu diesem Zeit-
eine charismatische Persönlichkeit. Niemand bezweifelt punkt noch kein klares Ergebnis. »Die Teilnehmer ler-
seine Erfolge. Aber reagieren »Laien« nach einem Trai- nen in der GFK zunächst, ihr Innenleben achtsamer
ning in GFK wirklich empathischer? Ändern Menschen wahrzunehmen und präziser auszudrücken«, erklärt
nachhaltig ihren Kommunikationsstil? Können sie nach Wacker. Dies sei aber erst die Voraussetzung dafür, an-
einem Kurs Konflikte besser lösen? Die Datenlage zur dere besser zu verstehen. Ein größerer Effekt stelle sich
Wirksamkeit einer GFK-Intervention war bis vor Kur- möglicherweise erst später ein, so die Psychologin.
zem noch äußerst dünn. Carme Juncadella von der Uni- Deutlich gesunken war dafür bereits der emotionale
versity of Sheffield nahm 2013 in ihrer Masterarbeit die Stress, den die Probanden empfanden, wenn sie mit den
existierenden Veröffentlichungen unter die Lupe. Le- negativen Gefühlen anderer konfrontiert wurden.
diglich 14 erfüllten die bescheidenen Mindestanforde-
rungen, und nur drei waren überhaupt in Journals pub- Dem Burnout in der Pflege vorbeugen
liziert worden. Fast alle Forscher beschränkten sich auf Tatsächlich sind Pflegekräfte überdurchschnittlich
qualitative Beobachtungen an eher wenigen Teilneh- burnoutgefährdet. »Kann man seine eigenen Gefühle
mern, und bloß zwei nutzten quantitative Methoden. nicht klar von den Gefühlen des anderen unterscheiden,
Elizabeth Marlows Studie von 2012 stellte bereits eine verringert dies die eigene emotionale Stabilität«, vermu-
positive Ausnahme dar: Von den 30 ehemaligen Häft- tet der Psychologe Tobias Altmann von der Universität
lingen beendeten immerhin 19 das Training und füllten Duisburg-Essen. Dies kann zu depressiven Verstimmun-
einen psychologischen Fragebogen aus. Auf einer neun- gen, Unsicherheit, Ängsten und psychosomatischen Be-
stufigen Skala markierten sie jeweils ihre Zustimmung schwerden beitragen. Zusammen mit Kollegen hat Alt-
oder Ablehnung zu 30 Aussagen wie: »Wenn ein Kino- mann 2015 das Ergebnis einer größeren randomisierten
film traurig endet, verfolgt mich das noch Stunden spä- Studie veröffentlicht: Rund 320 angehende Kranken-
ter« oder »Wenn jemand für sein Unglück selbst verant- schwestern und -pfleger nahmen nach dem Zufallsprin-
wortlich ist, kann ich ihn nicht sehr bedauern«. Aller- zip entweder an einem viertägigen GFK-Kurs teil oder
dings fehlte bei der Auswertung ein Vergleich mit einer landeten in der Kontrollgruppe.
Kontrollgruppe von Exhäftlingen, die keinen Kurs be- Drei Monate nach der Schulung kamen die Auszubil-
sucht hatten. Dennoch folgerte die Forscherin, dass die denden mit negativen Emotionen messbar besser zu-
Männer bei der zweiten Empathiemessung auf Grund recht. Sie stimmten in Tests etwa Aussagen wie »In den
der GFK besser abschnitten und nicht etwa, weil sie die- vergangenen Wochen  … wusste ich, wie ich mich im
ses Mal (bewusst oder unbewusst) mitfühlender ant- Moment fühle« oder »…  fühlte ich mich in der Lage,
worten wollten. auch mit negativen Emotionen umzugehen« eher zu als
In den vergangenen Jahren kamen jedoch einige aus- vor dem Training und auch stärker als die nicht geschul-
sagekräftigere Studien hinzu. Meist stammten die Pro- ten Studienteilnehmer. Zugleich ließen sie sich nicht
banden aus dem Heil- und Pflegebereich. Personen, die mehr so leicht von den Gefühlen anderer anstecken:
Kranken helfen wollen, brauchen einerseits ein beson- Aussagen wie »In vielerlei Hinsicht fühle ich mich ähn-
deres Einfühlungsvermögen, andererseits drohen ihnen lich wie meine Patienten« bejahten sie nun seltener. »In

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PSYCHOLO GIE / SOZIALKOMPETENZ

Konflikte ansprechen, ohne zu verletzen


Das Ziel der gewaltfreien Kommunikation besteht nicht darin, andere dazu zu bringen, das zu
tun, was wir gerne hätten. Vielmehr geht es darum, eine Beziehung herzustellen, in der sich das
»naturgegebene« Einfühlungsvermögen entfalten kann und die gegenseitigen Bedürfnisse erkannt
und anerkannt werden. Eine Mediation ist erfolgreich, wenn die Lösung die Bedürfnisse aller
erfüllt und niemand sich dadurch benachteiligt erlebt. Dazu müssen wir einerseits »empathisch
aufnehmen«, was andere sagen, andererseits uns selbst offen ausdrücken. Wollen wir ein Anliegen
vorbringen, so lässt sich der Prozess in seiner kürzesten Form so beschreiben:

Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d.

Für jeden Teilschritt hat Rosenberg detaillierte Vorschläge erarbeitet. Folgende stark verkürzte
Beschreibung an einem Beispiel soll das Prinzip verdeutlichen:

a = Beobachtung
Dies bedeutet zum einen die Situation zu betrachten, ohne zu urteilen. Oft bewerten wir andere,
ohne uns dessen bewusst zu sein. Sagen Sie etwa zu Ihrem Kind oder Partner: »Jetzt hast du im Bad
schon wieder deine schmutzige Unterwäsche auf den Boden geschmissen!«, dann beurteilen Sie
damit das Verhalten als zu oft (»schon wieder«), absichtlich (»geschmissen«) und die Kleider als
schmutzig (vermutlich sind sie nur getragen). Die GFK verbietet nicht jede Bewertung, sie drängt
aber darauf, diese von der reinen Beobachtung zu trennen. Letztere könnte zunächst einmal so
formuliert werden: »Ich sehe, dass im Bad deine Unterwäsche auf dem Boden liegt.«

b = Gefühle
Identifizieren Sie die Gefühle, die Sie selbst verspüren, und drücken Sie diese aus, etwa: »Ich bin
sehr verärgert.« »Ich fühle mich unwohl.« Oder vielleicht sogar: »Ich bin verunsichert.« Geben
Sie nicht den anderen die Verantwortung für Ihr Gefühl (»Ich bin traurig, weil du …«). Laut Rosen-
berg ist das Verhalten der anderen nur der Auslöser, niemals die Ursache Ihres Gefühls. Sätze
wie »Ich habe das Gefühl, du machst dir keine Gedanken darüber / dir ist das egal« drücken kein
Gefühl aus, sondern beschreiben nur, wie wir das Verhalten anderer interpretieren.

c = Bedürfnisse
Erkennen und akzeptieren Sie das Bedürfnis, das hinter Ihrem Gefühl steht, und übernehmen Sie
dadurch die Verantwortung dafür. Vielleicht haben Sie Angst, dass Ihr Kind später seinen Haushalt
nicht auf die Reihe bringt und als Messie endet? Dann haben Sie das Bedürfnis nach mehr Sicher-
heit. Möglicherweise fühlen Sie sich verletzt, weil Sie Ihre Bemühungen, den Haushalt in Schuss zu
halten, missachtet sehen. Dahinter könnte ein Bedürfnis nach mehr Wertschätzung stecken. Oder
Sie hassen nun einmal den Anblick von unaufgeräumten Zimmern, weil Sie ein Bedürfnis nach
Schönheit haben. Dann könnten Sie sagen: »Deine Unterwäsche liegt auf dem Boden im Bad. Wenn
ich das sehe, fühle ich mich unwohl, weil mir eine ordentliche Wohnung wichtig ist.«

d = Bitten
Wie können wir so bitten, dass bei anderen die Bereitschaft steigt, einfühlsam auf unsere Bedürf-
nisse zu reagieren? Zum einen gilt es, diese in positiver, konkreter Sprache formulieren. Dazu muss
man sich darüber im Klaren sein, welche genaue Handlung man sich vom anderen wünscht. Statt:
»Kannst du dich nicht besser um deine Klamotten kümmern?« könnten Sie sagen: »Könntest du
bitte nach dem Duschen die Wäsche in dein Zimmer mitnehmen oder am besten gleich in die
Waschmaschine tun?«

nach Rosenberg, M. B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Junfermann, Paderborn 2016, Konflikt­
beispiel von der Autorin (KG)

GEHIRN&GEIST 29 0 1 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / SOZIALKOMPETENZ

der gewaltfreien Kommunikation richten wir die Auf- kommunizieren, die anderen mit einem Nachbarn oder
merksamkeit gezielt einmal auf die Gefühle des Ge- einer Nachbarin. Alle waren nachträglich beim Lesen
sprächspartners und einmal auf die eigenen Gefühle  – erstaunt, wie viel weniger respektvoll und mitfühlend
das kann helfen, sie voneinander abzugrenzen«, sagt mit dem Kind umgegangen wurde. Formulierungen,
Altmann. Er freut sich zudem über erste Ergebnisse ei- die wir uns gegenüber einem Erwachsenen nie heraus-
ner noch laufenden Studie mit 400 Krankenpflegekräf- nehmen würden, um ihm nicht »auf den Schlips zu tre-
ten: »Bisher zeigt die Trainingsgruppe über zwölf Mo- ten«, scheinen wir im Dialog mit Kindern offenbar für
nate hinweg signifikant weniger Burnout, weniger De- angemessen zu halten.
pressivität und weniger psychosomatische Belastungen Mehr Respekt gegenüber den Jüngsten fordert auch
als die Kontrollgruppe.« der dänische Familientherapeut Jesper Juul. Er plädiert
für einen »gleichwürdigen« Umgang zwischen Eltern
Keine verbale Gewalt gegenüber Kindern und ihren Kindern: Wünsche, Anschauungen und Be-
Für Rosenberg war es selbstverständlich, dass auch mit dürfnisse beider »Partner« sollen gleichermaßen ernst
Kindern in der »Sprache der Liebe« kommuniziert wer- genommen werden. Ermahnungen und Anweisungen
den muss. In seinen Büchern schildert er eindrucksvoll, sind dabei fehl am Platz, so der Experte, sie würden das
wie er mit Hilfe der GFK sogar Zugang zu Jugendlichen Selbstwertgefühl der Kinder untergraben. Viele Eltern
fand, die als äußerst schwierig galten. Inzwischen inter- fragen sich allerdings, ob sie damit ihren Nachwuchs
essieren sich viele Lehrer für das Thema gewaltfreie langfristig einen Gefallen tun. Leidet ein Kind, das von
Kommunikation. Aber selbst wenn Schulen heute mehr Mama oder Papa nie angepflaumt wird, nicht umso
Wert auf die sozialen Kompetenzen ihrer Schüler legen mehr unter dem harscheren Ton in Kindergarten, Schu-
und konsequenter gegen Mobbing vorgehen – das Ler- le oder überhaupt im »späteren Leben«?
nen und Lehren basiert mit wenigen Ausnahmen schon Rosenberg übernahm übrigens persönlich die GFK-
durch die Notengebung auf dem Belohnungs- und Ausbildung der Lehrer an der Montessori-Grundschule
Strafprinzip. Manche Grund- und Gemeinschaftsschu- seiner Kinder. Und machte sich durchaus Sorgen, als
len verzichten zwar für einige Jahre auf eine Ziffernbe- sein Sohn an die weiterführende Schule wechselte. Tat-
wertung im Zeugnis. An ihre Stelle tritt dann allerdings sächlich traf der Neunjährige gleich am ersten Tag auf
oft eine detaillierte Bewertung des Arbeits- und Sozial- einen Lehrer, der ihn wegen seiner langen Haare abfäl-
verhaltens, wie sie vermutlich auch nicht im Sinn von lig als »kleines Mädchen« bezeichnete. Doch der pfiffige
Rosenberg gewesen wäre. Junge, ganz der Vater, nahm es nicht persönlich. Das
Und was können Eltern von der GFK lernen? Bei ei- unbefriedigte Bedürfnis des Lehrers lag ja auf der Hand:
nem Kurs ließ Rosenberg einmal zwei Gruppen einen »Papa, ich fühlte mich traurig für diesen Mann. Er hat
Dialog in einer festgelegten Konfliktsituation aufschrei- eine Glatze und scheint ein Problem in Bezug auf Haa-
ben. Die einen sollten dabei mit einem (fiktiven) Kind re zu haben.« H

L I T E R AT U RT I P P

Rosenberg, M. B.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Junfermann, Paderborn, 12. Auflage 2016
Das Standardwerk wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. In dieser Ausgabe hat Rosenberg das Kapitel
»Konfliktklärung und Mediation« hinzugefügt.
QUELLEN

Altmann, T. et al.: Evaluation of an Empathy Training Program to Prevent Emotional Maladjustment Symptoms
in Social Professions. In: Psychology 6, S. 1893–1904, 2015
Marlow, E. et al.: Nonviolent Communication Training and Empathy in Male Parolees. In: Journal of Correctional Health Care 18,
S. 8–19, 2012
Museux, A., Bouchard, R.: La communication non violente. In: Cerveau&Psycho 95, S. 64–69, 2018
Nosek, M. et al.: Nonviolent Communication (NVC) Training Increases Empathy in Baccalaureate Nursing Students:
A Mixed Method Study. In: Journal of Nursing Education and Practice 4, 10.5430/jnep.v4n10p1, 2014
Wacker, R., Dziobek, I.: Preventing Empathic Distress and Social Stressors at Work through Nonviolent Communication
Training: A Field Study with Health Professionals. In: Journal of Occupational Health Psychology 23, S. 141–150, 2018
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1606802
WEBLINK

Listet die GFK­Trainer in Deutschland, Österreich und der Schweiz:


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Seele im Netz
Die psychologischen Folgen
der Digitalisierung

Eine Publikation der

1
Eine Sonderveröffentlichung der

Liebe Leserin, lieber Leser,

können Sie sich noch an eine Zeit erinnern, in der Sie Münzgeld für die Telefonzelle in
Ihrem Geldbeutel bereithielten? Armdicke Telefonbücher die Ablage im Flur verstopften,
das Brockhaus-Lexikon als Maßstab verbrieften Wissens galt und Sie Überweisungen,
in Druckbuchstaben ausgefüllt, zur Bank trugen? Wie ein Tsunami hat die digitale
Revolution unseren Alltag überrollt: Wir lassen uns via Sprachausgabe von Google Maps
den Weg zum Urlaubshotel weisen, bestellen mit Siri und Alexa, was immer das Herz an
Waren weltweit begehrt, suchen nächtens im Internet mit kritischem Blick vom Neu-
wagen bis zum (Gebraucht-)Partner all jenes, von dem wir meinen, es könne unser Glück
mehren.
Doch was bedeutet diese Überflutung an autonomen Hilfestellungen und Wahlopti-
onen für unser psychisches Wohlbefinden? Wie hat – in rund anderthalb Dekaden – das
perfekt orchestrierte Zusammenwachsen aus Telekommunikation und Computertech-
nologie unsere Selbstwahrnehmung, unser Verhalten und den zwischenmenschlichen
Umgang verändert? Die psychologische Forschung hinkte diesen Fragen jedenfalls lange
hinterher.
Im Frühjahr 2018 kamen deshalb Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen auf
dem „22. Berliner Kolloquium“ der Daimler und Benz Stiftung zusammen. Unter dem
Titel „Internet und seelische Gesundheit – Forschung jenseits von Technikangst und
Bedenkenlosigkeit“ untersuchten sie, welche Maßnahmen von Forschern, aber auch von
politischen Entscheidungsträgern und Vertretern der Wirtschaft ergriffen werden
können, um diese tief greifenden Veränderungsprozesse in unserer Gesellschaft zu
gestalten.

Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht


Dr. Johannes Schnurr
Pressesprecher Daimler und Benz Stiftung

Eine Publikation von Spektrum der Wissenschaft CP für die Daimler und Benz Stiftung:

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2
Der Tanz ums Ich
macht nicht glücklich
„Digitale Demenz“, Smartphone-Sucht – über die seelischen Folgen des technischen
Fortschritts lässt sich trefflich spekulieren. Psychologische Zivilisationskritik
war und ist eine Erfolgsgeschichte, die zahlreiche Modeleiden hervorbringt.

Von Jens Bergmann

A
lles geht in Hast und Aufre­ und nur mit Aufbietung aller seiner Leiden an der Moderne so erfolgreich
gung vor sich (…). Das Leben geistigen Kräfte kann er sie befriedi­ werden konnten und bis heute sind –
in den großen Städten ist gen.“ Wie aktuell klingen diese Zeilen! und was ihren Reiz ausmacht ebenso
immer raffinierter und Nur das etwas veraltete Deutsch gibt wie ihre Schwächen.
unruhiger geworden“, klagt Wilhelm einen Hinweis darauf, dass diese Der Siegeszug des psychologischen
Erb, Direktor der Medizinischen Zeitdiagnose schon etwas älter ist – Denkens ist eng verbunden mit
Klinik der Universität Heidelberg. sie stammt aus dem Jahr 1893. der zweiten industriellen Revolution,
„Die Ansprüche an die Leistungs­ Ein Blick zurück lohnt sich, denn die in den 1870er Jahren einsetzt:
fähigkeit des Einzelnen im Kampf mit etwas Abstand wird deutlich, Die Massenproduktion beginnt, der
ums Dasein sind erheblich gestiegen, warum solche Diagnosen über das Wohlstand wächst, Familienbande

Daimler und Benz Stiftung / Oestergaard

3
Eine Sonderveröffentlichung der

lockern sich. Der technische und giemangel durch übermäßige Be­ ein Hit in der Psychoszene sowie in
ökonomische Fortschritt schafft die anspruchung der Nerven, so Beard. den Medien.
Voraussetzung dafür, dass die Vor­ Dieser Verlust muss in Form von Heute gilt das Syndrom als die
stellung von Individualität in größe­ Strom ausgeglichen, die Batterie Managerkrankheit – und wie früher
ren Bevölkerungskreisen möglich sozusagen wieder aufgeladen wer­ die Neurasthenie als Plage der mo­
wird. Er führt aber auch zu Irritatio­ den. Eine schlüssige Geschichte. dernen Arbeitswelt. Die Parallelen
nen. Die Menschen sind überwältigt Beard veröffentlicht sie 1880. Das sind frappierend: Beides sind Leiden
von der von ihnen selbst geschaf­ Buch wird zu einem internationalen gehobener Schichten mit einem
fenen Welt. Diese Stimmung greift Bestseller. Und obwohl es sich bei der gewissen Exklusivitätsanspruch.
die Psychologie auf und liefert Neurasthenie ja angeblich um eine Beide üben Zivilisationskritik mit
Erklärungen in Geschichtenform. amerikanische Krankheit handelt, therapeutischem Vokabular. Und
Ein großer Vorteil für die Autoren: breitet sie sich auch in Europa epide­ beide Krankheiten beruhen auf mit
Sie sind frei bei ihren Erzählungen. misch aus – sie liefert eine plausible Energie verbundenen Bildern. So
Denn während auf körperliche Lei­ Erklärung für das Lebensgefühl suggeriert der Begriff Burnout, die
den meist bestimmte objektiv festzu­ bürgerlicher Mittelschichten. gesamte Persönlichkeit könne wie
stellende Indizien hinweisen – das In der Zeit vor dem Ersten Welt­ ein Streichholz abbrennen. Zudem
Bein ist gebrochen, der Herzschlag krieg zählt die Neurasthenie zu den sind beide Leiden überaus allgemein
unregelmäßig –, ist dies bei psychi­ häufigsten Diagnosen. Es erscheinen definiert, es gibt kein exaktes Krank­
schen Leiden nicht der Fall. Bislang zahlreiche Studien und populäre heitsbild, nur eine lange Liste von
sind alle Versuche gescheitert, ein­ Ratgeber zum Thema, es geht in die Symptomen, die beim Burnout von
deutige biologische Ursachen für sie Literatur und den Alltagsdiskurs ein. Niedergeschlagenheit bis hin zu
zu finden, etwa Veränderungen im Der Volksmund spottet „Raste nie Humorlosigkeit reicht. Und sie bilden
Gehirn oder bei bestimmten Genen. und haste nie, sonst haste die Neu­ die Basis für jeweils lukrative Ge­
Und weil es keine harten Fakten rasthenie“. Und der Dadaist Kurt schäftszweige mit einem Berg Litera­
gibt, lässt sich über die seelischen Schwitters proklamiert: „Tod altem tur, therapeutischen Angeboten und
Folgen des technischen Fortschritts Rasten, hoch Neurasthenie!“ Experten.
unbeschwert spekulieren. Das beste Zu ihnen zählt beispielsweise der
Beispiel dafür ist die so genannte Von der Neurasthenie zum Burnout emeritierte Psychologieprofessor
Neurasthenie oder Nervenschwäche, Dann verschwindet die Krankheit Matthias Burisch, der ein eigenes
die Wilhelm Erb thematisierte. Erfun­ fast ebenso schnell, wie sie gekom­ Burnout­Institut unterhält. Er
den hat diese Krankheit der New men ist. Ein Grund ist der Erste schreckt auch vor Ferndiagnosen für
Yorker Neurologe George Miller Weltkrieg: Die Menschheit hat nun prominente Verstorbene nicht zu­
Beard. Er macht aus ihr die erste andere Probleme. Ein weiterer Grund rück: So attestierte er das Syndrom
Modekrankheit, einen globalen ist der Aufstieg der Psychoanalyse. unter anderem Moses und Ludwig
Psycho­Hit. Das Leiden sei, so Beard, Sigmund Freuds sexuell aufgeladene Wittgenstein. Nicht zuletzt können
eine Folge des Großstadtlebens. Die Theorie des persönlichen Lebens hat derartige Diagnosen den Patienten
allgemeine Hektik greife die Nerven ihren ganz eigenen Reiz – und treibt sowohl entlasten als auch auszeich­
des urbanen Menschen an. ebenfalls Zivilisationskritik, die sich nen. Nur wer seine Nerven anstrengt,
Zu den Symptomen zählt Beard mit dem Titel seines Spätwerks „Das kann sie erschöpfen; nur wer für
verbreitete Befindlichkeitsstörungen Unbehagen in der Kultur“ auf den etwas brennt, kann ausbrennen.
wie zum Beispiel Schlaf­ und Appetit­ Punkt bringen lässt. Die Burnout­Epidemie scheint
losigkeit. Außerdem betont er, dass Heute ist sowohl die Neurasthenie mittlerweile ihren Zenit überschrit­
es sich bei der Neurasthenie nicht als auch die Hysterie – die Leit­ ten zu haben. Es mehren sich Stim­
um eine Geisteskrankheit handle – neurose der Psychoanalyse – aus dem men, die bezweifeln, dass es dieses
kein Patient muss also fürchten, als öffentlichen Bewusstsein verschwun­ Syndrom überhaupt gibt. Auch das
irre zu gelten. Zudem veredelt den. Doch in den Siebzigerjahren ist eine auffällige Parallele zur Neu­
Beard das Leiden mit einem Schuss taucht ein Leiden auf, das eine ganz rasthenie.
Patriotismus. Die Neurasthenie sei ähnliche Funktion übernimmt wie So schrieb beispielsweise der
eine „amerikanische Krankheit“, einst die Neurasthenie: das Burnout­ Bonner Psychiater Carl Pelman schon
kein anderes Volk strenge sein Gehirn Syndrom. Den Begriff prägt der im Jahr 1888 im „Centralblatt für
und seine Nerven so an. Psychoanalytiker Herbert Freuden­ allgemeine Gesundheitspflege“: „Jede
Beards Story findet ihr Publikum. berger anhand eigener Erfahrungen. Zeit hat, wie ihre sonstigen Moden,
Seine am quirligen Broadway gele­ Er kümmert sich ehrenamtlich bis so auch ihre Modekrankheiten. Unter
gene Praxis kann sich vor Patienten zur Erschöpfung um drogenabhän­ den modernsten dieser Letzteren
kaum retten. Sie werden dort mit der gige Jugendliche. Später wird der begegnen wir mit am häufigsten der
Elektrotherapie behandelt. Denn die Begriff Burnout zur Chiffre für die Neurasthenie, Nervosität, Nerven­
Ursache der Neurasthenie sei Ener­ Risiken selbstlosen Engagements und schwäche, einer Affection, über

4
Daimler und Benz Stiftung/Oestergaard
welche Jung und Alt Klage führt
und sich recht unglücklich und
elend fühlt, ohne gerade krank in des
Wortes gebräuchlichem Sinne
zu sein.“
Eine treffende Definition. Und
auch unsere Zeit hat schon wieder ein
neues Modeleiden. Derzeit beklagen
erneut viele die allgemeine Beschleu­
nigung und Hektik. Außerdem die
ständige Ablenkung durch das allge­
genwärtige Internet. Wir alle, so das
Lamento, können uns nicht mehr
konzentrieren; die Aufmerksamkeits­
defizit­Störung scheint den moder­
nen Menschen im Griff zu haben.
Auch für dieses Problem hat die
Psychologie eine Lösung. Das Zauber­
wort heißt Achtsamkeit. Im Kern geht
es darum zu lernen, sich zu fokussie­
ren und den Augenblick auszukosten.
Man kann mittlerweile Seminare zu
achtsamem Essen buchen, seinen
persönlichen Achtsamkeitsgrad mit
Hilfe von Apps kontrollieren und
anschließend zur Entspannung die
Wohlfühlzeitschrift „Hygge“ lesen,
die den Trend ebenfalls reitet.
Der Vater der Bewegung ist Jon
Kabat­Zinn, ein dem Zen­Buddhis­
mus zugeneigter amerikanischer
Medizinprofessor. Er entwickelte in
den Siebzigerjahren einen Kurs zur
Reduzierung von Stress (Mindful­
ness­Based Stress Reduction). Diese
von ihren spirituellen Ursprüngen
gereinigte Meditation soll sich unter
anderem positiv auf chronische
Schmerzen, Schlafstörungen und
Ängste auswirken.
Da immer mehr Menschen unter
Stress oder Konzentrationsschwäche
leiden – oder dies meinen –, gibt es
über den engeren Kreis der Patienten
hinaus einen Markt für die Methode.
Sie verspricht in einer für die Psycho­
logie typischen Weise, Probleme in
Kompetenzen zu verwandeln: Alles
soll trainiert und gekonnt werden,
hier eben Achtsamkeit. Bemerkens­
wert an dem Konzept ist, dass auch
das Privatleben dem Effizienzgedan­
ken unterworfen wird. So findet sich
auf „Spiegel online“ der folgende
Tipp (siehe www.spiegel.de/gesund
heit/psychologie/achtsamkeit­
kleine­schritte­zur­entschleunigung­

5
Eine Sonderveröffentlichung der


Am problematischsten ist die Aufforderung


zum Tanz ums Ich: Sowohl Probleme als
auch Lösungen werden ausschließlich im
Individuum gesucht

a­890285.html): „Beim Zahnarzt oder Oberaufseher über die entsprechen­ bens erschöpft unsere Nerven, die
im überfüllten Bus sich und die den Trainings. Er ist ein gefragter moderne Arbeitswelt lässt uns aus­
Umwelt ganz bewusst wahrnehmen, Mann und stellt seine Ideen unter brennen, die sozialen Medien ma­
dabei unangenehme Gerüche, schril­ anderem in weiteren Konzernen vor. chen süchtig. Allerdings haben
le Geräusche, negative Gefühle und „Manchmal“, sagte Bostelmann der Menschen glücklicherweise die
Gedanken erkennen, aber auch wie „Süddeutschen Zeitung“, „muss ich Möglichkeit, auf individuelle Art mit
eine Wolke vorbeiziehen lassen. Denn bei all den Anfragen aufpassen, mein den Gegebenheiten umzugehen –
das ist das Geheimnis von Achtsam­ eigenes Meditieren nicht zu versäu­ oder diese gar zu ändern.
keit: wahrnehmen und loslassen.“ men.“ Der Mann ist sozusagen im Diesen subjektiven Faktor spart
Ein wesentlicher Grund für die Achtsamkeits­Stress. die populäre psychologische Zivilisa­
Karriere des Begriffs Achtsamkeit ist, Auch dieser Psychotrend reiht sich tionskritik mit ihrem schlichten
dass er – anders als ähnliche Kon­ ein in die Erfolgsgeschichte der Ursache­Wirkungs­Denken in aller
zepte wie autogenes Training – nicht Zivilisationskritik in Form von Dia­ Regel aus. Die einschlägigen Begriffe
nur eine Technik beschreibt, sondern gnosen, die jedoch Risiken und haben zudem starken Aufforderungs­
auch dazu taugt, Zivilisationskritik Nebenwirkungen mit sich bringt. Mit charakter. Auf die Frage, ob man eine
zu treiben. Die Zeiten sind zu schnell­ Abstand betrachtet scheinen solche innere Anspannung spüre oder es
lebig, wir kommen nicht mehr zur Modekrankheiten hauptsächlich aus am heutigen Tage wohl an Achtsam­
Ruhe, können die Gegenwart nicht viel Lärm um nichts zu bestehen, was keit habe fehlen lassen, liegt die
mehr genießen. besonders bei der Neurasthenie Antwort „ja“ eben einfach nahe.
augenfällig wird: Was soll man von Am problematischsten ist die mit
Wie Psychotrends in die Wirtschaft einer epidemisch auftretenden dieser Art Zivilisationskritik verbun­
expandieren Krankheit halten, die sich einfach so dene Aufforderung zum Tanz um das
Doch selbst dies ist kein neuer Ge­ in Luft auflöst? Ich: Sowohl Probleme als auch Lö­
danke. Der Psychoanalytiker und Modeleiden sind außerdem oft so sungen werden ausschließlich im
Philosoph Erich Fromm behandelte weit gefasst, dass allein dies schon Individuum gesucht. Wer unter
das Thema bereits 1956 in seinem stutzig machen sollte. Nützlich sind einem Burnout leidet, bekommt eine
Buch „Die Kunst des Liebens“. In schwammige Definitionen und Therapie, wer sich nicht auf seine
Zeiten der Digitalisierung erlebt es unscharfe Diagnosen vor allem für Arbeit konzentrieren kann, ein Acht­
eine Renaissance. die Anbieter – weil so ein sehr großer samkeitstraining. Dass sich auf diese
Wie bei allen erfolgreichen Psycho­ Kundenkreis angesprochen wer­ Weise gesellschaftliche Probleme
trends expandieren die Anbieter den kann. lösen lassen, muss bezweifelt werden.
über die klinische Praxis hinaus in Wie gut das funktioniert, zeigt Und glücklich scheinen die ein­
die Wirtschaft. Denn zum einen exemplarisch das Ergebnis einer schlägigen Angebote die Kundschaft
ist man in Unternehmen um der Studie der gesetzlichen Krankenver­ auch nicht zu machen. Es gab noch
Produktivität willen zunehmend am sicherung Pronova BKK. Sie kam nie so viel Psychologie wie heute –
Wohlbefinden der Mitarbeiter inte­ jüngst zu dem Ergebnis, dass 50 und noch nie so viele Menschen, die
ressiert – und zum anderen lässt sich Prozent der Arbeitnehmer meinen, so sehr mit sich haderten.
mit Konzernen mehr Geld verdienen kurz vor einem Burnout zu stehen.
als mit Kassenpatienten. 60 Prozent der Befragten hätten ab Jens Bergmann ist
Mittlerweile berichten Vorstände und zu Symptome, die auf baldiges Autor und stellvertre-
von Großunternehmen von ihren Ausbrennen hindeuteten. Zu diesen tender Chefredakteur
Meditationserfahrungen. Deutsch­ Symptomen wurden unter anderem bei „Brand eins“. 2015
lands erfolgreichster Softwarekon­ „innere Anspannung“ und „Rücken­ erschien sein Buch „Der
Tanz ums Ich – Risiken
Anna Kranzusch

zern leistet sich mit Peter Bostel­ schmerzen“ gezählt. und Nebenwirkungen
mann sogar einen „Director of SAP Argumentiert wird häufig mecha­ der Psychologie“ bei
Global Mindfulness Practice“ – als nisch: Die Beschleunigung des Le­ Pantheon.

6
Von selbst ernannten
Experten und
falschen Propheten
Soll man die kulturpessimistischen Untergangsszenarien
zum Thema Digitalisierung einfach hinnehmen oder widersprechen?

Von Jan Kalbitzer

J
ede neue Entwicklung ruft un­ Autorität als „Experte“ geht auch eine Hilfe einer App eine Studie durch, bei
weigerlich Untergangspropheten Verantwortung einher. der untersucht wurde, wie häufig am
auf den Plan. Einige verbreiten Am Beispiel der Auswirkungen der Tag Menschen ihr Smartphone
vornehmlich ihre eigenen Ängs­ Digitalisierung auf die Psyche zeigt einschalten. Die genaue Zahl, zu der
te, ohne diese ausreichend über­ sich sehr deutlich, warum Wissen­ er in seiner Studie kam und die in
prüft zu habe. Andere machen da­ schaftler in der Pflicht stehen, jene den Medien sehr häufig zitiert wird,
raus ein zynisches Geschäftsmodell Kollegen zur Ordnung zu rufen, die spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass
und verschaffen sich mit ihren ihrer Verantwortung nicht gerecht Markowetz auf der Grundlage dieser
Warnungen nicht nur Aufmerksam­ werden. Nämlich dann, wenn sie – be­ Studie und seines Buchs „Digitaler
keit und Macht, sondern auch finan­ wusst oder unbewusst – ihre wissen­ Burnout“ sich selbst auch zu einem
zielle Vorteile. schaftliche Objektivität aufgeben Experten für psychologische und
In den Sozialwissenschaften hat und ihre Macht missbrauchen, und pädagogische Themen ernannt hat
die Abwehr des Neuen, Ungewohnten sei es nur, um der eigenen Meinung und in dieser Rolle gern gesehener
mittels wissenschaftlicher Argumen­ eine größere Geltung zu verschaffen. Gesprächspartner in den Medien
tation – häufig auf Grundlage falsch geworden ist. Dabei sind seine Aussa­
oder überinterpretierter Studien – Experten werden gemacht gen teilweise so hanebüchen, dass
einen Namen: Sie wird als „moral Dabei sollten zunächst einmal zwei eigentlich jedem Journalisten auffal­
panic“ bezeichnet. Klassische Bei­ grundlegende Expertentypen von­ len müsste, dass er vor einem Laien
spiele sind die Pathologisierung der einander abgegrenzt werden: Der sitzt.
Masturbation oder der Homo­ eine Typus ist der vermeintliche Beispielsweise jene Aussage, nach
sexualität mit Verweis auf vermeint­ Experte, der auf dem Gebiet, in dem der das Problem mit dem Internet
lich objektive wissenschaftliche er öffentlichkeitswirksam Unsicher­ ein Problem des „Unterbewussten“
Befunde. heit verbreitet, kein Experte ist. Er sei und Probleme des Unterbe­
Der Schaden, den Wissenschaftler wurde nur durch Titel in anderen wussten „nur im Unterbewussten
durch diesen Missbrauch wissen­ Disziplinen, durch die Veröffent­ gelöst“ werden könnten. Zum einen
schaftlicher Autorität anrichten, lichung von Sachbüchern oder ist der Begriff „Unterbewusstsein“
erstreckt sich nicht nur darauf, dass schlicht durch Zufall von der Öffent­ unter Psychiatern nicht oder zumin­
Konflikte unnötig angeheizt werden. lichkeit zu einem Experten gemacht. dest kaum gebräuchlich – Psycholo­
Er beinhaltet auch die sozialen und Hierbei spielen auch Journalisten gen und Psychiater sprechen in der
psychischen Folgen von Stigmatisie­ eine wichtige Rolle, die diesem fal­ Regel vom „Unbewussten“.
rung und Ausgrenzung. schen Experten ungeprüft eine Zum anderen ist die Einlassung
Man könnte das Phänomen als mediale Bühne bieten und ihm so inhaltlich unsinnig: Ein wesentlicher
einen natürlichen Vorgang betrach­ erst den Status eines Experten ver­ Teil der Arbeit vieler Therapeuten,
ten und beobachtend hinnehmen. schaffen. die mit dem Konzept des Unbewuss­
Gerade da diese Reaktion ein immer Ein aus psychiatrischer Sicht ten arbeiten, besteht in der Bewusst­
wiederkehrendes Verhaltensmuster faszinierendes und eigentlich er­ machung unbewusster Prozesse. Also
darstellt, handelt es sich um ein staunlich offenkundiges Beispiel für eben gerade darin, sich die Dinge, die
dankbares Untersuchungsobjekt. diesen Typus ist der Informatiker man – in diesem Fall im Netz – tut,
Doch mit der gesellschaftlichen Alexander Markowetz. Er führte mit bewusst zu machen. Journalisten

7
Eine Sonderveröffentlichung der


Wir brauchen ein neues Bewusstsein dafür,


dass wiederholte übertriebene und
falsche Aussagen negative Folgen für das
gesellschaftliche Miteinander haben

sollten stutzig werden, denn diese provokative Aussagen verbreiten, die Während Internet­Experten wie
Formulierung gehört schon fast zu von Medien gerne aufgenommen Markowetz auf Grund ihres gerin­
den – mindestens unter Bildungsbür­ werden. Weil der Erfolg von Zeitungs­ geren Bekanntheitsgrads in der
gern – häufigeren Redewendungen artikeln, Radiosendungen und Videos Öffentlichkeit kaum Kritik erfahren,
(„Hast du dir das mal bewusst ge­ immer häufiger an den Klickzahlen hat sich gegen Spitzer mittler­
macht?“) und steht hinter den meis­ gemessen wird. Das Paradebeispiel weile sowohl unter Journalisten als
ten Interventionen in Bezug auf den für diesen zweiten Typus Wissen­ auch unter Wissenschaftlern
eigenen Internetgebrauch. Im Prinzip schaftler ist in Deutschland Manfred zunehmend Widerstand formiert.
auch hinter der App von Markowetz Spitzer. Eine wesentliche Rolle spielte dabei
und seinen Kollegen. Einer breiten Öffentlichkeit ist die Auseinandersetzung innerhalb
Spitzer als Kritiker des Internets der Scientific Community. In ihrem
Warum lassen sich Journalisten bekannt. Begründet hat er diesen Ruf Artikel „Digitale Demenz? Mythen
so leicht blenden? vor allem mit seinem Buch „Digitale und wissenschaftliche Befundlage
Weder dieser falsche Gebrauch der Demenz“ und mit seinen Auftritten zur Auswirkung von Internetnut­
Terminologie noch die fehlende in Talkshows. Dabei stoßen insbeson­ zung“ widerlegen beispielsweise die
Fachkompetenz des Informatikers in dere seine Aussagen zu den Auswir­ Medienpsychologen Markus Appel
Psychologie und Pädagogik hielten kungen des Internets und von Smart­ und Constanze Schreiner Spitzers
und halten jedoch Journalisten phones auf die Gesundheit von Thesen, indem sie sie mit der aktu­
davon ab, seine Aussagen als die Kindern immer wieder auf großes ellen Studienlage abgleichen.
eines Experten zu verbreiten – mit öffentliches Interesse. Zwar ließ sich Spitzer von diesen
der Konsequenz, dass beispielsweise Das ist insofern bemerkenswert, Einwänden nicht davon abhalten,
verunsicherte Eltern sich die unsin­ als Spitzer eigentlich Erwachsenen­ seine Thesen weiter zu verbreiten.
nigen Aussagen einer mittlerweile psychiater ist. Nun können auch Der Artikel wurde jedoch medial
hauptsächlich als „Keynote Speaker“ Erwachsenenpsychiater qualifizierte breit rezipiert und half so weiteren
auch im Bereich der Wirtschaft Aussagen zu den Auswirkungen von Journalisten und Teilen der Öffent­
tätigen Privatperson zu Herzen Umweltbedingungen in der Kindheit lichkeit bei der Einordnung von
nehmen. auf die Psyche des später Erwachse­ Spitzers Aussagen. Dennoch gab es
Warum lassen sich Journalisten nen machen, weil ihnen Erwachsene seitens der Universität, an der er
von derart unseriösen Wissenschaft­ über die Bedeutung von bestimmten einen Lehrstuhl hat und in deren
lern blenden? Teilweise liegt dies Faktoren in ihrer Kindheit berichten. Namen und auf der Grundlage des
sicher in der immer schlechteren Trotzdem überrascht, wie radikal sich von ihr verliehenen Titels er seine
Bezahlung journalistischer Arbeit Spitzer gegenüber Experten aus dem teilweise widerlegten Thesen ver­
begründet, die dazu führt, dass viele Bereich der Pädagogik positioniert, breitet, bisher offenbar keine Korrek­
Artikel schnell – ohne den Erwerb die mit diesem Thema oft nicht nur tur seiner öffentlichen Stellung­
von Fachwissen und ohne die Über­ mehr Erfahrung aus ihrer alltäg­ nahmen.
prüfung der Aussagen vermeintli­ lichen Arbeit haben, sondern im Die Verantwortung dafür, sich
cher Experten – geschrieben werden. Gegensatz zu Spitzer auch wissen­ öffentlich als Experte zu Themen zu
Die Empfänglichkeit der Journa­ schaftliche Studien dazu durchfüh­ äußern, bei denen man kein Experte
listen für falsche Aussagen dieser ren. Denn interessanterweise hat ist, haben primär jene, die es tun.
„Experten“ liegt aber möglicherweise Spitzer, der als Direktor der psychiat­ Und somit auch die Verantwortung
auch in einem Wechselspiel mit rischen Klinik in Ulm die klinischen für die daraus resultierenden Konse­
Experten begründet, die zum zwei­ und wissenschaftlichen Geschicke quenzen. Selbst wenn es hierzu
ten Typus gehören: diejenigen, die es einer großen universitären Abteilung bisher vor allem anekdotisches
besser wissen müssten und trotzdem leitet, zu dem Thema, zu dem er sich Wissen und somit keine ausrei­
grob vereinfachende und falsche, öffentlich mit größter Radikalität chende wissenschaftliche Grundlage
dafür jedoch häufig markante bis äußert, kaum geforscht. gibt, sind Berichte von Eltern darü­

8
ber, wie sie auf Grund der Verunsi­ missbrauchen, um ohne hinrei­ schließlich in einem Land der Mei­
cherung durch falsche Experten chende Grundlage Angst zu verbrei­ nungsfreiheit, und die gesellschaft­
ihren Kindern den Umgang mit ten, sei es auf Grund ihres eigenen lichen Anreize sind mitunter enorm,
neuen Technologien verwehren, Unbehagens als Privatperson oder im die Einladung anzunehmen, sich
Besorgnis erregend. Rahmen einer medialen Selbstver­ selbst zum Experten für alles zu
Es ist völlig selbstverständlich, marktungsstrategie. ernennen.
dass Kinder nicht stundenlang mit Eine große Verantwortung liegt Aber wenn eine Gesellschaft so
einer neuen Technologie, deren aber auch bei Journalisten, die diesen viele Experten hervorbringt, wie es
Auswirkungen noch nicht ausrei­ falschen Experten Zugang zur Öf­ unsere mit einem zunehmend auf­
chend verstanden ist, alleingelassen fentlichkeit verschaffen und diese als geblähten akademischen System,
werden dürfen. Doch sie brauchen Gatekeeper zusätzlich legitimieren; einer Ratgeberschwemme und über­
die nötige Kompetenz im Umgang bei Politikern, die diese falschen hitzten Medien derzeit tut, dann
mit den neuen Medien. Durch die Experten einladen und fördern; und braucht sie eine wirksame Strategie,
Panikmache falscher Experten erle­ bei öffentlichen und privaten Stif­ um diejenigen, die sich als falsche
ben aber Kinder ihre Eltern dann tungen, die diese Angstmacherei mit Experten erwiesen haben, wieder
nicht als kompetent, sondern als Fördergeldern belohnen. Und nicht loszuwerden.
ängstlich und übermäßig rigoros, so zuletzt bei Universitäten, die zu Zumindest bei Wissenschaftlern
dass sie sie bei Verunsicherung im unkritisch mit Wissenschaftlern lässt sich falsches Expertentum
Umgang mit dem Internet gar nicht umgehen, die medial und beim durchaus leicht erkennen. Die Grenze
erst zu Rate ziehen. Einwerben von Fördermitteln erfolg­ vom Experten zum falschen Prophe­
So entsteht eine noch größere reich sind, deren Aussagen sich aber ten wird eindeutig dort überschrit­
Gefahr – weil sie sich im Fall von nicht mehr auf der Grundlage dessen ten, wo jemand die Grenzen der
Cybermobbing oder sexuellen An­ bewegen, was von jemandem erwar­ eigenen Expertise weit hinter sich
züglichkeiten im Internet keine Hilfe tet wird, dem eine Universität die lässt und sich dabei nicht als Privat­
holen und dadurch noch leichter Würden des Expertentums verleiht. person zu erkennen gibt, sondern
zum Opfer werden. weiter die Rolle des Experten für sich
Aber auch dass das Verhalten Wider die Inflation der Experten reklamiert und Widersprüche in den
Erwachsener ohne hinreichende Deshalb brauchen wir nicht nur Wind schlägt, anstatt sich entspre­
Grundlage für krank – zum Beispiel unter Wissenschaftlern, sondern chend der wissenschaftlichen Praxis
zur „Internetsucht“ – erklärt wird, ist auch bei Journalisten, Buchverlagen mit ihnen zu beschäftigen.
für eine Disziplin beschämend, die in und Politikern dringend ein Bewusst­ Hier liegt es in der Verantwortung
der Vergangenheit schon für Sklaven, sein für die Verantwortung, die mit von Kollegen – die es nicht nur aus
die immer wieder von ihrem Halter der Ernennung einer Person zum wissenschaftlicher Sicht, sondern
fortliefen, die „Weglaufsucht“ erfun­ Experten und dem Innehaben dieser auch aus Kenntnis ihrer eigenen
den hat. Am Prozess des Diagnosen­ Rolle einhergeht. Ein Bewusstsein Verführbarkeiten heraus besser
Erfindens sind allerdings nicht nur dafür, dass wiederholte übertriebene wissen müssten –, die Betreffenden
Extrembeispiele zweifelhafter Exper­ und falsche Aussagen eines Wissen­ zunächst direkt, wenn erforderlich
ten wie Spitzer oder Markowetz schaftlers – womöglich wider besse­ aber zudem als Teil einer öffent­
beteiligt, sondern auch Psychiater res Wissen – negative Folgen für das lichen akademischen Auseinander­
und Psychologen, die einen tadel­ gesellschaftliche Miteinander haben. setzung für ihre Einlassungen zu
losen Ruf haben. Mit einer Drogenbe­ Ein Bewusstsein dafür, dass ihre kritisieren.
auftragten, die diese Stigmatisierung Provokationen nicht nur dazu füh­
fortträgt, indem sie 2016 zu einer ren, dass die wissenschaftliche Debat­
Daimler und Benz Stiftung / Oestergaard

Jahrestagung mit dem Titel „Genera­ te unsachlich wird, sondern dass


tion internetsüchtig?“ einlud, befin­ auch Konflikte in Familien entstehen,
den sie sich in einem politischen die die Erziehung beeinträchtigen.
Umfeld, das ihre Überspitzungen Und dass mangelnde Aufklärung
nicht nur duldet, sondern fördert. über die Gefahr, ein Nacktbild zu
Eine vorschnelle Abwehr des verschicken, für ein Kind eine größe­
Neuen durch moralische Panikmache re Gefahr bedeutet als ein paar Stun­
stellt vor dem Hintergrund des den zu viel mit dem neuen Lieblings­
immer schneller werdenden tech­ spiel. Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und
nischen Fortschritts deshalb eine Die Forderung, solche falschen Psychotherapie an der Charité Berlin, wo er
besondere Gefahr für die Gesellschaft Experten für die Konsequenzen ihres die psychologischen Auswirkungen des
Internets untersucht. 2016 veröffentlichte er
dar. Verantwortlich hierfür sind zwar Handelns in die Verantwortung zu im Verlag C. H. Beck das Buch „Digitale
zunächst diejenigen, die ihre hervor­ nehmen, mag dennoch für manche Paranoia: Online bleiben, ohne den Verstand
gehobene Rolle in der Gesellschaft übertrieben klingen. Wir leben zu verlieren“.

9
Eine Sonderveröffentlichung der

Sinnvoll versus
gesund – was bestimmt die
Mediennutzung?
Die Debatten um die richtige Mediennutzung sowie darüber, ob das Internet süchtig
macht, werden häufig undifferenziert geführt. Anstatt um Krankheit könnte es auch um
unterschiedliche Auffassungen von Sinn und Nutzen gehen.

Von Tobias Matzner

K
inder hängen viel zu viel Computer noch groß, schwer, teuer lustige Katzenvideo schicken. Daran
am Smartphone, ja eigent­ und kompliziert waren. Was machen sehe man ja, wie süchtig das macht.
lich dauernd“, sagen die wir nun mit der neuen Freiheit? Das Was passiert hier? Man sieht, dass
einen. Sie sorgen sich um Smartphone ist immer verfügbar, Menschen sehr viel Zeit für scheinbar
ihren Nachwuchs, um das soziale aber wann und wozu sollten wir es nutzlose Dinge verschwenden – und
Umfeld und eine gute Erziehung. Sie nutzen? Und wann und wozu sollten folgert, „dass diese Menschen süchtig
fordern internetfreie Zeiten und eine das unsere Kinder? sein“ müssten. Dabei wird implizit
Einschränkung der Mediennutzung. Hier überschneiden sich zwei vorausgesetzt: Diese Zeit ist ver­
„Wir leben in einem digitalen Fragen, die in der etwas zugespitzten schwendet, und freiwillig würde das
Entwicklungsland“, sagen die ande­ Gegenüberstellung am Beginn dieses niemand tun. Aber ist das so? Oder
ren. Sie sorgen sich um ihren Nach­ Textes anklingen. Auf der einen Seite stößt uns hier in Wirklichkeit auf,
wuchs, um das soziale Umfeld und die Frage nach der Gesundheit: Was dass jemand einfach sinnloses Zeug
eine gute Erziehung. Sie fordern ist gesund? Sind digitale Medien tut? Die Bedrohung, die von digitalen
Tablets in den Schulen, Tippen statt schädlich? Machen sie gar süchtig? Medien ausgeht, wäre dann nicht
Handschrift und eine Ausweitung Auf der anderen Seite aber auch die eine Bedrohung unserer Gesund­
der Mediennutzung. Frage nach dem Nutzen: Was sind heit – denn Sucht ist eine Krank­
Wie wir an der Sorge um die Kin­ wichtige Kompetenzen für das Leben heit –, sie wäre vielmehr eine Bedro­
der sehen können, ist der richtige in der Mediengesellschaft? Wie kann hung der nützlichen oder sinnvollen
Umgang mit den digitalen Medien ich (oder mein Kind) die knappe Zeitgestaltung.
auch unter Erwachsenen keinesfalls Ressource Aufmerksamkeit gut Es gäbe natürlich auch die Mög­
ausgemacht. Wir haben tragbare verwalten? Was ist ein sinnvoller, lichkeit, dass die Menschen tatsäch­
internetfähige Computer, die immer Gewinn bringender Umgang mit lich absichtlich und gerne solche
dabei sind und damit so gut wie Medien? „sinnlosen“ Dinge tun. Dann wären
immer genutzt werden können. Es digitale Medien nur der Ort, wo sich
gibt Daten­Flatrates zu relativ gün­ Einzelfallbeobachtungen unterschiedliche Auffassungen von
stigen Preisen, in der EU zumindest beherrschen die Diskussion Sinn und Nutzen zeigen.
auch im näheren Ausland. Dank Beide Fragen haben ihre Berechti­ Das lässt sich bezüglich zweier
Touchscreens und intuitiv bedien­ gung. Beide werden aber problema­ Phänomene untersuchen: erstens
barer Apps brauchen Nutzer keine tisch, wenn man sie nicht differen­ einer recht deterministisch gedach­
Vorerfahrung, selbst Kinder können ziert genug betrachtet. ten Vorstellung über die Wirkungen
einfach loslegen. Die Diskussion zum Thema domi­ von Technik auf Gehirn und Geist
In den gut zehn Jahren seit der nieren oft Beschreibungen wie diese: und zweitens bezüglich der Rolle, die
Markteinführung des Smartphones Jemand schildert, wie Menschen Mediennutzung bei der Ausprägung
sind nahezu alle Beschränkungen stundenlang sinnlose Spiele wie sozialer Identitäten spielt.
weggefallen, welche die Nutzung Candycrusher spielen oder ein Kind In ihrem Buch „Neuro“ beschrei­
digitaler Medien einmal hatte, als den Freunden gerade das tausendste ben Nikolas Rose und Joelle Abi­

10
JackF / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen)

Rached die faszinierenden Erkennt­ darüber zu, dass sie damit die Ablen­ und Psychopharmaka ein in eine
nisse, welche die Hirnforschung in kungs­ und Hassmaschine hervorge­ Reihe an Mitteln, die einen direkten
den letzten Jahrzehnten gewonnen bracht hätten, die das Internet dank Zugang zur „Hardware“ unseres
haben, und was diese für die Gesell­ der von ihnen so prominent einge­ Daseins versprechen, statt einen
schaft bedeuten. Es wird deutlich: setzten affektiven Wirkungen nun „Umweg“ über das Soziale zu
Wir wissen viel, aber nicht genug, um geworden sei. nehmen.
aus neurowissenschaftlichen Befun­ Trotz des Wandels von der Inter­ Wir kennen diese Spannung
den direkt Empfehlungen für Sozial­ neteuphorie zur Kritik bleiben die schon: die Anordnung von Waren im
leben, Ökonomie, Erziehung und so Autoren wie die Expertinnen und Laden – vor allem an der Kasse,
weiter ableiten zu können. Es bedarf Experten des Artikels einem technik­ Werbung mit sexy Normkörpern,
hier immer eines Zusammenspiels deterministischen Blick verhaftet: aber auch Farbgebung und das Lay­
von Hirnforschung und Gesellschaft, Statt die gewünschte Wirkung zu out von Anzeigen. Alles das soll uns
so eine Folgerung des Buchs. entfalten, habe die Technik eine so direkt wie möglich ansprechen
Die Hirnforschung hat sich einge­ schlechte Wirkung, so ihre Diagnose. und die Reflexion ausschalten, die
reiht in jene Wissenschaften, die das Schuld ist also die Technik, die verän­ uns sagt, dass wir es eigentlich gar
viel gelobte wie gescholtene Bild des dert werden muss. nicht brauchen. Damit haben wir
Menschen als vernünftiges, sich gelernt umzugehen, es gibt gesetz­
selbst reflektierendes Wesen heraus­ Das Gehirn als Ressource liche und sittliche Regeln, was in
fordern. Menschen reagieren auf Durch dieses Zusammenspiel von Ordnung ist und was nicht.
mannigfache Weise auf Eindrücke, Technikdeterminismus und Brain Was uns also beschäftigt, ist eine
vieles davon geschieht habituell oder Sciences wird das Gehirn eine weitere weitere Runde dieser Auseinander­
unbewusst. Inzwischen wissen wir, Ressource für das Leben in der Auf­ setzungen um die Zusammenhänge
dass es die Programmierer von merksamkeitsökonomie. Es muss und Gegensätze zwischen Affekt und
Angeboten digitaler Medien ganz geschützt werden, seine Fähigkeiten Verstand, Emotion und Vernunft.
gezielt auf diese Reaktionen anlegen. können aber auch technisch opti­ Dabei kann es nicht nur um Technik
„Das Internet entschuldigt sich“, miert werden. Wenn die Technik uns und ihre neurologischen Wirkungen
betitelte kürzlich das „New York unbewusst ansprechen kann, dann gehen. Der Mensch ist von Natur aus
Magazine“ einen Beitrag, in dem ist das ja nicht nur ein Einfallstor für weder völlig rational selbstbestimmt
wichtige Designer der großen Inter­ Manipulation und Werbung, sondern noch völlig affektgetrieben hedonis­
netfirmen erzählen, dass sie diese vielleicht auch ein neuer Weg zu tisch. Beides sind gesellschaftliche
emotionalen Reaktionen ganz be­ unseren Wünschen und Begierden, Ideal­ oder Extremvorstellungen. Was
wusst provozieren, damit Nutzer die wir durch reine Verstandestätig­ uns beschäftigt, ist eine Auseinander­
lange auf ihren Seiten bleiben und keit allzu oft nicht unter Kontrolle setzung um gesellschaftliche Ideale
häufig wiederkommen. Die Inter­ kriegen. angesichts neuer wissenschaftlicher
viewten geben im Text aber auch ihre Digitale Technologie reiht sich Erkenntnisse und technischer Ent­
Überraschung und Enttäuschung damit mit Drogen, Hormonen wicklungen.

11
Eine Sonderveröffentlichung der


Die soziale Identität bestimmt mit darüber,


was aus der jeweiligen Perspektive als
ein sinnvoller oder nützlicher Umgang mit
digitalen Medien gilt

Das zeigt sich schon daran, dass des Feuilletons bedachten Hochkul­ könnte seine assoziative Reise durch
digitale Medien nicht nur von Men­ tur gehören. seine Jugend heute bestimmt
schen kritisiert werden, die sich um Die soziale Identität bestimmt mit hervorragend beim Klicken durch
das Gehirn als Ressource für die darüber, was aus der jeweiligen Pers­ alte Facebook­Seiten betreiben.
Karriere oder effizientes Aufmerk­ pektive als sinnvoller oder nützlicher Für andere gehört es geradezu zur
samkeitsmanagement interessieren, Umgang mit digitalen Medien gilt. Jugend dazu, sinnlose Dinge zu
sondern auch von deren Gegnern. In der Auseinandersetzung um rich­ tun: Verschwende deine Jugend –
Aus dieser Perspektive bedrohen digi­ tigen und falschen Mediengebrauch selbst das passiert heute natürlich
tale Medien nicht so sehr die Ausbil­ wird also auch eine Auseinanderset­ online.
dung wichtiger Kompetenzen und zung zwischen sozialen Identitäten Unabhängig davon, wie man die
nützlicher Tätigkeiten als vielmehr geführt – und das sollte bewusst verschiedenen Ansichten bewertet,
eine wirklich profunde, sinnvolle geschehen. ist es wichtig zu sehen, dass diese
Beschäftigung mit einem Gegen­ Vor gut einem Jahrzehnt gab es mitbestimmen, welche Mediennut­
stand. Es geht um Sinn statt Nutzen. einmal eine Debatte über das so zung wir für richtig halten. Wichtig
Insbesondere die langen Aufmerk­ genannte Unterschichtfernsehen. ist auch zu sehen, dass die Debatte
samkeitsspannen, die beispielsweise Dabei ging es auch um den Distinkti­ um „richtige“ oder gar „gesunde“
für den Genuss eines Romans nötig onsgewinn gegenüber denen, die da Mediennutzung damit zugleich eine
sind, werden hier oft angeführt, zu sehen waren, viel mehr aber noch Auseinandersetzung zwischen ver­
ebenso wie das tiefe Durchdenken gegenüber jenen, die „das“ anschau­ schiedenen sozialen Identitäten und
von wissenschaftlichen Fragen. Doch en. Entsprechende „feine Unter­ ihren Ansprüchen auf die Gestaltung
auch das sind sozial geprägte Wert­ schiede“ können heute die Frage der Gesellschaft sein kann. Diese
vorstellungen. Es geht oft nicht um ausmachen, ob man Facebook nutzt sollte dann eben als solche geführt
Gesundheit oder Krankheit, sondern oder Influencern bei Instagram folgt. werden.
um die Bedrohung eines bestimmten Im Hintergrund steht dann die Das Abgleiten der Debatte in
Lebensentwurfs. Gefahr, dass die soziale Teilhabe von psychiatrisch­medizinisch­biologi­
Bevölkerungsgruppen delegitimiert sche Begriffe kann diese sozialen
Mediennutzung als Teil des Selbst wird, wenn sie die „falschen“ Medien Verwerfungen dagegen hinter einer
Im Fokus stehen also verschiedene nutzen oder Medien „falsch“ nutzen. vermeintlich objektiven Fassade
Lebensentwürfe und Selbstbilder. Zu Auch die Menschen, die in den „Fil­ verstecken. Gleichzeitig würde eine
diesen gehört immer eine Form der terblasen“ auf Populismus hereinfal­ solche Klärung der Debatte den Blick
Mediennutzung. Das galt und gilt len, sind ja immer „andere“. Ob hier frei machen für solche Probleme,
nicht nur für digitale Medien. In Menschen Antworten finden auf ihre die tatsächlich medizinische oder
manchen Kreisen gehört es dazu, sozialen Bedürfnisse, die der Rest psychologische Hilfe erfordern.
Zeitung zu lesen, und zwar eine der Gesellschaft gerade nicht bietet,
bestimmte, und aufs Fernsehen muss dann gar nicht mehr gefragt
herabzublicken. Andernorts gehört werden, weil schon die Medien­
man nicht dazu, wenn man be­ gebrauch unabhängig vom Inhalt
Daimler und Benz Stiftung / Dorn

stimmte Fernsehsendungen nicht „falsch“ ist.


gesehen hat. Theodor W. Adorno Positiv stehen auch solche Men­
konnte in den Nachkriegsjahren eine schen der Digitalisierung gegenüber,
noch heute rezipierte Medienkritik die weder die Sorge um Nutzen noch
entwickeln, die gleichzeitig einen die um Sinn für so zentral halten.
seinerzeit gut etablierten bürger­ Es war einst ein romantisches, aber
lichen Dünkel gegen Pop­ und Jazz­ bürgerliches Ideal, Zeit zur Zeitver­ Tobias Matzner ist Professor für
musik zum Ausdruck brachte, die schwendung zu haben, für die Muße, Medien, Algorithmen und Gesellschaft an
heute längst zur mit allen Würden sich treiben zu lassen. Marcel Proust der Universität Paderborn.

12
Das Spiel mit der Sucht
Machen digitale Medien süchtig? Scheinbar plausible Alltagsthesen von
technologisch induzierten seelischen Erkrankungen verunsichern viele Eltern.
Doch nicht jede Normabweichung ist gleich eine Krankheit.

Von Thorsten Quandt und Felix Reer

D
ie Verzweiflung ist der ambulanzen berichtet, wo sich neben Das unzumutbare Maß reicht von
Mutter ins Gesicht ge­ Alkoholikern, Drogenkranken und einigen Stunden pro Woche bis hin
schrieben: „Mein Kind ist Automatenspielsüchtigen inzwi­ zur gesamten verfügbaren Freizeit.
süchtig nach Videospie­ schen auch Eltern melden, die bei Zudem erscheint es bei genauer
len!“, sagt sie. Auf die Nachfrage, ihren Kindern eine Videospielsucht Betrachtung oft zweifelhaft, ob viele
woran sie das festmache, entsteht ein identifiziert haben wollen – manch­ der geschilderten Alltagsprobleme
kurzer Moment der Irritation – als sei mal direkt mit dem recht widerwil­ wirklich als sichtbare Symptome
die Antwort eine Selbstverständlich­ ligen Nachwuchs im Schlepptau. einer Suchterkrankung gelten kön­
keit und die Frage danach überflüs­ Die scheinbar banale Frage nach nen. Sind sie nicht vielmehr der
sig: „Er spielt viel zu viel und hat der selbst gestrickten Diagnose jeweiligen familiären Situation sowie
Probleme in der Schule. Mein Sohn fördert zwar meist ganz ähnliche den typischen entwicklungsspezi­
hat sich total verändert.“ Muster zu Tage: zu hohe Nutzungs­ fischen Schwierigkeiten der haupt­
Wer zu Computerspielen forscht, zeiten, oft gepaart mit nachlas­ sächlich betroffenen Personen­
wird des Öfteren mit dieser Situation sendem schulischem Erfolg, einer gruppe – pubertierende männliche
konfrontiert: Nach öffentlichen Abkapselung vom familiären Umfeld Jugendliche – geschuldet?
Vorträgen zum Thema werden be­ und anderen Alltagsproblemen. Die elterlichen Ängste werden
sorgte Eltern vorstellig, die Soforthil­ Allerdings wird schon die interessier­ befeuert durch öffentlichkeitswirk­
fe einschließlich klarer Grenzwerte te Nachfrage, was nun genau als „zu same Auftritte von Experten, die in
und Verhaltensregeln für ihre Kinder viel“ empfunden wird, individuell der Nachfolge des verstorbenen
erbitten. Ähnliches wird von Sucht­ höchst unterschiedlich beantwortet. Medienkritikers Neil Postman vor
Daimler und Benz Stiftung / Oestergaard

13
Eine Sonderveröffentlichung der

den zersetzenden Wirkungen neuer videos) zu verhindern. Dies ist die tischer Fallbeschreibungen aus
Technologien für Seele und Geist eine Seite. Auf der anderen Seite Therapieeinrichtungen und verschie­
warnen und gleich einfache Lösungs­ werden Forscher, die sich mit der dene Medienberichte gibt.
konzepte mitliefern (meist in Form Nutzung neuer (Unterhaltungs­) Das Problem für die Forschung
von Verboten mit dem Hinweis, dass Medien auseinandersetzen, tatsäch­ besteht jedoch in der Einordnung sol­
die Gesellschaft früher auch ohne lich immer wieder mit Extremfällen cher Phänomene. Denn: Ist jede
solche Neuerungen ausgekommen konfrontiert, die sich weit außerhalb Normabweichung – im gegebenen
wäre). der normalen Parameter bewegen. Fall also beispielsweise hohe Spiel­
Die auf den ersten Blick plausiblen zeiten – gleich eine Krankheit? Gilt
Alltagsthesen von technologisch Exzessive Gamer machen je nach diese Abweichungslogik dann im
induzierten seelischen Erkrankungen Studie ein bis zehn Prozent aus übertragenden Sinne für alle
fallen auf den fruchtbaren Boden von In Befragungsstudien können etwa menschlichen Verhaltensformen
Zukunfts­, Technologie­ und Globali­ regelmäßig kleine Gruppen exzessiver oder nur für jene, die ein Teil der
sierungsängsten: So sehen viele Gamer ausgemacht werden, die sich Bevölkerung als „schlecht“ empfin­
Eltern plötzlich im Verhalten ihrer deutlich von den Durchschnittsnut­ det? Macht man eine seelische Er­
Kinder kein lösbares Erziehungspro­ zern unterscheiden. Je nach ange­ krankung nicht eher am persön­
blem mehr, sondern eine Krankheit, legtem Kriterienkatalog, untersuchter lichen Leid aus? Aber: Wann ist dieses
die therapiert werden muss. Gruppe und methodischem Vorge­ Leid aus der Empfindung des Indivi­
Kritische Wissenschaftler wie der hen schwanken die Zahlen zwischen duums selbst heraus entstanden?
US­amerikanische Psychologe Chris­ einem und gut zehn Prozent. Und wann ist es eine sozial erzeugte
topher Ferguson warnen hier vor der In einzelnen qualitativen Inter­ Kategorie – weil das Umfeld das
„moral panic“, einer gefährlichen viewstudien mit exzessiven Gamern abweichende Verhalten des Individu­
öffentlichen Panikmache, für die es wurde außerdem auffälliges Ver­ ums nicht akzeptieren kann oder


Wissenschaftler warnen vor einer gefährlichen


öffentlichen Panikmache. Die von den Profi­
teuren solcher Erregungswellen vorgebrachten
Argumente seien immer gleich

historisch viele Beispiele gibt. Die halten dokumentiert, das von den will? Und wie stark und dauerhaft
von Profiteuren solcher Erregungs­ Betroffenen als intensives Leiden muss das Verhalten sein, um als
wellen vorgebrachten Argumente empfunden wird, aus dem sie sich pathologisch und therapiebedürftig
seien immer gleich, stützten sich nicht mehr selbst befreien können. zu gelten?
hauptsächlich auf den Schutz von Die Fallbeschreibungen reichen In der Psychologie und den an­
Gruppen ohne eigene Stimme, meist vom „World of Warcraft“­Spieler, grenzenden Sozialwissenschaften ist
Kinder und Jugendliche, nur sei der dessen Ehe auf Grund jahrelangen tatsächlich seit geraumer Zeit eine
Gegenstand jeweils ein anderer – oft Dauerspielens scheiterte, bis hin hitzige Debatte darüber entbrannt,
eine soziale oder mediale Neuerung. zu Studierenden, die wegen exzes­ ob exzessives Videospielen krank­
Solche „moral panics“ haben Forscher siven Zockens von Multiplayer­ hafte Züge annehmen kann. Auch
unter anderem für das Lesen von Shootern ihre Prüfungen verpasst wird diskutiert, was der Gegenstand
romantischer Literatur oder Comics, und ihr Studium damit buchstäblich und die Abgrenzungskriterien eines
das Anhören von Rockmusik, das „abgeschossen“ haben. Solche Dauer­ solchen pathologischen Verhaltens
Anschauen von Musikvideos oder phasen übermäßigen Spielens wer­ sein sollen und welcher Wissen­
auch die Einführung von Zug oder den oft erst durch einschneidende schaftszweig überhaupt für die
Automobil identifiziert; nebst be­ Lebensereignisse unterbrochen, und Klärung zuständig ist. Diese durch­
gleitenden Diskussionen bezüglich manchmal gehen sie trotz katastro­ aus mit harten Bandagen und Argu­
potenzieller Therapien, um dro­ phaler sozialer Auswirkungen weiter. menten geführte Kontroverse ist
henden Wahnsinn (zum Beispiel Dass es solche Fälle gibt, wird in essenziell, da im wissenschaftlichen
durch zu schnelles Fahren im Zug) der Wissenschaft nicht ernsthaft Diskurs Antworten auf die oben
oder gesellschaftlichen Zerfall (etwa bestritten, zumal es neben einzelnen genannten Fragen gefunden werden
durch sexuell aufgeladene Musik­ Studien auch eine Vielzahl anekdo­ müssen – und nicht ohne solide

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Grundlage Menschen als „krank“ schränkungen zu verzeichnen sein. haltungsbereich durchsetzen. Inso­
definiert werden sollten. Und: Das Spielen könnte andauern fern ist der Umgang der WHO mit
Das Problem: Die Beantwortung oder episodisch und wiederkehrend Videospielen in der Tat ein gefähr­
solcher Fragen benötigt Zeit, weil sein. Damit bewegt sich die WHO liches Spiel. Denn den Geist, den man
seriöse Befragungs­ und Laborstu­ leider nicht sehr weit weg von der aus der Flasche gelassen hat, be­
dien aufwändig und teilweise lang­ eingangs genannten Alltagslogik der kommt man möglicherweise nicht
fristig angelegt sind. Die durch besorgten Mutter. Doch sowohl ihr mehr so schnell wieder eingefangen.
medienaffine (und manchmal nur als auch ihrem Sohn dürfte damit Es ist kein Geheimnis, dass es auch
vorgebliche) Experten geführte wenig geholfen sein, denn brauch­ Befürworter einer Aufnahme von
öffentliche Debatte hat aber einen bare (und vor allem präzise) Abgren­ Facebook­, Instagram­, YouTube­ oder
gesellschaftlichen Druck entstehen zungskriterien sucht man vergebens. allgemeiner „Social­Media­Sucht“ in
lassen, der mit dem Hinweis auf die einschlägigen medizinischen
alternativlose Dringlichkeit vor­ Suchtforscher kritisieren diffuse Klassifizierungskataloge gibt. Und die
schnelle Entscheidungen auch in der Störungsdefinition Smartphone­Sucht ist wohl trotz
Wissenschaft erzwingt. Dass der Vorstoß der WHO eher öffentlicher Diskussionen nur deswe­
Wer hier mit Verweis auf die unglücklich ist, finden nicht nur gen nicht im Fokus der WHO, weil
bescheidenen Belege in der Literatur Gamer und Industrievertreter, deren man dann, noch mehr als bei Games,
auf die Bremse tritt, dem wird mitun­ Widerstand letztlich erwartbar ist. womöglich einen erheblichen Teil
ter Verrat an den Betroffenen, Mit­ Auch eine Vielzahl unabhängiger der Bevölkerung pathologisieren
gliedschaft in einer sinistren Indus­ Wissenschaftler sind mit der Ent­ würde.
trieverschwörung oder Ahnungslo­ scheidung der WHO und der diffusen Gründe für die Inklusion weiterer
sigkeit in Bezug auf die „wahre Welt Beschreibung der Störung nicht technikbasierter Verhaltenssüchte
da draußen“ vorgeworfen. Zudem einverstanden – unter ihnen führen­ ließen sich freilich finden. Mit immer
gibt es einflussreiche politische und de Suchtforscher, die das Problem neuen trendigen Labels kann man
akademische Interessengruppen, exzessiver Nutzung durchaus aner­ aber sicherlich nicht zu einer drin­
denen durchaus an einer Pathologi­ kennen. Eine Forschergruppe, zu der gend nötigen Entschleunigung und
sierung bestimmter Verhaltens­ unter anderem der Suchtexperte Versachlichung der Diskussion bei­
formen gelegen ist – womöglich, weil Tony van Rooij vom niederlän­ tragen, sondern provoziert vielmehr
man dann einzelne Bevölkerungs­ dischen Trimbos­Institut und der Ox­ einen noch größeren Flurschaden: Es
gruppen und normabweichendes ford­Psychologe Andrew Przybylski ist zu befürchten, dass dann besorgte
Verhalten sanktionieren oder gehören – sowie im Übrigen der Eltern immer weitere therapiebe­
schlichtweg damit Geld verdienen Erstautor dieses Beitrags –, drängt dürftige Eigenheiten ihres schwieri­
kann. So reicht mit dem Verweis auf auf mehr Vorsicht und gleichzeitig gen Nachwuchses entdecken – und
die Dringlichkeit auch ein Verdacht verstärkte Forschungsanstren­ notwendige Erziehungsaufgaben
auf ein gesellschaftliches Problem, gungen. durch Verhaltenspathologisierung an
um eine Krankheit zu definieren. Der Tatsächlich hat die einflussreiche Ärzte oder Psychotherapeuten ab­
genaue wissenschaftliche Nachweis American Psychiatric Association treten.
muss dann im Nachhinein erfolgen. in ihrem „Diagnostic and Statistical
Diese Umkehrung wissenschaft­ Manual of Mental Disorders“ (DSM)
licher Forschungslogik verfolgt in der fünften Version die so ge­
Thorsten Quandt ist
aktuell die World Health Organiza­ nannte „Internet Gaming Disorder“
Professor für Online-
tion (WHO) in ihrem 11. Katalog von zwar aufgenommen, allerdings Kommunikation an der
Krankheiten (International Classifi­ lediglich als ein Phänomen, das Westfälischen Wilhelms-
cation of Diseases). Dort wird die weitere Erforschung erfordert. Diese Universität Münster und
Thorsten Quandt

„Gaming Disorder“ als eine „Störung Beobachtungskategorie kennt die leitet die Sektion für
Digital Games Research
infolge von Suchtverhalten“ geführt. ICD leider nicht.
in der European Commu-
Allerdings ist der dortige Definitions­ Ob durch das erzwungene Abwür­ nication Research and
versuch auffällig diffus: Es handle gen der wissenschaftlichen Debatte Education Association
sich bei der Störung um Offline­ oder den wirklichen Problemnutzern (ECREA).
Online­Spielen, bei dem die Verhal­ geholfen wird, ist zu bezweifeln.
Felix Reer ist promo-
tenskontrolle verloren ginge, das Durch die Fixierung im »ICD 11«
vierter Medienpsychologe
Zocken im Alltag immer mehr im therapiert man möglicherweise an ebenfalls an der Universi-
Vordergrund stehe und das Spielen aktuellen Problemlagen haarscharf tät Münster und erforscht
trotz negativer Konsequenzen weiter vorbei oder muss bei Gelegenheit die Folgen verschiedener
Susanne Lüdeling

betrieben werde. neue Krankheitsformen aus dem Hut Formen der Online-
Nutzung für das psycho-
Außerdem müssen durch das zaubern – abhängig davon, welche
soziale Wohlbefinden.
Verhalten bedeutsame Alltagsein­ neuen Innovationen sich im Unter­

15
Impulse für Wissen
Unabhängige Wissenschaft trägt entscheidend zur Zukunftsfähigkeit
unserer Gesellschaft bei. Ziel der gemeinnützigen Daimler und Benz
Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung zur Klärung
der Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Technik.
Sie fördert zudem den Dialog zwischen der interessierten Öffentlich-
keit und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, u. a. durch
das „Berliner Kolloquium“, das sich 2018 mit Thema „Internet und
seelische Gesundheit“ befasste.

Die Stiftung vergibt Stipendien an Post-


doktoranden mit dem Ziel, die Autonomie
und Kreativität der nächsten Wissenschaftler-
generation zu stärken. Jährlich verleiht sie
zudem den „Bertha-Benz-Preis“ an eine junge
Ingenieurin, die sich durch eine hervorragen-
de Dissertation ausgezeichnet hat.

Die Stiftung beschäftigt sich mit wichtigen


gesellschaftlichen Fragen, die sie aus
wissenschaftlicher Perspektive in unter-
schiedlichen Förderprogrammen wie zum
Beispiel „Freiheit und Selbstbestimmung
in der digitalen Welt“, „Pflegeroboter“ oder
„Veränderung der europäischen Stadt durch
das autonome Fahren“ bearbeitet.

Die Stiftung unterstützt das Ansehen der


Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Als
Dialog-Plattformen bietet sie öffentliche
Veranstaltungen in Stuttgart, Berlin
und Bremen an – auf denen ausgewählte
Wissenschaftler und Publizisten über
aktuelle Forschungsthemen sprechen und
den Besuchern als Gesprächspartner zur
Verfügung stehen.

www.daimler-benz-stitung.de

16
PSYCHOLO GIE

WISSENSCHAFTSGESCHICHTE Die Erforschung des Bewusstseins darf


sich nicht allein auf die subjektive Innenschau von Probanden stützen?
Phänomenologen sehen das ganz anders.

Das Sein in der


Erscheinung VON LUISA MARIA SCHULZ

PEARLEYE / GETTY IMAGES / ISTOCK

Phänomenologen wollen die Welt ohne vorgefasste


Begriffe wahrnehmen – und etwa dem Farb­
erlebnis rot zur »reinen Anschauung« verhelfen.

GEHIRN&GEIST 31 0 1 _ 2 0 1 9
senschaften oft unter den Tisch fällt: das Phänomen
U N S E R E AU TO R I N (von griechisch phainomenon = Erscheinung). Ge-
Luisa Maria Schulz studierte Philosophie meint ist nicht nur die jeweilige Erscheinung der beob-
in Oxford und an der phänomenologisch achtbaren Außenwelt, etwa Polarlichter am Nachthim-
geprägten Sorbonne in Paris. Sie arbeitet mel. Es geht vielmehr um das eigene Erleben. Laut Hus-
als Journalistin und Übersetzerin in serl gibt es alle Gegenstände der Welt eben nur so, wie
Berlin. sie uns erscheinen. Ihr wahres Wesen liege nicht irgend-
wo dahinter verborgen, sondern offenbare sich gerade
im »Phänomen« selbst. Daher wird diese Sichtweise

E
in berühmtes Gedankenexperiment der auch als Phänomenologie bezeichnet.
Philosophie des Geistes handelt von der
brillanten Neurowissenschaftlerin Mary. Das Wesen von Raum und Zeit
Ihr Spezialgebiet ist die menschliche Farb- Husserl grenzte sich von dem damals an den deutschen
wahrnehmung. Mary weiß einfach alles da- Universitäten dominierenden Neukantianismus ab.
rüber, was physikalisch und hirnphysiolo- Nach dessen Erkenntnistheorie hängt unser Bild der
gisch passiert, wenn wir beispielsweise rote Tomaten Welt untrennbar von unseren eigenen kognitiven Struk-
oder das Blau des Himmels sehen. Allerdings ist die For- turen ab. Blau erschient uns blau, weil unser visuelles
scherin selbst von Geburt an blind! Angenommen, man System so gebaut ist, und auch übergeordnete Dimensi-
könnte ihr durch eine neuartige Methode eines Tages onen wie Zeit und Raum seien nicht Charakteristika der
das Augenlicht schenken, würde Mary dadurch etwas Welt, sondern würden von uns selbst sozusagen »hinzu-
Neues lernen? Die meisten von uns würden dem ohne gegeben«. Wie die Welt »an sich« beschaffen sei, könne
Weiteres zustimmen. Natürlich, so glauben wir, sei es niemand wissen.
das eine, alles über das Sehen zu wissen, und etwas ganz Husserl war dieser Argwohn gegenüber der eigenen
anderes, tatsächlich zu sehen. Folglich gibt es über die Wahrnehmung fremd. Er hielt die Welt für unmittelbar
Farbwahrnehmung subjektiv durchaus mehr zu wissen erfahrbar. Kein Wunder, dass seine Sichtweise von vie-
als die zu Grunde liegenden wissenschaftlichen Tatsa- len seiner Zeitgenossen begeistert aufgenommen wurde.
chen. Ja, man kann auch gänzlich ohne jede Kenntnis Man darf die Phänomenologie allerdings nicht als nai-
derselben überaus reiche visuelle Eindrücke haben. ven Realismus missverstehen. Husserl wollte die subjek-
Dieses Gedankenexperiment des australischen Phi- tive Erfahrung durchaus methodisch und wissenschaft-
losophen Frank Cameron Jackson weist auf ein Prob- lich beschreiben. Was uns in der Wahrnehmung er-
lem hin, dass alle naturalistisch orientierten Wissen- scheint, war für ihn aber weniger wichtig als das Wie.
schaften betrifft, darunter auch die klassische Hirnfor- Statt der Inhalte wollte er die strukturellen Gesetze der
schung sowie die meisten Ansätze der Psychologie. Sie Erfahrung aufdecken. Auch Husserl ging also durchaus
lehnen aus Gründen der Objektivität die reine Erste- erkenntniskritisch vor, auch wenn er anders als Imma-
Person-Perspektive als Forschungsmethode ab. Folglich nuel Kant (1724–1804) kein »Ding an sich« postulierte,
tut sich jedoch eine tiefe Kluft zwischen physikalisch- von dem unser Bewusstsein nur ein mattes, vielfach ge-
chemischen Vorgängen einerseits und dem subjektiven filtertes Abbild erfasse.
Erleben andererseits auf. Philosophen bezeichnen diese Husserl hatte in den 1880er Jahren in Wien studiert,
als Erklärungslücke. Die meisten Wissenschaftler tun wo zu dieser Zeit ein charismatischer Professor namens
sich daher schwer, subjektives Bewusstsein ins Zentrum Franz Brentano (1838–1917) lehrte. Dieser vertrat bereits
ihrer Forschung zu stellen. Zwar setzen insbesondere einen ähnlichen Ansatz. Brentano stellte der »geneti-
psychologische Experimente wesentlich auf die Aussa-
gen von Probanden, die ihre persönlichen Gefühle, Mo-
tive oder Gedanken zu Protokoll geben. Jedoch geht es
den Forschern letztlich darum, die dahinterliegenden Die neue Gehirn&Geist-Serie
Gesetzmäßigkeiten und Prozesse zu beschreiben, über »Große Denkschulen der Psychologie«
die der Mensch selbst gar keine Auskunft geben kann. im Überblick:
Manche sehen im subjektiven Erleben gar nur eine irre-
levante Begleiterscheinung oder, wie es in der Fachspra- Wie erforscht man Bewusstsein? Ist die Welt nur eine Kon-
che heißt, ein Epiphänomen. struktion unseres Geistes? Und welches Menschenbild liegt
Wem das zu kurzsichtig erscheint, der findet Unter- der Psychologie zu Grunde? Dies Fragen beantwortet unse-
stützer bei einer Denkströmung, die in der Philosophie re dreiteilige »Gehirn&Geist«-Serie.
des frühen 20. Jahrhunderts wurzelt – der so genannten Teil 1: Phänomenologie – Das Sein in der Erscheinung
Phänomenologie. Einer ihrer Wegbereiter war der Frei- (dieses Heft)
burger Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl Teil 2: Konstruktivismus (Gehirn&Geist 2/2019)
(1859–1938). Er wollte erforschen, was in den Naturwis- Teil 3: Humanismus (Gehirn&Geist 3/2019)

GEHIRN&GEIST 32 0 1 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / PHÄNOMENOLO GIE

Auf einen Blick: Dem Erleben auf der Spur

1 2 3
Zu den großen Denkschulen, Ihr zufolge solle man sich von Vor allem in der Psychiatrie
die die Psychologie historisch vorgefassten Begriffen und vertieften phänomenologische
beeinflussten, gehört die auf Konzepten möglichst befreien, Ansätze das Verständnis etwa
Franz Brentano und Edmund um die besondere Qualität des von Psychosen. Die meisten Psy-
Husserl zurückgehende Lehre der bewussten Erlebens zu erkunden. chologen halten das subjektive
Phänomenologie. Erleben jedoch für eine unsichere
Erkenntnisquelle.

schen Psychologie«, die nach den physiologischen Ur- Sie fasste auch anderswo in der Welt Fuß, etwa in Frank-
sachen seelischer Ereignisse suchte, eine »deskriptive reich durch Eugène Minkowski (1885–1972) und Henri
Psychologie« gegenüber. Diese beschrieb, wie die innere Maldinay (1921–2013) oder in Japan durch Bin Kimura
Erfahrung beschaffen ist und welche Elemente sie ent- (* 1931).
hält. Sie lasse sich nur durch den Blick ins Bewusstsein Wie gehen Phänomenologen vor, um das subjektive
erforschen – ein Vorgehen, das schon Brentano als Phä- Erleben zu erforschen? Und welche Ergebnisse fördern
nomenologie bezeichnete. sie dabei zu Tage? Die Methode kurz zusammenzufas-
Diese Methode ist also ihrem Ursprung nach eng mit sen, ist schwierig, weil bereits Husserl wie auch seine
der Psychologie verbunden und beeinflusste zahlreiche Nachfolger sie laufend änderten und verfeinerten. Es
Denker stark. In der an den Naturwissenschaften orien- gibt jedoch einige gemeinsame Nenner. So besteht eine
tierten, akademischen Psychologie war um die Wende Grundeigenschaft von Bewusstsein laut Phänomenolo-
vom 19. zum 20. Jahrhundert hingegen wenig Platz fürs gen in der Intentionalität (von lateinisch intendere =
subjektive Erleben. Diese Fachdisziplin hatte sich erst sich auf etwas beziehen, ein Ziel haben). Demnach ist
kurz zuvor als eigenständige Wissenschaft etabliert und jeder psychische Akt auf ein Objekt gerichtet – Be-
legte großen Wert auf ihre objektiven Messmethoden. wusstsein ist also stets Bewusstsein von etwas. Wir be-
Das subjektive Erleben allein mit Hilfe der introspekti- trachten, beurteilen oder lieben stets einen Gegenstand.
ven Selbstbetrachtung zu ergründen, war entsprechend Unser Geist ist also kein leeres Gefäß, in das man Dinge
verpönt. Nur solche Methoden, die auf physiologische hineingibt, sondern immer schon mit einem Objekt
und klinische Beobachtungen aus der Dritte-Person- verbunden.
Perspektive setzten, galten als zulässig. Das muss nicht materiell sein. Nicht nur das Verlan-
Husserl erhob nun allerdings den Anspruch, mittels gen nach einem Stück Himbeertorte ist intentional,
seiner phänomenologischen Methode ebenfalls »streng auch Traurigkeit oder Langeweile haben einen Bezug
wissenschaftlich« beschreiben zu können, wie uns die zur Welt. Für die Psychologie hat das eine wichtige Kon-
Dinge erscheinen. All jene Studierende und Forscher, sequenz: Die Psyche etwa eines Patienten ist nie allein
denen die damalige Psychologie zu mechanistisch er- Gegenstand der Forschung; es geht vielmehr darum, zu
schien, fanden Gefallen an dieser Idee, verstehen, wessen sich der Patient be-
und so entstand in den ersten Jahrzehn- wusst ist, und sich in seine Welt hinein-
ten des 20. Jahrhunderts eine phänome- zuversetzen.
nologische Schule der Psychologie. Die Beschreibung der Bewusstseins-
Einer ihrer Pioniere war der Psychia- inhalte muss dabei sehr präzise sein. Es
ter und Philosoph Karl Jaspers (1883– soll darin nur das vorkommen, was im
1969). Er hatte in seiner »Allgemeinen Bewusstsein gegeben ist – ohne Rück-
Psychopathologie« von 1913 erstmals griff auf vorgeprägte Begriffe. »Der
versucht, das subjektive Erleben von Pa- Anfang ist die reine und noch stumme
tienten mit verschiedenen Psychosen Erfahrung, die zur reinen Aussprache
AKG IMAGES / IMAGNO

phänomenologisch zu beschreiben. An ihres eigenen Sinns zu bringen ist«,


der Universität Heidelberg begründete schreibt Husserl in den »Cartesiani-
er eine Lehre, die bis heute Anhänger schen Meditationen« (1931). Im Alltag
findet. Aber auch Kollegen wie der beschreiben wir Erlebnisse immer
Schweizer Psychiater Ludwig Binswan- schon in gewissen vorgeprägten, etwa
ger (1881–1966), der sich auf Husserls Der Freiburger Philosoph kulturell vermittelten Begriffen. Um die
Schüler Martin Heidegger (1889–1976) und Mathematiker Ed- Erfahrung davon zu befreien, muss man
berief, oder Wolfgang Blankenburg mund Husserl (1859–1938) laut Husserl einen Schritt zurückgehen,
(1928–2002) waren prominente Vertre- gilt als einer der Begründer man muss die gewohnten Begriffe so-
ter der phänomenologischen Methode. der Phänomenologie. zusagen »abziehen«. Dieses Vorgehen

GEHIRN&GEIST 33 0 1 _ 2 0 1 9
nennt Husserl Reduktion oder, nach dem Begriff der KURZ ERKL ÄRT:
antiken Skeptiker, Epoché.
Der Philosoph unterschied zwei Formen der Reduk- Transzendental
tion. Bei der eidetischen Reduktion (von griechisch ei- (von lateinisch transcendere = überschreiten) be-
dos = Bild) wird das konkret Gegebene verallgemeinert, schreibt Bedingungen der Erkenntnis, die jeder empiri-
um eine Art Idealtyp der Erfahrung zu gewinnen. Das schen Erfahrung vorausgehen. Den Begriff prägte der
erreiche man etwa, indem man den wahrgenommenen idealistische Philosoph Immanuel Kant (1724–1804).
Gegenstand in der Fantasie variiert, sich also beispiels-
weise Eigenschaften hinzu- oder wegdenkt. So kann Epoché
man sich einen Holztisch, den man vor sich sieht, mit (von griechisch epochē = Zurückhaltung des eigenen
angewinkelten oder überkreuzten Tischbeinen, mit Urteils) nannten die antiken Skeptiker die Praxis, sich
weißem Lack oder aus Plexiglas vorstellen, um genauer eines Urteils zu enthalten, da eine zweifelsfreie Er-
zu fassen, was das eigentliche »Tischsein« ausmacht. kenntnis der Welt sonst unmöglich sei. Husserl be-
Bei der zweiten Form, der transzendentalen Reduk- zeichnete so eine Methode, die sowohl naive als auch
tion, sollen alle Begriffe, die nicht aus der unmittelbaren wissenschaftliche Annahmen über die Welt ausklam-
Erfahrung stammen, aus der Beschreibung verbannt mert, um zur »unmittelbaren Erfahrung« zu gelangen.
werden, darunter etwa solche wie Existenz oder Realität.
Die Frage, wie das genau funktionieren soll und ob es Naturalismus
überhaupt möglich ist, hat unter Philosophen allerdings Auffassung, wonach die Welt von Naturgesetzen be-
zu vielen Kontroversen geführt. In der Psychologie be- stimmt wird und sich im Prinzip nichts einer wissen-
deutet »transzendentale Reduktion« vor allem, von den schaftlichen Erklärung entzieht.
eigenen Urteilen und begrifflichen Fixierungen Ab-
stand zu nehmen und das jeweilige psychische Phäno- Funktionalismus
men möglichst unvoreingenommen quasi von innen Kognitionswissenschaftlicher Ansatz, dem zufolge
heraus zu betrachten. Hirnprozesse nach ihrem funktionellen Beitrag zu
verschiedenen geistigen Leistungen beschrieben und
Was heißt »die Sprechsäle sind geöffnet«? erklärt werden müssen.
Ludwig Binswanger veranschaulicht das am folgenden
Beispiel: Fragt man einen Patienten, ob er Stimmen Homunkulus
höre, und dieser erwidert, Stimmen höre er keine, aber (von lateinisch homunculus = Menschlein) in der
in der Nacht seien »die Sprechsäle geöffnet«, so würde Neurophilosophie geläufige Bezeichnung eines ange-
ein konventioneller Psychiater diese bizarre Redeweise nommenen »inneren Agenten«, der Sinnesreize und
wohl als Symptom der Psychose deuten. Er würde zu- Bilder wahrnimmt und sich der neuronalen Maschi-
dem schließen, dass der Betreffende eben doch akus- nerie bedient, um willentliche Handlungen hervorzu-
tische Halluzinationen hat. Ein Psychoanalytiker wie- rufen. Häufige Denkfalle der Bewusstseinstheorie.
derum würde beispielsweise darauf achten, ob die
»Sprechsaalerlebnisse« mit dem Auftreten einer Vaterfi-
gur verbunden sind. Auch er analysiert die Aussage also
anhand vorgefasster Konzepte. Anders der Phänome- wusstsein erschüttert. So berichtete Karl Jaspers von ei-
nologe: Er versucht, sich das Erlebnis selbst zu verge- nem schizophrenen Patienten, dem sein Körper als zu
genwärtigen – sich, wie Binswanger schreibt, »in die groß erschien, um von ihm ausgefüllt zu werden. Eine
Wortbedeutung einzuleben, statt Urteile aus den Begrif- andere Patientin gab an, sich selbst von hinten zu sehen.
fen zu ziehen«. Ihn interessiert das Erleben des Patien- Zwischen Leib und Körper zu unterschieden, helfe laut
ten selbst, statt dieses in ein theoretisches Begriffsge- Phänomenologen, solche Berichte besser zu verstehen.
bäude einzuordnen. Das offenbare womöglich, dass der Auch an einer zweiten Eigenart des Bewusstseins, der
Sprechsaal für den Patienten Schauplatz für eine »Ab- Zeit, entwickelten Phänomenologen großes Interesse.
rechnung« mit dem eigenen, früheren Leben ist. Die messbare Zeit gehört hierbei zu jenen Begriffen, die
Manche Sphären der Erfahrung faszinieren Phäno- per transzendentaler Reduktion ausgeblendet werden.
menologen besonders, etwa die Körperwahrnehmung. Phänomenologen geht es um die erlebte Zeit. Ähnlich
Hier wird der Körper jedoch nicht als Objekt von außen wie der französische Philosoph Henri Bergson (1859–
beschrieben, wie es in der Anatomie und Physiologie 1941) oder der amerikanische Psychologe William James
üblich ist. Die Phänomenologie rückt das Körper- (1842–1910) betont Husserl die Kontinuität des subjekti-
erleben in den Mittelpunkt, den Horizont der eigenen, ven Erlebens. Der gegenwärtige Augenblick beinhalte
inneren Erfahrung. Dies bezeichnete Husserl als Leib. stets eine Reminiszenz des Vergangenen sowie Erwar-
Bei einer Psychose ist oft nicht nur die Wahrneh- tungen an die Zukunft. Dieses Zurück- und Vorauslau-
mung der Außenwelt, sondern auch das Körperbe- fen verleihe unserer Gegenwart Tiefe. Nur so können

GEHIRN&GEIST 34 0 1 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / PHÄNOMENOLO GIE

wir zum Beispiel Melodien wahrnehmen, statt in jedem steht sich die Hirnforschung als naturwissenschaftliche
Moment lediglich einzelne Töne zu hören. Disziplin. Ihre Modelle lassen der Erforschung des sub-
Das Zeiterleben ist bei manchen Psychotikern ver- jektiven Erlebens nur sehr wenig Platz. Philosophisch
zerrt oder unterbrochen. So hatte ein von Jaspers er- stehen sie dem Funktionalismus weit näher, der die Ar-
wähnter Patient den Eindruck, plötzlich vom Himmel beitsweise des Geistes anhand von objektiv feststell-
gefallen zu sein. Ludwig Binswanger beschrieb das Zeit- baren, neurophysiologischen Daten zu ergründen ver-
erleben von Depressiven und Melancholikern, die oft sucht. Während sich kognitive Vorgänge wie Aufmerk-
unter einem Gefühl der Stagnation leiden: Sie »kleben« samkeit oder Gedächtnis derart funktional noch recht
an der Vergangenheit und schaffen es nicht, sich selbst gut beschreiben lassen, bleibt die besondere Qualität
in die Zukunft zu projizieren. von Bewusstsein diesem Vorgehen wohl weitgehend
verschlossen.
Auf der Suche nach allgemein gültigen Einige Forscher haben versucht, die Kluft zu über-
Gesetzen des Bewusstseins brücken. So bemühte sich etwa der Neurobiologe Fran-
Körper- und Zeitbewusstsein sind zwei Beispiele dafür, cisco Varela (1946–2001), Messungen der Hirnaktivität
wie die Phänomenologie neue Perspektiven eröffnet. mit der Ichperspektive von Probanden in Beziehung
Gerade auf dem Gebiet der Psychopathologie hat sie das zu setzen. An seinem Labor in Paris trainiert er etwa
Verständnis für seelische Krankheiten gefördert. Wie Epilepsiepatienten »phänomenologisch« darin, ihre Be-
Blankenburg betonte, ist jener Verlust an Selbstver- wusstseinsinhalte vor einem Anfall möglichst präzise
ständlichkeit, den die von der Phänomenologie gefor- zu beschreiben. Diese Aussagen wurden dann mit Mes-
derten Urteilsenthaltung mit sich bringt, dem besonde- sungen der Hirnaktivität verglichen. Aus solchen Ver-
ren Erleben schizophrener Patienten nicht unähnlich. suchen, die es zumindest einigen Patienten ermöglich-
Dennoch ist die Beziehung zwischen Phänomenologie ten, ihre bevorstehenden Krisen selbstständig zu er-
und empirischem Wissen nie einfach gewesen. kennen, entstand die Strömung der Neurophänomeno-
Selbst Husserl hegte gegenüber der Psychologie von logie.
Anfang an Vorbehalte. Der erste Band seines Haupt- Bis heute erkennen trotzdem die wenigsten Hirn-
werks »Logische Untersuchungen« (1900–1901) verfolgt forscher die phänomenologische Methode als wissen-
sogar das Ziel, die Psychologie in ihre Schranken zu wei- schaftlich an. Fraglich sei, inwiefern sich neurophysio-
sen. Der studierte Mathematiker Husserl wendet sich logische Daten und phänomenologische Beschreibun-
darin gegen die Idee, die Gesetze der Logik lägen in den gen überhaupt sinnvoll aufeinander beziehen lassen.
empirischen Bedingungen unseres Denkens begründet. Und selbst wenn das möglich wäre, halten viele moder-
Husserl hält diesen »Psychologismus« für unvereinbar ne Wissenschaftler die phänomenale Dimension für
mit dem universellen Geltungsanspruch der Logik. letztlich durch physiologische Daten besser erklärbar.
Er selbst dagegen beansprucht für sich, allgemein Wer dies annimmt, verfällt womöglich jedoch leicht auf
gültige Gesetze des Bewusstseins zu finden. Durch die die Idee eines »Homunkulus«, einer fiktiven inneren In-
phänomenologische Reduktion, so glaubt er, könne stanz, die sich des Gehirns wie eines Werkzeugs bedient
man tiefer in dessen Wesen vordringen als mit jeder an- (siehe »Kurz erklärt«, links).
deren psychologischen Methode. Andere Vertreter wie Der phänomenologische Ansatz kann der Psycho-
der Franzose Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) stan- logie wie auch der Neurowissenschaft ein Feld erschlie-
den der Psychologie aber offener gegenüber. ßen, das diese Disziplinen traditionell kaum beachten.
Psychologen begegnen umgekehrt dem transzenden- Die Annäherung zwischen Phänomenologie und na-
talphilosophischen Anspruch Husserls oft mit Skepsis. turalistisch orientierten Wissenschaften ist und bleibt
In derlei Analysen gehe es nicht um konkrete Situatio- allerdings schwierig. Dennoch ist unter Neurowissen-
nen, sondern um idealtypische Erfahrungen. Zudem sei schaftlern in den letzten Jahren das Interesse an Be-
zu bezweifeln, ob der Versuch, eine derart unvoreinge- wusstseinsfragen wieder erstarkt. Ein frischer, phäno-
nommene Sicht von innen einzunehmen, letztlich über- menologisch geschulter Blick hat dazu einiges beige-
haupt sinnvoll sei. Noch klarer als die Psychologie ver- tragen. H

L I T E R AT U RT I P P S

Noë, A. et al.: Du bist nicht dein Gehirn. Eine radikale Philosophie des Bewusstseins. Piper, München 2010
Der US­Philosoph Alva Noë argumentiert auf Basis phänomenologischer Erkenntnisse gegen den Neurozentrismus.
Zahavi, D.: Phänomenologie für Einsteiger. Fink, Paderborn 2007
Dan Zahavi ist Philosophieprofessor in Kopenhagen und einer der bekanntesten Phänomenologen unserer Zeit.
In diesem Band gibt er einen kompakten Einblick in Husserls Denken.
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1606804

GEHIRN&GEIST 35 0 1 _ 2 0 1 9
GU TE FRAGE

Trauern Tiere?

LILIBOAS / GETTY IMAGES / ISTOCK

Haben Sie auch eine Frage an unsere Experten?


Dann schreiben Sie mit dem Betreff »Gute Frage« an:
gehirn­und­geist@spektrum.de

GEHIRN&GEIST 36 0 1 _ 2 0 1 9
UNSER EXPERTE
K E N N T D I E A N T W O R T.

Kurt Kotrschal ist Professor für Verhaltensbiologie an der Universität Wien, gründete das
Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn und leitet die Konrad Lorenz Forschungsstelle
in Grünau im Almtal. Er erforscht die Beziehung zwischen Mensch und Tier sowie hormonelle
und kognitive Aspekte sozialer Organisation.

O
b Tiere ein ähnlich reiches Innenleben haben onssysteme teilen. Alle Wirbeltiere besitzen ein spezia-
wie wir, ist schwer zu ermitteln. Menschen be- lisiertes Netzwerk im Gehirn, welches für die Steuerung
trauern den Verlust naher Angehöriger, entfern- des Sozialverhaltens zuständig ist. Über etwa 500 Milli-
ter Bekannter und manchmal sogar den Tod von Perso- onen Jahre Stammesgeschichte, seit den frühen Fischen,
nen, die sie nicht einmal persönlich kannten. Die meis- veränderte sich das halbe Dutzend Kerngebiete in Hirn-
ten von uns wissen, wie sich das anfühlt. Wir können stamm und Zwischenhirn nur wenig.
daher die Trauer anderer erkennen, nachvollziehen und Soziales Zusammenleben wird jedoch erst durch die
uns über unsere Gefühle austauschen. Aber wie kann Kontrolle egoistischer Triebe möglich. Dies übernimmt
man wissen, ob es Wolf und Wildschwein ähnlich geht? bei den Säugetieren das so genannte Stirnhirn, der fron-
Tatsächlich harren manche Tiere nach dem Tod eines tale Teil des Neokortex. Hier werden instinktive Impul-
Nachkommen oder eines anderen Bindungspartners se, spontane Gefühlsbewertungen und mentale Reprä-
lange in dessen Nähe aus und zeigen dabei teils sogar
Symptome einer Depression. Dies beobachteten For-
scher schon bei verschiedenen Spezies, etwa Delfinen,
Schimpansen und Elefanten. Zudem gibt es zahlreiche
Zusammenleben ist erst
Berichte über Hunde, die nicht von der Seite ihres toten
Herrchens oder Frauchens weichen, diese teils aggressiv
durch Kontrolle
verteidigen und das Fressen einstellen. An der Konrad
Lorenz Forschungsstelle konnten wir männliche Grau-
egoistischer Triebe
gänse beobachten, die sich über Tage von ihren Schar-
genossen zurückzogen und apathisch wurden, nach-
möglich
dem ein Fuchs ihr brütendes Weibchen gerissen hatte –
gerade so, als wären sie tief betrübt. Unklar bleibt sentationen mit dem aktuellen Sinnesinput zusammen-
freilich, ob diese Tiere tatsächlich in unserem Sinne geführt, um passende Entscheidungen zu treffen. Vögel
trauern. haben keinen Kortex, entwickelten aber parallel zum
Plausibel ist allerdings, dass Tiere mit komplexer Stirnhirn der Säuger das so genannte Nidopallium cau-
sozialer Organisation und starken Bindungen unterei­ dolaterale, das ähnliche Aufgaben erfüllt. Dieser Kom-
nander dazu in der Lage sind. Bindungspartner, egal plex aus stammesgeschichtlich alten und jungen Funk-
ob Eltern und ihre Jungen, Geschlechtspartner oder tionselementen verarbeitet auch den Verlust wichtiger
Verwandte und Freunde, unterstützen sich auch im Bindungspartner. Das dazugehörige Gefühl nennt man
Tierreich. Die Anwesenheit der Partner wirkt beruhi­ zumindest beim Menschen Trauer.
gend auf die Tiere, und sie versuchen, Trennungen zu Da bei Tieren sehr ähnliche neuronale Prozesse ab-
vermeiden. Kein Zweifel, dass sie einander wiederer­ laufen, ist es durchaus denkbar, dass sie ähnlich empfin-
kennen und vermissen. Daher ist es auch nicht verwun­ den. Sicher werden wir uns da allerdings wohl nie sein –
derlich, wenn sie beim Tod eines Partners teils versu­ nicht nur, weil sich entsprechende experimentelle
chen, mit ihm Kontakt zu halten und ihm Reaktionen Untersuchungen aus ethischen Gründen verbieten, son-
zu entlocken, und sogar Trauerverhalten zeigen. dern vor allem, weil uns das subjektive Gefühlsleben
Die Neuroarchitektur hochsozialer Spezies spricht von anderen letztlich verschlossen bleibt. H
ebenfalls dafür, dass sie in der Lage sind zu trauern. Die
Hirnareale, die mit sozialer Interaktion zusammenhän­
gen, sind bei verschiedenen Säugetieren nahezu iden­
tisch. Auch bei Vögeln ähneln die entsprechenden Regi­ QUELLE
onen unseren funktionell sehr stark. Zudem weiß man Kotrschal, K.: Einfach beste Freunde.
heute, dass Menschen mit anderen Säuge­ und selbst Warum Menschen und andere Tiere einander verstehen.
Wirbeltieren zumindest die wichtigsten Grundemoti­ Brandstätter, Wien 2014

GEHIRN&GEIST 37 0 1 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG

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GEHIRN&GEIST 38 0 1 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG

WISSENSCHAFTSGESCHICHTE Bereits die alten Griechen


haben sich daran versucht, die Vielfalt menschlicher
Gefühle zu ergründen. Seither ist viel passiert in der Emotions-
forschung. Ein Überblick über die größten Meilensteine.

Die Vermessung
der Gefühle VON MALEK BAJB OUJ
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GEHIRN&GEIST 39 0 1 _ 2 0 1 9
UNSER EXPERTE

Malek Bajbouj ist Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité
in Berlin. Dort erforscht er, wie Emotionen im menschlichen Gehirn entstehen und
wie man sie zu therapeutischen Zwecken beeinflussen kann.

I
n Dahlem, einem grünen Berliner Vorort, steht wir schwitzen), eine kognitive (wir werden uns der
auf dem Gelände der Freien Universität das stressigen Situation bewusst), eine motorische (unsere
Center for Cognitive Neuroscience Berlin Muskeln spannen sich an) und eine emotionale (wir är-
(CCNB). Hier liegt in einem unscheinbaren gern uns). Außerdem entwickeln wir eine bestimmte
grauen Anbau Junus* in einem Magnetreso- Motivation, etwa möglichst schnell zu fliehen. Scherer
nanztomografen. Er hat sich bereit erklärt, an zufolge geschieht all das automatisch und äußerst
einer Bildgebungsstudie teilzunehmen. schnell, oft ohne dass wir es merken.
Wie vorab mit der Studienleiterin vereinbart, sieht er
auf einem Bildschirm Rechenaufgaben, die er zunächst Niedergeschlagen, genervt oder
etwas gelangweilt und ohne Mühe löst. Doch plötzlich ohnmächtig?
erscheinen sie in immer kürzeren Abständen und wer- Doch welche Arten von Emotionen unterscheiden For-
den zunehmend schwieriger. Junus merkt, dass er ver- scher überhaupt? Wie viele Varianten es gibt, lässt sich
mehrt Fehler macht. Zu allem Überfluss ermahnt ihn bereits an der großen Zahl der Bezeichnungen erken-
die Versuchsleiterin über Kopfhörer, sich mehr anzu­ nen. Allein in der deutschen Sprache existieren mehre-
strengen, damit man seine Daten auch nutzen könne. re hundert Begriffe für Gefühle. Manchmal sind wir
Schließlich sei die Studie äußerst aufwändig. niedergeschlagen, manchmal genervt, und bisweilen
Der Puls des jungen Studenten wird schneller, seine fühlen wir uns ohnmächtig. Obwohl das alles Beispiele
Hände schwitzen. Obwohl er weiß, dass es sich lediglich für negative Emotionen sind, unterscheiden sie sich da-
um ein – zumindest für ihn – unwichtiges Experiment rin, wie sie sich für den Betroffenen anfühlen. Um die-
handelt, ärgert er sich über die Versuchsleiterin und ser Unübersichtlichkeit Herr zu werden, haben For-
über sich selbst. Am liebsten würde er auf der Stelle den scher es sich zum Ziel gesetzt, eine überschaubare An-
Scanner verlassen. zahl an scharf umschriebenen Basisemotionen zu
Warum wird der arme Junus derart schikaniert? Er definieren.
nimmt, ohne sich darüber im Klaren zu sein, am so ge­ Der wohl Erste, der sich daran versucht hat, war
nannten Montreal Imaging Stress Task (MIST) teil. Der Aristippos von Kyrene (etwa 435–355 v. Chr.). Er gilt als
unter Psychologen und Neurowissenschaftlern be­ Begründer der so genannten kyrenaischen Schule, einer
rühmte Test löst auf kontrollierte Weise Stress bei den philosophischen Denkrichtung, die sich mit ethischen
Probanden aus. Forscher untersuchen damit zum Bei­ Fragen aus fünf Teilbereichen beschäftigte. Eines dieser
spiel, wie das Gehirn negative Emotionen verarbeitet. Gebiete waren die Empfindungen (pathṓn), die laut den
Laut dem Psychologen Klaus Scherer vom Swiss Kyrenaikern einen körperlich­seelischen Ursprung hat­
Center For Affective Sciences in Genf reagiert unser ten. Durch die Einwirkung äußerer Reize würden im
Körper auf solche »emotionalen« Situationen wie beim menschlichen Körper gewisse Bewegungen ausgelöst,
MIST immer nach dem gleichen Muster: Es gibt eine die über Sinnesorgane in die Seele übermittelt und dort
physiologische Reaktion (das Herz schlägt schneller, als Empfindung registriert würden. Aristippos und sei­

Auf einen Blick: Den Emotionen auf der Spur

1 2 3
Die Idee, Gefühle wissenschaft- Die Erfindung der funktio­ Diese Erkenntnisse nutzen
lich greifbar zu machen, ist nellen Bildgebung brachte eine Psychiater heute, um die
nicht neu: Bereits die alten Wende in der Emotions­ Hirnaktivität von Patienten mit
Griechen versuchten, universelle forschung. Neurowissenschaftler affektiven Störungen gezielt zu
Basisemotionen zu definieren. können erkennen, welche Hirn­ beeinflussen. Viel versprechende
Diesen Ansatz entwickeln Psycho­ regionen sich regen, während wir Behandlungsmethoden sind die
logen wie Paul Ekman bis heute eigene Gefühle empfinden oder tiefe Hirnstimulation und die trans-
weiter. die anderer wahrnehmen. kranielle Magnetstimulation.

* Name von der Redaktion geändert GEHIRN&GEIST 40 0 1 _ 2 0 1 9


HIRNFORSCHUNG / WISSENSCHAFT SGESCHICHTE

Muskelbewegungen im Gesicht zu »Bewegungseinhei­


ten« oder »action units« zusammen.
MIT FRDL. GEN. DER EMOTIONAL INTELLIGENCE ACADEMY, EIAGROUP.COM

So fanden sie zwölf Einheiten im Obergesicht und 32


im Untergesicht, also insgesamt 44 »action units«, wel­
che die aktuelle Gefühlslage eines Menschen anzeigen
sollten. Während sich Junus beim Montreal Imaging
Stress Task im Hirnscanner über sich selbst und die
Versuchsleiterin ärgert, müssten Ekman und Friesen zu­
folge die »action units« 4, 5, 7 und 23 in seinem Gesicht
aktiv werden. Anders ausgedrückt: Er zieht die Augen­
brauen zusammen und presst die Lippen aufeinander.
Doch wie zuverlässig können wir an der Mimik einer
Person ihre tatsächliche Gemütslage ablesen? Hier ge­
hen die Meinungen auseinander. Paul Ekman selbst
würde auf die Frage hin wohl von seiner Reise im Jahr
Laut dem Psychologen Paul Ekman verfügt der 1967 erzählen, als er in Neuguinea den bis dahin völlig
Mensch über ein Repertoire an universellen Basis- isoliert lebenden Stamm der Fore besuchte. Er studierte
emotionen – darunter Trauer, Überraschung und dort das Mienenspiel der Ureinwohner und ließ sie
Freude (oben) sowie Ekel, Wut und Angst (unten). Emotionen von Menschen anderer Herkunft auf Fotos
einschätzen.
Das Ergebnis war eindeutig. Genauso wie die Men­
nen Anhängern zufolge handelte es sich dabei immer schen in Kalifornien konnten die Fore Freude, Ärger,
um einen der beiden Affekte Unlust oder Lust. Ekel, Angst, Trauer und Überraschung – also die Basis­
Wenig später ergänzte Aristoteles (384–322 v.  Chr.) emotionen – sicher erkennen. Ekman nahm das als Be­
die Basisemotionen um weitere Gefühle: Begierde, weis dafür, dass Gefühle kulturübergreifend und damit
Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Freundschaft, Hass, wohl genetisch codiert sind. Deshalb ließen sie sich
Sehnsucht, Eifer und Mitleid. überall mit Hilfe des Facial Action Coding System zu­
Die Vorstellung von diesem Grundset an Emotionen verlässig entschlüsseln.
hielt sich – in immer mal wieder leicht abgewandelter Laut Kritikern vereinfacht die Methode das mensch­
Form – über viele Jahrhunderte. Um 1800 begründete liche Gefühlsleben jedoch zu sehr. Manche aktuellen
schließlich der umstrittene schwäbische Arzt und Anwendungen könnten sogar ethisch bedenklich sein.
Anatom Franz Joseph Gall (1758–1828) die auch als So benutzen US­amerikanische Grenzbeamte das Sys­
»Schädellehre« bekannte Phrenologie. Demnach ist das tem, um potenziell bedrohliche Einreisende besser zu
Wesen eines Menschen bereits an der Kopfform abzule- erkennen. Ekman bietet zu diesem Zweck sogar Trai­
sen. Das Gehirn setze sich aus 27 Organen zusammen, ningskurse an. Die Zweifler monieren, das Verfahren
von denen jedes bestimmte Eigenschaften und Neigun- sei schlicht zu simpel, um diese Aufgabe zuverlässig zu
gen steuere, von Eitelkeit über Kunstsinn bis zu An- erfüllen. Stattdessen würden damit viele Einreisende
hänglichkeit. Heute gilt diese Lehre als widerlegt. unnötig belästigt und teils auch diskriminiert.
Fast ein dreiviertel Jahrhundert später veröffentlichte
Charles Darwin (1809–1882) das Buch »The Expression Siegeszug der funktionellen Bildgebung
of the Emotions in Man and Animals«. Darin beschreibt Die wissenschaftliche Diskussion um das Facial Action
er eine überschaubare Anzahl von Basisemotionen, die Coding System hat in den letzten Jahren deutlich an
ebenso wie ihr mimischer Ausdruck universell verbrei- Fahrt verloren, und die Methode ist in der psycholo­
tet seien. Darwin sah sie als Beleg für seine Abstam- gischen Forschung immer weiter in den Hintergrund
mungslehre. gerückt. Ursache hierfür war der Siegeszug einer neuro­
In den 1970er Jahren nahm Paul Ekman (* 1934) die wissenschaftlichen Methode, die versprach, menschli­
Idee von Darwin wieder auf und entwickelte gemein­ che Emotionen viel präziser zu vermessen: die funktio­
sam mit seinem Kollegen Wallace Friesen eines der ers­ nelle Magnetresonanztomografie (fMRT).
ten Verfahren, um Emotionen systematisch zu vermes­ 1982, 15 Jahre nachdem Ekman seine Reise nach
sen: das Facial Action Coding System (siehe auch Neuguinea angetreten hatte, veröffentlichten Keith
Gehirn&Geist 6/2017, S. 44). Thulborn und seine Mitarbeiter von der University of
Das Prinzip war recht einfach. Die beiden Psycholo­ Illinois in Chicago die Ergebnisse einer Serie von
gen wussten um die Tatsache, dass der Mensch 26 Ge­ Experimenten zum Hämoglobin. Dieses eisenhaltige
sichtsmuskeln hat, von denen acht für die Mimik ver­ Molekül, das bei Säugetieren den Sauerstoff im Blut
antwortlich sind. Dennoch lösten sie sich von dieser transportiert, ließ das Gewebe in kernspintomografi­
anatomischen Gegebenheit und fassten die sichtbaren schen Aufnahmen unterschiedlich hell oder dunkel er­

GEHIRN&GEIST 41 0 1 _ 2 0 1 9
Diese ersten, meist stark vereinfachenden Erkennt­
Die Hirnaktivität eines nisse aus dem Hirnscanner hatten oft noch eher phre­
Menschen macht ihn nologischen Charakter. Forscher ordneten komplexe
Hirnfunktionen einzelnen, scharf umrissenen Hirn­
unverwechselbar – ähnlich strukturen zu. Neuere Studien hingegen liefern zuneh­
wie ein Fingerabdruck mend detailliertere Einblicke in die menschliche Ge­
fühlswelt. So können Neurowissenschaftler inzwischen
neuronale Netzwerke aufspüren, die nicht nur struktu­
rell verknüpft sind, sondern sich ebenso in ihrer Funk­
scheinen, je nachdem, wie viel davon mit Sauerstoff tion ähneln. Auch wie verschiedene neurokognitive
beladen war. Domänen miteinander wechselwirken, etwa Gedächt­
Auf diesen Vorarbeiten baute John Belliveau als jun­ nis und Emotionen, untersuchen Forscher mittlerweile
ger Doktorand an der Harvard University in Boston auf. per funktioneller Magnetresonanztomografie.
Er zeigte Probanden in einem Kernspintomografen auf Zu diesen neueren Studien gehört auch das Experi­
einem Bildschirm flackernde Schachbrettmuster. Seine ment im Center for Cognitive Neuroscience Berlin, an
Vermutung: Während die Sehrinde die visuellen Reize dem der Student Junus teilnimmt. Auf Grund der neu­
verarbeitet, müssten die Nervenzellen dort eine Menge ronalen Reaktion in seinem Gehirn und dem weiterer
Sauerstoff verbrauchen, und zwar mehr als die weniger Probanden folgerten die Studienleiterinnen Yan Fan
stark feuernden Neurone in anderen Hirnarealen. So- und Simone Grimm: Akuter Stress aktiviert ein ausge­
mit müsste die neuronale Aktivität im Hirnscanner in- dehntes neuronales Netzwerk im Stirnhirn sowie im
direkt messbar sein. Schläfenlappen.
Belliveau sollte Recht behalten und publizierte seine
Ergebnisse 1991 im Fachblatt »Science«. Das war der Stresszentren im Gehirn
Startschuss für die rasante Ausbreitung der fMRT, mit Unter diesen Hirnregionen leuchteten in vielen anderen
der Wissenschaftler auf der ganzen Welt fortan jede Studien zu Stress und negativen Emotionen zwei immer
denkbare Hirnfunktion messen wollten. Wie sich bald wieder besonders auf: der dorsolaterale präfrontale
herausstellte, konnte man damit auch allerhand über Kortex und der anteriore zinguläre Kortex. Während
die Entstehung und den Ausdruck von Emotionen er­ sich die Neurone in den beiden Arealen bei gesunden
fahren. Forscher entdeckten beispielsweise, dass bei Menschen nur in akuten Stresssituationen verstärkt re­
Angst die Amygdala besonders aktiv ist, bei Freude das gen, ist ihre Aktivität bei Patienten mit einer Depression
Striatum und dass sich bei Wut das Aktivierungsmuster oder einer gestörten Emotionsverarbeitung dauerhaft
der Insula und des Putamens verändert. verändert.
JOHN VAN WYHE, ED. 2002-. THE COMPLETE WORK OF CHARLES DARWIN ONLINE (DARWIN-ONLINE.ORG.UK)

JOHN VAN WYHE, ED. 2002-. THE COMPLETE WORK OF CHARLES DARWIN ONLINE (DARWIN-ONLINE.ORG.UK)

Charles Darwin beschrieb 1872 in seinem Buch »The Expression of the Emotions in Man and Animals«
verschiedene Basisemotionen, die universell bei Tieren und Menschen verbreitet seien. Dazu zählte er unter
anderem Schrecken (links), Enttäuschung (rechts) und Demut (rechte Seite).

GEHIRN&GEIST 42 0 1 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG / WISSENSCHAFT SGESCHICHTE

Diese Erkenntnis ließ klinische Neurowissenschaft- M E H R W I S S E N AU F


ler und Psychiater aufhorchen. Kann man die Aktivität »SPEKTRUM.DE«
der Neurone bei psychischen Erkrankungen womöglich
Mehr über neue Therapien lesen
gezielt beeinflussen? Tatsächlich beschäftigen sich eini­ Sie in unserem digitalen
ge Forscher, unter anderem im Rahmen des von der Eu­ Spektrum Kompakt »Depressionen –
ropäischen Kommission ins Leben gerufenen Human Wege aus dem Dunkel«:
Brain Project, mit genau dieser Frage. www.spektrum.de/shop
Zunächst gab es auch viel versprechende Ergebnisse.
Helen Mayberg und Kollegen an der University of To­
ronto gelang es beispielsweise 2005, die Symptome einer
kleinen Gruppe von schwerstdepressiven Patienten mit­ unendliche Zahl an klinischen Erscheinungsbildern so
tels tiefer Hirnstimulation deutlich zu lindern (mehr gruppieren kann, dass sich die zu Grunde liegenden
über die Methode lesen Sie ab S. 52). Die Ärzte hatten neuronalen Muster sinnvoll vergleichen lassen. Idealer­
hauchdünne Elektroden in das subgenuale Zingulum weise würde dann Patientengruppe A mit Hirnaktivie­
implantiert, wo diese fortlaufend elektrische Impulse rungsmuster A am besten auf Behandlung A anspre­
abgaben. chen und Gruppe B mit dem Aktivierungsmuster B auf
Auch mein Team an der Berliner Charité verwendet Intervention B.
das Verfahren bei Patienten mit schwer behandelbaren Genau das ist Andrew Drysdale und seinen Kollegen
Depressionen. Die erfreulichen Ergebnisse von May­ vom Weill Cornell Medical College in New York gelun­
bergs Team konnten wir in einer neueren Erhebung je­ gen. Die Wissenschaftler identifizierten 2017 per fMRT
doch leider nicht bestätigen. Eine amerikanische Studie vier verschiedene »Biotypen« von Depressionspatienten.
von 2017 kam zu einem ähnlichen negativen Resultat. Bei einer dieser Gruppen verbesserten sich die Sympto­
Etwas besser sieht es aus, wenn an Stelle des subgenua­ me mit einer Erfolgsrate von 80 Prozent, wenn deren
len Zingulums andere Knotenpunkte stimuliert werden, linker Stirnlappen durch ein starkes Magnetfeld stimu­
etwa der posteriore Gyrus rectus im Stirnhirn. liert wurde.
Trotz gelegentlicher Erfolgsmeldungen ist es ungewiss, Doch damit nicht genug. Der Traum vieler Psychia­
ob sich die Methode im klinischen Alltag durchsetzen ter ist eine für den Patienten maßgeschneiderte Thera­
wird. Denn: Depressionen äußern sich mit den verschie­ pie. Die Idee dahinter: Jeder Mensch weist ein individu­
densten Symptomen, und auch die beteiligten neurona­ elles Aktivitätsmuster im Gehirn auf, anhand dessen
len Strukturen unterscheiden sich zum Teil drastisch. man vorhersagen kann, welche Behandlung besonders
Ein Großteil der aktuellen Depressionsforschung gut wirken wird. In der Tat deutet eine Studie von Emi­
dreht sich daher um die Frage, wie man diese schier ly Finn und ihren Kollegen von der Yale University in
JOHN VAN WYHE, ED. 2002-. THE COMPLETE WORK OF CHARLES DARWIN ONLINE (DARWIN-ONLINE.ORG.UK)

GEHIRN&GEIST 43 0 1 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG / WISSENSCHAFT SGESCHICHTE

Die humanoide Roboterdame Erica sieht nicht


nur auf Fotos verblüffend menschlich aus.
Sie antwortet auch auf (bestimmte) Fragen und
zeigt täuschend echte emotionale Gesichts­
ausdrücke.

Connecticut darauf hin, dass die Hirnaktivität eines


Menschen diesen  – ähnlich wie ein Fingerabdruck  –
unverwechselbar macht.
Man bräuchte jedoch Messverfahren, welche die Ge­
fühlsregungen im Gehirn zeitlich und räumlich hoch
aufgelöst abbilden können. Die fMRT leistet zwar be­
reits gute Dienste, allerdings mangelt es ihr sowohl an
zeitlicher als auch an räumlicher Präzision. Die Elektro­
enzephalografie (EEG) hingegen vermag neuronale Re­
aktionen prompt, aber dafür örtlich nur schlecht aufge­
löst zu messen.
Außerdem sollte der Computer alle erhobenen Daten
über ein Individuum nicht einfach statisch abspeichern,
sondern auch die darauf folgenden Reaktionen und
ERATO ISHIGURO SYMBIOTIC HUMAN-ROBOT INTERACTION PROJECT; MIT FRDL. GEN. DER HIROSHI ISHIGURO LABORATORIES

Maßnahmen nach und nach dem emotionalen Zustand


der Person anpassen.
Ist das in Zukunft denkbar? Wahrscheinlich ja. Un­
terstützung liefert ein Forschungszweig, der Erkennt­
nisse aus Neurowissenschaft und Informatik vereint:
die künstliche Intelligenz, die sich in den letzten Jahren
dank neuer Ansätze wie Deep Learning in rasender Ge­
schwindigkeit entwickelte. So gibt es bereits Maschinen,
die anhand der Sprachmelodie eines Menschen recht
akkurat 15 verschiedene Emotionen erkennen. Und um­
gekehrt entwickelte der Direktor des Intelligent Ro­
botics Laboratory in Osaka Hiroshi Ishiguro den huma­
noiden Roboter Erica, der zu einem verblüffend realisti-
schen emotionalen Mienenspiel fähig ist.
Und wie werden die Emotionen von Junus im Jahr
2040 aussehen? Die schaurige Empfindung von Angst
und das wohlige Kribbeln von Freude dürften sich wohl
nicht anders anfühlen als heute. Aber vielleicht hätte er
einen kleinen humanoiden Roboter an seiner Seite, der
Ekmans »action units« kennt und über dessen beiläufi­
ges Lächeln Junus sich ebenso freut wie über das ver­
traute Lächeln seines besten Freundes. H

QUELLEN

Accolla, E. A. et al.: Deep Brain Stimulation of the


Posterior Gyrus Rectus Region for Treatment Resistant Depression.
In: Journal of Affective Disorders 194, S. 33–37, 2016
Drysdale, A. T. et al.: Resting-State Connectivity
Biomarkers Define Neurophysiological Subtypes of Depression.
In: Nature Medicine 23, S. 28–38, 2017
Fan, Y. et al.: Early Life Stress Modulates Amygdala‐Prefrontal Functional Connectivity:
Implications for Oxytocin Effects. In: Human Brain Mapping 35, S. 5328–5339, 2014
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1606808

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HIRNFORSCHUNG

DRAFTER123 / GETTY
IMAGES / ISTOCK
DIE GRÖSSTEN EXPERIMENTE

NEUROPSYCHOLOGIE Unser Gehirn verfügt über zwei getrennte


visuelle Systeme: eines für das bewusste Erkennen von
Objekten und eines für die automatische Handlungssteuerung.

Das Wie und Was


des Sehens
V O N D A N I E L A O VA D I A

A
ls die Neuropsychologen Melvyn Goo- Ersterer forschte und lehrte viele Jahrzehnte lang an
dale und David Milner Anfang der der University of St Andrews in Schottland, wo auch
1990er Jahre ihre Forschungen zum sein Kollege Melvyn Goodale Ende der 1970er Jahre
menschlichen Sehsystem veröffentlich­ seine ersten akademischen Meriten verdiente. Später
ten, dachten sie nicht im Traum daran, wechselte Goodale an die University of Western Onta­
dass sie unser Wissen über die Funk­ rio in Kanada, doch die beiden Forscher blieben in en­
tionsweise des Gehirns revolutionieren würden. »Es gem Kontakt. Im Jahr 1988 lernten sie die Patientin D. F.
war einfach naheliegend, dass unser Denkorgan über kennen, eine Frau mit einer ganz und gar ungewöhnli­
ein einziges Werkzeug verfügt, um visuelle Reize zu ver­ chen Störung. Durch eine Kohlenmonoxidvergiftung
arbeiten«, erklärt Milner. »Schließlich machen wir uns auf Grund eines defekten Durchlauferhitzers war ihre
auch nur ein Bild der Welt. Doch das Offensichtliche Großhirnrinde (Kortex) beidseitig an fast der gleichen
stimmt eben nicht immer.« Stelle geschädigt, der Rest ihres Gehirns war jedoch
Tatsächlich besitzt das Gehirn nicht bloß ein visuel­ intakt geblieben. Wie so oft in der Neuropsychologie –
les System, sondern zwei, die weitgehend unabhängig jener Forschungsdisziplin, die sich mit der Beziehung
voneinander arbeiten und verschiedene Aufgaben er­ zwischen geistigen Funktionen und dem Gehirn be­
füllen. Diese Erkenntnis geht maßgeblich auf Milner schäftigt  – war es also ein klinischer Fall, der einen
und Goodale zurück. wichtigen Schlüssel zum Verständnis der visuellen Sin­
nesverarbeitung lieferte.
D. F. litt unter einer schweren optischen Agnosie, das
heißt, sie erkannte so gut wie kein Objekt, das sie sah,
obwohl ihr Sehsinn einwandfrei funktionierte. »Wir
U N S E R E AU TO R I N unterzogen die Patientin den üblichen Tests. Zusätzlich
Daniela Ovadia ist Neuroethikerin führten wir noch zwei Untersuchungen durch, die über­
und Wissenschaftsjournalistin in Pavia raschende Ergebnisse brachten«, so Milner. »Am span­
(Italien). nendsten war dabei nicht, was D. F. nicht mehr konnte,

GEHIRN&GEIST 46 0 1 _ 2 0 1 9
GEHIRN&GEIST / MARTIN BURKHARDT
GEHIRN&GEIST / MARTIN BURKHARDT

Die Neuropsychologen Melvyn Goodale (oben


links) und David Milner, beide Jahrgang 1943,
erkannten bei Experimenten mit der hirnverletz-
ten Patientin D. F., dass Objekte zu erkennen
und mit ihnen zu hantieren zwei verschiedene
Paar Stiefel sind. Sollte D. F. eine kleine Papptafel
in einiger Entfernung parallel zu einem Schlitz
orientieren, fiel ihr das sehr schwer – sie in den
Schlitz zu stecken (unten), stellte hingegen kein
Problem dar.

GEHIRN&GEIST 47 0 1 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: die Wie­Bahn, verläuft hingegen durch den Scheitellap­
pen. Es dient der Verortung eines Objekts im Raum und
Doppelter Pfad ist überdies mit motorischen Hirnarealen verbunden,
welche die Interaktion mit der Umwelt ermöglichen.

1
Wie Forscher seit der 1990er Jahren wissen, erken­ Wie Forscher allmählich erkannten, erfüllen diese
nen wir Objekte mittels eines im Schläfenlappen beiden Systeme jedoch noch komplexere Aufgaben:
gelegenen neuronalen Verarbeitungswegs, hantie­ Während uns das erste ein Bewusstsein davon vermit­
ren mit ihnen jedoch über Areale im Scheitelhirn. telt, wie sich Objekte unseren Blicken darbieten und
welche Eigenschaften (Position, Form, Größe und so

2
Daher kann bei Patienten mit eng umgrenzten weiter) sie besitzen, nutzt das zweite System so genann­
Hirnschäden das Benennen und das Bewegen von te egozentrische Koordinaten  – es analysiert die Um­
Gegenständen unabhängig voneinander ausfallen. welt im Verhältnis zum Beobachter.
Milners und Goodales Entdeckung hatte durchaus

3
Studien mittels bildgebender Verfahren bestätig­ Vorläufer. Bereits Ende der 1960er Jahre hatte Gerald
ten seither die komplexe neuronale Architektur Schneider von MIT in Cambridge (USA) über die Exis­
der visuellen Wahrnehmung. tenz eines zweifachen Sehsystems spekuliert. 1982 hat­
ten Leslie Ungerleider und Mortimer Mishkin Studien
an Primaten publiziert, die in eine ähnliche Richtung
deuteten. Sie zeigten, dass Sehinformationen, die den
sondern wozu sie trotz ihrer Agnosie noch in der primären visuellen Kortex  – auch Areal V1 genannt  –
Lage war.« verließen, entweder weiter zum unteren Schläfenlappen
In einem Versuch baten die Forscher D. F., eine Papp­ wanderten, wenn die Tiere Objekte erkennen sollten,
scheibe so zu positionieren, dass sie ebenso ausgerichtet oder aber zum hinteren Scheitellappen, wenn sie sich
war wie der Schlitz in einer Apparatur vor ihr. Die Frau im Raum orientieren mussten. Dies ließ sich mit dem
konnte die Aufgabe offenbar nicht lösen, sondern dreh­ traditionellen Bild vom einheitlichen Sehsystem schwer
te die Scheibe beliebig hin und her. Bat man sie jedoch, vereinbaren. Erst Milner und Goodale jedoch zogen die
das Pappstück direkt in den Schlitz zu schieben, tat sie richtigen Schlüsse daraus. Als Beleg dafür, dass ihr Mo­
dies ohne Probleme (siehe Bild S. 47). Sie kontrollierte dell auch beim Menschen gilt, diente ihnen schließlich
ihre Armbewegung dabei genauso präzise wie gesunde die hirngeschädigte Patientin D. F.
Kontrollpersonen.
In einem weiteren Experiment bekam D. F. den Auf­ Wie waren die Ausfälle zu erklären?
trag, einen Gegenstand wie zum Beispiel einen Würfel Doch auf welche anatomischen Merkmale war die Tren­
genau zu beschreiben. Worum handelte es sich? Wie nung von Erkennen und Hantieren zurückzuführen?
war das Objekt beschaffen? Was konnte man damit ma­ Eine japanische Forschergruppe unter Leitung von Hi­
chen? Mit der Beantwortung solcher Fragen tat sich die deo Sakata hatte verschiedene Neuronenklassen im dor­
Patientin unheimlich schwer. Sollte sie aber das omi­ salen Teil des Scheitellappens von Affen identifiziert, die
nöse Ding in die Hand nehmen, passte sie ihren Griff dann aktiv wurden, wenn die Tiere von visuellen Reizen
entsprechend an und hantierte geschickt damit. geleitete Bewegungen ausführten. Darauf aufbauend er­
»D. F. war der lebende Beweis dafür, dass die Fähig­ kannten Milner und Goodale die anatomischen Wurzeln
keit, die sichtbaren Eigenschaften der Umgebung be­ von D. F.s Auffälligkeit: Höchstwahrscheinlich waren bei
wusst wahrzunehmen, etwas grundlegend anderes ist, ihr durch den Sauerstoffmangel nur die ventralen Lei­
als Bewegungen und Handlungen auf diese Umgebung tungsbahnen des Sehsystems zerstört worden, die dorsa­
abzustimmen. Bei ihr war lediglich die erste Funktion len hingegen mussten verschont geblieben sein.
geschädigt, während die zweite weiterhin intakt war.« So ließen sich auch die Defizite anderer Patienten
Diese Studienergebnisse veröffentlichten Milner und erklären, die an einem komplementären Syndrom, der
Goodale erstmals 1992. In den folgenden Jahren arbei­ so genannten optischen Ataxie, litten. Anders als D. F.
teten die beiden ihre Theorie zum doppelten visuellen waren diese nicht in der Lage, mit gezielten Bewegun­
System detaillierter aus. Demnach fußt das Sehen auf gen nach einem Gegenstand zu greifen; benennen konn­
zwei anatomisch getrennten Pfaden: Die Sinnesinforma­ ten sie ihn dagegen zumeist durchaus. Die optische Ata­
tionen von der Netzhaut der Augen erreichen den pri­ xie hatte bereits 1909 der ungarische Neurologe Rezső
mären visuellen Kortex im Hinterkopf und werden dort Bálint (1874–1929) beschrieben, nachdem er Patienten
weiterverteilt. Das ventral (»zum Bauch hin«, also unten mit einer Verletzung des Scheitellappens untersucht
gelegene) System, die Was­Bahn, liegt dabei in dem fürs hatte. Diese zeigten regelmäßig Probleme, Bewegungen
Gedächtnis wichtigen Schläfenlappen und ist zuständig anhand visueller Reize zu koordinieren, obwohl sie
dafür, dass wir gesehene Gegenstände identifizieren. sonstige räumliche Gegebenheiten gut erkannten. Stu­
Das dorsale (»zum Rücken hin«, oben gelegene) System, dien des französischen Hirnforschers Marc Jeannerod

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HIRNFORSCHUNG / NEUROPSYCHOLO GIE

(1935–2011) bestätigten Bálints Ergebnisse. Jeannerod steckte. Später ließen sich ihre Befunde mittels funktio­
konnte 1988 an Patienten mit optischer Ataxie nachwei­ neller Magnetresonanztomografie (fMRT) bestätigen.
sen, dass sie nicht nur Schwierigkeiten hatten, passge­ Solche Techniken des so genannten Neuroimaging ma­
nau nach einem Objekt zu greifen, sondern auch den ei­ chen die Hirntätigkeit beim Bearbeiten verschiedener
genen Oberkörper kaum zielgerichtet drehen oder die Aufgaben sichtbar. Auch D. F. wurde mit bildgebenden
Stellung ihrer Gliedmaßen nicht an unterschiedliche Verfahren untersucht, und die Ergebnisse belegten aber­
Positionen im Raum anpassen konnten. Gleichzeitig ge­ mals: Der dorsale Pfad ihres Sehsystems funktionierte
lang es ihnen jedoch problemlos, Art und Ort eines Ge­ einwandfrei, während der ventrale geschädigt war.
genstands detailgetreu zu beschreiben. »Im letzten Fall »Eine wichtige Erkenntnis lautet: Nicht alles, was
sind die Neurone des dorsalen Systems geschädigt, wäh­ wir sehen, unterliegt unserer direkten Kontrolle. Das
rend die des ventralen erhalten blieben«, erklärt Milner. ist schwer zu akzeptieren, weil es unserer Intuition wi­
In den letzten Jahren haben Milner und andere For­ derspricht. Unser Handeln, so meinen wir, müsse
scher die Bedeutung des ventralen Systems für das visu­ schließlich unserem Willen gehorchen  – und dieser
elle Gedächtnis aufgeklärt: Funktioniert es nicht richtig, werde von dem gelenkt, was wir bewusst wahrnehmen«,
verblassen jene visuellen Elemente, die unsere Erinne­ erläutert Milner. Zusammen mit Goodale bewies er je­
rungen ausmachen. »Das ventrale Sehsystem ist ebenso doch, dass man diesem Augenschein nicht unbedingt
grundlegend für unsere Vorstellungswelt, für unser trauen sollte. Heute beschäftigt sich ein ganzer Zweig
figürliches Denken, wie die Sprachareale grundlegend der Neurowissenschaft mit der doppelten Natur des Se­
am abstrakten Denken und Abwägen beteiligt sind.« hens sowie mit der Frage, wie die beiden Systeme zu­
Milners und Goodales Theorie stammte aus einer sammenarbeiten und uns ein einheitliches Bild der
Ära, als die Hirnbildgebung noch in den Kinderschuhen Welt präsentieren. H

QUELLEN

Goodale, M. A., Milner, A. D.: Separate Visual Pathways for Perception and Action.
In: Trends in Neurosciences 15, S. 20–25, 1992
Schneider, G. E.: Two Visual Systems. In: Science 163, S. 895–902, 1969
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1606810

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GEHIRN&GEIST 49 0 1 _ 2 0 1 9
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ADHS
Ungezügelte Kreativität
eicht ablenkbar, hibbelig, impulsiv: Die Aufmerk- gar nicht vorkommen – etwa Obst, dem Augen und

L samkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (kurz
ADHS) verbinden die meisten Menschen mit
negativen Eigenschaften. Eine Studie der University of
Hände wachsen oder dessen Verzehr einen Röntgen-
blick verleiht. Bei den Tests handelt es sich um etablier-
te Methoden, um Kreativität zu messen.
Michigan weist dagegen nun auf eine positive Seite der »Die Ergebnisse können dazu beitragen, dass sowohl
Erkrankung hin: Erwachsene Betroffene erwiesen sich Therapeuten als auch Patienten die Störung künftig in
im Vergleich zu einer Kontrollgruppe als kreativer. einem positiveren Licht sehen«, hofft White. Dies
Die Psychologin Holly White untersuchte jeweils steigere womöglich die Selbstachtung der Erkrankten
26 Versuchspersonen mit und ohne ADHS, die sie über und sei auch praktisch relevant, so die Psychologin.
eine Befragung von rund 800 Studierenden der Die Betroffenen könnten beispielsweise ihren Einfalls-
Universität gefunden hatte. Die Probanden durften ihre reichtum einsetzen, um den alltäglichen Herausforde-
Kreativität in zwei Aufgaben unter Beweis stellen. rungen zu begegnen, welche die Störung mit sich
Zuerst wurden sie gebeten, sich eine möglichst unge- bringe. Und schließlich würden die Befunde dafür
wöhnliche Frucht auszudenken, die es auf einem sprechen, dass Menschen mit ADHS sich am besten
fremden Planeten geben könnte. Das Obst sollten sie berufliche Tätigkeiten suchen, in denen innovatives
zeichnen und beschreiben. Danach mussten sie sich Denken gefragt ist.
Namen für ein neu entdecktes chemisches Element, Bereits 2006 hatte eine Studie an Erwachsenen
eine neue Nudelsorte und ein neues Schmerzmittel einen ähnlichen Befund ergeben. Forscher vermuten,
ausdenken, wobei sie jeweils mögliche Bezeichnungen dass insbesondere die geringere kognitive Kontrolle
als Beispiele genannt bekamen. es den Betroffenen erleichtert, gelernte Muster und
Die Antworten der Teilnehmenden mit ADHS Erfahrungen zu ignorieren und so auf ungewöhnliche
waren im Durchschnitt kreativer, das heißt in diesem Ideen zu verfallen. Eine besondere Rolle spielt dabei
Fall: Sie enthielten mehr neuartige Elemente. So offenbar das so genannte Ruhenetzwerk im Gehirn, das
unterschieden sich ihre erfundenen Produktnamen beim Tagträumen beteiligt ist – und auch die Kreati-
stärker von den vorgelegten Beispielen als die der vität zu erhöhen scheint. Bei Menschen mit ADHS ist
Kontrollgruppe. Und die außerirdischen Früchte der es aktiver.
ADHSler hatten eher Eigenschaften, die auf der Erde J. Creat. Behav. 10.1002/jocb.382, 2018

GEHIRN&GEIST 50 0 1 _ 2 0 1 9
Autor dieser Rubrik: Joachim Retzbach

Depression
Konkretes Denken hilft beim Entscheiden
enschen mit einer Depression fühlen sich oft Unsicherheit als die nichtdepressiven Probanden.

M regelrecht gelähmt, wenn sie Entscheidungen


treffen sollen. Wie eine Untersuchung von
Psychologen der University of New South Wales in
Diese legten häufiger »konkretes« Denken an den
Tag – sie berücksichtigten etwa Details des beschriebe-
nen Problems und ersannen vor allem praktisch um-
Sydney nun belegt, hängt dies auch mit der Art und setzbare Maßnahmen, um die Situation zu verbessern.
Weise zusammen, wie die Betroffenen über einen In der zweiten Studie sollten die Teilnehmenden
Entschluss nachdenken. entweder abstrakt oder konkret über eine Frage
Das Forscherteam um Shanta Dey bat in zwei Ex- nachdenken. Depressiven Probanden gelang es dabei
perimenten insgesamt 137 Versuchspersonen, sich genauso gut wie nichtdepressiven, sich konkrete
schriftlich mit einem Problem zu beschäftigen. In der Gedanken zu machen; für abstrakte Überlegungen
ersten Studie galt es, mehrere schwierige Entscheidun- brauchten sie jedoch deutlich länger. Dies passe zum
gen zu treffen, etwa wie man reagieren würde, wenn Phänomen der Rumination, das als wichtiges Merkmal
einen der Chef auf bestimmte Weise unfair behandelt. einer Depression gilt, schreiben die Forscher. Dabei
Personen mit ausgeprägten depressiven Symptomen wälzen die Patienten vor allem abstrakte Fragen immer
tendierten dabei eher zu »abstraktem« Denken: Sie wieder geistig herum. Die Studie zeige aber, dass
überlegten, welche tiefere Bedeutung das Verhalten Betroffene durchaus auch einen konkreten Denkstil
wohl hat, und suchten nach allgemein gültigen Lö- annehmen könnten– was Entscheidungen erleichtere.
sungen. Zugleich erlebten sie dabei mehr Stress und Behav. Ther. 10.1016/j.beth.2018.07.001, 2018

Traumatisierung
Wer die Wahl hat, wird schneller gesund
ine Posttraumatische Belastungsstörung lässt Die übrigen Probanden durften frei zwischen den

E sich sowohl mit Psychotherapie als auch medika-


mentös behandeln. Können sich die Betroffenen
selbst aussuchen, welche Therapie sie erhalten, verbes-
beiden Maßnahmen wählen. Von diesen entschieden
sich 63 Prozent für die Expositionstherapie, 37 Prozent
für die Tabletten.
sert das offenbar den Erfolg der Behandlung. Das zeigt Ergebnis: Beide Behandlungen verbesserten die
eine aktuelle Studie von Psychologen und Psychiatern Symptome der Teilnehmer. Die Psychotherapie erwies
um Lori Zoellner von der University of Washington in sich dabei dem Medikament als leicht überlegen.
Seattle. Zudem spielte aber die Präferenz der Patienten eine
Die Wissenschaftler teilten 200 Patienten in zwei wichtige Rolle für den Behandlungserfolg. Wer die von
Gruppen auf. Rund die Hälfte erklärte sich dazu bereit, ihm selbst gewählte Behandlung erhielt, dessen
zufällig einer von zwei Behandlungsformen zugelost zu seelische Belastung, Ängstlichkeit und Depressivität
werden: entweder einer zehnwöchigen Prolonged sanken stärker als bei Probanden, die zufällig einer der
Exposure Therapy, bei der sie sich mit den traumati- beiden Therapien zugeteilt wurden. Auch die Chance,
schen Erlebnissen intensiv auseinandersetzen, oder nach Abschluss der Therapie als geheilt zu gelten, war
einer gleich langen Behandlung mit Sertralin, einem beim Erhalten der Wunschbehandlung größer.
auch als Antidepressivum verwendeten Wirkstoff. Am. J. Psychiatry 10.1176/appi.ajp.2018.17090995, 2018

Persönlichkeitsstörungen 12 Prozent aller Menschen, die ambulant


psychiatrisch behandelt werden, leiden am Borderline-Syndrom.
Bei den stationär Behandelten sind es 22 Prozent.
Psychiatr. Clin. North Am. 10.1016/j.psc.2018.07.008, 2018

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BLINDTEXTSPITZMARKE
MEDIZIN

TIEFE HIRNSTIMULATION Mit Stromimpulsen, die über Elektroden tief


ins Gehirngewebe geleitet werden, behandeln Ärzte jedes Jahr
tausende Menschen mit neurologischen Erkrankungen. Neue »Closed Loop«-
Systeme sollen nun noch gezieltere Eingriffe erlauben.

Hirnschrittmacher –
die nächste
Generation
VON CHRISTIAN JUNG

GEHIRN&GEIST 52 0 1 _ 2 0 1 9
Ein Pulsgeber, der operativ in den
Torso eingepflanzt wird, liefert
ZEPHYR / SCIENCE PHOTO LIBRARY

den Strom für die tiefe Hirnstimu-


lation. Die Impulse verbreiten sich
entlang von Kabeln, die unter der
Haut zwischen den Elektroden im
Kopf und dem Akku in der Brust
gezogen werden.

GEHIRN&GEIST 53 0 1 _ 2 0 1 9
W
ie Nadeln sehen die Metallstäbe bisher aber hinter den Erwartungen zurück. Eine Wei-
aus, die der Arzt tief in den Kopf terentwicklung, »Closed Loop«-Hirnstimulation ge-
des Patienten schiebt. Er positio- nannt, soll hier Abhilfe schaffen.
niert sie in einer mehrere Stun- Mit klassischen THS-Systemen ist es möglich, ein
den dauernden Operation so, Hirnareal in individuell einstellbarer Frequenz und
dass die stromleitenden Enden Stomstärke elektrisch zu stimulieren. Die Impulsgabe
genau in krankhaft veränderte Hirnareale hineinragen. selbst erfolgt, einmal feinjustiert, in einem regelmäßi-
Einmal eingeschaltet, sendet ein im Brustraum einge- gen Rhythmus. Die neue Generation der Hirnschritt-
setzter Stromgeber von nun an Impulse direkt ins Hirn- macher gibt die Stromschläge dosierter ab – und zwar
gewebe. Diese beeinflussen, wie die Nervenzellen im nur, wenn sie im Zielgewebe auch gebraucht werden.
Zielgebiet feuern – und können so verschiedene neuro- »Damit wollen wir störende Nervenreize genau dann
logische Symptome lindern. unterdrücken, wenn sie auftreten, anstatt wie bisher un-
Einer solchen tiefen Hirnstimulation (THS) haben abhängig von den tatsächlichen Beschwerden des Pati-
sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten huntertau- enten permanent Stromimpulse zu verabreichen«, er-
sende Menschen weltweit unterzogen; ein Großteil von läutert THS-Expertin Andrea Kühn von der Charité in
ihnen, um eine bereits länger bestehende Parkinson- Berlin. Sie leitet eines der etwa ein Dutzend Forscher-
erkrankung zu behandeln (darunter auch der Autor die- teams, die Closed-Loop-Implantate bereits an Patienten
ses Artikels, der seine eigene THS ab S. 58 beschreibt). erproben.
Die Standardtherapie für Parkinson besteht, besonders Möglich wird die an den Bedarf angepasste Strom-
in späteren Krankheitsstadien, oft aus einem Mix aus zufuhr dadurch, dass das THS-Gerät um einen Sensor
zahlreichen Wirkstoffen, die der Patient in regelmäßi- erweitert wird. Dieser misst die Nervenzellaktivität in
gen Abständen über den Tag verteilt einnehmen muss. mehreren Gewebearealen und liefert die Daten, die als
Die meisten THS-Nutzer entscheiden sich für die Ope- Grundlage zum Berechnen der benötigten Impulsstärke
ration, weil ihre medikamentöse Therapie nicht mehr und -frequenz dienen. Das Closed-Loop-Implantat ver-
ausreichend wirkt. arbeitet diese Information mit Hilfe ausgefeilter mathe-
Inzwischen scheint gesichert, dass Nervenzellgrup- matischer Modellierungen und Algorithmen in Echt-
pen im motorischen System bei Parkinson ihre Aktivi- zeit. Innerhalb von Sekundenbruchteilen liefert das Sys-
täten zusehends synchron zueinander schalten. Der tem so die momentan nötigen Mengen an Strom in die
krankhaft veränderte Rhythmus hindert die Nervenzel- verschiedenen Hirnbereiche. Bei vielen Herzschrittma-
len in der betroffenen Hirnregion daran, ihre Funktio- chern ist ein vergleichbarer Mechanismus schon heute
nen korrekt zu erfüllen. Eine THS, so die weitergehende gang und gäbe. Die maßgeschneiderte Stimulation vom
Hypothese, unterbindet nun dieses zeitgleiche Feuern, Hirnzellen ist jedoch um einiges komplexer.
indem sie die elektrische Signalleitung der Neurone
stört. Kleinere Grüppchen synchron aktiver Nervenzel- Verträglicher und nebenwirkungsärmer
len bleiben zwar bestehen, doch im Ganzen betrachtet Erste wissenschaftliche Tests der neuen Systeme an Par-
ist der Rhythmus gebrochen. Das zwingt sie zurück in kinsonpatienten lieferten bereits positive Resultate. So
den »Normalzustand«, ohne dass dabei zugleich die Ei- fand 2017 ein Team um Helen M. Brontë-Stewart von
genorganisation der Zellverbände zerstört wird. der Stanford University heraus, dass die neuen Implan-
Ärzte nutzen THS inzwischen nicht nur bei Parkin- tate bei getesteten Parkinsonpatienten das für die Er-
son, sondern auch zur Therapie weiterer Bewegungs- krankung typische Zittern stärker unterdrückten als
störungen und neurodegenerativer Erkrankungen wie eine herkömmliche THS. Anfang 2018 erprobten For-
essenziellem Tremor und speziellen Ausprägungen der scher um Alberto Priori von der Universität Mailand
Alzheimerdemenz. Zusätzlich wird das Verfahren bei die Closed-Loop-Implantate an 13 Probanden. Wie bei
Epilepsie, Depression, Zwangserkrankungen oder dem einer Parkinson-THS zumeist üblich, stimulierten die
Tourette-Syndrom erprobt. Viele Behandelte, vor allem Elektroden den subthalamischen Kern im Gehirn der
Parkinsonpatienten, profitieren von dem operativen Patienten. Die neue Technik wirkte; zudem war sie ver-
Eingriff. Bei anderen bleibt die tiefe Hirnstimulation träglicher und nebenwirkungsärmer als eine klassische

U N S E R AU TO R
LUKAS GRUENKE

Christian Jung ist Biologe und arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Wissenschaftsjournalist.
Im Alter von 45 Jahren wurde bei ihm eine Parkinsonerkrankung diagnostiziert. Seit 2017 setzt er
sich als Stiftungsbeirat der Hilde-Ulrichs-Stiftung ehrenamtlich für Parkinsonpatienten ein.

GEHIRN&GEIST 54 0 1 _ 2 0 1 9
MEDIZIN / TIEFE HIRNSTIMUL ATION

THS. Letzteres bestätigte eine weitere Studie der Uni- Auf einen Blick:
versity of Oxford. »Vor allem Sprachschwierigkeiten
oder Muskelkrämpfe treten seltener auf oder sind Elektrische Pulse nach Bedarf
schwächer ausgeprägt«, berichtet der leitende Forscher

1
dieser Studie, Anders Christian Meidahl. Hunderttausende Menschen weltweit haben sich
Jenseits von Parkinson könnte die Closed-Loop- bereits einer tiefen Hirnstimulation unterzogen –
Technologie noch bedeutendere Fortschritte bringen. doch nicht alle von ihnen haben von dem operativen
Bisherige Tests legen nämlich nahe, dass die neuen Im- Eingriff profitiert.
plantate bei etlichen neurologischen Erkrankungen

2
weitaus besser als eine herkömmliche THS wirken Eine neue Generation von Hirnschrittmachern, die
könnten. So hat jüngst ein internationales Forschungs- Hirnströme messen und auf sie reagieren, könnte
team unter der Leitung von Michael Okun an der Uni- hier Abhilfe schaffen und zudem Nebenwirkungen
versity of Florida den Nutzen der responsiven Hirnsti- verringern.
mulation bei Patienten mit Tourette-Syndrom gezeigt.

3
Die Wissenschaftler setzten die Elektroden bei 93 Pati- Erste Experimente mit den Systemen sind viel
enten in den Nucleus centromedianus des Thalamus ein, versprechend. Zudem erlauben die Geräte
bei 66 in den Globus pallidus internus und bei vier in den Forschern ungeahnte Einblicke in das Gehirn
den vorderen Schenkel der Capsula interna. Die Be- ihrer Probanden.
handlung wirkte, doch es zeigten sich auch einige uner-
wünschter Effekte. Sechs Patienten erlitten Blutungen
oder Infektionen, und 48 entwickelten Nebenwirkun-
gen, die eindeutig mit der Hirnstimulation im Zusam- senschaftlichen Konferenz neue Ergebnisse seiner For-
menhang standen, darunter am häufigsten Sprachstö- schungsgruppe vor. Sie hatte Epilepsiepatienten, die un-
rungen. ter schweren Krampfanfällen litten, erfolgreich mit
Auch manchen Menschen mit schweren psychischen Closed-Loop-Hirnschrittmachern therapiert und zielte
Erkrankungen hilft die klassische Stimulation  – aller- nun auch auf die Behandlung schwerer Depressionen
dings meist längst nicht so sehr wie bei Parkinson. Des- und Posttraumatischer Belastungsstörungen ab (mehr
halb richten Ärzte und Wissenschaftler ihre Hoffnun- dazu siehe Gehirn&Geist 3/2018, S. 51). Dafür benötig-
gen gerade hier auf die Closed-Loop-Stimulation. An ten die Wissenschaftler allerdings zuerst eine »Karte«,
der Charité hat Andrea Kühn gemeinsam mit Malek die angibt, wo negative Emotionen im Gehirn ihrer Pro-
Bajbouj acht Patienten mit schwer behandelbaren De- banden lokalisiert sind. Mit Hilfe der bereits implan-
pressionen mit THS therapiert und mehr als zwei Jahre tierten Hirnschrittmacher zeichneten die Forscher drei
lang begleitet. Die Ergebnisse der Studie waren viel ver- Wochen lang bei sechs ihrer Patienten deren Hirnaktivi-
sprechend, zumal sie neue Hinweise darauf lieferten, täten detailliert auf. Nach Auswertung der Daten mit-
wie sich Depressionen im Hirn auf zellulärer und mole- tels spezieller Computeralgorithmen konnten sie aus
kularer Ebene bemerkbar machen. der neuronalen Aktivität auf Veränderungen in der
So beobachteten die Wissenschaftler bei chronisch Stimmungslage ihrer Versuchspersonen schließen.
depressiven Patienten eine stark erhöhte, rhythmische Das Team sucht nun nach Freiwilligen für weiter-
Aktivität im limbischen System. Das Hirnareal ist ein gehende Tests, doch das dürfte nicht einfach sein  –
Zusammenschluss verschiedener, teils ein Stück vonei- schließlich verschaffen die Wissenschaftler sich mit
nander entfernt liegender Regionen, die an der Verar- dem Closed-Loop-Verfahren einen Einblick in das In-
beitung von Emotionen mitwirken. Je intensiver diese nenleben eines Menschen. Die Technologie erlaubt es
so genannte Beta-Aktivität – Hirnstromwellen mit einer ihnen nämlich, unmittelbar mitzuerleben, wie und wo
Frequenz von 13 bis 30 Hertz – in den Gefühlszentren Gefühle entstehen. Das Team plant, die Gefühlszentren
der Patienten war, umso stärker machten sich die Sym- ihrer Versuchsteilnehmer gezielt mit Stromstößen zu
ptome ihrer Depression bemerkbar. In einer Vergleichs- stimulieren, um aufkommende negative Emotionen zu
gruppe von Patienten mit schweren Zwangsstörungen unterdrücken. Das wirft ethische Fragen auf, darunter
trat dieses Phänomen nicht auf. »Wir gehen davon aus, auch jene, ob eine solche Behandlung dauerhafte Spu-
dass die Verschaltung zwischen verschiedenen Arealen ren im Gehirn der Probanden hinterlassen könnte.
des Gehirns bei Depressionen gestört ist«, erläutert die Ein ähnlich heikles Experiment haben Wissenschaft-
Studienleiterin Andrea Kühn. Mit den Closed-Loop- ler um Alik Widge am Massachusetts General Hospital
Systemen wollen die Forscher die synchronisierten Zell- in den Vereinigten Staaten schon durchgeführt. Sie inte-
verbände in Zukunft effektiver stören, als es derzeit mit ressierten sich besonders für bestimmte Gefühlslagen
einer THS möglich ist. und Verhaltensweisen wie mangelnde Empathie oder
Edward Chang von der University of California in Schwierigkeiten damit, sich längere Zeit auf etwas zu
San Francisco stellte 2017 im Rahmen einer neurowis- konzentrieren. Die Probanden sollten diverse Aufgaben

GEHIRN&GEIST 55 0 1 _ 2 0 1 9
Therapeutische
Stimulation des
Impulse Globus pallidus internus
Bei der klassischen tiefen
Hirnstimulation gibt Kabel
eine in den Brustraum
implantierte Stromquelle
kontinuierlich elektrische
Impulse an Elektroden Elektrode

YOUSUN KOH, NACH OKUN, M.S.: DEEP-BRAIN STIMULATION FOR PARKINSON‘S DISEASE.
Elektrode
im Gehirn ab – bei Globus pallidus
Parkinsonpatienten in
den Globus pallidus oder
den subthalamischen

IN: NEW ENGLAND JOUNAL OF MEDICINE 367, S. 1529-1538, 2012


Kern. Neue Closed-Loop- Kabel
Stimulation des
Systeme enthalten zusätz- subthalamischen Kern
lich einen Sensor, der die
Nervenzellaktivität in Kabel
verschiedenen Hirnberei-
chen misst. Nach algo-
rithmischer Auswertung
können diese Implantate Elektrode
dynamisch auf den tat- subthalamischer Kern
sächlichen Strombedarf
Impulsgeber
im Zielgewebe reagieren.

an einem Computer zu bearbeiten. Dabei wurden sie Eingriff über die implantierten Elektroden messen. An-
immer wieder durch unterschiedliche Reize gestört. dreas Horn von der Berliner Charité hat ein Computer-
Gleichzeitig beeinflussten die Forscher das Gehirn der programm entwickelt, das diese Signale mittels Model-
Studienteilnehmer über gezielte Stromimpulse. So lierungen auszuwerten hilft. »Damit erhalten wir
gelang es ihnen, beginnender Unaufmerksamkeit und Informationen über den Erregungszustand von Ner-
sogar Vergesslichkeit bei diesen Personen entgegenzu- venzellen, die tief im Gehirn liegen«, erklärt Horn. »Das
wirken, teilte das Team ebenfalls auf der neurowissen- kann entscheidend dazu beitragen, die Elektroden am
schaftlichen Konferenz mit. Zielort so genau wie möglich zu platzieren und das je-
Mit den adaptiven Hirnimplantaten wollen Forscher weilige neuronale Umfeld präzise zu bestimmen.«
auch genauer klären, wie eine THS auf neuronaler Ebe- Bei Parkinsonpatienten fanden die Forscher um An-
ne wirkt. Die derzeit gängigste Theorie dazu, genannt drea Kühn in diesem Zusammenhang ein auffälliges
»koordinierter Reset«, besagt, dass die Effekte zu Stande Aktivitätsmuster in den betroffenen Nervenzentren. Die
kommen, weil krankheitsbedingt gemeinsam feuernde Neurone der Probanden feuerten im subthalamischen
Neuronengruppen durch die Stromschläge aus dem Kern, der zum Basalgangliensystem zählt, in weit höhe-
Takt gebracht werden. Wie das im Detail funktionieren rem Maß synchron als bei jeder anderen Testgruppe.
soll, ist allerdings noch nicht ganz klar. Zudem war ihr Aktivitätsmuster ungewöhnlich: Es be-
Andrea Kühn hat das Konzept vom »koordinierten stand vor allem aus Betawellen. Die verstärkte Beta-
Reset« an Parkinsonpatienten überprüft. »Hier richten Aktivität fanden die Forscher nicht nur lokal in den
wir den Fokus derzeit vor allem auf die rhythmische Basalganglien der Parkinsonpatienten; sie maßen sie
Basalganglienaktivität«, erläutert die Forscherin. Die in der gesamten motorischen Kortex-Basalganglien-
Basalganglien sind Nervenzellkörper, die sich zu so Schleife. Auch bei Menschen, die an Dystonie leiden –
genannten Kernen unterhalb der Hirnrinde tief im In- einer Bewegungsstörung mit nicht willentlich steuerba-
neren des Gehirns zusammenlagern. Sie sind unter an- ren, lang anhaltenden Muskelanspannungen, Krämpfen
derem an der Bewegungskoordination beteiligt. Neben und unwillkürlichen Zuckungen  –, konnte das Team
Parkinson gehen noch andere motorische Störungen mit eine deutliche Überaktivität von Nervenzellen nachwei-
krankhaften Veränderungen in diesen Regionen einher. sen, allerdings im langsameren Theta-Rhythmus.
Wie aktiv die Basalganglien zu einem bestimmten Andrea Kühn untersuchte 2017 in einem Experiment
Zeitpunkt sind, lässt sich während und nach dem THS- die Basalganglienaktivität im Gehirn von elf Probanden,

GEHIRN&GEIST 56 0 1 _ 2 0 1 9
MEDIZIN / TIEFE HIRNSTIMUL ATION

die neue Closed-Loop-Implantate erhalten hatten. Für bestimmten Nervenzellen gehören zwar zu einer ande-
jeweils drei Minuten setzte sie deren Gehirn hochfre- ren Kategorie als die biochemischen Marker, doch sie
quenten elektrischen Impulsen aus. Dann bestimmten könnten diese Kriterien erfüllen.
Ärzte die Aktivität der Nervenzellen im subthalami- Sowohl Kühn als auch Brown rechnen damit, dass
schen Kern: Die rhythmisch feuernden Basalganglien Closed-Loop-Hirnschrittmacher innerhalb der nächs-
in diesem Bereich waren unmittelbar nach der Behand- ten drei Jahre zur therapeutischen Anwendung an Pa-
lung aus dem Takt geraten. Damit ersetzten die Elektro- tienten zugelassen werden. Bisher bekamen weltweit le-
schocks sozusagen den durch die Erkrankung zuneh- diglich ein paar Dutzend Studienteilnehmer – vorrangig
mend weniger ausgeschütteten Botenstoff Dopamin, Parkinsonerkrankte  – solche Systeme zu Forschungs-
der die Basalganglienaktivität im gesunden Gehirn re- zwecken implantiert. Bei ihnen erfolgte die Stimulation
guliert. Der Effekt war allerdings nur von kurzer Dauer: zudem aus technischen Gründen ausschließlich mit
Nachdem die Stromzufuhr unterbrochen war, schalte- nach außen abgeleiteten Elektroden. Für die wissen-
ten sich die Zellen mit der Zeit wieder mehr und mehr schaftlichen Studien verlassen Kabel also den Kopf des
gleich. Dementsprechend verschlechterte sich auch die Patienten. Dort sind sie mit einer externen Pulsquelle
Beweglichkeit der Patienten wieder. Der Vergleich von verbunden anstatt wie bei der THS üblich mit einem in
klassischen THS-Systemen mit den neuen Closed- der Brust sitzenden Steuerkasten. Nach dem Experi-
Loop-Implantaten zeigte aber, dass die neue Methode ment werden die außen sichtbaren Teile in einer weite-
effektiver war. »Die Closed-Loop-Stimulation wirkt um ren Operation zurückgebaut; die Patienten leben dann
etwa ein Drittel stärker – und zwar dann, wenn die Be- mit einem fest eingesetzten Hirnschrittmacher zugelas-
ta-Aktivität entsprechend beeinflusst wird«, erläutert sener Bauart weiter.
Peter Brown, dessen Forschungsgruppe an der Univer- Einige Forschungsgruppen arbeiten unterdessen da-
sity of Oxford ebenfalls die Effekte von THS-Behand- ran, die THS-Behandlungen weiter zu optimieren.
lungen auf Parkinsonpatienten untersucht. Dazu erforschen sie, wo die Elektroden für die best-
mögliche Wirkung platziert werden sollen  – was sich
Biomarker gesucht! von Krankheit zu Krankheit, aber auch von Person zu
Noch aus einem anderen Grund sind diese Erkenntnis- Person unterscheidet. Zudem tüfteln sie am Aufbau und
se von Interesse. Die Forscher hoffen, damit einen Bio- der Leistungsfähigkeit der Elektroden: Die neue Gene-
marker für die Parkinsonkrankheit zu finden. »Es feh- ration erlaubt nach dem Einsetzen eine exaktere Aus-
len uns Kriterien, die eindeutig sagen: Diese Frau oder richtung des elektrischen Felds und damit eine neben-
dieser Mann hat Parkinson, auch wenn man es erst in wirkungsärmere Stimulation. Moderne nichtinvasive
ein paar Jahren bemerken wird«, kommentiert Brit Bildgebungsverfahren wie fMRT bieten die Chance, die
Mollenhauer von der Elena-Klinik Kassel für Bewe- lokalen Effekte der THS zu analysieren und besser zu
gungsstörungen. Zahlreiche Wissenschaftler suchen verstehen. Und schließlich ermöglichen Techniken wie
nach biologischen Merkmalen für die Erkrankung, die Closed Loop eine Behandlung, die genau an den jewei-
objektiv messbar sind und auf einen spezifischen, ligen momentanen Bedarf an Stimulation angepasst ist.
krankhaften Prozess im Körper hinweisen. Als Kandi- »Die tiefe Hirnstimulation wird mehr und mehr in-
daten gelten in der Regel Proteine oder Stoffwechsel- dividuell auf den Patienten zugeschnitten werden kön-
produkte im Blut, Urin oder in der Gehirnflüssigkeit, nen; ein erster großer Schritt dahin ist die Closed-Loop-
die im Lauf einer bestimmten Erkrankung vermehrt Stimulation«, fasst Kühn zusammen. Im Optimalfall, so
oder weniger produziert werden. »Im Optimalfall hofft die Forscherin, werden sich künftig über die Mes-
kommt der Biomarker nur in einer bestimmten Phase sung elektrischer Hirnaktivität Parkinsonsymptome
der Krankheit vor und gibt damit gleich einen zweifa- schon abwenden lassen, bevor der Patient sie wenige Se-
chen eindeutigen Hinweis: auf die Erkrankung selbst kunden später spüren würde. Das wäre ein entscheiden-
und das Stadium, in dem sie sich befindet«, fügt Mol- der Fortschritt, von dem zahlreiche Patienten profitie-
lenhauer hinzu. Die veränderten Aktivitätsmuster in ren dürften. H

QUELLEN

Little, S. et al.: Adaptive Deep Brain Stimulation for Parkinson’s Disease Demonstrates Reduced Speech Side Effects Compared
to Conventional Stimulation in the Acute Setting. In: Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry 87, S. 1388–1389, 2016
Meidahl, A. C. et al.: Adaptive Deep Brain Stimulation for Movement Disorders: The Long Road to Clinical Therapy.
In: Movement Disorders 32, S. 810–819, 2017
Neumann, W. J. et al.: Long Term Correlation of Subthalamic Beta Band Activity with Motor Impairment in Patients with
Parkinson’s Disease. In: Clinical Neurophysiology 128, S. 2286–2291, 2017
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1606812

GEHIRN&GEIST 57 0 1 _ 2 0 1 9
MEDIZIN

ERFAHRUNGSBERICHT Zur Behandlung seiner Parkinson-


Erkrankung hat sich unser Autor Christian Jung einen
Hirnschrittmacher einsetzen lassen. Hier beschreibt er die Operation
und ihre Folgen.

Unter Strom VON CHRISTIAN JUNG

E
s sind die ersten Stunden am Morgen des zuvor gefertigten Abbildungen aus dem Magnetreso-
7.  Juni 2018. Eigentlich sollte ich mich er- nanztomografen (MRT) abzugleichen. Die Scans sind
holen, aber ich liege wach und denke an die entscheidenden Berechnungsgrundlagen für den
die anstrengende Operation, die vor mir gesamten Eingriff.
liegt. In ein paar Stunden wird mir ein Die MRT- und CT-Abbildungen werden dazu über-
Ärzteteam den Schädel aufbohren, um an einandergelegt. Bei einem MRT-Bild kann es Verzer-
meinem Hirn zu operieren. Den insgesamt siebenein- rungen geben, bei einer CT-Aufnahme nicht. Es sind
halb Stunden langen Eingriff werde ich wach und bei diese Diskrepanzen von weniger als einem Millimeter,
vollem Bewusstsein erleben. Ziel ist es, meine Parkin- die es zu korrigieren gilt. Die Chirurgen und Neurolo-
son-Erkrankung durch regelmäßige Stromimpulse im gen können den Eingriff dann präzise vornehmen und
Gehirn zu lindern. Eine solche tiefe Hirnstimulation Komplikationen besser vermeiden. Das wiederum mi-
(THS) gilt als äußerst komplexer, aber inzwischen gut nimiert die Gefahren von – in seltenen Fällen durchaus
etablierter Eingriff. auch schweren – Folgewirkungen, die manchmal mit ei-
Um 7.30 Uhr geht es los. Der Blasenkatheter wird ge- ner THS einhergehen.
legt – schließlich werde ich einige Stunden lang keine
Toilette benutzen können – meine Haare werden ge- Navigieren im Gehirn
schoren, und dann passen die beiden Neurochirurgen Eine MRT-Aufnahme kann man sich wie die Landkarte
rings um den Kopf den Navigationsrahmen an: ein Me- eines Gehirns vorstellen. Die Computertomografie-
tallbogen mit eingravierter Messskala, der sich wie das bilder liefern ergänzend wichtige Detailinformationen.
Modell einer Satellitenbahn über meine Nase und Wan- Und damit man im realen Hirn des Patienten die ge-
gen wölbt und direkt im Schädelknochen festgeschraubt wünschten Zielpunkte exakt trifft, müssen Landkarte
wird. Die eine Seite des Kopfs übernimmt Privatdozent und Patientenhirn auf dasselbe Koordinatensystem ge-
Kajetan von Eckardstein, auf der anderen Seite agiert eicht werden. Hier kommt der Navigationsrahmen ins
Professorin Dorothee Mielke. Spiel, der den Kopf fixiert: Das ermöglicht es, die Ein-
Bevor ich in den OP geschoben werde, müssen letzte trittsorte in den Schädel und späteren Zielpunkte im
Aufnahmen vom Inneren meines Kopfs gemacht wer- Gehirn mit Hilfe des aus den Scans errechneten dreidi-
den. Mit meiner neuen »Krone« geht es in den Compu- mensionalen Koordinatensystems genau zu bestimmen.
tertomografen (CT). Anhand dieser aktuellen Bilder Die Daten zu den Zielpunkten, an denen die Elektro-
prüfen die Chirurgen zum einen, ob sich seit dem letz- den voraussichtlich platziert werden, liefert eine eigens
ten Scan vor vier Monaten irgendetwas in meinem Ge- entwickelte Software. Damit berechnen die Chirurgen
hirn verändert hat. Zum anderen benötigen sie eine auch die so genannten Trajektorien: Das sind jene Stre-
präzise Darstellung von meinem im Navigationsrah- cken, entlang derer die – je nach den Gegebenheiten der
men fixierten Kopf, um diese anschließend mit den tags Hirnstrukturen pro Kopfseite maximal fünf – Testelekt-

GEHIRN&GEIST 58 0 1 _ 2 0 1 9
MIT FRDL. GEN. VON CHRISTIAN JUNG
CHRISTIAN JUNG

ist Biologe und Wissenschafts-


journalist. Vor knapp zehn
Jahren wurde bei ihm Parkinson
diagnostiziert; im Sommer 2018
hat er sich einer THS-Operation
unterzogen, um die Symptome
der Erkrankung zu lindern. Das
Bild zeigt ihn am Tag nach dem
Eingriff.

ronen in der ersten Phase der Operation ihren Weg zum Den Lärm des plötzlich einsetzenden Bohrens »höre«
Ziel nehmen sollen. Diejenige, die den größten Effekt ich heute noch schlagartig, sobald ich an den Eingriff
mit den geringsten Nebenwirkungen verspricht, wird denke; ebenso die Geräusche des sich anschließenden
dann durch die endgültige Elektrode ersetzt. Wegstemmens und Herausbrechens kleinster verbliebe-
In weniger als zehn Minuten fertigen die Ärzte die ner Knochenreste. Die zweimal knapp 30 Sekunden
CT-Aufnahme an. Sie verwenden Kontrastmittel, um zu Bohren sind sehr eindrücklich; man schreit unweiger-
sehen, ob der Weg zum Zielareal, dem subthalamischen lich, um den – auch psychischen – Druck besser auszu-
Kern, wirklich frei ist und nicht vielleicht doch ein Blut- halten und die Schallwellen abzuleiten. Das Schreien
gefäß kreuzt – eine Hirnblutung ist eine der größten hilft; es befreit ein wenig. Gebohrt wird auf beiden Sei-
Gefahren bei dem Eingriff. Die Operateure geben ten am Übergang von Stirn zu Scheitel; jedes Loch ist
grünes Licht, und meine Reise geht weiter. Über den etwa so groß wie eine Zweicentmünze. Über eine am
zentralen Vorbereitungsbereich werde ich in den OP- Navigationsring fixierte Halterung führen die Opera-
Saal geschoben. Dort wird mein Kopf mit dem Naviga- teure dann zuerst eine rund anderthalb Millimeter brei-
tionsrahmen in eine »Gerüstkonstruktion« eingehängt. te und knapp acht Zentimeter lange Führungshülse ins
Ich bin nun so fixiert, dass ich Kopf und Torso gar nicht Gehirn ein. Durch sie schieben sie die ersten fünf Test-
mehr bewegen kann. elektroden einzeln in Richtung des Zielpunkts.
Nun ist der so ersehnte wie gefürchtete Moment da:
Es geht los. Die Chirurgen setzen eine kleine, örtliche Die ersten Sonden
Betäubung in die Kopfhaut und ziehen eine undurch- Die Chirurgen über mir beginnen mit der linken Ge-
sichtige Folienwand oberhalb meiner Augen auf. Sie soll hirnhälfte. Entlang der vorausberechneten Bahnen be-
die Sterilität im Bereich des unmittelbaren Eingriffsor- wegt Kajetan von Eckardstein die Kontakte vorwärts.
tes sicherstellen und zudem verhindern, dass ich sehen Auf ihrem Weg zum Ziel passieren die Elektroden dabei
kann, was über mir geschieht. Nach einem kleinen zunächst den kreisförmigen Thalamus – einen zentralen,
Hautschnitt steht das Öffnen des Schädels an. unter anderem für die Bewegungen des Körpers wichti-

GEHIRN&GEIST 59 0 1 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Tiefe Hirnstimulation

1 2 3
Viele Parkinsonpatienten profi- Dafür werden ihm in einer Einige Wochen nach der
tieren vom Einsatz von Hirn- mehr als sieben Stunden Operation wird das Gerät
schrittmachern. Zehn Jahre langen Operation – die er bei erstmals eingeschaltet und gibt
nach seiner Diagnose unterzieht vollem Bewusstsein miterlebt und nun regelmäßig Stromschläge
sich auch unser Autor der Prozedur, an der er aktiv mitwirkt – Elektro- direkt ins Gehirn ab. Wie gut es
die er in diesem Artikel beschreibt. den tief ins Hirn gesetzt und ein wirkt, kristallisiert sich also erst
elektrischer Pulsgeber implantiert. langsam heraus.

gen Knotenpunkt von Nervenbahnen. Etwas tiefer, im möglichen Effekt zu erzielen. Selbst hoch aufgelöste
Übergangsgebiet von Mittel- und Zwischenhirn, errei- Computer- oder Magnetresonanztomografiebilder kön-
chen sie den länglichen subthalamischen Kern. Durch nen die Situation im Vorfeld nicht so gut abbilden, wie
ihn laufen die wichtigen Schaltkreise zur Kontrolle von es Neurologin, Neurochirurg und Patient mit Hilfe der
Impulsen und Bewegungen: Einige steuern Arme und Tests während der Operation gemeinsam gelingt. Das
Beine, andere die Sprache, wieder andere beeinflussen ist auch der Grund, warum die »Wach-OP« nach wie
die Regelung verschiedener Körperfunktionen wie Blut- vor als Goldstandard bei der THS gilt und Ärzte, wann
druck und Verdauung. Hier konzentrieren sich die bei immer es vertretbar ist, dazu raten.
Parkinson chaotisch feuernden Nervenzellen. Seit Kurzem ist es aber auch möglich, den Eingriff
Ab einer bestimmten Entfernung vom errechneten unter Vollnarkose vorzunehmen. Denn MRT- und CT-
Ziel stoppt der Neurochirurg, und die Testsonden wer- Bilder sind mittlerweile derart detailscharf, dass sie es
den unter Strom gesetzt. »Zielgebiet minus zehn Milli- erlauben, alle erforderlichen Berechnungen und Be-
meter«, kommt es plötzlich laut von oben. Der Ruf gilt stimmungen zum Platzieren der Elektrode vorab durch-
Friederike Sixel-Döring – und mit ihm beginnt der ent- zuführen. Andere ebenfalls optimierte Methoden zei-
scheidende Einsatz der Neurologin und somit bald auch gen exakt an, wo sich die Sonde während des Implanta-
meiner. »Minus 9,5«: Die Elektrode wird jetzt in halbmil- tionsprozesses gerade befindet. Die neueste Generation
limetergroßen Schritten vorwärtsgeschoben. Während- an segmentierten Elektroden ermöglicht es Ärzten zu-
dessen überprüfen die Ärzte immer wieder die genaue dem, den gewünschten Wirkort nach der Operation
Lage des Zielgebiets, indem sie die elektrischen Nerven- noch genauer einzugrenzen – beispielsweise in dem sel-
potenziale messen. Inzwischen sind wie bei »Minus 6« tenen Fall, dass der Randbereich des anvisierten Zielge-
angekommen. Jetzt fangen die Fragen und Tests an. biets getroffen wurde. Dass der Arzt die Strommenge
entlang der Elektrode für jedes Segment einzeln anpas-
Zungenbrecher und Matheaufgaben sen kann, ist im Vergleich mit den Vorgängermodellen
»Sagen Sie bitte Bescheid, wenn es in Ihrem Bein oder eine merkliche Verbesserung.
Arm anfängt zu kribbeln« …. »Sprechen Sie mir bitte Aus medizinischer Sicht gibt es nur wenige Patienten,
nach: Liebe Lilli Lustig liebt launige Literatur« …. »Be- bei denen der Eingriff im sedierten Zustand durchge-
rühren sie bitte mit dem rechten Zeigefinger die Nasen- führt werden sollte – Erkrankte in ausgesprochen schwie-
spitze« …, »und jetzt mal Coca-Cola sagen« … »Und riger körperlicher Verfassung etwa oder jene, die ihre
nun zählen Sie bitte in Siebenerschritten von 100 rück- Angst vor dem Eingriff gar nicht in den Griff bekommen.
wärts …«. Diese Fragen und Übungen sollen zeigen, Die Tests scheinen bei mir kein Ende zu nehmen; da-
wie geisti rege ich in der Situation noch bin und meine bei sind wir immer noch in der ersten Hirnhälfte. Als es
Hirnzellen unter milden Stress setzen. »Das hilft, die zum fünften Mal heißt »Zielpunkt erreicht«, alle Elekt-
richtige Elektrode und den besten Wirkort und damit roden also am vorberechneten Nullpunkt angekommen
die finale Position zu finden«, hatte mir Sixel-Döring er- sind, denke ich, es ist erstmal geschafft. Doch da tönt es
klärt, die mich gemeinsam mit ihrer Kollegin Cristina von oben: »Zielpunkt plus 0,5!« – es geht also weiter,
Dragaescu in den Voruntersuchungen betreut hatte. noch tiefer hinein ins Hirngewebe.
Manche Impulse verursachen ein unangenehmes
Kribbeln. Bei anderen spüre ich fast nichts. Dann wie-
der rastet bei »Liebe Lilli Lustig liebt launige Literatur«
plötzlich die Zunge ein: »Lilillili…llllllllll« – mehr geht
Plötzlich rastet bei
nicht. Das verdeutlicht, wie unerlässlich das Mitwirken »Liebe Lilli Lustig liebt launige
des Patienten für den Erfolg der OP ist. Die Tests an Ort
und Stelle zeigen, welche Elektrode wo platziert werden
Literatur« die Zunge ein:
muss, um bei minimalen Nebenwirkungen den größt- »Lililli...llll« – mehr geht nicht

GEHIRN&GEIST 60 0 1 _ 2 0 1 9
BLINDTEXT / SPITZMARKE

In den meisten Fällen ist der Patient


bei einer THS-OP wach – und hilft den
Ärzten dabei, den besten Ort für die
Elektroden in seinem Hirn zu finden.
UNIVERSITY OF FLORIDA, FIXEL CENTER FOR NEUROLOGICAL DISEASES; MIT FRDL. GEN. VON MICHAEL S. OKUN

Die Testläufe über den Zielpunkt hinaus sind schnell falls unter permanentem Röntgen: »Röntgen …, rönt-
vorbei; offenbar hat das Medizinerteam vorher gut ge- gen …, röntgen …, röntgen …, röntgen …… sitzt«,
rechnet. Nach etwa einer Dreiviertelstunde ist für die höre ich seine Stimme über mir, während er den end-
fünf Elektroden der jeweils beste Platz in der Tiefe mei- gültig im Hirn verbleibenden Metallstab platziert. Dann
nes Hirns bestimmt. Nun warten alle gespannt auf das ist es geschafft. Die erste der beiden Elektroden ist ein-
Votum der Neurologin, die sich bereits über zwei Jahr- gesetzt.
zehnte mit der THS beschäftigt. Und das kommt
prompt: »Drei Sonden sind etwa gleich gut, wir testen Die zweite Hälfte
noch mal weiter.« Die beiden Aussortierten werden Professorin Mielke übernimmt nun für die rechte Hirn-
schon mal entfernt. »Größtmögliche Konzentration hälfte die Leitung. Diesmal bleiben nach den mir endlos
jetzt auch bei Ihnen«, sagt Sixel-Döring und schaut vorkommenden Tests sogar vier der fünf Elektroden im
mich aufmunternd an. Rennen, die sich im abschließenden Vergleich zu be-
Hinsichtlich der meisten Reaktionen – etwa dem währen haben. Und wieder heißt es für mich Übungen
Kribbeln bei allmählich gesteigerter Stromzufuhr – absolvieren: Wie hoch ist die Muskelspannung in mei-
merke ich kaum Unterschiede bei den finalen Tests. nen Händen? Wie sind meine Empfindungen? Was
Doch schließlich versammeln sich die Ärzte vor dem macht die Sprache? Und der Klassiker: Runterzählen
Computer und beraten, welche der Testelektroden die von 100 in Siebenerschritten rückwärts.
beste Wirkung entfaltet und wo genau. Es naht der Mo- Ich bin vollkommen ausgelaugt vom langen Liegen
ment, die vorläufigen gegen die endgültige Elektrode in halb sitzender Position mit festgeschraubtem Kopf
auszutauschen. Die Abwägung scheint nicht einfach; es und fixiertem Oberkörper sowie vom Eingriff selbst
dauert. Gefühlt nach einer Ewigkeit gehen die Köpfe und von der Unruhe im OP. Das ständig zischende Auf
aber irgendwann doch hoch und die erfahrene Neuro- und Zu der OP-Schleuse und die Anwesenheit von zu-
login sagt: »Wir haben uns entschieden.« mindest gefühlt 30 Leuten, die um mich herum irgend-
Jetzt geht alles ganz schnell. Ich bekomme einen etwas machen oder auch nicht, empfinde ich mehr und
schweren Bleimantel umgelegt, der mich weitgehend mehr als belastend.
umhüllt; dann wird die Position der Testsonde umge- Kurz nach 14 Uhr ist es dann aber geschafft. Die Elek-
hend per Röntgenkontrolle festgehalten. Anschließend troden sind am Knochen unter dem Skalp befestigt und
zieht von Eckardstein sie vorsichtig heraus und ersetzt beide Schädelöffnungen bereits verschlossen. Das Nä-
sie durch die dauerhaft verbleibende Elektrode – eben- hen spüre ich wiederum als punktuell ziehenden Druck,

GEHIRN&GEIST 61 0 1 _ 2 0 1 9
Die Veränderung nach der ser Prozess hat einen der THS vergleichbaren, positiven
Effekt auf die Beweglichkeit. Das Gehirn fühlt sich durch
OP ist anfangs ebenso die neu eingesetzten Elektroden zunächst stark stimu-
überraschend wie gewöh- liert, selbst wenn diese anfangs noch gar nicht einge-
schaltet sind. Auch ich genoss diesen »zweiten Honey-
nungsbedürftig moon«, wie es in der Fachsprache heißt, diese Phase der
Euphorie nach der Operation. Die Ärzte warnen aber
davor, sich diesem Effekt allzu sehr hinzugeben: Er ebbe
doch es schmerzt nicht. Dann befreien mich die Neuro- bald wieder ab.
chirurgen endlich aus dem Navigationsring. Die Veränderung direkt nach der OP ist in der Tat
Für den letzten Akt der Operation werde ich in Voll- anfangs ebenso überraschend wie – zumindest einen
narkose gelegt. Jetzt implantieren die Ärzte das Steuer- Moment lang – gewöhnungsbedürftig. In den ersten Ta-
gerät, von dem aus Strom zu den Elektroden in mein gen nach dem Eingriff habe ich ständig das Gefühl, je-
Gehirn fließen wird. Dazu schieben sie ein dünnes Ka- mand hätte die Zeit angehalten. Die Tage kommen mir
bel den Hals entlang unter der Haut in Richtung Schlüs- weitaus länger vor als in den vergangenen Jahren. Hand-
selbein. Dieses verbindet den in die Brust implantierten, griffe und Bewegungen gelingen mir zielsicher und weit
etwa sieben Zentimeter großen Impulsgeber mit dem schneller als zuvor. Aufstehen, anziehen, essen, von ei-
im Hinterkopf platzierten Konnektor, in dem sich die nem Zimmer ins andere gehen: Was im Lauf der voran-
Elektrodenkabel treffen. Der wird an einer dritten Stelle schreitenden Erkrankung immer mühsamer und kräf-
im Kopf eingebracht – der Schnitt dafür ist sogar größer tezehrender wurde, klappt nun ruckzuck. Für manches
als der für die beiden Bohröffnungen. Mit einer Fernbe- wende ich ein Übermaß an Kraft an. Türen knallen im-
dienung, die wie die von Fernsehgeräten aussieht, lässt mer wieder an die Wand; beim Gehen schlenkern mei-
sich der Impulsgeber später steuern. Der Patient kann – ne Arme umher; wenn ich ein Glas anhebe, schnellt
sofern der betreuende Neurologe diese Funktion frei- meine Hand ruckartig nach oben und der Inhalt gleich
schaltet – das Gerät dann sogar selbstständig ein- und noch höher. Doch das spielt sich schnell ein. Der Setz-
ausschalten und so mitentscheiden, wie viel Strom die effekt verschwindet normalerweise nach zwei bis drei
Gehirnareale erreichen soll. Wochen, nur sehr selten hält er länger an.
Die finale Phase dauert etwa 45 Minuten. Es ist 15
Uhr, als der THS-Eingriff überstanden ist. Richtig be- Die Wochen danach
wusst nehme ich meine Umwelt erstmals etwa eine Mein Stimulator wird zwölf Tage nach Implantation des
Viertelstunde später wahr, als ich im riesigen Aufwach- THS-Systems erstmals aktiviert – es ist zugleich der Tag,
raum in meine dortige Parkposition geschoben werde. an dem ich aus dem Uniklinikum Göttingen in die Ele-
In den 14 Stunden, die ich dort noch liegen werde, bin na-Klinik in Kassel verlegt werde. Mein Setzeffekt hält
ich vor allem wegen der Vielzahl der Überwachungska- ungewöhnlich lange an; er schwindet erst rund sechs
bel weiterhin kaum in der Lage, mich zu rühren. Wochen nach der OP. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die
Ein CT vier Stunden nach dem Aufwachen aus der Parkinsonmedikation bereits auf gut ein Viertel des
Narkose schließt die unmittelbare Phase nach dem Ein- Ausgangsniveaus von vor der OP zurückgefahren und
griff ab, in der die Gefahr für Nachblutungen im Gehirn bin seit einer Woche wieder daheim. Da ich praktisch
deutlich erhöht ist – die häufigste Komplikation bei die- keine Symptome zeige, solle ich zurück in den Alltag,
ser Operation. Zwei Minuten rotiert der Computerto- hieß es zuvor. Doch nun, da die Erkrankung sich wieder
mograf, und schon bugsiert man mich zurück. Sie habe deutlicher bemerkbar macht, kann die individuelle Ein-
schon mal kurz draufgeschaut, sagt die diensthabende stellung des Impulsgebers schrittweise beginnen. Dieser
Neurochirurgin, und es sehe alles gut aus. Sie würde Prozess der allmählichen Feinjustierung erfolgt – im-
sich die Bilder aber noch einmal in Ruhe ansehen und mer auch im Zusammenspiel mit der Anpassung der
sich dann melden, wirft sie mir zu und entschwindet. Medikation – zumeist in einer Reha-Klinik oder wie bei
Ein folgenschwerer Satz, denn ich werde nie wieder et- mir im Zug wiederholter ambulanter Besuche bei den
was von ihr hören. Irgendwann bin ich davon über- Neurologen der Fachklinik. Bis heute sind nur einige
zeugt: Es muss irgendwas furchtbar schiefgegangen sein Ausgänge meiner segmentierten Elektroden aktiv, und
bei meiner tiefen Hirnstimulation! Erst Tage später er- zwar mit niedriger Frequenz und Amplitude.
fahre ich: Eben weil alles gut war und viel zu tun, vergaß Verändert hat sich seit der tiefen Hirnstimulation ei-
man diese Rückmeldung – die erste Phase der Gene- niges: vor allem zum Besseren. Jeden Tag seit der OP
sung hat das aber zweifelsohne belastet. freue ich mich aufs Neue darüber, wie körperlich fit ich
In den Wochen nach einer erfolgreichen Hirnstimu- mich fühle, dass ich nachts wieder – zumal im Bett –
lation erleben viele einen so genannten Setzeffekt. Er be- sechs bis sieben Stunden schlafen kann und spürbar we-
ruht vermutlich auf kleinsten Gewebeverletzungen in niger Medikamente benötige. Auch wenn ich die Krank-
der Zielstruktur, die schnell wieder abheilen. Eben die- heit natürlich nach wie vor jede Sekunde vom Aufwa-

GEHIRN&GEIST 62 0 1 _ 2 0 1 9
MEDIZIN / ERFAHRUNGSBERICHT

chen bis zum Wegdösen bemerke, ist es ein gewaltiger M E H R W I S S E N AU F


Unterschied; insbesondere zu dem letzten Jahr vor der »SPEKTRUM.DE«
OP, als ich allenfalls noch ein paar Stunden pro Tag auf
Die neuesten Erkenntnisse aus der
dem Boden liegend auf einer dünnen Matratze oder Parkinson-Forschung finden Sie auf
meiner Yogamatte schlafen konnte. Meine Beine fühl- unserer Website:
ten sich nachts meist wie gelähmt an, der Oberkörper
www.spektrum.de/thema/
war unbeweglich und starr. Und so kam ich irgendwann parkinson/1295856
nicht mehr aus meinem Bett heraus. Es ist ein Geschenk,
das nun wieder anders zu erleben.
Natürlich ist nicht alles nach der OP rundum positiv.
So konnte ich in der ersten Zeit kaum verstehen, was ich ein wenig Mut, denn ich hätte dabei auch so manches
selbst sagte. Meine Umwelt signalisierte mir jedoch: Du verlieren können. Und natürlich ist solch ein Eindrin-
sprichst besser als vorher, lauter, etwas langsamer, ak- gen ins Hirn, so schonend es auch ausgeführt wird, eine
zentuierter, modulierter – ich selbst jedoch hörte mich Strapaze, ein einschneidendes Erlebnis. Aber für mich
die ersten Tage nur kauderwelschen beziehungsweise so, hat es sich gelohnt. Ich habe, so sieht es zumindest im
als spräche ich durch eine zähe Masse hindurch, die al- Moment aus, viel gewonnen. Und dafür bin ich dank-
les massiv dämpfte, nur manches Gesagte durchließ bar  – zuallererst den Ärzten und allen Mitwirkenden
und dies zudem in unterschiedlichen Geschwindigkei- im OP und vielen mehr, die unmittelbar oder mittelbar
ten. Etwa nach einer Woche hatte sich diese Beeinträch- dazu beigetragen haben. Es ist schon so wie viele sagen:
tigung aber wieder gegeben. Eine weitere Verschlechte- ein wenig wie ein neues, altes Leben, das man plötzlich
rung merkte ich ebenso schlagartig; sie allerdings genießen kann. Dass mir das zuteilwird, ist ein großes
scheint zu bleiben. War meine Sehkraft vorher für alle Glück. H
Entfernungen tadellos, so kann ich jetzt im Nahbereich
gar nichts mehr ohne Brille lesen.
Letztlich bin ich froh, dass ich die tiefe Hirnstimula- Dieser Artikel im Internet:
tion gewagt habe. Der Eingriff erfordert zweifelsohne www.spektrum.de/artikel/1606814

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DIE GEHIRN&GEIST-INFO GR AFIK

Alzheimer verstehen
Kaum eine neurologische Erkrankung wird so intensiv erforscht wie Morbus Alzheimer.
Dennoch gibt es nach wie vor keine wirksame Behandlung. Die wichtigsten Fakten im Überblick.
Text: Anna von Hopffgarten / Grafik: Yousun Koh

WAS IM GEHIRN PASSIERT


Wer an Alzheimer erkrankt, wird zunehmend vergesslich und verhält sich oft merkwürdig. Im Verlauf der Krankheit nimmt
das Denkvermögen der Patienten immer weiter ab. Was geschieht dabei im Gehirn?

Die Verbindungen zwischen


den Neuronen gehen zu
Grunde, später auch die In den Zwischenräumen der
Nervenzellen selbst. Dieser Neurone bilden sich
Prozess breitet sich all- Ansammlungen des Peptids
mählich im Gehirn aus, so Amyloid-beta – die so
Großhirnrinde
dass die Großhirnrinde genannten Plaques. Innerhalb
immer weiter schrumpft. der Zellen lagern sich Knäuel
Gleichzeitig werden von Tau-Proteinen ab, die
die flüssigkeitsgefüllten Neurofibrillenbündel.
Ventrikel größer.
flüssigkeitsgefüllte
Ventrikel

Hippocampus

Der Hippocampus, ein


wichtiges Gedächtnisareal,
ist meist als Erstes von den
Veränderungen betroffen.
Neurofibrillen- Amyloid-
Gehirn mit bündel beta-Plaque
gesundes Gehirn Morbus Alzheimer

WIE DAS DENKVERMÖGEN NACHLÄSST


Amyloid-beta-Plaques lagern sich schon sehr früh im Gehirn ab, meist viele Jahre bevor die ersten kognitiven Symptome
auftreten. Die Neurofibrillenbündel bilden sich dagegen erst deutlich später.

YOUSUN KOH, NACH DREW, L., ASHOUR, M.: AN AGE-OLD STORY. IN: NATURE 559, S2, 2018
Amyloid-beta-Plaques

Zellschäden durch Tau-Ablagerungen

veränderte Hirnstruktur
Ausprägung der Symptome

Gedächtnisstörungen

Hilfsbedürftigkeit im Alltag

8 BIS 10 JAHRE ...


… hat ein an Morbus Alzheimer erkrankter
Mensch nach der Diagnose im Durchschnitt
noch zu leben.
normales Denkvermögen leichte kognitive Demenz
Beeinträchtigung
Krankheitsverlauf

GEHIRN&GEIST 64 1 _ 2 0 1 9
Amyloid-beta-
Plaque
1 A B
WO THERAPIEN
Amyloid-beta ANSETZEN
Bislang gibt es noch kein Medikament,
WAS WURDE BEREITS Synapse das die Erkrankung aufhalten oder sogar
GETESTET?
heilen kann. Forscher versuchen aber,
Stoffe zu entwickeln, die in die Abläufe der
A Hemmung der Enzyme, welche die
Amyloid-Vorläuferproteine Krankheitsentstehung eingreifen. 3
schneiden
→ noch nicht gelungen 1 SYNTHESE VON AMYLOID-BETA
Das Peptid entsteht durch Spaltung von
B künstliche Antikörper, die an Vorläuferproteinen in der Membran von
verschiedene Formen von Nervenzellen.
Amyloid-beta binden Oligomer
→ noch nicht gelungen

2 2 ZUSAMMENSCHLUSS DER PEPTIDE


Mitochondrium Im Raum zwischen den Neuronen
verbinden sich die Amyloid-beta-Fragmen-
te zu Oligomeren. Diese schränken die
C Immuntherapien, Synapsen in ihrer Arbeit ein.
welche die Aggregation Zellkern
und Ausbreitung von 3 ENTSTEHUNG VON PLAQUES
Tau-Proteinen hemmen Die Amyloid-beta-Oligomere lagern sich zu
→ in Entwicklung Plaques zusammen und stören so die
5 C
Funktion der Nervenzellen.

4
D
4 ENTZÜNDUNGSREAKTION
D entzündungshemmende Tau-Protein Amyloid-beta lagert sich außerhalb der
Medikamente Neurone sowie in den Blutgefäßen
Mikrogliazelle Neurofibrillenbündel
→ noch nicht gelungen des Gehirns ab, wo es Mikrogliazellen
Entzündungsstoffe
aktiviert. Diese setzen Entzündungs-
stoffe frei, welche die Synapsen schädigen.

Blutgefäß 5 BILDUNG VON


Amyloid-beta-Ablagerung NEUROFIBRILLENBÜNDELN
Falsch gefaltete Tau-Proteine lagern sich zu
Knäueln zusammen, die die Zellorganellen
verdrängen.

RISIKOFAKTOREN
YOUSUN KOH, NACH DREW, L., ASHOUR, M.: AN AGE-OLD STORY. IN: NATURE 559, S2, 2018

6 ÜBERTRAGUNG AUF
GENETIK GESCHLECHT LEBENSSTIL NACHBARZELLEN
In manchen Familien sind Frauen erkranken Auch eine un- Die deformierten Tau-Proteine
mehrere Personen von der deutlich häufiger als günstige Lebens- können über Synapsen in
seltenen familiären Alzheimer- Männer. Grund ist weise kann das benachbarte Neurone gelangen,
krankheit betroffen. Verant- nicht die höhere Risiko erhöhen. wo sie die Bildung weiterer
wortlich sind unter anderem Lebenserwartung, da Dazu gehören eine Neurofibrillenbündel anstoßen.
Mutationen in den Genen APP, das Risiko bereits mit ungesunde Ernäh-
PSEN1 oder PSEN2, welche 65 Jahren fast doppelt rung, Bewegungs-
die korrekte Bildung von so hoch ist. Mögli- mangel, Rauchen
Amyloid-beta stören. Zudem cherweise liegt es an und Schlafmangel.
erhöhen Genvarianten für den weiblichen
das Apolipoprotein E sowie Sexualhormonen.
Mutationen im Gen TREM2 6
das Erkrankungsrisiko für eine
häufigere, nicht familiäre Form.

QUELLE

Drew, L., Ashour, M.: An Age-Old Story. In: Nature 559, S2, 2018
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1606816
MEDIZIN

D E R R Ä T S E L H A F T E FA L L

AKALKULIE Nach einem Autounfall kann Herr N. plötzlich


nicht mehr richtig rechnen. Warum vermag er dann trotzdem
Mengen so gut abzuschätzen?

Zahlensalat
im Gehirn
VO N L AU R E N T C O H E N

D
ie Geschichte hat einen tragischen meisten Rechtshändern ist bei ihm die Sprachverarbei-
Anfang. Bei einem Autounfall prallt tung in der linken Hirnhälfte lokalisiert.
der Versicherungsmakler N. mit der Ich lernte Herrn N. drei Jahre nach seinem Unfall
linken Seite seines Kopfs gegen die kennen, als er für eine Abschlussuntersuchung ins
Windschutzscheibe und verliert das Krankenhaus kam. Zu dieser Zeit interessierten wir  –
Bewusstsein. Im Krankenhaus entfer- das heißt mein Kollege Stanislas Dehaene und ich – uns
nen die Chirurgen notfallmäßig im Schädelinnern ei- für die psychologischen und neuronalen Mechanismen
nen Bluterguss, der Druck auf die linke Hirnhälfte aus- beim Rechnen. Ähnlich wie die Sprache benutzt die
übt. Doch das Gehirn hat bereits irreparablen Schaden Mathematik ein Vokabular (1, 2, 3, 7 …) mit einer be-
genommen: Sein Körper ist halbseitig gelähmt, und stimmten Bedeutung (10 repräsentiert eine Menge, die
sein Gesichtsfeld beschränkt sich auf die linke Seite. Al- etwas höher ist als jene, die durch 9 dargestellt wird) so-
les, was rechts von ihm passiert, nimmt er nicht mehr wie formalen Regeln, etwa (10 + 2) · 3 = 36. Aber wo und
wahr. Außerdem hat der 40-Jährige Probleme beim wie wird im Gehirn überhaupt gerechnet?
Sprechen, Schreiben und Verstehen von Wörtern sowie Wissenschaftliche Erkenntnisse erwachsen oft aus
beim Lesen – er leidet an einer »Aphasie«. Wie bei den zunächst unerklärlichen Beobachtungen, und so war es
auch in diesem Fall: Herrn N.s Untersuchungsergebnis-
se waren irgendwie merkwürdig. Der Patient kam mit
Zahlen besser zurecht, als wir es auf Grund des Grads
seiner Aphasie erwartet hatten. So gelang es ihm, dik-
tierte Zahlen mehr oder weniger richtig niederzuschrei-
UNSER EXPERTE ben, obwohl er sie nicht mündlich wiederholen konnte.
Laurent Cohen ist Professor für Neurolo- Wir zählten beispielsweise »7, 42, 193, 1865« und er
gie am Hôpital de La Pitié-Salpêtrière in schrieb »7, 43, 198, 1985«. Das war einerseits nicht rich-
Paris. tig, andererseits nicht meilenweit entfernt von den kor-

GEHIRN&GEIST 66 0 1 _ 2 0 1 9
GESICHT: EUGENESERGEEV / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL), ZAHLEN: ERHUI1979 / GETTY IMAGES / ISTOCK; COMPOSING: GEHIRN&GEIST

Was genau passiert im


Kopf, wenn wir
etwas ausrechnen?

rekten Werten. Fasziniert machten wir uns an eine de- fähre Menge waren seine Antworten immer noch plau-
taillierte Untersuchung. sibel. Niemals sagte er beispielsweise, dass eine Hand 45
Über mehrere Monate hinweg führten wir eine gan- Finger habe.
ze Reihe von Rechentests mit ihm durch. Das Resultat Einmal zeigten wir Herrn N. drei Zahlen (6, 7 und 8)
bestätigte den ersten Befund: Herr N. konnte zwar nicht und verdeckten sie anschließend. Einige Sekunden spä-
mehr exakt mit Zahlen umgehen, war aber in der Lage, ter präsentierten wir ihm eine Zahl, die entweder zur
sich den richtigen Ergebnissen anzunähern. Meist lag er zuvor genannten Dreierfolge gehört hatte (wie die 6),
bei der Hälfte der einfachen Aufgaben falsch, irrte sich sehr nah bei einer der Ziffern lag (etwa 5) oder deutlich
dabei jedoch oft nur um relativ geringe Beträge. Seiner davon entfernt war (zum Beispiel 2). Herr N. sollte sa-
Meinung nach hatte etwa der Monat Januar 15 oder 20 gen, ob die Zahl Bestandteil der Folge gewesen war oder
Tage, eine Viertelstunde umfasste für ihn mal 15 und nicht. Dabei hatte er keine Probleme, die 2 auszuschlie-
mal 20 Minuten, ein Jahr 350 Tage, eine Hand besaß 4 ßen, bezeichnete die 5 aber fälschlicherweise als zuge-
Finger, und »ein Dutzend« bezifferte Herr N. entweder hörig. Er hatte sich also nicht die genauen Ziffern ge-
mit 6 oder mit 10 Einheiten. Im Hinblick auf die unge- merkt, sondern nur ihre Größenordnung.

Auf einen Blick: Abschätzen versus rechnen

1 2 3
Werden Hirnregionen geschä- Die Vorstellung von Mengen Für das exakte Rechnen mit
digt, die für die Sprachverarbei- scheint davon nahezu unbe- Zahlen und das grobe Kalku-
tung zuständig sind, leidet oft rührt. Der Betroffene kann da- lieren mit Mengen sind
auch die Fähigkeit, mit Symbolen her noch immer im Kopf rechnen – demnach unterschiedliche Hirn-
wie Ziffern umzugehen. allerdings nur näherungsweise. areale zuständig.

GEHIRN&GEIST 67 0 1 _ 2 0 1 9
Abschätzung von Mengen (Sulcus intraparietalis)

NUMEROSITY IN THE HUMAN PARIETAL CORTEX. IN: SCIENCE 341,


S.1123-1126, 2013, FIG. 2; ABDRUCK GENEHMIGT VON AAAS / CCC
HARVEY, B.M. ET AL.: TOPOGRAPHIC REPRESENTATION OF
YOUSUN KOH, NACH CERVEAU&PSYCHO

1 cm

Sprachverarbeitung
1 2 3 4 5 6 7
Anzahl wahrgenommener Objekte

Die beiden Systeme des Rechnens


Wenn wir im Geist mit Zahlen jonglieren, sind daran Das zweite System rechnet dagegen mit Hilfe nume­
zwei unterschiedliche Systeme beteiligt. Das erste rischer Symbole, wodurch wir selbst sehr ähnliche
ist vermutlich schon von Geburt an vorhanden. Mit Mengen – etwa 1110 und 1111 – unterscheiden können.
ihm können wir grob Mengen abschätzen. Die Ak- Es liegt in der linken Hemisphäre (schraffierter Be­
tivität findet sich in beiden Hirnhälften, und zwar reich) des Gehirns und ist auch für das Erkennen der
jeweils im Zentrum des Sulcus intraparietalis. Dabei Bedeutung von Wörtern und ihrer Kombination zu­
sprechen jeweils verschiedene Orte bevorzugt auf ständig. Diese Region wurde bei Herrn N. in Mitlei­
unterschiedlich große Mengen an (siehe Ausschnitt). denschaft gezogen.

Ein anderes Mal ging es um sehr einfache Additionen, Spelke spielte an der Harvard University zwei Tage alten
wobei wir nur eine Lösung anboten, die entweder richtig Babys Töne in festgelegter Anzahl vor: So wiederholten
(2 + 2 = 4) oder vollkommen falsch war (2 + 2 = 9) oder die Forscher zum Beispiel Folgen von vier Tönen (ta-ta-
bloß knapp danebenlag (2 + 2 = 5). Auch hier verwarf ta-ta, fi-fi-fi-fi, gu-gu-gu-gu) zwei Minuten lang, um die
Herr N. fast immer stark abweichende Ergebnisse, wäh- Neugeborenen daran zu gewöhnen.
rend er zwischen einer richtigen und einer einigerma- Anschließend zeigten sie ihnen verschiedene Bilder
ßen passenden Lösung nicht differenzieren konnte. mit Punkten – etwa einmal mit vier, einmal mit zwölf.
Tatsächlich reagierten jene Babys, die an vier Töne ge-
Die Anzahl ist eine abstrakte Eigenschaft wöhnt waren, je nach Bild anders; sie betrachteten das
Warum hatte Herr N. eine gewisse Fähigkeit zum Um- Bild mit den vier Punkten länger. Izard folgerte daraus,
gang mit Zahlen behalten und gleichzeitig jene zur ex- dass die Winzlinge die gemeinsame Eigenschaft »4«
akten Berechnung verloren? Um dies zu verstehen, wiedererkannten.
muss man sich zunächst klarmachen, was eine Zahl Als Neugeborene konnten sie in diesen Tests eine
überhaupt darstellt. Stellen Sie sich auf einem Tisch drei Menge von deren Dreifachem unterscheiden, mit sechs
Äpfel vor, drei Vögel auf einem Ast, drei Musiknoten, Monaten aber hielten die Säuglinge bereits eine Anzahl
drei geniale Ideen, drei Urlaubstage. All diese Gruppen und deren Doppeltes auseinander. Fehlerfrei schafften
haben nichts miteinander gemeinsam außer der Tat- die Kinder die Übung allerdings erst, als sie gelernt hat-
sache, dass es sich immer um drei Elemente handelt. ten, mit Hilfe der Zahlennamen zu zählen! Ab diesem
Die Anzahl ist eine extrem abstrakte Eigenschaft einer Zeitpunkt verlassen sie sich auf die Sprache. Indem sie
Gruppe von Objekten, die vollkommen unabhängig die Anzahl genau beziffern, gelingt es ihnen, auch fast
von deren übrigem Erscheinungsbild ist. identische Mengen, etwa 5677 und 5678, nicht zu ver-
Kinder besitzen schon im jüngsten Alter ein gewisses wechseln.
Zahlenverständnis, anders, als man früher glaubte, ver- Beim erwachsenen Menschen funktionieren beide
mutlich sogar von Geburt an. Es braucht einen beson- Systeme weiterhin nebeneinander. Das für Mengen arbei-
deren Einfallsreichtum, um das experimentell nachzu- tet beim Erwachsenen zwar feiner als beim Baby, jedoch
weisen. Ein Team um Véronique Izard und Elizabeth immer noch näherungsweise. Die auf Sprache beruhen-

GEHIRN&GEIST 68 0 1 _ 2 0 1 9
MEDIZIN / AKALKULIE

de Verarbeitung dagegen erlaubt, mit Hilfe der Namen Team von der Universität Utrecht in den Niederlanden
der Zahlen exakt zu rechnen. Diese war bei Herrn N. waren sogar in der Lage, verschiedene Regionen einzel-
verletzt worden. Daher wusste er nicht mehr, dass 2 + 2 = 4 nen Zahlenmengen zuzuordnen (siehe »Die beiden Sys-
ist, war sich dagegen sicher, dass 2 + 2 nicht 9 ergibt. teme des Rechnens«, links). So antwortet ein bestimm-
ter Bereich, wenn wir ein einzelnes Objekt wahrneh-
Mengenkarte im Gehirn men (oder daran denken), ein weiterer, wenn es sich um
Das Schätzen von Mengen findet größtenteils im Schei- zwei Elemente handelt, und so fort. Die Regionen sind
tellappen statt, genauer im Zentrum einer tiefen Furche, dabei systematisch angeordnet; die Aktivierung findet
die man Sulcus intraparietalis nennt. Patienten mit ei- mit wachsender Anzahl immer weiter entfernt vom
ner Schädigung in diesem Hirnbereich leiden unter Zentrum des Gehirns statt.
dem umgekehrten Problem: Sie können mühelos Multi- Übrigens ist das Jonglieren mit Mengen nicht dem
plikationstabellen herunterleiern, vermögen aber Werte Menschen vorbehalten. Auch Tiere sind hierzu be-
nicht mehr abzuschätzen. Auf die Frage »Welche Zahl grenzt in der Lage, von Küchenschaben über Sala-
liegt auf halber Strecke zwischen 4 und 8?« antworten mander bis hin zu Tauben, Löwen und Affen. Kein
sie beispielsweise »3«. Wunder, schließlich kann es in der Natur über Leben
Bildgebende Verfahren bestätigten, dass beim Ab- oder Tod entscheiden, ob man in der Lage ist, die Men-
schätzen von Mengen bestimmte Neurone der intrapa- ge des Futters oder die Zahl der Fressfeinde gut abzu-
rietalen Furche aktiv werden. Ben Harvey und sein schätzen. H

QUELLEN

Dehaene, S., Cohen, L.: Two Mental Calculation Systems: A Case Study of Severe Acalculia with
Preserved Approximation. In: Neuropsychologia 29, S. 1045–1074, 1991
Harvey, B. M. et al.: Topographic Representation of Numerosity in the Human Parietal Cortex. In: Science 341, S. 1123–1126, 2013
Izard, V. et al.: Newborn Infants Perceive Abstract Numbers. In: PNAS 106, S. 10382–10385, 2009
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1606818

LIEFERBARE »GEHIRN&GEIST«-AUSGABEN

Gehirn&Geist 12/2018: Gehirn&Geist 11/2018: Gehirn&Geist 10/2018: Gehirn&Geist 09/2018:


Wie uns Bildung tolerant und Das gläserne Ich: Digitale Das Unbewusste: Der Auto- Warum Wagnisse wichtig sind •
stark macht • Algorithmen: Spuren des Selbst • Psycholo- pilot im Kopf • Respekt: Der Rechthaber vergiften Debatten-
Die Filterblase im Kopf • gie: Verlass dich auf mich! • Kitt der Gesellschaft • kultur • Gefährlicher Sekun-
»Dark Tourism«: Reise ins LSD: Wunderdroge oder Embodiment-Forschung: denschlaf • Warum wir ver-
Grauen • Werkzeuggebrauch Sorgenkind? • Chronisches Lernen mit dem Körper • gessen • Alexie: Wie kommt es
in der Tierwelt: Geistreich Erschöpfungssyndrom: Die Hirnforschung: Das mecha- zum plötzlichen Verlust der
ohne Geist?• € 7,90 unsichtbare Krankheit • € 7,90 nische Gehirn • € 7,90 Lesefähigkeit? • € 7,90

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BÜCHER UND MEHR

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Pathologie in der Politik
30 Psychiater und Psychologen analysieren den mächtigsten Mann der Welt

D
ie so genannte Goldwater-Regel besagt, es des Landes oder gar für den Weltfrieden ausgehen«.
sei unredlich, den Geisteszustand von In 25 Stellungnahmen äußern die renommiertesten
Personen des öffentlichen Lebens per Psychiater und Psychologen unserer Zeit ihre Zweifel
Ferndiagnose zu beurteilen. Sie geht auf den republi- an der Amtstauglichkeit des Präsidenten.
kanischen US-Präsidentschaftskandidaten Barry Kein geringerer als der Psychologe Philip Zimbar-
Goldwater zurück, der 1964 die Wahl verlor, nachdem do, Schöpfer des berühmten Stanford-Prison-Experi-
Psychiater ihm in einem Magazinartikel unter ments, der sich seit Jahrzehnten mit dem Bösen im
anderem Narzissmus, Paranoia sowie eine schwere Menschen beschäftigt, macht den Anfang. Er betont,
Persönlichkeitsstörung attestiert hatten, ohne je mit dass es ihm nicht darum gehe, eine Diagnose zu
ihm gesprochen zu haben. Ein Gericht verurteilte die stellen, sondern auf klar beobachtbare Verhaltenswei-
Zeitschrift daraufhin wegen Verleumdung, und die sen aufmerksam zu machen. Er spricht von einer
American Psychiatric Association erließ die neue herablassenden Haltung, groben Übertreibungen bis
Regel. hin zu dreisten Lügen, Tyrannei und Schikane,
Aktuelle Ereignisse veranlassen Fachleute nun, Eifersucht, mangelnder Empathie und einem fragilen
diese ethische Maxime zu brechen. Der Fall des 2017 Selbstwert – alles Anzeichen für einen ausgeprägten
vereidigten US-Präsidenten Donald Trump sei so Narzissmus.
eindeutig, dass man sich gezwungen sah, eine Philip Zimbardo führt aber auch weniger augenfäl-
Ausnahme zu machen. Mit dem Werk »Wie gefähr- lige Beispiele wie Trumps Konzept von Zeit an. So
lich ist Donald Trump?« will eine ganze Berufsgrup- bezeichnet er ihn als »extremen Gegenwarts-Hedo-
pe gesellschaftspolitische Verantwortung überneh- nisten«, der ausschließlich im Augenblick lebe, nach
men und vor einem Mann warnen, der an den Lust strebe, stets auf der Suche nach dem nächsten
Hebeln der Macht nichts verloren habe. Von ihm Kick sei und Unangenehmes um jeden Preis zu
könne, so der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth vermeiden versuche. Solche Persönlichkeiten neigten
im Vorwort, womöglich »eine Gefahr für das Wohl dazu, die langfristigen Konsequenzen ihres Handelns

GEHIRN&GEIST 70 0 1 _ 2 0 1 9
BÜCHER UND MEHR

auszublenden – eine fatale Einstellung für jemanden,


der über die Zukunft des Planeten mitbestimmt. HHHHH
Viele der Experten sind sich bewusst, auf welch Uwe Britten, Ulrich Clement und
heiklem Terrain sie sich bewegen und erkennen den Ann-Marlene Henning (Hg.)
Sinn der Goldwater-Regel an. Sie thematisieren dieses WENN ES UM DAS EINE GEHT:
Problem und setzen sich differenziert damit ausein- DAS THEMA SEXUALITÄT IN
ander. Andere gehen da weiter. Der Psychologe DER THERAPIE
Michael J. Tansey legt anhand spezifischer Äußerun-
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018,
gen aus einer Rede Trumps nahe, dieser leide 150 S., € 17,–
möglicherweise an einer wahnhaften Störung, die ihn
für das Amt des Präsidenten vollkommen ungeeignet
mache. Menschen mit Wahnideen gäben ihre Sprechen wir darüber!
Überzeugungen trotz unbestreitbarer Fakten nicht Zwei Sexualtherapeuten im Gespräch
auf, seien häufig extrem dünnhäutig und humorlos, über Lust, Scham und Frust
wobei der Inhalt der Wahnideen in der Regel nicht

I
bizarr sei wie bei einer typischen Psychose. Als n einem moderierten Dialog sprechen zwei Ex-
Gründe für die von Trump im Präsidentschaftswahl- perten über die Sexualität in all ihren Facetten.
kampf 2016 geäußerte Bewunderung für Kim Jong Ulrich Clement ist Professor für Medizinische
Un, Bashar al-Assad und Wladimir Putin sieht Psychologie an der Universität Heidelberg und leitet
Tansey dessen Paranoia und Größenwahn. Der dort das Institut für Sexualtherapie, Ann-Marlene
amerikanische Präsident träume selbst von absolutis- Henning ist Psychologin, Sexologin und Sexual- und
tischer Macht. Paarberaterin in Hamburg.
Die letzten Kapitel befassen sich damit, wie Trump Dem Leser wird der Einstieg in dieses schwierige,
mit diskriminierendem und frauenfeindlichem häufig schambelastete Thema durch die unbeschwerte
Verhalten zu Verrohung und Hysterie in der Gesell- Art der Kommunikation, die vor allem Frau Hennings
schaft beitrage. Insgesamt ziehen die Autoren – unter Antworten auszeichnen, enorm erleichtert. Die Ge-
ihnen weitere Größen wie Noam Chomsky – eine spräche, in denen auch der große Erfahrungsschatz der
düstere Bilanz. Trotz der beunruhigenden Materie beiden Sexualtherapeuten deutlich wird, behandeln
macht es zu jedem Zeitpunkt Spaß, das Buch zu lesen. ein breites Spektrum, drehen sie sich nicht nur um
Es ist auch für Laien verständlich und bietet neue, verschiedensten Fragen zur Sexualität und die Proble-
überraschende Einblicke in ein Thema, das man me, die sich dabei ergeben. Sondern sie vermitteln
eigentlich nicht mehr hören kann. Die Frage ist ebenso zahlreiche wertvolle allgemein gültige thera-
allerdings: Was vermag so ein Band auszurichten? peutische Grundsätze. So bieten die Experten zum Bei-
Trumps überzeugte Anhänger wird er wohl nicht spiel Rat im Umgang mit schwierigen Situationen in
umstimmen können, denn die haben den Immobili- der Sexualtherapie sowie sexuellen Fantasien und
enmogul schließlich nicht trotz seines unkonven- sprechen über den Einsatz von empathischem Humor
tionellen Auftretens gewählt, sondern gerade in der Behandlung. Zudem stellt das Werk anschaulich
deswegen. die therapeutischen Grundprinzipien der Authentizität,
Corinna Hartmann hat einen Bachelorabschluss das wertfreie Annehmen des Klienten und die Regu-
in Psychologie und arbeitet als lation von Nähe und Distanz vor. Auch das (An-)
Wissenschaftsjournalistin in Saarbrücken.

TIPP
DES MONATS
Erkennen eigener Grenzen durch den Therapeuten ist
immer wieder Thema.
Einige Fragen des Moderators muten zuweilen
HHHHH etwas seltsam an, wirken inhaltlich nicht stimmig.
Bandy X. Lee (Hg.) Beispielsweise wenn er nach der Stigmatisierung
sexueller Auffälligkeiten durch die Aufnahme in die
WIE GEFÄHRLICH IST ICD fragt, das internationale Klassifikationssystem
DONALD TRUMP? der WHO für Krankheiten. Denn zentral für die
27 Stellungnahmen aus Diagnose ist, dass der Patient tatsächlich darunter
Psychiatrie und Psychologie leidet (also sein subjektives Empfinden) und nicht,
Aus dem Amerikanischen von dass er die Kriterien für eine vermeintliche Störung
Irmela Köstlin und Jürgen Schröder erfüllt.
Psychosozial, Gießen 2018, 385 S., Auch gelingt die Einordnung der Gesprächsverläufe
32,90 € in die einzelnen Kapitel nicht immer optimal, ein

GEHIRN&GEIST 71 0 1 _ 2 0 1 9
Bestseller verzeihlicher Nachteil der Dialogform. Man kann ihn
Die aktuellen Spitzentitel aus den Bereichen mitunter gar als Vorteil empfinden, wenn man beim
Psychologie, Hirnforschung und Gesellschaft Lesen etwa zufällig über andere interessante, aber nicht
YAEL ADLER
1 Darüber spricht man nicht: Dr. med. Yael Adler
erklärt fast alles, was uns peinlich ist
zum Kapitelthema passende Weisheiten stolpert.
Insgesamt liefert das Buch eine kompakte und span­
nende Einführung. Eine lohnenswerte Erweiterung der
Droemer, München 2018, 368 S., € 16,99 Fachbibliothek für alle Therapeuten also, die das
Thema Sexualität besser in die Behandlung integrieren
NOVA MEIERHENRICH möchten.
2 Wenn Liebe nicht reicht: Wie die Depression
mir den Vater stahl
Stefanie Krahn ist Psychologin und befindet sich in der Ausbildung zur
Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.
Edel, Hamburg 2018, 240 S., € 17,95

DIETRICH GRÖNEMEYER
3 Weltmedizin: Auf dem Weg zu einer
ganzheitlichen Heilkunst
S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, 287 S., € 20,–
HHHHH
SVEN VOELPEL
4 Entscheide selbst, wie alt du bist: Was die
Forschung über das Jungbleiben weiß
Katharina Jakob
WARUM WALE FREMD-
Rowohlt, Reinbek 2016, 288 S., € 14,99 SPRACHEN KÖNNEN
Heyne, München 2018, 256 S., € 12,99
STEVEN PINKER
5 Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft,
Humanismus und Fortschritt
Ganz schön clever
S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, 736 S., € 26,– Beeindruckende Verhaltensweisen bei Tieren

K
MANFRED SPITZER atharina Jakob nutzt einen interessanten Kunst-
6 Die Smartphone-Epidemie
Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 368 S., € 20,–
griff, um ihren Lesern die kognitiven Leistun-
gen der Tiere näherzubringen: Sie beschreibt
zunächst die Wissenschaftler und deren Forschungs-
JOE NAVARRO umfeld ebenso, wie man es üblicherweise mit Tieren
7 Menschen lesen. Ein FBI-Agent erklärt,
wie man Körpersprache entschlüsselt
und ihrem Lebensraum tut. Das wirkt anfangs viel-
leicht ein wenig oberflächlich – was haben schließlich
MVG, München 2010, 272 S., € 16,95 Broschen oder wollige Haare mit dem Inhalt von
Studien zu tun? Und bei einem Taschenbuch von
THOMAS BAUER 256 Seiten bleibt kein Raum für allzu tief gehende
8 Die Vereindeutigung der Welt – Über den
Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt
Porträts irgendeiner Spezies, einschließlich des
Menschen. Aber es passt zur Herangehensweise der
Reclam, Ditzingen 2018, 104 S., € 6,– Autorin.
Wo es möglich war, hat Jakob ihre Gesprächspartner
JULIA F. CHRISTENSEN, vor Ort getroffen und im Umgang mit Versuchstieren
9 DONG-SEON CHANG
Tanzen ist die beste Medizin: Warum es uns
beobachtet. Daher kann sie die Wissenschaftler in
ihrem Arbeitsumfeld sehr lebendig beschreiben.
gesünder, klüger und glücklicher macht Geschichten aus dem Forscherleben, ausgemalt mit
Rowohlt, Reinbek 2018, 320 S., € 14,99 Dialekten und Gesten der Gesprächspartner, lassen ein
wenig erahnen, unter welchen Bedingungen die
MAJA STORCH jeweiligen Studien entstanden sind.
10 Das Geheimnis kluger Entscheidungen
Piper, München und Zürich 2011, 144 S., € 10,–
Die Autorin verschweigt dabei nicht die – teils sehr
kleinen – Fallzahlen und sonstige Bedenken, die
Wissenschaftler hinsichtlich der Aussagekraft der
Nach Verkaufszahlen von media control zitierten Studien erhoben haben. Schon in der Einlei-
gelistet (Zeitraum: 4. 10.–7. 11. 2018)
tung weist sie auf die Fallstricke des Forschungsgebiets

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BÜCHER UND MEHR

hin. Sie betont, wie wichtig eine korrekte Methodik ist, 1970 war es für einen Verhaltensforscher undenkbar,
und erinnert an das mahnende Beispiel des »Klugen von tierischer Intelligenz zu reden.«
Hans« zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Das berühmte Zu hoch gegriffen ist allerdings der Titel des Buchs.
Pferd konnte nicht, wie kolportiert, rechnen, sondern Fremdsprachenkenntnisse kommen im Kapitel über
las die richtigen Antworten aus den Mienen der Umste- Wale gar nicht vor, sondern erst in einem der letzten
henden ab. Explizit erwähnt Jakob auch, dass die von Abschnitten des Buchs. Dort geht es kurz um Ameisen,
ihr zitierten Studien jederzeit widerlegt werden können. die wenig attraktive Futterquellen auf halbem Weg
Als Journalistin ist die Autorin nicht im gleichen ignorieren; um Schildkröten, die sich den Umweg zum
Maß an signifikante Versuchsergebnisse gebunden wie Futter von Artgenossen abgucken; um Schweine, die
die Forscher selbst. Daher entlockt sie den Wissen- eine Futterquelle im Spiegel finden; und Orcas, die im
schaftlern auch und gerade jene Beobachtungen, die in gemeinsamen Becken vermehrt ähnliche Laute wie
Fachzeitschriften höchstens am Rand erwähnt werden Delfine von sich geben. Von einer Antwort auf die
können. Heraus kommt eine große Sammlung Frage nach dem »Warum« allerdings ist die Wissen-
wahrhaft faszinierender Verhaltensweisen, die jeweils schaft bisher weit entfernt.
nur vereinzelt dokumentiert wurden. Da versteckt ein Eva Eismann hat Neurowissenschaften und Journalistik studiert und
Rabe seinen Futterhappen genau in dem toten Winkel, arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Berlin.
den der Konkurrent in der Nachbarvoliere auf keinen
Fall einsehen kann. Da verweigert der sprachbegabte
Papagei Alex nach stundenlangen Tests die richtige
Antwort auf eine Frage – und zählt nur die falschen
Antworten auf. Ein Krake mauert mit kleinen Steinen HHHHH
den Eingang zu seiner Höhle zu. Und ein Schimpanse Robert Rossa, Julia Rossa
schwemmt die Erdnuss in einer schmalen Röhre mit
eigenem Harn nach oben. SOS GEFÜHLSCHAOS
Besonders tief geht Jakob nicht. Aber aus ihrem 100 Übungen zum Umgang mit
Fundus der Anekdoten ergibt sich ein faszinierender starken Gefühlen. Kartenset
Eindruck von dem breiten Spektrum tierischer für die Jugendlichenpsychotherapie
Fähigkeiten. Pottwal-Klans etwa geben sich durch Beltz, Weinheim und Basel 2018, € 34,95
unterschiedliche Klickmuster zu erkennen, à la »Wir
sind die Müllers«. Tauben sitzen beim Unterscheiden
von Wörtern und Nichtwörtern den gleichen Buch-
Rüstzeug gegen die Wut
stabendrehern auf wie Menschen. Und Hunde, seit Erste Hilfe bei belastenden Gefühlen
Jahrtausenden auf das Zusammenleben mit dem

W
Menschen gezüchtet, können, woran sogar Primaten as tun, wenn die Emotionen überkochen,
versagen: Sie erkennen unsere Zeigegesten und wissen wenn Wut oder Angst überhandnehmen?
sie zu ihrem Vorteil zu nutzen. Der Kinder- und Jugendtherapeut Robert
Die Autorin hat sich auch Gesprächspartner Rossa und die Sozialpädagogin Julia Rossa stellen in
ausgesucht, die besonders kühne Thesen vertreten. ihrem Kartenset 100 Möglichkeiten vor. Die Übungen
Etwa den Bienenforscher Randolf Menzel, der vermu- sollen Jugendliche dabei unterstützen, ihre Emotionen
tet, das einzelne Insekt trage ein Bild der Umgebung zu regulieren – und eignen sich gleichermaßen für
im Kopf. Oder der Verhaltensforscher Con Slobod- Erwachsene. Ziel sei es stets, die Aufmerksamkeit auf
chikoff, »einer der ganz wenigen Wissenschaftler, die einen bestimmten Punkt zu fokussieren, erklären die
das Sprachvermögen bei Tieren für wahrscheinlich Autoren.
halten«. Die Pfiffe der von ihm untersuchten Prärie- Die Karten sind nach steigender Intensität von 1 bis
hunde unterscheiden nicht nur zwischen Bussard, 100 nummeriert. Bei Übung 100 »Jump ’n’ run« sollen
Kojote, Hund oder Mensch. Slobodchikoffs Ergebnis- die Jugendlichen zum Beispiel abwechselnd 50 Schritte
sen zufolge weisen sie diesen auch Attribute wie rennen und fünfmal so hoch springen, wie sie können.
Geschwindigkeit, Größe und Farbe zu. Nummer 6, das »Zahlen-Kompott«, sieht dagegen
Dass tierische Rufe Information chiffrieren, »war in vor, von einer beliebigen Zahl in Dreierschritten nach
den Neunzigerjahren noch eine eher abseitige Vermu- unten zu zählen.
tung«, hält die Autorin fest. Doch wer das Buch gelesen Die Strategien lassen sich gut in die Psychotherapie
hat, der empfindet dieses Postulat keineswegs als mit Jugendlichen integrieren, beispielsweise als
merkwürdig. Kaum noch nachvollziehbar erscheint, Hausaufgaben, die in der nächsten Sitzung erörtert
was Jakob in ihrer Einleitung konstatiert: »Noch um werden. Solche Nachbesprechungen sind durchaus

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sinnvoll, fallen die Erklärungen auf den Karten Gabriel hat seit 2009 an der Universität Bonn den
mitunter doch etwas dürftig aus. Lehrstuhl für Erkenntnistheorie, Philosophie der
Viele Übungen ähneln den »Skills«, die Patienten Neuzeit und der Gegenwart inne. Das mag nach einem
bei der Dialektisch-Behavioralen Therapie zur sehr weiten Forschungsgebiet klingen. Wer meint, ein
Emotionsregulation erlernen, etwa Nummer 99 so junger Philosoph könne es nicht vollständig
»Chili-Cubes«, bei der man selbst gemachte Eiswürfel abdecken, wird in Gabriels neuestem Werk eines
aus Wasser und Tabasco lutscht. Ein Nachteil: Oft Besseren belehrt. Immer wieder wird wie nebenbei
benötigt man bestimmte Materialien. Wenn Stress und deutlich: Der nur 38 Jahre alte Philosophieprofessor ist
Anspannung gerade hoch sind, kann man jedoch nicht beeindruckend belesen, seine philosophischen
immer auf Häkelgarn, Kümmel oder Eiswürfel Analysen scharfsinnig. In nüchternem, aber nicht zu
zugreifen. Aus der großen Auswahl kann aber trotz- akademisch wirkendem Stil stellt der Autor seine
dem vermutlich jeder für sich passende Emotionsregu- Thesen dar, in deren Zentrum die Annahme steht, das
lationsstrategien ziehen. menschliche Denken sei ein Sinn wie das Hören,
»Ziel ist es, Übungen zu finden, die in Zukunft Fühlen oder Schmecken, mit dem sich abstrakte
hilfreich im Umgang mit belastenden Gefühlen sind«, Objekte wahrnehmen lassen. »Wir betasten denkend
schreiben Rossa und Rossa. Welche Techniken nützen, eine Wirklichkeit, die letztlich nur dem Denken
muss jeder Patient selbst ausprobieren. So entsteht zugänglich ist, ebenso wie Farben für gewöhnlich nur
eine individuelle SOS-Gefühlsbox: Auf einem Blatt, dem Sehen und Töne nur dem Hören zugänglich sind«,
das als Zusatzmaterial downloadbar ist, können sich schreibt er.
die Jugendlichen dann zu jeder Gefühlsstärke eine für Gabriels Thesen sieht man den Einfluss der hegel-
sie hilfreiche Strategie notieren und dieses Erste-Hilfe- schen Philosophie und des deutschen Idealismus an,
Set überallhin mitnehmen. über die der Autor promoviert hat. Das macht das
Liesa Klotzbücher ist Diplompsychologin und Redakteurin bei Buch jedoch umso interessanter, wird eine solche
»Gehirn&Geist«. Ansicht heute nicht mehr häufig vertreten. Denken
heißt für ihn, Verbindungen zu erkennen und herzu-
stellen. Dadurch würden wir weit entfernte Wirklich-
keiten verknüpfen und neue Wirklichkeiten herstellen.
Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung sei Denken
kein Vorgang der Informationsverarbeitung, der sich
in Silizium oder irgendeiner anderen nicht lebendigen
Materie nachbauen lasse. Computer könnten daher
HHHHH ebenso wenig denken wie die guten alten Aktenordner.
Markus Gabriel Gleichzeitig bezeichnet Gabriel den menschlichen
Verstand selbst als »künstliche Intelligenz« und sieht
DER SINN DES DENKENS ihn nicht als einen naturgegebenen Vorgang an. Denn
Ullstein, Berlin 2018, 368 S., € 19,– alles, was einen geistigen Anteil habe, sei von mensch-
lichen Lebewesen hervorgebracht.
Abstrakte Gedanken Wer denkt, das Buch sei nicht für Laien geeignet,
der irrt. Das Werk ist auch ohne Vorkenntnisse lesbar.
verständlich erklärt Das hat zwei Gründe. Der Autor erklärt alle philoso-
Eine ungewöhnliche Sicht auf den phischen Begriffe, die er einführt, genau – was ihm
menschlichen Verstand überwiegend gut gelingt. Dieses Vorgehen birgt
allerdings die Gefahr, dass die Darstellungen durch

M
it »Der Sinn des Denkens« legt der deutsche seine persönliche Position eingefärbt werden. So lehnt
Philosoph Markus Gabriel das dritte und Gabriel die linguistische Wende vollständig ab, ein
letzte Werk seiner philosophischen Trilogie Paradigmenwechsel in der Philosophie, bei dem sich
vor. Nachdem er sich in »Warum es die Welt nicht das Augenmerk von den Inhalten der Gedanken auf
gibt« mit der Ontologie, also der Seinslehre, auseinan- die Sprache, in der diese ausgedrückt werden, ver-
dergesetzt hat und sich in »Ich ist nicht Gehirn« zur schiebt, und entkräftet sie mit dem Verweis auf den
aktuellen Debatte um das Bewusstsein klar auf Seiten Unterschied von Wort und Begriff. Die Tatsache, dass
der Philosophie und gegen die Vereinnahmung des gerade diese Unterscheidung vom Schweizer Sprach-
Themas durch die Neurowissenschaften positioniert wissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857–1913)
hat, legt er in diesem Band seine Thesen zum mensch- selbige linguistische Wende mit ausgelöst hat, fällt
lichen Geist und Denken dar. unter den Tisch.

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BÜCHER UND MEHR

Gehirn&Geist
Der zweite Grund für die Verständlichkeit des Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A.
(verantwortlich)
Buchs sind die zahlreichen Beispiele, die Gabriel Artdirector: Karsten Kramarczik
Redaktionsleitung: Dr. Hartwig Hanser
aufführt und die manchen recht abstrakten Gedanken Redaktion: Steve Ayan (stv. Redaktionsleitung, Ressortleitung Psychologie),
verdeutlichen. Mitunter wirkt seine Recherche Dr. Katja Gaschler (Koordination Sonderhefte), Dr. Anna von Hopffgarten
(Ressortleitung Hirnforschung), Dr. Michaela Maya-Mrschtik (komm.
allerdings wenig sorgfältig, zum Beispiel, wenn er das Ressortleitung Medizin), Dipl.-Psych. Liesa Klotzbücher, B. A. Wiss.-Journ.
Daniela Zeibig
Projekt des Künstlers Jed aus dem Roman »Karte und Freie Mitarbeit: Dr. Joachim Retzbach
Gebiet« von Michel Houellebecq als Malerei bezeich- Assistentin des Chefredakteurs, Redaktionsassistenz: Lena Baunacke
Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies, Katharina Werle
net, obgleich es sich eigentlich um Fotografien handelt. Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe
Layout: Karsten Kramarczik, Oliver Gabriel, Anke Heinzelmann,
Trotz solcher Schwächen liefert Markus Gabriel einen Claus Schäfer, Natalie Schäfer
interessanten und bereichernden Beitrag zum schwer Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Angela D. Friederici, Max-Planck-
umkämpften Gebiet der Philosophie des Geistes. Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig; Prof. Dr. Jürgen
Margraf, Arbeitseinheit für klinische Psychologie und Psychotherapie,
Maxime Pasker ist Literaturwissenschaftler und Philosoph Ruhr-Universität Bochum; Prof. Dr. Michael Pauen, Institut für
in Heidelberg. Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin; Prof. Dr. Frank Rösler,
Institut für Psychologie, Universität Hamburg; Prof. Dr. Gerhard Roth,
Institut für Hirnforschung, Universität Bremen; Prof. Dr. Henning Scheich,
Leibniz-Institut für Neurobiologie, Magdeburg; Prof. Dr. Wolf Singer,
Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main; Prof. Dr.
Elsbeth Stern, Institut für Lehr- und Lernforschung, ETH Zürich

Übersetzung: Esther Hansen, Maxime Pasker


Herstellung: Natalie Schäfer
Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel.: 06221 9126-741,
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HHHHH Einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), Tel.: 06221 9126-744
Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
Tobias Schlicht Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg, Tel.: 06221 9126-712,
E-Mail: gehirn-und-geist@spektrum.de; Hausanschrift: Tiergartenstraße
15–17, 69121 Heidelberg, Tel.: 06221 9126-600, Fax: 06221 9126-751,
SOZIALE KOGNITION Amtsgericht Mannheim, HRB 338114
ZUR EINFÜHRUNG
Geschäftsleitung: Markus Bossle
Junius, Hamburg 2018, 280 S., € 16,90 Leser- und Bestellservice: Helga Emmerich, Sabine Häusser, Ilona Keith,
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Im Kopf der anderen


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Gedankenlesen für Anfänger Die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH ist Kooperations-
partner der Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation gGmbH
(NaWik).

K
ennen Sie »Legilimentik«? Dies ist die Bezeich-
Bezugspreise: Einzelheft: € 7,90, sFr. 15,40, Jahresabonnement
nung für Lord Voldemorts Fähigkeit, »in die Inland (12 Ausgaben): € 85,20, Jahresabonnement Ausland: € 93,60,
Köpfe seiner Opfer einzudringen«. Wir spre- Jahresabonnement Studenten Inland (gegen Nachweis): € 68,40,
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chen hier, klar, von der fiktionalen Welt in J. K. Zahlung sofort nach Rechnungserhalt. Postbank Stuttgart,
IBAN: DE52 6001 0070 0022 7067 08, BIC: PBNKDEFF
Rowlings »Harry Potter«, doch der Bochumer Neuro­
philosoph Tobias Schlicht benutzt dieses Beispiel, um Die Mitglieder der DGPPN, des VBio, der GNP, der DGNC, der GfG,
der DGPs, der DPG, des DPTV, des BDP, der GkeV, der DGPT, der DGSL,
auf die geradezu magische Kraft des Gedankenlesens der DGKJP, der Turm der Sinne gGmbH, der NOS (Neurofeedback Orga-
nisation Schweiz) sowie von Mensa in Deutschland erhalten die Zeitschrift
hinzuweisen. Wir sind laufend dabei, uns in die menta- »Gehirn&Geist« zum gesonderten Mitgliedsbezugspreis.
len Zustände – Gedanken, Erwartungen, Absichten,
Anzeigen/Druckunterlagen: Karin Schmidt, Tel.: 06826 5240-315,
Gefühle und Einstellungen – unserer Mitmenschen Fax: 06826 5240-314, E-Mail: schmidt@spektrum.de
Anzeigenpreise: Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 17 vom 1. 11. 2017.
einzufinden, und was wir dabei entdecken, prägt auch
unser eigenes Selbstbild zutiefst. Ausgehend von dieser Gesamtherstellung: Vogel Druck und Medienservice GmbH, Höchberg

Erkenntnis, die in der Neurowissenschaft in den Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei der
Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Jegliche Nutzung des
letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit erregte, Werks, insbesondere die Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche
stellt Schlicht die wichtigsten theoretischen Ansätze Wiedergabe oder öffentliche Zugänglichmachung, ist ohne die vorherige
schriftliche Einwilligung der Spektrum der Wissenschaft Verlags-
zur Erklärung dieses Phänomens dar. gesellschaft mbH unzulässig. Jegliche unautorisierte Nutzung des Werks
ohne die Quellenangabe in der nachstehenden Form berechtigt den Verlag
Für alle an Hirnforschung, Psychologie und der zum Schadensersatz gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Bei jeder
Philosophie des Geistes Interessierte gibt der Autor autorisierten (oder gesetzlich gestatteten) Nutzung des Werks ist die
folgende Quellenangabe an branchenüblicher Stelle vorzunehmen:
einen ebenso gut lesbaren wie fundierten Überblick zu © 2018 (Autor), Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
Heidelberg. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Bücher
einem Feld, das viele verschiedene Namen trägt: übernimmt die Redaktion keine Haftung; sie behält sich vor, Leserbriefe zu
Gedankenlesen, Fremdverstehen, Mentalisieren, kürzen.

Theory of Mind (ToM) sind nur die verbreitetsten. Im Bildnachweise: Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechteinhaber von
Abbildungen zu ermitteln. Sollte dem Verlag gegenüber dennoch der
Dickicht der Fachbegriffe verliert man schon mal leicht Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchen-
den Überblick. Schlicht stellt grob zwei Gruppen von übliche Honorar nachträglich gezahlt.

Modellen einander gegenüber: repräsentationistische ISSN 1618-8519

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BÜCHER UND MEHR

Ansätze, die davon ausgehen, dass wir eine relativ feste, sie sich erstmals an ein Laienpublikum wendet. Sie
neuronal manifestierbare Abbildung oder Repräsen- möchte einen offeneren Umgang mit dem Thema
tation unseres Gegenübers bilden, sowie enaktivisti- anregen und teilt dafür auch persönliche Erfahrungen
sche Theorien, die davon ausgehen, dass es statt solcher und Sichtweisen. So schildert sie, wie ihr Onkel Willie
Repräsentationen eher flexible Simulationen und mit dem Gesicht in den Suppenteller fiel, als er starb.
andere Formen der Koaktivierung der zu Grunde »So als habe er sich entschlossen, seinen Sinn für
liegenden Bedeutungsmuster gibt. Der kleine Band Humor bis zum Ende zu behalten.« Liebevoll hält sie
gibt eine Menge Anregungen für das vertiefende Rückschau auf das Leben ihres Onkels und seine
Studium und eignet sich sehr gut als Einstiegslektüre. Persönlichkeit. Daher sind ihre Erzählungen trotz
Etwas Lust an der Theorie sowie Englischkenntnisse solcher Details nie lächerlich, ebenso wenig schwer-
für die Originalzitate aus der Fachliteratur sollte man mütig. Auch nicht, wenn sie darlegt, wie sie ihre
allerdings schon mitbringen. Eltern auf dem letzten Weg begleitete und was sie
Steve Ayan ist Diplompsychologe und Redakteur bei »Gehirn&Geist«. dabei heute anders machen würde.
Neben vielen sehr privaten Geschichten wendet sie
den Blick auf Menschen, die Angehörige verloren
haben, etwa durch Naturkatastrophen oder Krieg. Die
Opfer bleiben oft vermisst. Das Thema der menschli-
HHHHH chen Identität zieht sich dabei als roter Faden durch
Sue Black die Erzählungen. Denn mit ihrer Arbeit möchte Black
den Verstorbenen ihre Geschichte wiedergeben, ihnen
ALLES, WAS BLEIBT
gegebenenfalls zu Gerechtigkeit verhelfen und den
Mein Leben mit dem Tod Hinterbliebenen einen Abschied ermöglichen.
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger Das Buch ist nichts für zart Besaitete. Das gilt vor
und Kathrin Bielfeldt allem für die Beschreibungen der grausamen Kriegs-
DuMont, Köln 2018, 413 S., € 24,– verbrechen im Kosovo, deren Opfer die Autorin
untersucht hat. Black thematisiert, wie sie selbst mit
Die vielen Gesichter des Todes solchen Schicksalen umgeht, und schafft es gekonnt,
persönliche Geschichten mit Beschreibungen der
Eine forensische Anthropologin schildert ihre forensischen und kriminalistischen Arbeitsweisen zu
Arbeit verweben. Selbst komplexe wissenschaftliche Metho-
den erklärt sie so leichtfüßig, dass man ihr gut folgen

D
er Tod ist »für uns ein unwillkommener und kann. Da verwundert es kaum, dass bereits zahlreiche
teuflischer Widersacher, den man, solange es Krimiautoren sie um Rat gefragt haben. Man erfährt
geht, meidet«, schreibt Sue Black in ihrer Ein- über biologische Prozesse des körperlichen Verfalls
leitung. Warum also sollte man ein ganzes Buch über ebenso wie über anatomische und biochemische
ein Thema lesen, dem man doch eigentlich aus dem Besonderheiten, die jeden von uns unverwechselbar
Weg gehen möchte? Neugierig macht aber bereits der machen – zum Beispiel wie Isotope verraten, wann ein
Untertitel: Mein Leben mit dem Tod. Vielleicht erfährt Mensch wo gelebt hat.
man doch Neues über den großen Unbekannten, mit Wer tiefschürfende Fachinformationen über
dem wir alle früher oder später zu tun bekommen? forensische und kriminalistische Methodik sucht, ist
Black gehört zu den weltweit renommiertesten mit dem Buch zwar schlecht beraten. Denn seine
forensischen Anthropologinnen. Ihre Leidenschaft für Stärke liegt klar in seinem erzählerischen Konzept.
Anatomie entdeckte sie – es klingt makaber – bereits Dafür liefert es zahlreiche Perspektiven, anschauliche
als Schülerin, als sie sich in den Ferien im Schlacht- Erklärungen und viele Denkanstöße, sich mit dem
haus ihr Taschengeld verdiente. Heute ist sie Professo- unausweichlichen Thema auseinanderzusetzen. Die
rin an der schottischen University of Dundee und half Autorin zeichnet ein authentisches Bild ihrer Arbeit
bereits bei der Aufklärung zahlreicher spektakulärer und stellt dabei stets den Mensch in den Mittelpunkt.
Straftaten, darunter der Zerschlagung des größten Gleich zu Beginn schreibt sie: »Die Anatomie lehrt
Pädophilenrings des Landes. Als Beraterin für die einen viele Dinge über die Funktionen des Körpers
Vereinten Nationen identifizierte sie Opfer von Kriegs- hinaus. Man lernt über das Leben und den Tod,
verbrechen und Naturkatastrophen. Menschlichkeit und Nächstenliebe, Respekt und
Die Autorin hat den Tod somit schon aus zahlrei- Würde.« Genau das vermittelt sie mit ihrem Buch.
chen Perspektiven gesehen. Aus diesem reichen Verena Leusch hat Ur- und Frühgeschichte studiert und ist Volontärin
Erfahrungsschatz erzählt sie in diesem Buch, mit dem bei »Spektrum der Wissenschaft«.

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Die Zeit drängt!


Samstag, 15. Dezember
TIPP
DES MONATS
W wie Wissen, Das Erste, 16 Uhr

Aktuell wird heiß diskutiert, ob eine dauerhafte


Winterzeit oder die ewige Sommerzeit besser
wäre. Die Entscheidung hat gravierende Auswir-
kungen auf unseren Lebensrhythmus und damit
auf die Gesundheit. Für den Körper macht es
nicht nur einen Unterschied, wann wir aufstehen
und essen, sondern auch, zu welcher Uhrzeit wir
UNSPLASH / EMILY HENRY (UNSPLASH.COM/PHOTOS/P3HRXDJUMEC)

sportliche oder geistige Höchstleistungen


vollbringen müssen. Aber woran lässt sich
erkennen, was die »innere Uhr« gerade anzeigt?
Inzwischen weiß man, dass in jedem Organ
unzählige innere Uhren ticken und den Stoff-
wechsel steuern. Bei einer medizinischen
Behandlung kommt es deshalb auch auf die
Tageszeit an. So erklärt der Biochemiker Achim
Kramer vom Institut für Medizinische Immu-
nologie an der Charité, warum Medikamente, zu
verschiedener Uhrzeit eingenommen, unter-
schiedlich wirken.

TV Die Beziehung zu Bruder Der Lecker-Faktor: Was Entwicklung eines


und Schwester ist oft wir am liebsten essen Kindes. Was passiert
Mittwoch, die längste des Lebens. Dokumentation, GEO bereits während der
12. Dezember Allerdings kann man sich Television, 19.20 Uhr Schwangerschaft und wie
Wie die Mitte des seine Geschwister nicht Fast alle Menschen beeinflusst eine gute
Lebens gelingt aussuchen. Wie stark mögen Süßes, ganz »Bindung« das Gehirn-
Hirschhausens Check-up, prägen sie unsere besonders Kinder. Das hat wachstum? Um von
Doku-Serie (Teil 2/3), Identität? evolutionäre Gründe: Anfang an ganz nahe
hr fernsehen, 21 Uhr Reife Früchte sind süß, dran zu sein, quartierte
Ab 50 geht’s bergab, oder Donnerstag, bekömmlich und liefern sich der Arzt für mehrere
nicht? Eckart von Hirsch- 13. Dezember Energie für das Wachs- Tage in einer Kinder-
hausen trifft in einer Psy- Gibt es Glück? tum. Forscher sind aber und Geburtsklinik der
chiatrischen Klinik Mysterien des Weltalls, auch der Meinung, dass Charité in Berlin ein.
Menschen, die am Älter- Wissensmagazin, ZDFinfo, Zucker süchtig macht.
werden verzweifeln. Mit 16.30 Uhr Wien 1908: Eine Stadt
Medizinern, Psychologen Wenn der Glaube an das Mittwoch, verändert die Welt
und Sportwissenschaft- eigene Glück erfolgrei- 19. Dezember Dokumentation, GEO
lern erkundet er, wie wir cher macht, wie die Psy- Wie der Start ins Leben Television, 21.50 Uhr
die zweite Lebenshälfte chologin Sally Linken- gelingt Wien war zu Beginn des
besser meistern können. auger behauptet, lässt sich Hirschhausens Check-up, 20. Jahrhunderts Ur-
»Glück haben« dann Doku-Serie (Teil 3/3), sprung verschiedenster
Welche Rolle spielen trainieren? Auf der einen hr fernsehen, 21 Uhr »Revolutionen«: Progres-
Geschwister für uns? Seite steht die Macht Zusammen mit Wissen- sive Künstler wie Gustav
Engel fragt, Sendereihe des positiven Denkens, schaftlern sucht Eckart Klimt wirkten hier;
Religion und Ethik, auf der anderen der von Hirschhausen nach Sigmund Freud entwi-
hr fernsehen, 21.45 Uhr Zufall. den Weichen in der ckelte die Psychoanalyse.

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Freitag, 21. Dezember Mythos Geschlecht chologen mit den vielen Natur- und Poltergeister,
Die unausgeschlafene Leschs Kosmos, Wissens- Facetten des Themas. dämonische Manifesta-
Gesellschaft magazin, ZDFinfo, tionen, untote Objekte:
Leschs Kosmos, Wissens- 17.15 Uhr Dienstag, 18. Dezember Warum glauben so viele
magazin, ZDFinfo, Können Männer sich Überfordert, Stress Menschen an übersinnli-
12.15 Uhr wirklich besser orientie- mit Kollegen, miese che Erscheinungen?
Schon ein, zwei Tage zu ren, während Frauen sich Stimmung
wenig Schlaf beeinträchti- stärker für Menschen Sprechstunde, Deutsch- Freitag, 28. Dezember
gen das Immunsystem, interessieren? Gibt es landfunk, 10.10 Uhr Glück beginnt im Kopf
die geistige Leistungsfä- typisch männliche und Krankschreibungen auf Wissenschaft und Emotion,
higkeit und die Psyche. weibliche Gehirne, oder Grund psychischer Be- radioWissen, Bayern2,
Zudem findet im Schlaf ist alles nur eine Frage der lastungen am Arbeitsplatz 9.05 Uhr
eine »Gehirnwäsche« Erziehung? Hirnforscher, haben viele Gründe, etwa Dopamin für die Vorfreu-
statt, bei der schädliche Pädagogen und Psycho- eine hohe Arbeitsdichte, de, Endorphine als
Abfallstoffe ausgespült logen beleuchten die Eintönigkeit, fehlende »natürliches Opium« und
werden. Deshalb könnte Kontroverse aus verschie- Pausen oder Mobbing. Zu ein Schuss Serotonin für
es einen direkten Zu- denen Perspektiven. Gast im Studio ist der die Psyche – sieht so
sammenhang zwischen Mediziner Peter Angerer, Glück chemisch aus?
Schlafmangel und Direktor des Instituts für Hirnforscher beschreiben
Demenz geben.
Radio Arbeits-, Sozial- und Um-
weltmedizin in Düssel-
das Gefühl als physischen
Prozess, der zum Teil auch
Wettbewerb der dorf. Hörertelefon: 00800 genetisch beeinflusst ist.
Sinnesorgane Sonntag, 9. Dezember 44644464, E-Mail:
Hyperraum, Wissen- Zwölftontechnik und sprechstunde@deutsch- Dienstag, 1. Januar
schaftsmagazin, ANIXE, Psychoanalyse landfunk.de Hirn ohne Körper
16.15 Uhr Deutschlandfunk Kultur, Wissenschaft im Brenn-
Mit einem Cochlea- 22 Uhr Mittwoch, punkt, Deutschlandfunk,
Implantat können Taube Die von Arnold Schön- 19. Dezember 16.30 Uhr
hören. Die Sendung berg Anfang der 1920er Das Eigene und das Im Labor züchten
erklärt, wie dieses Jahre entwickelte Zwölf- Andere Neurowissenschaftler
funktioniert und stellt tonmusik entstand fast radioWissen, Bayern2, winzige Gehirne aus
neue Erkenntnisse der zeitgleich mit der Psycho- 9.05 Uhr Stammzellen. Manche
auditiven Hirnentwick- analyse. Beide Phänome- Seit ihren Anfängen ist sind klein wie Stecknadel-
lung vor. ne entsprachen einer die Psychoanalyse köpfe, andere schon
neuen Art der Wahrneh- umstritten: Die überra- größer als Erbsen. Wie in
Samstag, 22. Dezember mung. gende Bedeutung des einem richtigen Gehirn
Die Gewalt in uns – ver- Sexuellen für die indivi- schicken Nervenzellen
roht die Gesellschaft? Mittwoch, 12. Dezember duelle Entwicklung, wie darin Signale hin und her,
Leschs Kosmos, Wissens- Gedanken über die Zeit sie Freud postulierte, ist und manche reagieren auf
magazin, ZDFinfo, vor und nach unserem wissenschaftlich nicht Lichtreize von außen.
5.30 Uhr Leben haltbar. Andererseits Wächst hier etwa ein
Manche Wissenschaftler radioWissen am Nachmit- scheint die moderne fühlendes Wesen heran?
glauben, der Hang zu tag, Bayern2, 15.05 Uhr Hirnforschung vieles zu
Gewalt sei uns angeboren. Je nach Persönlichkeit, bestätigen, was der
Andere meinen, der Erfahrung und Weltan- Tiefenpsychologe Anfang Kurzfristige Programm-
Mensch sei von Natur aus schauung gehen Men- des 20. Jahrhunderts zwar änderungen der Sender
eigentlich ein harmonie- schen unterschiedlich mit vermutete, aber noch sind möglich. Zum
bedürftiges Wesen. Ist die dem Tod um. Der eine nicht beweisen konnte. Zeitpunkt der Drucklegung
Welt friedlicher gewor- hält sich seine Endlichkeit lagen uns keine späteren
den, wie Statistiken nahe- stets vor Augen, der ande- Samstag, 22. Dezember Sendetermine vor.
legen? Der Moderator re setzt auf Ablenkung. Den Gespenstern auf Diese können Sie ab dem
folgt den evolutionsbiolo- Auf dem Kongress »Re- der Spur 4.1. 2019 kostenlos abrufen
gischen und neurologi- bellion gegen die Endlich- Freistil, Feature, Deutsch- unter: www.spektrum.de/
schen Spuren der Gewalt. keit« befassten sich Psy- landfunk, 20.05 Uhr magazin/gehirn-und-geist/

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VORSCHAU

Heft 1/2019 erscheint am 7. Dezember 2018

Schaden Smart-
phones unseren
Kindern?
Unkonzentriert, spielsüch-
tig und sozial verküm-
mert – so wird die handy-
versessene Jugend heute
oft hingestellt. Die Studien-
lage zeichnet allerdings
ein differenzierteres Bild:
Die vermehrte Smart-
phone-Nutzung hat nega-
tive Wirkungen, aber
auch positive. Und insbe-
sondere was ihre sozialen
Kompetenzen betrifft,
sind die Teenager sogar
ziemlich fit.
SERTS / GETTY IMAGES / ISTOCK

Nächtlicher
Horror
Ein Alptraum ist kein
Grund zur Sorge. Kehren
die Angst einflößenden
Warum wir uns schämen Vorstellungen aber immer
Ob wir im falschen Outfit zu einer Party erscheinen, eine unbedachte Bemer- wieder, können sie sich
kung machen oder gar bei einer dreisten Lüge erwischt werden: Es gibt zu einer großen seelischen
zahlreiche Situationen, die uns die Schamesröte ins Gesicht treiben können. Belastung auswachsen.
Doch warum wünschen sich manche Menschen bei jedem Fauxpas direkt, Eine solche Alptraumstö-
der Boden möge sich unter ihnen auftun, während anderen nichts peinlich zu rung ist jedoch mit ein-
sein scheint? fachen Mitteln zu behan-
deln, wie aktuelle Stu-
dien zeigen – etwa indem
man für den Horrorfilm
im Kopf ein neues Ende
schreibt.
Macht der Gedanken
Wie wir die Welt sehen, beeinflusst
stark, ob wir fit und erfolgreich sind. Newsletter
Wer etwa Hausarbeit als Sport be- Lassen Sie sich jeden
trachtet und dem Altern positiv gegen- Monat über Themen
übersteht, bleibt länger gesund. Um- und Autoren des neuen
gekehrt fördert die Angst vor Schlaf- Hefts informieren! Wir
GRUIZZA / GETTY IMAGES / ISTOCK

schwierigkeiten oder dem eigenen halten Sie gern per E-Mail


Versagen häufig genau diese Probleme. auf dem Laufenden –
Forscher ergründen die Macht des natürlich kostenlos.
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GEHIRN&GEIST 81 0 1 _ 2 0 1 9
HIRSCHHAUSENS HIRNSCHMALZ
STEFFEN JÄNICKE; MIT FRDL. GEN. VON ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Psychotest:
stehe ich …
Unter Patientenzentrierung ver
rtezimmer.
A) einen eigenen Bereich im Wa
mich dreht.
B) das Gefühl, dass sich alles um
C) ein Ganzkörper-MRT.
ich überhaupt komme.
D) dass mich einer fragt, wieso

Seit wann geht es um den Patienten?


D R . E C K A RT VO N H I R S C H HAU S E N tienten waren aktiver, nahmen die verordneten Medika-
mente (was schätzungsweise jeder zweite sonst nicht
ist Arzt, Moderator und Bühnenkünstler. Er macht tut), und alle waren zufriedener.
mit seinem Liveprogramm keine patienten-, sondern Esch geht jetzt noch einen Schritt weiter. Er fordert,
publikumszentrierte Medizin. die Perspektive des Patienten konsequenter einzubezie-
hen. In der Tradition des Psychiaters und Anthropolo-

E in ernstes Thema beginn man am besten mit einem


Witz: »Die Eltern machen sich Sorgen, weil ihr Kind
nicht spricht. Kein Psychologe, kein Arzt kann helfen.
gen Arthur Kleinman erinnert er daran, dass das »Nar-
rativ« – sprich: die eigene Erzählung des Patienten – der
Schlüssel ist zu einer Behandlung, die nicht über den
Eines Tages beim Essen sagt der Kleine plötzlich: ›Das Kopf hinweg, sondern auf Augenhöhe geschieht. Das
Essen ist kalt!‹ Die Mutter ist freudig erregt: ›Aber du klassische »Wo tut’s denn weh?« ist sicher eine wichtige
kannst ja reden! Warum hast du das bisher nicht getan?‹ Frage. Genauso wichtig aber ist: »Was, glauben Sie, hat
›Bis jetzt war ja auch alles in Ordnung!‹« Ihr Problem verursacht? Warum könnte es gerade jetzt
Mein erster Artikel als angehender Wissenschafts- losgegangen sein? Was macht das Problem mit Ihrem
journalist ist inzwischen mehr als 30 Jahre her: »Mund Körper? Glauben Sie, dass es ernst ist, lange oder kurz
auf – über die sprechende Medizin«. Es kommt mir vor andauert? Welche Behandlung halten Sie für passend?
wie ein schlechter Witz, dass jeder Standespolitiker be- Wovor haben Sie Angst? Was wollen Sie mit der Be-
tont, wie wichtig die Arzt-Patienten-Kommunikation handlung erreichen?«
ist, aber so richtig verändern tut sich nichts. Dabei frus- Der Schritt von »Was ist mit Ihnen los?« zu »Was ist
triert die Sprachlosigkeit alle Seiten. Und wenn doch Ihnen am wichtigsten?« bezieht Aspekte des Mensch-
mal geredet wird, dann meist aneinander vorbei. Ärzte seins mit ein, die in der Sieben-Minuten-Medizin sonst
hocken auf dem hohen Ross und lassen die Patienten keine Rolle spielen. Aber nur wenn die Werte und Wün-
ungern in ihre Karten, Daten oder Optionen schauen. sche des Patienten Teil des Prozesses werden, kommt es
Professor Tobias Esch hat lange über das Projekt auch zu einer echten gemeinsamen Entscheidungsfin-
»Open Notes« geforscht, was für mich das Visionärste dung, die viele unnötige Untersuchungen, Operationen
ist, was man mit der berühmten Digitalisierung der Me- und Kosten vermeiden hilft. Es braucht dazu einfache
dizin machen kann: den Spieß umdrehen und allen Pa- Fragen, Zuhören und fest etabliertes Feedback. Salopp
tienten vollen Zugang zu ihren Befunden, Einträgen gesagt: Miteinander reden bringt’s. H
und Beurteilungen geben. Wie beim Onlinebanking auf
höchstem Sicherheitsniveau.
Inzwischen sind über 15 Millionen Amerikaner dabei, QUELLE
und keiner der beteiligten Ärzte möchte mehr zurück
Esch, T.: OpenNotes, Patient Narratives, and their
zum alten System der Geheimniskrämerei. Denn das Transformative Effects on Patient-Centered Care.
Vertrauen zwischen Arzt und Patient wurde von »Open In: The New England Journal of Medicine Catalyst,
Notes« nicht ausgehöhlt, sondern stieg vielmehr, die Pa- online 4. Oktober 2018

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Spiel »Ganz schön clever«


Nominiert für das Spiel des Jahres 2018!
Ganz schön clever wollen hier die
Würfel gewählt werden. Denn geschickt
eingesetzt können diese zu trickreichen
Kettenzügen führen. Bei diesem
schönen Würfelspiel sind alle Spieler in
»NOCH MAL!«-Manier immer am
Spielgeschehen beteiligt. Da muss
keiner lange warten!

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