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Petron

Cena Trimalchionis
Encolpius beklagt den Niedergang der Beredsamkeit und gibt der verfehlten
Ausbildung durch die Rhetoriklehrer die Schuld.

1 [Encolpius:] 'Der selbe Irrsinn treibt unsere Deklamatoren um, wenn sie lauthals rufen:
"Diese Wunden habe ich mir im Freiheitskampf für unser Land zugezogen; dieses Auge
habe ich für euch geopfert. Gebt mir einen Führer, der mich zu meinen Kindern bringt,
denn meine zerschlagenen Knie tragen mich nicht mehr!" Dies wäre ja noch erträglich,
wenn es den angehenden Rednern den Weg zur Beredsamkeit ebnete. So aber haben sie
vom Schwulst der Inhalte und dem leeren Getöse der Sätze nur den Vorteil, dass sie,
wenn sie auf das Forum gekommen sind, glauben, in einen anderen Erdteil versetzt zu
sein. Daher glaube ich, dass die jungen Leute in den Schulen nur verdummt werden;
denn sie hören oder sehen nichts von dem, was unsere Wirklichkeit ausmacht; statt
dessen Piraten, die mit Ketten am Ufer stehen, Tyrannen, die Erlasse verfassen, in denen
sie den Söhnen befehlen, ihre Väter zu enthaupten, Orakelsprüche, dass zur Abwendung
einer Pest etwa drei oder mehr Jungfrauen geopfert werden sollen, honigversüßte
Worttiraden und alle Worte und Taten gleichsam mit Mohn und Sesam bestreut.

2 Wer sich davon nährt, kann nicht kunstverständiger werden als die gut riechen können,
die in der Küche daheim sind. Ihr müsst es zugeben: Ihr habt zu aller erst die
Beredsamkeit zugrunde gerichtet. Denn dadurch, dass ihr mit oberflächlichem, ja
nichtigem Gesäusel nur eine Art Kinderei betreibt, habt ihr bewirkt, dass das
Kraftzentrum der Rede völlig entnervt zu Boden ging. Die Jugend wurde noch nicht mit
Deklamationen behelligt, als Sophokles oder Euripides die Worte fanden, in denen sie
sich ausdrücken mussten. Noch nicht hatte ein Schatten von einem Lehrer die Talente
verhunzt, als Pindar und die neun lyrischen Dichter sich scheuten, im homerischen
Versmaß zu singen. Um nicht nur Dichter als Zeugen aufzurufen: kein Platon, kein
Demosthenes hat sich offenbar je solcher Übungen angenommen. Die große und
sozusagen ehrenhafte Rede ist nicht buntscheckig oder schwulstig, sondern erhebt sich
in natürlicher Schönheit. Erst kürzlich wanderte diese windige und regellose
Geschwätzigkeit aus Asien in Athen zu und hauchte die jungen Leute auf ihrem Weg zur
Größe wie ein Peststern an. Nachdem der Maßstab erst einmal zerbrochen war, stand
die Beredsamkeit still und verstummte. Kurzum: Wer ist danach noch zu dem Ruhm
eines Thukydides, zu dem eines Hypereides emporgestiegen? Nicht einmal ein Gedicht
erstrahlte in gesunder Farbe, und nichts von allem, das die selbe Nahrung genossen
hatte, konnte ein ergrautes Alter erreichen. Auch die Malerei fand kein anderes Ende,
nachdem das verwegene Ägypten eine Abkürzung zu der so bedeutenden Kunst
erfunden hatte.
Der Rhetoriklehrer Agamemnon verteidigt (in Prosa und Dichtung) die gängige
Unterrichtsmethode mit der praktischen Notwendigkeit, zu verhindern, dass die
Schüler davonlaufen.

3 Agamemnon verkraftete es nicht, dass ich länger in der Säulenhalle deklamierte, als er
selbst in der Schule geschwitzt hatte, sondern sagte: ''Da deine Rede, junger Mann,
keinen nur durchschnittlichen Geschmack beweist, und du, was ganz selten ist, ein gutes
Argument schätzt, will ich dich nicht mit versteckten Tricks linken: Kein Wunder, dass die
Lehrer sich bei diesen Übungen vergreifen! Müssen sie doch mit den Verrückten verrückt
sein! Denn wenn sie nicht sagen, was den Jüngelchen passt, bleiben sie, wie Cicero sagt,
allein in der Schule zurück. Denn wie [falsche] Schmeichler, wenn sie auf ein Essen bei
Reichen aus sind, an nichts eher denken als an das, was ihre Zuhörer ihres Erachtens am
liebsten hören (denn sie erreichen ihr Ziel nur, wenn sie den Ohren gleichsam eine Falle
stellen), so wird der Redelehrer ohne Hoffnung auf Beute an der Felsenküste
sitzenbleiben wenn er nicht wie ein Fischer den Köder an den Haken hängt, auf den die
Fischlein, wie er weiß, Appetit haben.

4 Worum geht es also? Die Eltern verdienen Schelte, weil sie dagegen sind, dass sich ihre
Kinder nach strengem Lehrplan entwickeln. Denn zuerst stellen sie, wie alles, so auch
ihre Hoffnungen in den Dienst ihres Ehrgeizes. Wenn sie dann wunschgemäß
weiterhetzen, treiben sie sie vor Abschluss ihrer Studien auf das Forum und streifen
Kindern, die gerade erst geboren sind, das Kleid der Beredsamkeit über, das
Anspruchsvollste, was es nach ihrem eigenen Bekenntnis gibt. Wenn sie aber hinnehmen
wollten, dass sie sich schrittweise ausbildeten, dass sie sich eifrig und diszipliniert einen
Schatz an Lektüre aneigneten, dass sie ihr Denken an philosophischen Lehren schulten,
dass sie ihre Ausdrucksfähigkeit in unerbittlichem Schreiben formten, dass sie lange Zeit
anhörten, was sie nachahmen wollen, dass sie sich klar machten, nichts, was Kindern
gefalle, sei großartig, dann hätte schon jene große Rede das Gewicht ihrer Würde.
Heutzutage aber spielen Kinder in der Schule und werden als junge Leute in der
Öffentlichkeit ausgelacht und, schimpflicher als beides: Keiner möchte, was er verkehrt
gelernt hat, im Alter eingestehen. Damit du jedoch nicht glaubst, ich hätte etwas gegen
Stehgreifgedichtchen im schlichten Stil des Lucilius, will ich auch meinerseits meine
Meinung in Versform kleiden.

5 Wer suchend strebt nach einer strengen Kunst Wirkung,


den Geist auf Großes richtet, muss zuerst lernen,
sich einzustellen auf der Nüchternheit Regeln.
Er blick nicht aus nach Königsburgen hoffärtig,
hasch als Klient nicht nach dem Mahl der Zuchtlosen,
verschreibe sich Verworfnen nicht, und Geistgluten
vergeud er nicht im Rausch, lass nicht sich anwerben
als Bravorufer zum Gebrüll der Schauspieler!
Nein! mag Minervas Burg, der waffenumklirrten, ihm lachen,
mag ihn Tarent, von spartanischen Bauern besiedelt, verlocken,
oder Neapels Sirenengesang: er weihe die ersten
Jahre der Dichtung, trink aus Homers Born, glücklichen Herzens.
Bald, sokratischer Weisheit voll, lass er locker die Zügel,
schwinge befreiten Geists des Demosthenes wuchtige Waffen.
Wenn ihn dann Römerscharen umströmten, dem griechischen Ton schon
ferner gerückt, so wandle ihr Einfluss seinen Geschmack ab.
Fern von dem Forum verlaufe bisweilen die schriftliche Übung,
drin Fortunas rasch umschlagendes Walten erschalle.
Nährende Kost geb der Krieg auch, trutzigen Tones besungen.
Jetzt, unbändig wie Cicero, droh er gewaltige Worte.
Dies sind die Muster, sie gürten den Geist, dass, mächtigen Stromes
voll, der Brust entquellen die musengesegneten Klänge.

Encolpius stiehlt sich davon, um Askyltos zu suchen. Beide gelangen auf verschiedenem
Weg in ein Lupanar, treffen sich dort wieder und erzählen sich ihre Erlebnisse.

6 Während ich ihm recht aufmerksam zuhörte, entging mir, dass sich Askyltos
davongemacht hatte <...>. Noch ging ich in diesem hitzigen Wortgefecht im Garten auf
und ab, als eine gewaltige Schülerschar in die Säulenhalle kam, offenbar von der
improvisierten Deklamation eines Mannes, der Agamemnons Werbevortrag fortgeführt
hatte. Während nun die jungen Leute über seine Gedanken lachten und über den Aufbau
der ganzen Rede herzogen, stahl ich mich mit Erfolg davon und machte mich im
Laufschritt auf den Weg, Askyltos zu verfolgen. Aber ich kannte weder den Weg genau
genug, weil <...>, noch wusste ich, wo unsere Absteige war. Deshalb kehrte ich immer,
gleichgültig, wohin ich ging, an die selbe Stelle zurück. Schließlich wende ich mich müde
vom Laufen und allmählich triefend von Schweiß an ein altes Weiblein, das Kohl vom
Feld verkaufte und fragte:

7 "Bitte, Mütterchen, weißt du nicht, wo ich wohne?" Sie freute sich über den so
dummen Witz und antwortete: "Natürlich weiß ich es." Sie stand auf und ging mir
voraus. Ich hielt sie für eine Hellseherin, und als wir an einen recht entlegenen Ort
gekommen waren, schlug die Alte gewitzt einen Flickenvorhang zurück und sagte: "Hier
musst du wohnen!". Als ich sagte, ich erkenne das Haus nicht, sehe ich zwischen einigen
Namensschildern verstohlen leichtbekleidete Dirnen herumflanieren. Spät, ja zu spät
merkte ich, dass man mich in ein Bordell geführt hatte. Ich verfluchte die listige Alte,
verhüllte mein Haupt und floh mitten durch das Freudenhaus auf die andere Seite. Doch,
welche Überraschung! - Unmittelbar am Eingang läuft mir Askyltos in die Arme, auch er
halbtot vor Erschöpfung. Man hätte glauben können, auch ihn habe die Alte
hierhergeführt. Ich begrüßte ihn deshalb mit einem Lachen und fragte, was er an einem
so schändlichen Ort zu suchen habe.
8 Er wischte sich mit den Händen den Schwiß ab und sagte: "Wenn du wüsstest, was mir
passiert ist!" - Was gibt's Neues?" fragte ich. Aber er ganz erschöpft: "Als ich durch die
ganze Stadt irrte und nicht den Rückweg zu unserer Absteige fand, wandte sich ein
Familienvater an mich und bot sich sehr höflich an, mir den Weg zu zeigen. Durch die
verwinkeltsten und dunkelsten Gässchen brachte er mich hierher. Dann bot er mir Geld
für Sex. Schon hatte eine Dirne ein Sümmchen für ihre Kammer gefordert, schon hatte
jener Hand an mich gelegt und ich hätte es büßen müssen, wenn ich nicht kräftiger
gewesen wäre. <...> So sehr schienen mir alle überall Satyrion getrunken zu haben <...>
doch mit vereinten Kräften konnten wir die Belästigung abwenden.

Zusammen mit Giton wieder in der Absteige. Eifersüchteleien.

9 Wie in Dunkelheit gehüllt sah ich Giton an dem Rand einer Gasse stehen; dorthin
stürzte ich mich. Als ich fragte, ob uns unser Bruderherz denn nichts zum Frühstück
zubereitet habe, setzte er sich auf das Bett und wischte sich mit der Hand den Strom
seiner Tränen trocken. Betroffen über das Verhalten meines Brüderchens fragte ich, was
ihm zugestoßen sei. Doch nur zöglerlich, ja widerwillig antwortete er; erst als mich meine
Bitten mit Drohungen mischte, sagte er: "Der da, dein Bruder. oder Gefährte, kam
gerade eben in meine Bude und wollte mir meine Unschuld rauben. Als ich laut schrie,
zog er sein Schwert und sagte: 'Wenn du Lucretia bist, hast du in mir deinen Tarquinius
gefunden'". Nach diesen Worten ballte ich meine Fäuste vor den Augen des Askyltos und
fuhr hn an: "Was sagst du dazu, du Dirne, du duldsames Weib, bei dem selöbst der Atem
stinkt?" Askyltos tat so, als zucke er zusammen, dann hob er weit energischer seine
Fäuste und schrie viel lauter: "Hältst Du nicht dein Maul, du schamloser Schwertkämpfer,
den die Arena als Trümmerhaufen entließ? Hältst Du nicht dein Maul, du nächtlicher
Stößel, der du es nicht einmal dann mit einer richtigen Frau aufgenommen hast, wenn du
es tapfer wolltest, dessen Bruderherz ich in gleicher Weise im Grünen gewesen bin, wie
es jetzt in der Herberge der Knabe ist." - "Du has das Unterrichtsgespräch geschwänzt!",
sagte ich.

10 "Was hätte ich machen sollen, du Oberblödmann? Ich bin vor Hunger fast gestorben.
Hätte ich mir etwa schöne Reden anhören sollen, nichts als zerbrochenes Glas und
Trumdeutungen? Bei Gott, du bist noch viel schändlicher als ich, da du dem Dichter
Beifall gespendet hast, nur um ein Essen außer Haus zu ergattern." So lachten wir wieder
nach dem bitterbösen Streit und wandten uns versöhnlicher dem zu, was noch zu tun
war. <...>

Weil mr die Kränkung erneut bewusst wurde, sagte ich: "Askylos, offenbar klappt es
nicht mit uns. Lass uns deshalb unser gemeinsames Bündel teilen und versuchen, unserer
Armut jeder allein Herr zu werden. Du bist ein Literat, ich auch. Ich will deinem Geschäft
nicht hinderlich sein und werde etwas anderes anbieten. Sonst gibt es tausend Gründe,
dass wir täglich zusammenrasseln und in der ganzen Stadt ins Gerede kommen."
Askyltos hatte nichts einzuwenden. "Heute", sagte er, "werden wir die Nacht nicht
dranhängen, weil wir uns als Studenten zum Essen bereiterklärt haben. Morgen aber
werde ich aber unser Vorhaben umsetzen und mich nach einer Unterkunft und einem
Brderherz umsehen." - "Man soll", entgegnete ich, "was man vorhat, nicht auf die lange
Bank schieben!"

Diese übereilte Trennung riet mir meine Leidenschaft an; denn schon lange wollte ich mir
den lästigen Aufpasser vom Hals schaffen, um mit Giton wieder mein altes Verhältnis
aufzufrischen. <...>

11 Nachdem ich die ganze Stadt besichtigt hatte, kehrte ich auf meine Bude zurück,
küsse den Knaben in bester Absicht, nehme ihn ganz fest in die Arme und genieße in der
Erfüllung meiner Wünsche ein beneidenswertes Glück. Noch waren wir nicht am Ende,
als sich Askyltos heimlih der Tür näherte, mit aller Kraft den Riegel zertrümmerte und
mich beim Spiel mit meinem Bruderherz überraschte. Mit Lachen und Klatschen füllte er
meine Bude, schlug meine Zudecke zurück und sagte: "Was dachtest du dir,
scheinheiligster Bruder? Was? Eine Zudeckgemeinschaft veranstaltest du? Und er hielt
sich nicht bloß bei Worten auf, sondern löste einen Riemen von seinem Ranzen und
wickelte mich nicht nur so pro forma kräftig durch. Dazu höhnte er mich noch mit den
Worten: "So teilt man nicht mit seinem Bruderherz!"

Eine Gaunergeschichte, in der Encolpius und Askyltos den Kürzeren ziehen. Sie
kommen um Goldstücke, die sie in ein Hemd eingenäht hatten.

12 Als der Tag schon zur Neige ging, kamen wir zum Markt. Dort fanden wir eine Menge
von Waren vor, die zwar nicht kostbar waren, deren fragwürdige Besitzverhältnisse man
aber dennoch am besten im Dämmerlicht des Abends einhüllte. Auch wir selbst hatten
den gestohlenen Mantel mitgebracht und wollten einen dicken Fisch an Land ziehen. So
wedelten wir, um vielleicht mit dem Glanz des guten Stücks einen Käufer anzulocken, in
einem versteckten Winkel mit seinem äußersten Zipfel. Ohne lange zu zögern kam ein
Bauer, der mir bekannt vorkam, in Begleitung eines Frauchens heran und betrachtete
sich den Mantel ziemlich genau. Askyltos warf seinerseits einen Blick auf die Schultern
des [kaufwilligen] Bauern. Auf der Stelle verstummte er verdutzt. Auch ich sah den Mann
jedenfalls mit einiger Erregung an, denn offenbar war er derjenige, der in der Einsamkeit
das Hemd gefunden hatte. Zweifelsfrei war er es. Doch weil Askyltos seinen Augen nicht
traute, trat er, um nichts Voreiliges zu tun, wie ein Käufer näher an ihn heran, zog einen
Zipfel von seinen Schultern und prüfte ihn genauer.
13 Welch seltsames Spiel des Glücks! Der Bauer hatte nämlich nicht einmal neugierig die
Nähte betastet, sondern versuchte, das Stück wie die Beute eines Bettlers sogar zu
einem Schandpreis abzugeben. Nachdem Askyltos gesehen hatte, dass das Versteck
unversehrt und die Person des Verkäufers verächtlich war, führte er mich etwas abseits
der Menge und sagte: "Weißt du, Bruderherz, dass der Schatz, dessen Verlust ich
beklagte, zu uns zurückgekehrt ist? Die Goldstücke finden sich offenbar noch unberührt
in jener Tunica. Was machen wir also, oder mit welchem Rechtsanspruch holen wir uns
unser Eigentum zurück?" Ich war überglücklich, nicht nur weil ich eine Beute sah,
sondern weil mich das Glück von einem überaus schändlichen Verdacht befreit hatte,
und sprach ich mich dafür aus, keinen Umweg zu gehen, sondern uns auf jeden Fall auf
das bürgerlichen Recht zu berufen, damit es, wenn er das fremde Gut nicht seinem
Eigentümer zurückgeben wollte, zu einem gerichtlichen Verbot käme.

14 Dagegen misstraute Askyltos einer Berufung auf die Gesetze und sagte: "Wer kennt
uns hier oder wer wird unserer Aussage Glauben schenken? Es scheint mir auf jeden Fall
besser, was wir als unser Eigentum erkennen, trotzdem zu kaufen und für wenig Geld
unseren Schatz zurückzugewinnen, als uns auf einen unsicheren Rechtsstreit
einzulassen."

Was denn vermögen Gesetze, wo doch nur Vermögen entscheidet,


Armut niemals den Sieg sich zu erringen vermag?
Kaufen doch selbst die Männer, bepackt mit dem kynischen Ranzen,
Häufig mit Geld sich ein, was sie als Wahrheit erkannt.
Folglich erweist das Gericht sich als öffentlich käufliche Ware,
Und der den Vorsitz führt, heißt das Erstandene gut." (Gurlitt)

Aber außer einem Zwei-As-Stück, mit dem wir Erbsen und Bohnen hatten kaufen wollen,
hatten wir nichts zur Hand. Um die Beute zwischenzetlich nicht einzubüßen, beschlossen
wir daher, den Mantel sogar billiger zu verkaufen,.um durch einem kleineren Verlust
einen größeren Gewinn zu erzielen. Sobald wir also unsere Ware ausgebreitet hatten,
betrachtete sich die Frau, die mit verschleiertem Haupt bei dem Bauern gestanden hatte,
etwas genauer die Kennzeichen; legte beide Hände auf das Gewand und schrie mit
lautem Gekreische: "Haltet die Diebe!" Wir waren überrascht und hielten, um nicht
untätig zu erscheinen, auch unsererseits das zerrissene und schmutzige Hemd fest und
schrien mit gleicher Empörung, das Beutegut in ihrem Besitz sei unser Eigentum. Aber
der Rechtshandel stand keinesfalls gleich; und die Makler, die auf das Geschrei hin
zusammengestömt waren, lachten, wie das so ihre Art ist, über unsere Empörung, weil
sie sahen, dass jene Partei ein sehr kostbares Gewand beanspruchte, unsere Seite aber
einen Lumpen, der nicht einmal für einen Flickenteppich taugte. Da machte Askyltos dem
Gelächter erfolgreich ein Ende. Nachdem Stille herrschte, sagte er:
15 "Wir sehen, dass jedem seine eigene Sache am liebsten ist; sie sollen uns unser Hemd
zurückgeben und dafür ihren Mantel zurückbekommen." Obwohl der Bauer und die Frau
mit dem Tausch einverstanden waren, forderten die Dunkelmänner von Advokaten, die
aus dem Mantel Profit schlagen wollten, beides bei ihnen zu hinterlegen, und die Klage
am folgenden Tag einem Richter zur Prüfung vorzulegen. Denn die Auseinandersetzung
gehe nicht bloß um die sichtbaren Sachgüter, sondern die Untersuchung gehe um etwas
ganz anderes, nämlich dass bei beiden Parteien offenbar der Verdacht auf Diebstahl
vorliege. Gerade wollte man sich auf die Vermittler einigen, als sich einer der Makler, ein
Glatzkopf mit vielen Schwellungen auf der Stirn, der manchmal auch als Prozessanwalt
auftrat, auf den Mantel stürzte und versicherte, er werde ihn am nächsten Tag vorlegen.
Im übrigen war klar, dass es diesen Spitzbuben nur darum ging, das Gewand, wenn es
erst einmal hinterlegt sei, in die Mangel zu nehmen, und dass wir aus Furcht vor einer
Anklage nicht zum angesetzten Prozess kämen. <...> Genau darum ging es auch uns. Und
so kam der Zufall dem beiderseitigen Wunsch zu Hilfe: Der Bauer warf aus Ärger, dass
wir die Herausgabe des Flickenteppichs forderten, Askyltos das Hemd ins Gesicht und
hieß uns, frei von der Klage den Mantel zu hinterlegen, der den einzigen Streitpunkt
bilde. <...> Nachdem wir, wie wir glaubten, unseren Schatz wieder hatten, gingen wir
Hals über Kopf in unsere Herberge, schlossen die Tür und lachten über den Scharfsinn
nicht weniger der Makler als der böswilligen Mäkler, da sie uns in ihrer ungeheuren
Schlauheit das Geld zurückgegeben hatten.

Nicht erfüll' augenblicklich mein Begehr sich,


Nicht gefällt mir ein Sieg ohn' eigne Leistung.

Zu den drei bisherigen Handlungsträgern Encolpius, Askyltos und Giton gesellen sich in
der Hauptsache drei Anhängerinnen des Priapus: Quartilla, ihre Dienerin Psyche und
das Mädchen Pannychis, was zu schnell wechselnden sexuellen Beziehungen führt.

16 Sobald wir uns aber an dem Mahl gesättigt hatten, das uns Giton aus Gefälligkeit
bereitet hatte, klopfte es ziemlich heftig an der Tür. Als auch wir selbst deswegen blass
wurden und fragten, wer es sei, kam als Antwort:: "Mach' auf, dann weißt du's gleich!".
Noch während wir redeten, fiel der Riegel von selbst, und die offene Tür gewährte
unversehens Eintritt. Es war aber eine Frau mit verschleiertem Haupt [ jene freilich, die
kurz zuvor bei dem Bauern gestanden hatte,]; sie sagte: "Glaubtet ihr, ihr hättet mich
zum Gespött gemacht? Ich bin Quartillas Dienerin, deren Opferfeier ihr vor der Grotte
gestört habt. Seht, sie kommt selbst zu eurer Bude und bittet, mit euch reden zun
dürfen. Erschreckt nur nicht! Weder wirft sie euch den Irrtum vor, noch will sie euch
bestrafen. Im Gegenteil, sie wundert sich vielmehr, welcher Gott so gebildete junge
Männer ind ihre Gegend geführt hat."
17 Als wir noch schwiegen und unschlüssig waren, ob wir zustimmen oder ablehnen
sollten, trat sie von nur einem Mädchen begleitet selbst ein, setzte sich auf mein Bett
und weinte lange. Selbst da äußerten wir uns mit keinem Wort, sondern warteten wie
angewurzelt die Tränen ab, die ihren Schmerz zur Schau stellen sollten. Sobald nun der
so ehrgeizige Strom abgeklungen war, enthüllte sie ihr stolzes Haupt, verschränkte ihre
Finger ineinander, dass die Gelenke knackten und sagte: "Was ist das für eine Frechheit,
oder wo habt ihr die Gaunereien gelernt, noch schlimmer als in der Komödie? Ihr tut mir
leid, wahrhaftig! Denn keiner konnte je ungestraft Verbotens sehen. Jedenfalls ist unsere
Gegend so voll von göttlicher Gegenwart, dass man leichter einen Gott als einen
Menschen antreffen kann. Glaubt nun nicht, ich sei hierher gekommen, um Rache zu
üben. Mehr interessiert mich eure Jugend als die mir zugefügte Kränkung. Denn ohne
Absicht habt ihr, wie ich immer noch glaube, das unverzeihliche Verbrechen begangen.
Mir habt ihr in jener Nacht bös zugesetzt. Eine so gefährliche Erkältung ließ mich
erschaudern. dass ich den Ausbruch von Dreitagefieber befürchte. Deswegen habe ich
Heilung im Schlaf gesucht und bin der Anweisung gefolgt, euch aufzusuchen und durch
genaue Befolgung der Anordnung den Ausbruch der Krankheit zu mildern. Aber um das
Heilmittel bemühe ich mich weniger; denn weit heftiger wütet die schmerzliche Angst in
meinem Gedärme und treibt mich noch zum Selbstmord, dass ihr in jugendlichem
Überschwang, was ihr im Heiligtum des Priapus gesehen habt, publik machen und die
geheimen Pläne der Götter unter das Volk bringen könntet. Bittflehend fasse ich also mit
meinen Händen eure Knie und bitte und verlange von euch, dass ihr über die heiligen
Rituale der Nacht nicht euren Scherz und Spott ergießt und nicht jedermann zeigen wollt,
was so viele Jahre geheim war und kaum tausend Menschen kennen."

18 Nach dieser Beschwörung ergoss sie sich wieder in Tränen und warf sich vom
ausgiebigen Schluchzen ganz erschüttert mit Gesicht und Busen auf mein Bett. Mich
wühlten gleichzeitig Mitleid und Furcht auf; so hieß ich sie, guten Mutes und in beidem
sicher zu sein: denn einerseits werde keiner die heiligen Rituale an die Öffentlichkeit
bringen, andererseits würden wir, wenn ihr der Gott noch ein weiteres Mittel gegen das
Dreitagefieber gezeigt habe, selbst auf eigene Gefahr der göttlichen Weitsicht
nachhelfen. Dieses Versprechen stimmte die Frau heiterer, bescherte mir ene Flut von
Küssen und wandelte ihre Tränen in Lachen. Mit zärtlicher Hand fuhr sie durch meine
Locken, die über die Ohren herabwallten. .Dabei sagte sie: "Ich schließe Waffenstillstand
mit euch und sehe von dem bereits beschlossenen Prozess ab. Wenn ihr aber nicht dern
geforderten Medizin zugestimmt hättet, so hatte ich schon für morgen die Schar
bereitgestellt, die meine Kränkung gerächt und meine Würde wieder hergestellt hätte.

Schmählich, verachtet zu werden, doch stolz, die Strafe erlassen


So ist mir's lieb, wenn ich frei gehe, wohin mir erwünscht..
Klug, wer die Händel vermeidet, auch wenn er Verachtung erfahren,
Wer nicht erdrosselt, der pflegt siegreich von dannen zu gehn. (Gurlitt)
Dann klatsche sie in die Hände und brach plötzlich in ein so lautes Lachen aus, dass wir es
mit der Angst bekamen. Ebenso machte es auf der anderen Seite die Dienerin, die vorher
gekommen war, ebenso das kleine Mädchen, das zusammen mit ihr hereingekommen
war.

19 Alles hallte von dem theatralischen Gelächter wieder, während wir indes nicht
wussten, was es mit diesem so plötzlichen Stimmungsumschwung auf sich hatte, und
bald uns selbst, bald die Weibsleute anschauten. <...>

"Dazu habe ich verboten, dass heute noch jemand in diese Absteige eingelassen wird,
dass ich ohne jede Störung das Mittel gegen das Dreitagefieber von euch
entgegennehmen kann." Sobald Quartilla dies gesagt hatte, erstarrte Askyltos jedenfalls
einen Augenblick, ich aber fühlte eine Kälte wie im Winter in Gallien und konnte kein
Wort mehr hervorbringen. Doch dass ich in Begleitung war, ließ mich nichts allzu
Schlimmes befürchten. Denn sie waren nur drei Weiblein; wenn sie etwas vorhätten,
versteht sich, ganz schwach; dagegen wir, die wir zumindest unser männliches
Geschlecht hatten. Zweifelsohne waren wir auch schon ganz gut zum Kampf gewappnet.
Ich hatte sogar die Kontrahenten schon einander zugeordnet, so dass, wenn es zum
Entscheidungskampf käme, ich gegen Quartilla, Askyltos gegen die Dienerin und Giton
gegen das Mädchen antreten würde. Dann allerdings verloren wir vor Entsetzen unsere
ganze Beherrschtheit, und unausweichlich trat der Tod zu unserem Unglück uns vor die
Augen.

20 Ich sagte: "Bitte, Herrin, wenn du etwas Schlimmes vorhast, erledige es schnell! Denn
wir haben keinen so großen Frevel begangen, dass wir unter der Folter umkommen
müssten." Die Dienerin, die Psyche hieß, breitete sorgfältig eine Decke auf dem Boden
aus. Sie reizte mein Glied, das schon von tausendfachem Tod erkaltet war. Askyltos hatte
sein Haupt mit dem Mantel verhüllt, denn er wusste aus Erfahrung, dass es gefährlich ist,
sich in fremde Geheimnisse einzumischen. Die Dienerin holte zwei Binden unter ihrem
Busen hervor: mit der einen fesselte sie unsere Beine, mit der anderen die Hände. <...>
Als die Worte zu Ende gingen, sagte Askyltos: "Wie, verdiene ich es nicht zu trinken?"
Mein Lachen verriet die Dienerin; sie klatschte in die Hände und sagte: "Ich habe es dir
doch hingestellt, junger Mann. Hast du allein so viel Heilmittel getrunken?" - "Wirklich?"
sagte Quartilla, "hat Encolpius das ganze Satyrion ausgetrunken?" und schwang unter
einem gefälligen Lachen ihre Hüfte. Schließlich konnte auch Giton das Lachen nicht mehr
verbeißen, besonders als sich das kleine Mädchen dem Knaben an den Hals warf und,
ohne dass er sich wehrte unzählige Küsse gab.
21 Wir wollten in unserer Not schreien, doch stand keiner zur Hilfe bereit, und hier
wollte mir Psyche, weil ich die Bürger um Schutz anrufen wollte, mit einer Haarnadel in
meine Backen stechen, dort wollte das Mädchen mit einem Pinsel, den es sogar noch mit
Satyion getränkt hatte, dem Askyltos zusetzen. Schließlich kam noch ein schwuler Tänzer
dazu, der sich mit einem kastanienfarbenen Kleid herausgeputzt und mit einem Gürtel
geschürzt hatte. <...> Bald hackte erf mit verrenktem Steiß auf uns ein, bald besabberte
er uns mit seinen übelst stinkenden Küssen, bis Quartilla hochgeschürzt und mit einer
Rute aus Fischbein in der Hand, gebot, uns freien Abzug zu gewähren. <...>
Beide leisteten wir die heiligsten Eide, dass das so furchterregende Geheimnis mit uns
zugrunde gehen werde. Es traten mehrere Ringkampfmasseure ein, übergossen uns mit
echtem Öl und machten uns wieder fit. Als unsere Erschöpfung einigermaßen behoben
war, zog es uns ins Speisezimmer. Wir wurden in den nächsten Raum gebracht, in dem es
drei Liegen gab und auch die übrigen Herrlichkeiten der Tafel aufs prächtigste
vorbereitet dastanden.. Man bat uns, Platz zu nehmen. Wir begannen mit einer
wundervollen Vorspeise; dann werden wir sogar in Falerner grebadet. Als wir nach
etlichen weiteren Gängen in Schlaf sanken, sagte Quartilla: "Wirklich? Steht euch der
Kopf nach Schlafen, obwohl ihr wisst, dass ihr dem Genius des Priapus eine Nachwache
schuldet?" <...>

22 Als Askyltos unter der Last so vieler Plagen in den Schlaf sank, bestrich die Dienerin,
die man von einem Übergriff auf ihn abgehalten hatte, sein Gesicht mit reichlich
schwarzer Schminke und bemalte, ohne dass er es merkte, seine Seiten und Schultern
mit Schwänzen. Auch ich hatte erschöpft [von so vielen Plagen] gleichsam einen ganz
kleinen Schluck Schlaf genommen. Ebenso hatte es das ganze Gesinde drinnen und
draußen gemacht: die einen lagen zerstreut um die Füße derer herum, die zum Essen
niederlagen, andere an die Wände gelehnt, einige dämmerten Kopf an Kopf unmittelbar
an der Schwelle hin. Auch die Lampen verbreiteten, weil ihnen der Saft ausging, ein nur
noch mattes, erlöschendes Licht. Da kamen zwei Syrer herein, um das Speisezimmer
auszurauben. Als sie sich zwischen dem Solbergeschirr allzu gierig stritten, zerrten sie an
einer Flasche herum und zerbrachen sie. Auch ein Tisch mit Silbergeschirr kippte um. Ein
Becher schlug zufällig von ziemlich weit oben herab und löcherte einer Dienerin, die auf
einem Polster hindämmerte, den Kopf. Daraufhi schrie sie auf, verriet so die Diebe und
weckte gleichzeitig einen Teil der Betrunkenen. Sobald sich die Syrer [, die gekommen
waren, um Beute zu machen,] ertappt fühlten, ließen sie sich wie auf Vereinbarung
gleichzeitig hinter einem Bett niederfallen und schnarchten, als würden sie schon lange
schlafen.
Allmählich war auch der Tafelmeister aufgewacht, hatte Öl in die erlöschenden Lampen
gegossen, und auch die Diener hatte sich kurz die Augen ausgerieben und waren wieder
an die Arbeit gegangen. Da trat eine Zimbelschlägerin ein und weckte mit ihren
Schallbecken alle auf.
23 Also ging das Gastmahl von vorn los und Quartilla rief zum erneuten Trinken auf. Ihre
Heiterkeit beim fröhlichen Umzug mehrte die Zimbelschlägerin. Der schwule Kerl kommt
herein, der allergeistloseste Mensch, der zu diesem Haus passte. Sobald er mit den
Händen den Takt geklatscht hatte, holte er tief Luft und verströmte derartige Lieder:

Kommt her, kommt schnell herbei, Wollüstlinge, kommt!


Streckt eure Beine, lauft, beflügelt eure Füße, ihr
Mit flinkel Schenkel, mit beweglichem Popo
Und kecker Hand, ihr, denen von des Deliers Hand
Die weichen Zeugungsmittel abgeschnitten worden sind. (Gurlitt)

Am Ende seiner Verse bespuckte er mich mit dem dreckigsten Kuss. Dann kam er sogar
aufs Bett und deckte mich trotz meiner Gegenwehr auf. An meinem Glied machte er sich
wie an einer Mühle lange und intensiv zu schaffen, doch vergeblich. Von der
schwitzenden Stirn flossen ihm Bäche von Akaziensaft und zwischen den Rundzeln seiner
Backen war so viel Kreideschminke, dass man hätte glauben konnen, eine ungeschütze
Wand leide unter einem Regenguss.

24 Ich konnte meine Tränen nicht länger zurückhalten, sondern sagte in meiner
grenzenlosen Verzweiflung: "Bitte, Herrin, du hattest doch befohlen, mir ein Betthüpferl
zu geben!" Sie klatsche sanft in die Hände und sagte: "O, du Schlaumeier und Quelle
großstädtischer Gewitztheit! Wie? Weißt du nicht, dass man einen Schwulen Betthüpferl
nennt?" Damit es meinem Gefährten <nicht> besser ergehe, sagte ich darauf: "Hat denn ,
um Himmels willen, Askyltos in diesem Speisezimmer alleine Ferien?" - "So soll denn",
erwiderte Quartilla, "auch Askyltos sein Betthüpferl bekommen!" Gesagt, getan: der
Schwule wechselte sein Pferd, ging hinüber zu meinem Gefährten und traktierte ihn mit
seinem Steiß und seinen Küssen. Inzwischen stand Giton da und konnte sich vor Lachen
nicht halten. Deswegen nahm ihn Quartilla in Augenschein und erkundigte sich höchst
eindringlich, zu wem der Junge gehöre. Als ich sagte, dass er mein Bruderherz sei, fragte
sie: "Warum hat er mich also nicht geküsst?" Sie rief ihn und zog ihn zum Küssen an sich
heran. Dann senkte sie auch ihre Hand in sein Gewand, machte sich an seinem noch
unentwickelten Geschirr zu schaffen und sagte: "Dies Ding wird morgen bei der Vorkost
meiner Leidenschaft erfolgreich seinen Fechtdienst tun; denn heute möchte ich nach
dem köstlichen Seefisch keine schmale Kost mehr zu mir nehmen."

25 Als sie dies sagte, näherte Psyche sich lachend ihrem Ohr und, nachdem sie
irgendetwas gesagt hatte, äußerte Quartilla: "Richtig, richtig! Gut, dass die mich
erinnerst! Warum lassen wir nicht unsere Pannychis bei dieser herrlichen Gelegenheit
entjungfern?" Sofort wurde das Mädchen vorgeführt: hübsch herausgeputzt und
offenbar nicht älter als sieben Jahre [eben die, die zuerst mit Quartilla in unsere Absteige
gekommen war]. Während nun alle klatschten und die Hochzeit forderten, verschlug's
mir die Sprache. Ich versicherte, weder könne der grundanständige Junge Giton dieser
Frivolität genügen, noch sei das Mädchen alt genug, die Rolle einer sich hingebenden
Frau zu spielen. "Ist sie denn so viel jünger als ich war", wandte Quartilla ein, "als ich
mich zum ersten Mal einem Mann hingegeben habe? Iuno soll mir zürnen, wenn ich mich
erinnern kann, jemals Jungfrau gewesen zu sein. Denn als Kind habe ich es mit
Gleichaltrigen getrieben und mit zunehmendem Alter habe ich mich dann älteren Jungen
zugewendet, bis ich dann mein jetziges Alter erreichte. Hier hat auch, wie ich glaube, das
bekannte Sprichwort seinen Ursprung, nur der könne einen Stier tragen, der ein Kalb
getragen habe. Damit nun mein Bruderherz kein größeres Unrecht insgeheim erleide,
erhob ich mich zum hochzeitlichen Dienst.

26 Schon hatte Psyche den Kopf des Mädchens in den Schleier gehüllt, scxhon trug das
Betthüpferl die Fackel voraus, schon hatten trunkene Frauen klatschend einen langen
Zug gebildet und das Ehegemach mit zotigen Tüchern geschmückt. Da ließ sich auch
Quartilla selbst von der Geilheit der Scherzbolde mitgereißen, erhob sich, schnappte sich
Giton und schleppte ihn ins Schlafgemach.

Zweifelsohne hatte sich der Junge nicht gewehrt, und auch das Mädchen war nicht
traurig, als sie das Wort Hochzeit hörte, zurückgeschreckt. Sie lagen jetzt also
eingeschlossen da. Wir setzten uns deswegen vor der Schwelle des Ehegemachs nieder,
und besonders Quartilla hatte ihr neugieriges Auge an eine Spalte gepresst, die sie in
ihrer Bosheit offengelassen hatte, und beobachtete das Spiel der Kinder mit geiler
Hingabe. Auch mich hatte sie mit sanfter Hand zu dem slben Schauspiel gezogen. Weil
sich beim Betrachten unsere Gesicher näherten, spitzte sie immer, wenn sie nicht
hinschaute, ihre Lippen und geißelte mich Schlag auf Schlag mit gleichsam stibitzten
Küssen. <...>
Wenig schwungvoll verbrachten wir den Rest der Nacht furchtlos in unseren Betten.
<...>
Schon war der dritte Tag gekommen, [für den ein gastfreies Mahl zu erwarten stand,]
doch gefiel uns, die wir von so vielen Wunden durchlöcert waren, die Flucht mehr als die
Ruhe. Als wir deswegen niedergeschlagen überlegten, wie wir nur dem bevorstehenden
Sturm entgehen könnten, unterbrach uns in unserem ängstlichen Hin- nd Herlaufen ein
Sklave des Agamemnon und sagte: "Was ist mit euch? Wisst ihr nicht, bei wem heute
etwas los ist? Bei Trimalchio, einem blitzsauberen Mann; <...> er hat eine Uhr im
Speisezimmer und darauf einen Trompeter, damit er daher weiß, wieviel er von seinem
Leben vertan hat."

Wir kleiden uns sorgfältig an, vergessen alles, was man uns angetan hat, und heißen
Giton, der [insoweit] sehr gern den Dienst eines Sklaven übernahm, uns ins Bad zu
folgen.
1. Trimalchio beim Ballspiel

27 (1) Wir begannen inzwischen noch angekleidet umherzulaufen, zu scherzen und uns
den Spielkreisen zu nähern. Da sehen wir plötzlich einen glatzköpfigen Alten in einem
roten Gewand, wie er unter den Knaben Ball spielt. (2) Aber nicht so sehr die Knaben
hatten unsere Aufmerksamkeit, obwohl es die Mühe gelohnt hätte, auf sich gezogen, als
der Herr des Gesindes selbst, der sich in Sandalen im Spiel mit grünen Bällen übte. Den,
der den Boden berührt hatte, hob er nicht weiter auf, sondern ein Sklave hielt einen
Beutel voll bereit und sorgte den Spielern für Nachschub. (3) Wir bemerkten auch Neues;
denn zwei Eunuchen standen sich im Spielkreis gegenüber, von denen der eine einen
silbernen Nachttopf hielt, der andere die Bälle zählte; nicht die, die im schnellen
Wurfspiel von Hand zu Hand flogen, sondern die, die auf die Erde herabfielen. (4) Als wir
noch dieses erlesene Schauspiel bewunderten, eilt Menelaos herbei und sagt: "Das ist er,
bei dem ihr zu Tisch liegt; ihr seht gewissermaßen schon den Anfang der Mahlzeit." (5)
Menelaos sprach noch, als Trimalchio mit den Fingern schnalzte. Auf dieses Zeichen hin
hielt ihm der Eunuch, ohne dass er sein Spiel unterbrach, den Nachttopf unter. (6)
Nachdem er seine Blase erleichtert hatte, verlangte er nach Wasser für die Hände,
besprengte sich ein bisschen die Hände und trocknete sie im Haar eines Jungen ab. <...>

2. Vorspiel im Bad und Ankunft im Haus des Trimalchio. Bemalung.

28 (1) Es hätte zu lange gedauert, jede Einzelheit aufzunehmen. Deshalb gingen wir in
das Bad, setzten uns der Hitze der Sauna aus und wechselten im Handumdrehen ins
Kaltbad. (2) Trimalchio hatte sich ganz einölen lassen und ließ sich schon abreiben, aber
nicht mit Leinentüchern, sondern mit ganz zarten Wolldecken. Drei Masseure tranken
indes vor seinen Augen Falerner, und als sie im Streit das meiste ausgossen, sagte
Trimalchio, dies sei sein Prosit. (4) Dann wurde er in einen roten Pelzmantel gehüllt und
in seine Sänfte gehoben. Voraus gingen vier livrierte Läufer und ein kleiner Handwagen,
in dem sein Liebling saß, ein ältlicher Junge, triefäugig, noch hässlicher als sein Herr
Trimalchio. (5) Als er so weggetragen wurde, trat ihm zu Häupten ein Musiker mit einer
Piccoloflöte und blies auf dem ganzen Weg, gleichsam als wolle er ihm etwas geheim ins
Ohr flüstern. (6) Wir folgen und gelangen mit Agamemnon allmählich voll von
Bewunderung zu seiner Haustür, an deren Pfosten eine Schrifttafel mit folgender
Inschrift angebracht war: (7) "Jeder Sklave, der ohne Befehl seines Herrn das Haus
verlässt, bekommt hundert Schläge". (8) Aber unmittelbar im Eingang stand in
lauchgrüner Uniform mit kirschrotem Gürtel der Pförtner, und pflückte Erbsen in eine
silberne Schüssel. (9) Aber über der Schwelle hing ein goldener Käfig, in dem ein
Buntspecht die Besucher begrüßte.

29 (1) Übrigens hätte ich mir, während ich alles baff bestaunte, fast rücklings die Beine
gebrochen. Denn wenn man nach links hin eintrat, war nicht weit von der Loge des
Pförtners ein riesiger Kettenhund an die Wand gemalt und darüber stand in Blockschrift
"BISSIGER HUND" (2) Meine Begleiter lachten jedenfalls, ich aber versäumte es nicht, als
ich mich wieder gefasst hatte, die ganze Wand genau zu betrachten. (3) Da war ein
Sklavenmarkt mit Schriftfeldern abgebildet; Trimalchio selbst hielt mit dichtem
Lockenhaar den Heroldsstab und betrat von Minerva geleitet Rom. (4) Hier, wie er
rechnen gelernt hatte, dann, wie er Finanzverwalter geworden war, alles hatte der
aufmerksame Maler sorgfältig mit Schriftfeldern wiedergegeben. (5) Fast schon am Ende
des Säulengangs vollends hob in Mercurius am Kinn empor und entraffte ihn auf den
hohen Amtssessel. (6) Zur Stelle war Fortuna mit überfließendem Füllhorn und die drei
Parzen, die goldene Fäden drehten. (7) Im Säulengang bemerkte ich auch eine Schar von
Läufern, die mit ihrem Trainer übten. (8) Außerdem sah ich einen großen Schrank in der
Ecke mit einem Schrein, in dem silberne Laren standen, ein Marmorbild der Venus und
eine nicht gerade kleine Goldbüchse, in der er angeblich seinen ersten Bart aufbewahrte.
(9) Ich schickte mich an, den Hausmeister zu fragen, welche Gemälde sie im Mittelteil
hätten: "Die Ilias und die Odyssee", sagte er, "und den Gladiatorenkampf des Laenas.

3. Im Triclinium.

30 (1) Doch konnte ich nicht mehr viel betrachten <...> Wir waren schon zum
Speisezimmer gelangt, in dessen vorderstem Teil der Verwalter die Rechnungen
entgegennahm. Was ich besonders bewunderte: An den Türpfosten des Speisezimmers
waren Rutenbündel mit Beilen befestigt, deren unterster Teil gleichsam in einen
Schiffsschnabel auslief. Darauf war geschrieben: (2) "Der Finanzverwalter Cinnamus dem
C.Pompeius Trimalchio, dem Mitglied des kaiserlichen Sechsmännergremiums". (3) Mit
der gleichen Aufschrift hing auch eine zweiflammige Leuchte vom Gewölbe herab, und
zwei Schrifttafeln waren an beiden Pfosten befestigt, von denen eine, wenn ich mich
recht erinnere, folgende Inschrift hatte: "Am 30. und 31. Dezember speist unser Gaius
außerhalb"; (4) auf der anderen waren die Bahn des Mondes und die sieben Planeten
gemalt und wurden die Arbeits- und Feiertage durch eine unterschiedliche Markierung
gekennzeichnet. (5) Als wir von diesen Köstlichkeiten erfüllt das Speisezimmer betreten
wollten, rief ein Sklave, der für diese Aufgabe abgestellt war: "Mit dem rechten Fuß!"
Ohne Zweifel erbebten wir einen Augenblick vor Angst, einer von uns könne gegen die
Vorschrift die Schwelle überschreiten. (7) Aber als wir gemeinsam den rechten Schritt
tun wollten, warf sich uns ein Sklave entkleidet vor die Füße und begann uns zu bitten,
ihn vor der Strafe zu bewahren: auch sei sein Vergehen nicht groß, dessentwegen er
bedroht werde: (8) denn ihm seien in den Thermen die Kleider des Verwalters
entwendet worden, die kaum zehn Sestertien wert gewesen seien. (9) Wir zogen also
unseren rechten Fuß zurück und baten den Verwalter, der im Warteraum Goldstücke
zählte, dem Sklaven die Strafe zu erlassen. (10) Der blickte hochmütig auf und sagte:
"Mich erregt weniger der Verlust als die Nachlässigkeit dieses total nichtsnutzigen
Sklaven. (11) Er hat mir meine Festkleider zugrunde gerichtet, die mir ein Klient zum
Geburtstag geschenkt hatte, zweifelsfrei tyrische Ware, aber schon einmal gewaschen.
Doch was soll's? Ich schenke ihn euch."

4. Einnahme der Plätze, Sklavendienste, Auftischen der Vorspeise: alles unter


musikalischer Begleitung

(31) Kaum hatten wir, durch ein so großes Entgegenkommen verpflichtet, den
Speiseraum betreten, als uns der selbe Sklave, für den wir uns verwendet hatten,
entgegenlief und uns in unserer Überraschung zum Dank für unsere Menschlichkeit Kuss
um Kuss auf die Wange drückte: "Kurzum", sagte er, "ihr werden auf der Stelle wissen,
wem ihr euch entgegenkommend erwiesen habt. Des Herren Wein ist seines
Mundschenks Dankgeschenk". (3) Endlich legten wir uns zu Tisch: Sklaven aus Alexandria
gossen uns schneegekühltes Wasser über die Hände, andere folgten zu unseren Füßen
und entfernten mit ungeheurem Geschick die Niednägel. (4) Und nicht einmal bei diesem
so lästigen Geschäft bewahrten sie ruhe, sondern sangen dazu. (5) Ich wollte
ausprobieren, ob das ganze Gesinde singe und verlangte deshalb zu trinken. (6) Ein
Sklave ging überaus hilfsbereit ebenso mit schmetterndem Gesang auf meinen Wunsch
ein und alle anderen, die man um einen Gefallen bat. (7) man hätte sie für einen
Pantomimenchor halten können, nicht für die Dienerschaft im Speisezimmer des
Hausherrn. (8) Gleichwohl wurde eine sehr leckere Vorspeise aufgetragen; denn alle
hatten sich allmählich niedergelegt, außer allein Trimalchio, für den neumodisch der
erste Platz freigehalten wurde. Unter anderem hatte man zum Aperitif einen
korinthischen Esel mit einem Quersack aufgestellt, der auf der einen Seite hellgrüne
Oliven, auf der anderen schwarze trug. (10) Zwei Schalen umgaben den Esel auf deren
Rändern der Name Trimalchio eingraviert war, und das Silbergewicht. Angelötete Stege
trugen noch Haselmäuse, die mit Honig und Mohn bestreut waren. (11) Auch lagen heiße
Würstchen über einem silbernem Grillrost und unter dem Rost syrische Pflaumen mit
den Kernen von Granatäpfeln.

5. Triumphaler Einzug Trimalchios. Fortsetzung der Vorspeise. Der Gag mit der Henne
und den Pfaueneiern

32 (1) Wir waren bei diesen Köstlichkeiten, als man Trimalchio selbst unter
Musikbegleitung hereinbrachte und er uns dadurch, dass man ihn in einem Berg von
Kissen verschanzte, uns unbeabsichtigt ein Lachen abnötigte. (2) Denn aus seinem roten
Umhang schaute nur sein glatt rasiertes Haupt heraus und um seinen kleiderbeladenen
Nacken hatte er ein Halstuch mit breitem Purpurstreifen gelegt, dessen Fransen beidseits
herunterhingen. (3) Auch trug er am kleinen Finger der linken Hand einen großen
vergoldeten Ring und zusätzlich am äußersten Glied des folgenden Fingers einen
kleineren, wie mir schien, aus massivem Gold, an den aber ringsum gleichsam Sterne aus
Eisen angelötet waren. Und um nicht nur diesen Reichtum zu zeigen, trug er den rechten
Arm frei, den ein goldenes Armband zierte und ein Elfenbeinreif, den eine glänzende
Metallschließe zusammenhielt.

33 (1) Sobald er mit einer Silberfeder in seinen Zähnen herumgestochert hatte, sagte er
dann: "Freunde, es war mir noch nicht genehm, ins Speisezimmer zu kommen, aber um
euch durch meine Abwesenheit nicht länger hinzuhalten, habe ich mir allen Spaß
versagt. Lasst mich trotzdem noch zu Ende spielen." (2) Es folgte ihm ein Sklave mit
einem Spielbrett aus Terebinthenholz und Würfeln aus Bergkristall. Da konnte ich nun
die Krönung seines Geschmacks bemerken: statt weißer und schwarzer Spielsteine
verwendete er nämlich Gold- und Silbermünzen. (3) Während jener inzwischen beim
Spiel die Kraftausdrücke aller Weber abhakte, wurde uns, die wir uns immer noch der
Vorspeise hingaben, ein Tafelaufsatz mit einem Korb herbeigebracht, in dem eine Henne
aus Holz saß, die ihre Flügel nach der Art derer, die auf ihren Eiern sitzen, zu einem Kreis
öffnete. (4) Es kamen sofort zwei Sklaven dazu und begannen bei furioser Musik das
Stroh zu durchsuchen. Sie kramten Pfaueneier heraus und verteilten sie unter die Gäste.
Trimalchio richtete seine Augen auf diese Szene und sagte: "Freunde, ich habe der Henne
Pfaueneier unterlegen lassen; und, bei Herkules, ich fürchte, sie sind schon angebrütet.
Lasst uns trotzdem probieren, ob man sie noch ausschlürfen kann. (6) Wir bekommen
Löffel, die nicht weniger als ein halbes Pfund wiegen, und durchbrechen die Eier, die aus
einem fetten Teig geformt sind. (7) Ich jedenfalls hätte meinen Anteil fast weggeworfen,
denn er schien mir schon zu einem Embryo geworden zu sein. (8) Sobald ich aber einen
alterfahrenen Gast hatte sagen hören: "Hier muss es irgendwas Gutes geben", griff ich
mit der Hand in die Schale und fand eine sehr fette, von gepfeffertem Eidotter umhüllte
Feigenschnepfe.

6. Abtragen des Geschirrs der Vorspeise. Trimalchios Gedanken über langjährigen Wein
und die Kurzlebigkeit des Menschen

34 (1) Schon hatte Trimalchio jetzt, nachdem er sein Spiel unterbrochen hatte, eben all
diese Kostbarkeiten nachverlangt und mit deutlicher Stimme freigestellt, noch einmal
Honigwein zu nehmen, wenn einer das wolle, als die Musik plötzlich einen Tusch spielt
und das Geschirr der Vorspeise auf einmal von einem Gesangschor abgetragen wird. (2)
Als dabei in der Aufregung durch ein Missgeschick eine Schüssel hinfiel und der Sklave sie
wieder vom Boden aufhob, bemerkte es Trimalchio. Er ließ den Sklaven mit Fausthieben
bestrafen und die Schüssel wieder hinwerfen. (3) Der Geschirrmeister trat ein und
begann, mit einem Reisigbesen das Silbergeschirr samt dem übrigen Kehricht
hinauszufegen.

(4) Dann traten zwei dichtbehaarte Äthiopier ein mit kleinen Schläuchen, wie man sie
gewöhnlich benutzt, um den Sand im Amphitheater zu besprengen, und gossen Wein
über die Hände; denn Wasser bot niemand an. (5) Wir lobten den Herrn für seinen
Geschmack. Da sagte er: "Mars liebt es gleich. Deshalb habe ich jedem seinen
persönlichen Tisch zuteilen lassen. Zusätzlich werden uns die stinkenden Sklaven durch
ihre geringere Zahl weniger die Luft verpesten." (6) Sofort wurden sorgfältig vergipste
Glasamphoren herbeigebracht, an deren Hals Etikette mit folgender Aufschrift befestigt
waren: "Falerner aus dem Konsulatsjahr des Opimius, hundert Jahre alt." (7) während wir
das Etikett genau studierten, klatschte Trimalchio in die Hände und sagte: "Oh je, da lebt
der Wein also länger als ein Menschlein! Lasst uns also lustig zechen! Wein bedeutet
Leben! Ich tische echten Opimianer auf. Gestern hatte ich nicht so guten hingestellt und
doch waren Leute von viel höherem Rang eingeladen. " (8) Wir tranken also und
bewunderten die Kostbarkeiten mit größter Aufmerksamkeit. Währenddessen brachte
ein Sklave ein Skelett herbei, das so gebaut war, dass sich seine lockeren Gelenke und
Wirbel überallhin bewegen ließen. Als es Trimalchio mehrfach auf den Tisch hatte fallen
lassen, und dabei das bewegliche Gefüge einige Gestalten entstehen ließ, bemerkte
Trimalchio dazu: (10)

'Weh wir armen Würstchen, wie ist all Menschliches nichtig!


so werden alle wir sein, sobald uns der Orcus hinwegrafft.
Also leben wir so-lang es uns gut gehen kann!'

7. Erster Hauptgang: Scheinbar dürftiges, aber originelles Tablett mit den zwölf
Tierkreiszeichen

35 (1) Dem Beifall folgte ein Gang, aber bei weitem nicht so reichhaltig, wie erwartet.
Doch zog seine Originalität aller Blicke auf sich. Denn auf dem runden Tafelaufsatz waren
kreisförmig die zwölf Sternzeichen angeordnet, über denen der Arrangeur eine jeweils
eigene und inhaltlich passende Speise angerichtet hatte: Über dem Widder
Widdererbsen, über dem Stier ein Stück Rinderbraten, über den Zwillingen Hoden und
Nieren, über dem Krebs einen Kranz, über dem Löwen eine afrikanische Feige, über der
Jungfrau eine Jungsaugebärmutter, über der Waage eine Balkenwaage in deren einen
Schale warme Torte, und der anderen Kuchen war, über dem Skorpion einen kleinen
(gleichnamigen) Seefisch, über dem Schützen einen Hasen, über den Steinbock einen
Heuschreckenkrebs, über den Wassermann eine Gans, über die Fische zwei Seebarben.
(5) In der Mitte aber lag auf einem mit allen Kräutern ausgestochenen Rasenstück eine
Honigwabe. Ein ägyptischer Sklave bot aus einem silbernen Toaster Brot an und quälte
selbst mit widerlichster Stimme ein Arie aus dem Laserpicium-Singspiel hervor. (7) Als wir
uns etwas missmutig an die so einfache Speisen heranmachten, sagte Trimalchio: "Ich
rate zu essen; das hier ist nur das Anrecht auf (die Suppe zum) Essen."

8. Die zweite Ebene des Tabletts mit den zwölf Tierkreiszeichen. Der Trancheur Carpus.

36 (1) Sobald er dies gesagt hatte, liefen zur Musik im Dreiertakt des Waffentanzes vier
Sklaven hervor und hoben den oberen Teil des Tafelaufsatzes ab. (2) Darauf sahen wir
darunter [freilich auf einem zweiten Speisebrett] Mastgeflügel, Saueuter und in der
Mitte einen Hasen, der so mit Federn zurechtgemacht war, dass er wie Pegasus aussah.
(3) In den Ecken des Tischaufsatzes bemerkten wir auch vier Marsyasfiguren, aus deren
Schläuchlein gepfefferte Sauce über die Fische lief, die wie in einem Bassin schwammen.
(4) Vom Gesinde angefangen spenden wir alle Beifall und machen uns lachend die
erlesensten Dinge her. (5) Trimalchio sagte über diesen Gag ebenso erfreut: "Teile!" (6)
Sofort trat ein Trancheur hervor und zerlegte zur Musikbegleitung wild gestikulierend die
Gerichte so, dass man glauben mochte, ein keltischer Wagenkämpfer liefere unter den
Klängen einer Wasserorgel einen Schaukampf. (7) Nichtsdestoweniger warf Trimalchio
mit schleppender Stimme immer wieder ein: "Teile, teile!". Ich vermutete das sooft
wiederholte Wort habe eine feine Pointe, und fragte ohne Scheu eben danach meinen
oberhalb liegenden Tischnachbarn. (8) Aber jener hatte schon öfter derartige Spiele
gesehen und sagte: "Siehst du den, der die Gerichte zerteilt? Er heißt 'Teile'. Sooft er also
'Teile' sagt, ruft er ihn sowohl mit dem selben Wort als erteilt er auch den Befehl."

9. Encolpius erhält weitere Aufklärung durch den Tischnachbarn

37 (1) Ich konnte nichts weiter mehr kosten, sondern wandte mich ihm zu, um möglichst
viel zu erfahren, und begann, Geschichten von weit her zu holen und wollte wissen, was
das für eine Frau sei, die da hierhin und dorthin lief. (2) "Die Frau des Trimalchio", sagte
er, "sie heißt Fortunata und zählt ihr Geld eimerweise. (3) und eben noch, was war sie
eben noch? Du wirst es mir nachsehen: Du hättest kein Stück Brot aus ihrer Hand
genommen. (4) Und jetzt, Gott weiß, wie und warum, ist sie in den siebten Himmel
entschwebt und Trimalchios Ein und Alles. (5) Kurzum, wenn sie am helllichten Mittag
sagt, es sei dunkel, wird er es glauben.

(6) Er selbst weiß nicht, was er alles hat, so steinreich ist er. Aber dieses Luder plant alles
voraus und ist, wo man sie nicht vermutet. Sie ist kühl, raffiniert und einfallsreich. So viel
Gold siehst du an ihr; doch sie ist spitzzüngig und eine Sofaelster. Wen sie liebt, den liebt
sie, wen sie nicht liebt, den liebt sie nicht. (8) Trimalchio selbst hat Grundbesitz, soweit
Habichte fliegen, Geld über Geld. In seiner Pförtnerloge liegt mehr Silber heruμ, als sonst
jemand in seinem ganzen Vermögen hat. (9) Und erst seine Dienerschaft, potztausend!
Wahrscheinlich kennt, bei Gott, nicht einmal der zehnte Teil davon seinen Herrn. (10)
Kurzum, jeden von diesen Claqueuren wird er in die Pfanne hauen (wörtl.: in ein
Rautenblatt wickeln).

38 (1) Du kannst dir nichts vorstellen, was er kaufen müsste. Alles wird im Haus
produziert: Wolle, Zitronen, Pfeffer; wenn du Hühnermilch suchst, wirst du sie finden. (2)
Kurzum, es wurde ihm zu wenig gute Wolle produziert: er kaufte Widder aus Tarent und
gab sie zur Paarung in die Herde. (3) Um attischen Honig im Haus zu produzieren, ließ er
Bienen aus Athen bringen; nebenbei werden auch die Hausbienen, die er hat, von den
Griechlein etwas verbessert werden. Sieh nur! Dieser Tage bestellte er brieflich
Champignonsamen aus Indien. Überhaupt, er hat keinen Maulesel, der nicht von einem
Wildesel abstammte. (5) Du siehst so viele Kissen: keines, das nicht eine purpurrote oder
scharlachrote Füllung hätte. So groß ist sein Glück!

(6) Verachte aber ja nicht seine übrigen Mitfreigelassenen! Sie stehen in vollem Saft.
Siehst du jenen, der links unten liegt? Er besitzt heute seine 800'000. Er ist aus dem
Nichts groß geworden. (8) Eben war er noch gewohnt, auf seinem Nacken Holz zu tragen.
Aber, wie man sagt - ich weiß es nicht, sondern habe es nur gehört - fand er, als er einem
Schatzgeist seine Filzkappe entrissen hatte, einen Schatz. (9) Ich neide es keinem, wenn
ihm Gott etwas gibt. Aber er spürt noch die Ohrfeige und nimmt dennoch kein
Wehwehchen mehr hin. (10) Deshalb hat er kürzlich sein Obergeschoss so
ausgeschrieben: "C.Pompeius Diogenes vermietet ab 1. Juli sein Obergeschoss; denn er
hat sich selbst ein Haus gekauft." (11) Wie hatte sich jener, der auf dem Platz des
Freigelassenen liegt, so trefflich gemacht! (12) Ich halte es ihm nicht vor. Er hat sich als
Millionär gesehen, aber dann kam er böse ins Straucheln. Selbst seine Haare, glaube ich,
sind nicht verpfändet; und das, bei Gott, nicht durch eigene Schuld; denn kein Mensch ist
besser als er; sondern seine Schufte von Freigelassenen, die alles an sich gebracht haben.
(13) Wisse aber: Der Topf der Partner kocht schlecht, und sobald die Sache auf die
schiefe Bahn kommt, machen sich die Freunde davon. (14) Und welch ehrenwertes
Geschäft hat er ausgeübt, dass du ihn so weit gekommen siehst? Leichenbestatter war
er. Er pflegte zu speisen wie ein König: teigummantelte Wildschweine, Backkunstwerke,
Geflügel. Köche <machte er reich> und Bäcker. Mehr Wein floss unter seinen Tisch, als
sonst einer im Keller hat. Ein Märchenprinz, kein Mensch! Selbst als seine Geschäfte
schon schlecht gingen, kündigte er, als er fürchtete, seine Geldgeber könnten glauben, er
gehe bankrott, mit folgendem Anschlag eine Auktion an: »C.Iulius Proculus wird seine
überflüssigen Dinge versteigern«."

10. Aufhebung der Tafel, Wein. Trimalchio beweist sich und seine "erlesene Bildung",
indem er das Tierkreiszeichen seiner Tafel erklärt.

39 (1) Trimalchio unterbrach unsere so angenehmen Gespräche; denn das Speisebrett


war schon aufgehoben, und die Gäste hatten begonnen, sich heiter dem Wein und den
allgemeinen Gesprächen zuzuwenden. (2) Er stützte sich also auf seinen Ellbogen und
sagte: "Diesen Wein müsst ihr schmackhaft machen. (3) Fische müssen schwimmen! Ich
frage euch: Glaubt ihr etwa, dass ich mit jenem Essen zufrieden war, das ihr auf dem
Deckel des Tafelaufsatzes gesehen hattet? So schlecht kennt ihr den Odysseus? (4) Was
soll das nun heißen? Man muss auch beim Essen mit der Literaturwissenschaft vertraut
sein. Die Gebeine meines Herrn mögen in Frieden ruhen; denn er hat gewollt, dass ich
Mensch unter Menschen sei. Denn mir kann man nichts Neues beibringen, nachdem
Verfahren zu urteilen, das jenes Speisebrett anwendete. (5) Dieser Himmel, in dem die
zwölf Götter wohnen, wandelt sich in ebenso viele Tierkreiszeichen und gerade geht der
Widder auf. So hat jeder, der unter diesem Zeichen geboren wird, viel Vieh, viel Wolle,
einen Dickschädel außerdem, eine schamlose Stirn und ein spitzes Horn. Unter diesem
Zeichen werden die meisten Pauker und ihre Schafböcke von Schülern geboren." (6) Wir
spenden dem feinen Witz des Astrologen Beifall; deshalb gab er eine Zugabe: "Dann wird
der ganze Himmel zum Stier. So werden jetzt die Kickboxer und Ochsentreiber geboren
und alle, die sich selbst auf die Weide führen. (7) Unter den Zwillingen aber werden die
Pferde- und Ochsengespanne, die Hodensäcke geboren und alle, die auf beiden Achseln
tragen (wörtl.: beide Wände beschmieren). (8) Unter dem Krebs bin ich geboren. Deshalb
stehe ich auf vielen Füßen und besitze viel zu Wasser und zu Land. Denn ein Krebs passt
hierhin und dorthin. Deshalb lege ich schon seit langem nichts auf ihn, um nicht die
Konstellation meiner Geburt zu belasten. (9) Unter dem Löwen werden die Gefräßigen
geboren und die Herrschsüchtigen; (10) unter der Jungfrau die Weibstollen, Ausreißer
und Beinschellenträger; unter der Waage die Fleischer, Salbenhändler und wer immer
etwas abzuwiegen hat; (11) unter dem Skorpion die Giftmischer und Meuchelmörder;
unter dem Schützen die Schielenden, die den Kohl ansehen und den Speck wegnehmen;
(12) unter dem Steinbock die Kummerbeladenen, denen vor lauter Unglück ihre Hörner
wachsen; (13) unter dem Wassermann die Schankwirte und Schröpfköpfe; unter den
Fischen die Zukostkäufer und Redelehrer. So dreht sich der Tierkreis wie ein Mühlstein
und bewirkt immer etwas Schlechtes, dass die Menschen entweder geboren werden
oder zugrunde gehen. (14) Wenn ihr aber in der Mitte das Rasenstück seht und über dem
Rasenstück die Honigwabe: ich mache nichts ohne Grund. (15) Die Mutter Erde liegt
gerundet wie ein Ei in der Mitte und hat wie eine Honigwabe alles Gute in sich."

11. Dritter Gang, eingebettet in eine Jagdszene

40 (1) "Raffiniert!" rufen wir alle zusammen, recken unsere Arme zur Decke und
schwören, Leute wie Hipparchos und Aratos könnten den Vergleich mit ihm nicht
aushalten. Schließlich kamen Diener und breiteten Decken über den Liegen aus, auf
denen Netze abgebildet waren und Jäger mit Jagdspießen und alle Accessoires einer
Jagd. (2) Wir hatten noch keine Ahnung, was wir zu erwarten hätten, als sich außerhalb
des Speisezimmers ein gewaltiger Lärm erhob und, man sehe und staune, sich lakonische
Jagdhunde sogar um den Tisch zu verteilen begannen. Ihnen folgte ein Tafelaufsatz, auf
dem ein Wildschwein erster Größe lag, und zwar mit einer Freigelassenenkappe, von
dessen Hauern zwei aus Palmzweigen geflochtene Körbchen herabhingen, das eine mit
syrischen, das andere mit ägyptischen Datteln gefüllt. (4) Ringsum aber gaben kleine, aus
Stoßteig hartgebackene Frischlinge, dadurch, dass sie gleichsam zu den Eutern drängten,
zu erkennen, dass hier ihre Muttersau lag. Diese jedenfalls waren Tafelgeschenke zum
mitnehmen. (5) Übrigens kam zum Tranchieren des Wildschweins nicht jener "Teile", der
das Mastgeflügel zerlegt hatte, sondern ein riesiger Bartträger mit riemenumwundenen
Beinen und einem Zipfelmantel aus Damast. Er zückte ein Jagdmesser und stieß es kräftig
in die Flanke des Ebers, so dass aus seiner Wunde Drosseln aufflogen. (6) Vogelsteller
standen mit ihren Ruten bereit und fingen sie, obwohl sie im Speisezimmer
herumflatterten, im Handumdrehen. (7) Dann ließ Trimalchio jedem seine eigene
bringen und sagte dazu: "Seht nur, welch köstliche Eichel dieses Schwarzwild verzehrt
hat!" (8) Sofort traten Sklaven zu den Körbchen, die an den Hauern hingen, und
verteilten die ägyptischen und syrischen Datteln im Takt an die Gäste.

41 (1) Inzwischen hatte ich mich in viele eigene Gedanken verloren, ohne mir darüber
klar zu werden, warum das Wildschwein mit Freigelassenenkappe hereingekommen war.
(2) Nachdem ich so alle Nüsse vergeblich zu knacken versucht hatte, fragte ich mutig
wieder jenen meinen Erklärer, was mich quälte. (3) Aber jener: "Auch das kann dir dein
Diener frei heraus verraten; (4) denn es ist kein Rätsel, sondern ist ganz klar. Obwohl
dieses Wildschwein gestern zum Hauptgericht bestimmt war, haben es die Gäste
zurückgehen lassen. So kehrt es heute sozusagen als Freigelassener auf den Tisch
zurück." (5) Ich verdammte meine Begriffsstutzigkeit und fragte nichts weiter, um nicht
den Eindruck zu erwecken, niemals am Tisch der Edlen gespeist zu haben.

(6) Während wir so noch redeten, trug ein hübscher junger Sklave, der, mit Weinlaub
und Efeu bekränzt, sich bald als Bromios, bisweilen als Lyaios und wieder als Euios gab, in
einem Körbchen Trauben umher und trug mit durchdringender Stimme Gedichte seines
Herrn vor. Trimalchio wendete sich diesem Gesang zu und sagte: "Dionysos, sei Liber!"
Der Junge zog dem Eber die Freigelassenenmütze ab und setzte sie sich aufs Haupt. Dann
fügte Trimalchio wieder hinzu: "Ihr werdet nicht bestreiten können, dass ich einen 'Liber
pater' habe." Wir nahmen den Wortwitz mit Beifall zur Kennntis und überhäuften den
Jungen, wie er so herumging, mit Küssen.

1. Die Anwesenden nutzen Trimalchios Gang zum Klosett zu zwanglosem Small Talk

Nach diesem Gericht stand Trimalchio auf und ging in sein geheimes Gemach. Nun waren
wir frei! Nun war das Joch dem Geiste abgenommen und wir fingen mit neuem Leben an
zu plaudern.

Damas rief zuerst aus, da er einen Becher mit Wein gefordert hatte:
„Der Tag ist nichts! Kaum drehst du dich um, wird es schon Nacht. Also ist nichts besser,
als geradewegs vom Bette zu Tisch zu gehen. — Wahrhaftig! es hat mich sehr gefroren!
Kaum konnte mich das Bad erwärmen. Aber der Wein ist dem Menschen wie ein warmer
Pelz! Ich habe ganze Flaschen ausgezecht! Ich bin voll vom Bacchus! Er raset in meinem
Gehirne.

Seleukus fuhr fort; „Und ich bade mich nicht täglich. Das Bad ist eine Walkmühle. Das
Wasser hat Zähne, und unser Herz zerrinnt davon; aber wenn ich Honigwein getrunken
habe, so widersteh' ich der Kälte wie ein glühender Ofen. Heute könnt' ich aber auch
nicht ins Bad gehen, denn ich war bei einer Leiche - der gute Kerl, der schöne Chrysanth
hat seine Seele ausgeblasen - Jetzt! jetzt ruft er mich - ich spreche mit ihm! - Da wandeln
wir wie aufgeblasene Schläuche herum und sind wertloser als Mücken. Diese haben doch
noch etwas Gutes! Wir aber - wir sind weiter nichts, als Wasserblasen! - O wenn er doch
nicht so enthaltsam gewesen wäre! Fünf Tage lang hat er keinen Tropfen Wasser in den
Mund genommen - nicht einen Brosamen - und doch ist er aus der Welt gegangen! -
Aber die vielen Ärzte haben ihn ums Leben gebracht! - Doch! Vielmehr sein böses
Schicksal! Ein Arzt ist nichts anders als ein Seelentrost. Aber er ist dennoch
hinausgetragen worden, ob er gleich in einem guten Bette wohl gepfleget und gewartet
worden ist. Man hat ihn herzlich bedauert. Er hat einigen die Freiheit geschenkt. So gar
seine Frau hat einige Zähren herabrollen lassen, obgleich sehr heimtückischer Weise.
Was hätte sie anfangen wollen, wenn er sie nicht zärtlich ertragen hätte? - Aber ein Weib
gehört zu der Art von Raubvögeln! Man darf keinem gut sein! Man wirft seine Wohltaten
in den Born! - Aber die alte Liebe ist ein Krebsgeschwür! –

Da er uns sehr ungelegen kam, rief Phileros hier aus: „Lasst uns an die Lebendigen
gedenken! Der hat, was ihm gebührt! Ehrlich hat er gelebt und ehrlich ist er gestorben.
Worüber will er sich denn beklagen? Von Nichts ist er empor gekommen! Mit den
Zähnen zog er einen Pfennig bei jeder Gelegenheit, wo er ihn fand, aus dem Kote! Und
was er zugenommen hat, das hat er vom Raube zugenommen - wie eine Honigscheibe.
Ich glaube beim Herkules, dass er hunderttausend Taler hinterlassen hat. Lauter bares
Geld! Ich will von der Leber wegreden, denn ich habe so von einem Hühnersteiß
gegessen. - Er hatte ein schändliches Maul, war ein Schwätzer, der Neid leibhaftig und
kein Mensch! - Sein Bruder war ein braver Kerl! Ein Freund gegen seinen Freund, lebte
herrlich und in Freuden! –

Im Anfange hatt' er wenig zu beißen und zu brechen! Aber die erste Weinlese hat ihm
wieder auf die Beine geholfen, denn er verkaufte den Wein wie hoch er wollte; und was
sein Kinn eben empor gehoben hat - erbte - und stahl mehr bei dieser Erbschaft, als ihm
war hinterlassen worden. - Und dieser Stock, indem er auf seinen Bruder nicht wohl zu
sprechen ist, hat, ich weiß nicht, welchem Erdensohne sein Vermögen vermacht! - Der
geht weit, wer die Seinen übergeht! - Aber er hatte Sklaven, welche ihm in den Ohren
lagen und diese haben ihm den Kopf warm gemacht. Der tut aber niemals wohl, der
gleich alles glaubt; insbesondre ein Mann von Geschäften. - Wahr ist's, er hat viel
erhalten, solang er gelebt hat! Ihm ist's gegeben und nicht versprochen worden. Er war
ganz und gar ein Glückskind! In seiner Hand wurde Blei zu Gold. Aber da ist's leicht, wo
alles gerade geht. Und wie viel glaubst du, dass er Jahre auf seinem Buckel getragen hat?
- Siebzig, und noch mehr! Aber er war auch wie von Eisen und Stahl. Man merkte ihm
sein Alter nicht an. Sein Haar war schwarz, wie ein Rabe. Ich habe den Kerl noch gekannt,
da er das Ölschlagen trieb. Da war er noch mutig und schon damals ließ er, so wahr ich
lebe, nicht einen Hund im Hause! Ja, zu der Zeit hurte er auch! Und bei Nacht waren ihm
alle Kühe schwarz! Und das hat er gut gemacht! Das ist auch das einzige!"

Hier rief Ganymed: „Ihr erzählt da, was weder zum Himmel noch zur Erde gehört!
Unterdessen denkt keine Seele daran, was die immerwährende Teurung verursacht!
Heute hab' ich beim Herkules keinen Bissen Brot antreffen können. Und warum? Die
Dürre dauert fort. Schon leid' ich ein ganzes Jahr Hunger. Die Bauherrn soll der Schinder
holen! Die halten's mit den Bäckern! Wurst wider Wurst! Und so muss das kleine Volk
arbeiten und diese Vielfraße leben immer wie auf der Hochzeit. O wenn wir noch jene
majestätischen Löwen hätten, die ich hier antraf, da ich zuerst aus Asien kam! Das hieß
leben! So ist es ganz Sizilien auch ergangen! Aber die machten's anders! Wie die
Gespenster mussten sie herumgehen, als wenn ihnen Jupiter ungnädig wäre! Wenn ich
an den Safinius denke! - Der wohnte, wie ich noch ein Junge war, bei dem alten Bogen.
Der war Pfeffer, kein Mensch! Wo er hintrat, verbrannte er die Erde! Aber er war ein
rechtschaffener Mann, auf den man sich verlassen konnte. Freund gegen Freund, und
man konnte mit ihm ohne Sorge im Dunkeln des Fingerns spielen. Aber wer war er auf
dem Rathause? Er gab auf seine Kollegen nicht einen Schnipps! Er sprach nicht, wie sie es
haben wollten, sondern sagte seine Meinung gerade heraus. Ferner! Vor Gericht wuchs
seine Stimme wie eine Trompete. Er schwitzte niemals und hustete nicht und spie nicht
aus! Er hatte, ich weiß nicht, was Asiatisches. Wie bedankt' er sich so höflich für jeden
Gruß! Er wusste die Namen aller auswendig, wie einer von uns. Brot konnte man damals
haben, wie Steine auf der Gasse. Ihrer zweie konnten damals ein Brot für einen Pfennig
nicht aufessen; jetzt ist ein Ochsenauge größer! Ach, o ach! Täglich wächst unsere Stadt
rückwärts, wie ein Kalbsschwanz! Und warum? Wir haben einen hungrigen
Polizeiinspektor, der unser Leben für einen Heller verkaufte. Also hat er zu Hause die
Hülle und die Fülle, und nimmt täglich mehr Geld ein, als ein andrer im Vermögen hat.
Ja! Nun weiß ich's, woher er die tausend Goldgulden bekommen hat! - Aber wenn wir
keine feigen Memmen wären, sollt' er sich's nicht so gut schmecken lassen! Zu Hause
gibt sich die Meute wie Löwen, aber draußen demütig, wie Füchse. - Nun hab' ich beinah
alles bis auf mein Hemde aufgezehrt, und wenn die Teurung fortfährt, werd' ich endlich
wohl noch meine Hütte angreifen müssen; denn was ist zu erwarten, wenn weder Götter
noch Menschen sich dieser Stadt erbarmen? Ich glaube ganz gewiss, dass alles vom
Himmel herab kommt. Nicht einer glaubt mehr, dass der Himmel sei! Kein Mensch hält
die Fasttage! Kein Mensch macht sich aus dem Jupiter so viel -! Sondern alle drücken die
Augen zu und zählen ihr Geld. - Sonst gingen fromme Matronen noch barfüßig auf den
heiligen Hügel, mit fliegenden Haaren und reinen Seelen und baten den Jupiter um
Wasser - den Augenblick regnete es, als wie mit Krügen - entweder damals oder in
Ewigkeit nicht! Alles war glückselig! Aber jetzt achtet man die Götter, wie die Mäuse: die
Füße sind ihnen gebunden: und weil wir keine Religion mehr haben, so liegen die Äcker!

„Ich bitte dich", rief hier der reiche Echion, „sprich besser! ,Bald so, bald so!“ - rief jener
Bauer, da er seine läufische Sau verloren hatte; - Was heute nicht ist, kann morgen
geschehen! So lebt man in der Welt! Unser Land könnte beim Herkules! nicht besser
beschaffen sein, wenn Leute darauf wären. Daran ist es nicht Schuld, dass es jetzt brach
liegt. Wir dürfen nicht so verzärtelt sein! Wo wir sind, ist der Himmel in der Mitten.
Wenn du von einem andern Orte hierher kämest, so würdest du sagen: ,Hier fliegen
einem ja die gebratenen Tauben ins Maul!' Bedenke nur! Auf das nächste Fest werden
wir ein prächtiges Schauspiel haben. Keine Sklaven werden klopfechten, sondern fast
lauter Freigelassene. Unser Titus hat einen großen Geist! Und wenn er getrunken hat, ist
er noch größer. Entweder mag das oder jenes sein, so wird es geschehen; denn ich bin
sein guter Freund. Er ist keiner von den barmherzigen Rittern! Er würde sein eignes
Schwert hergeben, aber gefochten muss es sein, damit er ein Blutbad mitten auf dem
Amphitheater sehe. Er hat auch, wovon! Wie sein Vater starb, so hinterließ er ihm drei
Millionen. Wenn er vierzigtausend daran wendet, so spürt sein Vermögen nichts davon,
und sein Name wird ewig dauern. - Er hat einige Klepper und seine Frau ist fahrtoll! - Und
den Schatzmeister des Glykon, welcher ergriffen wurde, da er ihr eben ein Vergnügen
machte. Das Volk wird sich in den Streit mischen, eine Partei auf der Seite der
Hörnerträger und die andere der Buhler sein. Glykon aber ein reicher Kerl, hat den
Schatzmeister ins Amphitheater geschickt. Das heißt, sich selbst in bösen Ruf bringen.
Was hat denn der arme Schelm gesündigt? Er wurde ja gezwungen, es zu tun. Sie, der
alte Nachttopf, verdiente eher, von einem Stier in die Luft geworfen zu werden. Aber wer
den Esel nicht prügeln kann, prügelt den Sattel. Wie konnte der altkluge Glykon sich
einbilden, dass er Freude an der Tochter des Hermogenes erleben werde? Er, der einem
Falken im Fluge die Klauen abschneiden konnte? Eine Schlange zeugt kein
Turteltäubchen. Glykon, Glykon hat sich und die Seinen beschimpft! Solange er .lebt,
wird er dieses Brandmahl nicht verwachsen! Der Tod allein wird es auswischen. Aber
jeder muss seine Fehler selbst büßen! - Ich habe schon eine Spur davon, dass uns
Mammea einen Schmaus geben wird. Schon hat er uns mit einem reichen Geschenk
eingeladen. Wenn er das tut, so mag er immer den Norban gänzlich stürzen. Wissen
müsst ihr, dass es bei dem immer mit vollen Segeln gehen wird. Und in Wahrheit! Was
hat uns jener denn für Wohltaten erzeigt? Er hat uns Pfennigsfechter, ausgemergelte
Kerle, hingestellt, die ein Lüftchen umwerfen konnte. Bei Leichenbegängnissen hab' ich
bessere gesehen. Bei Fackeln ließ er welche zu Fuß streiten; man konnte sie für
streitende Hühner halten. Der eine war ein einfältiger Kerl, der nicht stehen konnte, und
der andere hatte Klumpfüße und der dritte, welcher schon halbtot von dem Tode seiner
Vorfahren war, gelähmte Narren. Ein einziger Thrakier war noch ein wenig ansehnlich
und selbst diesen musste man mit Zurufen zum Kampfe aufmuntern. Kurz, alle bekamen
ein paar Wunden. Es war lauter Lumpengesindel. Der Kampf war eine bloße Flucht. -
Darauf sagte er doch: „Ich habe dir ein Schauspiel gegeben!" und ich „Ich habe dir
geklatscht!" Wir wollen zusammen rechnen, ob ich dir nicht mehr gegeben, als ich
empfangen habe. Eine Hand wäscht die andere. –

Agamemnon du scheinest mir zu sagen: Was kritisiert dieser unerträgliche Schwätzer?


Weil du, der du reden kannst, nichts red'st. Du bist freilich nicht von unsrer Zunft, aber
deswegen darfst du doch die Gespräche von uns Ungelehrten nicht verspotten! Wir
wissen wohl, dass du ein Redner bist! - Aber wir wollen uns nicht zanken! Ich will dich
schon noch einmal dazu bringen, dass du mit mir aufs Dorf gehst und in unsere Hütten
einkehrst! Wir wollen schon was zu essen finden! Ein junges Hündchen und ein paar
frische Eier. Wir werden vergnügt sein, ob es gleich das Ansehen hat, als wenn dieses
Jahr nichts geraten wolle. Wir werden schon so viel finden, dass wir satt werden.
Auch mein Cicaro wächst zu einem deiner Schüler auf; er kann schon vier Reden
hersagen und liegt immer über den Büchern. Er hat Genie und ist wohl gemacht, ob er
gleich von allzu vielem Studieren bisweilen ein wenig kränkelt. Ich habe ihm schon drei
Finken hinausfliegen lassen und ihm weißgemacht, dass sie ein Wiesel gefressen habe,
aber er hat sich schon andere Sänger wieder dafür angeschafft. Das Malen ist seine
Freude. Mit dem Griechischen ist er fertig. Im Lateinischen kommt er nicht übel fort, ob
ihm gleich sein Herr Lehrmeister sehr durch die Finger sieht. Er kann nicht lang an einem
Fleckchen sitzen und kommt oft zu mir und verlangt was zu arbeiten; aber er tut mir
doch nichts. Ich habe noch einen Sohn, der zwar nicht gelehrt, aber sehr neugierig ist
und andere mehr lehrt, als er weiß. In den Rasttagen pflegt er nach Hause zu kommen
und ist mit allem zufrieden, was man ihm gibt. Ich hab' ihm einige juristische Bücher
gekauft, denn ich möchte gern, dass er was vom Rechte verstünde, damit man ihn dazu
in der Familie gebrauchen könnte. Das Ding trägt Brot ein. In den Wissenschaften hat er
einen guten Grund gelegt; wenn er nicht daran will, so soll er eine Kunst lernen.
Entweder muss er Barbier oder Herold oder gewiss ein Advokat werden; und das muss
er, wenn ihn mir nicht der Orkus entzieht. Täglich ruf ich ihm deswegen zu: ,Mein
erstgeborener Sohn glaube mir! Was du lernst, das lernst du für dich! Betrachte nur
einmal den Phileros, den Advokaten! Wenn er nichts gelernt hätte, so könnte er jetzt den
Hunger nicht von seinen Lippen jagen! Noch vor kurzem ging er herum hausieren! Jetzt
kann er sogar dem Norban die Spitze bieten. Wissenschaften sind ein Schatz, und
Handwerk hat goldenen Boden." –

Dergleichen Pfeile drückten sie ab, da Trimalchio wieder kam, die herabtriefende Salbe
von der Stirne wischte, die Hände wusch und gleich darauf sagte: „Ich bitte euch um
Verzeihung meine Freunde! Schon seit vielen Tagen ist mir mein Magen nicht recht und
kein Arzt kann ihm helfen. Unterdessen hat mir doch Malicorium geholfen, eine Arznei,
welche aus der Rinde von einem Granatapfelbaume und Weinessig gemacht wird. Ich
hoffe aber er soll sich endlich schämen, sonst brummt er immer wie ein Ochse. Wenn
also einem unter euch was ankommt, so braucht er sich nicht zu scheuen. Keiner unter
uns ist eisern geboren worden. Ich glaube, dass keine größere Marter in der Welt sein
könne, als ein zurückgehaltener Wind. Das allein kann Iupiter nicht verbieten. Du lachst
Fortunata? O du hast mich schon manche Nacht damit aufgeweckt! Ich habe auch noch
keinem am Tische verwehrt zu tun, was ihm eine Arznei ist. Auch die Ärzte verbieten, an
sich zu halten. Wenn sogar etwas mehr kommen sollte, so ist draußen alles dazu bereit;
Wasser, Nachtstuhl und die übrigen Kleinigkeiten. Glaubt mir auf mein Wort, wenn ein
bösartiger Dunst ins Gehirn steigt, so fließt er denn daraus in alle Gefäße des Leibes. Ich
weiß ihrer viele, die auf diese Art ums Leben gekommen sind, ohne dass sie sich die
Wahrheit haben gestehen wollen." Wir bedankten uns für seine Höflichkeit und
Nachsicht und gossen das heftige Lachen mit öftern Becherchen aus. Wir wussten noch
nicht, dass wir erst die Mitte der Mahlzeit erreicht hatten. Sobald die Tafel bei einer
Symphonie abgeräumt war, wurden drei weiße Säue in den Saal geführt mit Halftern und
Glöckchen geputzt. Ihr Führer gab die eine für zweijährig, die zweite für dreijährig und
die dritte für eine alte aus. Ich glaubte, dass sie abgerichtet wären und, wie man auf den
öffentlichen Plätzen zu sehen pflegt, einige Kunststücke machen würden. Aber
Trimalchio vereitelte diese Erwartung und sagte: „Welches wollt' ihr aufgetragen haben?
Die Landjunker können so was mit Kapaunen, Hühnern und dergleichen Kleinigkeiten
bewerkstelligen, aber meine Köche kochen in der Geschwindigkeit ganze Kälber auf
einmal in ihren Kesseln." Und gleich befahl er, dass der Koch herbei käme, erwartete
unsere Wahl nicht und gebot ihm, das älteste zu schlachten. Er fragte mit heller Stimme:
„Aus welcher Klasse bist du?" Und wie er antwortete: „Aus der vierzigsten"; so fragte er
weiter: „Bist du gekauft oder geboren worden?" - „Keines von beiden", antwortete der
Koch, „sondern Pansa hat mich dir in einem Testamente hinterlassen." „Siehe zu", fügte
er hinzu, „dass du deine Sachen gut machst! Wo nicht, so sollst du in die Klasse der
Botenköche kommen!" Der Koch von diesem Machtspruche angefeuert, führte eilfertig
das Schwein in die Küche.

Trimalchio aber blickte uns darauf mit gnädigen Augen an und sagte: „Wenn euch dieser
Wein nicht gefällt, so will ich andern bringen lassen! Ihr müsst ihn gut machen. Ich kaufe
durch die Gnade der Götter nichts. Dieser Tischwein wächst auf einem von meinen
Landgütern, welches ich noch nicht gesehen habe. Es soll in der Nachbarschaft der
Tarracinenser oder Tarentiner liegen. Ich bin willens, nun meine Fluren mit Sizilien zu
verbinden, damit ich, wenn es mir gefällig ist, nach Afrika zu reisen, auf meinem
Eigentume schiffen kann. - Aber sage mir einmal, Agamemnon! Was für eine Streitrede
hast du heute morgen gehalten? Ob ich gleich keine Prozesse führe, so hab' ich doch die
Wissenschaften nach den Regeln gelernt, und damit du nicht glauben mögest, dass ich
mir nichts daraus mache - ich habe drei Bibliotheken! eine griechische und zwei
lateinische. Sage mir also, wenn du mich liebst, den Inhalt deiner Rede!"Und da
Agamemnon gesagt hatte: „Ein Armer und ein Reicher stritten miteinander", so
unterbrach ihn Trimalchio: „Was ist ein Armer?" - „Das ist sehr fein!" sagte Agamemnon
und erzählte, „ich weiß nicht, was für einen Streit." Gleich darauf sagte Trimalchio:
„Wenn das geschehen ist, so ist es kein Streit; und wenn es nicht geschehen ist, so ist es
gar nichts."
Da wir dieses mit den ausgelassensten Lobsprüchen verfolgten, so fuhr er weiter fort:
„Sage mir einmal, lieber Agamemnon, weißt du die zwölf Arbeiten des Herkules oder die
Geschichte des Ulysses, wie ihm der Kyklop mit einem Pinsel den Daumen wegschlug?
Als Knabe pflegt' ich das noch bei dem Homer zu lesen. Die Sybille hab' ich selbst mit
meinen Augen zu Cumae in einer Flasche hängen sehen; und da sie die Jungen fragten:
Sibylla, was willst du? So antwortete sie: Sterben will ich.
Noch hatt' er nicht alles ausgeschüttet, als ein Speisebrett mit einer ungeheuren Sau die
Tafel einnahm. Wir verwunderten uns über die Geschwindigkeit und schworen, dass
nicht einmal ein Kapaun so schnell könne gekocht werden; und desto mehr, weil uns das
Schwein weit größer zu sein schien, als vorher die wilde Sau gewesen war.
Darauf sah Trimalchio es immer mehr und mehr an. „Was?" sagte er endlich, „das
Schwein ist nicht ausgeweidet? Nein, beim Herkules, es ist es nicht! Rufe, rufe den Koch
her!" Der Koch kam traurig vor den Tisch getreten und sagte, er habe das Ausweiden
vergessen. „Was? Vergessen?" rief Trimalchio aus: „glaubst du, dass man das wie Pfeffer
und Kümmel vergessen könne? - Ausgezogen!" Im Augenblick war es geschehen. Betrübt
stand der Koch zwischen zwei Kerkermeister. Alle fingen an, zu bitten und sagten, das
kann sich leicht zutragen! Lass ihn gehen! Wir bitten! Wenn er es noch einmal wird getan
haben, dann wird keiner mehr für ihn bitten! - Ich aber konnte mich der
allergrausamsten Strenge nicht enthalten, sondern sagte dem Agamemnon ins Ohr:
„Wahrhaftig! dieser Sklave muss der nichtswürdigste Kerl sein! Wer wird denn das
Ausweiden vergessen? Ich würd' ihm beim Herkules nicht verzeihen, wenn er einen Fisch
übergangen hätte!" Aber das tat Trimalchio nicht; er sagte, nachdem er seine Mienen
wieder aufgeheitert hatte: „Nun! weil du ein so schlimmes Gedächtnis hast, so weid' es
hier vor uns aus!" Der Koch kleidete sich also wieder an, nahm sein Messer und schnitt
dem Schweine den Bauch hier und da mit furchtsamer Hand von einander. - Es währte
nicht lange, so fielen aus den Öffnungen, die von dem Druck der Schwere noch erweitert
wurden, allerhand Arten von Würsten heraus.

Das Hausgesinde fing nach Erblickung dieses Wunders ein großes Klatschen an und
wünschte dem Gaius Glück. Der Koch wurde nicht allein mit einem Trunk beehrt,
sondern es wurde ihm auch eine silberne Krone aufgesetzt und man überreicht' ihm
zugleich in einem Becken von korinthischer Bronze einen Becher; und wie Agamemnon
das Becken näher betrachtete, so sagte Trimalchio: „Ich habe allein echte Korinther." Ich
erwartete, dass er nach seinem vorigen Hochmute sagen würde, seine Gefäße würden
ihm gleich von Korinth überschickt; aber er macht' es besser. Er sagte: „Vielleicht
verlangst du zu wissen, warum ich allein echte Korinther besitze? Ich will es dir sagen,
weil nämlich der Kaufmann, von dem ich es kaufe, Korinthus heißt; was ist aber
korinthisch, wenn einer nicht Korinthus hat? - Aber damit ihr mich nicht für einfältig
halten möget, muss ich euch sagen, dass ich sehr wohl weiß, woher zuerst die
korinthische Bronze hergekommen sei. Wie Troja eingenommen wurde, so
ließ Hannibals, ein Schlaukopf und großer Spitzbube, alle eherne, silberne und goldene
Statuen auf einen Scheiterhaufen tragen, zündete ihn an und alle flossen zusammen. Von
dieser Masse nahmen die Goldschmiede und machten Kettchen, Becken, Statuen und
allerhand Geräte. Also ist korinthische Bronze aus einem Mischmasch entstanden, es ist
weder das noch jenes. Ihr werdet mir verzeihen, was ich sagen will? Ich lobe mir Glas;
gewiss ihr nicht. Ja! wenn es nicht zerbrechlich wäre, war es mir lieber als Gold; so aber
ist es was Gemeines.
Es war einmal ein Künstler, welcher gläserne Gefäße von solcher Festigkeit machte, dass
sie nicht mehr als goldene oder silberne konnten zerbrochen werden. Da er also einen
Becher von dem reinsten Glase gemacht hatte, der wie er glaubte, eines Kaisers würdig
wäre, so wurde er mit einem Kunststücke vor dem Kaiser gelassen. Es wurde gelobt, die
Hand des Künstlers gepriesen und seine Ergebenheit gegen seinen Monarchen sehr
gnädig aufgenommen. Der Künstler wollte die Verwunderung der Zuschauer in Erstaunen
verwandeln, und damit ihm der Kaiser noch mehr gewogen würde, so bat er sich den
Becher aus seiner Hand aus und warf ihn auf das Pflaster mit einer solchen Gewalt, dass
auch die festeste und dichteste Masse von Bronze nicht unbeschädigt geblieben wäre.
Der Kaiser aber erschrak nicht weniger darüber, als er darüber erstaunte. Er aber hob
den Becher von dem Boden auf, welcher nicht zerbrochen, sondern nur ein wenig
zusammengebogen war, als wenn das Glas in eine Art von Kupfer sich verwandelt hätte.
Darauf zog er einen Hammer aus seinem Busen, gab dem Becher seine vorige Gestalt,
und bracht' ihn wie ein gebogenes Gefäß von Kupfer wieder in Ordnung. Nach diesem
glaubte er, in den Himmel des Zeus erhoben zu werden, weil er das Zutrauen des Kaisers
und die Bewunderung aller verdient zu haben glaubte. Aber es ging anders! Denn der
Kaiser fragte, ob ein andrer dies Geheimnis wisse. Und da er nein sagte, so ließ ihm der
Kaiser den Kopf abschlagen, aus der Ursache, weil Gold und Silber wie Kot verächtlich
werden würden, wenn dieses Geheimnis bekannt würde.

Auf die Kenntnis der silbernen Gefäße hab' ich mich insbesondere gelegt. Ich habe
urnenförmige Becher, klein und groß. Auf einem davon ist vorgestellt, wie Kassandra ihre
Söhne ermordet; leibhaftig tot liegen die Jungen da. Noch hab' ich einen großen
Weinkrug, welchen mir mein Patron hinterlassen hat. Auf diesem sperrt Daedalus die
Niobe in das trojanische Pferd ein; und noch einen auf welchem sich Merkur und Amor
umarmen, zum Zeichen, dass sie echt sind. Alles ist von dem reinsten Silber, denn was
ich einmal habe, verkauf ich um alles Geld nicht. Wie er dieses gesagt hatte, ließ ein
Knabe den Becher aus den Händen fallen. Trimalchio sah ihn an und sagte: „Den
Augenblick schlage dich selbst, weil du flatterhaft bist!" Der Knabe bat mit
niedergeschlagenem Gesichte um Gnade. Aber er: „Was bittest du von mir? Als wenn ich
dir was täte! Ich rate dir, dass du dir von dir ausbittest, dass du nicht mehr flatterhaft
seiest." Endlich ließ er ihm auf unser Bitten die Strafe nach. Darauf lief er um den Tisch
herum und schrie: „Wasser hinaus! Wein herein!" Wir nahmen die Artigkeit dieses
Scherzes sehr wohl auf, insbesondere Agamemnon, welcher sehr wohl verstand, durch
welche Verdienste man wieder eine Mahlzeit erhalten könne. Übrigens trank der gelobte
und gepriesene Trimalchio mit immer größerem Vergnügen. Da er einem Betrunkenen
schon sehr ähnlich war, sagt' er: „Und niemand von euch bittet meine Fortunata, dass sie
tanze? Glaubt mir, kein Mensch tanzet den Lesbischen Tanz besser als sie! Er selbst hob
hier seine Hände über den Kopf und war der leibhaft Akteur Syrus. - Das ganze Haus
wollte darüber vor Freude närrisch werden! „O nein! wie natürlich! O nein! wie
vortrefflich" schrie alles. Er würde selbst sich haben sehen lassen, wenn ihm Fortunata
nicht, wie ich glaube, ins Ohr gesagt hätte, dergleichen niedrige Possen schicken sich
nicht für seine Würde. Nichts aber war sich selbst ungleicher! Denn bald wollte
Fortunata, bald die Natur in seiner Seele den Sieg davontragen. Endlich unterbrach die
Geilheit zu tanzen der Hausschreiber, welcher die Begebenheiten des Hauses, als wenn
es Rom wäre, herlas, wie folgt. –

„Den 26. Julius sind in dem Cumanischen Gute, welches dem Trimalchio gehört, dreißig
Knäblein und vierzig Mägdlein geboren worden. Von seinen Tennen sind in die Magazine
anderthalb-tausend Malter Getreide eingeführt, fünfhundert Stück Jochochsen. Ferner
ist nämlichen Datums Mithridates, der Sklave gekreuzigt, weil er Blasphemien wider
unsern Gaius ausgestoßen hat. Den nämlichen sind hunderttausend Taler in die
Schatzkammer gebracht worden, weil man sie aus Überfluss zu nichts anwenden konnte.
Den nämlichen war eine Feuersbrunst in den pompeianischen Gärten, welche in der
Behausung des Nasta eines Pächters entstand." - „Was?" rief Trimalchio, „wann hat man
mir die pompeianischen Gärten gekauft? - „Im vorigen Jahre", sagte der Hausschreiber,
„und deswegen sind sie noch nicht in Rechnung gebracht worden." Trimalchio glühte vor
Zorn: „Was für Güter mir gekauft werden", rief er, „sollen nicht in Rechnung gebracht
werden, wenn ich es nicht höchstens den sechsten Monat danach gewusst habe." Nun
wurden die Verordnungen der Polizeiinspektoren abgelesen und Testamente von
Oberförstern, welche dem Trimalchio mit allen Lobeserhebungen zum Erben einsetzten.
- Nun die Namen der Pächter, nun, wie sein Oberaufseher eine Freigelassene verstoßen,
weil er sie in der Tat mit einem Bader ergriffen hatte, ein Tischbedienter war nach Baiae
verwiesen und der Schatzmeister des Verbrechens von dem Gerichte überführt, welches
seine Kammerdiener gehalten hatten. Endlich kamen denn nun auch die Gaukelspieler.
Ein Erznarr stand mit seinen Leitern da. Ein Knabe musste durch die Staffeln und auf dem
obersten Gipfel nach Liederchen tanzen. Dann musste er durch feurige Reifen springen
und einen Eimer mit den Zähnen aufheben. - Trimalchio bewunderte dieses alles allein
und sagte, dass diese Kunst nicht nach Verdienst belohnt würde. Unterdessen wären nur
zwei Dinge, welche er überaus gern sähe: Tänzer und Wachteln. Die übrigen Tiere und
die übrigen Possen und Gaukelspiele verlohnten sich nicht der Mühe. „Denn ich hatte
mir auch eine Bande Komödianten gekauft", sagte er ferner, „aber ich konnte kein
Vergnügen an ihren ernsthaften Sachen finden; sie mussten mir Possenspiel machen,
und mein Musikdirektor musste lateinisch singen." –

Wie er damit fertig war, so stürzte der Knabe von der Leiter auf ihn herab. Das Gesinde
schrie aus Leibeskräften und die Gäste nicht weniger, nicht wegen des garstigen Kerls,
denn sie hätten lieber gesehen, dass ihm gar der Hals gebrochen wäre, sondern damit
der Schmaus nicht irgendein schlimmes Ende nehmen möchte und sie vielleicht gar den
Unrechten als tot beweinen müssten. Selbst Trimalchio ließ einen tiefen Seufzer fahren,
und da er sich auf den Arm legte, als wenn er zerbrochen wäre, so liefen alle Ärzte
herbei. Die erste war Fortunata. Sie kam mit einem Becher und fliegenden Haaren
herbeigelaufen und schrie: „Ach ich Elende! Ach ich Unglückliche!" - Aber der Junge,
welcher herabgefallen war, kroch schon längst an unsern Füßen herum und flehte, dass
wir für ihn bitten sollten. Ich hielt dies aber gar nicht für ratsam, denn ich glaubte, dass
diese gefährliche Bitten etwas Trauriges nach sich ziehen würden. Der Koch war mir noch
nicht aus den Gedanken gekommen, welcher das Schwein auszuweiden vergessen hatte.
Ich sah mich im ganzen Saal um, ob nicht irgendein Henker aus der Wand käme. Gleich
darauf wurde ein Sklave ausgepeitscht, welcher den gequetschten Arm seines Herrn in
weiße und nicht purpurfarbene Wolle gewickelt hatte. Beinahe glaubte ich schon, mich
nicht geirrt zu haben, als statt der Mahlzeit ein Dekret des Trimalchio aufgetragen
wurde, in welchem aber enthalten war, dass der Knabe frei sein sollte, damit niemand
sagen könne, ein so großer Mann sei von einem Sklaven beschädigt worden.

Wir billigten diese Handlung und plauderten darüber, wie plötzlich sich die menschlichen
Dinge verändern könnten. „Ja! ja!" sagte Trimalchio, „dieser Zufall darf nicht ohne
Aufschrift übergangen werden!" Er ließ sich gleich Schreibzeug bringen, und binnen
kurzer Zeit, ohne lange nachgedacht zu haben, las er folgendes her:

Auf dieser Unterwelt herrscht nichts als Ohngefähr,


Und Glück und Unglück kommt nicht wo wir meinen her!
Drum schenkt Falerner ein, ihr meine lieben Knaben!
Die Sorgen machen's nicht, dass wir zu trinken haben!"

Von diesem Sinngedichte wurde nun das Gespräch auf die Poeten gelenkt, und lange
hielten wir uns bei den Lobeserhebungen des Marsus von Thrakien auf, bis endlich
Trimalchio sagte: „Lieber Agamemnon! Was machst du für einen Unterschied zwischen
dem Cicero und Publius? Ich halte dafür, dass der eine beredter, der andere aber viel
feiner in seinem Ausdrucke gewesen sei, denn wer kann was bessers sagen, als das: -"

Jetzt herrscht in Rom die Göttin Schwelgerei,


Und Mars steht nicht mehr seinen Kindern bei.
Im babylonischen Gewande
Von Pflaum mit Gold gewebt, o Schande!
Gehst du einher, und willst ein Römer sein? -
Man sperrt für deinen Gaum die Pfauen ein,
Numidien muss dir die Henne schicken
Und Gallien den Hahn - in Zypernwein
Sie ein gelehrter Koch ersticken,
Um deine tote Zunge zu erquicken? -
Der Storch kommt über Land und Meer
Geflogen mit dem Frühling' her
Und jagt davon den rauhen Winter -
Auch fängst du den zu schmausen an,
Damit er dich nicht lehren kann,
Wie man erziehen soll die Kinder! -
Und dass du nicht umsonst ein Hörnerträger bist,
Zwingt dich dein Weib mit schlauer List,
Die Perlen Indiens für sie zu kaufen,
Den Kalcedon'schen Stein, der leuchtet in der Nacht,
Das grüne teure Glas, dass es sie schöner macht,
Damit die Buhler nach ihr laufen!
Damit es ihr gelingt,
Dass ihr ein Herkules die tolle Brunst bezwingt,
Indem sie stampfend mit ihm in dem Bette ringt
Und lechzet, wo Lukretien ersaufen! -
O Freund, die Tugend glänzt,
Mit einem Rosenkranz bekränzt,
Weit schöner selbst im Dunkeln
Als prächtige Karfunkeln! -
Da steht Tochter und Frau
Gehüllt in gewebte Lüfte zur Schau
Liebäugelnd allem Pöbel
In einem leinenen Nebel! -

„Welche Kunst aber", sagt er darauf, „haltet ihr nach den schönen Künsten und
Wissenschaften für die schwerste? Ich glaube, die Kunst eines Arztes und eines
Wechslers ist es. Ein Arzt muss wissen, was die Menschen in ihren Herzen haben, und
wann das Fieber kommt. Ich muss die Wahrheit gestehen, ob ich sie gleich nicht
ausstehen kann, denn sie geben mir immer Purganzen ein; - Und ein Wechsler muss
durch Silber das Kupfer sehen können. Die Ochsen und die Schafe sind die wohltätigsten
Bestien von der Welt. Den Ochsen haben wir zu verdanken, dass wir Brot essen, und die
Schafe machen uns stolz mit ihrer Wolle. O Schandtat, der isst das Schäflein noch dazu,
der seine Wolle schon auf dem Leibe hat! - Die Bienen halt' ich für göttliche Bestien, weil
sie Honig machen, ob man gleich sagt, dass sie es von Iupiter herbringen. Deswegen
stechen sie aber, weil jede Süßigkeit, wie wir aus der Erfahrung wissen, ihren Stachel
hat." - Während der Zeit, da sich Trimalchio nun auch über die Philosophen erheben
wollte, wurden Zettel in einem Becher herumgetragen. Ein Knabe, welcher über dieses
Amt gesetzt war, eröffnete sie und las sie ab. „Verbrecherisches Geld." Man brachte
einen Schinken mit daraufgelegten säuerlichen Sachen, einem Kopfkissen, Stücke Fleisch
und Halsbande. - Nun wurde hergelesen: „Glühender Wein und Schimpf und Luftesser",
darauf wurden Perlen mit einem Apfel, Knoblauch, Pfirsich, Peitsche und Messer
hergebracht. Dieser bekam Sperlinge, eine Fliegenklappe, eine getrocknete Weintraube
und attischen Honig; Tisch- und Ausgehkleider, ein Stück Fleisch und eine Schreibtafel,
eine Büchse und einen Messstab. Nun wurde herausgezogen und gelesen: „ein Hase eine
Sohle", der empfing eine Lamprete, eine Wassermaus, die mit einem Frosche
zusammengebunden war und ein Büschel Rüben. –

Wir konnten uns des Lachens nicht mehr enthalten. Noch hundert dergleichen wurden
herausgezogen, welche meinem Gedächtnis wieder entfallen sind.

Ascylt war ganz unmäßig mit Lachen, schlug die Hände zusammen und lachte so sehr,
dass ihm das Wasser in die Augen lief. Einer der Freigelassenen des Trimalchio wurde
zornig darüber, es war mein gesprächiger Nachbar, und rief: „Was lachst du, du
Schafskopf? Warum gefallen dir die Ergötzlichkeiten meines Herrn nicht? Ja, du bist
glückseliger! Du bist einen besseren Tisch gewohnt! Es ist dein Glück, dass ich nicht
neben dir sitze, sonst hätt' ich dir längst eine Maulschelle gezogen. Das schöne
Früchtchen will andere verspotten! Ein Kerl, der sich nicht bei Tage darf sehen lassen, der
den Bissen Brot nicht wert ist, den er isst; der, wenn ich den Rock aufhebe, nicht weiß,
wohin er vor Angst fliehen soll! Ich werde, beim Herkules, nicht leicht aufgebracht, aber
hier würd' ihm ein Lamm die Augen auskratzen. Glaubst du, ich sei ein Narr? - Aber du
bist ein Römischer Ritter! - Und ich bin eines Königs Sohn! - ,Warum bist du denn Sklave
gewesen?' wirst du fragen. - Ich habe lieber ein Römischer Bürger sein wollen, Schurke,
als ein unterjochter Königssohn! - Nun aber hoff' ich, so leben zu können, dass ich mir
nicht werde auf dem Maule trommeln lassen. Jetzt geh' ich als ein freies Geschöpf mit
heitrer Stirne unter euch Menschen herum. Ich bin keinem Menschen einen Heller
schuldig. Ich bin niemals deswegen vorgeladen worden. Niemand hat mir vor Gericht
gesagt, gib heraus, was du schuldig bist! - Ich habe mir liegende Güter gekauft. Ich habe
mich mit Hausgerät versehen. Ich gebe täglich zwanzig Mäulern zu essen und ernähre
Katzen und Hunde. Ich habe meine Gattin frei gemacht, damit kein Mensch mehr an ihr
die Hände abwische; tausend Gulden hab' ich dafür gezahlt. Ich bin von freien Stücken
zum Amtmann berufen worden. Nun hoff' ich, so zu sterben, dass ich, wenn ich tot bin,
mich nicht zu schämen habe. Du aber darfst vor lauter Arbeit nicht um dich blicken! Und
du verspottest andere, wenn du ein Nisschen bei ihnen gewahr wirst, indem dich die
Läuse schon halb verzehrt haben. Und sind wir denn dir allein lächerlich? Dort sitzt dein
Lehrmeister, ein Mann von Jahren, der hat seine Freude über uns. Und du Gelbschnabel,
der du noch nicht hinter den Ohren trocken bist! Du, der du weder b, a, Ba, noch b, e, Be,
weißt! Du zerbrechliches Gefäß! Du Leder im Wasser, ohne dich zu verbessern! Du
bildest dir mehr ein, als wir sind? - Iss einmal, zweimal zu Mittag und zweimal zu Abend!
Ich will lieber ein ehrlicher Kerl sein, als Schätze haben. Und doch, wer hat mich zweimal
um was gebeten? Ich diente vierzig Jahr und niemand wusste doch, ob ich ein Sklave
oder ein Freier wäre. Ich kam als ungeschehener Junge in diese Stadt, damals war das
Schloss noch nicht gebaut. Ich gab mir alle Mühe, meinem Herrn zu gefallen - der war ein
großer Mann, ein Mann von hohen Ehrenstellen, dessen Fingernagel mehr wert war, als
du mit Haut und Haar. - Ich hatte Neider im Hause, welche mir ein Bein unterschlagen
wollten, aber - Dank sei meinem Genius! - Ich bin glücklich durchgeschwommen. - An
dieser Geschichte ist kein Wort unwahr! Ein Fechter kann so leicht ein Freigeborener
werden, als ich darüber hinfahre! - Nun, was fehlt dir? Du siehst ja aus wie ein Bock, der
Bingelkraut gefressen hat."

Nach dieser herrlichen Rede schlug Giton, welcher zu meinen Füßen stand und es lange
verbissen hatte, ein helles mutwilliges Gelächter auf. Da dieses der Gegner des Ascylt
gewahr wurde, so band er mit dem Knaben an und rief: „Und du lachst auch, du frisierte
Elster? Sollen es die Saturnalien vorstellen? Ich bitte euch! Leben wir denn im
Dezember? - Wird es bald vorbei sein? Du ungehängter Galgendieb! Du Rabenaas? Ich
will dir schon den Fluch der Götter auf den Hals laden, dir und deinem Schlingel von
einem Herrn! Ich will schon meine Rache sättigen! Wenn ich es nicht meinem
Mitfreigelassenen hier zu Gefallen täte, so hättest du gewiss schon deine Tracht Schläge
bekommen! Haben uns denn deine Herrn Gecken dafür bezahlt, dass wir deine
Flegeleien erdulden müssen? - Ja, wie der Herr, so der Knecht! - Kaum kann ich mich
mäßigen! Ich bin von Natur hitzig, und wenn ich getrunken habe, kenn' ich meine Mutter
nicht! Ganz recht! Ich werde dich schon zu sehen bekommen, du Maus, du Zaunkönig!
Und ich will weder über noch unter mich wachsen, wenn ich deinen Herrn nicht wie
Kehricht ins Wasser werfe! Auch deiner soll nicht geschont werden, und wenn du selbst
den Olympischen Iupiter zu Hilfe riefest! Ich will schon dafür sorgen, dass deine Löckchen
gerade werden und deinen Herrn, den Flederwisch, schon bezahlen. Ich werde dich
schon zur rechten Zeit noch unter meine Fäuste bekommen, oder ich müsste mich nicht
kennen! Du sollst mich nicht umsonst verspottet haben, und wenn du einen Bart von
lautem Golde hättest. Ich will dir eine Hexe auf den Hals schicken und dem dazu, der dich
so fein auferzogen hat.

Ich habe die Geometrie nicht gelernt, nicht die Kritik und dergleichen Zeug; aber ich
verstehe mich auf die Steine und weiß auf ein Haar zu sagen, was sie wert sind. Ich will
mich mit dir auf alles einlassen, du kleine Hure, was du nur willst! Du sollst erfahren, dass
dein Vater alles vergeblich auf dich gewendet, ob ich gleich die Rhetorik nicht verstehe.
Ich kann weit reichen, keiner ist mir zu mächtig! Wenn du mich bezahlst, will ich dir
zeigen, wer am weitesten von uns läuft und auf einem Flecke stehen bleibt, wer von uns
wächst und kleiner wird. Du läufst, du staunst, du sträubst dich, wie ein Maus im
Nachttopfe? Also schweige entweder oder beunruhige ehrliche Leute nicht, die dich so
wenig achten, als wenn du nicht geboren worden wärest. - Glaube ja nicht, dass mich
deine Ringlein in die Augen stechen, welche du deiner Hure gestohlen hast! Merkur soll
uns beiden gleich günstig sein! Komm, lass uns auf den Markt gehen und Geld darauf
borgen! Da wirst du gleich erfahren, dass man diesem Stahle da an meinen Finger traue!
- Ach, was ist ein gebadeter Fuchs doch für ein närrisches Ding! Ich will des Todes sein,
wenn ich dich nicht, wie ein Hund einen Hasen, verfolgen will. Der ist auch ein feiner
Bursche, der dich dieses gelehrt hat; wie brausender schlechter Most ist er über deinen
Kopf gekommen, nicht wie ein Lehrmeister. - Wir haben doch was gelernt! Unser Lehrer
sagte: ,Merkt euch das! Grüße! Gehe geraden Weges nach Hause! Siehe dich nicht um!
Beleidige keinen größeren als du bist, und gib nicht auf alles Achtung!' - Keiner lebt so
leicht danach! Ich aber danke den Göttern, dass ich dadurch das geworden bin, was du
mich siehst." –

Ascylt fing schon an, auf dieses Geschwätz zu antworten, aber Trimalchio, welcher sich
an der Beredsamkeit des Mitfreigelassenen ergötzt hatte, sagte: „Fort mit den
Zänkereien! Seid ein wenig liebreicher! Und du, Hermeros, schone den jungen
Menschen! Sein Blut ist aufgewallt, und sei du klüger! Wer bei dergleichen Dingen
überwunden wird, überwindet. Weißt du noch, wie du ein junger Gickel warst, hast du
auch gekräht. Damals hattest du den Verstand noch nicht! - Das beste ist, wir sind
vergnügt und hoffen auf die Homeristen." –

Den Augenblick darauf kam eine Bande hereingetreten und schlug Spieß und Schild
zusammen. Trimalchio selbst setzte sich auf ein Kissen, und während der Zeit, da die
Homeristen nach ihrer gewöhnlichen Frechheit sich in griechischen Versen besprachen,
las er mit heller Stimme ein Buch lateinisch vor. Und da gleich darauf alles stille war, sagt'
er: „Wisst ihr den Inhalt von dem, was sie vorstellen? Diomed und Ganymed waren zwei
Brüder: deren Schwester war Helene. Agamemnon entführte sie und unterschob statt
ihrer der Diana eine Hindin. Nun aber erzählt Homer, wie die Trojaner und Parentiner
unter sich deswegen streiten. Nämlich er, der Agamemnon, trug den Sieg davon und gab
seine Tochter Iphigenia dem Achill zum Weibe; Ajax wurde darüber rasend, wie ihr gleich
sehen werdet."

Wie Trimalchio dieses gesagt hatte, so erhoben die Homeristen ein Geschrei, und unter
einem Gewimmel von Bedienten wurde ein ganz gebratenes Kalb mit einer Sturmhaube
in einer silbernen Schüssel herbeigetragen. Ajax folgte hinterdrein und hieb mit
gezücktem Schwerte, als ob er wütete, darauf, und bald mit ein- und bald mit auswärts
gebogener Spitze teilte er es in Teile und teilte unter die Bewundrer auf diese Art das
ganze Kalb aus.

Aber es war uns nicht lange erlaubt, diese feinen Kunststückchen zu bewundern, denn
plötzlich fing der ganze Boden an zu prasseln, dass der ganze Speisesaal davon zitterte.
Ganz erschrocken richtete ich mich in die Höhe, ich besorgte, es möchte irgendein
Seiltänzer die Decke herabgestiegen kommen; und nicht weniger richteten die übrigen
Gäste ihre verwunderungsvollen Häupter empor und erwarteten, was Neues vom
Himmel verkündigt würde. Auf einmal tat sich die Decke voneinander, und ein
ungeheurer Zirkel wurde plötzlich herabgelassen, von einem großen Weingefäße
gezogen, an dessen Bogen goldene Kronen und Büchsen von Alabaster mit Salben
hingen. Indem man uns befiehlt, diese Geschenke zu nehmen, sah ich nach der Tafel.
Schon war daselbst ein Tablett mit einigen Kuchen hingezaubert, in der Mitte stand ein
gebackener Priap und trug nach der gewöhnlichen Weise in seinem ziemlich weiten
Schoße allerlei Arten von Obst und Trauben. Begierig streckten wir die Hände danach
aus, und plötzlich wurden wir wieder aufs neue ergötzt; denn alle Kuchen, alle Äpfel,
wenn man sie auch auf das zarteste anrührte, gossen einen balsamischen Duft aus sich,
so stark, dass er uns endlich zu heftig wurde. Wir glaubten also durch und durch
balsamiert, dass etwas Heiliges darunter verborgen sei, erhoben uns in die Höhe und
wünschten Glück dem erhabenen Vater des Vaterlandes; und da einige nach dieser
heiligen Handlung noch von dem Obste nahmen, so füllten auch wir unsere Tischtücher
damit an; insbesondere ich, der ich den Busen meines Giton nie genug mit Geschenken
beschweren konnte. Während diesem traten drei Knaben herein mit weißen Kleidern
angetan, von welchen zwei kleine Hausgötter mit Lorbeerzweigen gekrönt auf die Tafel
setzten. Der dritte trug einen Becher voll Wein herum und rief: „Die Götter seien uns
gnädig!" Der erstere hieß Kerdon, der andere Felicion und der dritte Lucron. - Wir selbst
aber schämten uns, die herumgetragene Statue des Trimalchio, da sie von allen geküsst
wurde, zu übergehen.

Nachdem nun alle sich gute Gesundheit an Leib und Seele gewünscht hatten, wandte
sich Trimalchio zu dem Nikeros und sagte zu ihm: „Du warst ja sonst der lustigste
Gesellschafter, wie kommt es denn, dass du jetzt schweigst und den Mund nicht auftust?
Wenn du mich vergnügt sehen willst, mein trauter Nikeros, so erzähle mir was, wie du es
sonst getan hast."

Nikeros ergötzte sich an der Gesprächigkeit seines Freundes und sagte: „Zeitlebens will
ich auf keinen grünen Zweig kommen, wenn ich nicht lange schon in Wonne zerfließe,
dass ich dich so aufgeräumt sehe! Wir wollen also recht vergnügt sein! Wenn ich nur
nicht befürchtete, dass dort jene Gelehrten lachten! Doch das mögen sie! Ich will
erzählen; lachen mag man immer, nur mich nicht auslachen." - Und nachdem er dieses
gesagt - so fing er folgende Geschichte zu erzählen an: „Da ich noch diente, wohnten wir
in einem engen Gässchen in dem Hause, welches jetzt Gavilla hat. Daselbst verliebt' ich
mich, nach dem Willen der Götter, in die Frau des Terenz, des Wirtes. O ihr habt sie wohl
gekannt, die tarentinische Melisse! Sie war das allerschönste Weibchen. Aber ich habe
sie beim Herkules nicht körperlicherweise oder wegen Fleischeslust, sondern nur ganz
allein deswegen so lieb gehabt, weil sie so artige Sitten an sich hatte. Wenn ich sie um
etwas gebeten habe, so hat sie mir es niemals abgeschlagen. Wenn ich einen Heller,
einen Pfennig hatte, so legt' ich ihn in ihren Schoß, und niemals hat sie mich darum
gebracht. Ihr Ehegatte erlebte den letzten Tag auf einem Landgute. Es war mir nichts
Angelegneres auf der Welt, als wie ich entweder zu Fuß oder zu Pferd zu ihr kommen
möchte, da ich es erfuhr. In der Not kann man die wahren Freunde erkennen lernen.

Von ohngefähr war mein Herr nach Capua gereist, um etwas zu verkaufen. Ich ließ diese
Gelegenheit nicht entwischen und überredete unsern Wirt, dass er mich ein paar Meilen
begleitete. Dieser war ein starker Soldat und machte sich aus dem ganzen Orkus nichts.
Wir machten uns gegen Mitternacht, wann die Hühner schreien, auf den Weg; der Mond
schien so helle, als wenn es Mittag wäre. Wir gingen endlich nun über die Gräber. Da fing
auch mein Kerl an, die Sterne zu beschwören; ich aber zählte die Sterne und sang vor
lauter Angst darauf. Wie ich mich nach meinem Begleiter umsah, so zieht er sich
fasernackend aus und legt alle seine Kleider an den Weg. Es schwindelte mir vor den
Augen und meine Seele wollte aus der Nase fahren. - Er aber pisste einen Kreis um seine
Kleider und plötzlich stand er als ein Wolf da. Glaubt ja nicht, dass ich scherze! Wenn mir
einer den ganzen Tisch voll Geld herlegte, so würd' ich keine Lüge sagen. Aber damit ich
in meiner Rede fortfahre: - Nachdem er Wolf geworden war, so fing er an zu heulen und
lief in den Wald hinein. Im Anfange wusst' ich nicht, wo mir der Kopf stand; hernach aber
wollt' ich seine Kleider aufheben, und siehe da, sie waren alle versteinert worden. Wer
erschrak heftiger als ich? Aber doch zückte ich mein Schwert und hieb immer vor mir
weg in die Schatten, bis ich in das Haus meiner lieben Melisse kam. Wie ich zu ihrer Tür
hineingetreten war, so wollt' ich den Geist aufgeben. Der Schweiß floss mir bis auf die
Füße hinab: die Augen waren gestorben. - Kaum kam ich wieder zu mir selbst. Meine
Melisse verwunderte sich, dass ich so spät in der Nacht zu ihr käme, und sagte: „Wenn
du ein klein wenig eher gekommen wärest, so hättest du uns helfen können; denn ein
Wolf ist in unser Dorf gelaufen und hat wie ein Metzger beinahe alles unser Vieh
umgebracht. Aber er hat es nicht umsonst getan, denn unser Knecht hat ihm einen Spieß
in den Hals geworfen, ob er gleich noch davongekommen ist." Wie ich dieses hörte, so
macht' ich gewaltig große Augen und ging gleich, da es helle war, wieder zurück nach
Hause, aber so zerstört, wie ein Wandrer, der von Räubern überfallen worden. Nachdem
ich an den Ort gekommen war, wo die Kleider in Stein verwandelt gelegen hatten, fand
ich nichts als Blut. Wie ich aber nach Hause kam, so fand ich meinen Soldaten im Bette
liegen und wie ein Schwein bluten und einen Wundarzt über seinem Halse. Nun merkt'
ich erst, dass er ein Hexenmeister sei und sich verwandeln könne. - Nach dieser Zeit hab'
ich keinen Bissen Brot mehr mit ihm essen können und wenn du mich umgebracht
hättest. Diese mögen die Sache untersuchen, welche darinnen anderer Meinung sind.
Alle Götter sollen mich strafen, wenn ich die Unwahrheit sage.

Da alle vor Verwunderung nicht wussten, was sie denken sollten, so fing Trimalchio allein
an zu reden und sagte: „Es kann alles wahr sein, was du gesagt hast! So wahr ich lebe!
Die Haare standen mir zu Berge bei deiner Erzählung. Ich bin überzeugt davon, dass
Nikeros bei solchen Sachen ernsthaft ist und nichts sagt, von dessen Wahrheit ihn sein
Gewissen nicht überzeugt. Ich selbst will euch eben eine so erschreckliche Sache
erzählen; sie ist so wunderbar wie ein Esel auf den Dächern. Da ich noch Haare trug,
denn ich habe von Kindesbeinen an gewusst, dass die Wollust das höchste Gut der
armen Menschen ist, starb Iphis, einer von meinen Lieblingen, ein schöner Knabe, der
keinen Fehler hatte, eine Perle. Da nun seine Mutter sich über diesen Verlust gar nicht
wollte trösten lassen und viele von uns bei ihr waren, um sie wieder aufzurichten, so
erschienen auf einmal verschiedene Hexen und fielen über ihn her, wie Windhunde über
einen Hasen. Wir hatten damals einen Kappadokier bei uns, einen langen verwegenen
Kerl, welcher den Iupiter mit seinem Donner angepackt hätte. Dieser zog ganz mutig sein
Schwert, sprang zur Tür hinaus, umwickelte sich sehr behutsam die linke Hand und stach
ein Weib, so wie ich es hier zeige - die Götter behüten, was ich berühre! - mitten durch.
Wir hörten etwas seufzen, aber damit ihr seht, dass ich nicht lüge - wir sahen die Hexen
nicht. Unser Held aber, wie er wieder ins Zimmer getreten war, warf sich aufs Bett, und
sein ganzer Leib war wie mit Peitschen braun und blau geschlagen, weil ihn nämlich eine
böse Hand berührt hatte. Wir schlossen die Türe zu und fingen wieder an, sie aufs neue
zu trösten; aber indem sie den Leib ihres Sohnes umarmte, fand sie nichts als eine Haut
voll Kehricht, weder Herz noch Eingeweide, noch sonst was war mehr davon da; denn die
Hexen hatten den Knaben geholt und diesen Kehricht statt seiner hingezaubert. - Ich
bitte euch, ihr müsst das glauben! Es gibt mehrere von den weisen Weibern,
Nachtweibern und Hexen, die das Unterste zum Obersten machen. Übrigens erhielt
dieser lange, rüstige Kerl niemals seine wahre Farbe wieder, und nach wenigen Tagen
starb er in der Raserei."

Wir entsetzten uns und glaubten zugleich alles, küssten die Tafel und baten flehentlich
die Hexen, dass sie die Gütigkeit haben möchten, nicht auszugehen, wenn wir von der
Mahlzeit nach Hause gingen. Und wahrhaftig! schon sah ich auch alles mit doppelten
Augen an, es schienen mir mehrere Fackeln zu brennen, und die ganze Tafel hatte sich
verändert, als Trimalchio wieder anfing und sagte: „Ich bitte dich Plocamus, und du
erzählst nichts? Willst du uns kein Vergnügen machen? Du konntest sonst so schöne
Märchen erzählen, so schön singen, so schöne Auftritte aus Komödien von lauter Honig
mit untermischen. Ach! Ach! Ihr süßen Freuden des Lebens seid alle entflohen!" - „Ja
wohl!" sagte er, „die Räder meines Lebens sind abgelaufen, seit dem ich das Podagra
habe! Da ich noch ein Knabe war, sang ich mir bald die Lunge aus dem Leibe! Was
Tanzen? Was zärtliche Szenen? Was das Putzen anbetrifft, wer war mir gleich, wenn ich
den einzigen Apelles ausnehme?" Darauf hielt er die Hand vor den Mund und zischelte,
ich weiß nicht, was Misshelliges heraus, welches er dann für etwas griechisches ausgab.
Trimalchio, nachdem er die Flöten nachgemacht hatte, blickte seinen Liebling zärtlich an,
und schmeichelte ihm mit dem Namen Kroesus. Nun wickelte dieser triefäugige Junge
ein schwarzes Hündchen mit abscheulichen Zähnen, das noch über dieses ekelhaft fett
war, in eine grüne Binde, legt' ihm ein halbes Brot auf dem Bette vor, und ließ es davon
bis an den Hals sich voll essen. Trimalchio erinnerte sich dabei seines Skylax und befahl,
dass man ihn gleich herbei bringen sollte, die Wache seines Hauses und seiner Familie.
Den Augenblick wurde ein entsetzlicher Kettenhund herbeigeführt, und da ihm der
Türhüter mit dem Fuße zu verstehen gegeben hatte, dass er sich niederlegen sollte, so
setzte er sich vor die Tafel hin. Trimalchio warf ihm ein Stück Kuchen entgegen und
sagte: „Niemand in meinem ganzen Hause liebt mich so sehr wie dieser Hund." Dem
Triefauge verdross es, dass er den Skylax so unmäßig lobte, er tat sein schwarzes Tier auf
die Erde und hetzte es. Skylax gebrauchte seinen Hundsverstand, erfüllte mit dem
gräulichsten Gebelle den ganzen Saal und hätte beinahe das Margaritchen des Krösus
zerrissen. Dieser Lärm wurde noch vergrößert, ein Leuchter fiel auf den Tisch, machte
alle kristallenen Gefäße kurz und klein und bespritzte einige Gäste mit glühendem Öle.
Trimalchio, damit es nicht schien, als ob er sich was daraus machte, küsste den Jungen
und befahl ihm, auf seinen Rücken zu steigen. Dieser säumte sich nicht lange, stieg aufs
Pferd, schlug ihm mit der flachen Hand auf die Schultern und schrie lachend: Hocke!
Hocke Mäste! Wie viel hast du Gäste? Nachdem Trimalchio wieder abgesattelt war, ließ
er einen großen Becher anfüllen und befahl, dass alle Sklaven zu unsern Füßen daraus
trinken sollten, mit der Bedingung, dass, wenn einer nicht trinken wollte, man ihm den
Becher auf den Kopf schütten sollte. Bisweilen muss man streng sein, sagte er, und
bisweilen scherzen.

Nach dieser Leutseligkeit wurden Leckerbissen aufgetragen, vor welchen, ihr könnt mir
glauben! die Erinnerung mir noch jetzt einen Ekel verursacht. Einige gestopfte Hennen
wurden statt der Krammetsvögel mit gefüllten Eiern herumgetragen. Mit einer Miene
voll Majestät bat uns Trimalchio, dass wir sie speisen möchten, indem er hinzufügte, es
seien ausgebeinte Hennen. Unterdessen klopfte ein Häscher an die Türen und ein Gast in
einem weißen Kleide, mit einem großen Haufen umgeben, trat herein. Erschrocken von
seiner Herrlichkeit glaubt' ich, der Prätor käme herein. Ich wollte aufstehen und mit
bloßen Füßen auf den Boden treten. Agamemnon lachte über meine Furcht und sagte:
Mäßige dich Närrchen! Es ist Habinnas, auch ein Amtmann, der zugleich ein großer
Steinmetz ist und die Grabmale vortrefflich zu machen weiß. Dadurch erhielt ich wieder
frischen Mut, nahm meine vorige Lage wieder ein und betrachtete den Habinnas mit
großer Verwunderung. Er aber schon trunken legte die Hände auf die Schultern seiner
Frau. Auf seinem Haupte waren einige Kränze und Salbe floss ihm von der Stirne in die
Augen. Nun setzt' er sich an den Ehrenplatz und forderte gleich Wein und lauliches
Wasser. Trimalchio ergötzte sich darüber, dass er so lustig war, forderte selbst einen
größeren Becher und fragte, wie ihm das Gastmahl gefallen hätte, wo er herkäme. „Wir
hatten alles", gab er zur Antwort, „außer dich nicht; denn meine Augen waren immer
hier. Beim Herkules! Wir haben recht herrlich gelebt. Scissa hat seinem Sklaven Misellus
zum Angedenken einen Leichenschmaus gegeben, welchem er bei seinem Tode die
Freiheit gab. Er hat eine reiche Erbschaft getan, denn man schätzt sein Vermögen auf
fünfzigtausend. Aber wir haben uns recht wohl befunden, ob wir gleich die Hälfte Wein
auf seine Gebeine gießen mussten."

„Was habt ihr denn zur Mahlzeit gehabt?" fragte Trimalchio.


„Ich will dir's sagen, wenn ich kann; denn ich habe ein so gutes Gedächtnis, dass ich oft
meinen Namen vergesse. Unterdessen glaub' ich, dass wir zuerst ein bekränztes Schwein
gehabt haben, welches mit Bratwürsten, wohlzugerichteten Vögeln, Mangold und
schwarzem Brote gefüllt war. Dieses letztere ess' ich lieber, als das weiße, denn es gibt
Kräfte, und an mir lass' ich gewiss nichts fehlen. Das zweite Gericht bestand aus kalten
Torten, welche mit warmen vortrefflichen spanischen Honig übergössen waren. Von der
Torte aß ich zwar auch nicht allzu wenig, aber an dem Honige könnt' ich mich gar nicht
satt essen. Von dem Erbsen- und Bohnensalat hab' ich wenig zu mir genommen; denn
Calva hat mir es geraten, desgleichen auch wenig Obst, aber doch hab' ich ein paar Äpfel
aufgehoben. Siehe! Hier sind sie in meinem Tischtüchlein; denn wenn ich meinen kleinen
Sklaven nicht was mitbringe, so zankt er mit mir. Mein Schatz erinnert mich auch allezeit
daran. Darauf wurden wir mit einer Keule von einem jungen Bär bedient und da meine
Scintilla unvorsichtigerweise davon gegessen hatte, spie sie bald Lunge und Leber darauf
aus. Ich aber habe mehr als ein ganzes Pfund davon zu mir genommen, es hatte völlig
den Geschmack von Schwarzwildbret. Wenn der Bär das Menschlein frisst, sagt' ich, wie
vielmehr muss das Menschlein den Bär essen? Kurz! Wir hatten weichen Käse und
Weinsuppe und Schnecken und Gehacktes und Leber und gefüllte Eier und Rüben und
Senf und alles in der Art von großen Schüsseln, welche Palamed erfunden hat, wofür es
ihm ewig wohl gehen müsse! - Darauf wurden Austern in einem großen Becken
herumgetragen, nach welchen wir mit Fäusten drein griffen, denn den Schinken hatten
wir wieder fortgeschickt. –

Aber sage mir doch, mein lieber Gaius, warum ist denn Fortunata nicht am Tische?" -
„Kennst du sie noch nicht?" sagte Trimalchio, „sie nimmt nicht eher einen Tropfen
Wasser in den Mund, als bis sie alles, was zur Mahlzeit gehörig ist, in Ordnung gebracht
und die Überbleibsel unter die Knaben ausgeteilt hat." „Den Augenblick geh' ich weg",
sagte Habinnas, „wenn sie sich nicht hersetzt!" und da er schon anfing, aufzustehen, so
liefen alle Bedienten nach der Fortunata. Sie kam also herbei. Sie war mit einer gelben
Brustbinde so hoch aufgeschürzt, dass man ihr kirschfarbenes Unterröckchen sehen
konnte und ihre von Silber geflochtene Bänder um die Beine und ihre mit Gold
gestückten Pantoffeln. Dann wischte sie mit einem Schweißtuche, welches an ihrem
Busen hing, ihre Hände ab und setzte sich auf das Bett neben Scintilla, der Gemahlin des
Habinnas; küsste diese, da sie vor Freude die Hände zusammenschlug, und rief mit
zärtlicher Stimme: „Bist du's denn wirklich?"
Nun tat Fortunata ihre von Golde starrende Armbänder herab und wies sie der Scintilla,
welche sie sehr bewunderte. Endlich löste sie auch ihre Beinbänder herab und ihr
Haarnetz, von welchem sie rühmte, dass es aus den feinsten Goldfäden verfertigt sei.
Trimalchio bemerkte dieses alles und befahl, alles herbeizubringen. „Ihr sehet hier, sagte
er, ihre guten Fußketten! So lassen wir Narren uns von ihnen berauben. - Sie müssen
sechs und ein halbes Pfund haben; und ich selbst habe noch über dieses ein Armband für
sie, welches zehn Pfund wiegt, wozu ich einige Interessen angewendet habe." Endlich
musste man ihm sogar noch eine Waage bringen, damit man nicht glauben möchte, er
löge - und nun wog er alles nacheinander. Nicht besser macht' es Scintilla. Diese zog eine
goldene Kapsel von ihrem Halse, welche sie ihre Felicion nannte, und brachte noch zwei
von den größten Perlen hervor und gab sie der Fortunata eben so zu betrachten. „Dies ist
ein Geschenk von meinem lieben Männchen, sagte sie, kein Mensch kann sie besser
haben!" - „Du hast mir lange genug in den Ohren gelegen", sagte dieser, „damit ich dir
diese Bohne von Glas kaufen möchte und hast mich beinahe dadurch zum Bettelmanne
gemacht. - Wahrhaftig! Wenn ich eine Tochter hätte, wollt' ich ihr die Ohrenläppchen
abschneiden. Wenn die Weiber nicht wären, so würden wir das alles für Kot halten.
Nunmehr aber ist's so unumgänglich, als warm pissen und kalt trinken." Obgleich die
Damen darüber betroffen waren, so lachten sie doch dazu, und küssten sich schon beide
betrunken, indem die eine rühmte, was sie für eine gute Hausmutter, und die andre, was
ihr Mann für ein gutes Närrchen sei. - Da sie noch aneinanderhangen, so stand Habinnas
heimlich auf, ergriff die Füße der Fortunata und legte sie aufs Bett. „Ach! Ach!" schrie sie,
wie wenn sie ins Wasser fiel, indem sich ihr Unterröckchen bis über die Knie hinaufschlug
- und in diesem Zustande verbarg sie ihr aufglühendes Gesicht in dem Schoße ihrer
Scintilla.

Nicht lange darnach befahl Trimalchio, dass der Nachtisch herbeigebracht würde. Die
Sklaven trugen alle Tische fort und brachten andere an deren Stelle und bestreuten den
Saal mit roten und gelben Sägespänen und, welches ich niemals gesehen hatte, mit
glänzendem Staube von Spiegelsteinen. Trimalchio sagte darauf: „Ich konnte zwar mit
dem letzten Gerichte zufrieden sein, denn es war statt des Nachtisches; aber wenn du
was Gutes hast, so bring es her." Unterdessen fing ein alexandrinischer Bube, welcher
mit laulichem Wasser bediente, an, die Nachtigall zu machen. Plötzlich aber schrie
Trimalchio: „Was anders!" Da kam denn wieder was Neues. Ein Sklave, welcher zu den
Füßen des Habinnas saß, schrie augenblicklich darauf, vermutlich auf Befehl seines
Herrn, mit heller Stimme: „Unterdessen war schon auf der Höhe des Meeres Aeneas Mit
der Flott' und die Reise gewiss usw."
Kein misshelligerer Ton bat jemals so meine Ohren zerrissen! Denn außer diesem sang
der Barbar bald hoch und bald tief und mischte Gassenliederchen mit ein, dass mich
damals zum erstenmal sogar Vergil beleidigte. - Da er nun endlich aus Müdigkeit nicht
mehr fortschrie, sagte Habinnas: „Hat er's gelernt? Man muss ihn auf den Markt
schicken, dort wird er seinesgleichen nicht haben, er mag entweder die Mauleseltreiber
oder Quacksalber nachahmen wollen. - Wenn er in Not steckt, so ist er der
verschlagendste Kopf. Er ist Schuster, Koch, Bäcker und kann bei jeder Kunst einen
Bedienten abgeben; doch hat er zwei Fehler an sich, und wenn er diese nicht hätte; so
würd' er ganz ohne allen Tadel sein. Er bekommt bisweilen den Schuss in den Kopf und
schläft gerne. Dass er schieläugig ist, hat nichts zu bedeuten; das ist auch Venus, und
deswegen verschweigt er nichts. Ich kauft' ihn auch, wie einen Einäugigen für hundert
Taler."

Hier unterbrach ihn Scintilla und sagte: „Du Schelmchen verschweigst noch vieles von
ihm! Er ist auch in der Schule der Buhlereien gewesen, aber ich will ihn schon dafür
bezahlen! Du Schielauge du! Ich lasse dir noch ein Kreuz auf die Stirne brennen!"
Trimalchio lachte und sagte: „Ich erkenn' ihn selbst für einen Erzschalk. Er schlägt nichts
aus! Und beim Herkules! Er tut recht dran, denn er hat seinesgleichen nicht! Du aber,
liebe Scintilla, darfst nicht so eifersüchtig sein! Glaube nur sicherlich, dass wir euch auch
kennen! Ebenso, so wahr ich Trimalchio bin, pflegt' ich auch die schöne Ammra
anzugreifen, dass so gar mein Herr einen Verdacht deswegen schöpfte und mich auf
einen Meierhof verwies. - Aber sei stille, Zunge! Ich will dir was zu essen geben!" - Dieser
heillose Sklave, eben, als wenn er gelobt worden wäre, zog ein Pfeifchen aus dem Busen
und macht' es länger als eine halbe Stunde den Flötenbläsern nach und Habinnas
accompagnierte ihn, und drückte mit dem Finger die untere Lefze darnach. Endlich trat
er gar mitten in den Saal und machte, wie ein Pickelhering bald die Kantoren und bald
mit einer Peitsche die Mauleseltreiber nach, bis ihn endlich Habinnas zu sich rief, ihn
küsste, ihm den Becher reichte und zu ihm sagte: „Trefflich und vortrefflich! Massa, du
sollst ein Paar Stiefel haben." - Aus Verdruss würd' ich noch davongelaufen sein, wenn
nicht noch der Nachtisch dieses Gewäsch unterbrochen hätte. Er bestand aus einer
Pastete von Krammetsvögeln, getrockneten Trauben und eingemachten Nüssen. Darauf
folgten Quitten mit Zimt gespickt, damit sie wie Igel aussehen sollten. Dieses wäre noch
erträglich gewesen, wenn nicht noch ein ungeheureres Gericht darnach wäre gebracht
worden, vor welchem der hungrigste Kerl Meilenweit davongelaufen wäre. Denn da wir
glaubten, eine gestopfte Gans stehe da und Fische und allerlei Arten von Vögeln darum,
so sagte Trimalchio: „Alles was ihr sehet, ist aus einem Leibe gemacht." Ich nämlich, als
der erfahrendste Kerl in dergleichen Sachen, wusste gleich, was es wäre, und sagte dem
Agamemnon: „Es ist sehr schön, wenn es nicht von Wachs gemacht ist! Zu Rom hab' ich
in den Saturnalien eben solche Statuen von Gerichten gesehen."
Ich hatte noch nicht aufgehört zu reden, als Trimalchio sagte: „Ich will was darauf
wetten, wenn mein Koch das nicht alles von einem Schwein gemacht hat, ohne sonst
etwas. Er ist der kostbarste Kerl von der Welt. Wenn ihr es verlangt, so macht er aus
einem Saumagen einen Fisch, aus Speck einen Baum, aus dem Schinken eine
Turteltaube, aus den Eingeweiden eine Henne; und nach meiner Erfindung hat er den
schönsten Namen deswegen erhalten, denn er heißt Daedalus; und weil er ein so guter
Kerl ist, so hab' ich ihm aus Rom ein paar norische Messer mitgebracht." - Gleich ließ er
sie bringen, sah sie an, und bewunderte sie, und gab uns die Erlaubnis dazu, dass wir sie
an unsern Bärten versuchen könnten. - Plötzlich traten lärmend zwei Sklaven in den Saal,
als wenn unter ihnen ein Streit im Weinkeller entstanden wäre. Noch hatten sie Flaschen
an ihren Hälsen hängen, und wie Trimalchio ihren Streit entschieden, so wollte keiner
von ihnen die Entscheidung befolgen, sondern sie schlugen einander die Flaschen
entzwei. - Wir erschraken über die Frechheit dieser Besoffenen und sahen ihrem Streite
zu. - Aus ihren Flaschen fielen allerlei Arten von Muschelfischen, welche ein Knabe auflas
und in einer Schüssel herumtrug. - Das große Genie unter den Köchen, der Koch übertraf
noch diese witzigen Einfalle. Er brachte in einen silbernen Schüsselchen Schnecken
herbei und sang mit einer jämmerlichen und erbärmlichen Stimme dazu. Ich schäme
mich beinahe, das folgende zu erzählen. Ungewöhnlicherweise brachten schöne hübsche
Jungen mit langen Haaren in silbernen Becken Salbe und salbten die Füße der Gäste
damit, da sie vorher Schenkel, Waden und Fersen mit Blumenkränzen umwunden
hatten. Darauf gossen sie von eben dieser Salbe in die Weingefäße und Lampen. Schon
wollte Fortunata tanzen, schon klatschte Scintilla mehr, als sie sprach, als Trimalchio rief:
„Ich erlaub' euch Philargyrus und dir Karrio, der du ein so tapfrer Anhänger der Grünen
Zirkuspartei bist, euch an den Tisch zu setzen! Sage deiner Konkubine Minophila, dass sie
es eben so mache. Was soll ich alles weitläufig erzählen? Beinahe wurden wir aus unsern
Lagern vertrieben, soviel hatte das Gesinde von dem Tische eingenommen. Das hab ich
nicht vergessen, dass der Koch, der aus einem Schweine eine Gans gemacht hatte, über
mir saß und die ganze Küche aus sich dünstete. Er war nicht damit allein zufrieden, dass
er am Tische saß, sondern fing gleich an, den Thespis, den ersten Komödianten,
nachzumachen und wollte dann immer mit seinem Herrn wetten, dass er in dem
nächsten Wettrennen in einem grünen Rocke den ersten Preis davontragen würde.

Trimalchio zerfloss in Vergnügen bei dieser Aufforderung und sagte: „Meine Freunde!
Die Sklaven sind doch auch Menschen und haben ebenso wie wir Weibermilch
getrunken! Und wenn sie gleich ihr böses Schicksal verfolgt, so sollen sie doch, so wahr
ich lebe noch freie Luft genießen! Kurz, ich mache sie in meinem Testamente alle frei!
Dem Philargyrus vermach' ich ein Gut und seine Konkubine. Dem Karrion eine Insel und
den Zwanzigsten und ein gemachtes Bett. Fortunaten setz' ich zu meiner Haupterbin ein
und empfehle sie allen meinen Freunden. Dieses eröffne ich alles deswegen, damit mich
mein Gesinde jetzt schon so liebt, als wenn ich gestorben wäre." –
Alle bedankten sich für die Wohlgewogenheit ihres Herrn, er setzte den Scherz beiseite
und befahl, dass man ihm sein Testament herbringen sollte, und las es dann vom
Anfange bis zu Ende. Das ganze Gesinde seufzte unterdessen.
Nach diesem sah er den Habinnas an und fragte: „Was sagst du, liebster Freund, dazu?
Willst du mir noch mein Grabmal aufrichten, so wie ich es dir befohlen habe? - Ich bitte
dich aber sehr, dass du an den Fuß meiner Statue ein Hündchen machst und Kränze und
Salben und alle meine gewonnenen Schlachten, damit ich durch dich so glücklich sei,
noch nach meinem Tode zu leben. Oben muss es hundert und unten zweihundert Fuß
haben. - Alle Arten von Obstbäumen sollen um meine Asche gepflanzt werden! Denn es
würde sehr ungereimt sein, wenn ich bei Lebzeiten meine Wohnungen so schön
ausgeziert hätte und diejenigen öde liegen lassen wollte, wo ich so lange wohnen muss.
Vor allen Dingen muss noch diese Aufschrift dabei sein:

DIESES MONUMENT SOLL KEINEN ERBEN HABEN

Übrigens werd' ich in meinem Testamente darauf bedacht sein, dass man mich nach
meinem Tode nicht beschimpfe. Deswegen will ich einen Freigelassenen über mein
Grabmal setzen, der verhüten soll, dass der Pöbel nicht irgend darauf seine Notdurft
verrichte. Noch bitt' ich dich, dass du Schiffe mit vollen Segeln darauf gehend machest
und mich auf einem Richterstuhle in einem Gewände mit Purpurstreifen und mit fünf
goldenen Ringen, so, dass ich aus einem Säckchen Gold unter das Volk auswerfe; denn
du weißt, dass ich öffentliche Mahlzeiten gegeben habe und jedem Gast zwei
Goldstücke. Du kannst, wenn du willst, einen Speisesaal dazu machen und das ganze Volk
daran, wie es sich gütlich tut.

Zu meiner rechten Seite aber mache mir die Statue meiner For-tunata, wie sie ein
Täubchen in der Hand hält und ein Hündchen an einem Gürtel führt und meinen Kikaron
und Flaschen in Menge, die alle vergipst sein müssen, damit der Wein nicht her auslaufe.
Eine davon kannst du wohl auch zerbrochen vorstellen und über sie einen weinenden
Knaben. Eine Uhr aber in die Mitte, damit, wer die Stunde daran sehen will, er mag
wollen oder nicht, meinen Namen daran lese. Was die Grabschrift betrifft, so bitt' ich
dich mir zu sagen, ob dir diese hinlänglich zu sein scheint:

Hier ruhet C.Pompeius Trimalchio Maecenatianus. In seiner Abwesenheit wurde er zum


Sevir erwählt. Und da er jedes Amt erhalten konnte, wollte er es doch icht. Er war
fromm, tapfer, treu. Sein Anfang war klein, sein Ende groß. Dreißig Millionen hat er
hinterlassen und niemals einen Philosophen gehört. Auch du lebe wohl!

Wie er dieses gesagt hatte, so vergoss er häufig Tränen; auch Fortunata weinte; und
endlich weinte das ganze Gesinde und erfüllte mit seinem Geheule den ganzen Saal, als
wenn sie schon zu seiner Leiche wären gebeten worden. Ich selbst musste mit zu weinen
anfangen; und hier rief denn Trimalchio auf einmal aus: „Da wir so gut wissen, dass wir
sterben werden, warum wollen wir denn nicht leben? Ihr sollt alle glücklich sein! -
Kommt! Werfen wir uns ins Bad! Auf meine Gefahr! Es soll euch nicht gereuen! Es ist so
warm drinnen, wie in einem Ofen." - „Recht so! Recht so!" rief Habinnas, „das ist mir was
Leichtes, aus einem Tage zweie zu machen!" Darauf stand er barfuß auf und folgte dem
Trimalchio, der vor Freuden nicht wusste, wie er gehen sollte. Darauf wand' ich mich zu
dem Ascylt und fragt' ihn: „Was denkest du dabei? Wenn ich nur das Bad ins Gesicht
bekomme, so werd' ich schon des Todes sein." - „Wir wollen tun, als wenn wir mitgehen
wollten", sagte er, „und indem sie ins Bad gehen, unter dem Getümmel
hinausschleichen." Da wir darinnen einerlei Meinung waren, so musst' uns Giton durch
die Galerie führen, bis wir zur Tür kamen. Daselbst fiel uns der Kettenhund so wütend an,
dass Ascylt in einen Fischbehälter fiel; und ich, der nicht viel nüchterner war und sogar
vor dem gemalten Hunde mich schon gefürchtet hatte, fiel hinter ihm drein, da ich ihm
helfen wollte. Der Pförtner rettete uns noch, welcher durch seine Ankunft den Hund
stillte, und uns, die wir wie Espenlaub zitterten, ins Trockene zog. Giton hatte sehr
klüglich den Hund für sich eingenommen, denn er warf ihm alles vor, was er von uns bei
der Mahlzeit empfangen hatte und besänftigte ihn dadurch.

Da wir nun endlich halb erfroren uns von dem Pförtner ausbaten, dass er uns zur Tür
hinausbringen möchte, so sagte er: „Ihr irret euch, wenn ihr glaubt, ihr könntet da
wieder hinausgehen, wo ihr hereingekommen seid. Noch kein einziger Gast ist zu eben
der Tür hinausgegangen, durch welche ei hereingekommen ist; da gehet man herein und
dort hinaus."

Was sollten wir anfangen, wir Unglückseligsten? Wir waren in eine neue Art von
Labyrinth eingeschlossen. Es war kein anderes Hilfsmittel übrig - wir mussten uns baden.
Wir baten ihn also von freien Stücken, dass er uns ins Bad bringen möchte. Wie wir da
waren, so warfen wir unsere Kleider von uns, welche Giton am Eingange trocknen sollte,
und gingen ins Bad. Es war sehr schmal und einer Zisterne gleich, wo man sich zu
erfrischen pflegt. Trimalchio stand gerade darinnen; wir konnten auch hier nicht
vermeiden, seine Prahlereien anzuhören. Er sagte: „Es ist nichts besser, als wenn ihrer
wenige sich baden! Sonst hat hier ein Backhaus gestanden." Dann setzt' er sich vor
Müdigkeit nieder. Das ganze Bad gab dadurch einen Klang von sich. Darauf hob er
begeistert sein trunkenes Haupt empor und fing an, die Lieder des Mäcen zu verhunzen,
wie mir diejenigen sagten, welche seine Sprache verstanden. Die anderen Gäste tanzten
um seine Badezelle mit zusammengeschlungenen Händen in einem Kreise herum und
schrien so entsetzlich, dass das ganze Haus darüber einfallen wollte. Andere versuchten,
ob sie mit zusammengebundenen Händen Ringe von dem Boden aufheben, und noch
andere, ob sie mit vorgebogenen Knien den Kopf rückwärts bis auf die Fersen beugen
könnten. Indem diese ihre Spielereien machten, gingen wir in eine Badstube, wo dem
Trimalchio eingefeuert wurde. Hier fingen unsere Köpfe an, ein wenig leichter zu
werden, und man führte uns in ein anderes Zimmer, in welchem Fortunata ihre
Kostbarkeiten ausgekramt hatte. Ich bemerkte bei dem Glänze von kristallenen
Leuchtern Fischer aus Bronze gegossen, Tische von gediegenem Silber, mit Gold
überzogene Becher und Schläuche, woraus Wein floss. Dann kam Trimalchio und sagte:
„Meine Freunde, heute lässt sich mein Sklave zum erstenmal den Bart abscheren. Es ist
ein gutherziger und braver Kerl und ich lieb' ihn sehr. Also lasst uns ihn einweihen und
bis an den hellen lichten Tag trinken!" –

Wie er das sagte, schrie der Hahn. Trimalchio wurde darüber bestürzt und befahl, dass
man Wein unter den Tisch gießen und die Lampen damit bespritzen sollte. Ja, er steckte
sogar einen Ring von seiner linken an seine rechte Hand und sagte: „Vergeblich hat
dieser Wächter kein Zeichen gegeben; denn entweder wird eine Feuersbrunst entstehen,
oder jemand wird in der Nachbarschaft seinen Geist aufgeben. Die Götter mögen uns
gnädig sein! Wer diesen Propheten bringt, soll eine Krone erhalten!" Er hatte noch nicht
ausgeredet, so wurde der Hahn schon gebracht. Trimalchio befahl, dass man ihn gleich in
einem Kessel kochen solle. Der gelehrte Koch, welcher kurz vorher aus einem Schweine
Vögel und Fische gemacht hatte, machte nicht viel Federlesens mit ihm und schmiss ihn
auf einen Rost, und indem Daedalus ihn mit siedenden Brühen begoss, malte Fortunata
in einer Handmühle von Buchsbaum Pfeffer. Wie der Rest von dem Nachtische gänzlich
aufgezehrt war, so wandte sich Trimalchio zu seinem Hausgesinde und sagte: „Und ihr
habt noch nicht gegessen meine Kinder? Geht und lasst andere an eure Stelle kommen!"
-
Nun kam eine andere Bande. Jene schrieen: „Lebe wohl, Gaius!" Und diese: „Sei
gegrüßet, Gaius!" Hier wurde die Freude zuerst gestört, denn da ein schöner Junge unter
den neuen Bedienten hereingetreten war, so ergriff ihn Trimalchio und konnte sich gar
nicht satt an ihm küssen. Hier fing Fortunata an, welche hier augenscheinlich ihren
Verdacht bekräftigen konnte, auf den Trimalchio zu schimpfen, nannt' ihn einen
schmutzigen, garstigen Mann, der seine Geilheit nicht im Zaume halten könne, und
zuletzt sagte sie noch: „Du geiler Hund!" - Trimalchio, durch diese Schimpfworte
beschämt und im höchsten Grade beleidigt, warf einen Becher gerad' ihr ins Gesicht.
Diese schrie nun ganz erbärmlich, als wenn er ihr ein Auge aus dem Kopf geworfen hätte,
und hielt ihre zitternden Hände vors Gesicht. Scintilla selbst wurde sehr darüber bestürzt
und drückte sie halb ohnmächtig an ihren Busen. Ein gutwilliger Knabe brachte einen
Krug frisches Wasser herbei und hielt es ihr an die Backe; Fortunata hielt ihr Gesicht
darüber und seufzte und weinte. Trimalchio hingegen sagte: „Was bildet sich die Hure
ein, dass sie mich so behandeln will? Aus dem Backhause hab' ich sie herausgezogen und
unter die Menschen gebracht! Jetzt bläst sie sich wie ein Frosch auf; aber sie speit sich
selbst auf ihren Busen. Ein Stück Holz ist sie, kein Weib. Aber es hat seine Richtigkeit, ein
Mistfink wird sich niemals in die große Welt schicken. Nicht eher will ich mich ruhig zu
Bette legen, als bis ich diese großsprecherische Kassandra gedemütigt habe. Wie ich
noch ein geringer Bursche war, könnt' ich schon ein Weib von hundert tausend Talern
heiraten. Du wirst wohl wissen, dass ich keine Lüge sage. Gestern führte mich der
Salbenhändler Agathon beiseite und sagte mir: ,Ich bitte dich, lass doch dein Geschlecht
nicht untergehen.’ Aber indem ich dieser alles Liebe und Gute tue und nicht flatterhaft
scheinen will, so hab' ich mir selbst die Faust ins Gesicht geschlagen. Nach meinem Tode
wirst du mich wieder mit den Fingernägeln auskratzen wollen! Dann wirst du einsehen,
wie unvernünftig du jetzt gehandelt hast. Habinnas, nun sollst du ihre Statue nicht mehr
auf mein Grabmal bringen; sie dürfte sich nach meinem Tode noch mit mir zanken
wollen! Und damit sie erfahren möge, dass ich ihr schaden kann, so befehl' und verordn'
ich hiermit, dass sie, wenn ich gestorben bin, mich nicht küssen soll."

Nach diesen Donnerschlägen fing Habinnas an, für sie zu bitten und beschwor ihn, dass
er doch wieder aufhören möchte zu zürnen, und sagte: „Es ist niemand unter uns, der
nicht fehle! Wir Menschen sind ja keine Götter!" Scintilla sagte das nämliche und weinte
dazu und sagte zuletzt: „Ich beschwöre dich bei ihrem Schutzgeiste, lieber Gaius, sei
nicht unerbittlich!" Darauf weinte Trimalchio wie ein Kind und sagte: „Habinnas, es
müsse dir wohl gehen! Wenn ich zuviel getan habe, so speie mir ins Gesicht! Ich habe
dem allerbesten Knaben ein paar Küsse gegeben, nicht weil er schön, sondern weil er so
gutherzig, so ehrlich ist. Er kann zehn Reden halten! Er liest sein Buch ohne Anstoß weg!
Er steckt seine täglichenGeschenke in eine Sparbüchse! Er hat sich ein Kästchen
angeschafft, worin er sich das aufhebt, was er nicht isst und einige Fläschchen dazu, was
er nicht trinkt! Ist er nicht wert, dass ich ihn unter meinen Augen leide? Aber Fortunata
will's nicht haben. Und weswegen du Krummbein? Nun, so friss immer alles weg, du
Habicht! Aber mache mich nicht toll, kleine Hure! Sonst wirst du erfahren, wer ich bin!
Du kennst mich und weißt sehr wohl, dass das, was ich einmal beschlossen habe, so fest
ist, als wenn es mit den längsten Nägeln angenagelt wäre! - Aber bedenken wir, dass wir
leben! - Seid vergnügt, meine Freunde! Ich bitt' euch darum! Ich war eben das, was ihr
seid! Bloß durch meinen Verstand hab' ich's so weit gebracht. Unser Herzchen macht uns
zu Menschen, das übrige ist alles nichts! Ich kaufe wohl und verkaufe wohl! Ein andrer
mag euch das übrige sagen! Ich möchte vor Glückseligkeit zerbersten! Du aber,
Schnarcherin, weinst du noch immer? Warte nur, ich will dir schon noch Ursache dazu
geben! - Aber um in meiner Erzählung fortzufahren! Zu diesem Glücke hat mich meine
Sparsamkeit gebracht. Wie ich aus Asien kam, war ich nicht größer als dieser Leuchter.
Kurz, ich pflegte mich täglich mit ihm zu messen, und damit ich bald einen Bart bekäme,
so salbt' ich mich aus dieser Lampe. Unterdessen war ich vierzehn Jahre, die Geliebte, die
Wollust meines Herrn; denn warum sollt ich es nicht gestehen? Was der Herr befiehlt, ist
nicht schändlich. Aber doch tat ich auch der Gemahlin dabei Genüge. Ihr versteht mich!
Ich schweige davon, weil ich mich nicht gern selbst rühme.
Darauf wurde ich nach dem Willen der Götter selbst Herr im Hause, und da fing ich an zu
merken, dass ich Gehirn im Kopfe hatte. Was soll ich weitläufig sein? Dadurch wurde ich
sein Erbe zugleich mit dem Kaiser und nahm seine Güter und Würden im Besitz. Aber
sagt mir, wann hat jemals ein Mensch genug? - Ich hatte Lust, Handel zu treiben. Ich will
euch nicht lange aufhalten. Ich rüstete fünf Schiffe aus, belastete sie mit Wein, das war
soviel als bares Geld; und ließ sie nach Rom absegeln. Eben so, als wenn ich es befohlen
hätte, litten alle fünfe Schiffbruch. An einem Tage verschlang Neptun über drei
Millionen. Glaubt ihr, dass ich den Mut verloren habe? Nein, beim Herkules! Das alles
war mir wie nichts! Ich ließ größere und bessere und glücklichere bauen, damit jeder
sagen müsste, ich sei ein mutiger Mann. Ihr wisst, je größer die Schiffe sind, desto mehr
Stärke haben sie. Ich belastete sie wieder mit Wein, Speck, Bohnen, Salben und Sklaven.
- Hier tat Fortunata eine großmütige Handlung, denn sie verkaufte allen ihren Schmuck
und alle ihre Kleider und gab mir hundert große Goldstücke in die Hände, die gleichsam
der Sauerteig zu meinem Vermögen waren. Was die Götter wollen, geschieht geschwind.
Auf einer Fahrt gewann ich eine ganze Million. Ich löste alle Grundstücke meiner
Erbschaft wieder ein, baute Häuser, kaufte Zugvieh zum Verkaufe. Was ich nur berührte,
nahm zu wie eine Honigscheibe. Endlich da ich mehr hatte als mein ganzes Vaterland -
weg damit dann! Ich entschlug mich des Handels und schoss den Freigelassenen
Kapitalien auf Zinsen vor. Endlich da ich alles mein Gewerbe wollte liegen lassen, so kam
ein Mathematikus in unsere Stadt, ein Grieche, namentlich Serapio, ein von den Göttern
begeisterter Mann, und beredte mich wieder dazu. Er sagte mir alles vom Anfange bis
zum Ende, was ich getan und schon wieder vergessen hatte. Er kannte alles an mir, sogar
bis auf meine Eingeweide und hätte mir sagen können, was ich gestern gegessen hätte.
Man konnte glauben, er sei von Kindesbeinen an nicht von mir weggekommen.

Warst du nicht dabei, Habinnas, als er mir einst sagte: „Du hast deine Frau zu dem Herrn
deines Vermögens gemacht! Du bist nicht glücklich in der Wahl deiner Freunde!
Niemand wird dir dankbar sein! Du besitzest weitläufige Ländereien! Du ernährest eine
Schlange in deinem Busen! - Und warum soll ich es nicht sagen? Du hast noch
zweiunddreißig Jahre, vier Monate und zwei Tage zu leben! In kurzem wirst du eine
Erbschaft erhalten! - Dieses verkündigte mir mein Wahrsager. Wenn ich meine Güter
noch mit Apulien verbunden habe, so werd' ich reich genug sein. Unterdessen hab' ich
unter dem Schutze des Merkur dieses Schloss gebaut. Wie ihr wisst, war es eine Hütte,
jetzt kann es eine Wohnung der Götter sein. Es hat vier Speisesäle, zwanzig Zimmer mit
Schlafgemachen, zwei Galerien von Marmor, in der Höhe viele Zimmer für Bediente und
Hausgeräte, ein Schlafzimmer für mich, ein Putzzimmer für diese Otter, ein sehr gutes
Zimmer für den Pförtner und ein Gastzimmer für hundert Gäste. Kurz, wenn Scaurus
hierher kam, so wollt' er sonst nirgends lieber Quartier nehmen, und er hatte selbst am
Strande ein väterliches Landgut. Es sind noch andere Dinge darinnen, welche ich euch
gleich zeigen will. Glaubet mir auf mein Wort! So viel ihr Geld habt, für so viel Geld hält
man euch wert! Hast du Geld, so wirst du auch geschützt. So wurde euer Freund aus
einem Frosche ein König. Stichus bringe mir unterdessen meine Sterbekleider her, in
welchen man mich hinaustragen soll, und Salbe aus jener kostbaren Flasche, wovon
meine Gebeine sollen gesalbt werden." –

Stichus brachte gleich eine weiße und eine mit Purpur besetzte Toga. Wir mussten
darauf alles befühlen, ob es von guter Wolle gemacht sei. Dann sagte er lächelnd:
„Stichus, lass mir ja keine Würmer und Motten hineinkommen, sonst lass ich dich
lebendig verbrennen! Prächtig will ich hinausgetragen werden und das ganze Volk soll
mich segnen." Jetzt öffnete er die Flasche voll Nardenöl und salbte uns alle ein wenig
damit. Ich will hoffen, sagte er, dass mir dieses Öl ebenso angenehme Empfindungen
verursachen werde, wenn ich tot bin, als jetzt, da ich noch lebe." Dann ließ er frischen
Wein einschenken und sagte: „Stellt euch einmal vor, ihr wärt auf meinem
Leichenschmause!" -
Die Sache wurde nun endlich soweit getrieben, dass wir alle den größten Ekel darüber
empfanden. Trimalchio war durchaus besoffen und befahl - wieder ein neuer
Ohrenschmaus! - dass die Waldhornisten herbeigebracht würden. - Er streckte sich der
Länge lang auf seine vielen Kissen, als wenn hier sein Totenbett wäre. „Glaubet nun",
sagte er, „dass ich mausetot sei und sagt etwas Rührendes!" - Die Waldhornisten bliesen
nun ihre kläglichen Leichenstückchen. Insbesondere ließ ein Sklave des
Leichenbestatters, welcher der ehrlichste noch unter diesen zu sein schien, sein Hörn so
stark erschallen, dass die ganze Nachbarschaft davon aufgeweckt wurde. Die Wächter in
dem Teile der Stadt, wo das Haus des Trimalchio war, glaubten, es wäre Feuer darinnen,
brachen schleunig die Türen auf, und mit einem fürchterlichen Getümmel kamen sie, wie
es ihre Pflicht erforderte, mit Äxten und Wassereimern hereingesprungen. Wir bedienten
uns dieser vortrefflichen Gelegenheit, ließen Agamemnon im Stiche und sprangen so
schnell davon, als wenn das ganze Haus wirklich brannte und über uns einfallen wollte.

1. Eine böse Überraschung: Das Schiff gehört Lichas und Tryphaena ist auch auf dem
Schiff (100 -101,6)

100. "Das ist verdrießlich, dass mein Knabe unserem Gast gefällt. Aber wie steht es
denn? Sind nicht die schönsten Naturerzeugnisse Gemeingut? Die Sonne leuchtet für
alle, der Mond, von unzähligen Sternen begleitet, leuchtet sogar den wilden Tieren zu
ihren Futterplätzen. Kann es Schöneres geben als das Wasser? Und doch fließt es für alle
Welt. Soll also nur die Liebe ein Raub sein statt einer Belohnung? Nein, nein! Lieber will
ich kein Glück genießen, wenn mich nicht alle Welt darum beneidet. Ein einziger, zumal
ein Greis, wird mir nicht lästig werden; und wenn er sich wirklich etwas herausnehmen
wollte: sein Atem wird ihn verraten." Das hielt ich mir vor, ohne so recht daran zu
glauben, und täuschte so mein zweifelndes Herz, zog dann den Mantel über den Kopf
und tat, als ob ich schliefe.
Aber plötzlich, als wenn das Schicksal meine Ruhe wieder stören wollte, ertönte eine
klagenden Stimme vom Deck des Schiffes her: "Also hat er mich zum Gespött?" Es klang
wie eines Mannes Stimme, die meinen Ohren fast bekannt vorkam. Mein Herz klopfte
erregt. Darauf hörte ich in gleicher Leidenschaft, ja sogar noch heftiger erregt, ein Weib
die Worte sprechen: "Wenn mir irgendein Gott den Giton in die Hände brächte, wie gut
würde ich den Verbannten wieder aufnehmen!" Uns beiden stand bei diesem so
unerwarteten Gespräch das Herz still. Mir zumal war, als erwachte ich aus einem wüsten
Traum. Ich suchte nach Worten, zog mit zitternden Händen an einem Zipfel seines
Mantels den Eumolpos herum, der schon in Schlaf versunken war, und sagte: "Um Gottes
willen, Eumolpos, wem gehört dieses Schiff, was hat es für Bemannung? Kannst du das
sagen?" Er wurde ärgerlich, dass ich ihn störte, und sagte: "Wünschtest du deshalb, dass
wir den geheimsten Platz unter Deck aufsuchten, um uns keine Ruhe zu gönnen? Was
hat es denn zu bedeuten, wenn ich sage, dass Lichas aus Tarent Herr dieses Schiffes ist,
der die verbannte Tryphaena nach Tarent führt?"

101. Diese Mitteilung traf mich wie ein Donnerschlag, und mich überfiel ein Zittern. Ich
entblößte meine Kehle und sagte: "Fortuna, jetzt hast du mich endlich ganz
überwunden!" Giton hatte sich mir an die Brust geworfen und rang nach Luft. Dann
brach uns Schweiß aus, und wir konnten wieder atmen. Da umklammerte ich die Knie
des Eumolpos und bat: "Hab Erbarmen! Wir sind des Todes. Leiste uns deinen Beistand
als Genosse unserer Bestrebungen! Es naht uns der Tod und kann uns zum Erlöser
werden, falls du ihn nicht verhütest." Eumolpos war von meinem Misstrauen wie
begossen und schwur bei den Göttern und Göttinnen, er wisse nicht, was vorliege, und
habe uns ohne jeden bösen Hintergedanken, nein, aus lauterster Gesinnung und in
ehrlicher Absicht mit auf dieses Schiff geführt, dessen er sich schon früher bedient habe.
"Was gibt es denn", fragte er, "hier für Feindseligkeiten? Wer ist denn der böse Hannibal,
der mit uns fährt? Lichas aus Tarent ist ein höchst achtbarer Mann und Herr nicht nur
dieses Schiffes, das er fährt, sondern auch beträchtlicher Ländereien und eines
Handelspersonals und hat Handelsware gefrachtet. Er also ist der gefürchtete Kyklop, der
Erzbandit, dem wir das Fahrgeld schulden; außer ihm ist da die Tryphaena, ein
wunderschönes Weib, die zu ihrem Vergnügen umherfährt." - "Ja", rief Giton, "das sind
ja gerade die Leute, vor denen wir auf der Flucht sind!" Und damit erklärte er in Hast
dem Eumolpos, der darüber in Erregung geriet, die Gründe ihres Hasses und die
drohende Gefahr.

2. Beratung einer erfolgversprechenden List, um sich, wie Odysseus, aus der "Höhle des
Kyklopen" zu retten (101,7 - 103,4)

Da wurde Eumolpos ganz verwirrt und wusste keinen Rat. Er bat uns daher, ein jeder
möchte seine Meinung sagen. "Nehmt an", sagte er, "wir wären in die Höhle des
Kyklopen geraten! Es gilt, irgendeine Ausflucht zu finden, wenn wir nicht einen
Schiffbruch wünschen wollen, der uns aus aller Not befreit." - "Nein, nein," rief Giton,
"bringe doch den Steuermann dazu, dass er in irgendeinem Hafen anlegt - natürlich nicht
ohne Belohnung - und überzeuge ihn davon, dein Bruder vertrage die Seefahrt nicht und
liege in den letzten Zügen! Du kannst ja diese Täuschung durch erregtes Mienenspiel und
durch Tränen glaublich machen, und dann wird der Steuermann Mitleid fühlen und dir
gefällig sein." - "Das ist unmöglich," sagte Eumolpos, "weil große Schiffe in winkligen
Häfen nicht anlegen, auch ist nicht glaublich, dass mein Bruder so schnell von Kräften
gekommen sei. Dazu kommt, dass Lichas pflichtgemäße vielleicht den Wunsch haben
wird, sich den Leidenden anzusehen. Du siehst ein, wie schön uns das fördern würde, aus
freien Stückchen den Herrn zu den Fliehenden herbeizuholen! Und gesetzt auch den Fall,
das Schiff gäbe seinen notwendigen Kurs auf und Lichas besuchte nicht die Lage der
Kranken: wie könnten wir das Schiff verlassen, ohne von allen gesehen zu werden? Mit
verhülltem Kopf oder mit freiem? Mit verhülltem, wer würde da den schlaffen Leuten
nicht an die Hand gehen wollen? Mit freiem Kopf? Was wäre das anderes, als sich selbst
dem Tod preiszugeben?"

102. "Wie wäre es," sagte ich, "wenn wir es mit einem kühnen Wagnis versuchten, an
einem Tau uns hinabließen in das Boot, das Bindetau zerschnitten und uns im übrigen
dem Zufall überließen? Von Eumolpos fordere ich nicht, dass er an dieser Gefahr
teilnehme. Denn man darf einen Unschuldigen doch nicht in fremde Gefahr stürzen. Ich
bin zufrieden, wenn das Glück uns beim Abstieg günstig ist." - "Der Plan ist nicht übel,"
sagte Eumolpos, "wenn er nur durchführbar wäre! Würde denn irgendeinem die Flucht
verborgen bleiben? Zumal dem Steuermann, der die Nacht über wach bleibt, um den
Lauf der Sterne zu beobachten? Wenn man an irgendeinem anderen Teilen des Schiffes
die Flucht versuchen wollte, könnte man vielleicht den zwar nie Schlafenden täuschen:
nun aber müsste man am Schiffshinterteil, gerade bei dem Steuer hinuntergleiten, von
wo das Tau hinabgeht, an dem die Bootswache hängt. Nur wundere ich mich, Enkolpius,
dass du nicht daran gedacht hast, dass immer, bei Tag und Nacht, ein Seemann in dem
Boot Wachdienst hat. Man kann den Wächter doch nicht durch Mord unschädlich
machen oder gewaltsam ins Meer werfen. Und wenn man es könnte, bedenkt doch, was
für eine verwegene Tat das wäre! Was aber meine Begleitung betrifft, ich schreckte vor
keiner Gefahr zurück, die eine Hoffnung auf Rettung gibt. Ohne Grund aber das Leben
wie eine Gleichgültigkeit dranzugeben, das ist doch wohl eure Absicht nicht. Seht zu, ob
euch vielleicht mein Vorschlag zusagt: ich möchte euch in zwei Felle einpacken, mit
Riemen umschnüren und als Gepäck zwischen meine Kleidungsstücke legen, natürlich für
den Mund Öffnungen lassen, so dass ihr atmen und Speise zu euch nehmen könntet.
Dann würde ich bei Nacht Lärm schlagen und sagen, ihr wäret Sklaven und aus Furcht vor
zu strenger Strafe ins Meer gesprungen. Und dann wollte ich bei der Ankunft in einem
Hafen euch wie Gepäckstücke ohne jede Gefahr hinausschaffen." - "Jawohl," sagte ich,
"uns einschnüren, als wenn wir Klötze wären, als wenn wir nicht Bäuche hätten, die ihre
Notdurft verrichten wollen, als wenn wir nicht niesen und schnarchen müssten!
Vielleicht weil ein solcher Betrug schon einmal gelungen ist? Nimm an, wir könnten die
Fesselung einen Tag aushalten: wie aber, wenn uns Meeresstille oder widriger Wind
länger aufhalten? Was dann? Ein zu lange geschnürtes Gewand bekommt Falten,
angenageltes Papier verändert seine Form: wir jungen Menschen, die wir bisher an
Strapazen nicht gewöhnt sind, sollen uns wie Standbilder Latten und Stricke gefallen
lassen? <...>

Nein, wir müssen noch auf einen anderen Weg der Rettung sinnen! Prüft, was ich
gefunden habe! Eumolpos hat als Schriftgelehrter immer Tinte bei sich. Mit diesem Stoff
wollen wir uns vom Scheitel bis zur Sohle färben. So werden wir dir wie Sklaven aus
Äthiopien zu Diensten sein und dabei frohen Sinnes, weil wir keine Misshandlungen zu
fürchten haben, durch unsere vertauschte Hautfarbe aber unsere Gegner täuschen." -
"Willst du uns", sagte Giton, "nicht lieber auch beschneiden, dass man uns für Juden
hält? Oder die Ohrlappen durchstechen, dass wir den Arabern gleichen? Oder uns die
Gesichter weiß antünchen, dass uns die Gallier für ihre Landsleute halten? Als ob die
Hautfarbe allein die Erscheinung ändern könnte, und nicht vieles widerspuchsfrei
zusammenstimmen müsste, wenn die Täuschung gelingen soll. Angenommen, die
aufgestrichene Farbe hätte längeren Bestand, angenommen, die Wasserspritzer machten
keine Flecken auf der Haut und die Kleidung färbte sich nicht schwarz, während sie doch
so oft auch Flecken vom Rost annimmt, den man nicht geflissentlich in die Nähe bringt,
könnten wir denn den Lippen den widerlichen Schwulst geben? Die Haare mit dem
Brenneisen locken, den Stirnen Narbenwulste geben, und uns krumme Beine einsetzen?
Plattfüßig gehen, den Bärten fremdländische Form geben? Künstliche Färbung besudelt
den Leib, verwandelt ihn aber nicht. Hört, welcher Gedanke mir in meiner Angst kommt:
wir wollen unsere Kleider über die Köpfe binden und uns ins Meer hinabstürzen!"

103. "Davor mögen uns Götter und Menschen bewahren," rief Eumolpos, "dass ihr euer
Leben so schimpflich beschließt! Nein, tut lieber, was ich euch rate! Mein Lohndiener ist,
wie ihr an seinem Rasiermesser gesehen habt, ein Barbier. Der soll euch sofort Kopf und
Augenbrauen rasieren, und ich komme dann und male euch kunstvoll ein Zeichen auf die
Stirn, dass ihr wie gebrandmarkte Sträflinge ausseht. Diese Brandmale werden den
Verdacht der Ermittler beseitigen und gleichsam durch den Schatten einer Bestrafung
eure Gesichter unkenntlich machen."

Bei dieser List blieb es. Wir schlichen uns an einer Seite des Schiffes und überließen
unsere Kopfhaare mit den Augenbrauen dem Barbier zur Bearbeitung. Eumolpos malte
uns beiden riesige Buchstaben auf die Stirn und schrieb mit verschwenderischer Hand
das bekannte Flüchtlingszeichen uns quer durchs Gesicht. Einer der Passagiere, der sich
gerade über Bord lehnte und seinen Magen aus Seekrankheit entlastete, wurde auf den
Barbier aufmerksam, wie er bei Mondschein sein unzeitgemäßes Handwerk betrieb, und
verfluchte die böse Vorbedeutung, die sonst nur bei drohendem Schiffbruch
vorgenommen zu werden pflegt. Wir taten, als ob wir die Verwünschungen des sich
übergebenen Passagiers nicht gehört hätten, und begaben uns wieder auf unser Lager,
wo wir, in Schweigen beieinander liegend, den Rest der Nachtstunden mit nur wenig
Schlaf verbrachten. <...>

3. Vorahnungen des Lichas und der Tryphaena aufgrund von Träumen (104)

104. [Lichas:] "Mir war so, als ob in der Nachtruhe Priapus zu mir sagte: 'Den Enkolpius
suchst du? Wisse, dass ich ihn auf das Schiff geführt habe!'" Da erschrak Tryphaena und
sagte: "Man könnte glauben, wir hätten zusammen geschlafen, denn mir war so, als
sagte auch die Neptunstatue, die ich im Tempel in Baiae sah: 'Im Schiff des Lichas wirst
du den Giton finden!'" Eumolpios warf ein: "Daraus kannst du sehen, dass Epikur ein
gottbegnadeter Mensch ist, der solche Albernheiten auf das witzigste verurteilt."

Nun aber sagte Lichas, sobald <Eumolpios> dem Traum der Tryphaena seine religiöse
Bedeutung genommen hatte: "Wer hindert uns denn, das Schiff zu durchsuchen, damit
es nicht den Anschein gewinne, als lehnten wir göttliche Eingebungen ab?" Da rief
plötzlich der Mann, der uns des Nachts bei unserem Streich abgepasst hatte - sein Name
war Hesus -: "Wer also sind die, die sich des Nachts bei Mondschein haben rasieren
lassen und damit wahrhaftig ein abscheuliches Beispiel gegeben haben? Ich höre
nämlich, dass ein Sterblicher auf Schiff wieder Haare noch Nägel schneiden dürfe, außer
wenn Sturm das Meer bedroht."

4. Scheitern der List, Entdeckung. Diskussion der Bestrafung (105 - 106)

105. Bei diesen Worten erschrak Lichas und rief erregt: "Höre ich recht? Seine Haare hat
jemand auf meinem Schiff schneiden lassen, und das bei Nacht und zur Unzeit? Schafft
mir sofort die Schuldigen zur Stelle, damit ich erfahre, mit welchen Köpfen ich das Schiff
zu versöhnen habe!" Da sagte Eumolpos: "Ich habe den Befehl dazu gegeben. Da ich mit
dem selben Schiff meine Fahrt machen wollte, habe ich mir auch keine Vorbedeutung
geschaffen. Weil aber die Spitzbuben lange, struppige Haare hatten, befahl ich, den
Verurteilten diesen Wust abzuschneiden. Es sollte doch nicht aussehen, als machte ich
aus dem Schiff ein Gefängnis; auch sollten die bekannten Schandmale nicht durch die
Haare bedeckt bleiben, sondern frei den Blicken der Beschauer offen stehen. Außer
anderen Streichen haben sie auch mein Geld bei einer gemeinsamen Freundin verprasst:
ich habe sie von der in der letzten Nacht herausgeholt; sie troffen noch von Wein und
Salböl. Kurz, sie durften jetzt noch nach dem Rest meines Vermögens." <...>

Um den Schutzgeist des Schiffes zu versöhnen, wurde beschlossen, jedem von uns
beiden vierzig Rutenstreiche zu verabreichen. Man ging auch sofort ans Werk: wütend
fielen uns Matrosen mit Stricken an, um mit unserem so billigen Blut ihre Gottheit zu
beschwichtigen. Und ich verdaute drei Hiebe mit spartanischem Anstand, aber Giton
brüllte gleich bei dem ersten Schlag so fürchterlich, dass der Tryphaena seine ihr
wohlbekannte Stimme in die Ohren gellte. Und nicht allein die Herrin geriet in
Aufregung, auch alle ihre Mägde wurden durch die bekannte Stimme angelockt und
eilten zu dem armen Sünder. Schon hatte Giton durch seine bezaubernde Gestalt die
Matrosen entwaffnet und, ohne auch nur zu sprechen, ihre Wut zu Mitleid umgestimmt,
als alle Mägde zugleich ausriefen: "Das ist ja Giton, Giton! Haltet ein ihr Grausamen! Es
ist Giton, hilf ihm, Herrin!" Tryphaena, die sich schon selbst davon überzeugt hatte,
schenkte ihnen gern Gehör und kam zu dem Jungen wie geflogen.

Lichas, der mich sehr gut kannte, kam, als hätte auch er den Ruf gehört, im Lauf herbei,
blickte mir aber nicht auf die Hände und ins Gesicht, sondern richtete sofort seinen Blick
auf meine Scham, packte sie mit geschäftiger Hand und rief: "Willkommen, Enkolpius!"
Nun mag sich Odysseus wundern, dass seine Amme ihn nach zwanzig Jahren an seiner
Narbe erkannte, die ihm seinen Ursprung verriet, da dieser Schlaukopf so scharfsinnig
das einzig treue Kennzeichen des Flüchtlings erkannte, während doch alle Formen
meines Körpers und Gesichtes verändert waren. Tryphaena brach in Tränen aus, da sie
sich von den Brandmalen auf unserer Stirn täuschen ließ, denn sie hielt sie für echte, wie
sie flüchtigen Sklaven eingebrannt werden, und fragte ganz kleinlaut, in welches
Arbeitshaus wir Ausreißer gesteckt worden seien, wessen Hände so grausam seien, uns
diese Strafe aufzubrennen. Freilich, irgendeine Strafe hätten wir für unsere Flucht schon
verdient, da wir ihre Wohltaten hätten in Hass umgeschlagen lassen.

106. Lichas aber sprang voller Wut heran und rief: "Ach, du einfältiges Frauenzimmer! Als
wenn Eisenstempel diese Zeichen gebrannt hätten! Ja, wäre doch ihre Stirn mit diesem
Schandmal gezeichnet! Dann würde unsere Rachbegier gestillt. So aber haben Sie uns
mit Theaterkünsten getäuscht und uns mit nur gemalten Brandzeichen genarrt."

Tryphaena wollte mit um Erbarmen haben, weil in ihr die Wollust noch nicht ganz
erstorben war, Lichas aber erinnerte sich, dass ihm sein Weib verführt worden war,
welche Beschimpfungen er in der Tempelhalle es Hercules erlitten hatte, und schrie mit
dem Ausdruck heftiger Erregung: "Die Unsterblichen, glaube ich, nehmen sich der
menschlichen Dinge an. Du siehst es doch, Tryphaena, denn sie haben die Schuldigen
ahnungslos auf unser Schiff gebracht, und dass sie es waren, die das getan haben, das
haben sie uns durch die Übereinstimmung unserer Träume angezeigt. Überlege also, wie
wir die begnadigen dürfen, die uns die Gottheit selbst zur Bestrafung in die Hände
gespielt hat. Was mich betrifft, so bin ich kein Wüterich, aber ich fürchte, die ihnen
erlassene Strafe würde über mich kommen." Durch diese so abergläubischen Worte ließ
sich Tryphaena umstimmen und erklärte, sie wolle sich nicht gegen unsere Bestrafung
wenden, nein, sie stimme selbst für das gerechteste Gericht, ihr selbst sei ja nicht
geringeres Unrecht zugefügt worden als dem Lichas, da ihre Ehrbarkeit in der
Versammlung an den Pranger gestellt worden sei <...>
5. Verteidigungsrede des Eumolpus, Gegenargumente des Lichas (107)

107. "Sie haben mich, eine, wie ich glaube, nicht unbekannte Persönlichkeit mit dieser
Aufgabe [derVermittlung] betraut und mich gebeten, endlich doch eine Versöhnung mit
ihren besten Freunden wieder herzustellen. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass diese
jungen Männer euch zufällig in die Falle gegangen sind. Jeder Reisende kümmert sich
zuerst doch darum, wem er sich anvertraut. Lasst euch also genügen an der Genugtuung,
die ihr schon bekommen habt, und lasst eure Herzen erweichen! Lasst freie Menschen
ungehindert gehen, wohin sie wollen! Selbst strenge, unversöhnliche Herren bezwingen
ihre Grausamkeit, wenn einmal Flüchtlinge reuevoll zurückkehren. Man schont ja auch
Feinde, die sich freiwillig ergeben. Was verlangt ihr mehr, oder was wollt ihr? Da liegen
vor euch gnadeflehend die freien, edlen Jünglinge, und - was noch mehr als dies beides
besagt - Jünglinge, mit denen ihr früher freundschaftlich verkehrt seid. Bei Gott, wenn sie
euch Geld veruntreut, wenn sie euer Vertrauen durch Verrat getäuscht hätten, selbst
dann könntet ihr euch mit dieser Strafe zufrieden geben, die ihr vor Augen habt. Seht,
die Knechtschaft ist ihnen auf die Stirn geschrieben, seht, ihre edlen Gesichter durch ihre
freie Entschließung entstellt durch die Brandmale." Da fiel Lichas dieser Fürbitte ins
Wort, indem er sagte: "Bringe die Sache nicht durcheinander, sondern gib jedem Punkt
seinen angemessenen Platz! Zunächst vor allem: wenn sie freiwillig gekommen sind,
weshalb haben Sie sich dann den Kopf glattrasieren lassen? Wer sein Aussehen
verwandelt, sinnt auf Betrug, nicht auf Verständigung. Sodann, wenn sie durch ihren
Fürsprecher Begnadigung erwirken wollten, weshalb hast du dir dann so viel Mühe
gegeben, deine Schützlinge zu verbergen? Daraus ergibt sich, dass die Schuldigen nur
durch einen Zufall in die Falle gegangen sind und dass du ein schlaues Mittel gesucht
hast, um sie dem Zugriff unserer Rache zu entziehen. Du willst uns dadurch ins Unrecht
setzen, dass du sie für freie, edle Männer ausgibst. Sieh dich vor, dass du durch dein
sicheres Auftreten den Handel nicht verdirbst! Was sollen denn die Geschädigten tun,
wenn sich die Schuldigen selbst der Strafe unterwerfen? Freilich waren sie unsere
Freunde: eine um so härtere Strafe verdienen sie; wer Fremde schädigt, heißt Räuber,
wer Freunde, den darf man fast dem Vatermörder gleich bewerten." Eumolpos fing an,
diese so schwierigem Einwürfe zu widerlegen: "Ich sehe", sagte er, "dass diesen armen
Jünglingen die nächtliche Kopfschur als Hauptverbrechen angerechnet wird, denn das
soll als Beweis dafür gelten, dass sie nicht vorsätzlich, sondern zufällig in dieses Schiff
gekommen sind. Die Sache ist höchst einfach, und ich wünschte nur, dass sie euch
ebenso einleuchtend erscheine: Sie wolltennämlich, als sie zu Schiff gingen, ihre Köpfe
von dieser beschwerlichen und überflüssigen Last befreien, aber der früher einsetzende
Fahrwind zwang sie, ihr Vorhaben aufzugeben. Sie hielten es auch für gleichgültig, wo sie
ihren Entschluss ausführten, da sie von der bösen Vorbedeutung und von den Gesetzen
der Schiffahrt keine Kenntnis hatten." - "Aber wie kam man dazu," erwiderte Lichas, "sie
wie flüchtige Sklaven zu scheren? Doch jedenfalls, weil man in der Regel mit Kahlköpfen
mehr Mitleid hat. Aber weshalb soll ich bei ihrem Fürsprecher die Wahrheit suchen? He,
du Bandit! Was sagst du dazu? Welcher Salamander hat dir die Augenbrauen ausgerupft?
Welchen Gott hast du dein Haar geweiht? Gib Antwort, du Giftmischer!

6. Lichas lässt sich nicht von einer körperlichen Bestrafung der Übeltäter abbringen.
"Kriegerische" Aktionen (108,1 - 108,11)

108. Die Furcht vor der Strafe lähmte mich, und ich konnte in meiner Verwirrung die
Worte nicht finden, obgleich die Sache ja völlig klar war. Auch war ich ja entstellt, da mir
mein Haarschmuck geraubt war, mir auch meine Augenbrauen fehlten und das mit Stirn
und Kopf eine große Kahlheit darstellte, weshalb ich nichts tun und nichts sagen wollte.
Ich weinte nur. Als mir aber da mit einem nassen Schwamm das Gesicht gewaschen
wurde, floss mir die aufgelöste Tinte über das ganze Gesicht und begrub alle Züge wie
unter einer Rußwolke. Das steigerte den Unwillen zu hellem Zorn. Eumolpos erklärte, er
werde nicht dulden, dass man freie Menschen gegen Recht und Gesetz misshandele, und
trat den Drohungen der erregten Leute nicht nur mit Worten, sondern auch mit seinen
Fäusten entgegen. Der ihn begleitende Lohndiener stand ihm treulich bei. Aber beide
waren zu schwächliche Gesellen, so dass Sie uns im Streit zwar Ermutigung, nicht aber
körperliche Hilfe geben konnten. Ich selbst sprach kein Wort zu meinen Gunsten, hielt
aber der Tryphaena meine geballte Faust vor die Augen und drohte ihr in freier, offener
Sprache, Gewalt zu gebrauchen, wenn sie sich nicht jeder Gewalttat gegen Giton
enthalte. Sie sei ein verfluchtes Weib und sie allein im ganzen Schiff wert, geprügelt zu
werden. Durch meine Kühnheit brachte ich den Lichas zu heller Wut. Er war empört
darüber, dass ich mich nicht selbst, sondern einen anderen so laut in Schutz nähme.
Nicht weniger setzte meine Beschimpfung die Tryphaena in Flammen, und sie spaltet das
ganze Schiff in zwei Lager. Hier bewaffnete sich der Lohndiener des Eumolpos mit seinen
Werkzeugen und verteilte sie auch an uns; dort ging das Gesinde der Tryphaena mit
bloßen Händen vor. Selbst die Mägde der Tryphaena mischten sich mit Geschrei in den
Kampf ein. Nur der Steuermann stand abseits und erklärte, er werde seinen Posten
verlassen, wenn es keine Ruhe gebe und sich die Rauferei nicht lege, die durch die
Begierden verruchter Menschen erregt würde. Aber die Wut der Streitenden legte sich
trotzdem nicht: jene stritten, um sich zu rächen, wir kämpften um unser Leben. Auf
beiden Seiten gab es Verwundete, freilich nicht Tote, aber einige mussten sich blutende
wie aus einer Schlacht zurückziehen. Trotzdem ließ keiner von seiner Wut ab. Da legte
Giton kühn sein Rasiermesser an sein Glied und drohte, er werde sich diese Ursache des
Unheils abschneiden. Tryphaena aber ließ ein solches Verbrechen nicht zu und versprach
ihm aufrichtig Straflosigkeit. Öfter setzte ich mein Rasiermesser an die Kehle, war aber
ebenso wenig gewillt, mich zu töten, wie Giton, seine Drohung wahr zu machen. Der
konnte aber seine tragische Rolle um so kühner spielen, als er wusste, dass er das
Rasiermesser habe, mit dem er sich schon einmal die Kehle abschneiden wollte.
7. Verhandlungen und Friedensvertrag nach der Intervention des Steuermanns (108,12
- 109,7)

Der Kampf stand also noch gleich und drohte ungewöhnliche Formen anzunehmen, als
der Steuermann es mit Mühe und Not erzwang, dass Tryphaena wie ein Friedensbote
Waffenstillstand ankündigte. Nach alter Sitte gelobten wir uns gegenseitig Treue, und sie
holte vom Schutzgott des Schiffes einen Olivenzweig, hielt ihn in die Höhe und trat kühn
unter uns mit den Worten:

"O, Rasende, die ihr den Frieden so in Kampf


Verwandelt! Worin haben wir gefehlt?
Entführt auf unserem Schiffe denn der Gast
Aus Troia die geraubte Helena?
Versündigt sich Medeas Eifersucht
Am Blute ihres Bruders? Ja, gewiss:
Verschmähte Liebesglut erweckt oft Kraft.
Weh mir! Wer bringt Entscheidung mit dem Schwert
In diesen Fluten? Ist wohl einer hier,
Der nicht mit einem Opfer sich begnügt?
Ihr wollt das Meer in seinem Wogenschwall
An Wut noch überbieten, wollt dem Sturm
Noch zugesellen eigne Leidenschaft?"

109. Als das Weib dies mit erregter Stimme vortrug, stockte der Kampf ein wenig: die
Hände setzten aus im Streit und fanden sich zur Versöhnung bereit. Unser Wortführer
Eumolpos benutzt diese Gelegenheit zu dem Bekenntnis der Reue, setzt aber dem Lichas
mit den heftigsten Vorwürfen zu und entwirft dann einen Vertrag folgenden Wortlautes:

"In ehrlicher Gesinnung gelobst du, Tryphaena, dass du nicht wegen erlittenen Unrechts
gegen Giton Klage erheben wirst, ihm keine Vorwürfe machen und keine Ansprüche
erheben wirst wegen irgendwelcher Dinge, die sich vor dem heutigen Tag begeben
haben, noch dass du sie auf irgendeine andere Weise geltend machen wirst; dass du
ferner von dem Knaben nie etwas mit Gewalt erzwingen wirst, was ihm nicht erwünscht
ist, weder Umarmung, noch Kuss, noch Beischlaf. Widrigenfalls verpflichtest du dich, in
jedem Fall hundert Denare bar auszuzahlen. Desgleichen versprichst du, Lichas, in
ehrlicher Gesinnung, dem Enkolpius weder mit einem beleidigenden Wort noch mit
einem Blick entgegenzutreten, auch nicht nachzuforschen, wo er zur Nachtzeit schläft;
wenn du aber doch nachforschst, so wirst du für jede einzelne Verfehlung zweihundert
Denare bar auszahlen."
Nachdem diese Friedensartikel aufgesetzt und unterzeichnet waren, legten wir die
Waffen nieder, damit aber auch nach unserer Eidesleistung kein Funke von Hass in
unserem Herzen bleibe, kamen wir überein, durch Versöhnungsküsse alles
Vorausgegangene vergessen zu machen. Alle waren einverstanden. So legte sich die
Hassstimmung. Speisen wurden auf den Kampfplatz gebracht und in heiterer Laune die
Eintracht befestigt. Da erscholl das ganze Schiff von Gesang, und da eine plötzliche
Windstille die Fahrt unterbrach, so jagte der eine mit dem Fischhaken aufschnellende
Fische, ein anderer zog mit dem Köder seiner Angel die zappelnde Beute aus der Flut.
Und sieh, auch Seevögeln ließen sich auf den Segelstangen nieder, die ein kundiger
Vogelsteller mit aneinander gebundenen Leimruten berührte, so dass sie an dem Leim
hängen blieben und zu den Händen heruntergeholt werden konnten. Die Federn
erhoben sich in die Lüfte und wurden dann ein Spiel der Wellen, die unser Schiff
umschäumten.

8. Elegie und Hendekasyllaben des Eumolpus auf die Kahlköpfe Enkolpius und Giton.
Perücken als Abhilfe (109,8 - 110,5)

Lichas kam mit mir schon wieder in ein freundschaftliches Verhältnis, Tryphaena
bespritzte auch schon den Giton im Scherz mit den letzten Tropfen ihres Bechers, als
Eumolpos, den auch der Wein schon übermütig machte, Witze über unsere
gekennzeichneten Kahlköpfe zu machen anfing. Nachdem er seine höchst frostigen
Witze erschöpft hatte, verfiel er wieder auf seine Poesie und machte auf unsere
geraubten Locken folgende kleine Elegie:

"O weh, entschwunden sind Die Schläfen stehen leer,


Die allerschönsten Locken. Es fehlt der Haare Schatten;
So raubt ein rauher Wind Wir sehn den Schmuck nicht mehr,
Des Frühlings Blütenflocken. Den die Gefilde hatten.
Ihr Göttern, die ihr gabt
Den Schmuck verschwenderisch,
Jetzt Lust am Raube habt,
Wie seid ihr trügerisch!
Dich muss ich tief beklagen: Doch jetzt von Spiegelglätte
Du trugst so schönes Haar, Ein runder Pilz ins Feld,
Wie's nur die Götter tragen, Als ob's geregnet hätte,
Das edle Zwillingspaar. Auf einmal hingestellt.
Die Mägdlein musst du meiden
Aus Furcht vor ihrem Spott,
Bald gar vom Leben scheiden;
Dein Haar verfiel schon Gott."
110. Er wollte, glaube ich, noch weiterdichten, noch Alberneres als das schon Gebotene,
als eine Magd der Tryphaena den Giton in einen inneren Schiffsraum führte, und ihm
einen Perückenschmuck ihrer Herrin aufsetzte. Sogar Augenbrauen zaubert sie aus ihrem
Schminkkästchen hervor und zog den früheren Lauf der Linien so genau nach, dass sie
ihm seine Schönheit völlig wiedergab. Da erst erkannte Tryphaena den wahren Giton
wieder, brach in Freudentränen aus und küsste den Knaben jetzt erst mit aufrichtiger
Innigkeit. Ich freute mich zwar auch, dass er in seiner früheren Schönheit
wiederhergestellt war, verbarg aber öfter mein eigenes Gesicht in der Überzeugung, dass
ich so entsetzlich entstellt sein müsse, dass mich sogar Lichas einer Ansprache nicht für
würdig halte. Aber die selbe Magd stand auch mir in meiner Trauer bei, rief mich beiseite
und schmückte meinen Kopf mit einem nicht minder geschmackvoll Haarputz. Ja, er
stand zu meinem Gesicht besonders gut, weil er aus blonden Haaren gearbeitet war.
<...>

1. Eumolpos erzählt die Novelle von der Witwe aus Ephesus

Eumolpos wollte durch lustigeSchwänke die gute Stimmung nicht einschlafen lassen und
begann auf die Leichtfertigkeit der Weiber zu sticheln. Sie verliebten sich im
Handumdrehen, vergäßen aufs schnellste die eigenen Kinder, keine Frau sei so keusch,
dass sie sich nicht durch die Leidenschaft für einen fremden Mann bis zum Wahnsinn
fortreißen lasse. Dabei denke er nicht an alte Tragödien, an Namen, die seit
Jahrhunderten in aller Munde seien, sondern an ein Faktum, dassich zu seiner Zeit
ereignet habe und das er, wenn wir es wünschten, uns gern erzählen wolle. Aller Augen
und Ohren wandten sich ihm zu, und er fing also an:

Zu Ephesus war eine gewisse Dame wegen ihrer Keuschheit sehr berühmt, dass alle
Frauenzimmer aus den benachbarten Gegenden, der Seltenheit wegen, hinreisten, um
sie zu sehen. Da nun der teure Ehegemahl dieser zärtlichen Dame starb und aus der Welt
getragen wurde, so war es ihr viel zu wenig, nach der gewöhnlichen Art die Leiche mit
fliegenden Haaren zu begleiten und die entblößte Brust vor allem Volke zu schlagen,
sondern sie folgt' ihm sogar bis in sein Grabmal nach. Der Verstorbene wurde in eine
Gruft nach griechischer Weise gebracht, und hier fing sie nun an, seinen Leichnam zu
bewachen und Tag und Nacht zu weinen. Ihre Betrübnis war so gewaltig, dass sie sich zu
Tode hungern wollte, weder Anverwandte noch Freunde konnten sie davon abwendig
machen. Zuletzt wurde noch der ganze Magistrat an sie abgeschickt, aber er musste mit
einer abschlägigen Antwort wieder abziehen. Schon hatte sie den fünften Tag ohne
Nahrung zugebracht, und alle Welt wurde über die Tugend dieser außerordentlichen
Frau gerührt und weinte mit ihr und war ihretwegen höchlich bekümmert. Diese
trostlose Dame begleitete noch ein ihr ungewöhnlich zugetanes Mädchen und trauerte
und weinte die bittersten Zähren mit ihr, als wenn der letzte Mann auf dem Erdboden
gestorben wäre; und wenn die Lampe im Begräbnis ausgehen wollte, so goss es wieder
frisches Öl hinein. In der ganzen Stadt wurde von weiter nichts gesprochen. Groß und
klein und jung und alt bekannten mit einem Munde, dass bei ihnen das einzige
wahrhaftige Beispiel von der reinsten Keuschheit und Liebe erschienen sei. -
Unterdessen hatte der Befehlshaber von der Provinz nicht weit von eben dem Gewölbe,
wo die Dame ihren erstgestorbenen Mann beweinte, einige Spitzbuben ans Kreuz
hängen lassen. Die folgende Nacht bemerkte ein Soldat, welcher bei den Kreuzen die
Wache hatte, damit man keinen Spitzbuben davon stehlen und begraben möchte, ein
hellleuchtendes Licht unter den Monumenten und hörte von eben daher ein klägliches
Wimmern. Nach einem Fehler des ganzen menschlichen Geschlechts hüpft' ihm das Herz
im Leibe, zu wissen, was das wäre und was dort geschehe. Er schlich sich also dahin und
stieg in das Gewölbe, und wie er ein reizendes Weib erblickte, so stutzte er und glaubte,
es sei ein Gespenst und ein Blendwerk böser Geister. Bald darauf aber, wie er die
danebenliegende Leiche gewahr wurde und die Tränen betrachtete und das göttliche
Gesicht von Nägeln zerkratzt, so traf er eben mit seinen Gedanken die Wahrheit und
hielt sie für eine Dame, welche über den Verlust ihres Mannes trostlos sei. Er holte eine
kleine Mahlzeit aus seinem Schnapsack, reichte sie freundlich der Dame dar und trug alle
Trostgründe, die er wusste, der Betrübten auf das beweglichste vor, damit sie nicht in
ihrem vergeblichen Schmerz beharre, und ihre schöne Brust mit unnützen Seufzern
abzehre. „Wir müssen alle sterben! Das ist nun nicht zu ändern!" sagte er. „Wir alle
müssen einmal in dergleichen Häuslein ziehen!" Und fügte noch alles übrige hinzu,
wovon sonst sich diese Schwären in dem Herzen heilen lassen. Aber ihr Schmerz wuchs
noch mehr bei diesen Trostgründen, sie erzürnte sich darüber, schlug sich wütend den
Busen, riss ihre Locken aus dem Haupte und streute sie auf ihren geliebten Gemahl. Der
Soldat aber war kein Mann, der sich so leicht abschrecken ließ. Er fuhr fort mit seinen
Trostgründen und gab sich alle Mühe, sie zu bereden, dass sie etwas Speise zu sich
nähme. Ihre Begleiterin wurde zuerst überwunden, der nektarische Geruch vom Weine
hatte ihre Begierden erregt; schüchtern reichte sie ihre Hand dem freundlichen Mann
entgegen, erquickte sich mit Speis' und Trank, und fing selbst an, die Hartnäckigkeit ihrer
Frau zu bestürmen. „Was wird dir's helfen", sagte sie, „wenn dich nun der Hunger wird
aufgezehrt haben? Wenn du dich lebendig begräbst? Wenn du deinen reinen Geist von
dir stoßest, eh' ihn noch das Schicksal abruft? O liebe Frau, dein abgeschiedener Gemahl
weiß nichts von deinem Harm, ihn rührt nicht deine Qual! Willst du wider den
unveränderlichen Willen des Schicksals ihn wieder lebendig machen? Oder willst du nicht
lieber die weiblichen Vorurteile ablegen und noch solange die Freuden des Lebens
genießen, als es erlaubt ist? Siehe, die Leiche, die vor dir liegt, nötigt dich zu leben!" Kein
Sterblicher wird dadurch beleidigt, wenn man ihn zwingt, Speise zu sich zu nehmen und
zu leben. Also ließ sich denn auch endlich diese Dame, von dem Fasten einiger Tage
ausgehungert, von ihrem hartnäckigen Entschlüsse zurücke bringen und füllte sich nicht
weniger begierig mit der Speise, durch deren Anblick sich das Mädchen vorher hatte
überwinden lassen.
Übrigens wisst ihr, was der Mensch verlange, wenn er sich satt gegessen und getrunken
hat. Mit eben den Schmeicheleien, wodurch der Soldat die Dame bewegt hatte, nicht
mehr sterben zu wollen, griff er nun auch ihre Keuschheit an. Dieser Jüngling schien ihr
nicht hässlich und unartig zu sein, und das Mädchen stand dem Soldaten treulich bei,
weil ihm das auferweckte Leben durch ihn sehr wohl behagte und rief oft ihrer
tugendhaften Frau zu:

Selbst wider dich willst du hartnäckig immer streiten? Du liebst, und deine Liebe
schmeichelt dir? O häufe nicht auf Leiden größres Leiden! Wer dich getröstet
hat, Madame, liegt hier!"

Was soll ich euch länger aufhalten? Ihr wisst vielleicht, wie schnell der Übergang von
Traurigkeit zu Liebe ist! Die Dame fastete auch hier nicht länger, und der
unüberwindliche Soldat überredete sie, auch diese Fasten aufzuheben. Sie lagen nicht
nur diese Nacht zusammen, in welcher sie Hochzeit machten, sondern auch den
folgenden und dritten Tag. Freilich schlossen sie die Türen der Gruft zu, damit
jedermann, wer von Bekannten oder Unbekannten an das Monument kommen würde,
glauben möchte, die keuscheste Frau unter dem Monde habe über dem Leibe ihres
Mannes den Geist aufgegeben. Übrigens ergötzte den Soldaten sowohl die Schönheit der
Dame als auch das Geheimnis und er kaufte, soviel sein Vermögen erlaubte, das Beste,
was er erhalten konnte, und trug es, sobald die Nacht hereinbrach, in das Gewölbe. Wie
die Verwandten eines von denen ans Kreuz Gehängten bemerkten, dass keine Wache
zugegen sei, so zogen sie ihn bei Nacht herab und erwiesen ihm noch die letzten
Pflichten, und der Soldat wurde, während er am Busen seiner Geliebten lag,
hintergangen. Bei anbrechender Morgendämmerung bemerkte er, dass ein Dieb an dem
einen Kreuze mangelte. Er fürchtete sich vor der Lebensstrafe und lief zu seiner
Getrösteten und erzählt' ihr, was sich zugetragen habe und dass er das Urteil nicht
erwarten wolle, sondern seine Nachlässigkeit gleich selbst mit seinem Schwerte zu
bestrafen beschlossen habe. Er bitte sie nur noch um diese einzige Gefälligkeit, dass sie
ihn zur Ruhe bestatten und mit dem unseligen Grabe ihres Mannes auch zugleich ihren
Freund bedecken möge. Die Dame war nicht weniger barmherzig, als sie keusch war, und
rief: „Ach! Das wollen die Götter nicht zulassen, dass ich zu gleicher Zeit die zwei
Sterblichen, welche ich am zärtlichsten liebte, in einem Grabe sehen solle! Nein! Besser
ist es, dass ich den Toten aufhänge, als den Lebendigen umbringe." - Nach dieser Rede
befahl sie, dass man den Leichnam ihres Mannes aus dem Sarge zöge und an das Kreuz
hinge, von welchem der Dieb war gestohlen worden. Der Soldat bediente sich der List
der klugen Dame; und den Tag darauf verwunderte sich alles Volk und konnte nicht
begreifen, wie es der Verstorbene müsse gemacht haben, dass er sich ans Kreuz
geschlagen hätte.
2. Die Wirkungen der Erzählung auf die Zuhörerschaft

Die Schiffer nahmen das Märchen mit beifälligem Gelächter auf, Tryphaina aber wurde
über und über rot und verbarg ihr Antlitz lieblich an Gitons Hals. Aber Lichas lachte nicht,
sondern schüttelte erzürnt sein Haupt und sagte: "Wäre der Statthalter gerecht
gewesen, so hätte er die Leiche des Gatten ins Grab zurückbringen und das Weib ans
Kreuz schlagen lassen müssen.

Jedenfalls dachte er dabei wieder an Hedyle und an sein auf der Liebesfahrt
geplündertes Schiff. Indes der Friedensvertrag verbot eine solche Erinnerung, auch bot
die Heiterkeit, die bei Tisch herrschte, für Zornausbrüche keine Gelegenheit. Tryphaena
hatte sich inzwischen dem Giton auf den Schoß gesetzt und gab ihm bald unzählige Küsse
auf die Brust, bald strich sie ihm die Haare zurück, die ihm ins Gesicht fielen. Ich aber war
traurig und über den neuen Vertrag so verstimmt, dass ich weder Speise noch Trank zu
mir nahm, sondern beide mit wütenden Blicken von der Seite her ansah. Alle Küsse, alle
Schmeicheleien, die das lüsterne Weib ersann, trafen mich wie Pfeile. Aber noch wusste
ich nicht, ob ich mich mehr über den Knaben entrüsten sollte, weil er mir die Freundin
raubte, oder über die Freundin, weil sie mir den Knaben verführte: beide waren mir ein
tief verletzender Anblick, schmerzlicher noch als meine jüngste Gefangenschaft. Dazu
kam, dass Tryphaena mit mir nicht wie mit einem guten Bekannten und früher
willkommenen Liebhaber sprach und auch Giton mich nicht einmal eines flüchtigen
Zutrinkens würdigte oder - was doch mindestens zu erwarten war - mich zur Teilnahme
an ihren Gesprächen mit heranzog. Ich glaube, er fürchtete, bei der Erneuerung ihres
Verhältnisses wieder an die alte Narbe zu rühren. Mein Kummer drängte wir Tränen in
die Augen, die mir auf die Brust hinabtropften. Mir war, als wollten wir meine tiefen
Seufzer die Seele aushauchen. <...>

Er (Lichas) war darauf aus, wieder seine Lust bei mir zu finden, und legte seine Stirn nicht
in gebieterische Falten, sondern warb um die Willfährigkeit des Freundes. <...>.

"Wenn du nur einen Tropfen Adel in deinem Blut hast, dann wirst du sie nicht höher
einschätzen als eine Dirne. Wenn du nur ein Mann bist, dann wirst du nicht zu einer
Schmutzigen gehen." <...>

Nichts quälte mich mehr als die Sorge, dass Eumolpos es merken könnte, was da vorging,
und es als so geschwätziger Mensch in Versen lächerlich machen könnte. <...>

Eumolpos schwur in aller Form. <...>


1. Schiffbruch. Tod des Lichas. Encolpius verabschiedet sich liebevoll von Giton.
Rettung durch Fischer.

114. Während wir dies und anderes besprachen, wurde die See unruhig, Wolken zogen
sich von allen Seiten zusammen und verwandelten den Tag in Finsternis. Voller Hast
liefen die Matrosen hin und her zu ihrem Dienst und rafften die Segel. Aber der Wind gab
den Wellen noch keine bestimmte Richtung, und der Steuermann wusste nicht, welchen
Kurs er halten solle. Bald trieb der Wind gegen Sizilien zu, bald gewann der Nordwind
Oberhand und drängte das unglückliche Schiff in einem Wirbel gegen das italische
Festland zu. Und was gefährlicher als alle Stürme war, plötzlich brach eine solche dichte
Nacht herein, dass der Steuermann nicht einmal das ganze Vorderschiff sehen konnte.
Als somit das Verderben deutlich zunahm, kam Lichas zitternd zu mir, erhob seine Hände
flehentlich und sagte: "Du, Enkolpius, hilft uns in der Not, gib nämlich unserem Schiff
jenes heilige Gewand und das Sistrum wieder! Bei meiner Treu, erbarme dich! Du hast
doch sonst ein mitleidiges Herz."

Während er noch so rief, warf ihn der Sturm ins Meer. Er tauchte zwar wieder auf, aber
der Sturm überschüttete ihn mit seinen Wogen, und der Strudeln verschlang ihn. Die
Tryphaena aber, die schon fast <leblos war,> packten ihre ergebensten Sklaven, setzten
sie in das Boot und entrissen sie so mit den größten Teil ihres Gepäcks dem schon
sicheren Tod. <...>

Ich aber umarmte ihn (den Giton), weinte und schrie: "Haben wir es bei den Göttern
verschuldet, dass sie uns erst im Tod vereinen? Aber selbst das will ein grausames
Schicksal nicht dulden. Sieh, jetzt wird die Flut unser Schiff umwerfen, ach, und das Meer
in seiner Wut wird sogleich unsere in Liebe umschlungen Körper auseinanderreißen.
Deshalb, wenn du deinen Enkolpius wahrhaft geliebt hast, so küsse mich, solange es
noch möglich ist, und entreiße dem gierigen Schicksal diese letzte Wonne!" Auf diese
Worte legte Giton sein Gewand ab, schmiegte sich in das meine und hob seinen Kopf
zum Kuss. Und damit keine missgünstige Welle unsere Umklammerung löse, schlang er
seinen Gürtel um uns beide und sagte: "Wenigstens wird uns das Meer längere Zeit
vereinigt tragen, oder, wenn es aus Mitleid uns an das selbe Gestade antreiben sollte, so
wird ein zufälliger Wanderer so menschenfreundlich sein, uns vereint zu begraben, oder
- was der letzte Dienst der erregten Wogen wäre - so werden sie uns vereint im Sande
betten." Ich lasse mir dieses letzte Liebesband gefallen und erwarte, wie auf die
Totenbahre gestreckt, den schon nicht mehr schmerzlichen Tod.

Indessen führte der Sturm die Befehle des Schicksals zu Ende und brachte alles, was auf
dem Schiff noch übrig war, in seine Gewalt. Es blieb nicht der Mast, nicht das Steuer, kein
Tau, kein Ruder: wie ein roher, unbehauener Strunk schwamm das Schiff mit den Wellen.
<...>
Da drängten flinke Fischer auf kleinen Booten heran, um Beute zu machen. Als sie aber
noch Leute auf dem Schiff sahen, bereit, ihre Habe zu verteidigen, da schlug ihre
Grausamkeit in Hilfsbereitschaft um. <...>

2. Die Rettung des in sein Dichten versunkenen Eumolpos. Die Nacht nach der Rettung.
Beisetzung des Lichas am nächsten Tag.

115. Wir hören ein sonderbares Murren unten in der Kajüte des Steuermann, wie das
Knurren eines Raubtieres, das nach einem Ausgang sucht. Wir gehen also dem Ton nach
und finden den Eumolpos dasitzen und ein riesiges Pergament mit Versen ausfüllen. Wir
wundern uns, dass er angesichts des Todes noch zum Dichten Zeit fand, ziehen ihn
hervor, obgleich er schrie, und sprechen ihm Mut zu. Er aber ist wütend, weil wir ihn
gestört hätten, und ruft: "Lasst mich meinen Plan zu Ende bringen; am Schluss ist mein
Gedicht noch nicht in Ordnung." Ich aber packte den Rasenden, rufe den Giton herbei,
dass er den brüllenden Dichter ans Land ziehen möge.

Als dies endlich erledigt war, traten wir traurig in einer Fischerhütte ein, sättigten uns, so
gut es gehen wollte, an den vom Schiffbruch verdorbenen Speisen und verbrachten eine
sehr traurige Nacht. Als wir am nächsten Tag berieten, welcher Richtung wir uns
anvertrauen sollten, sahen wir, wie ein menschlicher Körper von einer leichten Welle
gegen das Ufer getrieben wurde. Ich blieb stehen, betrachtete feuchten Auges das Opfer
des treulosen Meeres und rief aus: " Auch diesen erwartete vielleicht an irgendeinem
Punkt der Erde die sorglose Gattin, vielleicht ein Vater oder Sohn, der nichts weiß von
diesem Sturm. Gewiss hat er jemanden zurückgelassen, den er beim Abschied geküsst
hat. Das sind die Ratschlüsse der Sterblichen, das sind die Wünsche [hochgespannter
Gedanken]! Da sieh den Menschen, wie er schwimmt!"

Noch beweinte ich ihn als einen Unbekannten, als die Welle sein unentstelltes Gesicht
dem Land zukehrte, und ich den kurz vorher noch gefürchteten, unversöhnlichen Lichas
fast vor meine Füße angespült sah. Da konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten,
nein, ich schlug wiederholt an die Brust und rief: "Wo ist jetzt dein Zorn, wo deine
Unduldsamkeit? Da liegst du nun, eine Beute der Fische und wilden Tiere! Noch vor
kurzem hast du geprahlt mit deiner Macht, und jetzt bleibt dir von einem so großen
Schiff als Schiffbrüchigem nicht einmal eine Planke. Ja, geht nur, ihr Sterblichen, und
schwellt eure Brust mit großen Gedanken! Gehen, ihr Vorsorglichen, und verfügt über
eure durch Betrug zusammengerafften Schätze über tausend Jahre hinaus! Dieser da hat
gestern die Abrechnungen seines Vermögens nachgeprüft, natürlich auch den Tag seiner
Heimkehr im Geiste festgelegt: Ihr Götter und Göttinnen, wie weit ab liegt er von dem
Ziel seiner Berechnungen!

Solche Treue leistet aber nicht nur das Meer den Menschen. Jenen Krieger betrügen
seine Waffen, den begraben im Sturz, während er der Gottheit Opfer darbringt, die
Bilder seiner Penaten. Ein anderer fällt aus seinem Wagen und gibt seinen flüchtigen
Geist auf, der Gierige erstickt an seiner Speise, den Mäßigen tötet seine Enthaltsamkeit.
Berechnet man es genau, so ist überall Schiffbruch. Aber freilich, dem Ertrunkenen ist
kein Grab beschieden. Als ob es einen Unterschied ausmachte, welche Macht den dem
Untergang geweihten Leib zerstöre, ob Feuer, ob das Meer, ob die Zeit. Man mag tun,
was man will, alles kommt auf das Gleiche hinaus. "Aber die wilden Tiere zerfleischen
den Leib." Geht etwa das Feuer sanfter mit ihm um? Halten wir den Feuertod nicht für
den grausamsten, wenn wir auf unsere Sklaven erzürnt sind? Was ist das also für eine
Narrheit, alles aufzubieten, damit nur ja nicht ein Teil von uns unbestattet bleibe! " <...>

Und dem Lichas richteten wir mit widerstrebenden Händen einen Scheiterhaufen auf
und setzten ihn in Brand. Eumolpos richtete seinen Blick in die Weite, um Gedanken
herbeizulocken und eine Grabinschrift für den Toten zu dichten.<...>

3. Unterwegs nach Kroton. Ein Fremder klärt über eine charakterliche Eigenart der
Bürger von Kroton auf.

116. Nachdem wir ihm diesen Dienst gerne erwiesen hatten, traten wir die beschlossene
Wanderung an und erstiegen eilig und mit viel Schweißvergießen einen Berg, von dem
aus nicht weit entfernt wir eine Stadt mit ragender Burg erblickten. Welche es sei,
wussten wir in der Irre nicht, bis wir von einem Landwirt hörten, dass es Kroton sei, eine
uralte Stadt und vor Zeiten die erste Italiens. Wir erkundigten uns genauer, was für eine
Art Menschen diesen edlen Ort bewohnten, welches Gewerbe sie besonders betrieben,
nachdem sie durch häufige Kriege ihren Reichtum eingebüßt hätten. "O meine
Fremdlinge," sagte der, "wenn ihr Handelsleute seid, so ändert euren Plan und sucht
euch auf eine andere Weise etwas zu verdienen. Wenn ihr aber als Menschen von
feinerem Schlag euch immer auf Lügen verlegt, dann seid ihr auf dem rechten Weg zum
Gewinn. In dieser Stadt werden keine Wissenschaften gepflegt, keine Beredsamkeit hat
da Boden, keine Mäßigkeit und keine unsträflichen Sitten finden da Beifall und Lohn,
sondern alle Leute, die ihr in dieser Stadt seht, sind - müsst ihr wissen - in zwei Gruppen
geteilt: entweder werden sie betrogen oder sie betrügen. In dieser Stadt zieht kein
Mensch seine Kinder groß, weil kein Mensch, der Erben hat, zu Tisch geladen oder zu
Festspielen zugelassen wird, sondern, von allen Bequemlichkeiten des Lebens
ausgeschlossen, in der Versenkung verborgen leben muss. Dagegen die, die nie
geheiratet haben und ohne die nächsten Anverwandten sind, die gelangen zu den
höchsten Ehren, das heißt, nur sie werden Soldaten, sie allein gelten für höchst tapfer
und rechtschaffen. Wenn ihr in diese Stadt kommt, wird es euch sein, als ob ihr zur
Pestzeit ein Feld seht, auf dem es nichts als Leichen gibt, die zerfetzt werden, oder
Raben, die sie zerfetzen."<...>
4. Eumolpus plant ein Possenspiel, um die Erbschleichermentalität der Krotoniaten
auszunutzen: Rollenverteilung

117. Der weltkundige Eumolpos stellte Betrachtungen über diese Neuigkeit an und
gestand, dass ihm dieser Art von Spekulation nicht übel gefalle. Ich meinte, der Alte
scherze in seinem Dichterleichtsinn, er sagte aber: "Ach, wenn mir doch eine
bedeutendere Rolle zugefallen wäre und damit ein anständigeres Kostüm, ein
stattlicheres Instrument, um damit meine Lügen glaubhaft zu machen! Wahrhaftig ich
würde diese Rolle nicht verschieben, sondern euch sofort zu großem Wohlstand führen."
Darauf aber versprach ich ihm alles, was er wünsche, wofern er sich mit dem Gewand
zufrieden gebe, das wir geraubt und seitdem mit uns geführt hatten, und mit all dem,
was uns das Landhaus des Lykurgos bei unserer Landstreicherei in die Hände gespielt
hatte. Geld für den täglichen Bedarf werde uns schon die Große Mutter nach ihrer Gnade
zuweisen. –

Da sagte Eumolpos: "Warum also zögern wir, unsere Posse in Szene zu setzen? Macht
mich nur zu eurem Herrn, wenn euch mein Plan zusagt!" Keiner wollte seinem Plan, der
nichts verderben konnte, entgegen sein, und damit alle treu an dem Trug festhielten,
schworen wir dem Eumolpos in feierlichen Worten zu, wir wollten uns brennen, fesseln,
geißeln, mit dem Schwert hinrichten lassen oder was sonst immer Eumolpos von uns
fordern würde. Wie echte Gladiatoren verschrieben wir uns so auf das feierlichste
unserem Gebieter mit Leib und Seele. Nach der Eidesleistung grüßten wir unseren Herrn
als verstellte Sklaven und übten uns gemeinsam in unseren Rollen: Eumolpos habe
seinen Sohn bestattet, einen hoffnungsreichen jungen Mann von großer Beredsamkeit,
deshalb habe der unglückselige Greis seine Vaterstadt verlassen, um nicht täglich die
Klienten und Freunde seines Sohnes oder sein Grabmal, die Ursachen seiner Tränen,
sehen zu müssen. Sein Elend habe der jüngste Schiffbruch vergrößert, durch den er mehr
als eine Million verloren habe. Für seine Person mache er sich zwar nichts aus dem
Verlust, aber ohne sein Dienstpersonal sehe er sich nicht mehr für voll an. In Afrika habe
er noch ein Vermögen von drei Millionen in Grundstücken und Schuldtiteln liegen, auf
den numidischen Äckern ein solches Heer von Sklaven zerstreut, dass er damit sogar
Karthago erobern könnte.

Den Eumolpos forderten wir auf, in Übereinstimmung mit diesem Programm recht viel zu
husten, bald Verstopfung, bald Durchfall zu markieren, vor Zeugen an allen Speisen
herumzumäkeln, von Gold und Silber, von unrentablen Grundstücken und beständiger
Dürre zu sprechen, täglich über Abrechnungen zu sitzen und allmonatlich sein Testament
zu ändern. Und damit auch nichts an der Komödie fehle, solle er, so oft er einen von uns
rufen wolle, falsche Namen rufen, woraus ersichtlich werde, dass sich der Herr auch an
solche erinnere, die nicht zur Stelle wären.
Als wir so die Rollen verteilt hatten, erbaten wir von den Göttern Glück und Segen für
unser Unternehmen und machten uns wieder auf den Weg. Aber Giton brach unter der
ungewohnten Last seines Bündels zusammen, und auch der Lohndiener Korax streikte,
legte wiederholt sein Bündel nieder, schimpfte auf uns, dass wir zu schnell gingen, und
drohte, er würde das Gepäck wegwerfen oder damit durchgehen. "Glaubt ihr denn,"
fragte er, "ich sei ein Lasttier oder ein Frachtschiff für Steinfuhren? Ich hab' mich als
einen Menschen verdingt, aber nicht als Pferd. Ich bin nicht weniger frei als ihr, wenn
mich mein Vater auch in Armut zurückgelassen hat." Und er begnügte sich nicht mit
Schimpfen, sondern hob gelegentlich ein Bein und erfüllte den Weg zugleich mit
unanständigen Geräuschen und mit Gestank. Giton lachte zu dieser Frechheit und
begleitete die einzelnen Fürze des anderen mit den gleichen Getöse. <...>

5. Das episch-poetische Programm des Eumolpus

118. "Ihr jungen Leute," sagte Eumolpos, "viele irren sich in der Poesie. Denn wenn einer
den Vers rhythmisch gebaut und seinen feineren Gedanken in die rechten Worte
gekleidet hat, so bildet er sich ein, er habe schon den Helikon erstiegen. So nehmen sie
dann oft, wenn sie der gerichtlichen Tätigkeit müde sind, ihre Zuflucht zu dem friedlichen
Hafen der Poesie in der Meinung, dass es leichter sei, ein Gedicht zu bauen als eine mit
feingeschliffenen Sentenzen aufgeputzte Streitschrift. Ein edler Geist hält übrigens nichts
vom eitlen Aufputz, und kein Talent ist zu der Empfängnis und der Geburt fähig, wenn es
sich nicht mit dem gewaltigen Strom der Literatur getränkt hat. Man muss allen - ich
möchte sagen - billigen Wortschwall meiden, darf seine Sprache nicht von der Gasse
holen, damit das Wort zur Wahrheit werde: "Ich hasse den gemeinen Pöbel, halte ihn mir
fern."

Sodann hat man dafür zu sorgen, dass kein Gedanke aus dem Rahmen des Ganzen
herausfalle, sondern das Gedicht wie ein harmonisch gefärbtes Gewand glänze. Homer
ist Zeuge dafür, die Lyriker, unter den Römern Vergil und Horaz mit seiner heiteren
Eigenart. Die übrigen aber haben den Weg nicht erkannt, der zur wahren Poesie führt,
oder zwar erkannt, aber nicht einzuschlagen gewagt. Zum Beispiel: Wer ein Gedicht auf
den Bürgerkrieg - eine Riesenaufgabe! - in Angriff nimmt, ohne erfüllt zu sein mit
gelehrtem Wissen, der wird unter der Last zusammenbrechen. Man darf in der Dichtung
die Begebenheiten nicht chronologisch aufzählen - das kann der Historiker viel besser -,
sondern das Genie muss sich wie auf Umwegen und durch göttliche Führung in buntem
Wechsel zu kühnen Gedanken so erheben, dass sich mehr eine Offenbarung einer
begeisterten Seele ergibt als eine durch Zeugen verbürgte, verlässliche Darstellung der
Begebenheiten. Vielleicht sagt auch dieser Wurf zu, obgleich ihm noch die letzte Feile
fehlt:
6. Praktische Anwendung: Das Epyllion vom Bürgerkrieg
119. "Schon hatte Rom den Erdenkreis bezwungen, |
Wo Meer und Erde war, wohin die Sonne, | Wohin der Mond nur schien, doch,
unersättlich, | Durchforschte es das Meer mit schweren Schiffen, | Ob wo ein Hafen
noch verborgenen läge,
5 Ob wo ein Land noch aufzufinden wäre, | Wo Gold zu holen ist; das galt sogleich | Als
Feind, in jammervollen Kriegen musste | Das Schicksal sich erfüllen, denn man
strebte | Allein nach Reichtum. Was es an Vergnügen | Vordem gegeben hatte, findet
fürder | Beim Pöbel keinen Beifall, die gewohnten | Belustigungen galten für veraltet.
| Korinthisch Erz verfrachteten Soldaten | Auf hoher See und wussten es zu loben;
10 Im Erdenschoße suchte man den Schimmer, | Der mit dem Purpur sich im Wettstreit
messe; | Des neuen Wollertrags muss der Numider, | Der neuen Seide China sich
berauben, | Wie die Araber sich der Fluren Ernte. | Das ist der Grund für neue
Niederlagen, | Für neue Wunden des verletzten Friedens. | Nach Raubgetier
durchsucht die Waldeshöhen | Des Tauros man und bis zum letzten Ammon
15 Die Wüsten Afrikas, damit 's nicht mangle | An Raubtierzähnen, die zum
Menschenmorden | Von Wert sind. Fremder Hunger drängt die Flotten, | Im
goldenen Käfig geht umher der Tiger | Man führt ihn her, dass er mit Menschenblute
| Den Durst sich stille bei der Menge Jubel. | Weh, dass ich's sagen muss: es geht zu
Ende
20 Mit deinem Glücke, Rom! Nach Persersitte | Berauben sie verbrecherisch die Knaben,
| Wenn sie zur Mannheit reifen, ihrer Stärke, | Ihr Inneres zerstörend mit dem
Messer, | So dass zum Liebeswerk sie nicht mehr taugen. | Wenn dann, trotz des
Verzugs, die trüben Zeiten, | Die Flucht der Jahre sich erfüllt, dann suchen | Sie die
Natur und können sie nicht finden:
25 Zu Dirnen hat man sie gemacht! So schreiten | Sie müden und entnervten Körpers,
tragen | Gelöstes Haar und Kleider neuster Mode | Und was noch sonst, die Männer
anzulocken. | Ein Tisch, gefertigt aus dem Citrusstamme, | Den man der Erde Afrikas
entrissen, | Wird aufgetragen. Seine Maserungen | Wetteifern mit dem schlichten
Gold im Preise, | Auf seiner Platte spiegeln sich die Sklaven
30 Und Purpurdecken. Es besieht sich staunend | Der wüste Schwarm der
weinberauschten Gäste | Das starre Holz von so verruchtem Werte. | An ihm
verpassen ruheloses Krieger | Die Beute, die sie aus der ganzen Erde | Mit den
ergriffnen Waffen sich erzwangen. | Die Schlemmer sind erfindungsreich: des Meeres
| Abgrund Siziliens liefern ihrer Tafel | Den frischen Papageifisch, vom Gestade
35 Lucrinens werden Austern aufgetragen, | Die schon erschlaffte Gier neu aufzureizen.
| Am Phasissee gebricht es schon an Vögeln, | Verstummt ist ihr Gesang an seinen
Ufern, | Und leere Winde säuseln in den Zweigen. | Nicht minder herrscht der
Wahnsinn auf dem Markte: | Bestochne Bürger geben ihre Stimmen
40 Dem besten Zahler oder der am besten | Sie durch Versprechung einzufangen
wusste. | Denn käuflich ist das Volk, und käuflich sind die | Vertreter in der Kurie
nicht minder. | Es steht die Gunst in Wert. Den Greisen selber | Entschwand die freie
Tugend; da der Reichtum | Sich übers Volk ergossen, liegt am Boden | Die alte
Römermacht, durch Gold vernichtet.
45 Besiegt, muss Cato seinem Volke weichen; | Doch muss der Sieger sich des Sieges
schämen, | Der einen Cato seiner Macht beraubte. | Das war das Grab der Ehre und
der Sitten, | Denn nicht der eine Mann nur war getroffen: | Mit ihm erstarben Macht
und Ruhm der Römer. | So wurde das verderbte Rom sich selber
50 Zum Opfer, wo ein Rächer sich nicht findet. | Zudem befiel ein doppeltes Verderben |
Wie eine Überschwemmung unsre Massen: | Der Wucher und die wüste
Geldverschwendung. | Kein Haus ist sicher, jeder Leib verpfändet. | So nistet sich die
Seuche erst im Marke | Des Körpers leise ein, um dann zu rasen
55 Durch alle Glieder, jeder Pflege spottend. | Zu Waffen muss die Not sich jetzt
bequemen: | Was man im Luxus aufgebraucht, das sollen | Die Wunden auf dem
Schlachtfeld wiederbringen. | Wer nichts verlieren kann, darf etwas wagen, | Und
welche Künste hätten wecken können | Aus seinem Schlaf das so in Kot versunkne, |
Verbrecherische Rom, wenn nicht im Bunde
60 Erregte Leidenschaften, Blut und Eisen?
120. Drei Helden hatte ihm das Glück beschieden, | Doch diese brachte bald die
Schlachtengöttin | Zu jähem Falle auf verschiednen Fluren: | Denn Crassus fiel den
Parthern, und Pompeius, | Der Große, fiel dem Meere bei Ägypten | Zum Opfer,
während mit des Caesars Blute | Das undankbarer Rom den Boden tränkte.
65 Als ob die Mutter Erde eines Ortes | So viele Leichen nicht ertragen könnte, |
Verteilte sie der großen Männern Asche. | Seht, solchen Lohn hat sich ihr Ruhm
erworben!
Es liegt ein Ort, in eine Schlucht versunken, | Neapel nah und der Dikarchis
Fluren, | Bespült von des Kokytos dunklen Fluten.| Ein giftger Hauch entströmt
verderbenbringend
70 Dem finstern Grunde. Nicht belebt im Frühling | Den Boden dort das frische Grün der
Bäume, | Nicht nährt die Ackerfurche frohe Saaten, | Noch nisten im Gesträuche
Frühlingssänger | Mit ihrer holden Lieder frohem Chore. | Nein, Öde rings und
schauerliche Felsen | Von aufgetürmten schwarzen Schlackenmassen,
75 Geschmückt allein von finsteren Zypressen. | Von daher erhob der Fürst der
Abgeschiedenen | Aus einem Flammenstrahl, das Haar voll Asche, | Sein Angesicht
und rief die Schicksalsgöttin, | Die flüchtige, mit solchem Wort zur Tat: | "Die du der
Götter und der Menschen Schicksal
80 Regierst, Fortuna, an dem Übermute | Zu sicheren Besitzes dich nicht freuest, | Stets
Neues suchst, nicht am Erworbnen haftest: | Wie, merkst du nicht, dass das Gewicht
der Römer | Dich niederdrückt, und dass sich ihre Größe, | Die ihrem Untergang
entgegenraset, | Nicht steigern darf? Es hasst der Römer Jugend
85 Die eignen Kräfte, kann das schlecht Erworbne | Sich nicht erhalten. Sieh doch die
Verschwendung | Erbeuteten Besitzes, wie Vermögen | In blinder Raserei vergeudet
werden! | Sie baun in Gold, und ihre Häuser streben | Zum Himmel an; mit
Quadersteinen drängen | Das Meer sie fort und lassen Wasser rauschen, | Wo Äcker
standen; bei vertauschtem Raume | Bekämpfen sich die Elemente! Siehe,
90 Auch mein Gebiet ist ihnen nicht mehr heilig: | Vom Raub der Riesenquader klafft die
Erde, | Wo Berge ragten, sieht man Höhlen klagen, | Und während Steine so
vergeudet werden, | Erwacht der Toten Sehnen nach dem Lichte. | Auf,
Schicksalsgöttin, ändre deine Miene! | Die Frieden blickte, soll auf Kämpfe sinnen!
95 Entfache Bürgerkrieg, der meinem Reiche | Zuführen soll die Schatten der
Erschlagnen! | Schon lange mussten wir des Bluts entbehren, | Nach dem die Glieder
meiner Gattin lechzen, | Seitdem des Sulla Schwert die Ernte mähte, | Seitdem, von
grausem Blut getränkt, die Erde | Nahrhafte Frucht ans Licht des Tages drängte."
100121. Er sprach's und spaltete mit seiner Rechten | Den Boden, um der Göttin sie zu
reichen, | Die ihm die Antwort gab aus leichtem Herzen: | "Ja, Vater, Herrn der
abgeschiednen Geister, | Dein Wille soll geschehn! Wofern ich offen | Und
ungestraft die Wahrheit sagen dürfte:
105Der gleiche Ingrimm wallt auch mir im Herzen, | Die ihn gleiche Flamme brennt auch
mir im Marke. | Womit ich nur der Römer Festen stärkte, | das alles hasse ich, und
mit Empörung | Betrachte ich, womit ich sie begnadet. | Die Göttin, die sie hob, kann
sie vernichten. | Ich will am Anblick ihrer Scheiterhaufen
110Mein Herz erfreun, und mit der Männer Blute | Will ich ernähren ihre giergen Triebe.
| Schon sehe er ich Philippis Schlachtgefilde | Mit Todessaat bedeckt in beiden
Lagern, | Thessalien erglühn von Scheiterhaufen | Und Spanien bedeckt von den
Erschlagnen. | Schon schlägt der Waffen Lärm mir an die Ohren. | O, Nil, auch deine
Ufer hör' ich klagen,
115Die Bucht von Aktium vor Furcht erbeben, | Apoll, vor deinen Waffen. Reiß die Tore |
Weit auf zu deinem Reiche, Gott der Toten, | Dem dürstenden, empfange neue
Seelen! | Der Schiffer Charon wird in seinem Nachen | Nicht bergen können all der
Männer Schatten; | Nein, eine Flotte brauchte er. Nun trinke | Dich satt, Persephone,
du bleiche, trinke
120Die Ströme Blutes! Eine Welt von Toten, | Von Wunden triefend, steigt zum Orkus
nieder. | An ihnen magst du deinen Hunger stillen!"
122. Als sie das letzte Wort gesprochen, zuckte | Ein jäher Blitz aus den zerfetzten
Wolken | Und fuhr mit schrecklichem Getöse nieder. | Erbleichend prallt zurück der
Gott der Schatten, | Zurück in seine Tiefe, vor des Bruders
125Blitzstrahle bebend. Wunderzeichen künden | Sogleich der Götter Willen:
Menschensterben | Und kommendes Verhängnis. Denn es zeigten | Sich blutige
Gesichter und von Wolken | Umhüllt des Titans grimmige Gebärde: | Von
Bürgerkriegen flammten schon die Lüfte.
130Doch Cynthia verbarg ihr volles Antlitz, | Als wollte sie nicht leuchten dem
Verbrechen. | Der Berge Gipfel barsten mit Getöse | Zu jähem Sturze, die gewohnten
Ufer | Verlassend irrten Flüsse durch die Fluren | Und starben hin im Sande. In dem
Himmel | Ertönt' ein Lärm als wie von Waffenkampfe,
135In den Gestirnen weckt' die Kriegstrompete | Mit grausem Klang den Mars, des Ätna
Rachen | speit aus noch nie gesehne Feuergarben | Und sendet seine Blitze in den
Äther. | Die Gräber öffnen sich, und aus den Urnen | Erheben sich mit grimmem
Murren Geister, | Die Himmelsrute glänzt in neuem Feuer,
140Im blutgen Regen steigt vom Himmel nieder | Gott Jupiter. In solchen
Schauerzeichen | Bekundet sich der nahe Götterwille. | Dann schiebt beiseite Caesar
alles Zaudern | Und trägt aus seinem Gallien, sich zu rächen, | Zu einem Bürgerkriege
heim die Waffen.
Im Wolkenreich der Alpen, die nach Graiern
145Den Namen tragen, neigen sich die Felsen | Und dulden, dass sie Menschenfuß
betrete. | Dort ist ein Platz, dem Hercules geheiligt: | Der Winter schließt ihn ein mit
Eisesfesseln, | Und reckt bis an die Sterne graue Gipfel. | Es ist, als ob der Himmel
darauf laste. | Kein Sonnenstrahl erweicht die harten Massen, | Kein milder Hauch
der lauen Frühlingslüfte:
150Er starrt von Eis und winterlichem Reife, | Er könnte wohl die ganzen Himmelswelten
| Auf seinen unheilvollen Schultern tragen. | Als Caesar dahin seine Füße setzte |
Und auf die Höhe stieg mit seinen Kriegern | In frohem Mute, blickte er hernieder |
Vom hohen Bergesgipfel auf die Fluren | Hesperiens, die ausgebreitet lagen,
155Erhob dann seine Hände nach den Sternen | Und sprach mit lauter Stimme seine
Bitte: |"Allmächtger Jupiter, und dich, du Heimat | Des Gott Saturnus, die du meiner
Waffen | Dich vordem freutest, sie mit Siegen schmücktest, | Seid Zeugen mir, dass
ich zu diesem Kampfe | Gezwungen nur den Mars zu Hilfe rufe, | Dass wider Willen
ich die Waffen führe! | Aus Notwehr handle ich. Verbannen wollen
160Die Gegner mich vom väterlichen Boden. | Indessen ich den Rhein mit Blute tränke, |
Die Gallier, die zum zweiten Mal erstreben, | Das Capitol zu stürmen, von den Alpen
| Abwehre, will man mich, den Sieger, zwingen, | Nur um so mehr Verbannungslos zu
dulden. | Es brachte wohl Verderben meinem Volke, | Dass ich Germanien Blut in
hundert Siegen | Vergossen habe? Sagt, wer sind die Leute, | Die meine Siege
schrecken? Sind die Leute,
165Die meinem Krieg misstraun? Mit Geld erkauftes | Und feiges Krämerpack, bei dem
mitnichten | Mein liebes Rom Stiefmutter spielen sollte! | Doch soll es ihnen, denk'
ich, schlecht bekommen: | Nicht unbestraft fällt mir in meine Rechte | Die feige
Hand. Auf denn, ihr Sieggewohnten, | Brecht auf im Zorn, ihr, meine Kameraden, |
Und sprechet Recht mit eurem Eisenschwerte!
170Uns alle nämlich trifft der gleiche Vorwurf, | Und gleiches Schicksal will man uns
bereiten. | So schulde ich auch meinen Dank euch allen: | Ich habe nicht allein den
Krieg gewonnen. | Da unseren Kriegstrophäen jetzt die Schande | Und unsren Siegen
die Beschimpfung droht, | Entscheide, Glück! Dein Würfel sei gefallen. | Nehmt auf
den Kampf, erprobet eure Rechte!
175Schon ist der Streit entschieden; unbesieglich | Ist Caesar bei so vieler Helden
Beistand."
Und wie er also sprach, da schwebte nieder | Vom Himmel her Apollos heilger
Vogel, | Mit stolzen Flügelschlage glückverheißend, | Und auf der Linken klang im
dunklen Haine
180Ein unbekannter Laut, und Flammen blitzten. | Der Himmel tat sich auf, und Phoebus
strahlte, | Sein Sonnenhaupt mit hellem Glanz umfließend.
123. Und so gestärkt durch gute Vorbedeutung, | Gab Caesar Marschbefehl den
Fahnenträgern | Und schritt voran zu unerhörtem Wagnis.
Zuerst zwar stand das Eis, des Schneees graue, | Erstarrte Decke fest, und auch die Erde
| Lag wie gebannt in ihrer milden Ruhe. | Doch als die Truppen durch die dichten Nebel |
Sich durchgerungen und das bange Lasttier | Der Flüsse eisig Band durchbrochen hatte, |
Da schmolz der Schnee, und von den Bergesriesen
Ergossen neue Fluten sich hernieder. | Indes auch sie, als wär' es so befohlen, |
Erstarben bald in dem Vernichtungssturze, | Der eben noch sich in das Tal ergossen, |
Und lagen wie in Fesseln. Doch man durfte | Dem Boden nicht vertraun: die Füße glitten
| Auf glattem Grunde aus, der Männer Scharen
Und ihre Waffen türmten sich im Sturze | Zu wüsten Haufen auf. Doch sieh, da lösten, |
Vom kalten Sturm getroffen, ihre Lasten | Die Wolken, Winde drangen ein im Wirbel, |
Der Himmel öffnete des Hagels Schleusen, | Und Wolkenbrüche trafen ihre Waffen.
Da barsten auch die Wogen gleich dem Meere, | Vom Frost geschmiedet. Von des
Schneees Lasten | Besiegt die Erde ruht, besiegt die Sterne, | Besiegt die Ströme in der
Ufer Fesseln; | Doch nicht besiegt der Caesar: auf die Lanze | Sich stützend brach er sich
mit festen Schritten | Die Bahn durch diese grausigen Gefilde.
So schritt einst Hercules durch die Gebirge | Des Kaukasus erhobnen Hauptes, so auch |
Verachtung blickend Iupiter hernieder | Von des Olympus Gipfel, der Giganten |
Verderben drohende Geschosse treffend.
Schon bricht des Caesars Zorn den Trotz der Burgen,
Derweil erschreckt mit zitterndem Gefieder | Die Göttin Fama zu des Palatinus |
Erhabner Feste ihren Flug genommen. | Sie warf mit ihrem Donnerworte nieder, | Was
man in Rom der günstgen Zeichen glaubte: | "Schon schwärmten seine Flotten auf den
Meeren, | Geschlagen wären der Germanen Heere, | Von ihrem Blute dampften schon
die Alpen."
Vor ihren Augen flattern auf die Bilder | Von Kampf, von Mord und Blut, von
Feuerbränden, | Von allen Kriegesschrecken. So getroffen
Vom Kriegstumulte, spalten sich Parteien: | Die einen flüchten durch die Länder, andre |
Vertrauen mehr den Fluten, sichrer als | Ihr Vaterland sind vielen schon die Meere. | Die
Mehrzahl aber sucht der Waffen Urteil
Und will es wagen, was das Schicksal fordert. | Das Maß der Furcht bestimmt das Maß
der Eile, | Und überstürzt in der Erregung flüchtet - | Ein jammervoller Anblick! - sich die
Menge, | Wohin Verzweiflung treibt, die Stadt verlassend. | Erfreut sich Rom der Fluch?
Und lassen Bürger
Bei des Gerüchtes Schrecken ihre Häuser | Schon jammervoll im Stich? Da seh' ich einen
| Mit Zitterhand die Kinder heiß umarmen, | Ein andrer birgt im Schoß die Hauspenaten,
| Tritt unter Tränen über seine Schwelle, | Trifft seinen fernen Feind mit Fluchesworten,
| Die ihm den Tod beschwören. Andre wieder, | Die drücken ihre Weiber voller Jammer
An ihre Brust und ihre greisen Väter. | Die Kinder, ungewohnt der schweren Lasten, |
Bepacken sich mit Tand, an dem sie hängen. | Und unbedacht führt jener alles mit sich, |
Vermehrt damit die Beute nur des Siegers. | Wie wenn auf hoher See bei starkem
Sturme, | Wenn Woge sich auf Woge türmt und weder | Das Steuer noch die Ruder
nützen können,
Den Schiffsballast der eine sichert, jener | Die sichre Buchten, stille Küsten aufsucht: | So
lässt man dort zur Flucht die Segel schwellen, | Vertraut in allem auf Fortunas Hilfe. |
Weshalb am Kleinen haften? Mit den Konsuln | Entweicht - o Schimpf und Schmach! -
Pompeius selber, | Pompeius, der der Große heißt, der Schrecken | Der Meere einst,
Entdecker des Hydaspis,
Der starre Fels im Kampf mit Seepiraten, | Auf den auch Iupiter mit Schauer blickte, |
Weil dreimal er Triumphe sich errungen, | Vor dem der Pontus seine Wogen legte, | In
Demut sich der Bosporus beherrschte, | Er floh, verriet den stolzen Herrschertitel, | So
dass Fortuna jetzt, die launenhafte, | Den Rücken auch des "Großen" schauen durfte.
245124. Bei solchem Sturze fielen auch die Götter: | Es ward die Flucht gebilligt durch
die Sorge | Des Himmels selbst. Der Götter milde Scharen, | Entrüstet über die
empörten Länder, | Verließen unser Erdenrund und wandten | Sich ab von dem
verruchten Menschenschwarme. | Vor allen anderen birgt die Friedensgöttin
250Besiegt ihr Haupt in ihrem Helm, entflattert | Mit weißen Flügeln fort und sucht als
Flüchtling | Das Reich des strengen Totengottes auf. | Sie wird begleitet von der
schlichten Treue, | Von der Gerechtigkeit in losen Haaren | Und von der Eintracht in
dem Trauerkleide. | Die Hölle speit dafür aus ihren Gründen
255Ein ganzes Heer von Unterweltsgestalten: | Die grausige Erinnys, die Bellona, |
Megära, Fackeln in den Händen schüttelnd, | Verrat und Mord, des Todes bleiches
Bildnis. | Die Wut dazu mit den gesprengten Fesseln | Freischweifend reckt ihr
blutend Haupt zur Höhe | Und schützt es, dass unzählge Wunden zeichnen,
260Mit ihrem blutgen Schild; in ihrer Linken | Den kriegerischen Schutz, beschwert von
tausend | Geschossen und zerfetzt, in ihrer Rechten | Verderbendrohend ihre
Kriegesfackel, | Mit deren Glut die Länder sie entzündet.
Die Erde muss die fremden Götter dulden, | Indes die Sterne schwerelos
hintrudeln;
265Es spaltet sich die ganze Himmelsfeste | Zwiespältig in Parteien: auf Caesars Seite |
Hat sich als erste Dione geschlagen, | Zu ihr gesellt sich Pallas, zu ihr ferner | Der
Kriegsgott selbst, die Riesenlanze schüttelnd. | Pompeius findet Schutz bei dem
Apollo, | Bei der Diana, bei dem Spross Cyllenes, | Merkur, und bei dem ihm an Taten
gleichen
270Thirynther Helden, Sprossen der Alkmene.
Trompeten schmettern. Aus dem Reich der Toten | Erhebt die Zwietracht ihre
wüsten Haare: | Geronnen Blut an ihrem Lippen haftet, | Geschwollne Augen lassen
Tränen tropfen, | Des Rachens Zähne gleichen rostgem Eisen,
275Dem Mund entströmt der Geifer, Schlangenhaare | Umflattern ihren Kopf, den
welken Busen | Umhüllen Lumpen, zitternd in der Rechten | Sie ihre blutigrote
Fackel schüttelt. | Jetzt schritt sie aus der Nacht des Totenreiches | Empor zum
stolzen Joch des Apennines,
280Von wo sich auf die Länder und die Meere | Ein weiter Umblick bietet. Da gewahrt
sie | Auf allen Ländern Kriegesscharen strömen, | Und das entlockte dem
wutentbrannten Herzen | Den Schreckensruf: "Auf, Völker, greift zu Waffen! | Ihr
steht in Wut, ergreift die Feuerbrände | Und werft sie mitten in die Städte! Jeder,
285Der sich verborgen hält, erlieg' dem Tode! | Nicht Weib noch Greis und Kind darf
müßig bleiben; | Die Erde selbst erzittre, stürzen sollen | Die Dächer! Marcell, sei ein
strenger Richter! | Aufpeitsche, Curio, den rohen Pöbel! | Du, Lentulus, gestatte
keinen Frieden!
290Was zögerst du, in deinen Waffen, Caesar, | Du göttlicher? So sprenge doch die Tore,
| Zerbrich der Städte Mauern, raube alles, | Was sie an Schätzen bergen! Doch,
Pompeius, | Verlerntest du den Schutz der Römerburgen? | So flüchte dich in
Epidamnus' Mauern | Und färb' mit Menschenblut Thessaliens Buchten!"
295 Und es geschah auf Erden, was die Zwietracht heischte.
7. Ankunft in Kroton: Der Plan geht auf

Während Eumolpos dies mit erstaunlicher Zungenfertigkeit hervorgesprudelt hatte,


landeten wir endlich in Kroton an. Vorerst in einem kleinen Wirtshaus wieder erfrischt,
suchten wir am nächsten Tag ein vornehmeres Hotel auf und gerieten gleich in eine
ganze Gesellschaft von Erbschleichern, die sich sehr gründlich danach erkundigten, was
für eine Sorte Mensch wir seien und woher wir kämen. Wir entwickelten ihnen also in
fließende Rede auf Grund unseres vereinbarten Planes unsere Herkunft und Identität
und fanden damit zweifellos vollen Glauben: Um die Wette legten sie dem Eumolpos
sofort ihre Reichtümer zu Füßen. <...>

So waren alle Erbschleicher wetteifernd bemüht, sich Eumolpos durch Geschenke zu


Dank zu verpflichten. <...>

8. Ernsthafte Zweifel des Encolpius am Bestand des großen Glücks

125. So trieben wir es lange Zeit in Kroton. <...> Eumolpos schwamm in Glückseligkeit
und dachte so wenig noch an seine frühere Notlage, dass er wiederholt †vor seinen
Leuten† prahlte, niemand könne sich hier seinem Ansehen entziehen, und seine Leute
würden, falls sie [in dieser Stadt] sich etwas zuschulden kommen ließen, unter dem
Schutz seiner Freunde straffrei ausgehen. Auch ich hatte mir mit dem täglich
wachsenden Überfluss an guten Bissen ein Ränzlein angegessen und meinte schon,
Fortuna habe ihr wachsames Auge von mir abgewandt. Wenn ich aber doch öfter meine
gegenwärtige Lebensweise und Lage bedachte, sagte ich zu mir selbst: "Wie aber dann,
wenn irgend ein schlauer Erbschleicher einen Spion nach Ägypten schickt und unseren
Betrug aufgedeckt? Wie dann, wenn in seinem gegenwärtigen Wohlleben der
Lohndiener sich vergessen und seinen Freunden unseren ganzen Schwindel aus
neidischer Gesinnung aufdecken sollte? Dann heißt's natürlich wieder davonlaufen, und
dann fängt die kaum überwundene Hungerleiderei wieder an und mit ihr ein neues
Bettelsystem. Ihr Götter und Göttinnen, wie schwer sich's lebt außerhalb des Rechtes!
Beständig fürchtet man, was man verdient. " <...>

1. Chrysis versucht, Encolpius für ihre Herrin Circe zu interessieren. Verführung

126. "Ja, ja, weil du deine Anziehungskraft kennst," (sagte das Mädchen Chrysis), "bist du
voller Stolz, lässt du dir deine Umarmung bezahlen, verschenkst sie nicht.. Denn was
bezwecken deine künstlich gekräuselten Haare, was dein mit Schminken aufgeputztes
Gesicht, was auch deiner Blicke weichliche Zudringlichkeit, was dein gezierter Gang,
dessen Fußspuren nie vom strengen Maß abweichen? Was anders, als dass sie deine
Schönheit feilbieten? Da schau auf mich! Ich verstehe nichts von Wahrsagekunst, ich
kümmere mich niemals um den Himmel der Astrologen, und dennoch durchschaue ich
den Charakter der Menschen, und wenn ich einen daherkommen sehe, dann weiß ich
auch, an was er denkt. Willst du also das Erwünschte an uns verkaufen, nun gut: hier ist
der Käufer, willst du es uns aber, was menschlicher wäre, als freie Gabe darbringen, nun,
so sorge dafür, dass wir dir für deine Wohltat danken können! Dass du dich als Sklaven
und Mann niederen Standes vorstellst, damit entfachst du nur die Leidenschaft der
Verliebten. Es gibt Frauen, deren Sinn nur nach Männern der Gasse steht, die nur dann in
Erregung geraten, wenn sie Sklaven sehen und hochgeschürzte Ordonnanzen. Manche
verlieben sich in Gladiatoren, in einen bestaubten Maultiertreiber oder ausgepfiffenen
Possenreiter des Theaters. Von dieser Art ist meiner Herrin: sie springt von der ersten
Reihe am Orchester bis in die vierzehnte Reihe, um sich aus den Proleten ihren Geliebten
herauszugreifen."

Ich war voller Entzücken über ihre so schmeichelhaften Worte: "Bitte," fragte ich, "bist
du es etwas selber, die mich liebt?" Da schüttelte sich die Magd vor Lachen über meine
so frostige Schmeichelei und sagte: "Bilde dir nur nicht zu viel ein! Ich habe mich bis jetzt
noch von keinem Sklaven verführen lassen, und die Götter sollen mich behüten, dass ich
mich einem Galgenvogel an den Hals hänge! Das überlasse ich den Damen, die die
Striemen der Peitschenhiebe küssen; wenn ich auch nur eine Magd bin, so habe ich
meine Liebschaften doch nur mit Männern des Ritterstandes." Ich musste mich über
diese so widerspruchsvolle Leidenschaft wundern, sie unter die Ungeheuerlichkeiten
zählen, dass die Magd den Stolz der Dame, die Dame den niedrigen Sinn einer Magd
hatte.

Wir setzten unseren Neckereien noch länger fort. Schließlich aber bat ich die Magd, ihre
Dame in den Platanenhain zu bringen. Damit war das Mädchen einverstanden, raffte ihr
Kleid höher auf und wandte sich seitwärts in einen Lorbeergang, der für Lustwandler
hergerichtet war. Es dauerte nicht lange, da brachte sie ihre Herrin aus ihrem Versteck
heran und an meine Seite. Es war ein Weib, vollendeter als jede Statue. Keine Sprache
vermag ihre Schönheit zu beschreiben. Was ich auch sagen mag, es bleibt doch hinter
der Wirklichkeit zurück. Ihre Haare ergossen sich in freiem Fall über ihren Nacken. Ihre
Stirn war sehr niedrig, und es bäumten sich über ihr die kleinen Stirnlöckchen auf. Die
Bögen ihrer Augenbrauen wölbten sich bis zu den Wangen hin und vereinigten sich fast
zwischen den Augen. Und diese Augen funkelten heller als Sterne bei mondfinsterer
Nacht. Ihre Nase war leicht gekrümmt, und einen Mund hatte sie, wie ihn Praxiteles
seiner Diana angedichtet hat. Und dann das Kinn! Und dann der Nacken! Und dann die
Hände! Und dann der Füße Glanz, der unter einer zarten Goldspange hervorleuchtete!
Was wollte dagegen der parische Marmor besagen?

Wie verächtlich erschien mir damals zum ersten Male meine alte Liebe zu Doris! <...>

"Was hat sich denn begeben, Vater Jupiter, | Du lässt die Blitze ruhn, verstummst im
Göttersaal? | Bist eine Sage nur, nicht mehr der Gott von Kraft? | Schau her und lege ab
das Hörnerpaar, das du, | Europa zu gewinnen, trägst auf stolzer Stirn! | Leg ab des
Schwanes weißen Federschmuck, mit dem
Die keuschen Leda du betrogen hast! Schau her, | Die wahre Danae ist hier! Berühre nur
| Mit leisem Finger ihren Leib, und alsogleich | Durchflutet deine Glieder rote
Flammenglut."

127. Sie hatte großes Gefallen daran und lachte mit so anmutigem Wesen, dass mir war,
als leuchte der Vollmond aus den Wolken hervor. Gleich darauf sagte sie, indem sie ihre
Worte mit den zierlichsten Gedanken begleitete: "Junger Herr, wenn es dir nicht
unangenehm ist, mit einem Weib zu verkehren, das sich doch sehen lassen kann und erst
vor einem Jahr ihre Mädchenschaft verloren hat, so nimm mich zur Geliebten! Du hast
zwar deinen 'Bruder', wie ich weiß - denn ich habe es mich nicht verdrießen lassen, das
zu ermitteln -, aber weshalb solltest du daneben nicht auch eine 'Schwester' haben
wollen? Ich komme zu dir mit gleichem Verwandtschaftsgrad. Halte mich gleich wert und
lass dir freundlich auch meinen Kuss gefallen!" - "Nein, nein! "rief ich aus, "ich bitte dich
bei deiner Schönheit, mich, den dir noch fremden Mann, ohne Widerstreben unter deine
Verehrer mit aufzunehmen. Du sollst sehen, dass ich ein frommer Mann bin, wenn du
mir erlaubtst, dich anzubeten. Und damit du nicht glaubst, ich käme mit leeren Händen
zum Tempel [des Amor], so bringe ich dir meinen 'Bruder' zum Opfer dar." - " Ist es
wahr," rief sie, "du opferst mir deinen 'Bruder', ohne den du ja nicht leben kannst, an
dessen Lippen du hängst, den du so liebst, wie ich mir wünsche, von dir geliebt zu
werden?" Indem sie das sagte, lag eine so bestrickende Anmut in ihrer Stimme,
schmeichelte gleichsam ein so süßer Klang die Luft, als hauche der Chor der Sirenen
liebliche Gesänge aus. Ich war bezaubert, als wenn sie einen Glanz ausstrahlte,
leuchtender als der weite Himmel, und fragte sie nach ihrem Namen. "Wie?" fragte sie,
hat dir denn meine Magd nicht gesagt, dass ich Circe heiße? Freilich bin ich nicht die
Tochter des Sonnengottes, und meine Mutter hat nicht nach Belieben den Lauf der Welt
einhalten können, und doch habe ich etwas, was vom Himmel stammt, wenn uns das
Glück vereinigen sollte. Ja, ein Gott flüstert es mir zu, ich weiß nicht, in was für geheimen
Ahnungen. Nicht ohne guten Grund liebst eine Circe einen Polyaenus: immer lodert
zwischen diesen beiden Namen die Fackel der Liebe auf. Erlaube mir, dass ich dich
umarme! Du brauchst dich nicht vor irgendeinem Lauscher zu fürchten: dein Bruder ist
weit ab von hier." Mit diesen Worten legte sie ihre Arme, die weicher waren als
Federdaunen, um meinen Nacken und neigte mich zum Boden nieder, der mit bunten
Blumen geziert war.

Wenn Jupiter in wahrem Ehebunde | Zu Flammenglut sein volles Herz entfacht, | Ergießt
von Idas Höhn sich bis zum Grunde | Ein Strom von nie geahnter Blütenpracht. | Da
sprießen Veilchen auf und bunte Rosen, | Da Binsenkraut in grünem Wiesenfeld,

Und laue Lüfte mit den Lilien kosen, | Die sich in weißer Pracht dazu gesellt. | So lockt
die Liebe aus dem Erdengrunde | Der bunten Pflanzen reichen Blütenkranz, | Und auch
der Himmel lacht zu dieser Stunde | Geheimer Lust in nie geschautem Glanz.
Wir wechselten auf unserem Rosenlager im Liebesspiele tausend Küsse und verlangten
nach Erfüllung unsrer Leidenschaft. <...>

2. Die große Enttäuschung

128. "Ich begreife nicht", sagte sie, "ist dir an meinen Küssen etwas nicht recht? Hat
mein Atem einen faden Geruch? Merkst du Schweiß meiner Achseln? Wenn aber nicht,
hast du etwa Angst vor Giton?" Mir schoss die Schamröte ins Gesicht, und wenn ich noch
etwas Kraft gehabt hatte, so verlor ich sie jetzt. Ich war am ganzen Körper wie gelähmt
und sagte: "Ach, bitte, meine Gebieterin, quäle mich nicht wegen meines Unglücks: Ich
bin verhext." <...>

"Sage mir die Wahrheit, Chrysis: habe ich irgend etwas Abstoßendes an mir? Bin ich
unsauber? Habe ich irgendeinen natürlichen Makel, der meine Schönheit herabsetzt?
Hintergehe deine Herrin ja nicht! Irgend etwas muss nicht in Ordnung sein." Da die Magd
schwieg, entriss sie ihr den Spiegel und wiederholte vor ihm das ganze Gebärdenspiel,
das der Liebeskampf den Liebenden erregt, schüttelte ihr Gewand, das auf dem Boden
gelegen hatte, sauber und trat mit Hast in den Tempel der Venus ein. Ich aber lag da wie
ein Verdammter, wie erstarrt vor einem Schreckgespenst, und legte mir die Frage vor, ob
ich denn wirklich um die höchste Sinnenlust betrogen wäre.

Wenn Träume uns in schlummerreicher Nacht


Mit Truggebilden vor der Seele spielen,
Gehobnes Gold vor meinen Augen lacht -
Ich darf es schon in meinen Händen fühlen -,
Wenn Schweiß die Wangen netzt, sich quält der Geist,

Ob nicht ein Zeuge des geheimen Glückes


Es doch vielleicht mir von dem Schoße reißt:
Am Schlusse dann des bunten Gaukelstückes
Des Lebens wahres Bild sich wieder zeigt,
Dann wünscht die Seele noch, was sie verloren,
Was ihr entschwand, noch einmal neu geboren. <...>

"Ich habe dir also zu danken", sagte sie, "dass du mich mit sokraktischer Zurückhaltung
liebst. So unberührt hat der Alkibiades nicht in seines Meisters Bett gelegen."

129. " Glaube mir, Bruder, ich weiß nicht mehr, dass ich ein Mann bin, ich fühle es nicht.
Begraben liegt der Körperteil von mir, mit dem ich früher ein Achilles war. <...>

Der Knabe fürchtete, er könnte in seinem Versteck abgefasst werden und dann ins
Gerede kommen, flüchtete sich deshalb ins Innere des Hauses. <...>
3. Spöttischer Brief der Circe an Polyaenus-Encolpius

Chrysis aber betrat meine Kammer und überreichte mir von ihrer Herrin ein Briefchen
folgenden Inhalts:

130. " An Polyaenus.

Wenn ich verbuhlt wäre, würde ich mich über die Enttäuschung beklagen; so spreche ich
dir meinen Dank aus für deine Schlappheit. Um so länger konnte ich im Schatten der
Wollust spielen. Ich frage aber an, wie es dir geht. Bist du auf eigenen Füßen nach Hause
gekommen? Die Ärzte behaupten doch, die Menschen könnten ohne Nervenkraft nicht
gehen. Ich rate dir, junger Mann, nimm dich vor der Paralyse in acht! Ich habe noch
keinen Kranken in so großer Gefahr gesehen. In der Mitte ist es schon aus mit dir; wenn
dir aber diese Kälte auch in die Knie und Hände fährt, dann magst du dir die
Leichenmusik bestellen. Wie ich mich dazu stelle? Obwohl du mich schwer beleidigt hast,
so gönne ich dir armem Wicht doch das Heilmittel: wenn du wieder gesund werden
willst, dannfrage nach Giton. Ich sage dir, wenn du nur drei Tage ohne deinen 'Bruder'
schläfst, bekommst du deine Kraft wieder. Was mich betrifft, so muss ich nicht fürchten,
dass ich einen finde, dem ich weniger gefalle: ich darf meinem Spiegel und meinem Ruf
trauen. Lebe wohl - wenn du kannst! Circe."

Wie Chrysis merkte, dass ich die ganze Verhöhnung gelesen hatte, sagte sie: "So was
kann ja vorkommen, zumal in unserer Stadt, wo die Weiber sogar den Mond vom
Himmel herunterzaubern; also muss sich auch hierfür eine Abhilfe finden lassen.
Schreibe meiner Herrin nur recht zärtlich und versuche, ihr Herz durch ungekünstelte
Liebenswürdigkeit wieder umzustimmen. Ich kann freilich nicht leugnen: seit der Stunde
ihrer Kränkung ist sie ganz außer sich."

Gerne befolgte ich den Rat der Magd und setzte folgendes Briefchen auf:

4. Antwortbrief des Polyaenus-Encolpius: Schuldgeständnis und Sühnebereitschaft

"Liebe Circe!

Ich gestehe, Gebieterin, dass ich oft gesündigt habe; denn ich bin ein Mensch, und
obendrein ein junger Mensch. Niemals aber habe ich bis zum heutigen Tage ein
todeswürdiges Verbrechen begangen. Ich gestehe vor dir als reuiger Sünder: bekenne
mich jeder Strafe schuldig, die du mir zufügen willst. Ich habe Verrat geübt, habe einen
Menschen umgebracht, habe einen Tempel beraubt: Suche eine Strafe für diese
Verbrechen! Stimmst du für Tod, so reiche ich dir dazu mein eigenes Schwert, begnügst
du dich mit Prügelstrafe, so komme ich nackend zu dir. Das eine aber bedenke: nicht ich
habe gefehlt, sondern meine Werkzeuge. Ich war ein kampfbereiter Krieger, hatte aber
keine Waffen. Wer diese Verwirrung geschaffen hat, das weiß ich nicht. Möglich, dass
meine Sinnlichkeit dem lässigen Körper vorauslief, möglich, dass ich dem Wunsche, alles
zu genießen, vorzeitig meine Begierde verschwendete. Ich verstehe nicht, was ich
gemacht habe. Vor Paralyse soll ich mich in acht nehmen? Sag das nicht! Das Leiden kann
nicht mehr zunehmen, das mir die Kraft nahm, durch die ich auch dich hätte gewinnen
können. Ich fasse also meine Abbitte in das Wort zusammen: Du sollst mit mir zufrieden
sein, wenn du mir gestattest, meine Schuld zu sühnen. Polyaenus."

Nachdem ich die Chrysis mit solchen Versprechungen zurückgeschickt hatte, ging ich
recht gewissenhaft daran, meinen so heruntergekommen Körper zu pflegen: ich nahm
ein Bad, salbte mich maßvoll, stärkte mich dann mit kräftigerer Kost, d.h. Zwiebeln und
dem festeren Fleisch der Austern, ohne ihren Saft, und nahm einige Schlucke Wein. Vor
dem Schlafengehen machte ich einen ganz bescheidenen Spaziergang und begab mich
ohne Giton ins Bett. Ich war so sehr auf Versöhnung (der Circe) bedacht, dass ich mich
davor fürchtete, mein Bruder könne mirdie Flanke zerpflücken.

5. Zaubertherapie statt Anwendung von Viagra. Probe aufs Exempel.

131. Als ich tags darauf frisch und gesund an Leib und Seele aufgestanden war, ging ich
wieder hinunter in den Platanenhain, obgleich ich mich vor dem verwünschten Ort
fürchtete, und erwartete unter den Bäumen die Chrysis, dass sie meine Führung wieder
übernehme. Erst ging ich ein wenig hin und her und setzte mich dann, wie ich es am Tag
zuvor getan hatte. Da kam sie und brachte ein altes Mütterchen mit sich. Sie begrüßte
mich und fragte: "Nun, wie steht's, spröder Herr? Hast du wieder etwas Selbstvertrauen
gefunden?"

(Die Alte) zog aus ihren Bausche eine aus bunten Fäden gewebte Binde hervor und
schlang sie mir um den Hals. Dann spuckte sie auf den Boden, rührte den Speichel mit
dem Staub zusammen und bestrich mir damit trotz meines Widerstrebens mit ihrem
Mittelfinger die Stirn.

Nachdem sie eine Zauberformel gesprochen hatte, befahl sie mir, dreimal auszuspucken
und dreimal Steinchen in meinen Brustbausch zu werfen. Dann sang sie über diese
wieder einen Zauberspruch und wickelte sie in ein purpurfarbiges Tuch ein. Und nun
legte sie ihre Hände an meine Scham, um deren Kraft zu erproben. Schneller, als sie
sprechen konnte, gehorchten meine Nerven ihrem Wunsche, und es füllten sich die
Hände der Alten mit einem gewaltigen Ruck. Da machte sie Freudensprünge und rief:
"Sieh doch, liebste Chrysis, sieh, was für einen Rammler von Hasen ich für andere
aufgescheucht habe!"

Es legt in Sommertagen der edle Ahorn breit


Aufs Gras die Schatten nieder, der Lorbeer steht zur Seit',
Von Beeren rings umkränzt, Zypressen zittern leise,
Es zieht auf kahlem Stamme die Pinie weite Kreise.
Darunter aber plätschert der Quell im muntren Spiel
Und schilt den glatten Kiesel, der ihm nicht weichen will.
Ein Liebesort! Das wissen im Busch die Nachtigallen,
Das weiß die Städterin, Frau Schwalbe, auch vor allen,
Wenn übers Gras sie huschen, bei duftgen Veilchen ruhn
Und unter hellen Schalle Verführerisches tun. <...>

Sie lag auf einem goldenen Polster mit ihren marmorweißen Nacken und fächelte ihr
ruhiges Antlitz mit einem blühenden Myrtenzweig. Als sie mich erblickte, errötete sie ein
wenig, in Erinnerung jedenfalls an ihre gestrige Kränkung. Darauf schickte sie alle
Dienerinnen hinaus und lud mich ein, neben ihren Platz zu nehmen, hielt mir den Zweig
vor die Augen, als wollte sie eine Wand zwischen uns aufrichten, und sprach dann mit
Freimut: "Nun, mein Paralytiker, wie steht es? Bist du heute als ein ganzer Mann
gekommen?" - "Warum fragst du mich? Versuche es doch lieber!" und damit stürzte ich
mich mit meinem ganzen Körper in ihre Umarmung und genoss ihre unzähligen Küsse bis
zur Sättigung. <...>

6. Encolpius lässt sich durch Endymion ablenken, wird deswegen von Circe bestraft und
verkriecht sich ins Bett

132. Allein schon seine Schönheit lockte mich zu ihm hin und zum Liebesgenuss. Schon
fanden sich unsere Lippen und klang Kuss über Kuss, schon hatten unsere Hände im
Wechselspiel jede Lust der Liebe gefunden, schon hielten wir uns in Umklammerung, und
unsere Seelen ergossen sich ineinander...

Unter dem niederschmetternden Eindruck dieser augenscheinlichen Beschimpfung nahm


meine Herrin nun ihre Zuflucht zur körperlichen Züchtigung, rief ihre Hausdiener und
befahl ihnen, mir den Hintern zu versohlen. Aber noch nicht zufrieden mit einer so harten
Misshandlung, ließ sie auch die Spinnfrauen und das niedrigste Dienstpersonal holen und
befahl ihnen, mich anzuspucken. Ich hielt mir die Hände vor die Augen, aber dachte nicht
daran, irgendwelche Bitten auszusprechen, weil ich doch wusste, was ich verdient hatte.
Angespien also und verprügelt, wurde ich zur Tür hinausgeworfen. Ebenso wird
Proselenos (die Alte) hinausgeworfen. Chrysis bekam auch ihre Tracht Prügel. Das ganze
Gesinde tuschelt miteinander und fragt sich, was denn wohl die Herrin um ihre frohe
Laune gebracht habe.

Indem ich also meine Schicksalsfälle gegeneinander abwog, hob sich meine Stimmung
wieder, und ich verbarg mit Sorgfalt meine Schwären, damit sich über meine Schande
Eumolpos nicht belustigen, Giton nicht betrüben könne. Was ich allein
[erreichen] konnte, ohne meine Schande zu verraten: ich begann, Müdigkeit
vorzuschützen, kroch ins Bett und wandte nun meine ganze Wut gegen den Körperteil,
der mir Ursache all meiner Leiden geworden war:
7. Encolpius rechtet mit seiner mentula.

Dreimal griff ich zum Messer mit doppelter Schneide, doch dreimal
Ließ ich es sinken, an Kraft schwach wie ein Rohr auf dem Feld,
Weil es den zitternden Händen den schweren Gehorsam versagte;
War nicht imstande, zu tun, was ich soeben beschloss;

Er kroch zitternd vor Angst und kälter als eisiger Regen


Tief in mein Innres hinein, barg unter Runzeln sein Haupt,
Die ihn in Menge umhüllten, so dass ich vergebens ihn suchte,
Folglich das Henkergeschäft nicht zu verrichten vermocht'.
Da sich dem Todesgericht der Gauner kläglich entwunden,
Blieb ihr als Strafe allein tadelnde Rede und Schimpf.‘

Ich richtete mich also im Bett auf und setzte ihm mit folgender Strafpredigt zu: "Hör mal,
du machst mir Schande bei allen Menschen und Göttern! Nicht einmal sprechen darf ich
von dir, wenn von ernsten Dingen in der Rede ist. Hab' ich das um dich verdient, dass du
mich aus himmlischen Regionen in der Hölle hinabstürzt? Dass du mich um die erste
Kraft der blühenden Jahren betrügst und mir die Schlaffheit des spätesten Alters
aufbürdest? Bitte, erkläre dich doch, wenn auch nur leichthin! Dies gab ich voll Zorn von
mir, aber

Er wendet sich und blickt beschämt zu Boden,


Verharrt vom Anfang bis zum Schlusse schweigend,
Dem Mohn, der Weide gleich sein Köpfchen neigend.

Ich selbst hatte kaum meine Schmährede beendet, als ich sie auch schon bereute und im
geheimen darüber errötete, dass ich meine Schamhaftigkeit vergessen und mit dem
Körperteil unterhandelt hatte, mit dem Leute ernsthaften Schlages sich nicht einmal in
ihren Gedanken beschäftigen wollen. Ich rieb mir darauf lange die Stirn und sagte: "Aber
habe ich denn etwas Unrechtes getan, wenn ich meinen Schmerz in einem natürlichen
Vorwurf entlud? Ist etwas daran, wenn wir dem Bauch am menschlichen Leib Vorwürfe
machen, dem Schlund, sogar dem Kopf, wenn Sie uns öfter weh tun? Wie, stellt nicht
auch Odysseus sein Herz zu Rede? Tadeln nicht auch tragische Dichter mit derben
Worten ihre Augen, als ob sie es hören konnten? Schimpfen die Podagra-Kranken nicht
auf ihre Füße, die Triefäugigen nicht auf ihre Augen, und machen nicht die, die sich die
Zehen anstoßen, für all ihre Schmerzen die Füße verantwortlich?

Was blickt ihr mich mit krauser Stirn an, Catone?


Was tadelt ihr, weil ungewohnt, Natürlichkeiten?
Mit Lachen dankt man offener, nicht mit trister Sprache.
Mit reinem Mund erzähl' ich, wie's die Leute treiben.
Ist einer, der der Venus Lust und Lager miede?
Der nicht erlaubt, im warmen Bett sich zu ergötzen?
Mir riet der Wahrheit Vater, Epicurus: - liebe!
Denn darin, sagt der Weise, liegt der Sinn des Lebens.

Nichts ist verkehrter als der läppische Versuch, die Menschen überzeugen zu wollen,
nichts Alberner als erheuchelte Strenge.

133. Nach diesen Darlegungen rufe ich den Giton und sage zu ihm: "Mein Liebster, sage
mir, aber auf Treu und Glauben: hat sich Askyltos in jener Nacht, als er dich von mir
entführte, bis zum Unerlaubten wach gehalten, oder hat er sich mit einer ehrbaren
Nacht begnügt, ohne Verführung?" Da legte der Knabe die Hände vor seine Augen und
schwur Stein und Bein, Askyltos habe ihm nicht Gewalt angetan.

8. Proselenos lässt Encolpius im Tempel des Priapus durch die Priesterin Oenothea
entsühnen (Intermezzo mit den heiligen Gänsen)

Ich kniete auf der Schwelle (des Priapus-Tempels) nieder und betete zu dem mir
ungnädigen Gott:

Höre, Begleiter der Nymphen, des Bacchus, den Göttin Dione


Über die üppigen Gärten als Hüter gesetzt hat, weshalb dir
Lesbos huldigt und Thasos, das blühende, den auch der Lyder
Ehrt im wallenden Mantel und Tempel errichtet Hypäpa,

Stehe mir bei, Du des Bacchus Gesell, du der Nymphen Entzücken,


Höre mein schüchternes Bitten! Nicht traurige, blutige Opfer
Bringe ich dar, nicht nah' ich als Feind mit sündiger Rechten
Deinen Altären, ich komme in Not und in schwerer Bedrängnis;
Was ich verfehlte, verfehlte ich nicht mit dem Körper im Ganzen.

Wer sich aus Schwäche vergeht, hat mindere Strafe zu fürchten.


Bitte, erhöre mein Flehen, entlaste mein Herz und verzeihe
Kleinerer Schuld, und wofern mir die Stunde des Glückes beschieden,
Gib mir die Kraft, zu bestehen in Ehren, nach deinem Geheiße!
Deinen Altären zu bluten, du Heiliger, naht sich der Bock schon,

Naht sich im Schmucke der Hörner der Widder, der Vater der Herde,

Naht sich ein Ferkel, das Junge der grunzenden Sau, und es naht sich
Schwellenden Euters das massige Schlachtrind. Von heurigem Weine
Werden die Becher erschäumen, und tanzend in trunkener Laune
Dreimal umkreisen die Burschen die heilige Stätte der Gottheit."
Während ich das betrieb und meinen Schwächling mit ängstlicher Sorge betrachtete,
betrat die Alte das Heiligtum, entstellt durch ihr zerzaustes Haar und ihr schwarzes
Gewand, packte mich und führte mich aus der Vorhalle hinaus.

134. "Welche Hexen haben dir deine Kraft gefressen, oder in welchen Unrat, auf welchen
Kadaver bist du bei einer Wegkreuzung getreten? Nicht einmal bei dem Knaben hast du
dich bewährt, hast dich matt, weich, schlaff, wie ein Pferd bei einem Anstieg vergebens
in Schweiß gebracht. Und damit nicht genug: du hast auch die Göttergegen
mich aufgebracht." <...>

Ich widerstrebte nicht, als sie mich wieder in die Kammer der Priesterin führte, auf das
Bett stieß, einen Rohrstock von der Tür nahm und mich wieder prügelte. Ich ließ es
schweigend über mich ergehen. Wäre nicht gleich bei dem ersten zu heftigen Schlag das
Rohr zerbrochen, sie hätte mir wohl gar die Arme und den Kopf zerschlagen. Ich
jammerte, zumal da sie mein Glied mit der Hand bearbeitete. Die Tränen brachen mir in
Strömen heraus, ich hielt mir mit der Rechten die Augen zu und warf mich aufs Kissen.
Auch Sie brach in Weinen aus, setzte sich auf die andere Seite des Bettes und beklagte
sich mit zitternder Stimme, dass sie zu alt geworden sei. Schließlich kam die Priesterin
hinzu. "Warum kommt ihr", fragte sie, "in meine Kammer wie zu einem neu errichteten
Scheiterhaufen? Zumal an einem Festtag, an dem selbst Trauernde lachen?" –

"Ach", klagte Proselenos, "der junge Mann, den du hier siehst, ist unter einem
Unglücksstern geboren; denn er kann mit seinem Vermögen weder einen Knaben noch
ein Mädchen bedienen. Noch nie hast du einen so unglücklichen Menschen gesehen:
einen nassen Riemen hat er, aber keinen Geschlechtsteil. Mit einem Wort: wie denkst du
über einen, der das Bett der Circe verlässt, ohne Wollust genossen zu haben?" Als
Oenothea das gehört hatte, setzte sie sich zwischen uns beide, schüttelte längere Zeit
den Kopf und sagte: "Ich bin die einzige, die dieses Leiden heilen kann, und dass ihr nicht
glaubt, ich schwindele, bitte ich, dass das Bürschchen diese Nacht bei mir schläft: Ich will
ihm sein Ding hart wie Horn machen:

135. Diese wunderbare Verheißung versetzte mich in Staunen und Entsetzen, und ich sah
mir die Alte genauer an. <...>
"Wohlan," rief Oenothea, "seid mir gehorsam!" ... Sie wischte sich die Hände sorgsam ab,
beugte sich über mein Bett und küsste mich zu wiederholten Malen. <...>
Oenothea stellte einen alten Tisch mitten auf den Opferaltar, auf den sie glühende
Holzkohle gelegt hatte, erweichte Pech und strich damit eine Schale, die vor Alter
gesprungen war, wieder zusammen. Dann schlug sie den Nagel wieder in die rußige
Wand, der beim Herunterreißen der Holzschale mitgekommen war. Darauf schürzte sie
sich mit einem viereckigen Tuch und setzte einen riesigen Kochtopf auf den Herd, langte
mit einem Hakenstock aus der Räucherkammer einen Sack herunter, in dem Bohnen für
die Mahlzeiten verwahrt waren, und einige winzige Stücke eines uralten geräucherten
Schweinekopfes, die sie mit tausend Messerhieben misshandelte. Darauf löste sie die
Schnur des Sackes, schüttete einen Teil der Bohnen auf den Tisch und befahl mir, sie
sorgfältig zu putzen. Ich diente ihr gehorsam und löste die Bohnen mit Sorgfalt aus ihren
sehr schmutzigen Hülsen. Aber sie schalt meine Trägheit, machte sich selbst über die
Bohnen her, riss mit ihren Zähnen die Hülsen los und spie sie auf den Boden, auf dem sie
sich wie Fliegen ausnahmen. <...>
Ich wunderte mich über die Erfindungsgabe der Armut und über allerlei Kunstgriffe bei
ihren einzelnen Verrichtungen:
136. Nachdem sie auch ein wenig von dem Fleisch geopfert hatte und mit dem
Hakenstock den Schweinskopf, ihren Altersgenossen, in die Räucherkammer
zurückbefördern wollte, brach der morsche Sessel, dem sie ihre Körpermasse zugefügt
hatte, so dass die Alte mit ihrem ganzen Gewicht auf den Herd fiel. Da brach der Hals des
Kruges ab und erlosch das Feuer, das sich gerade ein wenig erholt hatte. Sie verletzte
sich selbst an einem brennenden Holzscheit, und ihr ganzes Gesicht wurde voll Asche. Ich
erschrak auch, half der Alten auf und stellte sie, nicht ohne Lachen, wieder auf ihre Füße.
<...>
Um sich aber durch nichts in ihrer heiligen Handlung stören zu lassen, lief sie in die
Nachbarschaft, um neues Feuer zu holen. <...>
Ich ging daher an die kleine Tür der Hütte. Da machten drei heilige Gänse, die, wie ich
annehme, sich zur Mittagszeit ihre tägliche Ration von der Alten holten, einen Angriff auf
mich und umstellten mich mit einem scheußlichen Wutgefauche. Ich geriet in Unruhe.
Die eine zerbiss mir die Tunika, die andere riss mir die Schuhriemen heraus und zerrte
daran; die Herrin und Meisterin ihrer Wut genierte sich sogar nicht, mit ihrem
sägeförmigen Schnabel meine Waden zu bearbeiten. Das ging jedoch über den Spaß: ich
riss dem Tischchen ein Bein aus und ging mit so bewaffneter Hand der kampfbegierigsten
der Bestien zu Leibe, begnügte mich auch nicht, sie ganz außer Kampf zu setzen, sondern
rächte mich durch ihren Tod:
Die anderen Gänse hatten die ausgepflückten und über den ganzen Fußboden
ausgestreuten Bohnen allmählich aufgepickt und sich, ihres Leitgänserichs - wofür ich ihn
hielt - beraubt, in den Tempel verzogen, als ich, froh über meine Beute und meinen
Racheakt, die erschlagene Gans hinter das Bett warf und meine übrigens leichte
Beinwunde mit Essig auswusch. Weil ich Vorwürfe und Streit fürchtete, sann ich auf
Flucht, packte meine sieben Sachen zusammen um hinauszugehen, hatte aber die
Schwelle der Hütte noch nicht berührt, als sich Oenothea mit einem Becken voller Kohlen
herankommen sah. Ich warf daher meinen Mantel wieder ab und stellte mich in die Tür,
als ob ich sie mit Ungeduld erwartete. Sie zerbrach Röhricht in Stücke, legte sie auf, legte
die Glut unter, häufte mehrerer Holzstücke darauf und entschuldigte sich wegen ihres
langen Ausbleibens: Ihre Freundin habe sie nicht fortgelassen, ehe sie nicht, wie
gewöhnlich, ihre drei Becher ausgetrunken hätte. "Was hast du denn während meiner
Abwesenheit weiter gemacht?" fragte sie; "wo sind denn die Bohnen hin?" In der
Meinung, etwas Verdienstliches getan zu haben, berichtete ich ihr von Anfang an den
ganzen Verlauf des Kampfes und bot ihr, damit sie nicht länger traurig bliebe,
Schadenersatz für die Gans an. Als sie aber die Gans sah, erhob sie ein so lautes und
durchdringendes Geschrei, dass man meinen konnte, die Gänse seien wieder
hereingekommen. Ich wurdet ganz bestürzt und konnte nicht einsehen, was für ein
beispielloses Verbrechen ich begangen hätte, fragte, weshalb sie denn so sehr in Zorn
gerate und mehr Mitleid mit der Gans habe als mit mir.
137. Da schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und schrie: "Verbrecher, du
wagst noch zu fragen? Du weißt wohl nicht, was für eine abscheuliche Tat du begangen
hast? Du hast die Gans erschlagen, die Freude des Priapus, den Herzensliebling aller
Damen. Damit du also nicht meinst, das habe nichts zu sagen, so höre: wenn unsere
Behörden das erfahren, dann musst du ans Kreuz. Besudelt hast du mit Blut meine
Wohnstätte, die bis zum heutigen Tag unentheiligt war! Du hast es fertig gebracht, dass
mich der erste beste Gegner aus meiner Stellung als Priesterin verjagen kann."
"Bitte, schreie nur nicht: Ich schaffe dir für deine Gans einen Strauß."
Während ich staunte, sie aber auf dem Bett saß und das Unglück der Gans beweinte,
kam Proselenos hinzu und brachte die Opfergebühren. Als sie die Gänseleiche sah und
uns wegen der Ursache [des Jammers] ausgefragt hatte, fing auch sie aufs heftigste zu
weinen an und mich zu beklagen, als wenn ich meinen eigenen Vater, nicht eine
Gemeindegans erschlagen hätte. Das wurde mir doch zu viel, und ich bat verdrießlich:
"Bitte, entsündigt meine Hände, meinetwegen mit einem Sühnepreis, <so hoch,
als> wenn ich den Streit mit euch angefangen oder auch einen Menschen erschlagen
hätte! Seht, ich zahle zwei Goldstücke: damit könnt ihr Götter und Gänse kaufen." Als
Oenothea das Gold sah, sagte sie: "Verzeihe, junger Herr, ich bin ja nur deinetwegen
beunruhigt. Das ist ein Beweis meiner freundlichen Gesinnung, nicht aber meiner
Bosheit. Wir wollen also dafür sorgen, dass es kein Mensch erfährt. Du aber bete nur zu
den Göttern um Vergebung deiner Schuld!"
Sie stellte unter meine Hände eine Schale voll Wein, spreizte mir die Finger auseinander,
rieb sie mit Lauch und Petersilie ein und warf unter Zaubersprüchen Haselnüsse in den
Wein. Je nachdem sie wieder auftauchten oder untergingen, entschied sie sich in ihren
Voraussagungen. Ich merkte natürlich, dass die hohlen Nüsse, die keinen Kern hatten,
obenauf schwammen, die schweren aber mit voller Frucht ganz versanken.
Sie schnitt ihr (der Gans) die Brust auf, zog eine recht gemästete Leber heraus und
weissagte mir daraus die Zukunft.
Ja, auf dass nicht die Spur eines Verbrechens übrigbliebe, zerlegte sie die ganze Gans und
steckte die Stücke an den Bratspieß. So bereitete sie mir ein leckeres Mal, nachdem sie
mir doch kurz vorher selbst gesagt hatte, dass ich verloren sei.
Dazwischen flogen die Becher ungemischten Weines hin und her.
138. Oenothea holte einen ledernen Phallus herbei, bestrich ihn mit Öl und gestampftem
Pfeffer, streute auch zerriebenen Brennnesselsamen darauf und drückte in mir langsam
in den After.
Mit diesem Saft gesprengte die höchst grausame Alte darauf auch meine Schenkel.
Sie goss den Saft der Kresse und des Stabwurz vermischt über meine Scham, nahm ein
Bündel frischer Brennnesseln und fing damit an, mir behutsam die Gegend unterhalb
meines Nabels zu peitschen.
Obwohl die Mütterchen bezecht und sinnlich erregt waren, schlugen sie doch den selben
Weg ein, verfolgten mich einige Häuser weit auf meiner Flucht und schrieen dabei:
"Haltet den Dieb!" Dennoch entwischte ich ihnen, stieß mir bei dem schnellen Laufen
freilich alle Zehen blutig.
Chrysis war unglücklich über dein früheres Missgeschick, ist aber jetzt entschlossen,
selbst mit Lebensgefahr ihm zu dienen.
Kommt eine Ariadne, eine Leda ihrer Schönheit gleich? Was könnte neben ihr eine
Helena, was Venus ausrichten? Hätte selbst Paris, der Richter im Schönheitswettstreit
der Göttinnen, Sie beim Vergleich mit ihren so schmachtenden Augen gesehen, er hätte
für sie die Helena und die Göttinnen preisgegeben. Wenn nur wenigstens erlaubt würde,
ihr einen Kuss zu rauben, wenigstens ihre himmlische, göttliche Brust zu umfassen:
vielleicht kämen mir dann meine Kräfte wieder und erholten sich die jedenfalls durch
Verzauberung betäubten Teile meines Körpers. Aus den Beschimpfungen mache ich mir
nichts. Dass ich verprügelt worden bin, weiß ich gar nicht mehr; dass ich hinausgeworfen
bin, nehme ich als einen Spaß. Wenn Sie mich nur wieder in Gnaden annimmt!
139. Ich setze das Bett durch häufige Anstrengungen in Bewegung, die einen Begriff von
meiner Liebe geben sollten.
Ich fragte Giton, ob jemand nach mir gefragt habe. "Heute nicht," sagte er, "aber gestern
kam ein nicht übles Weib zur Tür herein, unterhielt sich längere Zeit mit mir. Als sie mir
mit ihrem zudringlichen Geschwätz zu lästig wurde, sagte sie schließlich, du habest dich
schuldig gemacht und solltest wie ein Sklave bestraft werden, wenn der Geschädigte auf
seiner Klage bestehe." <...>
Ich hatte meine Klage noch nicht beendet, als Chrysis eintrat, sich mir mit Leidenschaft
an die Brust warf und rief: "Halte ich dich endlich, nachdem ich mich so gesehnt habe,
du, mein Verlangen, meine Lust! Nie wirst du meine Glut löschen können, es sei denn mit
deinem Blut!"

9. Neue Erbschleicher bei Eumolpos: Philomela und ihre beiden Kinder

Einer von den neuen Sklaven des Eumolpos kam plötzlich angelaufen und versicherte
mir, sein Herr sei in helle Wut gegen mich, weil ich ihn seit zwei Tagen vernachlässigt
hätte. Ich würde gut tun, mir irgendeine passende Ausrede zurechtzulegen, denn sein
Zorn sei so heftig, dass es ohne Prügel kaum abgehen werde.
140. Eine der bestangesehenen Damen, namens Philomela, die durch Gefälligkeiten in
jungen Jahren schon wiederholt beträchtliche Erbschaften erbeutet hatte, jetzt aber alt
und völlig verblüht war, führte ihren Sohn und ihre Tochter bei vereinsamten Greisen
ein, um ihre Geschäftspraxis auf ihre Nachkommenschaft auszudehnen. Diese also kam
zu Eumolpos und empfahl ihre Kinder seiner Klugheit und Güte: Sie setze ihre Hoffnung
und Wünsche in der weiten Welt nur auf ihn: er könne die jungen Leute ja auch täglich
mit nützlichen Verhaltensregeln fördern. Kurz und gut, sie lasse ihre Kinder im Haus des
Eumolpos, so dass sie ihn täglich hören könnten. Das sei das einzige Erbe, das den jungen
Leuten zufalle. Wie gesagt, so getan: sie ließ ihre bildschöne Tochter mit ihrem
halbwüchsigen Bruder in der Schlafkammer zurück und tat so, als wolle sie in den Tempel
gehen, um Gelübde zu tun. Eumolpos, der ein so verständiger Mann war, dass selbst ich
ihm noch für einen Knaben galt, zögerte nicht, das Mädchen zu feierlichen
Steißgenüssen einzuladen.
Da er sich aber allen Leuten als podagrakrank und lendenlahm vorgestellt hatte, hätte er
leicht unsere ganze Komödie in Gefahr gebracht, wenn er die Verstellung nicht genau
durchführte. Um also den Glauben an das Erlogene aufrechtzuerhalten, bat er das
Mädchen, auf seiner angepriesenen 'Güte' Platz zu nehmen, dem Korax aber befahl er,
unter das Bett zu kriechen, in dem er lag, die Hände auf den Boden zu stemmen und mit
seinem Hintern seinen Herrn in Bewegung zu bringen. Der führte den Befehl langsam aus
und passte sich mit gleichem Takt der Kunstleistung des Mädchens an. Wie nun aber die
Sache zur Entscheidung kommen wollte, da rief Eumolpos mit lauter Stimme: "Schneller,
Korax, schneller!" So hatte der Alte, zwischen seinem Lohndiener und dem Mädchen
liegend, seine Lust wie auf einer Schaukel. Und das trieb er so einmal und noch einmal
unter ungeheurer Heiterkeit, an der auch er teilnahm. Um nicht durch Untätigkeit außer
Übung zu kommen, machte ich mich, während der Bruder durch einen Spalt die
gleichsam automatischen Bewegungen seiner Schwester bewunderte, an diesen heran
und versuchte, was sich bei ihm machen ließe. Und der höchst vernünftige Junge entzog
sich meinen Schmeicheleien nicht. Aber auch da fand mich meine mir feindliche
Gottheit.
"Es sind die größten Götter, die mich wieder in guten Stand versetzt haben. Merkur
nämlich, der die Verstorbenen immer in die Unterwelt führt und auch zurückbringt, hat
mir in seiner Gnade wiedergegeben, was eine feindseliger Hand abgeschnitten hatte.
Daraus kannst du sehen, dass ich noch begnadeter bin als Protesilaos oder sonst einer
der Alten." Und damit ob ich meinen Kittel in die Höhe und führte dem Eumolpos vor
Augen, dass ich wieder komplett war. Der erschrak zuerst, dann aber griff er mit beiden
Händen zu, um sich von der göttlichen Gnade zu überzeugen.
"Sokrates, der weiseste Sterbliche nach dem Urteil der Götter und Menschen, rühmte
sich gern, dass er niemals in eine Kneipe geblickt, auch nie seine Augen auf einer
größeren erregten Volksmasse habe ruhen lassen. Es ist nämlich nichts passender, als
immer mit ruhiger Überlegung zu sprechen."
"Das alles", sagte ich, "ist ja richtig; denn keine Menschen sollten schneller ins Unglück
geraten, als die nach fremdem Gut trachten. Aber wovon sollten die Vagabunden, wovon
die Spitzbuben leben, wenn sie nicht Beutelchen und Säckchen mit tönendem Geld wie
Köder an der Angel unter das Volk würfen? Wie die stummen Tiere mit Ködern gefangen
würden, so könnte man auch die Menschen nicht einfangen, wenn sie keine Hoffnung zu
beißen bekämen."
141. "Aus Afrika ist dein Geld und deine Sklavengesellschaft nicht, wie du versprochen
hattest, angekommen. Die Erbschleicher sind schon erschöpft und vermindern ihre
Freigebigkeit. Ich müsste mich irren, wenn unser gemeinsames Schicksal uns nicht
wieder in eine traurige Lage zurückversetzen will."
10. Das kannibalische Testament des Eumolpus

"Alle, die in meinem Testament bedacht sind, mit Ausnahme meiner Freigelassenen,
treten unter der Bedingung in den Besitz meines Erbes, dass sie meinen Leichnam in
Stücke schneiden und im Beisein des Volkes verspeisen. Wir wissen, dass bei manchen
Völkern bis jetzt noch das Gesetz besteht, dass die Verstorbenen von ihren Verwandten
verzehrt werden, so dass sogar die Kranken oft Vorwürfe hören müssen, weil sie ihr
Fleisch verdürben. Damit fordere ich meine Freunde auf, sich meinen Anordnungen nicht
zu entziehen, sondern mit der selben Gesinnung, mit der sie für meines Seele beteten,
auch meinen Leib zu verspeisen."

Das Gerede von seinem ungeheuren Geldvermögen verblendete Augen und Herzen der
Unglücklichen. Gorgias erklärte sich zur Ausführung bereit.

"Ich habe keinen Grund, zu fürchten, dass sich dein Magen auflehnen wird. Er wird
deinem Befehl gehorsam sein, wenn du ihm für ihn eine Stunde des Ekels zum
Ausgleich viele Leckerbissen in Aussicht stellst. Mach nur die Augen zu und bilde dir ein,
du äßest nicht menschliche Eingeweide, sondern eine Million. Zudem werden wir noch
manche Würze ausfindig machen, durch die der Geschmack verändert wird. An sich
schmeckt kein Fleisch gut, sondern es wird erst durch allerlei Kunstmittel hergerichtet
und dem widerstrebenden Magen annehmbar gemacht. Wenn du auch durch Beispiele
deinen Entschluss bekräftigen willst: die von Hannibal belagerten Saguntiner haben
Menschenfleisch gegessen und dabei doch keine Erbschaft erwartet. Die Peteliner haben
in der höchsten Hungersnot das gleiche getan und haben bei dieser Kost nicht anderes
gewonnen, als dass sie eben nicht hungerten. Als Numantia von Scipio eingenommen
war, traf man Mütter, die halbverzehrte Leichen ihrer Kinder auf dem Arm hielten."