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Herausgegeben von

Hauke Brunkhorst,
Regina Kreide und
Habermas-
Cristina Lafont Handbuch

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar
Die Herausgeber
Hauke Brunkhorst ist Professor für Soziologie an
der Universität Flensburg.
Regina Kreide ist Vertretungsprofessorin für
politische Theorie und Ideengeschichte an der
Justus-Liebig-Universität Giessen.
Cristina Lafont ist Professorin für Philosophie an
der Northwestern University, Evanston.

Bibliografische Information der Deutschen National-


bibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.d-nb.de> abrufbar. © 2009 Springer-Verlag GmbH Deutschland
Ursprünglich erschienen bei J.B. Metzler’sche
Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
ISBN: 978-3-476-02239-4
GmbH in Stuttgart 2009
ISBN 978-3-476-02570-8
ISBN 978-3-476-05223-0 (eBook) www.metzlerverlag.de
DOI 10.1007/978-3-476-05223-0 info@metzlerverlag.de

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V

Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII 4. Erkenntniskritik als Gesellschaftstheorie –


Erkenntnis und Interesse (1968) . . . . . . . . 165
5. Kommunikative Vernunft – »Vorberei-
I. Intellektuelle Biographie . . . 1 tende Bemerkungen zu einer Theorie
des kommunikativen Handelns« (1971) 176
6. Spätkapitalismus und Legitimation –
II. Kontexte Legitimationsprobleme im Spät-
kapitalismus (1973) . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
1. Geschichtsphilosophie, Anthropologie 7. Geschichte und Evolution – Zur
und Marxismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Rekonstruktion des Historischen
2. Frankfurter Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Materialismus (1976) . . . . . . . . . . . . . . . . 199
3. Staatsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 8. Aporien der kulturellen Moderne –
4. Pragmatizismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 »Die Moderne – ein unvollendetes
5. Hermeneutik und linguistic turn . . . . . . . 29 Projekt« (1980) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
6. Sprechakttheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 9. Platzhalter und Interpret – »Die Philo-
7. Psychoanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 sophie als Platzhalter und
8. Nachmetaphysisches Denken . . . . . . . . . 44 Interpret« (1981) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
9. Recht und Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 10. Theorie der Gesellschaft – Theorie des
10. Kognitive Entwicklungspsychologie . . . . 58 kommunikativen Handelns (1981) . . . . . . 220
11. Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 11. Diskursethik der Moral – »Diskursethik –
12. Evolutionstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Notizen zu einem Begründungs-
13. Macht-Diskurse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 programm« (1983) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
14. Juristische Diskurse . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 12. Verteidigung der Moderne – Der philoso-
15. Demokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 phische Diskurs der Moderne (1985) . . . . 240
16. Moral-Diskurse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 13. Demokratie und Recht – Faktizität
17. Völkerrechtsverfassung. . . . . . . . . . . . . . . 87 und Geltung (1992) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
18. Europäische Verfassung . . . . . . . . . . . . . . 94 14. Europa und Verfassung – »Braucht
19. Gerechtigkeit und Rawls . . . . . . . . . . . . . . 99 Europa eine Verfassung?« (2001) . . . . . . 263
20. Dekonstruktivistische Diskurse . . . . . . . . 104 15. Religion, Metaphysik und Freiheit –
21. Poststrukturalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Glauben und Wissen (2001) . . . . . . . . . . . 273
22. Feministische Diskurse . . . . . . . . . . . . . . 112 16. Menschliche Natur und genetische
23. Neopragmatismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Manipulation – Die Zukunft der mensch-
24. Jüdische Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . 121 lichen Natur. Auf dem Weg zu
25. Monotheismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 einer liberalen Eugenik? (2002) . . . . . . . . 282
17. Völkerrechtsverfassung und Politik –
»Hat die Konstitutionalisierung des
III. Texte Völkerrechts noch eine Chance?« (2004) 291

1. Schelling, Marx und Geschichts-


philosophie – Das Absolute und die IV. Begriffe
Geschichte: Von der Zwiespältigkeit in
Schellings Denken (1954) . . . . . . . . . . . . . 133 1. Deliberation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301
2. Theorie der Öffentlichkeit – Struktur- 2. Diskurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
wandel der Öffentlichkeit (1961) . . . . . . . 148 3. Diskursethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
3. Technik und Verdinglichung – Technik 4. Egalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307
und Wissenschaft als Ideologie (1968) . . . 155 5. Erkenntnisinteresse . . . . . . . . . . . . . . . . . 309
VI Inhaltsverzeichnis

6. Europäische Staatsbürgerschaft . . . . . . . 312 25. Pragmatische Wende . . . . . . . . . . . . . . . . 360


7. Evolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 26. Radikaler Reformismus . . . . . . . . . . . . . . 362
8. Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 27. Rationale Rekonstruktion . . . . . . . . . . . . 364
9. Historischer Materialismus . . . . . . . . . . . 320 28. Rationalität und Rationalisierung . . . . . . 367
10. Ideologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323 29. Sozialpathologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368
11. Intellektuelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324 30. Spätkapitalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371
12. Kolonialisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328 31. System und Lebenswelt . . . . . . . . . . . . . . 374
13. Kommunikative Anthropologie . . . . . . . 331 32. Verfassungspatriotismus . . . . . . . . . . . . . 377
14. Kommunikatives Handeln . . . . . . . . . . . . 332 33. Weltbürgergesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . 379
15. Konservatismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
16. Kontrafaktische Voraussetzungen . . . . . . 338
17. Legale und legitime Kriege . . . . . . . . . . . 343 V. Anhang
18. Legalität, Legitimität und Legitimation . . 345
19. Lernprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347 1. Zeittafel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
20. Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 2. Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384
21. Massenkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352 2.1 Primärtexte und Siglen . . . . . . . . . . . . . . 384
22. Menschenrechte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 2.2 Auswahlbibliographie . . . . . . . . . . . . . . . 385
23. Nachmetaphysisches Denken . . . . . . . . . 356 3. Die Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . 386
24. Öffentlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358 4. Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389
VII

Vorwort

Die Arbeiten von Jürgen Habermas zur Theorie der wenn sie nicht mehr rezipiert werden. Lehr- und
Gesellschaft, zur politischen Theorie, zur Rechts- Handbücher können deshalb nichts anderes ma-
und Sozialphilosophie gehören zu den meist rezi- chen, als das ›Werk‹ dem Autor zu enteignen, in-
pierten theoretischen Texten der zweiten Hälfte des dem sie es in Kategorien und Subkategorien, in wir-
20. Jahrhunderts, sowohl innerhalb der Philosophie kungsgeschichtliche Bezüge und Teiltheorien zerle-
und Humanwissenschaft wie auch in einer breiter gen. Aus dem ›Werk‹ von Parsons wird dadurch die
gefassten intellektuellen und politischen Öffentlich- funktionalistische Soziologie, aus dem von Luh-
keit. Seit den 1950er Jahren haben sie sich in einem mann die Systemtheorie und aus dem von Habermas
Strom nicht abreißender Kritik und Gegenkritik, Po- die Kommunikationstheorie der Gesellschaft. Dieses
lemik und Gegenpolemik, in Umbauten und Revi- ›Werk‹ soll in seiner Komplexität nachvollziehbar
sionen provoziert und weit die philosophischen und werden.
sozialwissenschaftlichen Denkströmungen der Ge- Einer kurzen Darstellung von Habermas’ intellek-
genwart geprägt und immer wieder weit in die poli- tueller Biographie folgen Erläuterungen zum theore-
tisch diskutierende Öffentlichkeit hinein gewirkt. tischen Kontext der Theorie, dann werden die wich-
So lassen sich bereits die ersten Konturen linker tigsten Referenzautoren vorgestellt und die Debatten
und rechter Flügelbildung erkennen, quer zu diesen, sowie die jeweiligen zeitgenössischen intellektuellen
bisweilen auch parallel, Anschlüsse, die das Früh- Bezüge vergegenwärtigt. Eine ausführliche Darstel-
werk gegen das spätere ausspielen, oder umgekehrt lung einzelner Werke, Monographien und besonders
ans spätere anschließen und das frühere, die stark rezipierter und wichtiger Aufsätze bietet im
Schelling’schen, Heidegger’schen und Marxistischen, Anschluss daran einen Überblick über zentrale Theo-
ja sogar die sozialwissenschaftlichen Quellen längst reme sowie die interdisziplinäre Rezeption und Wei-
verdrängt haben. Nicht nur seine Interpreten, auch terentwicklungen der Theorie. Am Ende steht eine
der Autor Habermas gibt immer wieder neuen An- Rubrik mit kurzen Einführungen und Erläuterun-
lass zu Distanzierungen und Dekonstruktionen, zu gen zu den wichtigsten Begriffen und Stichworten,
kritischen und unkritischen Stellungnahmen, zu oft die dieser jüngsten Gestalt einer kritischen Theorie
hoch spezialisierten Fortentwicklungen und Neuan- der Gesellschaft zugrunde liegen.
sätzen. Seine Protagonisten und Kritiker greifen Fä- Noch einige Hinweise zur Benutzung des Bandes:
den des weitverzweigten theoretischen Netzes auf, Zitiert werden in der Regel die deutschen Erstausga-
spinnen es fort, verknüpfen es mit anderen Netzen ben; die erweiterten späteren Ausgaben sind durch
oder schneiden es entzwei und für eigene Zwecke die Jahreszahl nach der Sigle gekennzeichnet. Arti-
neu zu. kel aus Sammelbänden des Autors werden in der Re-
Der vorliegende Band wendet sich gleichermaßen gel nicht mit ihrem Titel, sondern unter dem Namen
an das wissenschaftlich spezialisierte wie an das po- des Sammelbandes und der entsprechenden Sigle
litisch und philosophisch breiter interessierte Publi- und Seitenzahl der Aufsätze erwähnt. Bei allen Lite-
kum. Schon die bereits publizierten Arbeiten von raturangaben werden, wenn vorhanden, die deut-
Habermas werden global rezipiert und haben eine schen Ausgaben bzw. Übersetzungen zitiert, das Er-
Wirkungsgeschichte, die längst unüberschaubar ge- scheinungsjahr des Originaltextes findet sich in der
worden ist. Da der Autor seine Theorie ständig wei- Literaturliste in Klammern.
terentwickelt, immer noch umbaut, fast jedes Jahr An diesem umfangreichen Band haben viele mit-
ein neues Buch mit neuen Aufsätzen publiziert, kann gewirkt. Zu großem Dank sind wir einigen Mitarbei-
es nicht der Zweck dieses Handbuchs sein, im Jahr tern verpflichtet: Semhar Marcos, Marieke Kupers
seines achtzigsten Geburtstags ein abgeschlossenes und ganz besonders Sophie Wulk danken wir für
Werk vorzustellen. Der Begriff des Abschlusses ist ihre kompetente Durchsicht der Texte. Nikolaus
ohnehin ebenso problematisch wie der des Werkes. Gramm und Michael Adrian haben nicht nur die
Abgeschlossen ist eine Serie von Texten, die einem englischsprachigen Beiträge mit gewohnter Professi-
Autor zugeschrieben werden, immer erst dann, onalität übersetzt, sondern auch wertvolle inhaltli-
VIII Vorwort

che und redaktionelle Anregungen gegeben, Niko- ell maßgeblich zum Gelingen des Projektes beigetra-
laus Gramm hat überdies mit Sachverstand und der gen. Bei allen Beteiligten möchten wir uns ganz
notwendigen Genauigkeit das Endlektorat über- herzlich für die gewährte Unterstützung bedanken.
nommen. Nicht zuletzt gilt Ute Hechtfischer vom Metzler-
Der »Fördergesellschaft der Universität Flens- Verlag ein ganz besonderer Dank. Sie hat, zusam-
burg« und der »Vereinigung von Freunden und För- men mit Franziska Remeika, alle inhaltlichen Frei-
derern der Goethe-Universität Frankfurt am Main« heiten gelassen und zugleich bei unzähligen Fragen
danken wir für die großzügige finanzielle Unterstüt- zur Realisierung des Bandes mit Sachverstand, Ge-
zung des Bandes, die entscheidend zu seiner Reali- lassenheit und Geduld zu deren Lösung beigetragen.
sierung beigetragen hat. Auch das Institut für Sozio-
logie der Universität Flensburg, das Institut für Mai 2009 Hauke Brunkhorst
Grundlagen der Sozialwissenschaften der Goethe- Regina Kreide
Universität und das Institut für Politikwissenschaft Cristina Lafont
der Justus-Liebig-Universität Gießen haben finanzi-
1

I. Intellektuelle Biographie

Im Alter zwischen 10 und 16 Jahren war Jürgen Ha- kratie westlichen Zuschnitts, ohne Armee und ohne
bermas gerade alt genug, um die Kriegsjahre, die Todesstrafe, prägte die Biografien dieser Generation
Siege, die Eroberung ganz Europas, die bedingungs- tief. Auch wenn sie sich sehr unterschiedlich zur
lose Kapitulation und die Nürnberger Prozesse be- Vergangenheit des ›Dritten Reiches‹ äußerten und
wusst zu erleben. Im August 1939 hatten Joachim verhielten, hatten Intellektuelle wie Habermas,
von Ribbentrop, Herrmann Göring, Rudolf Hess, Enzensberger, Lübbe, Dahrendorf, Kluge oder Luh-
Ernst Kaltenbrunner, Alfred Jodl, Arthur Seyß-In- mann kaum eine Chance, sich den Übergang von
quart, Hans Frank, Alfred Rosenberg, Wilhelm Kei- Hitler zu Konrad Adenauer, vom autoritären Staat
tel, Julius Streicher, Fritz Sauckel usw. unter dem der 1930er zum wohlwollenden Paternalismus der
Oberbefehl des Führers Polen überfallen, ausgeplün- 1950er Jahre, vom NS- zum CDU-Staat durch
dert, Arbeits- und Vernichtungslager errichtet, Mil- schlichte Verdrängung, Verleugnung oder gar Recht-
lionen von Menschen verschleppt, versklavt, ermor- fertigung des nationalsozialistischen Faschismus zu
det und dasselbe dann in ganz Europa, besonders im erleichtern. Sie mussten sich dazu verhalten. Sie
Osten, fünf Jahre lang wiederholt. Im Oktober 1945 konnten nicht einfach im Amt bleiben wie ein viel zu
wurde ihnen in Nürnberg der Prozess gemacht, und großer Teil des höheren Staats-, Universitäts- und
ein Jahr später wurden sie gehängt. Die Generation, Wirtschaftspersonals. Sie hatten keins. Sie konnten
die während des Krieges noch zur Hitlerjugend kam die große Verdrängung und den »Verdrängungsanti-
und allenfalls im letzten Kriegsjahr als Flakhelfer kommunismus« der 1950er Jahre (wie Habermas
diente oder zum Volkssturm eingezogen wurde, in- oder Enzensberger) als Fortwirken des Nazi-Regi-
tellektuelle Figuren wie Niklas Luhmann, Hermann mes kritisieren und trotzdem heute noch durch jün-
Lübbe, Ralf Dahrendorf, Hans Magnus Enzensber- gere historische Studien, wie eine kürzlich erschie-
ger, Ulrich Wehler, Odo Marquard, Alexander Kluge, nene über den von Habermas sehr geschätzten Bon-
die Brüder Hans und Wolfgang Mommsen oder ner akademischen Lehrer Oskar Becker, überrascht
Günther Grass, aber auch Politiker wie Helmut Kohl werden, wie tief die Kontinuitäten in die damalige
oder Johannes Rau, alle ungefähr so alt wie Haber- Bundesrepublik hineinreichten und wie wenig den
mas, erlebten ihre primäre und sekundäre Sozialisa- Studenten die politische Vergangenheit ihrer Lehrer
tion, Kindheit und Schulzeit, Pubertät und Adoles- bekannt war. Sie konnten die diskrete Kumpanei ih-
zenz im Nazireich, ihre tertiäre Sozialisation, die rer Lehrer und der Behörden, die regelmäßig nach
durch das Studium erzwungene Verlängerung der der Formel: You don’t ask, we don’t tell verfuhren,
Jugend im besetzten und in Besatzungszonen aufge- aber auch (wie Lübbe) als »kommunikatives Be-
teilten Deutschland. schweigen« der »braunen Biographieanteile« recht-
Der Umbruch von 1945, der totale Zusammen- fertigen und gutheißen. Sie konnten die Übernahme
bruch des Reiches, sein (vom konservativen deut- des Nazipersonals in die Bundesrepublik (wie Ha-
schen Staatsrecht vehement und erfolgreich bestrit- bermas) für eine »sozialhygienische« Katastrophe
tenes) Verschwinden als Staat, die Aufdeckung der oder (wie Lübbe) für einen zwar moralisch fragwür-
Naziverbrechen, die plötzliche Erfahrung, dass man, digen, »asymmetrischen«, aber funktional notwen-
wie Habermas es einmal in einem Interview ausge- digen, sozialintegrativen Segen halten. Sie konnten
drückt hat, in einem durch und durch verbrecheri- auch (wie Luhmann) den Übergang von dem bei
schen Regime gelebt hatte, und schließlich die Neu- diesen Jugendlichen, Pimpfen und Flakhelfern oft
gründung der Bundesrepublik im Westen des ehe- schon verhassten Naziregime zur Besatzungsmacht
maligen Reichsterritoriums – dieser in wenigen unter dem bewusst desengagierten Gesichtspunkt
Jahren vollzogene Austausch fast des gesamten staat- funktionaler Äquivalenz vergleichen: Als Flakhelfer
lichen Institutionensystems, der Wechsel von dem sei er vom Vorgesetzten geschlagen, danach von den
vielleicht verbrecherischsten Regime, dass die Welt Engländern, die sie gefangengenommen hätten, be-
in ihrer an Groß- und Staatsverbrechen nicht armen richtet Luhmann und fügt lakonisch, aber ohne die
Geschichte erlebt hat, zur parlamentarischen Demo- affirmative Absicht der Neokonservativen hinzu,
2 I. Intellektuelle Biographie

Personal und Inhalt seien ausgetauscht worden, Rol- russischer Revolution und Hitlers Verbrechen, die
len und Funktionen aber geblieben. Eine soziologi- später den Historikerstreit auslöste, kam nicht ganz
sche Einsicht, die dem späteren Lieblingskontrahen- zufällig von einer Figur aus der unmittelbar vorher-
ten von Habermas ein Abstraktionsgewinn (funk- gehenden Kriegsgeneration und wurde dann von ei-
tionale Äquivalenz) sein mochte, musste aus der nigen jüngeren, neokonservativen Historikern über-
Perspektive seines Frankfurter Kollegen als »schlech- nommen.
te Abstraktion« (Hegel) erscheinen. Zumindest passt Die Kriegs- und Vorkriegsgeneration, deren terti-
sie gut zu einer Theorie, die Habermas in seiner De- äre Sozialisation noch ganz in die Nazizeit fiel oder
batte mit Luhmann zu Beginn der 1970er Jahre als die sich gar schon 1933 aktiv für den Nationalsozia-
»Hochform technokratischen Bewusstseins« charak- lismus engagiert hatte, sperrte sich zumeist heftig
terisierte. gegen die von Westen eindringenden Ideen egalitä-
Intellektuelle Figuren der Generation Wehler, Ha- rer Freiheit und politischer Autonomie. Die Verach-
bermas, Enzensberger, Luhmann, Kluge, Grass, Dah- tung des westlichen Liberalismus und Demokratis-
rendorf wurden denn auch persönlich, politisch und mus war ungebrochen. Bei Intellektuellen wie Hei-
in ihrem Werk durch den Umbruch und die Befrei- degger, Schmitt, Hans Freyer, Ernst Jünger oder
ung von 1945 tief geprägt. Das kann man fast bis in Gehlen in der ersten, bei Habermas’ Lehrer, dem
jeden Satz, den Habermas geschrieben hat, verfolgen Bonner Philosophen Erich Rothacker, der noch 1944
und nachvollziehen. Der noch selbst erfahrene Fa- einen Aufsatz über die Kriegswichtigkeit der Philo-
schismus, noch mehr der Schock der Befreiung, ist sophie publiziert hatte, bei Helmut Schelsky, Ernst
immer irgendwie präsent. Die erhebliche intellektu- Forsthoff oder Joachim Ritter in der zweiten, poli-
elle Aggressivität, die Habermas zum Wohle der po- tisch und beruflich aktiven Generation des ›Dritten
litischen Kultur der Bundesrepublik wiederholt zum Reichs‹ überwiegen beredtes Schweigen, Verdrän-
Zuge kommen lässt, ist immer defensiv. Aber auch in gung, Verleugnung oder, wie bei Carl Schmitt, die
den Schriften des sehr viel unpolitischeren Ironikers boshaft trotzige und offen antisemitische Selbst-
Luhmann, der im Übrigen jede Nähe zu den vielfäl- rechtfertigung, die er in einer Aphorismensamm-
tigen Kreisen Carl Schmitts ebenso gemieden hat lung, die heute von den Schülern und Apologeten als
wie Habermas, ist der Bezug auf die zwölf Jahre von heilige Schrift rezitiert wird, gleich nach dem Krieg
1933 bis 1945 ständig anwesend. So wie Habermas niedergelegt hat. Ansonsten hat auch Schmitt so ge-
Martin Heidegger, mit dem er in Deutschland sein tan, als hätte er immer schon vor dem Niedergang
Studium begann, durch Charles Sanders Peirce sub- des Staats gewarnt. Die eindeutigen Formulierungen
stituiert hat, so hat auch Luhmann sich mit Talcott vom Ende des Staats hat er jedoch erst nach dem
Parsons von Arnold Gehlen und den deutschen in- Krieg gefunden und dem Begriff des Politischen 1963
tellektuellen Sonderentwicklungen abgestoßen. Ob im Vorwort hinzugefügt und damit auf die Bundes-
sie es so sagen (wollten) oder nicht, die 16-Jährigen republik, nicht aufs ›Dritte Reich‹ gemünzt.
von 1945 konnten das Jahr des Kriegsendes im Nach- Die einzigen, denen in diesen beiden Generatio-
hinein kaum anders wahrnehmen denn als Befrei- nen das Verdrängen und Verleugnen unmöglich war,
ung und als »neuen Anfang«, mit dem Hannah waren illegale Widerstandskämpfer wie der 1937
Arendt ihr düsteres Buch über die totale Herrschaft aufgeflogene, den Rest der Nazizeit eingekerkerte
so plötzlich und hoffnungsvoll enden lässt. und nach Ablauf der Zuchthausstrafe in die berüch-
Die heftigen, polemischen Auseinandersetzungen tigte Strafdivision 999 abkommandierte Wolfgang
um den Nationalsozialismus, die diese Generation Abendroth; oder es waren die wenigen im Lande ge-
im Unterschied zur Diskretion ihrer Lehrer aus- bliebenen und nicht untergetauchten, liberalen Geg-
zeichnete, betrafen, von wenigen Ausnahmen abge- ner der Nazis wie Karl Jaspers; oder die Verjagten
sehen, nicht mehr die Relativierung der Massenver- selbst, die wie Hannah Arendt, Leo Strauss, Thomas
brechen, die völkerrechtliche Rechtfertigung des Mann, Karl Löwith, Franz Neumann, Hans Kelsen,
Angriffskriegs oder die Infragestellung der Legitimi- Ernst Fraenkel oder Max Horkheimer und Theodor
tät des Nürnberger Gerichts, sondern die Erklärung W. Adorno nicht nur Deutschland, sondern auch
des ›nationalsozialistischen‹ oder – schon diese Be- Europa verlassen mussten; oder es waren die weni-
grifflichkeit ist strittig – ›faschistischen‹ Grauens gen, die wie Eugen Kogon 1945 den Konzentrations-
und seine Vergleichbarkeit oder Unvergleichbarkeit lagern entronnen sind. Sie schrieben schon während
mit andren Formen totaler Herrschaft, vor allem des des Krieges oder gleich danach die heute noch wich-
Stalinismus. Die Idee eines »Kausalnexus« zwischen tigsten Bücher über den Nationalsozialismus und
I. Intellektuelle Biographie 3

die Epoche des Faschismus, den Behemoth (Neu- manifest und damit für jedermann erkennbar und
mann), den (noch Mitte der 1930er Jahre noch namhaft zu machen.
in Deutschland heimlich verfassten) Doppelstaat Noch als Student, ein Jahr vor Fertigstellung der
(Fraenkel), die Origins of Totalitarianism (Arendt), Dissertation, hat Habermas in einem Artikel, der im
die Dialektik der Aufklärung (Horkheimer/Adorno), Juli 1953 unter der Überschrift »Mit Heidegger ge-
den SS-Staat (Kogon). Aber ihre Stimme hatte in der gen Heidegger denken: Zur Veröffentlichung von
hegemonial vermachteten und undurchdringlichen Vorlesungen aus dem Jahre 1935« in der FAZ er-
Öffentlichkeit der Adenauer-Republik, trotz des ge- schien, die in diesen Vorlesungen offensichtlich ge-
legentlichen Aufkeimens von Gegenöffentlichkeiten, wordenen Nähe nicht nur der Person, sondern auch
keinen Ort und wurde erst in den 1960er Jahren ver- des Denkens von Heidegger zum Nationalsozialis-
nommen. Der ehemalige Zentrumspolitiker und mus angeprangert. Heidegger hatte damals eine Vor-
entschiedene Antinazi Adenauer setzte stattdessen lesung aus den 1930er Jahren ohne jeden Kommen-
auf kommunikatives Beschweigen und tat das dis- tar, aber ein wenig zugunsten des eigenen Glorien-
kret kund, indem er sich wissentlich mit NS-Figuren scheins retuschiert, wieder veröffentlicht, in der von
wie dem Mitverfasser der Nürnberger Gesetze, Hein- der »inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung«
rich Globke, umgab. die Rede war. Für die Publikation hatte Heidegger
Umgekehrt bei der Habermas, Luhmann, Dah- den Hinweis auf »diese Bewegung« mit dem Klam-
rendorf, Grass, Lübbe, Mommsen nachfolgenden merzusatz »(nämlich mit der Begegnung der plane-
Generation der 1968er. Sie wurde nach (oder am) tarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen
Ende des Hitler-Reichs geboren und ist die erste Ge- Menschen)« versehen. Von der Technik hatte Hei-
neration, die ganz und gar durch die Bundesrepublik degger sich nach dem Krieg deutlich distanziert, so
und den Westen, durch Europa und Amerika, auch dass der Zusatz dem damaligen, mit dem Werk Hei-
durch eine liberaler gewordene Erziehung geprägt deggers vertrauten Leser, wie eine frühe und früh auf
wurde. Sie musste sich nicht mehr, wenn sie sich zu Distanz zum Regime gehende Bemerkung erschei-
den Nazis verhielt, zu einem Teil ihrer eigenen Le- nen musste (vgl. TK, 76). Heideggers Hauptwerk
bensgeschichte verhalten, denn die ins NS-Regime Sein und Zeit aus den 1920er Jahren prägte zu jener
so oder so verstrickte Lebensgeschichte ihrer Eltern Zeit die gesamte deutsche Philosophie. Aber nicht
lag vor ihrer Geburt. Den Nationalsozialismus kann- Heideggers Vorlesung und seine offenbar ungebro-
ten sie nur noch aus Zeitungen, Büchern, Filmen chene Wertschätzung des Nationalsozialismus, die
und vom Hörensagen. Die Spiegelaffäre und der politische Kritik daran wurde als Skandal, als Bruch
Auschwitzprozess waren ihr politisches Schlüsseler- einer stillschweigenden Verabredung, als Verstoß ge-
lebnis. Dadurch wurde der Nationalsozialismus zur gen den common sense des kommunikativen Be-
gegenwärtigen Vergangenheit, blieb aber trotzdem schweigens verstanden. Was die Geister empörte
lebensgeschichtlich unerreichbar vergangene Gegen- und erstarren ließ, war nicht, dass Habermas mit
wart, die nicht mehr durch eigenes Erleben, sondern Heidegger gegen Heidegger zu denken empfahl, son-
nur noch durch Zeugen, Geschichte, Literatur, Kunst dern dass er das politisch begründete.
und Einbildungskraft vergegenwärtigt werden Habermas rückte in den folgenden Jahren weiter
konnte. Das erleichterte die Wahrnehmung des la- nach links, und die Begegnung mit Adorno, an des-
tenten Faschismus im Alltagsleben der Bundesrepu- sen Institut für Sozialforschung er Soziologie lernte
blik und im wiederholt, besonders im Vietnamkrieg, und praktizierte, wenig später die Habilitation bei
auflebenden Imperialismus ihrer westlichen Nach- Abendroth – beides von den Nazis verfolgte, marxis-
barn. Aber es erleichterte auch die maßlose Über- tische Intellektuelle – hat aus dem linken Heidegge-
treibung, die scheinrevolutionäre Kopie der vor- und rianer Habermas einen Neomarxisten gemacht, al-
antifaschistischen Weimarer Linksradikalen und lerdings einen, der sich zum Marxismus immer un-
Kommunisten, die Verwechslung der ungebroche- orthodox und revisionistisch verhalten hat. Bis heute
nen Nazi-Mentalitäten des CDU-Staats mit offen fa- gehört ein neu angeeigneter Marxismus zum unauf-
schistischer Herrschaft und die voreilige Identifika- gebbaren Kernbestand seines Werks, und vieles in
tion des imperialistischen Vietnamkriegs mit der diesem ist ohne die gründliche Kenntnis von Marx
amerikanischen Demokratie im Ganzen, und es er- und der marxistischen Literatur, vor allem auch des
mutigte den aktionistischen Versuch, die projek- gewaltigen Umbruchs nicht nur des Denkens, son-
tierte Latenz des Faschismus durch kalkulierte Pro- dern auch der Verhältnisse in der Zeit zwischen He-
vokation und experimentelle Gewalt (Dutschke) gel und Marx kaum richtig zu verstehen. Im Werk
4 I. Intellektuelle Biographie

von Habermas spielt Kant zwar mittlerweile eine zugleich zu einer breiten Palette philosophischer
größere und grundlegendere Rolle als Marx. Marx und sozialwissenschaftlicher Theorie- und For-
bleibt aber wesentlich (s. Kap. II.1). Denn es ist ge- schungsprogramme. Der Autor steigt in einen fach-
rade die schon für Marx charakteristische Verbin- wissenschaftlichen oder fachphilosophischen Dis-
dung einer normativ anspruchsvollen Philosophie kurs ein, eignet ihn sich an, schlägt sich so lange mit
der Vernunft mit einer empirischen Theorie der Ge- den Fachkollegen, bis die ihn akzeptieren und zitie-
sellschaft, die das Werk von Habermas von anderen ren, und wenn sie ihm gerade nahekommen wollen,
Zeitgenossen, von Soziologen wie Luhmann ebenso verlässt er das Boot, um das im fremden Terrain Er-
wie von Philosophen wie John Rawls trennt (s. Kap. oberte der eigenen Theorie einzuverleiben und die
II.19). An der Stelle Hegel’schen Geistes steht seit Fachkollegen kopfschüttelnd in ihren Fächern zu-
Marx der Begriff der Gesellschaft, und trennt die rückzulassen. In seinem produktiven Eklektizismus
ganze moderne Richtung kritischen Denkens vom gleicht das Werk von Habermas vielleicht noch am
18. und frühen 19. Jahrhundert, von Hegel und von ehesten dem des großen amerikanischen Soziologen
Kant. Die an das Programm der frühen Frankfurter Talcott Parsons.
Schule im New Yorker Exil (Horkheimer, Adorno, Weite Passagen der eigenen Theorie entwickelt er
Marcuse, Löwenthal) anschließende Integration von in der immanenten Kritik anderer Autoren. In der
Philosophie und Sozialwissenschaft in eine kritische Theorie des kommunikativen Handelns, die er noch
Gesellschaftstheorie ist das Signum des Habermas- in der Zeit seiner Tätigkeit als Max-Planck-Direktor
schen Werks. in Starnberg verfasst und zu Beginn seiner zweiten
Die Gesellschaftstheorie von Habermas greift Frankfurter Lehrtätigkeit 1981 publiziert hat, sind
zwar den philosophischen Grundbegriff der Ver- das die soziologischen Klassiker, die jeweils verein-
nunft auf und expliziert ihn sprachphilosophisch, seitigten Forschungsprogramme der phänomenolo-
verwendet ihn aber für die Entwicklung einer sozial- gischen Handlungstheorie und der funktionalisti-
wissenschaftlichen Theorie. Sie beruht auf der – schen Systemtheorie, hinzu kommen in den philoso-
zuvor nur von dem Austromarxisten Max Adler vor- phisch explikativen Exkursen die Sprechakttheorien
weggenommenen – Idee einer vollständigen Trans- (Austin, Searle) und die empiristischen und herme-
formation von Erkenntniskritik in Gesellschafts- neutischen Rationalitätstheorien, deren Darstellung,
theorie. Es wäre ebenso falsch, Habermas als bloßen Rekonstruktion und Kritik ihr Autor immer von
Philosophen argumentativer Begründung oder gar Neuem das abzuringen versucht, was den eigenen
als Diskursethiker zu verstehen, wie ihn nur als So- Thesen standzuhalten scheint. Anders als der sehr
zialwissenschaftler und Soziologen zu rezipieren. Er viel konstruktiver verfahrende, seine eigentlichen
ist, obwohl er immer versucht hat, seine Theorie in Quellen eher verdunkelnde Luhmann, lebt Haber-
beiden Disziplinbereichen mit den dort jeweils dis- mas ganz von der Dauerkommunikation und Dau-
ziplinär spezialisierten Mitteln zu verteidigen, kein erpolemik mit anderen Theorien, vom Wechselbad
Philosoph und kein Soziologe, sondern (als Berufs- aus Einbeziehung und Ausgrenzung des Anderen.
soziologe, der er von 1956–59 und dann wieder von Das gilt insbesondere für die Theorie- und For-
1964–82 war, ebenso wie als Berufsphilosoph, der er schungsprogramme, die für die Entwicklung der
von 1961–71 und dann wieder von 1983–94 war) der Habermas’schen Version einer kritischen Theorie
Autor einer wirklich interdisziplinären Theorie der der Gesellschaft die wichtigsten geworden sind, die
Gesellschaft. Der Begriff der Gesellschaft bildet das Frankfurter Schule und die funktionalistische Sys-
Zentrum seines Werks. In der Einleitung zu Erkennt- temtheorie. Mit Luhmann, mit dem er 1971 einen
nis und Interesse fasst er sein Forschungsprogramm damals breit rezipierten und diskutierten Streit aus-
1968 in dem einen Satz zusammen, dass eine »radi- gefochten hat, dokumentiert in dem gemeinsamen
kale Erkenntniskritik« »nur als Gesellschaftstheorie« Sammelband Theorie der Gesellschaft oder Sozial-
möglich sei (EI, 9; Habermas 2000; Thyen 2008). Mit technologie?, verbindet ihn die Wende der Gesell-
der knapp 15 Jahre später fertiggestellten Theorie des schaftstheorie zur Kommunikation, die ihn von der
kommunikativen Handelns hat sich das Vorhaben ei- älteren Frankfurter Schule trennt.
ner erkenntnistheoretischen Rechtfertigung der Ge- Mit seinem bewusst als politisch verstandenen
sellschaftstheorie bzw. der Begründung von Er- Programm philosophischer Aufklärung aber hat sich
kenntnistheorie als Gesellschaftstheorie dann erle- Habermas – trotz seiner immanenten Kritik am ver-
digt (s. Kap. III.4; III.5; IV.14). meintlichen Vernunftdefaitismus der ersten Gene-
Habermas verhält sich dialogisch und räuberisch ration kritischer Theoretiker wie Horkheimer und
I. Intellektuelle Biographie 5

Adorno – an die Kontinuität dieser Denktradition Verständigung, die eine Einigung nach der Logik des
angeschlossen. Dabei orientiert er sich ganz an jener besseren Arguments erlauben soll. So beansprucht
Maxime der Dialektiker, dass der Sinn kritischer Habermas, das Defizit der normativen Grundlegung
Theorie darin bestehe, gegen sich selbst zu denken, einer primär von moralischen Intuitionen getrage-
d. h. sie weder zu dogmatisieren noch zu musealisie- nen Kritischen Theorie zu beseitigen, indem er Kri-
ren, sondern auf der Grundlage neuer zeitgeschicht- tik als Verfahren argumentativer Begründung, als
licher Erfahrungen systematisch weiterzuentwi- diskursive Prüfung kontroverser Geltungsansprüche
ckeln. Habermas trat das Erbe der Kritischen Theo- expliziert. Die praxisorientierte Reorganisation der
rie mit der Absicht ihrer Transformation an, die er Kritischen Theorie hat nicht nur zu intellektuellen
als linguistic turn und als pragmatic turn versteht (s. Anschlüssen geführt, die mittlerweile bis weit in den
Kap. II.5) – zum Verdruss all jener, die sich Kritische mainstream sozialdemokratischer Politik (beider
Theorie nicht anders vorstellen können, denn als Volksparteien der Bundesrepublik) reichen, zu dem
Analyse falschen Bewusstseins. Demgegenüber hat Habermas selbst sich zumeist in deutlicher Distanz
Habermas die »negative Dialektik« Adornos aus der verhalten, jedenfalls jede Affirmation immer mit
Erstarrung angesichts vollendeter Negativität gelöst Vorbehalten und ironischen Distanzierungen ge-
und in eine konsequent nachmetaphysisch ange- pflastert hat (siehe nur die vergiftete pro-Schröder-
legte, normativ gehaltvolle Theorie der Gesellschaft Stellungnahme vor der Wahl 1998). Sie hat vor allem
überführt. Die Nähe zu Adorno wird vor allem in ei- in jüngster Zeit auch eine Vielzahl von Versuchen
ner negativistischen Lesart des moral point of view angeregt, im Anschluss an Habermas (und Foucault,
deutlich, in der »negative[n] Idee der Abschaffung Derrida, Butler u. a.) das Programm einer radikalen
von Diskriminierung und Leid« (EA, 7). Damit Gesellschaftskritik wiederaufzunehmen, die sich
nimmt das nachmetaphysische Denken aber zu- nicht von vornherein auf Sozialdemokratie und Par-
gleich Abstand von der negativen Geschichtsphilo- lamentarismus festnageln lässt (s. Kap. II.11; II.20).
sophie Horkheimers und Adornos (s. Kap. IV.26). In seinen zahlreichen zeitdiagnostischen Arbei-
Entschieden verabschiedet er die von diesen nur ten und ständigen intellektuellen Interventionen
mehr negativ festgehaltene Utopie einer von allen geht es ihm um die Verbindung von philosophischer
Zwängen erlösten Menschheit, auch zu der eigenen Normativität und soziologischer Theorie mit der re-
frühen Formulierung der Idee einer herrschafts- flexiven Selbstbeschreibung der Gesellschaft, in der
freien Kommunikation geht er später ebenso auf Di- wir leben. Habermas hat der Bundesrepublik über
stanz wie zum Negativismus Adornos, für den das Jahrzehnte immer wieder neue Stichworte geliefert,
Ganze das Unwahre ist. Es ist weder das Wahre (He- an denen sich oft zentrale politische Debatten und
gel) noch das Unwahre (Adorno), sondern was es ist, Konflikte entzündet haben. Er hat den (auf die Zeit
hängt an zufälligen, sich ändernden Umständen und vor 1945 gerichteten) antifaschistischen Konsens mit
an den Resultaten unserer praktischen Interventio- einem (auf die 1949 gegründete Bundesrepublik ge-
nen. Wahrheit und Falschheit des Denkens wie der münzten und bereits nach vorn, auf die entstehende,
Welt, auf deren Einrichtung es sich bezieht, sind, da- postnationale Konstellation – so ein Buchtitel der
mit schließt Habermas an Heidegger und den Prag- 1990er Jahre – gerichteten) westlich orientierten
matismus an und erinnert an den jungen Marx, Verfassungspatriotismus verbunden – ein Begriff,
praktische Fragen. den er dem konservativen Liberalen Dolf Sternber-
Und doch ist das konsequente Weiterdenken kri- ger entwendet, postnational uminterpretiert und in
tischer Theorie durch Habermas ganz im Geiste der den 1980er Jahren mit breiter Wirkung in Umlauf
Dialektik. Denn Horkheimer und Adorno haben gebracht hat (Kap. IV.32). Noch aus den späten
stets hervorgehoben, dass ihre gesellschaftstheoreti- 1950er Jahren stammt der für das ganze Werk und
schen Reflexionen geschichtlich zu verorten sind, einen erheblichen Teil seiner politischen Wirkungs-
dass der Wahrheit ihrer Theorien ein ›Zeitkern‹ ei- geschichte zentrale Begriff der Öffentlichkeit (s. Kap.
gen ist. Deshalb war es nur konsequent, wenn Ha- III.2).
bermas seine Version Kritischer Theorie als »Gesell- ›Öffentlichkeit‹ ist der Grundbegriff der politi-
schaftstheorie« versteht, »die der geschichtsphiloso- schen Theorie, und er verbindet Theorie und Kritik.
phischen Selbstgewissheit entsagt hat, ohne den Eine wichtige praktische Implikation der Habilitati-
kritischen Anspruch aufzugeben« (Habermas 1986, onsschrift ist die Kritik an der entpolitisierten Öffent-
391). An die Stelle einer unbestimmten Utopie des lichkeit der vermarkteten und vermachteten Gesell-
ganz Anderen tritt das Konzept der intersubjektiven schaft der 1950er Jahre, in der wenige mächtige Me-
6 I. Intellektuelle Biographie

dienkonzerne das öffentliche Leben dominierten gierten Totalrevolution aller gesellschaftlichen Ver-
und der soziale Konformismus der durch wachsende hältnisse hat Habermas jedoch als »Scheinrevolu-
Wohlfahrtsstaatlichkeit befriedeten und atomisier- tion« zurückgewiesen. Eine Revolutionierung des
ten Massen nicht nur in Deutschland die politi- Spätkapitalismus, von der die Studenten von Berlin
sche Dauermobilisierung der Zwischenkriegs- und bis Berkeley träumten, hat er nie für möglich gehal-
Kriegszeiten abgelöst hatte. Eine Folge der sanften, ten, und im Aktionismus, den Rudi Dutschke pro-
demokratischen Gleichschaltung des CDU-Staats pagierte, glaubte er zwar keine sachliche, wohl aber
waren der staatliche Zugriff auf die Pressefreiheit in eine methodische Verwandtschaft mit dem italieni-
der Spiegel-Affäre ebenso wie der aktive und passive schen Faschismus wiedererkennen zu können. Trotz
Widerstand gegen die erst damals vor deutschen Ge- des scharfen Tonfalls, der sich in den Begriffen »lin-
richten beginnenden NS-Prozesse. Beides löste frei- ker Faschismus« und »Scheinrevolution« Ausdruck
lich Gegenbewegungen aus, die im Ruf nach einer verschaffte und heftige Gegenkritik entfachte, war
Repolitisierung des öffentlichen Lebens gipfelten, der die Kritik von Habermas an der Studentenbewe-
zur Parole der Studentenbewegung wurde. gung – ganz anders als die heutige, verspätete Selbst-
Der Strukturwandel der Öffentlichkeit hatte einen kritik ihrer Aktivisten und Renegaten – eine Kritik
großen Einfluss auf die beginnende Studentenbewe- von innen. Er hat nicht den Marxismus der Studen-
gung. Die Mischung aus Habilitationsschrift, intel- tenführer kritisiert, sondern ihren Rückfall in die
lektuell zugespitzter Gesellschaftskritik und soziolo- orthodoxe Klassen- und Arbeitswerttheorie, der er
gisch-politikwissenschaftlichem Fachjargon passte allenfalls für das 19. Jahrhundert Gültigkeit zugeste-
nicht schlecht ins Milieu der vom Zigarettendunst hen wollte. Er hat mit Marx den »utopischen Sozia-
verhangenen SDS-Versammlungen, zu dessen Grün- lismus« Dutschkes kritisiert und den voluntaristi-
dungsgeneration nach der Abspaltung von der SPD schen Aktionismus, der die latente Gewalt des Sys-
Habermas als Mitglied des Fördervereins gehörte. tems durch provokativ vorlaufende Gegengewalt
Das Buch enthält bereits die zentrale Forderung der hervorlocken und manifest machen wollte. Das hat
1968er nach der Herstellung von Öffentlichkeit in er »linken Faschismus« genannt, die Verwendung
allen Gremien und Organisationen, in denen öffent- dieses Ausdrucks aber in mehreren Interviews und
liche Angelegenheiten nicht-öffentlich verhandelt Stellungnahmen stark eingeschränkt und zugege-
werden. Demokratie sollte wieder zur öffentlichen ben, dass er die phantasievoll provokanten und ge-
Angelegenheit nicht nur des politischen Systems, der waltlosen Aktionen anfangs in ihrem innovativen
Parteien, Parlamente und Exekutivspitzen, sondern Charakter unterschätzt habe und darin erst im
der ganzen Gesellschaft und ihrer nur vermeintlich Nachhinein eine neue Qualität des Protestes erken-
unpolitischen Organisationen (wie etwa der Ge- nen konnte, die wesentlich zu einer erfolgreichen
werkschaften) werden. Die Hoffnung auf eine Er- Repolitisierung der Öffentlichkeit beigetragen
neuerung der Demokratie durch organisationsin- habe.
terne Öffentlichkeiten ist inzwischen zusammen mit Habermas hat die neuartige, spontane und erst-
ihrer teilweise erfolgreichen und dann frustrieren- mals globale politische Bewegung, die in Berlin, Pa-
den Umsetzung in den 1970er Jahren vergangen, ris, New York und Berkeley, wo er in der Hochphase
aber der entscheidende Gedanke, dass Demokratie, der Revolte unterrichtete, ihre Zentren hatte, in ei-
demokratische Legitimation eine Sache der ganzen ner Serie von Vorträgen und Aufsätzen analysiert, zu
Gesellschaft und nicht nur ihres politischen Teilsys- erklären und in ihren Chancen einzuschätzen ver-
tems und der parlamentarischen Verfassungsorgane sucht. Außerdem war er Ende der 1960er Jahre stän-
ist, ist es nicht, und er hat in der heutigen Weltgesell- dig auf den Treffen und Versammlungen der radika-
schaft mit ihrer überraschend einflussreichen und len Studenten vor allem in Frankfurt anzutreffen
zunehmend unbeherrschbaren Weltöffentlichkeit, und hat häufiger als die meisten seiner Kollegen mit
von der es in den 1950er und frühen 1960er Jahren ihnen diskutiert (Kraushaar 1998). Während ein von
noch kaum eine Vorahnung gab, an Aktualität und der neoliberalen Episteme kontaminiertes Kollektiv-
Brisanz gewonnen. bewusstsein sich heute die Identifizierung der pro-
Öffentlichkeit, deren Entdemokratisierung durch testierenden Studenten mit den Aufständen gegen
Macht und Konsumismus Habermas im Struktur- das Elend der damals so genannten »Dritten Welt«
wandel kritisierte, war das zentrale Stichwort der nur noch kontraintuitiv als pathologische Projektion
späten 1960er Jahre. Seine Verbindung mit der von (›Hitlers Kinder‹) erklären kann, hatte Habermas
den radikalen Sprechern dieser Bewegung propa- seinerzeit die naheliegende und immer noch bessere
I. Intellektuelle Biographie 7

Erklärung parat, es handele sich um neue moralische viel liberaleren italienischen und französischen Blät-
Sensibilitäten, die durch die permissive Erziehung der tern zu publizieren. Besonders enttäuscht und erbost
1950er und vor allem 1960er Jahre und die verlän- hatte ihn die vorauseilende Unterwerfung einer
gerten Schul- und Ausbildungszeiten (verlängerte Ju- Gruppe linker Professoren, denen vom Niedersäch-
gend, Adoleszenskrise) ermöglicht worden seien: sischen Ministerpräsidenten Albrecht (CDU) in der
»Die persönliche Identifizierung mit den Hungern- Hochphase des Terrorismus ein schriftliches Be-
den, den Elenden und Abhängigen der Dritten Welt kenntnis zur damals so genannten ›freiheitlich de-
spricht für die Kraft der moralischen Phantasie, sie mokratischen Grundordnung‹ (FdGO) der Bundes-
ist zudem ein notwendiger Impuls für die Untersu- republik abverlangt worden war. Eine der schmäh-
chung kausaler Zusammenhänge zwischen Repres- lichsten Reaktionen des Staates auf den von seinen
sionen bei uns und Repressionen in unterentwickel- Repräsentanten und dem Springer-Konzern zur
ten Ländern« (Habermas 1969, 183). Habermas ver- Staatskrise aufgeblähten Terrorismus, der zu keinem
wehrt sich deshalb gegen die von ihm selbst anfangs Zeitpunkt eine größere Gefahr für die Verfassung
geteilte, aber allzu forsche Kritik am vermeintlichen der Bundesrepublik darstellte als jedes x-beliebige
Utopismus der Studenten, die darauf abzielten, »die alltägliche Gewaltverbrechen, waren die, ausgerech-
Verwendung technologisch verfügbarer Potentiale net noch von der Regierung Brandt auf den Weg ge-
für die Befriedigung zwanglos artikulierter Bedürf- brachten Berufsverbote für Beamte, die im Verdacht
nisse« nach Maßgabe öffentlicher Verständigung standen, eine linke Gesinnung zu haben. Aber – im-
von der Bindung an ein repressives und partiell über- merhin – die Bonner Republik überlebte den staat-
flüssiges Leistungsprinzip freizusetzen; ein Motiv, in lich verursachten Staatsnotstand und die Demokra-
dem er sich mit Marcuse trifft (Habermas 1969, 183; tie überlebte einige Jahre später sogar die Wieder-
vgl. TW, 100 ff.). Er sieht jedoch keinen Grund, auch vereinigung, und inzwischen ist sie weniger unter
nicht für das Ziel einer grundlegenden Veränderung nationalistisch-faschistischen, sondern immer mehr
des institutionellen Rahmens der spätkapitalisti- unter Globalisierungsdruck geraten.
schen Gesellschaft und einer umfassenden Demo- Ein weiteres Stichwort der 1960er Jahre war Spät-
kratisierung der Gesellschaft, »die Legitimations- kapitalismus. Habermas hat es, ebenso wie das da-
grundlage unserer Verfassung zu verlassen« (ebd.). mals wieder in Mode gekommene der Krise, nicht
In Äquidistanz zum technokratischen Reformismus erfunden, sondern aufgegriffen, uminterpretiert und
der damaligen großen Koalition aus Sozial- und in einer originellen Wendung zur spätkapitalisti-
Christdemokraten einerseits und zur schwärmeri- schen Legitimationskrise zusammengezogen. In die-
schen Revolutionsromantik der radikalen Studen- sem Buch sind viele Motive seines bisherigen Wer-
ten, allen voran Habermas’ Jahrgangsgenosse kes zusammengefasst und für die danach folgende
Enzensberger, andererseits, legte Habermas sich, als Ausarbeitung der Theorie exemplarisch aufbereitet
der Spiegel deutschen Intellektuellen 1968 die Frage worden. Das 1973 dazu unter dem Titel Legitimati-
»Reform oder Revolution?« vorlegte, auf das Pro- onsprobleme im Spätkapitalismus publizierte Buch
gramm eines radikalen Reformismus fest, der eine re- erlebte hohe Auflagen und eine weltweite Rezeption
volutionäre Umwälzung gesellschaftlicher Herr- (s. Kap. III.6). Es war fast zeitgleich mit dem ähnlich
schaftsverhältnisse im Rahmen und mit den Mitteln erfolgreichen Buch Claus Offes über die Struktur-
des demokratischen Verfassungsstaats für möglich probleme des kapitalistischen Staats erschienen. Beide
hielt. In der ersten sozialdemokratischen Regie- Bücher trafen den Nerv der sozialdemokratischen
rungserklärung schien es zunächst so, als wäre mit Reformpolitik jener Zeit, die mit Willy Brandt und
Brandts Parole »Mehr Demokratie wagen!« der radi- großen Hoffnungen endlich an die Macht und gleich
kale Reformismus des Frankfurter Philosophen und wieder ans Ende ihres reformistischen Lateins ge-
Soziologen zur Macht gekommen. Eine Hoffnung, kommen war.
die in den bleiernen 1970er Jahren schnell enttäuscht Alle politischen Reformen schienen an der Flexi-
wurde, in denen auch Habermas, der damals von bilität und Elastizität des spätkapitalistischen Sys-
den neokonservativen Gegenintellektuellen als geis- tems abzugleiten. Die Politik war selbst zum Zen-
tiger Ziehvater der Terroristen denunziert wurde, trum der Krise eines Kapitalismus geworden, der
eine »andere«, nicht mehr freie und demokratische zwar die Ökonomie politisch im Griff zu haben
»Republik« heraufziehen sah. Er weigerte sich, noch schien, genügend materiellen Wohlstand für alle
weiter in der FAZ zu schreiben und erwog, seine po- produzierte, eine – ihm in harten Klassenkämpfen
litischen Essays in den vergleichbaren, aber (damals) abgetrotzte und auf die Sieger der Geschichte in der
8 I. Intellektuelle Biographie

nordwestlichen Hemisphäre beschränkte – halbwegs Habermas schließt zu diesem Zeitpunkt keineswegs


gerechte Verteilung des Reichtums zuließ, aber als aus, dass sich im Fall einer Eskalation von Legitima-
Nebeneffekt andere Krisen, solche der Politik, der tionskrisen die Gesellschaft entdemokratisiert, um
Motivation, der Rationalität produzierte, die das Le- sich den in der rechtsstaatlichen Verfassung norma-
gitimationsgefüge der Gesellschaft erschütterten. tiv verankerten Rechtfertigungsnotwendigkeiten zu
Der Begriff der Legitimationskrise ist ein gutes Bei- entziehen. Legitimationskrisen sind bedrohliche
spiel für die politische Relevanz einer Theorie, die Störungen der Sozialintegration, die an die Repro-
neue Phänomene wissenschaftlich beschreibt und zu duktion zuverlässiger Intersubjektivitätsstrukturen,
erklären versucht, warum und woran die Sozialde- an gerechtfertigte und insofern glaubwürdige Nor-
mokraten nicht nur in Westdeutschland, sondern men gebunden ist. Solche Störungen können zu Mo-
überall im Nordwesten des Globus gescheitert wa- tivationskrisen führen, wenn die alten Traditionsbe-
ren. stände ihre sozialintegrative Kraft einbüßen und da-
›Krisen‹ definiert Habermas in dieser Studie, die durch beispielsweise, wie in den 1960er Jahren, die
sich erstmals in größerem Umfang systemtheoreti- Leistungsideologie unglaubwürdig wird. Entschie-
scher Termini bedient, als die Unlösbarkeit von Steu- den verwirft Habermas alle technokratischen und
erungsproblemen, als die Unvereinbarkeit »struktu- neokonservativen Kompensationsstrategien, Legiti-
rell ungelöster Systemimperative« (LS, 11). Die Kri- mation, Glaubwürdigkeit und Sinn technisch herzu-
sensymptome sind zwar ökonomisch mitbedingt, stellen: »Es gibt keine administrative Erzeugung von
aber sie manifestieren sich in erster Linie im politi- Sinn« (LS, 99). Er konstatiert also eine Widerstän-
schen und im soziokulturellen Bereich. Aus diesem digkeit, die aus der Normativität einer Gesellschaft
Grund führt er den Begriff der Legitimations- und resultiert, deren Sozialintegration aus der Ressource
der Motivationskrise als komplementäre Kategorien Sinn schöpft. »Erst wenn die Handlungsmotive nicht
ein, um sie von der dem Bereich materieller Repro- mehr über rechtfertigungsbedürftige Normen laufen
duktion zugehörigen Wirtschaftskrise abzuheben. würden und die Persönlichkeitsstrukturen nicht
Ökonomisch bedingte Krisentendenzen zwingen mehr unter identitätsverbürgende Deutungssysteme
den Staat, zugunsten der konjunkturellen Entwick- ihre Einheit finden müßten, könnte […] Konformi-
lung wirtschaftspolitisch zu handeln. Ein Scheitern tätsbereitschaft in beliebigem Umfang hergestellt
staatlicher Strategien kann zu einer Rationalitäts- werden« (LS, 64 f.).
krise führen. Entgegen der traditionell marxisti- Diese technokratische Annahme hält aber Haber-
schen Krisendiagnose versucht Habermas, im An- mas für höchst unwahrscheinlich. Umgekehrt sieht
schluss an seine ältere kritische Auseinandersetzung er im normativen Potential der Demokratie eine re-
mit der Werttheorie von Marx in dem Band Theorie ale gesellschaftliche Größe, die staatliche und öko-
und Praxis von 1963, nun zu zeigen, dass in den auf nomische Akteure bei ihrer Interessenverfolgung in
den Liberalkapitalismus folgenden spätkapitalisti- Rechnung stellen müssen. Für ihn bleibt die fort-
schen Gesellschaften, in denen der Sozialstaat in den schreitende Demokratisierung das einzige Mittel,
Wirtschaftskreislauf interveniert, sich der Klassen- den systemischen Gefährdungen der Demokratie zu
gegensatz in einen Klassenkompromiss transfor- begegnen. Die berühmte Formulierung John De-
miert hat und das Sozialprodukt nach politischen weys, die einzige Therapie gegen die Leiden der De-
Kriterien verteilt wird. Zwar können die ökonomisch mokratie sei more democracy, bringt die politische
bedingten Krisen im mittlerweile in den Stürmen Pointe des Habermas’schen Legitimationskrisenthe-
der Globalisierung untergegangenen state-embedded orems treffend zum Ausdruck. Nur eine egalitäre
Spätkapitalismus normalerweise abgefangen wer- Demokratie, die sich aus der kommunikativen Macht
den. Aber nur in der Weise, dass die einer, wie Habermas in seiner späten Rechtsphiloso-
phie Faktizität und Geltung (1992) zwanzig Jahre
»kontradiktorischen Steuerungsimperative, die sich im
Zwang zur Kapitalverwertung durchsetzen, eine Reihe an- nach Erscheinen der Legitimationsprobleme schreibt,
derer Krisentendenzen erzeugen. Die fortbestehende Ten- unbezähmbaren und anarchischen Öffentlichkeit
denz zur Störung des kapitalistischen Wachstums kann ad- speist, könnte die Krisendynamik der Medien Macht
ministrativ bearbeitet und stufenweise über das politische und Geld unter Kontrolle bringen, ohne ihre Pro-
ins soziokulturelle System verschoben werden. Ich meine,
duktivität zu vernichten.
dass dadurch der Widerspruch einer vergesellschafteten
Produktion für partikulare Ziele wieder unmittelbar eine In der Theorie des kommunikativen Handelns hat
politische Form annimmt – freilich nicht die des politi- Habermas das Programm der Legitimationsprobleme
schen Klassenkampfes« (LS, 60). ausgearbeitet, teilweise revidiert und präzisiert. An
I. Intellektuelle Biographie 9

der zentralen Grundannahme, dass die Polarität zwi- durch demokratische Selbstbestimmung »die syste-
schen Kapitalismus und Demokratie unversöhnbar mischen Imperative eines interventionistischen
sei, ändert sich nichts. Er ist davon überzeugt, dass Staatsapparates ebenso wie die des Wirtschaftssystems
nur eine starke und in sozialen Kämpfen von unten in Schach zu halten« seien und setzt hinzu: »Das ist
immer wieder erneuerte und erweiterte Demokratie eine defensiv formulierte Aufgabe, aber diese defen-
der kapitalistischen Expansion Grenzen ziehen kann: sive Umsteuerung wird ohne eine radikale und in
die Breite wirkende Demokratisierung nicht gelin-
»Zwischen Kapitalismus und Demokratie besteht ein un-
auflösliches Spannungsverhältnis; mit beiden konkurrieren
gen können« (Habermas in: Honneth/Joas 1986,
nämlich zwei entgegengesetzte Prinzipien der gesellschaft- 396). So bleibt es beim normativen Vorrang des
lichen Integration um den Vorrang. Wenn man dem in de- Reichs der Freiheit über das der gleichwohl als Herr-
mokratischen Verfassungsgrundsätzen ausgedrückten schaft von Macht und Geld in komplexen Gesell-
Selbstverständnis traut, behaupten moderne Gesellschaf- schaften unaufhebbaren Notwendigkeit.
ten den Primat der Lebenswelt gegenüber den aus ihren in-
Das Postulat der Demokratisierung erhält für Ha-
stitutionellen Ordnungen ausgegliederten Subsystemen«
(TKH II, 507). bermas angesichts der epochalen Dynamik einer
Globalisierung und Deregulierung des Kapitalismus
Umgekehrt wird die ebenso gefährliche wie produk- nur umso mehr Gewicht. Parallel mit der Expansion
tive Spannung zwischen Kapitalismus und Demo- der kapitalistischen Ökonomie als weltweit verbrei-
kratie sich in dem Maße zu einem tödlichen Antago- teter Wirtschaftsweise und »nach dem Ende der bi-
nismus zuspitzen, in dem die Steuerungsmedien polaren Machtkonstellation« droht Demokratie er-
Geld und Macht die lebensweltlichen Verständi- neut in die Defensive zu geraten, bedingt durch die
gungspraktiken überformen und kolonialisieren. politischen Konsequenzen dessen, was Habermas
Die »in der Moderne eingespielte Balance zwischen die »postnationale Konstellation« nennt (NR, 324).
den drei großen Medien der gesellschaftlichen Inte- Zu dieser Konstellation gehört auch, dass die staats-
gration [gerät] in Gefahr […], weil Märkte und ad- interventionistisch kontrollierten Krisen des kapita-
ministrative Macht die gesellschaftliche Solidarität, listischen Systems nach Abzug dieser Kontrolle
also Handlungskoordinierung über Werte, Normen ebenso wiederkehren wie die sozialen Konfliktlagen
und verständigungsorientierten Sprachgebrauch aus nach der neoliberalen Umkehr der sozialdemokrati-
immer mehr Lebensbereichen verdrängen« (NR, schen Umverteilung des Reichtums von oben nach
116). Gegen diesen Kolonialisierungsprozess muss unten. Deshalb gerät heute »die Konzeption einer
politischer Widerstand mobilisiert werden, was in- weltweiten Privatrechtsgesellschaft«, die »die legiti-
des nur innerhalb einer diskursiven Öffentlichkeit matorischen Anforderungen deflationiert«, wieder
geschehen kann. direkt in den Fokus der Kritik (NR, 358).
Nur durch die öffentliche Mobilisierung kommu- In seinen Arbeiten der letzten beiden Jahrzehnte
nikativer Macht, die bei Habermas wie bei Arendt – zur Globalisierung von Kapitalismus, Recht und Po-
das wird oft missverstanden – keine bloße Seminar- litik entwirft Habermas die Idee einer »Weltinnen-
diskussion, sondern öffentliche Kampagne und Mo- politik ohne Weltregierung« bzw. einer »Weltgesell-
bilisierung und deren materielle Deckungsreserve schaft ohne Weltregierung« (NR, 329). Die Aufgaben
die rächende Gewalt ist, kann die Herrschaft der öko- einer supranationalen Weltorganisation bestünden
nomischen Imperative und die Verselbständigung in erster Linie in einer global orientierten Politik, die
der Staatsapparate gegenüber der Bürgergesellschaft sich auf die Felder der Friedenssicherung, der Men-
verhindert werden. Konsensuelle Entscheidungen, schenrechte und der Umwelt konzentriert. Der pri-
die in anspruchsvollen Verfahren der Meinungs- märe Funktionsbereich der Weltinnenpolitik besteht
und Willensbildung zustandegekommen und mit Habermas zufolge darin, »einerseits das extreme
der Mobilisierung kommunikativer Macht verknüpft Wohlstandsgefälle der stratifizierten Weltgesell-
sind, haben die Funktion einer Richtgröße für das schaft zu überwinden, ökologische Ungleichge-
ökonomische ebenso wir für das politische Funkti- wichte umzusteuern und kollektive Gefährdungen
onssystem. Zwar verabschiedet Habermas sich von abzuwehren, andererseits eine interkulturelle Ver-
der alten linken Utopie, die Ökonomie könne von ständigung mit dem Ziel einer effektiven Gleichbe-
innen her demokratisiert, also durch Partizipation rechtigung im Dialog der Weltzivilisation herbeizu-
und Selbstbestimmung gesteuert werden. Wie beim führen« (NR, 334). Darüber hinaus müsste sich die
späten Marx bleibt sie auch bei Habermas ein Reich UNO als wichtigste Institution jener Weltinnenpoli-
der Notwendigkeit. Aber er insistiert darauf, dass tik an demokratischen Legitimationskriterien mes-
10 I. Intellektuelle Biographie

sen lassen. »Denn weder der Deliberation noch der der 1970er Jahre abzugrenzen. Davon unbeeinflusst
Öffentlichkeit sind von Haus aus nationale Grenzen ist das Wort ›Diskurs‹ oder die Rede von ›herr-
eingeschrieben« (Habermas 2007, 436). Die Idee ei- schaftsfreier Kommunikation‹ in den frühen 1970er
ner deliberativen Demokratie, die Habermas in Fak- Jahren von Erziehungswissenschaftlern, die ein Dis-
tizität und Geltung entwickelt (s. Kap. III.13; III.15), kursbuch nach dem anderen schrieben, von den Pä-
nimmt heute in der Globalisierungsdiskussion einen dagogen, die jedes Problem diskursiv lösen oder von
prominenten Platz ein und wird bisweilen als elitäre therapeutischen Gruppen, die herrschaftsfreie Kom-
Kompensation von massiven Demokratiedefiziten munikation ins Betriebsklima von Großbetrieben
durch die Einrichtung entscheidungsbegleitender integrieren wollten, aufgegriffen, breitenwirksam re-
und entscheidungsvorbereitender Diskussionsforen zipiert, aber meist konkretistisch missverstanden
missverstanden. Habermas hingegen hat immer dar- worden. So identifiziert Habermas in der Kommuni-
auf bestanden, dass die deliberativen Problemlö- kationstheorie verschiedene ideale Präsuppositionen
sungsverfahren einer inklusiven Öffentlichkeit erst (der Wahrheit, der Wahrhaftigkeit, der normativen
durch ihre strukturelle Kopplung an egalitäre Ent- Richtigkeit und logischen Stimmigkeit), die wir bei
scheidungsverfahren, die keineswegs notwendig par- jedem Sprechakt implizit beachten und kontrafak-
lamentarischer Natur sein müssen, zur deliberativen tisch unterstellen müssen, ob wir – und das ist die
Demokratie werden. Pointe – wollen oder nicht (s. Kap. II.5; III.5; III.15;
Bereits seit den 1970er Jahren wurden Begriffe, III.17; IV.15). Das wurde in der einschlägigen Litera-
die damals bei ihrem Autor einen zunächst noch tur, die sich auf Habermas und den Diskursbegriff
sehr abstrakten, theoretischen Sinn hatten, wie Kom- berief, dann als Programm verstanden, das es im
munikation oder Diskurs, breit rezipiert und drangen Unterricht oder bei der Therapie oder zwischen den
zur Zeit der großen Bildungsreformen vor allem ins betrieblichen Tarifparteien umzusetzen galt; als wäre
Erziehungssystem ein. Das war zuvor schon mit dem es eine positiv gesetzte Rechtsnorm oder eine an-
von Habermas und dem acht Jahre älteren Freund wendungsorientierte physikalische Theorie.
und ehemaligen Studienkollegen Karl-Otto Apel ge- Eine reflexive Theorie wie die Diskurstheorie je-
meinsam geprägten Begriff des emanzipatorischen doch, die sich (wie die Marx’sche oder die Luhmann-
Erkenntnisinteresses passiert, der die Wissenschafts- sche Theorie) selbst in ihren Gegenstandsbereich
und Hochschulkritik der 1968er stark beeinflusst einbezieht, richtet ihr Hauptaugenmerk auf die Be-
hat. Habermas fühlte sich hier zwar meistens miss- dingungen möglicher Emanzipationsprozesse und
verstanden, aber auch solche theoretischen Begriffe nicht auf ihre Initiierung und Umsetzung, und das
wie ›Diskurs‹ und ›Kommunikation‹ oder auch ›Er- hat sachliche Gründe, die mit der Logik gesellschaft-
kenntnisinteresse‹ waren nicht ohne zeitdiagnosti- licher Praxis und emanzipatorischen Lernens zu tun
sche Bedeutung oder Nebenbedeutung, und der Dis- haben. Eine reflexive Theorie lässt sich nicht einfach
kursbegriff kommunizierte (trotz des sehr verschie- objektivierend anwenden, als wäre sie eine Tugend-
denen theoretischen Kontextes) untergründig sogar lehre, ein Satz guter Ratschläge, wohlbegründeter
mit dem, im französischen Poststrukturalismus pro- Imperative und Maximen oder zweckrationaler Stra-
minent gewordenen und in Paris sofort politisierten, tegien. Es geht bei der Analyse der eigentümlichen
stark voluntaristischen Begriff des ›Diskurses‹, wie Wirkung von Sprechaktpräsupposition, die Argu-
er etwa im Werk Michel Foucaults verwendet wird. mentationen ermöglichen, nämlich weder um Ziele,
Auch wenn Habermas den poststrukturalistischen die sich durch rationales Handeln planmäßig umset-
Voluntarismus immer zurückgewiesen hat, der Dis- zen lassen noch gar um kommunikative Mittel und
kursbegriff dient ihm wie Foucault auch dazu, die Techniken der Emanzipation von Herrschaft, son-
komplexe und differenzierte, moderne Wissensge- dern um Bedingungen der Möglichkeit von Kommu-
sellschaft aus einer macht- und herrschaftskritischen nikation, die sich weder ändern noch in zweckratio-
Perspektive zu beobachten (s. Kap. II.20). nale Programme gießen und auf diese Weise der in-
Eine unmittelbar politische, aber eher reformisti- strumentellen Vernunft der Pädagogen, Therapeuten
sche Bedeutungskomponente hatte der Diskursbe- und Betriebswirte gefügig machen ließen.
griff bei Habermas ohnehin. In der neuen Einleitung Am Beginn der 1980er Jahre und im letzten Teil
zur Aufsatzsammlung Theorie und Praxis spricht er von Habermas’ Hauptwerk, der zweibändigen Theo-
von der Institutionalisierung praktischer Diskurse, rie des kommunikativen Handelns steht dann die zeit-
auch um sich vom neoleninistischen Voluntarismus diagnostische Formel von der Kolonialisierung der
der maoistischen Nichtregierungsorganisationen Lebenswelt (s. Kap. IV.12). Die Kolonialisierungsdia-
I. Intellektuelle Biographie 11

gnose hatte einen politischen Sinn und stellt so et- der Lebenswelt. Es zeigt auch, dass sich die Haber-
was wie ein funktionales Äquivalent für die ältere mas’sche Kolonialisierungsthese recht gut mit dem
marxistische Terminologie dar, die auch schon theo- zeitdiagnostischen Potential des Foucault’schen
retische Erklärungen mit praxisnahen Interpretatio- Poststrukturalismus verträgt, dabei aber nicht genea-
nen und Weltdeutungen verknüpft hatte. Sie soll Be- logisch verfährt, sondern an die marxistische und
griffe wie ›Ausbeutung‹, deren präziser Gehalt sich neomarxistische Verdinglichungskritik (Lukács,
im Wohlfahrtsstaat verflüchtigt hat, oder Begriffe Adorno) anschließt. Man muss nur einmal einen der
wie ›Entfremdung‹, deren politische Unterschei- neuen Modul- und Lernzielpläne lesen, um schlag-
dungskraft sich in evangelischen Akademien ver- artig zu erkennen, dass die monetäre Kolonialisie-
braucht hat, substituieren, aktualisieren und den Ge- rung die Universität nicht nur der Warenform
halt beider Begrifflichkeiten in einem Ausdruck zu- (Adorno) unterwirft, sondern auch ein neues akade-
sammenziehen. Deshalb wählt Habermas hier auch misches Disziplinarindividuum (Foucault) erzeugt.
die drastische Metapher von »Kolonialherren«, die Aus der Kritik der politischen Ökonomie (Marx) und
»von außen« »in eine Stammesgesellschaft« eindrin- der Kritik der instrumentellen Vernunft (Horkhei-
gen und »die Assimilation« »erzwingen« (TKH II, mer) wird die Kritik der funktionalistischen Ver-
522). Aber die neuen Kolonialherren sind vollstän- nunft – so der Untertitel des zweiten Bandes der
dig depersonalisiert und ihre Befehle sind »die Im- Theorie des kommunikativen Handelns.
perative der verselbständigten Subsysteme« (ebd.) Die Pointe der Kolonialisierungsdiagnose würde
der technisch wissenschaftlichen Zivilisation, des man verfehlen, verstünde man sie nur strategisch
Rechts und der Verrechtlichung, des Geldes und des wie etwa die Diagnose eines Motorschadens oder ei-
Kapitals, der administrativen und der sozialen nes Schienbeinbruches. Diagnosen gesellschaftlicher
Macht, die nicht mehr in ferne und transkontinen- Pathologien verbinden strategische Optionen näm-
tale Stammesgesellschaften, sondern in die ubiqui- lich mit der Einsicht in das Zerreißen eines kommu-
täre kommunikative Infrastruktur der uns alltäglich nikativen Zusammenhangs, den nicht Experten,
nahen und vertrauten Lebenswelt eindringen. Diese sondern letztlich die Betroffenen selbst stiften und
soziale Lebenswelt ist ihrerseits auch keine archai- als solchen erkennen müssen, um die strategischen
sche oder vormoderne Gemeinschaft wie die Stam- Optionen, den Riss zu reparieren, überhaupt wirk-
mesgesellschaften Afrikas, Amerikas oder Australi- sam werden zu lassen. Hier gilt von der gestörten
ens vor zwei-, drei- oder vierhundert Jahren, son- Kommunikation, was der junge Hegel vom Selbstbe-
dern selbst eine hoch rationalisierte, in sich wusstsein schrieb: »Ein geflickter Strumpf ist besser
differenzierte moderne Lebenswelt. Diese ist jedoch als ein zerrissener; nicht so das Selbstbewußtsein«
auf Formen wahrheitsfunktionaler gesellschaftlicher (Hegel 1970, 558). So wie der Riss im Selbstbewusst-
Kommunikation und Konsensbildung angewiesen, sein des Subjekts ist auch die Störung der gesell-
die sich durch Zahlungen, Gerichtsentscheide oder schaftlichen Kommunikation nicht einfach ein Feh-
Verwaltungsmaßnahmen nicht ersetzen lassen, ohne ler, sondern erschließt eine bis dahin verborgene
lebensbedrohliche Krisen und Pathologien auszulö- Wahrheit der Gesellschaft und vermag zum Wider-
sen. Die Systemimperative enteignen – Marx sagte spruch zu werden, der sie über ihre Grenzen hinaus-
expropriieren – die Lebenswelt von ihrer eigenen treibt, während der »an seiner Gesundheit erkrankte
kommunikativen Substanz, beuten sie aus und geben gesunde Menschenverstand« (Adorno 1973) es sich
sie in dinglicher und verdinglichter Münze zurück, in unentzweit heimischer Harmonie wohl sein lässt,
indem sie alle Formen kommunikativer Verständi- bis das Kind zur Waffe greift. Es verhält sich hier
gung und kommunikativer Konflikte an die Pro- grundlegend anders bei der Diagnose des Auto- oder
blemlösungsverfahren des Rechts, der Macht und Knochenmechanikers, aber ähnlich wie bei der
des Marktes assimilieren. Die gegenwärtig in ganz Krankheitsdiagnose eines Psychoanalytikers, die
Europa mit Macht und Recht und gegen den längst Habermas schon in Erkenntnis und Interesse (1968)
gebrochenen Willen der Hochschulangehörigen zum Paradigma kommunikativer Verständigung ge-
durchgesetzte, betriebswirtschaftliche Reform der macht hatte. Die Diagnose einer Sozialpathologie
Universitäten, durch die wissenschaftliche Kommu- hat zwar die strategische Stoßrichtung einer Einzäu-
nikation, Forschung und Lehre von ihren kommuni- nung, Kontrolle, Steuerung und Zähmung von poli-
kativen Lebensquellen abgeschnitten und der Logik tischer Macht, ökonomischem Kapital und positi-
von Geld- und Warenströmen assimiliert wird, ist vem Recht. Aber solche Zäune müssen die Bürger im
ein gutes aktuelles Beispiel für die Kolonialisierung kommunikativen Handeln selbst errichten. Nur ein-
12 I. Intellektuelle Biographie

verständnisorientiertes Handeln kann zum Beispiel eine von Schröders Regierungsprogramm weit ent-
das für die moderne Republik konstitutive Instru- fernte Modernisierung nach Kriterien sozialer Ge-
ment (oder Medium) des positiven Rechts demokra- rechtigkeit stark, für eine weltwirtschaftliche Ord-
tisch legitimieren. Im Prozess demokratischer Legiti- nung, die sich nicht in der Herstellung eines globa-
mation verbindet sich die öffentliche Willensbil- len Marktes erschöpft: eine europäische Demokratie,
dung, die zu einer änderbaren und manipulierbaren die zum Vorreiter einer die nationalen Grenzen
Entscheidung (positives Recht) führt, mit den nicht überschreitenden Zivilgesellschaft werden müsse.
manipulierbaren Wahrheitsansprüchen praktischer Die neue rot-grüne Koalitionsregierung begrüßt er
Diskurse (s. Kap. III.13). nach vielem Wenn und Aber, hier eine Absage, dort
Demokratische Legitimation funktioniert näm- eine ironische Spitze, manchmal weiß man nicht
lich nur in dem Maße, in dem sie sich, wie Habermas recht, redet er eigentlich für oder gegen die Opposi-
in seiner Rechtsphilosophie zu zeigen versucht hat, tion, die zur Macht drängt, jedenfalls bleibt sein Pro
der strategischen Absicht selbstinteressierter Ak- ambivalent, nur das Nein zu Kohl und seiner fast
teure entzieht und in der Änderung des positiven zwanzigjährigen Herrschaft ist ohne Wenn und
Rechts den »zwanglosen Zwang des besseren Argu- Aber, so dass er den Regierungswechsel am Ende
ments« wirksam werden lässt (Habermas in: Haber- doch noch affirmativ als »Zeichen einer selbstbe-
mas/Luhmann 1971, 137). Demokratisch gesetztes wußten Demokratie« herbeisehnen kann (ZÜ, 13).
Recht, so die These von Faktizität und Geltung, ver- Im selben Jahr schaltet Habermas sich erstmals in
mittelt die positive Faktizität des Rechts mit seiner die anschwellende Debatte über Bioethik ein. In zwei
diskursiv erzeugten Geltung. Eine allein auf den Aus- Zeitungsbeiträgen kritisiert er die genetischen Ma-
gleich und die friedliche Koordination strategisch- nipulationen als Versuche der »Anmaßung und
instrumenteller Interessen gerichtete Demokratie Knechtung«. Klone erscheinen ihm als Sklaven ihrer
(des Schumpeter’schen/Weber’schen/Popper’schen/ Züchter (Süddeutsche Zeitung vom 17.1.1998; Die
Luhmann’schen Typus) oder, wie Habermas erst Zeit vom 19.2.1998). Letztlich geht es ihm in der
jüngst in Zwischen Naturalismus und Religion (2005) ganzen Debatte primär um den Schutz der Autono-
schrieb, »eine ›post-truth-democracy‹ […] wäre mie des Subjekts, zu der eben auch gehört, sich zu
keine Demokratie mehr« (NR, 150). seiner natürlichen Gegebenheit frei verhalten zu
In einer Zeit, in der die Folgen der fortschreiten- können. Und das könne der versklavte Klon nicht
den Globalisierung immer deutlichere Konturen an- mehr. Vor dem Hintergrund seiner unverhohlen ar-
nehmen und sich in Deutschland mit dem Ende der tikulierten Abscheu »vor gentechnisch hergestellten
langen Ära Kohl erstmals eine politische Wende in Schimären« bringt Habermas erneut den in den
Richtung einer rot-grünen Regierungskoalition ab- 1970er Jahren ausdrücklich preisgegebenen Begriff
zeichnete, wendet sich Habermas wieder häufiger der »Gattungsgeschichte« ins Spiel. Dieser Begriff
der Zeitdiagnose zu – mit der erklärten Absicht, der taugt zwar nach wie vor nicht mehr als Träger einer
»aufgeklärten Ratlosigkeit« entgegenzuwirken. The- kritischen Gesellschaftstheorie, aber als Grenzbe-
sen über die totalitären Züge des Zeitalters trägt er griff, wenn, wie bei genetischen Manipulationen, das
im Frühjahr 1998 als Gast der amerikanischen Uni- »ethische Selbstverständnis sprach- und handlungs-
versität in Kairo vor unter dem Titel »Aus Katastro- fähiger Subjekte im Ganzen auf dem Spiel steht« (LE,
phen lernen? Ein zeitdiagnostischer Rückblick auf 27). Zur Buchmesse im Herbst 2001 erscheint dann
das kurze 20. Jahrhundert«. Wenige Monate später eine Abhandlung mit dem Titel Die Zukunft der
präsentiert er seine Gegenwartsanalyse auf dem Kul- menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen
turforum der Sozialdemokraten, wo er auf der Gale- Eugenik? Die Kritik an der Verdinglichung der
rie des Willy-Brandt-Hauses mit dem damaligen menschlichen Natur durch biotechnische Eingriffe
SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder disku- wird viel beachtet, zumal Habermas seine ethisch
tiert. Habermas warnt vor der Gefahr einer Zerstö- sparsame, deontologische Moralphilosophie richti-
rung der liberalen politischen Kultur als Folge jener gen Handelns mit Kierkegaard in ein neues Verhält-
aktuellen Krisentendenzen wie Armut, soziale Unsi- nis zum (negativen) Guten stellt und auf liegenge-
cherheit, Desintegration und Exklusion. Im Zuge der bliebene und in der linguistischen Wende der 1970er
Entwicklung eines transnationalen weltwirtschaftli- Jahre überwunden geglaubte Motive und Überle-
chen Systems würden genau diejenigen Bedingun- gungen der Anthropologie zurückgreift.
gen gefährdet, die den sozialstaatlichen Kompromiss Das erneute politisch-publizistische Engagement
vorübergehend ermöglicht hätten. Er macht sich für während dieser Zeit wird durch den Kosovo-Krieg
I. Intellektuelle Biographie 13

ausgelöst. Unter der rot-grünen Regierung kommt durchaus informierten, mit westlicher Philosophie
es zum ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr in der insgesamt vertrauten Publikum zu diskutieren. Ha-
Geschichte der Bundesrepublik. Gleich nach Kriegs- bermas’ These, dass die Menschenrechte, für deren
beginn verteidigt Habermas – trotz der zahlreich Unteilbarkeit er plädiert, absoluten Vorrang genie-
bleibenden Zweifel – in einem Leitartikel für Die Zeit ßen, auch vor der Souveränität der Einzelstaaten, ist
die Interventionspolitik der Bundesregierung. Zwar besonders in China politisch kontrovers. Zugleich
gilt ihm die militärische Gewaltanwendung (ohne hält er dem Westen entgegen, dass er die Menschen-
UNO-Mandat) als fragwürdiges Mittel. Aber er hat rechte nicht als politisches Machtmittel missbrau-
den legitimierenden Zweck der Durchsetzung der chen dürfe.
Menschenrechte und damit langfristig der »Trans- Nach seiner Rückkehr aus China wird in den Me-
formation des Völkerrechts in ein Recht der Welt- dien die Nachricht verbreitet, dass der Philosoph
bürger« im Auge (ZÜ, 27 ff.). Dass Habermas davon und Soziologe eine der bedeutendsten Auszeichnung
überzeugt war, den Militäreinsatz und den Rechts- in Deutschland erhält: den Friedenspreis des Deut-
bruch nicht zuletzt durch die Schaffung neuen schen Buchhandels. Laut Begründung des Börsen-
Rechts zu rechtfertigen, hat viel Kritik auch von poli- vereins wird er damit als der Zeitgenosse gewürdigt,
tisch ihm Nahestehenden ausgelöst. Das Vorgriffsar- »der den Weg der Bundesrepublik Deutschland
gument, das die Nato zum Stellvertreter einer künf- ebenso kritisch wie engagiert begleitete […], der von
tigen Weltpolizei erklärte, war in der Tat problema- einer weltweiten Leserschaft als der prägende deut-
tisch und mit Sicherheit nicht durch das bestehende sche Philosoph der Epoche wahrgenommen wird«
Völkerrecht gedeckt (weshalb beispielsweise der Völ- (GW, 5). Unter den etwa 1000 Gästen bei der Preis-
kerrechtler Tomuschat sich ausdrücklich gegen das verleihung in der Paulskirche am 14. Oktober 2001
Völkerrecht für die Aktion der Nato engagiert hatte). fällt die große Beteiligung politischer Repräsentan-
Die geschlossene und von der Weltgemeinschaft ten auf, des Bundespräsidenten, des Bundeskanzlers,
weitgehend akzeptierte Nato-Aktion hätte aber als des Außenministers, des Wirtschaftsministers, der
Beginn eines Wandels der Staatenpraxis zur Initia- Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, des Kul-
tive für ein neues, über die UN-Charta hinausgehen- turstaatsministers. Habermas nimmt in seiner Dan-
des, menschenrechtlich zentriertes Völkerrecht wer- kesrede, die in den nächsten Tagen in allen wichti-
den können. Daraus ist nichts geworden. Im zweiten gen Tageszeitungen erscheint, die Anschläge vom
Irakkrieg 2002 ließ sich die breite internationale Ko- 11. September 2001 in New York zum Anlass, über
alition und der breite Staatenkonsens, die dafür er- Bedingungen der Modernität sowie einer gelingen-
forderlich gewesen wären, nicht mehr finden, und den Säkularisierung nachzudenken. In seiner Dan-
außerdem kamen im Nachhinein Manipulationen kesrede, die den programmatischen Titel »Glauben
des amerikanischen Außenministeriums vor dem und Wissen« trägt, gibt er gleich zu Beginn das
Kosovokrieg zutage, die auch Habermas (neben der Grundmotiv seiner Ausführungen zu erkennen. Am
Unverhältnismäßigkeit der ›Kollateralschäden‹) zu 11. September sei die »Spannung zwischen säkularer
einer nachträglichen Revision motiviert haben. Gesellschaft und Religion in einmaliger Weise ex-
Im Frühjahr 2001 bereist Habermas erstmals für plodiert« (GW, 37). Habermas plädiert für Augen-
zwei Wochen China, das ihn sehr fasziniert. In Pe- maß und dafür, dass sich der Westen Rechenschaft
king, in der Qinghua-Universität sowie in Shanghai über den eigenen Säkularisierungsprozess geben
in der Fudan-Universität hält er vor großen, Tau- möge. Er macht, ähnlich wie wenige Tage zuvor Der-
sende umfassenden Zuhörerschaften Vorträge. »Ich rida bei Entgegennahme des Adorno-Preises am sel-
habe mit Gesprächen unter Akademikern gerechnet. ben Ort, darauf aufmerksam, dass hinter der verbre-
Nun spreche ich plötzlich vor riesigen Sälen. Es ist cherischen Wahnsinnstat auch Motive einer mögli-
alles viel politischer, als ich dachte« (Die Weltwoche cherweise berechtigten Kritik an der einseitig
vom 26.4.2001). In den zwei Wochen referiert Ha- instrumentellen Rationalisierung westlichen Zu-
bermas sowohl über die Globalisierung und die schnitts sichtbar werden könnten.
postnationale Konstellation als auch über Men- Seit den 1990er Jahren richten sich die Interessen
schenrechte. Außerdem steht er in sechs Treffen in und politischen Stellungsnahmen von Habermas zu-
Akademien, der Partei-Hochschule und informellen nehmend auf die internationale Politik und das in-
Diskussionszirkeln Rede und Antwort. Eine ganze ternationale Recht. Eines seiner Bücher trägt den Ti-
Reihe seiner Bücher liegen in chinesischer Überset- tel der Der gespaltene Westen, und dieses Stichwort
zung vor, so dass er die Gelegenheit nutzt, mit einem spiegelt bereits die Frontstellungen und Parteibil-
14 I. Intellektuelle Biographie

dungen der entstehenden Weltöffentlichkeit, die bodenlos und ohne Folgen. Solche Praktiken brauchen al-
quer durch alle Länder und nationalen Öffentlich- lerdings Regeln und Kommunikationsformen, die die
Staatsbürger moralisch nicht überfordern, sondern die Tu-
keiten hindurchgeht und sie politisch polarisiert.
gend der Gemeinwohlorientierung nur in kleiner Münze
Die kontinuierliche Präsenz von Habermas als erheben. Wenn ich mir einen Rest Utopie bewahrt habe,
wissenschaftlicher Autor und Essayist ist gewiss eine dann ist es allein die Vorstellung, daß Demokratie – und
ungewöhnliche Leistung schriftstellerischer Selbst- der offene Streit um ihre besten Formen – den Gordischen
disziplin, aber auch Zeichen seines publizistischen Knoten der schier unlösbaren Probleme zerhauen kann«
und politischen Sinns. Habermas ist nicht nur der (Habermas 1990, 128).
Theoretiker diskursiver Vernunft, sondern auch ein
durchaus nicht erfolgloser Praktiker des Diskurses. Literatur
Er argumentiert nicht nur, er polemisiert auch und
Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie. Frankfurt 1973.
hat als glänzender Polemiker die politische Streitkul-
Habermas, Jürgen: »Einleitung einer Podiumsdiskussion«
tur der Bundesrepublik zu ihrem Nutzen immer wie- (8.2.1968, Frankfurt). In: Ders.: Protestbewegung und
der angeheizt und aus ihrer selbstgerechten Schläf- Hochschulreform. Frankfurt a. M. 1969, 183.
rigkeit geweckt. Er stellt nicht nur starke Argumente –: »Nach dreißig Jahren: Bemerkungen zu Erkenntnis und
auf, riskiert nicht nur gewagte Hypothesen, sondern Interesse«. In: Stefan Müller-Doohm (Hg.): Das Interesse
der Vernunft. Frankfurt a. M. 2000, 16.
macht auch Hegemoniepolitik und hat einen sehr
–: »Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der
realistischen Sinn für Machtverhältnisse. Aber kommunikativen Kompetenz«. In Ders./Niklas Luh-
Machtkämpfe, auch solche um kommunikative mann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie.
Macht, müssen von guten Argumenten, die – wenn Frankfurt a. M. 1971, 137.
es gut geht – in diesen Kämpfen wirksam werden, –: »Entgegnung«. In: Axel Honneth/Hans Joas (Hg.): Kom-
unterschieden werden. In der Rolle des öffentlichen munikatives Handeln. Frankfurt a. M. 1986, 391.
–: Vergangenheit als Zukunft. Hg. von Michael Haller. Zü-
Intellektuellen mischt Habermas sich seit den 1950er rich 1990, 128.
Jahren und bis heute kontinuierlich ins politische –: »Kommunikative Rationalität und grenzüberschreitende
Handgemenge ein und hat einen bisweilen nicht un- Politik: eine Replik«. In: Peter Niesen/Benjamin Her-
erheblichen Einfluss gewonnen – und »Einfluss« ist borth (Hg.): Anarchie der kommunikativen Freiheit.
anders als die rein instrumentellen Medien der ad- Frankfurt a. M. 2007, 436.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke. Bd. 2. Frankfurt
ministrativen Macht und des Geldes ein Kommuni- a. M. 1970, 558.
kationsmedium, das eine unreine Mixtur aus guten Kraushaar, Wolfgang: Die Frankfurter Schule und die Stu-
oder schlechten Argumenten und hegemonialer oder, dentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotow-
in diesem Fall eher gegenhegemonialer Attraktivität cocktail 1946–1995. 3 Bde. Frankfurt a. M. 1998.
darstellt: Thyen, Anke: »Nachwort zur Neuausgabe von Erkenntnis
und Interesse«. In: Jürgen Habermas: EI 2008, 402 ff.
»Was wir brauchen, ist ein kleines Mehr an solidarischen Hauke Brunkhorst/Stefan Müller-Doohm
Praktiken; ohne das bleibt auch das intelligente Handeln
15

II. Kontexte

1. Geschichtsphilosophie, verschiedener solcher Verhaltensformen und vor al-


lem die methodische Auflage einer empirischen
Anthropologie und Überprüfung aller derart gerichteten Aussagen; aus
Marxismus der Lektüre von Sein und Zeit muss hingegen ur-
sprünglich die Vorstellung erwachsen sein, dass sich
die historische Entwicklung dieser mit Gehlen un-
Es dürfte nahezu unmöglich sein, das Anliegen der terschiedenen Handlungsformen auch in einem kri-
Habermas’schen Theorie zu beschreiben, ohne dabei tischen Licht betrachten lässt, wenn nämlich als ein
auf die drei im Titel genannten Denktraditionen Be- Maßstab die ursprüngliche, originäre Verfasstheit
zug zu nehmen: All seine ursprünglichen Intuitio- des menschlichen Daseins zugrunde gelegt wird.
nen, ja der ganze Motivationsgrund seines Schaffens Aus dem Versuch einer Kombination beider Denk-
werden durch die Geschichtsphilosophie, die philo- ansätze, der anthropologischen Handlungstheorie
sophische Anthropologie und den Marxismus so und ihrer Wendung in eine diagnostische Kritik,
stark geformt, dass auch ihr späteres Verblassen in entsteht im Jahr 1954 der Aufsatz »Dialektik der Ra-
den Schriften nicht darüber hinwegtäuschen kann, tionalisierung«, in dem Habermas bereits einige der
wie sehr sie in gewandelter Form sein Werk bis heute Motive vorwegnimmt, die später seine kritische Ge-
bestimmen. Insofern stellt der Versuch einer kurzen sellschaftstheorie kennzeichnen werden: In Form
Erinnerung an diese drei Denktraditionen eine Art einer Entfremdungsdiagnose werden hier die nega-
von Archäologie der reifen Sozialphilosophie von tiven Effekte veranschaulicht, die der technische
Jürgen Habermas dar: Wir verfolgen zurück, aus Fortschritt in der sozialen Lebenswelt dadurch hin-
welchen theoretischen Schichten die Annahmen terlässt, dass er Einstellungen des »Verfügbarma-
stammen, die heute zusammengenommen den Kern chens« befördert, durch die die zuvor noch sinnlich
seiner Theorie ausmachen. erfahrbare Dingwelt allmählich aus dem Erfah-
Wollte man tatsächlich im Sinne einer solchen rungshorizont des Menschen verschwindet (Haber-
Archäologie verfahren und sich fragen, welches mas 1954).
Denkmotiv die tiefliegendste, basalste Schicht des Gewiss, diese frühe Zeitdiagnose ist noch voll-
Habermas’schen Werkes bildet, so würde man zu- kommen in einer Sprache verfasst, die sich einer ori-
nächst wohl auf die Tradition der philosophischen ginellen Amalgamierung von philosophischer An-
Anthropologie stoßen. Der junge Philosoph, der sein thropologie und Heidegger’scher Daseinsanalyse
Studium 1954 in Bonn mit einer Promotion bei verdankt: Als der wesentliche Zug in der menschli-
Erich Rothacker beschließt, hatte während seiner chen Geschichte wird mit Gehlen die methodische
frühen Jahre wesentliche Anstöße durch die anthro- Optimierbarkeit des instrumentellen Handelns in
pologische Handlungstheorie Gehlens (Gehlen der Technik gedacht, als deren Folge mit Heidegger
1940) und die Daseinsanalyse Heideggers (Heideg- eine wachsende Weltentfremdung und Entgegen-
ger 1927/2006) erhalten; auch wenn die beiden, da- ständlichung unserer Lebenswelt begriffen wird;
mals enorm einflussreichen Ansätze eher in einem aber das Bild, das damit von der spezifischen Struk-
Spannungsverhältnis zueinander stehen, so war ih- tur moderner, hochentwickelter Gesellschaften er-
nen doch als ein gemeinsamer Grundsatz die These zeugt wird, besteht doch im Wesentlichen schon in
zu entnehmen, dass sich der Mensch seine eigene der Vorstellung, dass es ein Prozess der nur einseiti-
Lebenswelt oder sein Dasein im Wesentlichen durch gen, technischen oder instrumentellen Rationalisie-
praktische Vollzüge schafft, die der Bewältigung von rung ist, der zu sozialen Verwerfungen oder Patho-
tiefsitzenden Zwängen seiner gesellschaftlichen Re- logien in den gegebenen Lebensverhältnissen führt.
produktion dienen. Von Gehlen übernimmt Haber- Von der Hintergrundkonstruktion dieses frühen,
mas alsbald das Vorstellungsmodell des Menschen wegweisenden Aufsatzes rückt Habermas nun aber
als eines sich in seiner natürlichen Umwelt verhal- ab, sobald er sich mit der Wut der Enttäuschung das
tenden Wesens, die Idee einer Unterscheidbarkeit ganze Ausmaß der ideologischen Verstrickung Hei-
16 II. Kontexte

deggers in den Nationalsozialismus klargemacht hat choanalyse nachgebildeten Konstruktion die Fiktion
(PPP, 65–71); fallengelassen wird jetzt der normative einhergeht, als sei die Menschengattung so wie ein
Rahmen der Daseinsanalyse von Sein und Zeit und zum Kollektiv erweitertes Subjekt zu einer Besin-
beibehalten nur die anthropologische Handlungs- nung auf den eigenen, verunglückten Bildungspro-
theorie, die in den darauffolgenden Jahren durch zess in der Lage (KK); in der Auseinandersetzung
theoretische Generalisierung und empirische Erwei- mit Niklas Luhmann wird diese Denkfigur daher
terung sogar noch stärkeres Gewicht erhält (KK). In preisgegeben und durch die nur noch mäßig speku-
die damit entstandene Lücke tritt nun zunächst, wie lative Idee ersetzt, dass sich die Entwicklung mensch-
sich mit einem vereinseitigenden Blick auf architek- licher Gesellschaften auf den rational nachkonstru-
tonische Zwänge der Theoriebildung wohl sagen ierbaren Bahnen einer Rationalisierung von unter-
lässt, eine am deutschen Idealismus orientierte, aber schiedlichen Handlungstypen, der Arbeit und der
empirisch vermittelte Geschichtsphilosophie. Interaktion, vollzieht. Soviel an geschichtsphiloso-
Schon in seiner Dissertation war Habermas am phischem Rest, wie in einer solchen Konzeption evo-
Rande den geschichtsphilosophischen Konsequen- lutionären Forschritts enthalten ist, muss Habermas
zen nachgegangen, die sich für Marx aus Schellings aber beibehalten, um die Pointe seiner Theorie kom-
Idee einer Contraction Gottes für sein eigenes, mate- munikativer Vernunft nicht zu verspielen; denn
rialistisches Projekt ergeben hatten: Die schlechten, diese soll sich ja weiterhin als kritisches Organ der
korrumpierten Zustände, als die die sozialen Ver- Artikulation eines Vernunftanspruchs verstehen
hältnisse der Gegenwart im Sinne eines säkular ver- können, der in den Strukturen der inzwischen ent-
standenen Sündenfalls gedeutet werden können, sol- wickelten, heute gegebenen Rationalität des Verstän-
len durch eine Emanzipation überwunden werden, digungshandelns angelegt ist.
in der die Menschheit sich als eine Vereinigung asso- Nur die letzte der drei Denktraditionen, von der
ziierter Produzenten von der Gewalt der Materie be- Habermas in seinem Frühwerk Gebrauch macht, hat
freit (TP). Es ist nicht so, dass Habermas dieses ge- alle Differenzierungen, Erweiterungen und Umbau-
schichtsphilosophische Schema der revolutionären ten seiner Theorie weitgehend unverändert über-
Aufhebung einer sich im menschlichen Leben na- standen. Während die anthropologische Handlungs-
turgeschichtlich reproduzierenden Gewalt jemals im theorie Gehlens zwar zur nie wieder preisgegebenen
Rahmen seiner eigenen Theorie übernommen hätte; Einsicht in die Gleichursprünglichkeit von Tätigsein
aber die damit verknüpfte Vorstellung, nach der wir und rationalen Operationen, von Handeln und Er-
uns der Schlechtigkeit oder Pathologie unserer ge- kennen führt, später aber durch den Pragmatismus
genwärtigen Zustände allein im Lichte einer reflexi- und die Sprechakttheorie noch wesentlich erweitert
ven Rückbesinnung auf eine bislang undurchschaute wird, während die Geschichtsphilosophie schon bald
Geschichte selbstbewirkter Verstrickungen versi- durch eine empirisch angelegte Evolutionstheorie
chern können, scheint ihn damals doch so sehr über- ersetzt wird, behalten nur einige Kernaussagen des
zeugt zu haben, dass er sie eine Zeit lang für seine Marxismus in der Spanne der theoretischen Ent-
eigenen Absichten fruchtbar macht. Habermas über- wicklung von Habermas ihren ursprünglichen Platz
nimmt in seiner frühen Theorie geschichtsphiloso- bei. Schon in seiner frühen Auseinandersetzung mit
phische Denkfiguren genau bis zu dem Maße, in Marx macht sich der junge Philosoph trotz aller Kri-
dem sie dem Zweck dienen können, der kritischen tik dessen Vorstellung zu eigen, dass die sozialen Pa-
Diagnose einer Vorherrschaft instrumenteller Hand- thologien moderner Gesellschaften mit den Folgen
lungsorientierungen in der Moderne einen normati- zu tun haben müssen, die der marktwirtschaftliche
ven Rückhalt zu geben: Statt auf einen originären, Zwang zur Steigerung von ökonomischer Rendite
noch heilen Modus unserer praktischen Weltbezüge und Profit bewirkt: Was in dem genannten Aufsatz
zu rekurrieren, soll sich der Maßstab der Kritik al- zur »Dialektik der Rationalisierung« bereits als Do-
lein im Zuge einer der menschlichen Gattung als sol- minanz von instrumentellen Einstellungen bezeich-
cher zugeschriebenen Selbstreflexion auf ihre eige- net und später mit der Formel von der »Kolonialisie-
nen Fehlentwicklungen ergeben, in der sich als rung der Lebenswelt« gefasst wird, soll durch ein
Ursache der gegenwärtigen Herrschaftsformen und Einsickern wirtschaftlicher Nutzenkalküle in alle an-
Kommunikationsstörungen die Dominanz von in- deren Handlungssphären hinein ausgelöst worden
strumentellen Einstellungen erweist. sein. So sehr Habermas in der weiteren Ausarbei-
Schon bald sieht Habermas freilich ein, dass mit tung seiner Theorie die für ihn ursprünglich konsti-
einer solchen geschichtsphilosophischen, der Psy- tutiven Denktraditionen der philosophischen An-
2. Frankfurter Schule 17

thropologie, der Geschichtsphilosophie und des 2. Frankfurter Schule


Marxismus später auch empirisch umformulieren
und sprachanalytisch präzisieren wird, von der mar-
xistischen These einer Verselbständigung ökonomi- Als das Institut für Sozialforschung im Jahr 1950 in
scher Handlungsorientierungen wird er nicht mehr Frankfurt wiedereröffnet wird, nimmt es seine em-
lassen; sie bildet einen zentralen Bestandteil seiner pirische Forschungstätigkeit ohne direkten An-
Gesellschaftstheorie noch heute. schluss an das philosophische Selbstverständnis der
1930er und 1940er Jahre wieder auf. Zwischen den
Literatur soziologischen Studien, die fortan am Institut erar-
Gehlen, Arnold: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung
beitet werden, und den philosophisch-kulturkriti-
in der Welt. Berlin 1940. schen Forschungen, in denen Horkheimer, Adorno
Habermas, Jürgen: »Die Dialektik der Rationalisierung«. und der in den USA gebliebene Marcuse ihre ur-
In: Merkur 8, Nr. 78 (1954), 701–724. sprünglichen Bemühungen fortsetzen, besteht kein
Heidegger, Martin: Sein und Zeit [1927]. Tübingen 2006. innerer Zusammenhang mehr. Als ein einheitlicher,
Axel Honneth
philosophisch integrierter Schulzusammenhang ist
die kritische Theorie von nun an zerfallen.
Den Ansätzen der drei philosophischen Vertreter
des ursprünglichen Instituts bleibt bei allen Diffe-
renzen im Detail aber der Hintergrund einer Ge-
schichtsphilosophie gemeinsam, in welcher die his-
torische Entwicklung als ein Prozess der technischen
Rationalisierung gedeutet wird, der sich im geschlos-
senen Herrschaftssystem der zeitgenössischen Ge-
sellschaft vollendet. Von den philosophischen Prä-
missen dieser Zeitdiagnose nimmt erst eine Theorie
Abschied, die sich zunächst kaum als ein Neuansatz
innerhalb der kritischen Theorie zu erkennen gibt.
Jürgen Habermas geht zwar als Assistent Adornos
aus dem Institut für Sozialforschung hervor, hat aber
seiner theoretischen Herkunft und Orientierung
nach zu Beginn mit der philosophischen Tradition
der kritischen Theorie nur wenig gemeinsam. In sei-
ner wissenschaftlichen Entwicklung kommen viel-
mehr mit der philosophischen Anthropologie, der
Hermeneutik, dem Pragmatismus und schließlich
der Sprachanalyse Theorieströmungen zur Geltung,
denen die ältere Generation um Adorno und Hork-
heimer stets fremd, ja feindlich gegenüberstand.
Gleichwohl formt sich aus den Habermas’schen Ar-
beiten allmählich eine Theorie heraus, die so deut-
lich von den ursprünglichen Zielsetzungen der kriti-
schen Theorie motiviert ist, dass sie heute als der
einzig ernstzunehmende Neuansatz dieser Tradition
gelten darf. In ihr gelangt das, was sich an abwei-
chenden, intersubjektivistischen Impulsen im Den-
ken der randständigen Mitglieder des Instituts be-
reits angekündigt hatte, zu theoretischem Selbstbe-
wusstsein und wird zum Bezugsrahmen einer
anderen Konzeption von Gesellschaft.
Das Fundament dieser Konzeption bildet die Ein-
sicht in die sprachliche Intersubjektivität sozialen
Handelns. Habermas findet zu der zentralen Prä-
18 II. Kontexte

misse seiner Theorie auf dem Weg einer Beschäfti- rechterhaltung eines kommunikativen Einverständ-
gung mit der hermeneutischen Philosophie und der nisses von Anbeginn an abhängig ist. Weil der
Sprachanalyse Wittgensteins. Aus ihnen lernt er, Mensch seiner Natur nach eine persönliche Identität
dass die menschlichen Subjekte vorgängig immer überhaupt nur auszubilden vermag, solange er in die
schon durch das Medium der sprachlichen Verstän- intersubjektiv tradierte Welt einer sozialen Gruppe
digung miteinander verbunden sind. Die Lebens- hineinwachsen und sich darin bewegen kann, würde
form des Menschen zeichnet sich durch eine in den die Unterbrechung des kommunikativen Verständi-
Strukturen der Sprache verankerte Intersubjektivität gungsprozesses eine Voraussetzung des menschli-
aus – für die Reproduktion des sozialen Lebens stellt chen Überlebens verletzen, die ebenso fundamental
daher die sprachliche Verständigung zwischen Sub- ist wie die der kollektiven Naturaneignung: Die
jekten eine fundamentale, ja unhintergehbare Vor- sprachliche Kommunikation ist das Medium, in dem
aussetzung dar. Dieser These verleiht Habermas in die Individuen sich jener Gemeinsamkeit ihrer Hand-
seinem Denken gesellschaftstheoretisches Gewicht, lungsorientierungen und Wertvorstellungen versi-
indem er sie zum Ansatzpunkt einer Auseinander- chern können, die nötig ist, damit die Aufgabe der
setzung mit der sozialphilosophischen und soziolo- materiellen Reproduktion gesellschaftlich gemeistert
gischen Tradition macht: So kritisiert er an der werden kann. Von dieser Dimension sozialer Inter-
neuzeitlichen Sozialphilosophie die Tendenz einer aktion aber abstrahiert die Geschichtsphilosophie,
allmählichen Reduktion aller intersubjektiv-prakti- die der kritischen Theorie bislang als theoretisches
schen Belange auf Fragen der technisch angemesse- Bezugssystem diente; nur daher konnte sie auf die Il-
nen Entscheidung (TP), und so macht er gegenüber lusion eines marxistischen Funktionalismus verfal-
dem sozialwissenschaftlichen Funktionalismus die len, in dem alle gesellschaftlichen Phänomene auf die
Tatsache geltend, dass die Reproduktionsaufgaben Funktionen hin betrachtet werden, die sie in der
einer Gesellschaft stets durch das normative Selbst- menschlichen Bearbeitung der Natur übernehmen.
verständnis der kommunikativ vergesellschafteten Der entscheidenden Schritt allerdings, den Ha-
Subjekte festgelegt sind und somit lebensnotwendige bermas damit in Richtung auf eine eigene Theorie
Funktionen als solche in menschlichen Lebenszu- der Gesellschaft und damit zu einer Neufassung der
sammenhängen gar nicht anzutreffen sind (LSW, kritischen Theorie unternimmt, ergibt sich erst
71 ff.) Und auf diesem Weg wird er schließlich auch durch eine Aufladung der beiden Handlungsbegriffe
zu seiner Kritik des Marxismus geleitet, deren Er- der ›Arbeit‹ und der ›Interaktion‹ mit unterschiedli-
gebnis eine handlungstheoretisch erweiterte Kon- chen Typen der Rationalität oder Rationalisierung.
zeption von Geschichte ist: Wenn die Lebensform Dieser folgenreiche Schritt verdankt sich dem Inter-
des Menschen sich durch das Medium der sprachli- esse, die neugewonnene Unterscheidung von zwei
chen Verständigung auszeichnet, dann lässt sich die Handlungstypen für eine Theorie der gesellschaftli-
gesellschaftliche Reproduktion nicht so sehr auf die chen Rationalisierung fruchtbar zu machen. Den
Dimension der Arbeit reduzieren, wie Marx dies in unmittelbaren Anlass dazu gibt eine Auseinander-
seinen theoretischen Schriften getan hatte; neben setzung mit der Technikkritik Marcuses, den theore-
der Tätigkeit der Naturbearbeitung muss vielmehr tischen Rahmen aber stellt das Rationalitätskonzept
die Praxis der sprachlich vermittelten Interaktion als Max Webers dar (TW, 48 f.).
eine ebenso fundamentale Dimension der geschicht- Habermas fasst die beiden Handlungsformen, die
lichen Entwicklung angesehen werden (EI, Kap. 1,2 er in seiner Marxkritik unterschieden hatte, nicht
und 3). nur als die Muster von spezifischen Tätigkeitswei-
Schon mit dieser Überlegung trennt Habermas sen, sondern auch als Rahmen für besondere Er-
sich implizit von den geschichtsphilosophischen kenntnisleistungen auf; insofern müssen sich die
Grundannahmen, die für die Tradition der kritischen beiden fundamentalen Dimensionen der gesell-
Theorie bislang bestimmend waren (vgl. dazu Well- schaftlichen Reproduktion, also ›Arbeit‹ und ›Inter-
mer 1977; McCarthy 1980; Honneth 1982; Brunk- aktion‹, auch durch eine jeweils eigene Form der
horst 1983). Denn die Eigenart der menschlichen Wissenserzeugung und dementsprechend durch
Vergesellschaftung erblickt er nun nicht mehr, wie eine eigene Form der ›Rationalität‹ unterscheiden
noch Adorno, Horkheimer und Marcuse, in dem lassen. Dann aber erweist sich Webers Konzept der
Vorgang einer sich stetig erweiternden Naturbearbei- Rationalisierung als zu eng: Denn ebenso, wie sich
tung, sondern darin, dass die kollektive Sicherung für die instrumentellen Tätigkeiten und das techni-
der materiellen Existenz von der gleichzeitigen Auf- sche Wissen spezifische Formen der Rationalisie-
2. Frankfurter Schule 19

rung behaupten lassen, müssen sich auch für die ner einzigen Theorie zusammengebracht, in der die
kommunikative Praxis und das in ihr eingelagerte Rationalität des kommunikativen Handelns im Rah-
Wissen eigenständige Möglichkeiten der Rationali- men einer Sprechakttheorie rekonstruiert, im
sierung aufzeigen lassen. Habermas fasst schon früh Durchgang durch die Geschichte der soziologischen
die allgemeine These, die sich aus dieser Kritik an Theorien von Weber bis Parsons zur Grundlage ei-
Weber ergibt, in einer der Systemtheorie entlehnten ner Gesellschaftstheorie fortentwickelt und schließ-
Begrifflichkeit zusammen: Während sich in den Sub- lich zum Bezugspunkt einer kritischen Zeitdiagnose
systemen zweckrationalen Handelns, in denen die gemacht wird.
Aufgaben der gesellschaftlichen Arbeit und politi- Der Begriff der kommunikativen Rationalität
schen Verwaltung organisiert sind, die Gattung über nimmt in der Habermas’schen Theorie von nun an
die Akkumulation technischen und strategischen dieselbe Schlüsselstellung ein, die in der »Dialektik
Wissens fortentwickelt, bildet sie sich innerhalb des der Aufklärung« dem Begriff der instrumentellen
institutionellen Rahmens, in dem die sozialen inte- Rationalität zugekommen war. Wie Adorno und
grierenden Normen reproduziert werden, über die Horkheimer aus der Rationalitätsform der Naturbe-
Befreiung von kommunikationshemmenden Zwän- herrschung, so entwickelt Habermas aus dem Ratio-
gen fort (TW, bes. 63 ff.). nalitätspotential des kommunikativen Handelns die
Auf der Linie dieses Gesellschaftskonzepts, in Entwicklungsdynamik eines Geschichtsprozesses,
dem zweckrational organisierte Handlungssysteme der bis in die als Krise begriffene Gegenwart führt.
von einer Sphäre der kommunikativen Alltagspraxis Der Grundgedanke seiner Konstruktion ist der, dass
unterschieden und für beide sozialen Bereiche ge- in den kommunikativen Sprechakten, durch die in-
sonderte Formen der Rationalisierung behauptet dividuelle Handlungen koordiniert werden, kultur-
werden, liegen all die Erweiterungen, die Habermas invariante Geltungsansprüche aufbewahrt sind, die
im Laufe der 1970er Jahre an seiner Theorie vor- im Zuge eines kognitiven Rationalisierungsprozes-
nimmt: Eine Universalpragmatik dient der weiteren ses historisch allmählich ausdifferenziert werden.
Aufhellung der sprachlichen Infrastruktur des kom- Auf diesem Weg einer Dezentrierung des lebens-
munikativen Handelns (Habermas 1976); eine The- weltlichen Wissens, das wie ein Horizont alles kom-
orie der sozialen Evolution soll die Logik der Ent- munikative Handeln umfängt, sondert sich als ein
wicklung gesellschaftlichen Wissens und damit den Aspekt schließlich auch eine kognitive Einstellung
Prozess der zweibahnigen Rationalisierung klären aus, in der Subjekte allein unter Erfolgsgesichtspunk-
helfen (RHM); mit der weiteren Aufnahme system- ten auf ihre Umwelt Bezug nehmen können.
theoretischer Konzeptionen schließlich ist eine Be- Es ist eine solche historisch entstandene Fähigkeit
stimmung der Mechanismen beabsichtigt, durch die zum strategischen Handeln, in der Habermas die so-
sich soziale Handlungsbereiche zu zweckrational or- ziale Bedingung zur Entstehung systemisch organi-
ganisierten Systemen verselbständigen (Habermas sierter Handlungsbereiche angelegt sieht – denn da-
1971). Greifen diese theoretischen Bemühungen durch, dass die Subjekte lernen, rein erfolgsorien-
auch in die unterschiedlichsten Wissensgebiete aus, tiert zu handeln, erwächst die Möglichkeit, die
so sind sie doch alle auf dasselbe Ziel der kommuni- sozialen Handlungen anstatt durch Verständigungs-
kationstheoretischen Grundlegung einer kritischen prozesse nun durch sprachlose Medien wie das Geld
Gesellschaftstheorie gerichtet; mit ihrer Hilfe will oder die Macht zu koordinieren (TKH, hier: II,
Habermas die Rationalität des kommunikativen 229 ff.). Die beiden Handlungssphären, die infolge
Handelns als eine so fundamentale Bedingung der der Institutionalisierung dieser Steuerungsmedien
gesellschaftlichen Entwicklung erweisen, dass sich aus der kommunikativen Lebenswelt herausgelöst
die von Adorno und Horkheimer diagnostizierten werden, sind die Bereiche der ökonomischen Pro-
Tendenzen einer instrumentellen Verdinglichung als duktion und der politischen Verwaltung. Das Wirt-
einseitige, nämlich allein zweckrational ausgerich- schaftssystem und die Sphäre staatlichen Handelns
tete Formen der gesellschaftlichen Rationalisierung werden von nun an ohne Rückgriff auf den Prozess
kritisieren lassen. In der Theorie des kommunikati- einer kommunikativen Verständigung integriert; sie
ven Handelns, die Habermas 1981 in zwei Bänden stehen in modernen Gesellschaften als normfrei re-
veröffentlicht, nimmt dieses Programm zum ersten gulierte Systeme jenen weiterhin kommunikativ or-
Mal systematische Gestalt an (TKH; dazu Bernstein ganisierten Handlungssphären gegenüber, in denen
1985; Honneth 1985, bes. Kap. 9). Die Erträge der die symbolische Reproduktion des sozialen Lebens
verschiedenen Forschungsarbeiten sind hier zu ei- vonstatten geht.
20 II. Kontexte

An der historischen Entkoppelung von ›System‹ Bonß/Ders. (Hg.): Sozialforschung als Kritik. Frankfurt
und ›Lebenswelt‹ rechtfertigt Habermas die Einfüh- a. M. 1982, 87 ff.
–: Kritik der Macht. Frankfurt a. M. 1985
rung des zweistufigen Gesellschaftskonzeptes, in das
McCarthy, Thomas: Kritik der Verständigungsverhältnisse.
seine Konstruktion mündet; darin wird als der fun- Zur Theorie von Jürgen Habermas. Frankfurt a. M. 1980.
damentale Reproduktionsmechanismus auch von Wellmer, Albrecht: »Kommunikation und Emanzipation.
modernen Gesellschaften zwar der Prozess der kom- Überlegungen zur sprachanalytischen Wende der Kriti-
munikativen Verständigung angesehen, zugleich schen Theorie«. In: Axel Honneth/Urs Jaeggi (Hg.): The-
aber als ein historisches Produkt die Existenz von orien des Historischen Materialismus. Frankfurt a. M.
1977, 465 ff.
solchen normfreien Handlungssphären unterstellt, Axel Honneth
die allein einer systemtheoretischen Analyse zu-
gänglich sind. Als das Wesentliche einer soziologi-
schen Theorie der Moderne erweist sich damit die
Verschränkung von Kommunikationstheorie und
Systemkonzept: Jede Analyse der Verständigungs-
prozesse, durch die sich heute Gesellschaften in ih-
rer lebensweltlichen Basis reproduzieren, verlangt
nach einer Ergänzung durch die Systemanalyse, mit
deren Hilfe die systemischen Formen der materiel-
len Reproduktion untersucht werden. Aus dieser
dualistischen Konstruktion gewinnt Habermas
schließlich auch den Rahmen, in dem er seine Zeit-
diagnose zu entwickeln versucht; ihr zentrales Motiv
ergibt sich aus der Absicht, den Prozess der »Dialek-
tik der Aufklärung« so auszulegen, dass die resigna-
tiven Konsequenzen vermeidbar werden, zu denen
Adorno und Horkheimer sich getrieben sahen. Als
eine krisenhafte Tendenz der Gegenwart erscheint
nun nämlich nicht mehr die Existenz von zweckratio-
nalen Organisationsformen des sozialen Lebens als
solche, sondern erst ihr Eindringen in jene Binnen-
bereiche der Gesellschaft, die auf Prozesse der kom-
munikativen Verständigung konstitutiv angewiesen
sind: An diesem Phänomen einer »Kolonialisierung
der sozialen Lebenswelt« macht Habermas daher
seine eigene Diagnose einer Pathologie der Moderne
fest.

Literatur
Bernstein, Richard J.: »Introduction«. In: Ders. (Hg.): Ha-
bermas and Modernity. Oxford 1985.
Brunkhorst, Hauke: »Paradigmenkern und Theoriedyna-
mik der kritischen Theorien«. In: Soziale Welt 34 (1983),
21 ff.
Habermas, Jürgen: »Eine Auseinandersetzung mit Niklas
Luhmann: Systemtheorie oder kritische Theorie der Ge-
sellschaft«. In: Ders./Niklas Luhmann: Theorie der Ge-
sellschaft oder Sozialtechnologie. Frankfurt a. M. 1971,
142–290.
– »Was heißt Universalpragmatik?«. In: Karl-Otto Apel
(Hg.): Sprachpragmatik und Philosophie. Frankfurt a. M.
1976, 174 ff.
Honneth, Axel: »Von Adorno zu Habermas. Der Gestalt-
wandel kritischer Gesellschaftstheorie«. In: Wolfgang
3. Staatsrecht 21

3. Staatsrecht blik (Dietrich/Perels 1976; Balzer/Bock/Schöler


2001). Als Schüler der sozialistischen Juristen Hugo
Sinzheimer und Hermann Heller war es Abendroths
Wenn er sich an seine Studienzeit im Frankfurt der größtes intellektuelles und politisches Verdienst im
1950er Jahre zurückerinnerte, erwähnte Habermas Adenauerdeutschland, die Idee des ›sozialen Rechts-
gelegentlich Horkheimers Sorge, ihm und anderen staats‹ in ihrem ursprünglichen Verständnis zu ret-
linkslastigen Studenten könnten alte Ausgaben der ten, wie sie Heller (und, obwohl er manchmal ver-
Zeitschrift für Sozialforschung in die Hände fallen. gessen wird, der junge Franz L. Neumann) in den
Dabei war die Zeitschrift sicher im Keller des Insti- letzten Tagen der Weimarer Republik verzweifelt
tuts für Sozialforschung weggeschlossen, allem An- verfochten hatte. In seinem vieldiskutierten Aufsatz
schein nach, um die Erinnerung an die radikale Ver- »Zum Begriff des demokratischen und sozialen
gangenheit des Instituts zu verdrängen. Obwohl er Rechtsstaates im Grundgesetz der Bundesrepublik
Marx, Lukács, Bloch und die Dialektik der Aufklä- Deutschland« (1954) verteidigte Abendroth die ur-
rung bereits gelesen hatte, bevor er nach Frankfurt sprüngliche Weimarer Interpretation der Idee eines
kam, räumt Habermas ein, zunächst wenig von dem sozialen Rechtsstaats als einer Bresche für den de-
interdisziplinären hegelmarxistischen Forschungs- mokratischen Sozialismus (Abendroth 1967). Im
programm gewusst zu haben, in dessen Rahmen das Widerstand gegen konservative Schüler Carl
Institut in den 1930er Jahren brillante und innova- Schmitts wie Ernst Forsthoff verwahrte er sich dage-
tive Arbeiten hervorgebracht hatte (Dews 1986, gen, Artikel 20 des Grundgesetzes könne als rigide
94 f.). Zwar schloss seine Tätigkeit als Assistent Ador- Festschreibung des wirtschaftlichen und gesell-
nos diese überraschende Lücke bald, doch gebührt schaftlichen Status quo und damit als Verfassungs-
zumindest ein Teil der Anerkennung dafür, Haber- grundlage für nicht mehr denn allenfalls begrenzte,
mas mit der reichen Tradition der linken Weimarer korrigierende Eingriffe in ein grundsätzlich kapita-
Theoriebildung zumal deutsch-jüdischer Proveni- listisches Wirtschaftssystem ausgelegt werden. Seit-
enz vertraut gemacht zu haben, dem Juristen und dem sich massive, die ›formale‹ Demokratie bedro-
Politologen Wolfgang Abendroth (1906–1985) – der hende Konzentrationen von wirtschaftlicher Macht
lange Zeit der einzige marxistische Ordinarius in der gebildet hatten und die klassische liberale Trennung
Bundesrepublik war und von Habermas 1966 in ei- von Staat und Gesellschaft kollabiert war, vermochte
nem wohlwollenden Artikel in der Zeit mit dem Ti- für Abendroth allein eine umfassende Demokrati-
tel eines »Partisanenprofessors« geschmückt wurde sierung sowohl des Staats als auch der Wirtschaft die
(Habermas 1966). Eine treffliche Bezeichnung: Der ursprünglichen humanistischen Ideale der unvollen-
Linkssozialist Abendroth war nicht nur im Unter- deten liberalen und demokratischen Revolutionen
grundkampf gegen die Nazis aktiv gewesen und hatte einzulösen. Wohl räumte er ein, dass Artikel 20 keine
unter antifaschistischen Partisanen gekämpft, son- ausdrückliche Entscheidung zugunsten einer demo-
dern engagierte sich sein Lebtag nach Kräften in lin- kratisch-sozialistischen Zukunft implizierte, doch
ken politischen Bewegungen und Parteien. bestand er – unter dem Protestgeschrei rechter Ver-
Wer mit Habermas’ Biographie ein wenig vertraut leumder, die in den 1950er Jahren die juristischen
ist, kennt die traurige Geschichte von Horkheimers Fakultäten Deutschlands unter ihren Fittichen hat-
Feindseligkeit gegenüber dem jungen Habermas, die ten – darauf, dass Artikel 20 eine sozialistische Bun-
diesen dazu brachte, Frankfurt zu verlassen und sich desrepublik nicht nur zuließ, sondern tatsächlich
unter Abendroths Ägide in Marburg mit der bahn- unmittelbar weitreichende egalitäre Sozialreformen
brechenden Studie Strukturwandel der Öffentlichkeit erforderte, die eine linke Entwicklung Westdeutsch-
(1962) zu habilitieren. Was in der Schilderung dieser lands wahrscheinlich machten.
Ereignisse mitunter übergangen wird, ist der nicht In den abschließenden programmatischen Ab-
unerhebliche intellektuelle und politische Einfluss, schnitten von Strukturwandel der Öffentlichkeit las-
den Abendroth damals auf Habermas ausübte. sen sich unmittelbare Parallelen zu Abendroths Pro-
Im Westdeutschland der 1950er Jahre war Abend- gramm erkennen. Wie Abendroth stützt sich der
roth ein seltenes Bindeglied nicht nur zu der vom junge Marxist Habermas auf eine große Erzählung
Nationalsozialismus nahezu vollständig ausgelösch- über die Transformation des Kapitalismus, um eine
ten marxistischen Tradition, sondern auch zu der le- radikale Lesart der Idee eines sozialen Rechtsstaats
bendigen intellektuellen Kultur der linken Jurispru- zu untermauern, der zufolge die ›neofeudale‹ insti-
denz und politischen Theorie der Weimarer Repu- tutionelle Struktur, die sich im Kontext des organi-
22 II. Kontexte

sierten Kapitalismus und des Zusammenbruchs der mas ein Argument, das unmittelbar an ihre radikals-
liberalen Trennung von Staat und Gesellschaft gebil- ten Schriften erinnert: Der organisierte Kapitalismus
det hatte, einer Demokratisierung bedürfe (SÖ, § 23). führt zum Niedergang des Parlaments, zu wachsen-
Zwar etwas vorsichtiger als Abendroth, macht sich der Machtbefugnis in Verwaltung und Rechtspre-
Habermas gleichwohl für ein Reformprogramm mit chung und zunehmend autoritären Formen von po-
mustergültigen demokratisch-sozialistischen Ele- litischer Herrschaft. Mit direktem Bezug auf die zen-
menten stark. Selbst Habermas’ eigene originelle trale These von Hellers Rechtsstaat oder Diktatur?
Einsicht, dass neuartige Prozesse der Entscheidungs- (1930) prophezeit Habermas gleichermaßen, dass
findung und des Interessenausgleichs, wie sie im entweder entscheidende Schritte in Richtung einer
postliberalen politischen Leben vorherrschend ge- sozialen Demokratie eingeleitet werden müssten
worden waren, auch eine effektive Institutionalisie- oder liberale Demokratien, die wie Deutschland
rung neuer Formen von kritischer Öffentlichkeit noch in ihren Kinderschuhen steckten, sich der er-
bräuchten, könnte man mit guten Gründen als eine schreckenden Aussicht auf einen Rückfall in autori-
theoretische Weiterentwicklung von Abendroths po- täre Regime gegenübersähen. Auch hier macht sich
litischer Vision verstehen. Es überrascht daher nicht, Habermas Abendroths unmittelbar von den Weima-
dass dieser Habermas’ Ideen in seinem Aufsatz »Das rer Debatten beeinflusste Auffassung zueigen, dass
Problem der innerparteilichen und innerverbandli- ein demokratischer und sozialer Wohlfahrtsstaat
chen Demokratie in der Bundesrepublik« (1964) den normativen Kern der Rechtsstaatlichkeit schüt-
überschwänglich lobte und in ihnen eine normative zen könne, indem er soziale Rechte ebenso wie ver-
Bereicherung seiner eigenen Vorschläge sah (Abend- gleichsweise berechenbare Formen staatlicher Ein-
roth 1967, 273, 281 ff.). griffe in die Wirtschaft nach gesetzlich regelten Ver-
Allgemeiner gesprochen, trug Abendroth ver- fahren garantiert.
mutlich dazu bei, Habermas mit den linken Strö- Es überrascht also nicht, dass ein zunehmend vor-
mungen in der politischen Theorie und Jurispru- sichtiger und sogar konservativer Horkheimer die-
denz der 1920er und 1930er Jahre bekannt zu ma- ser und anderen Schriften des jungen Habermas so
chen – mindestens bot er ihm den professionellen feindselig gegenüberstand: Sie müssen ihn schmerz-
und intellektuellen Raum, um sich mit diesen Strö- lich an das Deutschland der 1930er Jahre erinnert
mungen auseinanderzusetzen. Gewiss bewiesen Ha- haben, für ihn eine traumatische Periode, die am
bermas’ Schriften eine größere Wertschätzung für besten in den hintersten Winkeln seiner Seele begra-
die normative politische Theorie und besonders die ben blieb – und im Institutskeller.
normativen Grundlagen der Demokratie als die von Bei zahlreichen Anlässen hat Habermas in späte-
Abendroth oder seinen Weimarer Vorgängern. Doch ren Jahren Abendroths politische und intellektuelle
seine erheblichen Anleihen beim linken Weimarer Integrität gerühmt, während er sich zugleich allmäh-
politischen und staatsrechtlichen Denken im Struk- lich, aber unmissverständlich von der reformmar-
turwandel und mehr noch in den »Reflexionen über xistischen Vision eines demokratischen Sozialismus
den Begriff der politischen Beteiligung«, der langen distanzierte, die sein Marburger Lehrer zeitlebens
Einleitung in Student und Politik (1961), stehen au- vertrat. Ein angemessenes Verständnis der unver-
ßer Zweifel. Besonders in der letztgenannten Schrift meidlichen funktionalen Differenzierung unserer
bringt Habermas eine Kernthese auf den neusten Gesellschaft, so Habermas’ Argument, ist mit den
Stand, die Neumann und Ernst Fraenkel (beide, wie holistischen Modellen einer demokratisch-sozialis-
Abendroth, Sinzheimer-Schüler) in den 1930er Jah- tischen Planwirtschaft, in der es keine rechtmäßige
ren formuliert hatten: Mit dem Übergang von einer Autonomie von Marktmechanismen geben kann,
freien Konkurrenzwirtschaft zu einem Monopol- unvereinbar. Traditionelle Sozialisten wie Abend-
bzw. organisierten Kapitalismus geraten die klassi- roth erliegen in seinen Augen einer naiven Vorstel-
sche Herrschaft des Gesetzes und insbesondere die lung von bürokratischen Staatseingriffen und setzen
zentrale Stellung der Gleichheit verbürgenden Ge- sich nicht genügend mit den notwendigen Beschrän-
neralität der Norm unweigerlich in die Defensive. kungen des Rechtsmediums und den Gefahren der
Mit ausgiebigen Zitaten von zumeist jüdischen, nun Verrechtlichung auseinander. In Faktizität und Gel-
in den USA lebenden Emigranten (darunter Otto tung (1992), seinem Hauptwerk in der Politik- und
Kirchheimer, laut Abendroth »der begabteste und Rechtstheorie, werden die Weimarer politologischen
intelligenteste« der sozialistischen Weimarer Juris- und rechtstheoretischen Debatten kurz gestreift, wo-
ten [Dietrich/Perels 1976, 146]) wiederholt Haber- bei Habermas Interpretationen der Rechtsstaatlich-
3. Staatsrecht 23

keit, in deren Mittelpunkt die Allgemeinheit des Ge- zum politischen und ökonomischen Status quo ist
setzes steht, offen kritisiert. Ausdrücklich verweist er zumindest ein Ausdruck echter Dilemmata, denen
auf Student und Politik, worin er mittlerweile augen- sich die demokratische Linke heute gegenübersieht.
scheinlich kaum mehr als eine Jugendsünde sieht: Noch auf eine andere Weise steht Habermas di-
Die Reformulierung des Hegel- und Webermarxis- rekt in der Schuld Wolfgang Abendroths und der
mus der 1920er und 1930er Jahre dieses Buches sei Zwischenkriegslinken, deren Andenken im Nach-
zu sehr durch eine überpointierte Auffassung von kriegsdeutschland Abendroth zu wahren half. Eine
der Allgemeinheit des Gesetzes geprägt, die sich von wesentliche Zielscheibe von Habermas’ politischem
Carl Schmitt und seiner Verfassungslehre von 1928 und rechtstheoretischem Denken bildet Carl Schmitt
herschreibt und von Neumann und anderen in den (1888–1985), Deutschlands führender rechter
Diskurs der linken deutschen Jurisprudenz über- Rechtswissenschaftler und, zumindest für einige
nommen wurde (FG, 521). Jahre, eifriger ›Kronjurist des Dritten Reichs‹. Wie
Trotz der theoretischen Distanzierung von bereits festgestellt, befehdete Abendroth im West-
Abendroth bleibt dessen Einfluss spürbar. Nach wie deutschland der 1950er Jahre die Schüler Schmitts
vor verficht Habermas eine Interpretation, der zu- im Zusammenhang mit der Debatte um den sozialen
folge der soziale Rechtsstaat auf eine, wie er es heute Rechtsstaat intellektuell wie politisch. Eine Genera-
nennt, ›reflexive‹ Reform des Sozialstaats angewie- tion zuvor hatten die linken Weimarer Anwälte
sen ist (FG, 468–537). Obwohl es kaum mit konkre- Franz L. Neumann und Otto Kirchheimer, die später
ten Details angereichert wird, erfordert das unvoll- zur ersten Generation von Politik- und Rechtstheo-
endete Projekt des sozialen Wohlfahrtsstaats diesem retikern des Instituts für Sozialforschung gehören
Modell zufolge wesentlich anspruchsvollere Maß- sollten, ihren theoretischen und politischen Zorn
nahmen als die rein regulativen, korrigierenden Ein- gegen Schmitt und seine Schüler gerichtet. Auch Ha-
griffe in den gegenwärtigen Kapitalismus. Kurz ge- bermas’ Schriften bezeugen eine eindrucksvolle Ver-
sagt: Habermas hat mit dem sozialen und ökonomi- trautheit mit Schmitts verstreutem Œuvre – ebenso
schen Status quo oder mit einem Sozialstaat, der wie eine tiefe politische und moralische Abscheu vor
nicht mehr als eine paternalistische Daseinsvorsorge dessen Gesinnung (Habermas 1987). Man kann die
bietet, niemals seinen Frieden gemacht. Und obwohl Strategie von Neumann und Kirchheimer so verste-
sich ihre theoretischen Konturen verständlicher- hen, dass sie eine sozialdemokratische Erwiderung
weise im Lauf der Jahrzehnte verschoben haben, hat auf Schmitts normative Verwerfung der modernen
Habermas auch die ursprüngliche Forderung nach Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu geben ver-
einer weitreichenden Demokratisierung der Gesell- suchten, die auch Schmitts empirische Diagnose zu-
schaft keinesfalls aufgegeben, wenn er auch dazu rückwies, eine ›normativistische‹ Gesetzlichkeit
neigt, die schwierigen Herausforderungen zu beto- müsse sich unter den zeitgenössischen politischen
nen, die die Komplexität und funktionale Differen- und gesellschaftlichen Bedingungen unweigerlich
zierung der Gesellschaft für die üblichen linken Pro- zersetzen (Scheuerman 1994). Interessanterweise
grammatiken mit sich bringen. Mit gutem Recht hat Habermas eine parallele Angriffsstrategie ver-
kann man sagen, dass der systematische Versuch von folgt und in seiner wiederholten Kritik an Schmitt
Faktizität und Geltung, integrale Zusammenhänge seine eigene Theorie gelegentlich als das beste Ge-
zwischen radikaler Demokratisierung, Rechtsstaat- genmittel gegen die gefährliche Versuchung des
lichkeit und einem ›reflexiven‹ Sozialstaat aufzuzei- Schmitt’schen Dezisionismus betrachtet. Der Wider-
gen, deutliche Spuren von Abendroths einstmaliger spruch gegen Schmitt zieht sich wie ein roter Faden
Kritik an jenen Schmitt-Anhängern aufweist, die durch seine Politik- und Rechtstheorie: Nicht nur in
Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaat in einen Gegen- Habermas’ frühen politischen Schriften bildet dieser
satz brachten. einen Hauptangriffspunkt, sondern noch in den
Wenn linke Kritiker über einen Mangel an Radi- jüngsten Erörterungen der Globalisierung und der
kalität in Habermas’ jüngeren Veröffentlichungen Aussichten auf eine postnationale Demokratisie-
klagen, dann sprechen sie eigentlich vom Nieder- rung. In einem 1984 mit Peter Dews und Perry An-
gang eines plausiblen Modells für einen demokrati- derson geführten Interview findet sich das auf-
schen Sozialismus, wie ihn Abendroth einst verfoch- schlussreiche Bekenntnis: »Ich stand dem Dezisio-
ten hat. Habermas’ Skepsis aber besteht zweifellos nismus vom ersten Moment an kritisch gegenüber
zurecht. Seine Zurückhaltung bezüglich der mögli- – von der Minute an, als ich zum ersten Mal Schmitt
chen Konturen einer grundsätzlichen Alternative las, beispielsweise« (Dews 1986, 194).
24 II. Kontexte

Obwohl er Schmitt bereits zu Beginn seiner Lauf- Versuch verstehen, Schmitts politischen Existentia-
bahn äußerst ablehnend gegenübersteht, nutzt Ha- lismus und seine Vernunftfeindlichkeit zu diskredi-
bermas in seinen frühen politischen Schriften tieren. Wenn Habermas in Technik und Wissenschaft
Schmitt und seine Schüler (z. B. Ernst Forsthoff und als ›Ideologie‹ (1968) die Technokratie kritisiert, stellt
Werner Weber), um beunruhigende empirische Ent- er Parallelen zu Hermann Lübbes auf den neusten
wicklungen zu dokumentieren – etwa den Nieder- Stand gebrachter Version einer Politik der »puren
gang eines deliberativen Parlamentarismus, dem Ha- Dezisionen« (TW, 124) fest, während in Legitimati-
bermas im Gegensatz zu Schmitt entgegenzuwirken onsprobleme im Spätkapitalismus (1973) Niklas Luh-
hofft. In diesen ersten Kämpfen mit Schmitt scheint mann unfreundlich als insgeheimer Jünger Schmitts
Habermas – wie vor ihm Neumann und Kirchhei- und seiner dezisionistischen Rechtstheorie behan-
mer – das Ärgernis von Schmitts autoritären poli- delt wird. Die kritische Strategie dieser Texte beruht
tisch-programmatischen Präferenzen als Verdingli- weniger auf dem Motto ›Mitgefangen, mitgehangen‹
chung beunruhigender faktischer Entwicklungen zu als auf der impliziten Anerkennung von Schmitts
betrachten (SÖ 1971, 244 bzw. SÖ 1990, 305). Wenn großer intellektueller und politischer Anziehungs-
Strukturwandel der Öffentlichkeit die unheilvolle kraft und der damit einhergehenden Notwendigkeit,
Aussicht auf ein von der Regierung dominiertes ple- selbst verhältnismäßig moderaten Umformulierun-
biszitäres Regime skizziert, in dem die zwanglose gen seiner Ideen entgegenzutreten. Es überrascht
Debatte, das Rechtsstaatsprinzip und die Parla- daher nicht, das sich Habermas’ eindringlichste Ana-
mentsherrschaft zugunsten maßgeschneiderter Öf- lysen des Schmitt’schen Denkens in Faktizität und
fentlichkeiten, rechtlicher Willkür und von oben or- Geltung finden, wo er über die Standardkritik am
ganisierter Akklamation über Bord geworfen wur- Dezisionismus hinausgeht und Schmitts spezifische
den, dann entspricht Habermas’ Beschreibung von Beiträge zur Politik- und Rechtslehre bekämpft. Hier
dessen Kernelementen spiegelbildlich Schmitts Ver- argumentiert Habermas für das gerichtliche Recht
teidigung eines massenbasierten autoritären Regie- auf Normenkontrolle, indem er unter anderem auf
rungssystems. Als Gegenentwurf zu einem dezisio- Schmitts Polemik aus der Weimarer Zeit gegen Hans
nistischen Modell von Recht und Politik hält sich Kelsens Verteidigung von Verfassungsgerichten re-
Habermas schon früh an genau das Merkmal des agiert. Auch Schmitts wirkungsmächtiger Darstel-
klassischen Liberalismus, das Schmitt verachtet lung des parlamentarischen Niedergangs begegnet
hatte: Wo Schmitt das liberale Bürgertum als bloße Habermas zum Teil mit einer Theorie der deliberati-
›redende Klasse‹ mit bestenfalls harmlos unpoliti- ven Zivilgesellschaft: Selbst wenn moderne Legisla-
schen und schlimmstenfalls gefährlich anarchisti- tiven keinesfalls freie und ungebundene deliberative
schen und machtzersetzenden Impulsen denunziert Körperschaften sind, so funktionieren sie doch im
hatte, schlägt Habermas eine deliberative Konzep- Zusammenspiel mit einer Zivilgesellschaft, in der
tion politischer Legitimität vor, in der die Möglich- Deliberation und Diskussion zumindest gelegentlich
keit einer fundamentalen Transformation des mo- lebendig bleiben.
dernen Staats und vielleicht sogar der Auflösung Im Laufe der vergangenen rund zehn Jahre hat
›des Politischen‹ im üblichen Verständnis beschlos- Schmitt Habermas regelmäßig als Zielscheibe seines
sen ist. Bei allem Respekt gegenüber Schmitt könn- neuen Plädoyers für ein globales Regieren gedient.
ten sich Macht und Recht, in angemessen deliberati- Die eher gemischte Bilanz der ›humanitären Militär-
ver Weise verstanden, auf Ratio reduzieren lassen. interventionen‹ im ehemaligen Jugoslawien und im
Sofern man es mit radikalen sozialdemokratischen Nahen und Mittleren Osten hat Schmitts Kritik des
Reformen verbindet, könnte somit das wertvollste so genannten ›diskriminierenden Kriegsbegriffs‹
Vermächtnis der liberalen Bürgergesellschaft für die zweifellos zu einem intellektuellen Nachleben ver-
Moderne bewahrt werden. Im Gegensatz zu Schmitts holfen. Diskriminierend seien diese Kriege, weil in
normativen Sehnsüchten und seiner düsteren empi- ihnen liberale Staaten typischerweise ihre grund-
rischen Diagnose könnten Orte einer wirkungsvol- sätzliche Brutalität und imperialistischen Ziele unter
len kritischen Öffentlichkeit und deliberativen Wil- dem heuchlerischen Mantel einer humanitären Rhe-
lensbildung garantiert werden. torik und eines liberalen Völkerrechts verschleier-
Habermas’ lebenslange Suche nach einem belast- ten. Selbst auf linke Kritiker etwa der NATO-Inter-
baren, in einer schlüssigen Theorie des kommunika- vention in Jugoslawien oder des zweiten, von den
tiven Handelns verankerten deliberativen Modell für UN gebilligten Golfkriegs (›Operation Desert
Politik und Recht lässt sich zumindest zum Teil als Storm‹) übt Schmitt heute eine gewisse Anziehungs-
3. Staatsrecht 25

kraft aus, wie sich mühelos an den Seiten der New – /Friedeburg, Ludwig v./Oehler, Christoph/Weltz, Fried-
Left Review und unzähliger linker akademischer rich: Student und Politik. Neuwied 1961.
Heller, Hermann: Rechtsstaat oder Diktatur? Tübingen
Fachzeitschriften ablesen lässt. Im Bewusstsein die-
1930.
ser Entwicklungen hat es Habermas in Der gespal- Scheuerman, William E.: Between the Norm and the Excep-
tene Westen (2004) und anderswo auf sich genom- tion. The Frankfurt School and the Rule of Law. Cam-
men, Schmitts jüngste Anhänger an den verdrießli- bridge 1994.
chen Umstand zu erinnern, dass die Kritik an Schmitt, Carl: Die Verfassungslehre. München 1928.
diskriminierenden Kriegen von einem unhaltbar vi- William Scheuerman (Übers. Michael Adrian)
talistischen und existentialistischen ›Begriff des Po-
litischen‹ lebt. Schmitt und all jene, die sich heute
von ihm beeinflussen lassen, übersähen bequemer-
weise auch, dass die internationalen Beziehungen
einem ambitionierten Prozess der Verrechtlichung
unterliegen: Angesichts der voranschreitenden Ver-
rechtlichung der zwischenstaatlichen Angelegenhei-
ten seien Schmitts Ängste vor einer ›Moralisierung‹
des Kriegs so irreführend wie überzogen. Ehrgeizi-
ger noch ist Habermas’ Allianz mit der von Schmitt
am meisten gefürchteten Nemesis in der internatio-
nalen politischen Theorie: Eifrig reformuliert Ha-
bermas derzeit Immanuel Kants kosmopolitische
Vision einer Konstitutionalisierung des Völkerrechts
ohne Weltstaat. Mit großem Scharfsinn verteidigt er
ein friedfertiges und zugleich nichtstaatliches kos-
mopolitisches globales Regieren – mit anderen Wor-
ten: Carl Schmitts schlimmsten Alptraum (GW, 187–
93).

Literatur
Abendroth, Wolfgang: Antagonistische Gesellschaft und po-
litische Demokratie. Aufsätze zur politischen Soziologie.
Neuwied 1967.
Balzer, Friedrich-Martin/Bock, Hans Manfred/Schöler, Uli
(Hg.): Wolfgang Abendroth. Wissenschaftlicher Politiker.
Bio-bibliographische Beiträge. Opladen 2001.
Dews, Peter (Hg.): Habermas: Autonomy and Solidarity –
Interviews with Jürgen Habermas. London 1986.
Dietrich, Barbara/Perels, Joachim (Hg.): Wolfgang Abend-
roth. Ein Leben in der Arbeiterbewegung. Gespräche.
Frankfurt a. M. 1976.
Habermas, Jürgen: »Partisanenprofessor im Lande der Mit-
läufer. Der Marburger Ordinarius Wolfgang Abendroth
wird am 2. Mai sechzig Jahre alt«. In: Die Zeit, 29. April
1966 (wieder abgedruckt unter dem Titel »Der Partisa-
nenprofessor« in: PPP, erw. Ausg. von 1981, Frankfurt
a. M. 21991, 249–252).
–: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu ei-
ner Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neuwied
5
1971.
–: »Die Schrecken der Autonomie«. In: Ders.: Eine Art
Schadensabwicklung. Frankfurt a. M. 1987, 103–114.
–: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu ei-
ner Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft [1962]. Neu-
ausgabe mit einem neuem Vorwort. Frankfurt a. M.
1990.
26 II. Kontexte

4. Pragmatizismus fortzusetzen und auf dem Niveau des linguistic turn


und des sinnkritischen Realismus von Peirce zu er-
neuern.
Der philosophische Denkweg von Jürgen Habermas Die philosophischen Konsequenzen »des« Prag-
ist ohne die kritisch-konstruktiven Wechselwirkun- matismus bei Apel und Habermas fallen also ganz
gen mit dem von Karl-Otto Apel in wichtigen Wei- unterschiedlich aus. Bezogen auf die Frage nach ei-
chenstellungen wohl kaum zu verstehen und seine nem charakteristischen, eine philosophische Argu-
philosophische Selektivität wäre ohne die theorie- mentationsebene eigenen Rechts auszeichnenden
architektonischen Alternativen, die Apel eröffnet, Begründungsgedanken kann man zugespitzt sagen:
philosophisch gar nicht richtig zu bewerten. Apel Eine Letztbegründung philosophisch tragender Ge-
und Habermas verbindet eine lebenslange kollegiale danken ist für Apel möglich und philosophisch un-
Freundschaft, die in der gemeinsamen Studienerfah- erlässlich, für Habermas weder möglich noch nötig.
rung im Bonn der frühen 1950er gründete und sich Diese Grunddifferenz hat Apel in den letzten Jahren
erhalten hat in der philosophisch befreienden Erfah- mehrfach motiviert, in philosophischen Interventio-
rung des amerikanischen Pragmatismus, zu dessen nen ›mit Habermas gegen Habermas zu denken‹. Im
ersten intellektuellen Dolmetschern innerhalb der Folgenden werden die wichtigsten Vorbehalte Apels
deutschsprachigen Philosophie Apel (1967; 1970) gegen das universalpragmatische Denken beschrie-
zählt. Es ist sicher eine Vereinfachung, aber wohl ben, die auf die Grunddifferenz zurückgehen. Wie
keine falsche, wenn man die seit Mitte der 1980er Habermas sie verarbeitet, kann aus Platzgründen
wachsenden (Apel 1988, 103–153) und inzwischen hier nicht mehr dargestellt werden (vgl. Habermas
tiefen (Apel 1998, 24–27, 649–838) philosophischen 2002).
Positionsdifferenzen zwischen Apel und Habermas Wie lässt sich in aller Kürze bestimmen, was mit
mit den Divergenzen zwischen den beiden Haupt- der bei postmoderner Beleuchtung (und gewiss
richtungen des amerikanischen Pragmatismus ver- nicht nur hier) ominös wirkenden Formel von der
gleicht, die wir heute einerseits Peirce, andererseits ›philosophischen Letztbegründung‹ gemeint ist? Die
Dewey zuordnen. Was Peirce mit Kant und beide für die Transzendentalpragmatik zentrale (Kuhl-
mit Apel philosophisch am tiefsten verbindet, ist die mann 1993; Böhler 2002) Idee reflexiver Letztbe-
Überzeugung vom Wert regulativer Ideen für die gründung entspringt der Einsicht, dass die für den
Konstruktion einer sinnkritischen, postmetaphy- Sinn jeglichen Infragestellens notwendigen gedank-
sisch denkenden Philosophie und das Insistieren auf lichen Voraussetzungen ihrerseits nicht sinnvoll in-
einem geltungslogisch eigenständigen, von Erkennt- frage gestellt werden können, falls es solche Voraus-
nisfortschritten empirisch forschender Wissenschaf- setzungen gibt. Die Einsicht ergibt sich im rationa-
ten nicht revidierbaren Ebene philosophischer Ar- len Selbstverständnis von Personen, die aktuell
gumentation. Einschlägig, um Apels Position der Argumentationshandlungen vollziehen und sich ak-
›transzendentalen Sprachpragmatik‹ (ebd., 9–32) zu tualiter darauf besinnen, wie sie sich selbst und be-
charakterisieren, sind hier die Stichworte der Letzt- liebige andere in größter Allgemeinheit als Subjekte
begründung und des dialektischen, auf eine ideale (bzw. ›Intersubjekte‹, vgl. Niquet 1999) denken müs-
wie auf jede reale Kommunikationsgemeinschaft be- sen, um sich selbst und beliebige andere als aktuelle
zogenen Diskursapriori (ebd., 598–607). Was Dewey oder potentielle »Diskursteilnehmer« denken zu
mit Rorty und mit Habermas philosophisch verbin- können. Als Diskursteilnehmer können wir Argu-
det – und von Apel am tiefsten unterscheidet – ist mentationshandlungen vollziehen, mit deren Hilfe
das Bemühen um eine Transformation der Philoso- wir die Ansprüche auf Allgemeingültigkeit, die wir
phie durch konsequente Detranszendentalisierung mit Behauptungen jedweder Art verbinden, an den
und eine Vorstellung von Kontinuität im Verhältnis Gründen jedweder Art prüfen, die wir zur Kritik
von Philosophie und empirischen Kultur- und Sozi- oder Begründung der Ansprüche vorbringen kön-
alwissenschaften im Horizont eines rekonstruktiven nen. Kants Konsistenzforderung der ›Selbsteinstim-
Naturalismus. Hingegen ist Apels Transformation migkeit der Vernunft‹ operationalisiert Apel als ei-
der Philosophie (1973) geprägt von dem Versuch, die nen Test der Vermeidung performativer Selbstwi-
für transzendentalphilosophische Argumente seit dersprüchlichkeit beim Versuch der Bestreitung
Kant charakteristische Denkfigur der reflexiven Auf- solcher Präsuppositionen.
deckung ›notwendiger Bedingungen der Möglich- Dass es gedanklich-begriffliche Präsuppositionen
keit‹ von rationalen Vermögen und Operationen des Argumentierens gibt, die im und durch Argu-
4. Pragmatizismus 27

mentieren nicht hintergehbar sind, weil andernfalls facto unterlaufen –, oder falsch – denn, als skepti-
der Sprecher in dem, was er tut, dem Sinn dessen wi- sches Argument vorgebracht, ist jede Abstandnahme
derspricht, was er behaupten will (zum ›performati- ihrerseits bereits ein Moment von Diskursivität und
ven Selbstwiderspruch‹ vgl. Kettner 1993), nimmt unterliegt den Diskurspräsuppositionen.
Habermas ebenso an wie Apel – seit ihrer Rezeption Für die Ausklammerung der Letztbegründungs-
der Sprechakttheorie und seit Habermas’ philoso- problematik aus dem Rechtfertigungszusammen-
phischer Entdeckung der performativ-propositiona- hang kritischer Gesellschaftstheorie zahlt Habermas
len Doppelstruktur der menschlichen Rede. Aber den – wie Apel meint: vermeidbaren und jedenfalls
für Apel, nicht für Habermas, liegt im Gefüge der ra- zu hohen – Preis, dass er quasi hegelianisch die le-
tionaliter nicht anders möglichen (d. h. nicht kontin- bensweltliche Sittlichkeit in die Rolle der maßgebli-
genten) Präsuppositionen diskursiven Argumentie- chen Quelle moralischer Normativität erheben,
rens nicht nur (1) der letzte rationale Maßstab aller damit aber nolens volens ihre innere Zerrissenheit,
Moralurteile der normativen Ethik, sondern auch Zurückgebliebenheit und Konventionalität harmo-
der (2) letzte rationale Maßstab für alle Objektivität nistisch verklären muss. An Habermas’ lebens-
reklamierenden (Raz 1999) Behauptungen der theo- weltkonservativer Pose nachgeahmter Wittgenstei-
retischen Philosophie (z. B. der Bedeutungstheorie, nialität, zugespitzt im Diktum, ›die moralischen
der Ontologie, der Philosophie des Geistes). Alltagsintuitionen bedürfen der Aufklärung der Phi-
Punkt 1 hat Konsequenzen für die Diskursethik losophen nicht‹, diagnostiziert Apel eine Selbstver-
und überhaupt für die normative Begründung kriti- leugnung der Kritischen Theorie.
scher Gesellschaftstheorie (Kettner 1996), Punkt 2 Ein zweites, dem Versuch der Vermeidung des
für die philosophische Vernunfttheorie, z. B. in der diskursreflexiven Letztbegründungsansatzes ge-
radikalen Kritik an rational-eliminativen reduktio- schuldetes Problemsyndrom betrifft die in der Theo-
nistischen Theorieprogrammen, die die Konsistenz- rie des kommunikativen Handelns systemrelevante
forderung der »Selbsteinholbarkeit« (Apel 1994b; Behauptung, der verständigungsorientierte Sprach-
Hellesnes 2007) ignorieren. gebrauch müsse in verschiedenen Hinsichten als pri-
Apels Diagnose zufolge kann Habermas strikt re- mär, erfolgsorientierter (z. B. strategischer) Sprach-
flexive Letztbegründungsargumente nur um den gebrauch hingegen könne nur als parasitär begriffen
Preis von Inkonsistenzen vermeiden. Die Theorie werden. Apel zufolge gelingt der Nachweis mit den
des kommunikativen Handelns kann einen morali- soziologischen Bordmitteln der Theorie des kommu-
schen Rationalisierungsprozess zwar beschreiben, nikativen Handelns nur oberflächlich und scheitert
aber ihr Fortschrittskriterium, die postkonventio- am Problem des offen strategischen Sprachge-
nelle Moralität der Diskursethik, als ein solches brauchs, der nicht mehr im Abhängigkeitsverhältnis
nicht rechtfertigen (Apel 1998a, bes. 680–693). Da- der Vortäuschung zum verständigungsorientierten
mit, so Apel gegen Habermas, wird der Anspruch Sprachgebrauch steht. Der Nachweis auch von des-
der Kritischen Theorie, ohne geschichtsphilosophi- sen parasitärem Status lässt sich nur unter einer Hin-
sche Erblasten gleichwohl ein empirisch gehaltvol- sicht führen, die mit den Theoriemitteln der Univer-
les, aber nicht wertneutrales Verstehen der mensch- salpragmatik nicht konstruiert werden kann, näm-
lichen Kulturevolution transdisziplinär zustande zu lich der Hinsicht einer philosophischen Theorie von
bringen, zu einem bloß auf der internen Negation Rationalitätstypen, die untereinander in Vorausset-
des Gegebenen ansetzenden kritischen Projekt un- zungs- und Stützungsverhältnissen stehen, welche
ter anderen ähnlichen Projekten immanenter Kri- ihrerseits innerhalb dieser Theorie expliziert und
tik. Alternativ und besser wäre der Anspruch der begründet, d. h. nach ihrem relativen Recht einsich-
Kritischen Theorie im Rahmen einer robust letztbe- tig gemacht werden können. Der Aufbau einer sol-
gründbaren Verantwortungsethik der Emanzipation chen Theorie muss die Reflexionsschraube eine Dre-
zu situieren. Habermas’ Vorbehalt, die diskursrefle- hung weiter drehen, als nicht- und quasi-transzen-
xive Letztbegründung kritisch relevanter normati- dentale Theorien es können. Denn durch strikte
ver Maßstäbe (wie die konsensualistische Gerech- Reflexion muss, und nur so kann, diejenige Rationa-
tigkeitskonzeption in der Habermas’schen Version lität ausgewiesen werden, die von einer philosophi-
von Diskursethik, vgl. ED) könne von Skeptikern, schen Rationalitätstheorie selbst vorausgesetzt und
Nihilisten und allemal von Argumentationsverwei- in Anspruch genommen werden muss. Apel meint,
gerern unterlaufen werden, ist irrelevant – denn die durch und nur durch Reflexion auf das diskursim-
Bezeichneten können jede Art von Begründung de manente Voraussetzungsverhältnis lasse sich die pa-
28 II. Kontexte

rasitäre Abhängigkeit des rein strategischen Verhan- Reflexion auf die teils entgegenkommenden (z. B. die
delns von der Kommunikation im emphatischen, die Menschenrechtskultur), teils widerständigen (z. B.
Konsenssuche über Geltungsansprüche einschlie- Systemzwänge des Wirtschaftssystems) Realisie-
ßenden Sinn tatsächlich erweisen (Apel 1998b, 701– rungsbedingungen der diskursethischen Grund-
726, bes. 723 f.; 1994a). norm in der aktuellen Welt (vgl. bes. Apel 2001).
Habermas’ Diskurstheorie von Demokratie und Dieser begründungstheoretisch gewiss hochge-
Recht (FG) gilt eine dritte Gruppe von Vorbehalten spannte Rahmen gestattet Apel einige sehr realisti-
(Apel 1998c, 727–838, bes. 738). Soll die normative sche Einwände auch gegen Habermas’ Engführung
Ausdifferenzierung in universalistische Gerechtig- und tendenzielle Gleichsetzung von Rechtsprinzip
keitsmoral, in die Ethik des für Individuen oder für und Demokratieprinzip, darunter den folgenden:
Gruppen guten Lebens und in demokratisch gesetz- Vom Demokratieprinzip schlechthin nicht abzulö-
tes positives Recht nicht nur geschichtlich beschrie- sen ist seine historische Kontingenz und der Um-
ben und erklärt werden, sondern diese Ausdifferen- stand, dass Volkssouveränität in der heutigen Welt in
zierung und die verschiedenartigen normativen Dis- einer Vielheit von partikularen, im Medium politi-
kurse und Öffentlichkeiten bis hin zum Modell eines scher Macht operierenden Selbstbehauptungssyste-
deliberativ-demokratischen Rechtstaats, die im sel- men ausgelegt ist, unerachtet des Prozeduralismus
ben Zuge mit ausdifferenziert werden, als ein Ratio- der Konsensbildung gleicher und freier Bürger in
nalisierungsfortschritt innerhalb normativer Felder vielen dieser Systeme, und so auch partikular ausge-
rekonstruiert und gerechtfertigt werden, dann sind legt wird, solange die Institutionalisierung einer
Begründungsleistungen nötig, die nur im Rekurs auf weltbürgerlichen Rechtsordnung Utopie bleibt. Im
ein moralisch-normativ gehaltvolles und rational de- Unterschied ist das Rechtsprinzip nicht nur univer-
finitiv ausweisbares Diskursprinzip erbracht werden salistisch, sondern von Haus aus auch auf Globalität
können. Das Diskursprinzip aber, das Habermas in angelegt, wenn man sein diskursives Design von den
Faktizität und Geltung einführt (vgl. FG, 138: »Gültig Menschenrechten her denkt (Apel 1998c, 820 f.).
sind genau die Handlungsnormen, denen alle mögli- Menschenrechte begreift Apel, anders als Habermas,
cherweise Betroffenen als Teilnehmer an rationalen als eine polynormative Universalie zwischen positi-
Diskursen zustimmen könnten«), sei – weil sein vem Recht und universalistischer Moral. Das Dis-
dünner normativer Gehalt, reine Unparteilichkeit, kursprinzip wiederum, das Apel meint, bleibt un-
gegenüber der normativen Differenz von Moral und geachtet seiner Affinität zu Demokratie- und
Recht, wie Habermas sagt, »neutral« sein soll – ohne Rechtsprinzip von beiden wohl unterschieden, weil
bestimmten moralisch-normativen Gehalt. Einmal es nicht nur auf diesen Ebenen, sondern auch noch
ausgelagert, kann dieser Gehalt auch nicht ohne peti- auf einer anderen, tieferen Ebene des begründenden
tio principii später noch eingeführt werden. Der Ver- Denkens operiert.
zweigungsarchitektonik, die Habermas in Faktizität
und Geltung aufbaut, fehlt ihr höchster moralisch-
Literatur
normativer Schlussstein und sie ist deshalb begrün-
dungstheoretisch einsturzgefährdet (Apel 1998c, Apel, Karl-Otto (Hg.): Charles Sanders Peirce, Schriften, Bd.
735–742; Kettner 2002). I: Zur Entstehung des Pragmatismus. Frankfurt a. M.
1967.
Apels Alternative (Apel 1998c, 759–837; vgl. be-
–: Charles Sanders Peirce, Schriften, Bd. II: Vom Pragmatis-
reits Apel 1988) ist der große Theorierahmen einer mus zum Pragmatizismus. Frankfurt a. M. 1970.
›geschichtsbezogenen Verantwortungsethik‹, deren –: Transformation der Philosophie. 2 Bde. Frankfurt a. M.
moralisch-normative Grundnorm – die »Forderung 1973 (Bd. I: Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik; Bd.
der Lösung aller moralisch relevanten Interessen- II: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft).
konflikte durch praktische Diskurse über Geltungs- –: Diskurs und Verantwortung. Das Problem des Übergangs
zur postkonventionellen Moral. Frankfurt a. M. 1988.
ansprüche unter Ausschaltung strategischer Gewalt- –: »Ist die transzendentalpragmatische Konzeption der
praktiken« (Apel 1998c, 754) – sich den Argumenta- Diskursrationalität eine Unterbestimmung der Ver-
tionspräsuppositionen entnehmen und diskursrefle- nunft?«. In: Petra Kolmer/Harald Korten (Hg.): Grenz-
xiv letztbegründen lässt. Nicht als eine jenseitige bestimmungen der Vernunft. Freiburg 1994a, 77–102.
Utopie, sondern als eine regulative Idee steht diese –: »Die hermeneutische Dimension von Sozialwissenschaft
und ihre normative Grundlage«. In: Karl-Otto Apel/
Grundnorm in einer kritischen moralischen Span- Matthias Kettner (Hg.): Mythos Wertfreiheit? Neue Bei-
nung zum Gegebenen. Was Apel architektonisch den träge zur Objektivität in den Human- und Kulturwissen-
»Teil B der Diskursethik« nennt, ist die notwendige schaften. Frankfurt a. M. 1994b, 49–76.
5. Hermeneutik und linguistic turn 29

–: Auseinandersetzungen in Erprobung des transzendental-


pragmatischen Ansatzes. Frankfurt a. M. 1998.
5. Hermeneutik
–: »Normative Begründung der ›Kritischen Theorie‹ durch und linguistic turn
Rekurs auf lebensweltliche Sittlichkeit?«. In: Apel 1998,
649–700 (Apel 1998a).
–: »Das Problem des offen strategischen Sprachgebrauchs Habermas bezeichnet seine Aneignung der Herme-
in transzendentalpragmatischer Sicht«. In: Apel 1998, neutik in den 1960er Jahren im Vorwort zur zweiten
701–726 (Apel 1998b). Auflage von Zur Logik der Sozialwissenschaften als
–: »Auflösung der Diskursethik? Zur Architektonik der einen der entscheidenden Einflüsse auf seine Trans-
Diskursdifferenzierung in Habermas’ Faktizität und Gel-
tung«. In: Apel 1998, 727–838 (Apel 1998c). formation der Kritischen Theorie von einer subjekt-
–: The Response of Discourse Ethics. Leuven 2001. philosophischen in eine kommunikationstheore-
Böhler, Dietrich: »Dialogreflexive Sinnkritik als Kernstück tisch fundierte Theorie, die schließlich in seinem
der Transzendentalpragmatik«. In: Ders./Matthias Kett- Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns
ner/Gunnar Skirbekk (Hg.): Reflexion und Verantwor- (1981) ihren vorläufigen Abschluss findet. Als zwei-
tung. Auseinandersetzungen mit Karl-Otto Apel. Frank-
furt a. M. 2002, 15–43. ten Haupteinfluss auf diese Transformation erwähnt
Habermas, Jürgen: »Zur Architektonik der Diskursdiffe- Habermas seine Aneignung der analytischen Philo-
renzierung. Kleine Replik auf eine große Auseinander- sophie (s. Kap. II.6, III.5). Allerdings bedarf es für
setzung«. In: Dietrich Böhler/Matthias Kettner/Gunnar die Erläuterung der Verbindungen zwischen der
Skirbekk (Hg.): Reflexion und Verantwortung. Auseinan- Hermeneutik und Habermas’ sprachphilosophischer
dersetzungen mit Karl-Otto Apel. Frankfurt a. M. 2002,
44–64. Wendung der Kritischen Theorie zunächst einer ein-
Hellesnes, Jon: »Das Selbsteinholungsprinzip und seine gehenderen Betrachtung der etwas delikaten Frage
Feinde«. In: Michele Borrelli/Matthias Kettner (Hg.): Fi- nach der Rolle von Heideggers Philosophie in dieser
losofia trascendentalpragmatica – Transzendentalprag- Entwicklung.
matische Philosophie. Cosenza 2007, 225–234. Die vermutlich bekannteste biographische Tatsa-
Kettner, Matthias: »Ansatz zu einer Taxonomie performati-
ver Selbstwidersprüche«. In: Andreas Dorschel et al.
che zu Habermas’ ›gebrochener‹ Beziehung zu Hei-
(Hg.): Transzendentalpragmatik. Frankfurt a. M. 1993, degger ist wohl seine Veröffentlichung des Artikels
187–211. »Mit Heidegger gegen Heidegger denken: Zur Veröf-
–: »Karl-Otto Apel’s Contribution to Critical Theory«. In: fentlichung von Vorlesungen aus dem Jahre 1935«
David M. Rasmussen (Hg.): Handbook of Critical The- (PPP, 65–71) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
ory. Oxford 1996, 258–286.
–: »The Disappearance of Discourse Ethics in Habermas’
1953. In diesem Artikel kritisiert Habermas Hei-
Between Facts and Norms«. In: Rene von Schomberg/ degger für die Entscheidung, seine Vorlesungen von
Kenneth Baynes (Hg.): Discourse and Democracy. Essays 1935, in denen er von der »inneren Wahrheit und
on Habermas’s Between Facts and Norms. Albany/New Größe« der Nazi-Bewegung schreibt, ohne jeden er-
York 2002, 201–218. läuternden Kommentar, ohne jeden Ausdruck des
Kuhlmann, Wolfgang: »Bemerkungen zum Problem der
Bedauerns oder gar der Entschuldigung für seine
Letztbegründung«. In: Andreas Dorschel et al. (Hg.):
Transzendentalpragmatik. Frankfurt a. M. 1993, 221– Verwicklung in das Naziregime wiederzuveröffentli-
237. chen. Über diesen gegen die Person Heidegger
Niquet, Marcel: Nichthintergehbarkeit und Diskurs. Prolego- gerichteten Vorwurf hinaus geht es Habermas aber
mena zu einer Diskurstheorie des Transzendentalen. Ber- auch um die schwierige Frage der internen Bezie-
lin 1999.
hung zwischen Heideggers moralischem Scheitern
Raz, Joseph: »Notes on Value and Objectivity«. In: Ders.:
Engaging Reason. Oxford 1999, 118–160. als Person und der Struktur seiner Philosophie. Die-
Matthias Kettner ser Frage hat sich Habermas in verschiedenen Auf-
sätzen seit 1970 auf jeweils unterschiedliche Weise
genähert (PPP, 65–81; DM, 158–90; TK, 49–83). Eine
konstante Größe innerhalb dieser Auseinanderset-
zungen stellt die Ansicht dar, dass der eigentümliche
Weg Heideggers zu seiner berühmten Kehre besser
durch die externen Umstände von Heideggers politi-
scher Verstrickung in das Naziregime zu erklären sei
als mit den philosophischen Erfordernissen der in-
neren Weiterentwicklung von Heideggers ursprüng-
lich in Sein und Zeit entworfenem philosophischen
Programm. Diese Diagnose liegt Habermas’ äußerst
30 II. Kontexte

kritischer Einstellung gegenüber Heideggers Spät- zung in Heideggers hermeneutischer Transforma-


werk zugrunde, macht diese aber zugleich mit einer tion der Phänomenologie in Sein und Zeit und dies
anderen Konstante in seinem Verhältnis zu Hei- stellt ebenso die Leitidee von Habermas’ Umstellung
degger vereinbar, nämlich seiner Auffassung, dass kritischer Theorie auf Kommunikationstheorie in
Sein und Zeit »das bedeutendste philosophische Er- der Theorie des kommunikativen Handelns dar.
eignis seit Hegels ›Phänomenologie‹« (PPP, 65) sei. Zur Überwindung des für die traditionelle Philo-
Auch wenn Habermas’ kritische Studien zu Heideg- sophie charakteristischen S-O-Modells verallgemei-
ger es einem nicht immer leicht machen, zu verste- nert Heidegger in Sein und Zeit die Methode der tra-
hen, aus welchen Gründen er Sein und Zeit eigent- ditionellen Hermeneutik von einem Instrument für
lich eine so hohe Wertschätzung zukommen lässt, ist die Interpretation (hauptsächlich heiliger oder recht-
es dennoch klar, dass seine selbstgestellte Aufgabe licher) autoritativer Texte zu einer Verstehensweise
»mit Heidegger gegen Heidegger [zu] denken« ohne von Menschen als solchen. Infolgedessen konnte die
diese Wertschätzung keinerlei Sinn ergäbe. Denn in Hermeneutik eine radikal neue Auffassung von der
diesem Fall wäre es ja angemessener, statt mit, ein- Besonderheit des Menschen ausbilden: Mensch zu
fach nur gegen Heidegger zu denken, oder seine Phi- sein, besteht nicht mehr in erster Linie darin, ein
losophie schlicht rechts liegen zu lassen. vernünftiges Wesen, sondern darin, ein selbstinter-
Natürlich ließe sich die gerade angesprochene pretierendes Wesen zu sein, wie Charles Taylor es
selbstgestellte Aufgabe zunächst auch rein historisch treffend ausdrückt (vgl. Taylor 1985). Und gerade
verstehen. Einerseits hatte Heideggers Hauptwerk weil der Mensch aus nichts weiter als aus Interpreta-
bereits in den 50er Jahren innerhalb und außerhalb tionen aufgebaut ist, wird die Aktivität der Interpre-
Deutschlands unbestreitbar an Einfluss gewonnen, tation eines bedeutungsvollen Textes zum angemes-
was sich im weiteren Verlauf nur noch verstärken sensten Modell für das Verständnis jeglicher
sollte. Darüber hinaus ist der Einfluss von Sein und menschlicher Erfahrung. Dieser Perspektivenum-
Zeit auf Habermas’ eigene philosophische Entwick- schwung bedeutet einen tiefen Einschnitt gegenüber
lung ebenso unübersehbar. Wie Habermas selbst traditionellen philosophischen Auffassungen, die
mehrfach bemerkt, war er bis 1953 »durch und zumeist entgegengesetzt unter der Annahme arbei-
durch Heideggerianer« (vgl. Dews 1986, 194). Ein ten, dass sich menschliche Erfahrung am besten
flüchtiger Blick auf Habermas’ Dissertation über nach dem Modell der Wahrnehmung physischer Ge-
Schelling reicht zur Bestätigung dieser Selbstein- genstände rekonstruieren lässt. Heidegger hält die-
schätzung aus. Doch über diese lediglich histori- sen Ansätzen zweierlei entgegen. Erstens vermittele
schen und biographischen Details hinaus ist die sys- traditionelle Philosophie dadurch ein völlig verzerr-
tematische Frage der Natur und Reichweite der Ver- tes Bild menschlicher Identität, dass sie menschliche
bindungen zwischen Heideggers und Habermas’ Erfahrung in Kategorien darzustellen versuche, die
jeweiligen philosophischen Auffassungen wesentlich einem menschlichen Wesen gänzlich fremden Ge-
interessanter. Im Ausgang von Habermas’ selbstge- genstandsbereich (nämlich dem physischer Gegen-
stellter Aufgabe möchte ich daher im Folgenden zu- stände) entstammen. Um diesen Einwand zu unter-
nächst auf die meiner Ansicht nach wichtigsten mauern, entwirft Heidegger ein alternatives herme-
Überschneidungen beider Werke hinweisen. Ist erst neutisches Modell des Menschen, als eines primär
einmal geklärt, inwieweit Habermas ›mit Heidegger‹ selbstinterpretierenden Wesens. Zweitens bringe das
denkt, wird sich dann auch schärfer fassen lassen, S-O-Modell, indem es sich an der Wahrnehmung als
inwieweit und in welche Richtung sein Denken ›ge- eines privaten Erlebnisses isolierter Subjekte orien-
gen Heidegger‹ geht. tiere, einen methodologischen Individualismus
Betrachtet man Heideggers und Habermas’ An- (oder gar Solipsismus) mit sich, der ein ebenso ver-
sätze im Zusammenhang derjenigen philosophi- zerrtes Bild menschlicher Erfahrung forciere (und
schen Auffassungen, zu deren Weiterführung und damit nichts als philosophische Scheinprobleme
Transformation sie jeweils angetreten sind, besteht provoziere, wie beispielsweise den Bedarf nach Be-
die wesentliche Gemeinsamkeit beider in dem Ver- weisen der Existenz der Außenwelt). Zur Verteidi-
such der Entfaltung einer Perspektive jenseits des Pa- gung dieser Position liefert Heidegger einen alterna-
radigmas mentalistischer Philosophie (d. h. dessen, tiven, hermeneutischen Ansatz unserer Erfahrung,
was Heidegger das Subjekt-Objekt-Modell [S-O-Mo- der es ermöglicht, den Menschen als ein Wesen zu
dell] und Habermas das bewusstseinsphilosophische verstehen, das eine symbolisch strukturierte Welt
Paradigma nennt). Das ist die ausdrückliche Zielset- bewohnt, in der alles, dem es begegnet, bereits als et-
5. Hermeneutik und linguistic turn 31

was vorverstanden ist. Nach dem Vollzug einer sol- tik die methodologische Unmöglichkeit einer sol-
chen hermeneutischen Wende stellt sich die Welt chen Perspektive ohne Verlust des Objekts selbst
nicht mehr als Gesamtheit von Gegenständen dar, (Sprache als bedeutungstragende und -erzeugende
sondern als ein Verweisungszusammenhang von Be- menschliche Aktivität) einsieht. Habermas führt dies
deutsamkeit, der das Selbstverständnis des Daseins später in dem Aufsatz »Zum Universalitätsanspruch
ebenso sehr strukturiert wie das Verständnis all des- der Hermeneutik« so aus:
sen, was ihm in der Welt begegnen kann (Lafont »Nun hat uns die Hermeneutik darüber belehrt, daß wir,
2000, 2005). Die Grundzüge dieses hermeneutischen solange wir uns in einer natürlichen Sprache bewegen, stets
Modells einer sprachlich artikulierten, intersubjektiv beteiligt sind und hinter die Rolle des reflektierten Mitspie-
lers nicht zurücktreten können« (LSW, 344).
geteilten und gegenseitiges Verstehen ermöglichen-
den Lebenswelt arbeitete Gadamer in Wahrheit und Gleichzeitig ist sich Habermas allerdings auch sehr
Methode wesentlich ausführlicher aus, indem er das wohl der Schwierigkeiten bewusst, die diese Einsicht
vollzieht, was Habermas treffend als »die Urbanisie- für jeglichen Versuch mit sich bringt, die interne
rung der Heideggerschen Provinz« (PPP, 392 f.) be- Perspektive eines Teilnehmers an einer sprachlich
zeichnet hat. erschlossenen Lebenswelt mit der externen Perspek-
Habermas’ Übernahme entscheidender Einsich- tive des Gesellschaftskritikers in Einklang zu brin-
ten aus der hermeneutischen Konzeption der Le- gen, die das Vorhaben einer Kritischen Theorie er-
benswelt spielt für seinen eigenen Bruch mit dem fordert. Genau hierin liegt der Hauptangriffspunkt
bewusstseinsphilosophischen Paradigma eine ent- für Habermas’ Kritik an dem diesen Aufsatz moti-
scheidende Rolle. Die Auswirkungen dieses Paradig- vierenden Universalitätsanspruch der Hermeneutik.
mas hält er für den einschneidendsten Mangel der In dieser methodologischen Auseinandersetzung
Arbeiten der ersten Generation Kritischer Theoreti- werden zwei durchaus zu unterscheidende Problem-
ker. Wie er in einem Interview mit Peter Dews er- stränge sichtbar, die Habermas bereits in diesem frü-
klärt, blieb im theoretischen System der ersten Ge- hen Aufsatz identifiziert und in den folgenden Jahr-
neration Kritischer Theorie »[…] no room for ideas zehnten kontinuierlich ausarbeitet. Der erste ist de-
of the life-world or of life-forms […]. So they were skriptiver, der zweite normativer Natur.
not prompted to look into the no-man’s-land of eve- Auf der deskriptiven Ebene muss die Hermeneu-
ryday life« (Dews 1986, 196). Folglich unterblieb in tik unweigerlich relativ schnell an die Grenze ihrer
diesen Arbeiten auch eine detaillierte Auseinander- Erklärungsfähigkeit stoßen, weil Sprechern in der
setzung mit dem Phänomen sprachlicher Kommu- Situation der Teilnahme an einer geteilten Lebens-
nikation als dem Reproduktionsmechanismus le- welt der gleichzeitige Zugriff auf jene Art externen
bensweltlicher Strukturen. Habermas machte schon empirischen Wissens verstellt ist, das die rekon-
1967 in seinem Aufsatz »Zur Logik der Sozialwis- struktiven Wissenschaften bereitstellen. Wie Haber-
senschaften« ausdrücklich auf die Überlegenheit der mas bemerkt, klärt hermeneutische Selbstreflexion
hermeneutischen Sprachkonzeption gegenüber der »Erfahrungen auf, die dem sprechenden Subjekt im
aus Husserl’scher Perspektive ausgearbeiteten Phä- Gebrauch seiner kommunikativen Kompetenz wi-
nomenologie der Lebenswelt von Alfred Schütz, aber derfahren, aber sie kann diese Kompetenz nicht er-
auch gegenüber der »positivistischen Sprachanalyse« klären« (LSW, 337). Dieses Erklärungsdefizit macht
aufmerksam, die er zu dieser Zeit im Werk Wittgen- sich jedoch nicht allein im Hinblick auf die rekon-
steins (früh und spät) personifiziert sah. Während er struktiven Wissenschaften wie Linguistik und Ent-
letzteren eine Auffassung von Sprache als reinem wicklungspsychologie bemerkbar, die Habermas in
Kommunikationsinstrument zuschreibt, erkennt er diesem Aufsatz diskutiert. Es tritt auch mit Bezug
in der hermeneutischen Auffassung die Ausarbei- auf die meisten von den empirischen Wissenschaf-
tung einer konstitutiven, welterschließenden Di- ten (inklusive den Sozialwissenschaften) erarbeite-
mension des Sprachgebrauchs. Habermas zufolge ten Kausalerklärungen zutage. Wie Habermas in der
liegt der methodologische Hauptunterschied zwi- Theorie des kommunikativen Handelns im Detail
schen jenen Konzeptionen und der hermeneuti- darlegt, bleiben im Rahmen der bloßen Teilnehmer-
schen Konzeption darin, dass der Husserl’sche wie perspektive insbesondere jene systemischen Mecha-
auch der positivistische Ansatz von der Möglichkeit nismen verborgen, die von außen in die Lebenswelt
der Einnahme einer Außenperspektive ausgeht, von durchgreifen. Die adäquate Erfassung solcher Me-
der aus sich die Sprache objektivieren (d. h. als Ana- chanismen verlangt vom Sozialwissenschaftler die
lyseobjekt zurichten) lässt, während die Hermeneu- Einnahme einer externen Perspektive, wie sie
32 II. Kontexte

beispielsweise in der im weiteren Sinne funktionalis- gemaßten Anspruchs auf ein Wissensmonopol oder
tischen Tradition von Autoren wie Marx, Parsons einen privilegierten Zugang zur Wahrheit anderen
oder Luhmann übernommen wird. Unter diesem aufzuoktroyieren. Der Kritische Theoretiker ver-
Gesichtspunkt spiegeln sich in Habermas’ Kritik an komme damit unweigerlich zu einem verkappten
der Blindheit der Hermeneutik gegenüber den mate- »Sozialtechnokraten« (Gadamer 1971, 274 f.). In ei-
riellen (gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) Um- ner solchen Kritischen Theorie falle das vorgeblich
ständen lebensweltlicher Reproduktionsmechanis- emanzipatorische Interesse des Kritischen Theoreti-
men die Hauptargumente wider, die die Mitglieder kers letztlich einfach mit dem Interesse eines ›Sozial-
der ersten Generation Kritischer Theorie, und be- ingenieurs‹ in eins, der vorschreibt, ohne zuzuhören.
sonders Marcuse, bereits in den 30er Jahren gegen In scharfem Gegensatz dazu dürfe sich, so Gadamer,
Heideggers Ansatz geltend gemacht hatten (McCar- eine auf dem verständigungsorientierten Dialog fu-
thy 1991, 83–96). Selbstverständlich ist es eines, die ßende hermeneutische Sichtweise von Gesprächs-
Notwendigkeit der Integration der funktionalisti- teilnehmern nicht einfach selbst eine überlegene
schen und hermeneutischen Perspektiven zu er- Einsicht in den ›Selbstbetrug‹ anderer zuschreiben,
kennen, jedoch etwas wesentlich anderes und An- die von der Forderung nach Bestätigung dieser An-
spruchsvolleres, dann auch tatsächlich eine stim- sichten durch ein Gespräch mit diesen Teilnehmern
mige Darstellung für eine zugleich durch selbst- selbst befreit wäre. So besehen stellt die dem herme-
genügsame Systeme und durch die Lebenswelt neutischen Ansatz eigene normative Selbstbeschrän-
strukturierte Gesellschaft vorzulegen. Dieser The- kung eine echte Herausforderung für die Bestrebun-
menbereich soll jedoch an dieser Stelle nicht weiter gen kritischer Theorie dar. Denn schließlich stellt ja
vertieft werden, da er sicher die am wenigsten mit dieser Argumentation zufolge jegliche Abweichung
der Hermeneutik verknüpfte Seite der Kritischen von den Symmetriebedingungen unter gleichberech-
Theorie betrifft. Stattdessen wenden wir uns nun ei- tigten Gesprächspartnern automatisch die Legitimi-
ner anderen Schwierigkeit normativer Natur zu, die tät der Kritik des Theoretikers ebenso in Frage wie
sich aus dem Versuch ergibt, Hermeneutik und Kri- sein Recht, anderen seine eigenen Ansichten über
tische Theorie miteinander in Einklang zu bringen. die wohlgeordnete Gesellschaft aufzuzwingen. Im
Während die gerade angeführten Grenzen der Er- Rückblick kann man in Habermas’ Theorie kommu-
klärungsfähigkeit des hermeneutischen Ansatzes nikativen Handelns zwei Hauptstrategien erkennen,
nämlich deutlich auf einen Mangel des letzteren auf- sich dieser Herausforderung zu stellen, ohne die An-
merksam machen und seine Erweiterung durch die liegen und die Möglichkeit einer kritischen Gesell-
Integration des in den Sozialwissenschaften verfüg- schaftstheorie preiszugeben. Diese beiden Strategien
baren empirischen Wissens nahelegen, kann man stellen zugleich das Herzstück von Habermas’ eige-
dasselbe nicht über die normativen Grenzen sagen, nem Vorgehen als kritischer Theoretiker dar.
die der hermeneutische Ansatz den gesellschaftskri- Die erste Strategie betrifft das Kernstück des her-
tischen Zielsetzungen des Sozialtheoretikers aufer- meneutischen Ansatzes, nämlich dessen Auffassung
legt. Denn indem letzterer zugesteht, dass »[…] wir, von der Sprache als lebensweltlich konstitutiv. Ha-
solange wir uns in einer natürlichen Sprach bewe- bermas’ Auffassung von Kommunikation lässt sich
gen, stets beteiligt sind und hinter die Rolle des re- hier zwar nicht im Einzelnen schildern (s. Kap. III.5),
flektierten Mitspielers nicht zurücktreten können«, aber es bedarf dennoch der kurzen Erwähnung des
setzt er ja augenscheinlich genau die Autorität aufs entscheidenden Ansatzpunkts, dank dessen Haber-
Spiel, derer er bedarf, um das bestehende gesell- mas’ Theorie sich deutlich von der Hermeneutik ab-
schaftliche Selbstverständnis als ideologisch kritisie- setzt, nämlich die Fähigkeit letzterer, externalistische
ren zu können. Gadamer brachte dies in der be- Elemente im Rahmen der Erläuterung sprachlicher
rühmt gewordenen Kontroverse mit Habermas (vgl. Verständigung unterzubringen (Lafont 1999, 227–
Gadamer 1986, 219–75, sowie LSW, 331–68) mit 274). Das bedarf einer kurzen Erklärung.
dem Hinweis auf den Punkt, dass der ideologiekri- Gemäß dem hermeneutischen Ansatz stellt eine
tisch arbeitende Gesellschaftstheoretiker die Sym- geteilte Welterschließung oder, in Gadamers Wor-
metrie des Dialoges unter Gesprächspartnern zu- ten, eine gemeinsame Tradition die Grundvoraus-
gunsten der Einnahme einer Außenperspektive setzung jeglicher Verständigung oder jeglicher Ein-
durchbrechen müsse und damit lediglich dazu in der verständnisse dar, die Sprecher durch Gespräche
Lage sei, seine eigenen Ansichten über die richtige zustande bringen können. Sobald dies jedoch zuge-
Gesellschaftsform auf der Grundlage eines selbstan- standen wird, drängt sich unmittelbar die Frage auf,
5. Hermeneutik und linguistic turn 33

wie Sprecher je in die Lage kommen können, eine nikation von den Beteiligten, dass sie in wie auch
solche faktisch geteilte Welterschließung in Frage zu immer kontrafaktischer Weise zwischen jedermanns
stellen oder gar zu revidieren, oder auch nur mit an- (miteinander unverträglichen!) Überzeugungen und
deren zu kommunizieren, die nicht demselben Kon- der vorausgesetzten Weltordnung unterscheiden. In
text der Welterschließung angehören. Die so ver- Habermas’ eigener Terminologie müssen sie im In-
standene sprachliche Welterschließung scheint ge- teresse gegenseitiger Verständigung einen ›reflexi-
nauso unrevidierbar von innen wie unzugänglich ven Weltbegriff‹ erwerben. Die formale Vorausset-
von außen. Um solchen kontraintuitiven Konse- zung einer einzigen objektiven Welt verdankt sich
quenzen aus dem Weg zu gehen, weist Habermas in somit lediglich dem universalen Geltungsanspruch,
der Kontroverse mit Gadamer die seitens der Her- der den von den Sprechern vollzogenen Sprechakten
meneutik erhobene Behauptung zurück, dass Ver- inhärent ist. Sie ist nichts weiter als ein Ausdruck der
stehen nur auf der Grundlage eines faktischen Ein- rationale Kritik und gegenseitige Lernprozesse er-
verständnisses von Sprechern untereinander mög- möglichenden Kommunikationsregel, dass von zwei
lich sei, die demselben Welterschließungskontext entgegengesetzten Ansichten nur eine richtig sein
angehören. Stattdessen führt Habermas die Mög- kann. Auf diese Weise ergeben der formale Weltbe-
lichkeit von Verstehen auf ein ›kontrafaktisches Ein- griff und die drei universalen Geltungsansprüche
verständnis‹ zurück, das die Sprecher allein auf- zusammen ein Koordinatensystem, das die Interpre-
grund ihrer Kommunikationskompetenz gemein tationsanstrengungen von Kommunikationsteilneh-
haben. Dieses kontrafaktische Einverständnis basiert mern selbst dann auf ein gemeinsames Verständnis
auf lediglich formalen Voraussetzungen und ist da- zu lenken vermag, wenn ihre Überzeugungen oder
mit nicht von geteilten Inhalten oder der gemeinsa- Weltbilder auseinandergehen. Genau dieser formale
men Teilhabe der Gesprächspartner an einer be- Rahmen schafft Sprechern die Voraussetzung, sich
stimmten Welterschließung abhängig. Habermas’ auf dieselben Gegenstände beziehen zu können,
Theorie kommunikativer Vernunft (s. Kap. III.5) wenn ihre Interpretationen derselben auch vonein-
nach müssen an innerweltlicher Verständigung inte- ander abweichen (WR, 44 ff.). Infolgedessen steht ih-
ressierte Gesprächspartner die Wahrheit dessen, was nen ein für Meinungsverschiedenheiten und Kritik
sie sagen, die normative Richtigkeit der von ihnen notwendiger, bestimmten Inhalten gegenüber exter-
mit ihren Sprechakten eingegangenen Interaktion ner Standpunkt jederzeit offen, ohne dass sie da-
sowie die Wahrhaftigkeit ihrer Sprechaktangebote durch zum Verlassen der geteilten Kommunikati-
unterstellen. Diesen drei Geltungsansprüchen onssituation gezwungen wären. Da eine solche
(Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit) entspre- externalistische Perspektive jedem Kommunikati-
chend müssen Sprecher ebenfalls den Begriff einer onsbeteiligten gleichermaßen offen steht, kann Ha-
für alle möglichen Beobachter gleichen objektiven bermas Gadamers Vorwurf erfolgreich zurückwei-
Welt gemeinsam haben. sen, dass der Kritische Theoretiker im Interesse der
Wie Habermas in der Theorie des kommunikati- Durchführung seines kritischen Vorhabens die Sym-
ven Handelns erläutert, müssen »Aktoren, die Gel- metrie verständigungsorientierter Kommunikation
tungsansprüche erheben, [...] darauf verzichten, das durchbrechen und zu einem verkappten ›Sozialtech-
Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit, von Kom- nokraten‹ verkommen müsse. Habermas macht dies
munikationsmedien und dem, worüber kommuni- in der Theorie des kommunikativen Handelns wie
ziert wird, inhaltlich zu präjudizieren« (TKH I, 82). folgt geltend:
Nur dadurch wird es möglich, dass »die Inhalte des »Wer, was die Beteiligten bloß voraussetzen, zum Thema
sprachlichen Weltbildes von der supponierten Welt- macht und eine reflexive Einstellung zum Interpretandum
ordnung selbst abgelöst werden« (ebd.). Dies wiede- einnimmt, stellt sich nicht außerhalb des untersuchten
rum ergibt sich als direktes Erfordernis, wenn es Ge- Kommunikationszusammenhangs, sondern vertieft und
sprächspartnern darauf ankommt, herauszufinden, radikalisiert diesen auf einem Wege, der prinzipiell allen
Beteiligten offen steht« (TKH I, 188).
ob sich die Dinge so verhalten, wie sie meinen, oder
aber so sind, wie jemand anderes denkt; denn in die- Diese Bemerkung bringt allerdings auch schon die
ser Situation können sie ja offensichtlich nicht wei- zweite von Habermas im Zusammenhang mit der
terkommen, solange jeder dogmatisch seine eigene hermeneutischen Herausforderung verfolgte Haupt-
Sichtweise mit den tatsächlich in der Welt vorliegen- strategie ins Spiel. Denn durch die Verortung der
den Umständen identifiziert. Aus diesem einfachen Möglichkeit der Einnahme einer externalistischen
Grund verlangt verständigungsorientierte Kommu- Perspektive in der Struktur verständigungsorientier-
34 II. Kontexte

ter Kommunikation selbst gelingt es Habermas auch, retische Rekonstruktion von sozialen Bedingungen,
den von Gadamer gegen seine Version der Kriti- die für die rationale Bestätigung oder Verwerfung
schen Theorie in den 70er Jahren vorgebrachten Pa- politischer Vorschläge durch die Gesamtheit der
ternalismusvorwurf zu entkräften. Allerdings wird Bürger erforderlich sind, gibt der Theoretikerin ei-
zugleich klar, dass diese Strategie auf der Übernahme nen gewichtigen Maßstab für die Bewertung beste-
des in Gadamers Vorwurf in Anschlag gebrachten hender gesellschaftlicher Zustände an die Hand, mit-
Legitimitätskriteriums beruht, dass nämlich das tels dessen die der Fortschreibung traditioneller Un-
letzte Kriterium für die Berechtigung von Kritik gerechtigkeiten dienenden sozialen Verhältnisse
oder von Vorschlägen zur gesellschaftlichen Verbes- rational kritisierbar werden. Gleichzeitig verdankt
serung aus dem tatsächlichen Dialog aller Beteilig- sich die Einsicht in diesen Maßstab jedoch auch nicht
ten hervorzugehen hat. Daher muss die Kritische dem privilegierten Zugang zur Wahrheit auf Seiten
Theoretikerin unabhängig von der eventuell vorlie- der Theoretikerin, sondern seiner Verankerung in
genden Überlegenheit ihres empirischen und theo- den von den Beteiligten immer schon geteilten Kom-
retischen Wissens sich selbst als Teilnehmerin unter munikationspraktiken. Folglich steht diese Art der
gleichen einreihen, um ihre Kritik und ihre Vor- Kritik nicht nur allen Beteiligten offen, sondern ist
schläge im tatsächlichen Dialog mit den Betroffenen darüberhinaus auch öffentlich an sie adressiert.
zu verifizieren. Wie Habermas in Faktizität und Gel- Wie erfolgreich der Habermas’sche Ansatz kriti-
tung pointiert bemerkt, »gibt es in Begründungsdis- scher Theorie letztlich in all seinen Anliegen ist, muss
kursen grundsätzlich nur Beteiligte« (FG, 212). hier offen bleiben. Die Reichweite der Theorie kom-
In dieser Einsicht ist Habermas’ unverwechselba- munikativer Vernunft, auf dem er beruht, ist so atem-
rer Beitrag zur Weiterentwicklung der Kritischen beraubend, dass allein im Fortgang der Forschung zu
Theorie zu sehen. Dem Habermas’schen Ansatz zu- entscheiden sein wird, welche der zahlreichen für
folge steht es der Kritischen Theoretikerin nämlich den durchgängigen Erfolg erforderlichen Annahmen
nicht länger frei, ihre Kritik vorherrschender gesell- sich bewähren, und welche modifiziert oder revidiert
schaftlicher Verhältnisse einfach auf ihre eigene Auf- werden müssen. Nichtsdestoweniger ist unbestreit-
fassung der wohlgeordneten Gesellschaft und des bar, dass in Habermas’ Ansatz eine echte, kritikfähige
guten Lebens zu gründen. Stattdessen hat sie den Alternative zur Hermeneutik vorliegt.
Bürgern selbst Raum für die Bestimmung, Entwick-
lung und Verfolgung ihrer unterschiedlichen kollek- Literatur
tiven und individuellen Lebenspläne zu geben (FG, Dews, Peter (Hg.): Autonomy and Solidarity. Interviews
107–110). Diese entschieden demokratische Wende with Jürgen Habermas. London 1986.
Kritischer Theorie erlaubt nun die Rechtfertigung Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Tübingen
der Behauptung, dass die in die von der Theoretike- 1960.
–: Hermeneutik II. Gesammelte Werke 2. Tübingen 1986.
rin vorgetragene Kritik eingehenden Wertungen den –: »Die Universalität des hermeneutischen Problems«
Raum der Bürger zur politischen Selbstbestimmung [1966]. In: Gadamer 1986, 219–231.
nicht illegitim beschränken. Damit muss die von ihr –: »Rhetorik, Hermeneutik und Ideologiekritik. Metakriti-
entwickelte Kritik jedoch auch nicht zwangsläufig sche Erörterungen zu Wahrheit und Methode« [1967].
auf den fragwürdigen Versuch von Seiten der Theo- In: Gadamer 1986, 232–250.
–: »Replik zu Hermeneutik und Ideologiekritik« [1971]. In:
retikerin hinauslaufen, ihre eigenen politischen Vor-
Gadamer 1986, 251–275.
lieben bezüglich der wohlgeordneten Gesellschaft Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Tübingen 1927.
unter dem Deckmantel einer selbstverkündeten epi- Lafont, Cristina: The Linguistic Turn in Hermeneutic Philo-
stemischen Autorität zu befördern. sophy. Cambridge, Mass. 1999.
Mit diesem Vorschlag lässt Habermas’ Ansatz Kri- –: Heidegger, Language and World-Disclosure. Cambridge,
Mass. 2000.
tischer Theorie die paternalistischen Tendenzen des
–: »Heidegger’s Hermeneutics«. In: Hubert Dreyfus/Mark
traditionellen Marxismus zugunsten der Betonung Wrathall (Hg.): The Blackwell Companion to Heidegger.
der normativen Bedeutung der politischen Selbstbe- Cambridge, Mass. 2005, 265–284.
stimmung von Seiten der Bürger hinter sich. Aller- McCarthy, Thomas: Ideals and Illusions. On Reconstruction
dings fällt er damit auch nicht der hermeneutischen and Deconstruction in contemporary Critical Theory.
Versuchung anheim, den Beteiligten und ihren ange- Cambridge, Mass. 1991.
Taylor, Charles: »Self-interpreting Animals«. In: Ders.: Hu-
stammten Traditionen blind die alleinige Entschei- man Agency and Language. Philosophical Papers. Bd. 1.
dung über die moralische Qualität der von ihnen Cambridge, Mass. 1985, 45–76.
vollzogenen Praktiken zu überlassen. Denn die theo- Cristina Lafont
35

6. Sprechakttheorie hat sich jedoch nicht durchsetzen können. Neben


phonetischen und lexikalischen (»phatischen«) Teil-
handlungen sollte der lokutionäre den »rhetischen«
Die systematische Beschäftigung mit Sprechhand- Akt umfassen, Ausdrücke mit einer bestimmten Be-
lungen beginnt mit einer Korrektur, die John deutung zu verwenden. Searle hat zu Recht einge-
Langshaw Austin an seinem ursprünglichen Kon- wandt, dass auch Indikatoren, die zum illokutionä-
zept performativer Äußerungen vornimmt. Austin ren Akt gehören, etwa performative Verben wie »be-
war der Ansicht, dass die Sprachphilosophie den fehlen« und »behaupten«, etwas bedeuten (1968,
Aussagecharakter sprachlicher Äußerungen über- 407). Im Rückgriff auf Frege ersetzt Searle daher
bewertet und demgegenüber die Bedeutung der Austins Differenzierung durch die abstraktere Un-
Handlungen, die man mit Äußerungen vollziehen terscheidung zwischen propositionalen und illoku-
kann, unterschätzt. Während er zunächst glaubte, tionären Akten, die den Aspekt des Gehalts (der Pro-
konstative Äußerungen, die wahr oder falsch sein position) von der Kraft oder Rolle der Äußerung
können, von performativen Äußerungen, die glü- (der Illokution) trennt, aber nicht mehr zwischen
cken oder scheitern, aber weder wahr noch falsch dem Gesagten und dem Getanen unterscheidet. Ne-
sein könnten, abgrenzen zu können, muss er am ben der illokutionären Kraft identifizieren Austin
Ende seiner William James-Vorlesungen eingeste- und Searle auch perlokutionäre Effekte von Sprech-
hen, dass auch manche performativen Äußerungen handlungen, beispielsweise dass man jemanden da-
auf Wahrheit/Falschheit Anspruch erheben und durch ängstigen oder erfreuen kann, dass man an-
auch konstative Äußerungen missglücken können kündigt, das Salz zu reichen. Als Wirkungen oder
(Austin 1972). Der Inhalt einer Warnung, die nicht Folgen von Handlungen sind Perlokutionen nicht
eintrifft, ist eben falsch, und eine Tatsachenfeststel- unmittelbar Teil der Kommunikation, während das
lung über den gegenwärtigen König von Frankreich bei illokutionären Erfolgen immer der Fall sei.
wird daran scheitern, dass er nicht existiert. Austin Eine Möglichkeit, illokutionäre Aspekte von
unterscheidet zwei Arten möglicher Fehlschläge: Sprechakten von ihren perlokutionären Effekten zu
Solche, bei denen keine erfolgreiche Äußerung voll- unterscheiden, liegt Austin zufolge darin, dass perlo-
zogen wird, etwa wenn es an der für Befehle not- kutionäre Effekte nicht per Konvention in Kommu-
wendigen Autorisierung fehlt, und solche, bei denen nikationshandlungen inbegriffen sein können. Es
ein erfolgreicher, aber defizitärer Sprechakt vollzo- gibt beispielsweise keinen Sprechakt des Überzeu-
gen wird, etwa in der inkonsequenten oder unauf- gens, der lautete: »Hiermit überzeuge ich Sie ...«.
richtigen Äußerung eines Versprechens, an das man Dies wirft die Frage auf, in welchem Sinn illokutio-
sich nicht halten will. Letztlich gibt es auch keine le- näre Akte konventionell sind. Für Austin und Searle
xikalischen oder grammatischen Eigenschaften, an- hat die Konventionalität illokutionärer Akte eine so-
hand derer man konstative von performativen Äu- ziale, grammatische und semantische Dimension.
ßerungen ausnahmslos unterscheiden könnte. Im Institutionell gebundene Sprechhandlungen, die
zweiten Teil seiner Theorie der Sprechakte überwin- Austin häufig als Beispiele heranzieht, setzen etab-
det Austin daher die Trennung zwischen performa- lierte soziale Konventionen voraus. Wenn ich bean-
tiven und konstativen Äußerungen zugunsten einer spruche, ein Schiff zu taufen oder einer Person etwas
Unterscheidung verschiedener Typen von Perfor- zu befehlen, sollte ich in einer bestimmten sozialen
mativa, unter die auch konstative Sprechakte einge- Position sein, weil ansonsten die Glückensbedingun-
reiht werden. gen des Versuchs nicht erfüllt sein werden. Ein ande-
Austin kann nun an Äußerungshandlungen eine rer Sinn von Konventionalität kommt ins Spiel, wenn
einheitliche Struktur ablesen: man sagt etwas (loku- Austin und Searle behaupten, es sei stets gramma-
tionärer Akt), gleichzeitig tut man etwas, indem man tisch möglich, die Kraft einer Äußerung durch aus-
etwas sagt (illokutionärer Akt), und erreicht mögli- drückliche Verwendung von Indikatoren herauszu-
cherweise etwas dadurch, dass man etwas sagt (per- stellen. Dass ich das Land verlassen werde, kann ich
lokutionärer Akt). Lokutionärer und illokutionärer durch die Verwendung eines performativen Verbs
Akt können nicht separat vollzogen, wohl aber un- als Versprechen deklarieren: »Ich verspreche, dass
abhängig voneinander variiert werden: Was man ich das Land verlassen werde.« In dieser Bedeutung
sagt, kann gleich bleiben, während die illokutionäre von sprachlicher Konventionalität liegt die prinzipi-
Kraft oder Rolle der Äußerung variiert und umge- elle Offenkundigkeit oder doch zumindest Offenleg-
kehrt. Austins Vorstellung eines lokutionären Aktes barkeit von illokutionären Rollen begründet, die für
36 II. Kontexte

perlokutionäre Effekte nicht gelten kann. Die Spre- und Wörtlichkeit des Sprachgebrauchs nicht ihrer-
cherin macht durch die Verwendung geeigneter seits konventionell signalisiert werden.
Kraft-Indikatoren deutlich und nimmt gleichzeitig Strawson hat darüber hinaus Zweifel an der not-
vorweg, um welchen illokutionären Akt es sich bei wendigen Konventionalität illokutionärer Akte ge-
ihrer Äußerung handelt. Aufgrund ihrer grammati- weckt und stattdessen ein Kontinuum zwischen völ-
schen Konventionalität liegt der Vollzug illokutionä- lig konventionellen und überhaupt nicht konventio-
rer Akte (vorausgesetzt, die Äußerung wird verstan- nellen Sprechhandlungen skizziert (Strawson 1964).
den) allein in der Hand der Sprecherin. Eine dritte An die Stelle einer rein konventionalistischen Be-
Dimension von Konventionalität resultiert schließ- deutungstheorie setzt er eine Kombination aus Aus-
lich aus der Regelauffassung sprachlicher Bedeu- tins Regelkonzeption der Bedeutung und H. P. Grice’
tung, die sich auf illokutionäre wie propositionale bedeutungsnominalistischer Idee der Sprecherbe-
Anteile erstreckt. Austin und Searle sind der An- deutung (vgl. auch Searle 1972). Grice’ Idee war in
sicht, sprachliches Handeln basiere auf der Aktuali- groben Zügen die, dass eine Person, damit sie mit ei-
sierung der wörtlichen Bedeutung von Ausdrücken ner Äußerung etwas meinen kann, mindestens drei
in »ernsthaften und aufrichtigen« Äußerungen, und Dinge beabsichtigen muss: dass sie eine gewisse Re-
die Möglichkeit von Nicht-Standardverwendungen aktion beim Hörer erzielt, dass diese Absicht erkannt
sprachlicher Ausdrücke hänge »parasitär« von ihrer wird, und schließlich, dass das Erkennen dieser Ab-
Standardverwendung ab. sicht dem Hörer einen Grund gibt, die intendierte
Nicht alle Sprechhandlungen erfüllen das Muster Reaktion zu zeigen (Grice 1976). Auf die For-
expliziter, ernsthafter und aufrichtiger wörtlicher schungsliteratur, die diese Konzeption entwickelt
Äußerungen; Austin zählt etwa ironische, monologi- und erörtert hat, kann hier nicht eingegangen wer-
sche, dramaturgische oder poetische Rede zum den (vgl. Avramides 1989). Unumstritten ist, dass
nicht-standardgemäßen Sprachgebrauch. Derrida Grice’ Programm, indem es auf die Konventionali-
hat die Rede vom parasitären Charakter »nicht- tätsunterstellung illokutionärer Akte verzichtet und
ernsthafter« Sprachverwendung seinerseits ironi- auf das Erreichen einer Reaktion beim Hörer ab-
siert und stattdessen die für verschiedenste gleich- stellt, illokutionäre Aspekte perlokutionären Effek-
rangige Verwendungen offene »Iterierbarkeit« der ten von Sprechhandlungen angleicht. Ob sich die
immer gleichen Sprachzeichen als Kern sprachli- Differenzierung zwischen Illokution und Perloku-
chen Verhaltens ausgezeichnet (Derrida 1985). tion dann terminologisch dadurch beibehalten lässt,
Searle (1977, 205) hat Derridas Kritik an der Parasi- dass ein spezieller Fall von Effekt – das Verstehen
tismusthese zurückgewiesen: »[T]here could not, for der Äußerungsbedeutung als Inhalt, den der Spre-
example, be promises made by actors in a play if cher zu erkennen geben wollte – als illokutionärer,
there were not the possibility of promises made in nicht aber perlokutionärer Erfolg deklariert wird
real life«. Searle erörtert jedoch nicht die Frage, ob (Hornsby 2006), oder ob man die Kröte schlucken
die Möglichkeit ihrer dramaturgischen (unaufrichti- und alle illokutionären Akte als perlokutionäre Akte
gen, ironischen etc.) Verwendung nicht umgekehrt analysieren muss, die aber über die kritische Eigen-
ebenfalls eine notwendige Bedingung für die Exis- schaft der Offenheit der kommunikativen Intention
tenz ernsthafter Versprechen im wirklichen Leben verfügen (Meggle 1997), die auch für die Konventio-
ist. Selbst wenn sich eine so starke Auffassung von nalisten das zentrale Merkmale illokutionärer Akte
der komplementären Notwendigkeit standardgemä- ist, ist bisher offengeblieben. Bis in die Gegenwart
ßer und wie immer kreativ-abweichender Verwen- hinein ist die Debatte über Intention und Konven-
dung nicht halten lassen sollte, kann sich die Kritike- tion in Sprechakten nicht entschieden. Konventio-
rin der konventionalistischen Auffassung auf die nalistische Ansätze beanspruchen weiterhin Voll-
These zurückziehen, dass der Standardgebrauch von ständigkeit, nicht zuletzt, um eine bedeutungsvolle
Äußerungen faktisch jederzeit von der Möglichkeit Unterscheidung zwischen illokutionären und perlo-
einer abweichenden Verwendung begleitet wird. Die kutionären Akten aufrechterhalten zu können (Als-
Existenz konventioneller Kraft-Indikatoren etwa ist ton 2000).
mit der Ausbeutbarkeit solcher Indikatoren im unei- Habermas’ Aufnahme der Sprechakttheorie ist
gentlichen Sprechen gleichbedeutend (Davidson sprachphilosophisch und rationalitätstheoretisch
1982). Auch wenn ernsthafte und wörtliche Äuße- motiviert. Sprachphilosophisch kann die Sprechakt-
rungen sich stets Konventionen des Sprachgebrauchs theorie dazu beitragen, semantizistische Verkürzun-
zunutze machen können, können Ernsthaftigkeit gen in der Bedeutungstheorie zu vermeiden. Die tra-
6. Sprechakttheorie 37

ditionelle Bedeutungstheorie hatte zugunsten der als Festlegung auf etwas (Searle 1972) bzw. als Über-
Analyse propositionaler Gehalte auf die Analyse des nahme von Verantwortung für etwas (Alston 2000)
Handlungsaspekts der Kraft verzichtet und die Be- charakterisiert wird. Äußerungen »gelten als« etwas,
deutung aller Äußerungen an die von Behauptungen das dem Sprecher dann zugerechnet werden kann.
assimiliert. Gleichzeitig bietet die Analyse der illo- Gleichzeitig treten Geltungsansprüche an die Stelle,
kutionären Kraft, wie sie von der Sprechakttheorie die der Wahrheitsbegriff in der klassischen Semantik
identifiziert wurde, nach Habermas’ Interpretation innehatte, die die Bedeutung sprachlicher Ausdrü-
die Chance, den »Sitz der Rationalität« im illokutio- cke mit den Bedingungen, unter denen sie zutreffen,
nären Bestandteil von Äußerungen wahrzunehmen identifizierte. Wenn die Sprechhandlung »gilt«, dann
(ND, 125), um so individualistische und teleologi- verhält es sich so, wie in ihr ausgedrückt. Habermas’
sche Abstraktionen der zeitgenössischen Hand- Brückenschlag zwischen dem Verstehen von Äuße-
lungstheorie zu korrigieren und den Kern eines al- rungen und den Bedingungen ihrer Akzeptabilität
ternativen Vernunftkonzepts in den illokutionären erweitert auch das Verständnis der Illokution. Ein
Angeboten zu sprachlicher Verständigung aufzusu- erfolgreich vollzogener Sprechakt erreicht illokutio-
chen. Was die Kritik der semantizistischen Abstrak- näre Ziele im engeren Sinn, insofern er verstanden
tionen betrifft, so orientiert sich Habermas an Karl wird, und im weiteren Sinn, indem er vom Hörer ak-
Bühlers Schema der Sprachfunktionen, das zwischen zeptiert wird. Während Habermas die Bestimmung
der Verständigung über Sachverhalte in der Welt, des illokutionären Erfolgs im engen Sinn mit Auto-
der Herstellung interpersonaler Beziehungen und ren wie Austin, Strawson und Searle teilt, die als illo-
dem Ausdruck von Intentionen oder Erlebnissen kutionären Akt das verstehen, was eine Sprecherin
differenziert (Bühler 1934, ND, 105). Er unterschei- unter normalen Umständen vorwegnehmen neh-
det entsprechend zwischen behauptendem, regulati- men kann, liegt für Habermas der illokutionäre Er-
vem und expressivem Sprachgebrauch und ersetzt folg im weiteren Sinn gerade in dem, was von der
durch diese Klassifikation die eher induktiv erstell- Sprecherin nicht zu antizipieren ist, nämlich ob der
ten alternativen Taxonomien von Austin und Searle. Hörer das einseitige Sprechaktangebot akzeptiert.
Habermas betont, dass alle Sprechhandlungen prin- Auch in seiner These vom bedeutungstheoreti-
zipiell in Bezug auf alle drei Funktionen untersucht schen Primat verständigungsorientierter Sprechakte
werden können – das Ausdrücken einer Proposition, geht Habermas über die klassische Sprechakttheorie
die Herstellung einer intersubjektiven Beziehung hinaus. Hauptgesichtspunkt der Unterscheidung
und das Äußern von Intentionen –, dass aber eine zwischen verständigungsorientierten und strategi-
der drei Dimensionen in jedem Sprechakt im Vor- schen Sprechhandlungen ist, ob eine Sprecherin illo-
dergrund steht oder »thematisch wird«. Die ent- kutionäre Ziele (also das Verstehen und Akzeptieren
scheidende Innovation liegt nun darin, dass den drei von Äußerungen) nur konditional zu Gründen und
Bedeutungsdimensionen entsprechende Register Einwänden, die sich auf die erhobenen Geltungsan-
von Geltungsansprüchen zugeordnet werden, näm- sprüche richten können, verfolgt. Verständigungs-
lich Ansprüche der propositionalen Wahrheit, der orientiertes oder kommunikatives Handeln sei der
normativen Richtigkeit und der expressiven Auf- Originalmodus sprachlicher Verständigung, wäh-
richtigkeit (oder künstlerischen Stimmigkeit, die rend strategisches Handeln einen abgeleiteten Status
später aus dem dritten Geltungsanspruch ausdiffe- habe (TKH I, 388). Habermas’ Adaption von Austins
renziert wird, DM, 366), die jeweils mit unterschied- und Searles Parasitismusthese ist zugeschnitten auf
lichen Typen von Gründen eingelöst werden können. verdeckt strategische Handlungen, bei denen ein
Mit der Einführung von Geltungs- oder Akzeptabili- weitergehendes, nichtdeklariertes Ziel nur unter der
tätsansprüchen in die Analyse von Sprechhandlun- Bedingung erreicht werden kann, dass ein anderes
gen wird die Fusion bedeutungs- und rationalitäts- illokutives Ziel offen angestrebt wird. Schwieriger ist
theoretischer Thesen möglich, die sich in der be- die Erfassung offen erfolgsorientierter Sprechhand-
rühmten Formel äußert: »Wir verstehen einen lungen wie Drohungen, bargaining oder mancher
Sprechakt, wenn wir wissen, was ihn akzeptabel Befehle. Sie erscheinen zunächst als nicht verständi-
macht« (TKH I, 400). gungsorientiert, da sie ihre Akzeptabilität aus-
Geltungsansprüche übernehmen in Habermas’ schließlich ihrer Sanktionsbewehrung verdanken
pragmatischer Bedeutungstheorie zwei Funktionen. und sie ihr illokutionäres Ziel, vom Hörer akzeptiert
Sie zeigen die unvermeidliche Selbstbindung des zu werden, unabhängig von möglichen Einwänden
Sprechers an, die in der klassischen Sprechakttheorie gegen ihre normative Richtigkeit verfolgen. Solche
38 II. Kontexte

»einfachen Aufforderungen« sind aber verständlich tion charakteristische Phänomen noch nicht erfasst
auch für Hörer, denen wir nicht unterstellen, dass sie werden, dass illokutionäre Ziele im weiteren Sinn
(bereits) über verständigungsorientierte Sprach- häufig nur unter dem Vorbehalt verfolgt werden
kompetenz verfügen (Habermas 1986, 401), ihr Ver- können, dass die in ihnen erhobenen Geltungsan-
stehen kann also nicht rein abgeleiteten Status ha- sprüche nicht bestritten werden (kommunikatives
ben. Habermas hat sie daher zunächst als Grenzfälle Handeln im starken Sinne). Der Vorbehaltlosigkeit,
verständigungsorientierten Handelns aufgefasst. In mit der die illokutionäre Kraft einer Äußerung öf-
jüngeren Arbeiten hat er sich der Herausforderung fentlich gemacht werden muss, korrespondiert im
gestellt und eine neue Systematisierung innerhalb kommunikativen Handeln die Vorbehaltlichkeit
des kommunikativen Handelns eingeführt. Er unter- weitergehender Handlungsziele: Werden die Gel-
scheidet nun kommunikatives Handeln in einem tungsgründe einleuchtend bestritten, ist der Spre-
schwachen Sinne (das auch rein sanktionsgestützte cher rational gebunden, seinen Anspruch zurückzu-
Sprechhandlungen umfasst) vom auf intersubjektiv nehmen. Gegenüber der klassischen Sprechakttheo-
geteilte Gründe gestützten, kommunikativen Han- rie verfolgt die Theorie kommunikativen Handelns
deln im starken Sinne (WR, 122). also ein ehrgeizigeres Programm der Analyse sprach-
Eine zweite »Originalmodus«-These vertritt Ha- licher Normativität. Allerdings ist gegen die verbrei-
bermas mit Austin und Searle, und gegen Derrida tete Kritik einer vermeintlich allzu normativisti-
und Davidson, in Bezug auf die wörtliche Bedeutung schen Sicht von Sprechhandlungen auf den spezifi-
von Äußerungen, von deren Verständnis das Verste- schen und begrenzten Typ der Normativität
hen jeglicher Nicht-Standardverwendung wiederum hinzuweisen, die sich in der Festlegung einer Spre-
abhängig sei. Habermas führt daher die Norm, cherin auf Bedeutung und Geltung erschöpft. Ha-
sprachliche Ausdrücke bedeutungsidentisch zu ver- bermas hat stets betont, dass es sich bei den dem
wenden, in Analogie zu den drei Geltungsansprü- kommunikativen Handeln innewohnenden Stan-
chen ein. Im Gegensatz zu Searle betont Habermas dards von Bedeutungs- und Geltungsnormativität
aber, dass die Unterstellung von Sprecherin und Hö- nicht um moralische oder anderweitig präskriptive
rer, ihre Ausdrücke bedeutungsidentisch über die Normen handelt (NR, 103).
Zeit hinweg zu verwenden, im Normalfall eine fal-
sche, kontrafaktische Annahme ist. Die These vom Literatur
Originalmodus der wörtlichen Verwendung von Alston, William P.: Illocutionary Acts and Sentence Mean-
Ausdrücken ist also von vornherein nicht so zu ver- ing. Ithaca/London 2000.
stehen, dass Kompetenz in Bezug auf wörtliche Be- Austin, John L.: Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart 1972
deutung als hinreichende Bedingung für Sprachver- (engl. 1962).
stehen aufgefasst wird. Die wichtige Frage ist, ob sie Avramides, Anita: Meaning and Mind: An Examination of a
Gricean Account of Language. Cambridge 1989.
in jedem Einzelfall eine notwendige Bedingung ist.
Bühler, Karl: Sprachtheorie. Jena 1934.
Davidson hat Versprecher und Scherze als Beispiele Davidson, Donald: »Communication and Convention«. In:
dafür angeführt, dass die Verfügung über die wörtli- Ders.: Inquiries into Truth and Interpretation. Oxford
che Bedeutung des Gesagten in manchen Fällen we- 1982, 265–280.
der hinreichend noch notwendig für das Verstehen –: »A Nice Derangement of Epitaphs«. In: Ernest LePore
einer Äußerung ist (Davidson 1986). (Hg.): Truth and Interpretation. Perspectives on the Philo-
sophy of Donald Davidson. Oxford 1986, 433–446.
Wenn Habermas sich entschieden auf die Seite Derrida, Jacques: »Signature Event Context« [1972]. In:
der Konventionalisten gegen die Intentionalisten in Ders.: Margins of Philosophy. Chicago 1985, 308–330.
der Sprechakttheorie schlägt, so stützt er sich vor al- Grice, H. Paul: »Intendieren, Meinen, Bedeuten«. In: Georg
lem auf rationalitätstheoretische Argumente, da die Meggle (Hg.): Handlung, Kommunikation, Bedeutung.
Vernünftigkeit sprachlichen Handelns in Grice’ Sinn Frankfurt a. M. 1976, 377–389 (engl. 1957).
Habermas, Jürgen: »Entgegnung«. In: Axel Honneth/Hans
auf individuelle Zweckverfolgung beschränkt blei- Joas (Hg.): Kommunikatives Handeln. Frankfurt a. M.
ben muss. Zwar könnte die neue Kategorie des 1986, 327–405.
schwach kommunikativen Handelns auch dazu die- Hornsby, Jennifer: »Speech Acts and Performatives«. In:
nen, Meinen im Sinne von Grice als einfache Auf- Ernest LePore/Barry C. Smith (Hg.): Oxford Handbook
forderung, eine Äußerung als einen bestimmten of Philosophy of Language. Oxford 2006, 893–909.
Meggle, Georg: »Theorien der Kommunikation – Eine Ein-
illokutionären Akt zu verstehen, in den verständi- führung«. In: Geert-Lueke Lueken (Hg.): Kommunika-
gungsorientierten Sprachgebrauch zu inkludieren. tionstheorien – Theorien der Kommunikation. Leipzig
Damit kann aber das für sprachliche Kommunika- 1997, 14–40.
7. Trieb und Psychoanalyse 39

Searle, John: »Austin on Locutionary and Illocutionary


Acts«. In: Philosophical Review 77, 4 (1968), 405–424.
7. Psychoanalyse
–: Sprechakte. Frankfurt a. M. 1972 (engl. 1969).
–: »Reiterating the Differences: A Reply to Derrida«. In:
Glyph 1 (1977), 198–208. Auf die von Horkheimer und Adorno beschriebene
Strawson, Peter F.: »Intention and Convention in Speech ›Dialektik der Aufklärung‹ gab es nur zwei Antwor-
Acts«. In: Philosophical Review 73, 4 (1964), 439–460. ten: politische Resignation oder Utopismus. Herbert
Peter Niesen Marcuse wählte die zweite Alternative und versuchte
aus der scheinbar unerbittlichen Logik der Argu-
mentation Horkheimers und Adornos auszubre-
chen, insoweit diese in einer psychoanalytischen Be-
grifflichkeit formuliert war (vgl. PPP). Während
Marcuse die utopische Idee einer repressionsfreien
Gesellschaft in Triebstruktur und Gesellschaft nur als
theoretische Möglichkeit vorgetragen hatte, vertrat
er – unter dem Einfluss der Neuen Linken – diese
Idee Ende der 1960er Jahre als ein konkretes politi-
sches Programm.
Habermas dagegen sah sich als ein radikaler Re-
former, der sowohl den politischen Quietismus als
auch die Idee der Revolution ablehnte, und wählte
eine andere Strategie. Er stellte die Annahmen, die
Horkheimers und Adornos Konstruktion zugrunde
lagen, in Frage und konnte damit der Wahl zwischen
zwei gleichermaßen inakzeptablen Alternativen ent-
gehen. Seine Auseinandersetzung mit Freud in Er-
kenntnis und Interesse stellt so auch eine Kritik der
psychoanalytischen Voraussetzungen der Dialektik
der Aufklärung dar.
Indem Horkheimer und Adorno die ›Dialektik
der Aufklärung‹ mit Hilfe Freuds darlegen – wobei
sie sich auch auf Hegel, Marx, Nietzsche und Weber
beziehen –, stellen sie die Hypothese auf, die Entste-
hung des Selbst sei stets auch selbstzerstörerisch und
von Gewalt gekennzeichnet. Zu diesem Standpunkt
gelangen sie durch die Anwendung des Prinzips des
Äquivalententauschs – demzufolge jede Errungen-
schaft ihren Preis hat – auf die Entwicklung des
Selbst; dieses Prinzip nimmt dort die Form der »In-
troversion des Opfers« an (Horkheimer/Adorno
1969, 62). Laut Horkheimer und Adorno versuchten
mythische Kulturen, den Lauf der menschlichen An-
gelegenheiten und der Naturprozesse durch Opfer-
gaben an die Götter zu beeinflussen; sie hofften, die
Gottheiten würden sich erkenntlich zeigen und den
Menschen zu Hilfe kommen. Odysseus, den Hork-
heimer und Adorno als den Prototypen des moder-
nen Bürgers ansehen, glaubte sich von der prä-ratio-
nalen und prä-individuellen Welt des Mythos eman-
zipieren zu können und sich dem Gesetz des
Äquivalententauschs durch Entsagung entziehen zu
können. Anstatt ein Stück der äußeren Welt zu op-
fern, würde er einen Teil seiner inneren Natur, seines
40 II. Kontexte

Selbst opfern. Er rechnete damit, die Formlosigkeit zess der Ich-Entwicklung und damit auch das Pro-
seiner inneren Welt unter die Kontrolle eines verein- jekt der Aufklärung selbst zunichte. Da die Ich-Ent-
heitlichten Ichs bringen und so sein unbewusst- wicklung die fortschreitende Verdinglichung des
triebhaftes Leben unterdrücken zu können, dadurch Selbst mit sich bringt, zerstört sie systematisch die
das Gesetz des Äquivalententauschs überlisten und Voraussetzungen, die für das Ziel eines gelingenden
die zahlreichen, die verschiedenen regressiven Ver- Lebens erforderlich wären.
suchungen der archaischen Welt verkörpernden Ge- Nach dem Krieg verfolgte Adorno die in der Dia-
fahren bestehen zu können, die ihn auf dem Weg lektik der Aufklärung formulierte psychoanalytische
nach Hause erwarteten. Problematik weiter fort. Aufgrund seines Theo-
Hier hat Odysseus’ Strategie allerdings einen rems, dass das Ganze das Unwahre sei, war ihm der
Schönheitsfehler, und dieser wird zur ›Keimzelle‹, Rückfall in positive Spekulation verwehrt; daher
aus der sich die ›Dialektik der Aufklärung‹ entwi- konnte er die Psychoanalyse nur in kritischer Ab-
ckelt. Auch wenn sie nicht nach außen gerichtet ist, sicht verwenden. Er vertrat die Auffassung, dass je-
ist die ›Entsagung‹ der inneren Natur, die »der der Versuch, sich eine humanere Existenz auszuma-
Mensch […] sich selber zelebriert«, um nichts weni- len, zwangsläufig auf »Ideologie«, und damit auf
ger ein Opferakt als das Opfer des Hinterviertels ei- eine »falsche Versöhnung mit der unversöhnten
nes Ochsen (ebd., 61). Und als ein solches bleibt es Welt« hinauslaufe (Adorno 1972, 67, 66). Es gab je-
dem Gesetz des Äquivalententauschs unterworfen. doch, wie Albrecht Wellmer bemerkte, einen Ort,
Demzufolge muss für Odysseus’ Überleben – d. h. an dem Adorno seine Vorbehalte gegen eine falsche
für den Sieg über die Gefahren der inneren und äu- Versöhnung und seine Verweigerung gegenüber
ßeren Natur – ein Preis entrichtet werden; dieser positiver Spekulation außer Acht ließ, nämlich in
Preis besteht in der Verdinglichung des Selbst. In seiner ästhetischen Theorie. Er behauptete dort,
dem Maße, in dem das Ich sich von seiner archai- dass neue Formen einer weniger repressiven Syn-
schen Prähistorie und seinem unbewusst-triebhaf- thesis – in Gestalt einer nicht-verdinglichten Bezie-
ten Leben distanziert, verliert es die mimetische Be- hung zwischen Besonderem und Allgemeinem, Teil
ziehung zur Welt und verdinglicht sich selbst. Doch und Ganzem – in exemplarischen Werken avancier-
wird die Mimesis in diesem Prozess zugleich auf per- ter Kunst bereits erreicht seien, insbesondere in
verse Weise ›aufgehoben‹: Das objektivierte Selbst Schönbergs Musik und in Becketts Theater. Er deu-
ahmt die verdinglichte Welt, die es zu Objekten ge- tete sogar an, dass jene Art einer ästhetischen Inte-
macht hat, mimetisch nach. gration, die sich in diesen Werken erkennen ließ,
Horkheimers und Adornos These, wonach der in eine nicht mehr verdinglichte Form der gesellschaft-
der Dialektik der Aufklärung beschriebene Weg den lichen Synthesis ankündigen könnte, die in einer
einzigen Pfad der Ich-Entwicklung darstelle, verlei- zukünftigen Gesellschaft möglicherweise zu ver-
tete sie dazu, das selbstherrliche Ich zum Ich als sol- wirklichen sei.
chem zu erheben. Die Integration des Selbst ist laut Adorno erlaubte sich jedoch – vielleicht aufgrund
Horkheimer und Adorno ihrem Wesen nach gewalt- eines fortbestehenden marxistischen Vorurteils ge-
sam: »Furchtbares hat die Menschheit sich antun gen die Psychologie – in Hinsicht auf die Synthesis
müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerich- des Selbst nicht dieselbe spekulative Freiheit. So ver-
tete, männliche Charakter des Menschen geschaffen suchte er niemals, aus dem ›gewaltfreien Miteinan-
war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit der des Verschiedenen‹, das er in avancierten Kunst-
wiederholt« (ebd., 40; vgl. auch Castoriadis 1984, werken zu erkennen glaubte, Möglichkeiten neuer,
497 f.). Zudem muss das Ich zur Erhaltung seiner weniger repressiver Formen der Integration des
Einheit und seiner Identität fortwährend an zwei Selbst zu extrapolieren (vgl. Wellmer 1983; 1985;
Fronten über seine Grenzen wachen: gegenüber der Whitebook 1995). Dies ist bedauerlich, denn hätte er
inneren wie auch gegenüber der äußeren Natur ein- die These in Frage gestellt, dass die Integration des
schließlich der naturhaften Forderungen des Über- Selbst notwendigerweise gewaltsam von statten gehe,
Ichs (vgl. Freud 1999b, Kap. V). Das Ziel der Aufklä- hätte er vielleicht einen Ausweg aus der Dialektik der
rung bestand im Ausgang der Menschheit aus Furcht Aufklärung gefunden.
und Unreife und der Beförderung ihrer Entfaltung Habermas vertrat die Auffassung, dass sich Hork-
durch die Entwicklung der Vernunft und der Natur- heimer und Adorno durch ihren theoretischen Mo-
beherrschung. Doch so, wie ihn Horkheimer und nismus in diese Sackgasse manövriert hätten, indem
Adorno präsentieren, macht sich der gesamte Pro- sie versuchten, die geschichtliche und die individu-
7. Psychoanalyse 41

elle Entwicklung eindimensional in der Begrifflich- zu erfordern; andernfalls wäre sie sinnlos. Da Ha-
keit der instrumentellen Rationalität darzustellen bermas die Bewusstseinsphilosophie ablehnt, ist das
(vgl. TKH, Kap. IV; DM, Kap. V). Er setzte ihrem Mo- Ausmaß seines Cartesianismus nicht so leicht zu er-
nismus eine zweite Dimension, die Dimension der kennen. Seiner Ablehnung der prima philosophia
kommunikativen Rationalität, entgegen; mit diesem zum Trotz ist für Habermas – wie für Descartes – der
Schritt wandte er sich entschieden von Horkheimer radikale Skeptizismus die Nemesis, die bekämpft
und Adorno ab. Auch wenn Habermas’ Theorie der werden muss; ein nachmetaphysischer Philosoph
kommunikativen Rationalität verschiedene Ent- sollte wissen, dass dies unmöglich ist. Doch während
wicklungsstufen durchlaufen hat und während sei- für Descartes die Täuschung durch einen bösen Dä-
ner langen und außergewöhnlich produktiven Kar- mon die Form einer systematisch verzerrten Wahr-
riere abgemildert wurde, hat Habermas an seinen nehmung annimmt, manifestiert sie sich für Haber-
grundlegenden Intuitionen bezüglich der Kommu- mas in einer systematisch verzerrten Kommunika-
nikation mit bemerkenswerter Beharrlichkeit festge- tion. Und ebenso wie das Schreckgespenst einer
halten. Er hat wiederholt dargelegt, dass die Aporien systematischen und totalisierten Verzerrung Descar-
nicht allein der Frankfurter Schule, sondern auch tes veranlasst, im Bewusstsein nach einem archime-
der Gegenwartsphilosophie insgesamt nur vom dischen Punkt zu suchen, um diese Verzerrung zu
Standpunkt der kommunikativen Vernunft aus auf- überwinden, versucht Habermas einen solchen
gelöst werden können. Punkt in der idealen Sprechsituation aufzufinden,
Generell hatte Habermas das richtige Ziel vor Au- um seinen ›linguistischen Dämon‹ zu bezwingen.
gen, da er im Gegensatz zu Adorno gewillt war, eine Die Idee unverzerrter Kommunikation war die
positive Auffassung des Selbst zu skizzieren. Doch ›Keimzelle‹, aus der sich Habermas’ Abkehr vom
eben das Mittel, das er für seine Neuformulierung Feuerbachianischen Materialismus Freuds und seine
der Psychoanalyse verwendete, die Theorie der Hinwendung zu einem Kantischen Transzendenta-
Kommunikation nämlich, führte zu seiner Abwen- lismus herleiteten. Tatsächlich stand die Kantische
dung von der Psychoanalyse. Und indem er sich von Suche nach theoretischen und normativen Grundla-
Freud ab- und der Kognitionspsychologie von Piaget gen einer Kritischen Theorie, die – wenn auch ohne
und Kohlberg zuwandte, gab er das Mittel aus den Rekurs auf eine Letztbegründung – Habermas’ Den-
Händen, mit dem er dieses Desiderat in angemesse- ken zunehmend dominierte, in direktem Wider-
ner Weise hätte verfolgen können. spruch mit seinem erklärten Ziel, den Feuerbachia-
In Übereinstimmung mit seinem allgemeinen nischen Materialismus der frühen Frankfurter
Programm rekonstruierte Habermas die Psychoana- Schule zu bewahren. Und nirgendwo lässt sich die-
lyse in sprachtheoretischer Perspektive; er glaubte, ser Konflikt deutlicher ablesen als im Freud-Kapitel
die Psychoanalyse sei ein Beispiel einer sich bewäh- von Erkenntnis und Interesse.
renden Humanwissenschaft – wenn auch einer Wis- Was Habermas in seiner Diskussion klinischer
senschaft, die sich selbst nicht richtig verstand, weil Phänomene zugesteht, widerruft er in seiner sprach-
ihr eine tragfähige Theorie der Sprache fehlte. Er re- theoretischen Reformulierung der Metapsychologie.
interpretierte die psychoanalytische Theorie des fal- Habermas wollte – wie Paul Ricœur in Die Interpre-
schen Bewusstseins – mit der Träume, neurotische tation – eine abstrakte Epistemologie vermeiden.
Symptome, Fehlleistungen und kulturelle Illusionen Daher nimmt er eine transzendentale Analyse psy-
erklärt werden sollen – als eine ›Theorie systema- choanalytischer Phänomene vor, um deren wesentli-
tisch verzerrter Kommunikation‹ (für eine program- che Charakteristika zu bestimmen. In der analyti-
matische Darstellung vgl. Habermas 1970b). Zu die- schen Praxis ist das Phänomen des Widerstandes all-
sem Zwecke musste er zeigen, dass sich das Selbst gegenwärtig. Sowohl Analytiker als auch Analysand
durch Kommunikation formt, und er musste außer- sehen sich, wie Habermas bemerkt, einer Kraft ge-
dem zeigen, wie die Sprache dem Selbst den Zugang genüber, die sich ihnen in ihrem Bemühen um Ein-
zu sich selbst verstellen kann. sicht und Verständnis entgegenstellt. Er räumt zu-
Diese Herangehensweise brachte aber ein gravie- dem ein, dass der Widerstand nicht allein ein kogni-
rendes Problem mit sich, das für die weitere Ent- tives (oder sprachliches) Phänomen ist, und er sieht
wicklung von Habermas’ Werk von enormer Bedeu- daher ein, dass es zwecklos ist, die Patienten einfach
tung sein sollte. Die Idee einer systematisch verzerr- mit dem kognitiven Gehalt ihrer verdrängten Ge-
ten Kommunikation scheint schon aus Gründen der danken zu konfrontieren, ohne sich mit der Kraft
Logik die Idee einer unverzerrten Kommunikation dieser Verdrängung auseinandergesetzt und diese
42 II. Kontexte

durchgearbeitet zu haben. Dies hätte, wie Freud ein- gabe der Psychoanalyse, diesen Prozess durch eine
mal ironisch schreibt, »ebensoviel Einfluß auf die Regrammatisierung der zensierten Vorstellungen
nervösen Leidenssymptome wie die Verteilung von umzukehren und diese in das öffentliche Netz der
Menukarten zur Zeit einer Hungersnot auf den Hun- intersubjektiven Kommunikation (der Sekundär-
ger« (Freud 1999a, 123). prozesse) wieder einzubringen. Nach dieser Darstel-
Habermas räumt ein, dass die Tatsache des Wi- lung gibt es keine gewaltförmigen außersprachlichen
derstandes – und die Notwendigkeit, ihm entgegen- Phänomene, die die Übersetzung einer entsprach-
zutreten – es erforderlich macht, ›gewaltförmige‹ lichten Vorstellung in eine versprachlichte behin-
und damit ›naturwüchsige‹ Phänomene im Innern dern. Am nächsten kommt Habermas einem solchen
der menschlichen Psyche zu postulieren. Und er ge- Gedanken noch mit dem vom jungen Hegel erborg-
steht ein, dass ein rein hermeneutischer Ansatz nicht ten Begriff des ›Schicksalszusammenhanges‹. Den-
ausreicht, um diese Kräfte zu verstehen oder ihnen noch kann er die zwingende Macht dieses Zusam-
entgegenzutreten. Selbst wenn wir – worüber sich menhangs nie in zufriedenstellender Weise erläu-
streiten ließe – zugestehen, dass das Ziel der Psycho- tern, die – wie man intuitiv erfasst – mit einem
analyse letztlich ein hermeneutisches ist, muss die anderen Beispiel einer zwingenden Macht, nämlich
psychoanalytische Technik (die mehr ist als bloße dem ›zwanglosen Zwang des besseren Arguments‹
Interpretation) zum Einsatz kommen, um die objek- in Zusammenhang stehen muss.
tivierten Erkenntnisblockaden zu lösen und das Ver- Habermas’ Programm der Versprachlichung nö-
stehen zu ermöglichen. Die klinische Erfahrung for- tigt ihn, ein grundlegendes Postulat der Freud’schen
dert, wie Habermas bemerkt, dass sich die »Sprach- Psychoanalyse als »unbefriedigend« zu verwerfen:
analyse mit der psychologischen Erforschung kausaler die Existenz eines nichtsprachlichen Unbewussten
Zusammenhänge vereint« (EI, 266, Hervorh. i.O.). (EI, 295). Wenn es auch degrammatisiert ist, bleibt
Diese Überlegungen veranlassen ihn, Freud vom das Unbewusste immer noch sprachlich strukturiert,
Vorwurf des Szientismus partiell wieder freizuspre- insofern es regrammatisiert werden kann. Indem er
chen und zuzugestehen, dass sein szientistisches die Existenz eines nichtsprachlichen Unbewussten
Selbstverständnis »nicht ganz unbegründet« war (EI, zurückweist, reduziert Habermas die Alterität des
263). Ungefähr zur selben Zeit – und mit ähnlicher ›inneren Auslands‹ des Subjekts. Als sprachliches
theoretischer Motivation – stellte Paul Ricœur die unterscheidet sich das Unbewusste nicht grundsätz-
Behauptung auf, Freuds Objektivismus und sein lich vom Bewusstsein.
»Naturalismus« seien »wohlbegründet«, da die Psy- Die Zurückweisung eines vorsprachlichen Unbe-
che sich objektiviere, um sich vor sich selbst zu ver- wussten hat für Habermas eine unerwünschte theo-
bergen (vgl. Ricœur 1969, 444). retische Konsequenz. Trotz seiner vorgeblichen Ab-
Trotz dieser treffenden Darstellung der klini- lehnung des ›Universalitätsanspruchs der Herme-
schen Erfahrung gehen gewaltförmige Phänomene neutik‹ verschreibt er sich de facto einer Form des
in Habermas’ ›metapsychologische‹ Darstellung der sprachlichen Monismus (Habermas 1970a). Mit der
Repression nicht ein; die Verdrängung ist aber ge- Versprachlichung des Unbewussten sind wir ›immer
rade der Ursprung des Widerstandes. Stattdessen schon‹ in der Sphäre der Sprache, ohne dass äußere
bringt er eine rein hermeneutische Analyse vor. nichtsprachliche Phänomene auf diese einwirken
Seine These besagt, die Verdrängung sei ein inner- könnten. Gadamer, der kein Experte für Psychoana-
sprachlicher Prozess, den er als ›Exkommunikation‹ lyse war, erkannte dies und vertrat die Auffassung,
bezeichnet. Wenn Kinder spüren, dass ihre ›Bedürf- dass Habermas’ Zurückweisung eines nichtsprachli-
nisinterpretationen‹ (Wünsche) zu gefährlich sind, chen Unbewussten den ›Universalitätsanspruch der
um öffentlich ausgesprochen zu werden, ›degram- Hermeneutik‹ gerade bekräftige (Gadamer 1971,
matisieren‹ (verdrängen) sie die verbotenen Gedan- 81).
ken; d. h. sie entziehen diese der Logik der normal- Durch sein ganzes Werk hindurch hat Habermas
sprachlichen Kommunikation (den Sekundärpro- an der Auffassung festgehalten, dass das menschli-
zessen) und verbannen sie ins Unbewusste. Das che Subjekt ›von Kopf bis Fuß‹ sprachlich organisiert
Unbewusste wird so als der Bereich aufgefasst, der sei. Man hat den Eindruck, dass es Habermas für nö-
alle entsprachlichten Vorstellungen (des Primärpro- tig hält, diese These – einschließlich der sich daraus
zesses) umfasst. ergebenden Behauptung, das Selbst sei ›von Kopf bis
Wenn Verdrängung in Degrammatisierung be- Fuß‹ ein gesellschaftliches – zu vertreten, um der
steht, so Habermas’ Überlegung, dann ist es die Auf- Möglichkeit eines progressiven politischen Pro-
7. Psychoanalyse 43

gramms keinen Abbruch zu tun. Doch wenn die gerät nie mit seinem wirklichen Anderen in irgend-
Leugnung der prä- und antisozialen und damit der einem wesentlichen Sinne in Berührung. Schließlich
irrationalen Dimension der menschlichen Natur nö- ist es auch aufschlussreich, dass Habermas zwar for-
tig ist, um die politische Hoffnung aufrechtzuerhal- dert, die »innere Natur« müsse versprachlicht bzw.
ten, so muss diese Hoffnung von Anfang an recht »kommunikativ verflüssigt« werden (RHM, 88), je-
unsicher gewesen sein. doch niemals die Idee erwägt, das Ich zu ›instinktua-
Habermas Auseinandersetzung mit Foucaults lisieren‹ bzw. seine triebhaften Elemente anzuerken-
Theorie des Wahnsinns ist hier aufschlussreich. Er nen.
lehnt die These des französischen Denkers ab, wo-
nach die ›große Einschließung‹ des Wahnsinns im
Literatur
sechzehnten Jahrhundert den Gründungsakt der
modernen Rationalität darstelle, insofern dort die Adorno, Theodor W.: »Zum Verhältnis von Soziologie und
Vernunft ihr Anderes exkommuniziert habe. Haber- Psychologie«. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Hg. von
Rolf Tiedemann. Bd. 8. Frankfurt a. M. 1972.
mas räumt ein, dass dies für eine eingeschränkte, szi- Castoriadis, Cornelius: Gesellschaft als imaginäre Institu-
entistisch-subjektzentrierte Form der Rationalität tion: Entwurf einer politischen Philosophie. Frankfurt
zutreffen mag. Doch der Deutsche Idealismus habe, a. M. 1984.
so Habermas, tatsächlich jenen Dialog zwischen der Derrida, Jacques: »Cogito und die Geschichte des Wahn-
Vernunft und ihrem abgespaltenen Anderen begon- sinns«. In: Ders.: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt
a. M. 1972, 53–101.
nen, den Foucault fordert – ein Dialog, der ergiebi- Freud, Sigmund: Über ›wilde‹ Psychonalyse [1910]. Hg. von
gere, umfassendere und flexiblere synthetische Leis- Anna Freud et al. (Gesammelte Werke: chronologisch
tungen ermöglichen würde. Habermas behauptet geordnet. Bd. 8). Frankfurt a. M. 1999a.
weiter, dass die Denker des Deutschen Idealismus –: Das Ich und das Es [1923]. Hg. von Anna Freud et al.
dieses Programm zwar nicht einlösen konnten, da (Gesammelte Werke: chronologisch geordnet. Bd. 13).
Frankfurt a. M. 1999b.
sie dem Bezugssystem der prima philosophia verhaf- Gadamer, Hans-Georg: »Rhetorik, Hermeneutik und Ideo-
tet blieben, dass er jedoch mit seiner Theorie kom- logiekritik: Metakritische Erörterungen zu ›Wahrheit
munikativer Rationalität diesem Anspruch gerecht und Methode‹«. In: Karl-Otto Apel (Hg.): Hermeneutik
werde (DM, 281 f., Anm. 3; Whitebook 2005, 312– und Ideologiekritik. Frankfurt a. M. 1971, 57–82 (auch in:
347). Hans-Georg Gadamer: Gesammelte Werke. Bd. 2. Tübin-
gen 1986, 232–250).
Habermas macht es sich hier jedoch zu einfach Habermas, Jürgen: »Der Universalitätsanspruch der Her-
und vergibt sich damit die Chance, zu einem über- meneutik«. In: Rüdiger Bubner (Hg.): Hermeneutik und
zeugenderen Resultat zu gelangen. Der Grad der Al- Dialektik. Bd. 2. Tübingen 1970a, 73–103 (auch in: LSW
5
terität des Anderen bestimmt zwei Dinge: wie 1982, 331–366).
schwierig die Kommunikation mit dem Anderen –: »Toward a Theory of Communicative Competence«. In:
Hans Peter Dreitzel (Hg.): Recent Sociology No. 2: Pat-
sein wird, und wie viel Wachstum sich aus der Aus- terns of Communicative Behaviour. New York 1970b,
einandersetzung mit diesem ergeben kann. Auch 115–130 (auch in: Philosophy & Social Criticism. 4. Jg., 4
wenn eine Verminderung der Alterität den Dialog ver- (1977), 321–344).
einfacht, führt sie zugleich zu einer Verminderung des –: »Psychischer Thermidor und die Wiedergeburt der Re-
Wachstumspotentials. Und was die Psychoanalyse bellischen Subjektivität«. In: Ders.: Philosophisch-politi-
sche Profile. Erw. Ausgabe. Frankfurt a. M. 1981, 319–
und ihr Desiderat einer weniger gewalttätigen Syn-
335.
these des Selbst angeht, so reduziert die Leugnung Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Auf-
eines vorsprachlichen Unbewussten den Riss im klärung: Philosophische Fragmente [1947]. Frankfurt
Subjekt und das Ausmaß der integrativen Arbeit, der a. M. 1969.
sich das Ich gegenübersieht. Und im selben Maße Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft: Ein philo-
sophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Frankfurt a. M.
verringert sie auch das Wachstumspotential des
1965.
Ichs. Ricœur, Paul: Die Interpretation: Ein Versuch über Freud.
Was Derrida über den ›Dialog mit der Unver- Frankfurt a. M. 1969 (frz. 1965).
nunft‹ bei Foucault sagte, lässt sich auch über die Wellmer, Albrecht: »Wahrheit, Schein, Versöhnung. Ador-
Auseinandersetzung des Selbst mit seinem inneren nos ästhetische Rettung der Modernität«. In: Ludwig v.
Anderen bei Habermas sagen. Der gesamte Prozess Friedeburg/Jürgen Habermas (Hg.): Adorno-Konferenz
1983. Frankfurt a. M. 1983, 138–176.
ist dem »Logos im allgemeinen« immanent (Derrida –: »Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne«. In:
1972, 65). Ein Unbewusstes, das als sprachliches ver- Ders.: Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne. Ver-
standen wird, ist das Pseudo-Andere des Logos, es nunftkritik nach Adorno. Frankfurt a. M. 1985, 48–114.
44 II. Kontexte

Whitebook, Joel: Perversion and Utopia: A Study in Psycho-


analysis and Critical Theory. Cambridge, Mass. 1995.
8. Nachmetaphysisches
–: »Against Interiority: Foucault’s Struggle With Psycho- Denken
analysis«. In: Gary Gutting (Hg.): The Cambridge Com-
panion to Foucault. New York 22005, 312–347.
Joel Whitebook (Übers. Nikolaus Gramm) Habermas’ Eintreten für ein – von ihm so benanntes
– ›nachmetaphysisches Denken‹ kann leicht miss-
verstanden werden. Es sollen damit keineswegs Un-
tersuchungen jener Art zurückgewiesen werden, wie
sie z. B. in letzter Zeit im Zuge eines Revivals der
›analytischen Metaphysik‹ angestellt werden; zu die-
ser Richtung zählen vor allem David Lewis und die
›australischen Metaphysiker‹. Vielmehr wendet sich
Habermas – in erster Linie wenigstens – gegen jene
Tradition metaphysischen Denkens, die in der
Hegel’schen Philosophie und im Deutschen Idealis-
mus ihren Höhepunkt erreichte, und zugleich wen-
det er sich gegen die verschiedenen – und für Haber-
mas letztlich immer noch ›metaphysischen‹ – Versu-
che, dieser Tradition zu entrinnen, wie sie in den
Schriften Nietzsches, Heideggers und Derridas zu
finden sind. Über den Vorwurf, dass auch diese Den-
ker noch Metaphysiker seien, lässt sich wahrschein-
lich weidlich streiten. Man sollte sich jedoch wieder
ins Gedächtnis rufen, dass Heidegger Nietzsche als
den letzten der großen Metaphysiker las, und dass
auch Derrida behauptete, Heidegger habe nicht hin-
länglich mit der ›Metaphysik der Präsenz‹ gebro-
chen. Habermas erteilt diesen Formen philosophi-
scher Reflexion eine Absage; sein Ruf nach einem
›nachmetaphysischen Denken‹ stellt eine andere
Formulierung für seinen Versuch dar, über die Sub-
jekt- bzw. Bewusstseinsphilosophie hinauszugelan-
gen, – und dies in entschlossenerer Weise zu tun, als
es bei diesen in Habermas’ Augen gescheiterten Ver-
suchen vieler neuerer kontinentaleuropäischer Phi-
losophen geschehen war. Daher steht diese Forde-
rung auch mit der Argumentation in Einklang, die
er zuvor in Der philosophische Diskurs der Moderne
formuliert hatte, wonach nämlich Nietzsche und
seine ›postmodernen‹ Nachfolger ihren eigenen In-
tentionen zum Trotz in die moderne Subjektphiloso-
phie verstrickt blieben: In ihrem Bemühen, die Defi-
zite der Subjektphilosophie zu überwinden, gaben
diese Denker entweder zu viel preis (indem sie etwa
die Errungenschaften der modernen Rationalität op-
ferten), oder sie sahen die Philosophie weiterhin als
eine privilegierte Form einer Untersuchung an, die
Einsichten zu Tage bringen könne, die sich grund-
sätzlich von den Einsichten der empirischen Wis-
senschaften unterscheiden. Oder sie taten beides zu-
gleich – dies wäre, kurz gesagt, Habermas’ sicherlich
kontroverse Interpretation von Heideggers Denken.
8. Nachmetaphysisches Denken 45

In Nachmetaphysisches Denken meldet Habermas net, darf man aber fragen, was Habermas am ›meta-
jedoch auch Einwände gegen eine Rückkehr zur Me- physischen Denken‹ so anstößig findet, und welche
taphysik an, wie sie sich in der nachkantischen Me- Chancen für einen radikalen Bruch mit diesem Den-
taphysik Dieter Henrichs erkennen lässt. Tatsächlich ken bestehen. Ferner muss wenigstens der Verdacht
lässt sich aus der lebenslangen Auseinandersetzung angesprochen werden, dass Habermas’ Charakteris-
dieser beiden Denker mit den Positionen des jeweils tik der Metaphysik (nun im pejorativen Sinne ge-
anderen in prägnanter und faszinierender Weise Ha- braucht) so umfassend angelegt ist, dass sie fast jede
bermas’ Reserve gegenüber der Weiterführung des philosophische Untersuchung einschließt. In ande-
metaphysischen Denkens ablesen. In einer ganzen ren Worten: Was schlägt er vor, um der Metaphysik
Reihe von Arbeiten hat Henrich immer wieder auf (in seinem Verständnis) zu entgehen, ohne die phi-
das unabdingbare Bedürfnis nach einer philosophi- losophische Reflexion insgesamt aufzugeben? Unter
schen Klärung der Struktur und der Aufgabe des ›metaphysischem Denken‹ versteht Habermas ganz
Selbstbewusstseins hinzuweisen versucht. In einem allgemein die Tradition der klassischen Metaphysik:
maßgeblichen Aufsatz zu Fichte stellte er die Be- zuerst bei Platon, dann in der mittelalterlichen Phi-
hauptung auf, dass ein infiniter Regress nur dann losophie, in der ›Subjektphilosophie‹ – als Antwort
vermieden werden könne, wenn eine (nicht-verge- auf das Erstarken der Naturwissenschaft als einer
genständlichende) Selbstbeziehung und Selbster- konkurrierenden Erkenntnisform entstanden –, in
kenntnis gegeben sei, die jeder (epistemischen) Be- der Kritik dieser Form von Metaphysik im kontinen-
ziehung zwischen Subjekt und Objekt vorausgehe taleuropäischen Denken des 20. Jahrhunderts und
(vgl. Henrich 1966). Für Habermas dagegen lässt schließlich in einigen jüngeren Versuchen, die ›Sub-
Henrichs Versuch, der Subjektphilosophie eine zen- jektphilosophie‹ fortzuführen (für die wiederum
trale und sogar grundlegende Rolle zuzuschreiben, Dieter Henrich steht). Diese Denkgebäude stimmen
die bedeutenden Errungenschaften der Philosophie, – insbesondere seit dem Zeitalter der ›Subjektphilo-
der Pragmatik und der Handlungstheorie außer sophie‹ – in der Ansicht überein, dass es eine Form
Acht, auf die sich seine eigene Forderung nach ei- der Forschung und des Wissens gebe, die der Philo-
nem Paradigmenwechsel stützt. Welche Einsichten sophie eigentümlich sei und durch die sich die Phi-
auch immer eine solche philosophische Untersu- losophie erstens deutlich von den Natur- und Gesell-
chung zu einer phänomenologischen Klärung des schaftswissenschaften unterscheide, aufgrund derer
Selbstbewusstseins beisteuern mag – es ist weder die Philosophie aber zweitens auch imstande sei,
wahrscheinlich noch wünschenswert, dass sie die ganz besondere und verbindliche Einsichten über
von Henrich gesetzten ambitionierten Ziele errei- den Sinn des Lebens und darüber, was die Welt ›im
chen wird (vgl. ND, 18–34). Andererseits hat Hen- Innersten zusammenhält‹, zu Tage zu fördern. Ha-
rich den Vorwurf erhoben, Habermas’ ›Paradigmen- bermas bestreitet mit seiner Forderung eines ›nach-
wechsel‹ – vom Selbstbewusstsein zum kommunika- metaphysischen Denkens‹, dass die heutige Philoso-
tiven Handeln – sei weniger radikal, als es scheine, phie diese Aufgabe noch in plausibler und schlüssi-
und dessen anfängliche Plausibilität rühre daher, ger Weise übernehmen könne. Wenn aber diese
dass unhintergehbare Fragen der traditionellen Me- Beschreibung der Metaphysik nicht so umfassend
taphysik einfach unter den Teppich gekehrt würden sein soll, dass sie potentiell jede philosophische For-
(vgl. Henrich 1982). Der Gedankenaustausch dieser schung einschließen könnte, muss sie präziser ge-
beiden Theoretiker berührt tatsächlich viele drän- fasst werden. Habermas behauptet nicht, dass es für
gende philosophische Fragen, etwa nach dem Ver- die Philosophie nichts mehr zu tun gebe – damit
hältnis zwischen Philosophie und Naturalismus, würde er tatsächlich die Funktionen leugnen, die er
nach dem Ort der Philosophie in einer modernen, der Philosophie zuweist, nämlich ›Hüter der Ver-
pluralistischen Welt und nach dem Verhältnis zwi- nunft‹ zu sein und ›als Platzhalter und Interpret‹ das
schen Philosophie und anderen Wissenschaften kulturelle Verstehen zu befördern (vgl. MKH, 9–28).
(einschließlich der Sozialwissenschaften). Dies legt Er stellt hier aber insbesondere in Frage, ob es eine
jedoch die Schlussfolgerung nahe, dass Habermas spezielle Erkenntnisform der Philosophie gebe – im
der Philosophie eine weit weniger ambitionierte und Sinne einer (stark) transzendentalen Untersuchung
viel bescheidenere Funktion zumisst als viele andere oder in einer neuen Form des Denkens wie etwa in
Philosophen. Heideggers ›Andenken‹ –, die besondere und ver-
Angesichts der Tatsache, dass Habermas eine bindliche Einsichten über die Welt oder den Sinn des
große Zahl von Denkern als Metaphysiker bezeich- Lebens biete. Nach Habermas dagegen muss die Phi-
46 II. Kontexte

losophie in einer Welt, die sich durch das ›Faktum schreiben versucht, schottet sie sich nicht vollkom-
des vernünftigen Pluralismus‹ (Rawls) und eine zu- men gegen die Einsichten anderer empirischer Wis-
nehmend prozedurale und nicht-substantielle Ratio- senschaften ab und berücksichtigt diese, wenn sie
nalität auszeichnet, diese großen – einstmals mit der ihre falliblen Behauptungen absichern möchte.
Religion geteilten – Ambitionen aufgeben. In dieser Zweitens versucht sie in ihrer Funktion als Interpret,
Hinsicht sind für ihn zwei Formen des metaphysi- zwischen unterschiedlichen Formen des Experten-
schen Denkens besonders paradigmatisch: Auch wissens einerseits und den banaleren Selbstverhält-
hier zunächst einmal die Tradition der Subjektphilo- nissen und sozialen Praktiken, aus denen die Le-
sophie bzw. der ›Reflexionsphilosophie‹, derzufolge benswelt des Alltags besteht, andererseits zu vermit-
das Erkenntnissubjekt durch eine besondere refle- teln. In keinem dieser beiden Fälle verfügt die
xive Wendung bzw. durch einen besonderen reflexi- Philosophie über eine unverwechselbare Methodo-
ven Blick ein Wissen erwirbt, das gleichsam ›tiefer logie, und sie kann auch keine besondere Quelle der
liegt‹ als die Grundlagen anderer Wissensformen Autorität für sich in Anspruch nehmen, die anderen
und diese sogar tatsächlich begründet. Und zweitens Disziplinen oder auch einem selbstreflexiven Staats-
die Form einer ›Fundamentalontologie‹, die von bürger nicht zur Verfügung stünden (vgl. dazu Ha-
Heidegger und seinen Nachfolgern vertreten wird bermas’ Aufsatz »Noch einmal: Zum Verhältnis von
und die im Gegensatz zu der – den empirischen Wis- Theorie und Praxis«, in: WR, 319–333). Wie andere
senschaften vorbehaltenen – Erkenntnis des ›Seien- Autoren gezeigt haben, ist diese doppelte Aufgaben-
den‹ eine besondere Art des Wissens über den ›Sinn stellung, die Habermas der Philosophie zuerkennt,
des Seins‹ hervorbringt. Habermas beanstandet ins- nicht ganz unproblematisch (vgl. Dews 1999, 1–28).
besondere die Art und Weise, nach der diese beiden Einerseits bleibt es im Zusammenhang der stärker
Formen der Metaphysik sich gegen jede Herausfor- eingegrenzten Aufgabenstellung hinsichtlich der re-
derung durch die empirischen Wissenschaften im konstruktiven Wissenschaften unklar, wie die Phi-
weitesten Sinne abschirmen. losophie es vermeiden kann, einfach von den jewei-
Diese Auslegung von Habermas’ Verständnis des ligen Wissenschaften absorbiert zu werden (man
metaphysischen Denkens wird durch seine skizzen- denke nur an Quines naturalisierte Epistemologie
hafte Darstellung eines Alternativmodells der Philo- oder an die Faszination, die derzeit von der ›Neuro-
sophie bestätigt; einerseits richtet er sie an den so philosophie‹ ausgeht). Andererseits bleibt es unklar,
genannten ›rekonstruktiven Wissenschaften‹ aus, wie es der Philosophie – in ihrer zweiten Rolle als
die das praktische Wissen kompetenter Sprecher ›Interpret‹ – gelingen könnte, einige jener ambitio-
und Akteure zu explizieren versuchen, und anderer- nierteren Thesen zu vermeiden, durch die sie sich
seits betont er die im umfassenderen Sinne interpre- früher auszeichnete. Das soll heißen: Wenn die Phi-
tierende oder hermeneutische Funktion der Philo- losophie z. B. überzeugende Thesen über die ideale
sophie als eines Interpreten der Kultur (vgl. MKH, bzw. ›richtige‹ Integration oder Balance konkurrie-
9–28). In beiden Fällen ist das von der Philosophie render naturwissenschaftlicher Erkenntnisansprü-
bereitgestellte Wissen fallibel, der Kritik durch die che, über ästhetische (oder ›welterschließende‹)
(Natur-)Wissenschaften ausgesetzt und stets von Einsichten oder über die Rechtfertigung morali-
vorgängigen gesellschaftlichen Praktiken und Kom- scher und rechtlicher Normen für eine bestimmte
petenzen abhängig. Erstens greift die Philosophie gesellschaftliche Lebenswelt aufstellen möchte, oder
als ein ›Hüter der Rationalität‹ Aspekte einer (jetzt wenn sie dazu beitragen möchte, die Einsichten ei-
weitgehend prozeduralen) Auffassung der Rationa- ner der Fachdisziplinen einer Lebenswelt zu vermit-
lität auf und arbeitet diese weiter aus; diese Rationa- teln, in der oft weit weniger differenzierte Ansichten
litätsauffassung bildet sich in verschiedenen Berei- zu diesen Fragen vorherrschen, dann muss sie si-
chen der Forschung (einschließlich der Sprachphi- cherlich mehr als nur kulturelle Interpretationen
losophie und der Sprachpragmatik, der Handlungs- anbieten. In diesem Sinne bleibt selbst für viele mit
theorie und der Moralpsychologie, der Rechtstheorie Habermas eigentlich sympathisierende Kritiker die
und der politischen Theorie) heraus. Jedoch ist die Frage unbeantwortet, ob die Philosophie – selbst in
Philosophie – im Gegensatz zu älteren Auffassun- ihrer Habermas’schen Gestalt – sich tatsächlich von
gen – keine rein apriorische Disziplin mehr: Selbst der privilegierten Position verabschieden kann, die
wenn sie weiterhin so etwas wie die ›Bedingungen die Metaphysik einst für sich selbst in Anspruch
der Möglichkeit‹ verschiedener menschlicher Kom- nahm, wenn ihr zugleich eine wichtige, wenn auch
petenzen und gesellschaftlicher Praktiken zu be- nicht ihr allein vorbehaltene Funktion erhalten blei-
9. Recht und Kant 47

ben soll: ihre eigene Zeit in Gedanken zu fassen und 9. Recht und Kant
zu explizieren.

Literatur Habermas’ Kant-Rezeption ist intensiv und findet


Dews, Peter (Hg.): Habermas: A Critical Reader. Oxford
sich in allen Teilbereichen seiner Philosophie. Sie
1999. wird hier hinsichtlich der Moralphilosophie, der
Henrich, Dieter: »Fichtes ursprüngliche Einsicht«. In: Rechts- und Demokratietheorie, der Theorie des
Ders.: Subjektivität und Metaphysik: Festschrift für Wolf- Völkerrechts sowie der Erkenntnistheorie darge-
gang Cramer. Frankfurt a. M. 1966. stellt.
–: Fluchtlinien: Philosophische Essays. Frankfurt a. M. 1982.
Kenneth Baynes (Übers. Nikolaus Gramm)
Moralphilosophie: Es ist Habermas’ erklärtes Pro-
gramm, Kants Moralphilosophie mit diskurstheore-
tischen Mitteln neu zu formulieren (ED, 9). Dies im-
pliziert eine Umstellung der am einzelnen Subjekt
orientierten Bewusstseinsphilosophie Kants auf eine
Theorie der Intersubjektivität. Entsprechend tritt in
Habermas’ Diskursethik an die Stelle des Kategori-
schen Imperativs, der jedem Einzelnen ein Prüfver-
fahren für Handlungsmaximen bereitstellt, das Ver-
fahren moralischer Argumentation: Ein praktischer
Diskurs kann nicht monologisch, sondern nur unter
mehreren Teilnehmern geführt werden, die – veran-
lasst durch einen lebensweltlichen Konflikt, in dem
bisher unreflektiert befolgte Handlungsmaximen
kontrovers geworden sind – ein gemeinsames Prüf-
verfahren hinsichtlich dieser Maximen anstrengen
(ED, 12). Obwohl Habermas Kants verschiedene Fas-
sungen des Kategorischen Imperativs bewusst ver-
nachlässigt, um die ihnen zugrunde liegende ge-
meinsame Idee zu reformulieren (MKH, 73), liegt es
nahe, zwei dieser Fassungen in zwei diskursethi-
schen Prinzipien wiederzuerkennen: Während Ha-
bermas’ »diskursethischer Grundsatz (D)«, demzu-
folge nur diejenigen Normen Geltung beanspruchen
dürfen, die die Zustimmung aller Betroffenen als
Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden
(MKH, 76; ED, 12), sich als diskurstheoretische Über-
setzung von Kants monologischer Prüfung, »daß ich
auch wollen könne, meine Maxime solle ein allge-
meines Gesetz werden« (Kant GMS, 28) lesen lässt,
kann Habermas’ »Universalisierungsgrundsatz (U)«
als Argumentationsregel, die die Geltung von Nor-
men davon abhängig macht, dass »Ergebnisse und
Nebenfolgen, die sich aus einer allgemeinen Befol-
gung für die Befriedigung der Interessen eines jeden
ergeben, von allen zwanglos akzeptiert werden kön-
nen« (ED, 12, Hervorh. I.M.; vgl. MKH, 76), als Re-
formulierung jener Fassung des Kategorischen Im-
perativs verstanden werden, in der letztlich die for-
male Vermittlung materialer Zwecke angelegt ist:
Die Formulierung »Handle so, daß du die Mensch-
heit sowohl in deiner Person, als in der Person eines
48 II. Kontexte

jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals die die Rezeption der Diskurstheorie dennoch bis
bloß als Mittel brauchest« (Kant GMS, 61), wird heute beeinträchtigen. Der Formalismuseinwand
nämlich von Kant dahingehend erläutert, dass die Hegels besagt, dass der Kategorische Imperativ auf
Anerkennung eines jeden Menschen als »Zweck an ein tautologisches Prüfverfahren hinauslaufe, inso-
sich selbst« erfordere, dass jedermann, »die Zwecke fern jede bestimmte Maxime mit der reinen Unbe-
anderer, soviel an ihm ist, zu befördern trachte[…]«, stimmtheit des abstrakten Generalisierungsprinzips
so dass er »zu des andern Glückseligkeit was bei- konveniere. Wie Habermas zeigt, ist dieser Einwand
trüge« (Kant GMS, 63, Hervorh. I. M.). deshalb hinfällig, weil das formale Prüfverfahren
Dieser Vergleich lässt die Frage einer Identität nicht logische oder semantische Konsistenz, son-
zwischen Kants Begriff der »Zwecke« eines jeden dern Verallgemeinerbarkeit des Willens in Bezug auf
und Habermas’ Begriff der »Interessen eines jeden« die Verallgemeinerung der Maxime zu einem Gesetz
offen, richtet sich aber gegen die These, dass sich fordert, wobei die zu prüfenden »Inhalte« der Maxi-
Kants Moralphilosophie durch einen »salto mortale« men realexistierende Standards des Verhaltens sind
in die Sphäre reiner Freiheit vom perspektivischen (ED, 21). Kategorischer Imperativ wie praktischer
Interessenausgleich der Habermas’schen Diskurs- Diskurs entnehmen diese Inhalte der »Lebenswelt«
ethik unterscheide (so Brandt 2002, 55 f.). Wenn (ebd.; MKH, 113). – Hegels »Primat der Sittlichkeit
auch einer anderen These des Habermas-Kritikers, vor der Moral« – ein Argument, das gegen Kants
derzufolge Habermas’ »diskurstheoretische Lesart« »Abstraktionen« (Maus 1992, 267 ff.) gerichtet ist –
des Kategorischen Imperativs (erste Fassung), dass unterliegt Habermas’ Kritik, dass Hegel eingefahrene
nämlich jedem einzelnen angesonnen werde, die und institutionalisierte Verhaltensweisen der »Le-
»Perspektive aller anderen einzunehmen, um zu benswelt« unmittelbar zu normativen erklärt und
prüfen, ob eine Norm aus der Sicht eines jeden von mit einer »Sittlichkeit« identifiziert, die auf dem re-
allen gewollt werden könne«, Kants Intention ver- flexiven Niveau kognitivistischer Moral nicht mehr
fehlt (ebd., 54, bezüglich Habermas’ EA, 48 f.), zuge- kritisiert werden kann (MKH, 117 f.). Hegels Argu-
stimmt werden kann, so doch aus Gründen, die der ment kann Habermas aber insofern einen Sinn abge-
»intelligiblen« Lesart des Kritikers entgegenstehen: winnen, als es dazu dient, unter anderem den An-
Die monologische Fassung Kants lässt auch eine In- wendungsbereich von Ethiken der Kantischen Tra-
terpretation zu, die mit Kants Konstruktionen der dition zu präzisieren. Diese erstrecken sich nur auf
Selbstüberlistung bornierter Egoisten kompatibel ist: die Sollgeltung von Handlungsnormen, nicht aber
Jeder Einzelne hat sich zu fragen, ob er wollen kann, auf die Präferenz von Werten (ebd., 55, 114).
dass die zu prüfende Maxime seines eigenen Han- Den Einwand der »Ohnmacht des bloßen Sol-
delns – als zur Allgemeinheit eines Gesetzes erho- lens« beantwortet Habermas nicht mit einer Zurück-
bene – auch gegen ihn selbst angewendet wird. Un- weisung, sondern mit dem Hinweis auf seine Modi-
bezweifelbar altruistisch und den moralischen Per- fikation von Kants Moralphilosophie. Kants Dualis-
spektivenwechsel fordernd ist dagegen gerade die mus zwischen apriorischer Idee und empirischer
komplementäre Fassung des Kategorischen Impera- Praxis wird so weitgehend abgeschwächt, dass eine
tivs, die die materiellen Zwecke überhaupt, und zwar spezifische Schwierigkeit dieser Moralphilosophie
eines jeden anderen, einbezieht (zur Reflexivität des aufgehoben wird: Hatte noch Kant Freiheit (als Be-
Verhältnisses von Moralprinzip und Glückseligkeit dingung der Möglichkeit moralischen Handelns)
bei Kant vgl. Maus 1992, 265, 267 ff.). nicht in ihrer Wirklichkeit, sondern nur in ihrer
Insgesamt ist die Übereinstimmung zwischen Möglichkeit dartun können, um schließlich auf die
Kants monologischer und Habermas’ diskurstheore- Auskunft des Faktums der (moralischen) Vernunft
tischer Moralphilosophie nach Habermas’ eigenem zu verfallen (Kant GMS, 84, 91 ff.), so rekurriert Ha-
Verständnis so groß, dass er »Hegels Einwände ge- bermas’ sprachphilosophische Fassung des Problems
gen Kant« auch auf die Diskursethik bezieht und auf die idealisierenden Selbstüberforderungen, die
ausführlich abarbeitet (ED, 9 ff.). Es handelt sich vor in die Alltagspraxis sprachlicher Verständigung im-
allem um die Einwände des sich in Tautologien ver- mer schon eingebaut sind (FG, 19). Kants Gegensatz
strickenden Formalismus des Kategorischen Impe- von Sein und Sollen wird somit bei Habermas in
rativs, des objektiv gegebenen »Primats der Sittlich- »der faktischen Kraft kontrafaktischer Unterstellun-
keit vor der Moral« und der »Ohnmacht des bloßen gen« (ED, 20) vermittelt, welch letztere jeder Spre-
Sollens«. In Reaktion auf diese Einwände gegen Kant cher vorzunehmen gezwungen ist, weil er sprach-
antwortet Habermas zugleich auf Missverständnisse, pragmatischen Voraussetzungen (reziproker Aner-
9. Recht und Kant 49

kennung aller beteiligten Sprecher) nicht entkommen ner Demokratie deshalb ›Republik‹ und kennzeich-
kann. Diese bleiben zugleich als normatives Krite- net diese durch eine strenge funktionale Gewalten-
rium bestehen: Auch wenn die faktische sprachliche teilung zwischen Legislative, Exekutive und
Koordination gesellschaftlichen Handelns nirgends Judikative, wobei er nur den Gesetzgeber mit der
eine »ideale« sein sollte, so bleibt doch in den mit- »Herrschergewalt (Souveränität)« auszeichnet, wäh-
laufenden »kontrafaktischen Unterstellungen« der rend Exekutive und Judikative bloß »zufolge dem
Stachel der Kritik gegen faktischen Missbrauch der Gesetz« bzw. »nach dem Gesetz« zu arbeiten haben
Sprache zu Zwecken der Repression erhalten. (MdS/RL § 45). Indem Kant gleichzeitig begründet,
dass die »gesetzgebende Gewalt [...] nur dem verei-
Rechts- und Demokratietheorie: Dass Habermas seine nigten Willen des Volkes zukommen« kann, ist ein
am vollständigsten ausgearbeitete Demokratietheo- Zusammenhang zwischen Volkssouveränität und
rie überhaupt als integralen Bestandteil seines rechts- Rechtsstaat etabliert, in dem rechtsstaatliche Gewal-
philosophischen Werks vorlegt (FG), bezeugt bereits tenteilung die Volkssouveränität nicht nur begrenzt,
eine größtmögliche Übereinstimmung mit Kant. sondern auch – und vor allem – Bedingung der Mög-
Während Habermas’ frühe Kant-Rezeption vor al- lichkeit von Volkssouveränität ist. Indem das »Volk«
lem am Prinzip der »Publizität« orientiert war (SÖ, (unmittelbar oder repräsentiert, Gemeinspruch,
117 ff.), und sich bis in späte Konzeptionen kriti- 152) nur aber alle gesetzgebende Gewalt innehat, ist
scher Öffentlichkeit, deliberativer Politik und struk- es zwar nicht zu einzelnen Regierungsakten und Ge-
turierter Zivilgesellschaft durchhält (z. B. FG, 349 ff.; richtsurteilen befugt, aber die Bindung der Einzel-
399 ff.), findet sich erst in Faktizität und Geltung der entscheidungen von Regierung und Justiz an die all-
wechselseitige Verweisungszusammenhang von (1) gemeinen Gesetze (diese Bindung ist bei Kant sogar
Demokratie und Recht einerseits und – im Gegen- streng subsumtionslogisch formuliert, MdS/RL § 45)
satz zu Habermas’ früheren Publikationen – (2) die bewirkt die Unterwerfung der Staatsapparate unter
Trennung von Recht und Moral andererseits im Hin- den Willen des Volkes: Das staatliche Gewaltmono-
blick auf Kant expliziert und in eine äußerst kom- pol darf nur gemäß der Direktiven der gesellschaftli-
plexe diskurstheoretische Fassung überführt, die zu- chen Basis eingesetzt werden.
gleich Habermas’ eigene Fassung des Diskursprin- Diese Form der Gewaltenteilung, die auf das ge-
zips modifiziert (FG, 138 f., 140). Auch Habermas’ naueste mit der von Locke und Rousseau begründe-
Begründung einer »logischen Genese von Rechten«, ten übereinstimmt und das Kennzeichen des seit
die die Konzeption der (3) »Gleichursprünglichkeit« dem 19. Jahrhundert entwickelten englischen und
von Freiheitsrechten und Volkssouveränität auf eine kontinentaleuropäischen Parlamentarismus ist, steht
sehr spezifische Weise entwickelt, gehört zu den re- im Gegensatz zur Struktur der amerikanischen Uni-
formulierten Theorieelementen Kants, die in die fol- onsverfassung, die die gesetzgebende Souveränität
gende kompakte Darstellung von Kants Prinzipien zwischen Legislative, Exekutive (per Veto-Recht des
einer demokratischen Verfassung aufgenommen Präsidenten) und Judikative (per inzidenter Nor-
sind. Sehr spezielle Konstruktionen Kants werden menkontrolle durch den Supreme Court) aufteilt
erst in die Erörterung ihrer Rezeption bei Habermas und so – basierend auf der vordemokratischen The-
eingeführt. – Nur als Vorbemerkung zu Kants De- orie Montesquieus – die Staatsgewalt nicht demo-
mokratietheorie sei auf eine verbreitete Fehlrezep- kratisiert, sondern »konstitutionalisiert«. Kants Be-
tion hingewiesen, die Kants Überlegungen zu und gründung der Privilegierung volkssouveräner Ge-
Anforderungen an »provisorisch« zu duldende ob- setzgebung bezieht sich auf die notwendige
rigkeitsstaatliche Systeme (Kant Gemeinspruch, Prozeduralisierung des Volkswillens im Gesetzge-
153 ff.; MdS/RL, 437 ff.) für Kants eigentliche Demo- bungsprozess, die sich mit der Struktur der Gesetze
kratietheorie hält – ein Missverständnis, das bei Ha- verbindet: Indem »ein jeder über alle und alle über
bermas nicht vorkommt. einen jeden ebendasselbe beschließen«, ist die Vor-
1. Die Verschränkung des radikalen Demokra- aussetzung dafür gegeben, dass ungerechte Gesetze
tieprinzips der Volkssouveränität mit dem der vermieden werden (MdS/RL § 46). Während Exeku-
Rechtsstaatlichkeit ist bei Kant bereits darin ausge- tive oder Judikative partikulare bzw. singuläre Ent-
drückt, dass er den Begriff der ›Demokratie‹ deshalb scheidungen über andere treffen, liegt in der dreifa-
vermeidet, weil dieser im 18. Jahrhundert die antike chen Allgemeinheit des demokratischen Gesetzes –
Demokratie bezeichnet, die noch keine Gewaltentei- hinsichtlich der Partizipation an seiner Entstehung,
lung kennt. Kant nennt seine starke Konzeption ei- sowie seiner Anwendung und seines Inhalts – ein
50 II. Kontexte

Prinzip, das zu Kants moralischem Prüfverfahren im den, sondern nur auf deren äußere Handlungen be-
Verhältnis der Analogie, aber nicht der Identität ziehen, und dass aus der großen Zahl ethischer Ver-
steht. Der monologische Generalisierungstest des pflichtungen immer nur wenige in die Sprache des
Kategorischen Imperativs (1. Fassung) bezieht sich Rechts übersetzt – das heißt auch: von Selbstzwang
nur auf die Allgemeinheit eines fiktiven Gesetzes, auf äußeren Zwang umgestellt – werden können
auf die Gesetzesform als solche (GMS, 28); das real (MdS/TL, 510), erklärt sich Kants vehementes Ver-
existierende demokratische Rechtsgesetz aber hat dikt gegen jede ethische Unterwanderung der
das faktische Prüfverfahren durch alle real Beteilig- Rechtsbindung politischer Macht. Ein solcher Vor-
ten, die die Gesetze zugleich über sich selbst verhän- gang bedeutete die Sprengung aller Grenzen, die
gen, zur Voraussetzung. Es ist diese Implikation der staatlichen Anforderungen an die Bürger durch die
Vermeidung von Willkür, die bei exekutivischen Struktur des Rechts gesetzt sind: Der staatliche An-
oder judikativen Entscheidungen durch den demo- spruch auf lediglich äußere legale Konformität der
kratischen Souverän nicht gegeben wäre. Gegen die Individuen würde z. B. in der Weise eines Gesin-
Willkür von Exekutive und Judikative wiederum nungsstrafrechts erweitert, die Reethisierung einzel-
richtet sich Kants weitere Anforderung an das Ge- ner Gesetze deren Regelungsbereiche ausdehnen
setz: die »mathematische Genauigkeit« seiner inhalt- und die Multiplikation der Gesetze durch ihre Er-
lichen Bestimmungen (MdS/RL § E). gänzung um staatlich sanktionierte ethische Ver-
Was gegenwärtig leicht als Pedanterie missver- pflichtungen die Aufhebung jeder bürgerlichen Frei-
standen wird, ist tatsächlich das Kriterium der Ver- heit bedeuten. Vergleicht man zum Beispiel eine ge-
wirklichung von Volkssouveränität: die Unterwer- setzestypische Fassung des Verleumdungstatbestands
fung der Staatsapparate unter einen gesetzgebenden mit der unbestimmt weiten ethischen Norm »Du
Willen des Volkes, dessen Präzision den anwenden- sollst nicht lügen«, so wird deutlich, dass die Umstel-
den Instanzen keine Entscheidungsspielräume ge- lung politischer Integration von Rechtsnormen auf
währt. Mit dieser Voraussetzung Kants ist der neur- ethische Normen jede staatliche Zwangsgewalt zu
algische Punkt bezeichnet, an dem sich die demo- offenem Terror entgrenzen würde (vgl. Maus 1992,
kratische Qualität auch heutiger sog. Demokratien 308 ff., 328). Auch das häufige Missverständnis von
bestimmen läst. Auch wenn Kants radikale Forde- Kants Forderung der »Einhelligkeit der Politik mit
rung subsumtionslogischer Rechtsanwendung sich der Moral« (ZeF, 244 ff.) verdankt sich lediglich
als nicht einlösbar erwies, so bemisst sich doch an Kants Sprachgebrauch, in dem Moral als Oberbegriff
dem Kriterium, ob gegenwärtige Entscheidungen zu Ethik und Recht fungiert. Kants Klarstellung ist
der Staatsapparate sich wenigstens innerhalb der überdeutlich:
Grenzen des Wortlauts der Gesetze halten, inwiefern »Mit der Moral im ersteren Sinne (als Ethik) ist die Politik
Rechtsstaat und Demokratie überhaupt noch exis- leicht einverstanden, um das Recht der Menschen ihren
tieren. Diese Frage muss im Hinblick auf die seit Oberen Preis zu geben: Aber mit der in der zweiten Bedeu-
dem 20. Jahrhundert entwickelten juristischen Inter- tung (als Rechtslehre) vor der sie ihre Knie beugen müßte,
pretationsmethoden und den entformalisierenden findet sie es ratsam sich gar nicht auf Vertrag einzulassen«
(ebd., 250).
Einbau unbestimmter Rechtsbegriffe in die Gesetze
selbst – Vorgänge, die beide die Inhaltsbestimmung 3. Bereits Kant entwickelt Freiheitsrechte und Volks-
der Gesetze in die Situation der Rechtsanwendung souveränität in engstem wechselseitigem Verwei-
verlagern – leider verneint werden. sungszusammenhang, obwohl er zwischen »Natur-
2. Auch in Kants Entgegensetzung von Recht und recht«, »das auf lauter Prinzipien a priori beruht«,
Ethik, soweit sie noch nicht die Begründungsebene und positivem Recht, das aus dem Willen des Ge-
(dazu unten), sondern die Bestimmung der jeweili- setzgebers hervorgeht, scharf unterscheidet. Als ein-
gen Funktionsweise betrifft, spielt das Kriterium der ziges »angeborenes Recht« (im Sprachgebrauch des
inhaltlichen Bestimmtheit des Rechts eine wichtige 18. Jahrhunderts: Menschenrecht) bezeichnet Kant
Rolle, da sich das Recht in dieser Hinsicht von ethi- nur die »Freiheit« – ein Prinzip, das bereits die
schen Normen grundlegend unterscheidet, deren »Gleichheit« des Freiheitsgebrauchs sowie die Rede-
Anwendung im Einzelfall durch »Spielräume« ge- freiheit (Niesen 2005) impliziert (MdS/RL, 345). Die
kennzeichnet ist (MdS/RL § E; MdS/TL, 520). Unter »angeborenen« Rechte finden sich als »unabtrennli-
den weiteren Voraussetzungen Kants, dass die An- che« Rechtsattribute der »Staatsbürger«, d. h. der zur
forderungen des Rechts – im Gegensatz zu denen Gesetzgebung vereinigten Mitglieder einer Gesell-
der Ethik – sich nicht auf die Motive der Handeln- schaft, in der Modifikation »Freiheit«, »Gleichheit«
9. Recht und Kant 51

und »Selbständigkeit« wieder (MdS/RL § 46). Da ei- dass kein überpositiv-rechtliches Argument jemals
nige Sekundärliteratur existiert, die das letztere At- von Seiten der Staatsapparate gegen die Individuen
tribut zum Leitfaden ihres Verständnisses von Kants geltend gemacht werden kann, sondern dass die Be-
gesamter Demokratietheorie macht, sei hierzu eine rufung auf überpositives Recht ausschließlich denen
Vorbemerkung erlaubt. Kants Prinzip der »Selbstän- zukommt, die nicht politische Funktionäre, sondern
digkeit« erklärt nur diejenigen Bürger zu stimmbe- ›nur‹ Menschen, bzw. Bürger sind. Letzteren ist es
rechtigten »Aktivbürgern«, denen die Qualifikation vorbehalten, ihre überpositiven Rechte in freier Rede
»selbständiger« Arbeit zukommt. Die in der Tat einzufordern und im Gesetzgebungsverfahren als
skandalöse Unterscheidung Kants ist jedoch eine Va- positive Rechte zu konkretisieren.
riante des – im 18. Jahrhundert ubiquitären, sogar In Habermas’ Konzeption eines Systems der
von dem »Radikaldemokraten« Rousseau (Verfas- Rechte in Faktizität und Geltung finden sich die er-
sungsentwurf für Korsika) vertretenen – Inklusions- örterten Theorieelemente Kants in so engem Zu-
Exklusionsprinzips, das nicht mit dem gegenläufi- sammenhang, dass eine getrennte Darstellung ihrer
gen Demokratieprinzip der Volkssouveränität ver- jeweiligen Rezeption inadäquat wäre. Sie erscheinen
wechselt werden darf, sondern zu diesem in bei Habermas bereits auf der Begründungsebene.
Beziehung gesetzt werden muss: Ironischerweise ist Was letztere betrifft, so geht Habermas – genau wie
nämlich ausgerechnet in den heutigen Demokratien, Kant (GMS, 85 ff., 99 ff.) – davon aus, dass moderne
in denen die Egalisierung des Wahlrechts weit fort- Philosophie nicht mehr die Existenz von objektiv
geschritten ist, das (in Verfassungen noch immer be- Gegebenem unterstellen kann und deshalb auf »zir-
schworene) Prinzip der Volkssouveränität gegen- kuläre« Begründungen angewiesen ist. Habermas’
standslos, insofern demokratische Wahlen zwar auf Explikation einer logischen Genese der Rechte in ei-
legislative Zielvorgaben einwirken, aber die Gesetze nem »Kreisprozess« (FG, 155) hat außerdem zur Vo-
durch die Entformalisierung des Rechts für die an- raussetzung, dass das Diskursprinzip (bei Habermas
wendenden Instanzen unverbindlich werden. Ange- bislang ein Moralprinzip) als gegenüber Recht und
sichts der heutigen Selbstprogrammierung der Moral »neutrales« sich auf Handlungsnormen über-
Staatsapparate existiert nur noch ein egalitäres Volk haupt bezieht und das Demokratieprinzip auf
von »Passivbürgern«. Rechtsnormen zugeschnitten ist (FG, 138, 154; 142).
Was nun das Verhältnis von Freiheitsrechten und Im zirkulären Prozess wird zugleich die Hierarchie
Volkssouveränität angeht, so bezeichnet Kant erstere zwischen Naturrecht und positiver Rechtsetzung
sowohl als »Prinzipien a priori«, auf die jeder rechtli- aufgehoben, so dass Freiheitsrechte und Volkssouve-
che Zustand sich gründet (Gemeinspruch 145; vgl. ränität als »gleichursprüngliche« begründet werden
MdS/RL, 345), als auch als Derivate der »obersten können (ebd., 155 ff.). Der »Kreisprozess« beginnt
Gewalt« des souveränen gesetzgebenden Volkes, (als ›logische‹ Genese) mit der Anwendung des Dis-
»von der alle Rechte der einzelnen [...] abgeleitet kursprinzips auf das Recht auf subjektive Hand-
werden müssen« (MdS/RL, 464, Hervorh. I. M.). In lungsfreiheiten (d. h. die Rechtsform als solche) und
dieser doppelten Bestimmung Kants, derzufolge die mündet in die Institutionalisierung demokratischer
Freiheitsrechte zugleich Voraussetzung und Ergeb- Rechtserzeugung, durch die »rückwirkend« die
nis der Ausübung von Volkssouveränität sind, ist der Rechte subjektiver Handlungsfreiheit ausgestaltet
Vorgang einer »Positivierung des Naturrechts« (so werden können (ebd.). Wie bei Kant treten also Frei-
Habermas in Bezug auf die Verfassungsgebung der heitsrechte als Voraussetzung und Ergebnis demo-
Französischen Revolution, vgl. TP, 89 ff.) impliziert, kratischer Gesetzgebung auf, wobei Habermas kon-
ohne dass der vorpositiv-positivrechtliche Doppel- statiert, dass diese Rechte als ermöglichende Bedin-
charakter der Freiheitsrechte in Frage gestellt würde. gungen der gesetzgebenden Souveränität diese nicht
Letzterer ist vielmehr bei Kant noch einmal sehr ge- einschränken können (ebd., 162). Habermas’ zirku-
nau auf die spezifischen Asymmetrien des Prinzips läre Begründung ist gegen Einwände, die ihr einer-
der Volkssouveränität bezogen: Der einen Asymme- seits entweder eine naturrechtsanaloge Rechte-Kon-
trie, der Unterwerfung aller Bürger unter das staatli- zeption oder umgekehrt das Fehlen eines Katalogs
che Gewaltmonopol (das Exekutive und Judikative normativ »richtiger« Grundrechte vorwerfen, oder
handhaben), wird die andere Asymmetrie entgegen- andererseits entweder die Freisetzung einer wildge-
gesetzt: die Unterwerfung der Staatsapparate unter wordenen Volkssouveränität oder deren Minimisie-
die gesetzgebende Souveränität des Volkes. Aus dem rung vorwerfen, gleichermaßen gefeit. Die im Kreis-
vorstaatlichen Charakter der Freiheitsrechte folgt, prozess zuerst eingeführten »Grundrechte« subjek-
52 II. Kontexte

tiver Handlungsfreiheit sind den nachfolgenden Kompatibilisierung privater »Willkür« bestimmen


»Grundrechten« politischer Autonomie deshalb und zugleich die Partizipation am demokratischen
nicht vorgeordnet, weil sie lediglich »Kategorien Rechtsetzungsprozess beinhalten (ZeF 204; MdS/RL
von Rechten« bezeichnen und sich als Rechte erst § 46), ohne dass sie letzterem vorgeordnet wären (so
»aus der politisch autonomen Ausgestaltung« je- aber Habermas: FG 131): Denn Freiheit – von Kant
weils ergeben (FG, 155 f.). Habermas’ minimalisti- als »rechtliche (mithin äußere)« von moralischer
sche Begründungsvoraussetzung vermeidet nicht Autonomie deutlich unterschieden (ZeF, 204 Anm.;
nur (material-)naturrechtliche, sondern auch ge- ebenso: MdS/RL § 46) – ist »die Befugnis, keinen äu-
rechtigkeitsexpertokratische Festlegungen, die den ßeren Gesetzen zu gehorchen, als zu denen ich meine
demokratischen Prozess enteignen könnten, und re- Beistimmung habe geben können« (ebd.). Kants
kurriert allein auf die Rechtsform als solche, d. h. Freiheitsrechte sind also Rechte privater und politi-
die »Sprache«, die in Verfahren der Konkretisierung scher Autonomie in einem; die private Handlungs-
der Rechte notwendigerweise gesprochen werden freiheit wird durch die Partizipation an der Gesetz-
muss. gebung abgesichert. Insofern sind bei Kant Frei-
Die Übereinstimmung mit Kant erscheint prima heitsrechte und Volkssouveränität (in Habermas’
facie auch auf der Begründungsebene als eine (fast) Sprachgebrauch:) ›vorverständigt‹, während Haber-
vollkommene, denn die demokratische Naturrechts- mas’ Rechte auf gleiche subjektive Handlungsfreihei-
theorie des 18. Jahrhunderts war ebenfalls nicht ten zu denen der politischen Autonomie in einem
»zweistufig«, sondern zirkulär angelegt. Ihre Ein- strukturellen Gegensatz stehen, dessen Vermittlung
trittstelle in den Zirkel war noch durch die »angebo- eine sehr viel komplexere diskurstheoretische Fas-
renen« Menschenrechte bezeichnet, aus denen Rous- sung erfordert. Bereits die Differenz zwischen Rech-
seau wie Kant die Notwendigkeit der demokrati- ten privater und politischer Autonomie ist bei Ha-
schen Struktur der Gesetzgebung begründeten und bermas diskurstheoretisch bestimmt: Erstere »ent-
letztere wiederum als Voraussetzung des Schutzes, binden« von den »Verpflichtungen kommunikativer
sowie der fortlaufenden Konkretisierung der Men- Freiheit«, zu intersubjektiv und reziprok erhobenen
schenrechte bestimmten (vgl. Maus 1995, 523 Anm. Geltungsansprüchen Stellung zu nehmen, während
71). Auch die »angeborenen« Menschenrechte wa- die letzteren »Berechtigungen« zum öffentlichen Ge-
ren nicht etwa »gegeben«, sondern verdankten sich brauch kommunikativer Freiheit garantieren (FG,
einer theoretischen Leistung: Nur im hypothetischen 152 f., 161, Hervorh. i.O.). Dieser Gegensatz ist noch
Konstrukt des Naturzustands, d. h. unter Abstrak- dadurch zur »Paradoxie« gesteigert, dass auch die
tion von allen realexistierenden politisch-gesell- letzteren (intersubjektiv bestimmten) Rechte in der
schaftlichen Zwangsveranstaltungen und Hierar- Rechtsform subjektiver Freiheit garantiert werden
chien konnten »Freiheit« und »Gleichheit« kon- müssen (ebd., 164 f.). Der Überbrückung dieses Wi-
trafaktisch begründet werden. – Einige Differenzen derspruchs zwischen der rechtlichen Institutionali-
sind jedoch im Unterschied zwischen subjektphilo- sierung strategischen und kommunikativen Han-
sophischer und diskurstheoretischer Perspektive be- delns dient Habermas’ Ausarbeitung von Diskurs-
gründet, andere ergeben sich erst aus einer sehr spe- formationen (ebd., 197 ff.), die die kommunikative
zifischen Kant-Lektüre, in der Habermas Kants Vor- Rationalität parlamentarischer Verfahren und letzt-
leistungen (vor allem hinsichtlich der Trennung von lich die »Legitimität des Rechts« (ebd., 134) begrün-
Recht und Moral) für die eigene diskurstheoretische den.
Reformulierung unterschätzt (Maus 1995, 539 ff.; Indessen bestreitet Habermas Kant nicht nur –
hier ebenso Brandt 2002, 57 f.). zurecht – eine diskurstheoretische Vermittlung zwi-
Habermas’ Freiheitsrechte, die zur Volkssouverä- schen Freiheitsrechten und Volkssouveränität, son-
nität ins Verhältnis der »Gleichursprünglichkeit« ge- dern auch – sehr zu Unrecht – die Leistung dieser
setzt werden, sind nicht diejenigen Kants: Kant hatte Vermittlung überhaupt, und zwar aufgrund von
die »angeborenen, zur Menschheit notwendig gehö- Kants fehlender (!) Trennung zwischen Recht und
renden und unveräußerlichen Rechte« der »Freiheit« Moral, die dazu führe, dem demokratischen Gesetz-
und »Gleichheit« von vornherein sowohl im Sinne geber moralisch gehaltvolle Normen überzuordnen
gleicher privater Handlungsfreiheit unter dem allge- (FG, 137, 153 f.). Nun ist es in der Kant-Literatur um-
meinen Gesetz (Gemeinspruch 145) als auch als stritten, ob Kant – was die Begründungsebene an-
Prinzipien verstanden, die die Struktur des demo- geht – das Prinzip des Rechts aus dem der Moral ab-
kratischen Gesetzes selbst als Allgemeinheit der leitet oder selbständig gewinnt. Die Tatsache jedoch,
9. Recht und Kant 53

dass Kant bereits in den »Einleitungen« und »Eintei- Eigentums überhaupt und dessen Abhängigkeit von
lungen« am Beginn der Metaphysik der Sitten auf gesetzlicher Konkretisierung bei Kant entsprechen
31 Seiten durchgängig die Trennung von Recht und in etwa die beiden Formulierungen der Eigentums-
Moral behandelt, wird durch eine terminologische garantie des Grundgesetzes: In der ersten wird das
Abweichung vom heutigen Sprachgebrauch verdun- »Eigentum [...] gewährleistet«; die zweite besagt:
kelt: Kant nennt nämlich alle »Gesetze der Freiheit«, »Inhalt [!] und Schranken werden durch die Gesetze
die überhaupt Gegenstand der praktischen Philo- bestimmt« (Art. 14 Abs. 1 GG) – ein Beispiel, in
sophie sind (im Unterschied zu Naturgesetzen) »mo- dem sich auf der Ebene des Verhältnisses zwischen
ralisch« und unterteilt sie in »juridisch[e] und verfassungsrechtlich konkretisiertem Grundrecht
»ethisch[e]« (MdS/RL, 318). Dass also Kant »Moral« und weiterer gesetzlicher Ausgestaltung Habermas’
als einen Oberbegriff von Recht und Ethik behan- »Kreisprozess« der Genese von Rechten wiederholt.
delt, muss beachtet werden, wenn Kant an anderer
Stelle von einem »moralischen Imperativ« spricht, Theorie des Völkerrechts: Mit Kants Völkerrechtsthe-
»aus welchem nachher das Vermögen, andere zu orie hat sich Habermas vorwiegend aus kritischer
verpflichten, d.i. der Begriff des Rechts, [deshalb] Distanz auseinandergesetzt. Aufgrund der Prämisse,
entwickelt werden kann«, weil der »moralische Im- dass die Globalisierung zahlreicher gesellschaftli-
perativ« überhaupt ein »pflichtgebietender Satz« ist cher Teilbereiche diese der nationalstaatlichen (und
(ebd., 347). Kants Begriff der »Moral« ist also gegen- damit jeglicher) Regulierung entzieht, entwickelt
über Recht und Ethik in gleicher Weise »neutral« Habermas Prinzipien einer Weltinnenpolitik, die
wie Habermas’ revidiertes Diskursprinzip. eine »Konstitutionalisierung des Völkerrechts« be-
Erst recht muss Habermas widersprochen wer- gründen. Dabei geht die politische Option des ›Welt-
den, wenn er nicht nur Kants »einzigem« »angebo- bürgers‹ Habermas in die philosophische Auseinan-
renem« Menschenrecht gleicher Freiheit, sondern dersetzung ein – allerdings nicht in der Weise jener
auch der Vielzahl konkretistischer Rechte des Na- strategischen Verwertung, die die Rezeption von
turzustands, die Kant unter dem Titel des »Privat- Kants Friedensphilosophie seit zwei Jahrhunderten
rechts« entwickelt (dazu Maus 1992, 148 ff.), den bestimmt (Eberl 2008): Während diese Kants Völ-
Charakter moralisch begründeten Rechts zuspricht, kerrechtstheorie (ZeF; MdS/RL §§ 53 ff.; Gemein-
das der demokratische Gesetzgeber nur noch zu po- spruch, 165 ff.) für ihre eigenen, jeweils kontextbe-
sitivieren habe (Habermas, FG 130 ff.), womit Kants dingten politischen Zielsetzungen unmittelbar re-
Prinzip der Volkssouveränität überhaupt hinfällig klamiert, macht Habermas seine Differenzen zu
wäre. Im Gegensatz zur »angeborenen« Freiheit ist Kant auch dann kenntlich, wenn seine eigene Kant-
bei Kant das »Mein und Dein« des Naturzustands Lektüre sich zu gegenwärtigen Rezeptionsfronten
nur »erworbenes« Recht und die Art der Erwerbung ins Verhältnis setzt. Was zunächst letztere angeht, so
(im Gegensatz zu Locke) als »erste Besitznahme« erschließt die dominante Lesart Kants Friedens-
qua schierer Bemächtigung eine so moralfreie, dass schrift als Legitimationsquelle für eine internatio-
ihr nur »provisorische« Geltung zugesprochen wird nale Politik, die – im Vorgriff auf ein Weltsystem –
(Kant MdS/RL, 373 ff.). Kein »Gebot«, bloß ein »Er- sich gegen die UN-Charta verselbständigt und die
laubnisgesetz« der Vernunft fordert (ebd., 329, 355; Durchsetzung gleicher Menschenrechte in allen Ge-
dazu grundlegend Brandt 1982, 233 ff.), dass die sellschaften dieser Welt unverzüglich und zwingend
Rechte des Naturzustands nur so lange anzuerken- verlangt. Entsprechend konzentriert sich die strate-
nen sind, bis die »öffentliche« demokratische Ge- gische Ausbeutung Kants vor allem auf die Anstren-
setzgebung des bürgerlichen Zustands sie als »per- gung, dem Text der Friedensschrift die Option für
emtorische« Rechte qualifiziert (Kant MdS/RL, einen »Weltstaat« und die Befürwortung von militä-
374 f., 431) – wobei »der Wille des Gesetzgebers [...] rischen Interventionen abzupressen. Habermas’ Re-
in Ansehung dessen, was das äußere Mein und Dein zeption geht einen anderen Weg. Aus dem »histori-
betrifft, [...] untadelig« ist (ebd., 435, Hervorh. i.O.). schen Abstand von 200 Jahren« erklärt Habermas
Lediglich die theoretischen Prämissen des »Privat- Kants Friedensschrift zunächst in wesentlichen Tei-
rechts« begründet Kant in einem »Rechtlichen Pos- len für obsolet, und zwar vor allem wegen ihrer Ab-
tulat« der praktischen Vernunft, dass überhaupt das sage an einen Weltstaat, wie Habermas zugleich zu-
»Äußere (Brauchbare) [...] das Seine von irgendje- treffend und pejorativ feststellte (EA, 196 ff.). Erst
mandem werden könne« (ebd., 354 ff., 361). Diesem später ließ sich Habermas von der hegemonialen
Verhältnis zwischen der Notwendigkeit rechtlichen angloamerikanischen Interpretation überzeugen
54 II. Kontexte

(GW, 124, Anm. 24), derzufolge die Friedensschrift sich bestehender Staat« auf friedliche, quasi privat-
letztendlich einen Weltstaat begründet – zu einem rechtliche Art durch einen anderen Staat »erwor-
Zeitpunkt, als Habermas diese Option bereits verab- ben« werden kann oder ein Staat sich in »Verfassung
schiedete und stattdessen für eine Weltverfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig ein-
ohne Staat eintrat. Aus dieser letzteren Perspektive mischen« darf. Die Begründung gilt für beide Fälle:
ergibt sich die spezifische Komplexität von Haber- Der Staat »ist« das Volk, bzw. er »ist eine Gesellschaft
mas’ späterer Kant-Rezeption hinsichtlich des eige- von Menschen«, die sich entsprechend der »Idee des
nen Projekts einer »Konstitutionalisierung des Völ- ursprünglichen Vertrags« zu einem Volk von Staats-
kerrechts« (GW, 113 ff.). bürgern zusammengeschlossen haben (ZeF, 197).
In der Friedensschrift selbst findet sich der aus Die privatrechtliche Erwerbung eines Staates lädiert
Kants innerstaatlichem Demokratiemodell bekannte nicht diesen als solchen, sondern nur den Staat in
Zusammenhang zwischen Freiheitsrechten und seiner Eigenschaft als »moralische Person« (in ge-
Volkssouveränität um das zusätzliche Element des genwärtigem Sprachgebrauch: als juristische Per-
Friedens erweitert – eine Konstellation, die die all- son), das heißt den Staat als Personenverband der
seitige Optimierung dieser Prinzipien voraussetzt. Bürger: diese letzteren werden in einer solchen
So bestimmt Kant die »Friedensstiftung« als »den Transaktion zu »Sachen« herabgewürdigt und (wie
ganzen Endzweck der Rechtslehre« (MdS/RL, 479) zum Beispiel seinerzeit beim Verkauf der Insel Kor-
und die fortschreitende »Republikanisierung«, das sika durch Genua an Frankreich) um ihre staatsbür-
heißt Demokratisierung aller Staaten als wichtigste gerliche Selbstbestimmung gebracht. Auch im Fall
Voraussetzung des Friedens – aber nicht als Mittel der »gewalttätigen Einmischung« (zwecks Änderung
zum (End-)Zweck, denn die demokratische Organi- einer schlechten Verfassung oder anlässlich der Be-
sation ist (entsprechend der sie prägenden Struktur drohung einer Verfassung durch inneren Separatis-
des Gesellschaftsvertrags) ein Zweck an sich selbst mus) liegt der »Skandal«, der die »Autonomie aller
(Gemeinspruch 143 f., vgl. Maus 1992, 43 ff., 54 f.). Staaten unsicher machen« würde, in der »Verletzung
Die Mittel zur Herbeiführung eines Weltfriedens der Rechte eines nur mit seiner inneren Krankheit
müssen darum auch diesem Zweck entsprechen. Die ringenden […] Volks« (ZeF, 199, Hervorh. I. M.).
Forderung des ersten Definitivartikels der Friedens- Dass also Staatssouveränität zwischenstaatliche An-
schrift: »Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat erkennung deshalb (!) verdient, weil sie der Au-
soll republikanisch sein« (ZeF, 204 ff.), besteht zwar ßenaspekt innerstaatlicher Volkssouveränität ist,
hinsichtlich der friedensfördernden Struktur dieser kann diesen Formulierungen unmittelbar entnom-
Staatsorganisation, insofern in ihr die Staatsbürger, men werden. Diese normative Auszeichnung der
welche die Lasten eines Krieges zu tragen haben, Staatssouveränität durch Volkssouveränität ist eine
selbst über Krieg oder Frieden beschließen und des- Voraussetzung für Kants Ablehnung eines alle Staa-
halb [unter Abwesenheit moderner massenmedialer ten einschmelzenden Weltstaats. Die Begründung in
Beeinflussung] den Frieden vorziehen. Der Selbst- der »Idee« des ursprünglichen Vertrags (der bei Kant
zweck der Republik aber wird bereits in Kants detail- ein Gesellschaftsvertrag zwischen Freien und Glei-
lierter Erörterung ihrer einzelnen Verfassungsprin- chen ist und die Struktur demokratischer Gesetzge-
zipien kenntlich gemacht. bung bereits enthält) lässt freilich angesichts der real
Auch Kants Option für einen Völkerbund und ge- existierenden Binnenstrukturen der Staaten eine
gen den Weltstaat beruht wesentlich auf dieser Vor- schwerwiegende Frage offen, die nach der Erörte-
aussetzung. Die im zweiten Definitivartikel der Frie- rung des äußerst umstrittenen zweiten Definitivarti-
densschrift begründete Option ist bereits durch zwei kels (ZeF, 208 ff.) behandelt werden kann.
der Präliminarartikel vorbereitet, in denen Kant die Im Gegensatz zu einer Kant-Literatur, welche die
Vorbedingungen eines jeden Friedensschlusses in diesem Artikel enthaltene Option Kants gegen ei-
überhaupt angibt. Diese erläutern zugleich den Zu- nen Weltstaat und für das »negative Surrogat« des
sammenhang zwischen »Gesellschaftsvertrag« und Völkerbunds als (vorläufige) resignative Anpassung
demokratischer Organisation einerseits und die Be- an empirische Bedingungen völkerrechtlicher Praxis
ziehung zwischen dem innerstaatlichen und zwi- interpretiert, um daraus einen heimlichen Stufen-
schenstaatlichen Aspekt bürgerlicher Selbstbestim- plan für einen letztendlich doch zu erreichenden
mung (d. h. zwischen Volkssouveränität und Staats- Weltstaat zu gewinnen, wird hier die These vertre-
souveränität) andererseits. Die Prämilinarartikel 2 ten, dass Kants Gründe gegen einen Weltstaat von
und 5 (ZeF, 196 f., 199) schließen aus, dass ein »für ausschließlich normativer Qualität sind (zum Fol-
9. Recht und Kant 55

genden vgl. Maus 2006). Die umkämpfte Passage der gebung nicht organisiert und Gesetze nicht mehr
Friedensschrift lautet: implementiert werden können, so dass in einem Zu-
stand anarchischen Despotismus weder Freiheit
»Für Staaten, im Verhältnisse unter einander, kann es nach noch Frieden zu gewährleisten sind (Gemeinspruch,
der Vernunft keine andere Art geben, aus dem gesetzlosen
Zustande, der lauter Krieg enthält, herauszukommen, als 169, MdS/RL, 474). Umgekehrt bleibt im Völker-
daß sie, eben so wie einzelne Menschen, ihre wilde (gesetz- bund der innerstaatliche Zusammenhang von de-
lose) Freiheit aufgeben, sich zu öffentlichen Zwangsgeset- mokratischer Freiheit und Frieden erhalten, so dass
zen bequemen, und so einen (freilich immer wachsenden) in der globalen Föderation der Einzelstaaten Staats-
Völkerstaat [...], der zuletzt alle Völker der Erde befassen souveränität als Volkssouveränität anerkannt ist.
würde, bilden. Da sie dieses aber nach ihrer Idee vom Völ-
kerrecht durchaus nicht wollen, mithin, was in thesi richtig Die »Idee« des ursprünglichen Vertrags kann
ist, in hypothesi verwerfen, so kann an die Stelle der positi- Kant zufolge also nur in Einzelstaaten überhaupt re-
ven Idee einer Weltrepublik (wenn nicht alles verloren wer- alisiert, andererseits aber bloß in historischer Ent-
den soll) nur das negative Surrogat eines den Krieg abweh- wicklung asymptotisch erreicht werden. Insofern ist
renden, bestehenden, und sich immer ausbreitenden Bun- Staatssouveränität lediglich Bedingung der Möglich-
des« treten (ZeF, 212 f., Hervorh. I.M.).
keit von Volkssouveränität. Angesichts der Tatsache,
Kants zentrale Aussage, dass die Völker der Erde den dass die übergroße Mehrheit der Staaten von der
Weltstaat, der »in thesi richtig ist, in hypothesi ver- Verwirklichung demokratischer Freiheit noch weit
werfen«, ist nicht als Hinweis auf bloß faktische Ein- entfernt ist, und hinsichtlich der normativen Direk-
stellungen und im Sinne einer Preisgabe von »Theo- tive, dass selbst eine Demokratie nicht gegen den
rie« zugunsten empiriegeleiteter »Praxis« zu verste- Willen des Volkes eingeführt werden darf (MdS/RL
hen. Da Kant die kategorische Verpflichtung, auf 463), entwickelt Kant die völkerrechtliche Perspek-
einen ewigen Frieden hinzuwirken, allein daraus ab- tive des »Erlaubnisgesetzes« der Vernunft, unge-
leitet, dass die Unmöglichkeit der Verwirklichung rechte Verfassungen solange zu dulden, wie sie ohne
dieses Ziels nicht bewiesen werden kann, sind die Gefahr des Rückfalls in einen völlig rechts- und ver-
Urteile über die Mittel zu dieser Verwirklichung not- fassungslosen »Naturzustand« noch nicht verändert
wendig »hypothetisch« (Gemeinspruch, 167 ff., werden können (ZeF, 234 u. Anm., vgl. ebd., 201). Es
170 f.). Das Urteil der »Völker dieser Erde« wird so ist dieses Erlaubnisgesetz, das sowohl dem Frieden
»in hypothesi« vom Philosophen gerechtfertigt und als auch staatsbürgerlicher Selbstbestimmung dient
als Ergebnis eines Prüfverfahrens dargestellt, das und den Zeitbedarf berücksichtigt, den je autonome
Kant als das der »bestimmenden Urteilskraft« aus innergesellschaftliche Lernprozesse auf dem Weg zu
der theoretischen Philosophie in die Friedensphilo- einer freiheitsrechtlichen Demokratie beanspru-
sophie überträgt: In diesem Prüfverfahren fungieren chen.
Kants »politische[n] Grundsätze«, die die Abwägung Kants Entwurf eines »Weltbürgerrechts« (3. Defi-
zwischen beiden Friedensmodellen ermöglichen nitivartikel) hat in Habermas’ später Rezeption ei-
(MdS/RL, 474), analog zu transzendentalen Sche- nen so spezifischen Stellenwert, dass er erst in die-
mata, die in der theoretischen Philosophie die Sub- sem Kontext dargestellt wird.
sumtion eines Gegenstands unter einen reinen Ver- Für Habermas’ neue Interpretationsperspektive
standesbegriff (z. B. eines Tellers unter den Begriff (Maus 2007, 358 ff.) ist – wie erwähnt – Kants ver-
des Zirkels) steuern (KrV, 183 ff., 187 ff.): Bei diesem meintliche Weltstaatsoption von Belang, die jetzt
Verfahren erweist sich, dass von beiden an sich »ver- kritisiert wird. Habermas zeichnet so einerseits Kant
nünftigen« Friedensmodellen, dem Weltstaat und als Vordenker einer weltbürgerlichen Verfassung
dem Völkerbund, nur das letztere auch in der »hypo- aus, während er andererseits diese Verfassung durch
thetischen« Erwägung seiner Realisierung allen nor- Abstraktion von ihrem (Kantischen) weltstaatlichen
mativen Kriterien der Vernunftidee des Friedens Substrat gewinnt. Habermas’ spezifische Lesart einer
noch entsprechen kann, während der Weltstaat als Weltstaatsoption Kants bezieht sich auf das besagte
realisierter diese verletzen würde. Diese normativen »Weltbürgerrecht«, durch welches Kant das Völker-
Kriterien werden von Kant wiederum im Sinne des recht als ein Recht zwischen Staaten in ein Recht der
Kontinuums von Frieden, Freiheitsrechten und de- Individuen »als Mitglieder einer politisch verfassten
mokratischer Autonomie bestimmt, die den »Kirch- [!] Weltgesellschaft« transformiere (NR, 326), wobei
hofsfrieden« eines Weltstaats ausschließen. Kant sich Kant diese Weltverfassung, die dem individuel-
erläutert, dass in einem weltumspannenden Staat len Recht der »Weltbürger« korrespondiere, nicht
allein aufgrund seiner Größe demokratische Gesetz- ohne die Existenz einer »Weltrepublik«, also eines
56 II. Kontexte

Weltstaats, habe vorstellen können (ebd.). Dagegen Auch Habermas’ eigener Entwurf einer globalen
bestimmt Habermas’ Projekt einer »Konstitutionali- Verfassung enthält eine Annäherung an Kants
sierung des Völkerrechts« Kants »weltbürgerlichen Konzeption. Habermas’ »föderalistisch verfasste[s]
Zustand« »so abstrakt […], dass dieser nicht mit der Mehrebenensystem« (NR, 327) trägt nach eigener
Weltrepublik zusammenfällt und nicht als utopisch Einschätzung Züge eines Völkerbunds (ebd., 335).
abgetan werden kann« (ebd., 327). Diese Abstrak- Während an der Spitze einer reformierten Weltorga-
tion kommt indessen, wie ohnehin der Verzicht auf nisation lediglich Friedenssicherung und Menschen-
den Weltstaat, Kants eigener Intention mehr entge- rechtspolitik angesiedelt sind, ist die eigentliche
gen als beabsichtigt. Die einzige Passage, in der Kant »Weltinnenpolitik« kontinentalen Regimes, die aus
– im Unterschied zur durchgängigen Negation einer zusammengeschlossenen Nationalstaaten bestehen,
Weltrepublik – das Weltbürgerrecht in den Kontext vorbehalten (GW, 134 f.). Im Begriff einer »Verfas-
eines »allgemeinen Menschenstaats« rückt (Kant sung« freilich, zu der das Vertragswerk der UN-
ZeF, 203 Anm.) handelt, nur scheinbar paradox, ge- Charta transformiert werden soll, ist die der Weltor-
rade nicht von einem solchen Staat, sondern nur von ganisation zugeordnete Menschenrechtspolitik in ei-
den Menschen. Diese sind nicht etwa »Bürger eines ner Weise gegenüber demokratisch-rechtsstaatlichem
allgemeinen Menschenstaats«, sondern sind als sol- Prozedere isoliert, die sowohl Kants als auch Haber-
che nur »anzusehen« (Hervorh. I. M.). Es handelt mas’ innerstaatlichem Verfassungsbegriff diametral
sich um Rechte von Menschen, die je nach Rollen- widerspricht. Habermas rekurriert deshalb hinsicht-
perspektive jedes Einzelnen eine staatsbürgerliche, lich globaler Politik (der UNO) auf deren »Einbet-
völkerrechtliche oder weltbürgerliche Dimension tung« in die Weltöffentlichkeit (NR, 356), während
haben können. Kant spricht also nur von »Alle[r] er die Legitimität der Weltinnenpolitik an die Legiti-
rechtliche[r] Verfassung […], was die Personen [!] mationsressourcen der Nationalstaaten rückkoppelt
betrifft« (ZeF, 203 Anm.), und nicht von Verfassun- (GW, 139).
gen, die politische Gemeinwesen, gleich welcher
Größenordnung, organisieren. Auch das im dritten Erkenntnistheorie: Obgleich die Konsequenzen des
Definitivartikel erläuterte »Weltbürgerrecht« (ZeF, linguistic turn für die Erkenntnistheorie hier nicht
213 ff.) hält sich auf dieser Abstraktionsebene. Es ist erörtert werden können, so sei doch auf Habermas’
das Recht der »allgemeinen Hospitalität« bei grenz- eigene Positionierung in diesem Vorgang der »prag-
überschreitendem Verkehr und setzt also die Exis- matistischen Deflationierung des Kantischen Ansat-
tenz von Grenzen gerade voraus. Auch Kants Ziel- zes« hingewiesen (NR, 30). Kants Transzendental-
setzung einer Reziprozität des Verkehrs – vor allem philosophie, die sich ohnehin von jedem ontologis-
zwischen Vertretern »unseres Weltteils« und der von tisch-unmittelbaren Zugriff auf die Gegenstände der
ihnen unterdrückten und ausgeplünderten Teile der Erkenntnis verabschiedet und sich auf die Bedin-
übrigen Welt – durch »zuletzt öffentlich gesetz- gungen der Möglichkeit von Erkenntnis konzen-
lich[e]«Entwicklung im Sinne einer »weltbürgerli- triert, proklamiert eine »Revolution der Denkart«
chen Verfassung« (ZeF, 214) geht über die Perspek- (KrV, 22 ff.), derzufolge die Erkenntnis sich nicht
tive rechtlicher Verfassung »was die Personen be- mehr nach ihrem Gegenstand, sondern der Gegen-
trifft« (ZeF, 203 Anm.) nicht hinaus: Sie begründet stand sich nach der Beschaffenheit des Erkenntnis-
eine »Ergänzung des ungeschriebenen Codex, so- vermögens richtet (ebd., 25): Die bekannte Frage der
wohl des Staats- als Völkerrechts zum öffentlichen Transzendentalphilosophie »Wie sind synthetische
Menschenrechte [!] überhaupt« (ZeF, 216 f.). Kants Urteile a priori möglich?« (ebd., 59) wird dahinge-
»Weltbürgerrecht« wäre also (sogar als ›geschriebe- hend beantwortet, dass objektiv gültige Erkenntnis
nes‹) nicht etwa supranationales, sondern transna- nur aufgrund von Prinzipien gewonnen werden
tionales Recht. Auch wenn Habermas’ Einschätzung kann, die aller Erfahrung vorhergehen und diese erst
prinzipiell zutrifft, dass Kant sich eine Weltverfas- konstituieren. Die Subjekte können also nicht die
sung nicht ohne staatliches Substrat denken könnte, »Dinge an sich«, sondern nur die aus diffusen Wahr-
so besteht dieser Zusammenhang doch nur in der nehmungen mittels apriorischer Formen der An-
Negation: Er findet sich in Kants Ablehnung der schauung und apriorischer Verstandesbegriffe syn-
staatsbegründenden amerikanischen Unionsverfas- thetisierten Gegenstände der Erfahrung erkennen.
sung als Vorbild globaler Friedensstiftung (MdS/RL, Indem Kant die erkennbare Welt der Erscheinungen
475). Für letztere besteht Kant auf der vertraglichen auf Leistungen des Subjekts zurückführt, befreit er
Föderation souveräner Staaten. dieses nicht nur aus der Übermacht verdinglichter
9. Recht und Kant 57

Objektivität der Vormoderne, sondern – mit der bermas kritisiert (TKH I, 523), in einer bestimmten
Ausdifferenzierung einer Erkenntnistheorie – auch Hinsicht rückständig. Kants – kommunikativ un-
aus den Zumutungen inhaltlicher Wahrheitsansprü- vermittelte – Beziehung zwischen Subjekt und Ob-
che einer vorkritischen ›dogmatischen‹ Metaphysik. jekt, in der der zu erkennende Gegenstand über-
Der Erkenntnistheoretiker Kant ist freilich genötigt, haupt erst ›produziert‹ wird, entspricht einem ge-
als gestrenger Experte für den einzig richtigen Ge- sellschaftlichen Kontext, in dem die Bearbeitung
brauch des Erkenntnisvermögens aufzutreten – ein der äußeren Natur noch so dominant war, dass sie
Herrschaftsanspruch (so Habermas MKH, 10), den auch die philosophische Konzeption der Beziehung
die diskurstheoretische Fassung des Erkenntnispro- zwischen Begriff und Sache bestimmte. Die »Mühe
blems gleichsam demokratisiert. und Anstrengung des Begriffs« war – wie Adorno
Habermas’ Reformulierung der Erkenntnistheo- formulierte – »unmetaphorisch«. Dagegen ist Ha-
rie rekurriert nicht auf einzig richtige, aller Erfah- bermas’ theoretische Ausdifferenzierung von »Ar-
rung vorhergehende Prinzipien der Vernunft, son- beit und Interaktion« (TW, 9 ff.) eine Vorausset-
dern auf die in jeder intersubjektiven Verständigung zung für die komplexere Fassung der Erkenntnis-
über die Objektwelt immer schon mitlaufenden Ele- theorie. Sie entspricht heute einem gesellschaftlichen
mente des Diskurses, die in die pragmatischen Be- Kontext, in dem »Interaktion« so dominant gewor-
standteile der Rede eingebaut sind. In den wechsel- den ist, dass auch der direkte Objekt-Kontakt, den
seitigen reziproken Unterstellungen der Diskursteil- Kant in der »Sinnlichkeit« des Subjekts hergestellt
nehmer sowohl hinsichtlich der grammatischen sah, nur noch indirekt als kommunizierter existiert.
Bedingungen ihres Diskurses als auch der geteilten – Insgesamt lässt sich Habermas’ Kant-Rezeption
Sprachpraxis, die dazu nötigt, eine gemeinsame ob- auch als Transformation einer auf »Arbeit« rekur-
jektive Welt vorauszusetzen (NR, 34), wird »eine ›für rierenden Bewusstseinsphilosophie in eine Philo-
alle identische‹ Welt« begründet (ebd.). Im An- sophie der Kommunikationsgesellschaft beschrei-
schluss an Putnam optiert Habermas aufgrund der ben.
Prämisse, dass alles »real« ist, »was in wahren Aussa-
gen dargestellt werden kann«, für einen »internen Literatur
Realismus« (ebd., 35). Es fragt sich aber, ob nicht
Kants Dualismus zwischen der Welt der »Dinge an Brandt, Reinhard: »Das Erlaubnisgesetz, oder: Vernunft
und Geschichte in Kants Rechtslehre«. In: Ders. (Hg.):
sich« und der »Welt der Erscheinungen« in dieser Rechtsphilosophie der Aufklärung. Berlin/New York 1982,
Konzeption wiederkehrt, wenn Habermas (im An- 233–285.
schluss an Peirce) betont, dass die »›Welt‹, die wir als –: »Habermas und Kant«. In: Deutsche Zeitschrift für Philo-
das Ganze von Gegenständen« (an die wir ›stoßen‹ sophie 50. 1 (2002), 53–68.
können) unterstellen, nicht verwechselt werden darf Eberl, Oliver: Demokratie und Frieden. Kants Friedens-
schrift in den Kontroversen der Gegenwart. Baden-Baden
mit der »›Wirklichkeit‹, die aus allem besteht, was in
2008.
wahren Aussagen dargestellt werden kann« (ebd., Kant, Immanuel: Werkausgabe. 12 Bde. Hg. von Wilhelm
36, Hervorh. I. M.). Die Differenz zwischen beiden Weischedel. Frankfurt a. M. 1974–1977.
erkenntnistheoretischen Positionen scheint eher in –: Kritik der reinen Vernunft [1781]. Bd. III, IV (=KrV).
der besagten diskurstheoretischen ›Demokratisie- –: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik [1783].
rung‹ zu liegen. Was hingegen den »internen Realis- Bd. V (=Prol.).
–: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten [1785]. Bd. VII
mus« betrifft, so ist er sogar weniger realistisch als (=GMS).
der »transzendentale Idealismus« Kants. Während –: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig
Kant die dem Subjekt zugänglichen »Erscheinun- sein, taugt aber nicht für die Praxis [1793]. Bd. XI (= Ge-
gen« auf die Vorstellungen zurückführt, die die un- meinspruch).
bekannten »Dinge an sich« aufgrund ihres Einflus- –: Zum ewigen Frieden [1795]. Bd. XI (=ZeF).
–: Die Metaphysik der Sitten [1797]. Bd. VIII (=MdS;
ses auf die Sinnlichkeit des Subjekts hervorrufen Rechtslehre = RL; Tugendlehre = TL).
(Prol., 152), verdankt sich die »interne« Realität der Maus, Ingeborg: Zur Aufklärung der Demokratietheorie.
Gegenstände, von denen die Diskurstheorie handelt, Rechts- und demokratietheoretische Überlegungen im An-
nur der sprachlichen Kommunikation zwischen den schluß an Kant. Frankfurt a. M. 1992.
Subjekten. –: »Freiheitsrechte und Volkssouveränität. Zu Jürgen Ha-
bermas’ Rekonstruktion des Systems der Rechte«. In:
Dennoch ist die Bewusstseinsphilosophie Kants, Rechtstheorie 35, 4 (1995) 507–562.
indem sie dem Paradigma eines sich an den Objek- –: »Kant’s Reasons against a Global State: Popular Sover-
ten abarbeitenden Subjekts verhaftet bleibt, wie Ha- eignty as a Principle of International Law«. In: Luigi Ca-
58 II. Kontexte

ranti (Hg.): Kant’s Perpetual Peace. New Interpretative Es-


says. Rom 2006, 35–54.
10. Kognitive Entwicklungs-
–: »Verfassung oder Vertrag. Zur Verrechtlichung globaler psychologie
Politik«. In: Peter Niesen/Benjamin Herborth (Hg.): An-
archie der kommunikativen Freiheit. Jürgen Habermas
und die Theorie der internationalen Politik. Frankfurt Der Behaviorismus versteht kognitives Lernen als
a. M. 2007, 350–382. Assoziationsbildung aufgrund wahrgenommener
Niesen, Peter: Kants Theorie der Redefreiheit. Baden-Baden Kontingenzen und normatives Lernen als Über-
2005. nahme erwünschter Verhaltensweisen aufgrund von
Ingeborg Maus
Bestrafung oder Belohnung (Konditionierung). In
psychoanalytischen Ansätzen geht es um den Auf-
bau generalisierter Motive im Kontext frühkindli-
cher Beziehungserfahrungen. Normkonformität gilt
als motiviert durch den Wunsch, Gewissensbisse zu
vermeiden (d. h. die Rache des – aus Kastrations-
furcht – verinnerlichten Über-Ich) oder als Korrelat
einer – durch Angst vor Liebesverlust bewirkten –
frühen Überformung der Bedürfnisstruktur. Beide
Theorietraditionen unterstellen einen funktionalis-
tischen Wahrheitsbegriff und einen konventionalis-
tischen Richtigkeitsbegriff und kennen allein instru-
mentalistische Motive. Im Gegensatz dazu sehen Pi-
aget und Kohlberg die Entwicklung kognitiver und
moralischer Urteilsfähigkeit durch ein intrinsisches
Interesse an Wahrheit und an der universellen Recht-
fertigbarkeit moralischer Normen vorangetrieben.

Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung


Erkenntnis ist bei Piaget (1975) weder Kopie der
Wirklichkeit noch bloße Konstruktion. Sie ist viel-
mehr durch die je schon entwickelten Kompetenzen
des Subjekts mitbestimmt und auf eine zunehmend
angemessenere Erfassung der Wirklichkeit gerich-
tet.
Der Aufbau von Denkstrukturen folgt einer Ent-
wicklungslogik: Er vollzieht sich als universelle, ir-
reversible Abfolge von qualitativ unterschiedenen,
je ganzheitlich strukturierten und mit logischer
Notwendigkeit aufeinander aufbauenden Stadien,
von denen keines übersprungen werden kann. In
der Stufenabfolge setzen sich Entwicklungstrends in
Richtung zunehmender Generalisierung, Abstrak-
tion und Realitätsgerechtigkeit durch. Motor der
Entwicklung ist die aktive Auseinandersetzung des
Kindes mit seiner Umwelt, sofern es beim Erkennen
von Widersprüchen eine Integration auf höherem
Niveau erstrebt. Denken wird dabei als Verinnerli-
chung von Handlungserfahrungen konzeptuali-
siert.
Die kognitive Entwicklung beginnt mit dem sen-
sumotorischen Stadium (0–2 Jahre): Handlungs-
schemata werden aufgebaut und koordiniert, erste
10. Kognitive Entwicklungspsychologie 59

Vorstellungen von Kausalität und Raum erarbeitet. Aus mehreren Gründen sind höhere Stufen ›bes-
Im folgenden präoperationalen Stadium (2–7) be- ser‹: Sie integrieren zunehmend mehr moralisch re-
ginnt sich das symbolische Denken zu entfalten. levante Gesichtspunkte – positive und negative Kon-
Noch aber neigt das Kind zu animistischen, artifizia- sequenzen, Loyalitäten, Gesetzes- und Vertragstreue,
listischen und finalistischen Naturerklärungen und universelle Rechtfertigbarkeit. Sie berücksichtigen
ist unfähig, mehrere Dimensionen zugleich in Rech- zunehmend mehr Perspektiven – vom Ego über die
nung stellen oder Klasseninklusionen zu begreifen. Dyade und die Kleingruppe bis hin zur Systemper-
Diese Schwierigkeiten werden auf dem konkret-ope- spektive und den Bezug auf alle Vernunftwesen
rationalen Niveau (7–12) bewältigt. Auf formal-ope- überhaupt. Diese zunehmende Erweiterung der
rationalem Niveau (ab 12) wird das Denken reflexiv. Rollenübernahmefähigkeit macht den strukturellen
Der Heranwachsende kann nun mit Operationen Kern der Entwicklung der moralischen Urteilsfähig-
operieren, also nicht nur über konkrete Dinge, son- keit aus. Und faktisch präferieren Befragte höherstu-
dern auch über Gedanken nachdenken, Schlussfol- fige Argumente.
gerungen aus vorhandenen Daten ziehen und syste- In ihren Forschungen nutzen Piaget und Kohl-
matisch nach fehlenden Informationen suchen. Sein berg das hermeneutisch-rekonstruktive Interview.
hypothetisches Denkvermögen erschließt ihm das Die Probanden müssen ihre Lösungen der vorgeleg-
Konzept von Zufall – das faktisch Vorfindliche be- ten kognitiven Aufgaben oder moralischen Dilem-
greift er nun als bloß kontingent realisierten Aus- mata begründen und gegen die vom Interviewer er-
schnitt aus einem umfassenden Möglichkeitsraum. hobenen Einwände rechtfertigen. Die Frage nach
Begründungen ermöglicht die verstehende Rekon-
struktion der Sichtweise der Befragten. Der Umgang
Die Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit
mit Einsprüchen erlaubt, bloß oberflächlich aufge-
Piaget (1954) unterscheidet zwei Stadien der Moral- setzte Meinungen von stabil verankerten Überzeu-
entwicklung. Nach dem kindlich heteronomen Ver- gungen zu unterscheiden. Vor allem erlaubt er, die
ständnis sind Normen von den Autoritäten bestimmt Kompetenz auch im Falle einer durch Müdigkeit,
und Übertretungen zu bestrafen. Im autonomen Sta- Desinteresse etc. beeinträchtigten Performanz abzu-
dium gelten Normen aufgrund von Vereinbarungen schätzen. Dabei ist für die Einstufung nicht der In-
und werden aus vertraglich gestifteter Selbstver- halt der Antworten, sondern die Struktur ihrer Be-
pflichtung befolgt. Nach Kohlbergs (1984) erweiter- gründung entscheidend.
tem Modell entfaltet sich das moralische Bewusst-
sein in einer entwicklungslogischen Abfolge von 6 Grundannahmen der Piaget/Kohlberg-
Stufen, wobei – wie bei Piaget – das Verständnis der Theorietradition
Geltung von Normen und die Motive ihrer Befol-
gung einander entsprechen. Auf dem präkonventio- Menschenbild: Sowohl im Behaviorismus wie in psy-
nellen Niveau (bis 10–11 Jahre) glauben Kinder, choanalytischen Ansätzen ist das Kind passives Ob-
Normen gälten, weil sie von Autoritäten gesetzt und jekt, das (durch gezielte Erziehungsbemühungen
mit Sanktionen ausgestattet sind (Stufe 1) oder wech- oder faktische Beziehungserfahrungen) früh geprägt
selseitig vorteilhafte Austauschmöglichkeiten eröff- wird und sein Tun primär an äußeren oder inneren
nen (Stufe 2). Auf dem für die meisten Erwachsenen Sanktionen orientiert. Im kognitiven Ansatz hinge-
charakteristischen konventionellen Niveau gelten gen strebt der Mensch aktiv und (gemäß Riegels
Normen, weil sie faktisch in der eigenen Gruppe Konzept ›postformaler Stufen‹ oder Kohlbergs ›Stufe
(Stufe 3) oder Gesellschaft (Stufe 4) verbreitet sind 7‹) möglicherweise lebenslang danach, sein Erkennt-
und man befolgt sie, um soziale Akzeptanz zu errin- nis- und Urteilsvermögen zu verbessern.
gen oder Gewissensbisse zu vermeiden. Auf post-
konventionellem Niveau, das nur wenige Erwach- Entwicklungslogik: Konstitutiv für den Ansatz ist die
sene erreichen, wird Einsicht zum Bestimmungs- Idee, die Entfaltung der kognitiven und moralischen
grund von Moral. Normen gründen in vertraglichen Urteilsfähigkeit folge universell einer immanenten
Vereinbarungen (Stufe 5) oder in universellen Prin- Logik der Höherentwicklung. Dabei ist der Motor
zipien wie Gleichheit, Achtung vor der Würde der der Entwicklung das Erleben von Widersprüchen –
Person (Stufe 6) und werden aus Vertragstreue oder zwischen bislang aufgebauten Handlungsschemata
aufgrund einer freiwilligen Selbstbindung an die als und neuen Erfahrungen, zwischen Urteilen aus der
gültig erkannten Prinzipien befolgt. eigenen und aus fremden Perspektiven – und das
60 II. Kontexte

sachorientierte Bestreben, durch den Aus- und Um- Fragestellungen erweitert. Gegen das behavioristi-
bau der eigenen Denkstrukturen die erkannten Un- sche Reiz-Reaktionsmodell und die anpassungsori-
vereinbarkeiten aufzuheben und eine Integration auf entierten Grundannahmen der funktionalistischen
höherem Niveau zu erarbeiten. Rollentheorie betonte er mögliche Freiheitsgrade,
die dem handelnden Subjekt erlauben, sich zu der
Forschungslogik: Nach positivistischem Wissen- Repressivität, Rigidität und dem Internalisierungs-
schaftsverständnis sichern allein identische Fragen bedarf eines gegebenen Rollensystems mehr oder
und Antwortmöglichkeiten die Gleichheit von Sti- weniger autonom zu verhalten. Sein Konzept von
muli und Reaktionen. Faktisch bestimmt damit je- Ich-Identität und der erforderlichen Ichstärke for-
doch der Forscher die Bedeutung der Vorgaben, die mulierte er seinerzeit in der psychoanalytischen
er – fälschlicherweise – für objektiv gegeben hält. Im Sprache der Ich-Psychologie. In Starnberg inte-
Gegensatz dazu sucht das rekonstruktive Interview grierte er die in kognitivistischen Ansätzen theore-
die Sichtweise der Befragten zu erfassen. Im Aus- tisch erarbeitete und empirisch belegte Eigenstän-
tausch von Argumenten etablieren Forscher und digkeit einer intrinsisch an Wahrheit und Gerechtig-
Probanden ein egalitäres Verhältnis: Im Bemühen keit orientierten Entwicklungsdynamik.
um Verstehen wird der Befragte in seinem Anspruch
auf die Wahrheit oder Richtigkeit seines Urteils ernst Moral: Auch die Fokussierung auf Moral war beein-
genommen, auch wenn er irrt oder seine Erwägun- flusst von der Auseinandersetzung mit Forschungen
gen auf früheren Stufen noch egozentrisch verkürzt im kognitivistischen Bezugsrahmen. Der Nachweis,
sind. dass Subjekte mit der Entwicklung der moralischen
Urteilsfähigkeit lernen, sich von konventionell vor-
Inhaltsabstinenz: Mit ihrer Fokussierung auf die uni- gegebenen Normen zu distanzieren und Konflikte
verselle Entwicklung formaler Denk- und Urteils- aus der Perspektive eines zunehmend erweiterten
strukturen vernachlässigen Piaget und Kohlberg die Kreises potentieller Betroffener in zustimmungsfä-
Inhaltsdimension. Für kognitive Leistungen ist die higer Weise zu lösen, lieferte eine empirische Absi-
erhebliche Bedeutung von Prozessen differentiellen cherung der kommunikationstheoretischen Grund-
Inhaltslernens in neueren Forschungen (im Infor- annahme, Gesellschaft fundiere unhintergehbar
mationsverarbeitungsansatz, im Experten-Novizen- auch in begründbarem Einverständnis.
Paradigma, in der intuitiven Psychologie) detailliert
nachgewiesen. Auch für die moralische Urteilsbil- Entwicklungslogik: Die in der ontogenetischen Ent-
dung ist der Einfluss inhaltlich differierender Über- wicklung belegte stufenförmige Höherentwicklung
zeugungen in kulturvergleichenden oder soziohisto- rationaler Argumentation gewann eine zentrale
rischen Untersuchungen empirisch überzeugend be- theoriestrategische Bedeutung im Starnberger Insti-
legt. tut. Die einzelnen Projektgruppen übertrugen das
Konzept auf andere Dimensionen – auf die Entwick-
lung von Wissenschaften und Weltbildern, von
Habermas und der kognitivistische Ansatz
Demokratieverständnis und Rechtsbewusstsein. Ha-
Insbesondere in der Zeit seines Wirkens am Starn- bermas beschrieb die evolutionäre Abfolge von
berger MPI hat die kognitivistische Entwicklungs- Gesellschaftsformationen als entwicklungslogisch
psychologie für Habermas eine wichtige Rolle ge- rekonstruierbare Reihe von Lernschritten.
spielt. Aufgrund vorauslaufender basaler theorie-
strategischer Übereinstimmungen hat er sich von Wissenschaftstheoretische Basisüberzeugungen: Die
diesem Ansatz stark anregen lassen und dessen im entwicklungslogischen Ansatz und der herme-
empirische Befunde extensiv zur Stützung seiner neutisch-rekonstruktiven Vorgehensweise implizier-
eigenen Grundannahmen genutzt. Einige der Kon- ten Grundannahmen entsprechen der Dreiwelten-
kordanzen in inhaltlichen Interessen sowie in me- theorie des kommunikativen Handlungsbegriffs. In
thodischen und wissenschaftstheoretischen Über- diesem sind die objektive (als Ingesamt existieren-
zeugungen seien kurz benannt. der, künftig eintretender oder zu bewirkender Sach-
verhalte), die soziale (als Insgesamt geltender Nor-
Sozialisationstheorie: Schon in seinen Frankfurter men, Meinungen und Motive von Handelnden) und
Vorlesungen hatte Habermas seine gesamtgesell- die subjektive Welt (als Insgesamt persönlicher Er-
schaftlichen Analysen um sozialisationstheoretische lebnisse) integriert und das sprach-, handlungs- und
11. Systemtheorie 61

reflexionsfähige Subjekt gilt als befähigt, zu den in 11. Systemtheorie


diesen Welten erhobenen Geltungsansprüchen von
Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit mit Grün-
den Stellung zu nehmen. Handlungen können nun Die Auseinandersetzung zwischen Habermas und
durch ein Einverständnis koordiniert werden, das in Luhmann geht auf das Ende der 1960er Jahre zurück,
kooperativen Interpretationsleistungen erarbeitet eine Zeit der extremen »ideologischen« Konfronta-
wird, und der Geltungsanspruch auf universelle tion innerhalb der europäischen Sozialwissenschaf-
Rechtfertigbarkeit moralischer Normen tritt neu ten und -philosophie, und nimmt ihre erste mar-
hinzu. kante Gestalt an in dem breit rezipierten Band Theo-
rie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was
Inhaltsabstinenz: Etliche moderne Moralphiloso- leistet die Systemforschung? (Habermas/Luhmann
phen (u. a. Nussbaum, Gert, Rawls) suchen ein Mi- 1971), dem eine weitläufige Diskussion und zwei un-
nimalset inhaltlich definierter Normen aus den Be- mittelbar nachfolgende Supplement-Bände folgen.
dingungen der menschlichen Existenz oder der sozi- Mit den Jahren ist die Diskussion komplexer gewor-
alen Kooperation abzuleiten. Im Gegensatz dazu den: Habermas hat seine frühere Kritik in einigen
beschränkt sich Habermas – hierin den Struktura- Punkten gemildert bzw. relativiert.
listen ähnlich, die allein auf eine Analyse der forma- Interessanterweise hat Habermas von Anfang an
len Aspekte der Urteilsbegründungen abzielen – auf die sozialtheoretische bzw. -philosophische Bedeu-
die bloße Bestimmung des Verfahrens der Begrün- tung der Luhmann’schen Systemtheorie erkannt. In
dung gültiger Normen. Aus seiner Sicht sichern die diesem Sinne ist das folgende Zitat aufschlussreich:
Bedingungen des herrschaftsfreien Diskurses die
universelle Gültigkeit der konsentierten Normen. »Mit der auf Marx zurückgehenden kritischen Gesell-
schaftstheorie verbindet Luhmann also das Interesse an ge-
Inhalte seien in nachmetaphysischer Zeit nicht mehr
samtgesellschaftlicher Analyse, das dazu nötigt, eine Theo-
festlegbar. rie der gesellschaftlichen Entwicklung (wie im Historischen
Materialismus) und eine Theorie der Gesellschaftsstruktur
Literatur (wie in der Politischen Ökonomie) in Angriff zu nehmen.
Mit Marx verbindet Luhmann darüber hinaus, und das
Gibbs, John C.: Moral Development and Reality. Thousand trennt ihn endgültig von Parsons, eine der Geschichtsphi-
Oaks u. a. 2003. losophie entlehnte Konzeption der Einheit von Theorie
Hopf, Christel/Nunner-Winkler, Gertrud (Hg.): Frühe Bin- und Praxis sowie die zugehörige Idee der Selbstkonstitu-
dungen und moralische Entwicklung. Weinheim/Mün- tion der Gattung bzw. der ›Gesellschaft‹« (Habermas 1971,
chen 2007. 142 f.).
Inhelder, Bärbel/Piaget, Jean: The Growth of Logical Thin-
king from Childhood to Adolescence. London 1958.
Killen, Melanie/Smetana, Judith: Handbook of Moral Devel- Dies lief aber selbstverständlich nicht auf die Ein-
opment. Mahwah, NJ 2006. ordnung der Systemtheorie der Gesellschaft in die
Kohlberg, Lawrence: Essays on Moral Development. Bd. 1. Tradition der kritischen Gesellschaftstheorie hinaus.
The Philosophy of Moral Development. Bd. 2. The Psycho- Habermas bemerkte, »dass die Systemtheorie der
logy of Moral Development. San Francisco 1981/1984.
Gesellschaft mit einer kritischen Gesellschaftstheo-
Oerter, Rolf/Montada, Leo: Entwicklungspsychologie. Wein-
heim u. a. 2008. rie zwar die Ebene der Theoriebildung teilt, aber auf
Piaget, Jean: Das moralische Urteil beim Kinde. Zürich dieser Ebene einer gegenläufigen Strategie folgt«
1954. (ebd., 143). Habermas sah in der Luhmann’schen
–: Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde [1936]. Stutt- Systemtheorie eine Art wiederbelebter »sozialtech-
gart 1975. nologisch gerichtete[r] Analyse«, die an die Stelle
Turiel, Elliot: The Development of Social Knowledge. Cam-
bridge 1983. des Diskurses über praktische Fragen zu treten ver-
Gertrud Nunner-Winkler sucht (ebd., 144). Habermas’ damalige Auffassung
führte zu einer plakativen Behauptung, die der Sys-
temtheorie der Gesellschaft nur einen sehr engen
theoretisch-reflexiven Spielraum ließ:
»[D]iese Theorie stellt sozusagen die Hochform eines tech-
nokratischen Bewußtseins dar, das heute praktische Fragen
als technische von vornherein zu definieren und damit öf-
fentlicher und ungezwungener Diskussion zu entziehen ge-
stattet« (ebd., 145).
62 II. Kontexte

Dieser Satz mit Habermas’ darauf folgender kriti- Religion sehr ernst genommen (1982a; 1982b;
scher Analyse (im Zusammenhang mit dem Titel des 2000a), in denen symbolische und expressive Di-
Sammelbandes) stieß auf große Zustimmung und mensionen so relevant sind, dass eine Reduktion
diente in den 1970er und 1980er Jahren als ein ver- dieser Theorie auf ein einseitig auf der Zweckratio-
einfachtes Verständnis der Luhmann’schen System- nalität beruhendes Paradigma der Moderne am
theorie und hat das Bild dieser Theorie in Deutsch- Ende doch als fragwürdiger erscheint, als es anfangs
land und im Ausland geprägt: Luhmann wurde zur aussah.
theoretischen Avantgarde »technokratischer Herr- Im Zusammenhang mit dem Verständnis der
schaft«, Habermas zu deren wichtigstem Kritiker. Luhmann’schen Systemtheorie als der »Hochform
Diese etwas vereinfachte Frontstellung wurde jedoch eines technokratischen Bewußtseins« bzw. als eines
im Laufe der 1980er und 1990er Jahre immer stärker auf die »kognitiv-instrumentelle Einseitigkeit der
in Frage gestellt und auch unter den Anhängern der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung«
Habermas’schen Diskurstheorie als fragwürdig oder hinauslaufenden Theoriemodells betont Habermas
zumindest als beschränkt empfunden (vgl. Günther Anfang der 1980er Jahre die Verbindung von Luh-
1995; Brunkhorst 1997; 2001, insbes. 626; 2002, manns Systemtheorie mit dem dezisionistischen
122 ff.). Schon in Habermas’ soziologischem Haupt- Verfahrensparadigma, das auf Weber und Schmitt
werk, der Theorie des kommunikativen Handelns von zurückgeht. Habermas sieht eine enge Verwandt-
1981 spielt die Systemtheorie eine zentrale und kei- schaft zwischen Webers Konzeption der Legitimität
neswegs technokratische, sondern explanative und (aus dem Legalitätsglauben) (Weber 1985, insbes.
kritische Rolle. Sie nimmt jetzt tatsächlich den Platz 19 f., 124 und 822; 1968, 215 ff.), Schmitts dezisionis-
in der Gesellschaftstheorie ein, der in der älteren tische Auffassung der Legitimität (Schmitt 1993 a, b)
Frankfurter Schule der Marx’schen Theorie reser- und Luhmanns Konzept der »Legitimation durch
viert war. Sie verweist jetzt nicht mehr so sehr auf Verfahren« (Luhmann 1983). Sie würden alle die-
das, was sich durch strategische und instrumentelle selbe Antwort auf die Frage, wie »eine legale Herr-
Intervention ändern lässt, sondern auf das, was sich schaft, deren Legalität auf rein dezisionistisch gefass-
nur um den Preis der Komplexität und Produktivität tes Recht gestützt ist […], überhaupt legitimiert wer-
der modernen Gesellschaft ändern ließe und auf- den« kann, favorisieren: »Webers Antwort, die von
grund genau dieser Produktivität gleichzeitig zur Schmitt bis Luhmann Schule gemacht hat, lautet:
substantiellen Gefährdung des sozialen und kom- durch Verfahren« (TKH I, 358). Auch diese Kritik
munikativen Lebenszusammenhangs wird. von Habermas überzeugt nicht ganz. Zunächst muss
Trotzdem hat Habermas zunächst darauf bestan- man Weber gegen Schmitt – trotz der gemeinsamen
den, dass die Luhmann’sche »Systemrationalität«, so Skepsis ob der Rationalisierbarkeit praktischer Fra-
eine Formulierung von 1976, »die auf selbstgeregelte gen – in Schutz nehmen, da Weber Legitimität zwar
Systeme übertragene Zweckrationalität« (RHM, 261) mit Legalitätsglauben identifiziert, jedoch kaum
ist. Und noch 1988 sah er in Luhmanns Theorie die Verständnis für Schmitts Auffassung des Politischen
»ingeniöse Fortsetzung einer Tradition«, in der die und für einen Begriff der Legitimität ohne Legalität
»kognitiv-instrumentelle Einseitigkeit der kulturel- gezeigt hätte, so dass die »Legalität« in einen schar-
len und gesellschaftlichen Rationalisierung« Aus- fen »Gegensatz zur Legitimität« (Schmitt 1993a,
druck fände (Habermas 1988, 443). An diesen bei- 13 f.) tritt. Und im Gegensatz zu Schmitts dezisionis-
den Stellen und in den entsprechenden Beiträgen tischem Verfassungskonzept, nach dem das Recht
wird Luhmanns Systemtheorie auf ein Theoriemo- der Politik untergeordnet ist (Schmitt 1993b, insbes.
dell reduziert, demzufolge die moderne Gesellschaft 22), hat Luhmann die horizontale Differenzierung
als eine wesentlich und sogar ausschließlich zweck- von Recht und Politik als entscheidendes Merkmal
rational orientierte Gesellschaft zu verstehen sei. des modernen Verfassungsstaates hervorgehoben,
Diese Interpretation ist deshalb nicht richtig, weil so dass die Verfassung als strukturelle Kopplung von
nach Luhmann im Vollzug der Reduktion von Kom- diesen beiden sozialen Systemen gleichermaßen und
plexität Zweckmodelle erst »eingesetzt werden, wenn in wechselseitiger Durchdringung definiert wurde
die Probleme schon spezifischere Strukturen gewon- (Luhmann 1990a). Außerdem hat Luhmann bereits
nen haben, wenn also Komplexität schon weitge- in den 1960er Jahren von Webers Legitimitätsbegriff
hend absorbiert ist« (Luhmann 1973, 156; vgl. auch Abstand genommen und an Weber, der nicht sein
1983, 223; 1971, 294). Außerdem hat Luhmanns Sys- Lieblingsautor ist, kritisiert, dass er »das Bezugspro-
temtheorie Kommunikationsbereiche wie Liebe und blem der Legitimität allein in der Effektivität der
11. Systemtheorie 63

Herrschaft erblickt« habe (Luhmann 1965, 140), lichte Demokratie.« (FG, 599; ähnlich Habermas 1987, 16,
oder genauer: dass die Legitimität nach Weber »ein- wo statt der Ausdrücke ›Meinungsbildung‹ und ›moralisch‹
die Worte ›Urteilsbildung‹ und ›ethisch‹ verwendet wur-
fach die Folge des faktischen Glaubens an das Prinzip
den).
der Legitimierung sei« (ebd., 144). Nach Luhmann
impliziert die Legitimation durch Verfahren, anders Habermas’ Forderung nach rationaler Rechtferti-
als bei Weber und Schmitt, eher eine »Umstrukturie- gung des Rechts impliziert allerdings nicht die Kon-
rung von Erwartungen« (Luhmann 1983, insbes. fundierung von Moral und Recht. Sie besagt auch
33 ff., 119, 171, 199, 252) und sei als »unterstellter nicht, dass das Recht ausschließlich auf der Lebens-
Konsens« (Institutionalisierung) über die Verbind- welt beruht. Es wird als Vermittlungssphäre zwi-
lichkeit von Normen und Entscheidungen zu defi- schen System und Lebenswelt dargestellt. Dieses
nieren (ebd., 122; Luhmann 1987, 261; 1981, 133). Theoriemodell entfernt sich von Luhmanns Konzep-
Später hat Luhmann dann die Legitimität, ganz an- tion in zwei Gesichtspunkten. Einerseits definiert es
ders als Weber und Schmitt, als Kontingenzformel die systemische Dimension als Moment der politi-
des politischen Systems begriffen, was aus der inter- schen Instrumentalisierung des Rechts und damit
nen Perspektive bedeutet, dass »ohne legitimations- als der Idee von Autonomie völlig entgegengesetzt.
bedürftige Optionen keine Politik nötig wäre«, und Andererseits deutet es auf die moralische Begrün-
vom externen Gesichtspunkt, dass es »ohne ausdif- dung des Rechts hin, die nach dem systemischen Pa-
ferenziertes politisches System keine Probleme mit radigma gerade die Negation der Autonomie des
Legitimität« gäbe (2000b, 126). Rechtssystems bedeuten würde. Das heißt: Nach Ha-
In den 1990er Jahren ist Habermas nicht un- bermas hängt die Autonomie des Rechts – gegen-
erheblich von seiner früheren Kritik an Luhmann über der (administrativen) Macht und der Wirt-
abgerückt, hat sie neu justiert und ganz auf den Ge- schaft – unmittelbar an der Emergenz einer univer-
gensatz von systemischer und intersubjektiver (de- salistischen, postkonventionellen Moral in der
mokratischer) Autonomie bezogen. Habermas ver- modernen Gesellschaft. Bei Luhmann hingegen be-
knüpft zwar das Konzept des Rechtsstaates ebenfalls ruht die Systemautonomie des Rechts sowohl auf
mit der Vorstellung der Autonomie des Rechts. Aber dessen Immunisierung gegenüber den unmittelba-
in der Diskurstheorie wird die Autonomie moralisch ren Zwängen der politischen Macht und anderen
begründet und unterscheidet sich dadurch von der systemischen Medien bzw. Codes, als auch auf der
Autopoiesis des Rechts bei Luhmann (vgl. vor allem Neutralisierung des Rechts gegenüber einer sich auf
FG, 67–78 und 573–580). Das Recht wird dann nicht der Basis der binären Codierung Achtung/Missach-
als ein selbststeuerndes und -legitimierendes Funk- tung (in Bezug auf Personen) diffus und fragmenta-
tionssystem begriffen und bedarf deshalb verfah- risch in der Gesellschaft oder in deren »Lebenswelt«
rensrationaler Begründung. In dieser Hinsicht bringt reproduzierenden Moral (1990b). Laut Luhmann
Habermas bereits früher, indem er sich besonders »bleiben diskursive, vernünftige Formen der Klä-
mit Webers Denken auseinandersetzt, den folgen- rung von akzeptablen bzw. unakzeptablen Wertposi-
den Vorbehalt zum Ausdruck: tionen heute im Bereich bloßen Erlebens stecken.
Die zentrale Voraussetzung der praktischen Philoso-
»Die eigentümliche Leistung der Positivierung der Rechts-
ordnung besteht darin, Begründungsprobleme zu verlagern, phie, dass man im Argumentieren über das, was man
also die technische Handhabung des Rechts über weite Stre- heute Werte nennt, dem Handeln näher kommen
cken von Begründungsproblemen zu entlasten, aber nicht könne, lässt sich unter den heutigen Bedingungen
darin, die Begründungsproblematik zu beseitigen« (TKH I, einer sehr viel möglichkeitsreicheren Welt nicht
354; vgl. auch TKH II, 536). mehr halten« (1981, 389 Anm. 33). Bei Habermas
Später wird der Widerspruch zu Luhmanns Konzep- setzt prozedurale Legitimation die Kritisierbarkeit
tion der Positivität als Systemautonomie schärfer der juristischen Prinzipien und Regeln im Lichte ei-
formuliert: ner umfassenden Diskursrationalität voraus, bezieht
also juristische Fragen (der Konsistenz), pragmati-
»Autonomie erwirbt ein Rechtssystem nicht nur für sich al- sche Fragen (der Zielsetzung und der Bestimmung
leine. Autonom ist es nur in dem Maße, wie die für Gesetz- geeigneter Mittel für die Zielerreichung), ethisch-
gebung und Rechtssprechung institutionalisierten Verfah-
politische Fragen (der Werte) und moralische Fra-
ren eine unparteiliche Meinungs- und Willensbildung
garantieren und auf diesem Wege einer moralischen Ver- gen (der Gerechtigkeit) sowie Fragen des fairen
fahrensrationalität gleichermaßen in Recht und Politik Kompromisses mit ein (FG, 197 ff.). So kehrt sich
Eingang verschaffen. Kein autonomes Recht ohne verwirk- selbstverständlich der Vektor im Verhältnis zu Luh-
64 II. Kontexte

manns Konzeption der Systemautonomie um: Die losophie zurückgefallen sei. Habermas’ frühere Kri-
systemische Dimension schrumpft auf die politische tik, Luhmanns Systemtheorie der Gesellschaft ließe
und ökonomische Instrumentalität des Rechts zu- sich auf einen ingeniösen Ausdruck der »Hochform
sammen; die Autonomie des Rechts gegenüber den eines technokratischen Bewusstseins« reduzieren,
Medien Macht und Geld ergibt sich aus seiner dis- ließ sich so nicht mehr aufrechterhalten, und Luh-
kursiv-rationalen Begründung, mit anderen Worten: mann konnte 1997 über den Band Theorie der Ge-
aus seiner Verfahrensrationalität. Dabei ist der Be- sellschaft oder Sozialtechnologie – was leitet die Sys-
griff des Systems (im Unterschied zur Lebenswelt) temforschung? dann zu Recht und wohl in Überein-
ganz anders als bei Luhmann sehr eng definiert und stimmung mit Habermas behaupten:
bezieht sich nur auf die die Medien Geld und (admi-
nistrative) Macht reproduzierenden Gesellschafts- »Die Ironie dieses Titels lag darin, dass keiner der Autoren
sich für Sozialtechnologie stark machen wollte, aber Mei-
bereiche. nungsverschiedenheiten darüber bestanden, wie eine
Man muss auf Folgendes aufmerksam machen: Theorie der Gesellschaft auszusehen habe« (Luhmann
Wenn Habermas gelegentlich von »Institutionssyste- 1997, Bd. 1, 11).
men« im Hinblick z. B. auf das »Erziehungssystem«,
das Gesundheitswesen, die Religion und das Recht
spricht, geht es dabei nicht um System im Unter- Literatur
schied zur Lebenswelt, nicht also um Habermas’ (en-
Brunkhorst, Hauke: »Abschied von Alteuropa. Die Gefähr-
gen) Systembegriff, sondern um Institutionen, die dung der Moderne und der Gleichmut des Betrachters:
auf der Lebenswelt beruhen. Und das Recht selbst Niklas Luhmanns ›Gesellschaft der Gesellschaft‹«. In:
wird als »Transformator« zwischen System und Um- Die Zeit 13. Juni 1997, 50.
welt verstanden (FG, 77 f., 108 und 217), es hat »eine –: »Globale Solidarität. Inklusionsprobleme der modernen
Scharnierfunktion zwischen System und Lebens- Gesellschaft«. In: Lutz Wingert/Klaus Günther (Hg.):
Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öf-
welt« (ebd., 77). fentlichkeit: Festschrift für Jürgen Habermas. Frankfurt
Diese spätere Auseinersetzung über Funktion, a. M. 2001, 605–26.
Autonomie und Begründbarkeit des Rechts und des –: Solidarität: Von der Bürgerfreundschaft zur globalen
demokratischen Rechtsstaates hat ihren Höhepunkt Rechtsgenossenschaft. Frankfurt a. M. 2002.
in der Diskussion im Rahmen des Symposiums zu Günther, Klaus: »Vom Zeitkern des Rechts«. In: Rechtshis-
torisches Journal 14 (1995), 13–35.
Habermas’ Buch Faktizität und Geltung, das am 20. Habermas, Jürgen: »Theorie der Gesellschaft oder Sozial-
und 21. September 1992 an der Benjamin N. Cardozo technologie? Eine Auseinandersetzung mit Niklas Luh-
School of Law der Yeshiva University in New York mann«. In: Habermas/Luhmann 1971, 142–290.
stattgefunden hat (Habermas et al. 1996). Bei dieser –: »Wie ist Legitimität durch Legalität möglich?«. In: Kriti-
Gelegenheit hat Luhmann sich den marxistischen sche Justiz 20 (1987), 1–16.
–: »Replik auf Beiträge zu einem Symposium der Benjamin
Schuh, den Habermas ihm schon mehrmals offeriert N. Cardozo School of Law«. In: Habermas et al. 1996,
hatte, angezogen und sich selbst mit gewisser Ironie 1559–1643.
(mit Hinweis auf FG, 66) stärker der auf Marx zu- – et al.: »Habermas on Law and Democracy: Critical Ex-
rückgehenden, kritischen (an faktischen Konflikten changes«. In: Cardozo Law Review, Bd. 17, Nr. 4–5,
orientierten) Gesellschaftstheorie zugeordnet als March 1996.
– /Luhmann, Niklas: Theorie der Gesellschaft oder Sozial-
Habermas, dessen Theorie an (idealem) Konsens technologie – Was leistet die Systemforschung? Frankfurt
orientiert sei (Luhmann 1996, 899). Und in seiner a. M. 1971.
Replik hat Habermas seine frühere Kritik, dass Luh- Honneth, Axel/Joas, Hans (Hg.): Beiträge zu Jürgen Haber-
manns Systemtheorie »die Hochform eines techno- mas’ »Theorie des kommunikativen Handelns«. Frankfurt
kratischen Bewusstseins« darstelle, definitiv fallen a. M. 32002.
Luhmann, Niklas: Grundrechte als Institution: Ein Beitrag
gelassen und anerkannt, dass er aus »einer lange- zur politischen Soziologie. Berlin 1965.
währenden Diskussion« mit Luhmann »stets ge- –: »Systemtheoretische Argumentationen: Eine Entgeg-
lernt« habe, und keineswegs ironisch, aber mit ei- nung auf Jürgen Habermas«. In: Habermas/Luhmann
nem vergiftetem Lob betont, dass Luhmann – im 1971, 291–405.
Gegensatz zu dessen Selbsteinschätzung – »der –: Zweckbegriff und Systemrationalität: Über die Funktion
von Zwecken in sozialen Systemen. Frankfurt a. M. 1973.
wahre Philosoph« sei (1996, 1639). Damit meint Ha-
–: Ausdifferenzierung des Rechts. Frankfurt a. M. 1981.
bermas jedoch auch, dass zumindest der späte Luh- –: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt
mann in gewissem Sinne von der Wissenschaft auf a. M. 1982a.
die metaphysischen Prämissen der klassischen Phi- –: Funktion der Religion. Frankfurt a. M. 1982b.
12. Evolutionstheorie 65

–: Legitimation durch Verfahren [1969]. Frankfurt a. M.


1983.
12. Evolutionstheorie
–: Rechtssoziologie [1972]. Opladen 31987.
–: »Verfassung als evolutionäre Errungenschaft«. In:
Rechtshistorisches Journal 9 (1990), 1990a, 176–220. Gesellschaftstheorie als Evolutionstheorie des Sozia-
–: Paradigm lost: Über die ethische Reflexion der Moral − len spielt eine zentrale Rolle in der Begründung ei-
Rede anläßlich der Verleihung des Hegel-Preises 1989, ner Theorie kommunikativen Handelns. Zwar hat
mit einer Laudatio von Robert Spaemann. Frankfurt die Evolutionstheorie seit Marx mit dem Problem zu
a. M. 1990b. kämpfen, dass der Beobachtungsstandpunkt immer
–: »Quod Omnes Tangit: Remarks on Jürgen Habermas’s
Legal Theory«. In: Habermas et al. 1996, 883–899. zugleich auch der jeweilige Endpunkt dieser Evolu-
–: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Teilbde. Frankfurt tion ist und somit zu einer teleologischen Verengung
a. M. 1997. soziologischer Theoriebildung führt. Dieses Pro-
–: Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2000a. blem bleibt virulent in den gesellschaftstheoretischen
–: Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2000b. Entwürfen seit Marx, soweit sie sich mit gesellschaft-
Müller-Doohm, Stefan (Hg.): Das Interesse der Vernunft:
Rückblicke auf das Werk von Jürgen Habermas seit »Er- lichen Entwicklungsprozessen beschäftigen. So bleibt
kenntnis und Interesse«. Frankfurt a. M. 2000. Durkheim an das Modell einer phasenspezifischen
Neves, Marcelo: Zwischen Themis und Leviathan: Eine Höherentwicklung ebenso gebunden wie Parsons
Schwierige Beziehung: Eine Rekonstruktion des demokra- oder Luhmann und Habermas. Dennoch ist die Evo-
tischen Rechtsstaats in Auseinandersetzung mit Luhmann lutionstheorie eine Theorie, die es erlaubt, jenseits
und Habermas. Baden-Baden 2000.
Schmitt, Carl: Legalität und Legitimität [1932]. Berlin der Besonderheiten historischer Entwicklungen von
5
1993a. räumlich und zeitlich spezifizierten Gesellschaften
–: Verfassungslehre [1928]. Berlin 81993b. (die deutsche Gesellschaft, die aztekische Gesell-
Weber, Max: »Die drei reinen Typen der legitimen Herr- schaft, die Papua-Gesellschaft) einen allgemeinen
schaft«. In: Ders.: Methodologische Schriften. Hg. von Jo- Gesellschaftsbegriff zu fundieren, der Gesellschaft
hannes Winckelmann. Frankfurt a. M. 1968, 215–228
(zuerst in: Preußische Jahrbücher, Bd. 187, 1922).
als Sozialität bestimmt, die sich in konkreten Gesell-
–: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der verstehenden schaftsformationen entfaltet: als ein soziales Band,
Soziologie [1922]. Hg. von Johannes Winckelmann. Tü- das Menschen aneinander bindet und deren Kompe-
bingen 51985. tenzen (konstruktive wie destruktive) in Prozessen
Marcelo Neves sprachlich vermittelter Kommunikation, so wie es
Habermas formuliert, zur Entfaltung bringt.
Beim Versuch, diesen Begriff von Gesellschaft
(bzw. Vergesellschaftung) theoretisch zu begründen,
stellen sich zwei Probleme. Das erste Problem ist das
der Homogenisierung historischer Formen von Ver-
gesellschaftung mit einem evolutionären Pfad gesell-
schaftlicher Entwicklung. Dies ist primär ein Pro-
blem der kausalen Erklärung gesellschaftlicher Ent-
wicklung, die mit vielen Varianten und damit mit
vielen Konstellationen zu rechnen hat, die in einer
Theorie der sozialen Evolution zu berücksichtigen
wären. Davon unabhängig ist ein zweites Problem,
nämlich das der Differenz von menschlicher und
nicht-menschlicher Vergesellschaftung. Letzteres ist
kein kausalanalytisches, sondern ein konstitutions-
theoretisches Problem.
Nun hat der Begriff der sozialen Evolution schon
immer den Skandal provoziert, menschliche Verge-
sellschaftung in die Nähe von biologischen Theorien
und ihren Annahmen über Mechanismen und da-
mit verbundene kausale Hypothesen zu rücken. So-
ziobiologische Ansätze legen Vorstellungen nahe, in
denen Sozialität ›in letzter Instanz‹ auf biologische
Annahmen gegründet wird. Nun sind solche An-
66 II. Kontexte

nahmen nicht prinzipiell empirisch haltlos. Denn Schwelle zu einem niedrigeren Zustand von Soziali-
soziale Evolution im Sinne einer Evolution sozialer tät (oder gar Nicht-Sozialität) markiert. Sie erlaubt
Beziehungen gibt es auch außerhalb menschlicher eine Entwicklung des Sozialen über das hinaus, was
Vergesellschaftung: Gerade das aber macht die The- die ›Natur‹ zu leisten vermag. Soziale Evolution im
orie sozialer Evolution zu einem analytischen Ge- Sinne von Vergesellschaftung wird dann zum Kö-
rüst, das es dieser Theorie erlaubt, die Brüche und nigsweg sozialer Evolution, die andere Pfade sozialer
Diskontinuitäten zu bestimmen, die die soziale Evo- Evolution hinter sich lässt. Sie ist notwendig Höher-
lution kommunikativer Beziehungen kennzeichnen entwicklung.
und besondere evolutionäre Pfade der Entwicklung Diese Annahme ist in die Theorie kommunikati-
des Sozialen eröffnen. Vergesellschaftung über ven Handelns insofern eingebaut, als dieser Hand-
sprachlich vermittelte Kommunikation ist in diesem lungsbegriff als jener Fall von Handeln expliziert
Sinne ein besonderer evolutionärer Pfad. Die para- wird, der andere Formen sozialen Handelns als
doxe Konsequenz wäre, dass Gesellschaftstheorie Schrumpffälle enthält. Dies erzeugt Kosten; denn
eine Theorie wäre, die einen besonderen Pfad sozia- der Objektbereich soziologischer Analyse wird auf
ler Evolution begrifflich zu fassen sucht. Eine Theo- das verengt, was auf den (evolutionär) ausgezeichne-
rie sozialer Evolution wäre dann jene Theorie, in der ten Handlungstyp beziehbar ist. Es kommen nur
sich eine Gesellschaftstheorie bzw. Theorie der Ver- mehr jene Formen des Sozialen ins Blickfeld, die auf
gesellschaftung verorten ließe. der kritischen Kapazität von Menschen beruhen: öf-
So lässt sich auch das Habermas’sche Projekt einer fentliche Diskurse, Intellektuelle, Wissenschaft, Bil-
Evolutionstheorie verstehen und mit konkurrieren- dung, auch teilweise Religion. Der Rest, Familie,
den Projekten im Hinblick auf die Bestimmung der Märkte, Wirtschaft, Arbeit, Beruf, fügen sich diesem
besonderen Elemente, die diesen Pfad möglich ma- Handlungsmodell nur bedingt und werden dann in
chen, vergleichen. In der Regel haben Soziologen, die ›Systemwelt‹ oder die (evolutionär noch nicht
die sich auf diese theoretischen Fragen eingelassen versprachlichte) ›Lebenswelt‹ verschoben.
haben, recht allgemeine und vage Annahmen prä- Diese Engführung der Bestimmung des Sozialen
sentiert, die die Besonderheit des Objektbereichs erzeugt aber auch eine theoretische Stärke; denn die
kommunikativ geregelter Sozialbeziehungen ausma- Theorie kann zeigen, dass Vergesellschaftung ohne
chen. Luhmann nennt etwa die Fähigkeit des Nein- den Rekurs auf den Modus sprachlich vermittelter
Sagen-Könnens, die die soziale Evolution von Ge- Verständigung nicht sinnvoll gedacht werden kann.
sellschaften bedingt. Marx hat den Arbeitsbegriff Diskurse haben Effekte, öffentliche Debatten sind
dazu benutzt, um diese Besonderheit zu bestimmen ein folgenreiches Medium von Vergesellschaftung.
und daran den besonderen evolutionären Pfad eines Habermas hat dies ja an zentraler Stelle mit der Idee
Vergesellschaftungsprozesses angehängt. der Versprachlichung des Sakralen behauptet. Sozi-
Habermas’ Theorie sozialer Evolution bestimmt – ale Evolution heißt, das Sprachliche im Sakralen zu
und das macht ihre Bedeutung aus – die Besonder- entbinden und in seiner rationalisierenden Wirk-
heit des sozialen Evolutionsprozesses, der Vergesell- samkeit freizusetzen. Das muss dann nicht notwen-
schaftung trägt, im Rahmen einer genuinen Theorie dig das Ende des Sakralen heißen. Im Gegenteil: es
sozialer Beziehungen, der Theorie kommunikativen kann auch reflexive Vergewisserung der im Sakralen
Handelns. Sozialität ist eingebaut – so die zentrale enthaltenen Spuren gegenseitiger Anerkennung
Annahme – in die formalen Bedingungen sprachlich durch kommunikatives Handeln sein. Die Evolution
vermittelter Verständigung. Die Theorie kommuni- des Sozialen hat damit in einer entscheidenden Hin-
kativen Handelns als eine Theorie der Konstruktion sicht auch mit der normativen Dimension kognitiver
des Sozialen in sprachlich vermittelter Verständi- Reflexivität zu tun.
gung kann so die Besonderheit sozialer Evolution als Dies ist eine Reinterpretation der Habermas’schen
eines Prozesses der Entbindung kommunikativer Evolutionstheorie insofern, als diese Formulierung
Vergesellschaftung bestimmen. Sprache wird zum gerade nicht voraussetzt, dass soziale Evolution als
Schlüssel für einen Typ von Relationierung von emergente, nur noch über sprachlich vermittelte
Menschen, in denen soziale Beziehungen emergie- Kommunikation laufende Stufe der allgemeinen
ren und evolvieren. Evolution beschrieben werden muss. Diese ›Stufen-
Diese Besonderheit wird – und das ist nicht un- idee‹, die die soziale Evolution kommunikativer
problematisch – mit der Annahme verbunden, dass Strukturen als Fortsetzung einer vorkommunikati-
kommunikativ geregelte Vergesellschaftung eine ven Welt sieht, ist nicht notwendig an das evoluti-
12. Evolutionstheorie 67

onstheoretische Programm gebunden. Denn es ist komplex als Schlüssel zu seinem universalgeschicht-
problemlos möglich, die über kommunikative Ver- lichen Erklärungsprogramm gesehen und diesen Ra-
ständigung laufende Evolution des Sozialen als einen tionalstrukturen eine zentrale Rolle im historischen
besonderen und parallel zu anderen Evolutionspro- Wandel von Gesellschaften zugeschrieben. Evolu-
zessen des Sozialen laufenden Evolutionsprozess zu tion erscheint als Rationalisierungsprozess, mit dem
sehen. Soziale Beziehungen emergieren nicht nur im der weltgeschichtliche Prozess in seiner internen
Medium sprachlicher Verständigung, sondern auch Wirksamkeit gefasst wird. Parsons hat diese klassi-
in vielen anderen Medien. Das Soziale lässt sich auf sche, von Weber explizierte okzidentale Denkfigur
vielfältige Art herstellen (wie etwa Latour und die generalisiert: die Antike wird zur Wiege der Ver-
Actor-Network Theory betonen). Insofern gibt es nunft (Eisenstadt hat das mit der Achsenzeitthese
kein herausgehobenes Soziales, das für die Erklä- noch einmal radikalisiert) und von dort ausgehend
rung der Evolution des Sozialen privilegiert werden eine Vorgeschichte wie eine sich verwirklichende
kann. Dieser Sonderstatus lässt sich auch nicht da- Geschichte des vergesellschafteten vernünftigen
mit retten, dass Mechanismen identifiziert werden, Menschen konstruiert. Diese Annahme wird in dem
die die Verzerrung und Repression des privilegierten Maße strittig, wie die historische Allgemeinheit die-
Sozialen zu erklären suchen. Das würde zur Selbst- ser Rationalstrukturen als okzidentales Vorurteil in
immunisierung der Evolutionstheorie führen. Was Frage gestellt wird.
eine kommunikationstheoretisch ansetzende Theo- Die Auseinandersetzung mit Luhmanns Evoluti-
rie der sozialen Evolution leisten kann, ist die beson- onstheorie endet in einer theoretischen Arbeitstei-
dere Dynamik von Vergesellschaftungsprozessen für lung. Auf der einen Seite die soziale Evolution der
soziale Evolution bestimmbar zu machen. Vernunft, die einen emphatischen Gesellschaftsbe-
Habermas hat diese Besonderheit in drei Ausein- griff ermöglicht, auf der anderen Seite eine soziale
andersetzungen zu bestimmen gesucht: in einem Evolution von Systemen, die das Soziale unter funk-
Bruch mit Marx, mit einer kritischen Weiterführung tionalen Selbstorganisationsgesichtspunkten erzeu-
von Parsons via Max Weber und schließlich mit ei- gen. Mit diesen zwei evolutionären Prozessen, in de-
ner vereinnahmenden Kritik an Luhmann. In der nen Sozialität hergestellt wird, ist eine Idee angelegt,
Auseinandersetzung mit Marx ist es vor allem der die in der jüngeren Debatte zunehmend Resonanz
Arbeitsbegriff, den Habermas zugunsten eines em- findet: dass die Evolution des Sozialen in parallelen
phatischen Begriffs des Sozialen als einer Beziehung und in immer wieder sich koppelnden Prozessen
der Verständigung einzugrenzen sucht. Die Strategie stattfindet. Der Gesellschaftsbegriff wird dabei oft
ist also die einer Eingrenzung des Sozialen auf ›ge- unscharf. Er bleibt klar, solange Gesellschaft jene
nuin Soziales‹, nämlich kommunikatives Handeln. Form des Sozialen meint, mit der wir uns der gegen-
Nur Handlungen, die den impliziten Ansprüchen seitigen sozialen Anerkennung versichern. Diese
gegenseitiger Anerkennung genügen, gelten als jene, Koexistenz zweier Theorien des Sozialen, die mit
die Vergesellschaftung tragen können. Der Arbeits- den Begriffen System versus Lebenswelt gefasst wer-
begriff jedoch trägt mit sich Formen von Sozialität, den, wird evolutionstheoretisch dann kontingent ge-
die genau dies nicht leisten. Insofern erzeugt und re- setzt: wenn Systeme in die Lebenswelt eindringen,
produziert der Arbeitsbegriff eine Illusion, die dann dann gibt es ein Problem. Wenn die Lebenswelt in
für die realen Folgen des Marx’schen Theoriepro- Systeme eindringt, dann vermutlich auch. Evoluti-
jekts verantwortlich gemacht werden. Allerdings onstheoretisch wäre das alles genauer zu klären.
wird mit dieser Reduktion des Sozialen auf ›inter- Problematisch in Habermas’ kommunikations-
subjektive Verständigung‹ Arbeit als eine Form von theoretischer Konzeption von sozialer Evolution
Sozialität ausgeklammert, die ebenso wie Verständi- bleibt der Status des starken Begriffs von Normativi-
gung Sozialität erzeugt. In dem Maße, wie Arbeit Be- tät. Dass Normativität ein Modus der Evolution des
ziehungen herstellt, findet auch soziale Evolution Sozialen ist, dies dürfte nach Habermas unbestritten
statt – allerdings nicht in der Weise, wie dies ein em- sein. Dass Normativität einen exklusiven Status in
phatischer Begriff kommunikativen Handelns er- der Evolution des Sozialen hat, legt den Verdacht auf
zwingt. einen Rückfall in (heimliche) Teleologie nahe, den
Im Anschluss an Weber und Parsons hat Haber- Rückfall auf die Idee, dass sich im Vergesellschaf-
mas die besondere Rolle kommunikativen Handelns tungsprozess die Vernunft verwirkliche. Dieser He-
in der Evolution des Sozialen als ›Rationalstruktu- gel’sche Rest in der Habermas’schen Evolutionstheo-
ren‹ bestimmt. Bereits Weber hat den Rationalitäts- rie lässt sich aber auflösen, wenn man den Platz der
68 II. Kontexte

sozialen Evolution der Vernunft (die durch Vernünf- In dieser Interpretation wird die Theorie sozialer
tigkeit konstituierte Sozialität) als eine unhintergeh- Evolution auch mit der Idee der Multiplizität histori-
bare Dimension der Evolution des Sozialen be- scher Entwicklungen (insbesondere der Modernisie-
stimmt, als den Stachel im Fleisch, der andere For- rung selbst) und der Frage nach den Besonderheiten
men des Sozialen unter Rechtfertigungsdruck setzt. der Moderne in Raum und Zeit (den multiplen Mo-
Problematisch bleibt schließlich der Status der dernen) kompatibel. Denn die Moderne (im
Evolutionstheorie in einer historisch-empirischen Habermas’schen Sinne eines ›Projekts‹) wäre dann
Perspektive. Hier geht es vor allem um das beson- eine besondere Form des Sozialen, die als eine uni-
dere Problem des Verhältnisses von Vergesellschaf- versalistische Kultur an manchen Orten und zu be-
tung und der Entwicklung historischer Gesellschaf- stimmten Zeiten emergiert (bzw. emergierte) und
ten. Denn soziale Evolution wird, wenn der Faktor damit jene Rationalstrukturen in die Welt brachte,
kommunikativer Vergesellschaftung hinzukommt, von denen bereits Weber so fasziniert war. Sie wäre
zu einem Prozess, in dem sich viele Optionen eröff- letztlich eine Theorie kultureller Evolution, die eine
nen. Bereits Marx hat vermutet, dass soziale Evolu- ideale Form kommunikativer Vergesellschaftung
tion gleichermaßen über Produktivkräfte, Produkti- hervorbringt, die dann in Kopplung mit anderen
onsverhältnisse, Staat und Ideologie stattfindet, und Formen des Sozialen sich realisieren, zu Ideologie
dass es ihre Interaktion ist, die die konkrete Ausge- verkommen oder zu Utopie sich einigeln kann. Das
staltung historischer Gesellschaftsformationen be- wäre dann Geschichte, und Gesellschaft bliebe dann
stimmt. Diese intuitive Idee legt nahe, soziale Evolu- ein Begriff jener Form eines idealen Zusammenle-
tion in drei (oder vier) Hinsichten zu bestimmen: als bens, das die kommunikationstheoretisch begrün-
Soziales, das aus den Produktivkräften resultiert, als dete Theorie der sozialen Evolution analytisch klarer
Soziales, das aus den Produktionsverhältnissen re- als Weber oder Parsons oder Luhmann hat sichtbar
sultiert, und als Soziales, das aus Staat und Ideologie machen können.
resultiert. Wie die Evolution des Sozialen dann statt-
findet, wäre eine Frage der Kombination oder Kopp- Literatur
lung dieser unterschiedlichen Konstruktionspro- Eder, Klaus: »Kulturelle Evolution und Epochenschwellen:
zesse des Sozialen. Es wäre aber nicht mehr möglich, Richtungsbestimmungen und Periodisierungen kultu-
einer Dimension in diesen historischen Prozessen reller Entwicklungen«. In: Friedrich Jaeger/Burkhard
eine Leit- und Orientierungsfunktion oder gar eine Liebsch (Hg.): Handbuch Kulturwissenschaften. Bd. 3.
teleologische Funktion zuzuweisen. Man mag die Grundlagen und Schlüsselbegriffe. Stuttgart 2004, 417–
430.
Evolution des Sozialen im Medium der Vernunft be-
Luhmann, Niklas: »Evolution und Geschichte«. In: Ge-
vorzugen und untersuchen, inwieweit in histori- schichte und Gesellschaft 2. Jg. (1976), 284–309.
schen Prozessen diese besondere, kommunikations- –: »Geschichte als Prozess und die Theorie soziokultureller
theoretisch begründete Evolution des Sozialen kau- Evolution«. In: Karl Georg Faber/Christian Meier (Hg.):
sale Effekte erzeugt, und auch beobachten, in Historische Prozesse. München 1978, 413–440.
welchen Konstellationen dieser Effekt stärker ist. –: »The direction of social evolution«. In: Hans Hafer-
kamp/Neil J. Smelser (Hg.): Social Change and Moder-
Doch ist das keine theoretische ›Gewähr‹ für den nity. Berkeley, CA 1992, 279–293.
kausalen Effekt. Deshalb erweist sich am Ende die –: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1997.
kommunikationstheoretisch ansetzende Theorie so- Parsons, Talcott: Das System moderner Gesellschaften.
zialer Evolution als eine Teiltheorie, die es möglich Weinheim 1985.
macht, einen Faktor in den Kopplungen und Ent- Klaus Eder
kopplungen von kommunikationstheoretisch ge-
dachter Vergesellschaftung und historischer Ent-
wicklung, die Rolle der Evolution von Rationalstruk-
turen für die Evolution anderer sozialer Strukturen
(technische Strukturen, bürokratische Strukturen
usw.) analytisch sichtbar zu machen. Mit dieser Be-
scheidung wird diese Evolutionstheorie zugleich
leistungsfähiger als der Marxismus, kann sie doch
die reduktionistische Behandlung von Ideen und
Ideologien mit guten theoretischen Argumenten un-
terlaufen.
69

13. Macht-Diskurse Erwartungen, der Anerkennung all derjenigen also


ist, denen gegenüber sie als Codierung von Hand-
lungen zum Einsatz kommt. Sie ist aber zweitens
Die Thematisierung und Kritik von Macht, insbe- kein allgemeines symbolisches Medium, sondern hat
sondere von illegitimer, unterdrückerischer oder ge- diese Stellung in einem spezifischen gesellschaftli-
walttätig ausgeübter Macht steht im Zentrum vieler chen Teilsystem, nämlich demjenigen, das die Funk-
Formen kritischer Theorie (Honneth 1986). Haber- tion hat, die Ziele zu erkennen bzw. festzulegen und
mas’ Werk nimmt eine Sonderstellung ein, da in ihm zu implementieren, die bei aller Binnendifferenzie-
Macht bzw. deren Erzeugung und Funktion so be- rung die Gesellschaft zu einer Gesellschaft machen
stimmt wird, dass sich gesellschaftstheoretisch ihr und sie in ein Verhältnis zu anderen Gesellschaften
Sinn und ihre relative Notwendigkeit erweist und sie setzen. Da Macht dem Zweck dient, kollektive und
zudem so rekonstruierbar ist, dass sie Ausdruck von d. h. tendenziell für alle geltende Ziele realisieren zu
Freiheit ist. In der Folge dieser Bestimmung muss können, ist sie zur Erfüllung ihres symbolischen An-
sich auch die Kritik der Macht bzw. die Stellung die- spruchs auf Modi der Legitimierung verwiesen, über
ser Kritik in der Kritischen Theorie verändern. Ha- die gezeigt wird, dass es sich in der Tat um kollektive
bermas entwickelt sein Verständnis der Macht we- und nicht um partikulare Ziele handelt.
sentlich in Auseinandersetzung mit den Machttheo- Für Habermas eignet sich die so konzipierte
rien von Talcott Parsons und Hannah Arendt und Macht, wie das parallele ökonomische generalisierte
gebraucht sie, um Michel Foucaults Diskurs- und Medium Geld, um die Koordination sozialer Hand-
Machttheorie entgegenzutreten bzw. deren überzeu- lungen zu verstehen, wie sie sich in Systemen im Un-
gende Aspekte in seinen Ansatz zu integrieren (s. terschied zur lebensweltlichen, kommunikativen
Kap. IV.20). Koordination vollziehen (TKH II, 267–275). Im über
Macht gesteuerten System richten Akteure ihre
Parsons’ systemtheoretischer Machtbegriff: Im Zen- Handlungen erfolgsorientiert am Gewinn und dem
trum der politischen Soziologie von Parsons steht dadurch ermöglichten Gebrauch von Macht bzw. an
Macht als generalisiertes Medium der Auszeichnung den Sanktionen aus, die im Fall der Nicht-Befolgung
und Durchsetzung kollektiver Ziele (Parsons 1967). von Anordnungen »ermächtigter« Instanzen dro-
Macht ist erforderlich für das Bestehen kollektiv ver- hen. Das Bestehen eines solchen Systems macht es
bindlicher Handlungsbedingungen, und als Medium nachvollziehbar, wie es zur Reproduktion der Bedin-
ist sie zugleich Maßstab für singuläre Handlungen gungen kommt, die die Erwartbarkeit und Gewiss-
und deren Resultat oder Ziel. In dieser systemtheo- heit der allgemeinsten, für alle gleichermaßen ver-
retischen Konzeption ist Macht in zweifacher Weise bindlichen Strukturen und Regeln garantieren, d. h.
von Max Webers Definition derselben unterschie- deren Anwendung unabhängig von kontingenten
den, laut der Macht das Vermögen ist, einen anderen Motivationen bzw. kommunikativ erzielter Verstän-
zu Handeln gemäß dem eigenen Willen zu veranlas- digung macht. Damit ist aber noch nicht erklärt, wa-
sen (Weber 1980, 28): Sie ist erstens keine Ressource, rum es zur systemischen Steuerung qua Macht
über die Akteure unmittelbar verfügen, sondern po- kommt, denn der funktionale Sinn reicht nicht hin,
litisches Handeln zielt auf den Erwerb oder die Er- um die von Parsons diagnostizierte Anerkennungs-
zeugung von Macht ab, und erst die derart erwor- bedürftigkeit des symbolischen Mediums zu erfül-
bene bzw. erzeugte Macht kann dem Zweck dienen, len.
Einfluss auf Handelnde und deren Möglichkeiten zu Habermas weist Parsons’ Erklärung der Erfüllung
nehmen. Macht ist insofern ein Medium, als sie per zurück und hält fest, dass die Legitimierung der
se ein Verhältnis zwischen Akteuren bezeichnet und Macht nicht über direkte Verständigung derjenigen
nur qua Zugriff auf sie den Einfluss auf andere er- zu denken ist, die von ihr betroffen sind. Zwar ist
laubt. Sie kann sich aber selbst im Fall des Zugriffs Macht aufgrund der Unmöglichkeit rein funktiona-
nie (vollständig) als individuelle Ressource »materi- ler Legitimität an sprachliche Konsensbildung ge-
alisieren«, etwa als »Gewalt« eines Machthabers. Die bunden (TKH II, 406), aber die Notwendigkeit stän-
Bedingungen, die es dem Medium erlauben, die Ver- diger Aktualisierung des Konsenses hätte zur Folge,
hältnisse zwischen Akteuren zu bestimmen, bleiben dass das Komplexitätsniveau moderner Staaten und
demjenigen entzogen, der die Macht (vermeintlich) d. h. die darin liegende Einheit in der Ausdifferen-
inne hat. Macht ist ein symbolisches Medium, was zierung nicht erreichbar wären. Akteure müssen mit
bedeutet, dass sie abhängig von Zuschreibungen und Blick auf die Macht ausschließlich erfolgsorientiert
70 II. Kontexte

operieren (können), so dass die Konsensbildung in »gedeckt« sind. Das Recht ist also nicht bloßer An-
keinem unmittelbaren Verhältnis zu Handlungsmo- spruch, der mit Macht durchgesetzt werden muss,
tivationen stehen darf. Macht begegnet Akteuren als sondern weil es die Macht des Einvernehmens gibt,
zwangsbewehrter Anspruch jeweiliger »Machtha- kann Recht zur Erscheinung kommen und Geltung
ber«, dem sie sich nicht entziehen können, indem sie beanspruchen. Allerdings eignet sich diese Konzep-
die Legitimität des Verfügens über Macht bestreiten. tion kommunikativer Macht lediglich dazu, die Er-
Die Konsensbildung kann dementsprechend in Situ- zeugung von Macht, nicht aber ihre Funktionsweise
ationen staatlich-administrativen Wirkens nur indi- in staatlich-administrativen Instanzen und deren
rekt relevant und für das Verhalten von Akteuren Verhältnis zu den Einzelakteuren zu rekonstruieren.
ausschlaggebend sein. Macht kann nur über Organisationen auf Dauer ge-
stellt werden, die nicht die ständige Aktualisierung
Arendts kommunikative Konzeption von Macht: Um und Reaktualisierung ihrer gründenden Praxis be-
diese indirekte Relevanz der Konsensbildung zu ex- nötigen (TKH II, 404). Die Anerkennungsbedürftig-
plizieren, greift Habermas auf die Unterscheidung keit des symbolischen Mediums Macht ist daher
Arendts zwischen Macht und Gewalt zurück (PPP, nicht dadurch zu erfüllen, dass im durch dieses Me-
228–248). Arendt reartikuliert in ihren Schriften dium gesteuerten Handlungssystem selbst die Praxis
eine aristotelische Konzeption der Politik unter Be- der Machterzeugung perpetuiert wird.
dingungen der Moderne, dergemäß Politik strikt In Faktizität und Geltung wird daher das Recht als
von den Bereichen des Sozialen bzw. der Ökonomie Medium eingeführt, das kommunikative und admi-
zu trennen ist. Es muss zu einer reinen Konstitution nistrative Macht verbindet (FG, 187). Das Einver-
von Freiheit kommen, d. h. politischer Streit darf nehmen, das sich in der ungezwungenen und freien
kein Ausdruck gesellschaftlicher Klassenkämpfe Praxis einstellt, muss sich im Recht artikulieren, um
sein, denn in jenen bleiben die Akteure ihren kon- zu kommunikativer Macht zu werden, während
textuellen, sozio-ökonomischen Interessen verhaftet staatliche Akteure ihre Bindung an und Ermächti-
und kommen nicht dazu, ihr eigentlich menschli- gung durch das Recht erweisen müssen, um die Le-
ches, politisches Vermögen zum Neuanfang zu ge- gitimitätserwartung an ihre Aufforderungen und
brauchen. So die Freiheit konstituiert wird, können Maßnahmen zu erfüllen, also administrative Macht
Akteure sich zusammenschließen und im Einver- zu haben. Im Handlungssystem, in dem die staatli-
nehmen mit anderen handeln, woraus sich Macht chen Verwaltungen »Macht ausüben«, ist somit die
ergibt, die von allen gemeinsam ausgeht und sie den- Rechtmäßigkeit der Machtausübung hinreichender
noch transzendiert. Diese Macht besteht in der Beleg für die Anerkennungswürdigkeit. Auf diese
wechselseitigen Bindung der Akteure an das kollek- Weise ist der Begründungsbedarf der maßgeblichen
tive Projekt, und sie verleiht die – paradigmatisch in Instanzen in diesem System größer als im ökonomi-
Revolutionen zum Ausdruck kommende – Kraft, schen System, er hat jedoch klare Grenzen, so dass
Recht zu setzen und Institutionen zu gründen. Da nicht die prinzipielle Unendlichkeit der Verständi-
die Macht aber eng an der (fortgeführten) menschli- gung die Effizienz und Komplexität unterminiert.
chen Praxis und Konsenserzeugung hängt, kann sie
sich auch jederzeit wieder auflösen, und damit kann Foucault und die problematischen Effekte der Macht:
das Bestehen des Rechts und der Institutionen pre- Eine solche »Entproblematisierung« der Macht qua
kär werden (Arendt 1970, 44–48). Erklärung derselben als kommunikativ und unge-
Für Habermas lässt sich erst über diese Konzep- zwungen erzeugter und prinzipiell von dieser Er-
tion der Macht begreifen, was es heißt, dass Kon- zeugung abhängiger ist unterschiedlichen Kritiken
sensbildung für das Bestehen von Macht unverzicht- ausgesetzt. Eine erste Linie der Kritik wird von Ha-
bar ist. Denn mit Arendts Ausführungen wird er- bermas selbst antizipiert und beantwortet: Ihr zu-
sichtlich, dass die Einrichtungen, deren faktische folge ist die Unterscheidung zwischen Macht und
Wirksamkeit oft unter Rekurs auf einen Machtbe- Gewalt nicht deskriptiver, sondern normativer Na-
griff erklärt wird, der ihnen äußerlich ist und d. h. zu tur, so dass sich die Frage stellt, was gewährleistet,
ihnen hinzukommen muss, selbst Ausdruck grün- dass Macht in der Tat im rechtlich vermittelten Kon-
dender Macht sind (FG, 185). Zumindest einige nex von kommunikativer und administrativer
Rechtsprinzipien und -titel sowie Institutionen sind Macht besteht. Habermas sieht die Lösung dafür im
folglich nur so zu verstehen, dass sie durch kommu- Rechtsstaat, der qua Organisation die Bindung der
nikative Macht erzeugt und daher durch deren Kraft administrativen an die kommunikative Macht und
13. Macht-Diskurse 71

die Irrelevanz »sozialer Macht« garantieren soll (FG, interessante Weise revidiert und fortführt und damit
187). auch der Analyse der Frage, wie Sozial- oder Hu-
Eine zweite Linie der Kritik bestreitet fundamen- manwissenschaften als Sozialtechnologien einge-
taler, dass sich »kommunikative Macht« zur Entpro- setzt werden, eine neue Dimension gibt. Allerdings
blematisierung von Macht eignet, indem argumen- stellt die so angelegte Machttheorie als solche die
tiert wird, dass die Bedingungen der Verständigung Habermas’sche Transformation der Kritischen Theo-
bzw. des Erzeugens von Einvernehmen oder wahren rie nicht vor eine unüberwindliche Schwierigkeit,
Einsichten selbst problematische Asymmetrien bzw. denn Foucault gelingt es nicht, widerspruchsfrei den
Disziplinierungen involvieren. Der Zwang staatlich- Status der eigenen Theorie zu erklären. Macht kann
administrativer Einrichtungen ruht dieser Kritik nicht gleichzeitig notwendiger und problematischer
nach, selbst wenn er vollständig auf kommunikative Effekt jedes wahrheitsorientierten Diskurses sein,
Macht zurückführbar ist, auf Praktiken auf, die in und die Theorie, in der dies vertreten wird, selbst
der Kommunikation zwar produktiv Optionen her- Anspruch auf Wahrheit erheben (DM, 313–343).
vorbringen, aber in dieser Produktion auch Optio- Aber Foucaults Studien weisen für Habermas zu
nen nehmen. Zentraler Autor für diese Kritik ist Recht darauf hin, dass eine (teilweise) »Entproble-
Foucault, dessen Studien deshalb eine besondere He- matisierung« von Macht über die kommunikativen
rausforderung für Habermas sind, da sie eine zu sei- Erzeugungsbedingungen derselben aufmerksam
ner eigenen alternative Fortführung der Kritischen sein muss gegenüber Strategien in politischen Deli-
Theorie anbieten. berationen, die zum Ausschluss oder zur Stigmati-
Foucault teilt die Annahme, dass zumindest in sierung von Auffassungen und Beiträgen führen,
der Moderne Macht kommunikativ erzeugt und deren Irrelevanz oder Unzulässigkeit sich erst noch
letztlich auch derart erhalten werden muss. In seiner erweisen muss (NU, 126–131). Die zweistufige Kon-
Diskurstheorie hält er dabei aber fest, dass das We- zeption der Macht erlaubt gerade die Offenheit der
sentliche dieser Einsicht nicht ist, dass die Macht so Kommunikation für Kontingenz, weil sie im admi-
an die rationalisierende Kraft verständigungsorien- nistrativ-politischen Handlungssystem Kontingenz
tierter Kommunikation zurückgebunden wird, son- reduziert (Niederberger 2007, 199–213).
dern die Macht gerade deshalb besonders nachhaltig
ausgeübt werden kann, weil sie nur indirekt, näm- Literatur
lich über das kommunikative Verfahren, wirkt (Fou- Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. München 1970.
cault 1991, 10–17). In der Kommunikation zu be- Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses [1974]. Frank-
stimmen, wie Verhältnisse zu gestalten sind bzw. was furt a. M. 1991.
kollektive Ziele sein sollten, setzt die Anwendung Honneth, Axel: Kritik der Macht. Reflexionsstufen einer kri-
von Maßstäben und Prozeduren voraus, über die tischen Gesellschaftstheorie. Frankfurt a. M. 1986.
Kelly, Michael (Hg.): Critique and Power. Recasting the Fou-
entschieden werden kann, was in der Kommunika-
cault/Habermas Debate. Cambridge, Mass. 1994.
tion zum Abgleich gebracht oder berücksichtigt wer- Niederberger, Andreas: Kontingenz und Vernunft. Grundla-
den muss. So betrachtet, dient die kommunikative gen einer Theorie kommunikativen Handelns im An-
Erzeugung der Macht dem Zweck, unter Bedingun- schluss an Habermas und Merleau-Ponty. Freiburg i. Br.
gen der Abwesenheit extern oder transzendent be- 2007.
Parsons, Talcott: »On the Concept of Political Power«. In:
gründeter Machtpositionen dennoch strukturierend
Ders.: Sociological Theory and Modern Society. New
und kontrollierend auf diejenigen einwirken zu kön- York/London 1967, 297–354.
nen, die der Macht unterworfen sind. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft [1921]. Tübingen
Habermas deutet die Foucault’sche Theorie als 5
1980.
Versuch, Macht zum transzendentalen Begriff für Andreas Niederberger
die Betrachtung von Geschichte zu machen. Demzu-
folge ist die Integration und Koordination von Ge-
sellschaften nur darüber zu erklären, dass es zur
Kontrolle, Selektion und zum Ausschluss von Optio-
nen Handelnder gekommen ist – und in der Mo-
derne kann dies nur gewährleistet werden, wenn die
Handelnden sich qua Verständigung (vermeintlich)
selbst disziplinieren (DM, 300–303). Habermas ge-
steht zu, dass diese Theorie die Ideologiekritik auf
72 II. Kontexte

14. Juristische Diskurse verfassungsmäßige Antwort interpretiert, die den


demokratischen Gesetzgeber verpflichte, die Eigen-
tumsordnung sozialstaatlich umzugestalten (vgl.
Unter den die frühe Bundesrepublik beherrschen- Abendroth 1968). Es war das Bundesverfassungsge-
den rechtswissenschaftlichen Kontroversen war die richt, das in mehreren Entscheidungen das Adjektiv
über den ›sozialen Rechtsstaat‹ eine der prominen- ›sozial‹ in soziale Teilhaberechte ausmünzte, die
testen. Im Grundgesetz von 1949 fand sich in Arti- nach und nach der Bundesrepublik tatsächlich den
kel 28 Absatz 1 das knapp formulierte Gebot: »Die Charakter eines sozialen Rechtsstaates verliehen.
verfassungsmäßige Ordnung in den Ländern muss Langsam setzte sich so die Einsicht durch, dass ohne
den Grundsätzen des republikanischen, demokrati- einen sozialen Ausgleich derjenigen Vorteile, die in
schen und sozialen Rechtsstaates im Sinne dieses einer liberalen Eigentums- und Wirtschaftsordnung
Grundgesetzes entsprechen.« Artikel 20 Absatz 1 individuell erworben und rechtlich zugeordnet wer-
konstatierte in ähnlicher Weise, die Bundesrepublik den, weder die gleichen Grundrechte auf Freiheit
Deutschland sei ein »demokratischer und sozialer noch die gleichen politischen Teilnahmerechte an
Bundesstaat«. Über Bedeutung und Funktion des der demokratischen Meinungs- und Willensbildung
Adjektivs ›sozial‹ wurde nicht nur akademisch ge- für alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger den glei-
stritten; dahinter verbarg sich eine vor die Grün- chen Wert haben. Der prägende Einfluss dieses lang-
dung der Bundesrepublik zurückreichende und wierigen Prozesses auf Politik und Recht zeigt sich
diese mitbestimmende Auseinandersetzung über u. a. in Habermas’ Aufsatz »Naturrecht und Revolu-
die bestehende Wirtschaftsordnung und die ihr zu- tion« (TP, 89–127) und in der Theorie der Rechtspa-
grunde liegende Eigentumsverteilung. Es ging da- radigmen (FG, 468–537).
bei nicht nur um die staats- und verfassungsrechtli- Allerdings hat die langsame und prekäre Verwirk-
che Frage, ob die Rechts- und Verfassungsordnung lichung des sozialen Rechtsstaates ein neues Pro-
die vorgegebenen Eigentums- und die daraus resul- blem deutlich werden lassen: Nicht nur die Frage, ob
tierenden wirtschaftlichen Machtverhältnisse hin- der sozialstaatliche Kompromiss die Legitimations-
zunehmen und lediglich durch formale Spielregeln und Motivationsprobleme des Spätkapitalismus ab-
des Eigentums-, Vertrags- und Wettbewerbsrechts zumildern vermöge (vgl. dazu LS), sondern vor al-
zu ordnen habe – oder ob der Staat von Verfassungs lem auch die Frage nach dem Verhältnis einer pri-
wegen ermächtigt und verpflichtet sei, sie im Wege mär durch Rechtsprechung und Administration
gesetzlich begründeter Eingriffe zu verändern (z. B. etablierten Sozialstaatlichkeit zur Demokratie. Das
durch Umverteilungsmaßnahmen, sozialen Aus- Bundesverfassungsgericht hatte zudem mit einer In-
gleich oder Mitbestimmung im Unternehmen). terpretation der Grundrechte als objektiver Normen
Vielmehr spiegelte sich darin die in der Gründungs- eine verfassungsimmanente ebenso wie -transzen-
phase der Bundesrepublik fast alle politische Rich- dente Wertordnung errichtet, mit der sie den demo-
tungen bewegende Frage, ob und inwiefern das ka- kratischen Gesetzgeber sowohl aktivieren als auch
pitalistische Wirtschaftssystem und die private Ord- restringieren konnte (von der Zulässigkeit der inner-
nung der Eigentumsverhältnisse mitverantwortlich betrieblichen Mitbestimmung bis zum Verbot der
für den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus Fristenregelung beim Schwangerschaftsabbruch).
und den Weltkrieg gewesen sei. Auch wenn diese Während sich die sukzessive Erweiterung der
Frage im Zeichen des beginnenden Wirtschafts- Grundrechte und die Ausdehnung von demokrati-
wunders und des Kalten Krieges mit scharfer Ab- schen Partizipationsrechten als Indizien eines post-
grenzung gegen Planwirtschaft und Eigentumskol- konventionellen Moralbewusstseins deuten ließen,
lektivierung in der DDR nicht mehr mit der glei- für das die Rechtsordnung insgesamt als rechtferti-
chen Vehemenz gestellt wurde, war der Streit über gungsbedürftig und kritisierbar erscheint (RHM,
Bedeutung und Funktion der Sozialstaatsklausel 260–267), machten die durch das ökonomische und
gleichsam ihr fernes Echo. das administrative System ausgelösten Schübe einer
Ernst Forsthoff hatte auf der Tagung der Staats- zunehmenden Verrechtlichung der Lebenswelt das
rechtslehrervereinigung 1954 diese Klausel zu einer demokratische Defizit deutlich (Kübler 1984; FG,
bloßen Direktive an die Verwaltung herabzustufen 522–547). Die Defizite der (sozialstaatlichen) Mate-
versucht (Forsthoff 1968). Wolfgang Abendroth rialisierung des (bürgerlich-liberalen) Formalrechts
hatte dagegen die liegengeblieben Frage noch einmal (Max Weber) konnten nach Rudolf Wiethölter nur
aufgenommen und die Sozialstaatsklausel als die durch eine Prozeduralisierung der Rechtskategorie
14. Juristische Diskurse 73

aufgefangen werden (Wiethölter 1989; dazu DNR, diskurs ergänzt werden (Günther 1988 u. 1989; kri-
51–64; FG, 516–537) tisch dazu Alexy 1995, 52–70; kritische Darstellung
Innerhalb der Rechtstheorie wurden diese Pro- der Diskurstheorie der juristischen Argumentation
bleme als Fragen der Rechtsanwendung und der ju- und Ergänzung der diskursiven Legitimität durch
ristischen Interpretation noch mit den Kategorien das Prinzip der formellen Gleichheit bei Lieber 2007,
der Hermeneutik diskutiert, ergänzt durch eine sozi- 235–304).
alwissenschaftlich ausgerichtete Theorie der gesell- Sowohl Alexys Bestimmung der juristischen Ar-
schaftlichen Folgen richterlicher Entscheidungen. gumentation als Sonderfall des rationalen prakti-
Mit Robert Alexys bahnbrechender, 1978 veröffent- schen Diskurses als auch die im Starnberger Institut
lichter Göttinger Dissertation (Alexy 1991) gewann unternommenen Versuche, die Rechtsentwicklung
die Methodologie der juristischen Begründung und auf die Entwicklungsstufen des moralischen Be-
Interpretation Anschluss an die internationale Dis- wusstseins zu einer reflexiven, universalistischen
kussion der analytischen Ethik und der Argumenta- und prozeduralen Moral zu beziehen (vgl. dazu das
tionstheorie. Zugleich lieferte sie einen wichtigen kritische Resümee bei Frankenberg/Rödel 1981,
Beitrag zu Habermas’ Theorie des rationalen Dis- 9–31), unterstellten zumindest implizit ein Unter-
kurses, indem Alexy Regeln und Formen des allge- ordnungsverhältnis des positiven Rechts zur post-
meinen praktischen Diskurses formulierte, erläu- konventionellen Moral. Dies widerstritt nicht nur
terte und begründete, mit denen sich die Art und der an sozialen Folgen orientierten Rechtswirklich-
Weise einer rationalen Rechtfertigung normativer keit des sozialen Rechtsstaats, sondern auch dem
Sätze explizit machen und klarer darstellen ließ (vgl. herrschenden positivistischen Selbstverständnis von
zur Rezeption u. a. Habermas ND, 97–104). Die ju- Rechtsprechung und Rechtswissenschaft. Auch in-
ristische Argumentation wurde von Alexy als Son- ternational war der Rechtspositivismus in seinen
derfall des allgemeinen praktischen Diskurses einge- Hans Kelsen beerbenden und präzisierenden Versio-
führt, in dem praktische Argumentationen unter der nen, vor allem durch H. L. A. Hart in Oxford und
einschränkenden Bedingung der Bindung an das seine Schüler (z. B. Joseph Raz u. Neil MacCormick)
geltende Recht sowie unter spezifischen Reglemen- zur dominierenden Selbstbeschreibung der Juristen
tierungen des Argumentationsverfahrens (z. B. in geworden, die allerdings mit einer Vielzahl von
Form von Prozessordnungen oder gesetzlich be- rechtsrealistischen Strömungen konkurrierte. Diese
stimmten Vorgaben) stattfinden, die es den Teilneh- wurden durch das von der Harvard Law School aus-
mern erlauben, strategisch eigene Interessen zu ver- gehende »Critical Legal Studies Movement« zu einer
folgen statt kooperativ um die Einlösbarkeit eines Theorie der unvermeidlichen immanenten Wider-
Geltungsanspruchs auf praktische Richtigkeit zu sprüche des Rechts in einer von ökonomischen Ge-
streiten. Diese besondere Stellung der juristischen gensätzen gekennzeichneten Gesellschaft zugespitzt,
Argumentation bestimmt ihre Struktur: Der juristi- die faktisch aufgrund der unausgesprochenen politi-
sche Syllogismus, die Rechtfertigung eines konkre- schen Orientierungen der Gerichte aufgelöst wür-
ten rechtlichen Gebots aus allgemeinen Rechtssät- den und die daher als solche explizit zu machen und
zen, deren Merkmale in Form allgemeiner Regeln kritisch zu thematisieren seien (z. B. David Trubek,
konkretisiert werden, folgt den Regeln des logischen Jerry Frug, Duncan Kennedy).
Schließens und rechtfertigt ein juristisches Argu- In dieser Konstellation attackierte Ronald Dwor-
ment intern. Die einzelnen Prämissen dieses Syllo- kin die rechtspositivistische Doktrin, dass die Gel-
gismus bedürfen zusätzlich einer externen Rechtfer- tung des Rechts von der Moral unabhängig sei. Seine
tigung, z. B. mit Hilfe der Auslegungsregeln eines Gegenposition fußt auf zwei Prämissen: Der positi-
Gesetzes, Regeln der Dogmatik, Anwendung von vistischen These, dass die normative Ordnung des
Präjudizien oder unter Berufung auf Prinzipien, die Rechts aus einem System von Regeln bestünde, die
ihrerseits wiederum durch einen allgemeinen prak- nur eine Alles-oder-Nichts-Entscheidung zuließen,
tischen Diskurs gerechtfertigt werden können (zu so dass der Richter in allen schwierigen Fällen, die
Ergänzungen und Präzisierungen vgl. Alexy 1995). sich nicht nach einer geltenden Regel des Rechts ent-
Da eine universalistische Begründung praktischer scheiden ließen, zur eigenmächtigen Rechtssetzung
Normen mangels Vorhersehbarkeit wechselnder qua politischer Entscheidung ermächtigt sei, setzt
Einzelfälle noch keine unparteiliche Anwendung ga- Dworkin die These entgegen, dass Richter auch in
rantiert, muss der praktische Diskurs der rationalen diesen Fällen nach normativ begründeten Maßstä-
Begründung von Normen um einen Anwendungs- ben entscheiden würden, und zwar unter Berufung
74 II. Kontexte

auf Prinzipien, deren Gewicht je nach Einzelfall un- gene Theorie der Unbestimmtheit des Rechts und
terschiedlich sei und von den anderen anwendbaren der Rationalität der Rechtsprechung (FG, 238–291).
Prinzipien sowie den politischen Zielsetzungen mit- Die herausragende Position der Rechtsprechung in
bestimmt werde. Der positivistischen These, dass die Dworkins Theorie provozierte u. a. eine Kontroverse
Geltung der Rechtsregeln nicht auf moralische Nor- über das Verhältnis von Demokratie und Justiz, vor
men zurückzuführen sei, sondern ausschließlich auf allem mit Blick auf das Verfassungsgericht und seine
ihre Herkunft aus dem System primärer und sekun- Kompetenz, Entscheidungen des demokratischen
därer Regeln, deren Geltung letztlich durch die Gesetzgebers zurückweisen zu können (FG, 292–
Grundnorm oder die Erkenntnisregel (rule of recog- 348; Dworkin/Habermas/Günther 1997).
nition) determiniert werde, setzt Dworkin die These
entgegen, dass Richter in schwierigen Fällen ihre Literatur
Entscheidungen durch Prinzipienargumente be- Abendroth, Wolfgang: »Zum Begriff des demokratischen
gründen würden, die sie nicht willkürlich wählen, und sozialen Rechtsstaates im Grundgesetz der Bundes-
sondern von einem moralischen Standpunkt aus republik Deutschland« [1954]. In: Ernst Forsthoff (Hg.):
rechtfertigen, von dem aus sie die bestmögliche ko- Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaatlichkeit. Darmstadt
härente Interpretation aller normativen Elemente 1968, 114–144.
Alexy, Robert: Theorie der Grundrechte. Baden-Baden
der Rechtsordnung (Verfassung, Gesetze, Präjudi-
1985.
zien, Dogmatik, Gewohnheitsrecht) und der ihr zu- –: Theorie der juristischen Argumentation. Die Theorie des
grunde liegenden moralischen Prinzipien geben rationalen Diskurses als Theorie der juristischen Begrün-
können (Dworkin 1984, Kap. 2–4). Der Richter wird dung. Frankfurt a.M. 21991.
damit am Ideal eines Herkules gemessen (und misst –: Recht, Vernunft, Diskurs. Studien zur Rechtsphilosophie.
Frankfurt a. M. 1995.
sich selbst daran), der alle relevanten Gesichtspunkte
Dworkin, Ronald: Bürgerrechte ernstgenommen. Frankfurt
zu berücksichtigen vermöchte. Nur durch diese von a.M. 1984 (engl. 1978).
einem moralischen Anspruch hervorgerufenen –: A Matter of Principle. Oxford 1985.
rechtfertigenden Nötigung stechen subjektive –: Law’s Empire. Cambridge, Mass. 1986.
(Grund-)Rechte als Trümpfe die mit einer Rechts- – /Habermas, Jürgen/Günther, Klaus: »Regiert das Recht
norm verfolgten politischen Zielsetzungen aus die Politik?« In: Ulrich Boehm (Hg.): Philosophie heute.
Frankfurt a. M./New York 1997, 150–176.
(rights as trumps) (Dworkin 1984, 158 ff.); nur in- Forsthoff, Ernst: »Begriff und Wesen des sozialen Rechts-
folge der moralischen Verpflichtung zur bestmögli- staates«. In: Ernst Forsthoff (Hg.): Rechtsstaatlichkeit
chen Interpretation unterwerfen sich Richter und und Sozialstaatlichkeit. Darmstadt 1968, 165–200.
Richterinnen der regulativen Idee, nach der einzig Frankenberg, Günter/Rödel, Ulrich: Von der Volkssouverä-
richtigen Antwort auf einen schwierigen Fall zu su- nität zum Minderheitenschutz, Frankfurt a.M. 1981.
Günther, Klaus: Der Sinn für Angemessenheit. Frankfurt
chen (one right answer) (Dworkin 1984, 448 ff.; a. M. 1988.
Dworkin 1986, 119 ff.). Gegen den von rechtsrealis- –: »Ein normativer Begriff der Kohärenz für eine Theorie
tischer Seite erhobenen Vorwurf, das widersprüchli- der juristischen Argumentation«. In: Rechtstheorie 2
che Recht durch eine ›rosarote Brille‹ zu sehen, kon- (1989), 163–190.
tert Dworkin mit dem Argument, dass Widersprü- Kübler, Friedrich (Hg.): Verrechtlichung von Wirtschaft, Ar-
beit und sozialer Solidarität. Baden-Baden 1984.
che dadurch nicht verborgen würden – und dass Lieber, Tobias: Diskursive Vernunft und formelle Gleichheit.
deren Entdeckung und Kritik nur unter dem An- Tübingen 2007.
spruch einer bestmöglichen Rechtfertigung möglich Wiethölter, Rudolf: »Proceduralization of the Category of
sei (Dworkin 1986, 271 ff.). Alexy hat Dworkins Un- Law«. In: Christian Joerges/David M. Trubek (Hg): Cri-
terscheidung zwischen Regeln und Prinzipien zu ei- tical Legal Thought: An American-German Debate. Ba-
den-Baden 1989, 501–510.
ner Theorie der Grundrechtsnorm als Optimie- Klaus Günther
rungsgebot fortentwickelt und der Abwägung von
kollidierenden Grundrechten damit eine rationale
Grundlage verschafft (Alexy 1985). Alexys Sonder-
fallthese der juristischen Argumentation, seine The-
orie der Abwägung kollidierender Grundrechtsnor-
men, die Theorie des Anwendungsdiskurses sowie
Dworkins Theorie der kohärenten Interpretation
und die Rechtskritik des »Critical Legal Studies Mo-
vement« sind die Bezugspunkte für Habermas’ ei-
75

15. Demokratie mer und Neumann auf der einen und insbesondere
Carl Schmitt (s. Kap. II.3) auf der anderen Seite. An-
dererseits macht dies die Bedeutung sichtbar, die
Habermas hat sich schon früh, wie ein Blick auf die dem Bezug auf die kritische Staatsrechtslehre in der
1958 entstandene Einleitung zu Student und Politik Bundesrepublik – und hier vor allem und immer
unter dem Titel »Zum Begriff der politischen Betei- wieder auf das Werk von Abendroth, aber auch Rid-
ligung« (KK, 9–60) dafür entschieden, die Program- der – in diesem Zusammenhang zukommt –, eine
matik seiner demokratietheoretischen Forschung Tradition, unter deren Eindruck Habermas schon in
ebenso wie ihre normativen Bezugspunkte und ih- den frühen 1950er Jahren als Student Ridders in
ren methodologischen Zuschnitt in enger Anleh- Frankfurt am Main gestanden und die sich insbe-
nung an die deutsche staatsrechtliche Diskussion zu sondere im Strukturwandel der Öffentlichkeit (1961)
entfalten. Diese Entscheidung verdankt sich, wie er schließlich materialisiert hat. Der gleichen Traditi-
auf den ersten Seiten der mehr als zwanzig Jahre spä- onslinie verdanken sich wohl auch die Intuitionen,
ter erschienenen Theorie des kommunikativen Han- die Ingeborg Maus mit ihren Arbeiten seit Anfang
delns (TKH I) noch einmal auf eine für das Selbstver- der 1970er Jahre aufgreift und die auf dem Weg einer
ständnis der Politikwissenschaft seinerzeit gewisse dadurch inspirierten radikaldemokratischen Aneig-
Weise bestätigt hat, vor allem rationalitätstheoreti- nung der Rechtstheorie Kants in Habermas’ rechts-
schen Gesichtspunkten, die für seine theoriestrategi- und demokratietheoretische Arbeiten seit Mitte der
sche Grundentscheidung, den Sinn demokratischer 1980er Jahre zurückfließen. In die damit verbundene
Beteiligung in ihrer begrifflichen Verzahnung mit Präzisierung eines deliberativen Modells demokrati-
einer bestimmten Konzeption von Recht (FG, 527 f.) scher Politik unter Bezug auf die Diskurstheorie des
zu erläutern, begrifflich und methodologisch von da Rechts und die Kommunikationstheorie der Gesell-
an maßgeblich geblieben sind. Vor diesem Hinter- schaft werden schließlich auch die Arbeiten Joshua
grund analysiert er die Möglichkeit politischer Be- Cohens auf zwar eher sparsame, aber paradigma-
teiligung und bestimmt er die Formen, in denen sie tisch hoch signifikante Weise einbezogen, weil sich
sich realisieren könnte, unter Bezug auf die Struk- an ihnen erneut die für Habermas seit dem »Struk-
turveränderungen, welche die Entwicklung des libe- turwandel« maßgebliche Frage der Verhältnisbe-
ralen zum sozialen Rechtsstaat (LS, 14 ff.; SÖ 1990, stimmung von Staat und Gesellschaft bzw. politi-
326 ff.) und schließlich zu einem auf die »Bewälti- scher Öffentlichkeit und dem System institutioneller
gung kollektiver Gefährdungslagen« überhaupt spe- Politik entzündet.
zialisierten »Sicherheitsstaat« (FG, 524 f.) kennzeich-
nen. Diese Art des Zugriffs verleiht noch seinen Rechtsstaat und Demokratie:
Überlegungen zu demokratischen Entwicklungs- Gedankliche Fluchtlinien
möglichkeiten in seinem vielfach so apostrophierten der Habermas’schen Demokratietheorie
demokratietheoretische Hauptwerk Faktizität und
Geltung (1992) und darüber hinaus seinen Formvor- Sein bis heute maßgebliches Verständnis von Demo-
stellungen zu einer »Weltinnenpolitik ohne Weltre- kratie als der Idee der Herrschaft des Volkes hat Ha-
gierung«, die er in wiederum enger Anlehnung an bermas schon früh in dem Aufsatz »Zum Begriff der
diesmal völkerrechtliche Entwicklungen skizziert politischen Beteiligung« von 1958 (KK, 11) im un-
hat, ihr spezifisches Profil. Thematisch in entschei- mittelbaren Anschluss an Franz Neumann auf die
dender Hinsicht strukturiert durch die Analyse der viel zitierte programmatische Formel gebracht, dass
Entwicklung des Verhältnisses von Staat und Gesell- Demokratie keine Staatsform wie irgendeine andere
schaft, die sich normativ zwischen den Eckpunkten sei:
der politischen Mobilisierung gesellschaftlicher
»[…] ihr Wesen besteht vielmehr darin, daß sie die weitrei-
Kräfte im Zeichen einer öffentlichen Meinungs- und chenden gesellschaftlichen Wandlungen vollstreckt, die die
Willensbildung einerseits und der Einsicht in die Freiheit der Menschen steigern und am Ende vielleicht
Notwendigkeit einer »gewissen Autonomie der poli- ganz herstellen können. Demokratie arbeitet an der Selbst-
tischen Sphäre« (KK, 54; vgl. auch LSW) bewegt, ist bestimmung der Menschheit, und erst wenn diese wirklich
ist, ist jene wahr. Politische Beteiligung wird dann mit
seine Demokratietheorie einerseits entscheidend ge-
Selbstbestimmung identisch sein«.
prägt durch die schon früh einsetzende Auseinan-
dersetzung mit der Weimarer Staatsrechtslehre und Darin liegt zweifellos der Anspruch auf Radikalität
damit Autoren wie insbesondere Heller, Kirchhei- begründet, der die Entfaltung seiner Reformper-
76 II. Kontexte

spektiven auch über die nationalstaatliche Ebene hi- Diese enge Verzahnung der Idee des Rechtsstaates
naus antreibt, auch wenn er sich bezüglich der im und der Diagnose seiner Entwicklung mit der Frage
Rückblick allzu optimistisch oder gar überschwäng- der Entwicklung demokratischer Selbstbestimmung
lich erscheinenden Überzeugung einer demokrati- lässt sich unter zwei Gesichtspunkten, die seinem
schen Ratifizierung gesellschaftlicher Entwicklungs- Zugriff auf die demokratietheoretische Problematik
prozesse inzwischen regelmäßig nicht nur deutlich ihre spezifischen Konturen verleihen, in ihren kon-
zurückhaltender gibt, sondern deren Grundlagen zeptionellen Konsequenzen besonders gut verfolgen:
unter Bezug vor allem auf die veränderten gesell- Zum einen an der Thematisierung der rechtsstaatli-
schaftstheoretischen Grundannahmen, wie sie im chen Entwicklung im Licht der Verschränkung von
Lichte der nunmehr systemtheoretisch informierten Legitimität und Legalität, und zum anderen an der
Unterscheidung von »System« und »Lebenswelt« in Bestimmung des Verhältnisses von Staat und Gesell-
der Theorie des kommunikativen Handelns von 1981 schaft. Unter dem erstgenannten Gesichtspunkt
vollzogen werden, revidiert. Charakteristisch aber markiert er nicht nur seinen Anschluss an die staats-
bleibt für seine demokratietheoretischen Einlassun- rechtliche Sozialstaatsdiskussion der 1950er und
gen, so unterschiedlich die Anlässe, denen sie sich frühen 1960er Jahre, sondern er legt damit jene Spur,
im Einzelnen verdanken, auch sein mögen, die be- auf der er einerseits im Strukturwandel der Öffent-
reits in diesem Aufsatz erkennbare und erstmals im lichkeit oder in dem Aufsatz über »Naturrecht und
Strukturwandel der Öffentlichkeit systematisch ent- Revolution« (TP) die Entwicklung des Rechtsstaates
faltete, strategisch-konzeptionelle Weichenstellung: rekonstruktiv zurückverfolgen und in die er ande-
Die im Vollzug des demokratischen Entwicklungs- rerseits die Perspektiven einer Bewältigung der »un-
prozesses notwendige institutionelle Phantasie wird zureichenden Institutionalisierung rechtsstaatlicher
nicht durch die mehr oder weniger starren Vorgaben Prinzipien« (FG, 527) konstruktiv eintragen kann:
einer in der parlamentarischen Beratung und Ge- Die dem zugrunde liegende Überzeugung ist jeden-
setzgebung zentrierten Formsprache zu sehr ge- falls, dass Legitimität durch Legalität nur möglich
bannt, sondern das prozeduralistische Medium ei- ist, soweit der »moralische Kern« (FG, 549) auch des
ner diskursiven Meinungs- und Willensbildung wird bürgerlichen Formalrechts bewahrt, die Allgemein-
genutzt, um den Anspruch der Demokratie jeweils heit des abstrakten Gesetzes prozedural hergestellt
institutionell flexibel in die Prozesse des Wandels ge- (FG, 552 und 596) und somit die konstitutive Span-
sellschaftlicher und staatlicher Strukturen einpassen nung zwischen den Momenten der »Unverfügbar-
zu können und – wie die in Faktizität und Geltung keit und der Instrumentalität des Rechts« (FG, 589)
dafür gefundene Formel lautet – zu »konkretisti- auch unter interventionsstaatlichen Bedingungen
sche« Vorstellungen und Modelle der Rechts- und und einer zunehmenden Exekutivlastigkeit politi-
Demokratieverwirklichung zu vermeiden (FG, 528). scher Prozesse aufrecht erhalten werden kann.
Dieser Zug freilich nötigt ihn dazu, das Prinzip Zum anderen ist der genaue Zuschnitt seiner de-
der reflexiven Institutionalisierung einer inklusiven mokratietheoretischen Vorstellungen in hohem
politischen Meinungs- und Willensbildung aus einer Maße durch die Bestimmung des Verhältnisses von
abstrakteren Perspektive her einzuführen und zu er- Staat und Gesellschaft und die darin eingelassenen
läutern. Die dafür schon im Strukturwandel der Öf- Erläuterungen zum Funktionswandel von Öffent-
fentlichkeit gefundene Problemformel lautet, die im lichkeit und den Formen der institutionellen Ver-
öffentlichen Vernunftgebrauch selber angelegten Be- schränkung von Meinungs- und Willensbildung in
dingungen zu identifizieren, die gegeben sein müs- Zivilgesellschaft und politischem System. Es ist zwar
sen, damit zwei fundamentale Elemente des rechts- unübersehbar, dass er sein Staatsverständnis begriff-
staatlichen Gesetzesbegriffs, sein Anspruch auf lich von jeglichen Anklängen eines affektiv gestimm-
Gleichheit verbürgende Allgemeinheit und auf seine ten Etatismus freihält, die ihn am Werk insbeson-
Richtigkeit, »d.i. Gerechtigkeit verbürgende Wahr- dere Carl Schmitts (s. Kap. II.3) immer schon provo-
heit« (SÖ 51971, 266) auch eingelöst werden können ziert haben, wenn er in programmatischer Absicht
– wie, mit anderen Worten, die »Verfügung über ver- notiert, »[…]daß die längst eingetretene Säkularisie-
schiedene Sorten von Gründen und die Art des Um- rung der geistigen Grundlagen staatlicher Gewalt
gangs mit ihnen« (FG, 528) so geregelt werden kann, […] an einem überfälligen Vollzugsdefizit [leidet],
dass die Staatsbürger/innen den Zugriff auf die in- das durch weitergehende Demokratisierung ausge-
haltliche Ausgestaltung von Gesetzgebung und Ver- glichen werden muß« (FG, 534). Aber andererseits
waltung nicht verlieren. kann auch unter normativen Gesichtspunkten ins-
15. Demokratie 77

besondere eine den Tendenzen der »Refeudalisie- wäre. An dieser demokratietheoretisch maßgebli-
rung« (SÖ 51971, 273) ausgesetzte, weitgehend über chen gedanklichen Konstellation, in der die Mög-
den Markt integrierte kapitialistische Gesellschaft lichkeit einer »[…] druckfreien, sich durch den
nur dann einen auch soziologisch plausiblen Bezugs- Staatsapparat selbstbestimmenden Gesellschaft«
punkt für Demokratieentwicklungen abgeben, wenn (ebd., 15) als utopisch zurückgewiesen wird, zeich-
sie in ihrem organisatorischen Aufbau den Forde- nen sich die vielfältigen Berührungspunkte und
rungen des Öffentlichkeitsprinzips zu genügen und Überschneidungen im Denken Habermas’ und Rid-
insofern die Allgemeinheit einer »staatsbezogenen« ders bereits deutlich ab – und zwar so, dass sich diese
(SÖ 51971, 249) Meinungs- und Willensbildung und Gemeinsamkeiten nicht nur auf diagnostische oder
damit die sie legitimierende Orientierung am Allge- analytische Fragen beziehen, sondern sich darüber
meinwohl (SÖ 51971, 236) zu verbürgen vermag. Vor hinaus auf konzeptionelle Weichenstellungen erstre-
diesem Hintergrund macht es sich Habermas immer cken, deren von Habermas in Faktizität und Geltung
wieder auch zur Aufgabe, den notwendigen demo- aktualisierte Programmatik Ridder pointiert so zu-
kratischen Strukturwandel auf die Veränderungen sammenfasst: »In der freiheitlichen Demokratie um-
einzustellen, die insbesondere im Bereich einer mit gibt die freie politische Gesellschaft die nach dem
Steuerungsaufgaben zunehmend belasteten Verwal- staatlichen Demokratiegebot zur Öffentlichkeit ih-
tung (FG, 530) auftauchen, und es ist deshalb der rer Tätigkeit verpflichteten Staatsorgane, um in ei-
»im Maße der wechselseitigen Durchdringung von nem permanenten Prozess der öffentlichen Mei-
Staat und Gesellschaft« eintretende Funktionsverlust nungs- und Willensbildung als freiheitsverbürgen-
institutionalisierter wie nicht institutionalisierter des Korrektiv staatlicher Machtausübung zu wirken«
Öffentlichkeiten und die diesen begleitende Stär- (Ridder 1960, 14; vgl. FG, 531, 626).
kung der Verwaltung einerseits wie der Parteien und In dieser demokratietheoretischen Programmatik
Verbände andererseits, der durch neue Formen der werden bei Ridder Impulse aus vor allem drei Rich-
demokratischen Beteiligung zu kompensieren ist tungen verarbeitet: Zum einen verdankt sie sich der
(SÖ 51971, 235). entschiedenen Abwehr eines »soziologischen Positi-
vismus« der nachkriegsdeutschen Staatsrechtslehre,
in dessen Zeichen etwa Ernst Forsthoff oder Werner
Helmut Ridder: Sozialstaat und Demokratie –
Weber versucht hatten, in der Entgegensetzung von
das »therapeutische« Selbstverständnis
Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit einen
des Grundgesetzes
die juristischen Normbestände übergreifenden Ver-
Habermas vermeidet es also, die Perspektiven zur fassungsbegriff zurückzugewinnen, der vor allem
Behebung des demokratischen Vollzugsdefizits mo- der »rastlosen« Suche der konservativen Staats-
derner Gesellschaften im Lichte eines »anarchisti- rechtslehre nach einer aus eigener Substanz wirken-
schen Entwurfs« zu erschließen, nach dem Gesell- den Staatlichkeit dienen sollte (Ridder 1975, 15).
schaft in der horizontalen Vernetzung von freiwilli- Demgegenüber insistiert Ridder darauf, dass es un-
gen, auf die Bereitschaft zur problemlösenden und ter Bedingungen des demokratischen Verfassungs-
handlungskoordinierenden Verständigung aller Be- staates nicht mehr Staat geben kann, als die geschrie-
teiligten zurückgreifenden Assoziationen aufgehen bene, normative Verfassung hergibt (ebd., 17). Zum
könnte (FG, 620). Die Gründe dafür sind zum einen anderen markiert er damit ein »therapeutisches«
funktionaler Natur, insofern er eine solche Vorstel- Verfassungsverständnis, das er an der Sozialstaats-
lung am bloßen Steuerungs- und Organisationsbe- diskussion der 1950er und 1960er Jahre entwickelt
darf moderner Gesellschaften auflaufen sieht (ebd., hat und mit dem er eine über die Sozialpflichtigkeit
620); sie sind aber auch normativer Natur, weil sie des Staates und die Außenbeziehungen der Grund-
den tief in der liberalen Tradition verankerten und rechtsträger hinausgreifende dritte Dimension des
grundrechtlich geschützten Raum einer privat-auto- Sozialstaatsgebots auszeichnet, in der die Idee einer
nomen, also »individual freiheitlichen« (Ridder freiheitlichen Demokratie mit der Forderung einer
1960, 25 f.) Gestaltung von Lebensführung zu weit sozialstaatlichen Einwirkung auf die demokratische
einengen könnte, und weil sie ohnehin nur um den Gleichheit verbürgende innere Struktur »gesell-
Preis einer organisationsrechtlichen Durchdringung schaftlicher Kollektivakteure« (Unternehmen, Ver-
der Gesellschaft im Ganzen, einer der Tendenz nach bände, Gewerkschaften, Parteien) verbunden wird
freiheitsgefährdenden und »totalitären Einsaugung (Ridder 1960, 11). Diese Forderung einer Staat und
des Staats durch die Gesellschaft« (ebd., 15) möglich Gesellschaft übergreifenden Deutung der normati-
78 II. Kontexte

ven Architektur des Grundgesetzes speist sich gesetzes hat also die entscheidenden Eckpunkte ei-
schließlich aus einer schon früh vorgenommenen, ner in die Entwicklung des Rechtsstaates eingelager-
besonderen Art der Verklammerung des grundge- ten demokratietheoretischen Programmatik so weit
setzlich geschützten Rechts auf freie Meinungsäuße- freigelegt, dass Habermas daran mühelos anschlie-
rung mit der Idee des öffentlichen Vernunftge- ßen konnte – ein Umstand, der sich nicht nur in den
brauchs, wonach die öffentliche Meinungsfreiheit zahlreichen direkten Bezügen auf die erwähnten
nicht mehr an Wahrheit oder Vernunft als sittlicher Schriften Ridders zur »Meinungsfreiheit« von 1954
Leitidee der klassischen Meinungsäußerungsfreiheit oder zur »Verfassungsrechtlichen Stellung der Ge-
gebunden ist, sondern auf »[…] den Schutz der werkschaften« von 1960 im Strukturwandel der Öf-
freien Bildung der öffentlichen Meinung, also auf fentlichkeit spiegelt, sondern auch dadurch erklärlich
den Schutz der einzelnen Aufbauelemente, der Ge- wird, dass Habermas schon als junger Student An-
nese […]« zielt (Ridder 1954, 265). fang der 1950er Jahre Vorlesungen bei Ridder wäh-
Diese Striche markieren die äußeren Konturen rend dessen Frankfurter Zeit gehört hat. Auch wenn
des spezifischen Bildes, das Ridder, unter systemati- nicht darüber spekuliert werden soll, wie weit dieser
scher Verschränkung mit dem Rechts- und Sozial- Einfluss tatsächlich reichte, so kann doch konstatiert
staatsgebot, vom Demokratieverständnis des Grund- werden, dass sich eine direkte Wirkungsbeziehung
gesetzes zeichnet, wobei er sich allerdings bezüglich für die späten 1950er und frühen 1960er Jahre nach-
der Frage nach einem sich daraus ergebenden kon- weisen lässt, während Ridder in Faktizität und Gel-
kreten Modell von Demokratie im Ganzen eher tung nur noch an einer Stelle (und auch dort recht
agnostisch verhält. Gerade weil er darauf insistiert, summarisch in einer Fußnote: FG, 302, Fn. 11) er-
dass das Grundgesetz das politische System nicht auf wähnt wird.
»eine der untereinander rivalisierenden Vorstellun-
gen von demokratischer Ordnung« festlegt (Ridder
Ingeborg Maus: Der Übergang vom materialen
1979, 11), sondern es sich nach seiner Auffassung
zum prozeduralen Vernunftrecht
darauf beschränkt, »[…] dem mehrheitlichen Volks-
willen nicht nur Bekundungs-, sondern auch Betäti- Allerdings kann Habermas den damit ausgelegten
gungsfreiheit mit rechtlicher Wirkung« (ebd., 10 f.) Faden nunmehr in Auseinandersetzung vor allem
einzuräumen, sieht er normative Schranken der De- mit den Arbeiten Ingeborg Maus’ wieder aufneh-
mokratieentwicklung in erster Linie dort, wo die men, deren Aufklärung der Demokratietheorie sich
prozeduralen Garantien einer das Zusammenspiel einerseits einer gedanklichen Konstellation ver-
politisch-institutioneller (staatlicher) und öffentli- dankt, die jener mit Blick auf Ridder nachgezeichne-
cher (gesellschaftlicher) Meinungs- und Willensbil- ten Konfiguration nicht unähnlich ist, die aber ande-
dung i.S. einer »unfreiheitlichen« Demokratie der rerseits viel entschiedener als Ridder Fragen der
unbegrenzten (plebiszitären) Mehrheitsherrschaft Rechtsstaats- und Verfassungstheorie wie der inter-
übersprungen zu werden drohen (Ridder 1960, 12). nen Verklammerung von Rechtsstaats- und Demo-
Jenseits dieser Schranke stellt die Verfassung ledig- kratieprinzip auf eine an dem Werk Kants geschulte,
lich die normativen Regelungen zur Verfügung, die grundbegriffliche Klärung zuführt.
es der demokratischen Willensbildung ermöglichen In der Intention mit Habermas und auch Ridder
sollen, in »therapeutischer« Weise auf die Bedingun- weitgehend übereinstimmend, geht es Maus in einer
gen der Ausübung öffentlicher Autonomie selbstre- in drei markanten Schritten – von der Analyse des
flexiv einzuwirken – freilich so, dass dieses demo- Zusammenhangs von Bürgerliche[r] Rechtstheorie
kratische Strukturgebot die Grenzen der Unterschei- und Faschismus (1976) über ihre Studien zur Rechts-
dung zwischen Staat und Gesellschaft überspringt, theorie und Politische Theorie im Industriekapitalis-
freiheitliche Demokratie also keine bloße Staats- mus (1986) bis hin zur Aufklärung der Demokratie-
formbestimmung bleiben kann, sondern in ihrem theorie (1992) – entfalteten Theorie des demokrati-
Begriff das Verhältnis von Staat und Gesellschaft so- schen Rechtsstaates im Kern um die Beantwortung
wie demokratie-relevante, gesellschaftliche Struktur- der Frage, »[…] wie unter Bedingungen der fortge-
elemente mit zu erfassen sind (ebd., 13). schrittenen Industriegesellschaft mit den sie kenn-
Die von Ridder mit Bezug auf die Weimarer zeichnenden Entwicklungen zum organisierten Ka-
Staatsrechtslehre und in Abgrenzung von Carl pitalismus des 20. Jahrhunderts und neuer trans-
Schmitt und seinen Schülern vorgenommene Ak- und supranationaler Regelungsebenen im 21.
zentuierung des demokratischen Gehalts des Grund- Jahrhundert demokratische Selbstbestimmung und
15. Demokratie 79

Freiheitssicherung der Individuen durch Rechts- Abendroth und Ridder) die Perspektive der Entfal-
staatlichkeit überhaupt noch möglich sind« (Niesen/ tung der Idee des Rechtsstaats an jenen industriege-
Eberl 2006, 12). Dabei dient ihr der Bezug auf die sellschaftlich induzierten gesellschaftlichen Struk-
prozeduralistisch ausgelegte, in der Aufklärung und turveränderungen aus, die es nahe legen, dass die
der Französischen Revolution wurzelnde Idee des Gleichheit und Freiheit sichernde Funktion der
»demokratischen Gesetzgebungspositivismus« als Grundrechte angesichts von Phänomenen ökonomi-
jene begriffliche Klammer, die es ermöglichen soll, scher, sozialer und administrativer Machtkonzentra-
der von Weimar ausgehenden Entwicklung der bür- tion nur gewahrt werden kann, wenn sie die Wir-
gerlichen Rechtstheorie, also der »deutschen Tradi- kung ihrer Prinzipien auch in Richtung auf die Ver-
tion der Verselbständigung substantialisierter fassung gesellschaftlicher Sektoren auszudehnen
Rechtsbegriffe gegen demokratische Willensbil- vermag (Maus 1976, 61 ff.).
dungsprozesse« (Maus 1986, 7) ebenso entgegenzu- Die dafür notwendigen grundbegrifflichen und
wirken wie einer »fundamentalistische[n] Rechts- konzeptionellen Weichenstellungen hat sie vor allem
kritik […], die jede Form der Verrechtlichung als im Rückgriff auf Kant (Maus 1992) in Hinblick auf
Zerstörung autonomer gesellschaftlicher Organisa- die Etablierung des prozeduralistischen Rechtspara-
tion und partizipatorischer Demokratie begreift« digmas vollzogen, dessen Kern sie – nicht anders als
(ebd., 7). Als Paten dieser die praktische Dimension Habermas – in der durchgängigen Kombination und
des Rechts unterlaufenden und den konstitutiven wechselseitigen Vermittlung rechtlich institutionali-
Zusammenhang zwischen der Herrschaft des Geset- sierter und nicht-institutionalisierter Volkssouverä-
zes einerseits und der Volkssouveränität wie der in- nität identifiziert. Gesucht ist mithin eine Form der
dividuellen Autonomie andererseits zerreißenden Vermittlung, die ihre Allgemeinheit selber nur noch
theoretischen Bewegung identifiziert sie immer wie- prozedural, und d. h. in der Garantie von Freiheit
der Carl Schmitt, in dessen Werk sich die von ihr ins und Gleichheit sichernden Verfahrensbedingungen
Zentrum gerückten Tendenzen zur Entformalisie- behaupten kann. Diese abstrakte Formulierung frei-
rung des Rechts und der dadurch ermöglichten rela- lich nimmt genaue Konturen erst im Lichte dreier
tiven Verselbständigung politischer Institutionen weiterer Unterscheidungen an, die ihren »[…] Ver-
gegenüber dem Recht (und mithin gegenüber den such, die wesentlichen Intentionen des Volkssouve-
normativen Anspruch auf demokratische Selbstge- ränitätsprinzips unter den heute gegebenen gesell-
setzgebung, vgl. Maus 1986, 278 und passim) para- schaftlichen Bedingungen zu rekonstruieren […]«
digmabildend zu einer Theorie der »konstitutiven (Maus 1992, 224) letztlich in eine instruktive Span-
Rechtsakte« (Maus 1976, 81 ff.) so verschürzen, dass nung zu Habermas Vorstellungen bringt: Zum einen
letztlich »[…] die Faszination für alles Nicht-Orga- nimmt sie die Differenz und Legitimität des Geset-
nisierte, Nicht-Institutionalisierte und noch nicht zes verbürgende Vermittlung von Naturrecht und
Etablierte, das Irreguläre schlechthin […] nur der positivem Recht zum Anlass, einen spezifischen Lö-
Hypostasierung einer geistigen Größe und Substanz sungsvorschlag für das Problem zu unterbreiten,
dient, an der sich dann vor allem der Anspruch »ei- »[…] wie die in der Souveränitätstheorie freigesetzte
ner zur gestaltenden Entscheidung freigesetzten Willkür des demokratischen Gesetzgebers mit den
Elite« (Maus 1986, 85) nähren kann. Dieser Entwick- normativen Vorgaben des Naturrechts zu kombinie-
lung der bürgerlichen Rechtsstaatstheorie, die sie in ren ist« (ebd., 161) – nämlich durch eine zeitliche
ihrem umfassend angelegten Aufsatz zur »Entwick- und normative Differenzierung von prozeduralen
lung und Funktionswandel der Theorie des bürgerli- und inhaltlichen Rechtsetzungsprozessen. Damit
chen Rechtsstaats« (ebd., 11–82) ausgehend von der verbindet sie aber zum zweiten – angeregt durch die
Konstitution der Rechtsstaats- als Demokratietheo- Unterscheidung von Selbstgesetzgebung und Selbst-
rie bei Kant bis in das rechtstheoretische Werk Luh- regierung – die Forderung, dass die »Normierung
manns hinein verfolgt, versucht sie entgegenzuwir- der Normsetzung« in der Zuständigkeit der legislati-
ken, indem sie vor allem im Rückgriff auf Kant die ven Zentrale (also des Parlaments) verbleiben muss
fälligen begrifflichen Konsequenzen aus der im und nicht in dezentrale Prozesse der inhaltlichen
Übergang des liberalen zum demokratischen und Rechtsetzung selber abgegeben werden kann (Maus
sozialen Rechtsstaat faktisch vollzogene Säkularisie- 1992, 225). Und schließlich ist im Rahmen eines der-
rung der geistigen Grundlagen rechtlicher und staat- artig reflexiv ausgelegten Verfahrens der Selbstge-
licher Gewalt zieht. Dabei richtet sie (unter Bezug setzgebung noch dafür Sorge zu tragen, dass der All-
auf Kirchheimer, Neumann, Heller und Habermas, gemeinheitsanspruch der zentralen, allgemeinen
80 II. Kontexte

Gesetzgebung nicht auf die falsche Sorte von Grün- Gestaltungs- und Steuerungsbedarf nicht allein und
den zurückgeführt wird – gegen diese Gefahr bringt nicht einmal primär gesellschaftlich vermittelt wer-
sie die Unterscheidung von Recht und Moral mit der den kann, weil das andererseits die kommunikative
Pointe in Stellung, dass rechtliche Entscheidungen Infrastruktur einer »im ganzen deliberativ gesteuer-
nicht im unmittelbaren Durchgriff auf moralische ten und insofern politisch konstituierten Gesell-
Prinzipien zu legitimieren sind, weil das lediglich schaft« (ebd., 369) schon deshalb zu überlasten
(wie sie im Blick auf die Praxis des Bundesverfas- droht, weil – wie er an dieser Stelle etwas unklar no-
sungsgerichts notiert) dem Dezisionismus der ent- tiert – »das demokratische Verfahren auf Einbet-
scheidenden Institution in die Hände spielt (ebd., tungskontexte, die es selber nicht regeln kann, ange-
171) und so die Grenzen des Rechts und »damit die wiesen ist« (ebd., 370). Damit, wie durch den Hin-
Grenzen staatlicher Regulierung aufhebt« (ebd., weis auf das Fehlen von Aussagen zum Verhältnis
309). von entscheidungsorientierter Beratung einerseits
und informellen Prozessen der Meinungsbildung
andererseits (ebd., 372), rückt Habermas denn auch
Joshua Cohen: Das Modell deliberativer Politik
noch einmal deutlich den Rahmen zurecht, inner-
Wenn Maus vor diesem Hintergrund in der Folge halb dessen sich Joshua Cohens Erläuterungen zum
auch allen Spekulationen bezüglich einer durch die Begriff deliberativer Politik (Cohen 1989) seiner
Staatensouveränität hindurch greifenden Konstituti- Meinung nach angemessen zur Geltung bringen las-
onalisierung des Völkerrechts mit dem Argument sen. Die anspruchsvollen Bedingungen einer diskur-
energisch entgegentritt, dass Staatensouveränität po- siven, entscheidungsbezogenen Beratung jedenfalls,
tentiell Volkssouveränität sei (Maus 2007, 366), dann auf die Cohens Idee demokratischer Legitimität zu-
zieht sie damit nicht nur den ebenso energischen geschnitten ist, sollen sich demgegenüber nur als Er-
Widerspruch Habermas’ auf sich (Habermas 2007, läuterung der Kernstruktur eines aus der Gesell-
442), sondern im Gegenlicht dieser Kontroverse tre- schaft ausdifferenzierten politischen Systems verste-
ten gleichsam retrospektiv noch einmal zwei ent- hen lassen. Mit dieser Qualifizierung freilich zieht
scheidende Züge der Demokratietheorie Habermas’ Habermas auch die konstruktive, institutionelle
in den Blick. Einerseits hält er eine deutliche Distanz Phantasie möglicherweise stimulierende normative
gegenüber allen Vorstellungen von Demokratie, die Heuristik ein, die Cohen dabei im Auge hat. Diese
diese in der gesellschaftlichen Selbstorganisation wird allerdings – obwohl in den Formulierungen des
und in einer horizontalen, basisdemokratischen Ver- zitierten Aufsatzes bereits angelegt – erst in der Folge
mittlung gesellschaftlicher Teileinheiten aufgehen in einer ganzen Reihe von Publikationen in zwei sys-
sieht (FG, 620). Demgegenüber setzt er primär auf tematischen Schritten einerseits im Rahmen einer
die rechtsstaatlich institutionalisierte und domesti- »Politik der Assoziation« (Cohen/Rogers 1995) und
zierte Meinungs- und Willensbildung im »parla- in Auszeichnung des Modells einer »direkt-delibera-
mentarischen Komplex« (ebd., 448), um dann das tiven Polyarchie« (Cohen/Sabel 1997) deutlicher
Zusammenspiel dieser Sphäre mit der nicht-instiuti- konturiert.
onalisierter Meinungsbildung in Öffentlichkeit und Dabei folgt Cohen in zwei entscheidenden Hin-
Zivilgesellschaft mit Hilfe eines prozeduralen Rechts sichten Impulsen, von denen sich auch Maus hatte
so auszugestalten, dass Legitimationsfilter in die leiten lassen und wonach die Aktualisierung der In-
Prozesse staatlich-administrativer Politik eingesetzt tentionen des Prinzips der Volkssouveränität vor al-
werden (ebd., 531). Andererseits rückt er die Per- lem in zwei Richtungen verfolgt werden soll: zum ei-
spektive einer epistemischen Bändigung, wenn nicht nen in Richtung auf Formen einer dezentralen
unbedingt gesellschaftlicher Macht, so doch staatli- Selbstgesetzgebung, die zum anderen in die vertikale
cher Gewalt mehr in den Vordergrund, was ihm Funktionsteilung eines sich über mehrere Ebenen
auch die Möglichkeit gibt, institutionell weniger ri- erstreckenden Prozesses der Willensbildung einge-
goros die Perspektive der Demokratisierung elasti- bunden ist. Während nun Cohen mit dem Modell ei-
scher auf die sich vollziehenden Struktur- und Orts- ner deliberativen Polyarchie an der Perspektive der
veränderungen der Politik einzustellen und »institu- Dezentralisierung ansetzt, sollen die Überlegungen
tionelle Phantasie« anzumahnen (ebd., 531). zu einer gerichteten Politik der Assoziation auf die
Beides verdankt sich wohl letztlich dem doppel- gesellschaftliche Verbreiterung der Bedingungen ei-
ten Argument, dass der durch die Komplexität ge- ner anspruchsvollen, diskursiven Willensbildung
sellschaftlicher Verhältnisse induzierte politische wie politische Gleichheit, distributive Fairness und
15. Demokratie 81

staatsbürgerliches Bewusstsein zielen (Cohen/Ro- Literatur


gers 1995, 34 ff.). In diesem Rahmen liegt die Bedeu- Cohen, Joshua: »Deliberation and Democratic Legitimacy«.
tung einer demokratischen Gruppenpolitik dann vor In: Alan Hamlin/Philip Pettit (Hg.): The Good Polity.
allem darin, dass politische Aufmerksamkeit anders Normative Analysis of the State. Oxford 1989, 17–34.
als im fluiden Medium einer vor allem massenme- –: »Deliberation and Democratic Legitimacy«. In: James
dial vermittelten Öffentlichkeit verdichtet, konzen- Bohman/William Rehg (Hg.): Deliberative Democracy.
Essays on Reason and Politics. Cambridge, Mass./Lon-
triert und zeitlich so stabilisiert werden kann, dass don 1997, 67–91.
sie die Sichtbarkeit und den Einfluss nicht oder un- –: »Can Egalitarianism Survive Internationalization?« In:
terrepräsentierter Gruppen erhöhen und dass sie Wolfgang Streeck (Hg.): Internationale Wirtschaft, natio-
schließlich als Schulen der Demokratie auch zur Bil- nale Demokratie. Herausforderungen für die Demokratie-
dung staatsbürgerlichen Bewusstseins beitragen theorie. Frankfurt a. M./New York 1998.
– /Rogers, Joel: Associations and Democracy. London/New
(ebd., 42 ff.). Der Kerngedanke besteht vor diesem York 1995.
normativen Hintergrund dann darin, dass sich diese – /Sabel, Charles: »Directly Deliberative Polyarchy«. In:
Effekte im Blick auf die gesellschaftliche Organisati- European Law Journal 3. Jg., 4 (1997), 313–342.
onswelt und auf die in sie eingelassenen vielfältigen Habermas, Jürgen: »Kommunikative Rationalität und
Asymmetrien nicht von alleine einstellen werden, grenzüberschreitende Politik: eine Replik«. In: Peter
Niesen/Benjamin Herborth (Hg.): Anarchie der kommu-
sondern nach einer bewussten Politik der Assozia- nikativen Freiheit. Jürgen Habermas und die Theorie der
tionsbildung verlangen, die sich auf die vier Dimen- internationalen Politik. Frankfurt a. M. 2007, 406–459.
sionen der Förderung und Unterstützung von As- Maus, Ingeborg: Bürgerliche Rechtstheorie und Faschismus.
soziationen, der Strukturierung ihrer internen Zur sozialen Funktion und aktuellen Wirkung der Theorie
Willensbildungsprozesse, auf ihre konstitutionelle Carl Schmitts. München 1976.
–: Rechtstheorie und politische Theorie im Industriekapita-
Einpassung in die Strukturen des politischen Sys-
lismus. München 1986.
tems im engeren Sinne sowie auf Fragen ihrer hori- –: Zur Aufklärung der Demokratietheorie. Frankfurt a. M.
zontalen Vernetzung beziehen (ebd., 48 ff.). 1992.
Nun mag es eine offene Frage sein, in welchem –: »Verfassung oder Vertrag. Zur Verrechtlichung globaler
Ausmaß eine solche egalitäre Politik der Gruppen- Politik«. In: Peter Niesen/Benjamin Herborth (Hg.): An-
archie der kommunikativen Freiheit. Jürgen Habermas
bildung auf unterschiedlichen Ebenen des politi-
und die Theorie der internationalen Politik. Frankfurt
schen Prozesses tatsächlich die Versprechungen ein- a. M. 2007, 350–382.
zulösen vermag, die Cohen und Rogers damit im Niesen, Peter/Eberl, Oliver: »Demokratischer Positivismus:
Hinblick auf Fragen des Agenda-Setting, der Politik- Habermas/Maus«. In: Sonja Buckel/Ralph Christensen/
formulierung und -implementation verbinden (ebd., Andreas Fischer-Lescano (Hg.): Neue Theorien des
55 ff.). Ebenso offen muss aber letztlich die Antwort Rechts. Stuttgart 2006, 3–28.
Ridder, Helmut: »Meinungsfreiheit«. In: Franz L. Neu-
auf die Frage bleiben, warum Habermas weitgehend mann/Hans Carl Nipperdey/Ulrich Scheuner (Hg.): Die
darauf verzichtet hat, die Ausarbeitung seines Mo- Grundrechte. Handbuch der Theorie und Praxis der
dells deliberativer Politik wenigstens ein Stück wei- Grundrechte. Bd. 2. Berlin 1954, 243–290.
ter auch in die damit vorgezeichnete Richtung vor- –: Zur verfassungsrechtlichen Stellung der Gewerkschaften.
anzutreiben, zumal es seinen Bedenken gegenüber Stuttgart 1960.
–: »Ex oblivione malum. Randnoten zum deutschen Parti-
einer ungerechtfertigten Aufspreizung deliberativer sanprogreß«. In: Heinz Maus (Hg.): Gesellschaft, Recht
Politik zu einer die »gesellschaftliche Totalität prä- und Politik: Wolfgang Abendroth zum 60. Geburtstag.
genden Struktur« (FG, 370) durchaus entgegenzu- Neuwied/Berlin 1968, 305–332.
kommen scheint. Vielleicht aber weist das auch auf –: Die soziale Ordnung des Grundgesetzes. Leitfaden zu den
einen seiner Ausgangspunkte in den Rechtsstaats- Grundrechten einer demokratischen Verfassung. Opladen
1975.
diskursen der 1950er und 1960er Jahre und damit –: »Der Demokratiebegriff des Grundgesetzes«. In: Ders.
auf den Umstand hin, dass sich eine der fundamen- (Hg.): Zur Ideologie der »streitbaren Demokratie« (Argu-
talen Weichenstellungen der Habermas’schen De- ment Studienheft 32). Berlin 1979, 10–20.
mokratietheorie dem Impuls einer gleichmäßigen Rainer Schmalz-Bruns
Sicherung der Ansprüche öffentlicher wie privater
Autonomie verdankt – ein Impuls, der auf die auch
normative Substanz gesellschaftlicher Differenzie-
rungsprozesse verweist, die sich wie eine Schranke
vor alle Versuche legen, im Namen der Demokratie
eine Verstaatlichung der Gesellschaft zu betreiben.
82 II. Kontexte

16. Moral-Diskurse zung mit Hegels Kantkritik, die der Habermas’schen


Unterscheidung von Moral und Ethik ihre grund-
sätzliche Gestalt gibt. Dann wird die Unterscheidung
in entwicklungspsychologischen und soziologischen
Die Unterscheidung im Allgemeinen
Perspektiven erläutert (Mead, Durkheim, Kohlberg)
Jürgen Habermas entwickelt seine Diskursethik seit und in einem umfassenden rationalitätstheoreti-
ihren ersten Entwürfen in kritischer Auseinander- schen Entwurf präzisiert. Schließlich werden die Un-
setzung mit Hegels Kantkritik (DE, 112 ff.; ED, 9 ff.). terschiede der eigenen Konzeption gegenüber Kriti-
Dabei teilt er mit Kant und Hegel die Auffassung, ken und zeitgenössischen Unterscheidungen des
dass sich die Moral unter Bedingungen der Moderne Moralischen vom Ethischen kritisch verdeutlicht
nicht mehr wie insbesondere bei Aristoteles und und die gesamte Konzeption einer metaethischen
Thomas von Aquin in einem umfassenden Sinne als Revision unterworfen. Ob die Probleme der Bear-
moralische Auszeichnung eines vorbildhaften und beitung der Bioethik nun auch eine Revidierung in
gebotenen, gelingenden guten und glücklichen Le- der Sache erfordern, scheint offen.
bens (eudaimonia, summum bonum) auffassen lässt.
So wie Kant Fragen der Glückseligkeit, die je indivi- Hegels Kantkritik und die Exposition
duell unterschiedliche Antworten ermöglichen, von der Unterscheidung von Moral und Ethik
Fragen nach dem unbedingten und moralisch Gu-
ten, denen nur allgemeingültige Antworten genü- Die Trennung zwischen moralischen und ethischen
gen, trennt, so trennt Habermas nun mit einer be- Diskursen überprüft Habermas darauf hin, ob sie
grifflich neu bestimmten Terminologie »moralische »Hegels Einwände(n) gegen Kant« standhalten (ED,
Fragen« von »ethischen Fragen«. Moralisch nennt er 9 ff.). Hegel hatte gegen den »abstrakten Universalis-
Diskurse, in denen aus einer unparteilichen Perspek- mus der Gerechtigkeit«, den er auch in Kants Auto-
tive gefragt wird, »was gleichermaßen gut für alle nomieethik verwirklicht sah, und gegen den »kon-
ist« und was in diesem Sinne unbedingte Pflicht ist, kreten Partikularismus des Allgemeinwohls«, wie er
ethisch Diskurse, in denen nach den klugen Rat- von Aristoteles und Thomas vertreten wird, sein
schlägen des »für mich oder für uns Guten« gefragt Konzept der vermittelnden und fundierenden Sitt-
wird. »Ethik« ist hier nicht mehr nur (wie im Aus- lichkeit gesetzt. Von ihr aus opponiert Hegel insbe-
druck »Diskursethik«) die Bezeichnung für die sondere gegen den leeren Formalismus, den abstrak-
»Wissenschaft der Moral«, sondern wird darüber hi- ten Universalismus, gegen die »Ohnmacht des Sol-
naus in einer neuen, spezifischen Bedeutung als lens« und den Gesinnungsterror der Kantischen
Lehre von dem evaluativ ausgezeichneten guten Le- Ethik. Habermas versucht, unter Beibehaltung der
ben einer (individuellen oder kollektiven) Lebens- kantianischen Trennung von Moral und Ethik die
form verstanden. Inhaltlich beschränken sich nun vermittelnden Funktionen der Sittlichkeit ohne ihre
moralische Diskurse auf Fragen der zwischen- fundierende Substantialisierung in den Begriffen der
menschlichen Gerechtigkeit und Solidarität, wäh- Diskursethik zu reformulieren.
rend ethische Diskurse Fragen des guten Lebens an- Gegen Hegels Formalismusvorwurf zeigt er, dass
gesichts des Wertepluralismus in der Moderne im der formale Charakter des Universalisierungsgrund-
Kontext je besonderer und damit partikularer Le- satzes der Moral weder leer noch tautologisch ist,
bensformen behandeln. Die Unterscheidung wird, sondern durchaus, wie auch bei Kant, den jeweils
darin folgt Habermas Kant, durch den unbedingten vorgefundenen moralischen Gehalt von Maximen
und universellen Begründungsanspruch moralischer oder Handlungsnormen nur überprüft, nicht gene-
Pflichten hervorgerufen, sie lässt aber, darin unter- riert. Wichtiger freilich ist der weitere Einwand, den
scheidet sich Habermas von Kant, andere (als von Hegel gegen den Formalismus der Achtungsmoral
Kant mit seinen Begriff des »höchsten Guts« vertre- wendet. Wie bei Kant führt im Falle der Diskursethik
tene) Konzeptualisierungen des Unterschieds und die Überprüfung der in der Alltagswelt vorgefunde-
des Zusammenhangs zwischen Moral und Ethik zu nen Maximen zu einer Abstraktion, d. h. gerade zu
(s. Kap. II.9). der Trennung von universalisierbaren, moralischen
Wie auch sonst in seinem Werk entwickelt Haber- Normen von Wertaussagen, die nur einen ethischen,
mas seine eigene Konzeption in andauernden Aus- auf ein jeweils gutes Leben bezogenen Sinn haben.
einandersetzungen mit klassischen und gegenwärti- Hegel sah darin einen Verlust von Konkretheit und
gen Autoren. Zunächst ist es die Auseinanderset- Inhaltlichkeit und somit ein Indiz für die Beliebig-
16. Moral-Diskurse 83

keit und Irrelevanz dieser abstrakten Moral. Haber- ven Urteilskraft, mit dem Einwand zu begegnen,
mas wendet nun ein, dass die diskursethisch geprüf- dass es durchaus Topoi einer allgemeinen »unpartei-
ten universellen und formalen Normen einen mora- lichen Applikation« von Normen gebe, so dass auch
lischen Gehalt haben, der die vermittelnde Funktion in Anwendungsfragen moralische und ethische Ar-
von Hegels Sittlichkeit durchaus, wenn auch »schwä- gumentationen unterschieden werden können. Spä-
cher«, aufnimmt. Weil der Einzelne sich nur in inter- ter verweist Habermas auf das einschlägige Buch von
subjektiven Anerkennungsbeziehungen individuali- Klaus Günther (1988).
siert (ND, 187 ff.), ist die Integrität des Einzelnen nur Wichtiger für das Verständnis der Unterschei-
mit dem »lebensnotwendigen Geflecht reziproker dung Moral/Ethik ist nun Hegels Vorwurf einer
Anerkennungsverhältnisse« zugleich zu schützen. Ohnmacht des Sollens, denn eine universalistische
Die im Diskurs überprüften universellen Normen Moral, die sich von Bestimmungen des guten Lebens
schützen daher nicht nur die gleiche Berücksichti- abtrennt, muss folgenlos bleiben, wenn ihr eine aus-
gung der Interessen aller und die gleichen Freiheiten reichende Motivation fehlt.
der Individuen, also Forderungen der Gerechtigkeit Die antiken Tugendethiken, Moralkonzeptionen
und der Solidarität, sie schützen auch die intersub- in der Nachfolge von Hume und auch Hegels Sitt-
jektiven Anerkennungsverhältnisse, denen der Ein- lichkeitskonzept beginnen gleichsam mit dem Moti-
zelne erst seine Individuierung verdankt, und damit vationsproblem und ordnen entsprechend Rechtfer-
»das soziale Band […], das jeden mit jedem objektiv tigungsgründe den Beweggründen zum moralischen
verknüpft« (ED, 18). In dieser Hinsicht geht die Dis- Handeln unter. Habermas bietet nun drei Lösungs-
kursethik über Kant hinaus und rekonstruiert im wege des Motivationsproblems einer universellen
Bereich der Moral diejenigen »strukturellen Aspekte Moral an, die alle versuchen, die motivierende Kraft
des guten Lebens, die sich unter allgemeinen Ge- gelebter Sittlichkeit in jeweils bestimmten Hinsich-
sichtspunkten kommunikativer Vergesellschaftung ten zu beerben, ohne die Trennung von Moral und
überhaupt von der konkreten Totalität jeweils be- Ethik aufzugeben.
sonderer Lebensformen abheben lassen« (ED, 20). a) Kant beharrte auf der Autonomie der Vernunft
Habermas führt als Beispiel die Menschenrechte an und konstruierte in der moralischen Triebfeder der
(ED, 22). Diese Antwort Habermas’ auf Hegels ima- Achtung ein durch die Vernunft selbst gewirktes,
ginierten Einwand ist auch in der Folge von großer motivierendes Gefühl. Habermas misstraut diesem
Bedeutung, legt er doch die Frage nahe, wie denn Idealismus der Kantischen Vernunft: die im Diskurs
diese implizite Verbindung einer universellen Ge- gewonnen moralischen Einsichten »bewirken nicht
rechtigkeitskonzeption mit Wertungen eines guten schon autonomes Handeln« (ED, 114), aber sie moti-
Lebens gedacht werden kann. Habermas stellt sich vieren in einem schwachen Sinne. Diese »schwach
auch selbst diese Frage: »ob es überhaupt möglich motivierende Kraft guter Gründe« zeigt sich nach
ist, Begriffe wie universelle Gerechtigkeit […] unab- Habermas in den moralischen Gefühlen und insbe-
hängig von der Vision eines guten Lebens […] zu for- sondere in den affektiven Regungen eines »schlech-
mulieren« (ebd.), und nimmt damit einen wichtigen ten Gewissens«, wenn wir gegen bessere Einsicht ge-
Einwand vorweg, der von seinen Kritikern häufig er- handelt haben (ED, 135 f.; Wellmer 1986). Würde
hoben werden wird (s. u.). Vorläufig soll genügen, man diesen Gedanken weiter verfolgen, so zeigt sich
dass die Moralprinzipien sich nur »negatorisch auf daran freilich, dass es nicht unparteiliche und ratio-
das beschädigte Leben beziehen, statt affirmativ aufs nale Gründe sind, die diesen affektiv-motivationalen
gute« (ebd.). Effekt haben, sondern dass damit vorausgesetzt ist,
Auf Hegels Einwand eines abstrakten Universalis- dass das Individuum sich mit diesen unparteilichen
mus kann die Diskursethik antworten, dass sie we- Gründen als seinen eigenen identifiziert hat, also sie
der konkrete und partikulare Lebensformen miss- in seine Konzeption des guten Lebens integriert hat
achtet oder unterdrückt, noch die Folgen von Hand- (EA, 47; Korsgaard 1996).
lungen nicht berücksichtigt. Allerdings zwingt b) Habermas weist darauf selbst mit folgendem
Hegels kritischer Einwand dazu, dass die Diskurs- Einwand hin: »Einsicht schließt Willensschwäche
ethik stärker als Kant zwischen Rechtfertigungsfra- nicht aus. Ohne Rückendeckung durch entgegen-
gen und Anwendungsproblemen unterscheidet (ED, kommende Sozialisationsprozesse und Identitäten«
24 f.). Habermas versucht hier, der auch später erho- (ED, 135, kursive Hervorh. G. L.) bleibt das morali-
benen Kritik, bei Anwendungsfragen universeller sche Urteil in seinen motivierenden Folgen kontin-
Normen bedürfe es einer jeweils konkreten situati- gent und muß daher nun extern unterstützt werden.
84 II. Kontexte

Von »entgegenkommenden« Lebensformen spricht 119–226) hervorzurufen. Habermas hatte in seiner


Habermas zum ersten Mal 1961 im Kontext seiner Mead- und Durkheim-Interpretation in der Theorie
Auseinandersetzung mit den geschichtsphilosophi- des kommunikativen Handels (1981) sich der
schen Fortschrittsannahmen der schottischen Mo- »Grundannahmen einer kommunikativen Ethik« in
ralphilosophie: »Die Soziologie der Schotten konnte soziologischer und evolutionstheoretischer Weise
sich im Zusammenspiel mit einer ihr ohnehin ›ent- versichert und die Differenzierung zwischen den
gegenkommenden‹ politischen Öffentlichkeit auf formalen Rechtfertigungen moralischer Normen
Orientierung individuellen Handelns, auf eine im durch den »universe of discourse« (TKH II, 144 f.)
engeren Sinne praktische Beförderung des geschicht- und den »klinischen Fragen« einer Bewertung der
lichen Prozesses beschränken« (TP, 48 f.) Wie bei Lebensgeschichte eines Individuums oder der Le-
den »Schotten« verteilen sich seitdem bei Habermas bensform eines Kollektivs (TKH II, 165 ff.) als sozio-
die geschichtsphilosophischen Fortschrittsannah- kulturelle Rationalisierungen gedeutet. In den How-
men auf die gesellschaftlichen Evolutionen einerseits ison-Lectures (Berkely 1988, veröffentlicht als ED)
und die »entgegenkommenden« moralisch-politi- ordnet Habermas die Unterscheidung in eine umfas-
schen Öffentlichkeiten anderseits. Dass die formalen sende Konzeption praktischer Vernunft ein. Die
und prozeduralen Diskurse auf entgegenkommende »Aspekte […] des Guten und des Gerechten« wer-
Lebensformen angewiesen sind, um Wirkungen zu den nun um den der »Zweckmäßigkeit« ergänzt und
zeigen, wird von Habermas auch in anderen Kontex- als Kennzeichen einer nachmetaphysischen prakti-
ten betont, und immer steckt darin auch eine un- schen Vernunft ausgewiesen. In dieser Fassung ist
eingestandene schwache geschichtsphilosophische sie provokant genug geworden, um nun ausführliche
Hoffnung (Lohmann 1998). Kritik, affirmative und kritische Adaptionen und Er-
c) Da sowohl die »schwache Kraft« wie das »Ent- widerungen (ED, 119–226) zu provozieren. Ohne
gegenkommen« zu unsicher sind, bedarf die Moral dass ich die einzelnen Aspekte der Auseinanderset-
der Ergänzung durch Recht. »Die Gültigkeit morali- zungen mit Zeitgenossen hier im Einzelnen wieder-
scher Gebote ist an die Bedingung geknüpft, daß geben kann, weise ich auf die Autoren dieser und der
diese als Grundlage einer allgemeinen Praxis generell späteren Zwiesprachen gemäß den jeweiligen The-
befolgt werden« (ED, 136). Zunächst in Auseinan- men hin, die strittig waren.
dersetzung mit T. McCarthy (1991; ED, 200 ff.), dann
nach Faktizität und Geltung differenzierter (FG, Erläuterungen, Präzisierungen, Kritik
135 ff.; EA, 51, 296 ff.), sichert fortan das Recht, dass
es rational ist, dem moralischen Urteil auch zu fol- Habermas erläutert den Sinn ethischer Fragen nach
gen und sorgt für zusätzliche, freilich externe Moti- dem guten Leben (vgl. Steinfath 1998) im Anschluss
vationen. an Ch. Taylors Konzept »starker Wertungen« (Taylor
Auf Hegels letzten Einwand eines Tugendterrors 1985) und bestimmt die »klinischen Fragen des gu-
der Moral antwortet Habermas mit seiner zurück- ten Lebens« so, dass nun in »ethisch-existentiellen
haltenden Geschichtsphilosophie, die schwächer Diskursen« eine für Nahestehende »intersubjektiv
noch als Kant in pragmatischer Absicht jede »objek- nachvollziehbare« Selbstverständigung »auf das vor-
tive Teleologie« (ED, 29) der Geschichte ablehnt, gängige Telos einer bewussten Lebensführung ange-
eher negativistisch und im Benjamin’schen Sinne die wiesen« bleibt (ED, 112). Dieser Ansatz wird von Ch.
vergangenen Leiden »aufhebt«, ansonsten aber aus Taylor (1997) und R. Forst (2001) fortgeführt; letzte-
der Perspektive der Moraltheorie »auf eigene sub- rer zeigt, dass der »Raum ethischer Rechtfertigung
stantielle Beiträge verzichte(t)« (ED, 30). dreidimensional ist, d. h. dass hier subjektive, inter-
subjektive und objektive Evaluationshinsichten zu-
sammenkommen« (Forst 2001, 349 ff.). Gleichwohl
Rationalisierungen und Aspekte
bleibt es auch nach Forst bei einer »Priorität der sub-
der praktischen Vernunft
jektiven Perspektive«, was als eine »Privatisierung
Diese an Kant und Hegel anknüpfende Exposition des Guten« von S. Benhabib (1991) und A. Mac-
der Unterscheidung von moralischen und ethischen Intyre (1994) kritisiert worden ist (dazu Forst 2001).
Diskursen ist daher nicht so trennscharf und simpel Habermas kann den Vorwurf der Privatisierung si-
zu verstehen, wie sie manchmal aufgefasst wurde. Sie cherlich abwehren, da Fragen des guten Lebens nach
ist aber provokant genug gewesen, um nun ausführ- dem für mich oder für uns Guten seines Erachtens
liche Kritik, Diskussionen und Erwiderungen (ED, im Rahmen je partikularer Lebensformen, also auch
16. Moral-Diskurse 85

gemeinschaftlich, geklärt werden können. Aber es ist Von dieser Bestimmung des moralischen Stand-
dieser Partikularismus, der für die Bestimmung des punktes rückt Habermas nicht mehr ab; sie ist der
Ethischen konstitutiv bleibt und von dem Habermas Garant dafür, dass das moralisch Gesollte den kogni-
das moralisch Richtige abgrenzt (Wingert 1993, tiven und universellen Anspruch, den es notwendi-
131 ff.). gerweise erhebt, auch einlösen kann. Habermas ver-
In moralischen Diskursen ist nämlich eine »Dis- teidigt diese wahrheitsanaloge Auffassung des mora-
tanzierung von jenen Lebenskontexten, mit denen lisch Richtigen nun in ausführlicher Weise gegen
die eigenen Identität unauflöslich verflochten ist« zeitgenössische Positionen der Moralphilosophie
(ED, 113) gefordert, weil der von Habermas vertei- (WR), auf die ich im Einzelnen nicht eingehen kann.
digte kognitive Sinn moralischer Normen (WR, Aber immer geht es ihm darum, den universellen
271 ff.) einen Standpunkt der Unparteilichkeit ver- und unbedingten Anspruch des moralisch Richtigen
langt, der »die Subjektivität der je eignen Teilneh- zu verteidigen, und damit den kantianischen Vor-
merperspektive« »sprengt« (ED, 113). Allerdings ist rang des Gerechten vor dem Guten.
ein angemessener Standpunkt der moralischen Un- Der Vorrang des Gerechten vor dem Guten wird
parteilichkeit nicht, wie Habermas gegen Th. Nagel auch in der politischen Ethik, in der Debatte um
behauptet, der »externe[] Standpunkt« eines Beob- Kommunitarismus vs. Liberalismus diskutiert. In
achters (ED, 153 f.; Nagel 1986), und auch nicht Tu- dieser Diskussion weiß sich Habermas mit vielen in
gendhats letztlich egozentrische Deutung »daß ein der kantianischen Tradition Stehenden einig (Rawls
Unbeteiligter die Übel und Güter abwägt, die jeweils 1979; Dworkin 1984; Nagel 1986; Apel 1988) und
für eine ›beliebige‹ Person auf dem Spiel stehen« (EA, von hier aus kritisiert er die Gegenpositionen, die ei-
58, 33 ff.; Tugendhat 1993, 287 ff.). Schon eher sieht nen Vorrang des Guten vor dem Gerechten behaup-
Habermas Parallelen in J. Rawls komplizierten kon- ten (z. B. MacIntyre 1985; Sandel 1982; Walzer 1983;
struktivistischen Verfahren eines Ȇberlegungs- Nussbaum 1986; Spaemann 1989; Ch. Taylor 1989;
gleichgewichtes« (ED, 125 ff.), da dort zumindest im eine vermittelnde Position dazu bei Seel 1993). Ins-
Ansatz die Idee aufgegriffen worden ist, die ihm für besondere in den ausführlichen Diskussionen zu
seine diskursethische Deutung der Unparteilichkeit Rawls politischem Liberalismus (ED, 204 ff.; EA, 65
entscheidend ist: ein Verfahren zwischen Beteilig- –127; Rawls 1997) wird aber klar, dass Habermas
ten. Habermas kritisiert an Rawls den kontraktualis- zwar den prozeduralen und konstruktivistischen
tischen Effekt, »daß man sich mit der Rolle einer Ansatz und die Hauptthese eines Vorrangs des Ge-
vertragsschließenden Partei im Urzustand […] nur rechten vor dem Guten teilt, aber der Art und Weise,
zweckrationale Entscheidungen zuzumuten« muss, wie er begründet wird, nicht zustimmen kann. Di-
mithin nicht aus »moralischer Einsicht« handelt (ED, stanzierende Kritik verdient insbesondere Rawls
56). Deshalb stimmt Habermas Th. Scanlons Rawls- Theorem eines »overlapping consensus«, weil er
Kritik zu, nach dem »Prinzipien und Regeln nur damit moderne, »vernünftige Weltdeutungen« ge-
dann allgemeine Zustimmung (finden), wenn alle genüber anderen vormodernen als überlegen aus-
überzeugt sein dürfen, daß jeder aus seiner Perspek- zeichnet, ohne dafür noch »wenigstens intuitiv auf
tive sein begründetes Einverständnis geben könnte« kontextübergreifende Rationalitätsunterstellungen«
(ED, 58; Scanlon 1982). Die Bestätigung für diesen (ED, 208) zurückgreifen zu können. In diesen Ausei-
Ansatz sieht er in L. Kohlbergs Bestimmung des nandersetzungen ist es immer wieder die unnach-
»moral point of view« auf der postkonventionellen giebig verteidigte Eigenständigkeit des abstrakten
Stufe 6 der Urteilsbildung (Kohlberg u. a. 1986, moralischen Diskurses, der ihn jeden Versuch, den
220 f.). Kohlberg greift auf Meads Begriff einer idea- moralischen Universalismus aus einer ethischen Per-
len Rollenübernahme zurück, um seine Idee einer spektive zu begründen, abwehren lässt. Das gilt auch
Universalisierung durch ideale wechselseitige Per- für Ch. Taylors Versuch, den moralischen Universa-
spektivenwechsel zu entwickeln. Auch wenn Haber- lismus im Rahmen einer modernen Güterethik zur
mas dann Kohlbergs Versuch, universelle Gerechtig- Geltung zu bringen (Taylor 1989; ED, 176 ff.), für
keit mit Benevolenz zu integrieren, kritisiert (ED, MacIntyres antirelativistische Theorie dichter Über-
63 ff.), so bestimmt er doch (wie K.-O. Apel) die setzungen (MacIntyre 1988; ED, 209 ff.) und für R.
»diskursethische Alternative« der Unparteilichkeit Rortys kontextualistischen Pragmatismus (WR,
als Verfahren der alle einbeziehenden wechselseiti- 230 ff.). Abwehrend steht Habermas auch Versuchen
gen Urteilsbildung (ED, 60 f.; WR, 302 ff.; Lohmann gegenüber, den kognitiven Anspruch der universel-
2001). len Moral realistisch zu interpretieren (WR, 7 ff.,
86 II. Kontexte

307 ff.) und ebenso wenig glaubt er, dass man den einer formalen Bestimmung eines gemeinschaftli-
Unterschied zwischen Werten und Normen durch chen guten Lebens sucht, die den Bedingungen der
ein »dichtes ethisches Vokabular« im Sinne morali- universalen Moral genügt. Nun wird die frühe Rede
scher Tatsachen unterlaufen kann (Putnam 2001; vom »sozialen Band« (ED, 18; s.o) als »Gat-
WR, 287 ff.). tungsethik«, in die die Moral »eingebettet« werden
muss (LE, 70 ff.), wieder aufgenommen. Die mora-
lisch relevante »Unverfügbarkeit der biologischen
Allgemeine Ethik des guten Lebens?
Grundlagen personaler Identität« (LE, 51) wird aus
Verhält sich Habermas in diesen Diskussionen weit- »einer intersubjektiv geteilten Wir-Perspektive« be-
gehend defensiv und verteidigt nur die ursprüngli- urteilt, »aus der alle gemeinsam zu verallgemeine-
che Differenz zwischen moralischen und ethischen rungsfähigen Wertorientierungen gelangen können«
Diskursen, so scheint sich in seinen Auseinanderset- (LE, 97). Weil damit »eine Bewertung der Moral im
zungen mit den Herausforderungen der modernen Ganzen« ansteht, ist dies für Habermas »nicht selbst
Biowissenschaften nun eine Änderung im Verständ- ein moralisches, sondern ein ethisches, ein gat-
nis des ethischen Diskurses anzudeuten. Schon Tu- tungsethisches Urteil« (LE, 124; Lohmann 2004). Die
gendhat hatte versucht, ein den Begründungsanfor- Gattungsethik macht explizit, was die Kommunika-
derungen der kantianischen Moral standhaltendes tionstheorie im alltäglichen Handeln unterstellt: dass
formales Konzept des guten Lebens zu entwickeln wir nicht anders können, solange wir uns als moralfä-
(Tugendhat 1984). Und auch Habermas hatte ja von hige Personen verstehen, auch ein für alle Menschen
allgemeinen »strukturellen Aspekten des guten Le- unserer Gattung evaluatives und konstitutives Ver-
bens« (ED, 20; s.o.) gesprochen. Zwar betont er ge- hältnis zu den intersubjektiven Bedingungen der
gen M. Seel, dass ein »formaler Begriff des Guten« Moral einzunehmen.
entweder paternalistisch oder aber tautologisch
werde (Seel 1995; EA, 42 f.), aber er nimmt Motive Literatur
von Tugendhat und Seel auf, wenn er anführt, dass Apel, Karl-Otto: Diskurs und Verantwortung. Das Problem
»das Gute im Gerechten [daran] erinnert […], daß des Übergangs zur postkonventionellen Moral. Frankfurt
das moralische Bewußtsein auf ein bestimmtes a. M. 1988.
Selbstverständnis moralischer Personen angewiesen Benhabib, Seyla: »Modelle des öffentlichen Raums: Han-
nah Arendt, die liberale Tradition und Jürgen Haber-
ist: diese wissen sich der moralischen Gemeinschaft mas«. In: Soziale Welt 42, 1991, 15–34.
zugehörig« (EA, 43). Dieses implizite Ethische wird Dworkin, Ronald: Bürgerrechte ernstgenommen. Frankfurt
nun in der Auseinandersetzung mit den Herausfor- a. M. 1984.
derungen der Bioethik und der drohenden »libera- Forst, Rainer: »Ethik und Moral«. In: Lutz Wingert/Klaus
len Eugenik« in zwei Hinsichten präzisiert. Einmal Günther (Hg.): Die Öffentlichkeit der Vernunft und die
Vernunft der Öffentlichkeit. Frankfurt a. M. 2001, 344–
nimmt er die Kierkegaard’sche Rede einer verant-
371.
wortlichen Selbstübernahme der eigenen Biographie Günther, Klaus: Der Sinn für Angemessenheit. Frankfurt
aus seinen früheren Schriften wieder auf (TKH II, a. M. 1988.
151; ED, 112), und zeigt nun in einer erstaunlichen Kohlberg, Lawrence/Boyd, Dwight R./Levine, Charles:
Interpretation, dass Kierkegaard eine nachmetaphy- »Die Wiederkehr der sechsten Stufe: Gerechtigkeit,
Wohlwollen und der Standpunkt der Moral«. In: Wolf-
sische und negativistische Konzeption des nicht ver-
gang Edelstein/Gertrud Nunner-Winkler (Hg.): Zur Be-
fehlten Lebens mit seinem formalen Begriff des stimmung der Moral. Frankfurt a. M. 1986, 205–240.
»Selbstseinkönnens« gelungen ist (LE, 17 ff.). Der Korsgaard, Christine M.: The Sources of Normativity. Cam-
»verantwortliche Redakteur« seiner eigenen Lebens- bridge 1996.
geschichte ist nur im Modus des Scheiterns seines Lohmann, Georg: »Kritische Gesellschaftstheorie ohne Ge-
Selbstseinkönnens, nicht in Bezug auf seine konkre- schichtsphilosophie? Zu Jürgen Habermas’ verabschie-
deter und uneingestandener Geschichtsphilosophie«. In:
ten Inhalte bestimmt, also mit der unbedingten Au- Frank Welz/Uwe Weisenbacher (Hg.): Soziologie und
tonomieunterstellung des moralischen Diskurses Geschichte. Zur Bedeutung der Geschichte für die soziolo-
kompatibel. Und er ist zugleich auch abhängig von gische Theorie. Opladen 1998, 197–217.
einem ihm unverfügbaren Anderen: Für Kierke- –: »Unparteilichkeit in der Moral«. In: Lutz Wingert/Klaus
gaard ist das die absolute Macht Gottes, für Haber- Günther (Hg.): Die Öffentlichkeit der Vernunft und die
Vernunft der Öffentlichkeit. Frankfurt a. M. 2001, 434–
mas die »transsubjektive« »Macht der Intersubjekti- 458.
vität« (LE, 26). Damit ist auch der Übergang zu der –: »Unantastbare Menschenwürde und unverfügbare
zweiten Hinsicht gelegt, in der Habermas nun nach menschliche Natur«. In: Emil Angehrn/Bernard Baert-
17. Völkerrechtsverfassung 87

schi (Hg.): Menschenwürde. La dignité de l’être humain.


Jahrbuch der schweizerischen philosophischen Gesell-
17. Völkerrechtsverfassung
schaft. Basel 2004, 55–75.
MacIntyre, Alasdair: After Virtue. London 1985.
–: Whose Justice? Which Rationality? Notre Dame, Ind. Seit Mitte der 1990er Jahre hat Habermas ein Projekt
1988. für eine zukünftige Weltordnung formuliert, das die
–: »Die Privatisierung des Guten«. In: Axel Honneth (Hg.): ›weitere Konstitutionalisierung des Völkerrechts‹
Pathologien des Sozialen. Frankfurt a. M. 1994, 163–183. einschließt. Auch wenn dieses Projekt der kanti-
McCarthy, Thomas: »Practital Discourse: On the Relation schen Konzeption des Weltbürgertums sehr nahe
of Morality to Politics«. In: Ders.: Ideals and Illusions. On
Reconstruction and Deconstruction in Contemporary Cri- steht, möchte Habermas zeigen, dass sich ein globa-
tical Theory. Cambridge, Mass. 1991, 181–199. les Rechtssystem mit starkem bindendem Recht in
Nagel, Thomas: The View from Nowhere. Oxford 1986. Verbindung mit einer politisch konstituierten Welt-
Nussbaum, Martha: The Fragility of Goodness. London gesellschaft – die weder ein Weltstaat noch ein loser
1986. Staatenbund ist – konzeptuell vorstellen lässt. Das
Putnam, Hilary: »Werte und Normen«. In: Lutz Wingert/
Klaus Günther (Hg.): Die Öffentlichkeit der Vernunft und mehrstufige kosmopolitisch-globale politische Sys-
die Vernunft der Öffentlichkeit. Frankfurt a. M. 2001, tem, das er vorschlägt, würde sich nicht allein aus
280–313. den Individuen (den Weltbürgern) zusammenset-
Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a. M. zen, sondern auch aus Staaten, die dennoch nicht zu
1979. bloßen Bestandteilen eines alles überwölbenden hie-
–: »Erwiderung auf Habermas«. In: Philosophische Gesell-
schaft Bad Homburg/Hinsch, Wilfried (Hg.): Zur Idee rarchischen Superstaates degradiert würden. Das
des politischen Liberalismus. Frankfurt a. M. 1997, 196– Projekt besteht darin, globale, regionale und natio-
262. nale Macht an das Recht zu binden, um die friedli-
Sandel, Michael: Liberalism and the Limits of Justice. Cam- che Regelung von Streitigkeiten zu ermöglichen, und
bridge 1982. zugleich die Freiheit des Individuums durch die
Scanlon, Thomas M.: »Contractualism and Utlitarianism«.
In: Bernard Williams/Amartya Sen (Hg.): Utilitarianism
Menschenrechte abzusichern.
and Beyond. Cambridge 1982. Damit versucht Habermas ebenso wie andere be-
Seel, Martin: »Das Gute und das Richtige«. In: Christoph deutende Kritiker des institutionalisierten Kosmo-
Menke/Martin Seel (Hg.): Zur Verteidigung der Vernunft politismus (John Rawls, Thomas Nagel oder Michael
gegen ihre Liebhaber und Verächter. Frankfurt a. M. 1993, Walzer), die die Weltrepublik als das falsche Modell
219–240.
–: Versuch über die Form des Glücks. Frankfurt a. M. 1995.
ansehen, eine ›realistische Utopie‹ für das globale
Spaemann, Robert: Glück und Wohlwollen. Versuch über politische System einer Weltrepublik zu entwickeln.
Ethik. Stuttgart 1989. Im Gegensatz zu Rawls insistiert er darauf, dass die
Steinfath, Holmer (Hg.): Was ist ein gutes Leben? Frankfurt supranationale politische Organisation dieser Ge-
a. M. 1998. sellschaft sämtliche Staaten zu Mitgliedern haben
Taylor, Charles: »Leading a Life«. In: Ruth Chang (Hg.): In-
muss und sich nicht etwa auf die Vereinigung der li-
commensurability, Incomparability and Practical Rea-
sons. Cambridge, Mass. 1997, 170–183. beralen und ›achtbaren‹ Gesellschaften beschränken
–: Human Agency and Language. Philosophical Papers. darf. Im Gegensatz zu Nagel, der die Systeme der dis-
Cambridge 1985. tributiven und prozeduralen Gerechtigkeit auf den
–: Sources of the Self. The Making of Modern Identity. Cam- Nationalstaat beschränkt, stellt Habermas fest, dass
bridge 1989.
transnationale Formen des Regierens, die den Inter-
Tugendhat, Ernst: »Antike und moderne Ethik«. In: Ders.:
Probleme der Ethik. Stuttgart 1984, 33–56. ventionsstaat (regulatory state) bereits ersetzen, das
–: Vorlesungen über Ethik. Frankfurt a. M. 1993. erforderliche Maß an Zwangsgewalt und Einfluss auf
Walzer, Michael: Spheres of Justice. A Defence of Pluralism das Leben der Menschen ausüben, um auch Unge-
and Equality. London 1983. rechtigkeiten zu begehen; daher lassen sie sich als
Wellmer, Albrecht: Ethik und Dialog. Frankfurt a. M. 1986. Referenzpunkt für eine ›Weltinnenpolitik‹ heranzie-
Williams, Bernard: Ethics and the Limits of Philosophy. Lon-
don 1985. hen. Im Gegensatz zu Walzer verwirft Habermas die
–: Moral Luck. Cambridge 1981. unvermittelte Moralisierung einer globalen, auf
Wingert, Lutz: Gemeinsinn und Moral. Frankfurt a. M. Rechten gegründeten Politik, die mit dem Wieder-
1993. aufleben des Diskurses vom ›gerechten Krieg‹ ein-
Georg Lohmann hergeht. Für Habermas ist das Völkerrecht wesent-
lich, doch es sollte in ein Weltbürgerrecht transfor-
miert werden, das sowohl für die Staaten als auch für
die ›Weltbürger‹ verbindlich ist. Ein ›weltbürgerli-
88 II. Kontexte

cher Zustand‹, der nicht die Errichtung eines Welt- des bürgerlicher Freiheit, der zunächst im Verfas-
staats beinhaltet, erfordert die weitere Konstitutio- sungsstaat geschaffen wurde, ist für Kant ebenso wie
nalisierung des Völkerrechts. für Habermas ein Gebot der praktischen Vernunft.
Habermas stellt fest, dass der Begriff eines bin- Er erinnert uns daran, dass Kant jede Rechtsordnung
denden Rechtssystems und einer bindenden Verfas- auf das ursprüngliche Recht gründete, das jeder Per-
sung auf post-nationale, nicht-staatliche Ordnungen son qua menschlichem Wesen zusteht: »Jeder Ein-
angewandt werden kann. Doch unter dem Einfluss zelne hat ein Recht auf gleiche Freiheiten nach allge-
von Hauke Brunkhorst, Bardo Fassbender und Klaus meinen Gesetzen« (EA, 210). Diese ›Begründung‹
Günther verbindet er den kantischen Begriff eines der Menschenrechte in einem moralischen Recht
›weltbürgerlichen Zustands‹ mit einer kelsenianisch- stellt jedoch nicht die Notwendigkeit einer Rechts-
monistischen Konzeption einer globalen Verfassung. ordnung in Abrede, die die fundamentalen Men-
Die Spannungen und Ambiguitäten im Innern die- schenrechte überhaupt erst formuliert. Ein weltbür-
ses Projekts lassen sich auf diesen unglückseligen gerlicher Zustand schließt die Schaffung solcher ver-
konzeptuellen Rahmen zurückführen. rechtlichter Beziehungen ein, die die Verfassung
einer Gemeinschaft von Staaten und Individuen re-
Der ›weltbürgerliche Zustand‹: Mit der Wiederbele- geln.
bung des kosmopolitischen Diskurses und des Pro- Der kantische Universalismus stipuliert, dass alle
jekts der Konstitutionalisierung antwortet Haber- Menschen Rechte haben und dass alle modernen
mas auf die Diagnose, dass das internationale Staa- Rechtsordnungen von ›essentiell individualistischer‹
tensystems in der Krise, der hergebrachte Diskurs Art sein müssen. »Die Pointe des Weltbürgerrechts
und das Metaprinzip der nationalen Souveränität ir- besteht vielmehr darin, daß es über die Köpfe der
relevant und die Konzeptionen multilateraler Insti- kollektiven Völkerrechtssubjekte hinweg auf die Stel-
tutionen als rein vertraglicher Organisationen in lung der individuellen Rechtssubjekte durchgreift
wachsendem Maße anachronistisch seien. Dieses und für diese eine nicht-mediatisierte Mitgliedschaft
Projekt ist auch als eine Alternative zu den beiden in der Assoziation freier und gleicher Weltbürger be-
besorgniserregendsten Projekten der Gegenwart zu gründet« (EA, 210 f.; nach Kant hätte eine weltbür-
verstehen: Zu einer von den USA dominierten neo- gerliche Rechtsordnung Vorrangstellung und unmit-
imperialen Weltordnung einerseits, die die Men- telbare Auswirkungen, denn sie würde die Indivi-
schenrechte und die Sicherheitsbedürfnisse ins Feld duen zu Trägern einklagbarer subjektiver Rechte
führt, um die Politik auf Kosten der bestehenden Re- machen). Habermas wird zu diesem ›nicht-mediati-
striktionen des Völkerrechts zu remoralisieren; und siert‹ dann ein ›nicht-exklusiv‹ hinzufügen – denn
zu dem Wiederaufleben einer reinen Machtpolitik Staaten sind ebenfalls Mitglieder des globalen politi-
(bzw. einer Politik des Machtgleichgewichts) neuer schen Systems. Die moralische Rechtfertigung des
Großmächte andererseits, die gerne ihre Muskeln weltbürgerlichen Zustandes ist monistisch, obgleich
spielen lassen und die gerne zu den ›Großräumen‹ die Zugehörigkeit zu der politisch konstituierten
des einundzwanzigsten Jahrhunderts würden – wo- Weltgesellschaft dualistisch angelegt ist (kollektiv
bei sie sich von multilateralen Organisationen oder und individuell) und – strukturell gesehen – meh-
dem Völkerrecht keine Restriktionen auferlegen las- rere Ebenen umfasst: die supranationale, die trans-
sen möchten, wie der jüngste ›Vorstoß‹ Russlands nationale und die nationale Ebene.
nach Georgien gezeigt hat. Doch hinter Habermas’ Projekt der Konstitutio-
Kant ist der Ausgangspunkt von Habermas’ theo- nalisierung steckt noch eine andere Triebkraft: die
retischen Reflexionen und verleiht seinen Bemü- Notwendigkeit nämlich, den Argumenten der
hungen Schubkraft, einen ›dritten konzeptuellen Schmittianer zu begegnen, die die Idee eines auf den
Weg‹ aufzufinden, der die ›weltbürgerliche Absicht‹ Menschenrechten basierenden Kosmopolitismus,
an die Bedingungen der Gegenwart anpasst. Dem- den Diskurs des ›gerechten Krieges‹ und die Herab-
nach ist ein weltbürgerlicher Zustand ein rechtlicher stufung der nationalstaatlichen Souveränität auf ein
(und moralischer) Zustand, in dem das Recht als ein Bündel bedingter Prärogative mit einer unvermittel-
Rahmen dient, in welchem sich Frieden und Freiheit ten und gefährlichen Moralisierung des Völkerrechts
verbinden lassen. Es gibt eine ›begriffliche Verknüp- und der internationalen Politik gleichsetzen, die die
fung‹ zwischen einer die Freiheit garantierenden Einheit der Staaten, rechtlich pazifizierte innerstaat-
und einer den Frieden sichernden Rechtsordnung, liche Verfassungsordnungen und eine ›realistische‹
und die kosmopolitische Ausdehnung eines Zustan- Außenpolitik zu unterminieren drohe. Habermas’
17. Völkerrechtsverfassung 89

Antwort lautet folgendermaßen: Wenn die Men- Weltbürgerrecht bestimmten globalen politischen
schenrechte auch ausschließlich vom Standpunkt ei- System einzuräumen. Nur innerhalb von Staaten
ner universalen (d. h. kosmopolitischen) Moral her können wir volle Kongruenz zwischen Autoren und
begründet werden können, haben sie dennoch Adressaten des Rechts erreichen, denn nur inner-
Rechtscharakter. Fundamentale Individualrechte halb von Staaten gibt es administrative Mechanis-
sind konkrete rechtliche Ansprüche und gehören so men, die die egalitäre Inklusion der Bürger in den le-
strukturell zu einer positiven, mit Zwangsgewalt ver- gislativen Prozess mit Zwangsmitteln sicherstellen
sehenen freiheitssichernden Rechtsordnung, die ein- können, wodurch wiederum die Unparteilichkeit bei
klagbare individuelle Rechtsansprüche begründet. der Institutionalisierung ihrer egalitären Freiheits-
Gegenwärtig haben internationale Menschenrechte rechte garantiert wird (EA, 167).
im Völkerrecht nur einen schwachen Status und har- Obwohl in der Moderne die Schaffung von Staa-
ren – trotz wesentlicher Verbesserungen – immer ten und die Konstitutionalisierung oft miteinander
noch der Institutionalisierung im Rahmenwerk ei- einhergingen, unterscheidet Habermas begrifflich
ner kosmopolitischen Ordnung, die erst jetzt all- zwischen ›Verfassung‹ und ›Staat‹, wobei er die Auf-
mählich Gestalt annimmt. Wenn wir den Schritt von fassung vertritt, dass der Nationalstaat nicht die ein-
einem Völkerrecht der Staaten zu einem kosmopoli- zige Form einer politischen Ordnung ist, die sich für
tischen Recht der Individuen vollziehen, kann der eine Konstitutionalisierung anbietet (EA, 155 f.)
Vorwurf einer Moralisierung der Politik abgewehrt Seine Argumentation hat zwei Aspekte: Erstens
werden. Fundamentale Menschenrechte müssten auf muss die Konstitutionalisierung des Völkerrechts
globaler Ebene rechtlich garantiert werden, und die nicht unbedingt denselben Weg nehmen wie jene des
Konsequenzen von Menschenrechtsverletzungen modernen Staates. Und zweitens muss die Verfas-
müssten präzise benannt werden. Dies ist ein Teil sung des globalen politischen Systems nicht unbe-
der Aufgabe, die sich bei einer ›weiteren Konstitutio- dingt dieselbe Form annehmen. Es stellt sich dem-
nalisierung‹ des Völkerrechts stellt. nach die Frage, welcher Verfassungsbegriff den
nicht-staatlichen globalen Ordnungen, die sich aus
Verfassung und Konstitutionalisierung auf überstaat- Individuen und aus Staaten zusammensetzen, ange-
licher Ebene: Habermas versucht so, die weltbürgerli- messen ist.
che Moral nicht an einen Weltstaat, sondern an ei- Der gerade angesprochene normativ anspruchs-
nen weltbürgerlichen Rechtszustand zu binden; die- volle Begriff der Verfassung stellt den Endpunkt des
ser Zustand wäre einer dualistischen Weltgesellschaft Konstitutionalisierungsprozesses des modernen
adäquat, die Staaten und Individuen umfasst und in Staates dar; er ist ein Ideal, das der spezifischen Art
einem ›mehrstufigen‹ global-politischen System or- der umfassenden Herrschaft, Machtkontrolle und
ganisiert ist. Offensichtlich teilt er Kants Ansicht, Rechtssprechung des modernen Staates adäquat ist.
dass ein Weltstaat zum Despotismus führen würde, Er lässt sich jedoch – nach Habermas’ Ansicht –
und vermutlich möchte er auch die Gewalt vermei- nicht auf die post-nationale globale Ordnung an-
den, die zur Errichtung eines Weltstaates erforder- wenden. Es wäre verfehlt, die Konstitutionalisierung
lich wäre. Angesichts der Tatsache, dass die Staaten des Völkerrechts als eine Fortsetzung des Entwick-
immer noch die Zwangsmittel unter ihrer Kontrolle lungsprozesses des Verfassungsstaates auf globaler
haben und sich an ihre (wenn auch verringerte) Sou- Ebene zu verstehen. Diese Konstitutionalisierung
veränität klammern, wäre unter den gegenwärtigen bedeutet auf internationaler Ebene den Übergang
Umständen der Weg zu einem Weltstaat ein imperi- von einer nicht-hierarchischen Assoziation kollekti-
alistischer, und das Ergebnis wahrscheinlich ein Im- ver Akteure (der Staaten), die in eine auf dem Prin-
perium. zip von Souveränität und Gleichheit gegründete
Welcher Verfassungsbegriff ist dieser Aufgabe an- Rechtsgemeinschaft (der internationalen Gemein-
gemessen? Warum soll man den Staaten eine solche schaft) eingebunden sind, zu den supra- und trans-
Schlüsselrolle im globalen politischen System zu- nationalen Organisationen einer kosmopolitischen
kommen lassen? Mit gesundem Realismus stellt Ha- Ordnung, die einer dualistisch strukturierten inter-
bermas fest, dass die Staaten in absehbarer Zukunft nationalen Gemeinschaft von Staaten und Indivi-
weiterhin die wichtigsten – oder sogar die einzigen – duen Regeln geben. Angesichts ihres nicht-staatli-
Akteure des globalen politischen Systems sein wer- chen Charakters – supranationale Organisationen
den. Doch es gibt auch normative Gründe dafür, verfügen nicht über ein Gewaltmonopol, es fehlt ih-
dem Staat eine Schlüsselrolle in einem durch das nen der durch Steuern finanzierte administrative
90 II. Kontexte

und militärische Apparat des modernen Staates, und angemessen erscheinen. Eine supranationale Verfas-
sie sind auf bestimmte Funktionen beschränkte Ge- sung würde das Wechselspiel kollektiver Akteure un-
bilde und keine umfassenden Herrschaftsstrukturen ter der Zielvorgabe regeln, deren Macht durch wech-
– muss man nicht darauf insistieren, dass ihre Kon- selseitige Restriktionen zu begrenzen; diese würden
stitutionalisierung jenem anspruchsvollen Typus der die vertraglich geregelte Machtausübung in Bahnen
republikanischen Verfassung zu entsprechen hat, lenken, die mit den Menschenrechten im Einklang
den sowohl Kant als auch Rousseau vor Augen hat- stehen, und sie würden die Aufgabe der Rechtsent-
ten und auf dem auch Habermas’ Verfassungsmodell wicklung und -anwendung Gerichtshöfen überlas-
beruht. sen, ohne jedoch direkt demokratischen Vorgaben
Einem Hinweis von Hauke Brunkhorst und oder Kontrollen zu unterliegen.
Christoph Möllers folgend, legt Habermas stattdes- Dieses Verfassungsmodell soll angeblich der
sen nahe, dass der Weg zur Konstitutionalisierung mehrstufigen Struktur einer politisch verfassten glo-
einer politisch organisierten Weltgesellschaft eher balen Gemeinschaft adäquat sein. Doch trotz der
dem Weg jener vormodernen, durch einen Stände- oberflächlichen Analogie wird das ständestaatliche
staat gekennzeichneten Rechtsordnungen ähneln Modell dem modernen Verfassungsdiskurs nicht ge-
könne, wie sie in der liberalen Version der Konstitu- recht, da ihm zufolge die autonomen Mächte nicht
tionalisierung – z. B. in der englischen Tradition der dem Recht unterworfen werden können. Dieses Mo-
rule of law oder der deutschen Tradition des Rechts- dell begnügte sich stattdessen mit einem Arrange-
staats – neu ausgestaltet wurden. Die verfassungs- ment von Verhandlungen zwischen autonomen
mäßige Begrenzung der Herrschaft durch die Auf- Mächten, in dem die stärkere Partei stets zu gewin-
teilung der Regierungsvollmachten und die Garantie nen drohte, und in dem die ungerechtfertigten Pri-
von kollektiven Rechten – so die vormoderne For- vilegien (›Rechte‹ bzw. Vorrechte) jedes Standes
mel – wurde im englischen Liberalismus und im aufgrund der bestehenden Machtkonstellation auf-
deutschen Konstitutionalismus gemäß der individu- rechterhalten werden. Der Ständestaat war eine
alistischen Begrifflichkeit des modernen Rechts und ›Ordnung‹, die ohne einen Staat im modernen Sinne
der Menschenrechte und auf Grundlage einer funk- auskam, und es gab dort auch nichts, was einer mo-
tionalen Gewaltenteilung (zwischen Legislative, Exe- dernen Verfassung gleichgekommen wäre – weder
kutive und Judikative) neu interpretiert. Demzufolge im formalen noch im materialen Sinne. Es wird nicht
schließt die ›liberale‹ Variante der Konstitutionali- klar, auf welche Weise die Verhandlungsrunden der
sierung die Trennung und rechtliche Regelung der Eliten in diesem Kontext der politischen Herrschaft
bestehenden Machtbeziehungen ein – im Gegensatz Grenzen setzen könnten.
zum revolutionär-republikanischen Konstitutiona- Ein liberaler Konstitutionalismus im Habermas-
lismus, der die etablierten Mächte umstürzt, eine schen Sinne dagegen schloss die Entwicklung des
neue, auf dem rationalen Willen der vereinten Bür- Verfassungsdenkens und eine moderne Auffassung
gerschaft beruhende politische Autorität begründet subjektiver Individualrechte ein. Doch der liberale
und jegliche Restbestände staatlicher Macht jenseits Konstitutionalismus ist – trotz ihrer internen Gewal-
des unantastbaren Rechts abschafft. Der erste Weg tenteilung – auf starke Staaten angewiesen. Tatsäch-
ist der supranationalen Ebene adäquat, nicht aber lich ist die liberale Variante des Konstitutionalismus
der zweite. unausgesprochenermaßen etatistisch angelegt, denn
Zwischen dem Ständestaat und den konstitutio- sie setzt einen starken third-party enforcer (d. h. ein
nellen Charten solcher internationaler Organisatio- Machtzentrum jenseits der Stände) voraus, mit des-
nen wie der UN und der EU scheint eine große Ähn- sen Hilfe der Übergang von Standesprivilegien zu
lichkeit zu bestehen: Sowohl die UN als auch die EU Individualrechten, die unparteiische Gewährung
setzen sich aus autonomen politischen Gebilden zu- gleicher Freiheiten und die ›Gleichschaltung‹ der au-
sammen und balancieren deren Machtbefugnisse tonomen Machtbasen der Stände zu einer verein-
aus, und sie bekräftigen fundamentale Privilegien heitlichten egalitären, souveränen und individualis-
der Mitgliedsstaaten (rechtliche Bedeutung, Inter- tischen Ordnung des Rechts und der Politik bewäl-
ventionsverbot, kulturelle Integrität usw.). Wenn die tigt werden kann. Daher kann keines dieser beiden
doppelte Referenz auf kollektive und individuelle Ordnungsmodelle und auch keine Kombination von
Akteure bei der weiteren Konstitutionalisierung des ihnen ein adäquates Modell für eine globale, mit ei-
Völkerrechts explizit werden sollte, dann könnte die ner nicht-staatlichen politischen Ordnung ver-
Analogie mit dem liberalen Konstitutionalismus als knüpfte Verfassung abgeben, die die Macht durch
17. Völkerrechtsverfassung 91

Verrechtlichung und Gewaltenteilung bezähmt. Es schen Nationalstaaten erprobt und getestet wurden.
stellt sich folgendes Problem: Wenn die Großmächte In dieser Hinsicht ist die Konstitutionalisierung des
wie in den kontraktuell-strategischen Arrangements Völkerrechts von abgeleiteter Art, da sie von den ›Er-
des Ständestaats die ›Herren und Meister‹ dieser rungenschaften‹ jener Staaten abhängig ist. Da die
Verfassung bleiben, dann hat man keinen weltbür- Staaten weiterhin die Hauptakteure und letztlich
gerlichen Zustand und keine weltbürgerliche Verfas- auch die Schiedsrichter sind (da nur sie über militä-
sung im Habermas’schen Sinne begründet. Doch rische Macht verfügen), können sie eine indirekte
wenn mittels des liberalen Modells ein Übergang Legitimation für die liberale Verfassung des globalen
von einem kontraktuellen, auf die Staaten bezoge- politischen Systems beisteuern, auch wenn sie diese
nen Völkerrecht zu einem konstitutionellen weltbür- Arena nicht mit anderen Entitäten teilen müssen.
gerlichen Recht der Individuen bewerkstelligt wer- Zweitens legt Habermas dar, dass die supranationale
den soll, rücken die Frage nach der Durchsetzbarkeit Ebene des globalen politischen Systems keinen Staat,
dieses Überganges und ebenso die Frage nach der sondern ›nur‹ eine funktional auf die Friedenssiche-
Legitimation der im Zentrum geballten Zwangs- rung und den Schutz der Menschenrechte begrenzte
macht in den Vordergrund. Es hilft hier nicht weiter, Organisation darstellen würde und daher nicht
auf die doppelte Bezugnahme – auf kollektive und denselben Legitimationsanforderungen ausgesetzt
auf individuelle Akteure – zu insistieren, die eine wäre wie die alle Bereiche umfassenden rechtlichen
›fundamentale begriffliche Unterscheidung‹ zwi- Zwangsordnungen der Staaten. Glücklicherweise
schen der ›gänzlich individualistischen‹ Rechtsord- sind die eindeutig negativen Pflichten einer univer-
nung einer föderalen Weltrepublik und der politisch salistischen Gerechtigkeitsmoral – die Pflicht, keine
konstituierten Weltgesellschaft bezeichnet. Denn Angriffskriege zu führen und die fundamentalen
nach dem liberalen Modell würde es keine autono- Menschenrechte nicht zu verletzen – bereits in aller
men (Einzel-)Staaten im (Welt-)Staat geben. Es Welt gleichermaßen geteilte kulturelle Dispositionen
bleibt unklar, in welchem Maße eine ›Gleichschal- und bestimmen daher unsere gegenwärtige globale
tung‹ autonomer souveräner Staaten erfolgen sollte, politische Kultur. Der Rückhalt einer hilfreichen und
und zugunsten welcher Art von globaler Macht dies wachsamen globalen bürgerlichen Öffentlichkeit
geschehen sollte. würde ebenfalls dazu beitragen. Demnach verfügt
Habermas selbst hat die beunruhigende Frage die globale politische Verfassungsordnung weder
aufgeworfen, wie es sich verhindern lasse, dass eine über dieselbe Form der Legitimität, noch stellt sie
›liberale‹ Verfassung auf überstaatlicher Ebene ledig- dieselben Solidaritätsanforderungen wie der demo-
lich als rechtliche Fassade einer hegemonialen Ord- kratische Nationalstaat.
nung diene. Seine Beunruhigung rührte daher, dass
er von seinem eigenen (republikanischen) Idealbe- Das institutionelle Modell: Damit kommen wir zu
griff einer Verfassung abgewichen war, der sich auf den Diskussionen über das institutionelle Modell
die Gleichwertigkeit von Menschenrechten, Volks- des globalen politischen Systems. Habermas denkt
souveränität und demokratischer Legitimität stützt. an eine dreiteilige Struktur, die sich aus einer globa-
Das liberale Modell der Konstitutionalisierung lässt len, einer transnationalen und einer nationalen
die direkte Verbindung zwischen dem Rechtsstaat Ebene zusammensetzt; letztere wäre die Bezugs-
und der demokratischen Legitimität zerbrechen und größe für eine ›liberale‹ Konstitutionalisierung. Auf
löst die Kongruenz zwischen Autoren und Adressa- der supranationalen Ebene würde das politische Sys-
ten des Rechts auf. tem in Form einer ›adäquat reformierten‹ Weltorga-
Habermas beantwortet diese Fragen in mehreren nisation gestaltet, die auf einer universalen, alle Staa-
Schritten. Zunächst insistiert er darauf, dass die Bah- ten und Individuen (als ›Weltbürger‹) umfassenden
nen der demokratischen Legitimation zwischen su- Mitgliedschaft aufbaut, deren Aufgaben sich aber
pranationalen Verfassungen und dem demokrati- auf die Friedenssicherung und die Beförderung
schen Verfassungsstaat nicht zerschnitten werden der Menschenrechte in ›effektiver, nicht-selektiver‹
dürfen. Auf inhaltlicher Ebene stellt er fest, dass der Weise beschränken. Auf der transnationalen Ebene
normative Gehalt von Grundrechten, Rechtsprinzi- wird das angeblich politischere Problem, eine ›Welt-
pien und Strafprozessordnungen, die in den Charten innenpolitik‹ zu entwerfen, die sich mit ökonomi-
der supranationalen Organisationen ausgearbeitet schen Fragen befasst, an regionale Strukturen nach
wurden, sich aus Lernprozessen ergab, die in Verfas- dem Modell der EU und/oder an die Großmächte
sungen des republikanischen Typus in demokrati- des einundzwanzigsten Jahrhunderts wie den USA,
92 II. Kontexte

China, Russland, Indien u. a. verwiesen. Politische sozioökonomischen Bedingungen zu garantieren,


Pluralität und internationale Beziehungen würden die zur Verwirklichung der Menschenrechtsziele der
auf dieser Ebene weiter bestehen, obgleich es ausge- Charta erforderlich sind, und den Geltungsbereich
schlossen wäre, zu Kriegen und Menschenrechtsver- der fundamentalen Menschenrechte in den Begrif-
letzungen Zuflucht zu nehmen. Auf der nationalen fen distributiver Gerechtigkeit zu formulieren.
Ebene würden die Staaten fortbestehen und ihr Ge- Andere Kritiker – wie etwa Schmalz-Bruns – fra-
waltmonopol beibehalten; sie würden auf dieses zu- gen sich, ob es möglich ist, den kantisch-kosmopoli-
rückgreifen, um die Menschenrechte und politische tischen Ausgangspunkt mit dem Beharren auf der
Entscheidungen der anderen Ebenen durchzusetzen, Beibehaltung jener Formen der Verbundenheit, der
während sie für die supranationale Ebene die äußerst Solidarität und der legitimitätserzeugenden demo-
wichtige Ressource indirekter Legitimität beisteuern kratischen Partizipation in Einklang zu bringen, die
würden. Doch sie wären nicht mehr souverän. nur auf nationalstaatlicher Ebene erreicht worden
Dies scheint eine nüchterne, realistische Utopie sind. Auch wenn es denkbar ist, dass sich auch auf
zu sein. Wenn sie jedoch in den Begriffen der Schaf- regionaler Ebene Solidaritätsgefühle und ein ›Ver-
fung eines weltbürgerlichen Zustandes formuliert fassungspatriotismus‹ entwickeln könnten, wären
wird, erscheint sie unklar und hat daher eine ganze diese vis-à-vis umfassenderer weltbürgerlicher Ver-
Reihe von Kritiken auf sich gezogen. Scheuerman pflichtungen immer noch sehr partikularer Art. Die
und Walker machen darauf aufmerksam, dass weit- doppelte (individuell-kollektive) Mitgliedschaft im
reichende Meinungsverschiedenheiten darüber, wel- globalen politischen System setzt die Bürger wider-
che Menschenrechte verbindliches, auf globaler sprüchlichen Imperativen aus. Es bleibt unklar, wie
Ebene durchsetzbares Recht werden sollen, die die Perspektive einer national oder regional definier-
These vom nicht-politischen Charakter der Men- ten Staatsbürgerschaft mit jener des Weltbürgers in
schenrechte und von den geringeren Legitimitätsan- Einklang gebracht werden soll – insbesondere dann,
forderungen der supranationale Ebene als wenig wenn erstere legitimerweise darauf ausgerichtet ist
überzeugend erscheinen lassen. Selbst wenn es einen und mit der Erwartung gegenüber den Regierungen
allgemeinen Konsens über die Funktion dieser verbunden ist, anstelle der universalen Standards
Rechte geben sollte – im globalen politischen System globaler Gerechtigkeit (der weltbürgerlichen Moral),
als geltendes Recht gesetzte Menschenrechte definie- an denen der Weltbürger sich orientieren sollte, das
ren die Toleranzschwelle, bei deren Überschreitung nationale oder regionale Eigeninteresse zu verfol-
jegliche Form gewaltsamer Intervention als ange- gen.
messen gilt –, so bleibt doch die hochgradig umstrit-
tene Frage, welche Rechte diesen Rang erhalten sol- Das revidierte Modell: Habermas hat in jüngster Zeit
len. seinem Modell eine stärker kosmopolitische Aus-
Verfechter eines ambitionierteren Verständnisses richtung gegeben, um diesen Einwänden zu begeg-
des Kosmopolitismus wie Cristina Lafont stellen die nen. Er erklärt offen, einem kelsenianischen rechtli-
Zuschreibungen in Frage, mit denen den einzelnen chen Monismus verpflichtet zu sein, womit er der
Elementen des Systems spezifischen Kompetenzen globalen politischen Verfassung den Vorrang vor
zugewiesen werden. Ihre Kritik zielt darauf ab, dass den einzelstaatlichen Rechtsordnungen der Mit-
sozioökonomische Fragen (die ›Weltinnenpolitik‹) gliedsstaaten einräumt, die jetzt als untergeordnete
der Logik regionaler Kompromisse unterworfen Teile eines einheitlichen, hierarchisch strukturierten
werden und dass damit die Fragen globaler ökono- Systems konstruiert werden. Das politische Analo-
mischer Ungerechtigkeit ausgeblendet werden, so gon zu diesem System besteht in einer Weltorganisa-
dass legitime Ansprüche distributiver Gerechtigkeit tion, die nicht allein die Einheit des globalen Rechts-
blockiert werden. Nach Lafont machen es die kos- systems repräsentiert, sondern auch die internatio-
mopolitischen Prinzipien erforderlich, dass die Ver- nale Gemeinschaft der Staaten und Bürger in ihrer
handlungen der regionalen Mächte vor dem Hinter- reformierten Zentralinstanz verkörpert: in einer re-
grund eines globalen Systems geführt werden, das präsentativ aufgebauten gesetzgebenden General-
dafür sorgt, dass diese Kompromisse nicht ökono- versammlung. Diese hat zwei Aufgaben: Die Formu-
mische Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Indi- lierung adäquater Gerechtigkeitsstandards, die den
viduen verursachen. Angesichts der engen Verbin- transnationalen Verhandlungssystemen als Leitli-
dung zwischen Gerechtigkeit und Menschenrechten nien dienen, und eine neue Form der Gesetzgebung,
ist die globale politische Institution gefordert, jene die sich mit den Menschenrechten und der Regelung
17. Völkerrechtsverfassung 93

von Konflikten auf supranationaler Ebene beschäf- wenn nötig, als die Organe der internationalen Ge-
tigt, wobei man sich auf die Interpretation der Ver- meinschaft fungieren, und die rechtliche Gültigkeit
fassungs-Charta beschränkt. einzelstaatlicher Verfassungen würde sich dann ein-
Die Verschiebung in der Konzeption der Verfas- deutig aus den hierarchisch höher stehenden Quel-
sung und des Konstitutionalismus, die mit diesen len der monistischen Rechtsordnung – d. h. aus der
Revisionen einhergeht, verdient eine nähere Be- Verfassung der Weltorganisation – ableiten lassen.
trachtung. Habermas scheint sich eine Variante der Damit werden die Ungereimtheiten des Konstitu-
republikanischen Konzeption zu eigen gemacht zu tionalisierungsmodells in einer Weise aufgelöst, die
haben, denn er legt uns jetzt dar, dass die Verrechtli- ihm größere interne Konsistenz verschafft und es
chung der Weltpolitik eine Frage der Begründung stärker kosmopolitisch ausrichtet, die es aber auch
ist, die zwei Kategorien von Gründer-Subjekten um- weniger realistisch erscheinen lässt. Es ist jetzt sogar
fasst: Staaten mit einer Verfassung und individuelle noch schwieriger, den Konstitutionalisierungspro-
Weltbürger. Weil die Entscheidungskompetenzen zess und sein Ergebnis von der Errichtung einer de-
der globalen Regierungsinstitutionen zum Teil tief zentralisierten Weltrepublik zu unterscheiden. Doch
in die gesellschaftlichen Verhältnisse der Mitglieds- alle Einsichten und Argumente, die Habermas gegen
staaten eingreifen würden, lassen sich diese nicht ein solches Modell vorbringt, sind weiterhin gültig.
einfach durch einen Vertrag legitimieren. Daraus er- Wir finden uns daher mit einer Konzeption der Kon-
gibt sich die Notwendigkeit, eine verfassungsge- stitutionalisierung wieder, die nur mit Mühe auf-
bende Versammlung einzuberufen, um eine Charta rechtzuerhalten ist.
zu entwerfen, die zu einer weltbürgerlichen Verfas-
sung werden könnte: Diese könnte zu Beginn die Literatur
Form eines internationalen Vertrags haben, doch
dieser müsste durch Referenden ratifiziert und im Brunkhorst, Hauke: Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft
zur globalen Rechtsgenossenschaft. Frankfurt a. M. 2000.
Namen der Bürger der Welt in Kraft gesetzt werden Fassbender, Bardo: »The United Nations Charter as Consti-
– ein Echo auf die Formel des europäischen Verfas- tution of the International Community«. In: Columbia
sungsvertrages. Das Ergebnis dieses verfassungsge- Journal of Transnational Law Bd. 36 (1998), 529–619.
benden Prozesses wäre eine monistisch verfasste po- Günther, Klaus: »Rechtspluralismus und universaler Code
litische Organisation, deren Rechtsordnung in einer der Legalität: Globalisierung als rechtstheoretisches
Problem«. In: Lutz Wingert/Klaus Günther (Hg.): Die
hierarchischen Beziehung zu den Verfassungen der Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffent-
Mitgliedsstaaten steht. Tatsächlich müsste die politi- lichkeit: Eine Festschrift für Jürgen Habermas. Frankfurt
sche Verfassung der Mitgliedsstaaten mit den Ver- a. M. 2001.
fassungsprinzipien der Weltorganisation in Einklang Habermas, Jürgen: »Kommunikative Rationalität und
stehen. grenzüberschreitende Politik: eine Replik«. In: Peter
Niesen/Benjamin Herborth (Hg.): Anarchie der kommu-
Habermas insistiert weiterhin darauf, dass jene nikativen Freiheit: Jürgen Habermas und die Theorie der
Subjekte (Staaten), die bereits über die legitimen Ge- internationalen Politik. Frankfurt a. M. 2007.
waltmittel verfügen, zu den Hauptakteuren des Kon- –: »The Constitutionalization of International Law and the
stitutionalisierungsprozesses gehören müssen. Er Legitimation Problems of a Constitution for World Soci-
warnt auch davor, dass die Errichtung einer ›monis- ety«. In: Constellations 14, 4 (November 2008), 444–455.
Lafont, Cristina: »Alternative Visions of a New Global Or-
tisch verfassten politischen Ordnung‹ nicht dazu
der: What Should Cosmopolitans Hope For?« In: Ethics
führen dürfe, dass die Welt der Staaten durch die Au- and Global Politics Bd. 1, 1–2 (2008), 41–60.
torität einer Weltrepublik ›mediatisiert‹ würde, die Nagel, Thomas: »The Problem of Global Justice«. In: Philo-
den in den Nationalstaaten akkumulierten ›Vertrau- sophy and Public Affairs 33, 2 (2005), 113–147.
ensfundus‹ – die versammelte Loyalität der Bürger Rawls, John: Das Recht der Völker. Berlin/New York 2002.
Scheuerman, William: »Global Governance without Global
oder den speziellen nationalen Charakter der Staa-
Government? Habermas on Postnational Democracy«.
ten und Lebensformen – missachten würde. Ande- In: Political Theory 36, 1 (2008), 133–151.
rerseits darf dieser aber auch die Effektivität und die Schmalz-Bruns, Rainer: »An den Grenzen der Entstaatli-
verbindliche Umsetzung supra- und transnationaler chung. Bemerkungen zu Jürgen Habermas’ Modell einer
Entscheidungen nicht behindern. Dennoch bemerkt ›Weltinnenpolitik ohne Weltregierung‹«. In: Peter Nie-
Habermas abschließend, dass sich die Bedeutung sen/Benjamin Herborth (Hg.): Anarchie der kommuni-
kativen Freiheit: Jürgen Habermas und die Theorie der in-
von ›Souveränität‹ bereits auf die von Hans Kelsen ternationalen Politik. Frankfurt a. M. 2007.
antizipierte monistisch-kosmopolitische Auffassung Walker, Neil: »Making a World of Difference? Habermas,
hin verschoben hat. Demnach würden die Staaten, Cosmopolitanism and the Constitutionalization of In-
94 II. Kontexte

ternational Law«. (European University Institute Wor-


king Paper LAW No. 2005/17.) Im Internet unter: http://
18. Europäische Verfassung
cadmus.iue.it/dspace/bitstream/1814/3762/1/WPLAW
No.200517Walker.pdf.
Walzer, Michael: Gibt es den gerechten Krieg? Stuttgart Überall und in vielen Sprachen ist seit langen Jahren
1982. davon die Rede: Europa müsse sich darüber klar
Jean L. Cohen (Übers. Nikolaus Gramm) werden, in welcher Verfassung es sich befinde; ob
sein Recht schon als Rechtsverfassung begreifbar sei;
ob diese demokratisch sein könne und dies auch
werden solle; was Demokratie im europäischen Ver-
bund bedeute, und wie es um die Chancen bestellt
sei, in einen solchen Zustand einzutreten. Bei der
Konstitutionalisierung Europas geht es um beides:
eine Analytik, in der die Faktizität von Europäisie-
rungsprozessen erfassbar wird, und um eine norma-
tive Konzeption, die Maßstäbe bereitstellt und insti-
tutionelle Voraussetzungen dafür benennt, ob die
sich im Europäisierungsprozess herausbildenden
Konfigurationen »Anerkennung verdienen«. Die
analytischen-empirischen Fragen sind leer, die nor-
mativ-institutionellen sind blind, solange sie bezie-
hungslos nebeneinander stehen. Um eben diese Ver-
schränkung geht es im Begriff der Konstitutionali-
sierung: Der Begriff verweist auf Gestalt und
Gestaltung Europas. Er hält fest, was die Verfassung
des demokratischen Nationalstaats erreicht oder ver-
sprochen hat. Aber er will gleichzeitig dem Umstand
gerecht werden, dass die Integration Europas als ein
Projekt auf den Weg gebracht wurde, dessen Rah-
menbedingungen sich ständig ändern, das für die
Bestimmung seiner finalité nicht auf Blaupausen zu-
rückgreifen kann, das deshalb seine Konstitutionali-
sierung als Prozess begreifen muss.
Jürgen Habermas hat in diesem Prozess seit 1991
immer wieder transnationale und transdisziplinäre
Orientierungspunkte gesetzt. Seine Interventionen
sind von zwei Motiven bestimmt: Zum einen von ei-
nem geradezu leidenschaftlichen Engagement für
Europa, zum anderen von der Sorge um die Errun-
genschaften des demokratischen Verfassungsstaates.
Dies wird im gesamten Spektrum der Europa-Stu-
dien wahrgenommen, auch und vor allem in der
Politik- und Rechtswissenschaft, die dieses Feld
dominieren; gleichzeitig bleibt die Wirkung seiner
Beiträge im wissenschaftlichen Normalbetrieb ei-
gentümlich begrenzt. Dies hängt mit ihrer doppelten
Zielsetzung zusammen. Im Rahmen seiner Arbeiten
zur Diskurstheorie des Rechts hat Habermas den in-
neren Zusammenhang von Rechtsstaat und Demo-
kratie eindringlich herausgestellt, der einer sich szi-
entifischen Standards verschreibenden, kausalanaly-
tisch und empirisch orientiertem Politikwissenschaft
ebenso verschlossen bleiben muss wie einer Juris-
18. Europäische Verfassung 95

prudenz, die sich auf die kunstgerechte Auslegung mensetzen, die Rechtshistoriker und Rechtsverglei-
autoritativ beglaubigter Texte und die Entfaltung be- cher zutage fördern (Keiser 2005).
grifflich konsistenter Dogmatiken zurückzieht (EA). Habermas passt nicht in dieses Bild. Die Interven-
Wer sich in diesem Schisma verfängt, kann den kri- tionen, in denen er die historische Bedeutung der Ei-
tisch-konstruktiven Gehalt seiner Beiträge zu Eu- nigung Europas beschworen hat, betreffen die Kon-
ropa nicht wahrnehmen. Dieser Gehalt erschließt stitutionalisierung Europas an empfindlichen Stel-
sich, wenn man die Fragestellungen und Kriterien, len. Die jüngste findet sich in der »Steinmeier-Rede«
die Habermas aus dem Fundus seiner Diskurstheo- vom 7. November 2007. Die im Rücken der geschäf-
rie des Rechts schöpft, mit den vorherrschenden tigen Politik »schwelenden Konflikte über die Zu-
Denkmustern des europäischen Konstitutionalismus kunft Europas« bezögen ihre Sprengkraft aus »Inter-
konfrontiert. An drei Themenbereichen lassen diese essengegensätzen, die sich […] aus den divergenten
Kontraste sich gut nachzeichnen: erstens am Um- Entwicklungspfaden der Nationalstaaten und den
gang mit der Geschichte; zweitens am europäischen kontrastreichen Erinnerungen der Nationen erge-
Sozialmodell; drittens an dem Übergang zu »neuen ben« (AE, 101). Erreicht hat die europäische Öffent-
Formen des Regierens«. Dieses Themenspektrum lichkeit zuvor der Aufruf nach dem amerikanischen
betrifft schließlich neuralgische Punkte des europäi- Einmarsch in den Irak am 31. Mai 2003 (GW, 43–
schen Konstitutionalismus. 52): Dort wird auch zur Sprache gebracht, welche
Lasten die Europäer verbinden.
Umgang mit Geschichte: Der demokratische Verfas- Aber wie soll die Debatte um die Konstitutionali-
sungsstaat ist nicht vom Himmel gefallen. Seine Ge- sierung Europas mit dieser(n) Geschichte(n) umge-
schichte ist wichtig, weil sich an ihr entscheidet, wo- hen? Was hätte »Der Konvent über die Zukunft der
mit wir zu rechnen haben, welche Möglichkeiten uns Europäischen Union« in der Kürze der Zeit, die ihm
offen stehen, welchen Aufgaben wir uns stellen müs- für die Arbeit an seinem Mandat blieb, leisten kön-
sen. Dies hat Habermas am deutschen Beispiel ge- nen? Der Konvent hat die Vergangenheit Europas
zeigt (z. B. in FG, 109 ff., 541 ff.). Entsprechende Re- nicht beschwiegen, sondern beschönt. Das Selbst-
konstruktionen des Projekts der Einigung Europas bildnis, das er in der Präambel seines Entwurfs eines
und seiner Verfassung gibt es nicht. Gewiss fehlt in Verfassungsvertrages gezeichnet hat, beschwört vor
keinem Textbuch und in keiner Sonntagsrede die Er- allem die kulturelle Größe Europas. Von den getöte-
innerung an die Katastrophen und Verfehlungen der ten Juden, an die Habermas und Derrida erinnern,
Vergangenheit, der deutschen zumal. Die oft zitierte war nicht die Rede, auch dann wieder nicht, als die
Diagnose Weilers (1994), es sei zuerst um die Siche- dem Konvent folgende Regierungskonferenz auf
rung des Friedens, die Überwindung von Diskrimi- eine Initiative Polens hin – und ohne dass hierüber
nierungen, die Mehrung des Wohlstands gegangen, »verhandelt« worden wäre – die »schmerzlichen Er-
trifft noble und triviale Motivlagen. Sie beschweigt fahrungen« des »nunmehr geeinten Europa« in die
die Erblast des Holocaust, durch die sich heute Euro- Präambel aufnahm. Selbst dieser Einschub fiel dann
pas Identität negativ definiert, ebenso wie die Kon- freilich dem konsequenten Bemühen der Regierun-
fliktlagen Nachkriegseuropas, die Bedeutung der gen zum Opfer, den am 13.12.2007 in Lissabon un-
Entkolonialisierung für die Umorientierung der Sie- terzeichneten »Vertrag über die Arbeitsweise der
germächte, die strategischen Kalküle aller Beteilig- Union« von jeglicher Verfassungs-Symbolik freizu-
ten. Mit der Osterweiterung haben sich das Spek- halten.
trum der historischen Prägungen nochmals erwei- Ließe sich ein anderer Umgang Europas mit sei-
tert und die Divergenzen sozio-ökonomischer ner Vergangenheit denken? Könnte Europa womög-
Interessenlagen vertieft. Es ist einfach irreführend, lich aus Prozessen der Aufarbeitung seiner Vergan-
wenn man im Europarecht den Integrationsprozess genheit(en) eine Legitimität gewinnen, die ihm der
als eine ständig voranschreitende, Hindernisse im- Einsatz für den so umfänglichen »Vertrag über eine
mer wieder glückhaft überwindende Abfolge von in- Verfassung für Europa« und die diplomatischen Be-
stitutionellen Ereignissen darstellt, die nach dem Zu- mühen zu dessen Rettung, nicht bescheren werden?
sammenbruch der Sowjetherrschaft und der Ost- Derartiges sollen Deutsche nicht insinuieren. Ha-
erweiterung der Union in der Verfassung ihre bermas schreibt zu Deutschland – freilich so, dass
Vollendung finden sollten. Erst recht ist die Vorstel- ein Weiterdenken sich eigentlich aufdrängt (z. B. ZÜ,
lung unzulänglich, Europa könne sein Recht aus den 47).
Bausteinen gemeinsamer Rechtstraditionen zusam-
96 II. Kontexte

Europäisches Sozialmodell: Präambeln sind verfas- keit nirgendwo »abgeleitet« oder einfach »durchge-
sungspolitisch aufschlussreich, auch wenn ihre prak- setzt« werden kann, sondern ihre Legitimität aus de-
tische Relevanz schwer zu ermessen ist. Anders ver- mokratischen politischen Prozessen gewinnen muss,
hält es sich mit Bestimmungen, die sich auf die Ord- die ihrerseits rechtlicher Gewährleistungen bedür-
nung der Wirtschaft und des Sozialen beziehen. Es fen. Diese Einsicht hat Habermas zu seiner Prozedu-
ist bezeichnend, dass die erste große verfassungspo- ralisierung der Rechtskategorie geführt. Sie erscheint
litische Kontroverse, die in der frühen Bundesrepu- grundsätzlich mit einem Konstituionalisierungsbe-
blik ausgetragen wurde und deren Nachwehen bis griff kompatibel zu sein und diesen sogar zu fordern,
heute zu spüren sind, eben dieses Verhältnis betraf. der sich nicht auf parlamentarische Rechtssetzungs-
Die Positionen, die Ernst Forsthoff und Wolfgang verfahren fixiert, sondern mit einer positiven
Abendroth auf der Staatsrechtslehrer-Tagung des »Recht-Fertigung« in vielen weiteren Foren und Ver-
Jahres 1954 bezogen, wirken bis heute nach. Die So- fahren rechnet, deren Anerkennung er freilich an die
zialstaatlichkeit gehöre nicht auf die gleiche verfas- normative Qualität solcher Rechtsproduktionspro-
sungsrechtliche Ebene wie die Rechtsstaatlichkeit. zesse binden muss.
Sie sei Sache der Verwaltung und der Besteuerung, Die europäische Ebene blieb von diesen Ausein-
so hatte Forsthoff, der Schüler Carl Schmitts, argu- andersetzungen lange unberührt. Dabei hatte gerade
mentiert. Die Sozialstaatlichkeit sei nach dem die deutsche Rechtswissenschaft auf die Spannungen
Grundgesetz ein Rechtsprinzip geworden, dessen zwischen dem nationalstaatlichen Demokratiegebot
Ausgestaltung dem Gesetzgeber obliege, so hatte und dem europäischen Integrationsprojekt sensibel
Abendroth im Anschluss an Hermann Heller repli- reagiert. Freilich ließ sie sich von dem Bemühen lei-
ziert. Die Debatte hatte einen von den streitenden ten, das europäische Regieren gegen demokratische
Staatsrechtlehrern nicht weiter beachteten Beobach- Anforderungen zu immunisieren. Repräsentativ war
ter, der zunächst über das Modell der »sozialen für das öffentliche Recht der Versuch von Hans Peter
Marktwirtschaft« in der Bundesrepublik ungemein Ipsen (1972), die Gemeinschaften als bloß techno-
einflussreich und dann in Europa zum lachenden kratische Aufgaben erledigende »Zweckverbände
Dritten werden sollte. Auch dieser »Dritte Weg« war funktionaler Integration« zu qualifizieren. Der im
in der Weimar Republik geebnet worden, nämlich Privat- und Wirtschaftsrecht herrschende Ordolibe-
durch eine Gruppe von Ökonomen und Juristen, die ralismus begriff demgegenüber Europa als eine
sich vom Laisser-faire Liberalismus ebenso scharf Chance, sein im nationalen Recht nicht durchsetz-
abgrenzten wie von allen Versuchen, die Wirtschaft bares Projekt einer unpolitischen Wirtschaftsverfas-
politisch zu gestalten und zu steuern. Die Ordnung sung mit supranationaler Geltungskraft auszustatten
der Wirtschaft wurde vielmehr zur Aufgabe eines (Mestmäcker 2003). Dies waren in mancher Hin-
starken Staates erklärt, der mit Hilfe zwingender sicht deutsche Sonderwege. Aber mit dem rechts-
Rechtsvorschriften eine dem Wirtschaftsgeschehen dogmatischen Gebäude, das der Europäische Ge-
immanente ordo zur Geltung bringen sollte (Manow richtshof seit 1961 zur »constitutional charter« aus-
2001). »Wirtschaftsordnung und Staatsverfassung« baute, kamen beide gut zurecht: insbesondere also
erschienen miteinander verschränkt. Beide beding- mit der »Direktwirkung« der wirtschaftlichen
ten sich gegenseitig, befreiten sich dabei nicht nur Grundfreiheiten, dem Vorrang europäischen Rechts
von deren Anerkennung durch die Politik, sondern und der Prärogative des Europäischen Gerichtshofs
setzen dieser rechtliche Vorgaben. bei dessen Auslegung.
Habermas hielt es mit Heller und Abendroth. Der Umstand, dass die Verträge von Rom die In-
Seine Stellungnahmen (insbes. in SÖ 1990, 242 ff.) stitutionalisierung Europas als ein Projekt der Wirt-
wurden von den Zeitgenossen der 68er als Orientie- schaftsintegration auf den Weg gebracht und dabei
rungshilfe im Streit um die Reform der Bundesrepu- von den Arbeits- und Sozialverfassungen der Mit-
blik intensiv genutzt. Der Weg von hier bis zu Entfal- gliedstaaten abgekoppelt hatten, hat lange nicht
tung der Diskurstheorie des Rechts in Faktizität und wirklich irritiert. Die deutschen Anätze waren hier-
Geltung war lang, aber, zumindest was das Sozial- auf konzeptionell eingestellt. Die »Integration durch
staatsprinzip angeht, eigentlich gradlinig. In dieser Recht« durch den Europäischen Gerichtshof er-
Theorie ist gleichzeitig die von Hermann Heller be- schien politisch indifferent und praktisch-politisch
gründete Tradition der Sozialstaatlichkeit bewahrt. waren im »goldenen Zeitalter« des Nationalstaats si-
Schon Heller war klar, was Abendroth später aus- gnifikante Gefährdungen der Sozialstaatlichkeit zu-
führte, dass nämlich eine sozialstaatliche Gerechtig- nächst nicht erkennbar. Erst im Gefolge der Vertie-
18. Europäische Verfassung 97

fung der Integration sollte sich dies grundlegend än- Charta« und den »sanften Methoden für die Koordi-
dern. Bemühungen um die »soziale Dimension« nierung« der Arbeits(markt)- und Sozialpolitik. Mit
Europas haben vor allem im Vertrag von Maastricht all dem verfügt aber Europa keineswegs über die Vo-
(1992) Gehör gefunden. Es kam dort zur Auswei- raussetzungen zur Ausgestaltung einer sozialen De-
tung der Kompetenzen im Arbeits- und Arbeitsför- mokratie. Damit setzt sich nun auf europäischer
derungsrecht durch das sogenannte Sozialprotokoll Ebene, vom herrschenden Konstitutionalismus un-
mit dem »Abkommen über die Sozialpolitik«. bemerkt und im Rücken der Bürger Europas, post-
Die Diskurstheorie des Rechts, die Habermas in hum Forsthoff gegen Heller durch. Insoweit haben
Faktizität und Geltung vorlegte, hat das Recht des de- die französischen Wähler bei ihrem Votum gegen
mokratisch verfassten Staates zum Gegenstand. Aus den Verfassungsvertrag nicht geirrt.
ihr lässt sich nicht ableiten, »wie Europa verfasst sein
soll«. Aber sie enthält eben auch Anforderungen an Übergang zu »neuen Formen des Regierens«: Schlech-
die Legitimität politischer Herrschaft, die nicht ein- te Erfolgsaussichten wären allein kein zwingender
fach im Namen Europas suspendiert werden dürfen. Grund, von der Erprobung »neuer Formen des Re-
So lese ich Habermas’ Plädoyer für eine europäische gierens« abzulassen. Verfassungspolitisch begegnen
Verfassung im Allgemeinen und für eine Bewahrung diese neuen Methoden und insbesondere die »offene
des »europäischen Sozialmodells« im Besonderen. Methode der Koordinierung« aber grundsätzlichen
Der Zusammenhang von Demokratie und Recht- Bedenken, da sie, ohne die Rettung der Sozialstaat-
staatlichkeit umfasst das Postulat des Aufbaus von lichkeit Europas versprechen zu können, die Recht-
politischen Handlungsmöglichkeiten, in denen Bür- staatlichkeit europäischen Regierens gefährden.
ger Europas in Fragen der sozialen Gerechtigkeit Nun gibt es aber ebenso für die Abkehr von der
nicht entmündigt werden. In die Auseinanderset- konventionellen »Gemeinschaftsmethode« zuguns-
zungen um die Anschlussfrage, wie es um die Chan- ten »neuer Formen des Regierens« unabweisbare
cen einer Verwirklichung dieses Postulats unter den Gründe. Bezeichnenderweise haben sich in der stark
Bedingungen offener Märkte in Europa und im An- »vergemeinschafteten« Landwirtschaftspolitik sehr
gesicht von Globalisierungsprozessen bestellt sei, hat früh Handlungsformen für koordinierte Aktivitäten
Habermas sich vielfach eingelassen: herausgebildet. Mit der den Ausbau des Binnen-
marktes begleitenden Expansion seiner regulativen
»In dem Maße, wie die Europäer die unerwünschten sozia-
len Folgen wachsender distributiver Ungleichheiten balan- Politiken in den Bereichen des Arbeits-, Umwelt-
cieren und auf eine gewisse Reregulierung der Weltwirt- und Verbraucherschutzes hat sich der Bedarf nach
schaft hinwirken wollen, müssen sie auch ein Interesse an einer kontinuierlich tätigen »politischen Verwal-
der Gestaltungsmacht haben, die eine politisch handlungs- tung« dramatisch gesteigert. Das in der Agrarpolitik
fähige Europäische Union im Kreise der global player ge- entstandene Ausschusswesen kam in vielen Feldern
winnen würde«,
der regulativen Politik als »Komitologie« zu neuen
heißt es z. B. in dem Plädoyer für eine europäische Blüten. Zahlreiche, rechtlich schwache und dennoch
Verfassung (ZÜ, 112). Solche Aussagen treffen sich handlungsstarke »Europäische Agenturen« traten an
mit dem wachsenden Interesse an der europäischen ihre Seite. Die zunächst für die Sozialpolitik erdachte
Sozial- und Arbeitspolitik nicht wirklich. Anders als »offenen Koordinierungsmethode« wurde in immer
Habermas behandelt der europäische Konstitutiona- neue Sektoren übertragen. In der Sache handelt es
lismus die sozialpolitischen Implikationen der Inte- sich um ein Regieren, das sich rechtlich nur noch
gration pragmatisch als eine praktisch-politische schwer bändigen lässt. Diese Schwierigkeit stellt sich
Frage. Die Überwindung des in der Konstruktion sowohl in Bezug auf die Verstetigung der Koopera-
Europas angelegten sozialen Defizits wird deshalb tion nationaler und europäischer Akteure in den
nicht als konstitutive Voraussetzung für eine Demo- neuen »governance arrangements« als auch in Bezug
kratisierung der Union begriffen. Stattdessen be- auf den Einfluss von Experten aller Art, ohne die
grüßt man, was pragmatisch wenigstens als inkre- nirgendwo auszukommen ist.
menteller Fortschritt erscheint. Das gilt insbeson- Wenn und weil es sich um irreversible Entwick-
dere für die einschlägigen Elemente im Entwurf des lungen in Politikfeldern von wesentlicher Bedeutung
Verfassungsvertrages des Konvents, die sich weitge- handelt, sollte die Problematik ihrer rechtlichen Bin-
hend im Vertrag von Lissabon wiederfinden: das Be- dung auf der Agenda des europäischen Konstitutio-
kenntnis zu einer »in hohem Maße wettbewerbsfähi- nalismus hohe Priorität genießen. Die konstitutio-
gen sozialen Marktwirtschaft«, zur »sozialen Rechte- nelle Kernfrage ist, ob man in den »neuen Formen
98 II. Kontexte

des Regierens« einen neuen »demokratischen Expe- kung) müsse dem Sinn der Grundfreiheiten Rech-
rimentalismus« sehen darf, in dem die Rechtskate- nung tragen.
gorie sich in Kommunikationen auflösen soll (so vor Der verfassungspolitische Gehalt dieser Aussagen
allem Sabel/Zeitlin 2008), oder ob das Recht auf die mag in ihrer technisch-juristische Diktion nicht
Ablösung der traditionellen Steuerungsformen kon- ohne Weiteres erkennbar sein. In der Sache ist er
struktiv durch Prozeduralisierungen reagieren kann dramatisch: Der Europäische Gerichtshof erhebt
(Joerges 2008). In der Praxis der europäischen Poli- sich zur pouvoir constituant der Union. Er radikali-
tik setzt sich inzwischen ein institutionelles Design siert das ordoliberale Theorem von der Wirtschafts-
durch, das die Entscheidungsprozeduren zwar ge- verfassung dadurch, dass er die in der Theorie der
nau strukturiert, dabei aber vornehmlich Experten- sozialen Marktwirtschaft »interdependenten« Wirt-
kreise zu Wort kommen lässt und sich gegen regio- schafts- und Sozialordnungen nicht nur entkoppelt,
nale Differenzen und zivilgesellschaftliche Öffent- sondern die eine durch die andere ersetzt. Dies ist
lichkeiten abschottet. Dies gilt insbesondere für die ein Unterfangen, dem sich das Bundesverfassungs-
neuen Agenturen. Aber auch die europäische Komi- gericht in seinen beiden wirtschaftsverfassungs-
tologie sperrt sich gegen Forderungen nach einer rechtlichen Leitentscheidungen widersetzt hat – ein
»Konstitutionalisierung«, die den Ergebnissen der Weg, den der europäische Gesetzgeber nicht gehen
Ausschussverfahren bloß den Status von grundsätz- kann.
lich reversiblen Regelungsvorschlägen zugestehen Ist eine solche Kritik an der Aufkündigung der
wollen. Mehr als eine »Zuarbeit« (ZÜ, 128) darf ihr Sozialstaatlichkeit eine aussichtlose Don Quichotte-
ein demokratischer Konstitutionalismus jedoch rie? Darf man erwarten, dass eine Verteidigung der
nicht zugestehen. nationalstaatlichen Zuständigkeiten des alten Eu-
ropa nachholende sozialstaatliche Entwicklungen im
Neuralgische Punkte des Konstitutionalismus: Die So- neuen Europa begünstigen würde? Und hat nicht ei-
zialstaats-Problematik hat sich als ein Stolperstein gentlich Jürgen Habermas recht mit seiner Kritik an
der Konstitutionalisierung Europas erwiesen. In den den sozialdemokratischen Versuchen, »die Risiken
aktuellen Vertragsrevisionen wird sie stiefmütterlich der wirtschaftlichen Globalisierung für den Arbeits-
behandelt; die politische Praxis und Politikwissen- markt und die sozialen Sicherungssysteme im Rah-
schaftler versprechen sanfte Alternativen; die Bürger men des Nationalstaats aufzufangen«? Und »wäre
des alten Europas bekunden, wo sie direkt gefragt dieses Ziel nicht besser dadurch zu erreichen, dass
werden, ihren Unwillen: In dieser verfassungspoliti- die entsprechenden Politiken innerhalb des großen
schen Sackgasse hat nun der Europäische Gerichts- europäischen Wirtschaftsraums, mindestens aber
hof die Initiative ergriffen. In einer Serie von Urtei- innerhalb der Eurozone aufeinander abgestimmt
len, in denen sich immer um Konflikte zwischen würden?« (AE, 126). Die Unsicherheiten, mit denen
neu-europäischen Marktzutrittsinteressen und alt- es all diese Fragen zu tun haben, sind nicht über-
europäischen Sozialschutzbelangen ging, hat er eu- windbar. Sicher ist indessen, dass Argumentationen,
ropäisches Primar- und Sekundärrecht gegen natio- wie der Europäische Gerichtshof sie vorgelegt hat,
nales Arbeitsverfassungsrecht und das grundrecht- nicht tragfähig sind. Wahrscheinlich ist überdies,
lich verbürgte Streikrecht zur Geltung gebracht. Die wie der europaweite Protest der Gewerkschaften ge-
rechtlichen Einzelheiten dieses Fallrechts sind gen die neue Rechtsprechung zeigt, dass diese Judi-
durchaus kompliziert (dazu Joerges/Rödl 2008), die kative seine Autorität untergraben wird.
Grundsätze, nach denen der Europäische Gerichts- Die Diskurstheorie des Rechts ist infolge der skiz-
hof judiziert, aber sehr einfach: (1) Der Grundsatz zierten neuen Entwicklungen in eine Oppositions-
des Vorrangs des Primärrechts erfasse auch dem Pri- rolle gedrängt worden: Sozialstaatlichkeit gilt ihr als
märrecht widerstreitendes nationales Arbeitsverfas- konstitutives Element der Demokratie; Demokratie
sungsrecht. (2) Die Direktwirkung der Freiheits- ohne Rechtsstaatlichkeit ist für sie nicht denkbar;
rechte bedeute, dass nicht nur die Mitgliedstaaten, eine Institutionalisierung wirtschaftlicher Freiheiten
sondern auch die Gewerkschaften sie zu berücksich- und ökonomischer Rationalität ist kein Demokratie-
tigen haben. (3) Trotz der enumerativen Begrenzung ersatz. Warum plädiert Habermas, der dies alles sehr
europäischer Kompetenzen setzte das rudimentäre wohl weiß, so entschieden für eine europäische Ver-
europäische Sozialmodell sich gegen nationales fassung? Bereits in dem Essay von 1991 findet sich
Recht durch. (4) Die Abgrenzung der Reichweite des eine Antwort, die Habermas später näher erläutert
europäischen Sekundärrechts (seiner Vorrangwir- hat (ZÜ, 86 ff.): Verfassungsstaatliche Demokratien
19. Gerechtigkeit und Rawls 99

können die Einbeziehung der von ihrer Politik Be- 19. Gerechtigkeit und Rawls
troffenen in die innerstaatlichen Prozesse der Ent-
scheidungsbildung immer weniger gewährleisten.
Die Idee die Selbstgesetzgebung, nach der die Adres- Für Nietzsche und Sloterdijk ist Gerechtigkeit die
saten der Gesetze sich zugleich als deren Autoren Feindin der Freiheit. Bei aller Differenz liegt diesen
sollen verstehen können (ZÜ, 86), erfordert die »Ein- Positionen eine Vorstellung von Freiheit zugrunde,
beziehung des Anderen«. Sein Plädoyer für eine eu- bei der Gerechtigkeitsforderungen als Beschneidung
ropäische Verfassung ist normativ zwingend. Die der Selbstschöpfung und eines möglichst unbegrenz-
Aussichten für einen Konstitutionalisierungsprozess ten Handlungsspielraumes erscheinen. Für Jürgen
mit glücklichem Ausgang sind derzeit leider nicht Habermas hingegen kann Freiheit überhaupt nur
gut. mit Hilfe von Gerechtigkeit erklärt werden. Ohne
gerechte Verfahren, in denen wir als Autoren die
Literatur Reichweite und Grenze der Freiheit aller festlegen,
Abendroth, Wolfgang: »Begriff und Wesen des sozialen
kann es nur die willkürliche Freiheit Einzelner, nicht
Rechtsstaates, Diskussionsbeitrag«. In: Veröffentlichun- aber die Freiheit aller geben.
gen der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer 12 Diese moralische Grundintuition entfaltet er in
(1954), 85–91. seiner Konzeption der Verfahrensgerechtigkeit, die
Forsthoff, Ernst: »Begriff und Wesen des sozialen Recht- nicht in einem Einzelwerk gebündelt ist, sondern
staates«. In: Veröffentlichungen der Vereinigung der Deut-
sich als normatives Leitmotiv durch seine Moralthe-
schen Staatsrechtslehrer 12 (1954), 8–35.
Ipsen, Hans Peter: Europarecht. Tübingen 1972. orie, Rechtsphilosophie und seine Studien zur politi-
Joerges, Christian: »Integration durch Entrechtlichung?« schen Theorie zieht. Es lassen sich zwei Bereiche un-
In: Gunnar Folke Schuppert/Michael Zürn (Hg.): Gover- terscheiden, die gleichwohl eng miteinander verbun-
nance in einer sich wandelnden Welt. Politische Viertel- den sind: Die ›moralische Gerechtigkeit‹ wird im
jahresschrift, Sonderheft 41 (2008), 213–237.
Anschluss an in kantischer Tradition stehende Mo-
– /Rödl, Florian: »Von der Entformalisierung europäi-
scher Politik und dem Formalismus europäischer Recht- raltheorien entfaltet, und die ›politische Gerechtig-
sprechung im Umgang mit dem »sozialen Defizit« des keit‹ nimmt vor allem in seiner Rechtsphilosophie
Integrationsprojekts«. In: Kritische Justiz 41, 3 (2008), Konturen an. In diesem Zusammenhang stellt sich
149–165. auch die Frage nach der Gerechtigkeit auf transnati-
Judt, Tony: Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. onaler Ebene, die in den politisch-theoretischen
München/Wien 2006.
Keiser, Thorsten: »Europeanization as a (Challenge to Le- Schriften zur Konstitutionalisierung des Völker-
gal History«. In: German Law Journal 6, 2 (2005), (http:// rechts aufgegriffen wird.
www.germanlawjournal.com).
Manow, Philip: »Ordoliberalismus als ökonomische Ord- Moralische Gerechtigkeit: Mit dem Erscheinen von
nungstheologie«. In: Leviathan 29, 2 (2001), 179–198. Diskursethik – Notizen zu einem Begründungspro-
Mestmäcker, Ernst-Joachim: Wirtschaft und Verfassung in
der Europäischen Union. Beiträge zu Recht, Theorie und gramm (in MKH, 53–126) beginnt Habermas im
Politik der europäischen Integration. Baden-Baden 2003. Rahmen seiner Moraltheorie systematisch einen Be-
Sabel, Charles F./Zeitlin, Jonathan: »Learning from Diffe- griff der Gerechtigkeit zu entwickeln. Mit anderen
rence: The New Architecture of Experimentalist Gover- kantischen Gerechtigkeitstheorien geht Habermas
nance in the European Union«. In: European Law Jour- von dem Grundsatz aus, dass die praktische Ver-
nal 14, 3 (2008), 271–327.
Weiler, Joseph H.H.: »Fin-de-siècle Europe«. In: Renaud nunft ihre Prinzipien aus sich selbst heraus gewin-
Dehousse (Hg.): Europe After Maastricht: An Ever Closer nen kann. Der ›moralische Standpunkt‹, von dem
Union? München 1994, 203–216. aus moralische Handlungskonflikte unparteilich be-
Christian Joerges urteilt werden können, ist dann nicht der einer letzt-
begründeten Moral, des moralischen Realismus, des
Naturrechts oder des ›Philosophenkönigs‹. Vielmehr
wird die Unparteilichkeit durch Regeln und Verfah-
ren gewährleistet, die gerechte, d. h. verfahrens-
ethisch begründete Prinzipien hervorbringen.
Bereits bei Kant ist diese prozedurale Interpreta-
tion der Gerechtigkeit im Kategorischen Imperativ
angelegt - wenn man ihn nicht bloß als Handlungs-
maxime, sondern auch als Begründungsprinzip ver-
100 II. Kontexte

steht, welches besagt, dass gültige Handlungsmaxi- praktischen Vernunft verliert auf diese Weise ihren
men der allgemeinen Gesetzgebung dienen können monologischen Charakter, da es nicht ausreicht, aus
(Kant 1968, Bd. VII; siehe auch II.9). Der prozedu- Sicht irgendeines Anderen, die dann doch bloß
rale Charakter der Gerechtigkeit drückt sich in zwei meine auf die anderen projizierte Sicht ist, zu prüfen,
Aspekten aus: in der Forderung nach Autonomie, was als allgemein zustimmungsfähig erscheint. Bei
d.h. der Freiheit des Einzelnen, nach ›selbstgegebe- Scanlon muss jeder aus seiner Perspektive beurtei-
nen Gesetzen‹ zu handeln, und in der Erwartung ei- len, welche Handlungsweisen als allgemeine Praxis
ner allgemeinen Konsensfähigkeit der entsprechen- von niemandem im Kreis der Betroffenen aus guten
den Handlungsweisen. Diese moralischen Grundan- Gründen zurückgewiesen werden können. Das ver-
nahmen werden von den zeitgenössischen kantischen langt jedem Einzelnen ein begründetes Einverständ-
Gerechtigkeitstheorien, mit denen Habermas sich nis ab. Statt einer Gerechtigkeitsperspektive, die den
auseinandersetzt, noch stärker verfahrensethisch ak- Parteien übergestülpt wird, müssen sich die Beteilig-
zentuiert – wenn auch auf unterschiedliche Weise ten wenigstens virtuell eine intersubjektive Einigung
(ED, 54). vorstellen, die sie als gerecht ansehen (ED, 57).
John Rawls, der zweifellos eine der einflussreichs- Scanlon wie auch Habermas greifen nicht zufällig
ten Gerechtigkeitstheorien des 20. Jahrhunderts vor- auf George Herbert Meads Theorie des Symboli-
gelegt hat, bedient sich zur Begründung der Gerech- schen Interaktionismus zurück. Die Vorstellung,
tigkeitsprinzipien der Vertragstheorie (Rawls 1972). dass ein Interaktionsteilnehmer die Perspektive des
Die privatrechtlich am rationalen Eigeninteresse ori- anderen übernimmt, wird nicht als Ergänzung, son-
entierten Vertragsparteien entscheiden bekannter- dern explizit als Alternative zum Vertragsmodell
weise unter den Bedingungen des ›Urzustandes‹: Sie entwickelt (MKH; ED, 58; TKH II, 141 f.). Auch Law-
genießen gleiche Wahlfreiheit und orientieren sich rence Kohlberg, der für die Begründung von ›ge-
an ihrem rationalen Eigeninteresse. Durch den soge- rechten Prinzipien‹ und die entwicklungspsycholo-
nannten ›Schleier des Nichtwissens‹ (der die betei- gische Grundlage von moralischem Handeln in Ha-
ligten Parteien in Unkenntnis ihres jeweiligen zu- bermas’ Theorie von großer Bedeutung ist, erläutert
künftigen gesellschaftlichen Status belässt) sind die den moralischen Gesichtspunkt mithilfe des Begriffs
Vertragsparteien gezwungen, sich nacheinander die der idealen Rollenübernahme (Kohlberg 1981). Aus-
Sichtweisen aller Beteiligten anzueignen, da sie nach gehend von einer überschaubaren Perspektivüber-
dem ›Lüften des Schleiers‹ in einer gesellschaftlich nahme zwischen Alter und Ego, bei der sich beide
nachteiligen Situation sein könnten. Auf diese Weise im Falle eines moralischen Konfliktes reziprok in die
ist durch die Rahmenbedingungen auch der ratio- Erwartungen, Interessen, Wertorientierungen des
nale Egoist gezwungen, einen moralischen Stand- anderen einfühlen, muss die Prüfung der Universali-
punkt einzunehmen. Für Habermas bleibt dennoch sierbarkeit auf eine Gruppe und letztlich auf die uni-
bei Rawls ein Moment des Voluntarismus, da den verselle Austauschbarkeit aller Perspektiven erwei-
auf »den Verstand von Privatrechtssubjekten« zuge- tert werden. Die Gefahr einer ›emotivistischen Ver-
schnittenen Vertragspartnern die über eine bloße einseitigung‹, bei der ein intuitives Verständnis für
Kalkulation eigener Interessen hinausreichende die Lage der Einzelnen eine größere Rolle spielt als
»Einsicht« in die Richtigkeit ihrer Entscheidungen die intersubjektive Anerkennung ihrer Argumente,
fehlt (ED, 56). Diese moralisch-praktische Erkennt- durch die die Beteiligten zur Einsicht in die Richtig-
nis bleibt – in einem Anflug von Restplatonismus – keit ihres Handelns und zu Einstellungsänderungen
dem Theoretiker überlassen (Habermas 1996, 179). gelangen können, ist für Habermas unausweichlich.
Dieses Problem hat der amerikanische Philosoph Die »diskursethische Alternative« (ED, 69) basiert
Thomas Scanlon, so Habermas, durch eine entschei- denn auch auf der Rechtfertigung von Normen. Diese
dende Revision des kantischen Vertragsmodells we- sind dann gerecht, wenn sie das Ergebnis eines ›re-
sentlich überzeugender gelöst. An die Stelle des kan- flexiven‹ Diskurses sind, d.h. eines Diskurses, in dem
tischen Sittengesetzes, das jeder durch die praktische auch die Verfahren selbst, die zu gerechten Prinzi-
Vernunft einsehen kann, tritt der Wunsch der Ein- pen führen, auf die Bedingungen der Argumenta-
zelnen, die eigene Praxis gegenüber allen möglicher- tion, die alle Beteiligten zur idealen Rollenüber-
weise davon Betroffenen überzeugend zu rechtferti- nahme anhält, überprüft werden (ED, 632).
gen. Das geschieht auf Basis von »Gründen, die man Anfang der 1980er Jahre kritisierte Carol Gilligan
vernünftigerweise nicht zurückweisen kann« (Scan- Kohlbergs Annahme, dass sich moralisches Urteilen
lon 1982, 110; 1998). Die Rawls’sche Deutung der über sechs Entwicklungsstufen hin zu einer zuneh-
19. Gerechtigkeit und Rawls 101

menden Universalisierung begründen lässt (Gilligan sophie und in seinen Arbeiten zur politischen Theo-
1982). Gilligan warf Kohlberg vor, durch eine einsei- rie aufgegriffen wird (FG, 375 f., 380 ff.; EA, 247 ff.).
tige Fragestellung die Gerechtigkeitsurteile allein auf
›vernunftbasierte‹ Einschätzungen zu beziehen und Politische Gerechtigkeit: In der Rechtsphilosophie än-
anderes Wissen, alternative Umgangsweisen mit mo- dert die Verfahrensgerechtigkeit ihr Erscheinungs-
ralischen Konflikten und damit die Sorge (care) für- bild, ohne ihren normativen Kern zu verlieren. Ging
einander, die auf die Einzigartigkeit von Personen es in Habermas’ Moraltheorie um die moralische
und die Nahbeziehungen zwischen Menschen ab- Rechtfertigung der Verfahren zur Bestimmung von
zielt, vollkommen auszublenden. Kohlberg sah sich gerechten Prinzipien, so werden in der Rechtsphilo-
veranlasst, auf diese Einwände zu reagieren und ver- sophie im Prozess der politischen Rechtfertigung
suchte, Gerechtigkeit (justice) und das Wohl des Prinzipien zur Begründung der politischen Grund-
Nächsten (benevolence) zusammenzuführen (Kohl- struktur einer Rechtsgemeinschaft entwickelt (zur
berg et al. 1986) – ein Anliegen, an dem er letztlich Differenzierung von Moral, Recht und Politik vgl.
scheiterte, da für ihn die Integrität des Einzelnen nur Forst 1994). Im moralischen Kontext wird das Ver-
auf den ersten Blick den Gerechtigkeitsfragen unver- fahren beschrieben, mit dem die hypothetische Ge-
söhnlich gegenübersteht und die ›Fürsorge‹ letztlich meinschaft aller Menschen sich auf moralische und
nur einen Aspekt der ›Gerechtigkeit‹ darstellt (s. prozedurale Prinzipien einigt, die ihr Zusammenle-
auch Kap. II.10). ben regeln. Ausgehend von den moralisch gerecht-
Habermas nimmt Gilligans Vorschlag, die ethi- fertigten Prinzipien wird das gerechte Verfahren
sche Perspektive auf das Wohl des Nächsten zu be- dann im Kontext einer politischen Rechtsgemein-
rücksichtigen, zum Anlass, Solidarität als die andere schaft der Bürger verankert, mit dem Ziel, sich auf
Seite der Gerechtigkeit einzuführen (ED, 70 ff.). Jede gerechte politische Institutionen zu verständigen.
deontologische Gerechtigkeitstheorie müsse zwei Dazu gehören Verfassungsrechte und Menschen-
Aufgaben erfüllen: die Gleichbehandlung sowie den rechte ebenso wie Regeln, die die soziale Gerechtig-
gleichmäßigen Respekt vor der Würde des Einzelnen keit oder die Anerkennung kultureller Lebensfor-
fordern und die intersubjektiven Beziehungen rezi- men betreffen.
proker Anerkennung schützen. Seyla Benhabib, die Die Begründung eines Systems von Rechten hat
Gilligans Kritik ebenfalls aufgreift, bringt diese Dop- Habermas in gleich weitem Abstand von liberalen
pelseitigkeit der diskurstheoretischen Gerechtigkeit Theorien, die einen Vorrang der klassischen Frei-
auf den Punkt, indem sie zwei Standpunkte vor- heitsrechte vertreten, wie von republikanischen Theo-
schlägt, die mit der Unterscheidung Gerechtigkeit/ rien vorgenommen, die den politischen Teilnahme-
Solidarität korrespondieren: den Standpunkt des rechten Priorität einräumen. Für Habermas’ Idee
›verallgemeinerten Anderen‹, der uns dazu bewegt, ›politischer‹ Gerechtigkeit ist die u. a. in Diskussion
jedes Individuum als Wesen mit gleichen Rechten mit Klaus Günther und Ingeborg Maus entwickelte
und Pflichten anzuerkennen, und den des ›konkre- Annahme entscheidend, dass das Verhältnis von
ten Anderen‹, der uns veranlasst, den anderen mit subjektiven Freiheitsrechten und Volkssouveränität,
seiner ganzen Individualität, bestimmten Geschichte von Recht und Politik, komplementär ist. Die demo-
und affektiv-emotionalen Konstitution zu sehen kratische Genese und nicht ein apriorisches Rechts-
(Benhabib 1995, 182 ff., vgl. auch Wingert 1993, der prinzip, dem das Gesetz entsprechen muss, sichert
zwischen ›gerechtem‹ und ›solidarischem‹ Respekt die Gerechtigkeit der Verfassungsrechte und der Ge-
unterscheidet). Erst wenn beide Standpunkte einge- setze (Maus 1992). Die subjektive Freiheit wiederum
nommen und aufeinander bezogen werden, könne erlaubt, aus dem kommunikativen Handeln ›auszu-
nach Benhabib eine »epistemologische Blindheit« steigen‹ und sich in eine Privatheit zurückzuziehen,
(ebd., 182) gegenüber Fragen des guten Lebens und die von der Last gegenseitig zugemuteter kommuni-
damit Ungerechtigkeit vermieden werden (vgl. auch kativer Freiheit befreit (Günther 1992; s. Kap. II.14).
III.11). Damit bezieht sich das Diskursmodell der Hier wird auch der Zusammenhang zwischen
Gerechtigkeit weiterhin auf das Prinzip der rezipro- ›moralischer‹ und ›politischer Gerechtigkeit‹ deut-
ken und allgemeinen Rechtfertigung von Normen lich. Erstere geht letzterer logisch voraus (Forst 1999,
gegenüber allen Betroffenen und unterläuft dennoch 151): Die im moralischen Kontext begründeten
die starre Grenze zwischen Gerechtigkeit und dem Prinzipien ›regieren‹ die Verfahren zur Rechtsset-
guten Leben, wie sie etwa bei Rawls besteht – ein zung; im Rechtssetzungsverfahren verbindet sich ein
Vorschlag, der von Habermas in seiner Rechtsphilo- Netz von pragmatischen, moralischen und juridi-
102 II. Kontexte

schen Diskursen mit Verhandlungen, die auf ver- Während John Rawls’ Vorschlag für innerstaatliche
schiedenen Wegen miteinander in Verbindung tre- soziale Gerechtigkeit (›Differenzprinzip«) auf inter-
ten und die zu einer begründeten Übereinkunft füh- nationaler Ebene auf eine »Pflicht, den Völkern zu
ren. Im Begründungsdiskurs selbst trumpfen helfen«, reduziert wird, wenn diese bereit sind, sich
letztlich die moralischen Argumente (Habermas zu »wohlgeordneten« Gesellschaften zu entwickeln
1996a, 1612): Gerechte Verfahren bringen verallge- (Rawls 2002, 41), zieht sich Thomas Nagel auf den
meinerbare und damit auch gerechte Ergebnisse her- Standpunkt zurück, dass es keine Gerechtigkeit zwi-
vor. schen Staaten oder deren Bürgern geben kann, so-
Das Verhältnis zwischen Gerechtigkeit und Poli- lange es keinen transnationalen Souverän gibt, der
tik ist auch Gegenstand der Diskussion zwischen die Pflichtbefolgung durch legitimes zwingendes
Rawls und Habermas, die 1995 im Journal of Philoso- Recht erwirken kann (Nagel 2005). Auf der univer-
phy erschien (dt. 1996). Motiviert durch die Wahr- salistischen Seite des Theoriespektrums argumen-
nehmung einer kulturellen und weltanschaulichen tiert Peter Singer für eine universelle »positive Hilfs-
Pluralität, unterstreicht Rawls seit den »Dewey Lec- pflicht«. Wie es moralisch falsch ist, ein ertrinkendes
tures« (Rawls 1998) den politischen Charakter sei- Kind nicht zu retten, auf das wir zufällig beim Spa-
ner Gerechtigkeitstheorie. Die vertragstheoretisch ziergang stoßen, machen wir uns schuldig, wenn wir
begründete Gerechtigkeitstheorie wird daraufhin nicht regelmäßig spenden (Singer 2007).
geprüft, ob sie in einer pluralen Gesellschaft auf Ak- Aus Habermas’ Projekt einer »Weltinnenpolitik«
zeptanz stoßen kann. Dies geschieht in einer öffent- ergibt sich eine doppeldeutige Auffassung supranati-
lichen Diskussion, in der sich zeigen muss, dass die onaler Gerechtigkeit. Auf der einen Seite fußt es auf
›Gerechtigkeit als Fairness‹ einen »übergreifenden einem minimalistischen ›realistischen« Ansatz, wo-
Konsens« herstellen kann (Rawls 1998, §3). Rawls nach die Weltinnenpolitik der Aufrechterhaltung
stellt sich in diesem Fall nicht virtuelle, sondern ganz des Friedens höchste Priorität vor allen anderen Zie-
reale Bürger vor, die tatsächlich über die Stabilität len einräumt; die Gerechtigkeitskonzeption be-
der Theorie zu entscheiden haben – mit offenem schränkt sich hierbei auf die Vermeidung von Krie-
Ausgang (ebd., 65). Dennoch zeigt sich für Haber- gen und die Garantie der Menschenrechte auf Frei-
mas darin ein falsches Verständnis einer ›politi- heit (GW, 140–143). Andererseits basiert sein Projekt
schen‹ Gerechtigkeitstheorie: Die Bürger können auf einem eher ehrgeizigen ›utopischen« Ansatz, der
sich nicht von der Gerechtigkeitstheorie überzeu- eine globale Regierungsorganisation vorschlägt, die
gen, bevor sie in einen Konsens einwilligen, sondern die Weltinnenpolitik nach Prinzipien globaler Ge-
der Wert der bestehenden Theorie wird bereits vor- rechtigkeit lenken soll; diese Gerechtigkeitsprinzi-
ausgesetzt (Habermas 1996, 183). Es fehlt offensicht- pien sollen von einer Weltorganisation und ihrer
lich eine Verbindung zwischen der Gültigkeit der Charta repräsentiert werden (Habermas 2007, 450).
Theorie und einer Überprüfung derselben unter den Dabei wird eine Trennlinie zwischen den klar defi-
Bedingungen der Pluralität. Damit verschenkt Rawls nierten Aufgaben gezogen, die die Gerechtigkeit auf
die Möglichkeit, Gerechtigkeit an politische Freiheit supranationaler Ebene übernehmen soll (in erster
zu binden. Anders als die älteren (substantiellen) Be- Linie, den Frieden zu bewahren), einerseits und al-
griffe der Gerechtigkeit, die auf dem guten Leben len anderen transnationalen Aufgaben ›politischer
oder dem Gemeinwohl aufruhen, ist mit den moder- Art‹ andererseits (der Gestaltung von ökonomi-
nen Rechtssystemen die Vorstellung erwachsen, dass schen Regelwerken und von Umweltschutzstan-
Gerechtigkeit und Freiheit aufeinander bezogen dards, der Förderung der Künste und der Aufstel-
sind: In der demokratischen Realisierung individu- lung von sozialpolitischen Standards; s. auch Kap.
eller Freiheit zeigt sich eine gerechte politische Ord- II.17, III.17).
nung – und, so ließe sich ergänzen, die Solidarität In einer ersten Lesart, die den minimalistischen
der Rechtsgenossen (Brunkhorst 2002). Ansatz untermauert, stellen die negativen Pflichten
einer universalistischen Moral der Gerechtigkeit –
Globale Gerechtigkeit: Globale Probleme wie welt- »die Pflicht zur Unterlassung von Angriffskriegen
weite Armut und die Exklusion ganzer Bevölke- und von Menschheitsverbrechen« – die Grundlage
rungsteile von Arbeit, Bildung und einer funktionie- für die Rechtsprechung der internationalen Gerichte
renden Gerichtsbarkeit haben die Frage aufgewor- und die politischen Entscheidungen der UN dar
fen, ob Gerechtigkeit als normativer Maßstab auch (GW, 142). Hier bleibt für Armutsbekämpfung auf
jenseits des Nationalstaates Gültigkeit haben sollte. supranationaler Ebene kein Raum; dies scheint ein
19. Gerechtigkeit und Rawls 103

Teil der transnationalen Agenda zu sein, die Gegen- Caney, Simon: Justice beyond Borders: A Global Political
stand von politischen Verhandlungen ist. Theory. Oxford 2005.
Forst, Rainer: Kontexte der Gerechtigkeit. Politische Philoso-
Habermas ließe sich aber auch auf eine andere,
phie jenseits von Liberalismus und Kommunitarismus.
normativ ehrgeizigere Weise lesen: Demnach gäben Frankfurt a. M. 1994.
die Vereinten Nationen den normativen Rahmen für –: Die Rechtfertigung der Gerechtigkeit. Rawls’ Politischer
die Weltpolitik im Allgemeinen vor – einschließlich Liberalismus und Habermas’ Diskurstheorie in der Dis-
der politischen Prozesse auf transnationaler Ebene. kussion. In: Hauke Brunkhorst/Peter Niesen (Hg.): Das
Die Aufgaben werden zwischen diesen beiden Ebe- Recht der Republik. Frankfurt a.M. 1999, 105–169.
Gilligan, Carol: Die andere Stimme. München 1982.
nen nach Maßgabe funktioneller Anforderungen, Günther, Klaus: »Die Freiheit der Stellungnahme als politi-
die von Wirtschaftsorganisationen wie der WTO sches Grundrecht – eine Skizze«. In: Peter Koller/Csaba
und ebenso von UN-Organisationen wie der WHO Varga/Ota Weinberger (Hg.): Theoretische Grundlagen
erfüllt werden müssen, aufgeteilt, sind aber nicht der Rechtspolitik. Beiheft zum Archiv für Rechts- und So-
von vorneherein festgelegt (NR, 335). Eine themati- zialphilosophie H. 54 (1992), 59–72.
Habermas, Jürgen: »Versöhnung durch öffentlichen Ver-
sche Aufgabenteilung zwischen Moral und Politik, nunftgebrauch«. In: Philosophische Gesellschaft Bad
die dem diskursiven Verfahren vorausläge, wäre mit Homburg/Wilfried Hinsch (Hg.): Zur Idee des politi-
dem Anspruch der Verfahrensgerechtigkeit auch un- schen Liberalismus. Frankfurt a.M. 1996, 169–195 (urspr.
vereinbar. in: Journal of Philosophy Bd. XCII, 1995).
Aus Sicht einiger Theoretiker spricht viel für diese –: »Replik auf Beiträge zu einem Symposion der Benjamin
N. Cardozo School of Law«. In: Cardozo Law Review:
zweite Lesart. Dafür werden mindestens drei Argu- Habermas on Law and Democracy: Critical Exchanges
mente angeführt: Erstens sehen wir – konsequen- Part II, Bd. 17, Nr. 4–5 (1996a), 1559–1645.
zialistisch betrachtet –, dass jedes Jahr mehr Men- –: »Kommunikative Rationalität und grenzüberschreitende
schen an vermeidbaren, durch Armut verursachten Politik: eine Replik«. In: Peter Niesen/Benjamin Her-
Krankheiten und an anderen Formen des Mangels borth (Hg.): Anarchie der kommunikativen Freiheit. Jür-
gen Habermas und die Theorie der internationalen Po-
sterben, als bei Kriegen getötet werden. Dies ist litik. Frankfurt a. M. 2007, 406–460.
Grund genug, um diese Frage auf die supranationale Kant, Immanuel: Grundlegung der Metaphysik der Sitten
Bühne zu heben (Pogge 2002; Kreide 2007). Zwei- [1786]. In: Werkausgabe. Bd. VII. Hg. von Wilhelm
tens ist die Armut auf der Welt nicht von den Betrof- Weischedel. Frankfurt a. M. 1991.
fenen selbst verschuldet, sondern es ist davon auszu- Kohlberg, Lawrence: Essays on Moral Development: Vol.1.
The Philosophy of Moral Development. Vol. 2. The Psy-
gehen, dass einige Akteure von den weltweiten öko- chology of Moral Development. San Francisco 1981.
nomischen, finanziellen und politischen Regeln in – /Boyd, Dwight R./Levine, Charles: »Die Wiederkehr der
einer Weise profitieren, die andere in eine desperate sechsten Stufe«. In: Wolfgang Edelstein/Gertrud Nun-
Situation zwingen (O’Neill 2000; Caney 2005). Und ner-Winkler (Hg.): Bestimmung der Moral. Frankfurt
schließlich müsste die Beantwortung der Frage, was a. M. 1986, 205–240.
Kreide, Regina: »Neglected Injustice: Poverty as a Violation
in den Bereich der Gerechtigkeitstheorie gehört und
of Social Autonomy«. In: Thomas Pogge (Hg.): Freedom
was politischen Verhandlungen mit ungewissem from Poverty. Who Owes What to the Very Poor. Oxford
Ausgang überlassen bleibt, »der internen Logik des 2007, 155–183.
Moraldiskurses folgen« (Lafont 2009). Gerechtig- Lafont, Cristina: »Alternative Visions of a New Global Or-
keitsfragen seien nämlich nicht ›politisch‹ in dem der: What Should Cosmopolitans Hope for?«. In: Soziale
Sinn, dass sie durch Kompromisse beantwortet wer- Welt 2009, 231–350.
Maus, Ingeborg: Zur Aufklärung der Demokratietheorie.
den könnten. Frankfurt a. M. 1992.
Die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Ge- Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft aus
rechtigkeit, Freiheit und Politik jenseits des Natio- der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt a.M. 1968
nalstaates hat im Zuge der Krise der Globalisierung (engl. 1934).
an besonderer Brisanz gewonnen und gerade erst Nagel, Thomas: »The Problem of Global Justice«. In: Phi-
losophy & Public Affairs 33, 2 (2005), 113–147.
begonnen. O’Neill, Onora: »Transnational Economic Justice«. In:
Dies.: Bounds of Justice. Cambridge 2000, 115–142.
Literatur Pogge, Thomas: World Poverty and Human Rights: Cosmo-
politan Responsibilities and Reforms. Cambridge 2002.
Benhabib, Seyla: Selbst im Kontext. Kommunikative Ethik Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a.M.
im Spannungsfeld von Feminismus, Kommunitarismus 1972 (engl. 1971).
und Postmoderne. Frankfurt a. M. 1995 (engl. 1992). –: Politischer Liberalismus. Frankfurt a. M. 1988 (engl.
Brunkhorst, Hauke: Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft 1993).
zur globalen Rechtsgenossenschaft. Frankfurt a. M. 2002. –: Erwiderung auf Habermas. In: Philosophische Gesell-
104 II. Kontexte

schaft Bad Homburg/Wilfried Hinsch (Hg.): Zur Idee


des politischen Liberalismus. Frankfurt a. M. 1996, 196–
20. Dekonstruktivistische
265 (urspr. in: Journal of Philosophy Bd. XCII, 1995). Diskurse
–: Das Recht der Völker. Berlin 2002 (engl. 1999).
Scanlon, Thomas: »Contractualism and Utilitarianism«. In:
Bernard Williams/Amartya Sen (Hg.): Utilitarianism 1. Der Kontext von Habermas’ Auseinandersetzung
and Beyond. Cambridge, Mass. 1982. mit Derrida liegt in der Debatte um das Verhältnis
–: What We Owe to Each Other. Cambridge, Mass. 1998. von Moderne und Postmoderne (s. hierzu Kap. II.21;
Singer, Peter: »Hunger, Wohlstand und Moral«. In: Barbara III.8; III.12). In seiner Adornopreis-Rede (1980)
Bleisch/Peter Schaber (Hg.): Weltarmut und Ethik.
Paderborn 2007, 37–52 (engl. »Famine, Affluence, and hatte Habermas das unvollendete Projekt der Mo-
Morality«. In: Philosophy & Public Affairs 1,3 (1972), derne verteidigt und unter dessen Gegnern neben
229–243). Alt- und Neokonservativen eine Gruppe von »Jung-
Wingert, Lutz: Gemeinsinn und Moral. Gründzüge einer konservativen« ausgemacht, zu denen er Foucault
intersubjektivistischen Moralkonzeption. Frankfurt a. M. und Derrida zählte (MUP, 1980). In Der philosophi-
1993.
Regina Kreide sche Diskurs der Moderne (DM, 1985) legt Habermas
in zwei Kapiteln zu Derrida ausführlicher dar, was
ihn zu dieser Einschätzung bewogen hatte und er-
läutert, inwiefern Derridas Philosophie eine Form
radikalisierter Vernunftkritik darstellt, die in seinen
Augen eine unzulängliche Antwort auf die Entzwei-
ungen der Moderne enthält. Diese Darstellung wie
die sich daran anschließende breitere Debatte in
Deutschland, Frankreich und den USA war durch
polemische Intensität und politische Schärfe geprägt
und hatte weitreichende Wirkungen für institutio-
nelle und theoriepolitische Konfliktlinien. In der
Folge eines zufälligen Zusammentreffens in Evans-
ton und eines Austauschs in Frankfurt im Jahre 2000
wurden die wechselseitigen Bezugnahmen der bei-
den Protagonisten offener, was sich auch in einer ge-
meinsamen Publikation (Habermas/Derrida 2006)
und einem gemeinsamen Aufruf (vgl. Thomassen
2006, 270 ff.) niederschlug. Die philosophischen Dif-
ferenzen scheinen aber trotz der anderen Tonlage in
keiner Weise ausgeräumt.
Es ist von verschiedenen Seiten mit Gründen be-
zweifelt worden, ob Habermas in seiner Darstellung
in Der philosophische Diskurs der Moderne die
Derrida’schen Schriften zutreffend rekonstruiert
und kulturell wie politisch angemessen verortet hat.
Statt aber die möglichen Probleme von Habermas’
Darstellung und der jeweiligen kritischen Entgeg-
nungen hier Punkt für Punkt nachzuzeichnen,
scheint es erhellender, in gewissem Abstand zur De-
batte die allgemeineren und systematischen Dimen-
sionen zu benennen, in denen Habermas’ und Der-
ridas Position einander herausfordern.

2. Universalpragmatik und ultra-transzendentale


Analyse der ›Schrift‹: Derridas Analyse der Form
sprachlichen Bedeutens, die er in kritischer Ausein-
andersetzung mit der Phänomenologie Husserls,
dem Strukturalismus Saussures und der Sprechakt-
20. Dekonstruktivistische Diskurse 105

theorie Austins entfaltet hat, stellt methodisch wie Diese Konzeption ist zwar nicht, wie manches
inhaltlich eine Herausforderung für eine Universal- Mal kritisch eingewandt wurde, zwingend damit un-
pragmatik des Habermas’schen Typs dar. Die Wende vereinbar, dass es in der alltäglichen Lebenswelt und
von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie, die in verselbständigten Systemen der Moderne zur
Habermas als entscheidende methodische Voraus- Ausbildung stabiler Bedeutungen und Ordnungen
setzung für eine Antwort auf die Aporien im moder- kommt (sie impliziert lediglich, dass eine nicht na-
nen Selbstverständnis betrachtet, ist bei Derrida, wie türliche Stabilisierung und Verdeckung der struktu-
Habermas selbst festhält (DM, 193), vollzogen. Nicht rellen Instabilität dazu erforderlich ist); sie zielt aber
das transzendentale Subjekt, sondern das als in jedem Fall darauf, den Status der Idealisierungen
»Schrift« im verallgemeinerten Sinne verstandene in Frage zu stellen, die Habermas durch die in kom-
Bedeutungsgeschehen ist die für die Analyse ent- munikativen Akten implizierten Geltungsansprüche
scheidende Instanz. Die Bestimmung dieses Bedeu- (der Verständlichkeit, Wahrheit, Wahrhaftigkeit und
tungsgeschehens unterscheidet sich im Weiteren normativen Richtigkeit) artikuliert. Das Bedeu-
dann gewiss sehr deutlich von derjenigen, die Ha- tungsgeschehen erscheint in Derridas Beschreibung
bermas vorgeschlagen hat. In methodischer Hinsicht so verfasst, dass die in ihm implizierten Ansprüche
ist aber zunächst bemerkenswert, dass sich die Ana- auf eine Weise prekär und uneinholbar sind, dass
lyseformen auf einem abstrakten Niveau näher kom- mehr als ein einfaches fallibilistisches Bewusstsein
men, als Habermas selbst es nahelegt, wenn er der erforderlich scheint. Das hat zu dem Verdacht ge-
Dekonstruktion den Versuch zuschreibt, Vernunft- führt, die Dekonstruktion Derrida’schen Typs sei der
kritik in den Bereich der Rhetorik zu versetzen, und von ihr kritisierten Metaphysik noch so sehr verhaf-
ihr attestiert, stilkritisch statt analytisch zu verfahren tet, dass sie allenfalls in einen komplementären
(DM, 223 ff.). So wie Habermas’ Universalpragmatik Skeptizismus führen könne. Aus der dekonstrukti-
als eine Fortentwicklung transzendentaler Analyse ven Perspektive erscheint umgekehrt fraglich, ob
auftritt (VE, 379 ff.), so haben sich Derridas Untersu- nicht Habermas – so sehr er sich auch von Apel ab-
chungen zunächst als ›ultra-transzendentale‹ Ana- heben mag – einer metaphysischen Konzeption der
lyse präsentiert: Bei beiden Autoren wird der Begriff Kommunikation verhaftet und darin auf Ideen im
des transzendentalen Subjekts zugunsten der Ana- kantischen Sinne auf problematische Weise angewie-
lyse der strukturellen Voraussetzungen eines sozia- sen bleibt.
len Geschehens preisgegeben und den analysierten Die grundsätzlichen Spannungen in der Auffas-
Voraussetzungen kommt dabei ein ›quasi-transzen- sung kommunikativer Praktiken, die zwischen Der-
dentaler‹ Status in dem Sinne zu, dass diese nicht un- rida und Habermas bestehen, hängen zusammen
abhängig von empirischen Untersuchungen er- mit unterschiedlichen Auffassungen über (1) die
schlossen werden können. Rolle des Subjekts und die Form intersubjektiver Re-
Derrida arbeitet jedoch im Zuge seiner quasi- lationen, (2) den Status des Ästhetischen und (3) die
oder ultra-transzendentalen Analyse nicht jene Gel- Auffassungen der ›emanzipativen‹ Potentiale kom-
tungsansprüche heraus, die Habermas zufolge mit je- munikativer Praktiken.
der Kommunikation notwendig erhoben werden
und deren Einlösbarkeit unterstellt wird. Er hebt viel- 2.1 Subjektivität, Intersubjektivität, Alterität: Zwi-
mehr auf grundlegende Strukturmerkmale sinnhaf- schen Habermas und Derrida bestehen bedeutende
ter Akte ab, die paradoxe Wirkungen entfalten und Differenzen in der Frage, auf welche Weise das sub-
die Einlösbarkeit der universalpragmatisch formu- jektphilosophische Paradigma der Philosophie zu
lierten Geltungsansprüche gerade in Frage stellen. überschreiten ist und mit welchem Verständnis von
Die betreffenden Strukturmerkmale (etwa: die Diffe- Sozialität dies einhergehen muss. Habermas ver-
rentialität und Iterabilität sinnhafter Akte) stellen dächtigt Derrida, dem subjektphilosophischen Para-
mit einer bekannten Formulierung Derridas zugleich digma einerseits noch zu sehr verhaftet zu sein (da
›Bedingungen der Möglichkeit‹ der Bedeutung wie er die Ursprungsphilosophie nur ein weiteres Mal
›Bedingungen der Unmöglichkeit‹ ihrer strikten radikalisiert habe), sowie andererseits zugleich über
Reinheit dar (vgl. Derrida 1999, 82; 2001, 43). Die er- das Ziel hinausgeschossen zu sein, insofern er sich
möglichten Bedeutungsakte erscheinen mithin als ganz einem als ›subjektlos‹ verstandenen Bedeu-
wesentlich prekär und instabil, und die Analysen tungsgeschehen überlassen habe (DM, 210 f.; ND,
Derridas erhalten einen aporetischen oder »hetero- 244 ff.). Aus einer Derrida’schen Perspektive liegt im
logischen« Charakter (vgl. hierzu Gasché 1986). Gegenzug die Vermutung nahe, dass die intersubjek-
106 II. Kontexte

tive Vorstellung des Sozialen bei Habermas von dem terarisierte Philosophie und eine als Metaphysikkri-
Modell einer idealen Kommunikationsgemeinschaft tik begriffene Literaturkritik ihre jeweils spezifi-
beherrscht bleibt, das eine bloße Variante der sub- schen kognitiven Potentiale verlieren. Richard Rorty
jektphilosophisch informierten Idee der Selbsttrans- hat Derridas Projekt in Habermas zunächst ähnli-
parenz darstellt und in letzter Konsequenz das Ende cher Weise als eine neue ›Form des Schreibens‹ auf-
der Kommunikation impliziere (Wellmer 2007, gefasst, wenngleich er die Wirkungen dieser ›phi-
190 f.). losophischen Literatur‹ nicht wie Habermas für
An diesen jeweils etwas schematischen wechsel- gefährlich hielt, sondern vielmehr eine Komplemen-
seitigen Verdachtsmomenten zeichnet sich eine Dif- tarität annahm zwischen dem philosophischen Pro-
ferenz im Verständnis der Struktur und der Teleolo- jekt von Habermas, das Probleme unserer öffentli-
gie des Sozialen ab. Während für Habermas das Te- chen liberalen Sphäre zu lösen helfe, und Derridas
los der Kommunikation Verständigung und mehr Schreibvorhaben, das als das Angebot eines privaten
noch: Einverständnis ist, und das Modell sozialer Ironikers unsere Vokabulare und Sichtweisen erwei-
Relation ein symmetrisches ist, charakterisiert Der- tern mag (exemplarisch Rorty 1995).
rida das Soziale strukturell durch dissymmetrische Derrida selbst hat sich deutlich dagegen verwahrt,
Beziehungen und versteht die Erfahrung von Sozia- dass er auf die Einebnung des Gattungsunterschie-
lität als geprägt durch ein Bezogensein und Betrof- des gezielt oder das Vorhaben einer argumentativen
fensein von einem Anderen, der nicht gänzlich Philosophie habe hinter sich lassen wollen (Derrida
durchsichtig werden kann und sich als Anderer in 1988; 1998; 1999; 2001). Stattdessen habe er viel-
bestimmtem Sinne notwendig entzieht. Wenn es für mehr versucht, die Form dessen, was als philosophi-
Derrida so etwas wie ein ›Telos‹ sozialer Beziehung sche Argumentation zählen kann, kritisch zu befra-
geben mag, dann ist es nicht einfach die Herstellung gen, und aufzuweisen, inwiefern die Grenze von Phi-
von wechselseitigem Einverständnis, sondern eine losophie und Literatur auf besondere Weise
Form der Bezugnahme, die zugleich die Andersheit, problematisch sei. Offen bleibt dabei die Frage nach
Intransparenz, Nicht-Symmetrie des Anderen als dem womöglich privilegierten Status ästhetischer
solche anerkennt (Critchley 2000). Womöglich war Praktiken für die Erschließung dekonstruktiver Fi-
es auch dieses Festhalten an Asymmetrie und In- guren. Wenn Derrida von dem besonderen Formali-
transparenz als irreduziblen Strukturmerkmalen des sierungspotential der Literatur spricht, und wenn er
Sozialen, das Habermas zu der Diagnose führte, hervorhebt, dass literarische Praktiken eine eigene
Derrida nehme in der Charakterisierung des Bedeu- Problematisierung der reduzierten philosophischen
tungsgeschehens am Ende »nur eine Mystifizierung Konzeptionen der Struktur des Bedeutens, der
handgreiflicher gesellschaftlicher Pathologien« (DM, Selbst- und Fremdbeziehung, der ethischen Ver-
214) vor. Diesem Verdacht steht jedoch der Befund pflichtung und des Politischen erlauben, dann stellt
entgegen, dass die gemeinte Asymmetrie und In- sich die Frage, ob die Dekonstruierbarkeit philoso-
transparenz in Derridas späteren Schriften nicht an- phischer Konzeptionen und sprachlicher Praktiken
hand von verdeckt pathologischen Beziehungsfor- in einem wesentlichen Sinne von ihrer Literarisier-
men aufgewiesen werden, sondern vielmehr anhand barkeit oder Ästhetisierbarkeit abhängt. Nicht zu-
von im klassischen Sinne ethischen Relationen wie letzt dieser Umstand hat insbesondere in der deut-
Freundschaft, Gastfreundschaft oder Vergebung, die schen Diskussion zu der Frage nach systematischen
dieser Asymmetrie auf besondere Weise Rechnung Berührungspunkten von Derrida und Adorno ge-
tragen sollen. führt. Unabhängig davon, ob man so weit gehen
muss, das Literarische oder Ästhetische nach Der-
2.2 Der Status des Ästhetischen: Vor dem Hinter- rida als eine »Instanz exklusiver Erkenntnis« (Menke
grund der methodischen Verfahrensweise dekon- 1991, 289) zu bestimmen, scheint Derrida in jedem
struktiver Texte als einer bestimmten Form der Lek- Fall nahezulegen, dass der Literatur oder dem Ästhe-
türe der philosophischen Tradition und angesichts tischen ein besonderes Potential in der Wiederho-
der besonderen Aufmerksamkeit, die Derrida litera- lung, Ausstellung und Infragestellung anderer dis-
rischen Texten gewidmet hat, hat Habermas den kursiver Praktiken zukommt. Die Normen und Gel-
Verdacht geäußert, die Dekonstruktion ziele auf eine tungsansprüche etablierter Diskurse werden in
Einebnung des Gattungsunterschieds von Philoso- dieser Perspektive im Medium der Literatur auf eine
phie und Literatur (DM, 219 ff.; ND, 242 ff.). Er hat besondere Weise exponiert und einer eigenen Form
diese Einebnung dahingehend kritisiert, dass eine li- der ›Kritik‹ ausgesetzt, die nicht die kritische Prü-
20. Dekonstruktivistische Diskurse 107

fung dieser Geltungsansprüche in einem philosophi- offenere Weise orientieren. Auch wenn Habermas
schen Metadiskurs meint und zu diesem in eigen- selbst den Status der Idealisierungen in seiner Theo-
tümlicher Spannung steht. rie zunehmend bescheidener bestimmt und sich von
der Vorstellung eines erreichbaren Endzustands ei-
2.3 Emanzipative Potentiale: Simon Critchley hat in ner idealen Sprechsituation explizit distanziert hat,
seiner Einleitung zu einem Austausch von Derrida so verbleibt dennoch der Eindruck, dass die in sei-
und Habermas im Jahr 2000 daran erinnert, dass nen Bestimmungen leitenden Ideen einen anderen
sich Derrida in Gesetzeskraft (1991) auf eine – für Status besitzen und auf andere Weise wirken, als jene
viele gewiss überraschend ungebrochene – Weise orientierenden Größen, die Derrida als zugleich un-
positiv auf das »klassische emanzipatorische Ideal« bedingt und auf besondere Weise »un-möglich« ge-
bezogen hat. Er wirft vor diesem Hintergrund die kennzeichnet hat. In diesem Sinne scheint die ge-
Frage auf, ob sich Derrida und Habermas in ihrer naue – aporetische oder nicht-aporetische – Natur
emanzipatorischen, auf die Demokratie verpflichte- der strukturellen Bedingungen der Kommunikation
ten und mit der ›Idee‹ der Gerechtigkeit verknüpf- und die korrelative Differenz der diese Praktiken
ten Orientierung nicht näher stehen, als es zunächst orientierenden ›Ideen‹ ein Punkt ebenso tiefer wie
den Anschein haben mag. An den von Critchley auf- nachhaltiger Differenz zwischen Habermas und
gewiesenen Stellen zeigt sich in der Tat, dass auch Derrida zu sein, deren Form und Folgen noch ge-
mit Blick auf die ›emanzipatorische‹ Dimension nauer zu bestimmen bleiben.
kommunikativer Praktiken die Positionen von Der-
rida und Habermas füreinander eine produktive He-
Literatur
rausforderung darstellen. In diesem Sinne ist Derri-
das Konzeption der Gerechtigkeit als Ausgangs- Critchley, Simon: »Remarks on Derrida and Habermas«.
punkt für die Kritik oder Ergänzung Habermas’scher In: Constellations 7, (2000), 455–465.
Derrida, Jacques: Mémoires pour Paul de Man. Paris 1988.
Gerechtigkeitskonzeptionen aufgegriffen worden –: Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der Autorität«.
(Honneth 1994; Menke 2004). Eine Diskussion von Frankfurt a. M. 1991 (engl. u. frz. 1990).
Derridas Überlegungen zur kommenden Demokra- –: »Gibt es eine philosophische Sprache«. In: Ders.: Auslas-
tie und der Problematik der ›Auto-Immunität‹ im sungspunkte. Gespräche. Wien 1998, 229–240.
Verhältnis zu Habermas’ elaboriertem Konzept deli- –: »Bemerkungen zu Dekonstruktion und Pragmatismus«.
In: Chantal Mouffe (Hg.): Dekonstruktion und Pragma-
berativer Demokratie ist ein zweiter vielverspre- tismus. Wien 1999, 77–88.
chender Gegenstand weiterer Debatten (Critchley –: Limited Inc. Wien 2001 (engl. 1988; frz. 1990).
2000; Derrida 2003). Im Zuge dieser Fragestellun- –: Schurken. Zwei Essays über die Vernunft. Frankfurt a. M.
gen, in denen sich Derridas Dekonstruktion wo- 2003 (frz. 2003).
möglich auf anderen Feldern erneut als Anregung – /Wetzel, Michael: »Erwiderungen« und »Antwort an
Apel«. In: Zeitmitschrift 3 (1987), 76–85.
und Anstoß für die kritische Gesellschaftstheorie
Gasché, Rodolphe: The Tain of the Mirror. Derrida and the
erweisen könnte, wird man allerdings eine unterlie- Philosophy of Reflection. Cambridge, Mass. 1986.
gende Frage, die schon das Verhältnis von Univer- Habermas, Jürgen/Derrida, Jacques: Philosophie in Zeiten
salpragmatik und Dekonstruktion betroffen hatte, des Terrors. Hamburg 2006 (engl. 2003).
abermals aufwerfen müssen: Welche Natur haben Honneth, Axel: »Das Andere der Gerechtigkeit. Habermas
und die ethische Herausforderung der Postmoderne«.
die orientierenden ›Ideen‹ in beiden Fällen, und auf
In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 42 (1994), 195–
strukturellen Merkmalen welcher Art gründen un- 220.
sere Praktiken? Derrida hat auch in seinen späteren Menke, Christoph: Die Souveränität der Kunst. Ästhetische
Schriften nicht aufgehört, die Infrastrukturen, die Erfahrung nach Adorno und Derrida. Frankfurt a. M.
unsere Praktiken fundieren sollen und ethische He- 1991.
rausforderungen implizieren, anders als Habermas –: Spiegelungen der Gleichheit. Politische Philosophie nach
Adorno und Derrida. Frankfurt a. M. 2004.
wesentlich aporetisch zu bestimmen. Und er hat den Passerin d’Entrèves, Maurizio/Benhabib, Seyla (Hg.): Ha-
größten Wert darauf gelegt, dass Figuren wie die der bermas and the Unfinished Project of Modernity. Critical
Gerechtigkeit, die Critchley mit einem Haber- Essays on »The Philosophical Discourse of Modernity«.
mas’schen Ausdruck »kontext-transzendierende Cambridge, UK 1996.
Idealisierungen« nennt, nicht als Ideal, regulative Rorty, Richard: »Habermas, Derrida, and the Functions of
Philosophy«. In: Revue International de Philosophie 4
Idee, Telos oder Horizont (Derrida 1991, 52 f.; 2003, (1995), 437–59.
183) verstanden werden können, sondern unsere Thomassen, Lasse (Hg.): The Derrida-Habermas Reader.
Praktiken auf eine andere, zugleich dringlichere und Edinburgh 2006 (dieser Band enthält zentrale Beiträge
108 II. Kontexte

der Debatte sowie eine Bibliographie mit weiterer Litera-


tur zur Konstellation Habermas-Derrida).
21. Poststrukturalismus
Wellmer, Albrecht: »Der Streit um die Wahrheit. Pragma-
tismus ohne regulative Ideen«. In: Ders.: Wie Worte Sinn
machen. Aufsätze zur Sprachphilosophie. Frankfurt a. M. Habermas’ kritische Auseinandersetzung mit post-
2007, 180–207. modernen Positionen und Theorien erregte in den
–: Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne. Vernunft- 1980er und 1990er Jahren große Aufmerksamkeit.
kritik nach Adorno. Frankfurt a. M. 1985. Sie führte aber auch dazu, dass sich heute eine neue
Thomas Khurana Generation kritischer Theoretiker dazu aufgefordert
fühlt, Habermas’ strikte Entgegensetzung einer auf-
klärerischen Moderne und einer gegenaufkläreri-
schen Postmoderne auf den Prüfstand zu stellen. Die
Kritik, die Habermas an postmodernen Theorien
übt, geht Hand in Hand mit seiner entschiedenen
Verteidigung des normativen Gehalts der Moderne.
Am eindringlichsten sind diese beiden Aspekte in
seinen 1985 erschienenen Vorlesungen Der philoso-
phische Diskurs der Moderne (DM) formuliert. Wenn
man gelegentlich auch Zweifel an der Interpretation
einzelner Denker in diesem Buch hegen mag, ist des-
sen Grundthese doch nach wie vor zwingend. Ha-
bermas zufolge bleiben sowohl der philosophische
Diskurs der Moderne als auch seine Gegendiskurse
im Sumpf einer höchst problematischen Subjektphi-
losophie stecken, die es jedoch zu überwinden gilt,
wenn man das normative Potential der Moderne
verwirklichen will. Habermas’ Theorie des kommu-
nikativen Handelns bricht aus der Subjektphiloso-
phie aus und lässt uns so erkennen, wie sich das Ver-
sprechen einer aufgeklärten Moderne trotz der ver-
breiteten pathologischen Folgen kapitalistischer
Modernisierung erfüllen ließe. Warum nun ist Ha-
bermas so sehr darum bemüht, eine doppelte Bilanz
der charakteristischen Gewinne und Verluste der
Moderne ins Feld zu führen, um die Postmoderne in
ihre Schranken zu weisen? Zu Recht konstatiert er
den wachsenden Einfluss, den postmoderne Theo-
retiker seit Mitte der 1980er Jahre auf die Sozial- und
Politikwissenschaften ausüben, ein Trend, der sich
seitdem ungemindert fortgesetzt hat. Aus zwei
Gründen zeigt sich Habermas besorgt über diesen
Trend. Erstens befürchtet er, dass der Postmodernis-
mus wie schon die positivistischen Sozialwissen-
schaften, die er früher in seiner Laufbahn kritisiert
hatte, zu einem Wertskeptizismus führt, der die nor-
mative Gesellschaftskritik untergraben muss (vgl.
DE). Zweitens stellt sich ihm die Postmoderne
schlichtweg als verschleierte Gegenmoderne dar und
damit als eine neue Form von Konservatismus, die
sich als radikale Sozialkritik drapiert (vgl. MUP).
Der Terminus ›postmodern‹ kann sich auf ein
verwirrendes Spektrum an Denkern und Denkstilen
beziehen; am besten gebraucht man ihn vielleicht,
21. Poststrukturalismus 109

wie Habermas das tut, zur Bezeichnung einer breiten eine Gesellschaftsordnung überhaupt möglich ist,
intellektuellen Strömung. Die folgenden Ausführun- nachdem diese Möglichkeit zumindest einige
gen konzentrieren sich auf Habermas’ kritische Aus- nichtstrategische Interaktionsformen voraussetzt.
einandersetzung mit zwei Autoren, die dieser brei- Genauso wenig kann sie das Wechselverhältnis von
ten Strömung zuzurechnen sind: Michel Foucault Individuum und Gesellschaft erklären, da sie Indivi-
und Jacques Derrida. Foucault wird im Folgenden duen als durch disziplinierende Machtverhältnisse
als Hauptvertreter des Poststrukturalismus verstan- mechanisch gestanzte Einzelfälle versteht und nicht
den (wenngleich selbst dieses Etikett nicht unproble- als autonome Produkte eines Prozesses der Indivi-
matisch ist), während Derrida als wichtigster Expo- duation durch Vergesellschaftung.
nent der von ihm selbst so genannten Dekonstruk- Hinter diesen Einwänden gegen Foucault steht
tion behandelt wird. Die Konzentration auf diese der Vorwurf, dass dieser, wie vor ihm Nietzsche und
beiden Theoretiker ist nicht etwa darin begründet, Heidegger, nicht eine bestimmte, sondern eine totale
dass man sie als Repräsentanten der Gesamtheit des- oder abstrakte Negation des Projekts der Aufklärung
sen, was als ›postmodern‹ bezeichnet wird, betrach- betreibe. Habermas’ kritische Lektüre gilt Foucaults
ten könnte. Dieser Fokus ist vielmehr aus folgendem frühem und mittlerem Werk bis einschließlich des
doppelten Grund gerechtfertigt: Zum einen galt Ha- 1976 im Original und 1977 auf Deutsch veröffent-
bermas’ substantiellste kritische Beschäftigung mit lichten ersten Bands von Sexualität und Wahrheit.
der Postmoderne diesen beiden Autoren; zum ande- Foucaults späte Arbeiten über die ethischen Prakti-
ren haben sich diese Auseinandersetzungen als pro- ken des Selbst in Der Gebrauch der Lüste und Die
duktivste und inspirierendste Ausgangspunkte für Sorge um sich (Bd. 2 und 3 von Sexualität und Wahr-
die anschließenden Bemühungen kritischer Theore- heit) sowie seine späten Aufsätze über Kant und das
tiker erwiesen, Habermas’ Verhältnis zu seinen Projekt der Aufklärung, die zum Großteil erst nach
›postmodernen‹ Gesprächspartnern neu zu durch- Niederschrift der Vorlesungen erschienen, auf de-
denken. nen Der philosophische Diskurs der Moderne basiert,
Der Kern der Habermas’schen Kritik an Foucault werden dort nicht behandelt. Als Habermas auf ei-
findet sich in den beiden Vorlesungen, die dem fran- nige dieser Texte reagiert, sieht er Foucaults Be-
zösischen Kollegen im Philosophischen Diskurs der kenntnis zu einem bestimmten Verständnis der Kan-
Moderne gewidmet sind. Nachdem Habermas Fou- tischen Aufklärung als starken Widerspruch zu des-
caults Denkweg von dessen früher archäologischer sen früheren Arbeiten. In Habermas’ Augen war es
Phase bis zu den Genealogien von Macht-/Wissens- zudem der produktive, jedoch letztlich unauflösliche
beziehungen der mittleren Schaffensperiode nach- Widerspruch zwischen Foucaults Machtanalytik und
gezeichnet hat, bringt er drei zentrale Einwände ge- seiner Demaskierung des Willens zur Wahrheit, der
gen den späten Foucault vor, deren zweiter wiede- »Foucault, in diesem letzten seiner Texte, wiederum
rum in drei Teile untergliedert ist. Erstens kritisiert in den Bannkreis des philosophischen Diskurses der
Habermas Foucaults zweideutigen Machtbegriff, der Moderne, den er doch sprengen wollte, eingeholt
als empirische und transzendentale Kategorie zu- hat« (NU, 131).
gleich fungiert und in einen paradoxen kritischen Es ist jedoch möglich, gegen Habermas auch den
Positivismus mündet. Zweitens wirft Habermas der frühen und mittleren Foucault als einen Theoretiker
Foucault’schen Genealogie dreierlei Reduktionen zu lesen, der das Kantische Projekt der Aufklärung
vor: Sie reduziere Bedeutung auf Macht und verstri- von innen heraus transformieren will, indem er die
cke sich so in Präsentismus; sie reduziere Wahrheit historisch und gesellschaftlich besonderen, mithin
und Werte auf Macht und lande so unweigerlich im kontingenten Bedingungen der Möglichkeit von
Relativismus; und sie reduziere Normativität auf Subjektivität und Handlungsfähigkeit der späten
Macht und habe so am Ende nur einen problemati- westlichen Moderne erforscht (Allen 2008). So stellt
schen Kryptonormativismus anzubieten. Drittens Foucault selbst im Übrigen sein philosophisches
hat es die Foucault’sche Genealogie für Habermas Œuvre in Essays wie »Was ist Aufklärung?« dar.
»mit einem Gegenstandsbereich zu tun, aus dem die Diese Lesart erschwert Habermas’ Interpretation
Machttheorie alle Züge von kommunikativen, in le- von Foucault als einem antimodernen Jungkonser-
bensweltliche Kontexte eingelassenen Handlungen vativen, der aufbricht, um das Projekt der Aufklä-
getilgt hat« (DM, 336). Sie kann folglich nur mit ei- rung abstrakt zu negieren, nur um ungewollt wieder
ner in zweierlei Hinsicht unsoziologischen Analyse in dessen Bannkreis zu geraten, erheblich. Auch lässt
der Macht aufwarten: Sie kann nicht erklären, wie sich Habermas’ Darstellung der genealogischen Ana-
110 II. Kontexte

lyse des Subjekts als mechanisch gestanzter Einzel- umkehrt. Diese Operation macht rhetorischen Er-
fall bezweifeln (Allen 2008). Tatsächlich ist es beson- folg statt logischer Folgerichtigkeit zum Bewertungs-
ders wichtig, diese Interpretation in Frage zu stellen, kriterium der Vernunftkritik, so dass der Vorwurf
wenn man an Foucaults späte Arbeiten über die eines performativen Widerspruchs ins Leere zielt.
Praktiken des Selbst denkt, die ein Maß an Autono- Dieser Einwand steht in Zusammenhang mit dem,
mie und bewusster Selbsttransformation vorausset- was Habermas für Derridas allgemeine Stoßrichtung
zen, das unmöglich wäre, wenn Habermas mit sei- hält, nämlich den Gattungsunterschied zwischen
ner Interpretation von Foucaults mittlerer Schaffens- Philosophie und Literatur aufzulösen. Habermas
periode Recht hätte. Das vollständigere Bild von weist sowohl die Umkehrung des Primats der Logik
Foucaults Analyse des Selbst, das seine späten Schrif- vor der Rhetorik als auch die Einebnung des Gat-
ten erlauben, zeigt uns ein Selbst, das sich in Prakti- tungsunterschieds zwischen Philosophie und Litera-
ken der Selbstformung und Selbstdisziplinierung er- tur zurück. Im Gegenzug macht er sich für eine Ar-
geht, die freilich nicht außerhalb von Machtbezie- beitsteilung von Philosophie und Literaturkritik
hungen stattfinden. Wenngleich Foucault selbst stark, die anerkennt:
keine wirklich befriedigende Erklärung anzubieten »In ihren rhetorischen Leistungen sind Literaturkritik und
hatte, wie sich seine späten Arbeiten über selbstkon- Philosophie mit der Literatur – und insofern auch mitein-
stitutive ethische Praktiken mit seiner früheren Ge- ander – verschwistert. Aber darin erschöpft sich ihre Ver-
nealogie des normalisierten und disziplinierten Sub- wandtschaft. Denn die rhetorischen Mittel werden in bei-
jekts vereinbaren lassen, wirft die Existenz ersterer den Unternehmungen der Disziplin einer jeweils anderen
Argumentationsform untergeordnet« (DM, 245 f.).
doch Zweifel an Habermas’ Darstellung letzterer auf.
Auch ist es möglich, die Frage des normativen Stand- Derridas Tilgung des Unterschieds zwischen Litera-
punkts der Foucault’schen Kritik zu überdenken, in- tur und Philosophie steht für Habermas darüber
dem man eine implizite Norm der Freiheit in seinen hinaus in Zusammenhang mit der Einebnung des
Schriften freilegt (vgl. Oksala 2005). Habermas’ Vor- Unterschieds zwischen kommunikativem Sprachge-
wurf, Foucault reduziere Normativität auf Machtbe- brauch und fiktiver Rede. Fiktionen haben welter-
ziehungen, wird damit fragwürdig. Jede dieser Neu- schließende Kraft; sie leben von der spielerischen,
interpretationen erlaubt es, die allgemein akzeptierte poetischen Schöpfung neuer Welten durch sprachli-
Lesart der Foucault-Habermas-Debatte, der zufolge che Innovationen. Obwohl Habermas einräumt, dass
beide diametral entgegengesetzte Konzeptionen kri- derartige poetische Elemente auch in der alltäglichen
tischer Theorie vertreten, zu bestreiten (vgl. Hoy/ sprachlichen Kommunikation anzutreffen sind,
McCarthy 1994). Auf der Grundlage solcher Neuin- überwiegen sie dort jedoch nicht. Vielmehr ist die
terpretationen haben einige kritische Theoretiker in Sprache in den Kontexten alltäglicher Kommunika-
jüngster Zeit begonnen, Ansätze zu entwickeln, die tion durch die illokutionär bindende Kraft von Äu-
gleichermaßen von Habermas wie von Foucault in- ßerungen geprägt, die dazu dienen, soziale Interak-
spiriert sind (vgl. Allen 2008; Biebricher 2005; Saar tionen zu koordinieren. Für Habermas ist die poe-
2007). tische, welterschließende Funktion nicht die einzige
Habermas’ Einwände gegen Jacques Derridas De- und auch nicht die primäre Funktion von Sprache.
konstruktion kreisen wie seine Ablehnung der Sie für vorrangig zu erklären, wie es sowohl Derrida
Foucault’schen Genealogie um den Vorwurf einer als auch Heidegger täten, hieße zu ignorieren, wie
totalisierenden oder abstrakten Negation der aufklä- wir Sprache gebrauchen, um Probleme zu lösen und
rerischen Rationalität. Tatsächlich ist die Dekon- unsere Interaktionen zu koordinieren, indem wir ein
struktion für Habermas Derridas Antwort auf ein gemeinsames Verständnis von Sachverhalten in der
Problem, das sich eine totalisierende Selbstkritik der objektiven, intersubjektiven oder subjektiven Welt
Vernunft einhandelt. Weil diese Kritik nicht anders erzielen. Habermas zufolge läuft dies darauf hinaus,
kann, als sich der Werkzeuge der Vernunft zu bedie- das der sprachlichen Kommunikation innewoh-
nen, setzt sie sich dem Vorwurf des performativen nende rationale Potential zu leugnen. Folglich lässt
Widerspruchs aus; mit anderen Worten lässt sich die seiner Meinung nach Derridas Versuch, dem perfor-
totalisierende Vernunftkritik nur mithilfe genau je- mativen Widerspruch der totalisierenden Vernunft-
ner rationalen Mittel betreiben, die sie inhaltlich ab- kritik zu entgehen, indem er einen Vorrang der Rhe-
lehnt. In Habermas’ Augen versucht Derrida diesem torik vor der Logik und der Welterschließung vor der
Problem zu entgehen, indem er den gewohnten phi- Kommunikation behauptet, am Ende »die Klinge der
losophischen Vorrang der Logik vor der Rhetorik Vernunftkritik selber stumpf werden« (DM, 246).
21. Postmoderne und Poststrukturalismus 111

Getreu dem Muster seiner Kritik an Foucault baut in ihrem gemeinsam gezeichneten Aufruf zu euro-
auch Habermas’ Kritik an Derrida darauf auf, diesen päischer Solidarität angesichts des Irakkrieges deut-
als einen antimodernen, gegenaufklärerischen, anti- lich (Habermas/Derrida 2004).
kantischen Denker darzustellen, der die Vernunft Wenn sich Habermas, Foucault und Derrida glei-
zugunsten ihres rhetorischen und poetischen Ande- chermaßen auf produktive Weise so verstehen las-
ren verwirft. Doch wie Foucault lässt sich auch Der- sen, dass sie, wenn auch auf unterschiedlichen We-
rida als ein Philosoph verstehen, der die kritische gen, das Kantische Projekt der Aufklärung von in-
Philosophie Kants bewusst von innen heraus trans- nen heraus transformieren, dann stellen sich ihre
formiert und sich folglich in die Tradition der auf- Differenzen weniger als Kampf verschanzter philo-
klärerischen Moderne stellt, statt diese zu verwerfen. sophischer Lager denn als Familienstreitigkeit dar.
Nach dieser Lesart lautet Derridas Ziel nicht, Unter- Dieser Streit wird sich nur beilegen lassen, wenn wir
schiede zwischen Rhetorik und Logik oder Literatur nicht länger von dem Bild gefangen sind, das Haber-
und Philosophie einzuebnen. In den Worten von mas als modernen, aufklärerischen und fortschrittli-
Christopher Norris besteht es vielmehr darin, »be- chen Helden, Foucault und Derrida hingegen als an-
stimmte Kantische Antinomien […] bis an den timoderne, gegenaufklärerische jungkonservative
Punkt zu treiben, an dem sie nach einer vom Main- Schurken zeigt. Wo dieses Bild seine Macht verliert,
stream der philosophischen Tradition ungeahnten uns in Beschlag zu nehmen, werden produktive neue
Form von Analyse verlangen« (Norris in Passerin Visionen einer zugleich dekonstruktiv und rekon-
d’Entrèves/Benhabib 1997, 101), wobei insbeson- struktiv verfahrenden kritischen Theorie zum Vor-
dere Antinomien gemeint sind, die die Möglichkeit schein kommen.
sprachlicher Bedeutung und Repräsentation betref-
fen. Ein solches Verständnis zeichnet ein komple- Literatur
xeres Bild von Derrida als Habermas’ Porträt eines
Allen, Amy: The Politics of Our Selves: Power, Autonomy
antimodernen Jungkonservativen. Zusätzlich er- and Gender in Contemporary Critical Theory. New York
schwert wird Habermas’ Kritik durch den Umstand, 2008.
dass sie sich ausschließlich auf Derridas frühe Werk- Biebricher, Thomas: Selbstkritik der Moderne. Habermas
phase bis einschließlich seiner Auseinandersetzung und Foucault im Vergleich. Frankfurt a. M. 2005.
mit dem analytischen Sprachphilosophen John Borradori, Giovanna: Philosophie in Zeiten des Terrors. Zwei
Gespräche: Jacques Derrida, Jürgen Habermas. Berlin/
Searle konzentriert, wie sie in dem Band Limited Inc. Wien 2004 (engl. 2003).
(2001) dokumentiert ist. Insofern konnte sie die ex- Derrida, Jacques: Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der
plizite Hinwendung zu ethischen und politischen Autorität«. Frankfurt a. M. 1991 (engl. 1990).
Fragen, die Derrida seit den 1990er Jahren beschäf- –: »Die Gabe des Todes« [frz. 1992]. In: Anselm Haver-
tigten, noch nicht berücksichtigen. Dies ist bedauer- kamp (Hg.): Gewalt und Gerechtigkeit. Derrida – Benja-
min. Frankfurt a. M. 1994.
lich, insofern sich in diesen ethischen und politi-
–: Limited Inc. Wien 2001 (frz. 1990).
schen Arbeiten erheblich mehr Gemeinsamkeiten –: Schurken. Zwei Essays über die Vernunft. Frankfurt a. M.
zwischen Derrida und Habermas abzeichnen, als 2003 (frz. 2003).
Der philosophische Diskurs der Moderne vermuten Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des
lässt. In seinen explizit ethischen und politischen Gefängnisses. Frankfurt a. M. 1976 (frz. 1975).
–: Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum
Schriften stützt sich Derrida auf Emmanuel Lévinas,
Wissen. Frankfurt a. M. 1977 (frz. 1976).
um unsere unendliche ethische Verantwortung ge- –: Sexualität und Wahrheit. Zweiter Band: Der Gebrauch
genüber dem Anderen herauszuarbeiten (Derrida der Lüste. Frankfurt a. M. 1986 (frz. 1984).
1994); er arbeitet auf eine zukünftige Gerechtigkeit –: Sexualität und Wahrheit. Dritter Band: Die Sorge um
hin, die gleichermaßen unmöglich wie notwendig ist sich. Frankfurt a. M. 1986 (frz. 1984).
(Derrida 1991); und er begrüßt das Erbe einer inhä- –: »Was ist Aufklärung?« [engl. 1984]. In: Eva Erdmann/
Rainer Forst/Axel Honneth (Hg.): Ethos der Moderne.
rent offenen, anfechtbaren und selbstkritischen Foucaults Kritik der Aufklärung. Frankfurt a. M./New
Form von Demokratie (Derrida 2003). All diese Ent- York 1990.
wicklungen bedeuten eine Annäherung Derridas an Habermas, Jürgen/Derrida, Jacques: »Der 15. Februar oder:
Habermas’ zentrale Anliegen, die im Rahmen kriti- Was die Europäer verbindet«. In: GW 2004.
scher Theoriebildung genauer zu bedenken sich loh- Hoy, David/McCarthy, Thomas: Critical Theory. London
1994.
nen würde. Dass beide Philosophen sich wenn nicht Oksala, Johanna: Foucault on Freedom. Cambridge 2005.
dem Buchstaben, so doch dem Geist der kantischen Passerin d’Entrèves, Maurizio/Benhabib, Seyla (Hg.): Ha-
philosophischen Tradition verpflichtet fühlen, wird bermas and the Unfinished Project of Modernity: Critical
112 II. Kontexte

Essays on »The Philosophical Discourse of Modernity«.


Cambridge 1997.
22. Feministische Diskurse
Saar, Martin: Genealogie als Kritik. Geschichte und Theorie
des Subjekts nach Nietzsche und Foucault. Frankfurt a. M.
2007. Die feministische Theorie ist eine kritische Theorie.
Amy Allen (Übers. Michael Adrian) Sie strebt danach, Frauen aus Verhältnissen zu be-
freien, in denen sie entrechtet, unterdrückt und be-
nachteiligt werden. Zu diesem Zweck beschreibt und
kritisiert sie diese Zustände und schlägt emanzipato-
rische Alternativen vor. In jüngster Zeit haben Femi-
nistinnen im Werk von Jürgen Habermas nach Res-
sourcen für eine feministische Theorie Ausschau ge-
halten. Manche unter ihnen bemerken Habermas’
persönliches Eintreten für Gerechtigkeit gegenüber
Frauen (Fraser 1994, 18; Fleming 1997, 7; Johnson
2006, 156). Doch viele von ihnen sind der Ansicht,
dass in seinem Werk der Gender-Thematik (d. h. der
gesellschaftlich konstruierten Geschlechteridentität)
insgesamt zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt
wird, und sie stellen fest, dass dort keine entwickel-
ten Theorien gender-bedingter Unterdrückung und
gender-orientierter Gerechtigkeit zu finden sind. Es
wird diskutiert, ob seine Diskurstheorie der Demo-
kratie, der Moral und des Rechts dennoch dazu die-
nen könne, jene Zustände zu beleuchten, in denen
Frauen entrechtet, unterdrückt und benachteiligt
werden, und um zur Reflexion über emanzipatori-
sche Alternativen anzuleiten. Die feministische Lite-
ratur zu diesen Fragen ist sehr umfangreich. Auf-
grund seines beschränkten Umfanges können in die-
sem Beitrag nur die wichtigsten Probleme und einige
zentrale Texte angeführt werden.
Die feministischen Erwiderungen auf die Theorie
des Kommunikativen Handelns beschäftigen sich vor-
nehmlich damit, dass dort die gender-bedingte Un-
terdrückung in der Lebenswelt nicht beleuchtet wird.
Obschon die Theorie des Kommunikativen Handelns
den gesellschaftlich integrierten Charakter der Fami-
lie hervorhebt, schenkt sie der Tatsache kaum Auf-
merksamkeit, dass die Familie im Spätkapitalismus
durch Normen integriert wird, die repressive Gen-
der-Rollen vorschreiben; diese Rollenbilder setzen
sich bis in den öffentlichen Bereich, die Ökonomie
und den Staat hinein fort. Und während die Theorie
des Kommunikativen Handelns die Bedrohung einer
Kolonialisierung des Familienlebens durch das Sys-
tem hervorhebt, untersucht sie nicht, in welchem
Ausmaß Familien gemeinhin Orte eines gender-spe-
zifischen ökonomischen Austauschs »von Diensten,
Arbeit, Bargeld und Sex – und häufig Schauplätze
[der gender-spezifischen Ausbeutung], des Zwangs
und der Gewalt« sind (Fraser 1994, 183; vgl. Allen
2007, 99; Benhabib 1986, 252; Cohen 1995, 71).
22. Feministische Diskurse 113

Einige Feministinnen führen dieses Unvermögen, sierung, als eine defensive Reaktion gegen die Kolo-
den Gender-spezifischen repressiven Charakter der nialisierung der Lebenswelt, die darauf abzielt,
Lebenswelt hervorzuheben, auf das Machtverständ- partikulare Identitäten und Normen sowie alterna-
nis der Theorie des Kommunikativen Handelns zu- tive Werte zu bewahren (Allen 2007, 158; Benhabib
rück und behaupten, dass »Habermas über keine an- 1986, 252; Cohen 1995, 60 ff.). Manche Theoretike-
dere Theorie der in der modernen Lebenswelt wirk- rinnen behaupten, diese Einschätzung der Frauen-
samen Macht verfügt als denn jene von den bewegung stehe mit Habermas’ anfänglichem Ver-
Übergriffen des Systems« (Coole 1996, 240). Man- ständnis öffentlicher Deliberation in Strukturwandel
che stellen die These auf, dass Gender als eine eigene der Öffentlichkeit im Einklang. Während die Frauen-
Form der Macht verstanden werden sollte, die in der bewegung versucht, gesellschaftliche Ungleichheiten
Lebenswelt wirksam ist und weitreichenden Einfluss und deren Auswirkungen auf die öffentliche Delibe-
auf die Systeme besitzt (Allen 2007; Cohen 1995, 70; ration in der Öffentlichkeit zu thematisieren, macht
Fraser 1994, 184 f.). Sobald Gender als eine Form der die öffentliche Deliberation in Strukturwandel es er-
Macht erkannt ist, bleibt die Kolonialisierung durch forderlich, gesellschaftliche Ungleichheiten auszu-
das System weiterhin ein Thema: Sie kann repressive klammern. Während die Frauenbewegung versucht,
Gender-Normen verstärken (Fraser 1994, 204 f.) und die besonderen Bedürfnisse und Belange der Frauen
der Zivilgesellschaft jene Ressourcen entziehen, die öffentlich zu thematisieren, muss sich die öffentliche
für den Abbau dieser Repression erforderlich wären Deliberation in Strukturwandel auf verallgemeiner-
(Cohen 1995, 72). Dennoch kann die Verrechtli- bare Interessen fokussieren. Während die Frauenbe-
chung des Familienlebens emanzipatorische Wir- wegung versucht, Fragen öffentlich zu thematisie-
kungen zeitigen – man denke nur an den Schutz der ren, die herkömmlicherweise als privat angesehen
Rechte der Frauen in der Familie und an die materi- werden – die häusliche Arbeitsteilung, sexuelle Ge-
elle Unterstützung durch den Wohlfahrtsstaat (Fle- walt, die Gender-Identität – reproduziert der Struk-
ming 1997, 86). Daher ist aus feministischer Sicht turwandel eine traditionelle Unterscheidung von Öf-
die Entkolonialisierung der Lebenswelt bei weitem fentlichem und Privatem. Während die Frauenbewe-
keine adäquate Antwort auf die gender-spezifische gung ihre eigenen vielfältigen Gegenöffentlichkeiten
Unterdrückung (Fraser 1994, 205 ff.). Erforderlich entwickelt, ist die Öffentlichkeit in Strukturwandel
sind dagegen eine umfassendere Darstellung der eine einzige homogene solche. Und während die
Macht, eine differenziertere Darstellung der Ver- Frauenbewegung bestrebt ist, die Identitäten, Kör-
rechtlichung und eine Darstellung dessen, wie gen- per und rhetorischen Stile der Frauen in die Öffent-
der-spezifische repressive Normen der Lebenswelt lichkeiten einzubringen, akzeptiert der Strukturwan-
unterminiert werden können. del ganz unkritisch das Modell der europäisch-nord-
Auch wenn sie einräumen müssen, dass der Gen- amerikanischen Öffentlichkeit und ihre männliche
der-Problematik in der Theorie des Kommunikativen politische Subjektivität (Fraser 2001, 107–150; Dean
Handelns nur allzu geringe Aufmerksamkeit ge- 1996; Landes 1995, 98; Young 1990, 96–121).
schenkt wurde, heben einige Feministinnen Haber- Tatsächlich behaupten einige feministische Histo-
mas’ These hervor, dass die Moderne eine fortschrei- rikerinnen, die Moderne habe die Kategorie ›Gen-
tende Modernisierung der Lebenswelt verspreche der‹ keineswegs liquidiert, sondern habe gerade je-
(Benhabib 1995, 92; Cohen 1995, 58; Johnson 2006, nes Verständnis der Gender-Differenz als einer Hier-
155). Die Frauenbewegung stellt eine Form demo- archie aufgebracht, gegen das wir heute ankämpfen
kratischer Praxis dar: Sie weitet die Zugangsmög- (Coole 1996, 242; vgl. auch Klinger 2000). Dieser
lichkeiten zu diskursiven Ressourcen aus, sie thema- Auffassung zufolge sind Männer für das Engagement
tisiert und kritisiert öffentlich repressive lebenswelt- in einer öffentlichen Sphäre geeignet, in dem die
liche Normen und sie bringt neben neuen, Forderung nach Freiheit und Gleichheit der Bürger
nichtpatriarchalen Normen zugleich auch die Verei- eingelöst wird, während Frauen von Natur aus einen
nigungen hervor, die zur Durchsetzung solcher Nor- privaten Bereich der Abhängigkeit, der Intimität und
men in den Systemen nötig sind; daher »kulminiert der Familie bewohnen (Maihofer 1990, 354). Daher
in der zeitgenössischen Frauenbewegung die Logik können Frauen in den öffentlichen Bereich nicht als
der Moderne« (Benhabib 1995, 126). Frauen einbezogen werden, sondern nur in dem
Sicherlich beschreibt die Theorie des Kommunika- Maße, in dem sie sich einem Standard männlicher
tiven Handelns die Frauenbewegung zu großen Tei- politischer Subjektivität anpassen. Die Alternative –
len als einen Ausdruck des Scheiterns der Moderni- das Bestreben, dort als Frauen einbezogen zu wer-
114 II. Kontexte

den – läuft Gefahr, ein hierarchisierendes Verständ- nigt sei (Dean 1996). Wenn die Macht des Gender
nis der Gender-Differenz zu verfestigen. Um dieses von Anfang an gegeben ist – da das Gendering dem
»Dilemma der Differenz« (Minow 1990) zu umge- Diskurs vorausgeht –, dürfen wir nicht erwarten,
hen, weisen einige Feministinnen darauf hin, dass dass der öffentliche Diskurs als ›Gegenmittel‹ gegen
ein grundlegend anderes Verständnis des Bürgersta- das Gender wirkt (Allen 2000, 56). Eine wirklich
tus und der Demokratie notwendig sei (Landes 1995, emanzipatorische feministische Politik wird auch
307). Wenn dieses Verständnis das Dilemma der eine Politik des Selbst umfassen; diese leitet sich aus
Differenz umschiffen soll, muss es eine nicht-hierar- einer umfassenden Darstellung der Macht her, die
chische Gender-Differenz zulassen (Maihofer 1990, erklärt, wie Gender erworben wird und wie es funk-
352). tioniert (Allen 2007, 19).
Manche Theoretikerinnen lassen sich in ihren Be- Habermas widmet dem Dilemma der Differenz in
mühungen um eine begriffliche Neufassung des Bür- Faktizität und Geltung große Aufmerksamkeit (FG,
gerstatus von der Habermas’schen Diskursethik in- 513). Er beschreibt es als ein Versagen der Demokra-
spirieren (Benhabib 1995, 16; Fraser 1994, 281; Fra- tie und versteht die Bemühungen der Frauenbewe-
ser 2001, 128; Young 1990, 34). Praktische Diskurse gung um eine Lösung als »eine praktische Aneig-
beziehen alle von einer Norm möglicherweise Be- nung der kritischen Normativität, die in der libera-
troffenen ein, und sie »öffnen einem die Augen für len Demokratie schlummert« (Johnson 2006, 156).
die ›Differenz‹, d. h. für die Besonderheit und die Nach Habermas’ Auffassung wird sich das Dilemma
unhintergehbare Andersheit des alter ego« (Haber- der Differenz immer dann ergeben, wenn die von ei-
mas 1990, 112). Manche Autorinnen stellen die ner Norm Betroffenen nicht in sinnvoller Weise an
These auf, dass der praktische Diskurs es ermögli- der öffentlichen Deliberation teilnehmen können,
che, die Differenz, die gesellschaftliche Ungleichheit »weil nur die Betroffenen selbst die jeweils ›relevan-
und die zur Unterminierung maskuliner Standards ten Hinsichten‹ von Gleichheit und Ungleichheit
erforderliche Macht zu thematisieren. Tatsächlich klären können« (FG, 506). Demokratische Partizipa-
geht – so das Argument – die Unterscheidung von tion schützt vor einer Verrechtlichung, die repressive
Öffentlichem und Privatem dem Diskurs nicht vor- und benachteiligende Identitätskonstruktionen be-
aus, sondern wird erst in seinem Verlauf ermittelt kräftigt und durchsetzt, und sie fördert die persönli-
(Benhabib 1995, 126 f.). che und politische Autonomie der Frauen (Cohen
Manche Autorinnen weisen aber Habermas’ Be- 1995, 74; vgl. auch Benhabib 1995, 129 f.). In Faktizi-
hauptung zurück, dass das Ziel des Diskurses im tät und Geltung wird anerkannt, dass die Unterschei-
Konsens über das Gemeinwohl liegen solle; denn ih- dung von Öffentlichem und Privatem im Diskurs zu
rer Auffassung nach trägt eine solche Zielsetzung ermitteln ist; Habermas erklärt dazu, dass »die Gren-
dazu bei, die Differenzen zu verschleiern. Das Ziel zen der privaten Autonomie so [zu] ziehen [sind],
sollte vielmehr darin bestehen, die Differenz selbst daß diese die Privatleute für ihre Rolle als Staatsbür-
zu thematisieren und den Dialog in Gang zu halten ger hinreichend qualifiziert« (FG, 503). Nach Fakti-
(Benhabib 1995, 52). Eine auf die Thematisierung zität und Geltung umfasst die öffentliche Delibera-
der Differenz ausgerichtete Öffentlichkeit lässt sich tion die Aktivitäten diverser Öffentlichkeiten wie
am besten als eine »heterogene« (Young 1990, 116 ff.) etwa der feministischen und alternativen Öffentlich-
und plurale begreifen; sie umfasst eine Vielfalt von keiten (FG, 373, 452), die sich mit der Klärung von
Öffentlichkeiten und »Gegenöffentlichkeiten« (Fra- Bedürfnissen, Identitäten und Machtverhältnissen
ser 2001, 129 ff.). Einige Autorinnen vertreten die befassen (Johnson 2006, 156).
Auffassung, dass die öffentliche Deliberation nicht Faktizität und Geltung enthält aber keine detail-
die rationale Argumentation privilegieren dürfe, lierte Beschreibung, wie die gender-spezifische Ex-
sondern auch andere – von der Frauenbewegung ge- klusion in der öffentlichen Deliberation derzeit ab-
nutzte – Formen des Diskurses zulassen müsse, wie läuft. Es werden hier weder spezielle gender-bezo-
z. B. das Geschichtenerzählen und rhetorische, ex- gene repressive Normen kritisiert, noch werden
pressive und »verkörperte Aspekte des Sprechens« emanzipatorische Alternativen aufgezeigt (FG, 515).
(Young 1990, 118; vgl. auch Lara 1998; vgl. Benhabib In einer habermasianischen Sicht sind dies allein die
1996, 83; Johnson 2006, 160 ff.). Aufgaben eines stets unabgeschlossenen und falli-
Andere Theoretikerinnen halten dagegen, dass blen öffentlichen Diskurses sowie eines advokatori-
selbst eine solche begrifflich neugefasste öffentliche schen Diskurses in der Art jenes Diskurses, den die
Deliberation nicht von jeder Form der Macht gerei- Feministinnen beisteuern. Doch insofern die Dis-
22. Feministische Diskurse 115

kurstheorie nahelegt, dass die gesellschaftliche Ord- Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken: Macht, Diskurs,
nung nur dann zu legitimieren ist, wenn ihre Adres- Geschlecht. Frankfurt a. M. 1994 (engl. 1989).
–: Die halbierte Gerechtigkeit: Schlüsselbegriffe des postin-
saten zugleich ihre Autoren sind, behaupten einige
dustriellen Sozialstaats. Frankfurt a. M. 2001 (engl.
Theoretikerinnen, die Diskurstheorie stelle eine nor- 1997).
mative Grundlage für eine feministische Politik be- Habermas, Jürgen/Nielsen, Torben Hviid: »Jürgen Haber-
reit, die sich der Inklusion der Frauen und der fort- mas: Morality, Society and Ethics. An Interview with
schreitenden Demokratisierung der Gesellschaft Torben Hviid Nielsen«. In: Acta Sociologica 33, 2 (1990),
widmet. (Viele Autorinnen sind der Ansicht, dass fe- 93–114.
Johnson, Pauline: Habermas: Rescuing the Public Sphere.
ministische Politik einer normativen Grundlegung New York 2006.
bedürfe, vgl. Allen 2000, 59; Benhabib 1995, 16; Klinger, Claudia: »Feministische Philosophie als Dekon-
Klinger 1998, 245; Pauer-Studer 1993, 43; zur Kritik struktion und Kritische Theorie«. In: Gudrun-Axeli
daran vgl. Butler 1993). Während also Habermas’ Knapp (Hg.): Kurskorrekturen: Feminismus zwischen
Diskurstheorie nicht genau erklären dürfte, wie die Kritischer Theorie und Postmoderne. Frankfurt a. M.
1998, 242–256.
Exklusion tatsächlich funktioniert oder welche Nor- –: »Die Ordnung der Geschlechter und die Ambivalenz der
men legitim sind und welche nicht, kann sie jedoch Moderne«. In: Sybille Becker et al. (Hg.): Das Geschlecht
erklären, warum die Exklusion der Frauen unzuläs- der Zukunft: Frauenemanzipation und Geschlechterviel-
sig ist, und sie motiviert bei der Suche nach Inklusi- falt. Stuttgart 2000, 29–63.
onsstrategien. Landes, Joan: »The Public and the Private Sphere: A Femi-
nist Reconstruction«. In: Johanna Meehan (Hg.): Femi-
nists Read Habermas: Gendering the Subject of Discourse.
Literatur New York 1995.
Lara, María Pía: Moral Textures: Feminist Narratives in the
Allen, Amy: »Reconstruction or Deconstruction: A Reply Public Sphere. Berkeley 1998.
to Johanna Meehan«. In: Philosophy and Social Criticism Maihofer, Andrea: »Gleichheit nur für Gleiche?« In: Ute
26, 3 (2000), 53–60. Gerhard et al. (Hg.): Differenz und Gleichheit: Menschen-
–: The Politics of Our Selves: Power, Autonomy and Gender rechte haben (k)ein Geschlecht. Frankfurt a. M. 1990.
in Contemporary Critical Theory. New York 2007. Minow, Martha: Making all the Difference: Inclusion, Exclu-
Benhabib, Seyla: Critique, Norm, and Utopia: A Study of the sion and the American Law. Ithaca, NY 1990.
Foundations of Critical Theory. New York 1986 (eine ge- Pauer-Studer, Herlinde: »Moraltheorie und Geschlechter-
kürzte und überarbeitete Fassung in dt. Übers. unter differenz: Feministische Ethik im Kontext aktueller Fra-
dem Titel Kritik, Norm und Utopie: die normativen gestellungen«. In: Herta Nagl-Docekal/Dies. (Hg.): Jen-
Grundlagen der Kritischen Theorie. Frankfurt a. M. seits der Geschlechtermoral: Beiträge zur feministischen
1992). Ethik. Frankfurt a. M. 1993, 33–68.
–: Selbst im Kontext: kommunikative Ethik im Spannungs- Young, Iris Marion: Justice and the Politics of Difference.
feld von Feminismus, Kommunitarismus und Postmo- Princeton 1990.
derne. Frankfurt a. M. 1995 (engl. 1992). Amy R. Baehr (Übers. Nikolaus Gramm)
–: »Toward a Deliberative Model of Democratic Legiti-
macy«. In: Dies. et al. (Hg.): Democracy and Difference:
Contesting the Boundaries of the Political. Princeton
1996.
Butler, Judith: »Kontingente Grundlagen: Der Feminismus
und die Frage der Postmoderne«. In: Seyla Benhabib et
al. (Hg.): Der Streit um Differenz: Feminismus und Post-
moderne in der Gegenwart. Frankfurt a. M. 1993.
Cohen, Jean: »Critical Social Theory and Feminist Cri-
tiques: The Debate with Jürgen Habermas«. In: Johanna
Meehan (Hg.): Feminists Read Habermas: Gendering the
Subject of Discourse. New York 1995.
Coole, Diana: »Habermas and the Question of Alterity«. In:
Maurizio Passerin d’Entrèves/Seyla Benhabib (Hg.): Ha-
bermas and the Unfinished Project of Modernity: Critical
Essays on the Philosophical Discourse of Modernity. Cam-
bridge 1996, 221–244.
Dean, Jodi: »Civil Society: Beyond the Public Sphere«. In:
David M. Rasmussen (Hg.): The Handbook of Critical
Theory. Oxford 1996.
Fleming, Marie: Emancipation and Illusion: Rationality and
Gender in Habermas’s Theory of Modernity. University
Park, PA 1997.
116 II. Kontexte

23. Neopragmatismus ›zu detranszendentalisieren‹ (den Ausdruck ›prag-


matisch‹ übernahm Peirce von Kant). Für Rorty je-
doch beginnt der Pragmatismus mit William James
Seit über fünfzig Jahren lässt sich Habermas von den und John Dewey, die beide Kant und die kantiani-
klassischen amerikanischen Pragmatisten, insbeson- schen Elemente in Peirces Philosophie verwerfen.
dere von Charles S. Peirce, John Dewey und George Für Rortys pragmatistischen Kollegen Hilary Put-
Herbert Mead, inspirieren und grundlegend beein- nam hingegen ist Kant der große Held. Putnam ver-
flussen. Er hat viele der wichtigsten Anliegen dieser sucht zu zeigen, dass der pragmatistische Beitrag
Denker aufgenommen, rekonstruiert und in sein ei- zum Verständnis von Forschung, Überzeugungen
genes umfassendes philosophisches Programm ein- und Wissen in Variationen Kantischer Themen be-
gebaut: eine radikale Kritik des Cartesianismus und steht. In dieser Hinsicht sind sich Putnam und Ha-
der Bewusstseinsphilosophie; den Vorrang sozialer bermas sehr nahe. Wir können die Hauptmerkmale
Praktiken und sozialen Handelns für das Verständ- von Habermas’ kantischem Pragmatismus umrei-
nis des alltäglichen Lebens (der Lebenswelt); einen ßen, indem wir uns anschauen, was er an Rorty, Put-
kompromisslosen Fallibilismus sowohl auf der Ebene nam und Brandom gutheißt und was er ablehnt.
des Weltwissens als auch auf der Ebene moralischer
Argumentation; die Ausarbeitung einer intersubjek- Richard Rorty: Am schärfsten grenzt sich Habermas
tiv-dialogischen Konzeption von Handeln und Rati- von Rortys neopragmatischem Kontextualismus ab.
onalität; und schließlich ein Engagement für eine ra- Zwar sympathisiert er mit Rortys Kritik am erkennt-
dikale Demokratie, die auf Teilhabe, Gleichheit und nistheoretischen Fundamentalismus und seinem Be-
wechselseitiger Kompromissbereitschaft von Staats- harren darauf, dass die linguistische Wende die phi-
bürgern beruht. Darüber hinaus weiß er sich mit den losophischen Problemstellungen transformiert hat:
klassischen Pragmatisten in seiner naturalistischen Wir können begriffliches Wissen keinesfalls unab-
Grundhaltung einig. Menschliche Lebewesen verfü- hängig davon verstehen, wie Begriffe sprachlich
gen über eine biologische Ausstattung und eine kul- funktionieren. Habermas ist ebenfalls mit Rortys
turelle Lebensform, die beide natürlichen Ursprungs Kritik an erkenntnistheoretischen und semantischen
und zumindest prinzipiell evolutionstheoretisch er- Formen des ›Repräsentationalismus‹ einverstanden,
klärbar sind. Dies ist ein Naturalismus, der die evo- insofern diese Wissen und Sprache als einen ›Spiegel
lutionäre Entwicklung berücksichtigt und menschli- der Natur‹ behandeln. Gegen Rortys Kontextualis-
che Lernprozesse als nahtlose Fortführung früherer mus allerdings bezieht Habermas vehement Stellung.
evolutionärer Lernprozesse versteht. Habermas Rorty, glaubt er, kann dem performativen Wider-
nennt ihn einen ›schwachen Naturalismus‹, doch spruch eines sich selbst widerlegenden Relativismus
wäre ›robuster Naturalismus‹ vielleicht die treffen- nicht entgehen. Habermas wendet sich gegen Rortys
dere Bezeichnung für eine Position, die sich den ver- Versuch, die Ideen von einer kontextunabhängigen
schiedenen Spielarten des reduktionistischen Natura- unbedingten Wahrheitsgeltung, von Objektivität,
lismus widersetzt. In den vergangenen Jahrzehnten universellen Geltungsansprüchen sowie der Rolle
hat Habermas lebhafte Debatten mit Richard Rorty, der Argumentation in Auseinandersetzungen über
Hilary Putnam und Robert Brandom geführt, Philo- moralische Normen beiseite zu wischen oder zu tri-
sophen, die ihrem eigenen Verständnis nach in der vialisieren. Im Gegenzug verteidigt er universelle
Tradition des Pragmatismus stehen. Heute charakte- Geltungsansprüche in kommunikativen Interaktio-
risiert Habermas sich selbst als einen ›Kantischen nen als unvermeidlich. Obwohl Habermas danach
Pragmatisten‹, eine Position, die er im Meinungs- strebt, Kant auf pragmatische Weise zu detranszen-
austausch mit Rorty, Putnam und Brandom revidiert dentalisieren, verteidigt er doch, was für ihn das
und weiterentwickelt hat. Herzstück des transzendentalen Projekts bildet – die
Seit ihren Anfangstagen war die pragmatistische Suche nach den präsumtiv universellen unvermeid-
Bewegung streitbar und in zahlreiche Diskussionen lichen Bedingungen, die in unseren kommunikati-
verwickelt. Die Unstimmigkeiten, die zwischen zeit- ven Interaktionen erfüllt sein müssen. Man kann
genössischen Pragmatisten herrschen, sind nicht eine entscheidende Differenz zwischen Habermas
weniger gravierend und zugespitzt als die der klassi- und Rorty auch daran festmachen, wie radikal ver-
schen amerikanischen Ahnherren dieser Tradition. schieden beide auf ›realistische Intuitionen‹ reagie-
Peirce begann seine philosophische Laufbahn mit ren. Habermas versucht diese Intuitionen mit dem
dem Versuch, Kant – mit Habermas gesprochen – Nachweis zu rechtfertigen, dass wir die Existenz ei-
23. Neopragmatismus 117

ner objektiven, von uns unabhängigen Welt – einer schen Einsicht zu vereinbaren ist, daß uns ein direk-
Welt, die für alle menschlichen Lebewesen dieselbe ter, sprachlich unvermittelter Zugriff auf die ›nackte‹
ist und die einschränkt, was wir wissen können – vo- Realität versagt ist« (WR, 8). Zur Beantwortung die-
raussetzen müssen. Rorty hingegen empfiehlt, derlei ser Frage entwickelt Habermas eine pragmatische
›realistische Intuitionen‹ einfach abzuschütteln. Wir Wahrheitstheorie, die Wahrheit als ›rechtfertigungs-
haben ›die Welt verloren‹, lässt er uns wissen, und transzendenten Begriff‹ ausweist. ›Wahrheit‹ bezieht
ein ›Jenseits dessen‹, verschiedene Vokabulare – ver- sich auf Bedingungen, die in der Wirklichkeit selbst
schiedene Beschreibungen und Neubeschreibungen gegeben sein müssen. Diese revidierte Wahrheits-
– gegeneinander auszuspielen, ist uns nicht erreich- theorie bedeutet eine Rückwendung zum klassischen
bar. Die einzigen Einschränkungen, denen wir dabei pragmatistischen Kontext der alltäglichen lebens-
unterlägen, seien solche, die sich aus der Konversa- weltlichen Handlungen und Praktiken.
tion mit unseren Mitmenschen ergeben. Was die Der Pragmatismus macht uns bewusst, dass wir
Ebene der Rechtfertigung betrifft, könnten wir uns in unseren alltäglichen Praktiken Wahrheitsansprü-
allein auf die Standards und Kriterien berufen, die che grundsätzlich nicht in der Schwebe lassen
die jeweilige Peer group akzeptiert. In diesem Sinne können. Unsere alltäglichen Routinen und Kommu-
ist Rechtfertigung für Rorty ein ›soziologisches‹ Ge- nikationen funktionieren auf der Grundlage von
schäft. Er gesteht einen ›warnenden‹ Gebrauch des Verhaltensgewissheiten, die für uns Selbstverständ-
Ausdrucks ›wahr‹ zu, meint damit aber nicht mehr lichkeiten sind. Wenn diese Verhaltensgewissheiten
als den Ausdruck unserer Bereitschaft, unsere An- jedoch enttäuscht werden oder wir auf Widerstände
sichten an veränderte Umstände anzupassen. Dieser stoßen, werden unsere praktischen Gewissheiten
warnende Gebrauch von ›wahr‹ erinnert uns daran, problematisch. Was wir für selbstverständlich hiel-
dass es noch unseren besten Rechtfertigungen miss- ten, können wir nicht mehr ›naiv‹ gelten lassen. Wir
lingen kann, die Adressaten zu überzeugen, an die gehen vom Handeln zum Diskurs über. Bei diesem
wir uns wenden. Für Rorty kann sich also die Situa- Übergang wird das, was ursprünglich als praktische
tion einstellen, dass wir uns neue Rechtfertigungen Gewissheit galt, nunmehr zum Problem; wir müssen
für ein neues Publikum ausdenken müssen. Dies sei überprüfen, ob es wahr ist, indem wir Gründe an-
in der Vergangenheit oft genug der Fall gewesen, führen – indem wir argumentieren. Wahrheit lässt
und es gebe keinen Grund zu glauben, dass sich da- sich weder allein mit Bezug auf die praktischen Ge-
ran in Zukunft etwas ändern sollte. wissheiten unseres alltäglichen Handelns noch allein
Obwohl Habermas Rorty scharf kritisiert hat, bot mit Bezug auf die argumentativen Prozeduren des
ihm der lebhafte Austausch mit dem amerikanischen Diskurses erklären: Habermas’ pragmatische Wahr-
Kollegen doch auch Anlass, seine eigene pragmati- heitskonzeption ist ›janusgesichtig‹, wobei die eine
sche Wahrheitstheorie zu überdenken und zu revi- Seite dem lebensweltlichen Handeln, bei dem wir auf
dieren. Habermas räumt heute ein, dass eine episte- praktische Gewissheiten vertrauen, und die andere
mische diskurstheoretische Wahrheitstheorie nicht dem Diskurs, in dem die Argumentation Vorrang
hinreicht, um den Charakter der ›unbedingten Wahr- genießt, zugewandt ist. Diese Konzeption erlaubt
heitsgeltung‹ zu erklären. Man kann die Bedeutung uns, die formalpragmatische Annahme verständlich
von Wahrheit nicht aus jener ausschließlich epistemi- zu machen, dass es eine objektive, von uns unabhän-
schen Perspektive beschreiben, aus der wir die for- gige Welt gibt, über die wir wahre Behauptungen
malpragmatischen idealen Bedingungen spezifizie- aufstellen können. Der in der Lebenswelt des Han-
ren, unter denen wir Behauptungen mit Wahrheits- delns implizierte nichtepistemische Wahrheitsbe-
anspruch rechtfertigen. Einmal abgesehen von der griff bietet einen rechtfertigungstranszendenten Be-
Schwierigkeit, was genau unter ›idealen Bedingun- zugspunkt für diskursiv thematisierte Wahrheitsan-
gen‹ zu verstehen ist, kann sich auch eine unter ›ide- sprüche. Das Ziel derartiger Rechtfertigungen
alen Bedingungen‹ entstandene Rechtfertigung als besteht darin, eine Wahrheit zu entdecken, die über
falsch herausstellen. Und Wahrheit ist für Habermas alle Rechtfertigungen hinausgeht. Sobald unsere
eine ›unverlierbare Eigenschaft‹ von Aussagen. Im naiv akzeptierten Überzeugungen darüber, was wahr
Unterschied zur Rechtfertigung ist Wahrheit unbe- ist, problematisiert werden, treten wir in einen argu-
dingt. Die Frage, die Habermas zu beantworten ver- mentativen Diskurs ein, um sie zu rechtfertigen.
sucht, lautet somit, »wie die Annahme einer von Wahrheit ist unbedingt, doch unsere Behauptungen
unseren Beschreibungen unabhängigen, für alle Be- darüber, was wahr ist, sind prinzipiell immer be-
obachter identischen Welt mit der sprachphilosophi- dingt und fallibel. Habermas’ neue pragmatische
118 II. Kontexte

Wahrheitstheorie stellt eine Verbindung zwischen Wissen über diese Normen ist selbstverständlich fal-
der Lebenswelt alltäglicher Handlungen mit ihren libel und von Lernprozessen abhängig, die sich mit
praktischen Gewissheiten und dem Diskurs her, in der Zeit entfalten. Die Behauptung jedoch, dass es
dem man sich auf gute Gründe berufen und argu- solche verpflichtenden unbedingten moralischen
mentieren muss. Normen gibt, ist grundlegend für Habermas. ›Ethik‹,
wie Habermas den Begriff gebraucht, ist partikula-
Hilary Putnam: In der Frage des erkenntnistheoreti- ristisch und kontextabhängig. Die Ethik bezieht sich
schen Realismus stimmt Habermas grundsätzlich auf jene Werte und Vorstellungen vom guten Leben,
mit Hilary Putnam überein. Er stützt sich auf Put- die ein zentrales Element meiner persönlichen Auf-
nams Analysen des ›internen Realismus‹ und der fassungen bzw. der Auffassungen der Gruppen sind,
Referenz, um seine eigene Version eines pragmati- mit denen ich mich identifiziere. Die Ethik orientiert
schen Realismus zu erläutern. Auch mit Putnams sich stets an der ersten Person Singular oder Plural –
Kritik an Rortys Kontextualismus ist Habermas ein- an meiner oder unserer ethischen Orientierung. Es
verstanden. Wenn es darum geht, den Realismus ge- gibt eine Vielzahl von Vorstellungen vom ›guten Le-
gen Rorty zu verteidigen, sind Putnam und Haber- ben‹, doch nur eine universelle Moral. Der Wert ei-
mas Verbündete. Putnams interner Realismus lehrt ner moralischen Norm kann allein durch alle in ih-
uns, wie wir die Annahme, dass eine von unseren rer Rolle als Teilnehmer eines praktischen morali-
Beschreibungen unabhängige Welt existiert, mit der schen Diskurses Betroffenen gerechtfertigt werden.
durch die linguistische Wende gewonnenen Ein- Im Unterschied zu theoretischen Urteilen, die unter
sicht, keinen sprachlich unvermittelten Zugang zu Berufung auf eine objektive, von uns unabhängige
einer ›nackten‹ Realität zu haben, versöhnen kön- Welt gerechtfertigt werden, können praktische mo-
nen. Putnams epistemologischer Realismus zeigt ralische Urteile nur dadurch gerechtfertigt werden,
uns, wie wir Rortys Kontextualismus vermeiden und dass die Teilnehmer eines praktischen Diskurses ih-
›transzendieren‹ können. Aus all diesen Gründen nen zustimmen. Kurz gesagt: Habermas möchte ei-
betrachtet Habermas Putnam als einen Bundesge- nen epistemologischen Realismus mit einem morali-
nossen in Sachen Kantischer Pragmatismus. Doch schen Konstruktivismus kombinieren. Moralischen
herrscht erhebliche Uneinigkeit zwischen beiden Realismus lehnt er ab.
Philosophen, was die Unterscheidung zwischen Putnam bestreitet dieses ganze für Habermas so
theoretischer und praktischer Vernunft, Ethik und entscheidende Ensemble von Unterscheidungen. Er
Moral, Werten und Normen angeht. Für Habermas, glaubt nicht an einen klaren Unterschied zwischen
der sich hier Kant anschließt, besteht ein starker Un- Moral und Ethik; Werte und Tatsachen sind in sei-
terschied zwischen theoretischer und praktischer nen Augen in allen Bereichen miteinander verwo-
Vernunft. Die theoretische Vernunft hat es vor- ben; und er meint, dass wir auf die gleiche Weise von
nehmlich mit Wahrheit zu tun, während es bei der moralischen Wahrheiten und moralischer Objekti-
praktischen (moralischen) Vernunft in erster Linie vität sprechen können, wie wir über Wahrheit und
um Richtigkeit geht. In seiner Theorie des kommuni- Objektivität in der wissenschaftlichen Forschung
kativen Handelns unterscheidet Habermas drei Ar- sprechen. Folglich lehnt er eine strikte Trennung
ten von Geltungsansprüchen – Wahrheit, Richtigkeit zwischen theoretischer und praktischer Vernunft ab.
und Wahrhaftigkeit. Diese unterschiedlichen Gel- Wo also Habermas (im Geiste Kants) eine Reihe kla-
tungsansprüche dürften wir nicht verwechseln, die rer Unterscheidungen vornimmt, vermag Putnam
Unterschiede zwischen ihnen nicht verwischen. Die (im Geiste Deweys) nur graduelle Unterschiede zu
Art von Geltung, um die es uns zu tun ist, wenn wir erkennen. Für Habermas wäre Putnam ein konse-
die objektive Welt erkennen wollen (Wahrheit), ist quenterer Kantischer Pragmatist, wenn er Kants de-
nicht dieselbe wie die Geltung, die wir zu erlangen ontologische Einsichten über Moral durchgängig
hoffen, wenn wir universelle moralische Normen zu würdigen und die Gefahr erkennen würde, die in der
rechtfertigen versuchen (Richtigkeit). In seiner ›Ontologisierung‹ unseres moralischen Wissens
Diskursethik, die man vielleicht besser als Diskurs- liegt. Wohl gesteht Habermas zu, dass es sinnvoll ist,
theorie der Moral bezeichnen sollte, unterscheidet auch im Zusammenhang moralischer Diskurse von
Habermas scharf zwischen Moral und Ethik. Die ›Wahrheit‹ und ›Objektivität‹ zu sprechen, doch
Moral oder genauer, der praktische moralische Dis- müssten wir begreifen, dass ›Wahrheit‹ und ›Objek-
kurs, hat es mit universellen moralischen Normen tivität‹ in theoretischen und praktisch-moralischen
zu tun, die verbindliche Kraft für uns haben. Unser Diskursen sehr unterschiedliche Rollen spielen. Wir
23. Neopragmatismus 119

müssten der Versuchung widerstehen, moralisches und handlungsfähiger Subjekte ihren Ausdruck fin-
Wissen zu ›ontologisieren‹. Habermas sieht eine den, überzeugend zu beschreiben. Folglich leistet
grundsätzliche Spannung in Putnams Version des Brandom in seinen Augen einen bedeutenden Bei-
Pragmatismus und seinem ›Verwischen‹ des Unter- trag dazu, einen starken Pragmatismus zu formulie-
schieds zwischen Normen und Werten – eine Span- ren und zu verteidigen – einen Pragmatismus, der
nung, die aus der Art und Weise herrührt, wie Put- auf innovative Weise eine normative Formalpragma-
nam den epistemologischen Realismus mit einer tik mit einer inferentiellen Semantik verbindet. Was
aristotelisch-deweyschen Auffassung von Ethik und Habermas jedoch beunruhigt, ist Brandoms Neohe-
eudaimonia – dem menschlichen Wohlergehen – gelianismus. »Am Ende kann Brandom freilich er-
verbinden möchte. Um ein konsequenterer Kanti- kenntnisrealistischen Intuitionen nur um den Preis
scher Pragmatist zu sein, sollte sich Putnam Haber- eines Begriffsrealismus gerecht werden, der die
mas zufolge stärker auf einen anderen Pragmatisten, Schwelle zwischen intersubjektiv geteilter Lebens-
George Herbert Mead, als auf Aristoteles und Dewey welt und objektiver Welt einebnet. Diese Anglei-
stützen. Mead entwickelte eine pragmatische, kan- chung der Objektivität der Erfahrung an die Inter-
tisch-konstruktivistische Analyse des moralischen subjektivität der Verständigung erinnert an einen
Standpunkts, indem er zeigte, wie wir uns durch berühmten Argumentationszug von Hegel« (WR,
wechselseitige Perspektivenübernahme einer inklu- 15). Habermas’ Kantischer Pragmatismus soll gleich-
sive Wir-Perspektive annähern können. sam eine via media zwischen Rortys pragmatischem
Um einschätzen zu können, warum sich Haber- Kontextualismus und Brandoms pragmatischem
mas gegen die Spielarten des moralischen Realismus Neohegelianismus bilden.
wendet und sich nachdrücklich für eine Form des Obwohl Habermas die Raffinesse, Stringenz und
moralischen Konstruktivismus stark macht, müssen Reichweite von Brandoms pragmatischem Neohege-
wir eine umfassendere Perspektive einnehmen. Ha- lianismus bewundert, bereiten ihm drei miteinander
bermas hat sich stets mit dem von Kant eingeläute- zusammenhängende Aspekte Unbehagen. Erstens
ten Projekt der Moderne identifiziert. Kant verdan- glaubt Habermas trotz Brandoms Versuch, ›realisti-
ken wir die Einsicht, dass es keine höhere moralische schen‹ Intuitionen gerecht zu werden und eine ad-
Autorität gibt als unsere eigene praktische Vernunft. äquate Analyse von Wahrheit und Objektivität vor-
Eine angemessene Darstellung der Rolle der prakti- zulegen, nicht, dass ein Begriffsrealismus der unbe-
schen Vernunft erlaubt es uns, den universellen und dingten Wahrheitsgeltung in vollem Umfang gerecht
verpflichtenden Charakter moralischer Normen zu werden kann. Brandom geht diese Fragen aus der
begründen. Die kommunikative Wende in der Phi- Perspektive unserer begrifflichen normativen sozia-
losophie unterstreicht, dass die praktische morali- len Praktiken an. Die Idee einer objektiven Welt ist
sche Vernunft dialogisch und nicht monologisch ist in seinen Augen schlechthin Bestandteil dieser Prak-
– dass moralische Normen nur von den Teilnehmern tiken. Habermas bestreitet diese Behauptung nicht,
eines praktischen Diskurses gerechtfertigt werden betrachtet sie aber nicht als hinreichend für eine an-
können. Aus der Rechtfertigung moralischer Nor- gemessene Erklärung des starken (ontologischen)
men heraus zeichnet sich als Aufgabe ab, was getan Sinns, in dem wir eine von uns unabhängige objek-
werden müsste, um sich einer Gesellschaft anzunä- tive Welt voraussetzen. Dieselbe Überlegung, die
hern, in der diese Normen konkret verwirklicht wä- Habermas dazu führte, sein eigenes ursprünglich
ren. Eine konstruktivistische Orientierung ist erfor- epistemisches Verständnis von Wahrheit und Objek-
derlich, um die normative Grundlage für eine kriti- tivität zu kritisieren, motiviert auch seine Kritik an
sche Gesellschaftstheorie zu schaffen. Brandom. Eine pragmatische Theorie von Wahrheit
und Objektivität kann sich nicht auf die epistemi-
Robert Brandom: Habermas hegt tiefe Sympathien schen (begrifflichen) Aspekte von Wahrheit be-
für Robert B. Brandoms beherzten Versuch, unsere schränken; sie muss auch an die nichtepistemischen
realistischen Intuitionen ernst zu nehmen und ein (ontologischen) Aspekte von Wahrheit und Objekti-
Verständnis von Wahrheit und Objektivität zu ent- vität angebunden werden.
wickeln, das gegen die Vorwürfe des Kontextualis- Zweitens glaubt Habermas, dass Brandom von
mus und des Relativismus gefeit ist. Brandoms Ex- derselben Prämisse ausgeht wie die meisten analyti-
pressive Vernunft rühmt er als einen Meilenstein der schen Philosophen und die Proposition oder Aus-
theoretischen Philosophie, dem es gelinge, die Prak- sage für den paradigmatischen Fall der Sprachana-
tiken, in denen die Vernunft und Autonomie sprach- lyse hält. Damit, so Habermas, wird der Zweck des
120 II. Kontexte

kommunikativen Handelns verfehlt. Wenn sich die Pragmatismus. Habermas’ Kantianismus ist dabei
darstellenden und die kommunikativen Funktionen vom historischen Kant weit entfernt, doch macht er
der Sprache auch gegenseitig voraussetzen, so sind das zu seiner Sache, was ihm als die zentrale Ein-
sie doch verschieden und gleichursprünglich. Haber- sicht von Kants transzendentalem Projekt gilt –
mas behauptet, Brandom habe eine ›objektivistische‹ nämlich die formalpragmatischen Voraussetzungen
Vorstellung von Kommunikation, die die Perspek- von Sprache und Handeln zu rekonstruieren. Er ver-
tive des Beobachters als einer dritten Person in den wirft Kants transzendentalen Idealismus zugunsten
Vordergrund stellt. Damit verzerre Brandom die eines Pragmatismus, der unsere realistischen Intui-
Perspektive der zweiten Person, die wesentlich dafür tionen auf postmetaphysische Weise voll und ganz
ist zu verstehen, wie Teilnehmer einander im Rah- einlösen kann. Indem er eine pragmatische Wahr-
men kommunikativen Handelns begegnen. heitstheorie entwickelt, kehrt er an den Ausgangs-
Drittens kritisiert er Brandom – in einer Weise, punkt der klassischen amerikanischen Pragmatisten
die an seine Auseinandersetzung mit Putnam erin- zurück – die Welt des alltäglichen Handelns mit ih-
nert – dafür, auf einen Monismus zuzusteuern, der ren praktischen Gewissheiten. Wahrheit ist ein ja-
den Unterschied zwischen Tatsachen und Normen nusgesichtiger Begriff, der Handeln und Diskurs
einebnet. Wenngleich Brandoms philosophische miteinander in Beziehung setzt. Darüber hinaus
Motive sich von denen Putnams unterscheiden, so vertritt Habermas, dass wir die Kantische Einsicht
verwischt nichtsdestotrotz auch er die wichtige kan- hinsichtlich verbindlicher moralischer Normen be-
tische Trennlinie zwischen theoretischer und prakti- wahren und in eine Theorie der Kommunikation in-
scher Vernunft. Normen lassen sich aus der Perspek- tegrieren können, die verlangt, dass solche Normen
tive eines Beobachters (der Perspektive der dritten nur durch die diskursiven Praktiken aller von ihnen
Person) als ›Tatsachen‹ beschreiben, rechtfertigen betroffenen Teilnehmer gerechtfertigt werden kön-
aber lassen sie sich nur aus der Teilnehmerperspek- nen. Habermas verbindet einen pragmatischen epis-
tive (der Perspektive der zweiten Person). temologischen Realismus mit einem moralischen
Konstruktivismus. Er führt das Kantische Thema
Habermas’ Kantischer Pragmatismus: Wir können der Aufrechterhaltung des Unterschieds zwischen
die Besonderheit von Habermas’ Kantischem Prag- theoretischer und praktischer Vernunft (und Philo-
matismus nun besser einschätzen. Wie Rorty, Put- sophie) durch. Folglich widersteht er Rortys, Put-
nam und Brandom behauptet auch Habermas, dass nams und Brandoms Versuchen, die Grenze zwi-
der Pragmatismus durch die linguistische Wende schen theoretischer und praktischer Vernunft zu
transformiert wurde. Die linguistische Wende er- verwischen oder einzuebnen – sei es im Namen des
möglicht es uns, den Aporien des ›Mentalismus‹ zu ›Kontextualismus‹ (Rorty), des ›moralischen Realis-
entgehen, die von Descartes bis ans Ende des 19. mus‹ (Putnam) oder des ›Begriffsrealismus‹ (Bran-
Jahrhunderts weite Teile der Philosophie dominier- dom).
ten. In dieser Hinsicht hat die linguistische Wende Betrachtet man die Entwicklung von Habermas’
einen fortschrittlichen Paradigmenwechsel eingelei- Denken im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre mit
tet. Doch wirft sie ihre eigenen Probleme auf. Wenn etwas Abstand, dann lässt es sich als Entwicklung ei-
wir einräumen, dass unser Weltwissen immer durch ner immer durchdachteren kritischen kantisch-
Sprache vermittelt ist und wir nie in direktem kog- pragmatistischen Perspektive verstehen – einer Per-
nitiven Kontakt mit einer ›nackten‹ Realität stehen, spektive, die viele der besten Einsichten der klassi-
wie lässt sich dann eine Form von Sprachidealismus schen amerikanischen Pragmatisten und ihrer
oder Kontextualismus vermeiden, der unseren rea- Nachfolger einbezieht. In bestem pragmatischem
listischen Intuitionen nicht gerecht würde – unserer Geist hat Habermas gleichermaßen von diesen Den-
Auffassung, dass eine von uns unabhängige Welt kern gelernt und sie kritisiert, um seine eigene un-
existiert, über die wir wahre Behauptungen aufstel- verkennbar pragmatistische Philosophie zu entfal-
len können? Wie sollen wir darüber hinaus den Fall- ten.
stricken des Sprachrelativismus entgehen, der unse-
rem Verständnis, dass es bindende, jeden lokalen
Kontext transzendierende universelle moralische Literatur
Normen gibt, nicht gerecht werden kann? Für Ha- Brandom, Robert B.: Expressive Vernunft. Begründung, Re-
bermas liegt die Antwort auf diese Frage in der Aus- präsentation und diskursive Festlegung. Frankfurt a. M.
buchstabierung und Verteidigung des Kantischen 2000 (engl. 1994).
24. Jüdische Philosophie 121

–: Begründen und Begreifen. Eine Einführung in den Infe-


rentialismus. Frankfurt a. M. 2001 (engl. 2000).
24. Jüdische Philosophie
Putnam, Hilary: Realism with a Human Face. Hg. von James
Conant. Cambridge, Mass. 1990.
–: Words and Life. Hg. von James Conant. Cambridge, Die Auseinandersetzung mit jüdischer Philosophie
Mass. 1994. und jüdischen Philosophen hat im Werk von Jürgen
Rorty, Richard: Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philo- Habermas von Anfang an eine bedeutende Rolle ge-
sophie. Frankfurt a. M. 1981 (engl. 1979). spielt. Publizierte er schon 1961 einen Aufsatz unter
–: Kontingenz, Ironie und Solidarität. Frankfurt a. M. 1989 dem Titel »Der deutsche Idealismus der jüdischen
(engl. 1989).
Richard J. Bernstein (Übers. Michael Adrian) Philosophen«, so folgten zwei Arbeiten zu Hannah
Arendt, die schließlich um weitere Studien zu Walter
Benjamin und Gershom Scholem ergänzt wurden.
Als existenzielles Motiv für dieses Interesse kann die
von ihm übernommene Verantwortung für die deut-
schen Verbrechen unter dem Nationalsozialismus
gelten, als systematische Fragestellung sein Interesse
an der Geschichtsphilosophie des Deutschen Idea-
lismus. Der auf der Basis seiner Dissertation entstan-
dene, 1963 erstmals publizierte Aufsatz »Dialekti-
scher Materialismus im Übergang zum Materialis-
mus – Geschichtsphilosophische Folgerungen aus
Schellings Idee einer Contraction Gottes« nimmt auf
die Tradition der spätmittelalterlichen jüdischen
Mystik Bezug. Habermas glaubte schon früh, dass
der deutsche Idealismus der jüdischen Philosophen
das »Ferment einer kritischen Utopie« (PPP, 64) her-
vorgebracht, eine Intention, die ihren Ausdruck im
letzten Aphorismus von Adornos Minima Moralia
gefunden habe. »Philosophie, wie sie im Angesicht
der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist,
wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie
sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstell-
ten« (ebd.).
Endlich spielt – Jahrzehnte später – die Philoso-
phie Jacques Derridas in den 1985 erschienenen
zwölf Vorlesungen über den philosophischen Dis-
kurs der Moderne eine zentrale Rolle, insofern Der-
rida hier als die radikalste Ausprägung des ›postmo-
dernen‹ Denkens, der ›Dekonstruktion‹ gilt, der Ha-
bermas hier letztlich ein nur von jüdisch-ethischen
Traditionen gemildertes Ursprungsdenken in der
Spur Heideggers vorhält (DM, 194–195). Ein Hin-
weis auf die jüdische Ethik steht am Anfang von Ha-
bermas’ Interessen an jüdischer Philosophie.

Hermann Cohen (1842–1818): Das Programm einer


Synthese von Kantianismus und Judentum wurde
von Hermann Cohen, auf den sich Habermas we-
sentlich in seiner Arbeit »Der deutsche Idealismus
der jüdischen Philosophen« bezieht, in seinem 1918
posthum erschienenen Hauptwerk »Die Religion der
Vernunft aus den Quellen des Judentums« vollendet.
Indem Cohen in einer durch Kants kritisches Den-
122 II. Kontexte

ken geprägten Ethik der Mitmenschlichkeit (Brum- stehenden, alleine dem immerwährenden Jetzt sei-
lik 2001, 11–28) eine neue Lektüre der propheti- nes liturgischen Jahres und seinem blutmäßigen
schen Schriften vornimmt, entfaltet er sowohl eine Fortzeugen verpflichteten Volkes. Das Judentum be-
Theorie sozialer Gerechtigkeit als auch internationa- findet sich nach dieser Auffassung bereits dort, wo-
ler Rechtlichkeit. In den Schriften der Hebräischen hin die dem eigenen Anspruch nach bereits erlöste
Bibel findet Cohen beispielhafte Formen der Volks- Christenheit in ihrem grundsätzlich historischen
genossenschaft, der Gastfreundschaft, der Fremden- Weltverhältnis strebt. Gleichwohl ist Rosenzweigs
gesetzgebung und des Bundes Gottes mit allen Men- Theorie des Judentums als eines Volks jenseits aller
schen und entwickelt auf dieser Basis schon früh Geschichte, ganz ohne Krieg, das ohne eigene Pro-
eine Philosophie der Intersubjektivität (Brumlik fansprache und ohne eigene Heimat nur sich selbst
2002). Cohen – und das hat die Forschung lange genügend um sein liturgisches Jahr und die eigene
übersehen –war noch vor den gemeinhin als Inter- Fortpflanzung kreist, durch die Realgeschichte des
subjektivitätsdenker bekannten Philosophen der 20. Jahrhunderts widerlegt worden. Das hat der späte
Sprache Rosenzweig und Buber ein Theoretiker der Rosenzweig mindestens geahnt, als er sich zwei Jahre
Intersubjektivität und damit der erste neukantiani- vor seinem Tod in einem Briefwechsel mit dem Zio-
sche Philosoph, der weniger auf Basis der Sprache nismus auseinandergesetzt hat, dem er nicht nur zu-
als vielmehr durch eine in den biblischen Schriften schrieb, ganz von selbst zu einer Wiederherstellung
material entfalteten universalistischen Ethik zu einer des
Philosophie der Intersubjektivität gelangt. Es ist die »[…] echten prophetischen Verhältnisses zum eigenen Ge-
spezifische, am Leiden und Mitleiden geschulte, um meinwesen gedrängt zu werden, sondern auch eine objek-
ihre Verwiesenheit auf andere belehrte Vernunft, die tive Rolle bei der Verwirklichung des jüdischen Gedankens
dazu getrieben wird, Verantwortlichkeiten anzuer- zu spielen: So wie die Sozialdemokratie auch wenn nicht
›religiössozialistisch‹, ja sogar wenn ›atheistisch‹, für die
kennen, die die eigenen Belange und Interessen Verwirklichung des Gottesreichs durch die Kirche wichti-
übersteigen. Die Religion der Vernunft aus den Quel- ger ist als die Kirchlichen, sogar die wenigen Wirklich-
len des Judentums erweitert und erfüllt die formale kirchlichen, und erst recht wichtiger als die ungeheuere
philosophische Ethik Kants, indem sie diese, selbst Masse der Halb- und Ganzdifferenten, so der Zionismus
noch am Modell einer theoretischen Wissenschaft für die Synagoge« (Rosenzweig 1973, 227).
untereinander zusammenhängender Urteile orien- Habermas’ Interesse an den jüdischen Wurzeln von
tiert, auf ihre materialen Gehalte hin auslegt. Damit Kerngedanken des deutschen Idealismus, die er im
übernimmt nach Cohen die Religion im intersubjek- Werk Schellings identifizierte, richtete seinen Blick
tiven, sozialen Leben jene Funktion, die Maximen auf die Arbeiten von Gershom Scholem, Walter Ben-
im einzelnen Individuum erfüllen: die der Motiva- jamin und Ernst Bloch.
tion zum Handeln. Wurzel dieser Motivation ist das
Mitleid: Gershom Scholem (1897–1982):Wesentliche Impulse
Das Mitleid muss der Passivität der Reaktion entkleidet nicht nur für Habermas’ frühe Geschichtsphiloso-
werden, es muss als volle ganze Aktivität zur Anerkennung phie, seine darauf folgenden Überlegungen zu Aner-
gebracht werden. [...] Reaktion aber, als Wechselwirkung, kennung und Versöhnung, sondern auch für seine
steuert auf ein Ziel hin. Dieses Ziel ist die Gemeinschaft, in späten Arbeiten zur Religion verdankt Habermas
der der Mitmensch entsteht« (Cohen 2008, 187). dem lebenslangen Freund Walter Benjamins,
Franz Rosenzweig (1886–1929): Cohens geistiger Gershom Scholem. Scholems einzigartige philologi-
Schüler und Antipode Franz Rosenzweig gehört zu sche Leistung, die bis zu ihm von der Wissenschaft
der um die Zeit des Ersten Weltkriegs entstehenden des Judentums bzw. einer historisch-kritisch vorge-
Schule der Existenzphilosophie, die an die Stelle der henden Erforschung traditioneller jüdischer Schrif-
Reflexion über das einsame Bewusstsein und seine ten systematisch übergangene mystische Literatur
Leistungen das Nachdenken über den Menschen als der hoch- und spätmittelalterlichen »Kabbala« zu er-
sprachlich konstituiertes, intersubjektives, aber doch schließen, wurde für Habermas zum Anlass, die sei-
auch und vor allem sterbliches Wesen setzte. Auf Ba- ner Meinung nach über die Kabbala in den Pietis-
sis seiner vorzüglichen Kenntnisse der Geschichts- mus und über diesen in die Philosophie gelangten
philosophie des Deutschen Idealismus, zumal He- Elemente des Deutschen Idealismus neu zu bewer-
gels und Schellings, entfaltet Rosenzweig im Stern ten. Die lurianische Kabbala versteht die Schöpfung
der Erlösung von 1917 eine Theorie des Judentums, als Rückzug Gottes in sich selbst (Scholem 1970), ein
als eines jenseits von Land, Geschichte und Sprache Motiv, das sich mit Scholem auch als ein Exil Gottes
24. Jüdische Philosophie 123

in sich selbst verstehen lässt. Damit ist der Weltpro- gische Fragen der Historiographie hinein: »Die Ein-
zess von Anfang an und für immer als Heimkehr- fühlung in den Sieger«, so formulierte Walter Benja-
oder Heimbringungsprozess verstanden, ein Pro- min 1940, »[…] kommt demnach den jeweils Herr-
zess, der von der Bereitschaft der Menschen abhängt, schenden allemal zugute […]« (Benjamin 1980,
die im Exil verlorenen Funken Gottes heimzuführen 696). Benjamins vielfach missverstandene Lehre von
und somit die von Anfang an zerbrochene Schöp- der historischen Zeit richtet sich jedoch keineswegs
fung zu heilen – »Tikkun olam«. Damit gewinnt das gegen jede Idee allmählicher Verbesserung der Ver-
messianische Denken eine überraschende Wendung: hältnisse, sondern nur wider eine Sicht der Ge-
Nicht mehr ist es Aufgabe Gottes, die Menschheit zu schichte, die die »Zeit« lediglich als gleichsam leere
erretten, sondern umgekehrt Aufgabe der Mensch- Form des Geschehens ansieht. Dieser formalen Be-
heit, Gott und mit ihm seine Schöpfung zu retten trachtung setzt er eine existenzielle Theorie der Zei-
(Scholem 1967, 267 f.). Diese Form der Mystik, vor- tigung und der erfüllten Zeitpunkte entgegen, eine
gezeichnet in der lurianischen Kabbala erlaubt eine Theorie lebendiger Zeit, die in einem generationen-
der Existenz und der Profanität angemessene Lesart übergreifenden Kontinuum steht.
der theologischen Tradition. Dort, wo Scholem seine Worum es Benjamin letztlich ging, und was er
Rolle als Philologe verlässt und – wie in den »Zehn in seinen pädagogischen und geschichtsphiloso-
unhistorischen Sätzen« (Scholem 1970) – den ge- phischen Schriften lediglich entfaltete, hat er 1922,
schichtsphilosophisch und erkenntnistheoretisch in dem Essay über Goethes Wahlverwandtschaften
ausweisbaren, systematischen Gehalt der mystischen dargelegt. Diese Schrift endet mit folgenden Worten:
Tradition zu entfalten versucht, entsteht eine Per- »Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die
spektive, die verständlich macht, was es heißen kann, Hoffnung gegeben« (Benjamin 1980, 201). In den
in der Moderne die Substanz des Humanen retten zu Geschichtsphilosophischen Thesen kulminierte diese
können: Nämlich die wesentlichen Gehalte ihrer allem Pessimismus entgegengesetzte Zukunftszu-
religiösen, »[…] über das bloß Humane hinauswei- wendung in einer Lehre von der messianischen Jetzt-
senden Überlieferung in die Bezirke der Profanität zeit:
einzubringen« (PPP, 390). Es waren eben diese der »Den Juden wurde die Zukunft aber darum doch nicht zur
Mystik und dem biblischen Messianismus entstam- homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde
menden Motive, die Habermas systematisch an den die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte«
Arbeiten Walter Benjamins und Ernst Blochs inter- (Benjamin 1980, 704).
essierten. An dieser Konzeption kritisiert Habermas gleich-
wohl mit Scholem, dass Benjamin sich nicht dazu
Walter Benjamin (1892–1940): Walter Benjamin, den »[…] verstehen wollte, die messianische Theorie der
Hannah Arendt als den seltsamsten Marxisten be- Erfahrung für den historischen Materialismus
zeichnet hatte, den diese an Seltsamkeiten nicht dienstbar zu machen« (PPP, 364).
arme Bewegung hervorgebracht habe (Arendt 1971,
18) verfasste im Exil 1940, die Thesen »Über den Be- Ernst Bloch (1885–1977): Diesen Versuch unter-
griff der Geschichte« (Benjamin 1980, 693 f.), in de- nahm Ernst Bloch, den Habermas als »marxistischen
nen er theologische Intuitionen, marxistische Ein- Schelling« bezeichnete und den er im Erbe der jüdi-
sichten und die bestürzende Wahrnehmung des apo- schen Mystik sieht: »Das jüdische Organ im Marxis-
kalyptischen Niedergangs der Moderne zu einer mus macht nämlich für bestimmte, einst von Kab-
negativen Geschichtsphilosophie zusammenschie- bala und Mystik gehütete Perspektiven empfänglich«
ßen lässt, die als Ausweg nur noch eine messianische (PPP, 148).
Revolution der Unterdrückten um der Toten willen Tatsächlich geriet das Judentum Bloch in drei auf
offen lässt. Damit geht es Benjamin um eine Auswei- den ersten Blick auseinanderstrebenden Diskursen
tung des moralischen Universums in der Zeit und zum Inbegriff einer halbierten Hoffnung, die erst
um eine relative Abwertung der Gegenwart und ih- durch das, was er für den »Christusglauben« hielt, zu
res allmählichen Fortschritts zugunsten einer erfüll- einer wirklichen Hoffnung geworden sei. Die drei
ten Vergangenheit und Zukunft unter dem Rubrum Diskurse gelten zum einen der unabgegoltenen Vor-
einer »Hoffnung um der Hoffnungslosen« (Benja- geschichte von Blochs eigener häretischer Christolo-
min 1980, 201) willen. Die hier angelegte Lehre his- gie, zum zweiten dem völkischen und rassistischen
torischen Unrechts und »anamnetischer Solidarität« Antisemitismus sowie der politischen Utopie des Zi-
(Peukert 1980) hat Konsequenzen bis in methodolo- onismus (Bloch 1976, 708 f.). Allen drei Diskursen
124 II. Kontexte

eignet ein gemeinsames Motiv: Indem das Judentum »[Es] ist erstaunlich, wie völlig hier die Konsequenzen Ih-
als vorläufige Hülle des richtigen, erfüllten Lebens res »Atheismus« (an den ich freilich je weniger glaube, je
vollkommener er sich expliziert: denn mit jeder Explika-
erscheint, gerät es zum Paradigma des gegenwärti-
tion steigt seine metaphysische Gewalt) solchen aus mei-
gen Alltags, dem der eine oder andere Vorschein der nen theologischen Intentionen begegnen, die Ihnen so un-
Hoffnung zu entnehmen ist. Ernst Blochs Blick auf behaglich sein mögen wie sie wollen, aber deren Konse-
das Judentum ist – von Motiven des Deutschen Idea- quenzen jedenfalls eben in nichts von Ihren sich
lismus gespeist – christlich: Indem das Judentum zur unterscheiden – könnte ich doch das Motiv der Rettung des
Chiffre einer andauernden Gegenwart wird, erweist Hoffnungslosen als Zentralversuch aller meiner Versuche
einsetzen, ohne daß mir ein mehr zu sagen bliebe« (Gum-
sich sein geschichts-, doch nicht sein lebensphiloso- nior/Ringguth 1973, 84 f.).
phischer Ansatz – als christlich und zwar nicht nur
im übertragenen Sinne. Jesus – so Bloch im »Geist Geschichtsphilosophie und Ästhetik, Dialektik der
der Utopie« – sei die Seelenwanderung Gottes gewe- Aufklärung und Negative Dialektik leben aus dem
sen, Ausdruck eines Gottes, den die menschlichen Spannungsverhältnis eines restaurativ – utopischen
Seelen gesetzt hätten, Gott und sein Sohn schießen Messianismus und einer negativistischen Kritik alles
zum Inbegriff eines mystischen Atheismus zusam- Bestehenden um der rettenden Wahrheit willen, die,
men: um überhaupt, den geschichtlichen Verfallsprozess
»Die Subjekte sind das einzige, das in allem äußeren und aufhalten zu können, der Verhüllung – und das heißt
oberen Dunkel nicht ausgelöscht werden kann, und daß dem Bilderverbot – anheimfallen muss. In der Dia-
der Heiland lebt und wieder kommen will, dies ist nach wie lektik der Aufklärung (Adorno/Horkheimer 1969),
vor unangreifbar verbürgt« (Bloch 1973, 203–204).
zumal in den Abschnitten über die »Elemente des
Für Bloch standen am Anfang nicht Himmel und Antisemitismus«, versuchen sich Horkheimer und
Erde, sondern nach kabbalistischer Lehre der Adorno an einer geschichtsphilosophischen Deu-
Mensch, in und durch den hindurch sich ein erneu- tung des Verhältnisses von Judentum und Christen-
ernder, befreiter Kosmos vollzieht, der am Ende eine tum, bei dem die Askese des jüdischen Gottesgedan-
Differenz von Gott und Mensch nicht mehr kennt. kens gegenüber den regressiven Zügen eines ver-
In Blochs theurgischer Philosophie steht Gott nicht menschlichten Gottes verteidigt wird: Im Gedanken
am Anfang, sondern am Ende. Doch dieser Gott, der einer versöhnenden Erinnerung, die noch in ihrer
am Ende steht, ist kein anderer, als eine zu sich selbst rituellen Form den Einspruch wider die listige Un-
gekommene Menschheit. Indem Bloch eine prozes- terwerfung der Natur artikuliert, ersteht der schon
suale Theologie postuliert und Gott – wie viele Mys- von Rosenzweig postulierte Einbruch des Ewigen ins
tiker vor ihm – im Menschen werden lässt und darü- Zeitliche als Essenz des jüdischen Glaubens wieder
ber hinaus unter Berufung auf jene biblischen Ver- auf. Als Unterpfand des hier postulierten Eingeden-
heißungen, die einen neuen Himmel und eine neue kens fungiert das Bilderverbot, das am Gedanken
Erde versprechen, den befreienden Gott Israels, der der Erlösung gerade deshalb festhalten kann, weil es
zugleich als der Schöpfer der ganzen Welt bekannt strikt verbietet, sich die Erlösung vorzustellen oder
wird, ablehnt, um ihn in Kontrast zu einem erst an- auszumalen. Nur dort, wo durch die Askese des Bil-
kommenden, künftigen Gott zu setzen, ist er von derverbots der Gedanke der Erlösung nicht an die
Grundüberzeugungen des rabbinischen Judentums Gegenwart oder eine nur als Verlängerung der Ge-
ebenso weit entfernt wie von Spekulationen des mys- genwart gedachte Zukunft verraten wird, besteht
tisch – kabbalistischen Judentums, dessen Gott bei auch die Möglichkeit eines rettenden Eingedenkens
allen Spekulationen gerade kein anderer als der an die Opfer der Geschichte. Nur so erhält der Ge-
Schöpfer war. danke einer »Rettung des Hoffnungslosen« seinen
Sinn. So können die Autoren der Dialektik der Auf-
Theodor W. Adorno (1903 –1969): Theologisches klärung das Bilderverbot als Prinzip der Negativität
Denken war Adorno aus seinen Studien zu Kierke- erläutern, als »[…] das Verbot, das Falsche als Gott
gaard ebenso vertraut wie aus seiner Zusammenar- anzurufen, das Endliche als das Unendliche, die Lüge
beit mit Paul Tillich bzw. seiner Bekanntschaft mit als Wahrheit. Das Unterpfand der Rettung liegt in
Walter Benjamin und dessen Werk. Gleichwohl las- der Abwendung von allem Glauben, der sich ihr un-
sen sich explizit theologische Motive nicht vor 1935 terschiebt, die Erkenntnis in der Denunziation des
datieren, als Adorno auf eine kritische Einwendung Wahns. Gerettet wird das Recht des Bildes in der
Horkheimers gegen Henri Bergson und dessen Ver- treuen Durchführung seines Verbots« (Adorno/
drängung des Todes brieflich reagierte. Horkheimer 1969, 30).
24. Jüdische Philosophie 125

Im berühmten, von Habermas schon früh be- totalitarismuskritischen Arbeiten geführt haben, er-
nannten letzten Aphorismus der Minima Moralia wähnt Habermas allenfalls peripher (PPP, 234 f.).
findet sich die wohl prägnanteste Formulierung ei- Gleichwohl: Stets um den Gehalt jüdischer Tradi-
nes gleichsam konjunktivischen Messianismus: tion bemüht, den sie auch an überraschender Stelle
fand (Arendt 1976), setzt sich Arendt ihr Leben lang
»Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig neben ihren systematisch philosophischen Studien
noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so
mit dem Schicksal des jüdischen Volkes auseinander.
zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus
sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Für Hannah Arendt ist klar, dass sie politisch immer
Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft nur im Namen der Juden sprechen könne (Pilling
sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik. 1996, 91 f.). In dreien ihrer Hauptwerke, von der
Perspektiven müssten hergestellt werden, in denen die Welt 1933 entstandenen assimilationskritischen Studie
ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe
über Rahel Varnhagen (Arendt 1981a) über das 1951
offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Mes-
sianischen Lichte daliegen wird« (Adorno 1951, 480). publizierte Totalitarismus-Buch (Arendt 1986) bis
zu der hochkontroversen, 1963 als englischsprachi-
Diese Zeilen sind von der Gewissheit durchdrungen, ges Buch erschienenen Artikelserie Eichmann in Je-
dass schon die Kraft der Unterscheidung zwischen rusalem (Arendt 1981b), geht sie dieser Thematik
gut und böse selbst einzig der Vorstellung einer an- nach und entfaltet auf ihrer Basis eine politische
deren, besseren Welt entspringt – eine Vorstellung, Existenzphilosophie des Menschen im 20. Jahrhun-
von der indes ungewiss bleiben muss, ob sie jemals dert. Dass Hannah Arendt bei alledem das Grund-
Wirklichkeit werden kann. Diese Kraft zur Unter- problem jüdischer Existenz in der Moderne mit den
scheidung und das, worauf sie verweist, bezeichnet theoretischen Mitteln eines Denkens angeht, das der
Adorno als »Transzendenz«, sie hinterlässt einen klassischen Antike und der deutschen Existenzphi-
Schein, der letztlich auf den Willen der Menschen losophie ungleich stärker verpflichtet ist als der
zurückgeht, es nicht bei der Trostlosigkeit einer un- Überlieferung des Judentums, erweist sich weniger
heilvollen Immanenz zu belassen. Somatische Lei- als Ausdruck einer historischen Ironie denn jener
densfähigkeit sowie die Fähigkeit, sich erlittenen paradoxen Situation, in der sich alle Juden befanden,
Unrechts zu erinnern, wird hier als jene Instanz ent- die seit der Emanzipation der Auffassung waren, das
faltet, die traditionell von der Theologie verwaltet Judentum auf die Höhe ihrer Zeit bringen zu sollen.
wurde. Der Aufruf der somatischen Leidensfähigkeit Arendts Kritik an Assimilationismus, jüdischem
vollzieht in einem die Synthese eines zu Ende ge- Chauvinismus und der Flucht des jüdischen Bil-
dachten sensualistischen Materialismus mit einer dungsbürgertums ins Menschheitliche korrespon-
auf dem Eingedenken beruhenden Erkenntnis: diert in Elemente und Ursprünge der Hinweis, dass
erst der »westeuropäische Zionismus« die objektive
»Bewußtsein könnte gar nicht über das Grau verzweifeln, Realität der Judenfrage nicht mehr verleugnet habe
hegte es nicht den Begriff von einer verschiedenen Farbe,
und es zudem der »postassimilatorische Zionismus«
deren versprengte Spur im negativen Ganzen nicht fehlt.
Stets stammt sie aus dem Vergangenen, Hoffnung aus ih- gewesen sei, der mit seinem Einfluss auf die jüdische
rem Widerspiel, dem, was hinab mußte oder verurteilt ist. Intelligenz das deutsch-österreichische Ausnahme-
Eine solche Deutung wäre, so schrieb Adorno, zu dem judentum vor den schlimmsten Auswüchsen des
letzten Satz von Benjamins Text über die Wahlverwandt- Antisemitismus der dreißiger Jahre bewahrt habe«
schaften, ›Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die (Arendt 1986, 160). Gleichwohl unterzieht sie den
Hoffnung gegeben‹, wohl angemessen« (Adorno 1966,
368 f.). staatsbildenden Zionismus spätestens seit 1941 einer
harschen Kritik (Arendt 1976, 127 f.) und hält ihm
Hannah Arendt (1906–1975): Als jüdische Denkerin vor, mit dem Imperialismus paktieren zu müssen. Es
hat Arendt, die mit ihrer Unterscheidung von Arbei- zeigt sich, dass beides, die Fremdheit und Machtlo-
ten, Herstellen und Handeln für Habermas’ Kritik sigkeit und die exemplarische Opferrolle unter tota-
am orthodoxen Marxismus zumal in »Erkenntnis ler Herrschaft, die Arendt einerseits an den assimi-
und Interesse« eine zentrale Rolle spielte, auf den lierten Juden kritisiert, dass aber die Hybris und
ersten Blick keine herausragende Bedeutung gespielt Selbstüberschätzung, die sie andererseits dem staats-
– was auch damit zusammenhängen könnte, dass gründenden Zionismus vorhielt, letzten Endes Aus-
Arendt sich selbst in diesem Sinn nicht als jüdische druck eines individuellen Zwiespalts, eines ungelös-
Denkerin verstanden haben mag. Die spezifisch jü- ten existenziellen Rätsels sind, das den Motor von
dische Erfahrung, die Arendt zu ihren macht- und Arendts Lebenswerk bildet.
126 II. Kontexte

Jacques Derrida (1930–2004): Eine vom neukantia- noch als freilich übergroße Spur. Die 1996 erschie-
nischen Idealismus ebenso wie von einer materialen nene Aufsatzsammlung zur politischen Philosophie
Geschichtsphilosophie abweichende, ihm zunächst führt – ohne dass Lévinas in einem einzigen der dort
gänzlich fremde Lesart jüdischen Denkens begegnet versammelten Aufsätze genannt oder erörtert würde
Habermas im Werk des mit bedeutendsten Denkers – den Titel Einbeziehung des Anderen.
der Dekonstruktion, Jacques Derridas. Habermas
hat früh gesehen, dass Derridas Kritik des Phono- Literatur
zentrismus und der damit verbundenen Metaphysik
Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus
der Präsenz auf einer jüdischen Tradition vom Vor- dem beschädigten Leben. Frankfurt a. M. 1951.
rang der Schrift gegenüber dem nur sprechsprach- –: Negative Dialektik. Frankfurt a. M. 1966.
lich artikulierten Geist basiert, ihm aber gleichwohl – /Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt
vorgehalten, letzten Endes einem Ursprungsdenken a. M. 1969.
Heidegger’schen Typs verfallen zu sein, einer Spur, Arendt, Hannah: »Walter Benjamin«. In: Dies.: Brecht Ben-
jamin: Zwei Essays. München 1971, 7–62.
vor deren politisch fataler Wirkung Derrida deshalb –: Die verborgene Tradition. Frankfurt a. M. 1976.
bewahrt werde, weil er auch von der Erinnerung des –: »Der Zionismus aus heutiger Sicht«. In: Arendt 1976,
Messianismus der jüdischen Mystik geprägt sei (DM, 127 –168.
194 f.). Tatsächlich hat sich Jacques Derrida in sei- –: Rahel Varnhagen. München 1981a.
nem nur schwer überschaubaren, vielfältigen und –: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des
Bösen. München 1981b (engl. 1963).
ausdifferenzierten Werk erst spät mit der eigenen jü- –: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München
dischen Existenz auseinandergesetzt. Gleichwohl 1986.
publiziert er bereits 1967 Arbeiten zu Edmond Jabès Benjamin, Walter: »Goethes Wahlverwandtschaften«. In:
und Emmanuel Lévinas. Zwar orientiert er sich beim Ders.: Gesammelte Schriften. Band I,1. Frankfurt a. M.
Schriftsatz von Glas am Schriftsatz von Seiten des 1980, 125–201.
–: »Über den Begriff der Geschichte«. In: Ders.: Gesam-
Talmud, um sich schließlich 1990 mit dem Beitrag melte Schriften. Band I,2. Frankfurt a. M. 1980, 693–704.
Interpretations at War. Kant, der Jude, der Deutsche Bernstein, Richard, J.: Hannah Arendt and the Jewish Ques-
intensiv mit Cohen und Rosenzweig auseinanderzu- tion. Cambridge 1996.
setzen. 1991 äußert sich Derrida in dem gemeinsam Bloch, Ernst: Geist der Utopie. Frankfurt a. M. 1973.
mit Geoffrey Bennington verfassten Porträt Jacques –: Das Prinzip Hoffnung (1–3). Frankfurt a. M.1976.
Brumlik, Micha: Vernunft und Offenbarung. Berlin 2001.
Derrida intensiv zur eigenen jüdischen Existenz. –: »Theologie und Messianismus im Denken Adornos«. In:
Dem folgt eine gründliche Auseinandersetzung mit Ders. 2001, 87–114.
Benjamin in der 2005 auf Deutsch erschienenen –: Vom theologischen Sinn des Bilderverbots. In: Ders. 2001,
Schrift »Gesetzeskraft«, während Derrida in dem 115–146.
erstmals 2003 auf Französisch, 2007 auf Deutsch er- –: »Der Mensch als Mitmensch. Intersubjektivität bei Her-
mann Cohen«. In: Deuser/Moxter 2002, 69–83
schienenen Sammelband Judéités. Questions pour
–: »Verborgene Tradition und messianisches Licht. Arendt,
Jacques Derrida einen Aufsatz unter dem Titel Adorno und das Judentum«. In: Dirk Auer u. a. (Hg.):
»Abraham, l’autre« veröffentlicht, in dem er in küh- Arendt und Adorno. Frankfurt a. M. 2003, 74–96.
nen Überlegungen über eine Messianität ohne Mes- –: »Ernst Bloch«. In: Andreas B. Kilcher/Otfried Fraisse
sianismus im Sinne einer »democratie à venir« in (Hg.): Metzler Lexikon jüdischer Philosophen. Stuttgart/
Weimar 2003, 363–367.
Verbindung mit einem traditionell jüdischen Got-
Cixous, Helene: Portrait of Jacques Derrida as a Young Je-
tesbegriff, in dem Gott auch als »der Ort« gilt, reflek- wish Saint. New York 2004.
tiert. In eben diesem, 2003 erschienenen Sammel- Cohen, Hermann: Religion der Vernunft aus den Quellen
band räumt Habermas denn auch in einem Beitrag des Judentums. Eine jüdische Religionsphilosophie. Mit ei-
unter dem Titel »Comment répondre à la question ner Einführung von Ulrich Oelschläger. Wiesbaden 2008.
éthique?« ein, dass Derridas Denken bei aller Nähe Cohen, Joseph/Zagury-Orly, Raphael (Hg.): Judéités. Ques-
tions pour Jacques Derrida. Paris 2003.
zu Heidegger denn doch eher theologisch als vorso- Derrida, Jacques: »Edmond Jabes und die Frage nach dem
kratisch, eher jüdisch als griechisch geprägt ist. Es ist Buch«. In: Ders.: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt
letztlich der Bezug auf das Werk von Lévinas, der, a. M. 1972, 102–120.
wie Habermas nun erkennt, Derrida von Heidegger –: Glas. Paris 1974.
trennt. Das führt ihn zu der abschließenden Frage, –: Grammatologie. Frankfurt a. M. 1974.
–: »Gewalt und Metaphysik. Essay über das Denken von
ob auch jenseits eine genauere, normative Bestim- Emmanuel Levinas«. In: Derrida 1972, 121–235.
mung dieser Ethik möglich ist. Das Werk von Lévi- –: Jacques Derrida. Ein Porträt von Geoffrey Bennington
nas selbst erscheint im Werk von Habermas nur und Jacques Derrida. Frankfurt a. M. 1994.
25. Monotheismus 127

–: »Interpretation at War. Kant, der Jude, der Deutsche«.


In: Elisabeth Weber/Georg C. Tholen: Das Vergessen(e).
25. Monotheismus
Wien. 1998, 71–139.
–: »Abraham, l’autre«. In: Cohen/Zagury-Orly 2003, 11–
42. Kontext und Motivation: Seit seiner Dissertation
Deuser, Hermann/Moxter, Michael (Hg.): Rationalität der über Schelling und in gelegentlichen, von großem
Religion und Kritik der Kultur: Hermann Cohen und Feingefühl gekennzeichneten Arbeiten über die reli-
Ernst Cassirer. Würzburg 2002. giösen Motive bei Benjamin, Horkheimer, Scholem
Gumnior, Helmut/Ringguth, Rudolf: Max Horkheimer. u. a. hat Habermas sich lange und intensiv mit der
Reinbek 1973
Habermas, Jürgen: »Comment répondre à la question Religion und dem Monotheismus beschäftigt. In sei-
éthique?« In: Cohen/Zagury-Orly 2003. ner Theorie des kommunikativen Handelns (1981)
Handelman, Susan A.: The Slayers of Moses. The Emergence betrachtet er die Religion hauptsächlich unter der
of Rabbinic Interpretation in Modern Literary Theory. Maßgabe der ›Solidarität‹, wobei er die Möglichkeit
New York 1982. offen ließ, dass der »sakrale Bereich« (TKH II, 140)
Peukert, Helmut: Wissenschaftstheorie, Handlungstheorie,
Theologie. Frankfurt a. M. 1980. durch eine säkulare Moral und Kultur ersetzt wer-
Pilling, Iris: Denken und Handeln als Jüdin. Hannah Arendts den könne.
politische Theorie vor 1950. Frankfurt a. M. 1996. Doch in den Jahren zwischen der Veröffentli-
Rosenzweig, Franz: Die Schrift. Aufsätze, Übertragungen chung seiner Aufsatzsammlung Nachmetaphysisches
und Briefe. Königstein 1976. Denken (1988) und seiner jüngsten Arbeiten in Zwi-
–: Der Stern der Erlösung. Frankfurt a. M. 1993.
Schäfer, Peter/Smith, Gary (Hg.): Gershom Scholem. Zwi- schen Naturalismus und Religion (2005) hat er immer
schen den Disziplinen. Frankfurt a. M. 1995. nachdrücklicher darauf hingewiesen, dass die religi-
Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich (Hg.): Franz Rosenzweigs öse Sprache durchaus etwas zum Ausdruck bringen
»neues Denken«. Band I: Selbstbegrenzendes Denken – in kann, das sich – fürs erste wenigstens – der »Aus-
philosophos. Band II: Erfahrene Offenbarung – in theolo- druckskraft einer philosophischen Sprache« entzieht
gos. Freiburg i.Br./München 2006.
Scholem, Gershom: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströ-
(ND, 60). Infolgedessen fordert er, sofern dies wei-
mungen. Frankfurt a. M. 1967. terhin der Fall ist, eine ›postsäkulare Gesellschaft‹, in
–: »Schöpfung aus Nichts und Selbstverschränkung Got- der religiöse Bürger ihre ›Wahrheit‹ mit dem Plura-
tes«. In: Ders.: Über einige Grundbegriffe des Judentums. lismus der Glaubensüberzeugungen in der moder-
Frankfurt a. M. 1970, 53–89. nen Gesellschaft in Einklang bringen, während die
–: »Zehn unhistorische Sätze über Kabbala«. In: Ders.: Ju-
daica 3. Frankfurt a. M. 1973, 264–271.
säkularen Bürger aus den Einsichten der religiösen
–: Sabbatai Zwi. Der mystische Messias. Frankfurt a. M. Erfahrung lernen sollen; somit lassen sich Religiöse
1992. und Säkulare auf einen komplementär-kooperativen
Smith, Gary (Hg.): Hannah Arendt revisited: »Eichmann in Prozess der Wahrheitsfindung ein.
Jerusalem und die Folgen«. Frankfurt a. M. 2000. Habermas hat darauf hingewiesen, dass er unter
Valentin, Joachim: Atheismus in der Spur Gottes. Theologie
›Säkularisierung‹ nicht etwa die Verdrängung und
nach Jacques Derrida. Mainz 1997.
–: »Jacques Derrida«. In: Andreas B. Kilcher/Otfried damit das Verschwinden der Religion versteht, son-
Fraisse (Hg.): Metzler Lexikon jüdischer Philosophen. dern vielmehr den Verlust ihrer politischen und
Stuttgart/Weimar 2003, 453–456. rechtlichen Machtposition und die daraus folgende
Micha Brumlik Privatisierung der religiösen Praxis sowie die Aus-
richtung der seelsorgerischen Bemühungen auf das
individuelle Schicksal (Habermas 2008). Dennoch
räumt er ein, dass dem anhaltenden weltgeschichtli-
chen Säkularisierungsprozess zum Trotz die Reli-
gion überraschenderweise nicht zu verschwinden
scheint (Langthaler/Nagl-Docekal 2007, 393); ganz
im Gegenteil ist die religiöse Praxis selbst in Europa
wieder auf dem Vormarsch und nimmt zugleich
neue Formen an. Habermas weigert sich, diese Be-
harrlichkeit und das Wiederaufleben des religiösen
Glaubens als ein bloß irrationales Phänomen abzu-
tun; vielmehr mahnt er, dass der religiöse Glauben
etwas Ernstzunehmendes aussagt; der religiöse
Glaube – v. a. gewisse Formen des Monotheismus
128 II. Kontexte

und insbesondere des Christentums – ist mögli- oder in den Bereich der Moral fällt; Kant insistiert
cherweise ein Ausdruck der Vernunft, und daher darauf, dass der Inhalt des Sittengesetzes von allen
legt Habermas Nachdruck auf den ›kognitiven Ge- Mutmaßungen über Gott oder die religiöse ›Offen-
halt‹ – den Wahrheitsgehalt – des religiösen Glau- barung‹ gänzlich unabhängig ist (vgl. Habermas’
bens. Aufsatz »Die Grenze zwischen Glauben und Wissen.
Zudem befindet sich die normative Vernunft in Zur Wirkungsgeschichte und aktuellen Bedeutung
der Krise, seit sie sich einem sturzflutartigen Ratio- von Kants Religionsphilosophie«, in: NR, 220).
nalismus gegenübersieht, den Habermas als die ›Ent- Ebenso stellt Habermas die Behauptung auf, dass die
gleisung der Moderne‹ bezeichnet und der die Öko- Grundprinzipien der Moral auf unhintergehbaren
nomie eben jener normativen Vernunft mit sich zu Voraussetzungen der kommunikativen Vernunft be-
reißen droht (Habermas in Langthaler/Nagl-Doce- ruhen, die sich nicht aus je individuellen bzw. kul-
kal 2007, 371); angesichts dieses Rationalismus wen- turabhängigen ›ethischen‹ Vorstellungen des ›Gu-
det er sich dem religiösen Glauben und der religiö- ten‹ oder aus metaphysischen Begriffen wie dem
sen Erfahrung zu, um der resultierenden »Entropie Gottesbegriff herleiten lassen.
der knappen Ressource Sinn« (GUW, 29) entgegen- 2. Obgleich Kant dogmatischen Glaubenssätzen –
zutreten. Die Wurzeln der normativen Vernunft in z. B. über die Auferstehung oder die Menschwerdung
der Lebenswelt werden durch die zunehmende Vor- – wenig Raum ließ (ebd., 221), versuchte er doch, ei-
herrschaft der Ideologie des globalen Marktes und nige Dogmen der positiven Religion gleichsam in
durch neue Entwicklungen in den Naturwissen- die Sprache der Vernunft zu ›übersetzen‹; so kann
schaften – insbesondere auf dem Gebiet der Bioge- z. B. die Lehre von der ›Gnade‹ als ein Gebot verstan-
netik – bedroht; dort wird die ›glückliche Fügung‹ den werden, sich zu moralischem Handeln zu ver-
der Natur immer stärker durch eine bizarre, an den pflichten. Kants Projekt, im religiösen Glauben ei-
›Konsumenten‹ orientierte Kontrolle der geneti- nen rationalen Kern zu erkennen, »die wesentlichen
schen Ausstattung der Menschen verdrängt. Und praktischen Gehalte der christlichen Religion so zu
auch die Neurowissenschaften stellen die Möglich- begreifen, daß sie vor dem Forum der Vernunft Be-
keit des freien Willens in Frage und bedrohen damit stand haben können« (TK, 128), nimmt Habermas’
gerade die Idee der politischen Deliberation und Idee einer ›rettenden Übersetzung‹ des ›kognitiven
Entscheidung. Gehalts‹ des Monotheismus in eine säkulare Sprache
Habermas wendet sich dem religiösen Glauben vorweg.
zu, um die Triebfedern einer säkularen normativen Habermas weist jedoch Kants Versuch zurück,
Vernunft zu erneuern. Denn der Monotheismus einen rationalen Beweis für eschatologische und
könnte ›semantische Potentiale‹ enthalten, von de- heilsgeschichtliche Lehrsätze des Christentums auf-
nen die säkulare Vernunft lernen kann und die den zufinden. Kant hatte die These vertreten, dass die
Bürgern – Gläubigen und Ungläubigen – würdige Grundsätze der Vernunft einen ›Vernunftglauben‹
und verlockende Ideale für das Leben und die Ge- rechtfertigten, da moralische Akteure sich für die
meinschaft im liberal-demokratischen Staat bieten Konsequenzen ihres kollektiven Handelns verant-
kann. wortlich zeigen müssen und tatsächlich moralisch
verpflichtet sind, »im Verein mit anderen« zu han-
Glauben und Wissen: Kant ist die Inspirationsquelle deln, um eine Welt zu schaffen, in der moralische
für Habermas’ dialektisches Projekt einer Grenzzie- Ideale mit dem höchsten Gut (dem Glück) verein-
hung zwischen religiösem Glauben und Wissen in bart werden können. Das Gesetz der unbeabsichtig-
Kombination mit einer rationalen ›Aneignung‹ des ten Handlungsfolgen vereitelt die praktische Ver-
religiösen Gehalts; er findet bei Kant das »unver- wirklichung einer solchen Welt, doch nach dem
gleichliche[] Vorbild für philosophische Versuche Prinzip, wonach ein ›Sollen‹ ein ›Können‹ impliziert,
der vernünftigen Aneignung religiöser Gehalte« ist es nur rational, an ein Wesen zu glauben, das aus
(Langthaler/Nagl-Docekal 2007, 378; in diesem Zu- den krummen Wegen der Menschheitsgeschichte in
sammenhang zählen, neben anderem, die Kritik der diese ersehnte Welt hinüberleiten kann (Langthaler/
Urteilskraft und Die Religion innerhalb der Grenzen Nagl-Docekal 2007, 224, 376). Habermas hält an der
bloßer Vernunft zu den wichtigsten Werken Kants). Auffassung fest, dass die Idee eines ›Vernunftglau-
Habermas bemerkt insbesondere: bens‹ die adäquate Grenzziehung zwischen Vernunft
1. Kant trennt das, was wir wissen können, deut- und Glauben verletzt. Die praktische Vernunft kann
lich von dem, was eine Glaubensangelegenheit ist uns ermutigen und dem Defätismus hinsichtlich der
25. Monotheismus 129

Folgen unseres moralischen Handelns entgegentre- nem befreienden oder erlösenden Eins-Sein mit dem
ten, aber sie kann uns nicht mit Erlösungsverspre- Sein oder als einer Kontemplation des Seins: Das
chungen trösten (ebd., 395). ›Sein‹ ist nicht mit dem ›Guten‹ identisch. Man be-
Die exegetischen Bedenken, die manche Theolo- achte, dass Religionen normalerweise ›metaphysi-
gen gegen Habermas’ Kantlektüre vorbrachten, zie- sche‹ Weltanschauungen beinhalten.
len letztlich auf wichtige Fragen von philosophischer Stattdessen tritt die Epistemologie für einen ›Fal-
und religiöser Bedeutung. Christian Danz (ebd., libilismus‹ hinsichtlich aller Erkenntnisansprüche
9 ff.) fürchtet, dass sich mit Habermas’ Grenzzie- ein: Alle diese Ansprüche müssen sich einer perma-
hungsthese die Religion nicht unversehrt bewahren nenten Überprüfung und sogar einer möglichen Wi-
lässt – sie repräsentiere genau jene Art einer Trans- derlegung stellen. Dies ist kein Skeptizismus, die
formation der Religion in Philosophie, die man bei Möglichkeit des Wissens hic et nunc wird nicht ge-
Kant findet, bei der die Philosophie sich erdreistet, leugnet, doch die Möglichkeit eines absoluten Wis-
sich alles Vernünftige in der Religion ohne Rest an- sens wird verworfen. Wahrheit ist der Grenzwert ei-
zueignen (so in Habermas’ Aufsatz »Kommunikati- ner ›Transzendenz von innen‹ kontinuierlicher dis-
ves Handeln und detranszendentalisierte Vernunft«, kursiver Praktiken, – sie ist ein Horizont, der in einer
in: NR, 31). Für Langthaler stellen die eschatologi- niemals erreichten endgültigen Übereinkunft der
schen und heilsgeschichtlichen Elemente der Reli- Forschenden besteht, die als regulative Norm für die
gion eine rational begründete Hoffnung dar; er weist in der Realität angewandten Forschungspraktiken
Habermas’ Anschuldigung zurück, wonach Kant dient. Habermas bezeichnet diese geistige Haltung
seine eigene Grenzziehung zwischen Glauben und als »nachmetaphysisches Denken«.
Wissen missachtet habe. Nagl-Docekal behauptet Aufgrund dieser seiner ›fallibilistischen‹ Haltung
dagegen, dass gemäß der kantischen Theorie die kann Habermas behaupten, es sei a priori möglich,
Vernunft für sich allein Einsichten hervorbringen dass der ›kognitive Gehalt‹ der Weltreligionen »noch
kann, die – laut Habermas – von Kant zu Recht als nicht abgegolten« ist (»Vorpolitische Grundlagen des
wesensmäßig religiöse angesehen werden. So be- demokratischen Rechtsstaats«, in: NR, 149, Hervorh.
hauptet sie z. B., dass der Begriff eines »ethischen bei Habermas). Die Philosophie kann das ›Dickicht
Gemeinwesens« der Vernunft auch ohne die Hilfe der Lebenswelt‹ weder durchdringen noch umfas-
religiöser Metaphern vom »Gottesreich« oder der sen, und sie kann schon gar nicht die Grundlage da-
»Gottesherrschaft« zu Gebote stehe (Langthaler/ für legen; sie kann sich mit der »in der kommunika-
Nagl-Docekal 2007, 379). Habermas dagegen streitet tiven Alltagspraxis selbst operierende[n] Vernunft«
ab, dass diese religiöse Idee der eigentlichen kanti- (ND, 59) befassen: in den Quellen ästhetischer Er-
schen moralischen Idee eines ›Reichs der Zwecke‹ fahrung, in der reichhaltigen Komplexität des mora-
oder der politischen Idee einer republikanischen lischen Lebens ebenso wie in den Höhen transzen-
Staatsordnung äquivalent sei. Und Habermas be- dentaler Offenbarung (NR, 252). Die Philosophie
hauptet – was vielleicht noch wichtiger ist –, dass kann jene Gehalte des religiösen Glaubens und der
Nagl-Docekal der Philosophie die Rolle zuweist, den religiösen Erfahrung zu Tage fördern und beleuch-
religiösen Gemeinschaften vorzuschreiben, wie sie ten, die den Standards der ›begründenden Rede‹ und
sich in der modernen pluralistischen Gesellschaft zu der rationalen Argumentation (wie sie z. B. in WR
verhalten hätten. dargestellt werden) gerecht werden; von diesen Stan-
dards ausgehend, können jene Gehalte als wahre
Nachmetaphysisches Denken: Eine der Moderne an- Glaubensüberzeugungen gerechtfertigt werden. Es
gemessene Epistemologie ist ›anti-metaphysisch‹, sie ist sinnvoll, die Religion zu durchforschen, da sie
verwirft Vorstellungen von einer unwiderlegbaren über ›differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten und
Begründung epistemischer und moralischer An- Sensibilitäten‹ verfügt: für das, was einem Leben
sprüche ebenso wie Appelle an die Intuition, die Sinn verleiht oder es misslingen lässt, für menschli-
Wahrheiten über das ›Wesen‹ der Welt betreffen, che Ideale oder menschliche Niedertracht, für sozi-
oder wie ›essentialistische‹ oder ›teleologische‹ Be- ale Pathologien oder für Nuancen moralischer Er-
stimmungen der menschlichen ›Natur‹. Die Wahr- fahrung (Habermas/Ratzinger 2005, 31; TK, 131).
heit ist nicht der Gegenstand eines ›Blicks von nir- Die Ereignisse des 11. September 2001 erinnern uns
gendwo‹, existiert nicht außerhalb der Diskurse und daran, wie sehr die säkulare Sprache auf solche Be-
Debatten der Menschen. Diese Epistemologie ver- deutungsdifferenzen wie etwa jene zwischen »böse«
wirft auch die Vorstellung von der Wahrheit als ei- und »schlecht« angewiesen ist, ohne ihnen aber
130 II. Kontexte

wirklich gerecht werden zu können (Langthaler/ keinen Gott gäbe? Philip Clayton vertritt die Auffas-
Nagl-Docekal 2007, 389). sung, Habermas’ Position solle vielmehr ein »me-
thodischer Agnostizismus« sein, und er beschuldigt
Radikaler Naturalismus: Habermas vertritt die An- ihn, den religiösen Diskurs a priori abzulehnen, »be-
sicht, dass Glaubensüberzeugungen, die nicht mit vor sich die Fachleute für Naturwissenschaft und
der Naturwissenschaft zu vereinbaren sind, nicht zu Metaphysik überhaupt nur an den Verhandlungs-
rechtfertigen sind; er behauptet aber zugleich, dass tisch setzen konnten«; schließlich könnte es sich auf
die Naturwissenschaft nicht die einzige Quelle gülti- längere Sicht herausstellen, dass der Theismus die
gen Wissens ist. Demnach ist es sinnlos, religiöse plausiblere Sichtweise sei (Clayton 2005, 21). Maeve
Glaubenssätze abzulehnen, weil sie nicht in ein na- Cooke behauptet im selben Sinne, dass der – recht
turwissenschaftliches Weltbild passen oder mit Mo- verstandene – Fallibilismus es zulassen muss, dass
dellen naturwissenschaftlich-experimentellen Den- eine nicht-religiöse Person sich rational von der
kens nicht übereinstimmen. Ein ›radikaler Natura- Wahrheit religiöser Glaubenssätze überzeugen lässt
lismus‹ (vgl. »Religion in der Öffentlichkeit«, in: NR, (Langthaler/Nagl-Docekal 2007, 359); sie vertritt die
147) bedroht aber auch die säkulare normative Ver- These, dass das ›nachmetaphysische Denken‹ nicht
nunft. Wenn der menschliche Geist ausschließlich in unbedingt anti-metaphysisch sein müsse, sondern
der extensionalistischen Begrifflichkeit von Physik, vielmehr auf jeden Fall ›anti-autoritär‹ und anti-dog-
Neurowissenschaften und Evolutionstheorie ver- matisch sei.
standen wird, wird die menschliche Existenz »ent-
sozialisiert« und »entpersonalisiert« (GUW, 16 f.). So Natürliche Theologie: Die ›Natürliche Theologie‹ be-
wird gelegentlich zu Unrecht angenommen, die Neu- trachtet religiöse Behauptungen als rational be-
rowissenschaften stellten die Existenz eines ›freien gründbare Hypothesen. Habermas’ ›methodischer
Willens‹ in Frage (vgl. NR, 147 f.; Libet 2004; Singer Atheismus‹ weist dagegen die Möglichkeit zurück,
2004a; Singer 2004b); wenn dies wahr wäre, würde den Theismus rational zu begründen. Die ›Natürli-
damit aber zugleich die Basis für moralische, juristi- che Theologie‹ beinhaltet, so Habermas, eine Art
sche und andere evaluative Urteile unterminiert. Kategorienfehler, da die Existenz eines Wesens, in
dessen Liebe die menschliche Existenz begründet
Methodischer Atheismus: Obschon die Philosophie sei, nicht zu beweisen ist. In seiner Antwort auf Ra-
die religiöse Offenbarung nicht einfach ablehnen berger spricht er von einer Konfusion der Sprach-
sollte, kann sie die Offenbarung, ihre ›Sicherheiten‹ spiele im Wittgenstein’schen Sinne (Habermas in
und ihren Trost, auch nicht einfach übernehmen. Langthaler/Nagl-Docekal 2007, 404). Der Fehler er-
Die Offenbarung ist für die Philosophie eine ›kogni- gibt sich aus der Vermengung der Aussagenlogik mit
tiv unannehmbare Zumutung‹, und der Versuch, der Logik moralischer Gebote, oder, um es handfes-
sich eine ›religiöse Philosophie‹ zurechtzuschmie- ter auszudrücken: der ›Gott der Philosophen‹ ist
den, ist ihr ein Anathema (vgl. NR, 257). Dagegen nicht der ›Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs‹; der
kann sie durchaus jene Gehalte der Religion entzif- Glauben an die objektive Existenz eines ›Schöpfer-
fern, »die sich in einen vom Sperrklinkeneffekt der gottes‹ ist etwas anderes als der Glauben an einen
Offenbarungswahrheiten entriegelten Diskurs über- ›Erlösergott‹, der mit seinen Geschöpfen einen Bund
setzen lassen« (ebd., 255). abschließt (vgl. Habermas’ Aufsatz über Johann Bap-
Die der säkularen Philosophie und Vernunft an- tist Metz, in SESA). Dennoch scheint es – ohne Ha-
gemessene Haltung besteht in einem ›methodischen bermas zu nahe treten zu wollen –, dass mit der An-
Atheismus‹, der sich auf den Theismus oder den erkennung der objektiven Existenz eines allmächti-
Atheismus nicht als metaphysische Positionen, son- gen, allwissenden Wesens mit bewundernswerten
dern nur als bestenfalls fallibilistische Thesen fest- Fähigkeiten schon ein großer Schritt auf dem Wege
legt, für die sich Gründe anführen lassen und die zur Anerkennung der Rationalität des Theismus ge-
sich im Verlauf der Überlegungen als mehr oder we- tan ist (für aktuelle Arbeiten über die ›Natürliche
niger plausibel erweisen können. Theologie‹ vgl. Alston 2006; Plantinga 2000; Wolters-
Es ist nicht für jedermann offensichtlich, warum torff 1975; den Physiker John Polkinghorne 2000).
der Fallibilismus die Haltung des etsi deus non dare-
tur (›als ob es Gott nicht gäbe‹) impliziert. Fallibilis- Habermas vs. Kardinal Ratzinger: Die Begegnung
ten müssen nicht so arbeiten, als ob es keine Atome zwischen Habermas und dem damaligen Kardinal
gäbe – warum sollen sie dann so arbeiten, als ob es Ratzinger (jetzt Papst Benedikt XVI.) rief sensati-
25. Monotheismus 131

onsheischende Schlagzeilen hervor; in manchen von notheistischen Religionen am besten artikuliert wor-
ihnen wurde Habermas’ ›Aufkündigung‹ des Atheis- den sind; die Aufgabe der Philosophie besteht darin,
mus beschrien, in anderen seine ›Hinwendung‹ zum den profanen Sinn der religiösen Sprache herauszu-
Christentum willkommen geheißen. Tatsächlich wa- arbeiten (vgl. ZÜ). Dazu ist es erforderlich, den rati-
ren Habermas und Ratzinger sich weitgehend einig, onalen Gehalt des religiösen Glaubens in das ›Uni-
dass die normative Vernunft durch die Ideologie des versum begründender Rede‹ zu ›übersetzen‹, d. h. in
globalen Marktes und durch umstrittene Anwen- säkulare Begriffe und Argumente, die für jedermann
dungen der Biogenetik bedroht sei; sie waren sich rational zwingend sind; denn in der Philosophie
über die szientistischen Perversionen der aufgeklär- ›zählen‹ – wie in der Politik – ›nur rationale
ten Vernunft einig; sie waren beide der Ansicht, dass Gründe‹.
ein Dialog zwischen den Religionen wünschenswert Die Kontroverse über eine ›liberale Eugenik‹ (vgl.
sei (vgl. Habermas’ Rezeption der Metz’schen The- LE; GUW, 29) mag die Logik dieses Übersetzungs-
matik der ›polyzentrischen Weltkirche‹ in SESA). All prozesses veranschaulichen. Wenn Eltern Embryo-
diese Freundlichkeiten gaben Thomas Assheuer zu nen ganz nach Laune oder nach ihren egoistischen
folgender Bemerkung Anlass: »Bei solchen Zuge- Idealen (und nicht etwa, um Krankheiten zu vermei-
ständnissen war es schwer auszumachen, worüber den) ›züchten‹ und selektieren, geht die bislang
die Kontrahenten überhaupt noch zu streiten ge- grundlegende Unterscheidung zwischen dem, was
dachten« (Assheuer 2004). Im nachhinein bemerkte man durch Manipulationen beeinflussen kann, und
Habermas, in diesem Dialog habe es eine zögernde dem, was als ›unverfügbar‹ gilt, verloren; die Auto-
Übereinstimmung darüber gegeben, dass die mo- nomie des Kindes ist ernstlich beeinträchtigt, da an-
derne Vernunft nachmetaphysisches Denken ist: dere an seiner Stelle entschieden haben, wie es zu
»Auch Joseph Ratzinger meint, dass die philosophi- sein hat. Autonomie ist heute für das ›ethische
sche Grundlage des Christentums durch das ›Ende Selbstverständnis unserer Gattung‹ entscheidend,
der Metaphysik‹ problematisch geworden ist« aber es gibt kein Argument, das beweisen würde,
(Langthaler/Nagl-Docekal 2007, 394), während Rat- dass wir logischerweise in diesem Sinne fortfahren
zinger seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht müssen – so wie es auch keine logisch zwingende
haben soll, dass Habermas – »jener Philosoph, der in Antwort auf die Frage »Warum moralisch handeln?«
der deutschsprachigen Welt als der konsequenteste gibt. Doch wir sprechen weiterhin auf die Einstel-
Säkularist gilt« – zugesteht, dass die säkulare Welt ei- lungen und ›archaischen Emotionen‹ an, die sich aus
ner Weisheit Aufmerksamkeit schenken muss, die der heutigen Form unseres Selbstverständnisses her-
sich in der religiösen Tradition finden lässt (Díaz leiten – z. B. auf den Ekel bei der Vorstellung gene-
Sánchez 2007). tisch manipulierter ›Schimären‹ –, und Habermas
Ratzinger dagegen kehrt tatsächlich das ›Axiom hält es für sehr wichtig, diese Reaktionen überzeu-
der Aufklärung‹ um in ein veluti si Deus daretur (›als gend zu artikulieren und gegen das von ihm befürch-
ob es Gott gäbe‹): »Da wird niemand in seiner Frei- tete gedankenloses Abgleiten in ein konsumenten-
heit beeinträchtigt, aber unser aller Dinge finden ei- orientiertes genetisches Manipulieren ins Feld zu
nen Anhalt und ein Maß, deren wir dringend bedür- führen; denn dieses würde implizit auch unsere Fä-
fen« (Pera/Ratzinger 2005, 82). Ratzinger macht ge- higkeit untergraben, uns als die Urheber unserer ei-
nau jene ›essentialistische‹ Metaphysik stark, die genen Lebensgeschichten zu betrachten.
Habermas ablehnt, wenn er z. B. anlässlich der Men- Der Nachklang des religiösen Bildes von Schöpfer
schenrechte sagt, »dass der Mensch als Mensch, ein- und Geschöpf mag dazu dienen, jene Einstellungen
fach durch seine Zugehörigkeit zur Spezies Mensch, zu ›retten‹ und zu artikulieren, die gegenüber dem
Subjekt von Rechten ist, dass sein Sein selbst Werte instrumentellen Rationalismus ins Hintertreffen ge-
und Normen in sich trägt, die zu finden, aber nicht raten sind. In diesem Bild wird die Freiheit des Ge-
zu erfinden sind« (Habermas/Ratzinger 2005, 51). schöpfs geschützt, denn nicht allein erfordert Gottes
Das Treffen von Habermas und Ratzinger lässt sich Liebe die freie Erwiderung seitens des Geschöpfs,
wohl eher als eine Übung in Entspannungspolitik sondern Gottes Schöpferstatus hebt auch die uner-
beschreiben, und weniger als eine wirkliche Annä- lässliche Gleichheit aller geschaffenen Personen her-
herung. vor. So dürfen die Launen des einen nicht das geneti-
sche Schicksal des anderen bestimmen. Das bibli-
Rettende Übersetzung: Habermas nimmt an, dass es sche Bild unserer ›Gottesebenbildlichkeit‹ übt selbst
Erkenntnisse gibt, die bislang im Glauben der mo- auf ›religiös unmusikalische‹ Menschen eine Anzie-
132 II. Kontexte

hungskraft aus. Habermas‹ ›Übersetzungspro- Díaz Sánchez, Juan Manuel: »Joseph Ratzinger y Galli Della
gramm‹ wurde von den Theologen mit einigem Un- Loggia« [spanische Transkription]. Im Internet unter:
http://leonxiii.upsam.net/mag_pontificio/pdf/2007-03-
behagen aufgenommen. Raberger z. B. empört sich
06-ratzinger_galli_della_loggia_debate.pdf.