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03. Mai 2009, 17:51 Uhr

Singapur

Die Musterinsel kämpft gegen den Brain-Drain


Von Mark Fehr

Das einstige Wirtschaftsparadies Singapur rutscht tief in die Krise: Weil der Stadtstaat
international so gut vernetzt ist, trifft ihn die globale Rezession besonders hart. Jetzt
droht auch noch ein Exodus der hochmobilen Elite - das Land stellt sich auf eine
dramatische Schrumpfkur ein.

Singapur - Sobald es dunkel wird, strömt alles an den Clarke Quay: Die Uferpromenade am
Singapore River, der zwischen den Bürotürmen durch die Innenstadt fließt, ist gesäumt von
Kneipen und Restaurants. Hier gönnen sich hart arbeitende Stadtbewohner und Expatriates ein
kühles Feierabendbier unter freiem Himmel und bei Live-Musik.

REUTERS
Finanzdistrikt in Singapur: Angst vor der Abwanderung von Talenten

Bald könnte es am Singapore River ruhiger werden. Denn die globale Wirtschaftskrise trifft das
kleine Land besonders hart. Weil der Stadtstaat so eng mit den Finanz- und Handelsplätzen der
Welt vernetzt ist, gerät er immer tiefer in den Abwärtsstrudel. Zahlreiche Firmen, die sich auf der
Insel an der Südspitze Malaysias niedergelassen haben, könnten das Land nun verlassen - und
mit ihnen Tausende ausländische Angestellte. Für Singapur wäre der Brain-Drain eine
Katastrophe, das Land selbst hat nur knapp fünf Millionen Einwohner.

Der schwache Punkt des superreichen Ministaats: Er braucht ständig Einwanderer. Singapur
gehört zu den Ländern, in denen im Vergleich zur Bevölkerung am wenigsten Nachwuchs zur Welt
kommt. Selbst im alternden Deutschland werden mehr Kinder je Frau geboren als in Singapur.
Bisher zog die einstige Boominsel genug Arbeitskräfte aus aller Welt an. Die Zuwanderung hielt
das Inselvölkchen jung.

Doch angesichts der Krise reißt der Zustrom ab. Und was noch schlimmer ist: Bis Ende
kommenden Jahres könnten 200.000 Arbeitskräfte den Wirtschaftstandort verlassen - zum
Großteil sind sie bestens ausgebildet. Das geht aus einer im Januar veröffentlichten Studie der
Schweizer Bank Credit Suisse hervor. Das internationale Geldinstitut betreibt in Singapur vor
allem Vermögensmanagement und Investment Banking.

Nach Credit-Suisse-Schätzungen wird die Inselbevölkerung bis Ende 2010 um 160.000 Menschen
schrumpfen - Zuzüge mitgerechnet. Die Experten der Bank befürchten mittelfristig gravierende
Folgen: Die Preise für Privatwohnungen könnten um bis zu 30 Prozent fallen und die privaten
Konsumausgaben deutlich sinken. Die langfristigen Auswirkungen der drohenden Abwanderung
auf die Bevölkerungsentwicklung dürften noch schwerer wiegen.

Ausländer schwärmen über traumhafte Bedingungen

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Singapur selbst ist kein großer Markt, trotzdem hat sich die internationale Wirtschaft hier
außerordentlich stark etabliert. Der Grund: Die Hafenstadt liegt strategisch günstig an den
weltweiten Schifffahrtsrouten nach Asien. Darüber hinaus ist das Musterland ein wahres Paradies
für Firmen aus aller Welt: Es herrschen stabile politische Verhältnisse ohne Korruption, eine
professionelle Regierung sorgt für hervorragende Infrastruktur und öffentliche Sicherheit. Im
Weltbank-Ranking der wirtschaftsfreundlichsten Länder landet Singapur deshalb auf dem ersten
Platz vor 181 anderen Staaten.

Dieser hohe Standard ist ein absoluter Sonderfall in Südostasien. Kein Wunder, dass viele
internationale Unternehmen ihre regionalen Hauptquartiere in Singapur aufgebaut haben: Auch
Arbeitskräfte aus westlichen Ländern fühlen sich bei dem hohen Komfort wohl.
Luftverschmutzung, Kriminalität, miese Hygiene - sonst in Asien an der Tagesordnung - bleiben
den Mitarbeitern in Singapur erspart.

"Verglichen mit anderen Großstädten in der Region herrschen hier traumhafte Bedingungen",
schwärmt Axel Scherrieble, Asien-Manager beim deutschen Mittelständler Güntner. Das
Unternehmen liefert Wärmetauscher für Kühlhäuser - im tropischen Südostasien ein stark
gefragtes Produkt. Scherrieble weiß, wovon er spricht: Bevor er nach Singapur kam, hat er in
Indonesiens Hauptstadt Jakarta gearbeitet.

"Wenn ich im Büro oder auf Dienstreise war, habe ich mir damals ständig Sorgen um die Familie
gemacht", erinnert er sich. "Kriminalität, Terrorismus, Chaos im Straßenverkehr - ich konnte mir
nie sicher sein, ob wir abends alle heil nach Hause kommen." Im ruhigen Singapur kann der
Manager sich nun ganz auf seinen Job konzentrieren: "Ich fühle mich hier mindestens so sicher
wie in Deutschland, wenn nicht noch sicherer."

Die erste Rezession in der Geschichte des Landes

Mit diesem angenehmen Leben könnte es bald vorbei sein. Denn ausländische Experten wie
Scherrieble können nur dann auf der Trauminsel bleiben, solange ihre Arbeitgeber gute Geschäfte
machen. Danach sieht es zur Zeit aber nicht bei allen Firmen aus, denn die Wirtschaft schrumpft -
zum ersten Mal seit Jahren.

Während das Bruttoinlandsprodukt überall auf der Welt unter Druck gerät, erwischt die Rezession
das internationale Handelsdrehkreuz besonders heftig: Im April senkte das Wirtschaftsministerium
seine Konjunkturprognose deutlich. Demnach soll Singapurs Wirtschaft in diesem Jahr um bis zu
neun Prozent schrumpfen. Noch im Januar war das Ministerium von einem Einbruch um zwei bis
fünf Prozent ausgegangen.

Ausländische Arbeitskräfte sind in Singapur meist bestens qualifiziert und sprechen fließend
Englisch. Jetzt, wo die lokale Wirtschaft lahmt, können sie leicht woanders neue Jobs finden. Die
Regierung muss sich daher einiges einfallen lassen, um gerade die High Potentials im Land zu
halten.

"Talente sind für uns sehr wichtig, deshalb tun wir alles, um ihnen ein attraktives Arbeitsumfeld
zu bieten", sagt Alex Tan, Kommunikationschef beim Singapore Economic Development Board,
einer staatlichen Agentur zur Wirtschaftsförderung. "Wir sorgen nicht nur für interessante Jobs,
sondern auch für gute Ausbildung und ein sicheres Umfeld für Familien."

Viele Singapurer Unternehmen haben schon vor der Krise ein Modell entwickelt, um junge Talente
zu binden: Sie finanzieren deren Ausbildung an renommierten Universitäten wie in den USA oder
Großbritannien. Die Rückkehrer verpflichten sich dafür, ihrer Firma mehrere Jahre treu zu bleiben.
Das könnte sich angesichts der drohenden Abwanderung als wichtiger Rettungsanker erweisen.

Die Regierung versucht gegenzusteuern

Tim Philippi, Chef der Deutsch-Singapurischen Industrie- und Handelskammer, kann bei
deutschen Firmen allerdings noch keinen Abwanderungstrend erkennen: "Unsere Mitgliederzahlen
sind stabil, es ist nicht so, dass deutsche Expats verstärkt die Insel verlassen." Nach einer
Umfrage der Kammer vom Februar denke nur eine Minderheit der deutschen Unternehmen in
Singapur über einen Abbau von Arbeitsplätzen nach.

An der Deutschen Europäischen Schule spürt man dagegen schon erste Signale. Zwar blieb die
Zahl der Schüler stabil bei 1200. "Doch wir spüren, dass besonders deutsche Unternehmen ihre

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Mitarbeiter vor Ort immer weniger mit Schulgeld bezuschussen", sagt Rektor Torsten Steininger.
Die Folge: Für deutsche Expat-Familien lohnt sich der Aufenthalt in Singapur nicht mehr so wie
früher. Nur einige bringen ihren Nachwuchs an günstigeren Schulen vor Ort unter - andere
verlassen das Land gleich ganz. "Wir können die Abgänge aber mit Neuzugängen aus anderen
Ländern ausgleichen", sagt Steininger.

Die Credit-Suisse-Studie zur Bevölkerungsentwicklung geht davon aus, dass alle ausländischen
Arbeitskräfte, die durch die Krise ihren Job verlieren werden, früher oder später Singapur
verlassen könnten. Doch die Regierung weiß, wie wichtig eine stabile Beschäftigung für das Land
ist. "Wir wollen die Unternehmen ermutigen, im Abschwung so viele Jobs wie möglich zu sichern",
sagte Singapurs Finanzminister Tharman Shanmugaratnam bei der Präsentation des staatlichen
Konjunkturpakets im Januar.

Jobprogramm für die Finanzindustrie

Die Regierung schaut dem Wirtschaftseinbruch nicht tatenlos zu. Das staatliche
Konjunkturprogramm fällt für den kleinen Stadtstaat üppig aus: Mehr als 20 Milliarden Singapur
Dollar - etwa zehn Milliarden Euro - werden in Form von Liquiditätshilfen und Steuersenkungen in
die Wirtschaft gepumpt. Allein ein Viertel davon dient direkt der Sicherung von Arbeitsplätzen.
Unter anderem erhalten Firmen einen Bonus von zwölf Prozent auf die ersten 2500 Singapur
Dollar der monatlichen Gehälter ihrer Angestellten. Diese Förderung läuft bis Ende des Jahres. Die
Regierung unterstützt Firmen auch bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, so dass diese ihre Jobs
behalten oder leichter neue finden.

Für Berufsanfänger in der krisengebeutelten Finanzindustrie ist eine ganz besondere Initiative
geplant: Ein Jahr lang zahlt der Staat den Geldinstituten 1500 Singapur Dollar Zuschuss auf die
Monatsgehälter, wenn sie Absolventen finanzwissenschaftlicher Studiengänge einstellen.
Allerdings schaut die Regierung bei den Arbeitsbedingungen ganz genau hin. Die Arbeitgeber
sollen sich um die berufliche Qualifikation der Nachwuchskräfte besonders kümmern.

Die Fluggesellschaft Singapore Airlines - mit ihrem beispiellosen Service und Komfort eines der
Aushängeschilder des Landes - macht von den staatlich geförderten Weiterbildungsmöglichkeiten
ebenfalls Gebrauch: Sie schickt ihre Flugbegleiterinnen ans Goethe-Institut Singapur. Dort sollen
sie Deutsch lernen. "Die Kooperation mit der Airline haben wir natürlich auch schon vor der Krise
gehabt", sagt Institutsleiter Ulrich Nowak. "Unsere Deutschkurse werden jetzt allerdings vermehrt
als Training in Anspruch genommen." Für das Institut ist das ein positiver Nebeneffekt der
Wirtschaftskrise.

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