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Werner Golder

Hippokrates und das


Corpus Hippocraticum

Eine Einführung für Philologen und Mediziner

Königshausen & Neumann


Inhaltsverzeichnis

1 Hippokrates: Die Forschung................................................................................. 9

ί Hippokrates: Das Leben.......................................................................................19


1 Der historische H ippokrates............................................................................. 20
t-J

2 Hippokrates im Urteil der Zeitgenossen......................................................... 22


to

2.3 Der Hippokrates der Legenden...........................................................................24

3 Hippokrates: Die Schriften (3.1-3.73)............................................................. 27

4 Das Corpus Hippocraticum.............................................................................105


4.1 Echtheit und Echtheitskritik............................................................................. 105
4.2 Sammlung und Kommentierung...................................................................... 107
4.3 Die Schulen von Kos und Knidos.................................................................... 116

5 Theorie und Grundlagenfächer........................................................................ 119


5.1 Auseinandersetzung mit der religiösen M edizin.......................................... 119
5.2 Beziehungen zu Naturphilosophie und Kosm ologie...................................120
5.3 Elemente der wissenschaftlichen M edizin.....................................................122
5.4 Entwicklungsgeschichte und Anatomie......................................................... 125
5.5 Solidarpathologie................................................................................................ 132
5.6 Humoralphysiologie...........................................................................................135
5.7 Humoralpathologie............................................................................................137

6 Klinische Medizin...............................................................................................141
6.1 Hippokratische Terminologie......................................................................... 141
6.2 Allgemeine Krankheitslehre.............................................................................143
6.3 Spezielle Krankheitslehre.................................................................................. 145

7 Praxis der hippokratischen Medizin................................................................169


7.1 Arzt und Patient.................................................................................................. 169
7.2 Anamnese und Untersuchung......................................................................... 170
7.3 Diagnose und Prognose.................................................................................... 172
7.4 Konservative Therapie....................................................................................... 173
7.5 Invasive Therapie................................................................................................. 179

7
8 Ethik der hippokratischen Medizin.................................................................181
8.1 Pflichten des hippokratischen A rztes.............................................................181
8.2 Das ärztliche Honorar....................................................................................... 182
8.3 Der ärztliche Kunstfehler.................................................................................183
8.4 Verweigerung der Behandlung......................................................................... 183
8.5 Der Eid des Hippokrates: Rezeption und Transformation........................ 184

9 Das hippokratische Erbe................................................................................... 187


9.1 Rezeption und Wirkung der hippokratischen Schriften in der Antike.... 187
9.2 Rezeption und Wirkung der hippokratischen Schriften im Mittelalter... 194
9.3 Rezeption und Wirkung der hippokratischen Schriften in der N euzeit.. 201

10 Literatur - Register.............................................................................................211

Abkürzungen in den Literaturangaben


M: Monographie
A: Aufsatz

8
1 H ippokrates: Die Forschung

A: Diller H.: Stand und Aufgaben der Hippokratesforschung. In: Hashar H. (Hrsg.): An­
tike Medizin. Darmstadt, 1971: 29-51 Duminil M.-P.: La recherche hippocratique au-
jourd’ hui. Hist. Philos. Life Sei. 1979; 1: 153-181 Harig G., Kollesch J.: Neue Tenden­
zen in der Forschung zur Geschichte der antiken Medizin und Wissenschaft. Philologus
1977; 121: 114-136 Maloney G.: L’ informatique au Service de la philologie. CEA 1987;
20: 5-12

Das Corpus Hippocraticum (C.H.) - Kasten S. 10-17 - nimmt eine herausra­


gende Stellung in der antiken Medizinliteratur ein. Seiner großen Bedeutung ent­
sprechend sind die meisten der darin gesammelten Texte vielfach ediert und
kommentiert worden; die Bibliographien beweisen es. N ur von wenigen Trakta­
ten, und zwar durchwegs den weniger bedeutenden, fehlt eine neue Ausgabe.
Trotz dieser Ausnahmestellung des Werkes leidet die Hippokrates-Forschung
unter dem gleichen Manko wie die wissenschaftliche Bearbeitung der antiken
Fachschriftstellerei im allgemeinen: Sie liegt nicht in der Hand der sonst domi­
nierenden Philologie, sondern ist auf mehrere Disziplinen verteilt und wird von
deren jeweils spezifischen Neigungen, Stärken und Schwächen beeinflusst.
Die Philologen wandten und wenden sich traditionell vor allem den so ge­
nannten philosophischen Traktaten und den philosophischen Passagen der übri­
gen Schriften zu. Dort finden sie vertrautes Terrain und können ihnen vertraute
Fragen mit ihnen vertrauten Methoden beantworten. Die meisten überwiegend
oder ausschließlich medizinischen Texte des C.H . bieten hingegen nicht genü­
gend Anreiz für die sprachwissenschaftliche Analyse. Nur einige wenige Liebha­
ber unter den Philologen haben sich mit ihnen beschäftigt. Die Mehrheit scheut
die Schriften, weil sie befürchtet, ihre Kenntnisse für ein Sujet einzusetzen, das
ihr inhaltlich wie emotional gleich fremd ist, und weil sie weiß, dass medizinische
Texte mit den Methoden ihres Faches allein nicht adäquat ausgewertet werden
können.
Die von den Philologen zurückgelassenen Lücken in der wissenschaftlichen
Erforschung des C .H . wurden und werden von den Medizinern nur mangelhaft
geschlossen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Arzte sind durch die hippokra­
tischen Schriften mit Texten in einer toten, nur noch von wenigen beherrschten
Sprache und mit einer Form der Heilkunde konfrontiert, die mit der Medizin der
Gegenwart wenig zu tun hat. Vom Urteil des praktizierenden Arztes geprägte
Kommentare zu Schriften des C.H . sind daher selten. Solche Werke wären zwar
dazu geeignet, fehlerhafte oder einseitige Urteile der Philologen zu korrigieren.
Ihr Neuigkeitswert und die Akzeptanz beim Publikum wären aber mutmaßlich
gering. Dennoch bleibt die Korrelation der hippokratischen mit der modernen
Nosologie eine reizvolle wissenschaftliche Aufgabe. Die Aussicht, die vom
C orpus H ippocraticum : Titel und Editionen

Abkürzung Griechischer Titel Lateinischer Titel Deutscher Titel

1 Vet.med. fif.pi άρχαίης De prisca medicina Über die alte Heil­


ίητρικής kunst
2Aer. Περί αέρων, De aere, aquis, Über die natürli­
ύδάτων, τόπων locis che Umwelt
3 Progn. Προγνωστικόν Prognosticon Buch der
Prognosen
4 Acut Περί διαίτης οξέων De diaeta in mor- Über die Diät bei
bis acutis akuten Erkrankun­
gen
5 Acut. spur. Περί διαίτης οξέων. De diaeta acuto- Über die Diät bei
Νόθα rum (spurium) akuten Erkrankun­
gen. Unecht
6 Epid.I *Επιδημιών το De morbis Epidemien I
πρώτον popularibus I
7 Epid.III ’Επιδημιών το De morbis Epidemien III
τρίτον popularibus III
8 VC Περί τών εν κεφαλή De capitis Über die Kopfver­
τρωμάτων vulneribus letzungen
9 Off. Κατ' ίητρειον De officina In der Praxis des
medici Arztes
10 Fract. Περί άγμών De fracturis Über die Kno­
chenbrüche
11 Artic. Περί άρθρων. De articulis Über die Gelenke.
Περί άρθρων Über die Einren­
εμβολής kung der Gelenke
12 Mochl. Μοχλικός Vectiarius Hebelkraft
13 Aph. Άφορισμοί Aphorismi Aphorismen
14 Jusj. * Όρκος Iusiurandum Der Eid
15 Lex Νόμος Lex Das Gesetz
16 Epid.II ’Επιδημιών το δεύ­ De morbis Epidemien II
τερον popularibus II
17 Epid.IV Επιδημιών το τέτ­ De morbis Epidemien IV
αρτον popularibus IV
18 Epid.V ’Επιδημιών το De morbis Epidemien V
πέμπτον popularibus V

10
L ittr e K A K TO S CM G LoebCL Les Beiles Lettres

1,570-637 1,62-110 I 1,36-55 1,12-63 11,1,118-153

11,12-93 3,26-89 1 1,56-78 1,70-137 11,2,1-374


I 1-2
11,110-191 2,28-73 11,6-55

11,224-377 6,24-83 11,62-125 VI,2,36-67

11,394-529 6,90-147 VI,262-327 VI,2,68-98

11,599-717 13,28-95 1,146-211

111,24-149 13,180-247 1,218-287

111,182-261 11,28-69 14-1 111,6-51

111,272-337 11,78-107 111,58-81

111,412-563 11,116-223 111,94-199

IV,78-327 12,32-229 111,200-397

IV,340-395 12,238-299 III, 398-449


IV,458-609 1,222-311 IV, 98-221
IV,628-633 1,34-37 I 1,4-6 I, 298-301
IV,638-643 1,46-49 1 1,7-8 II, 262-265
V,72-139 13,104-169 V II,18-91

V,144-197 13,258-311 VII,92-151

V,204-259 14,26-87 VII, 152-217 IV,3,2-46

11
Abkürzung Griechischer Titel Lateinischer Titel Deutscher Titel

19 Epid.VI *Επιδημιών το De morbis Epidemien VI


έκτον popularibus VI
20 Epid.VII Επιδημιών το De morbis Epidemien VII
έβδομον popularibus VII
21 Hum. Περί χυμών De humoribus Über die Säfte
22 Prorrh.I Προρρητικός α ' Praesagia I Vorhersagungen I
23 Code. Κφακάι Coa praesagia Koische Prognosen
προγνώσεις
24 De Arte Περί τέχνης De arte Über die Kunst
25 Nat.Hom. Περι φύσιος De natura hominis Über die Natur des
άνθρώπου Menschen
26 Salubr. Περί διαίτης De diaeta salubri Über die gesunde
ύγιεινής Lebensführung
27 Flat. Περί φνσών De flatibus Über die Lüfte
28 Περί ύγρώνχρήσιος De humidorum Über den
usu Gebrauch von
Flüssigkeiten
29 Morb.I Περί νούσων το De morbis I Über die Krank­
πρώτον heiten I
30Ajf. Περί παθών De affectionibus Über die Leiden
31 Loc.Hom. Περί τόπων τών De locis in homine Über die Stellen
κατά άνθρωπον am Menschen
32 Morb.Sacr. Περί ‘ιερής νόσου De morbo sacro Über die heilige
Krankheit
33 L7c. Περί έλκών De ulceribus Über die Wunden
34 Haern. Περί οάμορροίδων De haemorrhoidi- Über die Hämor­
bus rhoiden
35 /Ysi. Περί συριγγών De fistulis Über die Fisteln
36 V/efc/ Περί διαίτης το De diaeta I Über die Lebens­
πρώτον führung I
37 Vj'ct// Περί διαίτης το δεύ­ De diaeta II Über die Lebens­
τερον führung II
38 Vict.III Περί διαίτης το De diaeta III Über die Lebens­
τρίτον führung III
39 Insomn. Περί διαίτης το τέτ­ De insomniis Über die Lebens­
αρτον führung IV
-Träum e
40 Morb.II Περί νούσων το De morbis II Über die Krank­
δεύτερον heiten II

12
L ittr e KAKTOS CM G LoebCL Le$ Beiles Lei

V,266-357 14,98-169 VII,218-291

V,364-469 14,180-295 VII,292-415 IV,3,4 7-118

V , 476-503 3,98-123 IV,62-95


V , 510-573 2,80-117 VIII, 172-211
V , 588-733 2,196-345

V I , 2-27 1,142-167 1 1,9-19 11,190-217 V, 1,224-242


V I, 32-69 4,148-179 I 1-3 IV,2-41

VI,72-87 6,165-167 IV,44-59

VI,90-115 3,130-153 1 1,91-101 11,226-253 V, 1,101-125


VI,118-137 6,198-215 1 1,85-90 VIII,320-337 VI, 2,164-170

VI, 140-205 15,22-89 V,98-183

VI,208-271 16,22-91 V,6-91


VI,276-349 16,298-377 VIII, 18-101 X III,38-79

VI,352-397 16,248-289 11,138-183 IL3

VI,400-433 11,230-263 VIII,342-3 75 V III,52-71


VI,436-445 11,270-279 V III,380-389 X III, 146-150

VI,448-461 11,286-301 VIII,390-407 X III, 138-145


VI,466-525 5,26-87 12-4 IV,224-295 V I,1,1-35

VI,528-589 5,88-147 12-4 IV,298-365 V I,1,36-69

VI,592-637 5,148-193 12-4 IV,366-419 VI, 1,70-96

VI,640-663 5,194-217 12-4 IV,420-447 VI, 1,97-109

VII,8—115 15,98-223 V ,190-333 X ,2,132-214


Abkürzung Griechischer Titel Lateinischer Titel Deutscher Titel

41 M orb.III 77ε/Μ νοόσων τό De morbis III Uber die Krankhei­


τρίτον ten III
42 Int. Περί των εντός De affectionibus Uber die inneren
παθών interioribus Leiden
43 Nat.Mul. Περί γυναικείης De natura mulie- Uber die Natur der
φύσεως bri Frau
44 Septim. Περί έπταμήνου De septimestri Uber das Siebenmo­
partu natskind
Oct. Περι οκταμήνου De octimestri par­ Uber das Achtmo­
tu natskind
45 Genit. Περί γονής De semine Uber den Samen
46 Nat.Puer. Περι φύσιος De natura pueri Uber die Natur des
παιδιού Kindes
47 Morb.IV Περι νούσων τό De morbis IV Uber die Krankhei­
τέταρτον ten IV
A8Mul.I Γυναικείων τό De mulierum Uber die Frauen­
πρώτον affectibus I krankheiten I
49 M ulII Γυναικείων τό δεύ­ De mulierum Uber die Frauen­
τερον affectibus II krankheiten II
bOMul.III Περί άφόρων De mulierum Über die unfrucht­
affectibus III baren Frauen
51 V*Vg. Περί παρθενίων De virginum Über die Krankhei­
morbis ten der Jungfrauen
52 Superf. Περί έπικυήσιος De superfetatione Von der Über­
schwängerung
53 Foei. Περί έγκατατομής De exsectione Über die Zerstücke­
Exsect. έμβρύου fetus lung des Kindes im
Mutterleib
5AAnat. Περί άνατομής De anatome Über die Anatomie
55 Dent. Περι όδοντοφυίης De dentitione Über das Zahnen
56 Gland. Περί αδένων De glandulis Über die Drüsen

57 G*ra. Περί σαρκών De carnibus Über das Fleisch


58 //eW. Περί έβδομάδων De hebdomadibus Über die Siebenzahl

59 Prorrh.II Προρρητικός β ' Praesagia II Vorhersagungen II


60 Cord. Περί καρδίης De corde Über das Herz

14
L ittre KAKTOS CM G LoebCL Les Beiles Lettres

VII,118—161 15,230-281 12-3 VI,6-63

VII, 166-303 16,98-241 VI,70-255

VII,312-431 9,28-149

VII,436-453 12-1

VII,453-461 10,94-101 12-1 XI, 164-178

VII.470-485 4,190-207 X I,44-52


VII,486-543 4,208-263 X I,53-83

VII,543-615 15,288-369 X I,84-124

VIII, 10-233 7,26-245

VIII,234-407 8,28-199

VIII,408-463 9,156-217

VIII,466-471 9,226-231

VIII,476-509 10,24-59 1 2 -2

VIII,512-519 10,66-71

VIII,538-541 4,24-27 VIII,208-209


VIII,544-549 10,12-117 11,322-329 X III,222-225
VIII,556-575 4,54-71 V III,108-125 X III,114-122

VIII,584-615 4,78-105 V III,132-165 X III, 188-203


VIII, 634-673 10,138-217,
218-245 (lat)
IX, 6-75 2,124-187 VIII,218-293
IX,80-93 4,36-47 V III,190-195

15
Abkürzung Griechischer Titel Lateinischer Titel Deutscher Titel

61 Alim. Περί τροφής De alimento Über die Nahrung


62 Vid. Ac. Περί οψιος De visu Über das Sehen

63 Oss. Περί όστέων φύσιος De natura ossium Über die Natur der
Knochen
64 Medic. Περί ίητρον De medico Über den Arzt
65 Decent. Περί εύσχημοσύνης De habitu decenti Über den Anstand
66 Praec. Παραγγελίαι Praeceptiones Vorschriften
67 Judic. Περί κρισίων De iudicationibus Über die Krisen
68 Dieb. Περί κρίσιμων De diebus Über die kritischen
Judic. iudicatoriis Tage
69 Epist. Έπιστολαί Epistulae Briefe
70 DecrAth. Δόγμα Αθηναίων Decretum Beschluss der
Atheniensium Athener
71 Oratar. Έπιβώμιος Oratio ad aram Altarrede
72 Thess.orat. Πρεσβευτικός Thessali legati Gesandtenrede
Θεσσάλου oratio
73 InitHebd. Αρχή περί Anfang: Über die
έβδομάδων. Siebenzahl
Λόγος 1

hippokratischen Autor beschriebenen Krankheiten nachträglich zumindest


annähernd richtig zu identifizieren, ist neben der Möglichkeit, die Entwicklung
der ärztlichen Beobachtungsweise, medizinischen Deskription und Terminologie
im Griechenland des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts zu verfolgen, der
stärkste Anreiz für die Analyse der hippokratischen Schriften durch den Medizi­
ner.
Die fachspezifischen Beiträge von Philologen und Ärzten zur Erforschung
des C.H . werden durch die Arbeiten der Historiker ergänzt und erweitert. Die
Medizingeschichte hat erfolgreich zur Lösung offener Fragen an den Schnitt­
stellen zwischen philologischer und medizinischer Interpretation beigetragen.
Ihr Hauptaugenmerk gilt aber nicht den Texten, sondern den Folgen der darin
formulierten Lehren. Die Hippokratesrezeption und die mit ihr eng verbundene
Galentradition sind konstitutive Elemente der antiken Medizin und der Medizin
des Mittelalters. Außerdem greift die Erforschung des Hippokratismus über das
Feld der Medizinhistorie hinaus. Ein Erfolgsmodell wie den Hippokratismus zu
verstehen ist auch das Anliegen der allgemeinen Wissenschaftsgeschichte.

16
L ittre KAKTOS CM G LoebCL Les Beiles Lettres

[X ,98-121 6,176-191 1 1,79-84 I,342-361 VI,2,140-147


IX , 152-161 3,206-215 X III,168-171

IX , 168-197 4,112-141 V III,140-158

IX ,204-221 1,118-133 1 1,20-24 VIII,300-315


IX ,226-245 1,174-189 1 1,25-29 II, 278-301
IX ,250-273 1,196-213 1 1,30-35 1,312-333
IX, 276-295 3,162-181
IX ,298-307 3,188-199

IX ,308-401 17,24-109
I X ,401-403 17,116-119

I X ,403-405 17,126-129
IX ,405-429 17,133-163

I X ,433-466

Das fundamentale Problem der Hippokrates-Forschung, die Zusammensetzung


der hippokratischen bzw. posthippokratischen Gruppe schreibender Arzte, von
denen die im C.H. versammelten Traktate stammen, ist nicht gelöst. Mit den
traditionellen philologischen Techniken ist die Frage, so haben die vielen für
untauglich befundenen Zuordnungsversuche gezeigt, auch nicht zu klären. Diese
Einsicht war Anlass, nach neuen Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Einen origi­
nellen Zugang eröffnet die elektronische Datenverarbeitung. Die Laval Universi-
ty/Quebec hat auf diesem Gebiet mit dem Projet Hippo Pionierarbeit geleistet.
Im dortigen Laboratoire de recherches hippocratiques werden computerisierte
Analysen des hippokratischen Wortschatzes durchgeführt. Berechnungen der
Kookkurrenz, also der Bedingungen für das gemeinsame Vorkommen von
unterschiedlichen Wortklassen, sollen zur Identifizierung von Verfassern der
Traktate des C.H . beitragen. Zugleich ist das kanadische Vorhaben ein gutes Bei­
spiel für die Internationalisierung der Hippokrates-Forschung in den letzten
Jahrzehnten. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Liste der Tagungsorte
und in der Zusammensetzung des Kreises der Referenten bei den bisher zwölf
interdisziplinären Hippokrates-Kolloquien wider.

17
2 Hippokrates: Das Leben

Das lange und erfolgreiche Leben des Hippokrates ist von seinen Zeitgenossen
wohl wahrgenommen, aber nicht literarisch dokumentiert worden. Der Arzt von
Kos war in ganz Griechenland berühmt. Man erkannte sein Genie und schätzte
seine beruflichen Leistungen. Es fehlen jedoch authentische biographische
Zeugnisse. Sieht man von den Hinweisen ab, die der hippokratische Autor in
einzelnen Schriften des Corpus selbst gibt und die vorwiegend seine Tätigkeit als
Wanderarzt betreffen (Progn.25, Epid.I-III passim, Morb.SacrA), bleiben für die
Lebensbeschreibung nur Nachrichten übrig, die weit später datieren als die Le­
benszeit des Koers (s. Kasten). Selbst die kanonische Quelle, die soranische
Hippokrates-Vita, ist viel später entstanden. Das Idealbild, das der Methodiker
und Gynäkologe Soranos von Ephesos an der Wende vom 1. zum 2. nachchrist­
lichen Jahrhundert von dem Generalisten des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhun­
derts zeichnet, wird durch die kritischen Bemerkungen mancher griechischer
und römischer Autoren kaum getrübt.

Biographische Quellen

Soranos von Ephesos Ίπποκράτους βίος και γένος κατά Σωρανόν


(1./2. Jht.) [Leben und Abstammung des Hippokrates
nach Soran] (CM G IV 175-178)
Galen von Pergamon (2· Jht.) "Οτι ö άριστος ιατρός και φιλόσοφος
[Von der Personaleinheit des besten Arztes
und des Philosophen] {Gal. I 53-63)
Vita Bruxellensis Yppocratis genas, vita, dogma [Abstammung,
(6. Jht. n.Chr., Codex Leben und Lehre des Hippokrates] {Schöne
Bruxellensis, Bibi. Royale H .l.: Bruchstücke einer neuen Hippokratesvi-
1342-1350) ta. RhM 1903; 58: 55-66). Anonyme Vita [mit
einer Liste der Schüler des Hippokrates] in ei­
ner mittelalterlichen Handschrift des Gram­
matikers Priscian
Suda (10. Jht.). U m fang­ S.v. Ίπνοκράτης/Hippokrates
reichstes erhaltenes byzanti­ (Ed. Adler: Leipzig 1928/38, II 662/663)
nisches Lexikon
Tzetzes (12. Jht.) Βίβλος ιστοριών [Chiliaden]
(Ed. Kießling: Leipzig, 1826, VII 155ff.)

19
2.1 Der historische Hippokrates

M: Dugand J.E.: Essai sur la vie d* Hippocrate. Nice, 1987


A: Barrow M.V.: Portraits of Hippocrates. Med. Hist. 1972; 16: 85-88 Benedum J.:
Griechische Arztinschriften aus Kos. ZPE 1977; 25 : 272-274 Benedum J.: Inscriptions
grecques de Cos relatives ä des medecins hippocratiques et Cos Astypalaia. In: Hippocra-
tica. Paris, 1980: 35-43 Jouanna J.: Ippocrate e il sacro. Koinonia 1988; 12: 91-113______

Hippokrates ist im Jahr 460 vor Christus auf Kos geboren; zu dieser Zeit hat der
sonst nicht weiter bekannte Abriadas die Alleinherrschaft über die Insel. Der Va­
ter heißt Herakleides, die Mutter Phainarete. Hippokrates entstammt einer Ärz­
tefamilie, die seit langem auf Kos ansässig und in schwer fassbarer Weise genea­
logisch mit Herakles und Asklepios verbunden ist. Man hat sie deshalb auch als
Asklepiadenfamilie bezeichnet (s. Kasten). Dieses Prädikat ist insofern irrefüh­
rend, als im 5. und 4. Jahrhundert alle Ärzte, die somatische Medizin betreiben,
und nicht nur jene, die wie Hippokrates angeblich von Asklepios abstammen, so
genannt werden. Es eignete sich aber dazu, diese Gruppe von den Priestern und
Wunderheilern abzugrenzen (Plat.sympAS6ey rep.405d). Was Hippokrates nicht
bei seinem Vater und Großvater lernt, soll ihm Herodikos beigebracht, in Rhe­
torik und Philosophie sollen ihn Prodikos, Gorgias und Demokrit (Ce/s.
prooem. 8) unterrichtet haben. Bei dieser Mitteilung bleibt offen, ob es sich um
den Gymnastiklehrer Herodikos von Selymbria, den Hippokrates in Epid.VI
3.18 kritisiert, oder um Herodikos von Knidos, einen Schüler des Euryphon
handelt. Einer N otiz des Aristoteles (pol.VII 4 1326al4-16) zufolge ist Hippo­
krates klein und äußerlich unscheinbar gewesen.
Zunächst bleibt das Fachwissen in der Familie. Hippokrates gibt es an seine
Söhne Thessalos (später Leibarzt von König Archelaos von Makedonien) und
Drakon I. sowie den Schwiegersohn Polybos weiter. Später wird die Schule für
andere angehende Ärzte geöffnet.

Hippokrates: Träger des Namens in der griechischen Medizin

Hippokrates I: Sohn des Gnosidikos. Großvater von Hippokrates II


Hippokrates II: Begründer der Medizin als Wissenschaft
Hippokrates III: Sohn des Thessalos. Enkel von Hippokrates II
Hippokrates IV: Sohn des Drakon. Enkel von Hippokrates II. Leibarzt der
Roxane (Witwe Alexanders des Großen)
Hippokrates V und VI: Söhne des Thymbraios, der von Hippokrates II unter­
richtet worden ist
Hippokrates VII: Sohn des Asklepiaden Praxianax

20
Als Hippokrates VIII wird ein Arzt (Sohn eines anderen Thessalos als Hippokrates III)
des 3./2. Jht. v.Chr. bezeichnet, dessen Existenz durch das Fragment einer Ehreninschrift
aus Kos (Benedum J., ZPE 1977; 25: 272-274) belegt ist.
Der Name Hippokrates wird in der späten Antike und im Mittelalter vielfach verballhornt
(z.B. als Hippokras, Hipocras, Yppocratis, Epocratis, Ypogrates, Ypocrates). Die arabi­
schen Versionen des Namens lauten: Hlföqräps, ’lföqräps, ’lbuqräps, ’Abuqräfls, Buqrä-
tTs. AbuqräJ und Buqrä}. Die Hippokratiker sind als Buqrä(ün bezeichnet worden.
Ein reizendes Spiel mit Worten, das zeigt, dass man auch in der Spätantike den Namen
Hippokrates etymologisch richtig zu deuten verstanden hat, bietet Antb.Pal. XVI 271:
Dort werden ein Pferdedoktor namens Sosandros (wörtlich: Retter der Männer) und der
Humanmediziner Hippokrates (wörtlich: Herr der Pferde) aufgefordert, entweder die
Anrede oder den Beruf zu tauschen, damit ihre Profession am Namen zu erkennen sei.

Nach dem Tod seiner Eltern (um 420 v.Chr.) verlässt Hippokrates Kos und geht
nach Makedonien, Thessalien und Thrakien, um dort zu lehren und praktisch
ärztlich tätig zu sein. Er folgt damit dem Beispiel von Kollegen, die als Wander­
ärzte (7τεριοδευταί/periodeutai) ihr Auskommen suchen (Gal.X II 844). Im gan­
zen C.H. findet sich lediglich ein einziger Patient (Didymarchos, Prorrb.I 34),
der den Textangaben nach von Kos stammt. Längere Aufenthalte sind für Abde-
ra, Larissa, Krannon, Kyzikos, Meliboia und die Insel Thasos belegt. Auf den
Reisen lernt Hippokrates die geographischen und klimatischen Verhältnisse in
Nordgriechenland und die dort herrschenden natürlichen Bedingungen für Ge­
sundheit und Krankheit kennen. Der Entschluss zur beruflichen Tätigkeit au­
ßerhalb von Kos ist mehrfach gehässig kommentiert worden. Nach Soran hat
man Hippokrates beschuldigt, die Heimat deshalb verlassen zu haben, weil er das
Archiv von Knidos in Brand gesteckt habe, nicht ohne vorher dessen medizini­
sche Berichte in seine Lehre aufzunehmen. Einen ähnlichen Vorwurf des Plagiats
hat er sich gefallen lassen müssen, nachdem die Bibliothek von Kos in Flammen
aufgegangen war (Plin.nat. X X IX 4). In diesen Zusammenhang passt auch die
Bemerkung Strabons (XIV 2,19), Hippokrates habe die Medizin aus der Lektüre
der Genesungsberichte gelernt, die auf den Stelen im Heiligtum des Asklepios
von Kos eingemeißelt waren.
Hippokrates ist nach 380 v.Chr.in Larissa gestorben. Er ist auf halbem We­
ge zwischen der Stadt, in der er lange gearbeitet hat, und dem nördlich benach­
barten Gyrton begraben worden. Der Epitaph (Anth. Pal VII 135) fasst die Bio­
graphie prägnant zusammen:
Θεσσαλός Ιπποκράτης, Κώος γένος, ενθάδε κέίται,/
Thessalos Hippokrätes, Koos genos, enthäde keitai,
Φοίβου άπό βίζης αθανάτου γεγαώς,/
Phoibou αρό rhizes athanätou gegaös,
πλεϊστα τρόπαια νόσων στήσας όπλοις Ύγιείης,/
pleista tropaia nosön stesas hoplois Hygieies,
δόξαν ελών πολλών ον τύχη, αλλά τέχνη./
doxan helön pollön ou tyche allä t0chne.

21
[Hier ruht der Thessalier Hippokrates, Koer von Geburt,
aus dem Stamm des unsterblichen Phoibos entsprungen.
Zahllose Krankheiten hat er besiegt mit den Waffen der Hygieia
und bei vielen Ruhm erworben, nicht durch Glück, sondern durch seine K unst]

Soran (CM G IV 77) trägt die zu der Inschrift passende rührselige Anekdote bei.
Er erzählt, daß ein Schwarm von Bienen das Grab aufgesucht und sich dort nie­
dergelassen habe. Der Honig, den man später aus ihrem Stock gewonnen habe,
sei von Ammen zur Behandlung der Mundfäule verwendet worden und habe er­
krankten Säuglingen rasch geholfen.

2.2 Hippokrates im Urteil der Zeitgenossen

A: Bourgey L.: Hippocrate et Aristote. L’origine, chez le philosophe, de la doctrine


concernant la nature. In: Coli. Hipp. III Paris 1978 (Paris 1980): 59-64 Herter H.: The
problematic mention of Hippocrates in Plato’s Phaedrus. ICS 1976; 1: 22-42 Joly R.: La
question hippocratique et le temoignage de Phedre. REG 1961; 74: 69-92 Jouanna J.:
La Collection hippocratique et Platon (Phedre, 269c-272a). REG 1977; 90:
15-28 Kucharski P.: La „Methode d’Hippocrate“ dans le Phfcdre. REG 1939; 52: 301-
357 Manetti D.: Hos de autos Hippokrates legei. In: Coll.Hipp.VIII Kloster
Banz/Staffelstein 1993 (Hildesheim 1996): 295-310 Mansfeld J.: Plato and the Method
of Hippocrates. GRBS 1980; 21: 341-362 Steckerl F.: Plato, Hippocrates and the Menon
Papyrus. CPh 1945; 40: 166-180________________________________________________

Ebenso wie das Leben und die ärztliche Tätigkeit des Hippokrates ist auch das
Urteil der Zeitgenossen über den Koer kaum dokumentiert worden. Nur Platon
(Phaidr.270 b-d, Prot 311 a-d) und Aristoteles (po/.VII 4 1326a 14-16) erwäh­
nen ihn. Aber die Notizen sind kurz und haben kaum mehr als illustrativen Cha­
rakter. Eine grundsätzliche Beschäftigung mit den Lehrmeinungen des H ippo­
krates lassen sie nicht erkennen. Die Literatur des 5. und 4. Jahrhunderts enthält
kein einziges mit seinem Namen gekennzeichnetes Werkzitat; auch in der
Hippokrates-Passage der medizinischen Doxographie des Menon wird der Autor
nicht zitiert. Die beiden Darstellungen der Anatomie der Gefäße, die Aristoteles
(histan. III 3 511b23-512bll, 512bl2-513a7) aus Oss.9, Nat.Hom. 11 und Loc.
Hom.3 anführt, werden ausdrücklich dem Syennesis von Kypros bzw. Diogenes
von Apollonia und dem Polybos, aber nicht Hippokrates zugeschrieben.
Trotz ihres geringen heuristischen Werts ist vor allem die Bemerkung über
Hippokrates im Phaidros vielfach analysiert worden. Im Mittelpunkt der Kont­
roverse steht die Frage, wie der Präpositionalausdruck ανευ της τον 8λου φνσε-
ως/dneu tes tou holou physeös [ohne die Natur des Ganzen] zu verstehen ist, und
zwar sowohl im unmittelbaren inhaltlichen Zusammenhang wie für die hippokra­
tische Lehre insgesamt.
In Phaidr.270 b-d wird die Redekunst mit der ärztlichen Kunst verglichen.
Sokrates sieht in der Erforschung der Natur der Seele bzw. des Körpers eine
Voraussetzung für die Beherrschung beider Disziplinen und erhält dafür Zu­
stimmung von seinem Gesprächspartner. Dann fragt er ihn, ob er es für möglich
halte, von der Natur der Seele gründliche Erkenntnis zu gewinnen, ohne die N a­
tur des Ganzen zu kennen. Phaidros entgegnet, diesen methodischen Ansatz ha­
be doch schon Hippokrates bei der Suche nach der Natur des Körpers verfolgt.
Sokrates pflichtet ihm bei, fordert ihn aber auf, zusätzlich zu prüfen, was der
wahre Verstand über die Natur sagt.
Nach Platon ist es also sowohl für den Redner wie für den Arzt notwendig,
die Natur des Ganzen zu kennen. Keine der beiden Disziplinen hat dabei M o­
dellcharakter für die jeweils andere. Der platonische und der hippokratische Prü­
fer sondieren ein- und dasselbe Ganze. Damit kann sowohl die unbelebte und
belebte Umwelt des Menschen wie das Individuum in all seinen stofflichen und
nicht-stofflichen Anteilen gemeint sein. Für beide Deutungen des Terminus gibt
es bei Platon (Gorg.580a, leg.857 c-d) und Hippokrates ( Vict.l 2, Vet.med. 20)
Belege. Eine klare und überzeugend begründete Entscheidung zugunsten einer
der beiden Alternativen oder eine anerkannte Kompromisslösung existiert trotz
aller Bemühungen nicht.
Eine weniger tiefsinnige Parallele zwischen Rhetorik und Medizin wird in
Prof. 31 la-d gezogen. Sie verbindet sich ausdrücklich mit dem Namen des Koers.
Hippokrates heißt nämlich auch der naive jugendliche Gesprächspartner des
Sokrates, der den Wunsch hat, von Protagoras unterrichtet zu werden. Sokrates,
der dem jungen Mann erstens auf den Zahn fühlen und ihn zweitens davon ab­
bringen will, Lektionen bei einem Sophisten zu nehmen, fragt, ob er bereit sei,
dem Protagoras ebenso Lehrgeld zu zahlen wie jemand, von dem er einen an­
ständigen Beruf erlernen könne. An dieser Stelle werden der Bildhauer Polyklet,
der Maler Phidias und Hippokrates von Kos genannt. Näher kommentiert wird
die Erwerbstätigkeit der Ärzte aber nicht.
Nach Galen ( Gal.X 15) hat Aristoteles die Traktate des Hippokrates über
die Natur interpretiert; im Corpus Aristotelicum findet sich indes keine entspre­
chende Passage. Nur über eine Schrift seines Schülers Menon ist eine Verbin­
dung zwischen beiden herzustellen. Menon sichtet im Auftrag seines Lehrers die
Medizinliteratur und bringt den gesammelten Stoff in ein Werk mit dem Titel
Ιατρική συναγωγή [Sammlung medizinischer Lehrmeinungen] ein ( Gal.XV 25-
26). Im Papyrus Anonymus Londinensis (2. Jht. n.Chr.) ist davon ein überar­
beitetes Exzerpt (1. Jht. n.Chr.) erhalten. Von Hippokrates handelt der
Abschnitt 5.35 - 7.40. Dort werden die Gase, die sich aus den Residuen zu reich­
licher, zu verschiedenartiger oder zu schwer verdaulicher Nahrung bilden, als
Krankheitsursache bezeichnet. Folgerichtig wird eine vorwiegend diätetisch ori­
entierte Therapie empfohlen. Diese Empfehlung ist durch viele Texte des C.H .
gedeckt. Das monistische Kausalprinzip ist hingegen unvereinbar mit der Vielfalt
der ätiopathogenetischen Erklärungsversuche des hippokratischen Autors. Nicht

23
eine einzige Schrift stützt diese Theorie - auch nicht Flat., der Text, in dem
explizit die von außen in den Körper gelangende Luft und nicht die dort produ­
zierten Gase (vgl Vet.med. 22 über die Bedeutung der Darmgase für abdominelle
Symptome) zum universalen Wirkprinzip erklärt wird.

2.3 Der Hippokrates der Legenden

M: Pinault J.R.: Hippocratic Lives and Legends. Leiden, New York, Köln, 1992 Salem J.:
La legende de Democrite. Paris, 1996
A: Gourevitch D.: La legende hippocratique dans le monde romain antique. In: Hippo-
crate et son heritage: colloque franco-hellenique d* histoire de la medecine. Lyon, 1987:
57-63 Maisano M.R.: Ippocrate e Perdicca II: esame storico di un topos medico-
letterario. ASNP 1992; 22: 71-83 _______

Die meisten Legenden, die von Hippokrates erzählt worden sind, entstammen
unechten Teilen des C.H .; einige werden durch unabhängige Mitteilungen grie­
chischer und römischer Autoren bestätigt. Die nur von den Biographen tradierte
und nicht durch Hinweise im Werk belegte Perdikkas-Episode ist die Ausnahme.
Manchen Geschichten mag eine wahre Begebenheit zugrunde liegen. Andere
können sich allein aus chronologischen Gründen gar nicht zugetragen haben.
Die Verfasser der Legenden haben aber unverkennbar allesamt die Absicht, den
Ruhm des großen Arztes zu mehren und ihn als glühenden Patrioten darzustel­
len.

• Hippokrates und Artaxerxes (Epist. 1-9)

Noch während der auf Kos verbrachten Zeit soll Hippokrates von einem Hilfe­
ruf des Artaxerxes erreicht worden sein. Der persische Großkönig habe um me­
dizinischen Beistand im Kampf gegen eine Seuche gebeten und dafür eine hohe
Belohnung versprochen. Hippokrates soll aber das Ansuchen des Artaxerxes un­
ter Hinweis auf die Kriegsfeindschaft zwischen Griechen und Persern abgelehnt
haben. Die Verweigerung der humanitären Hilfe wird später von Cato als Argu­
ment gegen die Anwendung hippokratischer Medizin in Rom benutzt (Plut Ca­
to 23, 4).

• Hippokrates und die von einer Seuche bedrohten Griechen (.DecrAth


Tbess.orat.y Varro rust. I 5, Plin.nat. V I I 123)

Anders als auf die Bitte des Artaxerxes habe Hippokrates sofort und umfassend
reagiert, als die Thessalier von einer ähnlichen, aus dem Norden vordringenden
Seuche bedroht wurden. Er habe nämlich nicht nur selbst Hilfe geleistet und sei­
ne Söhne und Schüler in die verschiedenen Landesteile ausgesandt, sondern

24
außerdem die Ausbreitung der Krankheit nach Attika richtig prognostiziert.
Zum Dank dafür habe man ihn in Athen bekränzt, im Prytaneion speisen lassen
und in die Mysterien von Eleusis eingeweiht. Falls die Erzählung überhaupt ei­
nen wahren Kern hat, so bezieht sie sich jedenfalls nicht auf die von Thukydides
(II 48-54) beschriebene Athener Pest von 430 v.Chr. Die wurde nämlich aus
Vorderasien und nicht aus Nordgriechenland eingeschleppt und der Historiker
berichtet an keiner Stelle von einer erfolgreichen Intervention des Hippokrates.

• Hippokrates als Vermittler zwischen Athen und Kos (Orat.ar., Thess.orat.)

Während des Peloponnesischen Krieges sollen sich sowohl Hippokrates als auch
sein Sohn Thessalos für die Heimat engagiert haben. Ersterer habe die Einwoh­
ner einer namentlich nicht bekannten Stadt um Hilfe in der Auseinandersetzung
mit Athen gebeten, letzterer sei selbst dorthin gereist und habe eine Bittrede
gehalten, in der er auf die Verdienste hinwies, die sich sein Vater bei der Be­
kämpfung der Seuche erworben habe.

• Hippokrates und Perdikkas (Soran, Suda, Tzetzes)

Hippokrates soll sich eine Weile am Hofe von Makedonenkönig Perdikkas II.
aufgehalten haben. In dieser Zeit soll er bei seinem Gastgeber die Liebesleiden-
schaft zu Phile, der Nebenfrau dessen Vaters, diagnostiziert haben; auf die rich­
tige Spur brachten ihn leicht erkennbare vegetative Zeichen wie die Rötung der
Wangen und die Beschleunigung des Pulses. Eine ähnliche Leistung wird von
Kleombrotos von Keos bzw. dessen Sohn Erasistratos berichtet, der bei dem sy­
rischen Prinzen Antiochos I. dieselben Symptome entdeckte (Gal. XVIII B 18).

• Hippokrates und Dem okrit (Epist. 10,11,13-21,23)

Die Einwohner von Abdera sollen Hippokrates gebeten haben, den Philosophen
Demokrit, der sich in ihrer Stadt aufhielt, vom unstillbaren Lachen zu befreien.
So gründlich er sich auf das Gespräch mit dem Weisen vorbereitet, so unbefrie­
digend verläuft es. Hippokrates erkennt zwar, dass die Heiterkeit seines Ge­
sprächspartners, der gerade ein Buch über den Wahnsinn schreibt, von den Ab-
deriten missdeutet wird und nicht krankhaft ist. Trotz dieser Überzeugung und
trotz eines Traums, der ihn in dieser Ansicht bestätigt, schlägt er eine Behand­
lung vor. Demokrit lehnt indes ab und Hippokrates muss schließlich erkennen,
dass seine Empfehlung ein Irrtum war.
Über eine andere Begegnung zwischen Hippokrates und Demokrit, bei der
der Philosoph über der Betrachtung der Milch einer schwarzen Ziege, die erst­
mals Junge geboren hat, eine Probe seines Scharfsinns abgegeben hat, berichtet
Diogenes Laertios (IX 42).

25
Dass Hippokrates zur gleichen Zeit, als sich um ihn heroisierende Legenden bil­
den, auch zum Objekt professioneller Spötter wird, zeigen zwei Bemerkungen
des Lukian von Samosata (2. Jht. n.Chr.). In der einen (Philops. 21) berichtet ein
Arzt namens Antigonos von einer aus Erz gegossenen Statuette des Hippokra­
tes, die im Haus herumgeistert und alles in Unordnung bringt, wenn das jährli­
che Opfer ausbleibt. Die andere (Verae Historiae 2,7) legt dem Rhadamanthys
die kuriose Entscheidung in den Mund, Aiax wieder zur Vernunft zu bringen,
indem man ihn Nieswurz trinken lasse und dem Arzt Hippokrates von Kos
übergebe.
3 H ippokrates: D ie Schriften (3.1-3.73)

Im folgenden Abschnitt werden die Schriften des C.H . in der Reihenfolge nach
Littre bzw., wenn sie in der Edition von Littre nicht enthalten sind, in der Rei­
henfolge nach Fichtner vorgestellt. Die Werkporträts setzen sich aus einer kur­
zen gegliederten Bibliographie, der stichwortartigen Charakterisierung der
Schrift, Angaben zur Entstehungszeit, der Gliederung und einer knappen inhalt­
lichen und sprachlichen Analyse des Textes zusammen.

3.1 Über die alte H eilkunst [Π ερί άρχαίης ίητρικής, Vet.med.\

M: Festugiere A.J.: L’ancienne m^decine. Paris 1948 (Repr. New York 1979) Schiefsky
M.J.: Hippocrates. On Ancient Medicine. Transl. with introd. and commentary. Leiden,
Boston, 2005
A: Dihle A.: Kritisch-exegetische Bemerkungen zur Schrift Über die alte Heilkunst. MH
1963; 20: 135-150 Diller H.: Hippokratische Medizin und attische Philosophie. Hermes
1952; 80: 385-409 Herter H.: Die kultur-historische Theorie der hippocratischen Schrift
Von der alten Medizin. Maia 1963; 15: 464—483 ___________ ______

Format: Geschichte der Entwicklung der Heilkunde im Spannungsfeld zwischen


Naturphilosophie und Empirie. Plädoyer für diätetisch orientierte Individualme­
dizin.

Entstehungszeit: Letztes Viertel des 5 Jhts. v.Chr. Diller datiert die Schrift un­
ter Hinweis auf den weit entwickelten Prosastil in die Mitte des 4. Jahrhunderts.

G liederung: Der Attacke gegen die spekulative Heilkunst im Prolog (1-2) schließen
sich drei inhaltlich unvollständig voneinander getrennte Sektionen an: 1 Archäologie der
Medizin und Entwicklung der Diätetik (3-12), 2 Negatives Urteil über die neuen
Krankheitslehren (13-19) und 3 Wie man Medizin lernt (20-24).
1: Medizin kann nicht auf Hypothesen und Postulate reduziert werden, sondern ist eine
Kunst, in der man jedes Mal aufs neue seine Leistungsfähigkeit beweisen muss 2: Lange
Tradition der medizinischen Forschung. Der Laie muss die Entscheidungen des Arztes
verstehen
1 3-4: Kontinuierliche Verfeinerung der Ernährung des Menschen 5: Entwicklung der
Krankendiät 6-8: Falsche Diät unterhält Krankheiten 9: Behandlungsfehler wirken sich
bei schweren Leiden viel stärker aus als bei Bagatellerkrankungen 10-11: Lästige Folgen
unregelmäßiger Ernährung 12: Die alte Medizin ist kein Auslaufmodell
2 13 Die vier Grundqualitäten (Warm, Kalt, Trocken, Feucht) eignen sich nicht als theo­
retische Basis der Diättherapie 14: Lob der alten Ernährungsforscher 15: Moderne Er­
nährungstheorien sind nur schwer in die Praxis umzusetzen 16: Mögliche negative Fol­
gen des Wechsels vom Warmen zum Kalten und vom Kalten zum Warmen 17: Kalt und
Warm sind keine primären Krankheitsursachen 18: Beispiel: Der Schnupfen 19: Das
Mischungsverhältnis der Säfte determiniert die menschlichen Leiden
3 20: Naturphilosophie ist keine geeignete Voraussetzung für Erfolg in der angewandten
Medizin 21: Individuelle Unterschiede der Pathogenese 22: Unterschiedliche Bedeu­
tung von Funktion und äußerer Gestalt der Organe für die Pathogenese 23: Grundsätz­
liche Bedeutung konstitutioneller Unterschiede für die Pathogenese 24: Der Mensch
kann seine Gesundheit am besten erhalten, wenn er von außen die richtigen Säfte zuführt.

Inhalt: In Vet.med. nimmt der hippokratische Autor die Haltung des polemisie­
renden Konservativen ein. Um in dieser Rolle glaubwürdig zu sein, trifft er die
stark vereinfachende und historisch nicht gerechtfertigte Unterscheidung zwi­
schen der so genannten alten und der neuen Medizin. Er verteidigt die Heilkun­
de - ähnlich wie in De Arte 1-2 - gegen den grundsätzlichen Vorwurf, ihre Er­
folge seien Zufall und sie selbst deshalb entbehrlich. Eng mit der Apologie für
die Autonomie der Medizin verbunden ist die Ablehnung aller Tendenzen, die
Medizin in philosophische Schemata einzupassen. Derartige Mutmaßungen hält
der Verfasser aus zwei Gründen für falsch. Zum einen seien die Vorstellungen
der Philosophen von der Zusammensetzung der Welt und der Menschen und der
Ätiologie der Krankheiten zu formal; in einer solchen Art dürfe man nur über
jenseitige Dinge spekulieren. Zum anderen berücksichtige die philosophische
Doktrin die individuellen Besonderheiten jedes einzelnen Krankheitsfalles zu
wenig.
Konkret wendet sich der Verfasser gegen die Versuche, die Therapie des
Arztes von Faktoren wie Hitze, Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit abhängig
zu machen. Er wiederholt damit in Nat.HomA geäußerte Bedenken, setzt sich
aber mit der Geringschätzung des physiologischen Basiswissens auch in Gegen­
satz zu eigenen wissenschaftsphilosophischen Maximen ( Vict.I 2). Von den kri­
tisierten Naturphilosophen wird nur Empedokles namentlich genannt (Kap. 20);
die Attacke richtete sich aber auch gegen Alkmaion von Kroton [DK 24 B 4]
und Anaxagoras [z.B. D K 59 B 6]. Der Tadel an den Theoretikern wird verbun­
den mit einem Plädoyer für Diät als tragende Säule der Therapie. Von der Ernäh­
rung in gesunden Tagen ausgehend, wirbt der Verfasser für den Ersatz schwerer
durch leichte Speisen und die krankheitsadaptierte Verfeinerung der Nahrung.
Leben nach Diät bedeutet nicht nur die richtigen Speisen auszuwählen und sie so
zuzubereiten, dass sie leicht verdaulich sind, sondern dabei auch einen passenden
Rhythmus zu wählen, d.h. etwa statt einer täglich zwei Mahlzeiten einzunehmen
(Kap. 10, vgl. Acut. 9). Die Diätküche wird damit zu einer Kunst stilisiert, ein
Prädikat, das ihr Sokrates im Gespräch mit Polos trotz unverhohlener Sympathie
für gutes Essen nicht zuerkennt (Plat.Gorg. 462d).

Sprache und Textgeschichte: Das glänzende Werk war an ein großes Publikum
von Fachleuten und gebildeten Laien gerichtet, ist aber im Altertum wenig be­
achtet worden. Vet.med. wurde weder ins Lateinische noch ins Arabische über­
setzt. Der Autor hält sein Plädoyer für die empirische Medizin der Alten aus

28
persönlicher Überzeugung (Kap. 3: εγωγε δοκέω/egöge dokeö [meiner Ansicht
nach]) und läßt nur vereinzelt Skepsis (Kap. 3: είκός/eikos [wahrscheinlich]) an­
klingen. Die Überlegenheit seiner Darstellung fußt auf der Wahl des richtigen
Ausgangspunkts und Kurses (Kap. 2: άρχή και όδός/drehe kai hodos [Anfang und
Weg]) und der sorgfältigen Beobachtung und kritischen Prüfung (Kap. 12, 14:
λογισμός/logismos [Überlegung]). Die Mittel der Kunstprosa werden sparsam
eingesetzt (z.B. emphatischer Pleonasmus in Kap. 2: νοσέουσί τε κώ πονέουσι/
noseousi te kai poneousi [sie sind krank und sie leiden], Kap. 9: Bild vom Steuer­
mann, Kap. 15: Spott über die Argumentationsnot der Theoretiker).

3.2 Über die natürliche Umwelt [Π ερί άέρων, ϋδάτων, τόιτων, Aer.\

Μ: Diller Η.: Wanderarzt und Aitiologe. Leipzig, 1934 Diller H.: Die Überlieferung der
hippokratischen Schrift aeron, hydaton, topon. Philologus 1932; Suppl. 23, fase.
3 Edelstein L.: Περί άέρων und die Sammlung der hippokratischen Schriften. Berlin,
1931
A: Backhaus W.: Der Hellenen-Barbaren-Gegensatz und die Hippokratische Schrift Περί
άέρων, ύόάτων, τόπων. Historia 1976; 25: 170-185 Lenfant D.: Milieu naturel et
differcnces ethniques dans la pensee grecquc classique. In: Nature et paysage dans la
pensee et l’cnvironment des civilisations antiques: actes du colloque de Strasbourg, 11-12
juin 1992. Sieben G (ed.).Paris, 1996: 109-120 Triebel-Schubert Ch.: Anthropologie und
Norm: der Skythenabschnitt in der hippokratischen Schrift Über die Umwelt. MHJ 1990;
25: 90-103 West S.: Hippocrates’ Scythian sketches. Eirene 1999; 35:14-32

Format: Wissenschaftshistorisch erste geschlossene Abhandlung über medizini­


sche Klimatologie und Ethnographie. Berühmter Exkurs über die Skythen.

Entstehungszeit: Letztes Viertel des 5 Jhts. v.Chr.

Gliederung: Das Werk besteht aus zwei (1-2) Abschnitten. Im ersten (1-11) werden
die Grundzüge der Bioklimatologie dargestellt, der zweite (12-24) ist dem Einfluß der
Umwelt auf Physis und Moral der Völker Europas und Asiens gewidmet.
1 1: Thema: Der Arzt muss den Einfluss der Jahreszeiten, des Wassers, der Winde und der
Lebensweise auf Gesundheit und Krankheit kennen 2: Bedeutung von Meteorologie und
Astronomie für die angewandte Medizin 3-6: Einfluss der Exposition einer Stadt gegen­
über kalten und heißen Winden auf das Spektrum der Erkrankungen 7-9: Einfluss der
Qualität des Trinkwassers auf das Spektrum der Erkrankungen 10-11: Jahreszeitliche
Häufung und Prägung von Erkrankungen. Einfluss der Gestirne
2 12: Konstitutionelle Unterschiede zwischen Asien und Europa und der dort lebenden
Völker 13: Physis der Anwohner des Maeotis-Sees (Asow’sches Meer) 14: Natürliche
Veranlagungen und Gewohnheiten der Makrokephalen 15: Physis der Anrainer des Pha-
sis (Fluss im Kaukasus) 16: Moral der Völker Asiens 17: Die Frauen der Sauromaten
18: Lebensweise der Skythen 19-20: Physis der Skythen 21-22: Unfruchtbarkeit der
Skythen 23-24: Physis und Charakter der übrigen europäischen Völker.

29
Inhalt: Im ersten Teil der Schrift benennt und analysiert der Autor die* Umwelt -
faktoren, die der Wanderarzt bei der Therapie und Prognose regional und saiso­
nal gehäufter Erkrankungen in den Städten, die er aufsucht, zu berücksichtigen
hat, im zweiten Teil vergleicht er die Völker der beiden großen Kontinente nach
konstitutionellen Kriterien und bezieht in diese Gegenüberstellung auch sozio-
kulturelle und politische Aspekte ein. Die Grenze zwischen den beiden Erdteilen
wird dabei am nordöstlichen Rand des Schwarzen Meeres gezogen. Trotz ihrer
thematischen Verwandtschaft bestehen zwischen den beiden Abschnitten nur
lockere Beziehungen. Der zweite Abschnitt bietet keine schlüssigen ethnologi­
schen Belege für die im ersten Abschnitt dargestellten bioklimatischen Bezie­
hungen, sondern liefert vereinzelt sogar gegenteilige Argumente. Beispielsweise
werden die den trockenen Nordwinden ausgesetzten Skythen entgegen der Dar­
stellung in Kap. 4 als Paradigma der feuchten Natur bezeichnet (Kap. 20). Der
Verfasser hat es also vermieden, die Verbindungen zwischen Krankheit und
Umweltfaktoren zu dogmatisieren, und räumt ein, dass auch individuelle Merk­
male für die Funktion einzelner Organe, für die Entwicklung bestimmter
Krankheiten und für die Lebenserwartung Bedeutung haben. Beim Vergleich
zwischen den Völkern Europas und den Völkern Asiens werden auch der Stand
der kulturellen Entwicklung und die Art des politischen Systems berücksichtigt
und als Faktoren genannt, die die Prägung des Menschen durch die natürliche
Umgebung, insbesondere das Klima modifizieren.
Die Beschreibung der Makrokephalen ist sowohl aus ethnologischer wie aus
genetischer Sicht bedeutungsvoll. Der Autor schildert nicht nur die Manipulati­
onen, die zur gewünschten Verformung der Kinderschädel führen, sondern auch
die sich später einstellende Erblichkeit dieser konstitutionellen Variante. Die
Details, die der Autor über die Lebensweise der Skythen mitteilt, entstammen
wahrscheinlich nicht eigener Beobachtung, sondern fremden Mitteilungen und
der Literatur. Welche Quelle (n) er benutzt hat, ist nicht geklärt. Auch Herodot
ist, obwohl er sich mit den Skythen ausführlich befasst hat, nicht der Hauptge­
währsmann. Über die Zeugungsunfähigkeit der Skythen, denen zwei Kapitel von
Aer. gewidmet sind, findet man in den Historien lediglich eine kurze N otiz
(I 105).

Sprache und Textgeschichte: Am Ende von Kap. 12 fehlt die Beschreibung der
Ägypter und Libyer; die Passage war schon zu Galens Zeit verloren (G al IV
799). Der Werkkommentar Galens (Scr.min.II 112) ist nur in arabischer Über­
setzung (9. Jht.) erhalten.

30
3.3 Buch der Prognosen [Προγνωστικόν, Progn.]

M: Alexanderson B.: Die hippokratische Schrift Prognostikon. Überlieferung und Text.


Stockholm, 1963 Alexanderson B.: Textkritischer Kommentar zum hippokratischen Pro­
gnostikon und Bemerkungen zu Galens Prognostikonkommentar. Stockholm, 1968
A; Roselli A.: I rapporti tra Prognostico e Epidemie I e III. ASNP 1972; 2: 473-478_____

Form at: Norm ative Schrift über das wichtigste Element der hippokratischen
Medizin.

Entstehungszeit: Ende 5. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Bedeutung der Prognostik für die Tätigkeit des Arztes 2: Das Gesicht
des Kranken 3: Die Körperhaltung des Kranken 4: Krankhafte Bewegungen der Arme
5: Formen krankhafter Atmung 6: Schweiß 7: Abdominelle Symptome 8: Schwellun­
gen 9: Verfärbung und Verkrampfung 10: Schlaf 11: Stuhl und Stuhlgang 12: Prüfung
des Urins 13: Prüfung des Erbrochenen 14: Sputum 15: Prognose des Empyems
16: Entwicklung des Empyems 17: Verlaufsformen des Empyems 18: Prognostisch
günstige und ungünstige Absiedelungen der Pneumonie 19: Prognostisch ungünstige
schmerzhafte Verhärtungen der Leisten und der Blase 20: Kritische Tage fieberhafter
Erkrankungen 21: Langanhaltende Kopfschmerzen 22: Akute Otitis. Zerebrale Kom­
plikationen 23: Komplikationen der Angina 24: Zerebrale Komplikationen fieberhafter
Erkrankungen 25: Um eine zuverlässige Prognose stellen zu können, müssen alle Symp­
tome berücksichtigt werden.

Inhalt: Die Prognostik ist jene Form der Heilkunst, die den, der sie beherrscht,
nicht nur vor den Laien, sondern auch vor den rein pragmatisch orientierten
Ärzten, z.B. den Verfassern der so genannten Knidischen Sentenzen (Acut 1/2),
auszeichnet. Der A utor schildert und analysiert die vegetativen Symptome, die
der Arzt bei akut Kranken zu beachten hat, um - unabhängig von den anamnes­
tischen Angaben - eine möglichst treffende A ussage über Entwicklung und
Ausgang der Erkrankung zu treffen. Er gibt präzise und em otionslos an, wann
ein Krankheitszeichen, z.B. das Schwitzen, als prognostisch günstig oder un­
günstig, d.h. als Hinweis auf den nahen T od einzuschätzen ist. Derart dezidierte
Aussagen konnte nur ein Praktiker mit langjähriger Erfahrung im U m gang mit
Schwerkranken machen.

Sprache und T extgeschichte: Die im Proöm ium formulierte Begründung der


Prognostik wird, wenn auch weniger stringent, in Prorrh.II 1 wieder aufgenom ­
men. Die Periodizität der Fieber und anderer Erkrankungen (Kap. 20) ist ein
wichtiges Thema der zweiten Katastasis des ersten Buches der Epidemien (Epid.I
6 , 8 ).

31
3.4 Über die D iät bei akuten Erkrankungen [Π ερϊδιαίτης οξέων, Acut.]

A: Jouanna J.: Le probleme de Punit£ du traite du Regime dans les maladies aigues. In:
Coll.Hipp.il Mons 1975 (Mons 1977): 291-312 Lome I.M.: The Hippocratic Treatise
peri diaites oxeon. Sudh Arch 1965; 49: 50-79

Format: Intelligente Kombination aus Kritik an der knidischen Medizin und


dem Entwurf einer allgemeinen Diätlehre. Leitmotiv: Gerstengrütze.

Entstehungszeit: Ende 5. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Kritik an den Verfassern der Knidischen Lehrsätze und den alten Schrif­
ten über die richtige Lebensführung 2: Die akuten Krankheiten sind eine besondere
Herausforderung für den Arzt 3: Meinungsstreitigkeiten unter Ärzten 4: Zubereitung
und Anwendung der Gerstengrütze 5: Risiken der Therapie mit Gerstengrütze 6: Do­
sierungsempfehlungen 7: Schmerzbehandlung 8: Warnung vor zu intensiver Initialthe­
rapie 9: Ernährungsgewohnheiten in gesunden und in kranken Tagen 10: Risiken, die
mit dem Genuss verschiedener Nahrungsmittel und Getränke verbunden sind 11: Diät
und Fasten bei akuten Erkrankungen 12: Warnung vor abruptem Wechsel der Ernäh­
rungsgewohnheiten 13: Eindringliche Aufforderung zur Beachtung der Diätempfehlun­
gen 14-17: Diätetische Eigenschaften von Wein, Honigtrank, Oxymel und Wasser
18: Bäder.

Inhalt: Die Invektive gegen die Verfasser und Redakteure der so genannten Kni­
dischen Sentenzen eignet sich gut als Vorwort zu einer Darstellung der thera­
peutischen Wirksamkeit der Gerstengrütze (πτισάνη/ptisdne) bei akuten schwe­
ren Erkrankungen. Allerdings geht die Kritik des Autors weit über den Bereich
der Ernährung hinaus. Er verlangt Abkehr vom Schematismus der knidischen
Medizin und legt den Ärzten die sorgfältige Beobachtung der Krankheitsent­
wicklung und die Individualisierung der Therapie nahe (Kap. 4, vgl. Nat.Hom .
8). Vor jeder brüsken Änderung der Ernährungsweise wird dringend gewarnt.
Als akute schwere Erkrankungen werden die Pleuritis, die Peripleumonie, die
Phrenitis, der Lethargos, der Kausos und andere Formen des Fiebers erwähnt
(Kap. 2). Der Autor unterscheidet zwei Formen der Gerstengrütze: Den schwer
verdaulichen Brei (όλη/hole, παχέϊα/pacheia, ρόφημα/rhophema), der alle Samen­
körner der Gerste enthält, und den gefilterten Sirup bzw. Saft (χυλός/cbylös). Er
zieht es vor, die Grütze von Beginn der Erkrankung an zu geben, d.h. ohne vor­
her komplette Nahrungsabstinenz zu verordnen, setzt die Einnahme aber in kri­
senhaften Situationen aus. In den anderen rein diätetischen Schriften des C.H .
spielt die Gerstengrütze keine Rolle. Der nosologisch orientierte Traktat
Morh.II erwähnt sie hingegen sogar noch etwas häufiger als Acut.

Sprache und Textgeschichte: Das Werk war in der Antike unter zwei weiteren
Titeln bekannt, nämlich Προς τάς Κνίδιας γνώμας [Gegen die Knidischen Senten­

32
zen) (Gal.X IX 195) und Περί πτισάνης [Über die Gerstengrütze] (Gal.V 762).
Der erste bezieht sich auf die polemisierende Einleitung, der zweite auf das
Hauptmotiv der daran anschließenden Diätlehre. Unter letzterem Titel wird die
Schrift auch in Epist 21 erwähnt. Galen hat einen Kommentar in vier Büchern
verfasst (Gal.XV 418-919). Acut, teilt mit Vet.med. neben inhaltlichen Parallelen
(z.B. Acut. 9 - Vet.Med. 10-12 zum Thema Frühstück) den Ich-Stil.

3.5 Über die D iät bei akuten Erkrankungen. Unecht [Περί διαίτης οξέων.
Νόθα, Acut.spur\

Α: Thivel Α.: La composition de l’Appendice R.M.A. In: Coli. Hipp. III Paris 1978 (Paris
1980): 449-467___________________________________________________________

Format: Kurzlehrbuch der Diagnostik und diätetischen Behandlung akuter Er­


krankungen. Gleiche Zielrichtung, aber niedrigeres fachliches Niveau alsAcut.

Entstehungszeit: Mitte 4. Jht.v.Chr.

Gliederung: 1: Kausos (zwei Typen) 2-5: Aderlass (Indikationen und Technik)


6: Angina 7-8: Begleitsymptome des Fiebers 9: Inspektion des Kranken 10: Prognos­
tisch ungünstige Fieberkrankheiten 11: Peripleumonie und Pleuritis 12,31: Dysente­
rie 13: Ikterus 14: Behandlung des Tetanos 15: Auf welchen Wegen verlassen Krank­
heiten den Körper ? 16,25: Behandlung mit Nieswurz 17: Marschbeschwerden 18: Der
tägliche Speiseplan 19: Therapeutisch wirksame Getränke 20: Zwei Formen des Hy­
drops 21: Diätetische Therapie von Unterbauchbeschwerden 22: Fieber und Ernäh­
rung 23: Verzicht auf Diät, wenn äußere Krankheitsursachen erkennbar sind 24: Null­
diät 26: Heilendes Getränk bei Hydrops 27: Hämostyptika 28: Sesamartiges
Mittel 29: Therapie des Entropium 30: Therapie von Empyemen 32-34: Ophthalmika
35: Dyspnoe und Frauenleiden 36-39: Rezepte und Ernährungstipps.

Inhalt: Die Gerstengrütze hat für den Verfasser von Acutspur. eine weitaus ge­
ringere Bedeutung als für den Autor von Acut.; sie wird gerade drei Mal und da­
bei jeweils nur am Rande erwähnt. Dafür wird die Regulierung des Flüssigkeits­
haushalts z.B. bei Brennfieber (Kap. 1) wesentlich detaillierter dargestellt als in
Acut. Die Folgen des in den Kapiteln 2 und 4 (ebenso wie mAcut.7) empfohle­
nen ausgiebigen Aderlasses werden in Epid.V 6 beschrieben.

Sprache und Textgeschichte: Acut.spur. ist eine weniger geschlossene und stilis­
tisch weniger ausgefeilte Schrift als Acut. Der Autor präsentiert ohne erkennbare
Systematik teils allgemein gehaltene, teils sehr spezielle Bemerkungen zu Ätiolo­
gie, Symptomatik, Therapie und Prognose von mehr als 20 verschiedenen Lei­
den. Krankheitsbeschreibungen, die den Charakter von Handbuchbeiträgen ha­
ben, stehen neben knappen Anwendungshinweisen zu einzelnen Pharmaka.

33
Wahrscheinlich handelt es sich um eine Sammlung von Notizen des Autors oder
eines seiner Schüler, die in die Fortsetzung des Werkes aufgenommen werden
sollten.

Epidemien I-VII [Επιδημιών I-V II: 3.6 - 3.16 - 3 .7 - 3 .1 7 - 3.18 - 3.19 - 3.20]

M: Deichgräber K.: Die Epidemien und das Corpus Hippocraticum. Voruntersuchungen


zu einer Geschichte der Koischen Ärzteschule. Berlin, 1971 Deichgräber K.: Die Patien­
ten des Hippokrates. Historisch-prosopographische Beiträge zu den Epidemien des Cor­
pus Hippocraticum. Wiesbaden, 1982 Langholf V.: Medical theories in Hippocrates.
Early Texts and the “Epidemics”. Berlin, New York, 1990

Epid.I-VII sind das Resultat vieler monate- bzw. jahrelanger Aufenthalte einer
Gruppe von Wanderärzten in Nordgriechenland; die umfangreichsten Berichte
liegen aus Thasos, Abdera und Perinth vor. In anderen Landesteilen gelegene
Orte, auch Athen, spielen kaum eine Rolle. Die Reisen der Ärzte -
επιδημία/epidemia bezeichnet in erster Linie den Aufenthalt in der Fremde, der
epidemiologische Kontext tritt dagegen in den Hintergrund - haben dem Werk
seinen Namen gegeben. Die Epidemien, über die berichtet wird, sind zwar die
bekanntesten Teile des Opus. Weitaus mehr Raum nimmt aber die Beschreibung
sporadischer Erkrankungen ein.
Die ärztlichen Berichterstatter haben die klimatischen Verhältnisse vor Ort
und den Leidensweg der von ihnen betreuten Patienten exakt beobachtet und
minuziös aufgezeichnet. Die aus diesen Details gebildeten κατστάσεις/katastdseis
[Konstitutionen, Klimaberichte] beziehen sich entweder auf ein Jahr (E p id J und
III) oder eine Saison {Epid.l/, IV und VI). Die Fallbcschreibungen verteilen sich
auf zwei Gruppen: In der ersten wird der Verlauf der Erkrankung von Tag zu
Tag geschildert (überwiegend in Epid.l und III), in der anderen werden Ana­
mnese und Klinik zeitlich weniger differenziert dargcstcllt (Epid.II, IV-VII).
Zwingende kausale Verbindungen zwischen den Konstitutionen und den Kasu­
istiken stellen die Autoren nicht her. Die Kranken werden durch den Namen
und/oder ihre verwandtschaftlichen Beziehungen und/oder den Beruf und/oder
die Adresse identifiziert. Bei der Gruppierung der Kasuistiken ist keine Rück­
sicht auf ätiologische und pathogenetische Zusammenhänge und Ähnlichkeiten
genommen worden. Die Patienten werden in der ungeordneten Folge beschrie­
ben, wie sie für die allgemeinärztliche Praxis charakteristisch ist. Die Autoren
begnügen sich über weite Strecken mit der Beschreibung der Symptome und
schildern die Therapie nur am Rande. Die Beschränkung auf die Darstellung des
natürlichen Verlaufs spiegelt die Hilflosigkeit der Ärzte gegenüber den Krank­
heiten, mit denen sie konfrontiert werden, wieder. Von den in Epid.l und
Epid.lII dargestellten Patienten erliegt jeder zweite der beschriebenen Erkran­
kung.

34
Die sieben Bücher bilden keine geschlossene Einheit. Nach stilistischen und his­
torischen Kriterien werden seit Galen ( Gal.VU 825, 854, 890) drei Gruppen
unterschieden:

• E.pid.I und Epid.III


• Epid.II, Epid.IV und Epid. VI
• Epid. V und Epid. VII.

Fpid.I und Epid.III bieten das beste Material (Galen bezeichnet es als
συγγράμματα/ syngrdmmata [Abhandlungen], Gal.XV 424) und die am stärksten
verdichtete Darstellung. Wahrscheinlich handelt es sich um eine primär zur Ver­
öffentlichung bestimmte Auswahl von Kasuistiken. Ihre zeitliche Einordnung
basiert auf zwei historisch sicher datierbaren Ereignissen. Die in Epid.III 1.2 er­
wähnte „Neue Mauer“ wurde um 411 v.Chr. von den thasischen Oligarchen er­
richtet und der in Epid.1 15 erwähnte Antiphon, Sohn des Kritoboulos, wird mit
einem Träger des gleichen Namens auf der Liste der Aufseher (ιθεωροί! tbeoroi)
von Thasos (Inscriptiones Graecae XII, 8, 277,1. 81) identifiziert. Die Listen gel­
ten für die Jahre 411/410 und 408/407 v.Chr. Freilich kann Antiphon sowohl vor
als auch nach dieser Zeit erkrankt und vom hippokratischen Arzt behandelt
worden sein.
Epid.II, IV und VI enthalten die privaten Aufzeichnungen eines Wander­
arztes aus dem frühen 4. Jht. v.Chr. Galen nennt sie ύπομνήματα/hypomnemata
[Erwähnungen] (Gal.XV I 532, Scr.min.II 80,91) und nimmt an, dass sie Thessa-
los, einer der beiden Söhne des Hippokrates, aus eigenen und Aufzeichnungen
des Vaters zusammengestellt habe. Das Material befindet sich in einem so rohen
Zustand, dass es für die Publikation nicht geeignet war. Der Text bietet zwei his­
torische Bezugspunkte: Die Epidemie von Perinth (399-395 v.Chr.) und die in
Epid.IV 21 erwähnte von einem Erdbeben gefolgte Erscheinung eines großen
Kometen zur Wintersonnenwende 373/372 v.Chr. (Arist. meteor. I 6,8.10.7,10).
Epid. V und Epid.VII gehören, wie die Koinzidenz von knapp der Hälfte der
Krankengeschichten zeigt, eng zusammen. Die Fallbeschreibungen sind präzise
und z.T. dramatisch zugespitzt, so dass sie für eine Veröffentlichung in Frage
gekommen sind. Galen (G al.X V ll 579) hält von ihnen allerdings nichts. Die Bü­
cher sind durch die sowohl in Epid.V 95 wie in Epid.VII 121 erwähnte Belage­
rung von Daton (durch Philipp von Makedonien, 358/357 v.Chr.) sicher datier­
bar und damit rund vier Jahrzehnte jünger als Epid.II, IV und VI. Da insgesamt
vier Kranke beschrieben werden, die in Olynth lebten, gilt das Datum der Zer­
störung der Stadt (im August 348 v.Chr.) als Terminus ante quem für die Mate­
rialsammlung von Epid. V und Epid. VII.

35
3.6 Epidemien I [ Έτηδημιών τό πρώτον, Epid,I\

Μ: Hellweg R.: Stilistische Untersuchungen zu den Krankengeschichten der Epidemien·


bücher I und III des Corpus Hippocraticum. Bonn, 1985
A: Lopez Ferez J.A.: La Medecine meteorologique et les Epidemies. In: Coll.Hipp.V Ber
lin 1984 (Stuttgart 1989): 52-59_____________________________________________ :

Format: Klimaberichte und Krankengeschichten aus Thasos (s. Kasten S. 34-35)

Entstehungszeit: Etwa 410 v.Chr.

Gliederung: Die Schrift setzt sich aus drei (1-3) Klimaberichten (1-3, 4-10, 13-22]
und vierzehn Fallbeschreibungen (ohne Kapitelnummern) zusammen.
1 1: Typische Erkrankungen des Frühjahrs (Mumps) 2: Schwere Krankheiten (Phthisis]
in Sommer und Winter 3: Gutartige, aber protrahiert verlaufende Erkrankungen iir
Herbst
2 4: Das Wetter im Winter 5: Saisonale Verteilung von Entzündungen und fieberhafter
Erkrankungen 6: Protrahiertes Fieber 7: Fieber mit Organkomplikationen 8: Ausge*
prägte Störung des Allgemeinbefindens 9: Manifestationen an Darm und Gelenker
10: Prognostisch günstiges Symptom: Dysurie 11: Das Arzt-Patienten-Verhältnü
12: Kopf-Hals-Schmerzen
3 13: Kalter feuchter Winter, heißer regenloser Sommer 14: Fieber und Lähmungen
15: Prognostisch günstiges Zeichen: Nasenbluten 16: Niedrigere Letalität bei Frauen
17: Spätsymptom: Dysenterie 18: Wechselhafter Verlauf der Phrenitis 19: Hohe Letal*!
tat unter Kindern 20-22: Krisen und Rezidive 23: Kategorien der klinischen Beobachjj
tung 24-25: Schweregrade und Verlaufsformen des Fiebers 26: Exazerbationen un<j
Krisen i

Vierzehn Fallbeschreibungen (Name des Kranken, Beobachtungszeitraum, Schicksal) i


Philiskos 5 Tage Tod
Silenos 11 Tage Tod
Herophon 17 Tage Genesung nach zwei Krisen
Frau des Philinos 20 Tage Tod
Frau des Epikrates 80 Tage Vollständige Erholung
Kleanaktides 80 Tage Vollständige Erholung
Meton 5 Tage Erholung. Nachblutungen aus der Nase
Erasinos 5 Tage Tod
Kroton 2 Tage Tod
Mann aus Klazomenai 40 Tage Erholung
Frau des Dromeades 6 Tage Tod
Anonymus 11 Tage Tod
Anonyma 11 Tage Genesung
Melidia 11 Tage Vollkommene Genesung

Inhalt und Sprache: Die beiden ersten Klimaberichte sind ähnlich knapp und
präzise geschrieben wie die Kasuistiken. Der dritte ist breiter angelegt und ver­
liert sich - wie auch die sonst ähnliche Schrift Hum. - gegen Ende in allgemeinen

36
Bemerkungen. Allerdings werden nur dort eine Reihe von Patienten beim N a­
men genannt und ihre Leiden mehr oder weniger ausführlich beschrieben;
23 sind es insgesamt. Zwei von ihnen kehren in den Fallbeschreibungen wieder,
nämlich Philiskos (Kap. 14, 21 und Fall 1) und Hermippos von Klazomenai
(Kap. 20 und Fall 10). Der in Kap. 14 und 21 genannte Silenos ist auf Grund des
unterschiedlichen Krankheitsverlaufs nicht identisch mit dem gleichnamigen Pa­
tienten der zweiten Kasuistik.

3.7 Epidemien III [Επιδημιών τότρίτον, Epid.III\

A: Banu I.: Le rapport science-philosophie dans Epidemies I, III et les ecrits connexes du
CH. In: Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 244-260 Comiti V.-P.: Etiologies et
responsabilites causales dans les Epidemies. In: Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989):
1C5-I08 Dugand J-E.: Les Adresses de malades dyEpidemies I et III et les preuves, tant
archeologiques qu’epigraphiques du sejour d’Hippocrate ä Thasos, capitale del ile de ce
nom. Ann Fac Lettre Sc Hum Nicc 1979; 35: 131-156 Jouanna J.: Place des Epidemies
dans la Collection hippocratique: le critere de la terminologie. In: Coll.Hipp.V Berlin
1984 (Stuttgart 1989): 60-87 I,anghoIf V.: Symptombeschreibungen in Epidemien I und
ΠΙ und die Struktur des Prognostikon. In: Coll.Hipp.IV Lausanne 1981 (Geneve 1983):
109-120 Langholf V.: Generalisationen und Aphorismen in den Epidemienbüchern. In:
Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 131-143 Νοίΐέ J.: Die „ Charaktere“ im
3. Epidemienbuch des Hippokrates und Mnemon von Side. Έφημερίς Αρχαιολογική
1983; 2: 85-98 Potter P.: Epidemien I/III: Form und Absicht der zweiundvierzig Fall-
beschrcibungen. In: Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 9-19

Format: Weiterer Klimabericht aus Thasos und neue Krankengeschichten aus


nordgriechischen Städten. Fortsetzung von Epid.L

Entstehungszeit: Etwa 410 v.Chr.

Gliederung: Die Schrift setzt sich aus zwei Gruppen von Kasuistiken (1, 17) und ei­
nem Klimabericht (2-16) zusammen.
1: Zwölf Fallbeschreibungen (Name des Kranken, Beobachtungszeitraum, Schicksal)
Pvthion 10/50 Tage Krise/Empyem am Gesäß
Hermokrates 27 Tage Tod
Anonymus 40 Tage Vollständige Erholung
Philistcs 5 Tage Tod
Chairion 20 Tage Vollständige Erholung
Tochter des Euryanax 7 Tage Tod
Anonyma 5 Tage Tod
Junger Mann 7 Tage Tod
Anonyma Keine Zeitangabe Tod
Anonyma 7 Tage Tod
Frau des Hiketas 7 Tage Tod
Junge Mutter 14 Tage Tod
2: Gutes Wetter. Niedriger Krankenstand. Ausnahme: Phthisis 3: Epidemische Häufung
von Erysipelas im Frühjahr 4: Schwere Verstümmelungen der Gliedmaßen 5: Abszesse
im HNO-Bereich 6: Kausos und Phrenitis 7: Andere Formen des Fiebers 8: Intestina­
le Symptome 9: Inappetenz 10: Polyurie 11: Koma 12: Weitere Formen des Fie­
bers 13-14: Phthisis 15: Häufung von Erkrankungen und Todesfällen im Frühjahr
16: Aufforderung zum Studium der Wetterhistorie und der Krankengeschichten
17: Sechzehn Fallbeschreibungen (Name des Kranken, Beobachtungszeitraum, Schicksal)
Parier auf Thasos 120 Tage Tod
Frau von Thasos 80 Tage Tod
Pythion von Thasos 20 Tage Tod
Anonymus 4 Tage Tod
Kahlkopf in Larissa 4 Tage Tod
Perikies von Abdera 4 Tage Genesung, kein Rezidiv
Mädchen von Abdera 27 Tage Nahezu komplette Erholung
Anaxion von Abdera 34 Tage Genesung
Heropythos von Abdera 120 Tage Vollständige Genesung
Nikodemos von Abdera 24 Tage Genesung
Frau von Thasos 3 Tage Genesung
Mädchen in Larissa 6 Tage Vollständige Genesung
Apollonios von Abdera 34 Tage Tod
Frau aus Kyzikos 17 Tage Tod
Gattin des Delearkes 21 Tage Tod
Junger Mann aus 24 Tage Tod
Meliboia

Inhalt: Von den Patienten der ersten Gruppe wird nur Philistes (Fall 4) aus­
drücklich mit Thasos in Verbindung gebracht; man kann jedoch annehmen, dass’
auch die anderen von der Insel stammten. Allerdings sind die in einigen Adres-·
sen genannten Gebäude (z.B. das Heiligtum der Erdgöttin, Fall 1) archäologisch;
nicht nachgewiesen. Die Patienten der zweiten Gruppe verteilen sich auf fünf
Orte (Abdera, Thasos, Larissa, Kyzikos, Meliboia); bei einem Patienten (Fall 4);
fehlt die entsprechende Angabe. Wahrscheinlich bezieht sich auch der Klimabe-;
rieht der Kap. 2-15 auf eine der genannten Städte. Anders als in den Kasuistikenj
von Epid.Iy die den Autor nur als Beobachter und nicht als aktiv tätigen Arzd
zeigen, berichtet er in E pid .III zumindest bei einem Patienten (Anaxion vonj
Abdera) von Behandlungsversuchen (warme Umschläge, Aderlass). Kap. 16j
passt inhaltlich nicht in den Zusammenhang; der Text kehrt nahezu wörtlich inj
Dieb.JudicA wieder. j

Sprache und Textgeschichte: In 24 der 28 Kauistiken findet sich jeweils am En-j


de des Tcxts eine Signatur (χαρακτήρ/charakter) , die ausschließlich aus Majuskeln!;
besteht (z.B. ΠΙΚΔΟΔΜΥ/PIKDODM Yy Serie 1, Fall 3). Diese Kürzel bergen die!
wesentlichen Inhalte der Krankengeschichten in stark komprimierter und ver­
schlüsselter Form und leisteten dem Leser Hilfe bei der Auswahl der Lektüre.
Wie Galen (Gal.XV II A 611-613) unter Berufung auf den Empiriker Zeuxis
(2. Jht. v.Chr.) berichtet, gehen die Signaturen auf Mnemon von Side (3. Jht.

38
v.Chr.) zurück. Der Arzt und Anhänger der Schule des Kleophantos soll sie
entweder in das Exemplar von Epid.III , das sich in der Bibliothek von Alexand­
ria befunden hat, eingetragen oder eine Kopie mitgebracht haben, in der sie be­
reits vorhanden waren. Trotz der Erklärungsversuche, die Galen anschließend
unternimmt, bleiben Lesart und Interpretation der Kürzel umstritten. Die Unsi­
cherheit ist vor allem dadurch bedingt, dass manche Buchstaben mehrere Bedeu­
tungen haben (z.B. kann M sowohl μανία/mania [Wahnsinn] wie μήτpa/metra
Gebärmutter] bedeuten). So viel aber steht fest: Der erste Buchstabe ist immer
ein IUP (für πιθανόν/pithanon [wahrscheinlich], der letzte entweder ein Θ/Th
(für θάνατος/thänatos [Tod]) oder ein Y/Y (für ϋγίεια/hygieia [Genesung]), der
vorletzte gibt die Zahl der Krankheitstage an und die restlichen Buchstaben
symbolisieren Symptome und andere klinische Phänomene. Nolle hat die Ver­
mutung geäußert, dass die stenographischen Glossen des Mnemon von Side
Runphylien) einen Kommentar in der Muttersprache ihres Urhebers darstellen.

3.8 Ü ber die K o p fv e rle tz u n g e n [Περί των έν κεφαλή χρωμάτων, VC\

Λ: I ara Nava D.: Elementos de composicion en el escrito hipocrätico Heridas en la cabe-


/ λ. In: VIII congreso espafiol de estudios cläsicos 1994; 2: 243-249

Format: Wissenschaftlich mustergültige Monographie über die Pathogenese,


Diagnose und Therapie der Schädelverletzungen.

Fntstehungszeit: 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1-2: Schädelnähte und Schädelknochen 3: Weichteilverletzungen des


Schädels. 4-8: Frakturtypen 9: Indikation zur Trepanation 10: Untersuchung des
Schädclvcrlctztcn 11: Unfälle und Kriegswunden 12: Differenzierung zwischen Sutur
und Fraktur 13—14: Konservative und operative Behandlung der Schädelverlet-
zungen 15: Behandlung der Weichteilverletzungen 16-17: Ausräumung nekrotischer
Knochcnfragmentc 18: Pädiatrische Neurotraumatologie 19: Letale Verläufe 20: Ery-
•dpelas des Gesichts 21: Technische Details der Trepanation.

Inhalt: Die Schrift enthält eine Reihe scharfsinniger Beobachtungen und prak­
tisch wertvoller Empfehlungen, die nur von einem auf Neurotraumatologie spe­
zialisierten Arzt stammen können. Die Nähte des knöchernen Schädels werden
differenziert beschrieben (die Darstellung des hippokratischen Autors ist der des
Aristoteles in hist.an.I 7 zum gleichen Thema überlegen), die Möglichkeit der
Verwechslung von Fraktur und Sutur wird treffend beschrieben (Kap. 1, 2, 12).
Die Schädelverletzungen werden nicht nur nach Art und Umfang des Knochen-
und Weichteildefekts, sondern auch nach ballistischen Gesichtspunkten
(Kap. 11) eingeteilt. Als έδρα/hedra bzw. διακοπή/diakope wird die klaffende
Verletzung der Kopfschwarte in Kombination mit einer umschriebenen Läsion

39
der Kalotte durch ein Wurfgeschoss bezeichnet (Kap. 7, 9, 12). Am dritten Tag
nach der Verletzung muss der Arzt entscheiden, ob er trepaniert oder nicht.
Wenn die Wundverhältnisse unübersichtlich sind, soll man inzidieren, und zwar
längliche Wunden einfach und rundliche Wunden mit einem longitudinalen
Doppelschnitt (Kap. 13). Die Differenzialdiagnose zwischen Fraktur und Kon­
tusion wird erleichtert, wenn man eine dunkle Markierungsflüssigkeit (μέλαν
φάρμακον/ ηιέΐαη phdrmakony vgl. Mul.l 96) aufträufelt, die in den Bruchspalt
eindringt und die Fragmente färbt, während man sie vom gesunden Knochen
abwaschen kann. Vor Trepanationen an der Schläfe warnt der Verfasser aus­
drücklich, da er nach solchen Eingriffen bei Patienten kontralaterale Krämpfe
beobachtet hat (Kap. 13). Damit gibt der Autor - ähnlich wie in Kap. 19 - indi­
rekt einen Hinweis auf die Kreuzung der großen kortikospinalen Bahnen. Dass
die in VC beschriebenen Eingriffe am Schädel auch in Friedenszeiten durchge­
führt worden sind, belegen die Berichte über drei trepanierte Zivilisten in Epid.V
16,27,28.

Sprache und Textgeschichte: Stil und Wortwahl des Traktats sind der Bedeu­
tung des Sujets angepasst. Die große Zahl von Wiederholungen steigert den
didaktischen Wert des Texts. Galens Kommentar (Gal.X IX 95) ist nur fragmen­
tarisch erhalten.

3.9 In der Praxis des Arztes [Κατ’ ίητρεϊον, Of£\

A: Amneris R.: I commenti di Galeno ai trattati chirurgici (fratture/articolazioni ed offi-


cina del medico): Problemi di tradizione ippocratica e galenica. SCO 1991; 41: 467-475

Format: Praxisbroschüre für Chirurgen.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Forderung nach umfassender physikalischer Untersuchung des Patienten


2: Ausstattung der chirurgischen Praxis 3: Optimale Position von Operateur und Pati­
ent. Natürliche und künstliche Beleuchtung 4: Nagelpflege. Beidhändiges Operieren
5: Lage der Instrumente 6: Begleitpersonen 7: Tipps zum richtigen Anlegen von Ver­
bänden 8: Dosierte Kompression 9: Fixierung von Verbänden 10: Eigenschaften des
Verbandmaterials 11: Funktion der verschiedenen Formen von Verbänden 12: Fraktur­
behandlung mit Verbänden 13: Wasscranwendung 14: Schienenverbände 15: Ruhig­
stellung in natürlicher Position 16: Extensionsbehandlung 17: Wundscheuern
18: Kontrolle und Pflege von Verbänden 19: Suspensionsbehandlung 20: Übungen im
Verband 21: Ruhigstellung ohne Druck 22: Ruhigstellung blutender Frakturen im Ver­
band 23: Verbände bei dislozierten Frakturen 24: Verbände an atrophischen Körpertei­
len 25: Thorax- und Kopfverbände.

40
Inhalt: Der hippokratische Autor stellt hohe Anforderungen an die Zeitplanung
,/μόνος/chronos), die Ausstattung (τρόπος/ tropos) und die Lokalisation
{τόπος/topos) der chirurgischen Praxis (Kap. 2). Er fordert peinliche Beachtung
Jer Hygienevorschriften und Verhaltensmaßregeln während der Interventionen
und schreckt nicht vor kleinlichen Empfehlungen zur Maniküre zurück. Die
Ratschläge für die optimale Beleuchtung des Operationsfelds sind aus Medic. 2
bekannt, Details der Verbandlehre stammen aus Fract. Dabei sind dem Verfasser
jedoch Übertragungsfehler unterlaufen. So zieht er (in Kap. 16) aus einer in
Fract. 4 geschilderten pädiatrischen Kasuistik die irrige Schlussfolgerung, dass
die Hyperextension bei der Erakturbehandlung im Kindesalter generell unschäd­
lich sei. Die Trainingsempfehlung in Kap. 20 ist eine extreme Verkürzung der
entsprechenden Passage in Artic.58.

Sprache u n d T ex tg e sc h ic h te : Der Text ist ähnlich stark verdichtet wie jener von
Aliw. und vor allem in den ersten und den letzten sechs Kapiteln auf Stichwörter
und Merksätze reduziert. Galens Kommentar (Gal.XWlll B 629-825) ist mehr
als drei Mal so umfangreich wie das Original.

Die chirurgischen Werke [ 3 .9 -3 .1 0 -3 ,1 1 - 3 .1 2 -3 .6 3 ]

Λ: H. Grensemann: Hypothesen zur ursprünglich geplanten Ordnung der hippokrati­


schen Schriften De fracturis und De articulis. Med. Hist. Journal 1970; 5: 217-235

Die chirurgischen Traktate des C.H . sind in vielfältiger Weise miteinander ver­
bunden. Schon in der Antike hat man sich die Frage gestellt, ob sie ursprünglich
ein geschlossenes Opus gebildet haben. Galen (Gtf/.XVIII B 324) gehörte zu den
Anhängern der Einheitstheorie und glaubte, dass das Werk bald nach seinem
Abschluß in Fract. und Artic. zerfallen sei. Die Querverweise (z.B. Artic. 67 auf
Fract. 31) und die wechselseitigen Ergänzungen (z.B. findet sich die in Fract. 9
fehlende Darstellung der Luxationen des Handskeletts in Artic. 26 und 27) sind
starke Indizien für die ursprüngliche Einheit der beiden Traktate. Auch die
Ankündigung in Fract. 1, dass Verrenkungen und Brüche gemeinsam und nicht
separat behandelt werden, spricht für diese Annahme. Als Verfasser nahm Galen
entweder Hippokrates selbst (Gal.XWlll A 577) oder dessen gleichnamigen
Großvater an (Gal.XN 456). Auch Littre glaubte an ein großes chirurgisches
Werk des Koers und vermutete die Reste des Originals in Fract. Von Off. nahm
er an, dass es entweder dessen Einleitung oder ein später angefertigtes Exzerpt
war. Für erstere Variante spricht die Ankündigung in Kap. 5, die detaillierte Dar­
stellung der chirurgischen Instrumente werde noch folgen, für letztere die Notiz
in Kap. 7, die Praxis der Verbandtechnik sei bereits besprochen worden.

41
Die Beziehungen von Mochl. zu anderen Schriften des C.H . reichen über die
chirurgischen Werke hinaus. Der Traktat ist zwar weitgehend eine Kompilation
von Textbausteinen aus Artic.; dabei stehen (nahezu) wörtliche Wiederholungen
(Mochl. 7-19 entspricht Artic. 17-29, Mochl. 26-31 entspricht Artic. 82-87)
neben kurzen Exzerpten (z.B. Mochl. 2-3 aus Artic. 35-45). Außerdem fin­
det man in einigen wenigen Kapiteln Notizen, die aus Fract. stammen
(z.B. Mochl. 27 aus Fract. 13). Folgt man den Glossen in den Wörterbüchern
Erotians und Galens, so hat ursprünglich auch noch eine enge Beziehung zwi­
schen Mochl. und Oss. bestanden. Möglicherweise folgte Oss. sogar direkt auf
Mochl. Schließlich besteht eine lockere Verbindung zwischen Mochl. und
Epid.IIylV und V. Der Anfang von Kap. 39 stimmt nahezu wörtlich mit E pid.II
5.4 und Epid.VI 1.3 überein.

3.10 Über die Knochenbrüche [Περί άγμών, Fract]

M: Irmer D.: Palladius* Kommentar zu Hippokrates «De fracturis» und seine Parallelver­
sion unter dem Namen des Stephanus von Alexandria. Kritische Ausgabe und Überset­
zung. Hamburg, 1977 Knutzen G.J.: Technologie in den hippokratischen Schriften,
Wiesbaden, 1963

Format: Monographie über die Behandlung der Frakturen des Extremitäten­


skeletts.

Entstehungszeit: Ende 5. Jht. v.Chr.

Gliederung: Der Text verteilt sich auf drei (1-3) Hauptabschnitte: Unkomplizierte
Frakturen und Verrenkungen der oberen und unteren Extremität (4-23), Komplika­
tionen der Frakturbehandlung (24-36) und Frakturen und Verrenkungen von Knie
und Ellenbogen (37-48).
1: Fehler bei der Frakturbehandlung in der Allgemeinpraxis 2-3: Fehler bei der Behand­
lung von Frakturen der oberen Extremität
1 4-7: Behandlung der Frakturen des Unterarms 8: Behandlung der Oberarmfraktur
9: Behandlung der Frakturen der Fußknochen 10: Talusdislokation 11: Kalkaneus-
fraktur und deren Komplikationen 12: Knöcherne Anatomie des Unterschenkels
13-14: Sprunggelenksluxation 15-18: Frakturen des Unterschenkels 19-23: Frakturen
des Oberschenkels
2 24-29: Luxationsfrakturen, offene Frakturen, verzögerte Wundheilung 30-35: Reposi­
tion. Nachbehandlung des reponierten Gelenks 36: Diätetik in der Traumatologie
3 37: Vergleichende Anatomie von Knie und Ellenbogen 38/ 40-44: Luxationen des
Ellenbogens 39: Dislokation der Speiche 45: Olekranonfrakturen 46: Distale Humerus­
fraktur 47: Konsolidierung in Fehlstellung 48: Schienenverbände.

Inhalt: Der Autor widmet lange Passagen der Schrift ausschließlich der anato­
misch exakten und biomechanisch günstigen Reposition und Stabilisierung der

42
Frakturen. Er versäumt es aber auch nicht, auf begleitende Blutungen, entzündli­
che Komplikationen sowie die möglichen Spätfolgen (Nekrose, Atrophie) von
Skelettverletzungen im Detail (z.B. Kap. 11, 25, 29, 30) einzugehen. Vielfach
werden genaue Zeitangaben über die mittlere Dauer der Frakturheilung gemacht
iz.B. 40 Tage für die distale Unterschenkelfraktur, Kap. 14). Die Beschreibung
der Anatomie der Unterschenkelknochen ist mit einer Ausnahme exakt. In den
Kap. 12 und 37 wird die Fibula irrig als der längere der beiden Knochen bezeich­
net. Kap. 13 enthält eine sozialmedizinisch wichtige Notiz. Der Autor weist dort
darauf hin, dass die Versorgung verletzter Patienten in Großstädten dadurch
begünstigt werde, dass dort ein Gerät zur Verfügung stehe, mit dem alle Arten
von Frakturen und die Luxationen aller Gelenke behandelt werden können.

Sprache und Textgeschichte: Die Einleitung von Fract. ist verloren; nur so ist
der unvermittelte Beginn der fachlichen Darstellung in Kap. 1 zu erklären
(s. Kasten S. 41-42). Der Stil der Monographie ist dem Sujet entsprechend nüch­
tern. Die Schrift wurde u.a. von Galen (Gal.XVIll B 318-628) kommentiert.

3.11 Ü b er die G elen k e. Ü b e r die E in re n k u n g d e r G e len k e [Περί άρθρων.


Περί άρθρων εμβολής, Artic.]

Μ: Michler Μ.: Die Klumpfußlehre der Hippokratiker. Eine Untersuchung von De arti-
culis Cap. 62 mit Übersetzung des Textes und des galenischen Kommentars. Wiesbaden,
1963
A: Kosclli A.: Problemi relativi ai trattati chirurgici De Fracturis e De Articulis. In: Coli.
Hipp. I Strasbourg 1972 (Leiden 1975): 229-234

Format: Wissenschaftliche Monographie über die Behandlung der Luxationen


des Extremitätenskeletts und der Wirbelsäule. Zugleich vorbildlicher Ratgeber
Kir die Praxis.

Entstehungszeit: Ende 5. Jht. v.Chr.

Gliederung: Am Text lassen sich zwölf (1-12) Abschnitte unterscheiden, die folgenden
Themen gewidmet sind: Schulterluxation (1-12), Klavikulafraktur (13-16), Luxationen
von Ellenbogen, Hand- und Fingergelenken (17-29), Frakturen und Luxationen des
Unterkiefers (30-34), Behandlung der Nasenbrüche (35-39), Frakturen des Ohrs, ent­
zündliche Komplikationen (40), Orthopädie der Wirbelsäule (41-48), Frakturen des
knöchernen Thorax (49-50), Hüftluxation (51-61), Klumpfuß (62), Verschiedene
Verletzungen (63-69) und Reposition der Hüfte (70-78).
1 1: Anteroinferiore Schulterluxation 2-9: Repositionsverfahren 10: Klinische Zei­
chen 11-12: Behandlung der habituellen Schulterluxation
2 13: Akromionabriß 14-16: Behandlung der verschiedenen Formen der Klavikula-
schaftfraktur

43
3 17: Subluxation des Radius 18-20: Vollständige Ellenbogenluxation 21: Posttraumati­
sche Ankylose 22-25: Extensionsbehandlung 26: Luxation des Handgelenks
27: Extensionsbchandlung 28: Angeborene Dislokation des Handgelenks 29: Diagnose
und Therapie der Fingerluxation
4 30-34: Frakturen und Luxationen des Unterkiefers
5 35-36: Nicht-deformiercnde Frakturen 37-39: Deformierende Frakturen
6 40: Frakturen des Ohrs, entzündliche Komplikationen
7 41: Nicht-traumatische Verkrümmung der Wirbelsäule 42-44: Apparative Möglichkei­
ten der Behandlung der frisch verletzten Wirbelsäule 45: Anatomie der Wirbelsäule
46: Fehler bei der Behandlung der Wirbelluxation 47: Traktionsbehandlung der verletz­
ten Wirbelsäule 48: Anteriore Wirbelluxation
8 49-50: Frakturen des knöchernen Thorax
9 51: Vordere Hüftluxation 52: Folgen der unbehandelten Hüftluxation 53: Artefiziellc
Knie- und Hüftluxation (Anekdote aus der Mythologie) 54: Luxation des Hüftkopfs
nach lateral 55: Hüftluxation beim Erwachsenen 56: Doppelseitige Hüftluxation
57: Luxation der Hüfte nach dorsal 58: Folgen der unterlassenen Reposition des Fixier­
ten Hüftkopfs 59: Luxation der Hüfte nach ventral 60: Hüftluxation beim Erwachse­
nen 61: Allgemeine Luxationslehre
10 62 Klumpfuß
11 63: Offene verschobene Unterschenkelfraktur 64: Verschobene Unterarmfrak­
tur 65: Offene Femurfraktur 66: Dislozierte Ober- und Unterarmfrakturen 67: Repo­
sition von Frakturen der Finger und Zehen 68: Amputationsfrakturen 69: Gangrän
12 70-73: Instrumentelle Reposition der vorderen Hüftluxation 74: Behandlung der late­
ralen Hüftluxation 75: Behandlung der dorsalen Hüftluxation 76: Behandlung der ante­
rioren Hüftluxation 77: Reposition mit Weinschlauch 78: Alternative Repositions­
verfahren
Anhang: 79: Jede Luxation muß reponiert werden 80: Reposition der Finger 81: Allge­
meinbehandlung nach Reposition 82: Reposition des Kniegelenks 83: Verrenkung der
Fußwurzel 84: Dislokation der Knochen des Mittelfußes 85: Sprunggelenksluxa­
tion 86: Posttraumatische Sepsis 87: Verrenkungen des Fußes.

Inhalt: Der Vergleich von Kap. 11 mit Aer. 20 zeigt, wie unspezifisch selbst am
gleichen Organ der therapeutische Einsatz der Kauterisation war. Während nach
der dortigen Schilderung die Skythen die Schultern kauterisierten, um die ange­
borene Feuchtigkeit und Weichheit ihres Körpers zu bekämpfen, empfiehlt der
hippokratische Arzt die gleiche Maßnahme für die Rezidivprophylaxe der habi­
tuellen Schulterluxation. In Kap. 53 unternimmt der Autor einen Exkurs in die
Mythologie. Er referiert dort die bekannte Sage, nach der die Amazonen die
Glieder ihrer Söhne verrenkten, so dass sie für den Kriegsdienst untauglich wur­
den und nur noch sitzende Tätigkeiten ausüben konnten. Diese Parallele zur
Klinik der angeborenen Hüftluxation erschien ihm offensichtlich so illustrativ,
dass er bei aller Wissenschaftlichkeit des Diskurses darauf nicht verzichten woll­
te.

Sprache und Textgeschichte: Der unvermittelte Beginn der Darstellung ist ähn­
lich wie bei Fract. wahrscheinlich dadurch zu erklären, dass entweder die Einlei­

44
tung verloren gegangen oder der Text aus einem größeren Zusammenhang geris­
sen ist. In den Kodizes B und M trägt die Schrift den - treffenderen - zweiten
Titel. Kap. 80 (und nicht das inhaltlich unterlegene Kap. 29) ist mutmaßlich der
genuin hippokratische Beitrag zum Thema der Fingerverrenkungen.

3.12 Hebelkraft [Μοχλικός, Mochl.\

Format: Kurzlehrbuch der Traumatologie.

Kntstehungszeit: Erste Hälfte 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Skelettanatomie 2: Bruch der Nase 3: Bruch der Ohrmuschel


4: Luxation und Reposition des Kiefergelenks 5: Vordere Schulterluxation 6: Abspren­
gung des Akromion 7-19: Wiederholung von Artic. 17-29 20-24: Hüftluxation
25: Extensionsbehandlung der Hüfte 26-31: Wiederholung von Artic. 82 87
32: Klumpfuß 33: Der optimale Zeitpunkt für die Reposition 34: Amputation
35: Gangrän 36: Verkrümmung der Wirbelsäule, Rippenfrakturen 37: Polypragmasie in
der Traumatologie 38: Instrumentarium und Techniken der Reposition 39: Gesichts-
schädel- und Schädelbasisfraktur 40: Symptome der Luxation und Subluxation
41-42: Komplikationen der Knochen- und Wundbehandlung.

Inhalt: In Kap. 1 wird die Forderung nach gründlichen Kenntnissen in der Ske­
lettanatomie als Voraussetzung für eine erfolgreiche Tätigkeit in der Traumato­
logie erhoben. Die Darstellung des Stoffs und die Kommentare (z.B. am Ende
von Kap. 25) sprechen dafür, dass der Autor ein Mediziner mit langer Berufspra­
xis war. Der Hebel (μοχλός/mochlos, μοχλικός/mochlikos, μοχλίσκος/mochliskos),
das Repositionsinstrument, das der Schrift den Namen gegeben hat, wird in den
Kap. 25, 33 und 38 beschrieben.

Sprache: Der heute geläufige Titel der Schrift stammt von Littre; in den Hand­
schriften findet man alternativ das sonst nicht belegte Μοχλικόν [Mochlikon].

3.13 Aphorismen [ Άφορισμοί, Aph.\

Λ: Nachmanson E.: Zum Nachleben der Aphorismen. Quellen Stud. Gesch. Naturwiss.
Med. 1933; 3,4: 92-107

Format: Trotz großer thematischer Vielfalt einheitliche Sammlung medizini­


scher Merksätze. Berühmtestes Werk des C.H.

lintstehungszeit: Ende 5. Jht. v.Chr.

45
Gliederung: Das Werk wird in sieben (1-7) Abschnitte eingeteilt.
1 (1-25): Entleerungen, Diätetische Therapie
2 (1-54): Semiotik und Prognose (Schlaf, plötzliche Ermüdung, Leistungsabfall, plötz­
licher Tod)
3 (1-31): Einfluß von Witterung, Jahreszeiten und Lebensalter auf die Disposition für
Krankheiten
4 (1-83): Emetika und Laxanzien. Diagnose und Prognose fieberhafter Erkrankungen
5 (1-72): Einfluß von Hitze und Kälte auf chirurgische und gynäkologische Erkrankun­
gen. Nieren- und Lungcnleiden
6 (1-60): Symptomatik und Prognose innerer, chirurgischer und urologischer Erkrankun­
gen. Traumatologie
7 (1-87): Semiotik. Komplikationen und Folgewirkungen. Prognose.

Inhalt: Die beiden ersten Abschnitte sind vorwiegend therapeutisch, die folgen­
den überwiegend prognostisch orientiert. Das Material ist nicht neu, sondern
stammt zu einem großen Teil aus anderen Texten des C.H . Besonders intensiv
wurden Epid. (z.B. Aph.3,8 - Epid.II 1.5) und Coac. (68 Parallelstellen) benutzt.
Die in Aph. 1,3 formulierte Kritik an übertriebener Körperkultur findet man auch
bei Platon {rep. 403d).
Die außerordentliche Popularität des Werkes beruht auf der mnemotech­
nisch überzeugenden Präsentation der Lehrsätze. Dadurch ist Aph. zu einem
sowohl bei jungen Ärzten wie bei erfahrenen Kollegen überaus beliebten Merk­
buch bzw. Manual geworden. Die in dem Werk versammelten 412 Leitgedanken
und Leitlinien konnten und sollten nicht die Handbücher ersetzen. Dass Aph.
dennoch zu kanonischer Bedeutung kamen, verdanken sie der ihnen eigenen
undogmatischen Form, die die Sachdarstellungen und Empfehlungen vom klini­
schen Umfeld löst, ohne dem Leser gleichzeitig eine Systematik bzw. Generali­
sierung aufzudrängen. Einige Aphorismen (z.B. 1,1; 2,22; 2,50; 7,87) werden
auch außerhalb der Medizin tradiert und sind als geflügelte Worte bekannt.
Galen lobt an Aph. die Verbindung von Kürze und Aussagekraft (Ga/.XV 763),
die Suda im Text zum Stichwort Hippokrates {Adler II 662/663) deren schier
übermenschliches intellektuelles Format {άνθρωπίνην ϋπερβαίνουσι συν-
εσιν/anthropinen hyperhainousi synesin [mehr als der Mensch fassen kann]).

Sprache und Textgeschichte: Das Werk ist nach und nach gewachsen, die
Zusätze hat man mutmaßlich mehrfach überarbeitet. Die ersten drei Abschnitte
sind am besten redigiert, machen einen homogenen Eindruck und bilden den
Kern der Aph. Die Einteilung in sieben Abschnitte geht auf die Gliederung in
Galens Kommentar {Gal. XVIIB 345-887, XVIIIA 1-195) zurück. In zwei
Handschriften (C ',V ) folgt auf 7,87 noch ein Absatz, in dem die Todeszeichen
beschrieben werden; er gehört nach Littre zu Hebd.
3.14 D e r Eid [ ‘Όρκος, Jusj.]

M: Deichgräber K.: Der hippokratische Eid. Stuttgart, 1955 Edelstein L.: Der hippokra­
tische Eid, mit einem forschungsgeschichtlichen Nachwort von Hans Diller. Zürich,
1969 Lichtenthaeler C.: Der Eid des Hippokrates. Köln, 1984 Steinmann K.: Der Eid
des Hippokrates. Von der heiligen Krankheit. Neu aus dem Griechischen und herausge­
geben von Kurt Steinmann. Frankfurt am Main, 1996
A: Ducatillon J.: Le „Serment“ d* Hippocrate: problemes et interpr£tations. BAGB 2001:
34-61 Rosenthal F.: An ancient commcntary on the Hippocratic oath. Bull Hist Med
1956;30:52-87

Format: Eidesformel des angehenden Arztes, in der die Verpflichtungen gegen­


über dem Lehrer und den künftigen Patienten artikuliert werden. Kein religiöser
oder Gesetzes-Text. Pythagoräischer Einfluss. Zur Rezeption vgl. 8.5.

Entstehungszeit: Um 400v.Chr. (Deickgräber). 2.Hälfte 4. Jht. v.Chr. (Edel­


stein).

Gliederung: Der Eid, der bei Apollon (in dessen Rolle als Arzt), Asklepios, Hygieia
(vielleicht Anspielung auf Athene, die Hygieia als Beinamen trägt), Panakeia (Tochter des
Asklepios) und allen anderen Göttern und Göttinnen abgelegt wurde, ist in einen stan­
desrechtlichen und einen berufsethischen Teil gegliedert.
Im ersten Teil verpflichtet sich der junge Arzt, den Lehrer zeit seines Lebens zu
ehren, ihm in finanziellen Schwierigkeiten zur Seite zu stehen, die Familie des Lehrers wie
»eine Geschwister zu behandeln und sie ohne Entgelt zu unterrichten. Die schriftliche
und mündliche Weitergabe des Wissens wird ausdrücklich auf die eingeschriebenen und
vereidigten Mitglieder der Arzteschule beschränkt.
Der zweite Teil enthält über die allgemeine Verpflichtung zu ärztlichem Handeln
nach bestem Wissen und Gewissen hinaus die Versprechen, einem Kranken niemals Gift
zu geben, keine Beihilfe zur Abtreibung zu leisten, den Steinschnitt anderen zu überlas-
mmi, Patienten nicht zu missbrauchen und die ärztliche Schweigepflicht zu wahren. Im
letzten Satz wird die Hoffnung ausgesprochen, dass die Erfüllung der Eidespflichten zu
beruflichem Erfolg führe, und zugleich die Bereitschaft erklärt, im Falle eines Verstoßes
das Gegenteil in Kauf zu nehmen.

Inhalt: Die Öffnung der Ausbildungsstätte der Asklepiaden für auswärtige


Schüler führte auf der einen Seite dazu, dass die medizinische Tradition von Kos
auf breiterer Basis fortgeführt wurde, rührte aber andererseits an die Privilegien
und finanziellen Interessen der Familie. Dieser soziale Kontext erklärt die im
ersten Teil der Eidesformel zusammengestellten Gebote. Er macht auch klar,
dass der Eid erst am Ende der Ausbildung abgelegt wurde und dass ihn die Mit­
glieder der Asklepiadenfamilie nicht zu leisten hatten. Zumindest der erste Teil
der Eidesformel war also kein generelles Gelübde der Mitglieder der koischen
Arzteschule, sondern Ausdruck profaner ökonomischer Verpflichtungen.

47
Das Verbot der Beihilfe zum Selbstmord durch Gift (φάρμακον Θανάσιμον/
phdrmakon thandsimon) war für das 4. Jahrhundert von aktueller Bedeutung, da
es zu dieser Zeit Pharmazeuten und Ärzte wie Thrasyas von Mantineia und des­
sen Schüler Alexias ( Theophr. h. plant. IX 16, 8) gab, die hochwirksame Gifte
zubereiteten. Von dem im Eid erwähnten Abtreibungszäpfchen (πεσσόν
φθόριον/pessön phthorion) ist im C.H . sonst nicht mehr die Rede; andere Aborti-
va beschreiben Mul.l 68 und Superf. 27. Das Verbot des Steinschnitts (λίθο-
τομέϊνIlithotomein) ist mutmaßlich Folge der Angst vor Komplikationen (z.B.
Zeugungsunfähigkeit), die die akademisch ausgebildeten Ärzte bei einem derar­
tigen Eingriff hatten; auch die Ärzte der Schule von Salerno und die italienischen
Chirurgen des 15. Jahrhunderts überließen riskante Interventionen wie den
Steinschnitt den manuell besonders geschickten Wundärzten. Die im Eid als
Operateure empfohlenen έργάται ανδρες/ergdtai andres [handwerklich geschickte
Männer] werden im C.H . sonst nicht mehr erwähnt. Zurückhaltung beim
Umgang mit den Kranken wird vor allem in den gynäkologischen Schriften des
C.H., die ärztliche Schweigepflicht auch in anderen deontologischen Schriften
(z.B. Decent.) gefordert.
Die Elemente des berufethischen Segments des Hippokratischen Eides sind
von der pythagoräischen Philosophie [z.B. D K 58 D l] geprägt worden (Edel­
stein).

Sprache und Textgeschichte: Die Charakterisierung der Medizin als Kunst


(τέχνην ταύτην/ tichnen tauten) kann als Hinweis darauf angesehen werden, dass
zumindest ein Teil der Eidesformel ursprünglich auch für andere Künste oder
Wissenschaften gegolten hat und erst später auf die Medizin übertragen wurde.
Zu dieser Deutung passt die Mitteilung Galens in seinem nur in arabischer Spra­
che überlieferten und überdies nur fragmentarisch erhaltenen Kommentar, Hip-
pokrates habe den Eid im Zusammenhang mit der Öffnung der Medizinschule
von Kos redigiert. Möglicherweise ist der Text von anderen formuliert und spä­
ter Hippokrates zugeschrieben worden. Die kurze Passage aus einem Gespräch
zwischen Euripides und Mnesilochos (Aristoph. Thesm. 273)y in der im Zusam­
menhang mit einem Schwur der familiäre Umkreis des Hippokrates erwähnt;
wird (την Ίπποκράτους ζυνουσίαν/ ten Hippokrdtous xynousian)yist kaum auf den;
hippokratischen Eid zu beziehen.

3.15 D a s G e se tz [Νόμος, Lex\


Format: Inventar sophistischer Idealvorstellungen von einem guten Arzt.
Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Die Medizin ist durch unfähige Ärzte in Verruf geraten. 2: Natürliche
und erworbene Eigenschaften des guten Arztes 3: Vergleich zwischen der Ausbildung
von Ärzten und der Kultivierung von Pflanzen 4: Voraussetzungen für erfolgreiche
Tätigkeit als Wanderarzt 5: Die Geheimnisse der Wissenschaft ähneln religiösen Mystc-
rien.

Inhalt: Mutmaßlich ist das kleine Werk nicht mit dem ärztlichen Gesetz (νόμφ
ίητρικω/ηότηο ietrikö) zu identifizieren, von dem im hippokratischen Eid die
Kode ist. Dennoch ergänzen sich die beiden Texte. Der Autor nimmt die Kritik
.in den Scharlatanen in der Medizin zum Anlass, die natürlichen Voraussetzun­
gen und die Ausbildung sowie die persönliche Integrität und Leistungsbereit­
schaft (φιλοπονίη/pbiloponte) des guten Arztes zu skizzieren.

Sprache: Die Emphase des Plädoyers wird durch drei hübsche Vergleiche (Büh­
ne, Flora, Ritus) gemildert.

3.16 Epidemien II [ Έτηδημιών το δεύτερον, Epid.II\

Λ: Di Benedetto V.: Principi metodici di Ep. II, IV, VI. In: Coll.Hipp.il Mons 1975
(Mons 1977): 246-263 Licciardi C.: Tendance et probabilite dans les Epidemies II. IV. VI.
in: Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 117-130____________________________

Format: Ärztliche Mitteilungen aus Nordgriechenland.

Entstehungszeit: Anfang 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Der Text verteilt sich auf sechs (1-6) Abschnitte.


1 (1-12) 1-5: Katastasen von Krannon und Perinth 6: Symptome im Krankheitsver-
iauf 7: Abszesse 8: Erworbene somatische Stigmata 9-12: Klinische Erfahrungen
2 (1-24) Kürze Fallbeschreibungen (überwiegend weibliche Patienten)
3 (1-18) 1,12: Sommerliche Brennfieberepidemie in Perinth 2: Allgemeine Pharmakolo­
gie 3-4/11/13: Kasuistiken 5-10/14-16: Symptome 17-18: Aphorismen
4 (1-5) 1: Anatomie der Gefäße 2: Eingeweidenerven 3: Epidemiologische Beobach­
tung in Ainos 4: Psychische Betreuung des Kranken 5: Kasuistik
5 (1-25) Therapeutisch orientierte Aphorismen
6 (1-25) Therapeutisch orientierte Aphorismen.

Inhalt und Sprache: Epid.II wird seinem Titel nur mit Einschränkungen
gerecht. Der vergleichsweise kurzen Darstellung der bioklimatischen Verhältnis­
se und der Epidemie in Perinth stehen eine große Zahl unverbundener Notizen
und Merksätze gegenüber. Die namentlich genannten Kranken spielen nur eine

49
Statistenrolle. Der Autor beobachtet jedoch sehr genau (z.B. 1.6: Beziehungen
zwischen Atmungs- und Fortpflanzungsorganen, 1.7: Lokalisationen von Abs­
zessen) und empfiehlt eine differenzierte Therapie.

3.17 Epidemien IV [ Έτηδημιών το τέταρτον, Epid.IV\

A: Robert F.: Lcs adresses des malades dans les Epidemies II, IV et VI. In: Coll.Hipp.I
Strasbourg 1972 (Leiden 1975): 173-194 Smith W.D.: Generic forms in Epidemies I to
VII: In: Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 144-158_________________________

Format: Klinisches Tagebuch aus Nordgriechenland. Literarischer Anspruch


nicht erkennbar.

Entstehungszeit: Anfang 4. Jht. v.Chr.

G lie d e ru n g : Krankengeschichten: 14,37 (Krannon) 21 (Perinth) 48 (Ainos)


30,31,35,45 (verschiedene Dörfer), 1-4,6,8-13,15-19,20c-20h,22-27,29,32-34,36,38-
42,47-58 (ohne Ortsangabe). Fragmente von Klimaberichten: 7,20 Merksätze: 5,
28,43,44,46,59-61.

Inhalt: Nur bei einem Teil (z.B. multimorbide Frau in Kap. 35) der etwa hun­
dert in Epid.IV erwähnten Patienten steht das Einzelschicksal so im Vorder­
grund wie bei den Kranken, von denen man in Epid.I und Epid.III erfährt. Häu­
fig wird der Ausgang des Leidens verschwiegen. Viele Kasuistiken dienen nur der
Illustration eines Symptoms (z.B. Fieber und Nasenbluten, Kap. 35) oder patho­
logischen Prozesses (z.B. der Apostasis, Kap. 41). Kap. 25 beschreibt nicht
weniger als 14 Patienten mit ähnlichen Symptomen (Durchfall, Augenentzün­
dung, Blutungen, Extremitätenschmerz, Milzschwellung); den kritischen Ver­
gleich bleibt der Autor jedoch schuldig. Vielfach fehlen die Adressen der Kran­
ken. Mit einer Ausnahme (Korinth, Kap. 40) liegen alle genannten Orte in
Nordgricchcnland. Aus dem durch die Hustenepidemie (Epid.II 3.1, Epid.VI
6.10) bekannt gewordenen Perinth wird exemplarisch eine an Atemnot leidende
Frau vorgestellt (Kap. 21). Außerdem berichtet der Verfasser über den prakti­
schen Einsatz einer Reihe z.T. eingreifender therapeutischer Optionen (Kap. 1:
Trepanation, Kap. 4: Kauterisation, Kap. 23: Purgation, Kap. 40: Drainage der
Nase). Die Katastasen enthalten keine Ortsangaben.
3.18 Epidemien V [ Επιδημιών τό πέμπτον, Epid. V\

Λ: Koelbing Η.Μ.: Therapeutischer Optimismus und therapeutische Zurückhaltung in


der hippokratischen Medizin: In: Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 338—
346 Langholf V.: Die parallelen Texte in Epidemien V und VII. In: Coll.Hipp.il Mons
1975 (Mons 1977): 264-274 Robert F.: Medecine d’equipe dans les Epidemies V. In:
Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 20-27___________________________________

Format: Kurze Aufzeichnungen über mehr als 100 Patienten aus vielen Teilen
Griechenlands.

F’ntstehungszeit: Mitte 4. Jht. v.Chr.

G lie d eru n g: Krankengeschichten: 1-2 (Elis), 3-8 (Oiniadai), 9-10 (Athen), 11/13-25
.Larissa), 12 (Pherae), 26 (Malia), 27-31 (Omilos), 32 (Salamis), 61 (Delos), 95-99
vor Daton), 100 (Kardia), 101 (Abdera), 106 (Olynth), 33-53,55,59-60,62-63,65-69,71-
'J, 74-76,79-93,102-105 (ohne Ortsangabe). Fragmente von Klimaberichten:
73,78,94 Merksätze: 54,57,58,64,70,77 Mitteilung: 56.

Inhalt: Der Autor von Epid.V beschreibt viele Patienten mit Unfall- (z.B. der
Mann aus Malia, Kap. 26) oder kriegsbedingten (z.B. Tychon von Daton,
Kap. 95) Verletzungen von Kopf, Thorax und Extremitäten. Drei von ihnen
(Patienten der Kap. 16, 27 und 28) sind trepaniert worden. Die Operationsbe­
richte enthalten kaum methodische Details, sondern konzentrieren sich auf das
klinische Resultat. In Kap. 74 berichtet der Verfasser von der Vorhersage einer
neurologischen Komplikation (Opisthotonus), die nach wenigen Tagen eintritt.

Sprache: Epid.V ist eine Fallsammlung ohne Gliederungskonzept. Da auch Ein­


leitung und verbindende Passagen fehlen, wirkt die Schrift halbfertig. Die Kasu­
istiken 51-106 (mit Ausnahme von 86) kehren, wenn auch in anderer Reihenfol­
ge, in Epid. VII wieder. In Kap. 95 gibt sich der Verfasser nur als Beobachter,
nicht als behandelnder Arzt zu erkennen. Die Trennung der beiden Funktionen
hangt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Wanderärzte zumindest zeitwei­
se in Gruppen unterwegs waren und sich die Arbeit geteilt haben.

3.19 E p id em ien V I [ Επιδημιών τό hcrov, Epid. VI\

M: Manetti D., Roselli A.: Ippocrate. Epidemie Libro sesto. Firenze, 1982
A: Kollcsch J.: Die diätetischen Aphorismen des sechsten Epidemienbuches und Herodi-
kos von Selymbria. In: Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 191-197_____________

Format: Weitere Krankengeschichten und Praxistipps aus Nordgriechenland.

51
Entstehungszeit: Anfang 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Der Text verteilt sich auf acht (1-8) Abschnitte.


1 (1-15) Klinische Merksätze (7 auf Krannon bezogen)
2 (1-25) 1-17/ 20-25: Praxistipps und Aphorismen 18: Frau beim Heroon 19: Man
aus Perinth
3 (1-24) 1/3-4/6-8/10-13/15-24: Klinische Merksätze 2: Frau aus Krannon 5/l·
Damnagoras und Arkesilaos 9: Gehbehinderter Mann an der Brücke
4 (1-23) 1/7-23: Merksätze und Aphorismen 2-6: Kasuistiken (Antigenes, Mann m:
Darmproblemen, Frau des Agasis, Mann mit Kopfverletzung, anatomisch auffälliger Pati
ent)
5 (1-15) Aphorismen und Merksätze
6 (1-15) 1-3/6-8/11-12/14: Klinische Merksätze 4—5/9 -10/13/15: Kasuistiken (Man
mit Beschwerden nach einer Reise, Chacrion, Mann auf dem Platz, Dexippos, Hegesip
pos, Lykinos)
7 (1-11) 1: Katastasis (ohne explizite Ortsangabe, dem Zusammenhang nach von Perinth
2/5: Kasuistiken (Poseidonia, Xenarchos) 3-4/6-9/11-15: Klinische Merksätze 10 Win
terliche Hustenepidemic in Perinth
8 (1-32) 1-2/4-9/11-17/19/21-26/31: Klinische Merksätze 3/10/18/20/27-30/32: Kasu
istiken (Patient mit Schmerzen in den Lenden, Sklave des Hippothoos, Pharsalos un
Polymedes, melancholischer Adamantos, Mann mit äußerer Fistel, Mann mit gefaltete
Leber, Satyros von Thasos, Ringertrainer aus Abdera, Phaethousa aus Abdera und Nann
aus Thasos).

Inhalt: Die in der Schrift genannten Orte sind ohne Ausnahme aus Epid.I un<
Epid.III (Abdera, Thasos) bzw. Epid.II und Epid.IV (Ainos, Krannon, Perinth
bekannt. Von der in Epid.II 3.1 beschriebenen Brennfieberepidemie wurd
Perinth jedoch im Sommer ergriffen, während die hier geschilderte Hustenepi
demie im Winter ausbrach. In Epid.VI 4.11 wiederholt der Autor die aus Epid.I
4.3 bekannte epidemiologische Beobachtung aus Ainos (lähmende Wirkung de
einseitigen Ernährung mit Hülsenfrüchten). In Epid.VI 3.18 tadelt er einei
Mann namens Herodikos dafür, dass er fiebernden Patienten sportliche Ubun
gen verordne und sie damit umbringe. Möglicherweise richtet sich diese Invekti
ve gegen den Gymnastiklehrer Herodikos von Selymbria; Selymbria lag unwei
östlich von Perinth an der Küste der Propontis. Das letzte Kapitel des achtel
Abschnitts stellt zwei Frauen aus verschiedenen Städten vor, die Kinder hattei
und später eine Amenorrhoe und ausgeprägte Zeichen der Virilisierung entwi
ekelten. Da beide Patientinnen ihrem Leiden rasch erlagen, kann man annehmen
dass sie an einem hormonbildcnden Tumor erkrankt waren.

Sprache: Der weitgehende Verzicht auf die Nennung der Namen der Krankei
zeigt die Tendenz des Autors von Epid.VI, die medizinische Aussage vom indi
viduellen Schicksal zu trennen.
y jö Epidemien VII [ Επιδημιών το έβδομον, E pid. VII\

\: (irmek M., Robert F.: Dialogue d’un medecin et d’un philologue sur quelques passages
j o Kpidemies VII. In: Coll.Hipp.il Mons 1975 (Mons 1977): 275-290 Smith W.D.:
Implicit Fever Theory in Epidemics 5 and 7. Med. Hist. Suppl. 1981; 1: 1-18____________

Format: Fortsetzung der Krankenberichterstattung aus Nordgriechenland.

Kntstehungszeit: Mitte 4. Jht. v.Chr.

(, Federung: Krankengeschichten: 1-55: u.a. aus Baloion und Ainos, 57: Echekrates,
59: Chares, 61-71: u.a.aus Akanthos 74-75/77-80: u.a. aus Syros und Olynth 83-124:
;i.λ. aus Olynth, Doriskos, Abdera, Thasos, Kardia, Pella und Daton Allgemeine Bemer­
kungen: 56: Kopfweh 58: Husten 60: Purgation 67b: Hydrops 72: Chronischer
Augenfluss 73: Sturzverletzungen von Schwangeren 76a-d: Therapeutische Notizen
> 1: Berufskrankheit der Tuchwalker 82: Choleriker.

Inhalt: Epid.VII enthält neben vielen knappen Vermerken eine Reihe detaillier-
ur und lehrreicher Kasuistiken (z.B. 2,3,5,11,25,39,43,84,120); einen ähnlich tie-
k n Eindruck wie die Fallbeschreibungen von Epid.I und Epid.III hinterlassen sie
aber beim Leser nicht. Zu den aus Epid.I-VI bekannten Orten Nordgriechen­
lands kommen in Epid.VII noch vier weitere (Akanthos, Baloion, Doriskos, Pel­
la). Außerdem werden die Inseln Delos (33, vgl. Epid.V 61) und Syros (79)
erwähnt. In Kap. 52 beschreibt der Autor die für exsikkierte Säuglinge charakte­
ristische tief eingesunkene Fontanelle.

Sprache: 54 der 124 Kapitel sind Reprisen aus Epid.V; vielfach stimmen die Par­
allel texte fast wörtlich überein. Einige Krankengeschichten sind jedoch deutlich
erweitert worden. So berichtet der Autor, der die Depression des Parmeniskos
zunächst {Epid.V 84) nur mit wenigen Worten anspricht, in Epid.VII 89 Einzel­
heiten über die Stimmungsschwankungen des Kranken und in Epid.VII 35
ergänzt er den ersten Bericht {Epid.V 97) über drei Kinder mit Knochen- und
Weichteilinfektionen um vier weitere Patienten mit derartigen Leiden. In einem
I all {Epid.V 88 - Epid.VII 92) widersprechen sich die Aussagen jedoch grund­
sätzlich. Obwohl cs sich unzweifelhaft um den gleichen Patienten (Sohn des
Nikolaos) und die gleichen Symptome (Fieber und Erbrechen zur Zeit der Win­
tersonnenwende) handelt, tritt in Epid.V Heilung, in Epid.VII dagegen nach sie­
ben Tagen der Tod ein.
3*21 Über die Säfte [Περίχυμών, Hum.]

M: Deichgräber K.: Hippokrates’ De humoribus in der Geschichte der griechischen


Medizin. AAWM 1972, 14. Wiesbaden, 1972

Format: Konglomerat von Zitaten und Notizen zu medizinischen Problemen,


die nichts mit dem Titelthema zu tun haben. Stenographischer Stil.

Entstehungszeit: Wahrscheinlich 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Bewegung von Säften und Flüssigkeiten im Körper und deren Folgen
2-4: Allgemeine Symptomatologie 5: Prinzipien der Therapie 6: Regeln für die Anwen­
dung von Purgativa 7: Abszesse 8: Krankheit und Konstitution 9: Psychische Sympto­
me 10: Äußerlich wirksame Heilmittel 11: Die Erde und der Magen 12: Angeborene
und erworbene Erkrankungen 13-19: Einfluss von Klima und Jahreszeiten auf Inzidenz
und Prävalenz wichtiger Erkrankungen 20: Kasuistische Notizen.

Inhalt: Die Schrift hält für den Leser mehr Fragen als Antworten bereit, bietet
aber dennoch nützliche Informationen. Das Kernstück der einleitenden Kapitel
(2-5,9) bilden Stichwortlisten, die sowohl für Lehrende als auch für Lernende
wertvoll gewesen sein dürften. Es werden nur Behandlung und Vorbeugung dis­
kutiert; prognostische Faktoren erwähnt der Autor nicht. In Kap. 7 wird der in
Epid.VI 7.1 beschriebene Husten von Perinth aus humoralpathologischer Sicht
diskutiert. Der Vergleich von Mensch und Baum in Kap. 11 erinnert an botani­
sche Passagen in anderen Werken (z.B. Nat Puer. 22-27). Kap. 20 ist nahezu
identisch mit Epid.VI 3,23-4,3. Der Text enthält zahlreiche weitere wörtliche
Anleihen und Paraphrasen aus anderen Schriften des C.H . (v.a. Epid.I, Aph.,
Epid.IIy IV und VI).

Sprache und Textgeschichte: Obwohl die Schrift literarisch wenig bedeutend


ist, hat man ihr in der Antike Beachtung geschenkt. Zeuxis und Herakleides von
Tarent sollen sie dem Hippokrates abgesprochen haben (Gal.XV I 1, XVIII B
631). Galen glaubte in Hum. sowohl echte Partien als auch Zusätze von fremder
Hand zu erkennen, war sich aber nicht schlüssig, ob Hippokrates, Thessalos,
Polybos oder jemand anders der Verfasser sei (Gal.XNll A 332, B 116,122; X IX
103); sein Kommentar umfasst drei Bücher (Gal.XVl A 488). Diogenes Laertios
(IX 47) führt ein gleichnamiges Werk unter den naturwissenschaftlichen Schrif­
ten Demokrits an.

3.22 Vorhersagungen I [Προρρητικός a\ Prorrh.I]

Format: Anwendungsorientierte Sammlung von 170 auf präzise klinische Beob­


achtung gestützten prognostischen Aussagen. Schwerpunkt: Neurologie.

54
Entstehungszeit: Mitte 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Die Sentenzen sind auf fünf (1-5) thematisch gewichtete Sektionen ver­
teilt.
1 (1-38) Phrenitis
2 (39-98) Prognostisch ungünstige Zeichen und Todeszeichen
3 (99-124) Spasmen und Konvulsionen
4 (125-152) Blutungen
5 (153-170) Ohrnahe Schwellungen.

Inhalt: Die Schrift unterscheidet sich von den anderen aphoristischen Werken
des C.H . durch ihren Reichtum an originärer klinischer Erfahrung und Prognos­
tik. Ihr praktischer Wert für den Wanderarzt dürfte deshalb besonders groß
gewesen sein. In elf Aphorismen wird, ähnlich wie in Epid.> der Name des Pati­
enten mitgeteilt, in zwei Fällen auch der Wohnort (34: Didymarchos von Kos,
72: Lysis von Odessos).

Sprache und Textgeschichte: Im Unterschied zuAph. und Coac. sind viele Sen­
tenzen (z.B. 25,30) als Fragen formuliert. Man kann in der Wahl dieses Stilmit­
tels einen Hinweis darauf sehen, dass dem Werk an diesen Stellen noch nicht der
letzte Schliff gegeben worden ist. Galen, der die Schrift trotz Bedenken des Hip-
pokrates für würdig hielt, glaubte darin eine Mischung von Material aus ver­
schiedenen Quellen zu erkennen und kritisierte die seiner Meinung nach vor­
schnelle Generalisierung von Einzclbcobachtungen (Gal.X IV 620, X V I202).

3.23 K o isch e P ro g n o se n [Κφακαι προγνώσεις, Coac.]

M: Poppel O.: Die hippokratische Schrift Κφακαι προγνώσεις und ihre Überlieferung.
Kiel, 1959

Format: Umfangreiche, nach wechselnden Gesichtspunkten geordnete Kompila­


tion prognostischer Aphorismen aus zahlreichen Werken des C.H . Die Schrift
ist weniger bedeutend als Progn. und Aph..

Entstehungszeit: Ende 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 640 Sentenzen in vier (1-4) großen Sektionen. Zwischen der zweiten und
dritten Sektion sind 36 thematisch isolierte Sentenzen (320-340: Blutungen 341-356:
Krämpfe) ein geschoben.
1 (1-155) Fieber, Schüttelfrost, Erkältung
2 (156-319) 156-236: Kopf 240-254: Stimme 256-272: Hals 273-297: Hypochondri­
en 298-319: Lendenregion
3 (357-463) 357-372: Angina 373-425: Pleuritis, Peripleumonie, Empyem 426-436:
Phthisis 437-465: Leber, Hydrops, Magen- und Blasenkrankheiten 466-476: Neuro-
psychiatrische Leiden 488-500: Verletzungen 503-544: Frauenkrankheiten
4 (545-640) 545-64: Erbrechen 561-588: Schweiß und Urin 589-640: Stuhl.

Inhalt: Die vier Sektionen sind von unterschiedlichen Ordnungsgedanken


geprägt. Die erste ist einem einzigen Thema, nämlich dem Fieber gewidmet und
weist die größte Homogenität auf. In der zweiten dienen die Körperteile als
Richtschnur für die Anordnung der Sentenzen, in der dritten die Erkrankungen
und in der letzten die Ausscheidungen. Dabei folgt die Gliederung jeweils der
Richtung a capite ad calcem. Etwa ein Viertel der koischen Prognosen stammt
ganz oder zum Teil aus Prorrh.Iyjede zehnte aus Aph. Außerdem hat der Kompi-
lator VCy EpidJIy /V, VI, VII, Morb. / - / / / und Hebd. benutzt. Allein diese viel­
fältigen Beziehungen zu anderen Werken des C.H . sprechen gegen den im Hel­
lenismus geäußerten Verdacht, der Verfasser habe dabei aus den im Asklepieion
von Kos gesammelten Krankenberichten geschöpft. Mindestens ebenso wichtig
ist das Argument, dass auf den entsprechenden Tafeln nur die Behandlungen
verzeichnet waren (Strabon VIII 6,15), aber keine - ärztlichen - Angaben zur
Prognose gemacht wurden.

Textgeschichte: Das Werk ist von Galen (Gal.XV II A 578) für unecht gehalten
worden. Theodorus Priscianus (Eupor.53.75) betrachtete es hingegen als authen­
tisch.

3.24 Über die Kunst [Περί τέχνης, D e Arte]

M: Jori A.: Medicina e medici nell’antica Grecia: saggio sul “Per! technes” ippocratico.
Bologna, 1996
A: Ducatillon J.: Qui est l’auteur du traite hippocratique De PArt? In: Coll.Hipp.I Stras­
bourg 1972 (Leiden 1975): 148-158 Jori A.: Note per un’attribuzione del Peri techncs
pseudoippocratico. AIV 1984-1985; 143: 237-267

Form at: Klar gegliederte, in der Einleitung polemische, später witzige und intel­
ligente Rede eines Sophisten über die Existenzberechtigung der Medizin. Wich­
tiger Beitrag zur Selbstdarstellung des Arztes (im Anschluß an Lex).

Entstehungszeit: Letztes Viertel des 5. Jahrhunderts. Die Zuweisungen des


Werkes an Protagoras, Hippias oder einen Anhänger der eleatischen Schule sind
spekulativ.

Gliederung: 1-2: Natur und sichtbare Realität beweisen die Existenz der Künste im all­
gemeinen und die der Medizin im besonderen 3-6: Kranke können zwar gesund werden,
ohne dass ein Arzt eingreift. Aber auch in diesem Fall ist ihre Genesung der Medizin zu

56
verdanken 7: Wenn die ärztliche Kunst versagt, tragen die Patienten selbst Schuld.
8: Die Weigerung der Ärzte, so genannte hoffnungslose Fälle zu behandeln, wird mit der
Einsicht in die begrenzten Mittel der Medizin gerechtfertigt 9-12: Um den unterschied­
lichen Schwierigkeitsgrad von Behandlungen zu begründen, differenziert der Autor zwi­
schen den leicht erkennbaren äußerlichen und den nur schwer fassbaren inneren Erkran­
kungen. Der Therapieerfolg wird vom Instrumentarium bestimmt. Die Medizin ist
entwicklungsfähig und beweist sich durch ihre Leistungen stets aufs neue.

Inhalt: Vier Vorwürfe sind es, gegen die der Redner die Medizin zu verteidigen
hat. Erstens: Heilungen sind Glückssache. Zweitens: Die Kranken erholen sich
oft ohne medizinische Hilfe. Drittens: Einige Patienten sterben trotz der ärztli­
chen Hilfe. Viertens: Die Ärzte verweigern bei bestimmten Krankheiten die
Behandlung und gestehen so ihre Ohnmacht ein. Kernpunkte der Replik sind
das Plädoyer für eine rationale Medizin, die realistische Darstellung ihrer Mög­
lichkeiten und Grenzen und der Hinweis auf die Fortschritte, die die medizini­
sche Wissenschaft verspricht. Die Rede verteidigt ebenso wie Vet.medA-2 die
Autonomie der Heilkunde gegen die Zweifel an der wissenschaftlichen Medizin
und gibt so hippokratisches Denken wieder.

Sprache: Wortspiele und rhetorische Zuspitzung können die fehlenden Fach­


kenntnisse des Verfassers und den Mangel an gedanklicher Bewältigung des
Themas nicht kompensieren. Dieses Missverhältnis überrascht aber nicht, da der
Autor selbst einräumt, weder über ausreichende medizinische Kenntnisse noch
über ärztliche Praxis zu verfügen (Kap. 10, 14), und überdies ankündigt, eine
ähnliche Apologie auch für die anderen Künste zu verfassen (Kap. 9).

3.25 Über die N atur des Menschen [Περί φύσιος ανθρώπου, N atH om .]

A: Amneris R.: Hippocrates, De natura hominis. 1. Osservazioni sulla tecnica argomenta-


tiva. AFLS 1985; 6: 1-11

Format: Programmtext der Viersäftelehre und Humoralpathologie.

Entstehungszeit: Ende 5. Jht. v.Chr.

Gliederung: Der Text verteilt sich auf zwei (1-2) Abschnitte: Allgemeine Pathologie
und Pathophysiologie (1-8) und Grundsätze der Therapie (9-15).
1 1: Kritik an den Philosophen, die behaupten, dass der Mensch aus einem einzigen
Grundstoff besteht 2: Kritik an den Ärzten, die behaupten, dass der Mensch nur aus
Blut, Galle oder Schleim besteht 3: Der Mensch entsteht durch Mischung der vier
Grundqualitäten (feucht, trocken, warm, kalt) und zerfällt auch wieder in sie 4: Der
Körper des Menschen besteht aus vier Säften. Ihr Mischungsverhältnis bestimmt über
Gesundheit und Krankheit 5-6: Die Existenz von vier verschiedenen Säften wird durch
ihre unterschiedliche pharmakologische Beeinflussbarkeit belegt 7-8: Die saisonale Zu-

57
und Abnahme der Körpersäftc erklärt die periodischen Schwankungen der Inzidenz von
Krankheiten
2 9: Zur Therapie soll der Arzt Maßnahmen ergreifen, die eine dem auslösenden Faktor
entgegengesetzte Wirkung hervorrufen. Führende Krankheitsursachen: Lebensweise als
Ursache sporadischer Erkrankungen und Luft als Ursache epidemischer Erkrankungen.
Therapeutische Empfehlungen: Reduktionskost bzw. Ortswechsel 10: Die Erkrankung
eines starken Körperteils ist gefährlicher als die eines schwachen 11: Die vier großen
Venenpaarc des Körpers. Prädilektionsstellen für den Aderlass 12: Eiterabsonderungen.
Pathogenetische Bedeutung der Körpertemperatur 13: Bekräftigung des allopathischen
Prinzips 14: Urologische Erkrankungen 15: Ätiologie und Klassifizierung des Fiebers.

Inhalt: Die Entwicklung der Viersäftelehre ist eine Reaktion auf die Spekulatio­
nen der Theoretiker. Die Polemik des Autors richtet sich gegen die Befürworter
des Monismus sowohl unter den Philosophen wie unter den Ärzten. Allerdings
wird nur Melissos von Samos (um 440 v.Chr.) namentlich erwähnt (am Ende
von Kap. 1); von ihm stammt der in wesentlichen Teilen erhaltene Traktat Περί
φύσεως ή περί τον δντος [Über die Natur oder über das Seiende], in dem er Par-
menides gegen die Mischungslehre des Empedokles und die Atomistik vertei­
digt.
Mit Kap. 7 bringt sich der Autor in Gegensatz zu Aer. 2-3. Während dort
Hitze und Feuchtigkeit die schleimigen und Kälte und Trockenheit die galligen
Temperaturen anregen, ist es in Nat.Hom. genau umgekehrt: Der im Körper
dominierende Saft ist der Qualität, die die Jahreszeit beherrscht, nicht mehr ent­
gegengesetzt, sondern stimmt mit ihr überein. Also vermehrt sich beim Men­
schen im Winter der Schleim, im Frühjahr das Blut, im Sommer die gelbe und im
Herbst die schwarze Galle.
Die Beschreibung der Anatomie des venösen Systems (Kap. 11) ist weniger
differenziert als z.B. jene in Oss.; der Autor will an dieser Stelle aber auch keine
systematische, sondern lediglich eine anwendungsorientierte Darstellung der
Gefäße geben.

Sprache und Textgeschichte: Nat.Hom. war im Altertum eine viel beachtete


Schrift; Galen (Gal.XV 1-223) hat sie umfangreich kommentiert. Man hat
jedoch sowohl die Echtheit wie die Einheit der Schrift bezweifelt; im zweiten
nachchristlichen Jahrhundert wollten manche dem Hippokrates das Werk ganz
absprechen. Zu auffällig waren der epideiktische Charakter und das sophistische
Vokabular. Galen hielt zumindest die Kap. 1-8 für hippokratisch und begründete
seine Ansicht mit der engen Beziehung zu Platon ( Pbaidr.27Qc-e). Den zweiten
Teil sah allerdings auch er wegen der mangelhaften Komposition und der unor­
thodoxen Beschreibung der Gefäße als Fälschung an. Möglicherweise stammen
Nat.Hom. und Salubr.> das sich in den antiken Handschriften unmittelbar an
Nat.Hom. anschließt, von ein- und demselben Verfasser.

58
3.26 Über die gesunde Lebensführung [Περίδιαίτης ύγιεινής, Salubr.]

Format: Unvollendeter Ratgeber für gesunde Ernährung und Lebensweise.

Entstehungszeit: Anfang 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Ernährungstipps für die verschiedenen Jahreszeiten 2: Abhängigkeit


der richtigen Ernährung von Konstitution und Lebensalter 3: Spaziergänge und
Bäder 4: Abmagerungs- und Mastkur 5: Brech- und Abführmittel 6: Ratschläge für
Kinder und Frauen 7: Ratschläge für Athleten 8: Erkrankungen des Gehirns 9: Der
Weise muß lernen, sich in Krankheiten selbst zu helfen.

Inhalt: Die meisten Empfehlungen sind für den Durchschnittsbürger ( ίδιώτας/


idiötasy Kap. 1) gedacht. Es werden aber auch gesundheitliche Probleme des Kin­
desalters und des Wettkampfsports behandelt. Kap. 5 zeigt, dass Emetika und
Klistiere zur Erhaltung der Gesundheit in regelmäßigen Abständen prophylak­
tisch verwendet worden sind.

Textgeschichte: Salubr. wurde von Littre aus dem Kontext mit NatHom. gelöst
und separat ediert. Kap. 8 ist Morb.II 12, Kap. 9 ist AffΛ entnommen.

3.27 Über die Lüfte [Περίφυσών, F h t]

A: Blass F.: Die pseudohippokratische Schrift Peri Physon und der Anonymus Londinen-
sis. Hermes 1901; 36: 405-410 Ducatillon J.: Le traite des vents et la question hippocra-
tique. In: Coli. Hipp. IV Lausanne 1981 (Geneve 1983): 263-276 Redondo J.: Sprach­
lich-stilistische Bemerkungen zu den rhetorisierenden Schriften des Hippokratischen
Corpus. In: Coll.Hipp.VIII Kloster Banz/Staffelstein 1993 (Hildesheim 1996): 343-370

Format: Iatrosophistischer Vortrag über die Luft als Ursache von Leben und
Krankheit. Mit dieser Theorie stellt sich der Autor in Gegensatz zur Viersäfte­
lehre von Nat.Hom.

Entstehungszeit: Spätes 5. Jht. v.Chr.

Gliederung: Der Text verteilt sich auf die Einleitung (1), die Darstellung der allgemei­
nen (2-5) und der speziellen Pathophysiologie (6-14) und das Nachwort (15).
1: Definition von Medizin und Krankheit und der Prinzipien der Therapie
2: These: Alle Krankheiten haben eine gemeinsame Ursache. 3: Die Macht der Luft im
Universum und in der belebten Welt 4: Permanente Atmung als Voraussetzung der
menschlichen Existenz 5: Quantitative und qualitative Veränderungen der Luft als
Krankheitsursache
6-8: Fieber und fieberassoziierte Symptome durch Verunreinigungen der Luft und Ernäh­
rungsfehler 9: Luft und Bauchschmerz 10—11: Luft als Ursache von Blutungen

59
12: Luft und Hydrops 13: Luft und Lähmungen 14: Ein Übermaß an Luft behindert die
gleichmäßige Verteilung des Blutes im Körper und führt so zu den Symptomen der Heili­
gen Krankheit
15: Auch die übrigen Erkrankungen lassen sich auf schädliche Wirkungen der Luft
zurückführen.

Inhalt: Die Ansicht, dass von außen (durch Atmung, bei der Nahrungsaufnah­
me, durch Wunden) in den Körper eindringende Luft für eine Vielzahl von
Erkrankungen verantwortlich sei, ist in der vorsokratischen Philosophie mehr­
fach (z.B. Anaximenes [DK 13 B 2], Diogenes von Apollonia [DK 64 A 16,
B 5]) belegt. In Flat, erhält die Luft aber das kausale Monopol. Für den Verfasser
von Nat.Hom. ist sie dagegen nur die Ursache der epidemischen Erkrankungen.
Auch die in Kap. 14 vertretene Überzeugung, dass das Blut Ernährungsfunktion
für die Seele habe und der Sitz des Verstandes sei, ist vorsokratisch geprägt
(Empedokles [DK 31 B 105, 3]). Neu an der in Flat, aufgestellten pathophysio-
logischen Theorie ist die Konkurrenz von Luft und Blut um Raum in den Adern
und anderen Organen des Körpers. Wenn zu viel Luft in die Gefäße eindringt
und dort verweilt, wird der Blutstrom behindert und die verschiedenen Teile des
Körpers werden uneinheitlich versorgt (Kap. 8,14). Darin sieht der Autor auch
den Grund für die verschiedenen Begleitsymptome des Krampfanfalls. Der
Schaum des Anfallskranken vor dem Mund wird damit erklärt, dass Luft aus den
Gefäßen des Pharynx austritt, Serum entzieht, sich mit ihm vermischt und dabei
feine Membranen entstehen, durch die man die Bläschen sieht.

Sprache und Textgeschichte: Flat, gehört zu den am wenigsten fachkundigen


und dem medizinischen Fortschritt verpflichteten Werken des C.H . Der Verfas­
ser war mehr Redner und Naturphilosoph als praktizierender Arzt und lässt
mehr Neigung zu ausgesuchten Formulierungen (in Kap. 3 wird die äußere Luft
als δυνάστης/dynastes [Herrscher] personifiziert) als Vertrautheit mit der medi­
zinischen Ätiologie und Pathogenese erkennen. Für diese Vermutung sprechen
auch die wissenschaftlich z.T. mangelhafte Diktion, das monistische Prinzip der
Krankheitserklärung und die inhaltlich bescheidene Nosologie. Das Werk fand
kurzfristig Beachtung, als Ende des 19. Jahrhunderts der Papyrus Anonymus
Londinensis veröffentlicht wurde und man dort bei Menon las, dass nach Hip-
pokrates die Ursache aller Krankheiten in den Lüften zu suchen sei. Da
φΰσαι/physai aber nicht mit πνεϋμα/pneüma identisch sind, sondern den intra­
korporalen Anteil der Luft bezeichnen, war es trotz des in dieser Beziehung sug­
gestiven Titels der Schrift nicht gerechtfertigt, die N otiz aus der Schrift des
Aristoteles-Schülers auf Flat, zu beziehen. Ein derart einseitiger Erklärungsver­
such hätte angesichts der großen Zahl von Zeugnissen für die Humoral-
pathologic des Hippokrates auch überrascht. Gegen die Authentizität des Wer­
kes spricht außerdem die von der Beschreibung in Morb.Sacr. abweichende ätio-
pathogenetische Deutung der Epilepsie.

60
3.28 Über den Gebrauch von Flüssigkeiten [Περί ϋγρώνχρήσως, Liqu .]

Format: Halbfertige Sammlung von Sprüchen und Notizen (aus einem größeren
Werk zum gleichen Thema) über die therapeutische Anwendung von Wasser
und anderen Flüssigkeiten.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Süß- und Salzwasser. Nutzen der äußerlichen Anwendung von kaltem
und warmem Wasser 2: Wirkungen warmen und kalten Wassers auf die Organe 3: Hei­
lende Wirkung des Meerwassers 4: Essig als Heilmittel 5: Äußerliche Anwendung von
Weiß- und Rotwein 6: Differenzialindikation kalter und warmer feuchter Externa in
Dermatologie, Traumatologie, Neurologie und Ophthalmologie 7: Güsse, Salben, Um­
schläge.

Inhalt: Die Schrift ist für den praktizierenden Arzt verfasst und gibt eine Reihe
nützlicher Ratschläge für die Behandlung verschiedener Erkrankungen mit flüs­
sigen Externa. Ihr Wert wird durch die stilistischen Mängel nicht eingeschränkt.
Besonderen Wert legt der Autor auf die richtige Wahl der Temperatur des Was­
sers bei der Differenzialindikation der äußerlichen Applikation. In Kap. 1 wer­
den warme Duschen ausdrücklich empfohlen (ähnlich wie in Loc.Hom.47). Die
innerliche bzw. diätetisch gezielte Anwendung von Wasser und Wein wird nicht
erörtert.

Sprache und Textgeschichte: Die Schrift ist ähnlich wie Mochl ein unvollende­
tes Exzerpt aus einem umfangreicheren Werk. Von Mochl. ist die Quelle, näm­
lich Artic., allerdings gesichert, von Liqu. kennt man sie nicht. In den Kapiteln 1,
2 und 6 finden sich zahlreiche Anleihen aus Aph. 5,16-25. Erotian kennt die
Schrift unter dem weniger treffenden Titel Περί ϋδάτων [Über die Wasser].

Die Krankheiten I - IV [Περίνονσων α - δ , 3.29 - 3.40 - 3.41 - 3.47]

Die vier unter dem Titel Περί νούσων [Über die Krankheiten] überlieferten
Schriften des C.H . bilden keine Einheit. Weder die Zahl und Reihenfolge der
Bücher noch der Inhalt und der (die) Verfasser sind verlässlich überliefert. Galen
kennt nicht nur vier, sondern fünf Werke des hippokratischen Autors mit die­
sem Titel (Gal.X IX 77,85), Caelius Aurelianus (5. Jht. n.Chr.) dagegen nur zwei.
Viele Zitate späterer Medizinschriftsteller sind in den vier erhaltenen Büchern
gar nicht (wie die des Caelius Aurelianus) oder an anderer Stelle zu finden (wie
die Glosse Galens [Gd/.XIX 80], die sich nicht auf eine Passage in Morb.I, son­
dern in Hehd. bezieht). Nach Dioskurides (Gal XVII A 888) stammen die vier
Bücher von einem gleichnamigen Enkel des Hippokrates. Wahrscheinlich sind
sie aber mehreren Verfassern zuzuschreiben. Der Autor von Morb.I steht dem
von Aff., der Autor von Morb.II dem von Int., der Autor von Morb.III dem von

61
Hebd. und der Autor von Morb.IV dem von Nat.Puer. nahe (die beiden*Schriften
gehören nach Littre zusammen). Die drei ersten Bände bilden insofern eine Ein­
heit, als sie für die Zweisäftelehre plädieren. Der Verfasser von Morb.IV vertritt
dagegen die Viersäftelehre. Das Fehlen einer übergeordneten Gliederung führt
zu Wiederholungen und Widersprüchen (gut zu erkennen z.B. beim Vergleich
von Morb.l 18 und Morb.II 55 in bezug auf die Prognose des Erysipelas der Lun­
ge)·____________________________________________________________________

3.29 Ü b e r die K ra n k h eite n I [Περί νονσων τό πρώτον, Morb.I\

Μ: Wittern, R.: Die hippokratische Schrift De morbis I. Hildesheim, New York, 1974

Format: Kombination aus allgemeiner Krankheitslehre und einer anspruchsvol­


len Darstellung der Ätiologie und Pathogenese innerer Krankheiten (s. Kasten
S. 61-62).

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Der Text verteilt sich auf zwei (1-2) Abschnitte: Nosologie (1-10) und
Spezielle Pathophysiologie (11-34)
1 1: Ratschläge zur Gestaltung des ärztlichen Gesprächs 2: Die wesentlichen Krank­
heitsursachen 3: Letale und nicht-letale Erkrankungen 4: Komplikationen schwerer
Erkrankungen 5: Wahl des richtigen Behandlungszeitpunkts 6: Prinzipien des sachge­
rechten ärztlichen Handelns 7-9: Spontane Entwicklungen. Unwägbarkeiten der Thera­
pie 10: Die so genannte glückliche Hand
2 11-14: Empyem der Lunge 15: Empyem des Oberbauchs 16: Unvorhersehbarer Ver­
lauf 17: Empyem des Unterbauchs 18: Erysipelas der Lunge 19: Geschwulst in der
Lunge 20: Geschwülste in der Flanke 21: Traumatische Empyeme 22: Das Lebensalter
beeinflusst den Verlauf vieler Krankheiten 23: Fieber 24: Schüttelfrost 25: Schweiß
26-28/31-32: Pleuritis, Peripleumonie 29/33: Kausos 30/34: Phrenitis.

Inhalt: Morb.l hat als Quelle für Aph. gedient. Die Passage über den zerebral
bedingten Stimmverlust (Kap. 4: αφωνον/dphönon [stimmlos]) kehrt fast wört­
lich in Aph. 7,58, die Aussage zum wechselhaften Verlauf von Erkrankungen
(Kap. 7: αυτομάτου και έττιτυχίης/ automdtou kal epitychies [ganz von selbst]) in '
Anwendung auf den Durchfall in Aph. 6,15 und die häufige Beobachtung, dass j
alte Menschen aufgrund ihres reduzierten Allgemeinzustands subjektiv weniger '
unter den Folgen von Krankheiten leiden, in Aph. 1,14 und 2,39 wieder. In der \
Beschreibung der manuellen Geschicklichkeit des Arztes (Kap. 10) findet man |
die aus Off. 4 bekannten Anweisungen zur Pflege der Fingernägel in verkürzter j
Form. \

62
Sprache und Textgeschichte: Die beiden Teile der Schrift sind in sich geschlos­
sene Einheiten und nicht aufeinander abgestimmt. Der Übergang ist abrupt. In
Stil und Vokabular bestehen jedoch Ähnlichkeiten. Galen (Gal.X IX 76) hat die
Schrift auch unter dem Titel Περί εμπύων [Über Empyeme] gekannt.

3.30 Über die Leiden [Περί ιταθών, Aff.\

M: Wittenzellner J.: Untersuchungen zu der pseudohippokratischen Schrift Περί παθών.


Erlangen-Nürnberg, 1969

Format: Für Ärzte und Laien gleichermaßen geeignetes Nachschlagewerk der


allgemeinen Nosologie und Diätetik.

Entstehungszeit: 1.Viertel des 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Der Text verteilt sich auf zwei (1-2) thematisch verschiedene Abschnitte:
Nosologie (2-38) und Diätetik (39-61)
1 Vorwort (an die medizinischen Laien adressierte Rechtfertigung des Werkes)
1 2: Kopfschmerzen 3: Bedeutung der Früherkennung von Krankheiten für die Behand­
lung 4: Ohren- und Halsschmerzen 5: Polyp in der Nase 6-11: Erkrankungen des
Respirationstrakts 12: Fieberhafte Erkrankungen im Winter 13: Akute lebensbedrohli-
chc Erkrankungen 14-17: Fieberhafte Erkrankungen im Sommer 18: Tertiana, Quarta-
na 19: Anasarka 20: Splenomegalie 21: Ileus 22: Hydrops 23-27: Erkrankungen des
Darms 28: Dysurie 29: Ischialgie 30: Arthritis 31: Podagra 32: Ikterus 33: Allge­
meine Gesundheitstipps für Laien 34-35: Hauterkrankungen 36: Prinzipien der Phar­
makotherapie 37: Plädoyer für eine kausale Therapie 38: Wundbehandlung
2 39: Essen und Trinken in Gesundheit und Krankheit 40-41: Getreideschleim und
Getränke 42: Salbungen 43: Nahrungsmittel, die den Körper feucht machen bzw. aus-
troeknen 44: Plädoyer für eine liberale Diättherapie 45: Diätetik in den Händen von
Ärzten und Laien 46: Ganzheitliche Therapie 47: Allgemeine Diätlehre 48: Weine
49: Fleisch 50: Nur bestimmte Nahrungsmittel eignen sich zur Diättherapie 51: Tro­
ckene Diät 52: Grundnahrungsmittel 53: Heißes Bad 54: Gemüse 55: Wie die Zuberei­
tung die Wirkung der Speisen auf die Körpersäfte beeinflusst 56: Gekochtes Gemü­
se 57: Zuckermelonen 58: Honig 59-61: Wirkungen der Lebensmittel auf das
Vegetativum.

Inhalt und Sprache: Das rhetorisch geprägte Proömium dient einem doppelten
Zweck: Es sucht den medizinischen Laien für die Lektüre zu gewinnen und weist
ihn gleichzeitig auf die engen Grenzen der Therapie hin. Ähnlich wie in Int. wer­
den die beschriebenen Erkrankungen einheitlich auf die Dyskrasie von zwei
Flüssigkeiten des Körpers, nämlich Galle und Schleim (Kap. 1: άπαντα ϋπό
χολής καi φλέγματος/hdpanta hypö choles kal phlegmatos [alles durch Galle und
Schleim]) zurückgeführt. Die im ersten Abschnitt aufgelisteten Leiden sind -
ebenso wie in Int. - a capite ad calcem angeordnet, ihre Beschreibung gliedert

63
sich mehr oder weniger streng in fünf Paragraphen (Name bzw. Leitsymptom,
Krankheitszeichen und Verlauf, Ätiologie, Prognose, Behandlung). Im zweiten
Teil ist kein Ordnungsprinzip zu erkennen.

3.31 Über die Stellen am Menschen


[Περί τόπων των κατά άνθρωπον, Loc.Hom.]

Μ: Craik Ε.Μ.: Places in man. Oxford, 1998 Schubring K : Untersuchungen zur Überlie­
ferungsgeschichte der hippokratischen Schrift „ De locis in homine“. Neue deutsche For-
schungen. Abt, klass. Philol. 12. Berlin, 1941____________________________________

Format: An den Basiswissenschaften orientierter Abriss der Inneren Medizin.


Darstellung der Theorie der enzephalofugalen Flüsse.

Entstehungszeit: Ende 5. Jht. v.Chr.

G lie d e ru n g : Am Text werden vier (1-4) Sektionen unterschieden: Grundlagenwissen­


schaften (1-8), Lehre von den Flüssen (9-15), Spezielle Pathogenese und Therapie
(16-40) und Propädeutik (41-47)
1 1: Solidarpathologie 2: Sinnesphysiologie 3: Gefäßanatomie 4-5: Sehnen 6: Suturen und
Gelenke 7: Arthropathien 8: Weg der Nahrung
2 9: Fluss entlang des Temperaturgefälles 10: Sieben enzephalofugale Flüsse 11: Ver­
flüssigung des Nasenschleims 12: Flussbedingte Erkrankungen der Ohren 13: Fluss­
bedingte Erkrankungen der Augen 14: Flussbedingte Erkrankungen des Thorax
15: Phthisis der Wirbelsäule
3 16: Gallebedingte Erkrankungen 17-19: Therapie der Pleuritis, des Empyems und der
Lungenphthisis 20-23: Normale und krankhafte Flüsse im Bauchraum 24-30 Organer­
krankungen 31: Plädoyer für kausale Therapie 32-33: Kopfverletzungen 34: Allgemeine
Behandlungsgrundsätze 35: Gymnastik und Medizin 36-39: Therapie akuter und chroni­
scher Erkrankungen 40: Kauterisation
4 41/44/46: Ärztliche Kunst 42: Schmerz 43: Körperliche Schwäche 45: Kleine Phar­
makologie 47: Kleine Gynäkologie.

Inhalt und Sprache: Für die Kommunikation der Organe untereinander und die
Möglichkeit der Ausbreitung von Erkrankungen im Körper entwirft der Verfas­
ser das eindrucksvolle Bild des geschlossenen Kreises (Kap. 1). Platon hat es in
rep.462 c-d aufgenommen und am Beispiel einer banalen Verletzung (Wunde am
Finger) ausgemalt. In der Darstellung der Gefäßanatomie stehen sich Loc.Hom.3
und Nat.HomAl nahe. Anders als dort wird aber auch das Phänomen des
Gefäßpulses beschrieben und durch den Zusammenprall entgegengerichteter
Blutströme erklärt. In Kap. 6 weist der Verfasser auf numerische Anomalien der
Wirbelsäule hin; die maximale Zahl der Wirbel wird mit 18 allerdings falsch zu
niedrig angesetzt.

64
Die enzephalofugalen Flüsse setzen ein, wenn sich das Fleisch abkühlt oder
erhitzt, sie bewegen sich teils aktiv, teils werden sie von den Zielorganen ange­
zogen und lösen dort, wohin sie gelangen, Krankheiten aus. Der Therapeut muß
daher bemüht sein, die Flüsse zu unterbrechen oder abzuleiten. In Gland. 11
ziehen drei der sieben Flüsse zu anderen Organen als in Loc.Hom. Die im gynä­
kologischen Kapitel erwähnten Flüsse (ßooi/rhooi) haben mit den im Gehirn
entspringenden Fließbewegungen von Kap. 9 nichts zu tun und werden in Mul
I I 3-13 näher ausgeführt.
In Kap. 35 beschreibt der Autor Gymnastik und Medizin als natürliches
Gegensatzpaar und begründet diese Meinung damit, dass erstere im Vergleich zu
letzterer keine Veränderungen hervorrufen müsse. Er fügt aber hinzu, dass sich
diese Aussage nur auf den Gesunden und nicht auf den schmerzgeplagten Kran­
ken beziehe. Eine ähnlich kritische Haltung gegenüber der Gymnastik formu­
liert Platon in Gorg. 464b und re/?.406a-b. Der hippokratische Autor kann mit
seinem Diktum nur die Gymnastik als Sport und nicht die Krankengymnastik
gemeint haben. Die fachlich anspruchsvolle, wenngleich nicht in allen Abschnit­
ten gleich hochwertige Schrift ist weniger konsequent gegliedert als die inhaltlich
nahestehenden Werke Morb.I, Aff., Morb.II, Morb.III und Int.

3.32 Ü b e r die h eilige K ra n k h e it [Περί Ιερής νόσου, Morb.Sacr.\

M: Grensemann H.: Die hippokratische Schrift Über die heilige Krankheit. Berlin,
1968 Laskaris J.: The Art is long. On the sacred disease and the scientific tradition. Lei­
den, Boston, Köln, 2002 Nörenberg H.W.: Das Göttliche und die Natur in der Schrift
Ober die Heilige Krankheit. Frankfurt, Bonn, 1968 Steinmann K. Der Eid des Hippo-
krates. Von der heiligen Krankheit. Neu aus dem Griechischen und herausgegeben von
Kurt Steinmann. Frankfurt am Main, 1996

Format: Einzige monographische Darstellung einer Krankheit im C.H . Rationa­


listische Streitschrift. Versuch einer geschlossenen pathophysiologischen Deu­
tung der Epilepsie.

Entstehungszeit: Ende 5. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Die Epilepsie ist ebenso wenig göttlichen Ursprungs wie andere Krank­
heiten. Die Dämonisierung der Krankheit ist das Werk von Scharlatanen, die die Gottheit
zum Vorwand für ihre therapeutische Ohnmacht nehmen 2: Die Krankheit wird vererbt,
betroffen sind aber nur Schleimsüchtige 3: Die Krankheit geht vom Gehirn aus. Anatomie
der zum und vom Kopf führenden Gefäße 4: Die Gefäße transportieren Luft 5: Man­
gelhafte Reinigung des embryonalen Gehirns von Schleim disponiert zum Anfallslei-
den 6: Folgen des Schleimstroms in Herz und Lungen 7: Der Schleim dringt ins Blut
ein und behindert den Luftstrom. Symptomatik der Epilepsie 8: Besonderheiten der Epi­
lepsie im Kindesalter 9: Besonderheiten der Epilepsie im hohen Alter 10: Jahreszeitli­
che Einflüsse 11: Je länger die Krankheit besteht, desto geringer sind die Aussichten auf

65
Heilung 12: Die Aura und ihre Folgen für das Sozialverhalten 13: Einflüsse der Win­
de 14: Alle Emotionen entstehen im Gehirn 15: Die Gallsucht führt zum agitierten, die
Schleimsucht zu ruhigem Irresein 16-17: Das Gehirn als Sitz des Denkvermögens und
der intellektuellen Erkenntnis 18: Rechtzeitig eingeleitetc diätetische Therapie kann die
Krankheit heilen.

Inhalt: Der hippokratische Autor setzt dem Aberglauben, der die Epilepsie zu
seiner Zeit umgibt, ein Erklärungskonzept entgegen, das sowohl endogene als
auch exogene Ursachen umfasst. Damit wird unredlichen Behandlungsversuchen
der Boden entzogen und der Weg zu einer kausalen Therapie frei gemacht. Für
seine Theorie macht er wichtige Anleihen bei der vorsokratischen Naturphiloso­
phie. In Übereinstimmung mit Alkmaion von Kroton [DK 24 A 8] und Anaxa-
goras [DK 59 A 108] hält er das Gehirn für das führende Organ (Kap. 3, 14-17),
in Anlehnung an Anaximenes [DK 13 A 7, B 2] und Diogenes von Apollonia
[DK 64 A 16] vermutet er, dass die Atemluft den ganzen Organismus durch­
dringt (Kap. 7). Folgerichtig verwirft er die u.a. von Empedokles [DK 31 A 97, B
105] vertretene These, dass das Herz das führende Organ sei - freilich ohne es
zu nennen (Kap. 17). Die für die Pathogenese so wichtigen enzephalofugalen
Flüsse {κατάρροοι/katdrrhooi) werden in Loc.HomAO detailliert beschrieben. Die
inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen Morb.Sacr. und Aer. (z.B. Morb.Sacr.
12 und Tier. 3-4 über die Winde) sind so groß, dass man zeitweilig angenommen
hat, die beiden Traktate könnten vom gleichen Autor stammen.

Sprache: Die Schrift war mehr an Laien als an die ärztlichen Kollegen des Ver­
fassers gerichtet. Der Ich-Stil verschärft die Polemik des leidenschaftlichen Tex­
tes.

3.33 Über die Wunden [Περίέλκων, UL·]

Format: Manual für die chirurgische und pharmakologische Therapie oberfläch­


licher Verletzungen.

Entstehungszeit: 5./4. Jht. v.Chr.

G liederung: Die Schrift besteht aus drei (1-3) klar voneinander getrennten Abschnit­
ten: Allgemeine Pathologie traumatischer Läsionen der Weichteile (1-9), Pharmako­
therapie der verzögerten Wundheilung (10-17) und ausgewählte Kapitel der Trauma­
tologie (18-24)
1 1 Grundzüge der Wundbehandlung 2 Unterschiede bei der Behandlung frischer und
alter Verletzungen 3 Abführende Maßnahmen 4 Lokale Pharmakotherapie 5 Im
Sommer heilen Wunden besser als im Winter 6 Wundreinigung 7 Offene Knochenver­
letzungen 8/9 Entzündliche Komplikationen der Wundheilung
2 10-12,15/16 Lokale Pharmakotherapie 13,17 Trockene Behandlung 14 Hämostypti-
ka (z.B. aus Ägypten)

66
3 18 Behandlung von tiefen Ulzera 19 Therapie chronischer Wunden 20 Behandlung
traumatischer Sehnenverletzungen 21 Lokale Pharmakotherapie 22 Verletzungen des
Rückens 23 Schwellung der Füße 24 Krampfadern. Phlebotomie.

Inhalt und Sprache: Der Traktat stellt die so genannte Kleine Chirurgie der
hippokratischen Arzte dar. Als pathophysiologisches Grundprinzip der lokalen
Entzündung gilt die verletzungsbedingte Hyperämie. Je trockener die Wunde
gehalten wird, desto schwächer ist die Entzündung und um so weniger lang hält
sic an. Daher heilen Verletzungen (mit Ausnahme der Kopf- und Bauchwunden)
in der warmen Jahreszeit schneller.
Für die örtliche Behandlung gibt der praxiserfahrene Autor die Empfehlung,
das Heilmittel nicht nur direkt an der Wunde, sondern auch in deren Umgebung
anzuwenden, um den Eiter abzuleiten (Kap. 10). Abführende Maßnahmen
( ϋτΓθκάθαρσις/hypokdtharsis) werden für nahezu alle Arten von Verletzungsfol­
gen, vor allem für veraltete und verschwärende Wunden, aber auch für solche am
Kopf empfohlen (Kap. 3). Der Autor macht zwar keine Aussagen zur Prognose,
warnt aber in Kap. 7 vor den tiefen Narben, die durch Kauterisation entstehen
können (vgl. Aph. 6,45). Der Text weist eine Reihe von Parallelen zu VC auf
(z.B.f//c. 1 - VC 15).

3.34 Über die Hämorrhoiden [Περί αϊμορροίδων, Haem .]

Format: Wertvolle Übersicht über die Pathogenese und Therapie von Erkran­
kungen der rektoanalen Übergangsregion.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Ätiologie des Hämorrhoidalleidens 2/6: Kauterisation 3: Exzision


4: Äußere Kondylome 5: Innere Kondylome 7: Konservative Therapie 8: Zäpfchen
9: Hämorrhoiden bei der Frau.

Inhalt: Der in Theorie und Praxis gleichermaßen kundige Verfasser beschreibt


kurz und prägnant die Behandlung von Hämorrhoiden und Kondylomen. Die
Schrift ist für die ärztlichen Kollegen bestimmt. Hämorrhoiden entstehen
dadurch, dass sich Galle und Schleim am After sammeln und das Blut anziehen.
Zur Inspektion des Mastdarms wird ein Spekulum (κατοιττήρ/katopter, Kap. 5)
verwendet. Der chirurgischen Therapie wird der Vorzug gegenüber den konser­
vativen Maßnahmen gegeben.

Textgeschichte: Die Schrift wird stets zusammen mit Fist, überliefert und
genannt und ist von Cels. VII 30 benutzt worden.

67
3.35 Über die Fisteln [Περί συριγγών, Fist.]

Format: Für Ärzte bestimmte Fachschrift über Ursachen und Behandlung von
Analfisteln und deren Komplikationen.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Pathogenese der Analfisteln (Verletzungen, Geschwülste, Sport, z.B.


Rudern und Reiten) 2: Rechtzeitige Inzision erforderlich 3: Behandlung mit Knob­
lauch 4-5: Sondierung und Fadenbehandlung 6: Spülbehandlung 7: Therapie der
perianalen Phlegmone 8: Dysurie (als Komplikation der Fistel) 9: Analprolaps
10: Nichtentzündlicher Schmerz am Anus.

Inhalt: Detailreiche Darstellung der konservativen und interventionellen Thera­


pie von Analfisteln. Zur Diagnostik wird das aus Haem. bekannte Spekulum
(Kap. 3) verwendet. Besonderer Nachdruck liegt auf der adäquaten Therapie
ausgedehnter chronifizierter Befunde. Die Behandlung der Fisteln ist anspruchs­
voller als die von Hämorrhoiden. Das Werk stammt von dem gleichen erfahre­
nen Proktologen wie Haem.

Über die Lebensführung I-IV [Περιδιαίτης a - δ, 3.36 - 3.37 - 3.38 - 3.39]

In den vier Büchern über die Lebensführung hat der hippokratische Autor ver­
sucht, das Sujet systematisch darzustellen. Eine Gesamtdarstellung ist daraus
jedoch nicht geworden; in den anderen Diätschriften des C.H ., vor allem Acut
und Salubr.y finden sich viele weitere Details. Offensichtlich ging es dem Autor
vor allem darum, eine von ihm selbst als sensationell empfundene Entdeckung
auf dem Gebiet der Ernährungslehre nicht beziehungslos vorzustellen, sondern
in eine mehrteilige Abhandlung einzubinden. Bei der Innovation handelt es sich
um die Präventivdiät. Ihr hat er ein eigenes Buch mit 15 virtuellen Kasuistiken
{Vict.III) gewidmet. In Vict.I beschreibt er zunächst die Physiologie und Patho­
physiologie der Ernährung unter Rückgriff auf Elemente der Kosmologie, Anth­
ropologie und Biologie der Naturphilosophen. Mit seinem Plädoyer für die
Kombination von Feuer und Wasser als Lebensprinzip stellt er sich dabei in
Gegensatz zur Viersäftelehre von Nat.Hom. In Vict.II werden die wichtigsten
diätetischen Maßnahmen aufgezählt und die Eigenschaften der Nahrungsmittel
katalogisiert. Mit Vict.IV (= Insomn.) wird zwar ein der Ernährungslehre
scheinbar fernes Thema aus der Psychologie auf gegriffen, nämlich die Träume.
Da ihnen aber eine ähnlich große Bedeutung für die Früherkennung von Krank­
heiten und deren diätetische Prävention zugeschrieben wird wie den in Vict.III
geschilderten klinischen Symptomen, bildet das letzte Buch einen sinnvollen;
Abschluss des Werkes.

68
Galen hat für zwei seiner Schriften, nämlich Περί τροφών δυνάμεως [Über
die Kraft der Nahrungsmittel] und Περϊ λεπτυνούσης διαίτης [Über die Schlank­
heitskost], aus Vict. geschöpft, die vier Bücher sonst aber wenig beachtet. Nur
das zweite war seiner Meinung nach des Hippokrates würdig (Gal.XV 455); das
erste hielt er für antiquiert (Gal.WI 473). Die Kapitel der vier Bücher sind
durchnummeriert.

3.36 Über die Lebensführung I [Περίδιαίτης τό πρώτον, Vict.I\

Μ: Joly R.: Recherches sur le traite pseudo-hippocratique du regime. Paris, 1960


A: Diller H.: Der innere Zusammenhang der Hippokratischen Schrift De victu. Hermes
1939; 87: 39-56

Format: Darstellung der kosmologischen, anthropologischen und biologischen


Grundlagen der Diätetik. Kompilation von Forschungsergebnissen vorsokrati-
scher Philosophen (s. Kasten S. 68-69).

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Die Themenschwerpunkte der Schrift werden in fünf (1-5) Sektionen


behandelt: Kosmologie I (4), Kosmologie II (5), Embryologie I (7-10), Embryologie II
(26-31), Kunst und Handwerk als Kopien des Universums und der Natur des Men­
schen (11-24)
1: Vorwort: Kritik an der Diätschriftstellerei und Darstellung der eigenen Arbeitsweise
2: Hinweis auf die eigenen Beiträge zur Diätforschung (Ernährung versus körperliche
Aktivität, Prävention) 3: Anthropologie (alle Lebewesen sind aus Feuer und Wasser
zusammengesetzt)
1 4: Attribute von Feuer und Wasser
2 5: Sowohl die Welt der Götter als auch die der Menschen wandelt sich beständig
6: Natürliche Ordnung von Körper und Seele des Menschen
3 7: Embryogenese und Ernährung 8: Abstimmung der Ernährung auf die Entwicklung
des Ungeborenen 9: Organogenese 10: Das Feuer organisiert die Kreisläufe im Körper
nach dem Vorbild des Universums
4 11: Gegensatz zwischen Natur und Gesetz 12: Weissagekunst 13: Metallbearbeitung
14: Gerberei 15: Schuhmacherei 16: Schreinerei 17: Architektur 18: Musik und Koch­
kunst 19: Gerberei und Korbflechterei 20: Goldschmiedekunst 21: Bildhauerei 22: Töp­
ferei 23: Die Kunst des Schreibens 24: Gymnastik 25: Seele und Körper
5 26: Wachstum des Feten 27: Äußere Bedingungen der geschlechtlichen Differenzie­
rung des Embryo 28: Warum sind Männer unterschiedlich? 29: Warum sind Frauen
unterschiedlich? 30: Zeugung von Zwillingen 31: Überschwängerung 32: Die Qualitä­
ten von Feuer und Wasser bestimmen den Konstitutionstypus des Menschen 33: Typi­
sche Kombinationen der Grundqualitäten in den vier Lebensaltern 34: Typische Kombi­
nationen der Grundqualitäten bei den beiden Geschlechtern 35: Auch die Intelligenz
wird von der Mischung der Grundqualitäten bestimmt 36: Durch Diät nicht beeinfluss­

69
bare Charaktereigenschaften (Jähzorn, Trägheit, Schlauheit, Einfalt, Boshaftigkeit,
Wohlwollen).

Inhalt: Der hippokratische Autor geht in Vict.I einen Weg, den er an anderer
Stelle ( Vet.med. 20, Nat.Hom.lff.) kritisiert: Er entwirft unter Berufung auf
wichtige Vertreter der Naturphilosophie (s. Kasten) eine Theorie von Gesund­
heit und Krankheit, leitet daraus eine neue Diätlehre ab und versucht sie durch
die Praxis zu bestätigen. Doch dieser Entwurf trägt nicht weit. Die Gleichset-

V ic tl und die Vorsokratiker

Vict.12 - Pythagoräer [DK 58 D 1]


Kritik an der Konzeption einer idealen Diät
V ictJ 5 - Heraklit [DK 22 A5]
Feuer (und Wasser) als Urelemente aller Lebewesen
V ictJ A- Anaxagoras [DK 59 A 46, B 17]
Theorie von Entstehung und Wandel
V ic tn - Heraklit [DK 22 A 6]
Theorie des permanenten Wandels
V ic tJ 6 - Anaxagoras [DK 59 B 9]
Schnelligkeit des Wandels
V ic tJ7 - Anaxagoras [DK 59 B 10]
Replikation der Materie
V ictJ %- Pythagoräer [DK 58 B 1]
Harmonielehre
V ictJ 11 - Anaxagoras [DK 59 B 21a]
Erkennung des Unsichtbaren aus dem Sichtbaren (δψις των αδήλων τά φαινό­
μενα/opsis ton adelön ta phainomena)
V ictJ 18 - Pythagoräer [D K 44 B 10]
Individueller Erfolg in Musik und Diätetik
V ictJ 19 - Heraklit [D K 22 B 103], Alkmaion [D K 24 B 2]
Über die Notwendigkeit physiologischer Kreisläufe
V ictJ27 - Anaxagoras [DK 59 A 111]
Mann und Frau tragen zur Bestimmung des Geschlechts der Kinder bei
W c£/35-36 - Empedokles [DK 31 A 87, B 109a]
Anspielung auf die Wahrnehmungstheorie des Empedokles___________________

zung des Feuers mit körperlicher Aktivität und die des Wassers mit der Nah­
rungsaufnahme führt nicht zu einer allgemein gültigen Beantwortung der Frage,
ob ein Symptom durch die Dominanz von Feuer oder Wasser hervorgerufen
wird. In Kap. 23 werden neben den fünf Sinnen der Körper als Ganzes und seine
Ein- und Austrittspforten als Formen (σχήματα/Schemata) der Interaktion
(αισθήσεις/aistheseis) zwischen dem Menschen und seiner Umwelt bezeichnet.

70
Diese Aufzählung ähnelt der Darstellung der sieben Instrumente, mit denen der
Kopf dem Menschen den Zugang zum Leben ermöglicht (in Hebd.%). In Kap. 33
ordnet der Verfasser den vier Lebensaltern (Kindheit, Adoleszenz, Reife, Alter)
je ein Paar der vier Grundqualitäten (warm-kalt, trocken-feucht) zu. Die Schrift
endet mit dem überraschenden Eingeständnis, dass die geschilderte Diät auf
einige wesentliche Charaktereigenschaften des Menschen keinen Einfluss habe.
Den Ausweg aus der Erklärungsnot bietet die Wahrnehmungstheorie des Empe-
dokles (vgl. Vict.III 70)

Textgeschichte: Eine mehr oder weniger freie Übersetzung von Kap. 11,1 -13,2
findet sich - ohne Nennung der Quelle bzw. des Verfassers - in Goethes
„Maximen und Reflexionen“ (86-97).

3.37 Über die Lebensführung II [Περίδιαίτης τό δεύτερον, VictII\

Μ: Dcbru Α.: Hippocrate. La consultation. Paris, 1986


Λ: Boncompagni R.: Empirismo e osservazione diretta nel ΠΕΡΙ ΔΙΑΙΤΗΣ del Corpus
Hippocraticum. Physis 1970; 12: 109-132

Format: Gegenstandskatalog der angewandten Diätetik.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Im Mittelpunkt der Darstellung steht eine Liste von Speisen und Geträn­
ken (39-56).
37: Regionale Klimakunde 38: Die Winde
39: Nur die detaillierte Darstellung ist dem Sujet angemessen 40: Gerste 41: Kaltschale,
Milch 42: Weizen 43: Dinkel, Hafer 44: Frisches und altbackenes Brot 45: Stärkehal­
tige Nahrungsmittel, Samen 46: Fleischsorten 47: Geflügel 48: Fische und Schalentie-
rc 49: Die Qualität des Fleisches 50: Eier 51: Käse 52: Getränke 53: Honig und
süßer Wein 54: Gemüse 55: Früchte 56: Einfluß der Zubereitung auf die Qualität der
Nahrungsmittel 57: Bäder 58: Salbung, Sonnenbad, Kälte, Beischlaf 59: Provoziertes
Erbrechen »60: Schlaf, Schlaflosigkeit, Aktivität und Muße, Sättigung 61: Natürliche
Sinnesempfindungen 62: Spaziergänge 63: Laufsport 64: Gymnastische Bewegungs­
formen 65: Soll man im Staub oder mit eingeöltem Körper trainieren? 66: Glieder- und
Muskelschmerzen.

Inhalt: Die beiden einleitenden meteorologisch orientierten Kapitel wirken zwar


in einem der Diätetik gewidmeten Werk wie ein Fremdkörper. Ihr Inhalt ist
jedoch originell und sie ergänzen die wesentlich umfangreichere Darstellung der
Umweltmedizin in Aer. punktuell. In Kap. 39 wendet sich der hippokratische
Autor - ähnlich wie in Vet.med.15 - gegen die Tendenz, die Nahrungsmittel nur
grob nach Aussehen und Geschmack zu klassifizieren, und rechtfertigt auf diese

71
Weise den nachfolgenden detaillierten Katalog der Speisen und Getränke.
Außerdem weist er auf die Veränderungen hin, die die Lebensmittel durch die
Zubereitung (διά τέχνης /diä technes) erfahren (ähnlich \nAff.55).

Sprache: Trotz der langen Aufzählungen und der Fülle an Details bewahrt der
Verfasser auch im Mittelteil der Schrift den von Vict.I bekannten gepflegten Pro­
sastil.

3.38 Ü b e r die L e b e n sfü h ru n g I II [Περί διαίτης τό τρίτον, Vict.III\

Α: Ducatillon J.: Collection hippocratique, Du Regime, Livre III. Les deux publics. REG
1969; 389/390: 33-42

Format: Patentschrift für eine neue Anwendung der Diätlehre.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 67: Einheitliche Diätempfchlungen sind eine Illusion 68: An den Durch­
schnittsbürger gerichtete Empfehlung zu jahreszeitlich wechselnder Ernährung und
Lebensweise 69: An die Elite gerichtete Empfehlung, auf die Balance zwischen Ernäh­
rung und körperlicher Aktivität zu achten 70-78: Neun Symptomenkomplexe, die auf
Überernährung zurückzuführen sind, und deren Behandlung 79-84: Sechs Symptomen­
komplexe, die auf Mangel- bzw. Fehlernährung zurückzuführen sind, und deren Behand­
lung 85: Auch wenn nicht immer alle Symptome vorliegen, ist eine einheitliche Therapie
angezeigt.

Inhalt: Die beiden ersten Kapitel der Schrift sind unergiebig. In Kap. 67 beklagt
der Autor ähnlich wie in Aph. 1,1 und wie vor ihm Protagoras [DK 80 B 4] die
Limitationen der wissenschaftlichen Erkenntnisfähigkeit, Kap. 68 ist eine Repri­
se der aus SalubrA bekannten Empfehlungen zur saisonal angepassten Ernäh­
rung. Danach bietet der Text aber eine Reihe von Überraschungen. Der Autor
stellt eine als großartig bezeichnete Entdeckung {τάδε τό έξεύρημα καλόν/tode tö
exeurema kalon) in der Diätetik vor, er führt dazu einen neuen Terminus ein, er
empfiehlt das neue Verfahren einer ausgewählten Klientel und er dokumentiert
dessen Leistungsfähigkeit an 15 exemplarischen Fällen. Die Neuerung besteht
darin, dass die Warnsymptome von Krankheiten gesetzmäßig auf ein Ungleich­
gewicht zwischen Nahrungsaufnahme und physischer Aktivität zurückgeführt
werden. Diese Form der vorgezogenen Diagnose wird als 7τροδιάγνωσις/ ;
prodiägnösis bezeichnet und ist der körperlich nicht schwer arbeitenden Minori- v
tät der Bevölkerung Vorbehalten. Bei den 15 Fallbeschreibungen handelt es sich j
nicht um klinische Kasuistiken, sondern um Kombinationen von Symptomen bei Λ
sonst gesunden Individuen, die sich entweder zu üppig ernährt oder zu wenig j
bewegt haben. Der Verfasser beschreibt also nicht einen Praxistest, sondern nur
das Studiendesign. Im Schlusskapitel weicht er auf die Wiederholung von Thera­
pieempfehlungen aus, anstatt die Resultate seiner virtuellen Studie zu resümie­
ren.

Sprache: Den klinischen Szenarien von Vict.III fehlt die Lebendigkeit, die die
Kasuistiken in Epid. aufweisen.

3.39 Über die Lebensführung IV - Träume [Περί διαίτης τό τέταρτον,


Insomn.]

Α: Cambiano G.: Une Interpretation “materialiste” des reves: Du Regime IV. In: Coli.
Hipp.III Paris 1978 (Paris 1980): 87-96 Jouanna J.: Notes sur Phistoire de la subdivisi-
on du traite hippocratique du Regime en livres et sur Pexistence de P Ygieinon dans la
Collection hippocratique. SCO 1989; 39: 13-19

Format: Traktat über die prognostische und diagnostische Bedeutung der Träu­
me.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 86: Die Seele wacht im Schlaf über den Körper 87: Göttliche Träume und
die Träume der Seele 88: Die guten und die schlechten Träume vom vergangenen Tag
89: Die Bedeutung der Himmelskörper für Gesundheit und Krankheit 90: Die Bedeu­
tung terrestrischer Zeichen für Gesundheit und Krankheit 91: Die Bedeutung der Klei­
dergröße 92: Die Bedeutung der Träume von den Toten 93: Andere Traumbilder
(fremdartige Gegenstände, Nahrungsmittel, kleine und große Aktionen) und ihre Bedeu­
tung für die Art und Weise der Ernährung.

Inhalt: Mit Insomn. greift der hippokratische Autor nicht auf die vorwissen­
schaftliche Auslegung von Traumbildern zurück. Zum einen berücksichtigt er
nur die so genannten biologischen Träume, also jene, in denen körperliche Lei­
den (παθήματα/patbemata) dargestellt werden. Zum anderen macht er deren
Fxegese zu einer Angelegenheit der Arzte und leitet daraus konkrete prognosti­
sche Schlüsse und Ratschläge für die Lebensführung ab. Auf diese Weise werden
direkte Brücken zwischen bestimmten Traumerscheinungen und Diätempfeh­
lungen geschlagen. Meistens rät er zu provoziertem Erbrechen, mehrtägigem
Fasten und vorsichtigem Nahrungsaufbau. Ähnliche Maßnahmen legt der Ver­
fasser seinen Lesern auch als Reaktion auf Beobachtungen an Sonne, Mond und
Sternen sowie in der unbelebten Natur nahe. Derartige Empfehlungen sind
durch die in Vict.I 10 postulierte strukturelle Analogie zwischen Mensch und
Universum und insbesondere die Ansicht legitimiert, dass die Bahnen der Him-

73
meiskörper und die Kreisläufe {περιφοραί/periphorai) im Körper korrespondie­
ren.

Textgeschichte: Das vierte Buch trägt in den Handschriften oft einen eigenen
Titel {Περί έννιτνίων [Über die Träume]), folgt aber stets unmittelbar auf Vict.I-
III.

3.40 Über die Krankheiten II [Περινούσων τό δεύτερον, Morb.II\

A: Demont P.: La description des maladies dans les passages paralleles de Maladies II et
des Aphorismes. In: Coll.Hipp.VI Quebec 1987 (Quebec 1990): 171-185 Jouanna J.: La
structure du traite hippocratique “Maladies II” et Tevolution de I’ecole de Cnide. REG
1969; 82: 12-17 Roselli A.: On Symptoms of Diseases: Some Remarks About the
Account of Symptoms in Diseases II and Internal Affections. In: Coll.Hipp.VI Quebec
1987 (Quebec 1990): 159-170 Sigurdarson E.S.: Against fundamentalism in Hippocratic
Hermeneutics. A study of ‘peri nouson b”. C &: M 1997; 48: 149-166

Format: Aus zwei inhaltlich z.T. identischen Sektionen zusammengesetztes


Lehrbuch der speziellen Krankheitslehre.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Die Schrift ist in zwei (1-2) große Abschnitte eingeteilt: Darstellung der
Erkrankungen von Kopf und Hals (1-11) und Darstellung von Erkrankungen a capite
ad calcem (12-75).
1 1: Überhitzung des Kopfes 2: Geschwüre an Kopf und Stamm 3: Syndrom aus Kopf­
schmerz, galligem Erbrechen, Dysurie und Delir 4: Zerebrales Syndrom durch lokale
Hyperämie 5: Sphakelismos des Gehirns 6: Plötzlicher Kopfschmerz, Aphonie und
Bewusstseinsverlust 7: Osteolyse am Schädel 8: Schlaganfall 9: Angina 10: Pharyngi­
tis 11: Tonsillitis
2 12: Vom Kopf ausgehende Erkrankungen 13: Geschwüre am Kopf und Extremitäten­
ödeme 14: Syndrom aus Kopfschmerz, galligem Erbrechen, gelegentlicher Dysurie und
Delir 15: Syndrom aus Schläfenkopfschmerz, Fieber und Störungen der Augenmotili-
tät 16: Ähnliches Syndrom wie 15, jedoch auch mit Symptomen an Ohren und Nase
17: Ähnliches Syndrom wie 15, jedoch mit erheblicher motorischer Unruhe 18: Ähnli­
ches Syndrom wie 17, jedoch ohne Fieber 19: Fieberhafte Erkrankung mit z.T. halbseiti­
gem Kopfschmerz 20: Sphakelismos des Gehirns 21: Plötzlicher Kopfschmerz, Aphasie,
Bewusstseinsverlust und Polyurie 22: Aphonie, die durch eine Erkrankung des Thorax
verursacht wird. Begleitendes Fieber prognostisch günstig 23: Sphakelismos des
Gehirns 24: Osteolyse 25: Schlaganfall 26-28: Drei Formen der Angina 29: Pharyngi­
tis 30: Tonsillitis 31: Mundbodenphlegmone 32: Schwellung des Gaumens 33-37: Na­
senpolypen 38-39: Ikterus 40-43: Verschiedene Fieber 44-46: Pleuritis 47-48: Pcri-
pleumonie 49: Phthisis 50: Aphthöse Tracheitis 51: Phthisis des Rückenmarks
52: Nicht näher bestimmbares Lungenleiden 53: Verletzung der Luftröhre 54: Ruptur
eines Lungenlappens 55: Erysipelas der Lunge 56: Erkrankung des Rückenmarks

74
57: Geschwulst in der Lunge 58: Zerreißung der Lunge 59: Prolaps der Lunge in die
Planke 60: Geschwulst der seitlichen Thoraxwand 61: Lungenhydrops 62: Schwere
Verletzung des Brustkorbs oder des Rückens 63: Brennfieber 64: Fieber und Schluck­
auf 65: Lethargos 66: Marasmus 67: Das so genannte Mordfieber 68: Die so genannte
bleiche Krankheit 69: Unstillbares Rülpsen 70-71: Schleimbedingte Erkrankungen
72: Hypochondrie 73-74: Magen-/ Darmblutungen 75: Magen-/ Darmblutungen und
Ausscheidungen von Gallethromben.

Inhalt: Der zweite Teil der Schrift ist der Wahl der Themen wie dem Umfang
der Darstellung nach die Langform des ersten: Der Wahl der Themen nach, weil
er in den Kap. 12-30 die Besprechung der Erkrankungen von Kopf und Hals
wiederholt, und dem Umfang der Darstellung nach, weil er - anders als der erste
- nicht nur die Ätiologie, Pathogenese und Symptomatik beschreibt, sondern
auch ausführlich auf Therapie und Prognose eingeht. Jouanna glaubt, dass der
zweite Teil mehrere Jahrzehnte nach dem ersten und von einem anderen Autor
als dem des ersten geschrieben wurde. Er vermutet außerdem, dass Morb.II
gleichsam die zweite Auflage der so genannten Knidischen Sentenzen bildet. Zur
Begründung verweist er u.a. auf die Ähnlichkeit der Darstellung der so genann­
ten bleichen Krankheit (πελίη νουσος/pelie noüsos) in Kap. 68 und in einem bei
Galen (Gal.XV 136, XVII A 888) erhaltenen Fragment des Euryphon von Kni­
dos.

Sprache: Dem Werk fehlen Einleitung und Schluss. Die Darstellung ist präzise
und verzichtet auf Schnörkel. Am Kopf jedes Kapitels findet man entweder
explizit den Namen der Krankheit bzw. Krankheitsvariante oder den Verweis auf
das nächste Thema (z.B. έτέρη νοϋσος/hetere nousos). Diese Formulierungen
unterstreichen den lexikalischen Charakter der Schrift.

3.41 Ü b e r die K ra n k h eite n III [Περινοόσων τό τρίτον, MorbJII\

Μ: Pottcr Ρ.: Die hippokratische Schrift Περί νούσων γ, de morbis III. Kiel, 1974

Format: Unprätentiöse und benutzerfreundliche Darstellung häufiger Erkran­


kungen für den praktisch tätigen Arzt. Schwerpunkte: Neurologie und Pneumo­
logie.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Ödem des Gehirns 2: Kopfschmerz 3: Schlaganfall 4: Trockene Gan­


grän des Gehirns 5: Lethargos 6: Kausos 7: Phlegmasie der Lungen 8: Akute Apha­
sie 9: Phrenitis 10: Angina 11: Ikterus 12: Tetanos 13: Opisthotonus 14: Ileus
15: Peripleumonie 16: Pleuritis 17: Liste von 25 erfrischenden Getränken zur sympto­
matischen Behandlung des Brennficbers.

75
Inhalt: Die Schrift ist dank ihrer klaren Gliederung und einfachen Sprache gut
lesbar, die diagnostischen Hinweise und therapeutischen Empfehlungen sind frei
von theoretischem Ballast. Jedes der 16 nosologischen Kapitel beginnt mit dem
Namen bzw. Leitsymptom der Krankheit und führt den Leser in einheitlicher
Folge von der Symptomatik über den Verlauf und die Prognose zur Therapie.
Sieben Kapitel (1-4, 8, 12-13) sind neurologischen, die beiden längsten (15, 16)
sind pneumologischen Erkrankungen gewidmet. Es lassen sich zwar zahlreiche
inhaltliche Parallelen zu Morb.II nachweisen (z.B. Morb.III 3 - Morb.II 15.18.25
über Inzisionen bei Apoplexie, Morb.III 5 - Morb.II 65 über den Lethargos).
Sonst unterscheiden sich die beiden Schriften aber so stark, dass sie kaum vom
gleichen Verfasser stammen. In Kap. 3 führt der Autor die uni- oder bilaterale
Okulomotoriuslähmung als Symptom jener Krankheit an, an der die
βλητoi/bletoi [vom Schlag Getroffene] leiden. Man kann daraus schließen, dass es
sich um eine Läsion schädelbasisnaher Organe gehandelt hat. Die Beschreibung
der Begleitsymptome (Schreien, Aphonie) des Opisthotonus (in Kap. 13) kehrt
in Coac. 355 - allerdings in umgekehrter Reihenfolge - wieder, die prognostische
Bedeutung der an der Zunge erkennbaren Zeichen für die Hämoptoe bei Pleuri­
tis in Coac. 378.

Sprache: Der Einleitungssatz von Morb.III ist identisch mit dem Schlusssatz von
Hebd. Die beiden Schriften unterscheiden sich inhaltlich jedoch grundlegend
und gehören trotz der Wiederholung nicht zusammen. Littre hat aus dem über­
einstimmenden Wortlaut der beiden Sätze gefolgert, dass Morb.III das Fragment
eines verloren gegangenen Werkes über die Fieber sei, und seine These damit
begründet, dass in Morb.II Fieber nicht das beherrschende Thema sei, sondern
nur beiläufig erwähnt werde. Diese Begründung ist jedoch ebenso unsicher wie
die Annahme, dass das dem Werk inhaltsfremde letzte Kapitel ein Bruchstück
der verlorenen Schrift Φαρμακΐτις [Arzneimittellehre] sei.

3.42 Über die inneren Leiden [Περί των εντός παθών, Int]

Α: Lami Α.ΐ [Ippocrate], Affezioni interne I e dintorni. FAM 1996; 11: 89-100

Format: Manual der Inneren Medizin und Neurologie. Der Schwerpunkt der
Darstellung liegt auf den schweren Erkrankungen.

Entstehungszeit: Anfang 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1-9: Erkrankungen der Thoraxorgane 10-12: Drei Typen der Phthisis
13: Absteigende Lähmung 14-17: Vier Typen von Nierenerkrankungen 18-19: Ab-
und aufsteigende Rücken-, Bein- und Kopfschmerzen 20: Der Schleim als krankmachen­
des Prinzip 21: Durch weißen Schleim hervorgerufene Symptome 22-26: Die verschie­
denen Formen des Hydrops 27-29: Erkrankungen der Leber 30-34: Erkrankungen der

76
Milz 35-38: Formen des Ikterus 39-43: Formen des typhösen Fiebers 44: Ileus
45: Ikterischer Ileus 46: Blutiger Ileus 47-50: Die so genannten dicken Krankheiten 51:
Ischias 52-53: Formen des Tetanos.

Inhalt: Ähnlich wie in Aff. werden Schleim und Galle auch in Int. als Kausalfak­
toren vieler innerer Erkrankungen betrachtet. Etwa jedes zweite Kapitel enthält
im letzten Satz einen Hinweis auf den Em st der Erkrankung (z.B. Kap. 19: ήγάρ
νονσος χαλεπή/he gar noüsos chalepe [denn die Krankheit verläuft schwer]. Das
Werk weist eine Reihe von Parallelen mit Morb.il (z.B. Int. 1 - Morb.II 53 über
Hämoptysen) und Morb.III auf. Die in Kap. 8 beschriebene, durch körperliche
Anstrengung hervorgerufene Erkrankung der Brust und des Rückens kehrt in
Prorrh.II 7 wieder. Bei den in den Kap. 47-50 geschilderten mutmaßlich systemi­
schen Infektionen kombinieren sich neurologisch-psychiatrische Symptome
(z.B. Halluzinationen) mit verschiedenen Krankheitszeichen an anderen Orga­
nen (z.B. Hodenschwellung).

Sprache: Die Schrift sollte als Nachschlagewerk dienen. Dieser Intention dienen
die Anordnung der nosologischen Entitäten a capite ad calcem und die Gliede­
rung der Krankheitsbeschreibungen in jeweils vier Sektionen (Ätiologie, Symp­
tomatologie, Therapie, Prognose). Galen hat die Schrift mehrfach genannt und
trotz grundsätzlicher Bedenken (Gal.XV 537) einen Kommentar dazu verfasst
(Scr.min.II 112).

3.43 Über die N atur der Frau [Περίγυναικείης φύσεως, Nat.Mul]

M: Andö V.: Ippocrate. Natura della Donna. Introduzione, traduzione e note. Milano,
2000

Format: Unsystematischer, aber didaktisch brauchbarer Auszug aus M ul.I-IIl .


Thematischer Schwerpunkt: Therapie.

Entstehungszeit: Anfang 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Die Schrift setzt sich aus fünf (1-5) Sektionen zusammen.
1: Vorwort (Kriterien für die Klassifizierung der Frauenleiden)
1 Erkrankungen der Gebärmutter: Hydrops (2,35) Prolaps (4,5,81) Innere Dislokation
(3,6,8,14,25,30,38,40,44,47-49,54,58,62,73,75,79,87) Torsion (43) Schmerzen (50,80,85)
Fluor (15,82,90) Entzündung (10-12,55,57,78) Verhärtung (28, 31,36,37) Erweichung
(46) Anschwellung durch Luft (41,64) Blutung (42) Iatrogene Geschwüre an Uterus und
äußerem Genitale (108)
2 Geburtshilfe: Regelstörungen (18,22,23,59,71,72,74,77,106) Mechanische Probleme
bei der Konzeption (7,13,20,21,24,26,45,53,67) Abort (16,17,19,63) Probleme bei der
Entbindung (52,56,69, 76,88) Probleme im Wochenbett (9,27,29,51,84)
3 Erkrankungen des äußeren Genitale: Aphthen (60,86,100) Geschwüre (66,8-3) Kondy­
lome (65)
4 Internistische Symptome der Frau: Dysurie (61) Atemnot (68) Flankenschmerz (70)
Galle im Uterus als Ursache von Kopf- und Bauchweh (89) Steinleiden bei Jungfrauen
( 101)
5 Rezepturen: Allgemeine gynäkologische Pharmakotherapie (32) Vaginalspülungen
(33,104) Räucherungen (34,103) Kathartika (91,109) Mittel gegen Schmerzen des Uterus
(92) Laktagoga (93) Empfängnisfördernde Mittel (94,96) Abortiva (95) Pessare (97)
Kontrazeptiva (98) Schwangerschaftstest (99) Umschläge (102) Dampfbäder (105,107).

Inhalt: Der Traktat beschreibt - anders als sein Titel vermuten läßt - nicht die
spezielle Physiologie der Frau, sondern ist ein vorwiegend therapeutisch orien­
tierter Leitfaden der Gynäkologie und Geburtshilfe (s. Kasten S. 82). Ätiologie
(z.B. Kap. 5 über die Ursachen des Uterusprolaps) und Prognose (z.B. Kap. 40
über die Chronizität der Schräglage des Uterus) werden nur gestreift. Beziehun­
gen zwischen der Pathologie der Säfte und ungewollter Kinderlosigkeit werden
in den Kap. 22 und 106 hergestellt. In Kap. 15 postuliert der Verfasser einen kau­
salen Zusammenhang zwischen einer schmerzhaften Unterleibserkrankung und
dem phlegmatischen Charakter einer Frau bzw. der Stase der Galle. Dazu passt
auch die in Kap. 89 beschriebene Galleretention im Uterus als Ursache von
Kopf- und Bauchschmerzen. Kap. 54 schildert drastisch die Defäkationsproble-
me, die durch eine den Prolaps begleitende Rektozele entstehen können. Die
Kap. 32-34 stellen eine lange Aufzählung von Purgativa, Emmenagoga, Spül-
und Räuchermitteln dar. In Kap. 32 (aus MuLH 92) wird die Heilpflanze φιλία-
τιον/philistion (vielleicht identisch mit dem klebrigen Labkraut) erwähnt, deren
Namen man früher irrtümlich auf den Arzt Philistion von Lokroi (4. Jht. v.Chr.)
bezogen hat.

Sprache und Textgeschichte: Der größte Teil - etwa neun Zehntel - des Texts
ist M ul.I-lII entlehnt und gegenüber dem Original verkürzt und vereinfacht
worden. Zu dem Vorwort, das man als originären Beitrag des Epitomators ange­
sehen hat, existiert eine Parallele in Mul.II 2. Auch der Text selbst weist zahlrei­
che Wiederholungen (z.B. Kap. 2 und 35, beide aus M ull 59-61) auf.

3.44 Ü b e r das S ie b e n m o n a tsk in d [Περί έπταμήνου, Septim.]


Ü b e r das A c h tm o n a tsk in d [Περί οκταμήνου, Oct.]

M: Grensemann H.: Die hippokratische Schrift περί οκταμήνων (De octimestri partu).
Ausgabe und kritische Bemerkungen. Kiel, 1960

Format: Prognostisch orientierte zweiteilige (Kap. 1-9: Siebenmonatskind,


Kap. 10-13: Achtmonatskind) Monographie über die letzten Monate der

78
Schwangerschaft und die Geburt, in der dem Achtmonatskind die Lebensfähig­
keit abgesprochen wird. Frühes Beispiel einfühlsamer Schwangerenberatung.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Der sieben Monate alte Fetus 2: Perinatale Sterblichkeit 3: Vierzig


gefährliche Tage 4: Erfahrungen der Frauen 5: Krankheiten des achten Monats
6-7: Entbindung im neunten Monat 8: Leiden des achten Monats 9: Kritische Tage für
Aborte 10: Geburt im achten Monat 11: Gefahren der unkomplizierten Geburt
12: Versorgung des Neugeborenen 13: Spekulationen über den Zeitpunkt der Konzepti­
on.

Inhalt: Der Autor, ein mutmaßlich ausgewiesener praktischer Geburtshelfer und


hervorragender Beobachter, beschreibt den Verlauf des letzten Trimenons unter
Nutzung von Elementen der pythagoräischen Zahlensymbolik. Die Ereignisse
der Schwangerschaft werden nach bestimmten Perioden berechnet; dabei kommt
neben Monat und Jahr dem Intervall von 40 Tagen besondere Bedeutung zu. In
den ersten 40 Tagen der Gravidität ist die Gefahr der Fehlgeburt am größten und
in den ersten 40 Tagen nach der Geburt die Säuglingssterblichkeit am höchsten.
Das Ungeborene wird ab dem siebten Monat für lebensfähig gehalten. Auch
Kinder, die im neunten und zehnten Monat auf die Welt kommen, haben eine
gute Überlebenschance. Die Prognose des Achtmonatskinds ist hingegen
schlecht, und zwar deshalb, weil es zwei kritische Situationen gleichzeitig zu
bestehen hat, nämlich die Geburt und die Wechselfälle und Leiden (μεταβολαι
και κακοπάθειαι/metabolai kai kakopdtbeiai), die jedes Kind im achten Monat
durchmacht, sei es innerhalb oder außerhalb der Gebärmutter.

Textgeschichte: Die beiden Teile werden in den antiken Ausgaben separat und
in wechselnder Reihenfolge überliefert, bilden aber eine Einheit. Zwischen den
Kapiteln 9 und 10 scheint ein Stück zu fehlen.

3.45 Über den Samen [Π ερίγονής, Genit.}

M: Lonie I.M.: The Hippocratic treatises On generations, On the nature of the child,
Diseases IV. A commcntary. Berlin, 1981

Format: Erster Teil eines Lehrbuchs der Embryologie, das viele Berührungs­
punkte mit der vorsokratischen Philosophie aufweist.

Entstehungszeit: 5. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1/3: Bildung und Wanderung des Samens 2: Zeugungsunfähigkeit


4-5: Beischlaf und Empfängnis 6—7: Männlicher und weiblicher Samen 8: Ähnlichkeit
von Kindern und Eltern 9-11: Schwangerschaftsassoziierte und erbliche Fehlbildungen.

79
Inhalt: In den Kap. 1 und 3 wird ausgeführt, dass der Samen in allen Partien des
Körpers entsteht, in Kap. 6, dass sowohl der Mann als auch die Frau Samen bil­
det. Beide Thesen stammen von Demokrit [DK 68 A 141, A 146], werden aber
auch von anderen Vorsokratikern, z.B. Empedokles [DK 31 A 81] vertreten. Der
stärkere Samen bestimmt das Geschlecht des Kindes. Auf Alkmaion [DK 24 A
13] und Pythagoras [DK 14 B la] bezieht sich der Autor, wenn er behauptet,
dass der Samen aus dem Gehirn durch das Rückenmark in die Geschlechtsorgane
absteigt (Kap. 1). Im letzten Kapitel streift der Verfasser die Frage, weshalb ver­
stümmelte Menschen (πεπηρωμένων άνθρώττων/ρερέτόπιέποπ anthröpön) viel­
fach gesunde Kinder haben. Die Antwort lautet kurz: Weil auch sie über alle
Anlagen vollzählig verfügen. Nur wenn eine Krankheit hinzu kommt, die die
Produktion des Samens aus dem Feuchten reduziert, sind auch die Kinder der
Behinderten von der Deformierung betroffen.

Sprache: Das Werk bildet die Einleitung zu dem mehr als doppelt so langen
Traktat Nat. Puer. und steht letzterem auch stilistisch nahe; die Identität der
Verfasser ist daher so gut wie sicher.

3.46 Über die N atur des Kindes [Περί φύσιος παιδιού, Nat.Puer :]

Μ: Lonie Ι.Μ.: The Hippocratic treatises On generations, On the nature of the child,
Diseases IV. A commentary. Berlin, 1981
A: Lonie I.M.: On the botanical excursus in de natura pueri. Hermes 1969; 97: 391-411

Format: Zweiter Teil des Lehrbuchs der Embryologie, der die Entwicklung des
Kindes von der Empfängnis bis zur Geburt auch unter dem Gesichtspunkt der
vergleichenden Physiologie beschreibt.

Entstehungszeit: 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 12: Verschmelzung der Samen. Das Produkt umgibt sich mit einer Mem­
bran 13: Beschreibung eines sechs Tage alten Embryo 15: Nabelschnur 16: Bildung
des Chorion 17-20: Wachstum und Differenzierung des Embryo 21: Erste Kindsbewe­
gungen. Bildung der Milch 22-27: Botanischer Exkurs 28: Lage des Kindes in der
Gebärmutter 29: Vergleich mit der Entwicklung des Hühnereis 30: Entbindung
31: Zwillinge.

Inhalt: Der Traktat besticht durch seine präzisen Beobachtungen an Mensch,


Tier und Pflanze. Jungen wachsen schneller als Mädchen (in 30 gegenüber 42 Ta­
gen) und bewegen sich früher als jene (nach drei gegenüber vier Monaten) im
Mutterleib. In der Entwicklung der Organe bilden Nägel und Haare den
Abschluss. Die Schwangerschaft geht dann zu Ende, wenn das Kind von der
Mutter nicht mehr ausreichend ernährt werden kann, sich bewegt, die Häute zer­

80
reißt und zu wandern beginnt. Der Autor empfiehlt dem Leser, selbst ein einfa­
ches, aber äußerst instruktives Tierexperiment durchzuführen, nämlich die Ent­
wicklung des bebrüteten Hühnereis am Beispiel von 20 oder mehr Eiern Tag für
Tag mit eigenen Augen zu verfolgen. Schließlich erweitert der Verfasser die Ana­
logie der Embryogenese von Menschen und Tieren um Parallelen der Entwick­
lung von Menschen und Pflanzen. Die Mutter wird dabei mit der Sonne und die
Kinder werden mit den Pflanzen verglichen.

Textgeschichte: Der Verfasser ist wohl mit dem von M ull (Hinweis in Kap. 73)
identisch.

3.47 Über die Krankheiten IV [Περινούσων τό τέταρτον, Morb.IV\

M: Lonie I.M.: The Hippocratic treatises On generations, On the nature of the child,
Diseases IV. A commentary. Berlin, 1981
A: Joly R.: Indices lexicaux pour la datation de G6neration - Nature de Penfant - Mala-
dies IV. In: Coli Hipp.II Mons 1975 (Mons 1977): 136-147 Kahlenberg W.: Die zeitli­
che Reihenfolge der Schriften περί γονής, περί φύσιος παιδιού und περί νούσων 4 und ihre
Zusammengehörigkeit. Hermes 1954; 83: 252-256

Format: Für Ärzte und Laien gleichermaßen geeignetes Lehrbuch der Patho­
physiologie auf dem Boden der Vicrsäftelchre. Die schwarze Galle ist dabei
durch das Wasser ersetzt.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1 (32): Die Mischung der Säfte bestimmt sowohl im Neugeborenen- wie
im Erwachsenenalter über Gesundheit und Krankheit 2 (33): Der Magen ist die Quelle
der Säfte, die aus den Nahrungsmitteln und Getränken stammen 3 (34): Vergleich mit
der Pflanzenwelt 4-7 (35-38): Ursachen der Vermehrung von Schleim, Galle, Wasser
und Blut 8-9 (39-40): Kreislauf der Säfte zwischen Körper und Bildungsstätte nach
dem Prinzip der kommunizierenden Röhren 10 (41): Ausscheidungswege für die Säf­
te 11-13 (42-44): Voraussetzungen für Gesundheit (u.a. Entleerung am 3. Tage) 14-15
(45-46): Fieber durch Ungleichgewicht der Säfte 16 (47): Der Tod tritt an ungeraden
Tagen ein 17 (48): Auch Wunden entzünden sich an ungeraden Tagen 18 (49): Jede
durch Störung der Säfte bedingte Krankheit hat sieben Zeichen 19-21 (50-52): Drei
Hauptursachen von Krankheit (mangelhafte Entleerung, ungünstige Klima- bzw. Lebens­
verhältnisse, Verletzungen und körperliche Anstrengungen) 22 (53): Ursache des Fie­
bers 23-26 (54-57): Varia (Bandwurm, Steinleiden, Hydrops).

Inhalt: Die Darstellung der Humoralpathologie in Morb.IV ist weniger bekannt


als die in Nat.Hom. Sie enthält jedoch wichtige zusätzliche Detailinformationen
(z.B. Bildungsstätten und Ausscheidungswege der Säfte in Kap. 2 und 10, Son­
derstellung der Gallenblase in Kap. 9). In Kap. 25 wird die als knidisch überlie-

81
ferte Ansicht, dass ein Teil der Flüssigkeit, die der Mensch zu sich nimmt, in die
Lungen gelange, zurecht verworfen; Platon {Tim. 70c) hält dagegen an der irri­
gen Auffassung fest.

Textgeschichte: Der Verfasser ist identisch mit dem von Genit. und Nat.Puer.
und der so genannten Schicht C der gynäkologischen Schriften. Littre hat die
Kapitel der drei Traktate durchnummeriert (Zahlen in Klammern).

Die großen gynäkologischen Traktate [3.43 - 3.48 - 3.49 - 3.50]

M: Countouris N.: Hippokratische Gynäkologie. Die gynäkologischen Texte des Autors


B nach den pseudo-hippokratischen Schriften De muliebribus I und TI. Diss. Hamburg,
1985 Grensemann H.: Knidische Medizin, I: Die Testimonien zur ältesten knidischen
Lehre und Analysen knidischer Schriften im Corpus hippocraticum. Berlin,
1975 Grensemann H.: Hippokratische Gynäkologie. Die gynäkologischen Texte des
Autors C nach den pscuodohippokratischen Schriften De muliebribus I, II und De steri-
libus. Wiesbaden, 1982 Grensemann H.: Knidische Medizin, II: Versuch einer weiteren
Analyse der Schicht A in den pseudohippokratischen Schriften De natura muliebri und
De muliebribus I und II. Stuttgart, 1987 Jouanna J.: Hippocrate. Pour une archeologie
de P ecole de Cnide. Paris, 1974 Trapp H.: Die hippokratische Schrift „ De natura
muliebri“. Ausgabe und textkritischer Kommentar. Diss. Hamburg, 1967

Ähnlich wie für die großen chirurgischen Werke postuliert man auch für die
großen gynäkologischen Traktate ein Quellenwerk, aus dem die Schriften her­
vorgegangen sind. Darauf weisen sowohl inhaltliche (z.B. identische Therapie­
empfehlungen) wie stilistische Kriterien (z.B. identische Erklärungsschemata)
hin. Diesem Opus wird eine ähnliche Bedeutung zugeschrieben wie den so
genannten Knidischen Sentenzen. Es dürfte den Titel Γυναικείοι νούσοι oder
Γυναικεία νοσήματα [Frauenleiden] getragen haben und nach Genit (Ankündi­
gung in Kap. 4) bzw. Nat.Puer. (Ankündigung in Kap. 15) und vor Morb.IV
(Bemerkung in Kap. 26) verfasst worden sein. Am besten scheint es in Mul.II
und Nat.Mul. erhalten zu sein.
Grensemann und Countouris unterscheiden innerhalb der großen gynäkolo­
gischen Schriften drei verschieden alte Schichten (A,B,C). Diese Differenzierung
basiert sowohl auf Analysen der medizinischen Aussagen wie des Sprachge­
brauchs. Die Texte der Schicht A sind überwiegend aus der Erfahrung gewonne­
ne Schilderungen von Krankheiten und deren Behandlung, die der Schicht B
(z.B. Nat.MulA) bieten pathophysiologische Erklärungsversuche und jene der
Schicht C (z.B. Mul.III 1) beschränken sich auf die Darstellung von Ätiologie
und Symptomatik, klammern also die Therapie aus. Zusätzlich werden innerhalb
von Schicht A zwei Serien (Aj und A2) unterschieden. A, ist die ältere; sie ist
ganz an der Anwendungspraxis orientiert. In A2 werden dagegen auch überge­
ordnete kausale Verknüpfungen (z.B. die Zweisäftelehre) diskutiert. Nat.Mul>
35-109 werden der Serie A l7 Nat.Mul. 2-34 der Serie A2 zugeordnet. Auch in \
Mul.I und II können Texte der Serien A) und A2 differenziert werden. :\

82
3.48 Über die Frauenkrankheiten I [Γυναικείων τό πρώτον, Mul.I\

Format: Umfangreiche Darstellung der Frauenkrankheiten. Schwerpunkt: Fort­


pflanzungsmedizin. Plädoyer für ganzheitliche Medizin.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Vorteile der Mutterschaft für die Gesundheit der Frau. Physiologische
Unterschiede zwischen den Geschlechtern 2: Pathomcchanismus der A- und Dysme­
norrhoe 3: Therapie der Amenorrhoe 4-5 Hypo-/ Hypermenorrhoe 6/11: Menstrua­
tionshygiene 7/53: Krampf der Gebärmutter 8/57: Gallige Menstruation 9: Schleimige
Menstruation 10: Ausbleibende Empfängnis 12-16/18: Richtiges Verhalten nach der
Empfängnis 17: Ganzheitliche Gynäkologie 19: Lange unerfüllter Kinderwunsch
20: Jungfernhäutchen 21: Frühabort 22-24: Förderung der Fruchtbarkeit 25: Erkran­
kungen in der Schwangerschaft 26: Galliger Ausfluss 27-28: Drohender Verlust des
Kindes 29: Schleimbedingte Probleme der Schwangerschaft 30: Von der Milz ausge­
hende Probleme der Schwangerschaft 31: Schwangerschaftsödeme 32: Dyspnoe der
Schwangeren 33: Fchllagcn des Kindes 34: Ikterus zum Termin 35-42: Lochien
43: Postpartale Hämatemesis 44: Probleme beim Stillen 45-46: Nachgeburt 47: Reten­
tion des Frühaborts 48: Retention der Nachgeburt 49: Verletzung des Uterus intra par­
tum 50: Entzündung des Uterus post partum 51: Medikamentöse Therapie der Erkran­
kungen des Uterus 52-54: Wochenbettfieber 56: Zu schnelle Geburt 58: Abort durch
schlcimgefüllte Plazenta 59-60: Hydrops uteri 61: Generalisiertes Ödem. Milzschwel­
lung 62: Das besondere Verhältnis des Arztes zu den Frauen 63-66: Geschwüre des
Uterus 67: Schwere Verletzung des Uterus bei Fehlgeburt 68: Probleme der Fehlge­
burt 69: Zwillingsentbindung 70: Bergung von Totgeburten 71: Blasenmole
72: Erkrankungen durch die Lochien 73: Stillunfähigkeit 74-91: Rezeptsammlung (u.a.
Emmenagoga, konzeptionsförderndc Mittel, Kontrazeptiva, wehenfördernde Mittel,
Cholcretika, Kathartika, Abortiva) 92-109: Varia (u.a. Husten im Kindesalter, Antisepti­
ka, Salbe bei Rektumprolaps, Enthaarungsmittel).

Inhalt: Die Schrift stellt die Frauenheilkunde auf der Basis einer überzeugenden
Synthese von Organ- und Humoralpathologie dar. Dabei fällt allerdings nur der
Galle und dem Schleim pathogenetische Bedeutung zu. Der Verfasser weist in
den Kap. 1, 44 und 73 auf sein Werk Nat.Puer. und in Kap. 2 auf seine Schrift
Virg. hin. Die Angaben zu den ersten Kindsbewegungen (Kap. 71) stimmen zwar
mit jenen in Nat.Puer. 21 überein, stehen aber in Widerspruch zur entsprechen­
den Aussage in Alim. 42 (erste Bewegungen am 70. Tag der Schwangerschaft!).
Mehrfach wird - ebenso wie in Mul.Il - mit jeweils eindringlichen Worten (z.B.
Kap. 36: επειτα άπόληται έξαπίνης/epeita apoletai exapines [dann stirbt sie plötz­
lich]) auf die z.T. schlechte Prognose der schwangerschaftsassoziierten Erkran­
kungen hingewiesen.

Textgeschichte: Das Kernstück der Schrift endet mit Kap. 73. Die Kap. 74-91
enthalten ausschließlich Hinweise zur Herstellung und Anwendung von bei

83
Frauenleiden wirksamen Pharmaka, die Kap. 92-109 (Νόθα [Anhang]) stammen
wohl aus der in Aff. 9 erwähnten Φαρμακϊτις [Arzneimittelkunde].

3.49 Über die Frauenkrankheiten II [Γυναικείων τό δεύτερον, Mul.II\

Format: Umfangreiche Darstellung der Frauenkrankheiten. Schwerpunkt:


Gynäkologie. Plädoyer für ganzheitliche Medizin.

Entstehungszeit: Wende 5-/4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1/6-13: Fluor und begleitende Allgemeinsymptome 2: Die Bedeutung der


Konstitution für die Erkrankungen der Frau 3- 4: Gynäkologische Blutungen 5: Gelenk­
blutungen nach Fehlgeburt 14-18/20-27/30-38/40-41/43/94-93: Dislokation des Ute­
rus 19/60-62: Entzündung des Uterus 28: Überblick über die Erkrankungen des Ute­
rus 29: Allgemeinsymptomc bei gynäkologischen Erkrankungen 39: Krampf des
äußeren Genitale 42: Aphonie bei Erkrankungen des Uterus 44: Ausstoßung der Nach­
geburt 45: Irritation des Uterus 46-48/50-54: Verhärtung des Uterus 49/72: Konzep­
tionsunfähigkeit 55: Verschluß des Uterus 56: Blutgerinnsel im Uterus 57-59: Klaf­
fender Muttermund 63: Instillation bei Schmerzen im Uterus 64: Blasen am
Muttermund während der Monatsblutung 65-65bis: Erysipelas uteri 66-67: Hydrops
Uteri 68/70/93/102: Luft im Uterus 69: Verhärtung nach der Konzeption 71: Bildung
fleischartigen Fettgewebes 73-74: Schwarze Galle im Uterus. Zentral nervöse Sympto­
me 75: Kälte und Erstarrung des Uterus 76: Übler Mundgeruch und Gingivitis
77: Verhärtung der Mamillen 78: Askariden 79: Mittel zur Gesichtspflege und Glättung
von Falten 80-82: Mittel gegen Haarausfall, Sommersprossen und Flechten 83-88:
Lokale Pharmakotherapie des Fluor 89: Mittel gegen Bauchschmerzen bei Fluor 91-92:
Utcruskrampf und Allgemeinsymptome 96-97: Mittel zur Erweichung und Reinigung des
Uterus 98: Zur Blase ziehender Uterusschmerz 99: Allheilmittel bei Erkrankungen des
Uterus 100: Mittel gegen Schmerzen des Uterus nach Reinigung 101: Mittel gegen
Aphthen am äußeren Genitale 103: Kondylome am äußeren Genitale.

Inhalt: Der Traktat beschreibt die Symptomatik und Therapie der Erkrankungen
des Uterus und des äußeren Genitale auf dem Boden von Solidar- und Humoral­
pathologie. Die Behandlung wird vom Konstitutionstyp der Frau abhängig
gemacht (Kap. 9). Der Autor schildert nicht nur die gynäkologischen Leitsymp­
tome, sondern auch lokale Komplikationen (z.B. Harnstauung, Kap. 22) und die
teilweise beträchtlichen Allgemeinsymptome gynäkologischer Erkrankungen
(z.B. Gesichtsschwellung und Sehverschlechterung, Kap. 7). Kap. 65bis ist eine
dramatisierte Version von Kap. 65. Das in den Kap. 68 und 70 beschriebene
schwere Krankheitsbild, das durch das Eindringen von Luft in den Uterus ausge­
löst wird, kann z.B. als Hinweis auf eine enterale Fistel oder eine Anaerobierin­
fektion gedeutet werden. Der in Kap. 76 zur Mundpflege empfohlene Pfeffer
(ινδικόν φάρμακον/ indikön phdrmakon) ist nach Mul.l 81 auch in der Augen­
heilkunde verwendet worden.

84
3.50 Über die unfruchtbaren Frauen [Περί άφόρων, MulJII\

Format: Kompendium der Reproduktionsmedizin.

Entstehungszeit: Wende 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Pathophysiologie der Sterilität 2-3: Schwangerschaftstests 4: Bestim­


mung des Geschlechts 5: Maßnahmen zur Förderung der Erst- und wiederholter Schwan­
gerschaften 6: Ratschläge für den Mann 7-9: Empfehlungen für die Frau (Empfängnis,
Diät, Körperpflege) 10: Wenn die Frau keine weiteren Kinder bekommt 11-14: Konzep­
tionsfördernde Maßnahmen 15-18: Organische Ursachen der Kinderlosigkeit (Dys­
pareunie, Amenorrhoe, Enge des Muttermunds, Fettleibigkeit) 19: Therapeutische
Empfehlung: Schwarzer Kümmel 20: Blutiger Fluor 21: Blasenmole 22: Reinigung der
Gebärmutter 23: Verschluss des Muttermunds 24: Verhärtung des Muttermunds
25: Frühabort 26: Wiederholter Abort im 2. oder 3. Monat 27: Insufflation von Luft in
den Uterus 28: Habitueller Abort 29: Nach Konzeption ausbleibende Schwanger­
schaft 30: Unfähigkeit zur Austreibung der Frucht 31: Wenn die Gebärmutter das
Sperma verliert 32: Steinleiden des Uterus 33: Monatsblutung in der Schwanger­
schaft 34: Postkoitaler Schmerz und Blutungen 35-36: Uterusprolaps 37: Bergung der
Totgeburt.

Inhalt: Die Schrift behandelt, obwohl ihr eine systematische Gliederung fehlt,
alle Aspekte der Sterilität. Den therapeutischen Empfehlungen sind knappe, aber
treffende theoretische Bemerkungen vorangestellt (z.B. Kap. 17 über Adipositas
als Konzeptionshindernis). In Kap. 11 wird eine mit dem Finger tastbare Memb­
ran (μήνιγξ/meninx) erwähnt, die die Penetration des Samens verhindert und
wahrscheinlich dem Hymen entspricht (ähnlich in M u ll 20 und Nat.Mul. 67). In
Kap. 14 bezieht der Autor die Humoralpathologie in seine Überlegungen zur
Pathogenese der Unfruchtbarkeit ein. Er gibt dort die Empfehlung, bei ausblei­
bender Schwangerschaft zu prüfen, ob die Regelblutung gallig oder schleimig ist.
Andere Säfte werden dabei nicht berücksichtigt (ähnlich in M u ll 22 und
Nat.Mul 106). In Kap. 32 werden Verkalkungen im Cavum uteri (nach Kap. 10
verkalktes entzündliches Sekret, nicht (!) verkalkte Myome) als Konzeptions­
hindernis bezeichnet.

3.51 Über die Krankheiten der Jungfrauen [Περί παρθενίων, Virg.]

A: Andö V.: La verginitä come follia: il Peri parthenion ippocratico. QS 1990; 25: 715-737

Format: Trotz der fragmentarischen Erhaltung des Texts instruktive Darstellung


eines Themas aus der Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

85
Gliederung: Der Text besteht aus einem einzigen Block. Konvulsionen, Bewusstlosig­
keit, Ängste und Selbstmordgedanken werden bei jungen Frauen durch den Rückstrom
von Blut aus der Gebärmutter zum Herzen und Zwerchfell hervorgerufen. Als Kausalthe­
rapie werden Kohabitation und Schwangerschaft empfohlen.

Inhalt: Bei dem Opusculum handelt es sich wohl um den Auszug aus einem
größeren Werk. In der kurzen Einleitung wird ähnlich wie in NatMul. 1 das Ewi­
ge bzw. Göttliche als Ursache gynäkologischer Erkrankungen genannt; gegen
Ende werden indes die damit begründbaren Opferungen an Artemis zur Befrei­
ung von derartigen Leiden kritisiert. Die Schilderung der Pathogenese der Epi­
lepsie unterscheidet sich klar von der allgemein als maßgeblich anerkannten Dar­
stellung in Morb.Sacr. Die Diskrepanz ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass
der Autor für junge Frauen eine andere Ätiologie postulieren will als für
Erwachsene.

Sprache: Der Verfasser ist wohl mit dem von Mul. II (Anspielung auf das Werk
in Kap. 2) identisch. Er scheint ein erfahrener praktizierender Arzt gewesen zu
sein, war aber dem Altertum unbekannt.

3.52 Von der Überschwängerung [Περί έπικυήσιος, Super£\

Format: Aus den großen gynäkologischen Traktaten exzerpierte mangelhaft


konzipierte Schrift, deren Titelthema nur im ersten Kapitel behandelt wird.

Entstehungszeit: Wahrscheinlich 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Ursachen und Symptome der Überschwängerung 2-15: Komplikatio­


nen bei der Entbindung 16-43: Weibliche Unfruchtbarkeit (Tests, Behandlungsverfah­
ren, Rezepte).

Inhalt: Als Ursachen für Überschwängerung werden Hyperämie, die sich an


postkonzeptioneller Menstruation zu erkennen gibt und den zweiten Keimling
ernährt, und der insuffiziente Verschluss des Muttermunds diskutiert. Der
Superfetus wird jedoch nicht für lebensfähig gehalten; von der Ausstoßung eines
entstellten zweiten Keimlings Tage nach der Geburt eines gesunden Mädchens
berichtet der hippokratische Autor in Epid.V 11. Die thematisch naheliegende
Diskussion über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Superfetation und
Zwillingsschwangerschaft eröffnet der Autor des Traktats nicht; Zwillinge wer­
den nur an einer Stelle, nämlich in Kap. 14, und auch dort nur kurz erwähnt.

Sprache: Die allgemeinen Ausführungen zu Schwangerschaft und Fortpflanzung


lehnen sich eng, teilweise sogar wörtlich an die Schrift über die Unfruchtbarkeit

86
der Frau an (z.B. Superfet29/30 ~ Mul.IIl 5/6). Aristoteles behandelt das Phä­
nomen der Superfetation ausführlich in gen.an. IV 5 773a 32-774b 4.

3.53 Über die Zerstückelung des Kindes im Mutterleib


[Περί έγκατατομής εμβρύου, FoetE xsect ]

Format: Anleitung zur Behandlung von Komplikationen vor, während und nach
der Entbindung.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Zerstückelung und Extraktion des Feten bei Gefahr für das Leben der
Mutter 2: Wendung des Kindes bei Querlage 3: Lochien 4: Sukkussion der Gebären­
den 5: Therapie des postpartalen Uterusprolaps.

Inhalt: Die in FoetExsect beschriebenen geburtshilflichen Interventionen wer­


den - methodisch z.T. unterschiedlich - auch in Mul.I (Kap. 68: Sukkussion,
Kap. 70: Fetotomie), Mul.II (Kap. 35: Prolapstherapie) und Mul.IIl (Kap. 35-
36: Prolapstherapie, Kap. 37: Fetotomie) dargestellt. In Mul.I 70 werden außer­
dem die zur Fetotomie erforderlichen Instrumente genannt: Knochensäge
(όστεολόγος/osteologos) und Quetsche (ττίεστpov/piestron). Der Autor fordert
den als Geburtshelfer tätigen Kollegen ausdrücklich dazu auf, den Kopf der
Schwangeren vor dem Eingriff zu verhüllen, damit ihr der Anblick des zerstü­
ckelten Kindes erspart bleibt. Die Rüttelung wurde mit der Assistenz von zwei
Frauen durchgeführt.

3.54 Über die Anatomie [Περί άνατομής, Anatl\

A: Craik E. M.: The Flippocratic treatise Qn anatomy. CQ 1998; N. S. 48: 135-167

Format: Skizzierung einer Anatomie des Körperstamms.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Atmungsorgane 2: Herz und große Gefäße 3: Leber 4: Nieren und


Harnblase 5: Speiseröhre, Magen und Darm.

Inhalt: Der Text bietet eine kurze, aber in den wenigen geschilderten Einzelhei­
ten exakte Beschreibung der großen Organe des Brust- und Bauchraums. Die
Lunge wird in fünf Lappen eingeteilt. Von der Leber wird zutreffend gesagt, dass
sie blutreich ist (so auch Empedokles [DK 31 B 150]) und eine Pforte besitzt,
von der ein Gefäß nach kaudal verläuft. Der proximale Teil des Ösophagus wird

87
korrekt beschrieben, die Kontinuität der Speiseröhre mit dem Magen ist aber
nicht richtig erkannt worden. Uber die grobe Gliederung des Darms und seine
Funktion als Organ für den Transport der Nahrung weiß der Autor Bescheid.

Textgeschichte: Das Werk wird in der antiken Literatur nicht erwähnt.

3.55 Über das Zahnen [Περί όόοντοφυίης, D ent]

Format: Vademecum der Zahn- und HNO-Heilkunde des Säuglingsalters in


32 Aphorismen.

Entstehungszeit: 5./4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1-17: Dentition, Stillen und Abstillen 18-32: Erkrankungen, v.a. Ulzera-
tionen von Rachen, Mandeln und Gaumenzäpfchen.

Inhalt: Die praxisnahe Schrift ist einem Teilgebiet der sonst im C.H.vernachläs-
sigten Pädiatrie gewidmet und mehr prognostisch als therapeutisch ausgerichtet.
Das Titelthema behandeln nur die Sentenzen 6-12.

Sprache und Textgeschichte: Der fachkundige Autor pflegt eine schlichte und
allgemein verständliche Sprache. Weder die Schrift noch ihr Verfasser werden in
der Antike erwähnt.

3.56 Über die Drüsen [Περί αδένων, Glandl]

Format: Forschungsgeschichtlich wertvolle Monographie über die Anatomie,


Physiologie und Pathologie sekretorischer Organe.

Entstehungszeit: 5./4. Jht. Littre hält das Werk für jünger, weil dem Autor der
Puls und das aristotelische Blutgefäßsystem vertraut gewesen seien.

Gliederung: Der Verfasser beschreibt Lage und Funktion der Organe, die er für Drüsen
hält. 1-4: Allgemeine topographische Anatomie der Drüsen 5: Eingeweidedrüsen 6: Die
Nieren als drüsige Organe 7: Drüsen am Hals 8: Drüsen in den Achselhöhlen und Leis­
ten 10-15: Das Gehirn als Drüse. Austausch der Säfte zwischen dem Gehirn und ande­
ren Organen 16-17: Erkrankungen der Brustdrüsen.

Inhalt: Im Unterschied zur modernen Endokrinologie sieht die Schrift die


Bedeutung der Drüsen für den Körper mehr in ihrer Drainagefunktion und
damit ihrem Beitrag zur Homöostase als in der Produktion von Sekreten. Zu
dieser Auffassung passt die Einbeziehung der Lymphknoten in das Thema gut.
Mundspeicheldrüsen, Leber, Bauchspeicheldrüse und Hoden werden nicht zu

88
den Drüsen gerechnet, hingegen das Gehirn und die Nieren. Vom Gehirn nahm
man an, dass es überschüssige Flüssigkeit (Schleim, Galle) aus der Körperperi­
pherie anzieht und später wieder dorthin abgibt (vgl. Loc.Hom.\Q-22> Int. 10,
Carn. 16). Wenn dieser Pumpmechanismus ausfällt, erkrankt es und mit ihm
andere Teile des Körpers. Vom Gehirn gehen sieben Abflüsse (κατάρρονς/
katdrrbous) aus, die schwere Krankheiten hervorrufen. Einer von ihnen zieht zur
Lunge und löst Schwindsucht aus (vgl. Coac. 430). Außerdem wird ein Flüssig­
keitstransport aus den Gefäßen über die Eingeweide und das Netz zu den Drü­
sen postuliert.

Textgeschichte: Nach Galens Ansicht (Gal.XV III B 379) repräsentiert die


Schrift nicht die in Artic. 11 angekündigte Arbeit mit dem Titel Περί άδένων
ούλομελίης [Über die allgemeine Natur der Drüsen]. Erotian nennt die Schrift
zwar nicht, dürfte sie aber gekannt haben, weil er eine Vokabel (λνμα/lyma
[katarrhalische Absonderung], Kap. 12), die sonst im C.H . nicht vorkommt, in
seinem Glossar anführt.

3.57 Über das Fleisch [Περίσαρκών, Cam.\

Format: Von einem ebenso selbstbewussten wie klugen medizinischen Beobach­


ter verfasster Abriss der Embryologie und Physiologie des Menschen. Zahlreiche
Anleihen aus der Naturphilosophie. Der Titel gibt den reichen Inhalt der Schrift
nicht adäquat wieder.

Entstehungszeit: Zweite Hälfte 4. Jht. v.Chr.

G liederung: An dem auf 19 Kapitel verteilten Text lassen sich thematisch vier (1-4)
mehr oder minder geschlossene Sektionen unterscheiden: Kosmologie und Anthropo­
logie (1-3), Systematik der Organogenese (4-14), Sinnesphysiologie (15-18) und die
Bedeutung der Zahl Sieben (19).
11-3: Vier Elemente: Das Warme, die Erde, die Luft, das Wasser. Bildung der verschiede­
nen Teile des Körpers aus dem Fetten (λιπαρόν/liparon) und dem Leimartigen
(κολλώδες/kollödes) unter der Einwirkung der Hitze nach physikalisch-chemischen Prin­
zipien
2 4-14: Gehirn, Herz und Gefäße, Lunge, Leber, Milz, Nieren und Muskulatur, Gelenke,
Nägel, Zähne, Haare
3 15-18: Hören, Riechen, Sehen, Sprechen
4 19: Die Zahl Sieben regiert die Biologie des Menschen (Wachstum des Feten, Geburt,
Bildung der Zähne, Verlauf akuter Krankheiten).

Inhalt: Die Schrift enthält trotz der Anlehnung an die ionische Naturphiloso­
phie (s. Kasten S. 90) eine Reihe bemerkenswerter eigener Beobachtungen und
Ideen. Besonders originell sind einige Ausführungen über die Funktion der Sin­
nesorgane. Das Riechen wird auf die Erkennung der trockenen Düfte durch das

89
feuchte Gehirn zurückgeführt (Kap. 16), am Auge werden die Hornhaut, der
Glaskörper und die stielartigen Verbindungen zum Gehirn (Kap. 17) beschrie­
ben und das Sprechen wird als Gemeinschaftsleistung von Gaumen, Zunge und
Zähnen bezeichnet (Kap. 18). Der Autor gründet seine Darstellung der Phonati­
on auf Beobachtungen an Taubstummen, Sängern und Patienten mit operativ
erfolgreich behandelten Kehlkopfverletzungen. Er berichtet auch von eigenen
Untersuchungen an abgetriebenen Embryonen (Kap. 19). Die von ihm vertrete­
ne Ansicht, dass schon am siebten Tag der intrauterinen Entwicklung alle Kör­
perteile zu differenzieren seien, ist falsch.

Garn, und die Vorsokratiker


Carn. 2 - Diogenes von Apollonia [D K 64 B 5]
Das Warme und die Luft
Cam. 15 - Empedokles [D K 31 A 86,9], Diogenes von Apollonia [D K 64 A
19, §40]
Theorie des Hörens
Carn. 16 - Alkmaion [DK 24 A5]
Theorie des Riechens

Mit der meteorologischen Theorie von Kap. 2, die Platon (Phaidr. 96b) auf greift,
steht der Autor in krassem Widerspruch zu den anthropozentrischen Vorbe­
merkungen von Vet.med. und Nat.Hom.

3.58 Über die Siebenzahl [Περί έβόομάδων, Hebd .]

M: Mansfeld J.: The Pseudo-Hippocratic tract Ιίερι έβδομάδων ch. 1-XI and Greek philo-
sophy. Assen, 1971 Roscher W.H.: Die Hippokratische Schrift von der Siebenzahl in
ihrer vierfachen Überlieferung. Paderborn, 1913 (Nachdruck New York 1967)

Format: Kosmologisch orientierte Biologie und medizinische Zahlenkunde.


Analogie zwischen Universum und Mensch auf der Basis der Zahl Sieben. An
den fieberhaften Erkrankungen orientierte Nosologie und Prognostik.

Entstehungszeit: 6./5. Jht. v.Chr. (Roscher). 2. Hälfte des 4.Jht. v.Chr. (KAK­
TOS 10). 1. Jht. n.Chr. (Mansfeld). Roscher begründet seine außergewöhnlich
frühe Datierung des Werkes u.a. mit der zentralen Bedeutung, die Ionien bei der
Schilderung des anthropomorphen Bilds der Erde einnimmt (Kap. 11), hält es
aber für möglich, dass der nosologische Teil wesentlich später abgefasst worden
ist als der kosmologische.

90
Gliederung: Die Schrift setzt sich aus fünf (1-5) Abschnitten zusammen: Kosmologie
(1-11), Kosmologie und Biologie (12), Ätiologie der Fieber (13-23), Therapie der Fie­
ber (24-39), Semiologie und Prognostik (40-52)
1 1-11: Idee des Kosmos. Die Zahl Sieben als Ordnungselement (Gestirne, Winde, Jah­
reszeiten, Lebensalter). Anthropomorphe Einteilung der Erde. Sieben Teile des Körpers,
des Kopfes, der Stimme, der Seele
2 12: Kenntnisse der Kosmologie und Biologie als Grundlage der Nosologie
3 13-23: Die angeborene Wärme. Das Feuchte im Menschen. Wechselwirkungen zwi­
schen den Qualitäten. Ursachen der Fieberkrankheiten. Der Kosmos und die Qualitäten
der Natur. Akute Erkrankungen setzen im Sommer ein
4 24-39: Ungleichgewicht zwischen dem Kalten und dem Warmen führt zu Fieberkrank­
heiten. Sonnenhitze und Fieberhitze. Kritische Tage des Fieberkranken. Therapie der
Fieberkrankheiten. Symptomatologie, Traumdeutung, Tod
5 40-52: Klinische Zeichen (Gliederung nach Organen) der fieberhaften Krankheiten.
Günstige und ungünstige prognostische Zeichen. Beurteilung der Krise. Todeszeichen.
Definition des Todes.

Inhalt: Die Krankheitslehre von Hebd. ruht auf zwei Säulen, der Zahl Sieben
und der Seele. Nicht nur der Kosmos und mit ihm die natürliche Umwelt des
Menschen (vgl. Pythagoras [DK 58 B 27]), sondern auch die Entwicklung des
menschlichen Lebens (vgl. Empedokles [DK 31 B 153a] und Flippon [DK 38 A
16]) und der Verlauf der Krankheiten werden von der Zahl Sieben regiert. Der
menschliche Körper besteht aus sieben konstituierenden Teilen (Kap. 7: Kopf,
Hände, innere Organe und Zwerchfell, Ausscheidungstrakt, Genitaltrakt, Darm,
Füße), der Kopf besitzt sieben lebensnotwendige Organe (Kap. 8: Zur Einat­
mung der kalten Luft, zur Ausatmung der warmen Luft, zum Sehen, zum Hören,
zum Riechen, zum Essen und Trinken und zum Schmecken), die Fieber treten -
mit zwei Ausnahmen - in Sieben-Tages-Intervallen auf (Kap. 26). Wie alles
Leben ist auch die Seele durch die Grundqualitäten mit dem Kosmos verbunden.
Das Warme ist ein Teil der Sonne, das Feuchte stammt aus dem Wasser, das Kal­
te aus der Luft und das Knochige und Fleischige aus der Erde (Kap. 18). In der
Seele sind die elementare Wärme (vgl. έμφυτον θερμόν!emphyton thermon des
F’mpedokles [DK 31 A 74] und Diogenes von Apollonia [DK 64 B 5]) und die
elementare Kälte vermischt. Wenn das Gleichgewicht der beiden Qualitäten
gestört ist, setzt Fieber ein. Je nachdem, ob das Warme oder das Kalte der A us­
löser ist, kommt es zu Schüttelfrost oder Schweißausbruch und den entspre­
chenden Gegenreaktionen. Die Gegenüberstellung von Makro- und Mikrokos­
mos (Kap. 6, 11) kehrt in Vict.I 10, die Kanonisierung der Zahl Sieben in Vict.I
23 und die Theorie von der Zusammensetzung der menschlichen Seele und der
inneren Wärme in Vict.I 25 und Vict.II 38 wieder.

Textgeschichte: Das griechische Original ist verloren; die Schrift ist nur in ver­
stümmeltem Latein (vgl. 3.73) und in arabischer Übersetzung erhalten. Das
Werk ist auch unter dem wenig bekannten Zweittitel Το ιτρώτον περί νούσων το

91
μικρότερον [Das kleinere erste Buch über die Krankheiten] überliefert. Der letzte
Satz von Hebd. ist identisch mit dem einleitenden Satz von Morb.lIL

3.59 Vorhersagungen II [Προρρητικός ß Prorrh.II\

A: Garcia Novo E.: Structure and style in the Hippocratic treatise “Prorrheticon” 2. CM
1995; 28: 537-554 Sierra de Grado C.: Composicion del tratado Prorrheticon II. In:
Coli. Hipp. X Nice 1999 (Nice, Paris 2002): 591-610_______________________________

Format: Fundierte, auch für Laien geeignete Darstellung der Symptomatik, Dia­
gnose, Differenzialdiagnose und Prognose chronischer Erkrankungen. Trotz
desselben Titels keine Fortsetzung von Prorrh.I.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Das Werk gliedert sich in eine standeskritischc Präambel (1-4) und eine
nosologisch orientierte Prognostik (5-28), die anders als z.B. in Aff. nicht der Leitlinie
a capite ad calcem folgt.
1-4: Polemik gegen spektakuläre Prognosen. Ratschläge für die Beurteilung der prognos­
tisch wichtigen Zeichen. Erkennung von Therapieverstößen
5-7: Hydrops, Phthisis 8: Podagra 9-10: Epilepsie 11-13: Geschwüre, Wunden, flä­
chenhafte Ulzerationen 14: Kopfwunden 15: Gelenkverletzungen 16: Erkrankungen
des Rückenmarks 17: Hämoptoe 18-21: Augenleiden 22-23: Durchfall, Erbrechen
24-28: Frauenleiden 29-43: Varia (u.a. Ikterus, Splenomegalie, Zuckungen im Gesicht,
Rückenschmerz, Impotenz, Dermatosen).

Inhalt: Der Autor gibt eine ungeschminkte Schilderung der Möglichkeiten und
Grenzen medizinischer Prognostik und konzediert, dass Krankheiten oft einen
anderen als den prognostizierten Verlauf nehmen. Er weist aber auch darauf hin,
dass die Patienten durch ihre Lebensweise (Bewegungsarmut versus regelmäßi­
ges körperliches Training) und durch Verstöße gegen die ärztlichen Verordnun­
gen eine an sich richtige Prognose ins Wanken bringen können, und gibt Tipps,
wie man z.B. Diätfehler erkennen kann.

Sprache: Neben Progn. ist Prorrh.II die wichtigste prognostische Schrift des
C .H . Ob beide Werke von demselben Verfasser stammen, ist unsicher. Die
Schlüssigkeit der Argumentation wird durch den gezielten Einsatz geeigneter
Stilmittel (Ringkomposition, Wiederholungen, Wechsel zwischen Kolloquialstil
und wissenschaftlicher Diktion) akzentuiert (Garcia Novo).

92
3.60 Über das Herz [Περίκαρδίης, Cord]

A: Pont H.: Die pseudohippokratische Schrift Über das Herz. WHB 1984; 26: 31-38

Format: Anatomisch präzise, physiologisch jedoch spekulative Studie über das


Herz, deren Resultate nur durch Sektionen gewonnen werden konnten.

Kntstehungszeit: Nicht vor Mitte/Ende 4. Jht.

Gliederung: 1. Äußerer Aspekt des Herzens. Perikard und Perikardflüssigkeit 2-3: Ein
kleiner Teil der Flüssigkeit, die wir trinken, gelangt zusammen mit der Luft in die Lun­
ge 4: Das Herz ist ein Muskel und hat zwei verschiedene Kammern 5-6: Das Herz wird
durch die Lungen gekühlt. Das angeborene Feuer sitzt im linken Ventrikel 7: Den
Kammern entspringen zwei große Gefäße (Aorta und Pulmonalarterie) 8: Die Herzoh­
ren enthalten kein Blut, sondern Luft, für deren Transport sie sorgen 9: Lufttransport in
den großen Gefäßen. Die Kühlung durch Luft steigert die Schlagkraft des Herzens
10: Bau und Funktion der Herzklappen 11: Ernährung des Herzens aus dem Serum.
Transport des Blutes in der Aorta 12: Blutfuß aus der rechten Herzkammer in die Lun­
gen.

Inhalt: Die morphologischen Kenntnisse des Autors vom Herzen gehen weit
über den allgemeinen Stand des anatomischen Wissens der hippokratischen Epo­
che hinaus. Das Organ und seine Höhlen werden in der Reihenfolge beschrie­
ben, die sich dem Pathologen bietet. Die Erkenntnisse sind an gezielt (Kap. 11)
getöteten und sezierten Tieren, in erster Linie Schweinen gewonnen worden.
Außerdem wurden einfache physiologische Versuche (Instillation gefärbten
Wassers zur Markierung des Wegs, den die Flüssigkeit nimmt, Kap. 2) durchge­
führt. Die Übertragbarkeit der tierexperimentell erhobenen Befunde auf den
Menschen wird gewissenhaft diskutiert. So beschreibt der Verfasser den Wechsel
zwischen In- und Exspiration und erklärt überzeugend, warum der Mensch bei
der Aspiration von Flüssigkeit hustet. Die Funktion der Herzohren (d.h. der
Vorhöfe) wird falsch, die der Herzklappen nur teilweise richtig dargestellt. Dass
der Autor trotz der guten morphologischen Kenntnisse die Funktion des Her­
zens nicht richtig deutet, liegt vor allem daran, dass er die Transportwege für
Blut und Luft mangelhaft differenziert. Die vereinzelten naturphilosophischen
Bemerkungen wirken in der Nachbarschaft streng wissenschaftlicher Passagen
wie Fremdkörper. Die am Ende von Kap. 10 geäußerte Ansicht, dass der Ver­
stand (;γνώμη/gnome) beim Menschen in der linken Herzkammer angelegt sei
und von dort aus die anderen nicht-somatischen Phänomene regiere, ist in ähnli­
cher Weise von Empedokles [DK 31 A 97] und Diogenes von Apollonia [DK 64
A 209] für das von ihnen so bezeichnete leitende Prinzip {ηγεμονικόν/
hegemonikon) vertreten worden.

93
3.61 Über die Nahrung [Περί τροφής, Alim.\

M: Deichgräber K.: Pseudhippokrates Über die Nahrung. Text, Kommentar und Würdi­
gung einer stoisch-heraklitisierenden Schrift aus der Zeit um Christi Geburt. Wiesbaden,
1973
A: Diller H.: Eine stoisch-pneumatische Schrift im Corpus hippocraticum.
Arch.Gesch.Med. 1936; 29: 178-195 Joly R.: Remarques sur le De alimento pseudo-
hippocratique. In: Le monde grec. Hommages ä Claire Preaux. Brüssel, 1975: 271—
276 Tsouyopoulos N.: Die hippokratische Schrift Περί τροφής: Physiologie zwischen
Aristoteles und Heraklit. In: Coli.Hipp.VIII Kloster Banz/Staffelstein 1993 (Hildesheim
1996): 77-85_____________________________________________________________

Format: Sammlung naturphilosophisch orientierter Sentenzen über Nahrung,


Ernährung und Stoffwechsel. Text von geringem medizinischem Wert.

Entstehungszeit: Um 400 v.Chr. (Galen. Aretaios. Jones unter Hinweis auf die
prä-aristotelische Auffassung von δύναμις/dynamis). 3./2. Jht. v.Chr. (Diller und
Joly unter Hinweis auf den Einfluss der Stoa). 1. Jht. v.Chr. (Deichgräber unter
Hinweis auf die Abhängigkeit des Autors von Athenaios von Attaleia).

Gliederung: 55 unsystematisch angeordnete z.T. extrem kurze Absätze, in denen The­


men der Physiologie, Nosologie und Therapie unter diätetischen Aspekten behandelt
werden.
1: Arten von Nahrung; aristotelische Unterscheidung zwischen ursprünglicher Art
(γένος/genos) und Beschaffenheit (αδος/eidos) 2: Wachstumsförderung durch Nah­
rung 10-15: Nahrungssäfte 22-24: Diffusion der Nahrung 36-41: Milch und Blut
42-43: Das Wachstum des Ungeborenen 48: Altersabhängigkeit von Puls und Atmung
49-50: Stoffwechsel 55: Feuchtigkeit und Nahrung.

Inhalt: Der Autor geht mit seiner Analyse des Terminus τροφή/trophe [Nah­
rung] über die vegetativen Aspekte des Themas weit hinaus und entwickelt eine
kleine Philosophie der Ernährung. Die Nahrungsmittel lösen sich in Feuchtig­
keit auf und und werden in diesem Zustand in alle Körperteile gebracht, wo sie
sich mit Knochen und Fleisch verbinden. Die Nahrung hat also das Potenzial
(δύναμις/dynamis), in verschiedene Substrate überzugehen. Die Luft (πνεύμα/
pneüma) gilt ebenfalls als Bestandteil der Nahrung. Sie strömt vom Herzen aus
durch die Arterien, während das Blut von der Leber aus durch die Venen fließt.
Mit diesen und weiteren Thesen wendet der Verfasser die Thesen Heraklits [DK
22 C 2] vom Gegensatz und dauerhaften Wandel auf das Schicksal der Nahrung
im lebenden Organismus an. Nur in Vict.I-III ist die Anlehnung an den Vor-
sokratiker noch stärker ausgeprägt. In Sentenz 48 werden der Puls (φλεβών δια-
σφύξιες/phlebön diasphyxies) und die Atmung (άναπνοή πνεύματος/anapnoi
pneumatos) zueinander in Beziehung gesetzt. Die Beziehung der Perfusion zum
Gasaustausch in den Lungen bleibt dem Verfasser aber verborgen.

94
Sprache: Die Darstellung der Gegensatzpaare wird durch geeignete Stilmittel
(Antithese, Chiasmus) und extreme Kürze des Ausdrucks sublimiert. Am leich­
testen verständlich sind die Abschnitte, in denen die Spruchweisheit mit einem
erklärenden Nachsatz kombiniert ist.

3.62 Ü berdas Sehen [Περίοψιος, V/dAc.\

A: Rodriguez Alfageme I.: La atribucion de Hipp. De Visu. CFC(G ) 1993; 3; 57-65

Format: An Standeskollegen gerichteter Fachtext eines anonymen Medizin-


,uitors über die Therapie von Augenkrankheiten.

Entstehungszeit: Am ehesten 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Neun lose verknüpfte Kapitel mit sachkundigen Ausführungen über The­
rapie und Prognose häufiger Augenleiden
1: Linsentrübung 4-6: Erkrankungen der Lider 7: Nachtblindheit 9: Erkrankungen der
Bindehaut.
In den Kapiteln 2, 3 und 8 werden z.T. eingreifende therapeutische Maßnahmen (Skarifi-
kation, Kauterisation, Trepanation) dargestellt.

Inhalt: Der kurze und (z.B. am Beginn von Kap. 3) lückenhafte Text beschreibt
Behandlungsmaßnahmen bei Erkrankungen des vorderen Augenabschnitts. Die
überwiegend schlechte Prognose der angeführten Leiden spiegelt sich im selbst­
kritischen Unterton der therapeutischen Empfehlungen wider. Aus moderner
Sicht sind die Verbindungen zwischen Ophthalmologie und Innerer Medizin
bemerkenswert. Die Refraktionsanomalien werden nicht erwähnt.

Textgeschichte: Mutmaßlich handelt es sich nicht um das in Aff.5 angekündigte


große Werk über die Augen. Die Schrift wird von antiken Autoren nicht
erwähnt.

3.63 Über die N atur der Knochen [Περί όστέων φνσιος, Oss.]

Format: Ebenso umfangreiche wie uneinheitliche Darstellung der Anatomie der


großen Gefäße. Die Überschrift ist irreführend; das Titelthema wird nur im ers­
ten Kapitel behandelt.

Entstehungszeit: 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Abriss der topographischen Anatomie des Skeletts 2: Große vom Her­
zen ausgehende Gefäße 3: Sehnen 4: Die Nieren und ihre Gefäße 5-6: Gefäße an der

95
Thoraxwand und oberen Thoraxapertur 7: Zwei große Gefäße des Körperstamms
8: Zwei kraniokaudal verlaufende gekreuzte Gefäße 9: Vier Gefäßpaare 10: Zwei große
Gefäße 11-19: Kommunizierendes, vielfach verzweigtes kraniokaudal orientiertes
Gefäßsystem. Verbindung zur Lunge. Die Gefäße führen je nach Lokalisation Blut, Luft
oder Samen.

Inhalt: Der Traktat enthält sechs unterschiedliche Entwürfe der Angioarchitek-


tur des Menschen. Zwei von ihnen finden sich in ähnlicher Form in anderen
Schriften des C.H . (Kap. 9 in Nat.Hom. 11, Kap. 10 in Epid.II 4.1). Die fort­
schrittlichste und detaillierteste Variante steht in den Kapiteln 11-19; ihr Urhe­
ber ist nicht bekannt. Allen Entwürfen sind die fundamentalen Irrtümer gemein­
sam, die die Entdeckung des vom Herzen angetriebenen Blutkreislaufs und des
pulmonalen Gasaustauschs verhindert haben. In Teilbereichen sind jedoch
beachtliche Erkenntnisse gewonnen worden. So werden in Kap. 19 ein Zusam­
menhang zwischen der mechanischen Herzarbeit bzw. Gefäßkontraktion und -
dilatation und Farbänderungen (der Haut) beschrieben und in Kap. 15 eine
Theorie der Erektion aufgestellt.

Sprache und Textgeschichte: Die Schrift ist eine Sammlung von Exzerpten,
Notizen und eigenen Beobachtungen (Kap. 1) mehrerer Autoren der präaristote­
lischen Zeit. Der Kompilator hat das vergleichsweise spröde Material logisch
angeordnet und lesefreundlich aufbereitet. Der verfehlte Titel erklärt sich wahr­
scheinlich dadurch, dass die Schrift ursprünglich mit Mochl. in Zusammenhang
stand (Gal.X IX 114).

3.64 Über den Arzt [Περί ίητρού, Medic.]

M: Fleischer U.: Untersuchungen zu den pseudohippokratischen Schriften παραγγελίας


περί ίητρού und περί εύσχημοσύνης. Neue deutsche Forschungen, Bd. 240. Abt. Klassi­
sche Philologie, Bd. 10. Berlin, 1939
A: Kudlien F.: Mutmaßungen über die Schrift Περί ίητρού . Hermes 1966; 94:
54-59 Mendoza J.: Aportaciones del estudio de la lengua a la dcterminacion de la crono-
logia de dos tratados del Corpus Hippocraticum. Emerita 1976; 44: 171-188____________

Format: Technikorientierter Praxisleitfaden für den angehenden Chirurgen.

Entstehungszeit: Spätes 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Erscheinungsbild und Verhalten des guten Arztes 2: Technische Ausstat­


tung und Ordnung im Sprechzimmer 3-4: Allgemeine Verbandlehre 5: Praktische
Tipps für das operative Vorgehen 6: Instandhaltung der Instrumente 7-8: Schröpf­
köpfe, Aderlass 9: Zangen für die-HNO- und Zahnheilkunde 10-11: Wucherungen und
Geschwüre 12: Umschläge 13: Ausdrücklicher Hinweis auf den handwerklichen Cha­

96
rakter der Schrift 14: Kriegschirurgie. Aufforderung an den angehenden Arzt, sich Söld­
nerheeren anzuschließen, um möglichst viel praktische Erfahrung zu sammeln.

Inhalt: Medic. ist eine der wichtigsten deontologischen Schriften des C.H .
Sowohl die Auswahl der Themen als auch die Art ihrer Darstellung zeigen, dass
der Autor für die Aufgabe, ein Porträt des physisch und moralisch idealen Arz­
tes zu entwerfen, hervorragend geeignet ist. Details der Praxisausrüstung
(Beleuchtung, Sitzgelegenheiten) werden ebenso liebevoll beschrieben wie
Umgangsformen (Diskretion gegenüber Frauen und Mädchen) und chirurgische
Taktiken (ταχέως ή βραδέως/tachiös έ bradäös [flink oder bedächtig], Kap. 5).
Der Rat, als Truppenarzt tätig zu werden, um möglichst viel operieren zu kön­
nen, findet sich in keiner anderen erhaltenen traumatologischen Schrift des C.H .
In den Kap. 11 und 15 teilt der Autor mit, dass er zwei weitere Bücher zum
Thema verfasst habe; bei letzterem handelt es sich wahrscheinlich um das verlo­
rene Werk Περίβελέων και χρωμάτων [Uber Geschosse und Verletzungen].

3.65 Ü b e r den A n sta n d [Περ! εύσχημοσύνης, D ecent]

M: Fleischer U.: Untersuchungen zu den pseudohippokratischen Schriften παραγγελίαι,


περί ίητρού und περί εύσχημοσύνης. Neue deutsche Forschungen, Bd. 240. Abt. Klassi­
sche Philologie, Bd. 10. Berlin, 1939

Format: Verhaltenskodex für den praktizierenden Arzt. Viele Berührungspunkte


mit Medic. und Praec.

Entstehungszeit: 4./3. Jht. v.Chr. Nach Fleischer gehört die Schrift dem
1./2.nachchristlichen Jahrhundert an.

Gliederung: 1-4: Wahre und falsche Wissenschaft und deren Vertreter 5-6: Natürliche
Nähe der Ärzte zu den Philosophen und Göttern 7-8: Anstands- und Verhaltensre­
geln 9: Forderung nach umfassenden Kenntnissen 10: Vorratshaltung 11-16: Kontakt
mit dem Kranken 17: Lehrer und Assistent 18: Gute Karrierechancen für den Arzt.

Inhalt: Der Verfasser resümiert die Verhaltensempfehlungen an seine ärztlichen


Kollegen unter philosophischen Aspekten. Er prognostiziert dem guten Arzt
nicht nur Erfolg im Beruf, sondern sogar den Status der Gottähnlichkeit ( ιητρός
νάρ φιλόσοφος ισόθεος/ietrds gar philosophos isotheos, Kap. 5). In dieser Interpre­
tation des Arztberufs, in der Ablehnung des Aberglaubens ( άδεισιδαιμονίη/
adeisidaimonieyKap. 5) und in der leidenschaftlichen Betonung der Führungsrol­
le der Natur (ήγεμονικόν... ήφύσις/hegemonikön... he physis, Kap. 4) steckt das
Denken der Stoa. In Kap. 8 wird dem Mediziner empfohlen, mit doppelten Inst­
rumenten - die zweite Garnitur allerdings in einfacherer Ausführung - auf Rei­
sen zu gehen; in keiner anderen Schrift des C.H . erhält der Wanderarzt diesen

97
wichtigen Rat. Weder der Status praesens noch die Prognose, so warnt der Ver­
fasser, dürfen den Kranken mitgeteilt werden, weil sich dadurch schon bei vielen
der Zustand verschlimmert habe.

Sprache und Textgeschichte: Der Text von Decent. ist nicht nur an vielen Stel­
len mangelhaft überliefert, sondern enthält auch zahlreiche ungewöhnliche
Vokabeln (z.B. εϋδησις/eidesis [Wissenschaft], Kap. 5/6). Jones hat deshalb und
wegen der Anspielung auf die Götter in Kap. 6 vermutet, der Text könne zum
Vortrag vor einer Geheimgesellschaft von Ärzten bestimmt gewesen sein.

3.66 V o rsc h rifte n [Παραγγελίας Praec.}

M: Fleischer U.: Untersuchungen zu den pseudohippokratischen Schriften παραγγελίαι,


περί ίητρού und περί έ\)σχημοσύνης. Neue deutsche Forschungen, Bd. 240. Abt. Klassi­
sche Philologie, Bd. 10. Berlin, 1939

Format: Ärztliche Standeslehre in Form eines langen Essays. Medizinische


Erkenntnistheorie in der Nachfolge Epikurs.

Entstehungszeit: Mitte 4. Jht. v.Chr. Für den frühen Ansatz spricht die durch
Scholien belegte Kommentierung der Schrift durch den Stoiker Chrysipp
(3. Jht. v.Chr.). Nach Fleischer gehört der Verfasser dem 1./2. nachchristlichen
Jahrhundert an.

Gliederung: 1: Medizin geht von Beobachtungen, nicht von Hypothesen aus 2: Fakten
und Verallgemeinerungen 3: Rechtzeitiger Behandlungsbeginn 4-6: Das Honorar des
Arztes 7: Quacksalber 8: Das ärztliche Konsil 9: Psychische Betreuung der Schwer-
kranken 10-11: Äußeres Erscheinungsbild des Arztes 12: Öffentliche Vorträge von Ärz­
ten 13: Die Fehler von Ärzten, die spät in den Beruf einsteigen, sind unverzeihlich.
14: Aphorismen zu verschiedenen Themen.

Inhalt: Praec. ist von allen deontologischen Schriften jene, die am wenigsten
überzeugt. Der Autor bezeichnet zwar zu Recht Menschenliebe (φιλανθμωπίη/
Philanthropie) als Voraussetzung der Begeisterung für die ärztliche Kunst (<φίλο-
TH/virj/philotechnie), wirbt zu Recht für das Gespräch unter Kollegen und dafür,
Patienten, die sich anscheinend aufgegeben haben, besonders intensiv zu betreu­
en. Der Tadel an Kurpfuschern, geltungssüchtigen und spätberufenen Kollegen
wirkt jedoch trotz Wiederholung platt und der Ton, in dem er vorgetragen wird,
blasiert. Die Bemerkungen zur Methodik der Medizin (Kap. 1, 2) reflektieren
epikuräische Lehren (Diog.Laert. X 32,33,75).

98
3.67 Über die Krisen [Περί κρισίων, Judic .]

M: Preiser G.: Die hippokratischen Schriften De iudicationibus et diebus iudicatoriis.


Ausgaben und kritische Bemerkungen. Kiel, 1957______ ________________________

Format: Blütenlese von Aphorismen über Krisis und ärztliche Prognose.

Entstehungszeit: Wahrscheinlich spätes 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: Ungeordnete Sammlung von 64 Sentenzen bzw. Notizen über die Progno­
se von subjektiven (z.B. Kopfschmerz, 16) und objektiven (z.B. Diarrhö, 54) Symptomen
sowie wichtiger Krankheiten (z.B. Kausos, 45). Sentenz 39 handelt etwas ausführlicher
von Rezidiven.

Inhalt: Die prognostischen Aussagen orientieren sich entgegen dem Titel der
Schrift nicht ausnahmslos, aber doch zu einem großen Teil an den Krisen und
kritischen Tagen. Neben Fieber und Schweiß wird besonders ausführlich das
Aussehen der Exkremente diskutiert.

Sprache: Die versammelten Merksätze finden sich mehr oder weniger wörtlich
und z.T. mehrfach in Progn., Acut., Acut.spur., Aph.y Epid.II, IV und VI, Coac.
und Morb.I.

3.68 Über die kritischen Tage [Περίκρίσιμων, D icbjudic .]

Format: Mit Judic. thematisch verbundene, aber weniger aphoristische Schrift


über die Prognose häufiger Erkrankungen.

Entstehungszeit: Wahrscheinlich spätes 4. Jht. v.Chr.

Gliederung: 1: Bedeutung des Literaturstudiums für die ärztliche Prognose 2: Zeichen


der bevorstehenden Genesung 3: Akute gallebedingte Erkrankungen 4/6: Tetanos
5: Opisthotonus 7: Kausos 8: Ischialgie 9: Ikterus 10: Pneumonie 11: Hinweis des
Autors auf eine andere eigene Schrift über die kritischen Tage bei Fieberkranken.

Inhalt: Die prognostischen Zahlenangaben sind, anders als der Titel erwarten
läßt, spärlich und reflektieren nur die klinische Beobachtung. Pythagoräische
Zahlensymbolik ist darin nicht zu erkennen.

Sprache: Das Werk ist aus Epid.III 16, Morb.III 6, 11, 15 und Int 48, 51-54
kompiliert und hat deshalb kaum eigenständigen literarischen Wert. Umgekehrt
trägt sein zweites Kapitel zur Rekonstruktion des griechischen Texts von Hebd.
46 teil.

99
3.69 Briefe [ Έτηστολαί, Epist.]

Μ: Smith W.D.: Pseudepigraphic writings. Letters-Embassy-Speech from the altar-


Dccree. Leiden, New York, Kopenhagen, Köln, 1990
A: Opsomcr C, Halleux R.: La Lettre d’Hippocrate ä Antiochus et la Lettre d’Hippocrate
ä Mecene. In: I testi di medicina latini antichi. Problemi filologici e storici. Atti del I
Convegno internazionale, Macerata - S. Severino M., 26-28 apr 1984. A cura di Mazzini
I., Fusco F. Roma, 1985: 339-364 Philippson R.: Verfasser und Abfassungszeit der
sogenannten Hippokratesbriefe. RhM 1928; 77: 298-328 Sakalis D.T.: Beiträge zu den
pseudo-hippokratischen Briefen. In: Coli.Hipp.IV Lausanne 1981(Geneve 1983): 499-514

Format: Fiktiver Briefwechsel zwischen Hippokrates und Prominenten. Beitrag


zur Heroisierung des Koers. Erster Briefroman der Literaturgeschichte.

Entstehungszeit: Zwischen 1. Jht. v.Chr. und 2. Jht. n.Chr.

G lie d e ru n g : Die 24 Briefe gliedern sich in drei (1-3) Gruppen. Die erste Gruppe (1-9)
enthält den Briefwechsel über einen Hilferuf der Perser an Hippokrates, die zweite Grup­
pe (10-21, 23) die Korrespondenz über die Krankheit des Demokrit und die dritte Grup­
pe (22, 24) zwei thematisch eigenständige Briefe.
1 Epist. 1 Artaxerxes an Paitos (Satrap): Bitte um medizinische Hilfe im Kampf gegen eine
Seuche Epist. 2 Paitos an Artaxerxes: Empfehlung, den Rat des Hippokrates in Anspruch
zu nehmen Epist. 3 Artaxerxes an Hystanes (Unterstatthalter am Hellespont): Auffor­
derung, den Hippokrates oder eine andere medizinische Kapazität zu schicken
Epist. 4 Hystanes an Hippokrates: Übermittlung der Bitte des Großkönigs. Ankündigung
einer hohen Belohnung Epist. 5 Hippokrates an Hystanes: Ablehnung des Hilfeersuchens
Epist. 6 Hippokrates an Demetrios: Begründung für die Ablehnung Epist. 7 Hystanes an
Artaxerxes: Information über die Weigerung des Hippokrates Epist. 8 Artaxerxes an die
Koer: Forderung nach Auslieferung des Hippokrates. Drohung mit Militäraktio­
nen Epist. 9 Die Koer an Artaxerxes: Ablehnung des Auslieferungsgesuchs unter Hinweis
auf historische Parallelen
2 Epist. 10 Die Abderiten an Hippokrates: Bitte, den Demokrit von krankhafter Euphorie
zu befreien Epist. 11 Hippokrates a?i die Abderiten: Das Verhalten Demokrits ist nicht
krankhaft Epist. 12 Hippokrates an Philopoimen (achäischer Politiker und Feldherr, um
200 v.Chr.): Diskurs über die Vereinsamung der Seele Epist. 13 Hippokrates an Dionysi-
os (von Halikarnassos): Nicht Demokrit, sondern die Abderiten sind krank Epist. 14
Hippokrates an Damagetos (Epigrammdichter, Ende 3. Jht. v.Chr.): Demokrits Verhalten
wird von den Abderiten falsch bewertet Epist. 15 Hippokrates an Philopoimen: Bericht
über einen Traum, der Hippokrates zu der Einsicht führt, dass Demokrit keinen Arzt
braucht und dass Heilkunde und Weissagung eng miteinander verknüpft sind Epist. 16
Hippokrates an Krateuas (wohl Urenkel des gleichnamigen Botanikers, Ende 1. Jht.
v.Chr.): Das wirksamste Mittel gegen Demokrits Leiden ist die Weisheit Epist. 17 Hip­
pokrates an Damagetos: Langer Bericht über das Treffen mit Demokrit, bei dem sich zeigt,
dass der Weise völlig gesund ist und sein Verhalten von den Abderiten missdeutet
wird Epist. 18 Demokrit an Hippokrates: Kritik am Versuch der Behandlung seines Lei­
dens mit Nieswurz (unter Hinweis auf die unerwünschten Wirkungen des Mittels beim
Gesunden) Epist. 19 Vortrag über die Manie: Darstellung der Pathogenese, klinischen

100
Symptomatik und Therapie des Leidens Epist. 20 Hippokrates an Demokrit: Entschuldi­
gung für die Empfehlung an den Weisen, Nieswurz zu verwenden Epist. 21 Hippokrates
an Demokrit über die Nieswurzbehandlung: Indikationen, Durchführung und Kontraindi­
kationen dieser Form der Therapie Epist. 23 Demokrit an Hippokrates über die Natur des
Menschen: Die Bedeutung der menschlichen Organe für Anatomie und Philosophie
3 Epist. 22 Hippokrates an seinen Sohn Thessalos: Empfehlung zum Studium von Geo­
metrie und Arithmetik als Basiswissenschaften der angewandten Medizin Epist. 24
Hippokrates an König Demetrios (Poliorketes von Makedonien): Kleine Auswahl guter
Ratschläge zur Erhaltung der Gesundheit.

Inhalt: Die Briefsammlung will Hippokrates als griechischen Patrioten verklären


und die Erfolge und Probleme der Medizin in der Person des Koers exemplarisch
darstellen. Die in Epist. 2 enthaltene Information, dass Hippokrates bereits vor
dem Hilferuf der Perser in Athen eine Seuche erfolgreich bekämpft hatte, steht
in Widerspruch zur Begründung von Decr.Ath. Dort heißt es nämlich, dass die
Hilfeleistung in Athen einer Absage an die Perser folgte. Die wissenschaftliche
Lehre des Hippokrates war dem anonymen Briefautor gut bekannt. In den bei­
den Fachmitteilungen (EpistΛ9, 21) werden die Quellenschriften (Epid. und
Morb.Sacr. bzw. Progn., Prorrh. und Acut.) ausdrücklich genannt. In Epist. 21
finden sich außerdem zwei Wendungen aus Aph. (1,2: εύφόρως φέρονσιν/
euphorös pherousin [es geht ihnen gut], 7,25: σπασμός, θανατώδες/spasm6s, tha-
natödes [Krampf, Todeszeichen]). Über die Lachkrankheit des Demokrit hat
später (3. Jht.) Hippolytos, Presbyter in Rom, berichtet [DK 68 A 40].

3.70 Beschluss der Athener [Δόγμα 'Αθηναίων, Decr.Ath.\

A: Roesch P.: Un faux historique ä la gloire d’ Hippocrate. In: Hippocrate et son herita-
gc: colloque franco-hellenique d’histoire de la medecine. Lyon, 1987: 43-49____________

Format: Historisch wahrscheinlich nicht authentischer Beschluss der Athener,


Hippokrates für seine panhellenischen Verdienste auszuzeichnen.

Entstehungszeit: Wohl um 350 v.Chr. Spätestens 2. Jht. v.Chr.

Aufbau: Rat und Volk von Athen verkünden ihren Beschluss, dem Koer Hippokrates für
seine patriotische Haltung und die medizinischen Leistungen bei der Bekämpfung einer
alle Griechen bedrohenden Seuche eine Reihe von Ehren zu erweisen. Dabei handelt es
sich um die Einweihung in die Großen Mysterien, die Verleihung des goldenen Kranzes
bei den Großen Panathenäen, die Aufnahme junger Koer in athenische Gymnasien, das
Bürgerrecht der Stadt für den Arzt und die lebenslange Speisung im Prytaneion.

Inhalt: Die in dem Dekret genannte Seuche ist dieselbe, die der Sohn des Hip­
pokrates in Thess.orat. erwähnt. Da das ganze Land von ihr ergriffen war, kann
nicht die in Athen während des Peloponnesischen Krieges wütende Pest gemeint

101
sein. Die Vielzahl der angekündigten Ehrungen macht den Beschluss unglaub­
würdig und weist ihn als Beitrag zur Legendenbildung um Hippokrates aus.

3.71 Altarrede [Έτηβώμιος, Orat.ar.]

Format: Aufruf des prominenten Arztes zur Hilfe für seine Heimat. Unechte
Schrift.

Entstehungszeit: 3. Jht. v.Chr.

Aufbau: Hippokrates, der in einer nicht näher bezeichneten Stadt Thessaliens mit seiner
Familie zu einem Altar der Athene geflüchtet ist, bittet die Einwohner um Hilfe für den
Kampf seiner Heimat gegen Athen.

Inhalt: Kos wurde während des Peloponnesischen Krieges drei Mal (411, 410,
407 v.Chr.) angegriffen. Orot. ar. hängt inhaltlich eng mit Thess. orat. zusammen.

3.72 Gesandtenrede [Πρεσβευτικός, Thess.orat.]

A: Bousquet J.: Inscriptions de Delphes. BCH 1956; 80: 579-593 Pomtow H.: Delphi­
sche Neufunde III. Hippokrates und die Asklepiaden in Delphi. Klio 1918; 15: 303-338

Format: Unverbürgte Bittrede des Thessalos, eines der beiden Söhne des Hip­
pokrates, in Athen. Beziehungsreiche Hinweise auf Leistungen der Asklepiaden
von Kos. Mutmaßlich unechte Schrift.

Entstehungszeit: 4./3. Jht. v.Chr. Dem historischen Kontext nach wurde die
Rede vor der ersten Attacke Athens gegen Kos (411 v.Chr.) gehalten.

Aufbau: Thessalos bittet die Athener, ihre Meinungsverschiedenheiten mit den Koern
auf dem Verhandlungswege beizulegen und keine Gewalt anzuwenden. Er verbindet die­
sen Appell mit der Erinnerung an Vorleistungen, die einige seiner Vorfahren (unter der
Regierung von Nebros und Chrysos stützte Kos im Ersten Heiligen Krieg die thessalisch-
athenische Streitmacht bei der Belagerung von Krisa in der Landschaft Phokis; unter der
Führung von Kadmos und Hippolochos weigerte sich Kos, an der Expedition des Perser­
königs gegen Griechenland teilzunehmen), sein Vater (Hippokrates leistete bei der
Abwehr einer Seuche in Thessalien nur den Griechen, nicht aber den davon gleichfalls
bedrohten Barbaren Hilfe) und er selbst (Teilnahme als öffentlicher Arzt an der sizili-
schen Expedition) erbrachten. Am Ende der Rede weist er auf die Verpflichtungen der
Koer gegenüber Verbündeten wie den Thessaliern hin.

Inhalt: Der Redner erwähnt auch, dass die Asklepiaden männlichen Ursprungs
(Άσκλητηάδαι κατ' άνόρογένειαν/Asklepiddai k at ' androgeneian) für ihren militä­

102
rischen Einsatz vor Krisa mit Privilegien in Delphi belohnt wurden. Sobald sich
die Mitglieder des Gemeinschaft {κοινόν/koinön) der koischen und knidischen
Asklepiaden mit ihrem Eid identifiziert hatten, durften sie das Orakel mit der
gleichen Priorität (προμυθίη προς μαντείην/ promytbie pros manteien) befragen
wie die Verwaltungsbeamten des Heiligtums. Dieselbe Bestimmung findet man
auf einer Inschrift aus Delphi. Die beiden Texte sind sich nicht nur inhaltlich,
sondern auch dem Wortlaut nach so ähnlich, dass Bousquet vermutete,
Thess.orat. sei wenigstens teilweise historisch authentisch.

3.73 A n fa n g :Ü b e r d ie Sieb en zah l. K a p ite l 1 [Αρχή m pi έβδομάδων.


Λόγος 1, InitH ebd 1]

A: Mras K.: Sprachliche und textkritische Bemerkungen zur spätlateinischen Übersetzung


der hippokratischen Schrift von der Siebenzahl. WS 1919; 41: 61-74, 182-192

Die Übersetzung von Hebd. ins Lateinische ist in zwei Handschriften (BN 7027,
Paris, und MS Milan Ambros. G. 108 Inf., Mailand) erhalten. Beide sind mangel-
und lückenhaft, letztere etwas weniger als die erste. Der bei Littre reproduzierte
Text basiert auf der Mailänder Handschrift. Zum Inhalt s. 3.58.

P se u d o h ip p o k ratisch e S c h rifte n d e r A n tik e.


V e rlo ren e u n d n ic h t a u sg e fü h rte W erke

Über die in den Gesamtausgaben vereinigten Schriften des C.H . hinaus sind
etwa 80 Texte bekannt, deren Überlieferung mit dem Namen des Hippokrates
verbunden ist, die aber stets als nicht-authentisch betrachtet worden sind.
Darunter sind eine große Zahl von Briefen (z.B. Έπιστο?.ή προς Πτολεμαίον
βασιλέα περί κατασκευής άνθρώπου [Brief an König Ptolemaios über die Beschaf­
fenheit des Menschen], Kompilationen (z.B. Περί έλλεβορισμοϋ [Über den Hel­
leborismus]), Einzeldarstellungen von Organen (z.B. Περί ήπατος [Über die
Leber]), Symptomen (z.B. Περί Ιδρώτων [Über den Schweiß]), Krankheiten
(z.B. Περί κυνάγχης νόσου [Über die Rachenentzündung]) und Pharmaka (z.B.
Περί άϊ.οής [Über die Aloe]) und deontologische Schriften (z.B. das so genannte
Testament des Hippokrates, 1./2. Jht. n.Chr.). Manche von ihnen sind nur aus
der arabischen Übersetzung (z.B. R.fi Ma Wifat fu§ül as-sana [Über die geogra­
phische Lage und die Ordnung der Jahreszeiten]) oder in lateinischer Version
(z.B. De specie atrae bilis [Über die schwarze Galle], Übersetzer: Fabius Calvus)
bekannt.
Teile der in Äff. 9, 15, 18, 23, 28, 40 erwähnten Schrift Φαρμακίτις [Arznei­
mittellehre] sind mutmaßlich in Mul.II 92-109, das von Erotian (p.9,13), Galen
(Gal.X IX 116) und Paulus von Aegina (VI 30) genannte chirurgische Werk mit
dem Titel Περί βελέων και τρωμάτων [Über Geschosse und Wunden] ist nur in
Bruchstücken (gesammelt bei Littre I 422ff.) erhalten.

103
In den Texten des C.H . findet sich eine Reihe von Hinweisen auf weitere
eigene Werke, die weder innerhalb noch außerhalb der offiziellen Überlieferung
bewahrt sind. Teils nimmt der Autor auf sie unmittelbar Bezug, teils kündigt er
ihr Entstehen erst an. Aus letzterer Gruppe sind einige womöglich nicht fertig­
gestellt worden.
Folgende Themen sind nach Notizen im C.H . (s. Angabe in Klammern) in
Schriften behandelt worden, die nicht überliefert sind:

• Peripleumonie {Morb.IV 25)


• Fieber bei akuten Erkrankungen {Prorrh.II 14)
• Ätiologisch unklare Fieber (Prorrh.II 14)
• Unterschiede zwischen den Augen {Prorrh.II 21)
• Wundchirurgie {Medic. 10, 11, 14).

Zu folgenden Themen waren nach Notizen im C.H . (s. Angabe in Klammern)


Einzeldarstellungen geplant:

• Massage {Artic. 9)
• Aufbau der Drüsen {Artic.W)
• Chirurgie wässeriger und schleimiger Tumoren des Ohres {Artic. 40)
• Gemeinsamkeiten von Arterien und Venen {Artic. 45)
• Vergleichende Physiologie der Muskulatur {Artic.57)
• Zum Selbstverständnis anderer Wissenschaften als der Medizin {De Arte 9)
• Pädiatrische Symptomenlehre {Septim. 9).
4 D as C orpus H ippocraticum

Das C.H . hat die Medizin dauerhaft geprägt. Es hat den Ärzten als Referenz­
werk für Theorie und Praxis ihres Berufs gedient und dem interessierten Publi­
kum eine Einführung in viele Bereiche des Fachs geboten. Der großen Bedeu­
tung und Spannweite steht die inhaltliche und formale Uneinheitlichkeit der
unter dem Namen des Hippokrates von Kos überlieferten Schriften gegenüber.
Manche Divergenz kann durch die Entwicklung der Medizin in dem Zeitraum,
den das C.H . umfasst, erklärt werden. Für die meisten Widersprüche taugt dieser
Deutungsversuch aber nicht. Sie lassen sich nur mit der Annahme begründen,
dass das C.H . nicht von einem einzelnen Verfasser stammt, sondern eine mehr
oder weniger große Gruppe von schreibenden Ärzten dazu beigetragen hat. Wer
dazu gehört, das ist der Inhalt der hippokratischen Frage.

4.1 E ch th e it u n d E c h th e itsk ritik

M: Grensemann H.: Der Arzt Polybos als Verfasser hippokratischer Schriften. Mainz,
1968 Ilberg J.: Das Hippokrates-Glossar des Erotian und seine ursprüngliche Gestalt.
Leipzig, 1893 Nachmanson E.: Erotiani vocum hippocraticarum collectio. Uppsala, 1918
A: Althoff J.: Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum. In: Gat­
tungen wissenschaftlicher Literatur in der Antike. Kulimann W., Althoff J., Asper M.
(Hrsg.). Tübingen, 1998: 37-63 Grensemann H.: Weitere Bemerkungen zu den Hippo-
krates-Glossaren des Erotian und Galen. Hermes 1968; 96: 177-190 Lloyd G.E.R.: The
Hippocratic question. CQ 1975; 25: 171-192 Kollesch J.: Darstellungsformen der medi­
zinischen Literatur im 5. und 4. Jahrhundert v.Chr. Philologus 1991; 135: 177—
183 Irigoin J.: Le röle des recentiores dans Petablissement du texte hippocratique. In:
Coll.Hipp.il Mons 1975 (Mons 1977): 9-17 Pfaff F.: Die Überlieferung des Corpus
Hippocraticum in der nachalexandrinischen Zeit. WS 1932; 50: 67-82 Wittern R.: Gat­
tungen im Corpus Hippocraticum. In: Gattungen wissenschaftlicher Literatur in der
Antike. Kullmann W., Althoff J., Asper M. (Hrsg.). Tübingen, 1998: 17-36

Die Prüfung der Echtheit der im C.H . versammelten Schriften ist eine Rechnung
mit mehreren unbekannten bzw. unbestimmten Größen.
Keiner der Traktate ist zweifelsfrei dem Hippokrates zuzuweisen. Es ist
nicht einmal sicher, dass der Koer überhaupt einen der Texte selbst verfasst hat.
Keine der Schriften ist so gut bezeugt und so unumstritten, dass sie als Basis für
die Beurteilung der Authentizität der anderen dienen könnte. Daher ist es auch
nicht ohne weiteres gerechtfertigt, Schriften, deren Inhalt mit dem als kanonisch
betrachteten Lehrstoff nicht übereinstimmt, für unecht zu erklären. Kein Sujet,
das für die Medizin im Griechenland des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts
bedeutsam war, ist im C.H . ausgeklammert worden. Theorie und Praxis des

105
Faches, allgemeine und spezielle Nosologie, Ethik und Standeslehre werden
teilweise mehrfach und mehr oder minder ausführlich dargestellt.
Keine der damals bekannten Gattungen wissenschaftlicher Prosa fehlt im
C.H . Der hippokratische Autor hat für den medizinischen Laien bestimmte Tex­
te und an die Fachkollegen gerichtete Abhandlungen, er hat Reden und er hat
Spruchsammlungen geschrieben und dies alles, obwohl er ständig auf Reisen war
und seinen Beruf intensiv ausübte. Freilich bestehen zum Teil beträchtliche
Unterschiede in der literarischen Qualität der Werke. Sorgfältig ausgearbeiteten
Schriften stehen schlecht redigierte Texte und viele anspruchslose Kompilatio­
nen und Notizensammlungen gegenüber. Die Qualitätsunterschiede sind gerade
in umfangreichen und/oder mehrteiligen Werken wie Epid.I-VII besonders
deutlich zu erkennen.
Themenvielfalt, Wandlung von Ansichten und Interpretationen, Formen­
reichtum und unterschiedliches literarisches Niveau können auch im Werk eines
einzelnen Schriftstellers angetroffen werden. Die im C.H . beobachtete Ballung
dieser Phänomene macht es jedoch wahrscheinlich, dass die Traktate von einer
großen Zahl von Autoren stammen, die überdies zu unterschiedlichen Zeiten
gelebt haben (s. Kasten). Dabei spielen die Söhne, andere Mitglieder der Familie
und die Schüler des Hippokrates die Hauptrolle (Gal.V II 855. 890. 960, XV
110). Die antiken Zuweisungen sind freilich sehr heterogen; einige Schriften
(z.B. Salubr.) werden mehreren Verfassern zugeschrieben. Möglicherweise sind
auch Werke (oder Teile von Werken) von Vertretern anderer medizinischer
Schulen und von Autoren, die keine Arzte waren, ins C.H . gelangt. Schließlich
sind an einer Reihe von Traktaten mehr oder weniger ausgeprägte Spuren späte­
rer redaktioneller Bearbeitung zu erkennen.

Koautoren des Corpus Hippocraticum (nach den antiken Quellen)

Möglicher Verfasser Traktat Quelle

Hippokrates I off. Gd/.XVIII B 324


(Großvater von Fract. Gal.XV 456
Hippokrates II) Artic. GaLXV 456

Herakleides Progn., Aph. Gd/.XVII A 678


(Vater von Hippokrates II)

Thessalos Off Gal. XVIII B 666


(Sohn von Epid.II, IV, Gal.Vll 890, X V IIA 796
Hippokrates II) VI
Epid. V, VII Gal.VU 854-855. 890, IX 859,
X 556
Hum. Gal.XV I 3

106
Prorrb. Gal.XVl 625
Morb. Gal.XVlll A 888
(nach Dioskurides)

Hippokrates IV Epid. V Gal. VII 854


(Enkel von
Hippokrates II)

Drakon I. Prorrb. Gal.XVl 625


(Sohn von
Hippokrates II)

Drakon II. Epid. V Gal.Vll 854


(Sohn von Drakon I.)
Polybos Hum. Gal.XVl 3
(Schwiegersohn von Nat.Hom. Arist.hist.an.III 3, 512bl2-
Hippokrates II) 513a7, Menon X IX 2, Gal.XV 11
Aff. Gal. X V IIIA 8
Septim. Clem.Al.strom.V1 16, Aet.V 18,5
Nat.Puer. Gal.lV 653

Euryphon von Knidos Salubr. Gal.XV 455


(Arzt, 5. Jht.v.Chr., Vict.II Gal.V I 473
Leiter der Ärzteschule Morb.II Gal.Vll 960,X V I 3
von Knidos) (in Teilen)

Ariston Salubr. Gal.XV 455,X V IIIA 9


(Arzt, 5. Jht. v.Chr.)

Philistion von Lokroi Salubr. Gal. XVIII A 9


(Arzt, 4. Jht.v.Chr.) Viel. Gal.V I 473,XVIII A 8

4.2 S a m m lu n g u n d K o m m e n tie ru n g

M: Nachmanson E.: Erotianstudien. Uppsala, 1917


A: Kollesch J. Kudlien F.: Bemerkungen zum Περί άρθρων - Kommentar des Apollonios
von Kition. Hermes 1961; 89: 322-332 Kudlien F.: Hippokrates-Rezension im Helle­
nismus. In: Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989): 355-376 Pfaff F.: Die Überliefe­
rung des Corpus Hippocraticum in der nachalexandrinischen Zeit. WS 1932; 50: 67-
82 Staden von H.: Lexicography in the third Century B.C.: Bacchius of Tanagra, Erotian,
and Ilippocrates. In: Tratados hipocräticos (estudios acerca de su contenido, forma y
influencia). Actas del Υ ΙΓ colloque international hippocratique. Madrid, 1992: 549-

107
569 Torraca L. Diode di Caristo, il Corpus Hippocraticum ed Aristotele. Sophia 1965;
33: 105-115

Die Mehrzahl der Traktate des C.H . ist im letzten Viertel des 5. und in der ers­
ten Hälfte des 4. Jhts. v.Chr. geschrieben worden. Einige Schriften (z.B. Hebd.)
können noch etwas früher entstanden sein. Für Epid.I und III steht ein absolu­
tes Datum (410 v.Chr.) fest. Mehrere weniger bedeutende Texte (z.B. Cord, und
Medic.) dürften erst im späten 4. oder im 3.Jht. v.Chr. verfasst worden sein.
Sicher erst aus nachchristlicher Zeit stammt ein Teil der Briefe.
Einer beliebten Theorie zufolge kommen viele Texte des C.H . aus der Bib­
liothek, die der koischen Ärzteschule zur Verfügung stand. Einen Beweis für
diese Vermutung gibt es nicht. Allerdings wäre dadurch elegant erklärt, dass die
Sammlung sowohl Schriften des Hippokrates und weiterer koischer Ärzte als
auch ältere Werke und solche anderer Schulen enthalten hat.
Nach einer anderen Theorie gelangten die Schriften Anfang des
3. Jhts. v.Chr. anonym in die Bibliothek von Alexandria. Dort sollen sie bearbei­
tet und wegen des wachsenden Interesses an Hippokrates unter dessen Namen
zusammengestellt worden sein. Die Tatsache, dass es damals noch zu keiner
festen Anordnung der Bücher und definitiven Konstitution des Textes kam, lässt
aber am Erfolg der so genannten alexandrinischen Redaktion zweifeln. In den
folgenden Jahrhunderten sind zusätzlich einige wenige, ausnahmslos unbedeu­
tende Schriften in die Sammlung aufgenommen worden. Ihre Verfasser erwarte­
ten mutmaßlich von der Verbreitung der Werke unter dem Dach des C.H . grö­
ßere Popularität. Galen (Gal.XV II A 606) hat jedenfalls angenommen, dass
Mnemon von Side mit dem Eintrag der Signaturen in das Bibliotheksexemplar
von Epid.III eine derartige Absicht verfolgte.
Die Werktitel sind nicht original, sondern wurden später geprägt. Dabei ist
man nicht immer konsequent verfahren. Manche Texte (z.B. Acut.) haben zwei
Titel und die Titel einiger Schriften (z.B. Oss.) geben deren Inhalt nicht adäquat
wieder.
Gegen Ende des 3. Jhts. v.Chr. wurde die redaktionelle Arbeit am C.H .
erstmals um Glossare und Kommentare erweitert (s. Kasten S. 109-113). Den
Beginn der Hippokrates-Exegese markiert das Werk des Herophilos von Chal-
kedon. Viele andere Ärzte und viele Philologen und Grammatiker folgten seinem
Beispiel. Das große Glossar, das Bakcheios von Tanagra verfasste, trug den Titel
Λέξεις Ίπποκράτους [Das Vokabular des Hippokrates] und hatte drei Bücher.
Der Schüler des Herophilos erklärt darin die Bedeutung seltener und schwieriger
Wörter jener 21 Schriften des C.H ., die er für authentisch hielt (£rof.p.l0,5;
13,2; 19,2). Unterstützt wurde er bei seiner Arbeit von dem alexandrinischen
Grammatiker Aristophanes von Byzantion ( ~ 257 bis 180), der zum Vergleich
geeignete Stellen aus der Dichtung zusammengetragen hat. Sowohl Erotian als
auch Galen (Gal.XIX 65f.) nutzten das Werk für ihre eigenen Arbeiten zum

108
C.H . Bakcheios gab außerdem Epid.III heraus und kommentierte u.a. Off.yAph.
und Epid. VI.

Herausgeber und Kommentatoren des C.H · (3. Jht. v. bis 2. Jht. n.Chr.)
[Die Liste basiert auf den Mitteilungen Erotians und Galens über die Quellen
ihrer Werke]

3. Jht. v.Chr.
Herophilos von Chal- Wörterbuch (Γλωσσών έξήγησις
kedon [Worterklärungen], Gal.X IX 64)
Schüler des Praxagoras, Teilweise polemischer Kommentar
Anatom zu Progn. (Gal.XVIII B 15ff.,
CaelAurel morb.chron. 4,8,113)
Kommentar zu Aph. (Gal.XVIII A
186)

Bakcheios von Tanagra Glossar und Kommentare


Arzt, Schüler des Hero­ (Gal.XV III B 631)
philos

Mnemon von Side Urheber der Signaturen in Epid.III


Arzt unter Ptolemaios (Gal.XVll A 603,605,606,617-618)
III.

Philinos von Kos Hippokratesglossar (in 6 Büchern).


Empiriker Mehrere Bruchstücke bei Erotian
(p.5,4; 10,17;23,9; 108,17) erhalten.
Kritik an der Interpretation des Bak­
cheios von Tanagra

Xenokritos von Kos Erster Glossograph (Erot. p.4,24)


Grammatiker Nur ein Lemma (ά)1οφάσσειν / allo-
phdssein [delirieren], Progn. 20, M ull
41) erhalten (Erot. p.12,7)

Euphorion von Chalkis Glossar in 6 Büchern (Erot. p.5,16)


Bibliothekar in Alexand­
ria, Epylliendichter

Nikander von K olo­ Schrieb eine Versfassung von Progn.


phon mit dem Titel: Προγνωστικόν δι επών
Verfasser von Lehrge­ [Prognostik in Versen]
dichten

109
Diagoras von Kypern Worterklärungen zum C.H . (Erot.
p. 71,20)

2. Jht. v. Chr. Kallimachos Verfasser eines Wörterbuchs zu den


Herophileer Werken des Hippokrates (Erot.
p.4,26;108,17)

Glaukias von Tarent Umfangreiches alphabetisches Lexi­


Empiriker kon (£rot.p.5,0;8,5;15,21;18,12;20,9).
Kommentare zu Epid.II, Epid. VI
(Gal. XVII A 794) und Hunt. (Gal.
XVI 324)

Lysimachos von Kos Polemik gegen die Hippokrates-


Wohl empirischer Arzt Interpretationen des Kydias und des
Epikureers Demetrios (Erot.
p.5,12; 28,13; 85,10). Wegen seiner
Erklärungen schwer verständlicher
Vokabeln ö Ίπποκράτειος/ho Hippo-
krdteios [Der Hippokrateer] genannt
(Schol.Nik.Alex.376)

Zeuxis Kommentare zu sämtlichen von ihm


Empiriker für echt gehaltenen Schriften
(Erot. p.51,5.19, Gal.XV I 636,X IX
108).
Hielt Hum. für unecht (Gal.XVl 1).
Darstellung der Geschichte der Sig­
naturen in Epid. III

Zenon Glossograph (Gal.X IX 108).


Herophileer Abhandlung über die Signaturen in
Epid.III. Geriet dadurch in Streit mit
dem Empiriker Apollonios von Ki­
tion

1. Jht. v. Chr.
Lykos von Neapolis Kommentar zu Loc.Hom. (Erot.
Empiriker p.19,3. 51,9,22.52,9) in (mindestens)
zwei Bänden

Asklepiades von Prusa Kommentare zu Off. und Aph.

110
(£rof.p.78,15, GW.XVIII B 660.666,
X IX 158, Cael. Aurel.morb.ac.lll 1)

Herakleides von Tarent Verfasste wie Zeuxis Kommentare zu


Empiriker sämtlichen von ihm für echt gehalte­
nen Schriften des C.H . (Erot.
p.77,9, Gal.XV I A 196, XVIII B 631)
sowie eine Streit-Schrift gegen Bak-
cheios von Tanagra (£rof.p.5,9)

Apollonios von Kition Kommentar (Erot.p.23,17) zu Artic.


Chirurg (drei Bücher, 31 Schautafeln, Codex
B 64,7). Polemik gegen Hegetor, der
Artic. in seinem Werk Περί αιτιών
[Über die Ursachen] kritisierte,
sowie am Bakcheios-kritischen Hip-
pokrates-Kommentar des Heraklei­
des von Tarent (£roi.p.4,26;5,8;48,5)

Epikles Verfasste einen Auszug aus dem


Kretischer Arzt Glossar des Bakcheios von Tanagra
und fügte umstrittene Änderungen
ein (£roi.p.5,5;7,23; 10,17;13,3;19,3;
20,2;21,10)

Apollonios Ophis Verfasste einen Auszug aus dem


Glossar des Bakcheios von Tanagra
(£roi.p.23,17)

Herakleides Erythraios Verfasste Kommentare zu Epid.III


und Epid.VI (Gal.XVli A 793, XVII
B 208) und vielleicht auch zu Epid.II
(Gal.XV II A 794). Bewies, dass die
Signaturen in Epid. III von Mnemon
von Side stammten (Gal.XV II A
608)

Dioskurides Phakas Glossar in 7 Büchern (Erot. p.5,7;


91,4).
Kritische Haltung gegenüber Bak­
cheios von Tanagra und anderen
Erklärern

111
/. Jht. n.Chr.
Erotian Glossar und Echtheitskritik

Thessalos von Tralles Abwertender Kommentar zu Aph.


Methodiker (Gal. IX 658,X 10,XI 163,XVIII A
247-248)

2. Jht. n.Chr.
Artemidoros Kapiton Neue Edition

Dioskurides der Jüngere Neue Edition (Gal.XVl 837, XVII B


Grammatiker 104). Glossar (Gal.XlX 63)

Rufus von Ephesos Kommentare zu Aer., Aph.y Prorrh.I


und Hum. (Gal.XVl 196, Scr. min. II
87).
Von Galen ( Gal.XVl 196) für seine
Selbständigkeit gelobt

Sabinus Verfasste Kommentare zu Epid.III


(Gal. XVII A 518), Aph. (Gal XVII
A 255), Epid.VI (GaLXV II B 288),
Hum. (Gal. XVI 186), Nat.Hom .
(Gal.XV 25) und Alim. (Gal.XV
409).
Von Galen (Gal.XV 161, XVI 196,
XVII B 288) und Gellius (III 16,8)
trotz Mängeln bei der Beantwortung
von Einzelfragen gelobt

Marinus Kommentar zu Aph. (Gal.XV III A


Anatom 113)

Numesianus Kommentar zu Aph. (Gal.XV I 197)


Anatom, Lehrer Galens

Julian Kommentar (48 Bücher) zu Aph.


Methodiker, Lehrer (Gal. XVIII A 248). Von Galen
Galens (Gal. XVIII A 246-299) wegen
Unverständnis für die Denkweise des
Hippokratcs scharf kritisiert

Lykos der Makedonier Kommentar zu Epid.III und Aph.


Arzt und Anatom (Gal. VI 197). Von Galen

112
(GW.XVIII A 196-245) scharf kriti­
siert

Pelops Verfasste Einführung in das C.H .


Lehrer Galens {Gal XVIII B 926, X IX 57) und
Kommentar zu Aph. (Scr.min.II 86)

Satyros Kommentar u.a. zu Epid.III


Lehrer Galens in Perga- (GWXVI 524, XVII A 575, X IX 58)
mon

Asklepios Kommentar zu Aph. (GW. VI 869)


Arzt

Das Hippokrates-Glossar des griechischen Grammatikers Erotian ( Έρωτιανοϋ


των παρ' Ίπποκράτει λέξεων συναγωγή [Erotians Sammlung hippokratischer
Vokabeln]) weist viele Ähnlichkeiten mit dem des Bakcheios auf und fußt auch
zum Teil auf dem Werk des großen Vorgängers. Erotian hat, wie er im Vorwort
erläutert, die hippokratischen Schriften der Reihe nach bearbeitet und auf die
Alphabetisierung der Lemmata verzichtet (überliefert ist allerdings eine durch
spätere Bearbeitung entstandene teilweise alphabetisierte Version). Er hat aber
zusätzlich die Texte des C .H . klassifiziert und ein Verzeichnis der von ihm für
echt gehaltenen Schriften (29 Werke in 38 Büchern) erstellt. Nach dieser so
genannten dogmatischen Einteilung werden drei Hauptgruppen - semiotische
Schriften {σημειωτικά/ semeiötikd), ätiologische und naturwissenschaftliche
Schriften {αίτιολογικά και φυσικά/ aitiologikd kai physika) und therapeutische
Schriften {Θεραπευτικά/therapeutika) - unterschieden. Je eine weitere Gruppe
wird von Aph. und Epid.VI bzw. den standeskundlichen Schriften gebildet
(s. Kasten).

Von Erotian für echt gehaltene Schriften des C.H .

Semiotische Schriften: Progn.yHum., Prorrh.I (dagegen nicht Prorrb.II)

Ätiologische und naturwissenschaftliche Schriften: Nat. H o m F la t., Morh.


SacrN at. Puer., Περί τόπων και ώρών [Uber Orte und Zeiten]

Therapeutische Schriften:
- Abteilung Chirurgie: VC, Off., Fract., Artic., Mochl., Ulc., Haem., Fist. Περί
βελέωνκαι τρωμάτων [Über Geschosse und Wunden]
- Abteilung Diätetik: Morb.I, Loc.Hom., Morb.II, M ull, Mul.II, Mul.III,
Alim., Περί πτισάνης [Über die Gerstengrütze], Περί ϋδάτων [Über die Was­
ser]

113
G e m isc h te G ru p p e : Aph., Epid. VI

S tan d esk u n d lich e S c h rifte n : Vet.med.yJusj.yLexyde Arte.

Orat.ar. und Thess.orat. werden Hippokrates mehr in seiner Rolle als Patriot
(φιλόπατρις/ philopatris) denn als Arzt zugeschrieben. Uber die genannten Wer­
ke hinaus hat Erotian folgende Werke bei der Abfassung seines Glossars berück­
sichtigt: Aer.y Acut.y Epid.Iy Epid.IIy Epid.IIIy Epid.IVy Epid.Vy Hum.y Salubr.y
Liqu.yMorb.IIIyInt.yNat. Mul.yHebd. und möglicherweise Vict.I-lV.

Zu Beginn des 2. nachchristlichen Jahrhunderts wird das C.H . von neuem ediert
und umfassend bearbeitet, und zwar von dem Grammatiker Dioskurides der
Jüngere und dem Arzt Artemidoros Kapiton. Beide Ausgaben sind verloren. Was
heute darüber bekannt ist, hat Galen mitgeteilt (G ail 24f., XVI B 485, 837,
XVII A 793ff., XVII B 104, X IX 63). Beide haben die zirkulierenden Textversio­
nen neu geordnet, allerdings mit unterschiedlich großer philologischer Sorgfalt.
Dioskurides verzeichnet die Varianten und Änderungen am Rande des Texts,
während Artemidoros Zusätze, auch wenn sie mangelhaft belegt sind, kommen­
tarlos in den Text auf nimmt und andere Lesarten nicht mitteilt. Dioskurides ver­
fasst außerdem ein umfangreiches naturwissenschaftlich orientiertes Glossar zu
sämtlichen Schriften des C.H ., das Galen ausgiebig verwendet hat.
Auch die Version des C.H ., die Galen benutzt, ist noch nicht endgültig.
Galen bezeichnet die Konstitution des Texts als willkürlich (Gal.XV 359, X IX
83), er beklagt die Schwierigkeiten, die ihm die Auswahl zwischen verschiedenen
handschriftlichen Überlieferungen bereitet, und weist darauf hin, dass die antike
Kritik in fast allen'Büchern unechte Zusätze aufgespürt und ausgesondert hat
(Gal.XV II A 732). Die textkritische Arbeit Galens am C.H . gipfelt in einem ver­
lorenen Werk (Gal.V 529, XV 9, XVI 3), das den Titel Περί των γνησίων τε και
νόθων Ίτπτοκράτονς συγγραμμάτων [Die echten und unechten Abhandlungen des
Hippokrates] trägt. Darin werden 12 Schriften für echt und 21 für unecht erklärt
(s. Kasten). Letztere schreibt Galen z.T. mehreren Autoren zu.

V o n G a le n fü r ech t erk lärte S c h rifte n des C .H .

Aer. (Gal.VU 891) Off. (Scr.m in. I I 112)


Progn. (Gal.XVU A 577) Fract. (GaLXV II A 577)
Acut. (Gal.XV II A 577) Artic. (Gal.XVU A 577)
F.pid.I (Gal.V II 825) Aph. (Gal.XVU A 577)
Epid.Ill (Gal.VW 825) Ulc. (Gal.XVU A 577)
VC (Gal.XVU A 577) Alim. (Scr.m in. II 112)

114
Die erklärenden Schriften zu den Traktaten des C.H . bilden einen wichtigen Teil
der literarischen Arbeit Galens (s. Kasten). Entstanden sind sie während seines
so genannten zweiten römischen Aufenthalts, also nach dem Jahre 170. Das
Wörterbuch mit dem Titel 7ων τον Ίπποκράτους γλωσσών έξήγησις [Erklärung
der von Hippokrates verwendeten Wörter] (Gal. X IX 62-157) ist etwa 189
erschienen, die Kommentare zwischen 175 und 189. In Περί των ιδίων βιβλίων
[Über die eigenen Bücher] (Gal.X IX 35) teilt Galen mit, er habe die Erläuterun­
gen vornehmlich zu Übungszwecken geschrieben und erst später für die Publi­
kation bearbeitet.

Schriften Galens zu Traktaten des C.H .

Werkkommentar zu: Fundort

Progn. G */.X V III B 1-317


Acut. Gal.XV 418-919, X IX
182-221
E p id JJIJII.V I Grt/.XVII A 1-344
Off. Gal. X V IIIB 629-925
Fract. Gd/.XVIII B 318-628
Artic. G ^/.X V IIIA 300-767
Aph. Gal.XV I I B 345-887
Ga/.XVIII A 1-195
Hum. Gd/.XVI 1-488
Prorrh.I G al.X V I 488-840
Nat. Hom. Gal.XV 1-173
Salubr. Gal.XV 174-223
Alim. Gal.XV 224-417
Judic. Gal. IX 550-768
Dieb.Judic. Gal. IX 769-941

Streitschriften

Προς Λύκον [Gegen Lykos]: Ga/.XVIII A 196-245


Schrift gegen den Kommentar des Lykos zu Aph.
Ιϊρός τά άντειρημένα τοις Ίπποκράτους άφορισμοϊς Gii/.XVIII A 246-299
ϋπό Ίουλιανον [Gegen den Kommentar des Julian
zu den Aphorismen des Hippokrates]: Schrift
gegen den Kommentar des Methodikers Julian
zu Aph.

115
K lein e S tu d ien

Περ'ι τον παρ ' Ίπποκράτει κώματος [Uber das Koma Gal.V II 643-665
bei Hippokrates]: Anmerkung zu Prorrh.I
Περ) των ούχ έωραμένων Ίπποκράτει εκπτώσεων Gal.XVlll Α 346ff.
[Über die Luxationen, die Hippokrates nicht
beobachtet hat]: Ergänzung zur Luxationslehre
des Hippokrates__________________________________________________

Die Suda erkennt dem Hippokrates die 60 Bücher des Codex M


(<Eξηκovτάßφλoς/}:{exekontίbib\os) sowie Progn., Epid. und Aph. zu.

4.3 D ie S ch u len v o n K o s u n d K n id o s

M: Grensemann H,: Knidische Medizin, I: Die Testimonien zur ältesten knidischen Lehre
und Analysen knidischer Schriften im Corpus hippocraticum. Berlin, 1975 Ilberg J.: Die
Arzteschule von Knidos. Leipzig, 1925 Jouanna J.: Hippocrate. Pour une archeologie
de l’ecole de Cnide. Paris, 1974 Langholf V.: Medical theories in Hippocrates: early texts
and the “Epidemics”. Berlin, 1990 Thivel A.: Cnide et Cos ? Essai sur les doctrines me-
dicales dans la collection hippocratique. Paris, 1981
A: Boncompagni U.: Concczione della malattia e senso delP individualitä nei testi cnidi
del Corpus Hippocraticum. PP 1972; 27: 209-238 Gask G.E.: Early Medical Schools.
The cult of Aesculapius and the origin of Hippocratic medicine. Ann.Med.Hist.1939; 1:
128-157 Joly R.: Sur unc Chronologie des traites cnidiens du corpus hippocratique. Epi-
steme 1972; 6: 3—11 Joly R.: Le Systeme cnidien des humeurs. In: Coll.Hipp.il Mons
1975 (Mons 1977): 107-127 Lonie I.M.: The Cnidian Treatises of the Corpus Hippo-
craticum. CQ 1965; 15: 1-30___________________________________________________

Als sicher koisch gelten Progn. und Acut., die Epidemien, die großen chirurgi­
schen Traktate und die Spruchsammlungen. Andere Texte oder Textabschnitte
hat man Mitgliedern der konkurrierenden Arzteschule von Knidos (Gal.X 6)
zuzuschreiben versucht. Anlass zu derartigen Zuweisungen haben einzelne
Bemerkungen und manche Passagen in den hippokratischen Schriften und die
entsprechenden Hinweise Galens gegeben. Das nur wenige Seemeilen von Kos
entfernte kleinasiatische Knidos besaß ebenso wie sein Inselnachbar einen
Asklepiostempel und eine Schule für Arzte, an der im 5. und 4. Jahrhundert u.a.
Euryphon, Herodikos und Ktesias wirkten. Die koische und die knidische D okt­
rin unterschieden sich sowohl in theoretischer Hinsicht wie in einer Reihe von
Aspekten der angewandten Medizin (s. Kasten).

116
D ie L eh ren d er Ä rz te sch u le n v o n K o s un d K n id o s im V e rg leich
(nach Gal.X 6, XVII A 886, 888, XVIII A 149]

K os K n id o s

Patient wichtiger als Erkrankung Erkrankung wichtiger als Patient

Rationalismus Empirismus

Ausgereifte Symptomenlehre Mangelhafte Symptomenlehre.


Nosologischer Schematismus

Dominanz der Humoralpathologie Dominanz der Solidarpathologie


Vier Säfte Zwei Säfte (Schleim und Galle)

Pflege der Prognostik Vernachlässigung der Prognostik

Große Bedeutung von Umwelt­ Medizin nicht an den Erfordernissen


faktoren und Lebensgewohnheiten des Wanderarztes orientiert

Therapie: Differenzierte Diät, Therapie: Standarddiät, intensive


Purgation Purgation, Schneiden, Brennen

Prophylaxe: Ausgewogene Prophylaxe: Kaum bekannt


Ernährung, körperliche Aktivität,
Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe

Im Zentrum der Spekulationen stehen Euryphon und die ihm zugeschriebenen


so genannten Knidischen Sentenzen (KviSmi γνώμαι/Knidiai gnömai, Gal.XNII
A 886). Die Schrift wird vom Verfasser von Acut. (Kap. 1) heftig attackiert.
Andererseits teilt Galen (Gal.WII 960, XVT 3) mit, dass Euryphon im C.H . als
Autor vertreten sei. Bei der Suche nach Schriften, die knidische Elemente enthal­
ten, ist man früh auf M orb.ll und Int. gestoßen. In Morb.II werden die Eingie­
ßung (έγχυμα/inchyma) in die Lunge (Kap. 47) und die bleiche Krankheit (ττελίη
νουσος/pelie noüsos, Kap. 68) erwähnt. Beide Termini haben nach Galen (G a il
128-129, XV 136, XVIII A 188) ihren Ursprung in Knidos. In Int. 10-34 werden
drei Formen von Phthisis, vier verschiedene Nierenerkrankungen, vier Arten
von Ikterus und drei Typen von Tetanos beschrieben. In seinem Kommentar zu
Acut, bezeichnet Galen diese und andere Klassifizierungen häufiger Erkrankun­
gen als typisch knidisch. Es ist dennoch nicht sicher, dass die entsprechenden
Passagen aus den so genannten Knidischen Sentenzen oder einem anderen Werk
der Schule von Knidos stammen. Noch weniger wahrscheinlich stammt ein
Traktat vollständig von einem knidischen Autor. Entsprechende Zuweisungsver-

117
suche - außer Morb.II und Int. wurden u.a. auch Aff.yMorb.I und Morb.III für
knidisch gehalten - sind zu Recht angezweifelt worden.
5 Theorie und G rundlagenfächer

5.1 A u se in an d e rse tz u n g m it d er re lig iö se n M ed izin

A: Brunn W., von: Hippokrates und die meteorologische Medizin. Gesnerus 1946;
3: 151-173 - 1947; 4: 1-18, 65-85 Gailego Perez M.T.: Las estaciones dcl ario en el
„Corpus hippocraticum“. In: Actas del VIII congreso espafiol de estudios clasicos
(Madrid, 23-28 de sept de 1991). Madrid, 1994: 101-108

Die hippokratische Medizin ist eine rationale Wissenschaft, aber ihre Vertreter
leugnen nicht, dass das Göttliche Einfluß auf Gesundheit und Krankheit nimmt
und dass man übergeordnete Faktoren (dov mp) των μετεώρων ή των ϋπό
γής/Ιιοΐοη perl tön meteörön e tön hypö ges [über- oder unterirdische Dinge],
Vct.med. 1) bei Prognose und Therapie zu berücksichtigen hat. Nat.MulA misst
dem Göttlichen als Kausalfaktor für gynäkologische Erkrankungen größere Be­
deutung bei als der Natur der Frau. In Decent. 6 werden die Götter als Urheber
der Heilung und die Ärzte als deren Vermittler dargestellt. Meist bleibt die dem
hippokratischen Arzt bewusste Unterordnung der Medizin unter das letztlich
Göttliche unausgesprochen oder sie wird nur angedeutet, etwa wenn wie in In-
sornn.87 das Beten im Krankheitsfall als angemessen und gut bezeichnet wird.
Der Widerstand gegen Scharlatanerie und Tempelmedizin wird hingegen
klar artikuliert. Die Epilepsie ist für Hippokrates das Paradebeispiel der Erkran­
kungen, die, da man ihre Ursachen nicht ausreichend kennt, sakralisiert und
skandalisiert werden (.Morb.SacrA-2). Die so genannte Heilige Krankheit scheint
ihm um nichts göttlicher zu sein als andere Leiden. Die Berufung auf die G ott­
heit dient seiner Meinung nach nur dazu, die eigene therapeutische Ohnmacht
zu verschleiern und sich gegenüber dem Patienten aus der Verantwortung zu
ziehen. Daher vergleicht er jene, die das Krampfleiden durch Reinigungsopfer
und Beschwörungen zu heilen versuchen, mit Zauberern, Priestern und Schwind­
lern. In Lex 1 werden solche Kollegen mit Statisten, die auf einer Bühne agieren,
verglichen. Wenn dann die Schuld an bestimmten Symptomen der Krankheit
auch noch verschiedenen Göttern angelastet werde, so seien dies lächerliche Lü­
gengespinste. In diesem Zusammenhang fallen u.a. der Name der Göttermutter
Hera sowie die von Poseidon und Apollon. Die Olympier werden sonst im C.H .
nur noch an einigen wenigen Stellen erwähnt, so in Insomn.S9-90 (Traummittei­
lungen). Andere Relikte der religiösen Medizin sind in den gynäkologischen
Schriften verstreut (Mul.l 72: Vergleich der Lochien mit dem Blut von Opfertie­
ren, VirgA: Opfer für Artemis in ihrer Rolle als Beschützerin der Frauen).
N icht nur Vet.med., sondern auch Aer.y Hum.\?>-\9 und Vict.II 37-38 ent­
halten Plädoyers für die Beschäftigung mit der M eteorologie im engeren Sinn,
d.h. mit dem Klima, den Jahreszeiten, den Winden und anderen natürlichen
Bedingungen einer Region und deren Einfluß auf Konstitution, Gesundheit und

119
Krankheit der dort ansässigen Bevölkerung. In Aer.2 wird diese Beziehung sogar
bis zu den Sternen ausgedehnt. Mutmaßlich kann man auch die Bemerkung in
Progn. 1, dass die Krankheiten ein göttliches Element enthalten können, mit den
Umweltbedingungen in Verbindung bringen. Die praktischen Konsequenzen
dieser Position waren jedenfalls beträchtlich, wie die Charakterisierung von Per­
sonen, Städten und ganzen Erdteilen (Europa, Asien) in Aer. und die Aufzeich­
nungen über den Zusammenhang zwischen Klima und Krankheit in Epid. zeigen
(s. Kasten).

Meteorologische Phänomene in den Epidemien

EpidΛ 1 Erste Katastasis von Thasos (Herbst)


Epid.1 4 Zweite Katastasis von Thasos (Frühherbst)
Epid.1 13 Dritte Katastasis von Thasos (Sternenhimmel)
Epid. II 1.1 Anthrax in regenreichem Sommer
Epid.II 1.3 Wurmkrankheiten im Herbst
Epid.II 1.4 Besonders schwere Krankheitsverläufe im Herbst
Epid.II 1.5 Schwere Krankheitsverläufe in Perinth durch starken Regen,
Wind und hohe Temperaturen
Epid.II 3.2 Wetterabhängigkeit der Wirkungen von Pharmaka
Epid.II! 2 Katastasis: Niedriger Krankenstand bei gutem Wetter
Epid.III 6 Fieber und Phrenitis im Frühjahr
Epid.IV 7 Schwere Gelbsucht zur Wintersonnenwende
Epid.VI 7.1 Schwere epidemische Atemwegserkrankungen zur
Wintersonnenwende
Epid. VI 7.9 Exazerbation der Phthisis im Herbst
Epid.VI1 105 Mumps (?) und Hundsstern

5.2 Beziehungen zu Naturphilosophie und Kosmologie

M: Longrigg J.: Greek rational medicine: philosophy and mcdicine from Alcmaeon to the
Alexandrians. London, New York, 1993: 82-103 Lopez Ferez J.A.: La medecine meteo-
rologique dans la Collection hippocratique: Le miracle grec. In: Le miracle grec: actes du
ΙΓ colloque sur la pensee antique organisee par le C.R.H.I. Thivel A. Nice, Paris 1992:
207-222
A: Jouanna J.: Presence d’Empedocle dans la Collection hippocratique. BAGB 1961: 452-
463 Pigeaud J.: Remarques sur Finne et Facquis dans le Corpus Hippocratique. In:
Coll.Hipp. IV Lausanne 1981 (Geneve 1983): 41-56

Die hippokratischen Ärzte artikulieren ihre ablehnende Haltung gegenüber den


medizinischen Ansichten der Naturphilosophie und Kosmologie klar und un­
missverständlich. In Vet.med. 1 werden jene, die versuchen, die Ursachen von

120
Krankheit und Tod des Menschen auf einige wenige physikalische Prinzipien zu
beschränken, attackiert, in Vet.med.20 plädiert der Autor für die Loslösung der
empirischen Individualmedizin aus der Umklammerung durch die naturphiloso­
phischen Spekulationen. In diesem Zusammenhang muss sich Empedokles die
sarkastische Bemerkung gefallen lassen, dass das, was er über die Natur geschrie­
ben habe, mehr in den Bereich der Kunst als den der Medizin gehöre.
Dennoch finden sich zahlreiche Spuren der vorsokratischen Philosophie im
C.H. Man führt die Anleihen und deren Häufung in einzelnen Schriften (v.a.
Flat., Vict.l, Carn. und Hebd.) darauf zurück, dass deren Verfasser die naturphi­
losophischen Schriften mehr benützt haben als andere. Freilich handelt es sich in
den meisten Fällen mehr um Reminiszenzen als um präzise Argumentationen.
Man darf aber auch nicht verkennen, dass die magische und naturphilosophische
Medizin Methoden und Ziele der empirischen Medizin - wenngleich nur in An­
sätzen - vorweggenommen hat. Gleichzeitig stellte sie den naturwissenschaftlich
orientierten Medizinern Deutungsmöglichkeiten für Phänomene von Gesund­
heit und Krankheit zur Verfügung, die sonst nicht ausreichend erklärt werden
konnten.
Ein gutes Beispiel für den Gestaltwandel der Elemente beim Übergang von
der naturphilosophischen zur naturwissenschaftlichen Medizin ist die Luft. Die
vorsokratischen Philosophen sehen in der Atemluft sowohl ein kosmisches (z.B.
Anaximenes [DK 13 B 2]) als auch ein spirituelles Prinzip (z.B. Diogenes von
Apollonia [DK 64 B 35]). Bei Hippokrates bleibt davon nur die Funktion als all­
gemeingültiges Prinzip des Lebens (FlatA) erhalten. Der Verfasser merkt im
gleichen Satz an, dass die Luft sogar Krankheiten verursachen könne. Grundlage
für ihre Bedeutung in der allgemeinen Pathogenese ist die Tatsache, dass die
Menschen die Luft ein- und ausatmen und dass sie in den Venen durch den Kör­
per transportiert wird (Morb.Sacr.7). Die hippokratischen Ärzte haben auch er­
kannt, dass die - allen Menschen gemeinsame - Atemluft und nicht die - indivi­
duelle - Ernährung Hauptverursacher epidemischer Erkrankungen, z.B. des epi­
demischen Fiebers (Flat. 6) ist. Umgekehrt fördert εϋπνοια/eupnoia [gute Luft]
(Progn. 5) die Rekonvaleszenz nach akuten Erkrankungen.
Die große Bedeutung, die die hippokratischen Ärzte im Verlauf einer
Krankheit der Krise (κρίσις/krisis) beigemessen haben, und die Beobachtung,
dass vor allem die fieberhaften Erkrankungen in mehr oder weniger regelmäßi­
gen Abständen rezidivieren, mag Anlass gewesen sein, von den Vorsokratikern
proklamierte biologische Rhythmen und Zeitmaße in die Krankheitslehre aufzu­
nehmen. Empedokles [DK 31 B 153a] hatte angenommen, dass der Embryo in
sieben mal sieben Tagen wächst, Hippon [DK 38 A 16] hatte geglaubt, dass für
die Bildung des Embryo 60 Tage notwendig seien, und die Pythagoräer [DK 58
B 2] hatten gelehrt, dass die Krankheitskrisen an überzähligen Tagen eintreten.
Diese Thesen lieferten mannigfache Ansatzpunkte für die Systematisierung der
Krankheitsverläufe. Nach Progn.20 entscheidet sich am vierten Tag, ob der Pati­
ent eine Fieberkrankheit übersteht oder nicht. Aph. 2,24 erklärt den vierten Tag

121
generell zum Termin der Vorentscheidung über den Verlauf, weist jedoch darauf
hin, dass auch der elfte und der 17. Tag zu beachten seien. Noch weitaus um­
fangreichere Zahlenreihen liefern Epid.I 26 und CarnA9. Derlei numerische
Spielereien hatten mit der Realität wenig zu tun. Daher erklärt der hippokrati­
sche Autor auch an anderer Stelle (Morb.I 16), dass die Entwicklung der Krank­
heiten keineswegs so starr sei, wie einige sagen, und erinnert in diesem Zusam­
menhang beispielhaft daran, dass der Verlauf auch von Altersunterschieden und
der unterschiedlichen Konstitution der Kranken beeinflusst werde. Grundsätz­
lich galt aber die Ansicht, dass die Krankheit rezidivieren werde, wenn sie nicht
an einem kritischen Tag zum Stillstand gekommen sei (Judic.39).

5.3 E lem en te d er w issen sc h aftlich en M ed izin

M: Joly R.: Le niveau de la Science hippocratique. Paris, 1966 Pohlenz M.: Hippokrates
und die Begründung der wissenschaftlichen Medizin. Berlin 1938 Rechenauer G.: Thu-
kydides und die hippokratische Medizin. Naturwissenschaftliche Methodik als Modell für
Geschichtsdeutung. Hildesheim, 1991 Smith W.D. Hippocratic Medicine. Ithaca and
London, 1979 Weidauer K.: Thukydides und die Hippokratischen Schriften. Der Einfluß
der Medizin auf Zielsetzung und Darstellungsweise des Geschichtswerks. Heidelberg,
1954
A: Demont P.: Notes sur le recit de la pestilence athenienne chcz Thucydide et sur ses
rapports avec la medecine grecque de l’epoque classique. In: Coll.Hipp.IV Lausanne 1981
(Geneve 1983): 341-353 Senn G.: Uber Herkunft und Stil der Beschreibungen von Ex­
perimenten im Corpus Hippocraticum. Arch. Gesch. Med. 1929; 22: 217-289 Thivel A.:
La valeur scientifique de la medecine hippocratique. In: Coll.Hipp.X Nice 1999 (Paris
2002): 399-427_______________________________________________________________

Medizin ist für den hippokratischen Arzt eine Kunst {τέχνη/techne, Vet.medA),
in der sich praktische Fertigkeit und die Anwendung wissenschaftlicher Er­
kenntnisse verbinden. Der Arzt wird deshalb auch als τεχνίτης!technites [Künst­
ler] ( Vet.medAy5) oder χειροτέχνης/ cheirotechnes (Vet.med.7) bzw. δημιουργός/
demiourgos [Handwerker] (Vet.med. 1, De Arte 8) bezeichnet und damit vom
medizinischen Laien (ιδιώτης/idiotesy Vet.medA, Aff.33) abgegrenzt. Diese
Unterscheidung gilt ungeachtet der Tatsache, dass es auf dem Gebiet der Medi­
zin eigentlich gar keine Nichtfachleute gibt, weil alle Menschen sich mit
Gesundheit und Krankheit befassen müssen. Die Kunst des Arztes wird sowohl
mündlich als auch schriftlich weitergegeben (Vet.med. 1, 20).
Wissenschaft im allgemeinen und Medizin im besonderen streben danach,
Neues, bisher Unausgesprochenes zu finden (De Arte 1) und Unvollendetes zu
ergänzen. Der Fortschritt beruht auf der gezielten intellektuellen Suche
(λογισμός/logismosy Vet.medA!) nach der Wahrheit, mag ihm auch manchmal der
Zufall zu Hilfe kommen (Loc.Hom.46). Viele gleiche oder ähnliche Beobachtun­
gen lassen sich auf gemeinsame Grundlagen zurückführen und erlauben eine

122
B e isp iele g u te r w isse n sc h aftlich er P rax is im C .H .

Aer.8 Experimentelle Prüfung der Unterschiede zwischen Wasser und


Eis. Metrische Auswertung (άναμετρεϊν/anametrem) des Versuchs

Artic. 8 Vergleich der Anatomie des Hüftgelenks von Mensch und Tier
(Rind) unter dem Aspekt der Neigung zur Luxation

Artic. 13 Vergleich der Anatomie des Akromion von Mensch und Tier un­
ter dem Aspekt der frakturbedingten Dislokation

Artic. 2>8 Experimentelle Therapie der Nasenbeinfraktur mit einer Scheibe


Schafslunge

Artic.46 Vorschlag zur Erprobung der offenen Reposition der Wirbelkör­


perluxation an der Leiche

Nat.Hom.7 Pharmakologisches Experiment: Jahreszeitliche Abhängigkeit der


Wirkung eines Heilmittels auf die Körpersäfte

Morb.Sacr.7 Parästhesien der Extremitäten nach längerem Sitzen oder Stehen


durch Kompression der Gefäße und Unterbrechung der Luftzu­
fuhr

Morb.Sacr. 11 Sektion des Gehirns epileptischer Ziegen

Int.ll> Beweis für die Annahme, dass Geschwülste {φύματα/phymata)


zum Hydrops der menschlichen Lunge führen können, durch
Vergleichsbeobachtungen an sezierten Rindern, Schweinen und
Hunden

Nat.PuerAl Beschreibung eines - angeblich - sechs Tage alten Embryo

Nat.PHer.Y7 Experimentelle Mischung von Erde, Sand, Blei und Wasser in ei­
ner Blase als Modell für die Gestaltung des Embryo

Nat.Puer.29 Experimentelle Beobachtung der Entwicklung des befruchteten


Hühnereis zum Küken an einer großen Zahl von Proben

Cord.l Tierversuch (Pharyngotomie des Schweins nach Instillation von


verschieden gefärbtem Wasser) zur Differenzierung von Luft-
und Speisewegen

123
Schlussfolgerung (jκεφάλαιον/kepbdlaion, Epid.VI 3.12)» Auf diese Weise wird
das, was richtig ist, verifiziert, und das, was falsch ist, zurückgewiesen (s. Kasten
S. 123). Wenn die eigenen Beobachtungen und Erfahrungen nicht ausreichen,
werden die Aussagen entsprechend relativiert (Epid.I 20). Das wissenschaftliche
Interesse soll nicht nur populären Themen wie der Ernährung (Vet.medAA) gel­
ten, sondern auch seltenen und als inkurabel geltenden Erkrankungen (Artic.58).
Die hippokratischen Ärzte haben allerdings Zweifel an Teilaspekten des
wissenschaftlichen Fortschritts und mahnen zur Vorsicht bei der Einführung
von Neuerungen. Innovationen gelten grundsätzlich nur dann als realisierbar,
wenn man den aktuellen Stand der Wissenschaft kennt und die Forschungen von
dort ihren Ausgang nehmen (Vet.med.2). Nicht alles, was außergewöhnlich
erscheint, ist bei näherer Betrachtung auch nützlich oder sogar nützlicher als das,
was man bereits kennt (FractA).
Die Suche nach Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen Thukydides
und Hippokrates setzt da an, wo sie dasselbe Thema behandeln, nämlich die Seu­
che bzw. die Pest (λοιμός/loimos). Aber damit beginnen auch schon die Schwie­
rigkeiten. Weder berichten die beiden vom gleichen Ausbruch der Erkrankung
noch ist sicher, ob sie dieselbe Seuche meinen. Thukydides (II 48-54) schildert
die Pest, die 430/429 v.Chr. Athen heimsuchte, er war selbst betroffen und hat
andere leiden sehen, er hat die äußeren Zeichen der Krankheit minuziös be­
schrieben und ihre Kontagiosität und die Immunität derer, die sie überlebten,
erkannt, er hat die Hilflosigkeit der Ärzte beobachtet und gesehen, dass sich die
Bevölkerung in ihrer N ot von der rationalen Medizin abwandte und Zuflucht in
Gebeten, Opfern und Orakeln suchte. Thukydides hat das medizinische Phäno­
men nicht anders behandelt als die nicht-medizinischen Ereignisse: Rational und
skeptisch. Dagegen nehmen sich die entsprechenden Bemerkungen des H ippo­
krates dürftig aus. Die in Epid.lll 3,7 beschriebene Erkrankung, deren Sympto­
me jenen ähneln, die Thukydides aus Athen mitteilt, wird nicht einmal ausdrück­
lich als Seuche (λοιμός/loimos) bezeichnet. In Acut. 2 wird zwar der epidemische
Charakter der λοιμώδης νονσος/loimödes noüsos [pestähnliche Erkrankung] her­
vorgehoben. Es fehlt aber jeder weitere Hinweis darauf, dass damit die Pest ge­
meint ist. Ähnlich unsicher ist der Charakter der in Flat. 6 als allgemein bekannt
bezeichneten Form des Fiebers. Die Erwähnungen der Pest in EpistA, 2 und 11
sowie in Decr.Ath. und Thess.orat. sind allein auf Grund der großen zeitlichen
Distanz zwischen dem thukydideischen Geschichtswerk und den pseudohippo­
kratischen Texten ohne Bedeutung für die Beurteilung des Verhältnisses zwi­
schen den Autoren.
Aber auch andere Parallelen tragen nicht weit. Wohl verwenden Thukydides
und Hippokrates Termini wie Natur (φύσις/physis)y Kausalfaktor (ττρόφασις/
prophasis) und Gestalt (είδος/eidos) in ähnlichem Sinn. Wohl erkennt Thukydi­
des (VII 87) ebenso wie Hippokrates (z.B. Hum. 15), dass widrige äußere Um ­
stände den Ausbruch von Krankheiten fördern. Wohl haben die prognostischen
Elemente, die Thukydides (z.B. I 10) in seine Darstellung einflicht, Ähnlichkeit

124
mit dem zielgerichteten prognostischen Denken des Hippokrates (z.B. Progn.
25). Vielleicht hat Thukydides im Handeln des Politikers sogar Parallelen zur
Tätigkeit des Arztes sehen wollen. Der direkte Einfluß hippokratischer Schriften
auf den Geschichtsschreiber ist indes nicht zu beweisen.
Umgekehrt ist es auch wenig wahrscheinlich, dass Teile des C.H . von He-
rodot abhängen. Weder wird seine Mitteilung über die bei den Ägyptern übli­
chen Purgationen (II 77) in einem der hippokratischen Traktate aufgegriffen
noch hat Herodots Bemerkung zur Impotenz der Skythen (I 105) die Beschrei­
bung der Krankheit in Aer. 22 beeinflusst. Während Herodot dafür eine rein
übernatürliche Erklärung (Rache der Aphrodite für eine Tempelplünderung)
gibt, lehnt Hippokrates den göttlichen Ursprung des Leidens ausdrücklich ab
und läßt nur eine mechanische Erklärung, nämlich das lange Reiten zu.

5.4 E n tw ick lu n g sg e sch ic h te u n d A n ato m ie

Hauptfundstellen im C.H.: Loc.Hom.yOct.y Genit.y Nat.Puer.y Anat.y Gland.y Cam.y


Cord., Oss.
M: Duminil M.-P.: Le sang, les vaisseaux, le cceur dans la Collection hippocratique; ana-
tomie et physiologie. Paris, 1983 Oser-Grote C.M.: Aristoteles und das Corpus Hippo-
craticum. Die Anatomie und Physiologie des Menschen. Stuttgart, 2004
A: Abel K.: Die Lehre vom Blutkreislauf im Corpus Hippocraticum. In: Antike Medizin.
Darmstadt, 1971: 121-164 ______________________________ _________

Die Verschmelzung von Ei und Samen am Beginn des menschlichen Lebens ist
dem hippokratischen Arzt nicht bekannt gewesen. Er hat vielmehr angenom­
men, dass sowohl Männer als auch Frauen männlichen und weiblichen Samen be­
sitzen (Genit. 6) und dass der Samen in allen Partien des Körpers gebildet wird
(Morb.Sacr.2). Das Ungeborene ernährt sich aus der Gebärmutter, indem es von
dort mit dem Mund (wie später an der Mutterbrust) Luft und Nahrung ansaugt
(Nat.Puer.i4). Damit folgt der hippokratische Autor einer schon von Diogenes
von Apollonia [DK 64 A 25] und Hippon von Samos [DK 38 A 17] geäußerten
Ansicht. Da das mütterliche Blut zum Wachstum des Kindes beiträgt, bleibt in
der Schwangerschaft die Regelblutung aus (Nat.Puer. 14). Der männliche Fet
wächst schneller als der weibliche (Nat.Puer.lS). Im Laufe der Zeit bekommt das
Ungeborene menschliche Züge (φύσις άνθρωποειδής/physis anthröpoeides,
Morb.IV 1). Die Placenta (χόριον/cborion) wird als eine Membran beschrieben,
die den Fetus umhüllt, wenn das Fleisch gebildet ist, und in der sich das Blut
sammelt, das von der Mutter stammt (Nat.Puer. 16).
Das C.H . vermittelt kein einheitliches Bild vom Körperbau des Menschen.
Im Griechenland des 5. und der ersten Hälfte des 4. vorchristlichen Jahrhunderts
wurde noch keine systematische anatomische Forschung betrieben. Für die hip­
pokratischen Ärzte war die Anatomie weniger bedeutsam als die Physiologie.
Eine wichtige Ausnahme macht die in Fract. und Artic. dokumentierte Anatomie

125
der Knochen, Gelenke und Weichteile der Extremitäten. Aber auch die Trauma­
tologen haben ihre speziellen Kenntnisse nicht durch gezielte Forschung, son­
dern durch die Beobachtungen an Opfern offener Verletzungen gewonnen. In
055.1 werden ausdrücklich Beobachtungen an menschlichen Skelettelementen
erwähnt. Manche anatomische Detailangaben (z.B. über Sehnen, Epid.IV 60)
sind in klinisch orientierten Schilderungen versteckt. Die beiden rein anatomisch
orientierten Schriften {Anat.y Cord.) sind schmächtig und stammen mutmaßlich
aus nachhippokratischer Zeit.
Vereinzelt wurden aus Beobachtungen an Tieren Rückschlüsse auf den
Menschen gezogen. In Morb.Sacr.7 wird das menschliche Gehirn mit dem der
Tiere verglichen und dabei die Zweiteilung des Organs durch die Falx cerebri be­
sonders hervorgehoben. Nach Epid. VI 4.6 ist der Dickdarm des Menschen län­
ger als der des Hundes; außerdem wird seine Aufhängung am Mesenterium be­
schrieben. Carn.\7 hebt die Ähnlichkeit zwischen Tier- und Menschenaugen
hervor.
Die in der makroskopischen Anatomie geläufige Bezeichnung eines Teils
des Körpers als Organ wurde erst von Aristoteles geprägt (part.an. 642al l ,
645b14, gen.an. 716a24). Die hippokratischen Ärzte verwenden dafür den Termi­
nus σχήμα/Schema (z.B. Vet.med.22); mit όργανα/organa werden ausschließlich
Werkzeuge des Arztes (z.B. die Praxisinstrumente, Medic. 9) bezeichnet. Die
Form der Körperteile bestimmt nach Ansicht des hippokratischen Arztes ihre
Funktion ebenso wie ihre Anfälligkeit für Erkrankungen (Vet.med.22-23).
Große und hohle Organe (Blase, Kopf, Uterus) ziehen Flüssigkeiten aktiv an
und sind immer gefüllt. Entfaltete Hohlorgane empfangen Flüssigkeiten passiv.
Feste rundliche Organe weisen Flüssigkeiten ab und schwammige und schlaffe
Organe (Milz, Lungen, Mammae) werden härter, wenn sie Flüssigkeit aufge­
nommen haben.
Unter den Begriff σπλάγχνα/spldnchna (z.B. IntA7) fallen nicht nur Herz
und Lungen, Leber, Nieren und Darm, sondern auch das Gehirn {εγκέφαλος/
enkephalosy z.B. VC 2). Das Gehirn wird zu den Drüsen {αδένες/adenes) gerech­
net {Gland. 10,15). Man sah in ihm das Zentrum des Denkens, der Gefühle und
der Sinneswahrnehmungen {Morb.Sacr.\7). Allerdings wurden Teileigenschaften
der Seele auch in das Zwerchfell {AcutA4) und den linken Unterbauch (Cord./O)
lokalisiert. Die harte und die weiche Hirnhaut werden in Loc.Hom. 2 erwähnt.
Morb.II 5 und CarnA beschreiben den Ursprung des Rückenmarks {νωτιαίος
μύελος/nötiaios myelos) aus dem Gehirn, ArticA7 die enge räumliche Beziehung
von Wirbelsäule und Rückenmark. Die Kreuzung der absteigenden Bahnen wird
in VC 13 und Epid.V 28 (posttraumatische Krämpfe der Hand kontralateral zur
Kopfwunde!) angedeutet. Am Schädeldach wurden die Nähte (βάφαι/rhdphaiy
n = 3 bzw. 4) und die Lamina diploe {διπλόη/diploe) richtig erkannt {Loc.
Hom.G). Die Spinalnerven {τόνοι νευρώδεες/ίόηοΐ neurödees) sind in Artic.45,
Vagus und Sympathikus in Epid.II 4.2 beschrieben. Carn.17 (s. Kasten) benennt

126
den Sehnerven und andere Details der Anatomie des Auges ( οφθαλμός/ opk-
rbalmosy auch ομμα/όπιπια, z.B. Epid.VII 11 und δψις/opsis, z.B. Epid.VI 8.17).

Anatomie des Auges im C.H . (Garn. 17)

φλέψ/phleps Sehnerv
δέρμα διαφανές!derma diaphanes Hornhaut
στεφάνη/Stephane Lidrand
λευκόν κρέας!leukön kreas> ö άμφι την δψιν χιτών/ Sklera
ho amphl ten öpsin chitön
κόρη!köre, όμμάτων μέλαν/ommdtön melan Pupille
χιτώνες μελάνες!ebitönes melanes Iris
υγρόν κολλώδες!hygrön kollödes Glaskörper

Mit dem Terminus καρδία/kardia werden sowohl das Herz als auch der Magen­
eingang und der Magen insgesamt bezeichnet (z.B. Coac.289). Man weiß, dass
das Herz pulsiert (πάλλετm/palletau Morb.Sacr.6) und hält es für die Quelle des
Blutes (Morb.IV 40). Dennoch wurde seine Funktion als Pumpe nicht erkannt.
Man hielt das Herz vielmehr für ein Organ der Atmung (Carn.6). In CordA
wird allerdings richtig beschrieben, dass das Herz ein Muskel ist, zwei Kammern
hat und von Perikard umgeben ist, und in Cord. 10 werden der Aufbau und die
Funktion der Taschenklappen dargestellt.
Die Anatomie der Gefäße im C.H . ist geprägt von der Vorstellung, dass die
Säfte eine umfassende Kommunikation zwischen den Körperteilen gewährleis­
ten. In den Gefäßen werden unterschiedslos alle organischen Flüssigkeiten, näm­
lich Blut, Schleim, Galle und Serum ( ίχώρ/ichör) sowie die Luft transportiert.
Nur der Anteil der einzelnen Komponenten an der intravasalen Strömung ist va­
riabel. Außerdem können die Säfte innerhalb der Gefäße grundsätzlich in beide
Richtungen fließen. Als αίμόρρονς/baimorrhous werden große blutreiche Gefäße
bezeichnet (z.B. Fract. 11).
Da die hippokratischen Arzte den physiologischen Unterschied zwischen
Arterien und Venen nicht kennen, werden die beiden Gefäßtypen auch termino­
logisch nicht entsprechend unterschieden (s. Kasten S. 128). Freilich ist das
Begriffspaar Vene-Arterie durchaus gebräuchlich (Artic.45). In Alim.3\ wird die
Leber als Ursprungsort der Venen und das Herz als Ausgangspunkt der Arterien
bezeichnet. Epid. V 46 stellt ausdrücklich fest, dass ein Pfeil, der in der Leistenre­
gion steckt, weder die Vene noch die Arterie verletzt hat. Mit φλέψ/phleps wird
jede Art von Gefäß, also nicht nur die Vene bezeichnet (ein nur in Liqu.2 ver­
wendetes Synonym ist νεύρον έναιμον/neüron enhaimon), mit αρτηρία!arteria
sowohl die Luftröhre als auch ein luftgefülltes Gefäß (Morb.122). Cord. 10 nennt
die aus dem Herzen entspringenden Gefäße άορταί/aortai (Plural!).

127
Anatomisch definierbare Gefäße im C.H .

αϊμόρρους φλέψ/haimorrhous phleps {Aff.29) Vena cava inferior


κοίλη <p?J:y//koile phleps (z.B. Carn.5) Vena cava inferior
ήπατϊτις/bepatitis {Morb.126) Lebervene D D Vena cava infe­
rior {Epid.II 4.1)
σπληνϊτις/splemtis (Morb.I 28), αριστερή φ)Ι:ψ/ Milzvene (erstreckt sich bis in
aristerephleps {Morb.I 26) die linke Hand)
σφαγϊτις/sphagitis {Nat.Hom.l, Oss.9) Vena jugularis

Die topographische Anatomie der Gefäße wird in mehreren Schriften des C.H.
beschrieben. Die Darstellungen sind jedoch sowohl in sich als auch untereinan­
der widersprüchlich (s. Kasten).

Topographische Anatomie der Gefäße im C.H .

Epid.II 4.1 Hauptgefäß: ήττατίτις/hepatitis


Nat.Hom. 11 Vier Venenpaare {τέσσαρα ζεύγεα/tessera zeügea). Zahlreiche
oberflächliche Gefäße
Morb.Sacr.6-7 Hauptvenen aus Leber und Milz. Die Gefäße ziehen zum
Kopf
Carn. 5 Zwei Hohlvenen gehen vom Herzen aus. Verzweigung bis in
die Peripherie des Körpers
Cord. 10 Ursprung der Arterien an den Taschenklappen
Oss. 1,7,11,19 Vier Venenpaare. Verbindung zu Nieren, Leber und Milz

Die Kenntnisse der Anatomie des Respirationstrakts sind trotz der großen klini­
schen Bedeutung von Atemwegserkrankungen für den hippokratischen Arzt lü­
ckenhaft (s. Kasten). Der Verschluss des Larynx durch die Epiglottis wird zwar
richtig beschrieben {Morb.IV 25, Cord.2). Man erkennt jedoch die Bedeutung
dieser Schließbewegung für die Trennung von Luft- und Speisewegen ebenso
wenig wie jene des Zwerchfells für die Atemmechanik. Nach AnatA hat die Lun­
ge fünf Ausläufer {νπερκορυφώσιας/hyperkoryphösias). Am knöchernen Thorax
werden je sieben wahre und mehrere falsche Rippen unterschieden {Loc.Hom. 6).
Die wahren Rippen artikulieren mit dem Sternum {στήθος/stethos, Mochl.\)y die
falschen sind mit ihm knorpelig verbunden {Epid.VII 3).

Anatomie des Respirationstrakts im C.H .

τράχηλος/trdchelos {Morb.IV 57) Hals


κίων/kiön {Epid.I 26.5) Gaumenzäpfchen
έτπγλωττίς/epiglottis (z.B. Ο 55. 13) Kehldeckel
άρτηρίη/arterie {Oss. 13), συριγξ του ττλεύμονος/ Luftröhre
syrinx toü pleumonos {Morb.II 50)

128
βρόγχος/brönchos {Apb. 6,37, Epid.V 63, Loc.Hom.3) Luftröhre - nicht Bron­
chus!
7r/Müpcov/pleumön (z.B. Morb.1 12), Lunge
λοβός/lobos {Loc.Hom. 14)
άορτρά/aortrd {Loc.HomAA) Lungenlappen
πλευρά/pleurd (z.B. Epid. V II 40, Art. 47) Rippen, Hanke - nicht
Rippenfell!
διάφραγμα/didphragma (z.B. Epid.V 95) Zwerchfell

Thorax (iθώραζ/thörax, z.B. Anat.42, χέλυς/chelys, Af&rt.l) und Abdomen


(.λαπάρη/lapdre, z.B. Morb.II 69, νηδύς/nedys, Aer. 7) werden vielfach als άνω
κοιλία/dnö koilia (z.B. Morb.I 15) bzw. κάτω κοιλία/kdtö koilia (z.B. Morb.I 17)
bezeichnet und so voneinander topographisch abgegrenzt. Außerdem werden
der Oberbauch {ϋποχόνδριον/ hypochondrion, z.B. ApÄ.6,40, έπιγάστριον/
cpigdstrion, AlimAO) und der Unterbauch ( ϋπογάστριον/ hypogdstnon, z.B.
Epid.VII 55, ήτρον/etron, Epid.IV 23) unterschieden (s. Kasten). Mit
κενεών/keneön {Epid.V 45) bzw. πλάγιον/pldgion {Artic. 12, Morb.II 37) wird die
blanke, mit βουβών/boubön bzw. βουβώνες/boubones werden die Leiste {Epid.V
7) bzw. die - geschwollenen - inguinalen Lymphknoten {Epid.VI 2.2, Epid.VII
97) bezeichnet.

Organe des Gastrointestinaltrakts im C.H .

φάρυγξ/phdrynx (z.B. Epid.V 63), σφαγή/sphage Rachen


(z.B. Int. 18), λαιμός/laimos (z.B. Epid.II 6.6)
οισοφάγος/oisophagos (z.B. AnatA) Speiseröhre
γαστήρ/gaster (z.B. Epid.IV 25), νηδύς/nedys Magen
(CV»t2.13), στόμαχος/stomachos (z.B. Gland. 11)
έντερα/entern {M ull 70), νηδύς/nedys {OssAS) Darm
νήστις/nestis {Carn. 13) Jejunum
κώλον/kölon {Epid. VI 4.6, Anat. 1) Dickdarm
άρχός/arcbos (z.B. Fist. 7) Mastdarm
δακτύλιος!daktylios {Haem. 5) After
ήπαρ/hepar (z.B. Alim.31) Leber
σύριγζτοϋ ήπατος/syrinx toü bepatos {M ull 78) Gallengang
απλήν/spien (z.B. Epid.II 2.22) Milz
μεσεντεριον/mesenterion {Epid.II 4.2), Bauchfell
περιτόναιον/peritOnaion {Epid.VII 20),
δίφτρον/dertron {Epid.V 26)
p i:a 0 K C o 2 o v /m e s ö k 6 lo n {Epid.VI 4.6) Mesenteriale Fixation
des Kolons
Ίνες/ΐηes {Loc. Hom. 8) Abdominelle Aufhän­
gebänder

129
Die Sammelbezeichnung für die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane
(s. Kasten) lautet γοναι/gonai (ArticAb). In Nat.Puer.bX wird eine Kammerung
der Gebärmutter beschrieben und diese Variante in Kausalbeziehung zur Zwil­
lingsgeburt gebracht. Die Ductus deferentes sind ebenso wenig bekannt wie
Ovarien und Tuben. Mul.ll 95 erwähnt die Aufhängebänder des Uterus (τά
νεύρα τά καλεόμενα δσχοι/td neüra td kaleomena oschoi).

O rg a n e des U r o g e n ita ltra k ts im C .H .

νεφρός/nephros (z.B. Int. 14) Niere


άχετός σκα).ηνοειδής!ochetös skalenoeides Harnleiter
(Artic. 50, AnatA)
κύστις/kystis (z.B. Epid.IV 42) Harnblase
ουρήθρα!ourethra (M ull 9), Harnröhre
auch: οψητήρ! oureter (Morb.I 8)
περίνεος!perineos (Aph. 4,80), Damm
κοχώνη/kochöne (Epid. V 7)

δρχις/orchis (z.B. Epid.II 5.11) Hoden


ö(T)(Y\l0sche (z.B. Morb.II 61) Scrotum
7τόσθιονposthion (Epid.V 17), καυλός/kaulos (AlimAl) Membrum virile

μήτpa/metra (z.B. Nat.PuerA3)yμήτραι/ Uterus


metrai (z.B. Nat.MulAT), ύστερα/hystera
(z.B. M ull 24), bmkpailhysterai (z.B. M ull 52),
δελφύς/delphys (M ulIII 9)
κόλπος/kolpos (.Nat. Puer. 31) Cavum uteri
(rcopa/stoma (z.B. Nat.MulA5)yστόματα! Cervix uteri
stömata (M ull 68 ), στόμαχος!stomachos (Superfet.32)y
άμφίδεα/amphidea (Mul.I 57), αύχήνfauchen
(MulII 36)
αίδοιον!aidoion (M ull 2 ), γόνος/gonos (Genit.7), Regio pubica
ήβη/hebe (Epid.IIl 4), έπίσιον/epision (M ulII 68),
έπικτένιον/epiktenion (M ull 60)
χείλη!cheile (M ull 40), κρημνοί!kremnoi Labia majora
(Loc.HomAl)
νείαιρα γαστήρ/neiaira gaster (Nat.Mul.2) Unterleib

130
μαζός/mazos (Nat.Mul.2), τιτθός/titthos Mamma
[Epid. II 6.15/16)
Οηλή/thele (.Epid.VI 5.11)____________________________ Mamille

Die hippokratischen Ärzte beobachten an den Kiefern, dass für die Bewegung
der Gelenke die Muskeln und die inserierenden Sehnen verantwortlich sind (Ar-
tic.30). Näher beschrieben werden folgende Muskeln bzw. Muskelgruppen: Mm.
temporalis et masseter (oi μΰες oi κροταφΐται και μασητήρες καλούμενοι/hoi myes
hoi krotaphitai kai maseteres kaloumenoi, Artic.bO), die Nackenmuskeln (oi μυες
άπο του ανχένος άρξάμενοι/hoi myes apö toü auchenos arxdmenoi, ArticAb), die
Schultermuskeln (όμυς του βραχίονος/ho mys toü brachionos, Fract.%), die para­
vertebralen Muskeln (oi μυες τταραπεφύκασιν άπο ανχένος ές όσφύν/hoi myes
parapephykasin apö auchenos es osphyn, MochlA, ττερ'ι τούς μύας τούς βαχιαίους/
peri toüs myas toüs rhachiaious, Aph. 7,36), die Mm. psoas (‘παραφύσιας... μυών..
ας δή καλέουσιν ψόας/paraphysias... myön.Mas de kaleousin psoas, ArticAb), die
Gesäßmuskeln (γλουτός/gloutosy Oss. 16) und die Hüftmuskeln (τούς μύας τής
όσφύος/tous myas tes osphyos, Int. 13,17). Mit νευρον/neüron (Artic.bO) oder
τίνων/tenön (Epid.VII 47) bezeichnet man die Sehnen, mit τόνος/tonos die Bän­
der (z.B. an der Wirbelsäule, ArticAX). In FractAl wird die Insertion der Achil­
lessehne (οπίσθιος/opisthios) am Fersenbein erwähnt. Die Gelenkflüssigkeit
(μύξα/myxd) ist nach Ansicht des hippokratischen Arztes eine Voraussetzung
für die freie Beweglichkeit der Gelenke (Loc.Hom.7).
An den Elementen des Extremitätenskeletts (s. Kasten) werden οτπόφυσις/
dpophysis (MochlA), d.h. der Ort des Sehnenansatzes, διάφυσις/didphysis (Fract.
12), d.h. der Knochenfortsatz (nicht der Knochenschaft!) und έπίφυσις/epiphysis
{Fract.46), d.h. der gelenknahe Abschnitt des Knochens unterschieden.

E lem ente des E x tre m itä te n sk e le tts im :.H.

O b ere E x tre m itä t

πλάτη/pldte (Loc.Hom.6), ώμοπλάτη/ Schulterblatt


omopldte (ArticAb)
κλείς/kleis (Epid. V II 93, Os5.10) Schlüsselbein
βραχίων/brachiön (Artic.22) Oberarm
μασχάλη/maschdle (Morb.126) Achselhöhle
ώ/κών/ankön (FractAb), κύβιτον/ Ellbogen
kybiton (Loc.Hom.6),
ώλέκρανον/olekranon (Epid.VII 61) Ellenbogenspitze
περόνη/peYone (055.3) Speiche (auch Wadenbein)
Ύτήχυς/pechys (Epid. I I I 4) Unterarm

131
καρπός/karpos {Oss. 17) Handgelenk
θεναρ/thenar {FractA4) Handfläche

Untere Extremität

ίσχίον/ischion {Fract. 20) Hüftgelenk, Hüfte


κοτύλη/kotyle {Mochl. 1) Hüftpfanne
μηρός/meros {Mochl. 20) Oberschenkel
ιγνύς/ignys {Nat. Horn .11), ιγνύα/ignya Kniekehle
{FractAS)
μύλη/myle {Off.9, Loc.Hom.6), έπιμυλίς/ Kniescheibe
epimylis {MochlΛ)
γαστροκνημία/gastroknemia {Artic.60) Wade
κνήμη/kneme {Artic.52), άντικνήμιον/ Schienbein
antiknernion {Fract.23), κερκίς/kerkis (Oss. 17)
7τερόνη/peröni {Loc. Hom. 6) Wadenbein (auch Speiche)
ταρσός/tarsos (Oss. 2) Sprunggelenk
σφυράν/sphyron {Artic. 53) Knöchel, Ferse
πτέρνη/pterne {Mochl. 1) Ferse
θεναρ/thenar {Mul.II 116) Fußsohle

In ArticAb wird der Aufbau der Wirbelsäule (fiaχις/rhdchis) dargestellt. Im ein­


zelnen werden der physiologische Wechsel zwischen Lordose (der Hals- und
Lendenwirbelsäule) und Kyphose (der Brustwirbelsäule), die Krümmung des
Kreuzbeins {ιερόν όστέον/hierön osteon), die Bandscheiben (<δεσμώ μυςώδει και
νευρώδει/desmö mxyödei kai neurödei)> die intervertebralen gelenkigen Verbin­
dungen und die Rippen-Wirbel-Gelenke erwähnt. Die Wirbelkörperfortsätze
tragen einen Knorpelbelag (χονδρίων έπιφύσιες/chondriön epiphysies, ArticAb).
Die Größe des 7. Hals- und des 5. Lendenwirbelkörpers hebt der Autor beson­
ders hervor. Epid.II 2.24 erwähnt den Dens axis {οδούς/odous) im Zusammen­
hang mit der pathologischen Inklination der Halswirbelsäule bei der Pharyngitis.
Die Zahl der Wirbel {σφόνδυλος/sphondylos, z.B. Artic. 46, σπόνδυλος/spondylos,
z.B. ArticAb) wird in Loc.Hom. 6 mit 18 falsch zu niedrig, in Oss. 1 hingegen kor­
rekt mit 24 (7 Halswirbel, 12 Brustwirbel, 5 Lendenwirbel) angegeben.

5.5 S o lid a rp a th o lo g ie

Hauptfundstellen im C.H.: Epid.II/, Frad ., Artic., Epid.V, Epid.VII


M: Dönt H.: Die Terminologie von Geschwür, Geschwulst und Anschwellung im Corpus
Hippocraticum. Piss. Wien, 1968_______________________________________________

132
Zwischen Solidar- und Humoralpathologie besteht in den Schriften des C.H . ein
ausgeprägtes Ungleichgewicht. Weil die Krankheiten auf Störungen im Mi­
schungsverhältnis der Säfte und nicht auf Organläsionen zurückgeführt wurden,
pflegte man die Makropathologie nur wenig. Ausnahme war die Traumatologie
(s. Kasten). Allerdings hat man durchaus versucht, einzelne klinische Symptome
der Erkrankung bestimmter Organe zuzuordnen. So werden Veränderungen des
Urins in PrognAl und Mul.I 2 unmittelbar auf Erkrankungen der Harnblase zu­
rückgeführt.
Sichtbar krankhaft verändertes Gewebe wird als σαΊτρός/sapros, (z.B. Epid.
VII 114) bezeichnet. Der Terminus gilt sowohl für Weichgewebe (<σάρξ/sdrx,
UlcAQ) und Knochen (z.B. Kiefer, Epid.V 4, oder Fuß, Epid.V 41) als auch für
parenchymatöse Organe (z.B. Lunge, Oss. 13).

T ra u m a to lo g isc h e T e rm in i im C .H .

έλκος/helkos (z.B. Epid.V 4) Wunde, oberflächliche Verletzung


έλκωσις/helkösis (z.B. FractAb) Ulzeration (auch der Blase, Aph. 4,75)
έλκωμα/hilköma (Epid.III 7) Wunde, offene Stelle
ψίλωσις/psüösis (Fract.G) Denudierung (des Knochens)
Ρήξις/rhexis (z.B. VC 12) Fraktur
Ρήγμα/rhegma (Flat. 3) Weichteilzerreißung
έκρηγμα/ekregma (Epid. VII 7) Decubitus
μελασμα/melasma (Fract. 11, Livide Stelle, Nekrose
Λrtic. 86), μελασμός/melasmos
(Fract.2\ , Artic.69)
yäyypaiva/gangraina (Mochl.3), Nekrose
m γαγγραινώδες/tö gangrainödes
(Epid.VII 110)
ούλή/oule (Ulc.21) Narbe (nach Trauma)
/σχάρα/eschdra (Epid. V 7) Narbe (nach Kauterisation)

Die flüssigkeitsbedingte Schwellung wird als ύδερος/hyderos (Int.22>) bzw.


ύδρωψ/ hydröps (Morb.IV 38) bezeichnet. Ihre Ursache wurde sowohl in be­
stimmten Organen (Milz, Leber) als auch in einzelnen Symptomen, z.B. Durch­
fall (δυσεντερίη/dysenterte, λειεντερίη/leienterie) gesucht (Aff.22). Aber auch ande­
re Auslöser werden genannt: Der weiße Schleim in Morb.II 71 und eine Blutung
in Fpid.VI 4.9. Von der Schwellung können einzelne Organe (Füße, Coac.443,
Gelenke, Aff.22, Gebärmutter, Nat.Mul.2, Bauchhöhle, Aff.24, Magen, Aff.22,
Lunge, Morb.II 61), aber auch der ganze Organismus (καθολικός ύδερος! katho-
likös hyderos, Int.26) betroffen sein. Als Sonderformen werden ύδρωψ ϋποσαρ-
κίδιος/hydröps hyposarkidios (wohl Anasarka, Morb.I 3) und ύδρωψ ξηρός/
hydröps xeros (vielleicht Meteorismus, Coac.298, 444, 449) genannt. Mit Ödem

133
(οίδημα/oidema) hat der hippokratische Arzt die lokale Schwellung, z.B. der
Füße (Epid.IV 42) bezeichnet.
Die im weitesten Sinne entzündlichen Läsionen werden mit einer Reihe von
Termini belegt, die sich nur zum Teil sicher voneinander unterscheiden lassen (s.
Kasten). Als Quelle des Eiters (πύον/pyon) betrachtet man sowohl Flüssigkeiten
wie faulenden Schleim (Morb.I 15), faulendes Blut (FlatAO, Morb.I 20) oder gal­
liges Wasser (Morb.II 14) als auch zerfallendes Weichgewebe (Nat.Hom. 12,
Loc.HomAA). Auch Tumoren (z.B. eine Schwellung an der Flanke, Int.9) kön­
nen eitern. Die meisten Empyeme werden dem Thorax (Co^c.396, Morb.I 11,12)
und Unterbauch (Morb.I 11,17) zugeordnet. Entzündungsbedingte Nekrosen
hat man an einer Reihe von Organen (Gehirn, Morb.II 5,20,23, Kiefer, Epid.V
100, Knochen, Epid.V 65, Rippen, Artic.50, Sehne, Prorrh.II 13) beobachtet.
Auch die Wundrose kann sowohl lokalisiert (z.B. an der Lunge, Morb.I 18,
Morb.II 55 oder am Uterus, Nat.MulA2) wie generalisiert (Epid.III 4) Vorkom­
men.

T e rm in i d e r E n tz ü n d u n g im C .H .

εμπύημα/empyema (Epid.V12.21) Lokalisierte Eiterung


έμπύησις/empyesis (Epid.II 3.6), Eiterung
διαπύημα/diapyema (Progn.7),
διαπύησις diapyesis (Progn.7),
παλιγκότησις/ραΙίηΙεόίβ5Ϊ$ (Fract. 31),
7ταλιγκοτία/palinkotia (Artic.67)
έκπύημα/ekpyema (Coac. 620), Eiternde Wunde
έκπύησις/ekpyesis (Fract.27)
άπόστημα/apostema (Epid.VII 19) Abszeß
φλεγμονή/phlegmone (Epid.II 3.11) Entzündliche Organschwellung
φλίη>μασία/phlegmasia (Epid.V 74), Entzündung, Schwellung
φλέγμανσις/phlegmansis (Mul. I 40)
φλογμός/pblogmos (Vet.med. 19) Entzündung
έπιφλόγισμα/epiphlogisma (Aph. 5,23) Oberflächliche Entzündung
σήψ/seps (Epid. VI 8.3) Faulende Wunde
σηπεδών/sepedon (Epid. V 26) Eiterung, Nekrose (χλωρή/chlore
[grün], Prorrh.I 99, ξηρή/xere [trocken],
Epid. V 4)
σφάκελος/sphdkelos (Epid.VII 56), Tiefe Fleisch- und Knochenwunde
σφακελισμός/spbakelismos (Epid.V 100)
άποσφακέλισις/apospbakelisis Gangrän
(Artic. 69, Mochl. 35)
έρυσίπελας/erysipelas (Progn.23)______ Wundrose

134
[m C.H . werden eine Reihe von Organtumoren beschrieben. Epid.VII 55 berich­
tet von einem Tumor der Leber, der sich nach unten entwickelte, und einem wei­
teren Tumor in dessen Nachbarschaft, Epid.V 101 und Gland.17 jeweils von ei­
nem sezernierenden Mammatumor, Epid.VII 111 von einer Geschwulst des Pha­
rynx und Mul.II 24 von einem Tumor des Uterus. Die Nomenklatur der Tumo­
ren ist jedoch nicht einheitlich. Am häufigsten wird die Bezeichnung
ψνμα/phyma (z.B. Int. 9) verwendet. So nennt der hippokratische Autor aber
nicht nur solide Knoten, sondern auch gut abgrenzbare Schwellungen, die durch
die Ansammlung von Schleim oder Galle (Morb.I 19,20) oder nach einem Sturz
(Aff.34) entstehen. Ein ulzerierender Tumor wird als φαγέδαινα/phagedaina
(Epid.VI 3.23, Ulc. 10), eine Geschwulst, die vor allem durch ihre tastbare Härte
auffällt, als σκλήρυσμα/sklerysma (Epid.IV 38), σκληρυσμός/sklerysmos (Hum.4)
oder σκίρρος/skirrhos (z.B. des Uterus, M ull 18) bezeichnet. Von Polyp
(7T<b/Amöq/polypos) spricht der Autor nur dann, wenn er Geschwülste der Nase
meint (z.B. Aff.5, Morb.I1 33).
Krebs (καρκίνος/karkinos) wird im C.H . als Terminus sowohl in der zoolo­
gischen (Krebs, Krabbe, z.B. Vict.III 82) wie in der medizinischen Bedeutung
(z.B. κρυπτοί κα) άκρόπαθοι/kryptoi kai akropatboi [in tiefer und oberflächlicher
Lage], Prorrh.II 11) verwendet. Die organbezogenen Geschwülste werden je­
doch als καρκίνωμα/karkinöma (Alim.V?) bezeichnet. Das nur in Morb.II 37
nachgewiesene Wort καρκίνιον/karkinion bezeichnet eine Wucherung des N a­
senknorpels. Mit μετάστασις/metdstasis wird die Ablagerung von Schleim und
Galle in einem beliebigen Organ (z.B. Rippen, Zwerchfell, Lunge) bezeichnet
(AffA2) \ im Zusammenhang mit einem Organtumor taucht der Begriff nicht auf.

5.6 H u m o ra lp h y sio lo g ie

Hauptfundstellen im C.H.: Nat.Hom.yAjf., Vict.I, Int.

Die Vorstellung, dass der Körper vier Säfte enthält, die für die Homöostase ver­
antwortlich sind, ist das zentrale Thema der hippokratischen Physiologie (s. Kas­
ten S. 136). In dieses Schema wird die Erklärung für die Art und Weise vieler
Funktionen des Körpers eingebunden. Darüberhinaus hat sie als Basis für eine
weitreichende Systematisierung der somatischen Seite des menschlichen Lebens
und die Deutung der Beziehungen des Menschen zu seiner Umwelt gedient. Das
Säfteschema gilt zwar als klassisch hippokratisch. In einer Reihe von Schriften
des C.H . wird es jedoch in einer z.T. stark gegenüber der orthodoxen Fassung
veränderten Form tradiert. Die Patientenversorgung deckte nicht selten Wider­
sprüche zwischen der Säftetheorie und ihrer Anwendung in der Praxis auf. In
Epid.V 26 bemerkt der Autor, dass man einem Unfallverletzten die gallige Natur
des Körpers äußerlich gar nicht anmerkte, und in Epid.VI 8.26 wundert er sich,

135
dass auch junge Leute, die voll schwarzer Galle sind, ein mehr oder weniger
normales Leben führen können.

D a s k lassisch e V ierersch em a d er S äfte

K ö rp e rsa ft E lem e n ta rq u alität Ja h re sz e it L e b e n salte r G e sc h le c h t


(Nat.Hom.4) (Nat.Hom.4) (Nat.Hom .4) (V ict.I33) (V ict.134)

Blut Warm und feucht Frühling Kindheit

Gelbe Galle Warm und trocken Sommer Jugend Männlich

Schwarze Galle Kalt und trocken Herbst Mannesalter

Schleim Kalt und feucht Winter Greisenalter Weiblich

V arian te n des V ierersch em as d e r S äfte

Aer. 10 Drei Säfte: Blut, Galle, Schleim


Progn. 17 Drei Säfte: Blut, Galle, Schleim
Hum. 13-14 Vier Säfte (nur Blut und Galle werden explizit genannt)
Salubr. 5 Zwei Säfte: Galle, Schleim
Morb.IiQ Drei Säfte: Blut, Galle, Schleim
AffA Zwei Säfte: Galle, Schleim
Aff. Sb Vier Säfte (Wasser statt gelber Galle)
Morb.Sacr. 5 Drei Säfte: Blut, Galle, Schleim
Vict.14 Zwei Säfte: Galle, Schleim - Zwei Elemente: Feuer, Wasser
Genit. 3 Vier Säfte (Wasser statt gelber Galle)
Caro. 2 Säfte nicht genannt, nur vier Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Luft.

Die Säfte des menschlichen Körpers werden als ικμάδες/ikmades


(z.B. Morb.IV 33) oder - seltener - als χυμοί/chymoi (z.B. Epid.IV 43) bezeich­
net. Nach Nat.HomAy der kanonischen Quelle der humoralphysiologischen
Theorie, unterscheidet man vier Elemente, die die Natur des Körpers bestim­
men: Blut ( aipa/haima), Schleim (φλέγμα/pblegma), gelbe Galle (χολή
ξανθή/chole xanthe) und schwarze Galle (χολή μέλαινα/chole melaina). Mit den
vier Säften korrespondieren die vier Elementarqualitäten, die vier Jahreszeiten
und die vier Lebensalter. In Morb.IV 2,5-9 werden die Bildungsstätten
(7τηγαί/pegaf) der vier Säfte, nämlich Herz (für das Blut), Kopf (für den
Schleim), Leber bzw. Gallenblase (für die gelbe Galle) und Milz (für das Wasser,
das an dieser Stelle die schwarze Galle ersetzt) genannt. Wenn der Körper von
einem der vier Säfte zu viel hat, scheidet er ihn aus, und zwar über den Mund, die
Nase, den Darm oder mit dem Urin (Morb.IV 10).

136
Die Säfte korrelieren eng mit den Konstitutionstypen ( Vict.l 32). Sowohl
der Schleimsüchtige (φλεγματώδης/pblegmatödes, z.B. Morb.II 5) als auch der
Gallesüchtige (χολώδης/cholödes, Aer.5) werden überwiegend nach somatischen
Kriterien charakterisiert. Der Bittergallige (πικρόχολος/pikrocholos) und der
Schwarzgallige (μελαγχολικός/ melancholikos) neigen zu Durchfallerkrankungen
(Epid.III 14); für den Melancholiker sind außerdem fieberassoziierte neurologi­
sche Symptome typisch (Epid.III \72). Eine klare Beziehung zwischen den Säf­
ten und den Temperamenten stellt der hippokratische Autor nicht her.
Die richtige Mischung (κράσις/krdsis) der Säfte entscheidet darüber, ob das
Individuum gesund oder krank ist (Vet.med. 19, Nat.Hom. 1, Vict.l 32,35). Das
optimale Mischungsverhältnis ist nicht fix, sondern es variiert in Abhängigkeit
von der Natur des Menschen und den Jahreszeiten. Im Winter sinkt der Anteil
der Galle, im Sommer der des Schleims. Gallebedingte Erkrankungen sind daher
im Sommer, schleimbedingte Erkrankungen im Winter häufiger. Zu keiner Zeit
verschwindet aber einer der Säfte ganz aus dem Blut.
Das Volumen von Galle, Wasser, Blut und Schleim hängt von der Art der
Ernährung ab (Morb.IV 2). Speisen und Getränke enthalten unterschiedlich viel
Säfte. Wenn der Mensch gegessen oder getrunken hat, holt sich der Körper aus
dem Bauch so viel Saft, wie er jeweils braucht, und verteilt ihn über die Gefäße
auf die Organe. Wenn er also z.B. Käse oder andere schleimreiche Kost zu sich
nimmt, dann wird der zugeführte Schleim zum Gehirn transportiert und ersetzt
den dort bereits vorhandenen Schleim. Im Idealfall gelangt der Schleim, der das
Gehirn verlassen hat, in den Bauch und wird von dort mit dem Stuhl ausgeschie­
den.
Die Ingesta erhalten die natürliche Wärme des Körpers (Aph. 1,14). Die Säf­
te werden von der Natur aus dem Rohzustand durch Kochung ('πέψις/pepsis,
Vet.med. 18,19) zur Reife gebracht, d.h. in eine dem Organismus zuträgliche Mi­
schung verwandelt. Von Kochung (πεπaσμός/pepasmόs) spricht der hippokrati­
sche Arzt allerdings auch im Zusammenhang mit der Bildung von Sputum
(Epid.III 17.2) und Urin (Epid.III 10). Folgerichtig kann auch der Urin unver­
daut sein ( oupa απεπτα/oüra dpepta, AcutAl). Solange der Urin dünn und gelb­
lich ist, nimmt der Arzt auch an, dass die Krankheit selbst noch nicht verdaut ist
(äπεπτον νόσημα/dpepton nosema, Progn. 12), die Krise also noch bevorsteht. Die
letzte Phase der Nahrungsverwertung wird als σήψις/sepsis bezeichnet (Epid.II
2.2). Wenn der Körper die Nahrung nicht ausgenutzt hat, dann wird der Stuhl
(διαχώρημα/diachörema) als ασηπτov/dsepton bezeichnet (Vict.III 80).

5.7 H u m o ra lp a th o lo g ie

Hauptfundstellen im C.H.: Epid.I,Aff.


M: Schöner E.: Das Viererschema in der antiken Humoralpathologie. Wiesbaden, 1964

137
Krankheit entsteht nach der Lehre der Humoralpathologie durch abnorme Mi­
schung der Körpersäfte; der zur Beschreibung dieses Zustands mitunter verwen­
dete Begriff der Dyskrasie fehlt allerdings im C.H . Man postulierte, dass die
externen Kausalfaktoren die Menge und/oder Temperatur der Körpersäfte so
weit verändern, dass ihr Mischungsverhältnis in krankmachender Weise gestört
ist. Wenn das Volumen eines oder mehrerer Säfte zu groß ist, wird der sonst
regelmäßige Fluss des Blutes und der Luft behindert. Gelingt es dem Körper
nicht, das Ungleichgewicht durch natürliche Ausscheidungen zu beseitigen, so
läuft der Betroffene Gefahr, Krankheitssymptome zu entwickeln. Dazu kommt
es aber nur dann, wenn zwei weitere Voraussetzungen erfüllt sind. Zum einen
muss der krankmachende Saft in Bewegung geraten und sich vom Blut absetzen.
Zum anderen muss er auf ein z.B. durch Austrocknung entsprechend disponier­
tes Organ oder einen anderen Körperteil treffen, in dem er sich festsetzen kann.
Uber diesen Mechanismus ist die Humoralpathologie mit der Solidarpathologie
verbunden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der hippokratische Arzt auch
so eindeutige makropathologische Läsionen wie Hämorrhoiden auf ein Un­
gleichgewicht der Säfte zurückführt (HaemA).
Die vier Körpersäfte unterscheiden sich in ihrer krankmachenden Wirkung
voneinander wesentlich. Das geringste pathogene Potenzial hat das Blut. Es wird
- als Kofaktor des Schleims - nur für die Bildung von Geschwülsten verantwort­
lich gemacht (Aff.M). Viel aggressiver sind der Schleim und die Galle und die
Kombination von Schleim und Galle (s. Kasten).

K ö rp e rsä fte u n d K ra n k h e ite n /S y m p to m e im C .H .

G alle Phrenitis (AffAO)


Kausos (Aff. 11)
Ikterus (AffAl)

Sch leim Kopfschmerz (Aff 2)


Peripleumonie (Aff 9)

S ch le im + B lu t Geschwülste (Aff. 34)


Epilepsie (Morb.Sacr.8)

G a lle + S ch leim Winterfieber (AffAl)


Plötzlicher Schmerz (Aff. 16)
Dysenterie (Aff.23)
Arthritis (AffAO)
Podagra (4 ^ 3 1 )

Die Verteilung der Säfte im Körper wird vom Gehirn geregelt. Es zieht über­
schüssige Säfte an und verteilt sie, um sich zu reinigen, auf die verschiedenen

138
Körperteile (Loc.Hom. 1,10-15, G land.ll , Cam. 16). Dafür sind sieben Abfluss­
wege (ρόος/rhöos, Loc.HomAQ, βεϋμα/rheüma, Loc.Hom.13) vorgesehen. Sie
führen zur Nase, zu den Ohren, zu den Augen, zum Thorax, zum Mark, zu den
Wirbeln, zum Fleisch und zu den Hüften und in den Rachen und Magen. Wenn
der krankmachende Saft bzw. die krankmachende Saftmischung am Zielorgan
angekommen ist, werden dort die charakteristischen Symptome ausgelöst. Den
sieben enzephalofugalen Flüssen steht eine enzephalopetale Strömung, nämlich
die der Lochien (M ull 41) gegenüber.
Am Beispiel der Epilepsie wird besonders gut deutlich, wie sich der hippo­
kratische Arzt den Zusammenhang zwischen dem Strom der Säfte und den Sym­
ptomen der Krankheit vorstellt (Morb.Sacr.5-11). Das Leiden befällt generell die
Schleimsüchtigen und verschont die Gallesüchtigen. Der kalte Schleim entströmt
dem Kopf und vermischt sich mit dem warmen Blut, das daraufhin abkühlt und
erstarrt (άττοψύχεται και πήγνυται/apopsychetai kat pegnytai, Morb.Sacr. 11). Wenn
sich dieser Vorgang in großen Gefäßen abspielt, tritt der Tod ein. Sind nur klei­
nere Gefäße betroffen oder kann sich das Blut wieder erwärmen, dann kehrt das
zunächst verlorene Bewusstsein zurück. Entscheidend ist, ob die Atmung behin­
dert ist oder nicht. Wenn so viel Schleim durch die Adern fließt, dass die Luft
weder ins Gehirn noch in andere Körperteile Vordringen kann, verliert der Kran­
ke die Sprache, seine Hände verkrampfen sich, er verdreht die Augen, Schaum
tritt vor den Mund und er lässt unter sich. Je länger die Krankheit besteht, desto
feuchter wird das Gehirn durch den Überschuss an Phlegma. Der abfließende
Schleim ist aber dann sehr dünn und kann rasch vom Blut erwärmt werden. Da­
her werden die Kranken leichter und öfter von Anfällen heimgesucht.
Als Apostase (άπόστασις/apostasis) wird die Verlagerung eines krankma­
chenden Saftdepots von einem Ort an einen anderen bezeichnet (Epid.II 1.7).
Der Weg führt dabei nicht nur über die Gefäße, sondern auch über die Nerven,
Knochen, Sehnen und die Haut. Je weiter der neue Manifestationsort vom alten
entfernt ist und je weniger groß seine funktionelle Bedeutung ist, desto besser ist
es für den Kranken. Noch vorteilhafter ist es, wenn die Depots mit Blut aus der
Nase, mit Eiter aus den Ohren, über den Auswurf oder mit dem Urin ausge­
schieden werden (κατ' εκρουνIkatyikroun, Epid.II 1.7). Die Apostase eröffnet
also die Möglichkeit der Genesung. Sie kann aber auch Chronifizierung und Ver­
schlechterung bedeuten. Dies ist dann der Fall, wenn die neue Lokalisation zu
klein und unbedeutend und daher der Krankheit nicht gewachsen ist. In Epid.IV
26 wird dafür beispielhaft die rechte Großzehe angeführt, in die sich eine Ent­
zündung aus der Lunge und dem Darm verlagert hatte.

139
6 Klinische M edizin

6.1 H ip p o k ra tisc h e T e rm in o lo g ie

A: Aguilar R.M.: El concepto de normalidad en el «Corpus Hippocraticum. In:


Coll.Hipp.X Nice 1999 (Nice, Paris 2002): 123-148 Ando V.: La φύσις tra normale e pa-
lologico. In: Coll.Hipp.X Nice 1999 (Nice, Paris 2002): 97-122 Byl S.: Neologismes ct
premicres attestations de noms de maladies, symptomes et syndromes dans le Corpus
Hippocraticum. In: Maladie et maladies. Histoire et conceptualisation: melanges en
P honneur de Mirko Grmek. Ed. Gourevitch D. Geneve, 1992: 77-94 Gallego Perez M.T.:
Physis dans la Collection hippocratique. In: Coli. Hipp. VIII Kloster Banz/Staffelstein
1993 (Hildesheim 1996): 419-436 Joly R.. Indices lexicaux pour la datation de Genera­
tion, Nature de Penfant et Maladies IV. In: Coll.Hipp.il Mons 1975 (Mons 1977): 136-
147 Lopez Ferez J.A.: Eufemismos y vocabulario tecnico en el Corpus Hippocraticum:
estudio de algunos t^rminos escatologicos y anatomicos. In: Studi sulP eufeniismo. A cura
di De Martino F., Sommerstein A.H. Bari, 1999: 219-257 Manetti D.: Valore semantico
c risonanze culturali della parola φύσις. PP 1973; 153: 426-444. Vegetti M.: Tra passioni
c malattia: pathos nel pensiero medico antico. Elenchos 1995; 16: 217-230

Die Terminologie des C.H . (s. Kasten S. 142) basiert auf dem Vokabular der
ionischen Naturphilosophie. Viele Begriffe. z.B. der für Lungenentzündung
(*περιπλευμονία/peripleumonia [DK 68 C 7]) sind unverändert oder mit nur
geringem Bedeutungswandel übernommen worden. Andere haben mit der Wei­
terentwicklung der medizinischen Fachsprache neue Inhalte und Aussagen
gewonnen. Besonders groß ist die Bedeutungsvielfalt von Termini aus dem
Grenzbereich zwischen Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin.
Der im C.H . am häufigsten verwendete Begriff für Krankheit ist νόσος!
nosos bzw. νοΰσος/noüsos (z.B. Aph. 4,39). Damit werden sowohl der Zustand
des Krankseins als auch einzelne Krankheiten bezeichnet. Der Terminus
νόσημα!nosema (z.B. Morb.IV 57) wird vor allem für innere Erkrankungen be­
nutzt. Mit 7τάθος/pdtbos (z.B. PrognA) wird das krankheitsbedingte Leiden, mit
πάθημα/pdthema werden die Symptome (z.B. der angeborenen beidseitigen
Hüftluxation, Artic. 56) bezeichnet. Seltener verwendete Synonyma sind
άρρωστία/arrhostia (z.B. Apb.7,32) bzw. άρρώστημα/arrhöstema (z.B. Epid.VII
93) und ασθένεια!astheneia (z.B. Nat.Mul. 12).

141
Im C.H. verwendete biologische Grundbegriffe mit wechselnder Bedeutung

δύναμις/ - Körperkraft (z.B. Nat.Hom. 1)


dynamis - Durchsetzungsfähigkeit (z.B. Vet.med. 15)
- Potenzial (z.B. Alim.7: δύναμις τροφής!dynamis trophes [Kraft
der Nahrung])
- Besondere Qualität (z.B. Vict.1 35: ή του ύδατος δύναμις/he toü
hydatos dynamis [Kraft des Wassers])
- Elementarqualität (z.B. Epid.II 6.15)
- Summe der Eigenschaften (z.B. Vict.II 61: δψιος δύναμις/opsios
dynamis [Sehkraft])

είδος/ - Äußeres Erscheinungsbild (z.B. Nat.Hom.9, Epid.II 3,2)


eidos - Konstitution, Typ, — φύσις/physis [Natur]
(z.B. HumA : συγγενές είδος/syngenes eidos [Konstitution], Sa-
luhr.2: είδος σαρκώδες, μαλθακόν, ερυθρόν/eidos sarkodesy mal-
thakon, erythron [fleischiger, weichlicher, rötlicher Typ])

φύσις/ - Göttliche Ordnung der Natur (z.B. Aer. 22)


physis - Natur als Gegensatz zu Kultur und Zivilisation (z.B.
Morh.Sacr. 1)
- Heilende Kraft der Natur (z.B. Epid.VI 5.1)
- Menschliche Natur (z.B. VictJIl 67: al φύσιες των άνθρώττων
διάφοροι έούσαι/hai physies ton anthröpon diäphorai eousai [in
Anbetracht der Unterschiede der menschlichen Naturen])
- Natürliche Widerstandskraft (z.B. De Arte 11: ή φύσις ή τε του
νοσέοντος/he physis he te toü noseontos [Abwehrkraft des
Kranken])
- Natürliche, d.h. physiologische Anordnung (z.B. Fract.l: αϋτη
γάρ ή δικαιότατη φύσις/haute gär he diakiotdte physis [dies ist die
natürlichste Haltung])
- Natürliche Entwicklung (z.B. Aer. 14 über die Makrokephalen)
- Charakter einer Erkrankung (z.B. Aff. 25)
6.2 Allgemeine Krankheitslehre

Maiiptfundstellen im C.H.: Epid I-VII , Morb.I, Aff., Morb.ll, Morb.Ill, Int.


\1: Kühn J.H.: System- und Methodenprobleme im Corpus Hippocraticum. Wiesbaden,
1956 Preiser G.: Allgemeine Krankheitsbezeichnungen im Corpus Hippocraticum.
Gebrauch und Bedeutung von Nousos und Nosema. Berlin, 1976 Vintrö E.: Hipocrates
v Li nosologia hippocrätica. Barcelona, 1972
A: Potter P.: Some principles of Hippocratic nosology. In: Coll.Hipp.VI Quebec 1987
i Quebec 1990): 237-253_______________________________________________________

Der hippokratische Arzt kennt eine Vielzahl von Faktoren, die Krankheiten aus-
losen bzw. dazu disponieren, und unterscheidet zwischen äußeren und inneren
Ursachen (Hum. 12, Morb.I 16, Prorrh.II 39). In der ersten Gruppe wird zusätz­
lich zwischen Einflussgrößen der Umwelt und teils schicksalhaften, teils beein-
llussbaren individuellen Größen differenziert (s. Kasten S. 144).
Die wichtigsten Umweltfaktoren sind die geographische Lage des Wohn­
orts (χώρη/ chore) des Kranken, das dort herrschende Klima, die Wasserqualität
(Vler.7) sowie die Jahreszeit ( ώρη ευεος/hdre eteos, Epid.II 3.2). Richtung und
Temperatur der Winde und die davon abhängige Qualität der Atemluft bestim­
men wesentlich die Disposition der Bevölkerung für Erkrankungen verschiede­
ner Organsysteme (Aer.3-6). Die saisonale Häufung von Erkrankungen, z.B. der
Melancholie im Frühjahr und Herbst und des Lethargos im Winter, wird in
Apb.3,20-23 beschrieben.
Leiden, die in einer bestimmten Region gehäuft auftreten, bezeichnet der
hippokratische Arzt als επιχώριος/epichdrios (Aer.3). Von ihnen werden die spo­
radischen (σποράς/spords, Acut.5) und die ubiquitären (πάγκοινος/pankoinos,
Aer.3) Erkrankungen abgegrenzt. Die bei weitem häufigste Krankheit bzw. das
Leitsymptom vieler Erkrankungen ist das Fieber (Flat.6).
Für Arzt und Patient gleichermaßen unmittelbar einsichtig ist die pathoge­
ne Wirkung äußerer Gewalt. Zu den Auslösern gehören Verletzungen durch Ge­
schosse (VC 11, Morb.I 21), Schläge (IntA), Stürze (ArticAS), Zusammcnprall
(öci'wpeia^/antereisis, Artic. 50) oder die Begegnung mit einer Schlange
(Epid.V 86). Aber auch körperliche Belastung (πόνος/ponos, Morb.I 2,
ταλαιπωρία/talaipöria, Int. 11, γυμνάσιά/gymnasia, Morb.I 15) fällt in diese Kate­
gorie. Die externen Krankheitsursachen beherrschen die pathophysiologischen
Überlegungen der Traumatologen, sind aber auch für die Innere Medizin, z.B.
iiir Erkrankungen der Lungen, von Bedeutung (Int. 1).

143
Nosologische Grundbegriffe im C.H.

όζύς/oxys (Progn.2,5,8) akut


πολυχρόνιος/polychronios protrahiert
(Progn. 12)
χρόνιος!chrönios (Epid.II 1.6) chronisch
παροξυσμός/paroxysmos Verschlimmerung
(Epid.V 64)
όηΜίωσις/araiösis (Epid.VI 5.3) Linderung
ισχύς/ischys (Acut.38) Schwere grad
όμοεθνία/homoethnia Mitbeteiligung anderer Körperteile bei
(Loc.HomA) Erkrankung eines Organs (z.B. bei
Erysipelas des Uterus, Mul.II 65)
ϋποστροφή/hypostrophe Rezidiv
(Epid.IV 17), ϋποτροπιασμός/
hypotropiasmos (Aph. 4,36),
παλινδρομία/palin drom ία
(Epid.IV 42)
άκμή/akme (Acut.3%) Entwicklung zur Krise
κρίσις/krisis (Epid.IV 22) Kritischer Punkt im Krankheitsverlauf.
Entscheidung über weitere Entwicklung
(Heilung, Exazerbation, Tod).
In Praec.14 wird κρίσις als άπόλνσις
νούσου/apolysis noüsou [Befreiung von der
Krankheit] definiert
λύσις/lysis (Epid.II 5.11-12, 6.14) Remission

Das Spektrum der inneren Ursachen umfasst Alter und Geschlecht, kongenitale
somatische Faktoren und die Lebensgewohnheiten («εθος/ethos, HumA).
Aph. 3,24-31 beschreibt die wichtigsten Krankheiten des Säuglings- und Kindes­
alters, der Pubertät, der Erwachsenen und der Alten. Nach Morb.l 22 nehmen
sowohl traumatische als auch nicht-traumatische Erkrankungen bei Männern
einen anderen Verlauf als bei Frauen.
Die individuelle Disposition zu einer Erkrankung wird ausdrücklich als an­
geborene Eigenschaft (συγγενικόν είδος/syngenikön eidos, HumA) bezeichnet.
Der hippokratische Autor postuliert sowohl für Allgemeinerkrankungen (Phthi-
sis, Hydrops, Podagra) wie für Erkrankungen einzelner Organe (z.B. Epilepsie)
eine genetische Komponente (Prorrh.II 5). In Epid.III 1.6 wird einer schwer­
kranken Frau die angeborene Tendenz zum körperlichen Verfall (συγγενικόν
φθινώδες/syngenikön phthinodes) attestiert. Salubr.l stellt zwei Konstitutionsty­
pen (Athletiker, Astheniker) vor und leitet daraus Empfehlungen für die Diät­
behandlung ab. Nach Epid.II 1.8 unterscheiden sich auch einzelne Körperteile

144
(Gefäße, Darm, Skelett) und bestimmte Funktionen (z.B. die Stimme) konstitu-
i lonell.
Von welchen Lebensgewohnheiten Gesundheit und Krankheit beeinflusst
werden, berichtet der hippokratische Autor in Epid.VI 8.23. Er nennt dabei die
Kleidung, den Schlaf, das Geschlechtsleben und die geistige Aktivität. An erster
Stelle aber steht die Ernährung. Die Art der Speisen und Getränke, die man zu
sich nimmt, gilt als entscheidender Kausalfaktor für sonst nicht erklärbare spo­
radische Erkrankungen (Nat.Hom.9). Hat man diesen Zusammenhang einmal
richtig erkannt, gilt es herauszufinden, welche Bestandteile der Nahrung die
Krankheit verursachen, und die entsprechenden diätetischen Konsequenzen zu
ziehen.

6.3 Sp ezielle K ran k h eitsle h re

M: Graumann L.A.: Die Krankengeschichten der Epidemienbücher des Corpus Hippo-


craticum: medizinhistorische Bedeutung und Möglichkeiten der retrospektiven Diagnose.
Aachen, 2000 Grmek M.: Le diagnostic retrospectif de quelques cas cliniques des Epi-
demics V et VII. In: Hippocrate et sa posterite. Sous la dir. de S. Byl. Bruxelles, 2001: 23-
37

Die hippokratische Medizin ist eine ganzheitlich orientierte Allgemeinmedizin.


Der Wanderarzt diagnostiziert und behandelt Erkrankungen aller Organe. Es
gibt zwar auf Teilbereiche spezialisierte Arzte, aber keine Gliederung der Medi­
zin in organ- oder krankheitsassoziierte Fachgebiete. Daher ist es nicht gerecht-
Icrtigt, z.B. von einer hippokratischen Neurologie zu sprechen. Dennoch er­
scheint die Zuordnung der im C.H . genannten Symptome (s. Kasten S 146) und
Erkrankungen zu den modernen medizinischen Fachrichtungen als Gliederungs-
grundlage für die Darstellung der speziellen Krankheitslehre geeignet.
Viele im C.H . erwähnte Krankheiten können nicht oder nicht sicher mit
modernen nosologischen Entitäten identifiziert werden, weil das pathomorpho-
logische Substrat und/oder Ätiologie, Pathogenese und Pathophysiologie nicht
ausreichend beschrieben wird. Bei manchen inneren Erkrankungen ist nicht ein­
mal sicher, welche(s) Organ(e) betroffen ist (sind). Hinter unterschiedlichen
Krankheilsbezeichnungen verbergen sich gleiche oder ähnliche Symptome oder
Kombinationen von Symptomen. Umgekehrt können einer im C.H . einheitli­
chen Erkrankung (z.B. dem Kausos) mehrere Krankheitsbilder zugeordnet wer­
den. Aus den Symptomen lassen sich jedoch manchmal Schlüsse ziehen, die eine
mehr oder weniger sichere Identifizierung des Leidens oder zumindest eine Ver-
dachtsdiagnosc zulassen. Am besten eignen sich die in Epid. beschriebenen
Krankheiten und Kranken für den Versuch der retrospektiven Diagnose.

145
Allgemeinsymptome im C.H.

όδύνη/odyne (z.B. Loc.HomAl), Körperlicher Schmerz


πόνος/ponos (z.B. Morb.IV 44),
άλγος!algos (z.B. Epid.V 6),
όΐ,γηδών/algedon (z.B. IntA7),
αλγημ a/dlgema (z.B. Epid. V II 59)
κόπος!kopos {Epid. V II 44) Müdigkeit
μώρωσις!mörosis {VirgA) Schlaffheit
καρηβαρία/karebaria {Epid.IV 37, Kopfschmerz, schwerer Kopf
Prorrb.I 147)
ερριψις/errhipsis {Epid. VI 1.15) Erschöpfung
κατάκλασις/katdklasis {Epid.VI 1.15) Erschlaffung der Glieder
κραιπά/.η/kraipdle {Aer. 3) Kopfschmerz, „Kater“
κνησμός!knesmos {Int.7) Jucken
όδαξησμός!odaxesmos {Aph. 3,25) Juckreiz, Irritation
τρόμος! tromos {Epid.IV 43b) Zittern
κλαυθμός!klauthmos {Epid.VII 11,90) Schrilles Schreien (vor allem von Kin­
dern)
όρφνώδες!orpbnödes {Progn. 24) Schwarzwerden vor den Augen
πτυαλισμός!ρΐγαΙΐ5ΐη03 {Coac. 396) Hypersalivation
ξηρασία/xerasia {Aff.37) Exsikkose
καχεξία/kachexia {Aph.3,31), τηξις! Kräfteverfall
texis {Epid.IV 51), σώματος ξύντηξις/
somatos xyntexis {Epid.VW 7)
θρόμβος!thrombos {Ulc.26) Gerinnsel (von Blut, Epid.V 11, von ■%
Galle, Morb.II 75) _________________| |
'i
1i
In n ere M ed izin

| Hauptfundstellen im C.H.: Epid.,Aff.yInt.

Für die Innere Medizin der hippokratischen Ärzte waren Pneumologie und In-
fektiologie die wichtigsten Teilbereiche (s. Kasten S. 147). Infektionen der
Atmungsorgane waren die Erkrankungen, die sie am häufigsten sahen. Neben
dem Husten ist daher das Fieber (7τνρ/pyr, z.B. Epid.III 1.5, πυρετός!pyretos, z.B.
Progn. 18, πυρετοίIpyretoi, z.B. Epid.VII 71, πυρέτιον/pyretion, z.B. Epid.VII 16,
θέρμη!therme, z.B. Epid.VII 48, ήπίαλος/epialos [kaltes Fieber], z.B. Aer.3) das
Leitsymptom der hippokratischen Patienten. Der Fieberkranke wird als
χλιαινόμενος!chliainomenos {Epid.II 2.6) bezeichnet.

146
Atemwegssymptome im C.H .

βήξ/bex (Epid.VI 7.1) Husten


βήχιον/bechion (Epid.VII 50) Leichter Husten
ίψΟοπνοία/orthopnoia (Morb.III 7) Atmen in aufrechter Körperhaltung
δύσπνοια/dyspnoia (Progn. 17) Atemnot
άσθμα/dsthma (Epid. V II 9) Schwere Atemnot
άπόχρεμψις/apochrempsis (Epid.VII 7) Auswurf
βεγχος/rhenchos (Epid.VII 77), Röcheln
βέγκος/rhenkos (Epid. V 55)
imoKcpxäXeov/hypokerchdleon Rasselgeräusche
(Epid.VII 12), φόφοι/psophoi (Epid.VII 51)

Für die Typisierung des Fiebers (s. Kasten) war der Verlauf der Körpertempera­
tur der entscheidende Parameter (Progn.24, Nat.Hom.\5). Die Continua galt als
besonders gefährlich (Epid.I 24-25). Von der Tertiana unterschied man zwei
Typen, je nachdem, ob die Temperatur sich vor dem nächsten Anstieg ganz oder
nur teilweise normalisiert hatte. Als echtes Dreitagefieber sah man jene Form an,
bei der der Kranke vorübergehend vollkommen entfieberte. Unabhängig davon
hielt man die Tertiana für eine selbstlimitierte (ταχνκρίσιμος/tachyknsimos,
Epid.I 24) nichttödliche Erkrankung. Auch bei der Quartana stellte man eine
günstige Prognose. Fieber, die nicht in bestimmten Zeitintervallen wiederkehr­
ten, wurden als πλάνης/planes (Epid.I 6) oder πλανώδης/planödes (Epid.IV 20)
bezeichnet.

Typisierung des Fiebers im C,H .

cri)νοχος/synochos (Nat. Hom .15), Continua


συνεχής/syneches (Epid.VII 2)
άμφημερινός/amphemerinos (Morb. Sacr. 1) Quotidiana
τριταιος/tritaws (Aff. 18, Morb.H 42) Tertiana
ήμιχριτοΛος/hemitritaios (Epid.VII 43) Halbdreitagefieber
τεταρταίος/tetartaws (Epid.VI 6.5) Quartana
πεμπταιος/pemptaios (Aff. 10) Fünftagefieber
εναταΐος/enataios (Epid.VII 39) Neuntagefieber
Ενδεκατάϊος/hendekataws (Morb.H 14) Elftagefieber

Das Fieber kann mit Kältegefühl (ψϋζις/psyxisy Epid.VI 5.15, β γ ο ς /rhlgoSy Int.37,
ßpi)γμός/brygmos, Morb.H 46), Schüttelfrost (φρίκη/phrike, Epid.VII 98,
φρίξ/phriXy Morb.H 68) und Schwitzen ( ίδρώς/bidrös, Epid.VII 13) kombiniert
und von einem Schluckauf (πυρετός λυγγώδης/pyretös lyngödes, Morb.H 64) be­
gleitet sein. In Epid.VII 51 wird eine fiebernde Patientin mit beidseitiger entwe­

147
der septischer oder rheumatischer Arthritis der Knie und Unterschenkel vorge­
stellt.
Die Periodizität der Fieber weist darauf hin, dass viele der davon betroffe­
nen Kranken an Malaria erkrankt waren. Die Bemerkung in Aer.3, dass die Quar-
tana dann gehäuft auftritt, wenn das Trinkwasser aus Sümpfen geschöpft wird,
ist als weiteres Indiz für diese Hypothese zu werten. Zudem wird von zwei Fie­
berkranken, nämlich Philiskos (.Epid.I 26.1) und Pythion (Epid.III 17.3) berich­
tet, die schwarzen bzw. schwärzlichen Urin entleert haben. Bei ihnen ist es im
Rahmen einer Malaria tropica mutmaßlich zu intravasaler Hämolyse und Hämo­
globinurie gekommen. Auf andere Erreger des endemischen Fiebers als das
Plasmodium malariae gibt es keine derart stringenten Hinweise. Auch die Ursa­
che der winterlichen Hustenepidemie (Epid.VI 7.10, Hum.7) und der sommerli­
chen Brennfieberepidemie (Epid.II 3.1) von Perinth sind nicht bekannt.
Von drei wichtigen, im C.H . vielfach erwähnten Erkrankungen der Atem­
wege, nämlich dem Brennfieber (καΰσος/kausos), der Pleuritis (πλενρϊτις/
pleuritis) und der Peripleumonie (περιπλευμονίη/peripleumonie) bzw. Peripneu­
monie (περιπνευμονίη/ peripneumonie), ist nicht nur die Ätiologie unbekannt,
sondern sie lassen sich auch klinisch nicht ausreichend voneinander trennen. Er­
schwerend kommt für die Differenzialdiagnose hinzu, dass sie teilweise ineinan­
der übergehen (z.B. der Kausos in die Peripleumonie, Morb.I 29) oder eine
Krankheit die Komplikation der anderen ist (z.B. die Peripleumonie die Kompli­
kation der Pleuritis, Aph. 7,11). Außerdem bestehen Ähnlichkeiten zwischen den
drei Krankheiten und der Phrenitis bzw. der Phthisis (Epid.III 5) und zumindest
sowohl die Pleuritis als auch die Peripleumonie können in ein Empyem überge­
hen (Aph. 5,8, Morb.I 12).
Typisch für den Kausos sind remittierendes Fieber (πυρετός καυσώδης/
pyretös kausodes, Morb.II 63), Schwellung des Rachens, Entzündung der Zunge,
Abszesse an den Zähnen und starke Expektoration (Acut.spur.2). Aber auch gas­
trointestinale (z.B. gelber wässeriger Durchfall) und neurologische Symptome
(z.B. Bewusstseinsstörungen) und Polydipsie werden beobachtet (Acut.
spurA). Die Krankheit kann durch Exsikkose zum Tod führen (Morb.I 33). In
Epid.VII 10 wird ein mit dem Tode des Kranken endender Fall von Kausos be­
schrieben, bei dem die zentralnervösen Symptome dominieren.
Bei der Pleuritis, wie sie im C.H. dargestellt wird, war mutmaßlich nicht nur
das Rippenfell, sondern die ganze Brustwand betroffen (AffAO). Die Kranken
klagten über starke uni- oder bilaterale Thoraxschmerzen, Dyspnoe, Husten und
Auswurf. Dazu kamen Schluckauf und Hämoptysen (Morb.I 31, Morb.III 16).
Es wird ausdrücklich festgestellt, dass sich die Krankheit auch in den Rücken
und in die Bauchhöhle ausbreiten kann (Morb.I 7).
Wer an Peripleumonie leidet, hat auf beiden Seiten des Thorax Schmerzen
(Loc.Hom. 14). Der Schmerz kann in den Rücken sowie die Schulterblätter und
Schlüsselbeine ausstrahlen (Morb.III 15). In Morb.I 28 wird eine Sonderform der

148
Erkrankung beschrieben, bei der die Patienten zwar Husten und Fieber hatten,
aber keinen schleimigen Auswurf produzierten.
Phthisis (φθίσις/phthisis, z.B. Morb.II 50) bzw. Phthoe (φθόη/phthoey z.B.
Morb.II 49), wie sie das C.H . beschreibt, ist mehr als Schwindsucht. Der Termi­
nus charakterisiert die Terminalphase einer Reihe von konsumierenden Erkran­
kungen (Epid.I 2). Daher ist die Letalität hoch (Epid.I 3). Die frühen Symptome
(Husten, Schüttelfrost, Auswurf, Brust- und Rückenschmerzen) ähneln denen
der Pleuritis und Peripleumonie. Später magert der Phthisiker ab (Epid.III 14),
er entwickelt Uhrglasnägel (Morb.II 48), bekommt chronischen Durchfall und
starken Durst (Int. 10) und zeigt die Symptome der Phrenitis. Die Erkrankung
setzt im Alter zwischen 18 und 35 Jahren ein (Aph. 7,88). In Städten, die den kal­
ten Winden ausgesetzt sind, wird eine Sonderform der Phthisis bei jungen Müt­
tern beobachtet (Aer. 4). Organbezogene Manifestationen der Phthisis sind an
Rückenmark (Int.\2) und Nieren (IntA5) beschrieben.
Im C.H . werden zwar eine Reihe gastrointestinaler Erkrankungen geschil­
dert und kasuistisch dargestellt (s. Kasten). Zumeist handelt es sich dabei aber
um ein oder mehrere Symptome oder unzureichend definierte Erkrankungen
von Magen, Darm und anderen Bauchorganen. Sicher mit der Krankheit im
modernen Sinne identisch ist allerdings die vom hippokratischen Autor
beschriebene Gelbsucht (ίκτερος! ikteros, z.B. Aph.4,62). ln Morb.II 38/39 ist die
Gelbfärbung von Haut und Augen, in Morb.III 11 der den Ikterus begleitende
Juckreiz (ενίοτε δε καί το ίμάτιον ονκ ανέχεται εχων, άλλά δάκνεται/eniote de kai
tö himdtion ouk anechetai echon, allä daknetai [manchmal hält er auch den Man­
tel, den er anhat, nicht aus, sondern er kratzt sich]) treffend beschrieben. Man
nahm an, dass die Verfärbung durch die Ablagerung von Galle unter der Haut
hervorgerufen wird (Aff.32). In Abhängigkeit von der jahreszeitlichen Häufung
der Manifestation unterschied man vier Typen des Ikterus (Int.35-38).
Leitsymptom von Erkrankungen der Milz ist die Vergrößerung und Verhär­
tung des Organs (Aff. 20). In Int.30-34 werden auf Grund pathophysiologischer
und klinischer Kriterien fünf Milzleiden unterschieden; für eines von ihnen
macht der Autor den Genuss von rohem Gemüse und Wasser verantwortlich.
Als typisch für Erkrankungen der Leber werden Schmerzen im rechten
Oberbauch und die Verfärbung der Haut angesehen. In Int.27-29 unterscheidet
der Verfasser drei Formen der Hepatopathie; letztere ist von ausgeprägten neu­
rologischen Symptomen begleitet und lässt an die hepatische Enzephalopathie
denken.

Gastrointestinale Symptome im C.H .

(ίση/dse (Epid. VII 94) Übelkeit, Erbrechen


εμεσις!emesis (Morb.II 74), εμετός! Erbrechen
emetos (Epid.IV 24)
ναυσίη!nausie (Epid.IV 41) Übelkeit

149
διάρροια!didrrboia (Aff. 25) Durchfall (auch im Plural, z.B. Epid.I
2.5)
δυσεντερίη!dysenterie {.Epid.II 6.26) Durchfall (wird in Aff. 25 als der
διάρροια ähnlich bezeichnet), auch: gal­
liges Erbrechen (Code. 454), diffuser
Bauchschmerz {Aff.2?>) und blutiger
Stuhl {Vict.III 74). Nach Coac.453 kann
sich δυσεντερίη an Rippen, Eingeweiden
und Gelenken manifestieren
λειεντερίη/leienterie {Epid.II 2.21) Durchfall (wird in Aff.25 als der
διάρροια ähnlich bezeichnet), auch: Ver­
lust unverdauter Nahrung {Aff.24). In
Aph.7y77 wird λειεντερίη als Folgesymp­
tom der δυσεντερίη dargestellt
στρόφος/strophos (AffA7) Kolik. Auch Nabelkoliken {στρόφοι περί
τον όμφαλόν!strophoi perl tön omphalon)
waren bekannt (z.B. Epid.VI 8.19)
καρδιαλγία/kardialgia {Epid.II 1.3) Erbrechen (auch gallig, z.B. Epid.IV 16)
Kapöicoypog/kardiögmos {Aph. 4,17) Sodbrennen
όζυρεγμίη!oxyrhegmie {Aph. 6,1, Aufstoßen, Sodbrennen
Epid.II 2.21)
τεινεσμός!teinesmos (Epid.12.5) Vergebliches Bemühen um Defäkation.
In Aff. 26 Kombination von schwarzem
Blut, Schleim und Schmerzen im Un­
terbauch
εμφύσημα/emphysema {Acut.spur.52, Meteorismus
£ > m/.III 17)
φύσαι/physai {Epid.IV 31) Flatulenz
έπαρσις/eparsis {Epid.II 3.6) Schwellung des Bauches
έντασις/entasis {Epid.II 3.6) Anspannung des Bauches
γαστρός ταραχή!gaströs tarache Leichte gutartige Erkrankung des
{Epid.II 6.22) Magens
κοιλίης ταραχή/koilies tarache Leichte gutartige Erkrankung des
{Epid.IV 38) Darms
διαχωρήματα μέλανα!diachöremata Blutstuhl
milana (Epid.III 13)
χολέρη!cholere {Epid.V 10) Schmerzhafte Entleerung der Säfte nach
oben und unten
χολέρη ξηρή!cholere xere {Acut.spur.19) Obstipation
ειλεός!eüeos (z.B. Aph.3y22yAff.2ly Intestinale Obstruktion.
Morb.III 14) ειλεός ικτερώδης!eileos ikterödes — Ikte­
rus {Int. 45)

150
L)as C.H. erwähnt mehrere Wurmerkrankungen (Θηριώδες/theriodes, Epid.II
1 ,3 ), die auch heute noch Bedeutung haben. Der hippokratische Autor unter­
scheidet bei den Erregern der Helminthosen grundsätzlich zwischen Rundwür­
mern ( 'έλμινθες στρογγύλαι/belminthes strongylai, Aph.3,26) und Plattwürmern
{'ελμινΘος πλατέης/hilmintkos platees, Morb.IV 54). Die Ausstoßung von Wür­
mern galt als prognostisch günstig (Progn. 11, Prorrh.II 28, Judic. 2). In
Epid. V I I 17 berichtet der Verfasser von einem Jungen, der die Würmer über eine
Gallefistel in der Bauchwand ausschied. Die saisonale Häufung von Wurmer­
krankungen im Herbst wird in Epid.VI 1.11 hervorgehoben; dabei werden die
Spulwürmer (άσκαρίδες/ askarides) besonders erwähnt. Aph.7y55 beschreibt die
Ruptur eines Echinokokkus der Leber, Int. 23 die eines Echinokokkus der Lun­
ge. Nicht identifiziert sind die Würmer, die man bei einer stillenden Frau im
Mund sah und deren Zunge ausgetrocknet und so hart geworden war wie Hagel­
körner (Epid.IV 10). Epid.VII 52 teilt den Tod eines Jungen mit, der eine
schleimige Masse erbrochen hatte, die wie der Embryo eines platten Wurms aus­
sah.
Bei den in Int.39-43 beschriebenen fünf Formen von Typhös (τύφος/typhös)
sind die gastrointestinalen Beschwerden (Durchfall, Bauchschmerz) nur eines
von mehreren Symptomen oder sie fehlen sogar ganz (Typ III). Es dominieren
wechselweise Schwäche in Armen und Beinen, Atemnot und Husten, Schwel­
lungen der Gelenke oder starke Abmagerung und Inkontinenz. Es ist daher nicht
möglich, den hippokratischen Typhös einer modernen nosologischen Entität wie
dem Typhus abdominalis oder einer anderen Form der infektiösen Enteropathie
zu zu ordnen.
In den Epidemien werden zwei Patienten beschrieben, deren Symptomatik
gut zu definierten modernen Krankheitsbildern passt. Ein Mann aus Oiniadai
(Fpid.V 6) litt unter Magenschmerzen, die im Nüchternzustand stärker waren
als nach dem Essen. Außerdem magerte er stark ab. Man darf annehmen, dass er
ein Ulkusleiden hatte. Epid.V 98 stellt einen Mann mit Namen Aristippos vor,
der durch einen Pfeil am Bauch verletzt worden war. Er litt unter Durst und
starken Bauchschmerzen, hatte Fieber und erbrach und konnte keinen Stuhl ab­
setzen. Nach sieben Tagen trat - mutmaßlich wegen einer schweren Peritonitis -
der Tod ein.
Nur wenige im C.H . beschriebene Leiden sind zumindest einigermaßen si­
cher als hämatologische Erkrankungen zu identifizieren. Die in Coac.333 (γης
επιθνμίη/ges epithymie [Lust auf Erde]) und Prorrh.II 31 (λίθους τε και γην
τρώγουσι/lithous te kai gen trögousi [sie essen Steine und Erde]) geschilderte Geo-
phagie ist auch als Pica-Syndrom oder Pikazismus bekannt und wird u.a. bei Ei-
scnmangelanämie beobachtet. Die in Int.30-34 beschriebenen Erkrankungen der
Milz dürften zumindest teilweise mit der Thalassämie in Verbindung stehen.
Während eines Aufenthalts in Ainos machte der hippokratische Autor die Beob­
achtung, dass Männer und Frauen, die während einer Hungersnot viele Hülsen­
früchte aßen, Schwäche in den Beinen entwickelten (Epid.II 4.3, Epid.VI 4.11).

151
Dieses Symptom ist wohl als Folge der einseitigen bzw. Mangelernährung zu
deuten; gegen Favismus als Ursache der Symptomatik spricht der chronische
Verlauf. Die in Epid. VI 7.2, Int 46 und Prorrh.II 3-6 beschriebenen Symptome
passen zum Skorbut.

N e u ro lo g ie

Hauptfundstellen im C.H.: Epid.I-VII> Aff\ Morb.SacrInt

Das C.H . beschreibt viele Patienten mit neurologischen Symptomen, z.B. Kopf­
schmerzen {Aff.2). In der Mehrzahl der Fälle liegt den Beschwerden aber ein
nicht-neurologisches Grundleiden, vielfach eine fieberhafte Erkrankung zugrun­
de. Die primären neurologischen Erkrankungen (z.B. Epilepsie) treten der Zahl
nach zurück. Die Differenzierung zwischen zentralen und peripheren Nerven­
leiden bzw. neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen ist noch kaum
entwickelt (s. Kasten S. 153).
Die Symptome der Epilepsie (Aura, Sprachverlust, rollende Augenbewe­
gungen, Verkrampfungen der Hände, Schaum vor dem Mund, Bewusstlosigkeit,
unwillkürlicher Stuhlabgang) werden in Morb.Sacr. ausführlich und treffend be­
schrieben. Die Krankheit gilt als hereditär {Morb.Sacr.5); je früher sie beginnt,
desto schwerer ist der Verlauf {Prorrh.II 9). Mit επιληψία/epilepsta {Alim.26) be-
zeichnete man die Krankheit, mit h τίληψις/epüepsis {Coac.587, Morb.SacrAO)
den epileptischen Anfall. Ein verbreitetes Synonym für Epilepsie war ίερή
νοΰσος/biere noüsos [Heilige Krankheit], Morb.Sacr. 1, ein weniger geläufiges
ήράκλεια νονσος/herdkleia noüsos [Herakleische Krankheit], Mul.I 7. Nach Aer.4
kannte man allerdings mehrere so genannte Heilige Krankheiten {Ιερά
νοσεύματα/hierä noseümata].
Viele im C.H . beschriebene Krämpfe {σπασμοί/spasmoi) waren nicht Symp­
tome einer Epilepsie, sondern fieberassoziiert {Epid.I 6). Mit τέτανος/tetanos
kann sowohl ein z.B. in der Lumbalregion lokalisierter Krampf (Acut.spur.37) als
auch der für den Tetanus typische Kieferkrampf {Morb.III 12) gemeint sein. In
Epid.VII 37 und In t 52 wird ausdrücklich hervorgehoben, dass dem Tetanos eine
offene Verletzung vorausgeht. Der Kieferkrampf kann mit Lähmungen und
Aphasie kombiniert sein {Epid.VII 8). Mit Opisthotonus wird nicht nur das
Symptom der krankhaften Reklination des Rumpfes bezeichnet {Epid.V 74),
sondern auch eine eigenständige Erkrankung {Morb.III 13). In ihrem Rahmen
kombinieren sich die typische verzerrte Körperhaltung mit Schreien und Ver­
krampfungen der Beine und Hände. Als Ursachen werden Angina, Tonsillitis
und Verletzungen (7wi.53) angegeben.
Als Apoplexie ( οπτοπληξία/apoplexia, Aph. 2,42 bzw. όστόπληζις/apoplexisy
Prorrh.II 14) wird sowohl die Lähmung des ganzen Körpers {Aph.6,56) als auch
die einzelner Glieder, z.B. die des Arms {Coac. 353) bezeichnet. Das Verstum-

152
men (αφωνία!aphönia, z.B. M u ll 2 bzw. dvavSia/anaudia, z.B. M ull 32), das
z.B. im Zusammenhang mit Frauenleiden und fieberhaften Erkrankungen
erwähnt wird, ist wohl nicht mit dem Verlust der Sprache (Aphasie) gleichzuset­
zen. Allerdings ist in Acut.spur. 6 von plötzlicher Sprachlosigkeit bei bis dahin
gesunden Individuen die Rede. Über Lähmungen (παραπληγίαι/paraplegiai) im
Rahmen epidemischer Erkrankungen berichtet der hippokratische Autor aus
Thasos (Epid.1 14) und Perinth (Epid.il 3.1). Der Symptomenkomplex, der dazu
führt, dass eine Person als βλητός/bletos [vom Schlag getroffen] (Acut. 17)
bezeichnet wird, besteht aus Stirnkopfschmerz, ein- oder beidseitigen Sehstö­
rungen, Bewusstseinsverlust und leichtem Fieber. In Epid. V 83 wird ein männli­
cher Patient mit den Symptomen einer Migraine ophtalmique (Lichtblitze vor
dem rechten Auge, Schläfenschmerz, später Nackenschmerz) vorgestellt.

Neurologische und psychiatrische Symptome und Erkrankungen im C.H .

κί'.φαλαλγίη/kephalalgie (Epid. VII 5) Kopfschmerz


καρηβαρία/karebaria (Epid.IV 37, Kopfschmerz, schwerer Kopf
Prorrb.1147)
(Τίνος!dinos (VC 11) Schwindel
σκοτοδινία!skotodinia (Aff.2) Schwindel, Schwindelanfall
λπτοθυμία/lipothymία (Aph. 5,56, Ohnmacht
Epid. VI 7.2), λιποψυχία!lipopsyebia
(Epid.VII 10)
βληστρισμός!blestrismos (Epid.III 17.5) Motorische Unruhe (Chorea?)
ßmxaopoQlrhiptasmos (Morb.III 15) Schleuderbewegungen, Ballismus
O.iyyoi!ilingoi (Aph.3,23) Schwindel
ψροντίς/phrontis (Morb.II 72) Hypochondrie
άθυμίαι!athymiai (Epid. V 84) Depression, Todessehnsucht
εύθυμίη! euthymie (Epid. V 84) Manische Phase der Depression
όπτονάρκωσις/apondrkosis (Artic. 46,48) Sensibilitätsverlust
ισχιάς!ischids (Aer.22) Hexenschuss (in Aph. 6,59/60: Hüft-
luxation)

Bei den so genannten dicken Krankheiten (ίταχέα νοσήματα!pachea nosemata,


1nt. 47—50) treten zu Fieber, Schüttelfrost, Hepatomegalie und anderen somati­
schen Phänomenen folgende neurologische Symptome: Berührungsempfindlich­
keit, schmerzhaftes Muskelzittern, Mydriasis, Sehstörungen, Unfähigkeit zu
stehen und Halluzinationen. Das Leiden zieht sich über mehrere Jahre hin und
rezidiviert nach Remissionen immer wieder. Es mag sich dabei um die Spätfolgen
von Infektionen am Nervensystem oder chronische Vergiftungen gehandelt ha­
ben.
Zur Beschreibung der geistigen Verwirrung bzw. des Delirs verwendet der
hippokratische Autor eine Reihe von Termini (s. Kasten S. 154). Eine sichere

153
Differenzierung bzw. Graduierung der Symptomatik lässt sich daraus aber nicht
ableiten. Das delirante Reden wird als λήρος/leros (Epid.VII 25, 56) oder
7ταρολήρησις/paraleresis (.Epid.VII 2,5,11) bezeichnet und gilt als prognostisch
ungünstig.

T e rm in o lo g ie des W ah n sin n s im C .H .

άλνσμός/alysmös {Epid.VII 10)


γνώμης παράφοροι/gnömes pardphoroi {Epid.II 3.1)
παραλλάξιες φρένων/paralldxiesphrenön {Acut.spurA)
παράκρουσις/pardkroHsis (Prorrh.119)
παραφρόνησις/paraphronesis {Morb.130)
παραφροσύνη/paraphrosyne {Progn.22)
παρακοπή/parakope {Epid.III 17.5)
καταφορή/kataphore {Epid.IV 26)
τυφομανία/typhomania {Epid.IV 13)
παράνοια/pardnoia {Morb.SacrA)
pavia/mania {Epid.II 5.2)
έκμανήναι/ekmanenai {Epid.IV 15)

In vielen Fällen dürften die Betroffenen an einem Fieberdelir gelitten haben. D a­


bei wurden motorische Automatismen der oberen Extremitäten beobachtet. Der
hippokratische Autor vergleicht sie mit den Bewegungen der Finger und Hände,
die nötig sind, um Flocken von einer Bettdecke zu lesen {κροκυδολογέω/
krokydologeo, Epid.VII 25) oder Haare zu zupfen {κορφολογάω/karphologeo,
Progn.4). Man spricht auch heute noch gelegentlich von Krozidismus bzw. Kar-
phologie, wenn man derartige Symptome charakterisieren will.
Fieber und geistige Verwirrung sind auch die Leitsymptome der Phrenitis
{φρενΐτις/ phrenitis, z.B. Morb.I 30). Die Patienten haben einen starren Blick und
wollen nicht angefasst werden {Morb.III 9). Sie verweigern die Nahrungsauf­
nahme und enden im Verfall {Morb.I 34). Der neurologische Charakter der Er­
krankung wird jedoch dadurch relativiert, dass sie in einer Reihe mit Kausos,
Pleuritis und Erysipelas genannt werden und außerdem festgestellt wird, dass sie
sich zur Peripleumonie entwickeln kann {Morb.I 3).
Ebenso wie die Phrenitis ist auch der Lethargos {λήθαργος/lethargos) eine ei­
genständige Erkrankung, die in einer Reihe mit Pleuritis, Peripleumonie und
Kausos aufgezählt wird {Aph. 3,30). Das Leitsymptom ist Schläfrigkeit. Die Be­
troffenen leiden jedoch unter zahlreichen anderen Beschwerden wie Zittern,
Schwitzen und Inkontinenz {Coac. 136) sowie Husten und reichlichem Speichel­
fluss und haben einen schlechten Körpergeruch {Morb.II 65). Wenn die Erkran­
kung überlebt wird, kann sich ein Empyem entwickeln.
Das Koma (,κώμα/koma, z.B. Morb.II 25) wird als Zustand definiert, aus
dem ein Mensch nur schwer erweckt werden kann {Epid. VII 5). Insofern decken

154
sich der antike und der moderne Inhalt des Begriffs. In Epid.III 6 werden jedoch
zwei Formen des Koma unterschieden, die diese Deutung relativieren. Danach
wird der eine Typ zwar als langanhaltender, dem Schlaf ähnlicher Zustand be­
zeichnet, vom anderen aber wird gesagt, dass die Betroffenen schlaflos seien und
unter Schmerzen litten. In Epid.VII 109 wird auch ausdrücklich darauf hinge­
wiesen, dass das Koma, das sich bei dem Sohne des Epicharmos am dritten Tag
nach einem Zechgelage einstellte, nur von kurzer Dauer war.
Ähnlich wie Phrenitis und Lethargos steht auch die Melancholie
(μελαγχολία/ melancholia, z.B. AphA,\4, auch im Plural, z.B. Aer. 10) in Aufzäh­
lungen unmittelbar neben rein somatischen Erkrankungen. Morb.I 3 führt sie in
einer Reihe mit Gelenkerkrankungen, Podagra und Ischias an. In Apb.6,23 wird
sie jedoch unmissverständlich als Angst oder langanhaltende Verstimmung defi­
niert. Nach Epid.VI 8.31 ähneln sich Melancholie und Epilepsie. Beiden liegt die
gleiche Erkrankung zugrunde; die Melancholie ist deren psychisch betonte und
die Epilepsie die somatisch betonte Variante. Die körperliche Symptomatik der
Melancholie umfasst Lähmungen, Krämpfe und Blindheit (Aph. 6,56). Lisplern
und Schnellrednern, Kahlköpfen und zottigen Typen wird eine besondere N ei­
gung zu melancholischen Affektionen nachgesagt (Epid.II 5.1,6.1). Eine Be­
gründung dafür fehlt im Text.
Wenn das Rückenmark erkrankt, verliert der Patient die Kontrolle über sei­
ne Beine, er hat Sensibilitätsstörungen und entwickelt Harn- und Stuhlretention
(.Prorrh.II 16). Die beiden Ursachen, die dem hippokratischen Arzt für diesen
Zustand bekannt waren, sind der traumatische Querschnitt (Artic. 48) und die
Phthisis des Rückenmarks (φθίσις νωτιάς/ phthisis notias, Morb.II 51). Bei den
Rückenmarksverletzten wird klar zwischen hohem und tiefem Querschnitt un­
terschieden. Außerdem berichtet der Autor, dass die Unfallopfer später die Sen­
sibilität am ganzen Körper verlieren können (νεναρκωμένοισιν/nenarkömenoisin,
LiquA). Als typische Symptome der Rückenmarksphthisis werden Parästhesien
(oiov μύρμηκας/bown myrmekas [wie Ameisenlaufen]) und nächtlicher Samener­
guss genannt (Morb.II 51). Da von der Erkrankung vorwiegend jungverheiratete
und andere sexuell aktive Männer betroffen sind, darf man annehmen, dass sich
hinter der hippokratischen Phthisis des Rückenmarks die Neurolues verbirgt.
Von den Läsionen der peripheren Nerven wird die Ulnarislähmung nach
dorsaler Ellbogenluxation erwähnt (ArticA9).

C h iru rg ie u n d O rth o p ä d ie

Hauptfundstellen im C.H.: VC, Fract.,Artic., Mochl, Epid.V


M: Debru A.: Hippocrate. La consultation. Paris, 1986 Roselli A.: La chirurgia ippocrati-
ca. Saggio introduttivo e traduzioni. Firenze, 1975________________________________

155
Die hippokratischen Ärzte waren überwiegend in der Unfallchirurgie tätig
(s. Kasten). Für mechanische Behandlungsmaßnahmen (μηχανοποιείν/mechano-
poiein, z.B. Fract. 15, 30) standen ihnen eine Reihe von Hilfsmitteln zur Verfü­
gung. Die meisten Geräte (κατασκευή/kataskeue, z.B. Artic.47, μηχανήμα/
mechdnema, z.B. Fract 30, ArticAl) dienten der Reposition, Extension und Ru­
higstellung verletzter Gliedmaßen; dabei setzte man vielfach grobe körperliche
Kraft ( ϊπωσις/ipösis, Artic.47) ein. Zur Schädeltrepanation wurden speziell ge­
formte Bohrer verwendet.
Für die so genannte Bank des Hippokrates verwendet der hippokratische
Autor die Termini ξύλον/xylon (Fract. 13), ζύλον τετράγωνον/xylon tetrdgönon
(Artic. 42,72) und τετράγωνοι στύλοι/tetrdgönoi styloi (.Fract.13). Die dafür besser
bekannte griechische Bezeichnung βάθρον/bdthron stammt von Rufus von Ephe­
sos (Orib . 49.26) und kommt in den hippokratischen Schriften nicht vor. Im
C.H . wird die Vokabel βάθρον nur an einer Stelle (Flat 3) und dort ohne Bezug
zur chirurgischen Therapie, sondern im Zusammenhang mit geophysikalischen
Betrachtungen benutzt.
Von anderen chirurgisch behandelbaren Erkrankungen wie Hernien
(βηξις/rhexis, Epid.II 1.9, κήλη/kele, Aer.7) oder Krampfadern (κιρσός/kirsos,
Epid.VI 2.5) werden zwar die Symptome beschrieben; genaue Behandlungsan­
weisungen gibt der Autor aber nicht. Eine wichtige Ausnahme machen Hämor­
rhoiden und Analfisteln (Haem., Fist).

C h iru rg isc h e In stru m e n te im C .H .

F ü r d ie B e h an d lu n g d e r E x tre m itä te n
νάρθηξ/ndrthex (Artic.27), σωλήν/sölen Schiene
(Fract 16,22)
ασκός/askos (Artic.47,77) Luftgefüllter Beutel
σφαϊραι/sphatrai (Fract. 30) „Fixateur externe“
ξύλον/xylon (FractΛ 3), δοκίς/dokis [Planke] Verschiedene Hölzer, die für
(Fract.13), σανίς/sanis [Dachbalken] (Artic.47), Repositionsversuche eingesetzt
στρωτήρ/ströter [Querbalken] (Artic.7) wurden
ϋπερον/hyperon (Artic. 5), (Hölzerner) Hebel
ξύλινος μοχλός/xylinös mochlos (Artic. 72)
ίμάς/himds (Fract 13) Lederriemen
•πλήμνη/plemne (Fract. 13) Radnabe [zur Fixation von
Zugbändern]
κλΐμαξ/klimax (Artic. 42-44), κλιμάκων/ Leiter
klimdkion (Artic. 6)

F ü r die T re p a n a tio n des Sch äd els


τρύπανον/trypanon (VC 18,21, Int.22>) Trepan, Drillbohrer
7τρίων/prwn (VC 2 1, Artic. 12) Sägetrepan

156
ξνστήρ/xyster (VC 14,19) Schabeisen, Raspatorium

F ü r die Z a h n b e h a n d lu n g
οόοντάγρα/odontdgra {Medic.9) Extraktionszange
σταφνλάγρα/stapbyldgra {Medic.9) Haltezange für das Zäpfchen
ζηλή/chele {Morb.II 33,35)______ Geißfuß

Die meisten Schädelverletzungen wurden durch Geschosse (z.B. VC 12) verur­


sacht. Es wird jedoch auch über andere Ursachen berichtet. Das am Kopf ver­
letzte Unfallopfer von Epid.V 16 war von einem Pferd getreten und der Mann
aus Omilos {Epid.V 27), der seiner Schädelverletzung am 16. Tag nach dem U n­
fall erlag, war von einem Stein getroffen worden. Man teilte die Schädelverlet-
/.ungen in fünf Typen (Fraktur, Kontusion, Impressionsfraktur, Hedra, d.h.
Fraktur plus Kontusion, Contre-coup Verletzung) ein (VC 4-8). Läsionen am
Hinterkopf galten als bedrohlicher als solche an der Stirn (VC 13). Mit der Tre­
panation {npioig/pnsis, VC 9,12,14,21) verfolgte man zwei Ziele: Die Drainage
von Sekreten und die Reposition von knöchernen Fragmenten. In Mochl. 39 wird
möglicherweise eine posttraumatische Liquorrhoe beschrieben. Mit
τερηδών/teredön {Morb.II 7,24) bezeichnet der Autor eine Osteolyse der Calva-
ria. Der in Epid.V 97 dargestellte Lokalbefund spricht für die Diagnose einer
Schädeldachosteomyelitis.
Traumata der Bauchorgane sind weniger gut dokumentiert. In Epid.V 62
wird von einem Mann berichtet, der von einem Speer in die Leber getroffen
worden war und binnen Stunden verblutete. Außere Blutungen {αίμορραγία/
baimorrbagia, Artic. 69, Morb.II 4,17-18, αίματος ί^ξις/haimatos rhexis, Progn. 7,
ί'κχίφωσις/ekchymösis, Liqu. 1, έκχύμωμα/ekcbymoma, Artic. 50) versuchte man
durch Adstringenzien {στυπτικά/styptikd, Apb.7,37) und/ oder durch Abbinden
( άπόσφιγξις/aposphinxis, FractA l, Artic.69) zum Stehen zu bringen. Mit
7τελίωσις/pelwsis wird ein livides Hämatom bezeichnet (Epid.VI 3.18).
Dislozierte Frakturen {κάταξις/kdtaxis, Artic. 14, κάταγμα/kdtagma, Fract. 31)
hat der hippokratische Arzt reponiert (Amc.70) und im geschlossenen Verband
(/πίδεσις/epidesis, Fract. 11, έττίδεσμα/epidesma, Fract. 5, έττίδεσμος/epidesmos, Ar­
tic. 14,30) bzw. mit Bandagen {δεσμός/desmös, Artic.70, όθόνιον/othonion, Ar­
tic.14, ταινία/tainia, Fract. 8) ruhig gestellt. Offene Extremitätenfrakturen wur­
den wegen der sonst schlechten Prognose in ihrer Stellung belassen. Bei ungüns­
tigem Verlauf hatte der Verletzte die posttraumatische Deformität
{αίσχος/aiscbos, Artic. 14) in Kauf zu nehmen. Bei den Amputationsfrakturen
{όητόκοψις/apökopsis) unterschied man intra- und extraartikuläre Läsionen; an
der Therapie änderte diese Differenzierung aber nichts {Artic.68).
Der Pathophysiologie, Symptomatik und Therapie der Luxation {εκπτω-
μα/ekptöma, Artic.28, ολίσθημα/olisthema, Artic.61, όλίσθησις/olisthesis, Artic.74)
ist im C.H . mit Artic. eine eigene Schrift gewidmet. Ihr fachlicher Wert beruht
auf der exakten Beobachtung und biomechanischen Deutung der normalen und

157
krankhaften Artikulation. Die hippokratischen Ärzte unterschieden -zwischen
der kongenitalen {έκ γενεής/ek genees> Artic.28 [der Hand], Artic.56 [der Hüfte]),
wachstumsbedingten (έν αυξήσει!en auxesei, Artic.58), habituellen (7τυκνά/pyknd,
Artic.2) und traumatischen (ßifl/bieyArtic.58) Luxation. Sie kannten die Luxati­
onsrichtungen (z.B. an der Hüfte, Artic. 51) und die zur Luxation disponierenden
Faktoren (z.B. einen schmalen periartikulären Muskelmantel, Artic.8). So unter­
schiedlich die Therapie der Luxationen je nach Region und Situation war, so lag
dem Eingriff doch immer das gleiche Prinzip zugrunde: Extension {κατά-
τασις/katdtasis) und Reposition {έμβολή/embole, Artic. 18).
Unter den orthopädischen Leiden (s. Kasten) dominierten die Fehlstellun­
gen und chronischen Arthropathien. Bei dem in Epid. V 52 beschriebenen κύφω­
μά έκ φρενίτιδος/ kyphöma ek phrenitidos handelt es sich möglicherweise um den
Folgezustand einer Spondylitis tuberculosa (so genannter Pott’scher Buckel).
Der angeborene Klumpfuß wurde frühzeitig redressiert ( άπωθεΐν και
κατορθουν/apöthem kai katorthoün) und in einem geeigneten orthopädischen
Schuh fixiert (έγκλίνειν και περιαναγκάζειv/enkltnein kai perianankdzein, Ar­
tic. 62). Mit dem schon in der Antike viel kommentierten Terminus
Ktöpaxalkedmata ist wahrscheinlich eine Arthropathie der Hüften gemeint
{Aer.22, Epid.VI 5.15, Epid.VII 122, Loc.Hom.lQ).

Orthopädische Symptome und Erkrankungen im C.H .

κυλλός/kyllös {Artic.40), Klumpfuß


κυλλωσις/kyllösis {Artic.62)
βλαισός/blaisos {Artic. 53) Pes valgus, Genu valgum
γαυσός/gaHSOs {Artic.77,82) Genu varum
κύφωμα!kyphöma {Artic.41), κύφωσις! Buckel
kyphösis {ArticAi) y ύβωμα/hyböma
(Ari/c.47,48), ύβωσις/hybösis {Mochl.36)
Xopöwaig/lordösis {Artic.48), Reklination
λόρδωμα/lorddma (z.B. Mochl.38)
θλάσις/thldsis {VC 9,12), θλάσμα/ Prellung
thldsma {Fract. 11)
εξαλσις σπονδύλου/exalsis spondylou Wirbelkörperdislokation
{Artic.46)
δεσμός!desmos {Fract.37) Versteifung
διακίνημα/diakinema {Fract. 3 7) Dislokation
7ταράλλαξις/pardllaxis [Artic. 15) Dislocatio cum contractione
έπιπώρωσις!epipörösis (Artic. 14,49) Kallus
άρθριχις νούσος!arthritis noüsos Chronische Gelenkerkrankung
(4 P 0 -3 1 )
7τοδάγρη/poddgre {Aff. 31) Chronische Gelenkerkrankung.
Gicht?

158
Urologie

^Hauptfundstellen im C.H.: Aph., Epid.I-VII, Int.

Der hippokratische Arzt unterscheidet zwischen Erkrankungen der Nieren, der


Harnblase und der Harnröhre (s. Kasten). Mit dem Begriff der Nephritis
(vi^phiq/nephntisy z.B. Morb.I 3) werden im Unterschied zur Auffassung der
modernen Nephrologie nicht nur entzündliche Erkrankungen der Nieren, son­
dern auch andere Nephropathien beschrieben. Mutmaßlich war dem hippokrati­
schen Arzt auch die Differenzierung zwischen einem inneren und einem nach
außen durchbrechenden Abszess der Nieren (Aph.7y36) nicht möglich. In
Int. 14-17 bietet der Autor vier Differenzialdiagnosen der Nephritis an, nämlich
die schmerzhafte Urolithiasis, die Ausscheidung von Blut und Eiter mit dem
Urin, eine durch schwarze Galle verursachte Nierenerkrankung und eine weitere
Nephropathie, die durch Galle und Schleim ausgelöst wird.
Die wesentlichen Symptome urologischer Erkrankungen werden in
Aph.4,75-83 zusammengefasst. Der Autor kennt nicht nur Nykturie, Hämaturie
und Pyurie, sondern beobachtet und analysiert auch das Urinsediment. Dabei
fallen ihm u.a. fleischartige Haare (76), kleieartige Bestandteile (77), Sand (79)
und Schuppen (81) auf. Zur Beschreibung von Miktionsschmerzen werden zwei
Termini verwendet (Aph.3,31): Strangurie (στραγγουρία/ strangouria) und Dys­
urie (δυσουρία/dysouria). Strangurie bezeichnet eine eigenständige, durch
Schleim hervorgerufene gutartige Erkrankung, Dysurie sowohl die Erkrankung
(Aph.3y5) als auch das Symptom (Coac. 463).

U ro lo g isc h e E rk ra n k u n g e n im C .H .

ι ςδρχιας/es orchias (Epid.II 1.7) Skrotalhernie (bei Husten)


τά θύμια τά άπό του ττοσθίου/ίά thymia ta apö toü Spitze Kondylome
posthiou (UleA4)
ορχιες...και αίδοιον άνεσπασμένα/orchies... Priapismus
kai aidoion anespasmena (Progn. 9)
/λέπρα την κύστιν/elepra ten kystin (Epid.V 17), Rasch zum Tode führendes
κύστις ψωριά/kystis psorid (Aph. 4,77) wohl infektiöses Blasenleiden

Treffende Aussagen über die Urolithiasis werden in Aer. 9 gemacht. Danach dis­
poniert u.a. der Genuss von sedimentreichem Wasser zum Steinleiden. Die Re­
tention von Grieß und Steinen in der Harnblase produziert Harnverhalt und
Schmerzen. Frauen sind durch das Steinleiden weniger beeinträchtigt, weil die
weibliche Harnröhre kürzer als die männliche ist.

159
Gynäkologie

Hauptfundstellen im C.H.: Aph.5,29-62, Nat.Mul., Mul.II


M: King H.: Hippocrates’ Woman. Reading the female body in Ancient Greece. London,
New York, 1998
A: Girard M.-C., Fournier S.: La notion d’homme, de femme et d’enfant dans quatre trai-
tes hippocratiques. CEA 1987; 20: 21-27

Für den hippokratischen Arzt besteht ein großer Unterschied in der Behandlung
von Männern und Frauen (M ull 62). Das natürliche Schamgefühl und fehlende
Erfahrungen und Kenntnisse vor allem der jungen Frauen bilden eine Barriere,
die es dem Arzt schwer macht, das Vertrauen der Patientinnen zu gewinnen. Die
körperliche Untersuchung wurde sowohl von Ärzten (Nat.Mul. 13,35, Mul.II 19)
als auch von weiblichen Hilfspersonen (ei έτέρη γυνή ψαύσειε των μητρέων/ei he-
tere gyne psauseie ton metriön [wenn eine andere Frau die Gebärmutter berührt],
Mul.I 21) vorgenommen. Die therapeutischen Maßnahmen (z.B. die lokale Ap­
plikation von Pharmaka, Nat.MulAO) lagen ebenfalls in den Händen von Frauen;
möglicherweise waren sie dafür speziell ausgebildet.
Am Uterus werden die gleichen makropathologischen Phänomene be­
schrieben wie an anderen Organen, nämlich Hydrops ( ύδρωψ/bydröpSy
Nat.Mul.2, Mul.I 59-60, MuLII 66-67), Erysipelas (έρυσίπελας/erysipelas,
Nat.MulAl) und Szirrhus (ήv σκιρρωθέωσιν αίμήτραι! en skirrhötheösin hai
metrai, Nat.Mul.37). Vom Prolaps uteri war eine große Zahl von Varianten be­
kannt (Nat.Mul.3-S). Nach Mul.II 36 tritt das Leiden vorwiegend bei kinderlo­
sen und körperlich schwer arbeitenden Frauen auf. Durch den Vorfall der Gebär­
mutter kommt es auch zu Dysurie (Mul.II 34). Bei therapieresistentem Rezidiv­
prolaps band man die Patientin mit den Füßen an eine Leiter, stellte sie auf den
Kopf und und führte dann die manuelle Reposition durch (Nat.Mul. 5, Mul.II
35). Anschließend musste die Frau einen Tag und eine Nacht lang mit gekreuzt
fixierten Beinen im Bett verbringen. Bevor sie mobilisiert wurde, legte man einen
Schlingenverband (σφενδόνη!sphendone, Mul.II 35) an.
Die Räucherung ( ϋττοθΌμίαμα/hypothymiama, Mul.II 97, ϋποθυμίασις!
hypothymiasis, Nat.Mul.34) diente vor allem der symptomatischen Behandlung
(z.B. von üblem Geruch, MuLII 34). Pessare (ττρόσθεμα!prosthema, Nat.Mul.88,
πρόσθετον/prostheton, Mul.III 18) dienten als Träger für die Applikation phar­
makologischer Substanzen. Man kann dabei fünf wichtige Indikationen unter­
scheiden: Reinigung (καθαρτήριον/katharterion, Nat.MulAO*)), Förderung der
Blutung (δριμέα δέοντα αΐμα/drimea agonta haima, Nat.MulAl), Erweichung
(μαλθακόν/malthakon, Mul.I 74), Abtreibung (εκβόλλονχόριον... έκβόλιον/ ekbdl-
Ion cb6rion...ekbölion, Mul.I 78) und Empfängnisförderung (κυητήρwv/kyeterion,
Nat.Mul. 109). In Nat.Mul. 65 wird die operative Abtragung eines Kondyloms
(κίων/kion) am äußeren Genitale beschrieben.

160
Der Geschlechtsverkehr {λαγνεία/lagneia, Epid.VI 5.15, λάγνευμα/ldgneuma,
Nat.PuerA 1) wird wegen seiner kräftigenden, befeuchtenden und wärmenden
Wirkung empfohlen ( Vict.II 58). In Epid.VI 5.15 bescheinigt man ihm eine be­
sondere Wirkung gegen schleimbedingte Erkrankungen. Der hippokratische Au­
tor erwähnt ihn auch als therapeutische Zusatzmaßnahme nach Abschluss der
ärztlichen Behandlung z.B. wegen einer Verlagerung der Gebärmutter
{Nat.Mul.43).

G e b u rtsh ilfe

Hauptfundstellen im C.H.: Nat.MuL, Genit., N at.PuerM ull , Mul.III, Super}.,


l'oet.Exsect.
Λ: Hanson A.E.: Conception, gestation, and the origin of female nature in the Corpus
Hippocraticum. Helios 1992; 19: 31-71 Hanson A.E.: „ Paidopoiia“ : metaphors for con­
ception, abortion, and gestation in the u Hippocratic Corpus”. CM 1995; 27: 291-
307 Thivel A.: Die Zeugungslehren bei Hippokrates und den Vorsokratikern. In:
Coli.Hipp.VIII Kloster Banz/Staffelstein 1993 (Hildesheim 1996): 3-13_______________

Die Konzeptionsfähigkeit (σίΜηψις/syllepsis, Epid.II 3.17) der Frau hängt von


ihrer allgemeinen körperlichen Konstitution, dem Lokalbefund und der Regel­
blutung ab (Prorrh.II 24). Der Arzt will wissen, ob die Menses {έττιμήνια/
epimenia, Epid.V 11, καταμήνια/katameniay Nat.Puer. 14, γυναικεία/gynaiketa,
Epid.I 4.14, τά κατά ψύσιν/ta katd physiriy MuLlIIAS, κάθαρσις/kdtbarsisy
Äph. 5,60) regelmäßig und kräftig sind. Das Ausbleiben der Blutung wird durch
mechanische Hindernisse {στόμα τρηχύ!stoma trechy [verhärteter Muttermund])
erklärt {Nat.Mul.3G). Fettleibigkeit wurde als Konzeptionshindernis betrachtet
{Nat.Mul.20). Lokal applizierte Pharmaka dienten sowohl der Prüfung
(πειρητήριον/peireterion, Nat.Mul.9e) wie der Förderung (κυητήρια/kyeteria,
Mul.I 75) der Konzeptionsfähigkeit. In Mul.I 17 deutet der Autor auf den Zu­
sammenhang zwischen der Phase des Monatszyklus und der Empfängnis hin.
Der Arzt wusste um die Möglichkeiten der zeitlich begrenzten Kontrazeption.
Ein Getränk aus Wasser und Bohnen sollte ein Jahr lang die Schwangerschaft
verhüten {Nat.MuL98). In der Vorgeschichte einer Patientin {Epid.V 25) wird
die Kombination von Dyspareunie und Kinderlosigkeit hervorgehoben.
Als typisches äußeres Kennzeichen der Schwangerschaft werden Sommer­
sprossen {εφηλίς!ephelis, Mul.III 3-4) bezeichnet. Wenn die Mamillen der wer­
denden Mutter hoch stehen, wird es ein Junge, sonst ein Mädchen. Nach Aph.
5,41 bereitet der Genuss von Hydromel vor dem Schlafen der Schwangeren gür­
telförmige Bauchschmerzen. In Nat.MuL99 wird ein objektiver Schwanger­
schaftstest beschrieben. Wenn man der Frau die Augen mit rotem Stein {ερυθρά
λίθφ/erythrä lithö) bestreicht und beobachten kann, dass die Farbe eindringt,
wird sie ein Kind bekommen. Tn Nat.PuerA% hebt der Autor die Leiden der Pri­
migravidae (irpcororÖKoi/prötotokoi) hervor.

161
Die Dauer der normalen Schwangerschaft wird mit zehn Monaten angege­
ben (Nat.Mul 11, Nat.Puer.30). Achtmonatskinder wurden im Gegensatz zu Sie­
ben- und Neunmonatskindern nicht für lebensfähig gehalten (Oct. 12).
Bei der Entbindung ( όπτόλυσις!apolysis, Epid.V 13) arbeiteten Arzt und H e­
bamme (ίητρεύουσα/ietreuousa) sowie in Einzelfällen männliches Hilfspersonal
(Mull 68) zusammen. Getränke mit pflanzlichen Inhaltsstoffen sollten die We­
hentätigkeit steigern (έκβόλιον εμβρύου και ύστερων/ekbolion embryou kai
bysterön, Nat.Mul.95, ώκοτόκια/ ökotökia, M u ll 77). Fehlgeburten (τρωσμός/
trösmosy OctJy διαφθορά/diaphthord, M ull 3) waren häufig. Um das im Mutter­
leib abgestorbene Kind (μύλη κυήσεως/myle kyeseös, Mul.IIl 21) auszutreiben,
griff man in verzweifelten Fällen zur Methode der Schüttelung (σεισμοί/seismoi,
M ull 68). Dazu wurde die Frau im Bett festgebunden, das Bett senkrecht ge­
stellt und dann wiederholt abrupt angehoben und gesenkt. Das Verfahren war
mit Komplikationen behaftet. Die Frau des Simos entwickelte nach einer derar­
tigen Entbindung Brustschmerzen, Auswurf, Fieber und Durchfall und starb
sieben Tagen später (Epid.V 103). Ähnliche Symptomenkonstellationen, die als
Hinweis auf Puerperalsepsis zu deuten sind, werden aus Thasos (Epid.III 172)
und Kyzikos (Epid.III 17.14) berichtet.

P äd iatrie

Hauptfundstellen im C.H.: Artic.y Epid.l-VII

Das C.H . enthält keine Schrift, die ganz oder zumindest überwiegend der Kin­
derheilkunde gewidmet ist. Nat.Puer. ist eine Darstellung der Embryologie und
kein pädiatrischer Text. Die verstreuten Mitteilungen gelten vor allem Verlet­
zungsfolgen sowie orthopädischen und neurologischen Erkrankungen (s. Kasten
S. 163). Die Urolithiasis im Kindesalter wird auf zwei Ursachen zurückgeführt,
nämlich die Aufnahme unreiner Milch (Morb.IV 24) und die natürliche Wärme
der Harnblase (Nat.Hom.12). Nachher. 3 leiden Kinder aus Städten, die warmen
Winden ausgesetzt sind, unter Konvulsionen und Atemnot, nach Morb.Sacr. 11
nimmt die Epilepsie in der pädiatrischen Klientel einen schwereren Verlauf als im
Erwachsenenalter, weil die Venen des Kindes zu dünn sind, um den Schleim aus
dem Kopf abzutransportieren. In Epid.VI 1.12 wird ein Syndrom aus Husten,
Beschwerden im Magen und Fieber beschrieben, dem etwa 20 Tage nach der Kri­
se Schwellungen der Gelenke folgen. Für die zögerliche Heilung kindlicher
Schädelverletzungen wird die Tatsache verantwortlich gemacht, dass die Kno­
chen der Jugendlichen dünner, weicher, poröser und blutreicher sind als die von
Erwachsenen (VC 18). In Epid.il 2.19 wird ein Kind mit einer komplexen Fehl­
bildung der unteren Extremitäten (παιδίον, σαρκώδες... άνόστεον/paidion, sarkö-
des...anosteon [ein fleischiges... knochenloses Kind) beschrieben,

162
Kinderkrankheiten im C.H .

cτπασμοί/spasmoi (Progn.24) Fieberkrämpfe


ψί/.ωμα εν μετώττω/psiloma en metöpö Tiefe Verletzung der Kopf schwarte
(Epid.V 97, V II 35)
γαλιάγκων/galidnkön (Artic. 12,53,55, Kurzarmigkeit
Epid.VI 1.12)
εκ γενεής δέ βραχύτερη ή χειρ/ek genees de Kongenitale Verkürzung der Hand
Imichytere he cheir (Artic.28) (Mikromelie)
οισιν εν γαστρ'ι έξαρθρήση τούτο Angeborene Hüftluxation
το αρθρον/hotsin en gastrl exartbrese toüto
to drthron (Artic.52)

Dermatologie

Hauptfundstellen im C.H.: Epid.I-VIIyAff.yInt. |

Die Erkrankungen der Haut kommen nach Ansicht der hippokratischen Ärzte
durch Ablagerung (onτόστασις!apostasis) von Krankheitsprodukten der Körper­
säfte zustande (Epid. II 1.7). Sie werden also nicht als eigenständige Erkrankun­
gen betrachtet. Diese pathophysiologische Sicht spiegelt sich in den verschiede­
nen Bezeichnungen für Effloreszenzen (εξάνθημα/exdnthema, z.B. Prorrb.II 43,
εκϋυμα/ikthyma, z.B. Epid.III 7, φυμα/phyma, z.B. Nat.Puer.15) wieder. Die
krankhaften Erscheinungen an der Haut werden nach Farbe (ερύθημα/erytbema
[Rötung], z.B. Epid.VII 114, λεύκη/leuke [ Depigmentierung], z.B. Prorrh.il 43)
und Form (λειχήν/leichen [Flechte], z.B. Morb.I 3, λόποι/Ιόροί [Schälung], z.B.
Epid.III 1, αχωρ/dchör [Schorf, Schuppen], z.B. Alim.20, τέρμινθος/ tirminthos
[pistazienartige Schwellung], z.B. Hum. 20) unterschieden. Aphthen (αφθαι/
dphtkai, z.B. Aph.3,42) sind bei Schwangeren und Kindern beobachtet worden.
Die Erkrankung der Wangen und Lippen, die in Epid.V 4 bei zwei Brüdern und
außerdem in Epid.V 19,44,100 sowie in Epid.VII 113 beschrieben wird, ist am
ehesten mit einer akuten nekrotisierenden Mukositis zu identifizieren; flächen­
hafte Geschwüre (νομαί/nomai) galten als lebensgefährliche Erkrankungen
(Prorrb.II 13). Der hippokratische Herpes (£p^q/b£rpis, Epid.III 7, Nat.Mul.
104,105, Mul.I 74) entspricht wohl nicht dem Herpes zoster (Gürtelrose), son­
dern tiefen Geschwüren. Im weiteren Sinne zählen auch die im C.H . beschriebe­
nen Abszesse, Phlegmonen und Lymphknotenschwellungen zu den Dermatosen
(s. Kasten).

163
H a u tk ra n k h e ite n im C .H .

λέπρα/lepra (Aff. 35) Ekzem, Schuppenflechte


κηρίον/kerion (Aff. 35) Kopfgrind
φλύκταινα/phlyktaina (Nat.Puer. 20) Pustulose
δοθιήν/dothien (Aff 3 5) Furunkel
ανΟραξ/dnthrax (Epid.II 1.1, Epid.III 3) Juckende Blase. Karbunkel?
ψώρα/psöra (Aff 35) Krätze
άλφός/alphos (Epid.II 5.24, Aff. 35,Alim. 20) Vitiligo
σκληρυσμός δέρματος/sklerysmös Form von Pachydermie
dermatos (HumA)
ή νούσος ή φοινική καλ,/he noüsos he Elephantiasis? Lepra?
phoinike kal. (Prorrh.II 43)
μαδαρότης/madarotes (HumA) Haarausfall, Glatze

So genannte Uhrglasnägel (όνυχες ελκονται / onyches helkontai, Int. 10, όνυχες των
χειρών γρυπούνται/onyches tön cheirön grypoüntai, Morb.II 47) wurden bei Phthi-
sis (Morb.II 48), Hydrops (Int.23), Empyem (Progn.17) und Aphthosis der
Luftröhre (Morb.II 49) beobachtet.

A u g en h e ilk u n d e

Hauptfundstellen im C.H.: Acut.spur.29,32-34, Loc.IIomA3, Prorrh.II 18-21, Vid.Ac.

Die hippokratische Augenheilkunde war überwiegend an den Symptomen orien­


tiert (s. Kasten S. 165). Zur objektiven Prüfung des Sehvermögens näherte man
den Augen des Patienten einen Finger und achtete darauf, ob er zu blinzeln
begann (Int. 48). Schlechtes Sehen wird als άμβλυωγμός/dmblyögmos (Progn.24),
άμβλυωσμάς/amblyösmos (Prorrh.l 18) oder άμβλυωπία/amblyöpia (Aph.3,31),
die Blindheit als όμμάτων άμαύρωσις/ ommdtön amaurösis (Coac.22 1-222, 252)
bezeichnet. Bei den Entzündungen (οφθαλμία/ Ophthalmia) wird zwischen der
trockenen (AerAO) und der feuchten (Epid.I 2.5, Aph.3,\2) Form unterschieden.
In Morb.II 12 wird eine Halbseitenblindheit (δοκέει το ήμισυ των προσώπων
όράν/dokeei tö hemisy tön prosöpön hordn [er scheint die Hälfte der Gesichter zu
sehen]) und in Loc.HomA3 sowohl eine intraokulare Blutung wie eine Bulbus­
ruptur beschrieben. Eines der Leitsymptome der winterlichen Hustenepidemie
von Perinth war Tagblindheit (νυκταλωπία/nyktalöpia, Epid.VI 7.1); vor allem
Kinder waren davon betroffen. Die Nachtblindheit wird im C.H . nicht erwähnt.
Auch der Unterschied zwischen dem grauen und dem grünen Star war den hip­
pokratischen Ärzten nicht bekannt. Bei den im C .H . geschilderten Fällen von
γλαύκωσις/glaükösis (Epid.IV 30, Prorrh.II 20, Vid.acA) handelt es sich, anders

164
als die Bezeichnung vermuten lässt, wahrscheinlich um die Katarakt und nicht
um das Glaukom. Epid.V 49 berichtet von der erfolgreichen chirurgischen Ver­
sorgung einer schweren blutenden Lidverletzung.

Ophthalmologische Symptome und Erkrankungen im C.H .

σκότος/skotos (z.B. VC 14) Sehverlust


äpycpov/drgemon {Loc.Hom.\2>yMul.1 105) Leukom (der Hornhaut)
σηκον/sykon (z.B. Epid.III 7) Große Lidwarze
κριθη/krithe (z.B. Epid.II 2.5) Gerstenkorn (das Chalazion
wird im C.H . nicht erwähnt)
i)laiv(o/illainö (z.B. Epid.III 1.11, Morb.III 12) Strabismus
μαρμαρυγή/marmaryge (z.B. Progn. 24) Photopsien

Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kiefer- und Zahnheilkunde

Hauptfundstellen im C.H.: Epid.I-VII, Artic.30-34, Carn. 15-18

Die hippokratischen Ärzte haben Grundzüge der Sinnesfunktionen im Hals-


i\Tasen-Ohren-Bereich richtig erkannt. Sie wussten, dass sich die Stimme durch
die ausströmende Luft bildet, und schätzten die Bedeutung von Zunge, Zähnen,
Rachen und Gaumen für Sprache und Gesang richtig ein {Carn. 18). Einen Teil
der Erkenntnisse gewannen sie durch Beobachtungen an Taubstummen, Sängern
und Selbstmördern, die sich die Kehle durchschnitten hatten. Die Funktion der
Stimmbänder blieb ihnen allerdings verborgen. Der Geruchssinn wurde auf die
Fähigkeit des Gehirns bezogen, die mit der Luft durch die Nase aspirierten D üf­
te zu erkennen {Carn. 16). Das Hören deutete man als Echo der Geräusche in ei­
ner Höhle im Inneren des Felsenbeins {Carn. 15). Als Organ der Schallleitung
war das Trommelfell (μήνιγξ/meninx, Loc.Hom.2, λεπτόν ώσπερ άράχνιον/leptön
hösper ardchnion [zart wie Spinngewebe], Carn. 15) bekannt.
Viele der vom hippokratischen Autor geschilderten Fälle von Laryngotra­
cheitis und Pharyngitis {κυνάγχη/kyndnehe, Morb.Il 26-28, κι)vάγχος/kynanchos,
Loc.Hom.3Q, συνάγχη/syndnchc, Vet.Med. 19, σύναγχος/synanchosj Acut.spur.2f)
nahmen einen schweren Verlauf. In Epid.VII 7 wird von einer Frau berichtet, die
der Erkrankung nach schwerer Dys- und Orthopnoe erliegt. Wenn die Sympto­
me der Angina teilweise nachlassen, wird die Erkrankung παρακυνάγχη/
parakyndnehe {Morb.IlI 10) genannt. Der in Epid.III 17.3 erwähnte Verlust der
Stimme {αναυδος!dnaudosy άφωνος/dphonos) geht auf eine langwierige fieberhaf­
te Erkrankung zurück. Sonst wird die Aphonie mit neurologischen (z.B. chro­
nisch rezidivierende Sensibilitätsstörungen, Epid.VIl 85) und gynäkologischen
Erkrankungen (z.B. nach schwerer Zwillings gebürt, Epid.III 17.14, bei Verlage­
rung des Uterus, Nat.Mul.2f) in Verbindung gebracht. Das Nasenbluten wird

165
zwar vor allem in den Epidemien vielfach erwähnt. Der Terminus Epistaxis
(έπίσταζις/epistaxis) fehlt jedoch im C.H .; nur das zugehörige Verb έπιστάζω/
epistdzö ist mehrfach, z.B. Coac. 86, belegt. Eine letal verlaufende Otomastoiditis
schildert der Autor in Epid.VII 5. Der dort vorgestellte Junge entwickelte mut­
maßlich auf dem Boden einer entzündlichen Destruktion des Felsenbeins Me­
ningismus und erlag den Folgen einer Sinusvenenthrombose (s. Kasten).

H N O -Sym ptom e und -Erkrankungen im C.H .

βράγχος/brdnchos (Int. 6) Fleiserkeit


λύγξ/lynx (Epid.VI 5.1) Schluckauf
ϋπογλωσσίς/hypoglössis (Morb.II 31) Schwellung an der Unterseite der
Zunge
άντιάς/antids (Morb.II 11,30) Tonsillitis
σταφυλή!staphyle (Morb.II 10,29) Schwellung der Uvula
γαργαρεώv/gargareön (Aff.4) Schwellung am Hals (v.a. der
Uvula)
γογγρώνη/gongröne (Epid.VI 3.6) vielleicht: Struma
φύγεθλα/phygethla (Aff 35) Lymphknotenschwellung
χοιράδες/choirddes (Aph.3,26, Coac. 502), Lymphknotenschwellung am
φύματα xoip0öea!phymata choirödea Hals
(Prorrh.II 11)
πταρμός/ptarmos (z.B. Epid.II 3.1), Niesen
πταρμοί!ptarmoi (z.B. Epid.VI 5.1)
πώλυπος... έν τη βινί/pölypos..en te rhini Nasenpolyp
(Morb.II 33-37)
κατάρροος/katdrrhoos, κατάρρους/katdrrhous Schnupfen
(Epid.VII 107)
KÖpvCa/koryza (Vet.med.V) , Progn. 14) Schleimabsonderung aus der
Nase, Nasenkatarrh, Schnupfen
αίμορραγίαι έκ βινώv/haimorrhagiai ek rhinön Nasenbluten
(Epid.II 3.1, vgl. Epid.1 2.12, Epid.IV 53),
σταξιές έκ (από) ßivcöv!stdxies ek (apö)
rhinön (Coac. 223, 399)
ές τά ώτα οδύνη!es tä öta odyne (AffA) Ohrenschmerzen
ώτόςβύπος!ötös rhypos (Epid.VI 5.1) Ohrenschmalz
τά παρ ' ώτα/tä par öta (Prorrh.1160), Schwellung/Abszess in der
έπάρματα παρά τά ώτα/epdrmata parä Gegend der Ohren. Mumps?
tä öta (Epid.1 1)
βαρνηκοία/baryekoia (Aph. 3,31) Schwerhörigkeit

166
Das wichtigste Dokument der Zahn-Mund-Kieferheilkunde im C.H . ist die Dar­
stellung der Behandlung der Luxationen und Frakturen des Unterkiefers (Artic.
30-34). Der Autor stellt den therapeutischen Empfehlungen eine detaillierte
Darstellung der Anatomie und Biomechanik des Kiefergelenks sowie der subjek­
tiven und objektiven Symptome der Dislokation voran. Als typisch für die bila­
terale Luxation wird die atypische Okklusion bezeichnet. Die Frakturen wurden
manuell reponiert und und mit einem straffen Zügelverband ruhiggestellt. Aus­
gebrochene Zähne fixierte man mit Goldfäden oder Zwirn. Für die Reposition
der an der συμφυσις/symphysis, d.h. am Kinn frakturierten Mandibula wird der
wichtige Hinweis gegeben, dass man zuerst die ineinander verkeilten Fragmente
voneinander lösen müsse, um anschließend die Dislocatio ad latus zu korrigie­
ren. Bei der Behandlung der Nasenfraktur (Artic.35-39) schenkte man ästheti­
schen Gesichtspunkten besondere Beachtung und mutete dem Patienten
schmerzhafte Manöver zu, um ein kosmetisch befriedigendes Resultat zu erzie­
len..
Zur konservativen Behandlung von Zahnschmerzen und Kieferschwellung
verordnete man z.B. Spülungen mit Bibergeil und Pfeffer (καστόριον και
πιπέρι/kastorion kai peperi, Epid.V 67) und Mittel zum Kauen (διαμασσήματα/
diamassemata, Aff. 4). Eitrige und wackelige Zähne wurden extrahiert (AffA). In
Epid.IV 25 werden bei einem Mann namens Hegesistratios zwei durch Karies bis
auf die Wurzeln zerstörte Molaren erwähnt, in Epid.IV 19 wird bei einem Kind
mit mutilierendem Geschwür des Gesichts der Verlust fast aller Zähne im Detail
geschildert und in Epid.V 100 sind Zahnfleischwucherungen (ούλων
ύπερσάρκωσις/ούΐόη bypersdrkosis) beschrieben.
7 Praxis der hippokratischen M edizin

Die anwendungsorientierten Traktate des C.H . geben Aufschluss über die Praxis
der Medizin im Griechenland des 5. und 4. Jahrhunderts und stellen die Bezie­
hung zwischen dem Arzt und seinen Patienten im Detail dar. Über den Alltag
des Periodeuten und das soziale Umfeld der Kranken, die sich ihm anvertrauen,
informieren vor allem die Epidemien. Die Ausstattung der Praxis wird in Off.
beschrieben. Anamnese und körperliche Untersuchung werden durch einfache
instrumenteile Tests ergänzt. Die Diagnose tritt gegenüber der Prognose in den
Hintergrund. Aus der Prognose ergeben sich unmittelbare Konsequenzen für die
Art und den Umfang der Behandlung. Die Therapie ist, wenn man von den chir­
urgischen Eingriffen absieht, wenig differenziert. Der Arzt setzt in erster Linie
auf Purgation, Diät, Pharmaka und physikalische Maßnahmen. Die Vorsorgeme­
dizin hat einen festen Platz in den Empfehlungen des hippokratischen Klinikers.

7.1 A rz t u n d P atien t

Der hippokratische Arzt stellt sich nach Ankunft an einem neuen Zielort zu­
nächst öffentlich vor. Schon bei dieser Gelegenheit kann es zu einem Streitge­
spräch mit Kollegen kommen (Nat.Hom. 1). Meinungsverschiedenheiten zwi­
schen den somatisch orientierten Ärzten über die Wahl der Behandlung waren
ebenso häufig wie die Auseinandersetzungen der Priesterärzte über die Deutung
z.B. des Vogelflugs (Acut. 8). Manche Periodeuten waren nicht nur allein, son­
dern auch in der Gruppe unterwegs (.Epid.V 46); in Epid.V 95 sind Verfasser und
behandelnder Arzt jedenfalls nicht identisch. Assistenten (Off 5,6) wurden vor
allem bei Interventionen in der Traumatologie benötigt (FractA3> Artic.70). Für
die Hilfestellung bei der Reposition der luxierten Hüfte war besonders kräftiges
(ώς ίσχνρώτατον άπο των χειρών/hös ischyrötaton apö tön cheiron) und gut ausge­
bildetes (ώς εύπαιδευτότατον/hös eupaideutotaton) Personal gefragt (Fract.76).
In Epid.I-VII werden etwa 450 Patienten (κάμνοντες/kdmnontes, z.B.
Epid.III 3) vorgestellt. Die meisten dürften jünger als 35 Jahre alt gewesen sein
(Nat.HomAl). Nicht-Griechen sind die Ausnahme (δούλη...βάρβαρος!doule...
bärbaros [nicht-griechische Sklavin], Epid.V 35). Die Patienten des hippokrati­
schen Arztes stammten aus allen sozialen Schichten. Behandelt wurden sowohl
Selbstständige - sie werden in den Epidemien häufig namentlich genannt - und
deren Familienmitglieder als auch das Hauspersonal. In Epid.VI 7A weist der
Autor darauf hin, dass eine Halsentzündung als Komplikation von Husten bei
Sklaven häufiger sei und einen schwereren Verlauf nehme als bei den Freien.
Unter den Patienten waren Handwerker (z.B. Schuster, Epid.V 45), Angehörige
landwirtschaftlicher Berufe (z.B. Winzer, Epid.IV 50) und Fachleute nicht­

169
technischer Berufe (z.B. Aufseher einer Ringschule, Epid.VI 8.30). In Epid.VII
81 wird eine Berufskrankheit der Tuchwalker beschrieben.
Zur Grundausstattung der chirurgisch ausgerichteten Arztpraxis (s. Kasten)
gehörten gutes Licht {Off. 3) und die richtigen Werkzeuge {όργανα!organa,
Off. 2).

Im C.H . erwähnte ärztliche Instrumente

αύλίσκος!auliskos (z.B . Nat.PuerA7) Röhrchen


μήλη/mele {z 3 . Fist. 4), μοτός/motos (z.B. Morb.ll 60), Sonde
ράβδος!rhdbdos {Morb.ll 35)
πτερόν/pteron {Fist. 6) Federkiel
κατοπτήρ/katopter {Haem.5, Fist. 3) Spekulum
ύπαλειπτρίς/hypaleiptris {Superf. 28), Spatel (für Salben)
ύπάλεπττρον/hypdleiptron (Artic. 37)
σμίλη!smile {Morb.ll 36) Skalpell
μαχαίριον/machairion {Loc.Hom.25), Lanzette
μαχαιρίς/macbairis {Morb.ll 47)
επίδεσμος!epidesmos (z.B. Artic.30) Verbandszeug

7.2 Anamnese und Untersuchung

M: Bourgey L.: Observation ct experience chez les medecins de la collection hippocrati-


que. Paris, 1953
A: Couch H.N.: The Hippocratean Patient and his Physician. TAPhA 1934; 65: 138—
162 Couch H.N.: The Medical Equipment of the Hippocratean Physician. ZAPhA 1936;
67: 191-207 Michler M.: Die Palpation im Corpus Hippocraticum. Janus 1970; 57: 261—
292 Siegel R.E.: Clinical Observations in Hippocrates: An Essay on the Evolution of the
Diagnostic Art. J Mount Sinai Hosp 1964; 31: 285-303______________________________

Die Erhebung der Vorgeschichte {Epid.VI 2.24: ές την νονσον έρώτησις/es ten
noüson erötesis [das Fragen nach der Krankheit]) war fester Bestandteil des Arzt-
Patienten-Kontakts. Der hippokratische Arzt stellte dem Kranken sowohl all­
gemeine als auch gezielte Fragen. Er erkundigte sich nach Alter und Beruf {Epid.
passim), nach den vegetativen Funktionen (Schlaf, Verdauung, Progn.2, Ess- und
Trinkgewohnheiten, körperliche Betätigung, Aer. 1) und wollte wissen, ob der
Kranke unter Kopfschmerzen und Sehstörungen leidet {Progrt.7). Durch gezielte
Fragen versuchte er z.B. herauszufinden, ob ein Empyem uni- oder bilateral und,
wenn einseitig, auf welcher Seite es lokalisiert war {Progn. 16). Auch Patienten
mit Kopfverletzungen wurden befragt, und zwar vor allem dann, wenn die Wun­
de am Schädel nicht unmittelbar zu erkennen war {VC 10). In De Arte 11 gibt
der Verfasser allerdings zu bedenken, dass die Äußerungen der Kranken subjek-

170
tiv seien (δοςάζοντες μάλλον ή είδότες/doxdzontes mdllon e eidotes [sie mutmaßen
mehr als sie wissen]) und deshalb zurückhaltend bewertet werden sollten. Ana­
mnese ( άνάμνησις/andmnesis), der bei Platon (Phd. 72e, 92d) und Aristoteles
(Mem. 45 l a2 1) nachgewiesene Terminus technicus für die Vorgeschichte einer
Erkrankung, fehlt im C.H.
Die exakte klinische Untersuchung war das einzige Mittel, eine innere Er­
krankung zu erkennen (Progn. 25, Prorrh.II 1,3). Der Arzt, der dabei erfolgreich
sein wollte, musste die Krankheitszeichen (σημεία/semeia, z.B. Artic.bX) kennen
und hatte alle fünf Sinne einzusetzen (OffA). Er registrierte das Aussehen, den
Allgemein- und Ernährungszustand (Morb.Il 59, Morb.III 7) und die Körperhal­
tung des Patienten (Epid.VI 8.17). Der erste Blick galt dem Gesicht und den
Augen (Progn. 2). Die Kombination aus spitzer Nase, tief liegenden Augen, ein­
gesunkenen Schläfen, kalten abstehenden Ohren, trockener und gespannter
Gesichtshaut sowie gelber oder dunkler Gesichtsfarbe (so genannte Facies hip-
pocratica, Coac.208, 214) wurde als prognostisch ungünstig angesehen. Die
Zunge wurde nicht nur betrachtet, sondern, um Risse zu erkennen, auch berührt
(Morb.III 15). Sie galt im allgemeinen (τής δ' άφέσιος πάντα ταύτα ή γλώσσα σημ-
αίνει/tes d’aphesios pdnta taüta he glössa semainei [alle Anzeichen der Besserung
sind an der Zunge zu sehen], Morb.III 6) wie im speziellen (γλώσσα ουρον σημαί­
νει/glössa oüron semainei [Die Zunge zeigt, wie der Urin beschaffen ist], Epid.VI
5.8) als Spiegel des Körpers.
Anschließend nahm der Untersucher andere Körperteile wie Hände und
Nägel in Augenschein und untersuchte Körperflüssigkeiten, darunter ausgetre­
tenes Blut (Epid.IV 43). Bei Schädelverletzten wurden die Haare in der Umge­
bung der Wunde entfernt, um Weichteile und Knochen besser beurteilen zu
können (VC 10). Engmaschige Verlaufskontrollen waren die Regel, weil man
wusste, wie rasch sich der Zustand des Kranken ändern kann (εισι δε δψιες
πολλοί τών καμνόντων/eisi de opsies pollai tön kamnöntön [viele Gesichter haben
die Kranken], Acut.spur.9). Bei zwei Patienten (Epid.I 1, Epid.III 15) wird die
für eine Läsion des Atemzentrums typische Cheyne-Stokes-Atmung beschrie­
ben. Der Puls (παλμός/palmös, Epid.I 4, σφυγμός/sphygmos, Epid. VII 32) wurde
vor allem am Kopf (οι κρόταφοι πάλλονται/hoi krotaphoi pdllontai [die Schläfen
pulsieren], AcutAO), aber auch an anderen Stellen des Körpers, z.B. in der Nabel­
region (Epid.III 1.3) beobachtet. Man tastete ihn aber nicht. Erhöhter Puls wird
ausnahmslos als Krankheitszeichen gewertet und in Ulc. 1 ausdrücklich mit der
floriden Entzündung von Wunden in Verbindung gebracht.
Die Tastuntersuchung galt vor allem den Bauchorganen. Bei der Palpation
des Hypochondrium achtete man gleichzeitig auf die Bewegungen der Augen
(Progn. 7). Der hippokratische Arzt wusste, dass in ödematösem Gewebe Del­
len, die man mit dem Finger setzt, bestehen bleiben (IntA4). Das Phänomen der
Verschiebung von Flüssigkeiten in luftgefüllten Hohlräumen machte man sich
vor allem für die Diagnostik des Pleuraempyems zunutze (Morb.I 15, Morb.Il
47). Es war bekannt, dass abgekapselte Flüssigkeit zu schwappen beginnt und

171
dabei ein Geräusch erzeugt, sobald man den Körper anstößt (Loc.Hom. 14).
Wenn das dabei entstehende Geräusch laut war, schloss man auf wenig Eiter und
deshalb einen günstigen klinischen Verlauf. Konnte man hingegen bei dem
Schüttelversuch kein Poltern provozieren, dann glaubte man, dass sich viel Flüs­
sigkeit im Pleuraraum befindet. Zwei weitere akustische Phänomene wurden dia­
gnostisch genutzt: Das pleuritische Reiben (το ους παραλαβών προς τάς πλευράς/
tö oüs paralabön prös tds pleüras [indem man das Ohr an die Rippen legt],
Morb.III 16) und das bei der schleimigen Expektoration entstehende Geräusch
(Loc.HomAG).
Die meisten diagnostischen Aussagen waren rein qualitativ. Quantitative
Angaben wurden nur ausnahmsweise und dann wohl nur wegen des ungewöhn­
lich ausgeprägten Befunds gemacht. In Epid.V 14 berichtet der hippokratische
Autor jedenfalls von einem Patienten, der mehr als 1 Liter Blut aus der Nase ver­
lor (όσον τέσσαρες κοτύλαι/boson tessares kotylai)y und in Epid.V 18 von einer
Darmblutung mit mehr als 1,3 Liter Volumen (πέντε κοτνλαι/pente kotylai).
Die normalen und krankhaften Körperausscheidungen wurden nach Menge,
Häufigkeit, Farbe und Konsistenz beurteilt. Den gesunden Harn ( ovpov/oüron,
oupa/oüray οϋρησις/oüresis) bezeichnete man als πέπον/pepon [reif] (Prorrh.I
102), den kranken als απεπτov/dpepton [unreif] (Acut. 42). Volumen und Farbe
des Urins der Patienten wurden knapp charakterisiert (z.B. Epid.III 17.16: oupa
λεπτά, ολίγα, αχρω/oüra leptd, oliga, debrö [wenig entfärbter Urin]). Am häufigs­
ten beobachtete man im Urin Beimengungen von Blut und Eiter. Von zwei
Kranken wird berichtet, dass sie schwarzen Urin ausgeschieden haben (Epid.I 1:
μέλανα ούρησε/melana oürese [er urinierte schwärzlich], Epid.I 3: ουρά μέλανα
λεπτά/oüra πιέΐαηα leptd [wenig schwarzer Urin]). In einem anderen Fall war der
Urin ölartig (Epid.III 16.1: ούρησε ελαιώδες!oürese elaiödes [er urinierte ölig]).
Den Auswurf bewertete man nach Menge und Feuchtigkeitsgrad (z.B.
Morb.II 49). Das Ohrenschmalz (όέν τοίσιν ώσϊ βύπος/bo en toisin osl rhypos)
wurde auf seinen Geschmack getestet (Epid.VI 5.12).

7.3 D iag n o se u n d P ro g n o se

| Hauptfundstellen: Progn,, Prorrh.I, Prorrh.II, Coac.

Anamnese, klinische Untersuchung und die gedankliche Verarbeitung der erho­


benen Befunde machen es dem hippokratischen Arzt möglich, eine Diagnose zu
stellen (διάγνωσιν ποιεΐσθαι/didgnosin poieisthai, VC 10,19). Die Diagnose war
für ihn jedoch weniger wichtig als die Prognose. Vielfach wurde auch nicht eine
nosologische Entität, sondern es wurden ein oder mehrere Symptome oder mor­
phologische, d.h. organbezogene Befunde als Diagnose angegeben (z.B. Epid.III
17.10).

172
Als Prodiagnose wird die Früherkennung einer potenziell drohenden
Erkrankung bezeichnet (Vict.III 69: ecru δε προδιάγνωσις μεν προ τού κάμ-
νειν/esti de prodidgnosis men prö toü kdmnein [die Früherkennung findet vor dem
Kranksein statt]). Der Gedanke der Prävention entspringt der Erkenntnis, dass
manche Krankheiten nicht plötzlich auftreten, sondern schleichend einsetzen
und dass es deshalb für den Arzt sinnvoll ist, sich auch um diejenigen zu küm­
mern, denen es gesundheitlich noch gut geht ( Vict.12).
Die Vorhersage des Krankheitsverlaufs erscheint dem hippokratischen Arzt
so wichtig, dass er den Kollegen, der diese Kunst beherrscht, für den besten hält:
τον ίητρόν δοκεϊ μοι αριστον είναι πρόνοιαν έπιτηδεχ)ειν/ΐοη ietrön dokei moi dris-
ton einaipronoian epitedeuein {Progn. 1). Die Prognose {πρόνοια/pronoiay a.a.O,
πρόγνωσις/prognosis, z.B. Artic. 41, πρόρρησις/prorrhesis, z.B. Epid.V 74,
Prorrh.II 1) enthält Elemente von Anamnese und Diagnose und ist Grundlage
der Therapieentscheidung (Epid.I 25, III 16). Sie wird aus der Distanz, d.h. vor
dem Kontakt mit dem Kranken gestellt (VC 10). Der hippokratische Arzt kennt
gute (z.B. örtliche und zeitliche Orientierung) und schlechte (z.B. Knirschen
mit den Zähnen) prognostische Zeichen von allgemeiner Gültigkeit und solche,
die bei bestimmten Erkrankungen (z.B. Empyem, Progn. 14,15, Kopfschmerz,
Epid. VII 56) zusätzlich zu berücksichtigen sind. Symptome, die Genesung ver­
sprechen, werden als περιεστικά/periestikd (z.B. Progn.9), Krankheiten mit zwei­
felhafter Prognose quoad vitam, z.B. Peripleumonie oder Kausos, werden als
ννδοιαστά/endoiastd (z.B. Morb.I 3) bezeichnet. Wenn die Vorhersage, die der
Arzt trifft, schlecht ist, wird wegen der mangelhaften Erfolgsaussichten auf eine
Behandlung verzichtet. Wenn die Prognose gut ist, stellt sich der Patient auf die
vorgesehene Behandlung ein und fasst Vertrauen zu dem behandelnden Arzt.
Dadurch wird die Mitarbeit entscheidend gefördert.
Die Prognose ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein soziologi­
sches Phänomen {Prorrh.II 1-4). Die richtige Vorhersage des Krankheitsverlaufs
macht beim Patienten und dessen Angehörigen und auch in der Nachbarschaft
Eindruck und ist ein unmittelbares Zeichen der Fachkompetenz. Sie stellt auch
den Arzt zufrieden {Artic. 1, Epid.V 95) und befreit ihn gleichsam von der Ver­
antwortung für das Schicksal des Kranken. Andererseits können unredliche Pro­
gnosen, Widersprüche und Auseinandersetzungen mit Kollegen, die anderer
Auffassung sind, den Arzt in Schwierigkeiten bringen.

7.4 K o n se rv ativ e T h erap ie

A: Demand N.: What is normal?: vomiting as a health measure in Hippocratic medicine.


In: Coll.Hipp.X Nice 1999 (Nice, Paris 2002): 499-508_____________________________

Die Verfahren der konservativen Therapie bilden eine Einheit. In der Mehrzahl
der Fälle wurden diätetische, medikamentöse und physikalische Maßnahmen

173
gleichzeitig veranlasst; nur ausnahmsweise setzte man die Modalitäten -sukzessiv
ein. Es war das übereinstimmende Ziel aller Bemühungen, den Körper von den
krankmachenden Säften bzw. Saftüberschüssen zu befreien. Unter der großen
Zahl von Behandlungsvorschlägen, die die Schriften des C.H . enthalten, finden
sich viele Wiederholungen und Varianten. Die große Bedeutung der richtigen
Ernährung für die hippokratische Therapie spiegelt sich im Detailreichtum der
Diätschriften wider.
Die Therapie der hippokratischen Ärzte war auf die Beseitigung der Krank­
heitsursache (wpöipaaig/propbasis, Morb.Sacr. 1,10,18) ausgerichtet. Es dominiert
daher das Prinzip der Allopathie (τα εναντία των εναντίων έστιν ίήματα/tä enantta
tön enantiön estin iemata [das Heilmittel muß der Ursache entgegengerichtet
sein], FlatA). Wenn man die Ursache kennt und der Kranke sich ebenso wie der
Arzt darum bemüht, sie zu beseitigen (έναντιούμενον τη προφάσει της νούσου/
enantioümenon te prophdsei tes nousou [die Ursache der Krankheit auszuschal­
ten]), wird Heilung möglich (Nat.HomAi). Krankheiten, die durch Überfüllung
( πλησμονή/plesmone) entstehen, werden durch Entleerung (κένωσις/kenösis) ge­
heilt und umgekehrt, Krankheiten, die durch Anstrengung (ταλαιττωρίη/
talaipörie) entstehen, werden durch Ruhe ( άνάπανσις/andpausis) geheilt und
umgekehrt (Aph. 2,22, Nat.Hom.9). Was zu eng ist, muss man erweitern
(.εύρυναι/eurynai), was zu weit ist, muss man verengen (στενυγρώσαι/stenygrösai,
Epid.VI 2.1).
Nichts zu tun ist besser als das Falsche zu tun und damit zu schaden. Wenn
der Arzt eine abwartende Haltung einnimmt, darf man darin nicht ein Zeichen
von Passivität sehen (Morb.I 5). Der Behandlungserfolg hängt in jedem Fall von
der Wahl des richtigen Zeitpunkts (καιρός/kairö$y z.B. Loc.HomAA) ab. Ist eine
Heilung nicht möglich, dann muss wenigstens versucht werden die Symptome
zu lindern (των νοσημάτων τάς σφοδρότητας άμβλύνειν/tön nosemdtön tds
spbodrotetas amblynein, De Arte 3). Der Gedanke der Palliation wird in Mul.II 7
klar artikuliert: Wenn die Behandlung des Fluor (ρόος λευκός/rhoos leukos) die
Frauen auch nicht gesund macht, so fühlen sie sich danach doch zumindest bes­
ser (εύπετέστερον διάγονσιν/eupetesteron didgousin).
Der hippokratische Autor kennt die Besonderheiten der Behandlung chro­
nischer Erkrankungen. Beschwerden, die seit langem bestehen, machen den Pati­
enten, selbst wenn sie schwerwiegend sind, oft weniger zu schaffen als akute
Symptome (Aph.2,50). Daher strebt man in solchen Fällen langfristig wirksame
Therapieverfahren an, z.B. einen Orts- und Klimawechsel oder eine grundsätzli­
che Änderung des Lebensstils (μεταβολαι.,.τών βίων/metabolai...tön biön,
Aph. 2,45). Es kann jedoch auch sinnvoll sein, eine chronische in eine akute
Erkrankung umzuwandeln (νοσήματα τα τταλαιά νέα πρώτον ποιεϊν/nosemata td
palaiä nea pröton poietn, Loc.Hom.38). Als Beispiel wird die medikamentöse
Erweichung eines vernarbten Geschwürs angeführt, die es möglich macht, dass
die Wunde später von den Rändern her zuheilt.

174
Obligatorischer Bestandteil der konservativen Behandlung war die Purgati­
on (κάθαρσις/kdtharsisy z.B. Aatf.13). Sie wurde nicht nur therapeutisch, sondern
auch prophylaktisch, und zwar bei nahezu allen Erkrankungen, also nicht nur
denen des Gastrointestinaltrakts eingesetzt. Dabei strebte man die Entleerung
sowohl nach oben wie nach unten an und setzte dazu Mittel ein, die teilweise
drastische Wirkungen hervorriefen (ανω τε και κάτω ανατρέχει ώσπερ κϋμα/dnö te
kai kdto anatrechei hösper kyma [nach oben und nach unten geht es wie Wasser
ab], IntAl ). Die Entleerung des Mageninhalts wurde sowohl pharmakologisch
(z.B. durch avppaiapog/syrmaismos, eine Mischung aus Rettich und Salzwasser,
ArticAO) als auch mechanisch (πτερού δε καθιεμένου/pteroü de kathiemenou [in­
dem man die Feder hineinsteckt], Epid.V 40) provoziert. Den Reinigungseinlauf
(κλύσμα/ klysma, z.B. Epid.VII 1, κλυσμός/klysmos, z.B. Epid.V11 62) führte man
mit verschiedenen meist pflanzlichen Zusätzen (z.B. Honig, Wein, Öl und Soda,
Int. 20) durch.

H ip p o k ra tisc h e L e b e n sfü h ru n g

A: Byl S.: Sommeil et insomnie dans le “ Corpus Hippocraticum”. RBPh 1998; 76: 31-36

Die hippokratischen Ärzte waren nicht nur kurativ, sondern auch präventiv tätig
und sie kamen dieser Aufgabe nach, indem sie neben Ernährungstipps auch Rat­
schläge für die Regelung der gesamten Lebensweise (δίαιτα/diaita, z.B. Aer.2)
gaben. Daher nahmen sie zu Themen wie dem Wechsel der Jahreszeiten, dem
Schlaf-Wach-Rhythmus, der Sexualität sowie dem Sport und dessen Bedeutung
für die Erhaltung der Gesundheit Stellung.
In SalubrA gibt der Verfasser detaillierte Empfehlungen dafür, wie man die
Ernährung beim Übergang von einer Jahreszeit in die andere umstellen soll. Re­
gelmäßiger Nachtschlaf erschien dem hippokratischen Arzt als natürliches Zei­
chen von Gesundheit; die krankheitsbedingten Abweichungen von der Norm
galten als prognostisch ungünstig (Progn. 10). Wer aber zu lange schläft, erwärmt
das Fleisch und schwächt so seinen Körper (Vict.II 60). Dem Geschlechtsver­
kehr wird roborierende Wirkung zugeschrieben. Bei konsumierenden Erkran­
kungen (φθόη/phtboe, Morb.II 49) und Blutungen (μέλαινα νονσος/ melaina noü-
505, Morb.II 73) ist die sexuelle Enthaltsamkeit jedoch Teil des Behandlungskon­
zepts. Spaziergänge (περίπατοι/peripatoi) vor und nach dem Essen, auch einzelne
scharfe Spurts (δρόμοισιν... όξέσιν/dromoisin...oxesin) werden ausdrücklich
empfohlen (Vict.II 62). Zum Engagement in Kampf portarten wie dem Ringen
(πάλη/pdle) äußert sich der hippokratische Autor das eine Mal (Vict.III 68) zu­
stimmend, das andere Mal (Vict.I 35) ablehnend.

175
Diätbehandlung

I Hauptfundstellen: Acut., SalubrLiqu., Aff.39-61, Vict.II, Vict.III

Der Erfolg der Diät hängt davon ab, wann man mit ihr beginnt, welche Nah­
rungsmittel man dafür auswählt, wie man sie zubereitet und wie streng sich der
Patient an das verordnete Regime hält (Aph. 1, 4-5). Der Arzt weiß, dass die
Nahrungsmittel nicht nur grundsätzlich verschiedene Wirkung auf Gesundheit
und Krankheit haben, sondern dass z.B. Käse oder Wein von dem einen gut, von
dem anderen weniger gut vertragen wird. Vielfach wird die Ernährung im
Krankheitsfall langsam umgestellt und dem Verlauf angepasst (Nat.Hom.9).
Nulldiät (λιμοκτονία/limoktonia, z.B. Acut.spur.24) wurde z.B. bei Ikterus
(Int.lA) und bösartigem Fieber (Morb.II 67) verordnet.
In Vict.II 39-56 werden die Eigenschaften von Nahrungsmitteln und Ge­
tränken sowohl in ihrem Rohzustand (κατά φύσιν/katd physin) als auch nach ent­
sprechender Zubereitung (διά τέχνης/diä technes) beschrieben. Besonders häufig
sind dicke Suppen (/Ρόφημα/rhophema, z.B. AcutAl) erwähnt. Neben Wasser,
Wein, Milch und Molke wurden mehrere Mischgetränke zu therapeutischen
Zwecken genutzt (s. Kasten).

Arzneilich verwendete Mischgetränke im C.H .

κυκεών/kykeön (z.B. Acut. 39) Mischgetränk aus Wasser, Wein, Käse, Milch,
Salz, Gerstengraupen, Zwiebeln und Kräu­
tern
μελίκρητον/m elikreton Melikrat, Hydromel: Honigaufguss mit
(z.B. Acut. 15) Wasser
όξύμελι/oxymeli (z.B. Acut. SO) Oxymel: Essighonig
οινόμελι/üinomeli (Int.6) Met: Honigwein
οινόγαλα/oinogala (Epid. VII 82) Weinmilch

Pharmakotherapie

Hauptfundstellen: Hum., Nat.Mul., M ull 74-109, Mul.II 79-101


M: Dierbach J.H.: Die Arzneimittel des Hippokrates. Heidelberg, 1824 (Nachdr. mit ei­
nem Vorwort v. R. Schmitz. Hildesheim, 1969)
A: Harig G.: Anfänge der theoretischen Pharmakologie im Corpus Hippocraticum. In:
Coll.Hipp.III Paris 1978 (Paris 1980): 223-245 Maurel A.M.: Les plantes medicinales
dans le Corpus hippocratique. In: Antiquite classique: D'Hippocrate ä Alcuin. Limoges,
1985: 33-45 Scarborough J.: Theoretical assumptions in Hippocratic pharmacology. In:
Coll.Hipp.IV Lausanne 1981 (Geneve 1983): 307-325 Stannard J.: Hippocratic Pharma-
cology. Bull. Hist. Med. 1961; 35: 497-518________________________________________

176
im Unterschied zur Diätetik wird die Pharmakotherapie im C.H . nicht in ge­
schlossener Form behandelt. Anmerkungen und Empfehlungen zur Arzneimit-
tcltherapie finden sich in vielen Schriften (z.B. Int.). Die meisten Arzneimittel
wurden in der Praxis zubereitet; der Arzt agierte also vielfach zugleich als Apo­
theker (Decent. 8).
Das C.H . beschreibt insgesamt etwa 260 arzneilich wirksame Stoffe. Die
hippokratischen Ärzte nahmen an, dass Pharmaka jeweils vornehmlich auf einen
der vier Körpersäfte wirken, die anderen aber nicht unbeeinflusst lassen
(Nat.Hom. 6). Pharmaka entziehen dem Körper zunächst jenen Saft, dem sie
selbst am nächsten verwandt sind, und danach die anderen. Ein Phlegmagogum
führt also zuerst zum Erbrechen von Schleim, dann von gelber Galle, danach von
schwarzer Galle und schließlich von Blut. Die später von Galen getroffene Ein­
teilung der Arzneimittel in vier äußerlich unterscheidbare Gruppen (trockene,
feuchte, warme und kalte) ist im C.H . nur ansatzweise zu erkennen ( Vict.II
52,54). Die Kunst des Arztes bestand darin, die mangelhafte Wirkung anderer
therapeutischer Maßnahmen auf die Regulierung der Körpersäfte durch den Ein­
satz von Pharmaka auszugleichen und den Organismus auf diese Weise zu reini­
gen (Aff. 36, Loc.Hom. 41). Vor dem allzu großzügigen Einsatz von Pharmaka
wird aber gewarnt, da sie die natürliche Ordnung im Körper gewaltsam verän­
dern ( Vict.III 67).
Die meisten Arzneimittel wurden aus Pflanzen gewonnen. Pharmaka tieri­
schen (z.B. βούττρηστις/όούρτέ$ή$ [ giftiger Käfer], Nat.Mul.02) oder minerali­
schen Ursprungs (z.B. θεϊον/theion [Schwefel], Nat.Mul. 34, XivoCmaiiq/linozostis
[Quecksilber], Epid.VII 5) wurden weniger häufig verwendet. Der Konsistenz
nach unterschied man zwischen schleimigen, ölig-fettigen und balsamisch­
harzigen, dem Geschmack nach zwischen süßen und scharfen Mitteln. Eine wei­
tere Gruppe bildeten die aromatischen und ätherisch-öligen Zubereitungen.
Wenn eine allgemeine, d.h. substratunspezifische Entleerung herbeigeführt wer­
den sollte, setzte man Purgativa (z.B. κνίδιος κόκκος!knidios kokkos, die Frucht,
und Kvecopoq/kniöroSy die Blätter eines Wolfsmilchgewächses, Int. 44,47) und
Diuretika (z.B. το διουρητικόν δριμύ/to diouretikön drimy [das starke harntrei­
bende Mittel]), das der Sohn des Theophorbos in Larissa gegen ein Blasenleiden
erhielt, Epid.V 17), in geringerem Umfang auch Expektorantien ein. Es waren
aber auch selektiv wirksame Pharmaka bekannt. Als Cholagogum wurden z.B.
die eingeweichten Wurzeln der wildwachsenden Wassermelone empfohlen
(Loc.Hom. 28). Außerdem waren schmerzstillende, betäubende (z.B. Mohnsaft,
Acut.spur 30,39) und roborierende Mittel in Gebrauch. Unter den lokal wirksa­
men Pharmaka wurden drei große Gruppen unterschieden: Erweichende,
adstringierende und die Vernarbung fördernde Mittel. Maßangaben für die
Zubereitung und zur Dosierung der Arzneimittel sind selten (Acut. 60,66); oft
fehlen sie ganz oder sind unbestimmt (z.B. Nat.Mul. 32: όσον κόγχην/boson
könchen [eine Muschelschale voll]). Die vielfach mangelhafte Sorgfalt bei der
Zubereitung der Arzneien barg ein Gefahrenpotenzial für den Kranken, da man
oft große Substanzmengen applizierte (z.B. mit Klistieren, Nat.Mul.33).
Die Nieswurz ( έλλέβορος/helleboros) ist eines der bekanntesten Arzneimit­
tel der Antike und wird auch im C.H . häufig erwähnt. Zwei Arten werden unter­
schieden: Die weiße Nieswurz (έλλέβορος λευκός/helleboros leukos, z.B. Morb.III
15) und die schwarze Nieswurz (έλλέβορος μέλας)helleboros melasy z.B. UlcA7).
Beide Arten sind botanisch nicht sicher identifiziert, doch setzt man die weiße
Nieswurz im allgemeinen mit Veratrum album und die schwarze Nieswurz mit
Helleborus orientalis oder Veratrum nigrum gleich. Die weiße Nieswurz wurde
entweder getrunken (z.B. Int.36) oder nasal appliziert (z.B. Epid.II 5.25) und
diente vorwiegend als Brechmittel, die schwarze Nieswurz in erster Linie als
Purgativum. Zur Geschmacksverbesserung verabreichte man sie zusammen mit
süßem Wein (Mul.l 74). Man postulierte, dass Helleborus die enzephalofugalen
Flüsse anrege, und verwendete ihn deshalb auch als Psychopharmakon ( Victl
35). Außerdem wurde er u.a. in der Gynäkologie (z.B. Mul.l 82) und, um die
Entleerung nach oben zu fördern, auch bei Durchfallerkrankungen eingesetzt
(Coac.304). Als Kontraindikation galt das Empyem (Acut.spur. 16). Nach
AphA,14-15 wird die emetische Wirkung der Nieswurz durch körperliche Akti­
vität gesteigert. Trotz der vielfach drastischen Wirkung der Helleborus-
Zubereitungen gab es Therapieversager (Epid.VII 68). Die Nieswurz galt als
ausgesprochen gefährliches (επικίνδυνος/epikindynosy ApkAy6)y potenziell zum
Tode führendes Mittel (θανάσιμον/thandsimony Aph.5,1). Besonders gefürchtet
waren Krämpfe (Coac. 556). In Epid.II 2.22 wird von einer Frau berichtet, die
nach Einnahme eines helleborushaltigen Getränks schwere Organkomplikatio­
nen entwickelte und im Delir starb.

P h y sik alisch e T h erap ie

Vor allem bei internistischen und gynäkologischen Erkrankungen leitete der


hippokratische Arzt physikalische Behandlungsmaßnahmen (s. Kasten) ein. Die
größte Bedeutung hatten Bäder. Acut. 18 enthält ausführliche Anweisungen für
die Vorbereitung und Durchführung therapeutischer Bäder. Besonderes Gewicht
legt der Autor auf die richtige Kombination der physikalischen Therapie mit der
Diätbehandlung.

F o rm e n d er p h y sik alisc h en T h e rap ie im C .H .

λουτρόν θερμόν/loutrön thermon Warmes Bad (auch bei Fieber,


(z.B. Epid.VII 102) Morb.II 43)
ψυχρά ...λουτρά/psychrä...loutrd Kaltes Bad (entzieht
(Vict.II 57) Feuchtigkeit)

178
αλμυρόν λουτρόν/halmyrön loutron Salzbad (wärmt und trocknet)
(Vict.II 57)
πυρϊα/pyria (z.B. Morb.II 14), Dampfbad
τηψίαμα/pyriama (z.B. Flat. 9)
τρϊψις/tripsis (z.B. Vict.ll 65), Massage
ά\'άτριψις/andtripsis (z.B. Epid.VI 3.18)
/.irrog/lipos (z.B. Vict.ll 58) Einfetten
έλαιον/elaion (z.B. Vict.ll 65) Einölen
άλειφα/dleipba (z.B. Acut.spur.M, M ull 84) Salben
χλίασμα/chliasma (z.B. M u ll 63, Morb.II 20) Feuchtwarmer Umschlag
(ομήλυσις/omelysis (Morb.II 31) Breiumschlag (κριθέων/
kritbeon [mit Gerste],
Mul.II 83)

7.5 Invasive Therapie

Hauptfundstellen: Off., Morb.II, Morb.III |

Invasive Maßnahmen waren für den hippokratischen Arzt die ultima ratio seiner
therapeutischen Bemühungen. Nur die Traumatologen wandten aggressive Be­
handlungsmethoden regelmäßig an. Die Zurückhaltung des Allgemeinarztes hat­
te mehrere Gründe. Zum einen hielt er es für ein Zeichen des eigenen Unvermö­
gens, wenn die konservative Behandlung nicht zum Ziel führte und nur noch die
Wahl zwischen Schneiden und Brennen (τάμνειν ή καίειν/tdmnein e kaiein,
Morb.I 10, auch: καίει v ή τάμνειν/kaiein e tdmnein, Morb.III 16) offen stand. Die
griffige Formulierung ist nicht original hippokratisch, sondern wurde schon von
Heraklit [DK 22 B 58: τέμνοντες και καίοντες/temnontes kai kaiorttes\ gebraucht.
Zum anderen fürchteten sie mögliche Komplikationen. Außerdem war es ihre
Absicht, die Kranken durch die Therapie grundsätzlich so wenig wie möglich zu­
sätzlich zu belasten (Medic. 8). Daher wurde den Schwangeren vor der Embryo-
tomie der Kopf verhüllt (Foet.Exsect. 1) und vor der Schüttelung wurden die
Schamteile mit einem Tuch bedeckt (Foet.ExsectA).
Inzisionen sind bei Empyem (Morb.III 16), Nierenabszess (Int. 14.17), pa­
ravertebralem Senkungsabszess (Int. 15), am entzündlich geschwollenen Gau­
menzäpfchen (Morb.II 29) und bei Hämorrhoiden (Haem.2) durchgeführt wor­
den. In Morb.II 47 wird die wiederholte Inzision und Drainage eines Pleuraem­
pyems geschildert. Epid.V 26 beschreibt einen Mann, bei dem die Haut wegen
eines ausgedehnten Systems von Fisteln, die zu den Knochen und Nieren reich­
ten, gespalten wurde (άνατμηθέν τό δέρμα/anatmethen tö derma).
Auch der Aderlass (φλεβοτομία/phlebotomia* z.B. Nat.HomA) wurde nur bei
schweren Krankheiten bzw. bei einem besonders schweren Verlauf durchgeführt
(rd οξέα ττάθεα φλεβο τομήσεις, ήν ισχυρόν φαίνηται τό νούσημα/ta d ' οχέα pdthea

179
pblebotomeseis, en ischyrdn phainetai to nousema, Acut.spur.2). So setzte man ihn
bei starken Kopfschmerzen (A4orb.II 18), bei der Kombination aus intraktablem
Fieber, Husten und Schmerzen an der rechten Körperseite (Epid.III 17.8) und
bei einem Magenleiden (Epid.V 80) ein. Die für den Eingriff verwendeten
Schröpfköpfe (iσικύα/sikya, z.B. Epid.IV 20) wurden gewöhnlich am Ellbogen
oder in der Kniekehle angesetzt (Nat.Hom. 11); aber auch Hände (Morb.II 55)
und Brust (Epid.II 6,16) waren mögliche Zielorgane. Für die Wahl des Applika­
tionsortes ausschlaggebend war der vermutete Verlauf der Gefäße des erkrank­
ten Organs bzw. der erkrankten Region. Man suchte grundsätzlich eine Stelle,
die vom Schmerzpunkt möglichst weit entfernt war, und phlebotomierte stets
auf der erkrankten Seite (Acut.spur. 11). Details des Instrumentariums und der
Technik werden in Medic.7-8 beschrieben. Nach dem Aderlass wurden die offe­
nen Stellen hochgelagert und, wenn die Blutung nicht sistierte, verbunden
(Ulc.26). Wie lange man den Patienten bluten ließ, richtete sich nach seinem
Alter und Kräftezustand (M ull 77). Der Blutverlust konnte jedoch exzessiv sein
(έως εξαιμος iycvew/heös exbaimos egeneto [bis er ausgeblutet war], Epid.V 6). In
Acut.spurA wird die Symptomatik des ausgiebigen Aderlasses (u.a. starrer Blick,
Herzklopfen, kalte Akren) beschrieben.
Die Kauterisation ( καυσις/kausis, z.B. Mochl. 3) wurde mit derselben
Absicht eingesetzt wie die Phlebotomie. Man versuchte auf diese Weise den
Fluss der schädlichen Säfte zu stoppen (τάς φλέβας άποκαίειν/ tas phlebas
apokaiein [die Gefäße abbrennen], Loc.HomAA). Ein Beispiel für die systemati­
sche Anwendung dieses Therapieprinzips ist der Brauch der Skythen, die sich
wegen ihrer konstitutionellen Feuchtigkeit an mehreren Körperstellen (Schul­
tern, Arme, Handgelenke, Brust, Lenden, Hüften) kauterisieren ließen (Aer. 20).
Für den Eingriff wurden Glüheisen (σιδήρων/siderion, z.B. Morb.II 34, καυτή­
ρων/kauterion, Vid.Ac.3), Schuppen am verkohlten Kerzendocht (μήκης/mekes,
Int.24) und in Öl getränkte Buchsbaumspindeln (ννξίνοι άτρακτοι/pyxinoi atrak-
toi, Int. 28) verwendet. Polypen der Nase kauterisierte man mit drei bis vier
Glüheisen, die über ein Führungsröhrchen (σνριγξ/syrinx) eingebracht wurden
(Morb.II 34). Die Kauterisation wurde sowohl therapeutisch, z.B. bei Hämor­
rhoiden (Haem.2), Kopfschmerz (Morb.II 12), Entzündung des Gaumens
(Morb.II 32), Pleuraempyem (Int. 9) und Lebererkrankungen (Int. 24,28), als
auch prophylaktisch eingesetzt, z.B. um die Ausbreitung einer Nephritis zu
begrenzen (Int. 18). Außerdem setzte man diese Behandlungsform zur Rezidiv­
prophylaxe bei Patienten mit habitueller Schulterluxation ein (Artic. 11). Man
glaubte durch die Kontraktion der nach örtlicher Verbrennung entstehenden
Narben die Reluxation verhindern zu können. Manche Intervention war aber
nicht korrekt indiziert. In Epid.V 7 wird ein Mann aus Oiniadai beschrieben, den
man wegen zahlreicher Eiterherde an vielen Stellen kauterisiert und der davon
ausgedehnte Narben behalten hatte. Ein oder zwei Schnitte, so merkt der Autor
kritisch an, hätten für eine ausreichende Drainage ausgereicht und den Patienten
mutmaßlich geheilt. So aber ist er wenige Tage später gestorben.

180
8 Ethik der hippokratischen M edizin

M: Beckmann D.: Hippokratisches Ethos und ärztliche Verantwortung: zur Genese eines
anthropologischen Selbstverständnisses griechischer Heilkunst im Spannungsfeld zwi­
schen ärztlichem Können und moralischer Verantwortung. Bern. Frankfurt am Main,
1995 Ducatillon J.: Polemiques dans la Collection hippocratiquc. Paris, 1977
A: Lichtenthaclcr C.: Zur Kontroverse über das θειον des Prognostikon. RhM 1992; 135:
382-383 Prioreschi P.: Supernatural elements in Hippocratic medicine. JHM 1992; 47:
>89-404 Prioreschi P.: Did the Hippocratic physician treat hopeless cases? Gesnerus
1992; 49: 341-350

Der hippokratische Arzt ist standesbewusst und verteidigt die Medizin gegen
ungerechtfertigte Angriffe. Er lebt von seiner Arbeit und verlangt dafür H ono­
rar. In den deontologischen Schriften des C.H . wird das korrekte Verhalten des
Arztes beschrieben. Aber auch in vielen wissenschaftlichen Traktaten werden
ethische Themen behandelt. Hippokrates fordert Ehrlichkeit gegenüber dem
Kranken, kollegiales Verhalten und weise Selbstbeschränkung. Bei den begrenz­
ten therapeutischen Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen, ist der hippokrati­
sche Arzt gegenüber vielen Erkrankungen machtlos und daher oft mit dem Tod
konfrontiert.

8.1 Pflichten des hippokratischen Arztes

Hauptfundstellen im C.H.: Epid.I-VII, J usj., Lex, De Arte, Medic., Decent., Praec.

Die Autoren des C.H. legen den Ärzten einen umfassenden Pflichtenkatalog
vor. Die Epidemien, aber auch andere Schriften zeigen, dass die Empfehlungen
und Anweisungen in der Praxis beachtet worden sind (s. Kasten).

Eigenschaften des vorbildlichen Arztes im C.H .

Menschenliebe (φιλανθρωπίη/Philanthropie, Praec.6): Epid.VI 4.7 beschreibt die


Formen der umfassenden Zuwendung zum Kranken. Dabei ist im Einzelfall auch
die gnädige Täuschung (άπάτη/apdte) erlaubt, die dem Kranken den Behand­
lungsfortschritt nur vorspiegelt. So legt der Arzt in Epid.VI 5.7 dem Patienten,
der über Ohrenschmerzen klagt, mit warmem Öl getränkte Wolle auf und lässt
es von dort abtropfen, damit der Eindruck entsteht, das Organ reinige sich. An­
schließend wird die Wolle verbrannt.

181
Gepflegte äußere Erscheinung ( MedicA, Decent.7, Praec. 10-11): Anleitung zur
Maniküre für den Chirurgen (OffA)

Wahrheit und Diskretion am Krankenbett (Decent. 11-16, Praec.9): Das Recht


und die Pflicht des Arztes, eine - möglicherweise ungünstige - Prognose zu stel­
len, wird allerdings nicht in Zweifel gezogen (Prorrh.II 3).

Kein Missbrauch berufsbedingter Privilegien: Der Arzt hat das natürliche


Schamgefühl der Frau zu beachten (M ull 62).

Manuelle Geschicklichkeit (Medic. 5): Beispiele für εύχειρίη/eucheirie gibt


Morb.1 10.

Psychische W iderstandskraft (εγκράτεια/enkrdteia, MedicA): FlatA beschreibt


treffend die Belastung des Arztes durch das menschliche Leid, das er zu sehen
bekommt (ό μεν γάρ ιατρός öpfj τε δεινά/ho men gär iatrös höre te deina [denn der
Arzt sieht Schreckliches])

Selbstkritik: Gefahr der Fehldeutung einer Sutur der Schädelkalotte als Fraktur
(VC 12)

Fortbildung: In Epid.III 16 wird das Studium der Fachliteratur (σκοπεΐν και


περί των γεγραμμένων όρθώς/s kopcin kai peri ton gegrammenön orthös) als un­
verzichtbar bezeichnet.

Klare und überzeugende Sprache in der fachlichen Diskussion: Attacke gegen


rhetorische Verbrämung von Nichtwissen (Nat.HomA)

8.2 Das ärztliche H onorar

| Hauptfundstellen im C.H.: Epid. 7-V/7, Praec. 4-6

Der hippokratische Arzt behandelt viele Patienten der Oberschicht und wird für
seine Leistungen großzügig bezahlt. Denn nur Reiche können sich Medizin leis­
ten (Plat.rep.lll 406c). Außerdem lässt er sich für den Unterricht, den er den
Medizinstudenten erteilt, honorieren (Jusj.). In den Epidemien werden aber auch
viele einfache Leute (Handwerker, Hauspersonal) erwähnt, um die sich die
Wanderärzte gekümmert haben.
Die Honorare wurden nach den Vermögensverhältnissen der Patienten
gestaffelt, waren also vom Sozialstatus abhängig. Ausdrücklich werden auch
reduzierte Tarife und im Einzelfall sogar eine kostenlose Behandlung empfohlen
(Praec. 6). Keinesfalls, so warnt der hippokratische Autor, solle man bereits zu

182
Beginn des Arzt-Patienten-Kontakts die Honorarfrage aufwerfen, vor allem
dann nicht, wenn es sich um einen akuten Fall handelt (PraecA). Dass man vielen
Ärzten in der Nachfolge des Hippokrates die in den Schriften empfohlene
Barmherzigkeit und Großzügigkeit nicht zugetraut hat, zeigt ein Epigramm
(Anth.Pal.XI 382) des Agathias Scholastikos (6. Jht.). Darin stellt Kallignotos,
der als Doktor von Kos bezeichnet wird, nach hippokratischer Manier eine
gelehrte, aber ungünstige Prognose und verlangt, so wie er es angeblich ebenfalls
bei Hippokrates gelernt hat, dafür ein stattliches Honorar.

8.3 Der ärztliche Kunstfehler

Hauptfundstellen im C.H.: Fract.y Artic.y Epid.V

Hippokrates teilt Behandlungsfehler (VC 12) offen mit und versucht auf diese
Weise seine Kollegen vor deren Wiederholung zu bewahren. Dafür wird er von
Celsus (VIII 4.4) ausdrücklich gelobt. Er versäumt es aber auch nicht, auf die
Fehler, die er in der Arbeit von Kollegen festgestellt hat, hinzuweisen. In den
chirurgischen Werken beschränkt er sich auf allgemein gehaltene Warnungen.
FractA und 2 zählen die Fehlermöglichkeiten bei der Behandlung von Frakturen
und Luxationen der oberen Extremität auf, Artic. 13 jene, die bei der Reposition
des Akromion zu beachten sind, Artic. 36 kritisiert die Bandagierung der gebro­
chenen Nase. In zwei Büchern der Epidemien (Epid.V und VII) wird der Verfas­
ser indes sehr konkret und weist schonungslos auf individuelle Fehldiagnosen
(Peripleumonie, Epid.V 14), technisch insuffiziente Behandlung (Drainage,
Epid.V 7, Trepanation, Epid.V 28, Exzision eines Geschosses, Epid.VII 121), in­
adäquate Verzögerung der Behandlung (Kauterisation, Epid.V 29,30) und
Übermaßbehandlung (Epid.V 15,18) hin. In Mul.I 65 schildert der Autor die In­
tensivbehandlung eines Geschwürs der Gebärmuter, die zwar zur Heilung der
Patientin, aber gleichzeitig zu Sterilität führte.

8.4 Verweigerung der Behandlung

Hauptfundstellen im C.H.: Fract.yArtic., De Arte

Die Verweigerung des Heilversuchs und die Beschränkung auf symptomatische


Behandlung ist in der Antike weit verbreitet. Asklepios begeht einen Frevel, als
er einen Todgeweihten aus Gewinnsucht ins Leben zurückholt (Pind.Pyth. III
155ff.). Auch im C.H . wird dem Arzt zu Bescheidenheit und Zurückhaltung im
Angesicht inkurabler Leiden geraten (De Arte 3). Umgekehrt werden schwere
Erkrankungen bzw. schwere Verlaufsformen von Erkrankungen als Bewäh­
rungsprobe für den Patienten betrachtet (Loc.Hom. 24). Nur an einer Stelle

183
einer weniger bedeutenden Schrift (Acut.spurAO) fordert der Verfasser zur
Maximaltherapie von Fieberkranken auf. Cicero nimmt den Appell der hippo­
kratischen Ärzte - allerdings in übertragenem Sinne - auf, wenn er in Att. XVI
17(15)5 über seine Sorgen nachdenkt: sed desperatis etiam Hippocrates vetat adbi-
bere medicinam [aber in hoffnungslosen Fällen verbietet auch Hippokrates eine
Medizin zu geben].
Der Koer hat für die Warnung vor risikoreichen Formen der Therapie eine
doppelte Begründung. Zum einen dienen seiner Meinung nach gefährliche Ma­
növer mehr der Reputation des Arztes als dem Wohl der Kranken (Artic. 42:
Staunen der Menge beim Versuch der instrumentellen Reposition der posttrau­
matischen Verkrümmung der Wirbelsäule an der Leiter), zum anderen soll man
inkurable Leiden nicht angehen, um beim Patienten und dessen Familie nicht fal­
sche Hoffnungen zu wecken und auch um den Ruf der Medizin nicht zu gefähr­
den (Fract. 36: Aussichtslose Repositionsversuche an den Extrem itäten ,/^;.:
Verbot der Lithotomie mutmaßlich wegen Inkompetenz der akademischen Ärz­
te, Morb.II 48: Einstellung der Therapie in aussichtslosen Fällen von Pneumo­
nie). Ausnahmsweise äußert eine Patientin wegen schwerer Krankheit selbst den
Todeswunsch (θανέϊν έράται/thanein erätai [sie wünscht zu sterben], M ulII 68).
Die Erkenntnis, dass es Krankheiten gibt, auf die der Arzt keinen Einfluss
(mehr) nehmen kann, fordert zur Prognose heraus und macht sie zum integralen
Element der hippokratischen Medizin (PrognA).
Der Tod wird im C.H . sowohl von der somatischen wie von der psychi­
schen Seite dargestellt. Morb.I 3 zählt letale Krankheiten auf (z.B. Phthisis und
Anasarka), das in den Handschriften C ' und V am Ende von Aph. enthaltene
Fragment sowie Hebd. 50-52 beschreiben die Zeichen der Agonie (verzerrtes
Gesicht, Zuckungen) und des Todes (Verfärbung, Starre, Aufblähung des Lei­
bes). Mit letalen Erkrankungen von Frauen befassen sich Nat.Mul. 13 und M ulII
68. Kranke, die vor Schmerz verstummen ( cup(oviai/aphöniai)> sterben einen
schweren Tod (δνσθάνατοι/dysthdnatoiy Prorrh.155, Coac. 244).

8.5 D e r E id des H ip p o k ra te s: R e z e p tio n u n d T ra n sfo rm a tio n

Die Belege dafür, dass der hippokratische Eid von Ärzten in der Antike tatsäch­
lich geleistet wurde, sind spärlich und stammen aus nachchristlicher Zeit. Scri-
bonius Largus (1. Jht.), Arzt am H of von Kaiser Claudius, teilt mit, dass H ippo­
krates seine Schüler bat, den Eid zu leisten, bevor er sie zur Ausbildung aufnahm
(comp, praef. 2,3). Auch Hieronymus bestätigt in einem seiner Briefe (ep.52,15),
dass Hippokrates den Eid schwören ließ. Gregor von Nazianz berichtet, dass
sein Bruder Caesarius, der in Alexandria Medizin studierte, im Gegensatz zu den
Kommilitonen den Eid verweigerte (or. 7,10). Galen erwähnt den Eid hingegen
mit keinem einzigen Wort.

184
In den Epochen und Gesellschaften, die das Griechische nicht oder nicht
mehr verstanden haben, konnte der Eid nur dann ein Element der ärztlichen
Ethik bleiben, wenn man ihn übersetzte. Wörtliche Übertragungen waren dazu
aber nicht geeignet. Um den Text den Erfordernissen der Ausbildung und aktu­
ellen sozialen Bedingungen anzupassen, wurden daher im Laufe der Zeit eine
Reihe von Änderungen vorgenommen.
In der arabischen Medizin diente der hippokratische Eid (arab.: K. al-'Ahd)
über Jahrhunderte hinweg als Vorlage für das von den Behörden geforderte
Standesgelöbnis. Die Medizingeschichte des Ibn Abi U§aibi'ah (1230-1270) zi­
tiert eine Übersetzung, in der an Stelle von Apollon, Hygieia und Panakeia Al­
lah, der Herr des Lebens und des Todes, genannt wird; nur die Anrufung des
Asklepios blieb erhalten. In dem gleichen Werk finden sich eine Kurzversion von
Lex sowie eine daran inhaltlich anschließende „ Anordnung der Medizin“, die
auch als Testament des Hippokrates bekannt ist. Eine gegenüber dem Original
mehrfach veränderte Version des Eides ist von dem in Spanien lebenden Augen­
arzt Mohammad ibn Qassoüm ibn Aslam al-Gaflql (12. Jht.) überliefert. Darin
ist der Abschnitt über die Verpflichtungen des Schülers gegenüber dem Lehrer
und dessen Familie abgeschwächt. Dafür wurden die Bestimmungen über die
Entlohnung des Arztes verschärft. Der Mediziner hatte gegenüber den Armen
nicht nur barmherzig zu sein und auf ein Honorar zu verzichten, sondern er
musste ihnen sogar die Medikamente aus eigener Tasche bezahlen. Das Gebot
der unentgeltlichen Behandlung der Bedürftigen war auch in den Eidesformeln,
die an den Medizinischen Schulen von Salerno (9. Jht.) und Montpellier
(12. Jht.) gebraucht wurden, enthalten.
Vom 14. Jahrhundert an wurde der hippokratische Eid in lateinischer Spra­
che geleistet. Die Übersetzungen stammten u.a. von Nicolaus von Reggio
( ~ 1280 bis — 1350), Lehrer der Medizin in Salerno und Neapel, dem Gelehrten
und Erzieher Pietro Paolo Vergerio dem Älteren (1370 bis ~ 1444) und dem
Grammatiker Niccolö Perotto (1429-1480). An den Universitäten von Leiden
und Edinburgh leisteten die Studenten im 17. Jahrhundert den Eid auf eine der
lateinischen Versionen. In den Schwurformeln von Wittenberg (1508) und Basel
(1570) waren Teile des hippokratischen Eids enthalten. Die Absolventen der
Heidelberger Medizinischen Fakultät wurden von 1558 an bis ins 19. Jahrhun­
dert verpflichtet, sowohl auf die Eidesformel wie auf den Inhalt von Medic. zu
schwören.
Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an begann der hippokratische Eid rasch
an offizieller Bedeutung zu verlieren. Dort, wo er - wie an manchen amerikani­
schen Universitäten - noch geleistet wurde, eliminierte man zunächst die beiden
ersten Teile (Anrufung der Götter, wirtschaftliche Verpflichtungen der Schüler)
komplett. Gleichzeitig wurde über die Aktualität einzelner Paragraphen disku­
tiert. Dabei standen die Bestimmungen zur Lithotomie und zur Abtreibung im
Mittelpunkt. Andernorts versuchte man, den hippokratischen Eid als Vehikel für
die Durchsetzung politischer Absichten zu benutzen. So enthält die „ Standes-

185
Ordnung für die deutschen Ärzte“ aus dem Jahre 1926 neben den Haupt­
bestimmungen des Eids die Verpflichtung zum medizinischen Dienst am deut­
schen Volke. Das Genfer Ärztegelöbnis von 1948 vermeidet derartige Entstel­
lungen des Texts. Die moderne Medizinethik sieht in der Eidesformel des Hip-
pokrates ein historisches Dokument von großer Langzeitwirkung, hat aber kei­
nen Anlass, sie aufzugreifen und den Verhältnissen und Anforderungen der
Gegenwart anzupassen.
9 D as hippokratische Erbe

M: Frederick S.: Hippocratic heritage. A history of ideas about weather and human
health. New York, 1982 Smith W.D.: The Hippocratic Tradition. Ithaca and London,
1979 Temkin O.: Hippocrates in a World of Pagans and Christians. Baltimore, 1991
A: Beccaria A.: Sülle tracce di un antico canone latino di Ippocrate e di Galeno. IMU
1959; 2: 1-6 - 1961; 4: 1-75 - 1971; 14: 1-23 Ilberg J.: Zur Überlieferung des hippokrati­
schen Corpus. RhM 1887; 42: 436-461 Mewaldt J., Nachmanson E.: Zur Technik der
Hippokratesedition. SB Berlin 1931; 8: 455-460 Pfaff J.: Die Überlieferung des Corpus
Hippocraticum in der nachalexandrinischen Zeit. WS 1932; 50: 67-82 Regenbogen O.:
Hippokrates und die hippokratische Sammlung. NJAB 1921; 47: 185-197 = Kleine
Schriften. München 1961, 125-140

Die Persönlichkeit und das Werk des Hippokrates prägten die Medizin mehr als
zwei Jahrtausende lang. Danach ist die Lehre des Koers durch die Fortschritte
der naturwissenschaftlich orientierten Medizin überwunden worden. Die Be­
wunderung für Hippokrates als Arzt und Lehrer und die Anerkennung für sein
hohes Berufsethos haben unter dieser Entwicklung nicht gelitten und bestehen
bis heute fort. Die außergewöhnlich lang anhaltende Rezeption und Wirkung der
hippokratischen Schriften ist durch die Arbeit einer großen Zahl von Kommen­
tatoren und Übersetzern gefördert worden.

9.1 Rezeption und Wirkung der hippokratischen Schriften in der Antike

M: Dietz F.R.: Apollonii Citiensis, Stephani, Palladii, Theophili, Meletii, Damascii, Ioan-
nis, aliorum scholia in Hippocratem et Galenum primum graece. Königsberg, 1834
Westerink L.G.: Stephanus of Athens: Commentary on Hippocrates’ Aphorisms. Berlin,
1992-1998
A: Alexanderson B.: Bemerkungen zu Galens Epidemienkominentaren. Eranos 1967; 65:
118-145 Diller H.: Zur Hippokratesauffassung des Galen. Hermes 1933; 68: 167—
181 Flashar H.: Beiträge zur spätantiken Hippokratesdeutung. Hermes 1962; 90: 402-
418 Grenscmann H.: Zu den Hippokratesglossaren des Erotian und Galen. Hermes
1964; 92: 504-508 Harig K, Kollesch J.: Galen und Hippokrates. In: CoIl.Hipp.I Stras­
bourg 1972 (Leiden 1975): 257-274 Manuli P.: Lo stilo del commento. Galeno e la tradi-
zione ippocratica. In: Coll.Hipp.IV Lausanne 1981 (Geneve 1983): 471-482 Mazzini I.:
Le traduzioni latine di Ippocrate eseguite nei secoli V e VI. Limite e caratteristiche della
soprawivenza del Corpus ippocratico fra tardo antico ed alto medioevo. In: Coli. Hipp.
IV Lausanne 1981 (Geneve 1983): 483-492 Pfaff F.: Rufus aus Samaria. Hippokrates-
kommentator und Quelle Galens. Hermes 1932; 67: 356 359 Temkin O.: Geschichte
des Hippokratismus im ausgehenden Altertum. Kap. II: Das dritte Jahrhundert und der
lateinische Westen. In: Flashar H.: Antike Medizin. Darmstadt, 1971: 417-434 Torraca
L.: Diode di Caristo, il Corpus Hippocraticum ed Aristotele. Sophia 1965; 33: 105-115

187
Die für die Rezeption des C.H . in der Antike wichtigste Persönlichkeit war Ga­
len von Pergamon (130-200). Zugleich wurde durch ihn die Tradition der hip­
pokratischen Lehre entscheidend geprägt. Es ist daher sinnvoll, die vorgalenische
von der galenischen und nachgalenischen Phase der Wirkungsgeschichte des
Koers zu unterscheiden. Die Bewunderung für die Leistungen des Hippokrates
und die Verehrung für seine Person setzten frühzeitig ein und führten zu Glori­
fizierung und Vergöttlichung (Apollonios von Kition 1: ö θειότατος/ho theiotatos
[der göttlichste], Athenaios von Naukratis IX 399 B: ό Ιερώτατος/ho hierotatos
[der heiligste]). Hippokrates wurde reichlich zitiert und umfangreich kommen­
tiert; seine Lehre ist dabei allerdings in Teilen vereinfacht bzw. entstellt worden,
weil das C .H . so reich an Themen und Variationen ist. Vereinzelt wurde auch
fachliche Kritik vorgetragen.

V o rg a le n isc h e H ip p o k ra te s-R e z e p tio n

Die Heroisierung des Hippokrates war im 2. vorchristlichen Jahrhundert abge­


schlossen. Von da an stand der Koer sowohl bei Kollegen wie bei Laien (z.B.
Anth. Pal. VII 135: δόξαν έλών ττο)λών ούτύχη, αλλά τέχνη/doxan helön pollön oh
tycheyalla tecbne [bei vielen hat er sich Ruhm erworben nicht durch Glück, son­
dern durch seine Kunst]) in höchstem Ansehen (vgl. 2.1). Dennoch entwickelte
sich kein profaner Kult, pflegte man keine obskuren Zeremonien und es entstand
auf Kos auch kein Wallfahrtstourismus. In manchen Elogen klingen allerdings
ironische Untertöne durch. So heißt es in einem fiktiven Grabepigramm (Anth.
Pal. IX 53), Hippokrates, die Leuchte der Sterblichen, habe Scharen von Völkern
gerettet, so dass der Hades sich entleerte. Sachkritik äußerte als erster Ktesias
von Knidos (440-360 v.Chr.). Der ärztliche Kollege tadelte die Technik der
Reposition der luxierten Schulter, die Hippokrates in Artic. 70 beschreibt
(Gal.XV III A 731). Ktesias missbilligte auch den Gebrauch der im C.H . vielfach
erwähnten Nieswurz und begründete seine Warnung mit dem Hinweis, die
Pflanze sei so giftig, dass durch ihre Anwendung als Pharmakon mehr Menschen
sterben als geheilt werden (Orib. coli med. VIII 8).
Das C.H . wurde von den antiken Medizinschulen - mit Ausnahme der me­
thodischen Schule - zur Rechtfertigung zumindest von Teilen ihrer Lehre her­
angezogen. Dabei kam es unweigerlich zu Rivalität und Kontroversen in Fragen
der Interpretation. Eine grundsätzliche intellektuelle Auseinandersetzung über
die hippokratischen Schriften hat aber in der Zeit vor Galen nicht stattgefunden.
Unter den Ärzten der dogmatischen Schule stand Diokles von Karystos
(Mitte 4. Jht. v.Chr.) Hippokrates am nächsten. Vindicianus (c.2) bezeichnet ihn
ausdrücklich als sectator Hippocratis [Anhänger des Hippokrates]. Die Athener
nannten ihn Hippokrates den Jüngeren (iuniorem Hippocratem, Vind. a.a.O.);
Plinius (nat. XXVI 10) schätzte ihn ähnlich hoch ein (secundus aetate famaque
[dem Alter und der Berühmtheit nach an zweiter Stelle]). Der Euböer arbeitete

188
als Salonarzt und spezialisierte sich auf Diät und Verjüngungskuren. Überliefert
sind u.a. die in dem Traktat Περ'ι επιδέσμων [Verbandlehre] enthaltene Paraphra­
se eines Satzes aus Fract. 43 (Gd/.XVIII A 519) und ein Zitat des Diokles aus
einer weiteren Schrift des C.H . (Gal.XV II A 222). Die Bewunderung für den
Koer hinderte Diokles jedoch nicht daran, ihm in Details zu widersprechen. So
kritisierte er Aph. 2,33 und die hippokratische (Nat.Hom. 15) Einteilung des Fie­
bers in vier Typen (Gal.XVl 197).
Die Empiriker, die die naturwissenschaftlichen Theorien ablehnten und ihr
Wissen aus dem Studium der Literatur gewannen, betrachteten das C.H . als
wertvolle, weil von den Dogmatikern unbeeinflusste Quelle und kommentierten
und glossierten es immer wieder neu (z.B. Philinos von Kos, Glaukias von Ta­
rent und Zeuxis).
Zwei große, in Theorie und Praxis gleichermaßen erfolgreiche hellenistische
Ärzte, nämlich Herophilos von Chalkedon (um 290 v.Chr.) und Erasistratos von
Keos (um 250 v.Chr.) standen als engagierte Anatomen, Pathologen und Physio­
logen in prinzipiellem Gegensatz zu hippokratischen Lehren. Von Erasistratos
ist Kritik an Hippokrates bei Galen (Scr.min. III 197) und Caelius Aurelianus
(;morb.ac. I 105-108) belegt.
Die pneumatische Schule schöpfte aus vielen Quellen, erkannte das C.H .
aber als Berufungsinstanz grundsätzlich an. Besonders eng ist die Beziehung des
Gründers der Schule, Athenaios von Attaleia (l.Jh t. v.Chr.), zu Hippokrates.
Beide postulierten eine Verbindung zwischen der inneren Wärme des Menschen
und dem Pneuma ( Vict. II 62, Gal.Vlll 936). Aretaios von Kappadokien
(2. Jht. n.Chr.) benutzte das C.H . nicht nur als Quelle für sein theoretisches
Hauptwerk mit dem Titel Περί αιτιών και σημείων οξέων και χρονιών παθών
[Über die Ursachen und Symptome akuter und chronischer Erkrankungen],
sondern schrieb wie Hippokrates ionisches Griechisch.
Die methodische Schule stand der hippokratischen Lehre kritisch bis ableh­
nend gegenüber. Asklepiades von Prusa (l.Jh t. v.Chr.) bezeichnete Hippokrates
als Vertreter einer überholten Medizin (Erot.p. 116,11), Thessalos von Tralles
(l.Jh t. n.Chr.) lehnte die hippokratische Säfte- und Qualitätenlehre grundsätz­
lich ab (Gal.XWIII A 288-289), berief sich allerdings im Einzelfall doch auf den
Koer (Gal. I 205). Der Gynäkologe Soran (um 100 n.Chr.) übte vehemente D e­
tailkritik an Aph. 5,42, Mul. I 15 und an der in Mul. III 4 und Superf. 19 beschrie­
benen vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung des Kindes (gynaec.l 15).
Von den römischen Fachschriftstellern wurde Hippocrates Ule Cous [jener
Hippokrates von Kos] ( Cic.de or. 111 132) in den höchsten Tönen gepriesen. Die
sachliche Auseinandersetzung mit dem C.H . blieb freilich aus; Kritik übte man
nur vorsichtig und nur im Detail.
Aulus Cornelius Celsus (l.Jh t. n.Chr.), Medizinenzyklopädist (De medici-
na), bezeichnet Hippokrates als primus ex omnihus memoria dignus [von allen
der erwähnenswerteste] und vir et arte et facundia [ ein gebildeter und fähiger
MannJ (prooem. 8) sowie als vetustissimus auctor [der älteste Gewährsmann] (VI

189
6.1). Ebenso respektvoll klingt die Charakterisierung des Koers als conditor nos-
trae professionis [Gründer unseres Berufsstands] durch Scribonius Largus
(comp.ep.5). Celsus schreibt Hippokrates das Verdienst zu, die Heilkunde von
der Philosophie getrennt zu haben (prooem. 8) und empfiehlt, sich bei der
Beschreibung von Symptomen und in der Prognostik auf die Autorität des Hip­
pokrates zu beziehen (II prooem. 1). Auf konkrete Themen der hippokratischen
Heilkunde geht er an drei Stellen ein ( I I 1: Umweltmedizin, II 3-6: Prognostisch
wichtige Zeichen, VIII 5-9: Frakturenlehre). Den Hinweis auf die in Aph. 6, 31
vorgeschlagenen Maßnahmen zur Therapie von Erkrankungen der Augen ver­
bindet er mit der Rüge, dass der Zeitpunkt und die exakte Indikation für den
Einsatz der verschiedenen Verfahren nicht genannt werden (VI 6.1).
Einen ähnlichen Gesamttenor hat das Urteil Plinius des Alteren (23-
79 n.Chr.) über Hippokrates. Der Autor der Naturalis Historia [Naturgeschich­
te] preist den Koer als Begründer der Medizin (princeps medicinae, VII 171, qui
princeps medendi praecepta clarissime condidit, XXVI 10), lobt seine gute Beob­
achtungsgabe (VII 171: Zeichen des nahenden Todes, XXVI 123: Ikterus als
schlechtes prognostisches Zeichen) und erinnert an das patriotische Engagement
bei der Bekämpfung einer Seuche (VII 123). Plinius sieht in Hippokrates also in
erster Linie eine Persönlichkeit der Medizingeschichte. Ob die von den Hippo-
kratikern gelehrte Medizin in Rom praktiziert worden ist, teilt er nicht mit. Ob
und inwieweit das hippokratische Wissen für römische Ärzte nach mehr als 400
Jahren wenigstens in Teilen veraltet war, scheint ihm der Überprüfung und Mit­
teilung nicht wert gewesen zu sein.
Von römischen Prosaschriftstellern des 1. und 2. nachchristlichen Jahrhun­
derts wird Hippokrates im gleichen enthusiastischen Ton und z.T. mit den glei­
chen Worten gewürdigt wie von den Fachautoren. Seneca (ep. 95,20) nennt ihn
maximus Ule medicorum et huius scientiae conditor [größer Arzt und Begründer
der medizinischen Wissenschaft], Quintilian (inst.or. III 6, 64) charakterisiert
ihn als clarus arte medicinae [berühmt für seine Beherrschung der Medizin] und
Gellius (XIX 2, 8) bezeichnet ihn als divina vir scientia [ein göttlich begnadeter
Mann].

G a le n u n d H ip p o k ra te s

Die Auseinandersetzung Galens mit den hippokratischen Schriften hat das Bild
von der Medizin des Koers wesentlich beeinflusst und Galen zu einem Teil der
hippokratischen Tradition gemacht. Man spricht daher vom galenischen Hippo-
kratismus der nachgalenischen Zeit. Das Ansehen des Hippokrates im zweiten
nachchristlichen Jahrhundert war so groß, dass selbst Galen es nicht mehr zu
steigern vermochte. Er konnte ihn nur einmal mehr als άρχηγέτης/archegetes
[Urvater] der Medizin und medizinischen Philosophie und als vollendeten Arzt
(z.B. Gal. IX 770, 823, 883, Scr.min.III 128) bezeichnen. Die Botschaft der

190
Schrift mit dem Titel "Οτι ö αριστος ιατρός και φιλόσοφος [Von der Personalein­
heit des besten Arztes und des Philosophen] {G a il 53-63) ist ganz und gar hip­
pokratisch. Im Προτρεπτικός λόγος έπι τάς τέχνας [Einführungsrede in die Küns­
te] {Gal. I 8) versetzt Galen den Koer zusammen mit Homer, Sokrates und Pla­
ton in die Umgebung der Götter.
Die Wahlverwandtschaft mit Hippokrates bot Galen Gelegenheit zu Kritik
an Herophilos, Erasistratos und den Empirikern sowie an zwei Kollegen, näm­
lich Lykos {Gal.XV III A 196-245) und Julian {Gal.XVlll A 246-299), die hip-
pokrateskritische Kommentare geschrieben hatten.
Galens eigene Kommentare (vgl. 4.2) zeigen, welche Schriften des C.H . er
selbst für besonders wichtig hielt: Progn., Acut., Epid.I, Epid.III, Off., Fract.,
Artic.,Aph., Epid.II, Epid.VI, Hum., Prorrh.I, Nat.Hom., Salubr. und Alim. Die­
se 15 Werke waren es auch, die in der Folgezeit am meisten gelesen und interpre­
tiert worden sind. Galen kommentiert sachlich, aber nicht uneigennützig. Er ver­
sucht Lücken, die er in den hippokratischen Texten entdeckt, in seinem Sinn zu
füllen {Gal.V II 880) und weist auf Fehler von Vorgängern (z.B. in Kommenta­
ren zu Epid. III 14) hin, die er anschließend zugunsten der eigenen Auffassung
korrigiert {Gal.XV II A 562-563). In der Pulslehre geht er über Hippokrates
hinaus {Gal.Vll 497).
In zwei Werken hat Galen übergeordnete Themen der Hippokrates-Exegese
behandelt. Der zeitlichen Reihenfolge nach sind dies: Περί των Ίπποκράτους και
Πλάτωνος δογμάτων [Über die Lehren des Hippokrates und die Platons] {Gal.V
181-805) und Περί των καθ’ Ίπποκράτην στοιχείων [Die hippokratische Lehre
von den Elementen] {Gal. I 443-508). In dem neun Bücher umfassenden ersten
Werk versucht Galen Übereinstimmungen zwischen Platon, vor allem dessen
Dialog Timaios, und Hippokrates nachzuweisen und polemisiert dabei gegen die
Stoa, Aristoteles und Erasistratos {Gal.V 187, 200ff., 647). Außerdem greift er
das Viererschema der Kardinalsäfte aus Nat.Hom. auf und korreliert die Körper­
flüssigkeiten mit den Hauptfarben, den Hauptorganen, den Elementen und Ele­
mentarqualitäten, den Jahreszeiten, den Lebensaltern und den Fiebertypen. Auch
in dem zweiteiligen anderen Werk steht das Kernstück der hippokratischen Phy­
siologie und die Frage nach den Urbestandteilen und der Zusammensetzung des
menschlichen Körpers im Zentrum der Darstellung. Außerdem gibt Galen einen
historischen Überblick über die Arzte und Philosophen, die sich mit den Ele­
menten befasst haben.

N ac h g a le n isc h e H ip p o k ra te s-R e z e p tio n

Die Ärzte der Spätantike erkannten das C.H . und die zugehörigen Kommentare
Galens uneingeschränkt als theoretisches Fundament und Anweisung für das
praktische Handeln in ihrem Beruf an. Sie zitierten und kommentierten H ippo­
krates, kamen aber über ihn nicht hinaus. Auch nichtärztliche Autoren nutzten

191
und beriefen sich auf die Autorität des Koers. Die Stimmen des frühen Christen­
tums zu Hippokrates waren ebenfalls überwiegend positiv, verzichteten aber
nicht auf Kritik in Details. Vom Ende des 5. Jahrhunderts an wurde das C.H .
fast nur noch in lateinischen Übersetzungen gelesen, weil den meisten Ärzten
ausreichende Kenntnisse des Griechischen fehlten.
Sextus Empiricus (2. Jht.), Arzt und skeptischer Philosoph, greift eine von
Hippokrates empfohlene chirurgische Behandlungsmaßnahme (Hochlagerung
des Fußes) auf und bezieht sie in eine philosophische Argumentation ein
(Πυρρώνειοι ϋποτυπώσεις [Grundzüge der Lehre Pyrrhons] 1.71). Avianus Vin-
dicianus (4. Jht.), Arzt und Politiker, verfasst eine freie lateinische Übersetzung
von Nat.Hom. (ex libris medicinalibus Hippocratis intima latinavi [ich habe den
innersten Kern der medizinischen Bücher des Hippokrates ins Lateinische über­
tragen], c. 2) und sendet sie als Brief an seinen Enkel Pentadius. Theodorus Pri-
scianus (400 n.Chr.), Arzt und Schüler des Vindicianus, nennt Hippocrates noster
[unser Hippokrates] mehrfach (Eupor. I 7, II 7,34) als Gewährsmann. Cassius
Felix (5. Jht.), Arzt aus Numidien, bezeichnet die Schriften des C.H . als eine der
Hauptquellen für sein Kompendium der griechischen Medizin mit dem Titel De
medicina ex Graecis logicae sectae auctoribus Uber translatus sub Artaburo et Cale-
pio consulibus [Darstellung der Medizin nach Übersetzungen griechischer Auto­
ren der logischen Schule, verfasst unter dem Konsulat von Artaburus und Cale-
pius] (447 n.Chr.), zitiert aber nur aus Progn. und Aph.
Palladios (6. Jht. n.Chr.), Medizinschriftsteller in Alexandria, verfasst u.a.
zu Fract. und Epid. VI Kommentare. Alexandros von Tralles (6. Jht. n.Chr.),
vorwiegend in Rom tätiger Arzt, zitiert in seinem Hauptwerk Θεραπευτικά [Be­
handlungslehre] Hippokrates stets nur beipflichtend, während er Galen immer
wieder kritisiert. Historisch nicht sicher fassbar ist Johannes von Alexandria, der
in Handschriften als Verfasser von Hippokrates- und Galen-Scholien genannt
wird. Er hat sowohl Epid.VI als auch Nat.Puer. kommentiert; beide Werke sind
in Fragmenten erhalten. In Johannes von Alexandria hat man auch den Urheber
eines Medizinkanons, der 16 Schriften Galens und zwölf Werke des Hippokrates
umfasste, gesehen.
Der sonst nicht zu Anleihen bei anderen Autoren geneigte Jurist Iulius Pau­
lus (200 n.Chr.) beruft sich in der Begründung für seine Ansicht (Dig. 1,5,16),
dass Siebenmonatskinder aus gültigen Ehen rechtlich anerkannt werden sollten,
ausdrücklich auf Hippokrates. Macrobius (400 n.Chr.), hoher römischer Beam­
ter und Philologe, erwähnt Hippokrates in den Saturnalia an zwei Stellen. Zu­
nächst (I 20) kommentiert er eine Passage aus Progn., danach (II 8,16) zitiert er
einen schon von Gellius (XIX 2,8) dem Hippokrates zugeschriebenen, im C.H .
aber nicht enthaltenen Satz über den Koitus (την συνουσίαν αναι μικράν
επιληψίαν!ten synousian einai mikrän epilepsian [der Beischlaf sei wie ein kleiner
Krampfanfall]). Der alexandrinische Neuplatoniker Damaskios (6. Jht.) verfasst
einen Kommentar zu Progn.

192
Unter den christlichen Schriftstellern und Gelehrten sind Clemens von
Alexandria (150-215) und Tertullian (150-230) die ersten, die Hippokrates und
das C.H . erwähnen. Clemens von Alexandria zitiert Aph. 1,2 und Epid.VI 4.18
(strom.2y\2(>A) und wirbt für die Askese von Leib und Seele nach dem Vorbild
des Hippokrates (strom.2,20; 6,22,1). Tertullian weist in der gegen die gnostische
Seelenlehre gerichteten Schrift De anima [Über die Seele] darauf hin, dass H ip­
pokrates die Seele ins Gehirn lokalisiert (15.3.5) und verteidigt den Widerstand
der Kirche gegen die Tötung des nicht spontan zu entbindenden Kindes, obwohl
er sie wie Hippokrates (in Foet. Exsect.) im Einzelfall für unvermeidlich hält
(25.4,6). Cyprianus (3. Jht.), Bischof von Karthago, berichtet in einem seiner
Briefe (ep. 69,13), die Sitte, Personen, die während einer Krankheit getauft wer­
den, clinici [bettlägerige Kranke] und nicht Christen zu nennen, entspringe der
allzu intensiven Lektüre des Hippokrates bzw. Sorans. Gregor von Nazianz
(zweite Hälfte 3. Jht.) beschreibt in einer seiner Reden (or.7.20) das Studium der
Werke des Hippokrates, Galens und von deren Gegnern an der Bibliothek von
Alexandria. Hieronymus (348-420), Kirchenlehrer und Übersetzer der Bibel,
bezeichnet in einer Streitschrift ( Contra loann. hier. 38-39) Jesus als spiritualis
Hippocrates [geistlicher Hippokrates]. Gemeint war aber nicht Jesus Christus,
sondern der Presbyter Isidor. Dieser Vergleich hat Anlass zu vielen Missver­
ständnissen gegeben. Prudentius (348-405) spricht von laniena Hippocratica
[Gemetzel der Wundärzte], wenn er das Martyrium des heiligen Romanus be­
schreibt (Peristephanion Liber 10.498).
Die Weigerung des hippokratischen Arztes, auch Schwerkranken Hilfe zu
leisten (De Arte 3), wird sowohl von Johannes Chrysostomos (2.Hälfte 4. Jht.)
wie von Isidor von Pelusium (gest. 435) thematisiert. Johannes Chrysostomos,
Prediger und Patriarch von Konstantinopel, lehnt die Behandlung von Schwer­
kranken ab, wenn sie Häretiker sind (Tit.hom. 62). Isidor, Vorsteher des Klos­
ters von Pelusium/Unterägypten, fordert dagegen auch für unheilbar Kranke
ärztliche Betreuung (epist. 2.16,79). Augustinus (354-430) lobt die Echtheitskri­
tik der hippokratischen Schriften (Contra Faustinum 6) und nimmt in De civitate
Dei [Der Gottesstaat] zu verschiedenen im C.H . behandelten medizinischen
Themen Stellung (5,2;2:140: Zwillinge, 22,8;7:120: Heilung bei Brustkrebs).
Theodoret· (1. Hälfte 5. Jht.), Bischof und Kirchenschriftsteller, attackiert H ip­
pokrates (und Galen) wegen ihrer Rolle als Kronzeugen für die Lehre von der
Harmonie des Körpers und der Weisheit der Seele (Affect. 5,22). Cassiodor (490-
583), Schriftsteller, Staatsmann und Gründer des Klosters Vivarium/Kalabrien,
empfiehlt den Mönchen die Lektüre lateinischer Übersetzungen des Hippokra­
tes und des Galen (Institutiones divinarum et saecularium litterarum 1,31,1-2:
Post haec legite Hippocratem atque Galenum latina lingua conversos [Danach sollt
ihr Hippokrates und Galen in lateinischer Übersetzung lesen].

193
9.2 Rezeption und Wirkung der hippokratischen Schriften im Mittelalter

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1989): 377-408_______________________________________________________________

Überlieferung und Bewahrung des antiken Erbes waren in keiner Epoche der
Hippokrates-Rezeption so ausgeprägt wie im Mittelalter. Die Verehrung für den
legendären Begründer der Medizin zieht sich als einigendes Band durch die Zeit­
abschnitte und Institutionen der mittelalterlichen Medizin. Byzantinische Medi­
zinschriftsteller, arabische Übersetzer, die europäischen Medizinschulen und
viele gebildete Laien waren von der Autorität des Koers unerschütterlich über­
zeugt. Dabei rezipierte man Hippokrates allerdings weniger aus dem Original als
aus den Kommentaren und Schriften Galens und beschränkte sich weitgehend
auf die prognostischen und diätetischen Werke sowie die Aphorismen. Folge-

194
richtig wurden Progn., Acut, und Aph. in den Kanon der mittelalterlichen medi­
zinischen Fachliteratur aufgenommen. Andererseits zirkulierten unter dem
Namen des Hippokrates eine Reihe von Schriften, die nicht zum C.H. gehören.
Die Aphorismen wurden auch in Klöstern gelesen und studiert.

R eze p tio n d u rc h die b y zan tin isch e M ed izin

Die Medizinautoren des 4. bis 7. Jahrhunderts nutzen das C.H . teils intensiv als
Quellenmaterial, teils entnahmen sie ihm nur schmückende Zitate. Aph. steht
unverändert im Zentrum des Interesses der Kommentatoren. Die Verherrlichung
des Hippokrates durch medizinische Laien setzt sich bis ins 14. Jahrhundert fort.
Kritik wird nur ausnahmsweise gewagt und dann in ironisierender Form (s. Kas­
ten S. 196) vorgetragen.
Oreibasios von Pergamon (4. Jht.), Leibarzt von Kaiser Julian, führt H ip­
pokrates im Vorwort (1, praef.3) zu Ίατρικάι συναγωγαί [Abriss der Heilkunde]
unter den Quellenautoren nach Galen und Dioskurides an dritter Stelle an. Un­
echt sind die unter dem Namen des Oreibasios überlieferten lateinischen Kom ­
mentare zu Progn. und Aph. Aetius von Amida (1.Hälfte 6. Jht.), Arzt am byzan­
tinischen Hof, zitiert in Τετράβιβλον [Tetrabiblon] aus Progn. und Aph. und hat
dort (V 83) eine Passage aus Hehd. im griechischen Original bewahrt, die sonst
nur lateinisch überliefert ist. Paulus von Aegina (7. Jht.), Chirurg und Geburts­
helfer, schätzt besonders die hippokratische Traumatologie und zitiert selbstän­
dig aus VC, Fract.y Artic. und Fist. (z.B. in Πραγματεία [Praxislehre] VI
34,90,112). Stephanus von Athen (wohl Anfang 7. Jht.), in Alexandria ausgebil­
deter akademischer Arzt, erläutert Progn. {Dietz I 51-232) und Aph. {Dietz II
236-544). Im Vorwort zu seinem Kommentar zu Progn. stellt er eine Einteilung
des C.H . in sechs Gruppen vor.
Theophilos Protospatharios (wahrscheinlich 9. Jht.), Arzt und Beamter,
verfasst Scholien (in sieben Büchern) zu Aph., die sich mit den Interpretationen
des Damaskios und des Stephanus von Athen zu einem Kettenkommentar er­
gänzen. Er benutzt Hippokrates für den gynäkologischen Abschnitt seines
Hauptwerks Περί τής του άνθρώπον κατασκευής [Uber den Aufbau des Men­
schen] und zitiert ihn mehrfach in der Schrift Περί διαχωρημάτων [Über die
Ausscheidungen]. Im fünften Buch des Hauptwerks (V 20) wird der Koer als
ό τής ιατρικής Προμηθεύς/ho tes iatrikes Prometheus [Prometheus der Medizin]
gerühmt. Die Suda (II 662f. Adler) bezeichnet die Bücher des Hippokrates als
Stimmen, die nur von einem Gott (Θεού φωνάς/theoü phonäs) und nicht aus dem
Munde eines Menschen stammen können.

195
T im a rio n vor Gericht oder: Hippokrates in der Unterwelt

Was in Lukians Unterweltfahrt mit dem Titel Μένιππος ή νεκυομαντεία [Menip-


pos oder die Totenbeschwörung] die beziehungsreiche Titelfigur des Menippos
ist, das ist für das Werk Τιμαρίων ή περί των κατ' αυτόν παθημάτων [Timarion
oder sein Leidensweg] eines unbekannten byzantinischen Autors des 12. Jahr­
hunderts die Person des Timarion. Beide treten die Fahrt zu den Verstorbenen
an und sollen sich dort verantworten - Menippos wegen einer Verlegenheit in
ethischen Fragen, Timarion wegen einer schweren Lebererkrankung. Zwei Dä­
monen zerren ihn in den Hades und klagen ihn mit folgenden Worten an: „ Hier
ist der Mann, der das vierte der Grundelemente verloren hat. Man kann ihm
nicht erlauben, kraft der drei übrigen weiterzuleben. Denn ein Urteil ist von
Asklepios und Hippokrates verfasst und im Hades angeschlagen worden. Da­
nach darf kein Mensch leben, wenn ihm eines der vier Grundelemente fehlt, mag
der Körper auch sonst in guter Verfassung sein“. Hippokrates wird nicht nur
zitiert, sondern ist neben Asklepios auch als Sachverständiger anwesend und
wird von dem Richterkollegium der Unterwelt zur Todesursache des Timarion
befragt. Das Tribunal im Hades stützt sich also auf die Sachkunde großer Arzte
und setzt beim zeitgenössischen Leser Kenntnisse der medizinischen Literatur
voraus. Nur mit diesem Wissen begreift er nämlich, welch kuriose Rolle der Ver­
fasser dem Hippokrates zugedacht hat. Zugleich karikiert die Schilderung der
Beobachtungen und Erlebnisse des Timarion in der Unterwelt den Ärztestand
und das hippokratisch-galenische Lehrgebäude.

Ein unbekannter byzantinischer Autor des 14. Jahrhunderts [Anm. zu Nikepho-


ros Gregoras, Corp. Script. Hist. Byz. X IX 1256ff., ed. L. Schopen, Bonn 1830 =
Anm. zu Hist. Byz. 12,2] instrumentalisiert Hippokrates für den Personenkult.
Er verfasst einen Hymnus auf den Koer in jambischen Trimetern, um damit Ale-
xios Apokallikos, dem medizinisch vorgebildetcn Metropoliten von Naupaktos,
ein Denkmal zu setzen. Als rechtmäßige Nachfolger des Hippokrates werden in
diesem Zusammenhang Galen, Aetius von Amida, Aretaios von Kappadokien,
Paulus von Aegina und Oreibasios von Pergamon genannt.

R e z e p tio n d u rch die A rab e r

Die arabische Überlieferung des C.H . dient als Vermittler zwischen dem griechi­
schen Original und der lateinischen Tradition. Philosophie, Naturwissenschaften
und Medizin der Griechen werden von den Arabern bewundert und als Heraus­
forderung empfunden. Daher übersetzt man Hippokrates und Galen, aber auch
Texte anderer Ärzte, z.B. des Oreibasios, ins Arabische und Syrische. Die Schrif­
ten des C.H . werden allerdings nicht aus dem Original übertragen, sondern man

196
extrahiert den Text aus den Lemmata der Galenkommentare und übersetzt ihn
dann zusammen mit den Erläuterungen.
Die erste Übersetzung einer hippokratischen Schrift in eine semitische
Sprache datiert aus dem 6. Jahrhundert. Der Monophysit Sergius von Resaina
übertrug damals G e n itJ Nat.puer. ins Syrische. Bei weitem die meisten und
wichtigsten Übersetzungen hat Hunain ibn Ishaq (809/810 - 873/877) verfasst.
Der aus al-Hirah am Euphrat stammende nestorianische Christ war im Westen
auch als Johannitius bekannt. Er hat sowohl Hippokrates als auch Galen ins
Arabische wie ins Syrische übersetzt. Der Anzahl der bearbeiteten Texte nach
lag dabei Galen weit vorne. Aus dem C.H . hat Hunain 17 Schriften übersetzt.
Die Versionen entstanden in der Absicht, den arabischen und syrischen Lesern
den Sinn des griechischen Originals verständlich zu machen. Hunain wählte des­
halb statt der wörtlichen Übersetzung vielfach die freie Wiedergabe. Die Über­
setzungsarbeit wurde nach dem Tode Hunains von seinem Sohn Ishar und sei­
nem Neffen Hubais kongenial fortgesetzt (s. Kasten).

H ip p o k ra tisc h e S ch rifte n in H u n a in s Ü b ersetz u n g e n


[A = Arabisch, S = Syrisch]

Aer. K. al-Buldän wa- Ί -miyäb wa- Ί -ahwiya [A .S]


Progn. K. Takdimat al-ma'rifa [A ,S]
Acut. K. al-Amräd al-hädda [A*S]
Epid. / - ///, VI K. Abidhjmiyä [A ,S]
VC K. Shidlädl al-ra 's [S]
Off. K. JCätäfiyün [A .S]
Fract. K. al-Kasr [A ,S]
Artic. K .al-M afäsil [S]
Aph. K. al-Fu$ül [A,S]
Jusj. K. al- Ahd [A,S]
Nat.Hom. K. Tahi'at al-insän (K. Al-Arkän ) [A,S]
Ulc. K . al-Qurüh [S]
G e n itJ Nat.puer. K. al-Djanm [A]
Alim. K. al-G h id h ä ' [S]

Weniger bedeutend als die Übersetzungen sind die arabischen Imitationen und
Kommentare zu den Werken des Koers. Rhazes (865-925) paraphrasiert in einer
kleinen Schrift zu 33 Fällen der eigenen Praxis die hippokratischen Epidemien .
Abu 1-Hasan at-Tabari (10. Jht.) nimmt in den Titel eines medizinischen Lehr­
buchs den Namen des Hippokrates auf, obwohl er im Text überwiegend Galen
folgt. Maimonides (1135-1204) schreibt einen Kommentar zu Aph. und verfasst
eigene Aphorismen. Der syrische Arzt Ibn al-Nafis (13. Jht.) kommentiert
Progn.

197
Rezeption an europäischen Universitäten

Vom 11. Jahrhundert an werden die arabischen Übersetzungen der Hippokrates-


texte und zugehörigen Galenkommentare ins Lateinische übertragen und in die­
ser neuen Form für die Hippokratesrezeption in Europa wirksam (s. Kasten).
Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist die Medizinschule von Salerno, die den
Titel einer Civitas Hippocratica [Hippokratische Gemeinde] erhält. Die medizi­
nischen Fakultäten anderer großer europäischer Universitäten folgen ihrem Bei­
spiel. Die populärsten Schriften des C.H . werden in die so genannte Articella,
den spätmittelalterlichen Kanon der Medizinliteratur, aufgenommen. Die Kom­
mentierungsarbeit setzt sich unvermindert fort. Daneben werden eine Reihe
pseudohippokratischer Schriften tradiert.

W ich tige m itte lalterlich e Ü b ersetz er h ip p o k ratisc h e r S c h rifte n

C o n sta n tin u s A fric a n u s (1 0 1 5 /1 8 -1 0 8 7 ) Salerno Progn.


Beinam e: N eu er glänzender H ipp o krates Aph .
Acut.

G e rh a rd v o n C re m o n a (1134-1187) T o le d o Progn.
Beinam e: H unain für die Lateiner Acut.

M arcu s D iac o n u s (E n d e 12. Jh t.) T o le d o Aer.

N ic o la u s v o n R e g g io ( —1280 bis —1350) Salern o/ Acut.


N eap el Aph.
Jusj.
Lex

S im o n v o n G e n u a ( —1300) R ouen Epid.V I

Die Articella wird um 1200 von den Lehrern der Hochschule von Salerno zu­
sammengestellt und später mehrfach modifiziert. Sie bleibt für Jahrhunderte
nicht nur in Salerno und im übrigen Italien, sondern auch in Deutschland und
Frankreich fester Bestandteil des Unterrichts- und Prüfungsstoffs. Hippokrates
ist von der ersten Ausgabe an mit P ro g n A cu t, und Aph. sowie den entsprechen­
den Kommentaren vertreten. Später kommen Aer., Epid., Jusj. und Lex dazu.
Verwendet werden sowohl Übersetzungen aus dem griechischen Original als
auch aus dem Arabischen. Die Articella enthält außerdem die so genannte Isago-
ge Iohanniti, eine Einführung des Johannitius in das Studium Galens, die Ars
medicinae Galens sowie je eine Schrift über den Urin (Autor: Theophilos Proto-
spatharios) und den Puls (wohl pseudogalenisch, überliefert unter dem Namen
eines Philaretos).

198
Die spätmittelalterlichen Ärzte führen die wissenschaftliche Auseinander­
setzung mit den hippokratischen Schriften in den überkommenen literarischen
Formen (Kommentar, Kompilation, Imitation) fort. Gariopontus (1.Hälfte
11. Jht.), Arzt in Salerno, zieht für eine fünfbändige medizinische Enzyklopädie
mit dem Titel Passionarius de aegritudinibus a capite usque ad pedes [Sammel­
schrift über die Krankheiten aller Körperteile vom Kopf bis zu den Füßen] ne­
ben Galen, Caelius Aurelianus und Theodorus Priscianus auch Hippokrates als
Quellenautor heran. Petrus Musandinus (12. Jht.) gestaltet eine Fieberdiätlehre
(,Summula de cibis et potibus febricitantium) nach dem Vorbild von Acut. Bartho­
lomäus von Messina (13. Jht.) gibt einem Lehrbuch (Practica ) den Untertitel:
Introductiones et experimenta in practicam Hippocratis, Galeniy Constantini, grae-
comm medicorum [Einführungen und Erfahrungen zur Praxis des Hippokrates,
Galens, des Constantinus und anderer griechischer Ärzte]. Maurus von Salerno
(gest. 1214), der zusammen mit seinem Kollegen Urso kosmo- und psychologi­
sche Elemente in das Denken der salernitanischen Medizin einführt, und Arnald
von Villanova (1245-1315), experimentell tätiger Iatrochemiker, verfassen G los­
sen zu Aph. Thaddaeus Alderotti ( ~ 1223 bis 1303), Professor in Bologna und
von Dante als Hippokratist bezeichnet, kommentiert nicht nur das Original von
Aph., sondern glossiert zusätzlich den dazugehörigen Galenkommentar. Unter
den zahlreichen medizinischen Handbüchern, die Johannes von St. Amand (gest.
vor 1312) kompiliert, finden sich auch Abbreviationes Hippocratis et Galeni
[Hippokrates und Galen in Kurzfassung], eine summarische Übersicht des In­
halts der Schriften beider Ärzte.
Aus dem Mittelalter sind eine Reihe damals z.T. weit verbreiteter Schriften
bekannt, die man dem Hippokrates zugeschrieben hat, obwohl sie keine oder
nur eine geringe Beziehung zum C.H . besitzen. Die lateinischen Übersetzer be­
nutzten teils griechische, teils arabische Vorlagen. Eine gewisse literaturge­
schichtliche Bedeutung haben sechs Werke erlangt (s. Kasten).

P se u d o h ip p o k ra tisc h e S c h rifte n d es M ittela lte rs

Dynamidia (Dynamidia Hippocratis, Liber dynameus)

Der anonyme Autor (wahrscheinlich 2.Hälfte 6. Jht.) hat eine lateinische Über­
setzung von Vict.II bearbeitet und um Auszüge aus anderen Schriften (v.a. des
Dioskurides und des Gargilius Martialis) bereichert. Dabei ist ein Werk über
pflanzliche und tierische Nahrungs- und Arzneimittel entstanden. Von den 77
Lemmata sind die ersten 13 hippokratisch; danach verliert sich die Beziehung
zum Original.

199
Capsula eburnea (Secreta, Prognostica, Signa vitae et mortis, D e pustulis,
Analogium, Liber Praestantiae, Liber de veritate)

Beschreibung prognostisch ungünstiger Krankheitszeichen (auch der so genann­


ten Facies hippocratica). Dem lateinischen Text liegt ein spätgriechisches Origi­
nal zugrunde, dessen Autor aus den prognostischen Schriften des C.H . schöpft.
In der Einleitung wird Hippokrates zu einer Gestalt der Offenbarung umgedeu­
tet. Der Titel erinnert an ein Kästchen aus Elfenbein, in dem der Koer vor dem
Tode seine medizinischen Geheimnisse in Form eines Briefes verborgen haben
soll. Übersetzung (aus dem Arabischen): Gerhard von Cremona (1134-1187).

Calendarium Dieteticum (D e cibis, Diaeta)

Aus Vet.med., Acut., Aph., Salubr. und Vict.I-III zusammengestellter Speise- und
Diätplan. In den meisten Handschriften anonym überliefert, sonst dem H ippo­
krates zugeschrieben.

Astrologia medicorum (Astronomia, Astrologia Ypocratis)

Schrift über astrologische Medizin. Wahrscheinlich Werk eines byzantinischen


Gelehrten, evtl, auch arabischen Ursprungs. Lockere Beziehung zu Aer. Über­
setzung (aus dem Griechischen): Petrus von Abano ( ~ 1250 bis 1315/18) und
Wilhelm von Moerbeke (gest. vor 1286).

D e e/ementis Galieni secundum Hippocratem

Hippokratisch-galenische Lehre von den Elementen (12. Jht.). Fünf Textvarian­


ten bekannt. Übersetzung (aus dem Arabischen): Gerhard von Cremona.

Regimen sanitatis (salutis) ad Caesarem

Anleitung zu Diät und Gesundheitssport (Lauftraining). Lockere Beziehung zu


Vict.l-IV. Lateinisches Original verloren; Text nur in Landessprachen (Englisch,
Französisch) ü b e r l i e f e r t . ________ __________ ______________________

Über die im C.H . enthaltenen 24 spätantiken Briefe hinaus sind 19 weitere unter
dem Namen des Hippokrates zirkulierende Briefe überliefert, die aus der Zeit
vor dem 9. bis zum 15. Jahrhundert stammen. In ihnen werden verschiedene
Themen der Medizin und Medizingeschichte behandelt. Einige von ihnen sind an
hellenistische Herrscher (Alexander, König Antiochos u.a.) adressiert. Im
9. Brief (Epistula de phlebotomia prior) wird das Thema Aderlass didaktisch ge­
schickt in einem Spiel aus Fragen und Antworten behandelt.

200
In der geistlichen Literatur des Mittelalters setzt sich die aus dem frühen
Christentum bekannte tiefe Verehrung für Hippokrates fast ungebrochen fort.
Fulbert von Chartres ( ~ 960 bis 1028), Bischof von Chartres und bedeutendster
Theologe seiner Zeit, bringt den Koer in seinem Hymnus auf den heiligen Panta­
leon von Nikomedien (N. 1 col. 339C) in unmittelbare Nähe zu Gott (16,1: H oc
testatur ille vir Hippocrates, qui fu it hoc de caelo sublimatus vir Aesculapius, quibus
nemo ventilatur m aior esse medicus [Dies bestätigt jener große Hippokrates, der
in den Himmel aufgenommen worden ist, ein Mann wie Aeskulap, der größte
Arzt aller Zeiten], 17.1: At supernae medicinae Christus auctor emicat [Aber um
die höhere Medizin zu begründen, schwingt sich Christus empor]). Bernhard
von Clairvaux (um 1090 bis 1153), Mystiker und erster Abt des von ihm gegrün­
deten Klosters Clairvaux, stellt die so genannte Sekte Christi und die so genann­
te Sekte des Hippokrates einander gegenüber und will damit zeigen, dass der
Mensch sich zwischen Diesseits und Jenseits zu entscheiden hat. Honorius Au-
gustodunensis ( ~ 1080 bis — 1137), Schüler des Anselm von Canterbury, er­
zählt in D e animae exilio etpatria [Von der Verbannung und der Heimat der See­
le] von den Stationen der Wanderschaft des Menschen durch die Wissenschaften
und trifft dabei an der achten Station auf Hippokrates, von dem er sagt: per me-
delam corporum deducit ad medelam animarum [durch die Heilung der Körper
führte er zur Heilung der Seelen]. Der Franziskaner Roger Bacon (1215-1294)
teilt die Auffassung der Araber, dass Hippokrates gleich Homer, Sokrates und
Platon ein Engel und Prophet Gottes sei und in den Himmel aufgenommen
worden ist ( Opus maius V 272).
Eine kuriose pseudo-religiöse Argumentation verfolgt der Dominikaner N i­
colaus von Polen (13. Jht.) in seiner gegen die Schulmedizin und Hippokrates als
deren Begründer gerichteten Streitschrift mit dem Tit elAntipocras (Liber empiri-
corum) [Widerspruch gegen Hippokrates (Buch der Erfahrungswissenschaft­
ler)]. Der Koer, so will der Verfasser weismachen, sei nicht fromm gewesen und
deshalb habe ihm Gott die Weisheit nicht offenbaren können. Auf diese absurde
These gründet Nicolaus sein Plädoyer für eine magisch-mystische Heilkunde.

9.3 R ez e p tio n u n d W irk u n g d er h ip p o k ratisc h e n S c h rifte n in d e r N e u z e it

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Renaissance und Humanismus fördern die Rezeption des C.H . Doch dieses
Wiederaufleben beschränkt sich auf die Arbeit mit den Texten und hat kaum
Breiten- oder Langzeitwirkung. Der neue Hippokratismus des 16. Jahrhunderts
ist weit mehr ein literarisches als ein medizinisches Phänomen. Die Autorität des
Koers wird von vielen als Fortschrittshindernis empfunden. Zwar fordern fach­
wissenschaftlich orientierte Philologen, man solle die griechische Medizin wieder
aus den Quellen lernen. Zwar edieren, übersetzen und kommentieren gräkophile
Ärzte die Schriften des C.H . Zwar berufen sich auch einzelne dem naturwissen­
schaftlichen Fortschritt verpflichtete Mediziner wie der Iatrochemikcr Friedrich
Hoffmann (1660-1742) auf Passagen des C.H ., um den Koer als Gewährsmann
für ihre Theorien zu reklamieren. Mehr als vage Ansatzpunkte für neuzeitliche
Medizin vermögen die hippokratischen Schriften freilich nicht zu liefern. Da das
C.H . aber mehr Entwicklungs- und Interpretationsmöglichkeiten bietet als das
vergleichsweise geschlossene Opus Galens und jenem in einigen Bereichen (z.B.
Gynäkologie und Traumatologie) überlegen ist, wird Hippokrates vorüberge­
hend mehr gelesen als Galen. Die hippokratische Physiologie und Pathophysio­
logie werden aber vom 16. Jahrhundert an kaum noch ernst genommen. Auch
auf anderen Feldern nimmt die Autorität des Koers rasch ab. Nur als Philanth­

202
rop, guter klinischer Beobachter und Autor einprägsamer Empfehlungen und
Vorschriften wird Hippokrates weiterhin geehrt.

B e iträg e d e r P h ilo lo g ie

Die Renaissance-Philologen können aus einer reichen handschriftlichen Überlie­


ferung schöpfen. Das C.H . ist in sechs mittelalterlichen Handschriften überlie­
fert (s. Kasten). In den frühen Handschriften herrscht attisches Griechisch vor,
in den späteren findet man reichlich pseudoionische Wortformen. Die Schreiber
des 13. bis 15. Jahrhunderts ionisieren die Texte, weil sie von der falschen An­
nahme ausgehen, sie seien vorher attiziert worden, und weil sie dem Ionischen
als der Sprache der wissenschaftlichen Kommunikation den Vorzug geben wol­
len. Das Ionische ist bis zur Ablösung durch das Attische die Sprache der Philo­
sophie und der Naturwissenschaften gewesen und dominiert auch im C.H . Dori­
sche Wortformen treten dagegen deutlich zurück; die meisten findet man in
Fract.y Artic., Loc.H om Vict. und der so genannten Schicht A der gynäkologi­
schen Schriften. Die Mitteilung Aelians (var. IV 20), Hippokrates habe das Ioni­
sche aus Freundschaft mit Demokrit gebraucht, hat nur anekdotischen Wert.
Die Analyse der verschiedenen griechischen Dialekte im C.H . ist ein Hilfsmittel
bei der Klassifizierung der Schriften; zur Lösung der hippokratischen Frage trägt
sie aber kaum bei.

H a n d sc h riftlic h e Ü b e rlie fe ru n g des C .H .

M: Diels H.: Die Handschriften der antiken Ärzte. Abh. Ak. Berlin, Phil-hist. Kl. 1905; 1
- 1906;2 - Nachtrag in 1907/1908
A: Irigoin J.: Tradition manuscrite et histoire du texte. Quelques problemes relatifs ä la
Collection hippocratique. In: Coll.Hipp.I Strasbourg 1972 (Leiden, 1975): 3-18

B L A U R E N T I A N U S gr. 74,7 (9. Jh t.)


M V E N E T U S M A R C I A N U S gr. 269 (10. Jh t.)
Θ V I N D O B O N E N S I S M E D I C U S gr. 4 (10. Jh t.)
C P A R I S I N U S 446 su p p l. (10. Jh t.)
A P A R I S IN U S gr. 2253 (11. Jh t.)
V V A T I C A N U S gr. 276 (12. Jh t.)

Θ, C ' und A und die Kombination aus M und V besitzen die gleiche hohe Zuverlässig­
keit. Die Handschriften aus dem 13. bis 15. Jahrhundert (PARISINUS gr. 2140, PARI­
SINUS gr. 2141, PARISINUS gr. 2142 und LAURENTIANUS 74,1) ersetzen die in M
fehlenden Seiten. Eine kanonische Ordnung ist nicht erkennbar.___________________

Allein im 16. Jahrhundert erscheinen vier Gesam tausgaben und -Übersetzungen


(s. Kasten S. 204). Daneben werden auch Einzelschriften bearbeitet. Frangois

203
Rabelais (1483-1553), Dichter und Krankenhausarzt, gibt einen Sammelband
(Hippocratis ac Galeni libri aliquot ex recognitione Fr. Rabelaisi [Auswahl der
Bücher des Hippokrates und Galens von Fr. Rabelais], 1532) heraus, der den
Text von Aph. sowie Übersetzungen von PrognA cut.·, Aph. und Nat.Hom . ent­
hält.

Wichtige frühe Editionen des C.H .

Asul. Omnia opera Hippocratis/ Venedig 1526


'Άπαντα τα τον Ίπποκράτους
[Ald.l In aedibus Aldi et Andreae Asulani
Corn. Hippocratis Coi libri omnes, Froben, ed. Janus Basel 1538
Cornarius (Hagenbut, Hanbut) (15672, 15783)
Merc. Hippocratis Coi opera quae existunt,
ed. Hieronymus Mercurialis Venedig 1588
(mit lateinischer Übersetzung)
Foes Magni Hippocratis opera omnia quae exstant, ed. Frankfurt 1595
Anutius Foesius (162 42), Genf
1657
Lind. Magni Hippocratis Coi opera omnia Graece
et Latine, Leiden 1665
ed. Ioan. Anton. Van der Linden Wien 1743

Anutius Foesius (eigentlich Foes, Metz) hat das gesamte C.H. nicht nur kritisch ediert,
sondern außerdem eine lateinische Übersetzung und einen umfassenden Kommentar
(Oeconomia Hippocratis) verfasst.

Parallel zur Editionsarbeit wird die Echtheitskritik am C.H . weiterentwickelt.


Hieronymus Mercurialis (Giovanni Mercuriali, 1530-1606), Dermatologe und
Gynäkologe, teilt die hippokratischen Schriften in vier Klassen unterschiedlich
hoher Authentizität ein (Censura de Hippocratis operibus [Urteil über die Werke
des Hippokrates], Venedig 1583, Censura etdispositio operum Hippocratis [Beur­
teilung und Anordnung der Werke des Hippokrates], Frankfurt 1585), Ludovi-
cus Lemosius (Luis de Lemoes), berühmter spanischer Kliniker des 16. Jhts., er­
klärt 19 Traktate für echt (Judicium operum magni Hippocratis [Urteil über die
Werke des großen Hippokrates], Salamanca 1585).
Kein Traktat wird so oft abgeschrieben und übersetzt wie die Aphorismen.
Man kennt aus dem Mittelalter 140 griechische Handschriften und 230 lateini­
sche sowie 70 arabische Übersetzungen. Nach 1500 hat man begonnen, die
Aphorismen in europäische Landessprachen (Katalanisch, Englisch, Französisch,
Irisch) zu übersetzen. Kein anderer Traktat wird auch so oft in Versform
gebracht und hat so oft als Vorbild für gleichnamige Spruchsammlungen gedient
wieApb. (s. Kasten).

204
Die Aphorismen als literarisches Muster

Rhazes Liber Rasis de secretis 6 Teile. Teil 5:


(Arzt, Alchimist und in medicina, qui über Paraphrasen
Philosoph, 864-925) aphorismorum aus Hippokrates
appellatur

Henri de Mondeville Chirurgia Chirurgischer


(Chirurg, — 1250 bis 1320) Traktat in aphoristi­
schen Lehrsätzen

Denisot Gerard Hippocratis Aphorism i Übertragung in


(-1 5 2 0 bis 1594) (Paris, 1634 posthum) griechische
und lateinische Verse

Louis de Fontenettes Hippocrate depaise Paraphrasierende


(Paris, 1654) Version

Theodorus Janssonius Hippocratis Aphorism i Aphorismen mit


de Almeloveen (Amsterdam, 1756 posthum) Parallelen
(1657-1712) u.a. aus Celsus

Beiträge der Fachwissenschaften

Trotz der Offensive der Philologen verschwindet das C.H . europaweit nach und
nach aus dem Lehr-, Übungs- und Prüfungsstoff der medizinischen Fakultäten.
Die kritischen Stimmen mehren sich, die Verteidigungsversuche erlahmen. N ur
einige wenige Traktate werden noch neu kommentiert oder für aktuelle Hand­
bücher exzerpiert. Versuche, die hippokratischen Lehren und die exakten Wis­
senschaften miteinander zu verbinden, scheitern, auch wenn sie mit dem Namen
großer Kliniker wie dem Boerhaaves verbunden sind. Am schnellsten vollzieht
sich diese Entwicklung in Italien. Am längsten bleibt man dem Hippokratismus
in Frankreich verhaftet.
Im Europa der frühen Neuzeit hat man einigen herausragenden Ärzten den
Ehrennamen Hippokrates gegeben. Diese Auszeichnung galt ausschließlich der
Person der Mediziner, sie wurde unabhängig von ihrer Haltung zum historischen
Namensträger und dessen Lehre verliehen. Näher charakterisiert werden die Ge­
ehrten durch einen Hinweis auf das Land oder das Fach, in dem sie erfolgreich
gearbeitet haben (s. Kasten S. 206).

205
Hippocrates redivivus

Italienischer H. Giovanni Filippo Ingrassia (1510-1580), Palermo, Padua,


(Eigentlich: Neapel
Sizilianischer H.) Anhänger Galens. Erstbeschreiber des Stapes, der
vorderen Siebbeinzellen sowie der Synostosen des Schädels

Holländischer H. Pieter van Foreest (1522-1597), Delft


Pathologe. Exakte Beschreibung von Röteln, Pemphigus,
Krätze und Psoriasis palmaris

Englischer H. Thomas Sydenham (1624-1689), Cambridge


Erneuerer der Hippokratischen Theorien. Gegner Galens.
Plädoyer für klinische Epidemiologie und sparsame Thera­
pie. Sydenham-Chorea

H. Chimicus O tto Tachen (Tachenius, Tackenius), gest. 1670


(chymicus) Chemiater

Deutscher H. Samuel Thomas von Soemmerring (1755-1830), Frank­


furt am Main
Förderer der vergleichenden Anatomie. Mitentdecker der
Macula lutea. Prägte die Bezeichnung „ Bauchspeicheldrüse“

Niccolo Leoniceno (1428-1524), Professor der Medizin in Ferrara, bedauert,


dass die Texte der antiken Fachschriftsteller kaum gelesen bzw. missverstanden
werden, weil zu wenig Ärzte das Griechische beherrschen und die Philologen
nicht genug von der Medizin verstehen (Aphorismorum Hippocratis Uber primus
interprete Nicolao Leoniceno [Das erste Buch der Aphorismen des Hippokrates
in der Interpretation von Nicolaus Leoniceno], Ferrara 1509). Andreas Turini
( ~ 1473 bis 1543) verteidigt Hippokrates’ und Galens Lehre von den kritischen
Tagen {Hippocratis et Galeni defensio de causis dierum criticorum [Verteidigung
der Ansichten des Hippokrates und des Galen zu den Ursachen der kritischen
Tage], Rom 1542). Girolamo Cardano (1501-1576), Arzt, Mathematiker und
Naturforscher, kommentiert Aer., Aph. und Coac (Basel, 1570). Von 1767 an
wird Hippokrates aber in Padua weder gelehrt noch geprüft.
An deutschen (Freiburg, Ingolstadt) und englischen (College of Physicians,
London) Hochschulen verwendet man im Unterricht Texte des C.H . sowohl im
Original wie in neuen Übersetzungen. Paracelsus (1493-1541) verfasst einen
deutschsprachigen Kommentar zu Aph.y verwirft aber die Viersäftelehre. Der
Chemiker Andreas Libavius (1540-1616) versucht sich an einer aktualisierten
Gesamtdarstellung der alten Medizin unter besonderer Berücksichtigung des
Hippokrates {Novus de medicina veterum tarn Hippocratica quam Hermetica trac-

206
Uitus [Neue Abhandlung über die alte Medizin der Hippokratischen und Herme­
tischen Schule], Frankfurt, 1599). Der Wundarzt Johannes Scultetus (1595—
1645) beschreibt in Armamentarium chirurgicum [Instrumentenlehre] (Erfurt,
1659 posthum) die so genannte Bank des Hippokrates. Conrad Victor Schneider
(1614-1680) zeigt, dass der katarrhalische Schleim nicht aus dem Gehirn
stammt, sondern von Schleimhäuten produziert wird {De catarrhis libri V [Fünf
Bücher über die Abflüsse], Wittenberg, 1660) und widerlegt damit eine zentrale
These von Loc.Hom.
Eine Sonderstellung unter den Hippokratikern der Neuzeit nimmt Her­
mann Boerhaave (1668-1738), Professor in Leiden und Begründer des klinischen
Unterrichts ein. Er nannte seine Art zu lehren eine hippokratische Schule und
gab seiner Antrittsrede bei der Übernahme des Lehrstuhls für theoretische Me­
dizin (1713) den Titel: Oratio de commendando Studio Hippocratis [Empfch-
lungsrede für das Studium des Hippokrates]. Zwanzig Jahre später folgte die
Schrift D e Studio Hippocratis [Über das Studium des Hippokrates] und posthum
(1747, Nürnberg) erschienen Aphorismi de cognoscendis et curandis morbis in
usum doctrinae domesticae digesti [Aphorismen über die Diagnose und Therapie
von Erkrankungen zum häuslichen Gebrauch].
Dass die griechische Medizin in Frankreich länger und intensiver gepflegt
wird als in den Nachbarländern, hat mit der Rivalität der medizinischen Fakultä­
ten von Paris und Montpellier zu tun. Die Pariser Mediziner sind traditionell
Galen zugewandt und beginnen erst um 1550 damit, anstelle des galenischen
Materials hippokratische Texte zur Grundlage des Unterrichts zu machen.
Dagegen ist Montpellier von Beginn an ein Zentrum des Hippokratismus. Damit
wird Hippokrates im 16. und 17. Jahrhundert in begrenztem Umfang zum
Streit- und Prestigeobjekt der Hochschulen. Pierre Brissot (1478-1522) führt
bei Patienten mit Pleuritis Aderlässe durch und beruft sich für diesen Behand­
lungsversuch auf Hippokrates als Urheber. Der Chemiker Joseph Duchesne
(Josephus Quercetanus, ~ 1544 bis 1609) unterzieht den Wahrheitsgehalt der
hippokratischen Medizin einer wohlwollenden Prüfung {Ad veritatem Hermeti-
cae medicinae ex Hippocratis veterumque decretis ac therapeusi...stabilendam [Bei­
trag der Theorie und Behandlungspraxis des Hippokrates und der alten Arzte
zur Bestätigung der Richtigkeit der hermetischen Medizin], Paris, 1604). Vidus
Vidius (gest. 1569), Vermittler des griechischen Erbes für die französische
Medizin des 16. Jahrhunderts, berücksichtigt VC in seinem großen Lehrbuch der
Chirurgie. Als die Autorität der antiken Medizin durch die Beschreibung des
großen Kreislaufs (William Harvey, 1628) erschüttert wird, versucht man wider
besseres Wissen Hippokrates zum Vorläufer des britischen Entdeckers zu erklä­
ren. Jean Riolan (1580-1657), Professor in Paris, gibt einer seiner Streitschriften
den Titel Tractatus de motu sanguinis ejusque circulatione vera ex doctrina H ippo­
cratis [Abhandlung über die Bewegung des Blutes und seinen wahren Kreislauf
nach der Lehre des Hippokrates], 1652). Aer. wird im Laufe des 18. Jahrhunderts
noch einmal von drei Medizinautoren als Quelle genutzt, und zwar von dem

207
Schotten Jean Arbuthnot (1658-1735) für Essay concerning the effects o f air in
human body (London, 1733), und zwei Franzosen, Paul Joseph Barthez (1734-
1806) für Nouveaux elements de la Science de l ’homme (Paris, 1778) und Pierre
Jean Georges Cabanis (1757-1808) für Rapports du physique et du moral de
l ’homme (Paris, 1802).
An der Universität von Montpellier nimmt man Hippokrates 1771 aus den
Kursen. Der Lehrstuhl für hippokratische Medizin in Paris wird 1811 aufgeho­
ben.

T ra d itio n sp fle g e im 19. u n d 20. Ja h rh u n d e rt

Im 19. und 20. Jahrhundert wird Hippokrates innerhalb und außerhalb der Me­
dizin ganz auf die Rolle als der ideale Arzt reduziert. Die Schriften zu lesen ver­
spricht nur noch Erbauung in gesunden und kranken Tagen, sie zu edieren und
kommentieren bedeutet nur noch Traditionspflege (s. Kasten). Zwei Wissen­
schaftlern gelingt es jedoch, aus dem über 2000 Jahre alten Sujet nochmals Neues
zu schaffen: Theophile Rene Hyacinthe Laennec (1781-1826) und Emile Littre
(1801-1881).

D e u tsc h e Ü b ersetz u n g en d es C .H .

G rim m J .F .K . Altenburg 1781-1792, Glogau 1837


U p m a n n C .F . Berlin 1847
M erbach P.M . Dresden 1860
F u ch s R . München, Lüneburg 1895-1900 (Bd. 1-3)
K a p fe re r R . Stuttgart, Leipzig 1934-1939 (Bd. 1-5)
C a p e lle W. Zürich 1955
(„Fünf auserlesene Schriften“)
D i ll e r H . Hamburg 1962, Neudruck Stuttgart 1994
(„Die Anfänge der abendländischen Medizin“)
S ch u b e rt C h . Düsseldorf, 2005
(H rsg .) („Hippokrates. Ausgewählte Schriften“. Zweisprachige Aus­
gabe)

Der Bretone Laennec wird 1804 in Paris mit einer 39seitigen Arbeit zum Thema
Propositions sur la doctrine medicale d yHippocrate relative d la medecine pratique
zum Doktor der Medizin promoviert. Damit ist der Weg für die intelligente
Umsetzung hippokratischer Mitteilungen in die klinische Praxis gebahnt. Laen­
nec macht die akustischen Phänomene innerer Erkrankungen, über die der Koer
berichtet hat, zu seinem Forschungsgegenstand und entwickelt aus dieser Arbeit
sowohl das Werkzeug - nämlich das Stethoskop - wie die Methode - nämlich die
Auskultation - , um nicht-invasiv krankhafte Prozesse vor allem an Herz und

208
Lungen zu erkennen. Die bahnbrechende Monographie zum Thema erscheint
1819 in Paris unter dem Titel De Vduscultation mediate ou traite du diagnostic des
rnaladies des poumons et du coeur fonde principalement sur ce nouveau moyen
d'exploration.
Emile Littre ist der letzte Arzt und Hippokrates-Philologe, für den die mit
dem Namen des Koers verbundene Medizin einen Rest von aktueller Bedeutung
besitzt. Er ist allerdings in seinem Beruf nicht praktisch tätig, sondern betreibt
die Medizin als Textwissenschaftler. Dabei setzt Littre bis heute gültige Maßstä­
be und sich und dem Koer ein Denkmal. Er gibt nicht nur das gesamte C.H . auf
der Basis einer sorgfältigen Kollationierung der Handschriften neu heraus und
übersetzt es ins Französische, sondern er treibt auch Echtheitskritik und beein­
flusst damit den Verlauf der Diskussion über die Hippokratische Frage. Nur der
kombinierte historisch-philologische Zugang zum C.H ., den Littre wählt, ist
dem Sujet in der Folgezeit noch angemessen.
10 Literatur

A lte A u sga b en

Littre Ε. CEuvrcs completes d’ Hippocrate. Traduction nouvelle avec le texte


grec en regard. T. I-X. Paris, 1839-61. Nachdruck Amsterdam, 1973—
82

Daremberg Le serment; La loi; De Part du medecin; Prorrhetiques; Le pronostic;


Ch. V. Prenotions de Cos; Des airs, des eaux et des lieux; Epidemies, livres I
et III; Du regime dans les maladies aigües; Aphorismes; fragments de
plusieurs autres traites.
Traduits du grec sur les textes manuscrits ct imprimes; accompagnes
d’introductions ct de notes. Paris, 1843

Ermerins Hippocratis et aliorum veterum reliquiae. Vol. I—III. Traiecti ad Rhe-


F.Z. num, 1859-1864

Petrequin Chirurgie d’ Ippocrate. Paris, 1877-78


J.P.E.

Kuehlewein Hippocrates: Opera Omnia (Hippocratis opera quae feruntur omnia)


H. (ed.)

Vol. I: Über die alte Medizin. Von der Umwelt. Prognostikon 1 und 2. Re­
gimen acutorum. Regimen acutorum Suppl. Epidemien I. Epidemien
III. Leipzig, 1884

Vol. II: Wunden am Kopfe, Arztpraxis. Stichwunden. Über Einrenkungen.


Mochlikon. Leipzig, 1902

M o d ern e A u sgab en

ΚΑΚΤΟΣ: ΑΡΧΑΙΑ ΕΑΛΗΝΙΚΗ ΓΡΑΜΜΑΤΕΙΑ


ΟΙ ΕΛΛΗΝΕΣ 93-108: ΙΠΠΟΚΡΑΤΗΣ - ΑΠΑΝΤΑ
KAKTOS: Einführung, Text, Übersetzung, Erläuterungen. Athen, 1992 - 1993

1 ΓΕΝΙΚΗ ΙΑΤΡΙΚΗ
'Όρκος · Νόμος · Περί άρχαίης ιητρικης · Περί ίητρου ■ Περί τέχνης ■ Περί
εύσχημοσύνης · Παραγγελίαι · Άφορισμοί

2 ΠΡΟΛΗΠΤΙΚΗ ΙΑΤΡΙΚΗ
Προγνωστικόν · Προρρητικός Α και Β · Κφακαι προγνώσιες

211
3 ΠΑΘΟΛΟΓΙΑ - ΟΦΘΑΛΜΟΛΟΓΊΑ

Περί αέρων, ύδάτων, τόπων · Περί χυμών · Περί φυσών ·


Περί κρισίων · Περί κρίσιμων · Περί οψιος

4 ΑΝΑΤΟΜΙΑ - ΦΥΣΙΟΛΟΓΙΑ

Περί ανατομής · Περί καρδίης · Περί άδένων ♦ Περί σαρκών · Περί όστέων φύσιος ·
Περί φύσιος άνθρώπου · Περί γονής · Περί φύσιος παιδιού

5 ΔΙΑ1ΤΗΤΚΗ - ΘΕΡΑΙΙΕΥΤ1ΚΗ 1

Περί διαίτης Α · Περί διαίτης Β · Περί διαίτης Γ · Περί διαίτης Δ ή περί ενυπνίων

6 Δ1ΑΙΤΗΤΚΗ - ΘΕΡΑΠΕΥΤΙΚΗ 2

Περί διαίτης οξέων · Περί διαίτης ύγιεινής · Περί τροφής · Περί υγρών χρήσιος

7 ΓΥΝΑΙΚΟΛΟΓΙΑ 1

Περί γυναικείων Α'

8 ΓΥΝΑΙΚΟΛΟΓΙΑ 2

Περί γυναικείων Β'

9 ΓΥΝΑΙΚΟΛΟΓΙΑ 3

Περί γυναικείης φύσιος · Περί άφόρων · Περί παρθενίων

10 ΜΑΙΕΥΤΙΚΗ - ΕΜΒΡΥΟΛΟΓΙΑ

Περί έπικυήσεως · Περί έγκατατομής έμβρύου · Περί έπταμήνου ·


Περί οκταμήνου · Περί όδοντοφυίης · Περί εβδομάδων

11 ΧΕΙΡΟΥΡΓΙΚΗ

Περί τών έν κεφαλή τρωμάτων · Κατ' ιητρειον · Περί άγμών ♦ Περί έλκων · Περί
αίμορροίδων · Περί συριγγών

12 ΟΡΘΟΠΕΔΙΚΗ

Περί άρθρων · Μοχλικός

13 ΕΠΙΔΗΜΙΕΣ 1

Περί Επιδημιών το πρώτον · Περί Επιδημιών τό δεύτερον · Περί Επιδημιών το


τρίτον · Περί Επιδημιών το τέταρτον

212
14 ΕΠΙΔΗΜΙΕΣ 2

Περί Επιδημιών τό πέμπτον · Περί Επιδημιών τό έκτον · Περί Επιδημιών τό


έβδομον

15 ΠΕΡΙ ΑΣΘΕΝΕΙΩΝ

Περί Νούσων τό πρώτον · Περί Νούσων τό δεύτερον · Περί Νούσων τό τρίτον · Περί
Νούσων τό τέταρτον

16 ΠΑΘΗΣΕΙΣ - ΕΠΙΛΗΨΙΑ

Περιί παθών · Περί τών έντός παθών · Περί Ιερής νούσου · Περί τόπων τών κατά
άνθρωπον

17 ΕΠΙΣΤΟΛΕΣ

Έπιστολαί · Δόγμα Αθηναίων Έπιβώμιος · Πρεσβευτικός

Αρχαίοι Συγγραφείς
Lypourlis D. Hippokrates: Originaltext, Übersetzung, Einführung, Erläuterungen
Zitros. Thessaloniki

12 Περί άρχαίης ίητρικής; Περί αέρων, ύδάτων, τόπων; Προγνωστικόν; Περί διαίτης
οξέων; Περί Ιερής νούσου. 2000

13 Έπιδημίαι; Άφορισμοί; Περί χυμών; Περί τέχνης; Περί φύσιος άνθρώπου; Περί
διαίτης ύγιεινής; Περί κρισίων; Περί κρίσιμων. 2000

15 Τατρική δεοντολογία, νοσολογία: ‘Όρκος; Περί ίητρού; Νόμος; Περί εύσχημοσύνης;


Παραγγελίαι; Περί παθών; Περί τών έντός παθών; Περί νούσων; Περί διαίτης. 2001

19 Χειρουργική: Περί ίητρού; Κατ’ ίητρεΐον; Περί άγμών; Περί άρθρων; Μοχλικός;
Περί τών έν κεφαλή τρωμάτων. 2001

24 Γυναικολογία: Περί γυναικείης φύσιος; Περί γυναικείων; Περί άφόρων; Περί


παρθενίων; Περί γονής; Περί φύσιος παιδιού; Περί έπταμήνου: Περί οκταμήνου;
Περί έγκατατομής έμβρύου; Περί έπικυήσεως. 2002

CORPUS MEDICORUM GRAECORUM (CMG)

Texte

I1 Hippocratis Indiccs librorum, Iusiurandum, Lex, De arte, De medico, De


decente habitu, Praeceptiones, De prisca medicina, De aere aquis locis,
De alimento, De liquidorum usu, De flatibus, edidit J. L. Heiberg. Leip­
zig et Berlin, 1927

213
T 1,2 Hippocrates De aere aquis locis, edidit et in linguam Germanicam vertit
H. Diller. Berlin, 1970; editio altera lucis ope expressa. Berlin, 1999

I 1,3 Hippocratis De natura hominis edidit, in linguam Francogallicam vertit,


commentatus est J. Jouanna. Berlin, 1975; editio altera lucis ope expressa
addendis et corrigendis aucta. Berlin, 2002

I 2,1 Hippocratis De octimestri partu, De septimestri partu (spurium), edidit,


in linguam Germanicam vertit, commentatus cst H. Grenscmann. Berlin,
1968

I 2,2 Hippocratis De superfetatione edidit, in linguam Germanicam vertit,


commentatus est C. Lienau. Berlin, 1973

I 2,3 Hippocratis De morbis III, edidit, in linguam Germanicam vertit, com­


mentatus est P. Potter. Berlin , 1980

I 2,4 Hippocratis De diaeta, edidit, in linguam Francogallicam vertit, com­


mentatus est R. Joly adiuvante S. Byl. Berlin, 1984; editio altera lucis ope
expressa addendis et corrigendis aucta curatis a S. Byl. Berlin, 2003

I 4,1 Hippocratis De capitis vulneribus, edidit, in linguam Anglicam vertit,


commentatus est M. Hanson. Berlin, 1999

Kommentare, Vita

IV Sorani Gynaeciorum libri IV, De signis fracturarum, De fasciis, Vita Hip­


pocratis secundum Soranum, edidit J. Ilberg. Leipzig et Berlin, 1927

V 1,2 Galeni De elementis ex Hippocratis sententia, edidit, in linguam Angli­


cam vertit, commentatus est Ph. De Lacy. Berlin, 1996

V 4 1,2 Galeni De placitis Hippocratis et Platonis, edidit, in linguam Anglicam


vertit, commentatus est Ph. De Lacy, 3 vol. Berlin, 1978-1984

V 9,1 Galeni In Hippocratis De natura hominis commentaria III, edidit J. Me-


waldt; In Hippocratis De victu acutorum commentaria IV, edidit G.
Helmreich; De diaeta Hippocratis in morbis acutis, edidit J. Westenber­
ger. Leipzig et Berlin, 1914

V 9,2 Galeni In Hippocratis Prorrheticum I commentaria III, edidit H. Diels;


De comate secundum Hippocratem, edidit J. Mewaldt; In Hippocratis
Prognosticum commentaria III, edidit J. Heeg. Leipzig et Berlin, 1915

214
V 10,1 GaJeni In Hippocratis Epidemiarum librum I commentaria III, edidit E.
Wenckebach; In Hippocratis Epidemiarum librum II commentaria V, in
Germanicam linguam transtulit F. Pfaff. Leipzig et Berlin, 1934

V 10,2,1 Galeni In Hippocratis Epidemiarum librum III commentaria III, edidit E.


Wenckebach. Leipzig et Berlin, 1936

V 10,2,2 Galeni In Hippocratis Epidemiarum librum VI commentaria I-VI, edidit


E. Wenckebach; commentaria VI-VIII, in Germanicam linguam transtulit
F. Pfaff, editio altera lucis ope expressa. Berlin, 1956

V 10,2,3 Galeni In Hippocratis Epidemiarum libros commentaria, Indices nomi-


num et verborum Graecorum, composuerunt E. Wenckebach, K. Schu-
bring. Berlin, 1955

V 10,2,4 Galens Kommentare zu den Epidemien des Hippokrates, Indizes der aus
dem Arabischen übersetzten Namen und Wörter, verfasst v. F. Pfaff; Die
als sogenannte Simulantcnschrift griechisch überlieferten Stücke des 2.
Kommentars zu Epidemien II, hrsg. v. K. Deichgräber u. F. Kudlien. Ber­
lin, 1960

V 10,3 Galeni Adversus Lycum et Adversus Iulianum libelli, edidit E. Wencke­


bach. Berlin, 1951

XI 1,1 Apollonii Citiensis In Hippocratis De articulis commentarius, ediderunt


J. Kollesch et F. Kudlien, in linguam Germanicam transtulerunt J. Kol-
lesch et D. Nickel. Berlin, 1965

XI 1,2 Stephani Philosophi In Hippocratis Prognosticum commentaria III, edi­


dit et in linguam Anglicam vertit J. M. Duffy. Berlin, 1983

XI 1,3,1 Stephani Atheniensis In Hippocratis Aphorismos commentaria I—II, edi­


dit et in linguam Anglicam vertit L. G. Westerink. Berlin, 1985; editio
altera lucis ope expressa. Berlin, 1998

XI 1,3,2 Stephani Atheniensis In Hippocratis Aphorismos commentaria III-IV,


edidit et in linguam Anglicam vertit L. G. Westerink. Berlin, 1992

XI 1,3,3 Stephani Atheniensis In Hippocratis Aphorismos commentaria V-VI,


edidit et in linguam Anglicam vertit L. G. Westerink; indices compo­
suerunt J. Kollesch et D. Nickel. Berlin, 1995

XI 1,4 Ioannis Alexandrini In Hippocratis Epidemiarum librum VI commentarii


fragmenta, Anonymi in Hippocratis Epidemiarum librum VI commenta­
rii fragmenta, edidit, in linguam Anglicam vertit, commentatus est J. M.
Duffy; Ioannis Alexandrini In Hippocratis De natura pueri commcntari-
um, ediderunt et in linguam Anglicam verterunt T.A. Bell, D.P. Carpen-

215
ter, D.W. Schmidt, M.N. Sham, G.I. Vardon et L.G. Westerink. Berlin,
1997

XI 2,1 Pseudogaleni In Hippocratis De septimanis commentarium ab Hunaino


q. f. Arabicc vcrsum, cdidit et Germanice vertit G. Bergstraßen Leipzig et
Berlin, 1914

Suppl. Or. I Galeni In Hippocratis De officina medici commentariorum versio Arabi-


ca et excerpta, quae'All ibn Ridwän ex eis sumpsit, edidit et in linguam
Anglicam vertit M. Lyons. Berlin, 1963

Suppl. Or. II Galeni De partibus artis medicativae, De causis contentivis, De diaeta in


morbis acutis secundum Hippocratem libellorum versiones Arabicae,
cdidit et in linguam Anglicam vertit M. Lyons; De partibus artis medica­
tivae, De causis contentivis libellorum editiones alterius ab H. Schöne
alterius a K. Kalbfleisch curatae, retractaverunt J. Kollesch, D. Nickel, G.
Strohmaier. Berlin, 1969

Loeb Classical Library (Cambridge, London)

Vol. I: Ancient Medicine. Airs, Waters, Places. Epidemics I&III. The Oath.
Precepts. Nutriment. Transl. by W. H. S. Jones. 1923, 8th Imp.

Vol. II: Prognostic. Regimen in Acute Diseases. The Sacred Disease. The Art.
Breaths. Law. Decorum. Physician (Ch.l.). Dentition. Transl. by W. H.
S. Jones. 1923, 8th Imp.

Vol. III: On Wounds in the Head. In the Surgery. On Fractures. On Joints.


Mochlikon. Transl. by E. T. Withington. 1928, 7th Imp.

Vol. IV: Nature of Man. Regimen in Health. Humours. Aphorisms. Regimen I.


Regimen II. Regimen III. Dreams=Regimen IV. Transl. by W. H. S.
Jones. 1931. 9th Imp.

Vol. V: Affections. Diseases I. Diseases II. Transl. by P. Potter. 1988

Vol. VI: Diseases III. Internal Affections. Regimen in Acute Diseases. Appendix.
Transl. by P. Potter. 1988

Vol. VII: Epidemics II. Epidemics IV. Epidemics V. Epidemics VI. Epidemics VII.
Transl.by W. D. Smith. 1994

Vol. VIII: Places in Man. Glands. Fleshes. Prorrhetic I. Prorrhetic II. Physician.
Use of Liquids. Ulcers. Haemorrhoids. Fistulas. Transl. by P. Potter.
1995

216
Les Beiles Lettres. Collection G. Bude (Paris): Hippocrate - Ctuvres Completes

T.11,1: De Pancienne mcdecine. Jouanna J., 1990

T. II, 2: Airs, eaux, lieux. Jouanna J., 20032

T. II, 3 La maladie sacree. Jouanna J., 2003

T. IV, 3: Epidemies V et VII. Jouanna J., Grmek Μ., 20032

T. V, 1: Des Vents. De Part. Jouanna J., 1988

T. VI, 1: Du Regime. Joly R., 1967

T. VI, 2: Du Regime de maladies aigues. Appendice. De Paliment. De Pusage des


liquides. Joly R., 1972

T. VIII: Plaies. Nature des os. Coeur. Anatomie. Duminil M.-P., 20032

T. X, 2: Maladies II. Jouanna J., 20032

T. XI: De la generation. De la nature de Penfant. Des maladies IV. Du foetus de


huit mois. Joly R., 1970

T. XIII: Des lieux dans Phomme. Du Systeme des glandes. Des fistules. Des he-
morroi'des. De la vision. Des chairs. De la dentition. Joly R., 1978

Tratados hipocräticos: Bibi. das. Gredos M adrid Gredos

I: Juramento, Ley, Sobre la ciencia medica, Sobre la medicina antigua,


Sobre el medico, Sobre la decencia, Aforismos, Preceptos, El pronostico,
Sobre la dieta en las enfermedades agudas, Sobre la enfermedad sagrada,
introd. general de Garcia Gual C., introd., trad & notas de Garcia Gual
C., Lara Nava M.D., Lopez Ferez J.A. & Cabellos Älvarez B. No. 63,
1983

II: Sobre los aires, aguas y lugares, Sobre los humores, Sobre los flatos,
Predicciones I, Predicciones II, Prenociones de Cos, introd., trad. &
notas de Lopez Ferez J.A . 6c Garcia Novo E. No. 90, 1986

III: Sobre la dieta, Sobre las afecciones, Apendice a Sobre la dieta en las
enfermedades agudas, Sobre el uso de los liquidos, Sobre el alimento,
introd., trad. & notas de Garcia Gual C., Lucas de Dios J.M, Cabellos
Älvarez B. & Rodriguez Alfageme I. No. 91, 1986

IV: Tratados ginecologicos (Sobre las enfermedades de las mujeres, Sobre las
mujeres esteriles, Sobre las enfermedades de las virgencs, Sobre la
superfetacion, Sobre la excision del feto, Sobre la naturaleza de la mujer),
trad. & notas por Sanz Lingote L , introd. & indices por Ochoa Anadon
J.A. No. 114, 1988

V: Epidemias, trad., introd. & notas de Esteban A., Garcia Novo E. &
Cabellos Älvarcz B. No. 126, 1989

VI: Enfermedades [= De morbis, Ι-ΪΤΙ; De affectionibus interioribus], trad.,


introd. & notas de Alamillo Sanz A. & Lara Nava M.D., introd. al
volumen de Lara Nava M.D. No. 143, 1990

VII: Tratados quirürgicos (Sobre las heridas en la cabcza; Sobre el dispensario


medico; Sobre las fracturas; Sobre las articulaciones; Instrumentos de
reduccion; Sobre las fistulas; Sobre las hemorroides; Sobre las ulceras)
introd., trad. y notas por Lara Nava M.D., Torres H. & Cabellos Alvarez
B. No. 175,1993

VIII: Sobre la naturaleza del hombre; Sobre los lugares en el hombre; Sobre las
carnes; Sobre el corazon; Sobre la naturaleza de los huesos; Sobre la
generacion; Sobre la naturaleza del nino; Sobre las enfermedades IV;
Sobre el parto de ocho meses; Sobre el parto de siete meses; Sobre la
denticion; Sobre la vision; Sobre las gländulas; Sobre la anatomia; Sobre
las semanas; Sobre las crisis; Sobre los dias criticos; Sobre los remedios
purgantes; Juramento II, introd., trad. y notas por Jesüs de la Villa Polo,
Rodriguez Blanco M.E., Cano Cuenca J., Rodriguez Alfageme I. No.
307, 2003

Bibliographien, Konkordanzen und Lexikonbeiträge

Anastassiou A., Inner D. (Hrsg.): Testimonien zum Corpus Hippocraticum. 2, Galen 1,


Hippokrateszitate in den Kommentaren und im Glossar. Göttingen, 1997. 2, Galen 2,
Hippokrateszitate in den übrigen Werken Galens einschließlich der alten Pseudo-
Galenica. Göttingen, 2001

Anastassiou A., Irmer D.: Index Hippocraticus I. Göttingen, 1999

Apostolidis P.D.: Ερμηνευτικό λεξικό πασών των λέξεων του Ίπποκράτους. Athen, 1997

Bruni Celli Β.: Bibliographia Hipocrätica. Caracas, 1984

Byl S.: Les dix dernieres annees (1983-1992) de la recherche hippocratique. In: Centre
Jean-Palerne: Lettre d’ informations 1993;22: 1-39

Centre Jean-Palerne: Bibliographie des textes medicaux latins. Antiquitc et haut moyen
age. Sous la direction de G. Sabbah, P.-P. Corsetti, K.-D. Fischer. Saint-Etiennc, 1987:
94-107

218
Fichtner G.: CORPUS HIPPOCRATICUM. Verzeichnis der hippokratischen und
pseudohippokratischen Schriften. Tübingen, 1992

Kibre P.: Hippocrates Latinus. Repertorium of Hippocratic writings in the Latin Middle
Ages. New York, 1985

Kühn J.H., Fleischer U: Index hippocraticus. Göttingen, 1989

Leitner H.: Bibliography to the ancient medical authors. Bern/Stuttgart/Wien, 1973

Maloney G., Frohn W. (eds.): Concordantia in Corpus Hippocraticum/ Concordance des


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York, 1987

Maloney G., Savoie R.: Cinq cent ans de bibliographie hippocratique: 1473-1982. Quebec,
1982

Moisan M.: Lexique du vocabulaire botanique d’Hippocrate. Quebec, 1990

RE Pauly-Wissowa 8 (1913) S p .1801-1852 11. Gossen


S III (1918) Sp. 1154 H. Gossen
SVI (1935) Sp. 1290-1345 L. Edelstein
S X II (1970) Sp. 486-496 M. Michler

Der Neue Pauly 5 (1998) Sp. 590-599 P.Potter und


B. Gundert
14 (2000) Sp. 418-419, 419-421 Vivian Nutton

Die Vorsokratiker werden nach Diels-Kranz [DK] (Die Fragmente der Vorsokratiker.
Griechisch und deutsch von Hermann Diels. Herausgegeben von Walther Kranz. I—III-
Weidmann, Zürich,Hildesheim, 198918), Galen wird nach Kühn [I-XX] (Claudii Galeni
opera omnia. Editionem curavit C[arl] Gfottlob] Kühn. T.l-20. Nachdruck d.Ausg.
Leipzig 1821-1833. Hildesheim 1964-1965) und Marquardt [Scr.min.] (Marquardt I.
Scripta Minora. 3 Bde. Leipzig, 1884-1893) zitiert.

B io g ra p h ie n , W erk b esch reib u n gen

Ayache L.: Hippocrate. Paris, 1992


Di Benedetto V.: II medico e la malattia. La scienza di Ippocrate. Torino, 1986
Joly R.: Hippocrate, medecine grecque. Paris, 1965
Jouanna J.: Hippocrate. Paris, 1992
Oser-Grote C.M.: Medizinische Schriftsteller. In: Die Philosophie der Antike. Band 2/1:
Sophistik. Sokrates. Sokratik. Mathematik. Medizin. Hrsg, v .H. Flashar. Basel,
1998: 455-485
Potter P.: Short handbook of Hippocratic medicine. Quebec, 1988

219
S tu d ien re ih en u n d K o n g re ssb ä n d e

Projet Hippo. Documents: Dept. Des Litter. Fac. Des Lettres Univ. Laval Quebec

- I: Repartition des oeuvres hippocratiques par genres litteraires, par Maloney G., Potter
P. & Frohn-Villeneuve W.: 1979 15 p.
- TT: Distribution des particules sclon les genres litteraires chez Hippocrate, par Maloney
G & M.P.: 1979 21 p.
- III: Liste des oeuvres attribuees ä Hippocrate, par Maloney G. & Frohn W.: 1980 30 p.
- IV
- V: Codification d’analyse morphologique, par Maloney G. & Frohn W.: 1980 10 p.
- VI: Analyse statistique de sept donnees stylistiques dans les oeuvres hippocratiques, par
Maloney G, Landry R. [et al.J: 1980 228 p.
- VII: Ciassement des mots en categories grammaticales, par Maloney G. & Frohn W.:
1980 30 p.
- VIII: Le concept de χολή, la bile, dans le Corpus hippocratique, par Roy L.: 1981 292 p.

Internationale Hippokrates-Kolloquien

Tagungsort Jahr Organisator(en) Tagungsband


Ort Jahr
I Strasbourg 1972 Bourgey L., Jouanna J. Leiden 1975
11 Mons 1975 Joly R. Mons 1977
III Paris 1978 Grmek M.D. Paris 1980
IV Lausanne 1981 Lasserre F., Mudry Ph. Genf 1983
V Berlin 1984 Baader G, Winau R. Stuttgart 1989
VI Quebec 1987 Potter P., Maloney G,
Desautels J. Quebec 1990
VII Madrid 1990 Lopez Ferez J.A. Madrid 1992
VIII Kloster Banz/ 1993 Wittern R., Pellegrin P. Hildesheim 1996
Staffelstein
IX Pisa 1996 Garofalo I. Firenze 1999
X Nice 1999 Thivel A., Zucker A. Paris 2002
XI Newcastle 2002 Van der Eijk, P.J. Leiden 2005
upon Tyne
XII Leiden 2005 Horstmanshoff, H.F.J.

I La collection hippocratique et son röle dans 1’ histoire de la medecine. Colloque de


Strasbourg (23-27 oct 1972). Leiden, 1975 = Coll.Hipp.I Strasbourg 1972 (Leiden
1975)
II Corpus Hippocraticum. Actes du Colloque hippocratique de Mons (22-26 sept
1975). Joly R. (ed.). Mons, 1977 = Coll.Hipp.il Mons 1975 (Mons 1977)
III Hippocratica. Actes du Colloque hippocratique de Paris (4-9 sept 1978). Grmek
M.D. (ed.). Paris, 1980 = Coll.Hipp.III Paris 1978 (Paris 1980)
IV Formes de pensee dans la collection hippocratique. Actes du IVe colloque interna­
tional hippocratique. Lausanne (21-26 sept 1981). Lasserre F., Mudry Ph. (eds.).
Geneve, 1983 = Coll.Hipp.IV Lausanne 1981 (Geneve 1983)

220
V Die hippokratischen Epidemien. Theorie-Praxis-Tradition. Verhandlungen des Ve
Colloque International Hippocratique. Berlin (10.-15.9.1984). Stuttgart, 1989 =
Coll.Hipp.V Berlin 1984 (Stuttgart 1989)
VI La maladie et les maladies dans la Collection hippocratique: actes du VIe colloque
International hippocratique. Quebec (28 sept-3 oct 1987). Potter P., Maloney G.,
Desautels J. (eds.). Quebec, 1990 = Coll.Hipp.VI Quebec 1987 (Quebec 1990)
VII Tratados hipocräticos: (estudios de su contenido, forma y influencia): actas del VIP
colloque international hippocratique. Madrid (24-29 de sept dcl 1990). Lopez Ferez
J.A. (cd.). Madrid, 1992 = Coll.Hipp.VII Madrid 1990 (Madrid 1992)
VIII Hippokratische Medizin und Antike Philosophie. Verhandlungen des VIII. Inter­
nationalen Hippokrates-Kolloquiums in Kloster Banz/Staffelstein (23.-28. Sept.
1993). Wittern R., Pellegrin P. (Hrsg.) Hildesheim, 1996 = Coll.Hipp.VIII Kloster
Banz/Staffelstein 1993 (Hildesheim 1996)
IX Aspetti della terapia nel «Corpus Hippocraticum». Atti del IXe Colloque Interna­
tional Hippocratique, Pisa (25-29 sett. 1996). Garofalo I, Lami A, Manetti D, Ro-
selli A (a cura di). Firenze, 1999 = Coli. Hipp.IX Pisa 1996 (Firenze 1999)
X Le normal et le pathologique dans la Collection hippocratique. Actes du Xeme collo­
que international hippocratique. Nice (6-8 oct 1999). Nice, Paris, 2002 =
Coll.Hipp.X Nice 1999 (Nice, Paris 2002)
XI Hippocrates in Context. Papers read ad the Xlth International Hippocrates Collo­
quium. University of Newcastle upon Tyne (27-31 Aug. 2002). Ed. by van der Eijk
P.J., Studies in Ancient Medicine, 31 = Coll.Hipp.XI Newcastle upon Tyne 2002
(Leiden 2005)

Weitere Kolloquien

Rapports du IICCongres International de Medecine Hippocratique. Journees medicales d’


Evien. Paris, 1953

Hippocrate et son heritage: colloque franco-hellenique d’ histoire de la medecine (Fonda-


tion Marcel Mericux, Lyon, 9-12 oct 1985): Coli. Fondation Marcel Merieux . Lyon, 1987

Actas del VIII congreso espanol de estudios cläsicos (Madrid, 23-28 de sept de 1991), II:
1994
%
%
I
R e g is te r 1 -5

(1: Stellen aus dem C.H. 2: Sachen 3: Geographische Namen 4: Perso­


nen 5: Moderne Herausgeber und Autoren)

[Die Hauptfundstellen sind durch Fettdruck gekennzeichnet]

1. S te llen au s dem C .H .

Vct.med. Progn.
Allgemein 27-29, 114, 11% 200 Allgemein 31, 99, 101, 106, 109, 114,
1 57, 11% 120, 122 115, 116, 191, 192, 195,197, 198,
2 57,124 204
3 122 1 120, 141, 144, 173, 184
4-5 122 2 170
7 122 4 154
12 122 5 121, 144
14 124 7 157, 170,171
15 71, 142 8 144
18 137 9 159,173
19 137, 165 10 175
20 70, 121, 122 11 151
21 126 12 133,137,144
23 126 14 166,173
15 173
Aer. 16 170
Allgemein 29-30, 71, 114, 119, 197, 17 136,147,164
198, 200, 206, 207 20 121
1 170 24 146, 147, 163, 164, 165
2 58, 120, 175 25 19, 125, 171
3 58, 66, 143, 146, 148, 162
4 66, 143, 149, 152 Acut.
5 137,143 Allgemein 32-33, 68, 99, 101, 108, 114,
6 143 116, 191, 197,198, 200
7 129,156 1 31
8 123 2 31, 124
9 159 5 143
10 136, 155, 164 8 169
14 142 9 28
20 180 12 176
22 125, 142, 153, 180 13 175
14 126
15 176
17 153
18 178
30 171 1 163
38 144 1.2 35
39 176 1.3 777
42 137, 172 1.5 746
30 176 1.6 144
60 177 1.11 765
66 777 3 764, 769
3.7 724
A cut spur. 4 734
Allgemein 33-34, 99 5 148
1 148, 134 6 755
2 148, 180 7 733, 763, 765
3 765 10 737
4 7#0 13 750
6 153 14 737, 749, 797
9 777 15 777
10 184 16 99, 773, 182
11 179,180 16.1 772
19 750 17 750
24 176 17.2 737, 762
30 777 17.3 74#, 765
39 777 17.5 753, 754
37 752 17.8 180
52 750 17.10 772
17.14 762, 765
Epid.I 17.16 772
Allgemein 34, 35, 36-37, 54, 108, 191,
197 KC
1 166,171,172 Allgemein 39-44 774, 795, 797, 207
2 149 2 726
2.5 750, 164 4-8 757
2.12 766 9 757, 75#
3 149, 172 10 770, 777, 772, 773
4 171 11 743, 753
4.14 767 12 757, 158, 182, 183
6 31, 147, 152 13 726
8 37 14 757, 765
14 153 15 67
15 35 18 156,162
20 124 19 757, 772
24 747 21 756, 757
25 747, 173
26 722 Off.
26.1 148 Allgemein 40-41, 106, 109, 169, 191,
197
E pidH I 1 777
Allgemein 34, 35, 37-39, 108, 109, 111, 2 770
112, 191, 197 3 170

224
4 62,182 19 755
5 41,169 22 131
6 169 26 47
7 41 27 47, 756
28 757, 755, 163
Fract. 30 131, 157, 170
Allgemein 41, 42-43, 106, 113,114, 30-34 767
115, 125, 191, 192, 195, 197, 203 35-39 767
1 41,124,142,183 35-45 42
2 183 36 753
4 41 37 170
5 157 38 723
8 131,157 40 704, 755, 775
9 41 41 737, 755, 773
11 131, 133, 157, 158 42 756, 754
12 131 42-44 756
13 42, 156, 169 43 755
14 132 45 104, 126, 127, 130, 131, 132
15 131, 156 46 123,132,153,158
16 156 47 726, 756, 755
20 132 48 743, 753, 755, 755
22 756 49 158
23 732 50 130, 143, 157
30 156 51 755, 777
31 47,757 52 732, 763
36 184 53 732, 755, 763
37 755 55 763
43 759 56 141,158
46 131 57 704
76 769 58 47, 724, 755
60 732
^4/r/c 61 757
Allgemein 41, 42, 43-45, 61, 106, 111, 62 755
113, 125, 157, 191, 195, 197, 203 67 47
1 173 68 757
2 158 69 757
5 156 70 757, 769, 755
6 156 72 756
7 156 74 757
8 123, 158 77 756, 755
9 104 82 755
11 89,104,180 82-87 42
12 129, 156, 163
13 123, 131, 183 MochL
14 157, 158 Allgemein 42, 45, 67, 96, 774
15 158 1 737
17-29 42 2-3 42
18 755 7-19 42
26-31 42 6.1 750
36 158 6,15 62
38 158 6,23 755
39 42, 15 6.31 790
6,40 729
Aph. 6,45 67
Allgemein 45-46, 54, 55, 62, 99, 106, 6,56 752, 755
109, 110, 112, 113, 114, 115, 116, 6,59-60 753
184, 191, 192, 195, 197, 198, 199, 7,11 148
200, 204, 205, 206 7,25 707
1.1 72 7.32 747
1.2 101, 193 7.36 131, 159
1,4-5 176 7.37 757
1.14 62, 137 7,55 757
2.22 174 7,58 62
2.24 121 7,77 750
2,33 189 7,88 749
2.39 62
2,42 152 Jusj.
2,45 174 Allgemein 4 7 - ^ 114, 184, 197,198
2,50 774
3.5 159 Lex
3,12 764 Allgemein 48-49, 56, 114, 198
3.14 753 1 779
3,20-23 143
3.22 750 Epid.II
3.23 753 Allgemein 34, 35, 49-50, 52, 54, 56, 99,
3,24-31 144 106, 110, 111, 114, 115, 191, 197
3.25 746 1.3 757
3.26 151,166 1.5 46
3.30 754 1.6 144
3.31 146, 159, 164, 166 1.7 139, 159, 163
4.6 178 1.8 744
4,14-15 775 1.9 756
4,17 750 2.2 737
4,36 744 2.6 746
4.39 747 2.19 762
4,62 749 2.21 750
4,75-83 759 2.22 178
4,77 759 3.1 50, 52, 148, 153, 154, 166
4,80 730 3.2 142,143
5,1 178 3.6 750
5,8 148 3.17 767
5,16-25 67 4.1 96, 128
5.41 767 4.2 726
5.42 189 4.3 52, 757
5,56 753 5.1 755
5,60 767 5.2 754

226
5.11-12 744 16 40, 157
5.25 178 17 759, 777
6.1 155 18 172,183
6.14 144 19 763
6.15 142 25 767
6.16 180 26 734, 779
6.22 150 27 40,757
6.26 150 28 40, 726
29-30 753
E pidIV 35 169
Allgemein 34, 35, 53 54, 56. 99. 106, 40 775
114 41 733
10 75/ 44 763
13 154 45 729
15 754 46 127,169
16 150 49 765
17 744 52 755
19 767 55 747
20 747, 750 61 53
22 744 62 757
23 729 64 744
24 749 65 734
25 129,167 67 767
26 739, 754 74 752, 773
30 764 80 750
31 150 83 753
37 746, 753 84 53,753
38 735, 750 86 743
41 749 88 53
42 734, 744 95 35,169,173
43 736, 777 97 53,157,163
43b 746 98 757
50 769 100 134,163,167
51 746 101 735
53 766 103 762
60 726
E pidV I
E p id V Allgemein 34, 35, 57-52,54, 99, 706,
Allgemein 34, 35, 51, 106, 107, 114, 709, 770, 777, 772, 113, 114, 115,
183 191, 192, 197
4 733,763 1.3 42
6 33, 735, 746, 757, 750 1.11 757
7 129,180,183 1.12 762, 763
10 150 1.15 746
11 86,146,161 2.1 774
13 762 2.2 729
14 772, 753 2.5 756
15 753 2.24 770
3.6 166 43 747
3.12 124 44 746
3.18 20, 157, 759 47 737
3.23 135 48 746
3.23-4.3 54 50 747
4.6 726 51 747
4.7 75/ 52 757
4.9 733 55 729, 735
4.11 752 56 754, 773
4.18 793 59 746
5.1 142, 166 62 775
5.3 744 68 775
5.7 181 77 747
5.8 777 81 170
5.12 772 82 176
5.15 747, 735, 161 85 165
6.5 747 90 146
6.10 50 93 141
7.1 54, 747, 164, 169 97 129
7.2 752, 753 98 147
7.10 745 102 178
8.17 727, 777 107 766
8.19 150 109 755
8.23 745 111 735
8.26 735 113 763
8.30 770 114 733, 763
8.31 755 121 753
122 755
E p/dV II
Allgemein 34, 35, 51, 53., 56, 106, 753 Hum ,
1 775 Allgemein 36, 54, 106, 107, 110, 112,
2 147, 154 113, 114, 115, 191
3 725 1 742, 744, 764
5 753, 754, 766, 777 4 735, 764
7 746, 747, 765 7 745
8 752 12 743
9 747 13 736
10 745, 753, 754 13-19 779
11 727, 746, 754 14 736
12 747 15 724
13 747 20 763
16 746
17 757 Prorrh.I
25 754 Allgemein 54-55, 56, 772, 773, 775,
32 777 776, 191
35 763 18 764
37 752 19 754
39 747 34 27

228
55 754 1-2 70
99 134 4 736
102 172 6 777
147 146y153 7 723
160 166 8 32
9 742, 145, 174, 176
Coac. 11 22, 64, 96, 725
Allgemein 46, 55-56\ 99, 206 12 734, 762, 769
86 166 13 774
136 154 15 747, 759
208 171
214 171 Salubr.
221-222 164 Allgemein 55, 59, 65, 706, 707, 774,
223 766 775, 797, 200
244 184 1 72,775
252 164 2 742
289 727 5 736
298 733
304 178 Flat.
333 757 Allgemein 59-60, 773, 727
353 752 1 774, 752
378 76 3 133,156
396 734,747 4 727
399 766 6 727, 724, 743
430 89 10 734
443 133
444 733 Liqu.
449 733 Allgemein 6/, 774
453 750 1 757
454 750 2 727
463 759
502 766 Morb.I
556 178 Allgemein 56, 67, 6.2-63, 65, 99, 773,
587 752 775
2 743
3 733, 755, 759, 763, 773, 754
Allgemein 56-57, 114 5 774
I 722 7 745
1-2 2# 10 779, 752
3 774, 183, 193 11 734
8 722 12 734, 745
9 704 15 729, 734, 743, 777
II 742,770 16 722, 743
17 729, 734
NatHom , 18 62,734
Allgemein 57-58, 59, 64, 81, 107, 112, 19 735
113, 115, 192, 197, 204 20 734, 735
1 25, 737, 742, 769, 779, 752 21 743
22 727, 144 6 726, 725
26 128 7 737
28 128, 148 10 66, 739, 755
29 148 10-15 739
30 136, 134 10-22 59
31 148 13 739, 764, 750
33 148 14 729, 745, 772
34 754, 755 16 772
24 753
Aff. 25 770
Allgemein 62, 63-64, 63, 107, 118 28 177
1 39, 136 30 765
2 139, 132, 133 38 774
4 166 41 777
5 93, 133 42 746
9 84, 103, 138 46 722
10 138, 147, 148 47 67
11 138
12 133, 138 Morb. Sacr.
15 103 Allgemein 60, 65-66, 101, 113,132
16 138 1 79, 742, 747, 752, 754, 774
18 103, 147 1-2 779
20 149 2 725
21 130 5 136,132
22 133 5- 11 139
23 103, 138, 130 6 727
24 133, 130 6- 7 128
25 742,750 7 121, 123, 126
26 130 8 735
28 703 10 132,174
30 735 11 723, 739, 762
30-31 138 17 726
31 735, 755 18 774
32 149
33 722 Ulc.
34 735, 735 Allgemein 66-67, 113, 114, 197
35 764, 766 1 777
36 736, 777 10 733
37 746 14 759
40 703 17 775
47 750 26 146,180
55 72
Haem.
Loc.Hom. Allgemein 67, 68, 113, 136
Allgemein 64-65, 770, 113, 203, 207 1 735
1 739, 744 2 179, 180
2 726, 765 5 770
3 22, 129

230
Fist. 4 757
Allgemein 67, 68, 113, 156, 195 5 726, 734
3 170 7 757
4 170 10 766
6 770 11 766
12 59, 764, 750
14 734, 747, 779
Allgemein 68, 69-/1, 94, 114, 121, 200 15 76
2 28, 173 17-18 757, 750
4 136 18 76
10 73,91 20 734, 779
23 91 23 734
25 97 24 757
32 137 25 76,754
33 736 26-28 765
34 136 29 166,179
35 737, 742, 775, 775 30 766
31 166,179
Vict.II 32 750
Allgemein 68, 71-72, 94, 107, 114, 200 33 735, 757
37-38 779 33-37 766
38 97 34 750
39-56 776 35 157. 170
52 777 36 770
54 777 37 129,135
57 775 38-39 749
58 161,179 42 747
60 175 43 775
61 142 46 747
62 775, 759 47 764, 770, 777, 779
65 779 48 749, 764,754
49 749, 764, 772, 775
Vict.HI 50 725, 749
Allgemein 65, 72-73, 94, 114, 200 51 755
67 742, 777 53 77
68 775 55 62, 134, 180
69 773 59 777
74 150 60 770
80 737 61 730, 733
63 745
Insomn. 64 747
Allgemein 65, 7J-74, 774, 200 65 76, 754
87 119 67 776
88-90 779 68 747
69 729, 747
Morb.II 71 733
Allgemein 56, 62, 65, 74-75, 707, 773, 72 753
777, 775 73 775

231
74 749 48 99, 764
75 146 51-54 99
52 752
Morb.III 53 752
Allgemein 56, 62, 65, 75-76, 77, 92,
114, 118 NatMul.
6 99, 77/ Allgemein 77-78, 82, 114
7 147, 171 1 56, 779
9 754 2 733, 760
10 165 3 765
11 99,149 3-8 760
12 752, 165 5 760
13 752 11 762
14 150 12 734, 141, 160
15 99,148,153,171,178 13 760, 754
16 148, 172, 179 20 767
32 760, 777
Int 33 775
Allgemein 62, 63, 65, 76-77, 114, 117, 34 160,177
118, 177 35 760
1 143 36 767
6 166,176 37 760
7 146 40 760
9 134, 180 43 767
10 89,149,164 65 760
11 143 67 55
12 149 88 760
13 131 95 762
14 779 96 767
14-17 759 98 767
15 749, 779 99 767
17 131,159 104 763
18 180 105 763
20 175 106 55
23 723, 757, 756, 764 109 760
24 776, 750
26 133 Septim./ Oct
27-29 749 Allgemein 78-79\ 107
28 750 7 762
30-34 749, 757 9 704
35-38 749 12 762
36 775
37 747 Genit
39-43 757 Allgemein 79-50, 52, 797
44 777, 777 3 736
45 750 6 725
47 726, 746, 775, 777
47-50 153

232
Nat.Puer. 63 779
Allgemein 62, 80-81, 82, 83, 107, 113, 65 7«
162, 192, 197 68 48, 87, 162
13 123 70 87
14 125,161 72 779
13 163 74 760, 763, 178
16 125 75 767
17 123, 170 77 762, 750
18 161 78 760
20 164 81 54
21 83 82 775
22-27 54 84 779
29 123
30 162 MuJ.II
31 130,161 Allgemein 77, 75,52, 53, 84, 86, 113
2 78
Morb.IV 3-13 65
Allgemein 62, 81-82 7 774
1 125 19 760
2 136,137 24 735
5-9 136 34 760
10 136 35 57, 760
24 162 36 760
25 104,128 65 744
26 82 66-67 760
33 736 68 184
38 733 83 179
40 727 92 75
44 146 92-109 703
54 151 95 730
57 151 97 760

Mul.I Mul.UI
Allgemein 77, 78, 81,83-84, 113 Allgemein 77, 75, 85, 113
2 133, 153 3-4 767
3 762 4 759
7 752 5-6 57
15 189 18 760, 767
17 767 21 762
18 735 35-36 57
20 85 37 57
21 760
22 85
32 753 Allgemein 53, 85-86
41 739 1 779, 746
59-60 760
59-61 7# Superf.
62 160,182 Allgemein 86-87
19 189 3-6 752
27 48 5 744
28 170 7 77
9 752
Foet.Exsect. 11 735,766
Allgemein 87, 193 13 734, 763
1 179 14 104, 152
4 77.9 16 755
20 764
Anat. 21 104
Allgemein 87-88\ 126 24 767
1 128, 129, 130 28 757
42 129 31 757
39 743
Dent. 43 763, 764
Allgemein 88
Cord\
Gland. Allgemein 93
Allgemein 88-89 2 108,126
10 126 4 723, 128
11 65,139 10 726, 727, 725
15 126
17 135 A lim.
Allgemein 47, 94-95, 772, 773, 774,
Carn, 775, 797, 797
Allgemein 89-90 7 742
2 736 17 735
4 726 20 763
5 72# 26 752
6 727 30 729
15 765 31 727
16 89,139,165 42 53
17 726
18 765 K/öUc
19 722 Allgemein 95
1 764
Hebd 3 180
Allgemein 46, 56, 67, 72, 76, 90-9^
103, 108, 114, 121, 195 Oss.
8 77 Allgemein 58, 93-96, 108
46 99 1 726, 725, 732
50-52 184 7 725
9 22, 725
Prorrh.II 11 725
Allgemein 92, 113 13 725, 733
1 777, 775 16 737
1-4 173 19 725
3 777, 182

234
Medic. Orat.ar.
Allgemein 96-97, 108, 185 Allgemein 25, 102, 114
1 182
2 41 Thess.orat.
5 182 Allgemein 24, 25, 101, 102-103, 114,
7-8 180 124
8 179
9 126, 75/ InitHebd.
10 104 Allgemein 103
11 704
14 704
2. Sach en
Decent
Allgemein 97-98 Abbinden 157
6 119 Abdomen 729
7 182 Aberglaube 97
8 777 Abflusswege 739
11-16 182 Ablagerung 163
Abortiva 48
Praec. Abszess 134, 159, 163
Allgemein 97, 9<? Abtreibung 47, 160, 163
4 7« Abtreibungszäpfchen 48
6 7#7, 752 Achillessehne 131
9 182 Achselhöhle 131
10-11 182 Achtmonatskind 78
14 144 Aderlass 33, 96, 179
Adipositas 85
Judic. Adstringenzien 157
Allgemein 99\ 115 After 729
2 151 Agonie 184
39 722 Ägypten 66
Akromion 723
Dieb.Judic. Alexandrinische Redaktion 108
Allgemein 99, 115 Allgemeinmedizin 145
1 38 Allopathie 58, 174, 177
Aloe 703
Epist. Alphabetisierung 773
Allgemein 24-25, 100 Alter 144
1 124 Amenorrhoe 52
1-9 24 Amputationsfraktur 157
2 124 Anaerobierinfektion 84
10 25 Analfistel 68, 156
11 25,124 Analogium 200
13-21 25 Anasarka 133, 184
23 25 Anatomie 87-88, 125-132
Angeborene Hüftluxation 163
Decr.Ath. Angioarchitektur 96
Allgemein 24, 101, 124 Anomalien der Wirbelsäule 64

235
Anonymus Londinensis ( Papyrus) 60 Bauchfell 129
Anthrax 120 Bauchhöhle 133
Anthropologie 68, 89 Bauchschmerz 150, 151
Antithese 95 Bauchspeicheldrüse 88, 206
Aphasie 153 Behandlungsfehler 183
Aphonie 153, 165 Beleuchtung 97
Aphorismen 204, 205 Berührungsempfindlichkeit 153
Aphthen 163 Bestimmung des Geschlechts 85
Aphthosis der Luftröhre 164 Bewegungsarmut 92
Apophysis 131 Bewusstlosigkeit 152
Apoplexie 152 Bewusstseinsstörung 148
Apostasis 50, 139, 163 Bewusstseinsverlust 153
Apotheker 177 Bibliothek von Alexandria 108
Araber 196-197,201 Bioklimatologie 30
Arithmetik 101 Biologie 68, 90
Arterie 104, 127 Blase 126, 133
Arthritis 138 Bleiche Krankheit 117
Arthropathie 158 Blindheit 155, 164
Articella 198 Blut 94, 127, 136, 137, 138,139
Ärzteschule von Knidos 146-148 Blutstuhl 150
Ärzteschule von Kos 146-148 Blutung 43, 157
Asien 30, 120 Brechmittel 178
Asklepieion 56 Breiumschlag 179
Asklepiostempel 116 Brennfieber 33, 148
Asow' sches Meer 29 Brennfieberepidemie 49,52
Aspiration 93 Briefe 108,200
Assistent 169 Briefroman 100
Astheniker 144 Bronchus 103, 129
Atemluft 66, 121 Brustdrüse 88
Atemnot 147, 162 Brustkrebs 193
Athletiker 144 Brustwirbel 132
Atmung 60 Buckel 158
Atomistik 58 Bulbusruptur 164
Atrophie 43
Attisches Griechisch 203 Calendarium dieteticum 260
Aufstoßen 150 Calvaria 157
Auge 104, 127, 139, 190 Capsula eburnea 200
Augenkrankheiten 95 Cavum uteri 130
Aura 152 Cervix uteri 130
Auskultation 208 Chalazion 165
Aus wurf 147, 148, 172 Charaktere (Kürzel) 38-39, 109-111
Cheyne-Stokes-Atmung 171
Bäder 178 Chiasmus 95
Bänder 131 Chirurgische Praxis 41
Ballismus 153 Cholagogum 177
Bandage 157 Chorea 153
Bandscheibe 132 Chronischer Durchfall 149
Bank des Hippokrates 156, 207 Civitas Hippocratica 198

236
Continua 147 Echinokokkus 151
Contre-Coup 157 Echtheitskritik 193, 204 , 209
Corpus Hippocraticum passim Editionen 203-204
Effloreszenz 163
Damm 130 Ehrlichkeit 181
Dampfbad 179 Ei 125
Darm 729, 136 Eid 47-48
Darmblutung 172 Eidos 124, 142, 144
Darmgase 24 Eingießung 117
De cibis 200 Einlauf 175
De elementis Galieni secundum Einzelbeobachtung 55
Hippocratem 200 Eisenmangelanämie 151
De pustulis 200 Eiter 134, 139
Decubitus 133 Eiterung 134
Defäkation 150 Ekzem 164
Delir 153, 178 Elementarqualität 136
Dens axis 132 Elephantiasis 164
Dentition 88 Ellbogen 131
Denudierung 133 Ellbogenspitze 131
Deontologische Schriften 181 Ellbogenluxation 155
Depigmentierung 163 Embryo 121, 123
Depression 53,153 Embryologie 79, 80, 89, 162
Diät 28, 176, 200 Embryotomie 179
Diätfehler 92 Empfängnisförderung 160
Diätlehre 32, 63, 69, 70, 71, 72 Empiriker 189, 191
Diaphysis 131 Empyem 31,134,148,154, 164, 170,
Dickdarm 126, 129 173,178,179
Dicke Krankheit 153 Entbindung 162
Diskretion 97 Enterale Fistel 84
Dislokation 157, 158, 167, 182 Entropium 33
Diuretikum 177 Entzündung 134, 148, 164
Dogmatische Schule 188 Enzephalofugalc Flüsse 64-65, 66, 139
Dorische Wortformen 203 Enzephalopetale Strömung 139
Drainage 157,183 Epidemie 34
Drillbohrer 156 Epidemien 34-35, 36, 37, 38, 39, 49-53
Drüsen 104, 126 Epiglottis 128
Ductus deferens 130 Epilepsie 60, 65, 86, 119, 139, 144, 152,
Durchfall 62, 133, 137, 150, 151, 178 155, 162
Dusche 61 Epileptische Ziege 123
Dynamidia Hippocratis 199 Epileptischer Anfall 152
Dynamis 142 Epiphysis 131
Dysenterie 138 Epistula de phlebotomia prior 200
Dyskrasie 63, 138 Erbrechen 73, 149
Dyspareunie 161 Erektion 96
Dyspnoe 165 Erkenntnistheorie 98
Dysurie 159, 160 Ernährung 68, 94, 121, 124, 137, 145
Erweichung 160
Erysipelas 62, 144, 154, 160

237
Essighonig 176 Galle 77, 83, 127, 136, 137,146
Ethik 181, 187 Gallefistel 151
Ethos 144 Gallenblase 136
Europa 30, 120 Gallengang 129
Exazerbation 144 Galliges Erbrechen 150
Existenzberechtigung der Medizin 56 Gailsucht 137
Exkremente 99 Gangrän 134
Expektorantien 177 Gase 23
Expektoration 148 Gaumen 90
Exspiration 93 Gaumenzäpfchen 128, 179
Extension 156, 158 Gebärmutter 125,130, 133, 161
Extraktionszange 157 Geburt 79
Exsikkose 146, 148 Geburtshilfe 87
Exzision 183 Gefäß 65,95,127,139
Gefäßanatomie 64, 128
Fachliteratur 182 Gehirn 66, 88, 126, 134
Fachsprache 141 Geißfuß 157
Facies hippocratica 171, 200 Geistige Verwirrung 154
Falx cerebri 126 Gelbe Galle 136
Fasten 73 Gelbsucht 120, 149
Favismus 152 Gelenk 131-132,133
Fehldiagnose 183 Gelenkerkrankung 155
Fehlgeburt 79, 162 Gelenkflüssigkeit 131
Fehlstellung 158 Genetische Komponente 144
Ferse 132 Genfer Arztegelöbnis 186
Fetotomie 87 Genu valgum 158
Fettleibigkeit 161 Genuvarum 158
Feuer 68, 70 Geometrie 101
Fibula 43 Geophagie 151
Fieber 56, 91, 99, 104, 120, 143, 146, Gerinnsel 146
147, 148, 153, 154 Gerste 179
Fieberdelir 154 Gerstengraupen 176
Fieberkrämpfe 163 Gerstengrütze 32
Fixateur externe 156 Gerstenkorn 165
Flatulenz 150 Geruchssinn 165
Flechte 163 Gesäßmuskel 131
Fleisch 139 Geschicklichkeit 182
Förderung der Blutung 160 Geschlecht 144
Fontanelle 53 Geschlechtsleben 145
Fortpflanzungsmedizin 83 Geschlechtsorgan 130
Fraktur 39-40, 133, 157, 183 Geschlechtsverkehr 161
Frakturenlehre 190 Geschoss 143,157
Führungsröhrchen 180 Geschwulst 123, 135
Fünftagefieber 147 Gesichtsschwellung 84
Furunkel 164 Gesundheitssport 200
Fuß 133 Gewalt 143
Fußsohle 132 Gicht 158
Glaskörper 90, 127

238
Glatze 164 Hernie 156
Glaukom 165 Heroisierung 100, 188
Glüheisen 180 Herpes 163
Gottheit 86 Herz 65, 93, 126, 127, 136
Gravidität 79, 125 Herzklappen 93
Gymnastik 20y65, 69 Herzohren 93
Gynäkologie 84, 160-161, 202 Hexenschuss 153
Gynäkologische Schriften 81-85 Himmelskörper 73-74
Hippokratische Frage 105
Habituelle Luxation 158 Hippokrates-Kolloquien 17, 220
Hades 188, 196 Hirnhaut 126
Hämatologische Erkrankungen 151- Hoden 88, 130
152 Hodenschwellung 77
Hämatom 157 Hören 90, 165
Hämaturie 159 Hohlvene 128
Hämoglobinurie 148 Homöostase 135
Hämolyse 148 Honorar 23, 98, 181, 182-183
Hämoptoe, Hämoptyse 76, 77, 92 Hornhaut 90, 127,165
Hämorrhoiden 67,68,138, 156, 179, Hüfte 132,139
180 Hüftgelenk 123
Halbdrei tagefieber 147 Hüftluxation 153, 158, 163
Halbseitenblindheit 164 Hüftmuskeln 131
Halluzinationen 77, 153 Hüftpfanne 132
Hals 128 Hühnerei 81, 123
Halswirbel 132 Hülsenfrüchte 52, 151
Haltczange 157 Humanismus 202
Handfläche 132 Humoralpathologie 57, 81, 84, 138
Handgelenk 132 Hundsstern 120
Handschriften 203 Hungersnot 151
Handwerker 169, 182 Husten 148,149,154
Harnblase 130, 133 Hustenepidemie 50, 52, 54, 148, 164
Harnleiter 130 Hydromel 161, 176
Harn- und Stuhlretention 155 Hydrops 23, 133, 144, 160, 164
Harnröhre 130 HygieneVorschriften 41
Harnstauung 84 Hymen 85
Hauspcrsonal 182 Hypersalivation 146
Hebel 156 Hypochondrie 153
Hedra 157 Hypomnemata 35
Hegemonikon 93
Heilige Krankheit 60, 65-66, 119, 152 Iatrosophistik 59
Heilung 144 Ich-Stil 33, 66
Heiserkeit 166 Ikterus 117, 138, 149, 150, 176
Helleborismus 103 Impotenz der Skythen 125
Helleborus 178 Impressionsfraktur 157
Helminthosen 151 Individuelle Disposition 144
Hepatische Enzephalopathie 149 Infektiologie 146
Hepatomegalie 153 Infektiöse Enteropathie 151
Herakleische Krankheit 152 Ingesta 137

239
Inklination 132 Klumpfuß 158
Inkontinenz 134 Knidische Medizin 32, 167
Intraokulare Blutung 164 Knidische Sentenzen 32-33, 75, 82,
Inspiration 93 117
Instrumente 96 Kniekehle 132
Inzision 179 Kniescheibe 132
Ionisches Griechisch 189, 203 Knirschen mit den Zähnen 173
Iris 127 Knochen 134, 179
Isagoge Johanniti 198 Knocheninfektion 153
Ischias 135 Knochenschaft 131
Knöchel 132
Jahreszeiten 136y143 Knorpelbelag 132
Jejunum 129 Kochung 137
Juckreiz 146, 149 Körpergeruch 154
Jungfrau 85 86 Körperkultur 46
Körpersaft 135-136, 138
Käse 137,176 Koitus 192
Kairos 174 Kolik 150
Kallus 158 Kollegiales Verhalten 181
Kampfsport 175 Koma 116, 154
Karbunkel 164 Komet 35
Kardia 127 Kompilation 103, 106
Karies 167 Komplikation 48, 179
Karphologie 154 Kondylom 67,159,160
Katarakt 165 Kongenitale Faktoren 144-145
Katastasis 34, 49, 120 Kongenitale Luxation 158
Kausalfaktor 124, 145 Konstitution 34
Kausos 32, 138, 145, 148, 154, 173 Konstitutionstyp 84, 137, 142
Kauterisation 44, 50, 67, 95. 180, 183 Kontusion 40, 157
Kedmata 158 Konvulsion 162
Kehldeckel 128 Konzeptionsfähigkeit 161
Kiefer 131, 133 Konzeptionshindernis 85, 161
Kiefergelenk 167 Kopf 126, 136
Kieferkrampf 152 Kopfgrind 164
Kind 59, 144, 162 Kopfschmerz 138, 146, 152, 153, 170,
Kinderheilkunde 162-163 173, 180
Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie Kopfschwarte 163
85 Kosmologie 68, 89, 90, 120
Kinderlosigkeit 78, 85, 161 Krabbe 135
Kinderschädel 30 Krätze 164
Kindliche SchädelVerletzungen 162 Krampf 155, 178
Kindsbewegungen 83 Krampfadern 156
Kleidung 145 Krampfanfall 60
Kleine Chirurgie 67 Krankenbett 182
Klima 143 Krankengymnastik 65
Klimabericht 34, 36, 37, 50, 51, 52. Krankheit 141
Klinische Untersuchung 171-172 Krasis 137
Klistier 175 Krebs 135

240
Kreuzbein 132 Luftröhre 127, 128, 129
Kreuzung der absteigenden Bahnen Lunge 87,129,133
126 Lungenlappen 129
Kriegschirurgie 97 Luxation 123, 157—158, 167
Krise 121, 144 Luxationslehre 43, 116, 167
Kritik 188, 195 Luxationsrichtung 158
Krozidismus 154 Lymphknotenschwellung 129, 163,
Kunstprosa 29 166
Kurzarmigkeit 163
Kyphose 132 Magen 127, 139, 144, 139, 149
Makrokephalie 29, 30, 142
Labien 130 Makrokosmos 91
Labkraut 78 Makropathologie 133
Lähmung 155 Malaria 148
Laie 66, 106, 122 Mamille 131
Lamina diploe 126 Mamma 126, 131
Lanzette 170 Mammatumor 135
Laryngotracheitis 165 Mangelernährung 152
Larynx 128 Manie 100
Lauftraining 200 Maniküre 182
Lebensalter 136 Marasmus 75
Lebensgewohnheiten 145 Mark 139
Leber 87, 88, 94, 103, 127, 128, 129, Massage 104, 179
133, 136, 149, 157 Mastdarm 129
Lebererkrankung 180 „Maximen und Reflexionen“ 71
Lebervene 128 Melancholie 155
Lederriemen 156 Melancholiker 137,143
Legendenbildung 102 Melikrat 176
Leiste 129 Membrum virile 130
Leiter 156 Meningismus 166
Lendenwirbel 132 Menschenliebe 98, 181
Lepra 164 Menses 161
Lethargos 32, 143, 154\ 155 Mesenterium 126
Leukom 165 Mesokolon 129
Lex 48-49, 185 Met 176
Liber de veritate 200 Meteorismus 133, 150
Liber dynameus 199 Meteorologie 29, 119-120
Liber Praestantiae 200 Methodische Schule 188,189
Lidrand 127 Migraine ophtalmique 153
Lidverletzung 165 Mikrokosmos 91
Lidwarze 165 Mikro melie 163
Linsentrübung 95 Milch 176
Liquorrhoe 157 Milz 126, 128, 129, 133, 136, 151
Literaturstudium 99 Milzvene 128
Lithotomie 185 Mischung 137
Lochien 87, 119, 139 Mohnsaft 177
Lordose 132 Molke 176
Luft 58, 60,; 94, 121, 127 Monismus 23, 58

241
Müdigkeit 146 Oberbauch 129
Mumps 36, 120, 166 Oberschenkel 132
Mund 136 Obstipation 130
Mundpflege 84 Obstruktion 750
Mundspeicheldrüse 88 Oeconomia Hippocratis 204
Musculi psoas 131 Ödem 134
Musculi temporalis et masseter 131 Oesophagus 87
Muskel 104, 131 Offene Extremitätenfraktur 137
Muskelzittern 133 Ohnmacht 133
Mydriasis 133 Ohr 104, 139
Ohrenschmalz 166, 172
Nabelregion 171 Ohrenschmerz 166
Nachschlagewerk 77 Okklusion 167
Nachtblindheit 93, 164 Okulomotoriuslähmung 76
Nackenmuskulatur 131 Olisthesis 137
Nahrung 94 Opisthotonus 31, 73, 132
Nahrungsmittel 68 Organ 126
Naht 126 Organogenese 89
Narbe 133 Organ tumor 133
Nase 136, 139 Orthopädische Leiden 138
Nasenbeinfraktur 123 Orthopnoe 163
Nasenbluten 50, 163 Osteologos 87
Nasenknorpel 133 Osteolyse 137
Nasenpolyp 166 Otomastoiditis 166
Natur 124 Oxymcl 176
Naturphilosophie 68, 70, 89, 120-122,
141 Pachydermie 164
Nekrose 43, 133 Pädiatrie 88
Nephritis 139 Palliation 174
Nephropathie 139 Paravertebrale Muskeln 131
Nerv 133 Parästhesien 123, 133
Neue Mauer ( Thasos) 33 Pathophysiologie 81
Neunmonatskind 162 Patient 117, 169
Neuntagefieber 147 Patriot 114
Neurologie 34, 73, 76, 152-155 Peloponnesischer Krieg 23, 102
Neurolues 133 Pemphigus 206
Niere 89,130 Perikard 127
Nierenabszess 179 Periodeut 27, 30, 169
Nierenerkrankung 117 Periodizität 148
Niesen 766 Peripleumonie/ Peripneumonie 32, 33,
Nieswurz 26, 100, 101, 178, 188 104, 138, 148, 134, 173, 183
Noma 163 Peritonitis 757
Nosologie 90 Pes valgum 738
Notizensammlung 106 Pessar 160
Nulldiät 176 Pest 23, 124
Nykturie 139 Pfeffer 84
Pflanzenwelt 81
Oberarm 131 Pflichten 181-182

242
Pharmakitis 76, 84, 703 Prolaps Uteri 7#, #7, 760
Pharmakotherapie 176-178 Prophylaxe 777
Pharyngitis 132, 165 Pseudohippokratische Schriften 799
Pharyngotomie 123 Pseudoionische Wortformen 203
Phlebotomie 17% 180, 200 Psoriasis palmaris 206
Phlegma 739 Psychopharmakon 77#
Phlegmagogum 777 Pubertät 744
Phlegmone 763 Puerperalsepsis 762
Phonation 90 Puls 64, ##, 94,171
Photopsien 765 Pulslehre 797
Phrenitis 32, 720, 73#, 74#, 754, 755 Pupille 727
Phthisis 36, 74, 777, 720, 744, 74#, 749, Purgation 50, 725, 775
755, 764, 7#4 Purgativum 777, 178
Phthoe 749 Pustulose 764
Phyma 735 Pythagoräische Philosophie 47, 4#, 79
Physiologie #9, 725 Pyurie 759
Physis 742
Pica-Syndrom 757 Quacksalber 9#
Piestron #7 Quartana 747, 74#
Pikazismus 757 Quecksilber 777
Placenta 725 Querschnitt 755
Plasmodium malariae 74# Quotidiana 747
Plattwurm 757
Pleonasmus 29 Rachen 729, 739
Pleuraempyem 777, 779, 7#0 Radnabe 756
Pleuritis 32, 33, 74#, 754, 207 Räucherung 760
Pleuritisches Reiben 772 Raspatorium 757
Pneumatische Schule 7#9 Rasselgeräusche 747
Pneumologie 75, 746 Rede 56
Podagra 73#, 744, 755 Regelblutung #5
Polydipsie 74# Regio pubica 130
Posttraumatische Deformität 757 Reinigung 760
Potenzial 742 Reiten 725
Pottvscher Buckel 75# Reklination 75#
Prävention 773 Rektozele 78
Präventivdiät 68 Religiöse Medizin 119-120
Praxisinstrumente 726 Remission 744
Prellung 75# Renaissance 202
Priapismus 759 Reposition 42, 723, 756, 757, 75#, 183
Priesterarzt /69 Reproduktionsmedizin #5
Primigravida 767 Respirationstrakt 72#
Privilegien 7#2 Retrospektive Diagnose 745
Prodiagnose 72y 173 Rezeption 7#4-7#5, 187-209
Prognose 37, 95, 99, 172-173 Rezidiv 744
Prognostik 55, 90, 92 Rezidivprophylaxe 7#0
Prognostische Zeichen 790 Riechen 89-90
Projet Hippo 77 Ringen 775
Proktologie 67-68 Rippe 729. 734

243
Rippenfell 129 Sklera 127
Rippen-Wirbel-Gelenk 132 Skorbut 152
Röcheln 147 Skrotalhernie 159
Röteln 206 Sodbrennen 150
Rötung 163 Solidarpathologie 83,84, 117, 132-135,
Rückenmark 126, 149, 155 138
Rückenmarksphthisis 155 Sommersprossen 161
Ruhigstellung 156 Sonde 170
Rundwürmer 151 Sophist 56
Sozialstatus 182
Säfte 127, 137, 138, 139 Spatel 170
Säfteschema 136 Spaziergang 175
Sagetrepan 156 Speiche 131, 132
Sänger 165 Speichelfluss / 54
Säuglingsalter 88, 114 Speiseröhre 129
Säuglingssterblichkeit 79 Spekulum 67, 68, 170
Salbe 179 Spinalnerv 126
Salzbad 179 Spondylitis tuberculosa 158
Samen 79-80, 125 Sport 175
Samenerguss 155 Sprachverlust 152
Scrotum 130 Sprechen 89, 90
Seele 91,126 Sprunggelenk 132
Sehne 126, 131, 134 Spulwurm 151
Sehnerv 127 Sputum 137
Sehstörung 153 Suda 19,25,46,116,195
Sehverlust 165, 170 Sukkussion 87
Sektion 93, 123 Superfetation 86-87
Selbstbeschränkung 181 Sutur 39
Selbstdarstellung 56 Sympathikus 126
Selbstkritik 182 Syngramma 35
Selbstmörder 165 Synostose 206
Selbstmord 48 Szirrhus 160
Scnkungsabzsess 179
Sensibilitätsverlust 153, 165 Schabeisen 157
Sepsis 137 Schädel 157, 170
Serum 127 Schädeldach 157
Sexualität 175 Schädeldachosteomyelitis 157
Sexuelle Enthaltsamkeit 175 Schädelnaht 39, 126
Siebbeinzellen 206 Schädeltrepanation 156
Siebenmonatskind 78, 162 Schädelverletzung 39, 157, 171
Siebenzahl 89, 90-92, 103 Schallleitung 165
Signa vitae et mortis 200 Schamgefühl 160, 181
Sinnesorgane 89 Scharlatanerie 49, 119
Sinnesphysiologie 89 Schaum vor dem Mund 152
Sinusvenenthrombose 166 Schienbein 132
Sitzgelegenheit 97 Schiene 156
Skalpell 170 Schlaf 145
Skarifikation 95 Schläfrigkeit 154

244
Schlag 143 Stimmband 165
Schlange 143 Stimme 165
Schleim 77, 83, 117, 127, 135, 136, 137, Stimmverlust 62
138 Stirnkopfschmerz 153
Schleimsüchtiger 139 Stoa 94, 97, 191
Schleuderbewegung 153 Stoffwechsel 94
Schlingenverband 160 Strabismus 165
Schluckauf 147, 148, 166 Strangurie 159
Schlüsselbein 131 Struma 166
Schmerz 138, 146 Stuhl 137
Schnupfen 166 Stuhlabgang 152
Schorf 163 Sturz 135, 143
Schröpfköpf 96, 180
Schüttelfrost 147, 153 Tagblindheit 164
Schulterblatt 131 Taschenklappen 128
Schulterluxation 180 Tastuntersuchung 171
Schultermuskeln 131 Taubstummer 165
Schultcrrcposition 188 Tempelmedizin 119
Schuppen 163 Temperament 137
Schuppenflechte 164 Tertiana 147
Schuster 169 Testament des Hippokrates 103, 185
Schwangerenberatung 79 Tetanos 117, 152
Schwangerschaft 79, 80, 85, 161, 162 Tetragonon 156
Schwangerschaftstest 78, 85, 161 Textkritik 108, 114
Schwangerschaftsverhütung 161 Thalassämie 151
Schwarze Galle 136 Therapieversagen 178
Schwarzer Urin 172 Thorax 129, 134, 139, 148
Schwefel 177 Tod 144, 181, 184
Schweigepflicht 48 Todessehnsucht 153
Schwein 93 Tonsillitis 166
Schweiß 99, 103 Training 92
Schwellung 133, 134 Traum 68, 73, 119
Schwerhörigkeit 166 Trauma 157
Schwindel 153 Traumatische Luxation 158
Schwindelanfall 153 Traumatologie 45, 126, 133, 143, 169,
Schwitzen 147, 154 195, 202
Trepan 156
Standeslehre 98 Trepanation 40,50, 95, 157, 183
Standesordnung für die Deutschen Arz­ Trommelfell 165
te 185-186 Tuchwalker 53, 170
Stapes 206 Tumor 104, 135
Star 164 Typhus abdominalis 151
Steinleiden 159
Steinschnitt 48 Übelkeit 149
Sterilität 85 Übermaßbehandlung 183
Sternenhimmel 120 Überschwängerung 86
Sternum 128 Uhrglasnägcl 149, 164
Stethoskop 208 Ulkusleiden 151

245
Ulnarislähmung 155 Weinmilch 176
Ulzeration 133, 135 Wendung des Kindes 87
Umwelt 30, 143 Werktitel 108
Umweltmedizin 30, 143,190 Wettkampfsport 59
Unfallchirurgie 156 Winde 143
Unterarm 131 Winterfieber 138
Unterbauch/ Unterleib 126, 129, 134 Wintersonnenwende 53, 120
Urin 136, 172 Winzer 169
Urinsediment 159 Wirbel 132, 139
Urolithiasis 159, 162 Wirbelkörperdislokation 158
Uterus 126, 130, 134, 160 Wirbelkörperfortsatz 132
Wirbelsäule 132
Vena cava inferior 128 Wissenschaft 98, 122-125
Vena jugularis 128 Wolfsmilchgewächs 177
Vene 104, 121, 127-128 Wundchirurgie 104
Veratrum album 178 Wunde 33-34, 133
Veratrum nigrum 178 Wundrose 134
Verband 157 Wurmkrankheiten 120, 151
Verhaltenskodex 97
Verkrampfung 152 Zähne 90
Verlagerung des Uterus 160, 165 Zahnfleischwucherung 167
Verletzung 67, 156-157 Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde 167
Verzögerte Behandlung 183 Zahnschmerz 167
Viererschema 136, 191 Zittern 146, 154
Viersäftelehre 57, 58, 59, 62, 68, 81 Zunge 90
Virilisierung 52 Zusammenprall 143
Vita Bruxellensis 19 Zweisäftelehre 62, 82
Vitiligo 164 Zwerchfell 126, 135
Vogelflug 169 Zwillinge 80, 86, 193
Vorgeschichte 170-171 Zwillingsgeburt 165
Vorsokratische Philosophie 70, 79, 90,
91, 120-122
Vorsorgemedizin 169 3. G e o g ra p h isc h e N a m e n

Wachstumsbedingte Luxation 158 Abdera 21, 25, 34, 38, 51, 52, 53
Wade 132 Ainos 49, 50, 52, 53, 151
Wadenbein 131 Akanthos 53
Wahrheit 182 Alexandria 39, 108, 193, 195
Wanderarzt 21, 55, 97, 145, 182 Athen 25, 34, 51, 102, 124
Wanderjahre 21
Wasser 61,68,69,176 Baloion 53
Wassermelone 177 Basel 185
Wasserqualität 143
Wehentätigkeit 162 Daton 35,51,53
Weichgewebe 133 Delos 51, 53
Weichteilinfektion 53 Delphi 103
Weichteilzerreißung 133 Doriskos 53
Wein 176

246
Edinburgh 185 Quebec 17
Eleusis 25
Elis 51 Rouen 198

Freiburg 206 Salamis 51


Salerno 148, 185, 198
Gyrton 21 Selymbria 52
Syros 52
Heidelberg 185
Thasos 21, 34-35, 36, 37, 38, 52, 53,
Ingolstadt 206 120, 153, 162
lonien 90 Thessalien 21, 102
Thrakien 21
Kardia 51, 53 Toledo 198
Knidos 116
Korinth 50 Wittenberg 185
Kos 20, 47, 102
Krannon 21, 49, 50, 52
Krisa 103 4. P erso n en
Kyzikos 21, 38, 162
Abdcriten 25, 100
Larissa 21, 38, 51 Abriadas 20
Leiden 185 Abu 1-Hasan at-Tabari 197
London 206 Ägypter 30, 125
Aelian 203
Maeotis-See 29 Aetius von Amida 195, 196
Makedonien 21 Agathios Scholastikos 183
Meliboia 21, 38 Aiax 26
Montpellier 185, 207, 208 Alderotti, Thaddäus 199
Alexander der Große 20, 200
Neapel 185, 198 Alcxandros von Tralles 192
Nordgriechenland 25, 49, 50, 51, 52, Alexias, Arzt 48
53 Alexios Apokallikos 196
Alkmaion von Kroton 28, 66, 70, 80,
Oiniadai 51, 151, 180 90
Olynth 35,51,53 Allah 185
Omilos 51\157 Amazonen 44
Anaxagoras 28, 66, 70
Padua 206 Anaximenes 60, 66, 121
Pamphylien 39 Anselm von Canterbury 201
Paris 207,208 Antigonos, Arzt 26
Pella 53 Antiochos I. 25, 200
Pergamon 113 Antiphon, Sohn des Kritoboulos 35
Perinth 34, 35, 49, 50, 52, 54, 120, 148, Aphrodite 125
153, 164 Apollon 47, 119, 185
Phasis 29 Apollonios Ophis 111
Pherae 51 Apollonios von Kition 110, 111, 188
Propontis 52 Arbuthnot, Jean 208

24 7
Archclaos von Makedonien 20 Damagetos 100
Aretaios von Kappadokien 94, 189, Damaskios 192, 195
196 Dante 199
Ariston 106 Demokrit 20, 25, 54, 80, 100, 101, 203
Aristophanes von Byzantion 108 Demetrios 110
Aristoteles 20, 22, 23, 35, 39, 60, 87, Demetrios Poliorketes 100, 101
126, 171, 191 Denisot, Gerard 205
Arnold von Villanova 199 Diagoras von Kypern 110
Artaxerxes 24 Didymarchos von Kos 21, 55
Artemidoros Kapiton 112, 114 Diogenes von Apollonia 22, 60, 66, 90,
Artemis 119 91, 93, 121, 125
Asklepiaden 20, 47, 102 Diogenes Laertios 25, 54, 98
Asklepiades von Prusa 110, 189 Diokles von Karystos 188, 189
Asklepios 20, 21, 183, 185, 196 Dionysios von Halikarnassos 100
Asklepios, Arzt 47,113 Dioskurides ( der Jüngere) 61, 112, 114,
Athenaios von Attaleia 94, 189 196, 199
Athenaios von Naukratis 188 Dioskurides Phakas 111
Athene 47 Drakon I. 20,106
Athener 101, 188 Drakon II. 106
Augustinus 193 Duchesne, Joseph 207

Bacon, Roger 201 Empedokles 28, 58, 60, 66 , 70, 80, 87,
Bakcheios von Tanagra 108, 109, 111, 90, 91, 93, 121
113 Epikles 111
Barthez, Paul Joseph 208 Epikur 98
Bartholomäus von Messina 199 Erasistratos von Keos 25, 189, 191
Bernhard von Clairvaux 201 Erotian 42, 61, 89, 103, 108, 109, 112,
Boerhaave, Hermann 205, 207 113
Brissot, Pierre 207 Euphorion von Chalkis 109
Euripides, Gesprächspartner des Mnesi-
Cabanis, Pierre Jean George 208 lochos 48
Caelius Aurelianus 61, 189, 199 Euryphon von Knidos 20, 75, 106, 116,
Caesarius 184 117
Cardano, Girolamo 206
Cassiodor 193 Fabius Calvus 103
Cassius Felix 192 Foesius Anutius 204
Cato 24 Fontenettes, Louis, de 205
Celsus, Aulus Cornelius 67, 183, 189, Foreest, van Pieter 206
190, 205 Fulbert von Chartres 201
Chrysipp 98
Chrysos 102 Galen von Pergamon passim
Cicero 184, 189 Gargilius Martialis 199
Claudius, Kaiser 184 Gariopontus 199
Clemens von Alexandria 193 Gellius, Aulus Cornelius 112, 192
Constantinus Africanus 198 Gerhard von Cremona 198, 200
Cornarius Janus 204 Glaukias von Tarent 110,189
Cyprian us 193 Gnosidikos 20, 41
Goethe 71

248
Gorgias 20 Janssonius de Almeloveen, Theodorus
Gregor von Nazianz 184, 193 205
Jesus Christus 193
Hagenbut ( Hanbut) 204 Johannes Chrysostomos 193
Harvey, William 207 Johannes von Alexandria 192
Hegetor 111 Johannes von St Amand 199
Hera 119 Johannitius 197, 198
Herakleides Erythraios 111 Julian 112,115,191
Herakleides von Tarent 54,111
Herakleides, Vater des Hippokrates Kadmos 102
20, 106 Kallignotos 110
Herakles 20 Kallimachos 110
Heraklit 70,94 Klcombrotos von Keos 25
Herodikos von Knidos 20, 116 Kleophantos 39
Herodikos von Sclymbria 20, 52 Krateuas 100
Herodot 30, 125 Ktesias von Knidos 116, 188
Herophilos von Chalkedon 108, 109, Kydias 110
189, 191
Hieronymus 184, 193 Laennec, Theophile Rene Hyacinthe
Hieronymus Mercurialis 204 208
Hippias 56 Lemosius, Ludovicus 204
Hippokrates I 20, 106 Leoniceno, Niccolo 206
Hippokrates II passim Libavius, Andreas 206
Hippokrates III 20, 21 Libyer 30
Hippokrates IV 20, 106 Littre, Emile 27, 41, 45, 46, 62, 76, 82,
Hippokrates V 20 88,103, 208, 209
Hippokrates VI 20 Lukian von Samosata 26,196
Hippokrates VII 20 Lykos, der Makedonier 112, 115, 191
Hippokrates VIII 21 Lykos von Neapolis 110
Hippolochos 102 Lysimachos von Kos 110
Hippolyt os 101 Lysis von Odessos 55
Hippon von Samos 91, 121,125
Hoffmann, Friedrich 202 Macrobius 192
Homer 191, 201 Maimonides 197
Honorius Augustoduncnsis 201 Marcus Diaconus 198
Hubais 197 Marinus 112
Hunain ibn Ishaq 197 Maurus von Salerno 199
Hygieia 47,185 Melissos von Samos 58
Hystanes 100 Menippos 196
Menon 22, 23, 60
Ibn Abi U§aibi "ah 185 Mercuriali, Giovanni 204
Ibn al-Nafis 197 Mnemon von Sidc 38, 39, 108, 109, 111
Ingrassia, Giovanni Filippo 206 Mnesilochos, Gesprächspartner des
Ishar 197 Euripides 48
Isidor von Pelusium 193 Moerbeke, Wilhelm, von 200
Iulius Paulus 192 Mohammad ibn Qassoüm ibn Aslam al-
GaflqT 185
Mondeville, Henri, de 205

249
Nebros 102 Pyrrhon 192
Nicolaus von Polen 201 Pythagoräer 47, 48, 70, 121
Nicolaus von Reggio 185, 198 Pythagoras 80, 91
Nikander von Kolophon 109
Numesianus 112 Quercetanus, Josephus 207
Quintilian 190
Olympier 119
Oreibasios von Pergamon 195, 196 Rabelais, Fran$ois 203-204
Rhadamanthys 26
Paitos 100 Rhazes 197,205
Palladios 192 Riolan, Jean 207
Panakeia 47 Romanus 193
Paracelsus 206 Roxane 20
Parmenides 58 Rufus von Ephesos 112, 156
Paulus von Aegina 103, 195, 196
Pelops 113 Sabinus 112
Pentadius 192 Satyros 113
Perdikkas 24, 25 Sauromaten 29
Perotto, Niccolö 185 Scribonius Largus 184, 190
Perser 24 Scultetus, Johannes 207
Petrus Muscandinus 199 Seneca 190
Petrus von Abano 200 Sergius von Resaina 197
Phaidros 22, 23 Sextus Empiricus 192
Phainarete 20 Simon von Genua 198
Phidias 23 Skythen 29, 30, 44, 125, 180
Philaretos 198 Soemmering von, Samuel 206
Phile 25 Sokrates 23,28,191,201
Philinos von Kos 109,189 Soran 19, 21, 22, 25, 189, 193
Philipp von Makedonien 35 Sosandros 21
Philistion von Lokroi 78, 106 Sydenham, Thomas 206
Philopoimen 100 Syennesis von Kypros 22
Phoibos 21
Pindar 193 Schneider, Conrad Victor 207
Platon 22, 23, 46, 58, 64, 65, 82, 90,
171, 182, 191, 201 Stephanos von Athen 195
Plinius der Ältere 188, 190 Strabon 21, 56
Polos 28
Polybos 20, 22, 54, 106 Tachen(ius), Tackenius, Otto 206
Polyklet 23 Tertullian 193
Poseidon 119 Theodoret 193
Praxagoras 109 Theodorus Priscianus 56, 192, 199
Praxianax 20 Theophilos Protospatharios 195, 198
Priscianus 19 Thessalos 20, 21, 25, 35, 54, 101, 102,
Prodikos 20 106
Prometheus 195 Thessalos von Trallcs 112,189
Protagoras 23, 56, 72 Thrasyas von Mantineia 48
Prüdentius 193 Thukydides 25, 124
Ptolemaios 103, 109 Thymbraios 20

250
Timaios 191 Bruni Celli B. 218
Timarion 196 Brunn, von W. 119
Turini, Andreas 206 Byl S. 141, 145, 175, 201, 214, 218
Tychon von Daton 51
Tzetzes 19,25 Cabellos Älvarez B. 217, 218
Cambiano G. 73
Urso 199 CanoCuencaJ. 218
Cantarella R. 194
Van der Linden, Iohannes Antonius Capelle W. 208
204 Carpenter D.P. 215
Vergerio, der Ältere, Pietro Paolo 185 Comiti V.-P. 37
Vidus Vidius 207 Corsetti P.-P. 218
Vindicianus, Avianus 188, 192 Couch H.N. 170
Countouris N. 82
Xenokritos von Kos 109 Craik E.M. 64, 87
Czarnecki R. 194
Zenon 110
Zeuxis 38, 54, 110, 111, 189 DebruA. 71,155
Deichgräber K. 34, 47, 54, 94,215
DeLacyPh. 214
5. M o d ern e A u to re n u n d DemandN. 173
H e ra u sg e b e r De Martino F. 141
DemontP. 74,122
Abel K. 125 Desautels J. 220, 221
Aguilar R.M. 141 Di Benedetto V. 49,219
Alamillo Sanz A. 218 Diels H. 214
Alexanderson B. 31,187 Dierbach J.H. 176
Althoff J. 105 DictzF.R. 187
Amneris R. 40,57 DihleA. 27
Anastassiou A. 218 Diller H. 9, 27, 29, 47, 69, 94, 187, 208
Andö V. 77, 85, 141 Dönt H. 93, 132
Apostolidis P.D. 218 Ducatillon J. 47,56,59,72,181
AsperM. 105 Duffin J. 201
Ayache L. 219 Duffy J.M. 215
DugandJ.E. 20,37
Baader G. 194, 220 Duminil M.-P. 9,125,217
Backhaus W. 29
Banu I. 37 Edelstein L. 29, 47,219
Barrow M.V. 20 Ellissen A. 194
Beccaria A. 187,194 Esteban A. 218
Beckmann D. 181
Bell T.A. 215 Festugiere A.J. 27
Benedum J. 20 Fichtner G. 27,219
Bergsträßer G. 216 Fischer K.D. 218
Blass F. 59 Fleischer U. 96, 97, 98
Boncampagni R. 71,116 Flashar H. 9, 187
Bourgey L. 22, 170, 220 Fortuna St. 201
Bousquet J. 102 Fournier S. 160

251
Frederick S. 187 Kapferer R. 208
French R.K. 202 KibreP. 219
FrohnW. 219,220 KingH. 160
Frohn-Villeneuve W. 220 Knutzen G.J. 42
Fuchs R. 208 Koelbing H.M. 51
Fusco F. 100 Kollesch J. 9, 51, 105, 107, 187, 215,
216
Gailego Perez M.T. 119,141 Kramer A. 194
Garcia Gual C. 217 Kucharski P. 22
Garcfa Novo E. 92, 217, 218 Kudlien F. 96,107, 215
Garofalo I. 220,221 Kühn J.H. 143, 219
Gask G.E. 116 Kullmann W. 105
GirardM.-C. 160
Gossen H. 219 LamiA. 76,221
Gourevitch D. 24, 141 Landry R. 220
Graumann L.A. 145 Langholf V. 34, 37, 51, 116
Grensemann FI. 41, 65, 78, 82, 105, Lara Nava M.D. 39, 217, 218
116, 187,214 Laskaris J. 65
Grimm J.F.K. 208 Lasserre F. 220
Grmek M. 53, 141, 145, 202, 217, 220 LauxR. 194
GroenkeF.D. 194 Leitner H. 201,219
Gundert B. 219 Lenfant D. 29
Leven K.H. 202
Hallcux R. 100 Licciardi C. 49
Hanson A.E. 161 Lichtenthaeler C. 47, 181
Hanson M. 214 Lienau C. 214
HarigG. 9,176,187 Lindeboom G.A, 202
HeegJ. 214 Lloyd G.E.R. 105
HeibergJ.L. 214 Longrigg J. 120
Hellweg R. 36 Lonie I.M. 32, 79, 80, 81, 116, 202
Helmreich G. 214 Lopez Ferez J.A. 36,120,141, 217,
HerterH. 22,27 220, 221
Horstmannshoff H.F.J. 220 Lucas de Dios J.M. 217
Lyons M. 216
IlbergJ. 105, 116, 187, 214 Lypourlis D. 213
IrigoinJ. 105
IrmerD. 42,218 Mackinney L.C. 194
Maisano M.R. 24
Jacquart D. 194 Maloney G. 9, 219, 220, 221
Joly R. 22, 69, 81, 94, 116, 122, 141, Manetti D. 22, 51, 141, 221
214, 217, 219, 220 Manoussakis M. 202
Jones W.H.S. 216 Mansfeld J. 22, 90
JoriA. 56 Manuli P. 187
Jouanna J. 20, 22, 32, 37, 73, 74, 82, MaurelA.M. 176
116, 120, 201, 214, 217, 219, 220 Mazzini I. 100, 187
MendozaJ. 96
Kahlenberg W. 81 Merbach P.M. 208
Kalbfleisch K. 216 Mewaldt J. 187,214

252
Michler Μ. 43,170,219 Sakalis D.T. 100
Moisan Μ. 219 Salem J. 24
Morgenstern A. 194 Santander Rodriguez T. 201
Mras K. 103 Santing C. 202
Mudry Ph. 220 Sanz Lingote L. 218
Müller F. 48 Savoie R. 219
Scarborough J. 176
Nachmanson E. 45, 105, 107, 187 SegalA. 202
Nickel D. 215,216 Senn G. 122
Nörenberg H.W. 65 SezginF. 194
Nolle J. 37 Sham M.N. 216
Nutton V. 202,219 Siebert G. 29
Siegel R.E. 170
Ochoa Anadon J.A. 218 Sierra de Grado C. 92
Opsomer C. 100 Sigurdarson E.S. 74
Oser-Grote C.M. 125, 219 Smith W.D. 50, 53, 100, 122,187, 216
Sommerstein A.H. 141
Palafox Marques S. 202 Sudhoff K. 194
Pellegrin P. 220, 221
PfaffF. 105,107,187,194,215 Schiefsky M.J. 27
Philippson R. 100 Schmidt D.W. 216
Pigeaud J. 120, 202 Schmitz R. 176
Pinault J.R. 24 Schöne Η. I. 19,216
Pöppel O. 55 Schöner E. 137
Pohlenz M. 122 Schubert Ch. 208
PomtowH. 102 Schubring K. 64,216
Potter P. 37, 75, 143, 214, 216, 219,
220, 221 Staden von H. 107
Preiser G. 99, 143 StannardJ. 176
Prioreschi P. 181 Steckerl F. 22
Prüll C.R. 202 Steinmann K. 47, 65
Strohmaier G. 194, 216
Rechenauer G. 122
Redondo J. 59 Temkin O. 187
Regenbogen O. 187 Thivel A. 33, 116, 120, 122, 161, 220
Rey R. 202 Torraca L. 108, 187
Riddle J.M. 194 Torres H. 218
Robert F. 50,51,53,202 Trapp H. 82
Rodriguez Alfageme I. 95,217 Triebel-Schubert Ch. 29
Rodriguez Blanco M.E. 218 Tsouyopoulos N. 94
Roesch P. 101
Roscher W.H. 90 Upmann, C.F. 208
Rosenthal F. 47
Roselli A. 331, 43, 51, 74, 221 Vancamp B. 201
RoyL. 220 Van der Eijk P.J. 220, 221
Rütten Th. 202 Vardon L.G. 216
Vegetti M. 141
SabbahG. 218 Villa Polo, J., de la 218

253
V in tr o E . 143

WearA. 202
WeidauerK. 122
WeisserU. 194
WenckebachE. 215
WestS. 29
Westenberger J. 214
Westerink L.G. 187,215,216
WinauR. 220
Withington E.T. 216
Wittenzellner J. 63
Wittern R. 62, 105, 220, 22/

Zucker A. 220