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THESEN

NR. 2/2018

SCHRIFTENREIHE HERAUSRAGENDER ABSCHLUSSARBEITEN


AN DER SRH HOCHSCHULE HEIDELBERG

HERAUSGEGEBEN VON
KNUT EMING

MARKUS WEITER
RECOVERY VON SCHIZOPHRENIE
IST MÖGLICH! WAS HILFT?
SICHTWEISEN VON BETROFFENEN

BACHELOR-THESIS
IM STUDIENGANG SOZIALE ARBEIT
ZUR ERLANGUNG
DES AKADEMISCHEN GRADES
BACHELOR OF ARTS (B.A.)

BETREUT DURCH
PROF. MICHAEL DOMES (DIPL. SOZ. PÄD.)

FAKULTÄT FÜR SOZIAL- UND RECHTSWISSENSCHAFTEN

ISSN 2567-2576
ISBN 978-3-942648-26-4

HEIDELBERGER HOCHSCHULVERLAG
THESEN
NR. 2/2018

SCHRIFTENREIHE HERAUSRAGENDER ABSCHLUSSARBEITEN


AN DER SRH HOCHSCHULE HEIDELBERG

HERAUSGEGEBEN VON
KNUT EMING

HEIDELBERGER HOCHSCHULVERLAG
MARKUS WEITER
RECOVERY VON SCHIZOPHRENIE
IST MÖGLICH! WAS HILFT?
SICHTWEISEN VON BETROFFENEN

BACHELOR-THESIS
IM STUDIENGANG SOZIALE ARBEIT
ZUR ERLANGUNG
DES AKADEMISCHEN GRADES
BACHELOR OF ARTS (B.A.)

BETREUT DURCH
PROF. MICHAEL DOMES (DIPL. SOZ. PÄD.)

FAKULTÄT FÜR SOZIAL- UND RECHTSWISSENSCHAFTEN


DANKSAGUNG

Hiermit bedanke ich mich bei allen Betroffenen, die ich im Rahmen dieser Arbeit in-
terviewen durfte. Ohne ihre Mitwirkung wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen.
Besonderer Dank gebührt meinem Betreuer Prof. Michael Domes, der mir stets mit
Rat und Fachwissen zur Seite stand. Weiterhin möchte ich mich bei meinen Korrek-
turleser*innen Herrn Prof. Dr. Eming, Frau Lea Weiter und Frau Gabriele Weiter für
ihre wertvolle Unterstützung bedanken.
VORWORT

Recovery – Auf die Erfahrung kommt es an!

„Sie haben die Hoffnung für mich aufrechterhalten, wenn ich selbst
schon lange nicht mehr hoffte. (…) Sie hatten einen langen Atem, auch
dann, wenn mir mein eigener Atem auszugehen drohte. Sie hielten
durch, und deshalb konnte auch ich durchhalten.“ (Kaiser, 2014:143)

Der Recovery-Ansatz kann mittlerweile als Leitorientierung des amerikanischen


Mental Health Systems gesehen werden. Damit steht er in Konkurrenz zu einem
rein medizinisch-biologisch ausgerichteten Krankheitsverständnis und korrespon-
dierender Behandlungsstrategien (Sommerfeld, Dällenbach, Rüegger & Hollenstein,
2016:209 f.). Für die Betroffenenbewegung (Psychiatrieerfahrenenbewegung), aber
auch für reformorientierte Fachkräfte ist Recovery das zentrale Konzept ihres Han-
delns und ihrer Haltung (Amering & Schmolke, 2012:12; Knuf, 2008:8, Schrank &
Amering, 2007:45). Dabei meint Recovery mehr als Symptomfreiheit oder Remissi-
on. Stattdessen geht es darum, wie und dass ein erfülltes, subjektiv sinnvolles und
hoffnungsfreudiges Leben mit oder ohne psychische Erkrankung möglich ist. „This
is the paradox of recovery i. e., that in accepting what we cannot do or be, we
begin to discover who we can be and what we can do. Thus, recovery is a process.
It is a way of life“ (Deegan, 1996:13) oder wie es Amering mehrdeutig formuliert:
Hoffnung – Macht – Sinn (Amering & Schmolke, 2006).
In diesem Kontext spielen die Erfahrungen und individuellen Genesungswege
der von psychischer Erkrankung betroffenen Menschen eine besondere Rolle. Sie
gilt es, in den Blick zu nehmen, zu hören, wertzuschätzen und ernst zu nehmen
und zwar abseits standardisierter Behandlungsmanuale oder mitunter stigmatisie-
render statistischer Prognosen. Die Recoveryorientierung „respects people‘s lived
experience and expertise“ (Onken, Dumont, Ridgway, Dorman & Ralph, 2002:75).
Diese Erfahrungen müssen zugänglich gemacht werden und können dadurch auch
für andere eine Inspiration für Recovery darstellen. „So kann es gelingen, jenen
Menschen Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln, die gerade am Anfang ihrer
Recoveryreise stehen. (…) Leider wird dieser Schatz selten gepflegt“ (Schulz &
Zuaboni, 2014:187).
Gerade hier liegt meiner Meinung nach eine große Chance für die Soziale
Arbeit in Deutschland. Im deutschsprachigen Raum findet das Recovery-Konzept
erst schrittweise Einführung in die Praxis, wenn, dann häufig von psychiatrie-pfle-
gerischer Seite aus (Abderhalden, Burr, Schulz & Zuaboni, 2013). Insbesondere
die Schweiz nimmt hierbei eine Vorreiterrolle ein (Burr, Schulz, Winter & Zuaboni,
2013). Zugleich ist insgesamt „ein klarer Trend in Praxis und Forschung zu erkennen,
die Perspektive und Erfahrung von Menschen mit diagnostizierten psychischen Er-
krankungen, Krisen oder Erschütterungen aufzunehmen und zu berücksichtigen“
(Schnackenberg & Burr, 2017:15). So findet sich die Recoveryorientierung auch in
den S3-Leitlinien Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen
wieder (DGPPN, 2013:32 ff.).
Für die Soziale Arbeit mit ihrer grundsätzlichen Orientierung an der Partizipa-
tion und Emanzipation ihrer Nutzer*innen und damit einer weitgehenden Über-
einstimmung auf der Werte- und Zielebene (Sommerfeld, Dällenbach, Rüegger &
Hollenstein, 2016:210) könnte sich die Möglichkeit ergeben, bestehende Theorien
und Handlungsansätze durch das Recovery-Konzept zu konturieren – so zum Bei-
spiel „der Hype“ um das Empowermentkonzept (Pankofer, 2016) bzw. die Leit-
orientierung an Empowerment als zentralem Charakteristikum des Professions-
verständnisses Sozialer Arbeit (Lambers, 2018). Hier steht die Soziale Arbeit aber
(leider) erst ganz am Anfang.
Umso erfreulicher ist es, dass sich Markus Weiter mit diesen Möglichkeiten
auseinandersetzt. Im Fokus seiner Arbeit stehen die Ergebnisse dreier Expert*in-
neninterviews, die der Frage nachgehen, was für das Recovern von Schizophrenie
hilfreich ist. Und – in diesem Kontext eigentlich selbstverständlich: Die Expert*in-
nen sind Psychiatrieerfahrene. So bekommen die Leser*innen einen Einblick in ver-
schiedene Aspekte der individuellen Recoveryreisen: Was war hilfreich / hinderlich
im Hinblick auf Genesung? Was sind entscheidende Faktoren für das Gelingen von
Recovery?
Markus Weiter zieht Schlussfolgerungen für „Betroffene“ und Angehörige, die
Arbeit mit an Schizophrenie erkrankten Menschen und die Soziale Arbeit. Die Ar-
beit schließt mit einem Ausblick auf den weiteren Handlungsbedarf in Deutschland.
Neben der Einflussnahme auf die Gesetzgebung, intensivierte Fortbildungsanstren-
gungen und Forschung im Bereich Recovery, fordert er auch eine Aufwertung der
EX-IN-Ausbildung sowie die Verwirklichung einer psychiatrischen Versorgung, die
sich an Recovery orientiert.
Mit dieser Arbeit wird noch ein weiterer wichtiger Aspekt deutlich: Wenn das
Recovery-Konzept in der Theorie und Praxis Sozialer Arbeit eine Rolle spielen soll,
muss dies in der Lehre und Ausbildung deutlicher aufgegriffen werden. „Im Hin-
blick auf die Ausbildung junger Fachkräfte ist von den Lehrpersonen (…) vor allem
eine Empowerment- (und Recovery-; Anmerkung des Verfassers) Haltung auch in
der Lehre gefordert, denn ansonsten lässt sich Empowerment (und Recovery; An-
merkung des Verfassers) weder lehren, noch lernen“ (Pankofer, 2016:309). Auf die
Erfahrung kommt es an!

MICHAEL DOMES
LITERATUR

Abderhalden, C., Burr, B., Schulz, M. & Zuaboni, G. (2013): Recovery im deutschsprachigen Raum:
Visionen für die Zukunft. In: Burr, C. & Schulz, M. & Winter, A. & Zuaboni, G. (Hrsg.) (2013): Recovery
in der Praxis. Voraussetzungen, Interventionen, Projekte. Köln: Psychiatrie Verlag, 248 – 255.

Amering, M. & Schmolke, M. (2012): Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. Bonn: Psychiatrie Verlag
(5. überarbeitete Auflage).

Amering, M. & Schmolke, M. (2006): Hoffnung – Macht – Sinn. Recovery-Konzepte in der


Psychiatrie. In: Managed Care 1 (2006), 20 – 22.

Burr, C., Schulz, M., Winter, A: & Zuaboni, G. (Hrsg.) (2013): Recovery in der Praxis. Voraussetzungen,
Interventionen, Projekte. Köln: Psychiatrie Verlag.

Deegan, P. (1996): Recovery and the conspiracy of hope. Paper, presented at the Sixth Annual
Mental Health Services Conference of Australia and New Zealand, Brisbane, Australia.
https://www.patdeegan.com/pat-deegan/lectures/conspiracy-of-hope (Stand: 10.05.2018).

DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (Hrsg.) (2013): S3-
Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen. Berlin, Heidelberg: Springer.
https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/624d163d1df61ca1e079a5ca496f6b6595e83d6b/S3-LL-
PsychosozTherapien_Langversion.pdf (Stand: 10.05.2018).

Kaiser, U. (2014): Das »Wir« trägt. In: Schulz, M. & Zuaboni, G. (Hrsg.): Die Hoffnung trägt. Psychisch
erkrankte Menschen und ihre Recoverygeschichten. Köln: BALANCE buch + medien verlag, 138 – 144.

Knuf, A. (2008): Recovery: Wider den demoralisierenden Pessimismus. Genesung auch bei
langzeiterkrankten Menschen. In: Kerbe 1/2008, 8 – 11.

Lambers, H. (2018): Theorien der Sozialen Arbeit. Ein Kompendium und Vergleich. 4. Auflage,
Stuttgart: Verlag Barbara Budrich.

Onken, S. J., Dumont, J. M., Ridgway, P., Dorman, D. H. & Ralph, R. O. (2002): Mental Health
Recovery: What Helps and What Hinders. New York: Columbia University.

Pankofer, S. (2016): Hype, Hybris oder ertragreiche Dauerbaustelle? Das Empowermentkonzept auf
dem wissenschaftlichen Prüfstand. In: Borrmann, S. & Michel-Schwartze, B. & Pankofer, S. & Sagebiel,
J. & Spatscheck, C. (Hrsg.): Die Wissenschaft Soziale Arbeit im Diskurs. Auseinandersetzungen mit den
theoriebildenden Grundlagen Sozialer Arbeit. Theorie, Forschung und Praxis Sozialer Arbeit, Opladen,
Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich, 291 – 311.

Schnackenberg, J. & Burr, C. (2017): Stimmenhören und Recovery. Erfahrungsfokussierte Beratung in


der Praxis. Köln: Psychiatrie Verlag.

Schrank, B & Amering, M. (2007): „Recovery“ in der Psychiatrie. In: Neuropsychiatrie, Band 21,
1/2007, 45 – 50.

Schulz, M. & Zuaboni, G. (2014): Stimmen der Zuversicht. In: Schulz, M. & Zuaboni, G. (Hrsg.): Die
Hoffnung trägt. Psychisch erkrankte Menschen und ihre Recoverygeschichten, Köln: BALANCE buch +
medien verlag, 186 – 192.

Sommerfeld, P., Dällenbach, R., Rüegger, C. & Hollenstein, L. (2016): Klinische Soziale Arbeit und
Psychiatrie. Entwicklungslinien einer handlungstheoretischen Wissensbasis. Wiesbaden: Springer VS.
ABSTRACT

Die Erkrankung Schizophrenie zählt zu den schwersten und kostenintensivsten psy-


chischen Erkrankungen. Trotz der Schwere der Erkrankung schätzen viele Men-
schen die möglichen Krankheitsverläufe zu negativ ein. Aus der Forschung ist
bekannt, dass die Verläufe dieser Erkrankung höchst individuell sind. So zeigen
Studien, dass über einen langen Zeitraum hinweg eine große Anzahl betroffener
Menschen genesen kann. Der Hauptfokus der nachfolgenden Arbeit liegt auf den
positiven Krankheitsverläufen bzw. darauf, was passieren muss, um diese wahr-
scheinlicher zu machen.
Mithilfe von drei Interviews sollen entscheidende Faktoren für eine Genesung
von Schizophrenie ermittelt werden. Hierfür wurden Menschen mit einer schizo-
phrenen Erkrankung im Rahmen qualitativer Interviews zu ihrem persönlichen Ge-
nesungsweg befragt. Die Betroffenen benannten im Rahmen dieser Interviews ihre
subjektive Einschätzung bezüglich der maßgeblichen Faktoren für ihre Genesung. In
den Interviews wurden die Betroffenen auch nach Faktoren gefragt, die ihre Gene-
sung möglicherweise behindert haben. Um eine bessere Einordnung der Ergebnisse
erzielen zu können, wurde diese Befragung mithilfe eines Theorieteils untermau-
ert. Hier wird Fachwissen zur Erkrankung Schizophrenie und zum Recovery-Konzept
vermittelt. Dies bildet die theoretische Grundlage für die Praxisforschung und kann
wertvolle Anregungen für eine Genesung von Schizophrenie geben.
Die nachfolgende Arbeit wendet sich gleichermaßen an Betroffene, Angehörige,
die Öffentlichkeit und Professionelle. Sie erhebt den Anspruch, für alle Interessierten
verständlich zu sein. Betroffene und Angehörige sollen mithilfe dieser Arbeit hilf-
reiche Rückschlüsse ziehen können, um die Wahrscheinlichkeit einer Genesung zu
erhöhen. Weiterhin soll diese Arbeit auch Professionellen Anregungen geben, wie
sie mit ihrem Verhalten ein Recovery ihrer Klienten ermöglichen und im besten Fall
fördern können. Die ermittelten Ergebnisse sollten im Rahmen eines größeren For-
schungsvorhabens mit umfangreicheren Stichproben erneut geprüft werden. Abge-
rundet wird die Arbeit mittels eines Ausblicks. Hier werden mögliche Weiterentwick-
lungen dieses Konzeptes dargelegt.
INHALT
1 Motivation und Zielsetzung ................................................................... 13
2 Einleitung ............................................................................................ 14
Theoretische Grundlagen ................................................................................. 16
3 Die Erkrankung Schizophrenie ............................................................... 16
3.1 Schizophrenie – ein Begriff wird geprägt ................................................ 17
3.2 Was man unter Schizophrenie versteht .................................................. 18
3.3 Das biopsychosoziale Krankheitsmodell................................................. 21
3.4 Krankheitsverläufe der Schizophrenie – Prognose ................................. 25
3.5 Die Folgen der Erkrankung ..................................................................... 27
4 Das Recovery-Konzept – Genesung von Schizophrenie ............................ 31
4.1 Entstehung des Recovery-Konzeptes ..................................................... 32
4.2 Das Recovery-Konzept ........................................................................... 34
4.3 Recovery-Prozesse unterstützen – das Empowerment-Konzept ............ 37
4.4 Recovery ist möglich .............................................................................. 38
4.5 Die wichtigsten Faktoren für Recovery ................................................... 41
Praktischer Teil – Qualitative Befragung............................................................ 47
5 Vorgehensweise der Befragung (Forschungsdesign) ................................ 48
6 Darstellung der Ergebnisse (Interviews) .................................................. 49
6.1 Betroffeneninterview Nr. 1 (Herr Schmidt) ............................................. 50
6.2 Betroffeneninterview Nr. 2 (Herr Mayer) ................................................ 55
6.3 Betroffeneninterview Nr. 3 (Frau Bauer) ................................................. 60
7 Rückschlüsse........................................................................................ 67
7.1 Was war hilfreich im Hinblick auf eine Genesung? .................................. 67
7.2 Was war hinderlich im Hinblick auf eine Genesung? ............................... 70
7.3 Faktoren, die unterstützend und hemmend zugleich sein können .......... 73
7.4 Entscheidende Faktoren für das Gelingen von Recovery ........................ 75
8 Fazit .............................................................................................. 79
8.1 Schlussfolgerungen für Betroffene und Angehörige ............................... 79
8.2 Rückschlüsse für die Arbeit mit an Schizophrenie Erkrankten ................ 81
8.3 Rückschlüsse für die Soziale Arbeit ........................................................ 82
8.4 Ausblick – Handlungsbedarf ................................................................... 85
Anhang .......................................................................................................... 92
Literaturverzeichnis........................................................................................101
Abbildungsverzeichnis ....................................................................................105
MOTIVATION UND ZIELSETZUNG

1 Motivation und Zielsetzung


Der Titel der Bachelorarbeit Recovery von Schizophrenie ist möglich! Was hilft?
Sichtweisen von Betroffenen ist bewusst so gewählt, dass diese hoffnungsvolle
Botschaft von Betroffenen, Angehörigen, der interessierten Öffentlichkeit und
Professionellen gehört werden kann. Ziel dieser Arbeit ist ein wissenschaftlich
fundiertes Gegengewicht zu einer häufig erlebten Defizitorientierung in der Arbeit
mit an Schizophrenie erkrankten Menschen.

Die Motivation für diese Abschlussarbeit stützt sich auf verschiedene Beweggründe:
• persönliche Krankheitsgeschichte und eigener Recovery-Weg,
• Durchführung öffentlicher Vorträge zu den Themen Empowerment &
Recovery,
• mögliche Verwendung für Vorträge und Schulungen von Professionellen.

Als wichtigster Grund ist sicherlich meine persönliche Krankheitserfahrung und der
damit verbundene Recovery-Prozess zu beurteilen. Im Kontext meiner eigenen
Krankheitsgeschichte erlebte ich die Macht von Defizitprognosen und welche
Verunsicherung sie erzeugen können. Meine Überzeugung ist, dass Empowerment
und ressourcenorientiertes Arbeiten die Krankheitsverläufe positiv beeinflussen
können. Ein weiterer Grund, mich für dieses Thema zu entscheiden, beruht auf meiner
ehrenamtlichen Arbeit mit Menschen, die an Psychosen erkrankt sind. Hier konnte
ich im Rahmen von eigenen öffentlichen Vorträgen das große Interesse von
Betroffenen, Angehörigen aber auch von Professionellen an den Themen Recovery
und Empowerment erkennen. Als dritten Beweggrund kann ich mir vorstellen, auf
Grundlage dieser Arbeit Vorträge für Sozialarbeiter, Psychologen und Ärzte zu halten.
Aufgrund meiner Arbeitserfahrung in der Psychiatrie (sechsmonatiges Praxisse-
mester im Sozialdienst) bin ich der Ansicht, dass es für Empowerment- und Recovery-
Konzepte Bedarf gibt. Im ZfP Südwürttemberg konnte ich wertvolle Erfahrungen im
Sozialdienst sammeln. Hier hatte ich einen guten Einblick in die Arbeit auf einer Akut-
station. Ausgehend von diesen Erfahrungen ist mir die Bedeutung von ressourcenori-
entiertem Arbeiten sehr deutlich geworden. Mitarbeiter im psychiatrischen Hilfesys-
tem sollten sich einer Defizitorientierung und der Vermittlung von Hoffnungslosigkeit

13
EINLEITUNG

entschieden entgegenstellen. Sie sind hierbei die entscheidenden Akteure und kön-
nen Recovery-Prozesse langfristig unterstützen oder behindern.

2 Einleitung
Die Erkrankung Schizophrenie wird in der Öffentlichkeit häufig sehr negativ
dargestellt. Aus der Forschung ist jedoch bekannt, dass die Verläufe dieser
Erkrankung höchst individuell sind (vgl. Kapitel 3.4). Thomas R. Insel war von 2002
bis 2015 Direktor des National Institute of Mental Health in den USA. Das
nachfolgende Zitat beschreibt den Sachverhalt, dass trotz immenser
Forschungsanstrengungen die Ursachen der Erkrankung unbekannt bleiben.

„After a century of studying schizophrenia, the cause of the disorder re-


mains unknown. Treatments, especially pharmacological treatments, have
been in wide use for nearly half a century, yet there is little evidence that
these treatments have substantially improved outcomes for most people
with schizophrenia.“1
Thomas R. Insel

Psychopharmaka werden bereits ein halbes Jahrhundert großflächig eingesetzt. Es ist


zu beobachten, dass die Fortschritte durch diese Behandlung bis zum heutigen Tag
eher bescheiden sind und keine nennenswert verbesserten langfristigen Krankheits-
verläufe zu beobachten sind. Deshalb sollte die kritische Frage gestellt werden,
inwieweit diese Medikamente eine Chronifizierung auf lange Sicht vermeiden können
und welche langfristigen Erfolge diese Behandlungsmethode vorzuweisen hat.2
Da, wie oben dargelegt, die bestehenden Behandlungsmöglichkeiten mittels
Psychopharmaka alleine nicht die erhoffte Wirkung gewährleisten können, bietet sich
das Recovery-Konzept als Ergänzung oder gar als Alternative an. Das Recovery-Kon-
zept kann einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die Lebensqualität der Erkrankten
zu erhöhen. Die Hoffnung auf eine Genesung, welche zentraler Bestandteil dieses Kon-
zepts ist, kann ungeahnte Gesundungspotenziale wecken. Dieses Konzept ist ur-
sprünglich aus der Betroffenenbewegung entstanden und wird von vielen ehemals
Erkrankten vertreten. Aus diesem Grund erscheint es nur folgerichtig in dieser Arbeit

1 Insel, T. R. (2010): Rethinking schizophrenia. S. 187.


2 Vgl. Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (2012): Memorandum der Deutschen
Gesellschaft für Soziale Psychiatrie zur Anwendung von Neuroleptika. S. 12 f.

14
EINLEITUNG

die Betroffenen direkt nach ihren Erfahrungen im Rahmen ihres Genesungswegs zu


befragen. Die gewonnen Erkenntnisse sollen dazu dienen, das Wissen zu Recovery zu
erweitern.

15
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

THEORETISCHE GRUNDLAGEN

Nachfolgend wird näher auf die Erkrankung Schizophrenie eingegangen. Dies dient
als Grundlage, um anschließend das Recovery-Konzept besser verstehen und
einordnen zu können. Der praktische Teil der Arbeit baut auf das Wissen des
Theorieteils auf und wird um das neugenerierte Wissen im Rahmen der Qualitativen
Forschung ergänzt.

3 Die Erkrankung Schizophrenie


Psychische Erkrankungen sind weltweit sehr stark verbreitet. Dies gilt auch für
Europa. Aktuelle Daten beziffern die Kosten von psychischen Erkrankungen in der EU
auf mindestens 450 Mrd. € jährlich (2015).3 Diese Kosten sind etwa doppelt so hoch
wie die jährlichen Rüstungsausgaben in Europa.4 Die Aufwendungen beinhalten
sowohl die direkten als auch indirekten Krankheitskosten. Die indirekten Kosten
entstehen größtenteils infolge von Produktivitätsverlusten durch reduzierte
Arbeitsleistung der Erkrankten.5
Abbildung 1 zeigt die häufigsten psychischen Erkrankungen in der EU. Im Jahr
2011 waren ca. fünf Millionen Menschen psychotisch erkrankt. Diese Erkrankung ist
erst auf Platz 13 der häufigsten psychischen Erkrankungen in Europa. Sie zählt aber
zu den schwersten6 und kostenintensivsten7 psychischen Erkrankungen. Es ist wich-
tig, die Schizophrenie nicht nur als gesamtgesellschaftliche Belastung zu sehen. Viel-
mehr stehen hinter dieser Erkrankung weltweit zahlreiche Einzelschicksale. Die von
dieser Erkrankung betroffenen Menschen und ihre Angehörigen sind in vielfältiger
Weise belastet.

3 Vgl. EU Joint Action on mental health and wellbeing (2016): European Framework for Action on
Mental Health and Wellbeing. S. 4.
4 Vgl. Statista (2017): Höhe der Militärausgaben in den Nato-Staaten von 2011–2016. [Online].
5 Vgl. EU Joint Action on mental health and wellbeing (2016): European Framework for Action on
Mental Health and Wellbeing. S. 4.
6 Vgl. Bäuml, J. (2008): Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. S. 2.
7 Vgl. Gründer, G. & Benkert, O. (2012): Handbuch der Psychopharmakotherapie. S. 565.

16
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

Abb. 1: Psychische Erkrankungen in der EU (Statista).

3.1 Schizophrenie – ein Begriff wird geprägt


Erkrankungen, die heute als Schizophrenie bezeichnet werden, wurden 1893
erstmalig durch den Psychiater Emil Kraepelin beschrieben. Auf Grundlage von
klinischen Beobachtungen unterteilte er sechs Jahre später psychische Erkrankungen
in drei Kategorien. Die Krankheit der ersten Gruppe von psychisch erkrankten
Menschen nannte er Dementia Praecox (übersetzt: vorzeitige Demenz/vorzeitige
Verblödung). Die zweite Gruppe bezeichnete er als zirkuläres Irresein; hierunter
verstand er Erkrankungen aus dem bipolaren Spektrum. Die dritte Gruppe
beinhaltete die Hirnkrankheiten im engeren Sinne, z.B. Verletzungen, Entzündungen
und Tumore des Gehirns. Die erste Gruppe entsprach weitgehend der Bezeichnung
der heutigen Schizophrenie mit einem eher ungünstigen Verlauf. Menschen mit
Schizophrenie wurden zu der damaligen Zeit fast ausschließlich geschlossen
untergebracht. Dies hatte verschiedene Gründe. Zum einen war das Wissen über diese
Erkrankung sehr beschränkt und andererseits fehlten wirksame Therapien.
Erschwerend ging man fälschlicherweise davon aus, dass Menschen mit

17
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

Schizophrenie generell gefährlich seien. Erst Mitte der 70er Jahre änderten sich diese
Zustände grundlegend.8
Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler verwendete 1911 erstmalig den Begriff
der Schizophrenie. Anstelle der Bezeichnung Dementia Praecox wurde nun dieser Be-
griff zunehmend benutzt. Auch die negative Annahme von Emil Kraepelin, dass sich
die Erkrankung zu einer kontinuierlichen Verblödung entwickelt, teilte Eugen Bleuler
nicht.9
Psychisch erkrankte Menschen sind bis zum heutigen Tag einer starken Stigma-
tisierung ausgesetzt. Dies trifft insbesondere auf die Schizophrenie zu. Die Gesell-
schaft, Professionelle, aber auch Angehörige und Freunde können in erheblichem
Maße zu dieser Stigmatisierung beitragen. Auch kommt es häufiger vor, dass psy-
chisch erkrankte Menschen die negativen Stereotypen irgendwann verinnerlichen
und sich selbst stigmatisieren.10 Häufig ziehen Betroffene den Begriff der Psychose
der Bezeichnung der Schizophrenie vor, weil viele Vorurteile in der Gesellschaft eng
mit dem Ausdruck Schizophrenie verknüpft sind.11

3.2 Was man unter Schizophrenie versteht


Schizophrenie ist eine ernste psychische Erkrankung. Es erkranken ca. 0,8 % der
Bevölkerung an dieser Krankheit. Für Deutschland beträgt die Zahl der Menschen mit
Schizophrenie ca. 700.000, vergleichbar der Einwohnerzahl von Frankfurt am Main.
Weltweit beläuft sich die Erkrankungszahl auf ca. 60 Millionen Menschen. Nimmt man
auch leichtere Krankheitsverläufe und die Erkrankungen im hohen Alter dazu,
verdoppelt sich die Zahl in etwa.12
Das durchschnittliche Ersterkrankungsalter für Männer ist 22 Jahre. Frauen er-
kranken im Mittel fünf Jahre später (mit 27 Jahren).13 Das frühe Erkrankungsalter der

8 Vgl. Häfner, H. (2017): Das Rätsel Schizophrenie. Eine Krankheit wird entschlüsselt. S. 11 f.
9 Vgl. ebd., S. 12.
10 Vgl. Finzen, A. (2013): Stigma psychische Krankheit. Zum Umgang mit Vorurteilen, Schuldzu-
weisungen und Diskriminierung. S. 9 f.
11 Vgl. Hammer, M & Plößl, I. (2015): Irre verständlich. Menschen mit psychischen Erkrankungen
wirksam unterstützen. S. 46.
12 Vgl. Häfner, H. (2017): Das Rätsel Schizophrenie. Eine Krankheit wird entschlüsselt. S. 11 ff.
13 Vgl. Facetten (2014): Zwischen Wahn und Wirklichkeit. Schizophrenie: wenn Denken, Fühlen und
Erleben nicht zusammenpassen. S. 12.

18
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

Männer hat oft negative Auswirkungen auf ihre Ausbildung oder eine Familiengrün-
dung. Frauen sind aufgrund des späteren Ersterkrankungsalters seltener in der Phase
ihrer Ausbildung betroffen.

„Es gibt keine biologischen Merkmale, etwa Laborbefunde, mit denen sich
Schizophrenie diagnostizieren ließe. Die Grundlage der Diagnose waren
von Anfang an selbsterfahrene Merkmale (Symptome), die vom Kranken
mitgeteilt wurden, vom Untersucher beobachtete Verhaltensänderungen o-
der Zeichen oder Messwerte sozialer und kognitiver Beeinträchtigungen.“14
Heinz Häfner

Für die Diagnose einer Schizophrenie gibt es keine biologischen Merkmale. Die
Grundlage einer Diagnose sind stets die Symptome. Die Symptome beruhen auf
Beobachtungen der Person selbst, des Umfelds und/oder der Professionellen. Die
Beobachtungen des Erkrankten machen eine objektive Diagnostik nicht immer
einfach. In besonderem Maße gilt dies, wenn die Symptomatik nicht zu 100% der
Kernsymptomatik entspricht. Es kann vorkommen, dass die Symptomatik in
Verbindung mit einer anderen psychischen Erkrankung steht (Komorbidität).

„Die Vielfalt dieser Phänomene […] erlauben im Einzelfall nur dann eine
verlässliche Diagnose der Krankheit Schizophrenie, wenn Kernsymptome –
Halluzinationen, Wahn oder Denkstörungen – in ausreichender Zahl und
Dauer nachweisbar sind.“15
Heinz Häfner

Aufgrund der extrem unterschiedlichen Ausprägungen und Verläufe der


Schizophrenie müssen die Kernsymptome erfüllt sein, um eine Diagnose sicher
stellen zu können. Auch muss eine Abgrenzung gegenüber anderen psychischen
Erkrankungen klar erkennbar sein. Für die Diagnosestellung können das DSM-5
(Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) oder das ICD-10
(International Classifikation of Diseases) verwendet werden.16 In Deutschland und
Europa wird meist das Klassifikationssystem ICD-10 angewandt. Die Schizophrenie,
schizotype und wahnhafte Störungen bilden eine gemeinsame Gruppe (F20–F29). Die

14 Häfner, H. (2017): Das Rätsel Schizophrenie. Eine Krankheit wird entschlüsselt. S. 13.
15 Ebd.
16 Vgl. ebd., S. 13 f.

19
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

Schizophrenie wiederum ist unter F20 in neun Unterkategorien unterteilt. Die


häufigste Gruppe hierunter ist die Paranoide Schizophrenie (F20.0).17 Man kann die
Symptomatik der Schizophrenie in drei Kategorien unterteilen (vgl. Abbildung 2). Es
wird zwischen der Positivsymptomatik, wie zum Beispiel Wahn, Halluzination oder
Denkstörungen, und der Negativsymptomatik (kognitive und soziale Beein-
trächtigungen) unterschieden. Als dritte Symptomkategorie ist die depressive
Symptomatik zu nennen.18

Positivsymtomatik
(z.B. Wahn,
Halluzinationen,
Denkstörungen)

Negativ- depressive
symtomatik Symtomatik
(z.B. kognitive (lange Zeit
und soziale Beein- unterschätzt -
trächtigung) tritt häufig auf)

Abb. 2: Die Symptomkategorien der Schizophrenie (eigene Darstellung).

Meist wird die Schizophrenie erst mit dem ersten Ausbruch einer akuten Psychose
diagnostiziert. Die vorausgegangenen Veränderungen sind häufig zu unspezifisch und
können von den Angehörigen nicht richtig gedeutet werden. Auch Professionellen
fällt es schwer, zu einem früheren Zeitpunkt eine fehlerfreie Diagnose zu stellen.19

17 Vgl. Falkai, P. (2016): Praxishandbuch Schizophrenie. Diagnostik – Therapie – Versorgungs-


strukturen. S. 43–50.
18 Vgl. Häfner, H. (2017): Das Rätsel Schizophrenie. Eine Krankheit wird entschlüsselt. S. 15.
19 Vgl. ebd., S. 16.

20
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

3.3 Das biopsychosoziale Krankheitsmodell


Die Allgemeine Systemtheorie Luhmanns20 fand vor ca. 40 Jahren in der Medizin
Beachtung. Das biopsychosoziale Krankheitsmodell beruht auf einem ganzheitlichen
Verständnis von Gesundheit und Krankheit und wurde aufbauend auf der
allgemeinen Systemtheorie von Luhmann entwickelt. Mit dem biopsychosozialen
Krankheitsmodell lässt sich allgemein die Entstehung von Krankheiten erklären.
Dabei können biologische (1), psychologische (2) und soziale Faktoren (3) eine Rolle
spielen. Im Zuge des Krankheitsverlaufs können verschiedene Faktoren
unterschiedlich stark ins Gewicht fallen. Die Faktoren stehen in erheblicher
Wechselwirkung zueinander.21

„Krankheit stellt sich dann ein, wenn der Organismus die autoregulative
Kompetenz zur Bewältigung von auftretenden Störungen auf beliebigen
Ebenen des Systems „Mensch“ nicht ausreichend zur Verfügung stellen kann
und relevante Regelkreise für die Funktionstüchtigkeit des Individuums
überfordert sind bzw. ausfallen. Wegen der parallelen Verschaltung der
Systemebenen ist es nicht so bedeutsam, auf welcher Ebene oder an wel-
chem Ort eine Störung generiert oder augenscheinlich wird, sondern wel-
chen Schaden diese auf der jeweiligen Systemebene, aber auch auf den un-
ter- oder übergeordneten Systemen zu bewirken imstande ist. Krankheit
und Gesundheit erscheinen hier nicht als ein Zustand, sondern als ein dyna-
misches Geschehen. So gesehen muss Gesundheit in jeder Sekunde des Le-
bens ››geschaffen‹‹ werden.“22
Josef Egger

In diesem Zitat erklärt Josef Egger das Krankheitsverständnis, das dem


biopsychosozialen Krankheitsmodell zugrunde liegt. Bei der Entstehung von

20 Systemtheorie nach Luhmann: Niklas Luhmann gilt als einer der großen Gesellschaftsanalytiker
des 20. Jahrhunderts. Mit seiner Systemtheorie wollte er die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit
erfassen und beschreiben. Er untersuchte die Gesellschaft und unterteilte sie in soziale
Funktionssysteme. Weite Verbreitung fand seine Theorie vor allem in den Sozial-, Kultur-,
Wirtschafts-, und Rechtswissenschaften. Die Systemtheorie nach Luhmann verzichtet auf
moralische Wertungen und erklärt die Funktionsweise der einzelnen Funktionssysteme mittels
des binären Codes. (Vgl. Luhmann, N. (1991): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen
Theorie.)
21 Vgl. Egger, J. W. (2005): Das biopsychosoziale Krankheitsmodell. Grundzüge eines wissenschaftlich
begründeten ganzheitlichen Verständnisses von Krankheit. S. 3 f.
22 Ebd., S. 5 f.

21
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

Erkrankungen reichen die vorhandenen Bewältigungsressourcen nicht aus. Auch


werden im Sinne eines ganzheitlichen Gesundheits- und Krankheitsverständnisses
die Übergänge zwischen krank und gesund dynamisch gesehen. Jeder Mensch besitzt
gesunde und kranke Anteile zu jeder Zeit. Bei Störungen dieses Gleichgewichts kann
es zu einer akuten Krise oder einer somatischen Erkrankung kommen. Relevant ist
nicht, an welcher Stelle sich die Erkrankung zeigt, sondern welche Auswirkungen sie
für die Personen oder ein übergeordnetes System hat.23
Im Hinblick auf das biopsychosoziale Krankheitsmodell ergeben sich nachfol-
gende Konsequenzen für die Diagnostik und Therapie. Neben der somatischen Diag-
nostik (biologische Ebene) müssen stets gleichwertig eine psychologische und eine
soziale Diagnostik miteinbezogen werden. Auch eine mögliche Intervention mittels
Therapie beinhaltet alle drei Ebenen. Die Wechselwirkung zwischen Patientenwelt
und den verschiedenen Ebenen im biopsychosozialen Krankheitsmodell, bezogen auf
Diagnostik und Therapie, wird in Abbildung 3 dargestellt. Die Grafik verdeutlicht die
Konsequenzen für die Diagnosestellung und die Therapie, die einen ganzheitlichen
Blickwinkel einnehmen müssen, wenn sie nach dem biopsychosozialen Krankheits-
modell arbeiten.24

Abb. 3: Diagnostik und Therapie des biopsychosozialen Krankheitsmodells


(eigene Darstellung).

23 Vgl. Egger, J. W. (2005): Das biopsychosoziale Krankheitsmodell. Grundzüge eines wissenschaftlich


begründeten ganzheitlichen Verständnisses von Krankheit. 5 ff.
24 Vgl. ebd., S. 3–12.

22
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

Die Erkrankung Schizophrenie kann mithilfe dieses Modells sehr gut erklärt werden.
Aus der Forschung ist bekannt, dass sich psychische Erkrankungen stets aus der
Wechselwirkung zwischen den biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren
heraus entwickeln. Biologisch gesehen hat jeder Mensch ein unterschiedlich hohes
Risiko eine psychische Erkrankung zu entwickeln (vgl. hierzu Vulnerabilität).
Zusätzlich spielt bei der Entstehung einer psychischen Erkrankung die psychische
Belastbarkeit eine Rolle. Diese kann zum Beispiel mittels Psychotherapie dynamisch
verändert werden (vgl. hierzu auch Resilienz). Als dritten Faktor gibt es die sozialen
Risiko- oder Schutzfaktoren. Auch diese können mittels eigener Anstrengungen oder
durch die Hilfe des Umfelds und der Professionellen verändert werden.
Aufgabe der Professionellen muss es sein, einerseits die individuelle Bewälti-
gungsfähigkeit zu unterstützen (z.B. mithilfe von Empowerment) und andererseits
auf die Gesellschaft einzuwirken, um die Lebenssituation von Menschen mit psychi-
schen Erkrankungen zu verbessern. Eine Möglichkeit bietet hierbei die Öffentlich-
keitsarbeit, um Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu schaffen.
Gesellschaftliche Entwicklungen können Einfluss auf die Entstehung oder Reduzie-
rung von psychischen Erkrankungen haben. Ein gutes Beispiel ist hierfür ein erhöhtes
Stresslevel in der Arbeitswelt. Dieses kann mittels Daten und Erhebungen sichtbar
gemacht werden. Anschließend kann durch Öffentlichkeitsarbeit gesellschaftlicher
Druck für eine Veränderung erzeugt werden, um Verbesserungen zu erreichen.
Nachfolgend soll der enge Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen
und sozialer Ungleichheit auf der Makroebene der Gesellschaft aufgezeigt werden.
Hierbei wird im Weiteren von einer Korrelation ausgegangen, wobei auch andere
Faktoren Einfluss haben können. So ist im allgemeinen ein enger Zusammenhang zwi-
schen gesellschaftlicher Ungleichheit und dem gesamtgesellschaftlichen Gesund-
heitszustand zu erkennen.25 Ärmere Bevölkerungsschichten haben oft eine schlech-
tere biologische sowie psychische Gesundheit.26 Zusätzlich verfügen sie aber auch
über weniger stabile soziale Beziehungen und familiäre Netzwerke.27 Zusammenfas-
send lässt sich sagen, dass ärmere Menschen und Menschen mit einem geringeren

25 Vgl. Wilkinson, R. & Pickett, K. (2016): Gleichheit. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser
sind.
26 Vgl. Trabert, G. (1999): Armut und Gesundheit. Soziale Dimension von Krankheit vernachlässigt.
S. 756–760
27 Vgl. Lüdicke, J. & Diewald, M. (2007): Soziale Netzwerke und soziale Ungleichheit. Zur Rolle von
Sozialkapital in modernen Gesellschaften.

23
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

Bildungsgrad höheren physischen und psychischen Belastungssituationen ausgesetzt


sind. Durch dieses Beispiel wird anschaulich gemacht, dass die Lebenssituation er-
heblichen Einfluss auf die Gesundheit hat. Gesundheit und Krankheiten bedingen sich
oft in Folge von sozialen und materiellen Lebensumständen und haben Rückkopp-
lungseffekte auf die biologische Gesundheit.
Abbildung 4 belegt den engen Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankun-
gen und sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft. Dies dürfte auch mit dem erhöh-
ten Stresslevel für alle Gesellschaftsmitglieder zu erklären sein. Reiche haben Ab-
stiegsängste, Arme sind infolge ihrer Armut starkem Stress ausgesetzt. Die
Mittelschicht unternimmt große Anstrengungen, um nicht sozial und ökonomisch ab-
zusteigen.28

Abb. 4: Psychische Erkrankungen und soziale Ungleichheit


(Wilkinson & Pickett (2016), S. 85).

28 Vgl. Wilkinson, R. & Pickett, K. (2016): Gleichheit. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser
sind. S. 81–91.

24
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

3.4 Krankheitsverläufe der Schizophrenie – Prognose


„Alle die verschiedenen Verlaufsweisen der Schizophrenie zu schildern ist
unmöglich. […] Am nächsten kommt man wohl der Wirklichkeit, wenn man
sich klarmacht, [...]dass aber im Einzelnen die Krankheit zeitlich und quali-
tativ ziemlich regellos verlaufen kann; kontinuierliches Fortschreiten, Stil-
lestehen, Schübe, Remissionen sind jederzeit möglich.“29
Eugen Bleuler

Aus der Schizophrenie-Forschung ist bekannt, dass die Krankheitsverläufe dieser


Erkrankung sehr unterschiedlich sind. Emil Kraepelin prägte 1896 den Begriff
Dementia praecox und unterstellte im Kontext dieser Krankheit einen
kontinuierlichen geistigen Verfall.30 Bereits 1911 erkannte Eugen Bleuler jedoch,
dass Emil Kraepelin sich bezüglich der negativen Krankheitsprognose geirrt hatte,
und prägte den Begriff Schizophrenie. Eugen Bleuler erkannte, dass die zu
beobachtenden Krankheitsverläufe sehr individuell waren.31 Die Beobachtung von
sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufen, von kompletter Remission (Gesundung)
bis hin zu einer lebenslangen Chronifizierung, konnte in verschiedenen Studien stets
aufs Neue bestätigt werden.32
Die zu beobachtenden Krankheitsverläufe sind sehr verschieden und können nur
vereinfacht dargestellt werden. Es ist nicht möglich alle unterschiedlichen Formen
detailliert zu schildern, aus diesem Grund bildet man Gruppen mit ähnlichen Verlaufs-
formen. Je nach Lehrbuch unterscheiden sich diese gebildeten Gruppen etwas. In Ab-
bildung 5 sind die unterschiedlichen Verlaufstypen anhand des Praxishandbuchs
Schizophrenie33 abgebildet. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass es zu jedem Zeitpunkt

29 Bleuler, E. (1911): Dementia Praecox oder Gruppe der Schizophrenien. S. 201.


30 Vgl. Amering, M. & Schmolke, M. (2012): Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. S. 171.
31 Vgl. Bleuler, E. (1911): Dementia Praecox oder Gruppe der Schizophrenien. S. 201–216.
32 Vgl. Amering, M. & Schmolke, M. (2012): Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. S. 171.
33 Vgl. Falkai, P. (2016): Praxishandbuch Schizophrenie. Diagnostik – Therapie – Versorgungs-
strukturen. S. 55.

25
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

der Erkrankung einen positiven Knick im Krankheitsverlauf geben kann. Auch Men-
schen mit einem jahrzehntelangen chronischen Verlauf können sich „plötzlich“ stabi-
lisieren und gesunden.34

Abb. 5: Krankheitsverläufe der Schizophrenie (Falkai (2016), S. 55).

In der weiteren Arbeit wird die Erkrankung Schizophrenie im Kontext des


biopsychosozialen Krankheitsmodells verstanden. Somit ergibt sich die Möglichkeit,
die Erkrankung Schizophrenie nicht einseitig isoliert auf ein chemisches
Ungleichgewicht im Hirnstoffwechsel zu reduzieren, sondern Krankheits-
bewältigungsmechanismen auf allen Ebenen (biologisch, psychisch und sozial) zu
entwickeln. Diese Sichtweise ermöglicht erst, die weit verbreitete Hoffnungslosigkeit
im Hinblick auf diese Erkrankung zu überwinden und Genesungspotenziale zu
wecken. Ziel dieser Arbeit ist es, die positiven Krankheitsverläufe zu analysieren und
damit Rückschlüsse für Betroffene und Professionelle gleichermaßen ziehen zu
können. Diese Erkenntnisse könnten dabei helfen, die Anzahl der Menschen mit
einem positiven Krankheitsverlauf zu erhöhen und die Summe der Menschen mit
einer verminderten Lebensqualität oder Behinderung zu reduzieren. Im

34 Vgl. Bäuml, J. u. a. (2010): Arbeitsbuch PsychoEdukation bei Schizophrenie (APES). S. 57.

26
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

nachfolgenden Kapitel soll deutlich werden, weshalb dieses Ziel von großer
Bedeutung ist. Die Folgen der Erkrankung Schizophrenie sind für Betroffene, deren
Familien und die Gesellschaft von großer Reichweite.

3.5 Die Folgen der Erkrankung


Die Erkrankung Schizophrenie und ihre Folgen werden nachfolgend im Hinblick auf
die individuellen Folgen für die Betroffenen selbst, das nahe soziale Umfeld und die
Gesellschaft betrachtet.

a) Folgen für den Betroffenen:


Das nachfolgende Zitat stammt aus dem biografischen Drama A Beautiful Mind,
welches auf der leicht abgewandelten Biografie von John Forbes Nash beruht. John
Forbes Nash erkrankte als junger Mann an Schizophrenie. Berühmt wurde er durch
das von ihm entwickelte Nash-Gleichgewicht, welches ein zentraler Begriff der
mathematischen Spieltheorie ist. 1994 erhielt John Nash dafür den Wirtschafts-
nobelpreis.35

„You see the nightmare of schizophrenia is not knowing what is true. Imag-
ine if you suddenly learned the people, the places, the moments most im-
portant to you were not gone, or dead, but worse they've never been. What
kind of hell would that be?“36
Dr. Rosen

Die tiefe Verunsicherung in Folge des Wahnerlebens (vgl. Positivsymptomatik) ist für
den Erkrankten von besonderer Tragweite. Seine Realität weicht fundamental von
der Realität des Umfeldes ab. Oft können auch Erkrankte selbst nach einer Remission
der akuten Psychose die Wahngedanken nur schwer nachvollziehen. Langfristig sind
jedoch nicht diese akuten Schübe im Hinblick auf einen chronischen Verlauf
entscheidend, sondern vielmehr die kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen
infolge einer Erkrankung, die häufig zu einer dauerhaften Behinderung führen.37

35 Vgl. Encyclopaedia Britannica Academic (2017): John Forbes Nash Jr. [Online].
36 Howard, R. (2001): A Beautiful Mind. [01:18:30 – 01:19:00].
37 Vgl. Häfner, H (2000): Ist es alles nur die Krankheit? Neuere Ergebnisse aus der
Schizophrenieforschung. S. 1 f.

27
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

Eine Studie untersuchte 57 Erstaufnahmen aufgrund von Schizophrenie in ein


psychiatrisches Krankenhaus in Mannheim. Hierbei wurden sechs Indikatoren für
den sozialen Entwicklungsstand ausgewählt und mit Stichproben aus der Normalbe-
völkerung verglichen. Die Stichprobe wurde nach Zufallskriterien aus dem Einwoh-
nermelderegister ausgewählt. Bis einige Jahre vor dem Krankheitsausbruch (bis zum
Beginn der Prodromalphase) verlief die Entwicklung zwischen später Erkrankten
und der gesunden Kontrollgruppe parallel. Zum Zeitpunkt des ersten akuten Krank-
heitsausbruchs hingegen ergaben sich erhebliche Unterschiede. Lediglich in Bezug
auf den erreichten Schulabschluss gab es keinen Unterschied, in allen anderen Berei-
chen jedoch ergaben sich Differenzen. Dies umfasste den Abschluss der Berufsausbil-
dung, das erste Beschäftigungsverhältnis, eigenes Einkommen und die eigene Woh-
nung. Besonders drastisch waren die Unterschiede im Hinblick auf Ehe oder stabile
Partnerschaft. Hier gelang es den Erkrankten deutlich seltener eine dauerhafte Bezie-
hung einzugehen.38 Dies hatte zur Folge, dass die Erkrankten häufiger alleine lebten
und keinen festen Partner hatten. In vielen Fällen sind Menschen mit einer schweren
psychischen Erkrankung langfristig sozial stark isoliert.39
Diese Verschlechterungen im Vergleich zur Kontrollgruppe lassen sich mittels
der Negativsymptomatik erklären. Häufig tritt diese bereits einige Jahre vor der ers-
ten akuten Psychose auf. Auch andere Studien konnten die beobachteten Ergebnisse
bestätigen. Somit lässt sich zusammenfassend sagen, dass Menschen mit Schizophre-
nie bereits vor dem ersten Krankheitsausbruch sozial absteigen. Die Betroffenen, die
nicht absteigen, sondern sich konstant halten, verpassen wiederum in jungen Jahren
den zu erwartenden Aufstieg, wie zum Beispiel den Abschluss einer Berufsausbildung
oder den Beginn eines ersten Arbeitsverhältnisses.40
Nachfolgend wird die langfristige Perspektive der Erkrankung beschrieben. Der
Schwerpunkt wird hier auf den Zeitraum zwischen den ersten Anzeichen bis hin zu
fünf Jahren nach der ersten Krankenhausbehandlung gelegt. Es fällt auf, dass Er-
krankte, bei denen wenige soziale Indikatoren vorhanden sind, wie z.B. Schul- und
Berufsabschluss oder eigenes Einkommen, diese auch nach der ersten Behandlung

38 Vgl. Häfner, H (2000): Ist es alles nur die Krankheit? Neuere Ergebnisse aus der Schizophrenie-
forschung. S. 9 f.
39 Vgl. Sommerfeld, P. u. a. (2016): Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie. Entwicklungslinien einer
handlungstheoretischen Wissensbasis. S. 111.
40 Vgl. Häfner, H (2000): Ist es alles nur die Krankheit? Neuere Ergebnisse aus der Schizophrenie-
forschung. S. 9 ff.

28
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

nicht entwickeln können und ihnen der soziale Aufstieg verwehrt bleibt. Erkrankte
mit einem hohen sozialen Entwicklungsstand verlieren langfristig diese Indikatoren
und steigen sozial ab. Es ist anzumerken, dass dieser Prozess bereits bis zu fünf Jahre
vor der Erstaufnahme im Krankenhaus beginnen kann. Jedoch ist der Krankheitsbe-
ginn sehr individuell und unterscheidet sich von Person zu Person stark.41

b) Folgen für das nahe soziale Umfeld des Erkrankten:


Eine Vielzahl an Ratgebern zur Erkrankung Schizophrenie ist speziell an Angehörige
gerichtet. Dies zeigt den großen Bedarf und die Hilflosigkeit, welche Angehörige
infolge eines erkrankten Familienmitglieds erleben. Angebote wie beispielsweise das
Psychose-Seminar, das dem gleichberechtigten Austausch von Betroffenen,
Angehörigen und Professionellen dient, helfen Angehörigen dabei, sich das nötige
Fachwissen anzueignen und ihre Erfahrungen und Belastungen zu teilen. Die Eltern
sind oft besonders belastet, da sie viele Aufgaben übernehmen, die der Erkrankte
nicht mehr erledigen kann. Sie unterstützen den Erkrankten in vielen Fällen in
erheblichem Umfang. Erschwerend kommt die persönliche Betroffenheit der nicht
erkrankten Familienmitglieder hinzu. Diese leiden häufig sehr darunter, dass ihre
Geschwister oder Kinder schwer psychisch erkrankt sind.42
Es kommt im Rahmen dieser Erkrankung auch zu zerrütteten Familienbeziehun-
gen, aufgrund von erheblichen Verletzungen der Familienmitglieder untereinander.
Oft ist das bereits erwachsene Kind infolge der Erkrankung erneut abhängig von sei-
nen Eltern. Allgemein muss festgestellt werden, dass der Forschungstand zu den Be-
lastungen der Angehörigen im Rahmen der Erkrankung eines Familienmitglieds bis-
her eher gering ist. Professionelle konzentrieren sich in der Regel hauptsächlich auf
den Erkrankten selbst. Systemische Soziale Arbeit kann hier eine wertvolle Hilfe bie-
ten, indem sie den Betroffenen und seine sozialen Systeme in die Behandlung mitein-
schließt.

41 Vgl. Häfner, H (2000): Ist es alles nur die Krankheit? Neuere Ergebnisse aus der Schizophrenie-
forschung. S. 9–17.
42 Angaben beruhen auf eigenen Erfahrungen im Rahmen meiner eigenen Erkrankung und aus
meiner ehrenamtlichen Arbeit im Rahmen des Heidelberger Psychose Seminar. Hier arbeitete ich
viel mit Angehörigen zusammen und erlebte das große Leid dieser Gruppe. Häufig erfährt diese
Gruppe wenig psychosoziale Unterstützung, um mit den erheblichen Belastungen im Umgang mit
ihren erkrankten Familienmitgliedern umzugehen.

29
DIE ERKRANKUNG SCHIZOPHRENIE

c) Folgen für die Gesellschaft:


Die Anzahl von Jahren, die Menschen mit Schizophrenie mit Behinderungen leben
müssen, beträgt in den Industrieländern in der Altersgruppe der 15- bis 44-Jährigen
summiert über drei Millionen Jahre. Obwohl relativ wenige Menschen im Vergleich
zur Gesamtbevölkerung von Schizophrenie betroffen sind (ca. 0,8 – 1,0 % der
Bevölkerung), bringt die Erkrankung besonders viele Jahre der Behinderung mit sich.
In dieser beschriebenen Alterskohorte befindet sich die Erkrankung auf dem vierten
Platz in Bezug auf Ursachen für verlorene Jahre infolge von Behinderung. Die
Erkrankung wird zum Beispiel nur leicht durch die Anzahl von verlorenen Jahren
durch Verkehrsunfälle übertroffen.43 Die Zahlen zu den Lebensjahren, die mit
Behinderung verbracht werden, und die in Kapitel 3 dargestellten Kosten, machen die
gesellschaftliche Dimension der Erkrankung deutlich sichtbar.

Zwischenfazit zur Erkrankung Schizophrenie:


Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung, die jedoch sehr
unterschiedlich verlaufen kann. Auch der Einfluss der Person selbst und seines
Umfeldes auf den Verlauf der Erkrankung ist höher als häufig angenommen. Hierbei
kann unter Beachtung des biopsychosozialen Krankheitsmodells auf verschiedenen
Ebenen eingegriffen und die Wahrscheinlichkeit eines positiven Krankheitsverlaufs
erhöht werden. Neuere Forschungen, welche die Erkenntnisse der Epigenetik44
nutzen, verstärken dieses hoffnungsvolle Bild. Ausgehend von diesen
Forschungsergebnissen macht eine einseitige Fokussierung auf eine Therapie mit

43 Vgl. Häfner, H (2000): Ist es alles nur die Krankheit? Neuere Ergebnisse aus der Schizophrenie-
forschung. S. 1.
44 Epigenetik: Bei der Entwicklung einer Schizophrenie können auch genetische Faktoren eine Rolle
spielen. Hierfür sind Forschungen an eineiigen Zwillingen ein gutes Beispiel. Erkrankt ein eineiiger
Zwilling an Schizophrenie, ist der andere deutlich häufiger auch betroffen und hat dadurch ein
erhöhtes Erkrankungsrisiko. Das Erkrankungsrisiko ist im Vergleich zu dem von
Geschwisterkindern, welche nicht die gleiche DNA besitzen, deutlich erhöht. Es muss jedoch auch
beachtet werden, dass psychologische und soziale Faktoren bei eineiigen Zwillingen oft sehr
ähnlich sind, da diese Zwillinge meist in derselben Familie aufwachsen. Auch möglichen
Umwelteinflüssen sind diese bereits im Mutterleib zu gleichen Teilen ausgesetzt. Die Epigenetik
hat festgestellt, dass Gene sowohl an- als auch abgeschaltet sein können (vgl. hierzu DNA-
Methylierung). Sind krankmachende Genabschnitte deaktiviert, kommt es nicht zu einem
Krankheitsausbruch. Es gibt verschiedene Faktoren, welche einen Einfluss auf die Genaktivität
haben. Einen Einfluss haben beispielsweise Stress, die Ernährung, Traumata, Umweltgifte, Sport -
um nur einige zu nennen. Die Aktivität der Gene kann auch an nachfolgende Generationen vererbt
werden. So können Traumata der Eltern auch erst bei ihren Kindern zu Störungen führen. (Vgl.
Gehirn und Geist Dossier (2011): Vom Gen zur Psyche. Wie die Erbanlagen unser Denken und
Fühlen prägen. S. 70–84.)

30
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Psychopharmaka wenig Sinn. Diese kann zwar die Positivsymptomatik häufig


reduzieren und die akute Psychose zum Abklingen bringen, aber sie versagt in Bezug
auf die langfristige Verbesserung der Funktionsfähigkeit und die Reduktion des Grads
der Behinderung.45 Chronische Verläufe sind mit der Entwicklung der
medikamentösen Behandlung nicht unwahrscheinlicher geworden.46
Aus diesem Grund sollten Hilfsangebote, die sich auf den Wirkungsbereich des
Betroffenen selbst beziehen, deutlich ausgebaut werden. Empowerment bietet hier-
für wichtige Hilfestellungen. Auch eine Veränderung der soziokulturellen Umwelt der
Klienten kann eine bessere Passung zwischen Mensch und sozialer Umwelt ermögli-
chen. Diese wechselseitige Anpassung von Umwelt und Mensch kann somit die Ge-
sundungschancen weiter erhöhen. Wichtig ist nicht nur den Erkrankten selbst zu ver-
ändern, sondern auch die Umwelt ein Stück weit so anzupassen, dass Menschen mit
psychischer Erkrankung sich besser in ihr zurechtfinden. Hierbei kann das nahe sozi-
ale Umfeld besondere Beachtung finden. Es ist ebenfalls wichtig, auf Ebene der Gesell-
schaft Veränderungen anzuregen.

4 Das Recovery-Konzept – Genesung von Schizophrenie


Aufgrund der im vorigen Kapitel dargestellten Folgen der Schizophrenie haben
Betroffene, Angehörige aber auch Professionelle ein starkes Interesse an einem
positiven Krankheitsverlauf. Eine Chronifizierung zu vermeiden und eine Genesung
anzustreben ist auch Ziel der Gesellschaft als Ganzes. Hierfür spielen sowohl
humanitäre, aber auch handfeste ökonomische Belange eine wichtige Rolle. Eine
Chronifizierung erzeugt langfristig die höchsten Kosten. Somit sollten auch bei
kurzfristig (mehrere Monate bis wenige Jahre) höheren Kosten zu Beginn der
Erkrankung die besten Hilfestellungen gegeben werden, um eine langfristige
Selbstständigkeit zu fördern. Eng verknüpft mit dem Recovery-Konzept ist das
Empowerment-Konzept.
Patricia Deegan ist außerordentliche Professorin an der Dartmouth College Me-
dical School. Zusätzlich zu dieser Tätigkeit gründete sie das Unternehmen Pat Deegan

45 Vgl. Häfner, H (2000): Ist es alles nur die Krankheit? Neuere Ergebnisse aus der Schizophrenie-
forschung. S. 1 f.
46 Vgl. Insel, T. R. (2010): Rethinking schizophrenia. S. 187.

31
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

PhD & Associates, LLC. Im Rahmen dieser Unternehmenstätigkeit entstand der Com-
monGround-Ansatz. Der CommonGround-Ansatz dient der partizipativen Entschei-
dungsfindung zwischen Patienten und Professionellen im Hinblick auf eine Beratung
in Bezug auf Psychopharmaka. Die Anwendung des CommonGround-Ansatzes erfolgt
über eine Software und bietet somit die Möglichkeit, eine sehr große Zielgruppe von
Betroffenen und Professionellen zu erreichen. Es hilft Patienten ebenso wie Professi-
onellen, zu gemeinsamen Entscheidungen zu gelangen und Entscheidungsprozesse
auf Augenhöhe zu ermöglichen. Diese gemeinsamen Entscheidungsfindungsprozesse
ermöglichen eine bestmögliche Therapie und erhöhen somit die Wahrscheinlichkeit
ein Recovery zu ermöglichen.47
Patricia Deegan erkrankte bereits als Teenager an Schizophrenie und erhielt sehr
früh die Diagnose Schizophrenie. Professionelle sahen zu diesem Zeitpunkt wenig
Hoffnung für ihre zukünftige Entwicklung. Diese starke Vermittlung von Hoffnungs-
losigkeit und Defizitprognosen durch die behandelnden Professionellen bestätigte
Patricia Deegan in Interviews stets aufs Neue. Patricia Deegan entwickelte den Ehr-
geiz, diese Krankheit und die Defizitprognosen zu überwinden.48 Im Kontrast zu den
Negativprognosen der Professionellen hatte sie aber auch Menschen um sich, die an
sie geglaubt haben. Hierunter zählte zum Beispiel ihre Großmutter, die sie immer wie-
der aufforderte, ihre passive Rolle zu überwinden und ihr Leben selbstbestimmt in
die Hand zu nehmen.49
Heute ist Patrica Deegan zu einer Leitfigur der Recovery-Bewegung geworden
und hilft vielen Menschen ihre Hoffnungslosigkeit zu überwinden und gegen Defizit-
prognosen anzukämpfen. Sie war eine der ersten, die dieses Konzept für psychisch
erkrankte Menschen offensiv vertrat und mit zahlreichen Publikationen und Vorträ-
gen einer großen professionellen und nicht professionellen Öffentlichkeit zugänglich
machte.

4.1 Entstehung des Recovery-Konzeptes


Um das Recovery-Konzept besser einordnen zu können, wird nachfolgend auf die
Geschichte der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen näher eingegangen.

47 Vgl. Deegan, P. (2017): 1. Patricia E. Deegan./2. The CommonGround Software./3. Recovery


Library. [Online].
48 Vgl. Deegan, P. (2004): Recovery Library – Pat Deegan: Recovery Lecture in Sweden. [Online].
49 Vgl. Deegan, P. (2017): Keynote Speaker – Pembroke Regional Hospital. [43:30 – 46:00/Online].

32
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Eine Humanisierung der Behandlung psychisch Kranker begann im 18. Jahrhun-


dert (moral treatment). Das Gedankengut der französischen Revolution und der Auf-
klärung veränderte die Sichtweise auf Menschen mit psychischen Erkrankungen. Sie
wurden fortan als Menschen mit einer Erkrankung gesehen, die Hilfe benötigten.
Durch diese veränderte Sichtweise wurden die Menschen, die zuvor gefangen gehal-
ten wurden, schrittweise von ihren Ketten befreit. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts
wurden in großem Umfang staatliche Krankenhäuser für diesen Zweck in Deutsch-
land eingerichtet, die sogenannten Heil- und Pflegeanstalten.50
Mitte des 19. Jahrhunderts entstand aus privaten, aber auch aus christlichen Ini-
tiativen heraus eine Bewegung, die nach einer humaneren Behandlung von psychisch
Kranken suchte. Der englische Psychiater John Conolly entwickelte 1839 ein System
(Non-restraint-System), welches alle Zwangsmaßnahmen in seinem Krankenhaus ab-
schaffte. Diese Ideen setzten sich jedoch nur sehr langsam durch und auch die Bemü-
hungen des deutschen Psychiaters Griesinger um 1860 scheiterten. Er bemühte sich
vergeblich um eine Reform der Versorgung psychisch kranker Menschen.51
Bereits kurze Zeit nach der Errichtung von ersten psychiatrischen Krankenhäu-
sern zeigte sich ein großer Bedarf. Durch diesen großen Bedarf entwickelten sich die
psychiatrischen Krankenhäuser schnell zu Großkrankenhäusern. Die Überfüllung
und die räumliche Enge erwiesen sich als ungünstig für die Genesung bzw. Stabilisie-
rung der kranken Menschen. Durch diese Entwicklung gerieten die therapeutischen
Aspekte in Deutschland zunehmend bzw. ganz in den Hintergrund. Die Großkranken-
häuser wurden umfunktioniert und dienten nun zur Sicherung, Absonderung und
Verwahrung der Menschen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts gingen die finanziellen
Mittel noch weiter zurück und humanitäre Aspekte gerieten nahezu vollständig in den
Hintergrund. Im Verlauf des ersten Weltkrieges verschlechterte sich die Behandlung
weiter und tausende psychisch Kranke verhungerten. Einen traurigen Höhepunkt
stellten die Zwangssterilisierungen und die Tötung von hunderttausenden Menschen
mit psychischen Erkrankungen während des zweiten Weltkrieges dar.52
Die Entwicklung bzw. Verbesserung der psychiatrischen Versorgung in Deutsch-
land nach dem zweiten Weltkrieg gelang nur sehr langsam. Erst zum Ende der 1960er

50 Vgl. Tölle, R. & Windgassen, K. (2014): Psychiatrie einschließlich Psychotherapie. S. 386.


51 Vgl. ebd.
52 Vgl. ebd., S. 386 f.

33
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Jahre war der Druck der Therapeuten und der Öffentlichkeit so groß, dass Verände-
rungen energisch vorangetrieben wurden. Wichtige Grundlagen für eine Psychiatrie-
reform in Deutschland wurden zwischen 1971 und 1975 durch eine Enquete-Kom-
mission erarbeitet. Weitere Reformen erfolgten in den darauffolgenden Jahrzenten.53
Der obige Abriss über die Geschichte der Psychiatrie macht deutlich, dass es
schon früh Bestrebungen gab, die Versorgung von psychisch erkrankten Menschen
humaner zu gestalten. Jedoch war dieser Fortschritt nicht geradlinig und häufig von
Rückschritten begleitet. Es wird des Weiteren deutlich, dass sich im Umgang mit psy-
chisch erkrankten Menschen stets gesellschaftliche Strömungen und Werte wider-
spiegeln.
Die genauen Ursprünge des Recovery-Konzeptes sind nur schwierig auszu-
machen und sehr komplex.54 Der Begriff des Recovery wird schon lange in der Medi-
zin verwendet, jedoch fand er zunächst in der Suchttherapie Beachtung. Hier erlangte
das 12-Schritte Programm der Anonymen Alkoholiker große Bekanntheit. Erst in den
80er und 90er Jahren wurde das Recovery-Konzept für die Genesung und Zurückge-
winnung von Lebensqualität für psychisch erkrankte Menschen von Betroffenen ent-
wickelt. Die Betroffenenbewegung (psychiatric survivors movement) hatte hierbei den
maßgeblichen Anteil. Sie entstand in den USA und fand dort schnell großen Zulauf.55
Angemerkt werden muss, dass es ähnliche Entwicklungen zeitgleich im europäischen
Raum gab. Diese verwendeten aber damals noch nicht den Begriff Recovery.

4.2 Das Recovery-Konzept


Häufig waren Patienten und ihre Angehörigen mit den vorhandenen
Behandlungsmöglichkeiten unzufrieden. Das Konzept des Recovery geht davon aus,
dass Erkrankte sich besser über soziale Rollen und Beziehungen definieren können,
als über ihre Behinderung. Ziel des Konzeptes ist es, Entwicklungspotenziale
aufzuzeigen und Gesundung mithilfe von Hoffnung zu ermöglichen. Das Recovery-
Konzept schließt stets die Lebensträume der Erkrankten mit ein. Somit wendet sich
das Konzept radikal gegen eine Defizitorientierung und die Vermittlung von
Hoffnungslosigkeit.56 Der Anspruch von Recovery geht weit über eine ausschließliche

53 Vgl. Tölle, R. & Windgassen, K. (2014): Psychiatrie einschließlich Psychotherapie. S. 387.


54 Vgl. Davidson, L. u. a. (2010): The Roots of the Recovery Movement in Psychiatry. Lessons Learned.
55 Vgl. Amering, M & Schmolke, M. (2012): Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. S. 21–24.
56 Vgl. ebd., S. 338.

34
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Symptomreduktion hinaus und erkennt die allgemeinen Bedürfnisse und Wünsche


von Menschen mit psychischen Erkrankungen in einer Vielzahl von Bereichen an.57
Im deutschsprachigen Raum gibt es keine perfekte Übersetzung für den Begriff
Recovery. Deshalb findet die Bezeichnung Recovery auch im Deutschen Verwendung.
Bei dem Versuch einer Übersetzung des Begriffs verwendet man im Deutschen häufig
den Begriff der Genesung, Gesundung oder Wiedererlangung von Gesundheit. Diese
Bezeichnungen kommen einer Übersetzung des Begriffs recht nahe.58 Das nachfol-
gende Zitat von Patrica Deegan fasst den Kerngedanken des Recovery zusammen:

„Recovery does not mean cure. Rather recovery is an attitude, a stance, and
a way of approaching the day’s challenges. It is not a perfectly linear jour-
ney. There are times of rapid gains and disappointing relapses. There are
times of just living, just staying quiet, resting and regrouping. Each person’s
journey of recovery is unique. Each person must find what works for them.
This means that we must have the opportunity to try and to fail and to try
again.“59
Patricia Deegan

Der Begriff Recovery meint keine Heilung. Vielmehr ist mit dem Begriff Recovery eine
Einstellung bzw. Haltung verbunden. Der Weg des Recovery ist nicht immer linear. Es
gibt Zeiten rapider Fortschritte, aber auch enttäuschende Rückschläge. In manchen
Zeiten lebt man „nur“ oder pausiert und sammelt Kräfte. Jeder Recovery-Weg ist
einzigartig und verschieden. Jede Person muss herausfinden, was für sie selbst
funktioniert. Um dies möglich zu machen, müssen psychisch erkrankte Menschen die
Möglichkeit haben, sich auszuprobieren, zu scheitern und erneut etwas zu wagen.60
Ein weiterer Aspekt von Recovery ist der Verzicht auf Prognosen. Das soziale Um-
feld und auch die Professionellen sollten möglichst die Hoffnung auf eine Genesung
unterstützen. Wichtig hierbei ist jedoch, keine konkreten Prognosen aufzustellen. Be-
sonders kritisch sind Negativprognosen zu beurteilen. Niemand kann die Zukunft mit

57 Vgl. Anthony, W. A (1993): Recovery from mental illness. The Guiding Vision of the Mental Health
Service System in the 1990s. S. 11.
58 Vgl. Hammer, M. & Plößl, I. (2015): Irre Verständlich. Menschen mit psychischen Erkrankungen
wirksam unterstützen. S. 26.
59 Deegan, P. (1996): Recovery as a Journey of the Heart. S. 96 f.
60 Vgl. ebd., S. 96 f.

35
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Sicherheit vorhersehen und im schlimmsten Fall werden Patienten stark verunsi-


chert, ihr tatsächlicher Verlauf verschlechtert sich und nähert sich an die Defizitprog-
nose an.61

„Niemand kann voraussagen, wer genesen wird und wer nicht. Niemand
kann die Zukunft bestimmt voraussagen, weil die Zukunft definitionsgemäß
ungewiss und unklar ist.“62
Patricia Deegan

Die Schizophrenie ist, wie bereits dargestellt, eine schwere psychische Erkrankung.
Sie führt häufig zu Behinderung oder zu verminderter Leistungsfähigkeit. Trotz
dieser mitunter schwerwiegenden Folgen ist die öffentliche Wahrnehmung dieser
Erkrankung schlechter als die tatsächlichen Verläufe. Emil Kraepelin prägte 1896 den
Begriff der Dementia praecox und ging von einer kontinuierlichen Verschlechterung
im Zuge des Krankheitsverlaufs aus. Der Mythos der Unheilbarkeit hat sich jedoch bis
heute in der Öffentlichkeit in Teilen gehalten und verfestigt.63 Das Recovery-Konzept
möchte sich diesem Mythos entgegenstellen. Es wendet sich mit der hoffnungsvollen
Botschaft, dass Gesundung möglich ist, an Betroffene, Professionelle und die
Öffentlichkeit.
Das Recovery-Konzept hat auch Konsequenzen auf die Arbeitsweise und den Um-
gang von Professionellen mit psychisch erkrankten Menschen. Das nachfolgende Zitat
aus dem Fachbuch Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit gibt einen guten Eindruck,
welche Faktoren für die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen entscheidend
sind. Diese Faktoren, beispielsweise die Ressourcenorientierung, die Personenzent-
rierung und die Lebensweltorientierung, gelten in besonderer Weise auch für Sozial-
arbeiter und Sozialpädagogen. In nahezu allen Bereichen der Sozialen Arbeit finden
diese Konzepte bereits Anklang, werden jedoch häufig im Arbeitsalltag nicht ausrei-
chend berücksichtig oder gar nicht beachtet. Besonders stark verbreitet ist in diesem
Kontext die Defizitorientierung. Oft stellt sich die Arbeit mit psychisch erkrankten

61 Vgl. Deegan, P. (2013): Ohne Hoffnung gibt es kein Recovery! Ein Interview mit Patricia Deegan.
S. 15–20.
62 Deegan, P. (2013): Ohne Hoffnung gibt es kein Recovery! Ein Interview mit Patricia Deegan. S. 16 f.
63 Vgl. Amering, M. & Schmolke M. (2012): Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. S. 163–193.

36
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Menschen als äußerst anstrengend und belastend für Professionelle dar. Erschöp-
fung, Burn-Out und Desillusionierung lassen den Glauben der Mitarbeiter auf eine po-
sitive Veränderung erlöschen.64

„Die Hilfen, die Menschen auf dem Weg zu Recovery brauchen, sind vielfältig
und von individuellen Prioritäten abhängig. Wenn sie Betroffenen ermögli-
chen sollen, im Sinne von Empowerment und Recovery Kontrolle über ihr
Leben zu gewinnen, müssen sie sich weg von einem traditionellen Modell,
das psychiatrische Erkrankungen lediglich als Defizite beschreibt, hin zu ei-
nem ressourcenorientierten Ansatz bewegen. Grundlage der modernen psy-
chiatrischen Versorgungsplanung ist ein »personenzentrierter Ansatz«, der
sich flexibel und mobil am individuellen Unterstützungsbedarf und an den
Bedürfnissen und Ressourcen der Person im eigenen Lebensumfeld orien-
tiert…“65
Amering, M. & Schmolke M.

Aus dem obigen Zitat wird weiterhin sichtbar, dass häufig Methoden des
Empowerments angewendet werden, um Recovery zu erreichen. Aus diesem Grund
soll im folgenden Kapitel näher auf Empowerment eigegangen werden und weiterhin
gezeigt werden, wie Recovery-Prozesse durch Empowerment unterstützt werden
können.

4.3 Recovery-Prozesse unterstützen – das Empowerment-Konzept


Mithilfe des Empowerment-Konzepts lässt sich die Wahrscheinlichkeit eines
Gelingens von Recovery erhöhen. Empowerment (übersetzt: Selbstbefähigung,
Selbstbemächtigung, Stärkung von Eigenmacht und Autonomie) soll den Menschen
durch einen Zugewinn an Kraft ermöglichen, ein „besseres“ selbstbestimmtes Leben
zu führen.66 Weiterhin zeichnet sich dieses Konzept durch die Zurückhaltung der
professionellen Helfer aus, wodurch es den Betroffenen ermöglicht wird, ihre
Fähigkeiten, Stärken und Möglichkeiten zu entdecken und zu nutzen. Dies setzt ein
großes Vertrauen in die Menschen voraus, die die Hilfeleistungen in Anspruch

64 Vgl. Deegan, P. (2013): Ohne Hoffnung gibt es kein Recovery! Ein Interview mit Patricia Deegan.
S. 18.
65 Amering, M. & Schmolke M. (2012): Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. S. 34.
66 Vgl. Herriger, N. (2014): Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. S. 13 f.

37
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

nehmen.67 Indem die eigenen Stärken der Betroffenen durch sie selbst oder
Professionelle gefördert werden, kann der Fokus weg von den Defiziten gelenkt
werden. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für psychisch erkrankte
Menschen, ein erfülltes selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dies steigert die
Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und kann Gesundungspotenziale wecken.
Der Gedanke des Empowerments stammt ursprünglich aus den USA. Er ist im
Zuge des civil-rights-movement entstanden. Weiterhin sind die feministische Frauen-
bewegung und die Selbsthilfe-Bewegung eng mit der Entstehung von Empowerment
verknüpft.68 Ausgehend von den USA findet das Konzept auch in Deutschland zuneh-
mende Verbreitung. Nicht nur der gesellschaftliche Wandel zwingt Institutionen, ihre
alten Konzepte und Überzeugungen neu zu überdenken, sondern auch der Druck von
Angehörigen und Betroffenen. Diese organisieren sich zunehmend in Selbsthilfegrup-
pen und Selbsthilfevereinen. Die vorhandenen Strukturen im Hilfesystem, die die be-
troffenen Personen häufig zu einer passiven Haltung zwingen, werden immer weni-
ger akzeptiert. Die institutionellen Hilfeeinrichtungen müssen sich deshalb auf die
Mitbestimmung der Betroffenen und die Einbindung der Angehörigen einstellen.
Zusammenfassend ist das Ziel des Empowerments die Wiederherstellung der
Selbstbestimmung, damit Erkrankte dazu befähigt werden, ihren Alltag selbstständig
zu gestalten. Außerdem können durch die Steigerung des Selbstwerts der Betroffenen
ungeahnte Talente zu Tage treten. Recovery und Empowerment werden häufig ge-
meinsam genannt und bieten eine sinnvolle Ergänzung zueinander. Durch Empower-
ment lassen sich Recovery-Prozesse wirkungsvoll unterstützen. Recovery ohne die
Anwendung von Empowerment ist nur schwer vorstellbar.

4.4 Recovery ist möglich


Das Recovery-Konzept wird von einer Vielzahl von Menschen vertreten. Besonders
stark hat sich das Recovery-Konzept in englischsprachigen Ländern durchgesetzt.69
Im deutschsprachigen Raum hat die Schweiz hierbei eine Vorreiterstellung. In
Deutschland ist das Recovery-Konzept außerhalb von sozialpsychiatrischen Kreisen

67 Vgl. Lenz, A. (2002): Empowerment. Neue Perspektiven für psychosoziale Praxis und Organisation.
S. 13.
68 Vgl. Herriger, N. (2014): Empowerment in der sozialen Arbeit. Eine Einführung. S. 23 ff.
69 Vgl. Farkas, M. (2007): The vision of recovery today: what it is and what it means for services. S. 68.

38
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

in der Mainstreampsychiatrie noch wenig bekannt. Auch gibt es in Deutschland in


Fachkreisen noch einen Diskurs, ob es Recovery überhaupt gibt.
Es gibt Professionelle, die den Umstand als zufällig ansehen, dass manche Men-
schen gesunden. Beispielsweise beschreibt Herr Dr. Bottlender, dass es bereits für
Menschen ohne psychische Erkrankung enormer Anstrengungen bedarf, an der Ge-
sellschaft teilzuhaben. Dies wird insbesondere an den Armutszahlen in Deutschland
deutlich. Er bezweifelt, dass Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung sich die-
sen Exklusionstendenzen widersetzen können (vgl. Erwerbsunfähigkeitsrenten). Den
Aufwand, der für ein effektives Recovery von Seiten der Institutionen und der Profes-
sionellen nötig wäre, hält er aufgrund zu hoher Personalkosten für nicht durchsetz-
bar. Abschließend bezeichnet er den Recovery-Ansatz als Utopie, welcher unter den
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht realisierbar sei.70
Frau Dr. Michaela Amering vertritt das Recovery-Konzept seit vielen Jahren. Sie
ist der Überzeugung, dass die Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen,
die an Schizophrenie erkrankt sind, in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen
hat. Um Diskriminierung entgegenzutreten, ist es ihrer Ansicht nach am effektivsten,
wenn Menschen mit dieser Erkrankung im Rahmen von Öffentlichkeitsarbeit aktiv
werden. Die Betroffenen konnten gemeinsam mit Angehörigen und Professionellen in
den vergangenen Jahren durchaus Erfolge verbuchen. So wurde in der UN-Konven-
tion zu den Rechten von Menschen mit Behinderung explizit auch auf die Rechte von
Menschen mit psychosozialen Beeinträchtigungen eingegangen. Die UN-Konvention
wurde inzwischen von vielen Ländern ratifiziert und wird den Umgang mit Menschen
mit Behinderung in den kommenden Jahren erheblich verändern. Dr. Amering kann
zwar die Kluft zwischen Anspruch und Realität im aktuellen Versorgungssystem er-
kennen, jedoch ist sie der Überzeugung, dass Anstrengungen in Richtung des
Recovery-Konzeptes verstärkt werden müssen.71
Recovery-Konzepte lassen sich auch aus einer ethischen Verantwortung heraus
begründen. Das Recht auf ein würdevolles Leben und der freien Entfaltung der Per-
sönlichkeit ist im Grundgesetz verankert. Die Krankheit als auch die Behandlungs-
strategien können zu einer Chronifizierung beitragen. Das Recovery-Konzept kann
diesem Trend entgegenwirken. Das große Interesse der Betroffenenbewegung sollte

70 Vgl. Bottlender, R. (2013): Recovery ist eine Illusion – Pro & Kontra. Pro. S. 244 f.
71 Vgl. Amering, M. (2013): Recovery ist eine Illusion – Pro & Kontra. Kontra. S. 246 f.

39
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

hier gehört werden und eine bestmögliche Behandlung nach den Wünschen der Pati-
enten angestrebt werden.72
Dass Recovery möglich ist, zeigt auch die große Anzahl von Menschen mit Schi-
zophrenie, die ein Recovery erreichen konnten. Häufig wird diesen ehemals Erkrank-
ten nach der Gesundung abgesprochen, dass sie jemals an Schizophrenie erkrankt wa-
ren.73 Einige Professionelle können sich nicht vorstellen, dass Menschen mit
Schizophrenie gesunden können.74 Mehrere Studien belegen die langfristigen positi-
ven Verläufe von Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind. So konnten Harding,
Brooks, Ashikaga, Strauss & Breier in ihrer Langzeitstudie über 32 Jahre nachweisen,
dass ca. 62 % – 65 % der ehemals an Schizophrenie Erkrankten über diesen langen
Zeitraum ein Recovery erreichten.75
Für Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, kann die Hoffnung auf eine
Genesung existenziell sein. In dunklen Stunden der Hoffnungslosigkeit mit heftigen
Symptomen kann die Hoffnung auf eine Gesundung überlebensnotwendig sein. Auch
Angehörigen kann diese Zuversicht viel Kraft geben und helfen, nicht zu verzweifeln.
Das nachfolgende Zitat ist aus dem biografischen Drama A Beautiful Mind.

„Ich will daran glauben können, dass etwas Außergewöhnliches möglich


ist.“76
Alicia Nash

Die Ehefrau Alicia Nash gibt die Hoffnung auf eine Genesung ihres Ehemanns Dr. John
Nash nicht auf. Sie hofft auf eine Gesundung und tatsächlich verbessert sich der
Gesundheitszustand von John Nash in späteren Jahren. Ein optimistischer Umgang
mit Erkrankten durch Professionelle wirkt sich erleichternd auf erkrankte Menschen
aus. Umgekehrt kann es auch die Sinnhaftigkeit der professionellen Arbeit erhöhen.
Dadurch können Burn-Out und Depression in diesen Berufen vermindert werden.

72 Vgl. Stascheit, U. (2016): Gesetze für Sozialberufe. Die Gesetzessammlung für Studium und Praxis.
S. 16.
73 Vgl. Finzen, A. (2013): Stigma psychische Krankheit. Zum Umgang mit Vorurteilen, Schuldzuwei-
sungen und Diskriminierung. S. 13 f.
74 Auch meine persönliche Erfahrung deckt sich mit diesem Sachverhalt. Im Laufe meiner Genesung
zweifelte eine ambulante Ärztin bei einem Erstgespräch meine Diagnose an. Sie sagte, sie könne
sich nicht vorstellen, dass ich trotz meines hohen Funktionsniveaus die Erkrankung Schizophrenie
habe. Aus ihrer Sicht würde es das so nicht geben.
75 Vgl. Harding, C. M. u. a. (1987): The Vermont longitudinal study of persons with severe mental
illness, In: Methodology, study sample, and overall status 32 years later. S. 718–735.
76 Howard, R. (2001): A Beautiful Mind. [01:45:00 – 01:45:10].

40
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Dieses Kapitel schließt sich ergänzend an das Kapitel 3.4 an. Hier wurden die ver-
schiedenen Krankheitsverläufe bereits beschrieben. Das Recovery-Konzept geht je-
doch davon aus, dass die verschiedenen Verläufe nicht schicksalhaft sind, sondern
dass es unterschiedliche Faktoren gibt, die die Wahrscheinlichkeit für eine positive
Entwicklung erheblich erhöhen. Es lassen sich in der Literatur bestimmte Faktoren
ausmachen, die ein Recovery wahrscheinlicher werden lassen. Die wichtigsten Fakto-
ren werden im anschließenden Kapitel erläutert.

4.5 Die wichtigsten Faktoren für Recovery


Das Recovery-Konzept ist ein vielschichtiges Konzept mit unterschiedlichen
Aspekten. Es gibt nicht einen einzigen Faktor, mit welchem sich Recovery messen
lässt. Verschiedene Faktoren beleuchten jeweils andere Aspekte von Recovery.77
Menschen mit einer schweren psychischen Erkrankung müssen nicht nur ein
Recovery im Hinblick auf ihre Erkrankung erreichen. Die Anforderungen sind
deutlich umfangreicher. Sie müssen sich von dem Stigma der Erkrankung und häufig
auch von negativen Fremd- oder Selbstzuschreibungen lösen. Des Weiteren müssen
sie sich zum Teil von einer entwürdigenden oder traumatisierenden Behandlung
erholen. Oft kommt es im Rahmen der psychiatrischen Behandlung zu massiven
Zwangssituationen und zu einer erstmaligen oder einer erneuten Traumatisierung.
Auch der Grad an Selbstbestimmung kann infolge der Erkrankung erheblich
eingeschränkt sein. Durch Armut und Arbeitslosigkeit werden die Anforderungen an
die Erkrankten zusätzlich gesteigert. Als besonders wichtig erscheint auch die
Demoralisierung infolge von geplatzten Träumen und Zukunftsperspektiven. Diese
„zerstörten“ Hoffnungen können erheblichen Einfluss auf den langfristigen Verlauf
haben. Recovery bedeutet, zusätzlich zu einer Verbesserung der Erkrankung, neue
positive Zukunftsperspektiven zu entwickeln und sich langfristig nicht zu stark durch
die Erkrankung und ihre Einschränkungen verunsichern zu lassen. Dieser Prozess des
Recovery kann sehr lange Zeit in Anspruch nehmen.78
Befragt man Menschen, welche Faktoren für ihr persönliches Recovery entschei-
dend waren, fällt auf, dass die Erfahrungen sehr individuell waren. Sehr wenige Be-

77 Vgl. Anthony, W. A. (1993): Recovery from Mental Illness: The Guiding Vision of the Mental Health
Service System in the 1990s. S. 16.
78 Vgl. ebd., S. 15.

41
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

troffene geben an, dass professionelle Hilfe maßgeblich für ihre Gesundung war. An-
dere Faktoren, die sich auf den Wirkkreis der Betroffenen selbst oder den ihres fami-
liären und sozialen Umfeldes beziehen, hatten weit größeres Gewicht im Hinblick auf
die Genesung.79

Nachfolgend werden einige wichtige Faktoren zu Recovery nach Gene Deegan80


dargestellt. Diese sind seiner Ansicht nach wichtig, um eine Gesundung zu erreichen.

Hoffnung wiedergewinnen:
An Schizophrenie erkrankte Menschen haben häufig die Hoffnung auf eine Genesung
aufgegeben. Die Hoffnung ist aber bei einer Erkrankung an Schizophrenie für den
weiteren Krankheitsverlauf sehr bedeutend. Häufig sind auch Professionelle
hoffnungslos im Hinblick auf ihre Patienten. Diese „kombinierte“ Hoffnungslosigkeit
kann eine zerstörerische Wirkung entfalten und ein Recovery verhindern oder
verzögern. Das Recovery-Konzept möchte die Hoffnung auf eine Genesung
unterstützen und fördern.

Eine positive Identität entwickeln:


Die Erkrankung Schizophrenie tritt überwiegend im jungen Erwachsenalter erstmalig
auf. Somit verunsichert die Erkrankung die Betroffenen meist in einer Phase, in der
eine Abnabelung vom Elternhaus stattfindet und sich die eigene Identität entwickelt.
Es ist wichtig, trotz möglicher negativer Fremdzuschreibungen, eine positive
Identität zu entwickeln. Dieser Prozess kann vom Umfeld unterstützt werden oder im
schlechtesten Fall behindert werden. Recovery-orientiertes Arbeiten fördert die
Entwicklung einer positiven eigenen Identität der Klienten und unterstützt dadurch
das Selbstbewusstsein dieser.

Sich von psychiatrischen Etikettierungen distanzieren:


Es ist wichtig, sich nicht als der „Schizophrene“ zu sehen. Vielmehr ist es hilfreich,
wenn Menschen mit dieser Erkrankung sich als Mensch mit einer Erkrankung sehen,

79 Vgl. Schulz, M. & Zuaboni, G. (2014): Die Hoffnung trägt. Psychisch erkrankte Menschen und ihre
Recoverygeschichten.
80 Vgl. Deegan, G. (2003): Discovering Recovery. S. 373.

42
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

die sie selbst beeinflussen können. Somit können sie ihre passive Rolle überwinden
und sich aktiv für ihre Genesung einsetzen. Häufig sagen diskriminierende
Fremdzuschreibungen mehr über die Person aus, die diese anwendet, als über den
Erkrankten, welcher dadurch eine Diskriminierung erfährt. Das Recovery-Konzept
wendet sich gegen eine Etikettierung von psychisch erkrankten Menschen.

Auf die Symptome Einfluss haben:


Im Zuge ihrer eigenen Erkrankung können Betroffene lernen, mit ihren Symptomen
umzugehen und diese im besten Fall zu „kontrollieren“. Wenn sich Erkrankte
ausführlich mit ihrer eigenen Erkrankung beschäftigen, können sie verstärkt
erkennen, was ihnen langfristig hilft zu gesunden, und lernen, etwaige persönliche
Risiken zu vermeiden. Trotz allem möchte das Recovery-Konzept, dass die
Betroffenen aktiv am Leben teilhaben können und auch Risiken eingehen können, die
ein „normales“ Leben mit sich bringt. Diese Normalität kann sich positiv auf die
Gesundheit und die Lebenszufriedenheit auswirken.

Ein starkes Unterstützungssystem aufbauen:


Um gesund zu bleiben, ist es wichtig ein starkes Unterstützungssystem aufzubauen.
Zu wissen, dass Menschen in Krisen für einen da sind, wirkt sich stabilisierend auf
den Erkrankten aus. Die Sehnsucht nach Sicherheit ist ein Grundbedürfnis, welches
durch ein stabiles Unterstützungssystem in Teilen befriedigt werden kann. Das
Recovery-Konzept betont die immense Bedeutung des Unterstützungssystems.

Sinn und Bedeutung im Leben gewinnen:


Für ein gelingendes Recovery ist es von großer Bedeutung, Sinnhaftigkeit für das
eigene Leben zu entwickeln. Ein Leben ohne Sinn erhöht die Wahrscheinlichkeit von
Erkrankungen. Dieser Faktor lässt sich auch mit dem Konzept der Salutogenese nach
Aaron Antonovsky in Verbindung bringen. Ein Gefühl der Sinnhaftigkeit erhöht die
Wahrscheinlichkeit langfristig ein gesundes Leben führen zu können.

Insgesamt ergänzen sich die obigen Faktoren sehr gut mit dem stärkenorientierten
Ansatz. Statt einer Defizitorientierung stehen hier die Stärken der Menschen im

43
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Fokus.81 Ressourcenorientierte Arbeit kann erheblichen Einfluss auf die langfristigen


Krankheitsverläufe haben. Auch die Beziehung zwischen Professionellen und
Betroffenen kann sich dadurch stark verbessern. Durch eine Orientierung an den
Defiziten, wird Frust und Unzufriedenheit auf beiden Seiten geschaffen.
Es wurde bereits angedeutet, dass es Überschneidungen zwischen dem
Recovery-Konzept und dem Konzept der Salutogenese (Entstehung von Gesundheit)
nach Aaron Antonovsky gibt. Antonovsky beschäftigte sich mit der Frage, weshalb
Menschen trotz widriger Lebensumstände und starker Belastungen gesund blieben
und andere wiederum erkrankten. In seiner Forschung zur Salutogenese entwickelter
er als zentralen Aspekt das SOC (Sense of coherence).82

Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei Komponenten zusammen:


1. Verstehbarkeit = Fähigkeit, Zusammenhänge im Leben zu verstehen,
2. Handhabbarkeit = Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können,
3. Sinnhaftigkeit = Sinnhaftigkeit für das eigene Leben entwickeln.

Ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl korreliert mit Lebenszufriedenheit,


psychischer Gesundheit, optimistischer Grundstimmung und allgemein
psychophysischem Wohlbefinden.
Eng verknüpft mit dem Konzept der Salutogenese ist auch die Resilienz (Wider-
standsfähigkeit). Diese soll im Rahmen von ressourcenorientierter Arbeit gestärkt
werden. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, auf Belastungen und Lebensrisiken wi-
derstandsfähig zu reagieren. Viele Kinder und Jugendliche können sich trotz widriger
Umstände zu stabilen Persönlichkeiten entwickeln. Die Kauai-Studie, die bisher wich-
tigste Studie in der Resilienzforschung, belegt die Bedeutung einer stabilen Bezugs-
person im Entwicklungsprozess. Verschiedene Schutzfaktoren und Ressourcen sind
bedeutend zur Entwicklung von Resilienz.83 Im Hinblick auf Recovery ist es wichtig
festzustellen, dass Ressourcen lebenslänglich aufgebaut und gestärkt werden können.

81 Vgl. Deegan, G. (2003): Discovering Recovery. S. 373.


82 Vgl. Antonovsky, A. (1987): Unraveling the Mystery of Health: How People Manage Stress and Stay
Well.
83 Vgl. Zander, M. (2011): Handbuch Resilienzförderung.

44
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

Zwischenfazit zum Recovery-Konzept:

„Recovery is described as a deeply personal, unique process of changing


one’s attitudes, values, feelings, goals, skills, and/or roles. It is a way of liv-
ing a satisfying, hopeful, and contributing life even with limitations caused
by illness. Recovery involves the development of new meaning and purpose
in one’s life as one grows beyond the catastrophic effects of mental ill-
ness.“84
W. A. Anthony

Das obige Zitat fasst den Kerngedanken des Recovery prägnant zusammen. Versucht
man eine weitere Fokussierung des Recovery auf den Kerngedanken, so könnte man
stark vereinfacht sagen: Ziel von Recovery ist es, eine Prävention von psychischen
Erkrankungen und die Genesung von bereits erkrankten Menschen zu erzielen.
Vertreter des Recovery-Konzeptes würden diese stark vereinfachte Definition
vermutlich als zu kurz gegriffen beschreiben und diesen Kerngedanken um viele
weitere Komponenten erweitern. Außerdem ist Genesung im Kontext von Recovery
nicht so zu verstehen, dass für das restliche Leben keinerlei Erkrankungsschübe
auftreten.85
Das Recovery-Konzept lässt sich nicht nur auf den Bereich von Menschen mit psy-
chischen Erkrankungen anwenden, sondern lässt sich auch darüber hinaus einsetzen.
Im Bereich der Suchterkrankungen wird es schon längere Zeit angewendet. Außer-
dem lassen sich eine Vielzahl von weiteren Anwendungsbereichen vorstellen. Nach-
folgend sollen einige Bereiche aufgezeigt werde, in denen eine Anwendung des
Recovery-Konzeptes denkbar und sinnvoll erscheint.

Menschen mit somatischen Erkrankungen:


Aus der Forschung ist bekannt, dass auch in diesem Bereich eine hoffnungsvolle
Herangehensweise die Krankheitsverläufe entscheidend verbessern kann. Die
Hoffnung der Erkrankten und ihrer Behandler kann einen Einfluss auf die weitere
Lebenserwartung nach einer Diagnose haben. Durch eine positive Herangehensweise

84 Anthony, W. A. (1993): Recovery from Mental Illness: The Guiding Vision of the Mental Health
Service System in the 1990s. S. 15.
85 Vgl. ebd., S. 15 f.

45
DAS RECOVERY-KONZEPT – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

können verstärkt Selbstheilungskräfte aktiviert werden und sich die


Genesungswahrscheinlichkeit erhöhen.

Menschen mit psychischen Erkrankungen:


Das Recovery-Konzept wird bisher hauptsächlich für Menschen mit Schizophrenie
oder einer Suchterkrankung angewendet. Besonders wirksam dürfte es auch bei
Menschen mit einer Depression sein. Hierbei ist es wichtig, die Erkrankten aus ihrer
Passivität zu holen und ihnen zu verdeutlichen, dass sie Einfluss auf ihre Erkrankung
haben. Nicht nur die Hoffnung sollte hier im Fokus stehen, sondern die Entwicklung
konkreter Schritte hin zu einem Recovery.

Menschen mit körperlichen Behinderung:


Aspekte des Recovery-Konzepts können Menschen, die mit einer Behinderung leben
müssen, dabei helfen, sich mit vorhandenen Einschränkungen zu arrangieren. Das
Recovery-Konzept sagt auch, dass vieles trotz einer Behinderung möglich ist. Ein
hoffnungsvolles und selbstbestimmtes Leben zu führen, erhöht die Zufriedenheit und
langfristige Bewältigungsfähigkeit schwieriger Lebenssituationen.

Menschen nach schweren Unfällen:


Nach schweren Unfällen können Menschen einen langwierigen Rehabilitations-
prozess vor sich haben. Der Ausgang einer Rehamaßnahme ist nicht immer im
Vorhinein abschätzbar. Das Mitwirken der Betroffenen kann die Genesungschancen
erhöhen. Auch depressive Begleiterkrankungen sind unter Verwendung des
Recovery-Konzeptes unwahrscheinlicher. Das Recovery-Konzept macht keine
konkreten Versprechungen, sondern wendet sich gegen einen demoralisierenden
Pessimismus.

Aus diesen Beispielen soll das große Potenzial für das Recovery-Konzept verdeutlicht
werden. Dem Konzept liegt das Krankheitsverständnis des biopsychosozialen
Krankheitsmodells zu Grunde. In den USA und in anderen englischsprachigen
Ländern ist das Recovery-Konzept schon deutlich verbreiteter und die Chancen, die
mit diesem Konzept verbunden sind, einer breiteren Öffentlichkeit bewusst.

46
PRAKTISCHER TEIL – QUALITATIVE BEFRAGUNG

PRAKTISCHER TEIL – QUALITATIVE BEFRAGUNG

Im Rahmen der Bachelorarbeit soll die Forschungsfrage – Was waren die


entscheidenden Faktoren für eine Genesung von Schizophrenie? – beantwortet werden.
Um diese Frage beantworten zu können, wird nachfolgend mithilfe dreier
Betroffeneninterviews untersucht, welche Faktoren für eine Genesung von zentraler
Bedeutung waren. In einem ersten Schritt werden die Ergebnisse jeweils pro Person
getrennt dargestellt, um einen besseren Eindruck von den einzelnen
Interviewpartnern zu erhalten. Zur Wahrung der Übersichtlichkeit der Arbeit erfolgt
an dieser Stelle eine kurze Zusammenfassung der Biografie und anschließend werden
zentrale Aspekte des Interviews wiedergegeben. Die Interviews waren sehr
umfangreich und werden deshalb im Anhang der Arbeit ergänzend ausgewertet.
Deshalb wird im Anhang zusätzlich auf wichtige Aspekte der einzelnen Interviews
detailliert eingegangen.
In einem zweiten Schritt werden die Interviews anhand einer Kategorienauswer-
tung auf vier Gesichtspunkte hin untersucht. Hierbei liegt der Fokus vor allem darauf,
was bei einer Genesung von Schizophrenie hilfreich beziehungsweise nicht hilfreich
war. Einige Faktoren lassen sich nur schwer zuordnen, weil sie sowohl förderlich als
auch hinderlich für eine Genesung sein können. Dies kann beispielsweise auf die Fa-
milie zutreffen. Gesondert sollen in einem weiteren Kapitel die entscheidenden Fak-
toren für ein Gelingen von Recovery herausgearbeitet werden.
Eine vergleichbare Arbeit zu Recovery von Schizophrenie ist möglich! Was hilft?
Sichtweisen von Betroffenen gibt es im deutschsprachigen Raum nicht. Dies gilt sowohl
für die Berufsgruppe der Sozialarbeiter als auch für andere Berufsgruppen, die sich
mit psychisch erkrankten Menschen im beruflichen Kontext auseinandersetzen. Eine
Sammlung von Recovery-Geschichten, die von Betroffenen selbst geschrieben wur-
den, findet sich im Buch von Schulz & Zuaboni: Die Hoffnung trägt.86 Hier berichten 25
psychisch erkrankte Menschen über ihre sehr verschiedenen Genesungswege. Dieses
Buch soll erkrankten Menschen Hoffnung geben und der Tatsache Rechnung tragen,

86 Vgl. Schulz, M. & Zuaboni, G. (2014): Die Hoffnung trägt. Psychisch erkrankte Menschen und ihre
Recoverygeschichten.

47
VORGEHENSWEISE DER BEFRAGUNG (FORSCHUNGSDESIGN)

dass Recovery möglich ist. In dieser Hinsicht gleicht die Intention des Buches der Ziel-
setzung dieser Arbeit. Mithilfe der dargestellten Interviews soll gezeigt werden, dass
Genesung im Hinblick auf psychische Erkrankungen möglich ist. Der Theorieteil der
Arbeit ergänzt die praktischen Ergebnisse der Arbeit. Die Auswahl der Betroffenen
erfolgte nicht aufgrund besonders guter Krankheitsverläufe. Einzig die Betroffenen
mit einem chronischen Verlauf87 finden in dieser Untersuchung keine Berücksichti-
gung. Ca. ⅓ der Erkrankten sind von diesem schlechtesten Krankheitsverlauf betrof-
fen, wobei hier anzumerken ist, dass auch in diesem Fall ein sogenannter positiver
Knick in der Krankheitsgeschichte auftreten kann. Eine Chronifizierung bei dieser
Gruppe wurde eventuell auch durch nicht optimale Behandlungsformen verstärkt
oder zum Teil bedingt.

5 Vorgehensweise der Befragung (Forschungsdesign)


Im Rahmen des Forschungsvorhabens fiel die Wahl auf ein qualitatives Verfahren.
Dieses bietet die Chance, die Fragestellung möglichst ganzheitlich zu untersuchen und
die subjektiven Erfahrungen der Interviewpartner in den Kontext ihrer
Lebensgeschichte einzuordnen. In der Vergangenheit wurde bereits eine ähnliche
Forschungsfrage im Rahmen einer quantitativen Untersuchung durch den Autor
bearbeitet.88 Hier konnten Ergebnisse mithilfe der quantitativen Forschungsmethode
entwickelt werden. Dieses Vorwissen ist hilfreich für das in dieser Arbeit
durchgeführte qualitative Forschungsprojekt mit vergleichbarer Fragestellung. Die
Ergebnisse des ersten Forschungsprojektes können eine Einordnung der
Interviewergebnisse zusätzlich unterstützen.
Die Interviewpartner wurden aus dem Bekanntenkreis des Verfassers der Arbeit
ausgewählt. Hier ist anzumerken, dass dieses Vorgehen gewisse Vor- und Nachteile
hat. Vorteilhaft dürfte die vorhandene Vertrauensbasis zwischen dem Autor und den
Interviewpartnern sein, denn so können sehr private Erfahrungen in Bezug auf die

87 Menschen mit einem chronischen Verlauf sind in diesem Kontext Personen, die einen sehr hohen
Grad an Behinderung haben und üblicherweise dauerhaft in Heimen untergebracht sind.
88 Quantitative Befragung zu Recovery (Genesung): Mithilfe eines Fragebogens wurde
herausgefunden, was Menschen mit Psychosen bei einer Stabilisierung bzw. Genesung geholfen
hat. Auch wurde betrachtet, welche Faktoren gegebenenfalls eine Genesung behindert haben. Der
Fragebogen richtete sich an Betroffene, Angehörige und Professionelle. (vgl. Weiter, M (2017):
Empowerment im Kontext von Sozialer Gruppenarbeit. Gestaltung von zwei interaktiven
Vorträgen und Durchführung einer Befragung im Rahmen des Heidelberger Psychose-Seminars.
[Quantitative Forschung].)

48
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Erkrankung und das Recovery geteilt werden. Nachteilig könnte dabei sein, dass die
Interviewpartner gewisse Hintergründe als bekannt vorrausetzen und somit die Aus-
wertung erschwert wird.

Der Durchführung der Interviews lag ein Interviewleitfaden zugrunde, der folgende
Themenbereiche umfasste und im Anhang der Arbeit eingesehen werden kann (vgl.
Interviewleitfaden – Genesung von Schizophrenie):
1. Biografischer Kontext (wichtigste Lebensschritte).
2. Recovery-Prozess (Genesungsweg).
3. Was war hilfreich für Recovery?
4. Was war nicht hilfreich für Recovery?
5. Wurde etwas vergessen? Ergänzungen? Zukunftsfrage.

Es war schwierig, im Voraus den zeitlichen Umfang der Interviews zu bestimmen. Es


wurde eine Interviewlänge von ca. einer Stunde angestrebt, wobei eine Unter- bzw.
deutliche Überschreitung des zeitlichen Rahmens nicht als problematisch angesehen
wurde. Die durchgeführten Interviews wurden nach der Durchführung zunächst
transkribiert und anschließend mittels der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet.
Eine Transkription der einzelnen Interviews kann online abgerufen werden.89 Die
Interviews fanden an verschiedenen Tagen im Juli 2017 statt. Die Darstellung der
Interviews erfolgt in chronologischer Reihenfolge in Bezug auf die Durchführungs-
termine. Die Reihenfolge hing von der terminlichen Verfügbarkeit der Interview-
partner ab. Die Interviews wurden in unterschiedlichen Räumlichkeiten
durchgeführt.

6 Darstellung der Ergebnisse (Interviews)


Die Interviews dauerten 45 – 60 Minuten. Vor allem der zweite Interviewpartner
wirkte während des Interviews recht aufgeregt. Den Interviewpartnern fiel es nach
meiner Einschätzung nicht schwer, sich gegenüber dem Interviewer zu öffnen. Für
den Interviewer stellte sich die Situation zum Teil schwierig dar. Er besaß bereits
Vorwissen über die Interviewten und hoffte teilweise darauf, krankheitsbedingte

89 http://www.heidelberger-hochschulverlag.de/download/Thesen02_ Transkription.pdf

49
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Erlebnisse der Betroffenen erneut genannt zu bekommen. Andererseits wurde


dadurch das spontane Eingehen auf die Interviewpartner erleichtert, beziehungs-
weise auch das Stellen von kontextbezogenen Fragen.

6.1 Betroffeneninterview Nr. 1 (Herr Schmidt)


Nachfolgend wird die Biografie von Herrn Schmidt90 in Kurzform zusammengefasst.
Daran anschließend erfolgt eine weitere Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte
in Bezug auf das Recovery von Herrn Schmidt. Im Anhang der Arbeit werden
weiterhin folgende Inhalte des Interviews näher beleuchtet:
• die Biografie von Herrn Schmidt,
• der Krankenhausaufenthalt zwischen Zwang und Unterstützung,
• nach dem Krankenhaus – die Rehamaßnahme,
• die Ausbildung und der berufliche Werdegang.

Kurzbiografie Herr Schmidt:


Herr Schmidt wuchs in einer Großfamilie auf. Die Familie wanderte in seiner frühen
Kindheit von Rumänien nach Deutschland aus. Er schloss die Schule mit dem
allgemeinen Abitur ab. Während seines Bachelorstudiums Grundschullehramt
erkrankte er mit 22 Jahren an einer Psychose. Nach dem Krankenhausaufenthalt und
anschließender Reha begann Herr Schmidt mit einer Ausbildung zum
Hörgeräteakustiker. Inzwischen hat er die Ausbildung und den Meister erfolgreich
absolviert und leitet eine Hörgeräteakustiker-Filiale.

Was für sein Recovery wichtig war:


Herr Schmidt war nach seinem Krankenhausaufenthalt und anschließendem Besuch
der Tagesklinik sofort motiviert, sein Leben neu zu sortieren. Es bestand Offenheit für
eine berufliche Neuorientierung. Seiner Ansicht nach ging die gesundheitliche
Entwicklung und Stabilisierung der beruflichen Entwicklung voraus. Durch die
gesundheitliche Verbesserung wurden in seinen Augen erst die beruflichen
Fortschritte ermöglicht.

90 Der Name wurde aus Datenschutzgründen geändert.

50
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Herr Schmidt ist der Überzeugung, dass viele verschiedene Faktoren und auch
bestimmte Menschen für seine Genesung unterstützend waren. Nachfolgend sollen
die Einzelheiten aufgelistet werden, die ihm geholfen haben.

Faktoren:
• Gespräche:
Gespräche mit Professionellen und Nicht-Professionellen empfand er als
gesundheitsfördernd. Diese Gespräche schlossen das Sprechen über den
eigenen Kummer mit ein.
• PsychoEdukation:
Die PsychoEdukation empfand er als hilfreich und wichtig, um den Einfluss
von Stress auf seine Krankheit zu verstehen.
• Wechsel des sozialen Umfeldes:
Diesbezüglich benennt er die Reduktion des Kontakts zu religiösen Gruppen.
Herr Schmidt wuchs in einem sehr religiösen Elternhaus auf und hatte viel
Kontakt zu christlichen Gruppen. Er reduzierte den Kontakt zu einem
christlichen Hauskreis, da er die dortigen Themen als möglicherweise
triggernd für seine Erkrankung erkannte.
• Niedrigdosierte Medikamente:
In der Akutphase erlebte er Medikamente (hochdosiert) als stark
einschränkend. Mit niedrigeren Dosierungen kommt er heute deutlich besser
zurecht. Er fühlt sich durch diese niedrigere Dosis weniger eingeschränkt
und allgemein schwingungsfähiger. Er möchte langfristig seine Medikamente
weiter reduzieren.

Menschen:
Auch verschiedene Menschen waren sehr wichtig für seine Stabilisierung und
anschließende Genesung. Er nannte vor allem folgende vier Personen:
• einen Bruder, zu welchem er einen sehr guten Kontakt pflegt,
• einen Psychologen im psychiatrischen Krankenhaus,
• eine Ärztin während seiner Rehamaßnahme,
• eine Sozialarbeiterin während seiner Rehamaßnahme.

51
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Herr Schmidt schildert seine Stimmungslage in den Jahren nach der Erkrankung als
konstant gut. Auch im Hinblick auf seine Lebenssituation bezeichnet er sich als
zufrieden. Heute beschäftigt er sich nur noch sehr wenig mit seiner Erkrankung, weil
sie für ihn abgeschlossen ist. Sie sei mit zunehmender Zeit seit der akuten Psychose
in den Hintergrund getreten. Trotzdem möchte er diese Erkrankung nicht verleugnen,
da sie Teil seiner Lebensgeschichte ist.
Die Rolle der Partnerin im Rahmen des Recovery-Prozesses bleibt unklar. Auf die
spontane Frage nach dem Einfluss der Partnerin auf den Genesungsprozess, ist sich
Herr Schmidt unsicher. Gegenüber seiner Partnerin ging er von Beginn an offen mit
seiner Erkrankung um. Zu Beginn der Beziehung stellte er sie vor die Entscheidung,
sich trotz seiner Erkrankung für oder gegen eine Beziehung zu entscheiden. Er ver-
mutet, dass seine Partnerin keinen Einfluss auf seinen positiven Krankheitsverlauf
hatte. Er korrigiert aber diese Aussage sofort und sagt, dass diese Frage für ihn schwer
zu beantworten sei.

Was den Recovery-Prozess unnötig erschwerte:


Negativ auf die Genesung von Herrn Schmidt wirkten sich Belastungen im familiären
Rahmen aus. Auch die Defizitorientierung von Professionellen und das Erleben von
Zwang hatten einen negativen Einfluss auf den Recovery-Prozess.

• Familiäre Belastungen:
Herr Schmidt beschreibt den Kontakt zu seinem Vater als belastend. Sowohl
vor als auch nach der Erkrankung tat ihm der Kontakt zu seinem Vater nicht
immer gut. Aus diesem Grund hat er heute nicht übermäßig viel Kontakt zu
ihm. Herr Schmidt vermutet, dass diese Schwierigkeit im Kontakt nur von
ihm wahrgenommen wird und sein Vater eventuell nicht sensibel genug ist,
um dies zu bemerken. Die Freundin von Herrn Schmidt trennte sich für kurze
Zeit von ihm. In den Tagen der Trennung ging es Herrn Schmidt nicht gut.

Neben diesen negativen Faktoren im familiären Umfeld sind Herrn Schmidt


besonders ein Arzt und eine Ärztin im Gedächtnis geblieben, welche einen negativen
Einfluss auf seine Genesung gehabt haben.

52
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

• Negativer Einfluss von Professionellen:


Die Einstellung eines niedergelassenen Arztes, welcher ihn damals in seiner
Heimatstadt behandelte, wies eine starke Defizitorientierung auf. Dieser Arzt
prognostizierte seine gesundheitliche und berufliche Zukunft sehr negativ.
Er war beispielsweise der Überzeugung, dass Herr Schmidt niemals in der
Lage sein würde zu arbeiten. Einer Rehamaßnahme stimmte er deshalb nur
widerwillig zu. Die Rehamaßnahme wurde auf Drängen der Familie und des
Betroffenen selbst beantragt. Auch die Entscheidung über die Art und Weise
der Medikamenteneinnahme wurde über den Kopf von Herrn Schmidt
hinweg getroffen. Eine zweite negative Erfahrung machte er in Kontakt mit
einer weiteren niedergelassenen Ärztin, welche seinen Wunsch nach einer
langfristigen Medikamentenreduktion ohne Begründung ablehnte. Diese
Ärztin versuchte nicht mit Argumenten zu überzeugen, sondern indem sie
Druck aufbaute. Es muss jedoch betont werden, dass Herr Schmidt mit
anderen Ärzten gute Erfahrungen machen durfte.

In welchem Bereich seiner Gesundheit er sich weitere Verbesserungen wünscht:


Herr Schmidt berichtet, dass er sich häufig als sehr müde wahrnimmt. Dies schildert
er auch außerhalb des Interviews. Er beklagt, dass ihn die tägliche Arbeit mit mehr
als acht Stunden anstrengt. Er empfindet seine Leistungsfähigkeit nach der
Erkrankung als reduziert. Jedoch ist er sich nicht sicher, wie dies zu erklären sei.91
Hierbei vermutet er, dass er die Arbeit mit Menschen als anstrengend empfindet, da
man jedem Kunden individuell gerecht werden muss. Andere Faktoren, wie
beispielweise Nebenwirkungen der Medikamente oder eine Restsymptomatik der
Erkrankung, kommen für Herrn Schmidt auch als Erklärungsansatz in Frage.

91 Aus der Schilderung von Herrn Schmidt geht hervor, dass er vor der Erkrankung keine geregelten
40 Stunden in der Woche arbeiten musste. Als Student war es ihm möglich, seine Arbeitszeit freier
einzuteilen. Meine Vermutung lautet daher, dass die langen Arbeitszeiten von häufig mehr als 40
Stunden auch für einen gesunden Menschen erschöpfend wären. Herr Schmidt hat die alleinige
Verantwortung für die Leitung einer eigenen Hörgerätefiliale. Man muss bedenken, dass er erst
vor kurzer Zeit seine Ausbildung und seine anschließende Meisterprüfung absolviert hat. Im
Rahmen seiner Arbeit trägt er auch Personalverantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern.

53
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Abschließende Betrachtung:

„Ich unterhalte mich kaum noch mit Menschen über die Erkrankung. Ei-
gentlich ist es schon sehr lange her, dass ich mich zum letzten Mal mit je-
mandem über die Erkrankung unterhalten habe. Und ich habe schon vieles
verdrängt, also jetzt wo ich darüber nachdenke, jetzt kommt so manches
wieder, auch durch die Fragen und so weiter. Aber eigentlich beschäftige
ich mich mit der Erkrankung so gut wie möglich gar nicht. Ich versuche zu
vergessen.“92
Herr Schmidt

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Herr Schmidt die Erkrankung und die
Behandlung traumatisch wahrnahm. Es spricht davon, dass die Diagnose
Schizophrenie damals sein Leben zerstört93 habe. Die Erkrankung wird auch heute
noch, einige Jahre nach der akuten Erkrankung, als sehr negativ gewertet. Die
Behandlung müsste auch nach gängigen Standards als nicht immer hilfreich
angesehen werden. Besonders im Hinblick auf Empowerment oder Recovery hätte
mehr Ermutigung erfolgen sollen.
Die Bedeutung der Beziehungsebene zwischen Erkranktem und Behandler wird
im Interview deutlich. Eine tragfähige Beziehung zwischen einem Patienten und sei-
nem Behandler ist von immenser Bedeutung. Aus dem ersten Interview ging hervor,
dass je höher der Druck von Ärzten für eine Medikamenteneinnahme war, desto wi-
derwilliger der Erkrankte die Medikamente nahm. Spätere positive Erfahrungen mit
anderen Ärzten, die in einen Dialog und Aushandlungsprozess mit dem Erkrankten
traten, veränderten die Sichtweise auf Medikamente. Herr Schmidt ließ sich ab die-
sem Zeitpunkt freiwillig auf eine niedrige Dosis Medikamente ein und erhöhte sie in
Stresssituationen, wie zum Beispiel infolge der kurzzeitigen Trennung von seiner
Partnerin. Auch die Freundlichkeit und die Erklärung von Fachwissen verbesserten
die Beziehung zwischen Patient und Arzt.
Herr Schmidt beschreibt, dass er die Erkrankung weitgehend verdrängt. Die Ge-
danken an diese Erfahrung lassen ihn für seine Zukunft schwarzsehen. Auf der ande-
ren Seite, wenn er die Gedanken an die Erkrankung ausblendet, sieht er sich als

92 Zitat des ersten Interviewten (Herr Schmidt). Leichte sprachliche Glättung zur besseren
Verständlichkeit. [00:37:47 – 00:39:33].
93 Vgl. Aussage des ersten Interviewten (Herr Schmidt). [00:51:02 – 00:51:54].

54
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Mensch wie jeder andere auch. Dann kann er hoffen, wagen und Dinge in Angriff neh-
men.94
Der zeitliche Abstand zur Erkrankung hilft Herrn Schmidt, optimistisch in die Zu-
kunft zu sehen. Das in der Zwischenzeit Erreichte hilft ihm zusätzlich, diesen Optimis-
mus zu bewahren. Auch die Selbstverwirklichung und das Erreichen von selbst ge-
steckten Zielen verstärken diesen positiven Zukunftsglauben.

6.2 Betroffeneninterview Nr. 2 (Herr Mayer)


Nachfolgend wird die Biografie von Herrn Mayer95 in Kurzform zusammengefasst. Im
Anhang der Arbeit befindet sich die detaillierte Biografie. Daran anschließend erfolgt
eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte in Bezug auf sein Recovery.
Abgerundet wird das Kapitel durch eine abschließende Betrachtung.

Kurzbiografie Herr Mayer:


Herr Mayer wurde als drittes von drei Kindern im Rhein-Neckar-Gebiet geboren. Die
Eltern und Geschwister haben einen Hochschulabschluss. Herr Mayer besuchte nach
der Grundschule das Gymnasium. Die Erkrankung, zu Beginn noch als Depression
diagnostiziert, begann schleichend zwischen der achten und neunten Klasse. Es
erfolgte ein erster Psychiatrieaufenthalt 2004. Nur mit großer Anstrengung und auf
Umwegen gelang es Herrn Mayer, die Schule 2011 mit dem Abitur zu verlassen.
Immer wieder musste er krankheitsbedingt die Schule pausieren oder gar abbrechen.
Nach einer Orientierungsphase begann er 2013 eine Ausbildung zum Bibliothekar.
2015 schloss er diese erfolgreich ab und arbeitet seitdem in seinem erlernten Beruf.
In der Zukunft würde er gerne ein Studium absolvieren, ist sich jedoch aufgrund der
möglichen Belastungssituation unsicher, ob er dies wagen soll.

Was für sein Recovery wichtig war:


Nachfolgend wird auf die Faktoren und Menschen eingegangen, die in Bezug auf die
Genesung für Herrn Mayer bedeutend waren.

94 Vgl. Aussage des ersten Interviewten (Herr Schmidt). [00:55:01 – 00:56:22].


95 Der Name wurden aus Datenschutzgründen geändert.

55
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Faktoren:
• Rückzugsmöglichkeiten:
Möglichkeiten zum Rückzug und Zeit für sich selbst zu haben, sind Herrn
Mayer sehr wichtig. Dies war auch in Bezug auf seine gesundheitliche
Genesung von Bedeutung. In Rückzugszeiten fährt er gerne Fahrrad, liest
Bücher oder hört Musik. Entspannen kann er dann am besten alleine. Er
findet eine ausgewogene Balance zwischen Kontakten mit anderen
Menschen und die Inanspruchnahme von Rückzugsmöglichkeiten wichtig.
• Medikamente zwischen Nutzen und Schaden:
Weiterhin waren Medikamente Herrn Mayer eine wichtige Stütze, wobei er
insgesamt diesbezüglich geteilter Ansicht ist. In der Vergangenheit litt er
auch unter starken Nebenwirkungen, wie zum Beispiel an Gewichtszunahme
oder Müdigkeit. Auch musste er die Erfahrung einer zu starken Reiz-
abschirmung machen, sodass er die Umwelt kaum bzw. nur sehr stark
eingeschränkt wahrnehmen konnte. Es würde sich so anfühlen, als ob man
sich unter einer Käseglocke befände. Das jetzige Medikament verträgt Herr
Mayer deutlich besser.
• Finanzielle Absicherung durch die Familie:
Herr Mayer ist durch sein Elternhaus finanziell sehr gut abgesichert und
verfügt auch über große Ersparnisse. Diese Umstände empfindet er als
hilfreich für seine Stabilisierung und Genesung. Es ist ihm wichtig zu betonen,
dass er keine existenziellen Ängste zu haben braucht. Dies ist in seinen Augen
nicht unbedeutend und gibt ihm Gelassenheit. Es muss jedoch angemerkt
werden, dass Herr Mayer insgesamt der ideellen Unterstützung eine höhere
Bedeutsamkeit beimisst, als der finanziellen Unterstützung.
• Arbeit im beschützten Rahmen (zur Stabilisierung):
Herr Mayer ist der Auffassung, dass die gesundheitliche Stabilisierung der
schulischen und beruflichen Entwicklung vorrausging. Hierbei war für ihn
nach der zweiten Psychose die Arbeit im geschützten Rahmen hilfreich. Die
Stabilisierung nach den jeweiligen Krankenhausaufenthalten dauerte einige
Monate.

56
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

• Austausch mit anderen Betroffenen:


Herrn Mayer ist der Austausch mit anderen Betroffenen wichtig. Er berichtet,
dass es ihn aufbauen würde, dass er selbst einen guten Krankheitsverlauf im
Vergleich zu anderen Erkrankten habe. Er ist der Auffassung, dass er trotz
seiner Erkrankung einiges erreicht habe.

Menschen:
Herr Mayer benennt verschiedene Personen, die auf seine Genesung einen
entscheidenden Einfluss hatten. Die Rangfolge ist nach Wichtigkeit geordnet.

• Unterstützung durch die Familie (Eltern/Geschwister):


Als besonders wichtig im Hinblick auf seine Genesung benennt Herr Mayer
mehrfach die Unterstützung durch seine Familie. Er ist sich nicht sicher, ob
er ohne sie so viel erreicht hätte. Sein familiäres Umfeld empfindet er als
besonders stabil. Häufig habe ihn seine Familie wiederaufgebaut und ihm viel
Halt gegeben.
• Stabile Partnerschaft/Freundeskreis:
Als weiterhin hilfreich im Hinblick auf seine Genesung wertet er seine
dreijährige stabile Partnerschaft. Die Partnerin sieht die Erkrankung von
Herrn Mayer in Bezug auf die Beziehung nicht als problematisch an. Sie hat
sich sehr gut diesbezüglich informiert und ist der Erkrankung gegenüber
aufgeschlossen. Auch der Freundeskreis von Herrn Mayer ist ihm wichtig
und hilft ihm stabil zu bleiben.
• Unterstützung durch Professionelle:
Die Unterstützung durch Professionelle beschreibt er als positiv. Er ist an
eine ambulante psychiatrische Praxis angeschlossen und bekommt im
Hinblick auf seine Medikamente von einer Ärztin Unterstützung. Besonders
wichtig ist Herrn Mayer die Unterstützung durch zwei Sozialarbeiter. Sie
helfen ihm sowohl im lebenspraktischen Bereich als auch therapeutisch. Die
lebenspraktische Hilfe ist für ihn von großer Bedeutung.

57
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Was den Recovery-Prozess unnötig erschwerte:


Es fällt auf, dass Herr Mayer nur zwei Faktoren benennt, die sich negativ auf seine
Genesung ausgewirkt haben.

• Menschen, die ihn schützen wollten, aber damit auch entmutigten:


Zum einen haben ihn sowohl Professionelle als auch die Familie nicht immer
dabei unterstützt, etwas Neues in Angriff zu nehmen und etwas zu wagen. So
wurde ihm aus professioneller Sicht und aus Sicht der Familie der Besuch des
Abendgymnasiums nicht zugetraut. Auch einem zukünftigen Studium stehen
die Familie, die Partnerin und die Professionellen eher kritisch gegenüber
und haben Zweifel diesbezüglich. Herr Mayer ist jedoch der Ansicht, dass
diese ihn vor Überlastung schützen wollen. Aus diesem Grund ist er den
Professionellen und auch seiner Familie für ihr Handeln im Hinblick auf seine
Zukunftsperspektiven nicht böse.
Des Weiteren erlebte Herr Mayer die beiden Psychiatrieaufenthalte als
wenig hilfreich für seine Genesung. Die Psychiatrieaufenthalte erfolgten
2004 und 2007 infolge einer Zwangseinweisung.
• Psychiatrieaufenthalte 2004 & 2007:
Im Rahmen seines ersten Psychiatrieaufenthalts in der Kinder- und
Jugendpsychiatrie musste Herr Mayer aufgrund von Überbelegung auf dem
Flur schlafen. Da diese Station geschlossen war, hatte er keinerlei
Rückzugsmöglichkeit und er stand unter ständiger Beobachtung. Selbst das
Duschen war ihm nicht ohne Beobachtung gestattet. Somit war dieser erste
Krankenhausaufenthalt von 10 Tagen extrem stressig und belastend für
Herrn Mayer. Er bezeichnet diese Erfahrung auch heute noch als prägend. Die
Zwangseinweisung erfolgte nach einem Suizidversuch mit Tabletten und
Alkohol. Herr Mayer ist sich nicht sicher, ob er damals wirklich sterben
wollte, oder ob es sich um eine Kurzschlussreaktion handelte. Bei der
damaligen Diagnose handelte es sich um eine Depression.96
Der zweite Psychiatrieaufenthalt erfolgte 2007 im Rahmen einer akuten
Psychose. Herr Mayer wurde von der Polizei eingewiesen, nachdem er sich

96 Rückblickend könnte es vielleicht der Beginn der Prodromalphase der Schizophrenie gewesen
sein, vergleiche hierzu Theorieteil.

58
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

auffällig verhalten hatte. Er war in dieser Situation eine Gefahr für sich und
andere Menschen, da er sich mit Messern und einer Axt bewaffnet hatte. Hier
ist anzumerken, dass Herr Mayer aber zu keiner Zeit straffällig war. Während
seines zweiten Aufenthaltes in der Psychiatrie musste er erheblichen Zwang
(Dauerfixierung von ca. 48 Stunden) erleben. Zu diesem Zeitpunkt hatte er
keine Bewaffnung mehr und zeigte sich kooperativ, weshalb sich in diesem
Kontext die Frage in Bezug auf die Einhaltung von Menschenrechten stellt.

Abschließende Betrachtung:
Herr Mayer erkrankte bereits in frühen Jahren bevor er seine Schulausbildung
abschließen konnte. Es ist bemerkenswert, dass er trotz zweier Psychiatrie-
aufenthalte sowie einem krankheitsbedingten Leistungsabfall in dieser Zeit an
seinem Plan festhielt, das Abitur zu absolvieren. Ohne Erkrankung hätte Herr Mayer
planmäßig 2006 sein Abitur absolviert. Krankheitsbedingt verzögerte sich der
Abschluss bis 2011. Es fällt auf, dass Herr Mayer ein großes Durchhaltevermögen
besitzt und sich selbst mehr zutraut, als sein nahes Umfeld.

Nachfolgend wird ein kurzer Dialog aus dem Interview dargestellt, welches die
Situation in Bezug auf ein zukünftiges Studium schildert.
Interviewer: „Oh, da haben Sie ja ganz schönen Gegenwind.“
Herr Mayer: „Ja. Aber gerade das treibt mich eher fast noch mehr an.“97

Falls Herr Mayer sich entscheidet, ein Studium zu beginnen, wäre es sinnvoll, wenn
Professionelle und Familienmitglieder diese Entscheidung positiv unterstützen und
mittragen würden. Es ist nicht sicher, ob ein Studium langfristig gesundheits-
stabilisierend wäre oder aufgrund des zusätzlichen Stresses eher destabilisierend.
Die Entscheidung ist schlussendlich von Herrn Mayer zu treffen.
Beide Standpunkte sind verständlich und haben eine gewisse Logik. Im Hinblick
auf den Recovery-Gedanken wäre ein Studienbeginn anzustreben und das Risiko dem
eventuellen Nutzen gegenüber zu stellen. Herr Mayer selbst fühlt sich bezüglich der
Entscheidung noch zwiegespalten. Ihm ist diese Entscheidung sehr wichtig und er

97 Vgl. Aussage des zweiten Interviewten (Herr Mayer). [00:34:03 – 00:34:06].

59
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

möchte sie sich gut überlegen und dabei die Vor- und Nachteile gründlich abwägen.
Während des Interviews wurde deutlich, dass Herr Mayer den starken Wunsch hat,
über einen akademischen Abschluss zu verfügen. Als Studienfach interessiert er sich
besonders für geisteswissenschaftliche Fächer oder ein Fach im sozialen Bereich. Ihm
ist in Bezug auf seinen Beruf die Sinnhaftigkeit besonders wichtig.
Herr Mayer findet, dass sein jetziges Leben von hoher Lebensqualität geprägt ist.
Besonders positiv nimmt er die Zeit nach dem Abitur und nach dem Abschluss der
Berufsausbildung wahr. Herr Mayer ist stolz auf das, was er erreicht hat, besonders
wenn er dies im Kontext seiner Erkrankung betrachtet. Gesundheitlich ist eine Stabi-
lisierung oder Genesung eingetreten. In den letzten 10 Jahren waren keine erneuten
Psychiatrieaufenthalte nötig. Er bezeichnet sich selbst als stabil. Auch erwartet er eine
Fortsetzung seines guten Gesundheitszustandes. In der Vergangenheit beschreibt er
sich als einen sehr vorsichtigen Menschen. Nachdem er viele Erfolgserlebnisse hatte,
wie zum Beispiel das erreichte Abitur, die Ausbildung und auch seine Partnerschaft,
beginnt er vermehrt Dinge zu wagen und Neues in Angriff zu nehmen. Herr Mayers
Partnerin möchte zeitnah ein gemeinsames Kind. Herr Mayer kann sich dies vorstel-
len, jedoch hat er auch gewisse Ängste und Befürchtungen im Zusammenhang damit.

6.3 Betroffeneninterview Nr. 3 (Frau Bauer)


In diesem Unterkapitel wird die Biografie von Frau Bauer98 zunächst in Kurzform
zusammengefasst. Daran anschließend werden die Faktoren bezüglich Recovery
näher beleuchtet. Am Ende der Auswertung erfolgt eine abschließende Betrachtung.
Im Anhang der Arbeit werden nachfolgende Inhalte des Interviews näher beleuchtet,
welche zum tiefergehenden Verständnis des Interviews wichtig sind:
• die Biografie von Frau Bauer,
• der Krankheitsverlauf von Frau Bauer.

Frau Bauer hatte schon mehrere psychotische Schübe (fünf akute Krankheitsphasen).
Ihren letzten Krankheitsschub hatte Frau Bauer im Jahr 2015. Nachfolgend wird kurz
begründet, weshalb auch in diesem Fall von einem Recovery gesprochen werden
kann. Frau Bauer konnte ihr Studium trotz der Erkrankung erfolgreich abschließen.
Auch arbeitet sie seit einigen Jahren in ihrem erlernten Beruf. Im Interview wird

98 Der Name wurde aus Datenschutzgründen geändert.

60
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

deutlich, dass Frau Bauer ihre Medikamente erheblich reduzieren konnte. Als
wichtigster Faktor ist jedoch die persönlich erlebte Zufriedenheit mit dem aktuellen
Gesundheitszustand zu bewerten. Sie beschreibt ihre aktuelle Lebenszufriedenheit
als hoch. Auch empfindet sie aktuell keine Einschränkungen infolge der Erkrankung
oder der Medikamente. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Recovery nicht nur
bedeuten kann, dass man keinen Krankheitsschub mehr hat, sondern dass es viel
mehr auf die subjektiv erlebte Lebensqualität ankommt. Auch konnte Frau Bauer
einen sehr guten Umgang mit ihrer erhöhten Anfälligkeit für Psychosen
(Vulnerabilität) entwickeln.

Kurzbiografie Frau Bauer:


Frau Bauer wurde 1983 geboren und wuchs in einem kleinen Dorf auf. Sie ist das
dritte von drei Kindern. In der Zeit von ihrem 13. Lebensjahr bis zum Abitur besuchte
Frau Bauer ein Internat. Nach dem Abitur ging sie für ein Jahr, im Rahmen eines
Freiwilligendienstes, ins europäische Ausland. Nach diesem Aufenthalt studierte Frau
Bauer zwei Semester Verwaltungswissenschaften und wechselte danach zum
Studiengang Soziale Arbeit. 2005 erkrankte sie während des Studiums erstmalig an
einer Psychose. Es folgten noch weitere Krankheitsepisoden. Nach dem erfolgreichen
Abschluss ihres Studiums begann sie 2009 in Süddeutschland ihre erste Arbeitsstelle.
Aktuell beschreibt sie ihre Lebensqualität als hoch.

Was für ihr Recovery wichtig war:


Frau Bauer beschreibt im Interview, dass viele verschiedene Faktoren gemeinsam für
ihre Genesung von Bedeutung waren. Aufgrund der Krankheit setzte sie sich
jahrelang mit sich selbst und wichtigen Themen in ihrem Leben auseinander und
empfand dies im Hinblick auf ihre Genesung als sehr hilfreich. Nachfolgend sollen die
konkreten Faktoren aufgelistet werden.

Faktoren:
• Veränderte Sichtweise auf die Erkrankung:
Als wichtigsten Faktor im Hinblick auf ihr Recovery beschreibt Frau Bauer
einen veränderten Blickwinkel auf ihre Erkrankung. Im Verlauf der Erkrank-
ung lernte sie die Psychose nicht nur als seltsame Phase ihres Lebens zu

61
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

sehen, sondern zu erkennen, dass sie durch diese Krankheit viel lernen
konnte. Hierbei betonte sie vor allem die veränderte Wahrnehmung im
Rahmen der akuten Psychose. Sie sagt, dass sie in diesen Zeiten die Welt
feiner wahrnehmen kann und dadurch einen anderen Zugang zur Welt hat.
Zusammenfassend empfindet Frau Bauer diese Erfahrung als sehr wertvoll
und als Bereicherung für ihr Leben. Die veränderte Sichtweise hilft ihr sehr
dabei, die Erkrankung zu akzeptieren und ihre Erlebnisse als etwas
Besonderes zu werten.
• Psychotherapie:
Psychotherapie bezeichnet Frau Bauer als sehr hilfreich. Sie hat für sich eine
gute Therapeutin gefunden. Durch diese Therapie konnte Frau Bauer sich
und ihre Bedürfnisse besser kennenlernen.
• Alternative Therapien:
Alternative Therapien waren ebenfalls sehr wichtig für Frau Bauer. Sie
besuchte regelmäßig Kurse bei einer Heilerin und auch Familienauf-
stellungen sieht sie als sehr nützlich an.
• Eigene Familie:
Der Austausch mit der eigenen Familie und deren Unterstützung waren ihr
wichtig im Hinblick auf die Gesundung.
• Entspannungstechniken:
Seit der zweiten Erkrankungsphase erlebt Frau Bauer Sport (z.B. Wandern)
und auch andere Entspannungstechniken (z.B. Meditation) als positive
Faktoren für ihre Genesung. Auch durch kreative Tätigkeiten, vor allem
durch das Nähen, kann Frau Bauer gut entspannen.

Nachfolgend soll auf die Personen eingegangen werden, die ihr bei der Genesung
geholfen haben.

Menschen:
• Therapeuten (Psychotherapeutin/Heilerin):
Die verschiedenen Therapeuten waren wichtig für sie und konnten ihr in der
Vergangenheit gut weiterhelfen. In Bezug auf ihre Genesung, beurteilt sie
ihre Bedeutung als hoch.

62
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

• Familie (Tante & Onkel):


Sowohl ihre Tante als auch ihr Onkel waren wichtige Bezugspersonen, weil
sie stets für sie da waren. Später wurde auch die Mutter von größerer
Bedeutung für ihre Krankheitsbewältigung und als Unterstützung in
Krankheitsphasen. Der Vater gewann diesbezüglich erst zunehmend in den
letzten Jahren an Bedeutung.
• Freunde und Bekannte:
Freunde und Bekannte sind ihr im Hinblick auf ihre Erkrankung ebenfalls
wichtig, jedoch hat sie sich mit ihnen bis heute weniger über ihre Erkrankung
ausgetauscht, als mit Professionellen. Der Grund dafür ist, dass sie diese nicht
überfordern möchte.

Was den Recovery-Prozess unnötig erschwerte:


Als besonders hinderlich beschreibt Frau Bauer alle dogmatischen Aussagen in Bezug
auf die Erkrankung. Nachfolgend soll kurz erklärt werden, was Frau Bauer darunter
versteht: Im Krankenhaus wurde ihr vermittelt, dass es eine „Drittel-Regelung“ in
Bezug auf die Schizophrenie gibt. Nach dieser Aussage hat ein Drittel der Erkrankten
einen einmaligen Schub, das zweite Drittel immer wiederkehrende Krankheitsschübe
mit dazwischenliegenden Phasen der Remission und das letzte Drittel einen
chronischen Verlauf mit erheblicher Behinderung. Für sie stellt diese Kategorien-
bildung einen zu starren Rahmen dar, der wenig Individualität zulässt. Aus dem
Theorieteil ist bekannt, dass jeder Krankheitsverlauf individuell ist, es können
höchstens stark vereinfacht Gruppen nach Verlaufsformen gebildet werden. Als
weiteres negatives Beispiel benennt sie die Ansicht von Dorothea Buck. Dorothea
Buck war der Auffassung, man müsse eine Psychose ohne Medikamente durchleben,
um gesunden zu können. Durch diese Aussage fühlte sie sich stark unter Druck
gesetzt, weil ihr eigener Versuch, eine Psychose ohne Medikamente zu durchleben,
nicht funktionierte. Außerdem wurde Frau Bauer auch vor Entspannungstechniken,
beispielsweise der Meditation gewarnt, obwohl diese ihr sehr gut helfen.

Nachfolgend sollen weitere Faktoren konkret benannt werden, die für Frau Bauer
nicht hilfreich waren im Hinblick auf ihre Genesung.

63
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Faktoren:
• Psychiatrieaufenthalte (insbesondere erster Klinikaufenthalt):
Während ihres ersten Krankenhausaufenthalts musste Frau Bauer eine
starke Defizitorientierung erleben. Aus diesem Grund beschäftigte sie sich in
den ersten Jahren nach dem ersten Krankheitsschub nur wenig mit ihrer
Erkrankung. Ihr wurde die Erkrankung als großes Defizit vermittelt, gegen
das man nur wenig ausrichten könne. Einzig eine regelmäßige
Medikamenteneinnahme und ein stressreduziertes Leben zu führen könnte
helfen. Frau Bauer hätte sich vermutlich schon früher eingehend mit der
Erkrankung befasst, wenn auch die positiven Seiten thematisiert worden
wären, die mit dieser Erkrankung verbunden sind. Hier sind zum Beispiel
ihre erhöhte Sensibilität zu nennen oder ihre Fähigkeiten, die Welt anders
wahrzunehmen.
Auch die erste Krankheitsbehandlung wird von Frau Bauer als nicht
hilfreich gewertet. Sie beschreibt die unbehandelte Psychose als schlimm.
Nach der zwangsweisen Krankenhauseinlieferung wurde es jedoch erst
richtig „katastrophal schlimm“. Im Rahmen der ersten Psychose musste Frau
Bauer erheblichen Zwang erleben. Nach der Krankenhausentlassung hatte
Frau Bauer sehr große Ängste, erneut zu erkranken und in ein
psychiatrisches Krankenhaus zu kommen. Aus dieser Angst heraus versuchte
sie den ersten Krankheitsschub soweit wie möglich zu verdrängen. Im
weiteren Verlauf der Erkrankung erlebte sie auch gute und vor allem humane
Behandlungsmethoden. In diesem Kontext benennt sie beispielsweise eine
Soteria-Einrichtung.
Weiterhin negativ wurde die Krankenhausbehandlung auf einer
gemischten Station empfunden. Frau Bauer wurde im Rahmen ihrer ersten
Psychose auf einer geschlossenen Station behandelt. Dort wurden nicht nur
Menschen mit Depressionen oder Psychosen behandelt, sondern auch viele
Männer, die einen Alkoholentzug durchmachten. Sie hatte große Angst vor
sexuellen Übergriffen. Die Angst wurde aufgrund der teilweisen
Aggressivität der Männer im Alkoholentzug und der Tatsache, dass diese
Station geschlossen war, noch zusätzlich verstärkt und war krankheits-
fördernd.

64
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

• Medikamentöse Nebenwirkungen:
Sowohl im stationären Setting als auch nach der Krankenhausentlassung litt
Frau Bauer zum Teil unter heftigen Nebenwirkungen. Sie fühlte sich unsicher
und wenig schwingungsfähig. Auch kognitiv empfand sie sich durch die
Medikamente eingeschränkt. Ein Leistungsabfall im Studium war anhand der
Noten nicht erkennbar. Ihre Arbeitsleistung nahm sie unter der damals
eingenommenen Medikation subjektiv als schlechter wahr.
• Familienmitglieder und andere Bekannte:
Es gab Familienmitglieder und andere Bekannte, die ihr vermutlich aufgrund
eigener Verunsicherung zur Medikamenteneinnahme trotz erheblicher
Nebenwirkungen rieten. Sie fühlte sich dadurch ermutigt, sich mit den
Nebenwirkungen abzufinden, auch aufgrund der Angst vor einem erneuten
Krankheitsschub.

Abschließende Betrachtung:

„Für mich zählt die Lebensqualität. Für mich ist es so schön zu merken,
ich bin präsent, ich bin im Hier und Jetzt, ich kann am Leben teilnehmen
und ich kann mein Potenzial ausschöpfen. Also ich kann mich ausleben,
ich kann mich bei der Arbeit einbringen, ich kann gut denken und alles
und das möchte ich mir erhalten, also das ist mir wichtiger, als jetzt ohne
Medikamente zu leben.“99
Frau Bauer

Frau Bauer sagt, dass ihr aktuelles Leben von hoher Lebensqualität geprägt sei. Die
letzten anderthalb Jahre ginge es ihr so gut wie noch nie. Sie schätzt die aktuelle
Lebensqualität sogar noch höher ein als vor der erstmaligen Erkrankung. Auch fühlt
sie sich gesund und spricht davon, dass sie eine schwere Erkrankung gehabt habe. Die
Angst vor einem erneuten Krankheitsausbruch ist bei ihr geringer als in der
Vergangenheit. Dies begründet sie auch damit, dass sie die letzte Psychose ohne
Klinikaufenthalt durchlebt hat und sich dadurch der Schrecken vor einer

99 Zitat der dritten Interviewten (Frau Bauer). Leichte sprachliche Glättung zur besseren
Verständlichkeit. [00:25:33 – 00:26:07].

65
DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE (INTERVIEWS)

Wiedererkrankung verringert hat. Frau Bauer lernte im Laufe ihrer Krankheits-


geschichte ganz verschiedene Behandlungssettings kennen. So konnte sie auch im
häuslichen Rahmen einen Erkrankungsschub meistern. Zusammenfassend lässt sich
sagen, dass Frau Bauer sehr hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Sie ist sich jedoch
auch der Möglichkeit einer Wiedererkrankung durchaus bewusst. Frau Bauer musste
lernen, dass das Leben sich schnell ändern kann und dass man flexibel mit neuen
Herausforderungen umgehen muss. Frau Bauer hat den festen Wunsch, in Zukunft
nicht erneut an einer Psychose zu erkranken. Gefühlsmäßig hat sie erst seit einem
Jahr so richtig angefangen zu leben. Frau Bauer möchte nach vielen schweren Jahren
ihr Leben in der Zukunft mehr genießen, zum Beispiel mit dem vermehrten Besuch
von Konzerten, Tanzen oder häufigere Urlaube.
Beruflich möchte sich Frau Bauer fortbilden und zum Beispiel andere Menschen
mittels Energiearbeit behandeln oder öffentliche Vorträge über Psychosen halten.
Auch der langfristige Wunsch nach einer Familie besteht. Kinder kann sie sich even-
tuell auch vorstellen, jedoch möchte sie dies nicht erzwingen.

66
RÜCKSCHLÜSSE

7 Rückschlüsse
In diesem Kapitel werden weitere Rückschlüsse aus den Interviews im Hinblick auf
den Genesungsprozess gezogen. Hierbei werden Kategorien gebildet und in Bezug
zum erworbenen Hintergrundwissen gebracht. In Kapitel 4.5 wurden bereits die
wichtigsten Faktoren für Recovery anhand des Theoriewissens herausgearbeitet.
Anhand der Betroffeneninterviews werden in Kapitel 7.4 mithilfe der qualitativen
Sozialforschung die wichtigsten Faktoren bezüglich der persönlichen Recovery-
geschichten beschrieben. Es gibt gewisse Überschneidungen, aber auch deutliche
Unterschiede zwischen Theoriewissen und den praktischen Ergebnissen. Aufgrund
der individuellen Lebensläufe der drei Interviewpartner gestaltet sich die
Kategorienbildung und das Schlussfolgern von allgemeingültigen Aussagen zu
Recovery als herausfordernd. Zitate der Betroffenen dienen zur weitergehenden
Verdeutlichung der Ergebnisse. Manche Faktoren, wie beispielsweise eine
medikamentöse Therapie, lassen sich nicht eindeutig einordnen. Sie sind differenziert
zu betrachten und finden sich unter Kapitel 7.3 wieder.

7.1 Was war hilfreich im Hinblick auf eine Genesung?


Aus den Interviews wird deutlich, dass jeder Betroffene verschiedene Faktoren für
seine Genesung als wichtig erachtet. Dies hat sowohl mit den unterschiedlichen
Biografien als auch mit den individuellen Persönlichkeiten der Interviewten zu tun.
Trotz allem lassen sich gewisse Schlussfolgerungen ableiten und Gemeinsamkeiten
erkennen.
Herr Schmidt und Frau Bauer betonen, dass viele verschiedene Faktoren für ihre
Genesung nötig waren. Auch Herr Mayer benennt unterschiedliche Faktoren. Herr
Mayer ist jedoch der Überzeugung, dass seine Familie die entscheidende Rolle im Hin-
blick auf seine Genesung gespielt hat. Ergänzend macht er die eigenen Anstrengungen
für seinen guten Verlauf mitverantwortlich.

Gesundung und Zukunftspläne/-hoffnungen:


Aus allen Betroffeneninterviews wird deutlich, dass die Betroffenen, trotz negativer
Zukunftsprognosen, die Hoffnung auf ein lebenswertes Leben nicht aufgaben. Diese
Hoffnung bezieht sich sowohl auf den privaten als auch auf den beruflichen Bereich.
Gestärkt durch den Glauben an ein gelingendes Leben nahmen sie ihr Leben

67
RÜCKSCHLÜSSE

selbstbestimmt in die Hand und verfolgen weiterhin ihre alten Zukunftspläne oder
entwickelten im Rahmen einer Orientierungsphase neue Perspektiven. Auch
Rückschläge brachten Herrn Mayer und Frau Bauer nicht von diesem Ziel ab. Herr
Schmidt konnte einen erneuten Krankheitsschub verhindern und es besteht die
Hoffnung, dass es in seinem Leben bei der einen Krankheitsepisode bleibt.

„Dann hatte ich für mich das Ziel, ich werde gesund, komme was wolle.“100
Frau Bauer

Aus dem Interview mit Frau Bauer wurde deutlich, dass sie sich zu Beginn wenig mit
ihrer Erkrankung auseinandersetzte. Später hatte Frau Bauer einen sehr starken
Willen zu gesunden. Gesunden bedeutete für Frau Bauer in dieser Zeit, ein langfristig
medikamentenfreies Leben zu führen. Erst später wurde ihr bewusst, dass für sie die
selbst empfundene Lebensqualität maßgeblich ist. Die Frage, ob sie eine niedrige
Dosis Medikamente oder keine Medikamente nahm, verlor ab diesem Zeitpunkt ihre
Wichtigkeit.

Selbstbestimmung:
Der Wille, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten, ist im Hinblick auf eine
Genesung sehr bedeutend.

„Ich will möglichst selbstbestimmt leben“101

Herr Schmidt

Selbstbestimmung wird erkrankten Menschen nicht immer in vollem Umfang


gewährt. Prof. Dr. Thomas Bock ist Leiter der Spezialambulanz für Psychosen und
bipolare Störungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Im Rahmen seiner
langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen kann er
interessante Denkanstöße zum Themenfeld Selbstbestimmung von Menschen mit
psychischen Erkrankungen leisten. Herr Bock appelliert in diesem Kontext zu mehr
Gelassenheit. In seinem Buch Eigensinn und Psychose – „Noncompliance“ als Chance
gibt er interessante Einblicke in seine Arbeit. Er sieht sogar in der sogenannten

100 Zitat der dritten Interviewten (Frau Bauer). Leichte sprachliche Glättung zur besseren
Verständlichkeit. [00:06:58  – 00:08:02].
101 Zitat des ersten Interviewten (Herr Schmidt). [00:39:54 – 00:40:08].

68
RÜCKSCHLÜSSE

„Noncompliance“ von Patienten Chancen.102 Unter „Noncompliance“ versteht man


das Nichteinhalten von ärztlichen Ratschlägen und das Nichterfüllen von
therapeutisch notwendigen Pflichten. Die Sicht der Compliance ist durch die Brille der
Professionellen geprägt. Die heutige Forschung weiß um die Bedeutung des
Erfahrungswissens der Patienten.103 Die im Rahmen dieser Arbeit interviewten
Menschen hielten sich nicht immer an professionelle Ratschläge. Rückblickend war
der Mut, diese Ratschläge nicht umzusetzen, oft förderlich im Sinne des Recovery.
Herr Mayer konnte beispielsweise die Schule erfolgreich mit dem Abitur verlassen.
Hätte er jedoch auf die Ratschläge der Professionellen gehört, wäre sein höchster
Bildungsabschluss vermutlich der Hauptschulabschluss.

Unterstützung durch das familiäre Umfeld oder durch Professionelle:


In Kapitel 6 wurde deutlich, dass alle Betroffenen verschiedene Formen der
Unterstützung im Rahmen ihrer Genesung erhielten. Hierbei unterscheiden sich
jedoch die Antworten erheblich, wenn man nach der Wichtigkeit fragt. Für Herrn
Mayer war die Familie von entscheidender Bedeutung. Ergänzend konnten ihm auch
Professionelle helfen. Für Frau Bauer waren sowohl die Familie als auch
Professionelle wichtig. Die Rolle der Therapeuten bewertet sie jedoch als
bedeutsamer, im Vergleich zu ihrer Familie. Herr Schmidt hingegen konnte besonders
von seiner Rehamaßnahme profitieren. Aus der Sicht von Herrn Schmidt hatten die
Eltern keine besondere Bedeutung im Hinblick auf seine Genesung. Das Verhältnis
zum Vater wird eher kritisch betrachtet.

Veränderte Sichtweise auf die Psychose:


Für Frau Bauer war eine veränderte Sichtweise auf die eigene Erkrankung besonders
wichtig. Im Laufe der Erkrankung lernte sie die Psychosen nicht nur als komische
Phasen in ihrem Leben zu deuten, sondern erkannte, dass sie durch die Psychosen in
ihrem Leben viel lernen konnte. Inzwischen sieht sie die gewonnenen Erfahrungen
als wertvoll für ihr eigenes Leben an. Dieser veränderte Blick hilft ihr, die Erkrankung
zu akzeptieren und ihre Erlebnisse nicht abzuwerten.

102 Bock, T. (2012): Eigensinn und Psychose „Noncompliance“ als Chance.


103 Utschakowski, J. u. a. (2016): Experten aus Erfahrung. Peerarbeit in der Psychiatrie.

69
RÜCKSCHLÜSSE

Das Thema finanzielle Sicherheit oder Existenznöte spielt bei allen Betroffenen keine
große Rolle. Als Einziger kommt Herr Mayer auf dieses Thema zu sprechen.

„Aber auch das Finanzielle insofern, selbst wenn ich es nicht mehr geschafft
hätte, auf die Füße zu kommen, hätte ich sozusagen ein sicheres Netz noch
gehabt, also von daher ist es auch unterstützend.“104
Herr Mayer

Herr Mayer hat vermögende Eltern und zusätzlich eigene große Ersparnisse. Diese
Absicherung sieht er als unterstützend. Es wird ersichtlich, dass es in seinem Leben
zu keiner Zeit existenziellen Druck gab. Dieser Sachverhalt wird von ihm aber als eher
unbedeutend für seine persönliche Genesung gewertet.

7.2 Was war hinderlich im Hinblick auf eine Genesung?


Nachfolgend sollen die Faktoren benannt werden, die sich negativ im Hinblick auf
eine Genesung ausgewirkt haben. Aus dem Recovery-Konzept sind Faktoren bekannt,
welche eine Genesung behindern. Es fällt auf, dass die Erkenntnisse aus den
Interviews diesen Faktoren weitgehend entsprechen.

Defizitorientierung:

„Ich habe es damals so vermittelt bekommen. Boah, Sie sind nicht so ganz
stressresistent, ne!? Da können wir jetzt leider auch nicht so viel machen,
irgendwie. […] Das war nicht so dieser Aufwindgedanke. Sondern das war
irgendwie so: Wir müssen irgendwie gucken, dass Sie, ne, Sie müssen irgend-
wie gucken, dass Sie zu Rande kommen.“105
Frau Bauer

Herr Schmidt und auch Frau Bauer erlebten die Behandlung durch Professionelle im
Verlauf ihrer Erkrankung zum Teil als stark defizitorientiert. Auch Herr Mayer erlebte
diese Defizitorientierung durch Professionelle. Besonders negativ sind bei allen
Betroffenen die Psychiatrieaufenthalte im Gedächtnis geblieben. Herr Mayer nahm
die Defizitorientierung seiner Behandler zum Teil in deutlich geringerem Maße wahr.

104 Zitat des zweiten Interviewten (Herr Mayer). [00:09:24 – 00:09:40].


105 Zitat der dritten Interviewten (Frau Bauer). Leichte sprachliche Glättung zur besseren
Verständlichkeit. [00:37:05 – 00:39:11].

70
RÜCKSCHLÜSSE

Die Tatsache, dass ihm vieles von professioneller Seite nicht zugetraut wurde (z.B. der
Besuch des Abendgymnasiums), interpretierte er rückblickend als wenig negativ. Er
ist der Ansicht, dass ihn seine Behandler vor einem erneuten Krankheitsausbruch
infolge von Stress schützen wollten. Auch, dass sie das erfolgreiche Abschließen
anzweifelten, sieht er im Kontext der allgemeinen Verunsicherung aufgrund seiner
Erkrankung.
Durch eine Defizitorientierung im Kontext der Erkrankung kommt es häufig zum
Vermitteln von Hoffnungslosigkeit und zu einer Perspektivlosigkeit. Perspektivlosig-
keit und Hoffnungslosigkeit verringern die Wahrscheinlichkeit einer Gesundung und
schaffen häufig Frustration bei an Schizophrenie erkrankten Menschen und ihrem
Umfeld.

Die Vermittlung von Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit:


Die Betroffenen erlebten in unterschiedlichem Umfang eine Vermittlung von
Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit durch Professionelle und zum Teil auch durch das
Umfeld. Besonders negative Erfahrungen diesbezüglich musste Herr Schmidt
machen. Nachdem Herr Schmidt einen ersten und bisher einzigen psychotischen
Krankheitsschub hatte, gingen die Mutter und er gemeinsam zu seinem behandelnden
Arzt, um weitere Schritte zu besprechen. Herr Schmidt war bereits zu diesem
Zeitpunkt sehr motiviert, sein Leben neu zu ordnen und beruflich mithilfe einer
Rehamaßnahme erneut Fuß zu fassen. Auf die Frage der Mutter, wie es nun
weitergehen könne, antwortete dieser Arzt folgendes:

„Also arbeiten kommt für Sie ein Leben lang nicht mehr in Frage. Es gibt
eigentlich für Ihren Sohn keine Perspektive.“106
Behandelnder Arzt

Aufgrund dieser Überzeugung war der Arzt von der Nützlichkeit einer
Rehamaßnahme und weitergehende Reintegration in die Arbeitswelt nur schwer zu
überzeugen.

106 Zitat des ersten Interviewten (Herr Schmidt). [00:42:28 – 00:43:11].

71
RÜCKSCHLÜSSE

„Der Arzt hatte damals überhaupt keine Hoffnung für mich, für mein zu-
künftiges Leben“107
Herr Schmidt

Dr. Patrica Deegan schreibt über Professionelle, die den Glauben an ein Recovery
ihrer Patienten verloren haben, dass sie sich in einer Krise befinden. Wenn die
Professionellen über die vermeintliche Hoffnungslosigkeit ihrer Patienten Aussagen
machen, sind es vielmehr sie selbst, welche in einer Hoffnungskrise stecken. Somit ist
es Aufgabe ihrer Vorgesetzten zu intervenieren. Im Rahmen dieser Intervention
sollten sie Geschichten zu Recovery erfahren und das theoretische Fundament dieses
Konzepts vermittelt bekommen. Dieses Fachwissen sollte mittels Studien
untermauert werden. Aufgrund der Dauer von Recovery ist es Mitarbeitern häufig
nicht möglich, die Langzeitverläufe in einem realistischen Bild zu sehen. Dies hängt
auch damit zusammen, dass gesundete Menschen nach ihrer Genesung nur selten in
Kontakt mit dem psychiatrischen Hilfesystem bleiben. Die Menschen mit einem
schlechteren Verlauf treten jedoch immer wieder in Erscheinung.108
Aus den Betroffeneninterviews wird deutlich, dass es im stationären Setting ein
hohes Maß an Defizitorientierung gibt. Auch die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit
wurde in den Interviews deutlich. Dies kann sich auf den langfristigen Gesundheits-
zustand besonders negativ auswirken, da Patienten in der Psychiatrie häufig erstma-
lig mit Professionellen in Berührung kommen.

Die Psychiatrieaufenthalte (insbesondere Zwangsmaßnahmen):


In allen Betroffeneninterviews zeigt sich, dass die Psychiatrieaufenthalte als wenig
förderlich im Hinblick auf eine Genesung gesehen werden. Es wurde keine Hoffnung
auf eine Genesung oder die Möglichkeit auf ein „gutes“ Leben trotz der Erkrankung
vermittelt. Im Rahmen des Psychiatrieaufenthalts mussten sowohl Herr Mayer als
auch Frau Bauer Fixierungen erleben. Herr Schmidt wiederum erlebte die
geschlossene psychiatrische Station in einem Allgemeinkrankenhaus als ein
Gefängnis.

107 Zitat des ersten Interviewten (Herr Schmidt). [00:44:28 – 00:44:40].


108 Deegan. P. (2013): Ohne Hoffnung gibt es kein Recovery! Ein Interview mit Patricia Deegan. S. 17 f.

72
RÜCKSCHLÜSSE

Aus den Betroffeneninterviews wird deutlich, dass die Fixierungen im Kranken-


haus nur zum geringen Teil aufgrund von vorausgegangener Aggressivität erfolgten.
Sie erfolgten auch als „Strafe“ in Bezug auf fehlende Kooperation bezüglich einer Me-
dikamenteneinnahme oder andere „Vergehen“ aus Sicht der Mitarbeiter. Herr Mayer
wurde im Rahmen seines Psychiatrieaufenthaltes über einen Zeitraum von ca. 48
Stunden dauerfixiert.

„Ich war kooperativ und wurde dann aber trotzdem fixiert. Im Nachhinein
habe ich dafür Verständnis, nach meinem Auftritt. Allerdings waren das
wirklich zwei Tage, zwei Nächte, die ich da am Bett lag.“109
Herr Mayer

Zwangsmaßnahmen sind im Hinblick auf eine Erkrankung an Schizophrenie aus


mehreren Gründen als sehr bedenklich anzusehen. Exemplarisch sollen hierbei zwei
verschiedene Gründe benannt werden. Einerseits wird somit das Recht auf
Selbstbestimmung eingeschränkt und andererseits können Zwangsmaßnahmen zu
einer erheblichen Traumatisierung führen, die sich meist sehr negativ auf eine
Genesung auswirkt. Es ist wichtig, Zwangsmaßnahmen auf ein absolutes Minimum zu
reduzieren und die Umsetzung an sehr strenge gesetzliche Vorgaben zu knüpfen.110

7.3 Faktoren, die unterstützend und hemmend zugleich sein können


Aus den Betroffeneninterviews wird deutlich, dass verschiedene Faktoren sich
sowohl gesundheitsfördernd als auch krankheitsfördernd auswirken können.

Die ambivalente Rolle der Professionellen:


Im Verlauf der Erkrankung hatten alle Betroffenen mit unterschiedlichen
Berufsgruppen zu tun. Dies umfasste unter anderem Ärzte, Psychologen,
Sozialarbeiter und Pflegekräfte. Die interviewten Betroffenen mussten alle im Verlauf
ihrer Krankheitsgeschichte, schlechte Erfahrungen in verschiedenen Psychiatrien
machen. Hierfür gab es unterschiedliche Gründe. Diese waren beispielsweise
geschlossene Stationen, Zwangsmaßnahmen, Überfüllung der Stationen, starke

109 Zitat des zweiten Interviewten (Herr Mayer). Sprachliche Glättung zur besseren Verständlichkeit.
[00:28:07 – 00:28:30].
110 Bei weitergehendem Interesse zum Thema Zwang und Gewalt im psychiatrischen Kontext siehe
Essay Weiter, M. (2017): Zwangsbehandlung im Kontext von Psychiatrie. Warum wir kritische &
unbequeme Mitarbeiter benötigen!

73
RÜCKSCHLÜSSE

Defizitorientierung des Personals und aggressive Mitpatienten. Die Betroffenen


haben aber auch gute Erfahrungen mit Behandlungsangeboten im Kontext ihrer
Krankenhausbehandlung machen können. Hier werden einerseits einzelne
Mitarbeiter positiv hervorgehoben. Andererseits werden alternative
Behandlungskonzepte, wie zum Beispiel das der Soteria111 benannt. Professionelle im
ambulanten Setting werden überwiegend als hilfreicher wahrgenommen.

Medikamente zwischen Stütze und Beeinträchtigung:


Die Sichtweise auf Medikamente wird von allen Betroffenen sehr differenziert
geschildert. Der hochdosierte Einsatz von Psychopharmaka in der Akutpsychiatrie
wird kritisch gesehen. Bei hohen Dosierungen traten zum Teil sehr gravierende
Nebenwirkungen auf. Die Meinung über niedrigdosierte Medikamente ist aus Sicht
der Betroffenen deutlich positiver. Hier sind die Betroffenen größtenteils dankbar für
die Möglichkeit einer Unterstützung durch Medikamente. Der Wunsch nach einem
langfristig medikamentenfreien Leben besteht insbesondere bei Herrn Schmidt und
Frau Bauer, jedoch möchten sie diesbezüglich nichts erzwingen. Im Endeffekt zählen
für beide Betroffenen die eigene Lebensqualität und die Funktionsfähigkeit im
privaten sowie im beruflichen Bereich. Als besonders nebenwirkungsarmes
Medikament wird von beiden das niedrigdosierte Abilify genannt. Wichtig ist allen
Betroffenen, im Dialog die bestmögliche medikamentöse Therapie zu finden. Eine
partizipative Entscheidungsfindung zwischen Professionellen und Patienten
bezüglich der Medikamente wird als sehr hilfreich empfunden (vgl. Kapitel 4). Die
Behandlung auf Augenhöhe unterstützt die langfristige Einnahme von Medikamenten
und ermöglicht eine bestmögliche Therapie für die Betroffenen. Dadurch kann die
Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls deutlich verringert werden.

111 Soteria: Das Soteria-Konzept ist ein alternatives stationäres Behandlungskonzept für Menschen
mit Psychosen. Es reduziert oder verzichtet ganz auf Zwangsmaßnahmen und Psychopharmaka.
Das Konzept greift stattdessen auf die Milieutherapie zurück. Hierbei soll möglichst viel Alltag trotz
der akuten Erkrankung ermöglicht werden. Die Bewohner (Patienten) leben in einer WG-
ähnlichen Wohnform zusammen und organisieren ihren Alltag soweit wie möglich selbstständig.
Die Professionellen sind unterstützend als Ansprechpartner und zur direkten Begleitung bei
Krisen da. Trotz deutlich reduzierter Medikamentendosierung, kann die Soteria
übereinstimmende und zum Teil bessere Ergebnisse im Vergleich zur klassischen Psychiatrie
vorweisen. (Vgl. Ciompi, L. u. a. (2011): Wie wirkt Soteria. Eine atypische Psychosebehandlung
kritisch durchleuchtet.)

74
RÜCKSCHLÜSSE

Familie als starke Unterstützung oder mögliche Belastung:


Im Hinblick auf die Herkunftsfamilie gibt es bei den Interviewten erhebliche
Unterschiede. Herr Mayer empfindet seine Herkunftsfamilie als immens wichtig im
Hinblick auf seine Genesung. Auch Frau Bauer profitiert mit zunehmendem
Krankheitsverlauf stärker von ihrer Familie. Die vermehrte Unterstützung im
späteren Krankheitsprozess durch ihre Familie könnte auch mit der räumlichen Nähe
und dem Umzug nach Süddeutschland verbunden sein. Für Herrn Schmidt scheinen
seine Eltern eher eine geringere Rolle im Hinblick auf seine gesundheitliche
Stabilisierung zu spielen. Das Verhältnis von Herrn Schmidt zu seinem Vater
beschreibt er als nicht immer einfach.
Allgemein lässt sich sagen, dass Familien eine wichtige Funktion für die Erkrank-
ten haben und sie häufig sowohl ideell als auch finanziell unterstützen. Aufgrund der
Belastungen im Zuge der Erkrankung ist die Beziehung zwischen Betroffenen und ih-
ren Eltern nicht immer einfach. Stabile familiäre Beziehungen wirken sich meist ge-
sundheitsfördernd im Hinblick auf eine Erkrankung an Schizophrenie aus. Die Familie
kann aber auch einen negativen Einfluss auf den Erkrankten haben. Dies tritt insbe-
sondere auf, wenn Familienmitglieder mit der Krankheitssituation überfordert sind
und keine ausreichende Unterstützung für ihre psychosoziale Situation haben. Beson-
ders wichtig sind deshalb eine gute Schulung der Professionellen sowie auch eine psy-
chosoziale Unterstützung für die Angehörigen. Weiterhin entscheidend ist die Hal-
tung der Professionellen und auch des sozialen Umfelds gegenüber der Erkrankung.

7.4 Entscheidende Faktoren für das Gelingen von Recovery


Nachdem bereits die hilfreichen bzw. weniger hilfreichen Faktoren für eine Genesung
anhand der Interviews dargestellt wurden, sollen nachfolgend die Kernpunkte für ein
Gelingen von Recovery zusammengefasst werden. Dieses Kapitel steht in direktem
Zusammenhang mit Kapitel 4.5, in dem wichtige Faktoren anhand des
Theoriewissens aufgezeigt wurden. Gene Deegan112 benennt sechs verschiedene
Faktoren, die wichtig sind, um ein Recovery zu erreichen. Nachfolgend sollen diese
Faktoren mit den Aussagen der Interviewten in Verbindung gebracht werden:

112 Vgl. Deegan, G. (2003): Discovering Recovery. S. 373.

75
RÜCKSCHLÜSSE

Hoffnung wiedergewinnen:

„Ich bin ja auch nur ein Mensch wie jeder andere und kann doch hoffen und
wagen und Dinge wieder angehen.“113
Herr Schmidt

In allen Betroffeneninterviews wurde deutlich, dass ein hoffnungsvoller Blick in die


Zukunft bei der Genesung half. Alle Betroffenen ließen sich nicht dauerhaft durch
Negativprognosen von ihren Hoffnungen und Zukunftsplänen abbringen.

Eine positive Identität entwickeln/Selbstwertgefühl:

„Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, trotz der Erkrankung habe ich ja
einiges noch hinbekommen, es hat sich gut entwickelt, das ist auch noch-
mals ein ganz gutes Gefühl.“114
Herr Mayer

Die Krankheitserfahrung war für alle Interviewten sehr prägend. Herr Mayer konnte
sein Selbstwertgefühl aufgrund der erreichten Ziele erheblich steigern. Das Erreichen
seiner Ziele findet er beachtlich im Hinblick auf die Schwere seiner Erkrankung. Frau
Bauer beschäftigte sich infolge ihrer Erkrankung stark mit ihrer eigenen Person und
konnte dadurch ihre Persönlichkeit festigen. Die Erkrankung „zwang“ sie, sich mit
ihrem Leben und den Faktoren, die sie bei einer Genesung behinderten, näher zu
beschäftigen.

Sich von psychiatrischen Etikettierungen lösen:


Die interviewten Personen definierten sich über ihre Persönlichkeit oder das
Erreichte in ihrem Leben. Die Erkrankung wurde als Teil des Lebens angenommen,
jedoch definierte sich keiner der Befragten über seine Erkrankung. Zum Teil spielte
sie nur noch eine geringe Rolle in ihrem Leben (vgl. Herr Schmidt). Therapeuten
spielten aber für Frau Bauer und Herrn Mayer im ambulanten Bereich nach wie vor
eine große Rolle.

113 Zitat des ersten Interviewten (Herr Schmidt). [00:55:01 – 00:56:22].


114 Zitat des zweiten Interviewten (Herr Mayer). Sprachliche Glättung zur besseren Verständlichkeit.
[00:12:22 – 00:12:40].

76
RÜCKSCHLÜSSE

Auf die Symptome Einfluss haben:


Die ehemals Erkrankten berichteten eher wenig über Symptome. Frau Bauer hat
aufgrund mehrerer Psychosen viel Erfahrung mit Krankheitssymptomen. Im Laufe
der Jahre konnte sie hilfreiche Methoden entwickeln, um eine erneute Psychose
besser abfangen zu können. Dabei empfand sie beispielsweise sportliche Aktivität
und bestimmte Entspannungstechniken als hilfreich. Herr Mayer versuchte mithilfe
von Stressreduktion oder erhöhter Medikamentendosierung auf eventuelle
Frühwarnzeichen zu reagieren.

Ein starkes Unterstützungssystem aufbauen:


Herr Mayer besitzt ein sehr starkes familiäres Unterstützungssystem. Dies betonte er
häufig im Verlauf des Interviews. Auch Frau Bauer kann auf Unterstützung in ihrem
Umfeld zählen. Herr Schmidt hat ein gutes Verhältnis zu seinen Geschwistern. Die
finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten sind bei den Eltern von Herrn Schmidt
beschränkt. Auch das Verhältnis zum Vater ist nicht unbelastet. Somit sind die
möglichen Unterstützungsleistungen nicht mit denen von Herrn Mayer vergleichbar.

Sinn und Bedeutung im eigenen Leben gewinnen:

„Es reicht nicht nur zu sagen, ja, ich lebe noch, sondern ich schaffe auch
Dinge, ich kann, ich kann mich auch selbst verwirklichen ja.“115
Herr Schmidt

Ein sinnhaftes Leben voller Bedeutung führen zu können, ist allen ehemals
Erkrankten sehr wichtig. Dabei bezieht sich die Sinnstiftung sowohl auf den privaten
als auch auf den beruflichen Bereich.
Die oben genannten Faktoren sollen noch um weitere ergänzt werden. Diese zu-
sätzlichen Faktoren stützen sich nicht auf Gene Deegan, sondern ergaben sich auf-
grund der Auswertung der Interviews.

115 Zitat des ersten Interviewten (Herr Schmidt). Sprachliche Glättung zur besseren Verständlichkeit.
[00:56:33 – 00:57:39].

77
RÜCKSCHLÜSSE

Gesundungswille:

„Dann hatte ich für mich das Ziel, ich werde gesund, komme was wolle.“116
Frau Bauer

Um ein Recovery erreichen zu können, ist es hilfreich, wenn die Erkrankten einen
Willen zur Gesundung haben. Dieser Wille kann den Prozess maßgeblich
unterstützen. Anhand der Interviews wurde dieser Wille deutlich, jedoch war keiner
der Interviewten darauf fixiert, wie sich diese Gesundung gestalten sollte bzw. was
genau eine Gesundung auszeichnet. Die Lebensqualität war für alle Betroffenen im
Endeffekt der wichtigste Faktor hierbei.

Die Rolle der Selbstbestimmung:


Die Selbstbestimmung ist allen Interviewten sehr wichtig, möglichweise auch
aufgrund von erlebtem Zwang, Gewalt oder der unfreiwilligen Unterbringung.
Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, sind häufig im Vergleich zu gesunden
Menschen im Hinblick auf ihre Selbstbestimmung benachteiligt.

Veränderte Sichtweise auf die Psychose:


Eine veränderte Sichtweise auf ihre eigene Erkrankung war vor allem für Frau Bauer
wichtig, um gesunden zu können.
Eine finanzielle Absicherung wurde von Herrn Mayer als hilfreich empfunden.
Die Bedeutung der finanziellen Absicherung war jedoch bei allen Interviewten eher
gering. Des Weiteren fanden einige Betroffene den Austausch mit anderen Erkrank-
ten als hilfreich.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass zu dieser Forschungsfrage noch weitere
Untersuchungen anzustreben sind. Die gewonnenen Ergebnisse sollten deshalb mit-
hilfe eines größeren Forschungsvorhabens abgesichert werden. Trotzdem gibt diese
Arbeit erste Ergebnisse, die sich mit dem bisher bekannten Wissen größtenteils de-
cken.

116 Zitat der dritten Interviewten (Frau Bauer). Leichte sprachliche Glättung zur besseren
Verständlichkeit. [00:06:58 – 00:08:02].

78
FAZIT

8 Fazit
Im Rahmen der Interviews wurde deutlich, dass sich die Betroffenen wünschen, als
Person mit all ihren Facetten wahrgenommen zu werden. Die Erkrankung gehört
neben vielen anderen Eigenschaften und Charakterzügen zur Person, aber sollte nicht
zu stark im Vordergrund stehen. Sie wollen nicht, dass ihr Umfeld sich ausschließlich
auf ihre Erkrankung fokussiert, sondern dass der Schwerpunkt darauf liegt, sie auf
dem Weg der Genesung zu begleiten und zu unterstützen. Aaron Antonovsky
entwickelte im Kontrast zur Pathogenese117 den Begriff der Salutogenese.
Salutogenese beschäftigt sich mit der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit. Das
nachfolgende Zitat von Antonovsky, unterstützt diesen Wunsch der Betroffenen und
kann als Grundvoraussetzung für eine ressourcenorientierte Arbeit gesehen werden.

„Es ist vermutlich besser, sich auf das zu konzentrieren, was den Menschen
gesund erhält, als immense Mittel für die Erforschung seiner Krankheiten
auszugeben“118
Aaron Antonovsky

Im nachfolgenden Kapitel sollen Schlussfolgerungen für Betroffene und Angehörige


bereitgestellt werden, die die Wahrscheinlichkeit von Recovery erhöhen können.
Daran anschließend wird aufgezeigt, welche Rückschlüsse sich in Bezug auf
Professionelle aller Berufsgruppen für die Arbeit mit an Schizophrenie erkrankten
Menschen ziehen lassen. In Kapitel 8.3 wird insbesondere auf die Berufsgruppe der
Sozialarbeiter eingegangen. Hier wird dargestellt, welche Möglichkeiten diese haben,
die Gesundung von Erkrankten zu unterstützen. Abschließend wird auch auf der
Makroebene ein Ausblick auf weitere Schritte zu einer Förderung von Recovery
gegeben.

8.1 Schlussfolgerungen für Betroffene und Angehörige


Es liegt im Interesse der Betroffenen eine Chronifizierung im Rahmen von schweren
psychischen Erkrankungen soweit wie möglich zu vermeiden. Die Betroffenen haben
häufig einen hohen Leidensdruck und werden von gesellschaftlicher Teilhabe in Folge

117 Pathogenese: Pathogenese beschreibt die Entstehung und Entwicklung einer Krankheit mit allen
daran beteiligten Faktoren.
118 Primärquelle nicht auffindbar, vermutlicher Autor des Zitats ist Aaron Antonovsky. (Zitiert nach
Drath, K. (2016): Resilienz in der Unternehmensführung. Was Manager und ihre Teams stark
macht. S. 101.)

79
FAZIT

ihrer Erkrankung ausgeschlossen. Auch ihre Angehörigen sind durch die Erkrankung
in vieler Hinsicht stark belastet. Aus diesem Grund profitieren Familienmitglieder
immens von einem positiven Krankheitsverlauf ihres erkrankten Angehörigen. Die
vorliegende Arbeit macht deutlich, welchen Einfluss die Betroffenen auf ihren
eigenen Krankheitsverlauf haben. Das unmittelbare Umfeld kann den Recovery-
Prozess unterstützten. Der eigentliche Recovery-Vorgang erfolgt aber durch die
Betroffenen selbst.

„Recovery is what people with disabilities do. Treatment, case management,


and rehabilitation are what helpers do to facilitate recovery“119
Anthony, W. A.

Das Recht auf Selbstbestimmung der Erkrankten ist von Angehörigen und dem
Umfeld stets zu achten und zu fördern. Die Betroffenen müssen sich aber auch ihrer
eigenen Verantwortung und Möglichkeiten bewusst sein. So können sie durch ihr
eigenes Handeln die Wahrscheinlichkeit für einen langfristigen positiven
Krankheitsverlauf erhöhen. Das bewusste Eintreten der Erkrankten und ihrer
Familienmitglieder für ihre Rechte, kann ihre Situation weiter verbessern. Auch
wurde der Einfluss der Familie auf einen positiven Krankheitsverlauf lange Zeit
unterschätzt. Das Familienklima und die Unterstützung der Familie können
entscheidend für eine langfristige Genesung sein. Für die Betroffenen ist die
Bedeutung einer stützenden Familie meist sehr hoch. Für die Angehörigen ist es
jedoch wichtig, sich vor Überanstrengung und Überlastung zu schützen. Hierbei kann
der Austausch zwischen Angehörigen von großer Bedeutung sein. Dieser Austausch,
wie er beispielweise in Angehörigengruppen stattfindet, kann die Belastungssituation
verringern und Hilfemöglichkeiten aufzeigen. Ein hoffnungsvoller Blick von
Betroffenen und Angehörigen auf die Zukunft der Erkrankten erhöht ebenso die
Gesundungswahrscheinlichkeit und schafft Raum für Zukunftspläne.
Meine eigene Herkunftsfamilie ließ sich trotz starker Entmutigung von Seiten ei-
niger Professionellen nicht vom Glauben an ein sinnerfülltes Leben trotz Erkrankung
abbringen. Dies half mir bei meiner eigenen Genesung und Zurückgewinnung von

119 Anthony, W. A. (1993): Recovery from Mental Illness: The Guiding Vision of the Mental Health
Service System in the 1990s. S. 15.

80
FAZIT

Hoffnung immens. In meinen Augen war insbesondere meine Mutter die entschei-
dende Person, die mir stets Mut machte, meine Erkrankung zu überwinden und neue
Herausforderungen anzunehmen.

8.2 Rückschlüsse für die Arbeit mit an Schizophrenie Erkrankten


Im Hinblick auf die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen ist die Einnahme
verschiedener Blickwinkel von großer Bedeutung. Eine Möglichkeit zur Umsetzung
ist der verstärkte Einsatz von multiprofessionellen Teams. Besonders wichtig ist hier
die hierarchische Gleichstellung von Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Pflegern
und anderen Berufsgruppen. Auch der Einsatz von ehemals Erkrankten als Experten
aus Erfahrung120 im Rahmen eines geregelten Arbeitsverhältnisses sollte zur Norm
werden. Mit ihrem Erfahrungswissen sollten sie als gleichberechtigte Teammitglieder
fungieren, und die Arbeitsverhältnisse auf ihre entsprechenden Bedürfnisse
angepasst werden.
Eine Vielzahl von Menschen mit Schizophrenie hat einen negativen Krankheits-
verlauf. Es gibt aber auch eine beträchtliche Anzahl an Menschen, die einen positiven
Krankheitsverlauf haben. Es ist wichtig sich anzuschauen, was diese Menschen oder
ihre Behandler in der Therapie anders gemacht haben. In dieser Arbeit lassen sich
erste Antworten auf die Frage nach den entscheidenden Faktoren für eine Genesung
geben.

„Vertrauen, dass man auch als Mensch mit Psychose sehr, sehr viel machen
kann, dass man viel erleben kann, dass vieles möglich ist und, dass man uns
ausprobieren lässt und, dass jeder seinen individuellen Weg gehen muss.“121
Frau Bauer

120 Experten aus Erfahrung: Seit 2008 gibt es die Ausbildung zum Genesungsbegleiter (EX-IN
Ausbildung) von (ehemals) psychisch erkrankten Menschen in Deutschland. Das Curriculum der
EX-IN Ausbildung wurde im Rahmen eines europäisch geförderten Forschungsprojekts in den
Jahren 2005 – 2007 entwickelt. Die Mitarbeit von Psychiatrieerfahrenen bezeichnet man auch als
Peerarbeit. Diese Menschen haben durch ihre eigene Krankheitsgeschichte wertvolles
Erfahrungswissen, weshalb sie auch als Experten aus Erfahrung bezeichnet werden. Mithilfe dieses
Erfahrungswissen können sie sowohl anderen Erkrankten zielgerichtet helfen, als auch wertvolle
Anregungen für professionelle Mitarbeiter geben. (Vgl. EX – IN Deutschland e.V. (2017): Geschichte
– Startschuss für die EX – IN Bewegung. [Online].)
121 Zitat der dritten Interviewten (Frau Bauer). Leichte sprachliche Glättung zur besseren
Verständlichkeit. [00:33:37 – 00:34:04].

81
FAZIT

Das Zitat von Frau Bauer fasst zusammen, welcher Umgang mit Erkrankten sinnvoll
ist, um ein Genesung zu fördern. Es ist jedoch wichtig, dass man die Unterschied-
lichkeit jedes Menschen anerkennt und somit jeder Erkrankte seinen ganz
individuellen Weg gehen muss. Professionelle können hierbei eine Unterstützung
sein.
Die Rechte der erkrankten Menschen und ihrer Angehörigen sollten noch weiter
ausgebaut werden. Menschen mit einer Erkrankung an Schizophrenie sollten ver-
stärkt mittels Empowerment befähigt werden, ihr Leben selbstbestimmt zu führen.
Das Empowerment-Konzept schließt die Übernahme von Eigenverantwortung der
Erkrankten für ihr Schicksal mit ein. Die Erkrankten sollten stets aufs Neue ermutigt
werden, ihr Schicksal selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Ebenso sollten auch auf
gesellschaftlicher Ebene die Unterstützungsmöglichkeiten ausgebaut werden. Dies
kann beispielsweise durch verstärkte Maßnahmen im Sinne von Rehabilitation und
Teilhabe erfolgen. Dadurch sollen die Betroffenen dabei unterstützt werden, die indi-
viduelle Verantwortung für ihren persönlichen Lebensweg zu übernehmen. Hierbei
ist es wichtig, ein richtiges Maß zwischen Fördern und Fordern anzustreben, wobei
angemerkt werden muss, dass der Fokus auf der Förderung liegen sollte.

8.3 Rückschlüsse für die Soziale Arbeit


Im Rahmen der Sozialen Arbeit gibt es vielfältige Berührungspunkte mit psychisch
erkrankten Menschen. Einerseits findet Soziale Arbeit in psychiatrischen
Krankenhäusern, beispielsweise im Rahmen des Sozialdiensts, statt. Andererseits
werden Sozialarbeiter oft in der Betreuung oder Beratung von psychisch kranken
Menschen im ambulanten Setting eingesetzt. Ausgehend von einem positiven
Menschenbild sind Sozialarbeiter an der Förderung von Gesundung und Selbst-
bestimmung ihrer Klienten interessiert. Gute Sozialarbeit geht zielgerichtet auf die
Bedürfnisse der Klienten ein und ermöglicht Entwicklungsprozesse. Das Konzept des
Empowerments (vgl. Kapitel 4.3) setzt hier an und kann den Recovery-Prozess
unterstützen. Dadurch kann die Wahrscheinlichkeit einer Chronifizierung reduziert
werden. Zusätzlich zu den oben genannten Arbeitsfeldern werden Sozialarbeiter auch
im Rahmen von Rehabilitation und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eingesetzt.
Auch hier kann Soziale Arbeit für diese Menschen eine große Rolle spielen und ihnen
helfen, ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Die bisherigen Fachkenntnisse zu

82
FAZIT

Recovery im deutschsprachigen Raum sind eher gering. Insbesondere gilt dies für die
Soziale Arbeit. Hier sollten weiter Anstrengungen unternommen werden, die
Erkenntnisse diesbezüglich auszubauen.
Aus der Arbeit lassen sich erste Faktoren erkennen, die in Bezug auf Soziale Ar-
beit im Sinne von Recovery berücksichtigt werden sollten. Nachfolgend steht hier ein
Zitat von Frau Bauer, an welchem sich Vieles verdeutlichen lässt.

„Es war eigentlich immer hilfreicher, wenn Menschen so eine Offenheit hat-
ten. Wenn sie gesagt haben, okay, es ist vieles möglich und man muss gu-
cken, man muss vorsichtig sein, Dinge ausprobieren, aber es ist auch vieles
möglich im Hinblick auf die Erkrankung. Also wenn einem ein Mitarbeiter
so eine Offenheit oder so ein Vertrauen entgegengebracht hat. Und einem
trotzdem zum Ausprobieren mit Umsicht ermutigt haben. Wenn man das
bekommen hat von Menschen, das hat mir eigentlich am meisten gehol-
fen.“122
Frau Bauer

Frau Bauer beschreibt es als besonders hilfreich, wenn Menschen ihr mit großer
Offenheit in Bezug auf ihre Erkrankung begegneten. Es war wichtig, wenn Menschen
ihr vermittelt haben, dass trotz dieser Erkrankung vieles möglich ist und dass man sie
dazu ermutigt hat, etwas auszuprobieren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es
wichtig ist, Vertrauen in Menschen mit Psychosen zu entwickeln und die
Überzeugung zu teilen, dass vieles möglich ist und jeder seinen individuellen Weg
gehen muss. Jeder Krankheitsweg ist einzigartig und diese Vielfalt der
Lebensentwürfe und Wege sollen geschätzt und gestärkt werden. Trotzdem sollte
dieses Ausprobieren mit Umsicht erfolgen. Es lässt sich also sagen, dass die
persönliche Haltung eines Sozialarbeiters einen positiven Einfluss auf die
Genesungsprozesse seiner Klienten haben kann.
Ergänzend zu dieser hoffnungsvollen Herangehensweise ist die Beziehung zwi-
schen Erkrankten und Professionellen von großer Bedeutung für eine langfristige

122 Zitat der dritten Interviewten (Frau Bauer). Sprachliche Glättung zur besseren Verständlichkeit.
[00:32:16 – 00:33:11].

83
FAZIT

Gesundung. Die Beziehungsgestaltung spielt besonders bei jungen Menschen mit psy-
chischen Erkrankungen eine große Rolle.123 Jugendliche und junge Erwachsene er-
kranken in diesem Alter meist erstmalig an einer psychischen Erkrankung, und ihre
Erfahrungen sind oft prägend für die weitere Bereitschaft, sich zukünftig in Krisensi-
tuationen Hilfe zu suchen. Positive Erfahrungen und „gute Beziehungen“ zwischen
Professionellen und Erkrankten können die Chance auf ein Recovery erhöhen und die
langfristigen Krankheitsverläufe der Erkrankten entscheidend verbessern. Die Be-
deutung der Beziehungsgestaltung zwischen Betroffenen und Professionellen wurde
immer wieder von allen Interviewten bestätigt.
Abschließend soll auf die Bedeutung der Menschenrechte in der Sozialen Arbeit
näher eingegangen werden. Silvia Staub-Bernasconi vertritt in einer Vielzahl von Pub-
likationen die Ansicht, dass Soziale Arbeit eine Menschenrechtsprofession ist. Im Hin-
blick auf die Ergebnisse dieser Arbeit und aufgrund von persönlichen Überzeugungen
teile ich diese Ansicht. Alle interviewten Personen berichteten von Situationen im
Verlauf ihre Krankheitsgeschichte, die nur schwer mit den allgemeinen Menschen-
rechten vereinbar sind. Hier sind beispielsweise die Dauerfixierung von Herrn Mayer
(ca. 48 Stunden), die geschlossene Unterbringung ohne richterlichen Beschluss von
Herrn Schmidt und die erste Krankenhausbehandlung von Frau Bauer zu nennen.
Frau Bauer und Herr Mayer mussten ihrerseits Zwangsfixierungen erleben, ohne ge-
genüber Mitarbeitern oder Mitpatienten gewalttätig gewesen zu sein. Im Rahmen
meiner eigenen Krankheitsgeschichte erlebte auch ich Zwangsmaßnahmen ohne
rechtliche Grundlage. Nur mithilfe meiner Eltern und des Amtsgerichts Heidelberg
konnte meine zwangsweise Unterbringung aufgehoben werden.
Nachfolgend soll die Position von Frau Staub-Bernasconi zur Sozialen Arbeit als
Menschenrechtsprofession noch näher dargelegt werden.

„Ziele von Menschenrechtsarbeit im Rahmen der Sozialen Arbeit sind auf


der individuellen Ebene die Wiederherstellung von Menschenwürde sowie
Wohlbefinden durch Bedürfnisbefriedigung und Lernprozesse, auf der ge-
sellschaftlichen Ebene gesellschaftliche Integration, soziale Gerechtigkeit
sowie sozialer Wandel in Anbetracht menschenverachtender sozialer

123 Vgl. Domes, M. (2016): Gesundung durch Beziehung. Die Bedeutung professioneller
Beziehungsgestaltung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. S. 273 f.

84
FAZIT

Strukturen und Kulturmuster und -langfristig- die Arbeit an einer Men-


schenrechtskultur im Alltag.“124
Silvia Staub-Bernasconi

Aus obigen Zitat wird deutlich, dass Soziale Arbeit im Kontext von Menschen-
rechtsarbeit nicht nur in der Arbeit mit Klienten eine große Rolle spielt. Vielmehr
schließt Soziale Arbeit im Kontext von Menschenrechtsarbeit eine Veränderung auf
gesellschaftlicher Ebene mit ein. Dies bezieht sich auf eine stärkere Berücksichtigung
von sozialer Gerechtigkeit, sozialem Wandel und Integration in die Gesellschaft.
Soziale Arbeit hat somit ein unveränderbares Mandat zur Durchsetzung der
Menschenrechte und muss sich menschenverachtenden sozialen Strukturen und
Arbeitsweisen entschieden, auch gegen politische Widerstände, entgegenstellen. Eine
Reduzierung der Sozialen Arbeit auf einen reinen Dienstleistungsberuf, der sich stets
an den zu dieser Zeit geltenden gesellschaftlichen Normen und Werten orientiert,
greift zu kurz. Somit ist es Aufgabe der Sozialen Arbeit, sich politisch zu positionieren
und sich als progressive Kraft für eine „bessere“ Gesellschaft einzusetzen. Dieses
Einsetzen für die Menschenrechte und die Verbesserung der Lebensbedingungen der
Klienten sollte auch unter persönlichen Risiken, wie beispielsweise
Arbeitsplatzverlust, in Kauf genommen werden.125

8.4 Ausblick – Handlungsbedarf


Die Verbreitung des Recovery-Konzeptes ist in Deutschland noch gering. Im Vergleich
zu anderen entwickelten Ländern lässt sich ein deutlicher Rückstand erkennen.
Beispielsweise haben die USA bereits 1999 auf Bundesebene die Bedeutung von
Recovery erkannt. Der United States Public Health Services ist eine Behörde des
amerikanischen Gesundheitsministeriums. In diesem Rahmen wurde bereits 1999
die Bedeutung von Recovery und Patientenorientierung hervorgehoben. Ziel einer
jeden Behandlung von psychisch erkrankten Menschen sollte die Wiederherstellung
eines sinnvollen und produktiven Lebens sein. Somit geht sie weit über eine reine
Symptomreduktion und medikamentöse Rückfallprävention hinaus.

124 Staub-Bernasconi, S. (2007): Soziale Arbeit: Dienstleistung oder Menschenrechtsprofession? Zum


Selbstverständnis Sozialer Arbeit in Deutschland mit einem Seitenblick auf die internationale
Diskussionslandschaft. S. 27.
125 Eigene Ansicht bezüglich Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession. In Anlehnung an Silvia
Staub-Bernasconi. Vgl. ebd., S. 20–53.

85
FAZIT

„All services for those with a mental disorder should be consumer oriented
and focused on promoting recovery. That is, the goal of services must not be
limited to symptom reduction but should strive for restoration of a mean-
ingful and productive life.“126
David Satcher127

Alle Interviewten machten zum Teil sehr gute, aber auch schlechte Erfahrungen im
psychiatrischen Hilfesystem. Die negativen Erfahrungen der Interviewten bezogen
sich hauptsächlich auf den stationären Alltag und deckten sich Großteils mit meiner
eigenen Wahrnehmung. Nachfolgend werden mögliche Gründe für die negative
Sichtweise auf psychiatrische Kliniken aus Sicht der Betroffenen benannt.

• Notsituation der Hilfesuchenden:


Menschen, die an einer akuten Psychose erkrankt sind, benötigen
schnellstmöglich Hilfe. Die freie Entscheidungsfindung ist im Zustand einer
akuten Psychose erschwert. Meist ist es nicht möglich, ohne professionelle
Unterstützung eine Psychose im häuslichen Rahmen abzufangen. Die
Angehörigen sind mit der Pflege der Erkrankten in der Akutphase häufig
überfordert.
Die freie Krankenhauswahl ist oft nicht möglich oder sehr stark
erschwert. Die Zuständigkeit eines Krankenhauses bezieht sich in der Regel
auf den Wohnsitz des Patienten. Somit gibt es keinen realen Wettbewerb
zwischen den Kliniken, was aus Qualitätsgesichtspunkten sicherlich als
negativ in Hinblick auf die Patientenversorgung zu sehen ist.
• Geschlossene Unterbringung:
Eine geschlossene Unterbringung mag in seltenen Ausnahmen notwendig
sein, um Patienten vor sich selbst oder auch das Umfeld zu schützen. Es ist
jedoch wichtig, dass die Kriterien für eine Zwangsunterbringung sehr eng
gesteckt sind. Eine geschlossene Unterbringung stellt immer einen massiven
Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte eines Menschen dar.

126 U.S. Department of Health and Human Services (1999): Mental Health: A Report of the Surgeon
General. S. 455.
127 David Satcher war Leiter des United States Health Service von 1998 – 2001.

86
FAZIT

Eine geschlossene Unterbringung verstärkt das Machtgefälle zwischen


Patienten und Professionellen. Diese ungünstige Machtverteilung zu Lasten
der Patienten erhöht die Wahrscheinlichkeit von Missbrauch. Auch ein
ressourcenorientiertes Arbeiten ist in Zwangskontexten oft stark erschwert.
• Sachzwänge und Personalknappheit:
Die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen ist mit hohen Kosten
verbunden. Deshalb können Kliniken und ambulante Einrichtungen nur
schwer den optimalen Personalschlüssel für die Behandlung bereitstellen.
Auch durch bürokratische Strukturen kann eine schnelle und flexible
Behandlung der Patienten erschwert werden.
Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass das Recovery-Konzept einen hohen
Personalschlüssel benötigt und kurzfristig beträchtliche Kosten erzeugt.
Langfristig aber sind durch die Anwendung des Recovery-Konzepts
erhebliche Einsparungen zu erzielen.

In der obigen Aufzählung werden Ursachen für eine suboptimale Behandlung in


psychiatrischen Einrichtungen genannt. Dabei können noch weitere Faktoren eine
Rolle spielen. Zukünftig sollte dies noch stärker erforscht werden. Betont werden
muss, dass es auch heute schon viele Kliniken gibt, die bereits ressourcenorientiert
arbeiten und im besten Fall ein Recovery ihrer Patienten anstreben und fördern.

Ausblick: Eine Vision für das Recovery-Konzept in Deutschland


Um eine weite Verbreitung des Recovery-Konzeptes auch in Deutschland zu erzielen,
werden nachfolgend unterschiedliche Vorgehensweisen empfohlen. Diese lassen sich
in verschiedene Bereiche unterteilen:

• Einfluss auf die Gesetzgebung:


Das Recovery-Konzept sollte als Leitziel psychiatrischer Behandlung in der
Gesetzgebung verankert werden. Zusätzlich sollten verstärkt Anstrengungen
für eine Rehabilitation der Erkrankten unternommen werden. Diese
Anstrengungen können zu einer besseren Reintegration von psychisch
erkrankten Menschen in unsere Gesellschaft führen.

87
FAZIT

• Gesteigerte Fortbildungsanstrengungen:
Es sollten mehr Fortbildungen und Schulungen im Hinblick auf Recovery
durchgeführt werden. Hierbei sollte die Wichtigkeit des Recovery-Konzeptes
anhand von Betroffenenbeispielen aufgezeigt werden. Zielführend erscheint
hierbei eine doppelte Besetzung durch einen Professionellen und einen
Erkrankten. Die duale Leitung ermöglicht eine Ausbildung, die speziell an
den Bedürfnissen psychisch erkrankter Menschen angepasst ist.
• Forschungsanstrengungen im Bereich des Recovery intensivieren:
Der Bereich des Recovery wird heutzutage größtenteils im
englischsprachigen Raum erforscht. In Deutschland ist ein erheblicher
Rückstand zu erkennen. Das Recovery-Konzept sollte fester Bestandteil der
Studiengangsordnung für die Studiengänge Medizin, Psychologie und Soziale
Arbeit werden. Des Weiteren könnten Professuren eingerichtet und
gefördert werden, die sich mit diesem Konzept näher beschäftigen.
• EX-IN-Ausbildung aufwerten:
Die bereits vorhandene EX-IN-Ausbildung bietet ein gutes Fundament für die
Ausbildung von Genesungsbegleitern. Trotz allem sind die Arbeits-
bedingungen der Absolventen nicht immer optimal. Um die Qualität der
Ausbildung noch weiter zu verbessern und die Chancen der Absolventen auf
besser bezahlte und sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu erhöhen,
werden gewisse Veränderungen in der Ausbildung empfohlen. Dem-
entsprechend sollte die EX-IN-Ausbildung in zwei Bereiche aufgeteilt
werden.
1. Es wird eine dreijährige Ausbildung mit staatlich anerkanntem
Abschluss angestrebt. Diese Ausbildung sollte in Vollzeit und im
Wechsel zwischen Schule und Ausbildungsbetrieb stattfinden.
2. Es wird ein dreijähriges Bachelorstudium „Gesundheitsförderung &
Genesungstrainer“ angestrebt. In einer späteren Weiterentwicklung
könnte gegebenenfalls noch die Einrichtung eines Masterstudiengangs
erfolgen.
Diese Veränderungen in der EX-IN-Ausbildung würden den Ausbau des
Hintergrundwissens in den Bereichen Medizin, Psychologie und Soziale
Arbeit ermöglichen. Dadurch würde die Arbeit in multiprofessionellen

88
FAZIT

Teams und auch die Anerkennung, als gleichberechtigtes Teammitglied zu


fungieren, noch weiter gefördert werden. Somit würde sich auch die
Wahrscheinlichkeit erhöhen, den Lebensunterhalt vollständig aus eigener
Kraft zu bestreiten. Es könnten sowohl bei den Genesungsbegleitern als auch
bei den Hilfesuchenden weitere Gesundungspotentiale geweckt werden.

Nachfolgend soll der letzte Punkt im Hinblick auf eine Förderung des Recovery-
Konzeptes aufgezeigt werden, der nach meiner Ansicht am wichtigsten ist.

• Verwirklichung einer psychiatrischen Versorgung, die sich an Recovery


orientiert:
Die Wirtschaftsordnung in Deutschland funktioniert als soziale
Marktwirtschaft. Diese seit dem zweiten Weltkrieg vorherrschende
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung beruht auf dem Kapitalismus, der
mittels des Sozialstaats gewisse soziale Härten abfedert. In einer solchen
Wirtschaftsordnung können soziale und gesellschaftliche Veränderungs-
prozesse durch die Zuteilung oder Besteuerung von Verhaltensweisen sehr
effektiv gestaltet und verändert werden. Um Recovery schnellstmöglich
durchzusetzen, müssten die langfristigen Gesundheitskosten zügig erfasst
und Behandlungskonzepte belohnt werden, die langfristig bessere
Ergebnisse erzielen können. Dies schließt nicht aus, dass die Kosten
kurzfristig höher sind. Solche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für
Menschen mit Schizophrenie bereits. So erzeugt eine Soteria-Einrichtung
kurzfristig höhere Kosten, welche aber durch die langfristig verbesserten
Krankheitsverläufe kompensiert werden. Es wurde eine Modellrechnung
bezüglich der klassischen Behandlungskosten der Schizophrenie
vorgenommen, die online abgerufen werden kann.128 Diese Modellrechnung
soll erste Anregungen geben, welche Kosten untersucht werden könnten. Die
Verwirklichung eines Steuerungsmodells würde den Rahmen dieser Arbeit
übersteigen und erhebliche Forschungsanstrengungen voraussetzen. Die
möglichen Einsparungen und die Erhöhung der Lebensqualität erkrankter

128 http://www.heidelberger-hochschulverlag.de/download/Thesen02_Behandlungskosten.zip

89
FAZIT

Menschen machen diese Anstrengungen notwendig und in vielerlei Hinsicht


lohnenswert.

Der Mythos der Unheilbarkeit ist stark mit der Erkrankung Schizophrenie verknüpft
und erschwert einen positiven Umgang mit dieser Erkrankung. Die Bedeutung von
Hoffnung im Kontext von Recovery sollte nicht unterschätzt werden. Ein
hoffnungsvoller Blick der Erkrankten und der Umgebung kann sich positiv auf den
Krankheitsverlauf auswirken. Im Umkehrschluss kann sich Hoffnungslosigkeit
negativ auf die Erkrankten auswirken.
Somit komme ich zum Schluss, dass das Recovery-Konzept im Hinblick auf ethi-
sche Maßstäbe zum Leitziel einer Schizophreniebehandlung werden sollte. Durch die
Umsetzung des Recovery-Konzepts sind langfristig erhebliche Einsparungen zu er-
warten. Diese freiwerdenden Mittel dürfen jedoch nicht eingespart werden, sondern
sollten für eine weitere Verbesserung der weiterhin an Schizophrenie erkrankten
Menschen verwendet werden. Hier müssen in Zukunft noch viele Verbesserungen re-
alisiert werden.
Der Umgang mit psychisch Erkrankten war und ist immer ein Spiegel der gesell-
schaftlichen Werte und Normen.

„Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie
mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“129
Helmut Kohl

Die bereits erreichten Verbesserungen waren wichtig und notwendig, jedoch liegt
noch ein weiter Weg vor uns, das Recovery-Konzept in der Arbeit mit psychisch
kranken Menschen zu verankern. Es liegt in der Verantwortung von jedem Menschen,
sich für verbesserte Lebensbedingungen in der Gesellschaft einzusetzen. In
besonderem Maße gilt dies für den Beruf des Sozialarbeiters.
Zu Beginn meiner Erkrankung habe ich viele Momente der Hoffnungslosigkeit er-
lebt. Trotzdem hatte ich das große Glück auf meinem persönlichen Genesungsweg
viele positive Erfahrungen zu machen, auch weil ich Menschen um mich hatte, die sich
für mich eingesetzt haben. Aus diesem Grund liegt mir die vorliegende Arbeit sehr am

129 Kohl, H. (1998): Rede des 13. Ordentlichen Bundesverbandstages des Verbands der Kriegs- und
Wehrdienstopfer, Behinderten und Rentner e. V. [Rede].

90
FAZIT

Herzen. Mein Ziel ist es, mich als selbst Betroffener und als Sozialarbeiter für andere
Betroffene einzusetzen und ein Stück zum Wandel der Haltung gegenüber Menschen
mit psychischen Erkrankungen beizutragen.

91
ANHANG

ANHANG
INTERVIEWLEITFADEN – GENESUNG VON SCHIZOPHRENIE

92
ANHANG

93
ANHANG

INTERVIEWPARTNER NR. 1 (HERR SCHMIDT)

Biografie von Herr Schmidt:


Der erste Interviewpartner Herr Schmidt ist 29 Jahre alt und wurde in Rumänien als
sechstes von acht Kindern geboren. Im Alter von drei Jahren zog er mit seiner Familie
von Rumänien nach Deutschland. Dort lebte die Familie zunächst in einer ländlichen
Gegend in der Pfalz. In dieser Zeit besuchte Herr Schmidt einen Kindergarten. Nach
der Beendigung der Kindergartenzeit zog die Familie in eine mittelgroße Stadt in
dieser Region um. Der Umzug erfolgte als Herr Schmidt 6 Jahre alt war.
Zunächst besuchte er die Grundschule und anschließend ein naturwissenschaft-
liches Gymnasium. In dieser mittelgroßen Stadt beendete er die Schule in der Regel-
zeit mit dem Abitur. Nach dem Abitur ging Herr Schmidt für ein Freiwilliges Soziales
Jahr nach Südamerika. Im Anschluss an den Freiwilligendienst begann Herr Schmidt
in Österreich ein Bachelorstudium für das Grundschullehramt.
Herr Schmidt erkrankte, nachdem er ca. die Hälfte des Bachelorstudiums absol-
viert hatte, an einer akuten Psychose. Bis auf eine Prüfung hatte er zu diesem Zeit-
punkt alle Prüfungen beim ersten Versuch erfolgreich absolviert. Aufgrund seiner Er-
krankung kehrte er nach dem Abklingen seiner Psychose nicht in sein Studium zurück
und orientierte sich beruflich um. Zu Beginn seiner akuten Psychose unternahm Herr
Schmidt (22 Jahre) einen Suizidversuch und kam danach erstmalig mit der Psychiat-
rie in Kontakt. Nachdem er nach Deutschland zurückgekehrt war (Pfalz), wurde er
sechs Wochen behandelt und besuchte im Anschluss für weitere drei Monate eine Ta-
gesklinik.
Nach etwa sechs Monaten Wartezeit konnte er eine medizinische und berufliche
Rehamaßnahme im Rhein-Neckar-Gebiet durchführen. Im Rahmen dieser beruflichen
Reha konnte Herr Schmidt diverse Praktika absolvieren und entschied sich, eine Aus-
bildung zum Hörgeräteakustiker zu beginnen. Die Ausbildung absolvierte Herr
Schmidt auf dem ersten Arbeitsmarkt in der Regelzeit von drei Jahren. Nachdem er
ein Jahr als Geselle gearbeitet hatte, begann er mit einer Meisterausbildung, welche
er innerhalb von einem Jahr erfolgreich absolvierte. Herr Schmidt befindet sich in ei-
ner langjährigen Beziehung.

94
ANHANG

Der Krankenhausaufenthalt zwischen Zwang und Unterstützung:


Während des Krankenausaufenthalts musste Herr Schmidt sowohl positive als auch
negative Erfahrungen machen.
Als besonders hilfreich empfand Herr Schmidt Gespräche und Spaziergänge mit
einem Psychologen. Er konnte sehr schnell Vertrauen zu dieser Person fassen und
sich ihm gegenüber öffnen. Spaziergänge mit Pflegekräften empfand Herr Schmidt als
zusätzlich hilfreich im Rahmen seines Krankenhausaufenthalts. Gespräche im Freun-
deskreis und mit Angehörigen erlebte Herr Schmidt als sehr schön und förderlich bei
seiner Genesung. Gemeinsam mit Freunden oder Angehörigen durfte er die Station
verlassen, die er sonst wie ein Gefängnis erlebte.
Als nicht hilfreich empfand Herr Schmidt die Tatsache, dass er die Station meist
nicht verlassen durfte. Herr Schmidt fühlte sich auf der psychiatrischen Station eines
Allgemeinkrankenhauses gefangen. Die Erfahrung, dass er das Krankenhaus nicht
verlassen durfte, beschreibt er als furchtbar. Im Interview berichtete er, dass er ein-
malig die Medikamente aufgrund der Nebenwirkungen verweigert hatte und danach
den Ausgang vollkommen gestrichen bekam. Diese Erfahrung hätte ihn sehr stark
mitgenommen. Da Herr Schmidt sich freiwillig mithilfe eines Überweisungsscheines
in Behandlung begab, ist ihm bis heute nicht klar, auf welcher Rechtsgrundlage er die
Station nicht verlassen durfte. Er hat laut eigener Aussage nie einen Richter oder Un-
terlagen von einem Gericht gesehen.130

Nach dem Krankenhaus – die Rehamaßnahme:


Nachdem der Krankenhausbesuch beendet war, besuchte er die Tagesklinik für ca.
drei Monate. Während der sechsmonatigen Wartezeit auf einen Reha-Platz ging Herr
Schmidt wöchentlich zu einer Ergotherapeutin und trainierte dort sein Gedächtnis. Er
erlebte sich in dieser Phase als kognitiv stark eingeschränkt. In dieser Wartezeit
machte Herr Schmidt wenig. Er habe viel geschlafen und sich von der Erkrankung
erholt. Das Umfeld hatte teils Schwierigkeiten seine Passivität nachzuvollziehen.
Freunde, Bekannte und Familienangehörige forderten ihn auf, sich neu zu orientieren

130 Auch nach damaliger Rechtsgrundlage war ein richterlicher Beschluss nötig, um Herrn Schmidt
dauerhaft Freigang zu verwehren. Bei akuter Gefahr, wie zum Beispiel der Gefahr eines Suizids,
wäre es erlaubt, ihn für eine beschränkte Zeit (mehrere Stunden) ohne richterlichen Beschluss
festzuhalten. Die genauen Umstände lassen sich leider für mich im Rahmen dieser Arbeit nicht
herausfinden.

95
ANHANG

und beispielsweise eine neue Ausbildung, ein Studium oder eine Arbeit zu beginnen.
Herr Schmidt entschied sich jedoch, auf eine Rehamaßnahme zu warten.

„Ich musste erstmal soweit gesunden, dass ich überhaupt beruflich wieder
belastbar sein konnte.“131
Herr Schmidt

Zu Beginn der Rehamaßnahme arbeitete er zwei Stunden täglich, innerhalb von


relativ kurzer Zeit wurde die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden gesteigert. Zu
Beginn verpackte er verschiedene Teile, später arbeitete er im Büro. Nachdem eine
Arbeitsbelastung von sechs Stunden möglich war, erfolgten ausgelagerte Praktika auf
dem ersten Arbeitsmarkt. Die relativ schnellen Fortschritte kamen zum Teil auch
aufgrund seines Drängens zustande.

„Ich wollte möglichst schnell wieder zurückkommen, sozusagen ins Leben.“132


Herr Schmidt

Das erste Praktikum auf dem ersten Arbeitsmarkt erfolgte in einem Computerbetrieb.
Hier konnte er die Arbeitswelt eines IT-Systemelektronikers kennenlernen. Der
Inhaber war sehr zufrieden mit Herrn Schmidt und gab ihm viel positives Feedback.
Ein zweites Praktikum erfolgte in einem Großunternehmen. Herr Schmidt lernte die
Arbeitswelt eines Elektronikers für Geräte und Systeme näher kennen. Im zweiten
Betrieb hätte er gerne eine Ausbildung begonnen. Dies war jedoch nicht möglich, da
die Plätze bereits anderweitig vergeben waren. Das dritte Praktikum erfolgte bei
einem Hörgeräteakustiker. Dieses Praktikum mündete in einem
Ausbildungsverhältnis. Die Empfehlung, sich diesen Beruf näher anzuschauen,
stammte von einer guten Freundin von Herrn Schmidt.

Ausbildung und beruflicher Werdegang:


Durch ein fünfmonatiges Praktikum im Vorfeld der Berufsausbildung konnte Herr
Schmidt Erfahrungen und wichtige Kenntnisse im Umgang mit Kunden sammeln.
Somit erleichterte dieses Praktikum den Übergang zwischen geschützter
Rehamaßnahme und Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Ausbildung und

131 Zitat des ersten Interviewten (Herr Schmidt). [00:16:38 – 00:17:38].


132 Zitat des ersten Interviewten (Herr Schmidt). [00:12:39 – 00:13:14].

96
ANHANG

der anschließende Meister konnten ohne erneute Krankheitsunterbrechungen


infolge der psychischen Erkrankung absolviert werden. Zum jetzigen Zeitpunkt
arbeitet Herr Schmidt Vollzeit und leitet eine Hörgeräteakustik-Filiale.

INTERVIEWPARTNER NR. 2 (HERR MAYER)

Biografie von Herr Mayer:


Herr Mayer ist 30 Jahr alt und wurde in der Metropolregion Rhein-Neckar geboren.
Er wuchs in direkter Nähe zu einer mittelgroßen Stadt auf. Er ist der dritte von drei
Söhnen. Die Eltern und auch die beiden älteren Brüder sind Akademiker.
Herr Mayer besuchte zuerst die Grundschule und im direktem Anschluss ein
Gymnasium. Im Alter von ca. 15 Jahren erkrankte Herr Mayer an einer schweren De-
pression, deren Beginn zunächst eher schleichend war. Die neunte Klasse am Gymna-
sium musste Herr Mayer aufgrund des Leistungsabfalls infolge der Erkrankung wie-
derholen. Auch der zweite Versuch die neunte Klasse zu absolvieren scheiterte.
Aufgrund eines ärztlichen Attests war es Herrn Mayer möglich, einen dritten Versuch
für den Abschluss der neunten Klasse am Gymnasium zu beginnen. Der erste Psychi-
atrieaufenthalt von Herrn Mayer war 2004. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich im
dritten Anlauf, die neunte Klasse abzuschließen. Nach der Behandlung auf einer ge-
schlossenen Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie in einer benachbarten Groß-
stadt, konnte er zurück in die Schule gehen und dort im dritten Versuch die 9. Klasse
abschließen. In der zehnten Klasse verließ Herr Mayer das Gymnasium krankheitsbe-
dingt mit dem Hauptschulabschluss.
Ab 2005 begann er das Arbeiten in einer geschützten Arbeitsstelle. Dort arbeitete
er die nächsten Jahre parallel zur Abendschule. Zum Schuljahresbeginn 2005 startete
Herr Mayer die Abendrealschule auf dem zweiten Bildungsweg. Der Realschulab-
schluss gelang ihm gut. Der anschließende Besuch des Abendgymnasiums scheiterte
erneut. Krankheitsbedingt musste er abbrechen. Es folgte ein zweiter Psychiatrie-
aufenthalt in der nächstgelegenen Stadt und die Diagnose Schizophrenie. Diese Ein-
weisung erfolgte gegen den Willen von Herrn Mayer. Nach dem erneuten Kranken-
hausaufenthalt und anschließender Stabilisierung konnte Herr Mayer den Besuch des
Abendgymnasiums wiederaufnehmen. Das Abendgymnasium schloss er innerhalb
von drei Jahren nach diesem zweiten Krankheitsschub erfolgreich ab.

97
ANHANG

Nach dem Abitur machte Herr Mayer verschiedene Praktika (Garten- und Land-
schaftsbau, Buchhandlung usw.) und entschloss sich 2013 eine Ausbildung zum Bib-
liothekar zu beginnen. Aufgrund seines Abiturs verkürzte er die Ausbildungszeit auf
zwei Jahre und konnte diese Ausbildung 2015 erfolgreich abschließen. Während der
Ausbildungszeit gab es kleinere Krisen, trotzdem gelang ihm der Abschluss in der Re-
gelzeit. Im direkten Anschluss an die Ausbildung arbeitete er noch für ca. 1,5 Jahre in
seiner „Ausbildungsbibliothek“ als angestellter Mitarbeiter weiter. Nach dieser Zeit
konnte er dort nicht mehr weiterbeschäftigt werden und wechselte an eine wissen-
schaftliche Hochschulbibliothek ebenfalls im Rhein-Neckar-Gebiet. Dort arbeitet er
nun in Vollzeit und ist mit der aktuellen Arbeitssituation zufrieden.

INTERVIEWPARTNER NR. 3 (FRAU BAUER)

Biografie von Frau Bauer:


Frau Bauer ist 34 Jahre alt und im ländlichen Raum geboren. Sie hat zwei ältere
Geschwister. Im Alter von elf Jahren zog die Familie in ein anderes Dorf um. Ab ihrem
13. Lebensjahr besuchte Frau Bauer ein Internat und erlangte dort das Abitur. Danach
absolvierte sie für ein Jahr einen europäischen Freiwilligendienst in Irland (Dublin).
Nach ihrer Rückkehr aus Irland studierte Frau Bauer zwei Semester Verwaltungs-
wissenschaften in Potsdam. Nach einem Jahr beschloss sie einen Studiengangwechsel
zur Sozialen Arbeit.
Während dieses Studiums erkrankte Frau Bauer 2005 erstmalig an einer Psy-
chose (1. Krankheitsschub). Diesen Krankheitsschub beschreibt sie als heftig und sie
musste auf eine geschlossene psychiatrische Station. Die Medikamente setzte Frau
Bauer nach einem Jahr ab. Nachdem sie die Medikamente abgesetzt hatte, erkrankte
sie sechs Monate danach erneut an einer Psychose (2. Krankheitsschub). Eine Fort-
setzung des Studiums nach den Krankheitsschüben stellte für Frau Bauer keine große
Hürde da. Auch ein Leistungsabfall war im Hinblick auf ihre Noten nicht zu erkennen.
Nach Beendigung des Studiums zog Frau Bauer in eine Großstadt in Süddeutsch-
land (Baden-Württemberg). Hier lebt und arbeitet sie seit Anfang 2009 in ihrem er-
lernten Beruf. Nach ungefähr fünf bis sechs Jahren nach dem ersten Krankheitsschub
setzte Frau Bauer die Medikamente erneut ab. Nach dem Absetzten bleibt Frau Bauer
zunächst gesund und beschreibt dieses Jahr ohne Medikamente als sehr schön. Nach
ihrer Aussage war sie wieder sie selbst und litt unter keinen Nebenwirkungen. Nach

98
ANHANG

einem Jahr erkrankte Frau Bauer erneut (3. Krankheitsschub). Ab diesem Zeitpunkt
fiel es ihr deutlich schwerer, die Einnahme von Medikamenten zu akzeptieren, da sie
nun wieder wusste, wie sich ein Leben ohne Medikamente „anfühlte“. Ab diesem drit-
ten Krankheitsschub begann Frau Bauer sich ausführlich mit ihrer Erkrankung ausei-
nander zu setzen. Es folgten noch zwei weitere Psychosen 2013 (4. Krankheitsschub)
und 2015 (5. Krankheitsschub). Im Hinblick auf ihre Arbeit vermutet sie, dass die Er-
krankung und/oder die Medikamente ihre Leistungsfähigkeit in der Vergangenheit
reduzierten. Das aktuelle Medikament nimmt sie sehr gering dosiert und verträgt es
sehr gut. Dieses Medikament beschreibt sie als sehr hilfreich. Sie kann diesbezüglich
keinerlei Nebenwirkungen feststellen. Sie beschreibt die letzten ein bis zwei Jahre als
sehr gut. Ihr Leben sei von hoher Lebenszufriedenheit geprägt und sie fühle sich erst-
mals seit Krankheitsausbruch nicht mehr durch Nebenwirkungen beeinträchtigt. Sie
hofft die psychotischen Schübe jetzt hinter sich lassen zu können.
Der nachfolgende Krankheitsverlauf schließt sowohl die gesunden Zeiten als
auch die schweren Krisen mit ein. Der Krankheitsverlauf ist wichtig, um zu verstehen,
welche Aspekte in Bezug auf eine gesundheitliche Verbesserung hilfreich waren bzw.
was nicht hilfreich war.

Krankheitsverlauf:
2005 erkrankte Frau Bauer erstmalig an einer Psychose. Sie wurde aufgrund von
Eigengefährdung zwangseingewiesen. Diesen Krankheitsschub und die zwangsweise
Behandlung im Krankenhaus beschreibt sie als sehr heftig. Nach der Kranken-
hausentlassung befasste sie sich nicht weiter mit ihrer Erkrankung.133 Mit den
psychischen Ursachen ihrer Erkrankung setzte sie sich zum damaligen Zeitpunkt
noch nicht auseinander, dies erfolgte erst Jahre später. Nach der ersten
Krankheitsphase nahm Frau Bauer für etwa ein Jahr Medikamente ein. Nach dieser
Zeit schlich sie die Medikamente langsam aus.
Nach dem Absetzten der Medikamente war Frau Bauer sechs Monate stabil und
erkrankte danach ein zweites Mal. Nach dieser zweiten Krankheitsepisode konnte sie
sich besser damit abfinden, Medikamente für eine längere Zeit zu nehmen. Ihr wurde
vermittelt, dass diese maßgeblich dafür verantwortlich sind, ob Menschen, die an

133 Eine Traumatisierung im Rahmen der Erstbehandlung erscheint möglich und wirkt sich meist
negativ auf den weiteren Krankheitsverlauf aus.

99
ANHANG

Schizophrenie leiden, gesunden oder nicht. Eine tiefergehende Beschäftigung mit der
Erkrankung erfolgte auch nach diesem zweiten Krankheitsschub nicht. Frau Bauer
wollte sich nicht mit den schweren und auch schamhaften Erinnerungen der ersten
Psychose auseinandersetzen. Nach diesem zweiten Schub nahm Frau Bauer für vier
bis fünf Jahre Medikamente. Sie beschreibt die Zeit als relativ unbeschwert, trotz der
Nebenwirkungen der Medikamente. Nach dem Absetzen der Medikamente bleibt
Frau Bauer für ca. ein Jahr gesund.
Ungefähr ein Jahr nach Absetzen der Medikamente erkrankt Frau Bauer an einer
Psychose. Nach diesem dritten Krankheitsschub kann sie eine erneute Medikamen-
teneinnahme nur schwer akzeptieren, da sie durch das Absetzen der Medikamente
wieder an die Lebensqualität vor der Erkrankung erinnert wurde. Infolgedessen be-
schließt Frau Bauer, sich ausgiebig mit ihrer Erkrankung zu befassen. Sie liest viele
Erfahrungsberichte von Menschen, die an Psychosen erkrankt waren und die ihre
Krankheit „überwinden“ konnten. Auch die Bücher von Dorothea Buck134 liest Frau
Bauer. Diese schreibt, dass man für eine Gesundung eine Psychose ohne Medikamente
durchleben müsse. Frau Bauer bemüht sich daraufhin, eine Psychose ohne Medika-
mentenbehandlung durchzustehen. Der Versuch, zu welchem sie sich in die Soteria
begibt, scheitert aufgrund ihres großen Leidensdrucks (4. Krankheitsschub).
Ihre letzte Psychose hat Frau Bauer 2015; diese kann sie mithilfe ihrer Familie
ohne einen erneuten Psychiatrieaufenthalt meistern. Nach diesem letzten Krank-
heitsschub verändert Frau Bauer ihre Sichtweise auf Medikamente erneut. Mithilfe
einer sehr geringen Dosis Abilify kann sie diesen leichten medikamentenösen Schutz
ohne jegliche Nebenwirkungen nutzen. Auch hat sie weiterhin Zugang zu ihren Emp-
findungen und kann mithilfe von Psychotherapie an eventuellen Krankheitsursachen
arbeiten. Aktuell beschreibt Frau Bauer ihren Gesundheitszustand als sehr gut.

134 Dorothea Buck: Dorothea Buck 1917 geboren erkrankte zwischen 1936–1959 fünfmal an einer
akuten Psychose. Sie erlebte Zwang und Gewalt im Rahmen der NS-Diktatur im Kontext ihrer
psychischen Erkrankung. Seit Ende der 1980er Jahre engagierte sie sich zunehmend in der
Betroffenenbewegung. 1992 gründete sie mit anderen gemeinsam den Bundesverband
Psychiatrie-Erfahrener. Des Weiteren gilt sie gemeinsam mit Thomas Bock als Begründer des
Psychose-Seminars. (Vgl. Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e. V. (2017): Dorothea Sophie
Buck-Zerchin. [Online].)

100
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104
ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Psychische Erkrankungen in der EU.. ............................................................. 17

Abb. 2: Die Symptomkategorien der Schizophrenie. ................................................. 20

Abb. 3: Diagnostik und Therapie des biopsychosozialen Krankheitsmodells. ............ 22

Abb. 4: Psychische Erkrankungen und soziale Ungleichheit. ...................................... 24

Abb. 5: Krankheitsverläufe der Schizophrenie. .......................................................... 26

105
IMPRESSUM

THESEN
Schriftenreihe herausragender Abschlussarbeiten
an der SRH Hochschule Heidelberg
herausgegeben von Knut Eming

Nr. 2/2018
Markus Weiter
Recovery von Schizophrenie ist möglich! Was hilft?
Sichtweisen von Betroffenen

erschienen als E-Paper (PDF) und Printversion (Auflage: 100)

Herausgeber
Heidelberger Hochschulverlag
www.heidelberger-hochschulverlag.de

Konzept
Knut Eming und

Gestaltung und Satz

Druck und Bindung


Grafische Werkstatt Franz Pruckner, Berlin | Printed in Germany

ISSN 2567-2576
ISBN 978-3-942648-26-4

© 2018 Heidelberger Hochschulverlag und die Autoren


9 783942 648264