Sie sind auf Seite 1von 13

254 Norbert Madloch

der Sowjetregierung zum Abschluß eines Neutralitätsvertrages zwis_chen beiden Staa­ ZUM Xll. INTERNATIONALEN HISTORIKERKONGRESS
ten akzeptierte. Am 24. April 1926 wurde zwischen Deutschland und der UdSSR
der Berliner Vertr,ag geschlossen. Dieser Vertrag 8tumpfte die antisowjetische Spitze
des Locarnopaktes erheblich ab. Er verkörperte die Locarno entgegengesetzte Tendenz
der Rapallopolitik. Der Kampf der KPD hatte nicht unwesentlich zum Zustande­
kommen des Berliner Vertrages beigetragen. Wenn auch die KPD mit ihrem außen­
politischen Auftreten nicht bestimmend auf die Außenpolitik der Regierung einwirken
konnte, so hat sie doch erhebliche Teile des deutschen Volkes gegen die antinationale Die ZfG beginnt in diesem Heft mit dem Abdruck von Aufsätzen zur Thematik
Außenpolitik der deutschen Großbourgeoisie mobilisiert und für ein Verhältnis der des XII. Internationalen Historiker-Kongresses in Wien 1965.
friedlichen Koexistenz zwischen Deutschland und der Sowjetunion, für die Freund­ Das Präsidium des Nationalkomitees der Historiker der DDR hat alle Histo""
schaft beider Völker gewonnen. riker aufgerufen, dem Kongreß die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken
(ZfG, Heft 8, 1963). Eine Reihe von Beiträgen von DDR-Historikern wurde in
das offizielle Programm des Kongresses aufgenommen, andere sind dem Kon­
greß gemeldet.
Die ZfG wird zur Vorbereitung des Kongresses vor allem solche Beiträge ab­
drucken, die der Bereicherung des der DDRübertragenen Hauptreferates „Evo­
lution und Revolution in der Weltgeschichte" dienen, aber auch Aufsätze zu
anderen Themen des Kongresses.
Der folgende Beitrag, mit dem wir unsere Veröffentlicbungen beginnen, ist dem
Büro des CISH gemeldet worden.

ERNST WERNER

Häresie, Klassenkampf und religiöse Toleranz m einer islamisch­


christlichen Kontaktzone: Bedr ed-din und Bürklüce Mustafa::-

F. Engels machte in seinem Aufsatz „Zur Geschichte des Urchristentums", der 1895 in der „Neuen
Zeit" erschien, bei der Gegenüberstellung von christlichen und mohammedanischen Volkshewegun­
gen eine Jnteressante Feststellung: In beiden Fällen handelt es sich um retligiös verkleidete, Erschei­
nungen, die ökonomischen Ursachen entsprangen. Während aber .im christlichen Westen die reli­
giöse Verkleidung nur als Fahne und Maske für Angriffe auf eine veraltende ökonomische Ordnung
diente, die nach langen Kämpfen gestürzt wird, ließen die „Keit:zereien" in der ls1wn.ischen Welt
die alten ökonomischen Bedingungen unangerührt fortbestehen. Hier blieb aHes beim alten, die
Kollision wurde periodisch, die Weilt kam nicht vorwärts.1
Es wäre nicht im Sinne von Engels, wollte man diese Bemerkungw als Axiom für alle weiteren
Betrachtungen des Gegenstandes nehmen, sondern es entspricht mehr dem Geist dieses genialen

* Aus drucktechnischen Gründen wurde die Umschrift orientalischer Namen und Sachbezeichnungen in Anlehnung an
die neutürkische Orthographie in folgender Form vereinfacht:
dsch-c; tsch-c; sch-s; kurzes, dumpfes, getrübt gesprochenes i-y; k in dumpf vokalisierten Wö;tern q. Längen
der Vokale konnten aus drucktechnischen Gründen nicht bezeichnet werden. Bei geläufigen Wörtern wurde die
im Deutschen übliche Form gewählt (z. B. Koran, nicht Qor'an).
1 K. Marx / F. Engels, Über Religion, Berlin 1958, S. 256.

5*
256 Ernst Werner Häresie, Klassenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 2-57

Mitbegründers des wissenschaftlichen Sozialismus, wenn seine These mit neuem Material und mit
neuen E�kenntnissen und Einsichten auf ihre Anwendbarkeit für die gesamte is1;mi:s,che Geschichte
. I. FORSCHUNGSSTAND

Die Beschäftigu ng mit den beiden Propheten, von denen der erste auf dem .Balkan und der
überp rüft wird. Dabei sei im voraus betont, daß sie für Nordafrika, auf das sich Engeils besonders zweite in We,stkleinasien wirkte, iSlt nicht neH. Sieht man von äiteren Arbeiten ab, die die Auf­
beruft, kaum widerlegbar ist.2 Allerdings muß in Betracht gezogen werden, daß zur Erhellung der stände iiirn Rahmen von Gesamtdarstellungen der osmanischen Geschichte behandeln, . wie etwa
Wirtschafts- und Sozialgeschichte des isfamisch,en Kulturbereiches im Zeitalter des Feudalismus J. v. Hammer, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll, steiht am Anfang eine Mono­
noch wenig getan wurde. Einer der besten Kenner der Materle, der Straßburger Orientalist C. Ca­ graphie des deutschen Orientalisten F. Babinger aus dem Jahre 1921.6 In ihr versucht der Vf.,
hen, kommt zu dem Schluß, daß sich fo den erschlossenen Quellen darüber fast nichts findet. Die die Ideen Bedr ed-dins aus älteren Vorlagen, vor allem si'itiischen Strömungen in Kleinasien, her­
Archivstudien beginnen nur langsam, da der Zugang zu dieser Quelleiligruppe nur wenigen Spe­ zuleiten, ohne der konkreten histodschen Situation zwischen 1402 und 1416 allzuviel Aufmerk­
zialisten möglich ist.3 Es gibt jedoch eine ganze Reiihe von Problemen, für die die Quellensituation samkeit zu widmen. Sein türkischer Kollege M. F. Köprölü legte in seiner 1922 erschienenen „Ge­
relativ günstig liegt und für wdche die Erwägungen J. Kabrdas zutreffen: ,,Il s'agira ici non seule­ schichte des Islams in Anatolioo"7 sowie in einer kritischen Stellungnahme zu Babingers Unter­
ment de faire d'autres recherches heuristiques et d'amasser le plus possible de nouveaux materiaux, suchung8 noch mehr Wert a111f die Ideenfiliation zwischen den anatolischen und iranischen Derwisch.­
mais aussi de revenir aux sources deja connues de verifier leurs traductions et d'essayer d'en donner orden der Kalanderije und Hajdarije aus. selcukischer Zeit und Bedr ed-din. A. Refik sah .in
une nouvdie interpretation."4 Zu dieser Themengruppe rgehört zweifoUos unser Gegenstand, wie Bedr ed-din einen Si'iten, ·der diie Sunna bekämpfte, um sich eine. eigene .Herrschaft aufzubauen.
noch zu zeigen sein wird. Zu diesem Zwecke habe er auch eine religiöse Gleich,stellung zwischen Moslems und Christen er­
Er ordnet sich aber auch in das Thema „Religiöse Toleranz und Häresien in der N eiuzeit" des strebt, um sich damit eine Basis für seine PJäne zu schaffen.9 Schließlich feh'lt es im Lager der
XU. Internationalen Histodkerkongresses ein, obwohl die Chronologie der Ereignisse - 1416 - türkischen Historiker auch nicht an nationalistischen Interpretationen. C. Bardak�i, der in dein kl�­
deit Markierung ,;Nemeit" offensichtlich zu widersprechen scheint. Die Ideen und Zieile, die die asiatischen Türken eine soziale und nationale Einheit sJeht, macht aus Bedr ed-din einen Kämpfer
beiden Männer vertraten, gehörten jedoch nicht· mehr dem islamischen ,,Mittelalter" an, sondern gegen die antitürkische Politik der Sultane, ihre Hera.nzieihung von Nlchttürken zur Staatslenkun,g,
wiesen in eine andere, .,neue" Zeit. H. l. Cotsonis umschreibt deshalb Mustafa - etwas überschweng­ ihre Praxis des Brudermordes. Er sei. unter der Losung ,,Alle Sklaven Allahs sind Brüder'' in den
lich - als „einzigartige Erscheinung", die sich von der Ideenwelt der vorausgegangenen Jahr­ Kampf gezogen, um alle Türken in brüderlicher Einheit :ru ver'binden.10
hunderte deul!lich_ abhebe.5 In der Tat erhielt die Idee der religiösen Toleranz, die natürlich dem Die hier re.ferierten Meinungen sind keinesfalls von vornherein wertlos und unwissenschaftlich.
Hochislam nicht fremd war, einen neuen Inhalt, der mit Konvention und Tradition brach und in Sie beleuchten nur eine bestimmte Seite des Phänomens, den Überba�, wobei sie allerdings i.nfolge
ein neues Zeitalter wies, das den kllas,senbedingten Absolutheitsanspruch der Weltreligionen ver­ einer mehr oder weniger geistesgeschichtllichen Schau die konkreteren historischen Zusammenhänge
wa,r;f und in der Religion den Bruder und den Menschen suchte, nicht den Ungläubigen oder Heiden. aus dem Auge verlieren und die 1:digiösen Schlagworte nicht auf ihren sozialen Hintergrund oder
Der Gedanke dieser Humanitas entzündete sich im Spannungsfeld des Islams und des Christen­ Inhalt überprüfen. Zwar ist es wichtig, die Herkunft einer Idee zu kennen und ihren Einfluß auf
tums im westlichen Kleinasien und ,in Nordost-Bulgarien. Er entstand im Gefolge der osmanischen die geistigen Führer einer Bewegung festzustellen, a:ber man darf nicht vergessen, ,,daß eine Un­
Expansion, rim Schatten der Reichskrise als Antwort auf die Frage, wie Eroberer und Unter­ tersuchun:g über Einflüsse niemals genügt, um die Entstdhung eines neuen ideologischen Phä,nomens
worfene, ,,Gläubige" und „U111gläubige", Türken, Gdechen und Slawen zusammenleben und zu­ zu erklären. Man kann für keine Zeit und für kein Gebiet einer Strukturanalyse ausweiqien, die
sammenwirken sollten. iDen Aufrufen zu Cihad uilid Kreuzzügen stellten zwei Männer das Ideal nicht der funktionellen Notwendigkeit der neuen Ideologie Rechnung trägt:".11 Man hat, mit anderen
der Menschlichkeit als Ausdrucksform echter Religiosität entgegen, ein Unterfangen, das in ihrer Worten, zu ,e,rklären, warum sich jemand beeinflussen 'ließ. Um das festzustellen, muß man jedoch
waffenklirrenden Zdt nur diejenigen begriffen und zur Leitschnur ihres Lehens machten, die am zunächst das soziale Terraiin kennen, aus dem die Akteure erwachsen sind. Dieser Aiuifgia:be hat sich
meisten iunter der Unmenschlichkeit ihrer Gegenwart zu leiden hatten. In ihnern wurde die Idee in den vergangenen 10 Jahren die Sowjetorientalistik mit großem Erfolg gewidmet. G. I. Ibraginiov
zur materiellen Gewalt und befreite für Monate Zelhntausende von jenen, die sonst nur zum zählt in seinem Aufsatz über !bäuerliche Aufstände in der Türkei das Abgaben- und Steuersystem
Dienen und Gehorchen erzogen worden waren, von der züge,llosoo Willkür der Herren. Sie auf, erwähnt die Schollenfesselung und möchte auch bereits den Knabenzehnt (devsirme), der jedoch
verspürten den Hauch einer neuen Zeit, die noch nicht morgen, sondern erst übermorgen aufgehen nachweislich erst 1438 eingeführt wurde12, als Belastungsmoment hinzufügen. Die Produktions-
solloo. Sie standen bereits an der Schwelle eines neuen Äon, das die Mächte der alten Welt mit
Schrecken .erfüHte. Die Bewegung, die der große Scheich und sein Schüler auslösten, verschmolz
in vollendeter Form Vemeinung und Bejahung, Häresie und Toleranz, so daß rihre Untersuchung F. Babinger, Schejch Bedr ed-din, der Sohn des Richters von Simaw, in: Der Islam, 11, 1921, S. 1-106.
Das Werk war mir nicht zugänglich. Ich zitiere es nach A. S. Tveritinova, K voprosu ob izucenii pervogo anti­
zur Exemplifiziemng des Kongreßthemas geradezu herausfordert. feodal'nogo krest'janskogo vosstanija v srednevekovoj Turcii, in: Vizantijskij vremennik, XI, 1956, S. 207.
8 M. F. Köprölü, Bemerkungen zur Religionsgeschichte Kleinasiens, in: Mitt. zur osman. Gesch., I, 1921/22,
s. 203-222.
9 A. Refik, Osmanli devrinde Rafizilik ve Bektasilik (Rafizismus und Bektasitum in osmanischer Zeit), in:
2 Ich denke hier an die Bewegung der Almorawiden (1056-1147) und der Almohaden (1130-1269), vor allem Darülfünun Edebiyat Fakültesi Mecmuasi, c. VIII, N. 2, 1932, S. 21-59. Zitiert nach Tveritinova, a. a. 0.,
an einen Mann wie Ibn Turnart. s. 207 f.
3 C. Cahen, Histoire economique et sociale de !'Orient musulman medieval, in: Studia Islamica, III, 1955, 1 ° C. Bardakci, Anadolu isyanlari (Anatolische Aufstände), Istanbul 1940, nach Tveritinova, a. a, 0., S. 208 f. Die
s. 93-115. neueste Gesamtdarstellung der türkischen Geschichte von I. H. Uzun�arsili, Osmanli tarihi, 4 Bde., Ankara
, J. Kabrda, Les problemes de l'etude de l'histoire de la Bulgarie a l'epoque de la domination turque, in: Byzan- 1947-1959, war mir nicht zugänglich.
tirioslavicä, XV, 1954, S. 190. 11 M. Rodinson, Bilan des etudes mohammediennes, in: Revue historique, 229, 1963, S. 172.
� H. I. Cotsonis, Aus der Endzeit von Byzanz. Bürklüdsche Mustafa. Ein Märtyrer für die Koexistenz zwi,chen 12 J. A. B. Palmer, Frater Georgius de Hungaria 0. P. and the Tractatus de moribus, condicionibus et .nequicia
Islam und Christentum, in: Byzant. Zschr., 50, 1957, S. 404. Turcorum, in: Bulletin of the John Rylands Llbrary, 34, 1951, S. 55.
258 Ernst Werner Häresie. Klassenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 259

verhältnisse seien in Widerspruch zu dem Stand der Produktivkräfte getreten, eine Entladung der An erster Stelle steht Sükrüllah ben Sihab ed-din Ahmed, der 1386 in Anatolien geboren wurde,
Spannungen sei unausbleiblich geiwesen. Die Aufstände des Bedr ,ed-din, Musta!a und Torlak, die als 'Ulema. (Gelehrter) am Hofe Muradsi II. (1421-1451) und Mehmeds II. (1451-1481) wirkte,
er trotz des Ldhrer-Schüler-Verhältniss.es der Bewegungsmänner als drei gesonderte Erheibungen aber bereits unter Mehmed I. (1413-1421) in Staatsgeschäften tätig war und Einblick Jn die
betrachtet, seien Ergebnis und Folge dieser Spannungen gewesen. Er charakterisiert alle drei als Regierungsgeschäfte hatte. 1457 verfaßte er in persischer Sprache eine Weltgeschichte (Behcet ül­
antifeudal und meint, daß Bedr dem Pantheismus gehuldigt und Zweifel an der Wahrheit des tewarich = Schönheiten der Geschichte); sie wurde 1530 ins Türkische übertragen. Da Sükrüllah
orthodoxen Islam gesät habe.13 Seine Analyse der so(tlalökonomischen Verhältnisse ist jedoch über die kritJische Periode zwJschen 1402-1421 als Augenzeuge bevichtet, lmmmt seiner „Welt­
recht allgemein und läßt die Besonderheiten Westanatoliens und Rumeliens kaum erkennen. Daher geschichte" trotz des schematischen Aufbaus ein großer Wert zu.17
leuchten nicht immer die Beziehungen zwischen dein Aufständen und der konkreten historischen Als zweiter Chronist kommt für uns Errweri in Frage, der nur SO Jaihre nach dem Aufstand gelebt
Situartion ein. hat, wahrscheinlich 'UJema war und an den Feildzügen Mehmeds II. und Bayazids II. (1481-1512)
A. S. Tveritinova gibt fo ihrem Beitrag eine wichtige Literatur- und Quellenübe.irsicht, die für alle teilnahm. Er verfaßte.ein .gereimtes Geschichtswerk „Dfrstürname" (Buch des Wesirs), das vor
weiteren Beschäftigungen mit dem Problem von grundlegender Bedeutung ist. Sle stellt in einem allem im 2. Teil wertvolle Nachrichten über die Geschichte des kleinasfatischen Emirats Aidin
Anhang in russischer Übersetzung Auszüge aus der osmanischen Chronistik zusammen, um diese überliefert.18
Quellengruppe auch Nichtorientalisten zu erschließen. Sie kann sich dabei auf Vorarb-eiten F. Ba­ Wertvolle Einz,dheiten enthalten die sog. altosmanischen anonymen Chroniken, die im 15. Jh.
bingers stützen. khnlich wJe Ibraigimo,v b-etrachtet sie die beiden Bewegungen als zwei gesonderte verfaßt wurdoo, z. T. Kompilationen älterer oder zeitgenösSiischer Geschichtsschrciber, z. T. origi­
Aufstände und unterstreicht ihre Bipolarität. Die Bewegung habe aus zwei Flügeln bestanden, naile Überlieferung darstellen.19
einem feudalen und einem vsolks.tümlichen. Bedr habe eindeutig ander:e Ziele verfolgt als Mustafa.1q Ähnliches gilt von der „Geschichte des Hauses Osman" aus der Feder desi Derwi�ches Ahmed,
Zu einer ganz ähnlichen Einschätzung ·gelangte K. E. Wädelcin. Er geht so weit zu behaupten, daß genannt Asyqpasazade, der 1400 im östlichen Anatolien geboren wur:de und unter Murad II. zwei
Mustafa auch in seiner Lehre unabhängig von Bedr gewesen sei, zu dem er sozial gesehen im Feldzüge in Rumetlien mitmachte. Sein Geschichtswerk stammt nicht von iihm allein, sondern wurde
Gegensatz gestanden habe.15 Die entgegengesetzte Auffassung vertritt A. D. Novicev, der meint, nach ·seinem Tode von anderen vollendet. Die uns interessierenden Passagen sind von TvenitnnCl'Va
Mustafu. sei Schüler Bedrs igewesoo und habe nur dessen Befehle ausgeführt. Die drei Erhebungen ins Russ,ische ühernetzt worden.20
(Bedr, Mustafa, Torlak) -gehörten zu einem Aufstand, de1· unter den gleichen Losun,gen geführt Der gleichfu.lls · aus Kleinasien (Germian) st, ammende Mehmed Nesri kompilierte die Ohronik
worden sei. Wichtig ist sein Hfoweis, <laß Bedr in seinen Anschauungen Humanist war. Die Idee Asyqpasazades und des ,Bihisti, bnin� iedoch bezügl,ich des Aufs,tandeis einige weitere Einzelheiten,
des Verbraucherkommunismus, die 'bei Mus.tafa auftaucht, sei gleich.falls sein geistiges Eigentum die sich in seinen Vorlagen nichit finden. Seine „Weiltschau", V'0n der sich, nur die Geschichte des
gewesen. 16 Hauses Osman erhalten hat, verfaßte er erst 1512. Er leibte vorwiegend in Brussa, wo er an der
.Man darf ohne Übertreibung sagen, daß uns dJe zuletzt genannten Forschungen ein gutes Stück Su'ltan-Medrese a1ls Lehrer angestellt war.21
weiteir :gebracht haben, daß sie vor allem den sozialen Kern, der sich unter den religiösen Hüllen Ein bisher für unser Thema kaum herangezogener Chronist ist Ibn 'Arabsah, ,der 1392 in Damas�
ve!lbarg, frci.legten und klarmachten, daß es sich um Klassenkämpfe mit antifeudaler Stoßrichtung k:us geboren wurde und 1412 üiber die Krim an den Hof Meihmeds I. in Adrianopel (Edime)
handelte. Nicht restlo9 geklärt sind die ideologischen Momente, eitwa das Verhältnis zwischen kam, wo er 10 Jahre als Prinzenerzieher und Geheimschreiber beschättiigt war. Er verfaßte eine
Bedr ed-din und Bürklüce Mustiafa, die Scheidung von alten und neue:n Gedanken, sowie die Geschichte der Taten Timurs, in der er kurz auch auf die Ereignisse des Jahres 1416 eingeht,
die er durch Autopsie zu kennen scheint. Tvedtinova hat diese Stelle übersert:zt.22
RoHe, die ,sie mit ihrem Auftreten im Kampf der Sultanssöhne um den Thron und den Wieder­
Eine län;gere Erzählung über ,ßedr und seine Schüler lieferte der Kurde ldris Bitlisi, der am Hofe
aufbau des Reiches spielten. Wi,eweit dieise Klärung mög:lich ist, hängt nicht allein vson der rich­
Bayazids II. und Selims I. (1512-1520) zu militärischen Ehren gelangte. In seiner in persischer
tigen methodischen Ausgangspos.itiion des Historikers ab, sondern vor allem von dem Quellen­
Sprache verfaßten Reichsgeschichte (,,Acht Paradiese" - Hest bihist) sind Quellen ausgeschrieben,
bestand und seinem Aussagewert.
die heute als verschoiilen .gelten müssen. Babinger s.pcicht von einer Fundgrube für die osmanische
Geschichtsforschung.23 Für uns sind seine Nachrichten von Wert, weil sie einige Gesichtspunkte
I I. QUELLENFRAGEN
enthalten, die sich sonst nicht finden.
Schließlich entdeckte Tveritinova Jm Institut für Ocientforschung der Akademie der Wissenschaf­
Die türkische Chronistik des Mittelalters hatte rein panegyrischen Charakter. Von Volkserhebun­
ten in Moskau eine Handschrift, die diei Geschichte der Osmanen von Beginn bis: 1520 zum Inhalt
gen oder sozialen Bewegungen verlautet kein Wort. Die einzige Ausnahme bildet der Aufstand
Bedr ed-din's. Der Eindruck, den die beiden „Ketzer" gemacht und hinterlassen hatten, war so
17 F. Babinger, Die Geschichtsschreiber der Osmanen und ihre Werke, Leipzig 1927, s: 19 f.; Tveritinova, a. a. 0.,
groß, daß selbst die Hofchronistik nicht daran vorübergehen konnte. Um welche Geschichtsschrei­ S. 2l1. Eine auszugsweise deutsche Übersetzung bietet Th. Seif, Der Abschnitt über die Osmanen in Sükrüllah's
ber handelte es sich? persischer Universalgeschichte, in: Mitt. zur osman. Gesch., II, 1923/25, S. 63-128.
18 F. Babinger, Geschichtsschreiber, a. a. 0., S. 410 f.; Tveritinova, a. a. O., S. 211 f.
19 Übersetzt von F. Giese, Die altosmanischen anonymen Chroniken, T. II, Abhandl. für die Kunde des Morgen­
landes, 17, 1925/28.
20 F. Babinger, Geschichtsschreiber, a. a. 0., S. 35-37; Tveritinova, a. a. 0., S. 218 f.
:: G. I. lbragimov, Krest'janskie vosstanija v Turcii v A'V-XVI vv., in: Vizantijskij vremennik, 7, 1953, S. 122-139. it F. Babinger, ebenda, S. 38 f., deutsche Übersetzung des Kapitels über Bedr bei Babinger, Schejch Bcdr . . .,
A. S. Tveritinova, a. a. 0., S. 200-224.
15 K. E. Wädekin, Der Aufstand des Bürklidsche Mustafa. Ein Beitrag zur Geschichte der Klassenkämpfe in Klein­ a. a. 0., S. 41 f., russisch bei Tveritinova, a. a. 0., S. 219.
asien im 15. Jh., Phil. Diss., Leipzig 1950, S. 43, 48. 23 F. Babinger, Geschichtsschreiber, a. a. 0., S. 20-23; Tveritinova, a. a. 0., S. 215 f.
16 A. D. Novicev, Krest'janskoe vosstanie v Turcii v nacale XV veka, in: Problemy vostokovedenija, 3, 1960, 23 F. Babinger, ebenda, S. ·47; Übersetzung in „Schejch Bedr . . .", a. a. 0., S. 42-49, und bei Tveritinova,
S. 67-81; ders., Istorija Turcii, Bd. I, Leningrad 1963, S. 38. a. a. 0., S. 220-223.
260 Ernst Werner Häresie, Klassenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 261

hat und von dem in Sarajevo geborenen Qoca Hussein, der unter Murad N. (1612-1624) Vor­ aJs Befreier von osmanischer Tyrannei begrüßt.30 In der Tat setzte de:r Mongolenkhan die ver­
steher der staatlichen Kanzlei war, stammt. Bisher kannte man von ihm nur die türkische Über­ triebenen Emire wieder in ihre väterlichen Fürstentümer ein. Er sah Jm anatolischen Türkentum
setzung einer arabischen Weltgeschlchte. Sein Einblick in die offiziellen Dokumente ermöglichte den aktivsten Vorposten des Islams gegen die Ungläubigen im Westen. Zu diesem Zwecke wollte
ihm die Überlieferung von Einzelheiten, die anderen Chronisten unbekannt blieben. Im Unter­ er den früheren Zustand in Anatolien wiederherstellen, den Bayazid I. durch seine Zentralisie­
schied zu seinen Vorgängern datiert er den Aufstand auf 1419/20. Daß er damit allerdings irrt, rungspolitik gestört zu haben schien. Durch diese Restauration sollten nicht etwa die osmanischen
wird noch zu zeigen sein.24 Besitzungen liquidiert werden. Er bestätigte vielmehr die Söhne Bayazids in ihren Herrschaften,
Eine sehr gute lateinis.che Übertragung altosmanischer Chroniken sowie von Auszügen aus dem ohne in ihren Kampf um die Alleinherrschaft einzugreiren.31
Werke Nesci.s bieten die „Historiae Musulmanae" des aus Amelsbüren gebürtigen Gelehrten Jo­ Bayazid hatte etine Reichsidee vertreten, die das alte Ghaziideal zur islamischen Hochkultur in
hannes Löwenklau. Er schrieb den Codex Verantianus und Hanivaldanus aus. Der schlesische Widerspruch brachte, die Feudalisierun.g und Zentralisierung mit allen Mitteln forcierte und so in
Edelmann Philipp Haniwald v. Eckersdorf war Ende des 16. Jh. als G.!isandtschaftssekretär in Gegensatz zur Masse der Krieger und der anatolischen Emire geriet. Um die Widerstände der
Istanbul gewesen und hatte sich hier eine Abschrift des Werkes von Nesni besor:gen lassen, das anatolischen Begs zu überwinden, vers,uchte er, sie - ähnlich wie Chlodwig die fränkischen Klein­
,ihm der Dolmc.tscher Murad Beg übet.iSetzte. Löwenklau benutzte den CH und vereinigte ihn mit könige und Sippenadligen - zu töten.
der sog. Vetrancsics'sclien Chronik, -die auf den sog. Anonymus Giese zurückgeht. Textuntersuchun­ Bayazid betrieb mit allen Mitteln die Feudalisierung des Staates. Um die Widersprüche, die er
gen haben c:rgeben, daß die „Historiae Musu'lmanae" ihre Vorlagen auf das getreueste wieder­ damit heraufbeschwor, verstehen zu können, is.t es notwendig, siich vor Augen zu halten, daß bei
geben. 25 In der Zwischenzeit liegen jedoch, wie wir bereits anführten, deutsche Übersetzungen den Osmanen in der 1. Hälfte des 14. Jh. die militärische Demokratie vorherrschte, d. h., daß
der akosmanischen Chroniken und Teilübersetzungen von Nesri vor, so daß die „Historiae" mehr das Heer aus freien Nomaden und Bauern zusammengesetzt war und noch keine feudalen Bindun­
wt:gen ihrer Handlichkeit als wegen ihrer Einmali�eit von den des mittelalterlichen Türkis.eh Un­ gen kannte. Bis Bayazid beruhte die militärische Schlagkmft: im wesentLlch,en auf zwei Verbänden:
kundigen benutzt werden. den Yaya (Fußtruppen) und den Müssellem (Reitern). Es war ein reines Stammeskriegertum, dessen
Eine interessante Entdeckung machte schließlich 1943 F. Ba:binger als er die Vita des Scheichs Organisation mit dem Namen Ala ed-dins, des Bruders Orchans (1326-1359), verbunden ist. In
Bedt ed-din, die dessen Enkel zwischen 1455 und ·1460 niedergeschrieben hatte, auffand.26 Die Kriegszeiten erhielten die Krieger 1 akce pro Tag und Beuteanteil. Im Frieden 'beschäftigten sie
hochgespannten Erwartungen, die man zunächst in diesen Fund setzte, erfüllten sich aber nicht, sich mit Ackerbau und Viehzucht und erhielten dafür ein Stück Land, ein sog. ciflik, das abgaben­
da die Vita über die Lehre des Scheichs mehr andeutet als aussagt. Dessenungeachtet lassen sich frei war. Ihre Befehlshaber, die Y ayapasa und Müsellembeis, besaßen dagegen Lehen. Sie stellten
einige wichtige äußere Momente, die den Weg des Heiligen mitbestimmten, herauslesen.27
die ersten türkischen Timare dar.32 Anlehnungen an selcukische Vorbilder sind unverkennbar.
Die für unsere Belange wichtigste Quelle stammt nicht von einem Orientalen, sondern von einem
Trotzdem wird man Mutaföeva. und Perenyi zustimmen dürfen, daß es sich bei dem Timarsystem
Griechen: Dukas. Er lebte zwischen 1400 und 1470 und verdiente sein Brot als Sekretär einer
um eine autochthone osmanis.che Einrichtung handelte.33 Die Parallelen zur byzantinischen Pro­
genuesischen Adelsfamilie. Als Diplomat kam er mehrmals mit dem Sultanshof in Berührung. Die
noia betreffen ÄußerLlchkeiten. Das Timar entstand aus den Bedürfnissen eines Erobererstaates
Ereignisse bis 1421 schöpfte er aus ,schriftlichen Vorlagen. Er benutzte nicht nur griechische und
beim Übergang von der militärischen Demokratie zum Frühfeudalismus. Murad I. und Bayazid
italienische, sondern auc türkische Quellen. Der beste Kenner der byzantinischen Historiographie,
h
wollten sich mit seiner Hilfe einen militärischen Dienstadel schaffen, deir sie von den Stammes­
G. Moravcsik, schätzt an seinem Werk Wahrheitsliebe und unparteiische Darstellung.28 Ohne
häuptlingen und dem Heerbann unabhän�g machte. Dieser Entwicklung diente auch die Auf­
s,einen Bericht wäre es für uns weit schwieci.ger, eine VorsteUung von dem Charakter und den
stellung einer Sklaventruppe, die sich bis 1438 aus Kriegsgefangenen rekrutierte: der Janicaren (yeni
Zielen der Bewegung Mustafas zu bekommen.
ceri). Eine „Knabenleise" war weder unter Murad noch Bayazid notwendig, da ein Überfluß an
I I I. DER H ISTOR ISCHE H I NTERGRUND

Am 28. Juli 1402 hatte Timur das Heer Bayazids I., da,s nur mit Unlust in den Kampf .gezogen SO Zum Hergang F. Giese, Die altosmanischen anonymen Chroniken, in: Abb. für die Kunde des Morgenlandes,
Bd. 17, Leipzig 1925, S. 45.
war, bei Angora vernichtend geschlagen und den Sultan gerongengenommen. Dieser starb im 51 Vgl. J. v. Hammer, Geschichte des osmanischen Reiches, Bd. 1, Pest 1827, S. 331; F. Taeschner, Der Weg des
Frühjahr 1403 in Aksehir, ohne die Freiheit wiedererlangt zu haben.29 Die Kontingente der osmanischen Staates vom Glaubenskämpferbund zum islamischen Weltreich, in: Die Welt als Geschichte, 5,
kleinasiatischen Emire waren noch während des Kampfes zu Timur ü:bergelaufen und hatten ihn 1940, S. 213; P. Wittek, Das Fürstentum Mentesche. Studie zur Geschichte Westkleinasiens im 13.-15. Jh.,
Istanbul 1934, S. 91; ders., The Rise of the Ottoman Empire. Royal Asiatic Society Monographs, vol. XXIII,
London 1958 (Neudr.), S. 47.
11!1 Vgl. V. P. Mutafcieva, Kum vuprosa zu ciflicite v osmanskata imperija prez XIV-XVII v., in: Istoriceski
2' Zu den Lebensdaten und seiner arabischen Weltgeschichte Babinger, Geschichtsschreiber, a. a. 0., S. 186, zur
pregled, 14, 1, 1958, S. 36; dies., Agrarnite otnosenija v osmanskata imperija pres XV-XVI v., Sofia 1962,
Moskauer Hs. und der russischen Übersetzung der fol. 148-150 vgl. Tveritinova, a. a. 0., S. 214, 223 f.
Si Vgl. P. Wittek, Zum Quellenproblem der ältesten osmanischen Chroniken (mit Auszügen aus Nesri), in: Mitt.
s. 26 f.
'13 Mutafcieva, Agrarnite otnosenija, ebenda, S. 23 f.; J. Perenyi, Quelques aspects de la coexistence des civili­
zur osman. Gesch., I, 1921, S. 141, 149; F. Babinger, Herkunft und Jugend Hans Lewenklaw's, in: Südost­
Forschungen, 9, 1944, S. 165-174. sations balkaniques du XVe au XVIIIe siecles. Actes du colloque intern. de civilisations balkaniques, Sinaia 1962,
S. 102. M. F. Köprölü sieht in den Timaren nur eine Fortsetzung des Lebenssystems der Großselcuken und ihrer
211 F. Babinger, Die Vita (Menaqibname) des Schejch Bedr ed-din Mahmud, gen. Ibn Qadi Samauna von Chalil b.
Ismail b. Schejch Mahmud Bedr ed-din, Leipzig 1943. Nachfolgestaaten. Er baut seine These vor allem auf Wortetymologien auf, ohne näher auf den sozialen Inhalt
'1:1 Nach der Auswertung H. J. Kißlings, Das Menaqybname Schejch Bedr ed-din's, des Sohnes des Richters von
der verglichenen Institutionen einzugehen: Bizans müesseselerinin Osmanli müesseselerine te'siri hakkinda bazi
Samavna, in: Zschr. der deutschen morgenld. Ges., 100, 1950, S. 112-176. mülahazalar E ( inige Bemerkungen über Einflüsse der byzantinischen auf die osmanischen Institutionen), Türk
28 G. Moravcsik, Byzantinoturcica, I, Berlin 19582, S. 248. hukuk ve iktisat tarihi mecmuasi, I, 1931, S. 171, 219 f., 236, 238 (angeführt von S. Bastav, Ordo portae. Des­
29 S. Bastav, Les sources d' une histoire de l'Empire ottomane redigee par un auteur anonyme grec (1374-1421), in: cription greque de la Porte et de l'armee du sultan Mehmed II, Magyar-görög tanulmanyok, 27, Budapest 1947,
Belleten, XXXI, 1957, S. 167. s. 30).
262 Ernst Werner Häresie, Klassenkampf, religiöse Toleran:::, in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 263

Gefangenen bestand.34 Diese fanatisierte Leibgarde diente nicht nur der Erhöhung der Schlag­ Kleinasiens im Frieden zu leben, um gegen seinen Bruder Mehmed Verbündete zu haben.41 Musa
kraft des Heeres, sondern mehr noch der Stärkung der Zentralgewalt. hatte bereits 1409 in die Thronkämpfe eingegriffen und dabei zunächst die Unterstützung Mirceas
Anders als sein Vater stützte sich Bayiazid aber in der Staatsleitung auf die 'Ulema und übernahm d. Alten (1386-1418), Fürsten der Walachei, sowie der gegen Vuk, den Bruder des Despoten
deren überfeinerte Kultur am Hofe, wodurch er in krassen Gegensatz zu ,dem einfachen Leben Stefan Lazarevic, stehenden serbischen Adligen erhalten.42 Hatten die christlichen Ba:lkanfürsten
seiner Yürüken trat. Er .führte das Leben eines orientaHschen Deispoten, der sich ohne Skrupel geglaubt, mit Musa leichtes Spiel zu haben und von ihm Privilegien und Freiheiten ru bekommen,
über moslemische Bräuche hinwegsetzte.35 Bayazid gab offen das alte Ghaziideal preis, wenn er so täus·chten sie sich schwer. Er stieß nicht nur die osmanischen Würdenträger, die seinem Bruder
etwa serbische Hilfstruppen im Kampf gegen die anatolischen Begsi einsetzte. Er sammelte Schätze gedient hatten, zurück, sondern er verfolgte mit Ingrimm die Aristokratie, ganz gleich, ob es loyale
und besteuerte seine Getreuen. Mos,lems, die auf eroibertem Land sJedelten, mußten die Abgruben oder feindLich gesinnte Männer waren.
übernehmen, d, ie die christlichen Raya, was die Grund- und VJehsteuer betraf, zu zahlen hatten.36 Hinter der Anklage und dem Haß der Zeitgenossen verbirgt sich die Auflehnung gegen die a.nti­
Die Schafsteuer (qoyun resmi) erhob man bereits unter Murad I. Jn gleicher Höhe von Moslems feuda.Ie Reaktion, die Musa symbolisierte. Wenn wir den osmanischen ChronJsten Glauben schenken
und Christen.37 Mit anderen Worten, der Feiudalisierungsprozeß erfaßte die Eroberer unaufüalt­ düdein, dann bestand die Maisse seines, Heeres aus Aqind. Sie berichten nämlich, ,daß ,später alle
sam. Bayazid trieb diese Entwicklung mit brutalen Mitteln voran und stieß damit die Kräfte der von ihm abgefallen seien, nur die Aqinci nicht.43 DJe Aqinci erhielten weder Lehen noch Sold, son­
Vergangeinheit vor den K opf. Die Krüse, die nach Angora heraufzog, war nicht durch die mili­ dern leibten allein von -der Krieigsbeute. Sie dienten in der Regel bei Feldzügen als Vorhut, die dem
tärisch,e Niederlage verursacht worden, sondern sJe erhielt durch äußere Mißerfolge nur eine Feind Schrecken und Entsetzen einjagen sallte. Daß sie sich einem Herrscher anschlossen, der den
weitere Zuspitzung.38 Ihre Wurzeln reichten in die Zeit Murads I. zurück. Objektive Ursachen pf:rmanenten Krieg zu seinem Lebenisinhalt gemacht hatte, liegt wohl auf der Hand.
waren <lafür verantwortlich, nicht subjektive Entschlüsse. Bei den meisten Völkern und Stämmen Zu Musa stieß nun auch Bedr -ed-din. Seine Familie wa:r in Rumelien nicht unbekannt. Sein Vater
vollzog sich der Über:gang von der militärischen Demokratie zum Frühfeudalismus in einem hatte ,dem Sohne Orchans, Suleiman-Pasa, als Unterfddherr gedient. Unter Murad I. wurde er mit
schmer2Jhaften Prozeß, der das gesamte Gesellschaftsgefüge erschütterte. Man denke nur an die reichen Ländereien in der Gegend von Adrianopel beschenkt, wo er sich schließLich mit seiner
Magyaren oder Bulgaren, die Übernahme des Chriistentums und die heidnischen Reaktionen.39 Familie in Samauna nieiderließ.44 Sein gelehrter und berühmter Sohn Bedr ed-din, der am 3. Oktober
Durch den Vorstoß TJmurs und den Unterigang Bayazids wurden die zurückgedrängten Mächte des 1358 hi,er geboren wurde und der als Scheich große Edolge in AnatcJilien aufzuweisen hatte, wurde
Alten neu belebt. Sie traten wieder -offen auf den Plan. Die Söhne Bayazid's hatten sich zu ent­ von dem neue.in Sultan mit dem wJchtigen Amt eines Kadi,asker tbetraut.45 Alsi solcher war er Vor­
s-cheiden', auf welche Kräfte S'ie sich stützen wollten: auf die Stammes- und Sippenadligen und den gesetzter aller Richter und aller religiöser Oriden. Er ,entschied wichtige Streitigkeiten und Prozesse
türkischen Heerbann oder auf den jungen Dienstadel und die Janicaren; ob sie das antiquierte und fongierte als Vors itzender der religiösen Stiftungen (waqf).46 Diese :gewaltigen Machtbefugnisse
1

Ghwitum wieder aufnehmen und den Heiligen Krieg (ci:had) mit letzter Konsequenz, d. h. der benutzte er u. a. zur Verteilung von ,,:Posten" an Anhänger seines Herrn.47 Wahrscheinlich gab er
Zwangslbekehrung, führen wollten, oder ob sie einen Embererstaat erstrebten, der ein Tributsystem Timare aus, denn wir hören, daß s,ich Musa auch Sipahis angeschlossen hatten.48 Auf jerlen Fall
nach arabisch-selcukischem Vorbild zur Grundlage hatte. Die drei Söhne, Suleiman, Musa und muß er sich dem neuen SuLtan wegen seiner antiaristokratischen Geisinnun:g angeboten haben, denn
Meihmed, entschieden sich nicht einheitlich, sondern wählten entweder den einen oder den anderen sonst hätte dieser ihm kaum eine derartige SchJüs,selpos-ition übertragen. Wir dürfen annehmen, daß
Weg. Suleiman, der Älteste, setzte s,ich in den europäischen Reichsteilen fest und suchte einen sich um Musa nicht nur Yürüken und Aqinci ,scharten, sondern auch Yaya und Müsellem, also alle
Ausgleich mit den Byzantinern, Serben, Venezianern und Genuesen. Den Byzantinern erließ er jene Gruppen, die sich gegen eine Feuidalisierung sträubten. Die Stellung des Scheichs aus Samauna
die Tributzahlungen und gab ihnen Thessalonike &OtWiel einige Kiistenstriche an der Ägäis und am legt diese Erwägung nathe. Es war also nicht schlechthin ein Machtkampf zwischen feindlichen
Schwarzen Meer zurück.40 Mit dieser Pofüik stieß Suleiman ,jedoch die einfach.en türkischen Krieger Brüdern, sondern eine ancifeudale Bewegung des türkischen Stammeskriegertums.49
vor den Kopf. Sie hatten eine Wiederaufnahme des Cihad erhofft, der ihnen Beute und Ländereien Als Mehrneid 1413 die Aqinci Musas 'besiegte und seinen Bruder töten ließ, wurde Bedr ed-din mit
bri�gen sollte. Besonders die seit '1385 um Seres und in anderen Balkangebieten angesiede'lten einem Ruhegehalt nach Iznik (Nikiaia) verbannt. Sein Ansehen und sein R'lllf als Theologe waren so
anatolischen Nomadenstämme (Yürüken) dürften sich Suleiman wiidersetzt haben. Diese Elemente groß, daß der Sieger es nicht wagen konnte, gegen ihn <lrastisch vorzugehen. Der Sieg Mehmeds
ließen Suleiman im Stich und wandten sJch seinem aus Kleinasien kommenden jüngeren Bruder war zugleich ein Sieg der feudalen Kräfte im Osmanenreich. Er hatte sich auf die Sipahis verla�,
Musa zu.
Musa war 1411 Heirr der europäischen Reichsprovinzen. Er war bestrebt, mit den türkischen Emiren 41 Laonici Chalcocandylae historiarum demonstrationes, rec. E. Dark6, I, Budapest 1922, S. 166.
,:i Der Biograph Stefan Lazarevic's bemerkt dazu: ,,Während Suleiman im Osten Krieg führte und Mirca das hörte,
berief er Musa zu sich, damit er sich wegen der Zurücksetzung durch seinen Bruder (Suleiman - E. W.) rächeu
(Stare srpske biografije, a. a. 0., S. 91); -vgl. dazu Istoria Rominiei, II, Bukarest 1962, S. 380-382, und die
M F. Giesc, Das Problem der Entstehung des osmanischen Reiches, in: Zschr. f. Semitistik u. verwandte Gebiete, Historija naroda Jugoslavije, I, Zagreb 1953, S. 456.
II, 1923, S. 267. l1 Giese, Chroniken, a. a. 0., S. 70.
15 F. Taeschner, a. a. 0., S. 212. �,. F. Babinger, Beiträge zur Frühgeschichte der Türkenherrschaft in Rumelien (14.-15. Jh.), Südostcurop. Arbeiten,
38 Mutafcieva, Agrarnite otnosenija, a. a. 0., S. 210-212. 34, Brunn/München/Wien 1944, S. 43, 48 f.
37 H. W. Duda, Balkantürkische Studien. Österr. Akad. der Wiss., Sitzungsber. 226, Abh. der Phil.-Hist.
Kl., � Zu seinem Geburtsdatum und seinem Wirken in Kleinasien vgl. H. J. Kißlin g, Menaqybname, a. a. 0., S. 140,
Wien 1949, S. 93. 159, Anm. 5.
38 Vgl. M. Guboglu, A propos de la monographie du professcur Franz Babinger, in: Studia et acta orientalia, II, '° Zum Aufgabenbereich eines Kadiasker vgl. $. Bastav, Ordo portae, a. a. 0., S. 27; J. Löwenklau, Historiae
1959, s. 219. Musulmanae turcorum, Frankfurt 1591, VI, S. 466.
ll'I Vgl. dazu die wichtigen methodischen Ausführungen von F. Graus, Deutsche und slawische Verfassungs­ 47 „Als er Kadiasker des Musa Tschelebi war, hatte er Posten ausgeteilt. Viele Leute waren ihm gefolgt." (Giesc,
geschichte? in: HZ, Bd. 197, 1963, S. 315 f. Chroniken, a. a. 0., S. 74.)
ll Darüber ausführlich N. Jarga, Geschichte des osmanischen Reiches. Nach den Quellen dargestellt, All em. � Giese, ebenda, S. 65.
g
Staatengesch., I. Abt., 37, 1, Gotha 1908, S. 325 ff. �9 Vgl. Mutafcieva, Agrarnite otnosenija, a. a. 0., S. 32 f.
264 Ernst Werner Häresie, Klassenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 265

die bei seinem Erscheinen in Europa zu ihm überliefen. Nach der Vernichtung Musas entwickelte er Smyrna war zu Zeiten Umurs nicht nur ein Gewerbezentrum für golddurchw , irkte Seidenstoffe, son­
die Vergaibe von T1mars als System und schuf sich so eine breite Schicht ,feudalen Militäradels. dern vor allem ein blühender Sklavenmarkt. Als es daher 1344 der vereinigten lateinischen Flotte
Damit wurde das Lehenssy,stem zum tragenden Pfeiler des gesamten Staatswesens. Das Stammes­ gelang, den Hafen einzunehmen, war dies ein schwerer Schlag für Umur, der 1347 durch einen See­
kriegertum versuchte er mit allen Mitteln an die Wand zu drücken.50 Wahrscheinlich wollte der sieg bei Imbros noch verstärkt wurde. Im Mai 1348 fiel dann der Pasa bei einem Gegenangriff auf
1415/16 aus der Walache� auftauchende „falsche Mustafa" (Dözme Mustafa), der sich als Sohn den Hafen von Smyrna.59 Die Eroberung und Plünderung durch Timur 1402 versetzten ihm einen
Bayazids ausgab, mit Hilfe dieser oppositionellen Schichten M-ehmed I. stürzen. Nach seiner Nieder­ weiteren schweren Stoß.60 Die Küstenemirate waren, wie Wädekin schreibt, auf sich selbst zurück­
lage gegen die Truppen des Sultans begab er sich zusammen mit seinem Verbündetein, Cunaid geworfen.61 1390 oder 1391 unterwarf Bayazid I. neben Saruchan auch Aidin.62 Die
v. Smyrna, nach Thessalonike, wo er um Asyl bat. Diese Ereignisse spielten sich Ende 1416 ab, d. h. alten Handelsverträge mit den Venezianern auf Kreta durften nicht erneuert werden,
etwa zur gleichen Zeit, als Bedr ed-din in Rumelien seinen Aufstand begann. Für eine Verbindung d. h., es wurde die Getreide- und Pferdeausfuhr veriboten.63 Die Drosselung der Getreideausfuhr
der beiden, sozial gesehen weithin gleichartigen Bewegungen ,gibt es in den Quellen keinerlei An­ traf das ehemalige Emirat Aidin nicht minder als die Venezianer und Byzantiner. Schließlich ruinier­
haltspunkte.51 ten die Horden Timurs das Land in furchtbarer Weise. Die Bevölkerung, die sich mit Ackerbau und
Trotzdem zeigen sie die Vitalität der antifeudailen Opposition. Diese Opposition wurde in Klein­ Fischfang beschäftigte, war nach der Eingliederung ,in den osmanischen Staatsvet:lband ganz auf die
asien durch unverkennbare ökonomische Kriseners:cheinungen genährt. M. Akdag hat in einer inter­ Erträge aus Agrikultur und Fischerei angewiesen. Die Absatzmöglichkeiten für ihre Produkte
essanten und materialreichen Untersuchung den Nachweis geführt, daß betreits zu Beginn des 14. Jh. wurden von Jahr zu Jahr geringer. Als nach Beendigung der Thronkämpfe Mehmed I. daranging,
die ökonomische Prosperität Anatoliens spürbar nachließ. Er bringt diesen Niedergang mit dem die Zentralgewalt auch in diesem peripheren Gebiet Anatoliens, das von dem Feudalisierungs­
Ende der lateinischen Hernschaften in Syrien und dem Wirtschaftsaufstieg Europas in Zusammen­ prozeß noch kaum erfaßt wor,den war, durchzusetzen, mußte sich die Unzufriedenheit in antistaat­
hang. Äußeres Zeichen war der spürbare Mangel an gemünztem Gold und Silber. Aus diesem lichen Aktionen 1Luft machen, da der Sultan weder den wirtschaftlichen Anschluß an das Binnenland,
Grund hätten die Osmanen die Steuer- und Soklsätre 'SO niedrig halten müs,sen.52 Ohne Zweifel lief noch die Wiederaufnahme der Piraterie als Kompensation für <lie politische Integrierung in Aussicht
der Zurückdrän:gung des Hellenentums in Stadt und Land ein Absinken der Agdkultur und des stellteß4
Gewerbes parallel.53 Die Bevölkerung der Halbinsel Karaburun (Stylarion), die zwischen dem Golf Damit verknüpften sich heterodoxe Lehren, die seit Iangem in Kleinasien 'beheimatet waren und die
von Smyrna, der Insel Chios und dem Golf von ScalanQIVa lag, führte ein kümmerliches Dasein. nunmehr von zwei religiösen Führern aufgegriffen, aktiviert und neu interpretiert wurden.
Ursprünglich gehörte die Halbinsel zum türkischen Emirat Aidin, wo seit 1300 der bedeutende
Umur Pasa in Smyrna residierte. K. E. Wädekin betont mit vollem Recht, daß die kleinen Küsten­ I V .. DAS RELIG IÖSE KLIMA

emirate, zu denen auch Mentdie giehörte, bis zur Mitte des 14. Jh. ökonomisch, politisch und mili­ Kleinasien war seit der Eroberungi durch die Selcuken ein Paradies des iDerwischtums. Die Der­
tärisch bedeutender waren als der osmanische Ghazistaat. Umur baute sich eine starke Seemacht wische (,,Armen") kamen aus Iran und dem Iraq, führten ein mönch,sähnHches Dasein und huldigten
auf und griff al,s Verbündeter Kantakuzenos·' in die byzantinischen Thron- und Klassenkämpfe der mystischen Lehren und Praktiken, die im Sufismus für geistiges Zentrum hatten.65 Die Sufi waren
Jahre nach 1341 ein.M Mystiketr, die <lie Einkehr in Gott auf dem Wege völliger Selbstve11leUJgnung erstrebten. Sie fühlten
Aidin war ein EmJrat, das eine besonders günstige Verbindung von Land- und Seeghazitum hervor­ sich an keinerlei Dogmen gebunden. Bei aller Verschiedenheit im einzelnen war allen der Glaube
brachte. Auf dem Balkan operierten sie als Vorläufer der Osmanen.55 Den Aidin-Türken ging es an die Möglichkeit unmittelbarer Erkenntnis Gottes gemeinsam. Der Zentralbegriff des tasawwuf
vor allem um Sklavenfang. Die res gestae des Pasa betonen ausdrücklich, daß man bei Einfällen, (der Mystik), der tauhid (Bekenntn1s zur Einheit Gottes), wurde von den Mystikern nicht mehr in
wie etwa auf Chios, nur handelsfähige Menschen gefangennahm, wie Knaben, junge Frauen und dem Sinne eines strengen Monotheismus allein erfaßt. Er drückte damit vielmehr das Einswerden
Mädchen.56 Die Sklaven dienten weit weniger zur Wiedet:ibesiedlung der verwüsteten Landstriche mit Gott aus. Alles Sein fließt in Gott zusammen. Außer Gott gibt e,s nichts. Im Hinhlick auf das
des Emirats, wie Alexandrescu�Dersca meint57, als vielmehr dem Verkauf an orientaHsche und Endziel der Gottes.vereinigung er:klärten die Sufi alle Religionen für gleichwertig, wenn sie nur die
lateinische (venezianische:) Händler. Der Sklavenhandel der Venezianer mit den türkischen Küsten­ Gottesliebe pflegten. Manche verließen den Boden des Islams, andere interpretierten die Lehrsätze
emiraten ist reich belegt. Vor allem Kreta wurde auf diese Weise mit Arbeitskräften versorgt.58 der Sunna nach ihrem Gutdünken. Hinzu kam der Glautbe an den Welterlöser, der am Ende der
Zeiten als Imam Mahdi erscheinen sollte, um die Welt von allem Unrecht zu ibefoeien und das Reich
50 Ebenda, S. 33. Auch Stefan Lazarevic hatte sich beim Erscheinen Mehmeds sofort diesem angeschlossen und ihm
Waffenhilfe geleistet; vgl. I. S. Dostjan, Borba serbskogo naroda protiv tureckogo iga XV-nacalo XIX v.,
des Friedens und der Gerechtigkeit aufzubauen. Diesen Glauben an den verborgenen Imam hatten
Moskva 1959, S. 11.
�1 Zu Dözme Mustafa, über dessen erstes Auftreten die osmanischen Chroniken schweigen, vgl. F. Babinger, Bedr 69 P. Lernerle, L'emirat d'Aydin. Byzance et l'Occident. Recherches sur La Geste d' Umur Pacha, Paris 1957 (Bibl.
ed-din, a. a. 0., S. 62 f., u. K. E. Wädekin, a. a. 0., S. 62. byzantine, etudes 2), S. 190, 202, 228 f.
6l M. Akdag, Situation economique en Turquie pendant la fondation et l'ascension de la puissance Ottomane, in: 60 Dazu Lernerle, ebenda, S. 42.
Belleten, XIII, 1949, S. 570 f. 61 Wädekin, a. a. 0., S. 23.
63 Wädekin, a. a. 0., S. 31. 62 H. H. Giesecke, Das Werk des Aziz ibn Ardasir Astarabadi. Eine Quelle zur Geschichte des Spätmittelalters
M Ebenda, S. 21. in Kleinasien, Ldpzig 1940, S. 82.
65 Vgl. P. Wittek, The Rise of the Ottoman Empire, a. a. 0., S. 35 f. 63 Das türkische Getreide war für die Venezianer außerordentlich wichtig. Am 6. 3. 1390 wurde eigens ein Ge­
66 I. Melikoff-Sayar, Le Destan d' Umur Pacha, Texte, traduction et notes. Bibl. byzantine, documents 2, Paris sandter zum Sultan geschickt, der die freie Getreideausfuhr aus türkischen Häfen erwirken sollte, wobei er einen
1954, A. 5. hohen Zollsatz - 1 Hyperper pro modius (333 1) - zugesichert erhielt: F. Thiret, Regestes des dcliberations du
57 M. Alexandrescu-Dersca, L' expcdition d'Umur Beg d'Aydin aux bouches du Danube (1337 ou 1338), in: Studia Senat de Venise concernant la Romanie, t. I, Paris 1958, Nr. 768, S. 184 f.
et acta orientalia, II, Bukarest 1959, S. 22. M Einen ausgezeichneten Überblick über die soziale Lage und die wachsenden Spannungen zwischen 134"8-1415 gibt
58 F. Thiret, La Romanie vcnitienne au moyen age. Le dcveloppement et l'exploitation du domaine colonial vcnitien Wädekin, a. a. 0., S. 27-37.
(XIIe-XVe siecles), Paris 1959, S. 335. 65 Eine knappe, allgemein verständliche Darstellung gibt R. Hartmann, Die Religion des Islam. Eine Einführung,
Berlin 1944, S. 120-124.
Häresie, Klassenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 267
266 Ernst Werner

si e von der Si'a entlehnt. Sie bildeten Grupp,en und Scl:iulen, an deren Spitze ein verehrter Meiister nisse a.n die Si'a machte der Derwischorden der Bektasi, der zugleich christliche, aber auch heidnische
(pir) stand, der seine Jünger (mudd) auf d en mystisch en Pfaden begleitete. Der Mensch 1sollte in Elemente der turkmenischen Stämme in sein Lehrgebäude aufnahm. Ziel des Ordens sei e& gewesen,
d er Hand Gottes so willenlos werden wie eine Leiche in der Hand des Leichenwäschers. Oberste das Christentum iim osmanischen Reich zu absorlbieren. Daher konnte er auch mit dem osmanischen
Aufgabe des mudd war e;,, sich diese Willenlorsigkeit vom Meister anerziehen zu la-ssen.66 Ghazitum konform gehen.77
Der bedeutendste pir Anatoliens war der aus Balch stammende Maulana Calalu'd-din Rumi (1207 Bektasi und Mevlevi sinid nur zwei Beispiele für die Bedeutung des Derwischtu:ms in Kleinasien.
bis 1273/74). Er verfaßte die „Bibel des Sufismus", das Matnawi (Folge von gepaart reimenden Es brachte die Religion wieder näher an die Massen und infiltrierte vor allem die Yürüken mit einer
Distichen), dasi seinen Schülern zu einem neuen Offeinbarungsbuch wuroe.67 Sowohl Maulana als Art Islam „zweiter Ordnung", indem es ihren heidnisch--aibergläubischen Vorstellungen Zugeständ­
auch ·sein Vater, Walad, der 1221 auf der Flucl:it vor ,den Mongolen nach Konya gelangt war, hul­ nisse machte. Im Aufstand des Baba Isihaq 1239 hatte das Derwischtum bereits einmal den Versuch
digten dem Pantheismus. Sie Lehrten: ,,Man kann den Schöpfer in jedem Geschöpf sehen; man kann unternommen, gewaltsam die Volksfrömmigkeit gegenüber den 'Ulemas durchzusetzen, wobei sozial
die Sonne der Wahrheit J.n jedem ,Atom betrachten." Ein Suii, ,der die höchste Stu,fe der Ekstase gesehen sich die turkmenischen Stämme gegen die Zentralgewalt von Konya und daimit den Reprä­
erklommen hat, ist berechtigt, religiöse Neuerungen und Bräuche ein<zuführen und zu legitimieren.68 sentanten der feudalen Staatsordnung erhoben hatten.78 1239 fehlte jedoch ein Zusammengehen von
Die Heiligen wirken durch Zeichen und Wunder. Sie deuten ,die Vorschriften des Koran und der Christen und Mosilems, es fehlte ein umfassendes Programm religiöser und sozialer Befreiung für
Sunna in geistigem Sinne. Der auis Sielbenbürgen stammende Georg von Ungarn, der in osmanische die Unterschichten.
Gefangenschaft geraten war, berichtet: von den anatolischen Derwischen des 15. Jh., daß sie mein­ Der Versuch des Baba Ishaq, Frieden und Gerechtigkeit für die Turkmenen mit Feuer und Scl:iwert
ten, ein gottbegnadeter Menscl:i könne ohne Koran und Verdienst erlöst werden. Ihn wiesen Zeichen zu erkämpfen, zeigt, daß in den Derwischorden eine mdbilisierende Kraft schlummerte, die der herr­
und Wunder aus.69 Die Schule des Maulana behauptete, daß die Derwische deshalb mit derartigen schenden Klasse gefährlich werden konnte. Es ist gewissermaßen die zweite Seite des Derwischtums.
Kräften aus,gestattet seien, weil sie in Armut lebten. Armut ist Gesundheit; Reichtum aber ist Vom Vertrauten des Volkes, vom armen, aber wundertätigen Seelsip-rger y,ermochte es sicl:i zum
Krankheit, ist schlimmer als Klookengestank.70 Diese Armutsforderung wurde von den Mevlevis Volksführer aufzuschwingen und die Unzufrie<lenen unid Ausgebeuteten in den Kampf zu führen.
aber nur auf die müdir rigoros angewandt. Maulana hatte vorgeschrieben, daß ie<ler Schüler ein Welche Seite üiberwog, hing weniger von den Derwischen als vielmehr von der Klassensituation a:b.
Handwerk lernen müsse, ,da dies die großen Priopheten und GelehrtJen in der Vergangenheit gleich­ 1416 war sie in Westanatolien derart: a.ngespa,nnt, daß es nur eines zündenden Funkens bedurfte,
falls getan hätten, um sich selbst ernähren zu können.71 Die pir nützten das Arbeitsgebot aus und um einen Brand zu entfachen, der den von 1239 an Intensität ,und Ausmaß weit übertraf.
verwandten einen Teil des Erlöses der Produkte für ihre Zweicke. Der Schüler sah in der Arbeit
V . DIE IDEE DER HUMANITAS UND TOLERANZ BEI BEDR ED-DIN
Gobtesdienst. 72 Eben so wurde die Armutsforderung nicht auf alle Moslems ausgedehnt. Im Gegen­
UND BÜRKLÜCE MUSTA FA
teil, Maulana und sdn Kreis standen sich mit den Selcukens:ultanen gut.73 Diese hatten auch nJcl:its
gegen ihre si'itischen und chdstophilen Neigungen einzuwenden. Calalu'd-din maß beispielsweise Bevor der Sohn des Richters von Samavna Kadlasker unter Musa wurde, hatte er bereits ein b eweg­
Christus als Propheten eine höhell'e Stellung 1bei als die Sunniten.74 Wir wissen durcl:i ,die Forschun­ tes Leben hinter sich. Wie sein Enkel Halil erzählt, pflegte er viele Jahre Umgang mit berühmten
gen Gordlevskijs und Witteks, daß die Sekukensultane von Rum eine Koexistenz 2JWische1t1 Islam Sufis seiner Zeit in Kairo und andei,ein orientalischen Städten. Zu seinen Lehrern zählte auch der
und Christentum eristrebten. S,ie wollten sich die Steuerkraft der christlichen Bevölkerung ·erhalten berühmte Mystiker Scheich Hussein Ahlat. Erst s,ehr spät, 1392 oder 1401, also im Alter von 34
und verwarfen daher iede Zwangsbekehrung.75 oder 43 Jahren, legte er das rauhe Wollkleid eines Sufi an. Er verteilte, wie Franz v. Assisi, seine
Das b eweist einmal mehr, wie stark Si'a und Sufümus in Anatolien bereits Wurzeln .geschlagen Reichtümer an Arme und warf seine Bücher in den Nil.79 Letzteres wies ihn als echten Sufi aus.
hatten. Umur Pasa von Aidin b enUJt:Zt:e beispielsweise eine grüne Fahne und schwor bei Ali Sa'fer, Sie hatten zu allen Zeiten eine Abneigung gegen Bücher und Bücherwissen, erstrebten sie doch eine
Hasan und Husein, also bei Männern, die als Baihnbrech,er der Si'a galten. 76 Die meisten Zugesitänd- Gnosis durch Intuition, die weit über der Buchgelehrtheit stand. Dessenungeachtet schrieben die
pir eine Menge Bücher, sogar Korankommentare, wie etwa Qusairi oder Kubra. Gelehrte Arlbeit
G!l Einführung in das Problem des Sufismus mit reicher Bibliographie von J. Rypka, Iranische Literaturgeschichte, innerhalb der Ord en als Aufgabe war ihnen allerdings vollkommen fremd.80 Die Christenfreund­
Leipzig 1959, S. 208-216. Für den Sufismus Kleinasiens Th. Menzel, Die ältesten türkischen Mystiker, in: Zschr. schaft Be<lr ed-dins scheint sich schon sehr früh gezeigt zu haben. Er hatte eine christliche Mutter,
der deutschen morgenländ. Ges., NF. 4, 1925, S. 269-289, 1.1nd F. Babinger, Bedr ed-din, a. a. 0., S. 17-19. und seine „Vita" betont, daß sich die Verzückungszustände, die ihn veranlaßten, Derwisch zu
G7 J. Rypka, a. a. 0., S. 230-232.
6S Aus den Heiligenviten des Aflaki, übersetzt von C. Huart, Les saints des derviches tourneurs. Recits traduits du werden, unmittelbar nach tiefsinnigen religiösen Gesprächen mit seiner christlichen Schwägerin
persan et annotes, 2 Bde., Paris 1918/22, I, cap. 40, S. 27; II, cap. 650, S. 294.
69 „Quorum opinio est, quod !ex nichil prodest: sed gratia dei est qua oportet omnem hominem salu ari, quae sine
Maria eingestellt hätten.81 Wie bereits F. Babinger betonte, handelte es sich hierbei keines,wegs um
lege et merito sufficiens est ad salutem . . . Nec illi suam opinionem in aliqua fundant rationem vel authoritate cin.e innere Hinneigu ng zum christlichen Glaub en, sondern es war die Sehnsucht nach einem Aus­
sed prodigiji et sig nis eam probare conantur". Cornelius v. Zyrickzee, Libellus de moribu s, condicionibus et gleich der Religionen.82 1404 designierte ihn Scheich Hussein Ahlat zu seinem Nachfolger in Kairo,
naequitia Tu rcorum a quodam Christiano prouinciae Septemcastrensis diu in manibus Tu rcorum captiuo aediturn,
Paris 1511, XX, S. 55. aber der erbitterte Widerstand anderer Schüler gegen diese Ernennung veranlaßte ihn, 1405
10 C. Huart, a. a. 0., I, c. 218, S. 231.
71 Ebenda, I, c. 212, S, 221.
12 V. A. Gordlevskij, Izbrannye socinenija, I, Moskva, 1960, S. 120.
77 So Hasluck, a. a, 0., S. 586.
78 Darstellung des Aufstandes bei Gordlevskij, a. a. 0., S. 126-129; A. D. Novicev, Istorija Turcii, I, Leningrad
:a Beispiele ebenda, S. 207 f. 1963, S. 17-19. Mit der Charakterisierung als Bau ernaufstand kann ich mich nicht einverstanden erklären.
74 F. W. Hasluck-M. M. Hasluck, Christianity and Islam under the Sultans, Oxford 1929, S. 371.
79 H. J. Kißling , Menaqybname, a. a. 0., S. 150 f.
75 G.ordlevskij, a, a. 0., S. 199, 202; P. Wittek, Le Sultan de Rum, in: Annuaire de !'Inst. de Phil. et d'Hist. 80 H, Ritter in einer Rezension in: Oriens, 12, 1959, S. 247.
orientales et slaves, VI, Brüssel 1938, S. 364-368, 81 Kißling, Menaqybname, a. a. 0., S. 127.
76 I. Melikoff-Sayar, a. a. 0., S. 81, Anm. 1. Dazu allgemein Th. Nöldeke, Zur Ausbreitung des Schiitismus. De! 82 Babinger, Bedr ed-din, a. a. 0., S. 67.
Islam, XIII, 1923, S. 70-81.
Häresie, Klassenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 269
268 Ernst Werner
maßen zum Maß der Dinge. Seine Fähigkeit, Gut und Böse unterschdden zu können, befähigt ihn,
Ä gyp ten zu verlas sen und nach Adrianopel (Edirne) zu ,gehen. Bereits damalsi besaß er in Kfoin­ sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Novicev hat m. E. sehr recht, wenn er diese Kon­
aslen zahlreiche Anhänger, auch unter den von Timur wiedereingesetzten Emiren. Wir wissen, daß zeption mit dem Begriff Humanismus umschrevbt.92 Er will damit sicherlich nicht einer Gleichsetzung
Anatolien seit einem Jahrhundert Tummelplatz mystischer Derwische war und daß seine Bevölke­ mit dem europäischen Humanismus das Wort reden, der seinerseits m. E. nicht nur als geüstiger
rung ein en unverkennbaren Hang zur Si'a zeigte. Das erleichterte dem neuen Scheich die Proselyten­ Aufbruch der herrschenden Schichten im Westen verstanden werden kann. R. Kalivoda dehnt ihn
werbung.83 In seiner Stellung a.Ls Kadiasker erwarb er sich unter dem Volke Rumcliens, den Namen auch auf die unteren Klassen aus, wenn er etwa die Ansichten der freien Geister mit der Renais­
eines Heiligen. Das dürfte damit zusamm enhängen, daß er die Waqf angriff und TeHe ihrer Ein­ sance vergleicht oder das böhmische Adamitentum als eine Form der Lebensphilosophie der Renais­
künfte an arme Türken verteilte.84 Nach dem Sturz Mu�s ging er nach Iznlk in die Vevbannung. sance betrachtet, die von einem neuen, pantheistisch gerichteten Lebensgefühl durchpulst war.93
Er führte hier wieder ganz das Leben eines Asketen und Lehrers (Molla). In Iznik nahm er auch seine Natürlich war die wirts-chaftliche und s-oziale Situation in Böhmen oder Itali en tiine ganz andere
drei Enkelkinder wieder zu sich. Sie hatten drei Jahre lang bei seinem Schüler Bürklüce Mustafa als auf dem Balkan und i- n Kleinasien. Was aiher ·gleich war, war die Klass·enherrschaft und die
zugebracht. Diese Tatsache ist ein Beweis mehr für das enge Verhältnis, das die zwei Männer Auflehnung bestimmter Gruppen und Schichten dagegen. In beiden Fällen ging es um die Empörung
verband.85 Die gegenteilige Meinung Wädekins, der .die: ,,Vita" noch nicht kannte, ist ·gegenstands­ gegen die Feudalherrschaft, um die Überwindung des Feudalismus. Während jedoch in Europa der
los.86 Feudalismus sein höchstes Stadium bereits erreicht oder s,chon überschritten hatte, feudalisierte sich
Leider ist das Menaqybname hinsichtlich der Lehre des Scheichs recht schweigsam. Das ist durchaus im Südosten erst dn neues Staatswesen, wobei es auf vorgefundene, entwickelte staatliche Fnrmen
verständlich, wenn man bedenkt, daß sein Verfasser eine nachträgliche Rechtfertigung seines Groß­ zurückgriff. Die in beiden Fällen entwicklungsmäßig bedingten Spannungsfolder lösten bei den
vaters erstrebte und daher so weit wie möglich alles vermied, was ihn in den Augen der orthodoxen unteren Klassen und ihren Führern eine Zukunftsv , ision aus, die, graduell verschieden, die nächste,
Geistlichkeit und des Sultans herabsetzen mußte. Immerhin sind der sufische Grundt enor und ja übernächste geschichtliche Phase übersprang, dess,en ungeachtet aber den Unterdrückten 'bleibende
christenfreundliche Neigungen unverkennbar.87 Der Leningrader Turkologe A. D. Novicev hat sich Leitmotive lieferte.
die Mühe gemacht, alle erreichbaren Quellen nach der Doktrin des Molla zu befragen. Er kommt In Anatolien schritt, wie so oft in ,der Geschichte, nicht der Lehrer, sondern der Schüler als erster
zu folg endem Ergebnis: Bedr ed-din war Pantheist. Er lelhrte, daß jedes Wesen von einer Substanz, zur Tat und rief das Volk im Namen der Ideen seines Meistern 2lUI d en Waffen. Dukas berichtet
von Gott ausgehe. Daher findet siich Gott auch in der Natur. Die Welt ist ewlg. Ebenso wie die darüber: ,,In jenen Tagen trat ein ungebildeter und bäuerischer (lotwTrJ; xa.t U:yQOL;(ü;) Türke in
Welt hat auch der Mensch kein Ende. Objektiv gesehen lag dieser Absicht der Gedanke zugrunde, den Bergen, die am Eingang des jonischen Meerbusens liegen und im Volksmunde Styla­
daß die Welt unabhängig vom göttlichen Willen existiert. Der Mensch ist nicht fatalistisch an rion genannt werden, auf. Sie befinden sich im Osten der Insel Chios gegenüber. Jener predigte nun
Gott oder sein Schicksal gebunden, wie die Orthodoxie behauptet, sondern er hat einen freien den Türken die freiwillige Armut (&.x-rrJ�tOCTUVYJV) und lehrte, daß außer den Weüibern alles
Willen. Das heißt aber, daß die individuelle Meinung eines, Menschen von größter Bedeutung ist, geimeti.nsam sein müsse (miv-ra. %0Lw1.), wie die Nahrungsmittel, die Kleider, das Zugvieh und die
denn dadurch unterscheidet man den wissenden vom unwissenden und dummen Men schen.88 Ackergeräte. Ich bediene mich deiner Behausung, so sprach er, wie der meinigen, du der meinigen
Diese Gedanken waren für die Sunniten unerhörte Gotteslästerungen. Idris Bitlisi beschuldigte ihn, wie der deinen, mit Ausnahme der Weiber. Als er alle bäuerischen Menschen (rrci:vi;u.; &.yQo(xouc;­
Herkomm en und Gesetze gebrochen und an die niedrigsten Instinkte der Mensch,en appelliert zu zu dieser Lehrei verführt hatte, versuchte er mit List auch die Freundschaft der Christen zu gewin­
haben.89 Qoca Hussein wird noch deutlicher, wenn er schreibt: ,,Er gab sich viehischen Leiden­ nen. Er verbreitete die Ansicht, daß jeder Türke, der dem Glauben der Christen nicht zugetan sei,
schaften und Neigungen hin, erlaubte das Welntrink en und andere verbotene Dinge."90 Was das selbst gottlos sei. Und alle, die sich seiner Gesinnung unterworfen hatten (ot um'pwOL i;ou cpQüVYJ)
Weintrinken betrifft, so handelte es sich keineswegs um eine umstürzende Neu,erung. Die Mevlevi f.ta.To�), nahmen die Christen, denen sie bege1gneten, ·gastfreundlich auf und achteten sie wie Engel
redein in Ihren Schriften häufig davon, z. B. Maulana und sein Vater Walad. Ulu 'Arif Cdebi Gottes. Er :1Jber sandte täglich Boten an die Gebieter und die Kleriker der Kirchen und gab ihnen
(gesit:. 1320) war ein ausgesprochener Trinker. Er erregte damit auch Anstoß.91 Für sich �llein seine Ansicht bekannt, daß niemand die Erlösung völlig erilangen könne, wenn er nicht mit dem
genommen hätte man Bedr ed-din zweifellos einen solchen Abusus nachgesehen. Entscheidend Glauben der Christen übereinstimme. Damals lebte auf der Insel ein greiser Mönch in der Turloro
waren seine häretische Weltanschauung und die praktischen Konsequen:ren, die er aus ihr zog. Das g,enannten Einsiedelei. Zu diesem schickte der Pseudorubbas zwei seiner Jünger mit geschorenem
,,Neue" bestand also weniger in der Einmaligkeit seines Lehrsystems als vielmehr in den Schluß­ und bloßem Haupt, ohne Sandalen, mit einem einzigen Gewande angetan, durch die er ihm ver­
folgerungen, die er aus den überkommenen religiös-philosiophisch en Theoremen zog. Er woll�e den künden ließ: Ich bin genau so ein Asket wie du, und ich, werfe mich vor dem gleichen Gott wie du
Menschen aus innerer Verstrickung und Zweifel befreien, ihm Würde und Wert zurückgeben, mdem zu Boden (i;;)v :rQOCTXUVYjGLV rpEQ01). Ich weüle bei dir, indem ich nachts lautlos über das Meer
er dem Individuum seilbständiges Urteilsvermögen zusprach, das es gegenüber dem staatlich beauf­
komme. Der wahre Abbas, der von de� Pseudoabbas verwirrt worden war, verkündete nun selbst
sichtigten und religiös ·geheiligten Kollektiv unabhängig machte. Deir Einzelmensch wird gewisser- über diesen sonderbare Dinge (u.D„61w1:0L), indem er sagte: ,Als ich auf der Insel Samos weilte,
führte dieser mit mir zusammen ein Asketenleben. Nun aber kommt er Tag für Tag zu mir herüber,
83 Vgl. Kißling, Menaqybname, a. a. 0., S. 159, Anm. 5. um mit mir zu sprechen und zu verkehren.' Die Gefolgsleute Mustafas gruben die Losung aus, ,das
I¼ Ebenda, S. 165.
85 Ebenda, S. 115.
Haupt nicht mit der zarkula genannten Mütze zu bedecken, ein einziges Gewand zu tragen, ein
86 Wädekin, a. a. 0., S. 43. Asketcndasein zu führen und den Christen mehr als den Türken zugetan sein' .''9'i
S7 Kißling, Menaqybname, a. a. 0., S. 126.
88 A. D. Novicev, Krest'janskoe vosstanie, a. a. 0., S. 71 f.
89 übersetzt bei Tveritinova, a. a. 0., S. 121 f. 02 Novicev, Istorija Turcii, a. a. 0., S. 38.
"° Ebenda, S. 224. 93 R. Kalivoda, Husitska ideologie, Prag 1961, S. 247, 376, 382, 467.
g1 Abdülbaki Gölpinarli, Mevlana'dan sonra Mevlevilik (Von Maulana zu dem Mevlevitum), Istanbul 1953, S. 65, °" Dukas, Historia byzantina, rec. 1. Becker, Bonn 1834, cap. XXI, S. 111-113.
referiert von H. Ritter in: 0riens, 13/14, 1960/61, S. 343 f.
6 Geschichtswissenschaft
270 Ernst Werner Häresie, K/,assenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 271

In dieser knappen Erzählung Dukas' wird das Programm der Mustafiten sehr deutlich. Man plante nach Ephe�os, wo er unter grausamsten Martern hingerichtet, d. h. ans Kreuz geschlagen wurde.
einen Verbraucherkommunismus, wobei ein Zusammengehen mit den Christen erstrebt wurde.. Er s�rb nut den Wo1:en: ,,Sultan dede eris !" (Vater Sultan, laß mich ans Ziel gelangen).102 Mehmed
Anders, als die Toleranz der Selcukensultane oder der arabischen Kalifen, die den An dersgläubigen _
verteilte das L�nd Aidin an seine Sipahisi und ließ gegen die gesamte B evölkerung eine schonungs­
ihre Religionsausübung gestatteten, um finanzielle Vorteile daraus zu ziehen, fordert Mustafa die _
lose Strafexp:ed�t10n durchführen.103 Auch Torlak und seine Truppen erlitten das .gleiche Schicksal.
Überwindung der Glau1bensgegensätze, indem man sich gegenseitig Achtung un d Ehretlbietung ent­ In diesen Maßnahmen wird deutlich, daß Mehmed nunmehr aueh in ·
• d en peripheren westanatolt· schen
gegenbringt. Um zu demonstrieren, daß es ihm damit ernst war, legte er s ogar die Derwischmütze .
La� dstnchen das Feudalsystem gewaltsam einführte. Die Kreuzigung, di ei al s, Strafe im islamisch en
ab und paßte sich im Äußerlichen d en christlichen Asketen an. Di:e Derwisch-ta.c war bei allen Orient keineswegs, unbek:nnt wa�104, wurde bei Mustafa vielleicht symbolisch aufgefaßt, um kund­
Orden ein geheiligtes Kleidungsstück. Man maß ihr nach Form, Farbe un d Ausstattung eine beson­ zutun, �aß er dadurch seine Chnstenfreundschaft büßen mußte.105 Der Ausruf „Sultan dede eris"
d ere Bedeiutung bei. 95 _ che Formel der Mustafitett1. Die Türken gaben ihren Scheichen sehr oft den Titel
war keine typis
Dieser Bruch Mustafas mit allem Herkommen wir d auch von den türkischen Ch ronis ten hervor­ Sul�n. Sie b�eten auch zu ihnen, um sich ihres Beistandes zu versichern.106 In unserem Falle dürfte
gehoben. Nesri schreibt: ,,Er ga,b s ich dort (in Ai din-eli - E. W.) für einen hl. Mann aus und es sich um eine Wendung zu Bedr ed-din gehandelt haben, den Mus tafa i·n sei· ner To desstun de
predigte dem Volk die Lehre der ibaha, bis er Jn den Lan den beirühmt war"96; er gab alles das .
anrief. Wir hätten dann ein weiteres Zeugnis für seine Abhängigkeit von. dem großen Lehr er.
preis, was bisher verboten war. Sükrüllah nannte Must, afa ,ein en Sittenleugner, der gegen das Gesetz Wo befand s1"eh nun d"1eser während der entschei den den Ereignisse in Westkleinasien ?
Mohammeds auftrat. Er habe sich den Prophetenrang zugelegt, weshalb seine Anhänger nur bekann­ Bürklüce M�stafa h�tte von 1413 bis zum Frühjahr 1416 mit Bedr ed-din ,in Iznik gelebt. 1416
ten: ,,Es gilbt keinen Gott außer Allah", nicht aber „Mohamme d ist sein Prophet". 97 trennte er sich von 1hm un d zog Jns Maelania-Geibirge, wo er mit d er geschilderten pr ed"1 gt und
Mustafa ließ es nicht mit Worten bewenden, sondern er s chritt zur Tat. Er beiwaffnete seine mehr­ Agttatlon
· · 'begann. 101 Als Beid.r ed-dm• davon Kunde erhielt, floh er zu Isfendiyar, dem Emir vo0
tausendköpfige Gefolgschaft!l8 und führte sie gegen die anrückenden osmanis chen Truppen in den . . . . .
Kastarn unu.108 Di"es� Schritt 1st in doppelter Hms1cht interess,a:nt. Er beweist einmal, daß zwischen
Kampf. Wahrscheinlich gehörte auch der nordöstlich v,on Izmir (Smyrna) im Gebiet von Manisa .
h m und Mustafa keine Absprache bestand, denn sonst hätte er nicht erst gewartet, bis die Dinge

operierende Torlak Kemal, ein zum Islam übergetretener Jude, zu den Schülern Beiclr e d- din's. m Ga �g kam�, um dann überstürzt die Flucht aus seinem Verbannungsort zu ergreifen. Zum ando­
Leider wissen wir über ihn nur sehr wenig. Qoca Hussein nennt ihn Häretiker un d gottlos. Er habe .
ren �e1gt: er em weite�es Mal di� auch in der „Vita" erwähnten engen Bindungen zwischen d em
7000 Anhänger gehaibt.99 Ansprechend ist die Vermutung Köprölüzades, daß die Torlaklar Turk­ Scheich und den anatohschen Partikllllargewalten. Ohne Zweifel hoffte er auf ihre militärische Unter­
menein waren, die die Gelegenheit benutzten, um -gegen den verhaßten osmanischen Zentralismus stützung. Isfendiyar war aber w enig g eneigt, sich in ein derartiges Abenteuer einzula ssen, und zwar
zu opponieren. Es wäre dann gewissermaßen eine Wiederaufnahme des Kampfes, den bereits. aus Furcht vor dem Sultan, wie Novicev meiot.109 Vielleicht trug aber auch die Abnei gung gegen die
76 Jahre früher Baiba I shaq geg en die Z entralgewalt von Konya geführt hatte.100 Auf Grun d der sozi_ alen Konsequenzen der Lehre, wie sie von Mustafa gezogen wurden, zu dies eir Ableh nung bei.
spärlichen Nachrichten läßt sich abe1r kein s tichhaltiger Beweis führen. Hinter Must , afa stan den J ede�fal!s mußte d� Flüchtling Kastamunu rasch verlassen, und zwar in Richtung Europa. Er zog
jedoch nicht nur seine Anhänger im engeren Sinne, sondern der größte Teil der Bevölkerung des _
sich m die Walachei zurück, wo er von Fürst Mircea ehrenvoll und mit größter Hochachtung empfan­
Aidin-eli, wie die türkischen Chmnisten betonen. Da es s ich vorwiegend um Bauern handelte, g en worden s,ein soll. Idris Bitlisi sagt, daß diese Freundschaft aus der Nähe seiner Häresie zum
charakterisiert Novicev delil Aufstand als antifou dale Bauernbeweigung.101 Nimmt man Torlak mit Glauben der Christen herrühre.110 Qoca Hussein geht noch wetiter, indem er von einem B··. undms
hinzu, wird man eine Beteiligung von Nomaden in Erwägu ng ziehen dürfen. Das mußte die Kampf­ 1· s eh en �1esen
• beiden Männern spricht.111 Die übrigen türkis chen Chronisten ,wissen davon nichts.
kraft der Aufständischen erh öhen. �
_
Die historische Wahrscheinlichkeit, daß sich Mircea mit Bedr ed-din einli"eß, 1· s t ,,,r
er oß. Er sta n d m1t
Als erster machte der Statth alter von Aidin, der bulgarische Renegat Sisman-Pasa, mit ihnen Be­ . . .
klemas�attsch,en Emiren in Verbindung. 1391 soll ih n Bayazi d Kötürüm von Amasiya zum Abfall
kanntschaft. Er wurde samt s einen Trupp en vernichtet. Dem Statthalter von Saruchan, Ali Beg, aufgew1egelt h aben.112 Ob es dazu eines äußeren Anstoßes bedurfte, erscheint mir allerdings zweifel­
erging es nicht viel besser. Der Pasa konnte sich nur mit knapper Mühe retten. Diese Siege wurden _
haft. Mircea d. Alte setzte sich in einer Reihe von Schlachten gegen das türkische V orgeh en erfolg-
jedoch von den Mustafiten nicht zu einer Gegenoffensive ausgenutzt, son dern die Aufständischen
blieiben wie gebannt auf ihre.r Halbins el. Mehmed I. war sich der Gefahr, die Anatolien drohte,
nunmehr voll bewußt. Er sandte das thrakisch,e Heer unter dem Vezir Bayazid zusammen mit dem 193 Ducas, a. a. 0., S. 113 f.
103 Ube_r _die Ausgabe von Timarcn be richten die anonymen Chroniken : F. Gicse, a. a. 0., s. 73; Asyqpasazade bei
kleinasiatischen Aufgebot in den Kampf. Nach erbittertem, für beLde Seiten v,erlustreiche:m Ringen
Tvent10ova, a. a. 0., S. 218.
erdrückte die übermacht die Empörer. Mustafa war gefangengenommen worden. Man s chleppte ihn 104 Darüber F. Babinger, Bedr ed-din, a. a. 0., S. 75.
tro So Has lu�, a. a. 0., S. 569. Die gleiche Ansicht vertritt auch G. Jacob, der aut ei n weiteres Beis iel aus
.
Ägyp_ten h10wei st: ':'o Sultan Baib�rs einen Weinverkäufer kreuzigen ließ, weil Wein als spezifisch ch�stlich cs
in: Fests chrift G. Jacob, Leipzig 1932, S. 177, 180. Getrank �al� �Beitrage zur Ken ntnis des Derwisch-Ordens der Bektaschis, a. a. 0., S. 25).
Vgl. Th. Mcnzel, Beiträge zur Kenntnis der Derwisch-tag, 100 M. F. Koproluzade, Bemerkungen zur R eligionsgeschichte Kleinasiens, a. a. o., s. 212.
veritin ova, a. a. 0., S. 219.
05
oo Babinger, Bedr ed-din, a. a. 0., S. 41; T
S. 107. Auch, 107 Vgl. dazu H. I. Gotsanis, a. a. 0., S. 401.
ischer Universalgeschichte, a. a. 0.,
97 Th. Seif, Der Abschnitt über die Osmanen in Sükrüllah's pers 108 F. Gfose, Chroniken, a. a. 0., S. 74.
wobei sich Mustafa als hl. Mann ausgegeben habe:
der anonyme Chron ist spricht von „novos et insolentes ritus", 109 N?vic�v, Kr�st,janskoe vosst�nie, a. a. 0., S. 77. Ibn Arabsah erzählt zwar, daß Isfendiyar dem Osmanensultan
J. Löwenklau, a. a. 0., lib. XII, S. 464.
sprechen von 10 000, die anonymen Chroniken von 2000-3000
und Ducns von fe10d_li� ge_s10nt ge:vesen sei und deshalb Bedr ed-din Hilfe geleistet habe, damit er dem Osmanenherrscher
.
98 Idris B:tlisi und Qoca Hussein
iken, a. a. 0., S. 73; Ducas, a. a.
0., S. 113. Schwiengkeiten bereiten konnte (Tveritinova ' a · a · O ·• S · 216) , aber die unters t-utzung kann ni·cht groß gewesen
6000 Mann: Tveritinova, a. a. 0., S. 221, 232; F. Gicse, Chron ·
sei�, _
d �nn sonst hatte _es der_ Flüch�lin g sich er vorgezogen, in Kastamunu zu bleiben und nicht so rasch und
H!> Tve,itinova, a. a. 0., S. 223.
Etudcs orientales, III, Paris 1935, S. 122; ders.• ohne Mitte I na ch R umehen weiterzuz1ehen.
!fl{J M. F. Köprölüzade, Lcs origines de !'Empire Ottoman, in: 110 Tveritinova, a. a. 0., S. 221.
Lcs origines du Bektachisme, a. a. 0., S. 18 f. 111 Ebenda, S. 223.
101 Novi ce,·, Krest'janskoc vosstanie, a. a. 0., S. 75. 112 Vgl. F. Babinger, Beginn der Türkensteuer, a. a. O., S. 11.

6*
272 Ernst Werner Häresie, Klassenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 273

reich zur Wehr: sio 1394 ,bei Rovina, 1395 bei Turnu-Magurele sowie Jn weiteren Treffen zwischen Kadiasker Posten erhalten hatten , sich wieder um ihn sammelten.121 Asyqpasazade drückt sich
1397 und 1400. Die Osmanen gaben daraufhin zunächst den Gedanken an eine Erdbeirung der deutlicher aus: ,,Wer eiinen Sancaq begehrt, der komme, wer einen Subaslyq haben will, der komme_
Walachei auf. Trotzd em mußte Mircea Tribut zahlen.113 Ihm war stets an Schwierigkeiten des überhaupt jeder, der einel!l Wunsch hat, der komme."122 Und Nesri endlich spricht von Gaunern,
Osmaoenherrschers geilegen, denn auf diese Weis,e konnte er auf Sicherung und Festigung s,einer Lumpen und Dummköpfen, die auf Erwerb ausgingen, ,, ... und solchen, denen er, als er bei Musa
Position hoffen. Keine der uns zur Verfügung stehenden Quellen berichtet jedoch von einer militä­ Bej Heeresrichter gewesen war, Lehen verliehen hatte".123
rischen oder diplomatischen Intervention Mirceas zugunsten des Scheichs. Dieser begrub sich viel­ Ihm dürfte ami den Erfahrungen des Jahres 1413 klar geworden sein, daß ets ohne Unterstützung
mehr in das Agac Denizi oder Deli Orman benannte Waldgebiet (südlich der DQlbrudscha), von wo der Sipa:his unmöglich war, die Macht zu behaupten bzw. zu erobern. Musa hatte sich ausschließlich
aus er in einige Gebiete Rumeliens seine Müriden aussandte, um seine alten Freunde und Anhänger auf die Aqinci und MüseHem gestützt und war gescheitert. Darüber hinaus hatte er sich durch seine­
durch Sendschreiben von seinem Kommen zu unterrichten.114 Besondere Aufmerksamkeit widmete: kompromißlose Ghazipolitik die Opposition des slawischen Adels wie überhaupt der einheimischen
der Scheich den Tälern des Stara Zagora, die nicht weit entfernt von der osmanischen Hauptstadt Bevölkerung zugezogen. Bedr ed-din wat'b dagegen durch seine Theorie vom Ausgleich der Reli­
Adrianopel (Edirne) gelegen waren.115 Mag hieir die Absicht eine RoJle gespielt haben, die Haupt­ gionen um sie als Bundesgenossen. Sein Erscheinen in d er Walachei war hierfür symptomatisch. Ohne
stacit in seine Hand zu bekommen, so muß man auf der anderen Seite sehen, daß bereits unter Zweifel war er bestrebt, auch die zahlreichen christlichen ·bUJlgarischen Sipahis, die seit 1413 quellen­
Sulron Bayazid I. die türkische Kolonisation in den Gebieten zwi&chen der Stara Planina und der mäßig nachweisbar sind, auf seine Seite zu ziehen.rn Von einer einheitlichen sozialen Basis, wie sie
Donau in Nordbulgarien, das 1396 unter osmanische Herrschaft gefallen war, ibegann. Zunächst weitgehend unter den Anhängern Mustafas bestand, kann also keine Rede sein. Trotzdem fragt es
legte man nur Garnisonen in feste Plätze, bald folgten aber auch Siedler aus Anatolien. In dem sich, ob man, wie Wädekin, von zwei getrennt en Bewegungen, die nur ihre antistaatlichei Stoßrich.;.
Gebiet zwischen Silistria und Sumen lebten zu Beginn des 15. Jh. zahlreiche Aqinci, die hier Lände­ tung gemeinsam hatten, sprechen darf.125 Tveritinova ist in der Einschätzung der Bewegung vor­
reien zugeteilt bekommen hatten. Bedr ed-din besaß demnach in diesen Distrikten eine sichere sichtiger. Sie meint, daß s,ie aus zwei Flügeln bestand, einem volkstümlichen, radikalen (Mustafa)
Ausgangsbasis, sowohl ethnisch als auch sozial.116 und einem feudalen, geimäßigten (Beidr ed-din), der bestrebt war, die Volksmassen für seiine Ziele"
Bedr ed-din als ehemaliger Kadiasker war unter den Türken Rumeliens noch in guter Erinnerung. auszunutzen.126
Er hatte seinerzeit freigebig Land und Stellen verteilt. Diese Leute strömten �hm nunmehr zu Tau­ Di:e Vita des Scheichs bemüht sich, ihren Helden von dem Makel des Empörers rein zu: waschen.
senden zu.117 Man erwartete wohl von ihm, daß er die Verhältnisse, wie sie unter Musa bestanden Sie versichert, daß er allein durch Frömmigkeit und Askese die Welt ha;be besse1111 wollen. Im übri­
hatten, wiederherstellte, gewissermaßen dort von neuem begann, wo er 1413 aufhör.en mußte. gen sei er das Opfer orthodoxer Verleumdungen geworden, die um so mehr Erfolg hatten, als die
Wie verhielt sich der Sche ich in dieser Situation, welche Ziele verfolgte er? Der anonyme Chronist Ereign isse in eine politisch r::echt unruhige Zeit fielen, nämlich in die Zeit der Umtriebe des Dözme
schreibt: ,,In der Ebene von Zagra wurde von einigen unseligen Sufisi des Scheichs vor dem Volke Mustafa (der sich als Sohn Bayazids ausgab) und seiner weitgespannten Verschwörungen mit den
behauptet: Von nun an ist ,die Herrs·chaft mein, und der Thron ist mir gegeben worden. Mich heißt Emiren von Smyrna, Sinope und dem Kaiser von Byxanz.127 Gegen Bürklüce Mustafa fällt kefo
man den König, den Mahdi. Ich will die Fahne entrollen und mich erheben . . ."118 Der Mahdi­ böses Wort. Der Enkel des Scheichs versucht vieilmehr, den Leser odeir Zuhörer auf die Person des
glaube im Islam ist sehr alt. Er ist für die si'itischen Kreise charakteristisch. Man wa,rtete auf den falschen Mustafa abzulenken, um einem Mann die Schuld für die Diskreditierung der Bewegung in
wahren Imam (religiöser Führer) aus dem Hause 'Ali's, der im Gegensatz zu den schlechten Herr­ die Schuhe zu schieben, der nachweislich nichts mit ihr zu tun hatte. Das ist verständlich, denn alle
scheirn der Gegenwart ein v:on Gott gerecht geleiteter Mann sein sollte, ein Mahdi. Dieser Gla:ube Quellen betone:n das Lehrer-Schüler-Verhältnis Bedr ed-dins und Mustafas und heben ausdrücklich
erfüllte vor allem die einfachen Menschen, die sehnsüchtig auf sein Erschdnen warteten, auf den hervor, daß sich der Scheich zu seinem Müriden bekannte, als ruchbar wurde, daß er sich in Kara­
Erlöser aus Not und Bedrückung.119 In unser em Falle wurden hei den Anhängern des Scheichs: burun erhoben habe.
zweifellos Hoffnungen in Richtung Urislam erweckt, d. h., man wollte die Feudalherrschaft über­ Der anonyme Chronist bemerkt z. B., daß der Scheich lbetont ha!be, Mustafa sei nur sein Diener.128
winden und zu den idealisierten Zuständen der vorfeudalen Epoche zurückkehren.120 Im Unterschied Idris Bitfüi behauptet, er habe seinen Müriden beauftragt, in Aidin-eli das Volk für seine Sache
zu seinem Schüler Mustafa appellierte er jedoch nicht nur an die ,einfachen Bauern und Nomaden, zu gewinnen.129 Warum hatte er aber dann so überstürzt Iznlk verlassen? Qoca Hussein erklärt dies
sondern auch an die Sipahis. Der anonyme Chronist berichtet, daß alle die Leute, die von ihm als
121 F. Giese, Chroniken, a. a. 0., S. 74.
t:?2 Nach der Übersetzung von F. Babinger, Bedr ed-din, a. a. 0., S. 36. Die eroberten Länder wurden von den
U:l Is toria Rominiei, II, a. a. 0., S. 366-370; G. G. Florescu, L'aspect juridique des khatt-i-chcrifs. Contribution Osmanen in Sancaqlar eingeteilt. Der Sancaq Bei war ursprünglich der Kommandeur der Timarioten in seinem
a l'etudc des relations de !'Empire ottoman avec !es principautes roumaines, in: Studia et acta orientalia, I, Sancaq. Er mußte die Sipahis in den Kampf führen, die öffentliche Ordnung sichern und Sultanserlasse durch­
1958, s. 139. führen. Jeder Sancaq war in Vilayets gegliedert, die einem Subasi unterstanden: H. Inalcik, Ottoman methodes;
114 Idris Bitlisi (Tveritinovn, n. n. 0., S. 221) Qoca Hussein (ebenda, S. 223). a. n. 0., S. 108. Wenn also Bedr ed-din die Sancaqlar neu besetzen wollte, so bedeutete das, daß er an der
115 F. Giese, Chroniken, a. a. 0., S. 74; Idris Bitlisi (Tveritinova, a. a. 0., S. 221). alten Organisation des Staatsaufbaues nichts zu verändern gedachte, zumindest nicht sofort.
llG Dazu D. Angelov, Certains aspects de la conquete des peuples balkaniques par les Turcs, in: Byzantinoslavica, 123 F. Babinger, Bedr ed-din, a. a. 0., S. 42.
XVII, 1956, S. 266 f.; H. Inalcik vertritt die diskutable Auffassung, daß die türkische Kolonisierung der er­ 124 Wichtige Einzelheiten über die christlichen Sipahis in Bulgarien bringt B. A. Cvetkova, Kum vuprosa za klasovite
wähnten Distrikte mit dem Vordringen Timurs in Kleinasien zusammenhing. In Westanatolien herrschte seit razlicija v bolgarskata obstestvo prez epochata na turskoto vladicestvo, in: Istor. pregled, VIIl, 2, 1951/52,
langem eine relative Überbevölkerung, die die Möglichkeit einer Abwanderung in die reichen Balkanländer gern S. 166-174; dies., Influence exercee par certaines institutions de Byzance et des Balkans du moyen äge sur le
benutzte. Man darf also nicht in jedem Falle mit Massendeportationen rechnen (Ottornan methodes of Conquest, systeme feodal ottoman, in: Byzantino-Bulgarica, I, Sofia 1962, S. 240 f.
in: Studia islamica, II, 1954, S. 128). t� Wädekin, a. a. 0., ·s. 50.
117 Ibn Arabsah (Tveritinova, a. n. 0., S. 216; Qoca Hussein (ebenda, S. 224). 1:1/l Tveritinova. a. a. 0., S. 209 f.
11s Nach der Übersetzung F. Bnbingers, Bedr ed-din, a. n. 0., S. 31. m Kißling, Menaqybname, a. a. 0., S. 133.
ll9 R. Hartmann, a. n. 0., S. 108 f. 128 F. Giese, Chroniken, a. a. 0., S. 74.
120 Novicev, Krest'jnnskoe vosstnnie, n. a. 0., S. 78. ti9 Tveritinova, a. a. 0., S. 220.
274 Ernst Werner Häresie, Klassenkampf, religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone 275
damit, daß Bedr ed-din ,gemerkt hätte, daß er in die Hände eines Häretikers gefallen sei und man­ 1eren Orient etwas Neues. Sie begegn en uns bei d en Mazdakitett1 im Iran im 5. und 6. Jh., bei
ihm die Schuld für alles, was jener anrichtete, geben würde. 130 Wenn dem so war, warum benutzte vielen bäuerlichen Aufständen im 8. und 9. Jh., bei der antifeudalen Bewegung der Ka.ramaten in
er nicht in Rumelien die Gelegenheit, um sich öffentlich von ihm loszusagen? Warum nannte er ihn ,den arabischen Ländern und Jm Iran Ende des 9. und im 10. Jh. sowie bei der Serbedaren bewegung
in der entscheidenden Phase des Aufstande'S seinen Schüler? Wädekin interpretiert diese Tatsache im 14. Jh. im illkhanreich.135 Aber die Koppelung mit einer bis zu Ende durchdachten Toleranz­
so, daß er sdne Anhänger aus der herrschenden Klasse beruhigen wollte, ihnen gewissermaßen die forderung -gaben ihnen ihr Spezifikum. Bei Mustafa wird gewissermaßen der Toleranzgedanke aus
Versicherung gab, daß er die gerufenen Geister wieder beschwören könne.131 Letztlich wäre es dann der spielerischen, kühlen und utilitarischen Sphäre des Hochislam heraus•gelöst und .in den Schoß
dem Scheich ähnlich ergangen wie dem Goetheschen Zauberlehrling. Nun melden jedoch die ano­ -des Volkes überführ:t. Er wird zu einer kämpferischen Ideologie bäuerlicher und nomadischer Schich­
nymen Ohroniken, daß seine Gefolgsleute sahen, .,daß an seiner Sache nichts Gutes sei" und daß ten, wOlbei man die religiöse Gleichheit auf die soziale ausdehnt. Dadurch bedingen sich Toleranz
stie sich zerstreuten und nur sehr wenige :bei ihm ausharrtein.132 Dies,e Wendung der Dinge zeigt und Klassenkampf, denn ohne Umsturz der alten Ordnung ist weder die religiöse noch die soziale
m. E. mit Deutlichkeit, daß der Scheich nicht einfach einen Regierungswechsel plante, Sultan werden Egalität erreichbar. Bei Mustafa entwickelte sich die Prophetie von dieser Egalität zum Messianis­
wollte und zu diesem Zwecke materielle Versprechungen an den Feudaladel machte. Vielmehr mus, wie überhaupt die meisten prophetischen Bewegungen ihren messianischen Aspekt besitzen,
dürfte er sich sehr rasch als religiöser und sozialer Reformer entpuppt haben, der nicht n ur einen da man die Erlösung durch ein göttliches Wesen erwartet136, wobei die Aktion, ähnlich wie bei den
echten Ausgleich zwischen den beiden feindlichen Religionen suchte, sondern auch eine Erleichte­ Taboriten, v;om Volk übernommen wird. Da die Anhänger Mustafa göttliche Eigenschaften zu­
rung der Bürde, die auf den unteren Klassen ruhte, beabsichtigte. Damit soll nicht gesagt sein, daß schrieben, in ihm den Erlöser sahen, glaubten säe auch nicht an seinen Tod, sondern erzählten, er
er das Gleichheitsideal Mustafas propagierte. Im Gegenteil, die Trennung der beiden Männer in -sei auf die Insel Samos versetzt worden. 137 Umgekehrt sahen christlich,e Mönche der Insel in Bedr
Iznik läßt eiher vermuten, daß sie sich darüber nicht einig werden konnten. Bedr ed-din war ein ed-din einen zweiten Messias, da sie von seiner Persönlichkeit überwältigt word en waren.138 Bedr
weitgereister, gebildeter und kluger Derwisch, der hoch und niedrig kannte, Einblick in die Macht­ e:d-din hatte wohl dagegen nichts einzuwenden, wenn e:r auch nicht so weit ging wie sein Schüler.
konstellation Anatoliens hatte und selbst einmal V ertm.uter eines Sultans,ohnes gewesen war. Er Nachdem ihm die Regierungstruppen bei Edirne eine schwere Niederlage beigebracht hatten und
vermochte weit besser als der urwüchsige Mustafa, der nur die Erregbarkeit der Volksmassen, ihre ihn seine Anhänger aus der herrschenden Klasse verließen, versuchte er noch einmal, .in den Wäl­
Unzufriedenheit und Begeisterungsfähigkeit in Rechnung zog, zu erwägen, was unter den gegebenen dern des Deli Orman sdne Gefolgsleute zu sammeln. Tatsächlich strömten ihm v:iele Mens_chen zu.
Umständen zu erreichen war und was nicht. Mehme<l I. war nur zu schlagen, wenn sich der Dienst­ Wir hören �etzt allerdings nichts mehr von Sipahis oder Würdenträgern; es dürften vielmehr ein­
adel von ihm abwandte. Ohne die Teilnahme dieser Schicht der neuen herrschenden Klasse war fach Yürüken, Aqinci und vielleicht auch christliche Bauern gewesen sein. Ob sich mit der Verände­
militävisch der Aufstand von vornherein in Frage gestellt.133 Die Aussöhnung mit dem Christentum rung seiner sozialen Basis auch seine Ideen radikalisierten, ob e1r jetzt die Konsequ en zen zog, die
hingegen war ein Grundpfeiler seiner Lehre. Durch die Verlagerung des politischen und militä­ Mustafa bereits ausi &einen Lehren gezogen hatte, läßt sich nicht einmal vermuten. Jedenfalls fiel er
rischen Schwergewichts des Reiches nach Rumelien war diese Frage in den Vordergrund gerückt. Die durch Verrat in die Hand des Sultans, der :ihn am 18. Dezember 1416 in Seres aufhängen ließ, aber
Tributideologie der 'Ulemas und des Hofes hatte sie keineswegs gelöst. Sie war vielmehr ein seine Güter nicht einzog, sondern sie seinem Enkel übertrug. 139
Hemmnis für die Herstellung einer echten Synthese der beiden Gesellschaften und Kulturen . Kommen wir nun auf das eingangs angeführte Engels-Zitat zurück. Die Bewegung der !beiden
J. Pe,renyi stellt fest, daß vom 15.-18. Jih. auf dem Balkan zumindest zwei unterschiedliche Gesell­ Männer hat die Geschichte vorwärts gebracht. Sie gehört nicht zu jenen Erhebungen und Rervolten,
schaftsformationen und Kulturen nebeneinander existierten, ohne daß es zu einer Synthese gekom­ die Engels im Auge hat. Sie übertraf in Dauer und Größenordnung die Jacquerie und den eng­
men wäre.134 Die Realisierung der Toleranzidee Bedr ed-dins hätte die Möglichkeit einer Verschmel­ lisch,en Bauernaufstand. Mustafa und Torlak Kemal führt en minde,stens 8000 Mann in den Kamp,f,
zung der beiden feindlichen Gesellschaften und Kulturen verbessert. Die Gleichberechtigung der­ Bedr ed-din mehrere Tausend, sonst hätte Mehrneid I. nicht Bayazid Pasa gegen ilhn zu bemühen
beiden Religion en hätte die politischen Unterschiede verwischt, die Diskriminiemngein der „Un­ brauchen. Die Jacquerie sandte 1358 etwa 5000 Mann ins Feld, Wat Tayler dürfte sich auf die
gläubigen" besieitigt und ein einheitliches Abgaben- und Steuersystem ermöglicht. Eine B:sdt�gung doppelte bis dreifache Zahl gestützt haben. Der Aufstand Mustafas, Torlaks und Bedr ed-dins
_
der Klassenherrschaft lag diesem System natürlich nicht zugrunde. Aber es war auch so em kuhner dauerte insgesamt 9-10 Monate. Die Erhebung der Jacquerie war in zwei Wochen und der eng­
Schritt zu neuen Ufern. Die spärlichen und wortkargen Quellen lassen uns diese Konzeption mehr lische Bauernaufstand in einem Monat niedergeschlagen.140
ahnen als erkennen. Aber nicht dieser VeI'gleich ist entscheidend. Er sollte nur die Quantität verdeutlichen. Viel wesent­
Mustafa hatte demgegenüher den Weg der radikalen Utopie beschritten. Zwar waren seine Losun- licheir ist die Qualität. Die Bewegung repmduzierte nicht .einfach das traditionelle Gedankengut
gen der ökonomischen und sozialen Gleichheit weder für Europa noch für den V,orderen und Mitt- islamischer Sekten von Gleichheit und Freiheit, sondern sie steuerte einen wes,entlich, neuen Gedan-

!3.3 Dazu Novicev, Krest'jnnskoe vosstanie, a. a. 0., S. 73 f.


130 Ebenda, S. 223. 130 Vgl. V. Lantermari, Messianism: its historical origin and morphology, in: History of Religions, II, 1, 1962,
131 Wädekin, a. a. 0., S. 48. S. 63; E. Werner, Messianische Bewegungen im Mittelalter, in: ZfG, 1962, H. 3, S. 617 f.
m F. Giese, Chroniken, a. a. 0., S. 7-4. . . . 137 Ducas, a. a. 0., S. 114 f.
1311 Neuerdings geht J. Pereoye so weit zu behaupten, daß den Balkanvölkern i? ihrem Kampf �egen du� Osmanen ms Kißling, Menaqybname, a. a. 0., S. 162.
eine autochthone herrschende Klasse fehlte, um siegen zu können. Es gab kernen Hegemon wie etwa m Ungarn: 139 Zum Hergang Idris Bitlisi und Qoca Hussein (Tveritinova, a. a. 0., S. 222 f., 224). Das Datum ist durch die
wo der einheimische Adel die Unabhängigkeitskriege gegen die Habsburger führte CQuelques a�pects de l a
. _ Vita des Scheichs einwandfrei gesichert. Vgl. Kißling, Menaqybname, a. a. 0., S. 174, und F. Babinger,
coexistence des civilisation balkaniques du XVe au XVille siecles, a. a. 0., S. 102). Wird man diesem Urteil Geburtsort und Sterbejahr des Schejch Bedr ed-din Mahmud, in: Südostforschungen, VIII, 1943, S. 261. Die von
in seiner Absolutheit kaum zustimmen können - zu allen Zeiten stellten di_e U_nterdrückten selbst begab�e
Qoca Hussein überlieferte Jahreszahl 1419/1420 ist falsch. Damit erübrigt sich auch die Annahme von M.
Führer aus ihren Reihen -, so ist in der Tat etwas Wahres im Hinblick auf die Siegeschancen daran, und die Guboglu, der Aufstand sei in diese Jahre zu setzen (A propos de la monographie du professeur Franz Babinger,
:ßalkanistik wird sich mit dieser These noch ernsthaft zu beschäftigen haben. a. a. 0., S. 220).
f3'l J. Perenye, a. a. 0., S. 100-102. 140 Die Vergleiche finden sich bei Novicev, Krest'janskoe vosstanie, a. a. 0., S. 76, 79.
276 Ernst Werner

ken bei: die religiöse Toleranz als Ausdruck eineir wohlgieordneten Gesellschaft. Mustafa, Torlak DISKUSSION
und Bedr e:d-din stellen gewissermaßen eine Stufenfolge im Verstehen und Durchdenken der Tole­
ranz dar. Die ersten beiden demonstrü.erten in Wort und Tat, daß die Toleranzidee stets einen
realen Klasseninhalt b es itzt, daß sie auf die Frage für wen und wozu Antwort geben muß. Mustafa
wandte sde auf das Volk an und zog aus ihr die sozial en Konsequenzen. Dem Stand der hi sto­
rischen Entwicklung entsp,rechend mußte damit unweigerlich setine Zielsetzung utopisch sein. Bedr
ed-din machte sie zur Staatsdoktrfo, zum Leitmotiv für den jungen, von Kris,en erschütterten
Erobererstaat. Er erstrebte einen Ausgleich der Religionen auf breitester Basis, ohne die Klassen­
spaltung der Gesellschaft damit liquidieren zu wollen. An die Stelle einer herrschenden und einer GE R H A R D ZSC HÄBITZ
beherrschten Religion sollte eine tolerier ende und eine tolerierte treten, ein neues Staatsideal, das
Sieger und Besiegte in einem einheitlichen Wirken Viereinigte. In dem neuen Staat sollte es zu einer über den Charakter und die historischen Aufgaben
Synthese lmmmen , sollten die sich fremd und feindlich gegenüberstehenden Kulturen in einer höhe­ von Reformation und Bauernkrieg
ren Einheit aufgehoben werden.141 In beiden Fällen wurde der Toleranzgedanke als Leitmotiv einer
sozialen und politischen Konzeption neu gefaßt unrd neu interpretiert. In beiden Fällen wurde damit
zugleich ein nerues Menschenbild gezeichnet. Die Unmenschl ichkeit der Aus:beutung solloe mensch­ Seit 19 56 diskutieren die sowjetischoo Geschichtswissenschaftler 1, seit 1960 die Historiker der DDR2
lichen Beziehungen Platz machen. über Charakter und historische Aufgaben der markant en Klassenkämpfe in Deutschland im erst en
Mustafa demonstrierte, daß dies ohne Klassenkampf für die Volksmassen unrealisierbar war. Sein Drittel des 16. Jh. Es gilt, gestützt auf zahlreiche nerue Forschungsergebnisse, den Gesamtkomplex
groß er Lehrer erkannte, daß man nur mit Toleranz und Humani tas ein dauerhaftes und innerlich dies,er Ereignisse zu analysieren, ihn in sdner objektiven Bedeutung zu erfassen und ihn - stets
gesundes Reich aufzubauen in der Lage war, in dem sich nicht mehr zwei Weltr:eligionen feündl,ich
sorgsam vergleichend mit zeitlich vorangegangenen oder nachfolgenden revolutionär en Bewegungen
giegenübeirstanden und die s:oziale und kulturelle Kluft der Völker, die sich zu ihnen bekannten,
- in die d eutsche ood zugleich die europäische Geschichte einzuordnen. Eine Fülle neuer Unter­
'weiter vertiefte. Beide aber steuerten zur Schatzkammer fortschrittlichen Ideengutes der Menschheit
suchungen, deren Wert erst in verallgemeinernder Betrachtung d eutlich wird, drängte zur theore­
einen wertvollen Beitrag bei, der den gekünstelten Phrasen der 'Ulemas ihrer Zeit ·genau so turm­
tischen Zwischenbilanz, wobei erwartungs-gemäß Desiderata präzisiert werden konnten. Es wurden
hoch überlegen war, wiie den Klag en und Gebeten orthodoxer Bischöfe und hesychastischer Mönche.
auf die vielschichtige Problematik verständlicherweise unterschiedliche Antworten erteilt, die alle,
Ihre Ideen versagten in ihrer Gegienwart, aber e'Othielten die Möglichkeit, die Geschichte ei n Stück
voranzubringen, der aufsteigenden lateinischen Welt eine sich konsolidierende is,lamisch-christliche
Zone an die Seite zu stellen. Damit durchhrachen sie den verhängnisvollen Kreis�auf periodischer t Die Diskussion entzündete sich an dem Aufsatz von 0. G. Tschaikowskaja, Über den Charakter der Reformation
Kollisionen, wie ihn F. Engels Jm Auge hatte, damit trugen sJe dazu bei, daß „ die Welt vorwärts und des Bauernkrieges in Deutschland, deutsch in: Sowjetwissenschaft. Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge,
kam". 1957, H. 6, S. 721 ff. Ihr entgegneten M. M. Smirin, Wirtschaftlicher Aufschwung und revolutionäre Bewegung
in Deutschland im Zeitalter der Reformation, deutsch in: ebenda, 1958, H. 2, S. 243 ff., und A. D. Epstein,
Reformation und Bauernkrieg in Deutschland als erste bürgerliche Revolution, deutsch in: ebenda, 1958, H. 3,
m Ich bin mir darüber im klaren, daß diese Ausführungen, so weit sie sich auf den Scheich beziehen, Hypothese S. 263 ff. Weitere Diskussionsbeiträge verfaßten: Ju. M. Grigor'jan, K voprosu ob urovne ekonomiki, o charak­
bleiben müssen, da die Quellen direkt nichts darüber aussagen. Wie weit sich meine indirekt�n De�uktionen tere Reformacii i Krest'janskoj vojny v Germanii, in: Voprosy istorii, 1958, H. 1, S. 123 ff.; J. Macek, K dis­
als haltbar erweisen, wird die Erschließung türkischen Quellenmaterials, das Frau Cvetkova 1Il Sofia durch­ kussii o charaktere Reformacii i Krest'janskoj vojny v Germanii, in: ebenda, 1958, H. 3, S. 114 ff.; S. M. Stam,
arbeitete hoffentlich in absehbarer Zeit ergeben. Als Arbeitshypothesen dürften sie ihre Berechtigung nicht Cem ze v dejstvitel'nosti bylo Reformacija v Germanii? in: ebenda, 1958, H. 4, S. 100 ff. - Über „Arbeiten
zuletzt darin finden, daß die Forschung bisher den Charakter der Bewegung nicht zufriedenstellend erhellen sowjetischer Historiker zur Geschichte des deutschen Mittelalters" berichtete M. M. Smirin in: ZfG, 1961, H. 5,
konnte, daß sowohl ihre Einheitlichkeit als auch ihre Bipolarität in Zweifel gezogen wurden. s. 1175 ff.
2 Nachdem am 5. 10. 1952 am Museum für Deutsche Geschichte eine erste Diskussion über Luther und die
deutsche Reformation geführt worden war (vgl. Bericht in: Neues Deutschland, 31. 1. 1953), erörterten die
Historiker der DDR die theoretischen Probleme erneut auf der Tagung der Sektion Mediävistik der DHG vom
21. bis 23. 1. 1960 in Wernigerode, die gleichzeitig einer ersten Grundlegung für den Lehrbuchabschnitt „Deutsch­
land von 1476-1648" diente (vgl. Sammelband „Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland" = Tagung der
Sektion Mediävistik der DHG vom 21.-23. 1. 1960 in Wernigerode. Hrsg. von E. Werner und M. Steinmetz,
Bd. 2, Berlin 1961; im folgenden zit. als Protokollband 2). Am 29. 6. 1960 konstituierte sich im Rahmen der
DHG eine Arbeitsgemeinschaft in Mühlhausen (vgl. G. Brendler, Gründung der Arbeitsgemeinschaft „Geschichte
der Reformation und des Bauernkrieges [frühbürgerliche Revolution] in Deutschland", in: ZfG, 1961, H. 1,
S. 202 ff.). Die Arbeitsgemeinschaft führte die Diskussion am 7. und 8. 4. 1961 in Halle weiter (vgl. ders.,
2. Tagung der Arbeitsgemeinschaft „Geschichte der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland", in: Mitteilungen
der DHG 1961, 2, S. 42 ff.). Die letzte größere Tagung fand am 30. und 31. 3. 1962 in Leipzig statt (vgl.
ders., Tagung der Arbeitsgemeinschaft „Geschichte der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland", in: ZfG,
1962, H. 7, S. 1676 ff.). - Zum Stand der Einzelforschung bis 1960 vgl. M. Steinmetz, Reformation und Bauern­
krieg in der Historiographie der DDR, in: Historische Forschungen in der DDR. Analysen und Berichte. Zum
XI. Internationalen Historikerkongreß in Stockholm August 1960, Sonderheft 1960 der ZfG, S. 132 ff. - Ergeb­
nisse der Arbeit am Lehrbuch zusammenfassend M. Steinmetz, Zu einigen Problemen der frühbürgerlichen Revo­
lution in Deutschland, in: Lehre, Forschung, Praxis. Die Karl-Marx-Universität Leipzig zum zehnten Jahrestag
ihrer Namensgebung, Leipzig o. J. (1963), S. 222 ff.
Zeitschrift für
AUTOR EN DI ES ES HEFTES

Dr. Lothar Berthold, Professor, Stellvertreter des Direktors des Instituts für Marxismus-Leninis­
mus beim ZK der SED, Leiter der Abteilung Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Chef­
redakteur der Zeitschrift „Beiträge zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", Berlin

Geschichtswissenschaft
Dr. Walter Markov, Professor mit Lehrstuhl, Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte,
Abteilung Neuzeit, der Karl-Marx-Universität, Leipzig
A. L. Narocnickij, Professor an der Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte, Moskau,
Chefredakteur der Zeitschrift „Novaja i Novejsaja Istorija", Moskau
Dr. Karl Obermann, Professor mit Lehrstuhl an der Humboldt-Universität zu Berlin, Abteilungs­
leiter am Institut für Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin
Dr. Herbert Schwab, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Friedrich-Schiller­ XII. JAHRGANG . 1964
Universität, Jena
Fritz Staude, Oberassistent am Lehrstuhl Geschichte des Pädagogischen Instituts, Leipzig
Dr. Werner Basler, Professor mit Lehrauftrag am Institut für Allgemeine Geschichte, Abteilung
HEFT 2
Neuzeit, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Dr. Ernst Laboor, Dozent, 1. Sekretär der Deutschen Historiker-Gesellschaft, Berlin
Dr. Wolfgang Schumann, stellvertretender Direktor des Instituts für Gesellschaftswissenschaften
beim ZK der SED, Berlin
Dr. Helmut Bock, wissenschaftlicher Arbeitsleiter am Institut für Geschichte der Deutschen Aka-
'
demie der Wissenschaften zu Berlin
Dr. Adolf Laube, Redakteur der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft", Berlin
Dr. Fritz Klein, wissenschaftlicher Arbeitsleiter am Institut für Geschichte der Deutschen Aka­
demie der Wissenschaften zu Berlin
Dr. Kurt Finker, mit der Wahrnehmung einer Dozentur am Institut für Geschichte der Pädago­
gischen Hochschule, Potsdam, beauftragt
Dr. Achim Gottberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Afrika-Institut der Karl-Marx-Universität,
Leipzig
Dr. Reinhard Kluge, Abteilungsleiter am Sächsischen Landeshauptarchiv, Dresden
Dr. Jan Salta, stellvertretender Direktor des Instituts für sorbische Volksforschung bei der Deut­
schen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Außenstelle Bautzen
Dr. Dieter Pricke, Professor mit vollem Lehrauftrag, Direktor des Historischen Instituts der Fried­
rich-Schiller-Universität, Jena
Dr. Wilhelm Ersil, Dozent am Institut für Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiter­
bewegung der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft „Walter Ulbricht",
Potsdam-Babelsberg
A. M. Sacharov, Dozent an der Historischen Fakultät der Lomonosov-Universität, Moskau, Pro­
dekan für Wissenschaftliche Arbeit der Historischen Fakultät
Dr. Heinz Lemke, wissenschaftlicher Arbeitsleiter am Institut für Geschichte der Deutschen Aka­
demie der Wissenschaften zu Berlin
Dr. Hermann H. Roth, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geschichte der Deutschen Aka­
demie der Wissenschaften zu Berlin VEB D EUTSCH ER VERLAG D ER WISS ENSCHAFTEN BERLIN