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TessloffaJ
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Ein • f.'i • Buch
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Von Monika Rößiger


Illustriert von joachim Knappe und Thomas Hammer

Tess/off[{/Verlag
Vorwort
Das Gehirn des Menschen ist eines der größten gen, wo die grauen Zellen aktiv werden, wenn je­
Wunder der Natur. Seit Jahrhunderten zerbrechen mand liest, Musik hört oder Rechenaufgaben löst.
sich Wissenschaftler und Philosophen den Kopf Für die 80er und 90er Jahre kann die Hirn For­
darüber, was in unseren Köpfen eigentlich vor­ schung zweifellos einen enormen Erkenntnisge­
geht. Wie entstehen Gedanken und Gefühle, wie winn verbuchen.
sehen wir die Welt, wie entwickelte sich das ein­ Mit dem 20. Jahrhundert endet auch das
zigartige Phänomen der menschlichen Sprache? "
"Jahrzehnt des Gehirns , in dem die Neurowissen­
Lange Zeit blieb das lnnenleben des Hirns den schaften an erster Stelle standen, vor allem in den
Forschern verborgen; es war ihnen fremd wie ein USA, Europa und Japan. Das Universum im Kopf
unbekannter Erdteil. Über Generationen erschlos­ zu enträtseln, ist das Ziel aller Expeditionen, die
sen sie das Neuland, kartografierten es Stück für noch die letzten Winkel der Hirnwindungen aus­
Stück. Am Anfang stand der recht mühselige leuchten und den feinsten Verästelungen einer
Rückschluss von Krankheitssymptomen auf be­ Nervenzelle folgen. Neue lnstrumente und Metho­
stimmte Hirnregionen und deren Funktionen. den ermöglichen es den Wissenschaftlern, immer
Zum Beispiel wurde der Zuständigkeitsbereich der tiefer ins Neuronengeflecht vorzudringen und
Sprache im 1 9. Jahrhundert an Schlaganfall-Pa­ selbst kleinste Teilchen, wie Moleküle oder Atome,
tienten entdeckt, die ihre Sprachfähigkeit einge­ zu beobachten.
büßt hatten. Dieses Buch kann nur einen winzigen
Damals konnte der Zusammenhang zwischen Ausschnitt aus dem Gebiet der Hirnforschung
Hirnschäden und körperlichen Funktionen erst wiedergeben und konzentriert sich dabei auf
nach dem Tod eines Patienten festgestellt werden, die biologischen Grundlagen. Es beschäftigt sich
wenn Wissenschaftler das Denkorgan des Verstor­ mit den Leistungen des Gehirns ebenso wie mit
benen untersuchten. Heute erlaubt die moderne Störungen und deren Folgen für den Menschen.
Technik den Blick ins Gehirn des lebenden Men­ Wenn es auch eine möglichst einfache Annähe­
schen, sogar ohne dass er betäubt und operiert rung an ein schwieriges Thema ist, so dient es
werden müsste. Mit bildgebenden Verfahren se­ hoffentlich als Anregung, sich mit dem faszinie­
hen die Forscher dem Grips quasi beim Denken rendsten Organ des Menschen weiter auseinander­
zu; am Computer-Bildschirm können sie verfol- zusetzen.

WAS
lE--i.
WAS
BAND 108

• Dieses Buch ist auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.

BILDQUELLENNACHWEIS:

FOTOS: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin: S.uu, 42o;BIIderberg, Hamburg: Stephan Elleringman·S.4 5. ·S.46reo, Georg Fischer·S.47u;
FOCUS Bildagentur/Hamburg: Science Photo library ·S. s. ·S.8u, ·13, 14, ·15, William Hubbeii·S.16, ·17, Louie Psihoyos·S.23, Louie Psihoyos·S.25, S.31u, S.32m,
S.33, ·S.Js. ·S .37 . ·5.40, Joe McNally·5.411i, ·5.42U, 44, 461io, 46llu. ·5.470, ·5.48;Gerstenberg Bildarchiv, Wietze: S.29re; Okapia Bildagentur, Frankfurt:
Joe McDonald·5.2ou, Francois Gohier·5.22re, 5cience 5cource·S.)8, 5cience 5cource·5·39· Teri ). McDermott·S.43; Scala Fotoagentur, Florenz: S.24;
Universitätsklinik, Bonn: 5.41Te; ZEFA/Düsseldorf: Danegger·5.8o, 5harpshooters·5.t2, 221i, Lenz-5.26, Kotoh·S.)O;
UMSCHLAGFOTOS: re.o: ZEFA, Düs seldorf; ll.o.: FOC!.JS/Sciene Photo llbrary, Hamburg; li.u.: Archiv für Kunst und Geschichte, Berlln; re.u.: FOCUS, Hamburg;
ILLUSTRATIONEN: )oachim Knappe und Thomas Hammer, Hamburg;
UMSCHLAGILLUSTRATION: Mitte: Norbert Kühlthau, NUr nberg;

Copyright© 1999 Tessloff Verlag, Burgschmietstr. 2·4, 90419 Nürnberg. http://www.tessloff.com


Die Verbreitung dieses Buches oder von Teilen daraus durch Film, Funk oder Fernsehen, der Nachdruck, die fotomechanische
Wiedergabe sowie die Einspeicherung in elektronischen Systemen sind nur mit Genehmigung des Tessloff Verlages gestattet.

ISBN 3·7886·0671-1
Inhalt
Meisterwerk in Leistungen des Gehirns
fünfTeilen
Was bedeutet Intelligenz? 28
Was ist das Gehirn? 4 Fördert Musik die Leistungs-
Wie ist unser Gehirn fähigkeit? 30
aufgebaut? 6 Was hat das Gehirn mit
Was sind Thalamus unseren Gefühlen zu tun? 30
und Hypothalamus? 7 Was ist das Gedächtnis? 32
Welche Rolle spielt der llirnstamm? 7 Wo befindet sich das Gedächtnis? 34
Wo sitzt der .,Autopilot" des Gehirns? 8 Was hilft beim Lernen? 35
Welche Aufgaben hat das Rückenmark? 9 Wie lernen wir sprechen?
Wie ist eine Nervenzelle aufgebaut? 10 Welche Hirnregionen beteiligen sich an der
Wieso kann eine Nervenzelle Signale Sprache? 37
übermitteln? 11 Können Tiere sprechen? 38
Wie gelangt eine Botschaft von einer
Nervenzelle zur nächsten? 12
Hirnstörungen
Wie werden die Nachrichten verschlüsselt? 13
Wie äußern sich
Was ist ein EEG? 15
Fehlfunktionen des
Wie weit entwickelt ist das Gehirn Gehirns?
eines Neugeborenen? 15 Was ist Epilepsie und
was hilft dagegen? 41

Gehirn im Alltag Wie verändert sich


das Gehirn im Alter? 42
Wie sehen wir die Welt? 17
Was bedeutet Alzheimer? 42
Wie entsteht ein Bild in
unserem Kopf? 18
Wie gut können wir Das Hirn in der
riechen? 20 Forschung
Wie anders können Tiere Kann man dem Gehirn
die Umwelt wahrnehmen?2o beim Denken
Wodurch sind wir wach und aufmerksam? 21 zusehen? 44
Wie trennt das Gehirn Wichtiges von Wie können vollständig
Unwichtigem? 21 Gelähmte wieder
schreiben? 45
Was passiert im Schlaf? 22
Kann man das Gehirn mit einem Computer
Welchen Sinn haben Träume? 24
vergleichen? 46
Was ist Stress und wie reagiert das
Wie weit sind Forscher mit der
Gehirn darauf? 25
künstlichen Intelligenz? 48
Wodurch empfinden wir Schmerzen? 26
Warum schwankt das SchmerzempAnden? 27
Das Gehirn liegt
gut geschützt in
einem Gehliuse aus
Schädelknochen.

Meisterwerk in fünf Teilen


Das Gehirn des Menschen ist das Ohne sein Gehirn hätte der Mensch GEHIRNGRÖSSE
höchst entwi­ weder die ganze Welt besiedeln Das Gehirn eines Elefanten
ckelte und kom- können, noch würde er versuchen, wiegt mindestens dreimal so
Was ist das plexeste Organ, den Weltraum zu erobern. Als Sitz viel wie das eines Menschen,
Gehirn? das die Natur je von Seele und Geist ist es jedoch aber ist er deswegen dreimal
hervorgebracht auch für llirnforscher immer noch intelligenter als der Mensch?
hat. Wegen sei­ ein Rätsel. Das Gehirn der winzigen
ner außergewöhnlich vielseitigen Das Gehirn ist ein Teil des Ner­ Spitzmaus hat einen größeren
Fähigkeiten - im Guten wie im Bö­ vensystems. Über dieses System ste­ Anteil am Körpergewicht
sen - ist es sicher auch das faszinie­ hen wir im Kontakt zu unserer Um­ als das des Menschen. Trotz­
rendste Gebilde im menschlichen welt. Wir brauchen es, um unsere dem ist und bleibt sie ein
Körper. Es kann dazu dienen, Kunst­ Umgebung wahrzunehmen. Sonst einfacher Insektenfresser.
werke zu schaffen oder Kriege an­ könnten wir nicht sehen oder hören, Weder Größe noch Verhältnis
zuzetteln, geniale Berechnungen riechen, schmecken oder fühlen. zum Körpergewicht spielen
anzustellen oder Völker zu morden. Ohne Nervensystem würde weder beim Gehirn eine Rolle.

4
unsere Atmung funktionieren noch
die Verdauung. Wir könnten unsere
Muskeln nicht gebrauchen, sprächen
weder noch bewegten wir uns aktiv

fort. Denn all das muss koordiniert
werden. Wir wären willenlos und
passiv wie ein Schwamm auf dem ,
Meeresgrund - ein primitives Tier,
das am Boden festsitzt und sich
nicht fortbewegen kann.
Räumlich betrachtet kann man
das Nervensystem in zwei Teile glie­
dern: Das innere (zentrale) mit Ge­
hirn und Rückenmark und das äu­
ßere (periphere) Nervensystem. Zu
Das GROSSHIRN ist durch- ihm gehören all die anderen Nerven,
zogen von Hirnarterien, die zum Beispiel der Arme und Beine,
sauerstoffreiches Blut vom sowie Ansammlungen von Nerven­
Herzen bringen. Sauerstoff­ zellen. Selbstverständlich gehen bei­
armes Blut wird über Hirn­ de Systeme Hand in Hand. lhre Auf­
venen abgeführt und gelangt gabe ist es, die Informationen
über die Halsvenen wieder unserer Sinnesorgane - Augen, Oh­
zum Herzen. ren, Nase, Zunge, Haut - zu verar­
beiten und die Aktivität von Mus­
keln und Drüsen zu koordinieren.
Das Gehirn liegt gut verpackt
und stark gefaltet im Kopf. Dass un­
Unsere Großhirnrinde sere Hirnrinde enorm gewunden
ist dünner als eine Orangen­
schale, nämlich nur
und gefurcht ist, spart viel Platz.
2 Millimeter dick. Aufgrund

der unterschiedlich dicht ge­


packten Nervenzellen teilt
man die Rinde in sechs
Schichten.
Unsere Großhirnrinde ist sehr stark gefaltet.
WUrde man sie entfalten, würde sie vier Blatt
Schreibmaschinenpapier bedecken. Die eines
Schimpansen würde aufein einziges Blatt
passen, die einer Ratte auf eine Briefmarke.

Mehrere Schichten schützen un­


ser Denkorgan: Unter der Kopfhaut,
aus der die Haare sprießen, liegt ei­
ne relativ stabile SchädelkapseL Sie
wird von der so genannten harten
Hirnhaut ausgekleidet, an die sich
eine durchsichtige Spinnwebhaut
mit der Hirnflüssigkeit schmiegt.
Dann folgt die weiche Hirnhaut, die
direkt auf dem Gehirn aufliegt.

5
vorn hinten

NERVENSYSTEME
Die einfachsten Nerven­
systeme haben Tiere wie See­
anemonen und Quallen. Es
sind Netze aus Nervenzellen,
die miteinander kommunizie­
ren können. Das markiert
einen großen Schritt in der
Entwicklung des Lebens: Die
Tiere zeigen aktives Verhalten,
etwa indem sie ihre Beute ein­
fangen. Die Art der Informa­
tionsübertragung funktioniert
Hypothalamus beim Menschen nach dem
gleichen Prinzip wie bei der
Qualle. Bei RegenwUrmern er­
kennt man schon erste Ansät­
ze einer "Gehirnbildung'':
Das Gehirn gliedert sich in fünf ......,."" ....... fgaben der beiden 11irn­ eine Ansammlung von Nerven­
verschiedene Tei­ ff.llrrr�'it t:eilen sich über Kreuz: zellen, die mit Sinnes- und
le. Von vorn nach ��-'1-lirnhälfte kontrolliert die Muskelzellen im Kontakt ste­
Wie ist unser
hinten betrachtet lin d es Körpers und die lin­ hen. Das erkennt man schon
Gehirn
nennt man sie ke dfeNte Körperseite. Wenn wir an einem simplen Versuch: Be­
aufgebaut?
Vorderhirn, also �n linken Arm oder das rührt man einen Regenwurm,
Zwischenhirn, linke-� Jl eben, ist dafür die rech­ zuckt er zusammen.
Mittelhirn, Hinterhirn und Nachhirn. te Hiiribltft e verantwortlich.
Das Vorderhirn, das zumindest beim �ich entsprechen sich linke
Menschen den größten Teil des Ge­ und l'(dile Hirnhälfte etwa so wie
hirns ausmacht, heißt deshalb auch linke und rechte Hand: Sie sind
Großhirn. Es ist zugleich der höchst spiegelbildlich (symmetrisch) zuei­
entwickelte Teil unseres Denk­ nander. Aber so wie sich deren Rol­
organs. Erst durch ihn sind wir in len unterscheiden - meist dient nur
der Lage, geistige Leistungen wie eine Hand zum Schreiben -, so
Schreiben und Rechnen, Dichten, praktizieren auch die beiden Hirn­
Musizieren oder Philosophieren zu hälften eine Art Arbeitsteilung. Sie
vollbringen. Intelligenz in all ihren sind unterschiedlich spezialisiert.
Ausprägungen wird maßgeblich Zum Beispiel ist die Fähigkeit zu
vom Großhirn bestimmt. sprechen nicht auf beide Seiten
Das Großhirn unterteilt sich in gleichermaßen verteilt. Sie konzen­
eine linke und eine rechte 11älfte, triert sich auf die linke Hirnhälfte.
die man auch 11emisphären nennt. Die Orientierungsfähigkeit dagegen,
Beide 11älften sind durch mehrere also wie gut wir mit einem Stadt­
Nervenfaserbündel miteinander ver­ plan umgehen können oder aus Nervensystem: Gehirn und
bunden, über die ständig Informa­ einem Labyrinth wieder herausfin­ Rückenmark bilden das Zen­
tralnervensystem. Es ist durch
tionen ausgetauscht werden. (Eine den, gehört zum Aufgabenbereich
fein verästelte Nerven mit
dieser Brücken heißt " Balken ".) der rechten Hirnhälfte. jedem Körperteil verbunden.

6
Entwicklung des Gehirns der Wirbeltiere

Das Großhirn (rosa) hat sich erst beim Menschen gewaltig entwickelt, während die übrigen Gehirnteile - Zwischenhirn (braun)
Mittelhirn (gelb), Hinterhirn (orange). Nachhirn (rot)- schon bei den niederen Wirbeltieren gut ausgebildet sind.

Die HIRNANHANGDRÜSE Das Zwischenhirn besteht aus Bei ursprünglichen Wirbeltieren wie
ist nur so groß wie ein Kirsch­ ,.-------, zwei Teilen, die Fischen, Krölen oder Krokodilen
kern. Doch wenn sie nicht Was sind Thalamus und dient er als Schaltstelle zwischen
mehr richtig funktioniert, kann Thalamus und Hypolhalamus den Sinnesorganen und Muskeln.
sie den Körper gewaltig aus Hypothala­ heißen. Der Bei den hochentwickelten Säugetie­
dem Takt bringen. Sie befindet mus? Thalamus ist ren, zu denen auch der Mensch ge­
sich 10 Zentimeter hinter der .___
______ .....� die wichtigste hört, wird diese Aufgabe überwie­
Nase direkt unter dem Groß­ Schaltstelle zwischen den Sinnes- gend vom Großhirn übernommen.
hirn, eingebettet in eine Ver­ organen und dem Großhirn. Der Der Hirnstamm ist aber trotzdem
tiefung der Schädelhöhle. Sie Hypolhalamus hat viele Funktionen. wichtig. Er ist sogar der einzige Teil
schlittet u.a. das Wachstums­ Er regelt zum Beispiel unsere Kör­ des Nervensystems, ohne den man
hormon aus. Wenn es zu viel perlemperatur und den Wasserhaus­ nicht überleben kann. Er enthält
oder zu wenig vorhanden ist, halt im Gewebe oder wie viel wir es­ ein dichtes Netz von Nervenzellen,
sind Menschen sehr groß oder sen und trinken. die an unserer momentanen Be­
sehr klein. Zum Zwischenhirn gehören auch wusstseinslage beleiligt sind. Wenn
zwei sehr spezielle Drüsen: An der du zum Beispiel an einem Hund
Oberseite liegt die Zirbeldrüse, die vorbeigehst und Hunde dich über­
für den Schlaf-Wach-Rhythmus haupt nicht interessieren, wirst du
Die ZIRBELDRÜSE, wichtig ist. An der Unterseite liegt ihn vielleichl kaum wahrnehmen.
auch Epiphyse genannt, die Hirnanhangdrüse, die Hormone Anders ist es, wenn du schreckliche
reagiert auf einfallendes produziert. Angst vor Hunden hast: Dann wür­
Licht und stellt danach die dest du einen Hund wahrscheinlich
innere Uhr. Vögel werden Das Mittelhirn bildet mit dem schon von weitem sehen und dir
direkt vom licht stimuliert: Nachhirn (ver­ überlegen, ob du vielleicht sogar die
Wenn es hell wird, längerten Rü­ Straßenseite wechselst.
Welche Rolle
erwachen sie und beginnen zu ckenmark) und Worauf wir also unsere Auf­
spielt der
zwitschern, singen oder- wie Balken den merksamkeit richten, hängt von un­
Hirnstamm?
der Hahn - zu krähen. Hirnstamm. Er seren Erfahrungen ab und wird un­
ist viel einfa­ ter anderem von unserem Hirn­
eher organisiert als das Großhirn. stamm vermittelt.

7
Das Hinterhirn oder Kleinhirn ist
eine blumen­
kohlartige Aus­
Wo sitzt der
stülpung unter
"Autopilot"
dem Großhirn. Es
des Gehirns?
beschäftigt sich
hauptsächlich
mit unseren Bewegungen. Egal, ob
du Fahrrad fährst, mit einem Ball
spielst, auf Bäume kletterst oder
Die Katze springt geschmeidig und landet fast immer
Gitarrespielen übst - das etwa aufden Pfoten, wenn sie fällt. Verantwortlich dafür ist
1 30 bis 1 40 Gramm schwere ihr relativ großes Kleinhirn.

Kleinhirn ist dabei. Sobald das


Großhirn eine bestimmte Körperbe­
wegung anregt, koordiniert das möchtest im Sportunterricht über
Kleinhirn die Reihenfolge der betei­ einen Bock springen oder Purzel­
ligten Muskeln. Falls notwendig, ak­ bäume schlagen und würdest mit­ Zur UHMUNG kommt es,
tiviert es Bewegungsabläufe beim kriegen, wie Großhirn und Kleinhirn wenn die Rückenmarksnerven
Schwimmen, Rollschuhfahren oder sich absprechen. Wahrscheinlich durch einen Unfall oder eine
Geräteturnen, die nach gewisseJ1- bliebest du wie angewurzelt stehen. Krankheit geschädigt werden.
haftem Training gespeichert wur- Das Einüben solcher genau fest­ Dann ist die Verbindung zu
gelegten Bewe­ den entsprechenden Körper­
gungsabfolgen wäre partien unterbrochen. Sie wer­
ohne Kleinhirn den "taub", das heißt, der
nicht möglich Mensch kann sie nicht mehr
man könnte es da­ fühlen. Außerdem kann er sei­
rum als ..Autopilo­ ne Bewegungen nicht steuern.
ten " , eine Art auto­
matische Steuerung, REFLEX
bezeichnen. Wenn wir etwas Heißes anfas­
Ebensowenig könn­ sen, leiten die Sinneszellen,
ten wir ohne das die unter der Haut liegen und
Kleinhirn unser den Reiz wahrnehmen, die
Gleichgewicht hal­ Information an das Rücken­
ten. Das Kleinhirn mark weiter. Dort wird sie
sorgt außerdem da­ verarbeitet: Das Rückenmark
für, dass entgegen­ sendet eine Botschaft an die
gesetzt wirkende Armmuskeln, die Hand sofort
Muskelgruppen wie zurückzuziehen. Diese auto­
Wie im ganzen Zentralnervensystem kann man im Vorderhirn eine Beuger und Strecke matische Reaktion auf einen
graue Substanz mit Zellkörpern (hier grünlich) von einer weißen
sich nicht behin- Reiz, an der das Gehirn nicht
Substanz (gelblich), die aus Nervenfasern besteht, unterscheiden.
dem, sondern brav direkt beteiligt ist, nennt man
den. Mit einer Rückmeldung ans zusammenarbeiten. Da das Klein­ einen Reflex.
Großhirn bewirkt das Kleinhirn hirn die Bewegungsabläufe aber nur
schließlich, dass die gewünschte Be­ indirekt steuert, führt dessen Verlet­
wegung ausgelöst wird. Das alles zung nicht zur Lähmung. Allerdings
geht blitzschnell und ohne, dass wir könnten wir dann unsere Bewegun­
es merken. Stell dir mal vor, du gen nicht mehr koordinieren.

8
Das Nachhirn, das auch verlän­
gertes Mark
Welche heißt, verbindet
Aufgaben hat das Rücken­
das mark mit den
Rückenmark? darüber liegen-
'-------_J den Hirn teilen
und steuert lebenswichtige Reflexe graue Substanz

- zum Beispiel Niesen, Schlucken, Der Querschnitt des Rückenmarks mit grauer
und weißer Substanz.
Erbrechen oder Husten. Auch ande-
KNOCHENMARK hat mit re lebenswichtige Funklianen wie
dem Rückenmark direkt nichts Atmen, Blutdruck und llcrzfrequenz leitet das Rückenmark die Signale
zu tun, auch wenn beide ähn­ werden von hier aus vorgegeben. der Sinnesorgane, die außerhalb des
lich heißen. Knochenmark ist Das Rückenmark ist ein etwa fin­ Kopfes liegen, zum Gehirn, das sie
ein weiches Gewebe im lnnern gerdicker Strang aus Nervengewebe dann verarbeitet - etwa was unsere
des Knochen. Dort entstehen in der Wirbelsäule. Ein Querschnitt Hände tasten. Umgekehrt meldet es
die weißen und roten Blutkör­ durchs Rückenmark sieht aus wie die Anweisungen des Gehirns an die
perchen, die für das Immun­ ein grauer Schmetterling in einem Muskeln.
system und für die Versorgung weißen Kreis. Die so genannte graue Zum Rückenmark gehören 3 1
mit Sauerstoff wichtig sind. Substanz enthält die Zellkörper. ln Nervenpaare, die jeweils zwischen
der weißen Substanz verlaufen Zell­ zwei Wirbeln aus der grauen Sub­
fasern, die in ein Bindegewebe ein­ stanz heraustreten. Diese besteht
gebellet sind. aus Zellkörpern und wird umhüllt
Das Rückenmark vermittelt zwi­ von der weißen Substanz mit Ner­
schen Kopf und übrigem Körper. So venfasern und Bindegewebe.

DIE 12 HIRN·
NERVENPAARE
• •
Die Hirnnerven­
2 Sehnerv 3 Augenbewegungen 4 Augenbewegungen paare, _insgesamt
t Riechnerv (innerer u. äußerer Augenmuskel) (oberer schräger 12, entspringen
Augenmuskel) direkt im Gehirn
(im Gegensatz zu
den 31 Nerven·
• paaren des Rük­
kenmarks). Sie
leiten Sinnesreize
6 Äußere Augen­ wie Hör- und Se·
8 Hören,
muskeln hirnpulse zum Ge·
Gleichgewicht
hirn; einige von
5 Drilli ngsnerv 7 Gesichtsnerv ihnen leiten auch
Bewegungsimpul­
se zur Gesichts­
muskulatur.
Die Bilder zeigen
die Korperteile,
mit denen sie ver­
bunden sind.

9 Zunge und Rachen 10 Lunge und Bauchorgane, 11 Kopf· und t2 Zungenbewegungen


Drüsen und Muskeln Schulterbewegungen

9
Unser Gehirn ist ein Wunder der
Kommunikation
und des Nach­
Wie ist eine
richtenaustauschs.
Nervenzelle
Es ist wie ein
aufgebaut?
Marktplatz, auf Eine typische Nervenzelle
dem viele Men- (Neuron), mehrere Tausend
Mal vergrößert. Milliarden
sehen zusammentreffen und sich
dieser Zellen stehen über
alles Mögliche zu erzählen haben: Fortsätze miteinander in
Neuigkeiten, Erinnerungen, Tratsch. Verbindung und leiten
Nervenimpulse weiter.
Um zu verstehen, welche Vor­
gänge unterm Haarschopf ablaufen,
muss man sich mit der kleinsten
Einheit des Gehirns beschäftigen: straße tummeln sich etwa 100 Milli­
mit der Nervenzelle, die man auch arden Sterne. Kannst du dir vorstel­
Neuron nennt. So eine Zelle unter­ len, dass dein Gehirn ungefähr so
scheidet sich von anderen Körper­ viele Nervenzellen enthält wie die
zellen durch einige Besonderheiten. Milchstraße Sterne? Wenn man die
Sie sieht. schon ganz anders aus: et­ Gliazellen hinzuzählt, wird die Zahl
was ,.ausgefranst" oder wie ein Wur­ noch gigantischer: Es sind etwa eine
zelballen. Das liegt an den vielen fä­ Billion Zellen in deinem Kopf, die
digen Auswüchsen des Zellkörpers. zusammen das Gehirn bilden.
Außerdem beherrscht sie die Kunst, Aus einer Nervenzelle sprießen LANGE AXONE
Signale weiterzuleiten. Ü ber ihre bis zu 1 000 Fortsätze, die man Den­ Oie Ausläufer der Nervenzel­
verzweigten Fortsätze hält sie Kon­ driten nennt. Sie empfangen die len können sehr lang werden.
takt zu anderen Zellen und emp­ Signale der benachbarten Zellen Wenn sie vom
fängt oder sendet Botschaften. und übermitteln sie an
Die Nervenzellen sind von zahlrei­ den Zellkörper. Dort
chen kleinen Hil fszellen (Gliazellen) liegt der Kern, Gehirn
umgeben, die mehrere Funktionen den Stoff- bis ins Rückenmark
haben. Als eine Art Bindegewebe ziehen, können sie beim
stützen und ernähren sie die Nerven­ Menschen bis zu einem Meter
zellen und isolieren sie voneinander. .....--::::o-­ wechsel lang sein! Noch länger sind sie
Eine weitere Besonderheit der meis- steuert und bei der Giraffe, bei der die
ten Nervenzellen ist, dass sie sich l?)
napse die notwen­ Fortsätze einiger Zellen vom
wenige Wochen nach der Geburt 1 dige Energie Rückenmark bis zu den Huf­
nicht mehr teilen bzw. vermehren bereitstellt. spitzen reichen - und Giraffen
können. Zerstörtes Nervengewebe Der Zellkörper ent­ werden etwa s Meter groß!
kann deshalb nicht nachwachsen spricht in etwa einem Telefonappa­
und ist in der Regel ein für alle Mal rat, mit dem du über unzählige Lei­
verloren. Es wird von den Gliazellen tungen andere Apparate anklingeln
ersetzt. Diese können sich zwar im­ und I n formationen austauschen
mer wieder teilen, sind aber nicht in kannst. Vom Zellkörper wird die
der Lage, Signale weiterzuleiten. Botschaft über eine spezielle Faser
Das Gehirn des Menschen be­ an andere Zellen weitergeleitet. Die­
steht aus über 100 Milliarden Ner­ se Faser, die länger ist als die relativ
venzellen. Das ist eine wahrlich kurzen Dendriten, heißt Axon. Sie
astronomische Zahl. l n der Milch- verzweigt sich auch und mündet in

10
kugelförmig verdickten Enden. Das siert in eine negative Innen- und
sind Kontaktstellen, an denen die positive Außenseite.
Information von einer Zelle zur Dieser Zustand, mit negativer In­
nächsten übertragen wird. Man nen- und positiver Außenseite, ist
nennt sie auch Synapsen. Diese der so genannte Ruhezustand der
Kontaktstellen liegen über den kür­ Zellmembran (man spricht auch von
zeren Fortsätzen der Nachbarzellen, Ruhepotential). Er muss in allen Zel­
also über den Dendriten, die ja die len dauernd aufrechterhalten oder
Nervenfaser
(Axon) Signalempfänger sind. wiederhergestellt werden. Der Ruhe­
Zwischen den Kontaktstellen und zustand entspricht einem Telefon
Dendriten ist ein kleiner Zwischen­
raum - der synaptische Spalt. Die­
sen Spalt könnte man als ein kleines
Hindernis bezeichnen, weil die In­
formation nicht direkt von einer Zel­
le zur nächsten übertragen werden
kann. Um diesen Spalt zu überbrü­
cken, muss die Information umge­
wandelt werden. Aber das hat
durchaus seinen Sinn, wie wir im
nächsten Abschnitt sehen werden.

Nervenzellen besitzen die beson­


dere Fähigkeit,
Wieso kann elektrische Sig­
eine Nerven­ nale (lmpulse)
Über den synoptischen Spalt gelangen e/ektri·
zelle Signale zu leiten. Dabei sehe Signale zur Nachbarzel/e.
übermitteln? handelt es sich
ÜMILLO GOLGI um einen phy­ mit aufgelegtem Hörer: jederzeit
(1844-1926) gelang als sikalisch-chemischen Vorgang, ähn­ bereit zu klingeln oder selbst zum
jungem Arzt zufällig, was die lich wie bei der Leitung von Strom. Telefonieren genutzt zu werden.
Neurowissenschaft enorm voran­ Strom fließt nur aufgrund unter­ Das Gegenteil ist das Aktions­
brachte: Er machte in einem schiedlich geladener Teilchen, wo­ potential der Zelle: Es dient dazu,
durch eine Spannung entsteht. Informationen weiterzuleiten. Beim
Auch zwischen Nervenzellen Telefonieren wäre das der Moment,
herrschen ..spannende" Verhältnisse. nachdem du gewählt hast und das
Das lnnere einer Zelle, die Zellflüs­ Tuten hörst. Zugleich klingelt bei
sigkeit, enthält positive und negati­ jemand anderem das Telefon.
ve Teilchen. Der Raum zwischen Damit aus einem Ruhezustand
zwei Zellen auch. Wegen der unter­ ein Aktionspotential wird, geschieht
schiedlichen Zusammensetzung der etwas sehr Interessantes: Die La­
Teilchen ist das Zellinnere negativ dungsverhältnisse an der Zellmem­
geladen. Außerhalb der Zelle bzw. bran kehren sich kurzfristig um. Das
Versuch den Grundbaustein des im Raum zwischen den Zellen über­ heißt, das lnnere wird positiv, das
Gehirngewebes sichtbar- den wiegt die positive Ladung. Die Zell­ Äußere negativ. Plötzlich strömen
Zelltyp, den man als Nervenzelle membran, die das Neuron überzieht nämlich viele positive Teilchen
oder Neuron bezeichnet. und als Grenze zwischen innen und (Natrium-lonen) von außen in die
außen wirkt, wird dadurch polari- Zelle und laden sie positiv auf.

11
Diese Spannungsumkehr bzw. wird. Sie wechselt zwischen zwei
das Aktionspotential ist ein Signal Zuständen, je nachdem, wo sie sich
wie Telefonklingeln. Allerdings dau­ befindet. Ü ber die Nerven Faser
ert es nur den Bruchteil einer Se­ (Axon) bewegt sie sich in Form von
kunde. Kaum ist das passiert, stellt elektrischen lmpulsen (Aktionspo­
die Zelle den Ruhezustand wieder tentiale). Da diese den Übergang
her. Nur so kann sie weitere Signale von einer Zelle zur nächsten (synap­
empfangen. tischen Spalt) nicht überspringen
Dazu fließen positive Teilchen können, musste sich die Natur et­
(diesmal Kalium-Ionen) aus der was einfallen lassen. An den Kon­
Zelle nach draußen, bis drinnen die taktstellen (Synapsen) werden die
negativen Teilchen wieder in der elektrischen Signale umgewandelt
Mehrheit sind. Das ist so, wie du in chemische Signale, so genannte
nach dem Telefonieren den Hörer Botenstoffe. Das AKTIONSPOTENTIAL
wieder auflegst. Sonst könntest du Ein Aktionspotential könnte man erreicht immer eine bestimmte
keine weiteren Nachrichten empfan­ mit einem reitenden Boten in einer Höhe von rund 120 Millivolt
gen, und jemand, der versucht, dich Zeit vergleichen, als es weder Eisen­ (Milli = Tausendstel). Zum Ver­
anzurufen, würde dauernd das bahn, noch Auto oder Flugzeug gleich: ln der Steckdose ist die
Besetzt�eichen hören. gab. An Land war ein Pferd das Spannung mit 220 Volt mehr
schnellste Verkehrsmittel. Der Kurier als tausendmal größer.
Es ist in etwa wie bei einem (das Aktionspotential) reitet also im
Staffellauf, bei Galopp seinen Weg (das Axon) ent­
Wie gelangt dem aber statt lang, bis er auf einen Fluss (synapti­ Die Läufer beim Staffellauf
eine Botschaft eines Holzstabs schen Spalt) stößt. Der Fluss ist zu sprinten jeweils nur ein kurzes
Stück der Strecke, die der Stab
von einer Informationen breit, um drüberzuspringen, zu tief,
zurücklegt. Ähnlich ist es bei
Nervenzelle übertragen wer­ um hindurchzureiten, und eine Brü­ den Botenstoffen, die ein
zur nächsten? den. Der Unter- cke gibt es nicht. für den Reiter ist Signal von einer Zelle zur
nächsten übertragen: Sie ab·
schied ist jedoch, der Fluss also ein unüberwind­ solvieren relativ kurze Sprints.
dass die Information nicht gleich­ bares Hindernis. Nicht aber für
bleibend wie der Stab weitergereicht einen durchtrainierten Schwimmer,
Auf beiden Aufnahmen von Gewebe der menschlichen Großhirnrinde sind jeweils drei Nervenzellen sichtbar (rund 36oo-mal
vergrößert). Neuronen kommen in unterschiedlichen Größen und Formen überall im Nervensystem vor.

der am Ufer an einer Ü bergabe-Sta­ Kennst du das Spiel ..Stille Post"?


tion (Synapse) auf den Reiter war­ Ein unterhalt-
tet. Er übernimmt die Nachricht sames Spiel, bei
Wie werden die
ZELLEN UND ZAHLEN und bringt sie auf die andere Seite dem man sich
Nachrichten
Ein Stück Gehirn von der Grö­ des Flusses. Dort wartet der nächste gegenseitig et-
verschlüsselt?
ße eines Reiskorns enthält ei­ Reiter, übernimmt die Botschaft was zuflüstert.
ne Million Nervenzellen, 10 und sprengt davon. Bis er auf den Einer denkt
Milliarden Kontaktstellen nächsten Fluss trifft und die Nach­ sich ein paar Sätze aus und sagt sie
(Synapsen) und Nervenfasern, richt wieder abgibt - an einen der seinem Sitznachbarn ins Ohr. Der
die zusammengenommen schwimmenden Boten. sagt's dem nächsten usw. Da jeder
mehr als 30 Kilometer lang Das Praktische beim Staffellauf nur einen Teil der Wörter versteht
sind. Jede dieser Nervenzellen ist, dass jeder nur eine relativ kurze und behält, geht zwischen den Spie­
steht mit 10 ooo anderen Zel­ Strecke sprinten muss und hinterher lern eine Menge Information verlo­
len in Verbindung. neue Kräfte für den nächsten Ein­ ren. Am Ende kommt irgel'ldetwas
satz sammeln kann. Unsinniges heraus, was mit den ur­
lm Nervensystem dienen speziel­ sprünglichen Sätzen kaum noch et­
le Moleküle dazu, die im Aktions­ was zu tun hat. Nicht auszudenken,
potential enthaltene Botschaft über wenn unser Nervensystem wichtige
den synaptischen Spalt zu transpor­ I n formationen nach dem Stille­
tieren. Sie heißen Neurotransmitter Post-Prinzip weitergeben würde.
(Neuro = Nerv, Transmitter Ü ber­= Um so einen Datensalat zu verhin­
träger). Physikalisch betrachtet be­ dern, wird die Information in aus­
wirken die Neurotransmitter, dass geklügelter Weise verschlüsselt.
sich an der Membran der Nachbar­ Weitergeleitet werden nur Aktions­
zelle - " am anderen Ufer" - die La­ potentiale, die immer gleich groß
dungsverhältnisse verändern. Da­ sind. Das heißt, die Nervenzelle
durch gerät diese Nervenzelle aus funktioniert nach dem .,Alles-oder
dem Ruhe- in den Erregungszu­ Nichts-Prinzip": Entweder ist sie im
stand, bildet also ebenfalls ein Ak­ Ruhe- oder im Erregungszustand.
tionspotentia I. Dazwischen gibt es nichts.

13
Das EEG (Hirnstromblld)
spielt nicht nur bei der Unter­
suchung der normalen Gehirn­
aktivität eine wichtige Rolle,
sondern dient auch zum Nach­
weis von Hirnstörungen, wie
Epilepsie oder Geschwüren
(Hirntumoren).

Hirnstromkurven, die durch Elektroden vom Schädel abgeleitet werden, ermöglichen Rück­
schlüsse aufdie Gehirntätigkeit bei der Verarbeitung von Sinnesreizen.

Ob ein Reiz stark oder schwach lässt sich noch verfeinern. Beim
ist, verdeutlicht die Nervenzelle über Staffellauf könnte der Bote auch
die Häufigkeit des Aklionspoten­ ans andere Ufer schwimmen,
tials. Je stärker der Reiz, desto mehr mit einer Nachricht, die lautet: kein
Aktionspotentiale übermittelt sie Einsatz. Der Reiter darf sich aus­
pro Zeiteinheit. Und die Häufigkeit ruhen, das Pferd bleibt im Stall.
(Frequenz) ist ein eindeutiges Maß, So funktioniert das auch bei der
mit dem sich über weite Strecken Nervenzelle.
Informationen übermitleln lassen, Der Botenstoff kann zweierlei
ohne dass sie verloren gehen. Nach Nachrichten übermitteln. Entweder
diesem Prinzip werden Musik und ruft er an der Nachbarmembran ein
Sprache im Radio übertragen. Das Aktionspotential hervor. Oder er ln der FREQUENZ -der
Aktionspotential ist also die Antwort macht genau das Gegenteil, indem Zahl der Aktionspotentiale
der Nervenzelle auf eine Verände­ er das Ruhepotential kurzfristig ver­ pro Zeiteinheit - spiegelt sich
rung in der Umwelt, auf einen Reiz. stärkt. Im ersten Fall sprechen Wis­ die Intensität wider, mit der
Stell dir vor, du stehst am Stra­ senschaftler von einem erregenden eine Nervenzelle Signale
ßenrand und wartest, dass die Fuß­ Potential (abgekürzt EPSP), im aussendet. Einige Neuronen
gängerampel auf Grün springt. Der zweiten von einem hemmenden Po­ können bis zu soo Aktionspo­
Moment, in dem das geschieht, ist tential (IPSP). tentiale pro Sekunde (soo
der Reiz, auf den bestimmte Um die Stärke eines Reizes zu Hertz) abfeuern; üblicher sind
Zellen der Augen mit einem Ak­ demonstrieren, funktionieren die jedoch Frequenzen zwischen
tionspotential reagieren. Er wird in chemischen Botenstoffe nach einem 10 und so Hertz. Eine Nerven­
Windeseile weitergeleitet: von den anderen Prinzip als das Aktionspo­ zelte, die nur ein bis zwei Ak­
Augen zum Gehirn, im Gehirn von tential mit seiner immer gleichen tionspotentiale pro Sekunde
einem Ort zum anderen und von Höhe. Bei den Botenstoffen ist die abfeuert, gilt als langsam.
dort in die Beinmuskeln. Nun Menge schrittweise verstellbar. Sie
kannst du über die Straße gehen. häufen sich an. Erst, wenn ihre
Ohne Aktionspotential kann kein Summe einen bestimmten Schwel­
Nervensystem funktionieren, egal ob lenwert überschreitet, kommt es zu
beim Menschen oder Tier. einem Aktionspotential und damit
Diese Kommunikalionsmethode zu einer lnformationsweiterleitung.

14
Oie elektrische Aktivität unse- ßeren Ausschlag (Amplitude) haben
res Gehirns ist als die schnelleren Wellen. Diese tre­
messbar. Dazu ten bei offenen Augen auf.
Was ist ein dient das 1-lirn­ Oie im 1-lirnstrombild gemesse­
EEG? strombild (Elek­ nen Spannungsschwankungen sind
tronencephalo- keine Aktionspotentiale, sondern
L--
- -----_. gramm, kurz � PSP (siehe Seite 14), die in den
EEG). Es zeichnet Spannungs­ Kontaktstellen zwischen zwei Ner­
schwankungen auf, die mit Hilfe venzellen (Synapsen) entstehen.
von Elektroden von der Kopfhaut
abgeleitet werden. Beim Fötus im Mutterleib ent­
Bei einem wachen Menschen steht das Ge-
zeigt sich schon ein deutlicher Wie weit entwi­ hirn aus einer
Unterschied im EEG, je nachdem, ckelt ist das Zellschicht, die
ob er die Augen offen oder ge­ Gehirn eines sich erst einmal
schlossen hält. Bei geschlossenen Neugeborenen ? zu einem rohr­
Augen zeichnet der Schreiber relativ förmigen Ge­
langsame Wellen auf, die einen grö- bilde umformt ("Neuralrohr"). Aus
ihm stülpen sich fünf Bläs­
chen, aus denen sich dann
die fünf 1-lirnteile Vorder-,
Zwischen-, Mittel-, Hinter­
und Nachhirn entwickeln. So
entsteht nicht nur das Ge­
hirn des Menschen, sondern
das Gehirn aller Wirbeltiere.
25 Tage 5 Monate 7 Monate 9 Monate
Obwohl die Mehrheit der
Nervenzellen bei Geburt
schon vorhanden ist, wiegt
das Gehirn eines Babys nur
ein Viertel des Erwachsenen­
hirns: rund 400 Gramm.
Nach einem OreivierteUahr
wiegt es doppelt so viel. Bei
fünf bis siebenjährigen Kin­
dern ist das Gehirn fast aus­
gewachsen und wiegt dann
ungefähr 1 300 Gramm. Sein
endgültiges Gewicht erreicht
es im Alter von zehn Jahren.
Die Angaben über das
durchschnittliche 1-limgewicht
beim Menschen schwanken
zwischen 1 100 und 1600
Bei diesem nur wenige Wochen alten
Fötus ist das Gehirn in Umrissen
erkennbar. Oben ist schematisch die
Entwicklung des menschlichen
Gehirns bis zur Geburt dargestellt.

15
Gramm. Der Gewichtsunterschied sich nicht bewähren, werden aufge­
zwischen dem Hirn eines Babys und löst. Die kleinen "grauen Zellen "
dem eines Erwachsenen kommt un­ knüpfen ihre Beziehungsnetze also
ter anderem dadurch zustande, dass in gewissem Maße selbst und eigen­
die Nervenzellen beim Baby nicht verantwortlich.
ausgewachsen sind. Sie vergrößern Damit die Nervenzellen später
sich noch und bilden außerdem vie­ zuverlässig und schnell funktionie­
le Fortsätze und Verknüpfungen. ren, müssen sie aktiv sein. Das Ge­
Bis Anfang der 80er Jahre des hirn bzw. der Säugling braucht des­
20. Jahrhunderts galt die Theorie, halb unbedingt Anregungen.
dass sich die Nervenzellen im Gehirn Wichtig ist eine Vielfalt von Reizen,
nach einer Art Schaltplan verknüp­ die die Sinne von Säuglingen an­
fen. Das Muster dieses Plans sei in sprechen. Wenn ihre Neugierde und
den Erbanlagen vorgegeben, und Aufmerksamkeit geweckt werden -
das Gehirn könne erst arbeiten, zum Beispiel durch Ansprechen,
wenn die Verbindungen stünden. Auf-den-Arm-Nehmen, Bilderzeigen
Inzwischen haben Wissenschaftler - steigt die Aktivität im Gehirn. Ver­
herausgefunden, dass sich das Hirn knüpfungen ändern sich oder ent­
anders entwickelt. Es beginnt mit stehen ganz neu.
vorläufigen Verbindungen zwischen Unter umgekehrten Bedingun­
den Nervenzellen. ln einem Wech­ gen kann sich die Entwicklung sehr
selspiel aus Erfahrungen mit der verlangsamen. Das haben Untersu­
Umwelt und Wachstumsvorgängen, chungen an Babys gezeigt, die wäh­
die im Erbgut programmiert sind, rend ihres ersten Lebensjahres von
verstärken die Nervenzellen ihre den Eltern wenig beachtet wurden.
Kontakte untereinander. Das gilt für Mehr als 85 Prozent dieser Kinder
die Verbindungen, die sich als nütz­ konnten im Alter von drei Jahren
lich erweisen. Andere dagegen, die noch nicht laufen.

Je stärker ein Neuron verästelt


ist. desto mehr Verbindungen
kann es mit anderen Nerven·
zellen eingehen. Im Verlauf
des normalen Alterungs­
prozesses werden diese
Verknüpfungen weniger.

16
Komplex verknüpfte Nervenzellen:

Gehirn im Alltag
die Bosis aller Hirnfunktionen

WAHRNEHMUNG Jedes Lebewesen, egal ob weise für Helligkeit. lm Dunkeln


Lange Zeit war unklar, wie das Mensch oder Tier, nämlich, wo für uns .,alle Katzen
Gehirn arbeitet, wenn man kann immer nur grau sind", übertreffen eben jene
sich etwas nur vorstellt, aber Wie sehen wir einen Teil seiner Katzen oder Eulen uns beträchtlich
nicht wirklich vor sich sieht. die Welt? Umwelt wahr­ an Sehfahigkeit. Sie unterscheiden
Ist es ein Unterschied, wenn nehmen. Je nach mehr Grautöne als wir. Dafür spielen
du in einer Bäckerei eine Torte Spezialisierung Farben bei ihnen eine untergeord­
betrachtest oder dir bei Appe­ seiner Sinnesorgane erschließt sich nete Rolle.
tit in Gedanken eine ausmalst? ihm nur ein bestimmter Ausschnitt Menschen dagegen leben in
ln einem Versuch konnte nach­ der Welt. Wir Menschen sind zum einer bunten Welt. Dabei ist nicht
gewiesen werden, dass die Beispiel .,Augentiere". mal das Kriterium Farbe ein objekti­
Stelle im Gehirn, die Sinnes­ Unser Gehirn ist bestens für die ves, unverrückbares Merkmal, son­
eindrUcke aus den Augen emp­ Verarbeitung von Lichtsinnesreizen dern ..Ansichtssache". Ein Schnee­
fangt, auch dann aktiv ist, ausgestattet. Genau genommen gilt glöckchen und eine weiße Rose sind
wenn man sich etwas einbildet. das aber nur bei Tage beziehungs- für uns gleich weiß. Eine Biene sieht

17
beide Blumen ganz anders. lnsekten nehmung hat auch eine persönliche
wie sie nehmen nämlich auch ultra­ Komponente. Welche Informationen
violettes Licht wahr, das für uns un­ unserer Sinne auch immer auf uns Als U LTRAVIOLETIES LICHT
sichtbar ist. Sie sehen zwei verschie­ einströmen - sie alle werden im Ge­ bezeichnet man die Sonnen·
dene Farben, weil die Blütenblätter hirn gefiltert und weiterverarbeitet strahlen, die z.B. unsere Haut
einer Rose anders strukturiert sind Was dann in unser Bewusstsein bräunen. Bei zu hoher Dosis
als die eines Schneeglöckchens. Hät­ dringt, ist also keineswegs ein führen sie zum Sonnenbrand
ten wir die Augen einer Biene, sähen Abbild unserer Umwelt. Eher ein und können der Haut schweren
wir beide Blüten in verschiedenen Extrakt der Verarbeitungsprozesse in Schaden zufügen.
Lila tönen. unseren Hirnwindungen - angerei­
lnsektengehirne, so winzig sie chert mit Erfahrungen und Vorstel­ Die SEHGRUBE ist eine
nach unserem Maßstab sind, verar­ lungen über die Welt, wie wir sie kleine Einbuchtung in der
beiten Bildinformationen zudem erleben. Man könnte das auch Mitte des Augenhintergrunds,
schneller als wir. Wo für uns hinter­ als persönliches Gesamtkunstwerk wo die Sehzellen besonders
einander gezeigte Bilder zu einem bezeichnen, ein Mosaik unserer Au­ dicht stehen. Hier ist die Seh­
Film verschwimmen, unterscheiden ßen- und Innenwelt. schärfe optimal.
Insekten noch einzelne Bilder. Stell ln der Sehgrube von Greif·
dir vor, du könntest mit einer Ho­ Wenn du im Sportunterricht an vögeln findet man bis zu
nigbiene sprechen und sie mit ins ..------. einem Ballspiel fünfmal mehr Zellen als in
Kino nehmen. Nach kurzer Zeit teilnimmst, der von Menschen. Der Adler
Wie entsteht
würde sie gähnen und sagen: "Was konzentrierst hat sogar zwei Sehgruben!
ein Bild in
ist denn das für 'ne langweilige du dich be­
" unserem Kopf?
Diashow? Die Filmgeschwindigkeit sonders auf das
von rund 30 Bildern pro Sekunde ist hin- und her-
für ihre hoch entwickelten Kom­ sausende runde Ding. Wahrschein­
plexaugen zu langsam. Um einer lich wirst du den Ball nicht aus den
Biene einen interessanten Kino- Augen lassen. Deine Augen sind al­
so das Eingangstor für die
vielen Informationen, die
dein Gehirn blitzschnell
während des Spiels verar­
beitet: Du siehst Farben, Zahlreiche Kilnstier haben
"Augenfallen" erfunden, Zeich­
Formen oder Bewegungen nungen von unmöglichen Ob­
in unterschiedlicher Ge­ jekten. Diese Drei-Balken-Kon­
struktion kann nicht existieren.
schwindigkeit und rea­
gierst darauf, indem du
versuchst, den Ball selbst Am BLINDEN fLECK
zu fangen oder deinem der Netzhaut sammeln sich die
Mitspieler den Rücken Fasern aller Ganglienzellen
Für Honigbienen ist es lebenswichtig, dass sie viel mehr 8/ü· freizuhalten. Aber bevor und treten als Sehnerv aus
ten{arben wahrnehmen als wir. du so weit bist, müssen dem Auge aus. Hier gibt es
abend zu gestalten, müsste man deine Augen aktiv sein. Alles, was keine Sinneszellen, die eine
über 200 Bilder pro Sekunde zeigen, du siehst, wird auf die Netzhaut im Abbildung registrieren könn­
und für manche Libellenarten sogar Augeninneren übertragen. ten. Trotzdem "sehen" wir kein
über 400 Bilder. Die Netzhaut besteht aus über Loch, sondern der fehlende
Wie wir unsere Umwelt wahrneh­ 1 20 Millionen von Sehzellen, die Bildteil wird im Gehirn aus der
men, hängt nicht nur mit den Sin­ man in zwei Gruppen einteilt: Zap­ Umgebung ergänzt.
nesorganen zusammen. Die Wahr- fen und Stäbchen. Beide Zelltypen

18
Netzhaut
Hornhaut

Vom Auge ins Gehirn


Die von den Augen gesam­
melten Informationen werden
an das Sehzentrum im Hinter­
kopf weitergegeben. Das linke
und das rechte Auge sehen das
gleiche Objekt, allerdings aus ver­
schiedenen Blickwinkeln. Informationen
von der rechten Seite des linken Auges und
von der rechten Seite des rechten Auges erreichen
die rechte Seite des Sehzentrums in der Großhirnrin-
de. An der Sehnervenkreuzung kreuzen sich die Informationen.

TEST : sind Spezialisten für verschiedene von verschiedenartigen Nervenzel­


Halte dieses Buch mit ausge­ Aufgaben. Die eher zapfenförmigen len, die sich zu so genannten Gan­
strecktem Arm von dir weg und Zellen sind dazu da, Farben zu glienzellen zusammengeschlossen
schließe das rechte Auge. Bli­ unterscheiden. Die länglichen Stäb­ haben. Die Sehnerven beider Augen
cke auf den rechten Kreis und chen halten Hell und Dunkel aus­ treffen hinter der Augenhöhle auf­
fUhre das Buch langsam näher einander, sind aber "farbenblind ". einander und überkreuzen sich teil­
ans Auge heran. Der linke Die Zapfen brauchen viel Licht, um weise. So gelangt zum Bei�piel die
Stern verschwindet, wenn sein arbeiten zu können. Deshalb kön­ lnformation über einen von links
Abbild sich auf dem blinden nen wir bei Dunkelheit keine Farben heranfliegenden Ball auf die rechte
Fleck im Auge befindet. Er er­ mehr erkennen. Die Sehzellen sind Seite des Gehirns. Wie schon gesagt,
scheint wieder, wenn du das genau genommen umgewandelte ist die Information verschlüsselt und
Blatt weiter heranführst Nervenzellen; das heißt, sie können der Ball existiert nicht als ,.Bild" im
elektrische Signale empfangen Gehirn, sondern in Form von
und weiterleiten. Man könnte elektrischen Impulsen. Die Ver­
den Vorgang des Sehens viel­ arbeitung der Informationen
* leicht mit dem Verschlüsseln von geschieht im Zwischenhirn, im
Informationen in Klopfzeichen ver­ Sehzentrum der Großhirnrinde und
gleichen: Das, was du siehst, wird in weiteren Arealen. Dabei sind noch
elektrische Signale umgewandelt viele Fragen offen, etwa wie unser
und über den Sehnerv vom Auge Eindruck von einem schnell fliegen­
ans Gehirn geleitet. l m Sehnerv ver­ den Ball entsteht und wie wir ihn
einigen sich etwa eine Million Axo­ von den herumspringenden Mitspie­
ne der Netzhaut. Es sind die Fasern lern trennen können.

19
Unser Geruchssinn ist nicht so nennen. Das könnte daran liegen, Hunde haben eine viel größere
Riechschleimhaut als der
gut entwickelt dass die Verbindung zwischen Mensch - darum ist sie auch
wie der mancher Sprech- und Riechzentrum nicht viel stärker gefaltet. Nach
Wie gut krasser ist der Unterschied,
Tiere. Berühmt besonders ausgeprägt ist.
können wir wenn man die Riechzellen
für ihre Spürna­ Gut verbunden ist das Riechzen­ zählt: Beim Menschen sind es
riechen?
sen sind zum trumjedoch mit dem Gedächtnis; bei­ 5 Millionen, beim Dackel 125
Millionen!
.___
______ _, Beispiel Hunde de Bereiche tauschen Informationen
oder Schweine. Hunde erschnüffeln miteinander aus. Deshalb verknüpfen
verschüttete Menschen unter Lawi­ wir Erinnerungen ofl mit Düften.
nen oder eingestürzten Häusern. Im Umgekehrt kann ein bestimmter Ge­
Dienste der Polizei finden Hunde ruch in uns ein Ereignis wachrufen,
auch Drogen oder Sprengstoffe. das viele Jahre zurückliegt. Die RIECHSCHLEIMHAUT
Schweine führen ihren Herrn zu den ist mit Geruchssinneszellen
bei Feinschmeckern so begehrten ln unserer Umwelt gibt es viele besetzt, deren Fortsätze den
Trüffelpilzen, die unsichtbar unter Reize, für die Riechnerv bilden. Der Riech­
der Erde wachsen und die wir nicht Wie anders wir gar keine nerv mündet im Vorderhirn.
riechen können. können Tiere "Antennen"
Die Wahrnehmungsschwelle für die Umwelt bzw. Sinnes­
einen Geruchsreiz liegt beim Hund wahrnehmen? organe haben. Unser GESCHMACKSSINN
erheblich niedriger als beim Men­ -------' Zugvögel wie ist am wenigsten entwickelt,
schen: Schon ein Teilchen (Molekül} Störche oder Kraniche sind berühmt denn die Geschmacksknospen
eines Duftstoffes in einem Kubik­ für ihre Navigationskünste. Sie ha­ auf der Zunge und der Innen­
millimeter Luft kommt im Hunde­ ben so etwas wie einen Kompass im seite des Mundes unterschei­
hirn als Signal an. Wir brau­ den nur zwischen süß und
chen mindestens 1 0 Millionen sauersowie bitter und salzig.
Moleküle pro Kubikzentime­
ter Luft, damit unser Riech­
zentrum im Gehirn ange­
sprochen wird. Das bedeutet
aber noch nicht, dass wir
den Geruch dann erkennen
und einordnen können. Da­
zu ist eine viel höhere Dosis
nötig, die je nach Duftstoff Schlangen können mit einer
schwankt. Immerhin 1 0 000 Sinnesgrubezwischen Augen
und Nase feinste Wärmestrah­
Geruchsnoten können Men­ lungen wahrnehmen und so
schen unterscheiden, aber ihre Beute auch in völliger
Dunkelheit finden.
nur wenige mit Worten be-

20
Kopf, mit dem sie sich am Magnet­
feld der Erde orientieren können.
Das ermöglicht ihnen, Langstre­
ckenAüge von mehreren Tausend
Kilometern zurückzulegen. Klapper­
schlangen verfügen ebenfalls über
besondere Fähigkeiten: Sie "sehen"
Formatio --=�1
Temperaturunterschiede, weil sie am reticularis
Kopf mit entsprechenden Sinnes­
organen ausgestattet sind - kleinen
Vertiefungen in der Haut. Mit ihnen Mittel von außen beeinflusst werden
können sie Warmblüter wie Mäuse kann. Dazu gehören Schlaftabletten,
oder Kaninchen orten - ihre be­ Aufputschmittel oder Drogen.
vorzugte Beute. Während aufputschende Sub­
Haie, Rochen und andere stanzen (schon ein starker Kaffee
Fische bemerken sogar elek­ oder Tee) die Aktivität des Nerven­
trische Felder. Ein Hai fühlt netzes beschleunigen, bewirken
mit Hilfe seines Elektrosinns, Schlafmittel oder Drogen wie LSD
der rund um die Schnauze das Gegenteil. Was bei der im Che­
sitzt, die elektrische Spannung, mielabor hergestellten Substanz
die etwa durch den Herzschlag LSD "bewusstseinserweitemd" ge­
Schnecke eines Fisches erzeugt wird. Solche nannt wird, ist im Grunde eine ex­
Beispiele zeigen, dass Tiere - je trem gesteigerte Aufmerksamkeit.
HöREN nach Art - in einer ganz anderen Da die Aktivität des Netzes herabge­
Im Mittelohr bilden drei Ge· Welt leben als wir. setzt ist, kann es seine Filterfunk­
hörknöchelchen - Steig- tion nicht ausüben. Außerdem ist
bügel, Amboss und Hammer­ Ein dichtes Netz von Nervenzel- der Verstand ziemlich außer Kraft
eine Brücke, die den Schall zur len sorgt dafür, gesetzt, weil die Großhirnrinde nicht
Schnecke überträgt. Dort dass wir wach aktiviert wird. Sinneseindrücke wie
Wodurch sind
werden die Schallwellen in bleiben. Es er­ Farben, Klänge oder Gerüche wer­
wir wach und
Nervenimpulse umgewandelt streckt sich vom den übertrieben, weil ungefiltert,
aufmerksam?
und zur Auswertung ins Rückenmark ins wahrgenommen. Eine derart Yerzerrte
Gehirn geleitet. '-------_J Nachhirn und Wahrnehmung kann zu gefährlichen
von dort bis ins Mittelhirn. Auf Sinnestäuschungen führen.
Lateinisch heißt diese spezielle
Formation von Zellen " Formatio Ständig strömt eine Vielzahl von
reticularis". Informationen
Teile dieses Nervennetzes senden Wie trennt das und Eindrücken
dauernd bestimmte elektrische Sig­ Gehirn auf uns ein; al­
nale, die uns aktivieren. Sobald die­ Wichtiges von le Sinnesorgane
ser Zustrom unterbrochen wird, ver­ Unwichtigem? haben etwas zu
siegt unsere Aufmerksamkeit. Wir melden. Das ist
fallen in den Schlaf oder in einen viel zu viel, um gleichermaßen in
ähnlich unbewussten Zustand wie unser Bewusstsein zu dringen. Un­
Ohnmacht, Narkose oder Rausch. sere Wahrnehmung wechselt zwi­
Das Nervennetz reagiert empfindlich schen bewusst und unbewusst. Du
auf bestimmte Substanzen, so dass kennst sicher folgendes Phänomen:
der Bewusstseinszustand durch Auf dem Schulhof stehen in der

21
großen Pause viele Gruppen von Dieser Wechsel zwischen Auto­ AUFMERKSAMKEIT
Schülern zusammen und unterhal­ matisierung und kontrollierter Auf­ ln der Psychologie unter­
ten sich. Trotz des Lärms bist du merksamkeit dient im Prinzip als scheidet man die automati­
ganz mit den Leuten beschäftigt, Filter. lhm liegen unterschiedliche sche Aufmerksamkeit von der
mit denen du sprichst. Was nebenan Hirnaktivitäten zu Grunde. Was die kontrollierten Aufmerksam­
geredet wird, bekommst du nicht Sinnesorgane melden, wird erst ein­ keit. Vereinfacht kann man sa­
mit, solange du nicht gezielt hin­ mal verarbeitet, ohne unsere Auf­ gen, dass wir viele Dinge im
hörst. Es ist wie Rauschen im Hinter­ merksamkeit zu wecken. Sobald die Alltag automatisch oder fast
grund. Falls aber dein Name fällt, Routine durch etwas Unvorhergese­ unbewusst bewältigen: vom
spitzt du wahrscheinlich die Ohren. henes durchbrachen wird, schaltet morgendlichen Zähneputzen,
Das zeigt, das unser Gehirn viel sich unter anderem das Kurzzeit­ Anziehen über Frühstücken,
mehr registriert, als uns bewusst ist. gedächtnis ein. Ranzen packen, Zur-Schule­
Es gibt unterschiedliche Grade Gehen. Kontrollierte Aufmerk­
von Aufmerksamkeit oder Bewusst­ Schlafen ist nicht das Gleiche wie samkeit setzt dann ein, sobald
sein. Je nachdem, worauf wir uns Ohnmacht oder etwas nicht nach Plan läuft ­
gerade konzentrieren. Was wir kön­ die vorher be- zum Beispiel die Milch über­
nen, erledigen wir nebenbei. Du Was passiert schriebenen kocht - und wir blitzschnell
weißt aus eigener Erfahrung, dass im Schlaf? unbewussten reagieren müssen. Oder in
du ein!ge Dinge nebenbei, also wie Zustände. Kör­ Situationen, die gefährlich
von selbst, erledigen kannst. Andere per und Geist werden können, etwa wenn wir
dagegen fordern deine volle Auf­ brauchen Ruhephasen. Sie sind eine Straße überqueren.
merksamkeit und Konzentration. lebensnotwendig, so wie Atmen, Kontrollierte Aufmerksamkeit
Wenn du zum Beispiel gut Tischten­ Essen und Trinken. Während wir brauchen wir außerdem, um
nis spielen kannst, reagierst du schlafen, können sich die meisten etwas Neues zu lernen - eine
schon fast automatisch auf den her­ unserer Organe erholen, die Zellen Sportart, ein Musikinstrument
anspringenden Ball. Aber am An­ machen sich verstärkt an die Repa­ oder eine Fremdsprache.
fang, als du das Spiel gelernt hast, ratur von Schäden oder Wunden.
war das sicher schwieriger, und du Das Sigr1al zum Schlafen kommt
musstest dich anstrengen, den Ball von innen, und zwar je nach Bedarf.
zu treffen. Das muss nicht immer nachts sein.
Wenn du mal eine
Nacht aufgeblieben
bist, sei es, weil du
nicht einschlafen
konntest oder weil du
Silvester gefeiert hast,
dann fordert der Kör­
per meist am nächsten
Morgen seinen Tribut: DELFINE schlafen abwech­
Du gähnst am hell­ selnd mit dem linken und dem
lichten Tage und bist rechten Gehirn. Die jeweils
müde. Manchmal so wache Gehirnhälfte sorgt da­
sehr, dass du auf der für, dass der Delfin immer
wieder an die Oberfläche
Konzentration, zum Beispiel
schwimmt und Luft holt.
outein Buch, kann dazu
führen, dass man seine
Umgebung "vergisst".

22
Hirnstromkurve (EEG)

Man unterscheidet mehrere Schlafphasen, die sich drei- bis fünfmal während des Schiofens wiederholen. Beginnend mit dem
entspannten Wachzustand und dem Einschlafstadium, schließt sich eine Phase des Leichtschlafs und mitteltiefen Schlafs an.
Dann treten die REM-Phasen auf, die für Träume typisch sind.

Stelle einschlafen könntest. schnellen Augenbewegungen bei


Der Schlaf lässt sich in verschie­ geschlossenen Lidern. Nach dem
dene Phasen einteilen. Einige englischen Begriff "rapid eye move­
kennst du aus eigener Erfahrung: ments" nennen Wissenschaftler die­
Tiefschlaf ist anders als der Halb­ se Phase kurz REM-Schlaf.
REM-SCHLAFDAUER schlaf, etwa kurz nachdem der We­ ln der Traumphase schlägt das
Bei einem durchschnitt­ cker geklingelt hat. Die unterschied­ Herz schneller, die Atmung wird un­
lichen Nachtschlaf von rund lich Liefen Schlafphasen gehen mit regelmäßig. Da in dieser Phase die
7 1/2 Stunden können Men­ unterschiedlicher Hirnaktivität ein­ für Bewegung zuständigen Nerven­
schen anderthalb bis zwei her. Auf Hirnstrombildern kann man zellen gehemmt sind, zucken höchs­
Stunden träumen. Die längste das deutlich erkennen. tens mal die Arme und Beine ein
bisher beobachtete REM­ Auf das Einschlafstadium folgt bisschen. Wie das Hirnstrombild
Schlafphase dauerte ungefähr eine Phase, die man als langsam­ zeigt, ist das Gehirn während des
zwei Stunden. welligen Schlaf bezeichnet. ln dieser Träumens sehr aktiv.
Phase erzeugt ein bestimmter Teil lm Verlauf einer Nacht werden
des Gehirns Hirnstromwellen, die ei­ die langsam-welligen Schlafstadien
Alle SÄUGETIERE schlafen, nen großen Ausschlag (Amplitude) immer kürzer, der REM-Schlaf wird
wenn auch unterschiedlich und eine geringe HäuAgkeit (Fre­ immer länger. Während er beim ers­
lang. Die Katze verschläft den quenz) haben. Sie dauert etwa 90 ten Mal nach dem Einschlafen nur
größten Teil des Tages, Rinder Minuten. Dann folgt eine Phase, wie 10 Minuten dauert, hat er sich beim
schlafen nur wenige Minuten sie im EEG so ähnlich beim wachen vierten und letzten Mal auf 20 bis
am Stück. dies jedoch mehr­ Menschen (siehe Seile 14) auftritt: 30 Minuten ausgedehnt. Kurz da­
mals am Tag. mit unregelmäßiger Häufigkeit und nach wacht man auf. Wenn du dich
kleinem Ausschlag. Das ist die Zeit an einen Traum erinnerst, stammt er
der Träume, äußerlich erkennbar an meist aus der letzten REM-Phase.

23
Diese Vision zur biblischen
Geschichte ..Jakob schaut die
Himmelsleiter" hat der russi­
sche Maler Mare Chaga/1
(1887-1985) gemalt. Es ist die
Darstellung eines Traumes und
veranschaulicht das unlogi­
sche, aber wirklichkeitsnahe
Bewusstsein unserer Träume.

Über die Bedeutung des Träu­ Die REM-Phasen kommen bei


mens rätseln die den meisten Säugetieren wie Löwen, Die PSYCHOANALYSE
Menschen schon Wölfen, Affen, Robben und vielen versucht, Träume wissen­
Welchen Sinn seit vielen Jahr- anderen vor. Auch bei Beuteltieren schaftlich zu deuten. Der ös­
haben Träume? hunderten. Die wie Kängurus oder Beutelratten. Ihr terreichische Arzt und Nerven­
einen halten REM-Schlaf gleicht dem des Men­ forscher Sigmund Freud
.__
______ __. Träume für Vor- schen. Nur das Schnabeltier oder der (1856-1939) war ihr Begrün­
hersagen über die Zukunft, andere Ameisenigel, die zur urtümlichen der. Er behauptete zum Bei­
für verschlüsselte Botschaften des Gruppe der eierlegenden Säugetiere spiel, im Traum würden sich
Unterbewusstseins. Demnach offen­ gehören, haben keinen REM-Schlaf. Probleme und Konflikte zei­
bart es seine geheimsten Wünsche Diese entwicklungsgeschichtlich alte gen, die ins Unbewusste ver­
durch bizarre Bilder im Schlaf. Gruppe trennte sich vor etwa 140 drängt wurden. Man müsse die
Wissenschaftler können die Frage Millionen Jahren von den anderen Träume nur deuten können
nach der biologischen Funktion des Säugetieren. Deshalb vermuten Wis­ und bekomme auf diese Weise
Träumens nicht eindeutig klären. senschaftler, dass sich das Träumen einen Schlüssel zum Unterbe­
Interessant ist jedoch, dass auch in dem danach beginnenden Zei­ wusstsein eines Patienten.
Tiere zu träumen scheinen: zum traum der Evolution entwickelt hat. So sei eine Heilung möglich.
Beispiel Kaninchen, Ratten, Spitz­ Wenn sich ein so komplexes Phä­
hörnchen. Ob dann bei ihnen - nomen wie die Hirnaktivität beim
ähnlich wie bei uns - ein mehr oder Träumen in der Stammesgeschichte
weniger chaotischer Film abläuft, seit Millionen von Jahren erhalten
können die Tiere uns leider nicht hat, könnte man vermuten, dass es
mitteilen. Aber sie haben einen eine lebenswichtige Funktion hat. ln
Schlafzyklus, der wie beim Menschen Versuchen ist immerhin nachgewie­
zwischen langsam-welligen Phasen sen, dass eine anhaltende Störung
und dem Traum-Schlaf wechselt. der Traum-Phasen beim Menschen

24
drastische Folgen haben kann. Das gen, lnforrnationen im Gedächtnis
Verhindern von Träumen führt zum zu speichern. Experimente zum
Beispiel zu Nervosität, Angstzustän­ REM-Schlaf bei Ratten deuten da­
den oder gestörtem Denken und rauf hin, dass zum Beispiel räumli­
fühlen bis hin zu verzerrter Wahr­ che Erinnerungen im Langzeitge­
nehmung. dächtnis (Seite 32) verankert werden.
für die Entwicklung des Gehirns Es sieht so aus, als würde das Ge­
ist Träumen offenbar wichtig. Bei hirn im Schlaf lnformationen
TRAUMDEUTUNG Kindern sind die Traumphasen aus­ wiederaufbereiten, die es im Wach­
Die Deutung von Träumen geprägter als bei Erwachsenen. Ein zustand aufgenommen hat. Träume
ist seit der Antike bekannt. Neugeborenes absolviert ein tägli­ könnten demnach eine Widerspie­
Schon bei den Babyioniern ches Pensum von acht Stunden gelung dieses Vorganges sein.
glaubte man, dass sich in REM-Schlaf; beim Erwachsenen
Träumen Zukünftiges ankündi­ sind es nur noch knapp zwei Stun­ Stress gilt als typisches Phäno-
ge und man aus Träumen den. Ein Baby hat außerdem einen men unserer
weissagen könne. ganz anderen Schlafzyklus: Schon Was ist Stress Zeit: Ein Gefühl
beim Einschlafen beginnt es mit ei­ und wie von Hetze,
ner Traumphase und nicht mit einer reagiert das Zeit- und Ar­
KEIN TRÄUMEN langsam-welligen Phase. Diese bei­ Gehirn darauf? beitsdruck, das
führt zu psychischen Störun­ den verschiedenen Stadien wechseln bei extremer
gen. Weckt man einen Schläfer alle 50 bis 60 Minuten. Wahrschein­ Ü berlastung zum Zusammenbruch
immer wieder, wenn er gerade lich fördert der REM-Schlaf die not­ führen kann. Als "stressig" empfin­
zu träumen beginnt, wird er wendigen Reifeprozesse im Gehirn. den wir ganz unterschiedliche Situ­
krank. Tiere, die man in Expe­ Seine Dauer sinkt im Lauf der Kind­ ationen, zum Beispiel Prüfungen,
rimenten am Träumen hindert, heit; bei Zweijährigen beträgt er nur Verkehrslärm, die Hektik einer Groß­
sterben nach einer Weile. noch drei Stunden. Dann verringert stadt. Aus biologischer Sicht bedeu­
Träume sind also offen­ sich der REM-Schlaf allmählich um tet Stress eine Alarmierung des Kör­
sichtlich lebenswichtig. eine weitere Stunde. pers: Verschiedene Umweltreize, die
Manche Forscher nehmen an, wir auf uns einwirken und eine mög­
träumen, um zu vergessen. Andere lichst optimale Anpassung verlan­
vermuten, dass Träume dazu beitra- gen. Darauf reagiert unser Orga­
nismus üblicherweise -in drei
Phasen. lm ersten Moment -
Schreck oder Schock - sinken
Blutdruck, Temperatur und
Muskelspannung. Das kann mit
einem Gefühl von Schwäche ver­
bunden sein (manchmal kriegt
man " weiche Knie") und zur
Ohnmacht führen.
Die zweite Phase versetzt uns
- sofern wir nicht ohnmächtig
Das Hirnstrombild ist auch sind - in die Lage, mit der Be­
vom Alter abhängig.
Bei Neugeborenen sind
drohung fertig zu werden. Ent­
die Traum-Schlafphasen weder durch flucht oder Angriff
sehr lang. ln den ersten beziehungsweise Verteidigung.
Lebensjahren nimmt der
REM-Schlaf ab. ln solchen Momenten können
wir besonders schnell laufen

25
oder fühlen uns stark genug, Zumindest der erste Arztbesuch ist
jemanden abzuwehren. Diesen für eine Katze sehr "stressig": die
Zustand höchster Reaktionsfahig­ fremden Tiere im Wartezimmer, bei­
keit kann jedoch kein Mensch und ßender Geruch von Desinfektions­ SCHMERZEMPFINDEN
kein Tier auf Dauer ertragen. Auf mitteln im Behandlungsraum. Wenn Beim Blutabnehmen wenden
zu großen Stress über längere Zeit dann der Arzt die Katze mit uner­ Ärzte oder Krankenschwestern
folgt Erschöpfung, die unsere Ab­ bittlichem Nackengriff aus ihrem häufig einen Trick an: Bevor
wehrkräfte schwächen kann. Körbchen zerrt, hat sie vor Schreck sie einem die Nadel unter die
Stress kann einem "an die Nieren geweitete Augen. Manche Katzen Haut jagen, schlagen sie mit
gehen", heißt es in einer Redewen­ verlieren in dem Moment sogar der flachen Hand auf die ange­
dung. Tatsächlich löst Stress im Ge­ Haare - eine Stressreaktion, die ei­ peilte Stelle. Während man
hirn einen Dominoeffekt aus, von nem Schweißausbruch beim Men­ noch erstaunt den Klaps fühlt,
dem auch die Nieren berührt wer­ schen entspricht. hat man den Einstich gar nicht
den. Durch ein fein abgestimmtes bemerkt. Es ging so schnell,
Wechselspiel von Botenstoffen (Hor­ Unser Körper verfügt über zwei dass die Sinne kurz "verwirrt"
monen) wird die Nebennierenrinde Schmerzsyste­ waren. Wie so ein alltäg­
angeregt, eine bestimmte Substanz me, ein langsa­ liches Beispiel zeigt, kann
Wodurch
zu produzieren. Es ist das Hormon mes und ein Schmerzempfinden durchaus
empfinden wir
"Adren?lin", das den Körper in Ver­ schnelles. Das schwanken.
Schmerzen?
teidigungsbereitschaft versetzt. Fol­ langsame
ge: stärkeres Herzklopfen, steigen­ _L._
_____ __J Schmerzsys-

der Blutdruck, Schweißausbruch, tem leitet Signale mit einer Ge­ PHANTOMSCHMERZ
trockener Mund. Der Stoffwechsel schwindigkeit von 0,5 bis 2 Meter Menschen, denen durch eine
stellt mehr Energie bereit. pro Sekunde. Das heißt, bis ein Reiz Operation ein Arm oder ein
vom Fuß zum Gehirn über­ Bein entfernt (amputiert) wer­
mittelt wird, kann es fast den musste, können hinterher
zwei Sekunden dauern. immer noch Schmerzen an den
Rund zehnmal so schnell nicht mehr vorhandenen Glied­
reagiert das andere System: maßen empfinden. Bei diesem
Es überträgt lmpulse mit 5 so genannten Phantom­
bis 30 Metern pro Sekunde. schmerz handelt es sich nicht
Die Schal tstellen beider um eine Einbildung. Ihm liegt
Systeme sitzen im Rücken­ eine Störung des schmerzlei­
mark und im Nervennetz des tenden Systems im Rücken­
Hirnstamms ("Formatio reti­ mark oder Gehirn zu Grunde.
cularis", Seite 2 1 ). Das lang­
same Schmerzsystem ist in
der Entwicklungsgeschichte
des Lebens viel älter als das
Auch Tiere empfinden in manchen Situationen Stress.
schnelle. Es kommt schon bei
Welche Situation wir als stressig einfachen Wirbeltieren wie Fischen
empfinden, schwankt von Mensch und Fröschen vor.
zu Mensch. Erfahrungen spielen da­ Für die Ü bermittlung von Reizen,
bei eine große Rolle. Das gilt auGh die wir als schmerzhaft empfinden,
für Tiere. Wenn du ein Haustier sorgen so genannte freie Nervenen­
hast, mit dem du schon mal zum digungen. Sie liegen zum Beispiel
Tierarzt musstest, hast du vielleicht unter der Haut und melden unter­
beobachtet, wie ängstlich es war. schiedliche Reize wie Druck oder

26
Wie empfindlich wir gegen
Schmerzen
Warum sind, hängt un­
schwankt das ter anderem
Die Nervenzellen, die Schmerz- von der Tages­
die Signale von den
Schmerzrezeptoren empfinden? zeit und von
im Fuß zum Rücken­ �-------' der persön-
mark leiten, haben die
lichen Verfassung jedes einzelnen
längsten Fasern (Axo­
ne) des Körpers: über Menschen ab. Vielleicht hast du
1 Meter bei einem selbst schon mal die Erfahrung ge­
Erwachsenen.
macht, dass du schmerzempfind­
licher bist, wenn du krank bist. Die
Reizschwelle für die Nervenendi­
gungen im Körper ist nämlich nicht
immer gleich hoch. Bei Entzündun­
gen produziert der Körper bestimm­
te Substanzen, wodurch die Schwel­
le sinkt. Dann empfinden wir Reize
eher als schmerzhaft.
Schmerzmittel wie Aspirin helfen
Hitze. Wenn du hinfällst oder dir die deshalb, weil sie die Entstehung
Finger an der heißen Herdplatte ver­ solcher Substanzen verhindern.
brennst, melden es die Sinneszellen Schmerzlindernd wirken auch
unter der Haut blitzschnell weiter. Opium oder Morphium. Opium
Nervenendigungen durchziehen wird aus einer Pflanze, dem Schlaf­
auch unsere Muskeln und Gelenke, mohn, gewonnen. Schon vor über
die Hirn- und Knochenhäute, das 5000 Jahren nutzten es unsere
Bauch- und Brustfell. Sie melden Vorfahren, um Schmerzen zu stillen.
Schmerzimpulse über das Rücken­ Sie verwendeten es aber auch als
ENDORPHINE mark ins Gehirn. Rauschmittel.
Die vom Gehirn erzeugten Während die Hirnhaut also Der Körper ist zum Glück nicht
Schmerzstiller heißen schmerzempfindlich ist, gilt dies nur abhängig von Schmer�mitteln,
Endorphine (von endogene nicht für das Gehirn selbst. Was uns die man einnimmt. Er kann auch
Morphine; endogen=innerlich wie sehr wehtut, lässt sich nicht ob­ selbst welche produzieren. Genauer
erzeugt). Eine weitere Wir­ jektiv von außen messen . ..Schmerz gesagt, das Gehirn kann es. Dabei
kung, die ihnen zugeschrieben entsteht im Kopf', heißt es deshalb handelt es sich um opiumähnliche
wird, sind Glücksgefühle. unter Experten. Er entsteht in einer Substanzen, die verhindern, dass
Auch bei Tieren ist das Gehirn llirnregion, die auch für die Verar­ die Nervenzellen Signale weiter­
in der Lage, solche schmerz­ beitung von Gefühlen zuständig ist. leiten können. ln besonders heik­
stillenden Substanzen herzu­ Die räumliche Nähe deutet die len Situationen, wie einem Unfall
stellen. Das gilt zumindest für enge Beziehung an, die zwischen oder Kampf, schüttet das Gehirn
die Säugetiere. Schmerzempfinden und persön­ solche schmerzstillenden Boten­
licher Wahrnehmung besteht. stoffe aus. Das ist wahrscheinlich
Schmerz hat zudem nicht nur kör­ auch der Grund, warum Menschen
perliche, sondern auch seelische Ur­ nicht sofort nach einem Unfall
sachen. Er kann sogar ausschließlich Schmerzen fühlen, sondern erst
von der Seele hervorgerufen werden, später. Das gilt sogar für Schwerver­
egal in welchem Körperteil. letzte.

27
DIE GROSSHIRNRINDE
- die Oberfläche des Groß­
hirns - wird in vier Gebiete
unterteilt: Stirnlappen, Schel­
tellappen, Hinterhauptslappen
und die seitlich liegenden
Schläfenlappen, Ihnen lassen
sich verschiedene Funktionen
zuordnen. Der Hinterhaupt­
lappen enthält Sehzentren, die
Schläfenlappen Hörzentren.
Der Stirnlappen steht ln
Zusammenhang mit Persön­
llchkeitsmerkmalen.
Im Scheitellappen werden
Sinneseindrücke aus dem Tast­
sinn verarbeitet.
Die Großhirnrinde
und von wo aus ihre
wichtigsten Funktionen
gesteuert werden.

Leistungen des Gehirns Hinter·


haupt·
Ü ber diese Frage streiten Gelehr­ sonen müssen in Gedanken Würfel Iappen
te schon lange. zusammensetzen, Rechenaufgaben
Es gibt ganz lösen, Buchstabenreihen fortsetzen
Was bedeutet unterschiedliche oder Sätze vollenden. Wer bei den
Intelligenz? Definitionen. Tests so abschneidet, wie der
Man könnte sie Durchschnitt seiner Altersgenossen, BINET·SIMON·TEST
L..._
______ __, so zusammenfas- hat einen Intelligenzquotienten (ab­ Die ersten Intelligenztests
sen: Intelligenz ist die Fähigkeit, gekürzt: lQ) von 1 00. Diese Ü berein­ wurden Anfang des 20. Jahr­
sich an neue Aufgaben und Lebens­ kunft geht auf den US-Psychologen hunderts von Binet und Sirnon
bedingungen anzupassen. Oder die David Wechsler zurück, der Ende der in Frankreich entwickelt.
Art und Weise, wie ein Mensch bzw. 30er Jahre des 20. Jahrhunderts den So wollten sie herausfinden,
Tier Informationen verarbeitet und stalistischen Rahmen festlegte: Zwei welche Kinder eine besondere
Probleme löst. Auch Kombinieren Drittel der Menschen haben dem­ schulische Förderung
und neue Einsichten zu gewinnen, nach einen IQ zwischen 85 und 1 1 5. benötigten.
gehört zur Intelligenz. Sie wird so­ Nur gut zwei Prozent besitzen einen
wohl durch Erbanlagen als auch IQ über 130 oder unter 70.
durch Erziehung beeinflusst. Ein hoher Wert gilt als intelli­
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gent. Das kann den Lebensweg be­
versuchen Psychologen, die Intelli­ einflussen, muss es aber nicht. Ein
genz von Menschen mit Hilfe unter.. überdurchschnittlicher IQ garantiert
schiedlicher Verfahren zu ermitteln. weder gute Schulnoten noch Erfolg
Sie testen zum Beispiel räumliches im Studium oder Beruf. Umgekehrt
Vorstellungsvermögen, Logik, Kon­ ist ein niedriger Quotient nicht
zentration, Gedächtnis. Die Testper- gleichbedeutend mit Unfähigkeit

28
oder Dummheit. Menschen mit Eine immer wichtigere Rolle
unterdurchschnittlichem lQ können spielt heutzutage die soziale bzw.
ebenfalls über besondere Begabun­ emotionale Intelligenz. Dazu ge­
gen verfügen, zum Beispiel im hören Teamgeist, Kommunikations­
künstlerischen Bereich. Ein geistig vermögen und die Fähigkeit, sich in
behinderter Junge etwa konnte im andere hineinzuversetzen (Empa­
Alter von drei Jahren plötzlich per­ thie). ln einer immer komplexer wer-
fekt Klavier spielen. Andere erstau­
nen durch die Fähigkeit, komplizier­
te Rechenaufgaben im Kopf zu
Wenn man die einzelnen Kör­ lösen, oder sie besitzen ein fotogra­
perteile um so größer zeich­
net, je mehr Nervenzellen sie
fisches Gedächtnis. Sie zeichnen
enthalten, so erhält man diese Gebäude, die sie nur eine Viertel­
verzerrten Bilder vom Men­
stunde lang betrachtet haben,
schen. Die Teile mit den meis­
ten Nervenzellen sind vor detailgetreu nach. Wissenschaftler
allem die Hände, die Lippen bezeichnen solche Menschen als
und die Zunge.
Darüber sind die Bereiche der "idiots savants" - was auf deutsch
Großhirnrinde dargestellt, die etwa "gelehrte Schwachköpfe" be­
bestimmten Körperteilen zu­
deutet. Ein lQ-Wert sagt nicht mehr
geordnet sind. Das linke Bild
zeigt die sensorischen, das über einen Menschen aus als das,
rechte die motorischen Felder. was in den Tests gemessen wird.

Körperbewegungen KörperfUhlregion
Von 1864 stammt diese Zeichnung, die die
Funktionen des Gehirns in Bildern darstellt.

denden Umwelt reicht analytischer


Scharfsinn allein nicht aus, um die an­
stehenden Aufgaben zu bewältigen.
lntelligenz führt nicht unbedingt
zu genialen Erfindungen. Dazu
Geschlechts­ braucht man andere Geistesgaben
organe
wie Kreativität und lntuitiol'l - auch
.,sechster Sinn" genannt. Eine plötz­
liche Eingebung, ein Geistesblitz aus
dem U nterbewusstsein kann einen
bahnbrechenden technischen Fort­
schritt bewirken. Dem Erfinder der
ersten einfachen Versuchs-Dampf­
I maschine, Denis Papin, wird bei­
spielsweise nachgesagt, der zünden­
de Gedanke sei ihm gekommen, als
er bei seiner Mutter in der Küche
saß. Dort beobachtete er, wie der
Dampf des kochenden Wassers die
Topfdeckel zum Tanzen brachte. So
erkannte er, dass man die Energie
von Wasserdampf nutzen konnte,
um Maschinen anzutreiben.

29
Ein Musikinstrument zu spielen,
fordert Körper
und Geist in be­
Fördert Musik
sonderer Weise.
die Leistungs­
Wer selbst ein ln­
fähigkeit?
strument spielt,
L------_j kennt das aus
eigener Erfahrung. Man konzen­
triert sich auf Noten, Töne, Rhyth­
mus und auf die Finger oder Lippen.
Das aktiviert mehrere Sinne gleich­
zeitig: Man muss sehen, hören,
tasten, greifen und begreifen. Man
braucht Geduld und ein gutes
Gedächtnis. Musikhören und Kom­
ponieren aktiviert Nervenzellen hin­
ter der Stirn, dort wo das Kurzzeit­
gedächtnis (siehe Seite 32) liegt. Sie
vernetz�n sich in ungewöhnlich
vielfaltiger Weise. Musik hinterlässt
also Spuren im Gehirn.
Wenn Kinder intensiv in Musik
unterrichtet werden, ein lnstrument
spielen lernen und in einer Gruppe Das Arbeitsgedächtnis ist unter anderem tätig, wenn du beim Klavierspielen die
musizieren, wirkt sich das positiv innere Vorstellung eines Musikstücks durch Fingerbewegungen umsetzt.
auf ihre persönliche Entwicklung
aus. Mit der Zeit kann sogar der Wir alle kennen ziemlich viele
lntelligenzquotient deutlich zuneh­ verschiedene EMPATHIE
men. Zu diesem Ergebnis kamen Was hat das Gefüh Je: Wir ist die Fähigkeit, die Geühle,
f
verschiedene Studien in Europa und Gehirn mit können fröhlich Gedanken und Motive anderer
den USA. unseren Gefüh- sein oder trau- Menschen zu verstehen - sich
Das Lernen eines lnstruments hat len zu tun? rig, ängstlich in andere einzufühlen. Dazu
offenbar auch einiges gemeinsam oder wütend, gehört das Wissen um die
mit allgemeinem schulischen Lernen. übermütig und so weiter. Aus Erfah- eigenen Gefühle und das
Überrascht waren Forscher, dass Mu­ rung wissen wir auch, dass solche Bewusstsein von sich selbst.
sikunterricht obendrein die Stim­ Empfindungen mit bestimmten
mung in einer Klassengemeinschaft Körperreaktionen verbunden sind.
verbessert. ln musikbetonten Schulen Wenn wir etwas lustig finden, la-
gab es sehr viel weniger negative Äu­ chen wir, und wenn wir traurig sind,
ßerungen über die Klassenkameraden fließen Tränen. Das zeigt, dass Ge-
"
(.,den mag ich nicht ) als an norma­ fühle und körperliche Reaktionen
len Schulen. Ein Junge, der wegen eng mit einander verbunden sind.
seines rüpelhaften Verhaltens ein Manche Reaktionen sind so typisch,
Außenseiter war und beinahe von deli dass wir sie als Bild in der Um-
Schule geflogen wäre, wurde in eine gangssprache benutzen: vor Wut
musikbetonte Klasse versetzt. Seit­ platzen, vor Freude in die Luft
dem er dort Gitarre spielen lernte, ist springen, vor Angst in die Hose
er voll integriert. machen, vor Neid erblassen.

30
An all diesen Vorgängen ist das
Gehirn beteiligt. Gefühle werden -
wie auch Bewegungen - nicht nur
an einem Ort im Hirn verarbeitet,

sondern an verschiedenen Orten.
Die Hauptrolle spielt dabei das lim­
bisehe System. Es gehört zum Groß­
hirn und liegt wie ein Band über Mandelkern
dem Hirnstamm. Dieses "Band" hat
vielerlei Aufgaben: Es beeinflusst
Gefühle, Lernen und Gedächtnis­
speicherung. Es wirkt auf die
Hirnanhangdrüse, die Hormone aus­
schüttet (siehe Seite 7). Und es Das limbisehe System verwaltet unsere
beeinflusst das so genannte vegeta­ Gefühle und Empfindungen.
tive Nervensystem, das vom Willen
unabhängig ist und zum Beispiel (zum Hypothalamus). Die Folge ist,
Atmung Herzschlag und Verdauung dass das Herz schneller klopft. Ü ber
INTUITION regelt. bestimmte Anhäufungen von Ner­
Wer etwas intuitiv weiß, kann Das limbisehe System besteht aus venzellen im Großhirn, die Basal­
oft nicht erklären, warum er mehreren Teilen, unter anderem ganglien, bewirkt er, dass sich un­
es weiß. Es ist eine plötzliche dem Mandelkern und dem Am­ sere Körperhaltung und Mimik ver­
Erkenntnis, die aufWissen monshorn (Hippocampus). Aus Ex­ ändern: Vielleicht zucken wir zu­
und Erfahrung beruht. Oder perimenten weiß man, dass der sammen und unser Gesicht zeigt
eine spontane .,Innere Einge­ Mandelkern wichtig für die gefühls­ einen ängstlichen Ausdruck.
bung". Auf diesen .,sechsten" mäßige Verarbeitung von Reizen ist. Das Ammonshorn im limbisehen
Sinn vertrauen viele, die Wenn bestimmte Bereiche im Man­ System trägt dazu bei, das Erlebnis
kreativ tätig sind. delkern mit einer haarfeinen Elektro­ im Gedächtnis zu speichern. Wenn
de stimuliert werden, so löst das wir eine unangenehme Erfahrung
Angst oder andere Gefühle aus. mit einem bestimmten Geräusch
Der Mandelkern beeinflusst über oder Geruch verbinden, dann kann
weitere Stellen im Gehirn verschie­ so ein Geräusch oder Germ!h noch
dene Körperfunktionen. Wenn wir Jahre später ein unangenehmes Ge­
Zunehmende Angst zeigt sich uns über einen lauten Knall erschre­ fühl in uns wecken. Es kann sogar
im Gesichtsausdruck - und
cken oder etwas Angstaus­ Angst auslösen, obwohl gar keine
in derzunehmenden Aktivität
eines bestimmten Hirn­ lösendes sehen oder hören, dann Bedrohung vorhanden ist. Der An­
bereichs (auf dieser PET­ sendet er Signale ins Zwischenhirn lass für ein Gefühl muss also nicht
Aufnahme gelb markiert).

31
unbedingt von außen kommen.
Auch Vorstellungen oder Erinnerun­
gen, die wir in unserem Gehirn ge­
speichert haben, können uns fröh­
lich, traurig oder ängstlich stimmen.
Man kann sich auch vor etwas
fürchten, ohne eine schlechte Erfah­
rung gemacht zu haben. Zum Bei­
spiel ekeln sich viele Menschen vor
Spinnen, obwohl ihnen die haarigen Angst vor Spinnen -oft nur eine ,.verschobe­
DEJA-vu-ERLEBNIS
Krabbler nie etwas getan haben. ne" Angst vor etwas Anderem, Unbewusstem. (Französisch für ,.,bereits gese­
Manche Psychologen nennen das hen). jeder kennt das verwir­
eine "Verschiebung" der Angst: Sie in der eigenen Wohnung zurecht­ rende Gefühl, etwas schon
gilt nicht den harmlosen Spinnen, finden. Erst recht wichtig ist das Ge­ einmal erlebt zu haben: Eine
sondern etwas Anderem, was einem dächtnis für kompliziertere geistige neue Situation erscheint plötz­
meist nicht bewusst ist. Leistungen wie Kopfrechnen, einen lich bekannt. Forscher haben
Aufsatz schreiben oder eine Fremd- schon viele plausible Erklärun­
sprache lernen. gen dafür gefunden, aber
Früher glaubte man, unser Er­ keine ist endgültig bewiesen.
innerungsspeicher sei eine Eine davon: Der Informations­
Einheit an einem bestimmten austausch zwischen beiden
Platz im Gehirn. Heute weiß Hirnhälften verzögert sich für
man, dass das Gedächtnis Bruchteile einer Sekunde.
aus mehreren Teilen be­ Jede Hemisphäre verarbeitet
steht, die über das gesam­ die Eindrücke, und wenn die
te Gehirn verteilt sind. Sie Verbindung wieder hergestellt
sind durch ein Nervennetz ist, erscheint die Situation
miteinander verwoben. ln als bekannt.
einem Teil sammeln wir un-
ser Wissen und speichern es NIE GESEHEN
im Langzeitgedächtnis. Es Es gibt auch das Umgekehrte:
nützt uns aber nur etwas, Vertraute Situationen
wenn wir bei Bedarf - beim werden nicht als solche
Denken oder Handeln - darauf wiedererkannt, sondern er­
zugreifen können. scheinen fremd und neu.
Dazu dient uns ein anderer Teil,
Unser Gedächtnis ist über das gesamte Gehirn
verteilt.
das Kurzzeitgedächtnis. Dieser Zwi­
schenspeicher wird auch Arbeitsge­
Ohne Gedächtnis könnten wir dächtnis genannt. Wenn du zum
uns gar nichts Beispiel im Kopf ausrechnen willst,
merken: Weder ob du dir von deinem Rest Taschen­
Was ist das unseren Namen geld ein Eis plus ein Comic-Heft
Gedächtnis? noch unser Alter leisten kannst, dann aktivierst du im
oder unsere Tele- Langzeitgedächtnis deine Fähigkeit
'------' fonnummer, we­ zum Zusammenzählen. Das Ergeb­
der unser Lieblingsessen noch wo nis speicherst du im Arbeitsgedächt­
wir die letzten Ferien verbracht ha­ nis zwischen. Erst dann weißt du, ob
ben. Wir könnten uns nicht einmal das Geld noch reicht.

32
Ähnlich ist es beim Sprache ler­
nen. Vokabeln und Grammatik la­
gern im Langzeitspeicher; anwen­
den können wir sie mit unserem
Arbeitsgedächtnis. Es vermittelt also
zwischen Erinnerung und Hand­
lung. Trotz seines Namens braucht
man es aber nicht nur zum Lernen GEDÄCHTNISLEISTUNG
und Arbeiten, sondern auch zum ln Wettbewerben wie den Ge­
Spielen. Etwa wenn du dir beim Da­ dächtnismeisterschaften ver­
me- oder Mühlespiel überlegst, wel­ blüffen die Hirnakrobaten im­
chen Stein du wie setzen sollst. mer wieder durch ihre Kunst:
Auch bei ..Memory" merken wir uns Etwa, wenn der deutsche
die Lage der Kärtchen mit Hilfe un­ Meister fast 40 Zahlen richtig
seres Arbeitsgedächtnisses. Diese aufsagt, die er sich nur eine
Beispiele zeigen auch, warum die Minute einprägen konnte.
Trennung in Lang- und Kurzzeitge­ Oder wenn die elfjährige
dächtnis sinnvoll ist. Stell dir vor, du Juniormeisterin so Posten
würdest alle Spielkonstellationen einer Einkaufsliste aufzählt,
ewig im Kopf behalten. Das wäre die sie drei Minuten studieren
doch eine ziemlich sinnlose Über­ durfte. Wie schaffen sie das?
frachtung mit überflüssigen Daten. Der Trick ist relativ einfach, sie
Vergessen ist also nicht immer das bauen sich "Eselsbrücken".
Schlechteste... Sie verknüpfen Zahlen mit Bil­
dern oder Formeln mit Ge·
Das Arbeitsgedächtnis sitzt schichten. Zum Beispiel den­
.-------, gleich hinter der ken sie bei der Fünf an eine
Stirn - vereinfacht Hand, bei der Zwei an einen
Wo befindet
ausgedrückt. Die Schwan, bei der Vier an ein
sich das
Stirnlappen der Kleeblatt usw. Wichtig ist, der
Gedächtnis?
Großhirnrinde sind Phantasie freien lauf zu las­
wichtig für das sen und die abstrakten Infor­
Erinnerungsvermögen. Menschen, mationen mit Sinneseindrü­
die durch einen Unfall in diesem Be­ cken zu kombinieren. Auf das
reich verletzt wurden, haben große Denkorgan übertragen bedeu­
Schwierigkeiten, ihr Wissen im All­ tet es, beide Hirnhälften
tag anzuwenden. Das Wissen selbst gleichermaßen zu aktivieren.
ist zwar noch vorhanden. Das kann Normalerweise benutzen wir
man anhand von Tests nachprüfen. mehr die linke Hirnhälfte, die
Auf entsprechende Fragen geben die für Zahlen und Fakten zustän­
in einem Test mit Schimpansen wurde die
Patienten die richtige Antwort. Aber dig ist. Die "künstlerische"
Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses
untersucht. Dem Affen wurde kurz eine Bana­ ungefragt bzw. von selbst können rechte Seite mit Kreativität
ne gezeigt (oben). Danach wurde die Banane sie ihr Wissen nicht gebrauchen, und Gefühl wird leicht ver­
verdeckt und der Schimpanse musste eine
Weile warten (Mitte). Dann musste er sich weil das Arbeitsgedächtnis geschä­ nachlässigt. Am besten lernen
nach dem Gedächtnis entscheiden, wo die digt ist. Eine für das Langzeitge­ wir aber mit beiden Hirnhälf­
Banane lag - er hatte sich richtig erinnert!
Bei dem Test ist das Arbeitsgedächtnis gefor­
dächtnis entscheidende Struktur ten gleichzeitig.
dert, weil der Affe sich vorübergehend etwas liegt ungefähr hinter der Schläfe -
genau merken muss. im Ammonshorn (Hippocampus)

34
tauscht werden. Ein weiterer Teil des
Gedächtnisses sitzt etwa unterm
Scheitel: Darin befinden sich die
Daten zur räumlichen Orientierung.
Menschen, die dort eine Verletzung
erlitten haben, können beispiels­
weise nicht einfach eine Tasse auf
dem Tisch ergreifen, sondern müs­
Kurzzeitgedächtnis sen sich mit den Händen mühsam

L herantasten.
(Arbeitsgedächtnis)

Langzeitgedächtnis
Um Informationen wie z.B. Tele­
fonnummern
oder Vokabeln
Was hilft beim im Langzeitge­
Lernen? dächtnis zu
Die ungefähre Lage von und Umgebung. Zwischen dem Be­ verankern, hilft
Kurzzeitgedächtnis und
Langzeitgedächtnis. reich hinter der Schläfe und dem .___ ______ __, es normaler-
Arbeitsspeicher hinter der Stirn gibt weise, wenn man sie vor sich her­
es sozusagen einen direkten Draht, sagt. Noch einprägsamer ist es, die
über den I n formationen ausge- lnformationen im Kopf mit Bildern
oder Erinnerungen zu
verknüpfen. Auch Schau­
bilder zeichnen oder Mo­
delle basteln ist gut. Je
mehr Sinnesorgane sich
am Lernprozess beteili­
gen, desto besser.
Um das Gespeicherte
gut wieder abrufen zu
können, bereitet man sich
am besten so vor, wie
man geprüft wird: Vor
Klassenarbeiten ist es
Diese PET-Aufnahmen zeigen, wie das Gehirn funktioniert. Einer Person wurden Worte vorge·
sinnvoll, sich das Wich­
lesen, an die sie sich nach 20 Minuten erinnern sollte. Oben sind in beiden Aufnahmen aktive
Regionen rot- die Erinnerung hat geklappt. Unten hat sich die Person nicht an die richtigen tigste des Lernpensums
Worte erinnert - wie die zweite Aufnahme rechts erkennen lässt. aus dem Kopf noch mal
aufzuschreiben. Bei
mündlichen Prüfungen
dagegen wäre es besser,
das Gelernte vorher ein­
mal jemandem zu erzäh­
len, etwa Klassenkamera­
den, Freunden oder
Eltern. "Wiederholen ist
die Mutter des Wissens",
sagten schon die alten
Griechen.

35
Unsere Sprache macht es mög­ eine bekannte Sprachforscherin. l m
lich, dass wir mit Gegenteil, das Beispiel zeigt, dass
anderen Men­ das Kind eine grammatikalische Re­ BRABBELN
Wie lernen wir schen lnforma- gel verstanden hat. Sie lautet: Bei Dass du sprechen kannst,
sprechen? tionen austau­ der zusammengesetzten Vergangen­ scheint dir heute selbstver·
sehen. Dafür heit erhält das Verb (Tu-Wort) die ständlich. Dabei hast du als
können wir auf Vorsilbe "ge-" und endet mit ,.t". Kleinkind lange Zeit nur Sil­
einen riesigen Vorrat an Wörtern in Erst wenn sich diese Regel im ben geplappert, bis du daraus
unserem Gedächtnis zurückgreifen. Kopf gefestigt hat, wird das Kind die dein erstes Wort formen konn­
Die Zahl schwankt je nach Alter und Ausnahmen lernen. Die Fähigkeit, test. Frag doch mal deine
Bildung; bei Erwachsenen sind es grammatikalische Regeln zu erken­ Eltern, welches Wort das war
bis zu 1 20 000 Wörter. nen, ist beim Menschen wahr­ und wie alt du warst.
Kinder lernen Sprechen wie von scheinlich angeboren. Manche Wis­
selbst. Sie brauchen keinen Lehrer, senschaftler nennen das "Sprach­ WöRTERBUCH GEGEN
um ihre Muttersprache zu lernen. instinkt". GEHIRN
Am Anfang üben Babys die sprach­ Kinder können ihre Sprache aller­ Guck mal auf den Einband
lichen Klänge der Buchstaben, etwa dings nur lernen, wenn ihre Ohren eines Wörterbuchs, zum
,.b", " m", "r" usw. Später setzen sie in Ordnung sind und in ihrer Umge­ Beispiel für Deutsch-Englisch,
die Buchstaben zu Wörtern zusam­ bung gesprochen wird. Sie dürfen wie viele Wörter es enthält.
men. Säuglinge können viel mehr also nicht isoliert aufwachsen wie Ein Taschenwörterbuch enthält
Sprachlaute unterscheiden als Er­ das berühmte Findelkind Kaspar normalerweise weniger als
wachsene. Sie sprechen sie auch aus, Hauser. Gehörlose Kinder ("Taub­ 100000 Wörter.

sogar solche, die i n ihrer Mutter­ stumme"), deren Eltern ebenfalls


sprache gar nicht vorkommen. So nicht hören können und sich mit der
können deutsche Babys das engli­
sche " th" oder ein spanisch gerolltes
"rrr" bilden. Sie verlernen es nur
wieder, weil diese Laute bei uns
nicht vorkommen.
Viele Jahre später, als Schüler im
Fremdsprachenunterricht, müssen
sie die ungewohnten Laute neu ler­
nen. Das ist nicht einfach, wie du
wahrscheinlich selbst schon gemerkt
hast. Ähnliches gilt für Chinesen
oder Japaner, die als Erwachsene
Schwierigkeiten haben, "r" und l"
"
zu unterscheiden. Als sie klein wa­
ren, konnten sie es.
Kinder erkennen sogar selbstän­
dig Regeln und Strukturen ihrer
Sprache (Grammatik). Wenn sie da­ Das Wort " Tisch" zum Beispiel verstehen
bei anfangs auch Fehler machen, wir nur, wenn wir auch sein Bild in unse·
rem Gehirn abrufen können.
lassen sie sich von den Korrektureu
der Eltern kaum beirren. So sagt ein
Kind vielleicht erst einmal "nach
Hause gegeht" statt ,.gegangen".
Das ist kein Grund zur Sorge, meint
Das Gehirn koordiniert die vielen
Zutaten, die wir in einem Gespräch
mit anderen brauchen: die passen­
den Wörter zu finden und die Re­
geln, nach denen sie zu Sätzen
kombiniert werden (Grammatik).
Das Wort "Tisch" hätte für uns kei­
nen Sinn, wenn wir nicht das ent­
sprechende Symbol im Kopf gespei­
chert hätten. Das englische Wort für
Tisch (..table'') können wir erst ver­
stehen, wenn wir es unter demsel­
ben Symbol abspeichern.
Eine weitere Zutat zum Sprechen
ist die gefühlsmäßige Färbung unse­
rer Stimme. Mal reden wir im fröh­
lichen Tonfall, ein anderes Mal in
einem traurigen, je nachdem in wel­
cher Stimmung wir sind. Wenn du
vor der Klasse ein Referat vortragen
sollst, möchtest du vielleicht mög­
lichst sachlich sprechen. Falls du
aufgeregt bist, kann man das wahr­
scheinlich an deiner Stimme hören,
obwohl du das am liebsten verber­
gen würdest.

Die verschiedenen Zutaten des


Sprechens und
Welche Hirn- Verslehens
regionen be­ stammen aus
teiligen sich an unterschied­
der Sprache? lichen Gebieten
.__
______ _J unseres Ge-
hirns. Der Prozess des Sprechens ist
etwas anderes als das Erkennen von
I<ASPAR HAUSER Gebärdensprache verständigen, ler­ Wörtern und ihrer Bedeutung. Dafür
war ein Findelkind rätselhaf­ nen diese als ihre Muttersprache. arbeiten unterschiedliche Hirngebie­
ter Herkunft, das Anfang des Die Fähigkeit zu sprechen, spie­ te. Welche das sind, hat man schon
19. Jahrhunderts lebte. Als er gelt eine ungeheure geistige Leis­ vor mehr als 1 50 Jahren versucht
gefunden wurde, konnte er tung des Gehirns wider: Wir verste­ herauszufinden. Auf die Spur der
kaum richtig sprechen. Wie hen und bilden durchschnittlich drei Sprachzentren kamen Mediziner
sich herausstellte, war er in Wörter pro Sekunde, haben Hirnfor­ durch Patienten, die einen Schlag­
einem Verlies festgehalten scher gemessen. Was uns als ein­ anfall erlitten hatten. Diese lassen
und von aller menschlichen heitlicher Vorgang erscheint, ist in sich in zwei Gruppen aufteilen. Die
Gesellschaft ferngehalten Wirklichkeit ein kompliziertes Zu­ einen können zwar gut verstehen,
worden. sammenspiel verschiedener Hirnre­ was andere sagen, aber ihnen selbst
gionen. fällt das Sprechen äußerst schwer.

37
Sie antworten nur mit Mühe und Die WortbildungssYSteme im Ge­
können die einfachsten grammati­ hirn - die motorische und die sen­
kalischen Regeln nicht mehr anwen­ sorische Sprachregion - sind auch
den. So sagen sie statt ,.Ich möchte wichtig bei Menschen, die scheinbar
eine Tasse Kaffee" etwa .,möchten nicht sprechen können : bei Gehör­
Kaffee". losen. Sie sprechen zwar nicht mit
Als der französische Chirurg Paul ihrer Stimme, aber sie können sich
Broca die Gehirne solcher Patienten mit der Gebärdensprache verständi­ SCHLAGANFALL
nach ihrem Tod untersuchte, ent­ gen. Falls bei einem Gehörlosen ein Bei einem Schlaganfall wird
deckte er eine charakteristische Ver­ Sprachzentrum im Gehirn geschä­ ein Teil des Gehirns nicht mehr
letzung in einem bestimmten Be­ digt wird, z.B. durch einen Unfall genug durchblutet, weil sich
reich. Das ist die motorische oder einen Schlaganfall, verliert ein Blutgefäß verengt oder
Sprachregion, die nach ihrem Ent­ auch er seine Sprache. Er sieht die verstopft. Aus Mangel an
decker auch Broca-Rcgion genannt Zeichen, aber er versteht deren Be­ Sauerstoff und Nahrung stirbt
wird. Andere Patienten sprechen da­ deutung nicht mehr. das Gewebe ab.
gegen viel und scheinbar fließend. Eine andere schwere Verlet­
Aber es klingt wirr, weil sie die Mit ihren Artgenossen können zung ist eine Blutung, bei der
Grammatik ebenfalls nicht mehr be­ sich Tiere sehr ein Blutgefäß im Gehirn platzt.
herrschen. Auf eine simple Frage gut verständi­
wie ,.Wo wohnen Sie?", würden sie Können Tiere gen: ein Hund
ungefähr so antworten: Ich kam sprechen? mit anderen SPRACHZENTREN
"
hierher bevor hier und kehrte dort­ Hunden, Kat- Bei den meisten Menschen
hin zurück". Solche Patienten hat '------�--' zen mit ande- liegen die Sprachzentren in
der deutsche Neuropsychiater Carl ren Katzen, Kaninchen und Meer­ der linken Hirnhälfte, aber
Wernicke nach ihrem Tod unter­ schweinchen jeweils untereinander. nicht bei allen: Bei einem
sucht und fand Schäden in einem Selbst Fische geben Signale von Drittel der Rechtshänder und
sich, die wir im Aquarium einem Drittel der Linkshänder
beobachten können. Wenn liegen sie in der rechten
ein Fisch mit gespreizten Hemissphäre.
Flossen schnell auf einen an-
deren zuschwimmt, bedeutet
das etwa: " Platz da, jetzt
komm' ich!" Nur verstehen
können wir Tiere bzw. ihre
Lautäußerungen nicht.
Die meisten Tiere haben
keine Sprache in unserem
Sinne, mit komplizierten
Lauten und einer festgefüg­
ten Grammatik. Damit steht
der Mensch so ziemlich allein
Diese Falschfarbenaufnahme zeigt eine Blutung im Gehirn.
da. ln sprachlicher Hinsicht
anderen Hirnbereich. Das ist die am weitesten entwickelt sind unsere
sensorische Sprachregion, auch nächsten lebenden Verwandten, die
Wernicke-Region genannt, die im großen Menschenaffen. Das sind die
linken hinteren Schläfenlappen Schimpansen, Bonabos ( "Zwerg­
liegt. Sie erkennt die Wörter und schimpansen"), Gorillas und Orang­
entschlüsselt deren Bedeutung. Utans. Dass sie nicht wie wir mit ei-
BONOBOS gelten aufgrund
der großen Obereinstimmung
der Erbanlagen als unsere
allernächsten Verwandten
unter den Menschenaffen.
Die .,Zwergschimpansen" sind
weder kleiner noch leichter als
die übrigen Schimpansen.
Aber sie haben feinere
Gesichtszüge, und ihr Körper
wirkt graziler.

SPRACHGEWANDTER VETTER
Der Star unter den spre­
Der Schimpanse Nim lernt von seiner Tralnerin das Zeichen für ,.Getränk".
chenden Affen heißt Kanzi,
ein Bonobo. Er lernte die ner Stimme sprechen, hat körperli­ Ungeachtet solcher erstaunlichen
Kunstsprache wie ein Kind che Ursachen. Die Menschenaffen Leistungen ist es in der Wissenschaft
nebenbei, während seine Mut­ können aber die Gebärdensprache umstritten, ob Menschenaffen unse­
ter unterrichtet wurde. Kanzi erlernen, mit der sich gehörlose re Sprache und Grammatik wirklich
erkannte nach ünf
f Monaten Menschen verständigen. verstehen. Die einen verneinen das
eine grammatikalische Regel, ln dieser Zeichensprache haben absolut. Andere unterscheiden da­
die sich Kinder zwischen dem amerikanische Wissenschaftler er­ gegen verschiedene Entwicklungs­
ersten und zweiten Lebens­ staunliche .,Dialoge" mit Affen ge­ stufen von Mensch und Affe. So
jahr aneignen: Er kombinierte führt. Zum Beispiel hat die Forsche­ zwei Forscherinnen, die das·äffische
eine Tätigkeit (Verb) mit rin Francine Patterson mit dem Sprachvermögen genauer untersu­
einem Gegenstand (Objekt). Gorillaweibchen Koko folgendes Ge­ chen, als es mit der Zeichensprache
"Verstecken Erdnuss" tippte bärdengespräch aufgezeichnet: möglich ist. Sie verwenden eine
er beispielsweise in seine "Was tun Gorillas am liebsten?" Ko­ Kunstsprache, die sich nicht über Ge­
Tastatur oder .,Beißen kos Antwort: "Gorilla lieben essen bärden mitteilt, sondern über geome­
Tomate". Kanzi lernte nicht gut." - ..Was macht dich glücklich?" trische Figuren (Symbole) auf einer
nur weitere Regeln, sondern Antwort: Gorilla Baum." - ..Was Computertastatur. Das verhindert,
"
erfand auch eigene. tun Gorillas, wenn es dunkel ist?" dass die gelehrigen Tiere die Ges­
Koko: Gorilla lauschen (Pause), ten der Menschen einfach "nachäf­
"
schlafen." Die rund 30 Jahre alte Äf­ fen" bzw. ungewollt von ihnen be­
fin beherrscht mehr als tausend Zei­ einflusst werden. Das könnte die Er­
chen der Gebärdensprache, wovon gebnisse verfalschen. Die beiden For­
sie über 500 regelmäßig anwendet. scherinnen sagen nicht, dass Affen
Darüberhinaus versteht sie sogar eine Sprache haben. Sie fragen aller­
mehrere tausend Wörter in gespro­ dings, ob ein einjähriges Kind eine
chenem Englisch. Sprache hat oder ein fün5ähriges?

39
...

Die Alzheimer Krankheit zerstört ganze Epilepsie st


i eine in Anfällen auftretende Kinder, die unterAutismus leiden,
Hirnbereiche und führt zu geistigem Verfall, Gehirnkrankheit, bei der es zu Krämpfen wirken oft wie von der Außenwelt
Sprachstörungen und Vergesslichkeit. kommt. abgekapselt.

H i rnstörungen
Es gibt eine ganze Reihe von um mehrere Ursachen, die sich AUTISMUS
Krankheiten oder gegenseitig beeinflussen. Ein Mädchen namens Nadia
Wie äußern Behinderungen, Je nachdem, in welchem Bereich wurde Ende der 70er Jahre des
sich die auf Störun­ des Hirns Gewebe zerstört wurde, 20. Jahrhunderts in der Wis­

Fehlfunktionen gen im Hirn bzw. leiden die Patienten an charakteris­ senschaft bekannt. Sie malte
des Gehirns? im Nervensystem tischen Symptomen. Manche verlie­ außergewöhnlich schöne Bil­
beruhen. Die ren einen Teil ihres Gedächtnisses, der. Schon im Alter von
Gründe dafür sind vielfältig: ein andere haben Schwierigkeiten beim dreieinhalb Jahren konnte sie
Fehler in den Erbanlagen, Gehirn­ Sprechen, Schreiben oder Lesen. zum Beispiel Tiere naturgetreu
schädigungen bei der Geburt, eine Einige der Betroffenen erkennen be­ und mit verblüffenden Details
Infektion, ein Unfall, Krebsge­ kannte Gesichter nicht mehr, auch zeichnen. Nadia ist Autistin.
schwür (Tumor) oder Schlaganfall. nicht die der eigenen Familie. Oder Das heißt, sie scheint ihre Um­
Zu den Krankheiten, die unter sie vergessen eine Seite ihres Kör­ gebung kaum wahrzunehmen.
anderem durch Fehler im Erbgut pers, etwa beim Kämmen oder Ra­ Zumindest verhält sie sich so.
hervorgerufen werden, gehören Alz­ sieren. Mit Hilfe moderner Technik Sie lernte nicht normal spre­
heimer, Schüttellähmung (Parkin­ erkennen Wissenschaftler den Ort chen. Was sie sagt, klingt
son) und einige formen der Epilep­ der Verletzung im Denkorgan inzwi­ ausdruckslos, ohne Gefühlsre­
sie. Besonders schwierig ist die schen auf den Millimeter genau. gungen. Weitere Symptome
Ursachenforschung bei seelisch­ Eine winzige Störung in einem ent­ von "Autismus" sind zwang­
geistigen Erkrankungen. Zum Bei­ scheidenden Bereich kann weitrei­ hafte und einörmige
f Bewe­
spiel bei anhaltend tiefer Niederge­ chende folgen wie Gedächtnis­ gungen. Wahrscheinlich liegt
schlagenheit (Depression), gespalttY­ verlust haben. Abgestorbenes Hirn­ diesem Phänomen eine Fehl­
ner Persönlichkeit {Schizophrenie), gewebe ist in der Regel nicht ersetz­ funktion im Gehirn zugrunde.
speziellen Ängsten (Phobien) etwa bar. Wenn man Glück hat, wird Die Art der Störung ist noch
vor Spinnen oder bei Suchtkrankhei­ dessen Funktion von gesunden Re­ nicht gefunden.
ten. Wahrscheinlich handelt es sich gionen im Gehirn übernommen.

40
SCHIZOPHRENIE Mehr als eine halbe Million Zwei Drittel aller Patienten kön­
Manche Menschen hören Menschen in nen dagegen mit Medikamenten
Stimmen, die kein anderer Was ist Deutschland behandelt werden_ Einige Patienten,
hören kann. Sie werden von Epilepsie und leiden unter bei denen das nicht hilft, werden
"
den Stimmen beschimpft, was hilft Epilepsie. Diese operiert. Mit einem speziellen Ver­
erhalten Befehle oder glau­ dagegen? Krankheit zeigt fahren (PET, siehe Seite 45) ortet der
ben, dass Außerirdische zu ih­ .__
______ _, sich in krampf- Chirurg die genaue Lage der Ner-
nen sprechen. Solche Men­ artigen Anfällen, bei denen die Be­
schen leiden unter einer troffenen für eine oder mehrere Mi­
gespalteten Persönlichkeit; nuten die Kontrolle über ihre Mus­
man nennt diese Krankheit keln verlieren. Manchmal beißen
Schizophrenie. Nun haben sich Epileptiker ungewollt auf die
Hirnforscher herausgefunden, Zunge oder fallen hin. Ein anderes
dass ein bestimmter Bereich Krankheitsmerkmal ist plötzliche
im Gehirn stärker durchblutet Teilnahmslosigkeit (Apathie). Je
Ist, wenn solche Sinnes­ nach Schwere der Krankheit treten
täuschungen auftreten. Es solche Anfälle mehrmals im Jahr bis
handelt sich um die .,primäre mehrmals am Tag auf Die Ursache
Hörrinde", in der die Informa­ ist oft ungeklärt. Nur in manchen
tionen aus den Ohren weiter­ Fällen kennt man den Grund: ent­
verarbeitet werden. Das Ge­ weder ein Erbfehler oder Hirntumor,
hirn eines Schizophrenen kann eine Infektion oder eine Verletzung Mit einem Hirnschrittmacher konn Epilepsie­
patienten geholfen werden.
offenbar nicht unterscheiden des Gehirns. Was bei einem epilepti­
zwischen Stimmen, die von schen Anfall im Kopf passiert, lässt venzellen, die ,.verrückt spielen" und
außen kommen und solchen, sich mit einem Gewitter vergleichen: entfernt das Gewebe durch die ge­
die im Kopf entstehen. eine unkontrollierte Erregung von öffnete Schädeldecke. Das geht nur,
Nervenzellen, die sich immer weiter wenn sich der Krisenherd exakt ein­
ausbreitet und schließlich in Salven grenzen lässt und nicht zu groß ist.
elektrischer lmpulse entlädt. Die Erfolgsquote liegt dann bei 80
Prozent.
lnzwischen wird für das Ge­
hirn ein Schrittmacher erprobt.
Das ist ein kleines Metallgerät,
das einen schwachen Strom
aussenden kann. Von außen
ähnelt der Hirnschrittmacher
einer Taschenuhr. Er wird dem
Patienten in den Brustkorb ge­
pflanzt und über einen Draht
mit dem Hirnnerv verbunden,
der an der linken Seite den
Hals hinabläuft. Der Strom,
Eine Operation bei den das Gerät alle fünf Minu­
geöffneter
Schädeldecke. ten für etwa 30 Sekunden
aussendet, gelangt über den
Nerv ins Gehirn. Dadurch kön­
nen die epileptischen Anfälle
verhindert werden. Warum das
funktioniert, ist noch nicht klar. Ge­ 1 100 Gramm bei einem Menschen
nauso wenig wie die Frage, warum mit 95 Jahren. Das liegt daran, dass
das nicht immer funktioniert. Welt­ die Zahl der Nervenzellen und Ver­
weit tragen mehr als 4000 Epilep­ bindungen zurückgeht. Außerdem
siekranke so einen Schrittmacher; schrumpfen bestimmte Zellen. Die
davon 75 Patienten in Deutschland. Abbauprozesse gelten nicht für alle
Bei gut einem Drittel der Betroffe­ Hirnregionen gleichermaßen. Be­
nen verringerte sich die Zahl der An­ sonders betrifft das Teile des Ge­
fci lle immerhin um die Hälfte. Der hirns, die für Bewegung zuständig
Schrittmacher trägt oft dazu bei, sind. Bei Menschen, die unter der
dass die Anfalle schwächer werden. verheerenden Alterskrankheit, der
Parkinson-Krankheit, leiden, können
Auch wenn das menschliche Ge­ 70 Prozent dieser Zellen zerstört TREPANATION
hirn wie jedes an­ sein. Die typischen Symptome zeigen Schon in der Steinzeit waren
Wie verändert dere Organ einem sich in gebeugter Körperhaltung, Gehirnoperationen bekannt.
sich das Verschleiss unter­ schlurfendem Gang und im unkon­ Das schließen Forscher aus

Gehirn im liegt, bedeutet trollierten Schütteln von Armen und Schädeln dieser Zeit, in
Alter? Ä lterwerden Kopf. Ebenfalls betroffen ist das die Löcher gebohrt waren.
nicht automa- limbisehe System, das wichtig ist für So eine Methode, mit der
tisch, dass die geistigen Fähigkeiten Lernen, Gedächtnis und Gefühle. Es Chirurgen noch heute die
verfallen. Der irische Schriftsteller büßt im Alter seine Geschmeidigkeit Schädelkapsel aufklappen,
George B. Shaw schrieb zum Beispiel ein, wie auch Bereiche, die planvol­ um am Gehirn zu operieren,
noch mit über 90 Jahren Theater­ les Handeln und andere geistige Fä­ nennt man Trepanation.
stücke. Mit zunehmendem Alter er- higkeiten ermöglichen.

Bei älteren Menschen geht die Zahl der Hinrzellen und deren Verknüpfungen langsam zurück.

lahmt die Leistungsfähigkeit in Alzheimer ist eine Krankheit, die ALOIS ALZHEIMER
bestimmten Hirnregionen. Die geis­ das Gehirn be­ (1864-1915) war ein deut·
tigen Fähigkeiten nehmen aber nur fällt und dort scher Neurologe und Psychia·
dann ab, wenn die Abbauprozesse Was bedeutet einen schlei­ ter, der als erster den Alters·
übermäßig gehäuft auftreten. Alzheimer? chenden Verfall schwachsinn erforschte.
Im Alter von 50 bis 60 Jahren bewirkt. Teile
beginnt das Gehirn kleiner und des Hirns bil-
leichter zu werden. Das Gewicht re­ den sich langsam, aber unaufhalt­
duziert sich beispielsweise von 1 500 sam zurück. Mit der Zeit wirkt sich
Gramm im Alter von 25 Jahren auf das auf den ganzen Körper aus.

42
HIRNOPERATION
Chirurgen haben eine
Methode entwickelt, um einen
Tumor im Gehirn bei einer
Operation besser vom umlie­
genden Gewebe unterscheiden
zu können. Bevor die Ärzte
zum Skalpell greifen,
bekommt der Patient eine be­
stimmte Substanz verabreicht, Der Querschnitt durch das Gehirn zeigt links eine gesunde Hälfte und rechts eine mit Alzheimer.
Die zahlreichen Dunkelfärbungen rechts weisen auf eine Beeinträchtigung der Gehirna ktivität hin.
die sich bevorzugt in Ge­
schwüren ansammelt und eine Weltweit suchen Wissenschaftler nennt. Sie bestehen aus einem be­
nach den Ursachen dieser Krankheit stimmtem Eiweiß ( Beta-Amyloid"),
"
sowie nach Behandlungsmethoden. das fehlerhaft abgebaut wird. Viel­
Trotz jahrelanger Forschung haben leicht bewirken die Knoten ein Ab­
sie weder das eine noch das andere sterben des Nervengewebes. Alzhei­
gefunden. mer verläuft in mehreren Stadien, in
Diese Krankheit führt unweiger­ denen sich der Zustand der Patien­
lich zum Tod. Wie lange das dauert, ten immer weiter verschlechtert.
Färbung hervorruft. Der Farb­ ist bei jedem Patienten anders: Es Es beginnt mit kleineren Ge­
unterschied markiert deutlich können wenige Jahre sein oder dächtnislücken und Stimmungs­
die Grenze zwischen gesun­ mehr als fünfzehn. Der Durchschnitt schwankungen. Die Lern- und Re­
dem und krankem Gewebe, so liegt bei sieben Jahren. ln Deutsch­ aktionsfähigkeit verlangsamt sich.
dass die Operateure es sauber land leiden rund eine Million Men­ Diese Symptome treten auch in an­
entfernen können. schen an Alzheimer. Es betrifft deren Zusammenhängen auf und
mehrheitlich über 65-Jährige. bedeuten nicht zwangsläufig Alz­
Manchmal erkranken auch 40- bis heimer. Nur der Arzt kann feststel­
50-Jährige. len, ob es sich um diese gefürchtete
Vermutlich gibt es nicht einen, Krankheit handelt. Denken und
sondern verschiedene Gründe für Sprechen fallt dem Betroffenen im­
die Krankheit. Charakteristisch sind mer schwerer. Der Patient wird
abnorme Ablagerungen im Gehirn, zunehmend hilfebedürftig und
die man Knoten oder Plaques braucht bald ganztägige Betreuung.

43
Heute vermag man Menschen beim Denken ins Gehirn zu schauen. Diese Bilder zeigen die Aktivität verschiedener Hirnregionen.
Aufgenommen wurden sie mit einer speziellen Technik, der Positronen-Emissions· Tomographie (PET).

Das H irn in der Forschung


·
Die Hirnforschung hat eine Reihe stoffreiches Blut dorthin nießt. fRÜHER HIRNFORSCHER
von Verfahren Mit einer bestimmten Methode, Leonardo da Vinci war ein Uni­
Kann man dem entwickelt, die der funktionellen Kernspintomogra­ versalgelehrter der Renaissan­
Gehirn beim eine genauere phie (kurz fMRT), lassen sich vom ce, zu dessen vielen Interes­
Denken Beobachtung der Gehirn Bilder herstellen, auf denen sensgebieten auch die
zusehen? Prozesse in un- die einzelnen Hirnregionen räumlich Anatomie gehörte. Leonardo
serem Denk­ gut voneinander zu trennen sind. da Vinci sezierte im Geheimen
organ ermöglichen. Während man Per Computer werden die unter­ Leichen, um seine Kenntnisse
früher mit dem Hirnstrombild (EEG) schiedlich starken Sig­
nur die elektrische Aktivität ableiten nale in Farben umge­
konnte, eröffnen moderne bildge­ setzt. Die intensiven
bende Verfahren den Blick nach Farben markieren die je­
innen - am lebendigen Menschen. weils aktiven, stark
Er wird dabei weder mil Rönt­ durchbluteten Hirnre­
genstrahlen noch mit Chemikalien gionen.
(" Kontrastmitteln") belastet. So Solche Bilder zeigen
"
kann man freiwilligen Versuchsper­ deutlich, dass "Sehen
sonen verschiedene Aufgaben stel­ woanders verarbeitet
len wie Bilder ansehen, Musik hören wird als ..Hören". Wenn ....::::-- �
..
-��
_:;..
oder einen Text lesen. Währenddes­ die Versuchsperson �.� ..
.
.. -�
...- · - -"""'"""'
- ..._ .. t __
,..

sen wird um die Testperson herum nicht nur Töne hört, /..:!-:;-4 :
:.:::
,
•'"'···-'···
ein starkes Magnetfeld erzeugt. Das sondern auch etwas Ge-
Gehirn reagiert darauf mit einem sprochenes, werden weitere Teile der zu erweitern, und fertigte zahl·
"eigenen" Magnetfeld, das man Großhirnrinde aktiv. Soll ein Mensch reiche Skizzen an -so über
messen kann. Es ist nicht überall sich einzelne Sätze anhören, mobili­ das Gehirn (oben). Als erster
gleich, sondern am stärksten dort, siert das die Zellen im hinteren entdeckte er die Gehirnkam­
wo besonders viele Nervenzellen ak­ Schläfenlappen (sensorische Sprach­ mern, als er den Schädel eines
tiv sind. Die brauchen dann mehr region) und in beiden Scheitellap­ Ochsen mit Wachs ausgoss.
Sauerstoff, weshalb verstärkt sauer- pen. Wenn die Versuchsperson da-

44
gegen über die Bedeutung der ge­ Der britische Astrophysiker Ste­
hörten oder gelesenen Worte nach­ phen Hawking
denken soll, beteiligt sich die moto­ Wie können leidet an einer
rische Sprachregion im linken vollständig Ge­ schweren
Stirn Iappen. lähmte wieder Krankheit, die
Die Kernspintomatographie schreiben? ihn an den
(NMR) ist mittlerweile ein medizini­ ,__
_____ _.. Rollstuhl Fes-
schen Routineverfahren, mit dem e
s it. Er ist gelähmt und kann nicht
zum Beispiel untersucht wird, ob mehr sprechen. Durch die Krankheit,
jemand einen Hirntumor hat. Der die abgekürzt ALS heißt, schrumpft
Patient liegt dafür in einem tunnel­ das Rückenmark. Deshalb kann das
artigen Apparat, während bestimm­ Hirn keine Bewegungsimpulse in die
te Bereiche seines Gehirns abfoto­ Muskeln schicken. Mit der Zeit ver­
grafiert werden. lieren die Betroffenen die Kontrolle
über ihren ganzen Körper. Die Mus­
keln verkümmern, was nach mehre­
-
' 1/!flf.,
ren Jahren zum Tode führen kann.
Bei Hawking schreitet der Mus­
kelverfan sehr langsam voran, und er
kann noch einen Muskel seiner
Hand bewegen. Das reicht gerade,
um die Maus eines Spezialcompu­
ters zu steuern. Auf dem Bildschirm
wählt der Physiker aus einer Liste
Worte aus und setzt sie zu Sätzen
zusammen. Nur auf diese mühsame
Art und Weise kann er seine Gedan­
ken mitteilen und Texte für Vorträ­
ge und Bücher schreiben.
Es gibt aber Menschen, die unter
ALS oder einer anderen Krankheit
leiden, wodurch sie nicht f!lal mehr
einen Muskel ihrer 1-land bewegen
Aufeinem Gleittisch rückt der Patient durch einen Scanner, der Schnittbilder des
Gehirns anfertigt. Das Bild erscheint auf einem Bildschirm. können. Forscherteams in den USA
und Europa arbeiten daran, auch
Bei der PET (Positronen-Emis­ diesen Menschen den Kontakt zu
sions-Tomographie) bekommen ihrer Umwelt zu ermöglichen. ln Tü­
freiwillige Versuchspersonen eine bingen hat eine Gruppe von Wissen­
Substanz verabreicht, die radioaktiv schaftlern ein höchst erstaunliches
markiert ist. Ü ber das Blut gelangt Verfahren entwickelt: Die Patienten
sie ins Gehirn und verteilt sich übertragen - grob vereinfacht -
unterschiedlich. Die Hirnregionen, ihre Gedanken auf einen Computer,
die durch Testaufgaben besonders und der führt ihre Befehle aus. Da­
gefordert werden, sind stärker für wird die elektrische Aktivität im
durchblutet, weil dort mehr Stoff­ Kopf mittels Hirnstrombild (EEG)
wechselenergie verbraucht wird. Die abgeleitet und über einen Verstärker
von außen gemessene Strahlung ist in den Computer gespeist. Sie wird
dementsprechend höher. in Form eines Symbols - z.B. eines

45
ter dient der Ball als Cursor, mit des­
sen Hilfe man am Bildschirm Sätze
oder Buchstaben auswählen und
zum Beispiel schreiben kann. Ob­ GEHIRN IM INTERNET
wohl das Stunden dauert, bedeutet Eine tolle Kinderseite über
es für die Gelähmten einen gewalti­ das Gehirn (allerdings auf
gen Fortschritt, um ihr Eingeschlos­ Englisch) bietet:
sensein zu durchbrechen. Über Sym­ http://faculty.washington.edu/
bole auf dem Bildschirm können sie chudlerIneurok.html
auch das Licht ein- oder ausschalten Eine Einstiegsseite mit vie­
und den Fernseher bedienen. len Links bietet:
http://www.neuroguide.com
Zwischen Computer und Gehirn
scheint es gro­
Kann man das ße Ähnlichkei­
Gehirn mit ten zu geben:
einem Compu­ Beide verarbei­
Der Astrophysiker Stephen Hawking kann sich ter vergleichen? ten lnformatio-
nur mit Hilfe eines Spezialcomputers mitteilen. nen, und in
beiden finden komplizierte Rechen­
Balls - auf dem Bildschirm sichtbar prozesse statt. Bildlich betrachtet
gemacht. Dort beAnden sich außer­ könnte man die Festplatte eines
dem zwei Tore: eins oben, eins un­ Computers mit dem Gehirn verglei­
ten. Wenn bestimmte Gehirnregio­ chen. Geist und Seele würden dann
Vollständig Gelähmte können
nen erregt sind, fliegt der Ball ins den Programmen ("Software") ent­
lernen, ihre Gedanken über
obere Tor. Sind sie gehemmt, landet sprechen. Dieser Vergleich stimmt Hirnströme aufden Computer
der Ball im unteren Tor. So kann der aber nur auf den ersten Blick. Bei- zu übertragen.

Patient seine eigenen Hirnströ­


me beobachten, als wäre es ein
Fußballspiel im Fernsehen.
Das Wichtigste aber ist: Der
Gelähmte lernt, den Ball krart
seines Willens zu steuern. Ein
Therapeut bittet den Betroffe­
nen, den .. Ball" - also seine
eigenen Hirnströme - mal ins
obere und mal ins untere Tor
zu "schießen". Dazu muss er
sein llirn mal mehr, mal weni­
ger aktivieren. Das erfordert
viele Stunden Training. Aber
nach mehreren Wochen oder
Monaten schafft es fast jeder
Patient, seine Hirnwellen so zu
kontrollieren. Wie das ge­
schieht, ist bei jedem Men­
schen anders, weil jeder seine
eigene Denkstrategie hat. Spä-
genauerer Betrachtung erkennt man len, die ihrerseits vielfach verknüpft
die entscheidenden Unterschiede, ja sind. Die Knotenpunkte solcher Net­
sogar Gegensätze. Während ein ze kommunizieren miteinander und
Computer die Daten in einem zen­ verarbeiten Informationen parallel
tralen Prozessor verrechnet, beteili­ (gleichzeitig nebeneinander). Zwi­
gen sich im Gehirn alle Regionen an schen ihnen herrscht keine Kom­
der lnformationsverarbeitung. Das mandostruktur, sondern ein Wech­
Hirn organisiert sich also dezentral. selspiel von gegenseitiger Beein­
Es trennt auch nicht wie ein PC zwi- nussung.

SPRACHERKENNUNG
Zu den Bemühungen, Hirnleis­
tungen durch Computer zu
simulieren, gehört auch die
Spracherkennung. Der aus
dem Kopf in den Computer dik­
tierte Text erscheint geschrie- Informatiker träumen schon lange davon, einen Rechner zu bauen, der so leistungsfähig ist wie
das menschliche Hirn. Dach je mehr Neurologen über unser Denkorgan herausfinden, desto
schwieriger scheint es, dieses Zielzu erreichen.

sehen .. Rechnen" und ..Speichern". Die Verknüpfungen in so einem


Statt nach einer strengen Hierarchie, Netz sind nicht fest programmiert.
in der Befehle nur von oben nach Sie organisieren sich selbst. Im
unten laufen, funktioniert unser Gegensatz zu einem herkömmlichen
Denkorgan eher in Teamarbeit. Es Computer kann ein Nervennetz "aus
ist vergleichbar mit vielen kleinen Erfahrung lernen". Unser Gehirn hat
ben auf dem Bildschirm. Die Gruppen von Schülern, zwischen eine Geschichte, auf die es bei Bedarf
akustischen Signale (unten) denen ein lebhafter Informations­ zurückgreift. Mit dem Netzwerk-Ge­
werden digitalisiert und in austausch herrscht. danken nähert sich die Wissenschaft
Buchstaben umgewandelt. Wissenschaftler haben für dieses einem ganzheitlichen Bild vom Ge­
Bild des Gehirns den Begriff von hirn. Es hat ja keinen Sinn, einzelne
den .. neuronalen Netzen" geprägt. Bestandteile isoliert voneinander zu
Das heißt, die Bausteine des Gehirns untersuchen, wenn man dabei den
- die Nervenzellen (Neuronen) - bil­ Blick fürs "Ganze" verliert. Denn:
den unzählige Verbindungen nach Das Ganze ist mehr als die Summe
allen Seiten. Zu anderen Nervenzel- seiner Teilchen.

47
Seit vielen Jahren versuchen Dinge des Alltags Schwierigkeiten. KISMET
,.....----, Wissenschaftler, Zumindest Dinge, die uns selbstver­ ln den USA basteln Wissen­
Wie weit sind das Wechselspiel ständlich erscheinen: in einem Ge­ schaftler an einem Roboter mit
Forscher mit der von Nervenzellen bäude von einem Zimmer ins ande­ Gefühl. .,Kismet", so heißt das
künstlichen im Computer re gehen. Viel Tüftelei war nötig, bis kindlich wirkende Wesen mit
Intelligenz? nachzubauen. der erste Roboter sich unfallfrei Kulleraugen und großem
Nach bescheide- durch die Gänge eines Krankenhau­
nen Anfängen haben sie inzwischen ses bewegte oder gar Treppen stei­
enorme Fortschritte gemacht. lm gen gelernt hatte. lnzwischen kann
Labor konstruierte künstliche Wesen ein Roboter Brot mit Butter be­
beginnen, die Arbeitswelt zu er­ schmieren oder Bananen schälen.
obern. lm Dienste des Menschen Aber bis die Kunsthirne soweit
werkeln sie an unwirtlichen Plätzen programmiert waren, haben die For­
oder wiederholen bestimmte Hand­ scher viel Gehirnschmalz investiert.
griffe immer wieder - ohne zu er­ ln Japan wird nun eine Roboter­
müden: Roboter helfen, Autos zu­ katze namens "Robotoneko" entwi­ Mund. Kismet kann mit den
sammenzusetzen, spüren undichte ckelt. Das llirn besteht aus fast 40 Augen rollen und die Lippen
Stellen in Abwasserrohren auf oder Millionen künstlichen Nervenzellen. bewegen. Er scheint sogar
sammeln Daten in Vulkankratern. Die sollen sich selbst miteinander schon erste Geühle
f zu zeigen.
Die Kunst-Geschöpfe erinnern an vernetzen und lernen, sich wie eine Mit Hilfe eines psychologisch
lnsekten, Fische, Katzen oder Dino­ Katze zu verhalten. Noch existiert geschulten Computerpro­
saurier. Manchmal tragen sie auch Robotoneko nur als Reißbrettzeich­ gramms nimmt das Maschi·
menschliche Züge. Von der Komple­ nung, während ihr Kunsthirn bereits nengesicht den Ausdruck von
xität natürlicher llirnprozesse und im Computer .,gezüchtet" wird. Als Angst oder Freude, Erschre­
menschlichem oder tierischem Ver­ Augen sollen Minikameras dienen cken oder Ekel an.
halten sind sie jedoch weit entfernt. und Mikrofone als Ohren. Die
Während sie hochspezialisierte Tä­ Schnurrhaare werden durch Tast­
tigkeiten mühelos erledigen - bis sensoren vertreten. Mit Hilfe von
hin zu Operationen am Menschen -, Elektromotoren in den Beinen soll
bereiten ihnen gerade die einfachen sie laufen können und durch einen
Tonerzeuger im Maul miauen.
Roboter ,.Cog" Möglicherweise können Roboter GEHIRN ALS VORBILD
soll einmal bald das menschliche Lächeln er­ Die Computertechnologie lernt

kopieren­
kennen - und zurücklächeln. Ande­ von den Mechanismen der
noch aber ist re kleine Kunststückehen lernen sie Hirnorganisation. Inzwischen
er ihm weit vielleicht nie, die Kinder ziemlich gibt es Chips, die nicht mehr
unterlegen.
bald beherrschen: die Schnürsenkel fest verdrahtet sind. Bei ihnen
von Schuhen zu einer Schleife zu lassen sich die Schalt-
binden oder einen Schneemann zu elemente mit Hilfe einer
bauen. So einFach das für den Men- speziellen Software zu immer
sehen aufgrund seines hoch- neuen Kombinationen ver-
entwickelten Gehirns ist - knüpfen. Das erleichtert es
ein künstliches Den kor- den Wissenschaftlern, da.s
gan kommt da nicht mit. Wechselspiel zwischen
Das Wunderwerk der Na- Nervenzellen im Rechner
tur hält also noch genü- nachzubilden.
gcnd Rätsel für Generatio-
nen von Forschern bereit.
WAS
I �i 111
Das Gehirn ist das
komplizierteste Organ,
das die Natur hervor­

WAS gebracht hat. Wie aber


sieht es im l n n ern
unseres Kopfes eigent­
lich aus? Welche Vorgänge spielen
sich im zentralen Nervensystem ab?
Was passiert, wenn wir sehen, hören, denken, fühlen oder
handeln? Wie nehmen wir die Welt im Unterschied zu
Tieren wahr? Monika Rößiger,
Biologin und Wissenschaftsautorin,
beschreibt, mit welchen Methoden
die Hirnzellen eine Fülle von
I n formationen verarbei­
ten und Signale über­
mitteln, ohne dass
sie als Datensalat
verloren gehen.
Außerdem wird erklärt, was im Schlaf
und beim Träumen geschieht, wie Kinder
ihre Sprache lernen, was Gedächtnis ist, wie
llirnstörungen sich auswirken und vieles mehr.

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ISBN 3-7886·0671-1 9/99

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