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Euer Märchen Onkel Dirk Michael Roscher erzählt euch Geschichten über die Welt der Drachen!

Vorwort zu

Euer Märchen Onkel Dirk Michael Roscher erzählt euch Geschichten über der Drachenwelt!

Einer Welt voller Fantasy, ist eine Welt voller Magie und Drachen

diesmal reiste ich in der Welt der Drachen.

Und davon werde ich euch, meine lieben großen und kleinen Kinder

erzählen.

Damit öffnet sich eine Welt voller Wunder und neuer Abenteuer

willkommen in meiner Welt in der Welt der Drachen!

Die Sage vom ewigen Wächter des Kristalls

Früher einmal als die Zeit noch jung war und die Menschen noch nicht so misstrauisch und ängstlich,
lebten noch Drachen auf dieser, mittlerweile zerstörten Erde. Sie lebten friedlich mit den Menschen
zusammen und beschützten sie. Und Krieg kannten die Menschen zu dieser Zeit der Erdgeschichte noch
nicht.

Die Menschen kannten damals noch das Geheimnis Kristalle herzustellen und für ihre friedlichen Zwecke
zu nutzen. Dieses Wissen ist den Menschen heute leider verlorengegangen.

Zu dieser Zeit lebten auch noch die weisen und mächtigen Zauberer. Sie verstanden es die größten und
mächtigsten Kristalle herzustellen. Die Zauberer und Drachen lernten von- und miteinander und waren
miteinander sehr vertraut.

Der größte und klügste der Drachen in unserer kleinen Stadt hieß Asimi und war engster vertrauter des
Zauberers Merlin. Merlin hatte zu dieser Zeit eine Vorliebe dafür mit seiner Kristallkugel Lebewesen zu
erschaffen. Er wusste aber, dass dies sehr gefährlich sein konnte, da das Leben zu dieser Zeit noch etwas
Heiliges war. Zuerst hatte er sich an ein paar kleineren Tieren versucht, doch eines Morgens erschuf er
zwei Katzen, eine schwarze, sie nannte er Mavros, und eine weiße, sie nannte er Aspos. Diese zwei
Katzen waren sehr klug, sie lernten die menschliche Sprache und waren sehr bald so klug, dass sie Merlin
bei seiner täglichen Arbeit als Berater zur Seite stehen konnten.

Merlin hatte eine große Bibliothek mit sehr vielen Büchern. Darunter besaß er sehr viele Bücher über
Magie und Zauberei. Doch Magie war auch schon zu dieser Zeit nicht immer gut. Merlin besaß auch
einige Bücher über schwarze, böse Magie, in denen man lesen konnte wie man mit Einsatz schwarzer
Magie an die Macht kommen konnte. Deshalb hielt Merlin diese Bücher immer unter Verschluss.

Eines Tages entdeckte Mavros, die schwarze Katze, diese Bücher und weil auch sie ebenso wie ihre
Schwester magische Kräfte besaß, war es ihr ein leichtes das Schloss zu öffnen und die Bücher zu lesen.
So geriet sie in den Bann der schwarzen Magie. Und sie begann immer stärker den Wunsch zu haben die
Welt zu beherrschen, doch zunächst sollte niemand davon erfahren bis ihre Kräfte groß genug waren um
diesen Plan auch verwirklichen zu können. Doch Asimi spürte die dunkle Magie, die Mavros mit einem
Male umgab. Er berichtete Merlin davon und dieser fertigte einen besonders starken Kristall an, der die
Macht hatte die schwarze Magie zu vernichten. Asimi sollte diesen Kristall beschützen.

In einer besonders dunklen Neumondnacht war Mavros bereit ihre Kräfte zu entfalten um die
Menschheit und die Drachen zu versklaven. Die Zauberer kämpften mutig mit ihren Kristallen gegen sie,
hatten aber keine Chance. Erst als es so aussah als hätte Mavros gewonnen, setzte Asimi die Kraft seines
Kristalls frei und verbannte die schwarzes Magie von der Erde.

Die Kraft des Kristalls bewirkte, dass Mavros in eine Statue mit grünen Smaragdaugen verwandelt wurde.
Aspos hingegen, die Asimi geholfen hatte, blieb am Leben um den Kristall zu bewachen. Asimi wurde in
eine silberne Statue verwandelt und hält als ewiger Wächter des Kristalls den Kristall heute noch in den
Pranken.

Der Kaiser

Es sind schon einige Jahrhunderte vergangen, seit ich das erlebt habe, wovon ich euch nun erzählen
möchte, aber ich erinnere mich noch genau daran und es war eine schöne Zeit damals, alle lebten
friedlich miteinander und die Worte "Hass" oder "Neid" kannte niemand. Ich, Aspos, und meine
Schwester Mavros lebten bei dem Zauberer Merlin. Unser Land wurde von einem Kaiser regiert, der
weise und gerecht über sein Reich herrschte. Eines Tages erkrankte der Kaiser. Sein Berater ließ die
besten Ärzte des Landes rufen, doch keiner hatte diese Krankheit jemals gesehen und sie gaben ihm
noch höchstes einen Monat zu leben. Doch eine Woche nachdem die Ärzte abgereist waren und nur
noch des Kaisers Leibarzt über seine Gesundheit wachte, erwachte der Kaiser aus seinem fiebrigen
Schlaf. Er fühlte sich besser als je zuvor und sein Arzt stellte fest, dass er gesund war. Keiner konnte sich
dieses Wunder erklären, noch nicht einmal die Zauberer oder die Drachen, die den Palast beschützten,
indem sie ihn mit einer guten, starken Macht umgaben. Zu dieser Zeit spürte ich zum ersten Mal die
neue, dunkle Macht, die der Kaiserpalast ausstrahlte. Ich erzählte Merlin und meiner Schwester von der
fremden Energie, aber sie konnten sich den Ursprung dieser bedrohlichen Macht nicht erklären.

Durch seine Krankheit schien der Kaiser ein völlig anderer Mensch geworden zu sein, er entwickelte sich
zu einem Diktator. Er entließ seine Minister um die alleinige Macht in seinem Reich zu erlangen und
unterjochte sein Volk mit hohen Steuern und Abgaben. Je mehr Macht der Kaiser über das Land erlangte,
desto stärker wurde die finstere Macht, die ihn umgab. Meine Schwester und Merlin spürten sie nun
auch, eine schwarze und finstere Kraft, die langsam begann unsere eigene Kraft in sich aufzusaugen.
Merlin sprach zu Mavros und mir: "Wir müssen diese unheimliche Macht aufhalten, sonst wird sie
womöglich noch die gesamte Erde umhüllen."

Gerade als er zu Ende gesprochen hatte hörten wir die schlimme Nachricht, dass der Kaiser vorhabe, das
uralte Bündnis, das wir mit den Drachen pflegten, aufzulösen. "Dieses Bündnis besteht schon seit die
Menschheit zurückdenken kann und falls es aufgelöst wird, werden die Drachen einen Krieg beginnen,
den die Menschen nicht gewinnen können." Dieser Gedanke ging mir in diesem Moment durch den Kopf
und trieb mich zu einer beinahe wahnsinnigen Tat: "Ich gehe in den Palast und werde versuchen ihn
davon abzubringen", sagte ich noch rasch zu Merlin und meiner Schwester, die überrascht blickten, und
rannte in den Kaiserpalast.

In diesem Moment wusste ich noch nicht, wie ich das schaffen sollte, aber als ich vor dem Palast stand,
hatte ich erst einmal ganz andere Probleme zu bewältigen. Vor dem Palast standen zwei Soldaten, die
ziemlich grimmig dreinblickten und mich bestimmt nicht ohne weiteres einlassen würden.

Ich wandte den alten Unsichtbar-Trick an, den ich von Merlin gelernt hatte. Ein letztes Mal leuchteten
meine Augen bernsteinfarben und mein Fell silbern auf, bevor ich für jedes menschliche Auge
verschwand.

So kam ich, unbemerkt von den Wachen, in den Palast. Einst erschien mir der Palast immer Pastell, ja
fast leuchtend weiß, doch seitdem der Kaiser sich verändert hatte, war der Palast grau, beinahe schwarz.
Ich tapste auf lautlosen Pfoten den Gang entlang und obwohl ich wusste, dass mich keiner sehen konnte,
hatte ich ein Gefühl in der Schwanzspitze, das nichts Gutes bedeuten konnte.

Der Gang, der am Anfang noch recht gut beleuchtet war, wurde langsam dunkler und ich konnte am
Ende eine undeutliche Stimme hören. Ich ging bis zum Ende des Ganges, wo ich ein schwaches Licht
sehen konnte. Das Licht kam aus einem Zimmer. Aber als ich hineingehen wollte blieb ich im Türrahmen
stehen. Das Zimmer war kein Zimmer, es ähnelte eher einer Kathedrale, mit hohem Gewölbe,
Stützpfeilern und einem Altar. Vor dem Altar stand der Kaiser, zumindest glaubte ich, dass er es war. Er
schien mit sich selbst zu sprechen, aber jedes Mal, wenn er sich antwortete, schien er jemand anderes zu
sein, mit einer Stimme, die ihm nicht gehörte. Ich konnte seinen Dialog nicht richtig verstehen, er schien
unendlich weit von mir entfernt zu stehen. Ich wollte mich ihm nähern, aber als ich gerade mal bis auf
zehn Schritte an ihn herangekommen war, drehte er sich zu mir herum und schrie mit einer dunklen
Stimme, die aus den unendlichen Weiten des Universums zu kommen schien: "Wer ist da?" Ich blieb
erschrocken stehen und starrte ihn an. Er blickte mich an: "Was willst du hier?" fragte mich die
unheimliche Stimme. Er war offensichtlich kein menschliches Wesen mehr, da er mich sehen konnte.
Deshalb machte ich mich wieder sichtbar. "Wer bist du?" fragte ich ihn. Er lachte verächtlich: "Wer ich
bin? Ich trage keinen Namen, aber ich bin etwas, das ihr in dieser Welt noch nicht kennt." Ich machte
noch einen Schritt auf ihn zu und wusste, dass dies nur noch die menschliche Hülle unseres einst so
gutmütigen Kaisers war. Er begann mit seiner finsteren Stimme weiterzusprechen: "Ich stamme nicht aus
deiner Welt, nicht einmal aus deiner Zeit." In diesem Moment begann ich zu verstehen was er war und
zwar ein Dämon aus der Zukunft, geboren aus dem Hass und Neid der Menschen. Ein Dämon, der die mir
bekannte Welt vernichten wollte. Ich ging noch einen Schritt auf ihn zu: "Du bist ein Dämon und hast
unseren Kaiser zu deinen bösen Zwecken missbraucht." "Du bist klug, kleines Kätzchen, aber auch du
wirst mich jetzt nicht mehr aufhalten können. Ich werde eure Freundschaft zu den Drachen beenden und
dann werden sie mir die Arbeit abnehmen, euch zu vernichten. Dann gibt es eine Welt, in der nur Hass
existieren kann, das einzige Gefühl der Menschen, das wirklich zur Macht verhilft. Du stirbst in wenigen
Minuten, also brauche ich dich nicht umbringen. Du darfst sogar zusehen wie ich deine Welt vernichte."
Er drehte sich um und griff nach dem Kristall, den die Drachen uns einst am Beginn der Zeit schenkten ,
als Symbol ihrer Freundschaft. Ich wusste um einen Krieg zu beginnen brauchte er ihn nur zu zerstören
und dann würden in wenigen Sekunden einige tausend Drachen vor dem Palast stehen und nur noch
darauf warten, zu erfahren, dass der Kristall aus reiner Böswilligkeit zerstört wurde. Dann würde der
Krieg beginnen und kein menschliches und wenige magische Wesen würde ihn überleben.

Er hatte die runde Kristallkugel schon aus ihrer silbernen Halterung herausgenommen und hielt sie hoch
über seinem Kopf, bereit, sie mit all seiner Kraft zu Boden zu werfen. Ich musste ihn aufhalten und
brauchte dazu Zeit mir etwas einfallen zu lassen, Zeit, die ich nicht hatte. Also beschaffte ich mir die
notwendige Zeit. Mit einem weiteren Trick, den ich von Merlin gelernt hatte, hielt ich den Zeitfluss für
einige Minuten an. Und wirklich, der Dämon bewegte sich nicht mehr. Auch die restliche Welt war
stehen geblieben, kein Laut war mehr zu hören. Nun, da ich genug Zeit hatte nachzudenken, wurde mir
klar, dass ich den Dämon nur mit ganzem Einsatz meiner Zauberkraft besiegen konnte. Ich ließ den
Kristall schweben und mit einem blinzeln meiner Augen brachte ich ihn nach Hause zu Merlin. Ich wusste
er war bei ihm sicher. Die Zeit floss weiter. Der Dämon schleuderte den Kristall, den er noch in seinen
Händen glaubte, zu Boden. Als nicht das gewünschte Ergebnis geschah, realisierte er sofort, dass ich
wohl daran Schuld war. Er schaute mich mit einem Blick an, der mich hätte töten können, wäre ich kein
magisches Wesen. Er hob mich an meinem Nackenfell hoch, so dass er mir direkt in die Augen schauen
konnte: "Wo ist er?" brüllte er mir mit seinem ganzen Zorn entgegen. "An einem Ort, den du niemals
finden wirst." antwortete ich ihm und musste leicht lächeln als er noch zorniger wurde. Er stieß einen
hasserfüllten Schrei aus und warf mich in eine Ecke. Meiner Art gerecht werdend landete ich aber sicher
auf allen vier Pfoten. Nun war es für mich an der Zeit ihn endgültig unschädlich zu machen. Ich ging
langsam, Schritt für Schritt auf ihn zu und wandte meinen Blick nicht von ihm ab. Ich schrie ihm zwei
Worte entgegen: "Verschwinde, Dämon!" Immer und immer wieder: "Verschwinde, Dämon!"
Irgendwann konnte er meinen starren Blick nicht mehr ertragen und ging in gleichem Tempo wie ich auf
ihn zukam rückwärts. Nach etlichen Minuten stand er mit dem Rücken zur Wand und konnte meinem
Blick nicht mehr ausweichen. Nun legte ich meine gesamte Zauberkraft in meine Worte: "Dämon!
Verlasse diesen menschlichen Körper!" Mein Zauber verfehlte seine Wirkung nicht. Der Dämon verließ
den Körper des Kaisers und erschien als eine Art schwarze Wolke vor mir. Mit Augen, die im Nichts
eingebetet zu sein schienen und blutrot waren. Wieder sprach ich eine magische Formel gegen ihn aus
und legte die letzten Reste meiner Zauberkraft, die mir noch zur Verfügung stand, in diese Worte und
der Dämon verschwand. Er löste sich in einer silbernen Wolke aus Sternenstaub auf. Während von dem
Körper des Kaisers scheinbar ein schwarzer Schatten abfiel, veränderte sich auch unsere Umgebung. Der
Altar und das dunkle Gewölbe verschwanden und des Kaisers perlmuttfarbener Thronsaal erschien. Der
Kaiser stand auf und sah mich an. Dann kniete er vor mir nieder: "Ich danke dir. Du hast mich und das
ganze Königreich gerettet." "Ich..." sagte ich noch, bevor ich ohnmächtig wurde.

Ich erwachte in einem Zimmer, das vor warmem Licht weiß strahlte. Es schien das Schlafzimmer des
Kaisers zu sein und ich lag offenbar auf seinem Bett. Ich war unfähig mich zu rühren, soviel Kraft hatte
ich verbraucht. Dann öffnete sich die doppelflüglige Tür und der Kaiser trat ein. Er schien gesünder und
kräftiger als jemals zuvor. Er setzte sich auf die Bettkante und sprach mit seiner gewohnten warmen
Stimme zu mir: "Wie geht es dir?" "Ich fühle mich etwas schwach, aber sonst fühle ich mich gut"
antwortete ich noch etwas benommen. "Das ist schön.", er lächelte, "Ich kann dir wirklich nicht oft genug
danken.", ich wurde etwas verlegen, "Kann ich dich trotzdem noch um einen Gefallen bitten?" "Aber
natürlich." "Erzählst du mir, was passiert ist? Und wo ist der Kristall?" Ich musste lächeln und hätte
beinahe gelacht, wenn die Frage nicht so berechtigt gewesen wäre.

Ich erzählte ihm was geschah seit er scheinbar gesund war und wie ich den Dämon besiegte. Nachdem
ich alles berichtete, hatte ich auch genug Kraft gesammelt um den Kristall wieder an seinen Platz zu
bringen.

Inzwischen wurde es Abend und der Kaiser lud mich zum Essen in seine große Halle ein. Der Palast, durch
den ich neben dem Kaiser trippelte, hatte wieder seine weiße Farbe angenommen und strahlte die
gewohnte, so gut tuende positive Energie ab. Neben Mavros und Merlin waren auch einige Vertreter der
benachbarten Kaiserreiche eingeladen, genauso wie einige Vertreter der Drachen. Der Kaiser hielt eine
Ansprache. Aber als er ansetzte zu berichten wie es zu scheinbar "seinen" Missetaten kam ließ er mich
sprechen, mit dem Argument, dass ich diese Aufgabe besser bewältigen könne als er. Und so erzählte ich
noch einmal die Geschichte von einem Kaiser, der von einem Dämon des Hasses besessen war, und den
eine Katze rettete.

Ein Bier und seine Folgen

Es war eine dunkle, eisigkalte Winternacht. Die kleine, stämmige Gestalt stapfte durch den Schnee,
immer bemüht darum, gegen den immer heftiger wehenden Wind, der ihr schneidend ins Gesicht blies,
anzukommen. Man hätte sie für ein Kind halten können, wäre da nicht die riesige Axt gewesen, die sie
auf dem Rücken trug.
Nach stundenlangem, kräftezehrendem Marsch kam Gorny durstig vor der kleinen Gaststätte "Zum
überlaufenden Bierkrug" an. Er war ein Zwerg und es gewöhnt, in seiner immer beheizten Berghöhle zu
wohnen und nicht in dieser Kälte, durch den - wie er glaubte - von allen Göttern verlassenen, öden Wald
zu laufen. Als er die Tür öffnete und ihm die erwartete Wärme und die gewohnten Gerüche von Alkohol
und Schweiß verschiedener Lebewesen aus der Gaststube entgegenkamen, spürte er eine Welle der
Erleichterung, war aber zu stolz als dass er dies jemals zugegeben hätte.

Der Zwerg ließ sich in der hintersten Ecke auf einen Stuhl sinken. Er winkte dem sehr dicken Wirt Dogan
hinter der Theke, der sich drei betrunkenen Orks gegenüber sah und deshalb erst nach ein paar Minuten
zu ihm kam und die Bestellung aufnahm. Als er gegangen war, betrachtete Gorny unauffällig die anderen
Gäste: Ein paar Orks aus den Steinwüsten im Osten, die darauf warteten, dass ihre Kameraden mit
Getränken zurückkamen, ein paar dreckige Kobolde, die offensichtlich aus den Sümpfen im Norden
stammten und argwöhnisch um sich blickten, und ein Elb aus den westlichen Wäldern.

Ein Elb?! Gorny hasste Elben und dieser sah in seinen Augen besonders arrogant aus. Er hatte die
silbernen, schulterlangen Haare, das schmale, scharfgeschnittene Gesicht mit den mandelförmigen,
blauen Augen und die typischen, spitz zulaufenden Ohren der Waldbewohner.

Oh, diese überheblichen Spitzohren, halten sich für was Besonderes, weil sie mit den Naturgöttern auf
gutem Fuß stehen. Der Wirt kam in seinem watschelnden Gang und riss Gorny mit einem Krug Bier aus
seinen Gedanken. Der Zwerg nahm durstig einen großen Schluck und fühlte, wie ihn das Getränk von
innen aufwärmte. Als Gorny wieder aufsah, fiel sein Blick erneut auf den Elb, der offenbar zur Theke
wollte.

Gleichzeitig sah er aus den Augenwinkeln die drei Orks, welche mit vollen Bierkrügen schwankend dem
Elb entgegenkamen und augenscheinlich zurück zu ihren Gefährten wollten. Da Orks, wie der Zwerg
wusste, betrunken nicht die schnellsten Reaktionen hatten, rempelten sie den Elb an, der nicht mehr
rechtzeitig reagieren konnte und auf Gornys Tisch fiel, dabei stieß er mit dem Arm den Krug um, den der
Zwerg dort abgestellt hatte. Von den Orks ließen sich krächzende Geräusche vernehmen, welche Gorny
als Lachen interpretierte. Erst dann sah er, dass der Elb in einer Bierpfütze vor ihm lag.

Der Zwerg spürte, wie die Wut in ihm wie Feuer entflammte. Mit einem wütenden Schrei packte er den
Elb am Kragen und schleuderte ihn auf den Boden. Dieser sprang sofort wieder auf die Füße, zog sein
Schwert und hielt es ihm entgegen: "Du riskierst es, einen Elb so zu behandeln?"

"Natürlich. Dieser Elb hat es gewagt, mich bei meinem Bier zu stören", konterte Gorny und versuchte
dabei seine Stimme zu beherrschen.

"Ich heiße Amirán. Du sollst wissen, wer dir jetzt Manieren beibringt, Zwerg!" Er sprach das letzte Wort
so verachtungsvoll aus, wie es ihm möglich war.

"Nenn’ mich nicht Zwerg, ich heiße Gorny." Er zog seine Axt hervor und brachte sich in Kampfposition,
wobei ihm sein kupferfarbenes Haar unordentlich vom Kopf abstand und ihm ein wildes Aussehen
verlieh.

Gorny und Amirán starrten sich an und man spürte, wie die Spannung im Raum anstieg. Die anderen
Gäste sprangen begeistert auf und bildeten einen großzügigen Kreis um die beiden Kontrahenten, sie
wollten sich den bevorstehenden Kampf nicht entgehen lassen. Die Kobolde schlossen bereits
untereinander Wetten ab, wer das Duell wohl überleben würde.

"Spitzohr, du weißt wohl nicht, dass es gefährlich ist, sich mit einem Zwerg anzulegen."

"Vor dir habe ich keine Angst, du halbe Portion, die Götter stehen mir bei." Amirán spannte seine
Muskeln an.

"Deine Götter helfen dir auch nicht." Gornys Finger klammerten sich fester um den Griff seiner Axt und
er stürmte auf den Elb zu. Doch dieser reagierte blitzschnell und sprang zur Seite. Durch die Wucht
seines Angriffes konnte Gorny nicht mehr rechtzeitig anhalten und seine Axt spaltete den Tisch, der
hinter seinem Gegner stand.

Dogan, der Wirt, hatte das Geschehen bis jetzt beinahe gleichgültig verfolgt, nun ließ er einen entsetzten
Aufschrei hören, der aber in den erfreuten Jubelrufen der Zuschauer unterging.

Jetzt attackierte Amirán den Zwerg mit seinem Schwert und ließ es zischend auf das Haupt seines Rivalen
niedersausen, doch dieser fing den Hieb mit seiner Axt auf. Funken flogen duch die Luft und der Bart des
Zwergen begann zu rauchen. Die Klinge hing auf dem Axtgriff und beide kostete es große Anstrengung,
dem Druck des anderen standzuhalten. Gorny griff zu einem alten Zwergentrick und sprang rasch zur
Seite, woraufhin Amirán das Gleichgewicht verlor und nach vorne stolperte. Dabei zerteilte er einen
Stuhl in mehrere Einzelteile, was dem Gastwirt einen weiteren Klageton entlockte und das Publikum zu
erfreutem Gelächter animierte.

Die beiden Kämpfer standen sich wieder mit vor Wut gerötetem Gesicht gegenüber, dann stürmten sie
mit erhobenen Waffen aufeinander zu. Amirán schwang sein Schwert, doch dem Zwerg gelang es,
geschickt darunter wegzutauchen und die Waffe blieb im Boden stecken. Gorny erkannte seine Chance
und rannte mit erhobener Axt auf den schutzlosen Elben zu. Er ließ die Axt über seinem Kopf kreisen und
es sah so aus, als würde er den Elb in zwei Hälften spalten, doch Amirán wich dem Angriff geschickt, mit
einem Sprung auf einen Tisch, aus und das Beil des Zwergs blieb ebenfalls in den Fußbodenbrettern
hängen.

Die Zuschauer jubelten vor Freude, als die Konkurrenten mit bloßen Fäusten aufeinander losgingen.
Dogan entspannte sich, da er nun keine Gefahr mehr für sein Mobiliar sah, doch dann musste er mit
ansehen, wie Amirán den Zwerg am Kragen packte und gegen einen Tisch schleuderte, welcher zerbrach.
Gorny blieb benommen am Boden liegen, während Amirán ein breites Lächeln aufsetzte. Inzwischen
wollte er sein Schwert aus dem Holz ziehen, bemerkte dabei aber nicht, wie der Zwerg wieder aufstand.
Gorny gelang es, dem Elb von hinten einen Fußtritt, in die Kniekehlen zu versetzen, sodass dieser zu
Boden fiel, doch Amirán erreichte es, ihn mit sich zu ziehen, sodass beide wild um sich schlagend, über
die Erde rollten. In dem nun entstehenden Chaos konnte Dogan nicht erkennen, wie es dazu kam, aber
am Ende des Kampfes lagen beide bewusstlos vor ihm auf dem Boden.

Gorny schlug seine Augen auf und bemerkte als erstes, dass er gefesselt, neben dem Elb, auf einem Stuhl
saß. Dann erst sah er den Gastwirt bedrohlich vor sich aufragen: "Ihr habt meine Möbel zertrümmert."
"Der Elb hat mein Bier verschüttet", verteidigte sich Gorny.

"Das war aber nicht mein Fehler." Amirán war ebenfalls erwacht und begriff die Situation sofort.

"Das ist mir egal, aber ich will von euch meine Einrichtung ersetzt haben."

"Von mir siehst du jedenfalls kein einziges Goldstück", sagte Gorny, mit der typischen Entschlossenheit
eines geizigen Zwergs.

Wenige Minuten später fanden sich Gorny und Amirán in der Küche der Gaststube wieder. Hinter ihnen
stand Dogan mit strengem Blick und überwachte jeden ihrer Handgriffe. Sie hatten sich durch die
Drohungen des Wirtes verpflichtet gefühlt, ihre Schuld abzuarbeiten.

"Ich bin doch keine Magd. Und das alles nur wegen dir", maulte Gorny, während er ungeschickt Gemüse
zerteilte.

"Hör auf mich zu nerven. Lass uns zusammen ein Bier trinken", schlug Amirán vor, dem es nicht gefiel, als
Tellerwäscher herhalten zu müssen.

Dogan hatte genug von den Streitigkeiten der beiden und gewährte ihnen eine kurze Pause. Wenige
Minuten später saßen die beiden an einem der wenigen, übrig gebliebenen Tische. Jeder hatte vor sich
einen Krug Gerstensaft stehen. Der Zwerg beäugte den Elb misstrauisch, doch das Gebräu hob seine
Stimmung und nachdem jeder seinen zweiten Krug vor sich stehen hatte, wurden sie gesprächig.

"Grabt ihr viele Schätze aus, in euren Bergen?"

"Natürlich. Wir sind Zwerge." Gorny nahm es als selbstverständlich, dass dies als Erklärung genügte.

"Wir Elben mögen schöne Dinge, aber so etwas gibt es in unseren Wäldern nicht."

"Dann solltest du einmal unsere Minen besuchen." Gorny geriet ins Schwärmen über seine Heimat, doch
dann wurde er neugierig auf die Wälder des Elben, denn eine Welt ohne Edelsteine und Gold konnte er
sich nicht vorstellen.

Amirán begann von seiner Heimat zu erzählen. Dogan gesellte sich neugierig zu ihnen und vergaß dabei,
dass ihre Pause längst zu Ende war.

Als die Nacht ging und der Morgen dämmerte, waren Gorny und Amirán Freunde und versprachen sich,
die Heimat des anderen zu besuchen.

Alpine
Flugsicherung
Die Sonne brach sich in den silbernen Schuppen des prächtigen jungen Drachen, der seinen Leib, immer
noch ein wenig steif von der vergangenen Nacht, aus seiner gemütlichen Höhle im Dachsteingebirge ins
Freie schob. Er streckte und lockerte seine Flügel, gähnte herzhaft und kratze sich seine Brust. "Wieder
ein Tag. Mal sehen, was heute auf dem Speiseplan steht", dachte er sich und hielt seine Schnauze
prüfend in den Wind. Er zog die noch kalte, kristallklare Morgenluft dieses wunderbaren
Frühsommertages ein und schmeckte die frische Briese. Da war doch... da gab es... Der appetitliche Duft
seines Frühstücks in Spe lag in der Luft. "Also heute frischer Gamsbraten", dachte sich Arakharhontius
und stieß sich kraftvoll ab, sich voller Vorfreude die Lippen leckend.

Übermütig glitt er durch die Luft, bald die Wolkendecke durchbrechend und geschickt einem Flugzeug
ausweichend, das im Landeanflug auf den nicht allzu weit entfernten Flughafen war.

Arakharhontius bereitete es ein stilles Vergnügen, diese metallenen Vögel zu betrachten und sich mit
ihnen im fröhlichen Wettkampf zu messen. Menschen. Sie mochten nun zwar in der Lage sein zu fliegen,
aber niemals würden diese schwerfälligen Flugapparate sich mit ihm in Punkto Geschwindigkeit und
Aerodynamik messen können. Freilich machte er sich für die Menschen unsichtbar, denn das hatte
Arakharhontius bald lernen müssen in all den Jahrzehnten, die er hier in den Alpen verbracht hatte:
Nicht alle Menschen waren glücklich darüber, einen Drachen zu sehen, viele wollten Drachen gar töten,
die meisten jedoch fürchteten sie einfach.

Arakharhontius folgte nun dem Flugzeug und ließ sich von dem durch die Triebwerke verursachten Sog
durch die Lüfte ziehen, hie und da ein wenig zur Kurskorrektur mit den Flügeln schlagend, bald nahe an
der Stelle wo er sein Frühstück einzunehmen gedachte.

Der silberne Drache tauchte in einem eleganten Bogen unter dem Flugzeug hinweg, wurde wieder
sichtbar und ging in seinen Jagdflug über, der der Gams auf dem Felsvorsprung keine Chance lassen
sollte. Arakharhontius' Frühstück war gesichert.

"Herr Brandstetter! Schaun’s a moi do her!" Der junge Fluglotse war kreidebleich als er seinen älteren
Kollegen zu seinem Monitor zerrte und auf den sich bewegenden Punkt zeigte, der auf dem Radarschirm
der Salzburger Flugsicherung zu sehen war.

"Ja, und, was soll damit sein, Herr Obermeier? Das ist ganz normal der Flug LH748 von Wien kommend."
"Ja, scho’, aber do ist doch der zweite Punkt gleich hinter dem Flugzeug. Des schaut so aus, als ob
irgendwas hinter dem Flugzeug herfliegt. Der Pilot hat’s auch auf seinem Schirm, war aber nicht
beunruhigt, i hob grad mit eam g’sproch’n über Funk."

"Wenn der Pilot nicht beunruhigt ist, sollten Sie es auch nicht sein, Herr Obermeier", meinte Herr
Brandstetter grinsend. Und zum grenzenlosen Erstaunen Obermeiers fingen all seine Kollegen an zu
lachen. "Ich verstehe beim besten Willen nicht, was daran so komisch ist. Da ist was hinter dem
Flugzeug, es könnte zu einer Kollision kommen..." "Das wird es mit Sicherheit nicht, Herr Obermeier",
unterbrach ihn Herr Brandstetter. "Schaun’s, der Punkt fällt eh schon zurück - und da isser a scho’ weg."

Obermeier starrte ungläubig auf den Radarschirm. Er glaubte es einfach nicht. Das zweite Signal war in
der Tat verschwunden. Er konnte es sich doch nicht eingebildet haben? Andererseits, wohl doch, so wie
seine Kollegen reagiert hatten. War da wirklich keine Gefahrensituation gewesen?

"Mach Dir nichts draus, Werner", sagte ein jüngerer Kollege. "Trink erst mal einen Kaffee auf den Schreck
und dann erzählen wir Dir eine kleine Geschichte."

Arakharhontius leckte sich genüsslich seine Lippen sauber. Das war ein schmackhaftes Frühstück
gewesen. Was für ein Drachenleben! Fressen, Schlafen, in der Luft herumtollen – nur eines fehlte. Er
seufzte. Schon lange hatte kein anderer Drache mehr seine Pfade gekreuzt. Zwar gab es Gerüchte, dass
in den Salzburger Alpen noch ein anderer Drache, ein sogenannter Tatzelwurm, leben würde, aber
begegnet war er ihm noch nie. Er war alleine.

Das Geräusch der Triebwerke einer weiteren sich im Landeanflug befindlichen Maschine riss ihn aus
seinen Gedanken. Offensichtlich musste es für die Menschen wieder etwas Besonderes in dieser Gegend
geben, denn es gab Zeiten, da flogen am Tag nur ganz vereinzelt diese metallenen Vögel über die Berge
zu diesem Flughafen, und dann gab es wieder Tage, an denen sie buchstäblich Schnauze an Schwanz
landeten. Anscheinend war es heute wieder so weit.

Erneut erhob sich Arakharhontius, diesmal ein wenig schwerfälliger - kein Wunder nach dieser opulenten
Mahlzeit -, in die Lüfte und näherte sich dem Flugzeug. Dabei machte er wie immer von seiner Magie
Gebrauch, um für Menschenaugen unsichtbar zu sein.

"Hallo Jungs", meldeten sich die Piloten des deutschen Urlauberjets, die diese Strecke regelmäßig flogen,
bei der Salzburger Flugsicherung. "Unser treuer Freund gibt uns mal wieder Geleit."

"Treuer Freund? Geleit? I versteh des net", hob Obermeier an und hätte beinahe seinen Becher mit
heißem Kaffee fallen gelassen als er auf seinem Monitor nicht nur den blinkenden Punkt des Fliegers
sondern erneut den zweiten Punkt ganz dicht an dem ersten aufblinken sah. "W-Was ist das...",
stammelte der junge Fluglotse.

"Ah, eine neue Stimme", meldete sich der Pilot wieder. "Ihr habt ihn noch nicht eingeweiht, Jungs,
oder?"

"Nein, wir wollten es ihm gerade erzählen", meldete sich nun Brandstetter zu Wort. Aus dem
Lautsprecher konnte Obermeier nun ein herzhaftes Lachen vernehmen. "Bringt es aber dem Jungen
schonend bei, dass uns ein Drache am Leitwerk hängt und euch in eurer Arbeit unterstützt".

"Drache? Verarscht’s mi jetzt oder was?", wollte Obermeier wissen.

"Nein, wirklich nicht. Schaun’s Herr Obermeier, wir erklären es Ihnen", fing Brandstetter an.

"Es ist wirklich kein Schmäh, und keiner von uns hier hätte das geglaubt. Aber wir haben diesen Drachen
schon gesehen, vor vielen, vielen Jahren. Damals waren wir noch direkt am Flughafen angesiedelt. Die
Flugsicherung ist ja erst seit 2002 hier draußen.

Jedenfalls, auch mein Vater, der schon in den frühern 50er Jahren am Salzburger Flughafen gearbeitet
hat, kannte diesen Drachen. Keiner wusste woher er kam und warum er da war. Aber er war da und hat,
keine Ahnung wie und warum, den Piloten geholfen, ihre Maschinen sicher zu landen. Sie wissen doch,
dass der Salzburger Flughafen vor allem während der Fönstürme und der Berge ringsum ein wenig
schwieriger zum Anfliegen ist. Und damals war ja die Technik noch lange nicht so weit, als dass das
Landen da eine ganz sichere Angelegenheit gewesen wäre. Wie auch immer, ab und an hat sich der
Drache den Piloten und auch den Fluglotsen gezeigt. Ich sag Ihnen, diesen Anblick kann man einfach
nicht vergessen."

Brandstetter geriet ins Schwärmen. "Seine silbernen Schuppen glitzerten wie Kristalle im Sonnenlicht, als
er über dem Flughafen seine Kreise zog. Ich war damals noch ein kleiner Bub und mein Papa hat mich
mitgenommen zum Flugzeuge Anschauen. Ich kann mich noch erinnern, damals sollte eine
Super-Constiallation landen. Das war damals das Passagierflugzeug. Atlantikfähig. Und da tauchte der
Drache auf, von dem mir mein Papa immer schon erzählt hatte, ich hab ihm das damals nie geglaubt..."

Arakharhontius lächelte; mit seinen telepathischen Fähigkeiten hatte er die Funksprüche zwischen dem
Piloten dieses Jets und dem Fluglotsen, der am Mikrofon der Flugsicherung saß, belauschen können. Ja,
er hatte sogar die Geschichte des älteren Mannes vernommen, der offensichtlich Brandstetter genannt
wurde.

Natürlich wusste Arakharhontius nicht, wer dieser Mann genau war, aber er konnte sich noch erinnern
an jenen heißen Sommertag, an dem er auf dem damals kaum belebten Rollfeld zwei Menschen
erspähte, offensichtlich Vater und Sohn. Er hatte auf jegliche Tarnung verzichtet und war dann sogar
prahlerisch gelandet; er würde die erstaunten, aber doch auch unsäglich glücklichen Kinderaugen dieses
Knaben niemals vergessen. Er hatte sich von diesem Kind später sogar seine empfindliche Schnauze
tätscheln lassen. Und dieses damalige Kind war wohl dieser ältere Mann, den er im Hintergrund
sprechen gehört hatte.

Der silberne Drache änderte seine Richtung und machte eine elegante Wende, die thermischen Winde
nutzend, um zu seiner Höhle zurückzukehren. Eines konnte dieser Mensch namens Brandstetter nicht
wissen: Vielleicht hatte Arakharhontius vor langer Zeit den Piloten bei ihrer Landung ja tatsächlich
geholfen - zumindest hatte es wohl so auf sie gewirkt.

Warum er das jemals getan hatte wusste er jedoch selber nicht; vielleicht war es einfach jugendliche
Neugierde und purer Leichtsinn gewesen. Oder aber Ausfluss seiner Einsamkeit. Aber das alles war jetzt
für ihn passé.

Er seufzte und ging in einen Sturzflug über, als er ein Reh erblickte, das unvorsichtigerweise nicht früh
genug die Deckung des Waldes suchte. Man musste schließlich Beute schlagen wenn sich schon die
Gelegenheit bot. Und es sah einfach zu appetitlich aus.
Jedenfalls waren ihm mittlerweile die Menschen gleichgültig geworden. Er wusste, dass viele seiner
Artgenossen sie regelrecht hassten, er verurteilte die anderen Drachen dafür mit Sicherheit nicht. Ihm
selbst hingegen waren Menschen nur egal. Solange sie ihn in Ruhe ließen würde er sich nicht in ihre
Belange einmischen. Sollten sie doch weitermachen wie bisher in ihrer Ignoranz, sinnlose Kriege führen,
Tiere zum Sport töten oder in Tropenwäldern und in geschützten Gebieten Alaskas nach Öl bohren, er
würde sich schon zu wehren wissen, sollte man ihn angreifen. Aber eigentlich wollte Arakharhontius
einfach nur seine Ruhe.

Mit Sicherheit begleitete er diese Fuggeräte nicht um der Menschen willen, auch wenn sich das manche
der Zweibeiner einbildeten, so wie dieser Brandstetter oder der Pilot. Es machte ihm einfach Spaß, in
den Abwinden zu gleiten und sich von dem Sog der Triebwerke mitziehen zu lassen, aber die
Flugzeuginsassen interessierten ihn nicht weiter. Sollten sie doch machen, was sie wollten...

Ein lauter Knall störte Arakharhontius in seiner Mahlzeit. Er blickte auf und sah am Horizont einen jener
kleineren Flugapparate, die ihn besonders faszinierten: Sie waren schnittiger und ein wenig schneller,
waren also auf diese Weise im sportlichen Wettkampf eher ein adäquater Partner für einen Drachen.

Nur, irgendwas war bei diesem Metallvogel anders. Abgesehen davon, dass nach diesem Knall nun gar
kein Geräusch mehr zu hören war, dieser schwarze, klebrige Rauch, der dem Metallvogel wie ein
Kometenschweif folgte, war kein Anblick, der Arakharhontius in irgendeiner Weise vertraut gewesen
wäre. Lag da nicht auch noch ein eigenartiger Geruch in der Luft? Die Flugbahn dieses Vogels war
ebenfalls etwas ungewöhnlich, sehr steil nach unten...

Neugierig erhob sich Arakharhontius mit kräftigen Flügelschlägen und beäugte den Flugapparat genauer.
Definitiv war hier etwas anders als sonst und als er noch ein wenig näher kam drangen Geräusche an sein
empfindliches Gehör. Er brauchte einige Momente, um diese Geräusche einzuordnen, es waren Schreie,
Schreie von Menschen in Panik und Todesangst.

"Ausfall beider Hecktriebwerke! Wir versuchen Notlandung auf Salzburg-Airport, Ende!" Der Funkspruch
hallte wie ein Donnerschlag durch den dunklen Raum der Flugsicherung. Ein Krisenstab war eiligst
zusammengerufen worden, Berechnungen wurden angestellt, Ambulanzen und Feuerwehren wurden
auf die Rollbahn geschickt. Die Maschine war noch circa fünfzig Kilometer entfernt vom Flughafen, noch
über den Bergen. Eine Notlandung wäre dort unmöglich.

Brandstetter wischte sich über die Stirn. Das war der erste Notfall seit gut fünfzehn Jahren. Aber er
musste voller Bewunderung zugeben, der jüngste im Team, der frisch ausgebildete Obermeier, legte - im
Gegensatz zu der Geschichte mit dem Drachen - eine gerade zu stoische Gelassenheit und
Professionalität an den Tag. Geschäftig delegierte er Aufgaben und gab dem Piloten Anweisungen.
Offensichtlich waren beide Triebwerke gleichzeitig ausgefallen. Ob es eine Explosion gegeben hatte,
konnte man nicht feststellen, nur, beide Düsen ließen sich auch nicht mehr zuschalten. Später würde
man den Flugschreiber auswerten müssen, wenn ...ja, wenn die Maschine sicher gelandet war.
Brandstetter ertappte sich dabei, dass er fast schon verzweifelt auf das Radargerät starrte. Der blinkende
Punkt des Jets näherte sich quälend langsam dem Ziel. Rapide hingegen nahm die Höhe ab.
Langsam sickerte es in Brandstetters Bewusstsein, dass er etwas ganz bestimmtes auf dem grünen
Radarschirm zu erblicken hoffte, nämlich das Aufblitzen eines zweiten Punktes, nahe an dem ersten...

Inzwischen war Arakharhontius in die unmittelbare Nähe des Flugzeugs gekommen und wurde wieder
unsichtbar. Er sah die Maschine in einem sehr steilen Winkel auf die verschneiten Gletschergipfel
zusteuern. Sein scharfer Drachenblick glitt in das Innere des Flugzeugs. Da saßen Männer und Frauen und
Kinder, manche schrieen in Angst, andere beteten. Manche saßen bloß apathisch da. Die Gedanken
dieser Menschen droschen auf Arakharhontius Bewusstsein ein: Die letzten Gedanken an geliebte
Angehörige, an nie gelebte Leben, an unerfüllte Träume, an Sorgen, die im Angesicht des Todes auf
einmal so nichtig waren.

Weshalb Arakharhontius' Blick auf das kleine Mädchen fiel, das inmitten des ganzen Chaos
hingebungsvoll ein Bild auf ihren Knien betrachtete, konnte er später nicht mehr sagen. Aber dieser
Anblick rührte ihn zutiefst und jetzt erst bemerkte er, was das Kind da in den Händen hielt: Ein
offensichtlich von ihr gezeichnetes Bild von einem Drachen, der ein Kind auf seinem Rücken trug.
Mensch und Drache waren darauf friedlich vereint, diese Zeichnung spiegelte tiefe Freundschaft und
Vertrauen wider.

Arakharhontius wusste nun endlich, was zu tun war.

Der Schädel des Piloten drohte zu platzen als in seinem Kopf eine Stimme dröhnte: "Mensch, Du tust nun
genau das, was ich sage, wenn ihr nicht sterben wollt!"

Der Pilot saß wie elektrisiert in seinem Sitz und sah seinen Copiloten an. Dieser war noch ein wenig
blasser geworden. "Ich... ich habe es auch gehört."

"Wir haben es auch gehört!" erschall eine Stimme aus dem Lautsprecher. In der Flugsicherung hatte nun
Brandstetter übernommen, seine Stimme klang trotz der nahezu auswegslosen Situation erleichtert.
"Wir haben keine Zeit für Erklärungen, folgen Sie einfach den Instruktionen, die Sie nun erhalten
werden."

Die Stimme des Piloten zitterte: "Wir haben jetzt etwas im Radar direkt vor uns, ein Flugobjekt keine
fünfzig Meter vom Flugzeug entfernt, aber ich kann nichts sehen. Wir werden gleich kolli..."

"Nun hör mir gut zu, Mensch!" donnerte die Stimme. "Habe Vertrauen und mache nun nichts. Ich werde
die Kontrolle über diesen Metallvogel übernehmen. Und noch was. Sorge dafür, dass das Geschrei der
anderen Menschen bei dir ein Ende nimmt. Mein Gehör ist sehr empfindlich!"

"Wer...was...", stammelte der Pilot.

"Keine Fragen, gehorche einfach, Mensch, wenn Du leben willst!" grollte der Drache, der um das
Flugzeug kreiste, und tauchte nun elegant unter dem sich immer noch im Sinkflug befindlichen Rumpf
hinweg zu dem Heck der Maschine.
Der ölige Rauch biss in Arakharhontius' Augen und Nasenlöchern. Offensichtlich kam er aus diesen
beiden Ausbuchtungen am Heck dieses Vogels, die anscheinend für dessen Antrieb vorgesehen waren.

Ein Ruck ging durch die Maschine und Taschen purzelten aus den Handgepäcksablagen als der Sturzflug
abrupt gestoppt wurde.

Genau in diesem Augenblick ertönte die immer noch bebende Stimme des Piloten: "Bitte bleiben Sie
angeschnallt und in der Notlandehaltung auf Ihren Sitzen. Es ist ein..." - hier versagte die Stimme des
Piloten kurz - "...ein Helfer geschickt worden, der uns bei der Notlandung auf dem Salzburger Flughafen
helfen wird. Ich versichere Ihnen, es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Wir werden in wenigen
Minuten landen. Nach der Landung begeben Sie sich bitte zu den gekennzeichneten Notausgängen und
verlassen das Flugzeug über die Rutschen. Auf keinen Fall darf Gepäck mitgenommen werden beim
Ausstieg und die Schuhe sind zuvor auszuziehen."

Arakharhontius stöhnte auf als er seinen Körper unter das Flugzeug stemmte und es damit stabilisierte.
Auf diese Weise konnte er es sozusagen huckepack zu dem Flughafen bringen. Er musste Kontakt mit
diesen Menschen aufnehmen, mit denen der Pilot in Kontakt stand, um ihnen seinen Plan mitzuteilen.

"Sofort einen Schaumteppich auf Runway 5!" bellte Obermeier in das Mikrofon und nach wenigen
Augenblicken waren die Feuerwehrfahrzeuge auf dem Rollfeld unterwegs, es aus großen Kanonen mit
einem dicken Teppich aus Schaum eindeckend.

Obermeier lehnte sich zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Pilot war bereits
informiert, dass er unter keinen Umständen das Fahrwerk ausfahren dürfe.

Brandstetter stand neben ihm, seine Augen geschlossen und sein Gesicht in tiefster Konzentration zu
einer Fratze verzerrt, als er mit dem Drachen telepathisch kommunizierte und seinen Plan
entgegennahm.

Arakharhontius wollte das Flugzeug mit seinem Köper soweit abbremsen, damit es dann bäuchlings auf
dem Schaumteppich aufsetzen konnte. Der kritische Moment würde der sein, an dem der Drache unter
dem Flugzeug hinwegtauchen musste, um nicht zerquetscht zu werden.

Die Landebahn kam in Sichtweite und die Maschine glitt sanft darauf zu. Gebannt blickte der Pilot auf
den Höhenmesser, der kritische Augenblick musste bald kommen: Noch hundert Meter, noch siebzig
Meter, noch fünfzig Meter... Er hatte die Anweisung, auf dem Schaumteppich eine Bauchlandung
vorzunehmen und erst auf ein ausdrückliches Kommando hin die Maschine mit dem Steuerruder zu
stabilisieren.

"Viel Glück, Mensch! Es ist soweit. Jetzt!", dröhnte die Glockenstimme im Kopf des Piloten. Ein
Schlingern ging durch das Flugzeug und der Höhenmesser zeigte nur noch wenige Meter an. Der Pilot
packte das Steuer und stabilisierte sofort den trudelnden Jet, ihn nun sachte auf dem dicken
Schaumteppich aufsetzend. Im Passagierraum war es totenstill, jeder hielt den Atem an.
"Wir sind unten", ertönte die matte Stimme des Piloten aus dem Lautsprecher und bei den Leuten der
Flugsicherung brach lauter Jubel aus.

"Das war eine Meisterleistung an Koordination, Herr Obermeier", lobte Brandstetter. Dieser wurde
verlegen. "Für diese Fälle wurden wir in Wien geschult. Nicht aber darauf, dass Drachen uns als
Fluglotsen assistieren. Ohne ihn ...ich mag gar nicht daran denken, was passieren hätte können."

"Hätten sie eine Chance gehabt?" fragte ein anderer Kollege. "Nein", entgegnete Obermeier. "Beide
Triebwerke sind ausgefallen. Die Fokker ist kein guter Gleiter. Vor einigen Monaten gab es so einen
ähnlichen Vorfall, am Münchner Flughafen. Auch beide Triebwerke ausgefallen. Nur da waren freie
Felder wo die Maschine notlanden konnte. Aber in den Bergen hätten die nirgends landen können."

Arakharhontius kreiste über dem Flughafen, unsichtbar für die Menschen, die nun eiligst aber
diszipliniert über die Notrutschen das Flugzeug verließen. Einige leicht verletze Passagiere wurden zu den
bereitgestellten Krankenfahrzeugen gebracht.

Sein scharfer Drachenblick erfasste das kleine Mädchen als sie gerade die Rutsche hinunter glitt, das
Drachenbild an ihre Brust gepresst wie ein kostbarer Schatz.

Als sie mit ihren Eltern über das Rollfeld ging wandte sie sich mit einem Mal um und blickte in Richtung
des Drachens. Arakharhontius war im ersten Augenblick verunsichert, ob er überhaupt den
Unsichtbarkeitszauber angewandt hatte, aber er war in der Tat unsichtbar für Menschenaugen. Und
dennoch, das Mädchen winkte ihm eindeutig zu und sein feines Gehör vernahm eine Kinderstimme:
"Danke, dass du uns gerettet hast, lieber Drache. Ich wusste, dass du uns helfen wirst. Ich habe immer an
dich geglaubt. Vielleicht kommst du mich ja mal besuchen, ich würde dich so gerne einmal streicheln.
Tschü-üß."

Der Drache Korbinianus

Die Geschichte um den Drachen Korbinianus hub an an einem nebligen, trüben Novembermorgen in
einem Landstrich, der so abgelegen war, dass er von den Menschen aus der großen Stadt immer nur
"Der Wald" genannt wurde.

Gar wunderliche und auch schaurige Dinge wusste man aus dieser Gegend zu berichten: In diesen vor
Kälte und Dunkelheit starrenden Wäldern hausten Wildschweine und Wölfe, Einhörner und Drachen. Die
Menschen, die dort unter diesen unwirtlichen Bedingungen zu leben hatten, waren furchteinflößende
Barbaren, die ihren heidnischen Bräuchen frönten, sei es nun das Stemmen von großen, schweren
Glasbehältnissen, die normalerweise mit Gerstensaft gefüllt waren, oder wilde, gotteslästerliche Tänze
zu einer schaurigen Form von Musik, die kaum mehr war als ein tösendes Gekreische. Jegliche
Versuche einer Christianisierung und einer damit einhergehenden Zivilisierung dieses Volksstammes
waren gescheitert, der letzte Geistliche, Pater Florian, war vor einiger Zeit unter mysteriösen Umständen
verschwunden.

Die Menschen aus dem Wald sprachen nur wenig, und meist waren es nur einzelne Worte, ein häufig
gebrauchtes klang in etwa nach "Weizpier" und auch die Redewendung "Mechst denn?" war häufig zu
vernehmen.

Winfried war guter Dinge: Nachdem die morgendlichen Stallarbeiten verrichtet waren, gestand ihm sein
Vater einen freien Tag zu und diesen würde er auch zu nutzen wissen. Zwar hätte es seine Mutter lieber
gesehen, dass er seine Freizeit "sinnvoll" - wie sie sich auszudrücken pflegte - nutzen würde, aber wie
alle Kinder in seinem Alter waren Schule und Hausaufgaben keine Optionen für ihn. Stattdessen würde
er sich sein Fahrrad schnappen und zum alten Kurt radeln, ein verschrobener, alter Mann, der beinahe
ein Eremitendasein in seinem kleinen Häuschen tief im Walde führte. Früher lebte er in der großen Stadt,
wo er am Hofe des Königs treue Dienste geleistet hatte, doch als er zum Arbeiten zu alt wurde, zog er in
diese abgelegene Gegend.

Winfried liebte es, seine freie Zeit beim alten Kurt zu verbringen, hatte dieser doch stets irgendwelche
spannenden Geschichten zu erzählen aus seiner Zeit bei Hofe und der großen Stadt. Am liebsten mochte
es Winfried, wenn sich der alte Mann über seinen deutlich jüngeren Nachfolger ausließ, dessen
Lässigkeit ihm ein ganz furchtbarer Dorn im Auge war. Doch auch aus einem anderen Grund hielt sich
Winfried gerne beim Kurt auf: An manchen Tagen hatte Helga, die gute Seele des Hauses, Plätzchen und
Kuchen gebacken; Leckereien, denen man einfach nicht widerstehen konnte.

Leider war der alte Kurt nicht zu Hause, als Winfried verschwitzt und außer Atem bei der kleinen Hütte
ankam. Er warf einen Blick durch die sauber geputzte Scheibe und ihm lief das Wasser im Munde
zusammen: Auf dem Tisch in der Stube stand ein Teller voll herrlichster Schleckereien, doch weder Kurt
noch Helga ließen sich blicken.

Unschlüssig stand der Junge am Fenster und überlegte, ob er nach Hause radeln sollte, wo die Gefahr
bestand, dass er seiner Mutter in die Arme lief, die bestimmt die eine oder andere Arbeit für ihn hatte.
Er entschied sich, auf Kurts Rückkehr zu warten, schließlich würde dieser, dem gedeckten Tisch nach zu
urteilen, wohl nicht allzu lange fortbleiben.

Er kletterte auf das Dach und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Vielleicht war der alte Kurt wieder
unterwegs in die große Stadt. Wie gerne würde Winfried auch einmal dorthin. Den Geschichten nach zu
urteilen musste es sich um eine Stätte voller Wunder und Gefahren, voller Pracht und Schönheit
handeln. Er war noch nie aus dem Wald herausgekommen und so wie die Dinge lagen, würde das wohl
auch nie der Fall sein. Auch wenn ihn seine Eltern damit vertrösteten, dass er noch oft genug in die große
Stadt kommen würde, wäre er erst einmal alt genug.
Eine Bewegung und ein Rascheln im Unterholz rissen ihn aus seinen Gedanken. Ob es der alte Kurt war?
Voll freudiger Erwartung auf leckere Plätzchen und einer neuen, spannenden Geschichte blickte er auf
die Stelle, von der das Geräusch gekommen war.

Aber er wurde enttäuscht. Nicht der alte Kurt trat auf das Häuschen zu, sondern ein seltsam gekleideter
Mann. Was für eine eigentümliche Erscheinung!

Vorsichtig kletterte Winfried vom Dach herunter und musterte den Fremden aufmerksam: Er mochte um
die fünfundzwanzig sein und er hatte feuerrote Haare, die er wie eine Löwenmähne trug. Seine Schuhe
schienen viermal so groß zu sein wie normal. Auffällig war aber die Krone, die er auf seinem Haupt trug.
Das konnte doch nicht sein... Er wusste, dass in der großen Stadt ein König regieren würde, aber was
sollte der König hier, hier mitten im Wald und ganz alleine? Etwas stimmte da nicht.

Von seiner Neugierde übermannt, ging Winfried dem Fremden vorsichtig entgegen. Als der Mann ihn
bemerkte, winkte er ihm fröhlich zu: "Hallo, mein Freund. Ich bin ein Reisender aus einem fernen Land
jenseits der Meere und auf dem Weg nach Passavia, einer Stadt, die an drei Flüssen liegt. Die Menschen
in Monacum schickten mich in diese Gegend. Bin ich auf dem rechten Wege?"

Winfrieds Herz schlug vor Aufregung schneller: Dieser Mann kam tatsächlich aus Monacum, der großen
Stadt?

Mühsam brachte der Junge nur ein "Mechst denn?" heraus.

Der Fremde wiederholte seine Frage.

Winfried riss sich nun zusammen und antwortete in einer Sprache, die dem Fremden hoffentlich
verständlich war: "Ja, Herr König, des passt scho'. Passavia liegt noch einen knappen Tagesmarsch
entfernt. Doch nehmen's liaba d' Kutsch'n, die Fahrt vom Dorf jeden Tag einmal nach Passavia. Da Woid
is g'fährlich."

"König? Oh, Du meinst wegen meiner Krone. Naja, ich bin kein solcher König. Du kannst mich 'Ronald'
nennen. Wann und wo fährt denn diese Kutsche ab?"

Als sich herausstellte, dass der Fremde die Kutsche nicht mehr rechtzeitig erreichen würde und Winfried
ihm empfahl, in dem Wirtshaus im Dorf zu übernachten, erwiderte der Fremde kopfschüttelnd: "Ich
fürchte, ich werde es mir nicht leisten können zu übernachten. Ich habe nur noch sehr wenig Geld und
bin auf Wanderschaft in der Hoffnung, in Passavia mein Glück zu machen."

Winfried bot ihm an, er könne es sich im Stall des elterlichen Hofes gemütlich machen, aber zuvor müsse
er selbstverständlich seine Eltern um Erlaubnis fragen.

Korbinianus erwachte grummelnd, als der Morgennebel seine kalt-feuchten Finger nach seinem
tiefschwarz geschuppten Drachenleib ausstreckte. Missmutig richtete er sich auf und schüttelte sich
seine lange, silberne Mähne, die fein wie Federwolken seinen Nacken bis hin zur Mitte seines Rückens
floss. Wenn die Nächte doch nicht immer so kurz wären. Er trottete aus seiner Höhle zu dem
nahegelegenen Tümpel, seinen Durst zu stillen. Während er das brackige Wasser soff, betrachtete er
stolz sein Spiegelbild auf der ruhigen Wasseroberfläche. Er war ein prächtiger Drache, in der Blüte seiner
Kraft, sein Körper war schlank und strahlte Kraft und Ausdauer aus. Doch über seinen eisblauen Augen
lag eine bleierne Müdigkeit, die einfach nicht weichen wollte.

Dieser verdammte Mensch, der es gewagt hatte, seine Nachtruhe zu stören. Ein Reisender, der dumm
genug war, in der Dunkelheit des Waldes den Weg zu verlieren und in seine Höhle zu stolpern. Er hatte
ihn mit einem einfachen Hieb seiner Pranke von dieser in eine andere Welt befördert und ihn dann
gefressen. Aber irgendwie lag ihm dieser Mann schwer im Magen und raubte ihm den Schlaf. Dennoch
knurrte sein Magen vernehmlich - eigentlich müsste es doch sogar schon wieder Zeit sein...

Er hob sein stattliches Haupt und prüfte schnuppernd die Luft. Nichts. Das konnte nicht sein. Um diese
Zeit kam sie doch sonst immer. Man würde es doch nicht wagen, ihn, den mächtigen Drachen
Korbinianus, warten zu lassen. Wehe, wenn dieses Weib keine ausreichende Erklärung dafür hatte...

Er wartete noch einige Augenblicke und schleppte sich mit einem Knurren im Bauch, das nicht nur vom
Hunger herrührte, sondern auch von langsam aufsteigendem Zorn, in seine Behausung zurück.

Gerade als er sich einen Vergeltungsplan zurechtlegte, einige Bauern sollten mit ihren Pferden und
Kühen für diese Unverfrorenheit büßen, strich ihm der vertraute, so sehr geliebte Duft um seine Nüstern.

"Weshalb aber so spät, und weshalb nur in so schwacher Konzentration?" knurrte Korbinianus gereizt
und schob seinen schuppigen Körper langsam aus der Höhle. Doch es war niemand mehr zu sehen und
auch der Duft, der ihn gelockt hatte, verflüchtigte sich bereits wieder. Er lauschte und sein empfindliches
Gehör nahm schließlich die entfernten Schritte eines Menschen wahr. Nur, es waren nicht die Schritte
jener Person, die er so ungeduldig erwartet hatte - und dennoch, auch an jener unbekannten Gestalt, die
durch den Wald huschte, hing zumindest eine Spur des Duftes, der sein Blut so sehr in Wallung brachte.

Korbinianus' Entschluss was schnell gefasst: Er verschmolz nahezu vollständig mit seiner Umgebung, als
er die Verfolgung aufnahm. Abgesehen von der Aussicht auf Beute wollte er wissen, was das für ein
seltsam gekleideter Mensch war, der da durch sein Reich streifte.

Als Winfried und Ronald durch die Hofeinfahrt des kleinen Bauernhofes traten, wurden sie bereits von
Winfrieds Vater erwartet: "Wen bringst'n do mit?" Dann wandte er sich an den Fremden: "Servus. Was
mechst denn?"

"Seid gegrüßt", erwiderte der Fremde. "Euer Sohn deutete an, dass ich hier wohl nächtigen könnte, um
morgen bei Tagesanbruch die Kutsche nach Passavia nehmen zu können. Er meinte weiterhin, zu Fuß sei
es zu gefährlich in jene Stadt zu gelangen. Aber ich möchte Euch keine Umstände machen, mir würde ein
warmer, trockener Platz zum Schlafen reichen, vielleicht im Stall..."

"Bei d'Kiah?" fragte Winfrieds Vater langsam.

Der Wortschwall des Fremden hatte ihn ein wenig aus dem Konzept gebracht, so viel sprach er sonst den
ganzen Tag nicht und außerdem schätzte er es gar nicht, wenn man ihn mitten bei seinem Weißbier
störte. "Des passt scho'. Kumm eini."

Er bat den Fremden in die Stube, sich dabei über die seltsame äußere Erscheinung des Fremden
wundernd. Da er aber ein gastfreundlicher und höflicher Mensch war, fragte er nicht weiter nach. Das
würde schon seine Frau übernehmen, die es verstand, an Informationen jeglicher Art heranzukommen.

"Des is mei Frau, d' Gisela", stellte er sie vor.

Er wurde nicht enttäuscht, denn als Winfried seinen Eltern die Situation erklärte, fing seine Mutter sofort
an, ihren Gast auszufragen: "Sie san oiso aus der großen Stadt, aus Monacum?"

"Nicht ganz", erwiderte Ronald. "Wie ich schon Eurem Sohn gegenüber andeutete, komme ich eigentlich
aus einem fernen Land einer neuen Welt, die von hier viele, viele Tagesreisen entfernt ist. Ich musste
sogar das große Wasser überqueren. Ich war in jener Stadt, Monacum genannt, um mich am Königshof
zu bewerben, aber auch, um Frieden in dieses Land zu bringen, dessen Ruf bis auf die andere Seite des
Wassers gedrungen war. Aber leider hatte man keine Verwendung für mich."

"Na ja", lachte Winfrieds Vater, "nix für ungut, aber in dem G'wand da, dad i sie a net nemma, Sie
schaugn ja aus wia Kasperl."

"G'wand?" fragte der Fremde.

"Ihre Kleidung", übersetzte Winfrieds Mutter lächelnd, "des hat man vielleicht in dieser neuen Welt an,
aber bei uns im Woid lauf' ma anständig rum."

"Kein Problem, meine Dame, mein Herr. Ich bin diese Reaktion gewöhnt, Ihr beleidigt mich nicht. Es freut
mich sogar, dass Ihr über mein Aussehen lacht, denn so soll es tatsächlich sein."

Winfrieds Eltern waren alle erstaunt: Der Fremde freute sich darüber, dass man über ihn lachte?

"Warum?" fragte Gisela.

"Ich bin eine Art Hofnarr", erklärte der Fremde. "In dieser Eigenschaft hatte ich mich am Hofe des Königs
beworben: Hofnarr und Koch, aber auch Diplomat, das alles zusammen verkörpere ich. Meine Künste
vereinen die Menschen auf der ganzen Welt."

"Nachdem ich jedoch ein paar Kunststücke vorgeführt hatte", fuhr Ronald nach einer kurzen Pause fort,
"meinte der Hofkämmerer, ich solle doch woanders hingehen. Wo das Publikum nicht so anspruchsvoll
sei und er nannte mir die Stadt namens Passavia. Ich soll mich dort an den Bischof wenden."

"Was?!? Spinnt der?!?" fuhr Gisela auf. "Der soll bloß..."

"Lass geh', Gisela. Des sag'n de auf Passavia eam dann scho", sagte ihr Mann gelassen und wandte sich
dann an Ronald: "Jetzt trink ma erstamoi a Weißbier. Magst was essen?"

"Wir haben allerdings nicht viel zur Auswahl, aber es langt für uns alle", warf Gisela ein.

"Danke für das Angebot. Aber nur etwas zum Trinken würde reichen, Speise habe ich selber genügend
dabei. Der Koch des Königs persönlich war so gnädig, dass er mir meinen Wanderbeutel reichlich füllte
mit Käse und Fleisch und einer Vielzahl anderer, erlesener Leckereien. Ich würde das alles gerne mit Euch
teilen."

Als er seinen Rucksack leerte und ein Päckchen in der Hand hielt, das in einer Art Papier eingewickelt
war, das den Bauernleuten völlig unbekannt war, meinte Ronald: "Ich muss jedoch zugeben, bei diesem
hier", er legte das Päckchen auf den Tisch, "weiß ich nicht, um welche Art Fleisch es sich handelt. Man
sagte mir, dass es sich um eine besondere Spezialität von Monacum handeln würde, zudem des Königs
Leibgericht. Vinzenz, so ist übrigens der Name dieses Kochs, sagte jedoch auch, dass es sich nicht sehr
lange halten würde, wie zum Beispiel geräucherte Würste."

In der Stube sprach niemand ein Wort und Ronald fuhr fort: "Vinzenz meinte jedoch auch, und das ist
das, was für mich sehr rätselhaft ist, ich dürfte diese Spezialität unter keinen Umständen im Freien
verkosten, angeblich würde sie dabei besonders verderblich sein..."

Die Stille in der Stube war nahezu greifbar und Ronald verstummte, peinlich betreten. Ob er was Falsches
gesagt hatte, die Leute auf irgendeine Weise beleidigt? Auch Winfried entging der besorgte Blick seines
Vaters keineswegs, als Ronald von dieser Spezialität sprach.

Schließlich brach Winfrieds Vater das Schweigen: "Zeig amoi."

"Gerne", erwiderte Ronald und entfernte das Papier. "Ich wollte es ohnehin mit Euch teilen."

Auf dem Tisch lag nun ein kastenförmiges Stück Fleisch, oben dunkler als auf der Seite. Gisela stieß einen
erstickten Schrei aus und Vater und Sohn bekreuzigten sich rasch. "Gott steh uns bei", murmelte
Winfrieds Vater.

Dann rief er: "Schnell, macht's Tür auf!" Er packte die Fleischspezialität und warf sie in hohem Bogen aus
dem Haus.

"Macht's Licht aus und Deckung, damit er uns nicht sieht!" schrie er. Er packte den verdutzten Ronald
und stieß ihn unsanft unter die Bank.

"Aber was...", stammelte der Hofnarr.

"Still!" zischte Gisela. "Sonst hört er uns und es ist aus mit uns."

Noch bevor Ronald etwas sagen konnte, erschütterte ein schauriges Brüllen die Luft und schwere,
schlurfende Schritte näherten sich dem Bauernhaus. Irgendetwas war da draußen und es musste
riesenhaft sein. Ein triumphierendes Grollen war zu hören, gefolgt von einem geräuschvollen Schmatzen.

Das Holz der Türe splitterte unter lautem Getöse, als etwas großes, schwarz Geschupptes in den Raum
zuckte. Ronald meinte gerade noch einen zuckenden, pfeilförmigen Schwanz erkannt zu haben, mit dem
das mächtige Wesen die Tür eingeschlagen hatte. Doch noch bevor er einen klaren Gedanken fassen
konnte, dröhnte auch schon eine tiefe, furchteinflößende Stimme: "Lasst Euch das eine Lehre sein, das
nächste Mal werde ich nicht so gnädig sein. Und sagt dem Weib, dass es nicht noch einmal wagen soll,
einen Fremden zu schicken, der nicht weiß, was er da tut!"
"Mir vorzuenthalten, was meines ist, so wie es seit jeher Tradition ist..." Die Stimme verklang in der
Ferne, als sich das gewaltige Tier langsam vom Haus entfernte.

"Was war das", fragte Ronald nach einer Weile. Sein Gesicht hatte die Farbe von Haferschleim
angenommen.

"Sog's Du eam, Gisela", sprach Winfrieds Vater und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Bier.

"Das war der Grund, weshalb man dieses Fleisch nicht im Freien essen darf", sagte Gisela leise. "Das war
der Drache Korbinianus."

"Aber... Aber Drachen gibt es doch gar nicht mehr", sagte Ronald sichtlich verwirrt. Er wusste nicht, was
er da eben mit eigenen Augen gesehen hatte.

"Vielleicht net in da neuen Welt bei Euch drüb'n", brummte Windfrieds Vater, als er aufstand und aus
einem Schrank drei kleine Gläser und eine große Flasche mit einer klaren, durchsichtigen Flüssigkeit
herausholte. "Auf den Schreck hin brauch i jetzt wos g'scheit's."

Er füllte die Gläser und setzte sich zu dem immer noch ungläubig dreinschauenden Ronald.

"Dieser Drache lebte schon immer bei uns im Woid, aber er war bisher nie eine Bedrohung für uns. Erst
seit ungefähr drei Jahren terrorisiert er uns", erzählte Gisela.

"Warum, darüber können wir nur spekulieren. Vielleicht, weil ihm ein noch viel schrecklicheres Untier
sein Revier streitig macht: Der Wolpertinger. Der Drache hat wohl daraufhin das Gebiet weiter erkundet,
er wurde sogar in der Nähe der großen Stadt gesichtet. Dort muss er wohl zugegen gewesen sein, als
man bei Hofe jene Spezialität frisch aus dem Rohr herausgeholt hatte. Man berichtete von einem
gewaltigen, schwarzen Monstrum, das das Fleisch an sich gerissen und noch an Ort und Stelle
verschlungen hatte. Kurz darauf verschwand einer der Hofköche spurlos. Wahrscheinlich ist er vom
Drachen entführt worden."

Während Gisela erzählte, kramte Winfrieds Vater in seinem Beutel und zog etwas Tabak und eine Pfeife
heraus. Er stopfte sie und bot Ronald, der schweigend zugehört hatte, noch einen Schnaps an.

"Jedenfalls, der Drache, der seit Menschengedenken Korbinianus genannt wird, wollte sich nun in der
großen Stadt, eben Monacum, niederlassen, aber den Soldaten des Königs ist es unter großen Verlusten
gelungen, ihn aus den Stadtmauern zu jagen. Daraufhin kehrte er leider wieder in diese Gegend zurück.
Seitdem ist es lebensgefährlich, diese Fleischspezialität auch nur beim Namen zu nennen, geschweige
denn, etwas davon bei sich zu haben. Seine hochempfindlichen Sinne sind vollständig auf diese Art von
Nahrung eingestellt. Unser Nachbar hatte einmal versucht, diesen Fleischlaib selber zu backen; er dachte
wohl, der Drache würde es nicht bemerken."

"Verzeiht", unterbrach sie Ronald an dieser Stelle, "von welchem Nachbarn sprecht Ihr? Auf dem Weg
hierher ist mir keine andere Behausung aufgefallen."

"Jetzt eh nimma", brummte Winfrieds Vater mürrisch.


"Natürlich bemerkte der Drache diesen Verrat und tauchte auch prompt bei unserem Nachbarn auf.
Doch dieser machte den Fehler und weigerte sich, den Laib dem Untier zu geben. Der Drache
Korbinianus hat ihn sich dann ohne weitere Umstände selber geholt. Es blieb kein Stein auf dem
anderen", klärte ihn Gisela auf.

"Aber was unternimmt denn Euer König gegen dieses Untier? Oder dieser Bischof in Passavia? Gewiss
leiden die Menschen dort unter dieser Geißel genauso?"

Gisela schüttelte den Kopf: "Unser König? Pah! König Edmund ist unfähig und von der Kirche kann man
ohnehin keine Hilfe erwarten. Nein, wir einfachen Leute müssen uns selber helfen."

"Ja, aber was macht Ihr? Offensichtlich habt Ihr ihn noch nicht besiegen können."

"Wir haben alles versucht, so manche Ritter aus der Gegend, die ein Herz für uns einfache Leute haben,
sind ausgezogen, ohne Erfolg. Man versuchte, Feuerwände gegen ihn zu errichten, die ihn bannen
sollten. Es hat nichts geholfen, den Ritter Dirk den Dicklichen fand man tags darauf in seine Einzelteile
zerlegt vor der Drachenhöhle. Ritter Peter von Purzeln rückte mit gewaltigen Netzen an, auf dass sich der
Drache Korbinianus darin verstrickte - er ward nie mehr gesehen. Der reiche Junker Willibald der Bärtige
war besonders kühn: Er lockte den Drachen mit französischem Essen aus seiner Höhle. Doch der Drache
Korbinianus kostete nur ein wenig davon und kam zu dem Entschluss, dass ihm das bei weitem nicht
ausreichte und so verschlang er den armen Willibald gleich mit Haut und Haaren. In unserer Not
wandten wir uns auch an einen Söldner aus dem Norden, doch der Freiherr von Beck mit seinen Truppen
wurde ebenfalls vernichtend geschlagen. Nicht einmal das edle Burgfräulein Marion, das freiwillig in
seine Höhle ging, um ihn bei einem Spiel mit neun Hölzern und einer Kugel zu ermüden, konnte den Zorn
des Untiers dämpfen."

"Das ist ja entsetzlich!" entfuhr es dem Hofnarr, der nun sehr blass im Gesicht war. "Es muss doch ein
Mittel gegen diese Bedrohung geben."

"Das gibt es in der Tat", bestätigte Gisela. "Der Drache Korbinianus selbst unterbreitete uns ein
Friedensangebot: Jeden Tag muss die Hofköchin Anna aus der großen Stadt dem Drachen pünktlich um
halb zehn einen Ochsenkarren voll dieser Fleischspezialität liefern und ihn damit füttern. Was er nicht zu
fressen schafft, hortet er in seiner Höhle. Erfüllen wir nicht diese Bedingung, dann müssen wir es büßen
mit Gut und Blut, denn der Drache Korbinianus vergisst nicht. Nur, auf Dauer können wir uns das nicht
mehr leisten, obwohl der König ein ganz klein wenig aus seiner königlichen Schatzkammer beisteuert,
denn der Drache ist mittags und abends erneut hungrig und verlangt nach seiner Leibspeise. Wir wissen
einfach nicht mehr weiter. Und nun will der König auch noch diese paar Taler täglich einsparen und seine
Beihilfe weiter kürzen."

Bei diesen Worten traten ein paar Tränen in Giselas Antlitz.

"Es is scho spät", warf Winfrieds Vater ein, als er seinen Sohn gähnen sah. "Gemma schlafen und morgen
bring i di selber zum Bischof nach Passavia mit dem Fuhrwerk."

.
Korbinianus leckte sich zufrieden seine Lefzen. Zwar war es bei weitem nicht seine übliche Ration
gewesen, aber es war besser als gar nichts an diesem Tag. Ob ihn diese elenden Menschen hinters Licht
führen wollten? Vor allem, wo war das Menschenweib, das sonst immer sein tägliches Futter brachte?
Und wer war dieser Mensch, der offensichtlich nicht aus dieser Gegend war und aussah wie ein Narr? Er
hielt inne; eigentlich interessierte es ihn gar nicht, um wen es sich handelte, sondern woher dieser Mann
diesen Fleischlaib hatte. Bestimmt gab es dort noch weitaus mehr davon. Vielleicht sollte er ihn vorerst
am Leben lassen und eine Weile beobachten.

Sinnierend machte er sich auf den Weg zu seiner Höhle. Auf alle Fälle hatte es nicht geschadet, diesen
Bauersleuten einen kleinen Schrecken einzujagen. Er lächelte grimmig, als er daran dachte, dass er
eigentlich nur müde mit seinem kräftigen Schuppenschwanz zu zucken brauchte und schon hatte er
freien Zugang zu der Behausung der Menschen. Die Zweibeiner hatten also immer noch keine effiziente
Methode entwickelt, sich vor Drachen zu schützen.

Ein leichtes Grollen tief in seinem Inneren erinnerte Korbinianus daran, dass er eigentlich immer noch
Hunger hatte. Das bisschen Fleisch war ja gerade mal ein Appetithappen gewesen. Außerdem hatten sich
die Menschen nicht an die Abmachung gehalten, ein kleines Exempel zu statuieren tat folglich Not, eine
eingeschlagene Tür war bei weitem nicht genug.

Als er auf eine große Lichtung heraustrat, breitete er seine gewaltigen, ledernen Schwingen aus und
stieß sich kraftvoll ab. Er stieg steil in den Himmel empor und kreiste ähnlich einem Raubvogel auf der
Suche nach Beute. Es dauerte nicht lange und seine scharfen Augen machten eine etwas abseits
gelegene Weide aus, auf der genüsslich einige Haflinger grasten und auch einige Kühe waren zu sehen.
Korbinianus stieg ein wenig höher und er erblickte den dazugehörigen Bauernhof. Nun, er war ein wenig
weiter entfernt von dem anderen Hof, aber dennoch nahe genug, so dass seine Bestrafungsaktion sich
bald in der Gegend herumsprechen würde.

Der appetitliche Duft seines Abendessens in Spe lag in der Luft. Er konnte sich nur nicht entscheiden, ob
Rind oder Pferd, beides duftete verführerisch.

"Na schön, heute frischer Kuhbraten“, traf Korbinianus schließlich die Wahl, sich voller Vorfreude die
Lippen leckend. "Dennoch, das andere wäre mir lieber gewesen." Er seufzte und ging in einen Sturzflug
über, er hatte eine Kuh ausgewählt, die träge herumlag und sein Kommen nicht einmal bemerkte.

Erst als sich seine todbringenden Krallen tief in ihren Rücken gruben und er sie vom Boden riss, muhte
sie erschrocken auf. Er schleuderte sie kraftvoll über den Weidezaun und sie blieb mit gebrochenem
Rückgrat liegen. Er würde sich gleich an seiner Beute gütlich tun, doch Korbinianus hatte noch eine
Mission zu erfüllen.

Die Tiere rannten in Panik auf der Weide herum, doch für sie gab es kein Entkommen. Ihre angstvollen
Schreie erstarben jäh, als ein gewaltiger Feuersturm über sie hinwegtobte. Der schwarze Drache tobte
über ihnen wie ein Racheengel des jüngsten Gerichts, eine Feuersalve nach der anderen abgebend.
Wenn die Bauern ihr Vieh später in die Ställe zurücktreiben wollten, sollten sie nur noch Staub und Asche
vorfinden.
Nach getaner Arbeit las Korbinianus seine geschlagene Beute auf und flog mit seinem Abendessen zurück
in seine Höhle.

Unruhig wälzte sich Ronald in seinem Bett umher. Man hatte ihm ein kleines Gästezimmer für die Nacht
hergerichtet, doch obwohl das Federbett flauschig weich und warm war und die Matratze für ihn
geradezu ideal, er konnte einfach keinen Schlaf finden. Die Not der Menschen beschäftigte ihn. Diese
ganze Geschichte erinnerte ihn an seine alte, schottische Heimat, aus der seine Vorfahren stammten.
Auch dort hatte es ein Untier gegeben, das Angst und Schrecken verbreitete. Als er noch ein kleines Kind
war, hatte ihm sein Großvater immer wieder jene alten Legenden und Mythen vorgetragen, die diesem
Drachen gewidmet waren.

Irgendwie hatten es die Menschen damals fertig gebracht, den Zorn dieses Ungeheuers auf ziemlich
unkonventionelle Art und Weise zu zügeln. Wenn er sich nur daran erinnern konnte. Freilich gab es die
zahlreichen Legenden von Heiligen, die nur durch das Schlagen eines Kreuzes mit Weihwasser so
manchen Drachen bezwungen hatten, sicherlich waren da die bekannten Drachentöter Beowulf und
Georg und wie sie alle hießen, doch keiner dieser Herren hatte diese Ausgeburt der Hölle bezwingen
können.

Von Müdigkeit übermannt, glitt Ronald schließlich in einen unruhigen Halbschlaf, in dem sich Traum und
Wirklichkeit miteinander vermengten.

Als er jedoch am nächsten Morgen am Frühstückstisch Gisela einen Laib Brot aufschneiden sah,
durchzuckte ihn ein Gedanke.

"Wenn es Euch nichts ausmacht, fahrt mich bitte nachher nicht nach Passavia sondern zurück zum Hofe
nach Monacum."

"Mechst denn?" fragte Winfrieds Vater überrascht.

"Ich glaube, ich habe da eine Idee, das könnte funktionieren."

"Darf ich mit? Bitte, Pappi!" quäckte Winfried dazwischen.

"Euer Sohn kann gerne mitkommen, auf diese Weise kommt er auch mal nach Monacum. Er hat mir
gestern schon erzählt, dass es sein Herzenswunsch wäre, einmal..."

"Nix da!" beendete Gisela die Diskussion. "Der Bub bleibt da, es gibt genug Arbeit am Hof, die heute
erledigt werden muss. Ich selber hab keine Zeit, ich muss zu einer Versammlung ins Dorf."

"Was wuist'n do?" fragte Winfrieds Vater überrascht.

"Gestern ist der Hof vom Nürnberlinger Sepp angegriffen worden. Wahrscheinlich vom Drachen.
Jedenfalls treffen wir uns alle hernach im Schlafenden Peter zu einer kurzen Besprechung. Du fahrst ja
unseren Gast in die Stadt, hast Du gesagt."

"Schlafender Peter?" fragte Ronald erstaunt.


"So heißt das Wirtshaus im Dorf", erklärte Gisela.

Gleich nach dem Frühstück brachen Winfrieds Vater und Ronald auf, Winfried blickte frustriert hinterher.
Wieder einmal blieb für ihn die große Stadt in unerreichbarer Ferne. Er tröstete sich jedoch mit dem
Gedanken, später vielleicht noch einmal zum alten Kurt zu fahren, wer weiß, vielleicht war ja auch die
Helga da und hatte was gebacken.

"Ihr seid wahrlich ein Narr, wenn Ihr glaubt, das würde funktionieren", sagte der König zu Ronald. "In der
Tat, Ihr habt ein Talent zum Hofnarren, Ihr bringt mich zum Lachen, doch Verwendung habe ich..."

"Bitte, Majestät, hört mich noch einmal an", bat Ronald. Er durfte jetzt nicht locker lassen. Er hatte es
tatsächlich geschafft, eine Audienz beim König zu bekommen, diese Chance durfte er sich einfach nicht
entgehen lassen. "Ich versichere es Euch, Eure Majestät. Zwar wird Hofköchin Anna weiterhin täglich um
halb zehn dem Drachen seinen Tribut bringen müssen, aber nicht mehr in dieser Menge wie bisher, da
Ihr ihm ja auch zu Mittag etwas reichen werdet. Diese billig herzustellende Mahlzeit wird Eure
königlichen Schatzkammern deutlich weniger belasten als die täglichen Wagenladungen dieser
Spezialität."

"Mag ja sein, dass diese Speise durchaus billig ist in ihrer Herstellung", räumte König Edmund ein, "es ist
ja nichts weiter als ein Brot mit viel Luft, dazu etwas Fleisch, Grünzeug und Käse."

"Eben, bedenkt, was Ihr dabei einsparen werdet, Eure Majestät!" rief Ronald freudestrahlend.

"Einsparen klingt gut", sagte der König leise zu sich. "Dennoch", fuhr er mit einem raschen Seitenblick auf
seinen Sekretär, der sich bei dem Wort 'Einsparen' bereits die Hände gerieben hatte, fort, "den
Vierundzwanzig-Stunden-Tag für meine Diener, den ich vor gut einem Jahr höchstpersönlich erfunden
habe, werde ich deswegen nach wie vor nicht wieder abschaffen."

"Aber nun zurück an Euch, Hofnarr", wandte er sich erneut Ronald zu. "Denkt Ihr wirklich, dass dies eine
Mahlzeit ist, die einem Drachen geziemt? Das ist doch viel zu weich und kaum mehr als eine Zahnfüllung,
auch wenn die Kreation, die Ihr mir zubereitet habt, hervorragend mundet."

"Doch, sicher, Eure Majestät. Das Grünzeug und auch die vielen Zwiebel blähen und das luftige
Weizenmehlbrot verklumpt, wodurch der Drache sich gesättigt fühlt. Aber Ihr müsst unter allen
Umständen darauf achten, dass auf keinen Fall jenes kugelrunde, rote Gemüse in frischer Form darauf
geschnitten wird."

"Weshalb?" fragte der König und blickte Ronald mit zusammengekniffenen Augen an. Entweder war
dieser Mann ein absolutes Genie oder tatsächlich ein Narr.

"Legenden aus meiner Heimat berichten davon, dass Drachen nach dem Genuss dieses Gemüses noch
viel unberechenbarer und damit gefährlicher werden. Man darf da kein Risiko eingehen", entgegnete
Ronald.

"Nun denn, so sei es." König Edmund lächelte. "Am besten gefällt mir natürlich der Gedanke des Sparens.
Aber wenn es auch meinem Volke zu Gute kommt, dann denke ich, bestehen gar keine Zweifel mehr, es
zu versuchen. Gelingt Euer Vorhaben, Hofnarr, so werde ich Euch einstellen als königlicher Hofnarr und
auch als königlichen Lieferanten dieser Nahrung für meine Bediensteten. Denn was für Drachen in
meinem Reiche recht ist, ist auch für meinen Hofstaat billig."

Der Drache Korbinianus war erzürnt. Zwar war Anna diesen Morgen tatsächlich wieder erschienen, doch
anstatt der gewohnten Wagenfuhre seiner Leibspeise, war es gerade einmal die Hälfte davon. Als er sie
wütend zur Rede stellen wollte, war sie kreischend davon gerannt. Er warf einen verächtlichen Blick auf
die beiden ausgemergelten Ochsen, die den Karren gezogen hatten. Nein, so tief würde er nicht sinken,
dass er sich an ihnen gütlich tat, sie waren nur Haut und Knochen. Diese Anna war für ihren Geiz weithin
bekannt und so war es kein Wunder, dass sie ihre Zugtiere nicht ordentlich fütterte. Wahrscheinlich,
dachte sich Korbinianus grimmig, würde sie die beiden Tiere, nachdem sie verendet waren, noch zu
einem Wucherpreis als Futter verkaufen wollen.

Nahezu beiläufig beendete er mit einem lässigen Prankenschlag die armselige Existenz dieser beiden
Kreaturen und äscherte die Kadaver mit seinem Feueratem vollständig ein.

Diese verdammten Menschen. Erst wollten sie ihm seine Leibspeise vollständig vorenthalten, heute kam
nur die Hälfte der vereinbarten Ration, was würde morgen sein? Nein, er musste etwas unternehmen.
Diesmal würde seinem Zorn jedoch mehr zum Opfer fallen als ein paar Pferde und Kühe.

Er gähnte herzhaft und bettete grollend sein Haupt auf seine Vordertatzen: Jetzt würde er erst einmal
schlafen und Kräfte sammeln für den geplanten Rachefeldzug.

Gegen Mittag drang ein verführerischer Duft an seine empfindlichen Nüstern. Korbinianus öffnete seine
Augen und schnupperte in die Luft. Es war definitiv nicht der Geruch seiner so sehr geliebten
Fleischspezialität und doch, dieser Duft war äußerst appetitanregend. Der Drache leckte sich seine Lefzen
und kroch aus seiner Höhle. Ob man ihm erneut eine Falle gestellt hatte? Vorsichtig blickte er sich um,
doch es war keine Menschenseele zu sehen. Allerdings vor ihm auf dem Waldboden, angerichtet auf
einem großen, hölzernen Tablett, lag etwas, ein seltsam geformtes Päckchen. Es war in ein spezielles
Papier gewickelt, das der Drache noch nie zuvor gesehen hatte in dieser Art. Darauf waren Schriftzeichen
zu erkennen, die Korbinianus jedoch nicht zu deuten vermochte. "Big..." konnte er gerade noch
entziffern. Ob es sich hierbei um einen Zauberspruch handelte, der ihn bannen oder gar töten sollte?
Misstrauisch schnupperte er daran. Da lag noch ein zweites, ein wenig kleiner als das erste. Der Duft, der
von diesen beiden Päckchen ausging, war einfach zu verführerisch.

"Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", dachte sich Korbinianus. "Ich kenne sämtliche Heilzauber, die mich
beschützen. Und sind nicht bisher alle kläglichen Versuche der Menschen, mich zu überlisten,
gescheitert?"

Vorsichtig öffnete er mit seinen scharfen Krallen diese unerwartete Gabe und betrachtete das, was nun
entblößt vor ihm lag: Es sah aus wie Brot und darin war eindeutig eine Art Fleisch zu erkennen. Doch da
war noch mehr...
Nachdem er noch einmal daran geschnüffelt hatte, verschlang er gierig diese beiden Brote und leckte
sich zufrieden schmatzend seine besudelte Schnauzenspitze sauber.

Es dauerte nicht lange und die Brote taten ihre Wirkung: Kaum war Korbinianus in seine Höhle
zurückgekehrt, fühlte sich der Drache mit einem Mal sehr satt und müde.

Zufrieden legte er sich hin, rollte sich zusammen und schlief friedlich bis zum späten Abend.

Fortan wurden dem Drachen Korbinianus Tag für Tag gegen halb zehn etwas von jenem Fleischlaib
vorgesetzt und einige Stunden später jenes weiche, gefüllte Brot, eingehüllt in dem Papier, das dem
Drachen eine Art Frischegarantie war.

Die Menschen im Wald hatten nun nichts mehr von dem Drachen Korbinianus zu befürchten, sie konnten
sogar wieder jene Fleischspezialität aus der großen Stadt in Ruhe genießen.

Da der Drache nun friedlich war, ließen ihn die Bewohner dieser Gegend unbehelligt in seiner Höhle
leben. Man sorgte jedoch dafür, dass für alle Fälle immer genügend Futterstellen für den Drachen
Korbinianus vorhanden waren.

So entstanden innerhalb der Stadtmauern Monacums, aber auch außerhalb der großen Stadt bis hin zu
Passavia zahlreiche Stätten dieser Art. Damit sie von dem Drachen Korbinianus auch als solche ohne
Schwierigkeiten erkannt werden konnten, überlegte man sich eine besondere Kennzeichnung. Zu Ehren
des klugen Hofnarren, aber auch eingedenk der Tatsache, dass der weise König Edmund auf diese Weise
seine Schatzkammerbestände besser wahren, ja aufgrund der damit verbundenen Steuereinnahmen gar
mehren konnte, wurde ein Teil dieser Futterplätze mit dem ersten Buchstaben des Nachnamens des
Erfinders des Drachenfutters und der andere Teil mit einer großen rot-gelben Krone gekennzeichnet.

Ihr zweifelt an meinen Worten? Dann macht Euch auf in das heutige Monacum, dort werdet Ihr jene
Futterstellen ohne Zweifel erkennen. Sucht einfach die Häuser mit jener rot-gelben Krone oder jenem
goldenen M als ihr Zeichen, tretet ein und speist, wie es sich für einen Drachen geziemt. Und wenn Ihr
großes Glück habt, so begegnet Ihr vielleicht sogar des Königs eigenen Koch, den Vinzenz, der Euch
gegen ein geringes Entgelt von seiner berühmten Fleischspezialität, die sogar bei Drachen äußerst
begehrt ist, kosten lässt.
Der Drache und der
Bischof

Ein kräftiger Nordwest peitschte die bleigrauen Wolken über das bewaldete, hüglige Land. Neben
zahllosen Blättern des Herbstlaubes trieb ein von einem Baum abgerissener Steckbrief im Wind.

Giuseppes Stimmung war genauso trübe wie das Wetter draußen und seine trutzige Burg wirkte in
diesem Dämmerlicht noch düsterer und bedrohlicher als sonst.

Der kleine, die Festung umgebende Ort jedoch wirkte dank der zahlreichen Lichter, die überall entzündet
wurden, anheimelnd und freundlich, auch wenn niemand auf den Straßen zu sehen war. Kein Wunder,
bei diesem Wetter jagte man nicht einmal einen Hund vor die Türe.

Dennoch wäre es falsch gewesen zu behaupten, alle Bewohner dieses Dorfes seien zu Hause geblieben.

Das Kaminfeuer verbreitete seine wohlige Wärme in der großen Halle und die drei Männer, die hier auf
eine Audienz bei ihrem Fürsten warteten, waren wohlgemut. Sie saßen an einer üppig gedeckten Tafel
und roter Wein funkelte in den Bechern.

Sie störten sich nicht im Geringsten an der Wache, die vor einer mit kunstvollen Schnitzereien verzierten
Holztür postiert war. Ihnen ging eher der ältliche Bedienstete auf die Nerven, der sich unter unzähligen
Verbeugungen wiederholt vergewissert hatte, ob es den Gästen auch an nichts fehle.

Der Diener hatte von seinem Herren die strikte Anordnung bekommen, sich um das leibliche Wohl der
Besucher, die um eine Audienz beim Fürsten ersuchten, zu kümmern. Dies tat er auch mit recht großem
Eifer und erst als er sich noch einmal davon überzeugt hatte, dass er seiner aufgetragenen Pflicht auch
wirklich nachgekommen war, widmete er sich seiner ursprünglichen Aufgabe, dem Polieren des
Tafelsilbers und der edlen Kristallgläser.

Die Männer, einfache Bauern aus der Umgebung, waren jedoch viel zu sehr in ihr Gespräch miteinander
vertieft, um dem Kastellan ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Der Anlass ihres Besuches auf der Burg war
alles andere als erfreulich.

"Ich sag Euch, wenn das so weitergeht, weiß ich wirklich nicht mehr, wie ich meine Familie noch
ernähren kann. Drei Muttertiere innerhalb einer Woche habe ich verloren", klagte einer von ihnen.

"Ja, es ist ein Drama. Aber selbst die Jäger Giuseppes können gegen das Untier nichts ausrichten. Ich sage
Euch, das ist der Teufel oder ein Dämon."

"Unsinn, so etwas gibt es nicht! Das ist ein Tier aus Fleisch und Blut, nur klüger als alle anderen. Und
unser Fürst widmet der ganzen Sache viel zu wenig Aufmerksamkeit. Anders als Pater Ponnicraccelone.
Der ist wenigstens ein Mann der Tat. Und genau das werde ich ihm gleich sagen, natürlich in schöne
Worte gekleidet."

"Ach, kommt schon, was lamentiert Ihr eigentlich alle? Immerhin entschädigt uns Giuseppe für jedes
gerissene Schaf."
"Richtig, Piccollino, Schaf. Du hast ja nicht mal eine Schafsherde. Ich sag's Dir noch mal, lass ab von
Deinem idiotischen Vorhaben. Ich kann nicht verstehen, dass Du trotz Deines Gestütes, das, so weit ich
weiß, sehr profitabel ist, Deinen Hals riskierst, nur um noch ein bisschen mehr Geld zu verdienen. Unser
Fürst ist weise und gütig, aber auch gerecht. Wenn er dahinter kommt, dass Du ihn mit Deinen
Drachenmären betrügen willst, dann Gnade Dir Gott. Ich..."

"Rede vielleicht noch ein wenig lauter, Du Trottel", fauchte der Bauer, den der andere Piccollino genannt
hatte. Doch weder der Diener noch die Wache schienen auf den Inhalt des Gesprächs geachtet zu haben.

Nachdem der Fürst eine Weile aus dem Fenster den über den Himmel jagenden Wolken hinterher
gestarrt hatte, wandte er sich um und genehmigte sich einen Schluck Grappa.

Nachdenklich ließ er seinen Blick über seinen wuchtigen Mahagonischreibtisch gleiten. Er war bedeckt
mit Büchern, Folianten und unzähligen Manuskripten.

Giuseppe war schon immer ein Mann des Studiums gewesen und dazu ein Schöngeist. Im nicht allzu weit
entfernten Peruggia hatte er Theologie und Philosophie studiert. Auch beschäftigte er sich eine Zeit lang
mit Naturwissenschaften. Man hatte ihm geraten, sich ebenfalls der Juristerei zu widmen, doch er
verabscheute dieses Fach zutiefst.

"Das ist etwas für Menschen ohne Rückgrat", pflegte Giuseppe stets zu sagen.

"Und für Taugenichtse, die sich dann von ihren eigenen Verfehlungen freisprechen wollen."

Eigentlich hätte er noch sehr viel zu erledigen gehabt an diesem Tag.

Der Landstrich, über den er herrschte, Gubbio, ein idyllischer Flecken Erde mitten im Apennin,
angeschmiegt an den Monte Ingino, wurde von einer unheimlichen Plage heimgesucht und die
Menschen litten sehr darunter. Niemand konnte sagen was es war, doch viele Bauern, wohl angestachelt
durch einen etwas verschrobenen Pfarrer, der gemeinhin nur als Pater Ponnicraccelone bekannt war,
behaupteten steif und fest, ein Drache würde Not und Elend über sie bringen.

Aber anstatt sich mit einer konkreten Problemlösung beschäftigen zu können, musste er seine kostbare
Zeit mit irgendwelchen regelmäßig stattfindenden Besprechungen vergeuden, zu denen sämtliche
Fürsten und Grafen der umliegenden Regionen zusammenkamen, nur um heiße Luft zu produzieren.
Dabei erzielten sie oft nicht einmal in den einfachsten Dingen einen Konsens.

Wenn er schließlich einmal - aufgrund glücklicher Fügung - nicht an einem dieser Possenspiele
teilnehmen musste, dann ersuchte man justament um eine Audienz bei ihm.

Wie sehr er diese Audienzen verabscheute.

Aber es half alles nichts. Er war der Landesfürst und somit der Ansprechpartner für etwaige Probleme. Er
nahm seine diesbezüglichen Pflichten sehr ernst und sein Handeln bestimmte in erster Linie die Liebe zu
Umbrien, seiner Heimat, und die Fähigkeit der Weitsicht.

Auf diese Weise brachte er sein Fürstentum zu Wohlstand und eigentlich hätten alle zufrieden sein
können, wenn das eine Problem nicht gewesen wäre.

"Also gut", seufzte er und rief nach der Wache.

Die Audienz konnte beginnen.

"Dein Schicksal dauert mich, mein Freund."

In der Stimme des Fürsten lag aufrichtige Anteilnahme.

Giuseppe musterte sein Gegenüber, ein Mann, der offensichtlich hart arbeitend seinen Lebensunterhalt
bestritt und sich abends dann an einfachen Freuden wie einem guten Glas Wein im Kreise seiner Familie
erfreute.

Manchmal beneidete Giuseppe seine Untertanen. Regieren bedeutete sehr viel Verantwortung,
zumindest wenn man redlich war.

Der Bauer wählte seine Worte mit Bedacht.

"Davon, edler Herr, bekomme ich jedoch nicht meine Familie satt. Alleine in der vergangenen Woche
fielen der Blutgier dieses Monstrums drei meiner besten Schafe, eines davon sogar trächtig, zum Opfer.
Eure ausgesandten Jäger scheinen überfordert zu sein. Bitte verzeiht meine offenen Worte, Herr, aber
ich denke, Ihr habt die Lage unterschätzt. Ihr meintet, dieser Drache wäre nur eine Illusion und es würde
sich um gemeine Viehdiebe handeln oder um einen Wolf. Aber Eure Steckbriefe, die nun überall die
Landschaft zieren, bringen weder Dieb oder Wolf noch Drache zur Strecke."

In einem plötzlichen Anfall von Zorn hieb Giuseppe mit seiner Faust auf den Tisch, doch sofort fing er
sich.

"Genug jetzt! Du bist nicht der einzige, dem Schaden durch was auch immer zugefügt wird. Seit Wochen
höre ich nichts anderes mehr von Euch Viehhaltern. Ich will Dir etwas verraten: Auch ich verliere mein
Vieh. Erst letzte Woche habe ich gleich vier Ziegen verloren. Aber ich kann nicht mehr tun, als auf bloße
Vermutungen hin auf Jagd zu gehen. Es wurden einige Wölfe gesichtet, für ihre Verhältnisse wahre
Ungetüme, auf diese konzentrieren sich meine Jäger. Ich hingegen halte es für wahrscheinlicher, dass wir
von ganz gerissenen Viehdieben heimgesucht werden und aus der Gegend von Rom wurden mir ähnliche
Vorkommnisse mitgeteilt. Dort sind Banditen flüchtig, deren Konterfeie die Steckbriefe zieren, die ich
habe anbringen lassen. Was es aber auch immer sein mag, ich versichere Dir, ich werde nicht eher ruhen,
bis seine Gebeine auf den Zinnen meiner Burg in der Sonne, sollte sie jemals wieder scheinen, bleichen.
Bis dahin kann ich nicht mehr tun, als Dein Los zu bedauern und Dich mit etwas Gold aus meiner
Schatzkammer entschädigen. Doch gebe ich Dir auch zu bedenken, Drachen gibt es schon lange nicht
mehr!"

Giuseppe deutete in eine Ecke des Raumes, in der auf einem groben Holztisch kleine Ledersäckchen
lagen.

"Nimm Dir einen davon. Das sollte Dich für Deinen Verlust mehr als reichlich entschädigen. Wenn Du
gehst, schicke mir den nächsten Unglücksraben herein."
Mit einem Kopfnicken entließ der Fürst den Bauern und würdigte ihn keines weiteren Blickes mehr. Mit
Sicherheit würde er es nicht wagen, mehr von dem Tisch zu nehmen als ihm zustand.

Ganz anders verhielt es sich jedoch mit dem Mann, der nun bei Giuseppe vorsprach.

"Und auch Dir wurden Schafe gerissen, nicht wahr?"

"So ist es, Eure Lordschaft", bekräftigte der Mann eifrig.

"Piccollino ist Dein Name, wenn ich mich recht entsinne?"

Piccollino nickte stumm, ein vages Unbehagen machte sich in seiner Magengegend breit.

Giuseppe trommelte mit seinen Fingerspitzen eine muntere Melodie auf seinem Schreibtisch.

"Weißt Du, mein lieber Piccollino, ich hatte inständig gehofft, dass Du mir nicht unter die Augen treten
würdest. Zumindest aber, dass Du bei Deinen Lügengeschichten ein wenig feinsinniger wärst. Wenn man
schon seit Wochen in Gubbios Schänken herumerzählt, dass man meine Gutmütigkeit ausnutzen
möchte, dann sollte man wenigstes so klug sein, sich den Gestank von Pferdemist abzuwaschen, wenn
man vor meine Augen tritt und mir erzählt, man würde Schafe verloren haben. Hast Du wirklich geglaubt,
ich kenne nicht einen der größten Pferdezüchter Umbriens, Deinen Vater? Gott hab ihn selig. Deine
Mutter hat ihn ja ins Grab gebracht mit ihren schwachsinnigen Ideen... Aber lassen wir das."

"Ich verstehe nicht, was Ihr meint, Herr."

Piccollino schluckte schwer und Angstschweiß trat auf seine Stirn.

"Wirklich nicht? Dann lass es mich so ausdrücken. Dein Schwindel ist schon aufgeflogen, als Du durch
diese Tür in mein Audienzzimmer gekommen bist. Ich lasse mich nur ungern für dumm verkaufen."

"Aber, ich... bitte...", stammelte Piccollino.

Ihm war klar, dass er zu hoch gepokert hatte und nun dabei war, alles zu verlieren.

"Ich würde sagen, das reicht jetzt, Du elender Betrüger! Du bist hierher gekommen, um Dir Leistungen
von mir zu erschleichen, und das, obwohl Du selbst wohlhabend bist. Eigentlich wollte ich das Deiner
jugendlichen Dummheit zuschreiben und Dich gehen lassen. Aber Deine Gier hat Dich jeglichen Anstand
verlieren lassen, und Du weißt, dass es mein gutes Recht wäre, Dich vor Gericht zu stellen. Selbst einem
Einfaltspinsel wie Dir sollte klar sein, welches Urteil Dich erwartet; da kann Deine Mutter noch so sehr
versuchen, ihren Einfluss vor den Richtern geltend zu machen."

Giuseppe rief nach der Wache und Piccollino zuckte erschrocken zusammen, als sich ein wahrer Hüne
vor ihm aufbaute, so breit wie hoch.

"Prasslov, der Kerl wollte mich hintergehen. Ich denke, ein paar Tage im Verlies werden ihn zur Vernunft
bringen. Ach ja, bei den fünfundzwanzig Hieben, die ich für ihn vorsehe, braucht man auch nicht
zimperlich sein. Und jetzt schaff mir den Idioten aus den Augen, bevor ich mich ganz vergesse."
.

"Ah! Eure Eminenz."

In Giuseppes Stimme lag aufrichtige Freude, als er den Sitten entsprechend den Ring des Bischofs küsste.

"Nach dem heutigen Tag freue ich mich aufrichtig auf unseren Spieleabend."

Dieser Termin war eines der wenigen Dinge, für die sich der Fürst gerne Zeit nahm. Einmal pro Woche
besuchte ihn der Bischof Pietro Pellegerò zu einer Partie Backgammon. In der Regel floss dabei so
mancher edler Tropfen und man führte gute Gespräche.

"Ihr klingt jedoch besorgt, mein lieber Giuseppe", bemerkte der Bischof. "Ein Schatten liegt auf Eurer
Seele."

"Nun ja, was soll ich sagen, diese Vorkommnisse rauben mir noch den letzten Nerv. Und dazu dieses
Gerede von dem Drachen. Solche Ammenmärchen."

"Woher wollt Ihr das wissen, mein Sohn?"

Der Bischof zwinkerte Giuseppe vergnügt zu.

"Also, ich habe zumindest noch keinen gesehen, außer in meinen Schriften, die ich studiere", antwortete
Giuseppe.

"Nun, Ihr habt wohl so wenig wie ich selbst jemals Gottes Antlitz gesehen, nicht wahr? Doch beide haben
wir in den Schriften über ihn gelesen. Und beide glauben wir an ihn, nicht wahr? Weshalb sollte es also
dann auch keine Drachen geben, wenn Gott uns schon so herrliche Geschöpfe geschenkt hat, die die
Welt bevölkern - und so köstliche Trauben, aus denen dann dieser vorzügliche Wein gekeltert wurde,
den ich mir erlaubt habe, für diesen Abend mitzubringen. Ich möchte dazu Euer Urteil hören, lieber
Giuseppe, denn ich habe vor, ihn an die Kirchen als Messwein auszugeben."

Sie hatten noch nicht einmal die erste Runde zu Ende gespielt, als sie durch einen Tumult im Vorzimmer
gestört wurden.

Die Tür wurde aufgerissen und äußerst temperamentvoll betrat eine Dame den Raum. Giuseppe war im
ersten Augenblick zu perplex, um sich höflich zu erheben und auch der Bischof blickte erstaunt von dem
Spielbrett auf.

"Verzeiht, Herr", keuchte der Diener, der kurz hinter der Frau eintrat und sich verbeugte.

"Ich habe sie leider nicht abweisen können. Sie meinte, dass es um Leben und Tod ginge und sie Sie
unbedingt sofort sprechen müsste. Es ist Con..."

"Ich weiß, wer sie ist", winkte Giuseppe unwillig ab und gab seinem Bediensteten ein Zeichen, sie alleine
zu lassen.

Er wandte sich dem Überraschungsgast zu.


"Contessa?"

"Es geht um meinen Sohn", begann die Dame ohne Umschweife und ignorierte den anwesenden Bischof
vollständig.

"Ihren Sohn? Was ist mit ihm?"

"Was wohl!"

Ihre Stimme wurde zu einem wütenden Zischeln.

"Sie haben ihn in den Kerker geworfen. Dabei ist der doch noch ein Kind!"

"Ich verstehe nicht ganz? Von welchem Kind sprechen Sie denn?"

Giuseppe war sichtlich verwirrt, doch der Bischof kam ihm zu Hilfe: "Sie meint Piccollino. Den
Großgrundbesitzer. Der, der auch das Gestüt hat."

"Ja, mein liebes Piccolloncinochen. Und Sie haben ihm das angetan!"

Die Dame bebte förmlich vor Wut.

"Moment bitte...", begann Giuseppe.

Er musste sich auf die Lippen beißen, damit er nicht bei dem Kosenamen Piccolloncinochen lauthals
lachen musste, obwohl der peinliche Auftritt dieser Frau alles andere als zum Lachen war.

"Ihr Sohn ist völlig zu Recht im Gefängnis und zwar wegen Betruges. Er hat steif und fest behauptet, dass
mehrere seiner Schafe gerissen wurden und forderte dafür eine Entschädigung von mir."

"Ja, und? Die steht ihm ja wohl auch zu."

"Richtig, gute Frau..."

"Contessa, wenn ich bitten darf!"

"Auch gut. Macht ja nichts. Also, Sie haben durchaus Recht, nur, bedauerlicherweise besitzt Ihr Sohn
keine Schafe. Eine Unmenge von Pferden, ja, aber keine Schafe. Noch dazu ist er einer der reichsten
Männer hier in der Region. Daher ist sein Vergehen umso verwerflicher."

"Wollen Sie etwa sagen, mein liebes Piccolloncinochen hätte etwas Verwerfliches getan? Eben weil er
wohlhabend ist und ich eine Contessa, die Contessa Gianna Virghuena, hat er ja wohl gewisse Privilegien.
Wenn er sagt, dass ihm Schafe verloren gingen, dann haben Sie nicht das Recht, das anzuzweifeln und
das arme Piccolloncinochen wie einen Verbrecher behandeln."

"Und doch tue ich das. Sonst noch was? Ich würde mich nämlich gerne wieder meinem Gast widmen,
seiner Eminenz."

Contessa Virghuena warf dem Bischof einen Blick zu und runzelte die Stirn, gerade als ob er etwas wäre,
das an ihrem Stiefelabsatz kleben würde.

Als Giuseppe gerade nach der kleinen Silberglocke greifen wollte, um seinem Diener zu läuten, schnäuzte
sie sich geräuschvoll.

"Mein armes Piccolloncinochen. Der würde doch niemals etwas Schlechtes tun, er ist immer so ein lieber
Junge gewesen."

Giuseppe krümmten sich die Eingeweide.

"Ihr Sohn ist immerhin schon um die Dreißig, meine Liebe. Und er hat es faustdick hinter den Ohren. Ich
bin nach wie vor der Überzeugung, dass die Strafe gerechtfertig ist."

"Nein. Man kann so mit ihm nicht umspringen. Er ist Ihnen schließlich gleichgestellt. Und davon
abgesehen, er ist der Lieblingsschüler vom guten, alten Ponnicraccili. Der war auch schon mein Lehrer.
Und er pflegt so wie ich immer zu sagen, dass man mit Kindern Geduld haben muss..."

"Wer bitte?"

Giuseppe hatte nun endgültig die Nase voll und läutete.

"Die gute Contessa meint unseren Hochwürden, Pater Ponnicraccelone", erklärte der Bischof gütig
lächelnd.

"Diese Frau kostet mich noch den letzten Nerv", seufzte Giuseppe und wischte sich den Schweiß von der
Stirne, nachdem die Frau endlich gegangen war.

"Regt Euch nicht auf, mein Sohn", beschwichtigte ihn Pietro und schob ihm den Würfelbecher hin.

"Hier! Ein Fünfer-Pasch wäre jetzt wohl von Vorteil."

"Wer ist eigentlich dieser Pater Ponnicraccelone genau?" wollte Giuseppe wissen. "Ich höre immer
wieder seinen Namen."

Die Mine des Bischofs verfinsterte sich. Er lehnte sich zurück und beobachtete, wie Giuseppe nicht den
benötigten Würfelwurf bekam.

"Dieser Pater Ponnicraccelone ist bei den Menschen nicht gerade beliebt. Dennoch ist er ein
charismatischer Prediger und hat seine Beziehungen bis nach Rom. Auch die Contessa ist ihm verfallen,
obgleich sie weitaus jünger ist als er. Aber er schießt gerne über das Ziel hinaus und damit dient er oft
nicht mehr den Interessen der Mutter Kirche. Ich darf nicht näher darauf eingehen, aber dem
bischöflichen Ordinariat liegen zahlreiche Beschwerden über ihn vor, doch er hat es stets geschafft, dass
selbst der Heilige Vater seine Hand schützend über ihn hält. Ich weiß es nicht, wie er das hinbekommt.
Jedenfalls, im Moment füllt er unsere Kirchen mit Menschen, die sich alle vor diesem ominösen Drachen
oder Wolf oder was auch immer hier sein Unwesen treibt fürchten. Mit seinen Predigten und
flammenden Reden macht er ihnen Mut und Hoffnung. Das wäre an sich ja nicht schlecht, schließlich ist
das ja die Aufgabe eines Priesters. Aber, ich fürchte, es steckt da mehr dahinter. Ich vermag derzeit nicht
zu erkennen, welches Spiel er spielt, aber ich bezweifle, dass es dem christlichen Gedanken entspricht.
Doch ich habe keinerlei Beweise, nur vage Vermutungen."

Der Wind hatte noch an Stärke zugenommen und die dahinrasenden Wolkenfetzen ließen den Mond
bizarre Muster auf die Landschaft werfen. Das Rauschen der Wipfel und das Heulen des Sturms
verschluckten das eigentümliche Geräusch, das ein offensichtlich schwerer Körper verursachte, der über
den Boden geschliffen wurde.

Verstohlen näherte sich ein schwarzer Schatten einer abgezäunten Weide und überbrückte in geduckter
Haltung das freie Feld zwischen dem Wald und dem Ziel dieser nächtlichen Wanderschaft. Eine Spur von
Schwefelgeruch trug der Wind mit sich.

Wer oder was auch immer das war, es schlich sich gegen den Wind an, die Schafe grasten oder dösten
friedlich und ahnungslos. Ein Schäfer war nirgendwo auszumachen, auch kein Schäferhund. Offenbar
verließ sich der Eigentümer ganz und gar auf den hohen Zaun, der die Weide umgab.

Der Eindringling hatte auf heimlichen Streifzügen schon längst die Stelle ausfindig gemacht, an der er
bequem darunter hindurch kriechen konnte - was waren Schafe doch für dumme Geschöpfe, blieben auf
der Weide und dachten nicht einmal daran, sich unter den Zaun hindurch in die Freiheit zu bewegen.

Das Schlachtfest war blutig und kurz und ein voller Erfolg: Von der Herde bleib nicht viel mehr zurück als
ein paar Wollfetzen und einige abgenagte Knochen.

Doch die Bestie war unersättlich diese Nacht. Es stand ihr der Sinn nach anderer Beute und ein schwerer
Leib schob sich schlangengleich den mondbeschienenen Pfad entlang, an dessen Ende der alte, baufällige
Palazzo stand, in dem eine verwahrloste Witwe vom fahrenden Volke mit ihren beiden kleinen Kindern
hauste...

"...Und der Herr sprach: Feuer wird vom Himmel regnen und Euer Hab und Gut und Euch verbrennen!
Nur wer sich mir anschließt und dem Weg folgt, den ich Euch durch meine Propheten zeige, wird in das
Paradies kommen."

Pater Ponnicraccelone ließ die Worte ein wenig auf die versammelten Menschen wirken, bevor er mit
seiner Predigt fortfuhr. Er konnte zufrieden sein. Auch heute war die kleine Kirche wieder zum Bersten
gefüllt. Er spürte, dass ihn seine Schäfchen nicht mochten, aber niemand würde es wagen, seinem
Gottesdienst fernzubleiben. Der Glaube ist Opium für das Volk - wie wahr. Vor allem in Zeiten wie
diesen. Es bedurfte nur eines geschickten Mannes - dafür hielt sich Ponnicraccelone -, um sich diese
Tatsache zu Nutzen zu machen.

"Liebe Brüder und Schwestern! Was möchte der Herr uns allen damit sagen? Wie Ihr alle wisst, sind
dunkle Zeiten angebrochen. Aber wir müssen alle zusammenstehen, damit wir die Prüfungen, die uns
unser Herr auferlegt hat, ertragen. Satan persönlich marschiert unter uns umher. Bisher raubte er Eure
Schafe und Rinder. Doch wurde ich informiert, dass auch schon Kinder dieser Bestie zum Opfer gefallen
sind. Unschuldige Kinder, das Kostbarste, mit dem uns unser Herr gesegnet hat, in den Klauen dieses
Untiers. Ja, liebe Brüder und Schwestern, Satan ist zurückgekommen und er hat seine Höllengeschöpfe
mitgebracht. Engel der Nacht, gewaltige, blutrünstige Drachen. Noch vor einem Jahr als Vorhut schickte
er jenen riesenhaften, schwarzen Wolf, eine furchtbare Geißel Gubbios. Doch der Herr hielt seine Hand
schützend über uns und ich war in der glücklichen Lage, Francesco von der Abtei zu Assisi zu begegnen.
Sofort unterstützte er mich in dem Kampf gegen den Wolf und Ihr alle wisst, dass dieses Untier durch
Gottes Fügung fromm wurde und unsere Wälder verlassen hat. Aber, meine lieben Brüder und
Schwerstern, in diesen Stunden der Not kann uns nicht einmal Bruder Francesco beistehen. Er wollte sich
auf die Suche nach den Drachen machen, doch er wurde seitdem nicht mehr gesehen. Wir wollen uns
nun erheben und für seine Seele beten."

Wieder hatte Ponnicraccelone einen geschickten Schachzug ausgeführt. Diese Bauerntölpel verehrten
diesen Francesco von Assisi bereits wie einen Heiligen. Nun, mit der Nachricht über dessen Tod würde er
ihnen wieder ein Stückchen Hoffnung geraubt und damit seine eigene Position gestärkt haben. Das
Schöne an der ganzen Sache war, dass der Pater nicht einmal gelogen hatte. Tatsächlich hatte man seit
geraumer Zeit nichts mehr von Francesco gehört. Dass er aber tot wäre, davon hatte Ponnicraccelone
schließlich nie etwas gesagt.

Jetzt war es an der Zeit, den Trumpf auszuspielen, den er für den heutigen Tag vorbereitet hatte.

"... Amen! Ihr seht, meine Brüder und Schwestern, Gott selbst will, dass Ihr alle, Ihr Menschen Gubbios,
diese Prüfung annehmt. Die Drachen, die Ausgeburten der Hölle, werden mit ihrem giftigen, stinkenden
Atem die Pest über uns bringen. Ihre Feuer, heißer als das Fegefeuer im tiefsten Höllenschlund,
zerstören Eure Ställe und Häuser. Sie vernichten Eure Ernte. Sie verschlingen Eure Ziegen, Eure Schafe,
Eure Pferde. Ja, sie rauben Eure Weiber und sogar Eure Kinder. Man sagt, dass sich die Drachen zunächst
an ihnen auf schlimmste Weise vergehen und sie dann qualvoll in Stücke reißen. Habt Ihr nicht die
Schreie ihrer Opfer gehört, Nacht für Nacht trägt sie der Wind mit sich..."

"Ich dachte immer, die Geräusche in der Nacht würden aus der Sakristei kommen, wenn unser guter
Pater einen seiner Ministranten oder eines der Chormädchen ins Gebet nimmt", sagte ein älterer Mann
irgendwo im hinteren Teil des Kirchenschiffs.

In seiner Stimme lag große Bitterkeit und Verzweiflung. Zustimmendes Gemurmel erhob sich, denn
Gerüchte gab es viele. Angeblich hielt dieser Pater Ponnicraccelone seinen Wolfshund auch nicht nur als
Wachhund der Sakristei, zumindest sagte das die Bäckersfrau, die es wiederum von dem Lehrmädchen
des Fleischers wusste. Ihr hatte es die Pfarrersköchin unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt.

Man hatte Beschwerdebriefe geschrieben an den Bischof, doch es erfolgte keinerlei Reaktion.

Den Fürsten wollte man nicht damit belästigen, zumal dieser nicht das Recht hatte, sich in die
Angelegenheiten der Kirche einzumischen. Abgesehen davon hatte dieser genug damit zu tun, dem
Albtraum, der Gubbio zur Zeit geißelte, ein Ende zu bereiten.

Dem Pater entging die Unruhe keineswegs und er konnte deren Ursache erahnen. Schnell trat er die
Flucht nach vorne an.

"Mir ist natürlich bekannt...", begann er mit einem drohenden Unterton in seiner Stimme, "...dass man
über mich nahezu blasphemische Lügen verbreitet. Ich aber sage Euch, liebe Brüder und Schwestern,
diejenigen, die auf diese Weise Verrat an der Kirche, an Gott oder gar an mir - verzeiht - an mir, der
Kirche und damit an Gott Verrat begehen, werden dafür in der Hölle schmoren. Ihr alle wisst, dass ich ein
Ehrenmann bin, ein demütiger Diener vor dem Herrn! Und Gott segnete mich, indem er meine Gebete
erhört hat. Der Herr wird uns bei unserer Prüfung beistehen. Er schickte uns einen edlen Recken, der den
oder die Drachen, die irgendwo in den unzugänglichen Schluchten des Apennins hausen, erschlagen
wird.

Daher spendet, im Namen des Herren, ein jeder wie er nur kann, damit wir diesem tapferen Ritter in
seinem Kampf gegen das Böse, gegen Satan unterstützen können: Sein Pferd muss beschlagen sein, er
braucht eine Rüstung und was sonst noch so an Kosten anfällt.

Gott wird Euch dafür segnen, liebe Brüder und Schwestern! Auf dass die Sonne wieder scheinen wird in
dieser Zeit der Finsternis, wenn wir den Schädel der teuflischen Schlange vor unserer Kirche verbrannt
haben werden. Gehet nun hin in Frieden!"

Zielstrebig ging Ponnicraccelone auf den Mann zu, der ihm zuvor im Gottesdienst aufgefallen war.

"Buon Giorno, Cercandore. Warum waren Sie schon so lange nicht mehr in der Sonntagsmesse? Ich habe
die Unruhe, die Sie jedesmal hereinbringen, schon vermisst."

"Weil mir da zu viele blöde Leute sind", entgegnete der Mann, der so zwischen fünfzig und sechzig sein
mochte. "Da kümmere ich mich lieber um meinen Wein."

Nicht umsonst war Cercandore der reichste Weinbauer in der Gegend. An den Hängen des Monte Ingino
gediehen die Reben prächtig und der Wein war geschätzt und berühmt weit über die Region hinaus.
Daher war es für ihn eine herbe Enttäuschung gewesen, dass ausgerechnet der Bischof seinen Wein nicht
als Messwein wollte und auf die Erfahrungen eines anderen Winzers zurückgriff.

"Ja, unser Herr hat Dich wahrlich mit herrlichen Rebstöcken gesegnet, mein Sohn."

Sofort roch Cercandore die Lunte und giftete: "Keine einzige Lira bekommt Ihr von mir. Soll sich doch der
Fürst drum kümmern."

"Das Drachenfeuer wird auch vor Deinen Weinbergen nicht Halt machen, mein Sohn."

Doch der Winzer hörte das schon nicht mehr. Mit einem verächtlichen Schnauben hatte er sich
umgedreht und den Pater einfach stehen lassen.

Die Laune des Paters änderte sich erst, als sich ihm der Messner schnellen Schrittes näherte.

"Gute Nachricht, Hochwürden. Ich denke, Sie werden zufrieden sein. Sie warten in der Sakristei."

Pater Ponnicraccelone lächelte: "Sehr schön. Und für alles andere ist gesorgt?"

"Natürlich. Sie können mit ihnen machen, was Sie wollen. Niemand wird Fragen stellen."

"Ah ja, wunderbar. Also die übliche Quelle, nehme ich an?"
Der Messner schüttelte den Kopf.

"Diesmal nicht, Hochwürden. Niemand würde ein Balg aus dem fahrenden Volk, diese Zingari, diesen
Abschaum, vermissen."

Ein dunkler Schatten huschte über die im Mondlicht glitzernde Wasseroberfläche als er seine Kreise über
dem kleinen Bergsee immer enger zog und schließlich mit leichtem Plätschern in das kalte Wasser
eintauchte. Der Drache begann sich zu säubern und genoss das Gefühl des Wassers an seinen Schuppen.
Seine Jagd war erfolgreich gewesen und nach über einer Woche ohne Fressen war nun endlich wieder
sein Bauch gefüllt. Vorhin, beim Schlagen der beiden Hirsche als Beute, hatte er sich vorgestellt, er hätte
einen dieser verdammten Menschen zwischen seinen Krallen, die ihn schon seit geraumer Zeit
belästigten. Ritter waren es gewesen und ausgebildete Drachentöter, aber auch einfache, verzweifelte
Bauern, die sich ihm entgegen stellten mit nichts als einer Heugabel bewaffnet und ihrem
selbstmörderischen Mut.

Buonsensello war den Konflikten ausgewichen, so gut es ging. Die Anfeindungen betrübten ihn, denn er
war ein friedliebender Drache.

Er lebte schon sehr lange in den Bergen des Apennins und er war niemals eine Bedrohung gewesen für
die Leute, die in dieser Region lebten. Im Gegenteil, indem er sich von den unzähligen Wildschweinen
und Hirschen ernährte, die in den Wäldern lebten, bewahrte er die Felder der Menschen vor den
Schäden, die das Wild ansonsten unweigerlich angerichtet hätte. Anfangs wollten einige der Bauern ihm
aus Dankbarkeit Opfergaben bringen. Er hatte dies jedoch strikt abgelehnt und er war damals ziemlich
ungehalten gewesen, als irgendjemand auf die unsägliche Idee gekommen war, ihm eine Jungfrau an
einen Baum vor seiner Höhle zu fesseln. Er hatte das arme Ding, das sich bei seinem Anblick beinahe zu
Tode erschrocken hatte, unverzüglich losgebunden und nach Hause geschickt.

Stillschweigend wurde übereingekommen, dass der Drache sich nicht an dem Herdenvieh der Menschen
vergreifen würde und dafür sich die Menschen von Buonsensellos Behausung fernhielten.

Manchmal aber suchte der eine oder andere Mensch, der mutig - oder leichtsinnig - genug war, den
Drachen trotz dieses Abkommens auf. Meist kamen sie, um ihn nach Rat zu fragen, galten Drachen doch
als sehr weise Geschöpfe. Buonsensello fühlte sich durch diese gelegentlichen Besuche eher
geschmeichelt denn belästigt und so kam es, dass sich zwischen ihm und so manchem Menschen eine
tiefe Freundschaft entwickelt hatte.

Auf diese Weise lernte er viele Gebräuche der Menschen kennen und wurde auch mit deren Glauben
konfrontiert. Es faszinierte den Drachen, Geschichten über einen Menschen zu hören, der sich von
Seinesgleichen kreuzigen hatte lassen, nur um die gesamten Sünden der Menschheit auf sich zu nehmen
und damit ihr einen Neuanfang zu ermöglichen.

Allerdings war es für den Drachen schwer begreiflich, dass die Menschen für die Grundsätze des
Zusammenlebens überhaupt solche Geschichten, sie nannten sie Religion, benötigten. Einen dieser
Menschen, die sich besonders intensiv mit dieser Thematik auseinandersetzten, hatte er besonders ins
Herz geschlossen.

Immer wieder gerne erinnerte er sich an den Tag ihrer ersten Begegnung. Damals war der Mann noch
ein kleiner, aufgeweckter Knabe gewesen, der nicht die geringste Spur von Scheu gezeigt hatte.

Bereits zu diesem Zeitpunkt erkannte Buonsensello, dass in diesem Menschen großes Potential
schlummern würde. In der Tat suchte der Junge den Drachen schon sehr bald wieder auf und verblüffte
ihn mit dem ernsthaften Wunsch, sein Schüler zu werden.

Buonsensello willigte ein und wurde auf diese Weise zu einem ständigen Begleiter dieses Menschen und
damit zu seinem engsten Vertrauten und Freund.

Seufzend erklomm der Drache einen natürlichen Damm aus großen Steinen und schüttelte sich wie ein
Hund trocken, seine Schwingen dabei halb geöffnet. In den letzten Monaten konnte er nur noch wenig
Zeit mit seinem Freund verbringen und wenn, dann konnten sie sich nur in den Nachtstunden treffen, da
es sonst für beide zu gefährlich gewesen wäre.

Buonsensello war es leid, sich verkriechen zu müssen, schließlich war er unschuldig, das wusste auch sein
Freund, nur kein anderer Mensch würde ihm das glauben.

Vor allem dieser Pater Ponnicraccelone, von dem er schon so manches gehört hatte, hetzte den Mob
gegen ihn auf.

"Aber irgendwann erwischen wir den wahren Übeltäter!" rief er beinahe trotzig aus und stieß sich
kraftvoll ab. Schon bald war Buonsensello nur noch eine schwarze Silhouette vor der bleichen
Mondscheibe.

Morgen Abend würde ihn endlich wieder sein Freund besuchen, hoffentlich hatte er Neuigkeiten.

Die Sonne schien hell auf den Hof der bischöflichen Residenz und ließ die Rüstung des Ritters glänzen.

"Ich bin Ritter Giovanni Murone. Ich wünsche augenblicklich Deinen Herren zu sprechen, seine Eminenz,
den Bischof."

Herablassend blickte er auf den herbeigeeilten Stallburschen, der gerade das Reittier des Ankömmlings
versorgen wollte. Doch bevor der Junge etwas erwidern konnte, ertönte bereits die Autorität
ausstrahlende Stimme des Bischofs.

"Ich bin schon da. Friede sei mit Euch. Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?"

"Ich bin hier, um Euch von dem Teufel, der dieses schöne Fleckchen Land mit seiner Anwesenheit
verpestet, zu befreien."

"Von was genau sprecht Ihr?"

Der Bischof ließ seinen Blick über den Ritter streifen. Er mochte ihn nicht. In seinen Augen war dieser
Mann nichts als ein eitler Pfau, ein Emporkömmling, wie so viele, denen er bei seinen Fahrten nach Rom
begegnen musste.

"Von dem Drachen, der Eure Gegend heimsucht, das Vieh Eurer Bauern zerreißt und Eure Kinder und
Frauen schändet."

"Ich fürchte, ich verstehe Euch immer noch nicht", erwiderte der Bischof verwirrt. "Wie kommt Ihr
darauf, dass wir von einem Drachen heimgesucht werden?"

"Nun, ich wurde von meinem lieben Freund, Pater Ponnicraccelone, gerufen. Er erzählte mir von dem
Untier, das in den finsteren Höhlen des Monte Ingino hausen würde."

"Und woher wisst Ihr, dass es sich bei diesem Untier um einen Drachen handelt?"

Der Ritter warf einen herablassenden Blick auf den Bischof.

"Eure Eminenz, Ihr beliebt zu scherzen. Bestimmt hat doch ein Mann der Kirche in Eurer Position
Theologie studiert? Ihr erinnert Euch doch sicher daran, dass es der Teufel in Gestalt einer Schlange war,
der Eva dazu verführte, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu kosten?

Schon bei den Assyrern gab es nur ein Wort für Teufel und Schlange, nämlich drakon. Es liegt doch auf
der Hand, dass dies gleichbedeutend ist mit dem Wort dragone, also Drachen."

"Ach ja", lächelt der Bischof und schüttelte unmerklich den Kopf, "natürlich, wie dumm von mir."

Wieder einmal hatte sich Pietro Pellegeròs Menschenkenntnis bestätigt. In der Tat war das Studium alter
Sprachen ein Hauptbestandteil seines Studiums gewesen und ihm war das Wort drakon mehr als
geläufig, nur dass es aus dem Griechischen stammte und in der Tat eine große Schlange beschrieb, aber
noch viel mehr gleichbedeutend war mit scharfem Blick. Oder aber Weitsicht...

"Pater Ponnicraccelone hat Euch also herbeigerufen? Wie verwunderlich, bedenkt man den Umstand,
dass eigentlich ich solche Entscheidungen zu treffen habe. Aber der gute Pater war schon immer jemand,
der in seinem Ehrgeiz, unserem Herrn auf beste Weise zu dienen, die einfachsten Regeln außer Acht zu
lassen pflegt. Aber damit will ich Euch nicht belästigen. Mich interessiert allerdings nur, weshalb Ihr nun
zu mir gekommen seid. Solltet Ihr nicht bereits hoch zu Ross dem Untier entgegen reiten, anstatt die
wertvolle Zeit mit Plaudereien zu verschwenden?"

Der arrogante Gesichtsausdruck des Ritters verschwand als er entgegnete: "Wegen des Fürsten."

"Giuseppe Cacciatore?"

"Genau."

Wütend spie Ritter Murone bei dem Klang dieses Namens aus.

"Was habt Ihr gegen den Mann?"

"Er gab mir diese Ausrüstung."


Mit einer übertriebenen Geste deutete Murone auf sich und sein Streitross, eine kräftig gebaute
Haflingerstute, die mit Sicherheit an der Seite des Ritters treue Dienste leisten würde.

"Was soll damit sein?" fragte der Bischof. "Euer Ross scheint mir ohne Tadel und auch Eure Rüstung ist in
einwandfreiem Zustand. Ihr habt einen Schild mit dem Wappen des Fürsten, in dessen Diensten Ihr nun
vorübergehend steht, ein solides Schwert und, wie ich sehe, auch eine Lanze, gut genug, um damit
Drachen zu spießen. Wo ist also das Problem und weshalb kommt Ihr damit zu mir?"

Allmählich verlor der Bischof die Geduld. Es war heiß in der Mittagssohne und Pietro sehnte sich nach
einem kurzen Nickerchen in seinem kühlen Arbeitszimmer oder zumindest nach einem erquickenden
Becher Wein. Wenn zumindest sein Freund jetzt hier wäre.

"Seht Ihr das denn nicht?" begehrte der Ritter auf.

"Diese Mähre hier ist eher ein Maultier und in den gottlosen Regionen Ägyptens oder vielleicht noch in
den bayerischen Alpen zu Hause, aber mit Sicherheit nicht eines Ritters meines Ranges würdig. Ich
brauche ein wendigeres Pferd, denn Geschwindigkeit ist alles beim Drachenkampf. Oder das Schwert
hier. Es ist rostig und stumpf. Ich kann damit nicht einmal von einem Laib Parmesan etwas herunter
schneiden. Und beim Anblick meiner Lanze lacht sogar meine Verlobte, die Baronesse Giulietta Erpèllé
im fernen Rom. Sie meinte, jeder andere Ritter, den sie kennt, hätte eine größere Lanze und eine bessere
Klinge."

"Dann wendet Euch doch an den Fürsten und erklärt ihm dies."

"Ich versuchte es, doch er meinte, für meine Aufgabe wäre diese Ausrüstung ausreichend. Mein lieber
Freund Ponnicraccelone hat mich dann zu seiner lieben Freundin, Contessa Gianna Virghuena, geschickt.
Sie hatte meine Ausrüstung begutachtet und ebenfalls meine Lanze als zu kurz befunden. Sie sandte
mich zu Euch, damit Ihr mir eine bessere Ausrüstung gebt."

Der Bischof seufzte - aus der gemütlichen Siesta würde es nichts werden.

"Nun gut, kommt mit in mein Arbeitszimmer. Wir wollen das bei einem Glas Wein besprechen. Allerdings
kann ich Euch schon im Vorfeld sagen, dass ich Euch nicht weiterhelfen werden kann. Die Contessa mag
Euch viel erzählen, doch ich glaube nicht, dass sie der richtige Ansprechpartner ist in Bezug aufs
Drachentöten. Das ist alleine Sache des Fürsten, und wenn er Eurem Anliegen nicht entspricht, so wird er
wohl seine berechtigten Gründe haben. Gerne aber höre ich mir an, was Ihr zu sagen habt und werde
gegebenenfalls mit Giuseppe Cacciatore sprechen."

Als sie den Korridor zum bischöflichen Arbeitszimmer betraten, fiel Pietro noch etwas ein, vielleicht
würde er damit den ungebetenen Gast abwimmeln können.

"Welche Reputationen habt Ihr bisher so erworben, Herr Ritter?"

"Ich kämpfte Seite an Seite mit dem edlen Ritter Georg im Heiligen Land gegen Drachen, Eure Eminenz.
Ich half ihm, dieses Gewürm vom Antlitz dieser Welt zu tilgen."

"Wie bitte? Ihr meint tatsächlich jenen berühmten Ritter Georg, den Drachentöter, der in Byzanz dann
den Märtyrertod starb?"

"Genau diesen", bestätigte Murone.

"Und wie genau habt Ihr ihm beigestanden? Ritter Georg - möge er dereinst heilig gesprochen werden -
war sehr oft in gefährlichen Kämpfen mit Drachen verwickelt, so sagt man zumindest."

"Das stimmt auch. Ich habe ihn gestärkt in diesen Kämpfen."

"Wie das?"

"Nun", erwiderte der Ritter wichtigtuerisch, "ich habe zum Beispiel sein Pferd gesattelt, seine Rüstung
poliert und seine Stiefel auf Hochglanz gebracht, mit meinem eigenen Speichel."

Der Bischof verdrehte seine Augen, sagte aber nichts mehr weiter.

"So, so, dann war der Kerl also auch bei Euch?" Giuseppe konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
"Wahrscheinlich hat er sich über die Ausrüstung beschwert, die ich ihm gegeben habe. Welchen Eindruck
habt Ihr von ihm?"

"Nun, sagen wir mal so", begann der Bischof lächelnd und bewegte seine Steine auf dem
Backgammonbrett entsprechend der gewürfelten Zahl, "ich fand seine Ausrüstung angemessen, zumal
ich denke, dass dieser Mann noch nie einem Drachen gegenüber gestanden ist."

"Natürlich nicht", erwiderte der Fürst und griff nach dem Würfelbecher. "Kann er aber auch nicht, weil es
nämlich keinen Drachen gibt, weder hier noch anderswo."

"Wenn es keine Drachen gibt, dann hättet Ihr ihm doch gar nichts zu geben brauchen?"

"Das ist richtig, aber sonst würde mir wieder die gute Contessa in den Ohren liegen. Irgendwie hat sie
überall ihre Finger mit ihm Spiel. Na, egal, ich sehe es mal so, wenn die Menschen der Meinung sind,
dass ein Drache die Wurzel allen Übels ist und dieser Ritter ihnen helfen kann, dann ist es nur recht und
billig, dass ich ihn ausrüste. Das verschafft uns Luft, um nach dem wahren Übeltäter zu suchen."

"Ihr seid also auch der Meinung, dass es kein Untier ist, das den Bauern so zusetzt?" erkundigte sich
Pietro.

"Allerdings. Ihr habt ja auch mal so Andeutungen gemacht, dass Ihr denkt, dass es sich dabei auch nicht
um einen Wolf handeln würde. Aber wenn es ein Mensch ist, dann müsste das fast eine ganze Bande
sein. Einer alleine kann gar nicht so sehr wüten. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser
Piccollino irgendwas von dieser Sache weiß."

"Apropos. Was ist nun eigentlich aus dem geworden?"

Giuseppe seufzte.

"Ich musste ihn laufen lassen. Aber ich denke, die paar Nächte im Kerker werden ihm eine Lehre
gewesen sein."

Nach einem Schluck Wein erkundigte sich der Fürst: "Sagt mal, hat Euch dieser komische Mulino, oder
wie der Kerl heißt, auch erzählt, wie er den angeblichen Drachen erlegen wollte?"

Der Bischof lächelte. "Der Ritter heißt Murone. Ja, er hat es mir erzählt, aber ich wurde nicht ganz schlau
aus dem Gefasel. Irgendwas von Feuerwänden, mit denen er nicht mehr arbeiten wollte, und
Fangnetzen, die nichts taugen. Hauptsächlich aber hat er sich bei mir darüber ausgelassen, wie unwirtlich
es in der Ferne war und er von nun an nur noch in seiner Heimat seiner Betätigung als Drachentöter
nachgehen möchte. Er wollte da irgendwelche neuen Wege beschreiten, irgendwas mit Beschwörungen
und ähnlichem Hexenwerk. Ihr könnt Euch denken, mein lieber Giuseppe, als Bischof hört man dann
solche Sachen etwas weniger gerne."

"Hexenwerk? Ihr meint damit die Beschwörung von Dämonen?"

"So etwas in der Art, ja. Wie gesagt, ich habe da nicht weiter zugehört. Abgesehen davon ist das nicht mit
den Lehren der heiligen Mutter Kirche vereinbar."

Buonsensello schreckte auf. Sein sensibles Gehör hatte ein entferntes, gedämpftes Geräusch
aufgefangen. Offensichtlich war er nun doch eingeschlafen, nachdem er den ganzen Abend und die
Nacht über gewacht und auf seinen Freund gewartet hatte. Er war nicht gekommen. Knurrend richtete
sich der Drache auf und er spürte, wie sich sein Rückenkamm aufstellte. Zorn glomm in seinen Augen.
Egal, ob dieser Mensch ein Mann der Kirche war oder nicht, ihm würde er schon die Leviten lesen.
Schließlich war es unschicklich, einen Drachen lange - und dazu noch vergebens - warten zu lassen.

Er reckte den Kopf und prüfte witternd die Luft. Nein, sein Freund hatte ihn auch nicht aufgesucht,
während er geschlafen hatte.

Enttäuscht stieß er ein kleines Rauchwölkchen aus seinen Nüstern. Buonsensello brannte darauf, über
die geheimnisvollen Vorgänge in diesem Landstrich auf dem Laufenden gehalten zu werden. Außerdem
hatte er seinem Schüler auch etwas mitzuteilen: Man hatte doch tatsächlich die Stirn, heimlich in seine
Höhle einzudringen und ihn, den Drachen Buonsensello, den angeblich alle fürchteten, zu berauben.
Zwar war es niemals etwas wirklich Wertvolles gewesen, das seinem Hort entwendet wurde, aber
ärgerlich war es trotzdem. Vor allem konnte sich der Drache beim besten Willen nicht erklären, weshalb
jemand Interesse an seinen alten, abgeworfenen Schuppen haben sollte. Sicherlich, an seinem Körper
glitzerten sie glühend golden im Schein der hellen Sonne und bildeten einen nahezu undurchdringlichen
Panzer. Aber einmal abgeworfen verloren sie jeglichen Glanz und waren brüchig wie altes, trockenes
Holz.

Anders als Schlangen, die sich häuteten, verloren Drachen von Zeit zu Zeit ihre alten Schuppen, wenn
sich darunter neue gebildet hatten. Auf diese Weise war sichergestellt, dass ihr Schuppenpanzer weich
und geschmeidig aber dennoch stabil blieb.

Er schüttelte sich missmutig, als der Morgennebel seine kalt-feuchten Finger nach seinem Drachenleib
ausstreckte.

Da war erneut dieses Geräusch und nun fingen seine Nüstern auch schon einen Geruch auf, der ihm zwar
fremd war und dennoch auch vertraut. Menschengeruch.

Doch es war nicht der seines Freundes. Da durchzuckte ihn die Erkenntnis wie ein Blitz: Spuren exakt
dieses Duftes waren immer dann in seiner Höhle wahrzunehmen gewesen, wenn er von der Jagd oder
vom nächtlichen Baden im See zurückkehrte und er kurz darauf feststellen musste, dass wieder einmal
ein Eindringling sich an seinen Schuppen vergriffen hatte. Buonsensello ärgerte sich zwar jedesmal ob
dieser Dreistigkeit, die dieser Mensch besaß, trotzdem hatte er niemals das Bedürfnis gehabt, ihm
aufzulauern - so lange nichts Wertvolles entwendet wurde.

Diesmal aber würde er den unwillkommenen Besucher in Flagranti ertappen.

Er verbarg sich tief in den schwarzen Schatten der Höhle und sein schuppiger Leib verschmolz nahezu
vollständig mit der Dunkelheit.

Nach einigen Minuten, die wie Würmer über Buonsensellos Rücken zu kriechen schienen, betrat der
Mann die Höhle. Der Drache roch Angst, Feigheit, aber auch Entschlossenheit an ihm. Die Zielstrebigkeit,
mit der sich der Eindringling in der Höhle vorwärts bewegte, verriet Buonsensello, dass der Mensch
offensichtlich genau wusste, wonach er suchte.

Mit Absicht kickte der Drache einen kleinen Silberpokal aus seinem Versteck, so dass dieser scheppernd
vor die Füße des Menschen kullerte, gerade als sich dieser nach einer Schuppe bücken wollte.

Entsetzt hielt der Eindringling inne und starrte auf den Pokal. Er lauschte in die Dunkelheit, aber außer
seinem Blut, das ihm in den Ohren rauschte, war nichts zu hören. Er bückte sich schnell, griff nach einer
Schuppe und ließ sie in seinem mitgebrachten Lederbeutel verschwinden. Ein paar Schritte weiter lagen
wieder zwei dieser Hornplatten. Er musste sich beeilen, denn das Untier konnte jeden Augenblick zurück
sein von seinem nächtlichen Streifzug.

"Oooh nein! Diese Nacht habe ich meine Höhe nicht verlassen. Welch eine glückliche Fügung. Nun ja, für
Dich jedoch nicht so gut."

Das heisere Zischen hinter ihm ließ den Mann zusammenzucken und er ließ vor Schreck den Beutel
fallen.

Als er sich zitternd umwandte, starrte er in ein Reptilienauge, das ihn rubinrot anfunkelte aus einem
wuchtigen, mit Stacheln und Hörnern versehenen Schädel.

Der heiße Drachenatem strich durch sein Gesicht.

"Bitte, tut mir nichts", flehte der Mann.

"Nicht nur dreist, sondern auch noch feige", stellte der Drache grollend fest, als er den Eindringling
beschnupperte.

"Du stinkst nach Niedertracht", erklärte Buonsensello schließlich und drückte mit seiner Vordertatze den
Mann auf die Knie. Es war reiner Zufall, dass sich dabei eine seiner sichelförmigen, scharfen Krallen in die
Schulter des Menschen bohrte.

"Du dringst in meine Behausung ein und bestiehlst mich. Zwar nimmst Du nichts von den Schätzen, die
hier überall herumliegen, aber dennoch kann ich dieses Verhalten nicht dulden. Es ist nur recht und
billig, wenn ich Dich auf der Stelle in ein Häufchen Asche verwandle. Findest Du nicht auch?"

"Nein! Bitte, verschont mein Leben. Ich... ich..."

Donnerndes Drachengebrüll brachte den Menschen zum Schweigen. Der Drache hatte seine Augen zu
schmalen Schlitzen verengt, dahinter glomm es wie Feuer.

"Vielleicht ziehe ich Dir aber auch einfach die Haut ab", flüsterte Buonsensello.

Nicht, dass er es wirklich im Sinn gehabt hätte, diesen Mann zu töten. Aber ein wenig Angst einjagen
musste schon sein.

Das ängstliche Wimmern vermischte sich mit dem Geräusch des zerreißenden Stoffes, als die
Drachenkrallen das Hemd des Menschen bearbeiteten. Buonsensello achtete jedoch sorgfältig darauf,
dass dabei die empfindliche Menschenhaut nicht einmal geritzt wurde. Trotzdem entdeckte der Drache
schorfige und zum Teil immer noch blutige Striemen auf dem nun entblößten Männerrücken.

Offensichtlich hatte man diesen Menschen vor nicht allzu langer Zeit aufs Schwerste misshandelt.

Die Überlegungen des Drachens wurden unterbrochen, als der penetrante Gestank nach Urin in seine
Nüstern drang. Vor Angst hatte sich der Eindringling buchstäblich in die Hosen gemacht.

Angewidert schnaubte Buonsensello auf.

"Lauf schon los, bevor ich es mir anders überlege. Und wage es nicht, Dich hier noch einmal blicken zu
lassen."

Pietro sprang erschrocken zurück, der plötzliche Feuerstoß hatte ihn beinahe erfasst.

"Was sollte das denn? Wohl übergeschnappt, was?" schimpfte der Bischof.

"Ich hoffe, Du hast eine gute Erklärung parat, weshalb Du gestern nicht gekommen bist", grollte
Buonsensello, aus dessen Nüstern sich kleine Rauchschwaden kräuselten. "Was fällt Dir eigentlich ein,
Deinen Freund und Lehrer warten zu lassen?"

"Friede sei zwischen uns, mein Freund", beschwichtigte Pietro und schlug mit der rechten Hand ein
Kreuz. "Ich verstehe ja, dass Du enttäuscht warst, dass ich nicht gekommen bin. Aber das ist noch lange
kein Grund, mich zu rösten."

"Enttäuscht?" Der Drache schnaubte. "Ärgerlich trifft es wohl eher."

Der Drachenschwanz peitschte den Boden und wirbelte Staub und Sand auf.
"Du solltest es eigentlich besser wissen, als einen Drachen unnütz warten zu lassen. Ich hoffe, Du hast
dafür eine Erklärung, die mich zufrieden stellt."

"Ja, die habe ich", entgegnete der Bischof und tätschelte die Schnauze seines Freundes. "Komm, reg Dich
wieder ab, Du aufgeplusterte Eidechse. Hier - ich habe von dem Messwein mitgebracht, den Du so gerne
hast."

Buonsensello richtete einen begehrlichen Blick auf das kleine Holzfass, das der Bischof auf seinen Rücken
geschnallt hatte. Eilig suchte der Drache nach zwei Trinkgefäßen, einen silbernen Kelch für den
Menschen, einen Goldpokal für sich selbst.

"Nun gut, es hatte auch sein Gutes, dass Du nicht da warst", meinte Buonsensello etwas versöhnlicher,
als er einen großen Schluck genommen hatte. "Immerhin konnte ich endlich diesen Dieb stellen."

"Was für einen Dieb?" fragte Pietro alarmiert.

"Du weißt schon, ich habe Dir doch erzählt, dass irgendwer meine alten, abgeworfenen Schuppen
entwendet hat. Gestern habe ich den Mann auf frischer Tat ertappt."

"Und? Wer war es? Wer sollte so dumm sein, in eine Drachenhöhle einzudringen, dort aber die Schätze
liegen zu lassen und nur ein paar alte Hornplatten mitzunehmen?"

"Ich weiß es nicht. Interessiert mich auch nicht weiter, dem habe ich eine Lektion erteilt."

Hätte der Drache Schultern gehabt, hätte er damit gezuckt.

"War wohl ein verhinderter Drachentöter oder Ritter. Überhaupt suchen mich in letzter Zeit immer
wieder so seltsame Zweibeiner auf, so wie dieser eine alte Mann vor ein paar Wochen, der meine
schönen Schuppen ruiniert hat."

"Moment! Immer schön der Reihe nach", bremste der Bischof.

Was er da zu hören bekam, waren alarmierende Neuigkeiten. Noch vor einigen Monaten hätte es kaum
jemand gewagt, die Drachenhöhle aus freien Stücken zu betreten, aber anscheinend zeigten die
Predigten von Pater Ponnicraccelone ihre erste Wirkung.

"Man hat Dich also schon mehrfach bedroht? Denn das war der Grund, weshalb ich gestern nicht zu Dir
kommen konnte, mein Freund. Ein angeblicher Ritter und Drachentöter wurde bei mir vorstellig und..."

"Nein!" unterbrach der Drache ein wenig unhöflich den Bischof und schüttelte seinen Kopf. "Nicht
bedroht. Eher belästigt, naja, auch ein wenig amüsiert, vor allem dieser alte Mann."

"Was für ein alter Mann?"

Buonsensello stieß einen tiefen Seufzer aus.

"Der, der mein schönes Schuppenkleid ruiniert hat. Verstehst Du denn gar nichts, Mensch? Ehrlich,
manchmal seid Ihr Zweibeiner wirklich schwer von Begriff."
"Verzeih", lächelte der Bischof, "aber Dein Erzählstil ist leicht verwirrend und..."

"Es sei Dir verziehen", erwiderte Buonsensello großspurig und überhörte geflissentlich den zweiten Teil
von Pietros Bemerkung. "Also, ich lag gerade vor meiner Höhle, die noch wärmenden Strahlen der
untergehenden Abendsonne genießend. Du weißt doch, dass meine prächtigen, goldenen Schuppen
besonders schön funkeln, wenn die Sonne..."

"Ja, ja", winkte der Bischof ab, der seinen Drachen mittlerweile kannte. Drachen waren sehr eitle
Geschöpfe. "Du lagst also vor Deiner Höhle und dann tauchte dieser Mann auf."

"Genau", erwiderte der Drache gekränkt. "Erzählst Du die Geschichte oder ich?"

Pietro verbiss sich grinsend eine Antwort.

"Also, dieser Mann schien völlig ohne Furcht zu sein, als er mir entgegentrat. Er war in ein schäbiges
Gewand gehüllt. Ich nehme mal an, dass er ein Mönch war, er selbst bezeichnete sich jedenfalls als
Mann Gottes und Diener des Herren. Und er machte so eine Geste mit seiner Hand wie Du eben. Er sagte
auch so etwas wie Friede sei mit Dir."

"Das ist das Kreuzzeichen. Er hat das Kreuz geschlagen", erklärte der Bischof geduldig. "Allmählich
solltest Du das wissen. Und ja, das wird wohl ein Mönch gewesen sein. Hat er Dir seinen Namen
verraten?"

"Wenn Du nicht immer dazwischen reden würdest, hätte ich Dir das schon längst erzählt", wies ihn
Buonsensello zurecht. "Ja, er nannte sich Bruder Francesco."

Pietro verschluckte sich an dem Wein, als er den Namen hörte.

"Bruder Francesco! Er wird seit Wochen vermisst, die ganze Gegend ist in Aufruhr. Du hast ihn doch nicht
gefressen, oder?"

"Wo denkst Du hin? Wofür hältst Du mich eigentlich?" knurrte Buonsensello und sein Rückenkamm
sträubte sich.

"Aber verdient hätte er es, so wie er mich zugerichtet hat."

"Bruder Francesco? Der Mann ist doch hoch betagt? Wie soll er Dir ein Leid zufügen können?"

"Sieh mich doch an!" klagte der Drache und erhob sich.

Er stellte sich so hin, dass ihn der Bischof in seiner vollen Pracht bewundern konnte.

"Da! Siehst Du denn nicht diese matte Stelle mitten auf meiner Brust? Hier, diese Schuppen, sind total
stumpf und funkeln nicht mehr, nachdem dieser Mönch das getan hat."

"Dir werden auch da neue Schuppen wachsen", versuchte Pietro seinen Freund zu beschwichtigen.
Dieser Drache verblüffte ihn immer wieder.

"Also, was hat Bruder Francesco Dir denn so schreckliches angetan?"


"Das ist überhaupt nicht komisch! Also, zuerst hat dieser Mönch sehr respektvoll mit mir gesprochen. In
der Tat, wenn ich so zurück denke, dann hatte dieser Mann weitaus bessere Manieren als ein gewisser
Schüler von mir, der sich auch noch Bischof schimpft und sich für meinen Freund hält. Wie dem auch sei,
er erzählte mir, dass auch Drachen Gottes Geschöpfe seien und er wäre sehr glücklich, einmal einem
leibhaftigen Drachen zu begegnen. Nun gut, ich kann ihn da sehr gut verstehen. Schließlich sind wir
Drachen die Krone der Schöpfung. Ich werde nie verstehen, warum Ihr Menschen zum Beispiel so sehr
für Einhörner schwärmt, diese dummen Pferde..."

Der Bischof hüstelte ein wenig und Buonsensello nahm wieder seinen Erzählfaden auf.

"Wir haben uns angeregt unterhalten, dieser Francesco und ich, über dieses und jenes. Er erzählte mir
etwas von einem großen, bösen, schwarzen Wolf, der hier anscheinend einmal die Gegend unsicher
gemacht hatte. Vieh und Kinder hätte er gemordet, so wie es jetzt irgendwer tun würde. Tja, und dann
wurde er unverschämt. Er fragte mich doch glatt, ob ich es sei, der diese Untaten begehen würde,
anscheinend erzählen sich die Leute in Gubbio das. Natürlich habe ich mich gegen diese infame
Verleumdung verwahrt, aber er zückte so ein eigenartiges Schwert, das aber nicht aus Metall war und
überhaupt ganz komisch geformt. Auch war es viel zu klein, damit hätte er mich nicht einmal kitzeln
können. Er tauchte dieses Etwas dann in ein kleines, goldenes Töpfchen, ein wirklich hübsches Kleinod,
es liegt dort hinten, er hat es da gelassen."

Buonsensello deutete mit einer Kralle auf die kunstvoll gestaltete Weihwasserschale und den
dazugehörigen Wedel.

"Und bevor ich mich irgendwie schützen konnte, hat er mich schon mit irgendwas bespritzt, als er dabei
dieses - wie Du sagst - Kreuz geschlagen hat."

"Das war Weihwasser. Und Bruder Francesco wollte Dir nichts Böses. Er hat Dir Gottes Segen zuteil
werden lassen", erklärte der Bischof.

"Na toll, und was ist das für ein Zeug, das dieses Wasser weiht? Das mag ja gut für das Wasser sein, aber
meine Schuppen sind jetzt dafür stumpf. Oder ist das vielleicht dieser Segen Gottes? Ich muss schon
sagen, die Menschen und ihre Gebräuche, ich werde sie wohl nie verstehen."

Pietro verzichtete darauf, sich in diesem Punkt auf eine Diskussion mit seinem Freund einzulassen.
Stattdessen fragte er nach dem gestrigen Besucher, diesem Schuppendieb.

"Du hast vorhin noch von einem Drachentöter gesprochen, der bei Dir war..."

"Drachentöter, Ritter, keine Ahnung, was der nun wirklich war. Jedenfalls in meinen Augen ein Dieb, und
keiner von der klugen Sorte. Feige obendrein", knurrte Buonsensello. "Ich hätte ihn fressen sollen. Ich
glaube, den hätte keiner vermisst, anders als diesen alten Francesco, von dem Du so viel zu halten
scheinst."

"Buonsensello, mein Freund. Ich muss es nun genau wissen. Ich hatte nämlich Besuch von einem
Drachentöter, der von sich behauptete, er wäre der ehemalige Speichelleck... eh... Knappe des Ritters
Georg. Er hat angekündigt, Dich zu töten. Dieser Mann ist ganz besessen von dem Gedanken, dass Du der
Teufel in Persona bist."

"Was veranlasst Dich zu dieser Annahme?"

"Er dozierte über die Bedeutung des Wortes drakon und wies mich darauf hin, dass es eine Schlange war,
die Eva im Paradies verführt hat. Du kennst ja diese Geschichte. Aus diesem Grund empfinden viele
Menschen Unbehagen, wenn sie eine Schlange sehen, da diese Tiere nun immer mit dem Teufel
assoziiert werden. Offensichtlich ist unser Freund auch diesem Irrglauben verfallen. Wenn er aber nur
ein Fünkchen Verstand hätte, würde er verstehen, dass auch Schlangen Geschöpfe Gottes sind, wie kann
also dann eine Schlange der Teufel sein? Aber es kommt noch besser."

"Wieso? Was behauptet dieser Mensch denn noch?"

"Nun, er wollte mir weismachen, dass dieses Wort drakon das altassyrische Wort für den Leibhaftigen
sei."

Der Drache stieß kleine Rauchwölkchen aus, als er lachte. "Und Du hast ihm das abgenommen?"

"Natürlich nicht." Der Bischof grinste. "Ich habe jahrelang diese Sprache studiert und nicht nur diese
eine. Das Wort drakon gibt es sehr wohl, doch es ist mit Sicherheit nicht altassyrisch, sondern
schlichtweg griechisch. Daraus hat sich das Wort Drache abgeleitet. Mit dem Teufel hat das aber gar
nichts zu tun."

"Natürlich nicht. Wie denn auch?" schnaubte Buonsensello.

"Aber es ist nur natürlich, dass die Menschen uns Drachen fürchten, wenn sie so sehr die Bedeutungen
von einfachen Worten verdrehen. Ich frage mich allerdings, wie ihr Menschen reagieren würdet, wenn
sich Euch der Teufel in seiner wahren Gestalt offenbaren würde, die so ganz anders ist als die edle Form
eines Drachens. Aber wahrscheinlich würde Euch der Unterschied nicht einmal auffallen. Ihr Menschen
neigt dazu, nur das zu sehen, was ihr sehen wollt", sinnierte Buonsensello.

"Da magst Du Recht haben. Aber das bestärkt mich nur darin, dass wir uns vor diesem Kerl in Acht
nehmen müssen. Aber trotz des fürchterlichen Unsinns, den der Mann verzapft, kennt er sich
anscheinend mit Drachen zumindest ein klein wenig aus. Also, wie hat denn dieser Dieb ausgesehen?"

Buonsensello seufzte: "Ich habe darauf ehrlich gesagt nicht so geachtet. Ich wollte ihm nur eine Lektion
erteilen. Mach Dir keine Sorgen, mein Freund. Der kommt so schnell nicht wieder."

"Trug er vielleicht eine silbern schimmernde Rüstung und trug ein Schild bei sich mit dem Wappen
unseres Fürsten?"

Der Drache schüttelte den Kopf. "Nein, der Mann, der gestern hier war, war eher ein Bauer. Keine
Rüstung, nur ein schlichtes Gewand, das irgendwie stark nach Pferd gerochen hat. Und er scheint nicht
sehr beliebt zu sein?"

"Wie meinst Du das?" fragte der Bischof erstaunt.

"Nun, als ich ihm gestern ein wenig Manieren beibringen wollte, habe ich seinen Rücken entblößt. Der
war völlig zerschunden, die Male waren noch recht frisch. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass er
wohl völlig zu Recht so zugerichtet wurde."

Pietro war alarmiert aufgesprungen.

"Du meinst, Striemen wie nach einer Auspeitschung?"

Die Schwanzspitze des Drachens zuckte, als dieser belustigt schnaubte: "Woher soll ich das wissen? Wir
können es aber gerne ausprobieren, wenn Du willst. Ich will aber nur ungern mit meinen Krallen Dein
Hemd zerreißen..."

"Sehr witzig", erwiderte der Bischof ein wenig schroff.

Er schritt in der Höhle auf und ab.

"Der Dieb war mit Sicherheit dieser Piccollino. Giuseppe hat mir erzählt, dass er ihn gerade erst aus dem
Kerker entlassen hat. Außerdem hat er wohl ein paar Hiebe bekommen, weil er den Fürsten aufs
Schändlichste hintergangen hat. Aber was will er mit Deinen Schuppen, wenn er doch so versessen ist
auf Geld und Gold, dass er es sogar versucht, meinen Freund zu betrügen? Er hätte doch einfach etwas
von Deinen Schätzen nehmen können. Das gibt doch alles keinen Sinn."

Giuseppe verdrehte die Augen. Schon seit einer guten Stunde stand die Contessa in seinem
Arbeitszimmer und stahl seine Zeit. Wenn er nur wüsste, warum sie sich da so einmischte.

"Außerdem habe ich gestern mit meinem lieben Freund Ponnicraccili zu Abend gespeist. Ich verstehe Sie
einfach nicht. Die Menschen leiden unter diesem Drachen, und der einzige, der wirklich aktiv gegen diese
Plage vorgehen möchte, wird von Ihnen behindert. Anstatt dass sie mit dem lieben Ponnicraccili
kommunizieren, werden Sie eigenmächtig tätig, handeln gegen meinen ausdrücklichen Wunsch."

"Ach, und was hätte ich Ihrer Meinung nach tun sollen? Ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, dass es
keine Drachen gibt. Daher brauche ich auch keinen Drachentöter - schon gar nicht einen, der nur mit
seinem Ritterstatus vor anderen prahlen möchte und sich dann zu Hause verkriecht, um seinen Pflichten
mittels Beschwörungsbüchern nachzukommen. Das ist das Dümmste, das mir je zu Ohren gekommen ist.
Er bekommt keine bessere Ausrüstung, das ist... - Was ist denn nun schon wieder? Ja?"

Einerseits war der Fürst froh um diese Unterbrechung, als sein Diener das Arbeitszimmer betrat,
andererseits war dieser Mann nun derjenige, den er in diesem Augenblick am Wenigsten um sich haben
wollte.

"Verzeiht, Herr", verbeugte sich der alte Kastellan. "Ich wollte nicht stören, aber ich habe zufällig den
Namen unseres geschätzten Paters vernommen, da ist mir etwas Wichtiges eingefallen. Ich wollte Ihnen
das gleich mitteilen."

"Zufällig vernommen, ja?" knurrte Giuseppe. "Mein lieber Sièvvere. Hat das nicht Zeit bis nachher? Du
siehst doch, ich bin gerade in einer Besprechung."
"Oh, ja, natürlich, verzeiht Herr", erwiderte Sièvvere, machte jedoch keinerlei Anstalten zu gehen.

Eine peinliche Stille trat ein.

"Und, wie geht es Euch so, edle Contessa?" erkundigte sich der Diener höflich.

"Nicht so gut", erwiderte Virghuena spitz. "Ich bin ziemlich verärgert, nicht nur, weil unser Fürst das
arme Piccolloncinochen ohne Rechtsgrundlage von seinen Leuten misshandeln ließ, nein, jetzt weigert er
sich sogar, dem guten Ritter Giovanni Murone, dem ehemaligen Mitstreiter des edlen Ritters Georg im
Morgenland, eine angemessene Ausrüstung zur Verfügung zu stellen. Mein lieber Freund
Ponnicraccelone ist offensichtlich deswegen sehr verstimmt. Gestern hat er mir nicht einmal, wie sonst
üblich, nach dem Essen einen Caffè Coretto gereicht, sondern nur einen ganz normalen Kaffee ohne
Grappa. Das kann ich nicht dulden."

Das war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

"Sièvvere!" herrschte Giuseppe seinen Diener an. "Hast Du nichts zu tun? Ist die Lieferung für die Küche
schon weggeräumt worden? Heute morgen war im Hof alles vollgestellt."

Der Kopf des Dieners rötete sich ein wenig. "Noch nicht, Herr. Bitte verzeiht. Ich hatte heute so viel
anderes zu erledigen." Sièvvere ging zur Tür und warf einen Blick in den Gang hinaus.

"Fridolino! Fridolino! Räum mal das Zeug weg!" rief er quer durch den Flur.

Fridolino war einer der zahlreichen guten Seelen des Hauses, er würde den Befehl schon gehört haben.

Der Diener wandte sich wieder an den Fürsten: "Wird sofort erledigt, Herr."

Giuseppe nickte nur und sandte ein Stoßgebet gen Himmel, auf dass dieser Tag bald enden mochte.

"Nun gut, ich habe leider einen anderen Termin."

Diese Festestellung war Musik in Giuseppes Ohren.

"Dann will ich Sie nicht länger aufhalten, Contessa", sagte der Fürst höflich und schob geradezu die Dame
zur Tür hinaus.

Als sie gegangen war, atmete er erleichtert auf.

"Und nun zu Dir, Sièvvere. Was gibt es denn so Dringendes?"

"Ich habe es von einem der Kutscher erfahren. Man hat vor ein paar Tagen draußen bei diesem alten
Palazzo, Ihr wisst schon, der, der an der Strasse nach Peruggia liegt, den Leichnam dieser Zingara-Witwe
gefunden. Ihr Körper war ganz zerfetzt. Ihre Bälger sind verschwunden. Nicht, dass das jetzt bedauerlich
wäre, aber, man hat dort ein paar Schuppen gefunden, wie sie nur von einem Drachen stammen können.
Herr, Ihr müsst diesen Ritter ausrüsten, nur er wird uns vor diesem Untier bewahren können. Zuerst
raubte er nur das Vieh, jetzt diese Zingari, dieses Lumpenpack. Was, wenn er nun andere unschuldige
Bambini verschleppt?"
"Ihr glaubt alles, was man Euch erzählt, oder, Sièvvere?" fragte Giuseppe müde.

"Nun, manchen Informanten kann man mehr vertrauen, manchen weniger", lächelte der Diener.

"Dann glaub gefälligst mir", erwiderte der Fürst. "Es gibt keine Drachen. Punktum."

"Sehr wohl, Herr. Wie Ihr wünscht, Herr."

Der Diener machte erneut eine artige Verbeugung.

"Dennoch erlaube ich mir, Euch auf die gefundenen Schuppen hinzuweisen. Aber, es kommt noch
besser."

"Was denn noch?"

Allmählich wünschte sich Giuseppe, dass es doch Drachen geben würde. Und er wüsste auch schon
gleich die erste Person, die er an das Reptil verfüttern würde. Eigentlich gab es da sogar zahlreiche
Kandidaten - oh ja, Hunger leiden müsste ein Drache bei dem Fürsten wahrlich nicht.

"Diese Schlange scheint im Dienste des Paters zu stehen."

"Wie bitte?"

Diese Neuigkeit war wie ein Fausthieb.

"Pater Ponnicraccelone hat auf irgendeine Weise mit dem Drachen zu schaffen."

"Sièvvere! Weißt Du, was Du da sagst? Abgesehen davon, dass es keine Drachen gibt - ich kann das nicht
oft genug betonen -, das ist eine sehr schwere Beschuldigung. Wer behauptet das und vor allem, gibt es
irgendeinen Beweis?"

"Angeblich wurde auch eine Schuppe auf dem Pfarrhof gefunden. Das hat die Pfarrersköchin der
Bäckerin erzählt. Der Kutscher hat das von seinem Sohn erfahren, dem kleinen Lionetto, der dort
Bäckergeselle ist. Aber da gibt es noch mehr: Dieser Drache hat die Kinder zum Pater gebracht. Der alte
Winzer Cercandore selbst hat das Gespräch zwischen Ponnicraccelone und dem Messner mit angehört.
Es fielen die Worte, dass diese Bambini von diesem Wandervolk ohnehin niemand vermissen würde."

"Und das würde wohl jeder hier in Gubbio sagen", knurrte Giuseppe. "Sièvvere, ist Dir denn nicht klar,
was man hier dem Pater unterstellt? Ich kann ihn auch nicht leiden, darum gehe ich auch nicht in seine
Gottesdienste, aber das hier geht dann doch zu weit. Dieses Gerede kann den Mann mindestens an den
Galgen bringen, wenn nicht gar vor die Heilige Inquisition und dann auf den Scheiterhaufen. Sièvvere,
hast Du diese Gerüchte irgendwem weitererzählt?"

Der Diener antwortete nicht.

Na toll, dann weiß es also schon das ganze Haus und wahrscheinlich halb Gubbio, dachte sich Giuseppe.
Mit einem knappen Nicken entließ er seinen Diener.

"Lass mir ein Pferd satteln. Ich muss zum Bischof, dringend."
Der köstliche Duft von gegrilltem Fisch zog durch das Pfarrhaus, als das Essen aufgetragen wurde.
Pater Ponnicraccelone füllte die Gläser mit dem edlen Tropfen und schob ein Glas seinem Freund zu.

"Auf den strahlenden Ritter. Und auf unser Ziel, das nun zum Greifen nahe ist."

Doch Murone blickte nur mürrisch auf seinen Teller.

"Was ist los, mein Freund? Alles läuft nach Plan. Die Menschen glauben, dass es der Drache ist, der sie
bedroht. Sie geben mir ihr Geld, damit ich das Untier erlegen kann. Nebenbei habe ich meinen Spaß und
auch Du verdienst bei dem Spiel recht gut. Eigentlich verdienen wir alle recht gut dabei. Und schon bald
werde ich unser Land von allen Drachen befreit haben. Dafür wird mich der Papst zum Bischof und
schließlich zum Kardinal erheben."

"Ja, das ist ja alles schön und gut", räumte Murone ein.

"Aber?"

"Ach, ich habe einfach das Gefühl, dass ich dabei zu kurz komme. Ich bin es leid, mich verstellen zu
müssen, den Leuten weis zu machen, dass ich in der Welt herumgekommen bin und Ahnung habe von
Drachen. Dabei haben mich diese Biester nie sonderlich interessiert. Aber ich muss meine Zeit
verschwenden mit Schriften über ferne Länder und Heldentaten irgendwelcher Ritter, nur, damit ich
Deiner Contessa Rede und Antwort stehen kann und sie beeindrucken kann mit meinem
Erfahrungsschatz."

Pater Ponnicraccelone lächelte. "Ich verstehe Dich nur zu gut, Murone. Auch ich muss mich verstellen.
Meinst Du, es macht mir Spaß, diese regelmäßigen Treffen mit ihr, die endlosen Gespräche? Aber noch
ist die gute Gianna nützlich für unsere Geschäfte, und sie hat keine Ahnung, dass sie nur Mittel zum
Zweck ist. Es wird der Tag kommen, da können wir sie fallen lassen wie einen stinkenden Fisch. Noch
profitieren wir jedoch von ihren guten ?eziehungen zu den höchstgestellten Persönlichkeiten, die sie
hat."

"Ach ja?" Murone schob sich ein Stückchen Polenta in den Mund. "Auf den Fürsten hat sie anscheinend
keinen Einfluss", schmatzte er.

"Das kann eigentlich nicht sein. Unsere Gianna versteht es, ihren Willen überall durchzusetzen. Hat
dieser alte Narr denn Dich nicht ordentlich ausgerüstet?"

"Nein! Das ist es ja. Ich hatte gehofft, dass er mir ein ordentliches Pferd geben würde, einen feurigen
Hengst, damit die edlen Fräulein mir besser zu Füßen liegen. Auch wollte ich sie mit einer größeren Lanze
beeindrucken."

"Ärgere Dich nicht weiter. Wenn ich erst einmal Bischof bin, dann wird der Fürst tun, was ich verlange.
Das garantiere ich Dir. Unser jetziger Bischof ist eine Gefahr für die Mutter Kirche. Bedenke, er studierte
Theologie. Als ob man das Wesen unseres Herren in Bücher packen könnte. Einzig die Bibel, das wahre
Wort Gottes hätte seine Lektüre sein müssen. Dazu kommt, dass dieser Pietro auch noch ein Anhänger
der ketzerischen Lehren dieses Francesco ist. So ein Unsinn: Tiere hätten eine Seele. Dann hätte auch ein
Drache, die Ausgeburt der Hölle, eine Seele. Auch seine Freundschaft zu dem Fürsten ist bedenklich. Die
Kirche muss die Herrscher führen und leiten, sie darf sich nicht mit ihnen gleichstellen. Nein, es wird
höchste Zeit, dass ich Bischof werde. Auf Dein Wohl, mein Freund."

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen.

"Verdammt! Er hat mich beinahe umgebracht! Nun ist alles aus. Und Ihr sitzt einfach da und lasst es Euch
gut gehen..."

Piccollino stand an der Schwelle, schweißüberströmt. Er zitterte am ganzen Körper, sein Hemd hing ihm
in Fetzen herab.

Pater Ponnicraccelone erhob sich. "Was ist passiert, mein Freund? Komm, setz Dich zu uns und trink was,
dann geht's Dir gleich wieder besser. Es wird alles gut."

"Nichts wird gut!" rief Piccollino aus und schüttelte den stützenden Arm des Paters ab. "Wir können
keine Schuppen mehr holen, der Drache hat mich erwischt. Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch
am Leben bin!"

Vorsichtig ließ er sich auf einem Stuhl nieder und stöhnte auf, als sein geschundener Rücken mit der
hölzernen Lehne in Berührung kam.

"Oh, hat das arme Piccolloncinochen Haue bekommen?" feixte Murone.

"Ach, hör doch auf. Schon schlimm genug, dass meine Mutter mich in aller Öffentlichkeit so nennt.
Außerdem war das wirklich kein Vergnügen, die Wachen und Kerkermeister des Fürsten sind wahrlich
nicht zimperlich. Ich frage mich, was eigentlich der König dazu sagen würde, wenn er wüsste, was da in
dem Schloss so passiert. Einkerkern ohne gerichtliches Urteil und solche Sachen."

"Komm, eigentlich hast Du's aber verdient und geschadet hat Dir das bestimmt auch nicht", meinte Pater
Ponnicraccelone ohne Mitgefühl. "Ich hab's Dir zig Mal gesagt, lass den Blödsinn. Für uns springt auch so
genügend raus bei der Sache. Aber nein, unser Piccolloncinochen muss ja noch sein eigenes Spiel spielen
und versuchen, den Fürsten über den Löffel zu barbieren. Von jetzt an hörst Du auf mich, ein für alle
mal!"

Piccollino nickte ergeben.

"So, und was ist jetzt mit dem Drachen?"

"Um den kümmere ich mich", schaltete sich Murone ein.

"Oder brauchen wir für unser Spielzeug noch ein paar Schuppen?"

"Wie willst Du Dich um den Drachen kümmern?" frage Piccollino verächtlich. "Du kannst ja noch nicht
einmal von Deinem Pferd aus ein Wildschwein spießen."

"Du vergisst, dass ich diese antike Schrift habe. Ich hatte sie damals von einem Kaufmann in Samarkant
günstig erworben. Ich traue es mir durchaus zu, mit einem der darin enthaltenen Beschwörungsformeln
den Drachen zu erlegen. Ich bräuchte allerdings eine Schuppe von ihm, aber das sollte ja kein Problem
mehr sein", meinte Murone leichthin.

"Wartet mal!", bremste Ponnicraccelone.

"So sehr mich der Gedanke lockt, dass endlich dieses Untier vernichtet wird, denke ich, dass wir uns noch
in Geduld üben sollten. Schuppen brauchen wir wohl keine mehr, die Tölpel sind nun so ziemlich alle
überzeugt, dass der Drache diese Gräueltaten begangen hat. Aber was würde das schon nutzen. Noch
hat der Fürst, aber auch dieser Bischof noch zu viel Rückhalt bei den Bauerntrampeln. Nein, ich denke,
unser Drachendouble sollte schon noch ein paar Mal zuschlagen. Je öfters dann die Narren den Drachen
auf eigene Faust zu erschlagen versuchen und ihn dabei lebendig sehen, umso besser. Außerdem muss
ich gestehen, ich habe diese Drachenhaut richtig lieb gewonnen. Und da unser gutes Piccolloncinochen
wohl noch Probleme haben wird, sich etwas über den Rücken zu streifen, werde ich mir selbst dann die
Haut noch einmal überziehen. Nein, dieses Vergnügen möchte ich mir wirklich nicht entgehen lassen,
wenngleich ich aber sagen muss, Murone steht dieser Mummenschanz am Besten von uns."

"Na, ich weiß nicht!" meldete Piccollino seine Bedenken an. "Der Drache hat mich gesehen und vielleicht
auch erkannt. Was ist, wenn er eins und eins zusammenzählt, hinter unsere Idee mit der künstlichen
Drachenhaut kommt und uns verrät?"

Pater Ponnicraccelone schüttelte energisch den Kopf.

"Unsinn. Du tust ja gerade so, als ob diese Ausgeburt der Hölle denken und sprechen könnte wie ein
Mensch. Drachen sind seelenlose Höllendämonen, mehr auch nicht. Und selbst wenn in ihnen etwas wie
ein Verstand sein sollte - alleine schon der Gedanke ist blasphemisch vor unserem Herren - selbst wenn
also, wem sollte sich dann der Drache dann schon anvertrauen? Kein Mensch würde einem Drachen
zuhören."

"Aber... er hat doch mit mir gesprochen. Und er scheint Verstand zu haben", erwiderte Piccollino
kläglich.

"Im Gegensatz zu Dir", lästerte Ponnicraccelone.

Beleidigt verließ Piccollino den Raum, während Murone nachdenklich auf einem Stück Fisch herumkaute.

Der Bischof war gerade erst von seinem Drachen zurückgekommen und zog sich in aller Eile seine
Bischofsrobe an.

"Sag ihm, er soll in meinem Arbeitszimmer warten", trug er seinem Diener auf, der ihn von der Ankunft
des Fürsten unterrichtet hatte.

"Eminenz", Giuseppe berührte mit seinen Lippen den bischöflichen Ring. "Es ist gut, dass ich Euch
antreffe."

"Was gibt es denn so dringendes, mein Freund?"

"Leider wenig erfreuliches, fürchte ich. Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll."
"Nun, am besten am Anfang", lächelte Pietro und reichte dem Fürsten eine kleine Erfrischung.

Nachdem Giuseppe den Bischof über die Anschuldigungen gegen Pater Ponnicraccelone unterrichtet
hatte, fügte er hinzu:

"Und dann liegt mir diese Contessa auch noch damit in den Ohren, dass ich diesen lächerlichen Ritter zu
unterstützen hätte. Auch sie ist felsenfest davon überzeugt, dass ein Drache hier sein Unwesen treibt.
Aber es gibt keine Drachen! Die Wissenschaft hat bis zu dem heutigen Tage keine Beweise für deren
Existenz liefern können."

Der Bischof erhob sich.

"Für deren Nicht-Existenz jedoch auch nicht. Nun, mein Freund, vielleicht solltet Ihr Euren Standpunkt in
dieser Sache noch einmal überdenken?"

"Da gibt es nichts zu überdenken", sagte Giuseppe bestimmt.

"Wenn sich dieser Pater wirklich an Kindern vergreift, dann gehört er unschädlich gemacht und den
Richtern überantwortet."

"Das steht außer Frage. Ich meinte aber etwas anderes, als ich Euch aufforderte, Euren Standpunkt noch
einmal zu überdenken", entgegnete Pellegerò.

"Ich verstehe nicht ganz...", begann Giuseppe.

"Bezüglich Drachen. Vielleicht solltet Ihr deren Existenz doch in Betracht ziehen."

"Dann meint Ihr also auch, dass ein Drache für all diese Gräuel verantwortlich ist? Eure Eminenz, bitte
verzeiht mir meine offenen Worte, aber als Euer Freund sei mir das gestattet. Das ist doch blanker
Unsinn. Drachen gab es nicht und wird es niemals geben."

Der Bischof schüttelte den Kopf und erhob sich. Er ging zu einer gewaltigen Bücherwand und zog mit
schlafwandlerischer Sicherheit eine kunstvoll gebundene Bibel heraus.

Er legte sie vor Giuseppe auf den Tisch und sagte väterlich:

"Ihr erinnert Euch, mein Sohn, was nach der Auferstehung Christi geschah? Ich kann das entsprechende
Kapitel nur empfehlen. Richtet dabei Euer besonderes Augenmerk auf den Apostel Thomas."

Giuseppe biss sich auf die Lippen, er hatte den Wink mit dem ungläubigen Thomas nur allzu gut
verstanden. Aber wie konnte das sein? Natürlich hatte er immer wieder Berichte gelesen, die von
Begegnungen mit jenen Feuer speienden Ungeheuern handelten, doch als Mann der Wissenschaft hatte
er das alles in das Reich der Phantasie verbannt.

"Also gut, angenommen, dieser Drache würde wirklich existieren. Was kann ich dann dagegen
unternehmen?"

"Gar nichts, würde ich sagen", meinte der Bischof und trat hinter Giuseppe. "Aber das wird wohl auch
nicht nötig sein."

"Das verstehe nicht! Eben noch meintet Ihr, dass..."

"Nein!" unterbrach der Bischof.

"Ich habe lediglich gesagt, dass Ihr Euch mit dem Gedanken anfreunden solltet, dass es vielleicht doch
Drachen gibt. Aber ich habe niemals behauptet, dass es ein Drache ist, der das Vieh abschlachtet und
Kinder raubt. Und nun, mein Sohn, ich habe noch zu arbeiten. Seid versichert, dass ich mich der Sache
mit Pater Ponnicraccelone annehmen werde."

Das kleine Zimmer, das sich der Ritter Murone für die Dauer seines Aufenthaltes in Gubbio gemütlich
eingerichtet hatte, war abgedunkelt. Er hatte das Beschwörungsbuch aufgeschlagen auf ein hölzernes
Stehpult gelegt. Links von diesem Pult war mit weißer Kreide ein Pentagramm auf den Boden gemalt, das
von schwarzen und roten Kerzen gesäumt wurde.

In der Mitte dieses Schutzsymbols lag auf einem kleinen roten Samtkissen eine einzelne, vertrocknete
Drachenschuppe, deren ehemals goldener Glanz nur noch zu erahnen war.

Zwar hatte ihm Ponnicraccelone noch einmal ausdrücklich verboten, in Bezug auf den Drachen etwas zu
unternehmen, aber was kümmerte ihn das. Stand er nicht als Drachentöter, ja gar als Ritter, über einem
Pater? Abgesehen davon, weshalb sollte Ponnicraccelone über den Tod des Drachens unglücklich sein?
Der Hass des Paters auf Drachen war weithin bekannt.

Für Murone war es zudem eine nahezu perfekte Gelegenheit, sich zu profilieren.

Er hatte das Beschwörungsbuch akribisch durchgearbeitet. Die Sache war absolut narrensicher, es
bestand keinerlei Risiko für ihn und doch würde es den Anschein haben, dass es sich um ein
kompliziertes und vor allem gefährliches Unterfangen handeln würde.

Deshalb hatte er die Contessa zu sich eingeladen. Vor ihren Augen würde er die Beschwörung vollziehen,
sie würde beeindruckt sein und er konnte dann alles von ihr bekommen, was immer er auch begehrte.

Contessa Virghuena ließ voller Bewunderung ihre Blicke durch das Zimmer schweifen. Der gereichte
Imbiss war vorzüglich gewesen und der Ritter Murone verstand sich auf die Zubereitung von Kaffee.
Wenn er nun mit dem gleichen Geschick das gepeinigte Land von dem Drachen befreien würde...

"Ich bin ja schon so aufgeregt. Der liebe Ponnicraccili hat schon erzählt, dass dieses Untier so grauenvoll
stark und gefährlich ist. Und da besteht wirklich keine Gefahr, wenn Ihr mit Eurer Zauberei den Drachen
hierher holt, um ihm dann den Kopf abzuschlagen?"

"Contessa, ich versichere Euch, wenn Ihr stets in meiner Nähe bleibt, wird Euch nichts passieren. Ihr
könnt ihn sogar streicheln, das Pentagramm wird ihn gebannt halten."

Murone verbeugte sich lächelnd und deutete auf die Kerzen.


"Wollen wir anfangen?"

Mit großartigen Gebärden entzündete der Drachentöter jede einzelne von ihnen, rückte sie zurecht und
genoss es, die bewundernden Blicke Virghuenas auf sich zu spüren.

"Ach", seufzte sie, "ich bin ja so glücklich, dass mein Sohn Euch zum Freund hat. Piccolloncinochen kann
sicherlich noch so viel von Euch lernen. Er ist ja noch so jung."

"Meine gute Contessa, ich muss mich nun konzentrieren. Ganz egal, was passiert, bewegt Euch nicht von
der Stelle und gebt keinen Mucks von Euch. Ich beginne nun mit dem heiligen Ritual, das mich der
ehrwürdige Ritter Georg höchst persönlich gelehrt hat."

"Ich freue mich schon so, einmal einen Drachen zu berühren. Wie sich wohl seine Schuppen anfühlen?
Schleimig? Vielleicht könnte man ja dann für mich aus seinen Schuppen neue Schuhe oder ein nettes
Accessoir herstellen", sagte Virghuena voll Euphorie.

"Contessa, bitte!" mahnte Murone eindringlich und trat an das Pentagramm heran.

Er breitete seine Arme aus.

Seine kraftvolle Stimme füllte den Raum und Virghuena lauschte voller Faszination den ihr völlig fremd
klingenden Worten.

Draconis Cattivis! Draconis Incommodehja! Draconis Diabolis!

De Sair’iss - Altezza Dell’Est.

De Faf’neer - Altezza Dell’Sud

De Noy’lon - Altezza Dell’Ovest


De Gra’il - Altezza Dell Nord
Audite E Venite - Il Potere Dell’Aria, Delle Fiamme, Delle Acque, Della Terra

Draconis Cattivis! Draconis Regis! Draconis Mortis!

Als die letzte Silbe der Beschwörungsformel verklungen war, trat Murone einen Schritt zurück und griff
nach seinem Schwert. Virghuena wollte etwas sagen, doch mit einer knappen Geste bedeutete er ihr zu
schweigen.

Ein gleißend helles, rot-goldenes Licht stieg wie eine Feuersäule von der Mitte des Pentagramms auf, es
schien seinen Ursprung direkt in der Drachenschuppe zu haben.

Und dann brach der Sturm los. Funken, Blitze, Donner und dazwischen immer wieder schrille Schreie und
Gebrüll.

Murone blickte starr in das Chaos und auch Virghuena konnte sich nicht bewegen. Sie blieb stehen, wo
sie war, beide Füße wie am Boden festgenagelt vor Furcht und Staunen.

Ein reißender Strom aus Nebel, Licht und purer Energie drohte sie beide zu verschlingen. Die Luft roch
und schmeckte metallisch, ihr standen die Haare zu Berge.

Eine schuppige Klaue schoss gleich einem Blitz aus dem Pentagramm heraus, glänzend wie flüssiges Gold,
und entriss Murone das Herz, seine Seele, sein Leben.

Der angsterfüllte Schrei hallte Virghuena immer noch in den Ohren, als sie buchstäblich ins Leere griff,
um den Ritter festzuhalten.

So plötzlich wie alles begonnen hatte, war es auch schon wieder vorbei. Murone war spurlos
verschwunden.

Fassungslos brach Virghuena zusammen.

Etwas stimmte nicht.

Vorsichtig tastete sich der Bischof im Schein seiner Fackel den gewundenen Gang entlang. Anstelle des
vertrauten Drachengeruchs roch es nach Metall und die Luft war so trocken, dass sie förmlich knisterte.

Normalerweise wäre ihm Buonsensello schon längst entgegen gekommen, um ihn durch das
labyrinthartige Höhlensystem zu geleiten. Zum Glück war Pietro schon oft genug hier gewesen, so dass er
im Großen und Ganzen wusste, welche Abzweigungen er zu nehmen hatte.

Als er um die Ecke bog, trieb ihn der schwere, röchelnde Atem des Drachens zur Eile.

"Freund! Was ist passiert? Bist Du verletzt?"

Der Drache schüttelte matt seinen Kopf. Er versuchte, sich aufzurichten.

"Oh, Du bist schon da, Pietro. Nein, mach Dir keine Sorgen, mir geht es gut. Ich bin nur... ausgelaugt. Ich
musste mich nur ein wenig ausruhen."

"Was ist passiert?" fragte der Bischof besorgt und legte eine Hand an die Drachenschnauze. Die
Schuppen fühlten sich heiß und trocken an.

"Ein kleines magisches Kräftemessen", seufzte Buonsensello. "Irgendwer hatte versucht, mich aus dieser
Höhle irgendwohin zu zerren, mit Magie. Nur, er war nicht sehr geschickt dabei. Anstatt mich zu bannen
hat er meine wilden Kräfte entfesselt."

"Warum sollte Dich jemand aus dieser Höhle zerren - außer..."

Der Bischof verstummte entsetzt. Wieder ein Angriff auf seinen Freund.

Buonsensello nickte und bleckte leicht die Zähne.

"Richtig. Wer auch immer das war, er wollte mich töten. Aber wie gesagt, er war wohl sehr unerfahren,
denn ansonsten hätte er wissen müssen, dass nur sehr, sehr wenige Magier in der Lage sind, uns
Drachen zu beschwören. Naja, wie auch immer. Mach doch nicht so ein Gesicht, mein Freund."
Der Drache stupste den Bischof mit seiner Schnauze an.

"Mir geht es gut, allmählich kehren auch die Kräfte wieder zurück."

"Und was ist mit dem Attentäter?"

Der Drache lachte leise.

"Ich glaube, um den brauchst Du Dich nicht mehr zu sorgen. Ich habe sofort mit einem Abwehrzauber
reagiert und ihn gebannt. Ich habe diese Höhle nicht verlassen, aber ich konnte im Augenblick seines
Angriffs einen kleinen, abgedunkelten Raum erkennen, am Boden war ein Pentagramm aufgemalt, das
von Kerzen umrahmt wurde. Es war noch jemand anderes in diesem Raum nebst dem Magier."

"Und was ist mit den beiden Personen?"

"Kannst Du Dir das nicht denken? Ich denke mal, dieser Magier ist buchstäblich durch meine Magie
verdampft. Von ihm dürfte nicht einmal mehr sein Gewand noch irgendein Knochen übrig sein."

"Und die andere Person?" drängte der Bischof.

"Woher soll ich das wissen?" entgegnete der Drache beleidigt. "Ich habe Dir doch gesagt, dass ich die
Höhle nicht verlassen habe. Erzähle Du mir lieber, was es bei Dir für Neuigkeiten gibt."

Pietro teilte seinem Freund alles mit, was er in den letzten Tagen in Erfahrung gebracht hatte,
insbesondere die schweren Anschuldigungen gegen Pater Ponnicraccelone.

"Allmählich ergibt sich ein klares Bild", meinte der Drache.

"Dieser Ponnicraccelone lässt Kinder entführen, um damit seine widernatürlichen Triebe zu befriedigen.
Aber als ein Mann der Kirche ist er natürlich über jeden Verdacht erhaben. Damit der Verdacht von ihm
vollends abgelenkt wird, erfindet er sozusagen einen Drachen, der für ihn die Entführungen begeht."

"Ja, nur wie kann er die Menschen glauben machen, sie hätten tatsächlich einen Drachen an den
Tatorten gesehen?" fragte der Bischof.

Mit einer lässigen Bewegung zog Buonsensello seine Kralle durch ein paar alte, abgeworfene Schuppen.
"Du hast den kümmerlichen Dieb vergessen, den ich erwischt habe. Er hat die Schuppen gestohlen. Ich
schätze, dieser Pater hat daraus ein Kostüm gebaut und er oder der Dieb hat sich als Drache
ausgegeben."

"Nun gut, aber dieser Piccollino kann es nicht gewesen sein", hielt Pellegerò entgegen.

"Was macht Dich da so sicher?"

"In der Woche, in der man diese Witwe tot aufgefunden hat, saß er in den Kerkern des Fürsten."

Buonsensello winkte ungeduldig ab. "Na, und? Dann haben sie eben noch mindestens einen Komplizen.
Das würde Sinn ergeben. Sie stehlen meine Schuppen, treiben in einem Drachenkostüm ihr Unwesen
und alle Menschen denken, ich wäre der Schurke. Die Menschen beginnen mich zu hassen und man
versucht mich zu töten. Nur, was hat dieser Ponnicraccelone davon, dass ich erschlagen werde? Er
könnte dann niemals mehr mit seiner Drachenhaut weitere Untaten begehen."

Der Bischof war aufgestanden und lief vor dem Drachen im Kreis herum. Er dachte angestrengt nach.

"Nun", überlegte er, "dieser Pater ist von einem geradezu fanatischen Hass auf Drachen besessen."

"Wieso hasst er meine Art so sehr, dass er mich, der ich ihn noch nie zu Gesicht bekommen habe, töten
lassen möchte und mit seinen Taten unseren Ruf bei den Menschen derart zerstört?" erkundigte sich
Buonsensello aufgebracht. "Ich hätte nicht übel Lust, diesen Mann aufzusuchen und mit ihm ein paar
Worte zu wechseln." Wütend klatschte der Schweif des Drachens auf einen kleinen Haufen Goldmünzen,
die daraufhin in alle Richtungen stieben.

"Ich kann es mir höchstens denken", seufzte der Bischof. "Man erzählt sich, seine Eltern seien einst von
Drachen gefressen worden."

"Das ist eine infame Lüge!" brüllte Buonsensello zornig. "Kein Drache würde einen Menschen fressen.
Vielleicht wurden seine Eltern von einem Drachen getötet. Aber wenn, dann haben diese Menschen das
mit Sicherheit provoziert."

"Das spielt ja jetzt auch keine Rolle mehr, die Wahrheit werden wir diesbezüglich wohl nie erfahren",
winkte der Bischof ab. "Fest steht, er hasst Euch Drachen bis aufs Blut. Daher wäre Dein Tod mit
Sicherheit eine Genugtuung für ihn. Aber Du hast schon Recht, mein geschuppter Freund, da muss es
noch mehr geben. Der Pater ist nicht dumm. Er ist ehrgeizig. Aber was mag er nur letztendlich
bezwecken?"

Der Drache schnaubte ein Rauchwölkchen aus seinen Nüstern.

"Ist das nicht offensichtlich? Überlege, mein Freund! Wenn sich die Nachricht über meinen Tod bei den
Menschen verbreiten würde, dann würde jeder ihn für den Retter in der Not ansehen. Man würde ihn
ehren und das könnte er sich zunutze machen."

Pietro schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.

"Natürlich! Nicht der Fürst hätte das Untier besiegt und seine Leute damit von dieser Geißel befreit,
sondern er. Mein Freund Giuseppe würde einen enormen Gesichtsverlust erleiden."

"Nicht nur er. Auch Du", stellte Buonsensello fest. "Denn die Menschen haben sich in ihrer Not auch an
Dich gewandt und Du hast in ihren Augen versagt."

"Du hast Recht. Vor allem, das ergibt noch viel mehr Sinn. Denn was hätte Ponnicraccelone schon davon,
wenn er den Fürsten diskreditiert? Vielleicht strebt er danach, selbst Bischof zu werden?"

"Nun, wir wissen nicht, weshalb er das tut, was er tut", sagte Buonsensello und erhob sich schwerfällig.
"Aber wir müssen diesem Treiben Einhalt gebieten."

"Nur wie?"
"Irgendwie auf frischer Tat ertappen. Wie der Pater gerade wieder ein Kind entführen lässt oder Vieh
abschlachtet und sich dabei als mich ausgibt."

"Das ist leichter gesagt, als getan! Wie soll ich Ponnicraccelone überwachen, geschweige denn ihm etwas
nachweisen? Alleine schaffe ich das nicht."

"Ich bin doch auch noch da", erinnerte ihn der Drache und knabberte zärtlich an der Schulter des
Bischofs.

"Du kannst Dich nicht draußen blicken lassen. Nein, wir brauchen Unterstützung."

"Wie wär's denn mit Deinem Freund, dem Fürsten?"

"Giuseppe? Ja, ich habe auch schon an ihn gedacht."

"Aber?"

"Das Problem ist, er will nicht an Deine Existenz glauben."

Die Reptilienaugen glitzerten vergnügt.

"Das lass nur meine Sorge sein. Ich habe da schon eine Idee."

Unruhig wälzte sich der Fürst in seinem Bett herum. Er war todmüde, doch er konnte keinen Schlaf
finden.

Am Abend hatte ihn eine verstörende Nachricht erreicht: Contessa Virghuena hatte ihm völlig aufgelöst
wirres Zeug erzählt vom Verschwinden des Drachentöters in einem Pentagramm.

Giuseppe wusste nicht, was er davon halten sollte. Nicht, dass ihm dieser Mann besonders leid tat, zumal
weithin bekannt war, dass die Ausübung von Magie nun einmal mit Risiken für Leib und Leben
verbunden war. Ihn beunruhigte viel mehr die Tatsache, dass wieder jemand felsenfest davon überzeugt
gewesen war, dass ein Drache in Gubbio sein Unwesen treiben würde.

Das andere war die Reaktion der Leute auf das Verschwinden dieses Mannes. Man würde ihm, dem
Fürsten, vorhalten, dass er sich zu wenig um das Problem kümmern würde und die Contessa hatte, was
eigentlich auch zu erwarten war, durchblicken lassen, dass sie ihm die Mitschuld an dem Tod des armen
Murönchen gab. Schließlich war er so geizig gewesen und hatte den edlen Ritter nicht gut genug
ausgerüstet. Wie sollte ein Drachentöter mit einer zu kleinen Lanze schließlich auch gegen einen Drachen
bestehen?

Giuseppe hatte schließlich die Contessa in die Obhut des Paters Ponnicraccelone empfohlen. Er würde
sich schon gut um Virghuena kümmern in seiner Eigenschaft als Seelsorger.

Giuseppe seufzte schwer und zog sich die Decke über den Kopf. Der Vollmond erhellte trotz der
schweren Vorhänge das Schlafgemach.
Doch nun störte Giuseppes Schlummer nicht mehr das Mondlicht, dafür drang ein Brausen an sein Ohr,
als ob draußen ein schwerer Sturm toben würde.

Irritiert schlug er die Decke zurück und zuckte zusammen, als irgendetwas gegen die Fensterscheibe
krachte. Es war beinahe so, als ob jemand Kieselsteinchen an das Fenster schmeißen würde, ein absolut
absurder Gedanke. Wer sollte schließlich mitten in der Nacht etwas von ihm wollen - einmal von der
Contessa, der man so etwas durchaus zutrauen konnte, abgesehen. Andererseits hatte er sein
Schlafzimmer im obersten Stockwerk, da war es schon sehr unwahrscheinlich, dass jemand das Fenster
traf.

Dennoch meinte er nun auch Stimmen zu hören und wieder gab es dieses prasselnde Geräusch. Es
wurden tatsächlich Kieselsteinchen geworfen.

Gereizt öffnete er das Fenster und hörte gerade noch eine kraftvolle Stimme sagen: "Die taugen alle
nichts, sage ich Dir. Viel zu klein. Jetzt werfe ich mal diesen Stein hier..."

Danach sah Giuseppe Sterne, doch es waren nicht die des mondhellen Firmaments. Er taumelte
benommen zurück und griff sich an den Kopf. Das, was er in diesem Augenblick vor sich sah, war mit
Sicherheit von dem Treffer verursacht, denn es konnte einfach nicht wahr sein.

Vor der hellen Mondscheibe flatterte etwas Riesenhaftes. Eine vertraute Stimme drang an seine Ohren:
"Alles in Ordnung, mein Sohn? Verzeiht bitte, aber mein Freund meinte es wohl ein wenig zu gut mit
dem Aufwecken."

Giuseppe machte ein paar Schritte rückwärts. "Ich halluziniere", sagte er nur.

"Nein, keineswegs", meinte die vertraute Stimme.

Entsetzt beobachtete der Fürst, wie sich von der gewaltigen Form eine kleinere löste und sich anschickte,
durch sein Fenster zu klettern. Mit zitternden Händen entzündete Giuseppe ein paar Lampen und sehr
plötzlich ließ er sich auf einem Stuhl nieder.

"Eure Eminenz?" fragte er entgeistert.

"In Persona", lächelte der Bischof und deutete auf die schwebende Gestalt vor dem Fenster.

"Bitte verzeiht meinen etwas theatralischen Auftritt. Aber es ist von solcher Dringlichkeit, dass ich Euch
bitte, mich unverzüglich zu begleiten."

Fürsorglich reichte Pietro dem Fürsten seinen Mantel und trat dann ans Fenster.

"Warte unten vor dem Tor auf uns, mein Freund. Ich komme gleich zusammen mit Giuseppe hinunter."

Wie in Trance zog sich Giuseppe an und folgte dem Bischof ins Freie. Das alles konnte doch nur ein
Traum sein.

"Das ist also Dein Freund, sagst Du? Und den darf ich auch nicht verzehren, was für eine
Verschwendung! Aber vielleicht mal ein Stückchen von ihm probieren?"
Die Stimme klang gleich einer großen Domglocke in Giuseppes Ohren.

Beinahe reflexartig bekreuzigte er sich. "Allmächtiger. Ein Drache. Ein leibhaftiger Drache."

"Na, Ihr ungläubiger Thomas?" sagte der Bischof verschmitzt.

"Ich habe Euch doch gesagt, Ihr solltet Euren Standpunkt noch einmal überdenken. Nun seht ihr nicht
nur einen Drachen, sondern in Kürze werdet Ihr sogar auf seinem Rücken fliegen. Leider fehlt jetzt die
Zeit für Erklärungen, steigt einfach auf und haltet Euch gut fest."

Als Giuseppe zögerte, fügte Pietro hinzu: "Und keine Sorge, Buonsensello wird Euch nicht beißen. Das
war nur der unvermeidliche Drachenhumor."

So ganz schien der Fürst jedoch nicht davon überzeugt zu sein, denn der Drache grollte leise und
entblößte wie zufällig sein furchteinflößendes Gebiss.

Völlig unbeeindruckt davon schwang sich Pietro auf Buonsensello und deutete auf die freie Stelle
zwischen ihm und einem der Zacken, die gleich einem Kamm den gesamten Drachenrücken - zum
Schwanz hin sich verjüngend - hinab liefen.

"Am Besten setzt Ihr Euch vor mich hin, mein Freund."

Der Fürst war von der Gelenkigkeit des Bischofs, der doch schon ein gewisses Alter erreicht hatte,
sichtlich überrascht.

"Ihr habt gut reden, Eminenz. Ich bin schon froh, wenn ich in den Sattel eines Pferdes steigen kann. Wie
macht Ihr das bloß?"

"Glaubt mir, wenn man so viel Zeit wie ich mit einem Drachen verbracht hat, dann entwickelt man ein
gewisses Talent. Ihr stellt Euch aber auch ungeschickt an!"

In der Tat war Giuseppe nie besonders sportlich gewesen und mit Fünfzig war er auch nicht mehr so
gelenkig wie früher. Eine gewisse Leibesfülle kam noch erschwerend hinzu. Doch nach neun Versuchen
schaffte er es schließlich, wenngleich auch Buonsensello mit seiner Schnauzenspitze und der Bischof mit
seiner ausgestreckten Hand ein klein wenig nachhelfen mussten.

Ein Ruck lief durch den mächtigen Drachenkörper, als sich Buonsensello auf seine Pranken erhob. Er
breitete seine gewaltigen Schwingen aus und schwang sich kraftvoll in die mondhelle Nacht.

Der Fürst spürte den Wind mit der Macht einer geballten Faust über sich hinweg streichen, die hohe
Geschwindigkeit presste ihn gegen den Bischof.

Er wollte etwas sagen, doch die Worte wurden ihm förmlich entrissen, als Buonsensello ohne
Vorwarnung in einen steilen Sinkflug überging.

Pietro jauchzte, er genoss jeden Augenblick auf dem Rücken seines riesenhaften Freundes. Hier war er
frei von all seinen Verpflichtungen und doch fühlte er sich gerade da Gott weitaus näher und enger
verbunden als bei der Ausübung seines bischöflichen Amtes. Natürlich war er an die fallenden und
steigenden Bewegungen gewöhnt, doch aus Rücksicht auf ihren Fluggast bedeutete er dem Drachen, auf
das Beschreiben eines Loopings zu verzichten.

"Na, wie fandest Du den Ritt, Mensch?" fragte der Drache, der sich köstlich über die grünliche
Gesichtsfarbe des Fürsten amüsierte.

Der Flug hatte nicht sehr lange gedauert, doch der Fürst war sichtlich erleichtert, wieder festen Boden
unter seinen Füssen zu spüren.

"Wie einen Traum. Ich kann es immer noch nicht glauben", antwortete Giuseppe tapfer und wandte sich
an den Bischof: "Eure Eminenz, ich glaube, ich muss Euch Abbitte leisten."

"Wenn überhaupt, nicht mir, mein Sohn, sondern meinem Freund", stellte Pellegerò richtig.

Giuseppe verbeugte sich vor dem Drachen: "Es tut mir leid, dass ich an Eurer Existenz gezweifelt habe."

Buonsensello schnaubte ein kleines Rauchwölkchen und drückte dem Fürsten spielerisch eine
Krallenspitze gegen die Brust.

"Es sei Dir verziehen. Ich will Dir einen Vorschlag machen: Wenn Du an mich glaubst, werde ich auch an
Dich glauben. Einverstanden?"

"Natürlich", antwortete der Fürst und fuhr sich gedankenverloren mit einer Hand durch sein Haar.
Anscheinend waren Drachen auch noch Philosophen...

"Aber das stellt mich vor ein Problem. Denn da es nun offensichtlich doch Drachen gibt, muss ich dem
nachgehen, was die Leute alle behaupten. Es wurde immer wieder ein Drache gesehen, kurz bevor man
das Vieh abgeschlachtet vorfand oder irgendein Kind spurlos verschwand."

"Du meinst, man hat immer nur das gesehen", entgegnete der Bischof bitter und hielt Giuseppe ein paar
abgefallene Drachenschuppen hin.

"Es deutet immer mehr darauf hin, dass irgendwer eine Art Drachenkostüm gebaut hat, um
Buonsensello Verbrechen anzulasten, die er niemals begehen würde."

"Wer sollte aber so etwas tun?" fragte Giuseppe.

"Wir können es nicht mit Sicherheit sagen, da uns dazu die Beweise fehlen", seufzte Pietro und verteilte
die erste Runde von dem mitgebrachten Wein.

"Deswegen haben wir Euch geholt, mein lieber Freund. Wir sind auf Eure Unterstützung angewiesen. So
wie es aussieht, haben der Pater Ponnicraccelone und dieser Piccollino etwas damit zu tun."

Es wurde eine lange Nacht und so mancher Becher Wein wurde geleert, als Drache und Bischof
gemeinsam dem Fürsten mitteilten, was sie in dieser Angelegenheit in Erfahrung gebracht hatten.

"Es scheint immer mehr, dass Pater Ponnicraccelone nach meiner Position strebt. Dass er dabei auch den
einen oder anderen Drachen vernichten kann, kommt ihm natürlich sehr gelegen", erklärte der Bischof
abschließend.

"Also, wenn ich richtig verstanden habe, verkleidet sich der Pater oder irgendwer anderes aus seinem
Umfeld als Drache, richtet dann vor allem unter Schafherden wahre Blutbäder an und entführt auch das
eine oder andere Kind, um die Bauern gegen Eure Eminenz und auch gegen mich aufzuwiegeln. Die
Kinder jedoch dienen alleine der Befriedigung der perversen Gelüste Ponnicraccelones, während eben
das Viehabschlachten die Angst vor dem Drachen schüren soll. Und offensichtlich wollte Piccollino auch
für sich noch einen Vorteil daraus ziehen, denn er hat ja versucht, von mir Entschädigungen für angeblich
getötetes Herdenvieh zu fordern", fasste Giuseppe zusammen.

"Richtig", bekräftigte der Bischof und fügte hinzu: "Wobei ich davon ausgehe, dass sie nicht nur einfach
die Schafe sinnlos abschlachten, dazu sind die beiden zu habgierig. Nein, ich vermute mal, dass sie das
eine oder andere Tier stehlen und das dann irgendwo weiterverkaufen. Ein verschwundenes Schaf fällt
nicht weiter auf in einem blutigen Haufen von Knochen, Wolle und Fleisch."

Giuseppe nickte grimmig. "Das würde einen Sinn ergeben."

"Genau. Die Nichtsnutze verdienen dabei recht gut, auch an diesen ominösen Spenden, mit denen
angeblich die sogenannten Drachentöter bezahlt werden. Der Pater kann ohne Gefahr seinen dunklen
Gelüsten frönen und sich nebenher bei der Obrigkeit beliebt machen und mit der Rückendeckung von
oben mir meinen Posten streitig machen. Obendrein kann der versuchen, Buonsensello zu ermorden,
entweder mittels aufgebrachter Bauern oder irgendwelchen Drachentötern, die er von Zeit zu Zeit
einstellt. So wie diesen Murone", fügte Pietro hinzu.

"Ach, um den brauchen wir uns wohl nicht mehr sorgen. Die Contessa Virghuena hat mir vor ein paar
Stunden wirres Zeug erzählt von einem Pentagramm und einer goldenen Klaue, die ihn da hineingezogen
hat", meinte Giuseppe leichthin.

"Oh, der war das also", schnaubte Buonsensello verächtlich. "In der Tat, von diesem Tor dürfte nicht
einmal mehr ein Häufchen Asche zurückgeblieben sein."

In der Stimme des Drachens lag eine tiefe Befriedigung, doch sofort schien ihn ein schlechtes Gewissen
zu beschleichen, denn er sagte zu dem Bischof:

"Mein Freund, Du musst mir glauben, ich habe niemals beabsichtigt, ihn zu töten. Ich hoffe, Du weißt
das. Doch mein Abwehrzauber wirkt auf alle Angriffe dieser Art gleich. Ich habe da wirklich keinen
Einfluss darauf."

"Ist schon gut, edler Drache", sagte Giuseppe tröstend und tätschelte das Kinn des Drachens. Es war das
erste Mal in dieser Nacht, dass er sich traute, abgesehen von dem Ritt auf dem Drachen, Buonsensello zu
berühren und er empfand das Gefühl der samtigen Schuppen als sehr angenehm.

"Ich denke mal nicht, dass jemand, der klar bei Verstand ist, um diesen Murone trauert. Ich halte ihn
immer noch für einen Hochstapler."

Doch der Drache schenkte Giuseppes Worten kaum Beachtung, er hatte seinen Blick starr auf seinen
Freund, den Bischof gerichtet. Dessen Absolution war es, was er wollte.
Pietro streckte seinerseits die Hand nach der Drachenschnauze aus.

"Es ist schon gut, mein Freund", sagte er leise. "Auch wenn ich seinen Tod nicht billige. Aber er hat sein
Schicksal selbst herausgefordert, indem er sich entschlossen hatte, den Weg der Magie zu beschreiten.
Nicht umsonst steht in der Heiligen Schrift geschrieben, dass es Menschen nicht zusteht, sich mit diesen
okkulten Künsten zu befassen. Magie sollte Euch Drachen vorenthalten bleiben, denn nur Ihr besitzt die
Weisheit und die erforderliche Kraft, damit umzugehen. Ego te absolvo."

Zufrieden setzte sich der Drache zurück, seinen Schweif um die Hinterläufe gewickelt. Er streckte ein
wenig seine Flügel und fragte mit glitzernden Augen voller Tatendrang:

"Jetzt, wo eigentlich alles geklärt ist, was machen wir? Ich könnte losfliegen und dem Pater in seiner
Kirche einheizen. Diesen Piccollino..."

"Nein! Halte ein, mein Freund!" rief der Bischof erschrocken aus.

Er kannte Buonsensello gut genug um zu wissen, dass er diese Worte eben ernst gemeint hatte.

"Es steht uns nicht zu, über das Leben dieser Menschen zu richten. Denke an das fünfte Gebot: Du sollst
nicht töten. Nein, wir müssten sie auf frischer Tat ertappen und der Justiz überantworten."

"Pah!" schnaubte der Drache. "Was Du nur immer hast! Wer würde diese Nichtsnutze denn schon
vermissen? Ich könnte dafür sorgen, dass von ihnen nicht mehr übrig bleibt als von diesem Murone."

Kleine Flämmchen züngelten aus den Drachennüstern und Giuseppe rückte erschrocken ein wenig weg
von Buonsensello. Der Bischof war aufgestanden und hatte seine Hand gehoben.

"Versündige Dich nicht, mein Freund. Eben noch wolltest Du noch Gottes Vergebung und nun möchtest
Du willentlich Menschen töten. Schwöre mir, dass, egal, was passiert, Du ihr - wenngleich auch nutzloses
- Leben schonen wirst."

"Und wenn ich mein oder Euer beider Leben verteidigen muss?" hielt Buonsensello hitzig dagegen.

Der Bischof ließ sich nicht beirren. "Sie bleiben am Leben", forderte er. "Buonsensello, bitte sei
vernünftig. Möchtest Du Dich wirklich vor Gott versündigen? Das sind diese Menschen gewiss nicht
wert."

Buonsensello senkt knurrend den Kopf.

"Also gut, ich schwöre, dass ich keinerlei Leben nehmen werde."

"Seid unbesorgt", schaltete sich Giuseppe ein. "Wenn wir die beiden Übeltäter auf frischer Tat ertappt
haben, dann werden sie in Peruggia vor Gericht gestellt. Sie werden mit Sicherheit ihre gerechte Strafe
bekommen."

Die Augen des Drachens funkelten: "Ich glaube, ich habe eben doch klar gesagt, dass ich diese Menschen
nicht töten werde. Dabei wollen wir es belassen. Aber ich möchte nun eine Alternative von Euch hören,
nachdem Ihr ja meinen Lösungsvorschlag nicht akzeptiert."
"Wo könnten wir sie wann auf frischer Tat ertappen?" sinnierte der Bischof.

"Am Besten wäre es, wir würden sie beim Vieh auf einer Weide erwischen. Da sie wohl nur nachts
zuschlagen, würden auch keine unbeteiligten Menschen gefährdet werden. Andererseits, ich kann nicht
die gesamte Stadtwache an allen Viehweiden postieren."

"Das ist allerdings richtig", sagte Pietro.

"Nur, welche Möglichkeiten haben wir noch?"

"Selbst wenn wir genügend Leute zusammenbrächten, ich wüsste nicht, wo wir uns verstecken sollten.
Sie dürften uns nicht bemerken und wir müssen aber trotzdem nahe genug bei ihnen sein, um sie zu
überwältigen", gab der Fürst zu bedenken.

"Weshalb schickt Ihr nicht einfach den Wolf im Schafspelz?" ergriff Buonsensello das Wort.

"Was meint Ihr damit?" fragte Giuseppe und auch der Bischof konnte sich momentan keinen Reim aus
dieser Wortmeldung machen.

Der Drache schüttelte den Kopf und brummte: "Zweibeiner! Du scheinst genauso schwer von Begriff wie
mein Freund hier. Denke doch einmal ganz genau nach. Was ist denn ein Wolf im Schafspelz?"

Dem Bischof dämmerte es: "Meinst Du etwa...?"

"Genau", sagte der Drache zufrieden und klopfte mit seiner Schweifspitze auf den Boden.

"Wenn sich die Bösewichte in eine Drachenhaut hüllen, warum solltet Ihr Euch dann nicht als Schafe
verkleiden. Ihr mischt Euch unter die Herde und wenn die Schurken ihre Untaten begehen wollen, dann
zeigt Ihr Euch. Ich könnte mich versteckt halten für den Fall, dass sie fliehen."

"Dann bräuchten wir nur noch eine geeignete Weide", stellte Giuseppe fest.

"Und einen Viehbesitzer, der uns seine Tiere zur Verfügung stellt."

"Weideflächen sind kein Problem, die Kirche hat sehr viele Flächen in ihrem Besitz. Aber wie wäre es mit
Euren Tieren, mein Sohn?"

Der Fürst schüttelte den Kopf: "Ich habe leider keine Schafe. Meine Familie hat die Schafszucht schon vor
Generationen aufgegeben. Ein paar Ziegen und einige Kühe, das könnte ich anbieten. Die Frage ist
jedoch, ob diese Art von Vieh für Pater Ponnicraccelone noch interessant ist, denn vor einigen Wochen
wurden ein paar meiner eigenen Ziegen Opfer seines Treibens. Es muss doch einen Grund dafür geben,
dass er und seine Spießgesellen sich bisher immer nur an Schafen vergriffen haben."

"Ich denke mal, das liegt daran, dass ein totes Schaf oder eben auch eine Ziege von einem Mann ohne
weiteres weggebracht werden kann. Kühe sind doch zu groß und Pferde gibt es eigentlich nur auf dem
Gestüt von Piccollino", meinte der Bischof.

"Dann scheiden also meine Kühe aus", resümierte Giuseppe.


Der Drache stieß einen langgezogenen Seufzer aus.

"Wie schade", meinte er traurig. "Dabei schmecken Kühe so lecker."

"An den Schafen sollte es nicht scheitern", versprach Pietro, "wenn Ihr auch noch Eure Ziegen zur
Verfügung stellt. Denn ich denke mal, für unsere Staturen wären Ziegenkostüme doch besser geeignet."

Der Morgen graute bereits, als sich Fürst und Bischof zu Fuß auf den Nachhauseweg machten. Sie hatten
ihren Plan detailliert ausgearbeitet und jeder von ihnen wusste, was er zu tun hatte. Nun ging es an die
Ausführung. Mit ein wenig Glück und Gottes Segen würde dieser Landfleck bald von seiner Geißel erlöst
sein.

Das Gotteshaus war an diesem Sonntag besonders gut gefüllt.

Die Nachricht, dass dem Drachen erneut ein Mensch zum Opfer gefallen war, hatte sich wie ein
Lauffeuer in Gubbio verbreitet. Allerdings wusste niemand so recht, wer genau von der Bestie getötet
worden war. Eine Antwort auf diese Frage erhofften sich die Menschen von Pater Ponnicraccelone, der
in diesen Wochen der Not beinahe als eine Art Messias verehrt wurde. Hatte doch schließlich die
weltliche Macht, namentlich der Fürst, aber auch der König im fernen Rom, versagt. Auch dem Bischof
traute man nicht mehr. Für die Nöte der kleinen Leute schien er sich nicht zu interessieren und er tat
offensichtlich alles, dem guten, ja nahezu heiligen Pater Ponnicraccelone Steine in den Weg zu legen.
Überhaupt wäre dieser Mann der bessere Bischof, wenn nicht gleich ein hoch qualifizierter Kardinal.

"...Und siehe, ein großer, grausamer Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen
Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und
warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren
hätte, ihr Kind fräße. Meine Brüder und Schwestern! Unser Prophet Johannes hat in der Offenbarung im
zwölften Kapitel beschrieben, was uns nun heimsucht. Der Beginn der Apokalypse!"

Der Pater genoss das aufgeregte Gemurmel in den Kirchenbänken während seiner dramatischen
Kunstpause und fuhr kurz darauf fort:

"Wieder ist ein Geschöpf Gottes dem Teufel zum Opfer gefallen, doch diesmal wart es Ihr, ja, Ihr, die den
von Gott persönlich auserwählten Retter verraten habt. Weil Euer Fürst und - ja, ich schäme mich
wahrhaft, dies zu sagen - der Bischof, wohl angestachelt durch eben diesen Fürsten - dem edlen Ritter
Murone die Unterstützung in dem Kampf gegen den Drachen, gegen Satan daselbst, versagt hat. Anstatt
ihm ein kampferprobtes Ross und zum Drachentöten geeignete Waffen zu reichen, zwangen sie den
Unglücklichen, von Gottes Pfaden abzuweichen, um mit Hilfe der Hexerei das Böse zu besiegen. Ein
Unterfangen, das natürlich zum Scheitern verurteilt gewesen ist. Meine Brüder und Schwestern! Ritter
Murone, der stolze Drachentöter, hat, wie Jesus Christus, sein Leben und sogar seine Seele für Euch und
Eure Kinder geopfert. Lasset uns daher beten und die Herzen erheben..."

Zufrieden beobachtete Ponnicraccelone, wie sich die Kirchgänger alle bekreuzigten und gemeinsam mit
ihm das dem sogenannten Märtyrer gewidmete Gebet murmelten. In ihren Gesichtern konnte er vielfach
Entsetzen und Furcht erkennen.

Mit einer ausladenden Geste dankte der Pater Gott und entließ die Menschen mit den Worten:

"Gehet nun hin in Frieden und seid ohne Furcht. Die gute Contessa Virghuena hat sich bereit erklärt, vor
der Kirche Eure Spenden für den Kampf gegen den Drachen entgegen zu nehmen. Sie war Augenzeuge
des schrecklichen Todes unseres heldenhaften Ritters, dennoch hat Gott ihr die innere Stärke gegeben,
sich für den Kampf gegen das Böse an unserer Seite einzusetzen."

Nach der flammenden Predigt war Ponnicraccelones Kehle rau wie Pergamentpapier und er trank durstig
den Kelch leer, bevor er sich zufrieden zurück lehnte und Piccollino quer über den Tisch hinweg
anstarrte. Bisher hatte dieser noch nie eine Entscheidung des Paters in Frage gestellt.

"Warum ich Deine Mutter, die Contessa, bei mir aufgenommen habe? Aus christlicher Nächstenliebe,
natürlich. Wie würdest Du Dich fühlen, wenn vor Deinen Augen ein Freund verschwindet?"

Doch Piccollinos Mine verriet nur allzu deutlich, dass dieser den Worten Ponnicraccelones keinerlei
Glauben schenkte. Daher fügte der Pater lächelnd hinzu:

"Vertrau mir, ich weiß schon, was ich tue. Die gute Virghuena wird sich für uns schon als nützlich
erweisen, da bin ich sicher."

"Und falls nicht?" fragte Piccollino zweifelnd. "Müssen wir sie wirklich einweihen? Muss sie wirklich
heute Nacht dabei sein, wenn der Drache erneut zuschlägt?"

"Nun, momentan sammelt sie gerade das Geld für einen neuen Drachentöter. Nichts öffnet den Beutel
der Menschen lieber als eine so Leid geprüfte, junge Frau aus dem Adel. Heute Abend wird sie uns gute
Dienste leisten. Die Viehweide ist sehr groß und unübersichtlich, sie wird von einem dichten Waldstück
begrenzt. Aber auf der anderen Seite grenzt sie an das bischöfliche Anwesen. Mich wundert nur, dass
Cercandore neben dem Weinbau sich nun dem lieben Vieh widmet und vor allem, dass er ausgerechnet
Weideland vom Bischof gepachtet hat, wo doch dieser seinen Wein als Messwein verschmäht hat.
Jedenfalls, die Contessa könnte nützlich werden, falls irgendwer aus dem bischöflichen Anwesen
überraschend auftauchen sollte. Man kennt sie und niemand wird Verdacht schöpfen. Schließlich ist sie
nach den ganzen Ereignissen verwirrt und hat sich in die Stille der Natur zum Nachdenken
zurückgezogen."

"Mir gefällt der ganze Plan nicht", knurrte Piccollino. "Eigentlich haben wir doch den Menschen schon
genügend Geld abgeknüpft. Die letzten Schafe haben auf dem Viehmarkt in Florenz auch einiges
eingebracht. Die Position des Fürsten und auch die des Bischofs ist wacklig, selbst Rom wurde schon
hellhörig. Nun ausgerechnet den Drachen zu unserem Gegner zu schicken, das erscheint mir äußerst
wagemutig, um nicht zu sagen tollkühn!"

"Aber genau darum geht es ja, mein lieber Piccollino. Stell Dir die Reaktion vor, wenn der Drache das
Vieh abschlachtet, das der Cercandore der kirchlichen Obhut anvertraut hat. Damit wäre für den letzten
Bauerntölpel klar, dass weder Bischof noch Fürst in der Lage sind, das Drachenproblem zu lösen. Und wir
werden als strahlende Retter in der Note erscheinen und..."

Ponnicraccelone brach abrupt ab, als die Contessa Virghuena den Raum betrat.

"Hallo, Ihr Lieben!"

Sie warf dem Pater den prall gefüllten Klingelbeutel in den Schoß und setzte sich zu den beiden
Männern.

Piccollino reichte ihr auch einen Kelch mit Wein, den sie dankbar leerte.

Diese Dankbarkeit empfand sie jedoch hauptsächlich für den Pater, der ihr in diesen düsteren Stunden
das Gefühl von Geborgenheit und Stärke vermittelte. Sie hatte den Ritter Murone lieb gewonnen und
nun war ihr Freund von dieser Bestie in den Schlund der Hölle gerissen worden. Schuld daran war nur
dieser Geizhals, der Fürst, der sogar den Bischof angestachelt hatte mit seiner vernunftorientierten
Denkweise, wie dieser es selbst auszudrücken pflegte. Vernunft, welch ein Unsinn. Als Contessa war sie
eine subtilere Vorgehensweise gewöhnt: Man besprach sich mit Menschen, die Einfluss hatten und
knüpfte Kontakte in die höchsten Reihen. Irgendwann hatte man einen Konsens erzielt und es würden
genau jene einflussreichen Personen sein, die dann genügend Druck ausüben konnten auf irgendwelche
Menschen im Hintergrund, die die Arbeit letztlich erledigen würden. Diese Menschen würden jedoch
niemals auf die Idee kommen, etwas in Frage zu stellen, was zuvor beschlossen worden war.

Dieser Fürst mit seinem aufklärerischen Gedankengut, das sich ganz den Naturwissenschaften
verschrieben hatte, passte damit so gar nicht in ihre Weltanschauung: Hinterfragen und Forschen. So
konnte man doch keine Probleme lösen, es war doch nur allzu deutlich zu sehen: Vieh wurde
abgeschlachtet und Kinder entführt und nun auch der gute Ritter Murone.

Und der Bischof war, obwohl er als Mann der Kirche eigentlich gegen diese Form der Ketzerei mit aller
Härte vorgehen hätte müssen, auch noch empfänglich für das schleichende Gift, das der Fürst
verbreitete.

Sie musste den letzten Gedanken laut ausgesprochen haben, denn Ponnicraccelone tätschelte gütig
lächelnd ihre zitternde Hand.

"Keine Sorge, meine Liebe. Gottes Zorn wird auch noch der Bischof zu spüren bekommen. Schon früher
als er zu erahnen vermag."

Daraufhin hielt Ponnicraccelone die Predigt seines Lebens, in der er in seiner Eigenschaft als Pater und
Lehrer Piccollinos immer wieder darauf hinwies, wie glücklich sich die Contessa schätzen konnte, dass
ausgerechnet ihr Sohn von Gott für diese Aufgabe mit ausgewählt wurde, Seite an Seite mit dem
unglücklicherweise verschiedenen edlen Ritter Murone zu kämpfen.

Das Prasseln des Landregens und das Rauschen der Wipfel im Wind verschluckten nahezu jedes
Geräusch. Ihre Augen hatten sich relativ schnell an die Dunkelheit gewöhnt, als sie unter einem Baum
stand und Ausschau hielt.
Das Gebäude im Hintergrund lag dunkel und still an einen Hügel geschmiegt. Beinahe wie ein schlafender
Drache, schoss es ihr durch den Kopf.

Ein gelegentliches Blöcken und Meckern durchdrang den Regen, das Vieh graste und schlief friedlich. Von
ihrem Sohn war nichts zu sehen und auch nicht von Pater Ponnicraccelone - geschweige denn von dem
Ungeheuer, das sie diese Nacht wieder zum Leben erwecken wollten.

Contessa Virghuena war dankbar dafür, dass sie der Pater zum Wacheschieben abgestellt hatte. Auf
diese Weise war sie mit sich und ihren Gedanken alleine. Der Geruch der regenschweren Erde und des
nassen Grases entspannte sie.

Natürlich war es für sie ein gewaltiger Schock gewesen, als sie erfahren hatte, dass ihr über alles
geliebter Sohn eine so tragende Rolle bei den rätselhaften Vorgängen der letzten Monate hatte.
Allmählich kamen ihr auch Zweifel, ob nicht vielleicht der Fürst doch damit Recht hatte, ihren Sprössling
des Betruges zu bezichtigen.

Andererseits, der Pater als Murones Lehrer und als Mann der Kirche würde schon wissen, was vor den
Augen des Herren richtig war. Abgesehen davon war dieser ein Verfechter der alten Ordnung, von
Werten und antiken Herrschaftsstrukturen. Wie also könnte das, was sie taten, moralisch bedenklich
sein? Schließlich war es nur Vieh, das geschlachtet wurde. Die Kinder, die der Drache angeblich raubte,
stammten allesamt aus ärmlichen Verhältnissen und hätten keinerlei Aussicht auf eine glückliche Zukunft
gehabt. Ponnicraccelone ließ sie alle in ein weiter entferntes Kloster bringen, wo man sich gut um sie
sorgte und sie im Namen Christi erzog.

Zumindest hatte ihr das der Pater so erzählt und sie sah keinerlei Anlass, an seinen Worten zu zweifeln.

Virghuena war so sehr in ihren Gedanken versunken, wohl hatte sie auch das gleichmäßige Rauschen
und Prasseln ein wenig schläfrig gemacht, dass sie das schwarze Etwas, das sich langsam auf sie zu
bewegt hatte, erst im allerletzten Augenblick bemerkt hatte.

"Määäh", machte es und gerade, als ihr bewusst wurde, dass dieses Schaf sich irgendwie aus der
Umzäunung hatte befreien können, war es schon wieder verschwunden.

Dafür sah sie nun etwas Riesenhaftes, das sich langsam an die grasende Herde heran schob.

Nun geht es also los, dachte sie und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe.

Ihre Augen durchdrangen die Dunkelheit, aber niemand war zu sehen. Wer würde sich auch um diese
nächtliche Zeit und bei diesem Wetter freiwillig ins Freie begeben. Links und rechts ließ sie ihre Blicke
schweifen, sie prüfte die Fläche, die vor ihr lag und drehte sich auch immer wieder um, doch nach oben
blickte sie nicht.

Buonsensello war froh um den Regen, der das Rauschen seiner schlagenden Flügel dämpfte. Er spürte
nicht, wie die Tropfen gegen ihn schlugen und an seinem Leib abperlten, zu sehr konzentrierte er sich. Es
war nicht einfach, ein Trugbild aufrecht zu erhalten, doch nun hatte es seine Aufgabe erfüllt und er
konnte seinem Freund die Bilder aus der Sicht des Schafes übermitteln.
Piccollino hatte er bereits vorher schon ausgemacht, im Wald verborgen, und nun die Contessa.

Schließlich entdeckte er einen kriechenden Schemen. Das musste wohl der Pater sein, der in der
Drachenhaut steckte. Wie gerne hätte Buonsensello einen versengenden Feuerstrahl nach unten
geschickt, doch er hatte sein Ehrenwort gegeben, die Leben dieser Spitzbuben zu schonen.

Der Drache ließ seinen Blick über die Weide streifen und schnaubte überrascht auf, als er eine weitere
Gestalt sah, die sich ganz langsam vorwärts bewegte. Sie näherte sich den beiden großen Ziegenböcken,
die so ziemlich in der Mitte der Weidefläche waren, ein wenig abseits von der übrigen Herde.
Buonsensellos scharfem Blick entging das flüchtige Aufblitzen von Metall nicht.

Der eine Bock bewegte sich ein wenig schwerfällig zu dem anderen heran.

"Ich halte das nicht mehr aus", flüsterte Giuseppe. "Der Gestank des nassen Ziegenfells und diese stickige
Hitze, ich kann kaum atmen!"

"Nur Geduld, mein Sohn. Es geht gleich los. Buonsensello ist auch schon in der Luft. Ich warte nur noch
auf sein Zeichen, damit... Warte!"

Der andere Ziegenbock, in dem der Bischof steckte, reckte seinen Kopf, soweit es ihm möglich war.

"Was ist, Eure Eminenz?" fragte Giuseppe.

"Schhhh! Still!"

Schließlich flüsterte er: "Es geht los. Ponnicraccelone steckt in der Drachenhaut und Piccollino wird sich
wohl in seiner Deckung an die Schafe heranschleichen. Aber Ihr werdet es nicht glauben, die Contessa
steht Wache."

"Die Contessa Virghuena?" entfuhr es Giuseppe ein wenig zu laut.

"Seid doch still", herrschte der eine Bock den anderen an.

Aber es war nichts zu hören als der Regen, das Rupfen des Grases und das gelegentliche Grunzen und
Schmatzen des Viehs.

"Ich hoffe, dass die Leute Eurer Stadtwache auf ihren Posten sind, so kurzfristig wie Ihr sie in unsere
Pläne eingeweiht habt. Also, sobald das erste Schaf blöckt, springen wir aus unserer Verkleidung und
überwältigen..."

Plötzlich war die Welt um Giuseppe und seinem Freund herum in Aufruhr. Sie waren kurzzeitig in
gleißende Helligkeit getaucht und spürten Hitze von außen durch das Ziegenfell dringen. Schreie und
Meckern und Blöcken zerrissen die Stille der Regennacht.

"Verdammt!" rief Giuseppe und riss sich die Verkleidung herunter. Der Bischof schälte sich nur einen
Sekundenbruchteil später aus seiner Haut.

"Er wollte Euch umbringen!"


Die Drachenstimme donnerte durch die Nacht. Unter seinen Klauen zuckte ein Mensch, als sich der
Drache kraftvoll vom Boden abstieß.

"Piccollino! Der Drache! Sie fliehen, haltet sie!" rief der Fürst in die Nacht.

Es herrschte Chaos. Das halbe Dutzend Männer der Stadtwache war nun ebenfalls aus ihren Tarnungen
gesprungen und setzten Piccollino nach, der in panischer Angst vor dem echten Drachen davon lief -
genau auf das Versteck der Contessa zu.

Pater Ponnicraccelone war durch das schwere Schuppenkleid sehr in seiner Bewegungsfreiheit
eingeschränkt. Vor allem aber konnte er sich nicht aus eigener Kraft aus diesem Kostüm schälen.

"Du gestattest, dass ich mir meine Schuppen zurückhole!"

Der Pater schrie auf in Angst, als sichelartige Krallen durch die Drachenhaut schnitten und den Menschen
entblößten gerade so, als würde man den Panzer eines Hummers lösen, um an dessen zartes Fleisch zu
gelangen.

Dass dabei die Krallenspitzen gelegentlich das Gewand und die darunter liegende Haut des Paters ritzten,
war unvermeidlich.

Schließlich fühlte sich Ponnicraccelone grob gepackt und in die Luft gehoben.

Die beiden Festgenommenen leisteten keinen Widerstand und boten im strömenden Regen einen
erbärmlichen Anblick.

Verhältnismäßig behutsam setzte der Drache den Pater bei ihnen ab und warf dem Bischof einen kurzen
Blick zu. "Es ist sonst niemand mehr da."

Pietro nickte kurz und musterte die Gefangenen.

"Haben wir Euch also zu guter Letzt erwischt", sagte er zufrieden.

Giuseppe hingegen war zu dem immer noch zuckenden, auf dem Bauch liegenden Mann herangetreten.
Der Drache hatte ihn schwer verwundet, dennoch hielt der Mensch den Dolch immer noch fest in seiner
Hand.

Vorsichtig drehte der Fürst den Verwundeten auf den Rücken und prallte entsetzt zurück.

"Du? Aber... warum?" keuchte er.

Obwohl der Mann im Sterben lag, lag ein gewisser Trotz in seiner Stimme, als er antwortete.

"Es geht nicht gegen Euch persönlich, Herr. Aber ich wollte mehr aus meinem Leben machen. Als Euer
Diener und Mundschenk hätte ich keine Chance gehabt für einen Aufstieg. Aber Pater Ponnicraccelone
hatte mir eine Perspektive gegeben, zumal er sehr einflussreich ist. Ich hätte bloß Euch und den Bischof
töten müssen und ich wäre ein gemachter Mann gewesen."

Er hustete einen Schwall Blut, das vor seinem Mund schäumte.


"Ich... ich hätte jeden getötet... ich..."

Sièvveres Körper zuckte noch einmal und lag schließlich still.

Angewidert wandte sich der Fürst ab und ging zu seinem Freund, der bei den anderen Gefangenen stand.
Offensichtlich kam es dort gerade zu einem Tumult.

"Das war alles die Idee vom Pater, das müsst Ihr mir glauben", winselte Piccollino und wand sich unter
dem eisernen Griff seines Wächters.

"Er und meine Mutter wollten..."

"Sei still", zischte Ponnicraccelone.

Er hatte erstaunlich schnell seine Fassung wiedererlangt und mit wohl gewählten Worten begann er zu
sprechen:

"Ich möchte nicht abstreiten, dass wir einen Angriff auf Vieh des alten Cercandore geplant hatten, der
dann erneut dem Drachen zugeschrieben worden wäre. Aber Ihr müsst mir glauben, mein Schüler, der
gute Piccollino, und ich, wir handelten ausschließlich auf höchsten Befehl."

"Ach ja?" fragte Giuseppe unwillig.

"Und wer gab den Befehl? Vielleicht Gott höchstpersönlich? Oder der Papst?"

"Na, wer wohl", erwiderte der Pater spöttisch. "Die Contessa."

"Das ist gelogen!" begehrte Virghuena auf.

"Eure Eminenz, mein Fürst, Ihr kennt mich doch schon länger. Ich würde niemals..."

"Ruhe!"

Alle Augen waren plötzlich auf den Drachen gerichtet, aus dessen Nüstern kleine Funken stoben.

"Euer Gezeter geht mir auf die Nerven."

Buonsensello wandte sich an den Bischof: "Bitte, mein Freund, lass es mich auf meine Art lösen. Ein
kurzer Happs und sie sind alle weg."

Pietro schüttelte den Kopf. "Du weißt, dass das nicht geht. Nein, die Richter in Peruggia werden die
Wahrheit schon herausfinden."

"Wie Du willst", grollte der Drache. "Ich aber bin der Meinung, dass wir uns das sparen könnten. Lasse
mich nur einen Augenblick mit ihnen alleine."

"Er hat Recht", schaltete sich Giuseppe in die Diskussion ein und flüsterte etwas dem Bischof zu.
Als dieser schließlich nickte, wandte sich der Fürst an die Wache: "Lasst uns mit dem Gesindel alleine.
Der Drache sollte als Bewachung ausreichen. Bringt meinen Diener weg und verbrennt die Leiche des
Verräters."

"Und nun will ich die Wahrheit hören", sagte Giuseppe drohend und blickte die Contessa an.

"Ich schwöre, ich wusste bis heute von nichts. Ich habe dem Pater vertraut, ich...", schluchzte Virghuena.

Verächtlich winkte der Fürst ab und warf einen Blick auf Buonsensello, der sich bequem hingelegt hatte
und scheinbar gelangweilt auf die Gefangenen starrte.

"Und Du, Piccollino? Immerhin hast Du schon einmal versucht, mich zu hintergehen."

"Herr, ich schwöre es, ich bin unschuldig. Wie es mein Lehrer, Pater Ponnicraccelone schon gesagt hat,
das war alles die Idee meiner Mutter. Sie wollte damit ihre Position als Contessa festigen. Aber ich
bereue aufrichtig, dass ich von Euch Schadensersatz für Schafe erschleichen wollte, die ich niemals
besessen hatte. Das war eine Dummheit und ich habe für diese Sünde schon in Eurem Kerker gebüßt. Ich
bitte um Gnade..."

Buonsensello stieß bei diesen Worten ein verächtliches Schnauben aus.

"Du bist sicher, mein lieber Piccollino, dass es tatsächlich die Contessa war, die Dich und auch den
gottesfürchtigen Pater dazu angestiftet hat? Bist Du Dir darüber bewusst, welche Tragweite Deine Worte
vor Gericht haben?"

Piccollino nickte stumm, vermied dabei jedoch jeden Blickkontakt mit Virghuena.

"Du weißt, dass Du damit Deine eigene Mutter an den Galgen bringst?"

"Ja, Herr."

"Und doch bleibst Du bei Deiner Aussage?" bohrte Giuseppe nach.

"Ja, Herr. Meine Mutter hat meinen Lehrer und mich damit beauftragt, da sie Euch und auch den Bischof
stürzen wollte..."

"Das ist eine infame Lüge!"

Selbst im Dunkel der Nacht konnte man die Zornesröte in Virghuenas Gesicht erkennen. Piccollino senkte
seinen Kopf, sein Schluchzen wurde von dem Regenprasseln verschluckt.

Der Bischof schob seine Hand unter das Kinn des Angeklagten und hob dessen Kopf leicht an. Er blickte
Piccollino schweigend an und trat dann einige Schritte zurück, so dass der Drache direkten Blickkontakt
mit dem Menschen halten konnte.

"Weißt Du, mein fehlgeleiteter Sohn", sprach Pellegerò bedächtig, "dass Du Vieh abgeschlachtet und
Kinder entführt hast, das sind verwerfliche Taten, für die Du Dich vor einem weltlichen Gericht
verantworten musst. Doch egal, wie da das Urteil ausfällt, wenn Du aufrichtig Deine Tat bereust, dann
würdest Du trotz dieser Verbrechen vielleicht Gnade vor den Augen unseres Herren finden, nachdem Du
auf dieser Welt ausreichend dafür gebüßt hast. Aber der Allmächtige wird Dir mit Sicherheit nicht das
einzig Gute verzeihen, das Du hier und jetzt nicht getan hast. Daher überdenke noch einmal Deine
Antwort. Ist Contessa Virghuena diejenige, die dieses Komplott geschmiedet hat?"

"Sie ist es, Eure Eminenz", flüsterte Piccollino.

"Und ehe der Hahn zum dritten Male kräht, wirst Du mich verraten", zitierte der Bischof die heilige
Schrift und nickte dem Drachen zu.

"Es war nicht nur Judas, der Jesus verraten hatte. Auch Petrus, sein bester Freund, verleugnete ihn. Lebe
fortan mit der Schande, Deine eigene Mutter, die unschuldig ist, verraten zu haben."

Ein herzzereißender Schrei gellte durch die Nacht, als Piccollino vollständig von dem Drachenfeuer
eingehüllt wurde. Niemand machte Anstalten, ihm zu Hilfe zu kommen, alle waren wie gebannt vor
Entsetzen.

Die Form des Menschen schien in den Flammen zu verschwimmen und die Schreie wurden immer
schriller, bis sie schließlich in eine Art Krächzen übergingen. Doch Piccollino blieb auf wundersame Weise
am Leben, denn Buonsensello hatte niemals die Absicht gehabt, den Menschen mit seinem Feueratem
zu töten.

Ungläubig rieb sich der Fürst die Augen, als er an die Stelle blickte, an der vor einigen Augenblicken noch
Piccollino als lebende Fackel gestanden hatte.

"Unser Feuer ist nicht immer heiß und verzehrend", erklärte Buonsensello.

"Aber, wie... was?" fragte Giuseppe und warf dem Bischof einen verzweifelten Blick zu.

"Die Wege des Herren sind für uns Sterbliche oft nicht zu verstehen, vor allem, wenn man sich in
Gesellschaft eines Drachens befindet", sagte Pietro schmunzelnd.

"Was denn! Ich habe ihn nicht getötet! Ich habe also mein Wort nicht gebrochen", verteidigte sich
Buonsensello.

"Aber nicht doch, mein Freund, ich tadle Dich ja nicht. Und was meint Ihr, mein lieber Giuseppe. Fandet
Ihr nicht auch, dass der gute, liebe Piccollino immer schon nichts weiter als ein aufgeblasener Kapaun
gewesen ist?"

"Passt auf, damit er nicht entkommt!" rief der Fürst aus, als Piccollino in seiner neuen Gestalt ziemlich
unbeholfen über den reglos am Boden liegenden Körper seiner mittlerweile in Ohnmacht gefallenen
Mutter hüpfte und zu entfliehen versuchte.

"Wie wäre es mit gegrilltem Huhn zum Frühstück?" fragte Buonsensello und fügte mit schuldbewusstem
Blick hinzu: "Schließlich ist er ja nun kein Mensch mehr."

"Lasst es gut sein", wehrte der Bischof ab. "Ich denke, das sollte für ihn als Bestrafung genügen."
"Allerdings. Außerdem wird er es wohl als Federvieh künftig schwer genug haben", stimmte Giuseppe zu
und wandte sich daraufhin mit grimmigem Blick dem Pater zu, der bei dem Anblick der Verwandlung
seines Kumpanen jeglichen Hochmut verloren hatte.

"Nun zu Dir, Ponnicraccelone. Beteuerst Du immer noch Deine Unschuld? Dir wird nicht so ein gnädiges
Schicksal zuteil werden wie Deinem Freund, wenn ich Dich in Peruggia dem Gericht überantworte. Auch
die Heilige Inquisition wird ihr berechtigtes Interesse an Dir haben."

"Ich... ich... habe nur getan, was sie von mir verlangt hat", sagte er leise und blickte starr auf den Boden.

Erneut in dieser Nacht schnaubte der Drache auf. Giuseppe verlor langsam die Geduld.

"Pater! Weshalb glaubt Ihr, hat der Drache den Piccollino in einen Kapaun verwandelt, die Contessa
jedoch verschont? Ist Euch vielleicht in den Sinn gekommen, dass er es vermag, Wahrheit von Lüge zu
unterscheiden? Ich frage Euch nun das letzte Mal. Steckt Ihr hinter alledem?"

Erneut beteuerte Ponnicraccelone seine Unschuld, woraufhin der Fürst nüchtern feststellte:

"Nun gut, in Peruggia wird man ihn schon zum Reden bringen. Wenn er erst einmal auf das Rad geknüpft
ist und seine Knochen einzeln zerschmettert werden..."

"Nein, bitte habt Gnade!"

Heulend war der Pater zusammengebrochen und warf sich vor dem Bischof auf die Knie.

"Bitte nicht die Inquisition! Ich gestehe, dass ich es gewesen bin, der Euch stürzen wollte. Ich wollte doch
nur das Ansehen der Kirche in diesem Lande wieder stärken. Menschen wie dieser Francesco oder Ihr
vermitteln unseren Brüdern und Schwestern den Eindruck, dass die Kirche für das Volk da wäre. Dabei
haben die Gläubigen unsere Autorität zu fürchten. Auch die weltlichen Herrscher müssen wieder lernen,
sich dem Gedankengut des Heiligen Stuhles zu beugen."

"Glaubt Ihr tatsächlich selbst, was Ihr uns da erzählt, Pater? Was ist mit den vielen Kindern, die Ihr
entführen habt lassen und an denen Ihr Eure pervertierte Fleischeslust befriedigt habt? Denkt Ihr
wirklich, dass dies dem Ansehen der Kirche dienlich ist?" gab der Fürst anstelle des Bischofs zurück.

Ponnicraccelone biss sich auf die Lippen und schluchzte.

"Überlassen wir ihn den Gerichten", meinte Giuseppe. "Ich will mir an diesem Abschaum meine Hände
nicht schmutzig machen."

"Wartet, mein Freund." Der Bischof hielt den Fürsten am Ärmel fest. "Ihr wisst, dass ich ein Gegner der
Inquisition bin, und ich weiß, dass Ihr im Grunde Eures Herzens auch dagegen seid."

"Ja, und? Dieser Mann hat den Tod verdient."

"Das steht außer Frage", gab ihm Pietro Recht. "Seine Schuld ist unstrittig und es gibt an sich keine
angemessene Sühne für seine Verbrechen. Ich frage mich nur, versündigen wir uns nicht selber gegen
Gott, wenn wir ihn nun der Folter ausliefern?"
"Ich... ich hätte da einen Vorschlag zu machen", mischte sich Buonsensello ein. "Damit würdet Ihr Euch
nicht versündigen, dieser Wurm würde bestraft werden, wie er es verdient, und ich würde trotzdem
mein Versprechen nicht brechen."

Im Herzen des Paters entbrannte ein innerer Kampf. Sein Instinkt riet ihm zu fliehen, doch er war nicht in
der Lage, auch nur einen einzigen Schritt zu tun. Er war gelähmt vor Furcht und einer bizarren
Faszination, die die Geschehnisse um ihn herum auf ihn ausübten.

Fürst und Bischof waren so sehr in das Gespräch mit der Ausgeburt der Hölle vertieft, er könnte fliehen
und den Bischof der Ketzerei und des Paktes mit dem Teufel bezichtigen. Genügend Einflüsse dazu hatte
er in Rom. Doch der Drache würde ihn zu einem Häufchen Asche verbrennen, noch ehe er einen Meter
weit gelaufen wäre. Falls dieses Untier so gnädig wäre, ihn auf diese Weise sterben zu lassen. Da wäre
wohl der Scheiterhaufen in Peruggia der leichtere Tod. Andererseits waren die Folterkeller und Kerker
Peruggias berüchtigt und gefürchtet.

Er war so sehr in Gedanken versunken, dass er erschrocken zusammen zuckte, als der Bischof das Wort
an ihn richtete.

"Ego te excommunicatio ferendae et latae sententiae."

Ponnicraccelone war wie vom Donner gerührt. Das war für einen gottesfürchtigen Menschen, wie er es
war, die schlimmste Bestrafung, die über ihn verhängt werden konnte: Als Exkommunizierter durfte er
nicht einmal mehr die Sterbesakramente empfangen, geschweige denn sein Amt als kirchlicher
Seelsorger weiter ausüben. Wenn, dann könnte nur noch der Papst persönlich die Exkommunikation
aufheben.

"Du hast mit Deinen Taten, insbesondere mit der Ermordung von Menschen, das Gerichtsverfahren
durch die Heilige Inquisition verdient", fuhr Pietro fort. "Du weißt so gut wie ich, was Dich bei den
Verhören in Peruggia erwartet. Auch wird es nur einen möglichen Urteilsspruch geben. Da jedoch sowohl
der Fürst als auch ich der Meinung sind, dass die Heilige Inquisition nicht das von Gott gewollte
Instrument zur Sühne von Verfehlungen darstellt, überlassen wir Dich der Gnade des Drachens, dessen
Feueratem das reinigende Fegefeuer im Namen des Herren sein möge."

Damit wandte sich der Bischof ab und Buonsensello öffnete sein todbringendes Maul.

Die schrillen Schmerzensschreie stieß der Pater nicht aufgrund der Hitze der Flammen, die den
Menschen einhüllten, aus, sondern sein Körperbau begann sich zu verändern: Vom aufrecht stehenden
Mann hin zur vierbeinigen Kreatur. Knochen und Gewebe wuchsen und bildeten sich zurück und
Ponnicraccelone durchlitt jede einzelne Sekunde seiner Transformation, Sekunden, die zu unendlichen
Stunden voller Qual wurden.

Nachdenklich betrachtete Buonsensello sein Werk und wandte sich schließlich an seine Freunde: "Sein
Herz und sein Verstand waren so sehr mit dem Hass auf meine Art vergiftet, dass ich zuerst erwogen
hatte, ihn in einen Artgenossen zu verwandeln. Denn gibt es ein schwereres Los als etwas zu sein, das
man sein Leben lang abgrundtief gehasst und leidenschaftlich bekämpft hat? Doch dieser Mann ein
Drache - das wäre ein Hohn für meine Art gewesen. Daher habe ich ihn in eine Form gesteckt, die seinem
Wesen entspricht. Die Menschen hier haben den Drachen gefürchtet und gehasst, der ihrer Meinung
nach ihr Vieh und ihre Kinder raubte. Nicht jedoch die Drachen an sich. Ratten hingegen werden bei den
Menschen immer und überall Unbehagen und Abscheu hervorrufen. Mehr habe ich in dieser
Angelegenheit nicht mehr zu sagen."

"Eine weise Entscheidung", lobte Giuseppe und lächelte.

"Amen!" fügte der Bischof hinzu.

"Was wird nun aber aus dieser Frau?" fragte der Drache und berührte Virghuena mit seiner
Schnauzenspitze. "Sie war die einzige von den Dreien, die heute Nacht nicht gelogen hatte."

Giuseppe warf einen langen, nachdenklichen Blick auf den reglos daliegenden Frauenkörper.

"Da sie seit einiger Zeit verwitwet ist und ihr Sohn Piccollino an sich nicht mehr existiert, zumindest nicht
als Mensch, würde ihr von Rechts wegen das Gestüt zustehen. Aber so ganz ohne Mann im Haus?"

"Das mag wohl wahr sein. Vielleicht jedoch hält der Herr in seiner Güte einen Ehemann für sie bereit, der
die Arbeit Piccollinos im Sinne seines Vaters fortführen wird. In der Zwischenzeit bedarf sie jedoch des
seelischen Beistands, nach alledem, was ihr in letzter Zeit widerfahren ist. Ich werde versuchen, sie in
einem der Klöster im Umland unterzubringen. Die Frage jedoch bleibt, ob wir sie der Gerichtsbarkeit
ausliefern müssen."

Giuseppe schüttelte den Kopf.

"Dein Drache hat ihre Unschuld zweifelsfrei erwiesen. Dass die Contessa heute Nacht hier draußen war,
kann man nicht als Strafgrund gegen sie anführen. Ponnicraccelone und ihr eigener Sohn haben sie aufs
Schändlichste hintergangen und verraten. Ihr könnte man höchstens eine gewisse Naivität, mit der sie
bisher durch das Leben gegangen ist, zur Last legen, doch kann man daraus mit Gewissheit nicht einen
Anklagepunkt konstruieren. Ich würde sagen, das Kloster ist für sie wahrlich der geeignete Ort, damit sie
dort zu sich selber finden kann und aus den Vorfällen eine Lehre zieht."

In der Ferne krähte ein Hahn und verkündete damit den Anbruch eines neuen Tages.

Der Monte Ingino erglühte in einem kupferfarbenen Rot, als die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne
die Regenwolken durchbrachen.

Ein stolzer Adler zog hoch in den Lüften seine einsamen Kreise und spähte mit seinen scharfen Augen
nach seiner ersten Beute an diesem wunderbaren Morgen.
Der Erdbeerdrache

Durch das geöffnete Fenster drang fröhliches Vogelgezwitscher und die ersten Strahlen der
Frühsommersonne liebkosten Thrinidates Gesicht. Doch wurde diese friedliche Morgenidylle durch ein
lautes Rauschen empfindlich gestört.

Thrinidates war sofort hellwach und übellaunig sprang er aus dem Bett. Er erkannte dieses Geräusch und
schon stieg ihm auch der charakteristische, schwere Geruch eines Drachens in die Nüstern.

Doch als er an das Fenster trat, sah er nur noch die gewaltige Drachensilhouette am Horizont
verschwinden.

Zornig stapfte Thrinidates auf und streckte seine Hände aus, von denen blaue Lichtbögen und kleine
Feuerbälle sprangen.

"Du elender Dieb! Lass Dich bloß nicht noch einmal erwischen! Das sind meine Erdbeeren! Hast Du
verstanden, Du missratene Kreatur? Meine Erdbeeren!"

Kopfschüttelnd wandte sich Thrinidates ab und trat an den großen Spiegel, während er überlegte, in
welche Robe er für diesen Tag schlüpfen wollte.

Wie alle Geschöpfe des Pferdegeschlechts war auch Thrinidates ziemlich eitel, zumal es sich bei ihm nicht
um ein schlichtes Einhorn, sondern um einen anthropomorphen, gehörnten Pegasus, im Volksmund auch
Alicorn genannt, handelte.

Thrinidates war eine beeindruckende Erscheinung: Sein Fell war von kräftiger brauner Färbung, seine
seidige Mähne und auch seine Fesselbehaarung jedoch waren hellbraun wie Milchkaffee. Von gleicher
Färbung war auch der Stirnstern aus dessen Mitte das einzelne, zur Spirale gewundene Elfenbeinhorn
steil herausragte. Seine grünen Augen waren trotz fortgeschrittenen Alters immer noch tief und klar und
die einzelnen Federn seiner prächtigen Schwingen, die von der Färbung und Musterung an
Bussardschwingen erinnerten, saßen immer noch fest und in perfekter Ordnung.

Thrinidates war Meistermagier und gehörte nach wie vor dem Magischen Zirkel an, doch hatte er schon
seit einigen Jahren die praktische Magie aufgegeben, um sich ausschließlich seinem Hobby, der
Gärtnerei, zu widmen.

Der prachtvolle Garten rund um sein Anwesen war sein ganzer Stolz und vor allem das große
Erdbeerfeld, auf dem er nur die edelsten und kostbarsten Erdbeersorten anbaute, deren
Wohlgeschmack landauf, landab legendär war, war sein Heiligtum.

Natürlich konnte Thrinidates niemals so viele Früchte selbst verzehren, wie hier wuchsen und daher
machte es ihm auch nicht das Geringste aus, wenn sich Kinder oder vereinzelte Wanderer, die es durch
Zufall auf sein Grundstück verschlagen hatte, an den Erdbeeren und auch an dem anderen Obst, das er in
seinem Garten anbaute, labten.

Doch im Falle des Drachens verhielt es sich anders. Während jeder bei der Erdbeerernte äußerst
behutsam mit den Pflanzen umging, zumal jeder um deren enormen Wert wusste, richtete der Drache
mit seinen gierig rupfenden Pranken und seinem vor Freude schlagenden Schweif einen großen Schaden
auf dem Erdbeerfeld an.

Auch heute bot sich dem Alicorn erneut ein Bild der Verwüstung, als er in den Garten getreten war, um
den vom Drachen angerichteten Schaden zu begutachten und - soweit möglich - mit einem kleinen
Zauberspruch zu beheben.

Frustriert und wütend schnaubte Thrinidates auf. Diese Arbeit würde ihn mindestens den ganzen
Vormittag kosten und zum wiederholten Male fragte er sich, weshalb dieser Drache so versessen auf
Erdbeeren war. Ausgerechnet Erdbeeren. Drachen sollten sich an Kühen gütlich tun oder an Pferden.
Oder an Rittern und Jungfrauen! Aber doch nicht an Erdbeeren.

"So kann das nicht weitergehen", knurrte Thrinidates und machte sich eine geistige Notiz, nach getaner
Gartenarbeit in seiner umfangreichen Bibliothek nach einer Schutzmöglichkeit für seine Erdbeeren zu
suchen. Vielleicht würde er einen geeigneten Drachenabwehrzauber finden, denn selbstverständlich
wollte er, dass für andere möglichen Gäste weiterhin ein freier Zugang zu seinen Erdbeeren
gewährleistet war.

***

Die Thermiken waren äußerst günstig und dem Drachen genügten nur wenige, kraftvolle Flügelschläge,
um geschwind wie ein Pfeil hoch in der Luft voranzukommen. Petrion war mit sich zufrieden, auch wenn
es diesmal etwas knapper gewesen war als sonst. Diesmal hatte ihn offensichtlich der Zauberer, dem das
herrliche Erdbeerfeld gehörte, gesehen und auch wenn der Drache nicht verstanden hatte, was genau
ihm das Alicorn da nachgerufen hatte, die blauen Blitze, die nach seinem Drachenschweif gegriffen
hatten, waren deutlich genug gewesen.

Ach, der alte Klepper soll sich nicht so anstellen, dachte sich Petrion und leckte sich die Lippen, immer
noch den wunderbaren Geschmack von Erdbeeren in seinem Maul. Übermütig flog er ein großes
Looping. Erdbeeren! Was gab es auf dieser Welt besseres als Erdbeeren - sah man einmal von seiner
wunderbaren Gefährtin Orolyth ab.

Er liebte sie von ganzem Herzen und teilte mit der prachtvollen Erddrachin seine versteckte Höhle im
Hochgebirge.

Das einzige Problem war, sie billigte seine Schwäche für Erdbeeren in keinster Weise. Ein ordentlicher
Drache hatte dafür zu sorgen, dass sich in seiner Höhle Gold und wertvolles Geschmeide befand, nicht
aber seine Kräfte für die Suche nach Erdbeeren zu verschwenden.

Daher behielt er seine regelmäßigen Ausflüge zu dem Erdbeerfeld für sich. Für Orolyth handelte es sich
um tägliche Kontrollflüge, die ihr Gefährte unternahm, um das riesige Revier auf eventuelle Gefahren
abzusuchen, denn in ihrem Leib trug sie die gemeinsame Frucht ihrer Liebe zueinander.

Um zumindest so zu tun, als ob er auf einem solchen Rundflug wäre, überflog Petrion einen kleinen
Weiler und den dahinter anschließenden Wald, doch es gab keinerlei Anzeichen einer drohenden Gefahr.
Kein Ritter oder Drachentöter war seiner Gefährtin oder ihm auf der Spur und die Menschen in diesem
Weiler hatten sich mehr oder weniger an die Gegenwart der Drachen gewöhnt.

Instinktiv achteten Petrion und Orolyth stets darauf, jede Konfrontation mit den Menschen zu vermeiden
und in der Regel hielten sie sich von ihnen und ihren Behausungen fern.

Doch nun drangen der Klang einer Laute und fröhliches Gekicher an sein empfindliches Drachengehör.

***

"... und mit viel Getöse fuhr der Huf in sein Gekröse.

Somit die Moral von der Geschicht’: Wilde Hengste zähmt man nicht."

"Der arme Ritter", kicherte die junge Frau und lehnte ihren Kopf an die Schulter des fahrenden Sängers,
der sorgfältig sein Instrument beiseite legte.

"Mir hat aber die andere Geschichte von seinem Kampf mit dem furchtbaren Drachen besser gefallen",
stellte die andere Frau fest und kuschelte sich ebenfalls an den fahrenden Künstler.

Zufrieden lächelnd lehnte er sich zurück und zog die beiden Mädchen mit sich.

Es war für ihn ein überaus erfolgreicher Tag gewesen. In dem Weiler hatte er als Entgelt für seine
Darbietungen, einige Lieder, Balladen und Tratsch und Klatsch aus fernen Städten, seine Vorräte
auffüllen können und zog nun weiter auf seiner Wanderschaft. Die beiden Schwestern waren ihm
nachgelaufen und wollten bei einem vertraulichen Picknick noch eine kleine Zugabe haben.

"Nun", lächelte er und strich der einen Frau eine blonde Haarsträhne aus ihrem Gesicht, "das waren zwei
Episoden aus dem viel besungenen Leben dieses edlen Recken. Natürlich werden nur die Heldentaten
des Ritters Georg besungen, vor allem sein Sieg über den gewaltigen Lindwurm. Aber wie Ihr jetzt wisst,
hatte er auch einige Fehlschläge einzustecken. Oder sollte ich sagen Tiefschläge?"

"Solange nicht Dein kleiner Ritter von einem Pferdehuf getroffen wurde", kicherte die erste Maid und
beugte sich nach vorne. Die Nachmittagssonne beschien ihren üppigen Busen.

Anzüglich lächelnd strich sie mit zarter Hand über sein Beinkleid aus dünnem Stoff, während das andere
Mädchen kichernd die verspannten Muskeln des Barden massierte.

Auch sie hatte einiges zu bieten und ihre prallen Brüste sprengten beinahe das schon ein wenig
abgetragene Mieder.

"Als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, war noch alles in bester Ordnung", grinste der Sänger und
überließ sich nun ganz den geschickten Händen seiner Bewunderinnen. Schon bald bedeckte nur noch
ein dünnes Hemd seine Männlichkeit, die deutlich sichtbar nach einer bestimmten Form der Zuwendung
verlangte.

Das war das Schöne am Leben eines fahrenden Sängers. Zwar war er die meiste Zeit auf staubigen
Straßen unterwegs und musste oft mit leerem Magen sein müdes Haupt zur Ruhe betten, aber dafür
ergab es sich immer wieder, dass man von verbotenen Früchten naschen konnte.
Es dauerte nicht lange und gedämpfte Geräusche von Lust und Leidenschaft vermischten sich mit dem
Surren von Insektenflügeln und dem allgegenwärtigen Vogelgezwitscher.

Niemand achtete auf den Punkt hoch oben im wolkenfreien Himmel, der ein großer Vogel hätte sein
können, der seine Kreise zog, und weder Barde noch Mädchen kamen auf die Idee, dass ihre
Unterhaltung belauscht und ihr Treiben beobachtet worden waren.

"Gekröse? Was mag das sein? Gekröse - dieses Menschenwort habe ich noch nie gehört?"

Das prachtvolle Geschöpf, das am Himmel seine Kreise zog, verlagerte sein Gewicht nach vorne und
suchte den Platz unter sich nach einer für die Landung geeigneten Stelle ab.

"Es ist sicherlich das Beste, wenn ich diesen Mann direkt befrage. Mit Sicherheit wird er mir Auskunft
darüber geben. Oh, was machen die denn da?"

Die angsterfüllten Schreie der fliehenden Mädchen wurden durch das donnernde Rauschen schlagender
Schwingen verschluckt.

"So wartet doch, ich tu Euch hübschen Maiden nichts, ich will diesem Mann doch nur eine Frage stellen",
rief das gewaltige Geschöpf, das gerade vor den Augen der entsetzten Menschen gelandet war.

Doch die beiden Mädchen waren, nackt wie sie gerade waren, bereits im Wald verschwunden.

"Was... wer... Hilfe!"

Der ebenfalls unbekleidete Barde war aufgesprungen und schlug mit zitternden Armen ein Kreuz. Im
Gegensatz zu den beiden Mädchen hatte er die drohende Gefahr jedoch viel zu spät bemerkt.

"Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich will Dir kein Leid zufügen. Ich wollte Dir nur eine einfache
Frage stellen. Wenn ich Dich eben bei einer bestimmten Tätigkeit gestört haben sollte, bitte ich Dich um
Verzeihung."

Dem Drachen war selbstverständlich bereits der Geruch der Liebessäfte in seine empfindlichen Nüstern
gestiegen und er tat sein Bestes, einen möglichst unschuldigen Gesichtsausdruck zur Schau zu stellen.

Der Barde errötete vor Scham und wagte es nicht, sich zu bewegen. Obwohl er nun völlig unbekleidet da
stand, zitterte er mit Sicherheit nicht vor Kälte.

Vor ihm stand das prächtigste und wohl auch tödlichste Geschöpf, das man sich vorstellen konnte.
Natürlich waren die Lieder und Geschichten, die er zum Besten gab, voll von Drachen und
Drachentötern, doch hatte er nie zuvor ein solches Wesen gesehen.

"Ich... ich...", mehr brachte er immer noch nicht hervor und der Drache blickte mitleidig auf ihn herab.

Sein gewaltiger Leib war von silbernen Schuppen ummantelt, seine Brust und sein Bauch wurden durch
hellere, sich überlappende Hornplatten bedeckt, die härter waren als Titan und sich doch geschmeidig
weich anfühlten.
"Oh, Du zitterst. Aber ich sehe schon, Dir ist kalt - hier!"

Mit einer spielerischen Bewegung seines Schweifes schob der Drache das Gewand, das achtlos zur Seite
geworfen war im Rausch der Leidenschaft, dem Barden vor die Füße.

Den Drachen nicht aus den Augen lassend und weiterhin mit hochrotem Kopf, bückte sich der Sänger
und schlüpfte eilig in die Hosen.

"Verzeih bitte, ich war unhöflich und habe mich noch nicht vorgestellt. Du kannst mich Petrion nennen",
fuhr der Drache mit der recht einseitigen Konversation fort. "Und ich habe die Ehre mit...?"

"A... Angelo Anselmo von der Fuchsheide", brachte der Barde mit Mühe hervor.

"Ich werde Dich einfach Angelo nennen, wenn es Dir recht ist", erwiderte der Drache freundlich und
setzte sich vor dem Menschen auf die kräftigen Hinterbeine. Seinen geschuppten Schweif schlang er
sorgfältig um sie herum und brachte seine große Schnauze auf Augenhöhe mit dem Menschen.

"Wie gesagt, ich bitte Dich um Verzeihung, wenn ich Dich gestört haben sollte. Ich wollte Deine Paarung
mit diesen hübschen Maiden nicht vorzeitig beenden."

Das Gesicht des Sängers war nun dunkelrot vor Scham geworden.

"Das braucht Dir nicht peinlich sein. Wenngleich ich sagen muss, dass die Vereinigung von Euch
Menschen, zumindest soweit ich das nun beobachten konnte, lange nicht so anmutig ist wie die von uns
Drachen und die Größe Deiner Männlichkeit nicht einmal an die von Hengsten, von denen Du zuvor so
schön gesungen hast, heranreicht. Könnt Ihr Menschen Euch wirklich vermehren auf diese Art und
Weise? Aber egal, ich schweife ab. Ich wollte nur eines von Dir wissen: Was ist das Gekröse, von dem Du
eben gesungen hast?"

"Wie bitte?"

Der Barde konnte es nicht glauben. Vor ihm saß ein leibhaftiger Drache, der ihn mit einem einzigen
Schlag seiner Pranke zerquetschen mochte wie eine Laus und eine ganze Stadt mit dem legendären
Feueratem dem Erdboden gleichmachen konnte, und dieser Drache fragte ihn, Angelo, den fahrenden
Sänger, was das Wort Gekröse bedeutete.

Trotz seiner Angst konnte sich der Barde ein Lächeln nicht verkneifen: "Das ist nicht Euer Ernst, oder?"

"Wieso nicht?" fragte Petrion ein wenig verletzt. Er hasste nichts mehr, als sich in irgendeiner Form zu
blamieren und offensichtlich hatte er eine nach Menschenmaßstäben dumme Frage gestellt.

"Ich habe noch nie zuvor dieses Wort vernommen. Ist das eine Schande?"

"Nein! Nein, bitte macht Euch da keine Sorgen."

Allmählich hatte Angelo seine Fassung wieder gewonnen. Sein Beruf als fahrender Sänger erforderte des
Öfteren diplomatisches Geschick, da es immer wieder zu brenzligen Situationen kam. Eifersüchtige
Ehemänner oder besorgte Väter, zum Beispiel. Oder Drachen, die nach Gekröse fragten.
"Es ist nur eine sehr ungewöhnliche Frage, aber ich kann Euch das gerne erläutern. Habt Ihr mein Lied
über den Ritter Georg gehört?"

"Genau aus diesem Grund frage ich ja", entgegnete der Drache und schnaubte seinen warmen Atem in
das Gesicht des Sängers. "Wobei ich festhalten möchte, dass das Erschlagen von Drachen keine
Heldentat ist, die es zu besingen gilt."

"Nun ja, das ist aber das, was mein Publikum hören möchte", rechtfertigte sich Angelo. "Die Menschen
lieben Geschichten über wilde Kämpfe zwischen blutrünstigen Drachen und wackeren Rittern. Aber nun
lasst mich erklären, was mit dem Begriff Gekr... - was schnüffelt Ihr, mit Verlaub, so ungebührlich an
meiner Tasche herum?"

"Oh? Ungebührlich?"

Nun stand dem Drachen die Verlegenheit deutlich ins Gesicht geschrieben.

"Mir stieg nur dieser herrliche, verführerische Duft in die Nüstern und ich fragte mich, von woher..."

"Welcher Duft? Ich bin ein fahrender Sänger und führe nichts von materiellem Wert bei mir. Zumindest
kein Gold oder Geschmeide, also nichts, was für einen Drachen von Interesse sein könnte."

"Was hast Du denn in Deinem Beutel?"

Petrion kümmerte sich im Augenblick nicht darum, dass seine Frage eben ausgesprochen unhöflich war.

"In meinem Beutel? Darin befindet sich nichts weiter als von mir gesammelte Walderdbeeren, die..."

"Erdbeeren!" rief Petrion erfreut aus und trommelte mit seiner Schweifspitze auf den Boden.

"Meinst Du, Du könntest mich noch einmal... nur einmal daran schnuppern und vielleicht..."

Die Gier stand dem Drachen deutlich ins Gesicht geschrieben und der Barde fügte sich seinem Schicksal.
Solange dieses Wesen nur seine Erdbeeren verspeisen wollte...

"Bedient Euch bitte, Herr Drache", lud Angelo den Drachen ein.

"Ich danke Dir von Herzen. Und nun erkläre mir, was das Gekröse sein soll."

***

Kleine Staubwölkchen wirbelten unter seinen Schritten auf, als er die gewundene Steintreppe in das
Kellergewölbe hinab stieg.

Ich muss mir wirklich einmal die Zeit nehmen, hier gründlich sauberzumachen, dachte sich Thrinidates,
als er zum wiederholten Male niesen musste, weil ihm der Staub in die Nüstern gestiegen war.

Die Suche in seiner Bibliothek war erfolglos gewesen, aber ihm war eingefallen, dass er irgendwo in
seinem Keller noch einige alte Folianten aufbewahrte. Er war überzeugt davon, dass er dort fündig
werden würde.
Etliche Stufen und Niesanfälle später stand er fluchend vor einem Berg an Gerümpel und irgendwelchem
Tand, das er in all den Jahren achtlos in den Keller geworfen hatte. Und irgendwo dazwischen sollte sich
eine Truhe mit den Folianten befinden.

Seufzend entzündete er mehrere Lichter, um den Raum zu erhellen, und machte sich an die Arbeit. Wie
so oft schon haderte er dabei mit seinem Schicksal: Zwar war Thrinidates ein Meistermagier, aber es gab
genau eine Art von Zauber, die er niemals beherrscht hatte und auch niemals mehr beherrschen würde:
Ein Zauberspruch, der einem dabei half, Ordnung zu halten.

"Dieser elende Drache", schnaubte Thrinidates, "Statt dass ich in der Sonne draußen bin bei meinen
Pflanzen, muss ich mich hier im Kellergewölbe schinden. Und warum? Nur damit ich meine Erdbeeren
vor seiner Gier schützen kann. Aber das wird er mir teuer bezahlen, das schwöre ich, so wahr ich
Thrinidates, der Meistermagier bin. Oh, was haben wir denn da..."

Aus einem Stapel alter Zauberumhänge zog er eine hölzerne Truhe, deren Schloss bereits durchgerostet
war. Vorsichtig öffnete er sie und holte drei in Leder gebundene Folianten heraus.

"Da sind sie ja. Die gesammelten Zaubersprüche der berüchtigten Hexe Cruella de Firgh!"

Nur allzu gut erinnerte er sich noch an das magische Duell, das er mit ihr vor vielen Jahren ausgetragen
hatte. Sie hatte ihn damals in eine tödliche Falle gelockt und das Duell entschied über Leben und Tod.

Als er sie schließlich besiegt hatte, hatte er alle ihre Zauberutensilien vernichtet, um die Welt vor ihrer
bösen Magie zu schützen - nur diese drei Folianten hatte er aufbewahrt, als Trophäe sozusagen.

Behutsam blätterte er durch die brüchigen Seiten und tatsächlich war ihm das Glück hold. Bereits im
ersten Buch in einem der ersten Kapitel hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte.

"So, mein geschuppter, gieriger Freund!" rief Thrinidates und stürmte die Treppen hinauf in sein
Arbeitszimmer. Vor ihm lag eine Menge Arbeit und er musste bis zur nächsten Vollmondnacht damit
fertig sein - also in ein paar Stunden.

***

Das Gebräu blubberte graubraun vor sich hin, ab und an zerplatzte eine entstehende Blase.

Es stank buchstäblich zum Himmel.

Thrinidates rümpfte die Nüstern und kratze nachdenklich seinen Hornansatz.

"Irgendwas stimmt da nicht. So kann ich das nicht auf das Feld ausbringen. Das stinkt wie Gülle und
niemand würde sich den Erdbeeren auch nur nähern. So habe ich mir deren Schutz vor dem Drachen
auch nicht vorgestellt", murmelte das Alicorn und wandte sich erneut der aufgeschlagenen Seite mit
dem Rezept zu.

Er las laut die einzelnen Zutaten vor:

"Schusternägel - sind drin. Fellhaare eines bei Vollmond mit einer Silberkugel erlegten Werwolfs - passt.
Fünf Esslöffel Olivenöl - habe ich auch reingetan. Saft von einem Kilo katalonischer Orangen - auch drin.
Nunja, nicht aus Katalonien, diese Orangen sind mir zu teuer. Aber die aus meinem eigenen Garten
sollten es doch eigentlich auch tun... Acht Maß Drachenbannkugeln. Habe ich auch reingetan. Oh... ich
habe die Erdbeeren vergessen. Gut, das ist schnell korrigiert."

Thrinidates nahm den Topf mit dem Trank vom Feuer und eilte hinaus in seinen Garten. Es war bereits
später Nachmittag und er würde sich beeilen müssen: Der Trank musste ausgekühlt sein und dann
mittels einer magischen Handspritze über dem Feld im silbernen Schein des Vollmondes ausgebracht
werden. Zum Glück deutete alles auf einen wolkenlosen Nachthimmel hin.

Schlagartig nahm der Trank eine transparente Färbung an und auch der entsetzliche Gestank war
verschwunden, als Thrinidates die Erdbeeren in pürierter Form dem Gebräu hinzugefügt hatte.

Er wartete geduldig, bis der Trank soweit ausgekühlt war, dass er ihn in seine Gartenspritze - er hatte
diese vor einigen Jahrzehnten von einem reisenden Magier im Morgenland für ein geringes Entgelt
erworben - füllen konnte.

Immer wieder ging er im silbernen Mondlicht die einzelnen Reihen des Erdbeerfeldes entlang, hüllte jede
einzelne Pflanze ein in dem feinen Sprühnebel. Dabei murmelte er wiederholt in einem monotonen
Singsang die Worte Cambiate Ladronem Dragonem Fragole.

Wenn der diebische Drache sich noch einmal an seinen Erdbeeren gütlich tun wollte, würde dieser sein
spezielles blaues Wunder erleben - oder sollte man besser sagen rotes Wunder?

Mit einem zufriedenen Grinsen brachte Thrinidates noch den letzten Rest des Zaubertranks aus. Heute
würde er endlich wieder in Ruhe schlafen können ohne befürchten zu müssen, dass der Drache seine
Erdbeerpflanzungen noch einmal verwüsten würde. Sollte es der Drache dennoch versuchen, nun, man
würde sehen...

***

Petrion erwachte grummelnd, als der Morgennebel seine kalt-feuchten Finger nach seinem Schuppenleib
ausstreckte. Missmutig richtete er sich auf und schüttelte sich. Wie er die Vollmondnächte hasste. Zum
einen konnte er da nie richtig schlafen und zum anderen hatte er dann - fiel er schließlich doch noch in
den Schlaf - meist ausgesprochene Albträume.

Diese Nacht war sein Traum besonders bizarr gewesen: Lianenartige Schlingpflanzen hatten sich um
seinen Leib geschlungen und ihn bewegungsunfähig gemacht, während eine schwarze und eine weiße
Ratte, beide weitaus größer als Ratten gemeinhin waren, abwechselnd an seiner Schweifspitze genagt
hatten.

Außerdem hatte sein Bauch die ganze Nacht über rumort und wenn er es genau bedachte, so rebellierte
es immer noch in seinem Magen. Die Kuh, die er noch kurz vor dem Schlafengehen geschlagen und
verzehrt hatte, konnte es nicht gewesen sein. Die war, soweit er es beurteilen konnte, jung und zart im
Fleische gestanden. Es gab eine Erklärung für sein Unbehagen, aber das wollte er sich nicht eingestehen.
Und selbst wenn: Das bisschen Magengrimmen war ein Preis, den er gerne für den Genuss von
Erdbeeren bezahlte. Abgesehen davon war es gar nicht erwiesen, dass es da überhaupt einen
Zusammenhang gab.

"Autsch!" entfuhr es ihm und er rieb sich seinen Bauch.

Sehr eilig verließ er die Höhle.

Als er endlich fertig war mit dem, was er so dringend hatte erledigen müssen, trottete er zu dem nahe
gelegenen Bach, um seinen Durst zu stillen und sich zu erfrischen.

In großen Schlucken soff er gierig das frische Wasser und betrachtete nicht ohne Stolz sein Spiegelbild
auf der Wasseroberfläche.

Er war in der Tat ein prächtiger Drache und stand in der Blüte seines Lebens. Sein Körper strahlte Kraft
und Ausdauer aus.

Er dachte an seine Kämpfe zurück, die er vor nicht allzu langer Zeit ausgefochten hatte mit anderen
männlichen Drachen. Er war daraus als Sieger hervorgegangen, klar und strahlend, und hatte auf diese
Weise das Herz seiner großen Liebe errungen. Kurz darauf hatten sich die beiden zurückgezogen und in
einem wilden Flug sich ihrer Leidenschaft zueinander hingegeben. Sie würden vereint sein, für immer mit
ihren Leibern und mit ihren Herzen.

Mitten in diese süßen Gedanken platzte das erneute Grollen, das seinem Magen entsprang.

"An Deiner Stelle würde ich das nicht tun", ließ sich unmittelbar darauf eine vertraute Stimme
vernehmen, als Petrion einen weiteren Schluck Wasser zu sich nehmen wollte.

Der Drache hob sein stattliches Haupt und blickte geradewegs in die funkelnden Augen seiner Liebsten.

"Orolyth", murmelte Petrion verlegen. Er hatte sich schon gefragt, wo sie nur stecken würde - der Platz
neben ihm in seiner Höhle war heute Morgen leer gewesen.

"Nun, endlich aufgewacht, Du Faulpelz?"

Ihre Schuppen waren wie goldener Wüstensand und ihre Augen glichen flüssigem Bernstein. Sie trat an
ihren Liebsten heran, um ihren schlanken Kopf an seiner Brust zu reiben.

"Du weißt doch, wir haben eine weite Reise vor uns. Es wird höchste Zeit, einen geeigneten Platz für das
Nest zu finden. Ich spüre schon deutlich, dass es schon sehr bald so weit sein wird, mein geliebter,
starker Petrion. Aber so wie es aussieht, hast Du Dich gestern wieder einmal hoffnungslos überfressen.
Mit was diesmal?"

"Ich werde einen Nistplatz für uns finden und ich werde für Dich das Nest mit den funkelnden Sternen
des Himmels schmücken, meine geliebte Orolyth", versprach der männliche Drache mit zärtlicher
Stimme und überhörte geflissentlich ihre spitze Frage. Liebevoll leckte er die Schnauze seiner Gefährtin,
doch die Drachin war viel zu klug und zu erfahren, als dass sie sich auf diese Weise hätte ablenken lassen.

"Du hast wieder zu viele Erdbeeren genascht, ist es nicht so? Und nun säufst Du den Bach leer. Nicht sehr
klug, weißt Du das?"

"Aber ich..."

"Ich habe Dir schon so oft gesagt, Erdbeeren sind keine geeignete Nahrung für ein ausgewachsenes
Drachenmännchen. Zumal ich nun auf Deine Kraft und Stärke angewiesen bin. Ihr Götter! Wie kann man
nur so verantwortungslos und dumm sein?"

Sie gab ihm einen zwar immer noch spielerischen, aber doch auch nachdrücklichen Hieb mit ihrer Tatze
auf seine Schnauzenspitze.

"In diesem Zustand willst für mich die Sterne vom Himmel holen? Deinen Bauch zerreißt es beinahe und
abgesehen davon bist Du ohnehin zu faul, Deine Schwingen zu strecken. Und da sprichst Du davon, des
Nachts zu den Sternen zu fliegen? Wo hast Du diesen Unsinn überhaupt aufgeschnappt?"

"Ich hatte vor kurzem eine sehr interessante Begegnung mit einem fahrenden Sänger und eine sehr
wohlschmeckende obendrein", erklärte Petrion, froh darüber, dass er nun nicht weiter mit dem leidigen
Thema, dass Erdbeeren nichts für ausgewachsene Drachen seien, behelligt wurde.

"Wohlschmeckend? Du hast doch nicht etwa..."

In Orolyths Augen stand blankes Entsetzen geschrieben.

"Nein! Nein! Nicht, was Du denkst!" rief Petrion aus und versuchte seine Gefährtin zu beschwichtigen.

"Ich schwöre Dir, ich habe ihm kein Leid angetan. Wir haben uns nett unterhalten und er hat lediglich
seine Erdbeeren mit mir geteilt."

"Schon wieder Erdbeeren! Und er hat sie mit Dir geteilt, so nennst Du das also", grollte Orolyth und
drückte eine Krallenspitze in Petrions weiches Bauchfell.

"Ich kenne Dich doch. Genommen haben wirst Du sie diesem Menschen. Erst stiehlst Du sie aus den
Gärten dieses Erzmagiers und nun raubst Du auch noch einen wehrlosen Sänger aus. Wahrlich, einen
prächtigen Gatten habe ich mir da in mein Nest geholt!"

"Nein, wirklich, er hat sie mir von sich aus gegeben und..."

"Ja, nachdem Du ihm wahrscheinlich keine Wahl gelassen hast, Du alter Gierschlund."

Petrion seufzte. Weshalb glaubte ihm seine Gefährtin nicht? Er unternahm noch einen zaghaften
Versuch: "Schatz, ich habe ihn nur gefragt, was er in seinem Beutel bei sich führte, da mir dieser
herrliche Duft in die Nüstern gestiegen ist. Und als ich ihn dann darum bat, an dem Beutel schnuppern zu
dürfen, hat er sie mit mir bereitwillig geteilt. Er hätte es ja auch ablehnen können."

Orolyth versetzte ihrem Gefährten einen weiteren Hieb, der nun so gar nichts Liebevolles mehr hatte.

"Und Du meinst, er hätte das wirklich getan? Ein Mensch, der zu einem Drachen aufblicken muss, vor
allem wenn es sich um ein solch stattliches Exemplar wie Dich handelt, würde dem Drachen dann einen
Wunsch abschlagen?"

Petrion ließ den Kopf hängen, als er erkannte, dass es für ihn heute mit Sicherheit keinen gemütlichen,
ruhigen Morgen geben würde.

Orolyth war auch noch lange nicht fertig mit ihrer Standpauke.

"Du dummer, erdbeersüchtiger Gatte. Dein nahezu krankhaftes Verlangen nach Erdbeeren wird noch
einmal Dein Untergang sein und überhaupt..."

Den Rest hörte Petrion schon nicht mehr. Er hatte sich mit seinen Hinterbeinen kraftvoll vom Boden
abgestoßen und stieg mit kraftvollen Flügelschlägen immer höher.

Weibchen! Wissen wenig, plaudern viel, dachte er sich und war zuversichtlich, dass sich seine Gefährtin
in ein paar Stunden wieder beruhigt haben würde.

Nun war nicht nur Petrions Magen verstimmt.

"Ich und erdbeersüchtig, die hat doch einen Klopfer... Was weiß denn schon ein Weibchen von meinen
Bedürfnissen", grummelte er vor sich hin, als er hoch am Himmel seine Bahnen zog.

Er achtete gar nicht darauf, in welche Richtung er flog, doch als er eine prachtvolle Gartenanlage mit
Gewächshäusern und zahlreichen Feldern und Beeten unter sich auftauchen sah, blitzten seine Augen
gierig auf und seine Laune besserte sich schlagartig.

Er verlagerte sein Körpergewicht ein wenig und ging in einen langsamen Sinkflug über.

Er erkannte sehr wohl das dazugehörige Anwesen und für einen kurzen Augenblick dachte er an jene
Lichtblitze, die nach seinem Schweif gegriffen hatten. Doch das Verlangen nach den verbotenen Früchten
war größer als jede Vorsicht oder gar Vernunft.

Mit seinem scharfen Drachenblick konnte er genau erkennen, dass wieder zahlreiche Erdbeeren gereift
waren und auf ihre Ernte warteten. Und Petrion war sich sehr wohl jener Tatsache bewusst, dass es sich
bei diesen Erdbeeren um die wohl exquisitesten Früchte im ganzen Land handelte.

Ein gutes Stück von Thrinidates Anwesen entfernt landete Petrion und legte sorgfältig seine Flügel an.
Voll freudiger Erwartung näherte er sich dem Ziel seiner Begierde, immer wieder vorsichtig in die Luft
schnuppernd und lauschend, ob sich der Besitzer nicht irgendwo versteckt hielt. Aber es schien alles in
bester Ordnung; offensichtlich war Thrinidates ausgegangen. Nun, ein Meistermagier hatte sicherlich
zahllose Verpflichtungen und Petrion ging davon aus, dass er sich ungestört den Bauch voll schlagen
konnte. Sollte der Zauberer wirklich unverhofft auf der Bildfläche erscheinen, nun, Petrion würde sich
blitzschnell in die Lüfte erheben und dann konnte man immer noch sehen.

Mit geblähten Nüstern den herrliche Duft des göttlichen Obstes aufnehmend, stand Petrion am Rande
des Erdbeerfeldes. Er ergötzte sich noch ein wenig an dem Anblick. Sein Schweif peitschte in freudiger
Erregung, als der Drache schließlich sein Haupt senkte und mit spitzen Krallen die erste Frucht pflückte,
freilich dabei versehentlich die Erdbeere mitsamt dem Grün ausreißend.
***

"Das ist doch wohl der Gipfel der Unverfrorenheit!" rief Thrinidates aus, als er in der Ferne eine
Silhouette ausmachte und recht bald schon darin einen Drachen erkannte, der Kurs auf sein Anwesen
genommen hatte.

"So unverschämt, so tolldreist kann doch nicht einmal ein Drache sein", wunderte sich das Alicorn und
lief in sein Arbeitszimmer.

Insgeheim bewunderte er aber den Drachen. Zu schade, dass dieser Drache so sehr irregeleitet war von
seiner perversen Gier nach Erdbeeren.

Thrinidates griff nach einem kleinen Tiegel auf einem der Arbeitstische und gab etwas von einer
gallertförmigen, geruchslosen Masse, die die Farbe von Hafergrütze hatte, in seine Hand. Langsam
verrieb er die Substanz zunächst in seinem Gesicht und verteilte sie auch auf seinem restlichen Körper.

Die Wirkung trat beinahe augenblicklich ein: Die Konturen des Alicorns begannen zu verschwimmen und
er war kaum mehr von seiner Umgebung zu unterscheiden. Thrinidates war stolz auf diese seine
Erfindung: Zwar hatte er in all den Jahren keinen wirksamen Unsichtbarkeitszauber gefunden, aber die
von ihm entwickelte Chamäleoncreme tat genauso gut ihren Zweck und hatte sich in Magierkreisen zu
einem wahren Verkaufsschlager entwickelt. Sie hatte noch einen anderen entscheidenden Vorteil: Sein
eigener Körpergeruch wurde vollständig unterdrückt, so dass ihn nicht einmal Wölfe aufspüren konnten.

Derart präpariert trat er in den Garten und beobachtete in einer Mischung aus brodelndem Zorn,
schelmischer Vorfreude und auch Ehrfurcht den ungeladenen Gast bei seinem Festmahl.

Erdbeere um Erdbeere wanderte in den Drachenschlund und viele Pflanzen fielen Pranken und Zähnen
und einem um sich schlagenden Schuppenschweif zum Opfer.

Welch eine unbändige Kraft, was für ein prachtvolles Geschöpf, dachte sich Thrinidates und wie so oft
schon in seinem Leben wünschte er sich, ein solch prächtiges Wesen zum Gefährten zu haben - oder
zumindest als Zauberlehrling oder auch als Gehilfen. So ein Drache konnte schließlich sehr nützlich sein:
Mit seiner Körperkraft könnte er schwere Gegenstände bewegen - genau das richtige, wenn es darum
ging, beispielsweise einen Keller zu entrümpeln. Darüber hinaus besaßen Drachen einen ausgeprägten
Geschäftssinn, den sich Thrinidates, der nicht nur diese Chamäleoncreme produzierte und vertrieb,
sondern auch magische Beratungsleistungen für jeden, der Rat suchte, anbot - gegen ein entsprechendes
Entgelt, versteht sich -, zu Nutzen machen würde. Zu guter letzt könnte so ein Drache auch ohne
weiteres die Stelle eines Wachhundes einnehmen: Allein schon die imposante Größe des Drachens
könnte mögliche Eindringlinge von seinem Grundstück fernhalten.

Thrinidates seufzte, wohl wissend, dass sich sein Traum in dieser Richtung wahrscheinlich niemals
erfüllen würde, und widmete sich wieder seiner Vorfreude auf das, was nun mit dem frechen
Erdbeerdieb passieren würde. Die Beschreibungen in dem alten Buch waren so ungenau gewesen und
die Illustrationen so sehr verwaschen, dass er keinerlei Vorstellung davon hatte, wie sich das
ausgebrachte Mittel nun tatsächlich auf den Drachen auswirken würde.
Seinen Appetit schien es jedoch schon einmal nicht zu zügeln...

***

Rote und violette Blitze fuhren rings um ihn hernieder, pastellfarbene Explosionen vor seinen Augen
blendeten ihn und sein hämmerndes Herz drohte zu zerspringen. Er hatte die Orientierung verloren -
hoch, tief, oben und unten. Hektisch schlug er mit seinen Schwingen, doch er fiel in eine wirbelnde
Spirale aus Rot, Rosa und Weiß. Die Luft um ihn herum roch fruchtig und er schmeckte Erdbeeren und
verzehrendes Feuer. Sein Fall war ungebremst, die Farben wogten, ein Rausch der Sinne - bis ihn
irgendwann wohlige Wärme umgab und er in einem Meer aus pinkfarbenen Schleiern trieb.

Stöhnend trat er mit seinen Beinen in die Luft und irgendwann meldete ihm sein Unterbewusstsein, dass
er gar nicht abgestürzt war, sondern er auf festem Boden lag - auf dem Rücken mit ausgebreiteten
Schwingen, nicht gerade eine übliche Schlafstellung eines Drachens.

Doch Petrion konnte nicht die Energie aufbringen, sich in eine bequemere Position zu bringen. Eine
bleierne Müdigkeit drückte ihn nieder und wie ein Blitz in der Nacht durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass
er sich kurz nach dem Verzehr der Erdbeeren unendlich müde und schlapp gefühlt hatte und ihn seine
Flügel kaum noch in der Luft halten wollten. Doch schon im gleichen Augenblick, als er darüber
nachdenken wollte, war er schon wieder eingeschlafen.

"Krah!" "Krah!" "Krah!"

Petrion öffnete langsam die Augen. Er hatte keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte, doch der Lärm
sich zankender Krähen weckte ihn.

"Was zum..."

Er brach ab und schloss rasch seine Augen, als das helle Sonnenlicht ihn blendete.

Langsam öffnete er sie wieder und sah aus seinen Augenwinkeln heraus hastige Bewegungen und
Geflatter. Offensichtlich war eine Horde Krähen, warum auch immer, in seine Höhle eingefallen - nur
dass er sich nicht in seiner Höhle befand.

Brennender Durst quälte ihn. Brust und Bauch juckten ihm und er bemerkte gar nicht, dass er sich ohne
Unterlass kratze. Aber am allerschlimmsten war der stechende und hackende Schmerz, den er an seinem
Schweifende verspürte, da wo sein Schuppenschwanz auslief zu einer eleganten Quaste, wie sie sonst
nur Löwen haben.

Er hatte sich eben nicht getäuscht: Er befand sich nicht in seiner Höhle, sondern lag - immer noch auf
seinem Rücken - irgendwo im Freien, wie es sich anfühlte, auf einem Acker. Ärgerlich verscheuchte er
mit einer Bewegung seiner Tatze einige Krähen, die unruhig und mit flatternden Flügeln auf seinem
Bauch herumhopsten. Allmählich klärte sich auch sein Blick und er richtete sich auf, als ihn erneut eine
Welle des Schmerzes von seiner Schwanzspitze her durchlief.

Entsetzt brüllte er auf, als er die Ursache des Schmerzes sah. Die Krähen sprangen laut protestierend von
ihm weg, als er sich hastig aufrichtete - nur, um sich wieder auf seine Schweifspitze zu stürzen.
"Das ist ein Albtraum!" rief er entsetzt und schlug mit seinem Schweif um sich, der so gar nicht mehr wie
ein Drachenschweif aussah.

Statt des Schuppenschwanzes spross aus dem Schweifansatz eine Art dicker, grüner, biegsamer Stängel,
von dem in regelmäßigen Abständen Blätter herauswuchsen. Am Grauenvollsten jedoch war das
Schweifende: Anstelle der ehemals prachtvollen Schwanzquaste lockte eine beinahe kürbisgroße,
vollreife Erdbeere mit ihrem leuchtenden Rot die Krähen an, die gierig mit scharfen Schnäbeln darauf
einpickten.

Petrion wurde rasend vor Schmerz und entsetzt stellte er fest, dass jedes Mal, wenn die Krähen die
Frucht an seinem Schweifende zerhackt und verschlungen hatten, die Erdbeere auf wundersame Weise
sofort wieder nachwuchs.

Gehetzt blickte sich Petrion um und stieß einen Feuerstrahl nach dem anderen gegen seine gefiederten
Peiniger aus. Doch die Krähen ließen sich nicht im Geringsten davon beeindrucken, zu sehr lockte die sich
immer wieder erneuernde, pralle Beere.

Wasser! Ich muss ins Wasser. Hoffentlich träume ich das nur, dachte sich der Drache und setzte sich in
Bewegung. Mittlerweile wusste er, wo er sich befand. Von seiner Höhle war er immer noch ein gutes
Stück entfernt und auf dem Weg dorthin würde er an einem kleinen See vorbeikommen.

So gut es ging, stieß er sich mit seinen Hinterbeinen ab und mit mühsamen Flügelschlägen - die
aufdringlichen Krähen weiterhin im Schlepptau - erreichte er endlich das Linderung verheißende
Gewässer.

Doch als er sein Spiegelbild in der stillen Wasseroberfläche erblickte, hallte sein schmerzerfüllter Schrei
der Verzweiflung über den See: Nicht nur war sein Schweif zu einer Erdbeerranke und seine Quaste zu
einer Erdbeere geworden. Seine ehemals undurchdringbare Vorderpartie schimmerte im gleichen
leuchtenden Rot wie die Frucht an seinem Schweifende. Als er mit einer Tatze vorsichtig über seine Brust
strich, spürte er deutlich jene für die Erdbeerfrucht so charakteristischen, kleinen, gelbgrünfarbenen
Samennüsschen.

Er tauchte seinen Kopf in das eiskalte Seewasser, in der Hoffnung, dass er dadurch aus dem furchtbaren
Albtraum erwachen würde. Doch es war bittere Realität.

Verzweifelt wehrte er erneut die lästigen Krähen ab.

"Was mach ich denn nur?" rief er in das Krähengekrächze.

Petrion konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen. Dennoch war ihm klar, dass er nicht in diesem
Zustand bleiben konnte. Abgesehen von den Schmerzen, die das Angeknabbertwerden verursachte,
jedes Geschöpf im ganzen Land würde sich über ihn lustig machen. Petrion, der Erdbeerdrache - oder
Schlimmeres.

Er brüllte schmerzerfüllt auf, als erneut seine Quastenerdbeere von den Krähen zerpickt wurde, und zog
sich in das Wasser zurück.
Unter enttäuschtem und entrüstetem Gezeter zogen die gefiederten Plagegeister schließlich ab. Doch
Petrion hatte nicht vor, den Rest seines Daseins in diesem See zu verbringen. Aber ihm war bewusst,
dass er sofort wieder zahlreiche Peiniger, die ihn vernaschen wollten, am Hals haben würde, sobald er
nur einen Schritt auf das trockene Ufer machte.

Nur seine Schnauzenspitze schaut aus dem Wasser, als er angestrengt nachdachte. Es war offensichtlich,
was passiert war. Seine Vorliebe für Erdbeeren hatte ihn in diese missliche Lage gebracht.
Wahrscheinlich hatte dieser Zauberer, dem das prachtvolle Erdbeerfeld gehörte, die Früchte irgendwie
verflucht. Was läge also näher, als diesen Zauberer aufzusuchen und ihn zu bitten - nein, zu zwingen,
schließlich war Petrion ein prachtvoller Drache - diesen Fluch von ihm zu nehmen. Doch Petrion verwarf
diese Idee sofort wieder. In dieser Erdbeerdrachengestalt würde er kaum den Magier beeindrucken,
geschweige denn einschüchtern können. Aber um Hilfe zu bitten, kam ebenfalls nicht in Frage. Dazu war
der Drache zu stolz.

Es musste eine andere Möglichkeit geben. Und was noch viel wichtiger war, seine geliebte Orolyth durfte
ihn unter gar keinen Umständen in dieser lächerlichen Gestalt sehen.

Doch wie es der Zufall so wollte, vernahm er just in diesem Augenblick die kraftvoll tönende Stimme
seiner Gefährtin.

"Petrion! Wo steckst Du denn? Ich warte schon seit Stunden auf Dich. Petrion? Bist Du am Ende wieder
auf der Suche nach Erdbeeren? Du nichtsnutziger, verfressener..."

"Ich bin hier, hier im See", rief Petrion Orolyth zu, als er sie hoch über ihm im Himmel kreisen sah.

"Im See? Um diese Zeit?"

Orolyth faltete nach ihrer Landung ordentlich ihre Flügel zusammen und setzte einen besonders
strengen Blick auf, als sie an das Ufer trat.

"Bequemt sich mein Gatte jetzt endlich, sein Bad zu beenden?" fragte sie spitz.

"Ich... ich kann nicht", erwiderte Petrion zerknirscht.

"Was soll das heißen: Du kannst nicht?"

"Das heißt", klagte der geplagte Drache, "dass ich nicht aus dem Wasser kommen kann. Zumindest nicht
jetzt, so lange es hell ist."

Orolyth kniff ihre Augen zusammen und setzte sich auf ihre Hinterbeine, ihren Schweif wickelte sie mit
äußerster Sorgfalt um sie herum. Die Schweifspitze klopfte auf den Boden, für Petrion das sichere
Anzeichen, dass seine bessere Hälfte nicht mehr sehr viel Geduld aufbringen würde.

"Was ist das nun wieder für eine Spinnerei? Hast Du nun nach Deiner übermäßigen Erdbeerlust auch
noch einen Badefetisch entwickelt?"

"Nein, so kann man das nicht nennen", schüttelte Petrion den Kopf.
Kleine Wellen plätscherten sachte an das Ufer, als er sich näher heran schob, dabei immer darauf
bedacht, dass nur sein Kopf aus dem Wasser ragte.

"Mir reißt gleich der Geduldsfaden! Wenn Du nicht augenblicklich herauskommst und Dich wie ein
erwachsenes, verantwortungsbewusstes Drachenmännchen benimmst, dann..."

"Schon gut!" lenkte Petrion seufzend ein und richtete sich langsam auf. "Aber bitte, erschrick nicht und
vor allem, bitte keine Vorwürfe."

"Um Himmels Willen! Petrion! Wie schaust Du denn aus?"

Petrion stand da wie der sprichwörtlich begossene Pudel und bot wirklich einen erbarmungswürdigen
Anblick, als das Wasser von seinem entstellten Körper tropfte. Das Grünzeug, das einst sein stolzer
Schuppenschweif gewesen war, war vom Wasser aufgeweicht - nur die übergroße Erdbeere war
geradezu eine Einladung und prompt hatten sich auch schon wieder die Krähen und auch andere Vögel
gierig darauf gestürzt.

Resigniert zuckte der Drache mit seinem botanischen Körperanhängsel und stöhnte gequält auf, als die
Frucht erneut zerpickt wurde. Doch die Vögel blieben unbeeindruckt und erst als Orolyth drohend auf sie
zusprang, erhoben sie sich zeternd.

Der Blick der Drachin durchbohrte Petrions Herz und er ließ seinen Kopf und seine Flügel noch tiefer
hängen, die Standpauke erwartend, die auch prompt begann:

"So. Offensichtlich hast Du nun ja Deinen Preis bezahlt für Deine krankhafte Erdbeersucht. Wie oft habe
ich Dir gesagt..."

"Das hilft doch jetzt auch nichts mehr, geschehen ist geschehen", wagte Petrion zu unterbrechen und
fragte sich zum wiederholten Male, weshalb Drachenweibchen immer mit diesem ominösen hättest Du
bloß oder ich habe es Dir doch gleich gesagt anfingen, nachdem bereits ein Unheil eingetreten war -
darin standen sie in Nichts den Menschen nach, die in diesem Unfug wahre Meister waren.

Orolyth knurrte verärgert ob dieser unqualifizierten Unterbrechung und fuhr fort:

"Und wie gedenkst Du nun, auf Jagd zu gehen? Wie willst Du Dich unbemerkt der Beute nähern, wenn
Du künftig als fliegender Obstkorb einen lärmenden Vogelschwarm nach Dir ziehst und am Boden auch
noch anderes Getier anlockst? Einen Hirschen wirst Du aber nicht anlocken, das verspreche ich Dir. Und
wie willst Du dann genügend Nahrung für mich und unser Junges heranschaffen? Ich werde bald gar
nicht mehr jagen können, wenn der Zeitpunkt gekommen ist."

Wie zur Bestätigung ihrer Worte knabberten nun einige Ratten an Petrions Schwanzspitze und die
Krähen, zusammen mit ein paar Amseln und Spatzen, fühlten sich ebenfalls wieder eingeladen.

Schmerzerfüllt brüllte Petrion auf, als die scharfen Rattenzähne in ihrer Gier auch noch in andere
Körperpartien schlugen, und was noch schlimmer war: Ameisen und anderes Getier krochen über
seinen erdbeerartigen Bauch. Nur mit Mühe konnte Petrion dem Drang widerstehen, ins Wasser
zurückzukehren. Doch Orolyth hatte offensichtlich sein Vorhaben erraten und grollte: "Also, wie soll es
nun weitergehen? Du kannst nicht den Rest Deines Lebens im Wasser verbringen."

Erneut half sie ihm dabei, die Plagegeister abzuwehren und sagte dann: "Wir kehren in Deine Höhle
zurück. Und dann erzählst Du mir genau, was passiert ist. Ich frage mich, warum ich überhaupt bereit
bin, Dir zu helfen. Jedes vernünftige Drachenweibchen würde sich sofort von so einem törichten,
verantwortungslosen Drachenmännchen trennen. Und nun komm, worauf wartest Du? Willst Du hier
etwa Wurzeln schlagen?"

Orolyths Äußerung war gar nicht so falsch gewesen: Als Petrion seinen Schweif bewegen wollte, stellte er
entsetzt fest, dass tatsächlich wurzelartige Auswüchse sich mit dem Boden zu verbinden begannen. Zwar
waren diese Wurzeln nur fadenartig, doch musste der Drache tatsächlich etwas Kraft aufwenden, um die
ungewünschte Verbindung mit dem Boden zu lösen.

"Das kann ja heiter werden", knurrte Orolyth und stieß sich ohne ein weiteres Wort vom Erdboden ab,
ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen.

Petrion folgte ihr schließlich in einigem Abstand.

***

Gierig riss Petrion Fleischfetzen aus der von Orolyth geschlagenen Kuh.

Der Flug zu seiner Höhle war der reinste Spießrutenlauf gewesen - sogar in die Höhle hinein waren die
Plagegeister dem Drachen gefolgt.

Schließlich hatte Orolyth, eine äußerst praktisch denkende Drachin, über Petrion eine Art Schutzdach aus
Steinen und Holz errichtet, so dass kein Tier mehr, abgesehen von Insekten, die Erdbeerquaste erreichen
konnte. Von Vorne sah es so aus, als ob Petrion in der Höhle eingezwängt sei, ähnlich einer zu fetten
Maus, die in ihrem eigenen Mauseloch stecken geblieben war.

Orolyth beobachtete ihren Gemahl mit zusammengekniffenen Augen.

"Du brauchst nicht glauben", stellte sie klar, "dass ich Dich nun durchfüttern werde und zusehe, wie Du
hier schließlich bewegungslos immer fetter wirst, bis Du wirklich fest steckst. Ich überlasse Dir diese
Beute nur deshalb, weil ich viel zu weichherzig bin. Erzähle mir nun genau, was passiert ist."

Petrion blickte auf und seufzte. Vor diesem Augenblick hatte er sich gefürchtet, denn nun musste er
zugeben, dass er wider besseres Wissen zu dem Erdbeerfeld zurückgekehrt war, um erneut von den
verbotenen Früchten zu naschen.

Orolyths Schweif peitschte wütend hin und her. Sie war aufgesprungen, sobald Petrion mit seinen
Ausführungen an der Stelle angelangt war, als er sein Heil in der Flucht in das kühle Nass gesucht hatte.

"Und Du wagst es, Dich hier von mir füttern zu lassen und Dich im Selbstmitleid zu suhlen? Du hättest
schon längst bei diesem Zauberer sein können."

"Das verstehst Du nicht!" rief Petrion verzweifelt. "Er wird mich bestrafen wollen, weil ich seine
Erdbeeren gepflückt habe."
"Ja, und? Das würde Dir nur Recht geschehen. Aber nach der Bestrafung würde er vielleicht den Fluch
von Dir nehmen."

"Ich kann das nicht!"

"Was kannst Du nicht? Zu ihm hingehen und ihn um Verzeihung bitten, mit dem Ziel, dass er den Fluch
von Dir nimmt? Das sollte wohl in Deiner Situation nicht zu viel verlangt sein."

"Nichts da!" rief Petrion trotzig und Drachenstolz glomm in seinen Augen.

"Ich bin ein Drache! Drachen fragen nichts und sie erbitten auch nichts. Sie nehmen sich, was sie wollen."

"Ach, wirklich?" entgegnete Orolyth spitz und zuckte verächtlich mit ihren Flügeln.

"Schau Dich doch nur an, Du wahrlich stolzer Drache. Glaubst Du wirklich, dass irgendwer vor Dir in
Deiner gegenwärtigen Verfassung Respekt hat? Denke an die Vögel, die draußen auf Dich warten."

"Trotzdem, ich werde mich niemals soweit erniedrigen, dass ich diesen Zauberer um etwas bitte. Zumal
der nicht einmal ein Drache ist, sondern nur ein Pferd."

"Offensichtlich aber ein mächtiges Pferd, wenn es zu solchen Zaubereien in der Lage ist. Abgesehen
davon ist das kein Pferd sondern ein Alicorn. Sag mir nicht, mein dummer Gemahl, dass Du noch nie
zuvor von dem mächtigen Magier Thrinidates gehört hast."

"Und wenn schon. Ich werde nicht zu ihm hingehen. Irgendwie werde ich schon klarkommen."

Auch Petrion konnte ungeheuer stur sein.

Statt einer Antwort brachte Orolyth schnuppernd ihre Schnauzenspitze an die rote, fleischige Brust ihres
Gemahls und schnurrte leise: "Doch, ich muss zugeben, so Erdbeeren duften wirklich herrlich. Allmählich
kann ich Deinen Appetit auf diese Früchte verstehen."

Petrions Schmerzensgebrüll hallte ihr noch in den Ohren, als sich Orolyth in die Luft geschwungen hatte.
Sie hatte herzhaft in die erdbeerartige Brust ihres Gemahles gebissen und ein Stück herausgerissen.
Genau wie die Frucht an Petrions Schweif schloss sich diese Wunde sofort wieder.

Er wird schon noch zur Vernunft kommen, dachte sie sich, als sie davonflog. Ich hoffe nur, dass er das
bald tut. Denn ich liebe ihn trotz allem.

***

Der Regen prasselte unbarmherzig hernieder und Petrion tat sich, wie schon so oft in den letzten Tagen,
selber leid.

Natürlich hatte seine Gemahlin Recht gehabt: Seine Erdbeergestalt war alles andere als förderlich für
seinen Jagderfolg. Sobald er seine Höhle verließ, hatte er einen Krähenschwarm im Schlepptau und
deren Gekrächze vertrieb jedes potentielle Beutetier in weitem Umfeld.

Sein Magen knurrte erbarmungswürdig, die Kuh, die ihm Orolyth vor gut einer Woche überlassen hatte,
war seine letzte ordentliche Mahlzeit gewesen. Wurzeln und Rinde waren einfach keine adäquate
Nahrung für einen Drachen - nicht einmal Erdbeeren waren in der Nähe seiner Höhle zu finden.
Selbstverständlich kamen die Erdbeeren aus dem Zaubergarten des Alicorns auch nicht mehr in Frage.
Unter keinen Umständen wollte er dem Magier begegnen, denn er konnte sich nicht sicher sein, welches
Unheil ihn dort noch über den Fluch hinaus erwarten würde.

Plötzlich schreckte Petrion auf: Der Wind wehte ihm den durchdringenden Geruch von Schweiß, Angst
und nassen Haaren an seine Nüstern. Prüfend hob der Drache seine Schnauze in die Luft und genau in
diesem Augenblick vernahm er eine markante Stimme, in der ein Hauch von Unsicherheit mitschwang.

"Erdbeeren! Frische Erdbeeren!"

Petrion war wie elektrisiert. Er hatte die Stimme sofort erkannt. Sie gehörte einem fahrenden Händler,
der sich selbst als Lieferant des Unmöglichen bezeichnete.

Seit wann verkauft der Lieferant des Unmöglichen so etwas Profanes wie Erdbeeren? wunderte sich
Petrion und leckte sich die Lippen. Bisher hatte jener doch nur selbstgebraute, freilich nicht wirksame
Zaubertränke verkauft und war das, was die Menschen als einen Quacksalber bezeichneten.

Eigentlich spielte das aber keine Rolle, dem Drachen knurrte der Magen und der schiere Gedanke an
Erdbeeren ließ ihm das Wasser im Maul zusammenlaufen. Hastig durchsuchte er seine Höhle nach
einigen Goldmünzen, fand diese aber nicht auf die Schnelle.

Aber das war ihm egal. Er würde den Menschen in seine Höhle führen, damit er sich selbst ein Stück aus
dem wertvollen Drachenschatz aussuchen konnte - natürlich nur, wenn die Erdbeeren den hohen
Qualitätsansprüchen des Drachens genügten.

"Erdbeeren, frische Erdbeeren. Erdbeeren aus dem fernen Mediterranea."

Unermüdlich rief der Mann und schwang in seiner rechten Hand eine kleine, verbeulte Glocke, während
er seinen Verkaufswagen über den holprigen Waldboden schob.

Die Geschäfte liefen schlecht und normalerweise hätte er niemals diesen Weg durch den Wald
genommen - schließlich gab es beunruhigende Gerüchte über einen Drachen, der hier hausen sollte und
arme, wehrlose Händler zu überfallen pflegte. Aber ihm war zu Ohren gekommen, dass irgendwo in
diesem Wald eine versteckte Siedlung lag, in der man Erdbeeren über alles schätzte und diese
buchstäblich mit Gold aufwog. Er hatte sich auf den Verkauf von Obst umstellen müssen, da man ihn in
den umliegenden Ortschaften als Scharlatan entlarvt hatte und ihn verjagte, nachdem man ihm seine
sogenannten Zaubertränke abgenommen und vernichtet hatte. Frisches Obst konnte er schließlich ohne
größere Probleme aus Gärten zusammenklauben.

Das Geräusch brechender Zweige ließ ihn im Glockenschwingen innehalten. Doch noch bevor er seinen
Kopf in die entsprechende Richtung wenden konnte, schoss aus dem Unterholz ein gewaltiger Schatten
auf ihn zu und dessen Gebrüll ließ ihn vor Schreck erstarren. Mit gewaltigem Getöse kippte der Wagen
zur Seite und die Erdbeeren kullerten über den Waldboden!

"Oh ja! Erdbeeren! Heute ist mein Glückstag", vernahm der Händler und jetzt erst erkannte er den
gewaltigen Drachen, der sich an den verstreuten Früchten gütlich tat.

"Hey, das sind meine Erdbeeren. Die kannst Du nicht so einfach vertilgen", rief der derart Überfallene
erbost, als er seine potentiellen Tageseinnahmen im Maul des Drachens verschwinden sah.

"Abgerechnet wird später, mein Freund", knurrte Petrion gierig schmatzend. Sein Schweif peitschte vor
Aufregung und Freude hin und her. Endlich konnte er seinen Magen füllen.

"Ich habe in meiner Höhle jede Menge Goldschätze, davon kannst Du Dir später nehmen, was Du willst",
fauchte er und verschwieg klugerweise, dass es sich um die Schätze seiner Gemahlin handelte. Er selbst
hatte niemals etwas für Gold oder ähnlichen Tand übrig gehabt.

"Gold sagtest Du?"

Die Augen des Menschen blitzten gierig auf. Etwas Besseres konnte ihm gar nicht passieren, schließlich
galten Drachen stets als unermesslich reich.

"Ja, Gold", grunzte Petrion und verschlang gierig die restlichen Erdbeeren. Akribisch leckte er auch noch
die Körbe aus.

Als der Drache seinen Hunger gestillt hatte - zum Glück hatte der Händler bisher noch keine Erdbeeren
verkauft gehabt und dessen Warenlager war reich gefüllt gewesen - setzte er sich auf seine Hinterbeine
und blickte zufrieden auf den Erdbeerlieferanten herab.

"Verzeih bitte, falls ich Dich erschreckt haben sollte. Aber mein Magen knurrte und Erdbeeren kann ich
einfach nicht widerstehen. Doch nun folge mir in meine Höhle, damit ich Dich angemessen für Deine
Früchte entschädigen kann - Autsch!"

Petrion hatte vor lauter Freude über die unverhoffte Erdbeermahlzeit die Quälgeister, die mittlerweile
seine ständigen Begleiter geworden waren, vergessen. Doch nun hatten die scharfen Krähenschnäbel
erneut die Quastenbeere zerpickt.

Der Händler warf einen erstaunten Blick auf Petrions Schweifspitze und jetzt erst fiel ihm auf, dass dieser
so gar nicht dem entsprach, was er über diese Wesen bisher gehört hatte.

"Was ist denn mit Dir passiert? Du siehst ja schrecklich aus? Sind das meine Erdbeeren gewesen? Denn
falls Du auf Erdbeeren allergisch sein solltest, kann ich Dir einen Trank geben, den ich zwar momentan
nicht bei mir habe, aber wenn Du mich im Voraus bezahlst, kann ich Dir gerne einige Flaschen davon
zukommen lassen."

"Nicht allergisch", seufzte der Drache. "Aber das ist eine lange und tragische Geschichte. Ich erzähle sie
Dir auf dem Weg zu mir, wenn Du sie hören möchtest."

"Aber gerne doch", entgegnete der Mann.

Zwar hatte er noch keine konkrete Vorstellung, aber die Geschichte eines Erdbeerdrachens, oder was
auch immer dieses Geschöpf war, würde sich mit Sicherheit auf irgendeine Weise als profitabel
erweisen.
"... und schließlich habe ich Deinen Ruf gehört", schloss der Drache seine Erzählung, gerade als sie die
Drachenhöhle erreicht hatten. "Und da sind wir schon. Suche Dir aus, mein Freund, was immer Dir
gefällt."

Das ließ sich der verschlagene Händler nicht zweimal sagen und schon nach kurzer Zeit kehrte er mit
einem wunderschönen goldenen, über und über mit funkelnden Edelsteinen besetzten Pokal zurück.

"Darf ich den hier haben?" fragte der Händler mit unterwürfigem Blick.

"Den?" Petrion kniff die Augen zusammen. "Das ist das Hochzeitsgeschenk von Orolyths Vater. Und
außerdem, ist dieser Pokal nicht etwas zu groß und schwer für Dich? Deine edle, zierliche Gestalt
erweckt nicht den Anschein, im Umgang mit so großen Dingen geübt zu sein. Erlaube mir, Dir einen
kleineren, jedoch nicht minder wertvollen Kelch zu geben."

"Nein, nein, ich bin durchaus in der Lage, diese Bürde zu tragen, noch dazu, wenn es sich um ein Stück
von solch ausgesuchter Schönheit handelt."

Petrion nickte stumm und seufzte: "Nun denn, wie Du willst."

Ausgerechnet dieser Pokal. Wie sollte er das nur seiner Gemahlin erklären. Andererseits, er hatte dem
Mann ja angeboten, dass sich dieser nehmen könne, was er wollte. Und die Ehre eines Drachens verbot
es, sein Wort zu brechen.

Zufrieden und schwer beladen machte sich der Händler auf den Weg zurück zu seinem Wagen. Er
stöhnte und ächzte unter der Last seiner Entlohnung, schließlich war der Pokal beinahe so groß wie er
selbst, und schon bald trat ihm der Schweiß auf die Stirn. Niemals aber hätte er vor dem Drachen
zugeben können, dass dieser Pokal zu schwer und zu groß für ihn war. Menschliche Gier war zuweilen
unermesslich.

Schon bald stolperte er durch den Wald und verfluchte seine eigene Maßlosigkeit. Seine Arme und sein
Rücken schmerzten und bis zu seinem Wagen war es noch weit. Er wunderte sich, dass der Drachen ihn
aus so großer Entfernung überhaupt hatte hören können.

Als seine Beine nachgaben und er der Länge nach auf den matschigen Waldboden hinschlug, beschloss
er, den Pokal irgendwo zu verstecken und den Wagen herzuholen.

***

"Ah, endlich hört der Regen auf!" rief der fahrende Sänger erfreut und packte seine Fiedel aus seinem
Rucksack aus.

Schon seit Tagen versuchte er, für eine neue Ballade eine Inspiration zu finden und so wie die
Sonnenstrahlen durch das nasse Blätterdach der Bäume brachen, dachte er, würde ihm schon bald das
Schicksal eine passende Idee bescheren. Eine Melodie hatte er bereits vor Tagen gefunden, allein der
Text fehlte ihm.

Er spielte gerade die Anfangsakkorde auf seinem Instrument, als sein Blick auf einen umgestürzten,
verwaisten Verkaufswagen fiel. Der weiche Waldboden war von Spuren durchfurcht. Offensichtlich hatte
ein schwerer Kampf stattgefunden.

Der Barde legte seinen Rucksack und seine Fiedel ab und blickte sich ängstlich um.

"Hallo? Ist da wer?" fragte er und blickte sich um.

War da nicht ein leises Wimmern und Stöhnen aus dem Unterholz zu hören? Es klang beinahe wie Mist,
der verdammte Drache hatte Recht gehabt. Er ist wirklich viel zu groß für mich. Aber ich musste ihn
unbedingt haben. Das hab ich nun davon.

Der Barde war aufs Höchste erstaunt, als im nächsten Augenblick eine völlig verstörte und ermattete
Gestalt mit zerrissenem und besudeltem Gewand vor ihm stand.

"Was ist denn mit Dir passiert, mein Freund? Ist das Dein Wagen dort? Bist Du von Banditen überfallen
worden?" fragte er besorgt und blickte sich ängstlich um, ob nicht vielleicht hinter dem nächsten Busch
eine Horde wilder Räuber hervorspringen würde.

"Nein, nein, keine Räuber", keuchte der Mann. "Es war ein Drache. Er..."

Doch hier verstummte der Händler, denn er wollte auf keinen Fall jemandem etwas von dem
prachtvollen Pokal, den er von dem Drachen bekommen hatte, erzählen.

Er überlegte kurz und fuhr fort.

"Es war ganz furchtbar. Wie eine Furie ist dieser Drache über mich hergefallen und er hat mir alles
geraubt, was mit Wichtig gewesen ist. Er hat all meine Habe genommen, obwohl ich mich nach
Leibeskräften gewehrt hatte. Ich habe um mich geschlagen, nach ihm geschnappt, laut um Hilfe gerufen,
doch er war so viel größer als ich, so dass er mich schließlich hochgehoben und in seine Höhle
verschleppt hatte. Nur durch eine List konnte ich ihm entkommen. Wer weiß, was er mir sonst noch
angetan hätte!"

"Ein Drache sagst Du?" fragte der Barde erstaunt.

Es war das erste Mal, dass ihm eine solche Geschichte zu Ohren gekommen war. Schließlich galten
Drachen als ehrenwerte und überaus friedfertige Geschöpfe, die nur im Falle eines Angriffs zu solchen
Zornausbrüchen neigten.

"Wie sah er denn aus?"

In Anselmos Kopf nahm eine bestimmte Idee immer mehr Gestalt an: War das Ganze nicht ein
wundervolles Thema für eine Ballade, eine Moritat?

"Wie er aussah? Ein wahrer Alptraum. Eine Chimäre. Und doch, würde man ihn sehen, würde man nicht
glauben wollen, um welche Bestie es sich handelt."

"Inwiefern?"
"Nun, er war zwar ein stattlicher Drache, doch hatte ihn wohl ein Zauberer verwünscht, so genau weiß
ich das auch nicht, woher sollte ich auch, aber dieser Drache sah irgendwie aus wie eine zu groß
geratene Erdbeere. Zumindest hatte er eine Art Schwanzquaste, die wie eine Erdbeere aussah."

"Wie eine Erdbeere?" In dem Barden keimte ein Verdacht auf.

"War der Drache vielleicht silberfarben, wobei Bauch und Brust etwas heller waren?"

"Silberfarben war er wohl, aber seine Brustpanzerung, wenn es denn eine war, leuchtete rot und
erinnerte ebenfalls an eine Erdbeere. Geduftet hat er verführerisch, das gebe ich zu, aber ansonsten war
es eine mordlüsterne Bestie, wie sie nur aus den tiefsten Höllengründen entsprungen sein konnte. Ein
wahrer Alptraum, der mich mein Leben lang verfolgen wird. Nie wieder werde ich den Anblick von
Erdbeeren ertragen können ohne an die schrecklichsten Momente meines Lebens in den Klauen dieser
Bestie denken zu müssen. Es war einfach furchtbar. Ich kann gar nicht sagen, was er mit mir..."

Hier sank der Händler schluchzend in die starken Arme des Barden, der ihn geistesgegenwärtig auffing.

"Nun beruhig Dich erst einmal. Ich werde Dich in das nächste Dorf bringen, wo Dir sicherlich ein Heiler
helfen kann, das schreckliche Geschehen zu verarbeiten. Mein Gott, was musst Du gelitten haben."

Besorgt schüttelte der Barde seinen Kopf, doch eigentlich hatte er einen Grund zum Jubeln: Das Schicksal
hatte ihm in der Tat eine Inspiration beschert, nämlich in Form dieses Unglücksraben.

Anselmo hatte bereits einen Titel für diese Moritat: Der Erdbeerdrache.

Freilich musste er nun dieser Geschichte genauer auf den Grund gehen, denn seine Erfahrung hatte ihn
gelehrt, fahrenden Händlern nicht so ohne Weiteres Glauben zu schenken, neigten sie doch alle zu
Übertreibungen und farbenprächtigen Ausschmückungen.

Er war sich sicher, dass es sich bei diesem Drachen um jenen gehandelt hatte, er ihn vor einiger Zeit nach
dem Gekröse befragte, doch auch wenn der Drache geradezu versessen auf Erdbeeren gewesen war, so
strahlte er doch jene drachentypische Würde aus, die die geschilderte Untat beinahe unmöglich
erscheinen ließ. Aber wieso sollte dieser Drache nun wie eine Erdbeere aussehen?

"Und Du meinst, der Drache sei von einem Zauberer verhext worden, mein Freund?" fragte der Barde
mit zunehmendem Enthusiasmus.

"Ich glaube schon, denn wie sonst sollte ein Drache wie eine Erdbeere aussehen? Das wäre ja absurd.
Sehe ich so aus, als ob ich mir so etwas ausdenken könnte? Und um auf Deine Frage von eben zurück zu
kommen. Bitte lass mich hier nur ein wenig ausruhen. Ich denke, ich komme dann auch alleine zurecht.
Ich muss nur das schreckliche Ereignis noch ein wenig verdauen. Wenn Du vielleicht etwas zu trinken für
mich hättest?"

Als sich der Barde zum wiederholten Male vergewissert hatte, dass der Händler wirklich keiner Hilfe
bedurfte, verließ er ihn eiligen Schrittes.

Ihm war nur ein einziger Magier bekannt, der einen solch kraftvollen Zauber wirken konnte, und den
würde er nun aufsuchen. Vielleicht würde ihm dieser erzählen, was es mit diesem Erdbeerdrachen auf
sich hatte.

"... und mit viel Getöse fuhr der Huf in sein Gekröse.

Somit die Moral von der Geschicht’: Wilde Hengste zähmt man nicht."

"Der arme Ritter", kicherte das Mädchen von dem fahrenden Volk und lehnte ihren Kopf an die Schulter
des Barden, der sorgfältig sein Instrument beiseite legte.

Zufrieden lächelnd lehnte er sich zurück und zog die Maid mit sich. Erneut hatte sich das Lied
hervorragend zum Erringen von Mädchenherzen geeignet. Alle Frauen, die Anselmo kannte, liebten
Geschichten von prachtvollen Hengsten und strahlenden Rittern.

"Nun", lächelte er und strich der Frau eine schwarze Locke aus ihrem hübschen, südländischen Gesicht,
"das war eine Episode aus dem viel besungenen Leben dieses edlen Recken. Natürlich werden nur die
Heldentaten des Ritters Georg besungen, vor allem sein Sieg über den gewaltigen Lindwurm. Aber wie
Ihr jetzt wisst, hatte er auch einige Fehlschläge einzustecken. Oder sollte ich sagen Tiefschläge?"

"Solange nicht Du an einer empfindlichen Stelle von einem Pferdehuf getroffen wurdest", kicherte sie
und beugte sich nach vorne. Die Nachmittagssonne beschien ihren üppigen Busen.

Anzüglich lächelnd strich sie mit kräftiger Hand über sein Beinkleid aus dünnem Stoff und er fühlte eine
bekannte Regung.

"Als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, war noch alles in bester Ordnung", grinste der Sänger und
überließ sich nun ganz den geschickten und geübten Händen seiner Bewunderin.

Es dauerte nicht lange und gedämpfte Geräusche von Lust und Leidenschaft vermischten sich mit dem
Surren von Insektenflügeln und dem allgegenwärtigen Vogelgezwitscher.

Doch noch bevor der Barde am Gipfelpunkt des Genusses angelangt war, hielt sie inne und grinste ihn
keck an.

"Und ich bin wirklich Deine erste große Liebe?"

"Aber natürlich, meine Blume."

"Dann inspiriere ich Dich doch sicherlich?"

Zärtlich streichelt er über ihr hübsches Gesicht: "Und wie. Zur Zeit arbeite ich an einer Ballade, den Text
hatte ich schon, nur die Musik wollte mir nicht so recht einfallen. Doch Deine Schönheit ließ die Melodie
in mir fließen und nun denke ich, habe ich es geschafft."

"Wirklich?" lächelte sie zuckersüß und setzte sich auf. "Dann lass mal hören."

"Wie Du wünschst, meine Blume", seufzte der Barde und griff nach seiner Fiedel.

"Und danach", versprach sie, "werde ich mich um Dein anderes Instrument kümmern."
Der Sänger lächelte und begann mit dem Vortrag.

Die Moritat vom Erdbeerdrachen

Petrion war ein stolzer Drache ne Zierde seiner Art

doch hat er auch ne große Schwäche sind Erdbeer’n ganz apart

Wo er die Beeren findet, schluckt er sie gierig rein

für ihn da könnt kein anderer Duhuft so arg verlockend sein.

Eines schönen Tages fand er ein Erdbeerfeld

für ihn da gab es nix schönres auf dieser weiten Welt

Das Einhorn das die Pflanzen heget, bekam gar einen Schreck

wo vorher alles rot und prall war, war nichts mehr alles weg

Du schlimmer, böser Drache, schimpft er bei sich auwei

doch half das alles nichts mehr, die Pflanzen warn entzwei

Um dies forthin zu hindern, das Einhorn wob voll List

nen Zauber der den Garten schützet wenn jemand davon isst.

In folgender Nacht schleicht sich schon wieder ein Schatten auf das Feld,

Verputzt die Beeren ganz klammheimlich, was ihm sehr gut gefällt.

Zurück in seiner Höhle, schläft er sogleich dann ein,

der Zauber tuet seine Wirkung, wird drüber nicht sehr glücklich sein.

Am nächsten Morgen trinkt er den halben Bach gar leer,

sein Spiegelbild das er erblicket erschreckt ihn dabei sehr.

Am ganzen vorher schönen Körper hat er wie Streusel jetzt,

ganz viele rote duft'ge Beeren, sein Rücken ganz besetzt.

Sein ganzer Bauch sieht aus jetzt, wie seine Lieblingsfrucht,

die er da im verbotnen Garten die Nacht vorher gesucht.

Zum Gespött der Leute, es wurmet ihn gar sehr,


prangt an der Spitze seines Schweifes ne große rote Beer.

Drum seid gewarnt ihr lieben Leute ich sage Euch es laut

wer in des Einhorns Garten wildert, ihm seine Erdbeer'n klaut.

der wird gar sehr bestrafet, es lohnet sich ja nicht,

hast Du die Früchte Deines Raubes fortan im Angesicht.

Drum lasst den armen Drachen ein warnend' Beispiel sein,

wildert nicht in fremden Gärten sie könnten verzaubert sein.

Niemand achtete auf das Krächzen zahlreicher Krähen hoch im Himmel.

***

Seit ihrer Auseinandersetzung war Orolyth immer noch nicht zu Petrion zurückgekehrt. Nicht, dass es
dem Drachen etwas ausgemacht hätte. Freilich, sie fehlte ihm sehr, doch wusste Petrion auch, dass sie
ihm weiterhin ständig Vorhaltungen machen würde, solang er derart verunstaltet war. Aber genau das
wollte Petrion nicht ertragen - von dem Ärger, den er bekommen würde, weil er für ein paar Maulvoll
Erdbeeren den Kelch, das Hochzeitsgeschenk, hergegeben hatte, ganz zu schweigen.

Das Glücksgefühl der unerwarteten Erdbeerlieferung hatte sich mittlerweile wieder verflüchtigt. Petrions
Magen knurrte vernehmlich, denn die Erdbeeren hatten noch weniger gesättigt als es die vereinzelten
Krähen taten, die versehentlich zwischen den Drachenzähnen endeten, wenn die Plagegeister in ihrer
Dreistigkeit gar zu nahe an Petrions Maul vorbeiflatterten.

Immerhin hatte der Drache gelernt, den Schmerz des Angeknabbertwerdens zu ignorieren.

Nur fiel es ihm schwer, Beute zu jagen. Ständig hatte er den lärmenden Vogelschwarm zur Begleitung,
wodurch jedes in Frage kommende Beutetier in weitem Umkreis gewarnt wurde.

Seine ständigen Misserfolge bei der Jagd veranlassten Petrion schließlich, sich am Herdenvieh der
Menschen gütlich zu tun.

Das wiederum führte zu zahlreichen unliebsamen Begegnungen zwischen Bauern und dem Drachen,
wobei es Petrion nicht entging, dass die Zweibeiner kaum mehr Respekt vor ihm zeigten.

Noch vor einigen Wochen hätte es niemand gewagt, auch nur in seine Nähe zu kommen, geschweige
denn, ihm seine Beute streitig zu machen, doch nun versuchten sogar schon Kinder, die irgendwelche
Herdentiere hüteten, ihn mit Stöcken und Steinschleudern zu verjagen. Freilich hielten sich solche
Übergriffe noch in Grenzen, zumal er solche Angreifer stets sofort Mores lehrte, aber es war
nichtsdestotrotz eine bedenkliche Entwicklung. Dennoch dachte Petrion nicht daran, sich die Blöße einer
Entschuldigung bei dem Alicorn zu geben.
Wie ein Raubvogel kreiste er hoch am Himmel, die Krähen wie eine Wolke hinter sich herziehend. Es
dauerte nicht lange und seine scharfen Augen machten eine etwas abseits gelegene Weide aus, auf der
genüsslich einige Haflinger grasten und auch einige Kühe waren zu sehen. Der appetitliche Duft seiner
Mahlzeit in Spe lag in der Luft. Er konnte sich nur nicht entscheiden, ob Rind oder Pferd, beides duftete
verführerisch.

"Na schön, heute frische Kuh", traf Petrion schließlich die Wahl, sich voller Vorfreude die Lefzen leckend.

Schnell schnappte er noch nach einer besonders aufdringlichen Krähe, bevor er in einen rasanten
Sturzflug überging. Er hatte eine Kuh ausgewählt, die träge herumlag und sein Kommen nicht einmal
bemerkte.

Erst als sich seine todbringenden Krallen tief in ihren Rücken gruben und er sie vom Boden riss, muhte
sie erschrocken auf. Er schleuderte sie kraftvoll über den Weidezaun und sie blieb mit gebrochenem
Rückgrat liegen.

Sowohl der Drache als auch die Krähen und verschiedene Nagetiere hatten sich ihre Bäuche
vollgeschlagen und Petrion wollte sich gerade zu einem kleinen Verdauungsschläfchen zusammenrollen,
als ihm der Wind den Geruch sich nähender Menschen zutrug. Offensichtlich hatte der Lärm des durch
den Angriff aufgeschreckten Herdenviehs den rechtmäßigen Eigentümer alarmiert. Petrion hatte keine
Lust auf eine erneute Konfrontation mit Menschen, so seufzte er mürrisch und stieß sich mit seinen
kraftvollen Hinterbeinen ab. Schwerfällig schraubte er sich mit matten Flügelschlägen in die Luft,
selbstverständlich die immer hungrigen Krähen im Schlepptau.

Petrion hatte längst die Hoffnung aufgegeben, dass diese Vögel einmal genug bekämen von seiner sich
immer wieder erneuernden Quastenerdbeere. Seinen gelegentlichen Feuerbällen wichen sie stets
geschickt aus und mehr als einmal hatte er sich mit dem Drachenfeuer an verschiedenen Körperstellen
selbst versengt.

Als Petrion über eine Lichtung hinweg flog, vernahm er eine Stimme, die ihm wohl vertraut war und das
fröhliche Lachen einer jungen Frau.

Neugierig ging der Drache ein wenig tiefer und kreiste über der Lichtung. Langsam formte sich in seinem
Kopf eine wunderbare Idee: Ein Barde kam schließlich weit herum und würde mit Sicherheit eine Lösung
für sein Erdbeerproblem wissen. Vielleicht hatte er ja irgendwo mal etwas aufgeschnappt, wie man
Flüche lösen konnte.

Doch als er das Lied hörte, das der Barde gerade seiner Liebschaft oder wer auch immer dieses Mädchen
sein mochte vorgetragen hatte, keimte Ärger in dem Drachen auf. Offensichtlich hatte ihn dieser
habgierige Erdbeerverkäufer hintergangen und Gott und der Welt von dem Erdbeerfluch erzählt - und
nun sangen sogar schon die Barden davon...

Das donnernde Rauschen der Schwingen riss die Liebenden aus ihrem Schäferstündchen.

Doch diesmal wirkte der Barde nicht im Geringsten verängstigt und auch die junge Frau zeigte keinerlei
Anzeichen von Furcht, ein Umstand, der dem Drachen nicht entging, genauso wenig wie der forsche Ton,
den der Sänger anschlug.

"Diesmal muss ich Dir aber nicht erklären, was Gekröse ist, nicht wahr? Diesmal willst Du mich direkt
berauben, so wie Du den armen Erdbeerverkäufer überfallen und ausgeraubt hast, nicht wahr?"

"Wie bitte, was?"

Petrion wurde durch diese verbale Attacke völlig aus dem Konzept gebracht. Doch fing er sich sofort
wieder und blickte feste in die Augen des Menschen vor ihm, der so gar keine Scheu vor ihm zeigte. Ob
das an seinem verunstalteten Äußeren lag?

"Ich weiß nicht, wovon Du sprichst, Mensch. Du solltest besser Deine Zunge hüten, wenn Du mit einem
Drachen sprichst."

"Das würde ich, wenn ich mit einem Drachen sprechen würde. Nicht aber, wenn ich es mit einem
gemeinen Dieb zu tun habe, der über wehrlose fahrende Händler herfällt und ihn seiner einzigen Ware,
die er hat, den Erdbeeren, beraubt."

Nun meldete sich auch die Frau zu Wort, die bisher schweigend daneben gestanden hatte.

"Du hast gehört, was mein Liebster gesagt hat. Und nun verschwinde, bevor ich Dir Deine Schuppen
gerbe."

Zu Petrions großer Überraschung hatte sie nach einem dicken Ast gegriffen, den sie nun wie ein Schwert
vor seiner Schnauze hin und her schwang.

Der Drache konnte sich die feindselige Haltung der beiden Menschen nicht erklären: Dieser Frau war er
im Leben nie zuvor begegnet und dem Barden hatte er niemals ein Leid zugefügt. Genauso wenig wie
jenem Händler, von dem der Barde gerade gesprochen hatte. Um ihn herum hüpften die Krähen
krächzend und sich um seine Quastenbeere zankend. Müde schlug er mit einer Tatze nach ihnen und
wandte sich dann mit einem plötzlichen Aufblitzen in seinen Augen an die beiden Menschen.

"Du hast Dich ganz schön verändert, seit ich Dich das letzte Mal gesehen habe", sagte er mit honigsüßer
Stimme zu der Frau. "Vor allem, waren Deine Haare nicht bei unserer Begegnung blond wie das
Sommerkorn im hellen Sonnenlicht? Und wo hast Du Deine liebreizende Schwester gelassen?"

"Wir haben uns nie gesehen. Und ich habe keine Schwester", antwortete sie und beobachtete voller
Misstrauen den Drachen.

"Nicht? Ob ich mich da geirrt habe? Aber Du sagst doch, der da wäre Dein Liebster. Und er hat Dir doch
auch seine Liebe geschworen. Ich habe das genau gehört. Er verwendete die gleichen Worte, wie bei
unserem Zusammentreffen. Sogar die Geschichte von dem Ritter und dem Pferd, das er zähmen wollte,
hat er Dir noch einmal erzählt."

Das war natürlich ein gewaltiger Bluff, denn tatsächlich hatte der Drache nur das Lied über ihn selbst
gehört und ein paar Wortfetzen aus dem Liebesgesäusel der beiden aufgeschnappt. Doch seine
Lebenserfahrung hatte ihm einiges an Weisheit beschert und er kannte die Vorgänge in einem
Menschenhirn. Menschen waren in ihrem Verhalten so vorhersehbar. Seine Rechnung ging auf.

"Was redest Du da?"

Die Frau blickte nun ihren Geliebten an, der mit hochrotem Kopf und hängenden Schultern wie ein
begossener Pudel dastand.

"Das ist ein Missverständnis", sagte er leise und warf dem Drachen einen Blick zu, der Bände sprach: Eine
Mischung aus bodenlosem Zorn und auch Verzweiflung.

"So ist das also", rief die junge Frau und warf den Prügel auf den Boden, um stattdessen ihre Faust zu
ballen.

"Du hast also noch mindestens eine andere. Und ich habe Dir geglaubt, ich habe Dich geliebt, ich..."

"Aber, cara mia, Liebes, ich... lass mich erklären. Ich..."

"Vergiss es!"

Und zu Petrions aber auch zu Anselmos absoluter Verblüffung hatte sie dem Barden eine schallende
Ohrfeige versetzt, die ihn rückwärts taumeln ließ.

Da ließ Petrion ein donnerndes Gebrüll vernehmen, das sogar die Krähen erschrocken aufflattern ließ.

"Schluss jetzt! Hört mich an, alle beide."

Frau und Barde wussten, dass der Drache keinen Widerspruch dulden würde und trotz seines
lächerlichen Aussehens ging von ihm genügend Autorität aus, dass sie beide verstummten und ihn reglos
anblickten.

"So ist es schon besser", grollte Petrion zufrieden und setzte sich auf seine Hinterbeine, seinen
pflanzlichen Schweif so um sich wickelnd, dass die beiden Menschen zumindest nicht die Erdbeere am
Schweifende erblickten, die bereits wieder voller Genuss von einigen Krähen aber auch von einem Igel
beknabbert wurde.

"Ich wollte Euch nur eine Lektion erteilen. So wie sich Deine Gefährtin hier von meinen Worten
beeindrucken hat lassen, hast Du Dich von den Worten von irgendjemandem beeindrucken lassen, ohne
den Wahrheitsgehalt dieser Worte zu hinterfragen."

"Worauf willst Du hinaus, Drache?" fragte die Frau.

"Du hast Deinem Gefährten Misstrauen entgegen gebracht, nachdem ich eine Behauptung aufgestellt
habe, die Du nicht hinterfragt hast. Doch genau das hättest Du tun müssen, denn vielleicht ist die
Wahrheit eine ganz andere, als meine Worte Glauben machten? Ich habe davon gesprochen, dass ich
Deinem Gefährten begegnet bin und er damals eine andere Begleitung bei sich hatte. Aber ich habe mit
keinem Wort erwähnt, dass er Dich betrügen würde. Und wenn ich in das Herz dieses Sängers blicke,
weiß ich, dass er voller Liebe zu Dir ist."
Petrion blickte den Barden an: "Du siehst, was Worte ausrichten können. Doch Du darfst Deiner
Freundin, die wirklich wunderschön ist, keinen Vorwurf machen. Denn auch Du hast irgendwelchen
Worten vertraut, die Dir jemand gesagt hat und nun verurteilst Du mich, ohne mich überhaupt zu
kennen."

"Das stimmt so nicht!" rief der Barde und sprang auf.

"Ich habe recherchiert. Ich war bei dem Magier Thrinidates und er erzählte mir, nachdem ich von dem
Fluch gehört habe, der über Dich verhängt worden ist, was geschehen ist: Von Deiner unnatürlichen Gier
nach Erdbeeren, dass Du vor lauter Gier sogar seine Erdbeerpflanzen zerstört hast und er deshalb Dir
eine Lektion erteilen wollte. Er meinte auch, dass Du..."

"Dass ich jemandem brutal überfallen hätte und ihn seiner Erdbeeren beraubt habe?"

"Nein", widersprach Anselmo sofort. "Das hat Thrinidates niemals geäußert. Diese Aussage stammte von
dem fahrenden Händler, dem ich begegnet bin."

"Einem fahrenden Händler? Hatte dieser Mann eventuell Erdbeeren verkauft?" fragte Petrion, dessen
Verdacht sich nun bestätigte. "Erzähle mir mehr von dieser Begegnung."

Anselmo erzählte dem Drachen, wie er auf seiner Wanderung den umgeworfenen Verkaufswagen
entdeckt hatte und von dem zerlumpten, erschöpften und offensichtlich verstörten Mann, der aus dem
Dickicht gekrochen war. Dass dieser davon berichtet hatte, von einem Drachen angesprungen worden zu
sein und dass dieser Drache all seine Vorräte an Erdbeeren verschlungen hatte. Dieser Anblick sei so
traumatisierend für ihn gewesen, dass er nun keine Erdbeeren mehr verkaufen könne.

"Nachdem er dann den Drachen beschrieben hatte, der ihn angeblich überfallen hatte, habe ich mich an
unsere erste Begegnung erinnert. Daran, dass Du ja auch an meinen Erdbeeren... Interesse gezeigt hast.
Außerdem gab es bereits Gerüchte, dass ein Drache mit einem Fluch belegt worden war. Ich dachte
sofort daran, das Gehörte zu einer Ballade zu verarbeiten. Als ich mich vergewissert hatte, dass der
Mann keine weitere Hilfe mehr benötigte, habe ich sofort den Magier Thrinidates aufgesucht, denn er
war der einzige Zauberer, dem ich eine solche Macht zugeschrieben hatte. Denn ich bin schon jemand,
der sich erst einmal Hintergrundinformationen beschafft, bevor ich ein Ereignis vertone. Nun ja, nach
dem Besuch bei Meister Thrinidates hatte ich dann den Text zu meiner Ballade, doch erst meine
Gefährtin hier inspirierte mich zu der richtigen Melodie. Das war die Moritat vom Erdbeerdrachen, die
Du eben gehört hast."

"Immerhin hast Du Dir die Mühe gemacht, Dir weitere Informationen zu verschaffen. Doch leider hast Du
nicht den Wahrheitsgehalt der Worte dieses Menschen hinterfragt. Denn dazu hättest Du denjenigen,
der auf so üble Weise beschuldigt worden ist, aufsuchen müssen und Dir dessen Version dieser
Geschichte anhören müssen. Erst wenn Du beide Seiten der Medaille hast, kannst Du sie zu einem
stimmigen Ganzen zusammenfügen und Dir dann darüber ein eigenes Urteil bilden."

"Dann lass uns hier nicht dumm sterben", forderte Anselmo den Drachen auf. "Erzähle uns Deine Sicht
dieser Geschichte und ich werde gegebenenfalls den Text meiner Moritat ändern."
Petrion schüttelte den Kopf: "Das wird nicht nötig sein, mein Freund."

Er erhob sich und baute ich in einer leicht prahlerischen Pose vor den beiden Menschen auf.

"Ihr müsst wissen, meine Freunde, dass das, was der Händler gesagt hat, stimmt. Ich bin in der Tat auf
ihn zugestürmt und habe seine Erdbeeren vertilgt und dabei wohl auch in meinem Eifer den
Verkaufswagen umgestoßen, vielleicht sogar zerstört. Das lag nicht in meiner Absicht, genauso wenig,
wie ich die Erdbeerpflanzen des Zauberers zerstören wollte. Es mag auch sein, dass dieser Händler durch
meinen Anblick zu Tode erschrocken ist. Aber er hat, aus welchen Gründen auch immer, nicht erwähnt,
dass ich ihn für diese Erdbeeren mit einem Kleinod, einer Kostbarkeit aus meinem Hort, mehr als
reichlich dafür entschädigt habe. Ich habe diesen Händler zu meiner Höhle genommen und dort durfte er
sich aussuchen als Preis für die verzehrten Früchte, was immer sein Herz begehrte. Er hatte sich für einen
Kelch entschieden, der als Hochzeitsgeschenk für meine über alles geliebte Gemahlin Orolyth und mich
speziell angefertigt worden war. Ich habe sofort erkannt, dass er für ein so schmächtiges Männlein - der
Arme schien seit Tagen schon keine ordentliche Mahlzeit mehr im Bauch gehabt zu haben - viel zu
schwer und zu unhandlich zu tragen gewesen war. Ich habe ihm angeboten, ihm ein kleineres Stück von
gleichem Wert zu geben, aber er bestand darauf, dass er genau diesen Kelch wollte und so ließ ich ihn
von dannen ziehen. Hatte er den Kelch denn nicht dabei, als Du ihm begegnet bist?"

"Leider nein. Aber es würde erklären, weshalb er so mit Schlamm besudelt war und seine Hände waren
verkrustet mit Dreck. Wahrscheinlich hatte er ihn irgendwo im morastigen Waldboden vergraben, weil er
mich für einen Banditen hielt oder irgendetwas in der Art."

"Wie dem auch sei", schloss der Drache, "ich bin nicht gekommen, um mich in irgendeiner Weise zu
rechtfertigen und auch nicht, um Dir einen Vorwurf zu machen oder die moralische Klaue zu heben. Ich
habe Dich gestört, weil ich Deine Moritat über mich vernommen habe und gehofft habe, dass Du mir
helfen kannst. Ich wollte Dich um Hilfe bitten."

"Wenn ich helfen kann, will ich es gerne versuchen."

"Sieh mich an", forderte Petrion den Barden auf. "Ich kann so nicht bleiben. Ich kann nicht mehr auf Jagd
gehen, weil mich dieses lärmende Vogelpack auf Schritt und Tritt verfolgt und verrät. Ich kann meinen
eigenen Anblick nicht länger ertragen. Und, was das Schlimmste ist, meine Geliebte Orolyth hat mich
verlassen. Sie wird erst zurückkommen, wenn ich wieder der alte Petrion bin."

"Aber, wie soll ich Dir da helfen? Ich bin ein fahrender Sänger, kein Magier. Nur ein mächtiger Zauberer
wird den Fluch brechen können."

"Das ist mir schon klar. Aber ich dachte, vielleicht hast Du auf all Deinen Reisen... etwas gehört, was mit
weiterhilft. Vielleicht weißt Du jemanden, an den ich mich wenden kann in meiner Not."

Der Barde lächelte: "Hast Du es schon mal mit dem Zauberer versucht, der Dich mit diesem Fluch
geschlagen hat?"

"Du meinst, Meister Thrinidates?"

Petrion kratzte sich verlegen seine rote, erdbeerartige Brust.


"Das geht nicht", sagte er leise.

"Wieso sollte das nicht gehen?" fragte Anselmo verständnislos.

"Das verstehst Du nicht. Ich kann nicht einfach zu ihm gehen und ihn darum bitten, dass er den Fluch von
mir nimmt."

"Und warum nicht? Ich denke mir, dass er es sogar tun wird, wenn Du ihn darum bittest. Vielleicht
wartet er sogar darauf. Natürlich wirst Du ihn für den wiederholten Erdbeerdiebstahl um Verzeihung
bitten müssen."

"Du redest schon genauso einen Unsinn wie meine Orolyth", grollte Petrion und stieß einen Rauchkringel
aus seinen Nüstern aus. "Strapaziere nicht meine Geduld - autsch! Was war das?"

Ärgerlich blickte der Drache zu seinem Schweif und war überrascht, dass er dort neben den üblichen
Krähen auch die Gefährtin des Sängers erblickte. Mit einem großen Messer hatte sie einfach ein großes
Stück Fruchtfleisch aus seiner Erdbeerquaste herausgeschnitten.

"Doch, das ist wirklich lecker. Möchtest Du auch ein Stück probieren, Anselmo?"

Sie grinste und Petrion tat sein Bestes, um seinen Schweif in Sicherheit zu bringen.

"Und Du bist Dir wirklich sicher, dass Du es nicht über Dich bringen kannst, mit dem Meistermagier zu
sprechen? Eine Schande. Andererseits, ein Erdbeerdrache hat seinen Vorteil. Und wie ich sehe, wächst
die Frucht auch gleich wieder nach. Cara mia", der Barde blickte nun die junge Frau an, "bitte probiere
doch mal ein Stück Frucht von seiner Brust."

"Was erlaubt Ihr Euch eigentlich!" brüllte Petrion zornig und breitete im gleichen Augenblick seine Flügel
aus.

Kraftvoll stieß er sich mit seinen Hinterbeinen ab und ließ zwei Menschen zurück, die sich anblickten und
lachten.

Sie sahen den von seiner Kräheneskorte umgebenen Drachen von dannen ziehen und als er außer
Sichtweite war, beschäftigten sie sich wieder mit sich selbst, die Welt um sich herum vergessend.

***

Die Milch zauberte filigrane Wölkchen in den Tee, als der Meistermagier gedankenverloren in seiner
Tasse umrührte. Dabei wippte anmutig sein spiralförmiges Horn auf seiner Stirn. Dass er Besuch
bekommen würde, daran hatte er nicht im Geringsten gezweifelt, aber er hatte nicht mit dieser
Besucherin gerechnet.

"Natürlich hast Du vollkommen Recht, meine hoch verehrte Orolyth. Zumal gerade in Deinem Zustand
solche Aufregungen nicht gerade förderlich sind und in der Tat brauchst Du einen zuverlässigen Gatten
mehr denn je, der nun einen geeigneten Nistplatz für die Aufzucht Eurer Jungen findet. In diesem Punkt
kann ich Dir auch behilflich sein. Aber bezüglich der Lösung des Fluchs, nun, ich fürchte, da muss sich
Petrion schon persönlich bei mir einfinden. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich ihm eine Buße
nicht ersparen werden kann."

Die Drachin nickte zustimmend und ihre hellen, sandfarbenen Schuppen glitzerten im Sonnenlicht wie
geschmolzenes Gold. Doch ihre zuckende Schwanzspitze verriet ihre Unzufriedenheit, wobei sie sich
selbst nicht darüber im Klaren war, ob sich ihr Unmut gegen Thrinidates wendete oder gegenüber ihren
Gemahl, der sie in diese missliche Lage gebracht hatte. Drachen waren nun einmal unsagbar stolze
Kreaturen und es hatte sie ein großes Maß an Überwindung gekostet, den Meistermagier in dieser
Angelegenheit aufzusuchen. Doch hatte er ihr die buchstäblich goldenen Brücken gebaut und hatte
einen Kompromiss angeboten, den auch der stolzeste Drache in dieser Situation eigentlich nicht
ablehnen konnte.

Sie setzte sich auf ihre Hinterbeine und blickte durch das weit geöffnete Fenster in das düstere
Arbeitszimmer direkt in die Augen des Alicorns. Es war nicht Unhöflichkeit oder gar Ablehnung der Grund
dafür, dass Thrinidates seine Besucherin nicht herein gebeten hatte - es lag schlichtweg an Orolyths
Größe. Zwar waren die Eingangshalle und das pompöse Stiegenhaus, ja sogar die Kellergewölbe groß
genug, dass darin ein ausgewachsener Drache genügend Platz finden konnte, aber nicht die einzelnen
Zimmer. Außerdem hatte es auch Orolyth vorgezogen, lieber im hellen Sonnenlicht zu sitzen als in der
kahlen, kühlen Eingangshalle. Daher unterhielten sich Alicorn und Drachin durch das Fenster.

"Also, mein Gemahl soll Dir für eine bestimme Zeit als Dein Sklave dienen und im Gegenzug nimmst Du
den Fluch von ihm und wir dürfen uns, bis unser Nachwuchs groß gezogen ist, auf Deinem Grundstück
einrichten?"

Thrinidates lächelte: "Es wäre mir eine große Ehre, wenn auf meinem Grund und Boden neue Drachen
das Licht der Welt erblickten, in der Tat. Du hast den dichten Wald gesehen, er würde genug Nahrung
und Schutz für Euch bieten. Aber es stimmt nicht, dass Dein Gemahl mir als Sklave dienen soll. Er soll mir
nur bei einigen Aufgaben behilflich sein, seine helfenden Tatzen geben, um es so auszudrücken."

Orolyth schnaubte auf: "Du kannst Dir nicht vorstellen, wie stur Petrion sein kann. Sein Stolz geht ihm
über alles, mit Mitteln der Vernunft wird man nicht zu ihm durchdringen können. Allerdings habe ich
auch keine Lust, ihn anzubetteln, auf Deinen Vorschlag einzugehen."

Ihre Augen blitzten und sie fügte grollend hinzu: "Außerdem habe ich ihm klipp und klar gesagt, dass er
mich erst dann wieder zu Gesicht bekommt, wenn er Vernunft angenommen hat."

Thrinidates seufzte. Nicht nur Petrion war stolz und stur. Drachen eben. Er trank die Tasse leer und
erhob sich.

Aus einer eleganten Glasvitrine holte er eine etwa kürbisgroße Kristallkugel und stellte sie auf einen
kleinen, mit Runen verzierten Holztisch.

Er murmelte einige Worte und blickte konzentriert in die Kugel, in der sich langsam ein Bild
manifestierte. Gespannt blickte ihm die Drachin über die Schulter und schnaubte überrascht einen
Rauchkringel aus ihren Nüstern, als sie ihren Gemahl erblickte. Es war ein trauriger Anblick. Der
einstmals so stolze Drache lag am Boden und sprach mit zwei Menschen, einer jungen, südländisch
aussehenden Frau und einem Mann, während freche Krähen mit scharfen Schnäbeln immer wieder auf
die leuchtend rote Erdbeere, die einst eine Schweifquaste gewesen war, einhackten. Auch andere
Waldbewohner taten sich gütlich an dieser Frucht.

"Ich denke mal", kommentierte Thrinidates das Geschehen, "Du brauchst ihn gar nicht lange überreden,
zur Vernunft zu kommen. Das tun schon diese beiden Menschen und, ohne es zu wissen natürlich, die
Krähen."

Thrinidates räumte die Kugel wieder an den für sie vorgesehenen Platz, nicht ohne sie zuvor mit einem
Lederlappen rituell gesäubert zu haben und fuhr fort: "Petrion wird mir schon sehr bald einen Besuch
abstatten. Du kannst Dir in dem Wald schon einen geeigneten Unterschlupf suchen. Ich verspreche Dir,
Orolyth, es wird alles in Ordnung kommen."

Die Drachin nickte und trat einige Schritte zurück. Sie nickte Thrinidates huldvoll zu und wandte sich in
einer eleganten, fließenden Bewegung, die dem Alicorn vor Bewunderung den Atem stocken ließ, um.
Mit ihren Hinterbeinen stieß sie sich ab und schwang sich mit kraftvollen Flügelschlägen hoch in den
wolkenlosen Himmel.

Thrinidates blickte Orolyth hinterher, bis von ihr nur noch ein winziger, unbedeutender Punkt zu sehen
war, und machte sich anschließend an die Arbeit. Er wusste, dass er spätestens am nächsten Tag noch
einmal Besuch haben würde und er wusste auch, dass das Brauen des entsprechenden Antidots weitaus
aufwendiger und komplizierter sein würde als die Erstellung des ursprünglichen Erdbeerschutzmittels.

***

Diese unglaubliche Respektlosigkeit, mit der man ihm begegnet war, nagte an seinem Drachenstolz und
wütend stieß er mehrere Feuersalven gegen die Krähen, die ihm nach wie vor nachstellten, aus. Der
Geruch verbrannter Federn verriet ihm, dass seinem Zorn der eine oder andere Plagegeist zum Opfer
gefallen war, doch sofort tauchten buchstäblich aus dem Nichts neue, gefiederte Störenfriede auf. Die
Worte Anselmos hatten sich in sein Gehirn gebrannt: "Nur ein Meistermagier kann diesen Fluch lösen."

Petrion wusste so gut wie jedes andere Wesen auch, dass es keinen Magier gab, der an die Fähigkeiten
Thrinidates heranreichen konnte. Doch Petrion war nun einmal ein Drache. Unmöglich konnte er zu
diesem Magier gehen, der zu allem Überfluss auch noch eine Art Pferd war, zwar geflügelt und gehörnt -
und mit Zauberkräften obendrein versehen, aber immer noch im Grunde nach ein Pferd. Nein, es musste
doch einen anderen Weg geben.

Petrion konnte keinen klaren Gedanken fassen, während er ziellos über Wälder und Wiesen unter ihm
flog. Immer wieder erschien ihm das Bild seiner geliebten Orolyth. Würde er sie wiedersehen? Würde sie
zu ihm zurückkehren? Er liebte sie über alles und er wollte sie nicht verlieren - um keinen Preis der Welt.
Doch sie hatte ihm klar gemacht, was sie von ihm und seinem Verhalten hielt und sie ließ ihm praktisch
keine andere Wahl - wenn er sie wieder sehen wollte. Doch einfach war es nicht. Andererseits,
momentan war nicht mehr viel von seinem Stolz und seiner Würde geblieben: Die Menschen hatten die
Unverfrorenheit besessen, ihn zu verspotten, ja ihn tatsächlich zu berühren - das klang besser als ein
Stück aus seiner Schweiferdbeere zu schneiden -, er litt Hunger, weil er kaum mehr Beute schlagen
konnte und zu allem Überfluss verbreitete ein dahergelaufener fahrender Händler Halbwahrheiten und
Unrichtigkeiten über den Drachen, die ebenfalls seinem Ruf schadeten. So konnte es nicht weitergehen.
Nur, was sollte er tun? Zu dem Anwesen des Zauberers fliegen, an der Tür klopfen und sagen: "Hallo, ich
bin der Drache, der Deine Erdbeeren gefressen hat. Bitte vergib mir und nehme diesen Fluch von mir."

Das würde vielleicht ein Mensch tun, oder dieser Schakal von einem Händler, aber niemals ein stolzer
Drache. Eine andere Option wäre natürlich, Teile des Anwesens in Schutt und Asche zu legen, den
Zauberer aus seinen schützenden Mauern herauszuholen und ihn unter Anwendung geeigneter
Maßnahmen zur Rücknahme des Fluches zu bewegen. Bestimmt war auch ein Meistermagier nicht
besonders hitzebeständig oder aber der Meistermagier würde es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht
besonders schätzen, wenn scharfe Drachenkrallen sein makelloses Fell durchfurchen würden oder gar
das Horn abgebrochen würde...

Petrion verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Ein solcher Akt der Rohheit könnte sich weiter negativ
auf seinen Ruf auswirken und abgesehen davon, wenn Thrinidates nur halb so mächtig war, wie alle
behaupteten, würde sich das Alicorn mit Sicherheit zu wehren wissen. Und selbst wenn es Petrion
gelingen würde, in einem Kampf den Zauberer zu besiegen, welchen Nutzen hätte das schon?
Thrinidates würde eher sterben als ihm zu helfen und er würde für alle Zeiten als Erdbeerdrache das
Gespött der ganzen Welt sein. Nein, diese Option war keine und daher dachte Petrion weiter über seine
Situation nach.

Vor lauter Sinnieren bemerkte er gar nicht, wie er auf Thrinidates Anwesen zusteuerte.

Endlich hatte Petrion sich einen Plan zurechtgelegt, als er landete. Immer wieder hatte er mögliche
Entschuldigungen formuliert, diese kurz überdacht und dann verworfen. Es war eine delikate
Angelegenheit, denn schließlich war der Drache es gewesen, der dem Alicorn Schaden zugefügt hatte,
auch wenn es sich nur um Erdbeeren gehandelt hatte. Der Zauberer hatte daraufhin nur eine Maßnahme
ergriffen, sein Eigentum zu schützen, indem er dem Erdbeerdieb eine ordentliche Lektion erteilte.
Andererseits gehörte der Zauberer aber einer Spezies an, die von Standpunkt der natürlichen Ordnung
aus an sich Beutecharakter hatte.

Leise seufzend setzte Petrion ein wenig unbeholfen auf. Er würde den Zauberer aus seiner Behausung
heraus bitten, um den entwürdigenden Akt des Entschuldigens so schnell wie möglich hinter sich zu
bringen - hoffentlich wurde er dabei von niemandem beobachtet.

Petrion hatte noch nicht einmal seine Flügel ordentlich hinter seinem Rücken gefaltet, als Thrinidates
bereits vor ihm stand.

"Wie schön, der Erdbeerdrache ist schließlich doch noch zu mir gekommen. Und da Du mich so inständig
um Verzeihung für Deinen Frevel an meinen Erdbeerpflanzen bittest, will ich Dir vergeben. Doch Strafe
muss sein, bevor ich den Fluch von Dir nehmen kann."

"Wie? Was? Ich...", stammelte Petrion verwirrt.

Thrinidates eigenartige Begrüßung hatte ihn völlig aus dem Konzept gebracht und trotzdem tat ihm das
Alicorn einen unschätzbar großen Gefallen damit. Auf diese Weise konnte Petrion sein Gesicht vor dem
Magier wahren, da er nun nicht von sich aus um Verzeihung bitten musste. Aber jetzt wartete
Thrinidates auf eine entsprechende Antwort.

"Ja... in der Tat."

Petrion versuchte eine möglichst reuevolle Miene aufzusetzen, was ihm jedoch gründlich misslang. Aber
nun war es endlich ausgestanden.

Thrinidates lächelte: "Siehst Du, das was doch gar nicht so schwer. Und wie der Zufall so will, bin ich
gerade dabei, ein entsprechendes Gegenmittel zu brauen, damit Du bald wieder Deine ursprüngliche,
prachtvolle Gestalt zurückerhältst."

"Wirklich? Das ist nett von Dir."

Petrions Miene hellte sich auf. Bald würde er wieder ein normaler Drache sein, seine geliebte Orolyth
würde zu ihm zurückkommen und er hatte sein Gesicht vor diesem Alicorn gewahrt.

"Nicht so hastig, mein Freund", dämpfte Thrinidates Petrions Euphorie. "Du erinnerst Dich? Ich habe
auch von Bestrafung gesprochen. Ohne die geht es nicht, mein Freund."

"Wieso? Bin ich nicht schon gestraft genug gewesen? Sieh mich doch mal an! Autsch!"

Genau diesen Augenblick hatten Petrions ständige Begleiter ausgesucht, um sich erneut an seiner
Quastenbeere zu verköstigen. Außerdem riss ein weißfelliges Hermelin kleine Stücke aus der sich gerade
wieder regenerierenden Erdbeere.

"Ja, ich sehe schon. Darum liegt es sicherlich in Deinem Interesse, so bald wie möglich Buße zu tun, denn
die Absolution wird die Aufhebung des Fluches sein."

"Also schön", lenkte Petrion verzagt ein. "Was verlangst Du von mir zur Sühne?"

"Sei nicht so theatralisch, mein Freund. Du sollst mir ein wenig Deine Drachenstärke zur Verfügung
stellen, Deine Kraft und Ausdauer. Mehr verlange ich gar nicht von Dir. Warte hier."

Einen Augenblick später kehrte Thrinidates mit einer großen, noch ungebrauchten Sense zurück. Er
machte eine vage Geste in Richtung des Erdbeerfeldes.

"Siehst Du das hoch gewachsene Unkraut am Feldrand und in der daran angrenzenden Wiese? Das muss
alles weg. Ich reagiere allergisch, wenn ich mit dem Unkraut in Berührung komme und auf magische
Weise bekomme ich es nicht weg."

Petrion glotze ungläubig. Er war sich nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte, was der Magier von ihm
verlangte.

"Was ist?" fragte Thrinidates und drückte dem verdutzten Drachen die Sense in die Tatze.

Da, wie bei jedem anderen Drachen auch, seine Daumenkralle den vier Fingerkrallen gegenüberstand,
konnte Petrion genauso geschickt etwas greifen oder ein Werkzeug gebrauchen wie jedes andere
anthropomorphe Geschöpf.

"Schau mich nicht so entgeistert an. Du nimmst jetzt diese Sense in die Hand und mähst das Unkraut."

Petrion konnte nicht mehr länger an sich halten: "Ja, wer bin ich denn?" rief er aus.

Thrinidates duckte sich geschickt unter dem aus Versehen ausgestoßenen Feuerstrahl weg und erwiderte
gelassen: "Ein verzauberter Drache, der seiner eigenen Gier zum Opfer gefallen ist. Und jetzt legt es
dieser Drache offensichtlich auch darauf an, seinem eigenen Stolz zum Opfer zu fallen."

Das hatte gesessen. Petrion grummelte etwas Unverständliches vor sich hin und machte sich dann
schließlich an die Arbeit, während Thrinidates in das Haus zurückkehrte, um nach dem Gebräu zu sehen,
das mittlerweile kurz vor seiner Vollendung stand.

Die Sonne stand schon tief am Horizont, als Petrion ein wenig außer Atem die Sense an die Hauswand
lehnte.

"Komm, reinigen musst Du sie schon noch, Du Schlamper", wies ihn Thrinidates an, der wieder plötzlich
aufgetaucht war.

Der Magier machte sich sofort daran, die Arbeit des Drachens zu kontrollieren und stellte hoch erfreut
fest, dass Petrion das gemähte Unkraut feinsäuberlich auf einem großen Komposthaufen
zusammengetragen hatte.

"Brav, Brav", lobte der Magier und bedeutete dem Drachen, ihm ins Haus zu folgen.

"Weißt Du übrigens, was für eine prächtige und kluge Gefährtin Du hast? Aurylia, oder wie war doch
gleich ihr Name?"

"Orolyth", entgegnete der Drache und kniff seine Augen zu engen Schlitzen zusammen. "Wie kommt es,
dass Du meine Gefährtin kennst?"

"Ach, nur flüchtig. So, da wären wir. Gleich löse ich den Fluch."

Sie standen vor Thrinidates verschlossenem Arbeitszimmer und gerade so als ob ihm etwas einfiel,
schlug sich das Alicorn mit flacher Hand auf die Stirn: "Ach, wie dumm von mir, ich habe tatsächlich noch
eine wichtige Zutat vergessen. Schaust Du rasch mit in den Keller und hilfst mir suchen? Ich lagere meine
Vorräte dort unten."

"In den Keller?" Petrion blickte den Magier zweifelnd an. "Ist da überhaupt Platz für mich unten?"

"Bestimmt", lächelte Thrinidates und stieg vor dem Drachen die Treppe hinab.

"Ach Du meine Güte! Wie sieht es denn hier aus?" entfuhr es dem Drachen, der in seiner Höhle stets
peinliche Ordnung hielt. Schließlich verabscheuten Drachen nichts mehr als Unordnung.

"Ja, das habe ich ganz vergessen, ich war hier schon so lange nicht mehr unten. Ich fürchte, das wird nun
eine kleine Ewigkeit dauern, bis wir in dem Durcheinander die fehlende Zutat finden", sagte Thrinidates
verlegen.

"Was für eine Zutat soll das eigentlich sein?" fragte Petrion und hatte ein ungutes Gefühl.

"Eine Buchecker", erwiderte Thrinidates leichthin. "Irgendwo habe ich hier noch eine rumliegen gehabt."

"Eine Buchecker? Das ist jetzt nicht Dein Ernst, oder? Warum nicht gleich eine Backerbse?" maulte der
Drache und sah zu, wie sich Thrinidates abmühte, eine schwere Holztruhe zur Seite zu schieben. Er nieste
heftig, als eine Staubwolke in seine Nüstern geriet.

"Eine Backerbse? Eigentlich keine schlechte Idee. Aber ich habe keine mehr, soweit ich mich erinnere.
Aber die Buchecker ist hier unten irgendwo. In einem kleinen, ovalen Döschen", antwortete das Alicorn
und fügte dann beiläufig hinzu: "Wenn hier unten mal aufgeräumt wäre, das ganze Gerümpel hier
verschwunden wäre, dann würde man viel leichter und schneller etwas finden."

Petrion nickte stumm und sah weiterhin Thrinidates bei der Arbeit zu. Offensichtlich hatte er den
dezenten Hinweis nicht verstanden. Das Alicorn seufzte und fuhr im Plauderton fort: "Ich bin zwar ein
mächtiger Zauberer, aber leider ist es mir bis zum heutigen Tage nicht gelungen, einen Zauberspruch zu
finden, der mir hilft, Ordnung zu halten. Das ist ganz ähnlich wie mit dem Unkraut draußen im Garten."

"Ach so?" kommentierte Petrion und ließ sich dazu herab, mit der linken Klaue einen Stapel Holzbretter
beiseite zu schieben, damit Thrinidates dahinter nach der Buchecker suchen konnte.

"Da fällt mir ein, was ich Dich noch fragen wollte. Sind eigentlich alle Drachen so... wie soll ich sagen... so
stolz?" führte das Alicorn die etwas einseitige Konversation munter weiter.

"Stolz?" Petrion posierte ein wenig prahlerisch, soweit das in dem unaufgeräumten Kellergewölbe und
vor allem in der gegenwärtigen erbarmungswürdigen Gestalt möglich war.

"Nun ja, wenn man nicht gerade ein Erdbeerdrachen ist, so wie Du eben", fügte Thrinidates rasch hinzu.

Das hatte gesessen.

"Was? Nun, wir Drachen sind nun mal die prachtvollsten und stärksten und weisesten Geschöpfe auf
dieser Welt, egal was andere, uns unterlegene Spezies, auch immer behaupten. Und nun mach schon, ich
will endlich wieder meine richtige Drachengestalt haben. Außerdem habe ich durch den Staub hier schon
einen ganz rauen Hals."

"Wenn Du mir suchen helfen würdest, wären wir vielleicht schon längst dabei, den Trank zu vollenden",
gab Thrinidates freundlich zurück und fuhr fort: "Weißt Du, ich habe deshalb gefragt, weil ich vor einiger
Zeit einmal einen Drachen in Not bei mir aufgenommen hatte."

"Ein Drache in Not? Und der kommt zu einem aufrecht gehenden Pferd mit einem Horn auf der Stirn und
einem Paar Federflügel?" erkundigte sich Petrion verächtlich. "Wahrlich, weit haben es manche Drachen
gebracht. Und, was war mit dem?"

"Nun ja. Er war eines der prachtvollsten Geschöpfe, die ich bis damals je zu Gesicht bekommen hatte.
Darauf war er zu Recht stolz. Nur leider ging sein Stolz soweit, dass er jede Hilfe zur Selbsthilfe ablehnte."
"Wie meinst Du das?"

"Nun ja, ich riet ihm, sich eine Beschäftigung zu suchen, damit er nicht vor Langeweile in Trübsal verfällt.
Ich selber hätte genügend Aufgaben für ihn gehabt, als er seine Zeit bei mir verbrachte, aber er hatte das
geflissentlich ignoriert und es vorgezogen, sich stattdessen in ein abgelegenes Zimmer zurückzuziehen
und Trübsal zu blasen. Ein befreundeter Kaufmann, den ich aufsuchte, weil ich - ich erinnere mich daran
noch so gut als ob das Ganze erst gestern gewesen wäre - ein wenig Zauberöl und einige magische
Kerzen für ein Experiment benötigt hatte, erzählte mir, dass er händeringend nach einer Hilfskraft
suchen würde. Natürlich dachte ich da gleich an meinen Gast und hocherfreut gab mir der Händler etwas
mit für den Drachen. Aber meinst Du, mein Gast hätte auch nur das geringste Interesse daran gezeigt? Er
hätte nur auf einige Fragen dieses Kaufmanns antworten müssen. Aber das lag anscheinend unter seiner
Würde."

"Das ist nicht schön, wenn er seine Dankbarkeit, dass er bei Dir bleiben durfte, auf diese Weise gezeigt
hat. Und was ist dann passiert?"

"Nun ja", erwiderte Thrinidates leichthin, "da ich selbst ein hoch beschäftigter Meistermagier bin, konnte
ich mich nicht viel mit ihm beschäftigen. Er hat sich dann in seine eigene Höhle zurückgezogen. Man sagt,
er sei an seinem eigenen Stolz zugrunde gegangen."

Petrion sog geräuschvoll die Luft ein: "Also gut", sagte er leise, denn diesen Wink mit dem Zaunpfahl
hatte er sehr wohl verstanden. "Trete beiseite, ich helfe Dir. Alles verbrennen?"

"Verbrennen? Nein, um Gotteswillen, nein!" rief Thrinidates und hob abwehrend die Hände.

"Hier unten sind auch Schriften, Bücher und Folianten von unschätzbarem Wert. Wenn Du mir wirklich
helfen möchtest, dann würde ich Dich bitten, all diese Truhen und Kisten ins Freie zu bringen. Auch das
Gerümpel, das hier überall herumliegt. Dann können wir sehen, was man davon alles wegwerfen kann
und ich bin mir sicher, dass wir auf diese Weise die Buchecker auch weitaus schneller finden werden."

Petrion blickte zweifelnd auf die nächstbeste Truhe. Sie war aus massivem Eichenholz gefertigt, verstärkt
durch mehrere Riemen aus Eisen. Sie machte einen sehr schweren Eindruck.

"Leider funktioniert mein Levitationszauber nicht, da dieser im Zusammenhang mit Ordnungmachen


stehen würde", erklärte Thrinidates und fügte dann leise hinzu: "Aber für einen Drachen mit seinen
gewaltigen Kräften müsste das doch das reinste Kinderspiel sein. Ich könnte mir vorstellen, dass jede
Kuh, die so ein Drache als seine Beute in seine Höhle schleppt, weitaus schwerer ist als irgendeiner der
Gegenstände hier."

Der Mond schien hell vom wolkenlosen Nachthimmel. Zusätzlich spendeten unzählige magische
Leuchtkugeln, die Thrinidates erschaffen hatten, Licht.

Der Drache hatte tapfer Kiste um Kiste, zahllose Truhen, Alteisen und andere schwere Gegenstände aus
dem Keller ins Freie geschafft. Erschöpft und enttäuscht ließ er sich auf den Boden neben dem Gerümpel
plumpsen, denn die Buchecker hatten sie freilich nicht gefunden.

"Kopf hoch, mein Freund. Ich bin zuversichtlich, dass wir sie noch finden werden. Ich würde vorschlagen,
dass Du in all diesen Kisten hier suchst. Räume am Besten alles aus und schaue genau nach. Wenn Dir
dabei Dinge auffallen, die man nicht mehr gebrauchen kann, dann lege diese am Besten auf einen
eigenen Haufen. Ich selber werde mich nun im ausgeräumten Keller noch einmal gründlich umsehen",
teilte das Alicorn munter die Arbeit auf und schnippte mit den Fingern.

Aus dem Nichts tauchten ein gefüllter Wassereimer, mehrere Putzlappen und ein großer Besen auf.
Thrinidates griff danach und erklärte: "Und wenn ich schon gerade mal den Keller so schön leer habe,
dann kann ich dort auch gleich ein wenig sauber machen."

"Aber... was ist mit dem Gegenmittel?" fragte Petrion unglücklich und reckte seinen Schweif. Jetzt erst
fiel ihm auf, dass schon seit längerer Zeit kein Quälgeist mehr an seiner Erdbeerquaste geknabbert hatte.

"Gemach, gemach, mein Freund. Alles zu seiner Zeit: Aufräumen, Buchecker finden und dann der Trank,
nicht wahr?"

Noch bevor der Drache erwidern konnte, war das Alicorn mit den Putzutensilien wieder im Haus
verschwunden. Seufzend machte sich Petrion ans Werk und öffnete die erste Truhe.

Die Arbeit entpuppte sich für Petrion als gar nicht einmal so unangenehm, wie dieser zunächst
befürchtet hatte. Akribisch schlichtete er Bücher und Gewand, irgendwelche Utensilien und allerlei
andere Dinge wieder zurück in Truhen und Kisten. Die Buchecker war ihm allerdings noch nicht
unterkommen. Es gab noch ein anderes Problem, das Petrion zu schaffen machte: Zwar hatte ihm
Thrinidates aufgetragen, Dinge, die nicht mehr benötigt wurden, sofort auszusondern, doch, woher
sollte ein Drache wissen, was ein Magier in Zukunft noch gebrauchen konnte oder nicht. Kaputtes und
Angeschlagenes, das war eindeutig und Petrion hatte bereits einen beträchtlichen Stapel mit nutzlosem
Abfall angehäuft. Doch bezüglich des Restes würde er Thrinidates fragen müssen.

Der Inhalt zweier schwerer Holztruhen hatte ihn besonders fasziniert. In der einen waren dutzende,
wenn nicht gar hunderte silbern glänzende Scheiben gelagert, allesamt mit dem gleichen Durchmesser,
der circa zwölf Zentimeter messen mochte, und alle hatten ein gleich großes Loch in der Mitte. Im
Mondlicht glitzerten und funkelten diese Scheiben wie Diamanten und Petrions Sammelinstinkt war
geweckt worden. In der anderen Truhe waren ebenfalls Scheiben gelagert, nur dass diese weitaus größer
und aus einem anderen Material gefertigt waren. Die meisten von ihnen waren schwarz und glänzten im
Gegensatz zu den Silberscheiben nicht.

"An die habe ich gar nicht mehr gedacht", ließ sich eine bekannte Stimme vernehmen.

Petrion zuckte zusammen. Erneut war Thrinidates neben ihm aufgetaucht, ohne dass der Drache etwas
von dem Nahen des Alicorns bemerkt hatte.

"Was ist das?" fragte der Drache. "Ich habe so etwas noch nie gesehen, aber es sieht wunderschön aus."

"Das ist eine besondere Art Zauber, eine der wenigen Zauber, zu denen das Menschengeschlecht fähig
ist", erklärte Thrinidates und nahm aus beiden Truhen jeweils eine Scheibe heraus.

"Auf beiden ist Musik enthalten und mit einer bestimmten Apparatur, die ebenfalls von Menschenhand
geschaffen wurde, kann man die Töne, die auf diesen Scheiben enthalten sind, zum Leben erwecken.
Wenn Du magst, kann ich Dir das später vorführen."

Petrion schüttelte den Kopf: "Es würde mich interessieren, aber ich... nun, ich würde gerne den Fluch
gelöst haben."

"Das kann ich verstehen", entgegnete Thrinidates. "Und ich habe eine gute Nachricht für Dich. Ich habe
die Buchecker gefunden und der Trank ist bereits fertig. Er muss nur noch auskühlen. Vorher müssten
aber diese ganzen Sachen wieder in den..."

"Ich habe schon verstanden", erwiderte Petrion resigniert.

"Warte noch!" bremste ihn der Magier, als der Drache sich die erste Truhe geschnappt hatte.

Eilig musterte das Alicorn noch etliche Gegenstände aus, die es mit Sicherheit nicht mehr benötigen
wurde.

"Siehst Du, mein Freund, jetzt ist es nicht mehr so viel, was in den Keller zurückgehört. Den Rest hier",
Thrinidates deutete mit einer lässigen Handbewegung auf einen zu einem auf recht stattliche Größe
angewachsenen Stapel, "würde ich Dich bitten, morgen, nachdem Du Deine richtige Gestalt wieder
erlangt hast, mit Deinem mächtigen Feueratem restlos zu vernichten. Und diese beide Truhen hier, die
lass mal in der Eingangshalle stehen."

***

Während Petrion die Truhen und Kisten wieder in das mittlerweile vor Sauberkeit blitzende
Kellergewölbe brachte, pflückte Thrinidates im Schein des silbernen Mondlichts einundzwanzig
Erdbeeren. Behutsam legte er sie in eine kupferne Schüssel und brachte sie in sein Arbeitszimmer.

Dort füllte er mit geschickten Bewegungen das gebraute, geruchsneutrale Gegenmittel in die zuvor aufs
Gründlichste gereinigte Gartenspritze und besprühte die prallen, roten Früchte mit einem feinen Nebel,
immer und immer wieder.

Er hatte genug von dem Antidot gebraut, um damit später sein gesamtes Erdbeerfeld zu behandeln,
wohl wissend, dass der Drache nie wieder sich ungefragt an seinen Früchten gütlich tun würde.

Die Erdbeeren glänzten vor Feuchtigkeit, als sie Thrinidates in die große Vorhalle brachte. Der Drache
war immer noch damit beschäftigt, den Keller wieder einzuräumen und das Alicorn lauschte befriedigt
den Geräuschen der harten, körperlichen Arbeit, während es einen bizarr anmutenden Apparat
aufbaute.

Petrion kam gerade die Treppe hoch, als Thrinidates die letzte der beiden Truhen mit den runden
Scheiben neben dem Apparat in Position gebracht hatte.

"Fertig", keuchte Petrion und ließ sich ermattet auf seinen Bauch plumpsen.

"Das hast Du gut gemacht", lobte der Magier und konnte der Versuchung nicht widerstehen, dem
Drachen mit weicher Hand sanft über die schuppige Schnauzenspitze zu streicheln.

Petrion war viel zu müde, um darüber empört zu sein.

Der herrliche verführerische Duft von frischen Erdbeeren erreichte die Drachennüstern.

"Hier, die sind für Dich, mein Freund", bot sie der Magier dem Drachen an.

Misstrauisch schnupperte Petrion über die Früchte. Gier blitzte trotz der bleiernen Müdigkeit in seinen
Augen auf und doch, etwas ließ ihn zögern.

"Ich habe getan, was Du wolltest", sagte er leise. "Nimm bitte den Fluch von mir."

"Aber das will ich doch gerade tun", entgegnete Thrinidates ein wenig verwundert.

Eigentlich hatte der Zauberer damit gerechnet, dass sich Petrion ohne langes Zaudern sofort über die
Erdbeeren hermachen würde. Hatte die ihm erteilte Lektion tatsächlich sogar die drachentypische Gier
ausgetrieben?

"Du musst die Schale leeren, ich habe die Erdbeeren mit dem Gegenmittel behandelt. Und während Du
die Erdbeeren genießt, führe ich Dir den Menschenzauber vor."

Immer noch ein wenig skeptisch griff Petrion nach der ersten Frucht und führte sie an sein Maul,
während der Magier eine der silbernen Scheiben in eine Lade auf der Stirnseite dieses eigentümlichen
Apparates einlegte.

Augenblicklich war der Raum erfüllt von harmonischen Klängen, die dem Drachen offenbar gefielen,
denn er zuckte vor Verzückung mit seiner Schweifspitze, die immer noch eine Erdbeerquaste war.

"Iss nur, iss. Die müssen alle weg. Und wenn Du später noch mehr Erdbeeren willst, kannst Du gerne
noch welche haben", forderte ihn das Alicorn auf.

"Diese Scheiben und den Apparat kannst Du, wenn Du magst, Deinem Hort hinzufügen. Ich habe keine
Verwendung mehr für diese Dinge."

Doch die Worte des Magiers drangen an Petrions Ohren nur noch wie durch einen Schleier. Eine bleierne
Müdigkeit hatte den Drachen befallen in dem Augenblick, als er die letzte Erdbeere zerkaut und
geschluckt hatte.

Eine wohlige Wärme umhüllte den Drachenleib, als Thrinidates eine Formel rezitierte und schließlich
leise sagte: "Schlaf Dich gesund, mein Freund. Und wenn Du erwachst, dann habe ich eine Überraschung
für Dich."

Petrion wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte. Doch zum ersten Mal seit wie es ihm schien einer
Ewigkeit, wachte er auf, ohne die pickenden und beißenden Schmerzen an seinem Schweifende zu
spüren. Auch drang kein zänkisches Gekrächze mehr an sein Gehör, dafür wurde seinen Nüstern ein Duft
zugetragen, dezent und doch so verlockend. Ein Duft, wie ihn Petrion schon so lange nicht mehr
gerochen hatte und den er doch so sehr schon vermisst hatte.
Gleichzeitig fühlte er eine zärtliche Nähe, nach der er sich insgeheim so sehr verzehrt hatte.

Langsam öffnete er seine Augen und blickte in die Augen seiner Gefährtin, die ihre Schnauzenspitze
liebevoll gegen die seine gedrückt hatte.

"Endlich bist Du wieder Du selbst geworden. Endlich ist mein Petrion, der stolze Vater unseres
Nachwuchses, zurückgekehrt."

Noch ein wenig benommen richtete sich Petrion auf. Zaghaft bewegte er seinen Schweif hin und her -
das Gefühl war ein völlig anderes als in den letzten Tagen, in denen die Quaste jene prachtvolle Erdbeere
gewesen war. Vorsichtig warf er einen Blick über seine Schulter zurück. Sie war weg! Petrions Herz
machte einen Freudenhüpfer. Anstatt der lästigen Frucht endete sein Schweif wieder wie früher in einer
geschmeidigen, eleganten Quaste.

Orolyth lächelte ihn an: "Du bist wirklich wieder ganz der Alte. Und so gefällst Du mir auch am besten."

Zärtlich küsste sie ihren Liebsten, doch dann blickte sie ihm direkt in die Augen.

"Ich hoffe aber", begann sie mahnend","dass diese Geschichte für Dich eine Lehre sein wird. Dass Du in
Zukunft die Finger von verbotenen Früchten lässt. Hier! Thrinidates hat vor der Höhle ein Pfund
Erdbeeren für Dich hingestellt. Dir missgönnt ja keiner Deine Erdbeeren. Aber lerne sie zu schätzen und
verschlinge sie nicht einfach in Deiner Gier."

"Oh, Erdbeeren!" rief Petrion erfreut aus und stürmte aus der Höhle.

Was für ein prächtiger Morgen. Er hatte seine richtige Gestalt wieder, keine Plagegeister, die auf ihn
herumhackten, eine ordentliche Portion Erdbeeren und das Wichtigste: Seine geliebte Orolyth war
wieder bei ihm.

"Petrion! Was habe ich Dir gerade gesagt?" tadelte die Drachin, die neben ihn getreten war und zusah,
wie der Drache die Erdbeeren mit gierig blitzenden Augen vertilgte.

"Aber ich wertschätze und genieße sie doch", schmatzte Petrion und sein Schweif zuckte vor Verzückung
hin und her.

Als er alle Erdbeeren verputzt und die Schüssel fein säuberlich ausgeschleckt hatte, blickte er sich
zufrieden um.

"Wo sind wir eigentlich? Das ist nicht meine Höhle."

"Thrinidates war so nett und hat uns einen Nistplatz zur Verfügung gestellt. Er wollte unsere Jungen auf
seinem Gelände aufwachsen sehen. Ich habe ihm versprochen, dass Du ihm dafür gelegentlich hilfreich
zur Hand gehst."

"Na toll", grummelte Petrion.

"Komm, stell Dich nicht so an. Thrinidates tut uns schließlich einen großen Gefallen. Da wird Dir schon
kein Zacken aus der Krone fallen, wenn Du ihm ab und an eine helfende Tatze gibst. Er hat Dir auch von
dem einen Drachen erzählt, den er bei sich aufgenommen hatte? Wir Drachen müssen doch schließlich
alles daran setzen, unseren guten Ruf zu wahren."

"Du hast ja Recht", sagte Petrion kleinlaut und dann fiel sein Blick auf die beiden Truhen vor der Höhle
und auf die eigenartig anmutende Apparatur.

"Oh!" rief er freudig aus und öffnete mit raschen Griffen die beiden Truhen.

"Petrion, was ist das? Diese Sachen hat Thrinidates noch vorbei gebracht, während Du geschlafen hast.
Er meinte, Dir hätte das gefallen und Du dürftest das behalten."

"Da ist Musik drauf. Schau her."

Voller Enthusiasmus legte Petrion eine der silbernen Scheiben ein - nicht ohne sich zuvor an den farbigen
Reflexionen zu erfreuen, die das Licht der Morgensonne auf die Scheibenoberfläche zauberte.

"Oh, Orolyth, sieh nur... Da haben einige dieser Scheiben die gleiche Bezeichnung und eine fortlaufende
Nummerierung."

Petrion packte mit Feuereifer die Scheiben aus der Truhe und legte sie fein säuberlich nebeneinander auf
den Boden.

"Da fehlen einige Nummern, wie es den Anschein hat."

Rasch verräumte der die Scheiben wieder und erhob sich.

"Ich werde Thrinidates fragen, ob er die fehlenden Nummern hat oder weiß, wer sie haben könnte. Ich
muss diese Sammlung unbedingt vervollst..."

"Petrion?!" rief Orolyth und klappte nachdrücklich die Kiste zu.

"Ja, Liebes?" fragte Petrion unschuldig.

Die Drachin kannte den Blick ihres Gemahles. Jede Faser in seinem Körper schrie danach, die Sammlung
zu vervollständigen. Drohend senkte Orolyth ihren Kopf und grollte: "Kein übermäßiger Erdbeergenuss
mehr und keine weiteren Silberscheiben - und auch keine weiteren von diesen schwarzen Scheiben hier:
Haben wir uns verstanden?"

"Aber", wagte Petrion den Widerspruch, "nur die paar fehlenden Silberscheiben mit diesen Nummern?"

"Ich sagte: Keine", schnaubte Orolyth und Petrion wusste, dass jedes weitere Wort in dieser
Angelegenheit sinnlos sein würde, zumal sich seine Gefährtin gerade anschickte, mit geschickten
Bewegungen die Silberscheibe, die noch in dieser geheimnisvollen Maschine gesteckt hatte, mit Petrions
seidiger Schweifquaste zu verflechten.
Hausputz in der Drachenhöhle bei den Großeltern Daidrake

on ihrer Hauswirtschaftslehrerin erhielten vier Jungdrachinnen, eine besondere Aufgabe. Sie sollten eine
Höhle zu säubern, und zwar die von dem alten Drachenpaar Daidrake. So landeten sie mit Putzzeug vor
der Höhle der Großeltern. Die vier Drachinnen waren alle Urenkeltöchter dieses Drachenpaares, das war
der Hauswirtschaftslehrerin nicht bekannt. Nora, die älteste von den vier, schob den Vorhang beiseite
und betrat die Höhle. Jede der Drachinnen hatte eine anders farbige Schürze umgebunden, und folgten
ihr.

"Puh, ist das dunkel", stellte Nora Drake, eine Golddrachin, fest.

"Genau", bestätigte Moonlove.

"Wir brauchen Licht", forderte Noras jüngere Schwester Odlive Drake.

"Stimmt", sagte Sonnentag.

Schlupp, schlapp, tapp, tapp.

Ein Aufschrei: "Aua."

"Was ist los?"

"Hab mich gestoßen", grummelte es.

Platsch, platsch.

"Was ist mit dem Wasser?"

Wieder ein Aufschrei: "Autsch."

"Das schwappt aus dem Eimern und meine Schürze ist nass."

"Ah, endlich. Habe die Kerze gefunden."

"Mach sie endlich an", forderte Odlive.

Ein leichter Hauch und die Kerze brannte.

"Meine Güte, ist das dreckig", fauchte Moonlove, eine aquamarinfarbene Drachin, als sie sich in der
Höhle umsah. "Da wurde lange nicht saubergemacht."

Ihre Freundin Sonnentag, die grün-blaugefärbte Schuppen hatte, grinste: "Da hast du recht. Ich werde
das Fenster putzen. Die Großeltern wollten ja nicht, dass unsere Mütter daran was ändern."

Aus der Nachbarhöhle war leises Schnarchen zu hören. Schwapp, klatsch und das Fenster wurde mit viel
Wasser abgespült. Dadurch wurde es in der Höhle etwas heller. Auch der Vorhang zum Höhleneingang
wurde bearbeitet, so dass auch von hier aus Licht in die Höhle kam, indem sie die verdorrten Lianen
herunter rissen und das Laub von der Aussichtsplattform kehrten.

Die alte Drachin wurde durch ungewohnte Geräusche munter. Sie öffnete die Augen und blinzelnd
erblickte sie vier Drachenmädchen, die fleißig die Vorhöhle säuberten. Das Golddrachenmädchen Nora
fegte schweigend die Spinnweben von der Decke und den Wänden.

Aus ihren Nasenlöchern kam rosa-blaue Rauchwolken, die anzeigten, dass die alte Drachin ungehalten
war. Sie wollte noch schlafen, aber sie konnte nicht mehr. Die Neugierde hielt sie wach. Die alte Drachin
fragte sich, was das Jungvolk da so in ihrer Höhle treibt. Diskret streckte sie erst ein Bein aus dem Nest
und wieder zurück, dann kam das nächste. Immer wieder ein Blick zu den jungen Drachinnen, in der
Hoffnung von denen nicht bemerkt zu werden.

Odlive hatte frisches Wasser geholt und kippte es aus. Ein leiser Schrei: "Ist das Kalt."

"Jetzt schnallt euch die großen Bürsten an die Füße und wie Schlittschuhläufer durch den großen Saal",
wies Odlive die anderen fauchend an.

"Damit es sauber wird, habe ich hier Drachen-Seifen-Pulver. Meine Mutter warnte, Kind nimm nicht zu
viel", fauchte Sonntag vergnügt und streute großzügig das Drachen-Seifen-Pulver auf den Boden.

Wie von Sonntag gewünscht, war auf dem Boden ein Zentimeter hoher Schaum. Jede der vier
Jungdrachinnen schnallte sich große Bürsten an die Füße und fuhr damit in der Höhle hin und her. Dabei
wippten die Schwänze und Sonnentag fing an, leise zu singen. Mehrfach wurde frisches Wasser geholt,
damit auch der letzte Rest Dreck und Seifenschaum ausgeputzt wurde.

Durch das Treiben der vier Drachinnen, wurde auch der Großvater munter und beobachtete durch
halbgeschlossene Lieder die vier Jungdrachinnen. Bei den flotten Drachenliedern, die gesungen wurden,
wippten unbewusst die Schwänze der Altdrachen im Takt. Der Anblick der hübschen Jungdrachinnen
gefiel dem alten Drachen sehr und sein Herz schlug schneller. Er dachte kurz an seine Jugendzeit.

Unbemerkt von den Mädchen standen die beiden Altdrachen auf, reckten sich und verschwanden durch
den Hinterausgang. Ihre Schlafhöhle war durch einen Vorhang von Wurzeln von den anderen Höhlen
getrennt. Eine Stunde später, die Jungdrachinnen waren gerade dabei die Badehöhle der Altdrachen zu
säubern, landeten die beiden Alten vor ihrer Höhle. Leise schlichen sie sich rein und legten auf den
großen Tisch frisches Hirschfleisch, sowie einige Krüge mit Drachenbier.

"Essen kommen!", rief Großmutter Drache und entzündete mehrere große Kerzen, die sie aus einem
Versteck geholt hatte.

Nach und nach tauchten die Vier auf und waren sehr überrascht, Großmutter Daidrake so vergnügt in
der Wohn-Ess-Höhle stehen zu sehen.

"Kommt und fasst zu", forderte Großvater Daidrake sie auf, der bereits am Tisch saß.

"Warum?" fragte Nora verdutzt.


"Weil ihr hungrig seid."

Die vier Drachinnen sahen sich nur an und wollten wieder verschwinden, um weiter zu arbeiten. Da
stellte sich die Großmutter ihnen in den Weg und scheuchte sie an den Tisch. "So geht es nicht", fauchte
die Großmutter, "arbeiten und dann unsere Gastfreundschaft zurück zu weisen, das geht nicht."

Die vier Drachinnen runzelten die Stirne und Odlive sagte: "Aber Großmutter, erst die Arbeit und dann
das Vergnügen."

"Wie bitte?" fauchte der Großvater und baute sich vor den vieren auf. "Eure Großmutter und ich haben
unsere müden Knochen", er grinste im stillen als er die großen Augen der Mädchen sah, "ausgeschüttelt
und sind auf Jagd gegangen, um euch satt zu bekommen. Dann wollt ihr nicht." Grimmig sah er eine nach
der anderen an.

Etwas eingeschüchtert meinte Odlive: "In Ordnung, ein kleiner Happen zur Stärkung und ein kleiner
Schluck Drachenbier können nicht schaden." Sie drehte sich um, setzte sich an den gedeckten Tisch und
riß sich die rechte Hirschkeule ab. Dazu ein großer Schluck Drachenbier.

"Ehe ich mich schlagen lassen", fauchte Nora ergeben und griff sich die linke Keule des Hirschen.

Der Großvater sah seine jungen Gäste an und fauchte: "Es war vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein
junger Drache war." Er unterbrach kurz, sah jede von ihnen an und fuhr fort: "Während ihr euch stärkt,
werde ich euch etwas erzählen. Wie gesagt, es war zu einer Zeit, wo ich noch ein Drachenkind war."
Wieder unterbrach er, um nun einen großen Schluck von seinem Lieblingsbier zu trinken.

Die vier Jungdrachinnen hoben den Kopf und sahen ihn neugierig an. Sonntag und Moonlove griffen
ebenfalls zu. Während sie das Hirschfleisch fraßen und die Krüge mit dem leckeren Drachenbier
ausleerten, blitzte der Großvater sie an.

"Na also", fauchte die Großmutter, "Es geht doch, oder?"

Sonntag fauchte: "Ja." Und kratzte sich nachdenklich am Kopf.

Großvater fauchte, legte seine Pranken vor sich auf den Bauch und lehnte sich zurück. Die vier
Jungdrachinnen sahen ihn mit offenen Schnauzen an und warteten auf seinen Jugenderzählung.

"Wie gesagt", grummelte der alte Drache grinsend, "war ich noch ein sehr junger Drache, der sehr
neugierig auf das Leben war." Er blinzelte seine Frau an, die sich ungerührt um den Nachtisch kümmerte,
und die wusste, dass ihr Mann seinen Gästen stets eine nette Geschichte auftischte. Welche er jetzt
erzählte, war ihr im Moment nicht klar.

Daidrake fuhr fort: "Ich lag hinter einem Busch auf der Lauer und was sah ich, ein wandelnde Blechdose
auf einem sehr müden Pferd. Das stolperte und die Blechdose fiel hinunter." Er machte eine kurze Pause
und studierte die Gesichter seiner Gäste. Die ihn anstaunten. "Die Blechdose erschrak bei meinem
Anblick, ich tauchte nämlich hinterm Busch hervor und zeigte mich in meiner ganzen Pracht. Die
Blechdose schrie laut um Hilfe, ich wollte doch nur mit spielen. Aber die Blechdose, na ja, ihr könnt euch
ja vorstellen, dass ich sauer wurde und fauchte. Da lief die Blechdose einfach in den Wald und das Pferd
schüttelte nur den Kopf. Es blieb stehen und wieherte mir zu, ich solle doch dieser Blechdose ein Lektion
erteilen und lachte dabei."

Sonntag schluckte und fragte fauchend: "Was für eine?"

"Warts ab", grummelte der alte Drache. "Ich hinterher, denn ich war sauer, vor mir, einem kleinen
jungen Drachen, der nur spielen wollte, wegzulaufen, fand ich gemein. Die Blechdose erwischte ich vor
dem Teich. Ich konnte sie gerade noch vorm hineinfallen festhalten. Die Blechdose jammerte, ich solle
sie doch nicht auffressen. Ich fauchte ihn an und hob ihn empor und hängte ihn an einen starken Zweig,
so meinte ich, auf. Schwupps da lag er im Bach. Ich angelte ihn heraus und föhnte ihn durch meinen
warmen Atem trocken. Das Pferd, das mir nachgekommen war, wieherte und lag dann lachend auf dem
Boden, weil es so komisch aussah, wie sein Reiter, die dumme Blechdose, sich wand. Mein Atem war
lauwarm, das hat mir das Pferd bestätigt. Wieder jammerte die wandelnde Blechdose, ich solle ihn in
Ruhe lassen und ihm nichts tun. Gelassen föhnte ich ihn weiter trocken, dabei in immer wieder
umdrehend, damit er von allen Seiten trocken ist."

Die Großmutter lehnte sich zurück, da sie diese Geschichte bereits kannte, und lächelte still vor sich hin.

"Was hast du dann gemacht?" fragte Nora grummelnd und hoffte, dass diese Blechdose nicht
aufgefressen wurde.

"Ihn aufs Pferd gesetzt, nachdem ich ihm das Blechgewand ausgezogen habe. Ein Jammerlappen von
Mensch hing da dann auf dem Pferd, das durch sein Reittier und von seinem Herren wusste, dass
Drachen in dem Tal, wo er sich befand, lebten. Das Pferd war erleichtert, als ich das Blechgewand mit
meinem Feuerstoß einschmolz und dann daraus einen großen Eimer für meine Drachengroßmutter
machte. Damit die dann besser ihr Lieblingsgemüse ernten konnte."

"Aha", sprach Moonlive und griff zum Bierkrug.

"Genau das Wort Aha sagte meine Großmutter als ich ihr von meinem Erlebnis mit dem Menschen in der
Blechdose berichtete", fauchte Daidrake. "Das ist immer interessant, dass Menschen, so wie die
Blechdose, in unser Tal reisen, obwohl sie wissen, dass wir hier leben."

Moonlive tupfte sich mit ihrem großen Taschentuch das Maul ab, bedankte sich für das zarte
Hirschfleisch und fauchte freundlich: "So jetzt müssen wir weiter sauber machen."

"Ja, geht ruhig", fauchte die Großmutter und winkte ihnen nach.

Sonnentag kam wenig später zurück, sie hatte einen großen Korb und Wasser geholt, um die Reste vom
Essen wegzuräumen, sowie den Tisch zu säubern. Die Großmutter zog die Augenbrauen hoch und ließ
Sonntag gewähren. Die vier Drachinnen waren bei ihrer Arbeit sehr schweigsam, da sie überlegten, ob
die Geschichte wahr wäre oder nicht.

"Wir sind fertig", rief Odlive aus dem Drachenbad.

Großmutter Daidrake legte ihr Buch beiseite, schlurfte ins Drachenbad und freute sich über das
gesäuberte Bad. Sie schaute mal nach rechts, dann mal nach links und schnaufte zufrieden: "Das habt ihr
sehr gut gemacht."

Sonnentag ging zum Großvater, legte ihre Pranke auf seinen Arm und sagte: "Großvater, kommst du
bitte mit, ich möchte gern deine saubere Schlafhöhle zeigen." Dabei blinkerte sie ihn mit ihren schönen
grünen Augen an.

Großvater Drache legte die Drachenzeitung, die er am Vormittag im Drachenkiosk geholt hatte, beiseite
und stand auf. "Gut, mein Kind, dann zeige mir die saubere Höhle." Er genoss es, von so einem jungen
Ding versorgt zu werden, anstatt von einer alten Drachin, wie seine langjährige Gefährtin.

In seiner Schlafhöhle angekommen entdeckte er, dass sein Nest an eine andere Stelle geschoben worden
war und das Nest frisches Stroh und Felle hatte. Er sah sich um, ob ja nicht seine Frau in der Nähe war
und fauchte leise zu Sonnentag: "Ich werde mal testen, ob alles in Ordnung ist." Mit seinen
Vorderpranken tastete er die Unterlage ab. Dann stieg er ins Nest und wackelte kurz mit seinem
Hinterteil und bemerkte wie kuschelig es geworden war, kein Stein, der drückte. "Sehr schön", brummte
er und wollte sich ins Nest kuscheln.

Da tauchte seine Frau auf, schüttelte den Kopf und fauchte: "Kaum ist das Nest frisch gemacht, schon
liegst du wieder drin."

Ihr Mann lachte, verließ das Nest etwas unwillig und blickte seine Frau mit einem Dackelblick an. Er legte
einen Arm um Sonnentag und verließ seine Schlafhöhle. Seine Frau stand ungerührt im Höhleneingang
und klopfte ungeduldig mit den Hinterpfoten auf dem Boden.

Da tauchte im Höhleneingang die Hauswirtschaftslehrerin auf, um zu sehen wie weit die vier
Jungdrachinnen waren.

"Nanu, die Großeltern Daidrakes sind munter", murmelte sie verwundert und fuhr freundlich fauchend
fort: "Lasst mich begutachten, wie ihr die Höhlen sauber gemacht habt."

Während sie mit Großmutter Daidrake durch die Drachenwohnräume tappte, saßen die vier
Drachenmädchen auf der Terrasse und ließen sich die Abendsonne auf den Bauch scheinen. Dabei
unterhielten sie sich über die Geschichte, die Großvater Drache ihnen erzählte hatte.

Da meinte Nora: "Das kann nicht sein."

"Was kann nicht sein?" fauchte hinter ihnen der Großvater.

"Du hast die Geschichte erfunden."

"Wie kommst du darauf, mein liebes Kind?" fauchte der Großvater und blitzte sie mit seinen weisen
Augen an.

"Ich habe darüber nachgedacht und mir ist eingefallen, was meine Mutter über dich erzählt hat."

"Ja, genau", fauchten Moonlove und Sonntag. "Was hat deine Mutter dir erzählt?"

"Dass Großvater Daidrake ein großer Märchenerzähler ist", fauchte Nora und kraulte Großvater Daidrake
unter dem Kinn.

"Hm, das ist wunderschön mein Kind", grummelte ein vergnügter alter Drache. "Wie bist du drauf
gekommen, dass ich die Geschichte erfunden und nicht erlebt habe?"

"Ach wegen des Pferdes."

"Wegen des Pferdes?"

"Ja, wegen des Pferdes, die können nämlich nicht lachen."

"Ah so", brummte der alte Drache und grinste sie an. "Die Pferde können lachen."

"Habe noch kein Pferd lachen sehen", fauchte Sonntag und rubbelte genüsslich ihren Rücken an einem
Felsen. "Und ich kenne Pferde."

"Stimmt", gab Odlive fauchend zu.

"Ich gebe zu bedenken", fauchte Moonlove nachdenklich, "dass Großvater damals noch ein kleiner
junger Drache war, als solche wandelnde Blechdosen unser Tal besuchten."

"Beides ist richtig", fauchte der Großvater lobend und strich jedem der vier Jungdrachinnen über den
Kopf. "Ihr habt es sehr schnell herausgefunden, dass ich euch ein Märchen erzählt habe. Andere haben
es nicht so schnell herausgefunden. Wenn ihr noch mehr von mir hören wollt, kommt bald wieder."

Bevor die Vier auf die Einladung des alten Drachen reagieren konnten, die sehr selten ausgesprochen
wurde, tauchte die Hauswirtschaftslehrerin im Eingangstor auf und fauchte die vier an: "Was soll das
ganze Theater, das mit dem neuen Nest für den alten Drachengroßvater."

Verdutzt sahen die Vier sie an und brachten keinen Ton heraus. Sie waren sich keiner Schuld bewusst.

Mit unbeweglicher Miene stand die Lehrerin vor ihnen und fauchte weiter: "Dann das Bad, ich muss
sagen, da braucht man ja eine Sonnenbrille." Und wiegte dabei den Kopf von rechts nach links und von
links nach rechts und sah ihre Schülerinnen sehr ernst an.

Wieder schwiegen die Mädchen, da sie ihre Lehrerin sehr gut kannten. Und als die Großmutter ihnen
helfen wollte, wurde die von der Lehrerin angefaucht: "Was soll das, die Mädchen haben drachengute
Arbeit geleistet.

Ich bin sehr zufrieden."


Dialog mit einem Hexenmeister

Während im Westen der Einöde gerade die Sonne aufging, schritt auf der Südseite ein fremder Jüngling
durch einen Torbogen in das Eingeborenendorf Senf. Er war mittelgroßer Statur, äußerst muskulös und
sein schwarzer Reisemantel ließ auf einen Meister der Schattenmagie schließen. Sein ebenfalls
schwarzer Zylinder unterstrich diese Behauptung noch und der lange Wanderstab wies, mit seinem an
der Spitze eingearbeiteten Diamanten, ebenfalls auf mystische Kräfte hin.

Der Bursche betrat also das Dorf, sah sich misstrauisch um und stellte seinen Stab an einer Hausmauer
ab. Kein Eingeborener zeigte sich auf den Straßen. Der Jüngling seufzte. Daran musste er sich gewöhnen.
Immer wenn er in eine fremde Region kam verkrochen sich deren Bewohner in ihren Häusern und
hielten ihren Kindern die Ohren und Augen zu. Senf schien da keine Ausnahme zu sein.

In nicht weiter Ferne erblickte der Magier ein Wirtshaus. Ein kühles Bier konnte er nach dem langen
Marsch vertragen, so ergriff er seinen Stab und betrat die Gaststätte. Sofort huschten mehrere Gestalten
unter die Tische, ein leises Wimmern schallte durch den Raum. Der Wirt hatte sich mit dem Rücken an
die Wand gepresst und umklammerte einen Messergriff. Der Jüngling schritt langsam auf den Mann zu
und versuchte sich möglichst imposant vor ihm aufzubauen.

"Ein Bier, bitte!", bestellte er mit einer kehligen rauen Stimme, doch der Wirt hatte ihm offenbar gar
nicht zugehört.

"Nein, bitte lasst mich in Frieden leben!", schrie er und ließ sein Messer fallen. "Ich habe doch Kinder!
Sechs Stück!" Er brach klagend zusammen und Tränen rollten über den Holzboden. Der Magier packte
das zerrüttete Häufchen Elend am Kragen und setzte es auf den Tresen.

"Hörst du mir zu, mein Freund?"

Der Wirt brach erneut in Klagerufe aus.

"Hörst du mir zu?", fragte der Jüngling abermals, diesmal ein wenig lauter und energischer.

"Ist ja gut, ist ja gut, nehmt Euch so viel Euch beliebt! Dort drüben ist die Kasse!"

"Ich will dein schmutziges Geld nicht! Ich will nichts weiter als ein Bier."

Der Wirt öffnete zaghaft die Augen.

"Ein Bier?"

"Ja."

"Nichts weiter?"

"Wenn ich’s dir doch sage!"

"Na gut, es geht aufs Haus."

Das Bier wurde gezapft und der Magier setzte sich an einen der Tische, wobei er darauf achtete, keinen
der Gäste, die unter den Tüchern verborgen blieben, mit den Stiefeln zu treten. Das kühle Gesöff
befeuchtete seine ausgetrocknete Kehle, so bestellte er bald noch eins, dann noch zwei und noch eines
mehr als gewöhnlich. Schon bald löste der gegährte Weizen seine Zunge und er begann dem
verängstigten Wirt Geschichten zu erzählen.

"Weißt du, was ich denke, mein Lieber?", fragte er und leckte sich den Schaum von den Lippen.

"Ich fürchte nicht, aber bitte tut mir nichts."

"Ich glaube", fuhr der Magier fort, "dass es viel zu viele Ideen gibt. Denn wenn es weniger Ideen gäbe,
dann würde einem auch mal eine einfallen, nicht wahr?"

Der Wirt nickte schnell.

"Ich mag dich nicht", sagte der Magier. "Du hast keinen Mumm! Sonst würdest du es wagen meinen
sinnentleerten Sprüchen zu widersprechen."

"Wenn ich’s mir recht überlege", sagte der Wirt rasch, "habt Ihr wahrscheinlich doch nicht so ganz Recht
mit Eurer Behauptung."

"Da hast du dich aber noch mal elegant aus der Affäre gezogen", lächelte der Jüngling und bestellte ein
neues Bier. "Ferner bin ich der Ansicht", fuhr er fort, "dass wir eigentlich alle schon tot sind."

"Wie das?", fragte der Wirt tapfer, während er das Bier zapfte.

"Mausetot!", grölte der Magier und so manch einer zuckte unter den Tischen zusammen. "Wir wissen es
nur noch nicht."

Dem Wirt wurde die Sache sichtlich unangenehm. Wenn der Mann noch betrunkener wurde, könnte er
in der Gaststätte erheblichen Schaden anrichten. Außerdem war er im Begriff eine Vielzahl an
Stammkunden zu verlieren.

"Wusstest du", lallte der Fremde, "dass wir Magier eigentlich sehr scheu sind? Das ist der Grund, warum
wir so unheimlich sind. Wir meiden die Konversation mit anderen Menschen. In Wirklichkeit sind wir
vom Leben gestrafte seelische Wracks, die aus purer Frustration versuchen mächtig zu werden. Wer
sonst würde solch ein Leben vorziehen?"

"Machthungrige Diktatoren?", schlug der Wirt eilig vor. Der Magier winkte ab.

"Ach was. Auch die sind kümmerlicher als du denkst. In manch einem Tyrannenkörper sitzt ein
gebrochenes Herz. Ich sag dir mal was: wir Schwarzmagier sind alle krank, süchtig nach Anerkennung.
Wenn einer von euch uns nicht genug Respekt zollen würde, wären wir sicherlich schon längst
ausgestorben..."

Mit diesen Worten auf den Lippen kippte er vornüber auf den Tisch und begann gemächlich zu
schnarchen. Die Gäste kamen unter den Tischen hervor und trugen den Magier aus der Stadt. Seine
letzten Sätze gaben ihnen den Mut dazu.
An diesem Tag starben die Schwarzmagier aus, denn die Kunde des Wirts aus Senf verbreitete sich im
ganzen Land. Schmerzerfüllt wandten sich die Hexenmeister überall am Boden, bettelnd nach einem
kleinen bisschen Respekt. Doch die Menschen hörten nicht auf sie und schon bald waren die Straßen der
Städte mit Kadavern übersät.

Traum eines
Drachen

eltsam. Wo war er hier? Der Drache schlug mit den Flügeln. Besser gesagt, er versuchte es. Aber es ging
nicht. Warum nicht? Er wusste es nicht. Doch es machte ihn wütend. Plötzlich erinnerte er sich wieder:
Er hatte gekämpft, gegen einen Magier. Der Magier hatte seine Seele eingesperrt!

Noch wütender als zuvor brüllte der Drache, versuchte die Wände seines Gefängnisses einzureißen.

Im gleichen Moment schrie das Kind.

Sie gaben ihm den Namen Garduin, was in der einzigen Sprache, die sie beherrschten ‚der den Wind
liebt’ bedeutete. Sie wussten nicht, wie Recht sie doch hatten, wenn sie sagten, dass er anders sei, als
die anderen Kinder. Ja, er war anders, aber auf eine schwer zu beschreibende Art und Weise. Außerdem
war er blind. Garduins blaue Augen waren trüb, wie von einem dünnen, milchigen Schleier bedeckt, den
er aus eigener Kraft nicht fortwischen konnte. Seine Welt blieb dunkel und sie war auch schon dunkel
gewesen, solange er denken konnte.

Er lebte mit einem alten Mann zusammen in einer windschiefen Karte eines Dorfes, das so klein und so
von Bergen umgeben war, dass es nicht einmal auf den Karten der Wanderpriester erschien. Niemand
verirrte sich hierher und seit Garduins Geburt war kein Fremder mehr in das Dorf gekommen. Seit seiner
Geburt...

Der alte Mann erzählte ihm einmal, dass kurz, bevor er geboren wurde ein Mann in das Dorf kam, den
Mantel in Fetzen, auf einen mannshohen Stock gestützt. Die Familie seiner Mutter hatte dem Mann
Unterschlupf gewährt, obwohl alle Leute meinten, er müsse wohl ein Magier sein.

Jedenfalls wurde in dieser Nacht Garduin geboren, und seine Mutter starb dabei. Sein Vater erhängte
sich aus Schmerz über ihren Tod, kaum dass der Magier von dannen gezogen war. Seine Familie wollte
nichts mehr mit dem Säugling zu tun haben und so nahm ihn der alte Mann zu sich, der sowieso schon
als wunderlich galt.

Heute war schönes Wetter, das spürte Garduin. Er konnte die Wärme der Sonne fühlen. Lachend lief er
zur Kate des alten Mannes. Unter seinen Füßen raschelte das Gras. Es war sein fünfzehnter Geburtstag,
das hatte der alte Mann bestimmt nicht vergessen.

Vorsichtig tastete er nach dem Türrahmen und trat dann in die Kate. Sein Fuß stieß gegen irgend etwas,
etwas Weiches, lebloses...

Garduin ließ sich auf die Knie nieder und tastete nach dem Ding, das da vor ihm lag. Als er die Falten im
Gesicht des alten Mannes spürte, begriff er plötzlich, was hier geschehen war: Die Dorfbewohner hatten
den Alten einfach umgebracht! Doch warum hatten sie fünfzehn Jahre lang damit gewartet?

Er spürte ihre Anwesenheit. Die vertrauten Geräusche von Männern, die atmeten, aber auch eine Aura
von Feindseligkeit, die er nicht begründen konnte. Dann traf es ihn wie ein Schlag: Der Magier war
wieder hier!

Mit dieser Erkenntnis zerbrach etwas in dem blinden Jungen. Plötzlich wurde ihm so einiges klar. Dieser
Mann war dafür verantwortlich, das er blind war!

Der fremde Magier murmelte einen halblauten Fluch, und dann merkte Garduin, dass er sehen konnte.

Der Drache hatte lange gewartet, hatte einen fast schon absurden Traum geträumt, der davon handelte,
ein blinder Knabe zu sein. Der Traum hatte fünfzehn Jahre angehalten. Aber dann hatte er vom Tod
seines Ziehvaters geträumt, den Schmerz gefühlt, doch auch die Anwesenheit des Magiers, seinem
Feind! Und da hatte der Drache erkannt, dass es gar kein Traum gewesen war, sondern dass er all dies
zusammen mit der Seele eines blinden Jungen namens Garduin erlebt hatte. Garduin - sein eigener
Name!

Er wusste nun, was der Magier mit ihm getan hatte: Dieser Teufel hatte seine Seele in die eines kleinen
Kindes gepflanzt. Dennoch war er ein Drache. Auch, wenn er zur Hälfte ein Mensch war, denn die beiden
Seelen hatten sich scheinbar für immer miteinander verbunden.

In dem Moment, als Garduin sehen konnte, erkannte der Magier, dass er bei seinem Plan, den Drachen
eines sterblichen Todes zuzuführen einen Fehler gemacht hatte. Selbst eine menschliche Seele hat genug
Kraft, sich so einem Zauber zu widersetzen, gepaart mit der Energie eines Drachen...! Der Zauberkundige
hatte gehofft, dass der Junge niemals den Weg aus seiner Blindheit finden würde, doch mit dem Tod des
alten Mannes, der ihm ein Vater gewesen war, hatte Garduins Gefängnis einen Riss bekommen. Und nun
würde der Drache diese Chance nutzen.

Garduin spürte, wie das fremde Bewusstsein langsam erwachte.

'Hallo! Wer bist du?' fragte er es.

'Ich bin der Drache Garduin. Und es wird Zeit, dass wir die Rollen tauschen. Zumindest für eine Weile',
antwortete er.

'Gut. Du willst Väterchen rächen, nicht wahr? Das will ich auch!'

Der Jungenkörper begann zu flackern. Seine Umrisse verschwammen und nahmen die Form eines
riesigen Drachen an.

"So", grollte Garduin, blickte den Magus drohend an und lächelte dann, wobei er Reihen makelloser
weißer Zähne entblößte.

Wenig später flog Garduin über zerklüftete Felsklippen. Äußerlich wirkte der Drache ruhig, doch in
seinem Inneren tobte ein heftiger Streit.

'Wohin fliegst du? Ich kann den Wind spüren. Nicht umsonst war ich fünfzehn Jahre blind. Und mein
Elend war ganz allein deine Schuld!' schrie der Junge.

'Mich trifft keine Schuld! Bedank dich bei diesem verteufelten Magier. Der hat diese ganze Schose
eingefädelt! Was kann ich denn dafür, dass du ausgerechnet in dieser Nacht das Licht der Welt sehen
wolltest!' schimpfte der Drache übellaunig.

'Du hast meine Frage übergangen! Ich will wissen, wohin du fliegst.'

'Ich unternehme hier was, im Gegensatz zu dir! Wir sind auf dem Weg zu einer Freundin von mir. Sie wird
uns helfen. Und außerdem ist sie ein so bezauberndes Geschöpf! Du wirst sie mögen.'

'Vielleicht war sie ja mal ganz hübsch, aber das ist fünfzehn Jahre her! Wenn sie kein Drache ist, wie du,
dann wird sie alt und verschrumpelt sein!' giftete der Junge. Der Drache seufzte leise.

'Wirst schon sehen', meinte er mit einem Grinsen.

Mit einem Ächzen landete Garduin auf einem schmalen Felsvorsprung, watschelte in die dahinter
liegende Höhle und versuchte die spöttische Stimme in seinem gewaltigen Schädel zu ignorieren.

Eine - nach den Maßstäben des Drachen - kleine Gestalt stand von ihrem Sitzplatz in der riesigen Höhle,
die eigentlich ein Tunnel war, auf und trat vor den Drachen. Es war ein sommersprossiges Mädchen mit
orange - roten Haaren und tiefblauen Augen, in einem kunterbunten Poncho und einem noch viel
bunterem Kleid.

'Sehen so auch meine Augen aus?' fragte der Junge Garduin. Der andere Garduin beachtete ihn nicht.

"Hallo Maugin. So wie’s aussieht, brauche ich deine Hilfe", sagte er stattdessen.

"Ach so! Und ich dachte, du lässt dich nach fünfzehn Jahren einfach mal blicken, um deine alte Freundin
zu besuchen", sie kicherte. "Aber von mir aus. Was kann ich für dich tun?"

"Nun, ich habe da ein kleines Problem...", begann er.

"Jetzt gib es schon zu! Er hat gegen einen Magier verloren und der hat ihn in meinen Körper gesperrt!
Deswegen hat er sich so lange nicht blicken lassen!

Verstehst du? Das ist mein Problem. Dieser kleine Giftzwerg - wen nennst du hier Giftzwerg? Und
überhaupt: Warum müssen wir ein Drache sein? Ich weiß schon gar nicht mehr, wie sich mein Körper
überhaupt anfühlt! - ist in mir drin! Ich will ihn da nicht haben! Mach es weg! Mach es weg!"

Maugin hörte ihm eine Weile interessiert zu, wie er mit sich selbst stritt. Dann holte sie ein Stück
Kreide aus ihrem Poncho und begann einen Bannkreis um den Drachen zu ziehen, der immer noch damit
beschäftigt war, sich mit Garduin zu streiten. Blöderweise war er das zum Teil selbst. Deshalb hörte es
sich sehr seltsam an, als er sich selbst aufforderte, er solle die Klappe halten.

"Sei mal kurz still. Gleich bist du wieder alleine in deinem Körper. Das gilt für euch beide", meinte
Maugin und klatschte in die Hände.

Plötzlich spürte Garduin, wie der Junge aus ihm heraus gezerrt wurde. Er wollte ihn zurückhalten, wollte
verhindern, dass er in die ewige Dunkelheit geschleudert wurde, wollte ihm sagen, dass er ihn nicht
verletzen wollte, er, der alte, kauzige Drache. Doch der Junge lachte ihn nur an:

'Das weiß ich doch! Du bist ich und ich bin du! Keine Sorge, Maugin hat eine Überraschung für dich.' Mit
diesen Worten verschwand er.

"Nein! Maugin, was hast du getan? Ich wollte ihn doch nicht auslöschen! Ich habe ihn mit meinem
Egoismus umgebracht", schluchzte der Drache. Dicke Tränen tropften seine schuppigen Wangen
herunter und verwischten den Bannkreis.

"Hey! Kannst du denn nicht ein bisschen aufpassen?" schimpfte Garduin. Und im nächsten Moment fiel
er dem rothaarigen Mädchen um den Hals.

"Oh, ich danke dir, Maugin! Ich kann sehen! Stell dir vor, Garduin, ich kann sehen!" rief er überglücklich.

"Du bist ja gar nicht tot! Und ich rege mich deinetwegen so auf! Wie kannst du mir nur solche Angst
einjagen. Ich habe mir Sorgen gemacht!!!" beschwerte sich die riesige Echse.

"Also, ich finde, wir sollten jetzt erstmal Tee trinken", schlug Maugin vor, die ehrlich gesagt etwas
verlegen war, weil Garduin immer noch um ihren Hals hing.

"Kann ihn mir mal jemand abnehmen?"

Sternenstaub

Einst, als die Erde noch unberührt und selbst das stolze Geschlecht der Elben noch jung war, stürzte ein
riesiger Feuerball in einer Neumondnacht vom Sternenhimmel und verbrannte alles in seiner Reichweite
zu Asche.

Fünf Tage und fünf Nächte brannte dieser Feuerball sich in die Erde, bis ein längliches Loch sich tief in
den Boden bohrte. Die Elben begutachteten das Geschehen des Feuerballs mit leichter Neugier, hatten
sie nicht schon zuvor den Fall der Sterne beobachtet - doch diesmal war etwas entscheidend anders...

Am Ende der fünften Nacht nach dem Fall des Sterns kroch ein Wesen, ungesehen selbst von den
scharfen Augen der meisten Elben, in der Zeit wo die Nacht dem Tage weicht, aus dem Loch der Erde. Es
war eine Kreatur von ungeheurer Größe, aber zugleich unbeschreiblicher Anmut und grausam
anmutender Schönheit.

Nur der Elb Calondriel, der in der Morgendämmerung einen Waldweg entlang streifte, sah wie die
Kreatur einer Stichflamme gleich gen Himmel stieg und der aufgehenden Sonne entgegen flog. Calondriel
gab der Kreatur deshalb den Namen "D'areco" - Flammender - und Zeit seines Lebens mangelte es ihm
nie wieder an Zuhörer, wenn er von seiner Begegnung mit dem Feuerwesen berichtete.

So vergingen die Jahre. So viele, dass selbst ein Elb sagen konnte, er lebe schon seit einer geraumen
Ewigkeit.

In dieser Zeit hatte niemand wirklich an Calondriels Geschichte von der Flammenden Kreatur geglaubt.
Die anderen Elben und vor allem die Kinder hörten gerne die Sage von D'areco, die im Laufe der Jahre
von vielen Barden ausgeschmückt und weitergedichtet wurde, und in der D'areco nicht ein Feuerball,
sondern ein zu einem göttergleichen Boten erhoben wurde, der vom Himmel herabgesandt wurde, um
den Lebewesen der Erde - seien es jetzt Elben, Menschen oder Zwerge - als Licht und Wärme zu dienen,
das ihnen das Leben schenkt. Und diese Geschichte lebte weiter, egal in welchem Volk und egal in
welcher Sprache.

Die Kreatur jedoch, die nicht zu Unrecht "Flammender" getauft wurde, lebte in einer Höhle auf einer
vulkanisch sehr aktiven Insel im Osten des Landes.

Sein Leben verging nicht, die Kreatur wusste, dass es unvergänglich war, oder wie die Lebewesen dieses
Planeten zu sagen pflegten: unsterblich. Doch dabei wusste es auch, dass das nicht alles war, aber selbst
all die Jahrtausende, die es schon auf seiner Insel verbracht hatte, ließen ihn nicht auf den Sinn kommen,
den sein Dasein mit sich brachte. So hatte die Kreatur aufgegeben nachzusinnieren und war wie viele
Unsterbliche zu der Ansicht gelangt, dass Zeit alle Probleme löse, und seine Quelle der Zeit war
unerschöpflich.

Einzig jedes Mal, wenn die Kreatur seinen Blick zum Nachthimmel wendete, um dem Lauf der Sterne zu
folgen, deren Formationen es zur Genüge kannte, spürte es, wie sich tief in seinem Inneren etwas regte.
Fast schien das Geschöpf dann Spuren von Gefühlen zu empfinden, die es zu empfinden gar nicht
imstande war.

Und immer, wenn das Geschöpf sich einsam fühlte, richtete es seinen Blick auf die leuchtende Scheibe,
deren Wärme ihn immer behütete und hegte. So lebte jene Kreatur sein Dasein, suchend nach der
Antwort auf die Frage, die in seiner Seele brannte.

Doch eines Tages verspürte das Geschöpf einen lockenden Drang, als ob es gerufen wurde - und auch
schien etwas in seinem Inneren darauf zu antworten. Anfangs zögerlich, denn es hatte seit vielen
hundert Jahrtausenden seine Insel nicht verlassen, folge die Kreatur dem Ruf nach Süden, doch spürte es
selbst durch das Zögern hindurch seine eigene Sehnsucht und den Wunsch zum Ursprung jenes
lockenden Rufes zu gelangen...

Mit jeder Stunde beschleunigte die Kreatur ihre Geschwindigkeit, bis es in der Nacht, einer
Sternschnuppe gleichend, über den Himmel schoss und für das Auge eines Betrachters genauso schnell
wieder verschwunden war wie er erschien. Wochenlang flog das Geschöpf nach Süden, doch der Drang
nahm nicht ab, eher steigerte sich seine innere Unruhe, als ob etwas in ihm ihn zur Eile drängen würde
und ihm sagen würde, dass die Zeit, die für das Geschöpf immer unbedeutend war, nun drängte.

An einem Mittag eines drauffolgenden Tages entdeckte das Geschöpf ein weiteres, das zu seinem
Erstaunen von seiner Art war. Erstaunt war es über die Erkenntnis nicht alleine zu existieren, denn noch
nie zuvor war es einem seinesgleichen begegnet.

Die Farben der Flammen des anderen waren nicht rotgolden, wie seine, sondern in einem kalten
bläulich-weiß, doch waren es unverkennbar Flammen. Die Kreatur ließ sich von einem Aufwind in die
Höhe des anderen heben, und so flogen sie in ruhiger Zweisamkeit denselben Weg, dem Ruf folgend,
den beide verspürten.

Eine Woche später erreichten sie eine Insel, die kaum halb so groß war wie die, auf der der rotgoldene
früher gelebt hatte, doch barg diese im Gegensatz nicht wenig Leben. Die Insel schien ein einziger Berg
zu sein, der aus dem Meer in die Höhe ragte, nur die Spitze war abgetragen und bot ein Plateau dar, auf
dem Dicht an Dicht, wie die Kreatur erkannte, viele seiner Artgenossen sich niedergelassen hatten.

Das Farbenspiel war herrlich, doch hatten die neuen Ankömmlinge nur Augen für das eine Exemplar ihrer
Art, das in der Mitte, ringartig von den restlichen umgeben, majestätisch ruhte. Seine Flammen waren
Nuancen, wie die, die nur das Meer aufbieten konnte - von einem dunklen, satten Blau bis hin zu einem
weichen, lebendigen Grün - und ebenso unruhig und unberechenbar.

Das rotgoldene Geschöpf ließ sich neben den anderen nieder und kostete das ungewöhnliche Gefühl des
Zusammenseins schweigend aus, das für ihn vollkommen neu war. Bis zum Einbruch der Nacht hin trafen
noch wenig weitere jener Kreaturen ein und reihten sich in den Ring ein.

Als bei Nacht der Vollmond aufging richteten alle Kreaturen, auch der rotgoldene, der nicht einmal
genau wusste, was er tat sondern nur seinem Instinkt folgend, ihre Köpfe zum Sternenhimmel und
stießen glockenartige und vollkommen für ihre Gestalt unpassende Töne heraus. Manche heller und
manche tiefer, doch wie auch die Farben ihrer Flammen, niemals gleich.

Und dann setzte der Klang des meerfarbenen Geschöpfes ein. Sein Ton war tiefer als der jedes anderen
im Kreis. Mächtig und ewig reichte der Klang bis zum Himmel.

Urplötzlich leuchtete er auf, die Flammen umschlossen den mächtigen Leib und mit einem gewaltigen
Sprung stieß sich die größte der Kreaturen vom Boden des Plateaus ab.

Die anderen, die noch wenige Sekunden zuvor noch im Gesang eingestimmt waren, verstummten und
folgten schweigend der scheinbar endlosen Bahn ihres Ältesten. Minuten später, die den ewigen
Geschöpfen wie Jahre erschienen, flammte der Himmel hell auf und das Grollen einer tiefen Kehle war zu
hören, scheinbar unendlich weit weg, doch erreichte der Laut das Innere jedes der Kreaturen auf der
Hochebene. Und plötzlich war das Licht erloschen und der Sternenhimmel leuchtete, wie er es immer tat
und es immer tun wird.

Da entfaltete der erste seine Schwingen und flog davon, der dunklen Nacht entgegen. Einer nach dem
anderen verließ das Plateau, als ob nichts geschehen wäre. Die rotgoldene Kreatur war eines der letzten,
das endlich den Rückweg antrat.

Auf dem Weg nach Norden fiel ihm aber plötzlich etwas ungewöhnliches am Nachthimmel, den er bis auf
jeden einzelnen Stern genau kannte, auf. Im Norden war ein neuer Stern auf dem dunkelblauen Samt
erschienen - ein Stern, der ein blaugrünes Leuchten von sich gab, das an die Tiefen des Meeres erinnerte.

Nun begriff das Geschöpf die Antwort auf seine Frage und wusste, dass es seine Bestimmung war, eines
Tages auch einen Platz dort oben einzunehmen, dort - neben seinen Brüdern und Schwestern.

Noch heute erzählt man sich die "Sage von D'areco", doch wissen nicht viele ihren Ursprung und noch
weniger die wahre Geschichte. D'areco wurde der Gott des Feuers und Bote des Himmels, doch kennt
man ihn in diesem Zeitalter mehr unter einem seiner anderen Namen: "Drache"...

Der Kampf mit dem


Drachen

Langsam wanderte der Mond am Himmel und tauchte die Landschaft in ein fahles, silbriges Licht. Der
Wald war düster und die Bäume bildeten groteske Gebilde, die es so aussehen ließen, als hätten die
Bäume Gesichter. Wölfe streiften umher und suchten nach Beute und hier und da blinzelte eine Eule
verschlafen aus ihrem Loch. Leise vernahm man das Wispern eines Baches, der den Wald durchzog.
Leichter Nebel stieg vom Boden empor und ließ den Wald geisterhaft erscheinen. In solchen Nächten
traute sich kein Mensch in den Wald, da man sehr abergläubisch war und sich vor Geistern fürchtete.
Doch in dieser Nacht war es anders. Zwei Gestalten, gehüllt in schwarze wehende Umhänge,
durchquerten den Wald, offensichtlich auf der Suche nach einem Lager für die Nacht. Es waren zwei
Menschen gewesen, die vor einer schrecklichen Krankheit aus ihrem Dorfe geflohen waren, um eine
neue Siedlung zu suchen. Doch überall wo sie auftauchten, war die Kunde über die Seuche, die die
Bevölkerung dahinraffte, schon vernommen worden und sie wurden davongejagt wie tollwütiges Wild.
So waren sie schon lange unterwegs gewesen, ohne ein Dach über dem Kopf und ohne Geld. Sie mussten
stehlen, um nicht zu verhungern, da man für sie nur Fußtritte übrig hatte. Doch sie waren nicht infiziert,
da sie rechtzeitig das Dorf verließen und eigentlich mit niemandem Kontakt hatten außer sich selbst.

"Lass uns hier bleiben", sprach die eine Gestalt und nahm ihre Kapuze vom Kopf. Es war eine Frau mit
Namen Ruena. Ihr Kamerad hieß Nagrat. Sie waren beide sehr stark und selbstbewusst, denn sie waren
schon als Kinder zu Kriegern ausgebildet worden, da in ihrer Region ständig Schlachten gegen die
Nachbardörfer stattfanden. Von daher fürchteten sie sich auch nicht, des Nachts alleine im Walde zu
wandern. Nagrat, der sich vor Erschöpfung auf eine Wurzel niederließ, sah sie an und nickte, da er froh
war, nicht mehr weitergehen zu müssen. "Na gut. Dann bereite ich schon mal unser Schlaflager und du
kümmerst dich um das Essen." Nagrat stand auf und suchte Holz für das Feuer. Als er es entfacht hatte,
stellte er den Kessel, den sie im letzten Dorf gestohlen hatten, auf die Feuerstelle und kochte das
Abendessen, welches aus ein wenig Gemüse bestand, da sie nicht mehr hatten.

Als sie gerade ihr Essen verzehrten, knackte es plötzlich im Gebüsch. Nagrat stellte sein Essen beiseite
und zog sein Schwert. Er wollte nachsehen, was sich da im Gebüsch versteckt hatte, und als er darauf
zuging, kam eine kleine Maus aus dem Busch und lief davon. Ruena musste herzhaft über Nagrat lachen,
da dieser bei jedem kleinsten Geräusch sein Schwert zog. "Lach du nur, ich habe das dumme Gefühl, dass
uns ständig jemand verfolgt." Verärgert über Ruenas Spott setzte er sich wieder an das Feuer und aß
weiter. " Sei mir nicht böse, Nagrat, es sah nur sehr komisch aus. Aber auch ich habe dieses Gefühl.
Schon seit Wochen. Ich habe nur niemanden gesehen." Nagrat blickte sie an und zuckte mit den
Schultern: " Denkst du, dass er oder es sich zeigen wird? Früher oder später vielleicht, wenn es seine
Absichten zeigt." Da beide aber sehr müde waren, beendeten sie ihr Gespräch und legten sich schlafen.

Bereits früh am nächsten Morgen waren sie wieder unterwegs und kamen zu einer großen Stadt. In den
Straßen herrschte viel Leben, denn die Menschen waren dabei, die Häuser mit Blumengirlanden zu
schmücken. Ruena ging auf einen Mann zu, der am Brunnen Wasser heraufzog. "Mein Herr, wir sind
schon lang auf Reisen und suchen eine Bleibe." Der Mann drehte sich zu ihr um und lächelte: "Guten Tag,
junge Dame. Ihr müsst Euch bei unserem Bürgermeister melden, er wird Euch dann ein Haus zuweisen,
in dem Ihr wohnen könnt. Dort hinten am Ende der Straße ist sein Haus." Sie dankte dem Mann und ging
mit Nagrat auf das Häuschen zu. "Ob er wohl über uns weiß, wie die anderen?" fragte Nagrat. Ruena
seufzte: "Ich hoffe nicht, denn ich weiß sonst nicht mehr, wohin wir noch gehen sollen." Als sie an die Tür
klopfte, drang eine freundliche Stimme nach draußen: "Herein bitte." Als sie in die Stube traten, saß ein
kleiner Mann mit einer Glatze hinter einem riesigen Schreibtisch und lächelte. "Was kann ich für Euch
tun?" Ruena schilderte Ihre Lage, erwähnte aber nichts von der Seuche. "Nun, dann seid willkommen in
Hondimar. Folgt mir, ich zeige Euch Euer Häuschen. Es ist nicht sehr groß, aber für zwei reicht es
allemal." Ruena zwinkerte Nagrat zu, der ganz blass im Gesicht war. Doch auch er lächelte und war
sichtlich erleichtert. Das Häuschen bestand aus drei kleinen Zimmern und war sehr hübsch eingerichtet.
Ein großer Kamin war in die Wand eingelassen und der Bürgermeister hatte ihn entzündet, um das Haus
ein wenig aufzuheizen. "Ich wünsche Euch eine schöne Zeit und herzlich willkommen." Dann verließ er
die beiden und ging wieder in sein Büro.

Sie lebten nun schon ein ganze Weile in der Stadt. Nagrat arbeitete beim Schmied und Ruena hatte eine
Stellung bei einen Apotheker, da sie sehr geschickt in den Künsten der Heilkunde war. Da kam eines
Tages eine Gestalt in einem langen, grauen Mantel in die Stadt und ging direkt zum Bürgermeister.
Ruena und Nagrat saßen vor dem Kamin und unterhielten sich, als die Tür mit einem kräftigen Tritt
geöffnet wurde. Die Wachen des Bürgermeisters nahmen sie fest und warfen sie in den Kerker. Der
Bürgermeister trat in die Zelle: "Ihr Aussätzigen! Wie konntet Ihr mich nur so hintergehen. Ein Späher
Eures Dorfes, Lenard, kam heute zu mir und teilte mir das Grauen mit, was sich dort ereignete. Ich weiß
auch, dass Ihr nicht diese furchtbare Krankheit in Euch tragt, doch ich dulde es nicht, dass man mich
belügt und deshalb werdet Ihr dafür büßen. Ich bin jedoch bereit, Euch einen Vorschlag zu machen.
Entweder, Ihr kämpft morgen in der Arena gegen meinen stärksten Kämpfer, wenn Ihr siegt, seid Ihr frei
und dürft hier bleiben, wenn Ihr verliert, dann seid Ihr tot. Geht Ihr nicht auf diesen Vorschlag ein, so
werdet Ihr am dritten des nächsten Monats hingerichtet und schmachtet solange in diesem Loch." Bevor
Nagrat jedoch etwas sagen konnte, ergriff Ruena das Wort: "Wir kämpfen und werden siegen." Der
Bürgermeister lachte laut über die Siegessicherheit der Frau und sprach: "Nun, wenn Ihr meint." Er
schloss die Zelle ab und verließ den Kerker. Nagrat stand auf und ging in der Zelle auf und ab: "Dieser
Mistkerl. Ich wusste doch, dass Lenard dahinter steckt und uns gefolgt war. Wie konntest du nur auf
diesen Vorschlag eingehen? Ja, wir sind Kämpfer, aber glaubst du, dass wir eine Chance haben?"
Wütend stand sie auf und blitze ihn böse an: "Was hätte ich deiner Meinung nach denn tun sollen? Du
hast ihn gehört, wir wären sowieso hingerichtet worden. Dann lieber ehrenhaft sterben und nicht wie
ein Feigling." Nagrat beruhigte sich wieder und nahm wieder Platz auf der Holzbank: "Lass uns nicht
streiten, wir haben es so gewollt. Wir werden kämpfen."

Am nächsten Morgen wurden sie sehr unsanft von den Wachen geweckt und aus der Zelle geführt. Sie
waren noch sehr müde, da sie nicht einschlafen konnten und sich bis tief in die Nacht noch unterhalten
hatten. Die Wachen führten sie vorbei an den Bürgen und diese bewarfen sie mit Steinen und allem
möglichen. "Ihr Abtrünnigen, Ihr Aussätzigen!" riefen die Menschen und es tat ihnen im Herzen weh, da
sie geglaubt hatten, sie wären beliebt in der Stadt. Sie wurden durch einen langen Tunnel geführt, der
sehr finster war und als sie wieder ans Licht kamen, standen sie mitten in einer Kampfarena. Die ganze
Stadt und die umliegenden Dörfer waren hier versammelt, um dem Spektakel zuzusehen. Der
Bürgermeister saß in einer Loge, zusammen mit Lenard, der ihnen gemein und ekelhaft ins Antlitz
grinste. Die ganze Arena war erfüllt von Rufen der Zuschauer und wieder wurden Steine auf sie
eingeworfen. Der Bürgermeister erhob sich und machte eine Handbewegung, woraufhin die Menge
verstummte. "Liebe Bürger und Dorfbewohner, heute haben wir uns hier versammelt, um uns ein wenig
Unterhaltung zu gönnen. Ich habe die Ehre, Euch Ruena und Nagrat, zwei Abtrünnige vorzustellen, die
heute gegen Ascor kämpfen werden." Ein Raunen ging durch die Menge und alle blickten auf die beiden.
"Nun, dann möge der Kampf beginnen."

Ein Tor wurde aufgezogen und ein Drachen betrat die Arena. Groß und schwarz wie ein Rabe, mit bösen
roten Augen. Ruena dreht sich dem Bürgermeister zu und sah, wie dieser lachte: "Ihr hattet von einem
Krieger gesprochen, nicht von einem Drachen." "Tja, Ruena, was soll ich sagen, der Drache ist mein
stärkster Krieger." Und in dem Moment sah der Drache die beiden Menschen und rannte wild auf sie zu.
Ruena sprang gerade noch zur Seite, als der Drache ihr einen Schlag mit dem Flügel verpassen wollte.
Nagrat hatte da kein Glück. Ein Hieb mit der Klaue traf ihn mitten auf der Brust und hinterließ eine
schreckliche Wunde. Er wurde durch den Schlag nach hinten geworfen und landete unsanft auf dem
Boden und rührte sich nicht mehr. Die Menge tobte und freute sich über den ersten Sieg des Drachen.
Ruena wurde wild und zornig, als sie ihren Freund so liegen sah, und zog ihr Schwert, das man ihnen zum
Glück nicht abgenommen hatte. Der Drache startete eine erneute Attacke auf sie, doch als er die Klaue
hob, schlug sie sie ab. Der Drache brüllte auf vor Schmerz und wurde noch wilder und aggressiver. Ruena
zitterte, auch wenn sie es nicht wollte, da ihre Muskeln von dem Hieb schmerzten. Der Drache rannt auf
sie zu und schlug ihr mit er Klaue gegen die Schulter. Sie schrie auf, da er ihr die Krallen ins Fleisch
bohrte. Er schlug nochmals mit dem Flügel auf sie ein und entriss ihr das Schwert, welches vor ihre Füße
fiel. Sie hatte Angst, zum ersten Mal im Leben Angst. Nagrat hob den Kopf und sah, in welcher Lage sich
Ruena befand. Er stand so schnell auf, wie er nur konnte und hob Ruenas Schwert auf. Ehe der Drache
die Lage überblicken konnte, rammte Nagrat ihm das Schwert tief ins Herz. Die Menge verstummte, als
sie sah, wie der Drache sich aufbäumte, Ruena losließ und zu Boden stürzte. Nagrat zog das Schwert
heraus und rammte es dem Drachen nochmals in den Leib. Aber er war bereits tot. Ruena lag bewusstlos
am Boden und Nagrat eilte so gut er konnte zu ihr. Sie war am Leben. Auf einmal erfüllte ein Schrei die
Arena und alle Menschen blickten hinauf in des Bürgermeisters Loge. Lenard wurde von heftigen
Krämpfen geschüttelt und sein Körper begann sich zu verformen. Ihm wuchsen Flügel aus den Schultern
und gewaltige Hörner aus dem Kopfe. Er hatte sich in einen Drachen verwandelt und er schaute den
Bürgermeister mit finsterem Blicke an. Dem Bürgermeister wurde Angst und Bang und er flehte um sein
Leben, doch der Drache schlug ihn mit seinem Flügel tot. Der Drache flog auf die beiden zu und Nagrat
wollte gerade sein Schwert ziehen, als der Drache sprach: "Ich richte mein Wort an alle Menschen. Ich
habe den Bürgermeister nicht zum Spaße getötet, sondern weil er in Wirklichkeit ein grausamer Magier
war, der das ganze Land verhext hatte. Auch mich. Die Seuche, die das Dorf dieser beiden tapferen
Helden befallen hatte, wurde auch durch ihn ausgelöst. Es gab auf der Welt viele Drachen, die den
Menschen freundlich gesinnt waren, doch einer von ihnen war böse. Es war Ascor, der Euch hier zu
Füßen liegt. Er hatte sich mit dem Zauberer verbündet und wollte Hass und Verderben über die
Menschen und die Welt bringen und Ihr alle hier habt Euch blenden lassen. Auch ich." Nagrat ließ sein
Schwert sinken und schaute den Drachen an: "Aber warum bist du uns gefolgt und warst so gemein,
Lenard? Wir haben dir nie etwas getan." Doch Lenard schüttelte den Kopf: "Verzeiht mir diese Intrige,
doch nur durch Euch sah ich die Chance, die Menschheit zu befreien und Ascor zu vernichten. Ihr seid
sehr stark und hütet ein großes Geheimnis." Ruena erwachte wieder und stand langsam unter
Schmerzen auf. Nagrat erzählte ihr kurz von den Vorfällen und fragte den Drachen schließlich: "Was für
ein Geheimnis?" Der Drache blickte sie traurig an: "Um dies zu erfahren, müsst Ihr Euer menschliches
Leben opfern, um Euer eigentliches anzunehmen. Ihr seid in Wirklichkeit Geschöpfe wie ich es bin, doch
ich bringe es nicht über mein Herz, Euch aus Eurem jetzigen Leben zu reißen. Ihr seid glücklich und
zufrieden, während wir Drachen immer auf der Suche nach den Unseren sind. Es gibt so viele
verzauberte Drachen in der Welt, die ich befreien möchte. Nur ob Ihr es wollt, ist nicht gewiss." Ruena
blickte Nagrat lange an und sie nickten sich zu. "Lenard, was auch kommen mag, wir werden es
gemeinsam durchstehen. Wir werden uns unserem Schicksal fügen und das werden, wozu wir bestimmt
sind. "Seid Ihr Euch wirklich sicher?" Sie nickten beide. "So sei es denn." Lenard richtete seinen Kopf in
den Himmel und sprach einen Zauberspruch. Blitze durchzuckten den Himmel und die Körper der beiden
verwandelten sich in Drachenleiber. Die Menschen kamen zu ihnen und entschuldigten sich für ihren
Verdacht und ihre Boshaftigkeit und versprachen den Drachen, die Welt über das Unrecht, was den
Drachen widerfahren war, aufzuklären. Die drei Drachen flogen dann davon, um die anderen zu suchen.

Bald danach gab es wieder viele Drachen in der Welt und manchmal sah man drei von Ihnen über den
Himmel ziehen.
Das Nest

Ein grünlich schimmernder, unnatürlich dichter Nebel hing in der Luft, als die kleine Gruppe von Reitern
den Rand des Waldes erreichte. Haegar Silberblum zog an den Zügeln und brachte seinen großen,
braunen Hengst zum Stehen. Das Tier folgte seinem Befehl nur allzu gern, war ihm die Nähe des
verfluchten Waldes doch offensichtlich zuwider.

Mit einer knappen Handbewegung befahl er dem restlichen Trupp, ebenfalls anzuhalten. Die jungen
Männer brachten ihre Pferde zur Ruhe und stiegen einer nach dem anderen ab. Ihre Schwerter und Äxte
klirrten, und die dicken Rüstungen, die einige von ihnen mit sich trugen, ließen ihre Träger vor
Anstrengung aufstöhnen.

Haegar selbst trug nur einen dünnen Lederharnisch und feste, aus Schlangenhorn gewobene Beinkleider.
An seiner Hüfte hingen sein Streitkolben und drei kunstvoll verzierte Dolche. In den knapp zwanzig
Jahren, die er sein Handwerk nun schon ausübte, hatte er festgestellt, dass es keinen Sinn machte, sich in
übermäßig viel Panzerung zu hüllen oder zahlreiche schwere Waffen mit sich zu tragen. Ein wacher Geist
und gute Reflexe, gepaart mit einem gewissen Instinkt, waren alles, was einen davor bewahren konnte,
sehr, sehr jung zu sterben...

Er band die Zügel an einen knorrigen Baumstumpf und wandte sich dem Wald zu. Der unverkennbare
grüne Schimmer zeigte ihm deutlicher als nötig, dass er fast am Ziel war.

"Alle mir nach - geschlossene Formation", befahl er, zog seine Waffe und trat in das Dickicht hinein.
Einige Äste schienen sich sogleich um seine Stiefel schlingen zu wollen, gaben aber nach, als er umso
energischer auftrat.

Schon nach wenigen Metern veränderte sich der Wald, das Bodengestrüpp verschwand fast vollständig
und machte einem festen, glasigen Boden Platz, der vor Urzeiten zu einer unheimlichen, schwarzen
Kulisse zerschmolzen worden war, aus der die hohen, knöchernen Bäume herausragten wie eine Armee
untoter Soldaten, die rund um das hier verborgene Kleinod Wache hielten.

Seine Begleiter schienen mit dem Vorankommen mehr Probleme zu haben, sie fluchten und schimpften
und versuchten, ihre Füße aus Schlingen zu befreien, die Haegars Augen beim besten Willen nicht
wahrnehmen konnten. Er erinnerte sich, wie leicht man als unerfahrener junger Jäger der verwirrenden
Magie dieser übermächtigen Beute buchstäblich auf den Leim ging.

"Konzentriert euch!" rief er den jungen Männern zu. "Ruft euch selbst zur Ordnung!"

Einige nickten und schritten energisch voran, aber andere begannen zusehends in Panik zu geraten und
schlugen wild um sich, schrieen und heulten. Ein bärtiger Jüngling begann mit seiner rostigen Streitaxt
wild auf einen Baum einzuschlagen, zwei Ältere begannen eine wüste Prügelei. Als einer der
vernünftigeren Jäger sich umwandte, um die beiden Streithähne zu trennen, rief Haegar: "Nein! Lass sie!
Sie kannten das Risiko..."

"Aber wir können sie doch nicht einfach hier lassen!" wand ein blonder Junge mit einem alten
Breitschwert in der Faust ein.

Haegar schüttelte abfällig den Kopf. "Denen können wir nicht mehr helfen, außer wir erreichen unser Ziel
und befreien diesen Ort von seinem Zauber."

Damit war das Thema erledigt und sie gingen weiter. In den nächsten Minuten sank die Zahl der Bäume
und machte einer Reihe Stein gewordener Albträume Platz, schreckliche unnatürliche Verformungen des
Bodens, für die es keinen Namen gab. Immer mehr Jäger brachen unter dem übermächtigen Eindruck
der Umgebung zusammen, schrieen in Panik auf oder gingen mit Axt, Schwert und bloßen Fäusten auf
die Felsendornen los. Selbst Haegar spürte zusehends die tastenden, suchenden Bewegungen der
dunklen Kraft am Rande seines Bewusstseins. Diese Beute war unerwartet stark, und sehr erfahren.

Bevor er diesen Gedanken noch zu Ende gedacht hatte, wurde einer der jüngeren Jäger von einem
gewaltigen Feuerball getroffen und auseinandergesprengt. Die Hitzewelle warf die anderen Männer zu
Boden und versengte Haegars rechte Körperhälfte, er warf sich zu Boden und sah sich hektisch um.

Nur ein grünliches Flackern im Nebel verriet ihm die Richtung seines Feindes. Rasch sprang er auf die
Füße, sprintete um eine Reihe felsiger Fangzähne herum, die aus dem Boden ragten, und direkt auf das
Licht zu. Drei der verbliebenen Jäger folgten ihm nach.

Wenige Augenblicke später erreichten sie das Zentrum des Waldes, eine dunkle Grube voller gewaltiger
Spinnennetze und schleimiger Kokons, zwischen den schwarze und grüne Spinnen aller Größen umher
krochen.

Dieser Ort war kalt, eiskalt. Haegar sah, wie sein eigener Atem vor seinem Gesicht aufstieg und sich mit
dem kränklich schimmernden Nebel vermischte. Eiskalte Luft brannte in seinen Lungen, seine Glieder
begannen zu zittern. Es würde jeden Augenblick soweit sein, er wusste es. Der Geruch stieg ihm bereits
in die Nase, der Odem des Spinnenschattens...

Im letzten Augenblick warf er sich herum, riss den ersten seiner Dolche vom Gürtel und schleuderte ihn
in die Nebelschwaden. Ein markerschütternder Schrei ertönte, und als der Spinnendrache im nächsten
Augenblick auf ihn zugesprungen kam, ragte die Klinge aus seinem Hals.

Haegar wich der grünen Bestie gerade noch aus und schlug mit seinem Streitkolben zu. Die schwere
Waffe schlug hart auf die klebrige Schuppenhaut auf und ließ sie zersplittern. Grünes, stinkendes Blut
spritzte ihm ins Gesicht. Auch die anderen Jäger gingen nun auf die Bestie los, die wütend schnaufte und
sich zu ihrer ganzen Größe aufrichtete.

Es war ein gewaltiges Exemplar, neun Meter pure, mit Schuppen und Hornstacheln bedeckte
Muskelkraft, gekrönt von einem breiten, dornenbewehrten Schädel, aus dessen großen Nackenporen
der unnatürliche, grüne Nebel austrat, der diesen Ort so grausam verändert hatte. Seine übergroßen,
gelben Augen zuckten hektisch hin und her, erfassten zweifellos jede Einzelheit der Umgebung.
"Stirb, du Monster!" krähte einer der jungen Männer und ging mit seinem Breitschwert auf die Bestie
los. Der Drache riss den Kopf herum und spie ihm ein halbes Dutzend armdicker, klebriger Fäden
entgegen, die ihn beim Aufprall zurückschleuderten und einwickelten, so dass er fast völlig
bewegungsunfähig war. Nur Sekunden später sprang der Drache vor und packte den zweiten Jäger, der
sich ihm von der anderen Seite genähert hatte, mit dem Maul. Als Haegar und der letzte der jungen
Männer ihn erreichten, hatte er sein Opfer schon sauber in zwei Stücke zerteilt und halb verschlungen.

Haegar sprang, zog im Sprung seinen zweiten Dolch und warf ihn nach dem rechten Auge seines
monströsen Gegners. Die Klinge verfehlte ihr Ziel nur knapp und drang tief ins Augenlid ein. Der
Spinnendrache schrie wütend und schmerzvoll zugleich auf und wandte seinen kleinen Feinden seine fast
unempfindliche Rückseite zu.

Haegar wusste auch hierauf zu reagieren, er zog seinen Kolben und schlug hart gegen die Spitzen der
Hornschuppen, die sich dadurch in das empfindliche Fleisch darunter bohrten. Die Bestie brüllte vor
Schmerz und drehte sich auf den Hinterbeinen um. Haegars einzig verbliebener Jagdgefährten, ein junger
Mann mit langem, dunklem Haar, wusste genau, was er zu tun hatte: Er hob sein Schwert und wirbelte
damit so wild vor der Schnauze des Monstrums herum, dass dieses irritiert den Kopf einzog und für einen
Augenblick seine empfindliche Kehllappenregion entblößte.

Haegar vollführte einen gewagten Hechtsprung und stach zu.

Die scharfen Klingen seines Streitkolbens bohrten sich in die dünne, weiche Haut und zerschmetterten
die hohlen Halswirbel. Ein gewaltiger Schwall stinkenden, dunkelgrünen Blutes ergoss sich über ihm und
ein ohrenbetäubendes Kreischen erfüllte die ganze Grube. Der Spinnendrache begann, unkontrolliert um
sich zu schlagen, kratzte den gläsernen Boden auf und schnappte nach Haegar und seinem Gefährten.

Sein Todeskampf dauerte fast zehn Minuten, und obwohl die beiden Drachentöter nach Kräften auf ihn
einschlugen, mussten sie schließlich aufgeben und abwarten, wie das Leben langsam aus der riesigen
Bestie wich.

Als sie sicher waren, dass er tot war, begannen sie mit dem allerschlimmsten Teil ihrer Arbeit: Um sicher
zu gehen, dass die Verpestung dieses Waldes endgültig endete, mussten sie jeden einzelnen Kokon im
Nest des Spinnendrachen öffnen, die darin wachsenden Jungdrachen töten und zerstückeln.

Erst als sie sicher waren, dass kein Drache mehr am Leben war, zog Haegar eine magische Fackel und
entzündete sie. Wenig später stand das ganze Nest in Flammen, die schnell auf den gewaltigen Kadaver
übergriffen und den Wald in ein helles, rotes Licht hüllten. Wahrscheinlich würde er fast völlig
niederbrennen, aber aus der Asche würde sich eine neue, gereinigte Vegetation entwickeln.

Die beiden Männer machten sich auf den Weg zu den Pferden. Der junge Jäger – sein Name war Ulen –
schien sehr zufrieden mit sich zu sein. Er trug sein Schwert stolz über der Schulter und betrachtete eine
abgebrochene Drachenschuppe, die er als Trophäe mitgenommen hatte.

"Das war eine ungeheure Erfahrung..." murmelte er.

Haegar verzog das Gesicht. "Du hast gerade den ersten Schritt gemacht. Wenn du hart arbeitest und
noch viel lernst, wirst du in ein paar Jahren reif sein, selbst einen zu erlegen..."

"So lange?" fragte der Junge.

"Mach dir nichts vor", gab der Drachentöter zurück. "Heute hatten wir reichlich Glück."

"Glück? Nur wir zwei sind übrig von über einem Dutzend Männern!"

"Ich habe nicht erwartet, dass überhaupt einer von euch überlebt", gestand Haegar trocken.

Einen Moment lang herrschte Schweigen zwischen den beiden. Dann fragte Ulen: "Warum lehrt ihr nicht
an einer der Jägerschulen im Westen? Mit euren Kenntnissen könnten sicherlich viele gute Drachentöter
ausgebildet werden."

"Und wozu sollen die gut sein?" fragte Haegar. "Es gibt ohnehin kaum noch niedere Drachen in diesem
Teil der Welt..."

"Aber in anderen Teilen, auf den östlichen Kontinenten! Und außerdem sind da noch die Hochdrachen.
Sie kontrollieren immer noch unser Tun und Handeln im nördlichen Westen, und wenn wir sie nicht bald
loswerden, wird jeder Westmensch ihnen bald Untertan sein. Wir Drachentöter werden erst ruhen
können, wenn der Kopf des letzten Drachenrats über den Zinnen von Nordfulth aufgespießt ist!"

Der alte Drachentöter seufzte. Wie oft hatte er diese Worte schon gehört, von Menschen, die er
verabscheute ebenso wie von solchen, die er sehr schätzte. Sie alle hatten dieselbe Antwort erhalten.

Blitzschnell zog er seinen dritten und letzten Dolch und stieß ihm von hinten tief in Ulens Hals. Der junge
Jäger ächzte leise und brach mit einem gurgelnden Laut zusammen, bevor er noch wusste, was mit ihm
geschah. Haegar zog die blutige Klinge heraus und legte sie neben dem Jungen ins Laub. Dann machte er
sich auf den Weg zu seinem Pferd, um seinen Herren, hoch oben in ihren Thronhöhlen über Nordfulth
Bericht zu erstatten.

Sonnenreiter

"Wetten, dass du dich nicht traust?"

"Ich trau mich wohl!"

"Tust du nicht!"

"Tu ich doch!"


"Du gibst ja bloß an. Mädchen trauen sich sowas nie. Die fallen höchstens in Ohnmacht."

"Du fällst gleich selber in Ohnmacht, wenn ich dir eine runterhaue!"

"Dass du dich prügeln kannst, weiß ich. Aber einen Drachen zu reiten, das traust du dich nicht!"

Statt einer Antwort drehte sich Tira um und stapfte in Richtung Drachenhöhlen davon. Kolin folgte ihr -
und damit begann das große Abenteuer.

Natürlich hatte Kolin nicht angenommen, dass Tira Ernst machen würde. Eigentlich erwartete er auch
jetzt noch, dass sie sich auf die eine oder andere Art aus der Affäre ziehen würde - sich den Fuß
verknacksen oder die näherrückende Mittagessenszeit bemerken oder so etwas. Aber Tira tat vorerst
nichts dergleichen, sondern kletterte behände wie ein Wiesel vor ihm her den steilen Waldpfad hinauf,
und je länger sie unterwegs waren, desto unbehaglicher wurde dem Jungen zumute. Schließlich kannte
er Tira nun schon die gesamten elf Jahre seines Lebens (theoretisch, denn an die ersten drei oder vier
konnte er sich natürlich nicht so genau erinnern) und wusste, wie zielstrebig und starrsinnig sie sein
konnte, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Die Kiefern, durch die sie sich zwängten, wurden immer krüppeliger, je höher sie kamen - die
Baumgrenze war nicht mehr weit. Bald konnten sie schon frei ausschreiten, zwischen den nur noch
buschhohen Bäumen hindurch, die sich rechts und links des kaum erkennbaren Pfades vor dem scharfen
Bergwind duckten, ihre dicken Wurzeln in einem möglichst weiten Radius auf dem kargen Boden
verankernd. Überall lagen größere und kleinere Steine herum.

Jetzt war Tira auf der Kuppe angelangt, strich sich die kinnlangen braunen Haare aus dem Gesicht und
wartete auf ihren Freund. Schnaufend blieb Kolin neben ihr stehen und wischte sich mit dem Ärmel
seines blauen Hemdes den Schweiß von der Stirn. Vor ihnen senkte sich der Boden sanft in eine kleine
Talmulde ab. Hier wuchs keine einzige Krüppelkiefer mehr, es gab nur noch Gras und Steine. Zur linken
öffnete sich die Mulde in eine schmale, felsige Schlucht, von der die beiden wussten, dass sie sich bis in
die große Ebene erstreckte, die weite, flache Landschaft, die sie nur aus Erzählungen kannten. Ein
munterer Bach bahnte sich rechts von ihnen seinen Weg herab durch das Geröll, speiste den blaugrünen
kleinen Bergsee in der Mulde und verließ ihn auf der anderen Seite wieder, um über eine Felsstufe in die
Schlucht zu stürzen. Die vierte Seite des Talkessels bestand aus einer massiven Felswand, die beinahe
senkrecht vom Boden aufragte. Schräge Schichtungen zogen sich durch das Gestein, das an einigen
Stellen rötlich schimmerte.

Aber nicht diese landschaftlichen Reize des kleinen Tales zogen die Blicke der beiden an, sondern die
unten in der Wand zu erkennenden dunklen Öffnungen - die Drachenhöhlen! Es war nicht das erste Mal,
dass sie hier standen und die Drachen beobachteten - aber es war sehr wohl das erste Mal, dass sie sich
kurz ansahen und dann den Hang hinabgingen. Sie sprachen nicht mehr, bis sie am Ufer des Sees
angekommen waren.

"Wollen wir wirklich?" fragte Kolin, als sie sich daran machten, den in den See mündenden Bach zu
überqueren. Aber es war eigentlich keine wirkliche Frage, denn sogar er hatte jetzt das Gefühl, sich den
Rest seines Lebens schämen zu müssen, wenn sie an dieser Stelle umdrehten und nach Hause gingen.
Tira nickte nur. Es war nun, wo es Ernst wurde, keine Rede mehr von "du traust dich nicht", genauso wie
auch klar war, dass sie es beide tun würden, nicht nur Tira. Sie balancierten über die Steine des schmalen
Baches und blieben auf der anderen Seite einen Augenblick stehen, um sich zu orientieren.

Es gab fünf Drachenhöhlen in der Wand. Vor den am weitesten links gelegenen Öffnungen konnten sie
von hier aus zwei Jungdrachen raufen sehen: Sie flogen immer wieder ein Stück auf, worauf sich dann
der Schnellere auf den Rücken des anderen fallen ließ und ihm in den Nacken biss - so übten sie im Spiel
Verhaltensweisen ein, mit denen sie später ihren Rang in der Gruppe festlegen würden. Zwei
erwachsene Drachen lagen mit dem langen Schwanz in Richtung See auf ihren Vorderklauen und
überwachten die Spiele der Kleinen. Vor der mittleren Höhle hockten drei weitere Echsen in der Sonne,
eine davon breitete gerade in dem Moment in dem sie hinübersahen, ihre ledrigen Flügel aus und erhob
sich mit einem kräftigen Sprung in die Luft. Kolin und Tira warfen sich augenblicklich zu Boden, aber der
Drache flog gar nicht in ihre Richtung, sondern verschwand - in Schräglage, um nicht an den Felswänden
anzuecken - in der Schlucht. Die beiden Kinder beobachteten auf dem Bauch liegend weiter. Ganz rechts,
den Kopf den spielenden Jungtieren zugewandt, den Schwanz halb in der letzten Höhle, lag ein sechstes
Exemplar.

"Der oder keiner", krächzte Tira aufgeregt, "an den können wir uns von hinten ranschleichen!"

Kolin nickte, er hatte dasselbe gedacht. Also huschten einen Augenblick später zwei kleine Gestalten den
Bachlauf hinauf und dann an dem Schotterfeld und der Felswand entlang, bis nur noch wenige hundert
Meter sie von der letzten Drachenhöhle trennten. Ab jetzt schlichen sie sich Zentimeter für Zentimeter
vorwärts. Kolin hatte sein leuchtend blaues Hemd ausgezogen und hinten in die graue Leinenhose
gestopft, um keine Aufmerksamkeit zu erregen (gegen seine ebenso leuchtenden roten Haare konnte er
nichts unternehmen). Beiden klopfte das Herz bis zum Hals. Wenn der Drache sich nur nicht umdrehte
und sie bemerkte! Seine grünlich-graue Haut glänzte in der Sonne. Olivfarbene, dreieckige Stacheln
zogen sich von seinem langen Schwanz, den sie nun fast ganz sehen konnten, bis zum Halsansatz über
seine Wirbelsäule. Sie mussten versuchen, an seiner linken Seite entlang bis zu seinem Vorderbein zu
gelangen, bevor er sich umdrehen und sie mit seinem Feueratem treffen konnte.

Der Feueratem! Sobald ein Kind im Dorf laufen konnte, wurde ihm klargemacht, was das bedeutete -
jeder, der in der Nähe einer Drachenkolonie lebt, muss darüber Bescheid wissen, um sich im Falle einer
Begegnung mit einem Drachen richtig verhalten zu können:

Drachen sind Reptilien, also Kaltblüter. Da bei ihnen aber aufgrund ihrer Größe das morgendliche
Sonnenbad zum Aufwärmen nicht ausreichen würde, hat sich Mutter Natur für sie etwas Besonderes
ausgedacht: einen äußerst hitzeunempfindlichen Magen-Darm-Trakt und die Fähigkeit, dessen Inhalt
innerhalb kürzester Zeit zum Gären zu bringen. Die dadurch entstehende Hitze wärmt das Blut des
Drachen an. Da diese Wärme nun aber im Magen erzeugt wird, bedeutet ein Drachenrülpser - und
naturgemäß rülpst ein Drache oft, da bei der Gärung auch Gase entstehen - ziemlich heiße Luft. Dass ein
Drache Flammen spuckt, ist natürlich Blödsinn, aber die herausgerülpsten Gase sind so heiß, dass ein
Mensch, der sie abbekommt, buchstäblich gebacken wird. Dummerweise ist nun das gegenseitige
Anrülpsen unter Drachen ein Zeichen der Zuneigung, und da die Echsen ausgesprochen gesellige und
freundliche Tiere sind, ist für sie alles, was nicht auf ihrem Speiseplan steht, ein Freund (natürliche
Feinde gibt es selbstverständlich nicht) - darum muss ein Mensch, der sich einem Drachen nähert, damit
rechnen, zur Begrüßung freundlich angerülpst zu werden. Das allein macht die Begegnung mit diesen
Tieren so gefährlich, denn aggressiv sind sie in keiner Weise.

Tira und Kolin waren jetzt an der Höhlenöffnung angekommen. Vorsichtig lugte Tira um die Ecke. Die
Höhle war leer. Jetzt kam es darauf an. Kolin suchte Tiras Hand und drückte sie fest, Tira drückte zurück -
und dann schlüpften sie so leise wie es irgend ging in den Schatten des Höhleneingangs, um sich dem
Drachenschwanz aus einem möglichst kleinen Winkel zu nähern. Als sie eben an seiner Schwanzspitze
angekommen waren, machte der bisher vollkommen ruhig daliegende Drache mit einem Mal eine
Bewegung. Sein Schwanz schnellte in die Höhe und wäre Tira beinahe auf den Kopf gefallen, wenn sie
nicht geistesgegenwärtig einen Schritt zur Seite gemacht hätte. Der Drache schien die Bewegung aus
dem Augenwinkel gesehen zu haben, sein Kopf schwang herum und das große runde Auge mit der
schlitzförmigen Pupille sah sie direkt an. Es war nicht nötig, sich darüber zu verständigen, was nun zu tun
sei: sie mussten auf seinen Rücken gelangen, ehe er seinen Rülpser vorbereitet und sich ganz zu ihnen
umgedreht hatte. Sie rannten um ihr Leben, am Hinterbein vorbei, die Flanke entlang, in der es bereits
bedrohlich zu gluckern begann, zum Vorderbein, - der Drache reckte den Hals, um die Speiseröhre zu
strecken - Tira sprang zum hochstehenden Ellenbogen hoch, griff zu, versuchte sich hinaufzuziehen,
schaffte es nicht, rutschte ab, - der Drache machte einen Schritt nach rechts, um sie wieder ins Blickfeld
zu bekommen - erneutes Rennen zu seinem Vorderbein, diesmal war Kolin vorn, sprang, hielt sich fest
und schaffte es, sich hochzustemmen, Tira sprang wieder, Kolin fasste ihre Hand, - der Drache machte
einen erneuten Schritt nach rechts, Kolin schrie auf, konnte sich gerade noch halten, Tira hing sich
festklammernd am Unterarm des Drachen, dann gelang es Kolin endlich, sie hochzuziehen, sie kletterten
auf den Rücken der Echse, die sich noch einmal zur Seite bewegte - und dann brach sich das Gas aus dem
Magen des Drachen Bahn und er rülpste laut und anhaltend. Die Luft vor seinem Maul flimmerte, und
immer noch heiße Luft wehte nach hinten zu den beiden Kindern, die sich inzwischen keuchend jeweils
zwischen zwei seiner Rückenstacheln niedergelassen hatten.

Die Hornplatten auf dem Rücken eines Drachen scheinen wie dafür gemacht, dass ein Mensch sich
dazwischensetzt: sie bilden zum Kopf des Drachen hin leicht eingedellte Dreiecke, die nach hinten zu
schmalen Kanten auslaufen, so dass man sich bequem gegen die hintere lehnen und an der vorderen
festhalten kann. Kolin und Tira hatten sich instinktiv die richtigen Plätze ausgesucht - nicht zu weit vorn,
um dem Drachen nicht direkt auf den empfindlichen Nackenwirbeln zu sitzen, aber auch in
gebührendem Abstand zu den jetzt noch zu je drei dunklen, nach schräg hinten über den Rücken des
Drachen wegstehenden Spitzen zusammengefalteten Flügeln.

Der Drache wirkte zuerst etwas ungehalten, dass sein Rülpser so ins Leere gegangen war, beruhigte sich
dann aber schnell wieder. Er schien gegen ihren Aufenthalt auf seinem Rücken ansonsten nichts
einzuwenden zu haben.

Langsam trottete er aus dem Schatten der Felswand und gesellte sich zu den beiden mittleren Drachen
hinüber. Als er sie erreichte, streckte er den langen Hals nach vorn und zischte, worauf die zwei Tiere, die
offensichtlich in der Rangordnung unter ihm standen, ihm durch Ducken und mit dem Kopf hin- und
herpendeln ihre Unterordnung versicherten. Er legte sich hin, schloss die Augen und schien die Wärme
zu genießen. Die beiden Kinder auf seinem Rücken sahen sich an, seufzten und stellten sich auf eine
lange Wartezeit ein.

Es ist relativ leicht für einen Menschen, einen Drachen zu besteigen. Es ist noch leichter, sich auf seinem
Rücken zu halten - aber es ist unmöglich, einem Drachen irgendetwas zu befehlen. Ein Drache fliegt
wann und wohin er will, und ob dabei irgendjemand oder -etwas auf seinem Rücken sitzt, ist ihm
schlichtweg egal. Vielleicht ist ihm dessen Anwesenheit auch gar nicht bewusst - Drachen sind nicht die
intelligentesten Tiere, denn aufgrund ihrer Größe brauchen sie weder viel Verstand, um sich gegen
irgendwelche Feinde zu wehren, noch um Beute zu machen.

Die folgende Stunde verbrachte Tira hauptsächlich damit aufzupassen, dass sie beim Einnicken nicht
herunterfiel, während Kolin sich zunehmend Sorgen um seine Haut machte - wie die meisten rothaarigen
Menschen war er sehr anfällig für Sonnenbrand.

Dann endlich rührte sich der Drache wieder. Er gähnte ausgiebig - je zwei Reihen Zähne, eine davon aus
beeindruckenden Reißzähnen, glänzten weiß im Licht - und dann ging alles sehr schnell. Die große Echse
erhob sich, entfaltete die Flügel, stieß sich ab, Kolin und Tira wurden gegen ihre "Rückenlehnen"
gedrückt - und ehe sie zweimal schlucken konnten, waren sie schon hoch in der Luft. Der Wind pfiff
ihnen um die Ohren, hinter Kolin sausten die großen, dunklen Schwingen durch die Luft, sie klammerten
sich ängstlich fest und wagten kaum, nach rechts und links ins Nichts zu schauen. Der Drachenrücken
unter ihnen, der ihnen auf der Erde riesig breit vorgekommen war, schien auf einmal ein ausgesprochen
schmaler und wackliger Sitzplatz zu sein. Tira hatte das Bedürfnis, ihre Stiefel neu zu schnüren, damit sie
ihr nicht von den Füßen fielen, aber sie traute sich nicht, auch nur eine Hand von dem Zacken vor ihr zu
nehmen. Erst nach einer ganzen Weile wagte sie, die Augen von der noppigen Drachenhaut vor ihr zu
heben und nach vorn zu blicken.

Was sie sah, raubte ihr so sehr den Atem, dass sie ihre Angst völlig vergaß. Der Drache war nicht wie der,
den sie vorhin hatten fortfliegen sehen, in die Schlucht eingetaucht, sondern flog höher, viel höher - er
hatte eine Schleife über dem Talkessel gedreht und rauschte nun im Steilflug die Felswand empor. Tira
merkte, wie sicher sie saß, und lockerte ihren Griff etwas, als sie die obere Kante des Felsens erreichten.
Der Anblick, der sich ihr nun bot, veranlasste sie zu einem kleinen Jauchzer. Unter ihr erstreckte sich ein
weites Plateau, rötlich wie die Wand, und auf diesem Hintergrund entfalteten sich sattgrüne,
leuchtendgelbe, blaugraue und weißliche Farbflecken - vereinzelte Grasstellen und verschiedene
Flechtenarten, die den felsigen Untergrund an einigen Stellen fast völlig verdeckten und so immer neue
Muster bildeten.

Kolin hatte inzwischen aus einem anderen Grund ebenfalls seine Angst verloren: Er flog! Er, Kolin
Barnedssohn, flog auf einem Drachen durch die Luft! Sein Herz klopfte nicht mehr aus Furcht bis in den
Hals, sondern vor Aufregung und Stolz. Es war ein unbeschreiblich wundervolles Gefühl, die Luft im Haar
zu spüren und zu wissen, dass er sich hoch, hoch über der Erde befand, vom Wind getragen wurde - nicht
die Luft bewegte sich, sondern er! Hinter sich hörte er die Drachenschwingen schlagen, spürte die
Luftverwirbelungen auf dem Rücken - das machte ihn neben seinem Stolz auch demütig: letztendlich
hatte er es schließlich nur der Gutmütigkeit dieses großen Tieres unter ihm zu verdanken, dass er, der
kleine, leicht rundliche Menschenjunge, diesen Flug erleben durfte.

Die Landschaft glitt so rasch unter ihnen hinweg, dass es ihnen schwerfiel sich bewusst zu machen, wie
lange es dauern würde, diese Strecke zu Fuß zurückzulegen. Das Hochplateau senkte sich langsam ab, die
Flechten und der nackte Fels verschwanden, auf grasige Almen folgten vereinzelte Bäume, bis sie
schließlich über ein weites Waldgebiet segelten. Der Drache flog jetzt immer tiefer und tiefer, bis er fast
die Wipfel streifte, und schaute nach unten, als suche er etwas. Dann ließ er sich mit einem Mal fallen.
Kolin schrie auf vor Schreck, zumal er schon eben begonnen hatte zu befürchten, dass das Reptil sich auf
einem Jagdausflug befand. Er legte nicht allzu viel Wert darauf, mit anzusehen, wie die großen Klauen ein
Reh oder so etwas in blutige Fetzen rissen. Aber was half es - der Drache würde sie nicht um ihre
Meinung fragen. Er hatte die Flügel angelegt und rauschte nun durch die Zweige nach unten. Einen
Wimpernschlag später landete er recht unsanft auf dem Waldboden, so dass Tira beinahe
heruntergefallen wäre. Als sie sich wieder zurechtgesetzt hatte und sich nach der zukünftigen Beute des
Drachens umsah, konnte sie keine entdecken. Der lichte Wald um sie herum war leer. Jetzt setzte der
Drache sich in Bewegung. Zielstrebig marschierte er auf ein ausgedehntes Gebüsch zu und begann, ganze
Zweige davon abzufressen.

"Himbeeren!" staunte Tira, "Wusstest du, dass Drachen Himbeeren fressen?"

Kolin schüttelte den Kopf. Woher hätten sie es auch wissen sollen? Es war schon lange niemand aus dem
Dorf mehr mit den Drachen geflogen. Der Vater des alten Ornt hatte es in seiner Jugend getan,
behauptete dieser, aber der alte Ornt erzählte viel, und ein großer Teil davon war erwiesenermaßen nur
Erfindung. Jeder wusste, dass es möglich war, aber zu welchem Zweck sollte man die Gefahr auf sich
nehmen, sich einem Drachen zu nähern? In einem Bergdorf war das Überleben zu hart, um sich mehr als
nötig mit den Dingen abzugeben, die nicht nützlich waren.

Der Drache tauchte beinahe in das Himbeergebüsch ein, so dass Tira und Kolin sich einerseits vor den
dornigen Zweigen in Acht nehmen mussten, andererseits nun selbst die Möglichkeit hatten, sich an den
reifen Beeren gütlich zu tun, denn absteigen wollten sie natürlich nicht.

Erst nachdem er einen großen Teil der Pflanzen vollständig abgefressen hatte, schien der Drache genug
zu haben, leckte sich mit der langen, schmalen Zunge den Himbeersaft von der Schnauze und machte
einen gewaltigen Satz nach oben. Die Flügel konnte er zwischen den Bäumen nicht ausbreiten, darum
krallte er sich an zwei dicken Ästen fest und zog sich nach oben, bis die Schwingen Platz genug hatten,
stieß sich von dem unter seiner Last zusammenbrechenden Baumwipfel ab und flog wieder.

"Ach du Schreck!" rief Kolin, als sie sich wieder zurechtgesetzt und den Klammergriff um den vorderen
Rückenstachel etwas gelöst hatten, und zeigte auf den Himmel. Über den Bergen, ihrer Heimat, auf die
sie nun wieder zuhielten, zog mit rasender Geschwindigkeit eine Wolkenwand auf, schwärzer als es die
beiden jemals gesehen hatten.

Tira begann zu zittern. Sie fürchtete sich eigentlich nicht vor Gewittern, aber auf dem Drachenrücken...

Kolin ging es ähnlich. Vor allem machte ihm der Gedanke an starken Wind Angst. Was, wenn der Sturm
den Drachen in eine starke Schräglage brächte? Sie könnten sich nicht ewig festhalten! Doch gerade, als
die Panik ihn überkommen wollte, fiel ihm ein, dass er immer eine lange, feste Lederschnur in der Tasche
hatte, so wie es ihm sein Vater beigebracht hatte. "Im Gebirge muss man immer ein Seil dabeihaben,
und wenn es nur ein dünnes ist!" sagte er oft genug, und Kolin war jetzt froh, darauf gehört zu haben.
Zum Glück waren die Hornplatten nicht ganz glatt, so dass die Schnur gut hielt, als er sich probeweise
damit festband. Danach war noch genug Schnur übrig, die er um Tiras Bauch und den Stachel in ihrem
Rücken wickelte.

Er war gerade damit fertig, als das Gewitter sie erreichte. Regen prasselte auf sie nieder, Blitze zuckten
pausenlos über den Himmel und ihr Donnern dröhnte unerträglich laut in ihren Ohren. Der Drache schlug
heftig mit den Flügeln und versuchte, sich über die Wolken zu erheben, aber inzwischen hatte auch der
Wind eingesetzt, und er hatte sichtlich Mühe, überhaupt in der Luft zu bleiben. Mehrmals drückte ihm
eine unerwartete Bö einen Flügel weg, so dass er nach der Seite wegkippte und abzustürzen drohte, aber
er kämpfte sich jedes Mal wieder hoch und versuchte, die Richtung auf die Berge beizubehalten. Kolin
merkte an der Anspannung der Muskeln unter seinen Beinen, dass die Echse müde wurde, und
schließlich gab sie auf, drehte sich in die entgegengesetzte Richtung und ließ sich vom Wind tragen,
anstatt gegen ihn anzukämpfen. Der Sturm tobte und heulte, und sie sausten mit ihm davon, schaukelnd
und auf und ab taumelnd, aber doch sicherer als vorher.

Weder Tira noch Kolin konnten später sagen, wie lange das so ging. Sie wussten nicht einmal, wo sie sich
befanden. Der Regen bildete hin und her wehende Schleier, die ihnen völlig die Sicht nahmen, aber sie
waren sowieso viel zu verängstigt, um irgendetwas wahrzunehmen außer dem immer schwächer
werdenden Drachen unter ihnen, der lebensrettenden Schnur um ihre Bäuche und der Kälte.

Dann endlich wurde der Sturm schwächer. Der Regen ließ nach, und der Himmel hellte sich auf. Kolin
spürte, wie die letzte Kraft den Drachen verließ, wie er seine Muskeln entspannte und sich einfach zu
Boden gleiten ließ.

Wie betäubt saßen die beiden Kinder auf dem Drachenrücken und konnten nicht fassen, dass sie lebten.
Sie hatten das Gewitter unversehrt überstanden. Der Drache atmete schwer, aber auch er war am
Leben. Sie spürten, wie die Sonne hervorkam und damit begann, ihre tropfenden Körper zu wärmen und
zu trocknen - und erst da gelangte die Information in Tiras Gehirn, die ihre Augen schon seit geraumer
Zeit versuchten zu vermitteln: Häuser. Rund um sie herum standen in einiger Entfernung Häuser aus
Stein, und unter den Klauen des Drachen befanden sich rötliche Pflastersteine. Sie waren mitten auf
einem weitläufigen, runden Marktplatz in einer steinernen Stadt gelandet, und zwischen ihnen und den
Häusern bildete sich nun ein zweiter Ring, ein Ring aus Menschen.

"Kolin", fragte Tira, und ihre Stimme zitterte etwas, "Was machen die da?"

"Ich weiß nicht", antwortete der Junge und starrte auf die bedrohlich wirkende Menge. Sie hatten beide
noch niemals so viele Menschen auf einem Haufen gesehen - ihr Dorf hatte nur 43 Einwohner, und dies
hier waren hunderte. Sie trugen seltsame, unpraktische Kleider, wie Kolin bemerkte, als sich der Ring
immer mehr schloss: Männer wie Frauen waren in lange Umhänge gehüllt, darunter schauten
gelegentlich geschnürte Wämser und weite Röcke bei den Frauen und lange, schlauchartige Gewänder
bei den Männern hervor. Manche hatten hohe Hüte auf dem Kopf, und jeder von ihnen hielt einen mehr
oder weniger langen Stab in der Rechten. Kinder waren keine zu sehen. Jetzt hoben alle diese Menschen
gleichzeitig die Stäbe in die Höhe - und plötzlich schossen aus den verdickten Enden der Stäbe grünliche
Strahlen in die Höhe, glitten durch die Luft wie Bänder und trafen sich genau über den drei
Eindringlingen, so dass sie eine hohe, strahlende Kuppel bildeten. Kolin und Tira waren vor Schreck wie
gelähmt. Magie! Das musste Magie sein. In ihrem Dorf kam sie nicht vor. Wozu auch? Zum Ziegenhüten
oder zum Bestellen der Gemüsegärten war sie nicht zu gebrauchen, geschweige denn dass man damit
eine Bergwiese mähen könnte. Magie war etwas für Krieger oder Weise, nicht für Bergbauern.

Kolin fasste nach Tiras Hand. Es tat gut zu wissen, dass sie da war. Tira drückte zurück, aber gleichzeitig
starrte sie nach oben - so bedrohlich die grüne Kuppel auch sein mochte, sie war wunderschön. Der von
einzelnen Wolken durchzogene Himmel schimmerte durch die halb durchsichtigen Strahlen hindurch, die
sich noch während sie schaute langsam wandelten und über ein helles Gelb zu leuchtendem Orange
wechselten. Gerade als die Kuppel ein tiefes Rot erreichte, sah sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung.
Einer der Magier löste sich aus dem Ring und kam näher. Sein Mantel war golden, und bei jedem Schritt
blitzten purpurfarbene Stiefel am unteren Saum hervor. Etwa zehn Schritte vor ihnen blieb er stehen.
Langes graues Haar wallte unter dem Hut hervor und auf seine Schultern nieder. Tira hatte noch niemals
einen so ehrfurchtgebietenden Mann gesehen. Über einer leicht gekrümmten Nase blickten zwei
stechende Augen sie an. Und dann tat der Mann etwas Unerwartetes: Er nahm den Hut ab und
verbeugte sich tief. Tira fielen fast die Augen aus dem Kopf.

"Bote der Sonne!" rief er jetzt. "Bote der Sonne, seid willkommen! Wir haben Äonen lang geduldig auf
Euch gewartet."

Dann hob er eine Hand, und alle Anwesenden begannen, in einem seltsamen Singsang etwas zu
rezitieren, das sich wie eine Prophezeiung anhörte: "Wenn die Zeit gekommen ist, werden die wehenden
Winde den Meister der Weisheit heranbringen, der mit Feuer und Kraft das Dunkle auslöschen und der
Magie der Sonne zu ihrem Recht verhelfen wird. Seid bereit! Seid bereit! Seid bereit für den Drachen,
den Boten der Sonne!"

Am Ende des Spruches warf sich jeder auf den Boden, nur der Mann im goldenen Mantel blieb stehen
und sah den Drachen erwartungsvoll an. Aber die Echse war zu erschöpft, um auf ihn zu reagieren - um
genau zu sein: sie war eingeschlafen.

Kolin zupfte Tira am Ärmel. "Du, Tira - versteh ich das falsch, oder glauben die, der Drache könnte
sprechen und Magie erzeugen?" flüsterte er.

Tira zuckte nur die Achseln, denn jetzt schien der alte Magier begriffen zu haben, dass er fürs Erste keine
Antwort von dem Drachen bekommen würde, und richtete seine Aufmerksamkeit nunmehr auf die
beiden Kinder auf dessen Rücken. "Steigt herab, Sonnenreiter!" rief er leise, um den Drachen nicht zu
wecken. Als ob ein Drache sich von irgendetwas stören ließe, wenn er schlief - Tira wäre beinahe in
nervöses Kichern ausgebrochen, konnte sich aber gerade noch beherrschen. Dann wurde sie sich des
Inhalts seines Rufes bewusst. "Meint der uns?" fragte sie ungläubig.

"Scheint so", antwortete Kolin. "Und ich glaube, wenn wir nicht absteigen, kriegen wir mächtig Ärger,
oder was denkst du?"

"Wahrscheinlich", stimmte Tira ihm zu, fasste wiederum nach seiner Hand, und gemeinsam kletterten
und rutschten sie an der Seite des Drachen herab.

Beiden war ziemlich flau im Magen, als sie schließlich direkt vor dem goldenen Mann standen. Sie ließen
einander nicht los.

"Willkommen!" grüßte der Magier sie und neigte dabei wieder den Kopf.

"Danke, und guten Tag." Kolins Stimme klang ziemlich piepsig, aber was sollte man auch erwarten, wenn
man solche Angst hatte! Sie folgten seinem Beispiel und verbeugten sich ihrerseits.

"Nicht doch, Sonnenreiter! Ich bin nichts als euer ergebener Diener. Mein unwichtiger Name ist
Lergoban, Bürgermeister und Hüter des Sonnenstrahls." Und wieder verbeugte er sich.

Kolin und Tira sahen sich an. Bürgermeister? Ein Magier als Bürgermeister?

Ein Gedanke traf das Mädchen so plötzlich, dass sie ohne nachzudenken damit herausplatzte: "Seid ihr
denn hier alle Magier?"

Lergobans Körper straffte sich sichtlich, als er mit unverhohlenem Stolz in der Stimme antwortete: "Ja.
Wir alle, vom Ritter bis zum Straßenfeger, haben die Gabe der Magie. Wir dulden schon lange keinen
unmagischen Menschen mehr unter uns. Der kristallene Sonnenstrahl ist seit alters her unser Zeichen für
die Reinheit der Magie. Und jetzt ist der Bote der Sonne mit dem Wind gekommen, wie es in der alten
Prophezeiung gesagt wurde, und er wird unsere Kraft stärken und uns mit seinem Feueratem helfen,
endgültig das Land zu säubern. - Da, wo ihr herkommt, ist das Dunkel schon besiegt, wie ich vermute,
wenn sogar Kinder stark genug sind, den Sonnenboten zu reiten?"

Ein drückendes Schweigen machte sich zwischen ihnen breit. In den Gedanken Kolins raste es. Was
sollten sie antworten? Er öffnete den Mund und holte Luft, um irgendetwas zu sagen, auch wenn er
nicht wusste, was genau der Bürgermeister meinte, nur um dieses gefährliche Schweigen nicht länger
andauern zu lassen - aber es war bereits zu spät. Lergobans Augenlider zuckten kurz, dann streckte er
Kolin seinen Stab hin und bat: "Eine kleine Probe deiner Lichtmagie?"

Kolin schüttelte den Kopf, ohne etwas sagen zu können - abgesehen davon, dass sein Hals wie
zugeschnürt war, fiel ihm sowieso keine passende Ausrede ein.

Eine steile Falte bildete sich auf der Stirn des Magiers. Er sagte nichts, während er Tira den Stab hinhielt.

"Wir können nicht zaubern", sagte Tira fest. Was half es noch, zu leugnen?

Der Satz schien über den ganzen Platz zu hallen. Es war, als wären alle anderen Geräusche mit einem Mal
verstummt, um Platz zu machen für diese vier Wörter, die sich ausdehnten und so groß wie Berge
wurden, um jeden einzelnen Gehörgang zu füllen. Die Stille dauerte nur einen Herzschlag lang, dann
erhob sich ein Raunen überall, Stirnen wurden gerunzelt, Augen wurden schmal, und immer mehr
Zauberstäbe richteten sich auf die beiden Kinder.

Lergoban fasste sie mit hartem Griff an den Armen und rief laut: "Nein! Wir dürfen ihnen noch nichts
tun!"

Das Murmeln wurde lauter und wandelte sich zu einzelnen empörten und entsetzten Rufen: "Aber das
Dunkel!" - "Sie sind unmagisch!" - "Der Sonnenmagie muss zu ihrem Recht verholfen werden!"
Lergoban hob die Hand. "Vergesst nicht, dass sie mit dem Sonnenboten gekommen sind!"

Alle Augen wanderten herum zu dem immer noch schlafenden Drachen. Stille machte sich breit.

Wieder ergriff Lergoban das Wort: "Wir müssen das Gespräch mit ihm abwarten. - Bringt sie in den
Turm!"

Zwei Männer in blauen Mänteln kamen heran, richteten ihre Stäbe auf Tira und Kolin, und die beiden
fühlten, wie etwas wie eine harte Hand ihre Nacken umfasste und sie unwiderstehlich nach vorn zwang.
Sie konnten weder seitlich ausbrechen noch stehen bleiben. Auf diese Weise lenkten die beiden Magier
sie durch die großzügig angelegten Straßen der Stadt, deren Pracht sie aber vor Angst nur unterbewusst
wahrnahmen. Was würde nun mit ihnen geschehen? Anscheinend war es hier etwas unerhört
Schlimmes, kein Magier zu sein. "Noch nichts tun" hatte Lergoban gesagt. Diese Menschen wollten sie
töten oder verzaubern - jedenfalls hatten sie nichts Gutes im Sinn, und die beiden Kinder wussten nicht
einmal, an welchem wahrscheinlich seidenen Faden dieses "Noch nicht" hing.

Jetzt waren sie anscheinend an ihrem Ziel angelangt. Erst als der Zauber sie zwang stehenzubleiben,
wurden sie des massigen Turmes überhaupt gewahr, auf den sie schon eine ganze Zeit zugegangen sein
mussten. Er erhob sich höher als zwei Häuser vor ihnen, gebaut aus unbehauenen Felsbrocken aus
Granit, ein dunkles, archaisch wirkendes Gebäude. Sie konnten nur eine einzige, kleine Tür erkennen und
ganz weit oben eine Fensteröffnung.

Wieder wurden sie vorwärts gezwungen, auf die dicke Eisentür zu, die sich von allein öffnete, als sie
näher kamen. Tira und Kolin stolperten über die Schwelle ins Dunkel. Ihre Begleiter blieben vor der Tür
stehen. Einen Augenblick lang wurde ihren Augen Zeit gegeben, sich an die Finsternis zu gewöhnen, dann
drückten die beiden Zauberer sie auf eine Art Rinne zu, die sie inzwischen schemenhaft erkennen
konnten. Sie stand mitten in dem runden Raum und schien irgendwo hoch oben an die Wand gelehnt zu
sein. Die Magie schob sie darauf, und dann sausten sie, von der unsichtbaren Kraft getrieben, nach oben,
wo sie auf einer schmalen Plattform aus Brettern, die in Höhe des Fensters an die Mauern angebracht
war, zum Stehen kamen. Sofort kippte die Rinne unerreichbar auf die andere Seite. Unten fiel die Tür ins
Schloss. Ihre Bewacher hatten die ganze Zeit nicht ein Wort mit ihnen gesprochen.

Wie zwei verängstigte kleine Vögel, die zum ersten Mal das Nest verlassen haben, hockten Kolin und Tira
auf dem abgenutzten Holz, unter sich viele Fuß Nichts, im Rücken kalter, unebener Stein und im Herzen
Angst und Verzweiflung. Sie hielten sich in den Armen und weinten. Nicht einmal Tira schämte sich
dafür. Es tat gut, sich so gehenzulassen, und sie hatten ja auch allen Grund dazu.

Das blasse Licht, das aus dem vergitterten Fenster in den Turm fiel, wurde in demselben Maße
schwächer wie Tiras Schluchzen verebbte. Auch Kolin wischte sich seltener über die Augen. Schließlich
saßen sie nur noch da und starrten auf die gegenüberliegende Wand, bis sie sie nicht mehr erkennen
konnten und Tira vor Erschöpfung eingeschlafen war. Kolin blieb noch eine Weile wach und versuchte,
einen Fluchtplan zu entwerfen, aber schließlich übermannte auch ihn die Müdigkeit. Eng
aneinandergekuschelt schliefen sie, wie nur Kinder es in einer so ausweglosen Lage können.

Irgendwann wachte Kolin auf, ohne zu wissen warum. Er tastete nach Tira - sie war noch da. Er lauschte -
nichts war zu hören. Alles schien so weit in Ordnung, wie es in ihrer augenblicklichen Situation sein
konnte. Beruhigt legte er sich wieder hin - aber bevor seine Augen erneut zufielen, schreckte er plötzlich
hoch: ein bläuliches Leuchten schimmerte durch das Fenster in den Turm und in seine Augen. Er stand
auf und sah hinaus - und konnte einen überraschten Ausruf nicht verhindern.

"Was ist los?" murmelte Tira schlaftrunken und stellte sich wankend auf.

"Man kann alles sehen! Sie haben wieder eine Kuppel gemacht, und Lergoban geht auf den Drachen zu!"
erwiderte Kolin atemlos.

Schlagartig war Tira wieder völlig wach und trat neben ihren Freund.

Tatsächlich - das Fenster schien wie ein Fernglas zu wirken, denn sie sahen die Szenerie so nah, als seien
sie nur wenige Schritte entfernt, obwohl sie doch durch die halbe Stadt gelaufen waren, um hierher zu
gelangen. Die blaue Lichtmagie, die sich über dem Ring aus Menschen wölbte, war die einzige
Beleuchtung. Diesmal wechselte die Farbe nicht, so dass sie nichts von dem ablenkte, was in der Mitte
des Platzes geschah. Der Drache war wach und sah dem immer näher kommenden Bürgermeister
interessiert entgegen. Die beiden Gefangenen konnten dank des augenscheinlich magisch behandelten
Fensters jeden einzelnen Schritt auf dem Pflaster hören.

"Halt", flüsterte Kolin, "er ist schon viel zu dicht dran!"

Er hatte recht. Doch Lergoban ging immer noch weiter. Schon streckte der Drache den Hals.

"Oh nein!" schluckte Tira. Auch wenn er sie gefangengesetzt hatte - sie wünschte niemandem, vom
Drachenatem getroffen zu werden.

Jetzt endlich blieb der alte Mann stehen. "Edler Sonnenbote!" rief er. "Was sollen wir mit den Kindern
des Dunkels machen, die mit Euch herkamen? Ich habe veranlasst, dass sie vorerst verschont wurden.
Was -"

Es sollte ihm nicht vergönnt sein, seinen Satz zu beenden. Lautstark brach sich der Drachenrülpser Bahn.
Die Luft flimmerte vor Hitze, und Lergoban brach mit einem schrecklichen Schrei zusammen.

Stille herrschte auf dem Platz. Niemand wagte, sich dem alten Mann und damit dem Drachen zu nähern,
aber genauso wenig traute man sich, zurückzuweichen.

"Er ist wütend..." tönte auf einmal eine flüsternde Stimme über den Platz. "Was haben wir falsch
gemacht?" fragte eine andere. "Was jetzt?" wollte eine dritte wissen. Unsicherheit und Furcht brachen
auf allen Gesichtern durch. Zweifel begannen zu keimen: "Er ist doch der Sonnenbote, oder?"

"Natürlich ist er das!" Mit einer tiefen, ruhigen Stimme wurden diese Worte laut in die Runde
gesprochen, ja beinahe gerufen. Ein Raunen ging über den Platz: "Terindor, der Ritter!"

Ein kräftiger, dunkelhaariger Mann trat aus den Reihen der Menschen auf den offenen Platz. Sein roter
Mantel hing ihm nur locker über die Schultern, sein Kopf war unbedeckt.

"Begreift ihr noch nicht? Der Sonnenbote wollte uns auf die Probe stellen, indem er diese Kinder mit sich
brachte. Jetzt hat er Lergoban bestraft, weil der wegen kleinlicher Bedenken die Vernichtung des
Dunklen verzögert hat. - Bote der Sonne!" rief er, indem er sich dem Drachen zuwandte. "Wir werden die
Kinder augenblicklich vernichten. Erlaubt uns nur, alles nach dem gewohnten Ritual zu vollziehen."

Der Drache wackelte mit dem Kopf auf und ab und machte einen Schritt auf den Ritter zu. Es war ihm
unangenehm, dass er dem Mann nicht höflich anrülpsen konnte - er hatte gerade seine ganze Ladung
verbraucht. Weil sein letzter so lange her gewesen war, hatte er die Kontrolle über den Gasausbruch
verloren und nicht wie sonst einen Teil zurückbehalten.

Selbstverständlich nahmen die Menschen diese Bewegung als Zeichen der Zustimmung. Jubel brach los,
und dann begann eine hektische Betriebsamkeit. Blitze huschten über den Platz, Stühle und Sessel
wurden magisch herbeibefördert, und eine kleine Gruppe sonderte sich in einer Nebelwolke von den
anderen ab und schienen zu meditieren.

An dieser Stelle packte Kolin seine Freundin an der Schulter. "Wir müssen hier raus!" keuchte er, und erst
jetzt begriff auch TIra das ganze Ausmaß der Gefahr, die ihnen drohte. An 'vernichten' gab es nichts zu
deuten.

"Wie denn?" jammerte sie. "Hier kann wahrscheinlich nicht mal ein Zauberer raus!"

Kolin starrte sie an. Nur wenige Sekunden waren nötig, dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
"Zauberer! Natürlich! Ich möchte wetten, die können sich gar nicht vorstellen, wie es ist, nicht...
zaubern... zu können..." Bei den letzten Worten begann er schon damit, an den Eisenstangen zu rütteln,
die das Fenster vergitterten. Sie bewegten sich leicht. Er untersuchte sie genauer - tatsächlich, sie waren
einfach von innen an das Mauerwerk geschraubt. Er kramte sein Taschenmesser hervor, und im Nu war
eine Öffnung entstanden, groß genug selbst für einen dicklichen Elfjährigen. Tira würde sowieso bequem
hindurchpassen.

"Was hast du vor, Kolin?" fragte sie, aber da fiel es ihr selber auf. Die unbehauenen Steine, aus denen
der Turm gemauert war, boten genug Halt für Hände und Füße eines geübten Kletterers. Und Klettern
war selbstverständlich mit das Erste, was man im Gebirge lernte.

Kolin streckte vorsichtig den Kopf aus dem Fenster. Es war keine Wache vor der Tür postiert, mehr noch:
die ganze Gegend lag wie ausgestorben. Alle Bewohner der Stadt befanden sich auf dem großen Platz, in
deren Mitte der Drache lag. Niemand hielt es für nötig, den mit einer alten, heutzutage unbekannten
Magie und noch etlichen modernen magischen Verschlüssen gesicherten Gefangenenturm zu
beobachten. Darum bemerkte auch niemand die beiden kleinen Gestalten, die sich wie Spinnen langsam
an der Außenseite herabhangelten; niemand sah, wie die größere im blauen Hemd einmal beinahe
abstürzte, sich aber gerade noch fangen konnte, wie die kleinere an einer Stelle festhing und nicht vor
und zurück wusste, bis sie sich in einem waghalsigen Manöver ein Stückchen fallen ließ, um den
nächsten Vorsprung zu erreichen, und wie schließlich beide völlig erschöpft unten ankamen, sich kurz
ansahen und dann so schnell die überanstrengten Muskeln es zuließen in den nächsten Hauseingang
schlüpften. Der Himmel wurde langsam heller.

"Und jetzt?" wisperte Tira.


"Wir müssen auf jeden Fall zum Drachen zurück, sonst kommen wir nie nach Hause!" flüsterte Kolin und
fuhr sich verzweifelt mit der Hand durch den roten Schopf. "Aber der liegt mitten auf dem Platz, und
überhaupt - wer weiß, wann er genug hat und wegfliegt? So lange können wir nicht auf seinem Rücken
sitzen, selbst wenn wir bis dahin kommen!"

"Kolin! Sieh nur!" hauchte Tira und deutete auf die Wand der kleinen Eingangshalle, in der sie standen.
An einigen Haken hingen mehrere bunte Mäntel, zwei davon relativ klein. "Mit Kapuze!" seufzte Tira
beinahe glücklich, als sie sich einen gelben Mantel umhängte. Kolin hüllte sich in den zweiten,
dunkelgrünen, beide schoben die weiten Kapuzen über die Köpfe, dann verließen sie den Hauseingang
und rannten auf den Lärm und das Licht zu.

Als sie am Rand des großen Platzes ankamen und vorsichtig im Schatten eines Hauses stehenblieben,
löste sich gerade die Nebelwolke links von ihnen auf, und vier weißbärtige Magier traten daraus hervor,
schritten in einer Reihe gemessen zu vier Sesseln, die man an einer Seite des Platzes aufgebaut hatte,
und setzten sich darauf. Schlagartig wurde es ruhig, und die Menge ballte sich in einigem Abstand vor
den Sesseln.

Nach einem langen Augenblick erhob sich einer der vier Alten wieder, hob den Stab, aus dem mit einem
Mal Funken sprühten, während sämtliches andere Licht verlosch, und sagte laut: "Die Entscheidung ist
getroffen. Zwei Exekutoren sind bestimmt: Ambortul und Gifared sind erwählt, ihre Würdigkeit zu
erweisen und das Dunkel zu verkleinern. Zeigt eure Magie und tötet das Böse!" Während er sprach,
stiegen die Funken aus seinem Stab in die Höhe, teilten sich und wanderten zu zwei sehr jungen
Männern hinüber, über deren Köpfen sie je einen Kranz bildeten, sie so kennzeichnend. Beide waren
nicht älter als 16 Jahre, und beide erröteten vor Stolz. Es schien eine Art Initiation zu sein, eine Tat, die
sie zu den Erwachsenen zählen lassen würde. Mit hocherhobenen Köpfen stolzierten sie zu den Sesseln
hinüber. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Keiner kümmerte sich um die beiden Kinder, die langsam
um die Menge herumschlenderten, zumal sie in Magiermäntel gehüllt waren wie alle anderen auch.
Schließlich waren sie fast am inneren Rand des Pulkes angelangt. Ambortul und Gifared küssten
währenddessen den kristallenen Sonnenstrahl, ein lichtsprühendes, wie lebendig wirkendes Meisterwerk
des magischen Edelsteinschleifens. Dann erhielt jeder einen neuen Zauberstab, und die alten Magier
sprachen über die Pflicht, die Ehre und den Ruhm, deren sie als Mitglieder der Gemeinschaft teilhaftig
werden sollten. Diese Rede wurde allerdings nie beendet.

"Der Sonnenbote!" rief plötzlich jemand am Innenrand der Menschenmasse laut. Alle drehten sich um
und sahen, was Kolin und Tira schon einige Sekunden früher bemerkt hatten: Der Drache begann, seine
Flügel zu öffnen. Der Ritter Terindor, der anscheinend die Stelle des schwerverletzten Lergoban
eingenommen hatte, sprang auf einen Stuhl, um über die Menge hinwegsehen zu können, und rief:
"Bote der Sonne! Was habt Ihr uns zu sagen?!"

Dann ging alles ganz schnell. Tira und Kolin rannten um ihr Leben auf den Drachen zu, während ihnen aus
mehreren Mündern ein verdutztes "Halt!" hinterher scholl. Die Kapuzen rutschten ihnen von den
Köpfen, und ein Aufschrei des Entsetzens ging durch die Masse, als man Kolins rotes Haar erkannte.
Keiner war geistesgegenwärtig genug, die beiden Kinder durch Magie anzuhalten, statt dessen
versuchten einige, sie zu Fuß zu verfolgen, kamen aber aufgrund ihrer hinderlichen Gewänder nur
schlecht voran, ja die meisten stolperten früher oder später darüber und fielen hin. Als die Kinder den
Drachen erreichten, hatte er die Flügel schon vollständig ausgebreitet. Wie am Beginn ihrer Reise sprang
Kolin als erster am Vorderbein hoch und zog Tira nach, und einen Augenblick später saßen sie wieder
zwischen den Rückenstacheln. Nicht eine Sekunde zu früh, denn nun sprang der Drache, schlug mit den
Flügeln - sie flogen.

Tira blickte auf den bunten Teppich aus Gesichtern und Mänteln herab, die entsetzt dem Helfer
nachschauten, auf den sie so lange gewartet hatten und der sie nun verließ, ohne ihnen mit Kraft und
Feuer gegen das Böse beigestanden zu haben. Auf einmal taten sie ihr leid. "Er ist nicht magisch!" schrie
sie hinab. "Ein Drache ist bloß ein Tier! Und niemand ist 'dunkel', weil er nicht zaubern kann!"

Sie wusste nicht, ob es noch jemand gehört hatte, denn der Drache war ausgeruht, und im Nu waren sie
schon so hoch in der Luft, dass die Stadt im grauen Licht klein unter ihnen lag wie ein Haufen
erleuchteter Kieselsteine. Tira schaute nach hinten, bis sie nichts mehr davon sehen konnte. Als sie sich
wieder nach vorn wandte, jauchzte sie auf. Es wurde immer heller, und vor ihnen lagen wie eine
schwarze Masse die Berge. Und am oberen Rand dieser Dunkelheit konnte sie nun einen rötlichen
Schimmer ausmachen, der wuchs und sich ausbreitete, bis die Sonne hellgelb zum Vorschein kam, höher
stieg und schließlich Tira, Kolin und den Drachen in ihr goldenes Licht tauchte. Tira schaute nach unten.
Das flache, von Feldern und Wegen gefleckt und gestreift wirkende Land lag noch gänzlich im Dunkeln.
Sie drehte sich zu Kolin um und rief gegen die rauschenden Schwingen an: "Ist das nicht seltsam? Bei uns
ist schon Sonne, da unten noch nicht!"

Kolin grinste. "Seltsam? Wir sind doch Sonnenreiter, schon vergessen?"

Unbeeindruckt von dem befreiten Gelächter auf seinem Rücken flog der Drache mit kräftigen
Flügelschlägen durch den Morgen, in Richtung Gebirge.

Nach Hause.

Die Legende vom Drachenstein

Der Legende nach waren einst alle Wesen dieser Erde Freunde. Besonders die Drachen waren den
Menschen sehr angetan und sie wären ohne die Hilfe der Drachen sicher auch nicht da, wo sie jetzt sind.

So haben die Drachen mit ihrem Feueratem Waldstücke niedergebrannt und Felsbrocken beseitigt,
damit die Menschen neue Felder bestellen konnten, sie trugen Baumstämme über Abgründe, damit die
Menschen auf die andere Seite gelangten, halfen beim Hausbau, indem sie die schweren Steine trugen
und die Dächer auf die Hütten setzten, oder wenn ein König ein neues Schloss brauchte, dann ebneten
sie ihm den Felsen dafür. Man könnte noch viele solcher guten Taten aufzählen, aber das wäre zuviel.

Leider waren nicht alle Menschen den Drachen gut gesonnen.

So gab es einmal einen König, der mit Hilfe eines Drachen sein Schloss bauen ließ, ohne selbst einen
Finger dafür zu rühren. Doch das war diesem König nicht genug, er wollte mehr. So ließ er von dem
Drachen auch noch eine Mauer rund um sein Land errichten und jeder Reisende, der in sein Land wollte,
musste dafür einen Tribut an den König zahlen. Da der König sehr gierig war und viel von den Reisenden
verlangte, wurden diese auch immer unzufriedener und niemand wollte mehr in sein Land reisen.

So zog eines das andere nach sich und da die Reisenden ausblieben und somit kein reger Handel mehr
möglich war, wurde das Land immer ärmer. Darüber ärgerte sich der König sehr und ließ das auch sein
Volk spüren. Er verlangte von ihnen, dass sie kürzer treten müssten und sich mit weniger zufrieden
geben sollten. Er selbst wollte das aber nicht. Sein Volk hungerte, damit er noch genug essen konnte.

Als es dann eines Tages nichts mehr im Königreich gab und selbst der König am Hungertuch nagte,
suchte er einen Sündenbock. So gab er dem Drachen die Schuld dafür, er würde mit seinem
schrecklichen Aussehen die Leute verjagen, so dass sie nicht mehr in sein Land reisten, und wollte ihn
loswerden. Er hetzte sein Volk gegen ihn auf und forderte sie auf, den Drachen zu töten und sein Fleisch
zu essen.

Die Leute, durch die lange Hungersnot ihres Verstandes beraubt, dachten nicht mehr an all die Dinge, die
der Drache für sie getan hatte, und machten sich bereit den Drachen zu jagen.

Soviel Bosheit erzürnte den Drachen sehr und so nahm er einen mächtigen Felsbrocken in seine Klauen
und schleuderte diesen nach dem verlogenen König. Der Aufschlag war so mächtig, dass ein großer
Krater rund um den Felsbrocken entstand. Die Menschen bekamen Angst und ließen ab von ihrer Jagd.
Der Drache aber verschwand daraufhin und war nie wieder von einem Menschen gesehen.

Da ihr König nun tot war, zogen die Leute fort. Das Land blieb ausgelaugt und verlassen zurück. Im Laufe
der Jahrhunderte sammelte sich in dem Krater genug Wasser an, dass daraus ein See entstand, und rings
um den See wuchs ein undurchdringlicher Wald.

So soll der Drachenstein entstanden sein.

Heute steht auf dem Felsen, der einst den König erschlagen haben soll, eine Burg, die Burg Drachenstein.
Der Krieg

Oh Mann. Es ist Sommer und in jeder Abteilung sind nur noch Zwei tätig, die keinen Urlaub mehr
bekommen haben. So viel Glück wie ich mit dem Urlaub habe, muss ich natürlich arbeiten.

Aber Agent J kommt immer wieder zu mir und wir quatschen dann etwas zu dritt, weil Agent I auch
keinen Urlaub mehr bekommen hat.

J nahm wieder mal ihren Laptop mit zu mir ins Büro, dass man sie auch dort noch erreichen kann. Wir
saßen gemütlich auf unseren Bürostühlen, als zeitgleich bei mir und bei Agent J eine E-Mail aufleuchtete.

In meiner stand:

Agent N:

Wir haben heute die Meldung bekommen, dass der heraldische Drache Rotus, eine Sitzung, einer Gruppe
Hetirusmotrix mit eine Gruppe Dragonus zusammen eine, nach der Schilderung des Drachen Rotus,
Verschwörung planen. Es heißt, dass diese zwei Gruppen der verschiedenen Arten aufeinander hetzen
wollen. Wir bitten sie zusammen mit Agent I, Agent J und Agent C die Verantwortlichen zu finden, bevor
ein Krieg zustande gebracht wird.

Danke,

Mit freundlichen Grüßen ihre GA

Ich denke mal, ich muss euch erst so einiges erklären.

Also: Hetirusmotrix ist, schlampig ausgedrückt, der Bereich der zauberhaften Pferde. Dragonus, das ist
der Bereich, in dem ich und Agent I arbeiten, also die Drachen. Zu guter letzt, die GA:

Das sind die, die ganz oben sitzen, also die, die alle Bereiche auf ihre Richtigkeit untersuchen. Diese
bringen notfalls zwei Agenten aus zwei Gebieten (wie jetzt) zusammen und bitten um deren
Zusammenarbeit.

"Das scheint eine ganz schön harte Nuss zu sein!", stellte ich fest.

Wir hörten es klopfen, die Tür ging auf und Agent C starrte uns an und fragte: "Ich weiß, ich sollte das
eigentlich nicht mehr vergessen, Agent J ,aber wie wird Hetirus... dingsbums, na du weißt schon,
geschrieben?"

"Du bist neu, nicht wahr?", fragte ich. "Ja, ich bin seit... ding... äh... letzten Monat hier", antwortete er. Er
war etwas mollig, dunkle kurze Haare, einen Schnauzer und eine Brille auf der Nase. "Hoffentlich war das
bloß ein Versehen mit dem 'Ding'", dachte ich mir.

Dann sagte J auch noch witzhaft: "An das 'Ding' müsst ihr euch gewöhnen, ich muss erst noch den Agent
C Duden erstellen. Da müsste bei jedem zweiten Wort Ding stehen, oder Agent C?" "Ist ja gut, ich
versuche mich zu reduzieren", sagte Agent C mit geknickten Kopf.
"Das ist ja natürlich super toll, und wo sollen wir mit Ermittlungen anfangen?!", fragte ich. "Ich hab die
Adresse des Drachenzüchters, dem der Drache Rotus gehört, du etwa nicht?", antwortete mir Agent J.
"Ne, na ja, machen wir mal die Tiere startbereit. Komm I, wir gehen zu den Drachenställen, zu Chronicles
und Hardrock, und ihr geht zu euren geflügelten Pferden, oder?", fragte ich. "Ja, los Agent C, wir
müssen", antwortete J.

Wir trennten uns, und Agent I und ich machten unsere Drachen bereit. "Ich habe noch nie die Pferde von
denen zwei gesehen. Du aber auch nicht, oder I?", fragte ich. "Ne, nicht dass ich wüsste, bin ja mal
gespannt, welche Namen die zwei Pferde haben", sagte Agent I. Wir machten unsere Drachen starklar
und gingen raus auf den Hof, wo wir uns trafen.

"Hi! Das ist Tigerauge, und das ist Buntflügel", erklärte uns J. Tigerauge war rot-braun und hatte
dunkelbraune Streifen. Die Augen sahen jedoch nicht aus wie die Augen von Pferden, sondern wie
Katzenaugen, also Schlitzpupillen. Das wunderte mich schon sehr und Tigerauge sah nicht sehr
ungefährlich aus. Buntflügel hatte wie der Name schon sagt bunte Flügel, die aber auch noch wie
Perlmut glänzten. Er hatte außerdem noch ein farblich leicht schimmerndes silbernes Horn. Ich dachte:
"Tigerauge gehört, so weit wie ich J kenne, sicher ihr, und Buntflügel dann zu C." "Mann, ihr habt keine
schlechte Drachen, ist ja mega. Wie heißen sie noch mal?", fragte Agent C. Agent I antwortete frech:
"Ding und... Ding." "Haha, sehr witzig, nein jetzt im ernst, wie heißen sie? Die rote und der große grüne
Drache?", fragte C noch einmal. Ich sagte es ihm: "Die rote, zierliche und tempramentvolle Drachendame
heißt Hardrock. Und der große Meister der Lüfte heißt Chronicles. Mein Schatz!" "Meister der Lüfte, und
was ist Hardrock?!", stichelte I. I und Hardrock sahen mich beide im genau gleichen Blick an. "Hey, hey!
Das war doch nicht böse gemeint, aber Chronicles kann alle für Drachen zu lernenden Lufttricks.
Hardrock noch nicht, aber sie ist ja noch jung. Aber ich hab ihr doch auch Komplimente gesagt. Sie ist
doch auch supi! Ich hab nicht gesagt, dass sie schlecht ist, was habt ihr?!", versuchte ich die beiden zu
beruhigen. "Hey N, das war doch bloß ein Scherz!", sagte Agent I und Hardrock grinsten mich an.

Die Adresse lag in den Bergen. Es war eine Strecke von 100 km bzw. 20 Minuten. Natürlich im
Schnellflug. Sonst hätte es zu lange gedauert.

An der Farm angekommen, kam uns gleich der Besitzer entgegen und brachte uns zu Rotus. Dieser sah
uns an und setzte sich vom liegen auf. Er war sehr lang, hatte nur Hinterbeine, da die Vorderkrallen an
den Flügeln waren. Wir setzten uns auf die Stühle zu dem Tisch, die an der rechten Seite des Stalles
platziert waren.

"O.K., wollen wir uns erst einmal vorstellen, ich bin Agent N und arbeite in der Abteilung für Schutz der
Zauberwesen Dragonus. Das ist Agent I, er arbeitet mit mir zusammen in der gleichen Abteilung. Das da
sind Agent J und Agent C, sie arbeiten in dem Bereich für Schutz der Zauberwesen Hetirusmotrix. Wir
sind wegen deiner Beobachtung gekommen. Hast du denn einen Namen hören können, oder wirklich
keinen?", stellte ich uns vor. Er antwortete mir nach einer Zeit Überlegung: "Also einmal kam es mir so
vor, als ob einer immer Feuerratte sagte, aber an mehr kann ich mich nicht erinnern." Ich hakte nach:
"Feuerratte? Aber das ist ein Bodendrache, ich kenne ihn, ich dachte, es sei der Drache vom Boss. Er ist
etwas kleiner als Hardrock, hat keine Flügel und ist feuerrot. Ich dachte, er sei im Stall." "Agent N, ich
habe diesen Namen ehrlich gehört, das war der einzige Name, den ich verstanden hab. Sie waren
nämlich sehr leise, man hat sehr wenig verstanden und bei den Namen waren sie eigentlich noch leiser,
aber einer wurde plötzlich sauer und hat eben laut "Feuerratte" geschrieen. Mehr, als dass sie die beiden
Seiten gegeneinander aufhetzten wollen, hab ich auch nicht verstanden. Tut mir Leid. Ach ja, der Ort an
dem ich sie gehört habe war...", erklärte uns Rotus.

"Hm...", wir gingen wieder raus auf den Hof und auf unsere Wesen zu, "recht viel weiter hat uns das auch
nicht gebracht, aber wir wissen jetzt, dass Feuerratte, der Drache meines Chefs, da mit drin steckt, hm...
Ich denke mal, wir sollten am besten mal in diesen Geheimort fliegen, den uns Rotus noch erklärt hat.
Dort könnten wir auch nach Pfoten- und Hufabdürcken suchen, was meint ihr? Danach schauen wir mal
zu Feuerratte, ohne dass der Chef davon weiß, denn er soll ja nicht übermächtig beschützt werden, am
Ende sagt unser Chef vielleicht noch wir dürfen nicht mehr zu ihm, ne, das müssen wir soweit wie
möglich verhindern", sagte Agent I. Ich antwortete: "Ja, du hast recht, machen wir das mal." Wir stiegen
auf unsere Drachen, bzw. Pferde, und starteten.

Als wir dem Weg fertig gefolgt waren, den uns Rotus beschrieben hatte, kamen wir vor einem großen
Hügel an. "Na toll, und wo sollen wir da bitte reinkommen? Da ist nirgendwo ein Eingang, oder seht ihr
einen?", fragte Agent C. "Tja, den Drachen des Drachenabteilungs- Bosses muss man halt einigermaßen
kennen. Daher wissen I und ich, dass der Eingang hinter einem rosanen Busch stecken muss", erklärte
ich. "Rosa?!", rief J entsetzt, "Rosa und Drache?! Das passt nicht zusammen!" Ich ging hinüber zu ein
paar Büschen und I zu anderen. "Hier, ich glaub ich habs! Da, der Ast hier, ich drück ihn mal runter!", rief
Agent J von einer etwas entfernteren Buschfamilie herüber. "Warte!...", rief ich, aber zu spät. Doch es
war keine Falle wie ich vermutet hatte. Ein Stück des Hügels öffnete sich. Aber dieses Stück war sehr
groß, wie ich es auch nicht anders vermutet hatte, weil zwei Drachen und zwei Pferde da durch passen
mussten, wenn diese vier hier zusammen gewesen waren.

"Du, du, du `ässlisches `ferd, bleib stehen!"

Plötzlich raste an uns ein kleines Fohlen vorbei und versteckte sich hinter Tigerauge, der sofort seine
Flügel ausbreitete und ihn damit verbarg. " `aben sie das kleine Fohlen `ier gesehen? Wenn ja, wo ischt
es hin?", fragte uns eine etwas mollige kleine Frau, mit langen blonden Haaren, die in der Sonne grau
schienen, einem kleinem Damenbart, einem rosanem Umhang und einen kurzen Rock, der ihre dicken
Beine nicht grade schöner machte. "Äh, warum suchen sie es denn?", fragte J mit einem Blick, der
aussah, als würde sie der Frau nicht trauen. "Dieses kleine `ferd `at mir meine Geranien, meine
Sonnenblumen und meine `imbeeren angefressen! Jetzt werden diese vier Wesen zu mir kommen und
mir mein `ab und Gut nehmen. So wie sie es mir vor drei Tagen geschworen `aben wenn ich die
Sonnenblumenkerne, die Geranien und die `imbeeren nischt `abe. Isch `abe Angst vor ihnen. Aber genug
davon, wo ischt mein Fohlen und wer sind sie, isch bin Fleur Delacour?", sagte die kleine dicke Frau.
"Schön zu wissen", sagte ich gehässig. Die Frau wurde aufmerksam und hatte einen fragenden Blick
aufgesetzt und fragte: "Warum? `ab ich was verproschen? Wer sind sie? Isch `abe meinen Namen
geanannt!" "Also, ich bin Agent I, Agent N, Agent J und Agent C. Wir sind vom ZBM. Das bedeutet, sie
müssen uns diese vier zeigen!", antwortete er. "Waren das Dragonus und Hetirusmotrix?", fragte Agent
C. "Wie bitte?", sagte die Frau überrascht über die Fachausdrücke. J sprang ein und erklärte es ihr: "Ja
also, mein Kollege meinte, ob es zwei Drachen und zwei Pferde waren. Wozu brauchen diese Erpresser
diese Waren? Und warum..." "Duckt euch!", schrie plötzlich I. Es wurde heiß und ich spürte, wie eine
Flamm an unseren Köpfen vorbei raste.

Plötzlich landete vor uns ein großer Drache. Er glänzte wie Gold, hatte eine große Fluke und zwei
Widderhörner, die ihn wie ein Clown aussehen ließen. "Habe ich dir nicht gesagt, du sollst zu Hause sein
wenn wir kommen, kleine Fleur?!", prustete er von oben herunter und spotzte mich an. "Hey! Iii! Ist das
eklig! Mann, kannst du deine Spucke nicht wo anders verteilen?", rief ich und machte mir damit keine
Pluspunkte. Er kam mit seinem Clownskopf zu mir in meine Höhe, und sofort kam Chronicles und knurrte
ihn an. Er sah neben dem Clownsdrachen aus wie ein Weibchen, die etwas kleiner sind als die
Männchen. "Geh bei Seite, du Wurm!", schrie er ihn an. "Hey, ja, Chronicles ist kein Wurm! Er ist noch
nicht ganz ausgewachsen! Er ist der beste Drache im Stall!" "Klar. Wer bist du, du vorlautes kleines
Ding?!", spotze er mich an. "Wä! Du bist eklig! Jetzt hast du mich schon wieder angespuckt! Also, du
bist? Erst du dann ich!", nörgelte ich rum. Ich sah wie I, J und C kicherten, aber so, dass es der Drache
nicht hören konnte. Ich war anscheinend sehr frech. "Du wagst es mich zu unterschätzen?! Ich bin der
sagenhafte Clowdrac! Ich bin hier der Boss! Also sei nicht so frech!" "Was, Clowndrac? Also echt, ich
dachte, du hättest einen Namen, der nicht so gut zu dir passen würde", ich konnte mich kaum noch in
Zaum halten. Solche Typen kotzen mich ja so was von an! "Clowdrac! Nicht Clowndrac! Warum passt der
Name zu meinem Aussehen, du kleines Ding meinst doch nicht etwa...?!?!?", und schon wieder verpasste
er mir eine Dusche. "Also wirklich! Du solltest mal in die Erziehungsschule gehen! Bei dir braucht man ja
nen Regenschirm. Ach ja, ich bin Agent N. Ich meinte das ernst. Ich würde mir an deiner Stelle nen
anderen Namen machen lassen. Sag mal, kennst du auch Witze? Müsstest du doch, oder?", sagte ich
gehässig. Plötzlich brachen alle um mich herum in einen lauten Lachchor aus. Als Clowdrac auch noch rot
anlief war alles zu spät, ich hatte ihm den Ruf zerstört. "Na gut, Agent N", er sprach meinen Namen ganz
angewidert aus, "wolln wir mal sehen, was du und dein Minidrache wirklich so drauf habt! Wir machen
ein Wettrennen. Wenn ich gewinne, dann gehört ihr mir, alle!" Ich stimmte zu: "Und du sagst mir, was
du mit den Aufständen der Pferde, der Drachen und Feuerratte zu tun hast!" Er sah mich mit zusammen
gezogenen Augen wütend an und sagte: "Na gut. Von hier bis... zur Burg!" "Pah, was für eine
Beleidigung, dieses kleine Stückchen? Ne, bis zum ZBM! Alle fliegen mit, auch die Hetirusotrix da oben!",
sagte ich beleidigt. "Spinnst du? Das ZBM? NA gut, du willst es so!"

"Auf die Plätze... fertig... los!", schrie Fleur Delacour.

Chroicles und ich rasten nicht sofort los, sondern flogen gemächlicher. "Pah, es ist eine Beleidigung
gegen euch zu fliegen!", schrie Clowdrac von vorne und verschwand. "Die weite Strecke haben wir nicht
umsonst gewählt, du wirst schon sehen!", dachte ich.

Nach der Hälfte gab ich Chronicles den Befehl den Blitzflug einzusetzten.

Wir sahen Clowdrac erschöpft vor uns in der Ferne torkeln. "Haha! Ich sehe das ZBM, die sind weit
hinten, ich gewinne!", rief Clowdrac, als wir etwas näher an ihm dran waren. Er sah zurück und erblickte
uns, kaum hatte er uns im Blick, schon rasten wir an seine Seite und wurden kurz so langsam wie er,
damit ich ihm zurufen konnte: "Strategie, mein Lieber, dir fehlt Strategie! Glaubst du nicht, es war ein
Fehler, so schnell loszurasen?"

Wir warteten noch eine Viertelstunde. Sogar die Anderen waren schneller da als Clowdrac.
Als er endlich da war, fing er an, nach einer weiteren Viertelstunde Schnaufens, zu erzählen, doch
plötzlich hörten wir ein riesen Geschrei über uns. "Ha! Es ist zu spät! Sie haben begonnen zu kämpfen!",
rief er. "Du!", schrie ich, und wie mir Agent I danach erklärte, wurde ich wieder mit schwarzen Nebel
umschlossen. Meine schwarze Aura war wieder zurück. Doch etwas war anders, Chronicles wurde auch
umschlossen von schwarzen Nebel. Ich zückte meine Waffe und hielt sie gegen Clowdrac und im gleichen
Augenblick stellte sich Chronicles in Kampfstellung und ich schrie: "Du fliegst jetzt da hoch, mit deinen
Komplizen und regelst das ganze, sonst sieht es sehr schlecht für dich aus, mein Lieber!" Clowdrac sah
mich an, als würde er kurz davor stehen in einen See zu fallen, was für Drachen sehr schlecht war, denn
sie verloren dadurch ihre gesamten Fähigkeiten.

Ohne noch etwas zu sagen flogen die drei nach oben, nur Feuerratte blieb am Boden, er konnte ja nicht
fliegen. Doch sie waren zu schwach.

Plötzlich formten sich in meinen Händen zwei Lichtkugeln. Links eine helle weiße und rechts eine dunkle
schwarze Kugel. Irgendwie zog es meine Hände zusammen und ich vereinigte diese Kugeln. Sie
verschmolzen miteinander und schossen einen riesigen Strahl nach oben und teilten die zwei Seiten.
Sie hörten sofort auf zu kämpfen und sahen nach unten. Ich schrie: "Hört auf damit, was soll dass? Wozu
soll das gut sein? Damit jeder von euch Freunde und Verwandte verliert, oder was?! Hört auf, hört auf,
ich halt das nicht aus!" Sie sahen sich gegenseitig an und brachen in großes Gerede aus. Ich hörte bloß so
Sachen heraus wie: Ja, warum machen wir das? Wer hat uns dazu gebracht? Usw.

Plötzlich sahen sie alle die Vier an. "Ihr wart das. Habt uns gegeneinander aufgehetzt!" Hörte ich ein paar
Stimmen sagen, bevor ich zusammen brach.

Ich erwachte im Krankenflügel des ZBM. Ich sah mich um und sah um mich herum viele Geschenke und
Karten liegen. Ich blickte erneut um und erblickte Agent I und J. "Wie lang lieg ich schon hier? Was ist
passiert? Was ist mit den Drachen und Pferden? Was ist mit den Vieren?", fragte ich total verwirrt. "N!
Du bist wach! 1. liegst du seit gestern Abend hier und jetzt ist es vier Uhr Nachmittags. 2. Bist du
zusammengebrochen. 3. Sind sie wieder bei sich zu Hause und es geht allen gut. Und 4. Sie stehen zur
Zeit vor Gericht", erklärte mir Agent J.

"Aha. Ich glaub, ich schlaf noch ne Runde!", sagte ich und legte mich wieder hin. Ich spürte nur noch, wie
eine warme Hand mir die Haare von der Wange strich, mir ein Bussi auf die Wange gab und sagte:
"Träum süß." Es war I.

Drachenleben

Ich sitze an meinem PC, und denke darüber nach, ob Männer Texte von Frauen mit sehr viel Gefühl und
Tiefgang verstehen und zwischen den Zeilen lesen können.
Nein, es geht nicht um Männer im allgemeinen, sondern um mich, wird mir jetzt bewusst.

Ja, ich stelle mich der Herausforderung, da mir dieser Text seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht.

In einer Welt, in der es viel Hass, Zorn, Unrecht und vor allem Lieblosigkeit ohne Zärtlichkeiten gibt,
erhebt sich ein stolzer Drache mit riesigen Flügeln.

Auf der Suche nach sich, mit einem Herzen, das voll ist mit Liebe, Zärtlichkeit und Freude.

Er schwebt über allen Bösen, mit der Sicherheit nicht körperlich in Gefahr zu sein.

Diese Sicherheit gibt ihm die Möglichkeit, genau auf die Seelen zu schauen und eine leuchtende Seele zu
finden. Diese Seele, die es wert ist, seine Stärke und Kraft im vollen Vertrauen als Geschenk zu
bekommen. Denn auch Drachen mit all ihre Unverwundbarkeit müssen mal schlafen, in einer Welt des
bösen. Er ist es leid, nach ewigen Zeiten, alleine durch die Luft zu fliegen und an seiner Einsamkeit fast zu
zerbrechen. Es ist doch nur sehr wenig, was er zu seiner Erfüllung braucht. Liebe und eine schwache
Seele, die ihm den Sinn für sein Leben zurück gibt. In der langen Zeit der Suche, hat er immer mehr zu
sich selber gefunden, zu seinen Werten und Wünschen geprägt von Hoffnung. Seine Freiheit ist wohl
grenzenlos, nicht aber die seines Herzens. Viele Enttäuschungen hat er in seinem langen Drachenleben
erfahren müssen, haben selbst ihn innerlich verwundet.

Und doch siegt immer wieder die Hoffnung auf eine treue Seele, die ihm all ihre Liebe und vertrauen
schenkt. Ohne Angst vor Ihm, den feuerspeiendem Drachen mit all seiner Macht und Gefahr. Er sehnt
sich nur nach Berührung, und sei es nur eine liebende Hand, die ihm den großen Rücken streichelt.
Findet er die Seele seines Herzens, legt er ihr die Welt zu Füßen, und sie werden für immer als
unbesiegbar sich auf seinen riesigen Flügeln durch die Lüfte und Zeit bewegen.

Dragon flight

1. Kapitel

Der Vulkankrater

Wie jeden Morgen trat Alex an den Klippenrand. Die Sonne ging gerade über dem riesigen, schon lange
ruhigen Vulkankrater auf. Der Vulkan war schon seit Millionen von Jahren von einem dichten Wald
bewachsen. Ein riesiger Wasserfall stürzte an den Steilhängen der anliegenden Bergen in den Vulkan. Das
Dröhnen dieses riesigen Urgewässers war über den ganzen Vulkan zu hören.

Der Wald lag noch im Dunkeln, weil die Sonne noch nicht in den Krater schien.
Alex streckte sich ausgiebig und amtete genüsslich die kühle und noch etwas feuchte Morgenluft ein.
Dann blickte er wieder über den Krater.

Auch wenn er so friedlich da lag, er wusste, dass ein Leben dort unten nicht möglich war. Wie auf ein
Stichwort ertönte aus dem Wald ein gewaltiges Brüllen. Vögel flogen erschrocken auf und suchten ihr
Heil in der Flucht.

"Aha.", sagte Alex, "Unser Biest ist auch schon wach."

Er trat von dem Rand der Klippe zurück und wandte seinen Blick von dem Wald ab. Er hatte heute noch
genug Zeit, er würde heute auf jeden Fall noch dort hinab steigen. Es war für ihn schließlich wichtig. Er
lebte schon mehr als 5 Jahre hier, nur wegen der Besonderheit dieses Kraters. Alex war der einzige
Mensch weit und breit, der sich traute so nah an diesem Wald zu leben.

Doch jetzt war es noch nicht an der Zeit für ihn seinen täglichen Ausflug in den Krater zu unternehmen.
Er musste erst noch seine Ausrüstung zusammensuchen und noch einiges vorbereiten.

Gerade als Alex sich auf den Weg zu seinem nahe an der Klippe stehendem Haus machte, hörte er einen
Schrei.

Blitzschnell fuhr er herum und trat wieder an die Klippe, denn der Schrei kam definitiv aus dem Wald,
das wusste er. Doch er konnte niemanden sehen, er hörte es. Ein Donnern und ein Krachen, wie als
würde etwas Großes und Gewaltiges durch die Bäume brechen.

"Oh nein...", stöhnte Alex, "Nicht so früh am Morgen..."

Er raffte sich auf und rannte in sein kleines Holzhaus, um sein Schwert zu holen.

Nachdem er dies getan hatte wandte er sich dem Wasserfall zu. Hinter diesem verbarg sich ein schmaler
und glitschiger Sims, der zu einer kleinen Höhle führte. Und genau zu dieser Höhle wollte er. Durch sie
kam er geschützt und ungesehen in den Krater hinab.

Vorsichtig, um nicht auf dem rutschigen Sims auszurutschen, trat er auf den Sims und gelangte so in die
Höhle. Dort leuchtete ein eigenartiges grünes Licht, das irgendwie keine Lichtquelle besaß. Es war
einfach da. Alex war dies nur recht.

So schnell er konnte spurtete er durch das Höhlenlabyrinnt und kam wieder hinter dem Wasserfall aus
einer kleinen Öffnung heraus. Wieder lief er einen schmalen Sims entlang und kam so hinter dem
Wasserfall hervor. Vor ihm lag ein riesiger See. Der See war so tief, dass das Wasser schon ganz schwarz
war. Unter diesem See musste ein weiteres Höhlensystem liegen, denn das viele Wasser, das durch die
Berge in den Krater stürzte, hatte sonst keinen Abfluss.

Doch Alex verschwendete keinen Gedanken daran. Er musste so schnell wie möglich die Person finden,
zu der der Schrei gehörte. Jedoch war dies nicht sonderlich schwer, denn plötzlich ertönte wieder ein
wütendes Brüllen, das von den Kraterwänden verzerrt zurückgeworfen wurde. Dabei bebte die Erde ganz
leicht.
"Verdammt!", fluchte Alex und rannte los, "Das wird knapp!"

Er stürmte in den Wald und kletterte auf den nächst besten Baum. Von dort bewegte er sich auf eine
andere Art und Weise fort: Er hüpfte einfach von Baum zu Baum. Das verschaffte ihm einen guten
Überblick und er musste sich nicht durch das Bodengestrüpp kämpfen.

Nach endlosen Minuten wie es ihm schien (in Wirklichkeit waren seit dem Schrei gerade mal 5 Minuten
vergangen) erreichte er schließlich sein Ziel. Er kam zu einer kleinen Lichtung, auf der sich eine seltsame
Szene abspielte.

Zwei Menschen, ein Mann in Rüstung und eine junge Frau, versuchten sich verzweifelt gegen eine
bestialische Kreatur zu wehren. Jedoch schätzte Alex ihre Chancen auf null, denn ihnen stand ein
ausgewachsener brauner Drache gegenüber. Nicht einmal Alex konnte viel gegen diesen Drachen
ausrichten, denn es war ein besonderes Tier.

Der Drache hatte eine lange, dünne Narbe über seinem Auge. Diese war von Alex. Er hatte sie ihm in
einem schweren Kampf zugefügt. Deshalb hatte dieser Drache es auch so besonders auf ihn abgesehen,
wann er nur konnte versuchte er Alex zu töten.

Doch auch Alex hatte genug Narben von diesem Wesen abbekommen. Es war sozusagen ihr kleines
Spielchen - Alex jagte ihn und der Drache, den er freundlicherweise immer mit Dummschuppe ansprach,
jagte ihn.

Doch gerade hatte Dummschuppe es nicht auf Alex abgesehen. Der Mann in Rüstung, wahrscheinlich ein
Ritter, versuchte verzweifelt das Mädchen zu beschützen. Doch er schien bisher nicht viel Erfolg gehabt
zu haben, denn seine kostbare, mit vielen wertvollen Mustern verzierte Silberrüstung hatte Dellen und
Risse und der Mann war schwer verletzt. Alex wusste nicht warum dieser Ritter eigentlich noch am
Leben war. Wahrscheinlich aber wegen dem Mädchen. Sie hatte lange aschblonde Haare und trug ein
kostbar aussehendes kurzes Kleid. Sie stand zitternd hinter dem Ritter und starrte nur verängstigt in
Dummschuppes große gelbe Augen. Alex musste zugeben, dass sie recht hübsch war.

"Jetzt reicht es...", murmelte Alex als Dummschuppe erneut mit seinen scharfen Krallen dem Ritter eine
schwer blutende Wunde verpasste, "Das war wirklich dumm von dir, Dummschuppe!"

Mit einem gewaltigen Sprung stieß er sich von dem Ast, auf dem er saß, ab und zog dabei klirrend sein
Schwert aus der Scheide.

Doch Dummschuppe merkte dies sofort und wirbelte herum. Er öffnete sein riesiges Maul um Alex mit
einem einzigen Habs zu verspeisen, doch Alex drehte sich geschickt in der Luft und landete genau auf der
Nase des Drachen. (Er hatte Glück, dass an dieser Stelle kein Horn wuchs!)

"Hi, Dummschuppe! Tut mir leid, wenn ich dir den Spaß verderben muss, aber ich hab dir schon so oft
gesagt: MIT MENSCHEN SPIELT MAN NICHT!" Damit trat er dem Drachen mit voller Wucht auf die Nase
und sprang mit einem eleganten Rückwärtssalto zu Boden. Dummschuppe jaulte kurz wütend auf und
rieb sich im wahrsten Sinne des Wortes die Nase. Alex nutzte die Chance und rammte sein Schwert in
den Fuß des Drachens. Gequält heulte Dummschuppe auf, er wurde fast wahnsinnig vor Schmerzen.
Doch er war nun für einige Sekunden abgelenkt.

Diese Zeit nutzte Alex um zu den beiden verwirrt und erschrockenen Leuten zu gehen. Verdutzt sahen sie
ihn an und brachten kein Wort heraus.

"Ich erkläre euch später alles!", meinte Alex hastig, "Jetzt müssen wir erst einmal hier weg!"

"Wer...?", wollte der Ritter fragen doch Alex unterbrach ihn barsch: "Kommt mit oder lasst euch von mir
aus fressen! Ich werde jetzt von hier verschwinden!"

Und das tat er dann auch. Alex rannte zurück in den Wald.

Das Mädchen blickte noch einmal zu dem wahnsinnigen Drachen und packte dann die Hand des Ritters
um ihn hinter Alex herzuschleifen. Alex merkte dies und verringerte seine Geschwindigkeit, damit die
beiden zu ihm aufschließen konnten. Doch Dummschuppe wollte sich ein kleines nettes Frühstück nicht
durch die Lappen gehen lassen und nahm brüllen die Verfolgung auf. Da die Bäume zu dicht standen,
konnte er seine weiten Flügel nicht aufspannen, so raste er ihnen hinterher und rannte einfach alles um,
was ihm in die Quere kam. Alex und die anderen merkten dies an dem Geräusch der splitternden Aste
und Bäume.

"ER KOMMT!", schrie das Mädchen in Panik.

"Ach was du nicht sagst!", entgegnete Alex und warf einen Blick zurück über die Schulter. Dummschuppe
war trotz seines verletzten Fußes verdammt schnell.

"Hört mir zu!", rief er deshalb dem Ritter zu, "Ihr müsst zum Wasserfall rennen! Hinter diesem ist eine
kleine versteckte Höhle, dort seid ihr sicher!"

"Gut.", sagte dieser nur und packte das Mädchen an der Hand.

Alex runzelte kurz die Stirn. Er hatte eigentlich ein kleines "Danke!" oder "Können wir das schaffen?"
erwartet. Aber ihm sollte es recht sein.

Mit einer entschlossenen Bewegung blieb er stehen und drehte sich dem Drachen zu.

Das Mädchen warf einen entsetzten Blick über die Schulter, als sie merkte, dass der Junge stehen
geblieben war.

"Sollten wir ihm nicht helfen?", fragte sie schon fast außer Atem.

"Nein. Er ist selbst schuld, wenn er sich diesem Biest entgegenstellt. Er kann eben nicht Mut von
Dummheit unterscheiden.", antwortete der Ritter verbissen und ebenfalls schwer atmend.

Sie rannten weiter, immer dem Geräusch des Wasserfalls nach. Diesen erreichten sie dann auch schon
bald. Doch kurz vor dem versteckten Sims blieb das Mädchen plötzlich stehen und blickte gespannt zu
dem Waldrand zurück.

"Was tut Ihr denn da? Ihr müsst euch in Sicherheit bringen!", meinte der Ritter voller Sorge und hielt
ebenfalls an.

"Nein. Wir sind außer Gefahr. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen dieses..."

"...Dummkopfes?", beendete er den Satz und trat neben sie, "Ich bitte Euch..."

"Da ist er!", rief sie auf einmal erfreut und deutete zum Waldrand.

Dort kam tatsächlich Alex auf sie zugerannt. Er hielt seine linke Hand verkrampft zu seiner Faust
zusammengepresst und hatte einen schwer konzentrierten Gesichtsausdruck. Als er sie ebenfalls sah rief
er ihnen etwas zu, doch sie konnten es nicht verstehen, weil hinter ihm der Drache aus dem Wald brach.

Dann packte der Ritter plötzlich das Mädchen und zerrte sie hinter den Wasserfall in die kleine Höhle.
Alex folgte ihnen wenig später.

"LOS!", rief er, als er in die Höhle gerannt kam, "JEDER HINTER EINEN FELS!"

Mit einem weiten Sprung verwirklichte er seine eigene Warnung und hechtete hinter einen großen Stein.
Der Ritter zog das Mädchen schnell ebenfalls hinter einen Fels.

Und keine Sekunde zu spät.

Denn plötzlich hörten sie ein ohrenbetäubendes Brüllen und dann ein Zischen, wie als würde man einen
Wassertropfen auf einen heißen Stein fallen lassen. Nur viel lauter, denn Dummschuppe hatte eine
gewaltige Feuerflamme auf die Höhle gerichtet. Da sich diese aber hinter dem Wasserfall verbarg, trafen
die Flammen auf das Wasser und Wasserdampf schoss in die Höhle.

Sie warteten bis sich der Dunst wieder verzogen hatte und kamen dann hinter ihrer Deckung hervor.
Dummschuppe lauerte immer noch vor dem Wasserfall. Doch das konnte ihnen egal sein, hier waren sie
vor ihm sicher.

"Ist bei euch alles in Ordnung?", fragte Alex und klopfte sich den Dreck von seinen Klamotten.

"Ja.", knurrte der Ritter und musterte Alex misstrauisch.

"Gut. Dann folgt mir mal, ich bringe euch zu meinem Haus. Dort könnt ihr euch ausruhen.", sagte Alex
ohne die Bemerkung des Ritters zu beachten und marschierte los.

Nachdem er sie sicher durch die Höhlen geführt hatte brachte Alex die beiden zu seinem kleinen
Holzhaus. Die drei hatten die ganze Zeit über nichts gesprochen. Alex war das recht, er war eh lieber
allein für sich.

Während dieser Zeit war ihm aufgefallen, dass der muffige Ritter kaum älter als er selbst war. Er schätze
ihn auf höchstens 25 Jahre. Alex selbst war gerade mal 21. Das Mädchen durfte gerade mal 17 Jahre sein,
also noch ziemlich jung.

Er führte sie in sein Haus und verschloss hinter ihnen wieder sorgfältig die Tür. Dann erzündete er ein
warmes Feuer in seinem kleinen Kamin.
"Setzt euch doch.", bot er den beiden an.

Das Mädchen nickte dankend und wollte sich auf einen Stuhl setzten, doch der Ritter hielt sie zurück und
sagte: "Es tut uns wirklich Leid, aber wir können nicht bleiben. Wir haben es eilig."

"Ach, Jalin! Warum seid Ihr so unfreundlich!", fuhr ihn das Mädchen plötzlich an, "Er hat uns das Leben
gerettet. Wir haben uns noch nicht einmal bedankt!"

"Warum sollten wir das tun? Ich habe ihn nicht um seine Hilfe gebeten. Ich wäre auch allein mit diesem
Drachen fertig geworden.", behauptete der Ritter, der Jalin genannt wurde.

"Sicher!", lachte Alex. "Mit Dummschuppe wird niemand fertig. Nicht einmal ich!"

"Ach ja? Und wer seid Ihr, dass Ihr so geschwollen redet?!", knurrte Jalin.

"Sagen wir es so..." Alex stellte sich Jalin gegenüber. Der Ritter überragte ihn fast um einen halben Kopf,
und das, obwohl Alex schon fast 1,85 war, "...ich habe mehr Ahnung von Drachen als Ihr. Das müsste
Euch genügen."

"Pah!", machte Jalin nur, "Lasst uns hier verschwinden, dieser Junge ist kein Umgang für Euch.", sagte er
dann zu dem Mädchen. Dieses schien sich ziemlich unschlüssig zu sein. Sie setzte sich auf einen Stuhl und
sagte nichts. Sie schien tief in Gedanken zu sein.

"Jalin...", sagte sie dann auf einmal, "...ich möchte erst einmal hier bleiben. Bitte versteht das." Sie
blickte ihn bittend an. In ihren Augen sah Alex auch Trauer, Angst und, was ihn sehr wunderte,
Vertrautheit.

Alex blickte von einem vom anderen und spürte an ihren Blicken, dass zwischen ihnen wohl eine
besondere Bindung zu bestehen schien. Was für eine konnte er jedoch nicht sagen. Das alles kam ihm
etwas seltsam vor.

"Dann fühlt euch hier wie zu Hause.", sagte Alex um die ungemütliche Stille zu vertreiben, "Wie ist denn
euer Name, Mädchen?"

"DU....!", wollte Jalin losdonnern, aber sie unterbrach ihn barsch: "Seid still! Er bietet uns schließlich
seine Gastfreundschaft an!", dann meinte sie in einem milderen Ton zu Alex: "Ich heiße Mary. Und Ihr
seid...?"

"Alex, Ihr könnt mich gerne duzen. Ich bin kein..." Er betrachtete Mary, "...kein Adeliger."

"Woher wisst Ihr das?", fragte sie verduzt.

"Dass Ihr eine Adelige seid? Ich bin doch nicht blind." Er warf bei diesen Worten einen Blick auf Jalin,
"Und außerdem höre ich noch recht gut für mein Alter."

Er ging zu dem Kamin um einige Holzscheite in das Feuer zu werfen, als er plötzlich einen klirrenden Ton
hörte.
"Jalin, was ist mit Euch?!", rief Mary erschrocken. Alex wandte seine Blicke wieder den beiden zu. Der
mächtige Ritter Jalin war gerade in die Knie gebrochen. Er atmete schwer und keuchte dabei. Mary
kniete neben ihm um ihn zu stützend, denn ansonsten wäre er schon lange ganz zu Boden gefallen.

"Verdammt.", fluchte Alex und kniete ebenfalls neben dem Ritter nieder, "Ihr seid schwer verletzt und
rennt dann munter durch die Gegend? Schon mal etwas davon gehört, dass wenn man verletzt ist, sich
vielleicht schonen und einen Arzt aufsuchen soll?"

"Haltet doch Eurer freches Mundwerk. Von solchen Dingen habt Ihr doch keine Ahnung!", widersprach
Jalin heftig und sah Alex böse an.

"Ja, ja, ich weiß. Aber jetzt solltet Ihr erst einmal ins Bett.", ignorierte Alex seine Antwort und packte den
Ritter unter den Armen und brachte ihn einfach zu dem Bett, das in einer Ecke des Zimmers stand. Mary
und Jalin waren sehr überrascht über Alexs Stärke, er trug den gepanzerten Ritter ganz allein.

"So, und jetzt die Rüstung aus.", befahl Alex, als er Jalin auf das Bett gesetzt hatte. Dieser schaute jedoch
mit einem allessagenden Blick zu Mary. Diese lachte kurz auf und drehte sich dann um.

So konnte sich Alex endlich ans Werk machen und Jalin die schwere Rüstung abnehmen. Danach reinigte
er seine Wunden und verband sie sorgfältig.

"Versucht jetzt etwas zu schlafen, Jalin. Ihr braucht das jetzt dringend.", meinte Alex mit der Stimme
eines Arztes.

"Glaubt Ihr ich lasse sie mit Euch allein?", fragte Jalin leise aber energisch.

"Glaubt mir, ich besitze auch so etwas wie eine 'Ritterehre'.", beteuerte Alex, "Aber wenn es Euch
beruhigt, dann gehe ich raus Holz hacken." Mit diesen Worten verließ er das Haus und machte sich ans
Werk.

2. Kapitel

Die Wahrheit

Nachdem Alex genug Holz geschlagen hatte, packte er einige Scheite und ging wieder in das Haus zurück.
Sofort schlug ihm der Geruch von einer frischen Suppe entgegen. Mary war gerade dabei zu kochen. Jalin
war doch noch eingeschlafen, er lag in dem Bett und schnarchte leise.

"Hm, lecker!", sagte Alex und lud das Holz neben dem Kamin ab. Dann trat er neben Mary an den Herd
und blickte neugierig in den Kochtopf: "Du kochst? Klasse!"

"Danke.", meinte sie verlegen und rührte weiter in der Suppe herum, "Ich glaube aber, dass ich nicht gut
kochen kann. Irgendwie komme ich nie dazu es selbst zu probieren."

"Ich muss andauernd für mich allein kochen und kann es immer noch nicht. Nicht einmal die Drachen aus
dem Krater essen was ich gekocht habe.", entgegnete Alex abwinkend.
"Bist du mit diesen Drachen ganz allein? Gibt es hier denn keine anderen Menschen?", fragte sie.

"Nein." Alex setzte sich an den Tisch und stützte seine Ellenbogen darauf, "Es gibt hier nur mich, die
Drachen und noch ein paar andere Wesen. Kein Mensch weit und breit außer mir."

"Fühlst du dich da nicht allein?"

"Ich bin gern allein.", antwortete Alex.

Mary drehte sich zu ihm um und sah ihn an, "Das glaube ich nicht. Du bist so ein netter Mensch. Leute
die allein leben sind immer so verbiestert."

"Woher willst du das wissen? Kennst du noch andere Leute die ganz allein irgendwo in der Wildnis
leben?", wollte er daraufhin wissen.

"Ich... nein. Eigentlich nicht."

"Also. Ich bin hier gerne allein. Das ist eben der Preis, den man zahlen muss um hier zu leben.", sagte
Alex.

"Und warum lebst du hier?", fragte Mary daraufhin.

"Das... kann ich dir nicht sagen." Alex wandte seinen Blick von ihr ab und stand auf, "Ich gehe noch
einmal in den Krater zurück. Gegen Abend bin ich wieder zurück. Ihr könnt euch alles nehmen was ihr
wollt." Mit diesen Worten verließ er das Haus.

Mary und Jalin saßen still über ihrem Abendessen, das aus der einfachen Suppe bestand, die Mary
zubereitet hatte. Draußen war es schon lange dunkel und ein Blick in den Krater war unmöglich
geworden. Die Dunkelheit schien den Krater bis zum Rand mit Schwärze zu füllen, und das obwohl der
Mond hoch am Himmel stand und keine einzige Wolke ihn verdeckte.

Und immer noch nicht war Alex zurückgekehrt.

"Ich mache mir langsam Sorgen.", durchbrach Mary die Stille, "Alex ist immer noch in dem Krater. Bei
dieser Dunkelheit ist er doch leichte Beute für die Drachen."

"Ihr solltet Euch lieber andere Sorgen machen, Prinzessin Amalia.", entgegnete Jalin.

"Ihr sollt mich nicht so nennen, habt Ihr das schon vergessen?!", fuhr sie etwas wütend auf, "Ich heiße
Mary, auch für Euch!"

"Wie Ihr wünscht, Hoheit.", Jalin löffelte weiter seine Suppe.

"Ach, Jalin. Ich weiß nicht was ich tun soll." Mary klang verzweifelt, "Was passiert, wenn sie uns
kriegen?"

"Ich werde Euch beschützen, darauf gebe ich Euch mein Wort.", sagte der Ritter.

"Danke, Ihr seid der einzige, dem ich vertrauen kann.", meinte sie dankbar.
Jalin nickte. Danach kehrte wieder die Stille ein, während jeder seine Suppe zu ende aß.

Alex marschierte auf Zehenspitzen durch den dunklen Wald. Er hatte völlig die Zeit vergessen bei seinen
Experimenten. So etwas passierte ihm nur selten. Wahrscheinlich lag es daran, dass er sich nicht richtig
konzentrieren hatte können, er hatte die ganze Zeit an Mary denken müssen.

Seltsam, dachte er stillschweigend, in ihrer Nähe spüre ich eine seltsame Art Kraft. Hm...

Unbestimmt blickte er in den Himmel. Durch das dichte Blätterdach des Waldes konnte er einige Sterne
sehen. Doch etwas anderes zog seine Aufmerksamkeit auf sich.

Weit oben am Kraterrand war ein Licht.

Alexs Haus konnte es nicht sein, er hatte es so gebaut, dass man es von keiner Stelle aus dem Wald
sehen konnte. Er wäre ansonsten schon lange ein Opfer der Drachen gewesen.

Er blieb stehen. Das Licht bewegte sich jedoch weiter, wenn er es nicht genauer gewusst hätte, würde er
sagen, dass es sich auf sein Haus zu bewegte. Doch dieses lag in genau der anderen Richtung.

Dann, wie auf ein Stichwort änderte das Licht plötzlich seine Richtung. Alex gefiel das ganz und gar nicht.
Er spurtete los um vor dem seltsamen Licht bei seinem Haus zu sein.

Jalin hatte sich wieder schlafen gelegt. Mary hatte es ihm nicht übel genommen. Er war schließlich
schwer verletzt und ausgemergelt. Sie hatten auf ihrer langen Reise nicht jeden Tag etwas zu essen
bekommen. Sie waren nur gelaufen und gelaufen um nicht...

Mary verwarf den Gedanken sofort wieder. Daran wollte sie ihm Moment nicht denken. Sie fühlte sich
hier zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig wohl.

Jedoch machte sie sich immer noch Sorgen um Alex.

Kurzerhand verließ sie das Haus und stellte sich an die Klippen um auf den Wald hinunterzublicken. Doch
das Schwarz der Nacht war so vollkommen, dass sie nichts sehen konnte. Selbst der Wasserfall schien in
ein bodenloses schwarzes Loch zu fallen.

Dann hörte sie plötzlich ein Knacken und drehte sich um, um nachzusehen, was dieses Geräusch
verursacht hatte. Doch als sie es sah, ließ sie einen erschrockenen Schrei los.

Hinter ihr standen drei Ritter in schwarzer Rüstung.

"Nein, das... das kann doch nicht wahr sein...!" Mary ließ sich schmerzlich auf die Knie fallen.

Sie hatten sie also doch gefunden. Und das so schnell.

"Oh doch, Prinzessin. Wir sind leider echt!", antwortete einer der Ritter und lachte missraten.

"Wo ist denn euer Schoßhund?", fragte ein anderer.

"Sieh dich doch mal um!", rief eine erboste Stimme hinter den Rittern.
Diese fuhren herum und standen Jalin gegenüber. Ohne darauf zu warten, dass sie sich von dem
Schrecken erholt hatten, stieß Jalin mit seinem Schwert zu und durchbohrte einen von ihnen. Der tote
Ritter sank zu Boden und die anderen zwei stürzten sich auf Jalin.

Mary konnte dem Kampf kaum folgen. Sie ertrug es nicht, wenn die zwei Ritter sich gemeinsam auf Jalin
stürzten und ihm noch mehr neue Wunden zufügten.

So schnell und plötzlich der Kampf auch angefangen hatte, genauso schnell und plötzlich endete er.

Jalin wurde das Schwert aus der Hand geprellt und einer der Ritter verpasste ihm einen Kinnhaken, der
ihn betäubt zu Boden fallen ließ.

"Das war’s dann wohl.", sagte einer der beiden und warf Jalins Schwert mit einem einfachen Schwung in
die Dunkelheit des Kraters. Dann wandten sich die beiden Mary zu.

"Und nun zu Euch, Prinzessin Amalia."

Sie sagte nichts sondern starrte nur auf den am Boden liegenden Jalin. Wie viel hatte er für sie gegeben?
Und sie selbst konnte rein gar nichts unternehmen.

"Warum...?", fragte sie den Tränen nahe.

"Wäret Ihr nicht weggelaufen, Prinzessin, dann wäre das alles nicht geschehen.", sagte einer der Ritter
und packte sie an ihrem Oberarm. Mit einem schmerzhaften Ruck riss er sie ihn die Höhe, "Es ist alles
eure Schuld.", hauchte er ihr ins Gesicht. Dann verpasste er ihr eine schallende Ohrfeige, die sie hart zu
Boden stürzen ließ.

"Ihr habt Glück, dass uns der Oberpriester verboten hat Euch wirklich etwas anzutun, denn sonst würdet
Ihr für jeden meiner Männer bezahlen, der in diesem Krater von einem dieser verdammten Drachen
getötet wurde!", schrie sie der andere Ritter an, "Was glaubt Ihr wie viele gestorben sind?!"

"Anscheinend nicht genug.", sagte plötzlich eine Stimme aus der Dunkelheit.

"Wer ist da?!", riefen die schwarzen Ritter und zogen ihre Schwerter.

"Jemand, der es gar nicht leiden kann, wenn man wehrlose Frauen schlägt.", knurrte die Stimme.

"Los, zeigt Euch, Feigling!" sagte ein Ritter.

"Ihr seid hier die Feiglinge. Ihr geht zu zweit auf einen verletzten Ritter los! Und dann auch noch auf ein
Mädchen! Ich kann euch sagen, dass das ein großer Fehler war!", sagte Alex kalt und trat aus der
Dunkelheit. Er war richtig wütend, "Ihr habt damit eurer Todesurteil unterschrieben!"

"Natürlich. Wer bist du schon, du Knilch?!", fragte einer der Ritter unbeeindruckt.

"Das willst du lieber nicht wissen...", sagte Alex böse und holte etwas unter seinem Mantel hervor, das er
dann den Rittern zeigte. Mary konnte es jedoch nicht sehen, weil ihr einer der Ritter die Sicht versperrte.
Doch es schien etwas Schreckliches zu sein, denn einer der Ritter ließ entsetzt seine Waffe fallen und
warf sich auf die Knie.

"Spinnst du?!", fuhr ihn der andere daraufhin an, "Das Ding ist doch gar nicht echt!"

"Oh doch, mein Freund...", grinste Alex kalt und verbarg wieder das seltsame Ding, welches Mary nicht
sehen konnte. Dann sprang er plötzlich vor, zog sein Schwert und rammte es dem noch stehenden Ritter
in den Leib. Dieser stieß ein erschrockenes Keuchen aus, ehe er tot zusammenbrach.

Alex zog sein Schwert aus dem leblosen Körper und wischte seine Klinge an dessen Umhang ab. Dann
wandte er sich dem anderen Ritter zu.

"Du wirst jetzt zu deinem Oberpriester oder was auch immer gehen, und ihm sagen, dass ich persönlich
die Prinzessin beschützen werde. Ist das klar?!", donnerte Alex.

"Ja!", rief der Ritter daraufhin und rannte davon in die Dunkelheit.

Alex schob sein Schwert zurück in die Scheide und ging zu Mary, die immer noch auf dem Boden kauerte.
Er kniete sich neben ihr nieder und betrachtete ihre, von der heftigen Ohrfeige, angeschwollene Backe.

"Es tut mir leid...", sagte er vorwurfsvoll, "Wäre ich doch früher gekommen..."

"Bitte sei still. So etwas will ich nicht hören.", entgegnete sie leise.

Sie versuchte aufzustehen um zu Jalin zu gehen, Alex musste ihr dabei helfen, weil sie immer noch etwas
geschockt wirkte.

Jalin sah schrecklich aus. Er hatte überall Schnittwunden und Prellungen.

"Nein, Jalin... bitte nicht...", flüsterte Mary und ließ sich neben dem Ritter auf den Boden sinken. Er
schien dem Tode nahe.

"Ich weiß eine Möglichkeit wie Ihr ihm helfen könnt.", meinte Alex vorsichtig, "Aber das könnt wirklich
nur Ihr tun."

"Ich werde alles tun, damit es Jalin wieder besser geht. Ich stehe tief in seiner Schuld.", sagte sie ohne
Alex anzuschauen.

"Dann lasst uns gehen." Alex schaute in den dunklen Wald hinab. Was sie vorhatten würde kein
Spaziergang werden. Vor allem nicht für Mary.

Nein..., dachte Alex schmerzlich, für Prinzessin Amalia.

Sie stiegen sofort nach Sonnenaufgang in den Krater hinunter. Alex trug Jalin die ganze Zeit in den
Armen.

Amalia und er hatten seither nichts mehr miteinander gesprochen. Keiner traute sich etwas zu sagen.
Doch schließlich brach Alex das Schweigen, als sie den Wald betraten.

"Zu welchem Königshaus gehört Ihr eigentlich?", wollte er wissen.


"Warum fragst du das? Ich bin keine Prinzessin.", antwortete sie ohne ihn anzuschauen.

"Ihr könnt mir nicht länger etwas vormachen, Prinzessin Amalia.", sagte er.

Bei diesen Worten konnte er sehen wie sie unbewusst zusammenzuckte.

"Du weißt es?", fragte sie vorsichtig.

"Ja.", antwortete Alex, "So was habe ich mir schon vorher gedacht. Aber als die Ritter euch dann mit
Prinzessin ansprachen, da... ist bei mir ein Licht aufgegangen."

"Ich verstehe." Es schmerzte sie irgendwie, dass er sie mit Prinzessin anredete, "Aber ich kann dir selbst
nicht sagen woher ich komme. Man brachte mich als ein kleines Kind zu einer Königsfamilie. Sie zogen
mich auf und ich wurde ohne wirklich adelig zu sein eine Prinzessin. Ich weiß nicht wer meine Eltern
waren. Meine Stiefeltern wollten mir nie etwas von ihnen erzählen."

"Und die schwarzen Ritter? Warum waren sie hinter euch her?"

"Ich bemerkte eine große Veränderung an meinem Stiefvater. Sein neuer Oberpriester wollte mich für
eine wichtige Zeremonie opfern. Und mein Stiefvater willigte ein. Dann bin ich zusammen mit Jalin
geflüchtet und wir landeten nach langer Reise hier in diesem Krater.", erzählte Amalia.

Alex sagte erst einmal nichts. Vielleicht wollte sie ihm ja noch mehr erzählen.

"Woher kommst du, Alex?", fragte sie nach einer Weile, "Und warum willst du mir nicht erzählen, warum
du hier lebst?"

"Ganz einfach", antwortete er kalt, "es würde Euch abschrecken. Aber ich denke, nachdem Jalin wieder
gesund ist, werdet Ihr es sowieso wissen."

"Wie meinst du das?", fragte sie verwirrt.

"So wie ich es sage." Alex wandte den Blick von ihr ab. Er ertrug ihre Blicke nicht mehr. Sobald Jalin
gesund war, würde er sie sowieso nicht wieder sehen. Und das stach ihm einen Dolch in sein Herz.

Für den Rest ihres Weges sprachen sie nichts mehr miteinander. Amalia hatte zwar immer wieder
versucht mit ihm ein Gespräch anzufangen, aber Alex war nicht darauf eingegangen.

Alex führte sie zu einer großen und dunklen Höhle am anderen Ende des Kraters.

Dort angekommen legte er Jalin vor dem Eingang ab und deutete Amalia sich neben ihn zu stellen. Dann
trat er einige Schritte zurück und holte tief Luft.

"DUMMSCHUPPE!", schrie er in die Höhle, "Kommt raus! Ich muss mit Euch reden!"

"Was hast du vor?", fragte Amalia nervös.

"Keine Angst.", versicherte er ihr, "Euch wird nichts geschehen."


Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als plötzlich der Drache aus der Höhle geschossen kam und
sich auf Alex stürzte. Dummschuppe erwischte ihn mit einer seiner riesigen Pranken und drückte ihn auf
den Boden. Amalia kniete sich schützend neben Jalin nieder und hielt die Luft an.

"Ihr wisst, dass Ihr mich nicht so nennen sollt!", donnerte der Drache auf einmal los und drückte Alex
mehr und mehr die Luft ab, "Merkt es Euch endlich, mein Name ist URONAR! Und was sucht Ihr
eigentlich hier?! Ich dachte wir hätten ausgemacht, dass Ihr nicht zu meiner Höhle kommt, und ich dafür
nicht Eure lächerliche Hütte niederbrenne!"

"Ach, Dummschuppe, hört auf mit mir zu spielen!", schrie seinerseits Alex dem Drachen ins Gesicht, "Ich
brache Eure Hilfe!"

Amalia saß nur da und glaubte kaum ihren Ohren. Da redete doch tatsächlich Alex mit einem Drachen!
Und er schrie ihn auch noch an! Und warum konnte ein Drache eigentlich sprechen?!

"Ihr braucht meine Hilfe?", fragte Uronar ungläubig, "Wie kommt denn das auf einmal?!"

"Nein, nicht ich brauche Eure Hilfe sondern dieses Mädchen dort drüben!", rief Alex.

"Mädchen? Wo denn?" Uronar sah sich suchend um, "Oh, ihr meint dieses Mädchen da, das neben
diesem Blechhaufen liegt?"

"Uronar! Macht keine Witze! Hier geht es um Leben oder Tod!", schrie Alex.

"Ist ja gut! Ist ja gut! So regt Euch doch nicht auf!" Uronar nahm seine Pranke wieder von Alex herunter
und drehte sich zu Amalia um.

"Oh mein Gott!", stöhnte diese und blickte dem Drachen in die Augen.

"Nein, tut mir leid, Mylady, aber ich bin leider kein Gott. Ihr müsst Euch mit einem einfachen Drachen
zufrieden geben.", grinste der Drache.

"Eure Witze sind genauso schlecht wie Euer Atem.", sagte Alex und erhob sich Luft ringend von dem
Boden. Dann stellte er sich neben den Drachen und grinste seinerseits diesen an.

"Was soll das hier überhaupt? Sie ist doch eine Prinzessin, oder? Soll ich sie jetzt etwa entführen und für
mich kochen lassen?", fragte Uronar sichtlich verwirrt, "Ich hoffe, sie kann das besser als Ihr."

"Erzählt keine Märchen, Uronar, sondern hört ihr doch zu! Sie will Euch um etwas bitten!", sagte Alex.

"Nun gut. Was ist Eurer Anliegen, Mylady?", fragte Uronar höflich.

Amalia brachte kein Wort heraus. Sie war viel zu sehr geschockt um auch nur einen klaren Gedanken
fassen zu können. Langsam begann es in ihr zu dämmern. Sie wusste auf einmal wer Alex in Wirklichkeit
war. Doch sie wagte es nicht auszusprechen. Noch war es nicht Zeit dazu.

"Ich... ich wollte Euch bitten diesem jungen Ritter hier zu helfen.", stotterte sie dann schließlich.

"Ihr wollt, dass ich ihm das Leben rette? Ihn von seinen Schmerzen und Qualen erlöse?", hakte Uronar
nach.

"So ist es. Ich bitte Euch nach ganzem Herzen darum." Sie blickte ihm tief in die Augen. Etwas an den
Augen des Drachens erinnerte Amalia an Alex. Doch sie wusste nicht richtig was.

"Hm... Und was bekomme ich als Gegenleistung?", wollte der Drache wissen.

Amalia erschrak. Sie hatte nichts was sie ihm hätte geben können. Nichts außer sich selbst.

"Darüber macht Euch mal keine Gedanken, Uronar. Darum kümmere ich mich.", sagte Alex schnell bevor
Amalia etwas antworten konnte. Sie sah ihn verwirrt an, aber er lächelte nur.

"Na gut...", grummelte Uronar, "Ich werde es tun, auch wenn ich weiß, dass Ihr mich bestimmt wieder
ausgetrickst habt. Geht mal beiseite.", sagte er dann zu Amalia. Mit schnellen Schritten trat sie neben
Alex.

Dann holte Uronar kurz Luft und spie blaue Flammen aus. Die Flammen umhüllten Jalin und ließen seine
Konturen verschwimmen.

Amalia neben Alex ließ einen kleinen Schrei los.

"Keine Sorge. Es wird ihm nichts geschehen. Uronars heilendes Drachenfeuer wird seinen Körper wieder
vollständig genesen.", beruhigte er sie.

"Uronar und du, ihr seid euch sehr ähnlich.", begann Amalia zögerlich. Sie blickte ihn von der Seite an.
Alex senkte den Blick.

Sie wusste es also.

"Du... du bist also wirklich ein..." Sie wagte nicht das Wort auszusprechen.

"Ja, ich bin ein Drachenritter. Einer der letzten unseres ausgestorbenen Volkes.", sagte er ohne jegliche
Gefühlsregung in seiner Stimme.

Unbeabsichtigt machte Amalia einen Schritt von ihm weg. Doch Alex bemerkte dies natürlich. Die Sinne
eines Drachenritters waren übernatürlich gut.

Sein Volk gab es schon so lang wie es die Drachen gab. Sie waren keine wirklichen Menschen und
besaßen einige Fähigkeiten der Drachen. Auch besaßen sie eine sehr alte Magie, die es ihnen erlaubte,
Drachen zu beeinflussen. Die Drachenmenschen waren einst ein stolzes Volk, das im Krieg wegen ihrer
Kunst mit den Drachen umgehen zu können sehr gefürchtet war. Deswegen wurden sie gejagt, getötet
und fast ausgerottet. Die wenigen übrig gebliebenen versteckten sich oder versuchten sich als normale
Menschen auszugeben.

Alex war bis zu der Zeit, bevor er in diesem Krater lebte, von Ort zu Ort gezogen, immer verfolgt und
geachtet von den anderen Menschen. Er hatte viel durchlitten. Selbst seine Eltern hatte er einst
zurücklassen müssen. Sie wurden getötet. Und dies nur um ihren einzigen Sohn vor dem Tode zu
bewaren. Er war sich nicht ganz sicher, aber Alex glaubte wirklich der noch einzig lebende Drachenritter
zu sein.

So schmerzte es ihn zutiefst, dass Amalia Angst vor ihm hatte. Die Menschen erzählten ihren Kindern
immer Schauermärchen über sein Volk, um ihnen Angst einzujagen, wenn sie mal wieder nicht brav
waren.

"Keine Angst.", sagte er deshalb mit einem traurigen Lächeln, "Ich fresse schon lang keine Kinder mehr."

"Alex, es tut mir leid, ich wollte dich nicht...", wollte sie sagen, doch er hob abwehren die Hand.

"Amalia,", sagte er, "ist schon gut. Wenn ich nicht wüsste, wer ich bin, dann hätte ich selbst Angst vor
mir."

"So, fertig!", rief Uronar gut gelaunt und trat einige Schritte von Jalin zurück, "Der ist wie neu."

"Danke, Uronar.", bedankte sich Alex bei dem Drachen.

"Bitte, bitte. Vergesst meine Belohnung nicht!", erinnerte ihn Uronar.

"Sicher nicht, ich koch mal für Euch!"

"Oh Gott, bloß nicht!", rief Uronar entsetzt und schlürfte zurück in seine Höhle.

"Jalin!" Amalia rannte zu ihrem Beschützer und ließ sich neben ihm in das Gras sinken, "Jalin, wie geht es
Euch?"

Der Ritter öffnete seine Augen und blickte die Prinzessin verwirrt an.

"Amalia? Seid Ihr es? Ich hatte so einen seltsamen Traum...", meinte er leise.

"Das war kein Traum! Euch hat wirklich ein Drache geheilt!"

"Was?! Aber wie ist das möglich? Geht es Euch gut, Prinzessin?" Jalin setzte sich schnell auf und hielt
Ausschau nach einem Drachen, doch Uronar war schon längst wieder in seiner Höhle verschwunden.

"Aber Prinzessin? Was ist mit den Rittern geworden? Haben sie Euch etwas angetan?", fragte er besorgt.

"Nein, Alex kam zur Rechten Zeit um mir und Euch das Leben zu retten. Er...", Sie drehte sich plötzlich
erschrocken nach Alex um.

Doch dort wo er noch vor wenigen Sekunden gestanden hatte war nichts mehr zu sehen. Stattdessen lag
dort im Gras ein kleines Wappen, das auf ein seltsames Metall geschnitzt war.

Amalia stand auf und ging zu dem Wappen.

"Das hat er also den Rittern gezeigt...", meinte sie leise zu sich selbst.

Auf dem Wappen war ein Ritter in einer kunstvollen Rüstung, der auf einem Drachen saß und durch die
Wolken flog.
.

3. Kapitel

Wahre Freundschaft

Als Amalia und Jalin zurück zu Alexs Haus kamen, fanden sie es verlassen vor. Der junge Drachenritter
war nirgends zu sehen.

"Ich habe ein schlechtes Gewissen.", sagte Amalia traurig, "Er hat uns so viel geholfen und wir haben uns
nicht einmal bedankt."

"Drachenritter... ich dachte immer, sie wären nur ein altes Ammenmärchen.", meinte Jalin und
schüttelte den Kopf. Er war fast verrückt vor Angst geworden, als die Prinzessin ihm erzählt hatte, wer
Alex in Wirklichkeit war.

"Es ist schade, wenn man ein Volk einfach so schlecht macht. Alex kann doch gar nichts dafür!", meinte
Amalia außer sich, "Menschen, die so schreckliche Dinge verbrechen, sind abscheulich!"

"Die Menschen haben eben Angst vor dem was anders ist.", sagte plötzlich Alex hinter ihnen.

Amalia und Jalin fuhren herum und waren froh, dass nur Alex hinter ihnen stand und nicht einer ihrer
Jäger.

"Ihr seid noch nicht weg?", wunderte sich der Drachenritter, "Habt ihr etwas vergessen?"

"Ja.", sagte die Prinzessin und stellte sich Alex gegenüber, "Wir haben vergessen dir zu danken. Danke
Alex.", sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. Jalin grinste nur, als er Alexs erstauntes Gesicht
sah.

"Wofür... wofür war denn das?", fragte Alex sie verwirrt.

"Dafür, dass du Jalin und mir das Leben gerettet hast.", lächelte sie. Alex fand, dass sie das schönste
Lächeln auf der ganzen Welt besaß.

Jalin räusperte sich, "Prinzessin, wir sollten jetzt lieber aufbrechen. Wer weiß, wann der Priester uns
neue Verfolger auf den Hals hängt?"

"Ja, stimmt.", sagte sie plötzlich mit einer Spur Traurigkeit in der Stimme. Sie blickte betroffen zu Boden
und ihr schönes Lächeln verschwand.

"Dann heißt es wohl auf Wiedersehen sagen." Alex versuchte zu lächeln.

"Alex...", begann Amalia unsicher, "Willst du nicht mit uns kommen? Ich will nicht, dass du hier so allein
zurückbleibst. Bitte begleite uns!", flehte sie.

"Amalia.", meinte er traurig, "Ich kann hier nicht fort. Das ist mein Zuhause, meine Heimat. Ich...", er
stockte kurz und sah in den Krater, "... gehöre eben zu den Drachen."
"Ich verstehe...", traurig folgte sie seinem Blick und sie konnte ihn wirklich verstehen. In einer Welt, die
ihn und sein Volk nicht gewollt hatte, war dies wirklich der einzige Ort, an dem er sich wohlfühlen
konnte. Hier war er bei einem Teil seines Volkes - bei den Drachen.

"Sagst du Uronar einen Gruß von mir? Ich hätte ja gern für ihn gekocht, aber es hat sich eben anders
ergeben.", sagte sie zum Abschied und trat neben Jalin.

"Das werde ich. Ich denke, er wird sich darüber freuen.", entgegnete Alex.

"Machs gut, Alex. Danke nachmals.", sagte plötzlich Jalin und schüttelte ihm freundschaftlich die Hand,
"Pass auf dich auf, Kleiner."

"Pass du mir lieber auf Amalia auf.", grinste Alex zurück und drückte fest die Hand des Ritters. Doch Jalin
drückte ebenso fest zurück. Die beiden mussten lachen.

Männer...., dachte Amalia hingegen nur und unterdrückte ein kleines Grinsen.

"Pass bitte gut auf dich auf, Alex.", meinte sie ehrlich.

"Lasst euch nicht von diesen Leuten erwischen, bitte. Wenn ihr mal in Schwierigkeiten kommen solltet,
dann nehmt das Wappen zur Hand. Ich werde dann kommen und euch beiden zur Seite stehen." Er
nahm ihre rechte Hand und hauchte ihr einen Kuss auf ihren Handrücken. Amalia wurde etwas rot im
Gesicht. Eine Weile standen sie nur da und sahen sich in die Augen, bis Jalin sich schließlich etwas
übertrieben räusperte. Die beiden blickten verlegen zur Seite und Jalin und Amalia machten sich dann
auf den Weg.

Als Alex sie nicht mehr sehen konnte, weil sie den Rand des Kraters schon lange verlassen hatten, trat er
an den Kraterrand.

"Amalia...", flüsterte er, "Ich hoffe es wird dir gut ergehen..."

Urdo lief unruhig durch sein Zimmer. In schnellen Bahnen umrundete er seinen teuren
Mahagonischreibtisch und fegte dabei ganze Stapel von Blättern zu Boden.

"Wie soll ich ohne dieses dumme Kind...", knurrte er vor sich hin, als es plötzlich an der Tür klopfte.

Scheu und etwas mit den Beinen zitternd trat ein junger Bediensteter ein.

"Herr, ich habe wichtige Nachrichten für Euch.", stammelte er.

"Dann red schon!", fauchte ihn Urdo an.

"Ja, Herr!", beeilte sich der Diener zu sagen, "Einer der Ritter, die Ihr geschickt habt um Prinzessin Amalia
zurückzuholen ist heute morgen eingetroffen. Er sagt, dass die Prinzessin und ihr Begleiter in einen
Vulkankrater geflohen waren. Er und seine Männer haben sie bis dorthin verfolgt, aber fast alle seiner
Männer wurden angeblich von...", der Junge stockte kurz, "...Drachen getötet. Und dann sei noch ein
junger Krieger gekommen um die beiden zu beschützen. Der Krieger soll ihm ein seltsames Wappen
gezeigt und ihm aufgetragen haben Euch auszurichten, dass er ab sofort die Prinzessin beschützen
werde."

Der Diener endete erleichtert.

"Du kannst gehen, aber rufe den besagten Ritter zu mir.", sagte Urdo sofort und gab dem Jungen einen
Wink mit der Hand. Dieser verschwand dann aus dem Zimmer.

Wenige Minuten später betrat dann der schwarze Soldat das Zimmer.

Urdo hatte ihn bereits erwatet und hieß ihm sich zu setzten.

Der Ritter setzte sich mit einem mulmigen Gesichtsausdruck auf einen Stuhl.

"Der fremde Krieger hat Euch also ein Wappen gezeigt, ja?", fragte der Oberpriester ohne Umschweife.

"Ja, Herr.", antwortete der Ritter.

"Dann beschreibt mir wie es aussah.", forderte Urdo in auf.

"Es zeigte einen Mann in prachtvoller Rüstung auf einem riesigen roten Drachen. Sie flogen durch die
Lüfte."

"Hm...", machte der Priester und ging zu seinem Schreibtisch. Er öffnete eine Schublade und holte ein
altes Pergament heraus. Dieses Pergament legte er dann vor den Ritter auf den Tisch und rollte es auf.

Zum Vorschein kam ein riesiger Stammbaum. Statt den Namen der Familie waren dort kunstvoll Wappen
eingezeichnet. Alle dieser Wappen hatten eine Gemeinsamkeit: Sie enthielten in irgendeiner Form einen
Drachen.

Doch jedes dieser Wappen war mit einem feinen Stift ausgestrichen worden. Nur eines nicht: Das
Wappen, das der Ritter gerade beschrieben hatte.

"Sah es vielleicht so aus?", fragte Urdo, obwohl er die Antwort schon wusste.

Der Ritter nickte zustimmend, "Ja Herr, genau so."

"Gut. Ihr dürft gehen.", sagte Urdo und rollte das Pergament wieder auf.

"Habe ich dich also gefunden...", lachte er leise als der Ritter das Zimmer wieder verlassen hatte,
"...Alexander von Drachenfels."

"So einfach mache ich es Euch nicht!", schrie Uronar böse und peitschte wütend mit seinem Schwanz
nach Alex, "Eure Magie könnt Ihr an anderen Versuchskaninchen ausprobieren!"

"Das ist es ja! Bei all Euren Verwandten klappt es! Nur eben bei Euch noch nicht!", entgegnete Alex und
wich gerade noch so dem Schwanz des Drachens aus.

"Ich muss Euch eh noch den Kopf abbeißen, Ihr habt mir Eurer dreckiges Schwert in den Fuß gerammt!",
fauchte Uronar und schlug mit einer seiner Pranken nach Alex. Doch wieder erwischte er ihn nicht. Alex
war zu flink.

"Ich sagte Euch doch: Wenn Ihr mit Menschen spielt, dann werde ich Euch wie jeden gewöhnlichen
Drachen bekämpfen!", sagte Alex aufgebracht und wich einer neuen Attacke des Drachens aus.

"Und das verstehe ich immer noch nicht!", knurrte Uronar und verpasste Alex einen gnadenlos harten
Schlag, der den jungen Ritter durch die Luft und gegen einen Baum schleudern ließ.

Alex wurde von diesem Schlag oder besser gesagt von dem Aufprall fast ohnmächtig. Uronar hatte es
wohl ziemlich ernst gemacht.

"Ich verstehe es nicht.", meinte der Drache erneut etwas ruhiger, als er gesehen hatte was er angerichtet
hatte, "Die Menschen haben unsere Völker nahezu ausgelöscht, und dann beschütz Ihr gerade sie!"

"Sie können... doch... nichts dafür...", keuchte Alex und versuchte sich etwas aufzurichten. Wäre er nicht
der Freund des Drachens gewesen, dann hätte Uronar ihn wohl mit diesem Schlag getötet.

"Ihr seid so dumm, Alex. So dumm..." Uronar schüttelte den Kopf und schlürfte zu dem Verletzten. Alex
hätte den Drachen gerne gefragt, ob er ihn mit seinem blauen Feuer heilen könne, aber er war dem
Drachen zu viel schuldig.

Deshalb richtete er sich auf, um zu zeigen, dass er nicht klein bei gab.

"Ihr müsst hier niemanden etwas beweißen. Vor allem mir nicht.", sagte daraufhin Uronar, als ob er
seine Gedanken gelesen hatte. "Haltet still."

Der Drache holte tief Luft und heilte Alex mit seinen Flammen. Alex Körper fühlte sich wieder frisch und
erholt an, nichts tat mehr weh.

"Danke...", meinte Alex missmutig und lehnte sich traurig an den Baum.

Uronar knurrte, "Ihr seid unkonzentriert. Kein Wunder, dass Ihr so schlecht gekämpft habt. Aber Ihr
wurdet anscheinend von einem bösen Fluch getroffen. Das spüre ich genau!"

"Fluch?" Alex sah auf, "Was denn für ein Fluch?"

"Ihr habt richtig gehört.", knurrte der Drache weiter, "Ein Fluch, genannt: LIEBE! ARGH!" Uronar
schüttelte sich, "ICH HASSE DIESES WORT!"

"Wahrscheinlich. Aber ich…”, wollte Alex sagen doch Uronar unterbrach ihn: "Es verwirrt Eure Sinne, es
raubt Euch eurer letztes bisschen Verstand und irgendwann bringt es Euch um! Glaubt mir das ist ein
Fluch!"

"Jetzt übertreibt Ihr aber!"

"Bestimmt nicht. Ich habe schon viele Krieger fallen sehen, nur wegen ihrer ach so großen Liebe! Pah!
Ganze Königreiche sind wegen so etwas hinterhältigen ausgerottet worden!"

"Uronar, Ihr wart eben noch nie verliebt...", seufzte Alex ohne auf die Worte des Drachens zu achten.
"Deshalb leben ich auch noch!" Uronar ließ sich neben Alex nieder. Eine Weile saßen sie nur so da und
sagten nichts.

"Ich werde es nochmals versuchen.", sagte Alex nachdenkend.

"Ach ja, und was? Euch zu verlieben?", fragte der Drache.

"Nein.", antwortete der junge Drachenritter darauf, "Ich werde erneut versuchen, ob ich Euch mit
meiner Magie beherrschen kann."

Uronar erhob sich und sah Alex plötzlich mit einem, für einen Drachen sehr ernstes, Gesicht an, "Es wird
nicht klappen, junger Drachenritter."

"Aber warum nicht?! Ich gebe mir dir größte Mühe!", fuhr Alex auf.

"Ganz einfach, hättet Ihr mehr in den Büchern gelesen, dann wüsstet Ihr es: Ein Drachenritter kann
keinen Drachen beherrschen, der sein Freund ist. Es ist unmöglich." Damit drehte er sich um und
schlürfte zurück zu seiner Höhle.

Alex war erstaunt, mehr als das sogar. Es war ihm unmöglich auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

"Uronar!", rief er dann und sprang auf. Mit einigen Sätzen holte er den Drachen noch vor seiner Höhle
ein, "Ich muss Euch etwas fragen!"

"Was ist denn?!", knurrte der Drache.

"War das jetzt kein Scherz? Habt Ihr das ehrlich gemeint?", wollte Alex wissen. Er musste das jetzt
verstehen.

"Ich habe es so gemeint wie ich es gesagt habe."

"Danke, Uronar. Ihr seid auch mein Freund. Den einzigen, den ich habe!" Alex schaute dem uralten
Drachen in die Augen. Die gelben, faustgroßen Kugeln betrachteten ihn ebenfalls.

"Wisst Ihr was, Knirps?" Uronar hatte ihn schon lange nicht mehr so genannt, "Ich werde Euch nicht
fressen, wenn Ihr mich nicht fresst."

"Oh ja, natürlich." Alex verstand diese Worte, es war eben Uronars Art und Weise seine Gefühle
auszudrücken.

"Gut, dann geht mir jetzt aus dem Weg, Halbdrache." Er stieß Alex mit seiner riesigen Schnauze bei Seite
und verschwand in seiner Höhle.

Alex grinste breit. Ihm war gerade etwas Fieses eingefallen.

Er nahm etwas Abstand von dem Höhleneingang, formte seine Hände zu seinem Trichter und holte tief
Luft.

"DUMMSCHUPPE!"
In der Höhle erklang plötzlich ein grausiges Brüllen und Alex nahm schnell die Beine in die Hand, um
um sein Leben zu laufen. Er liebte dieses Spiel. Und Uronar ebenso.

4. Kapitel

Die Falle

Amalia und Jalin wanderten gerade durch einen tiefen und dunklen Wald. Überall waren Schatten und
das Licht der Sonne kam kaum durch das dichte Blätterdach des Waldes hindurch. Und ein kalter Wind
fegte zwischen den dicht stehenden Bäumen hindurch. Eigentlich ein Widerspruch in sich, aber es war
eben so… unheimlich.

Amalia zog ihren Mantel enger um ihre Schultern um nicht gleich zu erfrieren.

"Geht es Euch gut, Prinzessin?", fragte Jalin neben ihr.

"Sicher, Jalin. Ich bin nur etwas betäubt von dieser Eiseskälte. Das ist wohl alles." Sie lächelte unschuldig.

"Aha. Natürlich." Jalin zuckte mit den Schultern.

"Ihr glaubt mir nicht.", schlussfolgerte sie.

"Wie recht Ihr habt. Es klingt auch nicht besonders glaubwürdig.", antwortete er, "Seit wir Alex verlassen
haben, seid Ihr so in Euch gekehrt. Ihr müsst wohl die ganze Zeit an ihn denken, oder?"

"Was? Ich?" Sie lief etwas rot an, "Wie kommt Ihr denn darauf?"

Jalin grinste schelmisch, "Ich kenne Euch, belasst es bei dieser Antwort."

Amalia lächelte ebenfalls etwas. "Ihr habt wohl recht."

Plötzlich blieben sie beide abrupt stehen. Sie spürten förmlich wie die Schatten um sie herum Gestalt
anzunehmen begannen. Sie schienen sich sogar zu bewegen.

Jalin zog sirrend ein Schwert, das Alex ihm freundlicher Weise gegeben hatte, und blickte sich
angestrengt nach etwas um, doch es war nichts da, nur die lebendigen Schatten.

"Jalin, was ist das?", fragte Amalia ängstlich.

"Ich weiß es nicht, Prinzessin. Seid vorsichtig!", warnte er.

"Aber, aber!", ertönte plötzlich eine seltsame Stimme, "Wer wird denn Angst vor ein paar Schatten
haben?"

Jalin fuhr herum. Amalia tat dies ebenso und stieß einen gellenden Schrei aus.

Hinter ihnen stand der Priester.


"Habe ich euch beide endlich gefunden. Nachdem ich wusste, wo Ihr gewesen seid, war es einfach euren
Spuren zu folgen. Aber jetzt habt ihr verloren! Prinzessin Amalia, kommt mit und eurem treuen
Gefährten wird nichts geschehen!", rief er.

"Niemals!", schrie Jalin zurück, "Nur über meine Leiche!"

"Das könnt Ihr gerne haben!", meinte der Priester todernst, "Los, schnappt ihn euch!"

Hinter ihm traten plötzlich ein halbes Dutzend schwarzer Ritter aus den Schatten. Es schien aussichtslos
zu sein.

Mit einem wütenden Brüllen warf sich Jalin den Rittern entgegen. Diese Antworteten ebenso. Amalia
schrie angstvoll auf: "Jalin! Nein!"

Sie holte Alex Wappen aus ihrer Tasche und drückte es fest.

"Alex!", rief sie, "Wir brauchen deine Hilfe! Bitte komm schnell!"

Plötzlich stand der Priester vor ihr und schlug ihr das Wappen aus der Hand.

"So, so.", meinte er tadelnd, "Ihr habt also Euren kleinen Drachenfreund gerufen? Ich bezweifle, dass er
kommen wird. Und wenn schon, dann bestimmt zu spät!"

"Ihr wisst von Alex?", fragte Amalia ungläubig.

"Mehr als Ihr je erfahren werdet! Er ist der letzte. Wenn ich ihn vernichtet habe, dann ist die Welt
endlich von diesen grässlichen Monstern gereinigt!" Der Priester lachte verrückt.

"Ihr seid das Monster!", schrie sie und schlug ihm ins Gesicht. Der Priester taumelte vor Überraschung
etwas zurück und fasste an seine Wange. Amalia hatte ihm mit ihren spitzen Fingernägeln ein paar
blutige Striemen verpasst. Wütend sah er sie an.

"Das war sehr schlecht, Prinzessin. Dafür werdet Ihr noch büssen müssen!"

"Aber zuerst IHR!", rief plötzlich eine vertraute Stimme über ihnen.

Der Kampf verstummte schlagartig, als ein markerschütterndes Brüllen erklang. Alle sahen in den
Himmel, es wurde plötzlich noch dunkler in dem Wald, weil sich etwas Riesiges vor die Sonne schob.
Dann krachte plötzlich Uronar durch das Dach des Waldes und landete mitten in den schwarzen Rittern.
Ohne darauf zu warten, dass sich diese von dem Schrecken erholten, griff er sofort an und tötete schon
allein durch einen Prankenhieb unzählige.

Amalia jubelte freudig auf, denn Alex sprang auf einmal von Uronars Rücken und kam auf sie zu gerannt.

Er sah großartig aus, fand sie. Er trug eine Rüstung, die wie echte Schuppen eines Drachens in unzähligen
Farben glänzte und schimmerte. Ein anmutiges Schwert baumelte an seiner Seite. Er sah wirklich aus wie
ein Drachenritter.

"Was für eine tolle Vorstellung, bravo.", meinte der Priester jedoch nur müde und klatschte lustlos in die
Hände. Er stellte sich zwischen Alex und Amalia.

"Ich habe geschworen, Amalia zu beschützen, und selbst Ihr werdet mir nicht im Weg stehen. Gebt sie
frei!", forderte Alex ohne auf die Bemerkung von eben zu achten.

"Was für ein edles Vorhaben. Doch Ihr wisst anscheinend noch nicht, dass dies Euer Ende sein wird,
Alexander von Drachenfels!", lachte der Priester böse.

"Ihr wisst, wer ich bin?", fragte Alex überrascht.

"Natürlich weiß ich das! Ich war es schließlich, der Eure Eltern, nein, sogar Eure ganze Sippe ausgelöscht
hat!"

"WAS?!", schrie Alex in Rage. Amalia hielt erschrocken die Luft an. War so etwas möglich?

"Ihr habt richtig gehört, ich war es! Und wenn ich Euch beiseite geschafft habe, dann ist mein Werk
vollendet!", rief der Priester erfreut.

"Euer Werk?! Wollt Ihr etwa mein ganzes Volk auslöschen?!", rief Alex fassungslos.

"Richtig…"

Alex Herz verkrampfte sich. Er konnte kaum atmen vor Schmerzen. Der Mann, der vor ihm stand, hatte
seine ganze Familie getötet. Aber warum? Warum tat ein Mensch solch schreckliche Dinge? Unglaubliche
Wut stieg in ihm auf. Dafür würde der Priester mit seinem Leben bezahlen, das schwor er sich hiermit.

"Falls es Euch vor Eurem Tode noch interessiert: Ihr seid der letzte Eures Drachenvolkes!", rief der
Priester triumphierend.

"Warum?", schrie plötzlich Amalia. Ihr liefen Tränen über die Wangen, "Warum habt Ihr das getan?! Wie
kann ein Mensch nur so grausam und voller Hass sein?"

"Amalia…", flüsterte Alex. Für kurze Zeit verblasste der Hass in seinem Herzen.

"Ihr habt überhaupt keine Ahnung, was dieses Volk von Drachenmenschen wirklich vorhatte!"

"Und was sollte das sein?", fragte Amalia.

"Die Menschheit zu vernichten! Sie sind Dämonen, die allein über die Welt herrschen wollen!"

"Niemals! Das ist eine Lü-" - "Es stimmt.", unterbrach Alex sie. Verwirrt sah sie ihn an.

"Es war wirklich das Ziel einiger Sippschaften die Menschen zu vernichten, aber... mache kämpften auch
für die Menschen. Es gab zwar viele Kriege zwischen unsere Völkern, aber noch mehr Freundschaften. Ihr
könnt mein Volk gar nicht ausschalten, Priester dessen Name ich nicht einmal weiß. Es lebt in
Kindergeschichten oder in den Drachen weiter. Die Menschen werden uns nie vergessen können.",
schloss Alex traurig, jedoch mit entschlossener Stimme.

Der Priester sagte daraufhin nur: "Mein Name lautet Urdo."


Alex sah irritiert auf. "Das ist unmöglich! Urdo ist ein geweihter Drachenpriester! Er ist zwar ein Mensch,
aber der Freund meines Volkes!"

"Ich bin es wirklich. Ich habe mir geschworen die Erde von Eurer ekelhaften Rasse zu reinigen! Ihr habt
nicht mehr das Recht zu leben! Eure Zeit ist abgelaufen..."

"Was heißt hier nicht mehr das Recht? Wann hat jemand denn das Recht zu leben? Wer entscheidet
das?", fuhr Amalia auf.

"Genau. Was gibt Euch das Recht darüber zu entscheiden ob jemand leben darf oder nicht? Ihr seid kein
Gott!", rief Alex.

"Aber ich werde es sein, wenn ich Euer Volk ausgelöscht und die Prinzessin jemandem ganz bestimmten
geopfert habe!", lachte Urdo.

"Doch nicht etwa…?", keuchte Alex.

"Oh doch, genau dem! Dem Gott der Unterwelt!"

Amalia versteifte. Sie sollte dem Gott der Unterwelt geopfert werden?

"Nie im Leben!", rief plötzlich Jalin und tauchte hinter Alex auf. Er war durch unzählige Wunden verletzt,
doch trotzdem sprang er vor und stieß mit seinem Schwert in Richtung des Priesters. Dieser wich aus und
hob dann auf einmal die Hand. Hinter ihnen erscholl plötzlich Uronars gequältes Brüllen. Alex keuchte
erschrocken auf und starrte Urdo an.

"Das könnt Ihr nicht machen!", rief er, "Nicht mit Uronar!"

"Und ob ich das kann!", entgegnete der Priester und murmelte einige Worte.

Uronar brüllte erneut und ließ damit die Erde beben. Er kam auf sie zugestampft.

"Los, LAUFT!", schrie Alex, "Jalin bringt Amalia in Sicherheit! Er darf sie nicht bekommen!"

"Alex, was ist los?", fragte Amalia verwirrt.

"Er hat Uronar unter Kontrolle! Er wird ihn auf uns hetzten! LAUFT ENDLICH!", schrie er. Doch selbst
machte er keine Anstalten sich von der Stelle zu rühren. Er sah dem Drachen ungeduldig entgegen.

"Und was ist mit dir? Du kannst nicht einfach hier bleiben!", rief Amalia.

"Uronar ist mein Freund, er wird mir nichts tun.", meinte Alex leise. Doch selbst wusste er, dass dies
nicht stimmte. Ein Drache, der unter der Kontrolle eines Priesters stand, war nicht mehr Herr über sich
selbst. Er würde keinen Unterschied machen zwischen einer Küchenschabe und seinem Freund.

"Nein, Alex!", schrie Amalia, als Jalin sie am Handgelenk packte und davon schleifte. Sie riss sich wieder
los und wollte zu dem Drachenritter rennen, doch Jalin hielt sie erneut auf und warf sie sich kurzerhand
über die Schulter. Mit der schreienden Prinzessin über den Schultern rannte er in den dichten Wald und
verschwand.
Alex seufzte erleichtert, wenigstens würde Urdo Amalia nicht bekommen. Uronar war schon fast heran,
zum Weglaufen war es schon längst zu spät. Doch er wollte nicht mit seinem Drachenfreund kämpfen. Er
konnte einfach nicht sein Schwert ziehen.

Dann stand er Uronar gegenüber. Die Augen des Drachens leuchteten rot und sein Blick war verwirrt und
auch verängstigt. Alex schaute ihm tief in die Augen und versuchte noch einen kleinen Rest seines
Freundes zu erkennen, doch vergeblich. Uronar stand vollkommen unter Urdos Kontrolle.

"Tu was du willst, Uronar. Ich werde mich nicht wehren.", sagte er.

Uronar hätte ihn schon längst angreifen und töten können, doch er rührte sich nicht.

"Wenn Ihr glaubt, dass ich Euch jetzt schon sterben lasse, dann habt Ihr Euch geschnitten, Alexander. Ich
habe meine Pläne geändert...", lachte Urdo leise, "Es wäre unklug Euch zu töten, ich werde Euch lieber
als Köder verwenden..."

Alex sah den Priester eiskalt an. Urdo erwiderte seinen Blick und gab dem Drachen einen Wink mit der
Hand. Aus den Augenwinkeln konnte Alex noch sehen wie Uronar mit einer seiner riesigen Pranken
ausholte. Dann war alles schwarz.

Mittlerweile hatte Amalia aufgehört zu schreien und zu zappeln. Sie hing immer noch über Jalins Schulter
und weinte still vor sich hin. Jalin lief ununterbrochen weiter durch den Wald. Weg von den Schatten und
damit auch weg von Alex.

"Jalin", schluchzte sie, "Du kannst mich wieder runter lassen."

Er hielt an. "Meint Ihr wirklich?"

"Ja, ich denke ich kann wieder allein laufen.", antwortete sie und wischte sich die Tränen aus dem
Gesicht. Ohne ein weiteres Wort ließ Jalin sie sanft zu Boden gleiten und betrachtete sie prüfend. Sie
versuchte zu lächeln.

"Wir werden ihn doch retten, oder?", fragte Amalia und setzte sich wieder in Bewegung. Doch Jalin
folgte ihr nicht sondern blieb stehen und blickte nur zu Boden. Amalia drehte sich zu ihm um. "Das
werden wir doch, nicht Jalin?!"

"Amalia, das wäre nicht in seinem Sinne gewesen. Dafür hat er sich nicht geopfert...", antwortete der
Ritter leise.

"Aber wir müssen ihm helfen! Wir können ihn doch nicht einfach so im Stich lassen!?", fuhr sie auf.

"Kommt, lasst uns weiter gehen.", sagte Jalin plötzlich und blickte sich unruhig um. Er ging an ihr vorbei
und marschierte weiter.

"Jalin!", schrie Amalia, "Jalin!" Doch er beachtete sie nicht.

"Das ist nicht fair...!", schluchzte sie erneut und ließ sich auf den Waldboden fallen. Jalin drehte sich
wieder zu ihr um, "Bitte, Amalia...", seufzte er und schritt auf sie zu, "Wenn der Priester Euch erwischt,
dann ist alles aus!"

"Das ist mir gleich!", rief sie.

"Das darf es aber nicht!", fuhr er auf und packte sie grob am Arm. "Dann war alles umsonst! Unsere
lange Reise, die vielen Wunden und Alex Opfer ebenso! Soll das alles umsonst gewesen sein?"

Sie blickte ihn plötzlich wütend an. Mit einer groben Geste riss sie sich von ihm los und stieß ihn ebenso
grob von sich.

"Wenn wir Alex retten können, dann war nichts umsonst! Ich werde gehen, Jalin, ob es Euch passt oder
nicht! Ich werde endlich tun was mein Herz mir befiehlt!" Mit diesen Worten drehte sie sich um und
rannte zurück in die Richtung aus der sie gerade geflohen waren.

5. Kapitel

Erkennen

Als Alex wach wurde kam es ihm vor als habe er Jahrzehnte lang geschlafen. Er fühlte sich matt und
müde als er langsam versuchte ein Auge zu öffnen. Er spürte dass sein Kopf auf etwas weichem und
warmen, sein restlicher Körper jedoch auf kaltem Felsboden lag.

"Lass lieber die Augen zu.", sagte eine sanfte Frauenstimme und eine warme und zarte Hand legte sich
über seine Augen. "Du bist noch zu schwach."

"Wo bin ich? Wer bist du?", fragte er leise und verwirrt, denn er schien diese Stimme zu kennen.

"Du bist wie ich in dem Kerker eines Schlosses." Die Stimme zögerte kurz bevor sie weitersprach. "Wer
ich bin ist nicht wichtig."

"Doch das ist es, ich kenne dich!", sagte Alex und nahm mit seiner eigenen Hand, die Hand über seinen
Augen weg. Dann blickte er in Amalias trauriges Gesicht.

"Sei mir bitte nicht böse, Alex...", sprach sie leise, als er vor Überraschung kein einziges Wort
herausbrachte, "Ich konnte dich nicht allein lassen."

"Aber wie bist du hierher gekommen? Ich dachte ihr seid im Wald entkommen?" Alex setzte sich
mühsam auf und sah sie fragend an.

"Wir waren entkommen, das stimmt, aber...", sie blickte beschämt zur Seite, "ich lief zurück um bei dir zu
sein."

"Amalia...", flüsterte er leise.

"Ich bin einfach vor Jalin davongerannt, ich habe ihn einfach zurückgelassen...!" Tränen rannen ihr übers
Gesicht. Sie krallte ihre Hände in ihr Kleid und schluchzte leise vor sich hin.
Ohne etwas zu sagen nahm Alex sie in die Arme und drückte sie fest an sich. Er hielt sie so lange bis sie
vor Erschöpfung in einen unruhigen Schlaf gefallen war.

Nach Ewigkeiten, wie es Alex schien, wurde plötzlich die Kerkertür aufgeschlossen. Alex sah alarmiert
auf, als eine Wache eintrat.

"Ihr zwei sollt zu Oberpriester Urdo kommen!", rief er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

"Das geht nicht, sie schläft noch.", gab Alex gereizt zurück.

"Dann weckt Ihr sie oder ich werde sie wecken!", knurrte die Wache.

Alex strafte ihn mit einem kaltblütigen Blick und versuchte Amalia vorsichtig mit einigen beruhigenden
Worten zu wecken. Als sie müde ihre Augen aufschlug, verstand sie erst gar nicht, wo sie sich befand.

"Komm", sagte er leise zu ihr, "wir müssen jetzt zu Urdo."

Statt etwas zu erwidern nickte Amalia nur und stand zusammen mit Alex mühsam auf.

Dann wurden sie von der Wache durch dunkle und unheimliche Gänge in einen großen Raum geführt. In
der Mitte des Raumes befand sich ein großer schwarzer Altar. Alles in diesem Raum war schwarz, das
Gestein, ja sogar die Flammen der Fackeln. Grob wurden sie durch die Tür gestoßen und diese sofort
wieder geschlossen und versperrt.

Amalia ergriff Alexs Hand. Sie zitterte am ganzen Leib. Doch auch er hatte Angst. Spätestens dann, als er
Uronar weit hinten in der Dunkelheit liegen sah.

"Uronar!", keuchte er und rannte zu seinem Freund. Der Drache war mit schweren Ketten an den Boden
gefesselt.

"Alex, vergebt mir...", stöhnte der Drache leise, "ich konnte mich nicht wehren..."

"Ist schon in Ordnung, alter Freund.", entgegnete Alex lächelnd und streichelte dem Drachen über die
Schuppen, "Wir werden zusammen einen Weg hier heraus finden."

"Wir alle zusammen.", stimmte Amalia ihm zu und trat neben Alex.

"Mylady, schön Euch zu sehen...", sagte Uronar leise.

"Euch ebenso, Uronar.", antwortete sie und kniete neben ihm nieder um ihn sanft zu streicheln.

Alex betrachtete die Fesseln des Drachen. Es waren eiserne, dicke Ketten, selbst für einen Drachenritter
unzerstörbar. Verzweifelt überlegte er sich einen Fluchtplan. Doch ihre Chance zu entkommen schien
gleich Null. Was sollte er nur tun?

"Ist meine Rechnung schließlich doch noch aufgegangen.", meinte eine erheiterte Stimme am anderen
Ende des Raumes, dort wo der Altar stand. Es war Urdo.

"Es war mir klar, dass die Prinzessin kommen würde um Euch beizustehen, Alexander", lachte der
Priester. "Es hat sogar besser geklappt als ich erwartet hatte."

"Haltet einfach die Klappe, Urdo! Euer dummes Geschwätz will niemand hören!", fuhr Alex ihn an,
"Einem so feigen und verräterischen Priester leihe ich nicht mein Ohr!"

"Nun gut. Ganz wie Ihr wünscht.", entgegnete Urdo und betätigte einen versteckten Schalter an dem
Altar. Klirrend fielen Uronars Ketten zu Boden. Der Drache knurrte und erhob sich zu seiner ganzen,
gewaltigen Größe.

"Wartet!", hinderte Alex den Drachen daran den Priester anzufallen, "Er hat etwas vor, Uronar. Er will
Euch wieder beherrschen."

"Erraten!", rief der Priester und machte eine entsprechende Handbewegung, um den Drachen unter
seine Kontrolle zu bringen.

Doch Alex wollte nicht, dass dies wieder geschah. Schnell trat er an den Drachen heran.

"Uronar!", schrie er seinen Freund an, "Ich hasse Euch! Ich kann einen so unfähigen Drachen wie Euch
nicht gebrauchen!"

Gerade als Uronars Augen begannen rot zu werden drehte er den Kopf hinüber zu Alex. Das rot
verblasste und der Drache sah Alex verwirrt an.

"Warum redet Ihr so?", fragte er auf eine verletzte Art und Weise, "Habt Ihr schon vergessen was wir
alles füreinander getan haben?"

Nein, Uronar, sagte Alex zu sich selbst, aber ich werde nicht zulassen, dass er euch mit seiner
schmutzigen Magie beherrscht. Lieber tue ich das. Aber dazu dürft Ihr nicht mehr mein Freund sein.

"Es tut mir leid...", flüsterte er und erhob anschließend wieder seine Stimme, "Füreinander?! Das habt
Ihr doch alles nur für Euch getan! Ich war nur ein Mittel zum Zweck! Gebt es zu!"

"Was geschieht hier? Ich kann den Drachen nicht mehr kontrollieren?", wunderte sich Urdo.

"Ihr haltet mich also für solch einen Egoisten?!", fauchte Uronar Alex an.

"Und ob ich das tue! Ich verachte Euch!", gab der junge Drachenritter zurück.

"Alex, was tust du da?", fragte Amalia verwirrt. Sie konnte nicht verstehen, warum Alex seinen Freund so
anschrie. Es tat ihr weh dies zu sehen.

"Ihr falscher Hund!", brüllte Uronar und stürzte sich auf Alex. Doch dieser war darauf gefasst und
wendete den Zauber an, mit dem er einen Drachen beherrschen konnte. Uronar stockte mitten in der
Bewegung. Seine Augen verfärbten sich zu grün und er senkte untergeben den Kopf. Alex trat an ihn
heran und legte seine Hand auf seine Schnauze.

"Es tut mir leid, alter Freund.", sagte er zu dem Drachen. Dann wandte er sich Amalia zu, "Amalia, komm
her!"
Immer noch verwirrt trat sie zu ihm. Vorsichtig ergriff er sie bei der Hand und drückte diese leicht.

"Bleib bei mir.", sagte er zu ihr worauf sie nickte.

"Drache, der du meiner Hand gehorchst!", sprach Alex in befehlenden Ton an Uronar, "Töte diesen
Mann!" Er deutete auf Urdo. Dieser zog erschrocken die Luft ein.

Uronar knurrte und warf sich dem Priester entgegen. Dieser versuchte selbst mit seiner Magie den
Drachen wieder unter seine Herrschaft zu bringen, doch es gelang ihm nicht. Noch bevor er etwas
anderes versuchen konnte war der Drache heran und riss brüllend sein Maul auf.

Amalia wandte ruckartig ihren Blick von der grässlichen Szene ab. Jedoch hörte sie noch Urdos letzte,
schreckliche Schreie und Uronars Zähne, die ihn zermalmten. Dann herrschte Stille.

"So viel schreckliches er auch über hunderte von Jahren getan hat, so schnell und schrecklich war sein
Ende.", sagte Alex verbissen und befahl dem Drachen wieder zu ihnen zurück zu kehren. Als er bei ihnen
war, befreite Alex seinen Freund von dem Bann.

Uronars Blick wurde wieder normal und er starrte Alex missmutig an.

"Ich habe alles gehört, was Ihr gesagt habt.", knurrte Uronar.

"Verzeiht mir.", bat Alex, "Ich hatte keine andere Wahl."

"Verzeihen?!" Uronar baute sich drohend vor ihnen auf, "VERZEIHEN?!"

"Uronar, bitte!", ging Amalia dazwischen bevor der Drache auf Alex losgehen konnte, "Er hat es nicht
getan, weil er Euch nicht..."

"Ich weiß!", unterbrach sie der Drache mürrisch, "Glaubt Ihr ich erkenne einen schlechten Schauspieler
nicht?"

"Schlechter Schauspieler? Wollt Ihr etwa damit sagen, dass...!", staunte Alex.

"Genau!", grinste der Drache, "Ich habe Euch ebenfalls etwas vorgemacht." Uronar lachte. Für Alex war
es das erste Mal, dass er einen Drachen lachen hörte. Es klang seltsam.

"Aber wie habt Ihr Urdos Zauber gebrochen? Und Eure Augen?", wunderte sich der junge Drachenritter.

"Das mit den Augen ist ein einfacher Drachentrick.", erklärte er, "Den Bann hat die Mylady von mir
genommen, als sie mich berührte. Dank ihr wurde ich nicht zu einem kontrollierbaren Monster."

"Amalia hat den Bann gebrochen?", staunte Alex.

"Ich?" Amalia selbst glaubte dies kaum.

"Nein, nicht Prinzessin Amalia tat dies...", meinte der Drache geheimnisvoll, "sondern Mary, eine
Angehörige des Drachenvolkes."
Die beiden anderen starrten den Drachen erstaunt an. Keiner war in der Lage einen klaren Gedanken zu
fassen.

"Das ist... wundervoll!", rief Alex und umarmte stürmisch die überraschte Amalia.

"Aber Uronar, warum... wie...?", stammelte sie jedoch nur und war immer noch wie versteinert.

"Ach Mary, es gibt so viel zu klären...", sagte der Drache und sah sich um, "Doch lasst uns dies an einem
gemütlicheren Ort tun."

Die beiden stimmten ihm zu.

Zusammen flohen sie aus Urdos Schloss und flogen auf Uronars Rücken zurück in ihren Krater. Dort
angekommen, landeten sie vor Uronars Höhle und setzten sich alle nebeneinander in das weiche grüne
Gras.

"Jetzt müsst Ihr aber mal erzählen, Uronar!", forderte Alex den Drachen auf.

"Nun gut." Er räusperte sich, "Habt Ihr nicht selbst gespürt, dass sie einer von uns ist, Alex? Weshalb
wurde sie wohl in das Königshaus gegeben? Und von wem? Natürlich von ihren Halbdracheneltern und
damit sie behütet aufwächst. Damals waren es harte Zeiten für unser Volk. Nirgends war man sicher."

"Und meinen Namen? Warum meint Ihr, dass ich Mary heiße?", fragte Amalia verwirrt.

"Ihr selbst gabt Euch diesen Namen. Es ist der Name, mit dem Euch Eure Eltern immer angesprochen
hatten, bevor sie Euch weggeben mussten. Ihr habt ihn in eurem Gedächtnis bewahrt. Und er hat Euch
doch wohl auch gut gefallen, oder?" Uronar schielte hinüber zu ihr. Sie nickte zustimmend.

"So, das ist schon alles!", der Drache wollte sich erheben, als Alex fragte: "Aber Uronar! Woher wisst Ihr,
dass sie einem Königshause anvertraut wurde? Ich habe Euch dies nie erzählt!"

Der Drache blickte zur Seite und schien nachdenklich ehe er antwortete, "Ich kannte sie, Alex. Ich kannte
Marys Eltern gut... genauso wie eure, werter Ritter. Aber ein alter Drache spricht nicht gerne über die
Vergangenheit. Vielleicht werde ich es euch eines Tages einmal erzählen. Die ganze Geschichte von den
Drachen, den Halbdrachen und den Menschen.", müde erhob sich Uronar und verschwand in seiner
Höhle.

"Ob wir wohl die letzten sind?", fragte Mary nach einer Zeit der Stille.

"Nein.", sagte er entschlossen worauf sie ihn verwirrt ansah, "Seit ich weiß, dass du genauso bist wie ich,
glaube ich, dass sich noch mehr Halbdrachen auf dieser Welt versteckt halten. Oder sie wissen gar nicht,
dass sie welche sind, so wie du es nicht wusstest! Vielleicht warten sie nur darauf von uns gefunden zu
werden!"

"Das wäre schön, Alex.", seufzte sie und lehnte sich an ihn.

"Werden wir sie suchen gehen?", fragte er und sah ihr tief in die Augen.
Sie nickte und sie küssten sich.

Zumindest wollten sie dies, als plötzlich ein markerschütterndes Brüllen erklang.

"ARGH!", dröhnte es aus Uronars Höhle, "SO ETWAS WILL ICH NICHT VOR MEINER HÖHLE SEHEN!!"

"Tja Uronar, dann verhindert es doch!", rief Alex zurück und küsste Mary schließlich doch.

"DAS IST JA SOOO WIDERLICH!", brüllte Uronar und schaute angeekelt aus seiner Höhle.

"Ach, Dummschuppe, Ihr wisst ja nichts von der Liebe!", lachte Mary ihn an.

"DUMMSCHUPPE?!" Der Drache war fast am Überkochen. Mary hielt sich erschrocken die Hand an den
Mund. "Oh", sagte sie.

"Genau das!", rief Alex und sprang auf, "Jetzt lauf aber!"

Zusammen rannten sie lachend und schreiend davon, dicht gefolgt von dem tobenden Drachen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann renne sie noch heute!

Drei Fragen

Teil 1: Der Nachtkönig

Die Heerscharen des finsteren Fürsten der Nacht schlugen nach ihrem Sieg bei den Braunfurten eine
Bresche der Verwüstung durch das Ammaratal. Barrach der Ältere versuchte versprengte Einheiten des
Menschenheeres zu sammeln, um eine letzte Schlacht am Talausgang zu schlagen. Er hoffte den
Zusammenschluss der beiden Heere des Nachtkönigs zu verhindern, doch seine Aussichten waren wenig
erfolgversprechend. Seine Hartnäckigkeit war bewundernswert, aber auch pathetisch. In nur zwei Tagen
würde die Speerspitze der Streitkräfte der Finsternis die Festung Machabar am Doldensee erreichen,
dort wo sich die Zinnen des Ammaragebirges mit den Granitfelsen des Graukamms trafen. In dieser
kurzen Zeit würden die Menschen niemals eine Streitmacht sammeln können, um Machabar gegen die
Horden des Galgaroth zu verteidigen. Selbst dann nicht, wenn Gemaril alle Bergelfen, die diesseits des
Graukamms lebten, den Menschen zur Unterstützung senden würde. Doch die Chancen dafür standen
ohnehin nicht sehr gut: Gemarils Hauptstreitmacht kämpfte an der Seite seiner Elfenbrüder im Grünwald
auf der südlichen Seite des Graukamms gegen das zweite Heer des Nachtkönigs, und auch dort waren
die Elfen in größter Bedrängnis. Sie würden nicht ein Schwert oder einen Bogen entbehren können, um
den Menschen im Ammaratal beizustehen. Fürwahr, es sah nicht gut aus für die alten Länder.

Shelassia stand auf ihrem hohen Aussichtspunkt auf einer der vorgelagerten Felsspitzen des Graukamms.
Traurig blickte sie auf die zerstörten Dörfer und brennenden Felder im Tal weit unter ihr hinab. Soviel
Leid und Zerstörung, soviel Tod und Verdammnis. Und warum das alles? Jahrhunderte lang war der
finstere Herrscher in seine Bergfestung verbannt gewesen. Die neun Feuermagier hatten die lodernden
Feuer des Tordorog, jenes Lava speienden Vulkans aus dem der finstere Herrscher seine Lebenskraft
bezog, eingedämmt und kontrolliert. Der Nachtkönig sollte für alle Zeiten in seinem steinernen
Gefängnis eingeschlossen bleiben. Doch alle Vorsicht und alle Wachsamkeit sind vergebens, wenn
vergifteter Ehrgeiz in den Seelen derjenigen Einzug einhält, die über die Geschicke der Welt wachen
sollen.

Vor beinahe dreißig Jahren waren die beiden mächtigsten Feuermagier in einen Streit über den Vorsitz
ihres illustren Magierzirkels entbrannt. Anfangs hatten sie noch im Geheimen versucht genug Macht und
Einfluss zu gewinnen, um den Flammenthron zu besteigen. Der Flammenthron legitimierte den obersten
Feuermagier und war somit auch das Symbol des mächtigsten Zauberers der Menschheit. Lange Zeit
waren die beiden Kontrahenten sich ebenbürtig gewesen. Sowohl Miramba als auch Galgaroth mussten
viel Kraft aufwenden, um den Konkurrenten zu beschäftigen, und beide konnten nicht riskieren den
Flammenthron zu besteigen. Denn nur wer im Vollbesitz seiner magischen Kräfte war, durfte hoffen,
dass er die Aszendenz überlebte.

Vor fünfzehn Jahren schließlich schien Miramba sich durchzusetzen. Es war ihm gelungen vier seiner
Kollegen für seine Sache zu gewinnen. Und wichtiger, er hatte die Unterstützung der Elfen gewonnen,
die nicht mehr länger mit ansehen wollten, wie der bedeutendste Thron der alten Länder verwaist blieb.
Doch Galgaroth gab nicht auf. Er war ein Meister der Intrige und der Verzauberung. Und ehrgeizig.
Heimlich hatte er Kontakte zu den geheimnisvollen, magiebegabten Bermanen aufgenommen. Mit ihrer
Hilfe gedachte Galgaroth Wege zu finden, um die magischen Blockaden seines Kontrahenten zu
umgehen, und dadurch genug Kraft sammeln zu können. Er wollte noch vor Miramba die Aszendenz
schaffen. Oh weh, wie viel Leid hätte verhindert werden können, wenn Miramba Galgaroths Pläne
rechtzeitig erkannt hätte.

So kam es, wie es kommen musste. Galgaroth versuchte - umgeben von Schutzzaubern bermanischen
Ursprungs - den Flammenthron zu besteigen. Wie erhofft, erfüllten die Zauber ihren Zweck. Weder
Miramba noch einer der anderen Feuermagier bemerkte, dass Galgaroth sich heimlich dem Ziel seiner
Begierden, dem Flammenthron, näherte. Als er schließlich vor dem magischen Thron stand, kanalisierte
er seine gesamte, nicht unbeträchtliche Macht in die Aszendenz. Was genau danach geschah, weiß wohl
nur Galgaroth. Als der Magier den Thron schließlich bestieg, entluden sich fürchterliche magische Kräfte.
Wilde Magie zerstörte die Hallen der Feuermagier; Galgaroth selber wurde in eine tiefe Finsternis
gestoßen.

Mit der Heimstatt der Feuermagier und dem Fokus ihrer Macht zerbrachen auch die Bande, die den
Nachtkönig gefangen hielten. Zunächst war er noch geschwächt, doch schnell erreichte sein Ruf auch
den letzten Winkel der bekannten Welt. Die Kreaturen der Nacht krochen aus ihren Verstecken: Allen
voran die intriganten Bermanen, seit jeher die treuesten Anhänger des Nachtkönigs. Auch die
schrecklichen Hanubs und die Chaosvölker begannen ihren Zug zum Tordorog - schlechthin alles, was
schon immer dem Nachtkönig gedient hatte, versammelte sich wieder unter seinem Banner. Zu guter
Letzt weckte er Galgaroth aus seinem Alptraum und machte ihn zum Schrecklichsten seiner Heerführer.
Die Herren der alten Lande versuchten alles, um die erwachenden Horden der Finsternis zu bekämpfen.
Doch die Jahrhunderte des Friedens hatten die Menschen träge gemacht. Zudem verweigerten die Elfen
anfangs ihre Hilfe, denn ihre Fürsten gaben den Menschen die Schuld an der Rückkehr des Nachtkönigs.
Und so kehrten Krieg, Angst und Schrecken zurück in die alten Lande.

"Trotz allem hätte dieses Unheil nicht geschehen müssen. Wir hätten rechtzeitig einschreiten können.
Wir wussten um die Zeichen und auch um die Bedrohung durch den Fürsten der Nacht. Oder etwa
nicht?"

"Das mag sein, Ansalion. Doch müssen wir deshalb einschreiten, um die jungen Völker zu retten?"
entgegnete Shelassia ungerührt ohne sich umzudrehen. Sie hatte den Sprecher hinter ihr sofort erkannt.

Ein Lächeln stahl sich auf das zerfurchte Gesicht des sonnengebräunten Mannes mit dem schulterlangen,
goldglänzenden Haar, der hinter Shelassia am Rand der Klippe aufgetaucht war. Wie so oft empfand er
die Stimme Shelassias mit Wohlbehagen: Jeder Ton, jede ihrer Silben schien vom Klang tausender
Glocken begleitet zu sein. Ihre Stimme war Gesang und pure Leidenschaft. Die gleiche Leidenschaft, mit
der sie jetzt einen Disput mit ihm anstrebte. Ansalions Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. Seine
Augen funkelten schelmisch. Er war bereit für diese Auseinandersetzung.

Shelassia spürte den Wind, der um die Zinnen ihres Ausgucks wehte. Er zerzauste ihr dichtes, welliges
Haar, welches feuerrot wabernd ihr elfengleiches Gesicht umspielte. Sie spürte jeden Wirbel, jede
Richtungsänderung und jeden Geruch, der von diesem Wind zu ihr getragen wurde. Minuten vergingen,
ohne dass Ansalion antwortete. Schließlich drehte Shelassia sich um. Jede ihrer Bewegungen war
anmutig und selbstbewusst. Verächtlich ignorierte sie den tiefen Abgrund zu beiden Seiten der
Felsspitze.

"Wir müssen uns nicht dafür verantworten, dass die Nacht Einzug hält."

Ansalion zeigte weiterhin keine Reaktion.

"Wir sind niemandem verpflichtet. Wir haben keine Versprechen gegeben. Und wir haben nicht in
unserer Wachsamkeit versagt."

Ansalion neigte fragend den Kopf. Der rüstige Mann strahlte die gelassene Weisheit des weltgereisten
Gelehrten aus, aber seine Augen funkelten wie glimmende Bernsteine voll unerschöpflicher Neugierde
und jugendlicher Spitzbübigkeit. Seine Stimme war scharf und berechnend. "Du willst damit sagen, dass
die jungen Völker diese Strafe verdient haben?"

"Nein, nicht verdient", entgegnete Shelassia. "Niemand hat dieses Schicksal - oder diese Strafe, wie du es
nennst - verdient. Am allerwenigsten die Männer, Frauen und Kinder, deren Heime hier unter uns
brennen. Und die einer grauenvollen Zukunft entgegen sehen, sollte der Nachtkönig die ganze Welt mit
seiner Finsternis überdecken."

"Warum sollten wir uns dann nicht einmischen? Ich sehe, dass deine Trauer der meinen nicht im
Geringsten nachsteht - wenn sie nicht sogar stärker ist."

Shelassia neigte bekümmert ihren Kopf ohne jedoch ihrem Gegenüber eine Antwort schuldig zu bleiben.
"Es ist nicht unsere Angelegenheit. Schon immer sind Reiche entstanden und wieder zerrissen worden.
Völker haben sich zusammengeschlossen und wurden wieder entzweit. Und sogar ganze Rassen wurden
erschaffen und verschwanden wieder. So ist der Lauf der Zeit. So haben wir es seit Anbeginn der
Schöpfung verfolgen können. Wir selber haben unsere Lektionen gelernt, was geschieht, wenn wir Hand
an die Schöpfung legen."

Ansalion nickte versonnen. "Ja, ja. Die Wege der Schöpfung. Der Zyklus von Geburt und Grabgesang."
Der goldhaarige Mann hob seinen Kopf und blickte Shelassia direkt in die Augen. "Sag, was wäre, wenn
auch unsere Zeit abliefe?"

Shelassia erstarrte. "Das ist unvorstellbar."

"Bist du dir da sicher?"

"Wir waren die Ersten. Uns hat es schon immer gegeben." Shelassia spürte wie der Wind um sie herum
zunahm. Aus Wirbeln wurden Strudel und kalte, unberechenbare Windböen schickten ihr Klagelied
durch die Klippen und Klüfte der umgebenden Felsen. Doch anstatt sich einige Schritte von der
exponierten Felsspitze zu entfernen, weckte der Wind Shelassias Kräfte und stärkte ihre Zuversicht.

"Aber wenn es eines Tages soweit käme", gab Ansalion zu bedenken, "würden wir dann nicht auch alles
versuchen, um uns diesem Schicksal zu widersetzen?" Auch er schien förmlich zu wachsen, als die Winde
um sie herum an Wildheit und Stärke zunahmen.

Stolz richtete Shelassia sich auf. Engelshaften Fanfaren gleich erhob sie ihre Stimme: "Wir würden
kämpfen und ich bezweifle, dass jemand die Macht aufbringen könnte uns zu widerstehen."

Ansalion lachte leise. Nicht hämisch, sondern nachdenklich. "Und was war mit dem Evaloch, der dich
damals beinahe unter dem ewigen Eis verbannte?"

Shelassia zuckte zusammen. Ihre Stimme bebte kaum merklich, als sie Ansalion antwortete. "Das war vor
Tausenden von Jahren. Und hier stehe ich auf dieser Zinne und nicht diese Kreatur." Die zeitlos schöne
Frau hatte sich wieder gefasst und fügte selbstbewusst hinzu: "Haben wir jemals unsere Probleme nicht
selber lösen können?"

"Haben wir wirklich?" Mit einer knappen Bewegung hielt Ansalion Shelassia von ihrer Antwort ab. "Was
ist mit den Wölfen, die ihr Reich für unseresgleichen seit einer Ewigkeit versperren?"

"Auch sie sind eine Schöpfung der ersten Tage und verfügen somit über mehr Handhabe uns gegenüber
als irgendeine andere Kraft", murrte Shelassia. Ihre Stimme klang jetzt weniger wie strahlendes
Glockengeläut, sondern vielmehr wie das bedrohliche Surren vibrierender Geigen. Ihre
smaragdleuchtenden Augen verjüngten sich zu gefährlichen Schlitzen. "Und wenn ich wollte, könne ich
ihre magischen Barrieren überwinden. Du weißt das."

"Und was war mit den Ahaldamar?"

Shelassia entgegnete seinem herausforderndem Blick mit eisigem Trotz: "Sie sind Vergangenheit und
schlummern ihren ewigen Schlaf."
"Ja, so wird es wohl sein."

"Du siehst", schlussfolgerte Shelassia, "wir sind bislang mit jeder Bedrohung fertig geworden. Wer, frage
ich dich, sollte unsere Existenz gefährden?"

Ansalion antworte ihr dieses Mal nicht. Nur das Heulen des Windes unterbrach die schweigende Stille
zwischen den beiden Gestalten auf der hohen Felsspitze. Dann - ohne eine Geste der Einleitung - hob der
goldhaarige Mann seinen Arm und streckte ihn auffordernd Shelassia hin. "Komm, ich will dir etwas
zeigen."

Shelassia hatte sich inzwischen ein wenig beruhigt und hob ihrerseits langsam einen Arm. Die Entfernung
zwischen ihnen war gerade so groß, dass sich ihre Finger berühren konnten. Der aufbrausende Wind
umspielte ihrer beider Haare und zerrte übermütig an ihren prachtvollen Gewändern. Fragend blickte sie
Ansalion an.

Dieser schüttelte entschlossen den Kopf. "Nicht hier."

Ohne Furcht und ohne Zögern vollendete Shelassia die Geste und schloss den Kontakt zu ihrem
Gefährten.

Nur einen Wimpernschlag später befanden sie sich in der Mitte


eines prachtvollen Gewölbes. Der Boden unter ihnen bestand aus mächtigen Marmorplatten, die
kunstfertig aneinander gefügt waren. Die Decke spannte sich wie der Himmelsdom über ihren Köpfen.
Sie war aus leuchtendem Kristall gefertigt, in dem sich das flackernde Licht mächtiger Kandelaber in
Myriaden von Strahlen und Lichtblitzen brach. Der Dom wurde durch zwei Reihen mächtiger Säulen
gestützt, die aus massivem Granit gehauen waren. Kunstvoll waren Verzierungen in die Säulen gemeißelt
worden, die dank ihrer verspielten Muster die überwältigende Wucht der Kuppel mäßigten. An einem
Ende befand sich ein massives Doppelportal. Die beiden goldenen Torflügel waren so mächtig, dass
Sturmriesen hätten hindurch schreiten können ohne ihre Häupter beugen zu müssen. Abgesehen von
den Säulen war die Halle bis auf Ansalion und Shelassia leer. Lediglich am anderen Ende befand sich ein
schmuckloser Brunnen.

Ansalion deutete auf den Brunnen. "Komm!"

Shelassia folgte ihrem Führer. Sie war nicht zum ersten Mal in diesem Gewölbe und wusste, dass dieser
Dom nur eine von vielen Hallen in der mächtigen Heimstatt ihres Gefährten war. Allerdings konnte sie
sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal im Saal der Wahrheit gewesen war.

"Ja, es ist schon eine Weile her, dass wir zusammen die Tiefen des Brunnens ergründet haben", sagte
Ansalion.

Shelassia nickte grimmig. "In der Tat. Du neigst dazu, ihn vor den Blicken anderer zu verbergen." Ihre
wohlklingende Stimme hatte ihren natürlichen Glanz wiedergefunden. In der Weite des Gewölbes
hallten die Echos wie die Glocken der Sonnenelfen und die perfekte Akustik gab ihren Worten die Form
himmlischen Gesangs.

"Vernehme ich da einen Hauch von Tadel?" fragte Ansalion mit gespielter Empörung.

Shelassia winkte ab. "Mitnichten. Ich weiß, dass die Geheimnisse des Seelenbrunnens zweischneidiger
Natur sind und jenes verborgen bleiben sollte, was verborgen sein will."

"Du hast dir meine Worte gut gemerkt."

"Du warst stets ein guter Lehrmeister." Shelassia sagte dies ohne jeglichen Pathos. "Umso erstaunlicher
ist, dass du uns hierher gebracht hast. Was hast du vor?"

Ansalion hatte inzwischen den Brunnenrand erreicht. Halb zum Brunnen geneigt, halb noch in Shelassias
Richtung gewandt forderte er sie auf: "Siehe selbst."

Shelassia zögerte keinen Wimpernschlag. Festen Schrittes gesellte sie sich zu dem Gelehrten, der sie mit
unergründlichen Augen betrachtete.

"Du erinnerst dich daran, dass du deine Seele dem Wasser öffnen musst?" Ansalion hatte seine Lippen
nicht bewegt und doch klangen seine Worte mit der gleichen Leidenschaft, die sonst seine Stimme
begleitete, in Shelassias Kopf.

"Ja", entgegnete die flammenhaarige Frau auf die gleiche lautlose Art und Weise. "Und du hättest mich
nicht erinnern müssen, dass die Wogen unserer Stimmen die Zeichen des Brunnens verfälschen können."

Ansalion ließ nicht erkennen, ob er ihren Tadel als solchen auffasste. "So lass uns beginnen."

Shelassia beugte sich über den Brunnen. Seine Umgrenzung war aus granitenen Felsstücken
aufgeschichtet worden: Jeder Stein und jede Fuge passten so perfekt zueinander, dass sie ein makelloses
Netzwerk von Flächen und Kanten ergaben, die jeden Steinmetz vor Ehrfurcht in Verzückung versetzt
hätten. Das Wasser des Brunnens war kristallklar - so klar, wie das jungfräuliche Wasser einer hohen
Gebirgsquelle - und doch war es unmöglich den Boden zu erkennen. Im Augenblick schlummerte der
Brunnen ruhig vor sich hin. Keine wogende Bewegung, keine noch so zarte Welle verunstaltete die
farblose, glatte Wasseroberfläche.

Seelenbrunnen...

Ehrfürchtig bedachte Shelassia das steinummauerte Gewässer mit einem andächtigen Gruß und schob
die Myriaden von Gedanken und Erinnerungen, die sich in ihrem Kopf tummelten, in den Hintergrund.
Nachdem sie dem magischen Brunnen seinen angemessenen Tribut gezollt hatte, mäßigte sie ihren Atem
und lockerte ihre Muskeln und Glieder. In wenigen Augenblicken schüttelte die hochgewachsene Gestalt
mit dem Flammenhaar das Wissen von Jahrtausenden ab. Ihr Körper und ihre Gedanken verschmolzen
zu einer Einheit mit ihrer Umgebung. Mit scharfem Blick und der Geschwindigkeit eines Blitzes durchmaß
sie die kristallene Tiefe des Brunnens. Doch so schnell ihre Wahrnehmung auch durch das klare Gewässer
schoss - der Brunnen blieb zunächst unergründlich.
Nach und nach öffnete Shelassia ihre Sinne. Sie erstreckte ihre Wahrnehmung bis in die entferntesten
Winkel des Brunnens, doch je tiefer sie vordrang, umso mehr zerstoben ihre Gedanken. Wie eine
Suchende, die sich in dichtestem Nebel hinaus auf das Meer begibt, irrte sie umher. Trotzig stieß sie
weiter vor, doch all ihre Bemühungen verpufften ergebnislos in der Gleichgültigkeit des stillen Wassers.
Unerschütterlich trotzte es ihren Versuchen seine Geheimnisse zu ergründen. Immer weiter und immer
tiefer glitt Shelassias Bewusstsein in den Brunnen hinab, bis sie sich in den unergründlichen Tiefen des
stillen Gewässers verlor. Wie ein lauernder Schlund hatte der Brunnen Shelassias Gedanken und
Erinnerungen aufgesogen - nun schwebte sie ankerlos durch die Ewigkeit. Ihr Schicksal schien
unvermeidlich und sie ergab sich ihrer Orientierungslosigkeit. Mit einem Schlag waren Jahrtausende
ihres Daseins in dieser Welt belanglos geworden - genauso wie ihre gesamte Existenz.

Shelassia wäre womöglich bis in alle Ewigkeit in diesem Zustand geistiger Haltlosigkeit verblieben -
geistig entrückt und ihre fleischliche Hülle leer zurücklassend - wenn nicht am entferntesten Horizont
ihres dahinschwebenden Bewusstseins ein winziges Licht in den Dunstkreis der Unendlichkeit
eingedrungen wäre. Mit der verzweifelten Kraft eines Ertrinkenden griff Shelassias Geist nach diesem
Funken. Anfangs weit entfernt und kaum wahrnehmbar, bildete er den einzigen Anker inmitten des
gemächlich dahinfließenden, nie enden wollenden Flusses der Entrücktheit. Mit jedem Atemzug und mit
der aufflackernden Erinnerung an das Licht der Sonne, das Glitzern von Gold und dem Lodern von
gleißendem Feuer wuchs der Funken. Zunächst war er bloß ein winziger Stern am Firmament, dann ein
leuchtender Punkt und später eine strahlende Nova. Wie ein Phönix, der in den Himmel schießt, die
Atmosphäre durchdringt und sich in die Sonne stürzt, flog Shelassia in das immer schneller wachsende
Leuchten. Als sie schon das Gefühl hatte in dem Lichtfeuer wie eine Motte zu verglühen, veränderte sich
plötzlich die Gestalt des allumgebenden Lichts. Aus einem einzigen Lichtfeuer wurden binnen
Bruchteilen von Sekunden Myriaden von Schattierungen, die sich in wirbelnden Gestalten und
Geometrien um Shelassia wanden. Wie ein berauschendes Kaleidoskop von Farben und Formen stürzten
diese neuen Eindrücke auf sie ein. Mal als eine sich windende Schlange, mal als verzehrender Strudel,
dann wieder ein komplexes, geometrisches Gebilde und schließlich eine sich öffnende Blüte. Doch im
Gegensatz zu der lähmenden Unendlichkeit des Brunnens, empfand Shelassias Geist diese Flut an
Ereignissen wie eine Offenbarung. Mit einem Schlag war Shelassia Zeuge der Geburt aller Dinge, der
Entstehung von Welten und der Erschaffung all der mannigfaltigen Möglichkeiten, die sich dem wachen
Geist eröffneten. Shelassias Bewusstsein jubilierte und griff um sich, bis sie mit einem Mal tatsächlich
eine konkrete und vertraute Präsenz spürte.

Diese Präsenz war stark und mächtig. Beinahe wäre sie vor Ehrfurcht erstarrt und der leuchtende Strang,
der zu ihrem Rettungsseil geworden war, wäre ihr entglitten, bis sie sich daran erinnerte, dass sie über
ähnliche Kräfte gebot.

Dankbar griff Shelassia zu, vereinte ihre Gedanken mit jener mächtigen Präsenz und nutzte ihre
gemeinsame Magie um endlich das Buch der unendlichen Erinnerungen, die nun förmlich auf sie
warteten, aufzuschlagen.

Bevor sie sich allerdings mit ihrem neugeborenen Bewusstsein, voller Begeisterung und Neugierde, auf
das angesammelte Wissen stürzen konnte, wurde ihr sanft Einhalt geboten. Aus einem fernen Winkel
ihres Bewusstseins wurde sie wieder Ansalions Präsenz gewahr. Noch immer ging von ihm das
leuchtende Strahlen aus, das ihr Wegweiser und Retter gewesen war. Inzwischen umhüllte es sie beide
und Shelassia spürte, dass sie noch immer auf seine Führung angewiesen war. So mächtig Shelassia auch
selber war, wenn es um Wissen, Weisheit und Visionen ging, war ihr Gefährte stets einen Schritt voraus.
Also überließ sie es Ansalion den nächsten Schritt zu wagen und seine Stimme füllte ihrer beider
Bewusstsein:

"Auf der Zinne stelltest du drei Fragen, die ich dir nicht beantworten konnte. Sieh nach, ob der Brunnen
der Wahrheit die Antworten kennt."

Gestützt auf Ansalions Präsenz bediente Shelassia sich der Gabe des Brunnens. Hatte sie sich vor
wenigen Augenblicken noch in der Tiefe des Brunnens verloren, so schien ihr mit einem Mal alles einfach
und klar. Mit ihren Sinnen erweiterte sie die leuchtende Aura, die ihrer beider Bewusstsein umfing;
zunächst noch etwas vorsichtig, dann mit wachsender Zuversicht. Schließlich stieß sie selbstbewusst
mitten in die wirbelnden Bilder und Geräusche hinein. Wie man ein Glühwürmchen im Flug erhascht, so
griff Shelassia nach der jüngsten Vergangenheit.

Im nächsten Moment stand Shelassia wieder auf der hohen Klippe über dem Ammaratal, ihren Blick den
Geschehnissen weit unter ihr zugewendet. Ansalion war soeben erst hinter ihr aufgetaucht und hatte
ihre Aufmerksamkeit mit einer Frage auf sich gezogen. Sie erinnerte sich - nein, sie spürte förmlich - wie
sie ausweichend reagiert hatte, denn ihre ehrliche Antwort hätte eine Kette von Aufgaben und
Verpflichtungen nach sich gezogen. Sie sah, wie Ansalion lächelte. Er kannte sie seit Anbeginn aller Tage
und wusste um ihren Stolz und ihren Zorn. Er wusste auch, dass sie sich niemals nach den Geschicken
anderer richten würde. Dann sah sie das Lächeln wieder verschwinden, als sie ihre Gegenfrage stellte:
"Müssen wir deshalb einschreiten, um die jungen Völker zu retten?"

Shelassia öffnete ihren Geist dem Brunnen und sprach die Worte lautlos mit. Urplötzlich stürzte ein
ganzer Schwarm neuer Bilder und Ereignisse auf sie ein. Eine Unzahl visueller Reize brachte ihr
Wahrnehmungsvermögen an die Grenzen der Belastbarkeit. Aber das fluoreszierende Rund der
leuchtenden Aura, welches ihr und Ansalions Bewusstsein umgab, schirmte sie vor den heftigsten Wellen
der Sinnesflut ab. Woge um Woge brach an dem leuchtenden Oval, doch allmählich begannen sich
einzelne Bilder deutlich abzusetzen und von der restlichen Bilderflut zu unterscheiden.

Es waren Bilder von Schrecken und Zerstörung. Von gestürzten Mauern und verbrannten Feldern. Von
gebrochenen Leibern und abgeschlagenen Köpfen. Von angstverzerrten Gesichtern ohne Namen und
namenlosen Grauen - Gestalt gegeben in der Form verzerrter Fratzen und gnadenloser Bestien.

All diesen Horrorvisionen zum Trotz, erkannte Shelassia dennoch den Ort, von dem die Schreckensbilder
stammten. Noch vor wenigen Minuten hatte sie selber von einer hohen Zinne auf das Ammaratal
herabgeblickt. Nun erblickte sie das gesamte Ausmaß an Zerstörung, welches von den mordenden
Horden des Nachtkönigs angerichtet wurde - oder in absehbarer Zeit angerichtet werden würde. Sie
erkannte auch die rußgeschwärzten Überreste der einstmals wehrhaften Festung von Machabar, die nun
in Trümmern lag. Wie erwartet hatten sich die finsteren Horden auch von diesen Mauern nicht Einhalt
gebieten lassen. Nun ergossen sie sich in das Land jenseits der Felsenge um Tod und Vernichtung in das
Königreich von Aldarnia zu tragen.
Aus einem anderen Blickwinkel beobachtete Shelassia wie verzweifelt kämpfende Elfen von einer
endlosen Flut anstürmender Feinde immer weiter zurückgedrängt wurden, bis sie schließlich an der
Pforte von Daragis ihren Widerstand aufgeben und in das dahinter liegende Land der sanften Winde
ausweichen mussten. In kürzester Zeit strömten nun zwei Heere des Nachtkönigs in die fruchtbaren
Länder des Westens - den beiden Zungenspitzen einer gefährlichen Giftschlange gleich. Allerdings
ungleich der Zunge einer Schlange, die zwar bedrohlich hervorzuckt, aber nie über das Ziel hinausschießt,
hielten sich die beiden Heere der Finsternis nicht zurück. Stattdessen bildeten sie die Speerspitze einer
gewaltigen, schwarzen Masse, die sich einer Springflut gleich über das Land und schließlich den ganzen
Kontinent ergoss - und deren Begleiter keine geringeren als Tod, Zerstörung und Verzweiflung waren.

Kontinent auf Kontinent wurde von den mörderischen Horden der Finsternis überrannt. Keine
Streitmacht oder Zauberkraft der Völker des Lichts konnte der Nacht widerstehen - selbst die blauen
Weiten der Ozeane konnten ihnen kein Einhalt bieten. Und mit jedem Leib, der dem finsteren Fährmann
seinen Tribut zollen musste, und jeder Seele, die alle Hoffnung fahren ließ, wuchs die Macht des
Nachtkönigs.

All dies sah Shelassia und ihre Miene verfinsterte sich in dem Maß wie das Leid Überhand nahm und die
Nacht dunkler und finsterer wurde. Schon bald würde sich die Herrschaft des Nachtkönigs sich über alle
Ozeane, Kontinente und gar die unermesslichen Weiten der Lüfte erstrecken, wenn nicht...

"... wenn nicht Einhalt geboten würde." Ansalions erhabene Stimme, die sanft zwischen ihre eigenen
Gedanken glitt, lenkte ihre Aufmerksamkeit für einen Moment von den vorbeiflutenden Bildern ab.

Shelassia war noch nicht von dieser Notwendigkeit überzeugt und hob zu einer verärgerten Entgegnung
an: "Es steht dir nicht zu, die Zeugnisse des Seelenbrunnens deuten zu wollen. Ist das nicht...?"

Welche Worte sie auch immer mit ihren Gedanken formen wollte, die nun folgenden Bilder zogen sie
unwiderstehlich in ihren Bann.

Ein letztes Aufgebot an Edlen und Mächtigen der Völker des Lichts stellte sich der dunklen Übermacht
zum Kampf. Der Ausgang der Schlacht schien vorherbestimmt. Nun wo die Dunkelheit ihren Schleier über
die Welt geworfen hatte, stand die Macht des Nachtkönigs kurz vor ihrem Höhepunkt. Sein langer Arm
reichte bis zu seinen wichtigsten Hauptleuten und verlieh ihnen somit Kräfte, die sie zu Ebenbildern
seiner selbst werden ließen. Welche Bedrohung für seine Herrschaft bot da das letzte Häuflein
Aufrechter, wo doch viel gewaltigere Heere vergeblich seinen Scharen getrotzt hatten.

Galgoroth, der Verdammte, führte des Nachtkönigs Heer an - und schon sein Erscheinen auf der Walstatt
ließ jegliche Hoffnung der Völker, die sich nicht widerstandslos der Finsternis unterwerfen wollten,
schwinden. Als aber das letzte Licht des Tages zu versinken drohte und die Heere der Finsternis zu ihrem
letzten Schlag ausholten, erfasste eine seltsame Stimmung all jene, die empfindsamer gegenüber den
tiefen Mysterien der Magie waren. Eine gewaltige Macht erhob sich - ungezügelt und unbezwungen. Die
Schergen Galgoroths wurden unruhig, sie spürten das Zögern ihrer Heerführer. Auf der anderen Seite der
Walstatt wandten sich die Zaubermeister der Menschen und Elfen beunruhigt zu den Mächtigsten ihres
Standes: Welch neues Hexenwerk drohte ihnen in dieser letzten Stunde?
Selbst Shelassia bemerkte die Veränderung. Doch ihre Verwirrung entsprach nicht der furchtsamen
Verunsicherung der niederen Rassen. Viel mehr war ihr das Wesen dieser erwachenden Urmacht nur
allzu vertraut.

Direkt aus dem rotgefärbten Kranz der untergehenden Sonne zogen drei gewaltige Drachen durch die
Luft. Stolz, erhaben, mächtig. Seit Menschengedenken rankten sich die Legenden um jene Kreaturen der
ersten Schöpfung. Feuerzauberer riefen sie an, wenn sie ihre Magie wirkten, und Kriegerorden, wie der
samarische Drachenorden, gedachten ihrer. Und nun hatten sie sich erhoben, um dem Triumph der
Finsternis Einhalt zu gebieten.

Nach und nach gewannen die drei Großdrachen an Höhe, bis sie majestätisch über dem Schlachtfeld
thronten. Ein roter, ein schwarzer und ein goldener Drache mit Schwingen so weit wie Galeeren und
einem Körper so beeindruckend wie der eines Steinriesen. Shelassia beobachtete die Szene mit
leuchtenden Augen. Für einen kurzen Moment zögerten die Flugechsen. Dann reckten die drei Drachen
ihre schlanken Hälse und brüllten ihre Herausforderung der Nacht entgegen. Unmittelbar danach stießen
sie auf die Spitze der finsteren Streitmacht hinab.

Wie ein Orkan fegten die drei Flugechsen über das schwarze Heer. Glühendheißer Odem versengte
Trollhaut und Bermanenschuppen. Diamantscharfe Krallen zerfetzten die Häupter von Bergtrollen und
Hanubs. Sie glitten sogar durch die übernatürlichen Panzerhäute dämonenartiger Kreaturen des Chaos.
Schnell hatten die drei Drachen eine Bresche in die Reihen von Galgoroths Heer geschlagen und ermutigt
durch den Angriff der Drachen griffen nun auch die verbliebenen Streiter des Tages die Horden des
Nachtkönigs an. Shelassia bezweifelte nicht, dass der schwarze Herrscher hier seit langer Zeit wieder
eine bittere Niederlage würde erleiden müssen - denn welche Macht vermochte den drei Drachen der
Legenden zu widerstehen?

Doch Galgoroth und seine Schergen widerstanden dem Ansturm der Drachen. Die Macht des
Nachtkönigs war inzwischen so gewaltig, dass sie selbst in die entlegensten Winkel der Welt reichte.

Die Masse des schwarzen Heeres hielt stand und verfiel nicht der legendären Drachenangst. Der
fürchterliche Gegenschlag überraschte die Drachen der Legenden. Gewaltige Feuersäulen, gleißende
Blitze und ein endloser Schwarm von Geschossen schlugen den Drachen entgegen. Der Arm des
Nachtkönigs hatte die finsteren Herzen seiner Schreckensboten mit Grausamkeit gehärtet und mit
Blutgier erfüllt. Für einen Moment spürte jede Seele wie die Grundfesten der Schöpfung selbst erbebten,
als die drei Drachen in einer Wolke der Zerstörung verschwanden. Doch so einfach waren die Drachen
der Legenden nicht zu vernichten und kurz darauf erhoben sie sich mühselig wieder in sichere Gefilde.
Ihre glänzenden Schuppen waren zerschrammt und verbrannt, aber sie waren noch immer am Leben.
Und ihr Stolz war tief verletzt...

Teil 3: Die zweite Frage

Shelassia bebte vor Zorn.

Das konnte nicht sein. Unmöglich!


Und doch, es war genauso geschehen. Oder würde noch geschehen.

Verwundert registrierte Shelassia wie lebensecht diese Vision gewesen war. Jeden Moment, jeden
Augenblick der Vision hatte sie hautnah und mit ungeahnter Intensität miterlebt. Sie wusste, kein
anderer Beobachter würde jemals das Gesehene so empfinden wie sie - trotz der bestehenden Distanz
von Raum und Zeit. Das war ihr noch nie mit dem Brunnen passiert. Doch bevor sie intensiver darüber
nachdenken konnte, übernahm ihre ureigenste Essenz - das Feuer der Schöpfung und die Flamme der
Leidenschaft - ihre Gedanken und ihre Taten. Für nüchterne Untersuchungen und besonnenes Handeln
war jetzt kein Platz. Shelassia musste ihre ganze Willenskraft aufbringen, um nicht vor Zorn
aufzuschreien und so die Essenz des Brunnen zu stören. Das Gesehene hatte sie zutiefst bestürzt.

Myriaden von Gedanken fegten durch ihren Kopf. Ihr brillanter Geist versuchte die gezeigten Ereignisse
zu beurteilten. Möglichkeiten wurden erwogen und verworfen, Konsequenzen des Gesehenen wurden
als Antwort in Betracht gezogen oder als Irrgespinste abgetan. Was hatte all das zu bedeuten? Niemand
konnte den Drachen der Legenden widerstehen. Oder sollten sie nach so langer Zeit einen Ebenbürtigen
gefunden haben? War dies lediglich eine zufällige Verkettung von Ereignissen oder der Wille der
Schöpfung selbst?

Eine vertraute Stimme drängte sich in Shelassias Bewusstsein und unterbrach die verschlungenen Pfade
ihrer Gedanken.

"Verwirrend? Vermutlich. Überraschend? Mit Sicherheit. Beunruhigend? Möglicherweise. Meinst du


nicht auch?"

Shelassias Antwort entsprach ihrem aufgebrachten Gemüt.

Ohne Vorwarnung schleuderte sie Ansalion einen messerscharfen Gedankenblitz entgegen. Ihre Reaktion
war falsch, irrational und unbedacht. Das wusste sie. Und nutzlos obendrein, denn in Blitzeseile hatte
Ansalion seine Geistesbarrieren errichtet. Ihr mentaler Angriff, der jedes andere Lebewesen auf der
Stelle getötet hätte, verpuffte wirkungslos. Nun ja, beinahe wirkungslos. Für einen kurzen Moment
spürte Shelassia, wie in Ansalion eine ähnliche, jähzornige Woge anschwoll - es wäre nicht das erste Mal,
dass sie sich in Folge einer solchen Herausforderung bekämpft hätten. Doch ebenso schnell wie
Ansalions Zorn aufgeflackert war, verschwand er wieder.

"Respekt", dachte Shelassia beruhigend in Richtung ihres alten Gefährten. "Ich hätte solch eine Attacke
nicht unbeantwortet gelassen."

Vor ihrem inneren Auge stellte Shelassia sich vor, wie Ansalion eine Augenbraue hob. Doch auch so
fühlte sie sich getadelt, als seine Antwort in ihren Gedanken widerhallte: "Einfach? Im Moment fühle ich
mich ein wenig ermattet. Ich habe nicht nur deinen kleinen Wutausbruch abgewehrt und meinen
eigenen Zorn mit Mühe unterdrückt, sondern auch noch verhindert, dass der Brunnen uns und unsere
Gedanken aus seinen Tiefen herausgeschleudert hat. Dann würden wir jetzt möglicherweise um unsere
Geistesgesundheit ringen, während unsere Körper seelenlos dahinvegetieren würden."

"Verzeih mir, alter Freund", bot Shelassia ihm schuldbewusst an. Shelassia lächelte. Ansalion würde ihre
Entschuldigung annehmen, sich aber nicht dazu äußern. Dazu kannten sie sich schon viel zu lange und
viel zu gut. Deshalb fühlte sie sich nicht beleidigt. Stattdessen nahm sie seinen verborgenen Hinweis auf:
"Wir haben noch nicht alles gesehen, was zu sehen ist?"

Ansalions Gedanken fügten sich mit ihren zusammen. "Ich muss zugeben, es hat auch mich überrascht zu
sehen, wie stark der Nachtkönig werden wird - auch wenn ich es schon länger ahnte. Deshalb benötigen
wir noch weitere Antworten."

Shelassia stimmte ihm in Gedanken zu. Doch wie lauteten die richtigen Fragen zu den gesuchten
Antworten?

Wieder kam Ansalion ihr zur Hilfe. "Auf dem Hügel stelltest du mir eine weitere Frage. Erinnerst du
dich?"

"Ja", entgegnete sie lautlos.

Es bedurfte nur eines winzigen Schrittes zurück in ihren zahllosen Erinnerungen und Shelassia fand sich
wieder auf der hohen Klippe über dem Ammaratal. Dieses Mal stand sie Ansalion von Angesicht zu
Angesicht gegenüber. Ihr alter Freund hatte sie mit seinen Fragen herausgefordert, doch erst als sie die
Situation vor ihrem geistigen Auge wieder ablaufen sah, erkannte sie überrascht, wie sehr Ansalions
Worte sie erschrocken hatten. Wie ein von den Häschern in die Enge getriebenes Löwenweibchen hatte
sie sich mit einer herausfordernden Gegenfrage zur Wehr gesetzt: "Haben wir jemals unsere Probleme
nicht selber lösen können?"

Shelassia wiederholte die Frage wortlos. Blitzschnell hüllte sie ihr Bewusstsein in einen Mantel purer
Willenskraft, um nicht erneut von der zu erwartenden Flut von Bildern und Eindrücken überrascht und
erdrückt zu werden. Doch so geschwind, wie sie sich vorbereitet hatte, so langsam und gemächlich
formte sich dieses Mal ein Bild in Shelassias Bewusstsein - oder war es eine Erinnerung?

Sie sah einen düsteren Wald. Mit nebelnassen Blättern und reifbedeckten Grashalmen. Von den Bäumen
gefallenes Laub knirschte sanft unter den forschen Schritten einer in gegerbtem Leder gewappneten
Kriegerin. Der Wind sang leise ein herbstliches Lied.

Selbstbewusst und beinahe Eins mit ihrer Umgebung bahnte sich die schlanke Gestalt ihren Weg durch
das Unterholz. Jeder Schritt, jede Bewegung legten Zeugnis ab von außerordentlicher
Körperbeherrschung und wachem Geist. Die Lederkleidung, das lange Jagdmesser am Gürtel und der
kompakte Rucksack waren schmucklos, aber von ausgezeichneter Qualität. Ihr gesamtes Auftreten war
geprägt von der tödlichen Aura einer erfolgreichen Jägerin. Sie brauchte niemanden zu fürchten.
Dennoch glitt sie eher wie ein Phantom durch das Gehölz, anstatt offen und stolz durch den Forst zu
schreiten.

Hin und wieder hielt die Jägerin an, lauschte in den Wald und ließ ihre feingliedrigen Hände sanft über
das klamme Gras gleiten, so als wolle sie den Atem des Waldes spüren. Plötzlich wandte sie den Kopf in
eine bestimmte Richtung. Augen in der Farbe schimmernder Smaragde lugten unter der Kapuze hervor
und erforschten wachsam den sich langsam lichtenden Morgendunst. Hatte sie da nicht ein leises
Rascheln gehört? War da nicht ein verschwommener Schatten zwischen uralten Baumstämmen
umhergehuscht? Nach einer kurzen Pause setzte die ledergekleidete Frau ihren Weg wieder fort.
Schließlich erreichte sei einen sich windenden und keck dahin sprudelnden Bach. Der Bach flüsterte
lustig vor sich her, und ermunterte die umliegenden Bäume und Sträucher endlich zu erwachen. In Kürze
würden sich die ersten, schwachen Sonnenstrahlen einen Weg durch die dichten Baumkronen und den
kühlen Herbstnebel bahnen. Für einen kurzen Moment zeigte sich ein Lächeln unter dem
Kapuzenumhang, aber ebenso schnell wie es gekommen war, verschwand es wieder. Die Jägerin richtete
sich auf. Stolz und ungebunden. Gemächlich nahm sie eine lockere Schrittstellung ein - entspannt und
doch sprungbereit. Wachsam lauschte sie in den Wald.

Einige Minuten vergingen, ohne dass die Jägerin sich regte. Weder eine knappe Gewichtsverlagerung,
noch ein blasses Atemwölkchen in der kühlen Morgenluft; nicht die kleinste Bewegung störte die
Harmonie zwischen der jungen Frau und ihrer Umgebung. Fast schien sie sich in einen grünbraunen
Mantel aus Bäumen und Sträuchern zu hüllen und mit dem Wald zu verschmelzen.

Aber nur fast.

So sehr die einsame Gestalt sich in den natürlichen Rahmen ihrer Umgebung diesseits des Baches
einfügte, so hob sie sich doch von dem Waldstück jenseits des kleinen Gewässers ab. Die Bäume am
anderen Bachufer waren anders - kräftiger, gesünder. Die grätenartigen Fächer der Farngewächse, die
den Bach zu beiden Seiten begrenzten, waren saftiger und trotzten beharrlich dem herbstlichen Verfall.
Selbst der Nebel schien unschlüssig zu sein; auf der einen Seite gab er sich als eine träge,
undurchdringliche Masse, auf der anderen als ein schelmisch wabernder Schleier, der jenen Teil des
Waldes wie ein Wächter vor Eindringlingen verbarg.

Schließlich erwachte die Jägerin: Zunächst nur ein sanftes Anspannen der Glieder, dann ein
verräterisches Stocken des Atems. Die Kapuze rutschte ein Stückchen nach hinten und enthüllte den
Glanz ihrer funkelnden Augen, die sich auf das jenseitige Ufer richteten. Kaum wahrnehmbar veränderte
sich die Aura der geheimnisvollen Frau. Gelassene Wachsamkeit wich angespannter Bereitschaft.

Dennoch dauerte es mehrere Minuten, ehe die Kriegerin endlich handelte. Langsam hob sie ihren
rechten Arm. Mit äußerster Ruhe und Konzentration befehligte sie das Spiel ihrer Muskeln, bis ihr Arm in
Schulterhöhe ausgestreckt war und die Finger ihrer rechten Hand fächerartig in Richtung des
gegenüberliegenden Bachufers zeigten. Für einen kurzen Moment verharrte sie in dieser Stellung. Dann
knickte sie ihren Arm in Richtung ihrer Brust ab, wobei sie den Unterarm so drehte, dass die Handfläche
von ihr weg zeigte. Als das Handgelenk nur noch eine Handbreit von ihrem Kinn entfernt war, kehrte sie
die Richtung in einer einzigen fließenden Bewegung um, sodass ihre Hand nun quasi eine
Schubbewegung zum Bach hin durchführte. Als ihr Arm fast wieder ausgestreckt war, hielt sie nicht inne,
sondern drehte die Hand seitwärts nach außen – so als wollte sie einen Vorhang zur Seite schieben. Doch
damit war es längst noch nicht getan und eine weitere, anmutige Kombination aus Armbewegungen und
Fingerspiel folgte. Sie war eine einhändige Dirigentin vor einem unsichtbaren Orchester. Sorgfältig
vollführte die Kriegerin eine ganze Reihe einstudierter Bewegungen. Auf und ab. Vorwärts und seitwärts.
Immer wieder führte sie die Hand in einer Geste des Nehmens und Abweisens.

Anfangs passierte nichts. Der Wald lag weiterhin beiderseits des dahinrauschenden Baches in seiner
herbstlichen Zerworfenheit. Hier und da glitten erste zaghafte Strahlen der aufgehenden Sonne durch
verwelkende Blätter, doch wie um der dirigierenden Gestalt zu spotten, hüllte nicht ein einziger Strahl
die Kriegerin in wärmendes Sonnenlicht.

Wichen die Strahlen ihr womöglich aus?

Oder war es der Nebel, der sich gemächlich, wie ein zögernder Bote, der einsamen Gestalt näherte, sich
vor ihr verbeugte, um sie dann langsam zu umhüllen und vor dem entlarvenden Licht zu schützen?

Tatsächlich kam Bewegung in die trägen Nebelbänke. Die Nebelmassen, die von der Kriegerin bereits auf
ihrem Weg durch den Wald zurückgelassen worden waren, wälzten sich vorwärts, als wollten sie die
Enteilte noch rasch einholen, bevor sie weiter ihres Weges ging. Gleichzeitig tanzten die sanft wirbelnden
Schleier jenseits des kleinen Gewässers in Richtung des Ufers. Schon drifteten die ersten Wirbel des sich
ständig im Fluss befindlichen Nebels über den Bach. Faser um Faser tasteten sich einzelne
Nebelschwaden vor und vermischten sich mit der kalten, trägen Masse auf dieser Bachseite.

Die geheimnisvolle Wanderin hob nun auch ihren linken Arm und begann die Nebelschleier miteinander
zu verbinden und zu verknüpfen. Sie achtete darauf, dass ständig neue Schwaden den Weg zu ihr über
den Bach fanden, und dass der graue Strom nie abriss. Schon bald hatte sie ein dichtes Nebelgespinst um
ihren Körper gewoben, von dem aus ein mehrere Ellen dicker Strang das trennende Gewässer überwand.

Ohne weitere Vorbereitung begann die Jägerin und Zauberin sich um ihren eigenen Körper zu drehen. Ihr
Tanz war elegant und entschlossen. Und während sie sich anmutig wand, wickelte sie die miteinander
verwobenen Nebelmassen förmlich um ihren Körper, bis sie von einem undurchdringlichen Kokon
umgeben war.

Der nächste Rhythmuswechsel bewirkte, dass die Tänzerin sich samt ihrem bleichen Nebelmantel auf
den Bach zu bewegte. In einer geschickten Abfolge von Tanzschritten und grazilen Drehungen glitt sie -
einem kleinen Wirbelwind gleich - auf den Bach zu. Dabei band sie ständig weitere Nebelschwaden an
sich. Wie eine Weberin, die einen losen Strang Wolle aufrollt, sammelte sie die Nebelfäden um sich, die
sich ihr wie ein riesiger, wabernder Arm über den Bach hinweg anboten.

Mit ihren Füßen erreichte sie das Bachufer, ohne dass sie ihrem Schleiertanz ein Ende setzte. Den
Naturgesetzen spottend, trotzte sie dem gluckernden Wasser und übergab ihr Geschick stattdessen
einem anderen Element - der Luft. Ohne den sprudelnden Bach zu beachten, ließ sie sich in einer
einzigen, wirbelnden Drehbewegung von den Nebelwogen erfassen: Eine ungehorsame Sklavin, die von
ihrem Herrn mit der Peitsche eingefangen und zu ihm hingezogen wurde. Haltlos glitt sie durch das
Gespinst hauchzarter Fäden aus Dampf und Nebel und tauchte in das graue Nebelbett hinab. Sie fiel
jedoch nicht. Sanft wurde ihr Körper aufgefangen und plötzlich befand sie sich in der Luft über dem Bach
- gehalten und getragen von blassen Fingern aus feuchten Nebelteilchen, die sie sicher über den Bach
geleiteten.

Am anderen Ufer angekommen, beendete sie bedächtig ihren Tanz. Sie komplettierte ihre Beschwörung
indem sie die Nebelschwaden in einer Umkehrung ihrer Anrufung entließ - gleich einem Liebhaber nach
einer intimen, zärtlichen Umarmung. Nur kurze Zeit später hatten sich die beiden Nebelmassen wieder
getrennt und die dahingleitenden Nebelgeister auf dieser Seite des Baches setzten ihr munteres
Spielchen fort. Sie nahmen sogar die geheimnisvolle Frau in ihr Spiel auf und umtanzten sie in einer
unausgesprochenen Willkommensgeste. Lächelnd dankte die Jägerin und setzte ihren Weg durch diesen
Teil des Waldes wieder fort.

In den folgenden Morgenstunden legte sie eine ordentliche Wegstrecke zurück. Zwischen Bäumen und
Gestrüpp, über taufrisches Gras und dichtes Moos, und hin und wieder auch auf einem schmalen
Waldpfad drang sie raschen Schrittes tiefer in den Wald. Mit jeder Minute ließ sie den Herbst ein kleines
Stückchen hinter sich. Zunehmend mehr Bäume standen noch in voller Blätterpracht und tauchten den
späten Vormittag in ein buntes Gemälde aus sommerlichem Grün und frühherbstlichen Brauntönen. Die
Zahl der zu Boden gefallenen Blätter nahm beständig ab, Platz lassend für blühende Blumen
unterschiedlichster Arten sowie reich beschenkte Beerensträucher. Immer wieder kreuzten kleinere
Waldtiere den Weg der Kriegerin und huschten verstört in ihre geheimen Verstecke, wenn der Weg des
Eindringlings sie zu nahe an ihnen vorbeiführte. Rehe und Hirsche warfen scheue Blicke auf den fremden
Besucher und verschwanden mit einigen flinken Sprüngen wieder im Wirrwarr des Unterholzes.

Die geheimnisvolle Wanderin schenkte den Waldbewohnern ebenfalls nur mäßige Aufmerksamkeit,
dennoch entgingen sie ebenso wenig ihrem wachsamen Blick, wie die erstaunliche Zurschaustellung
üppiger Vegetation, die sie nun mit jedem Schritt begleitete. Unaufhaltsam näherte sie sich dem Herz
dieses von Leben erfüllten Waldes.

Plötzlich fuhr ihr Kopf herum. Für einen kurzen Moment unterbrach sie ihren Vormarsch und ließ ihren
Blick sorgfältig durch das Dickicht gleiten. Ihre Augen huschten argwöhnisch hin und her. Mit leicht
geneigtem Kopf lauschte die Jägerin den Geräuschen des Waldes auf der Suche nach dem Grund für ihre
Irritation. Sie erhaschte den federleichten Sprung einer Heuschrecke zwischen einigen Grashalmen
ebenso wie den Flug eines einsamen Bergfalken in den Lüften weit oberhalb der höchsten Baumkronen.
Gleichzeitig folgte sie dem fernen Tapsen einer Wildschweinfamilie und erkannte am Summen eines
nahen Bienenschwarms, dessen Arbeiterinnen emsig Nachschub für ihr zuhause sammelten, dass in
knapp hundert Schritt Entfernung eine fette Bienenwabe zwischen einigen tiefhängenden Ästen hing.
Konzentriert sondierte sie alle gegenwärtigen Eindrücke, gleich wie nah oder wie fern sie waren, bis sich
ein zufriedenes Lächeln unter ihrer tiefliegenden Kapuze abzeichnete.

Die Herren des Waldes waren endlich gekommen.

Geschwind suchte die Jägerin nach einem passenden Ort für ihr Aufeinandertreffen. Schnell hatte sie
eine weite Wiese entdeckt, auf der sich ellenhohes Gras, gelbe Hahnenfußblüten und rote
Kuckucksnelken wippend im seichten Wind beugten. Mit flinken Schritten eilte sie dorthin und suchte
sich eine leichte Erhebung im hinteren Wiesendrittel aus, um sich den Wächtern zu stellen.

Zorniges Geheul kündigte sie an. Vielstimmig erschallte ihr grimmiger Jagdruf aus dem Wald hinaus auf
die Lichtung. Die Wut des Geheuls verhieß nichts Gutes. Die Jagd war erfolgreich und die Beute gestellt.

Schon huschten vereinzelte Schatten zwischen dunklen Fichtenstämmen umher. Sie waren grau,
schwarz, vereinzelt auch braun und sie ließen sich Zeit bis sie die ganze Lichtung umkreisten. Das ganze
Rudel war gekommen und tummelte sich am Waldesrand. Unzählige Augen richteten sich gespannt auf
die einsame Gestalt in der Wiesenmitte. Es gab kein Entrinnen für die Beute. Wann würde der
Rudelführer das Signal zum Angriff geben?
Verspielt strich eine Brise über die Lichtung. Eine sanfte Welle glitt über die Grasspitzen und die
tanzenden Köpfe der Wiesenpflanzen. Eine besonders kräftige Böe verfing sich in einer aufgebauschten
Mantelfalte und zog der wartenden Jägerin die Kapuze herab. Eine Flut leuchtend roter Haare quoll aus
dem herabgleitenden Stoff hervor, um sich ungestüm vom leichten Wind mitreißen zu lassen. Die
geheimnisvolle Frau verzog keine Miene und machte keine Anstalten ihre ungezügelte Haarpracht zu
bändigen. Stattdessen schüttelte sie ihren Kopf und ihre Haare flogen befreit durch die Luft.
Herausfordernd blickte sie in Richtung des Waldrandes.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Aus dem finsteren Schatten einer mächtigen Dunkeltanne
trat ein riesiger Wolf hervor. Sein Fell war dicht und prachtvoll silbergrau glänzend. Seine Ohren waren
wachsam aufgerichtet und seine bernsteinfarbenen Augen fixierten die einsame Gestalt auf der kleinen
Anhöhe. Ohne einen Blick seitwärts oder zurück näherte er sich langsam dem Eindringling. Mächtige
Schultern hoben und senkten sich im Wiegetakt seiner selbstbewussten Schritte, aber obwohl der Jäger
mit einer Schulterhöhe von bis zu fünf Fuß und doppelt so langem Körper unglaublich massig war,
bewegte er sich mit unvergleichlicher Anmut. Ohne einen einzigen Grashalm unter seinen Pfoten zu
zerknicken, bewegte sich das mächtige Tier bedächtig über die Lichtung.

Gespannte Stille senkte sich über die Lichtung. Zwei weitere Wölfe traten einige Schritt hinter dem
silbergrauen Wolf unter den Bäumen hervor. Auch sie waren prächtige Vertreter ihrer Art, aber nicht
ganz so riesig wie ihr Anführer. Wie eine Ehrengarde folgten sie, bereit mit einigen wenigen, schnellen
Sprüngen dem Alphawolf zur Seite zu stehen.

Schritt für Schritt bewegte sich das Trio in Richtung der sanften Erhebung, in deren Zentrum die
rothaarige Jägerin weilte. Aufmerksam beobachtete sie die drei riesigen Wölfe ohne jedoch ein Zeichen
der Besorgnis erkennen zu lassen. So majestätisch, wie der silbergraue Herr des Waldes ihr
entgegenschritt, so selbstbewusst stellte sie sich seinem Urteil.

In drei Sprung Entfernung von der Frau blieb der riesige Wolf stehen. Regungslos stellte er sich der
Herausforderung, die dieser Eindringling bedeutete. Seine beiden Begleiter setzten ihren Marsch fort
und umgingen die Jägerin linker und rechter Hand, bis sie ein gleichschenkeliges Dreieck bildeten, in
deren Mittelpunkt sich ihre Beute befand. Obwohl sich beide Wölfe nun seitlich hinter der Kriegerin
befanden, ignorierte sie mit beinahe selbstgefälliger Arroganz die mörderischen Jäger. Ihre ganze
Aufmerksamkeit galt dem großen Silberwolf unmittelbar vor ihr.

Die riesige Bestie machte den ersten Schritt. Mit einem kurzen, bedrohlichen Knurren, gleich dem
unheilsvollen Grollen eines aufziehenden Gewitters, gab der Leitwolf zu verstehen, in wessen Revier sich
beide Parteien befanden. Unbeeindruckt antwortete die mysteriöse Frau mit glockenheller Stimme. Sie
benutzte Worte, wie sie seit Ewigkeiten kein Ohr außer denen ihrer eigenen Art vernommen hatte.
Worte einer uralten, machtvollen Sprache, die weder Mensch, Zwerg oder Elf vertraut war. Und auch
niemals sein würde.

"Wieso bist du gekommen?"

"Ich bin in friedlicher Absicht hier", antworte die rothaarige Jägerin.


"Deine Anwesenheit ist nicht erwünscht", entgegnete der Alphawolf. Seine beiden Begleiter fletschen
ihre Fänge.

"Ich werde mich weder rechtfertigen noch entschuldigen, dass ich in euer Revier eingedrungen bin."

"Damit haben wir auch nicht gerechnet". Seine zu gefährlichen Schlitzen verjüngten Augen beobachteten
die Jägerin drohend. "Dein Stolz ist legendär, Rotschuppe."

Die Augen der Jägerin funkelten. "Und der Zorn der Wölfe der Urzeit ebenso."

"Willst du uns schmeicheln?" Der Wolf reagierte gelassen. "Du solltest nicht hier sein. Wir haben nichts
mit eurer Art zu schaffen. Aber deine Anwesenheit hat uns überrascht. Sag uns, wie hast du den
Bannkreis des Waldes überwunden?"

"Menschenmagie." Ein selbstzufriedenes Lächeln stahl sich auf das Antlitz der rothaarigen Frau.
"Primitiv, aber manches Mal sehr nützlich."

Bedeutungsvoll sog der Wolf die frische Herbstluft durch seine Nüstern. Ohne ein weiteres Knurren
neigte er seinen Kopf und blickte zu seinen beiden Begleitern. Für einen kurzen Moment vereinigten sich
die drei Wölfe in stummer Kommunikation, bis sich die beiden kleineren Großwölfe auf ihre Hinterpfoten
setzten, ihr stolzes Haupt hoben und ihren Ruf zu den Wolken sendeten.

Das Rudel antwortete.

Vielstimmiges Wolfsgeheul erschallte rings um die Lichtung. Einige der Wölfe, die in den Schatten
massiver Baumstämme gewartet hatten oder sich unter tief herabhängenden Ästen geduckt hatten,
setzten sich in Bewegung und verschwanden in der Tiefe des Waldes. Andere Wölfe nahmen ihre Plätze
ein und schlossen den grimmigen Ring um die Lichtung wieder.

Auf der Lichtung wandte sich der Alphawolf wieder an seine Gegnerin. "Ein guter Trick. Er wird uns
mahnen die jungen Völker nicht zu unterschätzen."

"Und dennoch werden sie niemals unserer ebenbürtig werden."

"Und dennoch nutzt du ihre Gaben und stehst hier gar in Menschengestalt", entgegnete der Wolf. "Sieh
dich vor, Mächtige. Du wärest nicht die erste Königin, die von oben herab das Treiben der Niederen
beobachtet, um eines Tages festzustellen, dass sich der Thron, auf dem sie sitzt, dem Fundament
angepasst hat, und nicht umgekehrt. Die Zukunft liegt in der stetigen Erneuerung und nicht im Festhalten
an der Vergangenheit."

Die Jägerin verzog das Gesicht. "Und deswegen verbergen sich die Wölfe in ihren Wäldern und
Schluchten, hinter unsichtbaren Barrikaden und wabernden Schleiern aus Magie, die den Unbedarften in
die Irre führen und den Ungebetenen abweisen sollen?"

"Wir erneuern uns mit dem Wechsel der Jahreszeiten, mit dem Zyklus von Erwachen, Blüte, Ernte und
Fortpflanzung, und mit dem Ritual von Tod und Wiedergeburt, denn so ist Mutter Gaia. So wie sie ihre
Gewänder wechselt, verändern wir unser Wirken, denn wir sind ihre Bewahrer."
Die Worte des Alphawolfs wurden von einem gemeinschaftlichen Geheul bekräftigt, das so laut und
lebhaft war, als würde sich der gesamte Wald erheben um an diesem machtvollen Gesang teilzuhaben.
Unbeeindruckt blickte die Jägerin den riesigen Wolf an und wartete, bis auch der letzte Nachhall
abgeklungen war. Als sie das Wort wieder ergriff, stand ihr heller Sopran in strahlendem Kontrast zu dem
düsteren Gesang des Wolfsrudels.

"Eure Bannkreise sind wieder erneuert, doch werden sie mich nicht aufhalten können. Ich bin aber nicht
hierher gekommen, um zu streiten oder über das Leben und die Schöpfung zu philosophieren. Jeder
verstrichene Atemzug drängt mich mehr zur Eile."

Der Wolf blieb unbeeindruckt. "Es geht immer nur um die Schöpfung. Um das Erschaffen und das
Beseitigen dessen, was uns zu schaffen macht. Außerdem haben wir dich nicht hergebeten."

"Das ist richtig. Aber Ereignisse jenseits eurer Wälder ließen mir keine Wahl."

Der Wolf blieb stumm und schaute die Jägerin lediglich aus seinen bernsteinfarbigen Augen aufmerksam
an.

"Nun gut", ergriff die Jägerin wieder das Wort, "ich werde mich kurz fassen. Die Wölfe der Uhrzeit haben
sich seit jeher nicht um die Belange der Welt dort draußen gekümmert. Ihr habt euch in den Tiefen eurer
verzauberten Wälder und im Schutz verborgener Täler und Schluchten auf eure Aufgabe, den Schutz
alles Lebens und die Pflege der Gärten des Schöpfers, konzentriert. Wo wir die Welt erforschten, uns den
Gewalten der Natur entgegenstemmten und unsere Grenzen ausloteten, hieltet ihr euch zurück und saht
euren Platz als Diener der Schöpfung. Das haben wir stets akzeptiert. Das akzeptieren wir noch immer.
Doch jetzt ist eine Zeit angebrochen, wo eben diese Schöpfung selbst bedroht und euer Handeln von
entscheidender Bedeutung geworden ist. Ihr müsst euer selbstgewähltes Exil verlassen, und eine
Entscheidung treffen."

"Wir müssen gar nichts", erwiderte der Wolf, "außer weiterhin auf den verschlungenen Pfaden der
Schöpfung zu wandern und Mutter Gaias Vermächtnis zu bewahren."

"Ihr irrt euch. Die Gefahr von der ich berichte, betrifft jedes Lebewesen, dem die Ordnung aller Dinge am
Herzen liegt. Nur wenn wir gemeinsam dieser Bedrohung entgegen treten, werden wir die Schöpfung
bewahren können."

"Ihr benötigt uns nicht. Die Gefahr, von der ihr sprecht, betrifft uns nicht", meinte der Wolf ungerührt.

Die Augen der Jägerin blitzten kurz auf. "Ich befürchte, ihr unterschätzt die Gefahr. Ich gehe davon aus,
dass auch ihr der Bedrohung durch die Ahaldamar eure Aufmerksamkeit widmet?"

"Die Kreaturen, die ihr die Ahaldamar nennt, sind nicht unser Problem."

"Mir scheint, ihr seid euch des Ausmaßes der Vernichtung und des Verderbens, das mit den Ahaldamar
einher geht, nicht bewusst."

"Und mir scheint, dass du unseren Worten keinen Glauben schenken willst. Deswegen sage ich dir noch
einmal: Diese Angelegenheit ist nicht unser Problem."
"Die Ahaldamar sind jedermanns Problem!" knurrte die Kriegerin mit dem feuerroten Haar wütend. "Ihre
Ungezügeltheit und ihre Macht entspringt dem alles verzehrenden Chaos. Sie vernichten alles, was sich
ihnen in den Weg stellt und nicht annähernd so gewaltig ist wie sie selbst. Selbst Berge wanken und
Flüsse verändern ihren Lauf, wenn sie über die Landschaft hinwegziehen. Und ihr beharrt weiterhin, das
sei nicht euer Problem?"

Der Wolf schüttelte den Kopf.

"So höre denn", verkündete die Jägerin entschlossen: "Vor kurzem traten wir dem alles verzehrenden
Chaos gegenüber. Wir konnten es nicht bezwingen. Im Kampf erlitt Ynddarmos lebensbedrohliche
Verletzungen - so unwahrscheinlich es erscheinen mag. Selbst wir müssen den Ahaldamar weichen. Wie
könnt ihr da ruhig zuschauen und darauf warten, bis die Ahaldamar eure Bannzauber hinwegfegen, eure
geliebten Wälder verwüsten, und jegliche Ordnung ins Chaos stürzen?"

Der Wolf hatte der leidenschaftlichen Rede der Jägerin emotionslos zugehört. Nun blickte er sie mit
traurigen Augen an und entgegnete beinahe trotzig: "Weil wir mit dieser Bedrohung nichts zu schaffen
haben. Es ist nicht unsere Pflicht, dieser Bedrohung Herr zu werden, sondern eure."

Die Frau blickte den Wolf zunächst ungläubig an. Dann schüttelte sie ihr edles Haupt, und ihr
Flammenhaar versprühte schillernde Funken im hellen Tageslicht.

"Ich fasse es nicht. Wieso wollt ihr euch vor dieser gewaltigen Bedrohung verschließen? Die Ahaldamar
sind eine Gefahr für die gesamte Schöpfung, und somit eine Herausforderung für alle und jeden."

"Nein", unterstrich der Wolf beharrlich seinen Standpunkt. "Diejenigen, die ihr Ahaldamar nennt, sind
ganz alleine euer Problem. Für jetzt und für immerdar."

Unwirsch fegte die Jägerin die Worte des Alphatiers mit einer rüden Handbewegung fort. "Was redet ihr
da für einen Unsinn?"

"Es ist so wie ich sage", meinte der Wolf gelassen. "Und ich denke auch, ihr wisst, dass ich die Wahrheit
spreche."

Die Frau blieb eine Antwort schuldig und der silbergraue Wolf setzte seine Ausführungen fort.

"Es ist so, wie ich sage. Ihr, die alten Drachen, müsst euch dieser Bedrohung stellen. Nur ihr, und
niemand sonst, Shelassia."

"Warum, grauer Wolf?"

"Weil einem Schöpfer auch die Verantwortung für seine Schöpfung obliegt."

Verblüfft verdaute Shelassia die Worte des Alphawolfes. Doch als sie antwortete funkelten ihre Augen
herausfordernd. "Du willst damit andeuten, dass wir die Ahaldamar erschaffen haben?"

"Nicht nur andeuten, sondern feststellen", beharrte der Wolf gelassen. "Die Ahaldamar sind lediglich ein
Abbild eurer Seele, eures Geistes, eures Schaffens. Somit seid ihr deren Schöpfer."
Die Jägerin zog ihre Stirn kraus. Ihre Haltung war angespannt. "Diese Behauptung klingt in meinen Ohren
mehr wie eine Beleidigung als eine Feststellung. Ist es das, was ihr Wölfe wollt? Uns herausfordern?
Glaubt ihr, dass mit dem Auftauchen der Ahaldamar die Zeit gekommen ist, euer Revier und somit eure
Machtbasis zu erweitern? Ihr spielt ein gefährliches Spiel!"

Traurig schaute der Wolf Shelassia an.

"Du irrst, Mächtige. Nichts liegt uns ferner, als nach Macht um der Macht willen zu streben. Oder gar
euch herauszufordern." Ein Leuchten stahl sich auf sein raubtierhaftes Antlitz. "Sieh selber und lausche
gut meinen Worten. Ich weiß, ihr alten Drachen glaubt alles zu wissen und alles erforscht zu haben. Ihr
erhebt euch über alle anderen Lebensformen, weil ihr die Ersten wart. Eure Macht ist wahrlich
beeindruckend und niemand würde es wagen die alten Drachen herauszufordern. Sieh, wie du hier
stehst, und wie eine Königin deine Ansprüche vertrittst. Nicht hoch auf den roten Zinnen, die du dein
zuhause nennst, oder in dem steinernen Himmelsdom, den Ansalion zu seinem Domizil auserkoren hat.
Nein, du trittst mit großspurigen Forderungen an in unserem Revier, als sei es nichts weiter als deine
Spielwiese. Das ist die Arroganz der alten Drachen, die Überheblichkeit, mit der ihr auf die Welt
herabschaut, und die Selbstherrlichkeit, in der ihr euch sonnt. Ihr haltet euch für so weise und so
mächtig, dass ihr glaubt die Ordnung der Dinge zu verstehen und zu bestimmen. Doch wo ein Übermaß
an Ordnung erreicht ist und das Gleichgewicht der Schöpfung aus den Fugen gerät, entsteht Chaos, um
die Waage Jeshenras wieder auszubalancieren. Höre mir gut zu, Shelassia: So wie ihr die Welt
beherrschen wollt, um sie nach euren Vorstellungen zu ordnen, habt ihr dem Chaos den Weg geöffnet,
das euch nun zu vernichten droht. Nein, wir Wölfe haben nichts mit den Ahaldamar zu schaffen.
Genauso wenig, wie ihr mit uns zu schaffen habt."

Shelassias fürstliches Gesicht war während den letzten Worten des Leitwolfes zu einem verzerrten
Abbild ihrer selbst geworden. Eine Woge des Zornes und der Wut bemächtigte sich ihrer Gestalt und ließ
sie vor Aufregung erbeben.

"Du wagst es, mir diese Worte - diese Lügenmärchen - ins Gesicht zu schleudern, alter Wolf?"

Der Wolf schüttelte sein pelziges Haupt und fletschte seine Zähne. "Verleugne nur die Wahrheit, und
denke was du willst. Aber solange ihr nicht akzeptieren wollt, dass ihr selber die größte Bedrohung für
die Welt, wie wir sie seit Anbeginn der Zeit kennen, bewirkt habt, werdet ihr dieser Gefahr auch nicht
angemessen entgegentreten können!"

"Ich glaube dir nicht!"

"Und doch ist es nichts als die reine Wahrheit!" Das Rudel verlieh den Worten des Alphawolfes mit
lauten Geheul Nachdruck.

Shelassia hielt sich die Ohren zu. "Haltet ein. Ich will eure Lügen nicht mehr hören!"

Doch das Wolfsgeheul wurde immer lauter, eindringlicher und intensiver. Plötzlich begann die rothaarige
Jägerin zu zittern. Ihre Gestalt veränderte sich und ihre Konturen zerflossen. Unglaubliche Macht
verwirbelte die unmittelbare Umgebung auf dem kleinen Hügel, als die Verwandlung einsetzte. Kleidung,
Aussehen, Körper vergingen, um neu erschaffen zu werden. Fließend verwandelten sich Arme in weite
Schwingen, Leder wurde zu Schuppen und Stoff wurde zu membranartigen Flughäuten. Anstelle der
Stiefel erschienen wuchtige Krallen aus feuerfarbenem Diamant, die alles Materielle mit einem Hieb
zerfetzen konnten. Der schlanke Leib der Jägerin wich dem geschmeidigen Rumpf eines übergroßen
Reptils, gekrönt durch ein stolzes Haupt mit funkelnden Augen und dem mächtigen Gebiss des
gefährlichsten aller Jäger, vor dem jedes Lebewesen flüchtete aus Furcht vor den scharfen Krallen und
dem fürchterlichen Feueratem.

Nur der alte Silberwolf blieb gelassen angesichts dieser Bedrohung.

"Wenn du jetzt gehst, fliehst du nur vor dir selbst, mächtige Shelassia. Doch dein Schicksal, Ynddarmos
Schicksal, und das Schicksal aller wird sich nicht abwenden lassen, wenn ihr euch nicht eurer
Verantwortung stellt."

Der rote Drache hob seinen Kopf und brüllte seinen Zorn in die Luft. Die Blätter der Bäume am
Lichtungsrand schaukelten im Sturm seiner Entrüstung. Blitzschnell stieß der Kopf auf den Wolf hinab,
doch dieser sprang mit einem flinken Satz außer Reichweite.

"Wir können hier kämpfen, Feuerschuppe", beharrte der Silberwolf. "Du gegen das ganze Rudel. Das
Ergebnis wäre ungewiss. Aber der Ausgang einer anderen Herausforderung wäre damit bereits
entschieden. Sieh deiner Bestimmung ins Auge und nicht einem unbeugsamen Gegner."

Der Drache brüllte erneut und das Rudel schleuderte ihm sein Kampfgeheul entgegen. Dutzende von
Wölfen tauchten unter den Baumwipfeln auf. Geschwind sprangen sie aus ihren Verstecken und liefen in
Richtung der kleinen Anhöhe. Der Drache sah sich kurz um und hob trotzig seinen Kopf. Doch anstatt den
Kampf sofort zu beginnen, erhob er sich in die Luft. Mit einigen wenigen mächtigen Flügelschlägen
gewann er schnell an Höhe. Die drei Wölfe sprangen mit wuchtigen Sätzen in die Höhe und bissen sich an
den Hinterbeinen des Drachen fest. Zornig brüllte der Drache auf. Die Wölfe hatten ihn zwar nicht
verletzt, aber sie behinderten seinen Aufstieg. Er schüttelte sich und wand seinen Reptilleib. Einer der
Wölfe wurde abgeschüttelt und fiel zurück zum Boden, wo er sich geschickt abfing und wieder
aufrappelte. Die anderen beiden Jäger besaßen nun nicht mehr genug Masse, um den Drachen effektiv
zu behindern und ließen ebenfalls los.

Der Drache ließ sein Triumphbrüllen erschallen. "Seht her! Ich bin Shelassia. Niemand wird mich
aufhalten!" Langsam gewann sie an Höhe und die Wölfe wurden kleiner und kleiner. Von oben herab
konnte Shelassia verfolgen, wie die Wölfe sich in der Lichtungsmitte versammelten und einen Kreis um
den Alphawolf bildeten. Sie sah, wie die Wölfe einen fremdartigen Tanz aufführten. Sie sprangen wild
herum, schlugen Kapriolen und stießen immer wieder ihr Geheul aus. Nur der Alphawolf stand
regungslos in der Mitte und schaute gebannt in den Himmel.

Shelassia folgte seinem Blick. Zunächst dachte sie, der alte Silberwolf würde ihr lediglich nachblicken, um
ihr womöglich einen mächtigen Fluch hinterher zu schicken. Aber als sie mit ihren scharfen Sinnen ein
neues, vielstimmiges Kreischen hörte, welches zunehmend lauter wurde und näher kam, drehte sie ihren
Kopf herum und blickte über sich.

Ein riesiger Schwarm Vögel versammelte sich hoch über ihr.


Sperlinge, Krähen, Meisen, Raben. Kleine Singvögel und große Wasservögel. Stolze Adler und umtriebige
Elstern. Sogar einige aasfressende Bartgeier und ein Schwarm zufällig vorbeiziehender Edeshakraniche
waren dem Ruf der Wölfe gefolgt und stürzten sich todesmutig auf den mächtigsten aller Flugsaurier,
einen roten Urdrachen, herab.

Shelassia schnaubte empört. Welch eine Frechheit ihr einen Haufen nerviger Spatzen und schwerfällige
Stelzvögel entgegen zu schicken! Im Luftkampf kam ihr kein Lebewesen gleich, und auch die
beträchtliche Masse der Gegner beunruhigte sie nicht. Doch Shelassia beabsichtigte gar nicht zu
kämpfen. Nichts lag ihr ferner, als eine blutige Bahn der Vernichtung inmitten des heranfliegenden
Schwarms zu hinterlassen, waren sie doch nichts anderes als manipulierte Sendboten der verräterischen
Wölfe. Zornig schlug Shelassia mit ihren mächtigen Schwingen aus, um Höhe zu gewinnen. Sie kreischte
den nahenden Vögeln eine Warnung entgegen, doch das Heulen des Rudels tief unter ihr trieb die Vögel
an. Es dauerte nicht lange, und eine Wolke wirbelnder, kreischender und flügelschlagender Lebewesen
hüllte ihre Leib ein, nahm ihr die Sicht und erschwerte ihr das Fliegen. Es war ein seltsamer Tanz, der
dort hoch über der Lichtung inszeniert wurde. Die Vögel umschwirrten die riesige Flugechse wie
Mosquitos eine lodernde Fackel. Und wie die Fackel, von Wind gepeitscht, willkürlich mit ihren heißen
Armen um sich schlägt, so trafen die wuchtigen Drachenschwingen immer wieder vereinzelte Vögel, die
angeschlagen und benommen in die Tiefe trudelten. Aber wer das Lied der Fackel kennt, der weiß, dass
im Morgengrauen die Fackel erlischt, während die Mosquitos wieder die schwelenden Überbleibsel
umtanzen.

Nun war Shelassia aus einem wesentlich edleren Holz geschnitzt, doch so sehr sie sich bemühte dem
Schwarm zu entkommen, so sicher zeichnete sich die Mühseligkeit ihres Unterfangens ab. Zweifelsfrei
würde sie es schaffen, solange es die Vögel dabei beließen sie nur zu belästigen und nicht zu verletzen,
doch es würde sie mehr Kraft und Konzentration kosten als ihr lieb war. Beides benötigte sie für spätere
Konfrontationen mit dem wahren Feind. Dieser Konflikt musste schneller beendet werden!

Ohne Vorwarnung wendete Shelassia und stieß mit angelegten Schwingen wieder in Richtung der
Lichtung hinab. die Wölfe erkannten ihre Absicht und stoben hechelnd auseinander. Nur der Alphawolf
behauptete stolz seine Position im Zentrum der Wiese und heulte seine Herausforderung dem
heranfliegenden Drachen entgegen. Die ersten Wölfe hatten fast schon wieder die Sicherheit des
dunklen Waldes erreicht, als ein samtener Glanz das Fell des silbergrauen Rudelführers in einen
majestätischen Schimmer hüllte. Dann duckten sich die ersten Tiere des Rudels unter die äußersten Äste
und Zweige und das Leuchten gewann an Stärke und Intensität. Gleichzeitig begann der Alphawolf in
Gestalt und Kraft zu wachsen. Mit jedem Wolf, der von der Lichtung verschwand, wurde der Alphawolf
größer. Und die Wölfe waren schnell - schnell genug, dass ihr Alphatier rechtzeitig genug an Größe
gewonnen hatte, um selbst einem kampfbereiten Urdrachen ein nahezu ebenbürtiger Gegner zu sein.

Shelassia behielt zunächst ihren Kurs bei. Nur wenige Längen über dem riesigen Silberwolf, dessen
Schulterhöhe nun selbst einem Hügelriesen zur Ehre gereicht hätte, breitete sie ihre mächtigen Flügel
aus, um ihren Sturzflug elegant abzufangen. Der Schatten ihrer weiten Schwingen legte sich wie ein
Totentuch über den einsamen Wolf. In diesem Moment stockte der Zeitenlauf und die Welt hielt den
Atem an, als bereitete sich die Schöpfung selbst auf den Zusammenprall dieser beiden Urkräfte vor. Die
Augen der beiden Kontrahenten begegneten sich. Die Drachenaugen leuchteten vor Zorn und
Leidenschaft, die Wolfsaugen strahlten voller Zuversicht und Entschlossenheit. Shelassia bog ihren
schlanken Hals zurück - das untrügliche Vorzeichen für Drachenfeuer. Der riesige Silberwolf spannte mit
wachsamen Augen seine ehernen Muskeln an und knurrte dem heranfliegenden, roten Drachen
entgegen.

"Überlege es dir gut, Shelassia. Wir halten hier und jetzt die Geschicke der Schöpfung in unseren
Klauen!"

Shelassias Kopf zuckte vor und eine lodernde Eruption elementaren Feuers entfuhr dem Drachenmaul.
Doch anstatt den Riesenwolf zu versengen donnerte das Drachenfeuer über die Lichtung hinweg, ließ die
Luft vor Hitze flirren und verpuffte schließlich in den Weiten des Himmels über dem verzauberten Wald.

"Ich habe genug von euren Spielchen und Haarspaltereien. Meine Zeit ist knapp bemessen!" Shelassia
flog demonstrativ einen Kreis um die Lichtung. Sie war die Königin. Sie bestimmte. Mit Genugtuung
stellte sie fest, dass der Vogelschwarm sich in luftigere Höhen zurückgezogen hatte und nur noch eine
verzerrte, schwarze Wolke am Firmament bildete.

Der Wolf richtete sich auf seine Hinterbeine und folgte dem Flug des roten Drachen. "So vernehme denn
noch diese eine Frage, Mächtige, bevor du deines Weges ziehst: Warum stehen wir uns in diesem
Augenblick mehr als Feinde, denn als Freunde gegenüber?"

Shelassias Kopf zuckte erneut vor, doch dieses Mal zeigte sie lediglich ihre diamantscharfen
Drachenzähne. "Weil ich von niemandem Lügen oder Beleidigungen erdulden werde! Nicht einmal von
den Wölfen der Urzeit."

Der mächtige Silberwolf ließ sich nicht einschüchtern und bleckte drohend seine Reißzähne und
entgegnete: "Nein, weil dein Stolz verletzt wurde. Nur dein Stolz. Unsere Behauptungen widersprechen
deiner - eurer - Vorstellung, dass ihr jeden Aspekt des Seins, jedes Gesetz der Natur versteht und
beherrscht. Und das ist ein Gedanke, mit dem du dich nicht auseinander setzen willst."

Shelassia schnaubte ungeduldig. "Noch mehr Wolfsspielchen?"

"Du weigerst dich nach wie vor hartnäckig zuzuhören oder gar begreifen zu wollen. Genau dieser Stolz
und diese Ignoranz sind die Ursache für das Erwachen des Chaos. Die Ahaldamar sind der böse Spiegel
eures Selbst. Lernt euch selber zu verstehen, lernt eure eigenen Limitierungen zu erkennen, und ihr
werden lernen das Chaos in seine Schranken zu weisen. Vermögt ihr jedoch nicht über euren eigenen
Schatten zu springen, werden viel größere Schatten die Welt verdunkeln."

Schweigend hatte Shelassia dem Alphawolf zugehört. Elegant zog sie ihre Kreise über der Lichtung, aber
ihre Haltung wirkte nun weniger bedrohlich. Die letzten Worte des alten Wolfes hatten ihre Wirkung
nicht verfehlt. Dem roten Drachen stand förmlich ins Gesicht geschrieben - wenn so etwas bei einem
Großdrachen überhaupt möglich war - dass sie über das soeben Gehörte nachdachte. Die Natur rings um
die beiden Mythenwesen entspannte sich und der Lauf der Dinge setzte wieder seinen gewohnten Weg
fort. Schließlich verlangsamte Shelassia ihren Flug und nahm mit kontrolliertem Flügelschlag eine
schwebende Position gegenüber dem Riesenwolf ein.
"Ihr habt mich nicht überzeugt, Wölfe der Urzeit. Aber ich will akzeptieren, dass ein Funken Weisheit in
euren Worten liegt. Ich werde mich mit Ansalion beratschlagen, und wir werden eure Ansichten
berücksichtigen."

Der Wolf nickte zufrieden. "Damit können wir leben!"

Shelassia nickte ebenfalls und schwang sich wieder in höhere Lüfte. "Gut, dann sind der Worte genug
gewechselt worden. Ich danke für eure..." Shelassia hielt ein und schenkte dem Alphawolf, der noch
immer wie eine riesige, pelzige Statue in der Lichtungsmitte thronte, einen letzten, funkelnden Blick,
"...Hilfe."

Der Anflug eines Lächelns stahl sich auf das Wolfsgesicht. "Wenn du auf deinem Rückflug Zeit für einen
Abstecher zu unseren Vettern im Alabasterwald hast, berichte ihnen von den Verletzungen deines
schwarzen Gefährten, Rotschuppe."

Shelassias Augen verengten sich. Dann streckte sie ihren schlanken Hals und lachte. Mit den mächtigen
Schlägen weiter Drachenschwingen erhob sich der rote Großdrache majestätisch in den wolkenlosen
Herbsthimmel.

Teil 4: Die dritte Frage

Das Bild des Seelenbrunnens verblasste. Shelassia blickte nachdenklich ihrem eigenen Abbild hinterher.

"Ich muss gestehen, dass uns die Wölfe damals tatsächlich nicht nur geholfen, sondern unsere Augen für
einige wesentliche Aspekte der Schöpfung geöffnet haben", meinte Shelassia in Gedanken. "Und sie
taten es vermutlich nicht einmal aus eigener Dringlichkeit. Nach unserem damaligen Erkenntnisstand
hätten wir und die Ahaldamar uns nur gegenseitig ausgelöscht. Die Wunden im Gewebe der Natur wären
gewaltig gewesen, aber ihre Bewahrer hätten es wohl überdauert. Aber was genau will uns der Brunnen
mit dieser Geschichte mitteilen?"

"Ich erkenne zunächst zwei Lehren, die wir aus dem Gezeigten ziehen können", antwortete Ansalion.
"Manchmal benötigt man eine selbstlos helfende Hand. Wir benötigten sie damals, und nun sind es die
jungen Völker, die unserer bedürfen. Und weiterhin kann diese Hilfe oftmals nicht zu früh kommen.
Hätten wir damals weiter unwissend unsere schrecklichen Vettern bekämpft, wäre unsere gegenseitige
Vernichtung nicht mehr aufzuhalten gewesen."

"Es fällt schwer das zuzugeben, aber ich stimme dir zu." Shelassia war aber immer noch beunruhigt. "Ich
bin mir sicher, dass wir einen weiteren Hinweis übersehen. Eine dritte Botschaft, oder warum sind
unsere Seelen noch nicht in unsere Körper zurückgekehrt?"

Ansalion antwortete nicht sofort. Shelassia wollte schon auf eigene Faust in die Tiefen des Brunnens
eintauchen, als die lautlose Stimme des goldenen Drachen wieder ihren Geist berührte. "Auch ich bin mir
immer nicht sicher, dass unser Einschreiten die richtige Entscheidung wäre, denn würden wir damit nicht
zu den Wurzeln unserer größten Bedrohung zurückkehren? Aber du hast recht. Drei Fragen. Drei
Botschaften. Willst du wieder voranschreiten, Shelassia?"

Shelassia nickte in Gedanken und ließ zum dritten Mal ihr Gespräch mit Ansalion auf den hohen
Felsklippen vor ihrem inneren Auge ablaufen. Die dritte Frage schlug ihr wie ein böser Fluch ins Gesicht
der Erinnerungen: "Wer, frage ich Dich, sollte unsere Existenz gefährden?"

Shelassia schrie auf, als sie sich in der wahrgewordenen Hölle wiederfand.

Dunkelheit.

Blind irrt sie umher.

Verdammnis.

Niemand hört ihr Rufen, ihre Schreie.

Leere.

Getäuscht und verraten und ins Nirgendwo verbannt.

Träume.

Alpträume von einer endlosen Dürre voll unendlichem Warten.

Unklarheit.

Verschwimmende Visionen aus Blut und im Geiste verbundener Peiniger.

Unordnung.

Das Verlangen alles, jeden - einschließlich sich selber - ins Chaos zu stürzen.

Zorn.

Angst, Wut, Trauer, Schrecken, die immer wieder das verzehrende Feuer des Chaos mit Nahrung
anheizen.

Visionen.

Verzerrte Bilder einer gepeinigten Welt und einer sich krampfartig im Delirium windenden Schöpfung.

Macht.

Grenzenlose Macht, gebändigt und verwehrt durch ein Gespinst aus Illusionen, Täuschungen, Hingabe
und selbstloser Aufopferung.

Hass.

Die Erkenntnis eins zu sein mit dem verhassten, reinen Spiegelbild der eigenen, düsteren Seele.
Stimmen.

Sie flüstern verheißungsvoll von Befreiung und Befriedigung.

Angebot.

Werden sie das Versprechen die Ketten zu zerreißen einlösen?

Wagnis.

Ein dunkles, starkes Herz mit unersättlicher Gier reißt unsere Mauern nieder.

Freiheit.

Bald, bald, bald...

Die Bilder verschwanden und Shelassia schrie auf. Sofort wurde sie von einem Tornado der Sinne erfasst
und durch ein chaotisches Sammelsurium von Gedanken, Erinnerungen und Emotionen geschleudert.
Hilflos wurde sie von einer unbegreiflichen und ungreifbaren Hand gepackt und umhergewirbelt.
Instinktiv griff ihr haltloser Geist nach ihrem Körper. All ihre Erinnerungen galten nur noch dem Wunsch
Herrin über ihren eigenen Leib zu sein. Sich frei zu bewegen, frei entscheiden zu können.

Einen Gedankenblitz später kam Shelassia auf dem Marmorboden des Felsendoms liegend wieder zu
sich. Neben ihr stöhnte Ansalion auf. Mühselig richteten sich die beiden Urdrachen in Menschengestalt
auf und sahen sich an.

"Ich kann das nicht glauben", stellte Shelassia fassungslos mit aufrichtiger Bestürzung fest. "Sag mir,
Ansalion, dass das nicht wahr ist!"

Ansalion blickte seine Drachenschwester ebenso betroffen an. "Ich wünschte, es wäre unwahr, aber mit
einem Mal passen alle Teile zusammen."

"Dann war das, was wir soeben gesehen, oder genaugenommen erlebt haben, die Realität?"

Ansalion runzelte seine Stirn. "Davon müssen wir leider ausgehen. Ich hätte es schon nach der zweiten
Botschaft des Brunnens erkennen müssen, dann hätte uns die dritte Vision weniger überrascht. Alle
Zeichen waren vorhanden. Die Versuchung in die Angelegenheiten der restlichen Welt einzugreifen, die
Erinnerung an die eigene Bedrängnis und der Hinweis auf unsere größte Schmach. Hätte ich es nur früher
erkannt, wir hätten jetzt vielleicht die Gelegenheit gehabt, rechtzeitig einzugreifen. Und wieder waren
wir blinde Toren!"

Shelassia nickte bedauernd. "Leider können wir das jetzt nicht mehr ändern, alter Freund. Bleiben uns
nur noch die Fakten." Grimmig blickte sie ihren Drachenbruder an. "Der Nachtkönig ist also tatsächlich
dieses Risiko eingegangen? Sein Hass auf die Völker des Lichts und seine Gier nach Rache sind
unermesslich. Er benötigt eine Lektion!"

"Bewahre Geduld und Einsicht, Shelassia", mahnte Ansalion. "Noch wissen wir nicht mit Sicherheit, dass
er Erfolg hatte."
"Aber wir sollten besser davon ausgehen", wehrte sie entschlossen seinen Versuch ab, ihre wuterfüllte
Leidenschaft zu zügeln, "und uns darauf einstellen unserem schlimmsten Alptraum entgegen zu treten."

Ansalion ließ resignierend die Schultern hängen. "Bei allem was rechtens und uns heilig geworden ist.
Dies wird eine noch größere Herausforderung werden als beim letzten Mal. Die List mit der Seelenreise
und dem Einkerkern unserer dunklen Vettern im Labyrinth ihrer eigenen wirren, ungezügelten Gedanken
wird voraussichtlich nicht mehr gelingen. Wir müssen uns etwas Neues einfallen lassen, um sie zu
beschäftigen."

Shelassia nickte und fragte enthusiastisch: "Könnten wir uns ihnen nicht doch Auge in Auge stellen?
Dieses Mal wäre es nicht unser Wirken, welches sie erweckte."

Ansalion hob beide Hände, als wolle er die gesamte Welt umfassen. "Das ist wohl wahr, ebenso wie wir
uns, so hoffe ich, in den letzten Jahrtausenden unserer Verantwortung bewusster geworden sind. Doch
in welchem Maß können wir in die Schöpfung eingreifen? Zumal wenn es unsere eigenen Geschöpfe
sind?"

Shelassia blickte Ansalion mit leuchtenden Augen an. "Dann lass es uns ein für allemal herausfinden.
Früher oder später musste dieser Tag kommen. Die Ahaldamar werden die Welt wieder heimsuchen.
Doch dieses Mal sind wir bereit!"

Die Drachentöter

Hauptakteure der Geschichte:

Artemis, Gabriel und ich: Meine Geschwister und ich haben etwas ungewöhnliche Namen für Drachen.
Ach ja, ich heiße Genesis. Genau wie die Entstehungsgeschichte in der Bibel. Ich bin blau-grün geschuppt.
Artemis ist rot-orange-gelb. Harte Zeiten kommen auf mich zu...

Morja, ein Drachenjäger und -töter: Er ist seit seinem ganzen Leben hinter meiner Familie her.

Crestoria oder kurz Cresty: Die Tochter von Morja. Sie ist das genaue Gegenteil von ihrem Vater: Sie liebt
Drachen. Das kommt uns zunutze. Sie birgt ein großes Geheimnis, das weiß sie aber selber nicht mal...

Und noch Harpye und Tooka, unsere Haustiere: Ja, auch Drachen können Haustiere haben! (ich
zumindest) Harpye ist ein überdimensional großer Adler (für normale Adler, nicht für Drachen) und
Tooka ist ein Säbelzahntiger, den wir aus der Urzeit gerettet haben. Sie werden nützlich sein...

.
Alles begann damit, daß wir aus unseren Eiern schlüpften. Zur selben Zeit erfuhr ein Drachenjäger (noch
nicht Morja), daß wieder Drachen auf die Welt gekommen waren, und unternahm alles, um die
"schrecklichen, mordenden Ungetümer" aus der Welt zu schaffen. Meine Spezies Drache ist normal
ruhig, aber wenn es um ihren Nachwuchs geht, sind sie einer der gefährlichsten Kreaturen. Unsere
Mutter stellte sich mit aller Macht den Kämpfern gegenüber, und die erste Hälfte vertrieb sie auch. Ich
und meine Geschwister konnten inzwischen schon alle Fähigkeiten, und die ersten Worte, die ich hörte,
waren: "Fliegt weg!" Gabriel spürte die Gefahr und machte sich auf den Weg. Ich folgte etwas verdattert
mit Artemis nach, und als wir uns im Wald versteckt hatten, begannen unsere ersten Lebensjahre.

7 Jahre später...

Wir waren nun ausgewachsene Drachen. Artemis trug ihren Namen der griechischen Jagdgöttin zu recht,
denn sie war die stärkste von uns allen. Gabriel war eher der ruhigere Typ, seine Nerven reichten SEHR
lang, doch wenn ihm der Geduldsfaden riß, konnte ihn nichts mehr aufhalten. Nur einmal sah ich ihn so
wütend, da hatten ihn Elfen bis zum Ende gereizt. Ich hab immer noch versengte Flügelspitzen... Und ich
bin eine Mischung aus den beiden. Ruhig, aber bei der Jagd unschlagbar. Ich war auch der schnellste
unter ihnen, und es gab etwas besonderes. Ich hatte Kiemen. Ich konnte in Dimensionen vordringen, die
meine Geschwister nie gesehen hatten, was manchmal ganz nützlich war.

Ach ja, und unsere Mutter hatten wir nie mehr gesehen...

Im Sommer:

"Wir müssen diese verdammten Drachen finden und töten!" rief Morja und schlug mit der Faust auf den
Tisch. "Sie lassen mir keine Ruhe!" "Erst mal finden...", meinte ein Armeechef, doch die Antwort haute
ihn um: "Ach, du willst den Kriechtieren da draußen auch helfen?!? Crestoria wollte das auch und sieh,
wo sie nun ist!" Morja hatte Crestoria verscheucht, weil ihr herausgerutscht war, daß sie Drachen mag.

Und was mich anging, ich hatte gar nichts getan! Harpye, unser treuer Adler, er konnte sprechen, hat uns
die Nachricht gebracht, daß wir uns unserer Haut erwehren könnten, aber es wäre anstrengend.
Verständlich, drei Drachen gegen 1.000.000 Männer... Ich sah gedankenverloren zum Himmel hinauf, da
sah ich Artemis mit ihren glänzend-rotorangenen Schuppen kommen. Sie hatte etwas auf dem Rücken...
seltsam. Beute trägt sie sonst immer im Maul!

Lautlos landete sie vor mir und sagte: "Genesis, stell dir vor, ich hab jemanden gefunden, der Drachen
mag und alles tut, um ihnen zu helfen! Sie heißt Crestoria, wenn wir sie hier wohnen lassen, können wir
Cresty zu ihr sagen. Im Moment ist sie ohnmächtig." Ich sah Artemis an, als hätte sie auf einem Fuß
hüpfend das chinesische Alphabet gejodelt, und fragte sie: "Echt? Ein Mensch, der uns helfen will?"
Schlagartig änderte sich meine Laune, als sie nickte, und ich rief: "Klar kann sie hierbleiben! Ich sage nur
noch Gabriel Bescheid!" Natürlich stimmte Gabriel zu, und Crestoria war von nun an Mitglied unserer
Familie.

Ein paar Monate später...

"Genesis! Aufwachen! Wir müssen hier weg!" rief jemand. "Wasnlos? ´gähn` Ach, lass mich", sagte ich
müde. Ich hatte keine Zeit zu reagieren, da packten mich zwei Paar Krallen, rissen mich von meinem
Stein und trugen mich davon. "Hey! Gabriel, was fällt dir ein! Loslassen!" schrie ich, doch Gabriel
erklärte: "Die Drachentöter-Armee ist vor unserer Höhle, wir mußten fliehen, aber du hast ja noch
geschlafen... Meine Flügeloberseite ist von Pfeilen getroffen worden, aber es geht noch..." Oh, das
stimmte. Ich schlief immer SEHR lang. Ich riß mich los und flog mit eigenen Flügeln weiter. Au - ich glaub,
ich hatte einen Krampf; ich sackte etwa 5 Meter ab, ehe ich mich retten konnte. Tooka und Harpye saßen
auf dem Hals von Artemis (ja, auch Harpye, denn er schlief noch halb) und Cresty klammerte sich an
Artemis´ Schwanz fest, was ihr Spaß zu machen schien. Auf dem Erdboden sah ich ein zerfleischtes
Krokodil, das die Kämpfer wohl für einen Drachen gehalten haben. Iih, ein gräßlicher Anblick. Nach etwa
einer Stunde Flug landeten wir in einer Bergregion und schliefen erst mal ein...

"Aaah! Was ist los? Was ist das?" "Hm?" fragte ich noch ganz verschlafen, doch dann merkte ich es.
Artemis war gefesselt, von den Flügeln bis zu den Hinterzehen, und mir ging es auch nicht besser.
Plötzlich spürte ich etwas auf meiner Vorderhand. Es war wohl ein Drachenjäger, er hatte ein Schwert in
der Hand, und auf seiner Rüstung schimmerte das Wort Morja. Konnte nur sein Name sein... Er redete
etwas, das ich nicht verstand, und zog ein gigantisches Schwert. Gabriel hätte sicher verstanden, was er
sagte... Gabriel? wo war er hin? Von einer Bergspitze hörte ich eine vertraute (und auch ziemlich laute)
Stimme: "WIRST DU WOHL MEINE GESCHWISTER IN RUHE LASSEN, DU DRECKIGER, MIESER
REPTILIENMÖRDER?!? ICH WERDS DIR ZEIGEN!" Oh, oh... Gabriel war sauer. Ich zog gerade noch
rechtzeitig den Kopf ein, da schoß ein Feuerball den Berg hinunter und versengte die Armee von Morja.
Dieser ergriff die Flucht, und Gabriel verfehlte ihn nur knapp, als er eine Sturzflug-Attacke startete.
Immer noch mit glänzenden Augen befreite er Artemis und mich, und ein kleiner Feuerstoß zischte aus
seinen Nüstern. Crestoria, Harpye und Tooka hatten sich anscheinend aus dem Staub gemacht und
waren wohl in der Bergregion (da dies ein Drachenland war, hieß sie von nun an die
"White-Dragon-Region" (Gabriel war strahlend weiß)).

Zur gleichen Zeit...

"Dieses verdammte weiße Biest! Meine schöne Armee! Mir wäre dieses blaugrüne Monstrum schon
sicher gewesen! Und sein roter Freund auch! Ich hasse diese Viecher!" brüllte Morja, außer sich vor Wut.
Auf einmal erreichte ihn ein Mitarbeiter des Laboratoriums: "Die Platinformel ist entdeckt! Wir werden
gegen die Drachen siegen, Platin hält sicher durch!" Morja war offensichtlich entzückt; er ordnete an,
daß sofort die besten und mutigsten Männer des Landes kommen sollten, um die Echsen zu töten.

Artemis hatte inzwischen schon Harpye und Tooka gefunden, und sagte ihnen, sie sollen eine
Drachenhöhle finden, die groß genug für alle ist. Anscheinend hatten sie eine gefunden, denn ich sah sie
nicht mehr. Cresty war immer noch wie vom Erdboden verschluckt, doch das war im Moment unser
geringstes Problem.

"NEIN! Nicht schon wieder dieser Morja! Die rotten uns noch aus!" rief ich. Das "wollen sie ja auch" von
Artemis entging mir. Die Bergregion war sehr verwinkelt, was ein Vorteil seien könnte. Leider ließen wir
uns zuviel Zeit, und die Drachenjäger kamen gefährlich nahe. "Genesis, Artemis, hier lang!" zischte
Gabriel besorgt, der wie immer Ruhe bewahrte. Er zeigte auf einen schmalen (für uns Drachen) Weg und
verschwand darin. Wir liefen ihm nach (zum Fliegen war der Gang zu eng), als wir vor einem weiteren
Weg und einem Wasserfall standen. Plötzlich sprang eine vermummte Person aus dem Wasserfall und
sagte: "Hier rein!" "Crestoria?" fragte ich halb verwirrt, halb erfreut, doch sie sagte: "Quatsch keine
Opern; geh da rein!" Zu verwirrt, um etwas zu sagen, sprangen Artemis und ich mehr oder weniger
unversehrt durch den Wasserfall. Dahinter war eine weitere Schlucht. Hinter uns hörten wir schon die
Truppen. Oh nein, sie hatten uns gesehen! Crestoria konnte sie anscheinend auch nicht aufhalten, und
wir rannten um unser Leben. Ich war leider nicht so sportlich wie Artemis und klappte zusammen. Nicht
aufgeben... tönte es in meinem Kopf, ich versuchte weiter zu laufen, aber ich konnte nicht. "Komm
schon!" hörte ich Artemis rufen. Sie war stärker als ich, schleuderte mich auf ihren Rücken und rannte
davon. Als ich wieder auf meinen eigenen Füßen stehen konnte, waren wir an einer Felswand angelangt.
Ein paar Sekunden, die mir wie Stunden vorkamen, standen wir da; bis hinter uns Morja auftauchte.
"Hahaa, jetzt hab ich euch!" hörte ich ihn rufen. Er zog sein Schwert, ging auf mich zu, und holte aus...

Eine Hundertstelsekunde später...

"HALT!" brüllte jemand und sprang zwischen uns. Ich hatte eine Art Blackout, ich muß ziemlich blöd
ausgesehen haben, doch Morja und Artemis fragten gleichzeitig: "Crestoria?" "Woher kennst du sie, du
fieses...?!?" brüllte Morja Artemis an, doch weiter kam er nicht. Ich war sauer. "KEINER BELEIDIGT MEINE
GESCHWISTER!" rief ich und stürzte mich auf ihn. Das war ein Fehler, denn die Platinrüstung zeigte ihre
Wirkung. Ich fiel zu Boden, und jemand schlitzte mir die Seite auf. Ich spürte brennenden Schmerz, und
jemand rief: "Das ist dein Ende..."

Doch was war das? Meine Wunde wurde nicht schlimmer, die Blutung hörte auf, und mein Bein, das
dieser Mistkerl ebenfalls erwischt hatte, heilte aus. Ich konnte nur ein verwirrtes "Hä?" von mir geben,
da brüllte Crestoria (so wütend sah ich sie noch nie): "WIE KANNST DU ES WAGEN? DASS DU DRACHEN
VERFOLGST, IST JA SCHLIMM GENUG, ABER DAS!?!" Da passierte etwas merkwürdiges. Crestoria glühte
auf (Gabriel fiel in Ohnmacht, er erträgt so was nicht), sie wurde größer, bekam Schuppen, Krallen, Flügel
und einen schuppigen Schwanz, ihr Kopf wurde größer, aber schmaler, ihr wuchsen Reißzähne und zwei
schuppenüberzogene Hörner, die nach hinten wegstanden (so sahen wir auch aus). Sie wurde ein
Drache. Alle starrten sie an, als würde sie in Hawaii mit einem Pelzmantel herumlaufen, doch sie
kümmerte das nicht weiter, sie sagte nur mit einem schiefen Grinsen: "Rache ist süß." Ehe ich richtig
gucken konnte, zog sie ihrem Vater(!) mit der Kralle eine über, und verspeiste ihn. Sie sah die restliche
Armee an, und dann fragte sie uns: "Helft ihr mir?" Ich und Gabriel verstanden sofort, Artemis wenig
später auch; wir umringten die Truppe, holten Luft und wollten gerade eine Grillparty veranstalten, als
einer der Kämpfer sagte: "Moment mal! Wir wollten das alles nicht, wir wurden dazu gezwungen!"
"Ehrlich?" fragte ich, und schnippte als Warnung gegen einen Felsbrocken, der in mindestens 100.000
Stücke zerbrach. Doch dann sagte Artemis: "Okay, lassen wir sie laufen", und zog mit der Hand knapp
über sie. Die Kämpfer waren fort. Artemis und Gabriel hatten angeborene Zauberkräfte, die ich nicht
hatte, wegen den Kiemen.

Es war mir egal.

Später...

Das ganze Land ist in uns Drachen geradezu vernarrt, da sie der Terrorisierung von Morja Glauben
schenkten. Sie wussten nicht, was für wunderbare Geschöpfe Drachen waren. Crestoria gehört jetzt
mehr denn je zu unserer Familie, die übrigens in der ganzen Bergregion wohnte. Die Bevölkerung
versorgte uns mit Futter, das sie immer eigenhändig in unsere Berge trugen. Seitdem hat in unserem
Land nie wieder jemand Drachen gejagt.

ENDE

Anmerkung von Artemis:

Die Geschichte ist absolut wahr, bis auf das, daß ich die Armee verschwinden lasse. (Kann ich doch gar
nicht, Genesis) Das ganze Pack wurde in einen Käfig gesperrt, den ich in ein Drachengelege stellte, bei
denen die Jungen schon geschlüpft waren. Sie haben noch immer eine Heidenangst vor Drachen... °hi, hi,
hi°

Anmerkung von Gabriel:

Genesis hat vergessen zu schreiben, daß ich der gebildetste von uns war. Alles andere stimmt. Ich bin
wirklich sehr ruhig, bis jemand meine Nerven überstrapaziert.

Anmerkung von Crestoria:

Es ist cool, ein Drache zu sein. Meine regenbogenfarbenen Schuppen sind Blutabweisend, deshalb kann
ich mich nicht damit beschmutzen und bin hochgefährlich. Ich spüre keine Reue, weil ich meinen Vater
verspeist habe!

Blauer Drache

Die Sonne kroch über den Rand des Horizontes und gab dem Auge den Blick auf das Weideland und die
Burg frei. Wachposten patrouillierten über die zinnenbewehrten Mauern. Hauptmann Gaynen und einer
seiner Soldaten blickten besorgt, die Hand schützend gegen das Sonnenlicht erhoben, nach Osten.

Noch schien der Scharchawald ruhig, doch bald würde er wieder dem Hexenkessel des Vortages
gleichen. Gaynen griff unwillkürlich an den Knauf seines Schwertes, als er an die Feinde, Ritter,
Schwertkämpfer und Rammböcke, dachte, die wie Spinnen aus dem Wald gekrochen waren. Zwar hatten
die Laufboten der Tricheller die Kriegserklärung schon vor Wochen gebracht, doch der König hatte es
nicht für nötig gehalten, genügend Vorkehrungen für einen Krieg oder eine Belagerung der Scharchaburg
zu treffen. Verächtlich verzog Gaynen den Mund. Er hielt den König für unfähig, und machte in der
Öffentlichkeit auch keinen Hehl daraus. Allein der Herrscher selbst drückte beide Augen zu. Ob er zu
feige war, Gaynen die Stirn zu bieten? Der Hauptmann wischte den Gedanken weg, befahl dem Soldaten,
die Stellung zu halten und machte sich an den beschwerlichen Abstieg von der Schildmauer.
Müde und verletzte Soldaten lagerten auf dem Vorhof der Burg. Sie warteten auf den nächsten Angriff
der Tricheller, einige versorgten noch ihre Wunden der letzten Schlacht. Gaynen überquerte den Hof,
passierte ein paar Häuserreihen und betrat den steinernen Bergfried. Er schritt an den, mit Bildern
behängten, Ahnengalerien vorbei und öffnete die Tür des Thronsaals. Ein Banner flatterte leicht, als er
die Pforte wieder schloss und aus dem Schatten trat. Der König stand von seinem Thron auf, als er
Gaynen bemerkte.

"Wie sieht es aus, mein Freund?" sagte er mit seiner sanftmütigen, warmen Stimme. Sein dunkelbraunes
Haar war ungekämmt und er schien kaum geschlafen zu haben.

Er ist wirklich nicht für einen Krieg geeignet, dachte Gaynen und verbeugte sich vor dem Herrscher.
"Nicht so gut, mein König. Die Schildmauer ist beschädigt und ein Viertel unserer Streitmacht liegt
verwundet auf dem Hof. Außerdem ist Euer Vetter Hrem in der Nacht gefallen."

Der König wurde eine Spur blasser, als er ohnehin schon war.

"Des weiteren haben wir den Verlust des Häuptlings der Skrosken zu beklagen. Seine Truppen sind
demoralisiert. Sie spielen mit dem Gedanken, die Burg verlassen."

Im Gesicht des Herrschers breitete sich eindeutig Panik aus. "Wann wollen sie gehen?" fragte er mit
deutlich zitternder Stimme.

Gaynen zuckte mit den Schultern. "Ohne ihren Häuptling sind sie unentschlossen, sie werden einen
neuen wählen, der diese Entscheidung treffen wird."

"Wurden schon neue Feinde gesichtet?"

"Nein, im Moment ist noch alles ruhig." Warum geht er nicht selber nachschauen, dachte der
Hauptmann.

In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut und ein Skrosk trat ein. In seiner kräftigen Hand hielt er
einen langen Speer. Er spielte mit seinen Armmuskeln, als er mit, typisch für einen Skrosk, finsterem
Blick vor den König trat. "Ich bin der neue Häuptling der Skrosken, Mitradh. Wir bleiben und
unterstützen Euch, König Philes."

Der Herrscher atmete erleichtert auf.

"Jedoch", setzte Mitradh hinzu, "pro Verwundeten oder Toten unserer Krieger möchten wir eine
Entschädigungssumme von 20 Prior. Überlegt es Euch gut, in einer Stunde erwarten wir Eure Antwort."
Der Skrosk nickte leicht mit dem Kopf, ein Zeichen der Anerkennung, und verließ den Thronsaal.

König Philes wendete sich hilflos an Gaynen: "Können wir die Skrosken entbehren?"

"Nein, Herr. Ich rate Euch, die Summe bereit zu halten und einzustimmen." Danach verließ auch Gaynen
den Saal und ließ den König mit seinen Problemen allein.

Ein Soldat kam ihm entgegen gehetzt. "Sie kommen Herr. Und, sie bauen Triboke auf!" schnaufte er.
Gaynen rannte auf den Hof. "Aufsitzen!" brüllte er. "Denen zeigen wir’s." Dann schwang er sich auf
seinen schwarzen Hengst Gerlen und donnerte, begleitet von den noch kampffähigen Rittern, aus dem
Tor. "Zerstört um jeden Preis die Triboke, Männer!" rief er, bevor er mit seiner Lanze einen Tricheller aus
dem Sattel hob. Dann galoppierte er auf einen der Triboke zu, wich einem Fußsoldat aus, und zerschnitt
mit einem Schwerthieb, das Spannseil des Belagerungsgerätes. Das wird eine Weile dauern, bis sie das
wieder hingekriegt haben, dachte er und wandte sich dem nächsten Tribok zu. Aber inzwischen waren
die restlichen Ritter der Tricheller auf die Pferde gesprungen und hetzten den deutlich in der Unterzahl
liegenden Verteidigern entgegen. Gaynen prallte mit einem schwer gepanzerten Reiter zusammen und
verfluchte den König, der seine Residenz unbedingt auf die Scharchaburg, die erste Burg nach der Grenze
zu Trichell, legen musste. Mit seinem leichter gepanzerten Gerlen, konnte er dem Ritter entkommen und
deckte nun den Rücken seines besten Kämpfers, dem Alten Paule, wie er in der Burg hieß.

"Wie viele noch, Gaynen?" rief er und schlug einem Reiter das Schwert aus der Hand.

"Einen hab ich zerstört, einer geht auf Gergelys Kappe, dich hab ich auch an einem gesehen..." Der
Hauptmann ließ den Blick kurz über das Kampffeld streifen. "...da hinten steht noch einer, los komm!"

Gaynen löste sich von einem anderen Feind und ließ Gerlen im gestreckten Galopp zu dem letzten Tribok
rennen. Der Alte Paul kam hinterher. Die beiden Ritter zerschnitten die Stricke und versuchten wieder
aus der Soldatentraube, die sie umgab, zu fliehen. Gaynen brüllte nochmals über das Schlachtfeld:
"Rückzug!" Dann ritt er einen Fußsoldaten nieder und ermöglichte ihm und dem Alten Paul die Flucht.
Die Feinde, die ihnen in die Reichweite der Burgschützen folgten, wurden mit einem Pfeilhagel begrüßt.

Im sicheren Burghof stieg Gaynen von seinem mit Schweiß überströmten Pferd. Acht weitere Ritter
hatten sie verloren, doch die Triboke waren zerstört worden. Gaynen stieg auf die Schildmauer, um
einen besseren Überblick auf das Schlachtfeld zu haben. Doch jetzt kam der zweite Angriff. Mindestens
zehn Katapulte schoben sich langsam aus dem Wald. Der Hauptmann schien beruhigt. Zwar hatten die
Katapulte aus Trichell eine furchtbare Reichweite, aber sie konnten von der Burg aus in Beschuss
genommen werden. Vielleicht könnten sie den Angriff der Tricheller zurückschlagen und sie wieder
hinter ihre Grenze treiben.

Eine Woche verging, eine furchtbare Woche voller Blut und Toten. Und das alles nur wegen des Todes
des alten Tricheller Königs, dachte Gaynen. Der alte König wurde auf einer freundschaftlichen Jagt mit
König Philes von unbekannten Banditen erschossen. Zufällig wurde einer geschnappt, der sich als ein
Diener des Königreiches Scharcha bekannt gab. Nur eine Lüge, um seine Haut zu retten, hatte Philes
gesagt, aber der Sohn, jetzt König Garthed von Trichell, erklärte ihm den Krieg. Gaynen schüttelte die
Erinnerungen fort und wandte sich wieder der Wirklichkeit zu.

Die Tricheller hatten einen Tribok repariert und nahmen damit die Burg in Beschuss. König Philes war
schon lange in Sicherheit gebracht, in die stärkste Festung Scharchas, die Trollburg. Gaynen, seine
Männer und freiwillige Mitkämpfer aus der Umgebung versuchten, die Scharchaburg zu halten, doch es
sah schlecht aus. Auf dem Schlachtfeld konnten sie kaum noch Siege erringen, denn Garthed ritt selbst in
den Kampf. Er war ein furchtbarer Kämpfer, der es mit jedem aufnahm.

Gaynen schauderte bei dem Gedanken an seine Begegnung mit ihm. Er war gerade noch mit einem
gebrochenen Arm davon gekommen. Nun war er dazu verdammt, in der Burg zu bleiben und die
Bogenschützen und Katapulte zu befehligen. Die Schildmauer war so brüchig, dass es keiner mehr wagen
konnte, von ihr zu schießen. Gaynen, der jetzt Herr der Scharchaburg war, spielte mit dem Gedanken
aufzugeben.

Wir haben eh keine andere Chance, dachte er, als er am späten Abend auf der Mauer entlang wanderte.

"Haben wir nicht?" fragte eine Frauenstimme.

Gaynen drehte sich um und blickte in das Gesicht der Herrin von Salion, Lady Charyss, seine Schwester.
Ihr blaues Kleid flatterte leicht im Wind, die blonden, langen Haare fielen über ihre Schultern.

"Charyss, was machst du hier?" Sein Gesicht hellte sich auf. Wie lange hatte er sie nicht mehr gesehen.

Die Lady lächelte. "Philes schickt mich - er sagt, du brauchst Hilfe."

"Du willst hier noch etwas ausrichten? Da hilft alle Magie der Welt nicht", antwortete er, sofort über
seinen offenen Empfang verärgert.

Charyss presste die Lippen aufeinander und zischte: "Hast du jemals meine Magie zu sehen bekommen?
Nein, nie richtig. Aber wenn du meine Hilfe nicht willst..."

Gaynen blickte sie zweifelnd an. "Und was kannst du mit deiner Magie ausrichten?"

"Jedenfalls mehr, als du mit deinem Arm." Sie stieg ohne ein weiteres Wort von der Mauer.

Der Hauptmann schaute ihr hilflos hinterher. Manchmal bekam er Furcht vor der Direktheit seiner, fast
zehn Jahren jüngeren, Schwester. Er seufzte und begab sich zu seinem Zimmer. Wir werden sehen, was
sie vorhat, war sein letzter Gedanke, bevor er einschlief.

Der Morgen begann wie jeder andere, ruhig bis nach dem Frühstück und danach der Angriff von
Garthed. Gaynen kletterte, wie jeden Morgen, auf die Mauer und überblickte den Wald, an dessen Rand
das Lager der Gegner war. Heute aber schienen die Feinde zahlreicher geworden zu sein. Garthed hatte
sich Verstärkung geholt.

Wenn Charyss nichts ausrichten kann, dann werden wir bald geschlagen sein, rief sich der Hauptmann
ins Gedächtnis.

"Wenn kein Wunder geschieht, werde ich Garthed zumindest für eine Weile zurückschlagen können,
Bruderherz." Charyss stand neben ihm an der Mauer.

"Ich kann es nicht leiden, wenn du meine Gedanken liest." Gaynens Gesicht verdüsterte sich.

Sie antwortete nicht, sondern fragte stattdessen: "Wann greifen sie an?"

"Jetzt sofort", erwiderte der Hauptmann, im gleichen Moment schlug ein vom Tribok geschleuderter
Felsbrocken im schon arg ramponierten Burgtor ein. Die Mauer bebte. Gaynen eilte zu seinen Leuten.
Das Tor war fast zerstört. Noch ein paar gezielte Treffer und sie waren den Feinden hilflos ausgeliefert.
Charyss konzentrierte sich. Im Gedanken griff sie tief in sich hinein und öffnete die Pforte zu ihrer
Zauberkraft. Der Blick der Soldaten wanderte zur Burgmauer. Sie fühlten die ungeheure Macht, die die
junge Frau ausstrahlte. Gaynen sah den tiefblauen Schimmer, der Charyss umgab. Plötzlich veränderte
sich die Luft. Kaum merklich wechselte der Wind seine Richtung. Wolken verdeckten die Sonne. Aus
Charyss’ Rücken sprossen zwei riesige Flügel, ihre Gestalt veränderte sich. Atemlos starrte Gaynen sie an.
Sie benutzte den Drachenzauber! Er entschuldigte sich gedanklich bei ihr, dass er sie nicht ernst
genommen hatte.

Auf einmal wurde alles wieder normal. Die Wolken gaben die Sonne wieder frei, der Wind drehte die
Richtung. Auf der Burgmauer saß ein riesiger, tiefblauer Drache. Er, oder besser sie, breitete die Flügel
aus und flog den entsetzten Feinden entgegen. Aus ihren Nüstern stieß eine gewaltige blaue Flamme, die
den Tribok in Flammen setzte und ihn explodieren ließ. Pfeile schwirrten auf die riesige Echse zu, doch
sie prallten an ihrem Schuppenpanzer ab.

Ein Soldat stürmte in das Zelt des Königs. "Herr, kommt mit! Seht Euch das an!"

Garthed trat aus seinem Zelt und schnappte nach Luft. Unwillkürlich duckte er sich, als Charyss über die
Zelte hinwegschoss.

"Hol Herzog Hrantal!" rief der König dem Soldaten zu, der sofort losrannte und in einem Zelt
verschwand. Ein paar Sekunden später trat ein Mann mit einem schwarzen Gewand aus dem Zelt. Er
eilte zum König. "Sie dir das an, Bruder!" sagte Garthed. Soeben hatte Charyss die Runde über das Lager
beendet und kam zurück. Sie stieß eine weitere Flamme aus, die ein Zelt in blauen Flammen aufgehen
ließ. Wie der Tribok explodierte es.

Dann fasste sie den König ins Auge. Hrantal entdeckte ihr Vorhaben und schuf eine gleißend weiße
Schutzwand, an der ihre Flammen abprallten und zurück auf den Drachen zuschossen. Die Echse wich
geschickt aus und schoss direkt auf die Wand zu. Sie tauchte einfach hindurch und das weiße Glimmen in
der Luft löste sich auf. Hrantal zog seinen Bruder beiseite und schoss eine weiße Flamme auf Charyss ab.
Sie prallte wie ein Pfeil an ihren Schuppen ab und verschwand. Charyss spürte nur einen kleinen Stich auf
ihrem Rücken. Sie formte eine Kugel geballter Energie und ließ sie auf Hrantal fallen. Diese hätte ihn in
einem Schlag vernichtet, wenn nicht Garthed selbst seinen Bruder aus der Bahn geschubst hätte.
Stattdessen prallte die Kugel auf die Erde und hinterließ einen drei Meter breiten Krater. Charyss tauchte
in die Wolkendecke, um sich eine Pause zu gönnen.

Garthed richtete sich wieder auf. "Wirst du irgendwie mit diesem Monstrum fertig?"

Hrantal schüttelte den Kopf. "Von hier unten nicht. Den Drachenzauber kann man nur mit einem Spruch
bekämpfen, dem selben."

Garthed nickte seinem Bruder zu, formte in der Hand einen Ballen seiner Magie und gab ihn Hrantal. Er
nahm ihn dankbar auf und griff, wie Charyss in sich hinein. Seine Zauberkraft, von weißer Farbe, ballte
sich um ihn und ließ Blitze über den Himmel zucken. Sie verschwanden, und ein schneeweißer Drache
stand vor dem König

"Viel Glück!"
Der Drache nickte mit dem Kopf, bevor er in den Himmel hinauf schoss.

Charyss flog im Pfeiltempo durch die Luft, bereit, den nächsten Angriff zu starten. Wer war bloß dieser
Magier? fragte sie sich. Ohne Zweifel hatte er genauso viel Zauberkraft, wie sie. Vielleicht sogar ein
wenig mehr.

In einem weiten Bogen drehte sie sich und flog wieder dem Lager entgegen. Plötzlich tauchte ein weißer
Kopf aus der Wolkendecke auf. Hrantal spie ihr eine schneeweiße Flamme entgegen. Sie schwor einen
Schutzschild herauf und taumelte ein Stück zurück. Die helle Flamme hatte das Schild fast durchbrochen
und einen Teil ihrer Zauberkraft zerstört. Hrantal ging in den Angriff über und schoss eine Flamme nach
der anderen. Charyss wich aus und tauchte in die Wolkendecke ein. Hrantal folgte ihr, doch er konnte sie
nicht mehr entdecken. Sie flog durch die nebligen Wolken wieder nach oben und wartete auf ihn. Als er
den Kopf wieder empor streckte, schickte sie ihm einen blau leuchtenden Blitz entgegen. Er entdeckte
ihn zu spät und konnte seine Schutzwand nicht ganz aufbauen. Der Blitz durchschlug sie und warf ihn
wieder unter die Wolken. Hrantal fing sich wieder und raste erneut nach oben. Er kam hinter ihr zum
Vorschein und griff sie mit weiteren Flammenstößen an. Charyss drehte sich um und wendete einen
Verwirrungszauber an. Sie erschaffte eine Illusion.

Hrantal blinzelte und überlegte, welcher der vier Drachen, die auf ihn zuschossen, der echte war. Er spie
eine Flamme auf den einen, der sich in Luft auflöste. In diesem Moment rammte ihn Charyss. Er wurde
durch den Aufprall wieder unter die Wolkendecke gedrückt. Charyss beging nicht wieder den selben
Fehler und flog ihm hinterher.

Gaynen beobachtete den weißen Drachen, der in diesem Moment aus der Wolkendecke auftauchte. Bis
jetzt war der Kampf für ihn und die anderen Menschen am Boden unsichtbar gewesen. Kurz danach
tauchte Charyss auf. Hrantal spie ihr, noch im Fallen, eine Doppelflamme entgegen. Sie konnte nicht
mehr ausweichen und verlor einen weiteren Teil ihrer Magie, als sie im letzten Moment eine Schutzwand
hervorrief, die kurz danach wieder zerstört wurde. Sie taumelte und versuchte, sich wieder zu fangen,
aber Hrantal nutzte die Chance und schleuderte ihr den letzten Rest seiner Magie entgegen. Der blaue
Drache schlug brutal auf dem Vorhof der Scharchaburg auf. Hrantal verschnaufte kurz, bevor er zurück
zum Zeltlager seines Bruders flog.

Eine Stunde später erreichte Gaynen das Zeltlager der Feinde. Er verlangte vor den König geführt zu
werden. Er stieg von Gerlen, seinem treuen Hengst, und wartete auf Garthed. Als er kam, nahm Gaynen
die weiße Flagge von Gerlens Rücken und rammte sie vor dem König in den Boden. "Wir ergeben uns." Er
zog sein Schwert und gab es, den Knauf zuerst, dem Herrscher von Trichell.

Garthed lächelte misstrauisch. "Wer versichert mir, dass das keine Falle ist?"

"Wenn ihr an meinen Worten zweifelt, könnt ihr mich gerne als Geisel nehmen." Gaynen verzog das
Gesicht vor Schmerz, als er dem König seinen gebrochenen Arm entgegen streckte.

Garthed nahm vorsichtig seine Hand und schüttelte sie. "Ich vertraue Euch, Hauptmann Gaynen von
Salion. Los Männer."

Er stieg auf sein Pferd, das ihm ein Soldat brachte und wartete, bis seine Männer auch saßen. Hrantal
lenkte sein Pferd neben das seines Bruders. Gaynen starrte ihn an.

Garthed entging der Blick nicht und er sagte: "Darf ich vorstellen, dies ist mein Bruder, Herzog Hrantal
von Trichell."

Hrantal nickte dem Hauptmann zu und zwang sich zu einem Lächeln. Gaynen erwiderte es, ebenfalls
gezwungen. Dann stieg er auf Gerlen und ritt der Scharchaburg entgegen.

Er lenkte sein Pferd durch eine Lücke in der ziemlich angeschlagenen Mauer, denn das Burgtor war durch
den letzten Steinwurf des Triboks unpassierbar geworden.

"Ich weiß nicht, ob ihr da so eine tolle Eroberung gemacht habt...", sagte Gaynen. Der Vorhof war
komplett zerstört, Charyss hatte bei ihrem Sturz mehrere Gebäude eingerissen. Gräber waren hier
errichtet, da man die Toten nicht dem Feind preisgeben wollte. Das Tor zur Hauptburg war noch intakt.
Im Hof stapelten sich die Verletzten fast. "Das Lazarett ist überbelegt, Eure Hoheit." Gaynen stieg von
seinem Pferd und gab Gerlens Zügel einem Soldaten.

Garthed nickte. "Unsere Ärzte werden helfen."

In diesem Moment trat ein Heiler aus dem Lazarett und flüsterte dem Hauptmann etwas zu.

Gaynen wurde blass und wandte sich an Garthed: "Entschuldigt mich kurz, Eure Majestät."

Dann eilte er in das Lazarett. Nach kurzem Zögern folgte ihm der tricheller König, sein Bruder ebenfalls.

Das Lazarett war tatsächlich überbelegt. Helfende hatten zusätzliche Betten aufgestellt, selbst durch
diese Maßnahme war nicht für alle Verletzten Platz. Der Heiler wies sie an das Ende des Raumes, dort
war eine Tür, durch die Gaynen gerade verschwand.

Der Hauptmann kniete vor einem Bett in der Zimmerecke. Weitere Betten füllten das Zimmer. Hrantal
bemerkte, hier waren die Schwerverletzten untergebracht. Er wandte sich Gaynen zu. Eine blasse Frau
lag auf dem Bett.

"Wer ist das?" fragte Garthed.

Der Hauptmann flüsterte fast, als er antwortete: "Lady Charyss von Salion, meine Schwester."

Der Heiler fügte hinzu: "Sie stirbt."

Gaynen wurde noch ein wenig blasser.

Garthed war verwirrt. "Wir haben nie eine Frau angegriffen, was..."

Er wurde von Gaynen unterbrochen. "Auf dem Schlachtfeld nicht, ja. Aber weiter oben." Er blickte
Hrantal misstrauisch ins Gesicht. "Ihr wart es doch, oder?" Er sprang auf, beherrschte sich aber wieder,
entschuldigte sich und verließ den Raum.

Hrantal besah sich Charyss. Ihr Atmen war sehr flach, aber sie lebte noch. Ihr Gesicht war leicht verzerrt
und er überlegte, wie alt sie wohl war: 22, 23?
"Kannst du sie retten?" fragte sein Bruder.

Der Herzog nickte. "Sie stirbt an einem von mir gesprochenen Zauberspruch." Er öffnete die Hand und
kreiste mit ihr über ihr Gesicht. Dann sprach er leise einige Worte. Die Zauberkraft, den er für diesen
Spruch angewandt hatte, floss zurück in seine Hand.

In der Scharchaburg sammelten sich die Streitkräfte des Königs von Trichell. Er bereitete den Angriff auf
die nächste Burg König Philes’, die Krekalfestung, vor. Die besiegten Verteidiger der Burg waren
Gefangene, die Garthed so schnell wie möglich nach Trichell bringen wollte. Die Verletzten waren, so gut
es ging, kuriert. Charyss und ihr Bruder standen auf der Mauer.

"Das war’s dann wohl."

Sie nickte mit dem Kopf. "Oh Gott, wieso hab ich nicht gewusst, wer er war. Das hätte die Sache
wesentlich einfacher gemacht."

Er drehte den Kopf. "Einfacher?"

"Natürlich, dann hätte ich gleich aufgegeben."

Sie lächelte. Er grinste zurück.

"So schlecht hast du dich doch nicht gemacht. Na gut, jedenfalls bei dem, was ich gesehen hab."

Sie verzog den Mund. "Dass ich den Vorhof plattgemacht habe, ja, das fand ich auch toll."

Beide lächelten erleichtert. Gaynen ließ seinen Blick über den Scharchawald schweifen.

"Eigentlich könntest du doch einfach abhauen, dich wieder verwandeln und weg."

"Ja, und dann? Weißt du, wie schnell die hinter mir her sind?" Sie nickte mit dem Kopf Richtung Wald,
aus dem gerade Garthed, sein Bruder und eine Schar Soldaten auftauchte. "Außerdem hat der Herzog
mich mit einem Bann belegt, ich kann mit meiner Magie nicht mal eine Kerze anzünden, ohne, dass er es
weiß."

Er blickte sie ungläubig an. "Woher weißt du das, ich denke, du hast noch nicht mit ihm gesprochen?"

"Ich spüre es. Soll ich’s dir zeigen?" Sie suchte sich einen handlichen Stein. "Schau hin."

Mittels einer Handbewegung hing der Stein in der Luft. Gaynen sah auf Hrantal. Dieser hob sofort den
Kopf und beobachtete die beiden kurz, als er erkannte, dass es nichts Ernstes war, wandte er sie wieder
ab.

Der Hauptmann lehnte sich nervös zurück. "Ich mag ihn nicht, ehrlich gesagt, hab ich Angst vor ihm.
Wenn er mich anschaut, glaube ich, er weiß was ich denke."

Charyss grinste. "Er weiß es ja auch." Sie machte wieder ein ernstes Gesicht. "So wie es aussieht, werde
ich dich in nächster Zeit wohl nicht wieder sehen."
Er nickte mit dem Kopf. "Ich glaube auch, viel Glück."

"Dir ebenso."

Einige Sekunden blickten sie sich schweigend an.

Ich hab sie so lange nicht mehr gesehen, dachte Gaynen. Und jetzt verliere ich sie wieder. Er nickte ihr
kurz zu, dann verließ er die Burgmauer. Charyss beobachtete ihn, bis er im Bergfried verschwunden war.

Sie seufzte. Dann wandte sie sich dem Sonnenuntergang zu. Durch den Bann wusste sie genau, wo der
Herzog war. Und er, wo sie ist. Das Gefühl machte sie nervös. Charyss atmete tief durch und versuchte,
wieder einmal, den Zauberspruch abzuschütteln. Aber er war einfach zu stark. Oder ich zu schwach,
dachte sie verbittert. Dann stieg auch sie hinab zum Bergfried.

Am nächsten Morgen verabschiedete sich Charyss von ihrem Bruder. Er ritt mit der einen Hälfte seiner
Leute und unter der Bewachung der Tricheller nach Trichell.

Charyss stand auf seinem Lieblingsplatz, auf der Burgmauer. Sie spürte, dass Hrantal auf sie zukam. Er
lehnte sich neben ihr auf die Mauer.

"Wie lange wollt Ihr noch dagegen ankämpfen?" fragte er offen heraus.

Sie versuchte das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. "Solange, bis ich gewonnen habe."

Er seufzte. "Ihr scheint überhaupt nicht zu wissen, was ich durch diesen Zauberspruch mit Euch anstellen
könnte."

Charyss presste die Lippen aufeinander. "Nein." Ich möchte es auch gar nicht wissen, dachte sie.

"Das zum Beispiel."

Tief in ihrem Innersten erwachte der Befehl, sich umzudrehen, und den Herzog anzusehen. Charyss
versuchte dagegen anzukämpfen, doch gegen ihren Willen musste sie den Befehl befolgen. Der Herzog
war fast einen Kopf größer als sie und Charyss musste den Kopf in den Nacken legen, um in sein
sonnengebräuntes Gesicht zu blicken. Ausdruckslos erwiderte sie Hrantals prüfenden Blick.

Er hat schöne Augen, dachte sie. In der nächsten Sekunde schallte sie sich dafür. Was rede ich hier nur,
er hat mich fast umgebracht. Und wieder gerettet, sagte eine Stimme in ihr. Sie war froh, als er ihren
Blick endlich losließ. Charyss drehte sich wieder um und fragte: "Und, was bringt Euch das?"

Er lächelte. "Eine Menge, wenn ich will."

"Wollt ihr?" Wenn ich hier schon festsitze, bringe ich ihn wenigstens zur Weißglut, dachte sie.

"Im Moment nicht." Er schien ihre Taktik durchschaut zu haben. Sie beschloss, das Gespräch in eine
andere Richtung zu lenken.

"Wieso konnte ich Eure Mauer nicht durchbrechen?"


"Drachenfeuerabwehr, so ganz hilfreich. Aber ihr habt ja einen anderen Weg gefunden..." Er verzog das
Gesicht. "Wollt Ihr mich immer noch in die Luft jagen?"

Nein, wieso auch, dachte sie, sagte aber: "Wenn ich die Mittel dazu hätte."

Er lächelte sauersüß. "Soll ich sie Euch geben?"

"Liebend gern, aber dann würde ich sie erst mal zu wichtigeren Sachen benutzen, zum Beispiel von hier
verschwinden", fauchte sie, mit unterdrückter Wut in der Stimme.

"Soweit werde ich es nicht kommen lassen", antwortete er leise und entfernte sich.

Sie atmete erleichtert auf. Wenn er in der Nähe war, machte der Herzog sie nervöser, als wenn er weg
war.

Mehrere Tage vergingen, ohne, dass Charyss mit Hrantal sprach. Zum Glück, sagte sie sich.

Garthed wuselte durch die Burg, ohne Ruhe. Soldaten, Belagerungswaffen und Pferde trafen tagtäglich
ein und brachen wieder auf. Die fast zerstörte Burg glich einem Ameisenhaufen. Der Herzog unterstützte
seinem Bruder. Er scheint überhaupt keinen Stress zu haben, dachte Charyss. Sie kämpfte fast jede
Minute gegen seine Magie an. Die Burgmauer war zu ihrem Stammplatz geworden, hier war es ruhig, nur
ab und zu patrouillierten einige Soldaten vorbei. An einem kühlen Morgen brach das Heer auf. Von ihrem
Platz an der Mauer konnte sie die riesige Schar überblicken. Die Krekalfestung wird es schwer haben.
Und ich kann sie nicht mal warnen. Sie seufzte und wandte sich ab.

Der König redete indessen mit Hrantal. "Ich hoffe, es gibt nicht noch einen Magier, der so viel Macht hat,
dass er den Drachenzauber ausführen kann."

Der Herzog lächelte. "Ich halte die restlichen Zauberer von Scharcha für nicht mal halb so stark. Mach dir
keine Sorgen."

Garthed wirkte erleichtert. "Gut, ich hab keine Lust, noch mal fast gegrillt zu werden."

Hrantal, der seinen älteren Bruder um fast einen Kopf überragte, nickte und antwortete: "Falls es doch
Probleme gibt, du weißt, wie du mich rufen kannst?"

Der König grinste und sagte: "Viel Spaß mit der Verwaltung Trichells, ich glaube nicht, dass das Regieren
dir sonderlich liegt..." Dann stieg er auf sein Pferd und galoppierte seinem Heer hinterher.

Herzog Hrantal übertrug die Führung der Scharchaburg einem der Hauptmänner, die mit dem Heer
gekommen waren. Dann brach er, mit einer größeren Truppe Soldaten und den restlichen Gefangenen,
nach Trichell auf. Da die Herrin von Salion ihre Versuche, seinen Zauber zu brechen, nicht aufgegeben
hatte, war er gestresst, weil er einen großen Teil seiner Zeit und Zauberkraft auf das Abwehren ihrer
Magie verwenden musste. Charyss quittierte das mit einer grimmigen Genugtuung. Ihr Pferd Sarah ritt
ein Stückchen von der Spitze entfernt, flankiert von zwei Trichellern. Bis über die Grenze nach Trichell
waren es drei Tagesritte, Hrantal ließ dem Trupp nur eine größere Pause.

Seine Laune erreichte ihren Tiefpunkt, als Charyss einen Teil des Spruches zerstören konnte. Als sie in
Dalewynn, einer der stärksten Festungen Trichells, angelangt waren, konnte er nur noch ausmachen, wo
sie sich befand.

"Ich habe Euch unterschätzt", sagte er, als er nach Sarahs Zügeln griff, um sie einem Soldaten zu geben,
der die Pferde in den Stall führte.

"Das wäre nicht das erste Mal." Sie dachte an den Drachenkampf und ihre Illusion.

"Noch mal passiert mir das nicht", versicherte er, bevor er sich von ihr abwandte, um McGavay, den
Burgherren, zu begrüßen, der gerade aus dem Bergfried getreten war.

"War das Unternehmen erfolgreich, Euer Gnaden?" fragte der etwas stämmigere Herr.

Hrantal nickte. "Die Scharchaburg wurde eingenommen. Mein Bruder startet bereits den nächsten
Angriff."

"Hattet Ihr irgendwelche Probleme?"

Der Herzog verzog den Mund. "Wir haben alle Triboke verloren und ein Drache hätte den König fast
gegrillt."

"Ein Drache? Woher bekommen die Scharchaer einen Drachen?"

"Magie. Es gab tatsächlich einen Magier in Scharcha, der den Drachenzauber beherrschte."

"Und?"

"Nichts und. Es hat ganz schön lange gedauert, bis ich sie vom Himmel bekommen habe."

McGavay schaute ihn zweifelnd an. "Sie, Euer Gnaden?"

Über Hrantals Gesicht huschte ein flüchtiges Lächeln. Er deutete auf Charyss. "Lady Charyss von Salion.
Und jetzt entschuldigt mich bitte, könnt Ihr mir sagen, wo ich Chorus von Kimris finde?"

Der Burgherr beantwortete seine Frage, worauf Hrantal verschwand. Der Mann brauchte ein paar
Sekunden, um seine Gedanken neu zu ordnen, dann erteilte er seinen Männern den Befehl, die
Gefangenen in der Burg unterzubringen.

Chorus von Kimris befand sich in seinem Turmzimmer, als der Herzog von Trichell eintrat. Hrantal war
einst sein Lehrling gewesen, heute übertraf die Zauberkraft seines Schülers Chorus' eigene um das
Dreifache. Hrantal begrüßte den alten Mann freudig und erzählte auch ihm den erfolgreichen Ausgang
des Unternehmens.

"Ich glaube, meine Magie reicht nicht aus, um den Bannspruch zu Lady Charyss zu halten. Deshalb bitte
ich um deinen Rat."

Chorus lächelte. In der Öffentlichkeit würde Hrantal niemals zugeben, dass eine Magierin, schon gar
nicht eine aus Scharcha, seinen Zauber brechen konnte. "Sie versucht, deinen Spruch mit ihrer Magie zu
brechen. Nimm ihr die Magie."
Der Herzog schmunzelte. "Das ich darauf nicht selber gekommen bin... Ich danke dir." Er schüttelte
nochmals die Hand des alten Mannes, bevor er das Turmzimmer verließ.

Charyss untersuchte ihre "Zelle", ein kleines Zimmer im Wohntrakt der Burg. Für ein Gefängnis gar nicht
so schlecht, stellte sie fest und setzte sich auf das weiche Bett. Auf einem Stuhl befand sich ein frisches
Schlafgewand und auf einem Tisch ein kleines Abendbrot. Nachdem sie gegessen hatte, war die Sonne
schon fast hinter dem Horizont verschwunden, also zog sie sich um und versuchte ein wenig zu ruhen.

Als, tief in der Nacht, der Herzog von Trichell eintrat, war sie eingeschlafen. Hrantal trat an das Bett, hob
seine Hand und sprach eine Zauberformel. Er betrachtete kurz ihr entspanntes Gesicht, dann
verschwand er wieder aus dem Zimmer und drehte den Schlüssel um.

Als Charyss wieder erwachte, fühlte sie sich erschöpft, trotz des Schlafes. Sie stand auf und musste sich
im ersten Moment an dem Tisch abstützen, damit sie nicht fiel. Sie zog sich um und griff in sich nach
ihrer Zauberkraft, um den Bann, der nur noch schwach in ihr aufleuchtete, entgültig zu zerstören. Als sie
den Spruch murmelte, zuckt plötzlich ein höllischer Schmerz durch ihren Kopf. Heftig atmend versuchte
sie, ihre Zauberkraft aufzugreifen, doch ein weißer Schleier umschloss sie und machte sie für Charyss
ungreifbar. Wütend sank sie zurück auf das Bett. Wie konnte ich auch nur so blöd sein, dachte sie. Ohne
ihre schützende Zauberkraft konnte der Herzog ihre Gedanken lesen. Wie soll ich gar nichts denken,
wenn er mich ansieht. Zusätzlich verlor sie das Wissen um seinen Aufenthaltsort, ihren einzigen Vorteil
aus dem Bann. Sie atmete einige Male tief durch und begann damit, die weiße Wand zu attackieren. Bei
jedem Versuch durchlief sie eine weitere Schmerzenswelle.

Nach einiger Zeit gab sie auf. Sie fühlte sich, als ob ihr Kopf gleich explodieren würde. Jemand näherte
sich der Tür und drehte den Schlüssel herum. Charyss setzte sich schnell auf. Ein Diener trat ein und
stellte einen Teller auf den Tisch, ihr Frühstück. Als er verschwunden war, legte sich Charyss wieder auf
das Bett. Sie hatte keinen Appetit.

Hrantal lief über den Burghof. Er passierte die Ställe und betrat den Bergfried. Ein Diener kam ihm
entgegen.

"Ihr wünscht, Euer Gnaden?" fragte er.

"Den Aufenthaltsort von Sir McGavay, bitte."

"Der Burgherr befindet sich im Augenblick im Speisesaal, Euer Gnaden."

Hrantal bedankte sich und steuerte auf den Speisesaal zu.

McGavay saß allein an dem langen, hölzernen Tisch des Saales. Er beendete gerade sein Frühstück. "Was
treibt Euch so früh hier herum, Euer Gnaden?" fragte er und stand auf.

"Eine Bitte. Würdet ihr auf die Gefangenen aus Scharcha aufpassen? Ich muss auf Geheiß meines Bruders
schleunigst nach Xanthaka und möchte mich nicht mit ihnen aufhalten."

Der Burgherr nickte. "Aber natürlich. In Dalewynn ist reichlich Platz. Noch irgend etwas?"
Der Herzog schüttelte den Kopf. "Ach, doch. Bringt mir bitte Lady Charyss", sagte er.

McGavay zog die Augenbrauen hoch. "Ihr nehmt sie mit?"

"Was bleibt mir anderes übrig. Ich glaube nicht, dass Ihr oder Chorus von Kimris mit ihrer Magie fertig
werdet. Ehrlich gesagt, schaffe ich es selbst kaum."

Der Burgherr nickte. "Gut, soll ich Euer Pferd und die Eurer Begleiter satteln lassen?"

"Ich wäre Euch dankbar. In einer halben Stunde brechen wir auf."

Hrantal saß auf seinem braunen Hengst Cortés und beobachtete die Herrin von Salion, die neben ihrer
weißen Stute stand und sich elegant in den Sattel schwang. Charyss wendete Sarah und lenkte sie neben
Cortés.

"Ich nehme an, ich muss gar nichts mehr sagen", sagte sie matt.

Der Herzog lächelte und sah sie von der Seite an. Das lange Kleid bedeckte die Kruppe des Pferdes. Ihre
ungekämmten, blonden Haare hingen ihr ins Gesicht, man sah ihr an, dass sie erschöpft war. Sie dachte:
und auch nichts mehr denken. Oder nur noch auf Scharcheldûn.

Er las ihre Gedanken und antwortete: "Ich kann Scharcheldûn."

Dann eben auf Salionar! Sie strich sich die Strähnen aus dem Gesicht.

"Ich bezweifle, dass Ihr in einer anderen Sprache denken könnt."

Salionar ist meine Muttersprache, natürlich kann ich. Wieso sollte ich in Eurer Sprache denken?

Der Herzog antwortete nicht, sondern gab seinen Männern den Befehl zum Aufbruch. Er warf Charyss
einen misstrauischen Blick zu.

Keine Sorge, ich bin nicht so dämlich und haue ohne meine Zauberkraft ab, Euer Gnaden.

Ihre Augen funkelten wütend, als sie seinen Blick erwiderte. Hrantal ließ Cortés antraben und ritt aus
dem Tor. Charyss und seine Ritter folgten ihm.

Die Straßen von Trichell sind besser, als das, was Philes je in Scharcha zustande gebracht hat, dachte
Charyss. Sie ritten nun schon seit einigen Stunden Richtung Xanthaka. Der Herzog schlug ein flottes
Tempo an, aber seine Begleiter konnten ihm ohne Mühe folgen. Charyss ließ Sarah absichtlich ein wenig
langsamer laufen.

Nach einer Weile ließ Hrantal Cortés zurückfallen und bemerkte: "Ich glaube, wir sollten Euch ein
schnelleres Pferd zulegen, Eures scheint ein wenig lahm zu sein."

Charyss sah ihn an. "Meint ihr?" fragte sie und trieb Sarah ein wenig an. Sofort überholte sie Cortés und
stellte sich an die Spitze der Gruppe.

Nach ein paar Sekunden war der Herzog wieder neben ihr. "Na ja, ein paar Kraftreserven hat es ja noch."
"Wollt ihr die Pferdezucht von Salion beleidigen, Euer Gnaden?" fragte sie spitz.

Hrantal verzog verächtlich den Mund. "Die Scharchaer Pferde haben ihren Reitern in den Schlachten
mehr geschadet als genützt."

"Das waren Scharchaer Pferde, keine aus Salion."

"Worin liegt der Unterschied?" fragte er spöttisch. "Salion ist ein Teil Scharchas."

"Erst seit ein paar Jahren. Wusstet ihr das nicht? Wir haben unsere eigene Kultur, unsere eigene Sprache,
sogar unsere eigene Politik. Und glaubt ihr, Scharcha hat jemals auch nur halb so gute Zauberer
hervorgebracht?" Sie unterbrach kurz, um ihn abschätzend anzusehen. "Wir haben keine starke Burg,
aber mehrere Magier, die den Drachenzauber ausführen können. Vielleicht solltet ihr euren Bruder
warnen, bevor er die Salioner Grenze überschreitet."

"Und wieso konnte Scharcha Euer Land dann erobern?" hakte er nach.

"Verrat, politische Intrigen. Die zusätzliche Bedrohung der Skaffaer." Ihr Gesicht verdüsterte sich. Mein
Gott, wieso erzähle ich Euch das eigentlich, dachte sie.

Aber Hrantal hatte sich abgewandt und beobachtete eine Gruppe zwielichtiger Gestalten, die auf der
Straße herumlungerten. "Die sehen mir ganz nach Räubern aus. Seit vorsichtig, Männer", bemerkte er
und zog sein Schwert. Die offensichtlichen Räuber waren nun aufgesprungen und versperrten die Straße.
Der Herzog ließ Cortés anhalten und fragte: "Was wollt ihr?"

Ein großer Kerl, wahrscheinlich der Anführer, trat vor Hrantal und antwortete: "Geld oder Leben."

Hrantal zog sein Langschwert. "Weder noch."

Der Räuber stieß einen Kampfschrei aus und warf sich auf den Herzog. Weitere Banditen strömten aus
einem kleinen Wäldchen in der Nähe. Charyss trieb Sarah an und überritt einen Schwertkämpfer. Sie
beugte sich nach unten und nahm seine Waffe. Dann drehte sie ihr Pferd und schlug einem Räuber, der
seinen Morgenstern auf Hrantal niedergehen lassen wollte, die Waffe aus der Hand. Ein anderer Ritter
war von vier oder fünf Räubern umgeben, sie drehte Sarah abermals und eilte ihm zu Hilfe.

Verbissen kämpfte Charyss sich aus einem Haufen Räuber frei, die sie wie Ameisen umgeben hatten. Sie
überritt einen und prallte plötzlich mit dem Herzog zusammen.

"Sind Räuber in Trichell immer so zahlreich?" rief sie ihm zu und deckte seinen Rücken vor einem der
Banditen.

"Nein, nicht immer. Nur im Krieg." Er hielt mit seinem Schild einen Speer ab, der sie durchbohren wollte.
"Seit wann könnt ihr mit dem Schwert umgehen?"

"Seit ich fünf war. Salion liegt an einer umstrittenen Stelle. Die Kinder bekommen die Waffen fast mit in
die Wiege gelegt."

Hrantal wehrte einen weiteren Speer ab. Charyss tötete einen Räuber, der sie mit seiner Pike aus dem
Sattel holen wollte.

"Ihr kämpft gut. Wieso seit ihr nicht in die Schlacht geritten?"

"Weil ich besseres zu tun hatte, als in Euren Schutzring zu tappen. Ich bin vielleicht eine Frau, aber nicht
dämlich."

Er verzog das Gesicht und tötete den dritten Speerwerfer, der es auf sie abgesehen hatte. "Das hat
keiner behauptet."

Dann stürmte er auf den Anführer der Banditen zu und durchbohrte ihn mit seinem Schwert. Die
restlichen Räuber gaben auf und flohen.

Hrantal richtete sich auf und fragte: "Alles in Ordnung?" Seine Ritter nickten. Er warf noch mal einen
Blick auf Charyss, die das Schwert ins Gebüsch schleuderte. "Na, dann weiter."

Mit einem Zauberspruch häufte der Herzog die toten Räuber auf einen Haufen am Straßenrand. "Wenn
sie wenigstens halbwegs ehrbar sind, kommen sie zurück und begraben ihre Toten", sagte er und trieb
Cortés an.

Xanthaka war größer, als Charyss es sich vorgestellt hatte. Riesige Türme ragten in die Höhe, die Stadt
war von einem breiten Burggraben umgeben.

"Philes muss verrückt sein, wenn er Trichell angreifen wollte", bemerkte Charyss, als sie die Zugbrücke
überquerten.

In der Stadt wimmelte es von Menschen. Viele blieben stehen, um die Rückkehrenden zu begrüßen, ein
Ritter stieg ab und umarmte seine Frau. Hrantal entließ die restlichen aus ihrem Dienst. Dann ritt er mit
Charyss die steile Straße zum Palast hinauf. Eng gedrängte Häuser säumten den breiten, gepflasterten
Weg, auf dem geschäftige Händler Stände aufgebaut hatten.

Das Palasttor wurde von zwei schwer gepanzerten Soldaten bewacht, die sich ehrfürchtig verbeugten, als
der Herzog das Tor passierte. Ein Soldat nahm ihnen die Pferde ab. Hrantal redete leise mit einer Frau,
die gerade aus dem Palast getreten war. Dann nickte er ihr zu und verschwand in dem Gebäude.

Die Frau trat auf Charyss zu und nahm ihre Hand. "Mein Name ist Josiana von Trichell. Mein Bruder bittet
mich darum, mich um Euch zu kümmern."

Charyss lächelte schief und antwortete: "Richtet ihm meinen Dank aus. Charyss von Salion." Sie
schüttelte Josianas Hand.

Charyss sah von Josianas Buch auf, als sie das Geräusch des Schlüssel, der sich im Schloss umdrehte,
wahrnahm. Die Prinzessin, die wahrscheinlich fünf oder sechs Jahre älter als Charyss war, und eine
Dienerin, die ein Tablett trug, traten ein. Die Dienerin stellte das Tablett auf dem Tisch ab und zog sich
leise zurück.

"Ich nehme an, Ihr wolltet nicht unbedingt alleine essen, Lady Charyss?"
Charyss lächelte und nahm an dem Tisch Platz. Seit zwei Wochen befand sie sich nun im Palast und
Josiana kümmerte sich um sie. Den Herzog hatte sie nicht wieder gesehen, aber ihre Angriffe auf seinen
Zauber hatte sie noch nicht aufgegeben. Es gab Nächte, die sie mit Kopfschmerzen wachlag. Hin und
wieder befiel sie das Heimweh nach der unwirtlichen Landschaft von Salion und Sorge um ihren Bruder.
Doch die Prinzessin verscheuchte es schnell wieder, indem sie Charyss mit allerlei Beschäftigungen auf
Trab hielt.

"Wenn mir die Frage gestattet ist, Eure Hoheit, wie sieht es mit dem Krieg aus?" fragte Charyss und trank
einen Schluck Tee.

Josiana sah auf und blickte in das Gesicht der Frau, die sie mühelos als ihre Schwester anerkennen
könnte. Es war geprägt von Sorgen, von denen Josiana nichts wusste. Die Prinzessin lächelte.

"Die Krekalfestung ist gefallen, mit ihr auch Dylysûn, König Garthed belagert Eure Hauptstadt Swevelta."

Charyss stellte die Teetasse ab und ihr Gesicht verdüsterte sich. "Swevelta ist nicht meine Hauptstadt."
Josiana bemerkte den leisen Klang der Hoffnungslosigkeit, der in ihren Worten widerhallte, als sie
fortfuhr: "Und auch Xanthaka wird es nie sein."

Die Prinzessin sah die Gefangene an und schätzte ihr Alter. Sie muss gerade mal zwölf Jahre alt gewesen
sein, als die Scharchaer ihre Heimat eroberten, dachte sie.

Damals war der ganze Osten über die Eroberung, des halb von Trichell und Vergalla abhängigen, kleinen
Staates erschrocken gewesen, da die meisten schon selbst die Einnahme des metall- und silberreichen
Salions geplant hatten. Aber die Scharchaer hatten vorgesorgt und die Grenzen gesichert. Seit zehn
Jahren hat es keiner mehr gewagt, Salion für sich zu beanspruchen. Nun streckten Trichell und Skaffa
ihre Hände gleichzeitig nach dem kleinen Land aus und Josiana verstand die Sorge, die die junge Frau ihr
gegenüber wegen ihrer Heimat hatte.

Charyss lehnte sich zurück und beobachtete die Prinzessin, die den Raum durchquerte und das Zimmer
verließ. Die Herrin von Salion hatte sie gebeten ihren Bruder um die Erlaubnis zu einem Ausritt zu fragen.
Als sich der Schlüssel im Schloss umdrehte, seufzte Charyss und wandte sich wieder ihrem Buch zu.

Sarah galoppierte über die weiten Weiden vor Xanthaka, hinter ihr folgte ihr die ebenfalls schneeweiße
Stute Zrabrielle, Josianas Pferd. Charyss ließ Sarah anhalten und wartete, bis Zrabrielle wieder mit ihrem
Pferd auf gleicher Höhe war.

Josiana verschnaufte kurz und bemerkte: "Wenn mein Bruder in Salion angelangt ist, werde ich ihn
bitten, mir ein Pferd mitzubringen." Im selben Moment bereute sie ihren egoistischen Kommentar
gegenüber Charyss. Doch die Lady winkte abfällig ab.

"Glaubt ja nicht, dass meine Stute etwas besonderes ist, echt nicht. Die besten Pferde beansprucht Philes
für sich und seine Ritter."

Ein verächtlicher Zug um ihren Mund brachte Josiane auf einen Gedanken. Vielleicht ist sie ja sogar froh
über Philes Vertreibung? Sie trieb Zrabrielle an und versuchte Sarah zu folgen, die jetzt weiter über die
Wiesen galoppierte.
Charyss war tief in Gedanken versunken, als sie auf dem Heimweg nach Xanthaka waren. Ohne recht
Notiz von ihm zu nehmen, starrte sie auf einen alten Baum, der am Wegesrand stand. Zu spät bemerkte
sie den Bogenschützen, der einen Pfeil auf Josiane abschoss. Die Prinzessin griff sich an die durchbohrte
Schulter, bevor sie von Zrabrielle fiel. Eine Gruppe Banditen rannte ihnen entgegen. Sie wollte dem
Schützen einen Zauberspruch entgegenschleudern, doch der höllische Schmerz, der ihren Kopf
durchzuckte, rief sie in die Wirklichkeit zurück. Sie duckte sich blitzschnell vor einem Pfeil und
entwendete einem Banditen sein Schwert, indem sie ihn, wie vor einigen Wochen, überritt. Dann
versuchte sie verbissen, die verletzte Prinzessin vor den Räubern zu verteidigen. Der Bogenschütze hatte
seine Pfeile verschossen und griff nun zu einer Axt, dann gesellte er sich zu den anderen Kämpfern, die
Charyss attackierten.

Als sie sich einen halbwegs freien Raum verschafft hatte, versuchte sie, entschlossener denn je, den
Zauberwall des Herzogs zu zerstören. Aber, wie immer, wurde jeder Versuch mit einem höllischen
Schmerz in ihrem Kopf bestraft. Nach einer Viertelstunde gab sie auf und wandte sich stattdessen wieder
mehr den Banditen zu. Einer vergrub seine Waffe in ihrem ungebrauchten Arm. Er schmerzte und Blut
rann ihr Gewand herunter.

Verdammt, schrie sie der inneren Wand zu, die sie von ihrer und Josianas einziger Rettungsmöglichkeit
trennte. Wenn Ihr nicht bald etwas unternehmt, stirbt Eure Schwester! Leise fügte sie für sich hinzu: Und
ich auch.

Dieser Moment Unachtsamkeit kostete sie das Schwert. Charyss versuchte, mit Sarah die Banditen
abzuhalten, doch die Stute wurde von einem Schwert durchbohrt. Charyss sprang ab und griff nach dem
Schwert eines toten Räubers.

Wenigsten nehme ich ein paar von diesen Kerlen mit, schoss ihr durch den Kopf, als sie in Angriffshaltung
überging und den nächsten Banditen erwartete.

Plötzlich stand ein anderer Schwertkämpfer neben ihr. Sie erkannte das Wappen von Trichell an seinem
Brustpanzer. Weitere Ritter tauchten auf und drängten die Räuber von der verletzten Prinzessin ab.
Charyss entdeckte den Herzog, der sich durch die Menge kämpfte, um zu seiner Schwester zu gelangen.
Er sprang von Cortés und kniete neben Josiana nieder. Die Prinzessin hatte viel Blut verloren und atmete
sehr flach. Der Herzog sprach einen Heilzauber, entfernte den Pfeil und riss sich ein Stück seines
Umhangs ab, um ihre Schulter zu verbinden. Josiana schlug die Augen auf und lächelte schwach. Charyss
wendete sich wieder einem Räuber zu, der mit erhobenem Schwert auf sie zu rannte. Ihre Klingen
kreuzten sich, Charyss vernahm das irre Funkeln in seinen Augen, bevor sich der Bandit wieder von ihrem
Schwert löste. Sie griff ihn an und suchte nach einer Blöße in seiner Deckung. Im entscheidenden
Moment schlug sie im das Schwert aus der Hand.

"Ihr hättet ihn töten können", sagte der Herzog, der jetzt neben ihr stand.

"Ich töte nicht gerne." Sie wehrte einen Axthieb ab und taumelte ein Stück zurück. Der Axtkämpfer
wollte zum entscheidenden Schlag auf sie ausholen, doch der Herzog war schneller. Es krachte grausam
und der Axtstiel brach, als sein Langschwert auf den Räuber niederging. Der Bandit ließ die Axt fallen und
floh.
"Verfluchte Räuberbanden. Danke", sagte Charyss. Das Blut floss in einem warmen Strom ihren Arm
herunter. Sie nahm noch wahr, dass der Herzog nach ihr griff und sie vor dem Fallen bewahrte, dann
wurde sie ohnmächtig.

Charyss erwachte in einem hellen Raum in Xanthaka. Sie richtete sich auf und bemerkte die Prinzessin,
die in einem Bett neben ihr schlief. Die Herrin von Salion betrachtete ihren verletzten Arm. Er war
verbunden worden. Gerade wuselte eine Heilerin in das Zimmer.

"Ihr seid wach?" fragte sie und ging zu Charyss. Sie verband ihren Arm neu und wandte sich dann der
Prinzessin zu, die sich beim Eintreten der alten Frau ebenfalls aufgesetzt hatte. Ihre Schulter wurde
ebenfalls neu verbunden, dann verschwand die Heilerin wieder. Charyss lächelte der Prinzessin zu.
Josiana erwiderte ihren Blick und lächelte ebenso.

"Oh Gott, ich hasse es, hilflos im Bett zu liegen", sagte sie und stand auf. Charyss trat an das weite
Fenster. Der Burggarten erstreckte sich vor dem Gebäude. Es war schon spät und die Sonne ging unter.
Charyss nickte der Prinzessin fragend zu und verschwand in dem Garten.

Sie lehnte sich an eine große Eiche und versuchte ihre Gedanken neu zu ordnen.

Plötzlich stand Hrantal neben ihr.

"Danke. Für die Rettung meiner Schwester."

"Was hätte ich sonst tun sollen?"

Seine Stimme wurde leise, als er antwortete: "Ihr hättet wegreiten und sie da liegen lassen können."

"Was hätte das gebracht?" Ohne, dass sie es wollte, hatte ihre Stimme einen trotzigen Ton
angenommen. Charyss blickte ihn entschuldigend an und wollte fortfahren, doch sein intensiver Blick
ließ sie stocken. Unsicher wandte sie sich ab und verschwand mit einem "Entschuldigt mich" im Schloss.

Garthed blickte besorgt nach Süden. Er erkannte die Michindor-Festung, die nördlichste der drei Burgen,
welche die Grenze von Salion verteidigten. Im Volksmund nannte man sie die "Celtam-Festungen".
Garthed verzog den Mund. Dieser Feigling Philes hatte sich hinter die Grenze zurückgezogen, nachdem
Trichell’s Armee seine Trollburg fast erdrückt hatte. Nur noch ein Teil von Slamung und das kleine Salion
befand sich in Scharchaer Gewalt. Der Herzog trat neben seinen Bruder.

"Wann willst du angreifen?"

"Morgen wieder. Diese Drachen machen einem ganz schön zu schaffen." Er deutete auf die Festung. Ein
großer roter Drache umkreiste, in weiten Schwüngen, den höchsten Turm der Burg.

"Glaubst du, dass du es mit vieren von diesen Bestien aufnehmen kannst?"

"Unter gewissen Umständen schon. Das heißt, wenn sie wirklich so schwach sind, wie sie sich geben." Er
dachte an den heutigen Angriff.

Garthed schnappte nach Luft. "Schwach? Ich möchte echt mal die Vorstellung eines Zauberers von stark
wissen."

Der Herzog grinste. "Ich denke, ich kann mich ohne Angeberei für stark halten. Die Herrin von Salion
ebenso. Glaub mir, wenn wir sie nicht gefangengenommen hätten, wäre die Eroberung Scharchas
wesentlich schwieriger ausgefallen." Er verzog das Gesicht. Obwohl Xanthaka ganze Wochenritte
entfernt war, griff sie seinen Zauber immer wieder an. Nicht auszudenken, wenn sie es tatsächlich
schafft.

Der Morgen brach an. Der rote Drache hatte sich mit einem pechschwarzen abgewechselt.

"Bald geht es wieder los, pass bloß auf. Wenn wir diese Viecher nicht bald von Himmel holen, können wir
die eigentlichen Feinde nie angreifen" Garthed nickte seinem Bruder zu, der erst jetzt den Blick von der
feindlichen Festung löste.

Eine Reihe mit Drachenpfeilen ausgestatteter Bogenschützen nahmen bereits Aufstellung. Hrantal
wendete den Blick wieder zur Burg. Vier Drachen, ein roter, ein schwarzer, ein dunkelgrüner und ein
gelber segelten langsam auf das Heerlager zu.

"Anlegen!" brüllte der Befehlshaber der Bogenschützen. Die Drachen hatten in eine beängstigend
schnelle Geschwindigkeit gewechselt, um ein schlechtes Ziel bieten. Ein grellroter Blitz schoss auf das
Lager und verfehlte einen Soldaten um Haaresbreite. Der rote Drache schoss über das Lager hinweg, um
einen zweiten Angriff zu starten. Die pechschwarze Echse brüllte auf, als ein Drachenpfeil sich durch
ihren Schuppenpanzer bohrte. Die restlichen Echsen hielten eine Gruppe Bogenschützen in Schach.
Hrantal nickte seinem Bruder zu.

Der rote Drache ist der stärkste, dachte er und griff in sich hinein, um den Drachenzauber zu sprechen.
Kurz darauf schwang er sich in die Lüfte. Er versetzte dem hilflos durch de Luft trudelndem, schwarzen
Feind den Rest und wandte sich dem roten zu, der wie ein Pfeil auf ihn zuschoss. Hrantal schickte ihm
eine weiß glänzende Stichflamme entgegen und tauchte ab, um ihn von hinten anzugreifen.

Hrantal tauchte in die Wolken hinauf. Er erkannte den Roten Drachen kurz vor sich, folgte ihm und
bewarf ihn mit weiteren Feuerstößen. Plötzlich spürte er einen schmerzenden Stich in seinem Rücken. Er
wendete kurz den Kopf und sah die zwei anderen Echsen, die ihn nun aufs Korn nahmen. Als er den Blick
wieder nach vorn schweifen ließ, war der rote Drache verschwunden. Kurz zögerte er. Aber als Hrantal
eine weiter Flamme vernahm, die von oben kam, wusste er, wo sich der Salioner versteckt hatte. Die drei
Feinde hatten ihn umzingelt. Der Rote formte eine Kugel geballter Energie, während die restlichen ihm
den Fluchweg versperrten – er saß in der Falle.

Kurz bevor der Rote seine Energiekugel fallen ließ, schwor Hrantal seinen stärksten Zauber herauf.
Weißer Nebel schoss aus seinem Maul auf die Drachen zu. Rote, gelbe und grüne Magie verließ ihre
Besitzer und vereinte sich mit seiner eigenen Zauberkraft. Verwirrt taumelten die Feinde zurück und
ergriffen die Flucht. Hrantal schnappte erschrocken nach Luft. Für einen winzigen Moment war seine
Zauberkraft verschwindend gering gewesen. Aber dieser kleine Moment ließ den Zauberspruch zu
Charyss förmlich platzen. Der Herzog hatte sich, um drei schwache Feinde in die Flucht zu schlagen,
einen doppelt, wenn nicht dreifach so starken Feind geschaffen.
Charyss erwachte. Die Vögel zwitscherten aus dem Garten und leise Geräusche aus der Stadt waren zu
hören. Alles war wie am ersten Morgen, den sie in Xanthaka verbracht hatte. Dennoch war etwas anders.
Als sie sich aufrichtete, war sie verwundert, dass sich keine Kopfschmerzen einstellten. Erstaunt griff sie
nach ihrer Zauberkraft und entdeckte, dass der weiße Schutzwall verschwunden war. Rasch zog Charyss
sich an und trat auf den steinernen Balkon, der sich an ihr Zimmer anschloss. Plötzlich vernahm sie das
klirrende Geräusch des Schlüssels, der sich im Schloss umdrehte. Josiana trat ein. Erschrocken wandte
sich ihr Blick auf Charyss, die sich noch einmal umgedreht hatte.

"Es tut mir leid", sagte die Lady, bevor sie sich in einen tiefblauen Schwan verwandelte, die weiten
Schwingen ausstreckte und nach Süden segelte.

"Verdammt!" Hrantal schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Wie konnte ich nur so dämlich sein?"

Garthed klopfte seinem jüngeren Bruder auf die Schulter. "Zumindest haben wir einen Drachen aus dem
Weg geräumt und drei andere für ein paar Tage außer Gefecht gesetzt. Wann wird sie hier sein können?"

Hrantal richtete sich wieder auf. "Wenn sie will, schon in einem Tag."

Der König runzelte die Stirn.

"Sie ist Magierin. Glaubst du, dass ich einen langsameren Weg benutzt habe, als du nach mir geschickt
hast?"

Garthed schüttelte den Kopf. "Nein, ich meine, wissen wir genau, dass sie wirklich hierher kommen will?"

Hrantal schnaubte. "Es ist ihr Land, das wir angreifen."

Garthed hob beschwichtigend die Hände. "Gut, hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Wir müssen abwarten."

Der König verließ das Zelt. Die Soldaten blickten kurz von ihren Beschäftigungen auf und verbeugten sich
vor ihm. Garthed nickte und vertiefte sich in ein Gespräch mit seinem Hauptmann, der sich um einige
Katapulte kümmerte. Der Herzog beobachtete seinen Bruder aus dem Zelteingang heraus.

Wenn er sich bloß beeilt, dachte er. Falls wir jetzt nicht angreifen, dauert dieser Krieg noch Jahre.

Aber sein Bruder hatte den selben Gedanken gehegt und lief, Befehle brüllend, durch das Lager. "Triboke
verlagern! Wir bauen sie auf der Ebene auf!" Garthed stieg auf sein Pferd. Seine Ritter und vier Karren,
gezogen von schweren Zugpferden, folgten ihm den Hügel hinab, auf die weite Ebene vor der Burg. Die
Karren wurden abgeladen und der Aufbau der Triboke begann.

Eine halbe Stunde später begann der Beschuss der Michindor-Festung. Die schweren Felsbrocken trafen,
geleitet von den Zaubersprüchen eines Magiers, ihr Ziel, das Burgtor. Schon entdeckte der Späher eine
große Truppe Reiter, die sich aus dem Schatten der Burgmauer löste und den Trichellern
entgegengaloppierte. Hrantal, der Cortés neben seinen Bruder gelenkt hatte, zog sein Schwert.

"Die haben irgendwie immer die selben Taktiken, oder täusche ich mich da."

"Nicht ganz. In der Schlacht um die Trollburg haben sie mit Triboken zurückgeschossen." Garthed zog
ebenfalls sein Schwert. "Bogenschützen... Feuer!"

Pfeile hagelten auf die Verteidiger nieder. Dann stürmten die Ritter los. Hrantal prallte mit einem jungen
Reiter zusammen, etwa in seinem Alter, der ihm mit erhobenen Schwert entgegengaloppierte.

"Endlich treffe ich den Mörder meiner Schwester!"

Hrantal stutzte kurz, dann löste er sein Schwert von der Waffe seines Gegners. "Wie viele Brüder hat
diese Frau bloß?" stöhnte er und holte zum erneuten Angriff aus. "Im übrigen, Eure Schwester lebt."

Der Ritter schnaufte und riss sein Schwert nach oben. Der Herzog parierte den Hieb mit seinem Schild.

Charyss’ Bruder fügte spöttisch hinzu: "Wieso solltet Ihr sie nicht töten. Sie ist vielleicht der einzige
Mensch, der Eure Zauberkraft brechen kann. War doch eine gute Gelegenheit, sie aus dem Weg zu
räumen."

"Ich habe meine Gründe", sagte Hrantal, schlug mit seinem Schwert zu und entwaffnete den Salioner.
"Ergebt Ihr Euch?"

Der Salioner warf ihm einen vernichtenden Blick zu. "Was bleibt mir anderes übrig."

Hrantal ließ den Blick über das Kampffeld schweifen. Ein Tribok war zerstört, aber alle Angreifer wurden
getötet oder hatten sich ergeben.

Er wandte sich wieder seinem Gefangenen zu. "Mit wem habe ich überhaupt die Ehre?"

"Maximilian von Salion." Maximilians mürrisches Gesicht verfinsterte sich noch mehr.

Die Triboke begannen erneut die Festung unter Beschuss zu nehmen. Aber jetzt erst begann die richtige
Verteidigung. Tausende, so schien es, Soldaten strömten aus dem Tor. Bogenschützen beschossen die
Tricheller, schwer gepanzerte Ritter schützten sie vor den Angreifern. Hrantal deckte den Rücken seines
Bruders, wurde aber bald von ihm getrennt.

Garthed entwaffnete einen Kämpfer und riss den Schild hoch. Nach einer Weile hatte er jegliche
Orientierung verloren. Sein Bruder kämpfte sich inzwischen durch die Feinde, um zu einem Moment
Ruhe zu gelangen. Er lenkte Cortés auf einen Hügel und beobachtete das Kampffeld.

Es war schrecklich. Er konnte kaum noch zwischen den eigenen Männern und den Feinden
unterscheiden, so dicht gedrängt und schnell bewegten sich die Kämpfer. Die ein wenig zahlreicheren
Salioner und Scharchaer verteidigten ihre Freiheit wie Löwen.

Diese Menschen kämpfen, weil sie von der Unschuld ihres Königs überzeugt sind, dachte der Herzog.
Aber er wusste es besser. Er hatte den Schurken mit einem Zauber gezwungen, die Wahrheit zu sagen.
Und diese war erschreckend glaubhaft und detailreich gewesen.

Einige Tropfen vielen herab. Hrantal drehte den Kopf nach oben und beobachtete den dunkler
werdenden Himmel. Und er erschrak. Ein kleiner blauer Fleck schoss in Pfeilgeschwindigkeit über den
Himmel.
Der Herzog und der König traten aus dem Zelt. Ein Späher deutete auf die Burg. Ein einzelner Reiter hatte
sich aus dem Schatten gelöst und ritt auf das Lager zu. Er trug die blauweiß-gestreifte Botschafterflagge.
Das mächtige pechschwarze Pferd, auf dem er ritt, hielt den Kopf weit erhoben, als es über die Ebene
trabte. Garthed war an den Lagerrand getreten, um dem Botschafter zu zeigen, dass er ihn nicht
bedrohen wollte. Frelltan von Dalewynn, der Pfeil- und Tribokzauberer sowie Drachenmagier, war ihm
gefolgt. Hrantal trat nun ebenfalls neben seinen Bruder. Der Reiter war nun näher gekommen und die
drei Männer konnten seine schlanke Gestalt erkennen, die ein wenig zu klein für die Handhabung eines
so riesigen Streitrosses zu sein schien. Blonde Strähnen fielen über sein Gesicht.

Es war Charyss.

Sie lenkte ihr Pferd Morshôn, was dem Salionarischen Wort Todespferd entsprach, vor den König und
seine zwei Begleiter.

"Ich bringe eine Nachricht von König Philes."

"Was will er sagen, dass er sich nicht selber hierher traut?" konterte Garthed verächtlich.

Ohne seinen anklagenden Kommentar zu beachten fuhr Charyss fort. "Er sagt, er will dem Tricheller
König seine Verachtung kundtun, der wegen der Aussage eines ehrlosen Mörders sein Nachbarland
überfiel. Er ist weder bereit zu verhandeln, noch sich zu ergeben."

Der Herzog bemerkte die minimal andere Betonung, die sie auf das Wörtchen er legte.

"Außerdem schlägt Philes einen Gefangenenaustausch vor", sagte sie. "Lord Kyrukh zu Woval und Sir
Ledûn gegen Maximilian von Salion und Lord Shayal. Überlegt es Euch."

Garthed nickte mit dem Kopf. "Sagt ihm, dass wir ihm in einer Stunde eine Antwort schicken." Sie wollte
Morshôn schon wenden, als Frelltan von Dalewynn der Kragen platzte.

"Und sagt ihm, dass er das nächste Mal eine ernstzunehmende Person schicken soll, und nicht ein
unmündiges Weib."

Mit einem Blick, der Frelltan einen Schritt zurückweichen ließ, drehte sie sich im Sattel um und fauchte:
"Es ist mein Land, das ihr erobern wollt, meine Festungen, die ihr zerstört und mein Volk, das ihr
bekämpft. Erzählt mir nichts von Verantwortung oder Macht." Ohne Frelltan eines weiteren Blickes zu
würdigen, nickte sie Garthed kalt zu und sagte: "Ich hatte gehofft, dass ihr intelligentere Magier
beschäftigen würdet, die ihresgleichen ein wenig mehr Achtung zollen." Endgültig wendete sie sich ab
und trabte zurück zur Burg.

Eisig wendete sich Hrantal an den Zauberer aus Dalewynn: "Das war gerade der größte Fehler Eures
Lebens. Glaubt ja nicht, dass sie Euch in der nächsten Schlacht verschonen wird"

Die nächste Schlacht sollte kommen. Der Gefangenenaustausch war erfolgreich und Charyss begrüßte
ihren um vier Jahre älteren Bruder auf das Herzlichste. Philes rief zu einer Versammlung, an der Charyss
als Herrin Salions und als Magierin teilnahm. Die Besprechung dauerte bis tief in die Nacht. Das Ergebnis
war eindeutig. Morgen sollte eine entscheidende Schlacht um die Grenze Salions ausgefochten werden.
Der Morgen war kühl und trocken. Verstärkung aus den anderen zwei Celtam-Festungen war
eingetroffen. Charyss beobachtete das kriegerische Treiben von der Burgmauer aus. Lord Shayal, der
Rote Drache, stand neben ihr. Er war der einzige, der sich von Hrantals Zauber schnell genug erholen
konnte. Sie dachte an den Herzog. Jedes Mal, wenn ihr der erste Kampf mit ihm in den Sinn kam,
überkam sie ein zweifelndes Gefühl. Sie schüttelte die Gedanken fort und hörte Max zu, der von Philes
zum Hauptmann ernannt worden war. Ihr Bruder sprang auf sein Pferd und rief:

"Aufsitzen, los!" Er steuerte sein Ross aus der Burg und wartete auf sein Heer, das ihm folgte. Hunderte
oder mehr berittene Kämpfer reihten sich auf, vierzig schwer gepanzerte Ritter folgten. Dahinter kamen
tausende Fußsoldaten.

Charyss blickte nach Norden. Ritter tauchten auf dem Hügel auf. Sie wusste, dass die Feinde ebenso
zahlreich waren, wie die eigene Streitmacht. Sie glaubte, König Garthed an der Spitze seiner Männer zu
erkennen. Doch ihr Blick schweifte nach oben und erkannte zwei Drachen.

"Wollen wir?" Lord Shayal war ihrem Blick gefolgt.

Sie nickte und verwandelte sich in den Blauen Drachen. Dann breitete sie die gewaltigen Schwingen aus
und erhob sie majestätisch in die Lüfte.

Lord Shayal folgte ihr. Sie beobachtete, wie Max das Schwert hob und mit einem Ruck gegen die Feinde
schwenkte. Dann setzte sich das gewaltige Heer in Bewegung.

Charyss schoss dem Lager entgegen. Sie spie eine riesige Flamme auf die Feinde nieder, bevor sie nach
oben zog und nach dem Weißen Drachen Ausschau hielt. Lord Shayal hatte sich mit Frelltan angelegt.
Rote und graue Feuerstöße schossen durch die Luft. Sie verfolgte die Auseinandersetzung eine Weile und
entdeckte dann den Herzog, der weiter oben flog und Blitze auf das Scharchaer Heer niedergehen ließ.
Sie flog unter ihm vorbei und erschaffte ein Schutzschild, das seinen Blitz zurückwarf und ihn knapp
verfehlte. Dann schwang sie sich wieder nach oben.

Einige Sekunden hingen die beiden Drachen reglos in der Höhe, nur das scharfe Zischen der Luft, wenn
sie von den riesigen Flügeln geteilt wurde, und der Kampflärm von unten unterbrach die Stille, welche sie
umgab.

Dann begann der Kampf. Hrantal spuckte eine gewaltige Flamme auf Charyss, die blitzschnell abtauchte
und ihn von hinten mit Stromschlägen attackierte. Der Herzog erschuf einen Schutzschild und
verschwand in den Wolken. Charyss folgte ihm. Er erwartete sie und warf ihr einen Kometenblitz
entgegen, der sie knapp verfehlt, dann aber die Richtung änderte und erneut auf sie zuraste. Sie wich
dem Blitz ein weiteres Mal aus und zerstörte ihn schließlich mit einem eigenen. Dann stand sie dem
Herzog ein weiteres Mal gegenüber. Seine Stimme hörte sich blechern und fremd an, als er sagte: "Das
Niveau des letzten Kampfes war weitaus niedriger."

"Vielleicht. Aber ich hoffe, dies wird der letzte Kampf sein." Sie stieg blitzschnell nach oben, als er ihr
einen Feuerstoß entgegenschickte.

Der Kampf dauerte lange. Immer wieder griffen sie sich an und immer wieder wichen sie den feindlichen
Angriffen aus. Charyss tauchte nach unten. Sie waren weit von der Burg und dem eigentlichen Kampf
abgekommen. Sie drehte und schickte dem Herzog, der ihr gefolgt war, einen Feuerstoß entgegen. Er
erschuf eine Schutzwand und schoss ihr wieder entgegen. Hrantal benutzte eine Illusion, auf die sie mit
dem gleichen Spruch antwortete. Für eine kurze Zeit schossen acht Drachen aneinander vorbei. Plötzlich
prallte sie gegen ihn. Er war genauso überrascht und einige Sekunden trudelten beide durch die Luft.

Er fing sich eher.

Oh nein, nicht schon wieder, dachte sie und schickte ihm eine Flamme entgegen. Die beiden Feuerstöße
trafen sich in der Mitte und verrauchten. Charyss landete unsanft auf dem Boden. Sie stieß sich erneut
ab und schoss durch die Luft, der Michindor-Festung entgegen.

Der Kampf wütete in seiner Hauptphase. Charyss zog in weiter Schleife über die Ebene und entdeckte
Lord Shayal, der Frelltan besiegt hatte und nun zu ihr flog.

"Und, wie steht’s?" fragte er.

"Wie vorher. Kein Erfolg, wir verbrauchen nur unsere Magie." Sie ließ sich nach unten sinken und wich
einem weißen Strahl aus. Hrantal war ihr gefolgt und der Kampf entbrannte erneut. Lord Shayal schwor
einen Schutzschild herauf, um einen Blitz, der auf ihn zuschoss, abzuwehren. Dann tauchte der Herzog
wieder in die Wolken, um Charyss zu folgen.

Das wird noch ewig so weiter gehen, dachte sie. Bis einer von uns keine Zauberkraft mehr hat.

Sie wartete auf den Herzog, der kurz nach ihr die Wolkendecke durchbrach und ihr entgegenflog. Er
bremste kurz vor ihr ab und ein drittes Mal hingen sie reglos in der Luft.

Er lächelte.

Charyss runzelte die Stirn. "Ich habe noch nie einen Feind lächeln sehen, wenn er sich nicht siegesgewiss
war."

"Ich bin mir nicht siegesgewiss. Fragt mich mal in ein paar Stunden wieder."

Sie griff wieder an und der Kampf setzte sich fort.

"Ich kann hier nicht weg, Euer Gnaden." Charyss funkelte Philes wütend an.

"Ohne mich wäre die Burg schon lange gefallen! Oder glaubt ihr, dass Lord Shayal mit einem weitaus
mächtigeren Magier fertig wird?"

Philes nickte und sagte spitz: "Ich schätze diesen Mann sehr. Er wird das hinkriegen."

Charyss schüttelte den Kopf. "Dann schickt ihn doch nach Tintokal, ich glaube nämlich nicht, dass er nur
einen Kampf durchhält, geschweige denn überhaupt zum kämpfen kommt."

Wütend richtete sich Philes auf. "Das ist immer noch meine Entscheidung. Ihr seid die Herrin von Salion,
aber nicht der König. Ihr werdet die Tintokaler unterstützen und Lord Shayal wird mit dem Herzog
abrechnen."

"Wie Ihr wünscht, Hoheit." Ihre Augen funkelten. Dann wandte sie sich ab.

Philes blickte ihr hinterher, bis sie durch die Tür verschwand.

Sie ist gefährlicher, als ich annahm. Gut, dass die Skaffaer sie bald aus dem Weg räumen, dachte er.

Hrantal beobachtete den Himmel. Er stieg in die Höhe und ließ ab und zu ein paar Blitze auf das
feindliche Heer herunterzucken. Dann entdeckte er den Roten Drachen, der ihm entgegenschoss und
kurz vor dem Herzog in der Luft hängen blieb.

"Na nu, heute mal alleine?" fragte Hrantal und grinste belustigt.

Shayals Augen blitzten feindselig auf. "Die Lady wird an der Südgrenze gebraucht, wir müssen uns
zusätzlich noch um die Skaffaer kümmern."

"Ein bedeutender Fehler von Philes, wenn Ihr mich fragt", sagte Hrantal kalt und schleuderte dem Lord
einen Feuerball entgegen. Er drang mühelos durch das von Shayal erschaffene Schutzschild und warf ihn
einige Meter zurück.

"Für mich sehr zuvorkommend, auf diese Weise werden wir die Celtam-Festungen in weniger als einer
Woche eingenommen haben." Der Herzog schickte dem Lord einen Blitz entgegen, worauf Shayal
irgendwo auf dem Kampffeld aufprallte.

Charyss lenkte Morshôn aus dem Stadttor von Tintokal und folgte Lord Albrecht den staubigen Weg
entlang zum Hochplateau. Er war der Hofzauberer von Tintokal und wollte ihr auf eine eilige Nachricht
von Philes etwas zeigen. Gedankenversunken schlug sie hinter ihm den steilen Pfad ein. Wütend dachte
sie an den letzten Bericht über den Stand des Krieges. Lord Shayal war schwer verwundet, ohne Hrantal
auch nur einen Kratzer zugefügt zu haben, und die Michindor-Festung war so gut wie verloren. Sie blickte
zum Himmel und entdeckte das Sternbild des Adlers. Etwas weiter nach Norden leuchtete die Gruppe,
die man den Drachen nannte. Warum rief Philes sie nicht zur Hilfe? Die Skaffaer waren seit Tagen ruhig,
ehrlich gesagt, hatte Charyss noch keinen einzigen Feind gesehen. Irgendwie kam ihr das seltsam vor.

Plötzlich war Albrecht verschwunden. Eine gähnende Leere erfüllte sie, als sie versuchte ihm eine
magische Nachricht zu schicken. Der Grund war ein verkrüppelter Baum, der neben ihr am Wegesrand
stand. Es war ein Grofbaum, der im Volksmund nur Antimagie-Baum hieß. Tatsächlich sonderte seine
Rinde ein eigenartiges Sekret aus, das alle Magie im Umkreis von mehreren Kilometern aufsaugte.

Ein Geräusch ließ sie herumfahren. Mehrere dunkle Gestalten sprangen aus dem Gebüsch, das den
kleinen Pfad umrandete. Sie wollte nach ihrem Schwert greifen, aber es war verschwunden. Hinter dem
Ring, den die Männer immer enger um sie zogen, entdeckte sie den Lord, der triumphierend ihre Waffe
in die Höhe hielt.

"Verräter!" zischte sie.

Albrecht zuckte mit den Schultern. "Befehl des Königs."


Sie versuchte Morshôn aus dem Ring zu manövrieren, doch einer der Skaffaer zog ihr mit seiner Keule
eins über den Kopf. Das letzte, was sie sah, bevor sie ohnmächtig wurde, war das hämische Grinsen des
Lords.

"Jetzt wird mir die Geschichte so allmählich klar", sagte Garthed und schritt über den Vorhof der
Michindor-Festung. "Philes hat von Anfang an ein falsches Spiel gespielt. Den ersten Strich hast du ihm
durch die Rechnung gezogen, als du mittels Magie den von ihm eingestellten Mörder zur Rede
gezwungen hast."

Er und Hrantal betraten den Bergfried der gefallenen Burg.

"Danach hat er Angst gehabt, dass Charyss von Salion auf eben diese Weise die Wahrheit herausfinden
kann und hat sie aus dem Weg geräumt. Bloß daran, dass sie die einzige ist, welche die Grenze noch
halten konnte, hatte er nicht gedacht."

Der Herzog nickte.

Gestern hatten die Tricheller die Michindor-Festung eingenommen und durch einen gefangenen Diener
von Philes war ihnen von der Entführung Charyss’ durch die Skaffaer zu Ohren gekommen.

"Hoffentlich lebt sie noch", sagte Hrantal. "Wenn wir sie von der Wahrheit überzeugen könnten, hätten
wir ein wirksames Mittel gegen Philes in der Hand."

Falls wir sie da rausholen können, dachte der Herzog.

"Aber wie sollen wir sie befreien? Ganz Skaffa ist von Grofbäumen verseucht."

"Ich weiß es nicht. Diese Sache überlass ich dir. Ich muss mich um Philes, dieses feige Schwein,
kümmern." Der König verschwand im Beratungssaal, um mit seinen Hauptmännern einen neuen Plan zu
entwerfen.

Hrantal seufzte und wanderte eine Weile ziellos durch die Festung. Er schlug unwillkürlich verschiedene
Gänge ein und fand sich plötzlich vor der Tür der Bibliothek wieder. Er betrat den Raum, eine der
größten Büchereien des ganzen Ostens. Gedankenversunken zog er ein Buch aus einem Regal. Vielleicht
würde er etwas finden, was ihm hilfreich sein könnte.

Charyss fand sich in einem dunklen Gefängnis in Krashnach wieder. Sie war mit eisernen Ketten an eine
schleimige Wand gefesselt. Einige runde Holzschilder hingen an der Wand, Grofbaum-Holz. Schwer
atmend lehnte sie sich an die Wand. Das war’s nun endgültig, dachte sie. Nun begriff auch sie den Plan,
dem Philes nachgegangen war. Warum hatte sie ihn nicht schon früher verdächtigt? Sie hätte nur seine
Gedanken lesen müssen, dann wäre es nicht soweit gekommen. Jetzt bezahlte er den Skaffaern
garantiert einen dicken Batzen Geld für mich, dachte sie. Aber nicht etwa für meine Freilassung. Sie
lehnte sich zurück und überlegte, wie weit die Tricheller mit der Eroberung der Celtam-Festungen sein
konnten. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss um und ein Diener stellte eine Schüssel Haferbrei, oder
etwas ähnlich aussehendes, auf den Boden. Er blickte Charyss mit angsterfüllten Augen an, bevor er den
Kerker eilig wieder verließ. Charyss fühlte sich zu schwach, um aufzustehen und nach der Schüssel zu
greifen. Sie lehnte sich zurück und war fast augenblicklich eingeschlafen.
Mehrere Tage vergingen, ohne dass Hrantal etwas hilfreiches fand. Garthed hatte den Angriff auf die
zweite Celtam-Festung, die Feenburg, gestartet und der Herzog kam nur nach den Schlachten dazu, seine
Forschungen fortzusetzen. An diesem Abend hatte er ein altes Magier-Buch aus dem hinteren Teil der
Bibliothek gefunden und blätterte darin. Eine Seite hatte sich gelöst und Hrantal hob sie auf. Er warf
einen kurzen Blick darauf und stockte. Er entzifferte die alte Handschrift und fand das, was er brauchte.
Eine Möglichkeit, seine Zauberkraft vor den Grofbäumen zu schützen. Hastig stopfte er die Seite in
seinen Umhang und verließ die Bibliothek.

Charyss schien es, als ob Jahre seit ihrer Gefangennahme vergangen waren. Sie fühlte sich mit jedem Tag
schwächer und hilfloser. Ich bin sowieso erledigt, dachte sie, als sie einer Schüssel mit Haferbrei einen
Tritt versetzte und der schleimige Inhalt sich über den Steinboden ergoss. Wieso sollte ich dann diesen
eklige Abfall in mich reinstopfen. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Seit Tagen brachte ein
Diener um die selbe Zeit eine Schüssel. Plötzlich vernahm sie das Drehen des Schlüssels. Nicht schon
wieder dieses stinkende Zeug, dachte sie und warf einen Blick auf ihr Abendessen, das einen üblen
Geruch verströmte.

Die Tür öffnete sich und ein schwarzer Kater huschte herein. Charyss setzte sich wieder auf und
beobachtete das Tier, das angewidert an dem Haferbrei schnüffelte und dann auf sie zulief.

Plötzlich blinzelte Charyss. Hrantal stand vor ihr. Der Herzog griff nach ihren Händen und löste die
Fesseln. Eine Weile verharrte er reglos.

Ihre Blicke trafen sich, er zog sie an sich und küsste sie.

"Wie...?" fragte Charyss.

Er zog die zerknitterte Seite des Buches aus seinem Umhang und gab sie ihr. Charyss überflog die Zeilen.

Dann lächelte sie. "Ich dachte, du kannst kein Salionar?"

"Ich muss einer Feindin ja nicht alles verraten." Er sprach die Formel über Charyss und sie genoss den
Augenblick, in dem ihre Magie zurückkehrte.

"Philes hat dich an Skaffa verkauft."

Sie nickte. "Ich weiß. In den Tagen hier wurde mir das klar. Wenn ich zurück in Salion bin, werde ich ihm
zeigen, wer hier Herrscher ist. Er wird den Tag verfluchen, an dem sein Vater beschloss, mein Land zu
erobern."

"Aber erst mal musst du hier raus." Hrantal verwandelte sich wieder in den schwarzen Kater.

Sie tat es ihm gleich und beide huschten als schwarze Schatten aus dem Gefängnis. Mit einem
Zauberspruch schloss der Herzog die Tür und beförderte den Schlüssel zurück an einen Haken an der
Wand. Dann lief er weiter und führte Charyss durch ein Gewirr von abzweigenden Gängen nach draußen.

Der dunkle Himmel war von Wolken bedeckt, nur einige Sterne schimmerten hindurch. Hrantal schlich
über den Hof und zu den Pferdeställen. Morshôn stand, mit schweren Ketten angebunden, in einer Ecke
des Gebäudes. Niemand hatte sich getraut, ihn anzufassen. Charyss verwandelte sich zurück in einen
Menschen und brachte die Ketten zum Zerbersten. Dann führte sie ihr Pferd, das immer noch den Sattel
und das Zaumzeug trug, aus dem Stall.

Der Herzog hatte sich für ein großes, ebenfalls schwarzes Streitross entschieden und schwang sich in den
Sattel. Er lenkte das Tier neben Morshôn.

"Woher hast du bloß dieses Monstrum?" flüsterte er.

Sie lächelte. "Ein Salioner, irgendein Tier musste mir Philes bereitstellen. Er hat geglaubt, ich würde nicht
mit Morshôn fertig werden."

Leise führten sie die Pferde zum Tor. Die Wachposten schliefen und lautlos öffnete Charyss das Tor. Sie
deutete auf die schlafenden Torhüter. "Dein Werk, nehme ich an?"

Er nickte. Dann gab er seinem Pferd die Sporen und galoppierte in die Dunkelheit hinein. Charyss folgte
ihm.

Nach einigen Stunden stiegen sie ab und befreiten die Pferde von Sattel und Zaumzeug. Charyss belegte
sie mit einem Zauber, der sie auf direktesten Weg zur Michindor-Festung reisen lassen sollte. Hrantal
hatte sich in seinen weißen Drachen verwandelt und beobachtete sie, wie sie Morshôn verabschiedete.
Dann versetzte sie ihm einen Klaps und er trabte davon. Sie verwandelte sich ebenfalls in einen Drachen
und beide flogen dem Norden entgegen.

Einige Stunden später erreichten sie die Feenburg. Hrantal umarmte Charyss und küsste sie noch einmal.
Dann drehte er sich um, verwandelte sich in den schwarzen Kater und verschwand in der Dunkelheit.
Charyss sah ihm hinterher, bis ihn die Nacht verschlang, dann betrat sie, ebenfalls als Katze, die
Feenburg.

Sie huschte durch die Gänge der Burg und hielt vor dem Beratungszimmer an. Unbemerkt schlich sie sich
hinein und verfolgte das Gespräch, das Philes mit seinen Hauptmännern führte.

"Ich bedaure die Entführung Eurer Schwester zutiefst, Maximilian, aber wir haben nicht genügend
Streitkräfte, um Krashnach anzugreifen, das wäre der pure Selbstmord!"

Max sprang auf und antwortete hitzig: "Sie ist die einzige, die uns noch gegen die Tricheller helfen kann,
Eurer Hoheit. Wenn wir sie nicht befreien, ist Salion verloren!"

Der König verzog den Mund und sagte: "Das ist es sowieso. Ich hoffe, dass wir noch rechtzeitig nach
Slamung fliehen können. Und selbst wenn Eure Schwester hier wäre, ihr vergesst den Herzog von
Trichell."

"Ihr wollt Salion also aufgeben?"

Der König verzog keine Miene. "Salion ist schlecht befestigt. Der einzige Schutz, Eure Schwester, ging uns
verloren. Ich fordere keinen auf, dieses Land mehr als nötig zu verteidigen."

Charyss sprang auf die lange Tafel. Mit gefährlich aufblitzenden Augen starrte sie Philes an. Einer der
Hauptmänner wollte sie wegscheuchen, doch sie wich seiner Hand aus, sprang wieder herunter und
verwandelte sich in einen Menschen. Erschrocken wich Philes zurück. Die Lady versetzte ihm einen
vernichtenden Blick.

"Welch eine Freude, Euch wieder zu sehen, Euer Hoheit. Mit mir habt ihr wohl nicht mehr gerechnet? Zu
dumm, dass ihr in Eurem Plan keine Magie berücksichtigt habt."

"Welchen Plan?"

"Leugnet nicht. Es gibt mehr als genug Sprüche, um jemanden zum Reden zu zwingen - ihr habt den
König von Trichell ermorden lassen! Und ihr habt mich an die Skaffaer verkauft. Ich breche den Treueid,
den ich Euch nie geben musste, ich bin nicht länger eine Eurer Untertanen. Als Königin von Salion,
befehle ich Euch, mein Land sofort zu verlassen."

Mehrere Scharchaer waren aufgesprungen, doch die Überzahl der Hauptmänner hatte sich schützend
vor Charyss gestellt.

"Das wird Euch noch leid tun", fauchte Philes und griff zu seinem Schwert.

Max wollte es ihm entreißen, doch Charyss winkte ab. Sie nahm das Schwert ihres Bruders und wartete
auf Philes’ Angriff. "Wehrlose wollt ihr töten, mal sehen, ob ihr auch Bewaffnete angreift."

Philes griff an und holte gegen sie aus. Charyss fing den Schlag geschickt ab, drückte dagegen und, mit
einem weiten Schwung, ließ sie ihre Waffe auf seinen Schwertarm niedersausen. Philes schrie kurz auf
und ließ sein Schwert fallen.

"Verschwindet, bevor ich Euch die Wachen auf den Hals hetze", zischte Charyss und hob sein Schwert
auf. "Das hier könnt ihr behalten."

Philes griff mit finsterem Gesicht nach seiner Waffe, gab seinen scharchaer Hauptmännern einen Wink
und verließ mit ihnen das Zimmer. Er lief auf den Hof, sprang auf sein Pferd und verließ mit seinen
Rittern eilig die Burg. Der Morgen hatte gerade angebrochen und durch die goldenen Strahlen der Sonne
konnte Charyss einen versteckten Trupp Tricheller am Wegesrand entdecken.

Philes würde direkt in die Falle tappen. Max lehnte sich neben seine Schwester an die Burgmauer und
beobachtete das Gefecht, das mit der Gefangennahme Philes endete.

"Ein Tricheller Bote?" Charyss blickte ihren Bruder ungläubig an. "Was wollen die? Mich mit Philes
erpressen?"

Max zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, du bist die Königin, glaubst du, er wollte mit einem
einfachen Hauptmann sprechen?"

"Schick ihn rein."

Max verbeugte sich und bemerkte, mit unterdrückter Belustigung in der Stimme: "Ja, Eure Hoheit."
Grinsend verließ er den Saal und einige Minuten später kehrte er, mit einem jungen Krieger im
Schlepptau, zurück.
Der Krieger verbeugte sich und drückte Charyss einen versiegelten Brief in die Hand. Die Königin öffnete
ihn und eine Weile herrschte Totenstille.

"Ein Friedensvertrag. Und Zusicherung einer militärischen Unterstützung gegen Skaffa. Will Garthed sich
mein Vertrauen kaufen?"

Der Krieger schüttelte den Kopf. "Nein, keinesfalls, Eure Hoheit. In einem Tag erwartet er eine Antwort."

"Er braucht nicht einen Tag zu warten. Ich nehme an." Charyss griff nach einer Feder, schrieb einige
Worte auf den Vertrag, steckte ihn in den Umschlag zurück und gab ihn dem Krieger. "Richtet ihm
meinen Gruß aus."

Der Krieger verbeugte sich nochmals und verließ den Saal. Max atmete tief durch.

"Für einen Moment dachte ich, dass du ablehnst."

Sie grinste. "Ich bin doch nicht lebensmüde. Wenn der Herzog irgendwo noch einen anderen
Drachenmagier seiner Stärke auftreiben kann, wäre Salion verloren gewesen." Allerdings zweifle ich
daran, ob er mich noch angreift, dachte sie.

Einige Wochen später erreichte Charyss die Nachricht, dass Gaynen auf dem Weg nach Salion war. Auch
Garthed wollte ihr einen Besuch abstatten. Aber sie würden erst in ein bis zwei Wochen eintreffen.

Sie lenkte Morshôn durch die dicht befahrene Straße von Tintokal nach der Michindor-Festung.
Nachdem sie die Straßenkreuzung nach der Kreuzburg passiert hatte, ließ der Verkehr nach. Auf einer
Brücke kam ihr eine riesige Schafherde entgegen, die von einem alten Schäfer und acht Hunden
vorangetrieben wurde. Geschickt bahnte sie sich einen Weg durch die Herde, nickte dem Schäfer
freundlich zu, der sich vor ihr verbeugte, sprang über das letzte Schaf und prallte mit einem anderen
Pferd zusammen. Sie konnte sich gerade noch auf Morshôn halten. Der Reiter lenkte sein Pferd neben sie
und bewahrte sie vor einem Sturz.

"Man guckt nach vorne im Straßenverkehr", knurrte er.

Es war Hrantal.

"Und man reitet nicht ohne Genehmigung durch fremde Territorien, das nennt man Spionage."

Er verzog das Gesicht. "Ich hab eine Genehmigung." Mit einem Lächeln auf den Lippen reichte er ihr
einen Brief. Gaynen hatte ihn unterschrieben. Sie seufzte.

"Wie soll ich ihnen klar machen, das nur ich solche Genehmigungen erteilen darf."

Er beugte sich zu ihr herüber und küsste sie. "Gar nicht. Denn dann würde ich immer noch an der Grenze
stehen und auf eine Erlaubnis warten."

"Euer Bruder. Ja, er ist bereits hier." Charyss nickte Garthed zu. "Ich muss meinem Bruder noch eine
Predigt halten, dass er, verflucht noch mal, meine Genehmigung braucht, um eine Genehmigung zu
schreiben."
Garthed grinste. "Seid Euch nicht so sicher, dass es wirklich Gaynens Unterschrift war. Wo hat er Euch
erwischt?"

Sie verdrehte die Augen. "In einer Schafherde, mitten auf einer Brücke. Wie sieht es aus, mit Philes?"

Garthed zuckte mit den Schultern. "Er schmort lebenslänglich in einem Gefängnis in Xanthaka." Er
bemerkte seinen Bruder, der lautlos die Treppe zur Burgmauer erklomm.

"Und mit der Verwaltung Scharchas?" fragte sie.

"Slamung wurde vollständig eingenommen. Ein Großteil der Bevölkerung schien froh, Philes los zu sein."
Der Herzog legte seine Hände auf Charyss’ Taille und drückte einen Kuss auf ihren Nacken. "Du doch
auch", bemerkte er.

Zu Garthed gewandt fügte er hinzu: "Mach den Mund zu."

Garthed klappte den Kiefer wieder zu und grinste. "Erst bringst du sie fast um und jetzt küsst du sie."

"Was dagegen?" fragte Hrantal mit fast unhörbarer Drohung in der Stimme.

Gaynen hatte ebenfalls die Mauer erklommen und stand nun neben dem Herzog. Auch er konnte sich
eine Bemerkung nicht verkneifen: "Es geht doch nichts über den alten Leitsatz Du sollst deine Feinde
lieben."

Charyss warf ihrem Bruder einen vernichtenden Blick entgegen. "Du solltest mal wieder nach Xanthaka,
Bruderherz. Jemand würde dich gerne wieder sehen."

Gaynens Gesicht verfärbte sich leicht rosa. "Ich hasse es, wenn du meine Gedanken liest."

Der Herzog musterte Gaynen jetzt ebenfalls. "Der Meinung bin ich auch. Du solltest mitgehen, Garthed,
vielleicht findest du jemanden, dem du einen Teil der Regierung überlassen kannst."

Garthed, der froh war, dass er durch seine Magie, die freilich nicht mit der seines Bruders mithalten
kann, von Gedankenübergriffen geschützt war, verzog verwirrt das Gesicht. Seine Zauberkraft war bei
weiten nicht so stark, dass er Gedanken lesen könnte. Nach ein paar Sekunden hellte sich sein Antlitz
auf, er griff Gaynen am Arm und sagte: "Ich glaube, darüber müssen wir uns mal unterhalten."

Dann verließen er und Gaynen die Burgmauer.

"Ich glaube, er hat echt Regierungshilfe nötig", sagte der Herzog.

Sie lehnte sich an ihn und fragte: "Warum hilfst du ihm nicht?"

"Weil ich es hasse, ein riesiges Land zu regieren. Außerdem habe ich in Trichell mehrere Magier, die mir
liebend gern an die Gurgel springen wollen. Die warten nur auf einen Fehler und dann fallen sie wie
Aasgeier über ihr Opfer her." Hrantal verzog das Gesicht. "Aber allmählich habe ich die Nase voll,
Garthed’s Botschafter zu spielen. Demnächst will er mich zu einer wirtschaftlichen Verhandlung nach
Beriwan schicken." Seine Stimme wurde leise, als er sie an sich drückte und sagte: "Aber vorher hätte ich
noch eine Frage." Er hielt kurz inne, um ihren Blick festzunageln. "Willst du mich heiraten?"

Charyss blickte ihm überrascht in die Augen. Dann beugte sie sich vor und küsste ihn. "Warum sollte ich
ablehnen?"

Er lächelte.

"Die Skaffaer wollen verhandeln? Einen Friedensvertrag?" Hrantal griff nach dem Brief, den ihm Max
überreichte, riss ihn auf und las ihn. Nach einer Weile grinste er zufrieden, reichte den Brief an Max
weiter und sagte: "Sie wollen sich den Frieden erkaufen. Mit Tributzahlungen."

Max hatte die Zeilen überflogen, gähnte einmal kurz, und bemerkte: "Wenn du mich fragst, ist da was
faul. Pass auf, dass sie dir nicht Grofbäume andrehen wollen."

"Mit Grofbäumen hab ich kein Problem. Sag dem Boten, dass ich mich morgen entscheide, das muss ich
erst mal der Königin unterbreiten."

Hrantal legte den Brief auf den Tisch, wünschte Max eine gute Nacht und verließ den Thronsaal. Max
schüttelte verwirrt mit dem Kopf. Die eigentliche Geschichte von Charyss’ Rettung hatte er noch nie
gehört. Dann gähnte er nochmals und machte sich ebenfalls auf den Weg zu seinen Gemächern.

Der Himmel war von Sternen übersäht und Hrantal schätzte die Uhrzeit auf etwa Mitternacht.
Geräuschlos betrat er einen anderen Teil des Palastes und öffnete die Tür zu den Gemächern des Königs
und der Königin.

Sein erster Blick fiel auf das Bett und Charyss’ schlanke Gestalt, die sich in der Dunkelheit zu
verflüchtigen schien. Hrantal hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er sich auf die Bettkante
setzte und ihren Schlaf beobachtete. Dieser Anblick erinnerte ihn an etwas: Genauso sah sie aus, als er
sie das erste Mal gesehen hatte.

Kampf der Drachen

Ich lauerte auf den roten Drachen Inferno zum letzten Duell.

Ich hatte ihn beim letzten Kampf gehen lassen, aber ich wusste, ich würde es nicht noch einmal tun. Er
würde stärker sein als das letzte Mal, aber ich war auch stärker. Einhundert Jahre habe ich gewartet, und
das Warten sollte ein Ende haben. Doch plötzlich stand er da! Sein feuriges Antlitz war noch mächtiger
geworden, seine Schwingen schienen den Himmel zu berühren.

Sein Haupt war stolz und siegessicher. Ich regte meine silbernen Flügel und mußte erstaunt feststellen,
dass auch ich gewachsen war. Ja, damals waren wir beide noch jung und hatten nicht die Kraft, es mit
den großen Drachen aufzunehmen. Doch jetzt waren wir da, in unserer vollen Größe. Ich wußte, es
würde ein bitterer Kampf werden. Ein Kampf um Leben und Tod.

"Bist Du bereit? fragte ich mit lauter Stimme.

Der rote Drache regte seinen Kopf und sprach mit feuriger Stimme: "Ja, ich habe lange gewartet. Ich
habe trainiert und bin stärker geworden. Aber auch Du hast, wie ich hörte, bei dem goldenen Drachen
trainiert!"

"Ja, das stimmt. Ich habe viel gelernt und bin bereit, es mit dir aufzunehmen."

Mit einem Sausen erhob sich Inferno, und auch ich hob die Schwingen und flog langsam und anmutig zu
ihm hinauf.

Blitzschnell kam er auf mich zu und sein feuriger Atem war zu spüren, als ich blitzschnell meine Zähne in
seinen Nacken stieß. Doch genauso schnell schlug er mir seine Klauen in den Rücken.

Der Kampf dauerte bis zum Morgengrauen an und es war kein Ende in Sicht. Ich war todmüde und hatte
Schmerzen von den vielen Wunden.

Doch plötzlich kam mir eine Idee. Als Inferno grade zu einer neuen Attacke ausholen wollte, nahm ich
meine gesamte Kraft zusammen und flog davon. Inferno flog mir hinterher. Doch ich war schneller, ich
hatte ihn abgehängt. Er suchte mit den Augen die Luft ab, als ich von oben herabgeschossen kam und
meine Energie ballte sich und ich wurde zu einem glimmernden Silberfeuerball. Ich biss so kräftig zu,
dass ich es knacken hörte und wusste, dass der rote Drache meine Siegesrufe nicht mehr hören konnte.
Sein lebloser Körper fiel dem Erdboden entgegen und schlug auf die kalten Steine auf.

Ich errichtete ihm ein Grabmal und in dem Moment, als ich seinen Leichnam in die Kammer hob, wurde
mir klar, dass ich den Roten Drachen ebenso geliebt wie gehasst hatte.

Der kleine Drache


Shelaby

or vielen Jahren gab es einmal einen großen Drachenkrieg, fast alle Drachen kamen damals um, nur ein
kleiner Drache namens Shelaby überlebte.
Sie hatte den großen Drachenkrieg überlebt, weil ihr Vater sie noch rechtzeitig in einer Höhle in
Sicherheit bringen konnte.

Jedoch waren Shelabys Erinnerungen an die Vergangenheit und an ihre Eltern ganz schwach, denn der
Drachenkrieg war bereits seit Jahren vorüber.

Nach so vielen Jahren beschloss Shelaby nun endlich ihre Höhle zu verlassen, um in die große weite Welt
zu tapsen.

Als erstes traf Shelaby eine kleine Ameise auf ihren Weg.

"Huch, du bist aber winzig. Da muß man ja aufpassen, dass man dich nicht zertritt", sagte Shelaby.

"Hey du, ich bin vielleicht winzig, dafür aber ganz stark. Ich kann das zehnfache meines eigenen
Gewichte tragen. Das kannst du nicht", schimpfte die kleine Ameise, die wütend war, dass alle sie nur
nach ihrer Größe beurteilten.

"Oh, das kann ich doch auch. Ich kann sogar das hundertfache deines Gewichtes tragen", rief Shelaby
stolz.

"Ach kleiner Drache, du mußt noch eine ganze Menge lernen.

So ich muss jetzt weiter gehen, sonst schaff ich meine Arbeit nicht."

Und schon war die kleine Ameise verschwunden.

Shelaby stand ganz verwirrt da und verstand die Worte der kleinen Ameise nicht.

"Ich kann doch das hundertfache ihres Gewichtes tragen."

Kopfschüttelnd setzte Shelaby ihren Weg in die große weite Welt fort und schon bald vergaß sie die
Worte der kleinen Ameise.

Unser kleiner Drache fand sich nun bald am Fuße des Berges wieder, in einem wundervollen Tal wo alles
grünte und blühte. Shelaby stürzte sich sofort in das hohe Gras und spielte mit einem kleinen
Schmetterling fangen. Allerdings war dieser viel zu schnell für klein Shelaby.

"Hey warte doch mal", rief Shelaby völlig außer Puste. "Warum fliegst du denn immer davon? Ich will
doch nur mit dir spielen."

"Spielen?", schrie der Schmetterling verächtlich. "Fangen willst du mich und in ein Glas sperren.
Außerdem wer bist du überhaupt? Ich hab dich hier noch nie gesehen."

Shelaby stand ganz verdutzt da und verstand das Misstrauen des kleinen Schmetterlings nicht.

"Ich heiße Shelaby und will in die große weite Welt. Aber wieso sollte ich dich fangen wollen? Ich will
doch nur mit dir spielen, weil du so schön bist!"
"Ach Shelaby, kleiner Drache, du mußt noch eine Menge lernen. Schönheit ist in dieser Welt ein Laster,
die Menschen wollen dich fangen deswegen. Außerdem darfst du keine Kreatur nach ihren
Äußerlichkeiten beurteilen. Nimm mich zum Beispiel, ich war früher eine kleine hässliche Raupe und
glaub mir, das Leben war früher leichter für mich."

Nach diesen Worten verschwand er kleine Schmetterling und Shelaby verstand die Worte wieder nicht.

"Es ist doch toll, schön zu sein, man wird bewundert und alle lieben einen. Außerdem glaube ich nicht,
dass so eine Schönheit mal so etwas Hässliches gewesen sein soll."

Shelaby dachte auch nicht weiter darüber nach und setzte ihren Weg in die große weite Welt fort. Nach
einer Weile war Shelaby bei einem Menschendorf angelangt.

Naiv wie der kleine Drache war, rannte er auch gleich fröhlich munter drauf zu.

Ein kleines Mädchen fand Shelaby als erstes.

"Wer bist du denn?", fragte das Mädchen.

"Ich bin Shelaby, der kleine Drache. Und Du?"

"Ich heiße Chantal, bin 8 Jahre alt und wohne in diesem Dorf", gab Chantal liebevoll zur Antwort. "Willst
Du mit mir nach Hause kommen? Ich find dich so niedlich!"

"Mmmh, na gut. Warum eigentlich nicht?", antwortete Shelaby schnell, zu schnell, sie hätte lieber an die
Worte des Schmetterlings denken sollen...

Shelaby führte ein wundervolles Leben in dem Dorf. Alle Menschen liebten und verehrten sie. Eigentlich
könnte Shelaby jetzt bis zu ihrem Lebensende glücklich sein und die Geschichte enden, aber dann
passierte Schreckliches.

Nach ungefähr einem Jahr häuften sich die Unglücksfälle in dem Dorf. Es gab Missernten, Krankheiten
und eine große Hungersnot. Doch das alles hätte die Liebe der Dorfbewohner zu Shelaby nicht zerstören
können. Doch was dann geschah war etwas, was Shelabys Leben eine harte Wendung geben sollte.

Chantal, bei der Shelaby noch immer lebte, hatte einen schweren Unfall und starb dabei.

Die Dorfbewohner trauerten sehr um diesen Verlust. Sie gaben Shelaby die Schuld an dem Tod von
Chantal und jagten sie mit Fackeln aus dem Dorf. Denn für sie war Shelaby jetzt ein Drache der Unglück
bringt.

Nach einer zweistündigen Jagd ließen die Dorfbewohner endlich von Shelaby ab und drohten ihr, dass sie
nie wieder zurückkehren sollte, denn sonst würde man auch sie töten und sie wegen ihrer Schönheit
ausstellen.

Shelaby saß nun ganz verängstigt hinter einem großen Stein und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.

"Warum nur hassen sie mich so?


Ich habe ihnen doch nichts getan.

Ich liebte Chantal doch auch.

Wäre ich doch bloß in meiner Höhle geblieben."

"Ich habe dein Gespräch mitbekommen", antwortete eine schwarze Katze, die plötzlich hinter dem Stein
hervor kam.

"Wer bist du?" Shelaby erschrak fürchterlich, denn sie wollte niemanden mehr sehen.

"Beruhige dich, ich will dir nichts böses. Übrigens heiß ich Shiana, verzeih, dass ich mich nicht gleich
vorstellte."

"Wenn du mir nichts böses will, was willst du dann von mir?" fragte Shelaby noch immer verängstigt.

"Ich möchte dir nur die Menschen etwas näher erklären", antwortete Shiana und leckte sich die Pfote.
"Paß auf, auch ich lebte einmal in dem Dorf und wurde wie du vertrieben. Die Menschen sind schon
eigenartige Wesen Weißt du, auch bei mir häuften sich plötzlich die Unglücksfälle und auch ich wurde
dafür zur Rechenschaft gezogen. Folgendes: die Menschen wollen für ihre Schicksalsschläge jemanden
verantwortlich machen. Menschen sind abergläubisch, sie machen diejenigen für die Schicksalsschläge
verantwortlich, die anders sind als sie. Die Schuld bei sich zu suchen ist ihnen fremd."

"Aber warum tun sie das?", fragte Shelaby unsicher.

"Was weiß ich. Es sind halt nur Menschen", antwortete Shiana resigniert. "Aber wie auch immer. Du
mußt deinen Weg selbst machen", sagte Shiana, streckte sich noch einmal und schritt dann majestätisch
davon.

Grübelnd saß Shelaby noch ganze zwei Tage hinter ihrem Stein.

"Ja ich muß meinen Weg selbst machen und ich werde meine Reise fortsetzen. Schließlich will ich die
große weite Welt sehen", sagte Shelaby überzeugend zu sich selbst und setzte ihre Reise fort.

Mehrere Monate durchreiste Shelaby nun das Land. Lebte mal hier und mal dort, war aber immer
erpicht darauf nie länger bei ein und derselben Person zu bleiben. Doch diese unbeschwerte
Lebensweise sollte einen Hacken für Shelaby haben. Durch ihre unbeschwerte Reise wurden
machtgierige Menschen auf sie aufmerksam. Mehrere Aussteller hatten sogar bereits eine hohe
Fangprämie auf sie ausgesetzt, schließlich war sie die letzte ihrer Art.

Shelaby kriegte von all dem nichts mit, sie lebte ihr Leben weiterhin frei fort. Sie liebte es frei und
unabhängig zu sein. Doch dann geschah, was geschehen musste. Ein Zirkusdirektor namens Mortis fing
sie in einem unkonzentrierten Augenblick ein.

"Du wirst mich reich machen meine Kleine", sprach Mortis verhöhnend .

"Aber warum? Ich will doch nur die große weite Welt sehen!", schrie Shelaby in ihrer Verzweiflung.
"Wenn du aber frei herumläufst, dann werde ich nicht reich durch dich. Du willst die große weite Welt
sehen? Jetzt hast du die Gelegenheit dazu", sagte Mortis mit einem verächtlichen Unterton.

Ja das stimmt, Shelaby wollte die große weite Welt sehen, aber nicht hinter Gitterstäben.

Die Monate zogen ins Land und langsam fielen die Blätter von den Bäumen. Mortis machte ein großes
Geschäft mit Shelaby, denn jeder wollte den letzten überlebenden Drachen sehen.

Doch Mortis interessierte sich nicht für Shelaby persönlich, ihn faszinierte nur der Gewinn und er wollte
noch mehr davon machen.

Shelaby selbst wurde immer verbitterter und härter. Ihr Herz gefror langsam zu Eis und sie verlor
jeglichen Respekt und jegliches Vertrauen zu den Menschen. Sie war nur noch die große Attraktion im
Zirkus Mortis.

Viele Menschen fühlten sich zur großen Attraktion hingezogen, auch ein Ehepaar namens Bianca und
Theo. Auch sie interessierten sich für Shelaby, allerdings aus einem anderen Grund.

In einer Nacht, als Mortis bereits beruhigt schlief, schlichen sich Bianca und Theo zu Shelaby. Sie hatten
noch jemanden mitgebracht. Einen alten Verwandten von Shelaby, jemanden den sie längst für tot
erklärt hatte und den sie schon lange vergessen hatte.

"Shelaby wach auf, wir wollen dich retten und dir deine Freiheit zurückgeben."

Shelaby, die nur noch Bitterkeit im Herzen besaß, wollte die beiden schon verjagen, doch plötzlich
erblickte sie zwei liebevolle Augen, die ihr schon einmal das Leben retteten.

Es waren die liebevollen Augen ihres Vaters.

"Shelaby meine Liebe, diese zwei Menschen nahmen mich und noch ein paar andere Drachen nach dem
großen Krieg bei sich auf. Komm mit uns, du wirst sehen, nirgendwo sonnst kannst du glücklicher Leben.
Du wolltest die große weite Welt sehen und nun sieh was aus dir geworden ist", sprach Shelabys Vater
liebevoll zu ihr.

So liebevoll wie noch nie jemand mit Shelaby gesprochen hatte.

"Aber Vater, wie soll ich wissen, dass mich diese zwei nicht auch verraten und verkaufen, dass sie mich
nicht fortjagen?", zweifelte Shelaby an.

"Mein liebes Kind, eine Gewissheit kann ich dir nicht geben, aber nimm dir ein Beispiel an der Hummel.
Nach menschlichen Berechnungen kann die Hummel gar nicht fliegen. Ihre Flügel sind zu klein und ihr
Körper zu schwer. Doch die Hummel interessiert das nicht, sie fliegt einfach. Halte du es genauso mit
deinem Vertrauen, gehe nicht nach deinem Verstand, vertraue einfach."

Diese Worte rührten Shelaby sehr und die Bitterkeit in ihrem Herzen verschwand.

.
Shelaby, ein kleiner Drache der auszog, um die große weite Welt zu sehen, fand nun das, was er immer
suchte: eine Heimat und verständnisvolle, liebende Herzen.

Katinkaya, der Fluch und die Drachin

"Verflucht!" Geräuschvoll stolperte und fiel Katinkaya den steinübersäten Abhang hinunter. Eigentlich
hatte sie nur einen kleinen Bogen um den riesigen Felsbrocken machen wollen, der da quer über dem
Weg lag; statt sich aber zwischen dem Fels und der hohen Wand hindurchzuquetschen (und dabei einige
Schrammen zu riskieren) entschied sie sich für den vermeintlich leichteren Weg außen herum. "Das
kommt nur von diesem elenden Fluch", meinte sie zu der kleinen Flugechse, die Katinkaya nur leicht
genervt ansah, sie hatte diesen Ausruf jetzt sicherlich an die 20 Mal gehört. "Ja, ja, ich weiß. Du hast
gemeint, ich sollte nicht versuchen, in das Haus der Hexe einzubrechen, aber ich wollte das Buch ja
unbedingt haben und jetzt habe ich diesen elenden Fluch am Hals!"

Teka grinste nur.

"Wie würdest du dich fühlen, wenn du dauernd mit jemandem zusammenstößt, umknickst, stolperst und
jeder Gegenstand in deiner Reichweite unweigerlich zu Bruch geht?" murrte sie weiter.

Die Echse seufzte und meinte dann: "Du hast Recht, ich habe auch keine Lust mehr, mit faulem Obst und
anderem Unrat beworfen zu werden." Er erhob sich schnell von seinem Ruheplatz auf einem nahen
Felsen, um ihrem nur zur Hälfte spaßig gemeinten Hieb auszuweichen. Nachdem sie sich aufgerappelt
und ihre Schrammen und schmerzenden Stellen (die wohl bald in den schönsten Farben erstrahlen
würden) begutachtet hatte, machte sie sich daran, den Steilhang zu erklimmen.

Fünf Stürze und einige Schürfwunden später war sie endlich wieder auf dem Weg zu dem Wesen, das ihr,
laut der Basarhändler (die nach etlichem zerbrochenem Geschirr und anderer Ware mit faulem Obst
nach Tekaflon und ihr warfen) das Einzige wäre, das ihr noch helfen könne.

Und so befand sich Katinkaya, die zur Zeit äußerst ungeschickte Halbelfin und Berufsdiebin, mit ihrem
werten Freund und Partner Tekaflon, der zumindest seiner Meinung nach schönsten und klügsten
Feuerechse überhaupt, auf dem Weg zu Saxola der Basaltdrachin.

Später an diesem Abend, selbst das Feuer wollte nicht richtig brennen, saßen die beiden zusammen und
verzehrten die Reste ihres Reiseproviants.
"Du Tinka", fing Tekaflon an, "bist du sicher, dass du mit dem Drachen reden willst? Im Allgemeinen
haben Drachen ein ziemlich hitziges Gemüt."

Katinkaya entfernte den Stein, der sich boshaft in ihre Hüfte bohrte und meinte: "Teka, mein Lieber,
dann sind sie nicht anders als du! Außerdem muss ich es einfach versuchen."

Er wirkte nur leicht erbost, als er versuchte, ihr in den Finger zu beißen, mit dem sie vor seiner Schnauze
herumwedelte.

So und ähnlich verliefen ihre Tage als sie nach einer schier endlos erscheinenden Zeitspanne an der
vulkanischen Höhle von Saxola ankamen. Tinka blieb stehen und holte erst einmal tief Luft, woraufhin ihr
prompt ein heftiger Hustenanfall beschert wurde. Bei der letzten Bachüberquerung hatte Tinka
ungewollt Bekanntschaft mit dem nassen Element gemacht, um sich kurz darauf auch noch eine dicke
Erkältung einzufangen. Dabei hatte sie sonst doch eine regelrechte Rossnatur und war nur ein einziges
Mal mit Wundfieber darniedergelegen, als ihr damaliger Ausbilder die Wirksamkeit von Wurfdolchen
etwas zu anschaulich demonstriert hatte.

Als Tinka sich von dem neuerlichen Beweis des Fluches erholt hatte - Teka hatte sich währenddessen
neben dem Höhleneingang niedergelassen -, meinte sie zu ihrem Freund: "He, Flieger-Ass! Wie wäre es,
wenn du mich bei der Hausherrin schon mal ankündigst?"

Teka legte sein herzförmiges Echsenköpfchen schräg, um sie zu fixieren und murmelte: "Um mich fressen
zu lassen, meinst du wohl?! Außerdem war dein Gehuste so laut, dass sie selbst taub und im Tiefschlaf
unsere Ankunft bemerkt hätte."

Katinkaya seufzte und setzte sich auf einen der zahlreichen Gesteinsbrocken am Wegesrand. Sich auf
eine Wartezeit von ungewisser Länge gefasst machend, grübelte sie über ihr Wissen im Umgang mit
Drachen nach.

Die wohl wichtigste Regel war: Betritt niemals die Behausung eines Drachen ohne seine ausdrückliche
Genehmigung! Was wohl auch der Grund für die sich hartnäckig haltenden Geschichten von gefressenen
und anders durch Drachen zu Tode gekommenen Wesen war. Die zweite, sicherlich ebenso wichtige
Regel, besagte, daß man schlafende Drachen nicht wecken sollte. Sie wurden, je nach Temperament,
regelrecht unfreundich, wenn sie plötzlich aus ihren Träumen gerissen wurden.

Saxola schrak hoch und stieß sich ihren Kopf an der etwas zu niedrigen Decke. "Grrrrrrrr, hab mich wohl
mal wieder im Schlaf gedreht", meinte sie halblaut zu sich selbst und drehte sich um, so dass nun ihre
Kehrseite am schmaleren Ende der Schlafhöhle zu liegen kam. Sie schloss erneut ihre für einen Drachen
ungewöhnlichen grünen Augen.

Saxola war schon fast wieder eingeschlummert, als ihr eine Frage in den Sinn kam. Wieso war sie
eigentlich wach geworden? Einmal da, ließ sich die Frage nicht mehr zurückdrängen. Nun, sie würde
wohl aufstehen und nachsehen müssen, wer oder was da solch einen Lärm gemacht hatte. Sie erhob sich
und ging gemächlich durch die Gänge ihres Höhlensystems zum Vordereingang. Um die letzten beiden
Biegungen schlich sie geradezu. Sie wollte, wem oder was auch immer, einen ordentlichen Schrecken für
den versäumten Schlaf verpassen.
"Graaaauhrr, wer wagt es, meinen Schlaf zu stören?" Ein kurzer Flammenstoß und die Drachin erschien
im Eingang.

Als sie sich näher umschaute, sah sie einen Arm und ein Bein zwischen den Felsen auftauchen. Ein
Stöhnen und Ächzen ertönte und jetzt wurde auch der zu den Gliedmaßen gehörende Körper sichtbar.
Katinkaya zog sich an ihrem vorherigen Sitzplatz hoch (von dem sie vor Schreck heruntergefallen war)
und stand der Drachin nun von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

"Verzeiht, dass ich euren Schlummer störte, darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Katinkaya und der
Punkt da oben am Himmel ist mein ebenfalls schreckhafter Freund Tekaflon!"

Saxola sah auf sie hinunter und schnaubte kurz. "Ihr könnt mich Saxola nennen, und jetzt verrate mir,
wieso du so einen Lärm machst?", fragte die Drachin, von Katinkayas Höflichkeit einigermaßen
besänftigt.

Tinka rief nach dem mittlerweile nicht mehr allzu hoch fliegenden Tekaflon und setzte sich auf einen
anderen Felsen. "Ich bin hier, um nach eurem Rat zu fragen und eure Hilfe zu erbitten. Ich wurde von
einer Hexe mit einem Ungeschicklichkeits- Zauber belegt."

Saxola´s Augenwülste hoben sich fragend und sie ließ sich nieder, um ihr Gegenüber nicht mehr mit ihrer
enormen Größe einzuschüchtern.

Tinka sprach weiter: "Wäre ich nur ein Mensch, ich hätte mir womöglich schon alle Knochen gebrochen.
Wie du siehst, habe ich auch so schon genügend Schwierigkeiten, trotz meiner Elfen-Mutter."

Sie sah wirklich mitleiderregend aus; die vormals sicherlich hübsche Lederkleidung eignete sich allenfalls
noch als Lumpen. Auch der halbelfische Inhalt hatte nur noch an sehr wenigen Stellen seine
ursprüngliche Farbe (die typisch blasse Haut derer mit Elfenblut).

Nachdem Saxola dies festgestellt hatte, war auch der letzte Rest von Gereiztheit verflogen. "Wie kann ich
dir helfen, Kleines?" fragte sie das arme verfluchte Ding.

Tekaflon, inzwischen mutiger, antwortete von Tinka`s Schulter aus: "Indem du sie davon befreist
natürlich!"

Saxola fixierte ihn genauer, was zur Folge hatte, dass er sich fast gänzlich in Tinkas dunkelrotem Haar
verkroch.

"Das würde ich schon tun, wenn mir diese Macht zu Gebote stünde, du vorlaute Eidechse!" sprach sie
spöttisch zu dem sich jetzt aufplusternden kleinen Vertreter ihrer Gattung. "Nur die Hexe, die den Fluch
aussprach, kann ihn rückgängig machen, wie du sehr wohl wissen dürftest! Aber kommt doch herein, ihr
seht hungrig aus und von mir weiß ich mit Gewissheit, dass mein Magen knurrt. Du erzählst mir deine
Geschichte und dann fällt uns vielleicht gemeinsam etwas ein, um den Fluch zu brechen."

Tinka beschloss, die vage Vermutung, auf dem Speiseplan der Drachin zu stehen, zu ignorieren und dem
faszinierenden schwarzen Geschöpf in seine Höhle zu folgen. Tekaflon war am grummeln und schmollen,
brachte aber keinen Einwand vor und blieb weiterhin auf Tinkas Schulter sitzen, wobei er mit seinen
langen Krallen in das gepolsterte Leder hieb. Nachdem sie um verschiedene, immer gleich aussehende
Biegungen gegangen waren (Katinkaya schaffte es, nur drei Mal zu stolpern und sich den linken
Ellenbogen aufzuschürfen) gelangten sie in eine nicht allzu große Höhle. Sie wirkte gemütlich mit der
Feuerstelle in der Mitte und dem großen Halbkreis aus Basaltgestein, der aussah, als wäre er aus einem
Stück.

"Nehmt Platz", meinte Saxola und deutete auf den Halbkreis. "Ich hole eine Kleinigkeit zu essen und
etwas zu trinken für uns."

Die beiden ließen sich nieder und begutachteten den Raum, der anscheinend auch auf nicht drachige
Besucher eingerichtet war. In einem (mit der Höhlenwand verwachsenen?) Regal befanden sich Teller,
eine riesige Teekanne und mindestens ein Dutzend Tassen in den verschiedensten Größen, alles aus dem
gleichen, offensichtlich vulkanischen Material, aus dem der ganze Berg bestand. Das Geschirr und die
Drachin jedoch schillerten im Gegensatz zu dem stumpfen Schwarz des übrigen Gesteins in den
verschiedensten Farben. Während sich die beiden umsahen, erschien Saxola wieder im Besucherraum
mit einem großen Topf Wasser und einem riesigen Stück Fleisch. Aus der Truhe neben dem Regal holte
sie eine