Sie sind auf Seite 1von 2

Die Lucretia-Episode (Liv. 1,57-60)

Interpretationsskizze Frauenideal der Römer; Lucretia als blutleerer Typus der perfekten uxor Romana. Insgesamt ist die Gesamtepisode novellenartig bzw. romanhaft narrativ sorgfältig gestaltet. Der Konsulat des Brutus wird schon durch das Orakel von Delphi vorausgedeutet (Ringkomposition): Das Wirken der fortuna ist für die Verfassungsänderung mitverant- wortlich. Die eigentliche Lucretia-Geschichte weist als Höhepunkte und zugleich über- raschende Wendepunkte (Peripetien) die Vergewaltigung Lucretias, ihren anschließenden Selbstmord und schließlich (weniger spektakulär) die Vertreibung des Königs auf. Der Fokus liegt klar auf der eher privaten, zwischenmenschlichen Tragödie um Lucretia, die zusätzlich durch Dialoge bzw. direkte Rede dramatisiert und emotional aufgeladen ist; Geschichtsschreibung mit den Mitteln der Tragödie (tragische Geschichtsschreibung des Hellenismus). Die Passage ließe sich geradezu als Film umsetzen.

Text 1: Eine Wette unter jungen Männern

Möglicher Unterrichtsablauf

Einstieg Fakultativ: Vorgeschichte (Liv. 1,56) mit Schlangenprodigium, das das Ende der Königsherrschaft ankündigt; Tarquinius Superbus schickt zwei Söhne mit Brutus nach Delphi, um Bedeutung des Prodigiums zu erfragen; dort küsst Brutus die "Mutter" Erde, um nach den verschlüsselten Angaben des Orakels die Herrschaft zu erlangen.

Vor dem Text: Anhand des Lexikonartikel stellen die Schüler Merkmale der idealen Ehefrau zusammen, die lateinischen Bezeichnungen (lana) werden als Vorentlastung ergänzt und so mit der Sache verknüpft.

Erschließung u. Übersetzung

1. Abschnitt: Suam quisque laudare – Romam avolant

Die Erschließung erfolgt über den hinführenden Text: Männergespräch zwischen den Tarquiniern und Collatinus über die Qualität der Ehefrauen.

Arbeitsauftrag: Finden Sie heraus, wie die Männer die Frage nach derbesten Ehefrau lösen wollen.

2. Abschnitt: Quo cum laus penes Lucretiam erat

Erschließung über die Gegenüberstellung der regiae nurūs und Lucretia.

Arbeitsauftrag: Stellen Sie gegenüber, bei welchen Tätigkeiten die Männer Lucretia bzw. die Gattinnen der Tarquinier antreffen.

Tafelbild:

regiae nurūs

Lucretia

in convivio luxuque

nocte sera deditam

cum aequalibus

lanae inter lucubrantes ancillas

tempus terentes

in medio aedium

sedentem

ancillas tempus terentes in medio aedium sedentem forma et castitas Muliebris certaminis laus penes Lucretiam

forma et castitas

Muliebris certaminis laus penes Lucretiam

3. Abschnitt: adveniens vir – castra redeunt

Übersetzung und Ergänzung der Eigenschaften der Lucretia im TA, die zur mala libido des Tarquiniers führen.

Lösungsskizzen zu den Aufgaben

Aufgabe 3 Durch den Wechsel der Tempora (Wechsel zwischen hist. Infinitiv, narrativem Perfekt und Präsens historicum/dramaticum) und der Abfolge zwischen Parataxe und Hypotaxe steuert Livius das Tempo des Geschehens: Durch die hypotaktische Beschreibung der Tätigkeiten der Frauen wird das Tempo der Erzählung gedrosselt und der der Leser selbst Augenzeuge. Die folgenden parataktischen, teil elliptischen Sätze erhöhen schlagartig die Dynamik. Auch die direkten Reden verleihen dem Abschnitt Lebendigkeit.

Aufgabe 4 Durch zahlreiche auktoriale Wertungen (z.B. wertende Adjektive mala libido) gibt Livius seine persönliche Einstellung zusätzlich zu erkennen. Historische Prozesse werden auf das Schicksal einzelner Personen reduziert ("personalisierte Geschichtsschreibung") und dabei durch eine emotionale Darstellungsweise subjektiviert: Entrationalisierung historischer Prozesse. Personalisierung und Emotionalisierung unterstützen Livius' didaktische Absichten in der Präsentation nationalrömischer Geschichte.