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GRUNDSATZPROGRAMM

Beschlossen am 44. ordentlichen Bundesparteitag in Wels 2018


Die Welt steht nicht still.................................................................................................................. 4

Die Herausforderungen unserer Zeit............................................................................................... 7

Unsere Werte................................................................................................................................ 14

1. Eine solidarische Welt ist möglich....................................................................................... 17

2. Europa demokratischer und sozialer machen....................................................................... 22

3. Für eine gerechte Wirtschaftsordnung................................................................................. 26

4. Gute Arbeit für alle............................................................................................................. 30

5. Bildung als Schlüssel zur Freiheit........................................................................................ 33

6. Sicherheit ist sozial............................................................................................................. 37

7. In Stadt und Land............................................................................................................... 41

8. Die Pflicht zur Erhaltung unseres Planeten......................................................................... 44

9. Die Gleichstellung der Geschlechter................................................................................... 48

10.  Das Miteinander stärken..................................................................................................... 51

11.  Die offene Digitalgesellschaft und die Freiheit der Kunst.................................................... 54

Österreich verändern.................................................................................................................... 58
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DIE WELT STEHT NICHT STILL

Die Welt steht nicht still. Sie ist stets im Wandel, vieles zum Besseren verändert. Weltweit konnte
der sich beschleunigt und immer wieder in Pha- – vor allem durch den Aufholprozess der Schwel-
sen politischen und gesellschaftlichen Umbruchs lenländer – die absolute Armut deutlich reduziert
übergeht. Alte Muster überleben sich und es werden.Technologie und Medizin haben ­enorme­
braucht neue Antworten. Sozialdemokratische Fortschritte gemacht. Die Lebenserwartung steigt
Parteiprogramme müssen in solchen Zeiten in vielen Regionen der Welt und Milliarden
die geistige und visionäre Kraft entwickeln, die Menschen leben heute freier und selbstbestimm-
neue Wirklichkeit zu analysieren und Ziele für ter. Algorithmen und künstliche Intelligenz revo-
die Zukunft zu formulieren. Im Jahr 1978 ver- lutionieren die Arbeitswelt und mehrere Milliar-
abschiedete die SPÖ unter dem Vorsitz Bruno den Menschen haben mit dem Smartphone ein
Kreiskys ein Grundsatzprogramm, das die „Re- Instrument in der Jackentasche, mit dem sie Zu-
form der Entscheidungs- und Eigentumsverhält- gang zum gesammelten Wissen der Welt haben.
nisse“ in der Wirtschaft forderte. Sein Ziel war
die Weiterentwicklung der „politischen Demo- Die „soziale Demokratie“, die die Kreisky-
kratie und des Wohlfahrtsstaats“ zu einer „sozia- SPÖ­­­forderte, ist heute aber so unerreicht wie
len Demokratie“. vor 40 Jahren. Die Sozialdemokratie war in
den letzten Jahrzehnten in ganz Europa mit
Der damalige Zeitgeist war von Optimismus ge- einem mehr oder weniger erfolgreichen Ab-
prägt. Heute, 40 Jahre später, hat sich tatsächlich wehrkampf gegen die neoliberale Demontage

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des Sozialstaats sowie gegen die Aushöhlung ignorieren, müssen überwunden werden; mit
der Demokratie beschäftigt. dem Ziel, ein soziales, inklusives und ökologi-
sches Wirtschaftssystem der Zukunft zu schaffen.
Der Optimismus der 1970er ist einem anderen
Zeitgeist gewichen. Das Modell des Nachkriegs- Wir begegnen den Herausforderungen des gesell-
konsenses der sozialen Marktwirtschaft wurde schaftlichen Wandels beherzt und voller Zuver-
und wird in den hochentwickelten Industriestaa- sicht. Denn wir können die Chancen nutzen, die
ten von einem postdemokratischen finanzmarkt­ der technologische Fortschritt bietet, um unsere
getriebenen Kapitalismus verdrängt. An die Stelle Welt zum Besseren zu verändern. Und als Sozial-
der Beteiligung – die Teilhabe der arbeitenden demokratinnen und Sozialdemokraten werden
Menschen an Wohlstand und an wirtschaftlicher wir uns an die Spitze dieses Fortschritts stellen,
wie politischer Macht – tritt eine Benachteiligung, um Risiken in Möglichkeiten zu verwandeln.
in der sozialer Aufstieg erschwert und bestehende
Privilegien zementiert und ausgebaut werden. An einer historischen Weggabelung der wirt-
schaftlichen, sozialen und politischen Entwick-
Diese Entwicklung trägt maßgeblich zu den lung in der Welt, in Europa und in Österreich
großen Instabilitäten bei, die wir heute in der ist das neue Grundsatzprogramm der SPÖ da-
Wirtschaft sehen. Sie bringt Unsicherheit in her mehr als ein Wegweiser: Es ist ein konkreter
das Leben der Menschen. Viele haben den politischer Handlungsauftrag. Es ist mehr als eine
Eindruck das eigene Geschick nicht in den verwirklichbare Vision von unserer Gesellschaft:
Händen zu haben, sondern Spielball globaler Es ist eine Einladung, sich an unserem gemein-
und nicht mehr steuerbarer Kräfte zu sein. samen Veränderungsprojekt zu beteiligen. Aus
Zu dieser neuen sozialen Frage kommt ein unserer Geschichte schöpfen wir das Vertrauen
weitreichender Wandel unserer Lebens- und in die aktive Gestaltbarkeit und Verbesserbarkeit
Arbeitsverhältnisse. Wir erleben eine atembe- unserer Lebensverhältnisse. Es gibt einen brei-
raubende technologische Veränderung unserer ten Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, nach
Wirtschaft und Gesellschaft, eine rasant wach- Chancengleichheit und nach dem Respekt vor
sende Ungleichheit innerhalb der National- der Würde aller Menschen. Eine solche Zu-
staaten, Klimaerhitzung und Umweltzerstö- kunft kommt aber nicht von selbst. Wir müssen
rung, Kriege und Migrationsbewegungen. sie gemeinsam formen. Gemeinsam werden wir
unsere Demokratie nicht bloß verteidigen, son-
Das neue Parteiprogramm steht für einen klaren dern ausbauen. Gemeinsam werden wir soziale
Kurs. Wir lehnen ein Wirtschaftssystem ab, das Errungenschaften nicht bloß bewahren, sondern
nicht den Menschen und sein Wohlbefinden in die politischen, wirtschaftlichen und sozialen
den Mittelpunkt stellt, sondern das ausschließ- Machtverhältnisse neu ordnen. Das in diesem
liche Streben nach Profit. Entgrenzte kapitalis- Programm gezeichnete Bild einer sozialen De-
tische Systeme, die die Interessen der Menschen mokratie ist unser Bauplan dafür.

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Die Sozialdemokratie muss als Bewegung ein reich arbeiten. Wir sind die Partei der kleinen
Spiegelbild unserer Gesellschaft sein und ihre Selbstständigen und der Ein-Personen-Unter-
Vielfalt abbilden. Wir waren und sind die Par- nehmen, der hart arbeitenden Angestellten
tei der arbeitenden Menschen und jener, die ebenso wie der kleinen und mittleren Unter-
die Unterstützung anderer brauchen. Wir sind nehmen. Wir sind die Partei aller Menschen,
die Partei der klassischen IndustriearbeiterIn- deren Arbeitseinsatz die Grundlage für den
nen, aber auch jener, die im Dienstleistungsbe- eigenen Lebensunterhalt ist.

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DIE HERAUSFORDERUNGEN
UNSERER ZEIT

DAS ERSCHÜTTERTE Wir wollen zeigen, dass es eine Alternative zu


WIRTSCHAFTSSYSTEM einer Wirtschaftsordnung gibt, die alles der Wett-
bewerbsfähigkeit unterordnet. Heute erfordert die
In den letzten 40 Jahren hat sich das Wirtschafts- Stabilisierung von Wirtschaft und Gesellschaft eine
system gewandelt. Eine Konzentration von Ein- neueVerteilung von Reichtum und Macht und ein
kommen, Vermögen und Macht ging einher mit neues Selbstverständnis unseres demokratischen
Privatisierung und Deregulierung von Dienstleis- Gemeinwesens. Die unbestrittene Rolle von Staa-
tungs-, Güter- und Finanzmärkten, mit der Aus- ten für die Bereitstellung von wirtschaftlichen und
weitung der Verschuldung öffentlicher und privater wissenschaftlichen Grundlagen für unternehme­
Haushalte, der Schwächung von Gewerkschaften rische Erfolge muss sich auch in der Beteiligung der
und der Entdemokratisierung von Wirtschaft und Gemeinschaft an diesen Erfolgen widerspiegeln.
Gesellschaft. Die ökonomischen und sozialen Un-
gleichgewichte wachsen. Das macht die Weltwirt- DIE SOZIALE HERAUSFORDERUNG –
schaft krisenanfällig. Der große Finanzcrash 2008 GUTE ARBEIT FÜR ALLE
war bisheriger Höhepunkt dieser krisenhaften
Entwicklung. Aber das war keine Entwicklung, die Das gesellschaftliche Versprechen, dass Wohlstand
einfach so geschah. Gesellschaftlicher Wandel und für alle durch Arbeit möglich ist, wurde durch eine
Machtstreben greifen ineinander. Ordnung ersetzt, in der Reichtum und Privilegien

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mehr zählen als Leistung. Eine ganze Generation len daher die Funktionstüchtigkeit der politischen
junger Menschen erlebt heute in befristeten und Demokratie in Frage.
schlecht bezahlten Jobs oder als „Generation Prak-
tikum“, dass Leistungsbereitschaft und Einsatzfreu- Postdemokratie heißt, dass der politische Einfluss
de nicht honoriert werden. Wer nicht erbt, kann wirtschaftlicher Eliten wächst, während andere ge-
nicht damit rechnen, dass sich Fleiß und Leistung sellschaftliche Gruppen von der Mitsprache ausge-
lohnen. Hart arbeitende Menschen, die sich mit ih- schlossen werden. Dies führt dazu, dass Menschen
rem Arbeitseinkommen kaum über Wasser halten nicht mehr an die Gestaltbarkeit der Gesellschaft
können und Einkommensverhältnisse, bei denen durch politische Teilhabe glauben. Ihre Interessen
jedes ausfallende technische Gerät, jede unerwar- werden nicht vertreten. Sie erfahren soziale Aus-
tete Rechnung Familien in eine finanzielle Krise grenzung und werden passiv. Ein Zustand, der
stürzt, sind keine Einzelfälle. darüber hinaus die Gefahr birgt, dass autoritäre,
antidemokratische Bewegungen mit ihren Parolen
Der Boden unter den Füßen vieler Menschen gegen „das System“ auf fruchtbaren Boden treffen.
schwankt und wird brüchig. Die soziale Unsicher- Sie missbrauchen den berechtigten Ärger vieler
heit in unserer Gesellschaft berührt auch die, deren Menschen, um ihn gegen Feindbilder zu richten,
soziale Lage eigentlich gut ist, die aber die Gefah- für autoritäre Parolen zu mobilisieren und Schritt
ren eines sozialen Abstiegs fürchten. Rechte Partei- für Schritt ihr Modell einer „illiberal­en Demokra­
en versuchen aus dieser Verunsicherung Kapital zu tie“ Wirklichkeit werden zu lassen.
schlagen. Sie deuten Fragen sozialer Ungleichheit
vorrangig zu kulturellen Fragen oder zu Fragen Eine funktionierende Demokratie setzt ein funk-
nationaler Identitäten um und versuchen, unter- tionstüchtiges Gemeinwesen voraus, in dem alle
schiedliche Gesellschaftsschichten gegeneinander Menschen sowohl Sicherheit verspüren als auch
aufzuwiegeln. Die Sozialdemokratie muss daher die Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben. Nur
heute mehr denn je dafür kämpfen, dass sich Fleiß wenn Menschen an unserer Gesellschaft teilhaben
und Leistung lohnen. Existenzsichernde, würde- können, sind sie verlässliche Stützen eines demo-
volle Arbeit für alle ist eine Voraussetzung dafür. kratischen Systems. Wirtschaftliche, soziale und
demokratiepolitische Fragen sind deshalb für uns
SOZIALE DEMOKRATIE STATT untrennbar miteinander verbunden.
POSTDEMOKRATIE
VOM TECHNISCHEN ZUM SOZIA-
Angst gebiert autoritären Geist, schwindende LEN FORTSCHRITT – AUS RISIKEN
Hoffnungen vergiften Gesellschaften von innen. MÖGLICHKEITEN MACHEN
Die soziale Spaltung unserer Gesellschaft, die
einseitige Verteilung von Reichtum und dessen So wie die Dampfmaschine das Zeitalter der
Missbrauch zur Ausübung politischer Macht stel- Industrialisierung eingeläutet hat, hat in den

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vergangenen Jahrzehnten die rasante Weiterent- 100 Jahren müssen wir sicherstellen, dass der
wicklung der Computer- und Informationstech- technologische Fortschritt dem sozialen Fort-
nologie die Wirtschaft grundlegend umgestaltet. schritt dient und nicht in erster Linie den Profi-
Die Digitalisierung der Ökonomie ist keine abs- ten einiger weniger.
trakte Zukunftsvision, sie ist längst Realität.
AUSBRUCH AUS GESCHLECHTER-
Schon vor mehr als 100 Jahren haben wir So- ROLLEN, DIE FRAUEN UND MÄNNER
zialdemokratinnen und Sozialdemokraten die EINSCHRÄNKEN
Industrialisierung, technische Innovationen und
die Weiterentwicklung der Produktivkräfte als Gemeinsam mit der Frauenbewegung hat die
notwendige Voraussetzung begrüßt, um Not Sozialdemokratie die Gleichberechtigung der
und Ausbeutung zu überwinden. Der Fortschritt Frauen erfolgreich vorangetrieben. Seit den
produziert Reichtum und kann die Menschen 1970er-Jahren konnte die rechtliche Gleich-
von mühseliger Plackerei befreien. Diese großen stellung – vom Ehegesetz bis zu den Kollektiv-
Möglichkeiten sehen wir heute auch in einer verträgen – durchgesetzt werden. Vom Gewalt-
digitalisierten und automatisierten Wirtschaft. schutzgesetz bis zum Gleichbehandlungsrecht
Sie verändert die Art wie wir arbeiten, kommu- wurden viele rechtliche Instrumente geschaffen.
nizieren und unsere Freizeit gestalten. Und sie All das hat einiges verändert: Frauen haben heu-
verlangt eine entsprechende Umgestaltung der te im Durchschnitt eine höhere Qualifikation
Finanzierung des Wohlfahrtsstaats, des Arbeits- als Männer und ihre Erwerbsbeteiligung ist in
rechts und darüber hinaus. den letzten Jahrzehnten rasant gestiegen. Vie-
le Frauen haben eine Berufslaufbahn und sind
Für viele ArbeitnehmerInnen bedeuten die Ver- heute ein selbstverständlicher Teil des öffentli-
änderungen eine Erschütterung bekannter und chen Lebens und der Politik. Gleichzeitig gibt es
vertrauter Abläufe und Routinen und einen An- noch immer patriarchale Strukturen, die Frauen
griff auf den Wert ihrer Arbeitsleistung und ihrer klein halten. Ökonomische Ungleichheiten sind
Würde am Arbeitsplatz. zugleich Folge und auch Ursache davon. Allen
Fortschritten zum Trotz ist die Gleichstellung
Aber wir Sozialdemokratinnen und Sozialde- der Geschlechter noch lange nicht erreicht.
mokraten waren immer die Kraft der Moder-
nisierung. Wir begreifen uns als Partei des Fort- Nach wie vor müssen die sozialen und wirt-
schritts und der Veränderung – im Dienste der schaftlichen Umstände, die Machtungleichhei-
Menschen. Wir begrüßen und unterstützen da- ten, die geschriebenen und die ungeschriebenen
her die Anwendung neuer Technologien, wenn Regeln verändert werden. Nur so kann nach der
sie den Menschen neue Möglichkeiten eröffnen rechtlichen auch die soziale Gleichstellung der
und Arbeiten erleichtern. Wie schon vor über Geschlechter durchgesetzt werden. Die gleiche

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Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeitszeit frei sein. Deswegen befreit dieser Kampf nicht
zwischen den Geschlechtern nimmt dabei eine nur Frauen, sondern auch Männer aus Rollen-
zentrale Stellung ein. klischees.

Gleichzeitig führen wir Sozialdemokratinnen DIE ÖKOLOGISCHE


und Sozialdemokraten einen entschlossenen ÜBERLEBENSFRAGE
Kampf gegen unmittelbare und mittelbare Dis-
kriminierungen.Wir setzen uns ein für Einkom- Die globale Klimaerhitzung und die damit ver-
menstransparenz und die gleiche Vertretung von bundenen Veränderungen sind längst keine The-
Männern und Frauen in politischen, sozialen orie mehr, sondern erlebbare Realität. Sie zerstö-
und wirtschaftlichen Schlüsselstellungen. Frau- ren schon heute weltweit die Lebensgrundlagen
enquoten sind auf diesem Weg ein notwendiges von Millionen von Menschen und beeinträch-
Mittel, um die faktisch gegebenen Männerquo- tigen die Lebensqualität hunderter Millionen
ten in diesen Bereichen aufzubrechen. weiterer. Auch in Österreich sind die konkreten
Auswirkungen längst spürbar. Die ökologische
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemo- Frage ist für uns Sozialdemokratinnen und So-
kraten erkennen in feministischen Bewegun- zialdemokraten zentral und drängend, denn es
gen und im Kampf zur Gleichstellung der geht um nicht weniger als um die Sicherung der
Geschlechter einen Kampf im Interesse aller Lebensgrundlagen der Menschheit.
Menschen. Die Durchsetzung gleicher Ein-
kommen und Lebenschancen für Frauen er- Als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokra-
möglicht es gleichzeitig den Männern, vielfach ten erkennen wir nicht nur die sozial ungleiche
gewünschte berufliche Freiräume zu gewinnen, Verteilung der Belastungen, die durch Umwelt-
um sich Kindern, Pflege- und Erziehungsarbeit zerstörung und den Klimawandel entstehen.
zu widmen. Die Forderung der Frauenbewe- Wir erachten auch die Veränderung wirtschaft-
gung „Die Hälfte der Familien für die Män- licher und sozialer Strukturen als wesentlich,
ner“ ist untrennbar mit der Forderung „Die um Klima- und Umweltzerstörung erfolgreich
Hälfte der Einkommen und der Macht für die bekämpfen zu können. Denn eine grundlegen-
Frauen“ verbunden. Profeministische Männer- de Umgestaltung unserer Produktions- und Le-
politik als Teil sozialdemokratischer Gleichstel- bensweise ist keine moralische Frage und nicht
lungspolitik hat das Ziel, Männern wie Frauen allein durch individuellen Verzicht erreichbar.
durch eine neue Arbeitszeitpolitik und andere Umweltzerstörung ist die Folge einer Wirt-
Maßnahmen eine gleiche Beteiligung am Er- schaftsweise, in der rein quantitatives Wachstum,
werbs- wie am Familienleben zu ermöglichen. die Erzeugung von Konsumbedürfnissen und
Nur dann, wenn alle Menschen ihre Ziele ver- der Raubbau an Ressourcen die Grundlagen
wirklichen können, können Einzelne wirklich kurzfristiger Profitmaximierung sind.

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Die nachhaltige Senkung von Treibhausgasemissio- mer auch mit der Steigerung des Wohlstands für
nen setzt eine grundlegende Umgestaltung unserer alle verbunden war.Auf das, was gut funktioniert in
Raumentwicklung voraus. Im Sinne der Stärkung unserem Land, sind wir zurecht stolz – weil es das
regionaler Produktions- und Verbrauchskreisläu- Resultat der Anstrengungen von vielen Männern
fe müssen Verkehrsorganisation, Energieerzeugung und Frauen ist, die sich dafür engagiert haben.
und -verbrauch, aber auch unsere Lebensmittel-
erzeugung umgestaltet werden. Diese Aufgabe kann Doch es gibt heute eine Vielzahl von politischen,
nicht den Märkten allein überlassen bleiben, son- sozialen und ökonomischen Problemen und
dern erfordert die bewusste, strategische Gestaltung Herausforderungen, von denen wir wissen, dass
durch die Politik. Sichere und gesunde Nahrungs- sie nicht alle in einem kleinen Land wie Öster-
mittel, reine Luft und sauberes Trinkwasser sowie in- reich bewältigt werden können. Deshalb ist für
takte Grün- und Erholungsräume sind für alle Men- uns ein gemeinsames Europa eine zentrale so-
schen ein unabdingbares Grundbedürfnis.Wir sehen zialdemokratische Idee.
die ökologischen Herausforderungen daher als Teil
einer umfassend zu beantwortenden sozialen Frage. Dieses gemeinsame Europa ist in der Europäi-
schen Union teilweise verwirklicht worden.
ÖSTERREICH IN EUROPA – DIE EU Doch eine Welle des Nationalismus droht dieses
VORWÄRTS BRINGEN Europa, dieses beispiellose Friedensprojekt, wie-
der zu zerstören. Die tieferen Ursachen für diese
Wir lieben unser Land. Dieser positive Bezug zu Bedrohung liegen in Konstruktions- und Ent-
Österreich nährt sich nicht aus einem plumpen wicklungsfehlern der Europäischen Union: Der
Nationalismus, der sich über andere Länder und freie Kapital- oder Warenverkehr wurde über-
Menschen stellt und diese damit abwertet. Unsere betont und die sozialen Entwicklungsziele wur-
Heimatliebe entstammt dem Bewusstsein, was ein den vernachlässigt. Darum braucht Europa neue
starkes Gemeinwesen erreichen kann – für Wohl- Prioritäten. Denn mit einer marktfundamenta-
stand, Solidarität und sozialen Zusammenhalt. listischen Kürzungspolitik und den dadurch be-
Unser Patriotismus richtet sich nicht gegen andere, wirkten sozialen Verwerfungen bricht Europa in
sondern dafür, das eigene Land vorwärts zu bringen. den Augen vieler Bürgerinnen und Bürger das
Wer sein Land liebt, verbessert es. Wir sind selbst- Wohlstands- und Sicherheitsversprechen, mit
bewusste Österreicherinnen und Österreicher, weil dem die europäische Idee lange verbunden war.
Österreich ein Land mit einem starken Sozialstaat
und einer großen Dichte an gemeinschaftlichem Gerade weil viele politische Veränderungen ihre
Engagement ist. Österreich hat eine Tradition als Durchsetzung auf europäischer Ebene erfordern,
Land des sozialen Ausgleichs, es ist ein Land der kämpfen wir Sozialdemokratinnen und Sozial-
Solidarität und des sozialen Zusammenhalts. Ein demokraten für eine grundlegende Veränderung
Land, in dem der wirtschaftliche Fortschritt im- Europas. Viele unserer Forderungen können und

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werden auf nationaler Ebene umgesetzt oder an- dass wir die natürlichen Grenzen unseres Planeten
gestoßen. Aber nachhaltige Lösungen, von der in vielen Bereichen überdehnen und sprengen.
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bis hin zur Her- Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
stellung von Steuergerechtigkeit, setzen europä­ sind Teil einer internationalistischen Bewegung.
ische Lösungen voraus. So wie sich unser positives Wir sind überzeugt davon, dass wir die globale
Bild von Österreich nur durch die Schaffung einer Ungleichheit nur durch Kooperation und Koor-
Nation des Wohlstands, der Solidarität und der so- dination über Nationalstaaten hinweg bekämpfen
zialen Gerechtigkeit entwickeln konnte, braucht es können. So wie wir innerhalb des Nationalstaats
für die Stabilisierung und positive Entwicklung der gegen ein Menschenbild des „Jeder gegen Jeden“
Europäischen Union konkrete Taten. Die Europäi- eintreten, so können wir auch auf internationaler
sche Union wird nur dann die volle Zustimmung Ebene nicht akzeptieren, dass das Glück der einen
aller Menschen gewinnen, wenn sie das Verspre- auf dem Leid der anderen gründet. Internationa-
chen hält, Wohlstand für alle zu schaffen. Darum le Solidarität ist deshalb eine der Leitideen unse-
kämpfen wir für ein Europa des Wohlstands, der res politischen Handelns. Unser Ziel ist globaler
Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit. Wohlstand, oder, in anderen Worten: ein ökolo-
gisch zukunftsfähiges, menschenwürdiges, freies
SOLIDARITÄT IN EINER und selbstbestimmtes Leben in Frieden für alle.
GLOBALISIERTEN WELT
EINE VIELFÄLTIGE GESELLSCHAFT…
Das starke Wachstum einer zunehmend vernetz-
ten Weltwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten Unsere Gesellschaft verändert sich rasant und um-
viele aus bitterer Armut und Elend geführt. Aber fassend. Österreich wird bunter und vielfältiger.
nicht alle haben von der Globalisierung profitiert: Rund ein Fünftel der österreichischen Bevölkerung
Die allerärmsten Einkommensgruppen der Welt, hat Migrationshintergrund. Die Zahl der älteren
vor allem in Afrika, erleben kaum Verbesserung­ Menschen in Österreich wächst und wird in den
en.­Dazu tragen unter anderem die Industrielän- nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen. Gleich-
der bei, indem sie etwa durch ihre Agrar- und zeitig steigt die Zahl der Geburten in Österreich
Handelspolitik Armut exportieren. Aber auch die stark an. Immer mehr Menschen leben in Patch-
hart arbeitenden Mittelschichten im Westen gehö- workfamilien oder alleine. Immer mehr Menschen
ren nicht zu den Gewinnerinnen, ihr materieller bekennen sich, trotz noch immer bestehender Dis-
Wohlstand stagniert. Am meisten haben jene da- kriminierungen, zu ihrer individuellen Sexualität.
zugewonnen, die ohnehin schon das meiste haben:
das oberste Prozent. Die Globalisierung hat enor- Das Gewohnte schwindet und das führt zu Kon-
me Ungleichheit produziert, sowohl innerhalb flikten über die kulturelle Identität unserer Gesell-
von Nationen als auch zwischen Staaten und gan- schaft, gelegentlich auch zur aggressiven Abwehr
zen Weltregionen. Und sie hat dazu beigetragen, des Neuen. Migrantinnen und Migranten werden

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als Sündenböcke für soziale Fehlentwicklungen Gruppen und Milieus gewesen, die durch ge-
missbraucht. Offen lebende Homosexuelle, Allein- meinsame Ideale verbunden sind. Das macht
erzieherinnen und Patchworkfamilien werden als uns zur Volkspartei im besten Sinne. Das so-
Ursache von Umwälzungen abgestempelt, die als zialdemokratische Projekt besteht deshalb seit
negativ oder irritierend empfunden werden. jeher darin, die gemeinsamen Interessen dieser
Gruppen gegen die Interessen der wirtschaft-
Wir verstehen, dass es auch zur Überforderung lich und politisch Privilegierten, gegen die
kommen kann, wenn das Gewohnte dem Un- Macht des großen Geldes durchzusetzen. Wir
gewohnten Platz macht und wir wissen, wie kämpfen für die soziale Absicherung aller Men-
wichtig Integration für ein funktionierendes schen, für das Prinzip, dass sich Leistung lohnen
Zusammenleben ist Als Sozialdemokratinnen muss – und nicht Herkunft oder ererbtes Ver-
und Sozialdemokraten lehnen wir Versuche der mögen. Wir kämpfen für eine Wirtschaftsord-
Spaltung unserer Gesellschaft entschieden ab, erst nung, in der unternehmerische Initiative nicht
recht dann, wenn sie zu einem „Wir gegen sie“ die Maximierung von Konzernmacht bedeutet,
eskalieren. Die großen sozialen Herausforderun- sondern in der das Austüfteln neuer Ideen und
gen unserer Gesellschaft brauchen keine Sünden- das Verbreiten innovativer Konzepte die gesam-
böcke, sondern grundlegende politische, wirt- te Gesellschaft nach vorne bringt. Denn das
schaftliche und gesellschaftliche Veränderungen Ziel jeden Wirtschaftens muss die nachhaltige
und neue Vorstellungen davon, was uns zusam- Sicherung unserer Lebensgrundlagen sein und
menhält. Denn uns leitet eine Gewissheit: Auch nicht der Profit auf Kosten von Umwelt, sozia-
wenn unsere Gesellschaften bunter und diverser ler Gleichheit und Menschenrechten.
werden, es verbindet uns mehr, als uns trennt.
Diese Politik erfordert die grundlegende In-
Mit dem Pensionsthema wird ebenfalls seit Jah- fragestellung der bestehenden Reichtums- und
ren versucht, die ältere und die jüngere Gene- Machtstrukturen, eine Neuverteilung von Ein-
ration gegeneinander auszuspielen. Dabei haben kommen und Vermögen sowie eine Demokrati-
alle Generationen in der Pensionsfrage ein völlig sierung der Wirtschaft. Eine solche Politik kann
identisches soziales Interesse: die gerechte Ver- nur erfolgreich sein, wenn sie die Kraft und Soli-
teilung von Arbeit und Einkommen, die den darität der vielen gegen die enormen wirtschaft-
Jüngeren Chancen am Arbeitsmarkt und den lichen und politischen Privilegien der wenigen
Älteren ihre hart erarbeitete Pension garantiert. mobilisiert. Die Sozialdemokratie erkennt die
Vielfältigkeit unserer Gesellschaft an und sieht
…BRAUCHT NEUE ALLIANZEN es als ihr Ziel, diese Vielfalt für ein gemeinsames
politisches Projekt zusammenzuführen. Zusam-
Die Sozialdemokratie ist immer schon ein men kommen wir weiter.
Bündnis unterschiedlicher gesellschaftlicher

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UNSERE WERTE

Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemo- Wir sind in der Geschichte immer auf der rich-
kraten wollen eine Gesellschaftsordnung, de- tigen Seite gestanden. Wir Sozialdemokratin-
ren Ziel die freie Entfaltung jeder und jedes nen und Sozialdemokraten waren und sind die
Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft ist. historische Freiheitsbewegung Österreichs. Wir
Unsere Vision der sozialen Demokratie ist, haben Republik und Demokratie erkämpft
die Klassengegensätze zu überwinden, alle Le- und in jeder Phase unserer Geschichte mit gan-
bensbereiche mit Demokratie zu durchfluten zer Kraft verteidigt. Wir sind dem Antifaschis-
und den Ertrag der gesellschaftlichen Arbeit mus und den Menschenrechten verpflichtet
gerecht zu verteilen. und kämpfen bis heute gegen Unterdrückung
und Gewaltherrschaft in der ganzen Welt und
Wir kämpfen für die Freiheit und Würde der für die Wahrung und effektive Durchsetzung
Menschen, für die volle Gleichberechtigung, von Grund- und Freiheitsrechten in einer
unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter, pluralistischen Gesellschaft.
Behinderung und sexueller Orientierung, und
für soziale Gerechtigkeit innerhalb der Gesell- Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokra-
schaft. Wir wollen die Würde des Menschen ten sind überzeugt davon, dass unsere gesamten
sicherstellen und ein Recht auf gute Arbeit Lebensverhältnisse gestaltbar – also verbesserbar
gewährleisten. – sind. Der enormen wirtschaftlichen und polit­

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ischen Macht einiger weniger wollen wir ein Menschen auf die freie Entfaltung ihrer Persön-
politisches Projekt der Vielen gegenüberstellen, lichkeit. Gleichheit ist die Absage an jede Form
das die Leidenschaft und das Herz jeder und je- von Klassen- und Privilegiengesellschaft, an
des Einzelnen und das Wissen und die Kreativi- subtile Rangordnungen, die dazu führen, dass
tät aller mobilisiert. Denn die weitere Moder- manche glauben, etwas Besseres zu sein und auf
nisierung und Demokratisierung unseres Landes andere herabsehen. Das Prinzip der Gleichheit
müssen Hand in Hand gehen. ist nicht vereinbar mit Benachteiligungen auf-
grund von Merkmalen wie Geschlecht, Her-
FREIHEIT kunft, Nationalität, Alter, Behinderung oder
sexueller Orientierung. Freiheit und Gleichheit
Wir Sozialdemokratinnen und Sozial- sind keine Gegensätze, sondern bedingen einan-
demokraten treten unverrückbar für die der. Sie sind nicht Gegenspieler, sondern Zwil-
Freiheit ein. Freiheit bedeutet die Absage an linge. Der erste Schritt zur Ungleichheit ist auch
jede Form der Diktatur und Autokratie. Freiheit der erste Schritt zur Unfreiheit. Nur politisch,
braucht eine moderne Demokratie mit vielfäl- gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell und so-
tigen Wahl- und Mitbestimmungsmöglichkeiten zial gleichberechtigte Menschen sind freie Men-
sowie die Selbstbestimmung aller Menschen. Die schen.
Verwirklichung menschlicher Freiheit bedarf
materieller und sozialer Voraussetzungen, näm-
lich der Freiheit von Not, Ausbeutung, Bevor- GERECHTIGKEIT
mundung, Diskriminierung und Unsicherheit.
Für uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemo- Wir Sozialdemokratinnen und Sozialde-
kraten ist die freie Entwicklung jedes Menschen mokraten treten für das Prinzip der Ge-
durch die Sicherung der Lebensgrundlagen die rechtigkeit ein. Gerechtigkeit sichert die Wür-
Voraussetzung für die Freiheit aller. Eine Gesell- de der Menschen im Verhältnis zueinander durch
schaft, in der nicht alle die Freiheit haben, aus die Verwirklichung gleicher Rechte und durch
ihrem Leben und ihren Talenten etwas zu ma- die Wahrung einer umfassenden Gleichheit der
chen, kann niemals eine wirklich freie Gesell- Chancen. Als soziale Gerechtigkeit sichert sie
schaft sein. den Menschen ihren Anteil am gemeinsam er-
arbeiteten Wohlstand und sorgt darüber hinaus
GLEICHHEIT für einen sozialen Ausgleich zwischen den ver-
schiedenen Gruppen der Gesellschaft.
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialde-
mokraten treten für die Gleichheit als Aus-
druck der Gleichwertigkeit aller Menschen
ein. Sie begründet den gleichen Anspruch aller

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SOLIDARITÄT läufe, während wichtige Entscheidungen einer


kleinen Elite vorbehalten bleiben.
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemo-
kraten treten für das Prinzip der Solidarität Wir wehren den Anfängen. Die sozialdemo-
ein. Solidarität bedeutet aktive Unterstützung für kratische Bewegung hat aus ihrer leidvollen Er-
den Mitmenschen und die Mitarbeit am Gemein- fahrung gelernt, wie wichtig es ist, bereits den
wohl. Solidarität nährt sich aus dem Wissen, dass Anfängen des Faschismus zu wehren. Wir wen-
wir alle miteinander verbunden sind. Erst das Ver- den uns daher nicht nur gegen Gruppen, die of-
antwortungsbewusstsein gegenüber der Gemein- fen faschistisches und antisemitisches Gedanken-
schaft und einem selbst, die Rücksichtnahme auf gut vertreten, sondern auch gegen alle Versuche,
die Nächsten und die Hilfe für die Benachteiligten demokratische und liberale Rechte abzubauen
schaffen jene Beziehungen zwischen den Men- oder rechtsstaatliche Garantien aufzuheben. Wir
schen, die eine soziale Demokratie begründen. So- verteidigen den Rechtsstaat, die Unabhängigkeit
lidarität ist auch die stärkste Waffe im Kampf gegen der Justiz und die Presse- und Meinungsfreiheit.
Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Als interna-
tionale Solidarität umfasst sie alle Menschen, un- Die Freiheit verteidigen. Unsere Grundwerte
abhängig von ihrer Herkunft. stehen im Gegensatz zu allen rechtskonservativen
und rechtsradikalen Bewegungen, die ein gestör-
Alle Grundwerte – Freiheit, Gleichheit, tes Verhältnis zur Demokratie haben und Sympa-
Gerechtigkeit, Solidarität – sind gleichran- thien für autoritäre Regierungsformen, Diktatu-
gig. Nur ihre gemeinsame Verwirklichung kann ren und eine rassistische Politik erkennen lassen.
allen Menschen ein erfülltes Leben in Frieden Bedrohungen für Freiheit und Demokratie, wie
und Selbstbestimmung gewährleisten. Sie sind sie auch von terroristischen Aktivitäten ausgehen,
die vier Leuchtfeuer, denen Sozialdemokratin- können nicht mit undemokratischen, autoritären
nen und Sozialdemokraten immer folgen. Methoden bekämpft werden. Deshalb müssen
Frieden, Freiheit und Demokratie mit den Mit-
DEMOKRATIE teln des Friedens, der Freiheit und der Demokra-
tie gegen alle Angriffe verteidigt werden.
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemo-
kraten treten unverrückbar für die Demo- Demokratie ist mehr. Die Demokratie darf
kratie ein. Wir lehnen jede Form von Diktatur sich nicht nur auf die Gewährleistung freier
ab, sowohl die Diktatur einer Minderheit als auch Wahlen zwischen gleichberechtigten Parteien
autoritäre Ordnungen, in denen Minderheitsrechte beschränken. Sie beruht auf der freien Mitbe-
durch die Mehrheit verletzt werden. Wir kämpfen stimmung aller. Daher muss das Prinzip der De-
gegen die Aushöhlung der Demokratie und gegen mokratie in allen gesellschaftlichen Bereichen
ihre Beschränkung auf formaldemokratische Ab- verwirklicht werden.

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KAPITEL 1
EINE SOLIDARISCHE WELT
IST MÖGLICH

Die Globalisierung hat die Welt kleiner, aber nicht gerechter gemacht. Es liegt an uns, das zu än-
dern. Wir Menschen haben es in der Hand, zu bestimmen, wie wir zusammenleben möchten – im
Kleinen wie im Großen. Angesichts einer weltweiten Vernetzung, durch die viele Herausforderun-
gen nur mehr international gelöst werden können, müssen wir zugleich lokal und global handeln.
Darum ist der Internationalismus der Sozialdemokratie zeitgemäßer denn je.

Eine weltweite Bewegung. Österreichs Ressourcen und Chancen. Gemeinsam und


Sozialdemokratie ist Teil einer weltweiten, solidarisch treten wir für demokratische Mit-
internationalen Bewegung, deren Ziel Friede, bestimmung, Frieden und umfassende Sicher-
Freiheit, Selbstbestimmung und ein menschen- heit sowie den Schutz vor den zerstörerischen
würdiges Leben für alle ist. Diese internationa- Folgen der Klimaerhitzung ein. Die grenz-
le Bewegung muss gestärkt werden. Gerade in überschreitende Zusammenarbeit mit fort-
Zeiten der Internationalisierung von Kapital, schrittlichen Parteien, sozialen Bewegungen,
Märkten und Produktionsketten braucht es der Zivilgesellschaft und Gewerkschaften spielt
mehr denn je eine Vernetzung der davon Be- hierbei eine große Rolle.
troffenen. Gemeinsam und solidarisch organi-
sieren wir den Kampf gegen Ausbeutung und Konflikte lösen und Frieden sichern. Kri-
Ungleichheit für eine gerechte Verteilung von sen und Kriege sind Ausdruck und Folge von

17
G R U N D SATZ P R O G RAM M

politischen und wirtschaftlichen Widersprüchen, der Klimaerhitzung für die Nahrungsmittelpro-


die oft jahrzehntelang verdeckt und nicht gelöst duktion sowie Landnahme („Landgrabbing“)
wurden. Sie sind weder von heute auf morgen nicht beseitigt werden, wird Frieden nicht dau-
entstanden, noch sind ihre Gründe auf einzelne erhaft bestehen. Krisen und Kriege können ver-
Faktoren, wie etwa religiöse Zugehörigkeiten, hindert werden. Es müssen aber die konkreten
zurückzuführen. Sie sind vielmehr Teil immer Voraussetzungen und Handlungsalternativen
stärker zusammenhängender Krisenlandschaften, geschaffen werden, um Eskalationen rechtzeitig
die sich nach und nach aufbauen. Genau des- verhindern zu können.
wegen kann und muss Eskalationsspiralen auch
frühzeitig entgegengewirkt werden – etwa durch Kollektive Sicherheit herstellen. Heute ist
nicht-militärische Maßnahmen, durch Diploma- es dringender denn je, uns auf die zivilisato-
tie und Dialog, aber auch durch die Förderung rischen Errungenschaften des internationalen
von Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit und Völkerrechts zu besinnen und diese weiter zu
Menschenrechten. Eine sozialdemokratische stärken, Rüstungskontroll- und Abrüstungs-
Antwort kann nur lauten: Wir brauchen ein politik wiederzubeleben, die Handlungs- und
internationales System, das eine Strategie der ak- Entscheidungsfähigkeit der Vereinten Nationen
tiven Konfliktprävention verfolgt und alle betei- weiterzuentwickeln und sie zu einem Forum für
ligten Staaten und Gruppen miteinbezieht. Wir internationale Konsensbildung zu machen. Das
brauchen eine Stärkung der Diplomatie und der Ziel unserer internationalen Politik ist eine Welt,
kollektiven Friedenssicherung im Rahmen der in der die Menschen in Frieden, Freiheit und
Vereinten Nationen. Dies beinhaltet auch eine Würde leben. Jede Nation hat das Recht auf Frei-
Reform des UN-Sicherheitsrates, eine deutli- heit und Selbstbestimmung. Es gibt keine natio-
che Verbesserung der damit verbundenen finan- nale Sicherheit ohne europäische Sicherheit und
ziellen und politischen Unterstützung sowie die es kann keine europäische Sicherheit ohne globa-
grundsätzliche Weiterentwicklung der UNO, in le Sicherheit geben. Krisen vorzubeugen, indivi-
der auch die nationalen Parlamente eine stärkere duelle Sicherheit zu gewährleisten und ein stabiles
Rolle spielen. Umfeld zu schaffen, bleibt unerlässlich. Die Sozi-
aldemokratie hat neben einem handlungsfähigen
Kriege an den Wurzeln verhindern. Wir System der kollektiven Sicherheit unter dem Vor-
sind der festen Überzeugung, dass Krisen und rang der Vereinten Nationen vitales Interesse an
Konflikte letztlich nur politisch gelöst werden einer effektiven Gemeinsamen Sicherheitspolitik
können. Umfassender Frieden kann nicht mit der EU. Internationale Friedenseinsätze und eine
militärischen Mitteln erreicht werden. Solange kohärente Außen- und Entwicklungspolitik, die
Ursachen wie die Unterdrückung von Minder- unsere Interessen mit den Lebensinteressen ande-
heiten, Ungleichheit, Staatsversagen, Armut, die rer verbindet, sind wesentliche Schlüssel zu Stabi-
Konkurrenz um Ressourcen, negative Folgen lität und Frieden auf der Welt.

18
G R U N D SATZ P R O G RAM M

Frieden schaffen ohne Waffen. Die Welt rüs- Existenzgrundlage mehr vorfinden, noch wei-
tet auf. Die globalen Ausgaben für Militärgüter ter erhöhen. Genau hier müssen wir ansetzen:
erreichen neue Höchstwerte. Das erschwert die Wir müssen mit aller Kraft die Ursachen von er-
Suche nach friedlichen Lösungen für Konflik- zwungener Migration bekämpfen und Lebens-
te und heizt Krisen weiter an. Es wächst damit grundlagen vor Ort schaffen, damit sich weniger
auch eine Branche, die äußerst anfällig für Kor- Menschen auf den Weg machen müssen.
ruption ist und die ihre Gewinne auf Kosten von
menschlichem Leben und Leid macht. Wir So- Schutz als gemeinsame Verpflichtung.
zialdemokratinnen und Sozialdemokraten ste- Wir bekennen uns uneingeschränkt zur Gen-
hen für eine Umverteilung weg von Rüstungs- fer Flüchtlingskonvention und der humanitären
ausgaben hin zur ausreichenden Finanzierung Verpflichtung, Geflüchteten vor Terror, Gewalt
der Bewältigung globaler Herausforderungen. und Krieg Schutz zu bieten. Wir sind aber auch
Wir stehen für die Ächtung und das Verbot aller der Überzeugung, dass, erstens, Schutzsuchen-
Massenvernichtungswaffen – egal ob chemisch, den am besten in Nähe ihrer Heimatländer ge-
biologisch oder atomar. Und wir bekennen uns holfen werden kann. Hilfe vor Ort heißt För-
zu einem strengen Außenwirtschaftsgesetz, das derung internationaler Flüchtlingseinrichtungen
Waffenexporte aus Österreich in Kriegs- und in den Nachbarregionen und -ländern sowie die
Krisengebiete sowie in Staaten, die Menschen- Unterstützung von Hilfs- und Integrationsmaß-
rechte missachten, verbietet. nahmen in den Transitländern und den Aufnah-
meländern des Globalen Südens. Zweitens müs-
Fluchtursachen bekämpfen, Menschen in sen Schutzsuchende in der Europäischen Union
Not helfen. Viele Menschen müssen unfreiwil- nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und
lig ihre Heimat verlassen. Erzwungene Migrati- Bevölkerungszahl der Mitgliedstaaten fair ver-
on hat viele Ursachen: Flucht vor Krieg, Gewalt teilt werden. Österreich hat in der Vergangenheit
und Hunger oder – im Sinne der Genfer Flücht- viel geleistet, darauf können wir stolz sein. Unser
lingskonvention – vor individueller persönlicher Ziel ist ein europäisches Asylsystem mit einheit-
Verfolgung, etwa aufgrund der Religion oder lichen Verfahren und standardisierten Leistun-
der politischen Überzeugung. Viele Menschen gen, die Schaffung und der Ausbau legaler und
verlassen ihre Heimat aber auch deswegen, weil sicherer Wege für Flüchtlinge nach Europa sowie
sie keine Perspektive auf ein menschenwürdiges ein funktionierender EU-Außengrenzschutz.
Leben sowie soziale, wirtschaftliche und politi-
sche Sicherheit haben. Für sie wird Migration Die Neutralität stärken, nicht untergraben.
oft zur einzigen Strategie, ihre Lebensgrundla- Die Neutralität ist zentral für eine eigenständige
ge zu sichern und sich und ihren Kindern eine sicherheits- und friedenspolitische Identität Ös-
Zukunft zu ermöglichen. Die Klimaerhitzung terreichs. Sie ist eingebettet in ein solidarisches
wird die Zahl jener, die in ihrem Land keine europäisches Gesamtgefüge. Als neutrales Land,

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

das keinen militärischen Bündnisinteressen rechte, Umwelt- und Klimaschutz sind für uns
verpflichtet ist, kann Österreich in Konflikten keine lästigen Handelsbarrieren, sondern Vor-
als glaubwürdige Vermittlerin und Ansprech- aussetzungen für fairen und menschengerechten
partnerin auftreten. Österreich hat darin einen Handel. Deshalb kämpfen wir für ein gerechtes
jahrzehntelangen guten Ruf. Dieses Gewicht Welthandelsregime mit klaren Regeln, für ein
müssen wir stärker in die Waagschale werfen. System, in dem nicht das Wettbewerbsdogma,
Wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Er- eindimensionale Wachstumsziele und die Ge-
füllung dieser Rolle ist das Wissen um Hinter- winnmaximierung regieren, sondern in dem
gründe und Zusammenhänge. Darum ist eine soziale und ökologische Ziele an oberster Stelle
progressive Friedens- und Konfliktforschung stehen. Wir setzen uns für ein globales Regel-
unerlässlich und muss weiter ausgebaut werden. werk ein, in dem Schutzmechanismen für ärme-
re Regionen möglich sind – etwa Schutzzölle
Für eine Globalisierung, die allen Men- für Billigimporte, um eigene Produktionskapa-
schen nützt. Heute steht eine globalisierte zitäten aufzubauen – und in dem Steuervermei-
Wirtschaft einer nationalstaatlich organisierten dung und -hinterziehung unterbunden werden.
Politik gegenüber, der teilweise die Instrumente In einem ersten Schritt sind auf europäischer
abhandengekommen sind, um Gewinne so zu Ebene Menschenrechte, die Kernarbeitsnormen
verteilen, dass das Gemeinwohl gestärkt wird. der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)
Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ent- und hohe Umweltstandards in allen Handelsver-
wicklung können wir daher nur in einer intensi- trägen und für alle Unternehmen verbindlich zu
vierten internationalen Zusammenarbeit gestal- verankern und auf ihre Einhaltung zu achten. In
ten, sowohl zwischen Staaten als auch innerhalb einem zweiten Schritt müssen diese Grundsätze
der Zivilgesellschaft, den Gewerkschaften und völkerrechtlich umgesetzt werden.
politischen Parteien. Was wir dafür brauchen,
sind internationale Kooperation, wechselseitige Verbindliche Regeln für Konzerne. Der
Solidarität und faire Regeln, die für alle gelten. größte Teil des Welthandels findet heute inner-
halb sogenannter Wertschöpfungsketten statt. In-
Fairer Welthandel. Wir kämpfen für eine Politik nerhalb dieser globalen Netzwerke werden aus
der internationalen Solidarität auf europäischer den ursprünglichen Rohstoffen über viele Zwi-
und globaler Ebene, für einen fairen Welthandel schenschritte und -stationen fertige Verbrauchs-
als Gegenentwurf zu einem rein profitorientier- güter. Wir sind also täglich in das Netzwerk der
ten Freihandel. Handel ist kein Selbstzweck. Wir Globalisierung eingewoben, etwa wenn wir
sind davon überzeugt, dass auch der Handel mit Kleidung kaufen, unser Essen kochen oder elek-
Gütern und Dienstleistungen Werten folgen und tronische Geräte anschaffen. Wie und was wir
gesellschaftlichen Zielen dienen muss. Arbeits-, konsumieren, steht daher in direktem Zusam-
Sozial- und Gesundheitsstandards, Menschen- menhang mit der Art und Weise, wie und wo

20
G R U N D SATZ P R O G RAM M

diese Güter produziert werden. Die niedrigen auf universelle Gültigkeit. Sie sind somit keine
Preise sind oft teuer erkauft. Die Kosten unserer bloße Fortsetzung von Zielsetzungen für den
Lebensweise, sprich die negativen Umweltfolgen globalen Süden, sondern gelten auch für die
und die schlimmsten Formen der Ausbeutung Länder des Nordens. Österreich hat sich zur
wie Kinder- und Sklavenarbeit, werden an die Erreichung dieser nachhaltigen Entwicklungs-
Ränder der Weltwirtschaft ausgelagert. Diese ziele bis 2030 verpflichtet und muss dafür auf
Prozesse sind komplex und für Konsumentin- nationaler Ebene einen Politikwechsel einlei-
nen und Konsumenten daher kaum zu durch- ten. Die SDG sind ein Zeichen der Hoffnung
schauen, die Verantwortung kann und darf daher und ein wichtiger Wegweiser für die notwendi-
nicht an individuelle Kaufentscheidungen dele- ge sozial-ökologische Transformation der Welt.
giert werden. Es braucht vielmehr in Österreich, Wir unterstützen diese Ziele ausdrücklich. Und
der EU und auf UN-Ebene eine menschen­ wir treten parallel dazu weiter dafür ein, dass
rechtliche­Sorgfaltspflicht für Konzerne und ihre Österreich seinen Verpflichtungen im Sinne
Zulieferfirmen. Durch verbindliche Regeln und der internationalen Solidarität nachkommt.Wir
Bußgelder muss diese Art des unmenschlichen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
Wirtschaftens unrentabel gemacht werden. Dass werden in Regierungsverantwortung die Ent-
wir uns für diese Regeln einsetzen, ist nicht zu- wicklungsforschung unseres Landes ausbauen,
letzt ein Gebot der Solidarität mit den Arbeite- die Entwicklungszusammenarbeit mit den not-
rinnen und Arbeitern entlang dieser grenzüber- wendigen Mitteln – mindestens aber mit 0,7
schreitenden Güterketten. Prozent des Bruttonationaleinkommens – aus-
statten und bei akuten Krisenfällen und Katast-
Mehr Fairness, weniger Probleme. Unser rophen rasch und zuverlässig Hilfe leisten.
Ziel ist eine gute Zukunft für alle. Wir setzen
uns daher für eine Internationalisierung des So- Für verantwortungsvolle Bevölkerungs-
zialstaatsprinzips als notwendiges Gegenstück politik. Für uns sind die Wahrung der sexuel-
zur Internationalisierung der Märkte ein. Die len und reproduktiven Rechte, der Zugang zu
Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen – Verhütungsmitteln und die Verbesserung des so-
die „Sustainable Development Goals“ (SDG) zialen und ökonomischen Status von Frauen ein
– entwickeln einen umfassenderen Begriff von wichtiger Schlüssel für nachhaltige Entwicklung.
gesellschaftlichem Fortschritt, der weit über Sie tragen auch zur Vermeidung von Teenager-
simple Kennzahlen wie Wirtschaftswachstum schwangerschaften und einer verantwortungs-
hinausgeht. Diese Ziele stellen den Anspruch vollen Bevölkerungspolitik bei.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

KAPITEL 2
EUROPA DEMOKRATISCHER
UND SOZIALER MACHEN

Europa ist die Wiege der Demokratie, doch das wichtigste politische Projekt Europas, die Euro-
päische Union, leidet an einem Demokratiedefizit. Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemo-
kraten sind überzeugt davon, dass sich die Bevölkerung Europas eine sozialere Union wünscht,
was durch die derzeitigen Strukturen und Entscheidungsmechanismen verhindert wird. Hier
werden wir als internationale Kraft ansetzen – denn ein demokratischeres Europa wird letztlich
auch ein sozialeres Europa sein.

Rund 500 Millionen Menschen, eine Union.­ rechte, Frauenrechte und Toleranz mit Festig-
Für diese Menschen, für deren Hoffnungen und keit vertreten. Die Missachtung dieser Werte,
Träume gestalten wir eine neue europäische welche wir schon heute in manchen Ländern
Politik. Eine Politik, die der Solidarität und der beobachten müssen, gefährdet das friedliche
sozialen Gerechtigkeit verpflichtet ist und das Zusammenleben der Menschen innerhalb
friedliche und demokratische Zusammenleben der Union. Und sie gefährdet das friedliche
auf unserem Kontinent vorantreibt. Miteinander der Staaten. Eine solche Gefahr
zu bannen und sich entschieden gegen diese
Als Wertegemeinschaft handeln. Die Eu- Entwicklungen zu stellen ist auch weiterhin
ropäische Union muss die universellen Werte zentrale Aufgabe der Europäischen Union.
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschen- Die europäische Gemeinschaft muss wachsam

22
G R U N D SATZ P R O G RAM M

sein, darf keine Verletzungen der Rechtsstaat- re Löhne, gerechte Steuern und zielgerichtete
lichkeit tolerieren und muss mit geeinter Kraft Investitionen, von denen auch die Länder im
gegen jede Missachtung dieser universellen Süden und Osten Europas profitieren können.
Werte – global und in den Mitgliedstaaten – Nur wenn das Wohlstandsniveau in Europa als
vorgehen. Ganzes gehoben wird, kann die EU ihre volle
Kraft entwickeln.
Eine Europäische Union des Fortschritts
und des Wohlstands für alle. Zur Zeit ihrer Europas Stärke liegt im sozialdemokrati-
Gründung war die Europäische Union ein Ver- schen Modell des Sozialstaats. Wir sind fest
sprechen. Ein Versprechen für Wohlstand und entschlossen, dieses Modell nicht bloß zu ver-
ein gutes Leben für alle. Dieses Wohlstands- teidigen, sondern in Europa auszubauen. Die
versprechen hat die Union für weite Teile der offenen Grenzen innerhalb Europas sollen al-
arbeitenden Bevölkerung nicht eingehalten. len arbeitenden Menschen Chancen eröffnen
Wir sind aber davon überzeugt, dass nur eine und nicht Sozial- und Lohndumping befeuern.
Gemeinschaft in Europa in der Lage ist, für Ein gemeinsamer Markt kann nur funktionie-
eine hohe Lebensqualität der breiten Bevöl- ren, wenn sich alle an die Spielregeln halten:
kerung sowie für sozialen und ökologischen bei Lohnniveaus, Arbeitsrechten, Sozialstandards
Fortschritt zu sorgen. Herausforderungen der und bei der Steuerpolitik. Wir wollen und dür-
Umweltpolitik, Auswirkungen einer globali- fen nicht in einen Wettbewerb um niedrigste
sierten Handelspolitik, und vieles mehr erfor- Löhne und niedrigste Produktstandards eintre-
dern gemeinsame, starke europäische Antwor- ten. Vielmehr wollen wir europäische Produkte,
ten. Wir wollen ein Europa für die Menschen, die mit Qualität, Nachhaltigkeit, Sicherheit und
nicht für die Märkte. Europas Politik muss Innovation punkten. Dafür muss in der EU für
einer wohlstandsorientierten Wirtschaftspoli- öffentliche Aufträge künftig das „Bestbieterprin-
tik verpflichtet sein, in der Lebensqualität, zip“ gelten, nach dem das beste und nicht billigs-
Beschäftigung, gerecht verteilter materieller te Angebot den Zuschlag erhält.
Wohlstand und eine intakte Umwelt im Zen-
trum stehen. Die Europäische Union muss zu einer so-
zialen Union wachsen. Die Sozialdemokratie
Für mehr Miteinander. Kooperation statt steht für ein Europa, in dem soziale Grundrechte
Wettbewerb muss Richtschnur einer neuen eu- Vorrang vor den Rechten der Konzerne haben,
ropäischen Politik sein. Eine Senkung von Löh- in denen ordentliche Löhne und Arbeitsschutz-
nen und Sozialstandards im Geiste einer radika- standards durch die EU geschützt werden und
lisierten Standortkonkurrenz ist der falsche Weg. in denen effektive Maßnahmen gegen Steuerbe-
Es ist ein Weg, an dessen Ende alle ärmer sein trug greifen. Für uns ist klar: Nur wenn es euro-
werden. Wir wollen sichere Arbeitsplätze, höhe- paweit für gleiche Arbeit am gleichen Ort den

23
G R U N D SATZ P R O G RAM M

gleichen Lohn gibt, können wir von einer ge- sundheit und Bildungseinrichtungen in Europa.
rechten Union sprechen. Nur ein starkes euro- Solche Investitionen müssen gerade auch für
päisches soziales Netz kann auf Dauer die Betei- jene Länder möglich sein, die budgetäre Defizite
ligung der arbeitenden Menschen am Wohlstand haben. Die soziale Infrastruktur darf nirgendwo
der Gesellschaft sichern. Dazu braucht es einen einem einseitigen Spardiktat zum Opfer fallen.
Schulterschluss der Arbeitsbevölkerung Europas, Denn es sind gerade solche Investitionen, die
eine enge Abstimmung der Sozialpartner, der eine hohe Beschäftigungswirkung aufweisen und
europäischen Gewerkschaften und der Zivilge- Europa zu einem besonders lebenswerten Raum
sellschaft in die politische Gestaltung Europas. machen. Ebenso muss in die technische Infra-
struktur – Schiene, Straße, Breitband – investiert
Für eine gemeinsame Steuerpolitik. Wir werden. Das ist nicht zuletzt ein wesentlicher
wollen eine Steuerpolitik innerhalb der EU, Beitrag für die grenzüberschreitende Mobilität
die dem gemeinsamen Wirtschaftsraum gerecht innerhalb der EU. Es gilt, die notwendigen Rah-
wird. Wir brauchen ein Europa, in dem der menbedingungen zu schaffen, um diese Investi-
Steuerhinterziehung großer Konzerne überall tionen zu gestalten und zu finanzieren. Gemein-
Einhalt geboten wird und es keinen Steuer- sam mit vielen Verbündeten werden wir dem
wettbewerb nach unten gibt, sondern eine ge- Druck für weitere Liberalisierungen vor allem
meinsame Steuerpolitik mit harmonisierten im Bereich der öffentlichen Dienstleistungen ein
Unternehmenssteuersystemen mit Mindest- Ende setzen. Öffentlicher Verkehr, Wasser- und
sätzen. Konzerne sollen dort Steuern zahlen, Energieversorgung, leistbares Wohnen sowie der
wo die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen Gesundheits- und Bildungsbereich dienen der
die Gewinne erwirtschaften. Es darf nicht län- Allgemeinheit und dürfen nicht den Interessen
ger sein, dass dem europäischen Fiskus durch einzelner Unternehmen geopfert werden. Eine
Steuerhinterziehung und Gewinnverschiebung starke staatliche Investitionspolitik muss Hand in
Milliarden entzogen werden. Auch die Finanz- Hand gehen mit einer aktiven Arbeitsmarktpoli-
transaktionssteuer und eine faire Besteuerung tik, die Arbeitsplätze in Europa sichert und neue
global agierender und digitaler Konzerne schafft. Daher gilt es auch künftig die lokale In-
müssen endlich umgesetzt werden. Denn mit dustrie zu stärken, schließlich sichert gerade die
diesem Geld könnten die Herausforderungen Industrie Arbeitsplätze in der EU und ist gleich-
unserer Zeit zum Wohle aller nachhaltig und zeitig Motor für Forschung und Innovation.
fair finanziert werden.
Europa demokratischer machen. Wir wol-
Die Europäische Union vorwärts bringen. len ein demokratisches Europa, bei dem die
Wir sehen die Notwendigkeit von Investitionen Sozialpartner und die Zivilgesellschaft Gehör
in Forschung und Entwicklung und die soziale bekommen und wollen gemeinsam ein Gegen-
Infrastruktur, in Kinderbetreuung, Pflege, Ge- gewicht zum Lobbying der Konzerne schaffen.

24
G R U N D SATZ P R O G RAM M

Um Europas Politik weiterzubringen, braucht Wahrung der Stabilität und Menschenrechte in


es eine europäische und keine nationalstaat- unseren Nachbarländern setzen wir uns insbe-
liche Perspektive. Politikerinnen und Politiker sondere im Europarat und der OSZE ein. Die
müssen sich auch auf europäischer Ebene den Staaten Südosteuropas gilt es am Weg in die
Wählerinnen und Wählern verpflichtet fühlen Europäische Union aktiv zu unterstützen. Mit
und von diesen für Entscheidungen verantwort- jenen Staaten, die nicht Teil der Europäischen
lich gemacht werden können. Daher setzen wir Union sind, müssen wir stabile Beziehungen
uns für die Stärkung des Europäischen Parla- etablieren – etwa privilegierte Partnerschaften
ments ein, mit starken europäischen Parteien – bei denen nicht nur die wirtschaftliche Zu-
und einen neuen Wahlmodus, der nach dem sammenarbeit im Zentrum steht.
Grundsatz „Ich wähle dort, wo ich lebe“ eine
transnationale Europaparlamentswahl möglich Für ein Europa zum Verlieben. Wir Sozial-
macht. Innerhalb der Eurozone müssen neben demokratinnen und Sozialdemokraten sind davon
der Preisstabilität ebenso gesamtwirtschaftliche überzeugt, dass die europäische Zusammenarbeit,
Entwicklungen wie Wachstum und der Kampf basierend auf Solidarität und dem Bekenntnis zu
gegen Arbeitslosigkeit gleichberechtigt berück- Demokratie und Menschenrechten, der richtige
sichtigt werden. Die Eurozone muss demokra- Weg ist, um gerechten Wohlstand für alle zu si-
tisch gestaltet werden. chern. Wir wollen gemeinsam mit der Europäi-
schen Sozialdemokratie und allen Kräften Europas,
Die Europäische Union trägt Verantwor- die unsere Visionen teilen, Europa mit der Hoff-
tung für die Welt. Gerade vor dem Hinter- nung auf eine gute Zukunft verbinden.Wir wollen
grund der blutigen Geschichte unseres Konti- einen Raum schaffen, der Menschen den Zugang
nents hat die EU die moralische Verpflichtung, zu Bildung eröffnet, allen gleiche Rechte garan-
sich für Frieden und Sicherheit in der Welt tiert, für sichere Arbeitsplätze und soziale Sicher-
einzusetzen. Dafür bildet die sich stets weiter- heit sowie gesunde Lebensbedingungen durch eine
entwickelnde Gemeinsame Außen-, Sicher- intakte Umwelt sorgt. „Niemand verliebt sich in
heits- und Verteidigungspolitik, die die Neu- einen Binnenmarkt“, hat ein wesentlicher Mit-
tralität einiger Mitgliedstaaten wie Österreich gestalter Europas – der langjährige Präsident der
berücksichtigt, den geeigneten Rahmen. Von Europäischen Kommission Jacques Delors – ein-
besonderer Bedeutung für die Außenpolitik mal gesagt. Darum arbeiten wir an einem anderen
der EU ist eine aktive Partnerschaft mit unse- Europa. Ein soziales Europa, das nicht aus Bilan-
ren Nachbarländern sowohl am europäischen zen besteht, sondern aus Menschen. Ein gerechtes
Kontinent als auch darüber hinaus. Hier gilt es, Europa, das sein Versprechen nach mehr Wohlstand
stabile wirtschaftliche, politische und kulturelle einlöst. Ein starkes Europa, in dem es für uns alle
Verbindungen herzustellen und sich mit der ar- gemeinsam vorwärtsgeht. Oder, anders gesagt: ein
beitenden Bevölkerung zu verbünden. Für die Europa zum Verlieben.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

KAPITEL 3
FÜR EINE GERECHTE
WIRTSCHAFTSORDNUNG

Für uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten steht der Mensch im Mittelpunkt jeglichen
wirtschaftlichen Handelns. Die Würde des Menschen und das Überleben der Menschheit sollten
immer und überall Vorrang vor Profiten haben. Darum treten wir für eine andere Wirtschaftsord-
nung ein. Eine Ordnung, in der Wirtschaftsprozesse demokratisch, solidarisch und umweltverträg-
lich gestaltet sind.

Unser Ziel ist ein gutes Leben für alle. gene Gesellschaft wie ihr Bruttoinlandspro-
Eine funktionierende Wirtschaft bildet die dukt. Wir wollen eine Verringerung der Un-
materielle Grundlage für Wohlstand und ist terschiede zwischen „oben“ und „unten“
damit wichtig. Wachstum alleine ist aber zu und eine möglichst breite Mittelschicht,
wenig, um eine hohe Lebensqualität für alle die Sicherheit spürt und die auf ihre Wohl-
zu sichern. Deshalb wollen wir den Erfolg fahrt vertrauen kann. Märkte können für die
unserer Politik auch stärker an Indikatoren wirtschaftliche Entwicklung nützlich sein,
messen, die mehr über die erreichte Lebens- aber eine radikale Marktgesellschaft degra-
qualität und Nachhaltigkeit aussagen. So- diert Menschen zur Ware. Wir wollen eine
ziale Teilhabe, niedrige Armut, ökologische stabile wirtschaftliche Entwicklung ohne
Aspekte oder eine gute Gesundheit sagen Krisen – und eine Wirtschaft, die zum Ge-
mindestens genauso viel über eine gelun- meinwohl beiträgt.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

Wir kämpfen für einen leistungsfähigen progressive Besteuerung von Einkommen aus
Sozialstaat. Das wirkliche Vermögen fast aller menschlicher Arbeit und Einkommen aus Ka-
Menschen in Österreich ist der Sozialstaat. Er ist pital und Vermögen sicherzustellen.
die Grundlage dafür, dass krisenhafte Ereignisse
in einem Leben nicht automatisch in die Armut Wir kämpfen für eine gerechte Verteilung
führen. Und er ist das einzige echte Umvertei- des Wohlstands. Die eklatanteste Ungleichheit
lungsinstrument, das wir haben. Er bietet Sicher- besteht in der Verteilung von Vermögen. Unser
heit, die anderswo nur größere Vermögen garan- Ziel ist eine Vermögensbesteuerung, die diesen
tieren können. Der Sozialstaat ist somit mehr als Zustand nicht nur entschärft, sondern ihm aktiv
nur ein Netz der letzten Sicherheit. Er ist die entgegenwirkt. Die erste und wichtigste Maß-
Grundlage dafür, dass sich Menschen erproben, nahme ist dabei die Besteuerung von großen
ein Risiko eingehen und ihre Individualität ent- Erbschaften, die – als leistungsfreie Einkommen
wickeln können. Der Sozialstaat ist daher kein – nichts zum Gemein­wesen beitragen.
Hemmschuh für wirtschaftliche Entwicklung,
sondern eine Grundlage für wirtschaftlichen Er- Eine Frage der Macht. Schlussendlich geht es
folg. Er ist aber auch das Fundament dafür, dass bei der Frage nach gerechter Verteilung nicht al-
sich alle Bürgerinnen und Bürger als gleichbe- leine darum, welchen Lebensstil sich Reiche im
rechtigt, ebenbürtig und durch Solidarität ver- Vergleich zu Armen leisten können. Es ist auch
bunden erleben können. Darum kämpfen wir eine Frage der Verteilung von Macht. In einer
nicht nur darum, dieses Vermögen für die Öster- Gesellschaft, die durch krasse Ungleichvertei-
reicherinnen und Österreicher zu erhalten, son- lung zerrissen ist, können wirtschaftlich Mäch-
dern es noch weiter zu entwickeln. tige und ihre Lobbys auch die gesellschaftliche
Entwicklung über das Maß des Erträglichen
Auch Roboter sollen den Sozialstaat mit- hinaus beeinflussen. Sie können sich in der Öf-
finanzieren. Um den Wohlfahrtsstaat nach- fentlichkeit und bei EntscheidungsträgerInnen
haltig zu sichern und auszubauen, braucht Gehör verschaffen und durch mächtige Lobbys
es eine Erweiterung seiner Finanzierungsba- die Politik kaufen. Schon alleine deshalb darf die
sis. Die Finanzierung unseres Gemeinwesens Vermögensschere in einem Land nicht zu weit
muss von allen Schultern getragen werden. aufgehen. Gewerkschaften und Arbeiterkam-
Der Einsatz menschlicher Arbeitskräfte soll mern sind notwendige Akteure und Interessen-
dabei kein Nachteil sein. Wir wollen daher, vertretungen der ArbeitnehmerInnen in einer
dass Branchen und Unternehmen, die von demokratischen Wirtschaftsordnung.
Automatisierung besonders profitieren, auch
einen fairen Beitrag zum nachhaltigen Funkt­ Finanzmärkte bändigen. Die Sozialdemo-
io­n­ieren des Sozialsystems leisten. In Zukunft kratie wird dafür sorgen, dass die Lehren der
wird es notwendig sein, eine gleichmäßige, Wirtschaftskrise 2008 nie vergessen werden. Die

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

Finanzmärkte dürfen sich nie wieder in dieser gung, Internet und Telefonie – moderne Ge-
Form verselbstständigen. Sie müssen auf jenes sellschaften basieren auf einer qualitätsvollen
Maß zurechtgestutzt werden, das nötig ist, damit Infrastruktur. Gute Infrastruktur ist nicht nur die
sie eine sinnvolle Aufgabe für die Realwirtschaft Voraussetzung dafür, dass wir unseren Alltag gut
erfüllen. Dafür braucht es eine starke Aufsicht bewältigen. Sie ist auch die Basis der Produktivi-
und sinnvolle Regularien. Banken müssen so tät der Privatwirtschaft. Investitionsentscheidun-
strukturiert und kapitalisiert sein, dass ein Kurs- gen der öffentlichen Hand sind darüber hinaus
verfall von Vermögenswerten keine Kosten für ein sinnvolles Instrument, um die konjunkturel-
die Allgemeinheit verursacht. le Entwicklung zu gestalten und Arbeitslosig-
keit entgegenzuwirken. Die Staaten müssen die
Gegen Lohn und Steuerdumping. Das Ren- Möglichkeit haben, dieses Instrument strategisch
nen um die niedrigsten Preise darf die inter- anzuwenden. Ein fiskalpolitischer Rahmen, aber
nationale und vor allem die europäische Wirt- auch überzogene Beihilferegeln, die den Staat
schaftspolitik nicht dominieren. Wenn sich im einengen, sind daher falsch. Im Zweifel muss
EU-Binnenmarkt die Staaten durch niedrige sich die öffentliche Hand selber eher zu viel als
Lohnkosten und niedrige Unternehmenssteuern zu wenig Spielraum eingestehen, um Wachstum,
gegenseitig konkurrenzieren, werden alle ärmer. Beschäftigung, Investitionen und Innovation zu
Das Rennen um die niedrigsten Steuern, Löhne ermöglichen und konjunkturelle Abschwünge
und arbeitsrechtlichen Standards hilft in erster abzubremsen. Dabei spielen kommunale Investi-
Linie den großen, exportorientierten Unter- tionen eine große Rolle, weshalb die finanzielle
nehmen und deren Eigentümern. Arbeitnehme- Absicherung der Gemeinden – auch der struk-
rinnen und Arbeitnehmer sowie jene kleineren turschwachen – gewährleistet sein muss. Es geht
Unternehmen, die von der Kaufkraft und dem hier nicht darum, Steuergeld sorglos für Kon-
wachsenden Wohlstand in ihrer Region leben, sumzwecke auszugeben, sondern um Investitio-
sind die Verlierer in diesem Spiel. Darum wollen nen in die Zukunft. Wenn wir heute investieren,
wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokra- profitieren zukünftige Generationen davon. Was
ten ein Ende des Steuerwettbewerbs und eine wir heute verabsäumen, müssen unsere Kinder
Lohnentwicklung, die mit den Produktivitätsge- und Enkelkinder wieder aufholen.
winnen einhergeht. Darüber hinaus müssen die
Leistungsbilanzen innerhalb der Europäischen Der unternehmerische Staat. Wir stehen für
Union ausgeglichen werden. einen Staat, der Verantwortung für den wirt-
schaftlichen Fortschritt trägt. Die großen wirt-
Öffentliche Investitionen als Motor der schaftlichen Innovationen unserer Zeit hätte es
Innovation und der Konjunktur. Verkehr, ohne staatliche Grundlagenforschung nicht ge-
Wohnungen, Energieversorgung, Schulen, geben. Eine starke öffentliche Beteiligung an
Hochschulen, Wasserver- und Abwasserentsor- strategisch wichtigen Bereichen der Wirtschaft

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

ist ein treibender Motor für die wirtschaftliche angelegte internationale Steuervermeidung,
Entwicklung. die alleine den Interessen großer Konzerne
nützt. Wir wollen, dass es sich finanziell aus-
Wir wollen eine starke Industrie. Die In- zahlt, Gegenstände reparieren zu lassen, statt
dustrie ist eine tragende Säule unserer Wirtschaft sie wegzuwerfen und neu zu kaufen. Wir wol-
und unseres Wohlstands. Der breite Wohlstand len alle Spielräume des Vergaberechts nutzen,
und die guten Lebensstandards, die über Gene- um österreichische Unternehmen durch öf-
rationen geschaffen wurden, sind kein Standort- fentliche Aufträge zu unterstützen. Wir wol-
nachteil, wie uns manche gerne glauben machen len einerseits die soziale und wirtschaftliche
wollen. Unsere Standards sind die Voraussetzung Situation der Kleinstunternehmen und EPUs
für unseren gemeinsamen Erfolg. Der Indust- verbessern und andererseits Scheinselbststän-
riestandort Österreich kann und wird nicht im digkeit entgegenwirken.
Wettbewerb um niedrige Löhne und Sozialstan-
dards punkten. Er wird getragen durch Fachkräfte, Wir machen Österreich zum führenden
die Weltspitze sind, eine starke Forschungsland- Land für Unternehmensgründungen. Wir
schaft und Schutz vor unfairem Dumping-Wett- wissen, dass Start-ups und Neugründungen ein
bewerb. Ein nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Ent-
beruht auf einem gut ausgebauten Rechts- wicklung eines Landes geworden sind. Darum
system und sinnvollen regulatorischen Rah- wollen wir Österreich zum führenden Start-up-
menbedingungen – und kommt letztlich al- Standort Europas machen. Das kreative Poten-
len und nicht nur ein paar Wenigen zugute. zial dafür ist mehr als vorhanden, es gehört nur
zielgerichtet gefördert. Das geht nicht mit gut
Wir stärken die Klein- und Mittelbe- klingenden Schlagzeilen, sondern nur über eine
triebe. Wir Sozialdemokratinnen und So- aktive Strukturpolitik. Wir werden für unsere
zialdemokraten setzen uns dafür ein, dass die stärksten Branchen mithilfe von Clustern ein
Büro­kratie auf ein notwendiges Maß reduziert optimales Umfeld für Neugründungen und In-
wird. Unfaire Wettbewerbsnachteile, denen novationen schaffen. Wir wollen außerdem eine
KMUs gegenüber internationalen Großkon- Kultur der „zweiten Chance“ etablieren. Unter-
zernen ausgesetzt sind, wollen wir beseitigen. nehmerisches Scheitern darf einen Neustart
Insbesondere kämpfen wir gegen die groß nicht verunmöglichen.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

KAPITEL 4
GUTE ARBEIT FÜR ALLE

Die Sozialdemokratie steht für eine demokratische, barrierefreie und gesunde Arbeitswelt. Wir
werden den technologischen Fortschritt nutzen, um Arbeit und Arbeitszeit gerecht zu verteilen.
Vollbeschäftigung und faire Löhne sind unsere Ziele.

Arbeit für ein gutes Leben. Sichere, sinn- haften und sicheren Beschäftigung nachgehen
hafte und gerecht entlohnte Arbeit ermöglicht können. Das körperliche, psychische und soziale
Lebensqualität und Entfaltung. Sie trägt bei zu Wohlbefinden steht im Mittelpunkt. Gerecht ge-
einem selbstbestimmten und unabhängigen, staltet ist die Arbeitswelt, wenn alle Beschäftigten
kurzum: zu einem guten Leben. Vollbeschäfti- von ihrem Einkommen gut leben können und
gung im Rahmen einer solidarischen und öko- von mehr Produktivität bzw. Effizienz profitieren.
logischen Wirtschaft ist das Ziel der Sozialde- Eine humane und gerechte Arbeitswelt stärkt die
mokratie. Jeder Mensch hat ein Recht auf gute Solidarität unter den Beschäftigten.
Arbeit, auf Aus- und Weiterbildung und gewerk-
schaftliche Organisierung sowie auf Freizeit. Die Digitalisierung der Arbeitswelt bringt
neue Möglichkeiten mit sich. Arbeitsabläufe
Für eine humane, gerechte und solidarische können durch den Einsatz neuer Technologien
Arbeitswelt. Eine humane Arbeitswelt erfordert, effizienter organisiert und Menschen von be-
dass alle Menschen frei von Zwang einer sinn- lastenden Tätigkeiten befreit werden. So kann

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der Einsatz von intelligenten Assistenzsystemen Selbstorganisation ermöglichen – diese Spielräume


altersgerechtes Arbeiten ermöglichen. Die Di- gilt es im Interesse aller Menschen zu nutzen.
gitalisierung kann außerdem die Teilhabe von
Menschen mit Behinderungen am Erwerbsleben Neue Arbeitsformen sozial absichern.
fördern und einen wichtigen Beitrag zur Inklu- Neue technologische Möglichkeiten ermög-
sion leisten. Wie jeder technologische Wandel lichen andere Arbeitsformen. Dabei entstehen
folgt auch die Digitalisierung keinem Natur- auch arbeitsrechtliche und arbeitsorganisatorische
gesetz. Die Qualität der Arbeit nimmt durch sie Formen der Arbeit, die häufig durch Rechtsunsi-
nicht automatisch zu. Wie technologische Neu- cherheit, mangelnde soziale Absicherung, Klein-
erungen eingesetzt werden und wer davon pro- teiligkeit sowie Vereinzelung im Arbeitsprozess
fitiert, wird von ökonomischen und politischen und schlechte Bezahlung geprägt werden. Es
Interessen beeinflusst. Umso wichtiger ist es, in gibt unternehmerische Plattformen, die Liefer-
der Gestaltung der Arbeitswelt das Wohl und die dienste für Speisen organisieren oder sogenannte
Interessen der Menschen in den Vordergrund zu Crowdwork-Plattformen, auf denen Menschen
rücken. Dabei verfolgen wir einen ethischen Zu- online ihre Arbeitskraft anbieten und oft nur für
gang, der für ein Gleichgewicht zwischen tech- einzelne Arbeitsschritte Aufträge erhalten. Wer in
nologischem Fortschritt und der Wahrung guter der Datenwolke arbeitet oder seine Arbeitskraft
Beschäftigungsverhältnisse sorgt. Die Arbeitswelt online vermittelt, hat ein Recht auf faire Bezah-
in der sozialen Demokratie wird von allen Betei- lung, soziale Absicherung und gewerkschaftliche
ligten mitgestaltet. Das erfordert die Möglichkeit Organisierung. Als Sozialdemokratinnen und So-
innerbetrieblicher Mitbestimmung der Arbeit- zialdemokraten setzen wir uns daher dafür ein,
nehmerInnen und ihrer VertreterInnen. einen Rechtsrahmen für diese neuen Formen der
Arbeit zu schaffen, der all das sicherstellt.
Fortschritt für alle. Wir Sozialdemokratinnen
und Sozialdemokraten wollen technologische In- Gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam mit
novationen zugunsten einer humanen Arbeitswelt den Gewerkschaften treten wir für einen gerech-
gestalten. Das erfordert eine Demokratisierung von ten Anteil der ArbeitnehmerInnen am erwirt-
Rationalisierungsentscheidungen, die auf techno- schafteten Ertrag und für das Recht auf Mitbe-
logischem Fortschritt beruhen. Dafür müssen die stimmung im wirtschaftlichen und sozialen Leben
Beschäftigten frühzeitig in die Entwicklung von ein. Nur starke und lebendige Gewerkschaften,
technischen Lösungen und neuen Arbeitsprozes- BetriebsrätInnen und PersonalvertreterInnen sor-
sen eingebunden werden. Oft kommt es zu einer gen für ein Kräftegleichgewicht im Interessens-
Polarisierung zwischen guter, also gerecht bezahlter kampf zwischen Kapital und Arbeit, Vorstands-
und gestaltbarer Arbeit und schlecht bezahlter pre- etagen und Beschäftigten. Angesichts des Wandels
kärer Arbeit. Der Einsatz moderner Technologien der Arbeitswelt muss die betriebliche Mitbestim-
kann Handlungsspielräume eröffnen und mehr mung forciert und ausgebaut sowie die Demokra-

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tisierung der Arbeitswelt vorangetrieben werden. dass Menschen einen großen Teil ihres Lebens da-
Wir bekennen uns zum Modell der österreichi- für aufwenden, etwas für andere zu leisten. Unter-
schen Sozialpartnerschaft und einer wirksamen schiede in der Entlohnung, die auf das Geschlecht,
Vertretung der Interessen der ArbeitnehmerInnen die Herkunft oder andere Faktoren der Identität
durch die gesetzliche Mitgliedschaft in der Kam- zurückzuführen sind, bekämpfen wir entschieden.
mer für Arbeiter und Angestellte.
Den Fortschritt nützen. Wir werden den
Vollbeschäftigung schaffen durch ein Recht technologischen Fortschritt nutzen, um mehr
auf gute Arbeit für alle. Unser Ziel ist und Freiräume für die arbeitenden Menschen zu
bleibt Vollbeschäftigung. Auf dem Weg dorthin schaffen und die Arbeitszeit sozial gerecht zu
bedarf es einer teils radikalen Neuausrichtung verteilen. 45 Jahre nach Einführung der 40-Stun-
unserer gewohnten Arbeitswelten. Wir Sozialde- den-Woche ist es an der Zeit, neue Schritte der
mokratinnen und Sozialdemokraten wollen gute Arbeitszeitverkürzung zu setzen. Die Arbeitszeit
Arbeit für alle Menschen. Das bedeutet, dass wir soll den Bedürfnissen des jeweiligen Lebensab-
Arbeitslosigkeit – vor allem Langzeitarbeitslo- schnitts, den gesundheitlichen Voraussetzungen
sigkeit – nicht akzeptieren. Darum werden wir sowie den sich wandelnden unterschiedlichen
in letzter Konsequenz mit öffentlichen Mitteln Lebensweisen entsprechen. Damit ermöglichen
Arbeitsplätze schaffen, um ein Recht auf Arbeit wir echte Wahlfreiheit bei der Familienarbeit
für alle sicherzustellen. Inklusion, also die Ga- und mehr Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten.
rantie guter Arbeitsverhältnisse für Menschen
mit Behinderungen, ist entscheidend, damit alle Halbe-Halbe und nicht weniger. Wir
Menschen ihre Fähigkeiten einbringen können. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
­
Tendenzen, erfahrene Arbeitskräfte aus dem Er- setzen uns dafür ein, dass bezahlte und unbe-
werbsleben auszuschließen, treten wir ebenso zahlte Arbeit zwischen Männern und Frauen
entschieden entgegen wie der Jugendarbeitslo- gleich verteilt und gleicher Lohn für gleich-
sigkeit in Österreich, in Europa und in der Welt. wertige Arbeit durchgesetzt wird.
Dieser Kampf gegen die systematische Benach-
teiligung ganzer Gruppen am Arbeitsmarkt ist Wir wollen Bildungsmöglichkeiten für alle.
uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten Maßnahmen zur Aus- und Weiterbildung wie
ein besonderes Anliegen. bezahlte berufliche Auszeiten, so genannte „Sab-
baticals“, oder Bildungskarenz werden vor dem
Wir kämpfen für gerechte Löhne. Eine erfül- Hintergrund des rasanten Wandels in der Ar-
lende Tätigkeit ist eine wichtige Quelle von Le- beitswelt an Bedeutung zunehmen. Wir unter-
benssinn und Anerkennung, eine gerechte Entloh- stützen deshalb eine Stärkung und Ausweitung
nung ist eine Frage von Respekt und Akzeptanz. dieser Angebote, die für alle Beschäftigten ein-
Wir wollen einen Mindestlohn, der widerspiegelt, fach zugänglich sein müssen.

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KAPITEL 5
BILDUNG ALS SCHLÜSSEL
ZUR FREIHEIT

Die Zukunftsfragen von morgen lassen sich nicht mit dem Wissen und dem Denken von heute beant-
worten. Umso mehr sind wir als Gesellschaft darauf angewiesen, Kreativität und Wissenserwerb zu
fördern. Bildung muss begeistern. Dafür müssen dringend neue Wege beschritten werden.

Die beste Bildung für alle. Bildung ist der die dafür kämpft, dass alle Menschen ihr Recht
Schlüssel zur Welt. Sie ist Grundlage für ein auf Bildung verwirklichen können – nicht nur
selbstbestimmtes Leben und ein Mittel zur in der Jugend. Lebensbegleitendes Lernen hat
Emanzipation. Sie macht uns zu kritikfähigen, für die Sozialdemokratie einen hohen Stellen-
freien und mündigen Menschen. Sie ermöglicht wert, weil es für die persönliche und berufliche
uns den Zugang zu erfüllender Arbeit. Bildung ist Verwirklichung aller Menschen eine unerlässli-
die Basis für gesellschaftliche Teilhabe und damit che Voraussetzung sowie zugleich Triebfeder für
für eine demokratische und solidarische Gesell- sozialen Fortschritt ist.
schaft. Sie ist die Grundlage für ein gutes Leben
für jeden Menschen und das Fundament für die Bildung ist mehr. Unser Bildungssystem darf
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwick- sich nicht nur auf das Erlernen von Grundkom-
lung sowie den Wohlstand unserer Gesellschaft. petenzen und kognitivem Wissen beschränken.
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokra- Es muss darüber hinaus soziale und kulturelle
ten sind eine Kultur- und Bildungsbewegung, Fertigkeiten – wie Kreativität, Empathie, Soli-

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darität, Toleranz, Verantwortung, selbständiges ganztägig geöffnet, ohne Schließtage (v. a. in den
Denken und Kritikfähigkeit – vermitteln. Ob Schulferien) und öffentlich finanziert. Hier gibt
als Elternteil oder als PädagogInnen: Erwach- es viel zu tun: Ein bundesweiter Qualitätsrahmen,
sene sollen dabei das Kind als anspruchsvolle eine Ausbildung der ElementarpädagogInnen auf
und glaubwürdige PartnerInnen begleiten. Jedes Hochschulniveau, die angemessene Entlohnung
Kind ist gleich viel wert, kein Kind darf zurück- dieser Fachkräfte, kleinere Gruppen, ein Rechts-
gelassen werden. Die Zukunft unserer Kinder anspruch auf einen Gratis-Betreuungsplatz ab
darf nicht von der sozialen Schicht, dem Ge- dem ersten Lebensjahr sowie zwei verpflichten-
burtsort, dem Vermögen oder dem Einkommen de Gratis-Kindergartenjahre garantieren, dass al-
der Eltern abhängen. Bildung darf nie ein Privi- len unseren Kindern die individuelle Entfaltung
leg der Besitzenden sein. Wir kämpfen daher für ihrer Persönlichkeiten ermöglicht wird.
ein öffentliches, frei zugängliches, inklusives Bil-
dungssystem, das allen Kindern gleiche Chancen Für eine Schule der Demokratie. Weder
garantiert und bereits die Jüngsten individuell Einkommen noch Herkunft, weder Bildungs-
und bestmöglich fördert. Vom Kindergarten bis niveau noch Sozialprestige der Eltern dürfen
zur Erwachsenenbildung stehen wir für inklusi- entscheidend sein für den Bildungsweg von
ve Räume, in denen der Wechsel zwischen Bil- Kindern und Jugendlichen. An den bisherigen
dungs- und Ausbildungswegen offen steht und Schnittstellen des Bildungssystems braucht es
jeder Mensch das Recht auf mehr als eine Chan- fördernde Übergänge statt Trennung und Aus-
ce hat, den eigenen Interessen zu folgen. sonderung. Wir wollen eine kostenfreie, ge-
meinsame Ganztagsschule der 6- bis 14-Jährigen
Emanzipatorische Elementarpädagogik mit innerer Differenzierung nach Interessen,
notwendiger denn je. Wir wollen kinderge- Neigungen und Fähigkeiten der Kinder. Denn
rechte Lebens- und Lernräume schaffen. Kin- unsere Herzen brennen für bessere Schulen. In
dergärten sind Bildungseinrichtungen, in denen unserem Schulsystem ist kein Platz und keine
Kinder voneinander lernen, weil ihre Neugierde Notwendigkeit mehr für private Nachhilfe. Kein
angestachelt wird. Hier werden Grundkompe- Kind muss mehr eine schwere Schultasche nach
tenzen früh gestärkt sowie die Sprach- und So- Hause schleppen, weil die öffentliche Schule der
zialkompetenz verbessert. Das verhindert soziale gemeinsame Ort ist, wo alle bestmöglich ge-
Benachteiligungen, die sich sonst schon ab dem fördert werden. Diese Schule ist kein isolierter
Schuleintritt verfestigen. Gute Elementarpädago- Ort zum Lernen, sondern ein offener Lebens-
gik ist daher der wichtigste Schlüssel im Kampf raum, der auch mit dem gesellschaftlichen Um-
um Chancengerechtigkeit. Wir wollen eine Aus- feld verwoben ist – in den Stadtvierteln wie in
bauoffensive im elementarpädagogischen Bereich den Dörfern. Unterricht und Freizeitpädagogik
– mit flächendeckenden, qualitativ hochwertigen sollen einander ergänzen, um den Schultag kind-
Kinderbetreuungs- und Bildungseinrichtungen, gerecht gestalten zu können. Kultur und Kunst

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sind wie Bewegung und Sport ein selbstver- zahlen, aus dem jene, die ausbilden, die Ausbil-
ständlicher Teil des Schulalltags, der Kinder und dungskosten erstattet bekommen. Jene, die nicht
Jugendliche in ihrer kreativen und körperlichen ausbilden, aber in Zukunft trotzdem von gut aus-
Entwicklung unterstützt, ihnen Abwechslung gebildeten Fachkräften profitieren, leisten damit
bietet und Teamdenken fördert. Wir Sozialde- ihren gerechten Beitrag. Damit finanzieren wir
mokratinnen und Sozialdemokraten stehen für auch unsere überbetrieblichen Lehrwerkstätten.
eine Lehr- und Lernkultur, die SchülerInnen Unser Einsatz für Demokratie und Mitbestim-
zur selbständigen Organisation ihrer Arbeit und mung bezieht auch die Ausbildungsbetriebe und
zur Entwicklung solidarischer Beziehungen be- Berufsschulen mit ein. Die Wahl von Jugendver-
fähigt. Dazu gehören auch eine demokratische trauensräten und SchulsprecherInnen mit Mit-
Schulorganisation und die Möglichkeit, dass alle sprachemöglichkeiten ist ein elementares Recht
Schülerinnen und Schüler ihre Vertretung auf für junge Menschen in Ausbildung. Denn unsere
allen Ebenen direkt wählen können. Dazu ge- Lehrlinge sind die Fachkräfte von morgen, ge-
hört auch ein Schulfach „Politische Bildung“, meinsam mit den Schülerinnen und Schülern
das politische Teilhabe, Grund- und Freiheits- tragen sie die Zukunft unseres Landes.
rechte und unsere demokratische Kultur erfahr-
bar macht, um über diese Erfahrung das politi- Wir wollen die beste Bildung – auch für
sche Selbstbewusstsein zu bilden. Das ist unser Erwachsene. Menschen müssen während ihres
Menschenbild: Dafür zu kämpfen, dass jede und gesamten Lebens Angebote vorfinden, die ihnen
jeder die eigenen Anlagen entwickeln, ein selbst- die Möglichkeit geben, sich weiterzubilden. Da-
bestimmtes Leben führen, die Stimme erheben rauf hat auch der Arbeitgeber und die Arbeitge-
und Gehör finden kann. berin Rücksicht zu nehmen. Besonders wichtig
sind Angebote für jene Personen, die ihre Erst-
Wir kämpfen für die Lehrlinge. Eine gute ausbildung nicht erfolgreich abschließen konn-
Lehrausbildung braucht transparente und klar ten und deren Chancen auf eine gesellschaft-
definierte Ausbildungsinhalte, die für alle Ausbil- liche Teilhabe daher stark beeinträchtigt sind.
dungsbetriebe gelten. Das Niveau der Ausbild- Sie sollen sich Kulturtechniken aneignen und
nerinnen und Ausbildner muss inhaltlich und Schul- und Berufsabschlüsse kostenfrei nachho-
didaktisch besser werden. Kein Lehrling darf für len können.
fachfremde Dienste ausgenutzt werden. Wir be-
stehen darauf, dass die Jugendlichen im Rahmen Außerschulische Kompetenzen anerken-
ihrer Lehre finanziell abgesichert sind. Gleicher nen. Wir setzen uns dafür ein, dass auch Kom-
Lohn für gleichwertige Arbeit gilt auch in der petenzen, die nicht in der Schule oder einer an-
Lehrausbildung. Diese Finanzierung der Lehr- deren formellen Ausbildung erworben wurden,
ausbildung soll in Zukunft durch Branchenfonds stärker anerkannt werden. Wir wollen, dass es für
erfolgen. Alle Betriebe sollen in einen Topf ein- jede und jeden möglich ist, den Beruf zu ändern

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und eine zweite Ausbildung zu absolvieren. Er- Bildung, Forschung und Wissenschaft tun.
wachsenenbildung ist für uns die Ermächtigung Die öffentliche Hand hat sicherzustellen, dass
der Lernenden zum selbsttätigen Wissenserwerb. die Hochschulen zu einem Ort werden, wo
Wir sind der Überzeugung, dass lebensbeglei- Menschen, unabhängig von Herkunft, Alter
tendes Lernen von allen nur in Zusammenhang und Geschlecht, in einem internationalen
mit einem individuellen Rechtsanspruch reali- Zusammenhang lernen und forschen
siert werden kann. können. Unser Bekenntnis zum offenen und
freien Hochschulzugang beinhaltet, dass wir
Die Sozialdemokratie steht für einen Ausbau Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen
der öffentlichen Bildungsinfrastruktur. Gera- ablehnen. Die chronische Unterfinanzierung
de Bibliotheken kommt im Verbund mit Museen, der Universitäten muss beseitigt und der
Medien,Volkshochschulen und Theatern die Auf- Forschung die benötigten Mittel zur
gabe zu, den öffentlichen Zugang zu Wissenschaft Verfügung gestellt werden. Die Antwort auf
und Bildung allen Menschen im Land zu ermög- die steigenden Studierendenzahlen darf keine
lichen. Öffentliche Bibliotheken sind als kulturelle weitere Verschulung sein, die das Studium für
Zentren und Lernorte ein wichtiger Teil regionaler viele bloß zusätzlich erschwert. Und es bedarf
Bildungslandschaften. Angesichts der voranschrei- auch eines effektiveren Studienbeihilfesys-
tenden Digitalisierung haben sie die Aufgabe, die tems, um soziale Schieflagen nicht zu verfesti-
Lust an Bildung, Wissenschaft, Kunst und Kultur gen. Die Universitäten und Fachhochschulen
überall zu entfachen. müssen von den Lehrenden und Lernenden
gemeinsam und demokratisch gestaltet wer-
Wir setzen uns für die bessere Förderung den. Wir brauchen und fördern neugierige,
der Hochschulen, der Lehre und der For- kritische Menschen, die sich ihrer sozialen
schung ein. Österreich hat das Potenzial, ein Verantwortung bewusst sind und deren Ideen,
Innovationszentrum zu sein, ein faszinierendes Konzepte und Forschungsergebnisse das Stre-
Laboratorium des Gelingens und des ben nach einer freien, gleichen, gerechten und
Ausprobierens, doch muss es dazu mehr für solidarischen Gesellschaft unterstützen.

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KAPITEL 6
SICHERHEIT IST SOZIAL

Soziale Sicherheit bedeutet Freiheit von Armut und Not. Sie schafft ein Leben in Würde und die
Möglichkeit, Träume zu verwirklichen. Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten kämpfen so
überzeugt wie hartnäckig für den Sozialstaat und eine Gesellschaft, in der diese Freiheit für alle
Menschen Wirklichkeit ist.

Wir brennen für das Ideal eines freien und Wir wollen eine erstklassige Gesundheits-
selbstbestimmten Lebens. Es ist der eigent- versorgung für alle. Wir Sozialdemo­kratinnen
liche Zweck der sozialen Sicherheitssysteme, je- und Sozialdemokraten bekennen uns zum
dem Menschen die Freiheit von Not sowie sei- Grundrecht aller Menschen auf Lebens- und Ar-
ne Teilnahme am gesellschaftlichen, politischen beitsverhältnisse, die unsere Gesundheit schüt-
und kulturellen Leben zu garantieren. Es geht zen und fördern. Gesundheit ist nicht die bloße
darum, alle Menschen in die Lage zu versetzen, Abwesenheit von Krankheit, sondern bedeutet
ihre Träume zu entwickeln und erfüllte soziale auch körperliches und geistiges Wohlbefinden.
Beziehungen führen zu können. Deshalb brau- Wir garantieren den gleichberechtigten Zugang
chen und verteidigen wir einen starken Sozial- zu einem öffentlichen und solidarisch finan-
und Wohlfahrtsstaat, der die sozialen Rechte al- zierten Gesundheitssystem für alle Menschen
ler Menschen sicherstellt. Unsere Arbeitslosen-, in unserem Land: Niemand darf in Österreich
Kranken-, Pensions- und Unfallversicherungen später behandelt werden, weil er oder sie über
sind Ausdruck institutionalisierter Solidarität. weniger Einkommen oder keine Beziehungen

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

verfügt. Wir treten jeder Form von Zweiklas- Aufgabe alleine gelassen werden. Niemand soll
senmedizin entgegen. Wir Sozialdemokratinnen im Alter das Gefühl haben, eine Belastung zu
und Sozialdemokraten stehen für ein solidari- sein oder seiner Familie auf der Tasche zu lie-
sches Gesundheitssystem, in dem alle Menschen gen. Jede Person in Österreich muss das Recht
pflichtversichert und nach dem Sachleistungs- auf eine qualitativ hochwertige Pflege haben,
prinzip – unabhängig von privat finanzierten die aus öffentlichen Mitteln bzw. Steuern auf
Zusatzleistungen – optimal versorgt sind. Die Erbschaften finanziert wird. Unser Pflegesys-
Leistungen unseres Gesundheitssystems müssen tem sichert die soziale Teilhabe im Alter, es ist
der bedarfsgerechten, flächendeckenden, wohn- eine Unterstützung zur Selbsthilfe für Men-
ort- und zeitnahen Versorgung aller dienen, was schen mit Behinderung. Das bedeutet auch
durch einen starken Ausbau der Primärversor- eine Investition in ein umfassendes und diffe-
gungszentren gewährleistet werden soll. Die öf- renziertes Pflegeangebot, das allen offensteht
fentlichen Eigentumsverhältnisse und Strukturen und eine flächendeckende Versorgung garan-
des Gesundheitssystems sind so zu organisieren, tiert. Wir streben ein bundesweit einheitliches,
dass sichergestellt ist, dass Patientinnen und Pa- transparentes, öffentliches Pflegesystem an, das
tienten selbständige Entscheidungen zur eigenen den Pflegekräften höhere Löhne und bessere
Behandlung treffen können. Wir wollen eine ef- Arbeitsbedingungen ermöglicht. Dazu gehört
fiziente Struktur der selbstverwalteten Sozialver- auch der Ausbau von Angeboten in der pallia-
sicherungsträger und eine Vereinheitlichung der tiven und hospitären Begleitung.
Bedingungen für die Versicherten. Selbstbehalte
treffen ärmere und chronisch Kranke besonders Wir garantieren sichere Pensionen. Verläss-
hart, weshalb wir unsere Gesundheitseinrichtun- lichkeit, Solidarität und Leistungsgerechtigkeit
gen nicht darüber finanzieren werden. stehen im Vordergrund sozialdemokratischer
Pensionspolitik. Unser staatliches Pensionssys-
Wir kämpfen für ein Altern in Würde tem wird vom Bekenntnis zu einer Versicher-
und frei von Existenzängsten. Pflege geht tengemeinschaft getragen, in der alle selbststän-
uns alle an. Wir dürfen und wollen die Auf- dig und unselbstständig arbeitenden Menschen
gabe nicht einfach, wie es in den meisten Fäl- Pensionsbeiträge leisten und dementsprechend
len Realität ist, auf die Frauen in der Familie Ansprüche erwerben. Dieses solidarische Um-
abschieben. Auch zigtausende Kinder und Ju- lageverfahren hat sich gegenüber privaten Vor-
gendliche pflegen ihre Angehörigen. So wich- sorgesystemen, die vom Kapitalmarkt abhängig
tig die persönliche Zuwendung von Angehö- sind, immer bewährt – nicht zuletzt deshalb, weil
rigen ist, wir brauchen mehr professionelle unsere Pensionen deshalb nicht der Krisenanfäl-
Pflege und einen massiven Ausbau des mobi- ligkeit der Finanzmärkte ausgeliefert sind. Unser
len und örtlichen Betreuungsangebots. In un- staatliches Pensionssystem ist eine Errungen-
serem Land darf niemand mit dieser schweren schaft, auf die wir stolz sind. Es weiterentwickeln

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

heißt, für höhere Pensionen besonders für Frau- Menschen in die Mindestsicherung zu drän-
en einzutreten. Altersarmut darf keine Chance gen und ein entmündigendes Regime zur
haben. Ob jemand für eine höhere Pension spart, Etablierung eines Niedriglohnsektor zu schaf-
ist jedem und jeder selbst überlassen. Eine staat- fen, treten wir auf allen Ebenen entschieden
liche Förderung dafür ist weder notwendig noch entgegen. Die Mindestsicherung soll bundes-
zielführend. Denn unsere Pensionen sind dann weit vereinheitlicht werden, auch um den in-
sicher, wenn es ausreichend Wirtschaftswachs- nerösterreichischen Wettbewerb nach unten
tum, hohe Beschäftigung und anständige Löhne zu beenden. Sie muss transparent organisiert
gibt, die letztlich die Quellen für Pensionsbei- sein. Alle Anspruchsberechtigten sollen wissen,
träge und damit -zahlungen sind. Wir kämpfen wie und wo sie zu ihrem Recht kommen. Mit
daher auch für eine Arbeitsmarktpolitik, die dazu uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemo-
führt, dass möglichst alle Menschen bis zur Er- kraten wird es kein Zurück in eine Zeit der
reichung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters Essensgutscheine und Suppenküchen geben,
in Beschäftigung bleiben. Das benötigt eine in der die Armenfürsorge ein entwürdigendes
konsequente Beschäftigungs- und Investitions- System aus Scham, Bittstellertum und Demü-
politik und ausreichend altersgerechte Arbeits- tigung etabliert hat. Wir stehen dafür, nicht die
plätze. Wir Sozialdemokratinnen und Sozial- Armen zu bekämpfen, sondern die Armut.
demokraten setzen uns für das Grundrecht auf
Alterssicherung und die Garantie für die Wert- Sicherheit geben. Sicherheit ist ein ursozial-
erhaltung der Pensionsansprüche ein. demokratisches Thema. Die meisten Menschen
sind auf einen handlungsfähigen Staat angewie-
Das Mindeste sichern. Wir werden erst sen. Nur sehr Reiche können sich private Si-
dann zufrieden sein, wenn wir die Armut in cherheit kaufen. Natürlich kann der Staat keine
unserem Land völlig besiegt haben. Im Grun- absolute Sicherheit garantieren, aber er muss al-
de soll niemand vom existentiellen Minimum les tun, um Unsicherheiten zu verringern. Frei-
leben müssen, doch wenigstens dieses Min- heit und Sicherheit bilden eine Einheit. Die
deste muss ohne Wenn und Aber garantiert Sozialdemokratie ist in ihrer langen Geschichte
sein. Wir bekennen uns zu einer effektiven immer für eine gewaltfreie Gesellschaft eingetre-
Armutsbekämpfung mit Mindeststandards, um ten. Die SPÖ steht für eine Gesellschaft, die sich
allen Menschen ein würdevolles und angstfrei- durch ein solidarisches, friedliches Zusammen-
es Leben zu ermöglichen. Die Mindestsiche- leben definiert, in der die Menschen in Freiheit
rung bildet das letzte soziale Sicherungsnetz. und Sicherheit gemeinsam leben und sich ent-
Ein Netz, auf das jeder und jede alleine aus wickeln können. Jede Form der Gewalt – von
dem Menschsein ein Anrecht hat. Allen Ver- wem und gegen wen auch immer – gefährdet
suchen reaktionärer Kräfte, unter Aushöhlung nicht nur einzelne Personen, sondern auch die
unserer sozialen Versicherungen noch mehr solidarische, faire Demokratie.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

Sicherheit ist eine öffentliche Aufgabe. Eine der Verwaltung muss möglichst nachvollzieh-
der Grundlagen des Rechtsstaates und Ausdruck bar und transparent sein. Eine moderne Ver-
staatlicher Souveränität ist das Gewaltmonopol waltung, wie wir sie wollen, nutzt die Mög-
des Staates, das für Frieden und Sicherheit steht. lichkeiten der neuen Technologien, um die
Damit verbundene Aufgaben dürfen weder aus- Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an
gelagert noch privatisiert werden und sind aus- allen Abläufen zu vergrößern und öffentlich
schließlich von dafür vorgesehenen staatlichen erhobene Daten zugänglich zu machen.
Einrichtungen wahrzunehmen. Wir treten dem
gesellschaftlichen Phänomen der Kriminalität Gleichheit vor dem Gesetz und durch das
einerseits durch eine gezielte Sozialpolitik und Gesetz muss garantiert sein. Die richterliche
andererseits durch eine moderne Polizei ent- Unabhängigkeit ist ein unumstößlicher Eck-
gegen. Dafür braucht es eine handlungsfähige pfeiler des Rechtsstaates. Sie muss durch demo-
demokratisch legitimierte Polizei, deren Organe kratische Kontrollmaßnahmen gestützt werden.
im Bereich der Grundrechte, der Prävention und Transparente und faire Auswahlverfahren, bei
der Deeskalation besonders zu schulen sind. Auf denen juridische Fachkenntnisse ebenso berück-
der anderen Seite ist das österreichische Bundes- sichtigt werden wie psychologische Kenntnisse,
heer dazu berufen, das Bundesgebiet vor mögli- soziales Verantwortungsbewusstsein und das Ver-
chen Gefahren von außen wirksam zu schützen. ständnis für wirtschaftliche und politische Zu-
sammenhänge spielen hier eine tragende Rolle.
Demokratie bürgernah gestalten. Zu den Die Mitwirkung des Volkes an der Rechtspre-
Herzstücken unserer repräsentativen Demo- chung im Rahmen einer reformierten Geschwo-
kratie zählen Gewaltentrennung und starke renengerichtsbarkeit ist uns wichtig. Für uns ist
Vertretungen auf allen Ebenen. Diese sind Bildungs- und Sozialpolitik die beste Präventi-
durch allgemeine, freie und geheime Wah- ons- und Sicherheitspolitik, das Strafrecht kann
len zu legitimieren und gegebenenfalls durch nur eine Form zur Kriminalitätsbekämpfung
die direkte Beteiligung von Bürgerinnen und sein. Bei voller Berücksichtigung der Sicherheits-
Bürgern an Entscheidungen zu ergänzen. Eine interessen der Menschen unterstützen wir Alter-
stabile Demokratie lebt von einem lebendi- nativen zum herkömmlichen Strafvollzug.
gen Parlamentarismus und von einer qualitativ
hochwertigen Verwaltung. Die Verwaltung des Zugang zum Recht erleichtern. Wir wol-
Staates muss für alle Menschen barrierefrei zu- len die Verfahrenshilfe ebenso ausbauen wie ge-
gänglich und generell leicht erreichbar sein – eignete Institutionen der Rechtsberatung. Um
analog wie digital. Das betrifft auch die Mög- die Rechte von KonsumentInnen zu wahren,
lichkeit, Entscheidungen rasch beeinspruchen braucht es starke Vertretungsstrukturen und die
zu können. Jede Handlung, jede Entscheidung Möglichkeit von Verbandsklagen.

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KAPITEL 7
IN STADT UND LAND

Für uns ist es eine Frage der Gerechtigkeit, das Chancengefälle zwischen Stadt und Land nicht
größer werden zu lassen. Es braucht eine aktive Politik und vor allem Investitionen in die soziale
Infrastruktur, um die Nachteile des ländlichen Raums gegenüber den Ballungszentren auszuglei-
chen. Dafür treten wir ein.

Gleiche Voraussetzungen für alle. Die Men- Wohnen ist ein Menschenrecht – und
schen im ländlichen und im städtischen Raum muss leistbar sein. Alle Menschen haben
müssen gleiche Chancen vorfinden. Die Sozial- unabhängig von ihrer finanziellen Leistungs-
demokratie setzt sich dafür ein, dass die öffentli- fähigkeit Anspruch auf eine bedarfsgerech-
che Versorgung nach dem Solidaritätsprinzip in te Wohnung. Dazu brauchen wir genügend
strukturstarken und -schwachen Regionen glei- Neubauten, einen starken, gemeinnützigen
chermaßen garantiert wird. Dazu gehören leistba- Wohnbausektor, öffentliches Eigentum an
re, qualitätsvolle Einrichtungen, in denen Kinder Wohnungen und ein transparentes, bundes-
sich entwickeln können und älteren Personen ein weites Universalmietrecht. Gerade für junge
Altern in Würde garantiert wird. Eine qualitativ Menschen sind die Mieten und Baugründe
hochwertige medizinische Versorgung muss auch nicht mehr leistbar. Eine gute Versorgung mit
in ländlichen Regionen gesichert sein. Der Aus- Wohnraum funktioniert nur, wenn wir dafür
bau des öffentlichen Verkehrs und der Breitband- sorgen, dass ausreichend Grund und Boden
ausbau sind hier ebenfalls unumgänglich. für den Neu- und Ausbau an leistbaren Woh-

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nungen zur Verfügung steht. Wir brauchen in diesen Kämpfen auf ihrer Seite und treten
eine österreichweite Wohnbauoffensive, die vehement gegen die zunehmende Gentri-
den sozialen Wohnbau massiv stärkt. Genos- fizierung und für die soziale Durchmischung
senschaftswohnungen und Gemeindebauten von Wohngegenden ein. Die Beteiligung der
dürfen nicht privatisiert werden. Wir streben Wohnbevölkerung an der Stadt- und Ortspla-
die Wiedereinführung der Zweckbindung von nung leistet einen wesentlichen Beitrag dazu.
Wohnbauförderungsmittel an und wollen die
Rückflüsse aus den Wohnbaudarlehen wieder Wir Sozialdemokratinnen und Sozial-
in den wohnungswirtschaftlichen Kreislauf demokraten treten für den Ausbau von
einbeziehen. leistbaren öffentlichen Verkehrsmitteln
und Infrastruktur ein. Um die Teilhabe am
Jede Spekulation mit Wohnraum und gesellschaftlichen Leben im ländlichen Raum
Fördermitteln ist zu unterbinden. Durch sicherzustellen, muss entsprechende Mobi-
eine sozial gerechte Raumordnung und Steu- lität gewährleistet sein. Mobilität bedeutet,
ern auf Leerstände und Zweitwohnsitze wer- unter zumutbarem Aufwand alle Bereiche des
den wir den vorhandenen Wohnraum wieder täglichen Lebens abdecken zu können – das
für alle zugänglich machen. Denn Wohnen ist reicht vom Weg von und zur Arbeit oder in
ein Grundbedürfnis und Wohnungspolitik ist Bildungseinrichtungen, über private Erledi-
eine öffentliche Aufgabe, die der Markt nicht gungen vom Einkauf bis zum Arztbesuch bis
erfüllen kann. Wir stehen für eine Wohnbau- hin zu Freizeitaktivitäten und soziale Kontak-
politik, die unsere Gemeinden und Städte als te durch die Beteiligung an einem lokalen Ver-
gute Lebensräume für alle entwickelt, und in einsleben. Zu Mobilität zählen die Vernetzung
der die Wohnumgebung so gestaltet wird, dass der Anschlussmöglichkeiten, alternative Beför-
sie die Kommunikation und Solidarität zwi- derungskonzepte und -mittel wie z.B. Fahr-
schen den BewohnerInnen fördert. Sozialde- gemeinschaften sowie die stärkere Einbindung
mokratische Wohnungspolitik stellt sicher, dass der Bevölkerung in die Verkehrspolitik und
unsere Siedlungen, Grätzel, Dörfer und Stadt- Stadtplanung. Gerade im ländlichen Raum
teile inklusive Lebensräume sind, in denen bedeutet das fehlende oder eingeschränkte
niemand ausgeschlossen wird und in denen es Angebot von öffentlichen Verkehrsmitteln für
weder Armen- noch Reichenviertel gibt. Vie- sozial und ökonomisch benachteiligte Grup-
le Menschen, die in einer Stadt leben, führen pen – Frauen, MigrantInnen, junge Menschen,
heute einen Kampf, in dem sie ihre Viertel als ältere Menschen etc. – ein großes Hindernis
kommunikative Lebensräume erhalten wollen für ein selbstständiges Leben. Ein zentrales
und in denen sie lebendige Nachbarschaften Anliegen unserer Politik ist die Schaffung von
als Orte des sozialen Zusammenhaltes und Zukunftsperspektiven für die gesamte Bevöl-
der Sorge füreinander verteidigen. Wir stehen kerung. Qualitativ hochwertige öffentliche

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Infrastruktur heißt gerade auch im ländlichen wegungseinheiten in der Schule sind die ers-
Raum mehr Freiheit und Chancengleichheit. ten Schritte, denen aber auch bewusstseins-
bildende Aktivitäten folgen müssen, um den
Mehr Lust am Sport. Im Sinne der Menschen sportliche Betätigung im Interesse
Work-Life-Balance, aber auch der höheren ihrer Gesundheit näherzubringen.
Lebenserwartung und der damit verbunde-
nen aktiven Pensionszeit, wird die Gestaltung Für ein aktives Vereinsleben und ein star-
der Freizeit immer wichtiger. Sport ist ein kes Ehrenamt. Österreich ist ein Land, in
sehr wichtiger Bestandteil der Freizeitgestal- dem es viel ehrenamtliches Engagement und
tung, vor allem aufgrund seiner Bedeutung ein breites Vereinswesen gibt – von den frei-
für die Erhaltung und Förderung der Ge- willigen Feuerwehren über die Musikvereine
sundheit. Das Erleben von Gemeinschaft und bis zum Sportbereich. Die vielfältigen Leistun-
das Streben nach Leistung mit fairen Mitteln gen und Aktivitäten dieser Strukturen kommen
dienen dem sozialen Lernen und dem Abbau nicht nur häufig der Allgemeinheit zugute,
von Aggression. Deshalb unterstützen und sie stärken auch – insbesondere im ländlichen
fördern wir besonders den Breiten-, Schul- Raum – den Zusammenhalt und das Miteinan-
und Behindertensport, wobei der gleiche Zu- der. Als Sozialdemokratinnen und Sozialdemo-
gang zum Sport – für alle sozialen Gruppen kraten treten wir daher für die Anerkennung
und Geschlechter – gewährleistet sein muss. und Unterstützung dieses Engagements und
Bewegung als Bildungsziel und tägliche Be- ehrenamtlicher Aktivitäten ein.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

KAPITEL 8
DIE PFLICHT ZUR ERHALTUNG
UNSERES PLANETEN

Die österreichische Sozialdemokratie hat ökologischen Anliegen schon lange einen hohen Stel-
lenwert eingeräumt, doch deren Bedeutung in der Praxis nicht immer konsequent umgesetzt.
Wo ökologische und ökonomische Anliegen nicht miteinander vereinbar waren, hat sie dem
Wirtschaftswachstum oft eine Vorrangstellung eingeräumt. Die sozial verträgliche Umgestaltung
unserer Gesellschaft hin zu ökologischer Nachhaltigkeit unterscheidet uns auch in Zukunft von
anderen Ansätzen in diesem Bereich. Aber angesichts des Klimawandels ist klar, dass dem Er-
halt unserer Lebensgrundlagen – auch als Grundlage der sozialen Gerechtigkeit – die höchste
­Priorität­ zukommen muss.

Die Klimakatastrophe hinzunehmen ist nicht zung betroffen. Unter der Luftverschmutzung des
nur aus ökologischen Gründen fatal, sondern motorisierten Individualverkehrs leiden besonders
auch eine soziale Ungerechtigkeit. Denn sie jene, die in den billigeren Wohnlagen in der Nähe
wird dazu führen, dass es sich einige wenige richten stark befahrener Straßen wohnen. Und wenn in den
können, während viele den Folgen der Klimaer- Städten in den Sommermonaten der so genannte
hitzung hilflos ausgesetzt sind. Sozial benachteiligte „Backofen-Effekt“ eintritt, leiden besonders jene,
Bevölkerungsgruppen sind heute schon überpro- die kein Wochenendhaus am Land haben, die nicht
portional von den Folgen der Umweltverschmut- in klimatisierten Wohnungen leben oder in den

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

reichen Vorstädten mit viel Grün zwischen den für die Nationalstaaten klare Ziele zur Verbesse-
Villen. Um diese Ungerechtigkeit auszugleichen, rung der Energieeffizienz, zum Ausbau erneuer-
braucht es eine aktive Politik, die in diesem Fall barer Energieformen und zur CO2-Reduktion.
z. B. Fassaden-, Dach- und Stadtbegrünungen, das Österreich soll sich hier an die Spitze stellen und
Öffnen von Grünflächen für alle sowie Innenhof- bis 2040 CO2-neutral werden. Zum Schutz der
zusammenlegungen forciert. Umwelt- und Klima- Umwelt sollten zudem umweltfreundliche Tech-
politik heißt letztlich, allen Menschen ein besseres nologien stärker gefördert und umweltschäd-
und gesünderes Leben zu ermöglichen. Dabei geht liche Technologien stärker besteuert werden.
es nicht notwendigerweise darum, dass die aktuelle
Generation ihre Lebensqualität verringern muss, Klima- und Umweltschutz tragen zu einer­­
um künftigen Generationen eine Welt mit hoher gleichberechtigten Gesellschaft bei. Umwelt-
Umweltqualität zu hinterlassen. Sie kann auch für politik und Verteilungsfragen sind eng miteinan-
uns, die wir jetzt auf dieser Erde leben, eine Erhö- der verbunden. Es ist unsinnig, die ökologische
hung unserer Lebensqualität sowie Wohlstand und und die soziale Frage gegeneinander auszuspie-
Beschäftigung bringen. len. Das wäre so, als hätte man vor 150 Jahren die
Kämpfe für Sicherheit in der Fabrik gegen den
Globale Verantwortung erfordert lokales Kampf um höhere Löhne ausgespielt. Für uns So-
Handeln. Die Klimaerhitzung wird gerne als zialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben
globales Phänomen verstanden, das eine ebenso Wohlstand und andere politische Ziele wie Ge-
globale Lösung verlangt. Ein solches Verständnis sundheit oder Lebensqualität immer zusammen-
bietet auch eine billige Ausrede, nationale An- gehört. Wir wissen auch, dass die Umwelt- und
strengungen zu unterlassen und sich auf fehlende Klimapolitik im Sinne der Bevölkerung gestaltet
internationale Kooperation herauszureden. Da- werden kann und muss. Alle Menschen haben
bei sind Treibhausgasemissionen, die hauptver- ein Recht auf eine intakte Umwelt. Konsequen-
antwortlich für den Klimawandel sind, zu einem tes Handeln gegen Umweltverschmutzung und
großen Teil auch für lokale Umweltprobleme Klimawandel – etwa durch ein Verbot von un-
verantwortlich. Was wir lokal an Schadstoffen nötigem Plastik – muss und darf keine negativen
ausstoßen, summiert sich nicht irgendwo in sozialen Auswirkungen haben. Wir haben alle
einer globalen Ferne zur Klimakatastrophe, son- Chancen der Welt, dadurch mehr Beschäftigung,
dern sorgt unmittelbar und konkret vor unserer eine gleichere Einkommensverteilung und ein
Haustüre für schwerwiegende Belastungen. Kli- gesünderes und längeres Leben zu erreichen.
mapolitik, die auch lokale Luftverschmutzung re-
duziert, trägt zu mehr Umweltgerechtigkeit bei. Gemeingüter fördern heißt weniger ver-
Das heißt, dass nationalstaatliche oder regionale brauchen. Eine optimal ausgebaute öffentli-
klimapolitische Maßnahmen sinnvoll sind. Wir che Infrastruktur hat eine zentrale Funktion,
wollen nicht nur auf EU-Ebene, sondern auch wenn es darum geht, den individuellen Res-

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

sourcenverbrauch zu verringern. Als etwas, das auch selbst herzustellen. Wir wollen mithilfe des
alle gesellschaftlichen Schichten teilen, stärkt technologischen Fortschritts einerseits die Ver-
ein gut funktionierender öffentlicher Verkehr sorgung sicherstellen und andererseits viel we-
nicht nur den gesellschaftlichen Zusammen- niger Energie verbrauchen. Wir setzen uns für
halt, er führt auch zu einer Reduktion des eine effiziente und naturverträgliche Ökostrom-
motorisierten Individualverkehrs, vor allem förderung und außerdem für eine energieeffizi-
wenn er von verlässlichen kleinräumige Net- ente Bauweise und umfassende thermische Sa-
zen in Verkehrsverbünden bis hin zu interna- nierungen ein. Wir bekennen uns klar zu einer
tionalen Bahn- und Wasserstraßenverbindun- politischen Verantwortung für die Energieinf-
gen reicht. Ähnliche Wirkungen haben auch rastruktur einschließlich des Netzausbaus und
gut ausgebaute kommunale Dienstleistungen, effizienter Technologien für die Gewinnung,
öffentlich zugängliche Naherholungsräume den Transport und die Speicherung von Ener-
und ein starker gemeinnütziger, nachhaltiger gie. Die Energiegewinnung aus Atomkraft ist
und öffentlicher Wohnbausektor, der für einen brandgefährlich und hinterlässt Atommüll, der
großen Teil der Bevölkerung zugänglich ist. noch vielen nachfolgenden Generationen zur
Last fallen wird. Deshalb werden wir weiterhin
Umwelt ist ein öffentliches Gut. Wir werden gegen Atomkraftwerke auftreten und uns auch
für den Erhalt der Umwelt und gegen die Pri- auf internationaler Ebene für einen Ausstieg aus
vatisierung öffentlicher Ressourcen ankämpfen. der Atomkraft einsetzen. Ein erster Schritt dazu
Wir bekennen uns zum Vorsorgeprinzip, wo- ist das Vermeiden von Einkauf von Atomstrom.
nach neue Technologien erst dann zur Anwen- Mittelfristig muss Euratom in zu einem Atom-
dung kommen dürfen, wenn ihre grundsätzliche ausstiegsvertrag weiterentwickelt werden.
Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit nach-
gewiesen ist. In der öffentlichen Beschaffung ist Unser Ziel ist ein Umstieg von fossilen
bei Ausschreibungen auf ökologische und soziale Verbrennungsmotoren auf alternative kli-
Standards zwingend zu achten. mafreundliche Antriebsformen. Österreich
soll in diesem Bereich zur Weltspitze gehören,
Verantwortungsvoller Umgang mit Ener- denn damit sichern wir nicht nur unsere ökolo-
gie.­Das Thema Energie muss als System be- gischen Grundlagen, sondern auch unsere künf-
trachtet werden und nicht als zusammenhang- tige ökonomische Wohlfahrt, da diese Branchen
loses Panorama von Fragen wie Treibstoff, die Technologien der Zukunft entwickeln. Um
Warmwasser und Stromerzeugung. Unsere das zu erreichen, müssen wir eine zielgerichtete
große Chance dabei ist die Digitalisierung aller Forschungspolitik betreiben, die innovative, dis-
Komponenten, die eine kluge Abstimmung al- ziplinenübergreifende Durchbrüche ermöglicht.
ler Einzelteile möglich macht. Österreich ist in Gleichzeitig werden wir den Ausbau des öffent-
der Lage, den gesamten Strom, den es benötigt, lichen Verkehrs forcieren.

46
G R U N D SATZ P R O G RAM M

Wir wollen eine nachhaltige Lebensmittel- Landwirtschaft, die neben der Sicherung der Ver-
produktion. Die Landwirtschaft soll zu einem sorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln der
gesunden Leben beitragen, qualitätsvolle, mög- Erhaltung der Biodiversität und einer intakten
lichst regionale und leistbare Ernährung sicher- Natur, dem Schutz vor Naturgefahren und der
stellen und besondere Rücksicht auf Tierrechte Pflege der Kulturlandschaft dient. Dazu ist die
und Tierwohl nehmen. Biologische Produktion, Ausweitung von geschützten Gebieten unerläss-
traditionelle Anbauweisen und eine kleinstruk- lich. Der hohe Stellenwert gesunder Böden ist
turierte Landwirtschaft leisten hierzu wichtige ein zentrales Anliegen einer zukunftsorientierten
Beiträge. Zusätzlich sind die technische Ent- Landwirtschaft. Die Zerstörung fruchtbarer Bö-
wicklung und insbesondere die Digitalisierung den muss minimiert werden. Gleichzeitig gilt es,
zu beachten. Alle diese Faktoren können eine bodenschonende Konzepte der landwirtschaft-
nachhaltigere Lebensmittelproduktion ermög- lichen Produktion zu entwickeln. Dadurch, dass
lichen. Um eine solche zu erreichen, ist es auch Bauern und Bäuerinnen faire Einkommen für
notwendig, auf das saisonale Angebot im Jahres- ihre Leistungen bekommen, soll die Arbeit in der
lauf zu achten. Der Einsatz von Pestiziden muss Landwirtschaft attraktiver werden.
so gering wie möglich gehalten werden. So wie
überall muss der Einsatz von Technik auch in der Wir stehen für einen nachhaltigen Wandel
Landwirtschaft Menschen, Tieren und Umwelt unseres Umgangs mit Tieren. Die Würde
Vorteile bringen und darf nicht auf deren Kosten und das Wohlergehen der Tiere sind uns wich-
eingesetzt werden. Gentechnisch manipulierte tig – insbesondere dort, wo sich unser Wirt-
Organismen haben in unserer Landwirtschaft schafts- und Gesellschaftssystem im Spannungs-
nichts verloren. feld zwischen Tierschutz und ökonomischen
Fragen befindet, aber auch in anderen politi-
Wir bekennen uns zu einer gerechten und schen und rechtlichen Fragen, die der Öffent-
transparenten Landwirtschaftsförderung, lichkeit wichtige Anliegen sind. Wir stellen uns
die an ökologische und soziale Kriterien den zentralen Themen des Tierschutzes in der
gebunden ist. Familienbetriebe, Nebenerwerbs- gesellschaftlichen und politischen Auseinander-
betriebe und Bergbauernbetriebe sollen dadurch setzung, hier vor allem den tierschutzrelevan-
erhalten bleiben. Das entscheidende Förderkri- ten Bereichen der Haltung, der Pflege und des
terium dabei ist nicht der Grundbesitz, sondern Transports von Tieren, aber auch dem Konsum
der notwendige Arbeitseinsatz. Wir wollen eine tierischer Produkte.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

KAPITEL 9
DIE GLEICHSTELLUNG DER
GESCHLECHTER

Die Gleichstellung der Geschlechter ist eine Frage der Gerechtigkeit und der Menschenwürde.
Die gleichberechtigte Teilhabe an politischer Macht, Einflussmöglichkeiten und Entscheidungen
sollte ebenso wie das Grundprinzip des gleichen Einkommens für gleichwertige Arbeit in unse-
rer modernen und aufgeklärten Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit sein. Doch dafür gibt es
noch viel zu tun.

Viele offene Baustellen. Allen Fortschritten und völkerung furchtbare Realität ist. Dort etwa, wo
der allmählichen Veränderung von Rollenbildern alle Machtpositionen von Männern besetzt sind,
zum Trotz ist die Gleichstellung der Geschlechter sind auch sexuelle Übergriffe häufiger.
noch lange nicht erreicht: Die Einkommensschere
zwischen Männern und Frauen konnte bis heute Rechtlich gleich, praktisch nicht. Die tat-
nicht geschlossen werden. Haus- und Erziehungs- sächliche gesellschaftliche Gleichstellung hat mit
arbeit wird noch überwiegend von Frauen geleis- der rechtlichen Entwicklung nicht Schritt ge-
tet. Frauen sind dadurch öfter und stärker von Al- halten. Dem Anspruch vieler Männer, sich stär-
tersarmut betroffen. Machtungleichgewichte und ker in die Familienarbeit einbringen zu wollen,
ein Statusgefälle zwischen den Geschlechtern sind steht eine Arbeitsmarktentwicklung gegenüber,
ein Hauptgrund, warum physische und psychische die für familienfreundliche Arbeitsbedingungen
Gewalt für einen großen Teil der weiblichen Be- für Frauen und Männer wenig Spielraum er-

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

öffnet.Vor diesem Hintergrund – und verschärft gewandte Erklärungsmuster zu verschleiern und


durch das geschlechterspezifische Einkommens- gesellschaftliche Fortschritte zurückzudrehen,
gefälle – bleiben traditionelle Rollenbilder auch Frauenrechte zu beschneiden und Ungleichheit
dort oftmals bestehen, wo Eltern ganz andere zu befördern. Aber ankämpfen heißt für uns:
Absichten verfolgen. Frauen mit Kindern wer- weitergehen. Antifeminismus kann man nur mit
den gesellschaftlich aus existenzsichernder Er- mehr Feminismus bekämpfen.
werbsarbeit verdrängt – mit allen negativen
Folgewirkungen für die soziale Absicherung, die Wir kämpfen für die Gleichstellung der
Einkommensentwicklung, die Unabhängigkeit Geschlechter und gegen Diskriminie­
von Frauen, aber auch für viele private Bezie- rungen. Ein geschlechtergerechtes Zusam-
hungen. Hier offenbart sich besonders stark, wie menleben beinhaltet die gleiche Verteilung
das Politische ins Privateste hineinwirkt. von Macht zwischen Männern und Frauen auf
allen Ebenen – in der Wirt­schaft, der Bildung
Auf halbem Weg. Gewiss: Der Fortschritt ist und der Politik. Bereits erreichte Fortschritte
da, aber er ist auf halbem Weg stecken geblieben. in der Gleich­berechtigung der Geschlechter
Ein Widerspruch, den konservative Gruppen für müssen durch weitere Fortschritte abge­sichert
eine verstärkte antifeministische Agitation be- werden. Die Einführung und Umsetzung von
nützen. Sie machen den Feminismus verächtlich Geschlechterquoten garantiert, dass zentrale
und beklagen, dass Männer „umerzogen“ wer- Entscheidungspositionen in Politik und Wirt-
den sollen. Sie beschwören die „gute alte Zeit“, schaft endlich zu gleichen Teilen von Frauen
in der das Modell des männlichen Alleinverdie- und Männern besetzt werden. Frauen und
ners für vermeintliche Stabilität gesorgt habe und Männer müssen für gleich­ wertige Erwerbs-
beklagen, dass der Feminismus diese Werte zer- arbeit auch gleich entlohnt werden.
setze. So wird die Wirklichkeit propagandistisch
auf den Kopf gestellt. Da wird die Doppelbelas- Halbe-Halbe. Es ist höchste Zeit für eine
tung der Frauen dem Feminismus zugeschrie- geschlechtergerechte Aufteilung unbezahlter
ben, dann wieder die angebliche „Ausbeutung“ Haus-, Sorge- und Pflegearbeit. Maßnahmen
von Männern und ihre vermeintliche Benach- dafür sind unter anderem entsprechende ge-
teiligung beklagt, etwa im Fall des Scheiterns setzliche Regelungen zu Kinderbetreuung und
von Partnerschaften. Oder es wird gar eine Dis- Arbeitszeitverkürzung. Darüber hinaus fordern
kriminierung von Männern attestiert, wenn ein- wir flächendeckende, kostenlose und qualita-
mal nicht der Mann den Chefposten bekommt. tiv hochwertige Kinderbetreuung. Bestimmte
Wie auch in anderen gesellschaftspolitischen Gruppen von Frauen sind besonders stark von
Bereichen kämpfen wir Sozialdemokratinnen Armut bedroht. Um die Armutsgefährdung
und Sozialdemokraten entschieden dagegen an, von Alleinerziehenden zu reduzieren, treten
bestehende soziale Probleme durch rückwärts- wir für einen existenzsichernden staatlichen

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

Unterhaltsvorschuss ein. Das Recht auf sexuel- Eine Gesellschaft des wechselseitigen Re-
le Selbstbestimmung ist ein Grund- und Men- spektes. Die Sozialdemokratie steht für den
schenrecht und darf aus keinerlei Gründen ein- Schutz und die Wertschätzung von Minder-
geschränkt werden. Der unabhängige Zugang heiten. Wir widersetzen uns jeder Form der
zu Informationen rund um Sexualität, Verhü- Diskriminierung und allen Formen menschen-
tung, Übertragung von Krankheiten, Schwan- verachtenden, insbesondere auch patriarchalen
gerschaft und Schwangerschaftsabbruch sowie Verhaltens. Unser Leitbild ist eine offene und
zu Vorsorgeuntersuchungen durch FachärztIn- sozial gerechte Gesellschaft, in der jede und je-
nen muss für alle sichergestellt sein. der mit Selbstbewusstsein und ohne Angst sein
kann, wie sie oder er will. Respektlosigkeiten
Wir kämpfen für die völlige Gleichstel- können unser Zusammenleben vergiften. Jede
lung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Person darf ihren Werten folgen, mögen die
Transgender, Intersexuellen, Queer und eher traditionell, mögen die eher unkonventio-
Asexuellen. Wir Sozialdemokratinnen und nell sein. Jede und jeder hat Achtung verdient.
Sozialdemokraten stehen für einen erweiterten Niemand darf das Gefühl haben, durch gesell-
Familienbegriff, der deutlich über die hetero- schaftliche Muster herabgewürdigt zu werden.
sexuelle Kernfamilie hinausgeht und vielfältige Wir treten für einen effektiven Gewaltschutz
Formen des generationenübergreifenden Zu- ein, der auch präventiv wirkt und sich auf die
sammenlebens umfasst. Wir setzen uns dafür ein, digitale Welt erstreckt. Die ausreichende Finan-
dass Menschen unabhängig von Rollenzwängen zierung von Frauenhäusern sowie von Schutz-
über ihren Körper, ihre Identität und ihre Se- einrichtungen für Frauen, die aus Gewaltbezie-
xualität bestimmen können und sich dies auch hungen flüchten, muss endlich flächendeckend
in der Rechtsordnung widerspiegelt. und österreichweit durchgesetzt werden.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

KAPITEL 10
DAS MITEINANDER STÄRKEN

Migration und Integration waren in den vergangenen Jahren zwei bestimmende Themen der öf-
fentlichen Diskussion. Beide Themen sind wichtig, sollten aber nicht miteinander vermischt wer-
den. Getreu der Losung „Integration vor Zuzug“ ist die erste Frage, wie wir als offene, pluralis-
tische Gesellschaft miteinander umgehen und Österreich für alle hier lebenden Menschen eine
Heimat sein kann. Die Frage, wie wir Schutzbedürftigen helfen und dafür sorgen können, dass die
Zuwanderung geordnet verläuft, ist getrennt davon zu behandeln.

Wir wollen eine solidarische Gesellschaft, liche Bereiche, in denen ein Interessenausgleich
in der alle an einem guten Zusammenleben notwendig ist, in Institutionen wie der Schule,
mitwirken. Alle Menschen sollen die Möglich- der Universität oder im Betrieb. Investitionen in
keit haben, sich individuell zu entfalten und am BürgerInnenbeteiligung, Mitbestimmung und
Gemeinsamen zu beteiligen. Die Voraussetzun- ehrenamtliches Engagement sind immer auch
gen dafür sind soziale Sicherheit und der Schutz Investitionen in ein produktives und respektvol-
vor Gewalt. Wir brauchen engagierte Menschen les Miteinander. Wir akzeptieren es nicht, wenn
vor Ort, in der Politik und der Zivilgesellschaft, Menschen von oben herab behandelt werden.
denen ein gutes Zusammenleben ein Anliegen Jeder Mensch hat immer und überall Respekt
ist und denen gleichzeitig die Zeit zugestanden verdient. Orte der Respektlosigkeit dürfen daher
wird, sich dafür einzusetzen. Dies gilt für sämt- nicht akzeptiert werden, nicht im öffentlichen

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

Raum, nicht im Netz und auch nicht hinter Bü- ebenbürtiges und solidarisches Miteinander gibt.
rotüren oder Fabriktoren. Wir wollen Menschen Integration beginnt am ersten Tag und erfordert
darin bestärken, ihre Verantwortung in der Ge- Maßnahmen, damit die Menschen, die in Öster-
sellschaft wahrzunehmen, für Schwächere einzu- reich ankommen, ihren Platz in der Gesellschaft
treten und Zivilcourage zu leben. finden.

Wir setzen uns für die volle Freiheit des Für eine Gesellschaft ohne Diskriminie-
Denkens und Glaubens ein. Wir achten das rung. Der Zugang zu Bildung und Gesund-
Bekenntnis zu einem religiösen Glauben wie heitsversorgung, zu leistbarem Wohnraum und
zu einer nichtreligiösen Weltanschauung als in- ausbildungsadäquaten Arbeitsplätzen sowie die
nerste persönliche Entscheidung jeder und je- Teilhabe an Kultur, Mobilität und anderen Le-
des Einzelnen. Die volle Freiheit des Glaubens bensbereichen müssen diskriminierungsfrei und
und Denkens darf weder durch den Staat noch sozial gerecht gestaltet sein. Dafür braucht es
auf sonstige Weise eingeschränkt werden. Die nicht nur gesetzliche Regelungen zur Absiche-
Sozialdemokratie stellt sich zugleich allen alten rung der Rechte von neu Angekommenen und
und neuen Versuchen entgegen, Religion für Hiergebliebenen, sondern auch entsprechende
politische Zwecke zu missbrauchen und ande- Angebote – wie etwa kostenlose Sprachkurse,
ren Werte und Lebensweisen aufzuzwingen. Wir Hilfe beim Einstieg in den Arbeitsmarkt so-
stellen uns deutlich dagegen, wenn im Namen wie eine engagierte Antidiskriminierungsarbeit.
von Religion patriarchale und längst überholte Unser Ideal ist eine Gesellschaft, in der es jeder
Rollenbilder verfestigt werden sollen und Ge- Mensch, der legal hier lebt, schaffen kann. Egal
walt verübt wird. So wie die Sozialdemokratie woher er kommt, welcher Religion er angehört,
das Recht jeder und jedes Einzelnen auf freie oder welchen Namen er trägt. Eine Gesellschaft,
Ausübung eines religiösen Bekenntnisses vertei- die jeder und jedem die Chance auf Integration
digt, besteht sie auch auf dem Respekt vor ande- gibt, die aber auch schützt vor dem Gefühl von
ren religiösen und nichtreligiösen Weltanschau- Identitäts- und Gemeinschaftsverlust. Eine Ge-
ungen. Wer Respekt für sich beansprucht, muss sellschaft, die stolz ist auf die vielen Migrantin-
andere respektieren und deren Freiheiten achten. nen und Migranten und deren Kinder, die es in
Österreich zu etwas gebracht haben und mit ih-
Eine umfassende Integrationspolitik. So- ren Leistungen unsere Gesellschaft voranbringen.
zialdemokratische Integrationspolitik arbeitet
aktiv an der gesellschaftlichen Teilhabe und Mit- Die gemeinsame Basis. Gleichzeitig ist es für
bestimmung aller Menschen – egal ob hier ge- ein gelungenes Zusammenleben auch notwendig,
boren oder nicht. Ein gelungenes Zusammen- dass alle Menschen, die hier leben, die deutsche
leben bedeutet, dass es für alle Menschen, die Sprache erlernen. Wir haben jahrzehntelang für
hier leben, bestmögliche Bedingungen für ein die Verankerung emanzipatorischer Werte in der

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

Gesellschaft gekämpft und bestehen darauf, dass können. Wer – vielleicht sogar schon vom Kin-
alle Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlich- desalter an – Ablehnung verspürt, wird in eine
keit akzeptieren und einhalten. Sozialdemokra- Abwehrhaltung getrieben. Deswegen brauchen
tische Integrationspolitik stützt sich auf gesetz- wir als heterogener werdende Einwanderungs-
liche Rahmenbedingungen wie die Europäische gesellschaft eine neue Identität als Gemeinschaft,
Menschenrechtskonvention, auf eine österreich- die bei allen Unterschieden eine Idee des Ge-
weite Integrationsstrategie und ein dichtes Netz meinsamen entwickelt. Damit geht aber auch
an integrationspolitischen Maßnahmen vor allem die Verpflichtung einher, füreinander da zu sein
auf kommunaler Ebene. Vor allem kleinteilige und gemeinsam die Gesellschaft zu gestalten. Es
und inklusive Nachbarschaftsinitiativen fördern geht darum, die Angebote zur Integration auch
den gegenseitigen Austausch und die Annähe- zu nutzen und sich einzubringen.
rung. Dafür müssen ausreichend finanzielle und
personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. Ängste beim Namen nennen. Viele gesell-
schaftliche Herausforderungen und individu-
Für ein breites zivilgesellschaftliches elle Ängste haben ihre Wurzeln nicht in Zu-
Bündnis. Die Zusammenarbeit von zivilgesell- wanderung, sondern in Armut und sozialer
schaftlichen Initiativen, migrantischen Gruppen, Ungleichheit. Diesen Ängsten ist mit Aufklä-
Freiwilligenarbeit und öffentlichen Einrichtun- rung und mit einer Politik zu begegnen, die für
gen ist für uns Ausdruck eines gemeinsamen soziale Sicherheit sorgt statt für Benachteili-
Strebens nach einer solidarischen und egali- gungen und Ausgrenzung.Wir müssen politisch
tären Gesellschaft. Integration lebt davon, dass jenen entgegentreten, die soziale Konflikte zu
sich alle als ein gemeinsames „Wir“ verstehen ethnischen und kulturellen Konflikten machen
und das Gemeinsame mitgestalten. Wer nicht wollen und dadurch Benachteiligte gegenein-
akzeptiert wird, wird sich schwerer integrieren ander ausspielen.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

KAPITEL 11
DIE OFFENE DIGITALGESELL-
SCHAFT UND DIE FREIHEIT
DER KUNST

Neue digitale Technologien, Kunst und Kultur bieten enorme Chancen. Sie können dazu bei-
tragen, unsere Gesellschaft offener, demokratischer und gerechter zu machen. Dazu, dass Men-
schen ihr schöpferisches Potenzial entwickeln können. Wir müssen aber die Weichen neu stellen,
um unsere Ziele zu erreichen: die Freiheit von Kunst und Medien zu garantieren, Kunstschaffende
sozial abzusichern und eine für alle offene Kunst- und Kulturpolitik umzusetzen, die Respekt und
gegenseitiges Verständnis fördert.

Nutzen wir die Digitalisierung. Ein Ge- ziale ein. Das beinhaltet die Förderung von Kon-
winn an Freiheit in Beruf und Freizeit ist dank zepten wie Open Source und freier Software,
digitaler Technologien möglich. Die neuen Open ­Government und Open Data, vor allem in
Möglichkeiten müssen die Teilhabe am gemein- ­öffentlichen Institutionen und der Verwaltung.
schaftlich erwirtschafteten Wohlstand und am
gesellschaftlichen Zusammenleben erhöhen. Demokratie im Digitalzeitalter sichern.
Wir erkennen die Potenziale offenen und frei Sich im digitalen Raum frei bewegen zu kön-
zugänglichen Wissens und kooperativer Gestal- nen, ist wichtig für Meinungsfreiheit, Chan-
tungs- und Beteiligungsmöglichkeiten, die sich cengleichheit, Kommunikation und Innova-
durch Digitalisierung ergeben, und treten für tion. Eine nie dagewesene Öffentlichkeit ist
eine demokratische Entwicklung dieser Poten- geschaffen worden, die unsere Demokratie

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

weiterbringen kann, aber die wir vor Manipu- Wir kämpfen für Selbstbestimmung und
lationen und Zensur schützen müssen. Demo- das Recht auf Privatsphäre. Wir setzen uns
kratische Grundfreiheiten, beispielsweise das für einen modernen und selbstbestimmten
Verbot von Zensur, die Rede- und Versamm- Datenschutz ein. Der Schutz der Privatsphäre
lungsfreiheit oder die Wahrung des Brief- ist wichtiger als wirtschaftliche Interessen. Der
geheimnisses müssen auch im Netz erhalten gläserne Bürger ist eine Gefahr für die Frei-
bleiben. Das gilt auch für die journalistische heit, weshalb wir für einen starken, einheit-
Freiheit und das Redaktionsgeheimnis. Die lichen und konsequent sanktionierten euro-
bewusste Streuung von Falschmeldungen,Ver- päischen Datenschutz und einen digitalen
leumdungen und Hetze muss hingegen ein- Grundrechtskatalog eintreten. Alle Menschen
gedämmt und strafrechtlich verfolgt werden. müssen das Recht haben, über die Verwendung
Anbieter digitaler Plattformen steuern mithil- ihrer Daten selbst zu entscheiden. Der Zugang
fe von Algorithmen, was Milliarden Menschen zu digitalen Diensten soll möglich sein, ohne
täglich zu sehen und zu lesen bekommen. Hier dass Nutzerinnen und Nutzer einer umfassen-
treten wir für Transparenz ein: Diese Algorith- den Speicherung von Daten zustimmen müs-
men sind offenzulegen und die Anbieter für sen. Das „Recht auf Löschen“ muss zu einem
die Einhaltung demokratischer Regeln und Grundrecht werden. Auch durch ein Übermaß
Normen zur Verantwortung zu ziehen. an Überwachung wird unsere Demokratie und
Freiheit gefährdet. Wir sind daher gegen eine
Breitband für alle. Der Zugang zu Infor- anlasslose personenbezogene Massenüberwa-
mation ist für uns Sozialdemokratinnen und chung, denn diese macht uns alle nicht sicherer,
Sozialdemokraten ein Menschenrecht. Ana- sondern erleichtert wirtschaftlich und politisch
log dazu wollen wir ein Recht auf Zugang motivierten Datenmissbrauch.
zum Internet. Deshalb müssen leistungsstarke
Hochgeschwindigkeits­ netze allen zur Verfü- Gegen neue Monopole. Um die Gefahr der
gung stehen. Dies gilt sowohl für urbane als Monopolisierung und des Missbrauchs von
auch für ländliche Regionen. Zugang zum Daten durch digitale Mega-Konzerne zu ban-
Breitbandinternet ist in der digitalen Gesell- nen, brauchen wir eine neue Wettbewerbs- und
schaft unverzichtbar. Ergänzend dazu ist auch Datenordnungspolitik. Diese muss Monopole
breite Bildung und Unterstützung zur Förde- verhindern, einen funktionierenden Wettbe-
rung eines selbständigen und kritischen Um- werb schaffen und marktbeherrschende Platt-
gangs mit digitalen Medien unabdingbar – vom formbetreiber regulieren.
Kindergarten und der Schule bis zum Alters-
heim. In Schulen müssen darüber hinaus Kom- Netzneutralität sichern. Wir Sozialdemo-
petenzen zum Umgang mit Gewalt und Ge- kratinnen und Sozialdemokraten unterstützen
fahren im Netz vermittelt werden. den Erhalt und die Sicherung der Netzneutrali-

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

tät. Wir lehnen die Sperrung von Internetseiten ten einzuschränken. Bereits in der Schule muss
ohne richterliche Kontrolle sowie die Sperrung die Bedeutung dieser Freiheiten vermittelt und
des Internetzugangs oder die Drosselung der der kompetente und kritische Umgang mit
Internetgeschwindigkeit als Strafmaßnahme Medien erlernt werden.
ab. Strafrechtlich relevante Inhalte sind an der
Wurzel zu bekämpfen, es gilt die Maxime „Lö- Der ORF ist als öffentlich-rechtliches
schen statt Sperren“. Medium für Österreich unverzichtbar.
Im Zeitalter „alternativer“ Fakten kommt
Die Schattenseiten der Digitalisierung dem öffentlich-rechtlichen gebührenfinan-
bekämpfen. Negativen Entwicklungen im zierten Rundfunk als qualitativ hochwertige,
Internet gilt es entgegenzuwirken – insbe- objektive Informationsquelle eine besondere
sondere gegen Internetkriminalität, Hasspos- Bedeutung zu. Angesichts der massiven Verän-
tings, Cyber-Mobbing, Cyber-Spionage oder derung des Nutzerverhaltens müssen öffent-
Cyber-Angriffe auf sensible Infrastruktur sind lich-rechtliche Inhalte für Bürgerinnen und
Vorkehrungen zu treffen. Das Internet darf kein Bürger auch über Internet, soziale Medien
Platz von Gewalt und diskriminierenden, rassis- und andere neu entstehende Kanäle frei zu-
tischen oder frauenfeindlichen Hassbotschaften gänglich sein.
sein. Strafbares Verhalten muss auf einfachem
Wege als solches benannt und zur Anzeige ge- Medienvielfalt fördern. Zum Erhalt und
bracht werden können. Die Plattformanbieter Ausbau der Medienvielfalt bedarf es einer Me-
tragen hier besondere Verantwortung. Rechts- dienförderung, die die unabhängige Erstellung
lücken bei der Bekämpfung von Internetkri- redaktioneller Inhalte fördert, auch für web-
minalität müssen sowohl auf nationaler und als basierte Medien offen ist und den Berufsstand
auch auf europäischer Ebene geschlossen wer- der Journalistinnen und Journalisten unter-
den. Informations- und Beratungstätigkeiten stützt. Für die Mitgliedschaft im Presserat
im Interesse der Konsumentinnen und Konsu- sollen finanzielle Anreize geschaffen werden.
menten müssen verstärkt werden, um so Be- Nicht-kommerzielle Radio- und TV-Sender
trug, etwa beim Online-Shopping, oder nicht sind eine Bereicherung der Medienlandschaft
legale Vertragsabschlüsse zu unterbinden. und müssen entsprechend unterstützt werden.
Auch für die österreichischen Privatmedien
Wir setzen uns für die freie Information ein. müssen faire Bedingungen im Wettbewerb
Medienfreiheit und Freiheit der Meinungsäu- mit ausländischen Sendern, vor allem aber mit
ßerung sind Grundpfeiler der Demokratie. Wir multinationalen medialen Großunternehmen
treten entschieden allen Versuchen entgegen, geschaffen werden, die in Österreich Werbe-
diese Freiheiten durch Diffamierungen und gelder lukrieren, ohne dafür auch nur annä-
Übergriffe auf Journalistinnen und Journalis- hernd faire Steuern zu zahlen.

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G R U N D SATZ P R O G RAM M

Zeitgemäßes Urheberrecht. Im digitalen Wir fördern künstlerisches Schaffen und die


Zeitalter muss es durch ein ausgewogenes Ur- Auseinandersetzung mit Kunst. Wir beken-
heberInnenrecht zu einem gerechten Ausgleich nen uns zur öffentlichen Kulturfinanzierung. Un-
der Interessen von UrheberInnen, VerwerterIn- ser Ziel ist es, verlässliche Rahmenbedingungen
nen und NutzerInnen kommen. für eine kritische, innovative und vielfältige Kunst
zu schaffen und eine aktive Auseinandersetzung
Kunst und Kultur stärken die Freiheit und mit dem kulturellen Erbe zu ermöglichen. Kul-
helfen uns, die Welt zu verstehen. Kultur- turpolitik soll sich nicht in künstlerisches Schaf-
politik ist immer auch Gesellschaftspolitik. fen einmischen. Sie muss zur freien Entfaltung der
Kulturbewegungen sind wichtige Trägerinnen Künste beitragen. Auf Geschlechtergerechtigkeit
von gesellschaftlichem Fortschritt, Kritik und und die Förderung von Frauen legen wir ein be-
Emanzipation.Wir wollen eine offene, vielfältige sonderes Augenmerk, da diese oft strukturell be-
Kunst- und Kulturpolitik vorantreiben, die sich nachteiligt werden. Darüber hinaus stehen wir für
nicht auf die Förderung der so genannten Hoch- die gezielte Förderung zeitgenössischer und ex-
kultur beschränkt und die kulturelle Tätigkeiten perimenteller Kunst sowie junger Künstlerinnen
nicht zu kommerziellen Dienstleistungen degra- und Künstler.
diert. Sie soll das Verstehen und Erleben der Welt,
den Respekt vor Anderen und das gegenseitige Kunst- und Kulturschaffende sozial ab-
Verständnis unterstützen. sichern. Viele Künstlerinnen und Künstler,
Kulturarbeiterinnen und Kulturarbeiter, aber
Kulturelle Bildung und Kulturvermittlung auch Personen, die als kreativwirtschaftliche
von Anfang an. Jeder Mensch hat das Recht Ein-Personen-Unternehmen tätig sind, arbei-
auf Teilhabe am kulturellen Leben - unabhän- ten unter prekären Verhältnissen. Fehlende
gig von der gesellschaftlichen und sozialen soziale Absicherung, unregelmäßige Arbeits-
Stellung oder Herkunft. Das ist für uns not- zeiten, Mehrfach-Jobs oder arbeits- und auf-
wendiger Bestandteil von sozialer Gerechtig- tragslose Zeiten stehen für sie auf der Tages-
keit. Kulturelle Bildung und Kulturvermittlung ordnung. Kreative passen oft kaum mehr in die
spielen hier eine zentrale Rolle. Wir setzen uns vorhandenen Sozialversicherungssysteme. Für
dafür ein, dass Kultur in aktiver und passiver die Sozialdemokratie bedeutet soziale Gerech-
Form zum Angebot von Bildungseinrichtun- tigkeit, dass die Arbeit in Kunst, Kultur und
gen gehört. Dazu gehört, dass Kunstschaffende Kreativwirtschaft ordentlich bezahlt werden
in Schulen einbezogen werden, Lehrerinnen muss. Es ist unsere Aufgabe, geeignete Rah-
und Lehrer eine gute Ausbildung in künstle- menbedingungen für Kreative zu schaffen und
rischen Fächern erhalten und die Zusammen- für die soziale Absicherung von Künstlerinnen
arbeit zwischen Bildungs- und Kultureinrich- und Künstlern zu sorgen.
tungen ausgebaut wird.

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ÖSTERREICH VERÄNDERN

Der erste Schritt. Der Beschluss dieses Grund- keit lebendig wird. Tag für Tag, bis in die De-
satzprogramms ist der erste Schritt zu einem er- tails des politischen Handelns hinein.
neuerten Selbstverständnis der sozialdemokrati-
schen Bewegung. Dieser erste Schritt ist wichtig, Was uns verbindet. Unser Grundsatzpro-
aber letztlich nur der Anfang eines weitaus grö- gramm verdeutlicht die Werte, die uns verbin-
ßeren Projektes, das Österreich verändern wird: den. Es vermittelt Leitlinien, die über den Tag
die Schaffung einer sozialen Demokratie. hinaus gültig sind, weil darin unsere Idee von
Gesellschaft sichtbar wird. Dahinter steckt ein
Ein Kompass für die Zukunft. Das vor- Menschenbild. Als Sozialdemokratinnen und
liegende Programm bietet einen Kompass zur Sozialdemokraten betrachten wir unsere Mit-
politischen Orientierung. Ein Kompass gibt menschen – egal wie nah oder fern sie uns ste-
die Zielrichtung vor, aber nicht unbedingt hen – nicht als gefährliche Rivalen im Kampf
den Weg. Um unseren Ideen von einer bes- jeder gegen jeden. Es sind Menschen, mit Würde
seren Zukunft zum Durchbruch zu verhel- und Rechten ausgestattet, die aus ihrem Leben
fen, müssen wir daher auch unser Verständnis etwas machen wollen und damit mögliche Part-
von politischer Aktivität erneuern. Denn ein nerinnen und Partner im gemeinsamen Streben
Grundsatzprogramm ist letztlich nicht mehr nach einem besseren Leben. Wir können nur
als eine Idee, die erst in der politischen Tätig- dann gut zusammen leben, wenn wir Umstände

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schaffen, die jeder und jedem die Möglichkeit zu ändern zu können. Wir müssen und können
einem guten Leben garantieren. diese Ohnmacht überwinden, indem wir auf-
zeigen und vorleben, dass Politik die Verant-
Im Kampf um die Freiheit. Die österreichi- wortung von uns allen ist. Politik wird von zu
sche Sozialdemokratie versteht sich als Befrei- vielen Menschen als etwas verstanden, das nur
ungsbewegung. Wir brennen für das Ideal eines einer auserwählten Elite vorbehalten ist. Doch
freien und selbstbestimmten Lebens. Darum das ist falsch. Zu bestimmen, wie wir miteinan-
kämpfen wir Sozialdemokratinnen und Sozial- der leben und umgehen wollen, ist weder das
demokraten Seite an Seite mit den Vielen, die Privileg einiger Mächtiger noch die exklusive
zu wenig haben, um wirklich frei zu sein. Wir Aufgabe von Parteien – selbst wenn diese mit
sind überzeugt davon, dass das wirksamste Mit- Regierungsmacht ausgestattet sind.
tel gegen Benachteiligung mehr Beteiligung ist.
Darum ist die Ausweitung der Demokratie – die Alles ist politisch. Die zweite Frauenbewe-
aktive Mitbestimmung der Vielen – unser Weg, gung hat mit dem Slogan „Das Private ist poli-
um unsere Ziele zu erreichen. tisch“ auf den Punkt gebracht, wie weit das Feld
der Politik ist. Es ist kein eng gefasster Aufgaben-
Bruch mit dem Paternalismus. Dieses Selbst- bereich, sondern besteht aus einer großen Fülle
verständnis muss sich auch in unserem Umgang an Handlungsfeldern. Wenn alle Lebensbereiche
mit den Bürgerinnen und Bürgern widerspiegeln. politisch sind, heißt das auch: Es gibt unzähli-
Aus diesem Grund bricht das neue Parteipro- ge Möglichkeiten, Politik zu machen – inner-
gramm mit dem Paternalismus, der in Teilen un- halb wie auch außerhalb der Sozialdemokratie.
serer Bewegung – nicht zuletzt aufgrund der Er- Das bedeutet auch, dass wir an vielen Stellen
fahrungen der Vorkriegs- und Kriegszeit – lange erfolgreiche Überzeugungsarbeit leisten kön-
vertreten war. Die Sozialdemokratie ist nicht die nen und müssen, um etwas zu bewegen. Durch
„starke“ Beschützerin sozial „schwacher“ Men- Gespräche am Küchentisch oder in der Kantine,
schen, denn diese Menschen sind nicht schwach, bei den nicht immer leichten Diskussionen auf
sie haben bloß zu wenig Geld.Wir sind nicht dazu Familienfeiern, bei Versammlungen, auf wissen-
da, Menschen mit etwas zu „versorgen“, sondern schaftlichen Konferenzen oder eben durch das
wollen sie zur Unabhängigkeit ermächtigen. Die Engagement in der SPÖ.
Partei steht nicht über der Bevölkerung, sondern
dient ihr. Darum kämpfen wir Sozialdemokratin- Regieren reicht nicht. Weder eine Regie-
nen und Sozialdemokraten sowohl „für“ die Be- rungsbeteiligung noch eine parlamentarische
nachteiligten als auch „mit“ ihnen. Mehrheit reichen aus, um gesellschaftlichen
Fortschritt zu verwirklichen und abzusichern.
Politik nicht den Eliten überlassen. Unser Politik wird nicht einseitig vom Gesetzgeber
mächtigster Gegner ist das Gefühl, nichts ver- verordnet, sondern muss in der Gesellschaft ver-

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ankert sein. Fortschritt gibt es nur, wenn alle in durch ehrliches Interesse an anderen Sicht-
ihren Lebenssituationen das Bestmögliche ver- weisen und Weltbildern, die wir ernsthaft he-
suchen, ohne von den jeweils anderen zu ver- rausfordern und von denen wir uns auch he-
langen, das Projekt Sozialdemokratie alleine zu rausfordern lassen. Das bedingt natürlich die
tragen. Egal ob Bürgermeisterin oder Aktivist, Möglichkeit, unsere eigenen Positionen an-
wir teilen die die Verantwortung für die Sozial- zupassen. Wir wollen den Leuten nicht nach
demokratie. Unser aller Aktivität ist gefordert dem Mund reden, aber auch nicht in unse-
und keine ist verzichtbar. Die Breite ist unsere rer eigenen Weltsicht unberührt von anderen
Stärke, vielfältige Politikstile sind deshalb nicht Meinungen verharren.
nur zulässig, sondern notwendig.
Politische Kultur prägen. Wir tragen alle Ver-
Die Allianz des Fortschritts. Die starke So- antwortung für die politische Kultur in unserem
zialdemokratie der Zukunft muss eine breite Al- Land. Die Qualität der öffentlichen Diskussion
lianz des Fortschritts sein. Eine bunte Mischung leidet derzeit unter vielen negativen Einflüssen.
aus Parteistrukturen mit offenen Türen und zi- Wir können nicht zulassen, dass dieses Herz-
vilgesellschaftlichen Bewegungen sowie vielen stück der Demokratie weiter geschwächt wird
engagierten Gruppen und sozialen Milieus, die und werden daher unseren Beitrag leisten, um
alle etwas Ähnliches wollen und gemeinsam an die Debattenkultur in Österreich zu erneuern.
einem Strang ziehen. Wirksamkeit entsteht aber Dazu gehört ein grundlegend positiver Stil, der
nicht alleine durch den Austausch mit Gleich- vom Vertrauen auf die eigenen Stärken geprägt
gesinnten, sondern vor allem durch den Kontakt ist und sich nicht über die Schwächen anderer
mit allen anderen. Die „reine Lehre“ ist zwar definiert. Dazu gehört eine klare und einfach
schön, aber meistens mit kleiner Gefolgschaft verständliche Sprache und dazu gehört die wert-
ausgestattet. Es muss uns gelingen, die gesamte schätzende Grundhaltung, stets auch die Ge-
Bevölkerung durch unsere Aktivitäten so anzu- meinsamkeiten zu betonen statt in spalterischer
sprechen und herauszufordern, dass Veränderung Manier das Trennende voranzustellen.
möglich wird.
Wir warten nicht auf bessere Zeiten. In die-
Offenheit leben. Eine Voraussetzung dafür sem Geiste laden wir alle Menschen ein, sich an
ist unsere Offenheit. Offenheit gegenüber den unserem Befreiungs- und Veränderungsprojekt
Entwicklungen unserer Welt und ganz beson- zu beteiligen. Eine andere, bessere, freiere Welt
ders in der Auseinandersetzung mit anderen ist möglich und unsere Aufgabe als Sozialdemo­
Meinungen und Sichtweisen. Wenn wir unse- kratinnen und Sozialdemokraten ist es, dieser
re Überzeugungen vermitteln wollen, dann Hoffnung den Weg zu bahnen.Wo wir sind, muss
gerade auch gegenüber jenen, die sie auf den die Hoffnung auf Veränderung leben. Denn wir
ersten Blick nicht teilen. Das funktioniert nur warten nicht auf bessere Zeiten. Wir machen sie.

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