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Globalisierung und Moral:

Notizen.
Im Zweifelsfalle gilt das gesprochene Wort.
Der Titel könnte Erwartungen wecken, die nicht eingelöst werden,
sondern seine offenkundige Attraktivität ist ein Sub-Thema der folgenden
Überlegungen:
Zwei Worte, kombiniert, eine Vorlesung, ein großes Versprechen: es
geschieht etwas – draussen – und wir hier drinnen lösen das, wir haben
die Kapazität, das „draussen“ zu überblicken, die hier herinnen eine
Regel zu schaffen und gleichzeitig die diskursive und vielleicht gar
dadurch faktische Autorität, der Gültigkeit zu verschaffen. Wir werden
hier sagen, was moralisch, was gut, was gerecht ist. (Schönes Beispiel:
Hösle, Politik und Moral)
Hier – herinnen - wird es eher um die Schwierigkeit gehen, das
draussen überhaupt zu beschreiben oder zu definieren, um
Schwierigkeiten der Erkenntnis, die sich aus der jeweiligen Position
ergeben, um ästhetische Regeln, wie diese Beschreibung aufgebaut ist.
Es wird gezeigt werden, dass es zwischen diesen Beschreibungen mit
ihren manchmal willkürlichen Akzentsetzungen und den angebotenen auf
Moral rekurrierenden Regelungen ein Zusammenhang besteht. Dieser
Zusammenhang verursacht oft einen „Bias“, einen Serienfehler, der das
moralische Argument ins Moralisieren abgleiten lässt.
Die Diskussion um die Globalisierung – diesen etablierten terminus
überhaupt konsensfähig zu definieren – ist in jedem Fall „moralisch
aufgeladen“. Es ist eigenartig: aus der prädemokratischen Literatur, etwa
aus dem „Sturm und Drang“ haben wir uns eine Idee bewahrt: die Macht
ist unmoralisch aber stark, das moralische Argument ist schwach. Ich
möchte das nicht pauschal zurückweisen, aber in der Figur liegt schon
die Relativierung der Aussage: im, um meinetwillen, Kampf zwischen
einer wie auch immer gearteten Macht spielt der Rekurs auf die Moral
eine Rolle. Ein Wort, das mich hier interessiert, ist das von der
„kulturellen Hegemonie“ (Antonio Gramsci). Das ist nicht die Besetzung
eines Intendantenpostens durch einen Parteigänger der Regierung und
auch nicht die Dominanz des Berlusconi-Fernsehens, obwohl es damit
zusammenhängen kann. Kulturelle Hegemonie hat der, dessen
Verfolgung seiner Interessen (und, füge ich hinzu, seiner
Überzeugungen) allgemein so selbstverständlich sind, dass man sie nicht
diskutiert. Welche Rolle spielt da „Moral“? Sobald etwas moralisch
kritisiert wird und die Kritik gehört wird, hat es nicht mehr die kulturelle

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Hegemonie. Und umgekehrt: eine Moral, die nicht angezweifelt wird, ist
eine Kraft der k. H. Es gibt im Rahmen der k.H. ein Spiel zwischen
„Macht“ und „Moral“, dessen regeln interessieren. Das heißt
beispielsweise ja auch, dass vieles, was sich als moralische Opposition
versteht, konformistisch ist, oder die schöne Kehrseite der Macht
darstellt. Ein guter Indikator für einen solchen Zustand sind
Widersprüche, die man von außen am Besten sieht: Aristoteles etwa
hatte ein für ihn kohärentes System (Schlüsselwort „Würde“, ), Sklaven
als Dinge zu betrachten; (diese Auffassung hat sich übrigens bei der
Partei der amerikanischen Demokraten – richtig gelesen: die Partei des
George W. Bush war für die Sklavenbefreiung – bis weit in die 60er Jahre
des 20. Jahrhunderts fortsetzte. Daher die Dankbarkeit der Condoleeza
Rice für die Partei, die ihrem Vater das Wahlrecht und ihr eine
Ausbildung zukommen ließ. Die Demokraten punkten mittlerweile
moralisch auf dem Feld der sozialen Rechte.) die französische Revolution
verweigerte allen Menschenrechten zum Trotz den Sklaven von Haiti die
Freilassung.
Es gibt also viele AutorInnen, die gerade im Zusammenhang mit der
Globalisierung die moralische Position einnehmen, sie sind mit ihrer Peer-
Group im Einklang und fühlen sich als bessere Menschen.
Mich interessiert die Sicherheit ihrer Position, ihr schnelles Urteil: wie
schaffen sie das, was nehmen sie wahr, was blenden sie aus, wie
konsequent ist ihre Position, realisieren sie sie auch. (Was vielleicht gar
nicht notwendig ist, siehe die berühmte Anekdote über Max Scheeler, der
als er aus dem Bordell kam, einem kritiisch blickenden Studenten die
Frage stellte, ob er je einen Wegweiser gesehen habe, der sein Ziel
erreichte.
Wie wird eine Frage überhaupt moralfähig, welche Rolle spielen Medien
und damit ästhetische Regeln dabei. Hier wird also kein moralisches
Urteil gefällt, sondern es werden eher die Schwierigkeiten und Aporien
bei der Setzung eines solchen Urteils herausgearbeitet.
Im Spiel um die k.H. pflegt sich eine Gruppe die moralisch korrekte
Position zuzuschreiben, Konflikte zwischen ihrer Position und einer aufs
Gesamte bezogenen Vernunft können dann etwa als solche zwischen
„Profit“ und „Moral“ bezeichnet werden. Dem moralischen Urteil ist der
Pluralismus wesensfremd, der abwertende Terminus ist der vom
„moralischen Relativismus“ – es gibt nur ein richtiges. Das entspricht
nicht den Regeln des Spieles, das möchte ich zeigen, und zwar vor allem
im Kontext der enormen Vernetzung sehr differenter Kulturen, eine
Folgeerscheinung der Globalsierung. Der Islam gestattet die „takija“

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(verschiedene Schreib- und Bennenungsweisen), die kunstvolle
Verhüllung der Wahrheit zum Schutz der Gemeinschaft der Gläubigen,
ein procedere, das für „uns“ (alle diese Gemeinschaftsbegriffe sind im
Anführungszeichen zu lesen, auch wenn es fehlt!) . (Das macht
Verhandlungen mit islamischen Regierungen schwer.) Entweder wir
gehen von der Existenz verschiedener Moralen aus, oder um einen
Kampf um die Durchsetzung der „richtigen“, die dann zufällig mit unserer
ident ist, oder wir betrachten das als einen Prozess des „Aushandelns“,
den uns die Globalsierung aufzwingt. Jede Position hat ihre „Kosten“.
In jedem Fall, was auch immer die Globalisierung ist, handelt es sich um
eine Umstrukturierungsperiode. Die Industriealsierung hat unsere
moralischen Standards gewandelt, wir sind in einer ähnlichen Situation –
die Kontinuität von Aristoteles über Kant ins heute ist schwächer, als wir
allgemein annehmen und existiert vielleicht nur in einem limitierten
prinzipiellen Bereich, der im Einzelfall interpretationsbedürftig ist.
Oder kann man sagen, das moralische Argument ist ein diskursiver
Faktor gesellschaftlicher Veränderungen, die von den Trägern – und der
Nachwelt – als „Fortschritt“ erlebt werden? Moral balanciert technische
und wirtschaftliche Innovationen in einer „arterhaltenden“ Weise aus?
Die reine moralische Position ist – das argumentiert aus der
retrospektiven Betrachtung – unerreichbar, aber es eignet ihr ein
utopisches Element, das uns weitertreibt?

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8.3.

Das Problem der ersten Stunde

Brainstorming:
1.) Was können wir unter Globalisierung verstehen? (pauschal: eine
völlig neue Weltordnung.
2.) Literatur, neben den ohnedies bekannten Beck etc. (und dem
notorischen Jean Ziegler) Hinweis auf den schwer zu lesenden,
vielbändigen Immanuel Wallerstein (Sozialphilosoph, Yale und
Paris), das letzte Buch „The Decline of American Power“ meint,
das „System Kapitalismus“ werde seine inneren Widersprüche
nicht mehr lange durchhalten. Die Demokratisierung würde
tendenziell den Wohlfahrtsstaat durchsetzen, die Leute wollen
höhere Ausgaben für Gesundheit, Erziehung, Garantien für
lebenslanges Einkommen, das sei der Preis für relative politische
Stabilität. Auch: Thomas Friedman, The World is Flat, New York
2005, als Vertreter der “optimistischen Fraktion” mit guten
Distinnktionen
3.) Ethik – Moral – Definitionen und Abgrenzungen (beides
bedeutet Sitte, Gebrauch)
Lexikalisch: Moral: Bestand an Urteilen, die auf unserem
sittlichen Empfinden basieren, zentral die Frage der Schädigung
einer anderen Person, aber auch eines akzeptierten Gebotes.
Bestritten, ob das nicht relativ ist.
Ethik eine philosophische Disziplin, verschiedene Ansätze aber
„Einheit der Ethik“
3 Zentralthemen: Frage nach dem höchsten Gut, nach dem
richtigen Handeln und der Freiheit des Willens
Utilitarismus – Gesinnungs- und Verantwortungsethik

Vorstellung zentraler Themen:


Geschichte der Globalisierung als Schlüsselfrage
Aktive und passive Globalisierung
Durch Öffnung Chinas ist der internationale Arbeitsmarkt um 28%
gewachsen
Versprechen der Globalisierung – Fluch der Globalisierung
Hans Werner Sinn: Marktwirtschaft ist effizient, aber nicht gerecht
„Gewinner“ und „Verlierer“

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Das „Differenzerlebnis“ als Auslöser der moralischen Diskussion
Zur „Konjunktur“ moralischer Debatten in „Veränderungszeiten“.
Sind diese Debatten ein dynamisches oder retardierendes Element?
Offenkundig gibt es einen „Moralkampf“, das heißt, das moralische
Argument spielt eine wichtige Rolle bei der Le- oder Delegitimierung
wirtschaftlicher (und ihnen folgender oder sie begründender politischer
Maßnahmen. Bei der Betrachtung dieses Kampfes öffnet sich ein
interessantes soziales Feld. Wer setzt mit welcher Legitimation
moralische Regeln fest? Wer wird gehört, wessen Situation ist
„moralfähig“, wem traut man zu, „Moral zu erneuern“ (sinngemäß
Charim)
Die Situation ist nicht neu. Gibt es generell einenParadigmenwechsel in
der Moral in Umbruchzeiten? (Industrialisierung)
Was bedeuten die Veränderungen in der Familienstruktur für unsere
Moral?
Wann setzt ein moralischer Konflikt ein? Was ist, wenn zwei
konkurrierende Zielvorstellungen vorliegen, die beide mit „Moral“
argumentieren – besonders stark bei Verwendung der sehr komplexen
utilitaristischen Position?

Was macht Globalisierung zu einer moralischen Frage?


Wandlungen im Begriff „Fortschritt“
Das „Steigerungsspiel“ und die Erleichterung moralischer Dilemmata
Die Interaktion verschiedener Moralsysteme wird durch die
Globalisierung gefördert. (China: Menschenrechte interne Angelegenheit,
Copyright wird nicht akzeptiert. Spekulation: Copyright kann wieder
fallen. China: zentrale Orte der Bewährung von Moral ist die Familie im
weitesten Sinn – bei uns Etatisierung)
Das Erstaunen der ersten Freudianer, dass es in Indien kein Verhältnis
zur Lüge gibt.

Auffassungen und Distinktionen zu Moral:


Ein funktionaler Ansatz, der Diskurse analysiert

Moral als kollektive kommunikative Artikulation


Moral als Identitätsbestandteil – der für die eigene Identität so wichtige
„Feind“ (Carl Schmitt) ist meist auch „unmoralisch“. Moral als Waffe
(Moralkeule) und Legitimation – moralische Hegemonie. (Gramsci:
kulturelle Hegemonie, wenn man es versteht, das eigene Interesse als
selbstverständliches zu artikulieren.

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Moralischer Narzissmus - Selbstgerechtigkeit
Moral als Selbstwertgefühl. Aber auch die Kehrseite: Moral als
Überforderung.

„Blame“ and „Guilt“ societies. (Googeln, der wikipedia-Artikel ist


brauchbar) Gibt es das auch als kollektive Haltung in unserer
Gesellschaft (der immer noch laufende Kampf um die prot. Ethik)
In protestantischen Ländern Bereitschaft zu Sozialbetrug geringer
(Skandinavien)
„Gewährende“ und „verbietende“ Moral, defensive oder offensive Moral.
„Sklaven“ und „Herrenmoral“ – was heißt das heute? Nietzsche: Moral
ist ein Hemmnis, der freie Mensch ist ein Immoralist. Schumpeter – der
dynamische Unternehmer – Zerstörung als kreativer Prozess.
Die unterschiedlichen Moralvorstellungen von „Siegern“ und „Verlierern“
Die Moral des Hungrigen – die des Satten. Der Brecht-Song „denn wovon
lebt der Mensch“. Ein Moralbruch zieht andere nach sich.
Moral und Interesse. Der Widerspruch zwischen partikularen und
Eigeninteressen
Ist Nichtstun unmoralisch?
Pensionen, Outsourcing
Utilitarismus als Ethik oder Moral
Ist Grundeinkommen moralisch oder unmoralisch

Moral als systematisches Unterfangen versus „moralisieren“ Moralisieren


als Verteidigung des Eigeninteresses? Bin „ich“ Subjekt oder „du“ Objekt
des moralischen Arguments?
Wieso ist bei uns sooft der Staat der Adressat des moralischen
Arguments, oder anonyme Gruppen?
Die kommunitaristische Lösung des „Moratoriumsstop“ für Ansprüche,
Subsidiaritätsprinzip.
Muss Moral konsequent sein? Und: hat diese Konsequenz eine
Selbstverpflichtung? Und: Beispiel Frankreich, soziogisch gesehen ist es
die gleiche Gruppe, die Abschiebungen mit hoher symbolischer Kraft
verhindert (also: den Staat als Ort der kollektiven Sittlichkeit schwächt)
und gleichzeitig im Umgang mit Unternehmen einen starken Staat
fordert. Heißt das nicht eine „Privatsierung“ der Moral? (Hegel!)
Ein anderes Beispiel für ambivalente Bewertungen: der schwule
Psychiater, der mit 45 seinen Posten als Drogentherapeut kündigt und
Antiquitätenhändler wird, wird ob seiner Flexibilität gefeiert. Aber die
Forderung nach Flexibilität, etwa Berufswechsel, wird stark kritisiert. Das

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Beispiel zeigt, dass jede moderne Errungenschaft die Tendenz hat, zur
Norm zu werden, sie hat ihre Kosten, das ist die destruktive Seite der
Moderne. Hat das moralische Argument auch eine abwehrende Seite
gegenüber dieser Tatsache? „Wir“ genießen das billige Textil, aber es soll
uns keine Arbeitsplätze kosten und unter Achtung sozialer Rechte vor
allem von Frauen und Kindern produziert werden. Sind wir nicht alle
„Liberale“, allerdings nur was die Zuckerseite betrifft?

Sehr oft basieren moralische Argumente auf einer nicht benannten


Argumentationskette. (Wo steht geschrieben, dass man so viele T-Shirts
haben muss?)
Darf das moralische Argument in fremde rechte eingreifen? Der Wunsch
nach Expansion, Dynamik, Action, Konkurrenz, Prestige und wohl auch
Gier scheint uns anthropologisch eingeschrieben zu sein. Wie weit dürfen
wir ihn einschränken? Oder entscheiden wir uns für die Position, dass
dieser Wunsch Fortschritt produziert hat? Wir alle sind Nutznießer
zahlreicher moralischer Grenzüberschreitungen. Hat Moral nicht auch –
vor allem in Verteiklungsfragen – einen egozentrischen Charakter?
Muss das moralische Argument die Lösung kennen?

Wie kann man „verdinglichte Verhältnisse“ moralisch fassen?


Wie kann man komplexe Verhältnisse moralisch bewerten (Engels,
Diamond, der Kilemandscharo)
Was ist, wenn ein Ergebnis „unmoralisch“ wirkt, aber kein „Schuldiger“
zu fassen ist? Die angeblichen Managementfehler bei VW?
Was ist, wenn alle getrieben sind? (Outsourcing)
Gibt es nicht auch eine Moral der Ignoranz (Marie Antoinette), und eine
der hektischen Intervention (Afrika)?
Wie weit ist die moralische Handlung zur Kompetenz verpflichtet? (die
Brunnen in Afrika, die möglicherweise zum Stolz der Entwicklungshelfer,
die sich ein Jahr vor Ort aufhalten, zwei Musterdörfer produzieren, aber
an einem scheinbar entlegenen Ort Trockenheit verursachen und damit
das Problem verschieben)
Was ist bei Widersprüchen zwischen wohlmeinenden Fachleuten? Wem
geben wir – etwa als verantwortliche Spender – den Vorzug? Das
Problem der alten Textilien, die in Entwicklungsländer gesandt werden,
steht ja mittlerweile ohnedies am publizistischen Pranger.

Was ist, wenn alle „Getriebene“ sind?

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Was heißt „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“? Besingt
Brecht etwas nachvollziehbares? Gibt es einen „nötigen“ Moralbruch,
oder warnt er vor der Tendenz des „Umzuschlagen“ – was ist der
Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank – die
erfolgreichen „Armen“ setzen neues, multipliziertes Unrecht?
Umgangsweise in einer moralischen Debatte: Toleranz, solange das
Argument des anderen auf „das Gute“ zielt.

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15.3. 2.Vl.

Begriffsklärung:
Zur Globalisierung hat ein jeder seine Vorstellung, Ulrich Beck.
Ein Omnibuswort, das tatsächlich alles mögliche inkludiert. Es wird oft
selektiv verwendet – wenn uns etwas sympathisch ist, dann ist es eine
gelungene internationale Kooperation. Vieles, was dazu gehören könnte
– die afrikanischen Flüchtlinge – blenden wir eher aus. Ein Wort, das für
viele zu einer Chiffre für ein generelles Unbehagen geworden ist, für
andere eine Versprechung beinhaltet, kurz: ein Kampfbegriff mit
unsicheren Inhalt.
Eines jener Worte, die mit anderen pauschalen (Wissen-,
Informationsgesellschaft) konkurrieren.
Ist das nicht überhaupt ein allgemeines, das nicht definiert werden
kann?
Sicher, da gibt es Phänomene, die sich gegen eine begriffliche Isolierung
sträuben, die durch andere ebenfalls schlagworthaft benannte
Tendenzen verstärkt werden, Auswirkungen haben bis endlich das ganze
Konglomerat sozusagen unter dem Dach des Wortes Globalisierung eine
Heimat gefunden haben: eine Liberalisierung des internationalen
Handels, die neuen Verkehrs- und Kommunikationstechnologien, welche
die Welt kleiner gemacht haben, die Konstellation, dass alles – oder
zumindest vieles – überall geschehen kann, eine ungeheure Vermehrung
der Wirtschaftssubjekte, eine neue Konkurrenz, den Zusammenbruch
früherer Bündnisse, einen Zusammenstoß neuer Mentalitäten,
Migrationsbewegungen etc. etc.

Der „Spiegel“ hat das schlicht verdichtet – es gehe um eine neue


Weltordnung. Aber lässt sich etwas werdendes bestimmen, hat das
überhaupt ein Kohärenz? Es ist legitim, in einem solchen Fall einmal zu
fixieren, wie über ein Problem gesprochen wird. Was sich bestimmen
lässt, sind die Reaktionen auf den Wandel und die Bedeutung des
moralischen Urteils in diesen Bestimmungen und die Art, wie es
eingesetzt wird und wie es konfiguriert ist. Das heißt, die Existenz eines
moralischen Diskurses über Gegebenheiten, die der Globalisierung
zugerechnet werden, gibt dem Titel Kohärenz.
Wir springen also, nicht aus Schlamperei sondern im Nachvollzug der
diskursiven Bewegung – bevor über „Moral“ gesprochen wird, wird schon
angewandtes moralisches Urteilen kritisch bestimmt, da entwickeln sich
Kategorien, die erst später präzisiert werden. Aber ein Hinweis sei

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gegeben: es geht um die Frage, wann eine Konstellation „moralfähig“
wird.

Das Wort Globalisierung ist emotional hochbesetzt, es ist mit


Versprechungen verbunden und produziert Zyklen von Enttäuschungen
und Hoffnungen.
Deutschland ist der Symptomträger Europas, das Zentrum des – im
Augenblick unterbrochenen – medialen Pessimismus Europas und der
moralischen Kritik an der Globalisierung. Im Augenblick eine leichte
Aufhellung, medial. Beispiele aus der Schröder-Ära.

„Denn das meiste ward nicht, wie es versprach zu werden.“


(Botho Strauß, Der Unterstehende auf Zehenspitzen, München
2004)

„Die Menschen haben auf die Ohrfeige ihres Vaters gewartet,


und nun ist er endlich nach Hause gekommen.“ (Sibylle Berg,
Ende gut, Köln 2004)

„Mögest Du in einer interessanten Zeit leben!“ (Alter chinesischer Fluch)

Als Kontrast: John Stuart Mill: „Nur diejenigen sind glücklich, die sich auf
etwas anderes konzentrieren als das Glücklichsein. Sie finden das
Glücklichsein gewissermaßen nebenbei.“

Ich könnte auch den Filmtitel „Die fetten Jahre sind vorbei“ zitieren und
die damit korrespondierende Allensbacher Umfrage, der zufolge drei von
vier Deutschen glauben, dass die Zeiten härter werden.
Ich muss erklären, was mich an diesen Zufallsfunden anzieht: ich lese
das erste als Bestätigung meiner These vom besonderen
Enttäuschungspotential, dass die Moderne in sich trägt. Die Freiheiten
der Moderne, vier sind es Michael Walzer zufolge, die „pursuit of
hapiness“, der damit verbundene amerikanische Traum mit seinen
unzähligen Derivaten, die sich in der Populärkultur längst vom
geographischen Ursprung gelöst haben und die expansive Tendenz der
Moderne – all das ist tatsächlich als „Versprechen“ gelesen worden. Aber
wie das so ist: alle diese Anbote waren ohne Garantie, sie hatten eine
Menge von Kleingedruckten und vor allem war es oft wie im Märchen
oder im Mythos: dem König Midas wurde sein Wunsch zwar erfüllt, aber
das hat ihm eine Fülle von Scherereien eingetragen und an den Rand des

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Grabes gebracht. (Übrigens auch schön in dem Sibylle Berg-Roman
„Amerika“)
Eine Enttäuschung beinhaltet einen emotionell brisanten Cocktail – es ist
die erste Reaktion auf eine unvorhergesehene Situation, von der der
Wahrnehmende meint, dass sie ihn zu Unrecht benachteilige, vielleicht
sogar betrüge.
Ohne Beleg lädt die Konstellation zum Suchen nach einem Schuldigen ein
– die Frau im Theaterstück der Sibylle Berg „Das wird schon. Nie mehr
lieben“, die sich einem nicht sonderlich interessierten Mann an den Hals
geworfen hat und sich etwas eingebildet hat, wird die Situation – sobald
klargestellt ist, „Wenn er nicht anruft, dann hat er auch kein sexuelles
Interesse“ – kritisieren, entweder selbstkritisch (guilt) oder anklagend
(blame). Im zweiten Fall wird das moralische Argument eine Rolle
spielen. Es ist eine schwierige Arbeit zu unterscheiden: wo wurde uns
tatsächlich etwas versprochen, wo gibt es – wie begründete –
Sozialverträge (die sind in traditionellen Gesellschaften stärker, aber die
lehnen wir ab, weil sie nicht flexibel sind), auf die man sich berufen
kann. Strauß sieht das von der Seite derer, die einem Versprechen
glaubten und die Nebenwirkungen nicht sahen, die werden uns viel
beschäftigen.

Die Sybille Berg sieht das anders und setzt man die beiden Sprüche
nebeneinander, dann hat der Satz von Botho Strauß etwas
heuchlerisches. Sie unterstellt uns, dass wir schon lange damit gerechnet
haben, dass die Sache nicht so läuft, und dass wir schon lange an einem
schlechten Gewissen laborieren, dass jetzt endlich seine Bestätigung
findet. Und tatsächlich waren wir unserer Lebensform mit allen ihren
Implikationen nie so sicher, das belegt die umfangreiche Kulturkritik der
letzten Jahrzehnte, ganz besonders die Konsumkritik seit den sechziger
Jahren. Das belegt aber auch die Art, wie man die Warner
heruntergemacht hat. Gerade die manische Energie in Sätzen wie „Der
Aufschwung kommt“ (SPD – Wahlwerbung) oder „Die Rente ist sicher“
(Norbert Blüm) trägt ja ihre Notwendigkeit in sich – selbstverständliches
muss nicht mit so starken Kurzsätzen kommuniziert werden, da war
schon einer da, der das Gegenteil behauptet hat und den man mit
Berufung auf Sachverständige totschlagen musste.
Sichtbar waren in den letzen Jahrzehnten, ohne das da der Begriff
„Globalisierung“ als Schuldiger in der Debatte war, schon einige
hausgemachte Fragen: geringe Geburtenquoten, die im Zusammenhang
mit sinkenden Wirtschaftswachstum und längerer Lebensdauer das

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Rentensystem in Schwierigkeiten bringen könnte; generell die geringere
Geburtenquote, die eigentlich zwei Generationen von Frauen aus der
Reproduktionsquote drängten, wird noch Thema, die hohen Arbeitslöhne
und Nebenkosten, die ganz langsam aber sicher in Konkurrenz gerieten
und deren ökonomische Notwendigkeit bestritten wurde; massive
ökonomische Protektionssysteme (bei uns die verstaatlichte Industrie),
die nicht konkurrenzfähig waren; Produkte, die nur über Subvention
verkaufbar waren; aber auch die Integrationsprobleme von
Zuwanderern.
Das alles hat sich in einer schönen politischen Polarisierung der
Wahrnehmung entzogen – sehr pauschal gesprochen hat die Linke die
Existenz jener Probleme geleugnet, welche die Rechte mit Gewalt lösen
wollte – ein perfektes Zusammenspiel, der eine kann den anderen als
Paranoiker, Neoliberalen, Vertreter eines anachronistischen Frauenbildces
oder Faschisten denunzieren, der andere diesen als weltfremden
Ideologen, etc. aber eine gesellschaftliche Kooperation findet nicht statt.
Das Moral-Argument war bei der einen Seite stärker, der Satz von Bruno
Kreisky, dass ihm eine bestimmte Anzahl Arbeitsloser mehr Sorgen macht
als eine bestimmte Summe Schulden, spielt ja zwei Topoi gegeneinander
aus, die moralisch relevant sind: Schulden und „Nicht-Arbeiten“, es ist
ein (scheinbar) der protestantischen Erwerbsethik verpflichteter Satz,
scheinbar, weil kein „calling“, keine Dynamik, die eine spirituelle Prämie
liefert, der die Lizenz zur Verschuldung lieferte. Die Gegner haben
funktionalistisch argumentiert, das ist schwerer kommunizierbar, der
eiserne Käfig der Rationalität (Max Weber) wird nicht gerne zur Kenntnis
genommen. Wir tragen ein Erbe der traditionellen Gesellschaft in uns,
den Glauben (mittlerweile säkularsiert) an eine Stabilität.

Also das möchte ich von dem Satz der Berg übernehmen: wir sind nicht
überraschend in das hineingerutscht, was man heute pauschal als
Globalisierung anklagt, sondern in der Binnenstruktur war das bekannt
und wurde einfach nicht in den Wahrnehmungsraum integriert.

Der alte chinesische Fluch hat – heute zitiert – zwei Besonderheiten: er


nennt unsere Zeit eine interessante und das ist etwas, das durch die
„Erzählungen“ über diese Zeit, durch die wir uns durchbeißen werden,
bestätigt wird. Aber im Gegensatz zu kollektiven Haltungen der
Renaissance, oder der Romantik, also zu Mentalitäten, welche die
„interessante Zeit“ als Zeit der Bewährung für den Helden oder das
Genie werten, ist es hier einfach eine höllische Anstrengung. Für den,

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der kein Held, kein Übermensch, kein dynamischer Unternehmer ist, sind
die „interessanten Zeiten“ nach Meinung des Fluches eine Strafe.
Interessante Zeiten sind auch solche, in denen sich neue moralische
Standards herausbilden und in denen etablierte Glücksmodelle einfach
zusammenbrechen. Nietzsche hat von einer „Moralität der äußersten
Anstrengung“ gesprochen, das ist wahrscheinlich etwas anderes als
Moral, aber es enthält eine Würdigung eines besonderen Angespannt-
Seins, die implizite Behauptung, dass es ein Fehler sei, wenn das nicht
zum Einsatz komme und auch eine Hierarchie der Fähigkeit zu diesem
Äußersten. Der „american dream“ hat etwas kryptonietzeanisches.

Das wird wohl Mill, einen Denker, der vieles an unserer modernen
Lebensform konzipiert hat, dazu motiviert haben, von einem Kernstück,
der Anspannung der „pursuit of hapiness“ abzuraten – das Glück ist ein
Nebenprodukt und wer es zentriert, wird es verfehlen.

Wenn wir jetzt auch noch nicht genau wissen, worum es hier geht, dann
haben wir doch einige Spuren: scheinbar geht es um etwas Gewichtiges,
dass sich gerade ereignet, etwas, dass im komplexen Feld liegt in dem,
wie auch immer man das bewertet, Ökonomie und Politik in einer für uns
schicksalshaften Weise einander begegnen. Das ist ein Feld, in dem
jeder, der seine Geldbörse einigermaßen unter Kontrolle hat, sich
kompetent fühlt – was ihm dann regelmäßig den Vorwurf einträgt, dass
er den Unterschied zwischen einer betriebswirtschaftlichen und einer
makroökonomischen Denkweise nicht begriffen hätte. Ein
Todschlagargument, denn mit der makroökonomischen Kompetenz ist
das allerdings so eine Sache: sie nachträglich zu erwerben ist fast
unmöglich und vor allem tobt auch hier ein Schulenstreit, der für jedes
Argument ein Gegenargument parat hat. Es muss wohl eine
Wirtschaftswissenschaft geben, schließlich gibt es auch den
dazugehörigen Nobelpreis, doch ihre Protagonisten sind in vielen Fällen
zueinander so beziehungslos, wie der Logiker und der
Geschichtsphilosoph, die sich in eine Talkshow zum muslimischen
Schleier locken ließen und jetzt von der Moderatorin mit einem
munteren: „Und was sagen die Philosophen dazu“ aufeinandergehetzt
werden, obwohl sie eigentlich nur mehr nach Hause wollen. Es scheint,
dass die Nationalökonomie im Augenblick als eine große Tiefkühltruhe
wirkt, aus der sich jeder bedienen kann und in der Mikrowelle im
Schnellgang ein seine augenblicklichen Bedürfnisse stillendes Gericht
zubereiten kann. Faktum ist doch eher, dass sich im Moment niemand

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auskennt, oder dass die, die sich auskennen nicht gehört werden oder
dass im Machtblock von Experten, Bürokratie und Politik das richtige
verzerrt wird – die Zahlen, auf denen Hartz IV basierte waren
offenkundig falsch, neben der generellen Regelung existierende
Bestimmungen ermöglichten zudem ungeplante und kostenintensive
Ausweitungen, die „Software“ hat ganz wörtlich nicht gestimmt. Und
gleichzeitig stellt sich heraus, dass gepriesene nationale Lösungen
entweder auf einer eigenwilligen Berechnung basieren (die schwedische
Beschäftigungsrate mit ihrem mehrjährig ausbezahlten „Krankengeld“,
einem Äquivalent unserer früher epidemischen Frühpensionierung) oder
mit Nebeneffekten arbeiten, die uns vielleicht gar nicht so angenehm
wären (die hohe weibliche Beschäftigungsquote in den skandinavischen
Ländern und die Witwenpension und vor allem die absolute soziale
Ächtung eines auch nur geringen Missbrauchs des Sozialsystems, bei uns
ein Kavaliersdelikt, teilweise sogar moralisch gerechtfertigt).

Aber wie kann man eine „Moral“ behaupten, wenn die Koordinaten der
kantschen „Maxime“ oder wonach auch immer man sucht, strittig sind?
Gibt es nicht eine komplexe interessengebundene Hermeneutik der
Maxime?

Gesellschaftliche Ängste und Unsicherheiten, die ihren Niederschlag in


massenweise verbreiteten Diskursen finden, sind ein durchaus
kulturwissenschaftliches Thema. Es ist ja zudem in den uns
interessierenden Bereichen offensichtlich die Wahrnehmung nicht frei
von aprioris, die keineswegs aus dem Arsenal Kants stammen. Es gibt
mehrere Begriffe, die dieses vorgelagerte, zu fassen versuchen, ich ziehe
jene vor, die dem Erzählungscharakter unserer Wahrnehmungsstruktur
gerecht werden. Wir nehmen komplexe Sachverhalte, über die uns
Übersicht nicht zugänglich ist, im Rahmen einer etablierten,
überzeugenden und in sich kohärenten Geschichte wahr – diese
Geschichte vereinigen gleichzeitig diejenigen, die sie benützen. Meist
rechtfertigen sie beispielsweise eigene Egoismen mit dem Gesamtwohl
oder einem moralischen Imperativ, (brutal formuliert: die höhere Moral
dient häufig als Mittel des Gruppenegoismus) während sie fremde recht
kritisch sehen. Die Geschichten sind natürlich nicht „wahr“, aber sie
leben in den Menschen ungeachtet ihres Anteils an kollektiven Paranoien,
Hysterien, Verdrängungen, Zurücksetzungs- und
Minderwertigkeitsgefühle, Größenwahn und Wünschen, die als Realität

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wahrgenommen werden. (die Rolle von „Narrativen“ bei der
Konstituierung von Nationen)
Wir können also drei identitätsstiftende Erzählungen, die als
Wahrnehmungs-Rahmen für das dienen, was wir als Globalisierung
zusammenfassen. Die drei Erzählungen sind idealtypisch, es kann
durchaus eine Person in beiden Rahmen leben.
Eine Erzählung ist die von der Umbruchsphase, der neuen Gründerzeit,
in der wir leben, neutral gefasst;
eine andere – positiv gefasst - die von der großen Chance für alle, das
muss nicht der Unternehmer sein, der nach China geht – das kann auch
der / die öst. StudentIn der Generation Erasmus sein, der ein Praktikum
in Brüssel macht und den man auf einmal für den George Soros in
Mazedonien findet ;
oder die Neubelebung des linken Stereotyps vom seiner Natur nach
unzügelbaren Raubtierkapitalismus, den Marx schon im Manifest
beschrieben hat, den wir auf nationaler Ebene mit viel Mühe als große
Kulturleistung gebändigt haben und der jetzt die neuen Teilnehmer am
Arbeitsmarkt und die neuen Transportmöglichkeiten, die
Informationstechnologien und die fehlenden staatlichen
Kontrollmöglichkeiten für Kapitalflüsse nützt und sich als das entpuppt,
was er immer schon war;
oder das Nietzscheanische von der Stunde der starken Männer im
Gewand der dynamischen Unternehmer, behindert von den Schwachen,
die sie herunterziehen wollen, von unbegründeten Privilegien und dem
Versuch, disfunktionaler Einschränkungen, die die Gesellschaft auf den
Hayekschen „Weg zur Knechtschaft“ (wirtschaftliche Freiheit ist
Voraussetzung jeder Freiheit) drängen;
Nochmals: das sind Idealtypen, der Erasmus-Student kann nach dem
Brüssel-Praktikum auch bei Greenpeace landen, die Erzählungen sind
konstant, aber die „Moralen“, die sie anziehend machen, wechseln. Es
gibt Erzählungen, die nach dem „blame“ Muster strukturiert sind und
solche die nach dem „guilt“ Muster laufen; es gibt zudem agnostische
Geschichten, die hier nur den „blinden Willen“ Schopenhauers orten; es
gibt evolutionistische Muster, die im Extremfall totale oder partielle
Untergänge prophezeien.
Doch was bedeutet es, wenn in einer Gesellschaft derart viele
widersprüchliche Geschichten – wer es wissenschaftlich formuliert haben
will, der soll das Wort „Narrative“ einsetzen – nebeneinander koexistieren
und konkurrieren? Diversität gilt heute als soziale Qualität, die Landkarte
der Weltbilder ist in unseren Breiten bunt wie noch nie. In jenem früher,

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wo die Welt noch sauber in Klassen eingeteilt war, in böse Kapitalisten
etwa und gute klassenbewusste Arbeiter auf dem Weg zum „neuen
Menschen“, oder in eine staatsmonopolkaitalistische Minderheit, der ein
breites Bündnis entgegenstand, das sich seiner historischen Rolle noch
nicht ganz bewusst war, in jenem früher, wo man noch mit ein wenig
Krampf die politischen Haltungen einfach in „links“ und „rechts“ oder in
die schattierte Trias konservativ – liberal – sozialistisch sortieren konnte,
war die soziale Kohärenz wohl noch etwas größer. Die Interessen, die
sich eine Großgruppe zuschrieb, waren bestimmbar, Kampf und Ausgleich
unterlagen einem ausgehandelten Regelsystem und die jeweilige
Geschichte half dem Einzelnen bei seiner Selbstdefinition. Wenn man da
Moralen sucht, dann gab es eine grundsätzliche, die im anderen einen
Gegner und in seinen Bestrebungen eine soziale Gefahr sah, und eine
funktionalistische, die Moral des Ausgleichs. Nochmals: die Bezeichnung
„Moral“ sprengt hier jene Vorstellung, die uns noch beschäftigen wird –
wenn moralisches Verhalten „richtiges“ ist, dann gibt es doch keinen
Ausgleich oder Kompromiss, weil dem eignet immer etwas zufälliges,
eine Abhängigkeit von Machtverhältnissen oder Wirtschaftsdaten etwa.
Das heißt, vorwegnehmend, im Sinne „einer Moral“ haben wir die letzten
5 Jahrzehnte moralfrei gelebt, die Sozialpartnerschaft etwa war ein
Produkt des Aushandelns von Prinzipien, die immer auch moralisch
waren, aber nicht eine Entscheidung für das Richtige – oder eben für das
richtige des Ausbalancierens.
Dieses funktioniert allerdings nur bei einer limitierten Anzahl von Playern,
siehe die mittlerweile untergegangene Deutschland A.G., ein
gigantischer, auf der Kooperation von Banken, Großunternehmen und
Gewerkschaften basierender Schutzraum, den die Globalisierung
gesprengt hat, siehe Volkswagen, ein Prototyp der Moral des Ausgleichs
und gleichzeitig ein Ort der Korrumpierung dieser Moral.
In jedem Fall: Dass „rinks“ und „lechts“ schwer unterscheidbar sind,
wusste der Wiener Poet Ernst Jandl schon vor Jahrzehnten – das von
Francis Fukuyama verkündete „Ende der Geschichte“ und die nicht
zufällig zeitgleich ablaufende Tendenz der Postmoderne zur Zerstörung
der etablierten „Ensembles“ der Moderne haben der Tiefkühltruhe der
Nationalökonomie zeitweilig den Strom entzogen. Die Geschichten sind
ineinander geflossen, das Fruchteis und die tiefgekühlte Erbensuppe
haben sich in eine inseparable breiige Masse verwandelt, in der nur mehr
Brocken der Ursprungssubstanz erkennbar sind. Jeder wühlt in dem Brei
dessen, was einmal als handlungsleitende Ideologie galt, pickt sich einen
kontaminierten Teil heraus und spuckt aus, was evident nicht seiner

16
Interessenlage dient. Das gehört wohl zur Individualisierung und auf die
sind wir stolz – doch satt wird keiner und auch dem überzeugten
Vegetarier gerät so gelegentlich ein Stück Fleisch in den Schlund. Das
heißt: die definierenden Geschichten sind zerfallen und damit die
Möglichkeit, klar abgegrenzte Interessengruppen zu bilden. Die Moral
des Ausgleichs hat ihre Basis verloren, das halte ich für das zentrale
Element. Sicher wird sich das neu sortieren, aber in der Zwischenzeit
(und die kann lange dauern, für viele lebenszeitlich) müssen wir mit
einer ein wenig chaotischen weltbildhaften Situation leben.

Ich bleibe lieber in der Beschreibung. Man kann sich einer solchen
Konstellation von verschiedenen Ansatzpunkten her nennen, warum
sprechen wir nicht von einer Kulturkrise? Das ist eine zugegebenerweise
einfache Analogie, mir gefällt sie, weil – trotz des Fürsten in Thomas
Bernhards „Verstörung“ „Hüten Sie sich vor Analogien“ – solche einen
didaktischen Wert haben, man darf sie nur nicht mechanisch handhaben.

So rund um 1998 boomte der Kongresstourismus: die letzte


Jahrhundertwende war mit einer veritablen Kulturkrise einhergegangen,
die letztendlich in den ersten Weltkrieg mündete und die „Herren
Callgirls“ reisten zwischen den Kontinenten, um die Frage zu diskutieren,
ob wir diesmal mit einer Analogie rechnen könnten. Österreichische
Forscher waren dabei gerne gesehene Gäste: kamen sie doch aus einem
Land, dem zu jener Zeit eine „fröhliche Apokalypse“ nachgesagt wurde,
ein „Ende der Illusion“ und deren Hauptstadt Wien im Verdacht stand,
einen kräftigen Beitrag zur Geschichtskatastrophe geleistet zu haben.
Das Ergebnis war entlastend, man besann sich eindringlich auf die letzte
Kulturkrise, inventarisierte ihre Bestandteile und Kampfzonen - Krisen der
Identität, der Geschlechterrollen, den Kampf zwischen Ornament und
Funktion, die Dekadenz und die Müdigkeit der Eliten, die Ästhetisierung
der Politik, den Antisemitismus, das Lösungsanbot des Bellizismus, die
nationalen Konflikte innerhalb eines und zwischen staatlich getrennten
Territorien und fand – zumindest in den Kernländern der westlichen
Gesellschaft – kaum ein Analogon.

Ich denke, das war ein verfrühter Freispruch – wenn wir etwa das Wien
der letzten Jahrhundertwende als ein von einer Kulturkrise geplagtes
Gemeinwesen beschreiben wollen, dann hat nicht nur hierzulande der
magische Hunderter wieder zugeschlagen.

17
Das der Gedanke von einer laufenden Kulturkrise uns fremd ist, spielt
dabei keine Rolle. Es gibt kulturelle Krisen, (krino, krinein, entscheiden,
scheiden, (ab)wägen, prüfen) die von einem sehr bewussten Gefühl
begleitet sind, sein, das von opionleadern artikuliert wird und durch die
Medien verbreitet wird – etwa die Untergangsstimmung nach 1873 –
oder das kann etwas sein, was spätere Generationen so deuten.
Die damalige Krise war eine offen ausgetragene. So hat etwa Weininger
die Feminisierung der Gesellschaft als Ursache der Kulturkrise gedeutet
und Rosa Mayreder hat von einer Krise der Männlichkeit gesprochen. Es
gab auch latente Hinweise: das Gefühl, dass es „so nicht weitergehen
konnte“ (so Freud zu Kriegsbeginn), ja dass „alles falsch“ ist – so etwa
Karl Kraus unter Berufung auf Kierkegaard 1928 (?) – als umfassende
Krisengefühl. Es gibt aber auch ein seiner selbst nicht bewusstes, ein
fragmentiertes Gefühl, das meist auf dem Erlebnis einer bedeutenden
Veränderung basiert, eines Einschnittes im vertrauten. Kollektive
Differenzerlebnisse die negativ erlebt werden, große Veränderungen,
Verlagerungen von Zentren, Abstieg, Verschiebungen in der Population,
in der Produktion etc.

Aber in den meisten Fällen ist die Diagnose einer Krise eine ex post. Ich
möchte das mit zwei Beispielen und den dazugehörigen Analogien
belegen:
Arthur Schnitzlers „Weg ins Freie“ hat sich damals den Intentionen seines
Autors folgend mit mehreren Themen beschäftigt, aber wir lesen den
Text heute auch als ein Inventar jüdischer Lebensmöglichkeiten und
damit im Kontext der jüdischen Identitätskrise, die uns in unzähligen
Büchern beschäftigt. Das war nicht Schnitzlers Thema und auch nicht
das seiner Zeitgenossen. Ihnen ging es um den Antisemitismus, die Rolle
der Juden in der Gesellschaft. Fritz Wittels hat in seinem Pamphlet „Der
Taufjude“ diesen als verächtliche Figur dargestellt, der Austromarxist
Max Adler wollte das Judentum als Gemeinschaft der Verfolgten nicht
verlassen, Theodor Herzl schwärmte zunächst von einer recht
theatralischen Assimilation, dann von einer Erneuerung des Judentums
und schließlich von einem eigenen Staat, während Karl Kraus es in der
„Fackel“ abdruckte, dass der pathologische Antisemit Lanz – Liebenfels
ihn zum „Retter des Ario-Germanentums“ ernannt hatte. Es gab Juden,
welche ihre Abstammung für verächtlich hielten, solche , die an den
Regeln der Tradition festhielten und solche, welche diese Frage für
unerheblich hielten. Sie alle hatten wohlausgeführte
Begründungssysteme, zentral für sie stand die Frage ihrer Reaktion auf

18
den Antisemitismus und dennoch partizipierten an dem, was wir heute
als Krise der jüdischen Identität auffassen.

Ich habe Ihnen eine Analogie versprochen: wenn wir den Begriff von der
jüdischen Identitätskrise der letzten Jahrhundertwende zulassen, dann
gibt es auch eine solche muslimischer Einwanderer, Asylanten und
Illegaler. Was wir in unseren Debatten zentrieren ist die Frage, wie sollen
wir auf die Zuwanderer reagieren, auf Illegale, auf solche, die unter dem
Schutz ihrer Religion Hass gegen die westliche Gesellschaft predigen, auf
Parallelgesellschaften, welche die Integration verweigern (oder denen wir
keine Chance geben). Die andere Seite ist präsent, aber wir sehen
hauptsächlich ihre reaktive Seite. Auf der intellektuellen Ebene gilt das
für die extrem heterogenen Beiträge heutiger muslimischer AutorInnen,
die sich zwischen den Extrempositionen eines Fundamentalismus, der
gar die Scharia ins Vereinte Europa importieren möchte, und einem
„Europäischen Islam“, auf Basis der Aufklärung, wie ihn Bassam Tibi
vorschlägt, bewegen. Und es gibt eine breite Strömung, die das Problem
herunterspielt oder eine Differenzierung, die etwa die muslimischen
Knaben (und ihre patriarchalisch sozialsierten Mütter) „blamt“. Das ist ein
unvollständiges Inventar von Positionen, das sich keine Entscheidung
anmaßt.

Aber wie ist es erst auf der Ebene des alltäglichen Verhaltens, welches
breite Spektrum von Verhaltensweisen, die genauso antagonistisch sind,
wie seinerzeit die zwischen einem armen, traditionellen ostjüdischen
Einwanderer und einem assimilierten Bewohner eines Ringstraßenpalais.
Hier haben wir das Gefälle zwischen exzellent ausgebildeten etwa
türkischen Intellektuellen mit einer kosmopolitischen Orientierung oder
smarten weltgewandten türkischen Unternehmern, die voll Verachtung
auf ihre unkultivierten anatolischen Landsleuten in ihren
Parallelgesellschaften blicken.
In jedem Fall sind das Clashes, in denen ein jeweils unterschiedliches
Problembewusstsein vom Herunterspielen bis zur Paranoia zu Tage treten
und in denen verschiedene Moralen sich artikulieren, übrigens auf beiden
Seiten nach dem Muster von „blame“ and „guilt“. Es scheint, dass die
Disposition eines Individuums oder einer Gruppe zu „blame“ and guilt“
eine zentrale variable ihres moralischen Verhaltens ist. Wir werden uns
später mit Piagets Überlegungen zur Entstehung des moralischen Urteils
beim Kleinkind beschäftigen, es wird interessant ob das eine Lösung

19
jenseits der Anthropologie liefert. (Kommt nicht aus Zeitmangel, das
interessante ist die extreme Elastizität, die Piaget beschreibt!)

Ich komme zum zweiten Beispiel: eine Essentiale der Wiener Kulturkrise
war die der Geschlechterrollen. Dabei wurde besonders darauf
hingewiesen, dass das Differenzerlebnis zwischen dem, was früher als
männliche Tugend gedacht war und der geringen Wertschätzung, die das
im damaligen heute hatte, ein sehr wirres Resultat erzielte, zu dem der
Antifeminismus und der Bellizismus zählten. Das haben wir auch, das
kommt.) Aber da gibt es auch analoges, beide Geschlechter erfassendes
Differenzerlebnis: die narzisstischen Kränkung eines nicht geringen Teils
der arbeitenden Bevölkerung.

„Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will“ – so Georg
Herwegh im „Bundeslied der deutschen Arbeiter ?“ Als Herwegh das
textete, war es eine Hoffnungsbotschaft mit einem scheinbar geringem
Kern an Realität. Allzu stark waren die von Krankheit, Hunger und
Sorgen um ihre Familien geplagten Adressaten nicht, ihr Wille – vulgo
Klassenbewusstsein – war noch unterentwickelt und vor allem war das in
der Zeile für die Arbeitgeberseite angedrohte Ereignis, der Streik, ein
spektakuläres und rares Ereignis; illegal, verbunden mit teilweise
gewalttätigen Kämpfen, von Streikbrechern behindert, mit „Aussperrung“
sanktioniert und im Ergebnis äußerst unkalkulierbar. Dennoch hat
Herwegh den Kern getroffen: allmählich wurden die Arbeiter an ihrem
Ort, den industrialisierten Zentren Europas, die zentralen Figuren der
Produktion. Es gibt verschiedene Varianten vom Fordismus bis zum
Sozialstaat, beide münden in der Konsumgesellschaft. Ford hat dem
Arbeiter mit geringer Qualifikation seine Würde gegeben und gleichzeitig
seine wirtschaftsstimulierende Rolle als Konsument gefeaturt. Ein
wunderbares Ensemble, das Freud durch seine Entdeckung unseres
unermesslichen Wunschpotentials psychologisch untermauert hat – ein
Ensemble mit einer eigenen Moral.
Wer einen Klassiker wie etwa Friedrich Engels´ heute noch berührende
Studie über die „Lage der arbeitenden Klasse in England“ liest, (übrigens
ein Buch mit einem moralischen Subtext – eine Gesellschaft, die solches
zulässt ist unmoralisch und daher zum Untergang verurteilt) ist zwingend
beeindruckt über die Verwandlung jener diffusen im industriellen Sinn
unkultivierten Bevölkerungsgruppe, die der Marxismus im Begriff
„Arbeiterklasse“ vereinheitlichte, innerhalb des nächsten Jahrhunderts.
Die Industriearbeiter wurden wohlhabender, zivilisierter, gebildeter,

20
abgesichert gegen Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit und vor allem
auch mächtiger. Sie bildeten Parteien, die Regierungen stellten, sie trafen
sozial- und wirtschaftspolitische Entscheidungen und waren via
Mitbestimmung in Großbetrieben auch in die innerbetriebliche Politik
eingebunden. Hier sind wirklich selbstbewusste „Neue Menschen“
entstanden, nicht Schiller-Leser, wie etwa die Austromarxisten meinten,
aber kulturbewusste Menschen, am stärksten auf dem von den Pionieren
bekämpften Feld der demokratischen Populärkultur und im Feld der
Massenkultur.
Herweghs Lied – das ist für uns das Entscheidende – drückte vor allem
ein Jahrhundertgefühl aus, das eine identitätsstiftende Komponente
hatte: ein Typus von selbstbewussten Industriearbeitern entstand, die
selbstzufrieden gewiss waren, dass „ohne sie nichts ging“. Loyalitäten zu
Firmen entstanden, vorgestanzte Lebensmodelle, die an gewissen
hochindustrialisierten Standorten von ganzen Sippen gelebt wurden:
man war ein – sofern man sich nichts zu schulden kommen ließ
lebenslänglicher - „Opelianer“, man identifizierte sich nicht nur via
Mitbestimmung mit dem Betrieb, man fuhr das günstig eingekaufte letzte
Modell, dass man dann als „Jahreswagen“ mit einem kleinen Gewinn
ohne Schwierigkeiten weitergeben konnte. Man wurde gebraucht, war
eingebunden in eine sinnreiche Struktur. Eigentlich – ungeachtet der
Klassenkampfparolen jener Zeit – ein wunderbares Konstrukt, das
allerdings einen nicht geringen Teil der Welbevölkerung ausschloss. War
das ein parasitäres Modell?

Ein Nachrichtenmagazin berichtet die Arbeitsbiographie eines 58 jg. der


seit 1966 bei Opel Bochum arbeitet – er verdient 3200 € brutto und wird
alle 22 Monate als Lackierer zur Kur geschickt. Wie alle seine Kollegen
fährt er einen Opel, hat eine Laube und ist zufrieden und fühlt sich
gebraucht. Dann wurde das GM-GMS-System eingeführt, in dem jeder
einzelne Arbeitsschritt beschrieben, zerlegt und bewertet wird. Unser
Arbeiter weiß, dass damit die Kosten seiner Arbeit verglichen werden
können – man nannte das später „Kalibrierung“ und unser Arbeiter
wusste, dass er da nicht gut abgeschnitten hat. Was ihn schützt ist der
Umstand, dass man ihm seiner Meinung nach 300.000 € Abfindung
zahlen müsste. Über seine Ich-Krise tröstet er sich damit, dass man in
dem neuen polnischen Opel-Werk Gleiwitz, das besser ausgestattet ist,
als das steuerlich abgeschrieben Stammwerk, zwar nur 3 € pro Stunde
zahle, dass Bochum aber die beste Qualität habe. Sein Gehalt sinkt
langsam, die Zukunft des Werkes nach 2010 – dem magischen Jahr der

21
Schröderschen Agenda und übrigens auch einer EU-Entscheidung – ist
ungewiss. Die Lohnunterschiede zum Werk Eisenach sinken langsam, die
Westler nähern sich dem Osttarif, (bei VW die wachsende Rolle von
neuen Arbeitsverhältnissen, bei anderen Firmen die zunehmende
Leiharbeit, welche die einheitliche Interessenlage der Arbeiter zerstört
hat; ein großes – auch moralisches - Problem für die
Gewerkschaften.)aber auch Eisenach läuft unter der Kapazität. In
Gleiwitz hingegen wird neu eingestellt, die Beschäftigten sind im
Durchschnitt 32 Jahre und verdienen im Durchschnitt 700 € brutto. Einen
Opel kann sich dort keiner leisten, sie fahren Rostautos, die Frauen
putzen in Deutschland, sie haben eine andere Loyalität zu ihrem Betrieb.
(Der Spiegel, 25 20.6.2005, 110ff) Da ist kein Gefühl von „alle Räder
stehen still“, da ist die Freude über die Chance und die Angst, dass das
Opel-Werk wenn es abgeschrieben ist, weiter nach Osten zieht. Diese
Menschen, nach 89 ins Arbeitsleben getreten, geschichtslos, ohne die
Zuschreibungsprozesse einer marxistischen Erziehung, denken
offensichtlich (wenn man polnische Meinungsumfragen in aller Vorsicht
verallgemeinert) national, religiös und familienbezogen – aber ohne ein
Pathos ihrer Arbeitsexistenz. Heroisch ist dort der selbsternannte
Unternehmer, das ist eine Zentralfigur in postkommunistischen
Ökonomien. Der Bruch des kommunistischen Überichs, der Umstand,
dass Egoismus offen und erlaubt artikuliert wird, und zwar manchmal
ohne den Hinweis auf den sozialen Nutzen durch das Schaffen von
Arbeitsplätzen. Wenn wir weiter in den Osten gehen, haben wir in
Russland eine de Mandevillesche Situation – Bienenfabel, private vices,
public benefit, wer Details will, soll googeln.

Vor allem die deutsche Presse zentriert die materiellen Einbußen, die
dieses Lebensgefühl in den letzten Jahren erlitten hat – das ist ein reales
Thema, das wir an anderer Stelle behandeln wollen. Sie stellt die
moralische Frage, ob das Verhalten von GM „richtig“ sei, ob das nicht ein
Ausnützen einer Gelegenheit, der polnischen Armut etwa, sei. Das
gleiche gilt für die Entmachtung der Arbeiter, die Schrumpfung ihrer
Vertretungen in den Gewerkschaften, die Reduktion von deren Macht –
ganz ohne Margret Thatcher - , das fragwürdige eines Streiks, der den
Unternehmer nur ein neues Argument liefern könnte, die Delokalisation
(ich ziehe das vor statt Outsourcing) von Arbeitsplätzen in Länder mit
„höherem sozialen Frieden“ – wie auch immer der zustande gekommen
ist – zu beschleunigen. Aber wesentlich für uns ist vor allem das Gefühl,
weniger zu zählen – das ist eine veritable Identitätskrise. Der ehedem so

22
stolze und selbstbewusste Industriearbeiter – vor allem der, der – wie
unser Lackierer eine leicht erwerbbare Qualifikation hat - erlebt auf
einmal, dass er zu teuer ist, unflexibel, anspruchsvoll – ein verwöhntes
Luxusgeschöpf im Vergleich mit dem genügsamen chinesischen Arbeiter,
der mittlerweile eine ähnliche Qualität zu einem Bruchteil des Preises
herstellt. In den Vereinigten Staaten gibt es mittlerweile den Ausdruck
vom „China Price“ – das ist eine Argumentation von Unternehmern bei
der Bestellung von Gütern. Hier beginnt eine unserer Fragen: ob nicht
das moralische Argument oft mit einer defensiven Komponente
angewandt wird, doch dazu später.

Das läuft übrigens unter den Bedingungen wachsender Ungleichheit – es


gibt welche, die mit der neuen Situation besser zurecht kommen, vor
allem jene, die sie managen, und die profitieren, während andere
verlieren. Unter den vielen Richtungen der Glücksforschung, wo sich mir
jetzt schon die Distinktion in eine stoische und eine heroische
abzeichnen, gibt es zumindest eine, die den tatsächlichen Inhalt der
Geldbörse für irrelevant halten (das tun die meisten Richtungen), die
aber ein Mischgefühl aus Stabilität und einem leichten Anwachsen für
nötig hält und vor allem die Menschen auf Ungleichheiten, zumal auf
Zunehmende, recht allergisch reagieren lässt. Offensichtlich hat der
Fordismus – jeder Arbeiter ein Häuschen und ein Auto – eine
Gleichheitsvorstellung produziert, die heute weggebrochen ist und die
ihn moralisch legitimiert hat. Es gab damals schon Stars, Milliardäre,
Tycons, aber sie lebten in einem Klima moralischer Tolerierung. Das ist
weggebrochen, die Konstellation: ich habe weniger, der hat signifikant
mehr, wieso, ich könnte das auch, ist moralisch explosiv. Da muss es
auch einen Mentalitätsunterschied zwischen den Kulturen geben, es gibt
Kulturen, wo dieses Gefühl stimuliert und solche, wo es lähmt.

Zurück zu Opel:Interessant ist es ja, dass es nicht Konkurrenz zwischen


herstellenden Firmen ist, sondern ein neuer Typus von Konkurrenz
innerhalb einer Firma. Das hat ja auch die Corporate Identity verändert:
früher war man ein Opelianer, aber heute fürchtet, dass der Opel-
Bedienstete in Bochum, dass ihm die Kollegen im polnischen Gliwice
langsam mit ihrer billigeren und qualitativ allmählich gleichwertigen
Arbeit die Lebensgrundlage entziehen könnten. Früher waren das noch
andere Zeiten: hier die Konkurrenz zwischen etwa Opel und VW, dort die
zwischen den im Wert stabilen deutschen Qualitätsautos und den billigen
Japanern mit dem niederen Wiederverkaufswert. Der Markt hat das

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„Eigene“ etwa der Opel-Bediensteten entwertet, das ist aber auch eine
Attacke auf das Selbstwertgefühl. Ich denke, dass der – zitierte –
Vergleich zwischen Opel Polen und dem Stammwerk nebenbei eine latent
nationalistische Kränkung enthält: die Polen, von denen man, ganz
geheim und leise, nie recht viel gehalten hat, können das genauso gut
wie wir, aber eben zu einem geringeren Preis. Das gewerkschaftliche und
von anderen vorgetragene Argument, man möge seine Macht als
Konsument einsetzen und nur Autos und andere Industriegüter kaufen,
die auch in Deutschland produziert werden, hat ja auch etwas
kränkendes: früher, noch vor 15 Jahren, war klar: das japanische Auto ist
billiger, aber es hält weniger lang – heute hat das „Made in Germany“,
dieses virtuelle Bündnis zwischen White & Blue-Collar Workers und der
Industrie seine Anziehungskraft in vielen Sektoren seine Strahlkraft
verloren. Die Globalisierung knackt den Nationalismus an Punkten, die
man gar nicht erwartete. Man muss hier einmal festhalten, dass etwa die
Theorie des Sozialstaates, die Rawls in seiner „Theorie der Gerechtigkeit“
entwickelt, die internationale Dimension weitgehend ignoriert. Es ist
interessant, dass Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“ sowohl für den
Deutschnationalismus wie auch für den (Austro-) Marxismus ein
Refenzbuch waren – Nationalstaat und Sozialstaat korrespondieren, aber
die Globalisierung hat die „geschlossenen Wirtschaftsräume“ zerstört.
Das erinnert auch sehr stark an die Haltung der französischen Revolution
gegenüber den Menschenrechten in den Kolonien und enthält eine jener
Inkonsequenzen in moralischen Bewertungen, die im Laufe der Zeit eines
unserer Zentralthema werden.
„Alle Räder stehen still“ hatte eine kulturelle Hegemonie mit moralischen
Implikationen.
Also: Die Identität eines „Opelianers“ existiert eigentlich nicht mehr, der
globalisierte Markt hat ihn sozusagen entwertet. Der ursprünglich
leninistische Terminus „Arbeiteraristokratie“ meint die Privilegierung der
Arbeiterklasse in Ländern, die über Kolonien verfügen – so gedacht ist er
unzeitgemäß, aber wenn man ihn etwa auf den Ost-West-Gegensatz und
den zwischen der ehemaligen „Ersten“ und der „Dritten“ Welt umlegt,
dann bildeten etwa große Teile der (nicht nur) deutschen
Lohnabhängigen eine „Arbeiteraristokratie“, die jetzt in der globalisierten
Revolution eine quasi parasitäre Schicht bilden – wie die historische
Aristokratie ab Beginn der Industrialisierung.
Übrigens: Vilfredo Pareto spricht von der Geschichte als einem „großen
Friedhof der Aristokratien“. Die Lohndifferenzen innerhalb Europas sind
– wie schwankend auch die Berechnungsmodi sind – in jedem Fall

24
dramatisch. Gibt es denkbares Gebot, das verbietet, diese Differenzen zu
nützen und damit die Aristokratie zu stabilisieren? Es gibt zumindest
Versuche, ein solches Gebot zu etablieren. Oder wird das auch einem
trial and error-Ausgleich folgen?

Das heißt, wir müssen differenzieren zwischen einem existentiellen


Selbstverständnis der Arbeiteraristokratie und den anderen, da gibt es
auch eine moralische Komponente, das ist das augenblickliche Thema.
Gibt es eine allgemein menschliche Tendenz, die eigene Privilegierung
erstens nicht zu sehen, zweitens selbstverständlich zu nehmen und jedes
verändern des Status als disfunktional oder gar unmoralisch anzusehen?
Kann das moralische Argument gebraucht werden, um ein
anachronistisches Eigenes zu verteidigen, oder hat das dann gar nichts
mit Moral zu tun, ist bloßes unverbindliches Moralisieren, eine kluge
Kommunikationsstrategie, die den anderen heruntermacht und der
eigenen Klientel ein gutes Gefühl gibt?

Vielleicht noch ein Krisensymptom: die Krise der Moralen, das ist ein
Vorgriff auf die theoretische, den wir werden Positionen hören, denen
zufolge es so etwas nicht gibt. Moralisches Handeln ist richtiges handeln
und es gibt ja nur eine Richtigkeit.
In jedem Fall: die Moral des Ausgleichs wird abgelöst durch neue
Debatten, in denen sich auch die andere Seite (mit einem sehr
subtextuellen moralischen Argument) artikuliert.
Wir lesen zweierlei: dass zweieinhalb Millionen österreichischer
Erwerbstätiger und Pensionisten nach der Pensionsreform keine Steuern
mehr zahlen, oder dass wir extrem niedere Sätze für sogenannte
Spitzeneinkommen haben. Man sagt uns, dass der amerikanische
Wohlstand auf der durch ein milderes Steuersystem ermöglichten
Konsumhaltung basiert (Steuervergleich mit amerikanischen Kollegen,
gleichzeitig: der 33jg.verdient soviel wie ich, arbeitet allerdings jetzt
schon an der Altersvorsorge, bei der Geburt eines Kindes wird ein
Ausbildungssparvertrag von der Großmutter angelegt.) – dann gibt es die
andere Position, die Armen wachsen ständig. Die eine sagt anklagend :
ein nicht geringer Teil der Bevölkerung trägt nichts mehr bei (Prisching,
suchen ca. 25%), die andere ebenso anklagend: die Reichen werden
immer reicher, dazwischen verirren sich noch Gruppen, die wenige
Sprecher haben, weil ihr Organisationspotential gering ist, die sagen, die
Mittelklasse zahlt.

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Mich interessieren nicht die Inhalte, ich bezweifle (siehe später) die
Existenz einer interessfreien Kompetenz mit Respekt vor der Komplexität,
sondern das Spiel und die Reaktion darauf und vor allem der Versuch
jeder Gruppe, Moral zu bemühen.

Das Phänomen der Arbeitslosigkeit wird endemisch besprochen, was


weniger kommentiert wird ist die „grausame“ Seite der
Wissensgesellschaft: das einerseits etwa ein Hochschulabschluss viel
weniger Wert ist als früher, dass jemand, der über 25 ist und keine
Zusatzqualifikationen hat, eine geringere Jobgarantie hat, als früher und
dass vor allem die Durchlässigkeit gesunken ist. Die schwach
Qualifizierten haben außerhalb des Bereiches der „Selbstständigkeit“ sehr
geringe Chancen, diese Karrieren vom „Lehrling zum Betriebsleiter“ gibt
es heute kaum noch. Es gibt mittlerweile Leistungs- und
Qualifikationsdynastien, die in der Sozialisation privilegiert sind, nicht
durch „Geld“ sondern durch soziales know how und die Fähigkeit ihrer
Eltern, mit den Ausbildungsinstitutionen besser umzugehen. Das sehr
fragile Bildungssystem erreicht viele nicht und produziert eine immer
größere Anzahl von „Unbrauchbaren“, die Anführungszeichen sind nicht
aus Gründen der politischen Korrektheit. Auch hier liegt ein
Mentalitätsphänomen vor, dass einer als „Unbrauchbar“ definiert wird,
was ja manchmal via Sozialarbeit sehr „freundlich“ geschieht, was aber
bei ihm damit korrespondiert, dass er sich letztlich ebenso definiert. (Das
Ersatzanbot ist das Pathos der „Eigenverantwortung) Es ist erstaunlich,
wie „schicksalshaft“ Bildung noch immer ist und wie systematisch wir
den modernen Imperativ der Neudefinition im Moment verletzen, in dem
wir via Sozialsystem Menschen festschreiben.
Wieder das Beispiel mit dem schwulen Psychiater. Pauschal sind hier zwei
Dinge festzuhalten: die Wissensgesellschaft hat nicht nur ein
Versprechenspotential, sie hat auch einen harten normativen Charakter,
wie die Flexibilität. Auch hier interveniert ein moralischer Diskurs als
Abfederung, das darf doch nicht sein.

Kulturkrise ist nur ein Wort und das erwähnte sind nur Beispiele,
und solche sind immer fragwürdig. Das Wort Kulturkrise ist
anziehend, weil es uns erlaubt, jene Konstellationen und die Art,
wie sie angesprochen werden, zu zentrieren und weil wir damit
nicht in das diffuse reale geraten, von dem wir nichts verstehen.
„Kultur“ im weitesten Sinne ist einfach der Ort, wo etwas sichtbar

26
wird, etwa der ungeheure Pessimismus vieler österreichischer und
deutscher Filme, ihre Verankerung in buchstäblich hoffnungslosen
Milieus, in denen Lösungen maximal ironisch auftauchen. Das
heißt, moralische Krisen sind verwoben mit Kulturkrisen. Das klingt
allerdings recht pathetisch – der Kampf mit dem moralischen
Argument hat auch eine unterhaltende Seite. Der moralische Held
gegen die unmoralischen Verhältnisse, das ist ein alter Plot. Kaum
ein Populist der darauf verzichtet, Moral als Kampfmittel
einzusetzen. Die Einkommensbeschränkung für FPÖ-Politiker und
vor allem die Tafeln, mit denen Jörg Haider das legale Einkommen
des steirischen Arbeiterkammerpräsidenten Rechberger in einer
Fernsehdiskussion aufstellte, hatten (auch) eine moralische
Botschaft, was ihren Verkünder nicht hindert, seinen
landwirtschaftlichen Betrieb (legal) steuerfrei zu führen, damit es
nicht einseitig wird: auch der schwedische Premmierminister Gäran
Persson, ein Mann der gerne Ratschläge zur sozialen Gerechtigkeit
gibt, hat jahrelang (legal) die in Schweden recht hohe
Eigenheimsteuer vermieden, weil sein Wohnsitz so riesig war, dass
er als landwirtschaftlicher Betrieb lief. Das sind – was die
Betroffenen betrifft – keine „Argumente ad personam“, auch kein
Vorwurf des „Wassers predigen und Wein trinken“, sondern eher in
den Kontext des später zu behandelnden erzählerischer Elements
moralischer Argumentationen.
Wenn wir unser Analogieverfahren mit aller seiner methodischen
Fragwürdigkeit fortsetzen, dann wäre es schön, wenn wir zur letzten
Kulturkrise ein Inventar von Symptomen anlegen würden, eines von in
der Diskussion angeschnittenen Ursachen und dann – ganz beiläufig –
eines der Folgen.
In einer solchen Analogie zur Kulturkrise vor einhundert Jahren würden
wohl die Termini, die man für die Beschreibung und manchmal auch als
Ursache der damaligen Lage herangezogen hat prominent rangieren:
„Ende“ und „Wende“. Diese neutralen Begriffe gibt es in zeitgemäßen
Formen, aber hier fällt schon ein charakteristischer Unterschied auf: ihre
frühere optimistische Umdeutung fehlt fast völlig. Jene von der
heranziehenden Moderne überzeugte, die von einem „Neu-Beginn“
sprachen, manchmal unterstützt von der Frühlings- oder Jugend-
Metapher, von Zeitschriften, die sich geschichtstümelnd „Ver Sacrum“
nennen oder von Kunstwerken, die im „Sacre du Printemps“ den
Weltkrieg vorwegnehmen oder von Zeitschriften, die sich schlicht
„Jugend“ nennen und damit einer Kunstrichtung, die eigentlich als „art

27
nouveau“ auftritt, ihren regionalen Namen gibt – all das fehlt. „Ende“
und „Wende“ ja, aber es freut sich keiner darauf – zumindest
hierzulande. Wenn man die Beitrittsländer googelt, kommt man zu einer
ganz anderen Stimmung. Dort ist auch das moralische Argument kaum
vernehmbar. Erlaubt das den Schluss, dass das moralische Argument
(Nietzsche) eine Waffe der Trägen und Schwachen ist?

Bleiben wir im Kunstbereich, der ja mit anderen gesellschaftlichen


Segmenten korrespondiert und wo es Ähnlichkeiten in der Mentalität
gibt: Positionen wie etwa die des Futuristen Marinetti mit seinem Kampf
gegen den Passatismus, also der These, dass das unbestrittene Neue
eine öffentliche Ausdrucksform braucht, dass es eine Ökonomie der
Aufmerksamkeit gibt und jede Million, die für irgendwelche alte
Kunstwerke ausgegeben wird, für Neuauflagen des Kanons etwa, der
zeitgenössischen Kunst Aufmerksamkeit entzögen, gibt es kaum. Die
Populärkultur zelebriert die technischen Errungenschaften, die
Untersuchungsmethoden in CSI Miami oder – negativ – die Matrix;
Fusions sind populär, Kill Bill etwa mit den asiatischen Kampfkünsten,
Figuren wie Ang Lee stehen für eine kosmopolitische Kunst. Da ist das
neue selbstverständlich, aber es gibt eine Abwehr dagegen in der Form
eines Vergangenheitskultes. Also: genau jener Passatismus beherrscht in
Form von Mondrian Ausstellungen, Bauhaus-Möbeln und billigen Kafka-
Ausgaben unser kulturelles Leben. Um das Ausmaß an Absenz von
„Geistesgegenwart“ das damit verbunden ist, zu illustrieren, möchte ich
nur auf etwas recht triviales verweisen: als die Pioniere der Moderne
eben genau gegen jene rebellierten, welche die Goethe-Zeit absolut
setzten, war Goethe etwa genauso lange tot, wie heute die zitierten
Beispiele. Wer würde sich heute trauen, die Mondrian und die Kafka –
Rezeption als ein reaktionäres Unterfangen darzustellen? Obwohl in
vielen Fällen – teilweise bedingt durch die kulturelle Überproduktion –
das kulturelle Gedächtnis immer kürzer wird, gibt es eine scheinbar
immer noch funktionierende Gleichsetzung, dass etwas, was sich
„Moderne“ nennt, nicht ein historisches Phänomen ist, sondern dass es
da einen Gipfel der Weltkultur gegeben hätte, der verbindliche Maßstäbe
gesetzt hätte. Die Irritation der Postmoderne mit ihren unbestimmten
Inhalten und mit Ironie und Zerfall bzw. Zertrümmerung der etablierten
Ensembles ist weggefallen, es gibt eine „Zweite Moderne“ und damit
eine Festschreibung dessen, was eigentlich „zu Ende“ geht.

28
Worauf ich hinaus will ist folgendes: die Stimmung von „Ende“ und
„Wende“ ist da, es gibt wenige, die das Ende begrüßen, viele Versuche,
es zu leugnen und die „Wende“ einfach als eine konsequentere
Fortsetzung alter Lösungen zu verkaufen – das gilt beispielsweise für die
ökologische Wende oder auch für die seinerzeitige Helmuth Kohlsche
Wende. Wenn wir uns die Stimmung der nicht nur künstlerischen
Avantgarden der letzten Kulturkrisen anschauen, dann haben sie im
Namen der Möglichkeiten des industriellen Prinzips das alte bekämpft –
wenn heute die Globalisierung das Neue darstellt, wo positionieren wir
dann jene Organisationen, die als Selbstbild vor sich hertragen, dass sie
die Globalisierung bekämpfen würden? Wir bekommen – etwa im Falle
Europas – eine ganz eigenartige Landkarte, wenn wir sie nach den
Kriterien einfärben, wo begrüßen wirtschaftliche, politische und kulturelle
Eliten die Globalisierung und wo fühlen sie sich bedroht, finden sie
unmoralisch etc. Es scheint, als ob dieser fast selbstreferentielle Wille
zum Neuen, der die Westeuropäischen Avantgarden und die mit ihnen
korrespondierenden Industriezweige auszeichnete, in den Osten gezogen
ist.

Was war bei der letzten Kulturkrise das „Neue“: die durch neue
Erfindungen und die Investitionen einer neuen Klasse ermöglichte
konsequente Durchsetzung einer neuen Produktionsform, des
industriellen Systems, das unvorhergesehener Weise seine Auswirkungen
in alle Lebensbereiche hatte. Das war im Grunde der Fordismus, der
einen neuen Menschentyp hervorgebracht hat, präzise, asketisch,
leistungsorientiert, einerseits sachlich, aber andererseits – durch die
Freudschen Entdeckungen – seines unermesslichen Wunschpotentials
bewusst, dass dann durch eine sexualisierte Konsumgesellschaft
abgefangen wurde. Das war eine ungeheure Destruktion, bei der zum
Beispiel die temporäre Freiheit der ruralen Gesellschaft zerstört wurde,
die Großfamilie, die sexuelle Moral, die Unverletzlichkeit der Ehe. Das
heißt: der Übergang zum industriellen Prinzip war nach damaligen
Vorstellungen in seinen verdinglichten Auswirkungen unmoralisch – das
ist ein zentraler Satz dieser Vorlesung - und auf Grund der Absenz von
Regeln haben (Börsenkrach 1873) ungeheure Delikte stattgefunden, auf
welche die Justiz nicht reagiert hat. Heute ist uns dieser Wandel
selbstverständlich, er ist zu einer normsetzenden Instanz geworden und
überraschenderweise sind ethische Normen aus der Tradition, die ja im
Übergang verletzt wurden, auf einmal wieder gültig. Johannes Volkert
hat mit Kant gegen die Spekulanten von 1873 argumentiert.

29
Es gab neue Kommunikationsformen, neue Mobilitäten,
Geschwindigkeiten, neue Chancen, neue Ansprüche, ein anderes
Zeitbudget, neue Geschlechterrollen und zwar nicht nur durch den
Feminismus, sondern auch durch die Stabilität der weiblichen Existenz,
die die Gynaikologie schuf, die Entwertung etwa der agrarischen
Produktion – ein Prozess, der immer noch nicht konsequent
abgeschlossen ist. Wenn wir die Behauptung des amerikanischen
Historikers Payne ernst nehmen, dass der Faschismus einer der Folgen
der Kulturkrise der letzten Jahrhundertwende war, dann kommen wir auf
einen Zeitraum von etwa siebzig Jahren, den ich sozusagen zu
Hilfszwecken unterteilen würde in die Phase des unschuldigen Erlebens
und die des Verarbeitens.

Was das eng damit zusammenhängende Ende betrifft, so ist das wohl ein
multipler Zustand. Die traditionelle Lebensform mit allen ihren
Selbstverständlichkeiten – und das sind wohl die wirklichen Änderungen,
wenn etwas sich ändert, dass einem so selbstverständlich war, dass man
darüber nicht nachgedacht hat – gehört genauso dazu wie die
Niedergangsgefühle der Imperien, die sich vom Nationalismus bedroht
fühlten oder auch – so Schorske – das des Liberalismus als hegemonialer
Macht. Das sollte man nicht politisch sehen – ein Konstrukt von
Vorstellungen über Fortschritt, Vernunft und Gerechtigkeit und ihr
Verhältnis zueinander ist einfach ungültig geworden.

Wenn wir von den Optimisten absehen, dann haben viele Menschen
„Beginn“ und „Ende“ in ihrer Unbestimmtheit angstbesetzt erlebt. Es gibt
das von Walter Benjamin geprägte Schlagwort vom „Schock der
Modernisierung“, das wohl zutreffend ist. Auf einmal kann eine Marktfrau
nicht mehr davon leben, dass sie eine Rückensteige voll Obst und
Gemüse nach Wien trägt – es gibt erste Ansätze von agrarischer
Großproduktion und die Preise sinken dramatisch. Die Marktfrau hat ihre
Entwertung dadurch, dass man in Ungarn Kukurruz extensiv produziert
und um einen Bruchteil des Preises ihres intensiven Anbaus nach Wien
liefert als unmoralisch erlebt. Dennoch: Darauf kann man sich einstellen,
das Unbestimmte der Globalsierung ist schwerer aushaltbar. Damals
resultierte es in einem Gefühl von Unerträglichkeit, das gar nicht so
leicht nachvollziehbar ist; in Generationenkämpfen zwischen der Phase
des Unterganges der alten Ratio und der Aufkunft der Neuen gab es eine
des manifesten Irrationalismus. Gibt es da heutige Paralellphänomene?

30
Es gibt viele Felder, wo die traditionelle Ratio heute fragwürdig wird – ich
beziehe mich auf etwas Grundsätzliches: den Begriff vom Fortschritt.
Geschichte – so der Mathematiker, Philosoph und Revolutionär
Condorcet 1794 - ist ein sinnhafter Prozess mit dem Ziel, das
Dasein der Menschen zu vervollkommnen. Das, was zwischen den
Jahrhunderten abläuft, ist nicht der „blinde Wille“ sich zu reproduzieren,
den Schopenhauer spekulativ und im Protest gegen die Idee von der
Zielgerichtetheit der Geschichte als Vorläufer der heutigen Soziobiologie
behauptete. Es gibt eine inhaltliche Bestimmung unserer Entwicklung
und unser Leben, der Vergleich mit den vorhergehenden Generationen,
aber auch der mit kommenden belegt: es wird immer besser.

Tatsächlich hat das, was man Fortschritt nennt, eine Evidenz in


sich: scheinbar wird es wirklich ständig besser, die Leute leben
etwa länger, gesünder, wohlhabender. Aber das kann auch ein
selbstreferentieller Zirkel sein. Kant hatte schon 1790 in seiner
„Kritik der Urteilskraft“ angemerkt, dass für den Empiristen die
Bestätigung solcher an einem Ziel orientierten – teleologischen –
Ideen höchstens ein Als-ob darstellen. Auch Karl Marx war kein
unbedingter Freund der „mechanistischen
Fortschrittskonzeptionen“, im Gegenteil, die spärlichen
Zukunftsszenarien des „Kapitals“ haben zahlreiche seiner
Nachfolger zu Katastrophen und Zusammenbruchstheorien
verführt, nach dem Motto: es muss zuerst so richtig schlecht
werden, damit die Kräfte, die es dann wirklich gut machen, sich
endlich artikulieren. Genüsslich haben sie das wiederholt:
Solange die Arbeiterklasse nicht die Macht erobert hätte und die
Gesellschaft und die Produktion „bewusst“ gestalten würden,
dann würde „der menschliche Fortschritt (..) jenem
scheußlichen heidnischen Götzen gleichen, der den Nektar nur
aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte“ (MEW 9,226)
Zusammenfassend: Es gibt also verschiedene Dimensionen von
Fortschritt; als Prognose, als Religion, als Idee vom schlechten heute und
dem morgigen Paradies, der Fortschrittsbegriff der Utopien, der Grünen,
der Kommunisten – etwa Ernst Bloch mit dem Atommeiler am Ende vom
Prinzip Hoffnung; dann den Begriff von Fortschritt, der uns eine Aufgabe
auferlegt, eine „Veredelung“ des Arbeiters etwa, oder die Zunahme von
Reflexion und Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Das
gilt manchen als die Quintessenz des Projekts der Moderne, ich halte das

31
für eine selektive Wahrnehmung, die das Kleingedruckte nicht gelesen
hat.
In jedem Fall ist unser alltäglicher Begriff von Fortschritt mit einem
„mehr“ verbunden, Gerhard Schulze – auf den wir noch oft
zurückkommen werden – nennt das das Steigerungsspiel der Moderne.
Das Steigerungsspiel hat den Fortschrittsbegriff trivialisiert und dann
noch das Prestige dazugefügt. Vor allem hat es uns moralisch entlastet,
solange es funktioniert hat: das „mehr“ ermöglichte die Moral des
Ausgleichs, manchmal – vor allem in seinen Krisenjahren – durch
öffentliche Verschuldung. Heute spricht etwa Angela Merkel vom
„moralischen Anspruch, künftigen Generationen nicht nur Schulden zu
hinterlassen“ (Kleine Reformen, große Schmerzen, Die Zeit, 14. Juni 06,
25, 3) Ein schönes Beispiel wie politische Konflikte – hier geht es ums
Verschulden, das heißt Abdeckung von Subventionen, Sozialtransfer etc.
– durch Berufungen auf „Moral“ argumentiert werden. Bei Merkel
geschieht das noch mit einem protestantisch-DDr-rigen Pathos: „Wort
und Tat, Verkündung und Ergebnis müssen in der Politik wieder
zusammenpassen.“

Wenn wir keinen inhaltlichen Fortschrittsbegriff haben, dann bleibt uns


nur folgende Strategie: Fortschritt ist ein Wort, mit dem wir
Veränderungen beschreiben, an deren Konzeption unsere
Kreativität beteiligt war und die zumindest Teile unserer
Zielsetzung realisieren. Es ist die Frage, ob wir über die mentale
Ausrüstung verfügen, eine Veränderung, die sich uns aufdrängt, die uns
aufgezwungen wird, als Fortschritt zu verstehen. Die französische
Aristokratie, beispielsweise, hat das Auftreten eines neuen Standes, der
für uns übrigens der Träger des Fortschrittes par excelence ist,
keineswegs als Fortschritt angesehen. Was sie gesehen haben war, dass
sich Bürger, eigenartig gekleidete Leute mit seltsamen Manieren und
einer Fixierung auf den von der Aristokratie im Namen der Kultur
verachteten Gelderwerb, schmutziger und gewalttätiger Bauern
bedienten, Schlösser nieder brannten, Kunstwerke zerstörten, Frauen
vergewaltigten und eine elaborierte höfische Kultur binnen kurzer Zeit
zerstörten und dazu terroristisch regierten. Übrigens im Namen der Moral
– Robbespiere war ein Moralist. Wenn wir das akzeptieren, dann lernen,
dass Fortschritt ambivalent ist, dass er Opfer – Aristokraten - kennt und
sich hauptsächlich jenen, die von ihm profitieren als solcher darstellt; das
Wort Fortschritt ist –retrospektiv betrachtet - ein Wort der Sieger.

32
Dennoch: Die Idee des Fortschritts hat ganzen Generationen der
Moderne einen Lebenssinn gegeben, auch wenn es Konservative
gegeben hat, die sich explizit gegen die Dominanz des Fortschrittes
gewandt haben und eine Rückkehr zu alten Mustern gefordert haben.
Neue Menschen, welche die nationalen Grenzen aufheben, mit
schnellerer Kommunikation in einer Weltgesellschaft immer länger und
gesünder leben, immer freier von alten Zwängen im Sex, immer
selbstbestimmter, immer gerechter, immer großzügiger, immer reicher.
Im Grunde war da immer ein Element des Ausblendens von Realität
drinnen. Vor allem hat jeder Fortschritt – das ist eine der großen
„Enttäuschungen der Moderne“ – immer Dialektiken in Gang gesetzt, die
an einer anderen Stelle etwas verschlechtert haben. Die Beweglichkeit im
Kontext mit der sexuellen Freizügigkeit etwa hat AIDS explodieren
lassen. Viele Zielsetzungen sind nur lokal realisiert worden - die
Todesstrafe ist zwar in vielen Ländern abgeschafft, wird aber gleichzeitig
in China offensichtlich excessiv angewandt und vor allem ist die Zahl der
durch (halb)- staatliche Banditen – Soldaten Getöteten , etwa in Afrika,
gewachsen. Die Autos haben die Umwelt verschmutzt, die
Nahrungsmittel sind voll mit Giften, Hormonen und neuerdings ist das
englische Grundwasser mit Prozac / Fluctin verseucht. Wahrscheinlich
haben wir einen selektiven Fortschrittsbegriff, dessen Regeln nicht leicht
zu dechiffrieren sind. Die Spekulation ist erlaubt, dass in einigen
Jahrzehnten von Außenseitern das Fortpflanzungsverhalten der
Geburtenkontrolle-Generationen als unmoralisch etikettiert wird, die Ein-
Kindfamilie oder die Spätfamilie, heute tun das ja schon deutsche
Rechtsradikale, die die Demografie entdeckt haben – die „Masterrace“
stirbt aus. Oder zumindest als Selbstschädigung, die ihre Strafe nach sich
zieht – das klingt an in der Forderung von steuerlicher Bevorzugung von
Mehrkindfamilien.

Eine der höchsten Akzeptanzen des Fortschrittsgefühls liegt im Feld


von Technik und Medizin. Aber genau dort entstehen permanent
Konstellationen und Dialektiken, die das Fortschrittsgefühl gefährden:
die moderne Medizin hat unsere Lebensdauer verlängert, aber
gleichzeitig hat sie unsere demographische Konstellation in
Unordnung gebracht und vor allem die Differenz zwischen den
Ländern der westlichen Lebensform und denen, wo man früh
stirbt besonders augenfällig gemacht. Es gibt hektisch-
philanthropische Versuche, dem abzuhelfen – aber sie wachsen auf dem

33
Humus einer jahrzehntelangen moralischen Haltung, die sich am
Wohlergehen des eigenen orientierte.
Das Fortschrittsgefühl funktioniert in der kurzen Instanz – das
neue Medikament ist besser als das alte – und im
Makrovergleich: die Moderne ist näher am größtmöglichen
Glück der größtmöglichen Zahl als das als finster denunzierte
Mittelalter. Vom Standpunkt einer utilitaristischen Ethik – es geht
darum, die Summe der Glücksmöglichkeiten zu maximieren – ist die
Moderne eine moralische Geschichtsetappe, das soll man nicht vergessen
gegenüber allen Klagen. Globalisierte Informationssysteme haben uns
allerdings fremdes Elend ins Wohnzimmer gebracht, es gibt eine
Ökonomie der Aufmerksamkeit, die eine neue moralische Sensibilität
gezeitigt hat. Wir sehen den Hunger.

Soweit, so gut, aber erstens gibt es die Nebeneffekte von oben,


jeder Fortschritt trägt Elemente in sich, die ihn in Frage stellen.
Und zweitens gibt es immer wieder manifeste Ausrutscher,
Unklarheiten etc. War der dramatische Zusammenbruch der
Donaumonarchie tatsächlich eine Befreiung für die im
Völkerkerker schmachtenden Mittel – Südosteuropäer oder ein
Rückschritt, der den zweiten Weltkrieg ermöglichte?

Trotzdem und nochmals: der Fortschrittsbegriff hat dem letzten


Jahrhundert in unseren Regionen eine wichtige ideologische Hülle
gegeben.
Und: im Fordismus gab es einen Sozialvertrag und der ist fast wichtiger
als die geschriebene Verfassung und der gilt nicht mehr in der
postindustriellen, Dienstleistungs- oder eben globalisierten Gesellschaft.

34
22.3.
Das interessante daran, wie unsere Kultur Fortschrittserlebnisse
handhabte, liegt darin, dass sie verschiedene Ebenen von Fortschritt fast
zwingend verknüpfte und mit einem Anspruch versah. Also das neue
Medikament war ein Fortschritt, aber es musste gleichzeitig allen
zugänglich sein, galt das nicht – wegen hoher Entwicklungskosten, so die
Pharmaindustrie, dann war die Konstellation unmoralisch. Das, was wir
als Fortschritt perzipieren – Erfindungen, Forschungsergebnisse, die ins
alltägliche Leben eingreifen – war zwar häufig das Produkt einer
Einzelleistung, trug in sich aber den Anspruch auf allgemeine
Zugänglichkeit. Eine der zahlreichen Folgen dieser Konstellation ist es,
dass gerade in ihrer inhaltlichen Verknüpfung mit der Idee der sozialen
Gerechtigkeit, mit einer gewissen Großzügigkeit, einer ständig
wachsenden Bereitschaft zur Empathie, die Fortschrittsidee einfach zu
unserem Selbstwertgefühl beiträgt. In der konservativen
Auseinandersetzung mit dem Fortschritt in der frühen Moderne hat das
eine wichtige Rolle gespielt – die Denunziation der Idee des Fortschrittes
als etwas, was die conditio humana sozusagen aushebeln könnte. Da hat
es das Wort von der Hybris des Fortschrittes gegeben und das vom
Fortschrittsoptimimismus – wie gesagt, im Blochschen „Prinzip Hoffnung“
eng mit der Kernenergie verknüpft.
Wenn allerdings wir zwingend des Fortschrittes zur Stabilisierung unseres
Selbstwertgefühls bedürfen, dann hat das Folgen:
Die Reduktion beschädigt dieses Gefühl.
Auf der moralischen Ebene produziert es ein Verpflichtungsgefühl, wir
sind doch eigentlich verpflichtet, andere teilhaben zu lassen. Die
Gesellschaft des fortschrittsgebundenen „mehr“ hat ein sehr eigenes
moralisches Gefühl, der Stolz und das Gefühl der Unbezwingbarkeit
produziert beides, Abwehr gegen Feinde und inneren Zwang zu einer
selbstüberschätzenden Hilfe. Wir werden über hektische Hilfsaktionen,
die daraus resultieren noch sprechen.

Und schließlich: in einer groben Zusammenfassung: Was der Fortschritt


also schlagworthaft inhaltlich bündelt sind Überflussgesellschaft,
Wohlfahrtsstaat, ein unpersönlicher Solidaritätsbegriff.
Was da fragil geworden ist, wird uns noch oft beschäftigen und sei hier
nur andeutend vorweggenommen: Vorstellungen über den Wert der
(Arbeits-Existenz), über eine Gerechtigkeit, kollektive Vorstellungen von
Vernunft – als eine solche kann man den sozialdemokratischen
Vulgärkeynesianismus ja durchaus annehmen – und dann vor allem die

35
Wachstumsphilosophie, die Vorstellung, dass sich alle Probleme durch
eine ständige Zunahme an Ressourcen lösen lassen.

Den realen Faktor wollen wir nicht vernachlässigen. Dem Kapitalismus


wird spätestens seit dem Kommunistischen Manifest nachgesagt, dass er
dem inhärenten Zwang unterliegt, ständig zu expandieren, sich
ständig global auszubreiten. Dabei würde er nicht nur seine destruktive
Kraft auf allen sozialen Ebenen voll entfalten, sondern sich am Ende
sozusagen selbst zerstören. Diese These vom Akkumulations- und
Zusammenbruchsprinzip gehört zum Inventar der letzten
Jahrhundertwende. Marxisten wie Luxemburg, Bucharin,
Grossmann, auch Lenin in seiner Imperialismustheorie haben
sich mit der Frage beschäftigt und sie so ausgeweitet, dass sie darüber
spekuliert haben, was wohl geschieht, wenn der Kapitalismus sozusagen
alles hat und nichts mehr erreichen kann. Der konsequente
Imperialismus, so Lenin, sei das letzte Stadium des Kapitalismus. Da gab
es die Idee vom Zusammenbruch, der übrigens recht bald angesiedelt
wurde, und zu dem – so der Austromarxist Victor Adler „wir“, also die
revolutionäre Arbeiterbewegung nur wenig beizutragen hätten. Beiläufig:
Diese Vorstellung, der Kapitalismus zerstört sich selbst und danach folgt
die Revolution und eine befreite Gesellschaft, enthält zwar eine
pessimistische Betrachtung des „Endes“, aber eine sehr positive der
denkbaren Wende.

Das ist damals nicht eingetreten, im Gegenteil, wir erleben jetzt


nahezu das Gegenteil: ein „totaler“ Kapitalismus ist wohl auf absehbare
Zeit eine Utopie, möglicherweise gibt es Regionen, die sich selbst einem
„extensiven“ internationalen Kapitalismus noch lange Zeit entziehen
werden. Das überraschende ist, dass es diesen Regionen eigentlich am
schlechtesten geht – die Regionen, von denen keiner was will, die nichts
anbieten, dessentwegen sie mitspielen können, Regionen übrigens, die
einen starken moralischen Apellcharakter haben. Gleichzeitig gibt es eine
Durchdringung und Intensivierung immer größerer Regionen und vor
allem gibt es mehr Player als zur Zeit der Imperialismustheorie Lenins,
die Vertrustung von der Lenin ausgegangen ist, hat sich sehr komplex
entwickelt – global gesehen gibt es – in China, in der Wirtschaftslenkung
Japans, in Russland – starke Staaten, die das was Lenin als Trust
bezeichnet hat, durchaus am Gängelband haben. Lenin hat sich,
beiläufig, das zeigt sein Buch über den russischen Kapitalismus,

36
konsequent auf industrialisierte Regionen konzentriert und den
ungeheuren Rest der Welt ignoriert, auch Luxemburg, Grossmann etc.

Noch einmal: Gerhard Schulze, der nicht mit dem Begriff „Kapitalismus“
arbeitet, hat das Schlagwort vom „Steigerungsspiel“ in die Debatte
eingebracht. Die Moderne basiere auf einem ständigen mehr, das könne
man als eine Art Definitionskriterium oder als Wesen, als Essenz
der Moderne sehen; die Frage sei, ob das Steigerungsspiel ein Ende
gefunden hat. Möglicherweise ist er damit ein unbewusster Fortführer
der frühen Marxisten, es gibt „Steigerungsspiele“ (der Begriff Spiel ist mir
fragwürdig und wird der Qual der Industrialisierung in den neuen
Ländern nicht gerecht) auf verschiedenen Sektoren und in
verschiedenen Regionen. Wer China, Indien und die sich langsam
erholenden Tigerstaaten und ihre ungeheure wirtschaftliche Dynamik
beobachtet, die sich in beeindruckenden Wachstumszahlen
niederschlägt, wird wohl nicht annehmen, dass – global gedacht – das
Steigerungsspiel ein Ende gefunden hat. Aber – und das ist eine unserer
zentralen Fragestellungen – möglicherweise gibt es regionale
Unterbrechungen, Umschichtungen oder Ausstiege. Das würde dann
bedeuten: Prozesse, die wir in dieser Region vor einhundert Jahren als
Fortschritt erlebt haben – etwa die ungeheure Dynamik der frühen
Industrialisierung und des Endes agrarisch strukturierter Lebensformen –
laufen jetzt an anderen Orten der Erde ab und zwar mit einer
Ausstattung an Kapital, an Know How, der Möglichkeit Synergien
herzustellen, die es damals nicht gegeben hat. Jene extrem dynamische
Kraft, dieses Expansive, das durch zwei Jahrhunderte den Motor unseres
Fortschrittsbegriffes darstellte, internationalisiert sich, das gehört wohl
auch zu einer Bestimmung der Globalisierung, das ist etwas, womit wir
nicht gerechnet haben: den Verlust der Rolle des Zentrums, des
bestimmenden, des gebenden, gewährenden, verteilenden. In vielen
Fällen basieren moralische Ansprüche, die wir an uns selbst stellen, auf
der Fiktion, dass wir diese Rolle noch haben. Auf jeden Fall: die
fordistische Konsumgesellschaft hat eine andere Moral als eine flexible
Dienstleistungsgesellschaft. (Das ist allen Annäherungen an das neue
gemeinsam, diese Konstatierung.)

Ich möchte das in die Debatte um die Kulturkrise einfügen: wir bleiben
bei „Ende“ und „Wende“ und dem Faktor der Unbestimmtheit, aber auf
der Ebene der Ursachen gibt es auch einen externen Faktor, der
allerdings – beispielsweise auf der Ebene des Outsourcing – mit internen

37
Kräften verbunden ist. Dieses Zusammenspiel ist unkontrollierbar,
entzieht sich aber auch Bewertungen. Outsourcing produziert hier
„Unglück“ und dort „Glück“, sehr grob gesprochen.

Nur kurz ein Hinweis auf laufende langfristige Szenarien: Globalisierung


und EU vergrößern unseren Wohlstand durch ein Anwachsen der
Möglichkeiten und gleichzeitig den der Newcomer;
das Horrorszenario von den Heuschreckenschwärmen;
der Anstieg derer, die heute „unten“ sind und der Abstieg derer, die
heute „oben“ sind und zwar in einer Weise, die in der Relation nicht
feststellbar ist, die aber in jedem Fall eine Umverteilung darstellt. Das ist
dann für unser Gebiet die Grundlage der „society of the less“, der
Gesellschaft des weniger des Ulrich Beck, die schwer zu denken ist, die
uns aber einfach aufgetragen ist.
Anzumerken sind zwei Dinge: erstens, es ist unsicher, welches Szenario
sich durchsetzt. Die Szenarios sind standortgebunden, 1 ist das der
politischen und wirtschaftlichen Elite – der Ederer Tausender. 1 ist in
gewisser Weise das konformistischste, das Steigerungsspiel geht einfach
weiter, das hat den linearen Fortschrittsbegriff. Interessanterweise nicht
den moralischen Imperativ.
2 ist das der Leute, die sich als unmittelbare Opfer erleben, wobei es
erstaunlich ist, wie sehr der Kreis der Opfer ausgeweitet wird. In jedem
Fall sind die Menschen mit niederer Flexibilität und geringer Ausbildung
Opfer. Und vor allem die industriellen Kapazitäten, die abgebaut werden.
Vor allem Deutschland und Frankreich haben sich lange an industrielle
Produktionsformen geklammert, deren Profit ständig abnimmt.
3 ist etwa der Ulrich Beck. Auch 2 und drei haben eine große
Unsicherheit in der Frage der moralischen Ansprüche.
In jedem Fall liefern die drei Szenarien eine interessante Form der
kollektiven Umgangsweise mit der Unsicherheit. Die Frage hat eine
metaphysische Komponente, weil sie außerhalb unseres
Erfahrungsraumes liegt, weil sie auf selektiven Wahrnehmungen basiert,
die durch Interpretation zu Narrativen erweitert werden. 1 setzt das
Steigerungsspiel fort und hat kein moralisches Problem, 2 ist – siehe
später – stark mit einem blame – Aspekt verbunden, der sich stark in der
Behauptung äußert, der Gegner handle ideologisch – also neoliberal,
protektionistisch oder einen dysfunktionalen Welfare-State
konservierend. 3 ist offen für eine protestantische Dynamik, die ja ihre
Wurzeln im guilt hat.

38
Die Lösung wird wahrscheinlich die Geschichte bringen, aber wir leben in
der Gegenwart.
Können wir das „Ende“ fixieren? Wenn wir weiter analogisieren und an
Schorskes Krise des Liberalismus denken, dann ist es wohl das Ende des
sozialdemokratischen Jahrhunderts – nicht unbedingt im Sinne des
Erfinders des Terminus Dahrendorf. Vor allem das überraschende und
umstrittene Buch des Historikers Götz Aly (Hitlers Volksstaat. Raub,
Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt 2005) stellt – für
hierzulande – die Frage, ein wie großer Teil des Sozialstaates, den wir
uns gerne in einer Entwicklungslinie von angewandten Christentum und
gewerkschaftlicher Macht gedacht haben, nicht einfach eine Fortsetzung
der sozusagen selbstverständlichen Privilegierung der Deutschen auf
Kosten anderer Völker waren. (Man kann das – nochmals - in eine Linie
stellen mit Lenins Theorie der Arbeiteraristokratie, deren Grundlagen
gefährdet sind. Zum Gebrauch des Begriffes Arbeiteraristokratie
nachdrücklich darauf hinweisen, dass das ein komparitischer Begriff ist)
Aly behauptet, die Regierung Hitlers hätte die Deutschen in eine
gedankenlose, mit sich selbst beschäftigte Horde von Vorteilsnehmern
und Bestochenen verwandelt. Er beschreibt Maßnahmen nach Innen –
etwa massive Unternehmenssteuern bei gleichzeitiger steuerlicher
Entlastung des Durchschnittsverdieners, getarnte Lohnerhöhungen durch
Steuer- und Sozialabgabenfreiheit für die Zuschläge auf Feiertags und
Nachtarbeit, einer Rentenerhöhung und der Krankenversicherung für
Rentner - und nach Außen, nämlich organisierte und auch
individualisierte Raubzüge. Er zitiert Göring, der den für die besetzten
Länder verantwortlichen Kommissaren und Militärbefehlshabern erklärte,
dass es ihm gleichgültig sei, ob deren Leute vor Hunger umfielen,
solange das nicht einem deutschen zustieße.
Es ist interessant, dass dieser umstrittene Bestandteil der NS-Mentalität
nicht nur niemals kritisch reflektiert wurde, sondern auch den Maßstab
für Gerechtigkeitsvorstellungen geliefert hat. Ohne die Intervention des
Nationalsozialismus (und Bismarcks) wäre das gerühmte rheinische
Kapitalismus-Modell gar nicht so unterschiedlich vom amerikanischen.
Der wahre Kern des sozialdemokratischen Jahrhunderts ist also erst zu
identifizieren und zu fragen ist, ob sich im NS nicht eine sich
selbstverständlich bevorzugt denkende Mentalität entwickelt hat, die bis
heute unsere Haltung in der Globalisierung beeinflusst.

Aber zurück zum sozialdemokratischen Jahrhundert. Die


namensgebenden Parteien gibt es, das Sterbeglöckchen soll ihnen hier

39
nicht geläutet werden, sie regieren in vielen europäischen Ländern und
haben das Potential zur Stabilisierung ihrer Macht bzw. zur Ausweitung.
Aber seit den zahlreichen intellektuellen Experimenten um einen „Dritten
Weg“, etwa denen von Tony Blairs Berater Anthony Giddens, der wenig
mit dem der fünfziger Jahre zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu
tun hat, ist sichtbar, dass mehr oder weniger stark auch in den
sozialdemokratischen Parteien das nach ihnen benannte Jahrhundert sein
Ende gefunden hat. Es ist Tony Blair nur sehr partiell ein Anliegen
gewesen, die „herzlosen“ Reformen seiner Vorgängerin Margret Thatcher
zurückzunehmen, die Demontage gewerkschaftlicher Macht, die sie
unternommen hat, ist eine der Basen der Stabilität der englischen
Regierung und auch das Kulturleben hat sich mit dem Streichen der
Subventionen abgefunden. Blair privatisiert, und zwar auch in
ökonomischen Kernbereichen und manche seiner Erfahrungen scheinen
fast die skeptischen Auffassungen seiner Vorgänger zu belegen.

Rund um die klassische Sozialdemokratie – zumal in Österreich und


Deutschland – existierte ein über die Partei hinausgehendes ganzes
Bündel von Wertigkeiten, Selbstbewusstseinsgefühlen, existentiellen
Sicherheiten und vor allem Selbstverständlichkeiten verbunden, ich habe
das letztes Mal im Zusammenhang mit dem Selbstwertgefühl des
Industriearbeiters im „Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es
will“ in Bezug gesetzt. Auf seine Art hatte auch der sozialdemokratische
Wohlfahrtsstaat eine Vorstellung vom „Ende der Geschichte“, von der
Erreichung eines universellen ideologischen Konsensus, zu dem es keine
Alternative gibt und in dem es auch präzise moralische Regeln gibt.
Beiläufig gesagt, das ist ein Gefühl, dass sich schon oft artikuliert hat –
hegelianisch könnte man sich fragen, ob es nicht ein Zeichen dafür ist,
dass diese Geschichte sich wieder regt, ob das nicht eine
wahrgenommene Synthese ist, die sich im Prozess zu einer These
verwandelt. Das thetische Elend der Arbeiterklasse hierzulande in der
Periode der Industrialisierung hat seine Antithese in heterogenen
Revolutionsvorstellungen gefunden, die moralisch fundiert waren. Der
Sozialstaat hat sich als moralisch akzeptierte Synthese ergeben, die im
Prozess der Globalisierung ihrerseits eine These wurde, deren Antithese
sich herausbildet. Moral artikuliert sich auf beiden Seiten, und zwar
häufig als etwas, was Handeln vorausgeht.

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Allerdings: Man soll das sozialdemokratische Jahrhundert nicht allzu sehr
auf den Wohlfahrtsstaat reduzieren. Ich glaube, in dieser Zeit hatten die
Menschen den Eindruck, den Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit
gelöst zu haben. Freiheit, das hieß Reisen, die sexuellen Neigungen ohne
staatliche Intervention oder soziale Diskriminierung leben können, die
eigene Meinung vertreten dürfen; Sicherheit, das hieß einen geachteten
Job solange zu haben, bis man einen besseren fand, im Krankheitsfall
gesichert zu sein, eine Rente, die man für angemessen hielt, garantiert
zu haben. Freiheit ist individuell, Sicherheit ist staatlich garantiert.
Tatsächlich war das keine Lösung, sondern ein reduzierter
Freiheitsbegriff, und zwar vor allem im Gebiet der unternehmerischen
Freiheit. Unausgesprochen wurde im Namen der Sicherheit die Freiheit
eingeschränkt, auch im Namen der Moral – Preise waren lange Zeit
geregelt, Auftragsvergaben waren protektionistisch organisiert,
Berufsgruppen schotteten sich gegen Neuzugänge ab, „selbstständig
werden“ war eine bürokratische Tortur, Importquoten dichteten den
Markt ab, Löhne funktionierten nach dem Ancienitätsprinzip,
Kündigungen waren erschwert, bei Pleiten von Großbetrieben sprang der
Staat ein, (es gab also auch Sicherheit für das Kapital) was für tüchtige
Mitbewerber einen Wettbewerbsnachteil darstellte. Niedere Mieten
enteigneten die Altersvorsorge der Mittelklasse (so Leo Trotzki) und
subventionierten die Großindustrie, die niedere Löhne zahlen konnte.
Interessant, wie der Mietanteil gestiegen ist, seit Banken und
Immobilienfonds den Wohnungsmarkt dominieren.
Das hat in den relativ geschlossenen hiesigen Wirtschaftsräumen des
zwanzigsten Jahrhunderts durch ein fein ausgeklügeltes Regelwerk
funktioniert. Wenn man den fragwürdigen Versuch unternimmt, die
dynamischen Gruppen der Globalisierung zu fixieren, dann stößt man auf
eine heterogene Koalition derer, die sich in diesem Regelwerk
benachteiligt fühlten: die Kapitalgruppen und wirtschaftsdynamischen
Einzelpersonen, die sich in ihrer Freiheit eingeengt fühlten, und
diejenigen, die diese Sicherheit nie gekannt haben.
Das ist eine interessante Konstellation, die uns noch beschäftigen wird:
vis a vis dem Kommunismus war die Unterdrückung der Freiheit des
Wirtschaftssubjektes kein Thema. Man sieht hier, wie schwer die
Pauschalformel des Utilitarismus von der Zunahme des Glückes als
Maßstab einsetzbar ist: hier wurde der Glücksbegriff an existentielle
Sicherheit gebunden und die Expansion, die man ja auch zur pursuit of
happiness rechnen kann, wurde eingeschränkt. (Das war ja ähnlich wie
in der Koalition des Feudalismus mit dem Handwerk – verhindert war die

41
Ausweitung zur Industrialisierung. Auch hier hat es einen
Abwehrmechanismus gegen die Expansion gegeben.)
Die „deregulation“, mit der die Regierung Reagans begonnen hat, die ich
nicht bilanziere, weil das methodisch unmöglich ist, war auch ein
moralisches Statement, bei dem Hayek eine wichtige Rolle spielt.
Deregulierung, Flexibilisierung, Globalsierung und Delokalisation haben
die Spielregeln geändert.
Der Unternehmer, der aus dem Hochlohnland Deutschland flüchtet und
der rumänische Arbeiter, der bei ihm um einen Bruchteil des deutschen
Lohnes anheuert, haben überraschenderweise ein definierbares
gemeinsames Interesse. Sicher kein permanentes, das
Spannungsverhältnis zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und
Freiheit ist anthropologisch fixiert. Die beiden Werte schließen einander
partiell aus (meine Sicherheit kann deine Freiheit einengen), bedingen
sich gleichzeitig (wer in absoluter Unsicherheit lebt, dessen individuelle
Freiheit ist eingeschränkt) und ihre ausgehandelte Begrenzung ist für
das funktionieren einer Gesellschaft essentiell. Im Augenblick hat die
Freiheit eine von vielen ungewollte Konjunktur, Sicherheit verfällt.
Idealtypisch gibt es zwei Lösungsvorschläge: die Reduktion der Freiheit
in der Besteuerung des Kapitalverkehrs, in der Beschränkung von
Spitzengehältern, einem erhöhten Kündigungsschutz für gewisse
Arbeitnehmergruppen, in der Erhöhung von Steuern und
Lohnnebenkosten, in einem Abwanderungsverbot für deutsche
Unternehmen, einem Importverbot für Billigtextilien, in einer Zunahme
der Überwachung im Namen der Bekämpfung von Terrorismus und
internationaler Kriminalität etwa. Nicht nur Juli Zeh (Euer
Sündenbockspiel nervt, Der Spiegel, 21 / 23.5. 2005, 142) hat darauf
hingewiesen, dass man dafür in der letzten Konsequenz einen Teil der
Grundrechte abschaffen und die Europäische Union auflösen müsste –
und damit den Zusammenbruch unseres Wirtschaftsystems riskieren
würde.
Die andere Lösung verspricht uns durch eine Extension des
Freiheitsbegriffes einen ungeheuren Zuwachs an Mitspielern am
Steigerungsspiel. Zum einen sind das eben Idealtypen, in reiner Form
artikulieren sie sich nur an extremen Rändern. Zum anderen spielt der
Faktor Zeit in beiden Fällen eine destruktive Rolle. Nach welchen Regeln
auch immer das Spiel läuft, es ist irreversibel und schafft sich täglich
neue Bedingungen. (Zeh formuliert unser Dilemma so: „Man kann aber
nicht Speck haben und das Schwein behalten – nicht die Freiheit des
Kapitalismus genießen und gleichzeitig nach einer sicheren Kuschelwelt

42
verlangen.“ (143, liegt unter ro) Das haben wir ja alle schon an Hand der
Frage, dass wir chinesische Textilien tragen und japanische Autos fahren
oder ähnliches schon abgehandelt. Der laufende Streit, so die Zeh,
ginge nur um kosmetische Fragen. Aus der Befreiung von
gesellschaftlichen Zwängen hätte sich ein „breit angelegter
Individualismus (ergeben, A.P.) der (leider?) auch die ideellen
Grundlagen für Mitgefühl, Verzichtswillen und eine Philosophie des
Teilens schwinden lässt.“ Das Ideal der Mobilität werde „durch einen lust-
und leistungsorientierten Typus verkörpert, den man bis heute auf jeden
Werbeplakat bewundern kann. .... Mobilität und Moralität sind keine
Partner, sondern Kontrahenten. Das soll nicht heißen, dass ein Mensch
zugleich mobil und moralisch sein könne. Für jenen Typus, den wir so
lange Zeit hinweg alleine nach den Kriterien von Freiheitstauglichkeit und
Beweglichkeit bewertet haben, stellt es jedoch eine Überforderung dar.“
Wir sollten uns, so Zeh, – statt der Schuldzuweisungen – einmal fragen,
wie wir sein wollen: stark, schön und erfolgreich – oder edel, hilfreich
und gut. Das wäre eine neue Debatte, die aber extrem ergebnisoffen ist
und an der vor allem genau die von ihr beschriebenen leitbildhaften
Figuren wohl nicht teilnehmen werden – und dann ist es keine neue
Debatte, sondern nur ein weiterer Versuch, den momentanen Siegern
Zügel anzulegen. Es ist zudem eine eskapistische Konzeption, die darauf
abzielt, das etwas rückgängig gemacht wird – etwa der vielgescholtene,
manchmal übertriebene, aber real existierende Konsumismus.
Mir scheint der Vorschlag, zu prüfen welches Potential an
Umgangsweisen mit der Gesellschaft des weniger im Fundus unserer
Kultur liegt, angemessener.

Wenn Kulturkritiker von der Gesellschaft des „mehr“, der


Überflussgesellschaft und dem Steigerungsspiel sprechen, dann geht es
häufig um die Relation von „Konsum“ und „Sinn“. Es gebe kollektive
Sinndefizite, die wir durch ein ständiges „mehr“ zu kompensieren
suchen. Dahinter steckt eine Vorstellung von einer authentischen
Existenz in einer warenproduzierenden Gesellschaft, zu der ich wenig
Zugang habe. Mich interessiert mehr der Aspekt des kollektiven
Sicherheitsgefühls, des Zukunftsvertrauens, eines eigenen Moralgefühls,
der Ausblendung von Konflikten, der simulierte soziale Konsens.

Das Steigerungsspiel hat bei uns seit der Erfolgsgeschichte des


Wiederaufbaus jedem eine Art Garantie gegeben: wenn Du Dich
einigermaßen an die Regeln hältst, dann wird es Dir gut, vielleicht sogar

43
immer besser gehen. Du wirst einen Job haben, der Dir einigermaßen
entspricht, eine Krankenversicherung, eine Rente. Existentielle
Katastrophen wird man Dir abfedern und selbst in prinzipiell
unsteuerbaren Bereichen – etwa dem der Gesundheit – gibt es ständig
neue Erfindungen. Im Vergleich zu den vorigen Generationen wurden
viele soziale Rollen „upgegradet“ – ein Chauffeur trug auf einmal eine
schicke blaue Uniform und saß im Bereitschaftsraum einer Großbank;
heute ist das outgesourct. Das war eine Aufstiegsgesellschaft – alle
waren irgendwie sicher, dass sie in einigen Jahren mehr haben würden.
Die Kinder von Ärzten hatten das Erlebnis, dass sie mehr verdienten als
ihre Väter seinerzeit – eine Konstellation, die es heute angeblich nicht
mehr gibt. Aber damals wurde uns ein Ablauf vorgelebt, der irreversibel
wirkte und eine Bedrohung war nicht sichtbar, das war eine Art
Sozialvertrag. Jus-Studenten der sechziger Jahre pflegten zu witzeln,
dass ihnen im Falle mangelnder Begabung immer noch die Laufbahn
eines Richters offen stünde – heute hat dieser Beruf, über den ich nicht
schlecht sprechen möchte, Aufnahmestop. Das erlebte „mehr“ hat seine
Permanenz vorgegaukelt, das ist kein neues Phänomen – auch der
Kolonialismus des neunzehnten Jahrhunderts hat sich eine Permanenz
zugeschrieben. Dieses kollektive Erlebnis hat aber für die Gefahr
negativer Optionen blind gemacht – wer noch in den siebziger Jahren die
ökonomische Stabilität der verstaatlichten österreichischen Industrie
behauptete, war wahrscheinlich ein Reaktionär und auf jeden Fall ein
Außenseiter. Das mehr wurde zunächst – übrigens nicht zu Unrecht – als
Belohnung für die Leistung des Wiederaufbaus erlebt, doch allmählich
hat sich dieses Belohnungsgefühl vom Anlass gelöst und sich
verselbstständigt und hat Anspruchscharakter gewonnen – so ist es, so
wird es bleiben und daher steht mir alles zu. Das ist – auch – ein Verfall
der Mentalität der protestantischen Ethik, besonders interessant im
Kernland Deutschland. Schutzzölle, Kündigungsschutz,
Lohnvorrückungen, Arbeitslosenschutz, reglementierte Gewerbe haben
nur mehr eine sehr limitierte Wettbewerbsgesinnung zugelassen –
Solidarität und Wettbewerb begannen einander im Weg zu stehen.
Fukuyama definiert den protestantischen Weg als den des „Life of wealth
and risk“ und diese Ausschaltung des Risikos ist das zentrale bei
Gerechtigkeitsvorstellungen gewesen. Ich versuche das ja alles im
Kontext der protestantischen Ethik zu sehen. (Teil aus dem Geiz-Buch.)
Das war im Grunde eine „harte Ethik“. Der Teil, dass der der initiativ ist
und seinem Calling folgt, gesegnet ist, ist insofern geblieben, als er
„verdammt“ war, wenn er scheiterte. Der Bankrotteur war eine

44
verächtliche Figur – keine amerikanische „second chance“, er war eben
schon auf Erden gebrandmarkt. (Die amerikanische Haltung: der
Bankrott ist eine wertvolle Erfahrung.) Wer es nicht probiert hat, stand
unter Schutz. Das heißt auch, dass der dynamische Protestant als
gefährliche Figur erlebt wurde, oder auch als eine, die man vor sich
schützen musste, je nach Perspektive.
Der durch die Ressourcenknappheit unserem wirtschaftlichen Handeln
eingeschriebener Mechanismus (ausgeschaltet nur in der Wüste bei der
göttlichen Alimentation durch Manna), dass der Erfolg des Einen den
Misserfolg des Anderen nach sich ziehen kann, wurde im Namen der
Solidarität suspendiert – das ist ein nachvollziehbarer Gedanke, der aber
nur dort funktioniert, wo die Ressourcen das zulassen und wo vor allem
alle mitspielen. Also biblisch: Abel muss akzeptieren, dass sein Opfer
genauso viel wert ist, wie das des Kain – im Lichte der späteren
Ereignisse tut er auch gut daran. Ich wiederhole mich: Viele
gesellschaftlichen Bereiche – dazu gehört vor allem der öffentliche Dienst
– haben die Strategie des materiellen Anreizes, den es de iure sogar im
Sozialismus der DDR gab, aufgegeben. Wer Lust hatte, konnte auf
Leistung setzen, aber ohne Garantie auf Belohnung – für die Karriere
zielführender war die Mitgliedschaft in einer Gruppe zur wechselseitigen
Förderung. Das calling wurde entindividualsiert, auf Gruppen übertragen
– etwa auf die Industriearbeiter, es wurde verwaltet und abgefedert. Die
Relation von Leistung und Religion wurde aufgehoben. Ich habe vorhin
vom Widerspruch Freiheit und Sicherheit gesprochen – da muss jetzt
partiell etwas revidiert werden, weil es hier im Kontext der marxschen
Idee von der Aufhebung der Entfremdung einen neuen individualisierten
Freiheitsaspekt gibt, der extrem antiprotestantisch ist: die berühmte
Vorstellung in den Pariser Manuskripten, dass man vormittags fischen
könne ohne Fischer zu sein, nachmittags Kritiker etc. Das ist – neutral
formuliert – eine Vorstellung, in der Gott als wirtschaftliche
Regulationsinstanz „tot“ ist. Marx (und schon seine frühsozialistischen
Vorgänger) hat eine Schwachstelle der protestantischen Ethik entdeckt:
dass eben nicht jeder ein calling hat. Das calling des Georges W. Bush
scheint eine dürftige Angelegenheit gewesen zu sein, er wurde dennoch
„belohnt“, während gleichzeitig viele Tellerwäscher immer noch
Tellerwäscher sind. Die –protestantisch-hohen – Erbschaftssteuern der
USA können den Mechanismus der Sozialisation in der Elite nicht
ausgleichen, vgl. C.W. Mills und Ralph Milliband. Die Egalität vor Gott ist
scheinhaft, das haben die Sozialisten erkannt. Marx ist davon
ausgegangen, dass man die Anstrengungen der protestantischen

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Pioniergenerationen sozusagen beerben könne, vor allem die
zentralisierte Mechanisierung und dass das Individuum statt des Bezugs
auf Gott einen Selbstbezug herstellen könne, jene allseitige Entwicklung,
die dann – wenn das für Marx auch nicht Thema ist – auch wieder
gottgefällig ist. Der Kritiker der nicht Kritiker ist, steht damit als
antizipierende Figur unter gesellschaftlichem Schutz, es ist seine
Leistung, dass er uns einen (unprotestantischen) entfremdungsfreiren
Lebensstil vorlebt. Das knüpft an die wirtschftsfeindliche Seite des
Christentums (die Lilien auf dem Felde) an – das wahre Leben liegt
woanders.

Da ist ein offenes Konfliktfeld, doch die Gesellschaft des „mehr“ hat sich
die Möglichkeit geschaffen, sich um moralische Entscheidungen zu
drücken. Nicolai von Hartmann hat das Theorem von der Antinomie des
Wertvollzugs aufgestellt, jede Entscheidung macht zahlreiche andere
unmöglich. Im Bereich des Verteilens von gesellschaftlichen Ressourcen
heisst das nichts anderes, als dass man den Pudding nicht essen und
aufheben könne – auch wenn für beide Strategien gewichtige Gründe
sprechen. In der Gesellschaft des mehr hatte man einfach zwei
Puddings, ja vielleicht auch noch einen dritten, den man an einen
möglicherweise unwürdigen (im protestantischen Sinn) verschenken
konnte.

Sie kennen alle den in verschiedenen Versionen – auch hier schon -


zitierten Satz von Bruno Kreisky, dass ihn einige hundert Millionen
Schulden weniger drücken als einige tausend Arbeitslose. Wir haben ihn
als moralisches Statement behandelt, heute wird er in der Tagespolitik
als Zeichen wirtschaftlicher Indolenz zitiert und als etwas, dessen Folgen
wir heute tragen müssen – ein nicht geringer Teil unseres heutigen
Budgets ist von Schulden und Zinsen der Vergangenheit blockiert. Ich
weiß wenig über die wirtschaftspolitische Kompetenz des Exkanzlers,
aber sein Satz vollstreckt eine Konsequenz der Gesellschaft des „mehr“:
jener quälende Entscheidungszwang der Gesellschaft des weniger
existierte damals nicht. Die Schulden waren – noch – überschaubar und
eine Tilgung via Wachstum war eine realistische Perspektive, es gab
keine Rating-Agenturen, die mit einer Herabsetzung der Bonität und
damit einer Erhöhung der Zinsen drohten und es gab auch keinen EU-
Stabilitätspakt. Natürlich war die Frage, ob man möglicherweise in the
long run unrentable Betriebe mit Subventionen auf Kredit stützen sollte
schon damals im Gespräch. Aber das mehr verführte dazu, Folgen

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auszublenden und ermöglichte damit einen Konsens. Das heißt, die
Gesellschaft des mehr hat sich einfach fundamentale
Auseinandersetzungen über ihre Prioritäten erspart, die uns heute mit
doppelter Heftigkeit treffen. Auch diese – siehe oben – heikle Frage der
Gleichheit ist durch das „Mehr für alle“ scheinbar abgetan worden.
(Einschub:Ich möchte auf zwei Aspekte des „mehr“ verweisen, die bei
Schulze unterbelichtet sind: es gibt auch ein verkapptes „mehr“, das
höhere Effizienz und höhere Kapitalrendite fordert, das ist das mehr
global konkurrierender Anleger. Das ist aber auch das mehr jenes
berüchtigten Microsoft-Chefs Steve Baller, der sich rühmt, Leute
(jährlich 6,5 % der Belegscchaft von 61.000 Mitarbeitern) nicht
dann zu feuern, wenn sie „nicht funktionieren“, sondern dann, wenn
es einen Besseren gibt. Das war ein kollektiver Irrtum, das mehr
genussvoll in den Konsumbereich zu ziehen – es hat in anderen
Bereichen unangenehme strukturierende Konsequenzen.)

Diese Konflikte sind jetzt da.


Ich gehe wieder auf Beispiele aus der aktuellen Debatte. Die 82 Millionen
Deutschen werden von 26,5 Millionen sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigten ernährt – das Verhältnis ist neu. Es gibt 20 Millionen
Rentner, 5 Millionen Arbeitslose und 2 Mio. Begünstigte von Sozialgeld
und ALG II gegenüber, die von dem leben, was im produktiven Teil der
Gesellschaft erwirtschaftet wird. (Die Daten müssen via Eurostat
aktualisiert werden, sie sind aus 2005) Täglich wechseln so etwa 1000 –
manche sagen 2000 - Menschen von der produktiven auf die
unproduktive Seite der Gesellschaft. Diese Relation kann viele Diskurse
produzieren, uns interessiert sie im Kontext der Kulturkrise. In der
Gesellschaft des mehr haben solche anwachsende Zahlen nur eine
marginale Sozialschmarotzerdebatte provoziert; die gibt es heute nicht,
sie unterliegt einem kollektiven Überich. Es ist interessant, welche
Formen von wirtschaftlichen Misserfolg wie diskursfähig sind.
Formulierungen von den „matriarchal organisierten Sozialamtsdynastien“,
hört man heute nicht mehr. Aber es gibt die zwei Formeln von der
„Belastung des Faktors Arbeit“ und die, dass Arbeit sich wieder rechnen
muss, die in sich auch eine Abwehr dieser Relation tragen. In der
Gesellschaft des mehr hat Gerhard Schröder den gewerkschaftlichen
Vorschlag, das Rentenalter generell auf 60 Jahre zu senken, für eine
„interessante Idee“ gehalten; heute gibt es die noch zu besprechende
Idee der Altersarbeit und das mittlerweile vertagte Konzept der

47
deutschen Koalition, das Rentenalter – sehr langsam – auf 67 zu
erhöhen. Ein heute siebzig jähriger, so das Argument, sei genauso
leistungsfähig, wie ein 609-jähriger vor 25 Jahren. (Ein schönes Beispiel
für die Dialektik des medizinischen Fortschritts!) Hier tobt ein Kampf, den
die Gesellschaft des mehr nicht hatte – wer ist würdig, finanziert zu
werden – sichtbar wird das in der Bundesbetreuung der Asylanten. Da
artikulieren sich zwei sehr archaische Positionen.

Der letzte Faktor ist der, dass die Gesellschaft des mehr die Erlaubnis
verspürte, sich zu verschulden.
Der Stabilitätspakt, der ja nur auf dem Papier besteht und uns mehr
ideologisch interessiert, begrenzt die jährliche Neuverschuldung auf 3%
des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und die insgesamt auflaufenden
Schulden auf 60 % des BIP.
Also: umgelegt auf einen privaten Haushalt mit € 24.000 dürfen sie
14.400 Schulden haben und sich jährlich mit 720 neu verschulden.
Rechnen wir für die Altverschuldung allerdings 3% Zinsen, dann gehen
einmal 432 weg – und sie haben noch nicht getilgt. Das geht, lassen wir
alle uns unübersichtlichen Tricks zur Seite, teilweise von einer Tasche in
die andere.
„Spare beizeiten, dann hast Du in der Not“ – Keynes ist gar nicht soweit
entfernt von diesem Binsensatz: lege in der Konjunktur etwas beiseite,
entschulde Dich und verschulde dich in der Rezession so dass Du
rauskommst. Das hat eine protestantische Komponente, da spielen
„wealth and risk“ (das „risk“ der Schulden) eine Rolle. Sich kalkuliert
verschulden, hat auch den Charakter einer Frage an Gott: bin ich
„blessed“. Das Theorem ist schwer mit der Psychologie des
Steigerungsspiels kompatibel – es gaukelt vor, dass es immer so weiter
geht. Das heißt, das Steigerungsspiel setzt die Anfangserfolge der
protestantischen Ethik als permanent. Das Steigerungsspiel ist ja
mittlerweile abgelöst durch die Hoffnung auf den Aufschwung, schon am
Schröder-Wahlplakat bei der vorletzten Wahl: „Der Aufschwung kommt“.
Tatsächlich bewirkt der Umstand dass man jetzt Sparen soll ein
Unbehagen, es hat einen Strafcharakter wie ihn die (locker gesagt:
katholische) Grille in der Fabel des Äsop im Winter erleben wird.
Das mehr hat dieses Gefühl, sparen zu müssen, über das wir noch
sprechen werden, nicht gekannt. Auch hier steckt ein Konfliktpotential
dahinter, weil Schuldner und Gläubiger teilweise durch die
Generationengrenze getrennt sind. Die Posten für Rente, Arbeitslosigkeit
und Schulden machen im letzten Budget der BRD rund 158 Milliarden €

48
aus (fast 2/3 der Ausgaben des Bundes), die für Bildung und Forschung
und Entwicklung, angebliche Problemlöser, rund 10 Milliarden.

Das mehr ist so zu einer profanisierten Variante der


Fortschrittsperspektive der klassischen deutschen Philosophie geworden
– nicht eine Zunahme an Mündigkeit (die durch die Selbstverwirklichung
ersetzt wurde, ein interessantes Derivat) etc. sondern eben ein ständiges
mehr an Mitteln, ein Überfluss, der alles löst. Und auch ein mehr, in dem
wir alles lösen können – alle anstehenden Probleme, ein mehr, das uns
ein Gefühl von Stärke und Verantwortung gibt, übrigens aus
amerikanischer Sicht ein recht ambivalentes. Die amerikanische
Perspektive auf Europa (nicht die Riffkins, aber die Keegans) sieht so
aus: Wir schreiben uns die Fähigkeit zur Mitsprache auf der ganzen Welt
zu, und eben auch als reicher Kontinent die Verantwortung etwa für den
Hunger aller, wir wollen andere in diese Verantwortung einbinden, wir
sind lustvoll großzügig in unserer Definition von „Flüchtlinge“, weil wir an
die ermöglichende und die verpflichtende Kraft des „mehr“ glaubten. Das
war die materielle Basis einer moralischen Haltung; wir haben also ein
extremes Toleranz- und Großzügigkeitsideal entwickelt, das aus
amerikanischer Sicht schon lange nicht mehr von unseren Möglichkeiten
gedeckt ist und wir meinen auch im Inneren, das Probleme – etwa
solche der Kriminalität – aus einem „zuwenig“ resultieren und mit einem
„mehr“ lösbar wären. Noch einmal, ein großzügiges Moralgefühl ist mit
dem Selbstwertgefühl eng verbunden. Die Haltung des moralischen ist
auch die Haltung des „guten Mächtigen“ – es ist ein nicht geringer Teil
der europäischen Identität, der sich aus dem Steigerungsspiel ableitet:
wir sind die, welche helfen, wir nehmen Leute auf, die angeblich
hungern, unsere Sprache nicht verstehen und kaum Nutzen für unsere
Gemeinschaft darstellen – ganz im Gegensatz zu den USA mit ihrer
rigiden utilitaristischen Einwanderungspolitik. Kann man die These
formulieren, dass das amerikanische Steigerungsspiel anders läuft – und
zwar einerseits stärker, wegen der „gierigen“ Einwanderer, (ein
Soziotypus, der bei uns geringer verbreitet ist, das hängt aber auch an
den Möglichkeiten, die die amerikanische Gesellschaft Einwanderern
bietet und das hat auch eine proetstantische Komponente) andererseits
schwächer, weil die Simulation der Konfliktfreiheit durch die staatliche
Unterstützung wegfällt, weil der deregulierte Markt härter ist und das
„mehr“ doch im individuellen Erleben stärker an Leistung und Erfolg
gebunden ist. In jedem Fall scheint es einen grundsätzlichen Unterschied
in den Wirtschaftsmentalitäten zu geben, der wohl auch mit der

49
protestantischen Mentalität zusammenhängt: in den Staaten zieht man
im Fall einer Rezession Kapital und Arbeit aus unproduktiven
Wirtschaftszweigen ab. Dahinter steckt die latent protestantische Idee
dass sozusagen kein „Segen“ darauf ruht, aber auch die sachliche dass
damit Platz für Neugründungen geschaffen wird. In unseren Breiten
klammert man sich stärker an etwas bestehendes, ein großes
Industriewerk – wie etwa die weiland von Schröder kurzfristig = erfolglos
sanierte Philipp Holtzmann Ges.m.b.H. – hat wie weiland im Feudalismus
die Herrschaftspyramide sozusagen gottgegebenen Charakter und ist auf
Permanenz angelegt. Das heißt aber auch, dass es einen ein gebauten
Mentalitätsmechanismus gibt, der dem Steigerungsspiel die innere
Dynamik nimmt. Durch die deutschen Wirtschaftsmagazine ziehen nur so
die amerikanischen Ökonomen, die sich wundern, warum ein
intelligentes Volk wie das deutsche sich auf eine derart unrentable Sache
wie die Automobilproduktion, die es allerdings auch in den Staaten gibt,
versteift. Bei uns ist das mehr ja in vielen Fällen an eine verstaatlichte
Solidarität gebunden, der Erfolgsnachweis ist nicht zwingend. Das mehr
ist einfach die Legitimation der Ansprüche gewesen – die von den
Menschenrechtsorganisationen gestellten, auf den Flughäfen postierten
Rechtsberater haben sicher eine wichtige Funktion beim Schutz von
wehrlosen Menschen gegen behördliche Willkür; sie sind aber gleichzeitig
auch sozusagen die erste Schulung im hier herrschenden
Anspruchsdenken. Bevor der Neuankömmling erfährt, was man von ihm
erwartet, sagt man ihm, worauf er Anspruch hat. Das ist nur ein Beispiel,
das zeigt, dass ein mögliches Ende des Steigerungsspiels uns nicht nur
materiell belasten würde, sondern auch Auswirkungen in anderen
Bereichen haben würde. Die Gesellschaft des weniger muss sich
Auseinandersetzungen stellen, die sie bisher vermieden hat; sie wird
zwingend stärker wettbewerbsorientiert sein und die Frage, wie sich
Wettbewerb zu Solidarität verhält, ist immer noch offen.

Die Veränderung ist also zunächst spürbar im pekuniären Bereich, in


einer Reduktion an Geld, Gütern für den Einzelnen, politischer und
militärischer Macht für Staaten – und das geht hinüber in den
individuellen Bereich und ist eng mit ihm verzahnt. Das wichtige ist das
schon mehrfach angesprochene Differenzgefühl, das allmähliche Wissen,
es wird anders und – da wir nichts anderes gelernt haben – die
Umsetzung dieses Wissens in ein Bedrohungsgefühl, es wird schlechter.
Eine der großen Fragen ist die, wie lange Differenzgefühle anhalten. In
der Glücksforschung hat am das Gegenteil untersucht: das

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Differenzgefühl eines plötzlichen Lottogewinns schafft ohne Zweifel ein
zeitweiliges Glück – doch nach einem gar nicht so langen Zeitraum, etwa
1 1/2 Jahren – hat sich das Individuum wieder auf seinen bisherigen
Glückspegel eingependelt. Ob wir das mechanisch übertragen können, ist
strittig, weil es gleichzeitig extrem angsterregende Botschaften auf der
einen Seite gibt, die Ankündigungen, was 2050 sein wird, die plötzliche
Einsicht in Konstellationen, die wir durch Jahrzehnte ignoriert haben. Die
extreme katastrophistische Variante vom regionalen Ende des
Steigerungsspiels liegt in jenen Studien, die behaupten, dass das
Bruttosozialprodukt von Brasilien, China, Indien und Russland in 40
Jahren höher sein würde als das Bruttosozialprodukt der heutigen G 7,
also der Gruppe der sieben wichtigsten Industriestaaten.

Die Fakten sind ungewiss, aber sie werden von vielen negativ gedeutet,
von anderen abgewehrt, und zwar so erfolgreich, dass sogenannte
Reformen auf halbem Weg stehen bleiben – das kennen wir aus dem
Nationalitätenkonflikt der letzten Jahrhundertwende, diese Tendenz zur
Selbstlähmung durch halbe Kompromisse, die Frustration, Radikalismus
und Eskapismus (= Dekadenz) produziert. Es ist – das sollte für meine
Überlegungen das zentrale sein – einfach etwas, was in uns ist, in
unserem öffentlichen Bewusstsein. Da uns hier Mentalitäten und
kollektive Reaktionen interessieren, sei einmal gefragt, wie wir auf diese
Drohungen reagieren. Keine schnellen Definitionen, aber es ist ein
Mangel an Wettbewerbsgeist, nicht das Gefühl einer großen
Herausforderung. Wenn wir die anthropologische Annahme der
Distinktion in „guilt“ and „blame“ societies akzeptieren, dann sind wir auf
dem Weg uns von einer christlich geprägten guilt society in eine äußerst
weltliche blame-society zu verwandeln. (In einer „guilt“ society sucht
man die Schuld bei sich selbst, das hat in jedem Fall ein
wirtschaftsdynamisches Element. Als extremes Beispiel einer „blame“-
society gelten islamische – siehe den religionswissenschaftlichen Artikel.
Die Gebote – und da geht eine klare Unterscheidung zur
protestantischen Ethik – gehen dahin, dass zu Allah betet und gute
Werke verrichtet. Wenn es dann im Leben nicht funktioniert, dann muss
jemand schuld daran sein. Sayyid Qutb, der 1966 in Ägypten
hingerichtete Vordenker der Muslim-Brüderschaft hat einfach behauptet,
die arabisch / islamische Gesellschaft sei ein „Opfer“ des heidnischen
Westens und hätte daher ein Recht auf Notwehr.) Noch einmal: der
protestantische Gedanke, ich bin wirtschaftlich erfolgreich, also gut, ist
fragwürdig – das zeigen die heuchlerischen Typen in den Romamen von

51
Dickens. Wir agieren aber auch kritisierbar: wir sind tolerant, großzügig,
friedlich, also „gut“ – wenn das nicht honoriert wird, dann muss die Welt
schuld sein und das ist eine moralische Frage.
Es gibt, das wird uns noch breit beschäftigen, Schuldige an unserer gar
nicht so großen Misere. Noch einmal: ich verweltliche das, weil der
„blame“ Ansatz kann sich ja auch als Ergebnis eines Differenzerlebnisses
ergeben. Man macht es so, wie es vorgeschrieben ist, wie man es
gewohnt ist – und dennoch funktioniert es nicht, das lädt zum „blamen“
ein.

Man sollte das auch einmal grundsätzlich und in der individuellen


Position sehen. „Blame“ und „guilt“ sind ja nicht neutral. Theodor Lessing
hat in seinem Buch „Der jüdische Selbsthass“, lange vor Ausarbeitung
der anthropologischen Unterscheidung, gemeint, dass der Selbsthasser
die moralisch überlegene Position einnimmt. Auf die Erbsünde
rekurrierend sagt er sich, in aufgetretenen Schwierigkeiten, „ich bin
schuld“. (etwa die Aversion sich assimilierender Juden zu Lessings Zeit
gegen die Zeichen der Jüdischheit.) Das ist aber eben auf der Basis von
guilt formuliert, auf einer Basis, wo jeder für sich zuständig ist. Dort
meint man, die blamer würden es sich nicht nur bequem machen, die
Verantwortung für ihr Schicksal leugnen, sondern auch noch den Status
des Opfers beanspruchen. Und das gibt – im Zusammenstoß der
Kulturen – einen moralisch interessanten Cocktail. Die blamer
beanspruchen als Opfer die moralische Überlegenheit, und damit
stimulieren sie – wenn es Konflikte gibt – die guilt-Mentalität. Das ist
eine nicht untersuchte Folge der Distinktion in „blame“ und „guilt“: guilt
ist ohne Zweifel wirtschaftsdynamisch stärker , aber in der moralisch
fundierten Selbstbehauptung schwächer. In einer Mediengesellschaft
potenziert sich das: Millionen von Bildern suggerieren Schuld oder
zumindest Verantwortung. Guilt hat in der Globalisisierung eine
gefährliche Komponente, weil etwa „wir“ mit ständig neuen Anlässen
zum Schuldgefühl konfrontiert werden. Blame kann im Extremfall
unverschämt werden.

Wen „blamed“ der heutige öffentliche Diskurs? Angeboten wird uns ein
eng zusammenhängendes Konglomerat konkurrierender Diagnosen:
Krise der Weltwirtschaft oder Krise einzelner Regionen bzw. industrieller
Standorte, neue Konkurrenzverhältnisse, Krise der öffentlichen Kassen,
des etablierten Sozialstaates und damit ein Ende des
sozialdemokratischen Jahrhunderts, Triumph des Neo-Liberalismus, das

52
ja auch seine eigene Ratio hatte, eine sich wandelnde Demographie,
Kämpfe der Kulturen nicht zwischen, sondern innerhalb geographischer
Einheiten. In jedem Fall werden alle diese Bestimmungen unter dem
großen Etikett der Globalisierung abgehandelt.

Noch einmal: Der Begriff der Globalisierung imaginiert eine inhaltliche


Präzision, die er nicht hat – seine Verwendung ist standortgebunden und
tatsächlich beschreibt er Phänomene in einem unendlich verzahnten Feld
zwischen einem weitgedachten Begriff von Kultur, Ökonomie und Politik.

Es ist traditionell, dass in diesem verzahnten Feld die Kausalitäten strittig


sind, ebenso wie die Frage: was steuert was? Der Marxist Karl Kautsky
hatte die Reformation für den ideologischen Ausdruck tiefgreifender
Veränderungen im europäischen Wollmarkt gehalten; Max Weber ging
davon aus, dass die protestantische Ethik die Zweideutigkeit des
Christentums gegenüber dem Erwerbsleben beseitigt und damit den
Geist des Kapitalismus kreiert hätte; manche gehen davon aus, dass das
ruinöse Wettrüsten und eine endemische Misswirtschaft den etatistischen
Sozialismus zerstört hätten; Francis Fukuyama hingegen meint, dass sich
die sozialistischen Völker für den protestantischen Lebensstil von „wealth
and risk“ entschieden hätten. Wir haben den marxschen Satz, dass man
eine Epoche nicht nach dem beurteilen dürfe, als was sie selbst dünkt,
wir haben die Hegelsche Eule der Minerva, die erst in der Dämmerung
fliegt – aber wir sind uns über gewisse Kausalrelationen der
Vergangenheit immer noch unsicher.

Das zwingt uns zur Vorsicht in der Archivierung der Gegebenheiten und
noch mehr in der Diskussion der moralischen Dimension. Globalisierung
meint ja zunächst die ständig anwachsende internationale Verflechtung
von Handel und Produktion und die damit verbundene extreme Mobilität
von Kapital in jeder Form, Arbeitskräften und Dienstleistungen. Dieses
Phänomen hat eine lange Vorgeschichte, die auf der technischen Ebene
von der Möglichkeit, ferne Regionen mit wachsender Billigkeit,
Risikolosigkeit und Zuverlässigkeit zu erreichen und auf der
Mentalitätsebene mit der Einschätzung, dass das zum eigenen Nutzen
geschehen könnte, und mit dem Willen zur Expansion korrespondierte.
Die beiden letzten Punkte sind mir deswegen wichtig, weil beispielsweise
China (wann) seinen Bau von eindrucksvollen Großschiffen mit dem
Potential zur internationalen Durchsetzung einstellte, sich weiterhin mit
arroganter Selbstzufriedenheit als Mittelpunkt der Erde definierte, der

53
sich selbst genügte – etwa zeitgleich mit dem Beginn des von Europa
ausgehenden Zeitalters der Entdeckungen. Das heißt, es gibt hier
verschiedene Reaktionstypen und keine allgemeine anthropologische
Konstante.

Über das Wort „entdecken“ würde ich im Kontext der Vorgeschichte der
Globalisierung gerne länger sprechen. Es ist ein kraftvoll, aggressives
Wort, das gleichzeitig die Hoffnung enthält, dass sich die „Ent-deckung“
lohnt. Es ist kein dialogisches Wort, außer im intimen Kontext in der
Konstellation mit „einander“, es eignet ihm eine quasi obrigkeitliche
Stärke. Um den biblischen Imperativ, sich die Erde untertan zu machen,
zu befolgen, mussten die christlichen Völker sie zunächst „entdecken“.
Gesellschaftsformen, die auf „Entdeckungen“ aus sind, entscheiden sich
– auch wenn sie im Inneren stagnieren – dafür, ihre unterdrückte
Dynamik zu externalisieren; das ist ein Verfahren, das neue Dynamiken
auslöst. Das gilt auch für die Globalisierung, vorgreifend sei gesagt, dass
der Kolonialismus in den von ihm betroffenen Territorien nur eine
begrenzte eigene Dynamik zulässt, während die Globalisierung diese
Dynamik stimuliert. Der manchmal geäußerte Vergleich zwischen dem
Kolonialismus und der Globalisierung ist dort richtig, wo man das damit
verbundene Gefühl des „Abenteuers“ beschreibt: es ist ein Abenteuer,
seine Produktion nach Rumänien zu verlagern, es ist aber auch ein
Abenteuer für eine junge Frau, die Familie zu verlassen und in einer
Sonderproduktionszone anzuheuern. Unzutreffend ist der Vergleich in
einem anderen Gebiet: der Kolonialismus ging in eine Richtung, Gebiete
wurden penetriert, - geöffnet, wie etwa Korea oder Japan - häufig gegen
ihren Willen. In der Globalisierung ist diese Distinktion nicht haltbar, das
ist ein mutueller Prozess, was nichts über die Frage der Gerechtigkeit
sagt. Es ist nicht gesagt, dass wir nicht einmal mit der Existenz
chinesischer Wirtschaftszonen auf unserem Territorium konfrontiert sein
werden – das wäre ein echter clash der Moralen.

Was bringen Entdeckungen außer Ruhm, Ärger, Konkurrenz und


eventuell neue Territorien? In jedem Fall Güter. Gewürze, Gold, Pflanzen,
Nahrungsmittel, Rohstoffe, exotische Textilien, Pelze, Artefacte, die es
früher nicht gegeben hatte. Das war sicher für die Ökonomie ein
bedeutsamer Vorgang, uns interessiert die Mentalität der diese Güter
verbrauchenden Entdecker und Kolonisierer: Europa passte seine
Werthierarchie den neuen Anboten an und schuf sich einen Begriff von
Wohlstand, in dem die Güter aus den entdeckten – und später soweit

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möglich und rentabel kolonisierten - Ländern eine tragende Rolle
spielten, auch das ist eine wichtige mentalitätsmäßige Vorbedingung der
Globalisierung. Das heißt, dass der Kreislauf zwischen Produktion und
Verkauf innerhalb einer Region erweitert wurde durch einen aus heutiger
Sicht bescheidenen Handel. Ich würde den Beginn der
„Überflussgesellschaft“, wenn auch in einer zunächst sozial auf die Elite
limitierten Weise, in jener Zeit positionieren, wo es erstmals die
Möglichkeit gab, Güter, die man selbst nicht produziert hatte und die
man ehedem nicht benötigt hatte, zu besitzen und zu konsumieren.
Manche Güter – etwa die Kartoffel – wurden vollkommen integriert und
ihr „Importcharakter“ gilt heute bestenfalls als Kuriosum, die sind hier
nicht gemeint. Dennoch: Hinter dieser expansiven Geste der Aneignung
steckt auch etwas, was mir im weitesten Sinn einen
Entfremdungscharakter zu haben scheint, nicht die hegelianisch-
marxistische Entfremdung des Industriearbeiters von seinem Produkt,
sondern die Entfremdung zwischen Produktion und Konsumtion. Güter
des täglichen Gebrauchs – der Kaffee, der Tee – waren beziehungslos zu
den Territorien, an denen sie konsumiert wurden. Das ist so schleichend
geschehen, dass es keine zeitgenössischen Reflexionen gegeben hat,
aber die Durchsetzung muss eine fundamentale gesellschaftliche
Änderung gewesen sein. Dass uns alles gehören kann, ist Bestandteil der
Mentalität der Moderne – damit ist allerdings ein Prozess eingeleitet, der
die Insistenz auf das „Eigene“ anachronistisch macht. Dass unser
Hausgetränk, der Kaffee, über tausende Kilometer transportiert wurde,
hat sozusagen ein Tor geöffnet an dessen Ende die Schwarzwalduhr
„Made in Hongkong“ steht. Zuerst war die exotische Banane als
Minoritätsartikel, dann als Massengenussgut, dem Kritiker immer
entgegenhielten, dass man doch auch einen heimischen Apfel essen
könne. Heute gibt es sogar schon chinesische Äpfel oder Knoblauch. Das
heißt, wir haben irgendwann einmal „ja“ zur Globalisierung gesagt,
allerdings zu einer Einbahnstraßenartigen.

Dass die Menschen das damals nicht realisiert haben, hängt auch mit der
niedrigen zivilisatorischen Entwicklung zusammen: mit militärischer
Überlegenheit und wirtschaftlicher Macht wurde das „Fremde“ zum
eigenen gemacht. Die wirtschaftlichen Austauschverhältnisse, die
politischen Herrschaftsformen die dabei begründet wurden, hatten – aus
heutiger Sicht – sowohl gegenüber dem Christentum wie auch
gegenüber der Aufklärung ein moralisches Legitimationsdefizit. Eine
Unzahl von Hilfskonstruktionen unterstützte den Akt der Ausblendung:

55
das Bild vom edlen, aber naiv – lebensuntauglich - kindlichen Wilden,
vom tückischen, vom schmutzigen, vom promisken, vom Kranken, vom
irrationalen schuf eine Konstellation, an deren Ende Rudyard Kipplings
schöne Formulierung von der „white mans burden“ steht. Die seltsamen
Lebensformen, die häufig als antizivilisatorisch erlebte Haltung der
„Wilden“ machte sie in gewisser Weise zu Freiwild und stärkte – beiläufig
angemerkt – das Ego der Kolonisatoren, die aber gleichzeitig ein
eigenartig fragmentiertes, extrem widersprüchliches
Verantwortungsgefühl hatten. Dennoch regten sich immer wieder
kritische Stimmen, etwa der Protest von Las Casas vor Karl V. Der Beginn
der Globalisierung hatte ein Element von Unrecht – das ist keine auf die
heutige Globalisierung bezogene Aussage, sondern eine, die darauf
abzielt, zu erklären, warum ein gewisser Wandel einfach nicht registriert
wurde; vergangenes Unrecht lähmt oft die Nachgeborenen. Ein gutes
Beispiel ist die lange Abstinenz weißer amerikanischer Historiker vor der
Sklavenfrage.

Tatsächlich gibt es zwei Arten sich mit der Globalisierung auseinander


zusetzen, einen statischen (20.1., im Standard vorgestellt worden.
Liegt unter 8.) und einen dynamischen.

Der statische Begriff hat sich lange Zeit auf das Elend, das „wir“ in den
Niedriglohnländern „anrichten“ konzentriert. Er hat die Globalisierung vor
die Folie der Wirtschaftsethik gestellt und verworfen – ein gutes Beispiel
ist das Buch der Naomi Klein „No Logos“ mit seinen unzähligen
Beispielen von abschreckenden Arbeitsbedingungen insbesondere bei
den Zulieferern von Nike und anderen Marken. Globalisierung, das
war eine Strategie mächtiger westlicher Konzerne Extragewinne zu
lukrieren, was übrigens hier für eine gewisse Periode nicht bestritten
werden soll. Es ist bemerkenswert, dass sich hier der Wind zu drehen
beginnt: auf einmal lesen wir Berichte, die den Kübel neben der
Arbeiterin ignorieren und junge Chinesinnen mit Namen nennen und
beschreiben, die sich voll Glück um den Einlass in die
Sonderwirtschaftszone Shentzen drängen, wir lesen über ihre recht
expansiven Lebenspläne und wo früher das Leid der Frauen durch die
Globalisierung beklagt wurde, heißt es jetzt: die Globalisierung ist
weiblich. Dieser statische Begriff von Globalisierung war
interessanterweise in jenen Ländern besonders populär, deren
Regierungen auf die Globalisierung am verspätetsten reagiert haben. Ist
dieser Begriff und die Wehklage ein Zeichen besonders entwickelter

56
sozialer Sensibilität – oder steckt da nicht auch ein Element von
Herablassung , ein Ignorieren des Umstandes, dass eine junge Chinesin
durchaus clever sein kann und weiß, worauf sie sich beim Eintritt in
Shentzen einlässt.

Ein dynamischer Begriff von Globalisierung war lange Zeit sozusagen ein
Monopol der herzlosen Liberalen. Gestützt auf David Ricardos Gesetz
vom komparativen Kostenvorteil hat er uns eine harmonische Welt des
Freihandels entworfen von der selbst der greise Nobelpreisträger Paul
Samuelson in einer interessanten Revision meint, dass wir sie wohl heute
nicht erleben werden. Ricardo ist davon ausgegangen, dass es allen
nütze, wenn jedes Land das produziere, was es am besten und billigsten
könne, wer Ölfrüchte hat, soll Öl für alle produzieren, wer Wälder hat,
soll Holz billig liefern und am Ende geht es allen gut. Das klingt
überzeugend, ist aber an einen relativ niedrigen Standard von
Technologie und Mobilität im weitesten Sinne gebunden und hat unter
heutigen Bedingungen eine grausame Komponente. Ursprünglich galt
wohl, wenn ein Land billige industrielle Arbeiter für einfache Arbeiten zur
Verfügung stellen kann, dann kann es das zum Nutzen aller einbringen
und macht dann in den früheren industriellen Ländern Platz frei für
andere wertträchtiger Aktivitäten. Da sind einige Lücken in dieser
Annahme, die uns noch beschäftigen werden. Viele Länder können heute
Ölfrüchte herstellen und durch die Mechanisierung wird die industrielle
Produktion immer einfacher, was in beiden Fällen eine regionale
Verschiebung bedeutet. Vor allem hat die Globalisierung die Spielregeln
verändert, weil ehemalige Dritte-Welt-Staaten sich mit ihrem Status nicht
mehr abfinden. Sowohl die Globalisierung im dynamischen Sinne wie
auch die Vereinigung Europas bedeuten ein mehr an Wettbewerb.
Günther Verheugen hat in einem Interview zur Kritik an der
Dienstleisterrichtlinie gemeint: „Das gesamte deutsche
Wirtschaftswachstum basiert auf dem Prinzip, in einem offenen
Wettbewerb besser zu sein als andere.“ Aber 55 Millionen Tschechen,
Polen und Slowaken wollen dieses deutsche Wirtschaftswunder
wiederholen; mit Löhnen und Sozialleistungen, die weit unter den
Deutschen liegen. Verheugen polemisiert gegen das Lohndumping, das
es sicher gibt, ebenso wie es auch betrügerische Umgehungen von
Gesetzen zum Lasten des Staates und der Arbeitgeber gibt. Ansonsten
ist das Wort unpräzise, es ist eine Trostformel, die im Alltag – also etwa
Gleiwitz – Rüsselsheim – nicht greift. Man könne, meint er, den
Strukturwandel nicht aufhalten. „Diese Tatsache macht es umso

57
dringlicher, nach Rezepten zu suchen, diejenigen Jobs, die verloren
gehen, durch andere, neuere, bessere Jobs zu ersetzen.“ (Berechtigte
Sorgen. EU-Industriekommissar Günter Verheugen zur Kritik an der
„Dienstleistungsrichtlinie“, in Der Spiegel 10/2005, 7.3.05, 30) Da sind
wir in unserem Thema – das ist keine ökonomische Frage, sondern eine
der Wirtschaftsmentalität. Es gehört zur Wirtschaftsmentalität jene
ungeheure Selbstsicherheit, jenes Leugnen einer Bedrohung, die Gerhard
Schröder noch im April 2004 veranlasste zu sagen: „Alle Berichte über
mögliche Arbeitsplatzverluste sind deutlich übertrieben.“ Diese
Selbstzufriedenheit ist eine Verinnerlichung des Steigerungsspieles. Es ist
aber auch ein Zeichen dafür, dass die Globalisierung – und auch die Eu –
Projekte der politischen Elite sind. Die möglichen positiven oder
negativen Folgen sind gar nicht in der unmittelbaren Wahrnehmbarkeit.
In gewisser Weise wurden die Leute gekauft, der Ederer Tausender. Ich
glaube nicht, dass die Idee vom „allseitigen Gewinn“ am Beginn steht,
sondern stärker die Expansionslust, das Gefühl der Beschränkung,
dessen Abwehr die Argumentation: aber es gewinnen doch alle. Lange
Zeit hat sich das unter der Bedingung des sichtbaren Gewinns und des
unsichtbaren Verlusts abgespielt. In Wirklichkeit weiß man gar nicht, wer
gewinnt – auch die vielgeschmähten Konzerne nicht, sie stehen unter
Konkurrenzdruck, der Gewinn ist ungleichmäßig, ohne Garantie. Man
kann auch nicht fix sagen, welche Region gewinnt, die Frage ist zwischen
den Generationen und den Milieus extrem gespalten. Im
Differenzerlebnis gibt es die Tendenz, das negative zu akzentuieren, vor
allem in der BRD.

Ein dynamischer Globalisierungsbegriff sieht das als


Industrialisierung unter internationalisierten Bedingungen an. Die
Industrialisierung, das muss man sehr deutlich festhalten, ist historisch
gesehen von wenigen Ausnahmen abgesehen immer schmerzhaft
gewesen, war sie erfolgreich, ging es der Population besser,
ausnahmslos. Man muss zwischen autonomen
Industrialisierungsprozessen und fremdgesteuerten
unterscheiden. Der englische, über den uns Engels in seiner
„Lage der arbeitenden Klasse in England“ und Marx im 8.
Kapitel des ersten Bandes des Kapitals informiert hat, war
genauso brutal, wie der in den rechtsfreien Produktionszonen,
über die Naomi Klein klagt – inklusive des besonderen Leids der Frauen.
Auch der autonome russische Industrialisierungsprozess war

58
von einer hohen Brutalität – man braucht den ausländischen
Ausbeuter nicht.

Aber: die Ausbeuter schaffen eine Struktur, schaffen eine sich


allmählich qualifizierende Arbeiterklasse, die wieder ihre Kinder
ausbilden lässt und schafft auch eine – wenn auch anfänglich
geringe – Finanzkraft und damit die Voraussetzungen für eine
heimische Bourgeoisie. Ausländische Investoren schalten sich ein,
Clusters entstehen, die neuindustrialisierten Länder die mischen dann
am Weltmarkt mit. Da öffnet sich eine neue Option: die früheren
regionalen Nutznießer der Globalisierung können Einbußen erleiden und
sind zu einer schmerzhaften Neuorientierung verpflichtet. Und dann: die
wirklichen Verlierer der Globalisierung sind jene Regionen, von denen
keiner etwas will – Teile Afrikas. Das sind Regionen, die belastende und
unkontrollierbare Naturverhältnisse haben, in denen die
Wirtschaftsmentalität mit Kapitalismus und Industriealismus nicht
kompatibel sind und wo – parallel dazu – ein tribales Patronagesystem
berechenbare Rationalität verunmöglicht.(Dazu interessant John Gray,
Ex- Neoliberal von der London School of Economics, „Globalization and
its Enemies“, meint die Armen der Welt würden nicht so sehr
ausgebeutet als vernachlässigt und vergessen. Am Agrarmarkt würden
Drittweltstaaten zwar weiter behindert, in summa sei der Welthandel gar
nicht so unfair, das Problem sei, dass viele Länder einfach wenig zu
bieten hätten.)

Das war keine Geschichte der Globalisierung und schon gar keine
Definition. (Der Begründer der fraktalen Geometrie, Benoît Mandelbrot,
hat in einem Interview die Bitte um eine Definition von Risiko so
beantwortet: „Lassen Sie mich mit Definitionen in Ruhe. Die bringen
niemand weiter. Es gibt vorsehbare und unvorhersehbare Rissiken.
Wichtig ist es, das Konzept zu verstehen.“ (Wir wissen wenig über die
Märkte, in: Die Zeit, 24.5.2006, 36) Worauf ich hinaus will, ist, dass die
Globalisierung relativ spät begrifflich gefasst wurde, dass aber ihr
ursprüngliches die Vollstreckung einer europäischen Utopie war.
Zirkulationen von Gütern und Arbeitskräften, freie Kapitalströme, ein
cosmopolitisches System, Flexibilität – das gehörte einstmals zu den
Träumen unserer Ahnen, gegen die Kleinstaatlerei, gegen die
zünftlerischen Beschränkungen, gegen die Innovationsfeindlichkeit. Das
was wir heute Globalisierung nennen, vollstreckt vieles, von dem die
Aufklärung und die bürgerliche Revolution geträumt haben. Man sollte

59
auch nicht vergessen, dass vieles, was wir so pauschal unter dem Titel
der Globalisierung abhandeln, mit dem Vereinten Europa
zusammenhängt und eine Vollstreckung der vier Freiheiten aus den
römischen Gründungsverträgen aus 1957 ist: Freiheit für Waren, Kapital,
Personen und Dienstleister. Da waren wir offensichtlich schlecht
informiert und haben die Konsequenzen - eine Multiplikation der
Konkurrenz in vielen Bereichen – ignoriert. Oder besser: wir haben sie
solange genossen, solange sie nicht „uns“ betroffen hat: der polnische
Pfuscher, die slowakische Putzfrau oder Altenpflegerin – das haben „wir“,
und damit meine ich das dubiose Konstrukt von der gesellschaftlichen
„Mitte“, durchaus akzeptiert. In middle-class-Gesprächen über die
„Delokalisierung“ gehört es zum guten Ton, Unternehmer anzuklagen. Es
ist allerdings bemerkenswert, wenn man sich rückerinnert, wie jene
kluge, grüne, berufstätige Frau einem schon vor einem Jahrzehnt
erklärte, dass eine österreichische Putzfrau teuer, mürrisch und
schlampig sei, während „ihre“ unangemeldete stundenweise bezahlte
Polin eine wahre Perle sei, die im (unbezahlten) Krankheitsfall eine
kompetente Cousine sende. Dieser Diskurs über die Qualität und das
Preis-Leistungsverhältnis heimischer und ausländischer Arbeitskräfte und
über Motivation und Dankbarkeit der beschäftigten war von einer
direkten Härte, die sich heute kein Unternehmer gestatten würde. Da
taten sich Paare zusammen, um billige Substandardwohnungen für ihre
„Perlen“ als Lohnbestandteil zu mieten, keiner hatte ein schlechtes
Gewissen, im Gegenteil – alle fühlten sich als gute Menschen, die ihren
sparsamen Danutas die Gelegenheit boten, nach einigen Jahren Fron in
ihrer Heimat ein Dolmetschstudium zu beginnen. Da gab es keinen
Kündigungsschutz, kein Krankengeld und keinen Mindestlohn – man
fragte diskret die Freundin, wie viel sie „ihrer“ zahle – das war der
Marktwert und der wurde gezahlt. Selbst deklarierte „Linke“ fand man in
dieser Gruppe, selbstironisch nannten sie sich „Ausbeuter“, aber sie
hatten für ihr Überich schon in den siebziger Jahren einen bequemen
Ausweg gefunden: die Kinderfrau, von der Ausbildung promovierte
Archäologin, war ein chilenischer Flüchtling, eine Genossin, mit der man
per Du war und politisierte. Das klingt lustig, aber welche Legitimation
zur Klage über illegale Bautrupps hat einer, der sich stolz rühmte seine
Altbauwohnung „selbst“ mit polnischen Pfuschern renoviert zu haben?
Liegt hier nicht eine kollektive Heuchelei vor? Im politisch korrekten
Fernsehkrimi gibt es sie noch, die heimische Haushälterin, eine diskrete,
gut gekleidete und ebenso frisierte ältere Dame, der das Drehbuch die
Aufgabe gibt, die Leiche des von der Gattin ins Jenseits beförderten

60
Unternehmers zu finden, erschüttert zu sein und dann mitzuhelfen, das
innerfamiliäre Geheimnis zu klären. Aber was machen diese Frauen und
die geringer qualifizierten heimischen Putzfrauen, mit denen ich
aufgewachsen bin, in der Realität heute? Sind sie im verdienten
Ruhestand – wo ist dann der Nachwuchs? Oder hat nicht einfach die
Mittelklasse einen auf Grund geringer Qualifikation leicht ersetzbaren
heimischen Berufsstand einfach liquidiert – und jammert jetzt, weil
dieses Spiel keineswegs auf Putzfrauen, Spargelstecher und Anstreicher
beschränkt ist?
Ein anderer Punkt, wo mir die Moral fragwürdig zu sein scheint, ist der,
dass wir wenig reagiert haben auf den Verlust 100.000er Arbeitsplätze im
ehemaligen Osten nach 1989. Da hat es keine Regeln zum Schutz
gegeben, kein europäisches Sozialmodell – davon wird erst gesprochen,
seit es „uns“ schlechter geht. Das führt zu einem der Themen dieser
Vorlesung: der Unsicherheit, eine Moral unter globalisierten Bedingungen
zu denken, und dem Versuch, Moral als Instrument des Eigeninteresses
zu instrumentalisieren.

Wir haben uns auch in der Illusion gewiegt, es gebe ein „europäisches
Sozialmodell“. Die gab es schon vor 89 nicht, seither ist der
wachstumsstarke Kapitalismus Osteuropas dazugekommen, ein
potentielles Modell eines „post-welfare capitalism“. Es gibt offensichtlich
einen Mechanismus in unserem seelischen Apparat, der allen
Erfahrungen zum Trotz uns immer wieder verleugnen lässt, dass
Wunscherfüllungen mit Kosten verbunden sind, dass also etwa Freiheiten
Bindungen zerstören, die Schutz bedeutet haben. In Freuds
„Traumdeutung“ stellt ja die Wunscherfüllung den zentraler Inhalt des
Traumes dar – aber viele der von ihm beschriebenen Träume sind brutal
und schmerzlich. Das König Midas-Beispiel. Wir haben in unserer Kultur
eine manchmal fast unverfroren, vielleicht auch kindliche Art, die Kosten
einer Wunscherfüllung zu leugnen. Da gibt es einen Konformismus, der
manchmal die gleiche Person auf eine Entwicklung unter öffentlichem
Beifall verschieden reagieren lässt. Ein schon zitiertes Beispiel: wenn ein
45-jähriger schwuler Psychiater beschließt, dass ihn sein Beruf nicht freut
und er binnen der nächsten zwei Jahre mit seinem Lebensgefährten
einen Antiquitätenladen eröffnen wird, dann kann sich unter denen, die
diese Neudefinition einer Existenz loben, durchaus einer finden, der sich
dann über die Kultur der Flexibilität des Kapitalismus – und den damit
verbundenen Zwang - mokiert. Institutionalisierte Freiheiten schaffen
neue Zwänge. Das heißt, wir genießen in vielen Fällen die Folgen von

61
Prinzipien, die wir kritisieren – es mangelt unserer Haltung sehr häufig
an Konsequenz. Ich weiß nicht, ob unter den zahlreichen
Globalisierungsgegnern hier einer sitzt, der wirklich den ersten Stein
werfen darf. Der Fair-trade-Kaffee ist ein schöner narzisstischer
Schutzschild, aber hat man nicht still und leise sich doch für das Handy
entschieden, dass den billigsten Tarif hat? Und selbst wenn man das
nicht getan hat und brav bei A1 geblieben ist, dann hat man sich – wenn
man Globalisierung mit „Schuld“ verbindet – insofern unwillentlich
schuldig gemacht, weil der Kostenkampf auch A1 zu Einsparungen im
Personalbereich zwingt.
Es gibt also eine inkonsequente Rezeption - Das ist eben auch bei der
Globalisierung geschehen, der Begriff ist uns negativ geworden, als er
unser Selbstwertgefühl beschädigte und jetzt weil sich herausstellt, dass
bei der internationalen Konkurrenz um Arbeitsplätze wir Einbußen
erleiden können. Der öffentliche Diskurs ist bestimmt von der Tendenz,
die Folgen für unsere Region abzufedern. Die Forderung, lass Deine
Arbeitsplätze in Deutschland oder Österreich, mach die Grenzen dicht.
Doch dazu später.
Einschub: eine interessante Distinktion gibt der Kolumnist der „New
YORK Times“ Thomas Friedman in seinem Buch „The World is flat. A
Brief History of the Globalized World in the 21st Century“, Allen Lane,
New York 2005. Er ist ein selbsternannter Optimist, das interessiert uns
ebenso wenig wie die Kritik an ihm. Er unterscheidet drei Stufen der
Globalsierung: die der Nationalstaaten von 1492 – 1800; Globalisierung
der Konzerne 1800 – 2000; laufend die Globalsierung des Individuums.
Das internationale ökonomische System sei „flach“ geworden, alle
Menschen können potentiell an der Globalsierung teilnehmen – Inder
und Chinesen können mit Amerikanern konkurrieren. Das basiert auf 10
Konstellationen:
1.) 1989: Mauerfall und Windows. Windows 3.0 mit seinen
ungeheuren Möglichkeiten für eine Masse individueller User
kaumt einige Monate nach dem Mauerfall heraus
2.) 1995: Netscape geht an die Börse und ermöglicht mit dem
Kapital die Internationalsierung des Internet
3.) 1995 – 2000: Workflow –Revolution, man kann praktisch alle
Software-Systeme miteinander verknüpfen.
4.) Daraus resultiert die Möglichkeit zum Outsourcing, vornehmlich
in der globalen Zusammenarbeit der Dienstleister
5.) Offshoring: Ganze Firmen wandern aus traditionellen
Induistriestaaten in andere Länder

62
6.) Uploading: Individuen können geistige Produkte weltweit
verbreiten, auch in Form von Open Source Software
7.) Supply Chain Management: Musterbeispiel Wal-Mart mit einer
neuen Effizienz in Handel und Vertrieb
8.) Insourcing: Logistiker übernehmen ganze Bereiche von
Produzenten, etwa UPS übernimmt Laptop-Reparatur
9.) Informing: Google und mittlerweile zahllose andere
Suchmaschinen
10.) Steroide: Verstärkung durch Internettelefonie, File Sharing und
drahtlose Telefonie.

63
23.4.
Das folgende in der Vorlesung kurz und mit aktuellerem Beispiel:

Wie sehen die Gewinner aus? (Christine Möllhoff, Wir sind die
Gewinner, in: Die Zeit 23.10.2003, 23.)
Zunächst: alle diese Darstellungen – vor allem was China betrifft –
beschränken sich auf gewisse Regionen; das soziale und ökologische
Problem der Gewinner wird ignoriert
Das grandioseste mir bekannte Beispiel ist der Haier-Konzern in
China.
Zang Ruihmin ist mittlerweile nach Stückzahlen der größte
Kühlschrankhersteller der Welt, bei Waschmaschinen ist er
Nummer drei. Umsatz 8,7 Milliarden Dollar, Profit 208 Millionen
2002 heute der fünftgrößte Haushaltsgerätehersteller.
Angefangen als billiger Verarbeiter, jetzt eigene Marke.
Konzessionär von Liebherr. Die eigenen Produkte sind einstweilen
noch spartanisch, orientiert weniger auf uns, sondern auf den
mittleren Osten, auf die neuen Märkte. Das heißt in einem
dynamischen Begriff der Globalisierung: die neuen Märkte
werden einander versorgen, sie werden die Produkte der alten
Produzenten verschmähen – solches scheint VW in China gerade
zuzustoßen – und sie werden beginnen, in Europa zu produzieren. Die
„Shangai Automotive Industry Corporation“ (SAIC) war als Käufer für
Rover im Gespräch und ist es jetzt für FIAT. Siemens, etc.

Die Möglichkeit einer „chinesischen Sonderwirtschaftszone in


Brandenburg könnte man anspielen. Wie werden chinesische Manager
auf unser Sozialsystem reagieren? Kann man sagen, dass ein zentraler
Faktor der mentalen Globalisierung eine solche der Bedeutung des
Begriffes Effizienz ist?

Der Gedanke, dass die neuen Märkte sich selbst versorgen können, ist
obsolet, seit IBM die PC- und Note-Book-Sparte an ein chinesisches
Unternehmen verkauft hat. Und Siemens die Handy-Sparte an den BenQ
Konzern, der verspricht er würde die Handy-Sparte bis 2006 von
München aus führen. Der Chef von BenQ macht allerdings schon
kritische Bemerkungen über die europäische Mentalität und benennt sie
als Ursache für den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit: „Immer wenn es
bei einer Technik auf sehr personalisierte Anwendung ankommt – wenn

64
also Nähe zum Verbraucher gefragt ist - , können die Europäer diesem
Wandel nicht folgen. Das liegt daran, dass ihre Gesellschaft stabiler ist
und auf hohe Qualität Wert legt. Die Menschen achten mehr auf
Lebensqualität als auf industriellen Wettbewerb. Deshalb wählen sie den
status quo. Wir Asiaten waren lange daran gewöhnt, nichts zu besitzen.
Deshalb sind wir bereit, uns ständig an neue Gegebenheiten
anzupassen.“ (Jede Gesellschaft hat ihren eigenen Stil. IN: Der Spiegel,
24, 13.6.2005, 74) . Da bilden sich neue Global-Player, die über kurz
oder lang alles werden machen können, die die bescheidene Rolle als
verlängerte Werkbank nicht akzeptieren, die nach High Tech schielen und
zu ihren Bedingungen mitspielen werden.

Ein anderer Gewinner ist Indien –neben den zahllosen Call-Centern und
der Auslagerung von Kontoführungen durch Banken ist mein
Lieblingsbeispiel die Erledigung amerikanischer Steuerbescheide in
Indien – von 25.000 2003 über 100.000 2004 sollen es heuer 400.000
sein. Die Auslagerung des typischen Mittelstandsberufes des
Steuerberaters – ich denke, das ist ein kollektives Differenzerlebnis
besonderer Art, auf einmal erweist sich ein Beruf mit einer gewissen
Aura als etwas, was ganz leicht ersetzt werden kann. Der indische
Steuerberater ist genauso um bis zu 75 % billiger, wie der Installateuer.

Und dann die neuen Länder im europäischen Osten, abgehärtet durch


ein schwieriges Schicksal, nicht verwöhnt, von Null startend. Die
Gewinner sind dort die gut ausgebildeten, flexiblen, leistungsbereiten
Jungen – die Verlierer sind die Alten, die Bauern, die unausgebildeten
und die ethnischen Randgruppen.
Die slowenische Skimanufaktur „Elan“ belegt weltweit in der Branche den
achten Platz. Gorenje erlebt einen zweiten Frühling – das heißt: die Zeit
des Outsourcing ist limitiert, warum sollen sich diese
wirtschaftsdynamischen Länder auf die Verfertigung verlegen, warum
machen sie das nicht selbst? Vor allem: diese Länder wollen keineswegs
nur „billig“, sie streben nach Hightech, sie streben nach dem Weltmarkt
und nach der Präsenz „hier“. Die chinesischen Imitationen bzw.
Copyright-Diebstähle.
Das hat möglicherweise eine fundamentale Veränderung in unserer
Mentalität, mit sich gebracht. Ich weiß nicht, ob das nicht in den Teil
gehört, wo die Gegensätze zum Kolonialismus behandelt werden.
Es geht um etwas eng zusammenhängendes, um den Subjektstatus und
die kulturelle Hegemonie. Die hatten gewisse Länder im Kolonialismus,

65
sie definierten, sie bemühten sich, den Kreis der Subjekte zu erweitern –
etwa durch Missionierung, durch Alphabetisierung, durch Übernahme in
ihre Heere, durch Implantation ihrer Verfassung, ihrer Machthaber. Bei
manchen Kolonialmächten musste man getauft sein, bei anderen (das
schöne Beispiel bei Rushdie mit dem Haus) den Life-style übernehmen.
Aber wir definierten, seit den Türkenkriegen, seit Dschingis Khan, seit
der Reformation. Wir haben auch entschieden, was in der Fremde
wichtig ist – siehe die Plünderungen Indochinas durch Malraux.
Ich gehe aufs weitere: dann gab es immer die Mode des edlen Wilden,
im Grunde – wenn wir bei China sind – war auch der europäische
Maoismus so etwas: eine intellektuellenfeindliche Bewegung, geleitet von
einem Volksschullehrer, dessen Plattitüden als Philosophie gehandelt
wurden. Oder die zahlreichen teilweise getürkten Häuptlinge, die den
Einklang mit der Natur predigten. Das waren Subjekte nach unserem
Geschmack, Projektionsflächen unseres Antikapitalismus, wir waren die –
sich deswegen hassenden – kapitalistischen Subjekte, die Käufer und
Produzenten, die Herren der Maschinen, die Herren der Bewegung der
Güter, die Institutionen, die bestimmten, wo der Wert liegt. Wir waren in
allen Bereichen die den Wert konstatierende Instanz. Wir hatten die
große, lichte Apparatmedizin, wir hatten und haben aber auch eine
kleine Minderheit, die der chinesischen Medizin den Wert zuschrieb. Wir
hatten die harten Pragmatiker, die die gesamte Geschichte für uns
monopolisierte und von den geschichtslosen Nationen sprach (von Hegel
bis Engels) (der Neger ist nicht reif für die Demokratie, Originalton
meiner Kindheit) und wir hatten die Romantiker. Dass wir selbst auch
oder zunächst Geschöpfe des Marktes sind, das haben wir als sekundär
betrachtet – wir waren Christen oder Erben der europäischen Kultur,
vielleicht sogar jenes „Gipfels der Weltkultur“, als den das
Bildungsbürgertum die Goethe-Zeit ansah. (In meinem Korea-Buch habe
ich schöne Beispiele für die Verachtung und die Glorifizierung drinnen.)
Wir hatten zwei Definitionen, die noble, religiöse oder sonst wie
kulturelle, und das kleine schmutzige Geheimnis, dass wir eben
kapitalistischen Subjektstatus haben. Und jetzt mehren sich die Zeichen,
dass es Völker gibt, die sich diesen Status auch unter den Nagel gerissen
haben – ohne sich groß um unsere Identität als Nummer eins zu
kümmern. Sie sind jetzt auch kapitalistische Subjekte, mehr oder minder
erfolgreich. Sie haben nicht das genommen, was wir ihnen geben wollten
– eine schonende Art des Umganges mit Regenwäldern etwa, globale
Verantwortung. Sie holzen ihre Wälder genauso ab, wie das unsere
Vorfahren getan haben um Holz für Schiffe zu bekommen. Sie sind nicht

66
mehr Geschöpfe von unseren Gnaden, der letzte Versuch so etwas zu
tun – in der ehemaligen DDR – scheitert immer noch. Sie haben uns
studiert, aber nicht unsere Religion, sondern sie haben den Subjektstatus
über den Markt bekommen. Ich glaube, das ist die erste der drei
Kränkungen, die uns die Globalisierung zugefügt hat.
Interessant ist, dass wir aus diesem Korsett nicht herauskommen: wir
definieren uns immer noch als hegemonial und gleichzeitig als globale
Verantwortung tragend. Jahrhunderte der Homophobie liegen hinter uns,
noch in den siebziger Jahren (Zaretsky) galt Homosexualität als
Krankheit, in Österreich wurde die Strafbarkeit 1971 aufgehoben. Das ist
richtig, die Gleichberechtigung von HS gehört zur Moderne etc. Aber weil
wir es hier nach langer zeit begriffen haben – rechtfertigt das tatsächlich
die Energie, mit der wir die „neue Linie zwischen Ost und West“, so der
britische Guardian, attackieren? Auch wenn es richtig ist –ist dieser
anklagende Ton gegen Homosexuellenunterdrückung im Postsozialismus
nicht etwas hegemoniales? Und ist die Kehrseite nicht die, dass der
Westen sich für alles verantwortlich fühlt – die Welt erwarte, so der
australische Premierminister John Howard, „dass wir in dieser Region
den Großteil der Last auf unsere Schultern nehmen“, also in einer Region
mit Klimakatastrophen, Bürgerkriegen und Bad Governance. (Sh. Spiegel
23, 3.6.06, 105) Es mag richtig sein, auch weil Länder mit bad
governance Regionen destabilisiren können und ihre Probleme
exportieren. Gleichzeitig hat es eine Element von Hybris, sich für
Ereignisse etwa im Sudan verantwortlich zu fühlen. Diese Dualität, die
moralisch fundierte Intervention in sensiblen Feldern und das
uneinlösbare Verantwortungsgefühl.

Die zweite Kränkung liegt darin, dass dieses geheimnisvolle Know-How


auf das wir so stolz waren, für die Pioniere schwer eroberbar ware, aber
heute in Wirklichkeit offensichtlich leicht handhabbar ist. Ein kleiner
Gauner stiehlt ein paar Pläne, kehr heim, wird zuhause Wissenschafter
des Jahrhunderts, findet einige größere Gauner, die ihm Material liefern,
einige Schurkenstaaten, und auf einmal bekommt man dieses riesige
Geheimnis unserer Wunderwaffe in obskuren Kneipen, so man nur die
richtigen Leute kennt. Aus Unterschätzung und aus Gier haben wir da
mitgespielt. Unsere Geheimnisse sind imitabel, die Fähigkeiten, die wir
uns zugeschrieben haben, sind gar nicht so groß. Vielleicht hat die
hämische Anekdote gestimmt, dass der erste chinesische LKW aus
Versehen nur einen Rückwärtsgang hatte, aber seither sind einige
Jahrzehnte vergangen und heutige chinesische Produkte sind nicht mehr

67
geeignet, unser Selbstwertgefühl zu stimulieren –sie sind
ununterscheidbar von dem wenigen, was noch im Westen produziert
wurde.

Und dann die dritte, dass diese gleichwertigen kapitalistischen Subjekte


immer besser werden und dass sie uns kontra-penetrieren, mit Waren
und mit Investitionen und Betriebsansiedlungen. Wir sind auf einmal
reaktiv, wir müssen Leute, die wir als passive Verfügungsmasse
angesehen haben, als aktive Konkurrenten ernst nehmen. Und da kommt
jetzt die offizielle Identität rein, die sind keine Christen oder Liberale und
ihre Vorstellung vom Ausgleich sind ebenso verschieden, wie die von
Eigentum und Solidarität. Es ist also nicht unsere Moral, sondern da gibt
es tatsächlich eine Pluralität von Moralen, und zwar nicht mit einem
marginalsierten Stamm von Menschenfressern, sondern mit einer der
größten Wirtschaftsmächte der Welt. Es ist schwer zu begreifen, dass
man nicht mehr alleine die Regeln setzt.

Irgendwie gehört da auch der sensationelle Erfolg etwa der chinesischen


Avantgarde dazu. Welch merkwürdige Bilder haben da auf einmal einen
guten Platz in der westlichen Ökonomie der Aufmerksamkeit. Die
dortigen (Neu-) Reichen haben einen eigenen Kunstmarkt aufgebaut, die
kaufen nicht das, was auf der Liste der 100 teuersten Maler steht, keinen
Lüppertz, keinen Baselitz, auch keinen Rainer. Sie entscheiden selbst, wo
sie uns imitieren und dort gnadenlos. Die „gelben Affen“, die nur zur
Imitation imstande sind, haben tatsächlich sehr differenzierte
Mechanismen der Anerkennung. Sie sehen uns realistischer, oder mit
einem eigenem Realismus, unser Regelsystem ist ihnen fremd, deswegen
sehen sie seine Schwächen recht genau. Sie haben ein anderes
Selbstverständnis, aber sie bewegen sich genauso wie wir am Markt,
einem zwar keineswegs kulturfremden System, dass aber dennoch
netzartig über sehr verschiedenen kollektiven Intentionen liegt. Sie
haben einmal schlechte Erfahrungen mit uns gemacht, wir haben ihnen
Karikaturen des Marktes aufgezwungen, Glasperlen gegen Rohstoffe,
Opium zum Ruhigstellen, sie wissen, dass man mit uns besser aus einer
Position der Stärke verhandelt. Sie halten uns für Heuchler. Unsere
Definition von Gemeinschaft überzeugt sie nicht, sie glauben nicht an
unsere Identität 1, nur an unsere kapitalistische.

Worin liegt das Erfolgsgeheimnis dieser Gewinner der Globalisierung?


Sind es die extrem niederen Gehälter, die ungeheure

68
Einsatzbereitschaft, eine Bereitschaft zur rücksichtslosen Zerstörung
des Bestehenden, die uns manchmal entsetzt, und ein hoher
Bildungswillen. Francis Fukuyama weist in seinem Buch „“Trust. The
social virtues and the creation of prosperity“, der deutsche Titel ist
schlechter: „Konfuzius und Marktwirtschaft“ auf die Rolle sehr
eigenwilliger Wirtschaftsmentalitäten – eine Art genau geregelten
networkings – hin. Hier gibt es sehr unterschiedliche „spirituelle Prämien“
im Sinne Webers für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln und eine zu
unserer sehr unterschiedliche Vorstellung von Familie, von Bündnissen
und kollektive Verpflichtungssysteme, aber kaum Solidarität im christlich-
sozialdemokratischen Sinne und wohl auch ein anderes Konzept von
Vertragstreue. Noch einmal: da stoßen zwei historisch gewachsene
Moralsysteme zusammen. Urheberrecht muss hier mit Gewalt
durchgesetzt werden.

Heinrich von Pierer, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, „In


China sind 2600 Arbeitsstunden pro Jahr und Mann die Regel.
(...) Bei uns sind 1500 Stunden die Regel. Das allerdings ist
zuwenig. Unsere 35-Stunden-Woche ist die reinste Vergeudung
von Wissen.“ (Genug geredet, in: DER SPIEGEL, 42/2003, 50
Das ist der Standpunkt der Industrie, den nehmen wir nicht
ernst.

Lange Zeit haben wir uns mit dem folgenden Gegenargument


getröstet: erstens die Qualifikation unserer Arbeiterklasse. Das
Beispiel der indischen Programmierer zeigt, wie schnell sich das
ändert. Aber das Gegenbild: in den ökonomisch dynamischen Regionen
Chinas erhöht sich der Wert der Arbeitskraft, das entzieht sich jedem
Rechenmodell und hat eine halbwegs positive Seite – wir müssen nur
durchtauchen. Aber die Globalisierungskarawane zieht weiter und auch
in Europa mit seinen Einkommensunterschieden von 100 (Dänemark)
und Moldau (2) gibt es noch einen weiten Spielraum. Das heißt, hier
baut sich eine komplexe Struktur auf, die geographisch labil ist, aber eine
gewisse potentielle Permanenz hat – und in dieser Zeit wird sich eine
zwingende Rückwirkung ereignen. Der China-Preis als amerikanische
Verhandlungsstrategie.
Das zweite tröstende Gegenargument ist die mangelnde
Infrastruktur, auch das ist ein Zeitphänomen. Verkehrs- und
Kommunikationssysteme, Wohnmöglichkeiten und Schulen sind recht
schnell zu kreieren.

69
Das dritte Trostargument ist die Rechtssicherheit. Das ist wohl der
schwierigste Punkt: im Grunde erwartet die reiche Welt, dass ihre
juristischen Standards sich global durchsetzen, dass die kleinen und
großen Dorfrichter Adam aus dem „Zerbrochenen Krug“ von einem
Revisor abgesetzt werden. Das ist wirklich ein zentraler Eingriff: wenn
eine Rechtskultur sozusagen fremdenfeindlich ist, wenn sie darauf
basiert, dass der mächtige Einheimische sozusagen Vorrang hat, dann
muss man ihr gute Gründe geben, das zu ändern. Das gleiche gilt dort,
wo eine Kultur die Imitation für einen rechtmäßigen Akt hält und daher
den Urheberrechtsschutz missachtet. Ich denke, dass sich in diesem
Punkt – in der Festsetzung der Spielregeln – das „Eigene“ und das
„Fremde“ in einer extrem antagonistischen Weise gegenüberstehen.
Und dann gibt es die dritte Frage: können diese Länder ihre eigene
soziale und ökologische Frage lösen. Aus den beiden
Industrialisierungsmodellen, dem britischen und dem russischen, wissen
wir, welche enorme soziale Ungleichheiten und daraus resultierende
Spannungen die Industrialisierung mit sich bringt. Wir haben noch nie
derart schnelle Industrialisierungsprozesse erlebt, innerhalb einer
Generation, ohne Adaptionszeit und vor allem mit der Gefahr einer
Überhitzung, die auf Grund der Vernetzung – etwa der chinesischen
Dollarreserven – die ganze Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen
könnte.

Das heißt, die Trostformeln sind nicht ganz unrealistisch, sie haben aber
ein unberechenbares Zeitfenster, sind wenig aussagekräftig für das
Heute und sind vor allem fraglich.

Für heute steht fest, noch mals: die neuen Märkte beginnen sich
selbst zu versorgen und fallen damit aus – dramatisch was
Handelsrelationen China – USA betrifft und sie penetrieren uns
mit billigen Produkten. Und nochmals: die Moral der Steigerung, des
Ausgleichs, des Monopols, das ist bei uns alles weggefallen. Es gibt eine
Alternative, deren Determinanten nicht von uns gesteuert werden – etwa
in der Stammzellenforschung. Die Entscheidungsgrundlage ist anders,
wenn man sagen kann: wir machen das nicht, aus moralischen Gründen,
und daher geschieht es nicht. Heute gilt: wir machen das nicht, also
machen es andere – es kann (kann!) ein ungeheures Geschäft werden
und die Welt verändern. (Eine unzulässige, spekulative Analogie: wegen
der Gefahr von Verkehrsunfällen hätte sich der industrialsierte Teil der
Welt vor 100 Jahren dem Auto verweigert, was wäre dann mit der

70
westlichen Moderne geworden?) Die Globalisierung schafft eine neue
Spielbedingung für Entscheidungen, sie „hetzt“ einen.

Das ist Zukunftsmusik. Aktuell ist:


Und vor allem bieten sich die neuen Mitspieler als billige
Produktionsstätten und Arbeitskräfte an. Hier stellen sich dann die
zweiten Verlierer ein: jene, die scheinbar reich sind, aber
Arbeitsplätze verlieren. Statt Outsourcing sagen die Franzosen
Delokalisierung – die Pariser Taxi-Bestellung läuft über ein Call-Center in
Casablanca.
Das ist eine Form des „Verlierens“, die unmittelbar in den Alltag der
Menschen eingreift, die um vieles wahrnehmungsintensiver ist, als der
Verlust eines potentiellen Marktes.
Die Logik, die dahinter steht, ist nicht neu: gleiche Qualität und Lösung
des Transportproblems vorausgesetzt, bildet der billigste Anbieter einen
zentralen Faktor bei der Bestimmung des Preises. Ob das absolut
zwingend ist, möchte ich ebenso wenig diskutieren, wie die Frage, ob es
nicht getarnte Nebenkosten gibt – Umwelt, Straßen – die zu
berücksichtigen wären. Mir ist es wichtiger, dass es offensichtlich in
unserer Kultur trotz Opposition einen Konsens in dieser Frage gibt – der
ist sichtbar geworden in der Zerstörung der teureren Nahversorgung
durch „Supermärkte“ oder im Erfolg von H & M versus the shop around
the corner. Beklagt wird diese Konstellation ja nur, wenn jemand das
Gefühl hat, sie füge ihm Schaden zu.
Wenn eine Firma delokalisiert oder ausländische Dienstleister beschäftigt,
obwohl es ihr scheinbar gar nicht so schlecht geht, wenn im Zuge von
Fusionen oder nach Automatisierungen Menschen gekündigt werden,
dann tritt die Abwehrformel häufig in der Maske der Wirtschaftsethik auf
– das Verhalten wird als unmoralisch oder auch als ungerecht bewertet.
Das ist wohl der Anlass, einmal aus der realen Welt in eine moralische
Reflexion eizusteigen.
Wenn sie das Problem googeln, dann stoßen sie oft auf den folgenden
Satz, mit dem ein solches Verfahren als unmoralisch gebrandmarkt wird:
„Die Wirtschaft soll dem Menschen und der Gesellschaft dienen.“ (So
etwa der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann vgl. konkret, 3/2005, 11)
Nicht nur die Philosophen des Wiener Kreises sind davon ausgegangen,
dass die Begründung ethischer Normen, nicht-empirischer Sätze, ein
kniffliges Problem darstellt. Das wollen wir beiseite lassen; wir hatten
schon unzählige akzeptierte Normenkomplexe, die einer logischen
Analyse nicht standhalten.

71
Wichtig ist, dass der Satz sich überzeitlich und universell gibt.
Wichtig ist, dass er in sich keine Begründung angibt, er ist sich
selbstverständlich.
Hier ansetzen. Die zehn Gebote etwa begründen sich aus der Autorität
Gottes; es sind allerdings sehr klare Anweisungen, die eine konkrete
Situation meinen und den Leser – „Du“ – als identifizierbaren Adressaten
haben. Auch das moralische Gebot setzt einen Adressaten, der die ihm
gemäße Beziehung akzeptiert voraus. Viele Gebote sind in säkularisierten
Gesellschaften gültig, allerdings in verschiedener Ausprägung. Wenn man
nicht erwischt wird, ist die Lüge bedeutungslos, wenn man erwischt wird,
kommt man in eine sozial peinliche Situation. Lügt man als Zeuge vor
Gericht, begeht man ein Verbrechen; schafft man in gewinnsüchtiger
Absicht ein System von Lügen und schädigt einen Anderen, ist man ein
Betrüger. Ehebruch ist in den meisten westlichen Gesellschaften straffrei
und mittlerweile auch auf der Ebene des Unterhaltsrechts sanktionslos.
Die zehn Gebote unterscheiden zwischen Geboten und Verboten und
intendieren im Namen Gottes ein „Gutes“, das gleichzeitig eine Reduktion
gesellschaftlicher Konflikte mit sich bringt. Dass man Vater und Mutter
ehren soll, ist die Basis des Generationenvertrags, das Gegenbild ist
offensichtlich vorausgesetzt. Sie argumentieren auf der Basis einer relativ
geringen sozialen Komplexität und – was die Fortführung im Christentum
betrifft – mit einem Unverständnis für wirtschaftliche Prozesse – das
wahre Leben liegt im spirituellen Feld. (Allerdings galt auch für das
Paradies, Genesis 2 15 das Gebot (Luther) die Erde „zu bebauen und zu
bewahren“), Normen wie „Liebe deinen nächsten wie Dich selbst“ gehen
von einer Mutualität der Interessen aus, die es nicht mehr gibt.
(Möglicherweise wurde sie im ersten Übergang, in der ersten
Differenzierung, der ersten Konfrontation mit moralischen Implikationen,
dem von „Jägern“ zu – sesshaften - „Bauern“ zerfranst.) Je nach
Perspektive kann einer, der den Regeln seiner Wirtschaftsfraktion
genmäß handelt, „Täter“ oder ein „Opfer“ sein und umgekehrt. (das gilt
auch bei Machiavelli, dem „schwarzen“ Theoretiker der Politik – der gute,
friedliche, um Ausgleich bemühte Fürst kann sein Volk schädigen, wenn
ein Aggressor, der ja etwa vor einer ökologischen Veränderung flieht,
auftaucht. So kann man ja auch die Etablierung des Aeneas in Latium
lesen.) Zahlreiche Wirtschaftsmoralen sind hilflos in der Frage eines
schmerzhaften Pönales im Fall verspäteter Lieferung oder im Falle eines
für den betroffenen ruinösen Konkursantrages, der aber für die
Lieferanten lebensrettend ist. Das ist kein Konflikt „Profit“ versus
„Menschlichkeit“ sondern eine Überlebensfrage unter

72
Differenzierungsbedingungen. Die Komplexität und der Webersche
„eiserne Käfig der Rationalität“ haben mehreren tradierten
Normsystemen die argumentative Kraft genommen – das gilt auch für
die beiden kategorischen Imperative, die Kant übrigens nicht gehindert
haben – das scheidet ihn von uns – mit für ihn guten Gründen ein
Anhänger der Todesstrafe zu sein. Kants Beispiele – etwa das vom
Schuldner, der weiß, dass er das Geld nicht zurückgeben kann – sind
recht einfach, doch in komplexen Verhältnissen mag die „Maxime, durch
die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“
ein Problem der Betrachtungsperspektive enthalten und zwar besonders
dann, wenn zwei ihrer immanenten Logik nach zu respektierende
Interessensketten zusammenstoßen. Man könnte es sich leicht machen
und sagen, dass die gegenwärtige Komplexität in der Kantschen
Denkweise zwar prinzipiell inkludiert ist, dass er aber kaum Ratschläge
gibt, wie man die Maxime extrahiert. (Ein Problem, das immer wieder
auftaucht, wenn man beiden Seiten zuhört.)
Man könnte aber auch fragen, ob der „universalistische Objektivismus“
an dem Jürgen Habermas oder Hans-Otto Apel festhalten, noch existiert.
Rolf Zimmermann, Philosophie nach Auschwitz. Eine Neubestimmung
von Moral in Politik und Gesellschaft, Rowohlt Enzyklopädie 2005, wirft
ihnen vor, ihr Ansatz lebe von der durch nichts mehr gedeckten
Unterstellung eines einheitlichen moralischen Bildes vom Menschen.
Dann hätten wir einen „Clash of Morals“ und den datiert er außerhalb
unseres Themas in den geschichtlichen Erfahrungen von
Entmenschlichung. Wir hätten Auschwitz nicht ernst genommen – das sei
ein „Gattungsbruch“ gewesen, der das Menschenbild radikal verändert
habe: der Kern der NS-Weltanschauung sei nicht „Amoral“ gewesen,
sondern eine eigene „Moral“, eine spezifische Wertentscheidung: mit den
Juden sollte das jüdische Liebes- und Gerechtigkeitsgebot aus der Welt
geschafft werden, Hitler wollte das „Recht auf Töten“, mit „Völkermord“
das Recht auf Völkermord, wiederherstellen. Auch die islamischen
Terroristen berufen sich auf einen moralischen Auftrag.
Plural auch der Marxismus als Instrument der sozialen Funktion von
„Ideologien“, siehe Lucien Goldmann, Der christliche Bürger und die
Aufklärung, der meint, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit seien
typische Werte einer warenproduzierenden Gesellschaft.

Das hat, wie gesagt, auf den ersten Blick wenig mit unserem Thema zu
tun, es sind auch ungerechtfertigt extreme Beispiele, aber es erlaubt uns
eine provisorische Distinktion: es gibt in ihrer empirischen Existenz

73
„harte“ und „weiche“ Moralen. China etwa kultiviert das Recht auf Töten
und federt es durch gefährdete familiäre Verpflichtungssysteme ab. 40
jährige Manager aus dem Postsozialismus, deren Familiengeschichte
geprägt ist durch eine „harte“ Moral, die nach 89 einen schwierigen Weg
nach oben gegangen sind, deren Eltern möglicherweise eine
Hungerrente beziehen, haben wenig Verständnis für unsere etatistische
Schutzmentalität. Diese Leute gibt es, auch schon hier, sie kaufen hier
betriebe, und in Brüssel, sie haben eine Stimme und bringen ihre
Mentalität ein. Es ist also nicht der wolkige Neoliberalismus, sondern die
Globalisierung hat uns mit einer Diversität von Moralen in der sozialen
Frage konfrontiert. (Wer kennt einen postsozialistischen
Wirtschaftsethiker, der anerkannt ist? Wie denken die
postkommunistischen, heute sozialdemokratischen Parteien des
ehemaligen Ostblocks den Sozialsstaat? Sie stehen bei uns im Verdacht,
alte Seilschaften fortsetzen zu wollen –ist das gerecht? Wäre das nicht
der Ort, wo sich ein „dritter Weg“ bilden könnte?) Die Behauptung der
universellen Moral hat illusionären Charakter.

Das provoziert Philosophen, religiöse Menschen, aber auch solche von


denen man das nicht erwartet hätte. Benedikt XVI. hat sich hier klar
positioniert: „Die Kirche kann aber den Geist der Wahrheit nicht
verschweigen. Sie versuchen den Eindruck zu erwecken, dass alles
relativ sei, dass sogar die Glaubenswahrheiten von der historischen
Situation und der menschlichen Entwicklung abhängen.“ Einen solchen
Relativismus und Subjektivismus könnten Christen nicht hinnehmen.
(Wiener Zeitung 27.5.2006, 7, Papst warnt vor Relativismus). Aber
gerade der Umstand, dass eben in allen islamischen Affären der letzten
Jahrzehnte – von Rushdie bis zum Karikaturenstreit – die „andere Seite“
eine uns überraschende Position bezogen hat (der Herausgeber der
Karikaturen hat das als „Einbeziehung“ verstanden) und zwar mit einer
ähnlichen Intensität wie ein gläubiger Christ, zeigt dass „wir“ mit diesem
Gespann von Relativismus und Subjektivismus konfrontiert sind. Es klingt
absurd: aber im „Kampf der Kulturen“ (wieder der Karikaturenstreit) wird
von „Liberalen“, also denjenigen, gegen die Benedikt argumentiert,
ebenso gegen den moralischen Relativismus argumentiert, der unsere
bleibenden Werte – Pressefreiheit etc. – im Namen des Islam (bzw.
seiner wahabitischen Auslegung) untergraben wolle. Das heißt, faktisch
sind wir uns hier schon im grundsätzlichen uneinig, wie dann erst in dem
Feld der Wirtschaft. Es ist ein Unterschied zwischen einem Relativismus,

74
der seine Kriterien ja nicht angibt, und dem moralischen Dialog, der die
Kooperation zwingend begleitet.

Diese Reflexion der allgemeinen Schwierigkeiten einer Wirtschaftsethik


oder Moral versteht sich nicht als Apologie des Bestehenden. Es gibt ein
wirtschaftliches Verhalten, dass einfach verbrecherisch ist.
Vorausschickend: was verboten ist, brauchen wir nicht unter der Frage
der Moral abhandeln – es ist in unserer permissiven Gesellschaft eher so,
dass Dinge nicht verboten sind. Also: bei Börsenmanipulationen, beim
ruinösen Aufkauf von Firmen etc. braucht man Moral nicht zu bemühen –
das sind ohnedies strafbare Handlungen, was man beklagen kann, ist die
Schwäche der Strafverfolgung, die in Europa augenfälliger ist, als in den
USA. Die Ausrede, dass man zwar Position und Gehalt hatte, aber
ansonsten nichts weiß, zieht dort nicht, da bekommt man auch für
Wirtschaftsdelikte metaphorische 160 Jahre.

Es gibt eine Gier, die ohne Sachrechtfertigung Menschen schädigt. Auch


hier gibt es eine Grauzone: der Philanthrop Georges Soros hat mit seiner
Spekulation gegen das Pfund ungeheuren Schaden angerichtet,
(Pensionsfonds) ein Vermögen damit verdient und gleichzeitig die Welt
von der Schimäre einer überbewerteten Währung befreit. Die Maxime ist
hier schwer zu extrahieren.
Mir geht es um den Versuch, Verhaltensformen, die in der Globalisierung
alltäglich geworden sind, sozusagen ethisch zu kriminalsieren – also um
unseren Satz: „Die Wirtschaft soll dem Menschen und der Gesellschaft
dienen.“

Er hat ein Subjekt, das gleichzeitig Adressat der Norm als Prädikat ist
und er hat ein doppeltes Objekt.
Das Subjekt und Adressat ist kein „du“ wie bei Kant und in den zehn
Geboten, es ist ein Substantiv. Wer oder was ist „die Wirtschaft“? Ein
undefinierbares Konglomerat von unzähligen, mittlerweile über die ganze
Welt verteilten Menschen, die widerstreitende Interessen haben, und
sich in Institutionen vereinigt haben, die ineinander und untereinander
manchmal kooperierende, manchmal kompetitive Regelsysteme haben,
deren Auswirkungen schwer durchschaubar sind. Das heißt, Subjekt und
Adressat sind unbestimmt, das ist ein Problem, das uns noch
beschäftigen wird. Auch dort, wo Schaden angerichtet wurde – vor allem
im Komplexitätskapitel. Wer ist verantwortlich, wenn sich aus einem
Zusammenspiel etwas negatives ergibt? (Das Engels-Zitat vom Ergebnis,

75
das keiner gewollt hat.) Das zweite ist, ob diese generelle Norm – wir
spielen einmal die Gültigkeit durch – ein Individuum, das im System
„Wirtschaft“ sitzt, verpflichtet. Könnte es nicht sein, dass diese Norm ihre
Attraktivität gerade ihrer Unbestimmtheit verdankt, der Möglichkeit, zu
springen, alles mögliche unter sie zu subsumieren, kurz: dass sie nicht
mehr ist, als eine Möglichkeit, Ressentiments zu artikulieren?

Der zweite Punkt ist die Frage des geschützten Objekts, des Einzelnen
und der Gesellschaft. Besteht Konsens darüber, was dem „Einzelnen“
nützt? Innerhalb der letzten 40 Jahre haben wir beispielsweise in der
Erziehung einen Paradigmenwechsel vollzogen. Die 68-er sind davon
ausgegangen, dass Normen die freie Entfaltung eines Kindes hemmen;
heute spricht man davon, dass erziehen bedeutet, strukturierte Grenzen
des kindlichen Verhaltens zu setzen. Die Definition der Interessen des
Einzelnen ist modeabhängig. Bedenklich scheint mir auch die durch das
„und“ vorgenommene Quasi-Parallelisierung vom „Einzelnen“ und der
„Gesellschaft“. Konflikte zwischen den beiden sind ein zentrales Thema
der Literatur und der Philosophie, solche Konflikte können eine störende
Dissidenz ebenso beinhalten, wie eine dynamische Innovation. Und
dann: Was ist eine „Gesellschaft“ unter den Bedingungen der
Globalisierung? – ist es die „Weltgesellschaft“? Ich denke, die ist
inkalkulabel, wie es übrigens schon die alten national strukturierten
Gesellschaften mit ihren Klassen oder sozial immer durchlässiger
werdenden Milieus im Zeitalter der Individualisierung war. Wie geht die
Norm mit Konflikten innerhalb der Weltgesellschaft um? Die Errichtung
des Opel-Werkes in Gleiwitz – einer der Anlassfälle, wo die behandelte
Norm ins Spiel kam - hat der dortigen Region einen ungeheuren
Aufschwung verschafft, sie „dient“ ihr; sie schadet allerdings den
Menschen in Rüsselsheim. Von einer utilitaristischen Position her
betrachtet, hat dieses „Outsourcing“ zwar möglicherweise
Glücksmöglichkeiten in Rüsselsheim verringert, aber sie in Polen derart
vergrößert, dass die Handlung möglicherweise ethisch gerechtfertigt ist.
Könnte es sein, dass sich hinter dem „Einzelnen“ ein egozentrisches „Ich“
verbirgt und hinter der „Gesellschaft“ die meine? Das tritt besonders
stark in Franz Münteferings berüchtigter Kapitalismusschelte auf – DIE
ZEIT hat ihn gefragt, warum es unanständig sei, eine Firma aus dem
erreichen Südbayern ins arme Nordchina zu verlegen und ihm eine
protektionistische deutsche „Nationalmoral“ bescheinigt und er hat das –
überraschenderweise – angenommen. „Ich bin in Deutschland Politiker
und habe die Interessen der deutschen Arbeitnehmerinnen und

76
Arbeitnehmer zu vertreten. Das will ich auch. Ich glaube, sonst
funktioniert Demokratie nicht.....Dass es irgendwo auf der Welt andere
Interessen gibt, kann ja sein.“ („Staat, wo bist du?“, in DIE ZEIT,
28.4.2005, Nr. 18, 3. Liegt unter Lambda. Vgl. A.P., Deutsche Moral fürs
Kapital, Standard 6.5.2005, 31) Der moralischen Debatte um die
Globalisierung ist damit ein ziemlich Schaden zugefügt worden. Hinter
der moralisierenden Kapitalismuskritik, die auch ein wenig die
Unterscheidung in „raffendes“ und „schaffendes“ Kapital neubelebt,
verbirgt sich die alte Mentalität der „Arbeiteraristokratie“, die
stillschweigend an den – zu Zeiten Lenins – kolonialen Extraprofiten
partizipiert. (Vgl. Hautmann / Kropf über die Privilegierung der
österreichischen Arbeiterklasse in der Zeit der Donaumonarchie) Das
Wort vom heute angeblich herrschenden „ungezähmten“ Kapitalismus ist
in seinem Sinne falsch; der Kapitalismus war immer ein
Wirtschaftssystem, das an schwer „zähmbare“ Charakterkomponenten
wie Gier und aggressive Konkurrenzlust appellierte und ein Netz von
Sachzwängen geschaffen hat, in dem diese Komponenten funktionalen
Charakter erhielten und übrigens ihrem Selbstbild zufolge „der
Gesellschaft“ dienten – wir schaffen Arbeitsplätze, sozialen Frieden,
Gesundheit etc.
Was neu ist, ist die regionale Spürbarkeit – was sich früher in einem
diskreten Hinterzimmer abspielte, rückt uns heute nahe. Es ist vor allem
die ungeheure Zunahme der Konkurrenz durch „Chinindia“, die sich
abzeichnet, (sofern diese Länder ihre internen Probleme meistern und
nicht zumindest zeitweilig „abstürzen“) die aber teilweise auch später
von hier aus nur schwer kausal fassbar sein wird. Die Chaostheorie ist
mit dem Beispiel vom Flügelschlag eines Schmetterlings, der am anderen
Ende der Erde ein Hochwasser (Erdbebeben) auslösen kann, einprägsam
geworden. Aber die Weltwirtschaft ist kein Schmetterling. Dennoch gibt
es Konstellationen, wo das ferne Ereignis in seiner Kausalität für hiesige
Ereignisse nicht wahrnehmbar ist. In dieser Situation moralische
Forderungen an die „eigenen Leute“ zu stellen, enthält – auch - ein
Element von Realitätsverleugnung.

Wir kommen zum „dienen“. Vorweggesagt: wenn es eine Hierarchie


zwischen „der Wirtschaft“ und „den Menschen“ gibt, dann haben diese
den unteren Platz. „Wirtschaft“ hat schicksalshafte Potenzen: da gerät
ein Land in eine Krise und wir, die mit diesem Land nichts zu tun haben,
erleiden eine Einbuße in unserer Altersversorgung, weil die Analysten
unseres Pensionsfonds geschlafen haben. Das heißt, in der Norm steckt

77
ein kompensatorisches Element: der Unterlegene schreibt sich hier die
Rolle dessen zu, nachdem sich der Überlegene richten sollte – auch das
ein möglicher Grund für die Attraktivität dieser Formel. Wenn einer auf
die Moral pocht, dann ist er häufig der Unterlegene, Nietzsche hat die
„Schwachen“ unter den generellen Verdacht gestellt, dass sie die Starken
an ihrer Entfaltung hindern wollen. In jedem Fall, das ist uns ja schon
mehrere Male untergekommen: das moralische Argument ist oft eines
der Abwehr gegen eine unerfreuliche Realität.

Vor allem: was heißt „dienen“? Man kann wohl sagen, dass es zum
Selbstverständnis des ominösen Gebildes „Wirtschaft“ gehört, dass sie
„dienen“: durch die Bereitstellung von Gütern, durch Forschung und
Entwicklung, durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und die damit
verbundene Mehrung von Volksvermögen. Das Wort von der „sozialen
Verantwortung der Wirtschaft“ ist ja dort selbst durchaus populär – es
kam in den guten Jahren zum Einsatz, wenn Betriebskindergärten
eröffnet wurden oder die freiwillige Feuerwehr einen neuen
Spritzenwagen erhalten hat. Es gibt Länder – Türkei etwa – mit fast
keiner staatlichen Kultur-Politik / Förderung, wo das alles über Stiftungen
läuft. Aber auch dieses „Dienen“ steht ja unter dem Verdacht der
„Imagebildung“: der Betriebskindergarten wird – auch - eingerichtet, um
die „Mitarbeiterbindung“ zu verstärken, (Ursula von der Leyen in der
deutschen Debatte – die Arbeitnehmer werden mit den Füßen
abstimmen und „kinderfreundliche Arbeitsplätze“ vorziehen, unrealistisch
in einer Periode der Arbeitslosigkeit, interessant im Aufschwung bei
gesuchten Arbeitskräften); Sponsoren fragen nach der Attraktivität des
geförderten kulturellen „Events“.

Noch einmal: Es gibt unmoralische Geschäfte, unumstrittene und


bestrittene – ich bin zum Beispiel nicht dafür, Waffen nach China zu
liefern; die europäische Waffenindustrie und rot/grün in der BRD haben
das anders gesehen. Proliferation ist strafbar und damit außerhalb
unseres Themas. Der große Unterschied liegt genau wieder bei Gleiwitz
und bei der Definition des „Dienens“: Die „Wirtschaft“ (immer im
Anführungszeichen) meint allerdings, dass die Entscheidungskompetenz,
wie sie diesen Dienst durchführt, bei ihr liegt – also, dass sie ihren Dienst
besser ausführt, wenn sie nach Gleiwitz geht. Die Wirtschaft meint, sie
produziere Güter, die hätten einen Nutzen und dafür zahle der Käufer.
Allen am Herstellungsprozess beteiligten entstehen aus der Produktion
Nachteile, Lohn und Preis kompensieren diese Nachteile. Nur wenn der

78
Erlös aus dem Verkauf der Güter höher sei als alle
Entschädigungsleistungen, dann erhöht die Produktion den Wohlstand.
Das ist ja auch die Formel für den Lohn – es muss ein „Mehrwert“ durch
die Tätigkeit des Arbeiters entstehen. Wenn Unternehmer einen Gewinn
realisieren, dann realisieren sie aus ihrer Sichtweise auch eine
Nutzensteigerung für die Gesellschaft. Das ist auch eine Sachfrage
außerhalb unserer Kompetenz, viele Güter haben einen fragwürdigen
Nutzen, das hat die Konsumkritik akzentuiert, viele „Löhne“ – etwa im
Topmanagement - sind bestritten und erwecken den Eindruck, dass die
unsichtbare Hand das Entstehen egozentrischer Subkulturen mit eigenen
Solidaritätsregeln durchaus nicht verhindert oder dass es im
Management Gruppen gibt, die ihren „Wert“ extrem gut kommunizieren
können. Was wir registrieren ist ein offensichtlicher Kampf um die
diskursive Hegemonie. Hier kämpfen eine punktuelle Moral, die
wirtschaftliches Scheitern mit seinen furchtbaren Folgen für den
Einzelnen und für größere Gruppen akzeptiert, gegen eine
funktionsorientierte Denkweise, die bereit ist, individuelles Leid im
Namen eines Ganzen zu akzeptieren, dass dann wieder die Summe des
Glückes auf der Erde vergrößern soll. So kann man vom Standpunkt des
Utilitarismus den Streit Gleiwitz-Rüsselsheim sehen. Müntefering ist kein
Utilitarist.

Ich habe von den Schwierigkeiten der Begründung von Normen


gesprochen. Tatsächlich sind sie häufig getarnte Verträge und enthalten
eine selbstverständliche Reziprozität – also etwa die wechselseitige
Sorgepflicht zwischen den Generationen, die allerdings heute weniger
selbstverständlich ist als zu Zeiten des Moses. Was geschieht , wenn wir
trotz ihrer dargelegten Fragwürdigkeit, unsere Norm umdrehen: der
Einzelne und die Gesellschaft sollen der Wirtschaft dienen. Die Opel-
Firma General Motors hat ja in einem berühmten Slogan eine solche
Reziprozität behauptet: „Whats good for General Motors is also good for
the United States.“ Das bedeutet eine kaum besprochene
Unterstützungspflicht des Publikums für die Wirtschaft. Da kommen wir
wieder zu dem oben beschriebenen Effekt der Ambivalenz von uns
Konsumenten (und Steuerzahlern) gegenüber den Effekten der
Globalisierung. Noch einmal: wir haben die Vorarlberger Textilindustrie
ins Aus manövriert und das heißt, wir haben uns gegen sie entschieden,
was wir tragen ist Made in China oder sonst wo her. Delegitimiert das
nicht den Müntefering? In einem merkwürdigen Staatsverständnis, das
ignoriert, das staatliche Mittel ja auch von uns stammen, fordern wir den

79
Staat auf, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Lassen wir die Frage, ob das
geht und ob der Staat dafür der geeignete Organisator ist. Ich meine
etwas anderes: für den Finanzminister, der sich vors Mikrophon stellt und
sagt, okay, wir erfüllen euren Wunsch. Euer Sparvolumen ist gigantisch,
wir machen eine kleine Zwangsanleihe (das war Otto Bauers Vorschlag
vor der Völkerbundanleihe sh. Ausch, Als die Banken krachten) und
bauen die Wirtschaft so um, wie ihr das wollt – auf den wartet die
Zwangsjacke. Im Grunde wird dieser Satz also oft von Leuten verwendet,
die etwas, was ihrem scheinbaren Wertsystem nach (auch) ihre Aufgabe
wäre, abschieben möchten. Irgendjemand, der Staat oder ein anderes
Subjekt, soll ihnen die Wirtschaft „zähmen“. Der Satz schreibt sich einen
allgemeinen Charakter zu, den er nicht hat.

Also: die zitierte Formel ist untauglich, das soll sie aber nicht daran
hindern, eine präzise, begründete und realisierbare zu suchen.
Die Möglichkeit, dass der Kapitalismus und die industrielle Produktion
generell ein Segment unserer Moral verletzt, möchte ich nicht
ausschließen, obwohl es schwer ist, ein generell akzeptiertes Prinzip, das
die Gesellschaft – das war ja eine der Erkenntnisse der linken Kulturkritik
nach 68 – überall durchdringt, selbst in der Liebe, (Verdinglichung des
Liebespartners) und die Moral als Regelsystem der Gesellschaft
voneinander zu separieren. Wenn der Kapitalismus unmoralisch ist, dann
sind wir es alle, weil er geht durch unsere Körper.

Trotzdem wollen wir auf verschiedene Wege nach solchen Formeln


suchen. Max Scheler, 1912, „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“.
Ressentiment sei eine Folge der Ohnmacht aus einer Vereinseitigung der
Lebensverhältnisse. Vereinseitigung heißt: die Menschen werden ihrer
„wertmäßigen Selbstermöglichung“ beraubt und nur noch als
ökonomisches Mitglied der Gesellschaft betrachtet. (So ja auch Marcuse
im „Eindimensionalen Menschen“ und viele andere, die dann den
Konsum als Kompensation benannten.) Das „System wirtschaftlicher
Kompensation“ sabotiert den Versuch, sich an kulturellen Werten zu
orientieren. In der Anpassung schützt sich der Einzelne, wohl wissend,
dass die Opfer, die er bringt, vergeblich sind. Scheler hat von einem
„kulturellen Werteschaden“ im Kapitalismus gesprochen, der ließe eine
Lücke entstehen zwischen dem Wunsch nach starken Werten und den
alles beherrschenden ökonomischen Mustern. Das klingt wie eine der
erfolgreichen Klagen gegen die Diktatur der Ökonomie, cf. Vivianne
Forestier. Das heißt aber auch, dass wir uns in einem Bereich des

80
Faktischen bewegen, das ja bekanntlich eine normative Kraft hat – und
dann nur Ressentiment zulässt. Tatsächlich hat die ökonomische „Logik“
den Bereich potentieller „Anerkennung“ eingeengt (siehe nochmals die
Kündigungskriterien von Microsoft). Rund um Kapitalismus und
Globalisierung existiert ein allgemeiner Bereich der Ambivalenz, Wünsche
werden erfüllt und gleichzeitig frustriert, siehe Konsumkritik.
Das heißt, das Ressentiment – nach einem simplen Fremdwörterbuch ein
„auf Minderwertigkeitsgefühl oder Vorurteilen begründeter heimlicher
Groll, emotionale Ablehnung“ kann als eine Verarbeitung dieser
Ambivalenz angesehen werden. Wichtig ist mir auch, dass Scheler von
„Moralen“ spricht. Hösle nimmt Moral als normativen Begriff ohne
Pluralität – „moralisch sind eine Handlung, ein Institution, eine Emotion,
wen sie so sind, wie sie sein sollen. Die Moral eine konkreten Handlung
.... ist also das jenige an ihnen, was so ist, wie es sein soll.“ 104

Wir haben aber verschiedene Bestimmungen von einem „sollen“, die


häufig von der Position des normierenden abhängen. Es gibt ein schon
mehrfach erwähntes „Selbstbild der Wirtschaft“, in dem sie das „sollen“
erfüllt: Münteferings „Heuschreckenschwärme“, angesichts der
wirtschaftshygienischen Funktion, die sie sich zuschreiben wäre die
Metapher von der „Hyäne“ zutreffender. Die frisst ja auch „schwache“
Tiere und hat eine ambivalente Reputation.
Wer sind die Heuschrecken? (Das ist alles aus dem Netz, eine knappe
kritische Zusammenstellung hat Stefan Schulmeister im STANDARD
gegeben, Streissler hat verteidigend geantwortet.) Die 8000, etwa 1000
Milliarden Dollar schweren weltweit agierenden Hedge-Fonds „wetten“
auf steigende oder fallende Aktienkurse. Sie sind im Gegensatz zu
normalen Investmentfonds meist außerhalb der Kontrolle der
Finanzaufsicht. Sie „leben“ von der Beweglichkeit des Marktes nach
„oben“ oder „unten“, ihr Anlegerverhalten ist von kurzfristigen
Gewinnmotiven gesteuert. Sie investieren gerne in unterbewertete Aktien
oder kaufen Anteile von Unternehmen, bei denen Kursaufschläge zu
erwarten sind. Oft leihen sie sich Aktien, verkaufen diese und kaufen sie
später billiger zurück – damit können sie an der Grenze der Strafbarkeit
schrammen. In der letzten zeit drängen sie aktiv in die
Unternehmenspolitik: Mit Minderheitsanteilen und Koalitionen mit
anderen Aktionärsgruppen erzwingen sie kursrelevante Entscheidungen.
Sie „schädigen“ häufig die Betroffenen, sind am Überleben des
Unternehmens eher desinteressiert, denken kurzfristig, verfügen über
wenig unternehmerische Erfahrung, schreiben sich aber eine positive

81
Funktion im Interesse ihrer Aktionäre zu und behaupten gelegentlich,
„Börsenwahrheit“ hergestellt zu haben.

Private Equity ist ein nicht an der Börse notiertes Eigenkapital. (Das
Bulgarische Telekom-Beispiel mit österreichischer Beteiligung wird
interessanterweise als Erfolgsgeschichte verkauft.) . Sie halten ihre
Beteiligungen drei bis sieben Jahre und versuchen – durch Teilverkäufe
unrentabler Sparten, Auflösung von Rücklagen, Verkauf von Immobilien,
Rationalisierungen = Personalabbau – den Wert des Unternehmens zu
steigern und es dann zu veräußern. Teilweise folgen sie damit der
Schumpeterschen „schöpferischen Zerstörung“, wobei sie aber Gewinn
daraus zu ziehen trachten. Im Grunde sind sie die Repräsentanten eines
globalisierten Kriteriums über die Effizienz von Kapitaleinsatz. Gefährdet
sind etwa Unternehmen mit einem höheren Buch- als Handelswert, das
bietet die Möglichkeit, den Erwerb per Kredit zu finanzieren und diesem
aus dem Cash-Flow und dem Erlös zurückzuzahlen. (Grundstücke,
Erholungsheime) Manchmal ist ein „zerlegtes“ Unternehmen ein
vielfaches mehr wert, als in seiner Gesamtheit. Gefährdet sind allerdings
auch langfristige Investitionen, etwa in Forschung und Entwicklung – das
Profitdenken hat es eilig. Ihre Verteidiger nennen sie – ob ihres
Kapitaleinsatzes an Firmen, denen die Banken keine Kredite mehr
gewähren – „das Schmiermittel, das die Restrukturierung der deutschen
Wirtschaft möglich macht.“ Im Gegensatz zu Franz Münteferings
Heuschrecken-Vorwurf meinen sie, dass ohne die Präsenz internationaler
Investoren in Europa eine ziemliche Flaute herrschen würde. (Es geht wo
anders hin – aber das Bild von den Heuschrecken ist wirklich
erschreckend falsch. Die sind ohne Zweifel eine Plage, sie sind – für die
befallene Region viele, für die Erde in ihrer Gesamtheit wenige. Sie
hinterlassen tatsächlich total abgeweidete Flächen, auf denen nichts
mehr wächst, sie haben auch kein Interesse daran, dass da wieder etwas
wächst. Die Fonds hingegen wollen je weitermachen, sie haben kein
Interesse, dass sich da nichts mehr rührt, das ist ja gerade die Fähigkeit
des Kapitalismus, immer was zu finden. Heuschrecken sind mobil, sie
ziehen weiter und lassen ein verwüstetes Feld zurück. Auch die Fonds
sind mobil, das Kapital ist mobil, aber sie haben eine Heimat oder
mehrere, Kapital ist auch wenn es anonym ist an Personen gebunden,
und die sind – bei aller Mobilität – letztlich sesshafte Tiere, sie brauchen
Orte, wo sie ihren Luxus genießen können, wo sie in Sicherheit ihr
Prestige zelebrieren können, wo ihre Verwaltungszentralen liegen.)

82
Das Beispiel mit der Universitätsbuchhandlung, dem Book on demand als
Beleg dafür, dass man eine solche Geschichte auf zwei Arten erzählen
kann, heroisch und destruktiv. Das Beispiel illustriert, dass sich
moralische Kommentare häufig narrativen Gesetzen anpassen.
Dieses Thema wird uns noch beschäftigen – Moral wird kommunizierbar
durch eine narrative Kohärenz, übrigens oft auch durch eine bildliche
Unterstützung.
Weiter zum Selbstbild der Heuschrecken: Überdies würden –parallel zum
steigenden Preisniveau – die Löhne in Polen etwa steigen, das alte und
das neue Europa würden sich einander angleichen. Schuld an der Misere
seien die deutschen Arbeitsgesetze, die keinerlei Flexibilität zulasse.
Restrukturierungen seien schließlich kein Verbrechen: „Mein Ziel ist es,
unterbewertete und schlecht geführte Unternehmen zu finden, sie in
bessere Hände zu übergeben und so letztendlich auch mehr
Beschäftigungen zu schaffen“ – so auch oben der US-Investor Guy Wyser
– Pratte („Sozialistischer Blödsinn, Der Spiegel 18 2.5.2005, 136) Und
dann sagt er noch: „Es gibt hier keine Aktionärskultur“ und findet
natürlich ein unüberprüfbares Beispiel, wo eine Blase von Managern
gegen die Interessen der Aktionäre gehandelt hat. Solche Geschichten
haben beide Seiten, die Schädigung der Aktionäre bei VW ist das letzte
Beispiel, aber auch die Schädigung des ÖGB durch sein Bank-
Management (oder umgekehrt; oder beides). So hart es klingt: wäre das
einem börsennotierten Unternehmen unter Wyser auch zugestoßen?
Wyser kauft relativ kleine Anteile und versucht die anderen Aktionäre,
auf seine Seite zu ziehen – hier kämpfen zwei Selbstgerechtigkeiten, eine
traditionelle, die auf einem vielschichtigen Do-ut-des beruht, das
tatsächlich manchmal die Interessen der unmittelbaren Aktionäre
verletzt, und die Profitorientierung, die sich aus dem Eigentumsrecht
ableitet. Jeder hat seine Beispiele, die Frage ist, wem man gewillt ist,
zuzuhören, das heißt aber auch, wer das bessere Narrativ hat. Wyser-
Pratte hat auf seiner Seite, dass er für jene Menschen spricht, die ihre
Ersparnisse in einen Fonds gesteckt haben – auch sie haben ein Recht
auf optimale Anlage. Zu den USA macht er eine harte Bemerkung:
„Okay, die Schwerindustrie ist weg. So what! Dafür sind wir in Service
und Technologie die Nummer eins. Solche Konzentrationsprozesse stehen
Europa doch in vielen Bereichen noch bevor.“ Unangenehm werden die
Neubesitzer, wenn die Verzinsung des eingesetzten Kapitals unter 20 %
sinkt.

83
Beide Kapitalgruppen nützen Schwächen aus und das alte Europa bietet
unzählige Angriffsflächen einer selbstgerechten Vergangenheit. Im
Grunde kann man sich zwei emotionell hochaufgeladene Szenarien
fantasieren: den hochstaplerischen Großbetrieb, der schon lange über
seine (Umsatz / Gewinn-) Verhältnisse lebt, mit unrentablen Sparten,
eingefressenen Sozialleistungen aus der „großen Zeit“ etc. – und mit
unzufriedenen Aktionären. (General Motors wird in den Medien so
beschrieben.) Oder den Fonds, der sozusagen auf den Fehler eines
Unternehmens lauert und etwas zerstört, was nur ein wenig Zeit
gebraucht hätte, um sich zu rekonstruieren. Hier sind wir mit der
ungeheuren Beschleunigung konfrontiert, das alte Spiel, dass jeder
seinen Platz hat ist auf einmal durch das Kinderspiel, wo man laufen
muss, weil es immer einen Platz weniger gibt, abgelöst. Dieses Spiel ist
lustig, aber auch sehr realistisch, weil es ein Spiel ist, wird es keiner
moralisch bewerten, aber das dicke Kind, das immer verliert, weint auch
im Kindergarten. Und die anderen Kinder lachen.
Also nochmals: Das eine ist das Feindbild, das andere das Selbstbild,
eigentlich müssten wir das – wenn wir schon die Moral bemühen –
differenziert betrachten. Dass wir dazu nicht imstande sind, kommt wohl
daher, dass beide Gruppen anonym sind – wir kennen sie nicht, sie
haben eine Macht, die wir ihnen nicht gegeben haben, wir können sie
nicht kontrollieren, sie existieren nicht im politiknahen Bereich. Der
„unmoralische“ ist häufig ein anonymes, unsichtbares Subjekt. Die
Lösung, sie in diesen Bereich zu zwingen, ist bisher gescheitert. Es wäre
gut, wenn die Logik, der diese Gruppen folgen, transparent wäre.
Der Starrsinn des Müntefering nimmt nur scheinbar das „nationale
Interesse“ wahr. Interessant wäre es, was bei einem Dialog zwischen
Politikern und Analysten herauskommt. Es scheint „gute“ und „böse“
Investoren zu geben, aber absolut keinen Konsens über die
Differenzierung. Viele „Übernahmen“ sind für Insider nicht überraschend,
Politiker haben häufig sozusagen „aufklärungswidrig“ („Ausgang des
Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“) gehandelt und
sich geweigert, Realitäten zu sehen bzw. sogar deren Folgen populistisch
aufgefangen (Holtzmann-Bau). Das heißt, in das Müntefering-Bild kommt
noch der dazu, der nichts getan hat. Es ist interessant, dass Passivität
seltener verurteilt wird, als Aktivität. Jenes Europa, das immer noch
glaubt, das Phänomen der Globalisierung und der Mobilität der
Finanzströme kontrollieren zu können, bietet sich in seiner resistenten
Passivität als Selbstbedienungsladen an.

84
Und dann: wenn es so etwas wie den „Markt“ in seiner Gesamtheit gibt,
dann akzeptiert er die Distinktion in „gute“ und „böse“ Investoren nicht.
Er belohnt manchmal die Bösen und bestraft die Guten, das kann aber
auch umgekehrt sein. Vielleicht ist es auch kein Konflikt zwischen Markt
und Moral, sondern zwischen dem, was sich die Teilnehmer am Markt
darunter vorstellen. Eine Dissonanz in den moralischen Vorstellungen, die
quer durch die internationalen politischen und wirtschaftlichen Eliten
geht, und wo jede Seite ihre publizistischen Vertreter hat.

Als „böse“ gelten die Vulture Fonds (Geierfonds), die in mehr oder
minder insolvente Firmen einsteigen und aus den Überresten Profit
schlagen – am operativen Geschäft sind sie wenig interessiert. Häufig
übernehmen sie die Forderungen von Gläubigern indem sie diese mit
Abschlägen auszahlen. Ihren Kritikern zufolge sind sie nur am
Ausschlachten und Liquidieren interessiert, sie selbst schreiben sich eine
reinigende Wirkung zu- sie kaufen, was keiner kaufen will und
befriedigen die Banken wenigstens teilweise. Es gibt bei allen drei Typen
Verhaltensweisen, die uns deswegen nicht interessieren, weil sie
ohnedies in den Bereich des Strafrechts fallen.

Noch einmal: Mit dieser Kritik am unbestimmten und inkonsequenten des


Satzes vom Dienen und der Auflistung von teilweise nachvollziehbaren
Gegenargumenten der Akteure soll nicht eine moralische Bewertung
delegitimiert werden. Ergebnishaft betrachtet regt sich unsere moralische
Empörung zu Recht. Wieso steigt die Schere zwischen den Einkommen
der Vorstände der im ATX notierten Vorstände und den Mitarbeitern
ständig, von – so eine Arbeiterkammerstudie – dem elffachen aufs
dreizehnfache, wobei das internationale Verhältnis wohl noch
signifikanter ist? Doch wie waren solche Relationen in der
Vergangenheit? Und wieso steigt das Einkommen der „reichen“ Länder
immer noch ständig? Oder gibt es auch hier ein Kontinuum, für das wir
erst jetzt Sensibilität entwickeln? Der Wirtschaftshistoriker Angus
Maddison (google) berechnet die Differenz zwischen dem Pro-Kopf-
Einkommen des reichsten und des ärmsten Landes der Erde 1820 auf 5 :
1; 1913 auf 13 : 1; 1950 auf 33 : 1 und heute sei der durchschnittliche
US-Amerikaner mehr als hundertmal reicher als ein Bewohner der
Republik Kongo. Das heißt, große „Verlierer“ werden kaum erwähnt, das
heißt aber auch, dass „wir“ auf der Seite der Gewinner stehen, immer
noch und unserem gefährdeten Status zum Trotz.

85
Heißt das nicht auch, dass diese Verlierer-Länder, von denen viele
einfach nichts „anzubieten“ haben, kaum einen moralischen Diskurs
stimulieren? Gibt es eine generelle Bevorzugung von Regionen, gibt es
Fehler – Ländern, die sich in die Weltwirtschaft integriert haben, das hat
viele Voraussetzungen an Bildung und Mentalität, good governance,
Klima etc. und denen geht es tendentiell besser. Gibt es einen
pauschalen, globalen Verantwortungsbegriff? Nach Müntefering nicht,
das fällt dann wohl in das fragwürdige Feld der humanitären bzw.
Entwicklungshilfe. (Der folgenlose und weder Egoismus noch
korruptionsfreie gigantische Kapitaltransfer nach Afrika seit 1945.) Oder
ist ein solcher globaler Verantwortungsbegriff schlicht Hybris? Gibt es in
der „Neuen Unübersichtlichkeit“ ergebnisorientierte Moralen und solche,
die aufs Einzelhandeln abstellen? Und: in welchen Fällen gilt „private
vices, public benefit“

In jedem Fall produziert das Differenzerlebnis Ohnmachtsgefühle, die


durch Machtphantasien kompensiert werden. Der Vorsitzende der IG-
Metall, Jürgen Peters etwa gibt dem „entfesselten Wettbewerb“, der
„droht aus den Fugen zu geraten“ die Schuld: „Der Markt hat sich
verselbstständigt und sich über alles erhoben. Alles (sic!) andere ist
Restgröße. Das ist eine Gefahr für die Demokratie.“ Und dann sein
Schluss: „Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag, zu dem alle
Akteure ihren Beitrag leisten. Der Erfolg von Unternehmen darf nicht nur
am Gewinn gemessen werden, sondern gleichzeitig an ihrer Leistung für
die Beschäftigungsentwicklung.“ (Jürgen Peters, Politik gegen die
Finanzmärkte, in DIE ZEIT, 28.4.2005, Nr. 18, 32) Das ist eine
modifizierte Variante des „Dienens“. Noch einmal die Frage: Wer sind die
Vertragspartner? Soll hier ein Vertrag erzwungen werden? Vor allem in
der deutschen Gewerkschaftsbewegung gibt es ein drohendes Element,
das man in den Kontext vom Klassenkampf, den es gibt und der ja auch
ein historische Effizienz hat, setzen kann. Man sollte allerdings die
Überlegungen von Marx (und Lenin) zur Rolle des moralischen
Arguments im Klassenkampf nicht übersehen. Den bloßen
Tradeunionismus haben die nicht sonderlich hoch bewertet, die
moralische Überlegenheit der Arbeiterklasse sahen sie im Kontext einer
Geschichtsteleologie: die Emanzipation der untersten Klasse würde
zwangsläufig die ganze Gesellschaft emanzipieren. (In ihren Briefen
haben die beiden recht verächtlich von den deutschen Arbeitern als
„Knoten“ gesprochen und übrigens Lassalle als „Jüdischen Nigger“

86
tituliert.) Vielleicht abgesehen von „Der Lage der arbeitenden Klasse in
England“ haben M und E das proletarische Elend funktional gesehen, als
Evidenz, die den Weg von der Klasse an sich zur Klasse für sich fördern
würde. Auch Luxemburg und die Massenstreikdebatte – der (manchmal
moralisch motivierte) Kampf um Reformen als Lernprozess zur
befreienden Revolution.

Unbestritten ist, dass die Gleichzeitigkeit von (deutscher)


Rekordarbeitslosigkeit und Rekordgewinnen, von Niedriglöhnen und
Millionengehältern für Manager und Hartz IV eine schwere Provokation
beinhaltet. Die am Markt der Lösungen gehandelten Vorschläge (vor
allem Müntefering und Peters) sind allerdings alle inkohärent und
rechtlich fragwürdig. Sie haben auch den absurden Effekt, dass –
dadurch, dass die politische Elite, die diese Tendenzen nicht vorhersah –
durch ihr unrealistisches Versprechen auf Gegensteuerung die beklagte
Politikverdrossenheit verstärken wird. Im übrigen behaupten etwa die
Ökonomen Giorgio Barba Navaretti und Anthony Venables (google), dass
Direktinvestitionen im Ausland, zumal in Niedriglohnländern, die jeweilige
heimische „Wirtschaft“ (schon wieder dieses Globalwort) stärken würden,
auch das wieder ein anderes Selbstbild. (Gehört an eine andere Stelle.)
Es ist interessant, dass uns moralische Diskussionen zur Wirtschaft in ein
Kompetenzfeld zwingen, das den meisten von uns fremd ist. Das schafft
wieder einen großen Freiraum für Beliebigkeiten. Zudem sind die Fakten
häufig schneller als unsere Gedanken. Das erschwert moralische
Reflexionen – das Fehlen einer gesicherten Kompetenz.
(Die Ratlosigkeit auch der Justiz bei der ersten großen
Weltwirtschaftskrise 1873.)
Noch einmal zu Vittorio Hösle, Moral und Politik, ein Buch der Lösungen,
das oft zitiert werden wird, obwohl der Ansatz verschieden ist.
Verwendet Moral als normativen Begriff – „moralisch sind eine Handlung,
ein Institution, eine Emotion, wen sie so sind, wie sie sein sollen. Die
Moral eine konkreten Handlung .... ist also das jenige an ihnen, was so
ist, wie es sein soll.“ 104
Das lässt eigentlich nur Raum für ein entweder – oder.
Diese Relation ist aber vielschichtig, Hösle bewundert Hegel, daher
referiert er (81) zustimmend, es dürfe sich dabei nicht um ein reines
Selbstverhältnis halten, es muss in einer normativen Institutionenlehre
wurzeln, gut kann man nur im Staat sein, alles andere ist ein moralisches
Räsonieren, dass sich aus allen Institutionen in die Vortrefflichkeit des
eigenen Gewissens hinausreflektiert, solches läuft auf das hinaus, was

87
man das „Böse“ nennt. Das heißt, was wir bisher an moralischen Kritiken
gehört haben, bleibt im Bereich des Selbstverhältnisses und hat nicht
jene Kohärenz, die ihm der Staat gibt, es ist mir unmöglich, diesen
Gedanken unter globalsierten Verhältnissen durchzuspielen.
Hegel kann ich hier nicht kompetent diskutieren, rein alltagsvernünftig
gedacht, genügen viele Staaten, die wir als solche bezeichnen, nicht
seiner Vorstellung, ja wir sprechen sogar von „Schurkenstaaten“.
Generell bewegt sich staatliches Handeln nahezu permanent in einer
moralischen Konfliktzone - Wie ist es eigentlich mit Churchills „moral
bombing“ Dresdens, das recht unterschiedlich bewertet wird.

Akzeptieren wir mit der Kritik am Moralisieren die Idee der „Moralen“?

Ganz langsam und vorsichtig, vor einer Aussage – und bis jetzt hat es
keine gegeben – muss man das Umfeld klären. Eine Abwehrstrategie
liegt in dem Wort „Doppelmoral“, - so ja ein Teil der Presse zur „Bawag“ -
die Norm gilt, aber ihre Verkünder halten sich nicht daran, wenn es ihnen
nützt, oder zumindest: die Verletzung bleibt gerade von ihren
Verkündern unsanktioniert, sie wird inkonsequent durchgesetzt, sie ist
nur Bestandteil des Selbstwertgefühls, ein Ornament des öffentlichen
Lebens. Manchmal geht der Vorwurf hinüber in die Richtung der
Täuschung.
Als klassisches Beispiel gilt die Viktorianische Sexualmoral, ein scheinbar
geregeltes System einer strengen an außerehelicher Keuschheit
orientierten Moral, das aber mit einer hohen Prostitutionskultur
koexistierte und im übrigen Frauen stärker beschränkte, als Männer.
Karl Kraus war ein Kritiker dieser Doppelmoral, vor allem – da er die
Presse für eine sozial destruktive Kraft hielt – ihrer publizistischen
Artikulationen.
Genauer in meinem Kraus-Buch. Das „Tagblatt“: headlines wie
„Lasterhöhle“ ausgehoben. (Tatsächlich nur gegen Kleinbordelle, die
großen – von der Aristokratie besuchten wie das der Frau Riehl –
standen unter Schutz. „Madeln, verführts mir den dicken Kommissar!“)
Gleichzeitig: der Inseratenteil, Lederlady Strengmodell, englische
Gouvernante, junge Griechin, Französischlehrerin oder Mademoiselle.
Ein doppeltes Geschäft, vorne die moralisierende Sensation, hinten die
Förderung dieses Verhaltens.
Ähnlich die „New York Times“: eine korrekte Berichterstattung über die
Rolle des Sudans als Anheizer des Bürgerkrieges und des Genozids in
Darfour. Und vor einigen Wochen: eine entgeltliche Informationsbeilage

88
der Sudanesischen Regierung, Propaganda, gutes Image, Werben um
Investoren. Also: vorne spricht scheinbar die Moral und wir schätzen das
Blatt deswegen, hinten artikuliert sich die Unmoral, das latt kassierte
angeblich 900.000 $.
In beiden Fällen ist die Optik schlecht und lädt zum Vorwurf der
Doppelmoral ein. Wenn er im Inseratenteil zahlt, bekommt der im
redaktionellen Teil verurteilte den Status eines gleichberechtigten
Subjekts, er verliert in seiner Selbstaussage seine Verächtlichkeit, er hat
das recht zur Rede.

Das „Tagblatt“ argumentiert mit dem – so Kraus mit gelungenem Spott –


liberalen Heiligtum der Trennung von Redaktion und Verwaltung.
Bei Kraus lächerlich.
Die NYT deutlicher: Trennung von Redaktion und Verwaltung speziell
Inseraten ist Basis der Pressefreiheit, Berlusconi als mögliches
Gegenbeispiel. 1.) Wir berichten nach unserer Überzeugung über den
Sudan, da kann den Journalisten niemand dreinreden. Sobald wir die
Trennung in einer Richtung aufheben, ist das Tor für Interventionen in
der anderen Richtung offen. Das heißt, hier geht es um ein wirkliches
Essential der Regeln von Massenkommukation.
2.) Und das ist interessant, darauf konnte sich das „Tagblatt“ nicht
berufen: Pressefreiheit heißt die freie Artikulation von Ideen und
Meinungen, sofern sie nicht verboten sind. Einem liberalen Verständnis
zufolge kann man nicht entscheiden, ob ein Beitrag zulässig ist oder
nicht. Auch die Beilage liefert Informationen, ein Selbstbild, das sich
damit auch der Kritik stellt und ist damit legitim.
Zwei Aspekte: hier findet ein Konflikt in einem System statt, das „wir“
akzeptieren, der liberalen Errungenschaft der Pressefreiheit, mit einem
Ergebnis, das uns möglicherweise nicht gefällt. Ich sehe da gar keinen
Konflikt, ein akzeptiertes System lässt zwei widersprechende
Verhaltensformen zu.
Dann: beide Zeitungen berufen sich auf zwei verschiedene Akteure, sie
lehnen es ab, als Einheit gesehen zu werden. Der moralische Tagblatt-
Redakteur, der arme Unterschichtprostituierte jagt, beruft sich – ob
glaubhaft oder nicht – darauf, dass er davon nichts weiß, dass das
Inserat in jedem Fall nicht in seine Verantwortung fällt. Die NYT veredelt
das durch ein grundsätzliche Überlegung.
Ich möchte das nicht sachlich diskutieren, aber auffallend ist der Mangel
an Kohärenz – das tun des einen behauptet, mit dem des anderen nichts
zu tun zu haben. Der Redakteur folgt seiner Moral, der

89
Anzeigenacquisiteur der seinen. Beide verdienen Geld mit ihrer Tätigkeit,
ihr Zusammenwirken in einer Zeitung schafft einen Widerspruch, der
dieser als Doppelmoral ausgelegt wird, die NYT hat sich trefflich
herausgeredet. Aus dem Zusammenwirken der beiden ergibt sich ein
denunzierbares Ergebnis, aber beide Gruppen leugnen Schuld.
Das ist wohl der Punkt, wo wir uns mit der Frage, wie man komplexe
Systeme moralisch bewerten kann, das Inseratenbeispiel hat ja nur eine
angedeutete Komplexität – zwei Personengruppen interagieren nach
ihren akzeptierten Regeln in einem räumlichen überschaubaren Feld und
annähernd gleichzeitig.
Die Globalisierung bedeutet auch das Interagieren von unzähligen
Kräften in einem globalen Feld mit unterschiedlichen Intentionen unter
sich ständig wandelnden Bedingungen auf verschiedenen Zeitachsen.
Das Zitat von Engels aus dem Altersbrief, (MEW 37, 464) „Zweitens aber
macht sich die Geschichte so, dass das Endresultat stets aus dem
Konflikt vieler Einzelwillen hervorgeht, (...); es sind also unzählige
einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von
Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche
Ergebnis – hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als
Ganzes, bewusstlos und willenlos wirkenden Kraft angesehen werden
kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert,
und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat.“

Mir ist das ein Motto, ein sehr agnostischer Satz, ein Bruch mit der Idee
der Aufklärung von der Übersichtlichkeit und Berechenbarkeit. Ein
kränkender Satz übrigens, den die Chaos-Theorie ja unterstützt. Was
heißt Moral unter den Bedingungen dieses Satzes? Auf jeden Fall, darauf
noch oft, das man sich nicht auf das unbefriedigende Ergebnis stürzen
soll.

Darwins Nightmare kann von verschiedenen Punkten her gesehen


werden, der, der das erste Nilbarschpaar in den Victoriasee gesetzt hat,
hatte wohl nichts Böses im Sinn. Auch die EU hat gemeint, mit diesen
tollen Fischfabriken die Wirtschaft zu fördern. Die Folgen, die keiner
wollte, sind entsetzlich und offensichtlich in ihrer Gesamtheit
unabstellbar.
Jared Diamond, Kollaps. Warum Gesellschaften untergehen oder
überleben. Das erste Kapitel über die Umweltprobleme Montanas
illustriert die Schwierigkeit, einen „Schuldigen“ festzumachen.

90
Das Schwierige liegt in der „ergebnisorientierten“ Betrachtung, es darf
doch nicht sein, dass da ein See mit einer Giftbrühe und einem
zerbröckelndem Damm liegt und alles bedroht – noch dazu ein See, der
einmal einem Industrieunternehmen gehört hat. Aber dieses
Unternehmen hat vor 60 Jahren den Damm nach damaligen Standards
gebaut, vor fünfzig Jahren das Unternehmen verkauft, es ist aus dem
Schneider nach den Regeln seiner Zeit. Allmählich wurde das
Unternehmen unrentabel, ein Retter war unseriös, einer wurde gefeiert
und ging ein, keiner dachte daran, den Damm zu erneuern, auch dem
Gesetzgeber und der lokalen Verwaltung ist das irgendwie entgangen.
Und jetzt liegt der Giftsee da – der Bundessstaat hat kein Geld (das ist ja
nur einer von vielen) das zu finanzieren, auch sind die Technologien gar
nicht klar, Washington alimentiert Montana ohnedies, die Bürger selbst
wollen nicht zahlen, sie würden auch kein Umlageverfahren akzeptieren.
Man könnte hier – ohne genaue Kenntnis der Tatsachen – ein
faszinierendes Beispiel konstruieren, wie etwas passiert ohne das ein
böser Wille (also: das auf Profitdenken basierende bewusste In-Kauf-
Nehmen von negativen Folgen) beteiligt ist. Es gibt ein Zusammenwirken
der Kräfte unter sich ständig wandelnden Bedingungen, die Frage, was
„gut“ ist wird ständig kontrovers beantwortet (gutes Beispiel: die
schlechte Feinstaubbilanz bei den Holzleistungen, die man uns noch vor
einigen Jahren aufgeschwatzt hat, auch der angeblich sauberere Diesel)
und es gibt auch die „Trägheit“ und die „Schlamperei“. Die werden uns
noch beschäftigen, weil sie – und das „Sich Täuschen Lassen“ im
Extremfall als „Wegschauen“ – sind Aktivitäten mit potentiell heillosen
Folgen, die ich in den Lehrbüchern der Wirtschaftsethik ignoriert werden.
Sie fixieren sich auf die Gretchenfrage „Wie hältst Du´s mit dem
Profitprinzip?“ und imaginieren eine genaue Übersicht des handelnden
Subjekts über die Folgen seines Tuns.
Das gilt in einem übersteigerten Maß für die Globalisierung. Sie bedeutet
– in ihrem medialen Segment – ein Bombardement von entsetzlichen,
schwer aushaltbaren Bildern von Leid, Zerstörung heilender Ressourcen,
nachhaltiger Beschädigung der Umwelt etc. Das kann schuldhaft sein, in
der Handlungskette die Tropenholz raubschlägert kann eine Gruppe mit
krimineller Energie und Know How sitzen, die lokale Gesetze bricht,
Zertifikate fälscht und europäischen Besuchern Potemkinsche Dörfer
nachhaltigen Wirtschaftens vorführt. Da gibt es einen –lokalen –
Schuldigen, der möglicherweise seine Armut ins Spiel bringen kann, der
Schuldige, den wir präferieren, der Importeur, unser Mann sozusagen, ist

91
möglicherweise nicht beteiligt. Es gibt aber auch Fälle, wo etwas rein aus
dem Zusammenspiel unkontrollierbarer Kräfte, nochmals Engels, basiert.

Das ist aber genau der Punkt, wo sich etwas spießt. Wenn etwas
geschieht, das wusste schon Sigmund Freud, dann muss jemand schuld
daran sein. (Der Arzt am Tod des Patienten.) Jeder hat seinen Schuldigen
– hat nicht Bruno Kreisky gesagt, dass ihm einige Millionen Schulden
mehr drücken, als einige Tausend Arbeitslose und damit unrentable
Industriezweige auf Pump mitgeschleppt und damit unseren heutigen
budgetären Spielraum verringert; hat nicht Konrad Adenauer gesagt,
dass die Leute ohnedies immer Kinder bekommen, es damit begünstigt,
dass keine adäquaten familienfördernden Maßnahmen gesetzt wurden
und so die demographische Falle auf den Gewissen; hat nicht Helmut
Kohl dem Osten blühende Landschaften versprochen und mit der 1:1 –
Umwechslung von MDN in DM die Industrie des Ostens in die
Konkurrenzunfähigkeit getrieben? Manche Schuldigen sind strittig: wer
hat die Misere der deutschen Automobilindustrie zu verantworten – die
Gier des Managements, die falsche Modellpolitik, der Maybach? Oder hat
der Betriebsrat nicht manche Fehlentwicklungen abgesegnet? Man kann
das „Wer ist schuld“ – Spiel bis ins Unendliche weiterführen, es hat eine
entlastende Funktion, man kann sich im historischen Ablauf eine
Sekunde lang zurücklehnen. Aber was bringt das? Die Schuldfrage hinkt
eigentlich immer hinter dem Ergebnis her, sie blockt.

Eine bemerkenswerte Position: In dem Artikel „Die Geschichte ist kein


Friedhof“, Die Zeit Nr. 42, 8. Oktober 1998, hat Paul Riccoeur sogar dafür
plädiert, selbst bei der Beurteilung von geschehenen Verbrechen sich „an
die Stelle der historischen Akteure zu versetzen, in jenen Moment, in
dem sie die Folgen noch nicht absehen konnten.“ Das ist – wohlgemerkt
– nicht die Position des Rudolf Burger vom „Vergessen“ als
Voraussetzung einer „guten“ Gesellschaft; auch nicht die Nietzsches vom
Nachteil der Historie fürs Leben, sondern ein Vorschlag der für jede
Schuldfrage gilt: sich mit einer differenzierten Empathie in die Akteure zu
versetzen und zu versuchen, zu rekonstruieren, was von den Folgen
ihres Tuns ihnen voll mental disponibel war. Vorsichtig formuliert scheint
mir diese Position mit dem kategorischen Imperativ – Stichwort Maxime
– entweder schwer kompatibel oder aber sie reduziert seinen
argumentativen Anwendungsspielraum auf einen überschaubaren
Zeitraum. Dazu später, nur kurz der Hinweis, dass die Maxime

92
möglicherweise in einem Verfahren, das narrativer Logik folgt, extrahiert
wird.

Zur Schuldfrage gehört auch die, ob nicht bestimmte Entwicklungen –


etwa in der sozialen Position ungelernter Arbeitskräfte - schon
irreversibel sind. Oder ob das momentane Verhältnis in manchen
deutschen Großbetrieben der Automobilbranche – ein Leiharbeiter auf
einen Fixangestellten, wobei ersterer etwa die Hälfte verdient, sich nicht
steigern wird und die Zahl jener, die mit nur einem Job „working poors“
sind, amerikanische Ausmaße erreichen wird. (Das wäre ein extrem
unpopulärer Anwendungsfall für den österreichischen Slogan „Zeit zu
teilen“.) Wenn dem so ist, dann ist das ein Lehrstück dafür, dass
Gesellschaften nicht lernbereit sind, dass sie sich gerne herausreden,
lieber nicht hinschauen. Dafür hat ja der Diamond mit seinem
Osterinselbeispiel Illustrationen geliefert, dieses (natürlich nicht
nachweisbare) langsame Zerstören der Palmen und damit der
ökologischen Basis der Gesellschaft. Wir zahlen für dieses nicht
hinschauen von Vorgängergenerationen. Und künftige Generationen
werden zahlen für eine Beziehungslosigkeit zu unseren wirklichen
Problemen, für ein schlechte Nachrichten nicht zur Kenntnis nehmen.
Das ist menschlich, das gilt auch für die Elite. Der Spott über die
Publizisten, die schon vor zwanzig Jahren ihre warnende Stimme
erhoben haben, ist mir noch gut in den Ohren. Keiner mag die
Unglücksboten. Wenn man die populären Zukunftsszenarien der letzten
45 Jahre – also von Hermann Kahns „Ihr werdet es erleben“ an –
ansieht, dann sind die optimistischen populär geworden. Wer den
Zusammenbruch des Ostblocks prophezeiht hat, war ein Reaktionär, der
den „Dritten Weg“ beschädigen wollte oder die friedliche Koexistenz,
oder er war einfach ein polnischer Spinner.

Aber vielleicht sollten wir – immer in Anführungszeichen, opponierend


der Zweispaltung der Gesellschaft in „Schuldige“ und „Ankläger“ - uns
ansonsten exkulpieren. Was wir einmal getan oder gesagt haben, hat
unserem wohlverstandenen momentanen Interesse entsprochen. Es gibt
verschiedene Schichten von Verantwortung – aus der für das häusliche
Budget haben wir unsere regionalen Textilindustrien zerstört, indem wir
asiatische Textilien gekauft haben. Wenn man sich das Kalkül der
Billigkäufer ansieht, dann haben sie viel angerichtet, aber ihre Gründe
sind nachvollziehbar. Zu seiner Planungszeit – der des ostentativen
neuen Reichtums der IT-Blase - war der heute schwer verkäufliche und

93
VW belastende „Maybach“ wirklich eine gute Idee. Die Dinge haben sich
anders entwickelt, als wir sie vorhergesehen hatten. Hat diese Erkenntnis
eine Konsequenz, etwa die, aus Punkt, ein Ende mit der
Schulddiskussion?

Das soll bei echt schuldhaften Verhalten wohl nicht so sein, aber bei
komplex inkalkulablen Prozessen wie bei der Globalisierung schon; vor
allem hat das auch eine Dimension in der Gegenwart: die Globalsierung
kennt keine namhaft machbaren Drahtzieher, sondern hauptsächlich
Getriebene auf allen Ebenen. Es liegt im Mechanismus der Konkurrenz, -
die von manchen als die Basis der Evolution angesehen wird - dass sich
faktische Standards entwickeln und dass der bestraft wird, der diese
Standards nicht respektiert. Jene Idylle, von der etwa Heiner Geissler
schwärmt – die internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft mit
geordnetem Wettbewerb – (ist das nicht eine widersprüchliche
Formulierung – heißt Ordnung des Wettbewerbs über Exzesse hinaus
nicht Stagnation) ist wohl nur über zahlreiche mühevolle Umwege in
einem einheitlichen internationalen Vorgehen erreichbar – man kann das
diskutieren, aber nicht den Leuten als Lösung für die nächsten zehn
Jahre anbieten.
Das gleiche gilt für den Vorschlag Jörg Haiders, der sich seit einiger Zeit
für die Globalisierung interessiert, durch eine „Ordnung“, die sich an der
sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards – die ein relativ geschlossenes
Wirtschaftsgebiet bediente – die „destruktive Seite“ der Globalisierung
auszuschalten und sie so zu organisieren. „Ich wünsche mir
Marktwirtschaft und Wettbewerb, aber einen, in dem der Mittelstand
überleben kann.“ (Ich will´s mir ja nicht verschlechtern, Interview mit
Jörg Haider, in Profil 15, 11.4. 2005, 20) Erhard hat er nicht gelesen, der
war nicht sozial im heutigen Wortsinn, sondern war der Meinung, dass
der Wiederaufbau als arbeitsplatzschaffende Maßnahme sozial ist. Erhard
war ein Liberaler, der sich bemühte, seine Ideen einer einzigartigen
historischen Konstellation, die etwa Staatsinterventionen erforderlich
machte, anzupassen. Ideen von einer „Bändigung des Kapitalismus“
kommen bei ihm nicht vor.

Niemand kann den Verwaltern eines Investmentfonds verbieten, ein


Papier so lange zu halten, wie es die höchsten Gewinnmöglichkeiten
bringt – gewiss, hier werden per „enter“ am Computer Milliarden in
Sekunden verschoben und in Extremfällen Existenzen zerstört. Verbieten
könnte man es ihnen – und das ist die Schwäche des

94
wirtschaftsethischen Ansatzes, der das Verhältnis von Verhalten zum
Gewinn focusiert – nur dann, wenn sie sozusagen autonom wären – der
einsame, auf eigene Rechnung agierende Spekulant, der sich
entscheidet, mache ich einen „mäßigen“ Gewinn, der kaum Schaden
anrichtet oder maximiere ich und nehme dabei destruktive Folgen in
Kauf. Die Autonomie ist eine Illusion, denn auch diese Verwalter sind
Getriebene: die Anleger machen Druck. Es sind ihre Kunden –
Rentenfonds etwa – die sie sofort verlassen, wenn der Ertrag sinkt oder
der Wert des Portofolios sich reduziert, manchmal aus begründeten
Sorgen um die Rente ihrer Klienten, die ja im übrigen auch – nicht
einfach, aber prinzipiell – einen unbefriedigenden Fonds verlassen. (Hier
gibt es übrigens ein Wahrnehmungsproblem: Spitzengewinne werden
von der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen, als – vor allem kleine –
Verluste oder die simplen Kosten der Aufrechterhaltung einer
wirtschaftlichen Aktivität.) Das ist bedauerlich und im übrigen
wahrscheinlich entwicklungshemmend, weil es langfristige Investitionen
erschwert und damit forschungs- und innovationsfeindlich ist. Aber es ist
ein entwickeltes System ohne klare Verantwortung, doch mit sichtbaren
und schmerzhaften Folgen: die Verwalter der Investmentfonds üben
Druck auf die Manager aus und die geben ihn an die Belegschaft weiter.
Günther Anders hat in der „Antiquitiertheit des Menschen“ davon
gesprochen, dass sich die Technik von einem Mittel zum Zweck
entwickelt hätte und damit – und das ist mir hier wichtig, weil es für
komplexe Ökonomien noch mehr gilt, den Entscheidungsspielraum der
Menschheit reduziert hat. Gewiss, es gibt Trittbrettfahrer, die eine
Drohkulisse aufbauen, um ihre Herstellungskosten zu senken. Aber
vielleicht sind das auch Leute, die zwar im Augenblick nicht gefährdet
sind, die aber genau jenes langfristige strategische Denken haben,
dessen Absenz wir so beklagen. Die ergebnisorientierte Anklage ignoriert
hier eine Folge, die dann wieder eine andere Anklage produzieren
könnte. (Die Analogie zu den Sicherheitsproblemen mit muslimischen
Flughafenpersonal.)

Es gibt also derzeit eine Sozialpartnerschaft der Getriebenen, ich halte


diese Formulierung für realistischer, als die von der grenzenlosen Gier
des globalisierten Kapitalismus. Natürlich gibt es Gier – in der IT-Blase
hat sie sich exemplarisch ausgetobt, - es gibt soziale
Verantwortungslosigkeit, Betrug, Korruption. Aber im großen und ganzen
ist das internationale System des Druckes in Richtung
Gewinnmaximierung eine Realität und viele, die diesen Druck ausüben,

95
handeln defensiv oder sie sind sich der Folgen ihres Handelns nicht
bewusst.
Vielleicht könnte man folgende „entschuldigende“ Formulierung
anbieten:
Man sollte auch nicht vergessen: die Menschen wollen in der Regel „gut“
handeln, doch genauso handeln sie ökonomisch vernünftig. Ihre
„Vernunft“ ist häufig kurzfristig ergebnisorientiert, das haben sie mit
ihren moralisierenden Kritikern gemeinsam. Genauso wie die Fehler, die
nicht vorhersehbar waren: Hartz wird teurer als konzipiert und eine
vernünftige Adaption des Staatsbürgerschaftsrechtes führt zu der Folge,
dass Leute die Vaterschaft an 300 Kindern anerkennen, damit es eine
deutsche Sorgepflicht gibt. Fehler machen auch die „Guten“, was die als
„Böse“ angeklagten betrifft, hat durch die Komplexität jeder von ihnen
einen begrenzten Handlungsspielraum und vor allem einen ebenso
begrenzten Konfliktspielraum.

Neben der Imagination der Autonomie in der klassischen


Wirtschaftsethik sehe ich als zweite Imagination die an, dass „gutes“
Handeln unter komplexen Bedingungen und unvorhersehbaren
Zukunftsszenarien ohne extreme Mühen möglich ist. Ich erinnere an den
klassischen Satz eines Burn-Out geplagten über 55: hinter mir die
Sintflut, ich tu mir das nicht mehr an. Damit zieht er sich auch aus den
Konflikten zurück, aus der Auseinandersetzung mit konkurrierenden
Experten, aus der Unsicherheit, ob seine Erfahrung noch stimmt, aus
einem Entscheidungsstress, er kündigt innerlich. Amerikanischen
Präsidenten wird nachgesagt, dass sie gerne mit kontroversen Beratern
beginnen und in der zweiten Amtszeit diese feuern und nur mehr solche
engagieren, die ihr Ego kräftigen. (Kann das ein möglicher Grund sein für
den Jugendkult in manchen Konzernen – Ericsson entlässt über 35
jährige, Diesel stellt nur junge Leute ein, das geringere Innovations- und
(Wichtig!) Konfliktpotential der „Jungen“? )

Man kann auch dieses Handlungstypen negativ bewerten, als „Trägheit“


und als „Schlamperei“. Noch einmal: wir sprechen nicht über die
„bewusst Bösen“, die ja oft unter die Zuständigkeit des Strafrechts fallen
(oben Tropenholz). Da weiß jemand, dass eine scheinbar überzeugende
Maßnahme etwa umwegig ökologisch schädlich ist (Raps hat eine gar
nicht so gute Energiebilanz, ist düngungsintensiv und braucht Pestizide)
– in seiner sozialen Einheit ist er in der Minderheit, sein Wissen ist
unbequem, es gibt Gegenargumente. Das „Richtige“ von dem Hösle

96
spricht, erfordert gelegentlich eine ungeheure Energie und man kann
sich gefährden. Man kämpft gegen die „Wegschauer“ und die
„Besserwisser“. Ein extremes Beispiel ist der Stalinismus – einerseits hat
das Alphatier Lyssenko mit seiner angeblich marxistischen
Agrarwirtschaft selbige ruiniert und gleichzeitig Genetiker, die gegen ihn
opponierten in den Gulag schicken lassen. Andererseits gab es eine
rigide Erfolgsorientierung – „Schlamperei“ wurde paranoid als Sabotage
am sozialistischen Aufbau bestraft. Die – gescheiterte – Planwirtschaft ist
ein gutes Beispiel für die Intervention von nichtkalkulierbaren Faktoren,
die Passivität und Betriebsopportunismus nachvollziehbar macht.
Starrsinn, Unbelehrbarkeit – das sind alles Motive dieses Engelsschen
´“Kräfteparallelogramms“. Es sei an das Strafrecht mit seiner
Differenzierung in Typen der Fahrlässigkeit und dem Vorsatz erinnert.
Was die Globalisierung betrifft, stellt sich noch die Frage der
Zurechnungsfähigkeit wegen der mangelnden Kenntnis.

Trotzdem bleibt, und da hat die etablierte Wirtschaftsethik recht: Das –


gut und ökonomisch - ist wohl eine Grundstruktur, eine prinzipiell
konfliktreiche, weil die beiden Sphären in vielen Fällen nicht
deckungsgleich sind. In China derzeit etwa, wenn mit ungeheurer
Rücksichtslosigkeit Menschen kurzfristig abgesiedelt werden. Hier wird
aktuelles Leid in Kauf genommen im Namen einer – durch bürokratisch
und politisch verankerte Experten abgesicherten – zukünftigen
ökonomischen Prosperität. Wenn die Diskrepanz zu groß ist, wird es
konfliktreich. Jene, die meinen, benachteiligt zu sein, werden sich
artikulieren. Das moralische Argument wird dabei auf jeden Fall zum
Einsatz kommen, wenn es sich demokratisch artikulieren kann und
mehrheitsfähig ist, wird es den Konflikt in einer Richtung auflösen.
Skandinavische Länder etwa akzeptieren hohe Massensteuern, haben
aber gleichzeitig eine rigide Arbeitsethik, „Sozialmissbrauch“ ist kulturell
inakzeptabel, die Regierung macht eine erstaunlich
unternehmensfreundliche Politik. In Italien scheint ein hoher
Steuerwiderstand kulturell verankert zu sein. Das heißt, funktionierende
Demokratien bieten ihren Bürgern – intern und extern – die Möglichkeit,
die Gewichtung zwischen „gut“ und „ökonomisch“ zu verändern.

Die Gewichtung in ihrer aktuellen Ausprägung kann provozieren. Ein


Beispiel: Die durch die Globalisierung geschaffene Chance großer
Konzerne, sich der Besteuerung im Heimatland weitgehend zu entziehen,
bringt Gerechtigkeitsvorstellungen ins Wanken. Und zwar auch unter

97
denen, die wissen, dass das notwendig-unvermeidbar ist. Im Gegensatz
zum Lebensstil der Tradition ist der Kapitalismus (außer man definiert ihn
als Religion, das ist aber eine rhetorische Floskel) gar nicht gut
legitimiert.

Diese mangelnde Legitimation des Kapitalismus spielt eine große Rolle in


der moralischen Auseinandersetzung mit ihm und der Globalisierung. Im
Grunde ist sie eine Folge des „Gott ist tot“, nicht nur auf Nietzsche
bezogen, sondern schon auf die französische Aufklärung. Der
Feudalismus mit seiner Pyramide über Gott, Kaiser, Grundherr und
Leibeigener hatte eine griffige, auf eine unhinterfragbare Instanz
bezogene Legitimation. „Wissen“ war rar und war untrennbar mit den
Institutionen des Machtblocks verbunden. (Thomas Müntzer und die
Bauernkriege als erste Ausnahme.) Jeder hatte – in einer relativ
statischen Gesellschaft – seinen Platz, durch die Kooperation zwischen
der Kirche und dem eigenartig strukturierten ökonomisch-politischen
Block, war (zumal organisierter) Dissenz ein rechtlich-religiös relevantes
Delikt. Gleichzeitig bildeten sich antizipierende Inseln des Kapitalismus
mit einer inkohärenten Legitimation.
Die protestantische Ethik, vor allem der Calvinismus, entstanden in einer
solchen Insel, hat Gott in dieses Spiel eingebracht. Näheres im Geiz –
Buch, (Max Weber), Du darfst im Namen Gottes reich werden, die
Geschäftsidee als Calling, Müßigang als Sünde, Leistungsideologie als
hartes aber christliches Prinzip. „Gut“ und „ökonomisch erfolgreich“ sind
ident, im Umkehrschluss: arm hat auch eine minderwertige Komponente,
liefert das Spielfeld für wohltätig-gutes Handeln, Armut, die sich nicht
nach oben bewegt ist ein passives Objekt.
Das interessante an der Protestantischen Ethik ist, dass Gier, Wunsch
nach sozialem Aufstieg, Mobilität, mit einer spirituellen Prämie versehen
wurden, die individuell narzisstisch wirkte und allgemein akzeptiert war.

Das Permanenzproblem der protestantischen Ethik, vor allem in der


Erbengeneration und nach dem Ende der „heroischen“ Aufbauphase. Die
„Söhne“ verspüren das „Calling“ nicht mehr. Veblen: Luxus bringt
Prestige. Es gibt immer noch Sicherungssysteme der protestantischen
Ethik – Erbschaftssteuern, Witwenpensionen reduzieren (Skandinavien).

Eine Konsequenz der Aufklärung mit ihrer Orientierung an der Vernunft:


die „gute“ Geschäftsidee ist zunächst ein Ausweis der Vernunft
desjenigen, der sie hat – kein Calling Gottes. Die Idee, dass der

98
wirtschaftlich erfolgreiche von Gott gesegnet ist, ist mit diesem
gestorben, ebenso wie die Verpflichtungssysteme, die damit verbunden
waren.
Gibt es bei Balzac, der die expansiven Typen von Industriellen post
Aufklärung schildert, ein soziales Verpflichtungssystem? Nein, er feiert
die Selbstüberschreitung der Aufsteiger - in der von ihm beschriebenen
Periode scheint das Verpflichtungssystem nicht auf. Bei Zola sehen wir
die Folgen dieses Zusammenbruchs – da wird nach heutigen Kriterien
eindeutig schuldhaftes Verhalten beschrieben, (Bergbau) auch bei den
heuchlerisch-korrupten Figuren des englischen Kapitalismus bei Dickens.
Was von der protestantischen Ethik geblieben ist, ist eine abwertende
Haltung gegenüber den „Armen“. (Ein Gegenbild: der „anständige Arme“
der Biedermeier-Literatur mit seinen Nachwirkungen – siehe Kroetz –
wird uns noch später beschäftigen.)

Die Legitimation des Kapitalismus ist auf der Vernunft basiert, so noch
heute: wer Arbeitsplätze schafft, nützt dem Ganzen. Wer etwa den
Neoliberalismus als „Religion“ bezeichnet, hat sich nie überlegt, was eine
Religion ist.
Die Vernunft hat (Bollenbeck) die Ideale von Bildung und Kultur etabliert.
Ehmig: Die Veredelung des Arbeiters, Ausgang aus selbstverschuldeter
(?) Unmündigkeit. Dazu eine neue Komponente: die Menschenrechte als
zunächst internes Phänomen einer sozialen Einheit inklusive einer
angemessenen Lebensform, Bildungschancen, sozialer Sicherheit. (Das
neue an der Globalisierung: die Externisierung der Menschenrechte, zu
ihrer Eigenart später.
Hier setzen die Forderungen der Arbeiterbewegung ein. Die Kombination
von Aufklärung und sich etablierender Industrialisierung produziert eine
dynamische Periode, aus der man – bei aller Vorsicht vor Analogien –
etwas lernen kann. Uns interessiert ja nicht die Geschichte der
Arbeiterbewegung, ihre machtmäßigen Abstützungen, sondern kollektive
Mentalitäten und ihre ökonomische Ermöglichung. Dass sich das Neue,
Moral und Mentalität des industriellen Zeitalters, durchsetzen können, ist
eine Folge des Fordismus, ein genialer Mix. Der Ingenieur als ein
moderner Prototyp braucht kein Calling, aber seine Vernunft lehrt ihn:
der ausgebildete Arbeiter (Ford: Fließband, Häuschen und eigenes Auto)
mehr den eigenen und den nationalen Wohlstand und ist auch ein
Konsument. Freud entdeckt das ungeheure Wunschpotential und die
Legitimation geht hinüber auf Anerkennung (auch des gering
qualifizierten Fließbandarbeiters), auf Konsum und vor allem auf die

99
durch das Bildungssystem garantierte soziale Mobilität. Der American
Way of Life hat eine kurzfristig stabile Legitimation und ist seinem
sozialistisch-kommunistischen Konkurrenten überlegen. Im „Dritten Weg“
der Sozialdemokratie wird die Legitimität sozusagen ausgehandelt, ohne
eine außer Streit stehende übergeordnete Instanz, als Balance von
Interessen. Von Fordismus bis zur österreichischen Sozialpartnerschaft
haben wir es in der Regel mit „Win / Win“ – Moralen zu tun, mit
gemessen an heute niederen Differenzen in den Chancen und eben
regional begrenzt mit Ausblendung der „Anderen“. Das alles sind
„vernünftig – egozentrische“ Legitimationen.

Wissens-, Informations-, Dienstleistungsgesellschaft haben im Kontext


der Globalisierung die Erkennbarkeit dieser Partner, die diese Moralen
ausgehandelt haben, zerstört, (für wen spricht die Gewerkschaft heute,
was ist sie, Sprecher derer, die einen Job haben, Sprecher der
österreichischen Arbeiter, schrumpft sie nicht, wie schafft sie das
gleichzeitig zu spekulieren und Mitgründer von Attack zu sein; wobei
andere Partner ähnliche Identitätsprobleme haben) das homogene
Interessenbündel hat sich in eine Unübersichtlichkeit aufgelöst. Die
Globalisierung legitimiert sich mit dem vagen Versprechen, dass es –
irgendwann einmal irgendwie – allen besser gehen würde, dass es vielen
jetzt schon besser ginge. Dagegen spricht in manchen Fällen (ehemalige
Industriearbeiter) die Evidenz, auch das schon oft besprochene multiple
Differenzerlebnis.

Wenn etwas geschieht muss einer Schuld sein - daher haben wir
Tendenzen von einer „guilt“ zu einer „blame – culture“. Noch einmal das
Beispiel mit moslemischen Kulturen.
In der blame-culture, das muss ja nicht nur eine große anthropologische
Distinktion sein, sondern das können auch Binnenphänomene sein, spielt
das moralische Argument eine zentrale Rolle, aber nicht als Ausfluss
einer kohärenten moralischen Reflexion, sondern als Ausgangspunkt. Im
Extremfall: Weil es mir oder Menschen mit denen ich mich identifiziere
schlecht geht und ich meine, das getan zu haben, was man tun soll,
muss das Ganze verwerflich sein. Die Existenz moralischer Konflikte ist
nicht wirklich zugelassen, das moralische Argument ist zu einer
spontanen Artikulationsform eines speziellen „Unbehagens in der
(globalisierten) Kultur“ geworden.

100
Ich denke, dass auch diese Annahme, deren Strittigkeit mir bewusst ist,
den Spielraum einer moralischen Reflexion einengt. Aber fragen wir uns
einmal, wie Philosophen mit Zeiten, in denen sich eine Gesellschaft mit
Recht gefährdet fühlte, umgegangen?
Sehr verkürzt gesagt, gibt es statische Gesellschaften – vom Feudalismus
bis zu gewissen „primitiven“ Gesellschaften - und dynamische, da könnte
man eine Skala anstellen. Moralische Bewertungen sind verinnerlicht und
massiv gestützt. Sie liegen dann im Konsens, wenn sie entweder
Konstellationen in statischen Gesellschaften kommentieren (die
diskursive Rolle der Theologie im Feudalismus) oder auf der Basis einer
zielgerichteten Dynamik vor sich gehen. Die Idee des Fortschritts ist so
eine Vorstellung von einer zielgerichteten Dynamik – in der klassischen
deutschen Philosophie als Vorstellung einer Zunahme an Mündigkeit, im
Marxismus als Emanzipation der gesamten Menschheit durch die der
untersten Klasse, in der Apologetik des Kolonialismus als Zivilisierung
der Welt. „Heiße“ Dynamiken – und die Globalisierung ist eine solche -
entwickeln zwingend – ich glaube, das ist schon belegt - immer
widersprüchliche moralische Bewertungen. Das ist besonders dann der
Fall, wenn die Richtung unklar ist.
Ein gutes Beispiel ist die deutsche Sozialstaatsdebatte in der Zeit von Rot
– Grün, deren Basisdaten heute nur mehr teilweise gelten. Etwa: Position
A – Deutschland leidet an einer Schwäche der inländischen Nachfrage,
das sei eine Folge des Umstandes, dass die Lohnerhöhungen hinter den
Produktivitätsfortschritten liegen. Position B – Deutschland hat hinter
Norwegen die höchsten Lohnkosten der Welt, die deutschen
Arbeitnehmer sind nicht mehr wettbewerbsfähig, sie merken das, haben
Angst vor Entlassungen, konsumieren weniger und die Unternehmer
halten sich mit Investitionen zurück bzw. verlagern. Die Konkurrenz steht
vor der Haustür, wenn wir das Lohnkarussell nicht bremsen, entsteht
immer mehr Arbeitslosigkeit.
Position A – das Sparen ist schädlich, der Staat soll seine Ausgaben
erhöhen, die Löhne sollen steigen, dann wird die Konjunktur anspringen.
Mit verängstigten Leuten gibt es keinen Aufschwung.
Position B – das Land hat die Realität der Globalisierung zu spät erkannt,
die Entscheidung, wo produziert wird, hängt auch von den Lohnkosten
ab. Wenn Unternehmen billig im Ausland produzieren, hätten sie Ballast
abgeworfen, gut für das Gesamte, schlecht für den Abgeworfenen. Der
Sozialstaat zementiere einen maroden Arbeitsmarkt, sein
Lohnersatzeinkommen bildet die untere Barriere für die Marktlöhne –
Arbeiten rentiert sich nicht. Es fehle nicht an Menschen, die arbeiten

101
wollen, es fehle an Arbeitsplätzen und die fehlen, weil das Sozialsystem
eine unrealistische Lohnerwartung produziert.
(Das ist eine Variante eines Gesprächs zwischen Hans-Werner Sinn und
Peter Bofinger, „Es ist genau andersherum“, in: DER SPIEGEL, 50,
6.12.04, 94 – 100)
Beide Positionen reklamieren den Umstand, dass deutsche Unternehmen
im Ausland investieren für sich – die eine sagt, die tun das gezwungen,
die andere sagt, dass die deutschen Arbeiter mit Mehrarbeit und
Lohnstopp für ihre Arbeitsplätze bezahlen und damit die Kaufkraft sinkt –
nirgendwo seien die Löhne seit 1995 so schwach gestiegen, wie in
Deutschland, während gleichzeitig die Einkommen aus Vermögen und
Unternehmertätigkeit gestiegen seien.
Beide Positionen artikulieren Werte, die zu respektieren sind; die eine
basiert im Heute, gibt sich gewährend und großzügig, und verspricht
davon eine bessere Zukunft. Die andere fordert eine Änderung, klingt
hart, appelliert an Realismus und Zukunftssicht. Wichtig ist: beide
existieren, beide haben nachvollziehbare Teile, keine Position ist
exzentrisch oder weist gar eine distinkt menschenfeindliche Richtung auf.
Das heißt aber, dass wir nicht den unmittelbaren Inhalt moralisch
bewerten dürfen. Wenn wir nur ein Segment nehmen, können wir jeden
erschlagen: der eine ist „unrealistisch“ und sieht die Entwertung der
deutschen Arbeitskraft nicht und leugnet, dass übertriebene Hoffnungen
Frustrationen produzieren, der andere ist „grausam“ und möchte
Unterstützungen kürzen. Die Webersche Unterscheidung in Gesinnungs-
und Verantwortungsethik, die in einer stürmischen Zeit geprägt wurde,
scheint hier nicht zu greifen – beide argumentieren
verantwortungsethisch, beiden wird vom anderen implizit eine
Gesinnungsethik unterstellt. Nichts ist einfacher, als einen Gegner
moralisch zu diskriminieren und bei beiden Positionen greift der Hinweis,
dass sie Gewinner kennen.
Strukturell sagen beide – abgestützt durch Argumente aus dem Arsenal
der Wirtschaftswissenschaften, das wird man ihnen wohl nicht abstreiten
– das Gleiche: eine Erfüllung meiner Forderung, die einer (meiner)
Gruppe die wirtschaftliche Existenz erleichtert, fördert das Gemeinwohl
und damit auch das der anderen Gruppe.
Ich denke, wir sollten hier uns fragen, welche Regeln für eine moralische
Bewertung wir gelten lassen sollen, wenn sich durchaus wohlwollende,
im Konsens liegende Fachleute streiten. Und vor allem dann, wenn beide
Argumentationen Teile enthalten, die uns ansprechen. Das ist schwer, wir
können ja nicht mit Popper sagen, tut nichts Irreversibles, weil jeder

102
Schritt ist insofern irreversibel, als er eine Konstellation schafft. Das
Problem liegt wohl darin: man kann nicht vorsichtig in einer Notsituation
agieren. Der shareholder-value ist kurzfristig, aber seine Anhänger
werden das wohl nicht zur Kenntnis nehmen, die „Vorsichtigen“ genauso
wenig, wie die sicher existierenden gewissenlosen Profiteure, die ein
schönes Feindbild abgeben. Es ist schön, wenn man sagt, gewisse
Investitionen rechnen sich nur langfristig – etwa in Schulen oder soziale
Projekte. Aber hat man die Zeit noch? Industrielle Produktion,
globalisierter Kapitalismus und Moderne sind eine untrennbare Fusion
eingegangen und haben eine gemeinsame Dynamik, die uns alle erfasst
hat. Der magische Punkt, wo das aufbrechbar ist, ist nicht sichtbar. Es
gibt, wie in Brechts „Mahagonny“ und überhaupt im Kapitalismus „nichts,
woran man sich halten kann“. Es gibt Darüber, was geschehen wird,
unzählige Prognosen. Aber hat nicht alles, was heute über 2050 gesagt
wird, den gleichen Wert, wie Aussagen aus 1950 über heute – die lesen
wir amüsiert und trotz des angeblich verbesserten Instrumentariums für
Prognosen erlauben wir uns schon deswegen Zweifel, weil die heutigen,
angeblich zuverlässigen Prognosen erstens differieren und es zweitens
auch hier Konjunkturen gewisser Prognosetypen gibt. Gewiss, es gehört
zum Arsenal der Sonntagsreden von Politikern, dass wir die Veränderung
als Chance begreifen sollen. Aber dominierend sind doch die
schmerzhaften Prognosen.

Kurz erwähnt sei, dass es noch einen Randdiskurs gibt, der ein Element
von „guilt“ hat, das aber in einen geschichtsphilosophischen Kontext
setzt: jenen, der „uns“ einfach mit Dekadenz assoziiert. Wir sind die
sterbenden Kulturen, die anderen die aufsteigenden. Das sagt ja auch
der Evo Morales, das sagen – mit einer anderen Terminologie –
chinesische Kommentatoren, das sagt der persische Präsident. Die
reklamieren für sich den Posten des „Aufsteigers“. Aus dieser Optik hat
die Globalisierung unsere „Unmoral“ (und zwar eine andere, als die, die
wir uns zuschreiben), sichtbar gemacht, das ist gut so, weil eben die
sehr heterogenen Nachfolger, die das besser machen, bereit stehen.

Ich erhebe nicht den Anspruch, hier einen überhistorischen,


mentalitätsübergreifenden Dekadenzbegriff zu verwenden. Der Begriff ist
standortgebunden, er ist häufig mit Sym- oder Antipathien verbunden.
Wenn wir einmal gemeinsam unsere Assoziationen durchspielen, dann ist
das ein höchst kontroverser und übelbeleumundeter Begriff. Dekadenz,
das war es, was das römische Imperium zu Fall gebracht, das ist ein

103
universalhistorisches Prinzip, demzufolge bei Oswald Spengler und in
seinem „Untergang des Abendlandes“ Kulturen altern und absteigen: und
dann gibt es dazu den ambivalent besetzten „Barbaren“ – entweder eine
pädagogische Figur, die die angesprochenen dekadenzgefährdeten dazu
motivieren soll, sich noch einmal zusammenzureißen oder eine
romantisch idealisierte Figur, die eben ein dekadentes Imperium beerbt.
(Vgl. Manfred Schneider, Der Barbar) Manchmal treten diese beiden
Narrative auch gemeinsam auf – die deutsche Kriegspropaganda im
Ersten Weltkrieg behauptete, „Kultur“ gegen eine dekadente „Zivilisation“
zu verteidigen und gleichzeitig reimte man, dass man stolz sei, Barbar zu
sein. Dekadenz wird häufig mit sexueller Freizügigkeit verbunden, das ist
ja auch einer der Kerne der Argumentation islamischer Bewertungen
unserer Kultur. Dekadenz ist auch mit Ermüdung, Schwäche, Erschlaffung
assoziativ verbunden. Der dekadente Körper ist nicht voll einsatzfähig.
Unter der Präsidentschaft des Salzburger Internisten Fritz
Hoppichler fand vom 16.- 18.10. 2003 in Salzburg die Adipositas
(Fettsucht) Jahrestagung statt. Die WHO hat sie als
Krankheitsbild definiert und zur Seuche des 21. Jahrhunderts
erklärt. In Österreich ist die Zahl der Übergewichtigen in den
letzten 15 Jahren um 25 % gestiegen. Hoppichler: „Die Ursache
für die Epidemie ist der moderne Lebensstil mit zu wenig
Bewegung bei zu hoher Kalorienaufnahme. Wir leben mit dem
Stoffwechsel des Steinzeitmenschen in einer modernen
Überflussgesellschaft.“ (Fettsucht – Seuche des Jahrhunderts,
in FORMAT, 42, 17.Oktober 03, 70) Nach Schätzungen der WHO
leben erstmals so viele Menschen mit Übergewicht wie es Unterernährte
gibt – rund 1,2 Milliarden. 300 Millionen seien so fett, dass sie
medizinischer Behandlung bedürften. Bleiben wir im assoziativen
Rahmen, (wir haben ja keine medizinische Kompetenz) dann gibt uns
diese Krankheit mit ihrer endemischen Verbreitung in den USA (und den
eigenartigen Korrekturverfahren) eine Metapher und die Geschichte der
Buddenbrooks (mit einer anderen Krankheit) ein sozusagen
evolutionistisches Narrativ dazu.

Andere Faktoren, die genannt werden, sind: Überalterung,


Arbeitsunwillen, reduzierte Fortpflanzung, überflüssiger Konsum
((Luxus)), und dann auch: Anke Weidmann, jeder dritte Deutsche ist
psychisch krank, in: Die Zeit 14.4.2005, Nr. 16, p 20. Man muss sich das
vorstellen – nahezu ein Drittel der Bevölkerung, entweder wir nehmen
das 1:1 oder als eine (aus welchen Gründen auch immer) hochgezogene

104
Diagnose, eine extreme Sensibilität – das sind ja die nervösen
dekadenten in anderem Gewand. Hajo Buddenbrook, vier von zehn
Fehltagen am Arbeitsplatz, ohne Beleg natürlich, können auf psychische
Störungen zurückgeführt werden. Wenn man das alles zusammenzählt,
was ja absurd ist, dann ist das ein betulich-katastrophistischer Diskurs,
eine Art Konversion von guilt in Selbstmitleid.
Mittlerweile habe ich eine ernsthafte, politisch keineswegs „rechte“
Verwendung von Dekadenz gefunden. Der ukrainische Autor Juri
Andruchowytsch geht über den ziemlich vergammelten Berliner
Alexanderplatz und stellt fest: „Und schließlich dämmerte mir: Dies ist
der Verfall. Wir haben es offenkundig mit einer neuen Phase der
Dekadenz zu tun. Nachdem der Konflikt zwischen den Systemen beendet
ist, zerfällt vor unseren Augen eine weitere Utopie des Okzidents: die
Utopie von ewig garantierter Sicherheit (..), Stabilität (...) und – das vor
allem – gleichbleibend hohem Wohlstand.“ (J.A. Schock ohne Therapie,
Markt ohne Ordnung, DIE ZEIT 22, 25.5.2005, 48) Kann man das so
lesen, dass „wir“ aus der Optik selbst eine Ukrainers „dekadent“ sind?
Interessant auch, dass er weniger auf das Steigerungsspiel abstellt,
sondern auf die Sicherheit.

Doch ist das unsere Dekadenz? Oder geht es um das Differenzerlebnis


von der dynamischen, einsatzbereiten Generation des Wiederaufbaus zu
jenen, denen ein systematischer Abbau des Leistungswillen vorgeworfen
wird. Dekadenz und Nichtstun – diese protestantische Ursünde - sind
häufig assoziativ verbunden und ein exemplarischer Manager wie
Heinrich von Pierer, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der
Siemens AG, versichert uns bei jeder Gelegenheit: „In China sind
2600 Arbeitsstunden pro Jahr und Mann die Regel. (...) Bei uns
sind 1500 Stunden die Regel. Das allerdings ist zuwenig. Unsere
35-Stunden-Woche ist die reinste Vergeudung von Wissen.“
(Genug geredet, in: DER SPIEGEL, 42/2003, 50) Umformuliert
heißt das: dass der Sozialstaat mit seinem sozialen Sicherungsnetz die
Dekadenz, früher eher ein Privileg der Elite, demokratisiert hat?
Oder geht es nicht auch um den Abbau des Schutzwillens, des
Selbstbewusstseins, um eine allgemeine Schwäche, die uns einfach
wehrlos gemacht hat, gegen unverschämte Ansprüche aller Art? So sieht
das die politische Rechte. „Immer mehr Zwangsabgaben (Steuern)
sowie immer mehr Asyl- und Sozialmissbrauch“, so der Schweizer
Populist Christoph Blocher, „Das haben wir den Linken und
Netten zu verdanken.“ (Presse, 17.10. 2003, p6). Dann ist das

105
also ein einmal ein politischer Kampfbegriff der Rechten – der NPD-
Vorsitzende Udo Voigt gebraucht ihn tatsächlich gerne in seinen Reden.
Dekadenz, das ist das gleiche wie Verderbtheit, das ist die
Amerikanisierung, Multikulturalität, das ist an dem „deutschen“
zugeschriebene Tugenden gemessen, ein Abstieg.

Die Dekadenz hat allerdings auch eine kulturelle Dimension, es ist eine
ästhetische aufgeladene Lebensform, der etwa Camille Paglia einen
heidnischen Charakter attestiert. Abstieg und Ästhetisierung, das
thematisiert schon der Spruch von Bismarck von der ersten Generation,
die aufbaut, der zweiten, die verwaltet und der dritten, die
Kunstgeschichte studiert und verkommt. Dekadenz und Ornament
werden ja tatsächlich von den puritanischen Kritikern der Moderne – von
Adolf Loos etwa - gerne in einem Zusammenhang genannt.

ÜBERFLÜSSIG:
Eine Umfrage in einer Tageszeitung ((Standard, Beilage Rondo vom
11.2.2005, (6-7) zielt schon im Titel auf einen weiteren Zusammenhang:
Dekadenz = Überfluss, und stellt die Frage, ob damit Überdruss
verbunden sei. Die Malerin Sophie Trauttmannsdorff: „Ich assoziiere mit
dem Thema Überfluss, gepaart mit Wurstigkeit und Langeweile.
Dekadenz steht auch für etwas Abnormales, für etwas Unnatürliches. Ob
ich es als etwas Negatives empfinde? Na ja, sagen wir, es hat einen
negativen Nachgeschmack. Andererseits kann ein dekadentes Erlebnis
unheimlich inspirierend sein.“
Der Besitzer eines Möbelhauses: „Dekadenz und Luxus sind für mich
nicht dasselbe. Luxus sollte man sich gönnen. (...) Wenn zum Beispiel in
Fernost Dinge für uns erzeugt werden und die Menschen bei den
dortigen niedrigen Löhnen nicht einmal davon leben können, dann ist
das für mich dekadent.“
Der Dompfarrer von St. Stefan: Dekadent ist es nicht, den Überfluss zu
genießen, sondern nichts gegen soziale Missstände zu unternehmen.
Eine Modedesignerin: Ich verstehe mich als Hedonistin, habe aber ein
schlechtes Gewissen, das von einem sozialen Bewusstsein geleitet wird.
Der Gallerist Klaus Engelhorn: „Dekadenz ist ja für jeden etwas anderes.
Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht könnte man sagen, es
handelt sich um völlig nutzlose Luxusgüter, die im Prinzip nicht einmal
Freude machen. Ich persönlich denke, Dekadenz richtet sich gegen eine
Art Lifestyle-Correctness eines Weltbürgers.“ Die Neureichen Russen
seien dekadent.

106
Wie auch immer man diese extrem heterogenen Bestimmungen liest, die
trotz der Einengung kaum kompatibel sind, in einem Punkt scheint
Konsens zu bestehen: es richtet sich gegen das, was man
„Überflussgesellschaft“ nennt, ein Wort, das wohl schon älter ist, seine
Prominenz aber dem amerikanischen Ökonomen John Kenneth Galbraith
verdankt. (J.K.G., Gesellschaft im Überfluss, München und Zürich 1959)
und gegen den damit verbundenen „Konsumismus“. Die klassische
Konsumkritik von Marcuse, Pasolini und Fromm etwa hat das Wort
Dekadenz nicht verwendet, aber doch eine Vorform: es gibt eine
Authentizität der Existenz, die durch den Konsum verdrängt wird. Das ist
keine explizit moralische Argumentation (außer dort, wo sie die
„Manipulation“ anklagt), sondern eine der „Lebenskunst“: das wahre
Leben ist kein „Warenleben“.
Wie sich der Überfluss wirklich definiert, ist nicht klar – aber er wird
ambivalent gesehen, als Einladung, als unmoralisches und gleichzeitig
langweiliges. Es gibt also einen interessegeladenen Diskurs, der über
Dekadenz „guilt“ rehabilitiert.
Tatsächlich schaffen Überfluss und Konsumismus eine
Erwartungshaltung, die auch wieder eine Moral generieren, ein
Vorstellung, was dem Menschen zusteht. Und diese Moral ist – gemessen
an den Maßstäben von Tradition und Fordismus – dekadent. Mein
Lieblingsbeispiel: die Sozialhilfeempfängerin, die ihre zustehende
Unterstützung zum Schulbeginn empfängt und das Sozialamt klagt, weil
sich nur ein einfacher Rucksack ausgeht und ohne Markenrucksack ist ihr
Kind innerschulisch diskriminiert. Ein extremes Beispiel, über dessen
Ausgang der SPIEGEL nicht berichtet hat; lehrreich insofern, weil es
einen Bruch sichtbar macht (die schlichte funktionale Ausstattung, die im
Fordismus dominiert hat) und nachvollziehbar ist: in der Klasse läuft
Prestige tatsächlich über Klamotten.

So wir denn dekadent sind – wird die wirtschaftliche Entwicklung uns


zwingen, wieder – ja, was zu werden? Gehen wir zurück zum Anfang, zu
einer asketischen protestantischen Leistungsethik, oder versinken wir in
jener Bedeutungslosigkeit, die ein Witz illustriert, den manche als ein
Kompliment an den europäischen Geschmack lesen: in einer zukünftigen
Welt würden die USA das Kornfeld, China die Werkbank, Indien den
Computer und Europa die Boutique abgeben?

107
Ich denke nicht, dass die Sozialphilosophie uns Auswege anbietet, ihre
Rezepte sind auch ein wenig disparat. Folgen wir Richard Rorty dann
besteht unsere Gesellschaft aus liberalen Ironikern, die sich zu
kurzfristigen Allianzen mit dem Ziel einer kurzfristigen Reform und eines
pragmatischen Kompromisses zusammenfinden und keine
Letztbegründung eines „guten, fairen“ Gemeinwesens kennt. Habermas
sieht eine vernunftgesteuerte Gesellschaft universalistischer Pathetiker
am Weg zu einer dialogbasierten weltbürgerlichen Ordnung; Michael
Walzer geht von einem lose gekoppelten Zusammensein konkreter
Idealisten aus, die aus ihrer jeweiligen Tradition solidarisch agieren. Sind
diese verkürzten Positionen hier zielführend? Und vor allem: Zyniker
wenden hier gerne ein, dass die Menschen letztlich interessengesteuert
handeln. Wäre es doch nur so, dann hätten wir es leichter. Doch schon
Ludwig von Mises (Theory and History, New Haven 140 und 142, zit.
Nach Prisching 1997, 170) hat festgehalten, dass das, was wir als
Interesse definieren, gar nicht so leicht festzumachen ist: „In the world
of reality, life and human action there is no such thing as interests
independent of ideas, preceding them temporally and logically. What a
man considers his interests is the result of his ideas. … Free men do not
act in accordance with their interests. They act in accordance with what
they believe furthers their interests.”

Moral und das, was wir für unser Interesse halten, stehen also in einem
sehr oszilisierenden Verhältnis, es gibt auch ein wohltuendes, sich
moralisch verstehendes Interesse, fair trade etwa.
Grob gesprochen gibt es zwei Richtungen: eine, die Moral auch gegen
unser Interesse postuliert und eine harmonistische Moral, die meint – oft
über viele Umwege – dass unsere Interessen so beschaffen seien, dass
wir sie ohne Moral niemals nachhaltig realisieren können.

Was wir aus diesem Streit zwischen H.W. Sinn und Peter Bolfinger lernen
können, ist einiges von der Standortgebundenheit des Denkens. Im
Grunde sagen – noch einmal - beide Seiten, wenn die Forderungen
meiner Gruppe erfüllt werden, dann geht das Ganze hinauf. Beide Seiten
haben eine Zweckmäßigkeitslehre und eine eng damit verbundene
moralische Argumentation. Es gibt die denkbare Strategie, sich zu
fragen, wer die meisten Optionen hat und wer am meisten gewinnt. Ich
warne vor dieser Strategie. In unserem Rüsselsheim – Gleiwitz – Beispiel
entlastet sie General Motors, weil dort agieren die Manager defensiv und
bemühen sich, einen Status wenigstens zeitweilig und rudimentär zu

108
halten, möglicherweise allerdings mit Hintergedanken. Wenn wir das
Beispiel nach dieser Strategie durchdenken, dann hat es möglicherweise
ein absurdes Ergebnis: dann müssten wir von den potentiellen
polnischen Mitarbeitern von Opel verlangen, dass sie auf ihrem
bisherigen Status bleiben. Sie sind unzufrieden mit ihrem Status als
schlecht bezahlte oder arbeitslose Handwerker mit einer agrarischen
Subsistenz und einer in Wien putzenden Gattin, sie haben den so
gescholtenen expansiven modernen Willen, ihre Lage zu verbessern. Sie
gewinnen – auf Kosten ihrer deutschen Kollegen – es wäre absurd, ihnen
das zu „verbieten“. Außer Streit steht, dass sie zwar subjektiv extrem viel
gewinnen, objektiv aber weniger gewinnen, als ihre deutschen
KollegInnen verlieren. Das ist ja Anlass der anlaufenden Initiative der
Solidarnocs, Lohnstandards zu vereinheitlichen, einer Initiative, der ich
wenig Erfolg verheiße. Es gibt hier verschiedene optische Modelle, die
kommunizierenden Röhren, wo der Verlust des einen der Gewinn des
Anderen ist, aber auch optimistische Vorstellungen, wo alle gewinnen.
Und die anklagende Vorstellung, wo eine diffuse Größe – das
internationale Kapital – gewinnt. In der Realität scheint das nicht so zu
sein, Gewinner und Verlierer sind gar nicht so präzise zu bestimmen –
das erschwert die moralische Lösung, die Frage der sozialen Erkenntnis
ist nämlich vorgeordnet.
Der frühere slowakische Finanzminister und Vizepremier Ivan Miklos (v
auf s) wehrt sich etwa gegen den Vorwurf des Steuerdumpings, das
wäre eine Attacke auf den Wettbewerb und würde den für
<Strukturreformen nötigen Druck verringern. Bratislava, so argumentiert
er, hat die Produktivität der VW-Gruppe verbessert. Im übrigen hätten
auch in der Slowakei nach der Wende 100.000e Menschen ihren
Arbeitsplatz verloren, das – sage ich – hat uns nicht gestört. Damit
fordert er eigentlich, dass moralische Argumente nicht beliebig
eingesetzt werden dürfen, ein Thema, das uns noch beschäftigen wird.
Es ist eigenartig, wenn die Moralen sich ändern. Er macht eine
interessante Bemerkung: „Wenn ich in einem Wort zusammenfassen
sollte, was Globalisierung bedeutet, würde ich sagen: Unsicherheit – und
die wird weiter zunehmen.“ (Attacke auf den Wettbewerb, Der Spiegel
20, 14.5.2005, 118) Also: im Grunde fahren wir in der Globalisierung auf
Sicht und diskutieren im fahrenden Auto über Maßnahmen zur
Abschaffung des Nebels.
Ebendort sagt eine estnische Managerin: „Wohlstand macht eben
schläfrig.“

109
Harald Schmidt hat bei Sabine Christiansen eine enthusiastischen
Politiker auf der Suche nach dem „grand design“ so ausgebremst: das
Volk wolle nicht nur seine Ruhe und keinen Streit. „Das Volk will auch
keine Konzepte.“ (Öder als Schröder, in: Spiegel 23, 3.6.2006, 100) Das
wird es auch nicht bekommen. Die Architektin Zaha Hadid, nach einem
Kommentar des Scheiterns der Wohnsilo-Architektur, die ja tatsächlich
lange als sozialer Problemlöser gehandelt wurde: „Es kanne in klares
Programm halt nicht mehr geben. Das ist anders als in der klassischen
Moderne, die genau wusste, wie sie den menschen befreien wollte.
Heute können wir nur Ideale formulieren.“ (Ich will die ganze Welt
ergreifen. Die zeit, Nr. 25, 14.Juni 2006, 45)

110
24.5.
Natürlich gibt es die moralische Artikulation der Außenseiter, die –
entweder rigiden oder permissiven – Gruppenmoralen, aber ansonsten
entfaltet sich die Wirkkraft des moralischen Urteils in Kollektiven.
Wie bilden sie sich dort, wie setzt sich eine Portion dort durch, wie wird
sie hegemonial?
Kann man das so formulieren: Unsere moralischen Urteile bilden sich in
einem vieldimensionalen, manchmal keineswegs bewussten
Diskussionsprozess, der sich auf sehr unterschiedlichen Ebenen abspielt
und wo die reale Beteiligung der organisierten Philosophie nur ein kleines
Rädchen bildet, ebenso wie übrigens die Kirchen.
Der ist von jetzt an unser Thema, wir arbeiten mit einem quasi
funktionalem Ansatz, der Diskurse analysiert.

Offenkundig gibt es einen „Moralkampf“, das heißt, das moralische


Argument spielt eine wichtige Rolle bei der Le- oder Delegitimierung
wirtschaftlicher und ihnen folgender oder sie begründender politischer
Maßnahmen. Bei der Betrachtung dieses Kampfes öffnet sich ein
interessantes soziales Feld. Wer setzt mit welcher Legitimation
moralische Regeln fest? Wer wird gehört, wessen Situation ist
„moralfähig“, wem traut man zu, „Moral zu erneuern“ (sinngemäß
Charim etwa mit Gusenbauer – Moral – Gift des Neoliberalismus -
Bawag)
Ich wiederhole Distinktionen mit verschiedenen Akzeptanzgraden:
„Gewährende“ und „verbietende“ Moral, defensive oder offensive Moral.
„Sklaven“ und „Herrenmoral“ – was heißt das heute? Nietzsche: Moral
ist ein Hemmnis, der freie Mensch ist ein Immoralist. (Die schönen
pathetischen und ironischen Fortführungen etwa beiu Gidé) Schumpeter
– der dynamische Unternehmer – Zerstörung als kreativer Prozess.
Die unterschiedlichen Moralvorstellungen von „Siegern“ und „Verlierern“

Was ist, wenn zwei konkurrierende Zielvorstellungen vorliegen?

Moral als Identitätsbestandteil – der für die eigene Identität so wichtige


„Feind“ (Carl Schmitt) ist meist auch „unmoralisch“. Moral als Waffe
(Moralkeule) und Legitimation – moralische Hegemonie. (Gramsci:
kulturelle Hegemonie, wenn man es versteht, das eigene Interesse als
selbstverständliches zu artikulieren.
Moralischer Narzissmus - Selbstgerechtigkeit

111
Moral als Selbstwertgefühl. Aber auch die Kehrseite: Moral als
Überforderung.

Moral als systematisches Unterfangen versus „moralisieren“ Moralisieren


als Verteidigung des Eigeninteresses? Eine zentrale Frage: Bin „ich“
Subjekt oder „du“ Objekt des moralischen Arguments? (Da haben wir ja
oft den Widerspruch, dass wir als Bürger etwas verlangen, was wir als
Kunden nicht tun.)
Wieso ist bei uns sooft der Staat der Adressat des moralischen
Arguments, oder anonyme Gruppen?
Die kommunitaristische Lösung des „Moratoriumsstop“ für Ansprüche,
Subsidiaritätsprinzip.
Muss Moral konsequent sein? Und: hat diese Konsequenz eine
Selbstverpflichtung? Und: Beispiel Frankreich
Sehr oft basieren moralische Argumente auf einer nicht benannten
Argumentationskette. (Wo steht geschrieben, dass man so viele T-Shirts
haben muss?)
Darf das moralische Argument in fremde rechte eingreifen?
Muss das moralische Argument die Lösung kennen?

Hier wird keine Lösung gegeben, aber von nun an der Vorschlag eiuner
Umgangsweise in einer moralischen Debatte: Toleranz, solange das
Argument des anderen auf „das Gute“ zielt. Das heißt, weg mit der
Aufregung, das heißt aber auch, weg mit dem Entertainment in der
moralischen Debatte.
Es wird nicht möglich sein, diese Distinktioen alle zu verfolgen und zu
bewerten. Es gibt auch keine Mechanik – weder hat eine rigide
gegenüber einer permissiven Moral einen prinzipiellen Vor- oder Nachteil.
Aber: es gibt Gruppen, die eine mäßig rigide Moral akzeptieren, wenn sie
ihnen gleichzeitig einen narzisstischen Bonus gibt. Das fantastische (und
gleichzeitig horrorhafte) von „fair trade“ etwa liegt darin, dass man sich
ein gutes Gewissen kaufen kann. Natürlich liegt das nicht in der
Intention der Organisatoren, aber da – Marx – der Kapitalismus alles in
eine Ware verwandelt, ereignet sich das auch hier.
Es geht alles möglicherweise gar nicht so sehr um die Qualitäten,
sondern darum, wie moralische Positionen kommuniziert werden. Ich
denke, moralische Urteile haben einen Hintergrund, der aus Erzählungen
besteht und würde gerne über die narrative (persuasiven) Struktur
dieser Erzählungen sprechen. Das ist ein hinüberschwenken ins Feld der
angewandten Ästhetik, das heißt, dass es nicht mehr nur über Moral

112
handelt. Ich habe einfach in der laufenden Woche einen Artikel
herausgegriffen und versucht, mir klar zu werden, wie bringt er seine
moralisch aufgeladene Botschaft mit ihren politischen Implikationen
hinüber.
Der Artikel „Mehr Staat, weniger Armut“ (Untertitel: „Der britische
Premier Tony Blair ist angeschlagen, doch seine Politik wirkt: die Briten
haben den Sozialstaat entdeckt. Sie investieren in das
Gesundheitssystem, die Schulbildung und die Hilfe für Bedürftige. Dafür
zahlen sie klaglos höhere Steuern.“) von John F. Jungclaussen, in: DIE
ZEIT, Nr. 20, 11.5.2006, 30f
Es wäre unfair, den Artikel als wissenschaftlichen Text zu behandeln – er
steht unter einem anderen Verpflichtungssystem. Aber er gehört zur
Mentalität unserer Zeit, gerade dort, wo er unvollständig oder
widersprüchlich ist, artikuliert er ein Selbstverständnis, das keine
Hinterfragung braucht. Das ist – auch wenn es um England geht – ein
didaktische Geschichte, die in die laufende deutsche Steuer- und
Sozialstaatsdebatte eingreift (Beck). Es ist einer der Artikel wie sie zu
tausenden täglich erscheinen, eine der zahlreichen Botschaften, wo eben
„Moral“ und ihre Rahmenbedingungen ausgehandelt werden.Und er
macht – durch seine Beispiele – wenn man ihm widerspricht oder wenn
man eine Sache differenzierter sehen will, einen „schuldig“, und gerade
durch dieses Gefühl, durch diese Beispiele gibt er einer Position einen
Vorteil. Es kommt nicht darauf an, ob wir diese Position teilen, ablehnen
oder für vereinfachend handeln, wir werden einbezogen. Insofern ist der
Artikel ein gutes Beispiel für Persuasionstechniken. Der Inhalt bzw. seine
Konsequenz ist uns vertraut, was uns jetzt interessiert ist also eher die
Ästhetik der Argumentation.

Beginnt mit der Beschreibung einer zur Überraschung der Ärzte in der
Notaufnahme verhungernden 35 jährigen Mutter von sechs Kindern.
Sehr intimisierend, auch der Vorname der Krankenschwester. Unser
Schuldgefühl, weil wir – wie die Krankenschwester – beim Lesen
vermutet haben, Crack sei im Spiel. Generell ein heißer Anfang, wir
werden – wie in manchen Filmen – mit dem Ergebnis konfrontiert und
dann wechseln die Zeitebenen.
Kommentar zur Bio der Sarah.
Das ist eine komplexe Geschichte, die sicher viele Akteure hat,
Konstellationen, die nicht sein sollten – wieso verhütet Sarah nicht, wo
sind die Väter. Erst am Ende erfahren wir – Sarah hätte Anspruch auf
einiges, das weiß sie aber nicht. Wieso, wird das so schlecht

113
kommuniziert, gibt es keine Sozialarbeiter, keine Familie, keineNachbarn,
keine peer group etc.
Der Artikel stellt eigentlich nur zwei Figuren auf die Bühne, Sarah und
den Staat.
Kein Kommentar, der Artikel lässt die Bio für sich selbst sprechen, nur die
Gegenüberstellung öff. Reichtum, private Armut. Sie bekommt 1242 €
Sozialhilfe, liegt damit – wie 11,4 Mio Engländer – unter der
Armutsgrenze.
Dann die Geschichte des 78 jährigen Allistair Montkon, auch er
verhungert im Moment unserer Begegnung, auch hier die Vielzahl von
Bildern, wir haben jetzt ein Paar, das tragische Geschick, der (Stereotyp)
Tee, das zugige Häuschen, sehr illustrativ. Die Drohung: plötzlich war die
Kraft weg, die Frau ist gestorben, die Pension halbiert, da fragt man
nicht nach was die Bio betrifft. Einer von den 1,8 % der 11,8 Mio
britischen Rentner, die unter der Armutsgrenze leben.
Wieso? Was ist hier geschehen, was ist die Geschichte, was war in der
Vergangenheit, gibt es keine Rente, Allistair hat doch gearbeitet?
Der Artikel schiebt das hinüber auf den „liberalen Wohlfahrtsstaat“, in
dem individuelle Verantwortung groß geschrieben wird. Individuelle
Verantwortung ist eigentlich nichts schlechtes. Ob und inwieweit die
beiden Fälle diese Verantwortung wahrgenommen haben, bleibt offen –
der Autor argumentiert ergebnisorientiert und das Ergebnis ist ja
tatsächlich entsetzlich. Dieses unser Mitgefühl attackierende Entsetzen
(und das Entsetzen ist das zentrale, es ist wie bei einer Horrorgeschichte,
die so gut erzählt ist, dass wir bei der Logik der Auflösung nicht mehr so
streng sind) nützt er zu einem Sprung in der Beschreibung dieser
Mentalität: „Die zentrale Rolle in der sozialen Absicherung spielt der
Markt, nicht der Staat. Der soll nur die schlimmste Not lindern, nicht
menschenwürdige Lebensumstände schaffen. Im Gegenzug ist die
Steuerlast gering und der Arbeitsmarkt sensibel, sodass unter dem Strich
eine dynamischere Wirtschaft entsteht, die auch große Erschütterungen
wie den Zusammenbruch der New Economy leicht mit hohen
Wachstumszahlen übersteht.“
Aber was haben Sarah und Alistair, soweit wir sie kennen, mit dem Markt
zu tun? Und: wo liegt der Standard für „menschenwürdig“ – sicher in
einer Negation des vorliegenden, aber wie bestimmt sich das?
Aber, Artikel durchgängig interpretieren, das ist das Ergebnis: man ist ein
Böser, wenn man nicht für hohe Steuern ist, das hat eine
unausweichliche Scheinlogik, die gute Gesellschaft erfordert hohe
Steuern.

114
Umgekehrt: Blair wird positiv unterstellt, dass es nicht nur
legitimatorische Rhetorik ist, mit der er seinen Finanzbedarf rechtfertigt,
(und das geschieht meist mit höheren Steuern, dass sie moralisch
legitimiert werden und dann zur Stopfung bestehender Alt-Löcher
genützt werden) sondern ein positiver, dem Guten verpflichtetet Impuls.
Also etwa die Passage mit den Krankenhäusern, die zusammenfallen und
den 100 neuen, die er plant.
Vieles von dem, was hier gelobt wird, ist europäischer Standard. England
hat tatsächlich einen extremen Rückstand, aber der Artikel stellt es als
Modell dar, und baut darauf den nächsten Schluss auf:
„einen stärkeren Staat (..), der sich vom Steuerzahler holt, was er
braucht.“
Das klingt sehr anziehend, der Staat als Robin Hood.
(Und das ist ein Bruch mit der britischen steuerfeindlichen Tradition.)
Erst am Ende erfahren wir, dass es noch 15 Jahre dauert unter der
Voraussetzung eines Wirtschaftswachstums von 3 Prozent damit der
Rückstand bis ca. 2017 aufgeholt wird.
Das heißt, die Geschichte ist irrelevant, aber sie beschreibt, wie ein Land,
in dem etwas eingerissen ist, (wie bei uns die kulturelle Hermetik vor
Kreisky, der uns ja auch das Gefühl vermittelt hat, das etwas, was nur
ein Aufholungsprozess war, etwas europäisch besonderes darstelle), wo
es ein positives Differenzerlebnis gibt, das sich selbst zelebriert.
Generell sind die Steuern zwar gestiegen, aber immer noch niederer als
in Deutschland und Österreich – der Artikel erscheint aber parallel zur
Forderung von Beck nach Steuererhöhungen, das heißt er ist nicht
unschuldig.
Aber interessant sind die Konstellationen, ich empfehle, sie sich als
Gemälde oder als Comic vorzustellen: die verhungernde Frau, der alte
Mann, der nur Tee trinkt, um sein windschiefes Häuschen heizen zu
können (Spitzweg, Biedermeier Elendsbilder) zwei Einzelschicksale unter
vielen, extrem schwach, der grelle Kontrast zum Reichtum, das
Unverständnis der Bevölkerung, die „alte Mentalität“ jeder sei für sich
verantwortlich, (hartherzig) die ebenso alte Mentalität, Steuern müssen
möglichst gering sein, daher muss „der Staat schwach sein“ – über die
tatsächliche Staatsquote sagt der Artikel nichts, Stärke und Schwäche
des Staates wird häufig auf soziales bezogen, nicht ewtwa auf
Wirtschaftspolitik etc. Also eben, wie bei Dickens, der Kampf gegen das
Alte und der Unmut, der wächst, im Hintergrund die böse Hexe Thatcher,
das Paar von „jungen“ (im Sinne von Kämpfern gegen die Tradition,

115
Brown und Blair, und dann der Staat, der sich auf seine potentielle Kraft
besinnt.
Eine neue Form von gerechter Stärke. Tatsächlich ist das ja ein altes
europäisches Sozialdemokratisches Konzept, Blair geht – ohne Kritik –
zurück, es sind Elemente von „Old Labour“, die da wiederbelebt werden.
Ich will vermitteln, dass in einer Frage, die wissenschaftlich – so
Wissenschaft das überhaupt kann – anders entschieden wird, mit
bezwingenden Bildern aus dem Arsenal unserer Kulturgeschichte, mit
Emotionen, einfach ein Teil kritischen Denkvermögens ausgeschaltet
wird. Hier, in dieser Praxis, hat das moralische Bild ein manipulatives
Element. Ich kann es mir nicht versagen, an den Spruch „sex sells“ zu
denken, die halbnackte verführerische Frau macht euin Auto (angeblich)
verkäuflich, Moral „sells policy“.
Es ist eine gwährende Moral, die sich das Recht zuschreibt, anderen
etwas „wegzunehmen“ – Steuern. „Markt“ ist ein Selbstrenner, das Wort
muss man nicht mehr begründen, das ist negativ. Das Argument von
zwei Verhungernden dispensiert die analytische Vernunft, es wird nicht
untersucht, warum das so ist (individuell und kollektiv) und es wird auch
nicht bewiesen, dass die Maßnahmen den beiden helfen (was sie ja nicht
getan haben, weil das läuft ja schon lange). Die beiden Hungernden sind
ein unbezwingbares Argument, dagegen wäre ja nichts zu sagen, aber
sie schränken auch den Diskurs darüber, wie schaltet man solches aus,
ein. Die Berufung auf sie bringt ein Element von Intoleranz in den
Artikel, ein Element von Unterstellung, als ob das jemand gewollt hätte,
oder fahrlässig zugelassen hätte. Nochmals: man soll sich schuldig
fühlen.
In welchem Ausmaß das Prinzip der Selbstverantwortung – noch einmal,
das ist das System, von dem wir alle leben – jetzt schlecht ist, erfahren
wir nicht. Da muss es die gute Selbstverantwortung geben, die die
nötigen drei Prozent Wirtschaftswachstum generieren soll, und die
schlechte, an der Sarah gescheitert ist. Wo ist die Grenze zwischen der
„guten“ und der „schlechten“ Selbstverantwortung? Und: wieso wird
diese ganze moralische Frage von den zwei Verhungernden an den Staat
delegiert? Das ist kein Plädoyer für die Philantropie – nicht nach Oliver
Twist – aber wieso wird die Frage des Kommunitarismus, die einige Jahre
Konjunktur hatte, die Position des Moratoriumsverzichts und die des
Subsidiaritätsprinzips, nicht gestellt? Die beiden Verhungernden kann
man ja auch als Zeichen einer hertherzigen Gesellschaft lesen, das ist
auch die Intention des Artikels, aber gibt es die Gesellschaft überhaupt
noch? Das wäre dann ein linker Thatcherismus: „There is no such a thing

116
as society“ – also die große Gemeinschaft, die Gemeinschaft der
Gemeinschaften, der Staat, hat das alles verschluckt. Ein „Grand
Design“, das alle zwischenmenschliche Solidarität aushebelt, die
Verstaatlichung der Solidarität – ist das nicht auf einmal ein
(missverstandener?) Hegel?

117
31.5.
Das waren also die narrativen und persuasiven Strukturen eines Artikels,
der für höhere Steuern plädiert, mit der Darstellung menschlichen Elends
in gewisser Weise (fast in gewalttätiger Weise) ein Hinterfragen
verhindert und gegen die Idee der Selbstverantwortung im Namen der
angeblich neuen einer staatlichen Verantwortung argumentiert. Der
Schluss daraus war, das „Moral“ zunächst ein Transportmedium braucht
und dann als ein solches für Politik dient; das perfekte Transportmedien
den Inhalt selbstverständlich machen. Moral ist hier eigentlich
eingeklemmt, in das Ästhetische und das interessengebundene
Politische, „rein“ ist sie nicht. Sie ist Glied einer geschlossenen Erzählung,
eine Pointe, eine Haltung, Entsetzen, einfach auch Erregungen.
Das ist allgemein, es ist interessant, zu vergleichen, wiesehr es
manchmal nur der entrüstete Tonfall ist, der unser Urteil steuert. Karl
Kraus hat sich gerühmt, den so gut zu beherrschen, dass er mit der
Anklage „Und ein rotes Hemd hat er auch noch“, Menschen am
Stefansplatz dazu bringen könnte, jemanden zu lynchen. Nur erschwert
diese Erregungsabhängigkeit die Konsistenz von moralischen Urteilen
und deren Übertragung auf die Realität.
Die Erregung macht inkonsequent. Etwa in der gleichen Zeitschrift, ohne
Debatte in der Redaktion, ohne Bewusstsein des grundsätzlichen
Widerspruch, zwei „hegemoniale“ Positionen: im Falle des gewaltätigen
(ost-)deutschen Rechtsradikalismus akzeptieren wir die Anklage gegen
„eine Justiz, die selbst bei Gewaltdelikten nach quälend langen Prozessen
die Täter nur verwarne“ (Florian Klenk, Wo die Angst regiert, in Die Zeit,
Nr. 23, 1.Juni 2006, 3). Während wir noch eine Woche vorher der
Meinung waren, dass „immer mehr Menschen zu immer längeren
Gefängnisstrafen verurteilt würden“ (Sabine Rückert, Ab in den Knast,
Die Zeit 22, 24. Mai 2006, 15), dass es „kaum noch Hafterleichterung“
gebe und Deutschland auf dem Weg zur „verknasteten Republik“ sei,
was insgesamt ein Misstand sei. Das sind zwei moralische Erregungen.

Über den zweiten Artikel einige Worte: Der Anlassfall ihres Artikels ist die
Geschichte eines Vergewaltigers, der als Rückfallstäter einige Tage nach
der Entlassung ein Mädchen vergewaltigte und tötete. Interessant ist ihr
(Rückerts) Umgang mit dem Opfer und seinen Angehörigen. Der Vater
hat im Focus TV in einer Sendung „Chronik eines vermeidbaren
Verbrechens“ (20.1. 2006, Sat.1) dem Kamerateam weinend den
Todesort seiner Tochter gezeigt. So Rückert: „Der Zuschauer wird
bombardiert mit Videoaufnahmen aus den glücklichen Tagen der Familie.

118
.... Irgendwann wird auch der Begriffsstutzigste begreifen, dass es ein
Monster gewesen sein muss, dass dieses Unheil anrichtete. ... Das
Thema wird gefühlsbeladen präsentiert, es wird mit allen Mitteln
Stimmung gemacht gegen einen, der ohnehin mit niemandes
Unterstützung rechnen kann – den Täter.“ Dazu ließe sich – pro und
contra – viel sagen, es scheint in der deutschen TV-Kultur (und wohl
auch bei Wiedergutmachungsfragen) eine Haltung zu geben, ich studiere
das an der Populärkultur, die das Opfer versteckt. Aber die Ausnahme ist
eben das Opfer eines rechtsradikalen Übergriffs, dass sich überall äußern
darf bzw. der Täter, für den die Postulate: Dialog, Therapie, Einsicht in
die soziale Bedingtheit seines Handelns nicht gilt. Die Rückert schreibt:
„In Deutschland werden sehr wenige Sexualmorde begangen, es sind
etwa 20 pro Jahr. Trotzdem wird fast jeder einzelne von einem
Medienorchester begleitet, das den Eindruck vermittelt, die Republik sein
ein Paradies für Gesetzlose, vor allem für Triebtäter.“ Der behandelte Fall
zeige, wie scheinheilig in Deutschland Kriminalpolitik gemacht würde:
„Gestörte Jugendliche und verurteilte Sexualstraftäter bleiben sich selbst
überlassen, die Behörden sind blind für das, was ihnen gegenüber nötig
wäre, und taub für alle Alarmzeichen – aber dann, wenn sich die
wachsende Störung der delinquenten in schweren Straftaten entladen
hat, dreschen die Volksvertreter – vom Bürgermeister bis zu
Bundeskanzler – publikumswirksam auf diese besoonders verachtete
Tätergruppe ein und rufen nach schärferen Gesetzen, am besten gleich
in die nächste Kamera.“

Keine Sympathie für Vergewaltiger und keine für gewalttätige


Rechtsradikale, aber sie werden hier sehr unterschiedlich in ihrer Realität
als Täter behandelt.

Dann: aus einer anderen Optik heißt dieses „sich selbst überlassen“
gestörter Jugendlicher einfach bürgerliche Freiheit. Wie würde man sich
erregen über Besuche bei einem Jugendlichen, der „Alarmzeichen“ in all
ihrer Vieldeutigkeit zeigt; etwa bei behördlichen Besuchen am mühsam
erlangten Arbeitsplatz. Das Einsperren, so Rückert mit dem Kriminologen
Christian Pfeiffer, sei eine Folge der Legitimationskrise, in der der
schwache Staat stecke, der den Bürgern immer mehr abverlange und
immer weniger seine wirtschaftlichen und sozialen Zusagen einhalten
könne. „Ein Staat in dieser Lage sucht sich ein Gebiet, auf dem er Macht
demonstrieren kann, (...) wenn er keinen äußeren Feind hat, gegen den
er Krieg führen kann, dann sucht er einen Feind im Inneren – und findet

119
den Verbrecher.“ (Rückert 4) Es ist interesant, wie die jeweiligen
Narrative ganz unterschiedliche Bilder vom „starken“ und vom
„schwachen“ Staat produzieren, denen jede Kohärenz fehlt, die aber
emotionell eine gewisse Überzeugungskraft haben.

Es wäre unfair, wenn man sich solche kommunikative Strategien nicht


auch auf der anderen Seite ansehen würde. Ein klassisches literarisches
Transportmittel der Moral ist die Fabel, die zentrale
„Selbstverantwortungsfabel“ ist die von der Grille und der Ameise, schon
bei Äsop, ich nehme die (stärker protestantische) de La Fontaine-
Fassung, (wo das die erste Geschichte ist des Bandes!) vor allem wegen
der Doré – Illustrationen. (Lafontaine hat noch andere Erzählungen über
Hilfe – Selbstverantwortung, das geschieht dann aus Berechnung (168,
238. Er ist gegen das „blamen“ 310, gegen Habgier (256) und preist
generell die Vorsorge (332))

Die Grille hat den ganzen Sommer gezirpt und gesungen (ambivalent:
positive Bewertung der Kunst, Frage, ob das nicht eine veredelte Form
von Nichtstun ist), hier ein Mangel an Selbstverantwortung, der sich
rächt, es ist Winter und sie droht zu verhungern.
Bittet Ameise, ihre Nachbarin, also Nähe, das liegt eng beinander, ihr ein
Körnlein Brot zu leihen, sie würde das – „auf Grillenehre“ (ambivalent)
mit Zinsen vor (!) dem Erntemonat zurückzahlen, ein sehr unrealistisches
Projekt, wo bekommt sie das her, die Zeit des Sammelns ist vorbei, hier
geht es auch um Saatgut, also hier ist Substanz der Ameise bedroht, es
würde wohl auch nicht bei einem Korn bleiben, das reicht nur für einen
Tag. Aber das ist außerhalb der Geschichte, ist nicht Thema, wir wissen
nicht, welches Hilfepotential die Ameise hat und welche Not die Grille –
wie wir das ja auch in vielen aktuellen Fragen nicht wissen.
(Bei der Ameise weiß man, dass sie fleißig war, was man vergisst ist ihre
kollektive Existenz.)
Ernst Dohm übersetzt die Beschreibung ihrer Person so: „Emschen, die
wie manche lieben / Leute das Verleihen hasst/ ...“
Neutral, die Positionierung der Tugend oder Untugend ist offen, wie sieht
das Original aus? „La Fourmi n´est pas prèteuse / C`est là son moindre
défaut. « Sehr neutral, kleiner Fehler wird eingeräumt.
Dann fragt sie die „Borgerin“ – also: kein Anspruch, das ist geborgtes
Geld, das selbstverständliche Vokabel schafft eine andere Atmosphäre,
das ist auch eine Persuasionsstrategie – was sie denn im Sommer i.e. in
der Arbeitszeit – getrieben habe. Das ist – wenn man nachdenkt, aber

120
dazu kommt man nicht – eine sadistische Frage, denn die beiden sind ja
benachbart. Eine unangenehm, erzieherische Frage. Der, von dem man
Geld will, borgen oder unterstützen, darf in die Intimsphäre eindringen,
auch das ist beim Lesen selbstverständlich. Der Gläubiger, auch wenn er
ablehnt, hat ein Auskunftsrecht, das ist wohl ein Gegensatz zur
Geschichte der Sarah, die wir nicht nach ihren Lebensumständen fragen
dürfen und wo die Ursache ihrer Hilfsbedürftigkeit mit einem diskreten
Schleier umgeben ist. Die Geschichte, lassen wir ihren prämodernen
Charakter aus, schaltet auf ihre Art Hemmungen aus, genauso wie die
erste.
Die Grille, es klingt stolz: „Tag und Nacht hab´ich ergötzt / durch mein
Singen alle Leut´.“
Das Match ist offen, Leistung gegen Schönheit, Fontaine / Dohm lösen es
mit einer unbeschreiblichen Brutalität auf: „Durch dein Singen? Sehr
erfreut! / Weißt Du was? Dann – tanze jetzt!“
Im Grunde ein wahnsinniges Bild, die tanzende (hilft gegen Kälte) Grille,
extrem selbstgerecht die Ameise, die offensichtlich schon lange eine
Aversion gegen ihre Nachbarin hat, aber gleichzeitig eine sadistische
Version des eisernen Käfigs der Rationalität. Die Grille hat eine
gebrochene Erwerbsbiographie, hier ist die Kälte, die ihr entgegenschlägt
nicht eine soziale, sondern einfach der Winter. Die Ameise sagt ihr, Du
hast Dich für das Tanzen entschieden, also tanze. Soziale Kälte ist es erst
durch unseren Wertwandel, Fontaine handelt das als Realität.
Doré anthropomorphisiert das (was er bei anderen Fabeln nicht tut!). Er
verwandelt die Ameise in eine Bäuerin, die mit Kind und Hund, vom
Betrachter abgewandt (ist sie schön – bleibt offen, figural macht sie auf
mich einen abgearbeiteten Eindruck) in der Tür ihres Hauses steht und
den Arm gerade ausstreckt. Die Grille ist eine südländisch aussehende
Frau mit langem dunklen Haar, wohl schön, und einer Gitarre,
glamourös, mit bodenlang wallendem Mantel. (Der könnte auch eine
Schwangerschaft verdecken, wie bei Sarah.) Im Hintergrund stiehlt sich
ein Mann, der sich bäurisch bewegt, in den Wald. Der Gatte der Ameise,
der mit der Grille etwas zu tun hat? Die Bäurin ist Mutter eines kleinen
Mädchens, das ist die Adressatin dieser Fabel – das Glamouröse und
Selbstverwirklichende hat eine geringe Zeit, dann kommt der Winter und
die Kumpane drollen sich. Es ist auch eine Botschaft an die Männer, mit
diesen Frauen ist es besser, eine nur begrenzte Zeit zu verbringen. Doré
s angedeutete erotische Rivalität mildert dieses grausame „danzez
maitenant“. Wichtig ist, dass die Grille kein „Opfer“ ist, sondern – vor

121
allem im Graphischen – Stolz zeigt. Wenn man die beiden „Gegentexte“
vergleicht, dann ist der zweite um vieles emotionsärmer, klarer.
Die ästhetischen und medialen Strategien werden uns noch
beschäftigen.
Auf jeden Fall interveniert hier ein neuer Faktor – das mediale Element,
das die Wahrnehmung steuert, hier Doré. Da sind wir zerrissen, weil die
Frau recht schön ist, weil wir das musizieren mögen, weil die Ameise
vielleicht eine langweilige Persion ist. Der Kampf zwischen Pflicht und
Neigung wird hier noch plausibler, aber es gibt keinen Hinweis, dass die
Grille gefördert werden soll.
Die Medien machen Moralen selbstverständlich, die interessanten
Moralen sind die selbstverständlichen. Sie sind die Schleußen, durch die
Moralen durchmüssen, obwohl es da eine „Henne- Ei“ Problematik gibt.
Re: der erste Schwule in der Lindenstraße.
Die beiden Texte mit ihrem akzeptierten Anteil sind Bestandteil des
Kommunikationsprozesses, in dem sich säkulare (und möglicherweise
auch heute religiöse Moralen) bilden. Da gibt es eine Ökonomie der
Aufmerksamkeit und eine Bereitschaft, etwas zu hören – oder eine
Tendenz, es zu überhören. Beide Seiten, die Ameise und die Grille, haben
ihre Gewichtigkeit.

Aber wenn wir schon zwei „Selbstverantwortungstexte“ haben, sind wir


zu einer Frage eingeladen:
Was kommt heraus, wenn man Sarahs Geschichte aus der dieser Fabel
unterliegenden moralischen Perspektive erzählt – und umgekehrt?
Würden Sarah unangenehme Fragen gestellt werden – oder würde man
eine Umverteilung fordern (die Ameisen zur Kasse bitten), würde man
die Grille als Sozialschmarotzerin bezeichnen oder als kreative
Legitimation der Gesellschaft, oder sagen, dass hier mit einem nicht
repräsentativen Beispiel das Elend der Insekten im Winter kleingeredet
wird? Würde man ein „Grillenrecht“ verkünden? Was würden Populisten
aus der Sache machen, was die angeblichen Neoliberalen oder die
Neokonservativen? Der CSU-Mann, der argumentiert, es sei ungerecht,
dass eine Lidl-Verkäuferin (Ameise) weniger Stundenlohn hat, als eine
auf Hartz 4 lebende. (Daran erinnnern, dass es ja tatsächlich in
Frankreich eine Sozialversicherung für Künstler gibt, die einen mit einem
minimalen Engagement im Sommer über das Jahr kommen lassen kann.
Und die Streiks der Grillen voriges Jahr. Und Ulrike Folkerts, also: wir
haben in der konkreten Sache den Grillenweg akzeptiert, im prinzipiellen

122
gibt es die Position der Ameise aber auch noch, die Frage ist, wie
verhalten sich die beiden zueinander, da geht das Spiel.
Bei Fontaine ist es ein unlösbarer Konflikt, Grille und Ameise sind
Archetypen, keine wird die andere ändern, die eine will nicht arbeiten ob
der Schönheit, die andere verzichtet darauf ob einer Vorstellung von
Anstand. Dass sie so grausam ist, ist vieldeutig. Ganz offensichtlich hat
der Einzelfall eine andere Evidenz als das Prinzipielle. Aber F. erzählt die
Geschichte ohne zu moralisieren, nicht wie in der Wiesel-Geschichte:
„Wer mager kam, der geh auch mager.“ Er führt in die Realität ein.

Wenn wir im Kommunikationsprozess den emotionalen Gehalt beider


Positionen zentrieren, dann ist die Position der Ameise, des Verzichtens /
Sparens, der Einschränkung von Löhnen und die Hartz-debatte
illustrieren das, schwerer kommunizierbar. Das ist aber interessant: ein
moralisches Argument muss einen Punkt haben, der den, der es
vernimmt, persönlich trifft. Die Grundstruktur des moralischen
Arguments war die eines „Du“, gesprochen auf einer kommunikativen
Basis, auch die Sanktion „danzez maitenant“.

Es gibt möglicherweise im Wachstums und im Schrumpfen verschiedene


moralische Standards, ebenso im Winter und im Sommer. Die Grille setzt
(Steigerungsspiel der Moderne) die Gewohnheiten des sommerlichen
Wachstums auf die der winterlichen Abhängigkeit von Vorräten. Die
pessimistische Mentalität ist ein Fakt, sie wird negativ bewertet, vor
allem, weil sie mit der Sparneigung verbunden ist und mit einer
Verweigerung von Investitionen, die Ameise sehen wir ja auch nicht.
Aber eine pessimistische Haltung hat auch positive Folgen –
Schopenhauer hatte schon recht, als er den prinzipiellen Optimismus
„ruchlos“ nannte. „Ruchlos“ in seinem Sinne war das Plakat der SPD „Der
Aufschwung kommt“, ein Grillenplakat, ich mach das schon, ich brauche
nur eine Saatkorn, ich gebe es auf Grillenehre zurück, „ruchlos“ war die
gebetsmühlenartig wiederholte Parole von der Sicherheit der Renten. Es
gibt offensichtlich zwei Arten von Optimismus, einen selbstzufriedenen,
der letztlich im Reformstau mündete, und jenen dynamischen, der in der
amerikanischen Mentalität stark verankert ist. Der Pessimist lebt mental
mit einer Katastrophe, die sich real noch nicht ereignet hat, er antizipiert
den Winter und die Ameise hat möglicherweise den Sommer nicht so
wirklich genossen, Doré suggeriert ein wenig einen abgearbeiteten
Körper. Er ist in gewisser Weise vorbereitet, es kann ihn nichts mehr

123
überraschen. Ich denke, auch hier muss man differenzieren: in einen
Pessimismus, der nur darauf aus ist, alles klein zu halten, sich zu ducken
vor dem erwarteten Wirbelsturm und einen, der „jetzt ist es aber genug“
sagt und energisch die Beseitigung eines Zustandes angeht. (Ich habe
im blauen Notizbuch etwas über die Dynamik von Präsidenten in positiv /
negativ.)
Politisch – sehr pauschal formuliert – haben Wähler im letzten Jahrzehnt
selten realistisch agierende und das auch kommunizierende Politiker
honoriert. Keiner mag die Artikulationen der Ameisen, obwohl man sie
ansosnsten braucht. Der Optimist, der den Aufschwung verspricht und
das Ausmaß der Verschuldung kleinredet (wie die Grille) und sich dann
irgendwie aus dem „Lügenausschuss“ rauswindet, hatte gute Chancen
auf ihre Sympathie, ebenso wie der zornige, populistische Pessimist, der
in der Regel einen Schuldigen kreiert. Man kann das auch Abwehr
nennen, ein nicht zur Kenntnis nehmen der Realität. Ich denke, dass ist
in den letzten Jahren geschehen, ein sich darauf verlassen, dass es
wieder gehen wird, dass andere Lokomotive spielen werden. Das ist ja
auch eine Eigenart: wenn unter gleichberechtigten – wie das der
westliche Block der ersten Welt war – einer aufgestiegen ist, hat er die
anderen mit einer gewissen Automatik mitgezogen. Das war, schlechte
Formulierung, ein weites Land – wenn einer weiter gegangen ist, hat er
Wege gebahnt. Heute ist alles enger. Heute heißt der Aufstieg eines
häufig, dass er auf Kosten der anderen geht und nur positive Side-effects
für den anderen zulässt. Da steckt Abwehr drinnen, und die Ameise hat
den Winter der Globalisierung mit Outsourcing etc. vorausgesehen und
Es wäre schön, wenn man das Gegenteil zur Abwehr definieren könnte.
Gibt es etwas, was man Panik nennen kann? Panik als
handlungsleitendes Prinzip enthält ja die Hoffnung auf den schnellen,
riskanten Akt, sie ist derzeit nicht zu sehen. Es gibt einen Konsens, dass
es um eine langfristige Denkweise geht und vor allem um eine neue
Gesinnung. Um eine Form von Mündigkeit, Realitätssinn. Das ist
allerdings auch ein wenig paradox und erklärt vieles, was wir als
„schuldhaft“ werten: gerade in einer Zeit, wo planen so schwierig ist,
geht es um eine langfristige Veränderung.

Ein anderer Begriff der gerne verwendet wird, und der bei der
Darstellung der persuasiven Strategien nicht fehlen darf, ist der der
Hysterie – etwa von Gunter Tichy, Die europäische Kollektiv-Hysterie, Der
Standard, 9./ 10.4. 2005, 29. Die Ameise ist eine Hysteririkerin. Die
Tendenz kennen wir: „Man könnte das Ganze als neokonservative

124
Verschwörung zur Durchsetzung einer „Marktwirtschaft ohne Attribute“
nennen, meint Tichy und nachdem er das einmal festgehalten hat,
distanziert er sich davon: „Ein wichtigerer Erklärungsgrund dürfte der
(fehlgeschlagene) Versuch sein, die Reformbereitschaft der Bevölkerung
durch Androhung von Krisenszenarien zu erhöhen – Szenarien die
geglaubt wurden und sich verselbstständigt haben; ...“und als
Konterrevolution gegen die Umverteilung des Sozialstaates sehen.“ Die
Szenarien würden auf einer isoliert mikroökonomischen Analyse
basieren, die sich auf der makroökonomischen Ebene ins Gegenteil
verkehre: Sparen kostet Geld. Gunther Tichy schlägt uns eine
„Deeskalation, eine ruhige Standortbestimmung durch die Spitzen von
Politik und Verbänden vor.“ Das Ergebnis der Standortbestimmung steht
schon fest, auf ihrer Basis müsse eine „breite Awareness-Kampagne
versuchen, die Krisenangst der Bevölkerung zu überwinden.“ Das sei
eine schwierige, aber unverzichtbare Aufgabe, weil der Prozess der
Hysterisierung schon weit fortgeschritten sei. Da ist die Grille mit ihrem
ausgestreckten Arm und ihrer möglichen Unfähigkeit zum Genuss eine
Hysterikerin.
(Liegt unter Theta grün, ist konventionell.) Interessant ist die Metaphorik
oder der Vergleich, den Tichy verwendet, die moralischen Erregungen –
und zwar die beider Seiten – sind damit gemeint. Wer das Wort
„Hysterie“ verwendet, wertet die Sichtweise des oder der davon
befallenen extrem ab und artikuliert gleichzeitig Furcht. Natürlich gibt es
hysterische Epidemien, es gibt auch selektive Wahrnehmungen, die eine
pathologische Konstellation, in der sich ein Kollektivsubjekt befindet,
verstärken. Die Hysterie hat allerdings einen Doppelcharakter: der
klassischen Hysterika – die Krankheit hat ja lange Zeit als eine typisch
weibliche gegolten - leidet an etwas, und zwar schwer, sie hat
offenkundige Symptome; in Extremfällen ist sie etwa außerstande ihr
Bett zu verlassen. Die schulmedizinische Diagnostik versagt ihr
gegenüber allerdings, die Hysterie ist in jedem Fall eine irrationale
Erkrankung – sie ist der konventionellen Vernunft nicht zugänglich.

Das Wort „Hysterie“ kann also nicht frisch – fromm – fröhlich – frei dazu
verwendet werden, um uns einzureden, dass alles in Ordnung ist - das
wäre dann eine heute veraltete Therapieform des 19.Jahrhunderts, die
Autosuggestion: wir sprechen uns zehnmal täglich vor, dass alles in
Ordnung ist und dann sehen wir es auch so und weil die Einstellung die
Wahrnehmung beeinflusst, ist es dann auch so. Freud hingegen hat –
bevor er den mühsamen Weg der Analyse propagiert hat – dekretiert,

125
dass die Hysterika an Reminiszenzen leidet, in seiner Zusammenarbeit
mit Breuer geriet dabei ein erlittener sexueller Kindsmissbrauch ins
Zentrum, eine Idee, die er später zurückgezogen hat. Elaine
Shownwalter macht sozusagen ein personell – institutionelles Dreieck für
die Formgebung einer hysterischen Epidemie verantwortlich: einen
verstörten Patienten, der in den unendlichen Symptompool der Moderne
(Edward Shorter) greift und ein modisches Symptom auswählt; einen
charismatischen Arzt, der seinem Leiden eine Sinndefinition unterlegt
und Medien, die dieses Ensemble aufgreifen und verbreiten.
Was kommt heraus, wenn wir diesen kulturwissenschaftlichen Begriff
einer hysterischen Epidemie auf die laufenden Verhältnisse anwenden –
außer der Erfahrung, dass wir wieder im Gebiet der Kulturwissenschaft
sind? Der Begriff, von einem Ökonomen naiv-denunziatorisch verwendet,
führt uns aus dem Bereich der Ökonomie, auf ein sozusagen Drittes
zwischen dem Symptom und der Realität, auf eine unklare aber
offensichtlich fundamentale Grundstörung der Moderne – aber die ist
auch der wissenschaftlichen makroökonomischen Sichtweise nur
spekulativ zugänglich.

Dass die Gerechtigkeitsfrage sich stellt, zeigt, dass die Gesellschaft des
Winters sozusagen automatisch von Desolidarisierungseffekten betroffen
ist. Es gibt keine Solidarität unter Insekten, auch nicht, wenn Doré das
meinte, unter erotisch rivalisierenden Frauen, es gibt auch einen Hass
auf die Realität, eine Lust auf die Schaffung von Aussenfeinden.

Für wen macht man Politik? Bill Clinton, eine Ikone der sozialen
Gerechtigkeit, wollte für jene regieren, „who work hard and play by the
rules“, das sind aber die Ameisen. Da steckt eine im Vergleich zum
Sozialstaat bereits limitierte Solidaritätsvision drinnen, eine Solidarität,
die von den Ameisen zurückgewiesen wird. Das Scheitern der
Krankenversicherungspläne in den USA. Aber wenn das immer schwerer
wird – plötzlich ist der Arbeitsplatz weg, man macht sich selbstständig
und schafft das nicht, vielleicht gar nicht aus eigenem Verschulden und
man ist arbeitslos und gehört auf einmal zur Unterschicht, diesem neuen
Phänomen, über das soviel gesprochen wird und das so extrem
inhomogen ist. Paul Nolte, in Generation Reform, hat darauf
hingewiesen, dass ein heutiger Hartz IV Haushalt nicht weniger Kaufkraft
hat, als ein durchschnittlicher Arbeitnehmer-Haushalt Mitte der sechziger-
Jahre. Die Deutschen nennen etwas Armut, was eigentlich Ungleichheit
sei, die auch bei Doré gut gekleidete Grille (besser als die Ameise)

126
verhungert keineswegs. Der Komplex ist aber auch ein gutes Beispiel
dafür, dass die Realität sich in unserer Einstellung zu ihr gestaltet und
das wäre ein gutes Motto für jene früheren Überlegungen, die uns eine
Kulturkrise zuschreiben.

Aber ist diese Konstellation nicht für beide Teile unbefriedigend? Wir
hatten vor einem Jahrzehnt eine intensive Debatte über
Sozialschmarotzer, über schwarzarbeitende Arbeitslose, über angeblich
matriarchalisch organisierte „Sozialamtsdynastien“, (wer spricht noch von
ihnen, wer weiß was aus ihnen geworden ist?) die zeigte, dass es ein
erhebliches Neidpotential in der Gesellschaft gibt. Wie wird die
Gesellschaft des weniger – und zwar auf der Seite der Netto-Zahler und
der der Empfänger – damit umgehen? Als einer der Gründe der Krise von
General Motors gelten großzügige Sozialleistungen auf Lebenszeit aus
den siebziger und achtziger Jahren, die jetzt schlagend werden. Der
Beschäftigungsstand in den USA ist seither geschrumpft – von 700.000
Ende der siebziger Jahre auf zuletzt 150.000. Das Verhältnis der Aktiven
zu den Pensionisten beträgt bei General Motors zwei zu fünf, das
bedeutet dass die 150.000 die Arzt- und Krankenhausrechnung für
(einschließlich der Angehörigen) eine Million erwirtschaften müssen. Wie
gehen die aktiven GM-Arbeiter damit um, dass Richard Wagoner mit dem
Konkurs droht? Diejenigen, die etwas finanzieren in dessen Genuss sie
wohl nicht kommen werden? Und wie gehen die pensionierten mit der
Möglichkeit einer Reduktion dieser Sozialleistungen um? Im Kontext der
Globalsierung interveniert nicht mehr die Grille-Ameise-Konstellation, da
läuft ein Konflikt zwischen den bzw. innerhalb der Ameisen, das ist eine
neue Ebene: die fix Angestellten mit den Privilegien und die „working
poor“, in den USA ein vertrautes Phänomen, das mit mehreren Jobs
abgefangen wird, bei uns neu. Auch die Ameisen haben es schwer, das
könnte Doré mit der Bekleidung signalsiert haben – da sinkt aber das
Verständnis für die Grillen.

Nolte mit seinem Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Armut


legt übrigens Wert darauf, dass die angesprochenen Gruppen vor allem
kulturell verarmen und seit seinem Buch hat das Wort
„Unterschichtfernsehen“, das durfte man früher nicht sagen, auf einmal
eine Chance. Tatsächlich etabliert sich mit dem Kabelfernsehen, dem
Quotendenken und dem sich daraus ergebenden Verfall des
Bildungsauftrages der öffentlichen Sendeanstalten und dem Einfluss
kommerzieller Sender der Einwandererstaaten, die von den heimischen

127
Parallelgesellschaften via Schüssel empfangen werden, eine neue
kulturell wahrnehmbare Klassenschranke, die im sozialdemokratischen
Jahrhundert trotz der vielfachen Brechung des Imperativs „Kultur für
Alle“ nicht sichtbar war. In der letzten Jahrhundertwende haben
Intellektuelle das Bild des bildungsarmen und durch Alkohol und
Populärkultur „vertierten“ Arbeiters als unerträglich und gleichzeitig als
Herausforderung angesehen und die Idee von der Sozialdemokratie als
„Kulturbewegung“ kreiert. Diese Stimmung hat sich verloren, wer etwas
als unerträglich erlebt und sich dafür engagiert, platziert das meist an
einem fremden Kontinent. Die kulturell veramten sind tatsächlich eine
Gruppe, von der keiner etwas will und über die man auch nicht spricht.
Die Grille ist heute ein zappender Couch-Potatoe.
Oder: Die neue Unterschicht mit ihren unerträglichen
Fernsehgewohnheiten, mit der seelischen und geistigen Verwahrlosung,
die irgendwie an die Situation der Arbeiterklasse in der
Frühindustrialisierung erinnert. Die künstliche Aufregung der Talkshow
am Nachmittag, die Soap am Vorabend, die Krimis bis in die Nacht. Die
Reduktion intellektueller und emotionaler Kompetenzen; die
Bedeutungsverschiebung von Problemen, die Menschen sprechen
wirklich darüber, was Jenny Elvers oder Paris Hilton gerade verbrochen
hat; schließlich die Konsequenz, dass ein nicht geringer Teil der – nicht
bewussten, aber gelebten – Selbstdefinition darin besteht, dass man ein
Medienkonsument ist. Das „Unterschichtfernsehen“ ist ein
Parallelphänomen zu jenem stumpfen, alkoholabhängigen Arbeiter, dem
die sozialdemokratische Bewegung zu ihrer Zeit das aus dem
Bildungsbürgertum, das auch seine guten Seiten hat, stammende Ideal
des „lesenden Arbeiters“ entgegengesetzt hat. Es scheint mir zur Zeit
keine gesellschaftliche Bewegung zu geben, die sich um eine Aktivierung
dieser Menschen bemüht – das ist ein Missverhältnis, wenn man an die
vielen NGOs denkt, die sich um fern liegende Probleme bemühen.
Möglicherweise scheinen die Rezepte auch einfacher. Wichtig ist mir, dass
es offenkundig einladender oder einfacher erscheint, ferne Probleme zu
lösen. Ich glaube nicht, dass wir diese Leute materiell fallen lassen, da
haben sie ihre Lobby. Aber es gehört offensichtlich ein Elitismus zur
Wissensgesellschaft, der schwer zu fixieren ist, diese Leute scheinen
„kulturell zu stinken“, die will keiner berühren. Für sie wird eine Realität
produziert, aber sie selbst sind nicht mehr Bestandteil derselben. Die
Frage, was das für Menschen sind, die sich Diskussionen a la´ „Ich habe
mein Geschlecht zweimal geändert“ auch nur ansehen, stellt sich nicht,

128
keiner wertet das aus, da gibt es abfällige Bemerkungen, aber nicht
mehr.
Hier gibt es eine Koalition zwischen dem Sozialstaat und der
Kulturindustrie im schlechten Sinn. Der Sozialstaat alimentiert sie und die
Kulturindustrie beschäftigt sie. Das ist eigentlich sehr verantwortungslos,
eine Verantwortungslosigkeit der Nähe und keine der Ferne.

Wie sieht der amerikanische Kommunitarismus das Problem der Sarah


und das der Grille? Und: was kann er den medialen Strategien
entgegensetzen?

Er basiert – vor allem in der „praktischen“ Version, die Amitai Etzioni


verkörpert – auf zwei Säulen, der Eigenverantwortung und dem Denken
in Gemeinschaften. Etzioni konstruiert – gestützt auf eine Art
Subsidiaritätsprinzip – eine Verantwortungspyramide, wie sie übrigens
auch in der mittlerweile (nach der linken Phase der Theologie,
Befreiungstheologie, Caritas interveniert in Flüchtlings –
Einwanderungsproblematik) zurückgedrängten klassischen katholischen
Soziallehre eine Rolle spielte. (Oswald von Nell-Breuning) Zunächst ist
man „eigenverantwortlich“, dann ist die Gemeinschaft, der man
angehört, verantwortlich, zunächst die Familie und dann immer weitere
Gemeinschaften und erst am Ende setzt die Verpflichtung der
„Gemeinschaft der Gemeinschaften“, des Staates, ein. Das klingt
abstrakt, hat aber viele Implikationen – ich erinnere daran, dass die
Ameise ein „Gemeinschaftstier“ ist, was Fontaine und Doré ignorieren.
Kurzzeitig war das Konzept in Europa populär, Kurt Biedenkopf bekannte
sich in Interviews ebenso zum Kommunitarismus wie Tony Blair (in den
USA Clinton). Heute ist das Konzept im deutschen Sprachraum eher übel
beleumundet und gilt –politisch – als die Schiene auf der Ex-Linke nach
rechts fahren.
Man muss einmal grundsätzlich einige Konstellationen zur
Eigenverantwortung klären.
Das Wort „Eigenverantwortung“ ist mir Recht semantisch kritisiert
worden – Ver – Ant – wortung, meint, dass der Handelnde für sein Tun
und dessen Folgen einzustehen hat, aber das bezieht sich auf den
anderen, einen potentiell geschädigten.
Ein Exkurs zur „Eigenverantwortung“:
Robert Leicht, in: Die Zeit Nr.1, 22.12.2003., Das Prinzip
Zahnbürste, interessante Bemerkungen zur Begriffsgeschichte:
im Anfang sei das Verb gewesen, das mittelhochdeutsche

129
„verantwurten“ oder „verantwürten“, man muss vor einer
vorgesetzten Instanz Fragen zu einer Tat beantworten. Später,
15.Jh: einer verantwortet sich, dann wird er „zur
Verantwortung gezogen“. 17.Jh. das Wort „verantwortlich“,
aber allen diesen Vorformen gemeinsam: es ist schon etwas
geschehen, es ist eine Reaktion a posteriori.
Die antizipierende Verantwortung (dazu etwa: Hans Jonas, Das
Prinzip Verantwortung) taucht erst im 20. Jahrhundert auf. Kant
etwa spricht hier einfach von der Pflicht. Kant spricht von einem
autonomen Pflichtbewusstsein, aber in der Praxis hat das einen
ziemlich obrigkeitlichen Charakter.
Es ist schön, sich die Auswirkungen der Umstellung zu vergewärtigen.
Die Pflicht Sarah (und der Grille) zu helfen, klingt in meinen Ohren
weniger überzeugend, als die Verantwortung für die beiden, obwohl im
klassischen Wortsinn es hier kein Handeln von mir gibt und keine
Obrigkeit. Auch eine persuasive Strategie, der wechsel von Pflicht zu
Verantwortung.
Die Unterscheidung zwischen einer bürgerlichen Verantwortung
und einer obrigkeitlichen Pflicht (Max Weber, Gesinnungsethik
– Verantwortungsethik), allmählich verschieben sich die
Gewichte, Pflicht wird immer lächerlicher, Verantwortung kriegt
einen guten Klang.
Aber, meint der Leicht, zwingend sei, dass Verantwortung zwei
Aspekte habe: für etwas und vor jemandem, das kann
mittlerweile auch in der Zukunft sein. Eigenverantwortung sei
demnach ein wenig sinnwidrig: für sich, vor sich verantwortlich
sein.
Leicht meint, der inflationäre Gebrauch sei eine Abgrenzung von
folgendem: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das hätten die
Sozialisten als Solidarität übersetzt – das sei wieder eine
(Jonas) Zweckbruderschaft, man verhält sich solidarisch mit
den Menschen gleicher Interessenlage. Durkheim hat das so
beschrieben, wie aus der „mechanischen Solidarität“ kraft
Ähnlichkeit der Interessen die „organische Solidarität“ wurde –
eine arbeitsteilig wahrgenommene staatliche Aufgabe. Also: die
Brüderlichkeit wurde verstaatlicht. Die persönliche
Verantwortung sei verschwunden, auch die was man wem
zumuten dürfe, und Eigenverantwortung sei eine Abwehrformel
gegen diesen Prozess.

130
Er wird dann konfus, John Stuart Mill hätte in seinen
Betrachtungen über die repräsentative Demokratie 1861
selfprotecting, selfdependent, selfhelp und selfreliance forciert.
Das sei keine Ablehnung von Solidarität und Sozialpolitik, aber
eine Warnung davor, Verhältnisse so zu ordnen, dass die
Antriebe und Anreize zum möglichst selbstständigen Handeln
aller Individuen reduziert werden. Der Wilhelm Röpke hätte
1979 (??) geschrieben: „In der Tat droht die im Einzelnen und
seiner Selbstverantwortung liegende geheime Triebfeder der
Gesellschaft zu erschlaffen, wenn die Ausgleichsmaschine des
Wohlfahrtsstaates sowohl die positiven Folgen der Mehrleistung
wie auch die negativen einer Minderleistung abstumpft.“ Das
ginge alles auf John Stuart Mills „active type of character“
zurück, auch die aktivierende Sozialpolitik von New Labour.
Wenn jeder, meint Leicht, für sich selbst tut, was er kann,
werden genügend Mittel frei für jene, die sich nicht alleine
helfen können. Dann braucht man kein pathetisches Wort. Ende
Leicht.
Also: der active type of character reduziert das moralische Problem, man
fördert ihn, (Karikatur: die inflationären Blumengeschäfte der Ich-AG-s in
Ostdeutschland), und dann bleiben eben wirklich nur die Hilflosen über.
Das gilt vielleicht für Sarah, aber was tut man mit der Grille? Ist das
nicht auch ein „dansez maintenant“, such Dir ein Engagement,
professionalsiere Deine Neigung?

Das ist im Grunde der mainstream in der deutschen Hartz-debatte, wenn


der Missbrauch abgestellt wird, der sich angeblich in der vor allem in
Berlin ungeheuer angewachsenen Anzahl der
Unterstütztungsberechtigten äußert, dann ist alles okay. Dagegen gibt es
zwei Gegenargumente: das eine sagt, die Mißbraucher – hier werden
zahlen bis 25% genannt – lassen sich nicht so quantifizieren. Die andere
sagt, auch kleine Leute dürfen die Möglichkeit eines Gesetzes – etwa,
dass der Sohn auf Kosten des Arbeitsamtes auszieht und sich seine
Wohnung von Hartz finanzieren lässt, weil er nicht mehr nach dem
Einkommen der Eltern bemessen wird – ausnützen, ohne dass man das
als Missbrauch qualifiziert. Wenn das Missbrauch ist, dann ist Hartz IV ja
ein unmoralisches Gesetz, dass den Grillen einen ungeheuren
Gestaltungsraum einräumt. (Noch einmal: die beiden anderen
widersprechenden moralischen Vorwürfe an Hartz sind, es ist zuwenig

131
Unterstützung, der andere, man bekommt mehr als wenn man arbeitet,
das benachteiligt die Ameisen.)

Weiter zum active type of character. Im Tocqueville suchen: „Der


Wohlfahrtsstaat ist eine gewaltige, bevormundende Macht, die
allein dafür sorgt, die Genüsse der Untertanen zu sichern und
ihr Schicksal zu überwachen.“ Hält den Menschen
„unwiderruflich im Zustand der Kindheit fest“.
Jürgen Habermas hat über die „Krise des Wohlfahrtsstaates“
(1985) geschrieben, der Bürger bezahle soziale Sicherheit mit
Risiko der Freiheit. Doch welche Freiheit meint er?

Generell, muss man sagen, entsteht da gerade rund um den


Begriff der Eigenverantwortung so eine neue Folklore, ein
pathetisches Versprechen von „Freiheit“ verbunden mit einer
dynamischen Bereitschaft zum Risiko. Der eigenverantwortliche als
der Harrison Ford seiner Altersvorsorge und der seiner Familie. Das setzt
Kompetenzen voraus, die doch keiner hat. Die Beispiele der Menschen,
die total sichere Altersfond hatten (England, USA) sind Legion. Im
Moment: soll man aus Aktien aussteigen? Wer hat das „Gemetzel“ an
den europäischen Börsen binnen eines Tages vorhergesehen? Die beiden
Negativbilder: der Panikverkäufer, der alles verschleudert versus dem,
der an sinkenden Aktien klebt, statt sich von ihnen zu trennen. „You don
´t learn that in school“ (and also not on the university)

Was das „selbst“ betrifft, impliziert Mündigkeit Verantwortung. Aber


damit soll das Gemeinte nicht weggeworfen werden. Es geht ja in der
Regel um Ansprüche, - Eigenverantwortung“ hat antithetischen
Charakter zu einer Delegation von Ansprüchen an scheinbar anonyme
Institutionen, hinter denen sich aber die Gesellschaft bzw. der Staat
verbirgt, Ansprüche, die sich häufig nur dadurch legitimieren, dass sie
erhoben werden, dramatische Szenarien entwickeln, schlechtes Gewissen
machen, Ansprüche, die kaum in einer Kohärenz stehen, die häufig auf
äußerst umwegige Weise begründet werden, die nicht nach ihrer
Finanzierbarkeit fragen und die vor allem entkoppelt sind von Leistung.

Ich habe vom antithetischen Charakter des Wortes gesprochen, das heißt
ja auch, dass sich hier zwingend eine Synthese herstellt aus der
Interaktion der beiden Positionen. Da gibt es viele Beispielfelder, ich
werde später auf die Mentalität der absteigenden Populationen eingehen.

132
Die Kommunitaristen also setzen den Primat auf die „Gemeinschaft“ und
gehen soweit, in ihrem Gründungsmanifest ein Moratorium für neue
Ansprüche zu erheben. Das ist eine kaum ausdenkbare Position, die
unzählige Diskussionen abschneidet. Man könnte eine Typologie von
Ansprüchen erstellen, rein egozentrische, aber auch scheinbar
altruistische, die tatsächlich dem Selbstbild schmeicheln.
Tatsächlich liegt ein großer Unterschied, den ich überhaupt nicht mit dem
Neoliberalismus erklären möchte, zwischen dem amerikanischen und
dem hiesigen Anspruchsdenken. Dass ein Dachdecker, der übrigens
selbst über keine Krankenkasse verfügt, einen zweiten Job annimmt um
seiner Tochter eine Zahnkorrektur zu finanzieren, mutet uns genauso
fremd an, wie die Gewohnheit der amerikanischen Mittelklasse, bei der
Geburt eines Kindes eine Versicherung zur Finanzierung der teueren
College-Ausbildung abzuschließen. Interessant ist die Verarbeitung dieser
beiden Konstellationen: bei uns geht man davon aus, dass eine
Reduktion der Ansprüche an den Staat desolidarisierend sei und eine
sozial „kalte“ Gesellschaft produzieren würde. Tatsächlich kann man in
den Staaten – soweit mir zugänglich – ein anderes Muster beobachten:
die Ausbildungsverpflichtungen und die Abstinenz des Staates schaffen –
trotz räumlicher Getrenntheit – intensivere Familienbeziehungen,
Nachbarschaftshilfe und die Wahrnehmung gemeinschaftlicher
Verpflichtungen – manchmal bei uns in der Karikatur der „Bürgerwehren“
perzipiert – spielen eine höhere Rolle als bei uns, die Aufgabe des
scheinbar rechtlich abgesicherten Anspruchs wirkt
gemeinschaftsfördernd.

Im übrigen zeichnen sich für die „Gesellschaft des Weniger“ ohnedies


zahlreiche Desolidarisierungseffekte ab bzw. Differenzierungen im Begriff
der Solidarität, die uns schon so selbstverständlich geworden sind. Es
gibt ein– neues – gesellschaftlichen Grundgefühl, das die modernen
Freiheiten teuer sind und ihre Nutznießer zahlen sollen, sehr
ameisenhaft. Ganz analoge Anmerkungen gibt es ja in einem ganz
anders gearteten Feld: Risikosportler sollen höhere
Krankenversicherungsbeiträge zahlen, ebenso Raucher,
Abenteuertouristen sollen bei ihrer Rückholung mitzahlen. Grillen werden
allmählich zur Kasse gebeten, bürokratisch, ohne den grausamen Satz.

Da liegt aber der größte Widerstand gegen das Konzept, er richtet sich
schon gegen das Wort „Gemeinschaft“. Die plumpe Argumentation

133
richtet sich dagegen, in diesem Wort eine Fortführung des in der
„Volksgemeinschaft“ pervertierten Gemeinschaftsideals der Nazis zu
sehen; das ist unzutreffend, denn nur wenige dieser Gemeinschaften
definieren sich als „überlegen“, sie huldigen keinem Führerprinzip und
sind in die Demokratie integriert. Die respektablere Argumentation
verweist darauf, dass hier die schon von dem heute wieder in Mode
seienden Alexis de Tocqeville beschriebene Pioniermentalität nachwirkt,
eine Art „face to face“ – Solidarität von Einwanderern in einer hostilen
Umwelt. „Face to face“ – Solidaritäten bzw. ihre Verweigerung, wie das
die Ameise mit ihrer Nachbarin getan hat, sind ja moralisch etwas
anderes als anonyme, bürokratische Solidaritäten. Man spürt es elbst
nicht, wenn man etwas gutes tut (außer, man ist in einer NGO, die nach
jahrelangem Kampf eine Gesetzesänderung durchgesetzt hat.)
Allerdings: die moderne Mediengesellschaft simuliert face to face und
bringt uns gegenüber 7500 Flüchtlingen in einer kurzen Zeiteinheit in die
Ameisensituation. Und da können wir nicht „dansez maintenant“ sagen,
wir wissen nicht, was sie im Sommer getan haben und pob sie überhaupt
einen erlebt haben. Wichtig ist, dass Medien Verantwortung ausgedehnt
– globalsiert – haben, wieder mit ästhetischen Mitteln: das Bild des toten
Flüchtlings. Dieses Bild darf gezeigt werden, das Bild des
Vergewaltigungsopfers, ein Bild aus unserer Gesellschaft, steht unter
Sensationsverdacht. Das ist ein eigenartiger Widerspruch.

Generell ist das Argument von der amerikanischen Tradition sicher


richtig, dennoch ist es bemerkenswert, wie viele den „Gewohnheiten des
Herzens“ folgende Gemeinschaften es in den USA immer noch gibt – und
wie sehr bei uns der Delegationsmechanismus vorherrscht.
Abschweifung: Die USA gelten bei uns als extrem „harte“ Gesellschaft,
als Gesellschaft der beinharten Konkurrenz, der uneingeschränkten
Herrschaft des Kapitals und eines extremen Freiheitsbegriffes etc.
Tatsächlich ist das nur eine Seite. Die Gemeinschaften funktionieren, sie
schützen ihre Mitglieder und sie erledigen kommunale Agenda.(In der
Vorlesung vorgestellt wurde die Herzinfarkt – Reanimation in Seattle) Es
gibt auch ein Prestige und einen Schutzbegriff, der mit
gemeinschaftsbezogenen Handeln verbunden ist – der Mäzen, der
Sponsor der Krebsforschung, der Stifter eines Altenheimes. Fraktionen
des amerikanischen Kapitals agieren auf gewissen Ebenen extrem
egozentrisch, auf anderen bemühen sie sich, „etwas zurückzugeben“,
das ist ein Relikt der Philantropie der puritanischen Milliardäre der
Pioniergeneration des amerikanischen Kapitalismus. (Das Argument, das

134
solches gut für das „Image“ ist und zum steuerlichen Missbrauch einlädt,
ist bekannt, aber nicht zentral. Ich würde sagen, es gibt eine
amerikanische Moral des „stolzen Gebens“. Der narzisstische Gewinn des
moralischen Handelns erschöpft sich nicht im Anspruch, er will die
direkte persönliche Reaktion, einen „face to face“ – Dank. Würde die
Grille das der Ameise geben? Und: entwertet nicht das Anspruchsdenken
die Dankbarkeit weil geholfen wurde? „Zahlt“ man nicht auch mit
Dankbarkeit, ist das nicht auch ein „Narrativ“, das eben bei uns
entwertet ist? Gibt es da nicht auch einen „Markt“?

Generell haben Gemeinschaften eine Qualität in der Beurteilung der


Zumutbarkeit von Leistungen und der Berechtigung von Ansprüchen, die
eine anonyme Instanz nicht hat. Sie sind auch – gerade durch das
aufeinander angwiesen-sein – darauf erpicht, Leistungen zu nützen und
„zahlen“ dafür mit „Anerkennung“. Das Landleben mag aus der Sicht der
Stadt „stumpf“ sein, trotzdem ist das bäuerliche Alter „sinnvoller“ als
viele städtischen,vor allem Alleinstehende Pendants, weil „es gibt immer
etwas zu tun“. Gemeinschaften wissen, was „man braucht“, und sie
wissen, „was man können muss“, sie kontrollieren informell auf der Basis
eines Vertrags zum wechselseitigen Nutzen.

Nach dieser allgemeinen Überlegung: Ich bleibe im Kulturbereich, der


sichtbare Rituale des Prestiges hat – die Donations und die Sponsorship.
Unsere Museen haben nicht einmal Personal, dass sich darum bemüht,
Sammler (wie die Cazor-Zorachs) in mehrjähriger Betreuung zu
motivieren, ihre Sammlungen dem Museum zu schenken – bei uns gibt
es nur die Leihgabe, die den Inhaber ja der Lagerkosten enthebt. (Von
Greenpeace Österreich heißt es, sie seien gut im Kleinspenden sammeln,
aber schlecht im „Major fundraising“, wo übrigens auch der Eitelkeit
geschmeichelt wird. Der narzisstische Gewinn einer wohlhabenden
Ameise, die mit den Worten „dansez maintenant“ der Grille ein
Tanztheater schenkt!) Es gibt erst seit kurzem „Räume“ in den Museen,
die den Namen des Spenders tragen, keine Universitätsbauten etc.
Allmählich baut man „friendship-societies“ auf, aber die Museen haben
kaum eine Verankerung in einer Gemeinschaft mit allen damit
verbundenen Möglichkeiten. Das hängt auch stark mit der Tradition des
sammelnden Herrscherhauses und des Staates zusammen – europäische
Gesellschaften sind traditionell etatistisch und haben es verstanden,
diese Angewohnheit moralisch abzusichern – Kultur und Subvention sind
eine unlösbare Verbindung eingegangen. Ein Bruch in dieser

135
Konstellation – etwa Kunst liegt in der Verantwortung wohlhabender
Mitglieder der Zivilgesellschaft - ist eine Angelegenheit von Jahrzehnten,
kein aktueller Vorschlag.
Was den Schutzbegriff der Gemeinschaften betrifft, verweise ich auf die
bei uns verlachten (und oft auch in der Oberinstanz aufgehobenen)
Schadensabgeltungen in den USA. Wer sich bei uns in einem Restaurant
durch Verschulden des Koches eine Salmonellenvergiftung mittleren
Ausmaßes holt (zehn Tage kotzend im Bett) und angestellt ist (kein
Einkommensausfall) hat Glück, wenn sein Schadenersatz in der 2000 €
Zone liegt. Das hängt nicht nur mit Traditionen und den gierigen
Anwälten zusammen, sondern auch damit, dass der schmutzige Koch die
Gemeinschaft bedroht. Das ist eine Moral, welche die künftige
Gefährlichkeit des Täters höher wertet als unsere. Trotz des
ungezügelten Kapitalismus sind die Strafen bei Wirtschaftsdelikten
(Preisabsprachen, Provisionen, Bilanzaufbesserung) hoch und werden
vollstreckt. Bei uns gilt das Schneeballsystem als Betrug, Bestechung,
Unterschlagung etc. aber sonst erinnere ich mich an keine große
Verurteilung.
Ein anderes Beispiel, das erstens aktuell ist und zweitens das Vorurteil
von der Herrschaft des Kapitals relativiert ist der Abriss und Neubau von
Häusern. Während im grünen siebenten Bezirk das neben dem Kurier
gelegene Areal mit dreitägigen Pausen allmählich wochenlang abgerissen
wurde (gelegentlich war ein Mann mit Schlauch da), dann der
Staubhaufen im Sturm stand, - das lief über nahezu zwei Monate -
Gehsteig und Straße blockiert waren, auch für Parkplätze der Bauleiter,
sieht das in den Teilen der USA, in denen ich gelebt habe, so aus: der
Abriss geht extrem schnell vor sich, selbst hohe Gebäude erhalten eine
Folienabdeckung, ungeheure Wassermengen werden eingesetzt und wer
öffentlichen Grund blockiert, zahlt eine abschreckend hohe Miete, sofern
das überhaupt genehmigt wird. Das soll jetzt nicht als Ansatz eines
systematische Vergleichs dienen, aber wenn man die beiden Modelle –
der Bauherr überträgt seine Lasten, sein Organisationsproblem etc. auf
die Gemeinschaft bzw. man hindert ihn effizient daran – vergleicht, der
würde eher die österreichische Konstellation als die eines schrankenlosen
Kapitalismus auffassen. Die Gemeinschaften, noch einmal, schützen sich
und wo sie das nicht können, hilft der Staat.
Wichtig auch die Opferorientierung in der amerikanischen Populärkultur.
Die den Täter küssende Kommissarin im Tatort. Das schuldige Opfer in
der deutschen Populärkultur der Fernsehkrimis.

136
Diese zwei Punkte machen mir den amerikanischen Kommunitarismus
sympathisch (trotz mancher Übersteigerungen) und machen das
Argument vom Pioniergeist irrelevant, weil hier geht es um moderne
Konstellationen, nicht um Indianer. Katrina hat aber auch die Grenzen
dieses Modells gezeigt.
Die Verherrlichung des flexibel-dynamischen Siegertyps ist unseren
Kulturen gemeinsam, aber die USA kennen Grenzziehungen und vor
allem nützen sie das bei uns wegen der Delegation an den Staat völlig
brach liegende „Kapital“ eines prestigeträchtigen
gemeinschaftsbezogegenen Handelns. Ich weiß nicht, ob ich so weit
komme aber prinzipiell gibt es Anhaltspunkte für die Annahme, dass die
„Gesellschaft des weniger“ sich einiges an Konflikten ersparen würde,
wenn die Gemeinschaften – ebenso wie der active type - stärker agieren
würden.

Gemeinschaften können sehr konkret sein, sie können aber auch eine
virtuelle Latenz haben, die sich zeitweilig konkretisiert. Die Mitgliedschaft
in einer Gemeinschaft vergrößert das „Sozialkapital“ des Einzelnen; sie
sind auch berechenbarer als die Delegation von Ansprüchen an den
Staat.
Was wenig diskutiert wird: paradoxerweise hat das Christentum, vor
allem im Imperativ der Bergpredigt, den Nächsten wie sich selbst zu
lieben, eine gemeinschaftsfeindliche Komponente – der Imperativ, der im
Reformprotestantismus mit seiner Gemeinschaft der „Geretteten“ eine
geringere Rolle spielt – anonymisiert Solidarität. Das ist ein Bruch zur
jüdischen Tradition der gemeinsam durch die Wüste ziehenden. Das
Denken in „Gemeinschaften“ restituiert ein wenig virtuell die „face to
face“ – Solidarität auf eine nachvollziehbare Weise: wir sind in der
gleichen Lage, wir müssen sie meistern. Der schnelle Erfolg jüdischer
und koreanischer Einwanderer (vgl. die Riots in Harlem in den neunziger
Jahren) wird ja auf das (großfamiliär strukturierte) Gemeinschaftsdenken
zurückgeführt. Ob es die von den 68-ern gescholtene
„Leistungsgesellschaft“ so pauschal je gegeben hat, weiß ich nicht; aber
unter den koreanischen Einwanderern gibt es
„Leistungsgemeinschaften“, das heißt, das ist eine
wirtschaftsdynamische Mentalität, die auch eine „spirituelle Prämie“
kennt. Da gibt es eine Moral des entindividualsierten Aufstiegs, einer
Größtfamilie etwa, mit Verpflichtungen, die wir zurückweisen würden
(dem über 20 Ecken verwandten unbekannten ein Haus bauen helfen),

137
da gibt es aber auch Ansprüche – die Grillen sind füreinander
verantwortlich.
Was bei den Kommunitaristen auch auffällt: die ständig wiederholte
These, dass die Vermehrung der gemeinschaftsbezogene Akt par
excellence ist.

Da kommen wir direkt zu einem Problem der Globalsierung zu tun? Ich


denke schon, ich komme langsam zu Demographie und Einwanderung.
Es scheint eine eigenartige Dualität zu geben: entweder
Parallelgesellschaft, oder integrierte Individualsierung. Der integrierte
Einwanderer von gestern hat mit dem „unkultivierten“ von heute nur
wenig zu tun.
Es ist interessant, welches Ungleichgewicht es in der Frage Gemeinschaft
– Einwanderung gibt. Helfende Gemeinschaften sind ein moralisch
abgesicherter Bestandteil der Zivilgesellschaft. Idealtypisch gesehen (das
heißt, in der Praxis mischt sich das) gibt es zwei Typen: solche die eine
„face to face“-Solidarität herstellen und solche, die anspruchsorientiert
arbeiten.
Sie „zahlen“ für zwei Fehler aus der Vergangenheit, die jahrzehntelange
Vorstellung vom „Gastarbeiter“, der kommt und geht, und von der
neueren Vorstellung, Zuwanderung würde den Babymangel
kompensieren.
Mittlerweile sind die Konsequenzen dieser Lösung in Misskredit
geraten. Vor allem hatte diese Rechnung durch lange Zeit eine Leerstelle,
weil sie die „sozialen Kosten“ nur von unserer Seite sah. Die ist
tatsächlich groß, es gibt das Phänomen des Fremdenhasses, ein
inadaequates Bildungssystem, Chancenverweigerung.
Aber auch: Emigration und Immigration sind traumatische Akte, die
zwischen den Generationen weitergehen. „Auswandern“ gilt mittlerweile
als ein traumatischer Akt, der Familiensysteme von Zuwanderern bis in
die dritte (oder weiter) Generation belasten kann. Kann, das ist wichtig,
es gibt eben auch flexible Einwanderer.
Das Problempaar Integration bzw. Identitätskrise der Zuwanderer
haben wir unter dem Etikett Kulturkrise schon gestreift. Eine
Bilanzierung, Quantifizierung wird hier nicht vorgenommen, wir sprechen
nur von misslungenen Immigrationen, quantifizieren nicht. Gelungene
sind nur in einem Punkt ein Thema.
Extremfälle: Die Paralellgesellschaften, die Subkulturen, mit Missachtung
der Lebensform der neuen Länder, der jugendliche Nihilismus, aber auch
die aggressive Haltung sind eine bekannte Reaktion. Wichtig auch in den

138
Einwandererfamilien, die nicht an der Erfolgsspitze liegen, die
unterschiedlichen Differenzerlebnisse zwischen den Generationen – der
Vater arbeitet hart, hält sich für tüchtig, weil seine Wohnung ein
Badezimmer hat; der Sohn hält das für selbstverständlich und sieht in
ihm einen loser, weil er kein schönes Auto hat. Verweigerung oder
Konflikt.
Ein anderer Punkt bei den Einwanderern: es ist überraschend, wie viele
unzufriedene Einwanderer wir in Deutschland und Österreich haben –
Menschen, die ihre Heimat mit gutem Grund verlassen haben, aus
Unzufriedenheit, und diese hier fortsetzen, das scheint gegensätzlich zu
den amerikanischen und englischen Erfahrungen und spricht gegen
unser Modell. Ihre Dynamik hat sich im Aufbruch erschöpft, in der
Gestaltung scheinen sie kraftlos. Vor allem bei den Männern findet sich
ein Stolz, der ihnen das Leben hier zu einer Zumutung macht. Beides
geschieht gleichzeitig: sie schließen sich aus den hiesigen
Glückssystemen aus und werden ausgeschlossen, das kann die
erfolgreiche Arbeit sein, aber auch die Unglücklichen Derivate. Ihr
frustrierter Stolz treibt sie immer stärker in destruktive Haltungen – sie
vernachlässigen ihre Qualifikation, verschließen sich gegenüber der
Mehrheitswelt und versuchen sich eine scheinbar selbstbestimmte,
scheinbare Mehrheitswelt aufzubauen – in jugendlichen Gangs, die
andere terrorisieren, in Parallelgesellschaften in Ghettos und letztlich in
„befreiten Gebieten“ in den Banlieus von Marseille oder Straßburg.
Das wesentliche an diesen Extremfällen – ich spreche nicht von der mir
noch unklaren Debatte zwischen den zwei konkurrierenden
österreichischen Berichten – ist, dass dortige Einwanderer – neutral
formuliert, ohne Präferenz für unsere Lebensform – nicht bereit sind,
diese zu akzeptieren.
Auch hier hat die auf der menschlichen Mobilität basierende
Globalsierung eine Konfrontation verschiedener Moralen gebracht. Das
gilt sehr stark für unsere sexuelle Freiheit mit ihren Begleiterscheinungen
von Nacktheit im öffentlichen Raum, indiskreten Formen von
Promiskuität, Mediensex. (Das interessante holländische
Inetgrationsvideo) Das verleitet dazu, durch eine „Importfrau“ die
Distanz zur neuen Gesellschaft zu vergrößern – das ist das „Neue Troja“.
Äneas – meine Differenz mit Sloterdijk, sh. Enttäuschung der Moderne.

Das alles gehört wohl zum Problembereich unserer Schwierigkeiten


schon in der Definition einer „geordneten“
Zuwanderungspolitik, vor allem die Differenz zwischen dem „harten“,

139
aber die „pursuit of happiness zulassenden amerikanischen Modell einer
leistungsgesteuerten Zuwanderung und unserem „humanitären“, dass
aber die Teilnahme von Zuwanderern an eine für beide Seiten rentable
(krypto-protestantische) Leistungsgemeinschaft erschwert. Wer bei uns
dafür plädiert, den nachhaltigen mutuellen Nutzen (die sogenannte
geregelte Immigration) zum Kriterium einer Immigration zu machen,
geriet bis vor kurzem leicht in schlimmen Verdacht – die Skala reicht von
der „Verdinglichung“ menschlicher Schicksale bis hin zum Schreckensbild
des Dr.Mengele, der auf der Rampe selektiert. Das ändert sich gerade
durch den radikalen Schwenk van der Bellens in der
Einwanderungsfrage, der kaum als solcher gewürdigt wurde und eine
lange Tradition seiner Partei bricht. Die Grünen haben ja im öffentlichen
Urteil eine starke moralische Kompetenz, stärker als ÖVP in jedem Fall.

Zwei weitere moralisch basierte Konstellationen entwerten die Lösung


der Immigration als Auffüllung der Sozialnetze: im Rahmen des
Menschenrechtes auf Familienzusammenführung bringen selbst „echte“
Zuwanderer ihre Familien, die dann eventuell diese Sozialnetze
ebenfalls belasten.
Am interessantesten ist aber der folgende Aspekt: selbst jüngere
Einwanderer verringern nur kurzfristig den Altenquotienten,
erhöhen ihn aber sobald sie selbst zur Population der Alten
gehören. Herwig Birg – Google – Uni Bielefeld,
Bevölkerungswissenschafter, geht von der unglaublichen Zahl
von netto 188 Mio Einwanderern aus, die Deutschland bis 2050
aufnehmen müsste, wenn man wirklich die Sozialnetze entlasten
wollte. Wenn man das kritische Argument der Verdinglichung von
Menschen heranzieht, hat die Bereitschaft eines Landes, sich als
Einwanderungsland zu definieren (Bereicherungsargument) immer einen
verdinglichenden Aspekt, da gibt es eigentlich nur Abstufungen.
Die eingewanderten integrierten ausländischen Frauen passen
sich übrigens sehr schnell dem hiesigen Stil an – ihre
Geburtenrate sinkt auf 1,4.

Zurück zu den globalen Gemeinschaften: (gehört wo anders hin)


Interessant auch die mangelnde ökonomische Interaktion zwischen den
Entwicklungsländern, die als Gemeinschaft denkbar sind – trotz der
Forderung nach „Öffnung der Märkte“ als eigenartiges liberal fundiertes
moralisches Postulat agiert etwa Indien extrem protektionistisch.

140
Wiederholung: Gemeinschaft heißt die Selbsthilfe von Menschen, die ein
gleiches Schicksal haben, die abgestuft damit umgehen können.
Unsere Pyramide sieht so aus, dass der stärkste – der Staat, die reichen
Nationen, die Konzerne – die höchste „Pflicht“ trägt.

Tatsächlich stellt die Überalterung der Gesellschaft und der ungeheure


Zuwachs in den armen Ländern auch ein multiples moralisches Problem
dar.
Ich möchte die sinkende Reproduktionsquote, die damit und mit der
Verlängerung der Lebensdauer verbundene demographische Falle und –
kurz – das Phänomen der „shrinking cities“ kommentieren.

Unter den zahlreichen behaupteten Lähmungstendenzen unserer


Region nimmt der demographische Faktor eine prominente Stelle ein.
Deutschland und in geringerem Ausmaß Österreich wird die Gefahr
eines Schrumpfens der Population verkündet. (Alle Belege Spiegel 2 /
2004) Die Weltbank reiht Deutschland unter 190 Staaten in der
Geburtenrate auf Platz 185, Frankreich auf Platz 148, Dänemark
156, Großbritannien 163, Österreich auch dort – auch die USA
140). (Zahlen erneuern, Eurostat) Es scheint hier eine Binsenwahrheit
zu geben: eine stabile Population benötigt 2,1 Kinder pro Frau,
(die Demographen haben dafür das schöne Wort von der
„Ersetzungsrate“ geprägt), der derzeitige deutsche
Durchschnittswert liegt bei 1,35 (1,4 im Westen, 1,2 im Osten).
Das hat Auswirkungen auf das Rentensystem: Zerstörung des
Zusammenhanges zwischen Altersvorsorge und Kinderverzicht
(angeblich beträgt der Wert eines Babies für die deutsche
Rentenversicherung etwa 100.000 € , eine seltsame Argumentation.
Zwischen 1960 – 1965 pendelte der Wert noch zwischen 2,4 und
2,5, eine wichtige Information, weil das wirtschaftlich keineswegs rosige
Jahre waren, in denen die Berufstätigkeitsquote der Frauen geringer
war und die vielbesprochene Möglichkeit von Frauen, Beruf und
Mutterschaft zu vereinigen, daher kaum thematisiert wurde. Der Wert
von 1,5 wurde Anfang der siebziger Jahre erreicht – das heißt,
hier liegt eine jahrzehntelange Entwicklung vor, deren Folgen sich
eingefressen haben - das erschwert wohl die Lösung des Problems.
Es gibt einen extrem komplexen Diskurs zu dieser Frage, er ist aber auch
im Kontext der „Dekadenz“ – Metapher, die wir am Anfang gestreift
haben relevant: Samuel P. Huntington hat in seinem notorischen „Clash

141
of Civilizations“ die These vertreten, dass die westliche Zivilisation – und
das ist die reinste Ausprägung dessen, was wir „Moderne“ nennen –
demographisch immer schwächer würde. (in einem weiteren Buch hat er
die Zerstörung der amerikanischen Identität durch die „reconquista“, die
Einwanderung aus dem Süden, thematisiert) Huntington ist nicht ganz
gegen seinen Willen in die Nähe von Oswald Spengler gerückt worden
und in diesem ganzen zyklischen Denken vom Aufstieg und vom
Niedergang einer Kultur spielt die Majorisierung der „absteigenden /
dekadenten“ durch die „aufssteigenden / barbarischen“ ja eine große
Rolle. Diese einfache Gegenüberstellung war wohl schon damals nicht
haltbar: die hohen Reproduktionsraten in Afrika – so denn ein pauschales
Sprechen über Afrika legitim ist – sind kein Zeichen des Aufstiegs,
sondern einer sehr segmenthaften Berührung mit der Moderne. Die
Kindersterblichkeit ist reduziert worden, Stammestraditionen mit
komplexen Ehe-und Sexualregeln sind durch die Enttribalisierung
aufgelöst worden, der Hunger hat die Menschen in die Städte getrieben
etc. Das ist die Moderne, die alles traditionelle entwertet, aber
Voraussetzungen für den Erfolg hat, über die nicht alle verfügen. Hier
intervenieren also kulturelle Faktoren, die aber kaum mit einer sichtbaren
dynamischen Wirtschaftsmentalität verbunden sind. Wie weit die
südamerikanische Zivilisation über eine solche verfügt, ist unklar. Sicher
ist eine solche in asiatischen Zivilisationen vorhanden, sie wird belohnt,
auch dort gibt es hohe Reproduktionsraten. Es gibt also kaum einen
systematischen internationalen Zusammenhang zwischen
wirtschaftlichem Erfolg oder Misserfolg und Reproduktionsquoten.

Obwohl wir uns vorgenommen haben, die Schuldfrage auszuklammern,


ist die Überlegung legitim, wie es zu dieser Entwicklung kam. Die
sozialdemokratische Position geht dahin, das Problem in die
Verantwortung des Staates zu schieben. Maßnahmen seien zu setzen, die
es den Frauen erleichtern, Beruf und Mutterschaft optimal zu
kombinieren. Frauen würden sich durch die Mutterschaft aus dem
Berufsleben katapultieren, nach drei Jahren sei das ein anderer betrieb
mit einem neuen Verrechnungssystem, ein Wiedereinstieg sei nur unter
schlechten Bedingungen möglich oder – das ist auch eine regionale
Frage und eine der vorherigen Ausbildung – gar unmöglich. Daher
würden sich viele Frauen gegen das Kind und für den Beruf entscheiden.

Das ist eine korrekte Beobachtung, dahinter steckt eine sympathische


Wirtschaftsmentalität, welche der Arbeit einen hohen Stellenwert bei der

142
individuellen Selbstbewertung einräumt. Auch steckt ein modernes
Gerechtigkeitsideal dahinter, dass die Gleichbehandlung der Geschlechter
voraussetzt.

Die Schwächen dieser Position liegen woanders: Gegen den aktuellen


Lösungswert spricht, dass auf Grund der eingefressenen Entwicklung
jene Frauen, die man etwa durch bessere Kinderbetreuung und
Förderung motivieren könnte, einfach nicht mehr da sind. Schwach ist
die Position auch dort, wo sie rückprojiziert wird und behauptet, eine
kausale Erklärung in sich zu tragen.
In den Medien gibt es zur Zeit eine große Frauenschelte, vor allem die
Akademikerinnen werden angeprangert und wehren sich, weil der oben
genannte Mechanismus nicht berücksichtigt wird. Es ist aber auch –
ohne Nostalgie – wohl auch der Bruch der Tradition und die die
Lebensmöglichkeiten vergrößernde, aber auch zerstörerische Kraft der
modernen Freiheiten, die diesen Wandel im Fortpflanzungsverhalten
produziert haben. In das Phänomen des demographischen Rückgangs
intervenieren eine Unzahl von kombinatorischen Faktoren – es ist
sozusagen überdeterminiert. Jede Beschreibung dieser Faktoren steht
unter dem Anfangsverdacht, dass man der Erstgenannten die größte
Bedeutung zuerkennt – tatsächlich sind „Ordnungsversuche“ häufig
ideologisch aufgeladen, es wäre schön, wenn ich das in diesen
fragmentarischen Bemerkungen vermeiden könnte.
Der folgende Versuch einer Aitiologie versteht sich als essayistisch-
episodale Beschreibung einer komplexen Einheit – ich bin versucht, das
Wort „Dispositiv“ zu verwenden – von einem Traditionsbruch unter den
Bedingungen medizinischen Fortschritts, sexueller Revolution und der
damit verbundenem geänderten Gefühlskultur, einer Neudefinition von
Familie und Jugend, Flexibilisierung und der damit verbundenen
Berufstätigkeit der Frau. Er gehört hierher, weil die Frage der
Reproduktion eine zutiefst moralische Dimension hat und die
Auswirkungen ebenso.
Die sozialen Milieus, in denen „geheiratet werden musste“, wenn das
Mädchen schwanger wurde, sind immer kleiner geworden, parallel dazu
sind die Verhütungsmittel und Techniken allgemein zugänglich geworden
– es „passiert“ heute weniger und wenn es passiert, dann ist die
Blockade gegen eine Abtreibung weitaus geringer. Juristisch ist sie aus
den Strafgesetzbüchern in den siebziger Jahren eliminiert worden und in
der Mentalität gibt es den Slogan „Mein Bauch gehört mir“. Unzählige
Demonstrationen mit prominenten Protagonistinnen haben

143
stattgefunden, die eben genau gegen diese festgeschriebene Rolle in der
Demographie als „Gebärmaschinen“ mit einer korrekten Berufung auf die
weibliche Selbstbestimmung protestiert haben. Eine neue Definition von
Weiblichkeit hat hier eingesetzt und die biologische Rolle wurde als
zentrales Unterdrückungselement definiert. Das zeitweilig einflussreiche
Buch des Ernest Bornemann über das „Patriarchat“ endet mit der
Überlegung, dass erst die extrauterine Vermehrung die Befreiung der
Frau ermöglichen würde. Die Mutterschaft – lange Zeit ein zentrales
durch die Wissenschaft, die Politik etc. stabilisiertes Phänomen – wurde
damit ungewollt (!!) abgewertet im Namen einer modernen weiblichen
Selbstbestimmung; ein neuer Begriff von „Anerkennung“ wurde
geschaffen bzw. steht gerade zur Diskussion. Noch einmal: das
entspricht durchaus der Moderne und wenn man jene Aktivistinnen aus
der heutigen Perspektive bewertet, dann fällt einem eigentlich nur ein,
dass sie eine der Belastungen der Mutterschaft – die männliche
Abstinenz in der Familie, ein Feld, wo es ein großes Entlastungspotential
gibt – nicht thematisiert haben. Das fällt auch bei den komparistischen
Statistiken über Kinderbetreuungsmöglichkeiten und der
Berufstätigkeitsquote von Frauen auf: dass sie innerfamiliäre
Arbeitsteilungen völlig ignorieren, bzw. in der deutschen Debatte und
den Lösungsvorschlägen der Ursula von der Leyen eine
Zwangsbeglückung sehen, die gerade dieses Selbstbestimmungsrecht
ignoriert. Die Frage steht im Raum: ist das Leben der berufstätigen
französischen Mutter nur deswegen leichter, weil es bessere
Kinderunterbringungen gibt – oder ist nicht auch der innerfamiliäre
Einsatz französischer Männer höher?

Die leichte Zugänglichkeit von Verhütungsmitteln hat es ermöglicht, dass


die Trennung von Sexualität und Empfängnis fixiert wurde; am Ende
eines gelungenen Koitus steht eine im Idealfall vieldimensionale
Befriedigung beider Partner, aber keine Empfängnis oder gar eine
lebenslängliche Partnerschaft.
Die sexuelle Revolution lief parallel – das bedeutete praktisch auch eine
lange, in manchen Fällen extrem verlängerte sexuelle
Experimentierphase. „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon
zum Establishment“ lautete ein machistischer Slogan der 68-er, der zwar
angeberisch klingt, aber irgend einen vagen Erfahrungshintergrund
haben muss, an dem auch Frauen als Objekt – was auch immer ihre
Motivation war - beteiligt waren. Das hat aber auch den Stellenwert einer
sexuellen Begegnung reduziert – das „Vertrauen“ einer Frau in einen

144
Partner hat dadurch und – im Falle von Ehen durch die ständig steigende
Scheidungsquote – eine andere, stärker individualisierte Bedeutung
erlangt. Vor hundert Jahren war die wirtschaftliche Stellung eines
Mannes ein zentrales Vertrauenskriterium, sh. Buddenbrooks, das hing
mit Unmöglichkeit der Scheidung und Unausweichlichkeit lebenslanger
Unterhaltspflicht zusammen. Heute hat sich die Frage extrem verbreitert,
im Extremfall lautet sie: wird er/sie in einer flexiblen Lebensform eine
Paralell-Flexibilität haben. Das „will you still need me, will you still feed
me, when I´m sixtyfour“ meint mehr als nur das Alter, es meint den
Status, den das fragende „Ich“ dann haben wird und der ist eigentlich
unberechenbar. Die lange Zeit ideologisch verklärte Pflicht zu „need and
feed“ ist ja längst weg. Massenweise stellten sich Frauen eine Frage, die
in der traditionellen Beziehungs- und Ehekultur nach anderen Kriterien
entschieden wurde: „Ich will ein Kind, aber ob der X der richtige Mann
dafür ist, weiß ich nicht.“ Wahrscheinlich hat man das nie gewusst, weil
die Aufzucht eines oder mehrerer Kinder stellt beide Partner unter einen
enormen Stress und aktualisiert zahlreiche grundsätzliche Fragen der
Beziehung und bringt verborgene Charakterzüge hoch.

Auch Männer haben ein ähnliches Kalkül, ich habe die Vermutung, dass
in patriarchalischen Gesellschaften die Fortpflanzungsbereitschaft der
Männer höher ist, weil eine Angst vor einer multiplen (und für uns
neuen) Rolle weg fällt: Kinder sind Frauensache, vor allem Söhne sind
wichtig. Es ist interessant, dass die weibliche Fortpflanzungsabstinenz so
viel besprochen wird, vor allem die der Akademikerinnen, ihr männliches
Pendant aber kaum, man kommt an die Zahlen nicht heran, sie scheinen
aber höher zu liegen. In jedem Fall ist jener Karriere-Bonus, den Kinder
und ein intaktes Familien leben für einen Mann vor 50 Jahren noch
bedeuteten, völlig weggefallen: damals war eine intakte Ehe mit Kindern
tatsächlich ein Requirement für Spitzenpositionen.

Zurück zu den Frauen. Die Fragen – will ich wirklich eine Kind, will ich es
jetzt, will ich es mit diesem Mann – erhielten eine neue Qualität und die
Beantwortung dieses „trial and error“ – Prozesses war oft recht
zeitraubend. Das häufig in Umfragen konstatierte Missverhältnis
zwischen dem Kinderwunsch und der realen Kinderzahl ist auch darauf
zurückzuführen, dass dieses Vertrauen fehlt – die sexuelle Revolution hat
uns in eine „sexuelle Risikogesellschaft“ geführt – erotische Beziehungen
basieren häufig auf einer vom Anfang an ambivalenten Gefühlslage und
haben sich oft aus Mangel an Alternativen permanentisiert; jene

145
fragmentierte Eindeutigkeit, die eine Empfängnis mit sich bringt, konnte
man dabei durch Verhütungsmittel steuern. Dazu gibt es eine noch zu
behandelnde Frage, welche Ansprüche ein Kind hat und wer und wie für
deren Befriedigung zuständig ist.
Viele Frauen haben sozusagen mehrfach gebrochene Biographien, mit
erotischen Brüchen, einer Abfolge von Experimentierphasen, dann
wieder ambivalenten Beziehungen, Trennungen, dann wieder einer
Konzentration auf den Beruf oder ein lebensmäßiges Experiment. Diese
Biographien, die natürlich auch ein männliches Pendant haben, sind
einfach nicht fortpflanzungsfreundlich. Das ist nicht als Kritik an der
mainstream-Konzeption von Weiblichkeit zu verstehen, sondern als
Darstellung eines Prozesses, der schwer beeinflussbar ist.

Es wird häufig geklagt, dass es – etwa in der Wissenschaft und in der


Wirtschaft – relativ wenige Frauen in Spitzenpositionen gibt. Vom
Standpunkt der Gleichheit der Geschlechter ist die Klage gerechtfertigt.
Vom reproduktiven Standpunkt aus gesehen, muss darauf hingewiesen
werden, dass die Erreichung einer Spitzenposition einen hohen
Arbeitseinsatz und in vielen Fällen eine hohe Mobilität voraussetzt.
Ersteres ist tatsächlich durch staatliche Hilfeleistungen, durch eine
partnerschaftliche Beziehung und im Erfolgsfall durch Personal und
Internate kompensabel. Was die berufliche Mobilität von Frauen auf der
Karriereleiter betrifft, hat unsere Kultur bisher kein
fortpflanzungsfreundliches Verhaltensmuster entwickelt. Es gibt
wunderschöne Geschichten aus Kleinbetrieben, wo es
Kooperationsmodelle gibt, aber wie sieht das bei globalisierten Karrieren
aus? Die Jungmanagerin, die zwei Jahre ins Stammhaus in die BRD
geschickt wird und dann die Außenstelle in Athen leitet, wird ein Problem
bei der Partnersuche haben; der Mutter, die auf einen Auslandsposten
geht, stellt sich ein pragmatisch schwer lösbares Problem. Das
amerikanische Beispiel von der Professorin mit tenure track in Denver
und ihrem Gatten in LA, der Austausch der Kinder am Flughafen.

146
14.6.
Natürlich gibt es noch traditionelle Ehen und es gibt die konservative
Hoffnung, dass diese den reproduktiven Ausfall wettmachen sollten.
(Achtung: eine wissenschaftliche Gegenstimme, die nicht konservativ ist,
Volker Reinhardt, Deutsche Familien, Beck München, 2005. Manches
erinnert an Christopher Lash, Geborgenheit. Die Bedrohung der Familie
in der modernen Welt, der war wohl konservativ, die Familie sei immer
noch ein Ideal, Menschen erleben sich durch Familie determiniert.
Ähnlich Frank Schirrmacher, Familien sind abenteuerliche
Überlebensgemeinschaften) Aber auch hier spießt sich einiges. Wir
haben den Druck der Untrennbarkeit einer Ehe abgeworfen, gleichzeitig
haben sich damit Ehen entwertet. Die individualisierte Vertrauensfrage
hat sich in die Ehe eingeschlichen und viele Partnerschaften tragen die
destruktive Alternative „Scheidung oder ein zweites Kind“ offen vor sich
her. Die Scheidungsquoten steigen, hinter ihnen steht ein zu
respektierendes individuelles Glückskalkül, das in der Realität allerdings
oft frustriert wird. Die idyllische Scheidung ist selten, fragwürdig, weil oft
eine unaufgelöste Bindung dahintersteckt und klappt am besten nach
längerer Beziehungslosigkeit. Patchworkfamilien sind nur in Büchern
lustig und setzen eine Kooperation eines hohen Personenkreises (bis hin
zu ehemaligen Schwiegereltern) voraus. Die Zerlegung eines Haushaltes
verteuert die Lebensführung, Unterhaltszahlungen sind dem damit
bedachten zu gering, dem, der sie leistet zu hoch, oft hemmen sie
Fortpflanzungen in neuen Bindungen und schaffen finanzielle
Ungerechtigkeiten gegenüber „alten“ oder „neuen“ Kindern. Die Frage,
ob das lange Zeit gepriesene gemeinsamme Sorgerecht nicht dazu führt,
dass der in der Scheidung entstandene Hass auf dem Rücken der Kinder
ausgetragen wird – etwa bei verschiedenen Lebensplänen der Eltern für
diese – wird gerade intensiv diskutiert. Es gibt das eine hohe
Aufmerksamkeit genießende Problem der alleinerziehenden Mutter und
das der wachsenden Zahl der alleinerziehenden Väter, die kaum
besprochen werden, denen es aber auch nicht rosig geht. Das sind
öffentlich vorgelebte Konstellationen, die zur Fortpflanzung nicht
einladen. „Was tu ich, wenn der abhaut?“

Nachtrag: Es gibt aber auch „intakte Beziehungen“, die von vorneherein


auf Kinderlosigkeit angelegt sind. Die stehen zur Zeit im
Egoismusverdacht, man erwägt im Extremfall eine höhere Belastung. Das
ist eine Entsolidarisierung innerhalb des modernen Rechts auf
Selbstverwirklichung. Es gibt hier offensichtlich zwei sehr verschiedene

147
„Selbstverwirklichungsbegriffe“, einen der Kinder inkludiert und den
zweiten, der sie ausschließt, die eigentlich beide Respekt verdienen.
Relativ häufig ist das Phänomen des „späten“ Einzelkindes knapp vor
Torschluss, dass für das Paar oder einen Teil einen
Selbstverwirklichungsaspekt realisiert. „Zweitehen“ dienen häufig der
Verwirklichung von Zielen, die in der ersten unmöglich waren – hat ein
PartnerIn „schlechte Erfahrungen“ gemacht bringt er die mit, auch kann
einer „verzichten“, weil der andere ja bereits Kinder hat. Selbst dort, wo
es eine „Familienplanung“ (bei Foucault ist das ein sexuelles Dispositiv,
Sexualität und Wahrheit I) und einen realisierten Fortpflanzungswillen
gibt, reicht der häufig nur auf die „Ein-Kind-Familie“. Da spielen
Wohlstandsüberlegungen genauso eine Rolle, wie die vielbesprochene
Vereinbarkeit von weiblicher Berufstätigkeit und Familie. Die geht ja –
selbst bei staatlicher Unterstützung – zurück, je größer die Kinderzahl ist.
Der Mutter von vier Kindern – Vierlinge einmal ausgenommen – helfen
Kindergärten relativ wenig wegen der Ungleichzeitigkeit der
Inanspruchnahme, etwa wenn die Kinder brav der Reihe nach eine
Kinderkrankheit absolvieren. Da ergibt sich ein merkwürdiger Aspekt:
wenn man die Pluralität weiblicher Lebenskonzeptionen akzeptiert und
die Fortpflanzungsquote sozusagen ökonomisch betrachtet, dann
begünstigt die staatliche Betreuung die „Ein-Kind-Familie“ am stärksten
und ist damit kontraproduktiv, während die massive Förderung der
„Mehrkindfamilien“ (negativ stigmatisiert als „Mutterkreuz“) mehr bringt.
Gerade die Frauen mit mehr als drei Kindern sind relativ selten beruflich
orientiert. Vgl. dazu das Gutachten des Berliner Familiensoziologen Hans
Bertram, erstellt im Auftrag von Familienministerin Renate Schmidt
gemeinsam mit Wiebke Rösler und Nancy Ehlert. Sie gehen von einer
aktuellen Kinderquote von 1,3 pro Frau aus. Die Zahl der kinderlosen
Frauen sei von zehn Prozent in den siebziger Jahren auf ein knappes
Viertel gestiegen, doch das sei nicht der Auslöser. Auch in den USA (2,1)
oder Finnland und Schweden (1,8) hätten etwa 20 % der Frauen keine
Kinder – das würde kompensiert durch eine höhere Zahl von Familien mit
mehr als drei Kindern.
Hier gibt es allerdings eine soziale Spaltung: im Bertram – Gutachten
sind 20% der Hauptschulabsolventinnen als kinderlos angeführt, aber
36% der Akademikerinnen; laut Mikrozensus seien bei den bis 35-
jährigen Akademikerinnen 62% kinderlos. In den USA seien von den
Frauen in der höchsten Einkommensgruppe (75.000 – 100.00 $) 50%
kinderlos. Das hängt mit den oben besprochenen Schwierigkeiten des
Aufstiegs zusammen.

148
Zur Pluralität weiblicher Lebensentwürfe hat Catherine Hakim von der
London School of Economic die „Präferenztheorie“ entwickelt, die drei
Idealtypen kennt: die berufsorientierten Frauen, die familien- und
haushaltsorientierten Frauen und schließlich den so genannten
„adaptiven“ Typus – Frauen, die in Teilzeit arbeiten und – zumindest
solange die Kinder noch klein sind Beruf und Familie kombinieren wollen.
In Deutschland dominiere mit 60 % der adaptive Typus, gefolgt von 25
% berufsorientierten Frauen und 15 % Hausfrauen. Diese drei Typen
erfordern einen sehr differenzierten Mix von Förderungen.

Doch da kommt ein wichtiger kultureller Aspekt dazu: Die traditionelle


Gesellschaft ist davon ausgegangen, dass die Fortpflanzung eine
emotionelle und eine materielle Prämie in sich trägt, diese Prämie war
die Grundlage der „Pflichten“. Ein Bestandteil der materiellen Prämie war
die mutuelle Fürsorgepflicht der Generationen. Die Sorge um „alte
Eltern“ ist heute mit gutem Grund verstaatlicht worden, die Kombination
von Beruf und Pflegepflicht ist schwer handhabbar. Es gibt den
Ausspruch, wenn die Kinder aus dem Haus sind, muss man sich um die
eigenen Eltern sorgen. Die materielle und emotionelle Qual eines
Alzheimer-Vaters. Es ist interessant, dass die „ältere Generation“ zu
reagieren beginnt. Heute – bei den Baby-Boomern – haben wir die
vielbesprochene „Generation Erbe“; Rekordsummen gehen zwischen den
Generationen. Die Medien feiern einen neuen Typ: den oder die
„dynamischen Alten“, der sagt: ich gebe mein Geld selbst aus.

Doch damit hat der Umstand, dass Kinder sehr viel „kosten“ und zwar
auf vielen Ebenen einen neuen Stellenwert gewonnen. Sie kosten
zunächst Geld, das, das man nicht verdient – etwa weil einer der
Elternteile zu Hause ist – und das, das man für sie ausgeben muss. Kann
man die These vertreten, dass Kinder heute – in absoluten Beträgen wie
auch relativ zum Einkommen – teurer sind als vor einigen Jahrzehnten?
Dafür spricht: die Ausbildungszeiten, das sind aber jene Zeiten, in denen
Eltern finanzielle Verantwortung tragen, verlängern sich ständig. Eine
Allensbacher Studie vom April 2005 zeigt, dass sich die
Ausbildungszeiten seit den siebziger Jahren ausgedehnt haben: eine
Berufsausbildung schließt man heute 2 1/2 Jahre später ab, eine
Fachhochschule 3 Jahre, die Universität verlässt man zwei Jahre später:
Frauen mit 28,5 Jahren, Männer mit 29,4.
Diese lange Abhängigkeit von den Eltern hat übrigens auch
Auswirkungen auf die Paarbildung. Finnland hat hier ein interessantes

149
Gegenmodell: staatliche Förderungen (Stipendien, Wohngeld) richten
sich direkt an die Studierenden, wer zu Hause lebt, muss Abzüge in Kauf
nehmen. Wer bis 28 studiert und abhängig ist, hat relativ wenig Zeit,
sich partnerschaftlich, familiär und beruflich zu etablieren. Und viel
Stress. Wer kurz studiert und sich dabei fortpflanzt gehört wohl zu den
„wonderwomen“.
Hier möchte ich abschweifen: diese Länge der Ausbildungszeiten und die
Frage, wie jemand sie genützt hat, hat sich still und leise als ein neues
Differenzierungskriterium etabliert. Es gibt den oder die 24jährige im
ersten Studienabschnitt des Zweitstudiums und es gibt die „Erasmus-
Generation“ mit Doppelstudien, Praktika und mehreren
Auslandsaufenthalten im gleichen Zeitraum. Die erste Gruppe folgt – ob
aus Neigung, materieller Bedürftigkeit oder Desorientiertheit einem
Verhaltensmuster, dass Vorstellungen der 68-er mit denen des
Bildungsbürgertums konfrontiert, die Uni als Freiraum, in dem die
Persönlicheit wächst, eine schöne Idee. Die zweite legt ein relativ neues
Verhalten an dem Tag, hinter dem wohl auch das Kalkül steht, dass die
Kombination von Wissensgesellschaft und Jugendkult sich halten wird,
die darin sichtbar wird, dass viele Firmen nur mehrfach ausgebildete und
relativ junge Absolventen anstellt. Was für die Gesellschaft des weniger
interessant ist, ist der Desolidarisierungseffekt, der sich damit ergibt. Das
einheitliche „Akademiker-Sein“ der Tradition ist aufgehoben, da gibt es
zwei Gruppierungen, die übrigens wenig miteinander zu tun haben. Mag.
Grille und Mag. Ameise. Hochschulpolitisch artikuliert sich die Gruppe
zwei kaum. Das neue ihres Verhaltensmusters bedeutet aber auch bei
den Aufsteigern (nicht bei den Bildungs- und Positionsdynastien) eine
Beziehungslosigkeit zum Elternhaus – diese Gruppe stellt nicht die
elterliche Biographie nach, das ist eine zentrale Sache, die wir noch von
mehreren Seiten betrachten werden.

Zurück zum Kinder sind „teurer“ Argument: die Werbung hat die
jugendlichen Konsumenten entdeckt, wir lesen ja ständig von den Kids
als einer der letzten Bastionen des „Markendenkens“, von ihrer Rolle als
Wirtschaftsfaktor, von ihrer Pionierfunktion bei der Durchsetzung von
Handies, SMS und dem Internet. Das alles sind allerdings gleichzeitig
Faktoren, die das elterliche Budget belasten. Die Jugendlichen sind von
den Ritualen und geschmacklichen Neigungen ihrer Peer-groups und den
Medien gesteuert, die budgetären Vorgaben des Elternhauses spielen
häufig eine geringe Rolle. Ich wiederhole: In der deutschen
Sozialstaatsdebatte spielte die Klage einer Sozialhilfe beziehenden Mutter

150
eine Rolle – sie forderte vom Sozialamt die Bezahlung eines
Markenrucksackes, weil ihr Kind mit einem No-Name-Produkt
diskriminiert wäre. In sich war diese Klage konsequent. Während also bei
Erwachsenen eine Abnahme der Relation Prestige – Konsumartikel zu
beobachten ist, wird sie bei den Kindern stärker.

Es gibt auch andere Kosten: die Einschränkung von Konsum- und


Urlaubsmöglichkeiten. Sie alle beziehen sich auf Vergleiche mit früher
und stehen – wie auch die Berechnung der wachsenden Armut – unter
der Frage, ob nicht gleichzeitig vieles „billiger“ geworden ist. Die
Nettozahlen wachsen, über die Relation der Kosten zum
Familieneinkommen habe ich keine Zahlen.

Es gibt aber auch ein seelisches „teurer“ werden: die Schuldgefühle bei
Annahme eines die eigene Karriere fördernden temporären Auslandsjobs
(bzw. die Frustration, wenn man das unterlässt). Das gilt für beide
Geschlechter, in der Regel wird hier – meist eine – zum Opfer. Das
Beispiel der Diplomatengattinnen.

Wie steht es mit der emotionellen Prämie? In der Tradition war sie hoch
veranschlagt, doch schon Ernest Hemingways Mutter hat ihm 1912 einen
Brief geschrieben, in dem sie ihn gewarnt hat, die mütterliche Liebe als
ein sich ständig nachfüllendes Konto aufzufassen – Kinder müssten auch
etwas „geben“. Das ist im Zeitgeist festgeschrieben, ein wichtiges
Dokument ist das Buch der französischen Philosophin Elizabeth Badinter,
über die Mutterliebe als ein sozusagen künstliches – also nicht
„natürliches“ Gefühl, das romantischen Ursprungs ist. Die „Geschichte
der Kindheit“ von Ariés bestätigt das, sie beschreibt eine tiefe
Beziehungslosigkeit zwischen den Generationen und den Modus, „Kinder“
als kleine Erwachsene zu behandlen. (Kindersterblichkeit spielt hier eine
hohe Rolle.)
Wenn es dieses hemingwaysche „do ut des“ gibt, dann scheint mir –
ohne Anschuldigung – dass heutige Kinder ihren Eltern weniger „geben“.
Das ist schwer zu beschreiben, natürlich löst das „Dreimonatslächeln“
immer noch den von der Evolution beabsichtigten Emotionsschub aus.
Aber in zahlreichen Familien herrscht heute eine Beziehungslosigkeit
zwischen den Generation - das wird häufig den Eltern angelastet : sie
sprechen angeblich zu wenig mit ihren Kindern. Das ist eine einseitige
Darstellung, tatsächlich haben Eltern ihren Kindern derzeit „weniger zu
sagen“, doch auch die Kinder – und natürlich die Heranwachsenden -

151
sind beziehungsloser zu den Eltern geworden. Heranwachsende leben
tatsächlich – auch wegen ihrer Offenheit für „Trends“ (seit dem Gameboy
mit seinen rätselhaften Möglichkeiten) in einer anderen Welt.
Informations- und Wissensgesellschaft, mediale Steuerung, die
Entwertung von traditionellen Qualifikationen und Lebensmodellen,
haben das, was Eltern ihren Kindern geben können, reduziert.
Die konventionelle elterliche Autorität hat sich also in vielen
gesellschaftlichen Milieus minimiert, häufig klaffen die Weltbilder weit
auseinander. Ein Bild: vor dreißig Jahren saßen Familien mit Kindern ab
14 noch gemeinsam vor den Nachrichten, der Vater hatte das Privileg als
erster die Zeitung zu lesen. Printmedien und TV haben einen Rückgang
an jungen Konsumenten, oder sie sind an deren Neigungen adaptiert.
Heranwachsende sind selbstbewusster, das kann auch in einem
unrealistischen Ausmaß sein, viele von ihnen missbilligen den Lebensstil
ihrer Eltern und unsere öffentliche Mentalität suggeriert ihnen, dass ihre
Entscheidungen genauso zu respektieren sind, wie die ihrer Eltern, auch
das entspricht der Moderne. Das heißt – das ist wertfrei formuliert –
dieses narzisstisch hoch besetzte Gefühl, einer Verdoppelung der
eigenen Existenz im Heranwachsen beizustehen oder gar einer
Verbesserung, ein emotionelles Honorar von Elternschaft, ist im
Rückgang. Die Eingriffsmöglichkeiten, die Eltern in das Leben ihrer
Kinder haben, sind gering – sind sie etwa fünfzehn, dann geht die Schule
von ihrer Selbstbestimmung aus und informiert Eltern nur mehr im
begrenzten Ausmaß über Schularbeitstermine etc. Gleichzeitig tragen
Eltern immer noch die Verantwortung – das ist ein ziemliches double
bind. Es ist also nicht mehr möglich, einen fünfzehnjährigen Sprayer
Hausarrest zu geben – wird er erwischt, dann haften Eltern für den
Schaden, den sei anrichten. Generell stehen Eltern in der öffentlichen
Meinung in dem Verdacht, „schuld“ zu sein, Konsequenzen der allgemein
akzeptierten Freiheiten der Moderne werden ihnen schuldhaft
angerechnet; sie hätten zu wenig Zeit, wegen ihrer Arbeit oder ihrer
Beziehungsprobleme. Kaum ein Fernsehkrimi, der das nicht akzentuiert,
kaum ein Erziehungsratgeber, der nicht Ansprüche an Eltern stellt, die sie
zu Freunden, Therapeuten, Managern, Freunden, Liebenden Partnern
machen sollen. Leerformeln wie „das richtige Ausmaß zwischen Freiheit
und Steuerung finden“, mögen prinzipiell richtig sein – doch wenn die
Kinder in der Peer-Group sich selbst erziehen, dann ist es schwer, den
Ansatzpunkt dieser Steuerung zu finden. Es gibt eine neue Kultur des
kindlichen Anspruchsdenkens – die Ich-Gesellschaft ist unter den
Heranwachsenden ziemlich stark. Das heißt, hier haben sich Fakten so

152
verschoben, dass traditionelle Moralvorstellungen phrasenhaft geworden
sind. Tipper Gore mit ihrem Versuch, die sexuellen und
gewaltbejahenden Inhalte von Popsongs einzuschränken, hat sich
ziemlich in die Nesseln gesetzt.
Eine Folge ist der latente Bürgerkrieg zwischen Schule und Elternhaus
über die Erziehungspflicht. Im Extremfall argumentiert die Schule, dass
Eltern unerzogene, undisziplinierte Kinder in die Schule bringen und
erwarten, dass die LehrerInnen das ausgleichen; auf der anderen Seite
werfen aufstiegsorientierte Eltern der Schule vor, dass diese ihre
Zuwendung nur den Problemfällen gibt und ihre Kinder „nichts lernen“.
Es gibt einfühlende „Kuschelschulen“ und StudentInnen, die fluchen, weil
sie in einer solchen waren, und harte Selektionsmaschinen, die auf
Grund einer episodalen Schwierigkeit die Lebensmöglichkeiten eines
Heranwachsenden zerstören. Auf jeden Fall ist die Unzufriedenheit mit
dem Lehrberuf noch nie so hoch gewesen.

Es mag sein, dass in der Periode der „Vaterlosen Gesellschaft“ und jener
pragmatischen Mütterlichkeit, die Elisabeth Badinter in ihrem Buch
„Mutterliebe“ beschreibt (Mutterliebe, so ihre These, sei nichts
„natürliches“ sondern ein pragmatisches Gefühl), Kinder innerfamiliäre
Enttäuschungen erlebt haben. Ellen Key hat das zwanzigste Jahrhundert
zum Jahrhundert des Kindes ausgerufen und damit mit Recht einen
neuen Status kindlicher Würde kreiert. Die Psychoanalyse hat die Bilder
von der narzisstischen Mutter geschaffen und das von der „Vaterlosen
Gesellschaft“. Wir sind, erstmals in der Geschichte der Kindheit, vor
allem im Milieu der urbanen Besserverdiener, damit konfrontiert, dass die
Kinder darauf reagiert haben: viele Heranwachsende scheinen sich
emotionell aus der Familie abgemeldet zu haben, ihre Träume sind nicht
die ihrer Eltern. In den Zeiten des Stolzes auf „coole“ Verhaltensweisen,
auf Autonomie, in einer Zeit, wo sich in den japanischen Mangas und den
parallel dazu produzierten Fernsehserien, Heranwachsende das Recht auf
Aggression entdeckt haben, - „Gilmore Girls“ - hat der pubertäre Trotz –
auch bei Mädchen – eine neue Qualität gefunden. Möglicherweise wird
sich in zwanzig Jahren herausstellen, dass der elterliche
Vorbildmechanismus immer noch funktioniert, im Moment zeigen in
vielen Haushaltungen Kinder eine deutliche Abgrenzungshaltung.
Vielleicht sind alle die Zappelphilipps die Symptomträger einerseits der
modernen Freiheiten, die wir als selbstverständlich ansehen – der
beruflichen und erotischen Flexibilität, des Konsumismus, der Idee der
Selbstverwirklichung. In jedem Fall existiert rund um Elternschaft auch

153
hier ein gesellschaftliches Double-Bind: diese Freiheiten werden gefeiert,
doch wenn sie sich auf das Verhalten von Kindern sozial störend
auswirken, dann sind die Eltern schuld. Die einen sind zu sehr absent,
die anderen können „nicht loslassen“ und die Mitte findet sich bestenfalls
in Lehrbüchern oder Erziehungsseminaren. Den Dialog weiterführen,
Kontakt halten, Grenzen setzen, belohnen, auf Provokationen nicht
eingehen, die Wurzel der kindlichen Renitenz aufspüren, die Würde des
Kindes respektieren, in seinem Protest ein Abbild eigener oder
innerfamiliär verdrängter Haltungen sehen, Autonomie stärken und den
Sinn für Selbstverantwortung des Heranwachsenden entwickeln helfen,
einen partnerschaftlichen Erziehungsstil praktizieren, die Kooperation mit
der Schule suchen, dem Kind vermitteln, dass man in jedem Fall auf
seiner Seite steht – in dieser kleinen Blütenlese aus populären
Erziehungsratgebern klingt jedes einzelne Schlagwort nachvollziehbar,
doch tatsächlich sind sie in ihrer Totalität inkohärent. Und vor allem gibt
es viele Heranwachsende, die sich vor allem in der Pubertät lustvoll
unerreichbar machen. Das heißt, die emotionellen Kosten von
Elternschaft sind deutlich gestiegen, der Gewinn ist diffus.

Das ist keine Schelte der heranwachsenden Generation, die mit einer
Fülle von Entwicklungen konfrontiert ist, für die auch die
Heranwachsenden keine Lösung parat haben, so dass die
„Vorbildfunktion“ tatsächlich Schaden genommen hat. Ein
Sechzehnjähriger mag seine Eltern freuen, wenn er gegen die
Gewohnheit seiner Generation hybride oder phantastische oder gar keine
berufliche Zukunftsvorstellungen zu haben, anmeldet, dass ihn
Architektur interessiert. Doch wird sich über kurz oder lang ein kundiger
finden, der ihn darauf aufmerksam macht, dass die Ausbildungszeiten in
diesem Fach extrem lang und die Zukunftschancen äußerst ungewiss
sind. Die Heranwachsenden haben begriffen, dass eine eigene Zukunft
auf sie wartet, die wenig mit der Gegenwart ihrer Eltern zu tun hat. Die
Erkenntnis, dass etwas im Busch ist, entwertet den elterlichen Ratschlag.
Jener den 68-ern nicht bewusste Schutzraum, dass man rebellieren und
dennoch Karriere machen kann, dass es einen Weg zurück gibt, existiert
nicht mehr. Es hat sich mittlerweile eine „Eigenverantwortung“ der
heranwachsenden etabliert, in der wieder einmal Grille und Ameise
gespielt wird. Insofern ist die Orientierung an der Peer-Group von
potentiellen Schicksalsgenossen vernünftig, ein Problem liegt darin, dass
in der Verwerfung der Vorbildfunktion der Eltern auch die
vielgescholtenen Sekundärtugenden – Disziplin, Pünktlichkeit,

154
Realitätssinn, Effizienz – für Heranwachsende nicht mehr überzeugend
sind. Viele Heranwachsende leben in zwei Welten: in der der Eltern, die
diese Sekundärtugenden kultivierten und dennoch – etwa durch
Outsourcing – scheiterten und in der des Fernsehens. Die Diskussion
darüber, ob jugendliche Medienkonsumenten den Unterschied zwischen
der Medien- und der tatsächlichen Realität verstehen, konzentriert sich
einseitig auf das Gewaltproblem. Aber wie sehen jugendliche die
teilweise phantastische Darstellung des Erwerbslebens im Fernsehen, wo
„Helden“ mit einer hirnrissigen Geschäftsidee, der sie äußerst entspannt
nachgehen, reüssieren? Ist das nicht lustig, als minderjähriger Gärtner in
der Arbeitszeit ein attraktives und vermögendes „Desperate Housewife“
erotisch zu beglücken? Tatsächlich ist dieser in der Synchronisation
kultiviert sprechende Jüngling, über dessen Vorgeschichte wir im
unklaren gelassen werden, möglicherweise ein Schulabbrecher mit einer
ungewissen Zukunft und einem aktuell recht unbefriedigendem
Arbeitsverhältnis ohne Sozialversicherung.

Es gibt also auch eine Krise der Jugend, die eine Folge des völligen
Zusammenbruchs etablierter Rollenmodelle ist, eine Krise, welche viele
Jugendliche in eine mürrische Abstinenz getrieben hat. Es gibt in der
Jugendkultur – stark im urbanen, multikulturellen Milieu - eine kaum
thematisierte nihilistische Komponente, die kaum einen Zugang zulässt.

Aber auch „Eltern“ reagieren. Noch gibt es die „Generation Erbe“, doch
Lifestylezeitschriften feiern die „egoistischen Alten“, die „ihr“ Geld
ausgeben. Dagegen Etzioni:man spart für die Kinder, das ist eine
säkularisierte Form der Unsterblichkeit.

Das heißt, die Familie als moralische Institution hat sich – allmählich und
daher unmerkbar – umstrukturiert. Das ist aber wichtig, weil die
innerfamiliäre Moral sozusagen eines der Antriebsräder der
gesellschaftlichen Moral ist. Die erste „face to face“-Solidarität findet in
der Familie statt, die Frage von „Anspruch“ und „Verpflichtung“ erfährt
dort ihre erste Fixierung. Christopher Lash hat die Familie 1987 als
„Haven (Hafen, aber auch Zufluchtsort) In A Heartless World“
bezeichnet. (Der deutsche Titel: Geborgenheit. Die Bedrohung der
Familie in der modernen Welt.) Diesem Anspruch genügen die meisten
Familien nicht mehr.
Konflikte um die Gestaltung des gesellschaftlichen Subsystems Familie
sind nicht neu, Generationsrevolten und Familienschelten sind seit dem

155
„Sturm und Drang“ ein immer wiederkehrendes kulturelles Phänomen.
Ferdinand, der deutsche Jüngling aus Schillers „Kabale und Liebe“ ist ein
gutes Beispiel. Hier ging es um einen – aus heutiger Sicht – Missbrauch
väterlicher Autorität. Man kann das Stück als ein literarisches Vehikel
eines Modernisierungsschubes lesen, eine Insistenz auf das „Eigenrecht“
eines Sohnes. Es gab Wedekinds „Frühlingserwachen“ mit der elterlichen
und schulischen Verständnislosigkeit gegenüber der Sexualität der
Heranwachsenden, eine Verarbeitung des freudianischen Zeitgeistes. Es
gab die Rebellion der Söhne im Expressionismus (Vatermord), ein Protest
gegen das Missverhältnis zwischen der realen Macht von „Vätern“ und
ihrer moralischen Kompetenz. Und schließlich gab es die große
Jugendrevolte von 1968, die ungeheuer ausgefaächert ist, deren Anlass
aber der Vietnamkrieg war. Da ging es sicher um Fragen „schwaches
Land“, schmutzige Kriegsführung, in der Ausweitung ging es um die
„Phantasie, die die Macht ergreift“, um eine neue Positionierung von
Sexualität, um die Abschaffung disfunktionaler (etwa Universitäten:
Unter den Talaren der Mief von hundert Jahren) Autoritäten und
schließlich rückte das Ganze bei uns in die politische Linke. Aber es ging
auch – das illustriert der Song von Leonard Cohen „The Story of Isaac“ –
um ein familiäres Strukturprinzip, wie bei Ferdinand, um das Recht der
Väter, ihre Söhne zu opfern. Cohen ist hier auf einer Linie mit Freuds
Betrachtungen zum Krieg und mit einem Befund des Psychohistorikers
Lloyd de Mause: Krieg ist ein Ritual, mit dem eine Generation um ihrer
Ziele die andere opfert, wie Abraham, der sich auf Gottes Befehl berief.
„But you who build the altars now to sacrifice yout children you must not
do that anymore ... a plan is not a vison, you never have been tempted
by a demon or a god”, singt Cohen. Das heißt, alle diese Revolten
hatten, was ihre innerfamiliäre Dimension betrifft, einen moralischen
Kern, den wir heute akzeptieren.

Das wichtige an diesen Revolten war wohl, dass sie stattgefunden


haben. Wer gegen familiäre Organisationsprinzipien rebelliert, glaubt
noch an die Familie und hat eine Vorstellung von ihrer Verbesserung,
selbst in den gescheiterten und destruktiven Vorstellungen der
„Kommunen“ bis hin zum Friedrichshof. Der Friedrichshof mit allen
seinen unerträglichen und kriminellen Ritualen, der Diktatur einer
parasitären Führungsgruppe, war eine „heiße“ Form einer Antifamilie,
eine „Großfamilie“, die die Kleinfamilie als Ausdrucksform der
„emotionellen Pest“ (Wilhelm Reich). Abgemildert gilt das auch für A.S.
Neills Experiment der antiautoritären Erziehung in Summerhill. Alle diese

156
Experimente verstanden sich noch als „haven“, manchmal mit hohem
Dünkel und sektiererischer Paranoia. Die Zahl der manchmal absurden
Regelsysteme und (verborgenen) Erziehungsrituale, die sie hatten, ist
erstaunlich, ihr Verpflichtungscharakter gegenüber der Gemeinschaft war
hoch. Die heutige mainstream-Familie ist kühl, die legitime
Individualsierung in einer extrem pluralistischen Gesellschaft, der Außen-
und Innendruck hat eine starke Beziehungslosigkeit produziert.

Das ist sozusagen ein Erbe dieser Revolten, die ich ja gerade positiv
gewertet habe, sie sind halt ambivalent wie alles in der Moderne: sie
haben mitgeholfen, die Familie zu delegitimieren. Bestseller wie der von
Schirrmacher sind kein Gegenbeweis, sondern zeigen die Opposition
gegen diese Strömung. Was Schirrmacher als Abenteuer feiert, ist in
Wirklichkeit eine hohe Unsicherheit. Man sieht das in der Literatur – der
Familienroman, das Kernstück des amerikanischen literarischen
mainstreams; in Österreich die Antifamilienromane eines Thomas
Bernhard, in letzter Zeit Veränderungen.
Moral braucht Konsens, ein Wir-Gefühl, die erste kulturelle Hegemonie,
der wir ausgesetzt sind, ist das nicht hinterfragte Selbstverständnis
dieser primären Gemeinschaft. Wenn hier die Standards gesunken sind,
was bedeutet das für die Gesellschaft? Es gibt eine Paralelle in der
Entwicklung der betrieblichen Organisationsprinzipien des
Industriealsimus und der Familie: die Familie als Produktionseinheit
(Familienbetrieb), der patriarchalisch organsierte Kleinbetrieb mit einem
immer noch familiären Verantwortungssystem (in Asien auch in
Großbetrieben, aber das wackelt) hin zum Großbetrieb mit jenem
Effizienzkriterium, das die schon zitierten Kündigungskriterien von
Microsoft illustrieren. Ds ist vielleicht gar nicht so funktional. Die neue
Ökonomie wird als Diktatur erlebt, als Religion und als etwas total
demotivierendes. Pascal Bruckner droht mit Arbeitsverweigerung: „Wie
soll man seiner Firma gegenüber loyal sein, wenn man infolge einer
Laune der Aktionäre von heute auf morgen entlassen werden kann.
Wenn man für ein lächerliches Gehalt undankbare Arbeiten erledigt, die
vielleicht nur das Vorspiel sind zu schlimmeren. Die gesamte Arbeitswelt
ist von Veränderungen betroffen: Nicht nur ist die Sicherheit des
Arbeitsplatzes verloren gegangen, die informatische Vielheit hat einen
neuen Stachanowismus erzeugt, der alle Ruhepausen ausfüllt, alle
Aufgaben auf einer Person anhäuft und die Angestellten unter
permanenten Druck setzt.“ (Pascal Bruckner: Ich kaufe, also bin ich.

157
Mythos und Wirklichkeit der globalen Welt, Berlin 2004, 25) Oder ist
Bruckner - im Frankreich der 35-Stunden-Woche – wehleidig?

Das heißt, die Schwächung der innerfamiliären


Gemeinschaftsvorstellungen hat generell Solidaritätsvorstellungen
reduziert. Das ist eine Veränderung in der generellen Moral. Ich halte die
mehrmals besprochene Verschiebung von Ansprüchen an den Staat –
solche für sich selbst oder solche für andere – unter anderem für eine
Folge dieser Veränderung. In intakten Familien gibt es auch Dankbarkeit,
das ist eine enorme moralische Komponente, die Verbindung auf einer
gefühlsmäßigen Ebene schafft. Wenn man einen Anspruch hat, muss
man nicht dankbar sein. In Familien herrscht auch eine
sympathiegetragene Mutualität – wenn man einen Anspruch hat,
bedeutet das noch keineswegs, dass man komplementäre
Verpflichtungen hat. Pubertierende Heranwachsende stehen im Ruf, so
zu agieren, aber das ist – im guten Fall – ein temporäres Phänomen. In
Familien herrscht eine kontrollierte Moral der Ausgewogenheit in
Verteilungsfragen, der Anspruch an den Staat verflüchtigt sich nach
seiner schlagworthaften Formulierung in einem undurchdringlichen
Dickicht von bürokratischen und sonstigen Komplexitäten – dafür ist die
Geschichte von Hartz IV ein gutes Beispiel, das kann man sagen, auch
wenn man nicht weiß, wie das Problem zu lösen wäre. Familien sind ja
auch – das hat ihnen ein schlechtes Image eingetragen –
Kontrollgemeinschaften.

Was bedeutet diese Entpersönlichung moderner Familien? Ich denke, wir


haben es hier mit einem sehr gespaltenen Resultat zu tun. Auf der einen
Seite hat das Sinken familiärer Standards – etwa im Microsoft – Beispiel
mit seinem gnadenlosen Optimierungsprinzip (oder: Donald Trump, The
Apprentice) – eine Paralelle im Sinken kollektiver Standards. Auf der
anderen Seite, und das ist paradox, hatten wir im öffentlichen Diskurs
noch nie so viele Aufforderungen zur Verantwortung. Die Massaker in
Darfur, der Tsunami, die afrikanischen Flüchtlinge – ihnen gegenüber gibt
es einen globalisierten Verantwortungsbegriff, (auch er stark abhängig
von Ästhetik), der mit der Schwäche innerfamiliärer Verantwortung
bruchlos koexistiert. Es gibt eine Schwächung von unmittelbaren
Verpflichtungen in Beziehungen und gleichzeitig via Extension der
Menschenrechte (und zwar quantitativ und qualitativ) eine Vergrößerung
anonymer verpflichtungen. Die Mutter, die da sagt: „Ich habe den

158
Kontakt zu meiner Tochter abgebrochen, sie geht ihren eigenen Weg,
den ich nicht akzeptiere, soll sie selbst mit ihren Schwierigkeiten fertig
werden“, ist eine akzeptierte Figur. Wer da sagt, ich spende nichts, die
sollen selbst mit ihren Problemen fertig werden, wir halten die in
Unmündigkeit, Entwicklungshilfe verhindert die Entstehung eines
innerafrikanischen Handels, die Spenden kommen nur dem Militär zu
gute und stimulieren Bürgerkriege etc. ist hartherzig. Das hängt sicher
mit den Medien zusammen, die uns fremdes Unglück naherücken, in
summa bedeutet es aber, dass in der Verfolgung der modernen
Freiheiten unmittelbar persönliche Beziehungen geringer
Verantwortungsgeladen sind, während es einen starken anonymen
globalsierten Verantwortungsbegriff gibt.

159
21.6.
Das ist ein Kennzeichen einer herrschenden Moral, herrschend im Sinne
von hegemonial, also selbstverständlich und nicht hinterfragt.
Gibt es andere Kennzeichen? Ja, aber sie sind schwer sortierbar,
zunächst einmal eher deskriptiv.
Es gibt unzählige Inkonsequenzen, oder anders gesagt Widersprüche
zwischen den hochgehaltenen moralischen Standards und unserem
Verhalten. Das würde an sich nichts bedeuten, weil dann wären wir
einfach Schuldige und hätten das entsprechende Bewusstsein, so, wie
man es weiß, dass man eine halbe Stunde mit dem Zehn-Minuten-schein
in der Kurzparkzone steht. Man hat ein Unrechtsgefühl und trifft eine
Entscheidung für das Verbotene, das ist eine klare Sache. Wenn wir das
jetzt umlegen auf den Widerspruch zwischen unseren Standards und
Forderungen als Citoyen und denen als Konsument, damit es korrekt ist:
als KonsumentInn. Das bezieht sich auf eine Bemerkung von Peter
Sloterdiijk in einem Interview über Fußball, wo er en passant festhält:
„Frauen sind herkunftsmäßig Sammlerinnen, und die braucht man heute
mehr denn je, denn aus der Sammlerin wird auf dem kürzesten Weg die
Konsumentin. Frauen sind in diesem Punkt viel kapitalismuskompatibler
als Männer. In der Konsumentin zeigt sich noch immer diese stille,
triumphale Genugtuung der Sammlerin, die in ihrem Korb etwas
heimbringt. Daraus ist dieses mysteriöse weibliche Universal der
Handtasche entstanden. ..... eine Frau ohne Handtasche, das ist wieder
die Natur.“ (Ein Team von Hermaphroditen, WM-Gespräch mit Peter
Sloterdiijk, in DER SPIEGEL, 23 3.6.06, 70) Das ist insofern interessant,
weil die Konsumkritik geschlechtsneutral formuliert, was normalerweise
politisch unkorrekt ist (StudentInnen!), aber dann besonders
verwunderlich, wenn es um ein Verhalten geht, dass – zumindest im
Textilsektor, und das ist ein zentral kritisierter – weiblich dominiert ist.
(Marcuse und Fromm waren übrigens gerade in diesem Bereich
ostentativ auf der Kippe zwischen Askese – Marcuse – und
Verwahrlosung – Fromm)
Der Einkauf ist lustvoll, besonders lustvoll, wenn das Stück nichts kostet,
wenn es aussieht, wie ein Designstück etc. Wir kaufen bei bestimmten
Handelsketten und Versandhäusern, deren Namen ich jetzt nicht nenne,
lustvoll, wie gesagt. Aber wir haben über diese Unternehmen und ihre
Produktionsmethoden viel gelesen. Geschichten über katastrophale
Arbeitsplätze, die einstürzen, über eingesperrte Frauen, über unbezahlte
Überstunden etc. Die Firmen haben sich zuerst gewehrt, haben Kritiker
geklagt, dann sind sie in die Offensive gegangen und haben sich um

160
saubere Produktionsverhältnisse bemüht. Das war gut und schön,
trotzdem sind immer wieder hässliche Dinge bekannt geworden, aus
denen man gelernt hat, dass man den Firmen nicht trauen kann, nicht,
weil sie lügen, sondern weil sie das selbst nicht im Griff haben, weil es
da ein System von Subunternehmern, Zukäufen, und Austausch gibt,
dass einfach nicht kontrollierbar ist. (Übrigens: die absurde Reise eines
T-shirts aus subventionierter amerikanischer Baumwolle zur Spinnerei in
China, von dort zum Druck in die USA und zum Verkauf nach Europa.)
Nach den Kriterien, die wir in den Feldern Frauenschutz, Kinderarbeit
und Umweltschutz aufstellen (Kriterien, die möglicherweise strenger
sind, als die unmittelbar Betroffenen sie auslegen), sind wir aber damit
eigentlich alle Mitschuldige. Das würde auch nichts ausmachen, das
wesentliche ist, dass dieser Widerspruch zwar abrufbar ist, dass er aber
nichts ausmacht. Hier existieren offensichtlich zwei unterschiedliche
Regelsystem nebeneinander, eines ist lustvoll, das andere anklagend,
und es gibt nicht einmal die Idee, dass da eine Verbindung sein könnte.
Man kann das auf verschiedene Weisen zu verstehen suchen: vielleicht
ist uns die frauenschützerische Mentalität gegenüber Individuen, die wir
nicht kennen, gar nicht soviel Wert, wie wir meinen. Vielleicht ist das
egozentrische und das face to face – wir kaufen Kleider etwa für die
Kinder – dennoch wichtiger.
Oder einfach die Lust: wir fliegen Ryan Air, obwohl wir wissen, dass dort
Arbeitsverträge Standard sind, die wir anderen Unternehmen nicht
verziehen würden.
Es gibt eine generelle Einschätzung, die wieder eine medizinische
Metapher verwendet: das sei schizophren.
Eine andere, rigidere spricht von Heuchelei.
Wir sind Tartuffes.
Aber Tartuffe kann man auch anders lesen, als Dokument, dass die
beiden Werstsysteme und Zielvorgaben im Individuum nichts
miteinander zu tun haben – wie bei der angeblichen publizistischen
Doppelmoral. Hier ist es stärker: Tartuffe belügt sich selbst, er meint,
Harmonie würde herrschen, wenn man ihm nur folgte.
Und schließlich: vielleicht ist das alles nur Ornament, narzisstisches
Schmuckwerk.
Allen Deutungen ist eines gemeinsam: es ist nachvollziehbar, dass sie die
Erlaubnis geben, jemand anzuklagen, und dass der Imperativ sich nicht
auf unser Verhalten bezieht: Na ich doch wohl nicht.

161
Die globalisierte Moral ist also ein starkes Instrument der Anklage, damit
ist eigentlich schon viel gesagt, weil – von ganz exzentrischen Krimis
abgesehen – ist der Ankläger der unschuldigste Mann im Gerichtssaal.

Aber diese Selbstexkulpation und die Anklage der „Konzerne“ hat noch
eine andere Seite, das „ich bin klein, mein Herz ist rein.“
Es gibt eine generelle Unschuldsvermutung gegenüber dem, der die
Haltung des „kleinen“ einnimmt und dem sie auch abgenommen wird.
Der deutsche Dramatiker Franz Xaver Kroetz hat das in einem Interview
repräsentativ formuliert. Gefragt, was er an Deutschland möge,
antwortet er: „Die Menschen. Die kleinen, einfachen Leute. Das sind
ehrliche, gute Leute. Tut mir leid, aber meine Lebenserfahrung war
immer: das Gute ist unten, das Böse oben.“ (Franz, bring dich nicht um,
in: DIE ZEIT, 24, 8.6.2006. 18)
Kroetz stand / steht politisch links und er setzt eine Linie der 68-er fort:
die Arbeiter, die kleinen Leute sind besser. Das war für unzählige
Bürgerkinder aus der studentischen Protestgeneration ein Credo, das
ging bis zur (Wunsch-) Vortsellung, von der „entkrampften proletarischen
Sexualität“, die übrigens noch in dem Medienbild von den „lockereren
Ossi-Frauen“ existiert. Jean Paul Sartre – auch er damals radikal links -
hat die 68-er gewarnt, solche Vorstellungen als Basis ihres Engagements
zu wählen. Entsetzt hat er in einem Interview von einem Beispiel eines
indolenten, homophoben und unmenschlichen Verhalten berichtet:
Automechaniker haben einem schwulen Kollegen das Aufpumpgerät in
den After gesteckt und ihm die Därme tödlich zerrissen. (Forum 1968)
Aber solche Proteste ändern nichts an der mentalitativen Konstellation:
die kleinen Leute sind besser, das Böse ist oben.
Das hat ja auch politische Auswirkungen. Die „moralische Kompetenz“,
die man den „Parteien der kleinen Leute“ – und als solche werden in der
regel sozialdemokratische Parteien und (kurzzeitig) populistische
wahrgenommen – zuschreibt, ist weitaus stärker, als die von Parteien, in
deren Trägerschicht das „oben“ nicht geleugnet wird, sei es auch nur in
einem höheren Akademiker-Anteil. Woher kommt diese stillschweigende
Akzeptanz? Das Argument von der „Wirtschaftsnähe“ dieser Parteien
halte ich nicht für stichhaltig: im Zuge der sogenannten
Verstaatlichungen von Industriebetrieben und dem Gesundheitswesen
waren zahlreiche europäische sozialdemokratische Parteien
jahrzehntelang genauso wirtschaftsnah. Sie und die Gewerkschaften
hatten Einfluss oder besaßen Betriebe, Banken, Zeitungen. Der
moralische Bonus dieser „kleinen Leute“, die das nach Einkommen und

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wirtschaftlich-politischen Gestaltungsmöglichkeit schon lange nicht mehr
sind, hängt an gewissen gesellschaftlich akzeptierten Simulationen.
Auch dort hat es unfaire Konkurrenzmechanismen gegegeben – etwa
den Versuch, den „Juden“ Bruno Kreisky an der Remigration zu hindern.

Eine historische Wurzel dieses Vorurteils ist die im Austromarxismus am


stärksten verankerte Idee von der Arbeiterbewegung als „Kultureller
Kraft“ zur Herstellung eines „Neuen Menschen“, die „Generation der
Vollendung“ (Otto Bauer) als wissenschaftsorientierte, hochkulturell
orientierte, sachliche, aufgeklärte Menschen mit einer partnerschaftlichen
Sexualität und einer ständig praktizierten Solidarität. Das hat nicht
funktioniert und war eher die ideologische Begleitmusik der
Qualitätsverbesserung und Technisierung der Arbeiterklasse im
Fordismus. Die „kleinen Leute“ haben sich ihre Machtmaschinen zugelegt
und haben ihre unleugbare individuelle Schwäche durch ihre Masse und
das hohe Organisationspotential kompensiert. „Alle Räder stehen still....“

Nebenbei bemerkt: die beiden Faktoren haben im Übergang von der


Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft und im Prozess der
Flexibilisierung und der Differenzierung der Arbeitsverhältnisse ihre
Wirksamkeit verloren, das belegt die offenkundige Identitätskrise der
Gewerkschaften.

Diese Kompensation ist legitim, wie es in diesen Machtmaschinen


zuging, hat sich der Kontrolle entzogen, das Kontrollbedürfnis war auch
gering. Dabei hat schon einer der ersten kritischen Soziologen, Robert
Michels, in einer Studie über die oligarchischen Tendenzen vornehmlich
der Sozialdemokratie darauf hingewiesen, dass dort das „eherne Gesetz
der Oligarchie“ herrscht, die Permanenz einer schwer hinterfragbaren
Führungsgruppe. Im Grunde war die soziale Durchlässigkeit dieser
Führungsgruppe ähnlich gering, wie die im American dream.

Was diesen Institutionen ihre Legitimität gab, hing stark mit einer
Gesetzmäßigkeit des Zusammenhaltes künstlicher Massen zusammen,
die Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ entdeckte: der
Schaffung der „Vorspiegelung (Illusion)“ vom liebenden Führer. Davon
haben ja auch alle ursprünglich sozialrebellischen Diktatoren – Hitler,
Stalin, Mao, Kim Il Song, Castro – profitiert, sie waren alle große
„Liebende“ ihres Volkes. Die „oben“ lieben nicht, sie sind „sozial kalt“, die
ehedem „kleinen“, die jetzt oben sind, sind gut beraten, diese Liebe zu

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artikulieren. Wenn die Vorspiegelung (Illusion) zerbricht, so Freud,
zerfällt die künstliche Masse.

Ein weiterer Punkt, warum die Machtmaschinen der kleinen Leute nicht
so ins Schussfeld geraten, ist ihre stärkere Kohärenz. Vieles im
Erfolgssektor ist zwar auch nicht „gerecht“, basiert auf Nepotismus,
Imitation von dynastischen Denken, Mauschelei zwischen Machtgruppen,
basiert aber stärker auf „face to face“ und hat eine Sachlogik, die
vermittelt wird. Wenn ich auf einen anderen Bereich gehe: meine
Kollegen wehren sich stärker gegen die „Kommerzialsierung“ der
Hochschule, als sie sich gegen das Mauschelsystem der geschobenen
Ordinariate gewehrt haben. Wenn man ihnen glaubt, war die Hochschule
vor zwanzig Jahren ein Hort der interessefreien Diskursivität, was nicht
mit meinen Erfahrungen übereinstimmt.

Es ist interessant, dass der „kleine“ Aufsteiger in diesen Machtmaschinen


moralisch legitimierter ist, als der Aufsteiger im Wirtschaftsleben und
dass man ihm auch mehr verzeiht. Für mich sichtbar wird das in der
relativ gnadenlos-verächtlichen Haltung gegen den Gescheiterten, den
„Bankrotteur“. Er, der auf sich selbst gesetzt hat, hat kaum eine soziale
Absicherung, ist eine verächtliche Figur und übrigens nur beschränkt
kreditwürdig. Dabei kann er genauso ein „Opfer“ etwa der Globalisierung
sein, seine Eigeninitiative, die den Keim der Desolidarisierung in sich zu
tragen scheint, entwertet diesen Status. Ein Unterschied zu den USA, wo
scheitern als wertvolle Erfahrung gilt und man eben weiter macht.
Hat diese Präferenz noch tiefere historische und ideengeschichtliche
Wurzeln?
Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass „Gott tot“ ist und
die protestantische Ethik etwas labiles hat.
Im Feudalismus war die Idee, dass ein im heutigen Sinne korrupter
Bischof oder Feudalherr böse ist, lange Zeit eine Ketzerei – die Ordnung
war gottgegeben.
In der protestantischen Ethik war der wirtschaftlich erfolgreiche
gesegnet, der Weg zu „wealth and risk“ stand jedem offen. Die
praktizierte PE hat in der Regel hohe Erbschaftssteuern, sie ist der aus
der Evolution stammenden Idee der „Wirtschaftsdynastie“
entgegengesetzt, doch diese Idee war partiell stärker, selbst in den USA.
Die USA sind dennoch stärker abgesichert gegen unlegitimierte
Gruppenbildungen: in der Wissenschaft das seit Jahrzehnten praktizierte
(bei uns erst seit einigen Jahren) anonyme reviewing, bei uns erscheint,

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was der Ordinarius so schreibt, weil der Herausgeber der
wissenschaftlichen Zeitung war einmal sein Assistent. Mauscheleien sind
bei uns ein Bagatelldelikt, dort ist es ein schweres Delikt, wenn man sich
am Markt einen ungerechtfertigten Vorteil verschafft, ebenso
insidetrading oder die Ausnützung von Herrschaftswissen an der Börse.
Trotz der geringen Zahl der Tellerwäscher, die außerhalb der
entertainment-Industrie, die hoch durchlässig ist und quantitativ als
Produktion von erste Generation Millionären eine bedeutende Rolle spielt,
Millionäre werden, ist der american way of life etwas legitimer als etwa
das mitteleuropäische Mauschelsystem von Männerbünden, in dem sich
übrigens auch die „kleinen Leute“ perfekt eingerichtet haben.
Es gibt ein schon erwähntes „oben“, das sein oben leugnet – das
sammelt sich häufig in den Sozialdemokratien und ist am stärksten von
den kommunistischen Parteien der zwanziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts in ihrer „linksradikalen“ Phase attackiert worde: die
Sozialdemokratie als Hauptstütze des Kapitalismus; besonders stark in
der „Sozialfaschismustheorie“: der Faschismus als Bündnis zwischen den
reaktionärsten Schichten des Groß- und Agrarkapitals (Dimitroff, V.
Weltkongres der Komintern) und die Sozialdemokratie als Lieferant der
Massenbasis und daher Hauptgegner, eine ruinöse Strategie.

In jedem Fall: die kleinen Leute waren nicht so klein, das belegt das
System der Sozialpartnerschaft. Dennoch blieb die Idee von den „guten“
kleinen.

Das zähle ich zum Verfall der PE plus Gott ist tot. Wirtschaftlicher Erfolg
hat seine spirituelle Legitimation verloren. Ich kann aus guten Gründen
kein Inventar von Gründen wirtschaftlichen Erfolges geben, im Grunde
ist das ein diffuser Mix, der Weg ist riskant. Es gibt wohl „öffentliche
Geschichten“, wie die des Bill Gates, die dessen Aufstieg (nicht seinem
jetzigen Verhalten) Legitimität zuerkennen, aber in den meisten Fällen ist
der „Weg nach oben“ intransparent, das lädt geradezu zu der Fantasie
ein, dass es hier ungerecht zugegangen ist, was ja auch vorkommt. Ein
weiterer Punkt liegt darin, dass erfolgreiches unternehmerisches
Verhalten (auch in der Dienstleistungsgesellschaft) immer auf etwas
basiert, was man – auch wenn man die komplexen und
widersprüchlichen Überlegungen von Karl Marx nicht übernimmt –
„Mehrwert“ nennen kann. Das „Rohmodell“, das „ich“ eine Stunde
arbeite, 10 € erhalte, und „du“ daraus Gewinn erzielst, ist schwer mit
Tauschvorstellungen kompatibel, die uns wohl anthropologisch

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eingeschrieben sind. Sichtbar ist das Ergebnis, einige haben (immer)
mehr, andere nicht.
Das ist ein Umstand, der mit der Idee von Demokratie schwer vereinbar
ist. Das Urbild, die attische Demokratie, basierte auf sozialer
Homogenität. Der Austromarxist Max Adler ist in seiner marxistischen
Staatstheorie soweit gegangen, dass Demokratie nur in einer – in der
damaligen Terminologie – klassenlosen Gesellschaft möglich ist; simple
Mehrheitsentscheidungen seien immer eine Vergewaltigung der
Minderheit. Demokratie ist prinzipiell ein sozialer
Regulationsmechanismus, der Interessensunterschiede real
auszugleichen sucht, in sehr vielfältigen Formen. Die Dominanz
Berlusconis hat sich genauso als demokratisch verstanden, wie die
Wahlen in der DDR, die Konzeptionen, wie man die Konsequenzen
unterschiedlicher Möglichkeiten ausgleicht sind sehr unterschiedlich und
hier nicht Thema. Hier geht es um die mentalitätsmäßigen Folgen: wir,
die Mehrheit, haben weniger als die Minderheit, aus deren Wirken sich
häufig für uns destruktive Folgen ergeben. Demokratie vermittelt ein
individuelles Kraftgefühl – „No taxation, without representation“ sagt
Tom Paine und Joan Baez fügt hinzu: „Remember that“ – das aber
geleichzeitig durch die unleugbare Dominanz einer wirtschaftlich-
politischen Elite frustriert wird. Die Idee der Demokratie in einer sozial
unhomogenen Gesellschaft ohne PE oder ein Adaequat, dass die
individuelle Risikofreudigkeit als kollektives Gut würdigt, enthält eine
Einladung zur Wirtschaftskontrolle, im Extremfall zur Planwirtschaft, an
der wir alle mitbestimmen. Hinter der Idee steckt zunächst eine
Vorstellung von der Möglichkeit einer Komplexitätsreduktion – Lenin ist
noch davon ausgegangen, dass nach dem Wegfall des
Klassengegensatzes der Staat so einfach sein würde, dass ihn eine
Köchin führen könnte. Das war schon unter den Bedingungen einer
forcierten Industriealsierung unmöglich, die Globalsierung hat die
Komplexität und damit die prinzipiell anarchische Komponente
wirtschaftlichen Lebens vestärkt. Hayek hat gegen diese Idee
argumentiert und Eingriffe ins Wirtschaftsleben als Beginn der Sklaverei
gedeutet.
Trotzdem: eine scheinbar nicht legitimierte ergebnishafte Ungleichheit
verletzt, lädt ein zum blamen, zur Selbstdefinition als Opfer – die kleinen
Leute sind besser.
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Ich habe versucht, die Schwierigkeiten der Fixierung von „Moral“ im
Kontext der Globalisierung zusammenzufassen.

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Zu klären ist noch das – provozierende – Thema von „mehreren
Moralen“. Es ist ja zirkulär, zu sagen, Moral ziele auf das Richtige und es
gibt nur ein Richtiges. Hier interessiert ja mehr der Prozess, und der läuft
zwischen verschiedenen moralischen Positionen, deren Koexistenz im im
Kontext der Globalsierung besonders deutlich sichtbar wird. „Wir“
versuchen etwa, „unsere“ Regeln Homosexualität betreffend den
Erweiterungsländern und den Osteuropäern aufzudrängen, für uns ist
das eine wichtige Frage der Selbstbestimmung, dort hält man das für ein
naturwidrig verächtliches Verhalten. Oder: nordafrikanische Einwanderer
versuchen – gegen europäische Strafbestimmungen – Beschneidungen
hier durchzuführen. Es gibt auch einen Unterschied zwischen den
„postmaterialistischen“ moralischen Dispositionen der „reichen“ Länder
mit ihren Orientierungen an Umweltschutz, Solidarität auf nationaler und
internationaler Ebene und Toleranz im Lebensstil und den harten
materialistischen Moralen der postkommunistischen Länder, in denen
offensichtlich neue soziale Standards entstehen.
Es gibt keinen moralischen Konsens, es gibt „cleavages“ (vaf 6),
verschiedene Minoritäten formen eine Majorität, die alten Bruchlinien
werden dabei ständig sichtbar sein, die neue Moral wird eine eklektische
und „hybride“ sein.
Noch ein optimistische Zitat nach den vielen Pessimismen in diesem Text:
„The only thing we have to fear is fear itself“, so F.D. Roosevelt in seiner
Inaugurationsansprache, das Zitat ist nicht zwingend platziert, aber für
mich verweist es darauf, dass die Tendenzen zum blamen auch Angst
erregen, jene Angst des Kindes, von der das Eingangszitat der berg
handelt. Mit einer moralischen Artikulation kann man sich auch ins Knie
schießen.

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