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EINE URKUNDE DES PA.

NHYPEESEBASTOS DEMETRIOS,
MEGAS AßCHON VON ALBANIEN
A. V. SOLOVIE V/BELGRAD
In den Archiven von Ragusa lassen sich noch einzelne unbekannte
und wichtige Dokumente auffinden. So besitzt die Bibliothek der Ge-
meinde Ragusas eine kleinere Urkundensaminlung, die aus Schenkungen
von privater Seite entstanden ist. Den größeren Teil dieser Sammlung
hat 1906 A. Vucetic ediert.1)
Indessen ist mir bei Durchsicht dieser Sammlung im August v. J.
unter Nr. 12 ein Dokument aufgefallen, das wahrscheinlich erst nach
1906 in den Besitz der Bibliothek gelangt und deshalb Vucetic unbe-
kannt geblieben ist. Es handelt sich um einen Vertrag aus den ersten
Jahren des XIII. Jahrh.2)
Geschrieben ist die Urkunde auf einem Stücke Pergament von
21 cm Breite und 10 cm Länge; fünf Zeilen umfaßt der Text und vier
Zeilen die Unterschriften, die alle von einer Hand stammen. Der untere
Teil des Pergaments hat unter Feuchtigkeit gelitten; Feuchtigkeitsflecken
erschweren vor allem die Entzifferung einzelner Unterschriften, während
der Text selbst unbeschädigt geblieben ist. Die Rückseite zeigt keine
Notizen, obwohl solche Dorsalvermerke in dem Ragusaner Archiv üb-
lich waren. Das Datum fehlt. Der Text lautet:
f%4 Ego Demetrius Dei gratia panyperseuastos et magnus archon juro
super quattuor sancta Dei euangelia sine | fraude et mal o ingenio fir-
mam pacem habere et manutenere eenper8) uite mee dum uixero ciuitati
Ra|gusij et omnibus hominibus Raguseis, ut ipsi Ragusei salui et se-
curi ambulent per totam terram meam sine (n)ullo4) datio | in omnibus
l
) Monumenta Ragusina. Spomenici Dubrovacki, ed. Ante Vucetic im „Srdj." 5
(1906). Hier findet sich u. a. der wichtige Vertrag der Fürstin Desislava mit Ra-
gusa v. J. 1189 (S. 64—65); s. C. Jirecek im Arch. slav. Phil. 26 (1904) 167.
*) Diese Urkunde habe ich bereits mit einem kurzen serbischen Kommentar
m der Belgrader juristischen Fachzeitschrift: Arhiv za pravne i drustvene nauke
Bd. 27 [44] (okt. 1933) 292—298 veröffentlicht; vgl. oben S. 180.
s
) Die Hs bietet: senp (mit Abbreviatur); vermutlich hat der Schreiber das
darauf folgende ähnliche Wort tenp(ore) ausgelassen.
4
) Die Hs hatte: ullo, doch hat der Schreiber darüber ein kleines n hinzu-
gefugt.

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V. Soloviev: Eine Urkunde des Panhyp. Demetrioe, Megas Archon v. Albanien 305
iustitijs suis tarn per terram quam per m re liberi et securi. et sicut
ego hoc iuro et firmo ita precipio omnibus | hominibus meis ut hoc
iurent et firmiter teneant omnibus diebus uite eorum | Ego Andreas
stapanus iuraui. Ego Jon(e)ma iuraui. Ego Markeni iuraui. Ego Alexi
iuraui. | Ego Paullus iuraui. Ego Dimetri iu . . . . E . . Cosmas iuraui.
Ego Serneli iuraui. Ego Lazarus | iuraui. Ego lohaner (sie) iuraui. Ego
Nicola . . . ui. Ego P(e)ltus iuraraui (sie). Ego V .. . ni iuraui. E ..
Leu iuraui. Ego sundia Andrea iur. . . j
Sowohl nach der Schrift als auch nach dem Stil, der mit dem la-
teinischen Text der ber hmten Urkunde des Ban Kulin von 1189 gro e
hnlichkeit aufweist, k nnen wir diesen Vertrag mit Sicherheit in das
Ende des XII. oder in den Anfang des XIII. Jahrh. verlegen. Die Na-
men der Zeugen erm glichen die Feststellung, da er in Albanien ab-
gefa t worden ist. Danach ist es nicht schwer seine Herkunft zu be-
stimmen.
In der albanesischen Geschichte begegnen wir zu Anfang des
XIII. Jahrh. einer bedeutenden Pers nlichkeit, einem gewissen Deme-
trios, Sohn des Progonos, der nach dem Fall Konstantinopels i. J. 1204
sich hervortat als der erste unabh ngige Herrscher in Kroja und dessen
Umgebung, im Lande Arbanum, τον Αλβανού, nach dem sp ter auch
das ganze Volk seinen Namen f hrte.1) Dieser Demetrios war mit der
Serbin „Komnene", der Tochter Stephans des Erstgekr nten und der
Kaisertochter Eudokia, verheiratet.2) Am 28. Februar 1208 schrieb
Papst Innozenz einen Brief „nobili viro Demetrio Arbanensi principi",
am 16. August 1209 bedrohte der erz rnte Papst „Demetrium judicem
Albanorum" mit einer Kirchenbu e.8) Schlie lich sehen wir, da Deme-
trios i. J. 1216 nicht mehr am Leben war, da ein gewisser Gregorios
Kamonas damals die Komnene, Tochter des Gro zupans Stephan und
Witwe des Demetrios, Sohn des Progonos, heiraten wollte; in dem
Schreiben an Chomatianos wird der verstorbene Demetrios als αρχών
τον 'Λρβάνον bezeichnet.4)
Der Vertrag, den wir ver ffentlichen, bezieht sich zweifellos auf
diesen Demetrios und ist folglich vor 1216 entstanden. Es ist bemer-
kenswert, da Demetrios hier zwei Titel f hrt. Der eine lautet magnus

*) ber das Land Arbanum s. C. Jirecek, Geschichte der Serben, Gotha 1911,
Bd. I, S. 152.
*) L. Thalloczy nnd C. Jirecek, Zwei Urkunden aus Nordalbanien, Arch. slav.
Phil. 21 (1899) 89.
*) L. Thalloczy, C. Jirecek, M. Sufflay, Acta Albaniae I, Nr. 133-135.
4
) Brief des Gregorioe Kamonas an Demetrioe Chomatianos, J. B. Pitra, Ana
lecta Sacra, VII, Nr. l; Acta Albaniae I, Nr. 147.
Byzant. Zeitschrift XXXIV 2 20

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306 I. Abteilung
archon, d. i. soviel wie Gro f rst.1) Dieser Titel, der auch dem Titel
megas iupanus, Gro zupan, entspricht, ist ein Beweis daf r, da
Deiuetrios sich als selbst ndiger Herrscher betrachtete.
Der andere Titel „panhypersebastos" zeigt, da es sich tats chlich
um den Schwiegersohn Stephans des Erstgekr nten handelt. In der
Komnenenzeit kam dem Panhypersebastos einer der h chsten R nge
zu, nach dem Despotes und dem Sebastokrator. Alle diese Titel (wie
auch der des Caesar) wurden damals nur den Verwandten des byzan-
tinischen Kaisers verliehen. Bekanntlich hat Alexios Komnenos i. J.
1081 den Sebastokratortitel f r seinen Bruder Isaak, den Panhyperse-
bastostitel f r seinen Schwager Michael Taronites geschaffen; diesen
letzteren Titel hat er nach Anna Komnenes Bericht dem alten Caesaren-
titel gleichgestellt2), was auch Ps.-Kodinos ausdr cklich best tigt, in-
dem er von Alexios sagt: έποίηοεν αυτόν ίοοότάόι,ον xal GVV&QOVOV τω
χαΐόαρί, μήτε νποβίβάαας αντον τούτον μήτε άναβιβάόας*)
Stephan der Erstgekr nte hat anl lich seiner Verm hlung mit der
Tochter Alexios' III. i. J. 1191 den Sebastokratortitel erhalten, auf den
er sehr stolz war.4) Es erscheint durchaus folgerichtig, da sein
Schwiegersohn Demetrios, der ja mit einer Enkelin desselben Kaisers
verheiratet war, den n chstniederen Titel eines Panhypersebastos er-
hielt. Es l t sich schwer entscheiden, ob dem Demetrios dieser Titel
noch vom Kaiser von Konstantinopel (d. h. vor 1204, denn er kann
die Komnene als Minderj hrige geheiratet haben) oder erst vom Kaiser
von Nikaia verliehen wurde.5)
Zu betonen ist, da er in dem oben angef hrten Vertrag als voll-
kommen selbst ndiger Herrscher auftritt und trotz der Anf hrung
seines byzantinischen Titels einer Abh ngigkeit vom byzantinischen
Herrscher nirgends gedenkt. Demetrios ist Dei gratia panhyperse-
l
) Konstantinos Porphyrogennetos nennt den russischen Herrscher αρχών των
'P< s, d. i. F rst; in dem aus dem Griechischen bersetzten russisch-byzantinischen
Vertrag v. J. 945 hei t Igor velikij knjaz, Gro f rst von Ru land, also offenbar
megas archon; vgl. R. Trautmann, Die Nestorchronik, Leipzig 1932, S. 30.
*) Anna Comnena, ed. Bonn. I, p. 147—148.
*) Codinus, ed. Bonn. p. 7. Erst in sp terer Zeit ist dieser Titel in seiner
Geltung gesunken: seit Andronikos II. steht er nicht nur hinter dem Caesar, son-
dern auch hinter dem μέγας doftfΰτι,χος: Codinus, L c.
4
) In seiner Urkunde v. J. 1200—1202 nennt er sich: „Stephan Gro zupan und
Sebastokrator, Schwiegersohn des von Gott gekr nten Ky r-Alexios, Kaisers der
Griechen"; s. A. Solovjev, Hilandarska povelja velikog zupana Stefana, Prilozi za
knjizevnost 6 (1926) 68.
·) In der Zeit des Kaisertums von Nikaia war der Panhypersebastostitel sehr
selten: M. A. Andreeva, Ooerki po kulture vizantijskago dvora v XIII vek§ (1927)
34—36.

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V. Soloviev: Eine Urkunde des Panhyp. Demetrios, Megas Archon v. Albanien 307
bastos et magnus archon, während z. B. der Comes von Ragusa
sich noch 1201 Dei et imperiali gratia comes nennt.1) Das ist
ein Zeichen dafür, daß unser Vertrag nach 1204 abgefaßt wurde, als
mit dem Fall Konstantinopels die letzten Spuren einer byzantinischen
Souveränität über Ragusa und Albanien verschwanden.

Unser Dokument gehört in die Reihe der zahlreichen Freundschafts-


verträge, die Ragusa seit der Mitte des XII. Jahrh. mit seinen Nach-
barn abgeschlossen hat. Bekannt sind die Verträge von 1148 mit Mol-
fetta, von 1169 mit Pisa, von 1181 mit Catarro, von 1186 mit Nemanja
und Miroslav, von 1188 mit Ravenna, von 1189 mit dem banus Culi-
nus, von 1190 mit den Kacici, von 1190 mit dem Fürsten Miroslav,
von 1192 mitByzanz, von 1199 mit der Stadt Fano und Ancona, von
1201 mit der Stadt Monopolis, von 1201 mit Bari, von 1203 mit Ter-
mola, von 1214—1217 mit dem Großzupan Stephan.2)
Diese Verträge sind größtenteils als einseitige Akten stilisiert, als
Eidesleistungen des betreffenden vertragschließenden Teiles, der den
Ragusanern gewisse Privilegien gewährt Die Ragusaner übernehmen
dagegen nur selten irgendwelche Verpflichtungen. Mag sein, daß ihre
Verpflichtungen bisweilen in einem anderen Akt festgelegt und durch
Eid bestätigt wurden; doch sind solche Eidesleistungen der Ragusaner
in den betreffenden Archiven nicht erhalten.8)
Eine eingehende diplomatische Untersuchung der durch ihre Kürze
bemerkenswerten Urkunde weist gewisse Ähnlichkeiten teils mit dem
byzantinischen, teils mit dem ragusanischen Auslandsvertrag auf. Be-
sonders aber fällt die Verwandtschaft mit jenem V e r t r a g e des
B a n u s C u l i n u s in die Augen, welchen Ragusa i. J. 1189 geschlossen
hat. Hier gehen die Parallelen bis zur Gleichheit ganzer Formelstücke;
doch sind auch hier gerade die Verschiedenheiten besonders bezeich-
nend; während die Cul.-Urk. nur das Versprechen ewigen Friedens
enthält, ist in unserer Urkunde außerdem die Rede von „ w a h r e r

*) In dem Vertrage von Raguea mit Monopoli: T. Smiciklas, Codex diploma-


ticus regni Croatiae, Slavoniae ac Dalmatiae, t. III, Nr. 1.
*) Smiciklas, Codex diplomaticus II, Nr. 63, liy, 177, 213, 214, 226, 230, 302,
307. Bogisic-Jirecek, Proleg, ad Librum Stat. Ragusii (Z. 1903), p. LXII (Chryso-
bull von 1192). Smiciklas a. a. 0. III, Nr. l, 2, 24, 53; vgl. Milko Kos, Dubro-
va£ka-erpski ugovori do sredine 13. v., Glas Srpske Kralj. Akad. 123 (1927) 1—66.
Der lateinische und serbische Teil der Culinus-Urkunde: Solovjev, Odabrani Spo-
menici srpekog prava 1926, 5—6.
8
) Bekanntlich pflegten die Byzantiner internationale Verträge durch Austausch
solcher einseitiger Verpflichtungen abzuschließen. A. Dimitriu, K voprosu o russko-
vizantijskich dogovorach, Viz. Vrem. 2 (1892) 531—550.
20*

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308 L Abteilung
F r e u n d s c h a f t " , und zwar „zu Lande u n d zur See"; während dort
Culinus persönlich den Eid leistet, läßt Demetrios „alle seine Mannen"
schwören, deren Namen denn auch in der Unterschrift erscheinen. Es
sind dies fünfzehn Namen ohne Zunamen und Titel. Schwer läßt sich
entscheiden, wer diese h o m i n e s mei sind: ob das Würdenträger,
casnici, sind, wie die Cul.-Urk. angibt (offenbar eine Übersetzung von
officiales), oder eher die Ältesten einzelner Stämme, jener Sippen, deren
Organisation in Albanien noch heute so stark ist. Jedenfalls haben wir
hier die ältesten aus dem XIII. Jahrh. stammenden Unterschriften
albanesischer Häuptlinge vor uns. Zu einem großen Teil sind es grie-
chische und sonstige christliche Namen, nur wenige haben albanesischen
Charakter: Jonema, Markeni, Lew, Serneli und Peltus(?). Nur bei dem
ersten und dem letzten der albanesischen Häuptlinge findet sich zu dem
Namen noch ein besonderer Zusatz: der eine nennt sich Andreas Sta-
panus, der andere Sundia Andrea. Man könnte darin persönliche Bei-
namen erblicken, viel wahrscheinlicher ist aber die Annahme, daß es
sich um Titel handelt. S t a p a n u s kann Wirt oder Herr bedeuten1),
während sundia zweifellos eine alte — wahrscheinlich in das IX. Jahrh.
zurückreichende 2 ) — Ableitung vom Slavischen c^AHra (Richter) dar-
stellt. Die heutige albanesische Sprache kennt dieses Wort nicht, wohl
aber das Verbum s u n d e u (herrschen).8) In den primitiveren Gesell-
schaftsformen ist der Herrscher Richter und auch umgekehrt: der ru-
mänische Fürst ist Richter, jude^ 4 ); und auch der Großarchon Deme
trios selbst nennt sich 1209 „iudex Albanorum".
Solche Eidesleistungen der Zeugen, die zugleich auch Bürgen für
die Einhaltung des Vertrags sind, kommen in den offiziellen Akten
der byzantinischen Kanzleien nicht vor. Dagegen sind sie im Abend-
lande wohlbekannt und gehen besonders auf fränkische und sonstige
germanische Einflüsse zurück. Sie fehlen in den Verträgen serbischer
Herrscher mit Ragusa, finden sich aber in den Verträgen Ragusas mit
dem Stamm der Kacici von 1190 und den Städten Fano und Termola
von 1199 und 1203.5) Schließlich bekräftigen manchmal auch die
*) Das Kirchenslavische CTonaHTi, dominus, vom alban. stopan, praefectus
pastoribus, Mikloeich, Lexicon palaeoslav. p. 886; vgl. das bulgarische stopanü
= Wirt, Herr; das rumänische stapän = Wirt, Herr, Besitzer.
s
) Nach 864 gehörte ein großer Teil von Albanien dem Reiche des Fürsten
Boris von Bulgarien, vgl. V. Zlatarski, Slavia II (1923) 61—91.
8
) s u n d i u m , governo; s u n d u e , regnare, governare; s u n d u e s, governatore.
Fr. Rossi, Vocabolario della lingua epirotica (Rom 1875) 1242.
4
) J. Bogdan, Über die rumänischen Knesen, Arch. slav. Philol. 25 (1903) 530.
5
) Smiciklas II Nr. 226: haec eunt nomina Cazicorum qui iurati sunt (14 Na-
men); II Nr. 302: interfuerunt (12 Namen et plures); III Nr. 24 (15 Unterschriften).

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V. Soloviev: Eine Urkunde des Panhyp. Demetrios, Megas Archon v. Albanien 309
Ragusaner selbst ihre Versprechen durch zahlreiche Unterschriften ihrer
Patrizier: Vertrag von 1190 mit Miroslav und von 1253 mit dem
Bulgarencaren Michael.1)
Überhaupt zeigt unsere Analyse, daß Kroja, obwohl es dem Macht-
bereich des byzantinischen Staates angehörte, von der byzantinischen
Kultur nicht tiefer durchdrungen war. Nur in der Invocatio und der
klangvollen Titulatur des Demetrios sind byzantinische Spuren sichtbar;
von den Häuptlingen trägt kein einziger einen byzantinischen Titel.
Der inhaltlich bescheidene Text des Vertrages ist in lateinischer Sprache
abgefaßt (wir sehen kein Anzeichen dafür, daß er aus dem Griechischen
übersetzt wäre) und folgt durchaus lateinischen Formularen. Er enthält
dieselben drei Punkte der feierlichen Eidesleistung, die sich in den
meisten der oben erwähnten Verträge und insbesondere auch in der
Cul.-Urk. wiederfinden: Das Versprechen des Friedens, des freien Han-
dels und des rechtlichen Schutzes. Die große Ähnlichkeit mit der Cul.-
Urk. überzeugt uns davon, daß der Vertrag in den Ragusaner Kanzleien
von den Ragusanern selbst abgefaßt worden ist. Zur Erlangung des
Privilegs von einem recht primitiven Herrscher wurde ein Formular
aus dem J. 1189 gewählt und etwas abgeändert. Dieser Umstand er-
mächtigt uns zu der Annahme, daß der Vertrag des Demetrios dem
J. 1204 zeitlich näher steht als dem J. 1216.
Es verlohnt sich, einen Vergleich unseres Vertrages mit jenen Ur-
kunden vorzunehmen, die um dieselbe Zeit von griechischen und epi-
rotischen Herrschern an Ragusa verliehen wurden. Der Unterschied ist
sehr erheblich. Die griechischen Urkunden wurden nach allen Regeln
der byzantinischen Kanzleien ausgegeben: Kaiser Isaak erteilt 1192 ein
feierliches ChrysobuD, die Komnenen Manuel und Michael von Epeiros
gewähren richtige Prostagmata. Diese Urkunden sind nicht als Eides-
leistungen, sondern als Gnadenerweise der betreffenden Herrscher stili-
siert. Ihr Gehalt ist viel eingehender und komplizierter.2) So bestätigt
z. B. Michael von Epeiros 1206 der Stadt Ragusa vier Punkte: 1. stirbt
ein Ragusaner in Epeiros, so fällt sein Eigentum seinen Erben zu,
nicht aber der kaiserlichen Schatzkammer; 2. die Ragusaner genießen
Steuerfreiheit, haben aber eine Abgabe für den Handel ( )
1
) Smiciklas II Nr. 230 (60 Unterechriften); IV Nr. 462: a siji sut imena oych
ki se su kleli (100 Namen). In den byzantinisch-russischen Verträgen von 911 und
945 finden wir 14 bzw. 50 Namen russischer Gesandten, die bei Abschluß des Ver-
trages geschworen haben.
2
) Tafel und Thomas, Griech. Original-Urkunden zur Gesch. des Freistaates
Ragusa, Sitzungsber. d. Wiener Akad. 6 (1851) 526; Miklosich und Müller, Acta
Graeca III 58; Smiciklas III, Nr. 53.

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310 L Abteilung
in H he von 3 Prozent auf alle Waren zu entrichten; 3. zerschl gt sich
ein ragusanisches Boot an der epeirotischen K ste, so darf von den ge-
retteten Gegenst nden nichts weggenommen werden; 4. schuldet ein
Ragusaner einem Griechen etwas, so darf der Gl ubiger nicht an Stelle
des Schuldners einen anderen Ragusaner in Haft nehmen (μη έχει,
έζονβίαν τον κατέχειν καΐ άμαχενειν έτερον) oder dessen Eigentum als
Pfand behalten.
In dieser Urkunde von 1206 gewahren wir die hoch entwickelten
Grunds tze des byzantinischen Rechtes, welches das mittelalterliche
ius albinagii, ius n a u f r a g i i und Repressalien verwirft. Das ist
alte byzantinische Tradition, da sich hnliche Punkte schon in den
byzantinisch-russischen Vertr gen von 911 und 945 finden.1)
Beachtenswert ist die diplomatische und juristische Geschicklichkeit
der Ragusaner. An der Scheidegrenze zweier Kulturwelten schlie en sie
mit ihren abendl ndischen und balkanischen Nachbarn lateinische Ver-
tr ge ab, empfangen aber gerne die weit vollkommeneren griechischen
Urkunden byzantinischer Herrscher. Sofern es sich um einen primi-
tiven albanischen Herrscher handelt, setzen sie f r ihn die allerschlich-
teste Urkunde nach altem lateinischem Formular auf, um von ihm und
seinen H uptlingen die Zusicherung einer vollkommenen Handels- und
Zollfreiheit zu erlangen.2)
!
) Der Vertrag von 911 verlangt von den Russen den Verzicht auf das ius
naufragii (Art. 7, ebenso Vertrag von 946, Art. 7); im Vertrag von 911, Art. 10
ist das ius albinagii abgeschafft, s. R. Trautmann, Die Nestorchronik, S. 21—22
u. 32. In bezug auf das i u s n a u f r a g i i ist in Byzanz ein starkes Auseinander-
gehen zwischen den gesetzlichen Vorschriften und dem Gewohnheitsrecht festzu-
stellen. Es sei daran erinnert, da nach Nike t s Choniates die byzantinischen
Kaiser vergebene zahlreiche Ma nahmen ergriffen haben um ihre Untertanen von
dieser Unsitte abzubringen, bis Andronikos Komnenos (ca. 1185) daf r die Todes-
strafe verh ngte. Eigent mlicherweise glaubt sogar Niketas, da diese Unsitte
nur bei den Byzantinern verbreitet gewesen sei (ϊ&ονς δε άλογωτάτον παρά * Ρω-
μαίοι?, ως Ιοιχε, μ,όνοις Ιβχνοντος . . .): Nicetae Choniatae ed. Bonn. II, 428; cf.
F. D lger, Regesten II, Nr. 1666.
*) Dieser Aufsatz war schon abgeschlossen, als ich von Dr. Gregor Cremosnik
einen Sonderabzug seiner Publikation: Nova istorijska gradja iz Dubrovnika (Novosti
Sarajevskog Muzeja Nr. 10, 1933) erhielt. Der erprobte Kenner der Ragnsaner
Kanzlei ver ffentlicht hier unter anderen auch unsere Urkunde (S. 6) mit der Da-
tierung: ca. 1210. Im kurzen Vorwort (S. 1—3) bezieht r. die Urkunde ebenfalls
auf Demetrios, Sohn des Progonos. Es ist zu bemerken, da die Urkunde von 1237,
die Cr. in derselben Publikation als Nr. 6 ver ffentlicht und in der ein s e v a s t o
Desivoy aus Ragusa seinen Sklaven befreit, schon von Smiciklas, Codex VII 413
gedruckt war.

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