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ESSAY

Der freie Wille im Werk „Uhrwerk Orange“

Wo sind die Grenzen der Freiheit? Wann ist der Mensch eigentlich ein
Mensch?
Der dystopische Roman „Uhrwerk Orange“ von Anthony Burgess behandelt Jugendliche und
ihre „gangs“ in einer futuristischen Gesellschaft, wobei sie Brutalität und kriminälle Taten
ausüben und die möglichen Folgen nicht beachten. Es geht um den 15-jährigen Alex und seine
„Droogs“, die eine Bande sind. Diese treffen sich am Abend, betrinken sich, gehen dann ziellos
in die Nacht und benehmen sich so, als ob sie auf einem Spielplatz wären. Aber auf einem
ungewöhnlichen Spielplatz, der in der Dunkelheit nur brutale Handlungen verheimlicht und
versteckt. Sie suchen sich Opfer aus, schlagen und vergewaltigen sie, brechen in Häuser ein.
Alex schwänzt die Schule, denkt über seine Taten nicht nach. All das scheint ihnen
„ultrabrutal“, was als etwas Positives aus ihrer Sicht zu sehen ist.

Nachdem Alex ins Gefängnis kommt, wurde ihm vorgeschlagen, dem Ludovic-Experiment der
Gehirnwäsche unterworfen zu sein. Dadurch soll er unfähig werden, Gewalt auszuüben. Was
ihm eigentlich dadurch genommen wird, ist der freie Wille und er wird zu einem hilflosen und
mechanischen Diener bzw. einer Puppe der Gesellschaft.

Der freie Wille, die Möglichkeit Entscheidungen allein zu treffen bzw. die Wahl zwischen Gut
und Böse ist der Hauptteil der Menschheit. All das ist notwendig und ist individuell, und Mangel
daran macht einen Menschen genau zu einem Uhrwerk Orange – einem mechanischen
Spielzeug. Diese Umstände sind in diesem Werk zu sehen. Die Wahl zwischen Gut und Böse
ist eine Entscheidung, die jeder Mensch während seines Lebens treffen muss. Einen dazu
zwingen, gut zu sein ist nicht das gleiche, wie das Gute allein zu wählen. Die Kraft des Wählens
repräsentiert die Macht eines Menschen als einer Individue, unabhängig davon, was die Folgen
sein werden.

Ganz am Anfang des Romans wird der Dualismus von Gut und Böse geschildert und zwar durch
die Frage: „Was soll´s den nun sein, hm?“1 Und diese durchzieht den ganzen Roman und hebt
als ein roter Faden immer die Grundidee hervor – Gut oder Böse wählen? Der Beginn der
Novelle deutet an, dass Alex und seine Freunde frei sind und dass sie so handeln, wie sie wollen.
Sie sind rebellisch und brutal und dieses Verhalten ist ein Produkt des freien Willens. Anderseits
wurde ohne des Bösen keine Wahl für die Menschheit vorhanden sein. In dem Roman führt
dieser freie Wille zur Verletzung unschuldiger Menschen. Und sie haben sich alleine dafür

1
Burgess, Anthony (1988): Uhrwerk Orange, München, S.4.
entschieden. Gott hat uns den freien Willen gegeben und man muss für unsere Taten auch
Verantwortung übernehmen.

Was in diesem Werk passiert, ist das Folgende: Alex wird zu einer Menschen-Maschine. Aus
ihm soll ein Mensch gemacht werden, der nur Gutes in sich hat und Abneigung zu Bösem
empfindet. Zu Gewalt ist er nicht mehr fähig. Schlechte Triebe sind weg und der Mensch ist so
programmiert, die Regeln und Normen der Gesellschaft zu folgen. Damit soll er eine harm- und
problemlose Maschine sein, mit der sich die Regierung nicht mehr befassen muss.

Es stellt sich heraus, dass diese Behandlung scheitert. Am Ende wird Alex genau wie zuvor,
obwohl er eine Zeit als geheilt vorkam. Daran schließt man, dass der Mensch der Natur her frei
ist und man soll seine Verhaltensweise nicht bezwingen. Die menschliche Natur sollte nicht
gestört werden.

Aber die Umstände in der man lebt und die Regierung, die diese in gewissem Maße steuert,
machen genau das Gegenteil. Sie haben alles unter ihrer Kontrolle und damit kontrollieren sie
auch die Freiheit. Menschenrechte sind jedem Mensch von Geburt an zugeschrieben und damit
auch Freiheitsrechte. Aber da wird die Frage gestellt: kann man überhaupt frei handeln? Wo
sind die Grenzen, wenn es Grenzen nicht gibt? Und soweit die Grenzen aufgestellt sind, ist man
nicht mehr frei. Wann ist der Mensch eigentlich Mensch? Wenn man seine Denkweise und
Handlungen kontrolliert?

Ein Mensch kann zwischen Gut und Böse wählen und Alex macht das deutlich im folgenden
Zitat:

„Aber, Brüder, dieses Zehennägelbeißen über die Frage, was die Ursache von Schlechtigkeit
sei, macht mich zu einem feinen lachenden Malitschick. Sie grübeln nicht darüber nach, was die
Ursache des Guten ist, warum also all dieses Aufhebens um den anderen Laden? Wenn einer
gut ist, dann ist es so, weil es ihm gefällt oder weil er sich nicht traut, anders zu sein, und es
würde mir nie einfallen, mich in die Angelegenheiten seines Landes einzumischen, denn ich bin
im anderen Laden Kunde. Und überhaupt, Schlechtigkeit ist vom Selbst, dem Einzelwesen, dem
Du oder Ich, und dieses Selbst ist vom alten Bog oder Gott gemacht und ist sein großer Stolz
und seine Radosty. Aber das Nicht- Selbst kann keine Schlechtigkeit haben, das heißt, die von
der Regierung und die Richter und die Schulen können die Schlechtigkeit nicht erlauben, weil
sie das Selbst nicht erlauben können. Und ist nicht unsere Geschichte, meine Brüder, die
Geschichte von tapferen malenki Selbsten oder Einzelwesen, die gegen diese großen Maschinen
kämpften? Es ist mir ernst damit, Brüder. Aber was ich tue, tue ich, weil es mir Spaß macht.“ 2

Dies macht seine Sichtweise deutlich, dass er einfach so handelt, weil er will. Er spricht von
der Regierung als großen Maschinen, gegen die man kämpfen muss und die uns Grenzen
aufstellt bezüglich der Freiheit. Und er rebelliert dagegen genau durch sein Verhalten. Aber
nicht nur Alex ist Böse, sondern auch diese Regierung. Das sieht man in dem Ludovic-
Experiment der Gehirnwäsche. Dadurch wird sein Denken kontrolliert und gezwungen, nur
Gutes zu empfinden. Die Regierung kontrolliert seinen freien Willen, wobei er psychisch nicht
fähig ist, Gewalt auszuüben, denn nur wenn er daran denkt, wird es ihm übel.

Die Stimme der Vernunft in diesem Werk ist in der Figur der Pfarrervecks, der diese Methode
hinterfragt und sagt:

„Die Frage ist, ob eine solche Technik einen Menschen wirklich gut machen kann. Gutartigkeit
kommt von innen, 6537. Anständigkeit und menschliche Güte sind etwas, für das man sich
entscheidet, das man für sich selber wählt. Wenn ein Mensch nicht mehr wählen kann, dann
hört er auf, Mensch zu sein.“ 3

Ich glaube, dadurch wird deutlich gemacht, dass die Absicht, Menschen zu kontrollieren viel
schlimmer ist, als die Möglichkeit, Böses zu wählen. Wenn man nicht wählen kann, hört man
auf, ein Mensch zu sein und man wird zu einer von der Regierung kontrollierten Maschine. Als
Alex sich diesen Experiment unterzieht, hört er auf, die Frage „Was soll´s den nun sein, hm“ zu
stellen. Das beweist die Tatsache, dass diese Methode den Menschen die Freiheit nimmt. Und
das wird als Heilung dargestellt. Obwohl es eigentlich keine Heilung sondern ein Zwang ist.
Man kontrolliert seine Möglichkeit, zu entscheiden und frei zu handeln. Man versucht seine
Auswahl und ihr Moral zu unterdrücken, was überhaupt nicht gesund ist.

Nicht nur dass diese Behandlung Alex verändert, sondern will man ihn dadurch bestrafen und
quälen. Dabei kommt es dazu, dass seine liebste 9. Symphonie als Hintergrundsmusik bei der

2
Burgess (1988), S.48f.
3
Burgess (1988), S. 99.
Seanse aufkommt. Damit wird verursacht, dass er sich beim Hören schlecht fühlt. Das war ja
wie eine Folge für die Annahme dieser Behandlung. Das steht im folgenden Zitat:

»Es läßt sich nicht ändern«, sagte Dr. Branom. »Jeder bringt das um, was er liebt, wie dieser
Dichter und Häftling sagte. Vielleicht haben wir hier das bestrafende Element. Der Direktor
würde sich freuen.« 4

Seine Reaktion zu Musik wird gewalttätig und qualvoll. Warum hat man ihn sowohl den freien
Willen als auch die Vorliebe für Musik weggenommen? Nur weil er ein normaler Mensch ist
und weil er sich in einer solchen Welt befindet, wo die Menschenrechte keine richtige Rolle
spielen und diese von der Regierung nur berücksichtigt werden, wenn es Ihnen passt? Als man
ihm die Möglichkeit nahm, Böses zu wählen, hat man ihm gleichzeitig auch die Möglichkeit
genommen, Gutes zu wählen, da er die Schönheit der Musik nicht mehr als solche empfindet.

Letztendlich, war diese Behandlung wirklich erfolgreich? Absolut nicht. Als Alex in die
Gesellschaft als „geheilt“ freigelassen ist, hat er ziemlich viele Probleme damit, sich
anzupassen. Nämlich, die Welt hat sich für ihn geändert und er ist gezwungen, sich
gegensätzlich zu dem, was er begehrt, zu verhalten. Für Alex ist all das rücksichtslos und der
einzige Ausweg, um sich von diesen Fesseln zu befreien, ist Selbstmord. Aber er scheitert daran
und die Doktoren machen ihn wieder so, wie er früher war. Er hat seinen freien Willen
zurückbekommen und kann zu alten Gewohnheiten kehren. Genau da kann man seine
Veränderung merken: der Anfang des dritten Teils spiegelt den ersten Teil, aber Alex fängt an,
sich zu verändern. Er hat sich entschieden, weiter zu gehen und Erwachsen zu sein. Gewalt
interessiert ihn nicht mehr: er will sich einen Job sichern, eine Frau finden, Kinder bekommen
usw. „Alex reift heran, o ja.“ 5

Das Konzept des freien Willen wurde in religiösen, philosophischen und wissenschaftlichen
Gebiet bearbeitet, im Sinne, dass jeder Mensch frei ist. In diesem Werk wird all diesen drei
Instanzen entgegengesetzt, indem sich der Mensch in das Paradigma der Gesellschaft anpassen
muss, unabhängig von der Praxis seiner menschlichen Natur. Was bleibt dann von dem Mensch
übrig? Dieser freie Wille und das Denken unterscheiden uns von Tieren, Maschinen, Roboter.

4
Burgess (1988), S. 138.
5
Burgess (1988), S. 231.
Und man weiß, dass diese dressiert bzw. kontrolliert werden. Soll man das auch mit den
Menschen machen, damit die Welt zufrieden wird? Das heißt, man sollte aufhören, ein Mensch
zu sein.

Das ganze Werk hebt die Frage hervor: ist es besser, einen Kriminellen zu haben, der sowohl
gute als auch schlechte Entscheidungen trifft, oder eine rein gute Person, die unfähig ist,
überhaupt Entscheidungen zu treffen. Meiner Meinung nach ist die erste Option besser, denn
man hat eingesehen, dass die Ludovico-Technik nicht erfolgreich war. Vielleicht ist der richtige
Weg, ihn für seine Taten zu bestrafen, damit er seine Fehler einsieht. So kann er sich selbst
bessern und „heilen“.

In diesem Beispiel sieht man einen Menschen, dem der freie Wille genommen wird und der in
der neuen Welt nicht funktionieren konnte. Ich denke, man soll sich dessen bewusst werden
und mit beiden Seiten (Gut und Böse) weiterleben. Alex war ein Opfer, ein zweckloses und
programmiertes Objekt. Er war eine gescheiterte Uhrwerk Orange – die letztendlich wieder in
die Freiheit entlassen ist.

Literaturverzeichnis:

Burgess, Anthony (1988): Uhrwerk Orange. München: Wilhelm Heyne.