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Theodor W Adorno · Nachgelassene Schriften

Herausgegeben vom Theodor W Adorno Archiv

Abteilung IV:

Vorlesungen

Band 14

(

Theodor W Adorno Metaphysik

Begriff und Probleme

Band 14 ( Theodor W Adorno Metaphysik Begriff und Probleme v ;., .: · '.-; ··

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Suhrkamp

BIBLIOTECA

UNIVERSITARIA

B_J0-5_/Qooo

1200100-07

Erste Auflage r998 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998 Alle Rechte vorbehalten Druck: MZ-Verlagsdruckerei GmbH, Memmingen Printed in Germany

Di e

Deutsche Bibliothek - C IP-Einhe itsa u foa h me

Adorno, Theodor He' :

Metap hys ik : B egriff und

Probleme ( 196 5) I Theodo r W Adorno.

Hrsg. von R olfTiedemann. -

1. Aufl. -

Frankfort am Main: Suhrkamp, 1998 (Nachgelassene Schriften : Abt. 4, Vorlesungen ; Bd. 14)

ISBN 3-518- 58265-8

Adorno, Theodor H.'.:

Nachgelassene Schriften I Theodor \V Adorno. Hrsg. vom Theodor- W-Adorno-Archiv. - Frankfurt am Main : Suhrkamp Abt. 4. Vorlesungen Bd . 14. Adorno, Theodor W.: Metaphysi k. -

r.

Aufl. -

199 8

Inhalt

Vo rl esungen

.· l11111erk11nge11 des H erausgebers

Nt1chbe111 crh111g des H eraus,rzebers .

l~c: ;ister

lihcrsicht

.

7

227

293

305

315

Metaphysik

I. VORLESUNG

II. 5. 1965

Ml'inc Damen und Herren, ich habe angekündigt >Metaphy-

Untertitel >Begriff und Probleme<: dieser Unter-

eben deshalb, weil bei

dn Metaphysik bereits ihr Begriff vor erhebliche Schwierig-

kt·itrn stellt. Und, um Ihnen das gleich vorweg zu sagen: es ist

Begriff von Metaphy-

,jk rnit Ihnen zu reden und dann, wie es ja nicht anders sein k.11111, paradigmatisch über einzelne metaphysische Probleme, 1111d zwar durchaus in dem Kontext, in dem diese Probleme

" k'· 111it dem

l II L'I ist nicht ohne Bedacht gewählt, -

111cine Absicht, zunächst also über den

Arbeit stellen 1 .

Man kann wohl sagen, daß der Begriff der Metaphysik das Ärgnnis der Philosophie sei. Denn auf der einen Seite ist die Metaphysik das, um dessentwillen die Philosophie überhaupt ":-; istiert; also, wenn ich einmal die philosophische Phrase iilwrnehmen soll (nur um später vielleicht etwas anderes an il1re Stelle zu setzen), dann behandelt die Metaphysikjajene "1gcnannten letzten Dinge, um derentwillen die Menschen /ll philosophieren überhaupt angefangen haben. Auf der an- dnen Seite aber ergeht es der Metaphysik so, daß man :iulkrst schwer nicht nur angeben kann, was eigentlich ihr ( ;cgenstand sei; nicht nur in dem Sinn, daß die Existenz die- st·s Gegenstandes fragwürdig und selber das kardinale Pro- l1lt•111 der Metaphysik sei, sondern darüber hinaus auch, daß t's sehr schwer auch nur zu sagen ist, was Metaphysik, unab- li:ingig von Sein oder Nichtsein ihres Gegenstandes, über- li.1upt sei. Heute wird Metaphysik fast in der gesamten 11ichtdeutschen Welt geradezu als ein Schimpfwort ge-

'i' li mir aus meiner eigenen dialektischen

l>raucht, das gleichsinnig sein soll mit eitlem Spekulieren, 111it bloßer Gedankenspinnerei und Gott weiß was für ande- ren intellektuellen Lastern. Es ist also nicht nur schwer, etwa vordeutend Ihnen anzuge- licn was Metaphysik sei, wie es Ihnen, soweit Sie den Einzel- wissenschaften angehören, im allgemeinen von diesen her ja

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vertraut ist; sondern, wie ich schon sagte, es ist sehr schwer, auch nur ihren Gegenstand einigermaßen zu b es timmen . Ich erinnere mich an m eine eigene frühe Erfahrung, als ich als Junge, als Gymnasiast über die Lektüre von Nietzsche geriet, b ei dem ja wacker auf der Metaphysik herumgeha ckt wird, wie Sie, soweit Sie mit Ni etzsc h e vertraut o der einiger m aßen ve rtraut sind , sicherlich alle wisse n; und wie es mir schwerfiel

auch nur ei ni-

germaßen zu orientieren. Als ich mir bei einem wesentlich Älteren deswegen Rats erholte, wurde mir ge antwortet, daß

ich das noch nicht verstehen könne und daß ich es eines Tages

Antwort auf die Frage n ac h dem wurde also h eraus gesc h oben. Das

ist eine biographische Zufalligkeit, aber wenn man sich dann die M etaphysiken selber oder wenn man sich di e Philosophien

selber ansieht, so kann man manchm al des Verda chts sich nicht

damals, mi ch üb er d en Begriff der M e taphysik

schon ve rst eh en werd e. Di e Ge genstand der Metaphysik

erweh re n, daß es in ihnen gar nicht so sehr verschieden

zu-

ge he, w ie j ener Ratschlag

es au sgesproc h en h at: nämlich

daß

auch zunächst einmal di e

ganz e unermeßliche Anstren gung

der philosophis chen Arb eit, soweit sie sich als Vorarbeit oder Propädeutik zur Metaphysik weiß, sich ve rselbständigt und an d eren Stelle setzt; od er daß, wenn es dann um die M etaphysik schlie ßlich geht, man dann w ie etwa bei Kant 2 bis ins Un end- liche vertröstet w ird mit den möglichen Antworten auf die metaphysischen Fragen; und daß man, anstelle daß man auf diese Fraaen selber eine Antwort bekommt, - ja, wenn ich es einm al vo n der M eta phy sik aus formuli eren soll, mu ß ich schon sagen: anstelle der An twort auf die metap hysische n Fra- gen treten dann Erw ägungen, ob man überhaupt das Re cht habe, dies e metaphysisc hen Fragen zu stellen. Also diese naive

Art der H erauss chiebung und Herauszö ge rung, die ich d a er-

V

irgend vo r al-

lem mit dem Verfahren, in dem im allgemeinen die Philoso-

phi e sich zur Metaphysik ver h ält, - und d as no c h in der K anti-

ad infinitum, ein es un endli chen

sc hen Ge stalt eines progressus

fahren hab e, etwas zu tun

di e ist d es halb gar n icht so zufallig, weil sie zu h ab en scheint mit der Sache se lbst und

IO

1 '111 " ·h ri tts der Erke nntnis od er ei nes unbestimmt sich fort-

""''' '11<k-11 Fortsc hritts d er Erkenntnis , vo n dem dann sozu sa- ,„,·11 l1L·i d en gri echische n Kalenden schli e ßlich einmal au ch zu "'liolfrn ist, daß die sogenannten metaphysischen Grundfra- !'.<'11 sich en trätselten.

kli sprac h von Nietzsche. Bei Ni etzs che begegnet d er

B e-

! '.rllr dn Metap hysik häufig in G estalt eines Witze s, der

im-

11 ll'rhin eine er st e Appro x imation enth~llt an das, w as m a n un- tn Metaphysik sich vorzustellen habe; er spricht da nämlich \'lllJ >Hinterwelt< un d n ennt diejenigen, die mit Metaphysik

, ,, .h h l'sc h äftig en oder gar eine solche denken und lehren, di e

·l li11terweltler <, 3 unter Anspielung au f das zu jener Z eit - es \\',ir ja kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg - sehr ge- l>r:iuchliche Wort Hinterwäldler: die, die im Hinterwald , in .!(')] backwoods, als o in der finstersten Provinz d es mittleren

d er zu jen e r

/.,·it hö ch st aktuelle Lincoln he rvo rgegangen ist. Es liegt <hrin, d aß di e Metap hysik eine Lehre sei, di e eine W elt an-

11 i111111t, die hint e r d e r W e lt li eg t, die wir kennen und k e nnen kiinnen; daß hinter der Welt der Erscheinungen - und damit lritt ironi sch di ese Nietzsc he sc he D efinition in einen Zu sam- 111enhang mit der Platonisch en T radition - , daß hinter d er Wdt der Erscheinungen, als di e w ahrhaft w irkliche , blei-

unve ränderli che , eine Welt vo n Wesen-

heiten verborgen sei, die zu en trätseln und zu enthüllen die Aufgabe der Philosophie sein soll. Gegenständlicher gespro- ,·hen, wä re also die Metaphysik der Inb egriff der philosophi- ~c h en L e hre v on all e m J ense iti ge n o der - wie der spez ifisch e phil osophische Ausdru ck für das Jenseitige der Erfahrung heiß t - eine Wissensc haft von dem Tran szenden ten im Gegen-

hend e, ansichseiend e,

WL·s tt:ns w ohn e n, aus d e m j a bekanntli ch auch

satz zu d er Sphäre der Immanenz . Zu gleich liegt in jener

Nietzs ch es ch en Formel von der >Hinterw elt< aber auch - und zwar im Geist von Aufklärung, im Ge ist no minalistisc h er Auf-

kEirung - der Spott eben gege n das Ab ergläubische und nach

seiner Ansicht Provi nzi ell e , d as

mit der Annahm e einer sol-

chen Hint erwelt notwen dig verbunden sei. Ich glaube , es ist

II

deshalb sinnvo ll , wenn w ir uns eine Sekunde gerade über diese Lehre von Nietzsche einige Gedanken machen, die die Meta- physik ironisch - denn er wuß te genau, daß das im buchstäbli- chen Sinn natürlich nicht so ist - dem Okkultismus gleich- setzt. Historisch hat die Metaphysik mit Okkultismus nicht nur nichts zu tun, sondern man w ird kaum übertreiben, wenn man feststellt, daß sie in einem ausdrücklichen Gegensatz zu okkultem Denken gedacht worden ist, wie er etwa in einem der größten im spezifischen Sinn metaphys is che n D enker der Neuzeit, nämlich bei Leibniz, ja ganz manifest ist; obwohl

man selbs tverständli ch von der Metaphysik, gene tisc h gespro- chen - und wir werden damit immer wieder im Verlauf unse- rer Betrachtungen zu tun haben -, nicht bestreiten kann, daß sie selbst ein Säkularisationsphänomen mythischen und magi-

sc hen Denkens ist, und daß sie infolgedessen nicht so absolut

von allen abergläubischen Vorstellungen distanziert ist, wie sie sich selbst versteht und wie sie philosophiehistorisch sich dar- gestellt hat. Es ist in diesem Zusammenhang übrigens ganz in- teressant, daß Okkultisten-Organisationen - und zwar, soweit ich das übersehen kann, in der ganzen Welt - immer eine ge-

Gesellschaften <,

Metaphysic al Associations ode r ähnlich zu nennen. D as ist interessant nach mehreren Hinsichten: nämlich einmal, weil sozusagen dieses apokryphe und in besserer intellektueller Ge- sellschaft anstößige Gebilde des Geisterglaubens, der Okkul- tismus, durch eine Sache, die immerhin den Nimbus von Ari- stotele s, von Thomas von Aquin und von Gott weiß wem al- len für sich hat, in ein höheres Ansehen rücken kann; auf der anderen Seite aber auch (und das scheint mir beinahe noch in- teressanter), weil gerade die Okkultisten, indem sie sich Meta- physiker nennen, etwas spüren, was mit dem Okkultismus bis ins Inn ers te ver wach sen ist, - nämlich daß er in einem gewis- sen Gegensatz zur Theologie steht; und daß sie fühlen , daß die Dinge, die sie betreiben, in eben ihrem Gegensatz zur Theo-

w is se Neigung haben , sich >Metaphy sische

logie dann noch eher mit der Metaphysik sich berühren als mit der Theologie, auf die sie sich im übrigen, wenn es ihnen ge-

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radc paßt, dann ganz genauso gern beziehen. Aber man mag hier immerhin zur Erläuterung den Spruch jenes Jüngers der Astrologie anführen, den wir bei der Untersuchung über die »Authoritarian Personality « als eine unserer Testpersonen hat- tc11 und der da erklärte, daß er an Astrologie glaube, weil er 11icht an Gott glaube. 4 - Ich deute das hier zunächst nur an; ich glaube, daß diese Perspektive außerordentlich weit führt, aber ich kann ja jetzt wirklich diese Dinge nur präludieren. Jedenfalls ist zunächst einmal zu sagen, daß keine philoso- phi sche Metaphysik es jemals mit Geistern zu tun hat, so als ob

di ese Gei ster seiende Wesen wären; und zwar

Metaphysik von Anfang an, also von Platon oder Aristoteles

:111 - und über die Frage, ob die M etaphysik

Aristotel es anhe bt,

1.u sagen haben 5 - , weil sie also von diesem ihrem Beginn an

deshalb, weil die

mit Platon oder

darüb er werde ich Ihn en sehr bald einiges

gt:gen die Vorstellung eines Seienden im Sinne der kruden 1;:1ktizität, im Sinne von den zerstreuten Einzeldingen, wie sie hci Platon ux ovra heißen, gerade protestiert und dagegen sich absetzt. Wenn es gewisse metaphysische Richtungen gib t, die man spiritualistisch nennt wie zum Beispiel die des Berke-

(mit einer allerdings sc hweren Einschränkung) die des

l.cibniz - obwohl ja die Leibnizsche Monade nicht von dem 1:1ktischen räumlichen Dasein so absolut getren nt ist, wie es vor allem das neukantianische Leibnizverständnis gelehrt hat-, wrnn es also in der Philosophie, in der Metaphysik spirituali- sti sche Richtungen gibt, und we nn man gerade von dem eng- li schen, wie soll man sagen: gleichzeiti g ex trem empiristischen und extrem metaphysischen Bischof Berkeley gesagt hat, daß

n eigentlich nur die Wirklichkeit von Geistern lehre, so sind diese Geister natürlich nicht als >spirits< zu verstehen, sondern

.ds rein intellektuelle , rein durch den Geist bestimmte Wesen- heiten , die alles Faktische überhaupt erst aus sich begründen u11d denen nicht vorkritisch oder vor der Reflexion selber 1c11c Art von Faktizität zugeschrieben werden kann, wie der ( )kkultismus und Spiritismus in seinen verschiedenen Rich- 11mgen es tun . Ich glaube also, daß Sie von vornherein gut

ley oder

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daran tun , we nn Sie von d em Begriff der Metaphysik j e d en solchen B egriff von fakti sc h seienden , zu e1fa hrenden W ese n- heiten j enseits unserer empirischen, raum-zeitlichen Welt

ausschli eßen , - jedenfalls sow eit ausschließe n , wie es sic h um die philoso p hische Tradition von M e taphys ik handelt .

- und damit ko mme ich vielleicht der B estim-

Metaphysik

ph ys ik auf d er einen Se ite zu Okkulte m und auf d e r anderen .1 uch zur R eligion steh e, eine historis ch e Dimension, di e viel-- kicht n ic ht gleichgülti g is t zur Orienti erung über den Be griff dn M etap hysik selb er. Es ist, nebenb ei b emerkt, m eine An- sicht , daß man in der Philosophie üb erhaupt - viele vo n Ihn en werden das von mir sc hon ad nause am ge hört haben ; ich bitte

mung desse n , was Sie unt er Metaphys ik üb erhaupt de nken

Sie

können, denn doch schon etwas näher - behandelt immer Be- griffe. M etaphysik ist diej en ige Form der Philosophie, deren Objekt Begriffe sind; und zwar Begriffe in einem emphati-

fü r diejenigen , den en einmal wied erh ole -,

daß ich also n icht glaub e, d aß man in der P hilosophi e m it blo- lkn Verb aldefinition e n allein weit erko mmt ; daß m an also

ich

zu e ntsc huldigen , we n n ich es hi e r es n oc h nicht gepredi gt habe, no ch

Um au f di ese Dim ension zu komm en , di e mich hi er in die-

schen Sinn: nämlich ste ts fa st so,

daß d ab ei den Be g riffe n

vor

11icht weiterkommt, wenn man Begriffe einfach definiert; daß

dem unter ihnen befaß ten Seienden, vor den unter ih nen

b e-

sie allenfalls in Definitio nen termini ert , aber nicht mit ihn en

faßten Fakten, von den en die Begriffe ab gezogen sind, der Vorrang und dadurch ein höherer Grad an Wesenhaftigkeit zugeschrieben w ird. Die Kontroverse genau darüber, der be-

.u1heb en k ann; und daß zum Verständnis, also zur Erke nntnis des G eh alts der philoso phi schen Begriffe selber - und kei- 11cswegs bloß als eine äuß erliche Geistesgeschichte oder Phi-

rühmt e

N o minalismuss treit , d er das Mittelalte r erfüllt und d er,

losophiegesc hi chte - es dazu geh ö rt, daß m an weiß , w ie die

wie ich

Ihn e n in Kür ze ze i ge n w erde ,<' fas t u nmittelb ar in d e r

1kgriffe e ntsprungen si nd und was sie ihrem Ursprun g, ihrer

»Metaphysik« des Aristoteles bereits ein e Art von Kamp fpl atz in einand er widerstreitenden Motiven d es Ari stoteles b es ess en

histori sc h en Dimension nac h bedeuten.~

hat; di eser Streit selber also: ob die B egriffe bloße Z eich en

SL'lll

Zu sam m e nhang ga n z bes onders in te ress iert , so verh ält es

oder Abb reviaturen vo n darunter ge dac htem Fakti schen

sich so, daß die Schule der Positivisten - und zwar in der Ge-

seien , od er o b sie selbständi g seien, ob ihn en ein w es enh aftes, substanti ell es Ansieh zuko mmt, - der selb st ist eins d er soge -

nannten gro ß en Them en

der abendländischen Metaphys ik'

seit Plato n u n d Aristoteles. Und Sie m ögen eb en deshalb, we il

diese Frage nac h dem Wese n des B egrifE - und der Beg riff ist

stalt , in der de r Positivism us unter di ese m Namen zu erst au f-

gL'tret en ist: n ämlich al s ein e Konzeptio n von Soziologi e als der wahren höchsten W issenschaft und als der eigentli ch en

l'hilo sophi e - in ausdrü ckli ch en Gegensatz gesetzt wird zu de r Theologie; bei Auguste Co mte ausdrü cklich , und der Sache

ja ein Instrument der Erkenntnis -, we il di ese Frage

n ac h dem

11;ich, we nn

auch die Termini noch ni cht so ve rwandt w erden,

Wesen des B egriffs von Anb eginn also

ebe nso eine m e taphys i-

lineits bei seinem Lehrer Saint-Simon . Di ese beiden De nke r

sche wie eine erkenntnisth eoretische

Frage ist, sich ein Bild

.dso

h ab e n Stadientheo rien : eine Ge sch ic htsphilosophi e, die

davon m ac h en , daß M et ap hys ik , seitde m es

überhaupt etwas

sich

in dre i großen Ph ase n b ewegt, an dere n erster Stell e di e

auf de n B e -

griffgibt, mit den Problemen von Logik und von Erkenntnis- theori e au f eine höchst m erkwürdige W eise verflo chten is t ,

derartiges g ibt , n ämlich se itdem es di e R efl exion

theolog isch e Phase ste ht, an de ren zweite r di e m e taphysisc h e

1111d an d eren dritter

schli eßlich die wissens chaftli che o der,

wie j en e D enker vor J 50 od er bald 200 J ah ren es zu n e nne n

die dann kulminiert hat in der Hegelschen Lehre, daß d:ie Lo-

lid)ten,

di e >positive<. 1 11 Si e haben damit ein Moment b ezeich-

gik

und di e Metaphysik eige ntlich dasselb e seien 8 .

- N un er-

lll't, das

an d er Metaphys ik das ihrem eigen en Begriff n ac h we -

reiche ich hier, indem ich Ihnen angedeutet habe, wie M eta-

srntli ch e ist; das nämlich b eiträgt zu de r Erklärung dessen , was

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ich Ihnen vor ein paar Minuten vorgetragen habe, als ich Sie darauf aufmerksam machte, daß die Metaphysik es wesentlich mit Begriffen, es emphatisch mit Begriffen, es mit emphati-

schen Begriffen zu tun habe.

dientheorie der Positivisten so, daß die Naturgottheiten, aber auch der Gott der Monotheisten, zu Begriffen säkularisiert worden seien, aber dann trotzdem, so wie einst die alten Göt- ter, als ein Ansichseiendes und Objektives festgehalten worden wären. 11 Es ist nun sehr interessant, daß gerade die Positivisten der Metaphysik deshalb, weil sie es mit Begriffen und nicht mit Fakten zu tun hat, während ja die positiven Theologien ihre Gottheiten als faktische, daseiende Wesenheiten be- stimmt haben, - daß die Positivisten der Metaphysik beson- ders abhold waren. Und Sie werden gerade in den Schriften der Positivisten eigentlich mehr Invektiven gegen die Meta- physik finden als gegen die Theologie; das gilt ganz besonders für Auguste Comte, der ja in seiner Spätphase die Wahnidee hatte, aus der Wissenschaft selber eine Art von Kult und etwas

wie eine positive Religion zu machen. Metaphysik wird nun, das muß man trotzdem hinzufügen, vielfach von dem populären Bewußtsein mit Theologie ver- bunden; und es gibt sich e rlich nicht wenige unter Ihn en, die auch dazu neigen, nicht so furchtbar scharf zwischen den Be- griffen Theologie und Metaphysik zu distinguieren und das alles in den einen großen Topf der Transzendenz hineinzu- schütten. Hier, wo wir uns nun also spezifisch mit die se n Be- griffen zu beschäftigen haben , möchte ich Sie dazu bringen, soweit Sie in diesen Fragen noch mit einer gewissen Naivetät sich verhalten mögen, dabei zu differenzieren, - wie denn überhaupt der Fortschritt philosophischen Denkens wese nt- lich ein Fortschritt in der Differenzierung ist. Ich glaube, man kann geradezu als ein Dogma hinstellen, daß die philosophi- sc he Einsicht um so fruchtbarer gerät, je mehr sie innerhalb ihrer Gegenstände zu differenzieren vermag; und daß das Un- differenzierte, das alles über einen Leisten schlägt, eigentlich genau jenen Zustand des rohen und , wenn ich so sagen darf,

Es ist nämlich na ch die ser

Sta-

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'ks nicht gebildeten Geistes verkörpert, den die Philosophie, " '<"1m ich einmal an ihre subjektive oder pädagogische Seite il<'11ken darf, in den Menschen eigentlich überwinden oder,

\\'iv ich lieber sagen mö chte, be seitigen so ll. Nun ist es sicher- lll·h wahr, daß Metaphysik mit Theologie auch etwas zu tun 11.11 L"ben in der Art, in der sie sich doch über die Immanenz, iil •n die Erfahrungswelt zu erheben trach tet. Etwas gröber ge-

von Meta-

1'liysik und Theologie, wie man sie so vo llzieht, wenn man

ausdrücklich nachdenkt, doch wohl was in unser aller Bildung bereitliegt

11111! uns beherrscht, auch wenn wir gar nicht eigens darüber 11.1t hdenken, - nämlich daß das Lehrgebäude der katholischen K m·he in einer unauflöslichen Weise mit der metaphysischen \p<'kulation verbunden ist; und zwar, wie Sie ja wohl alle wis- ·.1·11, mit der Aristotelischen in der Gestalt, in der sie durch die :·.mlkn arabischen Philosophen an die hochmittelalterlichen, 1 '•r :11lem eben an Thomas von Aquin, überliefert worden 1-.1. 1 ' Ab er auch das ist nicht so einfach. Und Sie können viel- l"i, ·lit etwas von der Spannung zwischen der Metaphysik und 'In Theologie, von der ich gesprochen habe, daran sich verge- !',t '11w;irtigen, daß zu der Zeit des aufkommenden Christen- 111111s in der Spätantike , und zwar als das zur Staatsreligion ge- " "' 11·,kne Christentum auch in Athen einzog, dort die noch •·\I SIL"nten Philoso phensc hulen , die wir als metaphysische \,Inden bezeichnen würden, geschlossen worden und mit ''-'"lkr Brutalität unterdrückt worden sind. 13 Und, nebenbei lw111crkt, hat sich in der großen theologischen Reaktion des l·.l.1111 gegenüber den Aristotelischen islamischen Philosophen .!.1111i noch einmal genau dasselbe wiederholt; zu einer Zeit

l11·ilich, zu der bereits d as

·.prochen, geht die weitve rbreitete Gleichsetzung

1 rl ll'r die se Begriffe nicht '·111fo:h auf etwas zurück,

metaphysische Erbe, durch die isla-

1111s,·hcn Philosophen vermittelt, sich in dem christlichen Eu- '"l '·I seine Stelle erobert hat. Man empfand al5o damals in der '•1•:it.llltike die M etaphysik gegenüber dem Christentum aus-

' lt 1i, klich als etwas Subversive s. Und ga nz ähnlich dachten 'l .11111 auch die fanatischen islamischen Mönche, die die Philo-

r7

soph en in die Verbannun g ge tri eben habe n. Der Grun d, wa rum sie sich so verhalten h abe n, di.üfte doch die Un ter- sc hi ed e, auf di e ich M e taphys ik un d T heologie b r inge n möchte, recht deutlich herausheben . - Ganz sicher kann man

n icht , w ie die Po sitiviste n es vers u cht en, Metaphysik u n d Theologi e als historisch e Stadien einfach voneinander abh e- ben, denn geschichtlich h aben sie doch immer wieder sich üb erkreuzt: das eine ist gleichzeitig mit dem anderen aufgetre-

t en ; das ein e ist vergessen w o rde n ,

g run d ge raten, - es ist eine

Struktur, di e rerse its nicht

th eorie, vo n d er ich Ihnen gesproc h en habe, soviel d aran , daß

mü sse n j a

von dem traditionellen Begriff der M etaphysik ausgehen, wenn ich Sie dessen vergewissern soll , was damit überhaupt ge m eint ist -, daß Metaphys ik de r Versuch sei, aus r ein em De nken das Absolute od er di e kons titutiven Strukturen d es Seins und der Erkenntnis zu bestimm en ; also nicht dogma- ti sch , n icht aus Offenbarung und nicht als ein Positives, mir

M e taphysik in dem traditi o n ell e n Sinn - und w ir

dan n wi eder in den Vo rder-

au ße ro rden tlich komplizi erte

man auf eine ein deu tige b egriffliche Formel ih- bringen kann . Ab er tro tzdem ist an der Stadien-

sc hlec hterdings, nämlich d urch die O ffe nbarung oder die üb erliefert e Offenb arun g, Gegeb en es, u nmittelb ar Seie ndes, sond ern , we nn ich das w iederholen darf, durch den B eg riff Und damit ist eigentlich bereits das Grundproblem der M e-

ta phys ik ges etzt , das sie

ga n ze Gesc hichte hi n durch

begleitet hat und das sie etwa auch in der Kantischen Kritik an

sie ih m vor Au ge n st and , nämlich in Ge -

der M et aphysik , wie

st alt d er Leibnizisch-Wolffi sc h en Sc hul e, betroffen h a t: daß

nämlich Denken, das in seiner Bedingtheit nur ausreichen soll, auch Bedingtes zu erkennen, sich aufwirft zum Organ oder

gar zu de m Ur sprung von Unbedingtem. Also dieses Problem , das sich in den heftigen älte ren R eaktio n en der Th eol ogien gege n di e M e taphys ik geltend ge m ac ht hat , d as bezei c hne t zu-

gleich selber eines der Kernprobl em e, we nn nicht überh aupt

das K e rnproblem der M etaphys ik . D e nk e n , k ann man wo hl sage n , hat in sich die Tend enz , tradi tio n elle, dogmatisc h e Vor-

dann ihre

18

e reit s

K ant M etap hysik

der Sitten w ürde genannt haben, und der als einer em pfunden

worden ist, der die tra ditionelle Staatsreli gio n auflös t . Das er-

kl:irt Ihn en d as ze it we ili ge Bündnis zw isc h en

gege n die Metaphysik , - n ämli ch gegen

diL· Metaphys ik als das Auflösende, das b eid e in M etaphysik gkichermaß en spüre n . Die Autonomie ist ein Organ des ' l'r;mszendenten u nd ist damit immer au ch in Gefahr, das ·1·ranszenden te, soweit sie es als Metaphysik betreib t, selb er in

positiver R eli gion

Pos iti vismu s und

s l L· llun ge n a u fzu l öse n , so w ie cs un s üb e rl ie f e rt wi r d b

rn11 Sokrates, de r j a wo hl das gelehrt hat , was

is t ein C ha- eilige n , ab e r

doch nicht u nbegründeten Verallgemeinerun g auf alle M e ta-

ph ys ike n , di e m ir j e d en fall s aus der Üb e rli efe ru ng b ekannt

' i nd, w ird üb ertragen k önn en , daß die M etaphys iken immer d1c11so kritisch gewa ndt ge gen irgendwelche n ach ihrer An- "'·!it dogmati sch en und fixi erten Vorstellun gen gew esen sind, wie sie auf der <inderen Seite selber dann w ieder den Versuch 111;1chen, das, woraufj en e dogmatischen oder transzendenten

v, >rstellung en sic h b ezoge n haben, aus re i n e m

.111.s ihrerseits zu erretten. Diese Spannung

•„1111te metaphysisc h e D e nken hindurch , und ich we rde Gele-

!'.rnh cit haben, gerade an Aristoteles Ihnen di ese Spa nnung 11· cht ge n a u z u b eze i c hn e n. - W e nn sc hli e ßli c h di e M e t a ph ys ik 1111d die The olog ie sich vers tändi gt haben , so ist das so ein l\iindni s, etwa vergleichb ar - w enn Si e mir di e soziologische

i( l"de durchge h e n lasse n - 1111d bürgerli ch en K räft en,

"' liichte hat b eo bac ht en können; nämlich: bei d e se h en sich !',nvissermaß en ei n em ge meinsamen Feind gege nüb er, sei es

·k111 radikal aufklärer isc h en Denken d es Po sitivismus, sei es

. 1I wr au ch unt er U ms tän de n d em M

•h·n m arxistisc h e n T h eor ien , richti g ode r fal sch vers tande n ,

·. 1.-!1 m e hr o d e r

, l1.1rakteristi sc h

,ill' Spitze gegen die Th eologie verloren h aben, währe nd an-

Mitleid ens c h aft z u ziehen . Und ich glaub e, es r.1kteri sti kum , das m an in einer vielleicht e twas

De nk en h e r- d u rc h das ge-

ge ht

j enem Bündnis zwisch en Feudalität das man zuzeiten in d er ne u e ren Ge-

ateri alismus, w i e er etwa in

mi nd e r ni ed e rg esc hl age n h at . E s ist wo hl e rst

fü r di e gegen w ä rtig en M e t aph ys ike n , daß sie

r9

dererseits die Theologie erst in dem Stadium einer relativ weit fortgeschrittenen Verbürgerlichung, nämlich auf dem Höhe- punkt der städtischen Kultur d es Hochmittelalters , sich veran- laßt gesehen hat und sich genötigt gesehen hat, nun ihrerseits Metaphysik in sich aufzunehmen, um sich gewissermaßen zu rechtfertigen, apologetisch zu rechtfertigen vor dem mündig gewordenen Bewußtsein der städtischen Bürger, die da erfah- ren wollten, wie denn nun die geoffonbarten Weisheiten zu ihrer eigenen entwickelten und freigewordenen Vernunft sich verhielten . Und das Thomistische System ist der großartige, das Scotistische der schon fast desperate Versuch, diese Recht- fertigung der Offenbarung aus M etaphysik zu leisten.

Jede nfalls also bitte ich Sie, zunächst ei nmal festzuhalten 14 , daß Metaphys iken im prägnanten Sinn Lehren sind von Be- griffen als einem Tragenden, als einem Konstitutiven und als einer Art Objektivität, von der dann das , was man so naiver- weise >das Objektive< nennt, nämlich das zerstreute Einzel- ding, das zerstreute Seiende, gestiftet wird und eigentlich erst abhängt. Vielleicht erinnern Sie sich daran, daß ich im Verlauf der heutigen Vorlesung Sie en passant darauf aufmerksam ge- macht habe, daß die Frage nach der Realität der Begriffe oder:

ob die Begriffe bloße Signa seien, also der Streit zwischen No- minalismus und Realisnms selber innerhalb der metaphysi-

sch e n Arbeit liege, - wie ja

Nominalisten zunächst einmal nicht auf der einen Seite eine Schule von Metaphysikern gewesen sind und auf der anderen Seite eine Schule von Anti-Metaphysikern. Sondern: diese beiden Schulen sindja Schulen gewesen - und zwar sowohl im Islam wie in der mittelalterlichen Philosophie -, die innerhalb des metaphysisc hen Denkens entstanden sind und di e innerhalb

des metaphysischen Denkens miteinander gekämpft haben. Sie mögen hierbei etwas erkennen, was für die Orientierung über den Begriff der Metaphysik wichtig ist, um Verwirrun- gen zu vermeiden. Der Begriff Metaphysik hat nämli ch eine gewisse Formalisierung erfahren, von der man wohl wird sa- gen können, daß auch sie in den Zusammenhang der Auflö-

tatsächlich die Realisten und die

20

sung der Metaphysik mit hereingehöre in dem Sinn, daß be- reits die bloße B ehandlung metaphysischer Fragen - unabhän- gig davon, wie die Antwort erfolgt - als Metaphysik gilt, und gar nicht etwa nur positive Lehren von den ansichseienden llcgriffen oder Wesenheiten. Also beides: die Lehre von der >Hinterwelt<und die Lehre von der Leugnung dieser Hinter- welt, würde, im Sinn dieses formalisierten oder ve rallgemei - 11erten Begriffs, gleichermaßen unter die metaphysische Pro- l1lcmatik fallen; ich würde sagen: bedenklicherweise, weil hi er <kr Fehlschluß naheliegt, dem man gerade im Bereich der vul- g:iren Apologetik immer wieder begegnet: ob nun einer fiir die M etaphysik oder gegen die Metaphysik ist, beides ist ja doch Metaphysik, beides bezieht sich aufletzte Standpunkte, 11ml über die kann man dann eigentlich nicht mehr streiten; w:ihrend das Wesen und di e Anstrengung des Begrifü eben d;1rin besteht, daß man darüber sehr wohl streiten kann, und d.d .: man im allgemeinen, wenn man die anti-metaphysische 1'< >si tion unter den Begriff der Metaphysik ihrers eits nun auch 11<ich subsumiert, daß man sie dadurch bereits um ihre kriti- s.-l1L' Schärfe, um ihr polemisches oder dialektisches Salz ge- 1 1 r;1cht hat. So redet man etwa formaliter von metaphysischem M.1tcrialismus (im Gegensatz zum hist o rischen Materialismus) .J, irt, wo die Materie als letzter Seinsgrund, als das wahrhaft \,· irnde beze ichnet wird, so wie es einmal der Fall war bei 1 l'11kipp und bei Demokrit. Ähnliche Dinge können Sie übri- ,„,·11s heute in der Theologie beobachten, wo j a sehr viele l\lk11schen bereits, wenn überhaupt irgendwas über den N a- 1111·11 Gottes und über dessen Existenz oder Nichtexistenz aus- !'.<'s:1gt wird, darüberjubeln, daß überhaupt von Gott die Rede 1„1. 1111d darüber vollkommen vergessen, ob nun der Betref- 1<-11dl' >dafür<oder >dagegen< ist, was, w ie ich denken würde,

1 1 nl'its daraufhinweist, daß diese Zeit, vorsichtig gesagt, nicht

~•,n;1dl'

·.1 <·11 sl' in dürfte. J e denfalls i st es aber auf der anderen Seite so -

1111!1; 111:111 der Gerechtigkeit halber doch wohl auch hinzufü- 1'.•·11 . daß bei solchen frühen sogenannten Anti-Metaphysi-

die ist, di e dem Bau von Kath edrale n am allergünstig-

21

kern und Materialisten, wie Leukipp und Demokrit es gewe- sen sind, trotzdem in ihrem materialistischen Denken die

absolut en und

letzten Erklärungsgrundes, erhalten ist; es ist so, daß, wenn man diese Denker, diese Materialisten metaphysische Materiali- sten nennt, eben weil ihnen die Materie der letzte Seinsgrund ist, man auch damit sie nicht ganz verfohlt. Aber darin liegt eben bereits ein kritisches Moment diesen frühen Philoso- phen selber gegenüber, das dann in der weiteren Reflexion zu der Kritik an dem, was sie gelehrt haben, geführt hat.

Struktur des Metaphysischen, nämlich die des

22

Stichworte zur

2. VORLESUNG

13. 5. r965 15

('/,cr/citu11g: Diese For111alisieru11g1<> drückt sich aus im formalen <,'/1aml<tcr der üblichen D~finitioncn.

Grund oder der

l 'rsaclze des Seienden; da11ach soll dann, mit der Venuissenschajtli-

1 !11111g der Philosophie,

Danach M[etaphysik/ Lehre vom Ersten, der nqwr17 011aia. 17 1!1111pclsi1111 darin: für uns, an sich.

Die übliche D~finitio11 etwa die vom letzten

1Wctaplzysik die Grundwissenschaft sein.

I !111/i gibt es auch Lehren, wie manche gnostischen (z.B. lviar- l.·i,1111'), oder die des späten Seheier von der Gottheit als T-Yerden-

.f,·111, 1 " auch 111anche Spekulationm vo11 Schelling, 2 " die diesem Bc- 1:1i/('1 abermals nicht genii«?Cn. Z.B. l\,Jetaphysik als Lehre vom

koin-

l~/,·ihl:11dc11 nwf! keineswegs mit dem Bec!frfffder M{etaphysik/

i.!iarn. Mlä/irend ich Ih11e11 Themen der M[etaphysik] wie Sein,

.';<i11si;nmd, Nichts, Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, T#rdm,

11 :i/11hcit, Geist nennen kann

.} * Eill/i\R""2 2 a 11

/l 111/"~""g 2 a:J Während die meiste J\;fetaphysik at!f Invarianten aus 1 1, tl'l'(/1scln ihre Themen. Z.B. der Begriff Kraft heute kau111 1111 /11 i11 ihr diskutiert (Naturwissenschajt!), 13 auch nicht der des 1 1 /1n1.1 (der weithin durch Existenz ersetzt ist.) iWan spricht von \ /11.!1; die sogenannten i\1oden der Plzil[osophie] sind aber indices , 1111·1 'J'icf(Te11. An Leben ze(i.zcn.

l >i1· 111ct<1plzysische Frage, die das gesamte 17 jlz. bewegte, Psyche 11111/ 1'/iysis 1t11d das Problem des psychophysischen Parallelismus, 11111/ ,fi,· 1111clz ihrem mi~!;lichen Eit~fluf! auf ci11andc1; mcrkll'iird(rz 111111 '-:1!1'lrclc11, wahrscheinlich doch unter dem Eindruck der Lehre

Körpenuelt, Kant sowohl wie

, • 'II .11'1' .111{1jcktive11 Konstitution der

,/11 I 11111iris1m, während, lJJe1111 diese Lehre hi1!fällig 1uird, das Pro-

f,/, 111

Jn ioi;. Pa rallelismus wieder aU:&elzen kann und in der envei-

,,, i.11 < ;<'it1iltthcorie Köhlers 14 tatsächlich wieder at~fkam. Es gibt , '" / 11/il<'iim 1111d Ve1gesscn1uerdc11 - kaum: CcliistwcrdCll - meta-

23

physischer Fragen;

Sinn ge-

schichtsphilosophischer Korrespondenzen. 25 [Ende der Einfiigimg}

13. V65

auch

ihr

Wiederheraiifkommen

im

24

Stichworte zur

3- VORLESUNG

18. 5. 1965

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l l 'lilirend ich Ihnen Themen der M[etaphysik] wie Sein, Se~:i~~::<U_"J 1~11111d, Nichts, Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, Werden, Hlahrheit, c :l'ist nennen kann, l~ßt sich ihr voller Begriff - wie jeder nach- 1/uirkliche - nicht in einer Verbald~finitiongeben sondern nur in der /.·1•11/.:rctcn Behandlung der Probleme, deren Konstellation den Be- <~ri/fder Met[aphysik] bildet. Dqfiir will ich Ihnen im 2. Teil der 1 ;1,-/cs1mg Modelle geben. 26 /:11111 Verständnis phil[osophischer] Begriffe entscheidend die Ge- '1 !1ichte der Terminologie. I !r [seil. der Begriff der Metaphysik] deutet auf Aristoteles zurück 1111,/ ::'1/Jar genau auf die Anordnung des corpus Aristotelicum durch l 11dro11ikos von Rhodos 50-60 v. Chr. im 1. vorchristlichen ]ahrhun- ,/, il, ll'O das jenem Bereich gewidmete Hauptwerk des Aristoteles ,111 111 rd cpvaoai, nach der Physik, stand. Ei11(l'ig1111g 2 a

/1111/11.~1111g2 a:} schon bei den Neuplatonikern dieser editionstechnische ,\1/1//(' llllzaltlich interpretiert: µcra ra cpvmx6. := das, was über die .\',1111r hinausgeht, oder eben des »Hinter der Natur« als ihre Ursa-

' !II'.

fl:'11dc der Einfi'ig11ng]

1 >,„ Bi;t;riff entsprang also in einem Prinzip literarischer Anord- 111111<.;; es.fehlte an einem Namenfiir die Sache, weil diese nicht ein I !1u<; 1111ter DinJ;en ist. 1 iu/ ;: die traditionelle Einteilung der lvl{etaphysik}.

// 111/. i.'f /1erkö111111/iche Einteilung der lvl{etaphysik]:

1) ( )11tologie == Lehre vom Sein und vom Seienden 2) Vom

11i1c11 der Welt (Kosmologie) 3) des Menschen (plzil[osophische]

1111/11<>/}()logic)

4) Existenz und Wesen der Gottheit (Theologie).

/, li11l!I noch bei Kant nach, dessen Thematik von elien dem VO~([ege­ 11 11 1 11s er kritisiert. Dies ist gut weil er nicht drauflosdenkt, schlecht ,/1111 /1 die Inlzomo,t;enität gegenüber seinen e(([enen 110111inalistische11

/„

1''l•lllSSCfZllllgen.

25

Unterscheidung spekulativer und induktiver Met[aphysik]. All das sind spezifisch dogmatische Kategorien, die sich aiif einen vorge- gebenen und positiv /ehrbaren Gegenstandsbereich beziehen, d. h. sie gelten der Verschmelzung von Theologie und 1\tfetaphysik. Da aber der Gegenstandsbereich selber problematisch, keine solche Dok- trin vorzutragen ist, erinnere ich ,m diese Kategorien, deren Pedan- terie des Gegenstandes spottet, damit Sie sie wissen, ohne im weite- ren darazif einzugehen. Man unterscheidet, eber!falls herkömmlicherweise, deduktive und induktive Metaphysik (ebenfalls nicht ohne aristotelische Winke) In duktive Metaphysik ein art!fiziell ersonnener Hi! fsbegrijf, der ein Veifa llenes bewahren möchte durch Anpasstmg an eben das, wodurch es zersetzt wurde. Wi e die relatiJJe Verelendung2 7 Induktiv = empirisch = naturwissenschaftlich. Es soll also mit Eifahrung ,i,?erechtfertigt werden was diese liber- steigt. Noch der Heidegger-A11Satz der Daseinsanalyse als Eingang zur Ontolo,'?ie hat etwas davon . Ein scheinbar der Eifalmmg so Q{fenes wie Dasein , d. h. im Grunde die Eifahrung des Su~jekts, und zwar des je Einzelnen,

von sich selbst, soll Eit1sicht i11 das lilksen des Seins eröj]i1en, trotz ihrer Beschränktheit und Z1ifälligkeit. Das setztfreilich bereits jenes metaphysische Vorrecht des lvienschen voraus, der sich ausspricht, indem er Dasein das Ontische nennt, das zugleich ontologisch, also, qua Bewtißtsein, azif seine Konstitllentien durchsichtig sei. 28 So leicht nun aber auch das Widersprüchliche einer induktiven

M etaphysik festzustellen ist - es allein man nicht nach wissensclu!ftlicher Sitte

eliminiert. Tatsächlich gibt es einm - freilich mit den Mitteln gängiger In- duktion so wenig wie im Hinblick aiif eine sich ersclzli~ßende Onto-

logie zu fassenden - Begriff metaphysischer Eifahrung. Viel/eicht z unächst einfach Ungenügen am Akzeptieren. Z.B. »Luderbach«, tote Tiere. 29 H1an11n he!ßt die Bank Bank? 29 " Wenn ich Ihnen, im 2. Teil der Vorlesung, einige meiner e(?,enen Überlegungen zur Metaphysik 30 mitteile, so hoffe ich Ihn en eine Vorstellung dessen übermitteln zu können, was ich metaphysische

ist kein Einwand, wenn den Widerspru ch einfach

1 ·,1;i11nmg nenne. Jetzt schon aber: sie ist, im Ganzen der Theor ie, .-i11 .\Jo111ent, nicht selbst das Ganze, nicht ein Unmittelbares, auf ,/,1s 11ian sich in Fmge11 der Metaphysik als az!f ein Letztes, Absolu- '"' :·11rückz iehen düifte. I >ic Verschränkung JJOn Metaphysik mit dem Denken, die Ari- so nachdrücklich ,Regen den Hylo zoismus vollzog, 31 ist un- 11•!,/crruflich. {Ende der Eilfiigu11gJ

·.f1>fl'!cs

\ /,111 kmm mm tatsächlich sagen, dqß die M{etaphysik] mit Aristo- '' ff'S illllzebt.

l licr Literaturhinweis 3 ".

27

18. Mai 65

4. VORLESUNG

25. 5. 1965

Ich hatte in der letzten Vorlesungsstunde zum Schluß die These ausgesprochen, daß in einem prägnanten Sinn die Me- taphysik mit Aristoteles beginne. Diese These ist einigerma- ßen schockierend, obwohl der Schock nicht so furchtbar groß gewesen sein wird, wenn man bedenkt, daß die griechische Spekulation eine lange Vorgeschichte hat, in der sie sich be- reits vom Hylozoismus und den etwas kruden Erwägungen über die Natur weitgehend emanzipiert hatte; ich nenne nur die Namen Heraklit, Parmenides und vor allem selbstver- ständlich Platon. Wenn ich versuche, Ihnen diese These we- nigstens etwas näher zu begründen, so tue ich das nicht, um mir den Spaß einer Paradoxie zu erlauben, sondern weil ich glaube, daß ich Ihnen dabei etwas nicht Unwesentliches zun1 Begriff der Metaphysik selber sagen kann. Sie werden sich an die Bestimmungen der Metaphysik erinnern, die ich Ihnen gegeben hatte; es waren ja keine Definitionen, aber eine Reihe von thematischen Hinweisen und Sätzen, die Ihnen ungefahr zeigen sollten, womit Metaphysik sich beschäftigt; und unter denen spielte die Frage nach dem wahrhaft Seien- den, dem Einen, dem Wesentlichen ihre große Rolle. Die Pla- tonische Ideenlehre hat es mit diesen Begriffen ja in der Tat, und ich nehme an, daß Ihnen allen das rnehr oder minder ge- läufig ist, zu tun. Die Ideen, das heißt also: die hypostasierten Allgemeinbegriffe, wie man das auszudrücken pflegt, sollen eben gegenüber dem zerstreuten Mannigfaltigen das Wahr- hafte sein, das Eine, das Wesentliche und vor allem auch die Ursache aller Erscheinungen sein, - eine Definition, eben die von der Metaphysik, die es mit den Ursachen aller Dinge zu tun hat, die dann in der »Metaphysik« des Aristoteles über- nommen und geradezu zur Definition der metaphysischen Fragen erhoben worden ist 33 . Nur den Formen der Dinge kommt Platon zufolge wahres und ursprüngliches Sein zu; und diese Formen kommen - das ist der berühmte Streit, den

28

'· 1 111it Antisthenes hatte 34 - nicht nur als Abstrakta einer Man- 1i1!~1:dtigkeitvon einzelnen Dingen zu, sondern diese Formen ·.11Hl ihrerseits sowohl logisch wie genetisch gegenüber den ,·111:relnen Dingen das Primäre. Sie heißen deshalb, eben als ein .·\ 11s1chseiendes, das gewissermaßen der >Schaw offen sei - wie '.„ 1111 Höhlengleichnis 35 ja auch liegt - clooc; oder lMa; und in l·1·1den Worten - Elooc;, Wesen, und loea, eben unserem Wort l 111 1dee - steckt ja der Stamm to, po, der sich auf das Visuelle,

das Optische, auf das Sehen bezieht. Insofern also könnte

11 tl

111.111 zunächst einmal, im Sinne der Thematik, Platon für den

11rn1etaphysiker, für den Metaphysiker schlechthin halten, 11111I vielfach gilt er ja auch als ein solcher. Aber bei Platon ist- 1111d das ist das Entscheidende nun, wodurch wir dem Begriff •In Metaphysik wesentlich näherrücken -, bei Platon ist die ·.1111iliche Welt, ohne daß er das im übrigen, so wenig wie vor tl 1111 schon die Eleaten, strikt durchzuhalten vermöchte, als das 1ilcchterdings Nichtseiende bezeichnet. Es gibt eigentlich •III' Welt der Erscheinungen in einem nachdrücklichen Sinn 1tl wrhrnpt nicht. Und man kann sagen - wenn Sie mir einmal ' 111" so drastische Redeweise zur Orientierung gestatten; nur

,

l.1111 it Sie so in allergröbsten Zügen topologisch

sich zurecht-

l 111dl'11 -, daß die Platonische Philosophie eine

Synthese aus

dem He-

1rl. 111 darstellt, weil er von Parmenides die Lehre von dem Sein tl·. d1"111 schlechterdings Einen, Unteilbaren und Unvergängli-

, 11,·11 hat, während er von Herakleitos die Lehre von der abso-

1111.·11 Vergänglichkeit der Erscheinung übernimmt, die in ei- ' 1• 111 steten Fluß sich befindet und die überdies, wie vor allem 111 •11·111 \'erhältnismäßig späten Dialog »Theaitetos« von Platon

" 11 1q •,nviesen wird, trügerisch sein soll, auf die kein Verlaß • 111 ""II. Die Grundanschauung, die für die spätere abendlän- ' l1" 111' Philosophie immer wieder maßgebend geblieben ist •1111 I 'l 1,· in anderen Formen immer wieder herauskommt, ist ja · l 1, rnll dem Trug, von der Scheinhaftigkeit der sinnlichen 1 1 .111·11. Noch etwa bei einem so nominalistischen Philosophen · 11· H1ll Locke kehrt diese These in der Unterscheidung der

• 1. · 111 1;,katismus, dem Parmenides insbesondere, und

29

prin1ären, den Dingen an sich zukommenden und der bloß

subjektiven, sekundären Qualitäten

wieder. 3 r'

Es bedarf keines Wortes - und es hat in der Geschichte der Philosophie sehr vieler Worte bedurft -, um dieses Drastische zum Bewußtsein zu bringen, daß die Trennung der Idee von der Sinnenwelt, in der eigentlich bei Platon beschlossen ist die Lehre von dem Sinnlichen als dem Nichtseienden, von dem ,llft ov, - daß die sich sehr schwer durchhalten läßt. Es ist der Nachweis möglich, und mit Stringenz möglich, daß die Qua- litäten, die die Ideen an sich reißen, indem sie zu dem Ansich- seienden werden, in Wirklichkeit mehr oder minder aus der Welt der Erscheinungen stammen; daß gleichsam die Verabso- lutierung der Idee aufKosten der Sinnenwelt geht, der sie ent- rissen ist. Platon selbst ist auch in dieser Hinsicht keineswegs konsequent gewesen. Wenn er etwa die Idee als die Ursache alles Seins und alles Seienden bezeichnet, so ist in dieser Verle- gung der Idee in die Sphäre absoluter Ursprünge, der ein dar- aus Entsprungenes gegenübersteht, ja bereits impliziert , daß es eben auch etwas anderes, nämlich das Entsprungene, geben muß. Oder, um Sie an ein sehr berühmtes Theorem von Pla- ton zu erinnern: die Lehre von der µf;{}Ef;u;, der Teilh abe der zerstreuten Dinge an der Idee, der sie jeweils unterstehen 37 , setzt ja auch ein von der Idee Unterschiedenes voraus; wenn es nichts gibt, was von der Idee unterschieden wäre, dann wäre eine solche >Teilhabe< an der Idee, eine solche µf;{}d,lc;, über- haupt nicht möglich. Tatsächlich hat der späte Platon die strenge Fassung der Ideenlehre, wie sie in den sogenannten klassischen, mittleren Dialogen vorliegt, weitgehend revidiert. Ich erinnere hier an den merkwürdigsten und zu unzähligen Schwierigkeiten führenden Dialog aus der Spätzeit des Platon,

der den Namen »Parmenides« trägt - den Sie natürlich nicht mit dem Eleaten Parmenides verwechseln dürfen, der aller- dings der Held, der Sieger dieses Dialoges ist-, in dem Platon eigentlich die, ja, man könnte sagen: implizit bereits sehr dia- lektische These vertritt, daß, sowenig wie das Viele ohne das Eine ist - und dieses Viele wären ja die zerstreuten Dinge ge-

30

genüber der einen Idee, unter die jedes Ding einer Gattung fallt-, daß also, sowenig dieses Viele ohne das Eine, ohne seine Idee sei, daß auch genausowenig das Eine, die Idee, ohne das Viele sei. 38 Es ist gar kein Zweifel, daß die Spätzeit von Platon in zunehmendem Maß das Seiende gegenüber der Idee zur Geltung bringt; obwohl es in der Chronologie der Platoni- schen Werke, so wie sie heute üblich ist (und wie ich ihr übri- gens, trotz der gesamten Autorität der klassischen Philologie, 11icht unbedingt vertrauen möchte, aus sachlichen Gründen:

11icht aus philologischen, sondern aus philosophischen), so ist, daß einer der Dialoge, in denen die Ideenlehre am schroffsten vertreten ist und arn kunstvollsten durchgeführt ist, nämlich der »Phaidros«, außerordentlich spät datiert wird, - wodurch 11atürlich jene Entwicklung von Platon, sagen wir: hin auf ,·it1e größere Anerkennung der Empirie, ein bißchen schwie- rig wird. Aber ich möchte doch eine solche Entwicklung, 1rotz des Protests der eingefleischten Platoniker, annehmen 1111d möchte Ihnen immerhin sagen, daß in den angelsächsi- "·hen Ländern, in denenja eine sehr große Kultur der Inter- l'rctation der klassischen griechischen Texte herrscht, sogar die Hypothese nicht selten anzutreffen ist, daß Platon als alter Mann in einer gewissen Weise rückläufig beeinflußt worden ist von seinem Schüler Aristoteles; oder auch, daß er auf < :rund seiner politischen Enttäuschungen bei den Versuchen, 'l1c Welt rein aus der Idee einzurichten, zu einer stärkeren An- nkennung dessen was ist, des Zerstreuten, bloß Seienden, ge- 1wungen worden ist. Wenn man etwa die Entwicklung von 'lrn1 klassischen großen Werk über die Politik, der »Politeia«, 1il •er den >Staatsmann<, den »Politikos«, bis zu dem letzten Werk, den >Gesetzen<, den »Nomoi«, vergleicht, so spricht da 1.11s:ichlich manches dafür, daß das so sei. - Aber ich deute Ih- 1w11 das nur an, um Ihnen zu zeigen, wie komplex die Verhält- 111ssc sind. Sie alle würden im übrigen gut daran tun, wenn Sie .·1111:ichst einmal, ehe Sie in diese sehr komplizierten Pro- [,[„1ne, auf die ich Sie hier auch nur hinweisen kann, eintreten, -.11 li etwa einmal die berühmten Goetheschen Beschreibun-

31

gen der beiden, von ihm einander gegenübergestellten Philo-

sophen Platon und Aristoteles anseh en, in denen er ja, heute würde man in vulgärer Weise sage n : den idealischen Platon

dem realistischen Aristoteles, der mit

Erde steh t , w ie es bei Goethe h eiß t , gege nüberstellt. 39 Nach dem, was ich Ihn en hier zunächst gesagt hab e, wird Ihnen meine Behauptung, daß die M etaphysik eigentlich mit dem Aristoteles beginne, d oppelt schockierend sein - ich komme offenbar von der Hoffnung nicht los, daß Sie schok- kiert sind -, und zwar einfach deshalb, weil dem G ewicht nach, das die Überwelt, die Transzendenz gegenüber der Welt

zu h aben scheint , doch der Platon viel metaphysischer sch eint eben als sein Schüler Aristoteles. Aber an die ser Stelle li egt nun, glaube ich, der Problempunkt, von dem aus Sie am be- sten verstehen können, was Metaphysik eigentlich bedeutet. Auch we nn wir nämlich zugestehen, daß Platon 40 nolens vo -

lens (o der wie auch immer) der Welt

enden , also der Welt der sinnlichen Erfahrung viel größeres Gewicht gegeben hat, als er der strengen Ideenlehre nach es hätte tun dürfen; und auch wenn man weiter zugesteht, daß di ese Tendenz bei Platon im Lauf seines langen Lebens sich verstärkt h at , so fehlt jedenfalls eines ganz entschieden: näm-

lich die Reflexion darauf, w ie nun diese beiden Sphären - also die Sphäre der unmittelbaren Erfa hrun g und die Sphäre d er Idee, des B egriffs, des Einen oder wie immer Sie das n ennen mögen - sich zueinander verhalten. Man könnte vielleicht am ehesten sagen, daß die Probleme der Metaphysik, die traditio- nellen Probleme der Metaphysik, zwar in der Struktur der Pla- tonischen Philosophie, in der Struktur der Platonischen Ideenlehre sich durchsetzen, abe r daß sie gleichsam objektiv sich durchse tzen, ohne daß sie selber in der Philosophie des Platon thematisch w ürden. Die Spannung zwischen der Sphäre der Transzendenz und der Sp häre dessen , was bloß der Fall ist, die Spannung zw ischen ro ov und ra ov ra ist zwar, we il sie unve rmeidlich ist, in der Platonischen Philosophie vorhanden und bricht auch imm er w ieder durch ; aber seine

seinen Füßen fest auf der

des µY; ov, des Ni chtsei -

32

Philosophie ist nicht so, daß sie diese Spannung selber in das Zentrum d er philosop hischen Spekulation rückt . Was ich nun l'ige ntlich Ihn e n begreiflich machen möchte , ist, daß die Sphäre der Metaphysik in dem prägn an ten Sinn erst dort ent- steht, wo diese Spannung selber nun zum Gegenstand der Phi- losophie wird, in das Blickfeld des D enkens tritt. Die Meta- physik also, könn te man sagen, entspringt an der Stelle, an der <!ie Erfahrungswelt schwer genommen wird und in ihrem Ver-

hfänis zu der vorher einfach hingenommenen üb ersinnlichen Welt durchdacht wird. Die Platonische Ideenlehre können Sie mit nicht allzuviel

( :ewalt sich vors tell en als eine Säkularisierung der Th eologie. Man hat die Platonischen Ideen als die Begriff gewordenen

( ;iitter bezeichnet, und man wird da wenig dagegen sagen

kiinnen, so wie j a auch die oberste Ide e, die Id ee des G uten

oder der G erec htigkeit, ro ayatt6v od e r fJ Oixawav

v17, bei

l'iaton häufig a ls {}t:6r;, wahrscheinlich unt er An le hn u ng an ,·111e unmittelbar Sokratische Tradition, genannt wird. Aber 'Lis Problem , das durch diese Säkularisierung sich stellt: daß, ll'L'llll einmal die Götter zu Begriffen, also zu Einheiten von l ·:rscheinungen, gemacht werden, dadurch ihr Verhältnis zu 'lt-11 Er sch einun gen selbst ein völlig anderes w ird , als wen n die < ;iitter einfach jenseits, in ihrem Olymp, angesiedelt wer-

'"'" · - dieses Problem taucht zwar in den erkenntnistheoreti- ·., lirn und log isc hen Sc h w ierigkeite n, die Platon behandelt , 1111111er wieder auf; aber er war darin , wenn ich es so sagen darf, 11.1iv theol og isch , daß er aus der Säkularisation in den Begriff, .!1<· LT selbst vollzogen hat, nicht die Konsequenz zog, daß da-

oder der Idee zu der Welt der

1· rscheinunge n selb er sic h radikal verändert, daß es problema-

' l 11 rch

das V erhältn i s des Begriffs

11·;i·ii wird. Man könnte also sagen - und damit glaube ich , Ih-

11<·11 den gesc hi chtsphilosophischen Ort von

.l.1111it (da ich glaub e, daß da s Wesentliche immer ein Ge-

M etaphysik und

·' lii c htliches ist) auch das Wesentliche von M e tap hysik ein

1>1 1:,· li en b esse r be z eichnet

• .J "Trbchli c h en Referaten über die Thematik der M e taphysik

doch relativ

z u haben, als es in den

33

möglich ist-, man könnte die Metaphysik bezeichnen als das Produkt eines Bruchs zwischen den Wesenheiten, ebenjenen zu Ideen säkularisierten Göttern, und der Erscheinungswelt, der in dem Augenblick, in dem überhaupt aus den Göttern Begriffe und damit aus dem Sein auch eine Relation zu Seien- dem wird, unvermeidlich ist; während auf der anderen Seite die beiden Momente nicht naiv aufeinander sich beziehen und gleichzeitig formulieren lassen. Man könnte infolgedes- sen auch sagen, daß die Metaphysik, weil sie versucht, die Ideen als ein mit der Empirie Verbundenes, aber gegenüber der fortschreitenden Säkularisierung Gefährdetes anzusehen, selber von Anbeginn auch in ihrer eigenen Entwicklung ge- fährdet gewesen ist. Und es ist in diesem Zusammenhang ganz sicher kein Zufall, daß der Nominalismus - also die radikal aufklärerische Ansicht, die jedes Ansichsein der Idee bestrei- tet - gerade an den Aristoteles sich angeschlossen hat, und zwar zweimal, in Arabien, in der arabischen Philosophie ebenso wie in der Scholastik; obwohl, wie man nicht nach- drücklich genug sagen kann, Aristoteles selber, wie Sie dann erfahren werden, alles eher als ein N ominalist gewesen ist. Wenn Heidegger die Metaphysik gegenüber dem ursprüngli- chen Seinsverständnis der archaischen Philosophie als etwas wie einen Abfall, als rationalistisch bezeichnet, 41 so kann ich ihm rein phänomenologisch, also was die Charakteristik des Tatbestandes anlangt, gar nicht durchaus Unrecht geben. Die Metaphysik ist auf der einen Seite, wenn Sie so wollen, immer rationalistisch als Kritik einer Ansicht von dem Ansichseien- den, Wahren und Wesentlichen, sofern es vor der Vernunft nicht sich rechtfertigt; sie ist auf der anderen Seite aber auch immer und ebenso ein Versuch, das, was das Ingeniu m der Philosophen verblassen und entschwinden fühlt, zu retten. Es gibt eigentlich keine Metaphysik, oder nur sehr wenig Meta- physik, die nicht der Versuch zur Rettung dessen wäre - und zwar zur Rettung mit den Mitteln des Begriffs -, was seiner- seits durch die Mittel des Begriffs bedroht erscheint und im Begriffzu zerfallen oder, wie man dann mit dem uralten anti-

34

sophistischen Affekt es genannt hat, zersetzt zu werden droht. Metaphysik ist also, so könnte man es vielleicht ausdrücken, l'twas grundsätzlich lvfoden1eo~ - wenn Sie einmal den Begriff der Moderne nicht auf unsere Welt einschränken, sondern .1uch auf die griechische Geschichte ausdehnen. Und es ist kein Zufall, daß Metaphysik im Hochmittelalter wieder aufer- standen ist in der Zeit der städtischen bürgerlichen Kultur, in der die naive Unmittelbarkeit zu dem christlichen Glauben krcits erschüttert war; und dann ein zweites Mal in der Ge- s;1mtbewegung des Denkens, die man im allgemeinen durch Begriffe wie Renaissance, Reformation, Humanismus einzu-

! '. rcnzen pflegt.

Aristoteles kritisiert in dem ersten, eigentlich metaphysi- .,,·Jien Werk der Literatur - eben jenem, das der Gattung den N;1111en gegeben hat - den Platonischen Versuch, der Sinnen- wclt das Wesen einfach als ein davon Abgegrenztes, schlech- t ndings Verschiedenes gegenüberzustellen. Er kritisiert vor .il lrn1 die Platonische Hypostasis der Allgemeinbegriffe als <"111c Verdopplung der Welt, - ein sehr legitimes und mächtiges M' >tiv, das eben daraufberuht, daß ja all das, was den Ideen zu- !·.«schrieben wird, aus der empirischen Welt hergeholt ist; .il111lich, wie Herren von der Arbeit ihrer Knechte oder ihrer ',kJ:1vt:11 gelebt haben. Er sucht aber gleichzeitig seinerseits 111111 selber der sinnlichen Welt, der Welt der Erf:'lhrung das W<'scn abzuzwingen und es insofern eben doch zu erretten:

1111d genau diese Doppelintention auf Kritik und Rettung, die 111.11 ht das Wesen der Metaphysik aus. Also die Polarität von l.1 11 ischer Rationalität auf der einen Seite, verbunden mit dem l '.11 lms der Rettung auf der anderen Seite, das ist das, was je- ' l<-11Ldls die Geschichte hindurch, die Geschichte der traditio-

11„11<'11 Metaphysik hindurch, ihr Wesen bezeichnet hat. Meta-

1d11 sik wäre zu definieren demnach als die Anstrengung des 1>1·11kc11s, das zu erretten, was es zugleich auflöst. Ich glaube,

,1il" d icse Formulierung deshalb vertretbar, daß

111. li1 willkürlich ist, weil genau die Struktur, die ich Ihnen 1111·1 !'.rundsätzlich an der »Metaphysik« des Aristoteles - oder

sie deshalb

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als Voraussetzung der »Metaphysik« de s Aristoteles - gezeigt habe, für die Stellung Kants zum Problem der Metaphysik

gewisse Übersicht über die th eoretischen Hauptmotive des

tation des ersten Satzes der »M etaphysik« d es Aristoteles; ich nehme nur die se n einen Satz. Ich darf Ihnen diesen Satz auf

charakteristisch ist. Obwohl Kant durch die Hervorkehrung eines schroffen und unversöhnten Dualismus d em philoso phi-

Griechisch an die Wand schreiben; ich weiß, daß viele von Ih- nen kein Gri ec hisch kö nnen , abe r es ge ht nicht and ers; und

schen Klima nach sicherlich mehr mit Platon gemein hat als

ich

werde Ihn en alles

das , was dabei zum Verständnis notwen-

mit Aristoteles - und in der »Kritik der reinen Vernunft« ste-

dig

ist , erklären. Also dieser Satz lautet:

hen, als Einleitung des Abschnitts über die Ideen, die großar- tigsten Seiten, die überhaupt jemals über Platon geschrieben

als Einleitung des Abschnitts über die Ideen, die großar- tigsten Seiten, die überhaupt jemals über Platon

worden sind, 41 Seiten, die ich Ihrer aller Lektüre aufs drin- gendste anempfehlen möchte-, kann man sagen, daß in bezug auf diese Doppelintention von Kritik und Rettung Kant dem

Das heißt nach den üblichen Übersetzungen: Alle M enschen streben nach dem Wissen von Natur aus . Ich will nachsehen,

Aristoteles, den er gar nicht so besonders gemocht hat, näher

w ie es in der jüngsten Überse tzung steht. Alle M ensc hen -

steht, als er dem Platon gestanden hat. 43 Wenn Sie mir diese geschichtsphilosophische Konstruktion zunächst einmal auf Kredit abnehmen, dann werden Sie vielleicht verstehen, warum ich es für notwen dig h alte, daß man, um den Begriff der Metap hysik richtig zu verstehen, zunächst einmal sich eine

Aristotel es verschafft. Diese Arb ei t setzt aber nun voraus, daß Sie sich noch ein bißchen mehr Rechenschaft geben über sei- nen geschichtlichen Stellenwert, denn erst au s einer solchen Einsicht in seinen geschichtlichen Stellenwert können Sie et- was konkreter das nachvollziehen, was ich meine.

heißt es hier- sind von Natur

Dieser Satz ist bei H eidegger in »Sein und Zeit« wiedergege- ben mit den folgenden Worten (bitte, halten Sie die übliche Übersetzung fest: Alle Menschen streben eifrig nach Wissen vo n N atur aus), Heidegger sagt - übrigens vo rsichti g; ohn e das direkt als Übersetzung zu zitieren-, er sagt: »Die Abhand- lung, die in der Sammlung der Abhandlungen des Aristoteles zur Ontologie an erster Stell e steht, beginnt mit dem Satze:

JTavu;~ avrfr2w1Wl TOV elMvat OQEYOVTat <pVOEl. Im Sein des Mensc hen lie gt wesenhaft die Sorge des Sehens.« 46 Ich möchte mich nicht d amit b egnügen, di ese Stelle einfac h ihrer

aus eifrig bemüht ums Wissen. 45

Diese Aufgabe

ist heute erschwert - in der Philo so phie;

Gekünsteltheit wegen lächerlich zu m ac hen, denn es kann das

nicht in der klassischen Philologie, aber in der Philosophie - , erschwert durch den Einfluß von Heidegger und seiner

Gekünstelte und Fremde einem fremden Text gegenüber durchaus auch eine sehr heilsame Funktion haben. Und ich

Schule, der in einem kaum vorstellbaren Maß , obwohl er

das

möchte gleich sagen, daß Heidegger Widerstände setzt gegen

sehr genau er-

aufklärerisc h-rationale Mom ent an Aristo teles

kannt hat, doch andererseits so etwas wi e eine Repristination des Aristoteles ve rsucht . Und ich glaube, ich muß Ihnen, ehe ich zum Aristoteles übergehe, doch zur Kritik dieser Ansicht ein paar Worte sagen; und zwar möchte ich das tun, indem ich dabei eingehe auf eine ga nz bestimmte Interpre tation, we il ich glaube, daß solche Dinge an konkreten Details besser sich zei- ge n lasse n , als we nn man in d em Bereich der allgemeinen Be- hauptung verbleibt. Es handelt sich also hier um die Interpre-

die glatt e Art, in der man, da nun einmal eine solche Tra dition

Antike und uns besteht, in unse rer Sprac he, in

unserer modernen Sprache griechische Texte wiedergibt. Aber diese Deutung ist nun eben doch nicht ein solcher heil-

samer Verfremdungseffekt, sondern sie verstößt gegen den einfach sten Wortlaut. Wenn er zqm Beispiel sagt: >Im Sein des Menschen<, so ist der Mensch dabei b ereits auf den Singular

gebracht , und damit eben jene Priorität des

Mens ch en, al so eine Art anthropologisc her Ontologie, stipu-

Wesenhaften d es

zwischen der

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liert, die beim Aristoteles überhaupt erst das Thema ise 7 . Ari- stoteles sagt eben nicht: der Mensch oder das Dasein oder die Existenz, sondern er sagt ganz einfach und brav: alle Men- schen, die Menschen, und nicht: die einzelnen. Menschen. Denn sloevat heißt ganz einfach wissen, und avlfewnol TOV sloevw bef:yovrm heißt: die Menschen befleißigen sich des Wissens oder streben nach dem Wissen. Nun ist es, wie ich Ih- nen vorhin schon anzudeuten Gelegenheit hatte, 4 ~ sicher richtig, daß in diesem sloevm der Stamm [F]to steckt, der auch in lofo ist und der das sinnliche Verhältnis des Sehens charak- terisiert. Aber Heidegger unterschlägt dabei einfach die ge- samte Geschichte der Sprache, die, im Griechischen ganz ähn- lich wie bei uns, von einer sehr vollen, sinnlichen Vorstellung,

di e ursprünglich

mit den Worten verbunden gewesen ist, die se

Worte immer mehr begriffiich sublimiert hat. Es kann gar kein Zweifel sein, daß auf der Stufe des Aristoteles eben wirklich sl- Mvm bereits soviel heißt wie: wissen im Sinn des von der sinn- lichen Gegenwart emanzipierten Bewußtseins. Da aber bei ihm, wie ich Ihnen eben schon sagte, die Ontologie, die hier erst thematisch ist, in einem Akt der Repristination suppo- niert wird, so sollen eben die Wesenheiten oder das Sein oder was immer es auch ist, als ein Ansichseiendes gleichsam sinn- lich dem Bewußtsein vor Augen stehen. Und deshalb rück- übersetzt Heidegger dieses slO/:vm in seinen viel älteren Stamm der sinnlichen Gegenwart, obwohl es auf dieser Stufe das schon völlig eingebüßt hat. Dann sagt er: es liegt im Sein des Menschen >wesenhaft die Sorge des Sehens<. Hier ist ganz flagrant, was er da verübt, denn jeder, der auch nur im geringsten mit der Geschichte der antiken Philosophie vertraut ist und der sozusagen das ele-

mentarste Griechisch kann, weiß, daß der Begriff q;vaEt ein philosophischer Terminus ist, der schon in der Sokratik und in der Sophistik - 100 Jahre vor Aristoteles ungefahr, ich kann Ihnen das Datum nicht genau sagen - im Gegensatz zu f}fost seine Rolle spielt als das, was >von Natur aus< so ist, gegenüber dem bloß Gesetzten oder Gesatzten, dem, was i'Hast sei. Der

Ausdruck für >wesenhaft< wäre ganz anders, ovrwc; etwa oder ilvrwc; ov, wie es bei Platon heißt; aber ganz sicher nicht <pvan, weil ja in cpvan cpvatc; und damit, noch aus d er alten hy- lozoistischen Zeit , die Erinnerung an die phys ische Natur mitschwingt. Er will also ganz einfach sagen - und das ent- spricht sehr dem Geist des Aristoteles, der eir1e merkwürdige Mischung von einem Ontologen und einem Physikprofessor gewesen ist-, daß die Menschen, so wie sie sind, von Natur aus, danach streben zu wissen. Aber daß das im Sinne 49 einer bestimmten ontologischen Vorstrukturiertheit des Daseins, in dem das Sein erscheinen soll, gemeint sei, davon ist im Aristo- teles auch nicht ein Schatten zu finden. - Und schließlich: das <J(}Byt:alfat b edeutet nichts anderes als sich anstrengen, sich sehnen, nach etwas streben, - und hat mit dem Begriff der Sorge, die ja bekanntlich eine der Kernkategorien des Hei- degger ist, überhaupt nicht das rnindeste zu tun. Sondern: es wird einfach dieser >Liebe zur Weisheit<"<', also einem zunächst ganz Handfesten, hier eine existentiale Deutung: daß darin gewissermaßen die Sorge des Daseins selber um sein Sein stecke, unterschoben, - obwohl keine Philologie, keine sprachliche Kenntnis, fragen Sie irgendein Lexikon danach, dieses beeywiJm mit dem Begriff der Sorge irgend zusam- menbringen kann. Ich glaube, ich habe Ihnen, indem ich diesem Satz ein biß- chen näher nachgegangen bin, zugleich das gezeigt, was ich Ihnen eigentlich hier als die Hauptidee dieser Vorlesungs- stunde habe entwickeln wollen: daß nämlich der Aristoteles ausgeht von dem alltäglichen, bereits aufgeklärten sinnlichen Bewußtsein und versucht, durch die Reflexion des zunächst mir unmittelbar sinnlich Gegebenen dann zu der Einsicht in das wahrhaft Seiende zu gelangen, - anstatt daß dabei wie im archaischen Denken das Wesenhafte bereits vorausgesetzt und supponiert wäre. Wäre es anders; wäre es so, wie Heidegger diesen Satz interpretiert, dann wäre eigentlich Aristoteles gar kein Metaphysiker, so ndern wäre selber genau der Ontologe, von dem Heidegger an anderer Stelle bestreitet, daß er es ist 5 1 .

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Aber die Metaphysik hat genau ihr Spannungsmoment in die- sem scheinbar handfest empirischen Satz, in dem aber, als Be- dürfnis, das Hinstreben nach dem Wissen und objektiv damit nach der absoluten Wahrheit gesetzt ist, - so daß von der Wahrheit her schließlich doch auch all das sich konstituiert. Und damit haben Sie eigentlich ganz deutlich bezeichnet das geistige Klima, in dem die Aristotelische »Metaphysik« sich abspielt. - Ich glaube, daß ich danach dann in der nächsten Stunde dazu übergehen darf, Ihnen einiges zum Inhalt der Aristotelischen »Metaphysik« selber zu erzählen.

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5. VORLESUNG

I. 6. 1965

Ich beginne nun heute, so gut ich es vermag, Ihnen einige der Hauptgedankengänge der »Metaphysik« des Aristoteles mit- zuteilen und daran Erwägungen zum Problem der Metaphysik überhaupt anzuschließen. Ich halte mich dabei wesentlich an die Darstellung von Eduard Zeller 52 , obwohl mir selbstver- ständlich bewußt ist, daß seit der Zeit von Zellers Werk die Aristoteles-Forschung im einzelnen philologisch außeror- dentliche Fortschritte gemacht hat. Ich möchte aber doch bei dieser Gelegenheit einmal sagen, daß es mir scheint, daß diese Einzelfortschritte in einem weiten Maß aufKosten der philo- sophischen Anschauung gegangen sind, über die Zeller, als Mitglied der Hegelschen Schule, noch in einem Maß verfügt hat, das dann vollkommen verlorengegangen ist. Und ich

ziehe deshalb die Orientierung und die Durchblicke, die er hier gibt, der vielleicht im Detail größeren Akribie vor, da es mir ja mehr darum zu tun ist, Ihnen wirklich etwas von Ari- stoteles für die Problemgeschichte der Metaphysik überhaupt begreiflich zu machen, als nun Ihnen eine im einzelnen unan- fechtbare akribische Darstellung des Aristotelischen Werkes zu geben. - Die Definition der Metaphysik findet sich bereits in dem ersten Buch, dem Buch A, und sie stimmt mit dem überein, was ich Ihnen bereits zu der Thematik von Metaphy- sik gesagt habe, 53 wenn sie auch die Problemstellung gegen- über der Mannigfaltigkeit von Themen, die wir gewöhnt sind, mit dem Namen Metaphysik zu verbinden, etwas einschränkt. Es heißt nämlich, die Metaphysik sei die >Wissenschaft von

und Ursachen< 54 ; wobei natürlich die

den ersten Prinzipien

Beziehung auf die Platonische Ideenlehre, die ja auch ebenso die ersten Prinzipien, die obersten Begriffe, die Ursachen der Erscheinungen abzuhandeln verspricht, zunächst einmal auf- fallt. Der Komplex, der erste Komplex - und hier schließe ich mich Zeller ausdrücklich an 55 -, den man aus dem Aristoteli- schen Werk, der »Metaphysik«, herausoperieren kann und der

41

für das gesa mte andere vo n fundame ntaler Bedeutung ist , ist

der Komplex des Einz elll en un d des Al/gem einen, vo11 d em man sagen kann, daß er überhaupt das Grundthema eigentlich der

im üb ri - da ß m an

bei Ari sto teles insofern b ereits - und das ist ein gewi sse r Un-

terschied zu Platon - von einem System reden kann, als die methodologischen und vo r allem di e erkenntniskritisc hen und logi sch e n Erwägun gen, di e wir gew o hnt sind , unter d em N amen d es »Organon« zusammen zufassen , mit der Argume n- tation der »Metaphysik« so eng verklammert sind, daß ein- zelne der Hauptargum ente der »Metaphys ik « auf diese m e tho- dischen Schriften, dieses »Organon«, zurückgehen; und zwar insbesondere auf das dort, in di esem Korpu s der Method olo-

gie, enthalten e Werk üb e r di e Kategori e n , »Kar'Y/YOQtat«. D aß bei Aristoteles mit Kategori en etwas anderes gemeint ist als bei Kant, nämli ch die Gru n dfo rmen, di e b ei einer Analyse der Weisen d es R edens herausspringen, und ni c ht etwa subj e ktive Grundform en des Denken s, streife ich n ur; ich nehme an , daß das den meisten von Ihnen gegenwärtig ist 56 . Wenn ich zu- nächst also auf das Probl e m des Ein zelnen und de s A llge - meinen bei Aristoteles einge h e, so mö chte ic h anknüp fen an etwas, was ich Ihnen in den letzten Stunden exponiert habe:

nämlich daran, daß die M etaphysik im allgemeinen den Dop-

pelcharakt er des Kriti sch en gen liebt, des Destruktiven

o der, wie m anja w ohl au ch zu sa- und den d es Ap ologetisc h e n und

des Re ttend en h at; und Sie we rden se h en , daß diese C h arak- teristik für Aristoteles in ganz besonderem M aße zutrifft:.

Aristotelisch en gen jetzt schon

»Metaphysik« ab gibt. W o b ei i ch Sie darauf aufme rksam ma chen möchte,

., ich

ge-

sonderte Abhandlung gäb e; da ß seine E rw äg ungen üb er das

in d as

Bereich der kritischen Arbeit hineingehören, - wobei di eses

>zunächst<einen schweren Akzent trägt un d im übrigen auch

das Problem einschließt, vo r das »Metaphys ik« un s stellt. Die er ste

Problem d es Einzelnen und

meine: sein e Erw ägun ge n ; n icht etwa daß es darüber ein e

Man kann also sagen, daß seine Abhandlung über

des Allge m einen zunä ch st

die ges amte Arist o telisch e Th ese, so li eße sich sage n ,

42

wäre die, daß das Allgem eine nicht sub stant iell sei; daß also das Allgemeine nicht wie die Platonischen Ideen, die ja Allge- meinbegriffe sind, etwas An-und-für-si ch-Seiendes, u na b- hängig vo n ihrer Realisieru ng, seien, sondern daß von einem

Allgemeinen nur soweit ge red et werden kann , w ie es

sonderem sich darstellt. Mit anderen Worten also: di e Refle- xion auf den Prozeß der Abstraktion gewinnt in der Aristo teli-

schen Erwägung über das Allgemeine schon sehr viel mehr

Kraft,

weit, daß die Allgemeinb egriffe nun als reine Abstraktionen aufgefaßt würden; sondern die Schwierigkeit und, wenn ich so sagen d arf, die Pointe d er Aristoteli sc h e n »Metaphys ik« ist vielmehr gerade dies, daß man auf der einen Seite zwar das Allgemei ne nicht unabh ängi g von dem soll d enken könn en , worin es sich konkretisi ert , daß es aber au f de r anderen Seite doch auch ni cht gegenüb er d en darunter befaßten B esonde- rungen ein e bloße Abstrakt ion sei. Ich glaube, wenn Sie sich diese Zuspitzung des Probl ems vergegenwärtigen, dann wird es Ihnen m öglich sein, die Schwierigkeiten dieser Theorie von vornherein zu bew ältigen . Man wird ja im allgemeinen mit Schwi eri gkeiten dann fe rtig , wenn m an ihnen ins Au ge sieht. U n d Aristoteles m ac ht es einem damit de shalb ein biß- chen sch wer, weil er ja so als eine Art D enker des com mo n sense auftritt und weil b ei ihm, ähnlich etwa wie später b ei manchen englischen D enke rn, die ab gründi gs ten Frage n zu- näc hst so bea ntwortet ersc h einen , als o b sie d em einfac h e n Menschenverstand ganz selbstverständliche Antworten ge- währen w ürden, während in Wirklichkeit gerade darunter eben di ese Abgründe sich verb ergen, - und damit berühre i ch zugleich auch die spezi fis ch e Schwierigke it, die der Interp re-

als sie b ei Platon b esessen hat, geht ab er doch ni ch t so

in Be-

tation des Ari stoteles insgesamt zukommt. Man kann sage n , wenn ich einholen will, was ich Ihnen zu Eingang andeutete - daß ich Ihnen nämlich d en Aristoteles re ferieren mö chte in l<-elation auf die Geschichte und auf die Gesamtthematik der abendländi sch en Metaphys ik - , daß in di eser Lehre, daß also das Allge meine kein substantielles Mom ent sei, die Them atik

43

des sogenannten Nomin ali smus, also die T hem atik , daß die Allgemeinbegriffe post rem und nicht ante rem seien, angelegt ist. Es wäre aber- und ich möc hte das, um jedes Mißvers tänd- nis von vornherein auszuschließen, Ihnen sagen - ein grobes Mißverständnis, wenn m an eben darum nun den Aristoteles

von den darunter befaßten konkreten Einzeldingen trennt, die wird von ihm eigens b efochten. Und er hat dabei berei ts das überaus for tgeschrittene und modern anmutende Moment, daß, wenn ich die Ideen völlig trenne von jedem Seienden und absolut verselbständige, daß ich sie dann zu einem Seien-

selber als

ein en Nom inalisten bezeichnen w ürde. Ich könnte

den gewissermaßen zweiter Potenz, einem zweiten Seienden

geradezu sagen, daß die »Metaphysik« des Aristoteles darum

höherer Ordnung mach e; daß heißt also, wir würden modern

an diesem Widerspru chs-

sagen: daß ich dann die Ideen vergegenständliche oder ver-

kreist; daß sie ihr Problem h at eben vollen, daß au f der einen Seite dem

Allgemeinen die

Sub stan-

dingliche. Und er hat daraus den überaus plausiblen Eimvand

tialität abgesproc hen wird, daß aber auf der anderen

Seite die

gezogen, daß dann eigentlich die ganze Welt verdoppelt

Allgemeinbegriffe doch nicht bloße Abkürzungen der unter

wü rde ; das heißt, daß es dann auf der ein en Se ite gäbe eine

ihnen b efaß ten Besonderungen sein sollen, sondern

daß ihnen

Welt, die bloße Erscheinung ist, und auf der anderen Seite

trotzdem etwas zukommt, was sie über den bloßen >flatus vo- cis<, den bloßen Hauch der Stünme erheb en soll. Und wenn Sie die Konzeption der Metaphysik begreifen wollen, dann müssen Sie auf diese Konstellation der Momente in der Ari-

eine Welt, die Ansichsein ist, die aber dann doch all ihre Qua- litäten erborge vo n der empirischen Welt, so daß sie in dieser wie derkehre, - wo rau s sich alle mö glichen logisc h en Unge- reimtheiten ergeben. Ich mache nur en passant darauf auf-

stotelischen »Metaphysik« vo n Anfang

an Ihre Aufo1erksam-

merksam (um Ihn en zu zeigen, wie gegenwärtig all diese Ari-

keit richten. Er sagt, daß substantiell gegenüber dem Allge- meinen nur das Einzelne sei; daß nur das einzelne erschei-

stotelischen Fragen sind), daß genau das gleiche Problem noch bis in di e moderne Erkenn tnistheorie u nd Metaphysik hinein-

nende, konkrete Phänomen wirklich sei. Dieser Begriff der

spielt , wenn etwa Husserl eine Region von reinen Wesenhei-

Wirklichkeit oder besser: dieser Begriff des Substantiellen

bei

te n , sagen wir: der Bewußtseinsimmanenz und eine der ober-

ihm, der ist wiederzugeben mit dem von elvm, sein, abgeleite- ten Substantiv ovaia, von dem dann der lateinische Substanz- begriffabgeleitet 57 ist; und diese ovaia oder die JTQWTYJ ovaia, das >erste Sein<, das bildet eigentlich, im Sinn dieses H orizonts, d as Th ema überhaupt des Ar istoteles. Also nur das Einzeln e

sten regionalen Einheit der psychologischen Bestimmung lehrt, wodurch also auch sozusagen eine doppelte Welt : auf der einen Seite nämlich die höchst form ali sier te Psycholog ie und auf der anderen die reine Wesenslehre von den Ideen des lkw ußtse ins, treten w ürde.

so ll eine solche ov aia zunächs t sein , nur es soll wirklich sein.

Schließlich: werden die Ideen als absolut XWQic; vo rgestellt,

Daran schließt sich an die

zweite, wenn

Sie so wollen :

wie das bei Platon war, als abso lut getrennt, so ergibt sich dar-

Grundthese der Aristot elisch en »Metaphysik« , die sich b ezieht

rns eine weit ere Ungereimtheit, die Aristoteles Platon vor-

auf das Verhältnis vo n Allgemeinem und Besonderem: näm-

wi rft und die da nn den Angelpunkt de r »Me tap hys ik« des Ari-

lich die, daß das

Wesen oder, w ie Platon sagen wü rde, die Idee

stoteles bildet; n ämli ch: es ist dann nicht vorzus tellen , wieso -

nicht auß erhalb der Dinge sei, deren Wesen es ist, sondern daß es nur ist, sowe it es in den Dingen selbst ist. Also, mit anderen Worten, die Grundlehre des Platon, die handelt von dem

w ie es doch Platon gel ehrt hat und wie es dann mit se hr viel g rößerem Nach druck Aristoteles selbst lehrt - d as Allge- 111eine, die Ideen bewegende Kraft haben könnten, wieweit

XWQ Wµ6 c; der Id ee n geg e nüber dem Seienden , von d em . >Ab - grund des Sinnes< 57 ", der die Ideen oder die Allgemeinbegriffe

die Ideen dann Ursachen ihrer Erscheinung überhaupt sein kiinnten; denn sie wären ja sch lec hterdi ngs getre nnt von eben

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45

der Erscheinungswelt, die sie gleichzeitig bewegen sollen. Und angesichts einer solchen Trennung, also angesichts der Statuierung von zwei absolut verschiedenen Bereichen, deren einen wir jetzt einmal der Kürze halber den ontologischen, den der reinen Idee, und den anderen den ontischen, also den des Seienden, nennen wollen, ist es schlechterdings unerfind- lich, wie der eine in den anderen hineinwirken sollte, wie es doch Platon - und das weist Aristoteles abermals mit sehr gro- ßem kritischen Scharfsinn nach - unentwegt lehre. Auch die- ses Problem: wie es also möglich sein soll, daß die reine Idee überhaupt eine wirkende Kraft sei, die sich auf die Erschei- nungen erstrecke, hat sich als Problem die ganze Geschichte der Philosophie hindurch behauptet. Ich möchte Ihnen das nur illustrieren (und zwar auch wieder mit Rücksicht auf die Nachhaltigkeit dieser Idee gerade für die Geschichte der Me- taphysik) damit, daß ja bei Kant in der »Kritik der praktischen Vernunft« es auch so ist, daß eigentlich das Problem, an den1 dieses moralphilosophische Werk in erster Linie sich abarbei- tet (obwohl das nie so kraß gesagt wird, daß es darum eigent- lich geht; aber es geht darum), das ist, wie es eigentlich das Sit- tengesetz, das also ein rein Geistiges, aus der intelligiblen Welt stammendes und von jeder empirischen Bestimmung unab- hängiges ist, - wie es das eigentlich fertigbringen soll, in die empirische Welt hineinzuwirken; nämlich als Nötigung oder als Sollen, eben im Sinn der Ideen zu handeln. 58 Und wenn Sie die »Kritik der praktischen Vernunft« unter diesem Ge- sichtspunkt sich einmal ansehen, dann werden Sie bemerken, daß Kant mit einem unendlichen Aufwand versucht hat, diese Frage zu lösen; und daß er sie schließlich nur hat lösen können durch die vollkommene Intellektualisierung des Willens, also dadurch, daß jene Akte selbst, durch die die reinen Ideen in die Empirie hineinwirken, als rein intellektive Akte vorgestellt werden, - ohne daß er dabei sieht, daß, wenn diese Akte rein intellektiv sind, es eigentlich gar nicht abzusehen ist, wie sie gegenständlich werden können, wie sie sich in der Welt der Erscheinungen überhaupt objektivieren können. Also die~es

Problem, das man kritisch gegenüber der Kantischen »Meta- physik der Sitten« anmelden kann, ist bereits vollständig in der Aristotelischen »Metaphysik« enthalten in Gestalt seiner Ein- sicht, daß, wenn die Ideen oder die Allgemeinbegriffe absolut xw9ic;, also ein Reich eigenen Wesens sind, daß man sich dann nicht vorstellen könne, wie und inwieweit sie Ursachen der Erscheinungen sein sollen. Die Begründung nun für die Substantialität des Einzelnen, flir die These von der Substantialität des Einzelnen, von der ich Ihnen gesprochen habe, die ist, daß substantiell nichts sein könne, was auf Grund eines anderen, ihm zugrunde liegenden

pr;idiziert wird. Also substantiell soll nur das sein, was nicht ei- nes anderen bedarf, um sein zu können. Und über die ovafo.

i 111 Sinn der

dieser Charakter, daß wir keines anderen bedürften, um es zu nkennen, - daß der eben nur den Einzeldingen zukomme.

Bei dieser Fassung des Substanzbegriffs handelt es sich uni eine <;rundthese der abendländischen Metaphysik: nämlich die, daß das Substantielle das sei, was, um zu sein, keines anderen bedürfe, wie es in der Scholastik überliefert worden ist und wie es merkwürdigerweise dann von der Philosophie des Des- cartes, die ja, wie Koyre unterdessen nachgewiesen hatte 59 , in so außerordentlich weitem Maß mit der Scholastik zusam- 111cnhängt, in so viel weiterem Maß, als man es bei der polemi- schen Haltung des Descartes gegen seine Erzieher vermutet, - wie es bei Descartes dann in den »Principia« wiederkehrt in der berühmten Formulierung, daß die Substanz das sei, »quod

ad existendum« 60 ; also das, was keiner anderen

m1lla re indiget

Sache bedürfe, um zu existieren. Und, wenn Sie mir diesen philosophiehistorischen Ausblick gestatten, auch diese Inter- pretation der Substanz als dessen was sei, ohne um zu seiner l·:xistenz eines anderen zu bedürfen, die hat sich dann die :~anze Philosophiegeschichte hindurch erhalten. Nicht nur l"l wa ist diese Definition des Substanzbegriffs unter den be- riihmten Definitionen des Spinoza in der »Ethik« zu finden 61 , sondern sie kehrt sogar noch wieder in der modernen Philo-

Einzeldinge lehrt er nun etwas merkwürdig, daß

47

sophie, in den »Ideen zu einer reinen Phänomenologi e« von

gerade dieses Theorem

des Descartes aus der »Kategorienlehre« , aus dem »Orga- non«. 63 Gerade hier also ist bei Aristoteles auch die Metaphy- sik mit der Logik und der Erkenntnistheorie so verklammert, wie sie es dann spä ter auch auf der Höhe der abe ndländisc hen Philosophie bei Kant und bei H egel wieder gewesen ist. - Ich möchte Sie hinweisen darauf, daß dies e These etwas ein- schließt, was in solchen Worten nicht gesagt ist, was aber von hi er seinen Ausgang nimmt und was ebenfalls, wenn Sie so wollen, zu dem Urges tein d es ges amten abendländischen Denkens gehört und worin wir alle so erzogen sind, daß wir es zunächst einmal (bis uns die philosophische Reflexion davon befreit) für selbstverständlich nehmen: wahrhaft etwas wie zweite Natur des Geistes. Es ist nämlich substantiell nach die- ser Lehre - als das, was keines anderen bedarf- das, was keines

Mittels bedarf, durch das es ist oder durch das wir es erkennen können; mit anderen Worten also: das U11mittelbare. Am An- fang der abendländischen Metaphysik steht also bereits der Satz, daß das, worauf alles sic h zu stützen habe, wovon alles ab- zuhängen habe und woran sich die Erkenntnis zu orientieren habe, das Unmittelbare sei eben in Gestalt jenes Einzelnen, das der Aristoteles zunächst einmal dem wirklich und wahrhaft Seienden gleichsetzt. Aber Sie müssen hierbei sich doch zu- gleich auch über eine Differenz klar werden. Denn gerade bei

einem Denker, bei dem die B eziehungen zu der

dischen Philoso phie so ungeheu er ausgeprägt sind, wie der Aristoteles es ist, kommt es ja nun doch darauf an, daß man hi- storisch differenziert, um nicht einen allgemeinen philo so phi- schen Brei herzustellen , in dem alles mit allem konmrnniziert. Das Unmittelbare nämlich, wie es bei Aristoteles impliziert ist in den Grundlehren, die ich Ihnen bis jetzt refäriert habe, ist

von ihm nicht gedac ht-

mittelbare der sinnlichen Erfahrung. Es ist also nicht das Un-

mittelbare in bezug auf unser Erkenntnisvermögen. Und man darf wohl :innehmen, daß Aristoteles, der ja ein Schüler des

HusserY' 2 . Nebenbei bemerkt, stammt

abendlän-

primär j ede nfalls nicht - als das Un-

Platon gewesen ist, die Kritik gerade an der Unmittelbarkeit der subjektiven sinnlichen Gewißheit aus dein »Theaite tos «M

gekannt hat, daß er sie rezipiert hat und daß sie in sein Denken auc h wesentlich eingegangen ist. Es handelt sich also bei seiner Unmittelbarkeit nicht um eine Unmittelbarkeit des Bewußt- seins, nicht um >le s donnees immediates de Ja conscie nce < 65 ; son der n es handelt sich, wenn man einmal so paradox reden

darf, um

kritische Reflexion sofort sich die Frage stellt, wie man von

·Unmittelbarkeit an sich<überhaupt reden kann, dajajede sol- che Unmittelbarkeit, über die etwas prädiziert wird, nur Un-

mittelbarkeit sein kann.fi'ir ein Bewußtsein, das sie prädiziert. Aber ich möchte darüber hinaus an dieser Stelle noch ein ;1nderes kritisch anmerken, - nicht um an einem historischen 1knker so einfach Kritik zu üben, das hat ja etwas Naives, ein solcher Versuch hätte etwas Naives, und ich nehme an, daß Sie 11iir diese Naivetät so wenig zumuten wie sich selbst; sondern 11111 Ihnen an dies er Stelle zu zeigen, daß eine solche Theorie

wie

1ich große Schwierigkeiten führt. Denn Sie in die Aristoteli-

sc he »Metaphys ik« einle iten, das kann ja nicht

,·infach seine Hauptthesen zu referieren, sondern Ihnen das

l'roblemb ewußtsein l'roblemb ewuß tsein

·;oviel, wie Ihnen daran zu zeigen, wo die Schwierigkeiten lie-

grn, di e unter der Plausibilität solcher Argumentationsreihen

vl' rborgen sind . Nun, - He gel hat gelehrt, daß es kein Unmit- tl'lbares gebe, das nicht zugleich auch ein Vermitteltes sei 6 ('. Wrnn Sie den Nachweis, den Hegel dafür erbringt, als ge- ~·Jiickt betrachten - und ich würde denken, daß es wenige Momente in der Hegelschen »Logik« gibt, denen eine solche J·:v idenz zu kommt wie diesem Nachw e is, den er da geführt lut'' 7 -, dann ist natürlich nicht mehr ohne weiteres einzuse- lirn , was die traditionelle metaphysische Vorstellung von der

Substanz

als von etwas , das der Vermittlung schlechterdings

11i,·ht bedürfe, üb erhaupt no ch besagen so ll. Und es scheint

das Unmittelbare an sic h, - wobei natürlich für die

di e, die ich Ihn en eben

vortrage, in sich auf außerordent-

heißen, Ihn en

dieser Metaphysik zu ve rmitteln; und das zu vermitteln heißt notwendig ja immer

49

mir einer jener m erkwürdigen Anachronismen, um nicht zu sagen: Archaismen zu sein, die die G eschichte der Philosophie

und di e de r Metaph ys ik im besonderen mit sic h führt, d aß sie zwar j ene kritischen Refl exion en auf den B egriff der Unmit- telbarkei t, di e ich Ihnen e ben angemeldet h abe, durchführte;

d aß sie aber nicht gese hen hat, daß davo n notwendi g di e Sub- stanzenlehre, das heißt: üb erhaupt die Konzeption der Sub-

stanz als des an sich , primär, unmittelb ar Sei enden wesentlich affiziert wird. Wenn ic h Ihn en sage, daß die Philosophie davon in ihrer Geschi chte zu w enig N otiz genommen h at, so ist das

auch nicht richtig. Sie hat davon

n atürlich Notiz gen o mm en , nämlich in G es talt des k o nse-

qu e nten Nomin alismus, aber sie h at nicht davon N otiz genom-

m en in ihrem rationalistisch-spekulativ-idealistischen H aupt-

strom , wenn ich es einmal so ausdrücken so!I. Es ist ganz gew iß so, daß Hum e, der, we nn man will, di e äußerste Kon sequ enz au s der Aristotelischen Lehre von der Wirklichkeit des Einzel-

n en darste!It, den Substanzbegriff eben deshalb aufgelöst hat;

das heißt: der Substanzbegriff, der ja mit dem Begriff des ein -

zelnen Dinges zunächst einmal verklamm ert ist, der weicht bei ihm ein e r Kritik , di e sagt , daß es so etwas wie das Ding über-

h aup t nicht gebe, sondern lediglich die gewohnheitsmäßige

Verk nüpfung subje ktive r Erscheinungsweisen, di e w ir dann konventionellerweis e als Dinge zu betrachten pflegen soll en. Kan t hat demgemäß dann auch den Substanzbegriff zu einer subjektiven Funktion, zu einer Tätigkei t gemac ht; also zu e t-

was, was der Geist in den Gegens tänden erst h ervorbringt, ohn e <l aß er l änge r jenes Ansichseiende s ein s oll, a l s welches Su bsta nz qua Ding bei Aristoteles n och bezeic hnet w ird , -

auf d er andere n Seite, in sein er Ideenlehre und über-

h aup t in sein er Konzeption des mundus inte!Iigibilis, de r in- telligiblen Welt, bei Kant die Vorstellung des Substanzbegrif- fes in dem alten Ari sto teli sc hen Sinn obwalt et.'' 8 Sie kön nen hi er an dieser Stelle se hen, wie eigentlich die vo lle Ko nse - qu enz der Lehre, mit der Aris toteles einsetz t - daß n ämlich die volle Wirklichkeit nur den Einzeldingen zuzusprechen sei -,

eine Un gere chtigkeit und ist

während

50

~czogen worden ist eben durch jene Wendung, von der ich 1lmen vorher sagte, daß sie ihm selbst und der Antike mit Aus- 11ahme der Sophistik fremd gewesen sei, nämlich der Wen- dung zum Subjekt. Erst wenn die Lehre von der Wirklichkeit

des Einzelnen sich damit verbindet , daß die se Wirklichkeit des

l ·: inz e lnen, se ine Unmittelb arke it,

nur ein e Unmitt el barkeit

/iir da s Subjekt sei , ist ein vo llkomm e n dur c hgebild e t er Nomi-

11alismus, wie ich es Ihn en eb en

an

Hum e kurz erläut ert hab e,

zu gleich , negativ gesprochen ,

An-

sa tzes, vo n Nominalismus ni cht red en kann, -

damit positiv verhält, das werden Si e se hr bald seh en. Es steckt

i11 dem Substanzbegriff so, wie er bei Aristoteles verwandt

es Ihn en gan z einfa ch zu sagen: no ch etwas naiv

Realisti sc h es , - wie Sie denn , und das ist für un s heute gar 11icht so einfach, die ganze Aristotelische »M etaphysik« nur dann richti g verstehen können, wenn Sie sie nicht verstehen im Sinne de r durchgängigen su bjektiven Reflexion, sondern, 11ach einem Terminus der Sch olastik, in inte ntione re cta; also 1llit Hinblick auf die unmittelbare Gegenständlichkeit der Außenwelt und nicht im Hinblick auf die Vermittlung durch (las j eweils erkennende Bewußtsein. Di ese seltsame Durchkreuzung der Le hre von der Wirk- 1ichkeit des Einz elnen u n d gleichzeitig einem nach auß en naiv gl'ri chteten Realismus, die gehört weiter zu den eigentlichen :--itrukturen des Aristoteles notwendig 1nit hinzu. Das eigent- li c h Aristotelisch e nun und das, was die ga nze Schwierigkeit bildet, von der ich Ihnen ge redet h abe, ist das, daß Aristoteles, trotz dieses Fundamentalsatzes von der Wirklichkeit des Ein- zeln en und davon, daß su bstanti ell nur da s se i , w as ni cht eines ;111deren bedarf~ sondern was unmittelbar ist, in einem sehr 11:1ch<lrücklichen Sinn ein Vermittlungsphilosoph gewesen ist. Und wie nun bei Aristoteles dieser Gedanke oder dieser Kul- tus (m üßt e man fas t sagen) des Unmittelb aren , des unmittel- J,:ir, an sich so Seie nden , mit dem Ge danken der universalen Vermittlung sich ve r sc hränkt h at, - d as zu ve r ste h en ist das e i-

wird , um

wie es sich nun

iiberh au pt m ö glich . Und der G rund dafür, warum

das ist

man bei Aristoteles, trotz jen es

51

gentliche Problem eines Verständnisses der Aristotelischen »Metaphysik« überhaupt; und darau( auf dieses Problem, möchte ich Sie bitten, sich zu konzentrieren. Sie werden dann sehen, um auch das vorauszuschicken, daß der Begriffder Ver- mittlung, wie er bei Aristoteles vorliegt, von dem, was gerade Hegelianisch Gebildete - und es wird ja unter Ihnen eine nicht geringe Zahl von solchen sich befinden - unter Vermitt- lung sich vorstellen, außerordentlich verschieden ist. Und ich möchte auch hier wieder wie ein Scholastiker wiederholen:

distinguo, ich unterscheide; Sie können hier die Spezifikation des Aristotelischen Ansatzes nur dann fassen, wenn Sie sehr strikt distinguieren, was Vermittlung, was Mitte, was das Mittlere überhaupt bei Aristoteles heißt, und was es in der Dialektik heißt. Denn, um das vorweg zu sagen, Aristoteles ist alles an- dere gewesen als ein dialektischer Denker, obwohl er aleich- zeitig ein Denker der Unmittelbarkeit und ein Denker der Vermittlung gewesen ist. Man könnte sagen, wenn ich es ein- mal nun wirklich Hegelianisch zuspitzen soll, daß die These von der Unmittelbarkeit und die These von der Vermitteltheit ihrerseits untereinander bei ihm nicht vermittelt seien, - wenn Sie mir an dieser Stelle die dialektische Pointe konzedieren wollen. So heiß wird das allerdings bei Aristoteles zunächst nicht gegessen; das heißt: da es ja damals noch keine Dialektik gab, war für ihn also eine solche Art der Distanzierun" oder Differenzierung von der Dialektik, wie ich sie Ihnen eben vollzogen habe, nicht möglich. Es entspricht vielmehr dem Klima der gesamten Aristotelischen Philosophie, das insge- samt eines der Einschränkung, der Rücksichtnahme, der Bil-

ligkeit, der µw6r17c; ist, daß er die Lehre von der Substantialität als eines Unmittelbaren mildert und einschränkt durch die von den uneigentlichen oder abgeleiteten Substanzen oder, wie er es nennt, von den OEVTEQaL ovaim, von den >zweiten Substanzen< oder, man könnte vielleicht auch sagen: von den

zweiten Wesenheiten; 69 wobei

ganz deutlich anklingt, daß sie eben keine reinen Unmittel- barkeiten seien, sondern Produkte der Abstraktion. Sie sind

o

b

in diesem >zweiten< natürlich

"111 >Zweites< eben deshalb, weil sie auf dem Grund des zu- 11:ichst primär Gegebenen, nämlich der Einzeldinge, eben erst lingestellt werden. Diese OEVTEQal ovaim, diese zweiten oder 1111cigentlichen Substanzen dürfen nun nicht außerhalb der S11hstanzen angesetzt, sie dürfen nicht, wie man in der moder- 11rn Terminologie der Philosophie sagen würde, hypostasiert wnden, sondern sie sind in den Einzeldingen enthalten; sie ·.i11d also immanent und nicht transzendent. Und diese These, ,l,if\ es zwar auf der einen Seite substantielle Begriffe gibt, daß ,ic aber nicht xw9ic;, daß sie nicht jenseits des einzelnen Seien- ' kn sind, sondern daß sie nur verkörpert in den einzelnen 1Jingen sind und dem einzelnen Seienden innewohnen, ihm 1111nianent sind, das ist die eigentliche Grundthese der gesam- ll'!l Aristotelischen »Metaphysik«, - von der nun auch abhängt , hs, wodurch sie so grundsätzlich von der Platonischen Lehre

o;ich unterscheidet: nämlich der dynamische Charakter. Denn \Vl'lln diese OEVTEQal ovaim den einzelnen Dingen innewoh- 1ll'n, anstatt ihnen als ein Äußerliches und fremdes gegen- iiherzustehen, dann hat es - so argumentiert Aristoteles - auch 11ichts Absurdes oder nichts Unzumutbares mehr, sich vorzu- o;tcllen, daß eben diese Wesenheiten dann auf die einzelnen 1linge einwirken; und daß dadurch zwischen der Idee und ,km zerstreuten Seienden eine Vermittlung hergestellt wird. - Mit dieser Anzeige möchte ich heute schließen, ich werde in

der nächsten Stunde hier fortfahren.

53

6. VORLESUNG

3. 6. 1965

Ich hatte in der letzten Stunde kurz gesprochen von dem Be- griff der OE1JUQC1l ovaiw, also, lassen Sie es mich übersetzen:

der Wesenheiten zweiten Grades oder zweiter Potenz, die nun aber nicht außerhalb der Substanzen, der Dinge angesetzt werden dürfen oder die man - wie es in der Sprache der heuti- gen Philosophie lauten würde - dem Aristoteles zufolge nicht hypostasieren darf, sondern die den Substanzen immanent und, im Unterschied zu den Platonischen Ideen, nicht trans- zendent sind. Ich habe Sie weiter daraufaufmerksam gemacht, daß dadurch auch das Problem, das in der Platonischen Ideen- lehre eigentlich kaum recht verständlich ist: nämlich auf wel- che Weise die Vermittlung zu denken ist zwischen der Welt der Ideen und der Welt der sinnlichen Gegenstände, also kan- tisch gesprochen: die Vermittlung zwischen den Noumena und den Phaenomena, - daß dadurch dies Problem wenigstens v01;gezeichnet erscheint. Ich möchte das sehr vorsichtig aus- drücken, weil ja die Ideen nun nicht mehr XWQÜ;, also nicht mehr getrennt von dem Sinnlichen, von den Gegebenheiten, von dem Stoff der Erkenntnis vorhanden sein sollen, sondern nur soweit sie in diesem Seienden selber sich verwirklichen. Und das Problem der Verursachung, das Problem also der pri- mären Ursache, von dem ich Ihnen als einem der Ausgangs- probleme der Metaphysik überhaupt gesprochen habe, 70 das löst sich prinzipiell zunächst einmal in der Aristotelischen »Metaphysik« eben dadurch, daß diese Welt der sinnlichen Er- scheinung teleologisch hingeordnet ist auf diese Ideen oder reinen Möglichkeiten, die in ihnen selber enthalten sein sol- len. Bei Aristoteles kommt dafür ein Ausdruck vor, der wört- lich ebenso - und hier können Sie wiederum den Gesichts- punkt sehen, unter den ich all das stelle, was ich Ihnen jetzt über die »Metaphysik« des Aristoteles sage: wie diese Thema- tik in der gesamten abendländischen Metaphysik bestehen bleibt; wie wirklich gewissermaßen die Mühlesteine der Me-

54

uphysik von Aristoteles ausgespielt werden, um dann in den ·,päteren Phasen metaphysischen Denkens mehr oder weniger hin und hergeschoben zu werden und am Ende gar, wie es im

l·'.11dspiel bei dem Mühlespiel der Fall ist, zu hüpfen, in Gestalt ,ks Irrationalismus nämlich -, der Ausdruck dafür, für dieses Vnhältnis der Ideen oder der Möglichkeiten zu dem Seien-

den, heißt bei Aristoteles

~·:L'mäßdem Vielen. Dieser Ausdruck ist deshalb besonders in- tnessant und ich verweise Sie deshalb gerade auf diesen Ter- 111inus, weil er fast genauso wiederkehrt in der Kantischen 1'hilosophie; nämlich dort, wo die Synthesis durch den Ver- stand, die ja Kant zufolge eigentlich der Akt der Erkenntnis

,>der die Erkenntnis überhaupt sein soll, bezeichnet wird als ·l:inheit in der Mannigfaltigkeit.< 72 Etwas anderes als eine sol- ' \1e Einheit in der Mannigfaltigkeit ist in der Aristotelischen

Konzeption

dl'!1 oder, um es jetzt schon Aristotelisch auszudrücken, von 1'orm und Stoff eigentlich auch nicht enthalten. Ich möchte Sie im übrigen darauf aufmerksam machen, daß genau der ( ;edanke, den ich Ihnen eben skizziere, höchst überraschen- derweise auch bei dem späten Platon erscheint und daß er lllcht zuletzt Anlaß zu jenen Spekulationen gegeben hat, von ,knen ich Ihnen sprach 7 3, - daß n~imlich möglicherweise Ari- stoteles aufseinen Lehrer in dessen Spätzeit zurückgewirkt ha- \icn soll, nämlich in den1 Platonischen Dialog »Parmenides«, ,\LT ja in vieler Hinsicht das rätselhafteste und merkwürdigste ( ;cl1ilde darstellt, das das Corpus Platonicum überhaupt ent- l1:ilt und in dem die These vertreten wird, daß das Eine nur sei .ils die Einheit von Vielen und daß das Viele nur sei als ein Vie- ks von Einheiten. Also dieser Gedanke der Reziprozität, der /\ufeinanderbezogenheit des Allgemeinen und des Besonde- 1<'11. hat offenbar an dieser Stelle der Geschichte des Geistes die Mrnschen aufa mächtigste bewegt. Und er hat den Aristoteles 1u dieser Fornmlierung bewogen, die deshalb besonders "ichtig ist, weil genau dieser Gedanke der Reziprozität, also d.11\ es auf der einen Seite nicht die Einheit unabhängig von

EV uara n:oUciJv, 71 also: das Eine

des Verhältnisses von Begriff zu einzelnem Seien-

55

dem Vielen gebe, daß aber auf der anderen Seite das Viele überhaupt sich nur vermöge des Einen konstituiere, - dieser Grundgedanke ist in der Aristotelischen Formel angelegt, die ich Ihnen referiert habe. Sie sehen hier also, daß der Gedanke der Einheit in der Mannigfaltigkeit, der dann in der Geschichte der neueren Phi- losophie ja verlegt worden ist in das Subjekt, das diese Einheit erst ordnend hervorbringe, zunächst einmal entsprungen ist ontologisch; das heißt: entsprungen ist darin, daß diese Einheit die Einheit des Seins selber sein soll, die allem Besonderen und Einzelnen, aus welchem dieses Sein sich zusammensetzt, vor- geordnet sei. So sehr, daß schließlich sogar die Formel von der Einheit in der Mannigfaltigkeit wörtlich bei den Griechen zu finden ist, - so sehr ist das ganze abendländische Denken im Bann dieser Tradition. Und es wäre vielleicht keine ganz mü- ßige Überlegung, sich zu fragen, ob nicht die Orientierung an diesen Überlegungen eine Art von Kanalisierung des gesam- ten Denkens bewirkt hat, die alles in eine ganz bestimmte, in sich sehr zwangvolle, zugleich aber auch eingeengte Richtung gedrängt hat; und ob all das, was wir dann in späteren Zeiten als das Motiv der Stringenz an der antiken Philosophie oder überhaupt an der Philosophie erfahren haben, durch diese Einengung auf die schon von vornherein in diesem Sinn - nämlich des Verh~lltnisses von Allgemeinem und Besonde- rem - eingeengte griechische Tradition zurückzuführen sei. Nun aber ist - und das ist nun eigentlich der Hebelpunkt der Aristotelischen »Metaphysik«: das, was Sie verstehen müssen, wenn Sie diese äußerst merkwürdige und in sich wider- spruchsvolle Komplexion verstehen wollen-, nun ist bei Ari- stoteles das Allgemeine oder die Form - beides ist bei ihm das- selbe - genauso wie bei seinem Lehrer Platon die höhere Wirklichkeit. Sie finden in dieser Lehre also das, was ich Ihnen in der vorigen Stunde auseinandergesetzt habe in bezug auf die Wirklichkeit des Unmittelbaren, geradezu auf den Kopf gestellt. War zunächst das einzelne Ding, so wie es mir er- scheint, oder, wie es Aristotelisch heißt, das TODE Tl das allein

Wirkliche oder das wahrhaft Seiende, so ist demgegenüber 1•·tzt gerade umgekehrt die Form die höhere Wirklichkeit. Ich „,·hrcibe Ihnen diesen Begriff des TODE Tl auch an die Tafel. /\ uch dieser Begriff des TODE Tl ist fundamental für das gesamte .dlendländische Denken, - deswegen, weil alle Verweise auf ,lil' Faktiziüit, das Diesda, das was im Begriffnicht auflöslich ist 11nd wofür doch ein begrifflicher Name gesucht wird, in die- ·;,·m Wort TOÖE Tl liegen. TOÖE Tl ist ja eigentlich - und das ist ~.dir interessant für die Komplexion dieses Denkens - über- \1;1upt kein Begriffsondern eine Geste; TOÖE Tl heißt soviel wie .\ )ies< es deutet auf etwas hin. Und in Aristoteles war also 11och ~e()'enwärtig daß für dieses seinem eigenen Wesen nach

b

b

'

l In begriffliche so etwas wie ein Begriff eigentlich gar nicht zu \ii\den war, sondern daß man das nur ausdrücken kann durch <'inl' Geste, - während dann später aus dieser Geste ein Termi- 11us geworden ist, der dann schließlich in Begriffen wie Gege- lll'llheit, Datum, auch schon in der Scholastik haecceitas, oder 1Vil' immer diese Begriffe lauten mögen, sich niedergeschla- :•l'll hat. Ich mache Sie aufinerksam auf die Wendung, die die ;~hilosophische Terminologie an dieser Stelle vollzogen hat t11lll in der Sie abermals von einer anderen Seite das Spezifi- '' he der Aristotelischen »Metaphysik« erkennen können:

11:imlich daß nun plötzlich das, was bei Platon die Idee und als solche ein Ansischseiendes und Absolutes war, Form heißt; daß .111stelle des Gegensatzes zwischen der wahrhaft seienden Welt ,In Idee und der nichtseienden Welt der sinnlichen Mannig- Liltigkeit nun also der Unterschied zwischen Form 1md St<'.ff tritt. Auch diese beiden Ausdrücke darf ich Ihnen anschrei- l1L'll weil wir sie dauernd verwenden müssen. Form also heißt sovi~lwie in einem engeren Sinn der moderne Ausdruck Ge- st.1lt; man hat das allerdings mit forma lateinisch wiedergege- lll'Il; das griechische Wort dafür ist µoQcpry, Ihnen allen geläufig rnn solchen Begriffen wie Morphologie. Demgegenüber iiL·ißt der Stoff - also das, worauf sich diese Form bezieht - 1;J.1;; übersetzt dann im Lateinischen mit Materie. Ich sagte Ih- 1Jl'll, daß diese Verwandlung der Terminologie, die - anstelle

57

der traditionellen Platonischen Begriffe lMa oder Elooc; auf der einen Seite und auf der anderen rci ovra - nun von .WNJcpij und von i!A.ry spricht, für die Sache selbst wesentlich sei. Sie können das ganz einfach sich dadurch klarmachen, daß, wenn wir von Form reden, in diesem Begriff der Form immer be- reits der Hinweis auf ein Etwas ist, wovon das Betreffende Form sei. Also: der Begriff Form ist niemals in demselben Sinn ein selbständiger, ein autosemantischer Begriff, wie es der Begriff der Wesenheit ist. Im übrigen steht die Aristoteli- sche Terminologie an dieser Stelle noch auf einer Grenz- scheide: das heißt, die Ausdrücke ,uoQcpij und elooc; - der Pla- tonische Begriff - alternieren noch, es gibt auch den Begriff elooc; dafür bei ihm, noch im Platonischen Sinn. Und umge- kehrt ist i5A17, also Stoff.- eben als der Inbegriffalles dessen, was r6oe n, \Vas >hier< ist, Materie ist - als etwas, was nicht auch seine Form habe, gar nicht zu denken; so daß also bereits die Wahl dieser reziproken, das heißt, dieser aufeinander bezoge- nen Begriffe, die die eigentliche Thematik der Aristotelischen »Metaphysik« wiedergeben, anzeigt, daß diese Philosophie das ist, als was ich versucht habe, Ihnen die Aristotelische »Meta- physik« zu charakterisieren: nämlich wesentlich eine Vermitt- lungstheorie. - Diese Vorstellung nun aber von der Form als der der f)),11, der Materie immanenten Kraft, die sie bewegt; dieser Begriffder immanenten Idee, die gleichzeitig das Kraft- zentrum ist, das die Materie bewegt, dieser Begriff ist nun der entscheidende Begriff der Aristotelischen »Metaphysik« über- haupt. Ein BegrifL der dann in unsere Welt als Fremdwort sich hinübergerettet hat, nämlich als Fremdwort eben für Kraft, - und dieser Begriff ist der der E:vEQ)'Eta, der Energie. Im Ge- gensatz dazu nun steht dieser Energie als der verwirklichten Form der Begriff ovvaµ1c; gegenüber, der sich auf die reine Möglichkeit bezieht. Diese reine Möglichkeit ist aber bei Ari- stoteles das seinerseits noch nicht Geformte oder das, was erst geformt wird; das heißt: die Möglichkeit ist bei ihm eigentlich das, was wir als Stoffbezeichnen; und der Ausdruck, den die Aristotdische »Metaphysik« dafür verwendet, ist der Terminus

j

1)Üva1,ac;. Um das Verhältnis dieser beiden, - ja, wir würden heute sagen: Momente, aber das ist nun wirklich anachroni- stisch und schon viel zu modern; dieser beiden Kategorien, müßte man vielleicht exakter sagen: darum bewegt sich die

<ranze

""' Ich glaube, das ist der Ort, an dem ich Ihnen vielleicht auch a1n drastischesten den Unterschied zwischen der gesamten an- tiken Metaphysik und dem, was dann aus dieser Metaphysik geworden ist, klarmachen kann. Denn es liegt ja hier zunächst etwas für die gesan1te neuere abendländische Tradition unge- \vöhnlich Paradoxes vor, und ich weiß nicht, ob Sie diese Paradoxie alle gleich aufgefaßt haben. Ich betrachte es im üb- rigen als die Aufgabe, wenn man sich mit Denkgebilden be- schäftigt, die zeitlich sehr weit von einem entfernt liegen, und zu diesen Denkgebilden gehört eben trotz der Tradition, und ich möchte fast sagen: wegen der Tradition, der Aristoteles auch hinzu, - daß man sich dabei mindestens so sehr über die 1)ifferenzen klar wird als über die Identitäten. Ich glaube, das Wesen von historischen Phänomenen und vor allem von gei- stigen historischen Phänomenen erkennen, heißt nicht allein, in sie sich >einfühlen<, oder nicht nur sie - 1,vie das grausliche Wort lautet: sich nahebringen; dadurch wird es im allgemeinen gerade verfehlt. Sondern die Aktualität solcher Begriffe und auch ihre wirkliche Tiefe ist nur zu gewinnen dadurch, daß man die Distanz zu ihnen herstellt, daß man sie zunächst einmal sich fern rückt, -um durch diese ferne ebensowohl des konsti- tutiven Wesens der Geschichte innezuwerden \vie auch der vollkommen verschiedenen Konzeption, die man sich gerade dort besonders nachdrücklich vergegenwärtigen muß, wo man ständig das Gefiihl hat: das sind doch alles Sachen, die ich

eigentlich schon kenne, die mir vertraut sind wie aus meiner Kinderzeit, und die dann, wenn man sie sich genauer ansieht, eben doch etwas völlig anderes sind. Wer etwa Gelegenheit hat, als Europäer einmal plötzlich und überraschend mit indi- schen Phänomenen etwas zu tun zu haben, vvird dieses Phäno- men, dieses doppelte Phänomen der Nähe 1111d der äußersten

Aristotelische »Metaphysik«. 74

59

Distanziertheit, von Distanz, Fremdheit oder Ferne, auf das ich hier ans piele, ganz unmittelbar vollziehen können. - Für ist es d oc h im allgemein en so (um Ihn en das zu verdeu tli-

che n), daß wir, wenn wir vo n Möglichk eit reden, dab ei ebe n

w irklich an Form so denken, daß diese Form einen Inhalt

no c h nicht gefunden hat , wä hrend, wenn wi r von T1'irklichkcit reden - sehen Sie sich nur die Definitionen vo n Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit in den >Postulaten des empi- risc hen D enkens überhaupt< in der »Kritik der reinen Ver- nunft«75 daraufhin einmal an - , während also Wirklichkeit

da s ist , wesentlich das ist , was durch sinnli ch es Mate rial er- füllt ist. Für das grundsätzlich ontologische, also grundsätzlich auch bei Aristoteles noch an dem Vorrang der Form oder der Idee ori entierte Denken sieht di ese s, für uns sch ei nbar Selbst-

ve rständli chs te, ge nau um geke hrt aus. Und ic h glaube, das

mü ssen Sie sic h kl arma ch en, wenn Sie üb erhaupt verstehen

wollen, was am Anfang der Metaphysik steht und was für die

ganze Met ap hysi k beherrsch en d bleibt. Denn gerade

daß die Idee oder die noum enale, die intelligible Sphäre wirk- licher sei als die empirische: das ist eigentlich das, was den Kern de r m etap hysisc h en Tradition ausmacht. Und nur dann , wen n Sie dieses paradoxale We sen, d as in all er Met ap h ys ik drinsteckt, von Anfang an mitdenken, verliert die Metaph ys ik ihre Harmlosigkeit und w ird zu der Zumutung, als die Sie sie zunächst erfa hren müssen, wenn Sie üb erh aup t spüren wollen, was mit M e tap hysik gemeint se i. Also: bei Aristo teles ist es im Sinne dessen, daß die Öt:ÜTEQW oi'wim, di e zweiten Wesenheiten, die h öhere Wirklich keit hätten als die ersten, so - un d insofern ist er nun eben doch

di eses ,

uns

nun

wieder Platonike r- , daß diese E:vi:Qyt:ia, also die Form, soweit

sie sich in dem Stoff verwirklicht, als Form die höhere Wirk-

lichkeit darstell t und

ge nüber die M aterie,

net, das als in der Ansch auu ng gegeben üb er den Grad der Wirklichkeit erst entscheidet, in dieser Philosophie herabge- se tzt ist zu der bloßen Möglichkeit. Wenn ic h es paradox sagen

das Substantiellere ist, während demge-

di e bei uns gerade d as M om ent be zeic h-

60

so ll, ist es so, daß in der Aristotelischen Philosophie di e Wi rk- lichkeit eigentlich dem en tspric ht, w as wi r Möglichkeit nen- 11en, und di e Möglichkeit dem, was wir Wirklichkeit nenn en, - 1md nur wenn Sie die se Drehung zunächst einmal vollziehen, können Sie überhaupt diesen Ansatz mitmachen. Sie erkennen

Platonische Mo-

ii hrigens unsc hwer genau darin w ieder j enes

tiv, daß die Welt der Ideen ja wirklicher sein solle als die Welt des bloß Seienden, - nur daß nun bei Aristo teles diese beiden Splüren nicht mehr einfach auseinanderweisen, sondern daß vers u cht w ird - ich be tone dabei sch wer: versucht wird -, sie

l'LKn doch miteinander zusammenzubringen. Insofern also, ;ds er d er E:vi:Qyt: ia die höhere Wirkli chkeit zuspricht als d er 1)1!vaµu:;, insofern als bei ihm die Materie zu einer bloßen Möglichkeit wird, ist er das Gegenteil desse n, als was ich ihn

auf der and e ren Seite in der erste n Schic ht sein es Denkens

Ih-

nen in der vorigen Stunde dargestellt habe; insofern ist er

11:ünlich Realist im mittelalterlichen Sinn, lehrt also den Vor- r;mg der Universalien vor den einzelnen D ingen und ist nicht Nominalist. Darauf muß man deshalb so große n Wert legen , we il, wenn man - ich glaube, ich habe Ihn en das schon ange-

au f Grund der histo ri sc hen Entw icklun g, die j a

deutet7<•

- zweimal im nomi nalistisch en Sinn von ihm abgezweigt ist, ihn l'infach unter die Nominalisten rechnet, m an das Wesen seiner

l·igenen M etaphysik vollkommen verkennt. Ich erinnere 111ich, da ß der verstorb ene Alfred Web er, es wa r w ohl im Jah r 1954 , auf dem Soziologentag in H eidelb erg einen Vortrag 77 hielt, in dem er ganz sans fa<;:on, eben auf Grund der Dinge, die ich in der letzten Stunde Ihnen auseinandergesetzt habe,

Nominalisten bezeichnet hat ; und als ich, der

ic·h schließlich die Ehre der Philosophiegeschichte retten wo llte und nichts durch ge hen lassen wollte, was den Tatb e- sc:inden so ins Gesicht schlägt, ihm die Ge dankengänge eini- gnmaßen wiedergegeb en habe, die ich Ih ne n heute wieder- ~'L'be, da wurde der damals schon fast N eunzigjährige oder

hat deswegen

11ie mehr mit mir ein Wort gesprochen. Aber ich kann mir

Aristotel es als

(ibcr Neunzigjährige 78 ganz böse auf mich und

61

nich t helfen: wenn m an Aristoteles begreifen will, dann be-

deutet das eben doch, daß man sieht, daß diese beiden Mo- m ente in ihm enthalten sind; und daß ihr Konflikt bei ihm ge-

Vorran gs der Allgemeinbegriffe

oder der Formen . Man kann also wohl sagen, daß die Wider-

sprüche und Schwierigkeiten, in die er dabei gerät - so hat es

jün gs t Herr H aag formuli er t~ 9 -, eigentlich in

Probl emges chi chte der Ontologie als des Verhältnisses von

Allgemeinem und Besonderem , oder auch von Möglich keit und Wirklichkeit, antezipieren. Die Schicht also, um au ch das no ch zu sagen, des Verhältnisses von Allgemeinheit und Be-

sonderheit w ird bei ihm - und da s ist ebenfalls physi k von en tsc heid e nd er Bede utung - mit

von Möglichkeit und Wirklichkeit gleichgese tzt, das h eißt, in ein em solchen Sinn, daß die verkörperte Wesenheit die hö- h ere Wirklichkeit sein so ll als de r Stoff, der nun bloße Mög- lichkeit ist deshalb, weil er seine Form no ch nicht gefunden haben soll.

für diese Meta- dem Verhältnis

sich die gesamte

schlichtet wird im Sinn des

Nun , meine Damen und Herren, es ergibt sic h dab ei - und darauf möchte ich Sie doch aufrnerksam m ac h en , w ie gesagt

11icht, weil ich es für Kri tik zu üb en wie

mir eine läppisc h-ana chronistis c h e Verfahrensweise zu sein; ab er we il ich Sie auf die immanenten Proble me hinwei se n mö chte, um Ihnen eben die Dynamik zu zeigen, die in diesem

Metaphysik schließli ch zu aller M e taphysik über-

En tw urf der

mögli ch und aktuell hi elt e, an Ari stot eles an einem mod ern en D enker, das scheint

haupt geleitet - , es ist also zunächst zu s;1gen, daß sic h hier

doch etwas aufdrängt, worüber Aristoteles, der zwar ärmer

war an all den Erfahrungen, die in diesen über 2000 Jahren ge-

macht wo rden sind, aber d essen D enkkraft ga nz sich er vo n

auß erordentli chs ten Art gewesen ist; was er also auch b eme rkt hab en muß, - nämlich ganz einfa ch dies: wie ist es möglich, daß er, der ja dem Begriff des Ersten (wir werden noch darauf komm en) einen so außerordentlichen Nachdruck ve rli e hen hat, auf der ein en Seite sag t, daß das allein Wirkliche das Un- mittelb are, da s r6os n sei, aber dann dazu kommt, al s die hö-

der

62

lwrc Wirklichkeit das Vermittelte, nämlich den in dem Stoff

VL'rwirklichten, gestalteten Begriff aufzufassen. Die Antwort,

die Aristoteles darauf erteilt , ist nun eb e nfalls ein e

dil' für die Thematik der gesamten, daran anschließenden

.1hendländischen M etaphy sik kanonisc h geblieben ist: es ist

die d er Unter sc h e idung von Gc11csis und

( :cltimg. 811 Aristot eles zufolge ist es einfac h so, daß ji'ir u11s das primär Gegebene, und ins ofe rn absolut Sichere, das r6o r:; n se in so ll; an sich aber das Höh ere die ,uog<pry oder das clooc; oder die Id ee. Es w ird also unte rschie den zw ischen dem Weg, den die Erkenntnis geht, der Entwicklung der Erkenntnis zu ihrem 1kgriff, 1111d dem Wahrheitsgehalt, 'INie er an und für sich selbst sl·i n so ll . Und di ese beiden Momente werden von ihm in ei- 11c11 einfachen ungelösten Gegensatz gerückt, ohne daß er

11 :imli c h ga n z einfach

Antwort,

l'l'rsucht, nun dazwischen auszugleichen, - sondern er be- sc heid e t sich in ei n e r, ja , ich w ürde sage n : etwas mechanisti-

hen Weise damit, die R esso rt s aufzuteilen. Also: auf d er ei - 1ll'll Seite das I:Z.essort >geschäftsordnungsnüßig für uns<: wie kommen w ir zu den Erkenn tnissen? was ist für uns zuerst da? - 1111d auf d er anderen Seite d as ontologische oder spekulative P„cssor t: wie ist die Ordnung der Wesenheiten an sich b e- schaffen? Ich mache Sie wieder darauf aufmerksam, daß auch diL·ses Aristotelische Verfahren seine höchst merkwürdigen

sc

l\.tms eq u enze n bis in die ze itge nös sisc h e Philosop hie hinein :·;,·habt h at. Max Seheier, der ja hier an dieser Stelle in der letz- 1,·11 Zeit seines Lebens gelehrt hat, 81 hat nämlich genau diese !\ ri stotelisc he Lehre, die ihm ve rmitt elt war durch die mittel-

wieder aufgenommen; und die gesamte

M ctaph ysi k vor a ll em des sp ~üen Seh e i er besteht ja wesentlich

.il terli che Scholastik,

,l.1ri11. daß er das M o ment der Genese - also das Moment, wie

"ir zu dem Bewußtsein von irgen dwe lchen Strukturen oder \X/l'sl'nh eiten oder was das sein mag kommen - wie durch ei - 11v11 >Abgrund des Sinnes< trenn t von de r Geltung der Ide en an

\ ic h. "" Und bere its der Gedank engang des

„J .ogis c h en Unt e r suc hung e n « von Hu sse rl,

111r rem en Logik <, der ja im Grunde die gesamte Wied erer -

erst en Bandes der der >Pro legom ena

weckung der Ontologie zur Folge gehabt hat, hat eigentlich

diesen einen Grundgedanken, wie er im Aristoteles steht und wie ich ihn Ihnen eben an dieser Stelle herau sgearb ei tet habe:

daß nämlich bei ihm die Genese, wie ich psychologisch zu logi- schen Sätzen komme, mit der Geltung, nämlich der Wahrheit

logi schen und der rein mathemati-

sc hen Sätze an sic h, schlechterdings ni chts zu tun habe. 8 3 Die

Tradition, die dazu geführt h at, geht übrigens dadurch, daß es die scholastische Tradition ist, unmittelbar auf Aristoteles zu- rück; ihre H auptträger im 19. Jahrhundert waren Bernard Bolzano und Franz Brentano, der letztere der Lehrer von Hus- serl. Es gibt also an di eser Stelle einen unmitt elbaren Zusam- menhang mit dem Aristotelismus. Also genetisch soll, dem Gang der Erkenntnis nach soll, Aristoteles zufolge, das Unmittelbare, sinnlich Gewisse das Er-

ste sein ; der Geltung

Diese Sache wird um so merkwürdiger und um so paradoxer,

als Ari stoteles insofern doch ein Platoniker ist, als

der Primat des zeitlich Ersten als dessen, was wir höhe r schät-

zen, was höher rangieren soll - etwa wie es in einer feudalen

Ordnung gesellschaftlich gelegen ist,

oder Unwahrheit der rein

nach - als o objektiv - das Allgem eine.

auch bei ihm

in der ja bekanntlich, j e

doxie des Aristotelischen D enkens, auf die ich Sie heute auf- 111erksam machen wollte, abermals ganz einfach in der geron- nenen Gestalt der Terminologie erkennen. Ich hatte Sie hin- gewiesen darauf, daß bei ihm oder bei den Scholiasten, die dem Buch den Titel gegeben haben, Metaphysik heißt: µEra rri cpvalxa, also das was an die Lehre von der physischen Natur sich anschließt: ÖEVTE(!a ovaia, also das Vermittelte, das Se- kundäre, das das Seiende bereits voraussetzt; während auf der

:111deren Seite nun eben doch die Metaphysik TCQWT1J cpl},oao -

'f 'ia, also die erste Philo sophi e, die Lehre, von der alles andere

:1bhängt, sein soll. Ich möchte Ihnen nun doch diese Stelle aus 'lcm Buch A vorlesen, wo er sich auf Thales bezieht - das lluch A gibt j a wesentlich auch eine Vorgeschichte der meta-

physischen Spekulation bis zu seiner eige nen und ist als solche heute noch eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der

g riechi schen Philosophie; das nur nebenher -, die Stelle

hört in den Abschnitt 983 b, und sie lautet in der jüngsten Übersetzung: »Manche«, sagt Aristoteles, »meinen sogar, daß schon in grauer Vorzeit lange vor unserm Geschlecht die Schöpfer der Theogonien dieselbe Auffassung über die Natur vertreten hätten. « Er wird wohl an Hesiod dabei denken.

ge-

älter eine Familie ist, diese Familie als um so feiner sich be-

»I )enn sie haben ja Okeanos und Tetys zu Stammeltern

der

trachtet-, daß also dieser Gedanke vom Höher-Rangieren des

1~n tw icklung gemacht, und der Eidzeuge der Götter ist

das

Ersten auch von ihm in der nachdrücklichsten Weise über-

Wasser, das jene Dichter selbst >Sty x< nennen. Am mei ste n ver-

nommen ist; sodaß also dann erst re cht nicht einzusehen ist

l'h rt

nämlich wird das älteste, der Eidzeuge ist aber am höch-

wieso er das, was als ÖEVTE(!Q ovaia, als zweite Wesenheit, als~ als Resultat einer Abstraktion seinerseits doch erst ein Gewor- denes ist, - wieso das plötzlich höher rangieren soll. 84 Ich möchte doch die Stelle aus dem Buch A daß wir das Erste und

sten geehrt«, 85 - weil er nämlich der ist, der dieses Älteste ge- wissermaßen beglaubigt und weil insofern von ihm alles ab- l1:ingt. Sie hab en hier also ausdrücklich die Formulierung des Aristoteles, die dann wiederkehrt in all den Passa gen der »Me-

Ältere immer höher schätzen, Ihnen g:rne vo rlese n , we il

ich

1:1physik«, oder lassen Sie mich anstatt >Passagen<richtiger sa-

glaube, daß hier einer der Angelpunkte dessen liegt, was ich

f',l' ll: in all den Gedanke ns trängen der »Me taphysik«, in denen -

überhaupt unter dem Begriff der prima philosophia, der

und da s ist ein Ge danke , den dann Hegel von ihm unmittelbar

:rrewn7

cpl Äoaocpia verste h e, als welche ja Aristoteles die Meta-

iibernommen hat - das Ungewordene als das Älteste, immer

physik ausdrücklich verstanden wissen wollte. In diesem Be- griff einer ersten Philosophie steckt dieser Primat des Ersten ganz eindeutig drin, und Sie mögen die eigentümliche Para-

sc hon Seiende, als Bedingung der Möglichkeit eines jeden Werdens aufgefaßt wird; oder schließlich wo die Endursach e, 11:i111lich die Gottheit, zu dem >unbewegten Bewegen aller

Dinge gemacht wird oder, wie die berühmte Aristotelische Formel dafür lautet, die Lehre von dem axivrywv xivoDv 8 c', dem unbewegten Beweger. Er schwankt also in dieser Auffas- sung, genauso wie er schwankt in dem Verhältnis von Genesis und Geltung mit Rücksicht auf den Primat, sei es nun das r6ÖE u oder sei es das clöm;. Es konnte nicht ausbleiben - und darin ist nun die gesamte Geschichte der späteren Metaphysik moti-

viert-, daß diese Lehre sich rein immanent als unbefriedigend erwiesen hat. 87 Wenn schon einmal das Primäre - und nicht umsonst ist das Primäre ja auch bei Thal es, auf den er sich hier bezieht, ein Stoilliches, nämlich das Wasser - höher rangieren soll im ontologischen Sinn, also ursprünglicher sein soll, wie die Sprache der modernen Ontologie das zu nennen liebt, so ist nicht einzusehen, wieso dann plötzlich das >Zweitee das Entsprungene, das Abgeleitc-te, das Resultat der Abstraktion, wie es die ÖEVTEQCTl ova[m, also wie es die in dem Seienden verkörperten Allgemeinbegriffe sind, wieso das dann eigent- lich höher rangieren soll. 88 Umgekehrt aber ist genausowenig einzusehen, warum das sinnlich Gewisse in seiner Zufalligkeit und individuellen Beschränktheit, wie sie in diesem roÖE Tl, diesem >Dada< gewissermaßen, infantil sich ausprägen, wieso dieses infantile Dada-Sagen eigentlich das Höchste, alle Er- kenntnis überhaupt Fundierende sein soll. Und man kann sa- gen, daß diese Aporie, also die Aporie zwischen, auf der einen Seite, dem Höher-Rangieren der obersten kategorialen Be- stimmungen, wenn Sie extrem wollen: der reinen Logik, und auf der anderen Seite der puren Unmittelbarkeit des jetzt und hier Gegebenen, - daß diese Aporie immer wieder die The- matik der Metaphysik gewesen sei. Wenn man dagegen den

Vcnnittlung, der im Aristoteles angelegt, 89 aber

Gedanken der

nicht wirklich ausgeführt ist: daß also die beiden Momente Form und Materie wirklich "\10111ente sind, die nur aufeinander bezogen gedacht werden können, - wenn man diesen Gedan- ken der Vermittlung wirklich ernst nimmt, dann wird dadurch die Frage nach einem solchen absolut Ersten und nach einem als solchem absolut Höheren als eine falsche Abstrak tion

66

durchsichtig. Und man wird statt dessen eben den Gestalten der konkreten Vermittlung dieser Momente nachgehen, an- statt das Produkt der Abstraktion, das sie beide voneinander sondert, seinerseits für die Rechtsquelle der Wahrheit zu hal- ten. Das ist eigentlich der durchgehende Zug der Thematik, wie er von dieser gesamten Metaphysik in die nach meiner Ansicht aktuellen Fragestellungen dieser Dimension hinein- führt.

7. VORL ESUNG

r5.

6.

1965

Meine D amen und Herren, ich fahre da fort, wo ich vor den Pfingstferien aufgehört habe, nämlich mitten in der Behand- lung der »M e taphysik « d es Aristoteles. Wir hatten, daran w er- den Sie sich vi elleicht eri n nern, zuletzt gesprochen davon , daß das moderne Problem des Verhältnisses von Genesis und Gel-

tung bei Aristoteles auch insofern sich stellt, als das roos u, das

einen Seite d as schlechte rdin gs

Erste sein soll; auf der anderen Seite aber, im Sinne einer gei- stigen Hi erarchie, die Id ee n o der, wie si e dann bei ihm heiß en:

die reinen Formen. 90 Ich möchte Sie hier auf eine Paradoxie aufinerksam machen, die mir außerordentlich bezeichnend scheint für die gesamte Ge sc hichte d er Metaphysik und di e auch an di ese r Stelle gleichsa m prototypi sc h in der »M e taphy- sik« des Aristoteles angelegt ist . Es gibt n ämlich zwei Vorstel- lungen von der aQxl], von dem JTQWTOV, die die ganze Ge- schichte der Philosophie durchherrschen. Aufder einen Seite, daß man unmittelbar G egeb e nes als Erstes se tzt, die unmittel- baren Tatsac h en des Bewußtseins , aus d eren Zusammenh ang dann später die subjektiv geri chtete Erkenntnistheorie den In-

an-

begriff dessen was ist zu konstruieren gesucht hat. Auf der

unmittelb ar Ge g ebene a u f d e r

deren Seite aber soll genauso das schlechterdings Erste der reine Begriffsein, als we lc h er j a immer im Ursprung der rati o- nalistischen Richtungen der Erkenntnistheorie steht. Alle Er-

sich an di es en zwei Vo rstellunge n vom

kenntnistheo r ie hat

Ersten abgearbeitet, di e sic h ja gegens eitig in gewisser W eise ausschließen, so daß Sie dann begründ e te Zweifel schöpfen

können an der Gültigkeit des Ansatzes in einem solchen schlechte rdin gs Ersten üb erh aupt. 91 Es ist j a nach Adam Ri ese, also im Sinne der einfac h e n tradition ellen Logik, ziemlich

klar, daß nicht beides d as

Erste sein kann. Trotzdem h a ben

diese beiden Ansätze, die vor allem dann historisch in dem Gegensatz vo n Empirismu s und Rationalismus sich ausge- prägt hab en, für sich immer allerhand ins Feld zu führen ge-

68

habt , - die gesamten soge n annte n empiristi sc h e n Richtungen L·ben das, daß sie zurückgehen auf ein G egebenes, das durch 11ichts and eres vermittelt ist, dessen man si ch gewissermaß en zweifelsfrei gewiß ist; während die anderen Richtungen, die

.n1sgegangen sind von dem reinen Begriff als dem schlechter- dings Ersten, darauf sich berufen konnten, daß ge ge nüb e r dieser R einh eit des G eisti ge n der sinnlich e Inhalt ein sei es Vergänglich es und Wechs elndes oder sei es gar, wie es in der l'latonischen Tradition liegt , ein Trügerisc h es ist. Di e Aus- schließlichkeit dieser beide n Momente ist e infa ch deshalb

11icht zu h alte n , weil auf diese

solange m an einfach fr agt: w as ist das sc hl ec hterdings Erste; 1md die einzige mögliche Antwort, die si ch dabei aufdrängt,

ist die, d aß jeweils das ein e di eser Prinzipi en - wenn ich es so nennen darf - immer zugleich auch das andere involviert oder

daß , w ie es in Hegelscher Sprache hei ß t,

pien durcheinander vermittelt sind. Ich mö chte hier hinzufi.igen, daß die R ede vom Prinzip da- hei eine uneigentliche R edeweise ist, weil man im strengen

Sinn von Prinzipien n atürli ch

wo es sich um reines D enken handelt, reden kann, während ,·hen das u n mittelbar G egeb en e, in letzte r Instanz die Empfin- dungen, seinerseits ja als ein gerade nicht Begriffliches eben , Li rum k e in Prinzip ist. Ab e r Sie mögen a uch daran etwa s von der >Misere de la philosophie<n erkennen , daß auch dieses 11icht begriffliche, nicht prinzipielle Element, das fürjede Phi- J, 1sophie k o nstitutiv ist , ihr notwendi g inn e wohnt , im Be r eich ,kr Philosophie - die nun, Gott sei's geklagt, mit nichts ande-

IL'11l als B eg riffen operi e ren kann - anders als in der Formei-

bereits, und das

ist keine terminologische Pedanterie, - womit bereits eine ge-

wi sse Vorentscheidun g für das Prinzip einfa c h durch die Form ,In Philo sophie getroffen ist; das heißt: wir können im allge-

Momenten der einfach s ozu s a-

grn >Grün< auf den Tisch le gen - w ir k önnen es, aber es w ird

beiden ve rwi esen w erde n kann,

diese beiden Prinzi-

nur rationalistisch, also nur da,

11L'S Begriff; ga r nicht auftre te n kann. Womit

111cinenja nicht, wenn wir von den sinnlich en 1 ~rkcnntn is a l s dem. Ersten r e den wollten, nun

uns philosophisch ni cht sehr weit führen- , so ndern wir wer- den dann schon die Abstraktion vom sinnlich Gegebenen vor- nehm en mü ssen und bewegen uns damit auf diesem Gegenpol bereits in derselben Sprache des Begriffs, die ihrerseits auf dem, wenn ich so sagen darf: rationalistischen Pol vorliegt. 93 Die Konsequenz, die aus diesen Erwägungen zu ziehen wäre - daß nämlich die beiden Möglichkeiten des Ansatzes eines schlechthin Gewissen und Ersten, die in gewisser Weise ein- ander gegenseitig ausschließen, nicht zu halten ist -, die ist eben die, welche ich Ihnen als di e Vermi ttlung bezeichnet habe . Und es ist , um auch das no ch einmal zu sagen, die uner me ß- liche Neuerung, die Aristoteles in der Philosophie durchge- führt hat, daß er als erster auf diese Problematik der Vermitt- lung gestoQe n ist. Und die Schwierigkeiten des Verständnisses ebenso wie de r Kritik an Aristoteles b eruhen prägnant darin , daß man sowohl fassen muß, in welchem Sinn er diese Idee der Vermittlung geschöpft hat, wie aufder anderen Seite auch, warum bei ihm die Konzeption der Vermittlung - wenn ich einmal so schulmeisterlich reden darf; aber wenn man einen Gedanken ernst nimmt, bleibt einem leider ja wenig anderes übrig - , warum diese Konzeption der Vermittlung bei ihm eben doch gescheitert ist. Ich wollte Sie noch darauf hin weisen, daß hinter di esem doppelten Ansatz von dem sinnlich Gewissen als dem_fiü rms Ersten und den reinen Formen als dem an sich Ersten, und zwar dem metaphysisch an sich Ersten, das heißt: dem Ursprung und dem reinen >Bewegen alles dessen was ist, doch auch ein sehr aktuelles Problem steckt. Dieses Problem nämlich ist, ob man tatsächlich die Genese der Begriffe von ihrem Wahrheits- gehalt derart abtrennen kann , wie es überall dort geschieht, wo man Genesis und Geltung oder wo man das für uns Erste und das a n sich Erste so voneinander tr e nnt , wie es in der )) Me- taphysik« d es Aristoteles der Fall ist . Sie haben hier, m o dern gesprochen, den zentralen E ingang in di e Problematik dessen , was m an Ideologieproblem nennt, d enn di e Fragen, um di e es hier ge ht, sind ja wi rkli ch di e, ob die objektive Wahrhei t von

l ·: rkenntni ssen , vo n Sätzen, vo n Begriffen von ihr em Urspru ng ,„ru ndsätzlich unabhängig ist. Auch dieses Problem stellt nun - I< li kann Ihnen hier nicht die ganze Problematik der Ideolo- !',il'nlehre9-1 entw ickeln , sondern ich kann Ihnen nur den /.usamrnenhang zwischen dem Ideologieproblem und dem nkcnntnistheoretischen Problem skizzieren, an dem wir im !\uuenblick labori eren - , auch hier ist es außerordentlich „,·Ji':er, zu so einer einfachen bündigen Entscheidung Ja oder Nl'in zu kommen; wie es mir überhaupt so scheinen will, daß dil' Arbeit der Philosophie, die ja wesentlich die Arbeit der 1)jfferenzierung ist, es ei nem abgew öhnt, einfache Disjunk- 1ionen von Ja oder Nein dort zu verlangen, wo di e Sache, über . lil' man nac hde nkt, sie einem möglicherweise verweigert.

B es tehen

.1uf diesem: ist es nun so oder ist es so' selber e tw as Infantiles

in der Philosophie so etwas w ie ein en erzie-

ill'rischen Wert gibt, dann liegt er vielleicht gerade darin, daß ·.ic einem diese Art von Naivet~üabgewöhnt. Also, um zur Sa-

die Er-

k,·rmtnisse auf ihre Genese reduziert, daß dann also etwa her- .1 uskommt , daß die Geltung mathematisch e r Sätze a bh ~ingen ·;,ill von den B edingungen , unter denen die M athematik über- li;111pt gesellschaftlich zustande gekommen ist , oder ga r von .kn psychologisc hen B edingungen , unter den e n man rnatbe-

logische Urteile vo llzie ht , - und es ist

, >lfrnsichtlich, daß da s ein Unsinn ist. Insofern h at also die 1rc1mung von Genesis und Geltung zweifellos ihr Recht; und ,., ist das sehr große Verdienst von Edmund Husserl, daß erbe- n·1ts in den neunziger Jahren des vergangenenJahrhunderts als ,·111n der ersten gerade darauf mit größtem Na chdruck auf-

anderen Seite abe r: we nn

ihrer G ene se trennt , wenn

11L 111 also , mit anderen Worten, die sedimentierte Geschichte ,

enthalten ist , au sklammert, der Wahrheit verloren; die

Man \vird im Lauf d er Philoso phie desse n inn e, daß

1L1t; und w enn es

' hl' zu komm en, es ist ein bißchen so, daß, wenn man

11utische Urte ile oder

111l'rksam gemacht hat 95 . Auf der

111.111 einfach die Erkenntnisse von

,li,· in ein er j eglichen Erkenntnis ·,,, "c ht damit e b e n so etwas von

W.1h rhei t wird dann gewissermaßen punktuell festgenagelt auf

den Anspru ch ihrer Zeitlosigkeit, der sein ers ei ts selbst ei n em

durch die Arbeit d es G eistes; so daß also das angeblich Zeitlose

Innerzeitlichen, nämlich dem Vorgang der Abstraktion, die

al s di e B edingung

se iner eige n en M ö gli chkeit au ch ein

Mo-

von den zeitlichen Momenten absieht, sich verdankt. Es ist in diesem Zusammenhang also ein se hr zentrales Problem - ich

rnent vo n Zeit hat . Das sc h eint mir die allein mö gli ch e

wo rt auf diese Frage zu sein . Ich benutze den Anlaß

Ant-

nur n oc h

grüble nicht darü be r, ob es ei n m e taphysi sche s

od er ob es ei n

daz u, Sie darauf aufmerksam zu m ac h en, daß Sie

hier n un

erkenntniskritis c he s sei; im Konkret en lassen di ese Unt er-

wirklich

von

einer philosophischen Z entralstelle aus erkenn en

sc h eidunge n ja sowieso sc h we r sich durchhalten - , wie di ese

können,

w ie

se hr Soziologie und Philosophie mitei nander zu-

beiden Mö glichkeiten zu einander sich verhalten. Ich möchte

samm enhängen ; wie wenig d er Über ga ng von d er einen

einmal sagen, daß man, während m an auf der einen

Sphäre in die andere eine bl oße µeraßaau;

el~ &;U.o yivo~ ist.

nur no ch Seite den

Wahrheitsgehalt einer E rken ntnis oder eines

Satzes

C;a nz ei n fac h aus de m G rund , we il , wenn

man ei nm al si eht,

er zu-

stande geko mmen ist; daß man auf der and ere n Se ite au ch ni cht etwa so d avon absehe n kann , w ie es dann in rec ht dikta- torialer W eise M ax Scheler etwa gelehr t hat ; zum Teil mit d en ab su rd en Konse q uenzen , daß ein e Reihe vo n B egriffen, deren Ursprünge in d en gesellschaftli che n Kämpfen ganz unver- ke n nb ar und au ch von ihm unbestritten si nd, trotzd em ein e Gültigkeit an sich hab en sollen , di e mit di esen Kämpfe n

sicher nicht einfach redu zieren kann auf di e Art, in der

daß das Mom e nt des U rsprungs oder da s M o ment de r zeitli- chen Genese vo n Erkenntnissen mit allem, was sie als Zeitli- ches involviert, etwas ist, was selber in dem Wahrheitscharak- ter drinsteckt, nicht ihm äuß erlich ist in dem Sinn von in der Ze it wechselnden Wahrheiten, sondern d en Wahrheitscha- rak ter selb er fundi ert, - daß dann auch die absolute Trennung

zwisch en der Frage nach dem ge sells chaftlich en Ursprung, der gesellschaftlichen Geschichte des Gedankens und sein em

schl ec hterdings nichts zu

tun hat 96 . Also dieser ganze Wust

Wahrheitsgehalt nicht mehr in der Weise vollzogen werden

von Problemen wie, man könnte sagen: die gesamte Proble- matik d er Philos o phie ist im G runde auch aus d e m Aristoteles hervorgetreten.

Ich darf noch hinzufügen , um nicht hier wirklich nur mit einer Frage stehenzubleiben, daß die genetischen Momente - und das führt auf den Gedanken der Vermittlung zurück -

ni c ht , w i e es dem vulgären V o rurt e il erschei~t, de~ Erkennt -

niss en ein schlechterdings Äu ße rli ches sind , sondern

daß si e in

dem Geltungscharakter selbst drinstecken; daß also die Wahr- heit , um es so zu for mulieren, einen Z eitkern 97 oder, wie

Husserl, der daraufaufmerksam wurde, das in seiner Spätphase

genann t hat: daß die Wahrheit selb er in ihrer

glei ch ein >geneti sc h es Sinnesimplikat<h at'' 8 . Ei n Problem , das

im übrigen auch bei Kant vorkommt, wo ja aufder einen Seite

die synthe ti sch en Urt eil e a

ten sollen; wo sie aber doch konstituiert werden durch die Tä- tigkeit, die Spontaneität des Bewußtseins, - al so schließlich

Objektivität zu-

p r io ri sc hl echt erdin gs ze itlo s gel-

72

kann, wie es di e

langt; so daß also nicht etwa eine Soziologisierung der Philo-

so phi e vo rlie gt , so ndern die sozio logischen Probleme den philoso phisch en imman e nt sind, und daß die imm anente phi- losophische R efle x ion auf diese P roble me notwendig führt. Ein Ansatz im übrigen, der von dem bloß w issenssoziologi- sc hen , der einfac h von auß en h er den Ursprung der Erkennt-

ni ss e m it ihrem Wahrh ei tsg e halt verwec h se lt, radikal ve rschi e-

den ist,

W ies o bleibt nun - d as ist die eigentliche Frage , der wir uns hci d er »Metaphysik« des Aristotel es gegenü b er finden -,

wieso bleibt nun der Vermittlungsdenker Aristoteles bei die-

dem Ursprung des

dem ab soluten Pri-

se m eigentümlich en Dualismus zwischen u lö e u, dem unmitt elbar G egeb enen , un d

111at der Idee steh en? Und w ieso nimmt er die Widersprüche und Schwierigkeiten, deren eini ge ich Ihnen wenigstens skiz- r.iert h abe , so ve rhältnismäßig leichtherzig in Kauf? D er Kern-

übliche wissen sc haftliche Arbeitsteilung ve r-

- aber auch das kann ich Ihnen j etzt nur andeuten .

73

widerspruc h ist, um auf die spezifisch e Problematik des Ari- sto tel es zurü ckzukomm en, der, daß di e Idee auf der e inen Seite nur immanent, also nur vermi ttelt: nur als einem Seien- den innewohnende, und nicht als ein ihr gegenüber Transzen- dentes, sein soll; daß sie aber trotzdem bei ihm zu einem An- sichseienden gemacht wird, - was zunächst einmal, wenn ~11an das so ka hl und nüchtern ausspricht, wie ich es eben tue , doch

ein sehr schwer zu versöhnender Widerspruch ist. M an kommt hier an die Spezifikation der Denkleistung des Aristo- teles und auch an die der histo r ischen Stelle, die für Aristoteles

ja als einen d er Ahnherren von bürgerlichem

Denken und gleichzeitig als ein en Schüler des Platon zu be-

zeichnen hat. Er hat, obwohl er das Problem der Vermittlung des Allgemeinen und des Besonderen w ie kein anderer vor ihm aufgewmfen hat- und er war sich dieser Leistung im üb- rigen durchaus bewußt; und wenn man Aristoteles liest, dann

liest sich das meiste, was er über die älteren Denker sagt, so ein

bißchen,

Wilde sc hreibt; er hat da schon durchaus, ich möchte fa st sa- gen: ein en feinen akademisc h en Hochmut, der den ganzen Ton fa rb t, der Naivetätjener älteren Denker gegenüber, die all das, was man nun weiß , so genau noch ni ch t gewußt haben; das ist für d as Klima d es Aristotele s auß ero rdentlich bezeich- nend - , aber er hat jenes Problem noch nicht gelöst. D er ei- gentliche Kern der Problematik des Aristoteles ist der, daß bei ihm im Gegensatz zu Platon das Vermittlungsproblem mit al- ler Sc härfe aufgeworfen wird, daß es aber trotzdem eigentlich zu einer Vermittlung nicht kommt. Und wie diese b eiden Dinge bei ihm miteinander zusammenhängen: das zu verste- hen, ist eigentlich die Aufgabe des Aristoteles-Verständnis-

ja: so gutmütig-gönn erhaft, wie man also über halbe

gi lt , den man

ses, - und damit die Aufgabe überhaupt des Ansatzes der tradi- tionellen abendländischen Philosophie. Er denkt nämlich das Verhältnis der beiden Kategorien von Form und Stoff, die bei ihm dann ins Zentrum der M etaphy- sik rücken, obwohl beide b ei ihm aufeina nder verw iesen sind, äußerlich. Das will sagen: er versteht das Seiende als aus Form

74

und Stoff zusammengesetzt, ad ditiv. Und dadurch ersche inen bei ihm , tro tzdem beide nicht ohne einander sein sollen, schließlich doch di e b eiden Kategorien als voneinander abso -

lut trennbar, - anstatt daß er sie ihrerseits als Abstraktionen er- kennen könnte, die nur Momente bezeichnen, von denen kei- nes unabhängig von dem ihm konträren gedacht werden kann und deren j edes seinem eigenen Begriff nach des anderen be- darf. Man könnte zugespitzt, wenn Sie wollen: paradox, sagen, daß bei Aristot eles die Vermittlung selbst nicht vermi ttelt sei; daß er zwar gesehen hat, daß beides nicht ohne einander ist, aber daß er dieses Ineinander-Sein fast wie ein quantitatives Agglomerat, daß er es additiv, wie ein Zusammenkommen dieser beiden Momente gesehen hat, die zwar nicht che- misch-rein voneinander gedac ht we rden können - so we it ist

ich Ihnen

vorgetragen habe, 99 wird Ihnen bewiesen haben, daß er so weit gedrungen ist-, die aber doch nicht ihrem eigenen Sinn nach, ihrer eigenen Beschaffenheit nach, aufdas j eweils andere verweisen. Man könnte sagen, daß in der »Metaphysik« - und im übrigen nicht in ihr allein, sondern in der gesamten Aristo- telischen Philosophie, insbesondere auch in der Ethik und in der Staatslehre - Aris toteles ein Vermittlungsdenker sei: in dem Sinn, daß er immer darauf ausgeht, ein Mittleres zwi-

sc hen zwei Extremen zu finden, und also nun hi er das Se iende

Mittle re s zwisch en Form u nd Stoff zu den-

er schon gekommen; und die Platon-Kr itik , die

gleichsam als ein

ken; daß aber bei ihm Vermittlung wirklich nur etwas zwischen den Extremen heißt und nicht etwa das, was im Sinn der Ex- treme liegt und durch die Extreme selber hindurch sich voll- zieht. Wenn Sie mir das anachronistische Greuel durchgehen lassen: er ist eben w irklich der Vermittlungsdenker schlechter- dings, bei dem aber der Gedanke der Dialektik fehlt; bei dem also die Extreme nicht in sich ve rmittelt sind, so nd ern nur ein Mittleres zwische n ihn en, w ie es dem eigen tlichen Gesa mt- prin zip dies er Ph ilosophie e ntspricht, - n ämli ch die ser P hilo- sophie, deren Ideal die rechte Mitte oder die µw6ryt<; ist. Die- ses Prinzip der rechten Mitte ist also das Zentralproblem, das

75

der Mäßigung zwis chen den Extremen. Wie etwa in der

»Ethik« 100 und

wird sie gleichsam auch ins Absolute hineinverlegt, insofern als das Sein etwas wi e die rec ht e Mitt e zwischen Form und Stoff sein soll, - allerdings mit einem schweren Akzent dabei eben aufder Form. Ich merke nur noch an, daß Aristoteles ge- rade in dieser Vorstellung, in di eser nicht dialektischen Vor-

der »Politik« diese Mäßigung gelehrt wird,

stellung von der Vermittlung, ein ri chtiger Plato niker ist, denn

schulm eisterlic h verh alte, so möchte ich diese Schuhneister- lichkeit nun aber doch korrigieren, - nämlich hier kommt zu- nächst einmal wirklich einfach der geschichtliche Koeffizient wesentlich in die Argumentation h erein. Das Moment , das ich

Ihn en eben als das der Vermittlung bezeichnet h abe , der

dia-

lektischen Vermittlung in dem Sinn, daß ein Begriff, ein em-

phatischer

philosophischer B egriff, seinem eigenen Sinn na ch

ve rwi esen ist auf eben das Nichtbegriffiiche, als des sen Ab-

genau diese Art

der Bestimmung

von B egri ffen als der rechten

straktion er gewonnen w urde 102 ; dies Moment konnte -

und

Mitte zwischen ihren Extremen ist ei nes der Schemata, die der Beweisführung der Platonischen Dialoge immer wieder zu-

was doch als ein Vermitteltes, also nicht als ein chemisch-rein

das ist keine billige apriorische Konstruktion po st festum, son- dern das kann man sich einsichtig machen - überhaupt erst

grunde liegen. Etwa wenn Platon die Tapferkeit in einem um-

gedacht werden in einem Stand des Geistes, der durch die sub-

ständlichen Verfahren als die rechte Mitte zwischen der Toll-

jektive Reflexion wesentlich hindurch gegangen ist; das heißt:

kühnheit oder Verwegenheit auf der einen Seite und der Feig-

in der man darauf ges toßen ist, daß solche Kategorien wie hi er

heit auf der anderen bezeichnet, 101 so entspricht das genau

die Kategorien Stoff und Form ihrersei ts ja bereits vom

Geist

diesem Klima.

vorgeno m me ne Abstraktionen sind , die man deshalb gar

nicht

Sie mögen denken, daß ich Ihnen hier eine schreckliche Subtilität zumute: nämlich die, zu unterscheiden, daß etw as ,

naiv in ihrer Unmi ttelb arkeit als ein Absolutes setzen kann, so ndern die man, wie H egel es nennen würde, nur als ein be- reits Gese tzt es hat vollziehen können . Di ese Entdeckung d er

Aufzulös endes, sondern als ein

beide Verbindendes, - daß ich darin noch einmal den Unter- schied m ac he, ob das >beide <nur, naturwissenschaftlich würde man sage n: ein che mi sches Gemen ge oder ob es eine ge nuine Verbindung darstellt. Aber ich muß Ihn en sagen, daß eigent- lich - und wenn Sie sich eingehend mit Philosophie beschäfti- gen, glaube ich, werden Sie das immer wieder bestätigt fin- den - die sogenannten großen philosophisch en Fragen sich regelmäßig in solch en Subtilitäten, in solchen D etailfragen entscheiden. Also die gesamte Frage etwa, ob so etwas wie eine >Er ste Philosophie< oder die Auflösung d er Phil osop hi e nach Prinzipien überhaupt möglich ist oder ob das deshalb nicht geht , weil ei n jed es solches Urprinzip in sich selber, dem eigenen Sinn na ch , das and ere po stuliert, - di ese Frage hängt wirklich ab davon, w ie man sich dieser Subtilität gegenüber verhält. Wenn ich Ihn en vorher ges agt hab e, daß ich mich, in- dem ich Aristoteles an dieser Stelle kritisiere, ein bißchen

nach einer der beiden Seiten

Subjektivität als des Konstituens der Erken ntnis ist der gesam- ten Antike völlig fremd gewesen. Und auch wo in der Antike

subj ektive Redeweisen

selten -, dürfen wir sie mit den modernen nicht verwechseln, weil sie da nämlich vorkomm en etwa im Sinn des individuel- len, personellen Relativismus: also der B ezogenheit der Gül-

tigkeit der Erkenntnis auf di e besondere Beschaffenheit ein-

zelner

durch die Geschichte des neueren Denkens hindurch dem Be- griffder Subjektivität seinen N ac hdru ck verliehen hat, nämlich die Frage, ob nicht die Subjektivität überhaupt die Wahrheit

und O bjektivität selber wesentlich mitbedinge oder konstitu-

iere, - diese

fremd. Und wenn es wahr ist, daß man Korrespondenzen mit ve rgangenen geistigen Ge bild en nur erkennen kann , indem lllan gle ich zeitig die Distanzen setzt, als o indem man nicht dariib er jubiliert: ist ja alles sc h on ge nau wie bei uns, sondern

Frage ist der gesamten antiken Philosophie völli g

Menschen. Aber das, was für uns in de r Philo sophi e

erscheinen - und das ist gar nicht so

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indem man nur dort auf das Gemeinsame stößt, wo man zu- gleich auf das Inkompatible aufmerksam wird, dann ist das ge- nau der Grund dafür, warum das Aristotelische Denken, das in intentione recta, im Grunde in einer einfachen Orientierung an dem Substanzbegrifi~ verläuft, warum ein solches Denken, das also die Selbstreflexion eigentlich noch gar nicht kennt, eben damit den dialektischen Begriff noch nicht hat fassen können. Ich füge dem nur hinzu, daß damit allerdings über das Pro- blem der Dialektik nicht das letzte Wort gesagt ist. Es wäre ein Mißverständnis, wenn Sie daraus schließen wollten, daß nun die Vorstellung einer dialektischen Philosophie wesentlich und stets nur subjektiv sei; sondern es gibt dann weitere Refle- xionen der Reflexion, durch die eben diese subjektive Re- duktion ihrerseits wieder überholt und selber negiert wird. Ich sage Ihnen das nur, damit Sie nun nicht glauben, ich wollte hier gegenüber dem antik-ontologischen Denken etwa ein- fach ein subjektiv-idealistisches Denken vertreten, was mir ganz und gar fernliegt; ich wollte Ihnen nur zeigen, daß die dialektische Konzeption der Grundbegriffe der Metaphysik, um die es sich bei Aristoteles handelt, überhaupt gar nicht möglich ist, ohne daß die Reflexion auf die Subjektivität viel nachdrücklicher erfolgt wäre, als das bei ihm der Fall war. Ich merke noch an, daß durch diese eigentümliche Zusamrnen- setzungslehre des Aristoteles auch der Begriff des Stoffes außerordentlich entstofflicht und seinerseits zu einem ganz Unbestimmten und Allgemeinen gemacht wird. Wenn ich Ih- nen eben gesagt habe, daß die subjektive Reflexion bei Aristo- teles noch nicht stattgefunden hat, so ist es um so erstaunli- cher, in wie weitem Maß trotzdem das Aristotelische Denken in sehr wesentlichen Momenten dann doch übereinkommt mit dem späteren idealistischen Denken, das diese subjek tive Reflexion vollzieht. Wenn es nämlich so ist, daß eigentlich alle Bestimmungen: alles das, was ein Etwas zu dem macht, was es ist, von seiner Form herkommt; und wenn demgegenüber die Materie eigentlich ein an sich ganz Unbestimmtes ist, der Stoff

ein ganz Abstraktes ist, so haben Sie hier, inmitten dieses onto- logisch-vorsubjektiven Denkens bereits einen ganz genauen 1:ntwurf jener späteren idealistischen Lehre, derzufolge die Materie der Erkenntnis das schlechterdings Unbestimmte sei, die alle ihre Bestimmung und damit all ihren Inhalt überhaupt

nst durch die Form, närnJich durch die Subjektivität erhält. Nur ist - um Ihnen auch genau zu bezeichnen, wo die Diffe- renz von dem gesamten neuzeitlichen Denken nun eigentlich 1iegt-, nur ist bei Aristoteles, und darin ist er wieder ein Plato- 11iker, der Begriff der Form selbst noch nicht gleichgesetzt mit dem Denken, also noch nicht gleichgesetzt mit der Funktion des Subjekts; sondern diese Form wird gleichsam durch einen Abstraktionsmechanismus aus der MannigfaJtigkeit dessen was ist, und vor allem aus der Mannigfaltigkeit dessen, was sprach- lich formuliert ist, herausgeklaubt und dann zu einem Ansich- seienden gemacht, ohne daß es eigentlich als die Leistung des Subjekts bestimmt wäre. Man könnte also, wenn ich noch ein- 11ul anachronistisch reden darf, davon reden, daß die Aristote- lische Metaphysik ein Idealismus malgre lui-meme sei; daß sie :dso idealistische Konsequenzen, nämlich die Entqualifizie- nmg ihrer eigenen Materie und damit die Herabsetzung der Materie überhaupt, bereits besorgt, so wie es dann später der Idealismus so nachdrücklich getan hat, aber ohne daß dabei das Medium des Idealismus, nämlich die konstitutive Subjekti- vi6t als solche, überhaupt bereits erfaßt wäre. Man muß fragen, was überhaupt dann bei Aristoteles vom Stoff übrigbleibt, \\'L'nn alle seine Bestimmungen von ihm einmal abgezogen und 111 die Form hereinverlegt sind. Es bleibt nämlich dann von dem Stoff ein Leeres, das sich erst erfüllen muß; und dieser Ge- d,11ike, daß also nun der reine Stoff ein Abstraktes, Leeres sei,

d:1s sich erst erfüllen muß, der führt zu der Kerndoktrin der Aristotelischen »Metaphysik«: daß nämlich der Stoff gerade 111cht das Gediegene, Solide ist, das woran man sich halten k:11m, sondern daß er nur reine Möglichkeit ist; und daß, im < ;L'gensatz dazu, das Wirkliche eigentlich die Form ist. In ge- wissem Sinn kehrtja auch dieser Gedanke im Idealismus wie-

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der dadurch, daß die Wirklichkeit als das subjektiv Konstitu- ierte gedacht wird und die Materie als das Unbestinunte. Aber das Merkwürdige und für uns nun wirklich sehr schwer Nach-

zuvollziehende ist, daß diese Unterscheidung hier in naiv-rea-

wird; aber auf eine solche

Weise nun, daß das, was man als das Allerwichtigste in Händen

zu h alten

sozusagen die Möglichkeit dessen wird, was dann daraus ent- stehen soll, während das Wirkliche gerade die Form ist, - während wir doch gewohnt sind, Formen eben als das zu ver- stehen, wodurch ein Etwas, ein Daseiendes, ein, wie immer Sie es ausdrücken wollen, ein r60 c n in irgendeiner Weise ge- formt werden muß. Diese Möglichkeit besteht natürlich nur dadurch bei Aristoteles, daß er diese beiden Hauptprinzipien,

glaubt, ein ganz Unbestimmtes und Leeres, nur

listisch er Blickwendung vollzogen

nämlich das Prinzip der Form und das des Stoffs, zwar in dieser merkwürdigen Weise ineinander sieht, aber trotzdem glaubt, sie als vo neinander unabhängige Wesenheiten fassen zu kön- nen, die zwar aufeinander verwiesen sind, aber nicht derart aufeinander verwiesen, daß dem eigenen Wesen nach das eine durch das andere konstituiert würde.

noch offenen

Problems: daß die Materie eigentlich das ganz Leere ist, das zur Existenz nur durch seine eigene Reflexion, also durch

das in der

ebenfalls objektiv gerichteten Hegelschen »Logik« dann erst

durchgeführt worden ist. Und ich möchte damit schließen,

daß ich Sie, soweit Sie an Hegel interessiert sind, darauf auf- merksam mache, daß die übliche Herleitung Hegels aus dem deutschen Idealisrnus nur die eine Seite an ihm wiedergibt; daß es aber, auf der anderen Seite, gerade wegen der objekti- ven Blickrichtung der Hegelsch en »Logik« d es immerwähren- den Rekurses auf die Aristotelische Logik bedarf, von der er

dem Werk

eben diese Gedanken

seine Form hindurch , kommt, - das ist das Problem,

Die Weiterentwicklung dies es b ei Aristoteles

übernommen hat , w ie es in

des Oxforder Philosophen Geoffrey Mure 104 eingehend dar- gestellt worden ist, auf das ich Sie hier aufinerksam machen möchte. - Hier fahren wir heute in acht Tagen fort.

80

l

8. VORLESUNG

22. 6. 1965

Vielleicht darf ich Ihnen zum Beginn heute die Unterschei- dung ins Gedächtnis rufen, die ich zu Anfang dieser Vorlesung zu machen mich bemühte, um Sie auf diese Weise an das Spe- zifische der Metaphysik heranzubringen. Denn, wenn ich dies Methodische gerade sagen darf, es genügt gar nicht, wenn man sich eines Begrifü von historischer Tiefe wie dessen der Metaphysik versichern will, daß man weiß, was er bedeutet in dem Sinn, daß man die Hauptgegenstände umreißt, die in ihm behandelt werden, den wesentlichen Inhalt und die Form, in der er abgehandelt wird. Sondern es gehört bereits zum Ver- sündnis von Begriffen immer auch das Moment der Negation dazu in dem Sinn, daß man, um etwa eine Philosophie zu ver- stehen, wissen muß, wogegen eigentlich ihr spezifisches Pa- t lios sich richtet. Wenn man eine Philosophie rein aus sich sdbst heraus, so nach dem was dasteht, zu verstehen trachtet, kommt man gewöhnlich nicht sehr weit. Sondern man muß das Organ entwickeln, aus den Betonungen, aus den Akzen- ten, die einer Philosophie eigentümlich sind, ihre Relation in- nerhalb des philosophischen Zusammenhangs zu erschließen und danach eigentlich die Philosophie zu begreifen, - da s ist 111indestens so wesentlich, wie nun einfach handfest zu wissen:

das und das ist Metaphysik. Ich erinnere Sie also in diesem Sinn daran, daß ich , gegenüber der unmittelbaren Wortbe- deutung, versucht hatte, Ihnen Metaphysik in diesem prä- L'.llanten Sinn als die Einheit kritischer und rettender Intention ~u beschreiben . lf' 5 Also: Metaphysik ist immer da vorhanden, wo Aufklärung auf der einen Seite vor allem irgendwelche iiherkommenen Vorstellungen und Ideen, irgendwelches An- sichseiendes als mythologisch kritisiert, gleichzeitig aber- und :rwar nicht nur aus apologetischem Bedürfnis, so ndern ebenso ;111ch aus dem Interesse an der Wahrheit selber - nun aus Ver- 1nmft die durch Vernunft demolierten Begriffe in gewisser Weise retten oder wiederherstellen oder gar neu, aus sich her-

Sr

aus , erz eugen möchte. Nun, - man kann sagen, daß di e be- rühmteste Theorie des Aristoteles, an der wir j etzt halten,

nämlich di e üb er Stoff, i!A.17, und Form, eloo<; od er µooq;r;, nachdem er an der Platonischen Ideenlehre Kritik geübt hat, nun im Bewußtsein dieser Kritik und in der Konsequenz die- ser Kritik ei n w ese ntliches Moment, nämlich den Vorrang der Idee, die Priorität der Form, erretten möchte. Und ich wie-

prototypisch ist für die

derhole, daß diese Z wieschlächtigkeit

gesamte Metaphysik; auch ·für die Kantische, wo ja der be- rühmte Satz aus der >Methodenlehre<, er habe das Wissen ein- geschr;inkt, um dem Glauben Raum zu schaffen, 101 ' genau auf dieselbe Doppelde uti gkeir ve rweist.

Diese Intention, von der ich nun rede, prägt sich bei Aristo- teles a us in dem Satz, daß das wahre Wissen imme r auf das

Sie

müssen dab ei allerdings sich das gegenwärtig h al ten, was man

bei j edem einzelnen Begriff der antiken Philosophie sich in Evidenz rufen muß: daß nämlich der Begriff der K@salität oder der Ursach e, wie er bei Aristoteles als eine - und zwar differenzierte - Kategorie auftau cht, nicht im Sinn einer sub- j ektiv gestifteten Kat egorie zu ve rstehen ist, sondern als ein dem Objektiven an sich Innewohnendes und von der Gestalt

Ausdrucks Ind iziertes. Demgegenüber, also

gegenüber dem Notwendigen und Unveränderlichen, gilt bei Aristoteles - und auch das ist ganz ähnlich wie bei Plato n -- das Sinnliche als zufällig ode r als minderwerti g. All erdin gs finden Sie nicht b e i Ari stot eles, und das hän g t mit seiner Lehre von dem Stoff und dem Verhältnis von Form und Stoff bei ihm in einer unmittelbar einsichtigen Weise zusammen , - Sie finden bei ihm nicht die Platonische Wendung von der Nichtexistenz

des sinnlichen Materials; Sie finden bei ihm nicht die Lehre von dem µi; ov, also von dem Sinnlichen, dem Raum-Zeitli- chen als d em schl echterdin gs Nichtseienden. Aber wenn ich Sie hier an das m ethodische Prinzip erinnern darf, daß in der Philosophie die Probleme in den kleinsten Nuancen stecken, so wäre auch hi er daran zu erinn ern , daß trotz dieser anders

Notwendige und Unveränderliche gehe, wie bei Platon. 1 m

des sp rac hli chen

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:·;carteten Bewertung des Sinnlichen, die ja im allgemeinen , km Aristoteles so als seine empirische Richtung gegen über ,km klassischen Rationalismus zugeschlagen wird, - daß diese

\'l' r;inde rt e Stellung zu d em Sinnlichen doch nicht so weit ab

ist vo n der Lehre vom Platonischen Ni chtsei end en, wie Sie

bei

!\ ri sto teles au ch anregen . Nämlich deshalb, weil

.ilso die vA.17, als reine Mö glichkeit dessen was ist

·;c hen B esti mmungen entäußert ist; das sc hl ec hthin Unbe-

' ' immte ist, das eigentlich nur nach Bestimmung verlangt; und 11ur dies Verlangen an ihm ist es eigentlich, das es als die Mög- lichkeit qualifiziert, mit der ja der Stoff bei ihm gleichgesetzt wird. Als o wenn m an etwa d en H egelschen Sc hritt m ac hen

w ürde zu

11ichts sei, so könnte manjenen berühmten Platonischen Satz , j,ich bei Aristoteles wiederfinden, - nur hat er, und das zeigt, 1, · Ji wü rd e sagen: da s Großartige und Ori ginale an dem Den- k,·11 des Aristoteles, eben diesen Schritt zu vollzie h en sich ge- we igert. Und es gehört zu den ti efsinnigs ten und wahrhaft , jialektischen Widersprüchen der Aristotelischen Philosophie, , Li 1\ die 0 1!vaµ t<; , also die M a teri e d er Erkenntnis, zwar ein Be- " 1immungsloses sein soll, abe r trotzdem nicht nur ein B estim- 111ungslos es; wenn Si e wollen: daß er also an der Th ese de r ab- "' /11tc11 Bes timmun gslosi gke it dessen , was seine Form no ch 11icht erreicht hat, nicht festhält. - Ich benutze das zu der Be- 111nkung, die Ihnen vielleicht auch ein bißchen zum tieferen Vnstfodnis von Philosophie hilft gegenüber dem, was in den

sagen, daß da s sc hl ec hthin Bestimmungslo se gleich

ll!nä chst denken kö nn ten und wi e es ma nch e P assagen

ja der Stoff, aller sp ezifi-

1 1· hrbüch ern s t eh t: daß man im allgemeinen Philosophie 111.-ht dadu rc h ve rst eht, daß man Wid ersp rü che weg räu mt, 1111d auch nicht dadurch, daß man Autoren Widersprüche an-

kreidet - es g ibt keinen bedeutenden phil osophischen Autor, drn man nicht irgendwelcher Widersprüche überführen kii11nte - , sondern dadurch, daß man gerade den Wahrheits-

sucht, wo sie, wi e rnan

! ',•· ldt einer Philosophie an d er Stelle

1 l.1s so nennt, in sogenannte Widersprüche sich verwickelt. 1 >;1s gilt in e mphati schem S inn für den Aristoteles. - ·wa s also

das Sinnliche anlangt bei ihm, so gilt es zwar als minderwertig, aber nicht etwa als ein Nichtseiendes. Und er hat damit eben doch sich in die sogenannte Platonische Tradition gestellt; und beide tragen zu jener Geringbewertung überhaupt alles Sinn- lichen bei, die dann für den Idealismus in einem weitesten Sinn maßgebend geblieben ist. Das sinnliche Material könne ihm zufolge, so heißt seine Formulierung, ebensogut sein wie

auch nicht sein; fvoExoµEvov xai Elvm xai µry Elvm, sagt er 108 .

Also das, was er eigentlich gegen das bloß Seiende hat, ist gar nicht so sehr seine Bestimmungslosigkeit, als das, was man in der späteren Philosophie mit seiner Zufälligkeit bezeichnet

hat,

mit seiner Kontingenz. Und Sie werden später hören 109 ,

daß der Begriff der Zufälligkeit der Materie - gegenüber der Gesetzmäßigkeit der Form - unter dem Namen ro ain:oµarov (woher unser >automatisch< kommt) oder auch unter Verwen- dung des alten mythologischen Ausdrucks TVX1J, - daß Ge- schichte bei Aristoteles in der Tat eine sehr große Rolle spielt. Es könne also - heißt dieser Satz - ebensogut sein, wie es auch nicht sein könne. Ich möchte Sie nur en passant darauf aufmerksam machen, daß diese These, die eigentlich so eine der Invarianten des gesamten metaphysischen Denkens ist, keineswegs so selbstverständlich ist, wie sie sich ausnimmt. Wenn man zunächst einmal auf schulmäßigem, primitivem Niveau fragen würde, wo einer der Hauptunterschiede der metaphysischen Tradition von der antimetaphysischen liege, so wird manja wahrscheinlich dabei die Antwort bekommen, daß die Metaphysik alles in die Idee oder in die Vernunft, sub- jektiv gesprochen: in den Geist setze und deshalb das sinnliche Material, das ja mit der cpvat~, mit dem Materiellen genetisch zusammenhängt, minder bewerte. Ich möchte Sie veranlassen,

nur eine Sekunde einmal zu überlegen, ob diese Auffassung wirklich so stringent ist, wie man es uns im allgemeinen sagt; und ich möchte dabei die Methode der immanenten Kritik verwenden, also sozusagen das Aprioritätsideal beim Wort nehmen und fragen, ob es nun tatsächlich nicht auch soge- nannte Apriorien der Erkenntnis gebe, die keineswegs unsinn-

licher Art sind. Darauf hingewiesen hat zuerst die phänome-

nologische Schule, tendenziell schon bei Husserl in der Lehre

vom sogenannten kontingenten Apriori 110 , und

weiterem Maß Max Scheler 111 . Es kann nach dieser Lehre auch Bestimmungen geben, die a priori, das heißt: schlechter- dings und notwendig gelten sollen, die aber ihrerseits nur gelten unter der Voraussetzung, daß ein sinnliches Material gegeben ist. Sie hängen also selber, obwohl sie Apriorität, schlechthin- nige Gültigkeit beanspruchen, von so etwas wie der Existenz von Sinnlichem überhaupt ab. Die Beispiele, die dafür ange- führt werden, stammen etwa aus gewissen Bereichen der Phy- sik wie der Optik. 112 Wenn man also sagt, daß in der optischen

Ähnlichkeitsreihe, sagen wir: Violett zwischen Rot und Blau liegt, so wird man sich, so lange es so etwas wie Farbempfin- dungen vom Typus blau und vom Typus rot gibt, schlechter- dings und bei aller Anstrengung nicht vorstellen können, daß Violett, die Farbe, die wir Violett nennen, etwas anderes sei als eben ein Mittleres zwischen diesen beiden anderen Farben. Es handelt sich hier also sicher um einen apriorischen Satz; aber seinerseits um einen apriorischen Satz, von dem man etwas wie Notwendigkeit in jenem hier zuerst von Aristoteles ur- gierten, strikten Sinn schwer wird behaupten können, - weil ja die Tatsache, daß wir überhaupt auf Grund der bekannten Nervenprozesse so etwas wie Rot und Blau sehen, selbst nicht aus reinem Denken als notwendig einzusehen ist, sondern es sich dabei um eine Art von Gegebenheit handelt. Das also nur wr allereinfachsten Kritik daran, daß die metaphysische Tra- dition behauptet hat, alles Apriori sei eigentlich reiner Geist; t1111 Ihnen zu zeigen, daß, auch wenn man die Sphäre des !\priori so belastet, wie es die idealistischen und ontologi- schen Richtungen tun, daraus keineswegs mitjener Selbstver- st:indlichkeit der Ausschluß des sinnlichen Materials und der sinnlichen Relationen folge, wie jene Tradition eben seit Pla-

dann in viel

1on

Aber ich möchte über diese verhältnismäßig schlichte Ein- sicht doch noch hinausgehen, indem ich Sie darauf venveise,