Sie sind auf Seite 1von 5

Den Kanon erweitern

19. April 2018


Von Matthias Hagedorn

Den Skandal um die Schwedische Akademie nimmt Roman Bucheli in der NZZ zum _____, sich
Peter Handkes Forderung ___zuschließen:

Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen.

Denn die Kriterien, unter denen die Akademie Literatur bewerte, seien heute doch völlig
____holt, mon___ er: „Der Kanon der Weltliteratur umfasste bis weit ins 20. Jahrhundert _____
von wenigen Ausnahmen ______ fast nur europäische Literatur. Von dieser eingeschränkten
Optik hat sich die Schwedische Akademie in all den Jahrzehnten nie wirklich befreien können. Sie
konnte und kann es umso weniger, ___ sie ___ zu vielen Augen blind ist. Diese partielle Blindheit
gehört gleichsam zur statuarisch festgelegten Verfasstheit der Akademie, weil sie als
sektenähnliches und sich selbst konstituierendes Gremium außerhalb jeder Kontrolle tätig und
nur einer Satzung verpflichtet ist, die 1786 erlassen und seither nicht mehr geändert worden ist.“

Randständigkeit ist das Lebensprinzip der Poesie

Vom Rand aus arbeiten wir auf dem Online-Magazin Kulturnotizen (KUNO) daran, den Kanon zu
erweitern. Die Idee zum Projekt Das Labor ist ein viertel Jahrhundert alt. Wer über hinreichend
Neugierde, Geduld, Optimismus und ______ Atem verfügte, konnte in den letzten 25 Jahren die
Entstehung einer Edition beobachten, die weder mit Pathos noch mit Welterlösungsphatasien
daher___. Die zeitliche Abfolge der projektorientierten Arbeit ist nachzuvollziehen in
der Chronik der Edition Das Labor. Weitere Porträts finden Sie in unserem Online-Archiv, z.B.
eine Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole
und Hinterland. Auf KUNO porträtierte Holger Benkel außerdem Ulrich Bergmann, Uwe
Albert, André Schinkel, Birgitt Lieberwirth und Sabine Kunz. Lesen Sie auch d__ Essay über die
Arbeit von Francisca Ricinski und eine Würdigung von Theo Breuer. Und nicht zuletzt
den Nachruf auf Peter Meilchen.
Gott hat die Welt nach Zahl, Maß und Gewicht geordnet", ____ es in der Bibel. Viele
Unternehmen und Behörden _____ das wörtlich. Sie machen sich ihre Mitarbeiter zu
Untertanen und ernten deren Arbeitskraft, um sie dann ____ allen Regeln der ____ zu
vermessen. Leistungsbeurteilung nennt man das. In sechs von zehn Betrieben
hierzulande werden die Mitarbeiter einem Monitoring unter____, anschließend gibt es
Feedback-Gespräche über die Zielvereinbarungen. Vermeintlich objektive Kennzahlen
und hochgradig subjektive Bewertungen entscheiden über berufliche _______.
Der offizielle Leitfaden für den öffentlichen Dienst beispielsweise nennt eine ganze
Palette von Bewertungskriterien. Geprüft wird das "quantitative Leistungsniveau, wie
beispielsweise die Anzahl von Bescheiden oder die Anzahl der betreuten Kunden", das
"qualitative Leistungsniveau, wie etwa geringe Zahlen von Beschwerden und niedrige
Fehlerquoten", das "ergebnisorientierte Leistungsniveau, wie zum Beispiel
Kostensenkung, Stellenabbau oder Einnahmesteigerung" und das "verhaltensorientierte
Leistungsniveau, wie etwa Kommunikationsverhalten und Teamfähigkeit". Für all diese
Punkte gibt es dann eine fünfteilige amtsdeutsche Skala von "Zielerreichung nicht
erreicht" bis hin zur Bestnote "deutlich übertroffen".
Das klingt auf den ersten Blick vielleicht fair, ganz nach dem abgelutschten neoliberalen
_____ "Leistung muss sich wieder lohnen", das seit Helmut Kohl die _____ macht.

Der Lohnarbeiter wird auf Output reduziert


Doch die Leistungsbeurteilungen reduzieren die austauschbaren Lohnarbeiter auf
ihren Output und erinnern an die Belastungstests der Stiftung Warentest: "Hier haben
wir einen Fahrradrahmen. Jetzt hauen wir tausendmal kräftig drauf – und dann gucken
wir mal, wann er bricht." Und wann knicken die Mitarbeiter ___; wann können sie den
Anforderungen nicht mehr _____ tun?
Leistungsbeurteilungen entscheiden darüber, wer entsorgt werden muss, weil er oder
sie die Note mangelhaft bekommt und somit nicht mehr tauglich ist.
PATRICK SPÄT

Der promovierte Philosoph Patrick Spät beschäftigt sich mit Kapitalismus- und
Arbeitskritik. Er hat mehrere Bücher und Streitschriften verfasst. Gerade ist sein neues
Buch Die Freiheit nehm ich dirim Rotpunktverlag erschienen.

Ethische Bedenken? Fehlanzeige. Der Papst des Neoliberalismus, Milton Friedman,


schrieb bereits 1953: "Die Positive Ökonomik ist grundsätzlich unabhängig von
bestimmten ethischen Positionen oder normativen Urteilen – sie ist eine 'objektive'
Wissenschaft, in genau derselben Bedeutung wie jede der physikalischen
Wissenschaften." Solche Zeilen lesen noch heute Heerscharen von VWL- und BWL-
Studenten, um dann später als Schreibtischtäter zig Leistungsbeurteilungen zu
schreiben, die den Menschen quantifizieren und die Unternehmen gesunds______
sollen.
Fast 20 Prozent der deutschen Konzerne haben sogar einen internen
Verteilungsschlüssel (forced distribution), der vor____, dass stets ein bestimmter
Prozentsatz der Beschäftigten als Minderleister (low perfomer) zu bewerten ist. Egal
wie gut man ist, einer muss immer der schlechteste sein. Pionier solcher
Verteilungsschlüssel ist Jack Welch, 1981 bis 2001 Chef von General Electric, der
jährlich die schlechtesten zehn Prozent seiner Mitarbeiter feuerte. Solche
Methoden führen nachweislich
dazu, dass sich die Lohnarbeiter vermehrt mobben und sogar sabotieren. Zynischen
Unternehmern kann das g_____ recht sein, Konkurrenz soll ja das Geschäft beleben.

Wenn Zielvereinbarungen ins Gegenteil umschlagen


Doch selbst aus Unternehmersicht können Zielvereinbarungen leicht ins Gegenteil
umschlagen: Ein Hersteller von Bio-Tiefkühlgemüse beispielsweise bezahlte seinen
Fließbandarbeitern einen Zuschlag für jeden Käfer oder Wurm, den sie aus dem frisch
geernteten Gemüse fischten. Kurz darauf brachten die Arbeiter selbst Insekten von zu
Hause mit, um sie dann wieder aus dem Gemüse zu picken.
Abgesehen davon, dass Leistungsbeurteilungen abgeschmackt sind, b_____ sie auch
etliche Gefahren: Für eine internationale Studie wurden über 1.000 Führungskräfte in
11 Industriestaaten befragt, wie sie diese Beurteilungen einschätzen. Zwar sind _____
94 Prozent da___ überzeugt, dass sie das Geschäftsergebnis verbessern. Aber nur 39
Prozent denken, dass die derzeitigen Bewertungen auch tatsächlich da___ helfen,
dieses Ziel zu erreichen. Darüber hinaus hat man bei et___ Unternehmen und
Behörden den Eindruck, dass die Hälfte der dort geleisteten Arbeitszeit drauf____, um
die eigentliche Arbeit zu überwachen und zu protokollieren. Die Verwaltung dieses
Kasperletheaters aus Feedback und Bewertung verschlingt Millionen von
Arbeitsstunden und Euros.

In Feedbackgesprächen wird hoch subjektiv bewertet


Leistungsbeurteilungen führen zu berechtigtem Unmut: Für eine groß____
Studie befragte der Politologe Gerd Strohmeier rund 5.000 Beschäftige der
Bundespolizei. Mit dem Beurteilungssystem sind 56 Prozent sehr unzufrieden und 24
Prozent unzufrieden, lediglich 0,7 Prozent sind sehr zufrieden und 3,1 Prozent
zufrieden. Strohmeier warnt, dass "unfaire Beurteilungen äußerst negative
Auswirkungen auf die (intrinsische) Motivation der Beschäftigten haben – und sich in
der Folge äußerst negativ auf die Aufgabenerfüllung durch die Bundespolizei sowie auch
die Attraktivität der Bundespolizei als Arbeitgeber auswirken".
Leistungsbeurteilungen sind ziemlich willkürlich. Gehaltserhöhung? Beförderung?
_____ drin, wenn der Chef einen nicht riechen kann und bei den Bewertungen
quer_____. Nicht ____ wegen schlechter Leistung, sondern einfach deshalb, weil er
die Person nicht mag. So einfach und ungerecht ist das. Die Bundestagsabgeordnete
Cornelia Möhring (Die Linke) kritisiert deshalb, dass "in den Bundesbehörden wie auch
in vielen Unternehmen noch immer ein Old-Boys-Netzwerk existiert. Männer fördern
Männer oder neutraler gesagt: Menschen in Führungspositionen fördern Menschen mit
einem ähnlichen sozialen H_______, mit ähnlichen Eigenschaften." Gleich und gleich
gesellt sich ____ gern. In den Vorständen deutscher Unternehmen sitzen nur 7,7
Prozent Frauen, auf der Führungsebene sind es gerade _____ 14,3 Prozent. Obendrein
werden Teilzeitbeschäftigte (und das sind oft Frauen) meist schlechter beurteilt als
Vollerwerbstätige. Dahinter steht die irreführende Annahme, dass eine reduzierte
Arbeitszeit irgendwie mit einer reduzierten Arbeitsleistung zusammen____ – doch
ganz im Gegenteil haben Teilzeitbeschäftigte oft eine höhere Produktivität, weil nach
spätestens fünf Stunden die Leistungs_____ abfällt. Auch deshalb stochern viele
Leistungsbeurteilungen im Dunklen.

Wenn der Halo-Effekt zuschlägt


Wann immer Menschen andere Menschen beurteilen, laufen sie _____, dem Halo-
Effekt zu unter____. Dabei handelt es sich um eine kognitive Verzerrung: Aus einer
bekannten und positiven Eigenschaft einer Person – etwa Attraktivität, Großzügigkeit,
gepflegte Kleidung, Sportlichkeit – ___stellen wir der Person unbewusst, dass auch ihre
anderen unbekannten Eigenschaften positiv sein müssten, ohne dafür jedoch
irgendeinen Anhaltspunkt zu haben. Umgekehrt gibt es auch den Teufelshörner-Effekt,
bei dem eine schlechte Eigenschaft zu einer verallgemeinernden Abwertung der ganzen
Person führt. Da reicht es schon, wenn der Vorgesetzte die Nase rümpft, weil ein
Bewerber oder Mitarbeiter homosexuell oder gehandicapt oder Fan vom FC Schalke 04
ist. Die Sozialisation des Vorgesetzten ____ hier weit stärker in die Bewertung ein als
die tatsächlich er_____ Leistung.
Weder die Unternehmen noch die Mitarbeiter dürfen irgendwelche Ecken und Kanten
haben, alles wird glattgebügelt und dem Diktat des Leistungsbarometers untergeordnet.
Das ist erstens schon aus Sicht der Wirtschaft schlecht, denn die rigiden
Bewertungsraster w_____ jede Kreativität sowie sämtliche Freiräume ab, die man für
den sogenannten frischen Wind braucht. Zweitens sind Leistungsbeurteilungen
menschenunwürdig und schließlich albern. Wie die Kleinen in der Schule bekommen
die Großen jedes Jahr ihren Giftzettel mit Schlagsahne und müssen darum bibbern, ob
sie versetzt werden. Dass die Unternehmen und Behörden immer noch ums goldene
Kalb dieser Bewertungen tanzen, ist buchstäblich ein Armutsz_____.