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Politik gestalten – Kommunikation, Deliberation

und Partizipation bei politisch relevanten Projekten

Inkeri Märgen Schmalz

Akzeptanz von
Großprojekten
Eine Betrachtung von Konflikten,
Kosten- und Nutzenaspekten und
Kommunikation
Politik gestalten – Kommunikation,
Deliberation und Partizipation
bei politisch relevanten Projekten

Reihe herausgegeben von


F. Brettschneider, Stuttgart, Deutschland
A. Vetter, Stuttgart, Deutschland
A. Bächtiger, Luzern, Schweiz
Großprojekte aus den Bereichen Energie, Verkehr und Stadtentwicklung stoßen
immer wieder auf Protest von Teilen der Bevölkerung. Stets artikulieren lokale
Bürgerinitiativen ihren Unmut. Umwelt- und Naturschutzverbände springen ihnen
bei. Und in der Regel werden die Konflikte auch von Parteien aufgegriffen, teil-
weise für Wahlen instrumentalisiert. Die Legitimation von Großprojekten beruht
nicht nur auf gesetzlich vorgeschriebenen, formalen Rechtsverfahren, sondern
sie bedarf auch einer frühzeitigen und dialogischen Bürgerbeteiligung. Das Glei-
che gilt nicht nur für Großprojekte, sondern auch für andere politisch relevante
Vorhaben: etwa die Integration von Flüchtlingen, für nachhaltige Kommunalent-
wicklung oder für Gesetzesvorhaben. In der Reihe sollen politik- und kommuni-
kationswissenschaftliche Arbeiten zum oben genannten Themenfeld versammelt
werden. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Kommunikation, der Deliberation
und der Bürgerbeteiligung – aus nationaler und aus international vergleichen-
der Perspektive. Die Reihe richtet sich aber nicht nur an ein wissenschaftliches
Publikum, sondern auch an Praktiker aus Politik und Verwaltung. Neben wissen-
schaftlichen Erkenntnissen werden sie daher auch Handlungsempfehlungen und
Praxisbeispiele enthalten.

Weitere Bände in der Reihe http://www.springer.com/series/16100


Inkeri Märgen Schmalz

Akzeptanz von
Großprojekten
Eine Betrachtung von Konflikten,
Kosten- und Nutzenaspekten
und Kommunikation
Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Frank Brettschneider
Inkeri Märgen Schmalz
Stuttgart, Deutschland

Dissertation, Universität Hohenheim, 2018

D100

Ergänzendes Material zu diesem Buch finden Sie auf http://extras.springer.com.

ISSN 2524-4744
Politik gestalten – Kommunikation, Deliberation und Partizipation bei politisch relevanten
­Projekten
ISBN 978-3-658-23638-0 ISBN 978-3-658-23639-7  (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-658-23639-7

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Allem voran

Weshalb erfahren eigentlich so viele Großprojekte in Deutschland Konflikt?


Warum gibt es so wenig Akzeptanz für große Bauten oder Flächenprojekte? Der
Bau bzw. die Einrichtung von Bahnhöfen, Windkraftanlagen, Nationalparks oder
Flughäfen bewegt die Menschen – aber warum genau? Aus diesen Fragen heraus
entstand das Interesse für das Forschungsprojekt über die Akzeptanz von Groß-
projekten in Deutschland.
Ich danke meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Frank Brettschneider, der
mit Expertise und Freiräumen, Inspiration und Motivation meine Forschung
begleitet hat. In all den Jahren Ihrer Betreuung, lieber Herr Brettschneider, habe
ich durch freies wissenschaftliches Arbeiten, durch Ihre Förderung und Forde-
rung diese Doktorarbeit und auch mich selbst frei entwickeln dürfen. Die zahl-
reichen fachlichen Erkenntnisse sowie die persönlichen Erfahrungen, die ich
während der Erstellung dieser Arbeit gemacht habe, haben mein Leben in jeder
Hinsicht bereichert – herzlichen Dank. Mein Dank gilt auch Frau Prof. Dr. Clau-
dia Mast, die freundlicherweise das Zweitgutachten übernommen hat. Liebe Frau
Mast, ich weiß Ihren Einsatz ebenfalls sehr zu schätzen.
Das große Vertrauen von Dr. Lothar Ulsamer in die Bedeutung der Kom-
munikation bei der Realisierung von Großprojekten war mir Ansporn und Leit-
motiv zugleich. Lieber Herr Ulsamer, vielen lieben Dank für Ihr stets offenes
Ohr und die praktischen Ratschläge.
Familie und Freunden sowie allen anderen, die mich unterstützt und inspi-
riert, mich beraten und mit mir diskutiert haben, bin ich unendlich dankbar. Ein
Hoch auf Euch!

Hohenheim im Winter 2017


Inkeri Märgen Schmalz
Geleitwort VII

Geleitwort

Kommunikation und Öffentlichkeitsbeteiligung bei Großprojekten –


eine Investition, die sich auszahlt

Großprojekte aus den Bereichen Energie, Verkehr und Stadtentwicklung stoßen


immer wieder auf Protest von Teilen der Bevölkerung. Oft artikulieren lokale
Bürgerinitiativen ihren Unmut. Umwelt- und Naturschutzverbände springen
ihnen bei. Und in der Regel werden die Konflikte auch von Parteien aufge-
griffen, teilweise für Wahlen instrumentalisiert. Dem Spiegel war dies im Jahr
2010 eine Titelseite wert. Darauf sah er Deutschland auf dem Weg in die „Dage-
gen-Republik“, angetrieben von „Wutbürgern“. Diese Begriffe sind umstritten.
Unstrittig ist hingegen, dass der Protest viele Wurzeln hat. Unstrittig ist auch,
dass gesellschaftlich tragfähige Lösungen ohne Kommunikation zwischen Vor-
habenträgern, Bürgern, Verbänden, Initiativen sowie Politik und Verwaltung
nicht möglich sind. Die Legitimation von Großprojekten beruht nicht nur auf
gesetzlich vorgeschriebenen, formalen Rechtsverfahren, sondern sie bedarf auch
einer frühzeitigen Kommunikation und einer dialogischen Öffentlichkeitsbeteili-
gung. Beides kostet Geld. Dabei handelt es sich aber um gut angelegtes Geld –
um eine Investition, um zu gesellschaftlich tragfähigen Lösungen zu gelangen.
Angesichts der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Relevanz und Ak-
tualität des Themas überrascht es, dass die Forschung dazu sehr lückenhaft ist.
Folgende Forschungsdefizite wurden von Inkeri Märgen Schmalz überwunden:

 Die Forschung konzentrierte sich bislang auf strittige Großprojekte. Inkeri


Märgen Schmalz hat Theorie und Empirie um akzeptierte Großprojekte er-
weitert.
 In der Forschung dominieren Case-Studies. Inkeri Märgen Schmalz hat die
erste Arbeit vorgelegt, die Protest und Akzeptanz, Kosten-Nutzen-Betrach-
tungen sowie Kommunikation bei Großprojekten auf einer umfassenden
Basis von Fällen aus mehreren Themenbereichen analysiert.
 Akzeptanz wurde bislang vor allem auf der Einstellungsebene erfasst. Inkeri
Märgen Schmalz hat diese Betrachtung um die Verhaltensebene erweitert
und ein eigenes Modell für die Messung von Akzeptanz entwickelt und an-
gewendet.
VIII Geleitwort

Die Arbeit bietet Antworten unter anderem auf folgende Fragen: Welche Merk-
male weist die Großprojekte-Landschaft in Deutschland auf? Welche Projekte
sind eher durch Konflikt geprägt, welche durch Akzeptanz? Und von welchen
Projektmerkmalen hängt dies ab? Welche Kosten- und welche Nutzen-Aspekte
spielen bei Großprojekten eine Rolle (materielle, finanzielle, persönliche, soziale
und ideell-kulturelle Formen von Kosten und Nutzen)? Und wie hängen sie mit
Protest und Akzeptanz zusammen? Welche Bedeutung haben Kommunikation
und Öffentlichkeitsbeteiligung für den Verlauf von Protest und Akzeptanz bei
Großprojekten?
Die Forschungsfragen werden aus einer theoretischen Perspektive sowie
mittels einer aufwändigen eigenen empirischen Untersuchung beantwortet. Der
Theorieteil integriert sehr unterschiedliche Forschungsfelder (Konflikt und Ak-
zeptanz, Kosten und Nutzen, Kommunikation) in einem Modell wesentlicher
Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten. Der empirische Teil setzt sich
aus zahlreichen, aufeinander aufbauenden Teilstudien zusammen. Zunächst wur-
den 60 Großprojekte identifiziert. Akteure aus diesen Großprojekten wurden
mittels eines Online-Fragebogens befragt. An der Befragung haben 194 Personen
teilgenommen. Sodann wurden zu 31 Großprojekten darüber hinaus leitfadenge-
stützte Intensivinterviews mit Vorhabenträgern und High-Involvement-Akteuren
durchgeführt. Zu den zentralen Akteursgruppen zählen: Vorhabenträger, Bürger-
initiativen, Politiker, Natur- und Umweltschützer, Behörden, Journalisten.
Von den untersuchten Großprojekten galten 43 Prozent als gesellschaftlich
weitgehend akzeptiert, 57 Prozent als wenig akzeptiert. Die Determinanten von
Protest bzw. Akzeptanz sind sehr vielfältig. Als wesentliche projektbezogene
Einflussgrößen werden die Gemeinwohlorientierung des Projektes, die Transpa-
renz der Kosten für die Öffentlichkeit, die Befürwortung/Ablehnung des Stan-
dortes sowie die Art des Projektes und die Notwendigkeit einer Problemlösung
identifiziert. Als wesentliche akteursbezogene Einflussgrößen werden hervorge-
hoben: fachliche Kompetenz, Empathie und Kooperationsbereitschaft des Vorha-
benträgers. Unter den prozessbezogenen Einflussgrößen sind vor allem eine gute
Prozessgestaltung sowie die rechtliche Korrektheit wichtig. Auch wird ein sicht-
barer Baufortschritt als akzeptanzfördernd angesehen. Unter den kommunikati-
onsbezogenen Einflussgrößen werden hervorgehoben: eine frühzeitige und dau-
erhafte Kommunikation, ein angemessenes Wording, vor allem eine positive
Medienberichterstattung. Darüber hinaus wird dem angemessenen Verhalten der
politischen Akteure und der Verwaltung eine große Bedeutung für die Akzeptanz
beigemessen. Und die oft lange Dauer von Genehmigungsverfahren als akzep-
tanzmindernd angesehen.
Der Kommunikation und der Öffentlichkeitsbeteiligung kommt bei Groß-
projekten eine erhebliche Bedeutung zu. Die in den untersuchten Großprojekten
Geleitwort IX

eingesetzten Kommunikationsinstrumente decken die gesamte Bandbreite ab.


Dabei stehen vor allem Gespräche im Mittelpunkt. Es folgen Informations- und
Dialoginstrumente. Rund 45 Prozent der genannten Instrumente bieten einen
zweiseitigen Informationsfluss, 55 Prozent sind Top-Down-Instrumente. Anhand
der eingesetzten Kommunikationsinstrumente werden die Vorhabenträger zu
Kommunikations-Typen zusammengefasst. Besonders interessant sind die Zu-
sammenhänge zwischen diesen Kommunikations-Typen einerseits sowie dem
wahrgenommenen Kosten-Nutzen-Verhältnis und dem Akzeptanzlevel anderer-
seits:

1. Bei Projekten der Viel-Kommunizierer nehmen die Akteure im Schnitt


einen größeren Nutzen wahr.
2. Bei den Befürwortern eines Projektes entwickelt sich das wahrgenommene
Kosten-Nutzen-Verhältnis bei intensiver Kommunikation positiv. Dies gilt
vor allem dann, wenn Vorhabenträger Informations- und Mitgestaltungsin-
strumente einsetzen.
3. Bei den Kritikern eines Projektes entwickelt sich das wahrgenommene
Kosten-Nutzen-Verhältnis bei intensiver Kommunikation geringfügig posi-
tiv, wenn die Kommunikation auf Mitgestaltungsebene stattfindet.
4. Umfangreiche Kommunikation führt zu einer Depolarisierung. Und beide
Seiten (Befürworter und Kritiker) lernen neue Argumente über Kosten und
über Nutzen kennen, ohne ihre grundsätzliche Haltung zu verändern.

Inkeri Märgen Schmalz hat mit ihrer Arbeit einen wesentlichen Beitrag zur em-
pirischen Erforschung von Kosten- und Nutzenaspekten, von Kommunikation
und Öffentlichkeitsbeteiligung sowie der Akzeptanz-Bedingungen bei Großpro-
jekten vorgelegt. Ihre Arbeit enthält zahlreiche theoretische und methodische
Innovationen, die die weitere Forschung prägen werden.

Frank Brettschneider
Inhaltsverzeichnis XI

Inhaltsverzeichnis

1 Großprojekte zwischen Konflikt und Akzeptanz – eine Einführung ...... 1


1.1 Einführung und Fragestellungen ........................................................... 1
1.2 Vorgehensweise und Struktur der Arbeit .............................................. 6

2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel ..................................... 7


2.1 Gesellschaft und sozialer Wandel – Ausgangsbedingungen für
Großprojekte ......................................................................................... 7
2.2 Der Begriff des Großprojekts .............................................................. 14
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen ....................................................... 20
2.3.1 Das Konzept der Akzeptanz .......................................................... 21
2.3.2 Ausgewählte Ansätze zum Verhältnis von Einstellung und
Verhalten ....................................................................................... 29
2.3.3 Objekt, Subjekt und Kontext – Elemente der Akzeptanz .............. 36
2.3.4 Konflikt und Akzeptanz ................................................................ 40
2.4 Conclusion zur Akzeptanz- und Großprojektforschung ...................... 46

3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz ................................................. 51


3.1 Einflussgrößen auf Konflikt und Akzeptanz ....................................... 52
3.1.1 Einflussgrößen mit Objektbezug ................................................... 53
3.1.2 Einflussgrößen mit Subjektbezug .................................................. 55
3.1.3 Einflussgrößen mit Kontextbezug ................................................. 58
3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz .............. 60
3.2.1 Input-Modelle ................................................................................ 62
3.2.2 Input-Output-Modelle ................................................................... 68
3.2.3 Rückkopplungsmodelle ................................................................. 70
3.2.4 Phasenmodelle ............................................................................... 74
XII Inhaltsverzeichnis

3.3 Conclusion zur Genese von Konflikt und Akzeptanz ......................... 75

4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz ..................... 81


4.1 Konzepte des Kosten-Nutzen-Ansatzes .............................................. 83
4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten ........................ 88
4.2.1 Materielle und finanzielle Formen von Kosten und Nutzen .......... 90
4.2.2 Individuelle, soziale und ideell-kulturelle Formen von
Kosten und Nutzen ........................................................................ 96
4.3 Conclusion zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten ....... 102

5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten........................... 105


5.1 Ansätze zu Kommunikation und Beteiligung ................................... 106
5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung ........ 116
5.2.1 Kommunikation mit geringem Öffentlichkeitseinfluss:
Information .................................................................................. 117
5.2.2 Kommunikation mit mittlerem Öffentlichkeitseinfluss:
Konsultation ................................................................................ 120
5.2.3 Kommunikation mit hohem Öffentlichkeitseinfluss:
Mitgestaltung ............................................................................... 123
5.3 Conclusion zu Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten
und Aufstellung eines integrierenden Modells wesentlicher
Determinanten der Akzeptanz ........................................................... 131

6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei


Großprojekten ......................................................................................... 137
6.1 Überblick über Forschungsdesign und Studienablauf ....................... 138
6.2 Ansatz zur Messung der Akzeptanz von Großprojekten ................... 140
6.3 Methodik von Studie S1: Analyse der deutschen
Großprojektlandschaft....................................................................... 143
6.3.1 Grundsätzliche Überlegungen und Studienaufbau ...................... 143
6.3.2 Schritt 1: Scanning und Monitoring der Großprojektlandschaft.. 144
6.3.3 Schritt 2: Analyse der identifizierten Projekte hinsichtlich
zentraler Kriterien........................................................................ 148
Inhaltsverzeichnis XIII

6.3.4 Schritt 3: Auswahl relevanter Projekte ........................................ 148


6.4 Studie S2: Onlinebefragung von Akteuren deutscher Großprojekte . 153
6.4.1 Grundsätzliche Überlegungen und Studienaufbau ...................... 153
6.4.2 Konstruktion des Befragungsinstruments .................................... 155
6.4.3 Auswahlverfahren und Zusammensetzung der Stichprobe
von Studie S2 .............................................................................. 159
6.4.4 Vorgehensweise und Ablauf........................................................ 161
6.5 Studie S3: Leitfadengespräche mit Projektträgern und
High-Involvement-Akteuren ............................................................. 162
6.5.1 Grundsätzliche Überlegungen und Studienaufbau ...................... 162
6.5.2 Konstruktion der Interviewleitfäden............................................ 164
6.5.3 Auswahlverfahren und Zusammensetzung der Stichprobe
von Studie S3 .............................................................................. 165
6.5.4 Vorgehensweise und Ablauf........................................................ 167
6.6 Exkurs: Teilnahmeverhalten, Feedback von Akteuren und
Maßnahmen zur Erhöhung der Teilnahmebereitschaft ..................... 167

7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei


Großprojekten ......................................................................................... 171
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick................................... 171
7.1.1 Erkenntnisse auf Projektebene .................................................... 172
7.1.2 Erkenntnisse auf Akteursebene ................................................... 188
7.1.3 Conclusion zur Großprojektlandschaft in Deutschland ............... 197
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von
Großprojekten ................................................................................... 200
7.2.1 Einflüsse mit Bezug zu Projekteigenschaften.............................. 200
7.2.2 Akteursbezogene Einflüsse ......................................................... 206
7.2.3 Prozessbezogene Einflüsse .......................................................... 211
7.2.4 Kommunikationsbezogene Einflüsse .......................................... 212
7.2.5 Einflüsse mit Bezug zu Staat und Gesellschaft ........................... 218
7.2.6 Conclusion zu Determinanten der Akzeptanz von
Großprojekten.............................................................................. 221
XIV Inhaltsverzeichnis

7.3 Empirische Erkenntnisse zu Kosten- und Nutzenaspekten bei


Großprojekten ................................................................................... 227
7.3.1 Wahrgenommene Kosten- und Nutzenarten ................................ 227
7.3.2 Kosteneffekte, Nutzeneffekte und Kosten-Nutzen-
Verhältnisse bei Großprojektakteuren ......................................... 239
7.3.3 Conclusion zu Kosten und Nutzen bei Großprojekten ................ 249
7.4 Empirische Erkenntnisse zu Kommunikation und Beteiligung
bei Großprojekten ............................................................................. 255
7.4.1 Kommunikationsformen und Kommunikationstypen ................. 255
7.4.2 Projektträgerkommunikation und Kosten- und
Nutzenwahrnehmungen von Akteuren ........................................ 264
7.4.3 Projektträgerkommunikation und Projektakzeptanz.................... 271
7.4.4 Akzeptanz, Kommunikation und Kosten- und
Nutzenwahrnehmungen von Projektträgern ................................ 279
7.4.5 Conclusion zu Kommunikation und Beteiligung bei
Großprojekten.............................................................................. 290

8 Quintessenz zur Akzeptanz von Großprojekten ................................... 299


8.1 Zusammenfassung wesentlicher Erkenntnisse zu Akzeptanz und
Konflikt, Kosten- und Nutzenaspekten sowie Kommunikation bei
Großprojekten ................................................................................... 299
8.2 Schlussfolgerungen zur Akzeptanz von Großprojekten .................... 306
8.3 Reflektion und Perspektiven für die Forschung ................................ 310
8.4 Zu guter Letzt.................................................................................... 316

9 Literaturverzeichnis ................................................................................ 317

Anhang............................................................................................................. 355
Abbildungsverzeichnis XV

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Akzeptanzmodell „The system acceptance/rejection


spectrum” von London (1976) ................................................... 30
Abbildung 2: „Inakzeptanz-Akzeptanz-Skala“ von Sauer et al. (2005) in
Anlehnung an Hofinger (2001) .................................................. 31
Abbildung 3: Modell der „Benutzertypen entsprechend Verhaltens- und
Einstellungsakzeptanz“ von Müller-Böling & Müller (1986) .... 32
Abbildung 4: „Dimensionen des Akzeptanzbegriffs“ von Schweizer-Ries
et al. (2010) ................................................................................ 32
Abbildung 5: Modell „Akzeptanzniveaus“ von Liebecke et al. (2011)............ 34
Abbildung 6: Zweidimensionales Modell der Akzeptanz von
Großprojekten ............................................................................ 45
Abbildung 7: Zweidimensionales Modell der Akzeptanz von
Großprojekten, ergänzt um den Bereich des sozialen
Konflikts .................................................................................... 46
Abbildung 8: Vereinfachtes Modell „Einflussfaktoren auf
Großprojektkonflikte“ ................................................................ 52
Abbildung 9: „Ladder of Citizen Participation“ von Arnstein (1969) ........... 108
Abbildung 10: „Stufenmodell der Partizipation“ von Lüttringhaus (2000) ..... 110
Abbildung 11: „Formate der Beteiligung“ von Renn (2011a, 2013a) .............. 112
Abbildung 12: Ebenen von Kommunikation und Beteiligung bei
Großprojekten .......................................................................... 115
Abbildung 13: Integrierendes heuristisches Modell wesentlicher
Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten ................... 135
Abbildung 14: Untersuchungsaufbau der vorliegenden Arbeit ........................ 139
Abbildung 15: Finale Merkmalsmatrix zur Projektauswahl der Studie S1 ...... 152
Abbildung 16: Prozentuale Häufigkeitsverteilung, Mittelwerte und
Standardabweichungen der einzelnen Aktivitätsitems ............. 159
Abbildung 17: Verteilung der selektierten Großprojekte auf die
Themenfelder ........................................................................... 173
Abbildung 18: Verteilung der selektierten Großprojekte hinsichtlich
Projektträgerstrukturen............................................................. 175
Abbildung 19: Projekte des Themenbereichs „Mobilität und Verkehr“ .......... 176
Abbildung 20: Projekte des Themenbereichs „Energie und Klima“ ................ 177
XVI Abbildungsverzeichnis

Abbildung 21: Projekte des Themenbereichs „Leben und Arbeiten“ .............. 178
Abbildung 22: Projekte des Themenbereichs „Natur und Umwelt“ ................ 180
Abbildung 23: Lage der Großprojekte ............................................................. 181
Abbildung 24: Lage der Großprojekte, unterteilt nach Themenbereichen ....... 182
Abbildung 25: Lage der Großprojekte, unterteilt nach Akzeptanzlevel ........... 183
Abbildung 26: Zentrale Ereignisse der Großprojektentwicklung..................... 184
Abbildung 27: Verteilung der Befragungsteilnehmer auf elf
Akteursgruppenarten ................................................................ 189
Abbildung 28: Verteilung der Zustimmungsstärke der
Befragungsteilnehmer .............................................................. 190
Abbildung 29: Durchschnittliche Zustimmungsstärke der Akteursgruppen ...... 191
Abbildung 30: Kombinationen von Aktivität und Zustimmung ...................... 195
Abbildung 31: Kombinationen von Aktivität und Einstellungsstärke.............. 196
Abbildung 32: Das empirische Verhältnis von Zustimmung (Einstellung)
und Aktivität (Verhalten) bei Großprojekten ........................... 199
Abbildung 33: Ausgewählte, den Projekteigenschaften zuzurechnende
Einflüsse auf die individuelle Zustimmung von Akteuren ....... 201
Abbildung 34: Ausgewählte, den Akteurseigenschaften zuzurechnende
Einflüsse auf die individuelle Zustimmung von Akteuren ....... 207
Abbildung 35: Ausgewählte, prozessgezogene Einflüsse auf die
individuelle Zustimmung von Akteuren .................................. 212
Abbildung 36: Ausgewählte, kommunikationsbezogene Einflüsse auf die
individuelle Zustimmung von Akteuren .................................. 213
Abbildung 37: Ausgewählte Einflüsse aus Staat & Gesellschaft auf die
individuelle Zustimmung von Akteuren .................................. 219
Abbildung 38: Empirisches Modell allgemeiner Determinanten der
Akzeptanz von Großprojekten ................................................. 226
Abbildung 39: Bedeutung einzelner Nutzeneffekte bei Großprojekten ........... 240
Abbildung 40: Bedeutung einzelner Kosteneffekte bei Großprojekten ........... 241
Abbildung 41: Bedeutung der Kosten- und Nutzeneffekte je
Zustimmungsgrad der Akteure ................................................. 245
Abbildung 42: Durchschnittliche Effektsummen von Kosten und Nutzen
sowie das daraus resultierende Kosten-Nutzen-Verhältnis,
unterteilt nach Trägerart ........................................................... 247
Abbildung 43: Durchschnittliche Effektsummen von Kosten und Nutzen
sowie das daraus resultierende Kosten-Nutzen-Verhältnis,
unterteilt nach vereinfachter Zustimmung ............................... 248
Abbildung 44: Empirisches Modell wesentlicher Aspekte des
Kosten-Nutzen-Verhältnisses bei Großprojekten ..................... 253
Abbildung 45: Gesprächspartner in den persönlichen Gesprächen .................. 257
Abbildungsverzeichnis XVII

Abbildung 46: Eingesetzte Kommunikationsformen ....................................... 258


Abbildung 47: Kennzahlen der Anwendungshäufigkeit verschiedener
Kommunikationsstufen durch die Projektträger....................... 260
Abbildung 48: Kennzahlen der Anwendungshäufigkeit verschiedener
Kommunikationsstufen durch die Projektträger, unterteilt
nach Themenfeldern................................................................. 261
Abbildung 49: Kennzahlen der Anwendungshäufigkeit verschiedener
Kommunikationsstufen durch die Projektträger, unterteilt
nach Trägerart .......................................................................... 262
Abbildung 50: Typische Anwendungshäufigkeit verschiedener
Kommunikationsstufen durch die Projektträger....................... 263
Abbildung 51: Arithmetisches Mittel der Effektsummen von Kosten und
Nutzen sowie des Kosten-Nutzen-Verhältnisses aller
Akteure je Kommunikations-Typus des zugehörigen
Projektträgers ........................................................................... 265
Abbildung 52: Arithmetisches Mittel der Effektsummen von Kosten und
Nutzen sowie des Kosten-Nutzen-Verhältnisses der Kritiker
je Kommunikations-Typus des zugehörigen Projektträgers..... 266
Abbildung 53: Arithmetisches Mittel der Effektsummen von Kosten und
Nutzen sowie des Kosten-Nutzen-Verhältnisses der
Befürworter je Kommunikations-Typus des zugehörigen
Projektträgers ........................................................................... 267
Abbildung 54: Korrelation der Kommunikationshäufigkeit der
Projektträger je Kommunikationsebene mit dem
wahrgenommenen Nutzen der Akteure .................................... 267
Abbildung 55: Korrelation der Kommunikationshäufigkeit der
Projektträger je Kommunikationsebene mit den
wahrgenommenen Kosten der Akteure .................................... 268
Abbildung 56: Korrelation der Kommunikationshäufigkeit der
Projektträger je Kommunikationsebene mit dem
Kosten-Nutzen-Verhältnis der Akteure.................................... 268
Abbildung 57: Korrelation der Kommunikationshäufigkeit der
Projektträger je Kommunikationsstufe mit der individuellen
Zustimmung der Akteure ......................................................... 273
Abbildung 58: Empirisches Modell wesentlicher Aspekte von
Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten ............... 296
Abbildung 59: Integrierendes empirisches Modell wesentlicher
Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten ................... 305
Abbildung 60: Zweiseitiger Kausalzusammenhang zwischen
Kommunikation und Akzeptanz bzw. Konflikt ....................... 316
Abbildungsverzeichnis XIX

Abkürzungsverzeichnis

B Befürworter
BImSchG Bundesimmissionsschutzgesetz
EK Effektsumme Kosten
EN Effektsumme Nutzen
H.i.O. Hervorhebungen im Original
H.n.i.O. Hervorhebungen nicht im Original
HOAI Honorarordnung für Architekten und Ingenieure
K Kritiker
KNV Kosten-Nutzen-Verhältnis
N Neutral/ambivalent eingestellte Personen oder Gruppen
PT Projektträger
UVP Umweltverträglichkeitsprüfung
UVPG Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung
1 Großprojekte zwischen Konflikt und Akzeptanz –
eine Einführung

1.1 Einführung und Fragestellungen

„Wo immer heute in großem Stil Bauprojekte in Planung sind, formiert sich
Protest, marschieren Bürger, Betroffene und Basisgruppen auf. Der Widerstand
flackert in den großen Städten genauso auf wie auf dem flachen Land, er erfasst
Küstenbewohner – und Schwarzwaldbauern. Es ist ein Protest, der sich oft gegen
Projekte stemmt, die Veränderung bedeuten würden: Flughafenerweiterungen,
Bahngleise, Windräder und Stromtrassen. Selbst U-Bahnen und Stadien sind
nicht tabu. „Infrastruktur war immer ein Zeichen von Fortschritt, es waren die
Leuchtturmprojekte einer Gesellschaft“, sagt der schleswig-holsteinische Minis-
terpräsident Torsten Albig. Heute leuchtet nicht mehr viel. Nur noch wenige
verlangen nach Aufbruch und Dynamik. Die Blockade ist zum Markenzeichen
von Großprojekten geworden“ (Böll et al. 2014:47). In diesem Artikel des Ma-
gazins Der Spiegel nehmen die Autoren Bezug auf die zahlreichen Konflikte
rund um infrastrukturelle Großprojekte in Deutschland. Aber nicht nur diese sind
von Konflikt betroffen, auch Projekte des Natur- und Umweltschutzes genauso
wie landwirtschaftliche oder kulturelle Projekte erfahren Gegenwind.
Notwendige Anstrengungen im Umwelt- und Klimaschutz, demographische
Entwicklungen, Urbanisierungstendenzen, veränderte Ressourcennachfragen
sowie Veränderungen bei Mobilität und Verkehr (vgl. z.B. National Intelligence
Council 2012; Voßebürger & Weber 1998; Walz et al. 2013): Diese globalen
Megatrends zeigen nur einen Bruchteil der Herausforderungen auf, mit denen
Gesellschaften konfrontiert sind. Hinzu kommen politische Entscheidungen wie
der Beschluss der Bundesregierung 2011, aus der Atomenergie auszusteigen. Um
solche Beschlüsse umzusetzen und sich den Technik-, Klima- und Umweltprob-
lemen zu stellen, alternative erneuerbare Energieformen zu erzeugen, zu spei-
chern und zu transportieren, den Umgang mit knappen Ressourcen ebenso wie
den demografischen Wandel und Migrationsprozesse zu gestalten und auf verän-
derte Formen von Verkehr und Mobilität einzugehen, bedarf es konkreter Maß-
nahmen, zu denen unter anderem Großprojekte zählen (vgl. z.B. Feindt 2010;
Gabriel 2011; Schuster 2013; Schweizer-Ries et al. 2010). Als Teil der Reaktion
auf diese veränderten Umweltbedingungen sind Großprojekte damit ein essenti-
eller Aspekt des (sozialen) Wandels einer Gesellschaft und notwendig für deren
Weiterentwicklung und Erhalt. Allerdings sind nicht nur die Projekte selbst Teil
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
I. M. Schmalz, Akzeptanz von Großprojekten, Politik gestalten – Kommunikation,
Deliberation und Partizipation bei politisch relevanten
Projekten, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23639-7_1
2 1 Großprojekte zwischen Konflikt und Akzeptanz – eine Einführung

des Wandels, sondern vor allem auch die mit ihnen einhergehenden Konflikt- und
Akzeptanzprozesse als Triebfedern der Veränderung (vgl. u.a. Bonacker 2008;
Luhmann 1991; Saretzki 2010; Giesen 1993). Während Konfliktprozesse rund
um Großprojekte notwendig sind, um Wandel anzustoßen, bedarf es zugleich der
Akzeptanz dieser Projekte, um eine nachhaltige Stabilität der Gesellschaft herzu-
stellen (vgl. Bark 2012; Dahrendorf 1972; Hüsing et al. 2002).
Obwohl gerade Technikkonflikte kein neues oder vorübergehendes Phäno-
men sind (vgl. Renn 2013a:400), ist nichtsdestotrotz die Konflikthaftigkeit bei
vielen Projekten dieser Art zumindest im subjektiven Eindruck auffällig (vgl. hier-
zu z.B. Gans 1994; Schink 2011b; Benighaus et al. 2010; Kanngießer 2004; Hilde-
brandt et al. 2012; Hübner & Pohl 2011). Die Tatsache, dass viele der Projekte
durch demokratische Beschlüsse zustande gekommen sind, reicht offensichtlich
nicht mehr aus, um gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen (vgl. Renn 2012b:
184; Renn 2013c:73). Die Gründe, die hierfür genannt werden, sind so vielfältig
wie die Disziplinen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Genannt werden vor
allem vier grundsätzliche Aspekte (vgl. Gabriel & Völkl 2005; Kuklinski & Op-
permann 2010; Renn 2004, 2013a; Brettschneider 2016, 2013b; Schweizer-Ries et
al. 2010; Reed 2008; Glaab & Kießling 2001; Glaab & Korte 1999):

 Die grundsätzliche Gestaltung eines Projekts, in der die Bürger eine Bedro-
hung ihrer Lebensqualität sehen und finanzielle oder ökologische Einbußen
oder schlichtweg Veränderungen ihres Umfelds fürchten. Da bezüglich der
zu erwartenden Effekte diesbezüglich mit fortschreitendem Prozess oftmals
Expertenmeinung gegen Expertenmeinung steht, besteht hierbei zudem die
Tendenz, dass sachliche Bewertungen eines Projektes an Gewicht verlieren
und emotional gesteuerte Bewertungen zunehmen.
 Eine aus Sicht der Bürger ungerechte Verteilung von Kosten bzw. Risiken
und Nutzen bei Großprojekten. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn der Ein-
druck entsteht, dass der Nutzen einer weitestgehend anonymen Öffentlich-
keit zu Gute kommt, während die Bürger rund um den Standort des Projek-
tes die Kosten bzw. Nachteile zu tragen haben. Auch hier ist es möglich,
dass die subjektive Einschätzung bzw. Wahrnehmung von den Prognosen
der Fachleute abweicht.
 Ein vermehrter Wunsch nach Individualität, punktueller Teilhabe und Selbst-
bestimmung der Bürger, der mit einem abnehmenden Vertrauen in Eliten und
Experten bzw. vor allem in Wirtschaft und Politik und der Ablehnung jegli-
cher Formen von Bevormundung einhergeht.
 Die Tatsache, dass soziale Prozesse und Verfahren, vor allem die Kommu-
nikation bei Projekten, nicht (mehr) den Anforderungen der Öffentlichkeit
entsprechen. Im Mittelpunkt der Kritik stehen dabei vor allem Fragen des
Umgangsstils zwischen Bürgern, Politik und Wirtschaft ebenso wie Aspekte
1.1 Einführung und Fragestellungen 3

der Transparenz, der Zeitpunkte zu denen die Öffentlichkeit informiert wird


sowie der Inhalte, die in diesem Zusammenhang kommuniziert werden.
Hinzu kommt die Bemängelung unzureichender Teilhabe- bzw. Mitgestal-
tungsmöglichkeiten an prägenden gesellschaftlichen Themen und Projekten.

Die Charakterisierung der Bürger mit Blick auf die aufgezeigten Protestgründe
und Forderungen als selbstbezogene Fortschrittsblockierer ist jedoch zu kurz
gegriffen, denn „die vielfach geäußerte Angst vor einer „Blockade-“ oder „Da-
gegen-Republik“ würdigt bürgerschaftliches Engagement herab und übersieht
die schöpferischen Potenziale, die in diesen Protesten liegen können. Partizipati-
on ist wichtige Grundlage eines funktionierenden Gemeinwesens und Quelle der
Innovation für Zukunftsperspektiven unserer Gesellschaft. In der Forderung nach
mehr Beteiligung und nach mehr Transparenz in Entscheidungs- und Meinungs-
bildungsprozessen liegen Chancen, die zu erkennen wichtig und für das Ge-
meinwohl zu erschließen sind“ (Bentele 1999:86).
Energieprojekte, Wohn- und Städtebau, Naturschutzprojekte, Straßen, Brü-
cken und Kulturbauten – die Vielfalt der Projekte spiegelt sich in den wissenschaft-
lichen Disziplinen wider, die sich Großprojekten und den mit ihnen einhergehen-
den (sozialen) Phänomenen widmen. Die Forschung zu Großprojekten ist interdis-
ziplinär. Die technischen, ökologischen und ökonomischen, juristischen, politi-
schen, sozialen, psychischen und raumplanungsbezogenen sowie die ethischen
Dimensionen machen gleichermaßen eine wissenschaftliche Ergründung durch
Umwelt- und Ingenieurswissenschaften wie Sozial-, Wirtschaft-, Rechts- und Geis-
teswissenschaften möglich und nötig1. Denn nur durch die umfassende Ergründung
des Themenfeldes aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven und einem Ver-
ständigungsprozess zwischen diesen Disziplinen kann die Arbeit am Objekt voran-
gebracht werden (vgl. Kromp & Lahodynsky 2006:78f.). Diese Vielfalt der Diszip-
linen eröffnet auf der einen Seite zahlreiche Quellen des Erkenntnisgewinns. Auf
der anderen Seite geht hiermit jedoch die Herausforderung einer Integration dieser
Erkenntnisse einher, um nicht nur über einzelne Wissensfragmente über Großpro-
jekte zu verfügen. Bei Betrachtung der beteiligten Disziplinen fällt jedoch schnell
auf, dass vor allem zwei Arten von Untersuchungsformen dominieren. Zum einen
(repräsentative) Studien, die den Fokus auf die Meinungs- und Einstellungsbildung
in der Bevölkerung sowie mögliche damit einhergehende Handlungsformen, z.B.
Protest legen (vgl. z.B. Henseling et al. 2016; Institut für Demoskopie Allensbach
2011; Bentele et al. 2015b). Zum anderen Fallstudien, die sich auf bestimmte Pro-
jekte bzw. Projektarten beschränken (vgl. z.B. Schäfer & Keppler 2013; Hübner &
Hahn 2013; Ruschkowski 2010). Eine umfassende Charakterisierung von Großpro-
jekten stellt jedoch höhere Ansprüche an die methodische Vorgehensweise. Es

1 Auszugsweise Darstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.


4 1 Großprojekte zwischen Konflikt und Akzeptanz – eine Einführung

bedarf einer Vorgehensweise, die interdisziplinär ausgelegt ist und projektverglei-


chende Betrachtungen vornimmt, um die Lücke zwischen Fallbetrachtungen und
Bevölkerungsstudien zu schließen. Thematisch gesehen, empfehlen sich für die
wissenschaftliche Ergründung von Großprojekten in diesem Zusammenhang vor
allem vier Aspekte, die sich in Teilen bereits in den Gründen für die mangelnde
Akzeptanz von Projekten (s.o.) widerspiegeln.
Erstens präsentiert sich das Forschungsgebiet der Großprojekte als äußerst
vielfältiges Themenfeld, jedoch mit ebenso vielen Unklarheiten bezüglich der
eindeutigen Umrandung des Großprojektbegriffes, der zugehörigen Akteure und
der Themenfelder, denen Großprojekte zugeordnet werden können. Obwohl es
zahlreiche Versuche der Konkretisierung dieser Aspekte gibt (vgl. z.B. Thießen
2012; Schreck 1998; Beyer et al. 2002; Ruschkowski 2010), reichen diese Ansätze
noch nicht aus, um eine konkrete Beschreibung bzw. empirische Definition einer
Grundgesamtheit von Großprojekten auszugestalten, die jedoch für die Gewinnung
projektübergreifender und nach Möglichkeit repräsentativer Erkenntnisse von
zentraler Bedeutung ist.
Ein zweiter Aspekt bezieht sich auf die vielfältigen Protestgründe, von de-
nen einige oben genannt wurden. Zahlreiche Studien zeigen diese und weitere
Faktoren auf, die potentiell Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung von
Akzeptanz und Konflikt nehmen. Hierzu zählen beispielsweise die Eigenschaften
eines Projektes, z.B. sein Standort oder die optischen Ausmaße, Aspekte mit
Bezug zu den Akteuren, beispielsweise deren soziodemografische Eigenschaften,
ihr Organisationsgrad oder ihre Kooperationsbereitschaft wie auch Fragen der
Transparenz, der Legitimität oder der politischen und rechtlichen Rahmenbedin-
gungen (vgl. z.B. Schäfer & Keppler 2013; Benighaus et al. 2010; Saretzki 2010;
Weidner 1996; Schweizer-Ries et al. 2010; Hornig & Baumann 2013; Schmalz
2013). Da viele dieser Faktoren jedoch entweder sehr spezifischen Kontexten
oder Fallstudien entstammen oder bislang rein in Form von Thesen behandelt
wurden, ist unklar, welche empirische Relevanz einzelnen Faktoren zugeordnet
werden kann, vor allem dann, wenn keine Beschränkung auf einzelne Projektar-
ten oder -kontexte und Faktoren vorgenommen, sondern eine themen- und pro-
jektübergreifende Betrachtung angestrebt wird.
Das dritte Themenfeld, dessen Integration in eine umfassende Betrachtung
von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten sich empfiehlt, ist der oben bereits
angesprochene Aspekt aufkommender Kosten- und Nutzeneffekte bei Großprojek-
ten. Dieser wird zu den zentralen Determinanten von Akzeptanz bzw. Konflikt
gezählt (vgl. z.B. Hüsing et al. 2002; Granoszewski & Spiller 2012a; Huijts et al.
2012; Renn & Webler 1998). Trotz zahlreicher Beschreibungen von Kosten (z.B.
finanzielle, ökologische oder gesundheitliche Belastungen; vgl. z.B. Schreck 1998;
Ohlhorst & Schön 2010; Benighaus et al. 2010) und Nutzen (z.B. effizientere Res-
sourcennutzung, Schutz der Natur, Arbeitsplätze; vgl. z.B. Hüsing et al. 2002;
1.1 Einführung und Fragestellungen 5

Ohlhorst & Schön 2010) sind diese Ausführungen meist kursorischer Art und es
bleibt unklar, welche Kosten- und Nutzeneffekte insgesamt auftreten, in welches
Verhältnis sie gesetzt werden können und welche Bedeutung den einzelnen Effek-
ten mit Blick auf die Akzeptanz von Großprojekten zugeordnet werden kann.
Der vierte und letzte Aspekt bezieht sich auf die, ebenfalls bei den Protest-
gründen bereits angesprochene, Bedeutung von Kommunikation und Beteiligung.
Die Hoffnungen, die in Kommunikation und Beteiligung bei der Gestaltung von
Großprojekten gesetzt werden, allem voran die Unterstützung bei der Findung
einer gemeinsam akzeptierten Lösung und die Verhinderung bzw. Verminderung
zeit- und geldintensiver Konflikte (vgl. z.B. Brettschneider 2016; Renn & Webler
1994; Renn 2013b; Appel 2013; Beierle & Cayford 2002), sind vielfältig, jedoch
werden auch zahlreiche Bedingungen und Herausforderungen diesbezüglich an-
gemerkt (vgl. z.B. Masser 2008; Neunecker 2015; Brettschneider 2016; Ewen
2009). Auch hier ist bislang unklar, wie sich diese Bedingungen und Chancen der
Kommunikation projekt- und themenübergreifend gestalten und in welchem Ver-
hältnis die Kommunikation zu den anderen Determinanten von Konflikt und Ak-
zeptanz sowie der Akzeptanz selbst mit Blick auf ihre katalysatorischen Potentiale
(vgl. Schiersmann & Thiel 2011; Schmalz 2013) steht.
Mit Blick auf diese Herausforderungen bezüglich der Akzeptanz von Groß-
projekten sollen folgende Fragen die wissenschaftliche Ergründung des Themas
anleiten:

Leitfrage L1 Wie lässt sich die deutsche Großprojektlandschaft empirisch cha-


rakterisieren, vor allem mit Blick auf die Projektarten, Akteure und
Formen von Akzeptanz und Konflikt?

Leitfrage L2 Welche Determinanten von Konflikt und Akzeptanz bei Großpro-


jekten lassen sich identifizieren? Auf welche Weise beeinflussen
die einzelnen Faktoren die Genese von Akzeptanz bzw. Konflikten
bei Großprojekten?

Leitfrage L3 Welche Kosten- und Nutzeneffekte entwickeln bei Großprojekten


Bedeutung? In welchem Zusammenhang stehen diese Kosten und
Nutzen mit der Akzeptanz bzw. Konflikten bei Großprojekten?

Leitfrage L4 Welche Rolle nehmen Kommunikation und Beteiligung bei Groß-


projekten ein? Welche Zusammenhänge bestehen hierbei zu den
anderen Dimensionen bei Großprojekten, z.B. den Kosten- und
Nutzeneffekten und der Akzeptanz?
6 1 Großprojekte zwischen Konflikt und Akzeptanz – eine Einführung

1.2 Vorgehensweise und Struktur der Arbeit

Die Akzeptanz von Großprojekten wird in der vorliegenden Arbeit am Beispiel


deutscher Großprojekte aus den Bereichen „Mobilität und Verkehr“, „Energie
und Klima“, „Leben und Arbeiten“ sowie „Natur und Umwelt“ (mit Land- und
Forstwirtschaft) untersucht. In Kapitel 2 wird der Begriff der Akzeptanz in den
Gesamtzusammenhang gesellschaftlicher Entwicklung eingeordnet und genauer
spezifiziert. Ebenso wird mit dem Phänomen des Großprojekts verfahren. In
Kapitel 3 werden die Grundlagen zur Genese von Akzeptanz und Konflikt darge-
legt. Der Integration von Ansätzen unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen
wird hierbei besondere Beachtung geschenkt. Neben potentiellen Einflussgrößen
der Entstehung von Akzeptanz und Konflikt bei Großprojekten werden Ansätze
und Modelle aus der Akzeptanz- und Konfliktforschung näher beleuchtet, die
Wirkungsweisen dieser Determinanten aufzeigen. Kapitel 4 widmet sich den
Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten. Neben Ausführungen zur Kon-
zeptionierung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses werden einzelne Kosten- und
Nutzenaspekte erörtert, die im Zusammenhang mit Großprojekten seitens ver-
schiedenster Autoren als relevant erachtet werden. Der Block fachlicher Grund-
lagen wird durch Kapitel 5 abgerundet, indem in die Bedeutung von Kommuni-
kation und Beteiligung bei Großprojekten eingeführt wird. Neben der Erläute-
rung verschiedener Sichtweisen und Ansätze bzgl. Kommunikations- und Betei-
ligungsformen werden verschiedene Effekte und Funktionen dieser Formen nä-
her betrachtet. Im Anschluss daran wird die methodische Vorgehensweise dieser
empirisch-analytischen Arbeit vorgestellt. Aufgrund der Komplexität des For-
schungsfeldes und der integrativen Vorgehensweise dieser Arbeit unter Heran-
ziehung von Erkenntnissen verschiedenster Disziplinen, wird diesem Kapitel –
und damit der Methodik der drei durchgeführten Studien – besonderer Raum
gegeben (Kapitel 6). Das darauffolgende Kapitel 7 zeigt die empirischen Ergeb-
nisse dieser Studien mit Blick auf die zugrundeliegenden Forschungsfragen auf
und ermöglicht eine Einordnung in den Gesamtzusammenhang. Das letzte Kapi-
tel (Kapitel 8) legt zentrale Erkenntnisse dieser Arbeit dar, sowohl für die prakti-
sche Anwendung bei der Großprojektkommunikation als auch für die weitere
Forschung.
2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

2.1 Gesellschaft und sozialer Wandel – Ausgangsbedingungen für


Großprojekte

Die Frage nach Stabilität und Wandel zählt trotz unterschiedlicher Denkweisen,
Paradigmen und Perspektiven zu den zentralen Fragen soziologischer Gesell-
schaftsbetrachtungen (vgl. Weymann 1998:14f.). Die Stabilität gesellschaftlicher
Gesamtordnungen wie sie z.B. bei systemtheoretischen Ansätzen von Parsons
betrachtet werden, steht gleichauf mit Ansätzen, die in gesellschaftlichen Struk-
turen „gewisse Widerspruchsmomente“ (Lamla 2008:210) erkennen, aus denen
Kräfte des Wandels entstehen können (vgl. ebd.). Letztere Ansätze fokussieren
dabei die vorantreibenden Elemente einer Gesellschaft, ohne jedoch die stabili-
sierenden Elemente abzulösen. Dahrendorf (1979) erkennt hier die Notwendig-
keit einer Kombination von Konsens und Konflikt und damit Stabilität und Wan-
del zur Erklärung gesellschaftlicher Prozesse und Phänomene. Simmel (1968:
187) bezeichnet die heutige Gesellschaft als „Resultat beider Kategorien von
Wechselwirkungen“. Dem zu Folge kann eine rein auf Konsens oder Konflikt
basierende soziale Situation real nicht vorkommen (vgl. Giesen 1993:103).
Dahrendorf (1961) formuliert, aus seiner auf Wandel und Konflikt fokussierten
Perspektive, vier Annahmen über die Gesellschaft: „1. Jede Gesellschaft und
jedes ihrer Elemente unterliegt zu jedem Zeitpunkt dem Wandel (Annahme der
Geschichtlichkeit). 2. Jede Gesellschaft ist ein in sich widersprüchliches und
explosives Gefüge von Elementen (Annahme der Konfliktualität). 3. Jedes Ele-
ment in einer Gesellschaft leistet einen Beitrag zu ihrer Veränderung (Annahme
der Dysfunktionalität oder Produktivität). 4. Jede Gesellschaft erhält sich durch
den Zwang, den einige ihrer Mitglieder über andere ausüben (Annahme des
Zwanges)“. Als Schlüsselkonzept für strukturelle Wandlungsdynamiken wurde
dabei der soziale Konflikt identifiziert, dessen endogene Faktoren und Kräfte die
Gesellschaft maßgeblich in Bewegung halten (vgl. Dahrendorf 1972:73).
Die wandelnden Kräfte von Konflikten waren schon immer Teil gesell-
schaftlicher Reflektionen (vgl. hierzu Bark 2012): Positiv besetzt fungiert der
soziale Konflikt nach Kant (vgl. Kant & Malter 2008) als Voraussetzung allen
Lebens und des ewigen Friedens, nach Simmel (1968) als Form sozialer Bezie-
hungen zwischen Individuen und Gruppen sowie nach Ideen von Weber oder
Marx sowie beispielsweise feministischer Theorien als notwendiger Bestandteil
gesellschaftlicher Entwicklungen und Fortschritte (vgl. Bonacker 2008:22; Coser

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I. M. Schmalz, Akzeptanz von Großprojekten, Politik gestalten – Kommunikation,
Deliberation und Partizipation bei politisch relevanten
Projekten, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23639-7_2
8 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

1967:15ff.). Eine negative Konnotation erhält der Konflikt z.B. bei Hobbes (vgl.
Krysmanski 1971:52ff.) mit der Betonung seiner zerstörerischen Macht über
gesellschaftliche Ordnungs- und Entwicklungsprozesse, bei Galtung (1972) als
gewaltsamer Kampf um Überleben, Freiheit und Grundbedürfnisse oder im all-
gemeinen Alltagsverständnis (vgl. Bonacker & Imbusch 2010:67f.).
Doch egal, ob positiv oder negativ besetzt – die Bedeutung des sozialen
Konflikts als primäre Triebkraft für gesellschaftliche Wandlungsprozesse wird
von Vertretern unterschiedlichster Forschungstraditionen anerkannt (vgl. z.B.
Giesen 1993; Coser 2009; Bonacker 2008; Bonacker & Imbusch 2010; Simmel
1968; Saretzki 2010; Pfetsch & Bubner 2005). Die Infragestellung momentaner
Situationen und damit die Schaffung einer Gegenposition zum aktuellen Zustand
bereitet den ersten Schritt eines Wandels, zugleich aber auch den eines Kon-
flikts2. Die (Weiter)Entwicklung von individuellen und sozialen Fähigkeiten, der
Anstoß technischer und technologischer Innovationen sowie die Veränderung
von Kultur und Entwicklungsstand sind dabei kein Selbstzweck. Sie sind viel-
mehr Reaktionen auf sich verändernde Umwelt- und Umfeldbedingungen, auf
vorangegangene Entwicklungsprozesse (vgl. z.B. Luhmann 1991:118) oder auf
Spannungen zwischen Kulturbereichen, die nach Aufhebung drängen (vgl. z.B.
Passoth 2008; Biedenkopf 1991; Weber & Winckelmann 1960). „Wandel ist
kein Übergangsstadium auf dem Weg zu einem (neuen oder alten) Gleichge-
wicht. Auf Wandel folgt Wandel“ (Boos et al. 2004:13) und damit neue Konflik-
te (vgl. Senghaas 1998:21). Die Auslöser von Wandel können für darauffolgende
Prozesse zugleich als Rahmenbedingungen dienen.
Zu den Faktoren, die in eben solcher Weise zugleich als Auslöser und Rand-
bedingung von Wandlungsprozessen zählen, gehören beispielsweise globale Me-
gatrends. Dies sind Faktoren, die Gesellschaften in unterschiedlichem Maße beein-
flussen, sich deren Einfluss selbst jedoch weitestgehend entziehen (vgl. National
Intelligence Council 2012). Der Begriff wurde durch den Trendforscher Nasbitt
(1982:XXIII) geprägt, der unter Megatrends „[…] large social, economic, political,
and technological changes […]“ verstand. „They influence us for some time –
between seven and ten years, or longer“ (ebd.). Bezog sich diese Formulierung
ursprünglich auf den Begriff der Globalisierung, so zählen mittlerweile Entwick-
lungen wie der Wertewandel oder die zunehmende Mobilisierung dazu (vgl. Rie-
mann 2013:65). Ein zentraler Trend der nächsten Jahre ist die Stärkung des Einzel-
nen (vgl. National Intelligence Council 2012), welche die Bedeutung der globalen
Mittelklasse für den Sozial- und Wirtschaftssektor stärker betont und der Armut
Einhalt gebietet, die sowohl mit einem höheren Bildungsniveau, besserer Gesund-
heitsversorgung als auch neuen Kommunikations- und Produktionstechniken ein-

2 Für ausführliche Erläuterungen zu den Bedingungen und Merkmalen eines Konflikts vgl. Kapitel
2.3.4.1.
2.1 Gesellschaft und sozialer Wandel – Ausgangsbedingungen für Großprojekte 9

hergeht. Da die Stärkung des Einzelnen sich zugleich auf andere Megatrends aus-
wirkt, wird ihr eine besondere Bedeutung zugeschrieben (vgl. National Intelligence
Council 2012). Zu den Effekten zählen beispielsweise die Streuung der weltweiten
Macht ebenso wie demographische Entwicklungen und die erhöhte Nachfrage
nach Ressourcen Nahrung, Wasser und Energie aufgrund der weiter wachsenden
Bevölkerung (vgl. National Intelligence Council 2012). Die europäische bzw.
deutsche Ebene betreffend, können vor allem Entwicklungen wie die Urbanisie-
rung, eine allgemeine Wohlstandssteigerung (vgl. Voßebürger & Weber 1998:
22ff.) und ein demographischer Wandel, der vor allem mit einer sinkenden Bevöl-
kerungsgröße und der Alterung der Gesellschaft einhergeht (vgl. Walz et al. 2013),
identifiziert werden. Auch veränderte Anforderungen an Verkehr und Mobilität
sowie eine zunehmende Bedeutung eines nachhaltigen Ressourcenverbrauchs
werden deutlich (vgl. ebd.). Letzterer ist vor allem in Bezug auf die aus ihm ge-
winnbare Energie relevant, denn „Energie ist das treibende Moment aller Natur-
prozesse. Sie ist die Bedingung für die Entwicklung des Lebens auf der Erde wie
auch der menschlichen Gesellschaft“ (Scheffran 2010). Aber auch die Abfallver-
wertung wird bedeutsamer. Sowohl die Suche nach geeigneten Endlagern für nuk-
leare Abfälle (vgl. Grunwald & Hocke 2006; Kromp & Lahodynsky 2006) als auch
die Behandlung konventionellen Abfalls aus Haushalten (vgl. Schmitt-Tegge 1993;
Rasch 1993) zeigen die Notwendigkeit dauerhafter Lösungen auf. Zwischenlösun-
gen wie der Transport von Abfall zu europäischen Nachbarn sind nur begrenzt
möglich und kaum nachhaltig (vgl. Rasch 1993).
Allgemein sind jedoch, bezogen auf die festzustellenden Trends und Her-
ausforderungen gegensätzliche Entwicklungen spürbar: Beispielsweise geht eine
Verschärfung und Konkretisierung gesetzlicher Regelungen z.B. zu umwelt-
freundlicher Energieproduktion und Ressourcenschutz mit zunehmend weniger
Akzeptanz von Projekten einher, die diese Gesetze umsetzen sollen (vgl. Sch-
mitt-Tegge 1993). Bedingt durch Trends wie die Urbanisierung oder die sich
verändernden Mobilitätsformen und Verkehr wird die Bedeutung einer leistungs-
fähigen Infrastruktur deutlich. Bis dato wird eine hervorragende Infrastruktur
bescheinigt (vgl. World Economic Forum 2013), jedoch wird auch auf die Not-
wendigkeit der Erhaltung und Erweiterung eben dieser hingewiesen (vgl. Walz et
al. 2013). Vor allem beim Blick auf kleinere und mittlere Unternehmen (KMU)
und deren Wettbewerbsfähigkeit wird ein verstärkter Bedarf an Investitionen und
Reinvestitionen in die Infrastruktur deutlich. Sie beschäftigen mehr als 60 Pro-
zent der Berufstätigen in Deutschland (vgl. Söllner 2014) und sind besonders auf
eine moderne Infrastruktur also z.B. leistungsfähige Strom- und Breitbandnetze
angewiesen (vgl. Homann 2013).
Neben Megatrends als Auslöser und Randbedingung gesellschaftlichen
Wandels sind auf Makroebene auch kulturelle Randbedingungen wie Normen
und Rollen, sozial standardisierte Erwartungen, Deutungsmuster und Werte zu
10 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

verorten (vgl. Schneider 2005:168). Werte und der bereits erwähnte Wandel
dieser (vgl. Riemann 2013:65) nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Als Leit-
instanzen des Verhaltens (Klages & Gensicke 2006) sind Werte nicht nur auf der
Makroebene bedeutsam, sondern können auch auf Meso- und Mikroebene Funk-
tionen wahrnehmen (vgl. Krobath 2009). Friedrichs (1968:3) sieht in Werten ein
Bindeglied zwischen Individuen und Gesellschaft3, nach Kluckhohn (1951:395,
H.i.O.) sind sie als „conception, explicit or implicit, distinctive of an individual
or characteristic of a group, of the desirable which influences the selection from
available modes, means, and ends of action” zu verstehen. Trotz der individuel-
len Auslegung der Handelnden sind Werte prinzipiell als intersubjektiv und da-
mit als gesellschaftlich prägend zu verstehen (vgl. u.a. Hillmann 1981). Wie
Riemann (2013) betont auch Scheuer (2013:377) trotz der gewissen zeitlichen
Stabilität die Dynamik des Werteinflusses: „Wertorientierungen […] sind keine
unveränderlichen Größen, sondern unterliegen dem gesellschaftlichen Wandel
und den sich wandelnden wirtschaftlichen Bedingungen.“ Der Wertewandel ist
damit eine „kulturelle Anpassungsleistung an sich wandelnde Lebensumstände“,
so Welzel (2009:110). Diese beruht auf der Annahme, dass handelnde Individu-
en vor allem jene Werte besonders verinnerlichen, die ihnen dabei helfen, die
gegebenen Lebensumstände zu meistern (vgl. Flanagan 1987). Hillmann (1981)
untersuchte z.B. in diesem Zusammenhang, ob und wie veränderte Bedingungen
wie beispielsweise Umweltkrisen (Umweltverschmutzung in den 70er und 80er
Jahren des 20. Jahrhunderts) eine Auswirkung auf gesellschaftliche Werte und
das individuelle Verhalten haben.
Die Thematik des Wertewandels ist umstritten und neben der Frage, wie und
in welcher Form ein Wertewandel vonstattengeht (vgl. z.B. Oesterdiekhoff & Jeg-
elka 2001), wird auch diskutiert, ob dieser überhaupt existiert (vgl. z.B. Luthe &
Meulemann 1988). Die Mehrheit in der wissenschaftlichen Werteforschung geht
jedoch von einem umfassenden Wertewandel seit Ende der 1960er Jahre in liberal-
demokratischen und postindustriellen Gesellschaften wie Deutschland aus und
stellt trotz der heterogenen Erkenntnisse gemeinsam einen Trend der Individuali-
sierung hin zu Selbstverwirklichung und -entfaltung sowie der wachsenden Bedeu-
tung von Entscheidungsfreiheit und Gleichberechtigung fest (vgl. Welzel
2009:111; Schild 1998:245; Wolf 2012:105). Explizit der Trend der Individualisie-
rung kann dabei als eine Art Megatrend des Wertewandels aufgefasst werden: Wie
der globale Megatrend der Stärkung des Einzelnen (vgl. National Intelligence
Council 2012), der weitere Trends nach sich zieht und beeinflusst, so kann auch
der Wandel hin zu einer individuelleren Lebensweise Einfluss auf weitere Werte
und Wertentwicklungen nehmen, beispielsweise wenn Umweltschutz und eine

3 Für eine ausführlichere Betrachtung der Wertfunktionen und ihrer Verortung wird auf die
Ausführungen von Wolf (2012) verwiesen.
2.1 Gesellschaft und sozialer Wandel – Ausgangsbedingungen für Großprojekte 11

nachhaltige Lebensweise nicht aus rein altruistischen Gründen, sondern zu Befrie-


digung des eigenen Gewissens durchgeführt werden (vgl. z.B. Buß 2008:298; Wolf
2012:106). Hiermit geht nach Schild (1998) auch das Bedürfnis politischer Partizi-
pation einher, also der Teilhabe an gesellschaftlichen, vor allem politischen Ent-
scheidungen. Diese Aussage beruht auf der These Ingleharts (1989), der eine Be-
wegung weg von einer stark institutionalisierten und durch Eliten gelenkten politi-
schen Beteiligung hin zu einer die Eliten lenkenden, politischen Beteiligung mit
mehr Individualität, Flexibilität und geringerer Halbwertszeit erkennt und hierzu
beispielsweise neue soziale Bewegungen und weitestgehend kurzfristige Formen
von Protest zählt. Mit diesem Wandel von Werten und Beteiligungsformen geht
auch ein Wandel der gesellschaftlichen Themen einher. Postmaterialistische The-
men wie Fragen der Lebensqualität, des Umweltschutzes, Gleichberechtigung oder
Antirassismus werden wichtiger (vgl. Hildebrandt & Dalton 1977:236f.).
Rekurrierend auf die obigen Erläuterungen lässt sich Folgendes feststellen:
Megatrends, die natürlicher, sozialer, wirtschaftlicher oder technischer Art sind,
nehmen unvermeidbar Einfluss auf die Rahmenbedingungen gesellschaftlicher
Strukturen und Prozesse. Handlungsleitende Werte, deren Wandel seit den 1960er
Jahren festzustellen ist, zeigen vor allem eine stärker werdende Ich-Orientierung,
die auf Makro-, Meso- und Mikroebene zum Tragen kommt und sich durch Forde-
rungen nach mehr Mitsprache, mehr Entscheidungsfreiheit und mehr individuellen
und gleichzeitig geringerer Akzeptanz repräsentativ entwickelter Lösungen aus-
zeichnet. Politische Prozesse, die diesen Herausforderungen knapper werdender
Ressourcen, neuer Technologien und Märkte, steigender Nachfrage nach Energie
und Kommunikation sowie der Erhaltung des Lebensstandards begegnen wollen,
werden mit dem veränderten Werteprofil der Gesellschaft konfrontiert. Das Zu-
sammenspiel der Kräfte und ihrer Auswirkungen auf Mikro-, Meso- und Makro-
ebene ist dabei komplex. Das Modell von Coleman (1991), das die Verbindung
zwischen den Ebenen in Anlehnung an den Ansatz des methodologischen Indivi-
dualismus beschreibt, erklärt das Zustandekommen gesellschaftlicher Phänomene
und Strukturen auf der Makroebene durch das Handeln von Akteuren auf der Mik-
roebene. Coleman unterscheidet in seinem Modell zur Erklärung sozialer Sachver-
halte, das auch als Badewannenmodell bezeichnet wird, keine explizite Mesoebe-
ne, sondern unterteilt vielmehr die Mikroebene in individuelle und korporative
Akteure (vgl. ebd.). Andere Ansätze beschreiben die Mesoebene als eine Nahtstelle
zwischen der Mikro- und der Makroebene (vgl. Altmeppen & Arnold 2013). Ihr
sind soziale Gruppen und Organisationen zuzuordnen (vgl. Quandt & Scheufele
2011:12), die durch ihre organisationalen Strukturen die individuellen Akteure
einbinden und zugleich untereinander Beziehungen ausbilden. Aufgrund ihrer
Funktionen und Wirkungen sind sie zugleich mit der Makroebene verknüpft (vgl.
Altmeppen & Arnold 2013:6). Nach Coleman (1991) wirken kollektive Phänome-
ne auf Makroebene nicht direkt auf andere Makrophänomene, sondern über soziale
12 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

Vorgänge auf der Mikroebene, bei denen das Individuum zwischen verschiedenen
Handlungsalternativen auswählen kann. Die Vielzahl an sozialen Vorgängen auf
der Mikroebene lässt neue oder veränderte Makrophänomene entstehen (vgl. Co-
leman 1991:9ff.). Esser (1993) greift das Grundmodell von Coleman auf und er-
weitert bzw. modifiziert die Handlungsprinzipien des Individuums. Geht Coleman
noch vom nutzenmaximierenden homo oeconomicus aus, erweitert Esser diese
Sichtweise um den Wunsch eines Individuums nach sozialer Konformität, welche
die Angst vor sozialer Isolation, das Streben nach Konsens und damit sozial kon-
formes Verhalten in die Entscheidung bei verschiedenen Handlungsalternativen
einbringt (vgl. Schrott 2008:24f.). Esser (1993) beschreibt in diesem Modell der
soziologischen Erklärung die soziale Situation auf Makroebene als Ausgangssitua-
tion für das handelnde Individuum, welche die Grundgegebenheiten (Logik der
Situation) vorgibt. Auf Basis dieser Bedingungen wählt das Individuum eine
Handlungsalternative aus (Logik der Selektion) und führt die Handlung durch.
Viele Handlungen individueller oder korporativer Akteure, die durch gewisse
Transformationsregeln (Logik der Aggregation) zusammengeführt werden, führen
wiederum zu neuen kollektiven Effekten (Situationen). Die Kräfte des Wandels
bleiben dabei nicht abstrakt. In Form von technologischen und technischen, sozia-
len und ökologischen Großprojekten werden sie umgesetzt. Die Liste der Ziele, die
mit ihrer Umsetzung verfolgt werden, ist lang. Großprojekte dienen beispielsweise

 der Erhaltung und Weiterentwicklung des Lebensstandards im westeuropäi-


schen Sozialstaat (vgl. Eilfort & Raffelhüschen 2013),
 der Lösung von Technik- und Umweltproblemen (vgl. hierzu umfassend
Feindt 2010), vor allem nachhaltiger Energieversorgung und dem Umgang
mit knappen Ressourcen sowie dem Klimawandel (vgl. Schweizer-Ries et
al. 2010; Schuster 2013; Gabriel 2011),
 der Gestaltung von urbanen Räumen und der Erhaltung und Neuerrichtung
von Infrastruktur (vgl. Pütter 2011; RWE 2012; Bundesministerium für
Verkehr und digitale Infrastruktur 2014),
 der Umsetzung des gesellschaftlichen Wunsch nach einer nachhaltigen
Lebensweise (Ruschkowski 2010)
 sowie der Umsetzung politischer und rechtlicher Vorgaben, die sich ihrer-
seits ebenfalls an den Einflüssen orientieren (vgl. z.B. Paap & Katz 2004).

Die Motive für Wandel lassen sich dabei in zwei Arten unterteilen. Dörre (2002)
beschreibt dieses Zweierlei an Triebkräften durch Becks (1996) Theorie reflexiver
Modernisierung und der darin vorgenommen Unterscheidung zwischen erster und
zweiter Moderne. Als „Antrieb“ der ersten Moderne fungiert die Zweckrationalität,
die in linearer Form bewusste und gewollte Verbesserungen von Effizienz und
Effektivität hervorbringt. Kräfte der zweiten Moderne wirken anders, „in einem
2.1 Gesellschaft und sozialer Wandel – Ausgangsbedingungen für Großprojekte 13

radikalen Sinne, keineswegs unbedingt bewusst oder gewollt, sondern eher unre-
flektiert, ungewollt, eben mit der Kraft verdeckter Nebenfolgen“ (Beck 1996:27)4.
Vor allem letztere Kräfte werden in politischen und rechtlichen Vorgaben im Um-
welt-, Natur- und Ressourcenschutz deutlich, der Anfang der 1960er Jahre, vor
allem aber in den 1970er Jahren Eingang in die politische Arena fand (vgl. Erd-
mann & Jessel 2012: 69). Mittlerweile liefern vor allem internationale und europä-
ische politische Prozesse Impulse für den Umwelt-, Natur- und Ressourcenschutz.
Auf europäischer Ebene sind z.B. die Richtlinie Flora-Fauna-Habitat (1992) und
die Vogelschutzrichtlinie (1979), welche die Basis für den Aufbau des Schutzge-
bietsnetzes Natura 2000 lieferten, zu nennen – wie auch die Wasserrahmenrichtli-
nie. Politische Termine wie die Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und
Entwicklung (UNCED), die auch als Rio-Konferenz bezeichnet wird und zum
ersten Mal 1992 in Rio de Janeiro und nachfolgend 1997 in New York (Rio+5)
stattfand, sowie der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg 2002
und die weitere UN-Konferenz Rio+20 wirken von internationaler Seite (vgl. Erd-
mann & Jessel 2012).
Wie die Ausführungen zu Beginn des Kapitels bereits darlegen, gehen
Wandel und Veränderung mit Konflikt bzw. Konflikt mit Wandel einher (vgl.
u.a. Mensch & Schroeder-Hohenwarth 1977; Neuloh 1977:26f.). Feindt (2010)
sieht die grundlegenden Auslöser für Konflikte im Umwelt- und Technikbereich,
der als taktgebender Bereich für gesellschaftlichen Wandel angesehen wird (vgl.
Jacob et al. 2007) in der Verteilung finanzieller Kosten, Verteilung von Nutzen
und Lasten sowie in Bestimmung bzw. Festlegung geeigneter politischer Instru-
mente. Allein aus Konflikten heraus bildet sich jedoch noch kein Wandel, der
mehr als der Hinweis auf ein bestehendes Problem ist. Vor allem politische,
technologische und technische Veränderungen sind auf aktive Elemente ange-
wiesen. Erst durch den Prozess der Verdrängung alter durch neue Zustände (vgl.
Fazel 2014:83), also durch die Nicht-Akzeptanz alter Zustände gefolgt von einer
Akzeptanz neuer Zustände (vgl. Lucke 1995:146f.) und damit der Durchdrin-
gung sozialer Systeme, kann Wandel angestoßen werden. Das Konzept der Ak-
zeptanz zählt damit zu den bedeutendsten Elementen einer aktiven Veränderung,
vor allem mit Blick auf die Durchsetzung von Innovationen in Markt und Gesell-
schaft (vgl. Kollmann 1998). Akzeptanz wird hierbei als wesentliche Vorausset-
zung für die dabei stattfindenden Annahme- und Übernahmeprozesse verstanden
(vgl. Königstorfer 2008:10f.)5. Differenziert betrachtet wird die Akzeptanz dies-

4 Hierunter werden ökologische Risiken, Klimaveränderungen, Umgang mit Atommüll oder


Folgen der Industrialisierung verstanden, so Dörre (2002:58).
5 Wann wem welches Maß an Akzeptanz bzw. Ablehnung entgegengebracht wird und welche
Neuerungen hierdurch hervorgerbacht werden können, erörtern z.B. Mensch & Schroeder-
Hohenwarth (1977). Sie vermuten, dass je nach Phasen z.B. ökonomischen Auf- und Abschwungs
progressive oder konservative Neuerungen den Wandel gestalten.
14 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

bezüglich beispielsweise durch die Innovations- und Diffusionsforschung, die


Art und Ausmaß von Annahme und Übernahme bzw. Ablehnung von Innovatio-
nen (vgl. hierzu z.B. Rogers 2003) sowie nachfolgenden Nutzungsentschei-
dungsprozessen analysiert (vgl. hierzu z.B. Königstorfer 2008). Das Maß an
Akzeptanz, das Elementen in einer Gesellschaft entgegengebracht wird, unter-
liegt selbst ebenfalls einem Wandel. Im Rahmen der seit Ende der 1970er Jahre
geführten Wertewandeldiskussion wird unter anderem von einem abnehmenden
Maß an Akzeptanzwerten in westlichen Gesellschaften ausgegangen – und einer
größeren Wahrscheinlichkeit von Nicht-Akzeptanz, wozu auch Konflikte zählen
(vgl. Lucke 1995:10f.) „Vor allem sind größer werdende Bevölkerungsteile nicht
mehr willens, Rationalisierungsfolgen unbesehen mit Rationalisierungserfolgen
gleichzusetzen und als durchgängig positive Begleiterscheinung der gesellschaft-
lichen Modernisierung zu betrachten“ (Lucke 1995:18). Nicht-Akzeptanz und
Konflikt finden damit unter anderem als potentielle Risiken für Modernisie-
rungs- und Entwicklungsprozessen Beachtung, wodurch ein Rückbezug auf die
Kombination von Konflikt und Konsens als Triebfedern gesellschaftlichen Wan-
dels vorgenommen wird (vgl. Lucke 1995:10f.,196ff.; Tschiedel 1989:92ff.).

2.2 Der Begriff des Großprojekts

„Ob Elbphilharmonie oder Berliner Flughafen: Sind deutsche Großprojekte im-


mer Murks?“ (Diekmann 2015) Dieses Zitat spiegelt ein alltägliches Begriffsver-
ständnis des Terminus „Großprojekt“ wider, denn längst unterliegt der Begriff
des Großprojektes im Zuge der vermehrten öffentlichen und medialen Aufmerk-
samkeit dem Spagat zwischen wissenschaftlichem Begriffsverständnis und All-
tagsbegriff. Der Alltagsbegriff versteht unter Großprojekten meist Bau- und
Infrastrukturprojekte (optisch) großen Ausmaßes. Ergänzt wird der Begriff durch
die Nennung bekannter Fallbeispiele, die meist durch (negative) Auffälligkeiten
in die Schlagzeilen geraten sind. Für die wissenschaftliche Arbeit ist diese Art
der Definition jedoch nicht ausreichend. So genügt nicht allein die bloße Größe
eines Artefakts, um es als Großprojekt im wissenschaftlichen Sinne zu bezeich-
nen. Auch der Fokus auf Bau- und Infrastrukturprojekte ist nicht ausreichend, da
dieses Verständnis doch vor allem aus dem wahrgenommenen Anteil von Bau-
projekten und weniger aus einer umfassenden Betrachtung des Themenfeldes
stammt. Ebenso ist das wissenschaftliche Verständnis des Begriffes keineswegs
einheitlich, da es eine Vielzahl an wissenschaftlichen Disziplinen gibt, die sich
Großprojekten als Forschungsobjekt zuwenden. Ein präziser wissenschaftlicher
Großprojektbegriff, der in dieser Arbeit Anwendung finden kann, sollte daher
auf folgende Fragen eingehen: Welche Themenbereiche umfasst der Großpro-
2.2 Der Begriff des Großprojekts 15

jektbegriff? Anhand welcher Kriterien wird Größe definiert? Anhand welcher


Kriterien wird die Bezeichnung als Projekt vorgenommen?
Die eingangs erwähnte Fokussierung des Großprojektbegriffs auf Projekte
des Baubereichs umfasst vermutlich die meisten spontanen, themenbezogenen
Assoziationen mit Großprojekten. Des Weiteren können jedoch auch Projekte in
den Begriff einbezogen werden, die diesem Themenbereich nicht ohne weiteres
zuzuordnen sind, beispielsweise die Einrichtung von Naturschutzgroßgebieten.
Eine feste Beschreibung spezifischer Themenbereiche gibt es dabei nicht, viel-
mehr ist eine empirische Festlegung des Bezugsbereiches notwendig. Als Basis
hierfür können die oben beschriebenen Entwicklungen, die globalen Trends als
Motor des gesellschaftlichen Wandels (vgl. hierzu Kapitel 2.1, National Intelli-
gence Council 2012), herangezogen werden. Diese individuellen und sozialen,
politischen, ökologischen und ökonomischen Triebfedern finden ihre Umsetzung
für die Gesellschaft in Form von konkreten Projekten. Grundsätzlich lassen sich
dabei vier Themenbereiche unterscheiden: „Mobilität und Verkehr“, „Energie
und Klima“, „Leben und Arbeiten“ sowie „Natur und Umwelt“ (mit Land- und
Forstwirtschaft). In den Themenbereich „Mobilität und Verkehr“ fallen Projekte,
deren Kern sich auf die Themen Mobilität, Fortbewegung oder Logistik, aber
auch Verkehrswege oder Verkehrsmittel beziehen (beispielsweise Straßenbau,
Bau von Teststrecken, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs). Projekte des Be-
reiches „Energie und Klima“ beschäftigen sich mit der Gewinnung, dem Trans-
port und der Speicherung von Energie sowie dem Klimaschutz (beispielsweise
Stromtrassen, Windkraftanlagen, Pumpspeicherkraftwerke). Der Themenbereich
„Leben und Arbeiten“ umfasst Projekte, die sich auf die Lebenswelt der Bürger
bezieht, also Wohn- und Arbeitsstätten, Versammlungs-, Religions- sowie Sport-
und Kultureinrichtungen (beispielsweise Kirchenbauten, Bau von Einkaufszen-
tren, Konzerthäuser, Sportstätten). Projekte, deren Kern sich explizit auf den
Natur- oder Umweltschutz bezieht oder auch forst- oder landwirtschaftliche
sowie gartenbauliche Belange betrifft (beispielsweise Einrichtung von Natur-
schutzgebieten, Gartenschauen, Tiermastanlagen) können dem Themenbereich
„Natur und Umwelt“ zugeordnet werden. Diese Einteilung verdeutlicht zugleich
einen Bezug zu Materie, auf Artefakte, auf greifbare Projekte und weniger auf
rein als geistige Idee oder als Gedanke existierende Projekte.
Der thematischen Vielfalt von Großprojekten verleiht der Gesetzgeber im
Rahmen des Gesetzes über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVPG) Ausdruck.
Hierbei wird von Vorhaben gesprochen, z.B. der Errichtung und dem Betrieb tech-
nischer Anlagen, dem Bau sonstiger Anlagen, sonstigen Eingriffen in Natur und
Landschaft sowie sämtliche Änderungs- oder Erweiterungsmaßnahmen bei diesen
Punkten (vgl. Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz 2016a:§2). Die
Vielfalt bezieht sich dabei nicht ausschließlich auf die Vorhabenformen, sondern
auch auf die möglichen Auswirkungen, die diese mit sich bringen können. Beson-
16 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

ders hingewiesen wird auf die Auswirkungen auf „1. Menschen, einschließlich der
menschlichen Gesundheit, Tiere, Pflanzen und die biologische Vielfalt, 2. Boden,
Wasser, Luft, Klima und Landschaft, 3. Kulturgüter und sonstige Sachgüter“
(Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz 2016a:§2).
Art und Ausmaß lassen sich zugleich als Indikator für die Größe eines Pro-
jektes heranziehen. Die Technikakzeptanzforschung zieht z.B. als Anhaltspunkt
für Größe das Ausmaß der Zumutungen (Aufwand, Risiko etc.) heran, die mit
der Einführung und Anwendung eines Objekts einhergehen (vgl. Grunwald
2005:58), oder die Art, durch die Menschen mit Technik konfrontiert werden,
z.B. individuell durch Alltags- und Arbeitstechnik bis hin zu externer Technik,
die in Form eines Nachbars auftritt (vgl. Renn 2005b:31 sowie die Ausführun-
gen hierzu in Kapitel 2.3.3). Technische und wirtschaftswissenschaftliche Be-
trachtungen beziehen sich zur Größenbestimmung auf Kriterien finanzieller und
personeller Art sowie Zeit- und Zielvorgaben, Risiko- und Komplexitätsein-
schätzungen (vgl. z.B. Litke 2007; Deutsches Institut für Normung 2009).
Auch die soziale Komplexität kann Auskunft über das Ausmaß geben (vgl.
Bruijn & Leijten 2008). Boos & Heitger wie auch Beyer et al. greifen die Bedeu-
tung dieser Dimensionen auf und formulieren z.B. Kriterien der politischen Bri-
sanz, der Interdisziplinarität, komplexer Ursache-Wirkungs-Beziehungen und
verschiedener Interessenslagen (vgl. Boos & Heitger 1996) sowie wirtschaftlicher
oder verkehrsbezogener Auswirkungen (vgl. Beyer et al. 2002). Kolb (1999:51)
zählt zu den Hauptmerkmalen eines Großprojektes die vielfältigen Auswirkungen,
die zahlreichen und langanhaltenden Wirkungen, Folgewirkungen und Nebenef-
fekte sowie gegensätzliche Wirkungen und allgemein die schwere Abschätzbarkeit
aller Auswirkungen, die technische Komplexität sowie die beschränkte Möglich-
keit, ein Projekt in mehrere kleine Projekte zu unterteilen. Auch mediale Aktivitä-
ten können hierbei als Indizien für die Bedeutung eines Projektes herangezogen
werden. Zum einen hinsichtlich der Frage, wie ein Projekt in der klassischen mas-
senmedialen Berichterstattung dargestellt wird, zum anderen, wie es in sozialen
Medien von Nutzern aufgegriffen wird und Anschlusskommunikation erzeugt (vgl.
Maier 2013; Krüger 2011:107).
Schreck (1998) unterteilt zur Bewertung von Größe und Ausmaß bei Einrich-
tungen bzw. Vorhaben hingegen in eine raumwirksame und eine soziopolitische
Dimension. Erste bezieht sich auf räumliche, standortbezogene Auswirkungen aller
Art, wobei Großprojekte hier eine „über den lokalen Rahmen hinausgehen[de]“
Bedeutung (Schreck 1998:3) haben. Hier wird erneut die Relevanz der Materialität
eines Projektes deutlich (vgl. hierzu auch Ruschkowski 2010:14). Die soziopoliti-
sche Dimension von Schreck bezieht die gesellschaftlichen und politischen Vor-
gänge eines Vorhabens ein, wozu auch Planungs- und Genehmigungsprozesse
zählen. Rechtliche bzw. politische Verfahren zur Unterscheidung zwischen Vorha-
ben mit weitreichender Bedeutung und eher in kleinem Rahmen bedeutsamer Pro-
2.2 Der Begriff des Großprojekts 17

jekte (z.B. innerhalb eines Unternehmens oder privat) stellen ein weiteres wichti-
ges Kriterium dar. Thießen (2012:9) schlägt zur Abgrenzung, welche Vorhaben als
Großprojekte einzustufen sind, eine verfahrensbezogene Abgrenzung vor. Als
Großprojekte sind demnach Vorhaben einzustufen, die eines Instrumentes der
Entwicklungssteuerung (z.B. Raumordnungspläne, Landes- und Regionalentwick-
lungspläne) unterliegen oder anderen, konkretisierenden Verfahren zur Planung
und Umsetzung von Vorhaben (z.B. Planfeststellungsverfahren, allg. Bauleitpla-
nung, Verfahren zur Genehmigung nach Bundesimmissionsschutzgesetz, vgl. auch
Gans 1994:4ff.). In den meisten Fällen ist dabei die Genehmigung einer überge-
ordneten Verwaltungsbehörde notwendig (vgl. auch Schreck 1998:3). Da jedes
Verfahren neben den entsprechenden Prüfungsanforderungen auch die Vorhaben
beschreibt, auf die es anzuwenden ist, enthalten die Verfahrensregelungen eben-
falls zentrale Kriterien, die für die Bestimmung des Großprojektbegriffes herange-
zogen werden können. Bei den vorwiegend zum Tragen kommenden, selbstständi-
gen Verfahren sind vor allem Planfeststellungsverfahren und Genehmigungsver-
fahren nach Bundesimmissionsschutzgesetz zu nennen.
Das Planfeststellungsverfahren6 ist ein Verwaltungsverfahren zur Anwen-
dung auf geplante Vorhaben, die raumbedeutsam sind oder die Infrastruktur betref-
fen (z.B. Bundesstraßen, Hochspannungsleitungen) und eine Vielzahl von Men-
schen sowie öffentliche und private Interessen berühren (vgl. Peine 2003:349)7.
Das Verfahren besteht aus drei grundsätzlichen Schritten (vgl. ebd.:350ff.): Schritt
1 umfasst die Erstellung des Vorhabenplanes, auf dessen Basis die Erörterung
durchgeführt wird. Im zweiten Schritt (Anhörungsverfahren) muss der Plan bei der
zuständigen Behörde eingereicht und dann öffentlich ausgelegt werden. Dies ist
notwendig, um die Möglichkeit für Stellungnahmen und Einwendungen zu schaf-
fen, die dann im Rahmen eines Erörterungstermins dargelegt werden. Auf Basis
dieser Anhörung folgt der Planfeststellungsbeschluss, in dem geregelt wird, ob und
wie das Vorhaben verwirklicht werden darf (vgl. ebd.:355).
Das Genehmigungsverfahren nach Bundesimmissionsschutzgesetz (BIm-
SchG)8 regelt die Errichtung und den Betrieb genehmigungsbedürftiger Anlagen
oder Abläufe im Sinne des Immissionsschutzes. Es wird hierbei nach anlagenbe-
zogenem, produktbezogenem, verkehrsbezogenem sowie gebietsbezogenem Im-
missionsschutz unterschieden (vgl. Michaelis 1999:31). Prinzipiell gelten die Vor-
schriften des Gesetzes für Anlagen oder Abläufe, die „das Herstellen, Inverkehr-
bringen und Einführen von Anlagen, Brennstoffen und Treibstoffen“ (Bundesmi-

6 Das Verfahren ist im Verwaltungsverfahrensgesetz (VwVfG), Paragraph 72-78 geregelt (vgl.


Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz 2016c).
7 Für ähnliche Verfahren, z.B. der Plangenehmigung, vgl. z.B. Peine (2003).
8 Gesetz zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen durch Luftverunreinigungen, Geräu-
sche, Erschütterungen und ähnliche Vorgänge (Bundesimmissionsschutzgesetz – BimSchG,
vgl. Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz 2016b).
18 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

nisterium für Justiz und Verbraucherschutz 2016b:§2) und weiteren ähnlichen


Stoffen (z.B. Stoffe in Verbindung mit Treibhausgasen, vgl. Bundesministerium
für Justiz und Verbraucherschutz 2016b:§37ff.) zum Zweck haben sowie für „die
Beschaffenheit, die Ausrüstung, den Betrieb und die Prüfung von Kraftfahrzeugen
und ihren Anhängern und von Schienen-, Luft- und Wasserfahrzeugen sowie von
Schwimmkörpern und schwimmenden Anlagen“ und „den Bau öffentlicher Stra-
ßen sowie von Eisenbahnen, Magnetschwebebahnen und Straßenbahnen“ (Bun-
desministerium für Justiz und Verbraucherschutz 2016b:§2)9. Im Rahmen des
Gesetzes werden schädliche Umwelteinwirkungen (z.B. Luftverunreinigungen,
Lärm-, Licht- oder Strahlenbelastung) auf die Allgemeinheit und die Nachbar-
schaft10 geprüft. Beim Genehmigungsverfahren wird zwischen förmlichem (mit
fest geregelter Öffentlichkeitsbeteiligung, vgl. Bundesministerium für Justiz und
Verbraucherschutz 2016b:§10) und vereinfachtem Verfahren (ohne Öffentlich-
keitsbeteiligung, vgl. Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz
2016b:§19) unterschieden. Der Ablauf des förmlichen Verfahrens ähnelt dem
Planfeststellungsverfahren. Nach Antragstellung und Vorprüfung durch die ent-
sprechende Behörde (auf Vollständigkeit etc.) erfolgt die öffentliche Auslegung
mit der Möglichkeit, Einwendungen einzureichen. Daraufhin folgt ein Erörte-
rungstermin. Mit den Erkenntnissen aus der Öffentlichkeitsbeteiligung wird der
Antrag endgültig geprüft und per Genehmigungsbescheid das Urteil über das
Vorhaben gefällt. Beim vereinfachten Verfahren wird auf öffentliche Bekannt-
machung, Auslegung von Antrag und Antragsunterlagen sowie den Erörterungs-
termin verzichtet. Ob ein Verfahren als förmlich oder vereinfacht eingestuft
wird, hängt vereinfacht gesagt von Vorhabenart und -größe sowie den dadurch
vermuteten Auswirkungen und den Einwirkungen auf die Umwelt ab.11
Neben Fragen zu Themenbereich und Ausmaß eines Großprojektes und den
dadurch notwendigen Genehmigungsverfahren bedarf auch der Begriff des Pro-
jektes einer Konkretisierung. Der Projektbegriff impliziert eine Aufgabe mit
zeitlicher Befristung (vgl. Voigt & Schewe 2013), es bedarf damit einer zeitbe-
zogenen Einteilung in Projektstadien der infrage kommenden Vorhaben. Einen
möglichen Anknüpfungspunkt hierfür bietet die Honorarordnung für Architek-
ten- und Ingenieurleistungen (HOAI, vgl. Bundesministerium für Justiz und
Verbraucherschutz 2013), die Projekte in einzelne Leistungsphasen einteilt. Von

9 Welche Anlagen hier exakt genehmigungsbedürftig im Sinne des Bundesimmissionsschutzge-


setzes sind, regelt die vierte Bundesimmissionsschutzverordnung (vgl. Bundesministerium für
Justiz und Verbraucherschutz 2015).
10 „Menschen, Tiere und Pflanzen, den Boden, das Wasser, die Atmosphäre sowie Kultur- und
sonstige Sachgüter“ (Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz 2016:§3).
11 Diese Aussage gibt die Entscheidungskriterien nur vereinfacht wieder. Die genaue Zuordnung
ist in der vierten Verordnung zur Durchführung des Bundesimmissionsschutzgesetzes (Verord-
nung über genehmigungsbedürftige Anlagen – 4. BImSchV) geregelt (vgl. Bundesministerium
für Justiz und Verbraucherschutz 2015).
2.2 Der Begriff des Großprojekts 19

ersten Gesprächen und der Grundlagenermittlung bis hin zum Übergang eines
Projektes in eine endgültige Nutzungsform werden einzelne Phasen formuliert.
Dadurch wird zugleich der konkrete Beginn und die Beendigung eines Projektes
formuliert. Vereinfacht können die in der Honorarordnung aufgeführten Leis-
tungsphasen in vier Projektstadien unterteilt werden, die eine zeitbezogene Ein-
teilung und damit auch die Kennzeichnung eines Vorhabens als Projekt zulassen:

 Entwurfsphase: Phase einer ersten Vision, der Grundlagenermittlung, erster


Vorgespräche und -überlegungen sowie Phase der Vorplanungen und Ent-
wurfsplanung.
 Planungs- und Genehmigungsphase: Phase der Konkretisierung vorange-
gangener Planungen, Vorbereitung und Durchführung sämtlicher mit den
notwendigen Genehmigungen in Verbindung stehenden Prozesse.
 Einrichtung- und Erstellungsphase: Phase der Einrichtung und Erstellung/
Bau des Projekts.
 Anlaufphase/Phase der Inbetriebnahme: Das Projekt geht in die Phase des
Betriebs bzw. der Nutzung über. Sobald Betrieb und Nutzung über einen
dem Vorhaben entsprechenden Ablauf verfügen, endet die Anlaufphase.

Begriffsverständnis dieser Arbeit

Aufbauend auf den obigen Ausführungen zur Konkretisierung des Großprojekt-


begriffes können abschließend zentrale Kriterien formuliert werden, die den
Begriff des Großprojektes präzise umranden. Unter einem Großprojekt kann
nachfolgend ein Vorhaben verstanden werden, welches:

 einem der globalen Trends „Energie und Klima“, „Mobilität und Verkehr“,
„Leben und Arbeiten“ oder „Natur und Umwelt“ zuzuordnen ist,
 über eine überdurchschnittliche zeitliche, räumliche und finanzielle Bedeu-
tung verfügt (z.B. Anzahl betroffener Personen/Institutionen, Fertigstel-
lungsdauer, Flächenbedarf, Investitionsvolumen), zudem
 eine sozial-mediale Dimension besitzt, also Folgen für die Gesellschaft und
ihre Elemente mit sich bringt und dabei eine öffentliche Wirkung hat (z.B.
in Form medialer Berichterstattung, Bürgerbewegungen und Bürgerbeteili-
gung, gesellschaftliche Diskussionen etc.) und
 eine politisch-administrative Dimension umfasst, also beispielsweise eines
spezifischen Verfahrens durch Politik und/oder übergeordnete Verwaltungs-
ebene bedarf (z.B. Planfeststellungsverfahren, Genehmigung nach Bundes-
immissionsschutzgesetz, gesonderte politische Beschlüsse etc.) sowie
20 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

 sich in einem Projektstadium befindet, das sich zwischen einem ersten Ge-
danken und der vollumfänglichen Inbetriebnahme befindet (bereits in den
Normalbetrieb übergegangene Projekte sind damit ausgeschlossen) und nicht
zuletzt
 als Artefakt bezeichnet werden kann, also Materie umfasst oder bezeichnet.
Dies schließt z.B. rein politische/gesellschaftliche Diskussionsthemen aus.

2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen

Der (soziale) Wandel einer Gesellschaft geht mit einer Vielzahl an Dynamiken
einher, ist jedoch selbst auch das Ergebnis komplexer Prozesse. Das vorige Kapi-
tel hat die hierbei zentrale Rolle von Akzeptanz, aber auch von Nicht-Akzeptanz
z.B. in Form von Konflikt bereits angedeutet. In Form von Adaptions- und
Adoptionsprozessen, im Alltag bekannt als „Popularisierung von Kunst“ oder
„Trivialisierung der Wissenschaft“, als „Verbreitung neuer Lebensstile“ oder die
„Diffusion und Installation technischer Neuerungen“ (Lucke 1995:112), zählen
Formen der Akzeptanz zu den zentralen Mechanismen gesellschaftlichen Wan-
dels: Die mit ihr einhergehenden Maßstabskriterien fungieren als Abstimmungs-
und Auswahlmechanismen für sämtliche gesellschaftliche Prozesse (vgl. ebd.:
156ff.)12 und sind damit auch bei der Entwicklung von Großprojekten von ent-
scheidender Bedeutung. Nachfolgend wird dem Konstrukt der Akzeptanz, ihren
Dimensionen, dem Begriffsverständnis und geeigneten (Mess)Modellen Platz
eingeräumt. Dabei wird auch auf den Begriff des Konflikts, seine Ursachen und
Folgen eingegangen und eine Abgrenzung des Akzeptanzbegriffs zu verwandten
Konstrukten vorgenommen.
Die Begriffe Akzeptanz und Konflikt fallen oft im Zusammenhang mit der
Frage nach sozialverträglicher Technikgestaltung, die Teil einer Forschungs- und
Technologiepolitik wie auch der begleitenden sozialwissenschaftlichen For-
schung sind (vgl. Tschiedel 1989:92). Akzeptanz- und Konfliktforschung verfü-
gen über zwei Eigenschaften, die bei der Arbeit in diesen Themengebieten be-
dacht werden müssen: Die Betrachtung der beiden Konstrukte zeigt erstens eine
Vielzahl von Ansätzen auf, die von strikt abgegrenzten Positionen bis hin zu
nachhaltig integrierten Perspektiven der Konstrukte alles abdecken, jedoch zu-
gleich auch eine Reihe unzureichend abgegrenzter und unklar definierter Heran-
gehensweisen enthalten. Zweitens führt die Vielzahl an Akzeptanzsubjekten,
-objekten und -kontexten zu einer großen Vielfalt beteiligter Forschungsdiszipli-
nen und -ansätze, wodurch ein gemeinsamer Erkenntnisgewinn erschwert wird.

12 Akzeptanz verfügt darüber hinaus über zahlreiche weitere Funktionen, z.B. Integrationsfunkti-
onen und Kontrollfunktionen, vgl. hierzu vor allem Lucke (1995:160ff.).
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 21

Zu den beteiligten Disziplinen zählen z.B. Sozialwissenschaften, Rechts- und


Wirtschaftswissenschaften, Sprach- und Religionswissenschaften, Philosophie,
Bau- und Ingenieurswissenschaften, Agrarwissenschaften, Natur- oder Umwelt-
wissenschaften (vgl. unter anderem Lucke 1995) sowie integrativ-interdisziplinäre
Ansätze wie beispielsweise die Begleitforschung, die als gesellschaftlich geforder-
te Forschung zur Förderung von Technologieentwicklung zu sehen ist (vgl. Fiede-
ler & Nentwich 2009:94). Lucke (1995) spricht bei Fragen der Akzeptanz von
„latente[n] Dauerfragestellungen“, die sich bis zu frühen Ansätzen der Sozio- und
Psychologie der Philosophie sowie der Politologie zurückverfolgen lassen.

2.3.1 Das Konzept der Akzeptanz

2.3.1.1 Sichtweisen der Akzeptanzforschung

Der Akzeptanzbegriff wird im alltäglichen Sprachgebrauch vielfach verwendet


(vgl. Pressmar 1982:324; Lucke 1995:33ff.). Er ist ein terminologisches Mode-
wort (vgl. Hitzler & Honer 1984:57; Lucke 1995:37), das seit langem Teil wis-
senschaftlicher Überlegungen13 ist, zugleich jedoch wenig beachtet wird im Ver-
gleich zu anderen zentralen Begriffen der klassischen Sozialwissenschaft14. Ihm
liegt eine „äußerst heterogene Begriffsfassung zugrunde“ (Schönecker 1980:80)
und er wurde zeitweise als wissenschaftlich untaugliche „Leerformel“ (Degen-
hardt 1986:36) bezeichnet. Die Vielfalt der Bedeutungen und Definitionen, die
dem Begriff der Akzeptanz zugeordnet werden, ist ähnlich groß wie die Band-
breite der sich diesem Phänomen widmenden Forschungsdisziplinen (vgl. hierzu
die Ausführungen in den vorigen Teilkapiteln). Zusätzlich sind Vermischungen
und Sprachungenauigkeiten mit Begriffen wie Akzeptabilität, Einstellung oder
Adoption (vgl. Müller-Böling & Müller 1986:18f.; Lucke 1995:35ff.) festzustel-
len. Eine differenzierte Betrachtung des Begriffs, seiner Charakteristika und
Unterschiede zu verwandten Konstrukten soll in dieser Arbeit anhand einer Be-
trachtung unterschiedlicher Verständnisse vorgenommen werden. Ziel ist die
Generierung eines anwendungsbezogenen Begriffsverständnisses mit Blick auf
die leitenden Fragestellungen. Für besonders umfassende und begriffsgeschicht-
liche Herleitungen sei daher z.B. auf die Ausführungen von Lucke (1995)15 oder
Kollmann (1998) verwiesen. Aufgrund des heterogenen Forschungsfeldes wird
bereits zu Beginn eine Schwerpunktsetzung auf Ansätze sozial- und wirtschafts-

13 Zur Bedeutung von Akzeptanz z.B. bei Machiavelli vgl. Schröder (2004).
14 z.B. Konflikt, Herrschaft oder soziale Kontrolle (vgl. Lucke 1995).
15 Lucke nimmt sich dem Phänomen der Akzeptanz vor allem hermeneutisch in Form der Verste-
henden Soziologie an und ergänzt damit eine empirisch-analytische Sichtweise um wertvolle
kontextuelle Elemente.
22 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

wissenschaftlicher Herkunft vorgenommen, die sich den Phänomenen der Umwelt-


und Technikakzeptanz sowie im Speziellen der Akzeptanz von Infrastruktur- und
Großprojekten widmen. Der Vielzahl an Ansätzen ist gemein, dass unter Akzep-
tanz, egal von wem sie ausgeht, auf was sie sich bezieht oder in welchem Kontext
sie gebildet wird, eine Form der nicht negativen Bewertung eines Phänomens
(Komponente der Meinungen und Einstellungen mit oder ohne Verhaltensabsicht)
verstanden wird, die in unterschiedlichem Maße ihren Ausdruck und ihre Wirkung
im sozialen Raum (Komponente des Handeln und Verhaltens) findet und entfaltet
(vgl. Wahl 2001:31; Müller-Böling & Müller 1986:24). Kollmann (1998:52f.)
definiert dies als Einstellungsebene und Handlungsebene der Akzeptanz16.
Anhand der Frage wie nicht negativ (bzw. positiv) die Bewertungen ausfallen
und welche Entfaltung in Form von Verhalten diese im sozialen Raum finden
muss, um als Akzeptanz zu gelten, unterscheiden sich die Konzepte. Es kann zwi-
schen eindimensionalen und mehrdimensionalen Konzepten differenziert werden
(vgl. Schierz 2008), je nachdem, ob nur eine der beiden Dimensionen (Einstellung
oder Verhalten) vorliegen muss oder ob beide Dimensionen von Bedeutung sind
und in welchem Zusammenspiel sie wirken (vgl. Küpper 2005:129). Die theoreti-
schen Ausprägungen dieses Zusammenspiels reichen dabei von einer rein nicht
negativen psychischen Grundhaltung (diese kann also positiv oder auch neutral
ausgeprägt sein), einem rein nicht negativem Verhalten (ebenfalls in positiver oder
neutraler Ausprägung möglich) bis hin zu ausdrücklich positiver Einstellung bzw.
positivem Verhalten und sämtlichen Kombinationsmöglichkeiten dieser Ausprä-
gungen. Dabei gilt: Je gleichgerichteter das Zusammenspiel beider Komponenten
und je explizit positiver Verhalten und Einstellung existent sein müssen, desto
enger konzipiert sich der Akzeptanzbegriff.
Unter Einstellung wird aus Sicht der Drei-Komponenten-Theorie (vgl. Kro-
eber-Riel et al. 2011:242f.) ein relativ beständiger, mit Wissen verknüpfter Zu-
stand gegenüber einem Objekt verstanden (vgl. Trommsdorff & Teichert 2011),
der neben affektiven (gefühlsbasierten, motivationalen) und kognitiven (verstan-
desmäßigen) auch konative (handlungsorientierte) Elemente in sich vereint (vgl.
Müller-Böling & Müller 1986:25f.). Trotz des hierbei einbezogenen verhaltens-
orientierten Elements, das „habituelle, nicht direkt beobachtbare Verhaltensdis-
positionen erfass[t]“ (Hartmann & Wakenhut 1973:196) und über dessen Anteil

16 Aus Perspektive der ökonomischen Nutzungsforschung wird zudem die Nutzungsebene der
Akzeptanz ergänzt, die sich auf die tatsächliche Anwendung und Nutzung von Innovationen (vor
allem Konsumgüter) im Alltag bezieht (vgl. Kollmann 1998:53). Mit Blick auf den Fokus dieser
Arbeit wird die Nutzungsebene vorerst nicht beachtet, da Nutzer- und Verbraucherkreise bei vie-
len Großprojekten erst zu späteren Zeitpunkten relevant werden (z.B. Stadtbahnbau), eine andere
Art der „Nutzung“ vorliegt (z.B. Gefängnisbau) oder die Projekte vollständig in privater Hand
sind, wodurch keine direkt allgemeine Nutzung impliziert wird (z.B. Teststreckenbau) oder eine
Nutzung nur im Sinne von Wirtschaftsbeziehungen (Stichwort business-to-business) vorliegt, die
anderen bzw. ergänzenden Bedingungen unterliegt.
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 23

am Kernkonstrukt der Einstellung ebenfalls verschiedene Ansichten zu finden


sind17, wird zusätzlich die beobachtbare Verhaltenskomponente beim Akzep-
tanzkonstrukt unterschieden, wodurch dem komplexen Verhältnis zwischen
Einstellung und Verhalten18 Ausdruck verliehen wird. Kollmann (1998:67) greift
diese Gedanken integrierend auf und weist auf die Zusammenhänge zwischen
Handlungsbereitschaft und gesellschaftlichen Wert- und Zielvorstellungen hin,
womit eine weitere, normativ-evaluative Komponente der Einstellungsebene
eingebracht wird19. Andere Ansätze behandeln diese Wertdimension der Akzep-
tanz nicht als Bestandteil der Einstellungsdimension, sondern als eigenständige
Dimension und betonen damit einerseits die Bedeutung eines gesellschaftlichen
Wertesystems, andererseits des individuellen subjektiven Wertesystems im Hin-
blick auf die Übereinstimmung einer Akzeptanzentscheidung mit dem persönli-
chen Wertesystem und damit dem Zwang (oder nicht Zwang), unter dem dies
geschieht (vgl. Schäfer & Keppler 2013:14; Kollmann 1998:62f.).
Beobachtbares Verhalten kann in zwei Arten unterteilt werden: verbales
Verhalten (z.B. sämtliche Kommunikationsformen für oder gegen ein Akzep-
tanzobjekt) und nicht verbales Verhalten (z.B. Kauf-, Nutzungs-, Implementie-
rungsverhalten, aber auch wirtschaftliches, politisches oder soziales Verhalten)
in konkreten Situationen (vgl. Kromrey 2009; übersichtlich dargestellt durch
Schäfer & Keppler 2013:13). Die Ansichten über Zusammenhänge zwischen
Einstellung und Verhalten reichen hierbei, ähnlich wie bei Ansätzen des Akzep-
tanzverständnisses, von keinerlei Zusammenhängen (vgl. z.B. LaPiere 1934) bis
hin zu einem unter bestimmten Bedingungen und weiteren Faktoren20 möglichen
Zusammenhang von Einstellung und Verhalten (vgl. Wicker 1969; 1971). Teil
hiervon ist beispielsweise die Determinierung von Verhalten durch vorhergehen-
de Einstellung(en). Mummendey (1979, 1988) zweifelt diese Chancen der direk-
ten Verhaltensvorhersage durch die Messung von Einstellungen an, betont je-
doch die Relevanz der weiteren Erforschung dieser mit Hilfe von komplexeren

17 Beispielsweise sehen Fishbein & Ajzen (1975) in ihrem eindimensionalen Ansatz Affektionen als
einziges originäres Element von Einstellungen an, wohingegen kognitive Elemente Einstellungen
nur zugrunde liegend und konative Elemente als Folge von Einstellungen angesehen werden. In
Anbetracht dessen, dass Großprojekte von zahlreichen und komplexen Bewertungen geprägt sind,
erfolgt bei dieser Art komplexer Einstellungsobjekte keine rein eindimensionale, affektive Einstel-
lungsbildung, diese tritt vielmehr nur bei mehrheitlich widerspruchsfreien und verhältnismäßig
simplen Objekten auf (vgl. Frey & Stahlberg 1996:222).
18 Zur Attitude-Behavior-Kontroverse vgl. z.B. Wicker (1969;1971); Benninghaus (1976); Meine-
feld (1977); Ajzen (1988) oder Eagly & Chaiken (1993).
19 Vgl. hierzu auch Lucke (1995:81f.).
20 Hierzu werden vor allem normative Einflüsse gezählt, die in Form subjektiver Normen wirksam
werden können (vgl. allgemein Fishbein & Ajzen 1975:16;mit Akzeptanzbezug Lucke 1995:81f.).
24 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

Ansätzen, um das Verhältnis zwischen Einstellung und Verhalten präziser be-


schreiben zu können21.
Dieses Spektrum der Sichtweisen spiegelt sich in der Begriffsbestimmung
von Akzeptanz wider. Rechtswissenschaftliche Definitionsansätze sehen Akzep-
tanz als Anerkennung (Würtenberger 1987), ökonomische Ansätze definieren
Akzeptanz als Tolerierung von Entscheidungen dominierender Interessensgruppen
(vgl. Schmidt 1969), die Fähigkeit eines Marktes zur Aufnahme von Innovation
(vgl. Meffert 1976) oder als Übereinstimmung mit Wertvorstellungen und Zielen
gesellschaftlicher Gruppen (vgl. Kollmann 1998:65). All diese Definitionen lassen
jedoch noch keine exakte Aussage über die Rolle von Einstellung und Verhalten
zu. Unter dem Stichwort „Technologienakzeptanz am Arbeitsplatz“ (Renn 1986)
finden sich Definitionsansätze, die vor allem die Nutzung von Kommunikations-
und Informationstechnologien umfassen (vgl. z.B. Olbrecht 2010; Schnell 2008)22.
Neben der Toleranz von Entscheidungen (vgl. Schönecker 1982:51), ohne Hinweis
auf irgendeine positive psychische oder verhaltensbezogene Reaktion, sieht die
hiermit eng verwandte Innovations- und Diffusionsforschung in Akzeptanz die
Adoption einer Innovation (vgl. Rogers 2003), die „positive Annahme […] einer
Idee, eines Sachverhalts oder eines Produktes [verstanden], und zwar im Sinne
aktiver Bereitwilligkeit und nicht nur im Sinne reaktiver Duldung“ (Dethloff
2004:18) oder auch eine Innovationseigenschaft, die bei Einführung positive Reak-
tionen der von der Innovation Betroffenen erhält (vgl. Endruweit et al. 1989). Ähn-
lich definiert Pressmar (1982) Akzeptanz als „zustimmendes Hinnehmen oder
Bejahen des Annehmens einer Situation, eines Objektes oder einer Person“.
Vor allem sozialpsychologisch verankerte Arbeiten interpretieren Einstellung
als zentrale Dimension von Akzeptanz (vgl. z.B. König 1967:300; Simon 2001:87;
Kirsch & Klein 1977:45; Dierkes 1982:12; Müller-Böling & Müller 1986:20ff.;
Müller-Böling 1978:55ff.; Rentsch 1988:10) und sprechen bei Akzeptanz von einer
„positiven Einstellung eines Individuums einem Objekt gegenüber“ (Rentsch
1988:10) als Ergebnis eines sozialen Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesses
(vgl. z.B. Schreck 1998:5; Renn 1984) „zu einem bestimmten Zeitpunkt“ (Dierkes
1982:12). Hinzu kommt (nicht zwingend notwendig) eine Handlungsbereitschaft
(vgl. Reichwald 1981:114; Schweizer-Ries et al. 2010:12; Trommsdorff 1975:8).
Ergänzt wird diese Sichtweise durch Begriffsbestimmungen, die zwar den Rahmen
und die Bedingungen für Akzeptanz klar umreißen (z.B. ausdrückliche oder still-
schweigende Zustimmung), jedoch bei der Frage, ob einstellungs- und/oder verhal-
tensbezogene Komponenten gemeint sind, unklar bleiben. Verhaltensorientierte

21 Ein guter Überblick über verschiedene Ansätze bzw. Studien und deren Verhältnis zur Einstel-
lungs-Verhaltens-Frage findet sich in Kollmann (1998:73ff.) sowie in Müller-Böling & Müller
(1986:24f.).
22 Mit Bezug auf ältere Kommunikationssysteme auch durch Müller-Böling & Müller (1986) darge-
stellt.
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 25

Ansätze hingegen setzen Akzeptanz mit Verhalten oder Handeln gleich (vgl. z.B.
Moore & Benbasat 1991; Schierz 2008:72), wodurch beispielsweise eine passive
Haltung, z.B. ausbleibender Widerspruch (Ausbleiben eines ablehnenden Verhal-
tens, vgl. Luhmann 1969:33f.; 2000:93, ähnlich passiv auch Kindermann 1986:66)
oder auch ein wohlgesonnenes Verhalten (vgl. z.B. Müller-Böling & Müller
1986:21; Schweizer-Ries et al. 2010:12) bereits als Akzeptanz zu werten ist, unab-
hängig davon, wie sich die psychische Einstellung dazu verhält23. Der Aspekt des
beobachtbaren Verhaltens wird dabei wiederum in enger Verbindung mit dem
Begriff der Adoption gesehen (vgl. z.B. Pressmar 1982:324) und ist somit eigent-
lich wieder der Innovations- und Diffusionsforschung zuzurechnen.
Vertreter der zweidimensionalen Perspektive (vgl. z.B. Lucas 1975; Helm-
reich 1980; Müller-Böling & Müller 1986:25) erkennen in Akzeptanz prinzipiell
beide Elemente (vgl. Wiendieck 1992:91). Über die Ausrichtung der Dimensio-
nen sagt die zweidimensionale Betrachtung jedoch noch nichts aus: Liegt der
Fokus auf sichtbarem Verhalten, so ist prinzipiell gleichzeitig eine gegensätzlich
gerichtete Einstellung möglich, beispielsweise wenn Akzeptanz unter Zwang
erfolgt, eine „Akzeptanz ohne Anerkennung“ (Lucke 1995:77). Umgekehrt
könnte auch eine verhaltensmäßige Ablehnung mit gleichzeitiger einstellungsbe-
zogener Zustimmung vorliegen, hierbei würde die Auslebung der Akzeptanz im
sozialen Raum also verhindert. Lucke (1995:104) definiert diesbezüglich Akzep-
tanz in Anlehnung an Max Webers Herrschaftsdefinition (1968:215) als „die
Chance, für bestimmte Meinungen, Maßnahmen, Vorschläge und Entscheidun-
gen bei einer identifizierbaren Personengruppe ausdrückliche oder stillschwei-
gende Zustimmung zu finden und unter angebbaren Bedingungen aussichtsreich
auf deren Einverständnis rechnen zu können“. Sie intendiert hierbei eine positiv
gerichtete Einstellung gegenüber dem Akzeptanzobjekt, fordert jedoch nicht
unbedingt aktives Verhalten ein24 (vgl. auch Schweizer-Ries et al. 2010). Passive
Formen von Duldung mit weniger aktiven und demonstrativen Elementen wer-
den dabei eher der Toleranz zugeordnet (vgl. Lucke 1995: 64). In ihrer engsten
Definitionsform wird für Akzeptanz das gleichzeitige und gleichgerichtete Vor-
liegen von positiver Einstellung gegenüber einem Objekt und einem entspre-
chend positiv gerichtetem, aktivem Verhalten, z.B. durch Mitwirkung oder Ei-
geninitiative (vgl. z.B. Schönecker 1985; Schierz 2008) gefordert.
Für eine klare und stringent anwendbare Begriffsbestimmung, die für die
Arbeit gelten soll, reicht die reine Definition des Begriffes jedoch nicht aus. Erst
durch die Abgrenzung von verwandten Konstrukten, durch das Aufzeigen von

23 Lucke (1995:80f.) unterscheidet hierbei aus handlungstheoretischer Perspektive fünf Formen


und Funktionen von Akzeptanz. Sie kann demnach Handlungsvoraussetzung, Handlungsstrate-
gie, Handlungsziel, Handlungsergebnis oder Handlungsfolge sein.
24 Gleichzeitig formuliert Lucke (1995) jedoch an anderer Stelle, dass Akzeptanz nicht die „pas-
sive Hinnahme“, sondern auch „aktive Komponenten“ beinhaltet. Inwiefern sich dies jedoch
auf Aspekte des Verhaltens bezieht, bleibt unklar.
26 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

gegensätzlich gerichteten Phänomenen (z.B. Nicht-Akzeptanz, vor allem Kon-


flikt) sowie durch die Operationalisierung durch Überführung der Definitionen in
einzelne Konzepte kann eine für diese Arbeit geltende Begriffsbestimmung vor-
genommen werden.

2.3.1.2 Verwandte Elemente der Akzeptanz

Akzeptanz und Akzeptabilität

Um den Akzeptanzbegriff schärfer fassen zu können, ist besonders eine Abgren-


zung vom Terminus der Akzeptabilität notwendig. Letztere ist nach Tschiedel
(1989) „eine mehr oder weniger unabhängig vom aktuellen Akzeptanzverhalten
der Bevölkerung feststellbare Eigenschaft des technisch sozialen Systems.“ Damit
bezieht sich der Begriff auf die Eigenschaften, die ein System (bzw. eine Innovati-
on, ein Projekt etc.) überhaupt akzeptanzwürdig machen (vgl. Deutsche Akademie
der Technikwissenschaften 2011:7) bzw. für das Zustimmungs- und Einverständ-
nispotential (Lucke 1995:107) eines Systems stehen. Akzeptabilität kann daher als
eine Vorstufe von Akzeptanz verstanden werden, wenngleich auf Akzeptabilität
nicht zwingend Akzeptanz folgen muss. Lucke (1995) führt den Begriff der Ak-
zeptabilität auf Chomsky (1969) und die Soziolinguistik zurück. In diesem Kontext
„wird der Akzeptabilitätsbegriff teilweise synonym mit „Grammatizität“, bedeu-
tungsgleich zu „Sprachrichtigkeit“ verwendet und bezeichnet dort Äußerungen, die
in Einklang mit dem „Sprachgefühl der Sprecher“ stehen“ (Lucke 1995:47). Ob-
wohl es sich zeigt, dass diese Identität nicht in jedem Fall zutreffen muss (z.B. dass
Äußerungen aufgrund von Widersprüchen nicht akzeptiert werden, obwohl sie
grammatikalisch korrekt gebildet wurden, vgl. ebd.:48), deutet dieser Ansatz auf
Wert- und Zielvorstellungen hin, von denen Akzeptabilität im Endeffekt abhängt
(vgl. Dierkes & Thienen 1982; Lucke 1995:106f.). Lucke (1995:106) bezeichnet
dies auch als „die prinzipielle Erwartbarkeit mehrheitlichen Einverständnisses auf
der objektivierbaren Grundlage allgemein anerkannter und rational begründeter
gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher etc. Oberziele“. Schäfer & Keppler
(2013) beschreiben die Unterscheidung zwischen Akzeptanz und Akzeptabilität
prägnant anhand des gesellschaftlichen und des individuellen, subjektiven Werte-
systems: Während für die individuelle Akzeptanz beide Wertesysteme relevant
werden und diese an empirischen Befunden gemessen wird, ist für die Akzeptabili-
tät ausschließlich das gesellschaftliche Wertesystem und damit normative Maßstä-
be entscheidend (vgl. auch Grunwald 2005:54)25. Wolkenstein (2014) spricht dabei

25 Die Differenzierung zwischen den beiden Begriffen wird in dieser Arbeit verkürzt und mit kon-
kretem Bezug zum vorliegenden Forschungsprojekt dargestellt. Für umfassenden Ausführungen
zu diesem Thema, vor allem zu Operationalisierungs-, Bewertungs-, Mess- sowie Prognoseprob-
lemen vgl. z.B. Grunwald (2005); Lucke (1995); Renn (2005b) und Bechmann (2011).
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 27

von „Faktizität versus Normativität“. Stransfeld (1993) verweist diesbezüglich


darauf, dass Akzeptabilität eine Frage objektiver Bedingungen ist, wohingegen
Akzeptanz von subjektiven Faktoren abhängig ist. Bezugnehmend auf den hier
gewählten Forschungsschwerpunkt ist in der vorliegenden Arbeit nicht ein an
Normen gekoppeltes Zustimmungspotential eines Großprojektes die entscheidende
Größe, sondern die individuell gebildete, ggf. aggregierte, empirisch messbare
Akzeptanz eines Großprojektes.

Akzeptanz und Legitimität

Im Zusammenhang mit Akzeptanz wird vielfach auch der Begriff der Legitimität
erwähnt. Nach Sarcinelli (1998) bezeichnet diese die „Anerkennenswürdigkeit
eines Gemeinwesens und seiner Herrschaftsordnung“, „wobei Legitimität histo-
risch veränderliche und theoretisch unterschiedlich begründete Maßstäbe zur
Bewertung des Geltungsanspruches politischer Herrschaft umfasst“ (Goldschmidt
2012:199). Anders formuliert liegt der Schwerpunkt der Legitimation auf Ord-
nungsprinzipien und -verfahren sowie der Frage ihrer Anerkennung. Ob eine
Entscheidung bzw. ein Sachverhalt als legitim anzusehen ist, bezieht sich damit
auf die Art und Weise ihres Zustandekommens. „Legitimation durch Verfahren“
(Luhmann 1969) drückt dabei den prozessualen Charakter des Konstrukts sowie
Elemente wie die Unabhängigkeit von Verfahren und Entscheidungsprozessen
aus (vgl. Goldschmidt 2012:202). Die Verbindung zum Konstrukt der Akzeptanz
entsteht durch den Zusammenhang von Entscheidungsverfahren und Entschei-
dungsergebnis: Wenn ein Verfahrensergebnis durch seinen Prozess legitimiert
wird, ist es dann auch automatisch in der Gesellschaft akzeptiert? Es zeigt sich
gerade bei Großprojekten, dass trotz prozedural legitimierter Entscheidungen (vgl.
Grunwald & Hocke 2006:20f.) Nicht-Akzeptanz wahrzunehmen ist. Im Kern
bezieht sich diese Beobachtung auf die Frage, wann Akteure einen Prozess und
sein Ergebnis als legitim ansehen können (also das Verfahren akzeptieren), auch
wenn sie selbiges inhaltlich nicht unterstützen (vgl. z.B. Goldschmidt 2012:216;
Dietz & Stern 2008:71; Grunwald 2005:58f.). Grunwald (2000:58) konkretisiert
dies: „So sind z.B. bei der Planung einer Autobahn akzeptierte und legitimierte
Verfahren (z.B. Planfeststellungsverfahren) zu beachten mit der Konsequenz, dass
die resultierende Entscheidung auch von den Betroffenen akzeptiert werden soll,
wenn das Verfahren korrekt durchgeführt wurde. Mit Hilfe solcher Verfahren
definiert die Gesellschaft bis zu welchem Maß die Akzeptanz bestimmter Zumu-
tungen unter „öffentlichem Interesse“ erwartet werden kann26. Dies reicht bis hin

26 Unter der zu erwartenden Akzeptanz wird die Akzeptabilität eines Objektes verstanden (vgl.
Luhmann 1983:31).
28 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

zu der Situation, dass bestimmten Personen oder Gruppen die Lasten solcher
Entscheidungen aufgebürdet werden können“. Werden die Formen des Anerken-
nens von Sachverhalten in eine Ordnung gebracht, so bezieht sich 1) Legitimation
auf die Akzeptanz eines Verfahrens in Bezug auf einen Sachverhalt, 2) Akzepta-
bilität auf die daraus entstehende, erwartbare Akzeptanz und 3) die Akzeptanz des
Sachverhalts auf die schlussendlich empirisch zu messende Zustimmung durch
Einstellung und Verhalten. Lucke (1995:92) spricht bei Akzeptanz von der sub-
jektiven Kehrseite der Legitimation.
Diese Ausführungen machen deutlich, dass grundsätzlich zwischen Verfah-
rensakzeptanz und Ergebnisakzeptanz unterschieden werden muss. Erstere be-
zieht sich auf die Akzeptanz der durchgeführten Prozesse und Verfahren, letztere
auf deren schlussendliches Ergebnis. Aus der grundsätzlichen Akzeptanz eines
Verfahrens wird nicht immer die Akzeptanz des Verfahrensergebnisses folgen
(vgl. Kahle 2014:76), jedoch ist die Verfahrensakzeptanz ein wichtiger Baustein
der Ergebnisakzeptanz (vgl. Brettschneider 2013c:15).

Akzeptanz und Konsens

Der gesellschaftliche Umgang mit Großprojekten und dem Konfliktpotential dieser


wirft die Frage auf, welcher Zustand denn diesbezüglich erstrebenswert ist. Wird
im täglichen Sprachgebrauch das Gegenstück eines Konflikts gerne im Konsens
gesehen, so definiert Giesen (1993) Konsens als einen Zustand vollkommener
Integration und Form einer sozialen Überdetermination als das Gegenstück zu
einem anarchischen Urzustand mit Ausübung von purer Gewalt und einem gerin-
gen Rationalisierungsgrad. Konflikt nimmt dabei also nicht die antagonistische
Rolle, sondern vielmehr eine vermittelnde Rolle zwischen rohem Urzustand und
sozialem Stillstand ein. Die Verwandtschaft von Konsens und Akzeptanz wiede-
rum ergibt sich aus dem Gedanken der Übereinstimmung zweier Überzeugungen:
Bei vollkommenem Konsens wird von einer völligen Übereinstimmung zweier
Überzeugungen bezüglich eines Sachverhalts ausgegangen, womit eine psychische
Korrelation impliziert wird (vgl. Luhmann 1997:82). Streng genommen kann diese
jedoch nicht nachgewiesen, sondern nur durch Beobachtung von kommunizierten
Übereinstimmungen angenommen werden (vgl. Kleidat 2011:129f.; Bonacker
1997:120). Diesem hehren Anspruch kann mit Blick auf das Fortbestehen und die
Entwicklung einer Gesellschaft27 sowie auf die Schwierigkeit bei der Nachweis-
barkeit kaum nachgekommen werden. Das Konzept der Akzeptanz nimmt sich
(unter anderem deshalb) dieser pragmatischen Übersetzung der kommunizierten

27 Für die Bedeutung von Konflikt und Konflikt für den Wandel und das Fortbestehen von Ge-
sellschaften vgl. auch Kapitel 2.1.
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 29

Übereinstimmung an und reduziert sie auf die Vermutung einer kommunikativen


Übereinstimmung bezüglich eines Sachverhalts (vgl. Luhmann 1969:33f.). Makro-
soziologisch fungiert Konsens auch als eine Art „kleinster gemeinsamer Nenner“
einer Gesellschaft hinsichtlich selbstverständlicher Normen und Werte (vgl. hierzu
z.B. Lucke 1995:149ff.) sowie als Element gesellschaftlicher Stabilität und Zu-
sammenhaltes (vgl. hierzu z.B. Bonacker 1997). Großprojekte als praktische Um-
setzung gesellschaftlichen Wandels entwickeln sich dabei unter dem Schirm ge-
sellschaftlichen Konsens, sind aber in der praktischen Umsetzung auf ein empi-
risch wahrnehmbares Maß an Übereinstimmung, also auf Akzeptanz angewiesen.

2.3.2 Ausgewählte Ansätze zum Verhältnis von Einstellung und Verhalten

Die Vielfalt der Definitionsansätze und das komplexe Verhältnis von Einstellung
und Verhalten legen eine Betrachtungsweise nahe, die das Kontinuum zwischen
positiver und negativer Einstellung ebenso wie das Kontinuum von positiv bis
hin zu negativ gerichtetem Verhalten aufgreift (vgl. Beckmann 2003:61f.). Obige
Ausführungen zum Akzeptanzbegriff lassen vermuten, dass Akzeptanz bzw.
Nicht-Akzeptanz nicht nur in Form von Einstellungen spürbar werden, sondern
sich auch in Form sichtbaren Verhaltens äußern können, dies aber nicht müssen.
Der Blick auf Großprojekte als Akzeptanzobjekte legt die Beachtung der Verhal-
tenskomponente unbedingt nahe, da allein schon Beobachtungen im Alltag viel-
fältiges Verhalten (z.B. Proteste, Kampagnen, Veranstaltungen) für oder gegen
Projekte zeigen. Ansätze, die ausschließlich die Einstellungskomponente als
relevant ansehen, werden deshalb hier nicht weiterverfolgt.
Einen frühen Ansatz zum Verhältnis zwischen Einstellung und Verhalten
legt London (1976) in seiner Arbeit über die Veränderungen durch Computersys-
teme vor (vgl. Abbildung 1). Er definiert sowohl psychische als auch soziale
Effekte, also einstellungs- wie auch verhaltensbezogene Elemente. Diese teilt er
in fünf Einstellungen und Verhaltensstufen ein. Den Stufen werden insgesamt 14
einzelne Verhaltensweisen zugeordnet, die mit einem entsprechend ansteigenden
(bzw. abfallenden) Maß an positiver (bzw. negativer) Einstellung einhergehen.
Die aufeinander aufbauenden Stufen der Akzeptanz (aktiver Widerstand,
passiver Widerstand, Gleichgültigkeit, passive Annahme und aktive Annahme)
stellen sowohl Formen von Akzeptanz wie auch von Nicht-Akzeptanz dar. In-
haltlich lässt das Modell erkennen, dass Einstellung und Verhalten nicht grund-
sätzlich in die gleiche Richtung gehen bzw. nicht in gleichem Ausmaß miteinan-
der einhergehen müssen (z.B. „cooperation under pressure“). Die optische An-
ordnung spiegelt dies jedoch nicht wider. Bezüglich des Verhaltens umfasst das
Modell positives Verhalten gegenüber dem Akzeptanzobjekt, es lässt jedoch
konkrete proaktiv fördernde Maßnahmen vermissen.
30 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

Abbildung 1: Akzeptanzmodell „The system acceptance/rejection spectrum”


von London (1976)

Ähnlich ist das Modell nach Hofinger (2001) aufgebaut, bei dem sieben Stufen
zwischen Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz unterschieden werden: Gegnerschaft,
Ablehnung, Duldung, Gleichgültigkeit, Zustimmung, Engagement, Zwiespalt.
Hofinger beschreibt für jede Stufe die Ausprägung der kognitiven und emotiona-
len Komponenten sowie der Handlungsbereitschaft. Explizites (sichtbares) Ver-
halten findet hierbei jedoch keine Berücksichtigung. Sauer et al. (2005) modifi-
zieren das Modell von Hofinger (2001). Sie ergänzen eine weitere Stufe (kondi-
tionale Akzeptanz), nehmen eine leichte Umstellung der Stufen vor, fassen die
emotionale und die kognitive Komponente zusammen und ergänzen sichtbares
Verhalten. Die Stufen zwischen Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz beschreiben sie
dabei wie folgt (Sauer et al. 2005:I-2f.):
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 31

1. Aktive Gegnerschaft gegen die Sache bzw. das Akzeptanzobjekt. Sie entspricht
einer sehr starken Inakzeptanz und äußert sich in Handlungen;
2. Ablehnung, entspricht einer starken Inakzeptanz die verbal oder nonverbal geäußert
wird;
3. Zwiespalt kann innerlich (innerhalb einer Person) oder intern (innerhalb einer Organi-
sation) auftreten; Er kann unterschiedliche Tendenzen haben und kann daher weder der
Akzeptanz noch der Inakzeptanz zugeordnet werden;
4. Gleichgültigkeit: keine subjektive Betroffenheit; weder Akzeptanz noch Inakzep-
tanz;
5. Duldung: sehr geringe Akzeptanz, entsteht aufgrund von Machteingriffen;
6. Konditionale Akzeptanz: geringe Akzeptanz die auf rationalen Überlegungen basiert
und an Bedingungen wie z.B. Ausgleichszahlungen gekoppelt ist;
7. Zustimmung, Wohlwollen entspricht hoher Akzeptanz, bei der das Akzeptanzobjekt
vom Akzeptanzsubjekt aus innerer Überzeugung positiv bewertet wird;
8. Engagement für die Sache: sehr hohe Akzeptanz die sich in Handlungen oder Ver-
halten aufgrund innerer Überzeugung äußert.

Abbildung 2: „Inakzeptanz-Akzeptanz-Skala“ von Sauer et al. (2005) in


Anlehnung an Hofinger (2001)

Die Modelle von Sauer et al. (2005) bzw. von Hofinger (2001) deuten an, dass
Verhalten und Einstellung nicht unbedingt in gleichem Ausmaß sowie gleichge-
richtet positiv oder negativ ausgeprägt sein müssen und teilweise ganz bestimm-
ten Bedingungen unterliegen (z.B. Ausgleichszahlungen). Eine völlig freie
Kombination, mit unterschiedlichen Ausmaßen von Einstellung und Verhalten28,
lassen jedoch auch diese Modelle nicht zu, da jede Stufe feste Vorgaben zu Aus-
prägung und Ausmaß von Einstellung und Verhalten enthält.
Das Akzeptanzmodell von Müller-Böling & Müller (1986) hingegen lässt
diese Kombination von Einstellungs- und Verhaltenskomponente zu. Müller-
Böling & Müller zeigen, dass durch freie Kombination von Einstellung und Ver-
halten vier Typen entstehen, bei denen Einstellung und Verhalten gleich oder

28 Unerheblich, ob diese Einstellungs-Verhaltens-Kombinationen empirisch vorzufinden sind.


32 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

gegensätzlich zueinander gerichtet sein können. Beispiel ist der gezwungene


Benutzer, bei dem eine negative Einstellung, jedoch ein positiv gerichtetes Ver-
halten (in diesem Fall Anwendung der Kommunikationsform) vorliegt.

Abbildung 3: Modell der „Benutzertypen entsprechend Verhaltens- und


Einstellungsakzeptanz“ von Müller-Böling & Müller (1986)
Verhaltensakzeptanz
ja nein
ja (1) überzeugter (2) verhinderter
Einstellungs- Benutzer Benutzer
akzeptanz nein (3) gezwungener (4) überzeugter
Benutzer Nicht-Benutzer

Mit der Möglichkeit, auch gegensätzlich ausgerichtete Verhaltens- und Einstel-


lungsausprägungen zu erfassen, zeigt das Modell Anknüpfungspunkte zu Ansät-
zen der Diffusionsforschung. Während bei der Adoptionsakzeptanz die Über-
nahme bzw. Annahme eines Objektes ohne externen Druck und damit freiwillig
erfolgt, erfolgt bei der Adaptionsakzeptanz die Übernahme bzw. Annahme eines
Objektes unter Druck durch das herrschende Werte- und Zielsystem (vgl. Koll-
mann 1998:62ff.).
Schweizer-Ries et al. (2010) greifen die Gedanken des Modells von Müller-
Böling & Müller (1986) auf und passen es auf Akzeptanzobjekte technischer Art
an, die Renn (2005b) als Technik als Nachbar beschreibt. Gemeint sind damit
größere, technische Objekte, die sich auch in der eigenen Nachbarschaft befinden
könnten, im Falle von Schweizer-Ries et al. (2010) bezieht sich dies auf Projekte
erneuerbarer Energien.

Abbildung 4: „Dimensionen des Akzeptanzbegriffs“ von Schweizer-Ries et al.


(2010)
BEWERTUNG
positiv BEFÜRWORTUNG UNTERSTÜTZUNG/
ENGAGEMENT
Aktive Akzeptanz

INDIFFERENZ

passiv
HANDLUNG
DULDUNG

negativ ABLEHNUNG WIDERSTAND


2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 33

Schweizer-Ries et al. (2010) stellen Einstellung und Verhalten in Form von Be-
wertung und Handlung ebenfalls in Matrixform dar, gehen jedoch mit der Hand-
lungsebene anders um als Müller-Böling & Müller (1986). Während Müller-
Böling & Müller beispielsweise bei einer positiven Einstellung (Einstellungsak-
zeptanz „ja“) davon ausgehen, dass das Akzeptanzsubjekt, also in diesem Fall
der Benutzer, auch auf jeden Fall aktiv, also mit Handlung, seiner Einstellung in
dieser Weise nachkommen möchte (anderenfalls wird er im Modell als „verhin-
derter“ Benutzer gekennzeichnet), so erlaubt das Modell von Schweizer-Ries et
al. (2010) wertfrei auch die Kombination beispielsweise einer äußerst positiven
Einstellung mit einem passiven Verhalten. Müller-Böling & Müller (1986) defi-
nieren positives Verhalten als aktive Nutzung (negatives Verhalten als Nichtnut-
zung) und schließen damit aus, dass beispielsweise eine negative Einstellung
auch mit einem negativen, aktiven Verhalten einhergehen kann. Schweizer-Ries
et al. (2010) ermöglichen dies, indem Handlung offener definiert wird. Sie kann
in unterschiedlichen Aktivitätsgraden in positiv gerichteter Weise vorliegen (z.B.
in der Nutzung von erneuerbaren Energien, aber auch in Form des „sich für eine
Sache stark Machens“), zugleich aber auch in unterschiedlichen Aktivitätsgraden
in negativ gerichteter Weise vorliegen, beispielsweise in der Nicht-Nutzung von
erneuerbaren Energien, aber auch in der Form aktiver Gegnerschaft („Stimmung
dagegen machen“). Das Modell wird damit den Hinweisen auf die möglichen,
aber nicht unbedingt immer notwendigen miteinander einhergehenden Zusam-
menhänge zwischen Einstellung und Verhalten gerecht.
Der Aspekt des Zwangs bzw. der Verhinderung, den Müller-Böling & Mül-
ler in ihrem Modell durch ihre Vorgehensweise mit aufnehmen, findet bei
Schweizer-Ries et al. (2010) keine Beachtung: Das Modell von Schweizer-Ries
et al. fokussiert auf die Art der Bewertung sowie die Stärke der Handlung, die
damit einhergeht. Ob diese Handlung gezwungener Maßen oder auf freiwilliger
Basis erfolgt, wird dabei nicht erfasst.
Liebecke et al. (2011) gehen auf ähnliche Weise wie Schweizer-Ries et al.
(2010) vor. Auch sie sehen verschiedene Einstellungen, von positiven, über neut-
ralen/ambivalenten bis hin zu negativen Einstellungen, ergänzt durch verschie-
dene Stärken von Aktivität. Liebecke et al. gehen dabei einen ersten Schritt in
Richtung Konkretisierung der Handlungsdimension und weisen Aktivitätsstärken
konkrete Handlungen zu, beginnend bei keiner Handlung, über verbale Aktio-
nen, hin zu konkret aktiven Handlungen. Mit Blick auf den von ihnen gewählten
Anwendungsschwerpunkt eines Großprojektes aus dem Naturschutz identifizie-
ren Liebecke et al. (2011:5) drei Gruppen von Handlungsstärke, die fünf Akzep-
tanzniveaus abbilden: Die erste Gruppe besteht aus Personen und/oder Gruppen,
die inaktiv sind, also keine Handlungen in Bezug auf das Projekt vornehmen.
Die Einstellungen in dieser Gruppe können sowohl negativ als auch positiv sein.
Diejenigen, die dieser Gruppe angehören und eine wertneutrale Meinung vertre-
34 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

ten, bezeichnet Rentsch (1988:13) als Gruppe von Unentschlossenen, die ggf.
über ein Informationsdefizit verfügen und je nach sozialer Erwünschtheit urtei-
len. Auch mangelndes Interesse kann ein Grund sein (vgl. Liebecke et al.
2011:5). Die zweite Gruppe setzt sich aus Akteuren zusammen, die über eine
klare positive (wohlwollende) oder negative (ablehnende) Einstellung verfügen
und diese verbal kundtun. Die dritte Gruppe setzte sich aus aktiven Befürwortern
und aktiven Kritikern zusammen, die ihre positive bzw. negative Einstellung
auch durch tatkräftige Handlungen zeigen.

Abbildung 5: Modell „Akzeptanzniveaus“ von Liebecke et al. (2011)

Die aufgezeigten Modelle zeigen die Entwicklung von ersten Modellen, die
einen starken Bezug zur Kommunikations- und Informationstechnologie aufwei-
sen, hin zu Modellen, die explizit Bezug auf Großprojekte nehmen und das Ver-
hältnis von Einstellung und Verhalten differenzierter ausarbeiten.
Für diese Arbeit wurde ein eigenes Modell zur Messung und Abbildung der
Akzeptanz von Großprojekten entwickelt, das eng an Liebecke et al. (2011) ange-
lehnt wurde. Bei der Entwicklung standen zum einen inhaltliche Aspekte, zugleich
aber auch methodische Aspekte der Modellbildung im Vordergrund. Vor allem
hinsichtlich der konkreten Operationalisierung bleiben die bislang vorhandenen
Modelle ungenau. Für die Entwicklung eines eigenen Modells bzw. eines umfas-
senden Akzeptanzverständnisses scheinen daher folgendes Aspekte relevant:
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 35

 Die Beachtung sowohl der Einstellungs- als auch der Verhaltensdimension


ist mit Bezug auf den Untersuchungsschwerpunkt von zentraler Bedeutung.
Dabei sollte eine freie Kombination aller denkbarer Ausprägungen von Ein-
stellung und Verhalten möglich sein. Dies entspricht dem Gedanken einer
ergebnisoffenen Herangehensweise und lässt die Entdeckung bislang nicht
vermuteter Zustände von Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz zu. Es wird da-
bei beachtet, dass Handeln und Verhalten nicht alleine von Einstellungen,
sondern auch von weiteren Faktoren geprägt werden können, z.B. situati-
ven, sozialen und subjektiven Normen sowie von situativen Handlungsopti-
onen (vgl. z.B. Schoser 2001).
 Wie bei Liebecke et al. (2011) und Schweizer-Ries et al. (2010) orientiert
sich das Akzeptanzverständnis dieser Arbeit nicht an der Frage von Zwang
und Duldung (vgl. hierfür Müller-Böling & Müller 1986), sondern betrach-
tet die Einstellungen, die sich im Rahmen von Großprojekten entwickeln,
und die Stärke von Aktivität, mit der diese einhergehen. Konkret geht es da-
rum, wer ein Projekt wie bewertet und wie er seine Einstellung kundtut.
 Zur Anwendung des Akzeptanzverständnisses und des darauf aufbauenden
Modells ist eine detaillierte und valide Operationalisierung sowohl der Ein-
stellungs- als auch der Verhaltensdimension notwendig. Während zur Abbil-
dung von Einstellungen im Bereich der Akzeptanzforschung vielfach gängi-
ge Elemente der Meinungs- und Einstellungsforschung herangezogen wer-
den, zeigt sich, dass bei der Messung der Verhaltensstärke weniger einheit-
lich vorgegangen wird und auch keine Tendenzen hinsichtlich einer einheit-
lichen Vorgehensweise zu erkennen sind. Für die vorliegende Arbeit wird
eine Zuordnung konkreter Handlungen zur Abbildung verschiedener Aktivi-
tätsstärken als unbedingt notwendig erachtet. Ob zur validen Abbildung der
Aktivitätsstärke bei Großprojekten dabei dem Ansatz inaktiv-verbal-aktiv
von Liebecke et al. (2011) gefolgt werden kann, oder differenziertere/abge-
änderte Formen abgebildet werden müssen, ist eine empirische Frage.
 Auch für eine valide Abbildung der Einstellungsdimension sowie das sich
schlussendlich aus beiden Dimensionen konstituierende Akzeptanzlevel ist
eine sensible Betrachtung des Anwendungsgebiets notwendig. Der methodi-
schen Vorgehensweise und dem für diese Arbeit entwickelten Konzept zur
Messung der Akzeptanz von Großprojekten widmet sich detailliert Kapitel
6.2.
36 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

2.3.3 Objekt, Subjekt und Kontext – Elemente der Akzeptanz

Mit Blick auf einen konzeptionellen Rahmen des Akzeptanzbegriffs beschreibt


Lucke (1995:88ff.) eine „sensitivierende Charakterisierung der Akzeptanz“, aus
der nachfolgend einzelne Elemente aufgeführt und ergänzt werden.
Einen Bezugsrahmen erhält Akzeptanz durch die Unterscheidung von Akzep-
tanzobjekt, -subjekt und -kontext. Lucke (1995:88ff.) formuliert dies verkürzt als
„Akzeptanz wovon?“, ergänzt durch „Akzeptanz durch wen und unter welchen
Voraussetzungen und Bedingungen?“, eingebettet in soziale Kontexte, die sich
beeinflusst durch die Objekt- wie auch durch die Subjektbezogenheit konstituie-
ren29. Diese Betrachtung macht zugleich deutlich, dass „Akzeptanz keine Eigen-
schaft, sondern das Ergebnis eines wechselseitigen Prozesses“ ist (Lucke 1995:91),
keine räumliche und zeitliche Konsistenz aufweisen muss und jederzeit widerrufen
werden kann (vgl. Kleidat 2011:136). Jeder Akzeptanzprozess ist demnach ein
Prozess, bei dem ein Subjekt (im vorliegenden Kontext Konfliktakteure, beispiels-
weise Einzelpersonen, Organisationen, andere Gruppierungen oder die allgemeine
Öffentlichkeit) die Wahrnehmung und Bewertung eines bestimmten Objektes (im
Kontext dieser Arbeit ein Großprojekt selbst, seine Prozesse, Einflüsse, Auswir-
kungen und Lösungsansätze) innerhalb eines bestimmten Kontextes (im vorliegen-
den Thema Rahmenbedingungen, beispielsweise politische und soziale Gegeben-
heiten) vornimmt (vgl. hierzu z.B. auch Schweizer-Ries 2013:20).

Das Akzeptanzobjekt

Das Akzeptanzobjekt ist der Bezugspunkt der Akzeptanz. Bezeichnet werden


damit Objekte, Zustände oder Sachverhalte, die Akzeptanz oder Nicht-Akzep-
tanz finden können. Neben Kunst-, Kultur-, und Lebensformen stehen vor allem
technische bzw. technologische Neuerungen im Mittelpunkt wissenschaftlicher
Forschungsinteressen (vgl. Lucke 1995:111f.; Schäfer & Keppler 2013:19),
wozu auch Großprojekte gezählt werden können. Renn (2005b) unterteilt Akzep-
tanzobjekte dieser Art in Alltags- und Arbeitstechnik sowie externe Technik:
Alltagstechnik bezieht sich auf Technik bzw. auf Konsumgüter, für die individu-
elle Kauf- und Nutzungsentscheidungen getroffen werden können. Das zentrale
Allokationsverfahren dabei ist der Markt. Arbeitstechnik bezeichnet Technik, die
in und über Unternehmen und Institutionen allokiert werden. Zentral ist hierbei
die Nutzung durch die Akteure. Externe Technik bezieht sich auf die „Technik
als Nachbar“ (Renn 2005b:31) und ähnelt damit der Definition von Großprojek-

29 Ähnliche Definitionen finden sich z.B. auch bei Schweizer-Ries et al. (2010:12); Hüsing et al.
(2002:24); Sauer et al. (2005:I-2).
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 37

ten in dieser Arbeit. Anstatt eines nach ökonomischen Spielregeln funktionieren-


den Marktes stehen hier politische Verfahren im Raum, die sich in konventionel-
le Verfahren (z.B. Abstimmungen, Beschlüsse, Verwaltungsverfahren) und un-
konventionelle Verfahren (z.B. soziale Bewegungen, Protestformen) unterteilen
lassen. Empirische Anknüpfungspunkte an zentrale Themenfelder einer globali-
sierten, westeuropäischen Gesellschaft findet externe Technik bei den globalen
Megatrends (siehe hierzu auch Kapitel 2.1). Diese stellen den Ausgangspunkt für
konkrete Akzeptanzobjekte in Form von Großprojekten dar und ermöglichen
dadurch eine weitere Unterteilung der externen Technik in die Bereiche „Mobili-
tät und Verkehr“, „Energie und Klima“, „Leben und Arbeiten“ sowie „Natur und
Umwelt“ (mit Land- und Forstwirtschaft).
Das Akzeptanzobjekt als Ausgangspunkt für wissenschaftliches Arbeiten
wählt die sozialwissenschaftliche Begleitforschung (z.B. Evaluationsforschung,
Wirkungsforschung, Technikfolgenabschätzung, vgl. Kollmann 1998:55), die
jedoch in Teilen negativ als gesellschaftliche und ökonomische „Legitimations-
und Alibiforschung“ (ebd. nach Fabris & Luger 1981:64) konnotiert ist. Als
Akzeptanzobjekt muss jedoch nicht unbedingt ein fest vorgegebenes Objekt,
Zustand oder Sachverhalt gelten, dessen Akzeptanz es mit allen Mitteln zu errei-
chen gilt (so der Vorwurf an die Forschung), wodurch eine Anpassung des Ak-
zeptanzsubjektes bzw. des Akzeptanzkontextes impliziert wäre, vielmehr stellt
sich die Frage ob und wie ein Objekt/Zustand/Sachverhalt konzipiert ist und zu
welchem Akzeptanzlevel dies führt. Dies lässt im Umkehrschluss zu, auch das
Akzeptanzobjekt an die Akzeptanzsubjekte und den -kontext anzupassen (vgl.
hierzu auch Schäfer & Keppler 2013:42f.). Mit Blick auf das Anwendungsfeld
der Großprojekte zielt der Akzeptanzbegriff also nicht auf die unbedingte Akzep-
tanz eines feststehenden bzw. fertiggeplanten Projektes ab, sondern auch auf die
Gestaltung von verschiedenen Projektalternativen und Prozessen in einer Weise,
die Akzeptanz auf Mikro-, Meso- und Makroebenen finden können.

Das Akzeptanzsubjekt

Das Akzeptanzsubjekt entspricht Luckes (1995) Ausdruck „Akzeptanz durch wen“


und bezeichnet individuelle Akteure (Mikroebene), kollektive Akteure (Mesoebe-
ne) sowie Gesamtgesellschaften (Makroebene), von denen Akzeptanz bzw. Nicht-
Akzeptanz ausgehen kann (vgl. Kollmann 1998; Reichwald 1982:36ff.). Die die
Akzeptanzforschung lange Zeit dominierende Innovations- und Diffusionsfor-
schung fokussiert dabei auf den Anwender bzw. Nutzer von Gütern als Akteur, oder
in einem zweiten, differenzierteren Schritt Forscher und Entwickler, betriebliche
Entscheider, Arbeitnehmer und die Bevölkerung (vgl. Hüsing et al. 2002). Dieser
Ansatz scheint jedoch für die Anwendung auf Großprojekte unvollständig. Sinn-
38 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

voller scheint das Konzept der Einteilung in Stakeholder (vgl. Freeman 1984) oder
in Publics (vgl. Grunig & Hunt 1984). Unter Stakeholdern können (im unterneh-
merischen Kontext) Gruppen oder Einzelpersonen verstanden werden, die eine
Organisation, ihr Handeln und ihren Handlungsspielraum beeinflussen können
oder davon beeinflusst werden (vgl. Freeman 1984:52). Bei Großprojekten bezieht
sich dies nicht auf eine Organisation, sondern auf das jeweilige Projekt, seine Pro-
zesse und den oder die Projektträger. In Bezug auf erneuerbare Energien zeigen
Walker & Cass (2007) auf, in Form welcher Akteure die Öffentlichkeit für ein
Projekt zum Tragen kommt: Protestierende und Demonstrierende, Betroffene der
Planung, des Projekts oder von Entscheidungsprozessen, Konsumenten und Nut-
zer, Arbeitnehmer, ehrenamtlich Engagierte in Initiativen und Investoren (vgl.
auch Schäfer & Keppler 2013:19f.). Diese induktive Betrachtung lässt jedoch noch
keine umfassende Einteilung der Öffentlichkeit in Akteure, also Stakeholder eines
Projekts, zu.
Die Systematik von Liebl (2000) definiert allgemeinere Kriterien für die
Bestimmung von Stakeholdern. Demnach werden Personen/Gruppen zu Stake-
holdern, also Akteuren, wenn sie

 mit einem Unternehmen (hier: einem Großprojekt) in formalen/vertragli-


chen Beziehungen stehen (z.B. Investoren, Planer, Baufirmen, Berater, Gut-
achter etc.),
 Stellung zu einem Projekt beziehen (z.B. Bürgern und Bürgerinitiativen,
Verbände, Medien, Kirchen etc.),
 Interesse zu vermuten ist (Personen/Gruppen, die vermutlich betroffen sind,
z.B. Nachbarn, interessiertes Publikum)
 oder als Meinungsführer (Personen/Gruppen, die nicht direkt betroffen sind,
jedoch Schlüsselpositionen innehaben und/oder starken Einfluss auf die Mei-
nung anderer haben, z.B. lokale Persönlichkeiten, Prominente) fungieren.

Das Konzept der Publics (vgl. Grunig & Hunt 1984) teilt die Öffentlichkeit nicht
anhand von Beziehungsformen in Akteursgruppen ein, sondern anhand des
Ausmaßes an Problembewusstsein sowie der Stärke der Handlungsbereitschaft,
die die Öffentlichkeit bzw. Teile davon zu einem Issue30 einnehmen, worunter
auch Großprojekte fallen. Grunig & Hunt (1984) unterscheiden dabei Publics,
die z.B. Mast (2010) folgendermaßen beschreibt: Nicht-Teilöffentlichkeiten sind
nicht von einem Issue betroffen und wissen auch nichts davon, latente Teilöffent-
lichkeiten sind betroffen, wissen aber nicht von ihrer Betroffenheit, bewusste
Teilöffentlichkeiten sind betroffen, wissen dies, handeln aber nicht, aktive Teilöf-
fentlichkeiten sind betroffen, wissen dies und handeln entsprechend. Die Hervor-

30 Hierunter werden öffentliche Streitfragen verstanden, vgl. hierzu ausführlich Kapitel 6.3.
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 39

hebung des Elements der Handlungsbereitschaft zieht dabei die Parallele zum
Grundgedanken der zweidimensionalen Struktur von Einstellung und Verhalten/
Handeln des Akzeptanzkonstrukts.
Eine weitere Möglichkeit der Unterteilung schlägt Glasl (2013) vor. Er un-
terteilt aus konflikttheoretischer Perspektive maßgeblich nach individuellen und
kollektiven Akteuren sowie nach formlosen und organisierten Akteuren. Unab-
hängig von einzelnen Konzepten der Strukturierung von Öffentlichkeit wird
deutlich, dass Akteure von Großprojekten sowohl der Mikro-, als auch der Meso-
und/oder der Makroebene entstammen können, unterschiedliche Formen von
individuellen Situationsbewertung und Handlungsmotivation einbringen und
überindividuell unterschiedlich strukturiert sind. Die Frage, welche Gruppen und
Personen einer Öffentlichkeit im Detail für ein spezifisches Großprojekt relevant
werden, wie sie strukturiert und charakterisiert werden können, muss jedoch im
jeweiligen Kontext eines Projektes empirisch bestimmt werden31.

Der Akzeptanzkontext

Der Akzeptanzkontext umfasst alle Gegebenheiten und Faktoren, die „weder


Akzeptanzsubjekt, noch -objekt sind, aber auf den Prozess der Akzeptanzgenese
einwirken, also für diesen relevant sind“ (Schäfer & Keppler 2013:22). Dadurch
findet zugleich auch der Kontext der Akzeptanzsubjekte und Akzeptanzobjekte
Eingang in den Prozess (vgl. Lucke 1995:80). Lucke (1995:193) zeigt die aus
ihrer Sicht maßgeblichen Strukturdimensionen auf und zählt z.B. beim Akzep-
tanzkontext den gesellschaftlichen Entwicklungsstand oder die Zeit- und Wert-
hintergründe eines Akzeptanzprozesses dazu. Bezugnehmend auf Großprojekte
als Akzeptanzobjekte, weisen diese als Objekte externer Technik mit Akzeptanz-
subjekten, die sowohl der Mikro-, wie auch der Meso-, oder Makroebene ent-
stammen können, ein ähnlich komplexes Netz möglicher Kontextfaktoren auf.
Hinzu kommen strukturell-kulturelle Eigenschaften und Prozesse sowie politi-
sche und rechtliche Eigenschaften und Prozesse einer Gesellschaft. Katalysiert
werden diese Kontexteinheiten durch zeitliche Aspekte, sich entwickelnde Dy-
namiken sowie die Ebenen, auf denen die Prozesse ablaufen (vgl. Schmalz 2013
sowie ausführlich hierzu Kapitel 3).

31 Im empirischen Teil dieser Arbeit wird darauf näher eingegangen.


40 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

2.3.4 Konflikt und Akzeptanz

2.3.4.1 Konflikt und Akzeptanz: Gegensätze?

Der Konfliktbegriff

Der Begriff des sozialen Konflikts stellt einen der zentralen Ausgangspunkte der
vorliegenden Arbeit dar, der zum einen über eine ganz eigene, historisch ge-
wachsene Forschungslinie verfügt und zu den Grundbegriffen der Sozialwissen-
schaft gehört (vgl. Bonacker 2008:9). Zum anderen steht er in enger Verbindung
zum Akzeptanzbegriff. Als strategisches Spiel zwischen rationalen Akteuren
beschrieb Machiavelli (1925) schon früh den sozialen Konflikt, der in der fort-
entwickelten Sozialwissenschaft ausdifferenziert wurde. Dadurch umfasst der
Konfliktbegriff ebenso wie der Akzeptanzbegriff ein breites und uneinheitliches
Spektrum an Definitionen (vgl. Bonacker & Imbusch 2010:67). Die Definitions-
weisen unterscheiden sich darin, wie eng der Konfliktbegriff gefasst wird (vgl.
Imbusch 2010:146ff.).
Anhut (2008) z.B. schlägt eine Unterteilung zwischen intrapersonalen-, in-
terpersonalen-, Intergruppen- und Interstaaten-Konflikten vor, wodurch eine
enge und spezifische Konfliktdefinition impliziert wird – ebenso wie bei der
Definition von Konflikt als „strategisches Verhalten unter Gewaltandrohung“
(Giesen 1993:92). Bonacker (2008) unterscheidet diesbezüglich neben klassi-
schen, ideengeschichtlichen Ansätzen (z.B. Hobbes, Marx, Simmel, Weber) nach
immer kleiner werdenden Konfliktarenen zwischen Theorien internationaler
Beziehungen, soziologischen Gesellschaftstheorien (z.B. Theorien kollektiver
Akteure) und akteursbezogenen Theorien (z.B. sozialpsychologischer Art). Bark
(2012) betont hingegen den Mehrwert weiter gefasster Ansätze und Konfliktde-
finitionen, um die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Konflikte herausarbeiten
zu können. Dies erfüllt beispielsweise das Verständnis von Konflikt als „Inkon-
sistenzen zwischen sozialen Strukturen oder Institutionen ebenso wie intrapsy-
chische Spannungen und Krisentendenzen oder semantische Missverständnisse
und Widersprüche zwischen symbolischen Äußerungen“ (Giesen 1993:92).
Trotz aller Differenzierungen bestehen gewisse Übereinstimmungen hin-
sichtlich der Definition des Konfliktbegriffs:

Es handelt sich beim sozialen Konflikt

 um soziale Tatbestände (vgl. Bonacker & Imbusch 2010:69) bzw. soziale


Beziehungen und Prozesse (vgl. Giesen 1993:92), z.B. Widersprüche, Dis-
kussionen, Streitgespräche, Wortgefechte bis hin zu körperlichen, bewaffne-
ten und kriegerischen Auseinandersetzungen (vgl. Bark 2012:20),
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 41

 also von Gegensätzen geprägte Interaktionen unterschiedlicher Intensität


(vgl. Hillmann 2007:443; Glasl 2013:17). Ein rein auf psychischer Ebene
ablaufender Prozess reicht demnach nicht aus (anders als beim intrapersona-
len Konflikt). Messmer (2003) sieht im Konflikt sogar ein „Elementarereig-
nis der Interaktion“. Impliziert wird damit Handeln als soziales Handeln,
das Max Weber präzise beschreibt: „Nicht jede Art von Handeln – auch von
äußerlichem Handeln – ist soziales Handeln im hier festgehaltenen Wort-
sinn. Äußeres Handeln dann nicht, wenn es sich lediglich an den Erwartun-
gen des Verhaltens sachlicher Objekte orientiert. Das innere Sichverhalten
ist soziales Handeln nur dann, wenn es sich am Verhalten anderer orientiert.
[…]nicht jede Art von Berührung von Menschen ist sozialen Charakters,
sondern nur ein sinnhaft am Verhalten des anderen orientiertes eigenes Ver-
halten“ (Winckelmann 1985:562)32.
 Soziale Situationen verlaufen zwischen wenigstens zwei (vgl. Dahrendorf
1965; Bonacker & Imbusch 2010:69) bzw. drei (vgl. Bühl 1976) Elementen
bzw. sozialen Gruppierungen (vgl. Anhut 2008:388), die in einen situations-
relevanten Kontext bzw. in eine Struktur eingebettet sind (vgl. Dahrendorf
1972:24).
 Entscheidend sind dabei die vorherrschenden Interessensgegensätze (Anhut
2008:388) bzw. unvereinbaren Zielvorstellungen (vgl. Galtung 1972), Er-
wartungen (vgl. Bonacker 2009:184) oder Unterschiede in der sozialen La-
ge (vgl. Bonacker & Imbusch 2010:69).
 Die Unvereinbarkeit wirkt sich in Form von Beeinträchtigungen (vgl. Glasl
2013:21), gegenseitiger Abhängigkeiten und Einflussnahmen (vgl. Schnei-
der 2010:21) sowie auch gegen den Willen anderer Konfliktakteure (vgl.
Giesen 1993:93) aus.

Diese allgemeine Bestimmung des Konfliktbegriffs lässt sich durch die genauere
Charakterisierung individuellen Kontexten anpassen. Unterscheidungen werden
dabei vor allem hinsichtlich folgender sieben Dimensionen gemacht, die hier nur
zusammengefasst dargestellt werden (vgl. Schmalz 2013:15ff.)33:

32 Unter Handeln wird in diesem Zusammenhang eine spezielle Form von Verhalten verstanden,
welches sich durch Sinnhaftigkeit und Intention auszeichnet, im Vergleich zu reinem Verhal-
ten, welches jegliche Form menschlichen Tuns umfasst.
33 Die einzelnen Unterpunkte der jeweiligen Dimensionen entstammen zahlreichen Autoren und
Forschungsrichtungen. Für eine detaillierte Übersicht vgl. daher Schmalz (2013:15ff.).
42 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

 Auf welcher Ebene wird der Konflikt ausgetragen? Zwischen oder in Sys-
temen?
 Was ist der Streitpunkt des Konfliktes? Wo liegen die Ursachen des Kon-
flikts, geht es um objektive oder subjektive Sachverhalte?
 Wie nimmt der Konflikt seinen Anfang? Ist er verhaltens- oder strukturin-
duziert, in welcher Form wird er ausgetragen?
 Wie sind die Konfliktakteure zu charakterisieren? Welches Macht- und
Motivverhältnis besteht zwischen ihnen?
 Welchen Stand hat der Konflikt und welche Mittel werden eingesetzt? In
welchem gesellschaftlichen Rahmen spielt sich der Konflikt ab, welche ge-
sellschaftlichen Normen und Werte finden Beachtung?
 Welche Ziele werden im Konflikt verfolgt? Worauf soll der Konflikt hin-
auslaufen?
 Welche Folgen hat der Konflikt? Hat der Konflikt funktionale oder dys-
funktionale Folgen? Wer profitiert oder leidet in welcher Form unter diesen
Folgen?

Konflikt und Akzeptanz – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die vorigen Ausführungen zeigen das gemeinsame Fundament der Akzeptanz-


und Konfliktforschung auf. Im weitesten Sinne mit Bezug zur Entwicklung von
Großprojekten werden Akzeptanz und Konflikt im Zusammenhang mit Fragen
gesamtgesellschaftlicher Verortung beispielsweise Theorien und Ansätze zur
aktuellen Lage moderner Gesellschaften und deren Entwicklung (vgl. z.B. Latour
1991; Rammert 1993) oder Ansätzen der Technikfolgenabschätzung und Tech-
nikgeneseforschung (vgl. z.B. Grunwald 2010) behandelt. Auf Ebene gesell-
schaftlicher bzw. kollektiver Akteure und Prozesse sind Ansätze einzuordnen,
die sich beispielsweise der Ergründung sozialer Bewegungen, deren Akteuren
und Aktivitäten (vgl. z.B. Ohme-Reinicke 2000; Becké et al. 2011) oder Grup-
penprozessen (vgl. z.B. Mendelberg 2002) widmen und vielfach im Spannungs-
verhältnis zwischen Akzeptanz und Konflikt verlaufen. Konflikttheoretische
Ansätze wenden sich dabei den oben aufgeführten sieben Fragestellungen mit
Blick auf unvereinbare Situationen zu, wohingegen akzeptanzbezogene Ansätze
Objekte, Situationen und Prozesse vor allem in Hinsicht auf Formen positiver
Einstellung und Verhalten betrachten. Bei bestimmten Phänomenen ist die Wahl
einer der beiden Forschungstraditionen durchaus nachvollziehbar, z.B. die Her-
anziehung von konflikttheoretischen Ansätzen zur Betrachtung von Kriegen oder
akzeptanzbezogenen Ansätzen bei der Betrachtung von Innovations- und Diffu-
sionsvorgängen. Eine Integration dieser beiden Herangehensweisen scheint je-
doch bei Forschungsobjekten, die weder dem einen noch dem anderen Bereich
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 43

klar zuzuordnen sind, unbedingt notwendig. Dies trifft gerade auf die Erfor-
schung von Großprojekten zu, lassen sich diese doch weder ausschließlich mit
der einen noch der anderen Herangehensweise umfassend ergründen. Die Gründe
hierfür liegen in den Zusammenhängen zwischen sozialem Konflikt und Akzep-
tanz34: Sozialer Konflikt beschreibt ein Phänomen von Unvereinbarkeiten und
greift die Einstellungskomponente der Akzeptanz in Form einer negativen Ein-
stellung und der Nicht-Akzeptanz der Interessen/Zielvorstellungen etc. anderer
Individuen oder Gruppierungen auf. Sowohl Konflikt als auch Akzeptanz kön-
nen in der Einstellungs- und Verhaltenskomponente in unterschiedlichen Intensi-
tätsformen vorliegen. Im Unterschied zum Konflikt, der nur durch Interaktion
wirksam wird, können Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz sowohl mit als auch
ohne Interaktion (ohne Handlung und Verhalten) vorliegen. Damit ist Akzeptanz
(in positiver wie in negativer Ausprägung) im Gegensatz zum Konflikt auch als
rein intrapersonales Phänomen möglich, zugleich sind nicht zwingend Beein-
trächtigungen oder Einflussnahmen notwendig.
Aufgrund der Möglichkeit einer rein psychisch vorliegenden Akzeptanz ist es
möglich, nicht nur Interessen und Ziele Anderer abzulehnen, sondern auch Tatbe-
stände und Phänomene, zu denen es keinen Vertreter einer Gegenposition gibt.
Konfliktobjekte sind demnach eine besondere Form von Akzeptanzobjekten, denn
sie stehen in enger Verbindung mit Akzeptanz- bzw. Konfliktsubjekten, wodurch
die soziale Komponente zum Tragen kommt. Akzeptanz kann als psychisches oder
soziales Konstrukt vorliegen, für Konflikt bedarf es zwingend mindestens zweier
Elemente (Individuen, Gruppierungen etc.), wodurch sich erschließt, weshalb ein
Tatbestand oder Phänomen ohne soziale Verknüpfung (also ohne Verbindung zu
Konflikt- oder Akzeptanzsubjekten) zwar ein Akzeptanzobjekt, jedoch kein Kon-
fliktobjekt sein kann. Die Akteure eines Konflikts, die Konfliktsubjekte, können
dabei in gleicher Weise wie Akzeptanzsubjekte charakterisiert werden. Sie können
als individuelle oder kollektive Akteure auftreten, in unterschiedlichen Beziehun-
gen zueinanderstehen, formlos oder organisiert sein. Entscheidend ist jedoch, dass
Konfliktsubjekte aktiv involviert sein müssen. Das heißt, passive Subjektformen
wie betroffene, aber nicht handelnde Stakeholder oder latente Teilöffentlichkeiten
sind aufgrund ihres Nicht-Handelns und den nicht ausgetragenen Unvereinbarkei-
ten (noch) nicht Teil eines Konflikts und damit keine Konfliktsubjekte.
Die Kontextfaktoren spielen bei Akzeptanz- wie auch Konfliktprozessen die
gleiche Rolle. Sämtliche Strukturen, Prozesse, Dynamiken und Faktoren, in
welche die Subjekte und Objekte von Konflikt oder Akzeptanz eingebunden sind
oder durch die sie beeinflusst werden, nehmen Einfluss auf den Verlauf von
Konflikten bzw. Akzeptanz.

34 Die nachfolgend erörterten Gemeinsamkeiten und Unterschiede beziehen sich auf die vorab
beschriebenen Charakteristika von Akzeptanz und Konflikt.
44 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

2.3.4.2 Akzeptanz- und Konfliktverständnis dieser Arbeit

Begriff der Akzeptanz im vorliegenden Kontext

Die in dieser Arbeit gewählte Definition von Akzeptanz kann mit Blick auf die
vorigen Ausführungen wie folgt beschrieben werden35:

 Unter Akzeptanz wird die positive Bewertung (Zustimmung) eines Akzep-


tanzobjektes (hier: ein Großprojekt inkl. der dazugehörenden Prozesse und
Strukturen) durch Akzeptanzsubjekte (hier: Akteure eines Großprojektes)
unter den Rahmenbedingungen des Akzeptanzkontextes (hier: Kontexte der
Akteure und des Projektes) verstanden. Die Bewertung bezieht sich dabei
auf die Einstellungsebene und kann mit entsprechender Handlungs- und
Verhaltensabsicht bis hin zu konkretem Handeln und Verhalten einhergehen
(Verhaltensebene). Hierzu zählen also zugleich Formen von stillschweigen-
der wie auch ausdrücklicher Zustimmung.
 Formen negativer Bewertung werden explizit als Nicht-Akzeptanz (Ableh-
nung) bezeichnet. Formen negativer Bewertung können ebenfalls mit entspre-
chender Handlungs- und Verhaltensabsicht bis hin zu konkretem Handeln und
Verhalten einhergehen. Hierzu zählen damit alle Zustände, bei denen aus-
drückliche oder stillschweigende Zustimmung ausbleibt. Lucke (1995) defi-
niert hierzu Nicht-Akzeptanz als „die Wahrscheinlichkeit, mit Meinungen,
Maßnahmen etc. bei einer identifizierbaren Personengruppe auf ausdrückliche
oder stillschweigende Ablehnung zu stoßen und unter angebbaren Bedingun-
gen auf deren Widerspruch und Widerstand signalisierende Handlungen und
dementsprechende Meinungsäußerungen rechnen zu müssen“. Akzeptanz und
Nicht-Akzeptanz stellen dabei zwei Extrempositionen dar, zwischen denen
jede mögliche Ausprägung vorkommen kann (vgl. z.B. Schenk 2000:14).

35 Die Definition dieser Arbeit orientiert sich vor allem an der Definition der Forschungsgruppe
für Umweltpsychologie (vgl. Schweizer-Ries et al. 2010:12).
2.3 Akzeptanz und ihre Dimensionen 45

Abbildung 6: Zweidimensionales Modell der Akzeptanz von Großprojekten

Begriff des sozialen Konflikts im vorliegenden Kontext

Sozialer Konflikt zeigt sich mit Fokus auf Großprojekte als spezielle Form von
Nicht-Akzeptanz. Es liegt eine negative Bewertung eines Projekts, seiner Prozesse
oder Strukturen vor (Einstellungsebene), die ergänzt wird durch aktives Handeln
oder Verhalten, verbal oder nonverbal (Verhaltensebene). Die in Konfliktdefinitio-
nen beschriebenen Widersprüche und Diskussionen bis hin zu Auseinandersetzun-
gen werden dabei z.B. in Form von Protest, verbaler Ablehnung und Einsprüchen
deutlich.
Die Definition von Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz wird deshalb um das
Begriffsverständnis des sozialen Konflikts ergänzt:

 Formen von Nicht-Akzeptanz, die mit sozialer Interaktion in Form von akti-
vem Verhalten oder Handeln einhergeht, werden als sozialer Konflikt ver-
standen.

Das integrierte Modell und Begriffsverständnis dieser Arbeit von Konflikt und
Akzeptanz besteht damit aus verschiedenen Abschnitten, die fließend ineinander
übergehen. Akzeptanz liegt bei positiver Bewertung und ggf. entsprechend gerich-
teter Verhaltensabsicht oder Verhalten vor. Ein sozialer Konflikt liegt als Sonder-
form von Nicht-Akzeptanz bei negativer Bewertung sowie entsprechendem Ver-
halten vor. Der Bereich dazwischen umfasst alle Zustände, die sich nur auf Einstel-
lungsebene und nicht auf Verhaltensebene abspielen, also mit einer negativen
46 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

Bewertung, jedoch ohne Handlung einhergehen. Die vorliegende Arbeit betrachtet


alle Formen von Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz bei Großprojekten.

Abbildung 7: Zweidimensionales Modell der Akzeptanz von Großprojekten,


ergänzt um den Bereich des sozialen Konflikts

2.4 Conclusion zur Akzeptanz- und Großprojektforschung

Die Akzeptanzforschung, wie sie heute ausgeführt wird, hat ihre Ursprünge in den
1960er Jahren. Hier wurde das Konzept der Akzeptanz zu den Erklärungsansätzen
für sozialen und technologischen Wandel gezählt (vgl. Kollmann 1998)36. Mitte
der 1970er Jahre gewann die Akzeptanzforschung vor allem durch die Diskussion
über neue Technologien an Bedeutung. Im Mittelpunkt standen dabei Technolo-
gien der Umwelt- und Energiepolitik (vgl. Mautz 2010). Akzeptanzfragen wurden
hier insbesondere hinsichtlich der gesellschaftlichen Stimmung zur Atomenergie
behandelt (vgl. Petermann & Scherz 2005:45). Neben diesen politik- und sozial-
wissenschaftlich orientierten Ansätzen entwickelte sich parallel ein zweiter For-
schungszweig aus Betriebswirtschaft und Arbeitswissenschaften heraus, mit Bezug
zu Kauf und Anwendung neuer Güter, vor allem Kommunikationssystemen und
Medien sowie deren Verbreitung, Einsatz und Folgen (vgl. Degenhardt 1986;
Küpper 2005:126; Kollmann 1998:37ff.; Lucke 1995)37. Seine Entwicklung ver-

36 Wissenschaftliche Fragestellungen mit großer Nähe zur Akzeptanz wurden bereits zu früheren
Zeitpunkten untersucht, vgl. hierzu z.B. die Ausführungen von Lucke (1995:251ff.).
37 Einen guten Überblick über verschiedene Studien gibt Kollmann (1998:73ff.) anhand der Unter-
teilung der Ansätze nach Akzeptanzobjekt, Einstellungs- und Verhaltenskomponente sowie Mo-
dellart.
2.4 Conclusion zur Akzeptanz- und Großprojektforschung 47

dankt der Forschungsbereich der Akzeptanz damit vor allem Impulsen aus Öko-
nomie (vgl. Lucke 1995:46) und Politik (vgl. Petermann & Scherz 2005), die beide
wirtschaftliches Interesse an der Akzeptanz neuer Güter bzw. Interesse an der
Akzeptanz neuer Technologien zum Umgang mit anstehenden Herausforderungen
der Umwelt- und Energiepolitik hatten. Im Mittelpunkt vor allem der ökonomisch
basierten Akzeptanzforschung stand und steht der Anwenderbezug von Akzep-
tanzobjekten, den Reichwald (1982) in drei Teilebenen unterteilt: die Individual-
ebene (Bediener und Nutzerakzeptanz, direkter Nutzen und Auswirkungen auf den
Anwender), die Organisationsebene (organisatorische Akzeptanz, Auswirkungen
auf institutionelle Bedingungen und Effekte) sowie die Gesellschaftsebene (gesell-
schaftliche Akzeptanz, Auswirkungen auf gesellschaftliche Prozesse und Wech-
selwirkungen). Schäfer & Keppler (2013) merken jedoch an, dass die Fokussierung
auf den Anwender unzureichend ist bzw. dass je nach Phase von Technikgenese
und -diffusion die Akzeptanz anderer (gesellschaftlicher) Akteursgruppen ebenfalls
relevant bzw. sogar wichtiger sein kann. Diese Kritik greift die Einteilung des
Forschungsbereichs anhand einer anderen Struktur auf: Quer über ökonomische
und sozialwissenschaftliche Wurzeln legen sich Ansätze, die nach Petermann &
Scherz (2005) in fünf Bereiche eingeordnet werden können (vgl. hierzu Petermann
& Scherz 2005: 46f.; Kollmann 1998:44ff.; Schäfer & Keppler 2013:7ff.; Lucke
1995:20ff.): Einstellungsorientierte Ansätze, Begleit-und Wirkungsforschung,
(sozial)psychologische Ansätze, soziologische Ansätze sowie normative Ansätze.
Lucke (1995:21) sieht in der spezifizierten Akzeptanzforschung eine „horizontale
Dimension“ der Integration all dieser Ansätze und eine dadurch ermöglichte um-
fassende Betrachtung sämtlicher, in der Gesellschaft auftretenden Phänomene,
Bereitschaften und Potentiale von gesellschaftlicher Akzeptanz über alle Lebens-
bereiche und Bevölkerungsgruppen hinweg.
Einstellungs- und meinungsorientierte Ansätze, ein Teilbereich der Demo-
skopie, legen den Fokus auf die Bewertung von Akzeptanzobjekten und deren
Hintergründe (vgl. z.B. Jaufmann et al. 1989; Kistler & Jaufmann 1990; Erp
1998; Faas & Blumenberg 2013), die (Sozial)Psychologie beobachtet die dahin-
ter liegenden individuellen Determinanten, Muster und Prozesse sowie die über-
individuellen Folgen, die sich daraus in der sozialen Interaktion ergeben (vgl.
z.B. Schenk 2000; Davis 1985). Forschungsschwerpunkt normativer Ansätze ist
die Akzeptanzwürdigkeit von Objekten, abgeleitet aus gesellschaftlichen Nor-
men und Werten (vgl. z.B. Tschiedel 1989; Eichener & Mai 1993).
In den letzten Jahren finden sich zudem interdisziplinäre Arbeiten zu Akzep-
tanzfragen aus Forschungsbereichen, die eng mit dem jeweiligen Untersuchungs-
gegenstand verknüpft sind, z.B. zur Akzeptanz von Natur- und Umweltschutzpro-
jekten (vgl. z.B. Erdmann & Jessel 2012; Ruschkowski 2010; Krieger 1998; Lieb-
ecke et al. 2011), zu agrartechnischen und -strukturellen Entwicklungen (vgl. z.B.
Dabbert 2012; Granoszewski & Spiller 2012b; Granoszewski et al. 2011), zu er-
48 2 Konflikt & Akzeptanz – Gesellschaft im Wandel

neuerbaren Energien, vor allem Windenergieanlagen (vgl. z.B. Kleemann et al.


1998; Fischedick & Supersberger 2010; Bosch & Peyke 2011), zu Infrastruktur-
projekten (vgl. z.B. Hidber & Lendi 1999) oder allgemein zur Raumplanung (vgl.
z.B. Helmholz 2013; Rösener & Selle 2004).
Im vorliegenden Kontext sind zweierlei Ansätze von besonderer Bedeutung:
Soziologische Ansätze, die die Komponenten des gesellschaftlichen Kontextes und
die Folgen für die Gesellschaft und ihre Gruppen mit einbringen (vgl. z.B.
Bebnowski 2013; Ohme-Reinicke 2000; Becké et al. 2011), sowie die Begleit- und
Wirkungsforschung, die wiederum zahlreiche Ansätze der Innovations- und Diffu-
sionsforschung, inkl. Nutzungs- und Anwendungsforschung sowie der Technikfol-
genabschätzung, Risikoforschung und des Konfliktmanagements einbringt (vgl.
z.B. Renn 2013d; Fietkau & Weidner 1994; Sünderhauf 1997; Kühnl 2012; Rogers
2003). Ergänzt werden können kommunikationswissenschaftliche Ansätze, die die
Rolle von Medien, öffentlicher Meinung und unterschiedlicher Formen von Kom-
munikation für die Akzeptanz von Technologien beleuchten (vgl. z.B. Renn 1994;
Brettschneider 2013b, 2011; Antalovsky 1993; Stransfeld 1993; Kepplinger 1989),
sowie politikwissenschaftliche Ansätze, vor allem mit Fokus auf (direktdemokrati-
sche) Beteiligungsformen sowie die Folgen von Akzeptanz und Konflikt für politi-
sche Prozesse, Akteure und Institutionen (vgl. z.B. Troja & Meurer 2005; Hornig
& Baumann 2013; Ueberhorst 2010; Weidner 1996).
Die Vielfalt forschender Disziplinen (und damit auch der Herangehenswei-
sen), die Fokussierung auf unterschiedliche Akzeptanzsubjekte, -objekte und
-kontexte und hier wiederum die spezialisierte Ergründung einzelner Aspekte
lassen generelle Aussagen über die Akzeptanz nicht zu. Entsprechend dem
Schwerpunkt dieser Arbeit hilft eine Fokussierung auf Technik als Nachbar
(Renn 2005b:31) mit einer weiteren Einschränkung auf Großprojekte (für eine
exakte Definition von Großprojekten vgl. Kapitel 2.2). Folgende Aspekte sind
mit Blick auf die aktuelle Forschung zu Großprojekten jedoch zu erkennen:

 Ein großer Teil der Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit Projekten, die
mit einem geringen Maß an gesellschaftlicher Akzeptanz einhergehen. Dies
soll jedoch nicht den vorschnellen Schluss auf eine prinzipielle Ablehnung
von Großprojekten nahelegen, sondern vielmehr aufzeigen, dass eine Fo-
kussierung der Forschungsarbeiten auf Projekte, die den Forschern durch
Konflikte oder durch mangelnde Akzeptanz auffallen, vorliegt. Offen bleibt
demnach jedoch die Frage, wie Projekte gestaltet sind, die öffentlich (wei-
testgehend) akzeptiert werden.
 Neben der Vielfalt der Akzeptanz- und Konfliktforschung im Allgemeinen
zeigt auch die auf Großprojekte fokussierte Forschung eine große Projekt-
vielfalt auf. Aufgrund der hierbei vor allem auf einzelne oder wenige Pro-
jekte im Vergleich bezogenen Studien bleibt jedoch offen, wie sich die
2.4 Conclusion zur Akzeptanz- und Großprojektforschung 49

Großprojektlandschaft in Deutschland insgesamt gestaltet, welche Techno-


logie- bzw. Projektarten genau vorzufinden sind und wo die Projekte geo-
grafisch verortet werden.
 Die Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz von Artefakten wie Großprojekten
beschränkt sich nicht alleine auf psychische Aspekte, sie wird deutlich in
vielfältigen Formen von Handeln und Verhalten der Projektakteure. Mit
Blick auf das ausdifferenzierte Begriffsverständnis von Akzeptanz wäre ei-
ne intensivere Betrachtung von Ausmaß und Gestalt der individuellen bzw.
öffentlichen Akzeptanz und damit der Einstellungs- und Verhaltenskompo-
nenten bei Großprojekten spannend.
 Stakeholder bzw. Projektakteure nehmen als Akzeptanzsubjekte eine zentrale
Rolle für den Verlauf von Projekten ein, sei es als Projektträger und -befür-
worter, Kritiker oder neutrale Personen. Auch hier mangelt es jedoch an pro-
jektübergreifenden Erkenntnissen hinsichtlich der Frage, wie sich diejenigen
charakterisieren lassen, die sich bei Großprojekten in Deutschland engagieren.

Die in Kapitel 1 eingeführte Leitfrage L1 Wie lässt sich die deutsche Großpro-
jektlandschaft empirisch charakterisieren, vor allem mit Blick auf die Projektar-
ten, Akteure und Formen von Akzeptanz und Konflikt? zur Akzeptanz von Groß-
projekten kann mit Blick auf obige Erkenntnisse konkretisiert werden. Eine Cha-
rakterisierung der Großprojektlandschaft muss sich demnach auf mehrere Di-
mensionen beziehen. Zum einen stellen sich Fragen auf Projektebene, welche die
Gestaltung, Verortung und Wahrnehmung des Projektes insgesamt betreffen.
Zum anderen sind Fragen der Akteursebene zu klären, die sich auf die wahrneh-
menden und handelnden Individuen und Gruppen beziehen. Folgende For-
schungsfragen konkretisieren daher die Leitfrage L1:

F1.1: Wie gestalten sich Großprojekte in Deutschland auf Projektebene?


Welchen Projektarten und Themenbereichen können sie zugeordnet wer-
den und wo sind Großprojekte räumlich zu verorten? Welche Meilenstei-
ne charakterisieren den Verlauf der Projekte?
F1.2: Mit welchem Maß und welchen Formen von Akzeptanz auf individueller
sowie allgemeiner bzw. öffentlicher Ebene gehen Großprojekte insgesamt
einher?
F1.3: Wie gestalten sich Großprojekte in Deutschland auf Akteursebene? Wer
sind die Träger der Vorhaben? Welche Akteure engagieren sich bei Groß-
projekten?
3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

Die phänotypische Beschreibung von Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz bzw. Kon-


flikt eines Großprojektes entlang der in Kapitel 2 aufgezeigten Aspekte stellt einen
elementaren Grundstein des sozialwissenschaftlichen Umgangs mit Großprojekten
dar. Ergänzt werden muss dieser jedoch um genotypische, sich den Ursachen zu-
wendende Betrachtungen (vgl. Troja 2001:66) unter Beachtung des dem Zeit- bzw.
Projektverlauf unterliegenden Wandels aller Elemente (vgl. Schreck 1998). Im
Raum steht die Leitfrage nach den Faktoren, die die Genese von Akzeptanz und
Konflikt bei Großprojekten beeinflussen. Die strukturbezogene Perspektive der
Faktorenidentifizierung wird dabei durch die Ergründung der faktoriellen Wir-
kungsweise um eine prozessuale Komponente ergänzt (vgl. Schiersmann & Thiel
2011:420).
Akzeptanzforschung und Konfliktforschung blicken auf eine getrennte Ge-
schichte zurück und nehmen sich auch bislang vielfach getrennt beider Phänomene
an (vgl. Sauer et al. 2005:I-7). Im Fokus der Analyse von Akzeptanz und Nicht-
Akzeptanz steht dabei das Verhältnis zwischen Akzeptanzsubjekt und Akzep-
tanzobjekt und die direkt damit einhergehenden Erwartungen, Wahrnehmungen,
Bewertungen und Reflektionen. Die Interaktion mit anderen Akteuren bzw. Sub-
jekten ist wie bereits erwähnt möglich, jedoch nicht zwingend notwendig (vgl. z.B.
Lucke 1995; Reichwald 1978; Kollmann 1998; Dethloff 2004; Fazel 2014). Im
Fokus der Konfliktforschung hingegen liegt neben dem Konfliktobjekt und den
Akteuren selbst vor allem die bei Konflikten essentielle, soziale Interaktion zwi-
schen mehreren Akteuren mit Bezug auf das Konfliktobjekt (vgl. z.B. Sauer et al.
2005:I-7; Glasl 2013; Holznagel 1990; Kanngießer 2004). Aufgrund des in dieser
Arbeit zum Zuge kommenden Verständnisses der Verbindung von Akzeptanz und
Konflikt durch die Definition von letzterem als soziale Form der Nicht-Akzeptanz
(vgl. Kapitel 2.3.4) wird in den nachfolgenden Ausführungen sowohl konflikt-
zentrierten als auch akzeptanzfokussierten Ansätzen Aufmerksamkeit geschenkt.
Die nachfolgenden Überlegungen zum Thema gehen dabei über den notwen-
digen theoretischen Unterbau, der für das vorliegende empirische Forschungsinte-
resse vonnöten ist, hinaus. Nichtsdestotrotz wird das Thema hier ausführlich auf-
gegriffen, um die Genese von Akzeptanz und Konflikt umfassend beleuchten zu
können.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
I. M. Schmalz, Akzeptanz von Großprojekten, Politik gestalten – Kommunikation,
Deliberation und Partizipation bei politisch relevanten
Projekten, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23639-7_3
52 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

3.1 Einflussgrößen auf Konflikt und Akzeptanz

Die Ausführungen in Kapitel 2 zu zentralen Erkenntnissen der Akzeptanzfor-


schung im Bereich von Großprojekten deuten die Vielfältigkeit und Komplexität
potentieller Einflussgrößen bereits an. Trotz Aufmerksamkeit durch unterschied-
liche Forschungsdisziplinen und der dadurch geförderten Beachtung auch weni-
ger zentraler Aspekte, mangelt es bislang an umfassenden Betrachtungen, die ein
vielfältiges Set an Einflussgrößen untersuchen und dies zugleich durch eine pro-
jektübergreifende Vorgehensweise anhand einer größeren Zahl von Untersu-
chungsobjekten vornehmen.
Studien zu Großprojekten weisen insgesamt zahlreiche, potentielle Einflüs-
se auf Konflikte bei Großprojekten auf, wie vorige Betrachtungen mit Fokus auf
Projekte des Umwelt- und Technikbereichs gezeigt haben (vgl. Schmalz 2013).
In Form einer integrativen Metastudie wurden in sozial- und wirtschaftswissen-
schaftlichen, umwelt- und ingenieurswissenschaftlichen sowie rechtswissen-
schaftlichen Forschungsarbeiten identifizierte Treiber von Konflikten aufgegrif-
fen, umrissen und strukturiert. Ergebnis der Studie ist ein über 240 Einzelfakto-
ren zählendes Modell, strukturiert durch fünf inhaltliche Kategorien und eine
prozessbezogene Kategorie. Das Modell unterscheidet folgende Kategorien:
Projekteigenschaften (z.B. Projektart, Projektablauf), Akteursportfolio (z.B. Art
und Vernetzung der Akteure), Prozesse (z.B. Prozessabläufe, Umgangsstil),
Medien und Kommunikation (z.B. massenmediale Berichterstattung, Art und
Qualität der Kommunikation allgemein), Staat und Gesellschaft (z.B. politische
Institutionen, rechtliche Vorgaben) sowie ergänzend die Kategorie begleitender
Aspekte (Zeit, Dynamik und die Ebenen Mikro, Meso und Makro).

Abbildung 8: Vereinfachtes Modell „Einflussfaktoren auf


Großprojektkonflikte“ (vgl. Schmalz 2013)

Dynamik
Projekteigenschaften

Ebene
Akteure

Staat und Gesellschaft


Großprojektkonflikt

Konflikt & Prozess


Zeit
Medien, Kommunikation & Information
3.1 Einflussgrößen auf Konflikt und Akzeptanz 53

Erkenntnisse dieser Studie sollen in den nachfolgenden Ausführungen zusam-


menfassend dargestellt und um spezifische Faktoren der Akzeptanzforschung
ergänzt werden – sowie um Einflüsse, die Projekten aus dem Bereich Leben,
Arbeiten und Freizeitgestaltung zuzuordnen sind und damit eine zivilgesell-
schaftliche, lebensweltsorientierte Perspektive hinzufügen. Auf eine ausführliche
Kontexteinbettung der Faktoren wird mit Verweis auf die originären Quellen
verzichtet. Das Ziel besteht vielmehr in der übersichtlichen Darlegung der Fakto-
renvielfalt und -zusammensetzung. Da bei den in späteren Kapiteln erläuterten
Akzeptanz- und Konfliktansätzen, welche die Wirkungsweise der Faktoren the-
matisieren, Faktoren oft simpel nach Zugehörigkeit zu Objekt, Subjekt und Kon-
text (vgl. Schäfer & Keppler 2013) aufgeführt werden, wird diese Systematik
auch für die nachfolgenden Ausführungen herangezogen. Sie ermöglicht gleich-
ermaßen eine übersichtliche Struktur wie auch die Einordnung von Akzeptanz-
und Konfliktfaktoren.

3.1.1 Einflussgrößen mit Objektbezug

Objektbezogene Akzeptanzfaktoren können in direkte und indirekte Faktoren


eingeteilt werden. Erstere umfassen originäre Eigenschaften des Objektes, letzte-
re entsprechen eher nachgelagerten Projekteffekten. Zu den direkten Eigenschaf-
ten von Großprojekten zählen beispielsweise Projektart und Umfang bzw. die
Größe eines Objektes sowie Projektalternativen (vgl. Schweizer-Ries et al. 2010;
Allerbeck & Helmreich 1984; Schönecker 1985; Degenhardt 1986; Eidenmüller
1986; Joseph 1990; Davis 1989; Wixom & Todd 2005; Liebecke et al. 2011;
Troja 2001; Hilbig 1984; Helmreich 1980; Wallau 1990; Agarwal & Prasad
1997; Reichwald 1978; Sokianos 1981; Zimmermann 2009; Schwarz, Gerhard
2010; Rogers 2003; Hornig & Baumann 2013; Köberle 1994; Scheuch 1990).
Hiermit gehen zugleich alle Aspekte einher, die mit den menschlichen Sinnen
wahrnehmbar sind, beispielsweise visuelle, auditive oder olfaktorische Auswir-
kungen eines Projektes (z.B. Lärm, Sichtbarkeit, Geruch, vgl. Schäfer & Keppler
2013). Hinzu kommt die räumliche Verortung des Projektes und seiner Alterna-
tiven, also die Frage nach vorgesehenen Standorten und hiermit verbundenen
Konsequenzen (vgl. Schweizer-Ries et al. 2010; Feindt 2010). Auch die Frage
der Finanzierung scheint von Bedeutung zu sein, z.B. wer für welche Kosten
aufkommt und wie sich diese im Projektverlauf entwickeln werden (vgl. Feindt
2010; Flachsbarth 2011; Mautz 2010). Der Projektablauf selbst, also wie Pla-
nung, Genehmigung und Einrichtung ablaufen bzw. ablaufen sollen, wird eben-
falls zu den potentiellen Einflüssen gezählt (vgl. Benighaus et al. 2010; Schwei-
zer-Ries et al. 2010; Wittke 2011; Schönecker 1985; Schreck 1998). Hinsichtlich
der Kompatibilität eines Großprojektes mit der Lebenswelt eventueller Nutzer
54 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

bzw. Betroffener stellt sich die Frage, inwiefern das Projekt den Bedürfnissen
und Ausgangsvoraussetzungen der Personen entspricht (z.B. hinsichtlich Kom-
plexität und Bedienfreundlichkeit, der Integrationsfähigkeit und Zugänglichkeit
sowie der Benutzeradäquanz des Objekts, vgl. Schäfer & Keppler 2013; Davis
1989; Wixom & Todd 2005; Wallau 1990; Agarwal & Prasad 1997; Reichwald
1978; Schönecker 1980; Filipp 1996; Rogers 2003; Appel 2013; Bruijn & Leij-
ten 2008; Köberle 1994). Die direkten Einflüsse müssen dabei nicht ausschließ-
lich dem spezifischen Projekt selbst entstammen, sie können auch Eigenschaften
der zugehörigen Technologie bzw. der Wahrnehmungen und Bewertungen dieser
umfassen (vgl. Schäfer & Keppler 2013; Schweizer-Ries et al. 2010; Umbach
2011; Ohlhorst & Schön 2010; Reichwald 1978; Schönecker 1980).
Zu den indirekten Eigenschaften von Akzeptanzobjekten, insbesondere
Großprojekten, zählen die Effekte, die durch ein Projekt entstehen. Hierzu gehö-
ren, abstrakt gesprochen, Art und Ausmaß von Input- und Output-, Outcome-
und Outflowgrößen eines Projektes sowie alternativer Lösungen. Demnach ist
konkret danach zu fragen, welche Arten von Kosten (Belastungen, Aufwand,
Risiken etc.) und (praktischem) Nutzen (Erleichterungen, Gewinne, Eignung des
Objekts als Problemlösung etc.) in welchem Umfang mit einem Projekt assozi-
iert werden und mit welcher Aufteilung (auf wen, in welchem Umfang, wann
etc.) diese Verteilung positiver und negativer Aspekte einher geht (vgl. Benig-
haus et al. 2010; Feindt 2010; Schweizer-Ries et al. 2010; Geissmann & Huber
2011; Degenhardt 1986; Huijts et al. 2012; Davis 1989; Venkatesh & Davis
2000; Venkatesh et al. 2003; Wixom & Todd 2005; Schmidt 2015; Pankow
1986; Schreck 1998; Thomas 1976; Troja 2001; Hilbig 1984; Wahl 2001; Schä-
fer & Keppler 2013; Allerbeck & Helmreich 1984; Renn 1998; Sokianos 1981;
Zimmermann 2009; Granoszewski & Spiller 2012a; Schwarz, Gerhard 2010;
Kollmann 1998; Köberle 1994; Hüsing et al. 2002). Zweierlei Verteilungsformen
und Betroffenheitsarten scheinen hierbei eine besondere Rolle zu spielen: Einer-
seits ist das Verhältnis von allgemeiner und individueller Betroffenheit, sowohl
im positiven als auch im negativen Sinne von Bedeutung, also inwiefern und wie
eine Verteilung von Nutzen und Lasten zwischen Gemein- und Individualwohl
erfolgt (vgl. Brettschneider 2011; Ohlhorst & Schön 2010). Zweitens wird die
Berührung verschiedener Interessen sowie der Wettbewerb dieser Interessen
(z.B. Raumnutzungsinteressen, Ausmaß der Interessensunterschiede) als potenti-
eller Faktor gesehen (vgl. Ohlhorst & Schön 2010; Granoszewski & Spiller
2012a; Köberle 1994). Zusammenfassend beziehen sich die indirekten Effekte
damit auf die Fragen danach, wer in welcher Form und Ausmaß durch ein Pro-
jekt betroffen ist oder betroffen sein wird (z.B. psychischer, räumlicher, kulturel-
ler Art, vgl. Schmidt 2015; Schreck 1998; Liebecke et al. 2011; Hüsing et al.
2002) und wie dies im Verhältnis zu anderen Betroffenheiten steht. Ob eine
3.1 Einflussgrößen auf Konflikt und Akzeptanz 55

Betroffenheit vorliegt oder nicht, scheint dabei weniger objektiven Maßstäben zu


unterliegen, sondern vielmehr der subjektiven Einschätzung im Sinne einer sub-
jektiven Wirklichkeitskonstruktion, die sich in Folge dessen dann auch auf die
Ausbildung von Einstellungs- und Verhaltensmustern auswirkt (vgl. Beck &
Schwarz 2008:82ff.; Berger et al. 2013; Bardmann 1991).

3.1.2 Einflussgrößen mit Subjektbezug

Akzeptanzsubjekte, in diesem Fall Akteure von Großprojekten, verfügen über eine


zentrale Rolle bei der Akzeptanz- bzw. Konfliktgenese. Auf Basis ihrer Wahrneh-
mungen, Beurteilungen und Vorprägungen gestalten sie den Projektprozess.
Gleichzeitig werden die Akteure jedoch durch den Prozess selbst und das soziale
Umfeld beeinflusst (vgl. Coenen 2002:395). Akzeptanz- bzw. konfliktsubjektbezo-
gene Faktoren umfassen vor allem psychologische, sozialpsychologische sowie
soziologische Einflüsse. Neben direkt subjektbezogenen (individuellen) Faktoren
können damit auch soziale (überindividuelle) Faktoren identifiziert werden.
Eine der ersten Fragen zu Akzeptanz- bzw. Konfliktsubjekten bezieht sich
auf die Art der Akteure sowie deren soziodemographische Eigenschaften. Zu den
potentiellen Akteuren bei Großprojekten zählen beispielsweise Unternehmen,
Nachbarn, Verwaltung und Politik, Medien, Wirtschafts-, Sozial- sowie Umwelt-
und Naturschutzverbände (vgl. Weidner 1996; Saretzki 2010; Bürki 2011; Schä-
fer & Keppler 2013; Allerbeck & Helmreich 1984; Joseph 1990; Venkatesh et al.
2003; Schmidt 2015; Schreck 1998; Leonhardt 2011; Liebecke et al. 2011; Troja
2001; Wallau 1990; Reichwald 1978; Filipp 1996; Renn 1998; Zimmermann
2009; Wiedemann 1995; Voßebürger & Weber 1998; Granoszewski & Spiller
2012a; Schwarz, Gerhard 2010; Pfetsch 2006; Rogers 2003; Köberle 1994; Hü-
sing et al. 2002). Hinzu kommen Aspekte der Form bzw. Organisation der Ak-
teure. Hierzu zählt z.B. die Frage, ob ein Akteur individueller oder kollektiver
Art ist, ob er professionell organisiert oder formlos-privat agiert (vgl. Glasl 2013;
Benighaus et al. 2010). Ebenso wird der Ressourcenstärke von Akteuren, ihren
Fähigkeiten sowie Wissens- und Informationenvorräten und dem individuellen
Erfahrungsschatz Bedeutung zugesprochen. Dies bezieht alle Faktoren finanziel-
ler, informations-, wissens- und übungsbasierter sowie sozialer Art ein (vgl.
Mendelberg 2002; Schweizer-Ries et al. 2010; Deutsch 1976; Feindt 2010; Bel-
loni 2011; Flachsbarth 2011; Brettschneider & Vetter 2011; Bürki 2011; Ewen
2009; Brettschneider 2011; Brinker 2011; Schweizer-Ries et al. 2010; Degen-
hardt 1986; Huijts et al. 2012; Venkatesh & Davis 2000; Venkatesh et al. 2003;
Schmidt 2015; Schreck 1998; Leonhardt 2011; Hilbig 1984; Helmreich 1980;
Schönecker 1980; Sokianos 1981; Granoszewski & Spiller 2012a; Rogers 2003).
Ergänzt werden die Aspekte durch die Motiv- und Bedürfnissituation der Akteu-
56 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

re. Eine große Rolle spielt hierbei vor allem das Sicherheitsbedürfnis (vgl.
Schweizer-Ries et al. 2010; Mendelberg 2002; Maslow 1954; Degenhardt 1986;
Eidenmüller 1986; Pankow 1986; Leonhardt 2011; Wahl 2001; Zimmermann
2009; Granoszewski & Spiller 2012a; Schwarz, Gerhard 2010; Rogers 2003;
Hüsing et al. 2002). Im Endeffekt schlagen sich diese und andere Faktoren wie-
derum auch in der allgemeinen Meinungs- und Einstellungsbildung nieder (vgl.
Glasl 2013; Fischer et al. 2002; Galtung 2000; Schweizer-Ries et al. 2010; De-
genhardt 1986; Huijts et al. 2012; Wixom & Todd 2005; Schmidt 2015; Lieb-
ecke et al. 2011; Wahl 2001; Schwarz, Gerhard 2010; Kollmann 1998), die zu-
sammen mit dem individuellen Werte- und Normenkanon der Akteure deren
Verhalten und Handeln beeinflussen (vgl. Huijts et al. 2012; Schmidt 2015; Pan-
kow 1986; Sokianos 1981; Granoszewski & Spiller 2012a; Hüsing et al. 2002).
Interessen, Zielvorstellungen und Strategien sowie die Handlungs- und Ein-
flussmöglichkeiten werden ebenfalls zu den zentralen Einflüssen auf Konflikt
und Akzeptanz gezählt. Hinzu kommt die Frage, mit wieviel Kooperationsbereit-
schaft und welchem Maß an Legalität und Legitimität Handeln und Verhalten
einhergehen (vgl. Weidner 1996; Galtung 2000; Striegnitz 2010; Saretzki 2010;
Schäfer & Keppler 2013; Schönecker 1985; Joseph 1990; Thomas 1976; Leon-
hardt 2011; Troja 2001; Schönecker 1980; Sokianos 1981; Zimmermann 2009;
Schwarz, Gerhard 2010; Pfetsch 2006; Kollmann 1998; Köberle 1994). Bedeut-
sam ist hierbei, dass nicht ausschließlich die eigentliche Handlung entscheidend
ist, sondern bereits die Annahmen und Intentionen bzgl. des eigenen Handelns
und Verhaltens sowie des der Anderen und die dadurch entstehenden Wirkun-
gen. Dies umfasst sämtliche Aspekte der Verhaltensabsicht, der wahrgenomme-
nen individuellen Verhaltenskontrolle, der Antizipation des Verhaltens Anderer
sowie der Wirksamkeit des eigenen Handelns (vgl. Huijts et al. 2012; Schweizer-
Ries et al. 2010; Ajzen 1991; Schmidt 2015; Schönecker 1980; Thomas 1976;
Hilbig 1984; Wahl 2001; Rogers 2003; Kollmann 1998; Köberle 1994).
Elementarer Teil des Akteurhandelns ist deren Kommunikation. Die vielen
Gestaltungsmöglichkeiten dieser zeigen eine Vielzahl potentieller Stellschrauben
bzw. Einflusspunkte für Konflikt und Akzeptanz auf. Basis sind die kommunika-
tive Strategie sowie die daraus resultierenden Kommunikationsmaßnahmen bzw.
das Kommunikationsverhalten der Akteure (vgl. Striegnitz 2010; Peterson &
Franks 2006; Mautz 2010; Feindt 2010; Saretzki 2010; Schäfer & Keppler 2013;
Rogers 2003). Hinzu kommt der Einfluss des Kommunikationszeitpunkts (vgl.
Schweizer-Ries et al. 2010; Sarcinelli 2011), der Kommunikationskanäle und
-formen (z.B. persönliche Kommunikation, soziale Medien, eigene Medien,
Massenmedien, vgl. Brettschneider & Vetter 2011; Stotz & Kaim 2011; Flachs-
barth 2011; Brettschneider 2011) sowie die Art der Kommunikation (Einweg-
kommunikation oder Zweiwegekommunikation? Ausmaß des Mitspracherechts?,
vgl. Schweizer-Ries et al. 2010). Entscheidend ist hierbei auch, in welcher Form
3.1 Einflussgrößen auf Konflikt und Akzeptanz 57

und welchem Verhältnis emotionale und sachliche Aspekte aufgegriffen werden


(vgl. Kroeber-Riel et al. 2011; Fischer et al. 2002; Mendelberg 2002; Ohlhorst &
Schön 2010; Huijts et al. 2012; Zimmermann 2009; Schwarz, Gerhard 2010;
Hüsing et al. 2002) und mit welchem Maß an Qualität die Kommunikation ein-
hergeht (z.B. von Kommunikationsprodukten, der Umsetzung, vgl. Ewen 2012,
2009; Brettschneider & Vetter 2011; Flachsbarth 2011; Wittke 2011).
Dieser durch Feinheiten geprägte Kommunikationsmodus nimmt unter ande-
rem Einfluss darauf, welches Image und welche Glaubwürdigkeit der Kommunika-
tion zugesprochen wird (vgl. Glasl 2013; Schweizer-Ries et al. 2010; Hüsing et al.
2002), die wiederum eng an Image und Glaubwürdigkeit der Akteure selbst ge-
knüpft sind (vgl. Benighaus et al. 2010; Schweizer-Ries et al. 2010; Feindt 2010;
Köberle 1994). Dies spiegelt sich auch in dem Maß von Vertrauen und Reputation
wider, die den Kommunizierenden entgegengebracht bzw. zugestanden werden
(vgl. Schweizer-Ries et al. 2010; Linkohr 2011; Brinker 2011; Wahl 2001; Hüsing
et al. 2002). Diese Wirkung wiederum hängt insgesamt davon ab, welche Erwar-
tungen die Akteure an den Prozess mitbringen, wie sie sich selbst, die anderen
Akteure und die Situation bzw. das Umfeld wahrnehmen und bewerten und anhand
welcher Kriterien diese Bewertungen im Einzelnen vorgenommen werden (vgl.
Glasl 2013; Kroeber-Riel et al. 2011; Brettschneider 2011; Ueberhorst 2010; Sa-
retzki 2010; Schreck 1998; Venkatesh & Davis 2000; Pankow 1986; Liebecke et
al. 2011; Hilbig 1984; Schwarz, Gerhard 2010; Kollmann 1998).
Die individuellen Eigenschaften finden Ergänzung durch überindividuelle
Eigenschaften der Akzeptanzsubjekte. Bezeichnet werden hiermit beispielsweise
Anzahl und Vollständigkeit der Akteure bzw. des Akteursportfolios sowie die
Konstellation und Netzwerke, die sich zwischen den Akteuren eines Großprojek-
tes bilden (vgl. Umbach 2011; Bürki 2011; Brettschneider 2011; Feindt 2010;
Ohlhorst & Schön 2010; Saretzki 2000; Glasl 2013; Schweizer-Ries et al. 2010;
Zimmermann 2009; Granoszewski & Spiller 2012a; Köberle 1994). Hinzu
kommen die sozialen Dynamiken in und zwischen Gruppen sowie die Rollen
einzelner (Schlüssel)Personen (vgl. Glasl 2013; Mendelberg 2002; Thomas
1976; Troja 2001; Renn 1998; Schwarz, Gerhard 2010; Köberle 1994). Abhän-
gigkeiten und Machtverhältnisse zwischen den Akteuren wirken sich hierbei
steuernd auf diese Prozesse aus (vgl. Österreichischer Ingenieur- und Architek-
tenverein 2003; Mendelberg 2002; Glasl 2013; Benighaus et al. 2010; Sünder-
hauf 1997; Renn 1998; Sokianos 1981; Zimmermann 2009; Schönecker 1980;
Voßebürger & Weber 1998; Wiedemann 1995; Appel 2013; Köberle 1994).
58 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

3.1.3 Einflussgrößen mit Kontextbezug

Einflüsse, die weder ausschließlich den Subjekten noch dem Objekt zugeordnet
werden können, sondern Eigenschaften beider Elemente enthalten, werden zu den
Kontextfaktoren der Akzeptanz- und Konfliktgenese gezählt. Diese beziehen auch
Einflussgrößen ein, die erst durch die Genese von Konflikt bzw. Akzeptanz ent-
stehen, im weiteren Verlauf jedoch ebenfalls beeinflussend wirken können. Aus-
gangspunkt ist die Situation, die Anlass für die Initiierung eines Großprojekts
gibt. Welches Problem/welche Situation soll mithilfe des Objektes gelöst werden?
Wie lässt sich die Ausgangssituation charakterisieren (vgl. Degenhardt 1986;
Eidenmüller 1986; Joseph 1990; Helmreich 1980; Wahl 2001; Reichwald 1978;
Sokianos 1981; Zimmermann 2009; Rogers 2003)? Zu den Eigenschaften der
Ausgangssituation kommt der Einfluss der hierauf aufbauenden Prozesse im
Rahmen des Projekts. Welche Herangehensweise wird zur Bewältigung der Situa-
tion gewählt und welche Prozessziele werden verfolgt? Wie laufen die Prozesse
ab und inwiefern finden Transparenz, Fairness, Legalität und Legitimität hierbei
Beachtung (vgl. Linkohr 2011; Ueberhorst 2010; Mendelberg 2002; Renn 1994;
Flachsbarth 2011; Schweizer-Ries et al. 2010; Brettschneider 2011; Huijts et al.
2012; Schmidt 2015; Thomas 1976, 1976; Troja 2001; Hilbig 1984; Renn 1998;
Appel 2013; Köberle 1994)? Der Komplexität dieser Prozesse und Strukturen
wird hierbei ebenfalls ein bedeutender Einfluss zugesprochen (vgl. Appel 2013),
ebenso wie den Dynamiken eines Prozesses, beispielsweise im Sinne des gelebten
Umgangsstils, der Stimmung und der Intensität, mit der die Prozesse ablaufen
(vgl. Glasl 2013; Feindt 2010; Saretzki 2010; Benighaus et al. 2010; Ewen 2012;
Glasl 2013; Brettschneider 2011; Brinker 2011; Troja 2001; Sokianos 1981;
Zimmermann 2009; Granoszewski & Spiller 2012a). Moderierend wirken dabei
das Maß an Freiwilligkeit bzw. Zwang oder Einschränkungen im Rahmen der
Prozesse (vgl. Venkatesh & Davis 2000; Venkatesh et al. 2003; Schmidt 2015;
Thomas 1976; Hilbig 1984; Wallau 1990; Agarwal & Prasad 1997; Pfetsch 2006).
Werden in Bezug auf die Akzeptanzsubjekte deren kommunikative Verhal-
tensweisen zu den Einflussfaktoren gezählt, so darf bei Betrachtung des Kontextes
der Einfluss des insgesamt entstehenden Kommunikationsmodus auf den Prozess
nicht übersehen werden (vgl. Umbach 2011; Schweizer-Ries et al. 2010; Ewen
2012; Flachsbarth 2011; Ohlhorst & Schön 2010; Schäfer & Keppler 2013; Joseph
1990; Schreck 1998; Liebecke et al. 2011; Hilbig 1984; Wahl 2001; Sokianos
1981; Zimmermann 2009; Granoszewski & Spiller 2012a; Schwarz, Gerhard 2010;
Appel 2013). Gleiches gilt für die Themen, die über einzelne Kommunikationsakte
hinaus im Rahmen eines Prozesses insgesamt von Bedeutung sind und mit unter-
schiedlichen Auswirkungen einhergehen können, beispielsweise Priming-Effekten,
also der Beeinflussung von individuellen Bewertungs- und Verhaltensmustern
(vgl. Bürki 2011; Ohlhorst & Schön 2010; Glasl 2013; Schäfer & Keppler 2013;
3.1 Einflussgrößen auf Konflikt und Akzeptanz 59

Ewen 2012; Stotz & Kaim 2011; Wixom & Todd 2005; Mathes 1989). Hierbei
spielt die Medienberichterstattung eine bedeutende Rolle, die durch Auswahl und
Gewichtung von Themen die Bedeutungszuschreibung in der Öffentlichkeit bzw.
bei den Akteuren beeinflussen kann (Agenda-Setting, vgl. z.B. McCombs & Shaw
1972; Brettschneider 2005), in deren Anschluss wiederum Priming-Effekte ausge-
löst werden können. Ebenso besteht die Möglichkeit der Beeinflussung durch die
mediale Gestaltung von Interpretationsschemata der Themen eines Großprojektes
bzw. seiner Prozesse (Framing, vgl. Mathes 1989; Kepplinger 1989; Renn 1994).
Das im Rahmen der subjektbezogenen Faktoren angeführte individuelle
Wert- und Normengefüge findet Ergänzung durch den Normen- und Wertekon-
text eines Projektes insgesamt (vgl. Noelle-Neumann 1993; Schäfer & Keppler
2013; Thomas 1976; Venkatesh & Davis 2000; Schmidt 2015; Schönecker 1985;
Degenhardt 1986; Venkatesh et al. 2003; Pankow 1986; Liebecke et al. 2011;
Wallau 1990; Wahl 2001; Reichwald 1978; Filipp 1996; Renn 1998). Diese auf
gesellschaftlicher Ebene zu verortenden Einflüsse können um Regelungen, Insti-
tutionen und Akteure, die der Gestaltung des Gemeinwesens dienen und damit
die politische Komponente miteinbringen, bereichert werden (vgl. Benighaus et
al. 2010; Saretzki 2010; Coenen 2002; Ewen 2012; Leonhardt 2011; Renn 1998;
Pfetsch 2006). Neben grundsätzlichen politischen Strukturen und Institutionen
umfassen diese (politische und rechtliche) Vorgaben und Verfahren, die bei
einem Großprojekt Anwendung finden (z.B. Genehmigungsverfahren, Beteili-
gungsverfahren, Einsatzbestimmungen; vgl. Schäfer & Keppler 2013; Mautz
2010; Linkohr 2011; Ewen 2012; Striegnitz 2010; Flachsbarth 2011; Schweizer-
Ries et al. 2010; Renn 1998; Zimmermann 2009; Granoszewski & Spiller 2012a;
Schwarz, Gerhard 2010; Kollmann 1998; Appel 2013) sowie die dazugehörigen
politischen Prozesse, Akteure und Entscheidungen (vgl. Schäfer & Keppler
2013; Ohlhorst & Schön 2010; Pütter 2011; Saretzki 2010; Deutsche Akademie
der Technikwissenschaften 2011; Wittke 2011; Brettschneider 2011; Pankow
1986; Granoszewski & Spiller 2012a; Appel 2013; Köberle 1994). Neben den
politischen Rahmenbedingungen können potentiell auch ökonomische Rahmen-
bedingungen (vgl. Granoszewski & Spiller 2012a; Renn 1998) oder allgemeine
sozio-demographische Strukturen der Gesellschaft (soziale, wirtschaftliche, öko-
logische, physisch-räumliche, kulturelle Faktoren etc., vgl. Schäfer & Keppler
2013; Reuber 1999; Gruber 2009; Zimmermann 2009; Granoszewski & Spiller
2012a; Schwarz, Gerhard 2010) den Akzeptanz- bzw. Konfliktbildungsprozess
bei Großprojekten beeinflussen. Makroperspektivisch kommen zudem histori-
sche und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, z.B. allgemeine Modernisie-
rungsprozesse oder Grundkonflikte bzw. Konfliktlinien hinzu (vgl. Feindt 2010;
Ohlhorst & Schön 2010; Saretzki 2010). Neben diesen eher langfristig einzu-
schätzenden Faktoren können auch kurzfristige, teilweise überraschende Ereig-
nisse und allgemeine Entwicklungen und Einflüsse höherer Gewalt zu den poten-
60 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

tiellen Determinanten gezählt werden. Dies umfasst z.B. Katastrophen, Wahlen


und Großveranstaltungen (vgl. Schäfer & Keppler 2013; Ohlhorst & Schön
2010; Ewen 2009; Brettschneider 2011; Leonhardt 2011).
Die Vielfalt und Vielzahl der denkbaren Einflussfaktoren in Akzeptanz- und
Konfliktprozessen bei Großprojekten wird von einigen weiteren Aspekten mit
katalysatorischer Funktion begleitet. Dies sind zum einen die zeitlichen Aspekte
eines Projektes und seiner Prozesse, beispielsweise Zeitpunkte und Zeiträume
(vgl. Brettschneider & Vetter 2011; Schweizer-Ries et al. 2010; Stotz & Kaim
2011; Flachsbarth 2011; Ohlhorst & Schön 2010; Ueberhorst 2010; Eidenmüller
1986; Zimmermann 2009), aber auch dynamische Aspekte, z.B. die Wechselwir-
kungen zwischen verschiedenen Einflussfaktoren (vgl. Feindt 2010; Ewen 2009;
Saretzki 2010; Ohlhorst & Schön 2010; Zimmermann 2009; Schwarz, Gerhard
2010; Pfetsch 2006; Appel 2013; Köberle 1994). Hinzu kommt, ob die Prozesse
auf Mikro-, Meso- oder Makroebene ablaufen (vgl. Benighaus et al. 2010; Glasl
2013; Ohlhorst & Schön 2010; Feindt 2010; Leonhardt 2011; Troja 2001; Zim-
mermann 2009).

3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Einflussgrößen legt neben der Identifi-


zierung und Beschreibung dieser die Ergründung ihrer Verbindungen und Wir-
kungsweisen nahe. Auch hier ist eine integrative Betrachtung von konflikt- und
akzeptanzbezogenen Ansätzen empfehlenswert, um eine pragmatische Annähe-
rung an die komplexe Realität von Großprojekten zu ermöglichen. Vorangehen-
de Ausführungen lassen bereits erahnen, dass sich je nach Konflikt- bzw. Akzep-
tanzobjekt die Faktoren in Zusammensetzung und Wirkungsweise ändern. Um
dies gezielt anhand von Großprojekten aus vier zentralen Themenbereichen un-
tersuchen zu können, bedarf es zunächst einer Sichtung und Erläuterung der in
der Literatur verzeichneten Modelle und Ansätze. Der Fokus liegt dabei auf der
Betrachtung der Gestaltungsideen, die diese Ansätze für die Konflikt- und Ak-
zeptanzgenese entwickeln38.
Die Ansätze und Modelle, die sich der Erklärung der Genese von Akzeptanz
in Abhängigkeit ihrer Einflussfaktoren verschrieben haben, basieren auf unter-
schiedlichen Grundannahmen. Zu den häufigsten zählt dabei der in Kapitel 2.3.2

38 Im Hinblick auf diese Zielsetzung wird auf Kritik einzelner Ansätze und Modelle verzichtet,
wohlwissend, dass vielerlei Kritik bei den nachfolgend vorgestellten Ansätzen geübt werden
kann. Hierfür sei jedoch auf Kollmann (1998); Schnell (2008); Schäfer & Keppler (2013);
Fazel (2014); Schmidt (2015); Renn (1998); Benighaus et al. (2010); Zimmermann (2009);
Voßebürger & Weber (1998); Troja (2001); Schreck (1998); Schmaltz (2009) und Glasl (2013)
verwiesen, die sich mit einzelnen Ansätzen und deren Defiziten detailliert auseinandersetzen.
3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz 61

erläuterte Gedanke, dass eine bestimmte Einstellung Einfluss auf eine Handlung
bzw. Verhaltensweise nehmen kann (vgl. Schmidt 2015:18; bzw. auch Eagly &
Chaiken 1993; Kim & Hunter 1993). Aber auch der möglichen Diskrepanz zwi-
schen Einstellung und Verhalten, mit Bezug auf konträr verlaufende Einstellungs-
und Verhaltensrichtungen, wird in einigen Ansätzen Raum gegeben (vgl. z.B.
Preisendörfer 1999). Der Stammbaum (vgl. Schmaltz 2009:41ff.) von Modellen
und Ansätzen der Akzeptanzforschung lässt sich dabei vor allem auf Ansätze der
Diffusionsforschung sowie der Theory of Reasoned Action (vgl. Fishbein & Ajzen
1975) zurückverfolgen. Letztere stellt die Basis für das vielfach herangezogene
Technology Acceptance Model (TAM) nach Davis (1989) und seine Modifikatio-
nen (z.B. TAM2, TAM3, vgl. Venkatesh & Davis 2000; Venkatesh & Bala 2008)
sowie die Theory of Planned Behavior dar (vgl. Ajzen 1991), die ebenfalls in Tei-
len weiter modifiziert wurde. Diese Strömungen finden u.a. Ergänzung durch An-
sätze, die die Nutzerzufriedenheit in den Mittelpunkt stellten. Inhaltlich beziehen
sich Ansätze der Akzeptanzforschung vorwiegend auf technische Innovationen,
vor allem der Informations- und Kommunikationstechnologie. Neuere Ansätze
befassen sich hingegen auch mit Objekten des Technik-, Umwelt- oder Natur-
schutzbereiches (z.B. Naturschutzgroßgebiete, erneuerbare Energien).
Die Konfliktforschung ist aufgrund ihrer Historie durch Objekte aus dem poli-
tischen Bereich (z.B. Staaten, Institutionen) und aus dem wirtschaftlichen Bereich
(z.B. Organisationen, Gruppierungen) geprägt. Objekte des Technik-, Umwelt-
oder Naturschutzbereichs haben jedoch mit der Zeit ebenfalls Einzug gehalten.
Zur Unterscheidung von Akzeptanzmodellen wird gemeinhin eine Struktu-
rierung dieser anhand der ihnen zugrunde liegenden Beziehung von Ursache und
Wirkung der Akzeptanzfaktoren vorgenommen (vgl. Filipp 1996:26). Unter-
schieden wird hierbei in Input-, Input-Output-, Rückkopplungs- und Phasenmo-
delle (vgl. Schäfer & Keppler 2013; Filipp 1996; Kollmann 1998). Diese Struk-
turierungsweise nimmt Bezug auf den Fokus der Modelle, ob beispielsweise
ausschließlich Inputgrößen betrachtet werden oder auch Rückkopplungsprozesse
Beachtung finden. Bei Konfliktmodellen wird maßgeblich nach Struktur- und
Prozessmodellen sowie integrativen Modellen unterschieden. Erstere rücken die
Entstehung von Konflikten, zweitere den Verlauf dieser in den Mittepunkt. In-
tegrative Modelle greifen sowohl Struktur- als auch Prozesselemente auf (vgl.
Werpers 1999:13). Ergänzend bietet die Sozialwissenschaft allgemeine Struktu-
rierungsweisen beispielsweise nach Ebene (Mikro/Meso/Makro, vgl. z.B. Bona-
cker 2008) oder in Überschneidung hierzu nach strukturbezogenen, interaktions-
bezogenen, sozialpsychologischen, soziologischen/politischen und spieltheoreti-
schen Aspekten (vgl. z.B. Messmer 2003).
Mit Blick auf das Ziel der Analyse zentraler Einflussfaktoren auf die Ak-
zeptanz bzw. den Konflikt bei Großprojekten empfiehlt sich die Anwendung
einer faktor- und wirkungsweisezentrierten Systematisierung. Die vorliegende
62 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

Arbeit wird deshalb nach Input-, Input-Output-, Rückkopplungs- und Phasenmo-


dellen strukturiert. Auf eine grafische Darstellung der Ansätze wird aus Gründen
der Vergleichbarkeit und Übersichtlichkeit verzichtet39. Der Schwerpunkt liegt
dabei auf der Darstellung und Erklärung von Faktoren und Prozessen, die für die
Entstehung und Entwicklung unterschiedlicher Grade von Akzeptanz respektive
Konflikt zentral sind – in entsprechender Weise wurden die nachfolgenden An-
sätze und Modelle ausgewählt. Modelle bzw. Ansätze, die den Fokus auf psychi-
sche Entscheidungs- und Bewertungsprozesse und Strukturen oder soziologi-
sche/politische Abläufe legen, wurden nur am Rande behandelt bzw. dann, wenn
der Gesamtprozess und die Wirkungsweise ebenso Beachtung fanden.
Obwohl die vorigen Erläuterungen zum Akzeptanz- und Konfliktbegriff
dieser Arbeit die gemeinsame Bedeutung von Verhaltens- und Einstellungsdi-
mension hervorheben, werden nachfolgend auch Ansätze vorgestellt, die nur eine
der beiden oder andere/weitere Dimensionen in Betracht ziehen. Übergreifende
Betrachtungen haben gezeigt, dass vor allem Autoren von Akzeptanzansätzen
bzw. -modellen unabhängig von der ihrerseits angenommenen Einstellungs-
Verhaltens-Relation wichtige Erkenntnisse für die Genese von Akzeptanz bzw.
Nicht Akzeptanz und Konflikt beitragen.

3.2.1 Input-Modelle

Der Fokus von Input-Modellen liegt auf den direkt und konstituierend wirkenden
Einflussgrößen (vgl. Kollmann 1998:73ff.), wodurch der Erklärungsansatz für
das Zustandekommen von Akzeptanz bzw. Konflikt auch rein von diesen Ein-
flussgrößen ausgeht. Hauptaugenmerk dieser Ansätze liegt auf einer einfachen
Darstellung der Prozesse bzw. Faktoren (vgl. Kollmann 1998:78). Zu den über-
sichtlichsten Ansätzen zählt der Ansatz von Allerbeck & Helmreich (1984), die
bei ihrer Forschung über die Akzeptanz neuer Bürotechnologien die Faktoren
Technik, Mensch und die auszuführende Aufgabe in den Mittelpunkt rücken und
dabei zugleich Akzeptanzsubjekt, -objekt und -kontext unterscheiden. Die Gene-
se von Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz sehen Allerbeck & Helmreich in der
gegenseitigen Beeinflussung dieser Faktoren40. Schönecker (1985) differenziert

39 Die Originalquellen, aus denen die Ansätze entnommen wurden, enthalten teilweise grafische
Abbildungen der Ansätze. Da die Ausführungen dieser Arbeit in Teilen auf diesen Modellen ba-
sieren, wird im nachfolgenden Text sowohl von Ansätzen als auch von Modellen gesprochen,
obwohl hier auf Grafiken verzichtet wurde.
40 Ähnlich gestaltet sich auch der Ansatz von Eidenmüller (1986), der die Faktoren Benutzer
(Motivation durch Nutzen, Zeitpunkt des Einbeziehens, Weiterbildung), Technik (Funktionen,
Ergonomie und technischer Reifegrad, Datenschutz) und Arbeitsorganisation (Aufgabenstruk-
tur und -gestaltung, Handlungsspielräume) unterscheidet.
3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz 63

diese Bedingungen in ähnlichem fachlichen Kontext leicht aus und unterscheidet


fünf Faktoren: Technikgestaltung (Handhabungsbedingungen), organisatorische
Einsatzbedingungen (situative Rahmenbedingungen), soziales Umfeld (Verhal-
ten des Vorgesetzten), Schulung und Betreuung sowie Einführung der Technolo-
gie. Er setzt dabei ebenso wie Joseph (1990), der vier Faktoren unterscheidet
(Betreuung der Mitarbeiter, Technik und Ergonomie, Arbeitsorganisation bzw.
Kontext, Merkmale der Akzeptanzsubjekte) neben den drei Grundkomponenten
(Akzeptanzsubjekt, -objekt und -kontext) auf die Ausweitung der Bedeutung
sozialer Einflussgrößen, indem soziale Prozesse und Gegebenheiten in unter-
schiedlicher Ausprägung (z.B. Betreuung, Partizipation, Vorgesetztenverhältnis)
stärker beachtet werden. Auch Degenhardt (1986) erweitert in seinem Ansatz,
der sich ebenfalls auf die Akzeptanz von Bürotechnologie bezieht, das klassische
Dreigestirn vor allem um einen zentralen Faktor, nämlich das Kosten-Nutzen-
Verhältnis. Hierbei wirken sich die Merkmale des Akzeptanzobjekts (System-
konfiguration), des Akzeptanzsubjekts (Benutzermerkmale) und der zu erledi-
genden Aufgabe in Form des Kontextes auf die wahrgenommene Nützlichkeit
des Systems sowie das Kosten-Nutzen-Verhältnis aus. Diese beiden Faktoren
beeinflussen, ergänzt durch den Faktor der Akzeptierbarkeit (subjektive Bewer-
tung des Akteurs, ob dieser das Akzeptanzobjekt prinzipiell überhaupt akzeptie-
ren möchte), das Maß an Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz. Auch Huijts et al.
(2012) räumen der Wahrnehmung von Kosten- und Nutzeneffekten Bedeutung
ein, wobei sich das Modell nicht auf Bürotechnologie, sondern auf erneuerbare
Energien bezieht, womit es besondere Bedeutung für das vorliegende For-
schungsinteresse erlangt. Vereinfacht ausgedrückt, wirkt sich aus Sicht von
Huijts et al. (2012) das Vertrauen eines Akteurs auf dessen Gefühlswelt sowie
die wahrgenommenen Kosten, Risiken und den Nutzen, die durch die Technolo-
gie entstehen können, aus. Diese Faktoren, ergänzt durch Fairnesskomponenten
(sowohl verfahrensbezogener als auch distributiver Art), beeinflussen wiederum
die Einstellung des Akteurs. Die wahrgenommenen Kosten, Risiken und der
Nutzen beeinflussen zugleich, zusammen mit der praktischen Wirksamkeit der
Technologie und der Problemwahrnehmung, die persönliche Norm, die als eine
Art Handlungsmotivation angesehen werden kann. Einstellung und persönliche
Norm beeinflussen schlussendlich zusammen mit der sozialen Norm sowie der
wahrgenommenen Verhaltenskontrolle die Intention, eine Technologie prinzipi-
ell zu akzeptieren bzw. nicht zu akzeptieren, woraus sich das endgültige Maß an
Akzeptanz entwickelt. Erfahrungswissen und Faktenwissen umranden den ge-
samten Prozess (vgl. Schäfer & Keppler 2013:30f.).
Die Beachtung der durch ein Objekt entstehenden Kosten und Nutzen findet
sich auch bei dem Akzeptanzmodell schlechthin, dem Technology Acceptance
Model (TAM) von Davis (1989) wieder, das im Laufe der Jahre Stück für Stück
modifiziert wurde. Das Modell basiert auf den Annahmen der Theory of Rea-
64 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

soned Action (Fishbein & Ajzen 1975) bzw. der Theory of Planned Behavior
(Ajzen 1991). Hierbei wird die Verhaltensabsicht (und das darauffolgende Ver-
halten) durch Einstellungen und Normen beeinflusst, im Falle der Theory of
Planned Behavior zudem ergänzend durch die wahrgenommene Verhaltenskon-
trolle (Voraussetzungen, die für das Verhalten notwendig sind). Im Technology
Acceptance Model (TAM) von Davis (1989)41 beeinflussen externe Einflussvari-
ablen, allen voran das Akzeptanzobjekt selbst, den wahrgenommenen Nutzen
sowie die wahrgenommene Komplexität (bzw. Leichtigkeit) der Nutzung. Letz-
tere wirkt sich zugleich auch direkt auf den wahrgenommenen Nutzen aus. Die
Einstellung (Einstellungsakzeptanz) hängt von diesen beiden Wahrnehmungen
ab. Von der Einstellungsakzeptanz wiederum hängt dann das Maß der Verhal-
tensakzeptanz (tatsächliche Nutzung) ab. In einer leicht modifizierten Form des
Modells (vgl. Davis et al. 1989) wird die Einstellungsakzeptanz ausgelassen und
ein direkter Einfluss von wahrgenommenem Nutzen und Leichtigkeit der Nut-
zung auf die Verhaltensabsicht beschrieben.
Im Technology Acceptance Model 2 von Venkatesh & Davis (2000) werden
die externen Einflussvariablen (Akzeptanzkontext) differenziert ausgeführt: Der
wahrgenommene Nutzen sowie die Verhaltensabsicht werden dabei durch Nor-
men, das Maß an Freiwilligkeit, imagebezogene Einflüsse, die praktische Relevanz
des Objekts, die vermutete Qualität der Ergebnisse und die Wahrnehmbarkeit der
Ergebnisse beeinflusst, ergänzt durch die von Davis bereits aufgeführte Leichtig-
keit der Nutzung. Zudem beeinflussen laufende Erfahrungswerte die Ausbildung
der Verhaltensabsicht. Im erneut ergänzten Modell (Technology Acceptance Mod-
el 3, vgl. Venkatesh & Bala 2008) werden zusätzlich Faktoren mit Bezug zum
Akzeptanzobjekt näher ausgeführt, welche die Leichtigkeit der Nutzung beeinflus-
sen. Sie können unterteilt werden in verankerte Voreinstellungen (z.B. prinzipielle
Angst vor dem Objekt) und direkt gebildete Erfahrungen (Spaß, Nützlichkeit). Die
vereinheitlichte Technologieakzeptanz und -nutzungstheorie (Unified Theory of
Acceptance and Use of Technology, UTAUT, vgl. Venkatesh et al. 2003) integriert
zahlreiche Aspekte des Technology Acceptance Models (vgl. Davis et al. 1989),
der Theory of Planned Behavior (vgl. Ajzen 1991) sowie der Diffusionstheorie.
Erwarteter Nutzen und erwarteter Aufwand sowie der soziale Einfluss wirken sich
dabei auf die Verhaltensabsicht aus. Diese und unterstützende Gegebenheiten
beeinflussen dann die finale Nutzungsabsicht. Die Faktoren Geschlecht, Alter,
Erfahrung sowie der Grad der Freiwilligkeit der Nutzung wirken dabei moderie-
rend auf den Gesamtprozess.
Der erwartete Nutzen bzw. die Nützlichkeit eines Objektes steht auch bei
Wixom & Todd (2005) im Vordergrund, die aus dem Bereich der Diffusions-
und Nutzungsforschung stammen. Sie definieren die Nützlichkeit als zentrale

41 Nach Simon (2001).


3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz 65

Determinante der Akzeptanz von Informationstechnologie. Der Ansatz basiert


auf der Wahrnehmung und Bewertung von Eigenschaften des Akzeptanzobjekts
(hier unterteilt in eine systemische und eine inhaltliche Komponente): Verläss-
lichkeit, Flexibilität, Integration, Zugänglichkeit und Termingerechtigkeit beein-
flussen die Annahmen, die das Individuum (Akzeptanzsubjekt) über die System-
qualität der Technologie trifft. Vollständigkeit, Genauigkeit, Format und Aktua-
lität beeinflussen die Annahmen, die über die Informationsqualität der Techno-
logie getroffen werden. Hieraus bilden sich die objektbasierten Einstellungen,
also die Zufriedenheit mit Information und System, wobei die Systemzufrieden-
heit sich auch auf die Informationszufriedenheit auswirkt. Durch die Systemzu-
friedenheit wird dann die Wahrnehmung der Systemkomplexität geprägt und
hierdurch sowie durch die Informationszufriedenheit die wahrgenommene Nütz-
lichkeit. Nützlichkeit und Komplexität wirken sich schlussendlich auf die Ein-
stellung, gefolgt von der Verhaltensabsicht aus (auf Letztere nimmt zudem auf
direktem Weg zusätzlich die Nützlichkeit Einfluss).
Auf einen ganz anderen Aspekt gehen Huijts et al. (2012) ebenso wie auch
Schweizer-Ries et al. (2010) ein: die Frage des Einflusses von Fairness bzw.
Gerechtigkeit auf die Akzeptanz.
Der Einfluss von Gerechtigkeit liegt im Fokus des Ansatzes von Schweizer-
Ries et al. (2010), die sich mit der Akzeptanz von erneuerbaren Energien be-
schäftigen. Der gerechten Verteilung von Kosten und Nutzen wird dabei auf
Basis empirischer Erkenntnisse der gleiche Einfluss auf die finale Akzeptanz
eines konkreten Projekts eingeräumt wie der prinzipiellen Akzeptanz der dahin-
terstehenden Technologie. Einen etwas geringeren, jedoch trotzdem wichtigen
Einfluss auf die Akzeptanz nimmt die Gerechtigkeit des Verfahrens. Akzeptanz
geht in diesem Ansatz von einer positiv gerichteten Einstellung in Kombination
mit einer ebenso ausgerichteten Handlung aus.
Zöllner (2011 siehe Schäfer & Keppler 2013) greift dies in seinem Ansatz
auf: Im Sinne der klassischen Dreiteilung nehmen die Eigenschaften der Techno-
logie als Akzeptanzobjekt, des Objektkontextes und der Akteure als Akzeptanzsub-
jekte Einfluss auf das Ausmaß von Akzeptanz. Ergänzt werden die drei Determi-
nanten durch Faktoren der Verfahrensgestaltung, die neben der Gerechtigkeits- und
Fairnesskomponente beispielsweise auch Beteiligungsmöglichkeiten und Vertrau-
ensaspekte aufgreift. Gerade der Hinweis auf die Bedeutung von Beteiligungsmög-
lichkeiten scheint hierbei relevant. Zwar weisen bereits vorige Ansätze vereinzelt
auf die Bedeutung von Kommunikation hin, jedoch eher in Form von Information,
z.B. bei Schulungen und Erklärungen bzgl. des Akzeptanzobjektes. Ein Kommuni-
kationsverständnis, das jedoch neben einseitiger Information auch zweiseitige
Interaktion und ein zunehmendes Maß an Einfluss, womit Beteiligungsformen
inkludiert werden, umfasst, findet in den bislang erläuterten Ansätzen kaum Be-
achtung.
66 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

Auch Liebecke et al. (2011) greifen Kommunikation und Beteiligung in ihrem


Ansatz zur Akzeptanz von Naturschutzgroßgebieten auf, allerdings ebenfalls nur
als Teilaspekt. „Die Akzeptanzsubjekte, die sich in soziodemographischen Variab-
len, dem Wohnort bzw. den grundlegenden Naturvorstellungen unterscheiden,
entwickeln über unterschiedliche Wahrnehmungsebenen eine Einstellung zum
Akzeptanzobjekt“ (Liebecke et al. 2011:9). Letztere wird zugleich durch Eigen-
schaften des Akzeptanzobjekts beeinflusst. Genauer gesagt erfolgt die Einstel-
lungsbildung auf Basis der Wahrnehmungsebenen und des Akzeptanzobjekts über
die Operationalisierung durch vier Arten von Akzeptanzfaktoren: kulturelle Fakto-
ren (z.B. traditionelle Nutzungs- und Umgangsformen), persönliche Faktoren (z.B.
durch das Objekt ausgelöste Gefühle), Art und Ausmaß der Partizipation und
Kommunikation sowie der wirtschaftlichen Bedeutung des Akzeptanzobjekts.
Der Ansatz von Schreck (1998), der sich auf die Akzeptanz von „sperrigen
Infrastruktureinrichtungen“ bezieht, geht genauer auf die Wirkung von Beteili-
gung im Zusammenspiel mit anderen Faktoren ein. Schreck berücksichtigt in
ihrem Modell vor allem räumliche und soziostrukturelle Dimensionen sowie die
Nutzungs-/Betriebsphase von Akzeptanzobjekten. Hinsichtlich der Beteiligung
von Akteuren stellt Schreck (1998:113f.) fest, dass die Teilnahmewahrschein-
lichkeit mit zunehmender Nähe zum Akzeptanzobjekt ansteigt. Der Beteiligung
(an der Planung) schreibt sie dann direkte und indirekte Wirkungen auf die Ak-
zeptanz zu: Direkt wirkt sich Beteiligung negativ auf die Akzeptanz aus. Indirekt
führt Beteiligung in Schrecks Modell zu einer schlechteren Bewertung der Pla-
nung, wodurch unter anderem die Akzeptanz ebenfalls abnimmt. Zugleich nimmt
bei Beteiligung die wahrgenommene Belästigung zu, die sich wiederum negativ
auf die Akzeptanz auswirkt. Schreck räumt jedoch einschränkend ein, dass hier
vor allem kritische Akteure an den Beteiligungsformen teilgenommen haben,
deren negative Einstellung sich durch die Beteiligung also eher weiter verstärkt.
Die positiv eingestellten Personen sehen sich durch den Projektträger ausrei-
chend vertreten, wodurch die eigene Beteiligung weniger attraktiv bzw. notwen-
dig erscheint (vgl. Schreck 1998:114).
Leonhardt (2011) greift mit ihrem Ansatz aus der Konfliktforschung in der
Entwicklungsarbeit einen ganz anderen Aspekt auf. Sie thematisiert den Einfluss
von Faktoren der Makroebene als moderierende Faktoren und nennt hierbei bei-
spielsweise Chancen und Trends, Institutionen, Ereignisse und Ebenen eines
Konflikts. Gemeinsam mit den verbleibenden Faktoren unterliegen sie dabei
keiner bestimmten Ordnung. Zahlen und Fakten eines Konflikts (Konfliktprofil)
zählen ebenso wie Art und Ausmaß der beteiligten Stakeholder zu den Einflüs-
sen. Hierbei sind auch die psychologischen und sozialen Strukturen und Prozesse
zu beachten. Die auslösenden und beeinflussenden Ursachen beziehen sich dabei
auf die Frage des Konfliktkerns. Auch Pankow (1986) thematisierte bereits den
Einfluss von auf Makroebene zu verortenden Einflussfaktoren. Gemäß seinem
3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz 67

Ansatz über die Akzeptanz bei Arbeitsprozessen, wirken sich gesellschaftliche


Einflüsse (z.B. politische Entwicklungen, Wertewandel) auf Persönlichkeits-
merkmale des Individuums aus, vor allem dessen Werte, Bedürfnisse, Erwartun-
gen und Wünsche. Hierdurch wird die individuelle Arbeitsmotivstruktur beein-
flusst, wodurch schlussendlich ein wünschenswerter Zustand (Soll-Zustand)
geprägt wird. Dem gegenüber stehen interne betriebliche Einflüsse, die sich auf
die Arbeitssituation auswirken, welche dann insgesamt der Wahrnehmung des
Individuums (Ist-Zustand) unterliegt. Der Vergleich von wahrgenommenem
Zustand und wünschenswertem Zustand wirkt sich auf das Maß an Akzeptanz
aus: Je geringer der Unterschied zwischen den beiden Zuständen, desto mehr
Akzeptanz wird dem Akzeptanzobjekt zugesprochen.
Obwohl zahlreiche der beschriebenen Ansätze nicht näher auf die Unter-
scheidung zwischen Einstellungs- und Verhaltensakzeptanz eingehen, wenden
sie diese an. Während Akzeptanz entweder als reine Einstellungsakzeptanz defi-
niert wird oder Verhalten einfach als gleichgerichtete Folge von Einstellung
verstanden wird, nimmt Schmidt (2015) in ihrem Ansatz bzgl. der Akzeptanz
alternativer Energieformen eine detailliertere Betrachtung beider Dimensionen
vor. Sie teilt Akzeptanz dabei ganz bewusst in eine Einstellungs- und eine Ver-
haltensdimension auf. Der wahrgenommene Nutzen und das wahrgenommene
Risiko, das von einem Akzeptanzobjekt dabei ausgeht, sowie die Erfahrung mit
Technik, Technikskepsis, Wissen über Technik sowie Mediennutzung, Betrof-
fenheit, Freiwilligkeit, Verfahrens-und Verteilungsgerechtigkeit sowie das Um-
weltbewusstsein des Akzeptanzsubjekts nehmen Einfluss auf die Einstellung
bzw. Einstellungsakzeptanz des Akteurs (Akzeptanzsubjekt). Persönliche Über-
zeugungen, sozialer Druck, der wahrgenommene Output (Leistung hinsichtlich
der Lösung des Problems) sowie die wahrgenommene Kontrolle über das eigene
Verhalten und prinzipielle Einstellung zum Verhalten (Nützlichkeit des Verhal-
tens) sowie die vorweg generierte Einstellung beeinflussen das Verhalten und
damit die Verhaltensakzeptanz.
Der Ansatz von Thomas (1976), der sich auf Konflikte in Organisationen
bezieht, wählt eine ganz andere Herangehensweise. Er bezieht sich auf zwei
grundsätzlich vorherrschende Strömungen der Konfliktbetrachtung: diejenigen,
welche die Gründe für Konflikt in der Struktur bzw. objektbezogen sehen, und
die diejenigen, welche die Ursachen in den Prozessen bzw. den Konfliktsubjek-
ten sehen (vgl. Glasl 2013:95). Thomas (1976) beschreibt diese zwei Paradigmen
von Konfliktmodellen anhand eines Strukturmodells und eines Prozessmodells:
Vertreter der objektbezogenen Perspektive sehen die zentralen Determinanten
von Konflikten in sachlichen, nicht auf Konfliktsubjekte bezogenen Einflüssen
und verfassen diese in Form von Strukturmodellen. Zu den zentralen Elementen
zählen aus Thomas‘ Sicht Verhaltensprädispositionen der sozialen Schicht, der
soziale Druck, Leistungsanreizsysteme sowie Rollen und Prozeduren (vgl. auch
68 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

Glasl 2013:97). Vertreter der subjektbezogenen Perspektive hingegen sehen


elementare Aspekte von Konflikten in psychischen und sozialen Aspekten der
Konfliktsubjekte, beispielsweise im individuellen Frustrationslevel von Kon-
fliktparteien, in subjektbezogenen Konfliktsituationsdefinitionen (Wahrnehmung
und Bewertung der Situation) sowie in den Verhaltensweisen und Reaktionen
der Subjekte (vgl. auch Glasl 2013:95ff.). Glasl (2013) integriert die beiden
Denkrichtungen zu einer linear-kausalen und rekursiv-vernetzten Denkweise.
Unter der Bezeichnung „sozial-ökologischer Ansatz“ empfiehlt er eine Verknüp-
fung struktureller und prozessualer Denkweisen.
Saretzki (2010) wählt bezüglich der Betrachtung von Konfliktobjekten aus
dem Umwelt- und Technikbereich eine ganz ähnliche Betrachtungsweise und
unterscheidet zur Analyse von Konflikten auf Basis der Ausführungen von Bona-
cker (2008) sachliche (gegenstandsbezogene) Einflüsse, soziale (akteursbezogene)
Einflüsse sowie prozedurale Einflüsse. Zu den gegenstandsbezogenen Einflüssen
zählt das Konfliktobjekt (Konfliktkern) sowie die dahinterstehende Technologie.
Der Konfliktkern bezieht sich dabei weniger auf das konkrete Projekt, sondern viel
mehr auf die zentralen Kontroversen des Konflikts, also beispielsweise Interes-
sensunterschiede, Kontroversen um System, Ordnung, Herrschaft, Macht oder
Werte. Soziale Einflüsse beziehen sämtliche soziale Elemente eines Konflikts
(Konfliktsubjekte) ein, d.h. z.B. Art und Zahl der Akteure, Dritter bzw. Intervenie-
render, Akteurskonstellation und -strategien, Interaktionsformen und Ebenen der
Konfliktaustragung. Einflüsse der prozeduralen Dimension beziehen sich auf Fak-
toren in Bezug auf eine mögliche Konfliktlösung, d.h. auf den Prozess der Konflik-
taustragung, der Konfliktvermittlung und der Konfliktregelung. Zur Beschreibung
und Erklärung von Konflikten des Technik- und Umweltbereichs empfiehlt Sa-
retzki die Betrachtung aller drei Dimensionen unter Einbeziehung des institutionel-
len Rahmens und des gesellschaftlichen Kontextes (Konfliktkontext).
Unabhängig davon, ob Ansätze zur Darlegung der Determinanten von Kon-
flikt und Akzeptanz die Unterscheidung von prozessualen und strukturellen Fak-
toren, die Aufteilung nach Objekt, Subjekt und Kontext, einer Hervorhebung von
einzelnen Faktorgruppen wie Kommunikation und Beteiligung oder Kosten-
Nutzen-Verhältnisse vornehmen, bleibt jedoch die Betrachtung von Wirkungs-
fragen außen vor. Diesen Aspekt greifen Input-Output-Modelle auf.

3.2.2 Input-Output-Modelle

Input-Output-Modelle berücksichtigen neben den konstituierenden Faktoren und


dem Ausmaß von Akzeptanz und Konflikt auch den durch diese Prozesse entste-
henden Output (vgl. Kollmann 1998:80; Schäfer & Keppler 2013:35). Ähnlich
wie Input-Modelle umfassen diese Ansätze verschiedene Herangehensweisen bei
3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz 69

der Bestimmung der Einflussfaktoren, hinzu kommt hier jedoch die ansatzspezi-
fische Fokussierung auf unterschiedliche Outputs.
Helmreich formuliert bereits 1980 im Zusammenhang mit der Akzeptanz
von Bürotechnologie einen solchen Ansatz und konzipiert Akzeptanz bzw.
Nicht-Akzeptanz als Ergebnis von Inputfaktoren, beispielsweise Ergonomie,
Arbeitsstruktur und Übung. Die Folgen von Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz
formuliert er durch die Outputfaktoren Ökonomie, Leistung und Arbeitszufrie-
denheit. Ganz ähnlich geht auch Wallau (1990) vor, wobei er Zufriedenheit als
entscheidende Outputgröße definiert. Hilbig (1984) greift hingegen eine Größe
auf, die vor allem in der später erläuterten Diffusions- und Nutzungsforschung
eine große Rolle spielt. Er fokussiert die Nutzung einer Technologie und zwar
nicht nur einmal, sondern in wiederkehrender Art, wodurch eine Implementie-
rung der Technologie stattfindet. Hilbig unterscheidet bei den Inputfaktoren, die
sich auf das Maß an Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz auswirken, technische
Merkmale (Zustandsmerkmale, Prozessmerkmale), personale Merkmale (Erwar-
tungen, Befürchtungen, Selbstverwirklichung, Qualifikation), organisatorische
Merkmale (Entscheidungsspielraum, Tätigkeitsspielraum, Freiheitsraum) und
damit die drei klassischen Akzeptanzdeterminanten sowie die Bedingungen des
Einführungsprozesses. Der durch Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz entstehende
Output äußert sich durch das Ausmaß an Zufriedenheit mit der Arbeitssituation
sowie das Ausmaß der Nutzung der Technologie. Auch der Ansatz von Agarwal
& Prasad (1997), der auf dem Modell von Davis (1989) aufbaut, integriert den
Nutzungsaspekt, verzichtet jedoch auf den Faktor der Zufriedenheit. Die Eigen-
schaften der Innovation und die des Akzeptanzsubjektes sowie der Grad der
Freiwilligkeit wirken sich hierbei direkt auf die Nutzung aus.
Konkreter und ökonomischer orientiert formuliert Wahl (2001) seinen An-
satz zur Akzeptanz von Managementkonzepten, der auf die Frage des Projekter-
folgs abzielt. Hierbei unterscheidet er für den Input Gestaltungsvariablen (z.B.
sachliche Gestaltung von Objekt und Implementierungsprozess), Kontextvariab-
len (z.B. Erwartungen und Voreinstellungen) und Effizienzvariablen (z.B. Ak-
zeptanz des Objektes) und legt folgende Funktionsweise zugrunde: Der erste
Kontakt mit dem Akzeptanzobjekt durch Implementierungsmaßnahmen stellt
den Ausgangspunkt (Informationsstand) für alle weiteren Schritte dar. Diese
Maßnahmen sowie das während des Prozesses vorherrschende Vertrauen und die
fachliche Eignung des Objekts wirken sich direkt auf die Akzeptanz des Objekts,
jedoch auch auf die Bewertung des Implementierungsvorgangs, die nachfolgende
Anwendung des Objekts und den schlussendlichen Projekterfolg aus. Die Bewer-
tung des Implementierungsvorgangs beeinflusst dabei als moderierende Variable
ebenfalls die Akzeptanz. Auf Basis des Informationsstands bilden sich Vorein-
stellungen (durch Bewertung angenommener Konsequenzen), die sich gemein-
sam mit den wahrgenommenen Einstellungen anderer Personen und situativen
70 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

sowie externen Einflüssen ebenfalls auf die Akzeptanz auswirken. Akzeptanz


wird hierbei als Einstellung verstanden, die als einer von mehreren das tatsächli-
che Verhalten (Anwendung des Objekts) beeinflusst. Zugleich wird von einem
Einfluss aller anderen Variablen ausgegangen. Als Output des Prozesses wird
schlussendlich der Erfolg eines Projektes angesehen werden, der von Verhalten
und Einstellung, jedoch ebenfalls von den anderen Faktoren in direkter Weise
beeinflusst wird. Prinzipiell gilt: Die Gestaltungsvariablen sowie die Kontextva-
riablen wirken allesamt auf die Effizienzvariablen, die wiederum in die Output-
variable, den Projekterfolg, münden.
Troja (2001) hingegen orientiert sich für die Frage nach dem Output am so-
zialwissenschaftlich geprägten Begriff der Legitimität. In seinem Ansatz zur Kon-
fliktforschung bei Großprojekten mit umweltpolitischem Bezug identifiziert er
drei Dimensionen (Konfliktkontexte), aus denen sich der Konfliktkern konzipiert.
Der personale Kontext umfasst alle psychischen und psychologischen Strukturen
und Prozesse der Akteure/Akteursgruppen (Konfliktsubjekte). Der thematische
Kontext bezieht sich auf Eigenschaften des Konfliktobjekts sowie die Interessens-
lagen und Wertvorstellungen. Er zeigt damit die Verbindungen zwischen zentra-
len Konfliktthemen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, beispielsweise
Werten und Ideologien auf und verdeutlicht die Defizite einer isolierten Betrach-
tung einzelner inhaltlicher Themen. Der institutionelle Kontext weist auf die Be-
deutung von politischen und administrativen Entscheidungs- und Regelungsver-
fahren, die Verflechtung institutioneller Ebenen sowie Regelungen zur Partizipa-
tion hin. Die Inputfaktoren wirken sich, begleitet durch Interventionsformen, auf
den Ausgang des Konflikts rund um das Konfliktobjekt aus. Der dabei entstehen-
de Output wird im Ausmaß der Legitimität des Ergebnisses gemessen.

3.2.3 Rückkopplungsmodelle

Rückkopplungsmodelle berücksichtigen zusätzlich zu Inputfaktoren, der entste-


henden Akzeptanz bzw. des entstehenden Konflikts und Outputgrößen auch die
Rückwirkung letzterer auf die Ausgangsgrößen. Durch die Implementierung
dieser Feedbackeffekte wird die Zirkularität des Akzeptanz- bzw. Konfliktpro-
zesses betont (vgl. Schäfer & Keppler 2013:36)42. Eine Basis hierfür, durch Dar-
legung eines einfachen Kreislaufes, stellt der Ansatz von Reichwald (1978) dar,
der sich auf die Akzeptanz von Bürotechnologie bezieht. Aus seiner Sicht beein-
flussen die klassischen Faktoren Akzeptanzobjekt (Technik, determiniert durch
die dahinterstehenden technischen Grundideen – das Techniksystem), Akzep-
tanzkontext (organisatorische Faktoren) und Akzeptanzsubjekt (akteursbezogene

42 Vgl. hierzu auch Filipp (1996); Kollmann (1998) und Reichwald (1981).
3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz 71

Merkmale) das Ausmaß von Akzeptanz in der jeweiligen Anwendersituation.


Dieses Ergebnis wird als Primäreffekt bezeichnet, welcher sich wiederum auf
Strukturen von Akteur und Organisation auswirkt (Sekundäreffekte). Hierdurch
entsteht ein Rückkopplungseffekt zwischen dem Maß an Akzeptanz und der
Organisation bzw. dem Akteur. Akzeptanzsubjekt, -objekt und -kontext beein-
flussen sich hierdurch gegenseitig (vgl. Schäfer & Keppler 2013:37). Auch der
Ansatz von Schönecker (1980) greift in seinem Rückkopplungsmodell die Drei-
teilung von Subjekt, Objekt und Kontext auf, betont jedoch besonders den As-
pekt der subjektiven Situationswahrnehmung. Merkmale der Technik, des orga-
nisationalen Umfelds, des Akteurs und seines technikbezogenen Verhaltens
wirken sich auf die Art der Wahrnehmung der jeweiligen Anwendungssituation
aus. Diese steht im Mittelpunkt des Modells und beeinflusst wiederum den Ak-
teur, der durch sein Verhalten wiederum auf die Faktoren der Ausgangssituation
sowie auf die Wahrnehmung direkt Einfluss nimmt. Das Verhalten wird zugleich
durch die Faktoren der Ausgangsituation direkt beeinflusst.
Auch Filipp (1996) ähnelt mit seinem Ansatz zur Akzeptanz von Kommu-
nikations- und Informationstechnologie dem Modell von Reichwald (1978),
unterscheidet jedoch stärker in Einstellungs- und Verhaltensdimension der Ak-
zeptanz durch die Unterscheidung einer inneren und äußeren Akzeptanz. Letztere
findet Ausdruck durch die Professionalität, mit der der Akteur das Objekt an-
wendet, wodurch sich Rückkopplungseffekte auf die Faktoren der Ausgangssitu-
ation direkt sowie über den Entwickler der Technologie ergeben.
Der geisteswissenschaftlich-hermeneutische Ansatz von Gerhard Schwarz
(2010) sieht im Gegensatz zu den vorigen Ansätzen keine genaue Strukturierung
von Einflussfaktoren vor. Die Faktoren wie beispielsweise Eigenschaften von
Konfliktobjekt und -subjekt sowie zahlreiche kontextuelle Faktoren (z.B. Konflikt-
geschichte, Gesetze und Normen) wirken sich in direkter Art auf einen Konflikt
aus, zugleich können interfaktorielle Wirkungen auftreten. Ein Rückkopplungsef-
fekt entsteht dabei nicht unbedingt nur durch ein (mögliches) Konfliktergebnis,
sondern auch durch den Einfluss, den eine Konfliktintervention und -analyse auf
die Konfliktakteure und die Konfliktsituation hat. Neben dem Aspekt des zentrales
Einflusses von Interventionsmaßnahmen rückt Gerhard Schwarz (2010) damit den
Gedanken einer Veränderung von Wahrnehmungs- und Bewertungskriterien durch
Interventionsmaßnahmen (beispielsweise durch Kommunikations- und Partizipati-
onsmaßnahmen bzw. Rückkopplungseffekten hiervon) in den Mittelpunkt. Dieser
Aspekt findet sich auch bei Sokianos‘ (1981) „Modell eines systematischen Kon-
flikthandhabungsprozesses“ wieder. In diesem beschreibt Sokianos Faktoren, Pro-
zesse und Wirkungen bei Konflikten mit dem Fokus auf Konfliktanalyse. Die
Wahrnehmung der Situation (und des Konflikts) durch die Konfliktakteure, deren
Kenntnisse über das Konfliktobjekt und das eventuelle Bewusstsein über die Kon-
fliktursache (Konfliktkern) sowie die eigenen Ziele der Konfliktakteure und die
72 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

Kenntnis/Einschätzung der Ziele anderer Personen stellen den Ausgangspunkt des


Modells dar. Die zwischen den Akteuren ablaufende Kommunikation und Infor-
mation beeinflusst in Art und Ausmaß die Wirkung dieser Einflüsse umfassend.
Hinzu kommt das Interessensausmaß der Akteure an einer Minderung des Kon-
flikts. Bei Verknüpfung aller Ziele zu einem gemeinsamen Zielkomplex ist ent-
scheidend, inwiefern Übereinstimmung über die Ziele und der zur Zielerreichung
einzusetzenden Mittel besteht. Entscheidend sind bei dieser Bewertung die Wert-
präferenzen der Akteure sowie Prognosen über für die Akteure entstehende Kosten
(inkl. Risiken etc.) und Nutzen in Abhängigkeit von Eintrittswahrscheinlichkeiten.
Kommt bei dieser Bewertung und Erstellung des Zielkomplexes keine Einigung
zustande, so erlangen weitere/andere Bewertungskriterien und Alternativlösungen
sowie das Machtpotential der Akteure Bedeutung. Nicht nur Kommunikation und
Information, sondern vor allem auch ausdrücklichere Handlungsformen (z.B.
feindliche Aktionen) beeinflussen die Dynamik eines Konflikts und können Reak-
tionen hervorrufen, die wiederum Einfluss nehmen. Die Bedeutung der Rückkopp-
lungseffekte für die Veränderung von Bewertungskriterien kommt auch im Ansatz
von Granoszewski & Spiller (2012a), die sich auf Akzeptanz und Konflikte bei der
Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für Bioenergie beziehen, durch. Sie weisen
darauf hin, dass sich in Form von Rückkopplungseffekten die Wahrnehmung und
Bewertung der technologischen Grundidee verändern kann, ebenso wie die gesetz-
lichen Rahmenbedingungen.
Die Bedeutung von Kommunikation wird auch im Ansatz von Renn (1998)
aufgegriffen, der in seinem Arenamodell zu Konflikten im Umwelt- und Technik-
bereich fünf Subsysteme (Wirtschaft, Sozialsystem, Politik, Wissenschaft, Kultur)
einer Gesellschaft definiert, durch deren Eigenschaften und Ressourcen Prozesse
beeinflusst werden und in und zwischen diesen Systemen Konflikte ablaufen kön-
nen (z.B. Verteilungskonflikte im Wirtschaftssystem, Legitimationskonflikte im
Wissenschaftssystem). Zu den zentralen Faktoren der Subsysteme zählen dabei die
sozialen Ressourcen (Geld, Sozialprestige, Macht, Evidenz, Wertverpflichtung),
über die ein Konflikt aktiv beeinflusst werden kann. In jedem Subsystem muss mit
der jeweils eigenen Ressource agiert werden. Innerhalb eines Konflikts können die
einzelnen Teilkonflikte (Konfliktaspekte) in einzelnen Arenen (inhaltlich zuzuord-
nenden Subsystemen) ausgetragen werden, unter Austausch der jeweils zugehöri-
gen Ressource und unter Beachtung der für die Arena jeweils geltenden Spielre-
geln. Teilkonflikte um Wissen und Wahrheit werden demnach im Wissenschafts-
system ausgetragen, Teilkonflikte um Kosten und Nutzen im Wirtschaftssystem
usw. Alle Prozesse in den Arenen laufen über Kommunikation ab. Akteure (Ein-
zelakteure, kollektive Akteure etc.) kommunizieren untereinander, um Ressourcen
zu mobilisieren und gegenseitige Beeinflussungen vorzunehmen. Die Kommunika-
tion kann dabei nicht nur direkt an die eigentlichen Konfliktakteure, sondern auch
an (politische) Interessensgruppen, soziale Gruppen, potentielle Akteure, die Mas-
3.2 Zentrale Ansätze und Modelle von Konflikt und Akzeptanz 73

senmedien oder die allgemeine Öffentlichkeit, also an beobachtende Gruppierun-


gen gerichtet werden. Durch Rückkopplungsprozesse (z.B. massenmediale Be-
richterstattung) werden die Botschaften und deren Resonanz widergespiegelt und
in den Konflikt eingebracht, wodurch z.B. weitere Ressourcen oder Unterstützer
gewonnen werden können. Kontrollinstanzen achten in der Arena dabei auf die
Einhaltung der Spielregeln. Je mehr Ressourcen und Unterstützung ein Akteur
durch Kommunikation erwerben kann, desto eher kann er den einen Konflikt zu
seinen Gunsten beeinflussen.
Die vielfältigen Wirkungsformen einzelner Subsysteme bzw. Themenberei-
che werden auch im Ansatz von Vester (1991, 2007), beschrieben durch Zim-
mermann (2009), deutlich. Hierbei werden Aspekte der Kybernetik auf die Ana-
lyse von Konflikten bei Baugroßprojekten angewendet. Die zugrundeliegende,
sogenannte Sensitivitätsanalyse von Vester sieht die Analyse von Faktoren eines
Systems hinsichtlich ihrer gegenseitigen Wirkungen aufeinander und damit die
Erstellung von Rückkopplungsschleifen vor. Die Faktoren werden dabei auf ihre
stabilisierende, kritische, puffernde und sensitive Wirkung hin geprüft und be-
wertet. Zimmermann (2009) gewichtet bei seiner Anwendung der Vernetzungs-
analyse auf Baugroßprojekte die einzelnen Faktoren anhand ihrer Relevanz. Die
Faktoren umfassen hierbei eine ähnlich große Vielfalt wie die in Kapitel 3.1
dargelegten Einflussgrößen. Im nächsten Schritt wird der gegenseitige Einfluss
aller Faktoren aufeinander überprüft, in dem in Form einer Matrix abgeschätzt
wird, ob ein Faktor einen anderen überhaupt nicht, wenig oder stark beeinflusst.
Hierdurch können Faktoren, die besonders viel/wenig Einfluss nehmen bzw.
stark/wenig beeinflusst werden, identifiziert werden. Das Verhältnis von Beein-
flussung und Beeinflussbarkeit eines Faktors gibt Auskunft über dessen akti-
ven/reaktiven Charakter – je größer der Einfluss und je geringer die Beeinflus-
sung, desto aktiver. Das Produkt von Beeinflussung und Beeinflussbarkeit gibt
Informationen über die Dynamik, die ein Faktor einbringt – je kleiner das Pro-
dukt ist, desto puffernder wirkt der Faktor auf das Konfliktobjekt. Die Ausprä-
gungen dieser Eigenschaften geben Auskunft über Art und Ausmaß der Wech-
selwirkungen zwischen den Faktoren (z.B. Katalysatoren, lethargische, markante
und neutrale Faktoren) und damit auch den Einfluss auf das Konfliktobjekt. Das
Modell legt die Strukturen dieser Wechselwirkungen dar.
Voßebürger & Weber (1998) sowie Wiedemann (1995) wenden die Sensitivi-
tätsanalyse von Vester zur Einschätzung der Dominanz bzw. Beeinflussbarkeit der
Akteure von Konflikten vor allem im Bereich der Planungstheorie an. Nach Identi-
fizierung der Akteure wird der gegenseitige Einfluss der Akteure aufeinander
überprüft, indem in Form einer Matrix abgeschätzt wird, ob ein Faktor (hier: ein
Akteur/eine Akteursgruppe) einen anderen Akteur überhaupt nicht, wenig oder
stark beeinflusst. Anhand dieser Einschätzung von Beeinflussung (Dominanz) und
Beeinflussbarkeit können Handlungsspielräume der Akteure aufgezeigt werden.
74 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

Die Aussagekraft von Verhältnis und Produkt von Beeinflussung und Beeinfluss-
barkeit verhält sich gleich wie in der Vernetzungsanalyse nach Zimmermann
(2009). Dominante, treibende Akteure mit geringer Beeinflussbarkeit gelten als
aktiv und mit großer Hebelwirkung. Akteure mit geringer Dominanz und hoher
Beeinflussbarkeit gelten als passiv. Akteure, die über geringe Ausprägungen bei
beiden Elementen verfügen, werden als puffernd, mit hohen Ausprägungen als
ambivalent eingestuft. Das Modell stellt somit Strukturen dynamischer Wechsel-
wirkungen zwischen den Akteuren dar.

3.2.4 Phasenmodelle

Dynamische Modelle fokussieren neben dem Prozesscharakter mit Rückkopp-


lungseffekten auf verschiedenen Phasen von Akzeptanz und Konflikt (vgl. Stüber
2011:60). Sie betonen dadurch die hohe Dynamik von Ausprägungen sowie die
Bedeutung unterschiedlicher Einflussgrößen zu unterschiedlichen Zeitpunkten
(vgl. Kollmann 1998; Fischer 2002; Pfetsch 2006).
Einer der zentralen Ansätze bzgl. der Akzeptanz von Innovationen stellt das
Konzept von Rogers (2003) dar, der sich mit der Frage der Verbreitung von Inno-
vationen in der Gesellschaft beschäftigt. Hierbei entscheiden aufeinander aufbau-
ende Prozessschritte darüber, ob und wie eine Innovation übernommen oder abge-
lehnt wird, wodurch Aspekte der Akzeptanz aufgegriffen werden. Die bisherige
Situation, die Probleme und Bedürfnisse sowie die Normen und die Innovativität
des Akzeptanzobjekts stellen die Ausgangssituation für diesen Prozess dar. Auf
dieser Basis entwickelt sich das Wissen des Akzeptanzsubjekts (beeinflusst durch
individuelle Merkmale des Akzeptanzsubjekts), das die Einstellung/Überzeugung
des Akzeptanzsubjekts gegenüber dem Objekt prägt. Hieraus folgt die Entschei-
dung für oder gegen das Objekt. Im Falle einer positiven Entscheidung beeinflusst
diese die Implementierung sowie die eventuelle Bestätigung (z.B. Handlungswie-
derholung, vgl. Schäfer & Keppler 2013:39). Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz
lässt sich dabei aus den Ergebnissen der Überzeugungsphase (Einstellungsakzep-
tanz) und Implementierungsphase (Handlungsakzeptanz) ableiten. Formen von
Kommunikation können den Prozess beeinflussen.
Auch Kollmann (1998) greift diesen Grundgedanken aufeinander aufbauen-
der Prozessschritte in seinem Ansatz zur Akzeptanz von Nutzungsgütern und
-systemen auf und definiert die Faktoren Wahrnehmung, Interesse am Objekt, die
Abwägung von Erwartungen und die schlussendliche Bewertung als Determinan-
ten der Einstellungsakzeptanz. Diese konzipiert sich aus der Einstellung gegenüber
dem Objekt selbst, Erwartungen an eine mögliche Handlung (z.B. Kauf) sowie an
eine mögliche Nutzung. Hierdurch beeinflusst, konzipiert sich die Handlungsak-
zeptanz aus Erprobung/Erfahrung (inkl. Einflüsse durch Beratung, etc.), die Hand-
3.3 Conclusion zur Genese von Konflikt und Akzeptanz 75

lung selbst (z.B. Kauf/Übernahme) sowie die Implementierung. Sie enthält zudem
Erwartungen an eine mögliche Nutzung. Rahmenbedingungen des Nutzungsum-
felds sowie die vorausgegangenen Prozesse (z.B. Handlung) beeinflussen die Nut-
zungsakzeptanz, eine erweiterte Form der Handlungsakzeptanz. Die drei Formen
der Akzeptanz bilden schlussendlich die Gesamtakzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz
ab.
Durchweg andere Prozessschritte, jedoch einen ähnlichen Gedanken aufei-
nander aufbauender Stufen beschreibt Pfetsch (2006) in seinem Ansatz über zwi-
schenstaatliche Konflikte. Externe und interne Akteure, Formen von Bedrohung
oder Unterstützung, Wahrnehmung und Vergleich eigener und fremder Interessen
beeinflussen hierbei in der Anfangsphase die Entstehung eines Konflikts. In ver-
schiedenen Stufen der Eskalation kann sich hieraus eine Krise und daraus Krieg
entwickeln. Werden die Beziehungen daraufhin nicht abgebrochen, sondern wei-
tergeführt, so sind als Ergebnis von Verhandlungen ein konsensuales Überein-
kommen (wechselseitige Zustimmung), ein erzwungenes Ergebnis (Druck) oder
weitere Formen von Auseinandersetzungen möglich. Die Möglichkeit von Ver-
handlungen mit dem Ziel einer gemeinsamen Einigung besteht dabei prinzipiell
immer wieder. Dieser Aspekt der wiederkehrenden Möglichkeit zur Konfliktbeile-
gung durch Findung einer gemeinsam akzeptierten Lösung empfiehlt sich als
Übertrag auf das Forschungsfeld der Großprojekte, im Sinne des dynamischen
Charakters von Konflikt- bzw. Akzeptanzprozessen.

3.3 Conclusion zur Genese von Konflikt und Akzeptanz

Die aufgezeigten Einflussgrößen und ihre Wirkungsweisen weisen auf eine hohe
Komplexität der Genese von Akzeptanz und Konflikt bei Großprojekten hin. Die
Betrachtung einer großen Bandbreite von Studien hat sich hierbei als besonders
wertvoll herausgestellt, um die Vielfalt an Großprojektarten aufgreifen zu kön-
nen. Hierbei steht vor allem die verstärkte Einbindung zivilgesellschaftlicher,
lebensweltlich orientierter Projekte in die bislang umwelt- und techniklastige
Großprojektforschung im Vordergrund.
Die Vielfalt unterschiedlicher Herangehensweisen ermöglicht eine umfas-
sende Betrachtung des Forschungsgegenstandes. Auf den ersten Blick geben
einfach strukturierte Akzeptanz- und Konfliktmodelle (vgl. z.B. Allerbeck &
Helmreich 1984; Schönecker 1985; Eidenmüller 1986; Joseph 1990; Helmreich
1980; Schönecker 1980) einen guten Überblick über prinzipielle Einflussgrößen
der Genese von Akzeptanz bzw. Konflikt, lassen jedoch kaum konkrete Aussa-
gen über die Wirkungsmechanismen dieser Größen zu. Output-Modelle weisen
auf die weiteren Effekte, die durch Akzeptanz bzw. Nicht-Akzeptanz entstehen
können, hin und verdeutlichen hierdurch, dass Akzeptanz kein Selbstzweck ist,
76 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

sondern wiederum weitere Folgen mit sich bringt. Dies kann zugleich als Hin-
weis darauf gewertet werden, dass höchste Relevanz einer umfassenden Betrach-
tungsweise bei jenen Prozessen besteht. Rückkopplungsmodelle, die verschiede-
ne Formen von Feedbackeffekten aufzeigen (vgl. z.B. Vester 1991, 2007; Sokia-
nos 1981), weisen auf verschiedene interfaktorielle Wirkungen hin, die einen
weiteren Beitrag zur Erklärung der komplexen Ausgangssituation leisten.
Der Blick auf unterschiedliche Stufen eines Generierungsprozesses im Zeit-
verlauf, wie es Phasenmodelle aufzeigen, weist darauf hin, dass sich unterschiedli-
che Stufen auch bei den Auswirkungen ergeben können. Unter Anwendung der für
Controllingzwecke von Kommunikationsprozessen eingesetzten Ansatzes der
Unterscheidung der Wirkungsdimensionen Output, Outcome und Outflow (vgl.
Rolke & Zerfaß 2010:52) lassen sich Effekte strukturiert darstellen und analysie-
ren. Outputfaktoren umfassen z.B. Kosten- und Nutzenaspekte, die Stimmung
unter den Akteuren, Outcomefaktoren beispielsweise die individuelle Wahrneh-
mung des Prozesses und entsprechend gerichtetes Verhalten. Outflowgrößen be-
ziehen sich z.B. auf Effekte, die durch ein entsprechendes Maß an Akzeptanz bzw.
Nicht-Akzeptanz entstehen, z.B. optische oder größenbezogene Veränderungen
eines Projektes aufgrund mangelnder Akzeptanz der vorgeschlagenen Ausführung.
Gerade Phasen- sowie Rückkopplungsmodelle leisten zur Ergründung dieser viel-
fältigen Wirkungsprozesse einen wertvollen Beitrag.
Beachtung finden sollten auch die thematischen Schwerpunktsetzungen der
einzelnen Ansätze. Ansätze mit Bezug zu Informations- und Kommunikations-
technologie im Umfeld einer Organisation bzw. eines Unternehmens legen den
Schwerpunkt auf Strukturen und Prozesse der Mikro- und Mesoebene (vgl. z.B.
Hilbig 1984; Agarwal & Prasad 1997). Durch diesen Fokus und die Spezifika der
mit den Akzeptanzobjektarten einhergehenden Einflussgrößen sind diese Ansät-
ze wichtig, um Gesamtzusammenhänge zu überblicken, jedoch in ihren Details
nur bedingt für die Ergründung von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten
geeignet.
Jüngere konflikt- bzw. akzeptanzorientierte Modelle (vgl. z.B. Saretzki 2010;
Huijts et al. 2012; Schmidt 2015; Zöllner 2011 siehe Schäfer & Keppler 2013)
befassen sich hingegen gezielt mit Objekten aus dem Umwelt- und Technikbereich
und stellen eine solide Grundlage für eine umfassende Betrachtungsweise dar.
Hierbei haben sowohl akzeptanz- als auch konfliktbasierte Ansätze ihre Daseinsbe-
rechtigung für die Großprojektforschung. Während Akzeptanzmodelle vorwiegend
individuelle und nutzerorientierte Sichtweisen einnehmen, wird sozialen Dynami-
ken sowie gesellschaftlichen oder politischen Einflüssen nur in einzelnen Modellen
umfassend Platz eingeräumt. Kontextebene der Modelle und Ansätze ist vor allem
die Mesoebene in Form von Gruppen, Institutionen oder Organisationen, die als
Umfeld fungieren (vgl. z.B. Kollmann 1998; Rogers 2003). Konfliktbezogene
Ansätze hingegen fokussieren weniger auf individuelle Merkmale und Prozesse,
3.3 Conclusion zur Genese von Konflikt und Akzeptanz 77

sondern legen ihre Schwerpunkte eher auf meso- oder makrosoziale Elemente und
Dynamiken. Die Schwerpunktsetzungen lassen sich auf die Quelldisziplinen (Wirt-
schafts- bzw. Arbeitswissenschaft und Soziologie bzw. Politikwissenschaft, vgl.
hierzu auch Kapitel 2) zurückführen.
Um anhand von Modellen und Ansätzen die Genese von Akzeptanz und
Konflikt43 ganzheitlich nachvollziehen zu können, eignen sich weder rein auf die
Mikro- noch auf Meso- oder Makroebene spezialisierte Konzepte. Vielmehr
muss die Beachtung sämtlicher Dimensionen in den Vordergrund rücken und
damit, neben den umfassenden Kontextfaktoren, sowohl die Beziehung zwischen
Objekt und Subjekt als auch die zwischen Subjekten entstehende Beziehung.
Bezüglich der inhaltlichen Schwerpunkte finden sich quer durch alle Mo-
dell- und Ansatzarten Hinweise zur Bedeutung der Kommunikation (Art und
Ausmaß, Inhalte, Kommunikatoren, Formen, Instrumente etc.) und den Kosten-
Nutzen-Verhältnissen (Art und Ausmaß von Kosten und Nutzen, Veränderun-
gen, Auswirkungsgerechtigkeit etc.), wodurch die in den vorigen Erläuterungen
angerissenen Überlegungen zur Bedeutung dieser beiden Aspekte gestützt wer-
den. Bedeutung wird im Hinblick auf die Wirkungsweise bestimmter Faktoren
auch der subjektiven Wahrnehmung der Akteure eingeräumt. Dies betont den
Aspekt individuell konstruierter Realitäten mit entsprechenden Folgen für die
Einstellungsbildung und Verhaltensweisen der Akteure.
Insgesamt machen die Ausführungen einen Strukturierungsbedarf der Ein-
flussgrößen auf Konflikt und Akzeptanz deutlich. In der Mehrzahl der aufgezeig-
ten Modelle können die Einflussgrößen den Dimensionen Objekt, Subjekt und
Kontext zugeordnet werden. Bei Faktoren, die jedoch im Falle direkter Wirkung
und engem Zusammenhang eher dem Subjekt oder Objekt, bei weiteren Wir-
kungskreisen eher dem Kontext zugeordnet werden (z.B. direkte soziale Umge-
bung eines Akteurs und allgemeines Sozialgefüge), wird eine reliable Zuordnung
schwierig. Die Zuordnung zu Objekt, Subjekt oder Kontext ist letztlich jedoch
eher eine Strukturierungsmethode für Einflussgrößen, um deren Zugehörigkeit
deutlich zu machen. Für weitere, themenbezogene Betrachtungen und Analysen
eignet sie sich aufgrund dessen nur bedingt. Hinzu kommt, dass die Strukturie-
rungsweise für eine themenbezogene Betrachtung der Einflussgrößen ungeeignet
ist, da sie diese einerseits zu wenig detailliert unterteilt und zugleich aber Fakto-
rengruppen aufteilt, die thematisch zusammengehören (Beispiel: durch einzelne
Akteure kommunizierte Themen sind subjektbezogene Faktoren, gesellschaftlich
diskutierte Themen sind kontextbezogene Faktoren). Es zeigt sich, dass sich die

43 Konflikt wird hier entsprechend der obigen Ausführungen in Kapitel 2 als Sonderfall von
Nicht-Akzeptanz definiert, nämlich als durch Handeln im sozialen Raum wirksam werdende
Nicht-Akzeptanz mit Rückkopplungseffekten (z.B. Sichtbarwerden gegensätzlicher Positionen
anderer Akteure, gegensätzliche Handlungen). Konflikt spielt sich demnach im sozial wirksam
werdenden Bereich von Nicht-Akzeptanz ab.
78 3 Die Genese von Konflikt und Akzeptanz

identifizierten Faktoren durch das in Kapitel 3.1 erläuterte Modell zur Strukturie-
rung von Einflussfaktoren auf Großprojektkonflikte (vgl. Schmalz 2013) besser
abbilden lassen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird deshalb bevorzugt auf
eine thematische Aufteilung potentieller bzw. empirisch nachgewiesener Ein-
flussgrößen zurückgegriffen.
Hinsichtlich der empirischen Relevanz der einzelnen Faktoren wird deut-
lich, dass viele der Einflussgrößen und ihre Wirkungsweisen weitestgehend auf
Basis theoretischer Überlegungen identifiziert und beschrieben werden (vgl. z.B.
Huijts et al. 2012). Nur teilweise sind die Ansätze durch empirische Überprüfun-
gen validiert. Qualitativ sind jedoch auch hier Unterschiede zu erkennen. Wäh-
rend einige Ansätze durch begründete Methodik und entsprechend gewählte Art
und Anzahl der Untersuchungsobjekte hervorstechen (vgl. z.B. Schweizer-Ries
et al. 2010), beruhen andere Ansätze auf intransparent aufgeführter oder unzu-
reichender theoretischer Fundierung, unzureichend detailliert beschriebenen
Argumentationsmustern und Methodiken sowie unzureichenden Fallzahlen, teils
bei den ausgewählten Projekten/Objekten, teils bei den befragten Personen (vgl.
z.B. Schreck 1998; Liebecke et al. 2011). So liegen bei Untersuchungen zu
Großprojekten vor allem zweierlei Arten vor: (Repräsentative) Studien, die auf
Meinung und Einstellung sowie teilweise auf die Handlungsbereitschaft der
Gesellschaft bzw. der Akteure bei Großprojekte fokussieren (vgl. z.B. Henseling
et al. 2016; Institut für Demoskopie Allensbach 2011; Bentele et al. 2015a) so-
wie Einzelfallstudien zu spezifischen Projekten (vgl. z.B. Schäfer & Keppler
2013; Hübner & Hahn 2013; Ruschkowski 2010). Projektvergleichende Studien
von Einflussfaktoren und damit Studien, die über den Einzelfall oder den Ver-
gleich einer kleinen Fallzahl an Projekten hinausgehen, stehen jedoch aus.
Die obigen Ausführungen legen eine detaillierte Betrachtung der durch
Leitfrage L2 „Welche Determinanten von Konflikt und Akzeptanz bei Großpro-
jekten lassen sich identifizieren? Auf welche Weise beeinflussen die einzelnen
Faktoren die Genese von Akzeptanz bzw. Konflikten bei Großprojekten?“ ange-
regten Thematiken nahe, vor allem hinsichtlich der konkreten, empirischen Be-
deutung von potentiellen Faktoren als Determinanten von Akzeptanz (und Kon-
flikt). Strukturiert durch das in Kapitel 3.1 vorgestellte Modell mit seinen fünf
Themenbereichen (Schmalz 2013) lassen sich aus der Leitfrage folgende For-
schungsfragen ableiten:

F2.1.: In welcher Form beeinflussen Eigenschaften eines Projektes, z.B. der Pro-
jektstandort, die Genese?
F2.2: In welcher Form beeinflussen Aspekte, die den Akteuren und ihrem so-
zialen Umgang zuzuordnen sind, die Genese?
F2.3: In welcher Form beeinflusst die prozessuale Ausgestaltung der Projekte
die Genese?
3.3 Conclusion zur Genese von Konflikt und Akzeptanz 79

F2.4: In welcher Form beeinflussen verschiedene Formen der Kommunikation,


die im Rahmen eines Projekte stattfindet, die Genese?
F2.5: In welcher Form beeinflussen staatsbezogene und gesellschaftlich zu veror-
tende Aspekte die Genese?
4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und
Akzeptanz

Eine „Nichtidentität von Gewinnern und Verlierern“ erkennt Feindt (2010:23f.)


und bezieht sich dabei auf die positiven und negativen Effekte, die mit einem
Großprojekt einhergehen können (vgl. auch Kapitel 3). Das Verhältnis von positi-
ven Effekten, nachfolgend auch Nutzen genannt, beispielsweise in Form von
Vorteilen, Erträgen oder Erleichterungen, sowie negativen Effekten, nachfolgend
auch Kosten genannt, in Form von Nachteilen, Schäden oder Risiken, wird zu den
zentralen Einflussgrößen der Genese von Akzeptanz und Konflikt gezählt (vgl.
u.a. Schäfer & Keppler 2013; Huijts et al. 2012; Schreck 1998; Renn & Webler
1998; Hüsing et al. 2002; Schweizer-Ries et al. 2010; Zwick & Renn 2002). Spe-
zifisch auf die Akzeptanz von Großprojekten bezogen, wird hierbei dezidiert von
der Verteilung von Kosten und Nutzen auf alle Projektakteure gesprochen, die als
Bestandteil der kognitiven Komponente von Einstellungsbildung (vgl. Simon
2001:87) den Akzeptanzprozess insgesamt beeinflusst (vgl. z.B. Schweizer-Ries
et al. 2010:93ff.; Feindt 2010:9,18; Benighaus et al. 2010:275).
Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive kann unter Kosten ein „bewerteter
Verzehr von wirtschaftlichen Gütern materieller und immaterieller Art zur Er-
stellung und zum Absatz von Sach- und/oder Dienstleistungen sowie zur Schaf-
fung und Aufrechterhaltung der dafür notwendigen Teilkapazitäten“ (Wischer-
mann et al. 2013:1832) verstanden werden. Das betriebswirtschaftliche Pendant
zum Kostenbegriff ist jedoch nicht der Nutzen, sondern der Begriff der Leistung,
womit das Ergebnis betrieblicher Herstellungsprozesse, z.B. Waren oder Dienst-
leistungen (vgl. auch Moews 2002), bezeichnet wird. Kosten werden dabei als
Inputgrößen, Leistungen als Outputgrößen angesehen (vgl. Audi 2014:152f.).
Der Nutzenbegriff entstammt hingegen volkswirtschaftlichen Zusammenhängen
und bezeichnet abstrakt gesprochen „die Fähigkeit eines Gutes, ein bestimmtes
Bedürfnis des konsumierenden Haushalts befriedigen zu können“ (Suchanek et
al. 2013:2229). Entsprechend dieser Begriffshistorie wurden Kosten-Nutzen-
Fragen bei (Groß)Projekten in der Vergangenheit meist aus wirtschaftswissen-
schaftlicher Perspektive (z.B. hinsichtlich monetärer Aspekte, vgl. Pöpping
2008) oder ingenieurswissenschaftlicher Perspektive (hinsichtlich prozessbezo-
gener Aspekte, z.B. zeitlichen Verzögerungen, vgl. Diederichs 1999) betrachtet,
obwohl es zahlreiche Hinweise darauf gibt, dass auch soziale, ökologische oder
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
I. M. Schmalz, Akzeptanz von Großprojekten, Politik gestalten – Kommunikation,
Deliberation und Partizipation bei politisch relevanten
Projekten, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23639-7_4
82 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

psychische Größen relevant sind (vgl. u.a. Degenhardt 1986; Krause 2006; Huijts
et al. 2012; Sokianos 1981; Zöllner 2011 siehe Schäfer & Keppler 2013). Eine
interdisziplinäre Betrachtung von Kosten und Nutzen bei Großprojekten im Sin-
ne aller positiven und negativen Effekte erfordert daher aus verschiedenen
Gründen ein offeneres Begriffsverständnis:
Erstens ist für die Einschätzung, Wahrnehmung, Bewertung und Reflektion
von Art, Ausmaß, Aufteilung und Verhältnis der negativen und positiven Effekte
weniger das faktische Vorkommen bei Großprojekten von Bedeutung, sondern
im Sinne einer konstruktivistischen Herangehensweise vielmehr die subjektive
Perspektive der Akteure (vgl. hierzu z.B. Beck & Schwarz 2008; Bardmann
1991; Berger et al. 2013). Zweitens ist davon auszugehen, dass sich diese subjek-
tive Sichtweise nicht nur auf das im Fokus stehende Großprojekt erstreckt, son-
dern ebenfalls alternative Lösungen umfasst. Miteinberechnet werden damit auch
Opportunitätskosten bzw. -nutzen. Drittens kann angenommen werden, dass das
Kosten-Nutzen-Verhältnis eines Projektes in reziproker Beziehung zu seinem
Akzeptanz- bzw. Konfliktprozess steht, da es einerseits als zentraler Konflikt-
bzw. Akzeptanztreiber fungieren kann, andererseits selbst durch Konflikt und
Akzeptanz beeinflusst wird (vgl. u.a. Schweizer-Ries et al. 2010). Letzteres um-
fasst beispielsweise Kosten und Nutzen, die durch Handlungen (z.B. vermehr-
te/verminderte Kommunikationstätigkeit) oder Folgen (z.B. finanzielle Belas-
tung/Entlastung) entstehen. Viertens lassen sich Kosten und Nutzen hinsichtlich
ihrer Intention unterscheiden, sie können gleichermaßen intendiert wie nicht
intendiert auftreten (vgl. Stransfeld 1993). Unter diesen Bedingungen soll nach-
folgend der Kostenbegriff sämtliche negative Effekte bzw. negative Aspekte,
Aufwendungen, Nachteile und Schäden etc. umfassen, die im Rahmen eines
Großprojektes und seiner Prozesse wahrgenommen werden, sei es als aktiv vor-
genommene Maßnahme im Zusammenhang mit dem Projekt oder als Folge des
Projekts. Der Nutzenbegriff bezeichnet entsprechend nachfolgend alle positiven
Effekte bzw. positiven Aspekte, Erlöse, Chancen oder Vorteile etc., die im Rah-
men eines Großprojektes und seiner Prozesse wahrgenommen werden.
Mit Blick auf obige Ausführungen muss die Grundlagenschaffung für die
diesbezüglich formulierte Leitfrage nach der Bedeutung von Kosten- und Nut-
zenaspekten bei Großprojekten (vgl. auch Kapitel 1) in zwei Stufen unterteilt
werden: Zum einen muss geklärt werden, wie Kosten-Nutzen-Verhältnisse prin-
zipiell operationalisiert werden können. Hierzu werden ausgewählte Ansätze
vorgestellt, die verschiedene Arten der Verrechnung von Kosten und Nutzen mit
Blick auf die Bewertung eines Objektes umfassen. Im zweiten Schritt stellt sich
die Frage, von welchen Kostenformen und Nutzenformen überhaupt gesprochen
werden sollte. Die explizite Auseinandersetzung mit den einzelnen Arten von
Kosten und Nutzen folgt deshalb im Anschluss.
4.1 Konzepte des Kosten-Nutzen-Ansatzes 83

4.1 Konzepte des Kosten-Nutzen-Ansatzes

Wenn Kosteneffekte und Nutzeneffekte aus einem Großprojekt heraus entstehen


können und dieses unter Berücksichtigung dieser Kosten und Nutzen bewertet
wird, nach welchem Schema werden dann welche Effekte zur Bewertung eines
Projekts und seiner Prozesse herangezogen und zu welchem Ergebnis führen sie?
Zur Annäherung an diese Frage empfiehlt sich ein interdisziplinärer Blick auf
verschiedene Analyse-, Bewertungs- und Entscheidungsansätze.
Die Entscheidungstheorie bezieht sich hierfür auf das subjektiv empfundene
Verhältnis zwischen Befriedigung (sämtliche wahrgenommenen und vermutete
Formen von Nutzen44) und Belastung (sämtliche wahrgenommenen und vermu-
teten Formen von Kosten), das aus einer Alternative heraus entsteht, beeinflusst
bzw. gewichtet durch wahrgenommene Eintrittswahrscheinlichkeiten, Motive
und Bedürfnisse der bewertenden Individuen sowie die Wahrnehmung der zur
Entscheidung stehenden Alternativen (vgl. Simon 2001:91; Portney 1991:26f.;
Lober & Green 1995). Der wahrgenommene Nutzen abzüglich der wahrgenom-
menen Kosten entspricht dabei dem Nettonutzen. Zieht man hingegen den Nut-
zen von den Kosten ab, wird von den Nettokosten gesprochen. Ob ein Objekt
Ablehnung oder Akzeptanz findet, wird demnach vor allem an der Balance zwi-
schen Kosten und Nutzen festgemacht (vgl. Portney 1991:25; Hadden & Hazel-
ton 1980; Mitchell & Carson 1986). Ähnlich modelliert die Subjective Expected
Utility-Theorie (vgl. Savage 1954), die der Rational Choice-Theorie nahesteht,
die Ausgangssituation und betont zudem die Unsicherheit über die zu erwarten-
den Konsequenzen einer Alternative. Die bewertenden Individuen entscheiden
dabei unter Zuhilfenahme subjektiv bestimmter Wahrscheinlichkeiten des Nut-
zeneintritts auf Basis vorhandener Informationen (vgl. auch Esser 1993). Ähnlich
ist bei diesen Ansätzen die Schlussfolgerung hinsichtlich der Entscheidung: Ist
das Ergebnis kleiner als Null, so ist es mit negativen Nettokosten gleichzusetzen
und damit überwiegenden Nutzenaspekten (positiver Nettonutzen). Liegt dies
vor, so wird von einer Zustimmung zum Projekt ausgegangen. Sind die Netto-
kosten positiv, so überwiegen die Kostenaspekte und es ist von einer Ablehnung
des Projekts auszugehen (vgl. Portney 1991:26; O'Hare et al. 1993:73; Lober &
Green 1995). Dabei wird nicht zwingend ein rein monetäres Kosten-Nutzen-
Verständnis angenommen, vielmehr werden sämtliche Belastungen und Erleich-
terungen, die von den bewertenden Personen wahrgenommen werden, einbezo-
gen, z.B. Arbeitsplätze und Steuereinnahmen ebenso wie Gesundheits- und Um-
weltrisiken, Belastungen durch Verkehr oder Lärm, Wertverluste bei Immobi-
lien, Imageschädigungen oder wahrgenommene Risiken aller Art (vgl. z.B. Lo-
ber & Green 1995; Massey 1978; O'Hare et al. 1993; Hanusch 2011). Ob ein

44 Einschließlich Kompensationen, z.B. Ausgleichszahlungen (vgl. Portney 1991:26f.).


84 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

Aspekt bzw. ein Thema insgesamt als Kostenfaktor oder als Nutzenfaktor konno-
tiert wird, hängt unter anderem von den individuellen Voraussetzungen des Be-
wertenden ab. Beispielsweise kann die Entfernung zum Großprojekt eine Rolle
spielen, wenn bestimmte Aspekte ausschließlich lokal wahrnehmbar sind (z.B.
Kosten in Form von Lärmbelästigung), andere Aspekte (z.B. Nutzen in Form
von elektrischer Energie) jedoch über eine Region hinaus wirksam werden (vgl.
Aeschbacher 2006:14; Portney 1991:25).
Betriebswirtschaftliche Ansätze gehen ähnlich wie entscheidungstheoreti-
sche Ansätze vor, legen jedoch andere Kriterien zugrunde. Bei der entsprechen-
den Kosten-Nutzen-Analyse werden beispielsweise vergleichende Beurteilungen
zwischen verschiedenen (Handlungs)Alternativen durchgeführt, die Alternative
mit der größten Differenz zwischen Kosten und Nutzen ist danach zu bevorzugen
(vgl. Müller-Stewens et al. 2013; van Wee & Tavasszy 2008). Notwendig hierfür
ist die valide Prognose und Bewertung der monetär fassbaren Kosten- und Nutz-
engrößen, mit der entsprechende Herausforderungen einhergehen45. Diese Form
der Analyse bezieht sich vor allem auf die quantitativen Aspekte verschiedener
Alternativen (z.B. benötigte Rohstoffe, Personalaufwand, Flächenbedarf, vgl.
Nida-Rümelin & Schulenburg 2013b:225). Qualitative Aspekte, z.B. ökologischer
oder sozialer Art, werden kaum einbezogen, vor allem aufgrund der Schwierigkeit
einer validen Quantifizierung dieser Größen (vgl. hierzu z.B. Macharzina & Wolf
2008:858). Im Vergleich dazu umfassen Kosten-Wirksamkeits-Analysen keine
monetäre Nutzenbewertung. Vielmehr werden hier monetär bewertete Kosten und
das damit zu erzielende Ausmaß an Zielerreichung (Nutzenäquivalent), also der
Zielerreichungsgrad unterschiedlicher Alternativen verglichen (vgl. Witte &
Voigt 1985:33; Meyke 1972). Multikriterienanalysen wiederum können im Ver-
gleich zur monokriteriellen, monetär-fokussierten Kosten-Nutzen-Analyse auch
qualitative bzw. schwer quantifizierbare Aspekte enthalten und betonen eine
wertbezogene Gewichtung (vgl. van Wee & Tavasszy 2008:41f.). Marketingori-
entierte, stärker auf individuelle Kaufentscheidungen bezogene Ansätze beziehen
sich wiederum auf ein umfassendes Verständnis von Kosten, Nutzen und subjek-
tiven Gewichtungsprozessen, ähnlich den entscheidungstheoretischen Ansätzen
(vgl. hierzu Kotler & Armstrong 2016).
Erwähnung finden muss bei sämtlichen Ansätzen die beschränkte Rationali-
tät, unter der diese Bewertungs- und Abwägungsprozesse in Bedingungen der
Unsicherheit stattfinden. Diese bringt die Heranziehung von Heuristiken sowie
die unvollständige Verarbeitung von Informationen bei individuellen Beurtei-
lungs- und Entscheidungsprozessen mit sich. Zu den Heuristiken zählen bei-
spielsweise die Repräsentativität einer Situation, die Verfügbarkeit von Szena-

45 Für verschiedene Ansätze zur betriebswirtschaftlichen Prognose von Kosten bei Großprojekten
vgl. z.B. Wildemann (1982:6ff).
4.1 Konzepte des Kosten-Nutzen-Ansatzes 85

rios oder Vergleichsfällen sowie Fixpunkten zum Vergleich (vgl. Tversky &
Kahneman 1974; Simon 2001:91).
Auch bei kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen kommt die Heran-
ziehung unterschiedlicher Parameter (hier: Themen) zur Bewertung einer Sache
oder Person zum Tragen, beispielsweise beim Priming-Ansatz aufbauend auf
dem Agenda-Setting-Ansatz. Agenda-Setting-Ansätze gehen davon aus, dass
Themen, die als relevant erachtet werden, individuell (und gesellschaftlich)
strukturiert werden, beeinflusst durch die den Themen zugeordnete Wichtigkeit
(vgl. Rogers & Dearing 1988:565). Diese Struktur kann durch thematische Di-
versifikation und Mehrdimensionalität geprägt sein und selbst verschiedenen
Einflussfaktoren unterliegen, z.B. der individuellen Wahrnehmung und Verarbei-
tung, medialen Einflüssen oder der Interaktion mit dem sozialen Umfeld (vgl.
z.B. Iyengar & Kinder 1985; Greendale & Fredin 1977; Ferguson & Weigold
1986; MacKuen 1984; Eichhorn 2005). Als eine Folge dieser Themenstruktur
bzw. Themenagenda wird der mögliche Einfluss dieser auf Einstellungs- und
Verhaltensmuster (und damit auf die Bewertung einer Sache oder einer Person)
des jeweiligen Individuums angesehen (Priming-Effekt). Vereinfacht gesagt,
greift das Individuum für Anhaltspunkte bei seiner Bewertung (und ggf. bei
darauffolgenden Handlungen) bevorzugt auf jene Themen zurück, denen zuvor
eine größere Wichtigkeit zugeordnet wurde (vgl. hierzu z.B. Iyengar & Kinder
1985). „Priming […] bedeutet die Steuerung der Bewertungsgrundlagen eines
Objekts auf der Basis der Salienz seiner Merkmale“ (Eichhorn 2005:45). Über-
tragen auf die Bewertung von Großprojekten und mit Blick auf vorhergehende
Kosten-Nutzen-Ansätze könnten beim Priming-Ansatz Kosten- und Nutzenas-
pekte in Form subjektiv positiv oder negativ konnotierter Themen inklusive ihrer
jeweiligen Gewichtung erfasst werden.
Goldschmidt (2012) greift in einer sozialwissenschaftlichen Betrachtung Ent-
scheidungssituationen unter Unsicherheiten und Risiko wie auch die Entscheidung
unter Berücksichtigung positiver und negativer Effekte des Entscheidungsverfah-
rens auf: Für die gezielte Bewertung von Verfahren sieht Goldschmidt (2012:
245ff.) in der statischen Bilanzierung von Kosten und Nutzen Defizite, vor allem
mit Blick auf die Entscheidungssituation, die beispielsweise durch unvollständige
Informationen und Unsicherheiten bezüglich zukünftiger Entwicklungen geprägt
sein kann. Er fokussiert bei seiner Argumentation auf Effizienzfragen bei Dialog-
und Beteiligungsverfahren und regt diesbezüglich zur ganzheitlichen Betrachtung
unter Anwendung dynamischer Ansätze, z.B. dem wirtschaftswissenschaftlichen
Realoptionsansatz (vgl. z.B. Hommel & Pritsch 1999; Meise 1998), an. Der Ansatz
greift im Grundsatz bei der Bewertung von Optionen (hier: Alternativen) auf Kon-
textbedingungen und damit zusammenhängende Dynamiken einzelner Parameter
zurück. Vorteile bei der Anwendung dieses Ansatzes sieht Goldschmidt (2012:
247) vor allem in der Einbeziehung der Kontextfaktoren und in der nicht aus-
86 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

schließlich kurzfristig angelegten Bewertung der Alternativen: „Die Bewertung


von Investitionsoptionen bezieht neben den unmittelbaren Gewinnen die vermittel-
ten Wirkungen und Handlungsoptionen ein, die durch die direkten Wirkungen
einer Investition erst geschaffen werden“ (ebd.).

Verteilungs- und Bewertungsfragen von Kosten und Nutzen

Die obigen Ausführungen weisen bereits vereinzelt auf die Bedeutung von Ge-
wichtung und Bewertung der einzelnen Kosten- und Nutzeneffekte hin. Nida-
Rümelin & Schulenburg (2013b) unterscheiden „drei Phasen der Auseinanderset-
zung mit Risiken“, die sich erweitert auf die Betrachtung von Kosten und Nutzen
anwenden lassen: Risikoidentifikation, Risikobewertung und Risikobeurteilung.
In der Phase der Identifikation stehen die Arten von Kosten und Nutzen, die in die
subjektive Bewertung einfließen, im Mittelpunkt. In der zweiten Phase werden die
Effekte individuell bewertet. Dies umfasst beispielsweise die Frage, mit welcher
Wahrscheinlichkeit ein Effekt eintreten könnte und mit welcher Schadens- bzw.
Nutzenhöhe dadurch bei einem Projekt für den Bewertenden zu rechnen ist. Die
dritte Phase widmet sich der Gesamtbeurteilung dieser Aspekte und der Abschät-
zung, ob die Kosteneffekte unter diesen Voraussetzungen aus ethischer bzw.
subjektiver Hinsicht vertretbar sind. Während die ersten beiden Phasen ökomische
Fragen umfassen, bezieht sich die dritte Phase auf Fragen ethischer Art (vgl.
ebd.:223). Werden die drei Schritte an die klassische Kosten-Nutzen-Analyse
angelegt, so zeigen sich verschiedene Defizite, beispielsweise die bereits erwähnte
Fokussierung auf monetär bewertbare Effekte, die fehlende Bewertung der Ein-
trittswahrscheinlichkeiten und Opportunitätseffekte sowie die nicht vorhandene
subjektive Einordnung des Ergebnisses (vgl. ebd.:225). Gerade diese Aspekte
scheinen jedoch im vorliegenden Kontext von zentraler Bedeutung.
Wie von Nida-Rümelin & Schulenburg bereits angesprochen, werden für
die Gewichtung und Bewertung identifizierter vorteil- und nachteilhafter Effekte
eines Projektes neben der Eintrittswahrscheinlichkeit auch die Ausmaße der
Effekte (Schadens- bzw. Nutzenwert) herangezogen. Hinzu kommt eine Ein-
schätzung qualitativer Merkmale, z.B. anhand der Frage, ob Kosten und Nutzen
freiwillig oder erzwungener Maßen auf sich genommen werden und ob die Ef-
fekte kontrollierbar oder unkontrollierbar durch den Projektträger oder auch die
Betroffenen selbst sind (vgl. u.a. Renn 2012b:185). Die Gewichtung der Kosten-
und Nutzenaspekte hängt zudem u.a. von der Situation des Gewichtenden ab. Ist
dessen Situation (z.B. Wohlstand bzw. Lebensstandard, Gewohnheiten) bereits
auf einem hohen Niveau verankert, so bedarf es anderer (und vermutlich höhe-
rer) Nutzenaspekte, um Belastungen auszugleichen als bei Personen, die über ein
niedrigeres Niveau verfügen (vgl. RWE 2012:44f.,52,228,250). Vereinfacht
4.1 Konzepte des Kosten-Nutzen-Ansatzes 87

gesagt sind Akteure, die bereits über viel verfügen, schwerer zufrieden zu stellen,
da sie die kommunizierten Nutzenaspekte als selbstverständlich erachten (vgl.
RWE 2012:145). Hierbei wird von einer „postmateriellen Sattheit“ gesprochen
(RWE 2012:45). Gleiches gilt in umgekehrtem Verhältnis für die Auswirkungen
von Kosteneffekten.
Hinzu kommt die Frage, wie konkret Effekte vorliegen: Sind die Kosteneffek-
te eines Projektes (z.B. landschaftliche Veränderungen, Lärmbelastungen) direkt
spürbar, die Nutzenaspekte hingegen eher allgemeiner oder überregionaler Natur
(z.B. sichere Energieversorgung für die ganze Region), so werden die Aspekte
höher gewichtet (in diesem Fall die Kosteneffekte), die greifbarer erscheinen (vgl.
z.B. RWE 2012:111). Bestehende Unsicherheiten oder Ängste aufgrund schwerer
Einschätzbarkeit von Effekten kann hierbei zu einer Bewertung auf „Nummer
sicher“ führen, also einer geringeren Gewichtung von Nutzeneffekten bei gleich-
zeitiger Höhergewichtung von potentiellen Nachteilen (vgl. z.B. Benighaus et al.
2010:278).
Die zu Beginn des Kapitels erwähnte „Nichtidentität von Gewinnern und Ver-
lierern“ (Feindt 2010:23f.) deutet zudem auf die Bedeutung der Verteilung positi-
ver und negativer Aspekte hin. Neben der allgemeinen Relevanz des Nettonutzens
ist zu beachten, ob eine gerechte Verteilung von Kosten und Nutzen auf alle Ak-
teure inkl. der Öffentlichkeit vorhanden ist, ob eine Seite vor allem Kosten und die
andere Seite vor allem Nutzen erfährt (vgl. Benighaus et al. 2010:280; Aeschba-
cher 2006:14; Portney 1991:25; Schreck 1998:4) oder inwiefern ein Prozess einen
Nutzen für alle Beteiligten erzeugen kann (vgl. Beierle 2000:11ff.). Genau auf
diese Verteilungsfrage fokussieren meist bestimmte Interventionsformen bei
Großprojektprozessen (z.B. Mediationsverfahren) mit dem Ziel eines für alle Be-
teiligten nutzenstiftenden Ergebnisses (vgl. Benighaus et al. 2010:294).
Obige Ausführungen nehmen sich nur ansatzweise der Gewichtungs- und
Bewertungsfrage von Kosten- und Nutzeneffekten eines Großprojektes an. Mit
Blick auf das vorliegende Forschungsinteresse wird ebenfalls auf differenziertere
Auseinandersetzungen mit dem Thema sowie die dahinterliegenden psychischen
Prozesse verzichtet und auf die einschlägige Fachliteratur bekannter Autoren,
z.B. Renn (2013d) oder Nida-Rümelin & Schulenburg (2013a, 2013b), verwie-
sen. In dieser Arbeit ist vor allem der Gesamtgewichtungsfaktor bedeutsam, der
sich aus der Vielfalt der verschiedenen Einflüsse auf den Gewichtungs- und
Bewertungsprozess zusammensetzt, also Wahrscheinlichkeitsaspekten, Scha-
dens- und Nutzenausmaß, Greifbarkeit, Kontrollierbarkeit und Freiwilligkeit etc.
Dieser integrierende Faktor wird dabei als Blackbox behandelt.
88 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten

Die interdisziplinären Ausführungen zur Genese von Kosten-Nutzen-Verhältnis-


sen lassen insgesamt auf eine große Effektvielfalt bei Großprojekten schließen.
In Bezug auf Großprojekte zählen hierzu sowohl jene Effekte, die bei der Gestal-
tung von Projekt und Prozessinterventionen aufkommen, wie auch solche, die
durch das Projekt selbst entstehen. Ob ein Effekt als Kosten- oder Nutzenaspekt
wahrgenommen und gewichtet wird, hängt vom jeweiligen Betrachter ab (vgl.
Bark 2012:28f.; Simmel 1968:188f.; Nollmann 1997:57).
Hinsichtlich Prozesseffekten führte die sozialwissenschaftliche Konfliktfor-
schung lange Zeit einen leidenschaftlichen Diskurs über die Funktionalität oder
Dysfunktionalität von Konflikten. Desintegrierende, ordnungsgefährdende Aus-
wirkungen von Konflikt wurden integrierenden, sozialen Wandel bedingenden
Kräften gegenübergestellt (vgl. Bark 2012:22f.). Simmel (1968:187) beschrieb
bereits früh die Notwendigkeit von konvergierenden und divergierenden Prozes-
sen: „[…] auch die Gesellschaft [braucht] irgendein quantitatives Verhältnis von
Harmonie und Disharmonie, Assoziation und Konkurrenz, Gunst und Missgunst,
um zu einer bestimmten Gestaltung zu gelangen.“ Eine gleichberechtigende
Betrachtung sowohl nutzenstiftender als auch kostenbringender Auswirkungen
fand jedoch erst nach und nach Eingang in den wissenschaftlichen Prozess, vor
allem durch die Arbeiten von Coser und Dahrendorf. Aus der Zuschreibung von
beiderlei Funktionen eines Konflikts lassen sich umgekehrt auch beiderlei Funk-
tionen dem Konsens, als Gegenstück von Konflikt, zuschreiben (vgl. hierzu auch
Bark 2012) – und damit auch der Akzeptanz als pragmatisches Schwesterkon-
strukt des Konflikts (vgl. hierzu auch Kapitel 2).
Zur Strukturierung von Kosten- und Nutzenaspekten bieten sich unter-
schiedliche Ansätze an. Die Konfliktforschung betrachtet prozessuale Effekte
und unterscheidet direkte und indirekte Kosten46. Direkte Kosten entstehen durch
Konfliktinterventionen, z.B. Prozesskosten bei Gericht. Indirekte Kosten entste-
hen hingegen als Effekte eines Konflikts, zu nennen sind hier beispielsweise
psychische Belastungen der Beteiligten (vgl. Troja 2006:150). Diese Unterschei-
dung ist für den vorliegenden Zusammenhang aus drei Gründen kaum ausrei-
chend. Erstens bedarf es nicht nur der Zuordnung von Kosten-, sondern auch von
Nutzeneffekten (direkter/indirekter Nutzen), zweitens sollten zusätzlich zu kon-
fliktbezogenen Effekten auch akzeptanzbezogene Effekte betrachtet werden.
Außerdem muss drittens das Verständnis vom Konfliktprozess auf das Konflikt-
objekt erweitert werden, wodurch auch das Großprojekt und die dadurch direkt
entstehenden Effekte Beachtung finden.

46 Ähnlich ist die Unterscheidung nach formellen und informellen Konfliktkosten konzipiert (vgl.
z.B. Dana 1996).
4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten 89

Eine andere Form der Strukturierung kann durch eine Zuteilung von Ressour-
cen und deren Effekten zu Generierungsgrößen und Ergebnisgrößen vorgenommen
werden (vgl. z.B. Oetzel & Ting-Toomey 2006:XI). Dieser Gedanke basiert auf
Input-Output-Modellen wie sie beispielsweise beim strategischen Kommunikati-
onscontrolling und -management eingesetzt werden. Er lässt sich an das Konzept
der direkten und indirekten Kosten anknüpfen (vgl. Rolke & Zerfaß 2010): Anstatt
von direkten Kosten kann von Inputgrößen gesprochen werden. Indirekte Kosten
werden zu den Ergebnissen eines Prozesses/Projekts gezählt und in Output, Out-
come und Outflow unterteilt47. Beck & Schwarz (2008:91ff.) unterscheiden wiede-
rum Ressourcen, die zur Intervention und Bewältigung von Konflikten eingesetzt
werden können, in persönliche, soziale, ideell-kulturelle und materielle Ressour-
cen. Persönliche Ressourcen umfassen beispielsweise Wissens- und Erfahrungs-
aspekte, soziale und kommunikative Fähigkeiten (vgl. Faltermaier 1987:120ff.)
sowie Selbstkonzeption und Selbstwertgefühl (vgl. Menaghan 1983). Soziale Res-
sourcen knüpfen daran an und bezeichnen Ressourcen, die durch Netzwerke und
Beziehungen entwickelt werden können (z.B. Beratung, Unterstützung; vgl. House
1981). Ressourcen ideell-kultureller Art beschreiben Möglichkeiten, die sich aus
dem Normen-, Wert- und Regelsystem des Systems ergeben (vgl. Beck & Schwarz
2008:93). Materielle Ressourcen beziehen sich auf sämtliche Geld- und Sachmittel,
organisationale sowie personale Mittel (vgl. ebd.).
Die Bewertung eines Großprojektes und seiner Effekte muss aufgrund der
ständigen Veränderungen des Projektes (z.B. durch Planungs- oder Baufort-
schritt) sowie der ständigen sozialen Interaktion der beteiligten Akteure (bei-
spielsweise durch Kommunikation) nicht als einmalig vorzunehmende Bewer-
tung einer Alternative, sondern als kontinuierlich ablaufender Prozess verstan-
den werden, in den aktuelle Entwicklungen und Veränderungen einfließen. Es ist
davon auszugehen, dass soziale Handlungen (beispielsweise Kommunikation zur
Verdeutlichung der persönlichen Bewertung eines Großprojektes) soziale Reak-
tionen anderer Akteure des Projekts (z.B. in Form der Äußerungen einer diver-
gierenden Haltung), Veränderungen des Projektes selbst (z.B. Änderung von
Bauplänen) oder der begleitenden Gegebenheiten (z.B. Änderungen politischer
Entscheidungen, politischer Instrumente) provoziert.
Dieser Logik folgend, fließt das Ergebnis eines Projektprozesses (Akzep-
tanz bzw. Nicht-Akzeptanz/Konflikt), unter anderem beeinflusst durch Kosten-
und Nutzenabschätzungen, ebenfalls in erneute Kosten- und Nutzenabschätzun-
gen ein. Es entsteht dadurch ein reziprokes Verhältnis zwischen Akzeptanz- bzw.
Konfliktprozess und Kosten-Nutzen-Verhältnis, da letzteres Treiber von Akzep-
tanz bzw. Konflikt sein kann, zugleich aber durch Konflikt bzw. Akzeptanz (und

47 Für eine nähere Erklärung der drei Größen vgl. auch Kapitel 3.1.1.
90 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

alle damit zusammenhängenden Prozesse) beeinflusst wird (vgl. unter anderem


Schweizer-Ries et al. 2010).
Nachfolgende Ausführungen widmen sich der umfassenden Darlegung po-
tentieller Kosten- und Nutzenaspekte bei Großprojekten. Um obigen Erkenntnis-
sen hinsichtlich der angedeuteten Vielfalt gerecht zu werden, wurde im Identifi-
zierungsprozess nicht nur wissenschaftliche, sondern auch praxisbezogene Lite-
ratur konsultiert sowie Quellen, die zur Gestaltung von Großprojekten von Wirt-
schaft, Verbänden, Politik und Verwaltung herausgegeben wurden (beispielswei-
se Projekthandbücher, Leitfäden). Dabei wird die Strukturierungsweise von Beck
& Schwarz (2008) aufgegriffen (vgl. obige Ausführungen) und auf Basis der, der
Literatur entnommenen, Kosten- und Nutzenaspekte ergänzt.

4.2.1 Materielle und finanzielle Formen von Kosten und Nutzen

Harte Effekte eines Großprojektes beziehen sich im engsten Sinne auf Auswirkun-
gen, die durch das Projekt selbst entstehen. Dazu zählen vor allem die originären
Beweggründe eines Projektes, die den Akteuren (vor allem dem Projektträger),
aber auch weiten Teilen der Öffentlichkeit Nutzen stiften sollen: Infrastrukturaus-
bau, Energietransport und -gewinnung, Schaffung von Wohnraum etc. (vgl. Be-
nighaus et al. 2010:278). Neben Neuerschaffungen geht es dabei vielfach um Aus-
oder Umbauten bereits bestehender Einrichtungen mit dem Ziel einer effizienteren
Nutzung von Ressourcen sowie Einsparung von negativen Effekten durch Innova-
tionen (vgl. RWE 2012:232; Forschungsinitiative ZukunftBAU 2013:25). Dazu
zählt beispielsweise auch die Veränderung aktueller Situationen und Objekte, die
aus wirtschaftlicher, ökologischer oder ethischer Sicht kaum mehr hinzunehmen
sind (z.B. Erhalt umweltgefährdender Industrieanlagen, Export von Sondermüll,
vgl. Gans 1994:12). Im Falle einer Projektmodifikation, der Nichteinrichtung oder
des Projektabbruchs können die dadurch nicht beseitigten Folgen bzw. nicht ge-
nutzten Verbesserungspotentiale als Opportunitätseffekte betrachtet werden (vgl.
Tries & Reinhardt 2008:254f.; C.A.R.M.E.N 2014), die für den Projektträger und
Nutznießer eines Projekts Opportunitätskosten darstellen (vgl. Bundesministerium
für Verkehr und digitale Infrastruktur 2014; RWE 2012; Suhr 1990). Für Akteure,
welche die direkt-projektbezogenen Effekte (Beweggründe der Projekte) nicht als
Nutzen-, sondern als Kostenaspekte bewerten, entsteht im Falle einer Modifikati-
on, Nichteinrichtung oder des Projektabbruchs Opportunitätsnutzen.
4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten 91

4.2.1.1 Direkte ökonomische und ökologische Effekte

Die Nutzung der Projektvorteile erfordert den Einsatz finanzieller, sachlicher und
personeller Mittel, die zur Entwicklung, Genehmigung und Verwirklichung eines
Projektes notwendig sind (vgl. z.B. Europäische Kommission 1997). Hierzu
werden vor allem die durch den Projektaufbau und seine Fachprozesse entste-
henden Kosten (z.B. Investitionskosten für Projektträger, Verwaltungskosten und
-aufwand für Ämter), aber auch Kosten für Rückbau und Entsorgung gezählt
(vgl. C.A.R.M.E.N 2014:24). Diese aus Perspektive der einen Akteure als Kos-
ten bewerteten Effekte können gleichzeitig positive Effekte für andere Akteure
hervorbringen (z.B. Aufträge für Baufirmen, Gutachter, Berater). Vor allem
hinsichtlich Projekten der öffentlichen Hand bzw. aus öffentlichen Mitteln wird
dabei die Relevanz von Kostentransparenz und Kostenentwicklung hervorgeho-
ben (vgl. Flachsbarth 2011:65).
Für die Allgemeinheit, vor allem das direkte Umfeld und die Region eines
Projektes, werden im Falle einer Projektverwirklichung einerseits positive Aus-
wirkungen auf die Attraktivität von Standorten und die Belebung dieser prognos-
tiziert. Dabei wird von wirtschaftlichen Impulsen, Belebungs- und Konjunktur-
programmen gesprochen, beispielsweise durch verbesserte Auftragslagen, Schaf-
fung von Arbeitsplätzen oder vermehrten Tourismus (vgl. Hüsing et al. 2002).
Im Falle einer Projektablehnung wird die Schwächung von Standorten bzw.
Regionen (vgl. Gans 1994:12f.) durch fehlende Entwicklungs- und Erneue-
rungsmöglichkeiten befürchtet (vgl. RWE 2012; Bundesministerium für Verkehr
und digitale Infrastruktur 2014). Hinweise gibt es zudem auf allgemeine ökono-
mische Auswirkungen in Abhängigkeit von der Projektentwicklung, z.B. ein
höheres/niedrigeres Preisniveau für bestimmte Waren und Dienstleistungen oder
Kostenveränderungen für Abwasser/Flächen etc. (vgl. RWE 2012; Europäische
Kommission 1997:23f.) oder Wertverfall/Wertsteigerung von Immobilien etc.
(vgl. z.B. Reinhardt 2008:36ff.; Schreck 1998:4; RWE 2012:38,260; Bundesmi-
nisterium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2014:60ff.).
In gleicher Weise sind die ökologischen Effekte eines Projektes zu beachten,
z.B. in Form der Umweltverträglichkeit (vgl. Voßebürger & Weber 1998:83).
Diese umfasst sämtliche positiven und negativen Auswirkungen auf Natur und
Umwelt (z.B. Temperatur, Luft, Boden, Wasser, Flora, Fauna; vgl. RWE 2012:
58,185,233; C.A.R.M.E.N 2014:21ff.; BUND 2013:12; Bundesministerium für
Verkehr und digitale Infrastruktur 2014). Hinzu kommen Effekte der Flächennut-
zung: Wie gestaltet sich z.B. der Flächenverbrauch bzw. die Flächenumnutzung
eines Projektes? Werden landwirtschaftliche oder dem Natur- und Artenschutz
unterstehende Flächen berührt oder Konversionsflächen? Welche Landnutzungsin-
teressen werden insgesamt tangiert (vgl. C.A.R.M.E.N 2014:24ff.; Ohlhorst &
Schön 2010:212ff.)? Auch andere Ressourcen, beispielsweise Energieformen wer-
92 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

den genannt – hier steht vor allem die Frage im Mittepunkt, ob Projekte eine ver-
besserte Nutzung (effizienter, effektiver) vorhandener Ressourcen ermöglichen.
Obige Aspekte beinhalten vor allem passive Formen der ökologischen und
ökonomischen Betroffenheit durch ein Projekt in negativer wie in positiver Weise.
Aktive Formen der Teilhabe sind jedoch ebenfalls von Bedeutung (vgl. z.B. RWE
2012). Hierbei wird vor allem die wirtschaftliche Partizipation der Allgemeinheit
an der Wertschöpfung genannt, z.B. eine Form finanziellen Ausgleichs für Bürger,
die zum Wohle der Allgemeinheit/des Investors Nachteile zu tragen oder Ein-
schränkungen hinzunehmen haben (vgl. RWE 2012:33,75,192,222; C.A.R.M.E.N
2014:232; Führungsakademie Baden-Württemberg 2012:24; Schweizer-Ries et al.
2010:2ff.).

4.2.1.2 Prozesseffekte

Neben direkt von einem Projekt ausgehenden Effekten sind Effekte durch die
damit verbundenen Prozesse und der damit einhergehenden Kommunikations-
bzw. Beteiligungsformen ideeler Art zu beachten. Für die Gestaltung von Kom-
munikation im Rahmen eines Großprojektprozesses ist der Einsatz materieller
bzw. finanzieller Ressourcen notwendig. Glasl (2013:20ff.) unterscheidet drei
Phasen bzw. Situationen des Ressourceneinsatzes: Ressourcen zur präventiven
Kommunikation (erstmalige Aktivitäten zur Generierung von Akzeptanz bzw.
Beeinflussung des Konfliktpotentials), zur kurativen Kommunikation (Interventi-
on im Konfliktprozess) sowie zur Beeinflussung von Konfliktfolgen. Die mögli-
chen Mittel reichen dabei von Instrumenten der einseitigen Informationstätigkeit,
die vor allem auf die Verteilung von Informationen oder Aufmerksamkeitserzeu-
gung abzielt, bis hin zu Mitgestaltungsformaten, deren Ergebnisse handlungs-
weisend sind (vgl. vor allem Kapitel 5 sowie z.B. Grunig & Hunt 1984).
Bei der Prävention von Konflikten und der Förderung von Akzeptanz fallen
Kosten für eine offene Kommunikation der Belastungen und Nutzenaspekte
eines Projekts an (vgl. RWE 2012:129). Aufgrund der Komplexität vieler Groß-
projekte sind vor allem Nutzenformen oftmals schwer erkennbar, wodurch gera-
de der Kommunikation dieser eine ganz zentrale Bedeutung zugesprochen wer-
den kann (vgl. RWE 2012:145,217f.,252). Auch während eines Prozesses wer-
den zu den zentralen Effekten vor allem umfassende Kosten für Kommunikation
und Beteiligung gezählt (z.B. für Kommunikationsmittel, Personal, Mediatoren/
Moderatoren, Gutachten, Räumlichkeiten; vgl. Kanngießer 2004:263ff.; Kühnl
2012:200ff.; Troja 2001:215f.; RWE 2012:179,221; Städtetag Baden-Württem-
berg 2012; Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin 2011;
BUND 2013). Belastungen entstehen dabei nicht nur für Projektträger oder Ge-
4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten 93

nehmigungsbehörden, sondern können grundsätzlich bei allen Beteiligten (Kri-


tiker wie Befürworter) entstehen (vgl. Kanngießer 2004:64,263; Zilleßen 1998a:
17,33; RWE 2012:94,190; Schweizer-Ries et al. 2011; Forschungsinitiative Zu-
kunftBAU 2013; Führungsakademie Baden-Württemberg 2012). Hinsichtlich der
Kommunikationskanäle kann zwischen Formen der persönlichen Kommunikati-
on, sozialen Medien, Eigenpublikationen (bzw. eigenen Medien) sowie Massen-
medien unterschieden werden (vgl. Brettschneider & Vetter 2011:890). Die Hö-
he der Effekte hängt dabei von Art, Umfang und Zeitpunkt der Kommunikation
ab (vgl. z.B. Städtetag Baden-Württemberg 2012:72; Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung und Umwelt Berlin 2011:133ff). Zugleich sind diese Faktoren
entscheidend für die Wirkung der Kommunikation und des sich hieraus möglich-
erweise ergebenden Nutzens bzw. der sich ergebenden Folgekosten (vgl. Brett-
schneider 2013b:321ff.).
Bei Dialog- und beteiligungsorientierten Formen der Kommunikation scheint
zudem die Finanzierungsart der Intervention entscheidend, da sich die Art der
Finanzierung einer Beteiligungsform auf die Teilnahmemotivation, den Verfah-
rensablauf und die Glaubwürdigkeit des Verfahrens auswirken kann (vgl. RWE
2012:93). Werden Gelder durch eine Seite alleine aufgebracht (z.B. Projektträger),
so kann der Verdacht einseitiger Einflussnahme aufkommen. Werden die Gelder
gemeinsam oder durch neutrale Stellen aufgebracht, wirkt sich dies als Kostenfak-
tor auf alle Geldgeber aus (vgl. Benighaus et al. 2010:291). Als Träger der Kosten
kommen z.B. der Projektträger, der Initiator, Verwaltungs- oder Genehmigungsbe-
hörden, gesonderte Einrichtungen (z.B. Stiftungen) oder sämtliche Teilnehmer in
Betracht (vgl. Kanngießer 2004:266ff.)48.
Bei konflikthaltigen oder konfliktgefährdeten Prozessen sind zudem Kosten
der Konfliktintervention durch Kommunikation zu erwarten. Neben den hierbei
entstehenden Interventionskosten (z.B. Personal- und Sachkosten bei Bürgerbetei-
ligungen, vgl. Hein 2004:165f.; Kanngießer 2004) werden als Folge von Kommu-
nikation aber auch Nutzenaspekte durch verminderte Konfliktkosten erwähnt, z.B.
in Form der Aufwandsreduzierung für Genehmigungsbehörden, Gerichte und
Polizei49 sowie verminderte Kosten für Berater, Anwälte etc. (vgl. Kanngießer
2004:60,64; Kühnl 2012:202). Im Fall von konfliktbehafteten Prozessen, die über
dissensuelle Kommunikation hinausgehen, muss mit diesen zusätzlichen Aufwen-
dungen durch Anfragen, Einwände und Beschwerden wie auch konkrete Rechts-
streitigkeiten gerechnet werden. Besonders betroffen ist hierbei vor allem die öf-
fentliche Verwaltung bzw. öffentliche Hand, über die viele dieser Prozesse laufen

48 Für eine ausführliche Darlegung von Finanzierungsformen und ihre Folgen vgl. z.B. Kanngießer
(2004:263ff.).
49 Z.B. durch weniger Anfragen/Beschwerden/Einwendungen bei Behörden, weniger/kürzere Ge-
richtsverfahren, weniger Polizeieinsätze.
94 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

bzw. die sich vielen dieser Aufgaben widmen muss (vgl. Führungsakademie Ba-
den-Württemberg 2012:64; Gans 1994:12). Schlussendlich werden für alle Betei-
ligten zudem Kosten zur Beeinflussung direkter Konfliktprozessfolgen sowie Wie-
derherstellungskosten genannt, beispielsweise für den Wiederaufbau von Vertrau-
en, Glaubwürdigkeit und Reputation (vgl. Tries & Reinhardt 2008:253f.; Füh-
rungsakademie Baden-Württemberg 2012:64).
Die maßgeblich bei den Beteiligten eines Prozesses (unabhängig, ob kon-
fliktbelastet oder nicht) entstehenden Kosten können unter dem Transaktionskos-
tenbegriff zusammengefasst werden. Diese bezeichnen beispielsweise materielle
und finanzielle Aufwendungen oder persönliche Belastungen (vgl. Beck &
Schwarz 2008:110). Transaktionskosten umfassen keine konkrete Ressourcen-
gruppe, vielmehr bezeichnen sie den Grund des Ressourcenverbrauchs. Entschei-
dend ist dabei die Verfahrensart (vgl. Troja 1998:88), denn unterschiedliche Ver-
fahren bringen unterschiedlich hohe Transaktionskosten für die Akteure mit sich
(vgl. Ury et al. 1991:33f.), wobei bei entsprechendem Verfahrensmanagement
von einer Chance auf Senkung dieser Verfahrenskosten ausgegangen wird (vgl.
Troja 2001:327; RWE 2012:203). Bezug hierauf nehmend kann eine Verfahrens-
finanzierung zusätzlich zur Gestaltung des eigentlichen Prozesses eine Aufwands-
entschädigungen für Beteiligten notwendig machen, um deren Transaktionskosten
zu senken (vgl. z.B. Führungsakademie Baden-Württemberg 2012:62).
Zu den zentralen Treibern von (Transaktions)Kosten werden zeitliche As-
pekte gezählt, vor allem die Abweichung von ursprünglich angesetzten Zeithori-
zonten durch Verzögerungen (vgl. Tries & Reinhardt 2008:252f.; Forschungsini-
tiative ZukunftBAU 2013). Aber auch die Planungs- und Errichtungsdauer ins-
gesamt ist Teil dessen, beispielsweise für Projektträger als finanzieller Kosten-
faktor, für Anwohner als Belastungszeitraum (vgl. Benighaus et al. 2010:276;
Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2014). Die Gründe für
zeitliche Verzögerungen sind dabei vielfältig. Einerseits werden Formen von
Protest und Konflikt genannt (vgl. RWE 2012:190), andererseits Prozessformen,
die einen umfangreichen Dialog mit allen Beteiligten umfassen, z.B. Bürgerbe-
teiligungsverfahren, da diese sich auf die Entscheidungsphasen von Behörden
auswirken können. Bilaterale Verhandlungen zwischen Akteuren sind hingegen
oftmals weniger zeitintensiv (vgl. Kanngießer 2004:60f.).
Neben diesen Hinweisen auf Auswirkungen in der Planungs- und Genehmi-
gungsphase lassen akzeptierte Ergebnisse von frühzeitigen und umfassenden
Dialog- und Beteiligungsverfahren eine Beschleunigung der darauffolgenden
Phasen erwarten (vgl. Schmittel 1991; Müller & Holst 1987:17) – und zwar aus
folgenden Gründen: Direktdemokratische Verfahren nehmen meist mehr Zeit in
Anspruch als Entscheidungen, die durch politische oder administrative Instituti-
onen getroffen werden (vgl. Städtetag Baden-Württemberg 2012:15), der Ent-
scheid erhält jedoch bei legitimer Verfahrensdurchführung ein höheres Maß an
4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten 95

Akzeptanz als konventionelle Entscheide durch Behörden, Parlamente oder Re-


gierungen und kann dadurch zu Zeitersparnissen bei nachfolgenden Prozessen,
z.B. der Realisierung führen, da Konflikte bereits in einer frühen Phase aufge-
griffen und bearbeitet werden können (vgl. Kolb 1999:30; Voßebürger & Weber
1998:82f.; RWE 2012:19). Auch im Vergleich zu Entscheidungen der Judikative
werden dialogorientierten Verfahren größere Zeitersparnisse zugesprochen (vgl.
z.B. Kühnl 2012:200f.). Die Verlagerung von Kosten und Zeitaufwand in die
Planungsphase, weg von darauffolgenden Ausführungsphasen, bringt zugleich
aber auch andere Anforderungen mit sich, z.B. eine umfangreiche Visualisierung
des Projekts von Beginn an (vgl. Forschungsinitiative ZukunftBAU 2013:33).
Neben Effekten, die direkt durch den interaktiven Prozess entstehen, kön-
nen sich hieraus, abhängig vom Prozessergebnis, Modifikationseffekte für das
Projekt insgesamt ergeben, beispielsweise eine alternative Bauweise oder ein
anderer Standort (z.B. aufgrund von Ergebnissen aus Bürgerbeteiligungsprozes-
sen; vgl. RWE 2012:35). Auch hierdurch können Kosten- und Nutzeneffekte
entstehen. Es wird davon ausgegangen, dass Modifikationen mit zunehmendem
Projektfortschritt zunehmende Kosten verursachen (vgl. RWE 2012:8). Der
Kenntnis des Vorhabenträgers über Beweggründe der Bürger und die politisch-
gesellschaftliche Bedeutung eines Projekts in frühen Projektphasen wird deswe-
gen eine größere Planungssicherheit, frühe Planungsoptimierung sowie Kosten-
einsparung zugeschrieben (vgl. Kanngießer 2004:62).

4.2.1.3 Verhältniseffekte

Neben Effekten, die für das Verhältnis von Kosten und Nutzen von Bedeutung
sind, können auch Verhältnismäßigkeiten selbst zum Faktor werden. Prominen-
tes Beispiel ist die Effektivität, also das Maß an Zielerreichung eines Projektes
und seiner Prozesse, wobei diese als positiv bewertet wird, wenn durch ein Pro-
jekt oder einen Prozess eine kontinuierlich und ergebnisorientiert (weiter)ent-
wickelte Lösung zustande kommt (vgl. Kühnl 2012:203; Oppermann & Langer
2000:53; Voßebürger & Weber 1998:81f.; Städtetag Baden-Württemberg 2012:
18; Führungsakademie Baden-Württemberg 2012:64). Daneben spielt die Frage
der Dauerhaftigkeit der Lösung eine bedeutsame Rolle, denn erneute Konflikt-
bzw. Akzeptanzprozesse können zu weiteren Transaktionskosten führen. Hinzu
kommt die Bewertung der Qualität des Prozessergebnisses im Vergleich zu al-
ternativen Lösungen, vor allem wenn hierbei auf Öffentlichkeitsbeteiligung ge-
setzt wurde (vgl. Beierle 2000:11ff.). Dies führt auch zur Frage, ob z.B. durch
Dialogverfahren zusätzliche Informationen gewonnen, Analysen verbessert, in-
novative Ideen eingebracht oder ganzheitlichere Ansätze verfolgt werden konn-
ten – oder nicht (vgl. Beierle 2000:11f.).
96 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

Auch Aspekte der Effizienz, also dem Maß an Wirtschaftlichkeit, finden in der
Literatur Beachtung. Neben der insgesamt gewünschten, optimalen und bedarfsge-
rechten Allokation von Ressourcen (vgl. Führungsakademie Baden-Württemberg
2012:64) steht vor allem die Frage im Raum, ob bei der gewählten Interventionsart
im Prozess (z.B. beteiligungsbasierte Entscheidungsfindung) kosteneffizienter
agiert werden konnte als durch eine andere Form der Entscheidungsfindung.

4.2.2 Individuelle, soziale und ideell-kulturelle Formen von Kosten und Nutzen

Während der vorige Abschnitt sich den harten Effekten, vor allem ökonomischer
und ökologischer Art widmet, zeigen nachfolgende Ausführungen vor allem die
möglichen weichen Effekte von Großprojekten und deren Prozessen auf. Dabei
finden gleichermaßen Effekte aus dem psychischen, individuellen Raum wie von
sozialer Ebene und dem gesamtgesellschaftlich-kulturellen Modus Erwähnung.

4.2.2.1 Individuelle Formen

Zu den meistgenannten Bereichen, deren Betroffenheit im individuellen Bereich


sowohl gefürchtet als auch, im Falle eines Nutzenzuwachses, erhofft wird, zäh-
len die von Inglehart (1977), aufbauend auf der Bedürfnispyramide von Maslow
(1943) formulierten materiellen Werte, die grundlegende physische Grundbe-
dürfnisse sowie das Bedürfnis nach Sicherheit umfassen. In Bezug auf Großpro-
jekte werden vor allem Auswirkungen auf die persönliche Gesundheit und Si-
cherheit (vgl. Schreck 1998:4; RWE 2012:260; C.A.R.M.E.N 2014:21ff.; BUND
2013:12; Luge 2011:98) bzw. allgemeine optische, akustische, physische oder
psychische Beeinträchtigungen durch ein Projekt genannt (vgl. RWE 2012:
168,218,232,267; C.A.R.M.E.N 2014:21ff.). Wie in Kapitel 3.1.1 unter den ob-
jektbezogenen Akzeptanzfaktoren bereits erwähnt, zählen hierzu beispielsweise
veränderte Strahlen- oder Lärmbelastungen, Veränderungen des Landschaftsbil-
des oder eine veränderte Sicherheitslage (vgl. u.a. Benighaus et al. 2010:278).
Hinzu kommen Effekte, die sich auf emotionale und kognitive Vorgänge
und deren Ergebnisse niederschlagen können. Dazu zählen beispielsweise Aus-
wirkungen auf die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse von Individuen,
die dann in Form physischer oder psychischer Veränderungen sichtbar werden.
Beispielhaft zu nennen sind Frustration oder Stress (vgl. z.B. Tries & Reinhardt
2008:250f.), aber auch allgemeine Wahrnehmungsveränderungen sowie Verän-
derungen der Motivation und des Vertrauens (vgl. Glasl 2013; Schwarz, Gerhard
2010; Audi 2014; Kanngießer 2004:60).
4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten 97

Bei Informations-, Wissens- und Lerneffekten werden explizit positive Ef-


fekte beobachtet. Der Wissens- und Informationsstand spielen dem Anschein nach
vor allem bei Beteiligungsprozessen (vgl. Beierle 200015ff.) eine zentrale Rolle:
Das Einbringen von persönlichem Wissen durch Akteure kann bei Absendern und
Empfängern für Nutzeneffekte sorgen, beispielsweise durch die Möglichkeit,
einen Informations- und Wissenszuwachs im Prozessverlauf zu generieren (vgl.
Oppermann & Langer 2000:53f.; Voßebürger & Weber 1998:80f.; Führungsaka-
demie Baden-Württemberg 2012:64; Ewen 2009:160; Brettschneider & Vetter
2011; Brettschneider 2011), wobei dies bei zu hoher Komplexität oder Masse an
Informationen schwierig werden kann (vgl. RWE 2012:95). Der Wissenszuwachs
muss sich hierbei nicht ausschließlich auf fachlich-sachliche Aspekte beziehen,
sondern kann auch soziale Aspekte von Gruppen- und Konfliktdynamiken umfas-
sen (vgl. z.B. Bercovitch 1984:32f.). Ebenfalls Erwähnung findet der mögliche
positive Einfluss auf die Kreativität und Innovationsprozesse (vgl. Führungsaka-
demie Baden-Württemberg 2012:64) sowie die Modifizierung oder Flexibilisie-
rung der eigenen Positionen (vgl. z.B. Bercovitch 1984:32f.; Coser 1956).
Mit den aufgezeigten Effekten sind die individuellen Auswirkungen jedoch
nicht final beschrieben. Auch auf die Ergebnisse dieser Vorgänge kann sich ein
Projektprozess erneut auswirken. Zu den Nutzeneffekten wird dabei vor allem
die Wahrnehmung einer erhöhten Transparenz von Plänen, Entscheidungsgrund-
lagen und Verfahren gezählt (vgl. Kühnl 2012:206f.; RWE 2012:33; Senatsver-
waltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin 2011; BUND 2013:11; Brett-
schneider 2011:47) sowie verschiedene Aspekte der Teilhabe, Mitsprachemög-
lichkeiten und Eingebundenheit in den Verfahrensablauf bzw. die Projektgestal-
tung (vgl. Kanngießer 2004:63; Arbter 2010; Arbter et al. 2005; Schweizer-Ries
et al. 2010:95; Oppermann & Langer 2000:54; Voßebürger & Weber 1998:83f.;
RWE 2012:19; Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin
2011:80f.; Umbach 2011:162). Letzteres kann gleichermaßen zum oben erwähn-
ten Vertrauensaufbau (vgl. Kühnl 2012:205; Oppermann & Langer 2000:53;
RWE 2012:203; Arbter et al. 2005; Arbter 2010; Führungsakademie Baden-
Württemberg 2012:63f.) wie auch dem persönlichen Ausmaß an Zufriedenheit
eines Individuums beitragen. Diese wiederum kann sich sowohl aus der Prozess-
verlaufsweise heraus sowie aus dem Umfang, mit dem ein Prozessergebnis zur
persönlichen Zielerreichung beiträgt, ergeben (vgl. Ury et al. 1991:28ff.).

4.2.2.2 Soziale Formen

Die bisherigen Ausführungen individueller Kosten- und Nutzeneffekte haben


bereits vereinzelt Verbindungen zu handlungs- und verhaltensbezogenen Effek-
ten gezogen, jedoch diese sozialen Aspekte noch nicht vollumfänglich behandelt.
98 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

Wird eine Unterteilung von sozialen Effekten, die einem Großprojekt selbst, und
Effekten, die seinen Prozessen entstammen, vorgenommen, so wird ersichtlich,
dass die sozialen Effekte, die durch Prozesse entstehen, weitaus überwiegen.
Soziale Formen von Kosten und Nutzen im Rahmen von Großprojektpro-
zessen umfassen sämtliche Effekte auf Vorgänge und Ergebnisse sozialer Inter-
aktion der Akteure bzw. der Öffentlichkeit. Im Rahmen von Großprojekten ent-
stehen fast zwangsläufig soziale Interaktionsformen zwischen den Beteiligten.
Konflikte bzw. Diskurse im Ringen um unterschiedliche Sichtweisen und Be-
wertungen des Projekts erhalten den kommunikativen Austausch zwischen Indi-
viduen bzw. Gruppen (vgl. Luhmann 1984: 530) und geben Raum zur Austra-
gung unterschiedlicher Ansichten (vgl. Bark 2012:54ff.). Der Austausch bildet
zugleich die Voraussetzung zur Schaffung einer einheitlichen Grundlage (z.B.
desgleichen Informationsstands), u.a. durch Fokussierung auf die zentralen An-
liegen (vgl. Himes 1966), Kennenlernen gegenseitiger Standpunkte, Themen und
Motive, Annahmen und Erwartungen sowie zur Entwicklung von gegenseitigem
Verständnis (vgl. z.B. Bercovitch 1984:32f.; Coser 1956). Infolgedessen ist zu-
gleich eine veränderte Bekanntheit, der Gewinn oder Verlust von Image, Reputa-
tion und Glaubwürdigkeit bei Sympathisanten, Kunden, Kapitalgebern, Wählern,
Bürgern, Mitarbeitern etc. sowie daraus folgenden Verhaltensweisen (z.B. Wahl-
verhalten, Kaufverhalten) möglich (vgl. Brettschneider 2013b:320; Brettschnei-
der & Schwarz 2013; Voßebürger & Weber 1998:82f.; Schreck 1998:4). Auch
Beziehungsgefüge und -strukturen bleiben durch vermehrte Interaktion nicht
unberührt, die möglichen Veränderungen sind vielfältig. Beziehungsverhältnisse
(z.B. Rangfolgen und Strukturen, vgl. Simmel 1968:189) können dadurch erhal-
ten bzw. erschaffen werden (z.B. durch gleichzeitiges Interesse am Prozessge-
genstand mit unterschiedlichen Interessen; vgl. z.B. Coser 2009:144ff.; Simmel
1968:194f.) oder ähnlichen Interessen (z.B. Koalitionen, vgl. z.B. Coser 1967:
166ff.; Bark 2012:62f.). Gerade bei Technik- und Umweltthematiken sind oft-
mals Machtunterschiede und Barrieren z.B. bei Behörden, Bürgern, Verbänden
und Unternehmen vorhanden (vgl. Benighaus et al. 2010:292). Auch diese beste-
henden Strukturen in und zwischen Gruppen (z.B. Verteilung der Macht, Hierar-
chie; vgl. Bark 2012:47) können Veränderung erfahren (vgl. Oppermann & Lan-
ger 2000:54; Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin
2011:59; Arbter 2010; Arbter et al. 2005; BUND 2013:6; Führungsakademie
Baden-Württemberg 2012:63f.). War in einer bislang bestehenden Beziehung
das Verhältnis zwischen den Beziehungspartnern fixiert, so kann ein Großprojekt
als besonders dynamisches und von vielen Faktoren (und Akteuren) abhängiges
Konfliktobjekt dieses Verhältnis verändern. Die Definition, wer David und wer
Goliath ist, kann sich in der Situation eines Großprojektes völlig neu gestalten.
4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten 99

Abhängig ist dies unter anderem von der Teilbarkeit eines Konflikts50: Je teilba-
rer ein Konflikt, je eher Kompromisslösungen möglich sind, desto eher werden
demnach Beziehungsverhältnisse gleich beibehalten (vgl. Hirschmann 1999:
158f.). Dieser Logik folgend, wäre die Veränderung einer Beziehung bei einem
Großprojekt dann am wahrscheinlichsten, wenn Kompromisse unwahrscheinlich
oder sogar unmöglich („Entweder-Oder-Projekte“) sind. Nicht nur Strukturen,
sondern auch der Modus des direkten Umgangs kann Veränderungen erfahren,
z.B. im Rahmen von Umgangsweise und -stil (von oben herab vs. auf Augenhö-
he, Respekt, Wertschätzung) (vgl. Brettschneider 2011:40ff.; Führungsakademie
Baden-Württemberg 2012:63ff,) sowie der Umgangs- und Verfahrensfairness
(vgl. Schweizer-Ries et al. 2010:93; Henseling et al. 2016:51).
Bezugnehmend auf obige Ausführungen wird deutlich, dass sich die in und
zwischen Gruppen herrschenden Beziehungen durch vermehrte Interaktion ver-
bessern, aber auch verschlechtern können (vgl. z.B. Beck & Schwarz 2008:111).
Mögliche Änderungen der Beziehungsqualität und -stabilität in Folge von Groß-
projektprozessen lassen sich insgesamt wie folgt zusammenfassen: Wo vorher
keine Beziehungen zwischen Akteuren (in und zwischen Akteursgruppen) wa-
ren, können solche entstehen. Bereits bestehende Beziehungen können durch die
soziale Interaktion zwischen den Akteuren erhalten und verbessert werden (vgl.
Kühnl 2012:205; Oppermann & Langer 2000:54; Voßebürger & Weber 1998:
80f.; RWE 2012:203; Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Ber-
lin 2011:255; Arbter et al. 2005; Arbter 2010; BUND 2013; Führungsakademie
Baden-Württemberg 2012:63f.). Dies trifft nicht nur auf konfliktfreie Prozesse
zu; Konflikte können ebenfalls zur Beziehungsstärkung beitragen, beispielsweise
durch Spannungsabbau (an Ersatzobjekten oder innerhalb der sozialen Bezie-
hung selbst), der Konflikt fungiert dabei als eine Art „Ventil“ (vgl. z.B. Berco-
vitch 1984:32f.; Simmel 1968:189f.; Freud 1996; Coser 2009:51ff.; Bark
2012:39)51. Führt ein Prozess aber nach und nach zur Verdeutlichung von Unter-
schieden zwischen Gruppen, so kann dies die Ausbildung bzw. Verbesserung der
intragruppalen Identität und Kohäsion fördern (vgl. Giesen 1993:108; Zick
2008:414; Schwarz, Gerhard 2010:19; Audi 2014:49). Grund können die Teilung
gemeinsamer Werte sowie deutlichere Unterscheidung zwischen „uns“ (allen
Gruppenangehörigen bzw. allen, welche die selbe Meinung vertreten) und „den
Anderen“ (allen, die eine konträre Meinung vertreten, vgl. u.a. Auer 2008:254;

50 „Teilbare Konflikte zeichnen sich durch die Möglichkeit aus, Konfliktgegenstände oder Konflikt-
ziele auf die beteiligten Konfliktparteien aufzuteilen“ (Bark 2012:53, vgl. auch Hirschmann 1999:
158f.).
51 Bei andauernder Spannungsentladung an Ersatzobjekten besteht jedoch die Gefahr des Erhalts
von sozialen Beziehungen ohne Zukunft, aufgrund mangelnder direkter Auseinandersetzungen
(vgl. auch Bark 2012:39f.).
100 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

Coser 2009:43; Coser 1956) sein und die dabei vorgenommene Definition eines
Feindbildes (vgl. z.B. Bark 2012:41ff.; Simmel 1968:239). Im Falle eines inter-
gruppalen Konflikts aufgrund eines Großprojektes, der schlussendlich beigelegt
werden kann, kann auch diese Form der sozialen Interaktion zur Reintegration
der gesamten Gruppe führen (vgl. Bark 2012:44f.; Schwarz, Gerhard 2010:20f.;
Himes 1966).
Ein großer Teil der Metadiskurse über Großprojekte beschäftigt sich hinge-
gen mit der Verschlechterung bis hin zum Abbruch von Beziehungen in Folge
von Großprojektprozessen. Vor allem auf lokaler bzw. kommunaler Ebene kön-
nen die komplexen Sachlagen, die spezifischen Auswirkungen und unterschied-
lichen Wahrnehmungen sowie Einschätzungen im Rahmen von Großprojekte-
konflikten zu Spannungen und Streit bis hin zum Beziehungsabbruch führen
(vgl. Benighaus et al. 2010:279). Ein Beziehungsabbruch durch einen entspre-
chenden Prozess kann in einzelnen Fällen jedoch auch nutzenstiftend sein, durch
die Auflösung sozialer Beziehungen ohne Zukunft, unterstützt durch die Kom-
munikation und Interaktion, mit deren Hilfe Widersprüche oder Einverständnisse
überhaupt erst kundgetan werden können (vgl. Bark 2012:37).

4.2.2.3 Gesellschaftliche, ideell-kulturelle und politische Formen

Die Makroebene der nutzenstiftenden oder auch kostenbringenden Folgen von


Großprojektprozessen kann sich auf das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Poli-
tik, die Rolle und den Stand politischer Institutionen, das gesellschaftliche Nor-
men- und Wertegefüge sowie Stabilität und Wandel der Gesellschaft auswirken.
Neben formellen Beteiligungsverfahren (z.B. frühzeitige Öffentlichkeitsbetei-
ligung) werden vielfach (zusätzlich) informelle Verfahren und Vorgehensweisen
bei Projekten durchgeführt, die auf die jeweilige Situation, die Beteiligten und
deren Bedürfnisse zugeschnitten werden. Vor allem dann, wenn diese aufgrund
von Defiziten formeller Verfahren Anwendung finden, kann es zu einer Infrage-
stellung politischer Grundinstitutionen und Entscheidungen gewählter politischer
Organe kommen (vgl. Hornig & Baumann 2013:20). Findet diese Veränderung
Zugang zur politischen Agenda, so wird von einer Weiterentwicklung politischer
bzw. rechtlicher und demokratischer Instrumente, z.B. in Form der Schaffung von
behördlichen Prozessen und Strukturen für Beteiligung ausgegangen. Versprechen
alternative Verfahren keine Lösung, so werden Konflikte um Großprojekte in Tei-
len vor Gerichten entschieden statt durch Beteiligte. Damit erfolgt eine Verlage-
rung hin zur Dritten Gewalt, der Judikative (Türke 1981:2 nach Gans 1994:12).
Der freiwilligen Beteiligung von Bürgern an den Prozessen von Großpro-
jekten, unabhängig davon wie diese Prozesse gestaltet sind und welche Position
die Bürger einnehmen, wird eine Förderung der Motivation zu bürgerlichem oder
4.2 Kostenaspekte und Nutzenaspekte bei Großprojekten 101

politischem Engagement, Interesse zur Mitwirkung am Gemeinwesen und da-


durch auf lange Frist die eventuelle Entlastung der öffentlichen Hand, z.B. der
Verwaltung zugeschrieben (vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
Umwelt Berlin 2011:60,127; Arbter 2010; Arbter et al. 2005; Führungsakademie
Baden-Württemberg 2012:63).
Auswirkungen durch und auf das gesellschaftliche Wert- und Normengefüge
werden ebenfalls beobachtet, beispielsweise ist der Erhaltungswunsch bisheriger
Zustände, z.B. in Bezug auf das Landschaftsbild, Ausdruck eines gelebten Nor-
men- und Wertesystems (vgl. Benighaus et al. 2010:279ff.). Werden vorhandene
Normen umgesetzt und angewendet, können sie durch Prozesse Stabilisierung
erfahren. Dies gilt vor allem für Normen und Werte, die die Prozessaustragung
regeln, aufgrund deren Anwendung durch alle Prozessakteure (vgl. Simmel
1968:200). Der Einfluss auf Normen, Strukturen, Prozesse oder Institutionen ist
dabei jedoch nicht binär codiert – vielmehr werden dem Konflikt auch Zwischen-
formen der Einflussnahme, z.B. als Reflexions-, Indikations- oder Validierungs-
instrument, zugeschrieben (vgl. Bark 2012: 79ff.; Coser 2009; Giesen 1993;
Schwarz, Gerhard 2010). Eine häufige Auslegung und Umsetzung von Normen
und Werten der Legalität und Legitimität lässt zugleich eine Weiterentwicklung
dieser, aufgrund der situativen Anpassung an das Zeitgeschehen, annehmen (vgl.
hierzu Brinker 2011:56; Feindt 2010:23; Benighaus et al. 2010:291).
Die Ausführungen der Kapitel 1 und 2 zeigen mögliche Auswirkungen von
Großprojekten auf die Stabilität und den Wandel einer demokratischen Gesell-
schaft auf. Die Gestaltung des Kreislaufs aus abwechselnd stabilisierenden und
wandelnden Elementen wird den Prozessen der Projekte zugeschrieben. Kurz
gesagt ermöglichen soziale Prozesse, vor allem dissensueller Art, Wandel und
Innovation und hierdurch eine Weiterentwicklung gesellschaftlicher Werte und
Institutionen (vgl. Coser 1956). Vor allem die Wandlungs- und Stabilisierungs-
funktionen von Konflikten steht dabei in enger Verbindung zu Großprojekten –
zählen Konflikte über aktuelle Zustände doch zu den zentralen Initiierungsgrün-
den eines Großprojekts (vgl. hierzu Kapitel 2.1). Die Hinweise auf Konflikte als
treibende Kraft sozialen Wandels (vgl. z.B. Schwarz, Gerhard 2010:26), auf
Wandel als gesellschaftlichen Normalfall (vgl. Imbusch 2010), den damit ein-
hergehenden Kreislauf von Schaffung, Stabilisierung und Wandel von Struktu-
ren, Normen und Institutionen (vgl. z.B. Bark 2012:69f.), die Erringung von
Fortschritt und Entwicklungen sowie dadurch entstehende Innovationen techni-
scher, kultureller oder sozialer Art, die dem momentan Zustand der Gesellschaft
und ihren zukünftigen Herausforderungen angepasst sind (vgl. z.B. Coser 1967:
279f.; Gumplowicz 1926), fassen die positiven und negativen Effekte von sozia-
len Prozessen diesbezüglich zusammen. Diese Möglichkeit der Weiterentwick-
lung und der ständigen Modifikation integrierender Prozesse und Strukturen
sowie das Nebeneinanderbestehen unterschiedlicher Interessen erlaubt insgesamt
102 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

gesellschaftliche Stabilität, wo anderenfalls die Gefahr des Auseinanderfallens


der Gesellschaft bestünde (vgl. Messmer 2003:20f.; Bark 2012:46f.; Giesen
1993:108f.).

4.3 Conclusion zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten

Welche Schlussfolgerungen hinsichtlich Kosten und Nutzen bei Großprojekten


können mit Blick auf die obigen Ausführungen gezogen werden?
Die aufgezeigte Vielfalt potentieller Kosten und Nutzen bei Großprojekten
lässt davon ausgehen, dass diese nicht nur auf monetäre bzw. quantitativ fassbare
Aspekte zu beziehen sind, sondern sämtliche positiven und negativen Effekte
einschließen, die für Akteure eines Großprojektes Relevanz entfalten. In An-
nahme subjektiv gebildeter Realitäten ist dabei die individuelle Wahrnehmung
entscheidend, unabhängig von der Faktizität eines Aspektes (vgl. Benighaus et
al. 2010; Renn 1998; Meuer & Troja 2004; aus volkswirtschaftlicher Perspektive
vgl. Hanusch 2011). Dies schließt nicht nur zu bewertende Objekte, sondern
auch alle damit einhergehenden Prozesse ein.
Einzelnen Themen wird hierbei besondere Bedeutung zugesprochen. Hierzu
zählen z.B. verschiedene Effekte, die umgangssprachlich unter dem Begriff der
Lebensqualität subsumiert werden können. Zu nennen sind vor allem Effekte auf
die persönliche Gesundheit und den Wohn- und Lebensraum, z.B. die Veränderun-
gen des Landschaftsbildes, gesundheitliche Risiken oder den Verlust des eigenen
Wohnraums (vgl. Schreck 1998; Benighaus et al. 2010; Luge 2011; RWE 2012;
BUND 2013).
Augenmerk ist außerdem auf externe Effekte zu richten, die in Bezug auf
verschiedene Themen im Zusammenhang mit Großprojekten und vor allem mit
Blick auf eine wahrgenommene Ungerechtigkeit Erwähnung finden. Vereinfacht
gesagt, gehen bei externen Effekten Kosten oder Nutzen ohne Gegenleistung bzw.
Kompensation auf Außenstehende bzw. Unbeteiligte über (vgl. Europäische
Kommission 1997:23f.)52. Es lassen sich drei Arten externer Effekte unterschei-
den: Erstens technologische externe Effekte; sie „liegen dann vor, wenn Handlun-
gen eines Akteurs den Nutzen bzw. den Gewinn eines anderen Akteurs direkt
beeinflussen, ohne dass dieser Zusammenhang durch den Marktmechanismus
erfasst wird; es findet also kein Ausgleich – etwa in Form einer Kompensations-
zahlung – statt“ (Fritsch 2001:93, Beispiel: Lärmverminderung, Luftverschmut-
zung). Zweitens pekuniäre externe Effekte, die als Folge einer Marktbeziehung
entstehen, z.B. wenn andere Marktteilnehmer ihr Angebots- oder Nachfragever-

52 Für eine ausführlichere Definition externer Effekte vgl. auch Pigou (1979:26) oder Reinhardt
(2008:36f.).
4.3 Conclusion zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten 103

halten verändern (vgl. Fritsch 2014:81, Beispiel: Verteuerung von Flächen, güns-
tigere Mieten). Drittens psychische externe Effekte; hierbei wird das Nutzenni-
veau eines Individuums „durch das Konsum- oder Nutzenniveau von Dritten
beeinflusst[…], ohne dass ein physischer Zusammenhang vorliegt oder eine ent-
sprechende Marktbeziehung besteht“ (Fritsch 2014:81, Beispiel: Gunst oder
Missgunst bzw. Neid). Insgesamt lassen diese Erkenntnisse zur verschiedenen
Effektarten jedoch noch keine Rückschlüsse darauf zu, ob und wie die Effekte
explizit bei Großprojekten vorzufinden sind und welche Wirkung sie entfalten.
Hinsichtlich der Bewertung all dieser Effekte kann mit Blick auf den As-
pekt der Entscheidung unter Unsicherheit und unvollständiger Information (vgl.
Goldschmidt 2012), die Anwendung von Heuristiken (vgl. Tversky & Kahneman
1974) und die damit einhergehende individuelle Wahrnehmung und Bewertung
von Kontrollmöglichkeiten, Entscheidungsfreiheit, Schadenspotential sowie der
Vertrautheit mit dem zu bewertenden Objekt (vgl. z.B. Zwick 2002; Wiedemann
& Eitzinger 2006) die besondere Beachtung der individuellen Relevanzbewer-
tung und zugeordneten, wahrgenommenen oder vermuteten, individuellen Ein-
trittswahrscheinlichkeiten der einzelnen Kosten- und Nutzenaspekte nahegelegt
werden. Diese und andere Formen der subjektiven Gewichtung beeinflussen den
Abwägungsprozess entscheidend, denn durch eine hohe Gewichtung wird einem
Effekt ein entsprechend starker Einfluss auf das Verhältnis von Kosten und Nut-
zen eingeräumt.
Unabhängig von der konkreten Art der Verrechnung positiver und negativer
Aspekte, also der Konzeption des Kosten-Nutzen-Verhältnisses, ist davon aus-
zugehen, dass schlussendlich das Ziel eines möglichst hohen Nettonutzens, also
der größten Differenz zwischen (gewichteten) Kosten und Nutzen im Raum steht
und sich verschiedene Projektalternativen53 daran messen lassen müssen. In
diesem Zusammenhang ist anzunehmen, dass bei der Bewertung und Auswahl
einer Alternative auch die Bedeutung von entgangenem Nutzen (Opportunitäts-
kosten) bzw. nicht entstandenen Kosten (Opportunitätserlöse) eine Rolle spielt
(vgl. z.B. Weiß 2008; Preuß 2011). Hierbei darf vermutet werden, dass zwischen
Kosten-Nutzen-Verhältnis und dem Akzeptanzkonstrukt eine reziproke Bezie-
hung besteht: Das Kosten-Nutzen-Verhältnis kann einerseits als zentrale Ein-
flussgröße von Akzeptanz und Nicht-Akzeptanz angesehen werden, andererseits
ist anzunehmen, dass es selbst durch das Ausmaß von Akzeptanz bzw. Nicht-
Akzeptanz beeinflusst wird (vgl. Schweizer-Ries et al. 2010). Eine differenzier-
tere Betrachtung dieser Beziehung liegt jedoch bislang kaum vor.
Aufgrund der Dynamik eines Projekts, seiner Prozesse und Einflussfaktoren
muss zudem davon ausgegangen werden, dass diese Abwägungs- und Entschei-

53 Dies kann sich auch auf eine Situation beziehen, in der nur die Alternative zwischen Umset-
zung und Nicht-Umsetzung (Nullvariante) besteht.
104 4 Kosten- und Nutzenaspekte von Konflikt und Akzeptanz

dungsprozesse immer wieder vorgenommen werden und zu unterschiedlichen


Ergebnissen (verändertes Kosten-Nutzen-Verhältnis, Veränderung des Grades an
Akzeptanz etc.) führen können.
Die obigen Ausführungen zeigen bedeutende Aspekte, aber auch Wissens-
lücken hinsichtlich der empirischen Relevanz dieser Themen bei Großprojekten
auf. Maßgeblich zweierlei Aspekte scheinen hierbei von besonderer Relevanz:
Zum einen Art und Gewicht der Kosten und Nutzen, die bei Großprojekten Be-
deutung entfalten, sowie deren Wirkung auf andere Aspekte der Projekte, vor
allem die Akzeptanz. Leitfrage L3 „Welche Kosten- und Nutzeneffekte entwi-
ckeln bei Großprojekten Bedeutung? In welchem Zusammenhang stehen diese
Kosten und Nutzen mit der Akzeptanz bzw. Konflikten bei Großprojekten?“ lässt
sich diesbezüglich durch folgende Fragen ausdifferenzieren:

F3.1: Welche Arten von Kosten und Nutzen entfalten bei Großprojekten empi-
rische Bedeutung?
F3.2: Welche Relevanz wird einzelnen Effekten zugeordnet? Welche Unter-
schiede gibt es hierbei bei Akteuren, Projekten und Projektträgern?
F3.3: Wie gestalten sich Kosten und Nutzen sowie deren Verhältnis insgesamt?
5 Kommunikation und Beteiligung bei
Großprojekten

„Frühzeitige und umfassende Kommunikation und Öffentlichkeitsbeteiligung


sichern die inhaltliche Angemessenheit der technischen Lösung für den gesell-
schaftlichen Bedarf und senken damit die Wahrscheinlichkeit eskalierender Kon-
flikte. Daher sind sie der Effizienz und Effektivität von Bauprojekten zuträglich“,
so formuliert Brettschneider (2016:223) die Potentiale von Kommunikation und
Beteiligung für Großprojekte. Methoden wie „Decide – Announce – Defend“
(Zilleßen 1993:36), also die interne Entscheidung nach Beratungen, dann die
öffentliche Bekanntgabe und die Verteidigung gegenüber kritischen Stimmen,
werden teilweise noch angewendet, haben aber zunehmend weniger Erfolg, wie
zahlreiche Beispiele zeigen. „Die Zeit der Basta-Politik ist vorbei, auch Parla-
mentsbeschlüsse werden hinterfragt, vor allem, wenn es Jahre dauert, bis sie reali-
siert werden. Sie müssen jedenfalls in dieser Zeit immer wieder begründet und
erläutert werden“ (Konfliktschlichter Heiner Geißler im Zusammenhang mit dem
Projekt Stuttgart 21, zitiert durch Brettschneider 2013a:206). Kommunikation,
Information und Beteiligung werden gerade bei Großprojekten zentrale Bedeu-
tungen zugeschrieben, da die alleinige Legitimation von Großprojekten durch
Verfahren nicht mehr ausreicht (vgl. z.B. Zilleßen 2007:84f.; Renn & Webler
1994:16ff.). Dies zeigt sich u.a. daran, dass zahlreiche Projekte zwar prozedural
legitimiert sind, jedoch öffentlich keine Akzeptanz finden (vgl. Grunwald & Ho-
cke 2006: 20ff.). „Die repräsentative Demokratie, so wie sie heute in Deutschland
funktioniert, verliert zusehends an Unterstützung in der Bevölkerung. Es ist nicht
nur ein Rückgang der Demokratiezufriedenheit zu beobachten, sondern auch ein
fortschreitender Vertrauensverlust ihrer Institutionen und Akteure“ (Glaab
2016:4). Dabei werden nicht nur Beteiligungsformen als mögliche Intervention
gesehen, sondern zugleich die Rollen von Information und Kommunikation als
essentielle Begleiter von Beteiligung hervorgehoben, um auch diejenigen thema-
tisch mitzunehmen, die nicht beteiligt werden wollen oder können (vgl. Renn
2013b:92). Zugleich wird die Rolle der Kommunikation immer öfter hinterfragt
und es bedarf weiterer Forschung, um diese deutlicher herauszuarbeiten (vgl.
Brettschneider 2011). Hierbei werden auch Stimmen laut, die auf potentielle ne-
gative Aspekte von Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten hinwei-
sen, beispielsweise der starke Einfluss von Bildungsgrad, Alter und Zeitressour-
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
I. M. Schmalz, Akzeptanz von Großprojekten, Politik gestalten – Kommunikation,
Deliberation und Partizipation bei politisch relevanten
Projekten, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23639-7_5
106 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

cen auf die Teilnahmewahrscheinlichkeit eines Bürgers bei einem Beteiligungs-


verfahren (vgl. Schmidt 2010; Masser 2008:177ff.) oder die Missbrauchsmög-
lichkeiten von Beteiligung als PR-Instrument (vgl. Neunecker 2015:52f.).
Nachfolgend werden verschiedene Formen der Kommunikation und Betei-
ligung näher betrachtet, wobei im ersten Teil näher auf die verschiedenen Struk-
turierungsweisen von Informations-, Kommunikations- und Beteiligungsformen
eingegangen wird. Im zweiten Teil werden mit Blick auf die von Brettschneider
(2016) angeführten Potentiale verschiedene Effekte und Funktionen der unter-
schiedlichen Formen aufgezeigt und erörtert.

5.1 Ansätze zu Kommunikation und Beteiligung

Informationsbroschüren und Webcams, Runde Tische und Kreativwerkstätten,


Bürgerbeiräte, Soziale Medien und animierte Visualisierungen: Die Vielfalt der bei
Großprojekten eingesetzten Kommunikationsinstrumente ist groß. Hinzu kommen
unterschiedliche Ausführungs- und Gestaltungsmodi sowie verschiedene Kommu-
nikatoren. Denn neben Projektträgern kommunizieren auch andere Projektakteure,
z.B. Behörden und Bürgerinitiativen, Natur- und Umweltschutzverbände oder
Wirtschaftsvertreter. Ganz allgemein können Formen der Kommunikation in per-
sönliche und massenmediale, monologische und dialogische sowie direkte und
indirekte Formen unterteilt werden (vgl. Zerfaß 2010:159). Diese Unterscheidun-
gen alleine können jedoch die Kommunikationsweisen bei Großprojekten nur
ansatzweise charakterisieren und lassen keine erklärenden Schlüsse für die Kom-
munikation und Beteiligung bei Großprojekten zu. Ein, vor allem die deutschspra-
chige Diskussion über die Strukturierung von PR- bzw. Kommunikations(manage-
ment)formen, prägender Ansatz sind die vier Public Relations-Modelle von Grunig
& Hunt (1984; vgl. hierzu auch Knödler 2005:88ff.). Die Modelle beschreiben vier
Grundtypen der Kommunikation von der Propaganda hin zum symmetrischen
Dialog und fokussieren neben Zweck, Art und Kommunikationsflussrichtung zwi-
schen Sender und Empfänger unter anderem auf typische Anwendungsgebiete
(vgl. Grunig & Hunt 1984). Beteiligung als wirkungsvolle und selbstbestimmte
Teilhabe von Bürgern spielt in dieser Definition von Botschaftsabsender und
-empfänger jedoch keine Rolle.
Partizipatorische Ansätze hingegen betrachten verschiedene Formen, Über-
gänge und Modi von Kommunikation und Beteiligung mit Fokus auf den Teilha-
beaspekt. Die alleinige Unterscheidung nach Einweg- und Zweiwegekommuni-
kation oder persönlichen und massenmedialen Formen kann die Intentionen
partizipatorischer Ansätze damit nicht ausreichend abbilden, wodurch eine ande-
re Systematik zur Strukturierung dieser Ansätze vonnöten wird. Reed (2008)
unterscheidet hierzu vier Typologien der Partizipation, die in Teilen an kommu-
5.1 Ansätze zu Kommunikation und Beteiligung 107

nikationswissenschaftliche Strukturierungsweisen anknüpfen, jedoch maßgeblich


durch das spezifische Partizipationsverständnis der Kontexte, denen sie ent-
stammen, z.B. ideologische, soziale, politische sowie methodologische Kontexte,
geprägt sind (vgl. Reed 2008; Lawrence 2006). Unterschieden werden Ansätze,
die Partizipation anhand des Grades der Stakeholderbeteiligung klassifizieren,
Ansätze, die anhand der Kommunikationsflussrichtung einteilen, Ansätze, die
anhand normativer und pragmatischer Prägung unterscheiden, sowie Ansätze,
die Partizipation hinsichtlich der angesetzten Zielsetzung charakterisieren (vgl.
Reed 2008:2419ff.). Die jeweiligen Ansätze sind originär nicht ausschließlich
mit Blick auf die Strukturierung unterschiedlicher Kommunikations- und Parti-
zipationsformen entstanden, sondern auch, um Defizite im Verhältnis zwischen
Bürgern und Eliten aufzuzeigen (Stichwort Empowermentbewegung, vgl. z.B.
hierzu Herriger 2014:14ff.; Herriger 2006).
Reeds (2008) vier Typologien repräsentieren ähnlich wie die Modelle von
Grunig & Hunt (1984) weniger Real- als vielmehr Idealtypen partizipatorischer
Ansätze. Vor allem hinsichtlich des Grades der Stakeholdereinbeziehung und der
Richtung des Kommunikationsflusses sind einige Ansätze, die beiderlei Elemen-
te aufgreifen, zu verzeichnen. Aus Perspektive der angewendeten Kommunikati-
onsformen bzw. der durch die Projektträger getriebenen Kommunikationsmodi
heraus, eignen sich vor allem Ansätze dieser ersten beiden Typologien zur Struk-
turierung im vorliegenden Kontext, da weder der Vergleich zwischen normativ
erwünschten und empirisch vorliegenden Partizipationsformen, noch die Diskus-
sion zwischen unterschiedlichen Zielsetzungen dieser hier im Mittelpunkt steht54.
Eines der grundlegenden Modelle zur Strukturierung partizipatorischer
Formen ist Arnsteins (1969) „Ladder of Citizen Participation“. Das Modell wur-
de ursprünglich nicht zur Einordnung unterschiedlicher Beteiligungsformen im
Sinne einer wertfreien Typologisierung erdacht, sondern als Kritikmodell der
Empowermentbewegung an unterschiedlichen Formen praktizierter Bürgerbetei-
ligung. Neben akzeptierten Beteiligungsformen enthält dieser Ansatz auch For-
men, die aus Arnsteins Perspektive als weniger qualifiziert oder wirkungslos
beurteilt werden. Arnstein (1969:217; vgl. auch Nanz & Fritsche 2012) unter-
scheidet acht Stufen, zugeordnet zu drei Kategorien, die den Grad der Partizipa-
tion von Bürgern widerspiegeln. Der untersten Kategorie „Non-Participation“,
die aus Arnsteins Sicht eher durch erzieherische Motive geprägt ist, ordnet sie
aufsteigend Manipulation und Therapie zu. Den „Degrees of Tokenism“ weist

54 Kommunikation und (ideelle) Beteiligung bei Großprojekten geht oftmals mit materieller Beteili-
gung einher, diese steht jedoch hier nicht im Mittelpunkt (vgl. hierzu z.B. Granoszewski & Spiller
2012a). Ebenso wird nicht genauer auf Verfahren eingegangen, die im Rahmen von Konfliktvor-
beugung und -bearbeitung entwickelt wurden, z.B. Konfliktmanagement oder -lösungsstrategien,
wie sie z.B. von Voßebürger & Weber (1998); Audi (2014); Renn & Webler (1994); Boulding
(1962) oder Zerfaß (2010) behandelt werden.
108 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

sie im Sinne einer Alibi-Teilhabe Information, Konsultation und inszenierte


Mitwirkung bzw. Beschwichtigung zu. Die „Degrees of Citizen Power“ umfas-
sen partnerschaftliche Kooperationen, Machtabgabe und die umfassende Ent-
scheidungsmacht durch die Bürger. Mit jeder zunehmenden Stufe nimmt der
Grad der Beteiligung zu, zugleich impliziert der hierarchische Aufbau, dass hö-
here Stufen niedrigeren Stufen vorzuziehen sind (vgl. Arnstein 1969; Reed 2008;
Johnson et al. 2004). Richtige Beteiligung geht aus Arnsteins Sicht (1969:219)
erst dann los, wenn mehr als die konsultative Wahrnehmung von Bürgerinput
stattfindet; alles darunter wird als zu oberflächlich beurteilt.

Abbildung 9: „Ladder of Citizen Participation“ von Arnstein (1969), eigene


Darstellung

Die Quintessenz, dass sich verschiedene Formen der Beteiligung hinsichtlich


Umfang, Reichweite und Qualität unterscheiden, zählt zu den maßgeblichen
Verdiensten dieses Modells (vgl. Nanz & Fritsche 2012:23f.). Schwerpunkt die-
5.1 Ansätze zu Kommunikation und Beteiligung 109

ses sowie ähnlicher Ansätze sind Kommunikations- und Beteiligungsformen, die


durch Projektträger oder Behörden initiiert werden. Mit Blick auf die zentrale
Rolle des Projektträgers hinsichtlich der Moduswahl (vgl. hierzu auch Kapitel
6.5.) stehen diese Ansätze auch hier im Mittelpunkt
Ein deutsches Modell in Anlehnung an Arnsteins Ansatz wurde von Trojan
(2001) im Kontext der Gesundheitsforschung entwickelt. Dieser differenziert vor
allem in den mittleren und oberen Bereichen von Arnsteins Leiter weiter aus. So
werden beispielsweise die konsultativen und dialogorientierten Stufen sowie die
Formen der (Mit)Entscheidung differenzierter unterteilt. Ähnlich ist das neunstufi-
ge Modell von Wright et al. (2010) konzipiert. Neben Formen der Nicht-Partizi-
pation, Vorstufen der Partizipation und der eigentlichen Partizipation ergänzt die-
ses Stufenmodell eine Stufe der Selbstorganisation, die über den partizipatorischen
Prozess hinausgeht. Einen weiteren, achtstufigen Ansatz, der sich stark an Arn-
steins Modell anlehnt, entwickelte Hart (1992) im Kontext von Kinderrechten.
Alle bislang vorgestellten Modelle thematisieren Beteiligungsformen unter
starker Betonung negativ konnotierter und oktroyierte Formen des Umgangs
(z.B. Bevormundung, Erziehung, Manipulation) und weniger aus Sicht einer
Strukturierungsidee von beteiligungsermöglichenden und kommunikativen For-
men. Im Gegensatz dazu fokussiert das Partizipationsmodell von Köster (2009)
wertfrei auf verschiedene Beteiligungsmöglichkeiten und unterscheidet Stufen
der Nichtbeteiligung, des Informierens, Mitwirkens, Mitentscheidens sowie des
Selbstverwaltens und der Selbstorganisation, deren Auswahl und Anwendung
unter anderem von der allgemeinen und individuellen Situation (z.B. Interesse,
Informationsverhalten, Betroffenheit)55 abhängt. Der ermöglichende Gedanke
wird auch Macintoshs Modell (2004) vorangestellt, das die Level Enabling, En-
gaging und Empowering unterscheidet und auf dem Ansatz der OECD (2001)
aufbaut, bei dem die Zurverfügungstellung von Information, die Möglichkeit in
den Dialog einzutreten (Konsultation) und die Gelegenheit politische Prozesse
mitzugestalten (aktive Partizipation) unterschieden wird.
Die Schaffung von Beteiligungsmöglichkeiten kann zugleich als eine Form
der Einräumung von Beteiligung verstanden werden, die ausschließlich die Seite
der Beteiligenden repräsentiert, während Formen der Beteiligung, die durch
Bürger bzw. Beteiligtenseite eingebracht werden, kaum eine Rolle spielen (vgl.
hierzu Fritsche 2011:63). Dieses Defizit aufgreifend, entwickelte Lüttringhaus
(2000) das „Stufenmodell der Partizipation“, das pyramidenartig angebotene
Formen der Machthabenden (z.B. Behörden) und durchgesetzte bzw. durchge-
führte Formen der Teilnahme durch Bürger gegenüberstellt.

55 Dieser Ansatz wurde im gerontologischen Kontext entwickelt.


110 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

Abbildung 10: „Stufenmodell der Partizipation“ von Lüttringhaus (2000),


eigene Darstellung
TEILHABE TEILNAHME
Staatssystem Bürger/innen

5. Eigenständigkeit
4. Delegation von 4. Selbstverantwortung
Entscheidungen
3. Partnerschaftliche 3. Mitentscheidung
Kooperation
2. Austausch, Dialog, Erörterung 2. Mitwirkung
1. Information 1. Beobachtung/Information
Nichtbeteiligung
Manipulation Desinteresse

Das Gegenstück zu manipulativen Versuchen der Machthabenden besteht auf


Seiten der Bürgerschaft dabei aus Desinteresse, dem Angebot von kommunikati-
vem Austausch und fachlicher Erörterung steht die Mitwirkung durch die Bürger
gegenüber, dem partnerschaftlichen Kooperationsangebot die Mitwirkung, der
Delegation durch die Machthabenden die Selbstverantwortung der Bürger. Dieser
Logik folgend steht der fünften und letzten Stufe der bürgerinitiierten Teilnahme,
dem eigenständigen Bürgerhandeln, kein Pendant der Machthabenden gegenüber56.
Diese Aufteilung nach Beteiligungsangebot und Beteiligungsteilnahme führen
Schweizer-Ries et al. (2011) in ihrer Partizipationspyramide weiter, indem sie auf
vier Stufen den Grad der Einbeziehung und den Grad der Mitwirkung unterschei-
den: 1. Informieren – sich informieren, Information suchen/anfragen, 2. Konsulta-
tion, Meinung einholen – Mitdenken, Meinung äußern, 3. Kooperation, Mitent-
scheidung gewähren – Kooperation, Mitentscheiden, 4. Gewähren und Fördern
von Handlungsspielräumen – Eigenverantwortlich handeln.
Im Gegensatz zu den anfangs vorgestellten Ansätzen, die Stufen mit einem
höheren Grad an Partizipation den Vorzug geben, plädieren diese Ansätze für
eine kontextabhängige Anwendung einzelner Stufen bzw. die Prüfung jeder
Stufe auf Eignung in der jeweiligen Situation, abhängig von der Stakeholderzahl
und dem Prozessziel (vgl. Reed 2008; Richards et al. 2004; Tippett et al. 2007).

56 Auf eine kritisch-normative Diskussion der Legitimität von bottom-up oder top-down sowie
freiwillig eingeräumten oder gesetzlich vorgesehenen Beteiligungsformen wird bewusst verzichtet
und auf entsprechende Literatur, z.B. Kost & Wehling (2010) oder Nanz & Fritsche (2012) ver-
wiesen.
5.1 Ansätze zu Kommunikation und Beteiligung 111

Dies unterstreicht auch der Ansatz von Selle (2013), in dem die Beteiligungs-
formen Information, Partizipation, Koordination und Kooperation unterschieden
werden. Bezeichnenderweise wird hierbei unter Partizipation eine Form wech-
selseitiger Kommunikation verstanden, bei der eine Mitwirkung an Meinungs-
bildungs- und Entscheidungsprozessen stattfindet, jedoch keine gleichberechtigte
Zusammenarbeit; diese findet Raum in der Kooperation. Davidsons (1998)
„Wheel of Participation“ hebt die geforderte Gleichberechtigung verschiedener
Formen grafisch hervor und stellt der Metapher der Leiter ein Rad der Partizipa-
tion zur Seite. Davidson gestaltet sein Modell aus den Kommunikations- und
Partizipationsformen Information, Consultation, Participation und Empower-
ment. Jede Form kann aus seiner Sicht in drei verschiedenen Ausprägungsstufen
vorliegen. Einer minimalen, limitierten Ausführung, einer mittleren sowie einer
qualitativ hochwertigen und wahrhaftigen Ausführungsweise. Jede Form soll
demnach so eingesetzt werden, dass sie möglichst effektiv die Ziele des Beteili-
gungsprozesses unterstützt.
Die hier vorgestellten Ansätze und Modelle repräsentieren bei weitem nicht
alle vorhandenen Arbeiten zu diesem Thema. Ganz im Gegenteil. Die Liste un-
terschiedlicher Partizipationsmodelle ist lang, sie umfasst verschiedenste thema-
tische Kontexte und fachliche Ausrichtungen. Hussey (2017) hat, aufbauend auf
der Arbeit von Karsten (2012), eine Liste der englischsprachig verfügbaren Mo-
delle zusammengestellt und ist alleine für die Jahre 1969 bis 2017 auf 54 Model-
le gestoßen. Neben partizipationsgradorientierten Modellen sind hier auch andere
Modelltypen der oben beschriebenen Struktur von Reed (2008) vertreten, bei-
spielsweise solche, die ausschließlich oder in Kombination mit dem Partizipati-
onsgrad auf die Richtung der Kommunikationsflüsse und damit auf Kommunika-
tion als eigenständiges Phänomen fokussieren. Modelle dieser Art umfassen eher
nur drei oder vier Formen von Kommunikation und Beteiligung und behandeln
ergänzend zum unterschiedlichen Ausmaß des Stakeholdereinflusses die Rich-
tung des Kommunikationsflusses. Renn (2005a:21ff.) unterscheidet beispiels-
weise bei den Instrumenten der Kommunikation drei Formen: Informationsba-
sierte Instrumente, dialogbasierte Instrumente und beteiligungsbasierte Instru-
mente. Letztere wiederum können in Orientierungsinstrumente, Selbstverpflich-
tungsinstrumente und Entscheidungsinstrumente unterteilt werden.
Informationsbasierte Instrumente wie Formen der Öffentlichkeitsarbeit (z.B.
Presseinformationen), Projektwebsites oder Informationsbroschüren ermöglichen
eine reine Einwegkommunikation zwischen Sender und Empfänger. Renn erach-
tet diese Form besonders dann als geeignet, wenn das Ziel eine reine Informa-
tionsübertragung, der Adressatenkreis besonders groß ist oder die Informations-
tätigkeit als Begleitung von dialog- und beteiligungsorientierten Instrumente
dient. Dialog- und Beteiligungsinstrumente ermöglichen eine Zweiwegekommuni-
kation, bei der alle Teilnehmer sowohl Sender als auch Empfänger von Botschaf-
112 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

ten sein können. Dialog umfasst aus Sicht von Renn (ebd.:20f.) „Fragen und Ant-
worten, Erläuterungen und Nachfragen, Abfragen von Meinungen und Urteilen
sowie gegenseitige Unterrichtung“, belässt jedoch die schlussendliche Bewertungs-
und Entscheidungshoheit beim Absender. Hierzu zählen Formen des persönlichen
Gesprächs, Diskussionsrunden, Veranstaltungen, z.B. Tag der offenen Tür oder
auch Onlineforen mit Feedbackfunktion. Beteiligungsformen hingegen beziehen
den Botschaftsempfänger „direkt oder indirekt in die Entscheidungsfindung“ ein,
wobei die Grenzen zwischen Dialog und Beteiligung fließend verlaufen (Renn
2005a:21). Die Einbeziehung kann erstens dadurch vorgenommen werden, dass die
Entscheider Orientierung durch Stakeholder bzw. Bürger erhalten und deren
Sichtweisen kennenlernen, zweitens kann Beteiligung durch Selbstverpflichtungs-
instrumente erfolgen. Hierbei stellen die Entscheider die Plattform für Beteili-
gungsverfahren zur Verfügung, Ausführung und Umsetzung obliegt jedoch den
Beteiligten selbst. Drittens kann Beteiligung über die Generierung von Entschei-
dungen bzw. Entscheidungsempfehlungen für den Projektträger bzw. die Behörde
erfolgen (vgl. ebd.).

Abbildung 11: „Formate der Beteiligung“ von Renn (2011a, 2013a), eigene
Darstellung
Bürgerprojekte, Selbstverwaltung Gemeinsame Entscheidungen,
Runde Tische, Mediation, Schlichtung Bürger sind (Mit-)Entscheidungs-
Konsensuskonferenz, World Café, träger oder Träger der Projekte
Bürgergipfel, Zukunftswerkstatt, Delphi
Bürgerforen, Planungszellen, Präferenzen der Bürger,
Online-Partizipation Zweiweg-Kommunikation ist
Bürgertelefon, Ombudsperson, Web2.0 möglich, Entscheidung bleibt bei
Anhörung, Planspiele, Interviews, den Behörden
Fokusgruppen, Umfragen
Flyer, Artikel, webbasierte Infos, Einweg-Kommunikation
Ausstellungen, Medienarbeit

Auch Brettschneider (2013c, 2016) unterscheidet bei seiner Strukturierung von


Kommunikation bei Großprojekten drei Ebenen; eine Informationsebene, eine
dialogorientierte Konsultationsebene sowie eine Ebene der Mitgestaltung. Wel-
che Ebene sich in welcher Situation am besten eignet, hängt aus seiner Sicht vom
jeweiligen Kontext ab, der sich neben wahrgenommenen Nutzenaspekten und
dem Konflikt-und Eskalationspotential auch beispielsweise durch vorhandene
Zeit- und Geldressourcen definiert und der aufgrund der unterschiedlichen Funk-
tionen Instrumente mehrerer Formen im Rahmen eines Großprojektes notwendig
machen kann (vgl. Brettschneider 2013c:15).
5.1 Ansätze zu Kommunikation und Beteiligung 113

Durch die verstärkte Beachtung informations- und kommunikationsbezogener


Aspekte kristallisieren sich bei Kommunikations- und Beteiligungsansätzen zwei
grundsätzliche Formen heraus: zum einen politikwissenschaftliche bzw. demokra-
tietheoretische Ansätze mit Fokus auf Form und Ausmaß der Öffentlichkeitsbetei-
ligung, zum anderen Ansätze, die verschiedenen Kommunikationsformen und -
modi kontextabhängige Einsatzberechtigungen oder -empfehlungen zuschreiben
(vgl. Mast & Stehle 2016:20f.). In eine ähnliche Kerbe schlägt die Unterscheidung
zwischen politischer und sozialer Teilhabe. Während politische Partizipation bei-
spielsweise die Beeinflussung von politischen Entscheidungen durch Bürgerinnen
und Bürger bezeichnet (vgl. Kaase 2011:1781), der durch verfasste und nicht ver-
fasste, direkte und indirekte, legale und illegale sowie legitime und illegitime For-
men Ausdruck verliehen wird (vgl. Gabriel & Völkl 2005:531), impliziert die
soziale Partizipation die „Beteiligung von Bürgern im halb-öffentlichen oder öf-
fentlichen Raum, welcher nicht der staatlichen oder privatwirtschaftlichen Sphäre
zugeordnet werden kann“ (Radtke 2016:66, H.n.i.O.). Trotz der Betonung, dass
Letzteres sich auf Teilhabe ohne direkte politische Motivation bezieht (vgl. Roß-
teutscher 2009), ist die Abgrenzungsfrage zwischen den beiden Arten bislang nicht
eindeutig beantwortet und scheint aufgrund der aktuellen Anwendungsfelder noch
an Komplexität zuzunehmen (für einen Überblick über diese Diskussion vgl. Radt-
ke 2016:67).
Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten trifft genau in diesen of-
fensichtlichen Überschneidungsbereich, da Adressat durch Beteiligung formulier-
ter Botschaften sowohl politische Akteure und Prozesse wie auch gesellschaftliche
oder wirtschaftliche Akteure sein können. Während aufgrunddessen eine feste
Einordnung großprojektbezogener Kommunikation und Beteiligung weder sinn-
noch zweckstiftend wirkt, ist eine klare Abgrenzung zur ökonomischen Form der
Teilhabe jedoch sinnvoll (vgl. hierzu auch Mast & Stehle 2016:18). Eine materielle
Beteiligung, z.B. in Form finanzieller Kompensationen, ist möglich und vor allem
im Kontext von Großprojekten auch realistisch, steht aber aufgrund der weiteren
Spezifika, die mit dieser Partizipationsform und der Kombination dieser mit ande-
ren Formen einhergehen (vgl. z.B. Granoszewski & Spiller 2012a:13ff.), nicht im
Mittelpunkt des Kapitels. Beteiligung kann weiter in Bürgerbeteiligung und Stake-
holder- bzw. Akteursbeteiligung (Öffentlichkeitsbeteiligung) unterteilt werden,
wobei Letzteres verfasste Akteure bzw. Akteursgruppen umfasst und Ersteres nicht
oder kaum organisierte Bürger (vgl. Arbter et al. 2005:6)57.

57 Auf eine weitere Unterscheidung zwischen den Begriffen Partizipation und Beteiligung wird hier
verzichtet, obwohl der Partizipationsbegriff eher sozialwissenschaftlicher Herkunft ist und der Be-
teiligungsbegriff auch im rechtlichen Sinne Anwendung findet (vgl. z.B. Hafner 2012:39f.). Die
Begriffe werden in dieser Arbeit synonym verwendet.
114 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

Im Kontext der zahlreichen Fachbereiche (Politik(wissenschaft), Kommu-


nikationswissenschaft, Soziologie, Kinder- und Jugendarbeit, Gerontologie,
Raum- und Stadtplanung etc.), in denen der Partizipationsbegriff wissenschaft-
lich ergründet wird und praktische Anwendung findet, sind neben den verschie-
denen Strukturierungsweisen auch unterschiedliche Interpretationen des Verhält-
nisses zwischen Kommunikation und Beteiligung bzw. Partizipation in Gebrauch
(vgl. Mast & Stehle 2016:17ff.; Pfaffenberger 2007). Kux (1980:116) sieht in
Partizipation beispielsweise die „Einbringung konkreter Interessen an politischen
Entscheidungen in Phasen des Entscheidungsprozesses zur Erhöhung der Chan-
cen“ und lässt dabei offen, ob dies in Form der Konsultation oder Mitgestaltung
mit Entscheidungsbefugnis erfolgt. Wie Backes & Nickels (2016) erwähnen,
bezieht auch die Begriffsbestimmung von de Nève und Olteanu (2013:14) die
verschiedenen Dimensionen der Partizipation umfassender mit ein, da alle Hand-
lungen und Verhaltensweisen inkludiert werden, die „gesellschaftspolitische
Prozesse anregen, initiieren, gestalten und/oder beeinflussen bzw. über bereits
bestehende Strukturen und Entscheidungen reflektieren“. Autoren wie Roßnagel
et al. (2016:50) sehen Beteiligung eher als Konstrukt, das in verschiedenen For-
men, Richtungen und Machtverhältnissen vorliegen kann und definieren alle
Stufen ihrer Ansätze als Beteiligungsarten. Andere sehen in Kommunikation, die
oft nur als Information verstanden wird (vgl. Mast & Stehle 2016:24), ein Teil-
element von Beteiligung (vgl. z.B. Schweizer-Ries et al. 2010:2; Buchholz &
Huge 2014:7). Mast und Stehle (2016:17ff.) unterscheiden insgesamt fünf mög-
liche Modelle, die das Verhältnis zwischen Kommunikation und Beteiligung
definieren und der Kommunikation damit ein unterschiedliches Maß an Bedeu-
tung zuordnen: Kommunikation steht gleichberechtigt neben Beteiligung, Kom-
munikation ist Teil von Beteiligung, Kommunikation ist Beteiligung, Kommuni-
kation kommt vor Beteiligung sowie Beteiligung kommt vor Kommunikation.
Zusammenfassend formuliert, beziehen kommunikationsbezogene Ansätze
Kommunikation integrativ als eigenständiges und berechtigtes Konstrukt ein und
formulieren in diesem Zusammenhang, wie mögliche Kommunikationsformen
ausgestaltet werden können, z.B. hinsichtlich Instrumentenwahl, Durchfüh-
rungsmodi und Qualitätskriterien. Politikwissenschaftliche Ansätze mit Fokus
auf spezifische Formen von Beteiligung hingegen vernachlässigen Kommunika-
tion und Information vielfach (vgl. Mast & Stehle 2016:24). Echte Partizipation
wird bei vielen Ansätzen erst dann als eine solche definiert, wenn mindestens
Entscheidungs- oder Mitentscheidungsmacht der Teilhabenden vorliegt, da die
Teilung von Macht als entscheidendes Kriterium angesehen wird (vgl. z.B. Arn-
stein 1969; Unger 2012; Bruner et al. 1999; Nanz & Fritsche 2012; Bogumil
2001), womit eine enge Sichtweise des Partizipationsbegriffes und damit eine
klare Abgrenzung zur Kommunikation beschrieben wird.
5.1 Ansätze zu Kommunikation und Beteiligung 115

Für den vorliegenden Kontext der Kommunikation und Beteiligung bei


Großprojekten wird ein empirischer Ansatz gewählt. Dieser inkludiert den

 Gedanken von Kommunikation als eigenständiges Element und


 Beteiligung als weit gefassten Begriff sämtlicher sozialer und politischer
Einbringungsformen der Öffentlichkeit
 sowie verschiedene Formen mit unterschiedlichem Grad an Öffentlichkeits-
bzw. Bürgereinfluss und verschiedenen Kommunikationsflussrichtungen,

wobei Orientierung an Brettschneider (2013c, 2016) und der VDI Richtlinie 7001
„Kommunikation und Öffentlichkeitsbeteiligung bei Planung und Bau von Infra-
strukturprojekten – Standards für die Leistungsphasen der Ingenieure“ (vgl. Verein
Deutscher Ingenieure 2013), die explizit für die Kommunikation und Öffentlich-
keitbeteiligung bei Infrastrukturprojekten entwickelt wurde, genommen wird.
Das Grundgerüst wird durch Kommunikation gebildet. Sie kann als einsei-
tiger (Information) oder zweiseitiger Prozess (Konsultation, Mitgestaltung) sozi-
alen Handelns abgebildet werden, der massenmedial oder interpersonal, direkt
oder indirekt abläuft. Mit zunehmender dialogischer Ausrichtung kann ein zu-
nehmender Einfluss der Bürger bzw. der Akteure/der Öffentlichkeit einhergehen,
der auf der Konsultationsebene und der Ebene der Mitgestaltung sichtbar wird
und in verschiedenen Formen von der Initiierung über Reflektion, Entscheidung
und Selbstbestimmung vorliegen kann. Kommunikation beginnt oder endet dabei
in keiner Ebene, sondern bildet als sozialer Handlungsprozess die Basis, mit der
ein zunehmender Einfluss der Beteiligten einhergehen kann. Verschiedene For-
men und Instrumente der Kommunikation fungieren hierbei als Werkzeuge die-
ser Prozesse. Rechtlich implementierte, formale Verfahren lassen sich hier eben-
so einordnen wie zusätzliche, informelle Verfahren.

Abbildung 12: Ebenen von Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten,


angelehnt an Brettschneider (2013c) und die Richtlinie 7001 des
Vereins Deutscher Ingenieure (2013), eigene Darstellung

Ebene der Mitgestaltung Zunehmender


Einfluss der
Bürger/Öffentlich-
Konsultationsebene keit bzw. der
Akteure
Informationsebene
116 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

Jede Ebene ist mit unterschiedlicher Eignung für Projektphasen, Zielgruppen und
Zielsetzungen sowie Anforderungen an Situation und Kommunikationsinstru-
mente verbunden (vgl. u.a. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt
Berlin 2011:77), womit sich die Präferenz oberer vor unterer Ebenen ausschließt.

5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung

Die Kommunikation stellt eine der wichtigsten Maßnahmen zur Vorbeugung von
und Interaktion bei Konflikten dar, sie ist jedoch zugleich oft deren erstes Opfer
(vgl. Bercovitch 1984:27). Bercovitchs Hinweis auf die Bedeutung und Verletz-
lichkeit von Kommunikation lädt ein zu untersuchen, durch welche Effekte und
Funktionen der Kommunikation diese Rolle zugeordnet wird, aber auch wie die
Gestaltung von Kommunikation diese Effekte und Funktionen beeinflusst. Der
Schwerpunkt der vorliegenden Betrachtung liegt aus zwei Gründen auf informel-
len Verfahren. Erstens reichen aus Sicht vieler Experten formelle Verfahren
alleine nicht (mehr) aus, um die gesetzlich vorgesehenen Funktionen (beispiels-
weise den Schutz der Rechte Betroffener) zu erfüllen. Ergänzend kommt hinzu,
dass sie kaum mehr dem veränderten Politikverständnis der Bürger gerecht wer-
den (vgl. z.B. Gaentzsch 2010; Versteyl 2011:3; Verein Deutscher Ingenieure
2013; Kapitel 1). Zweitens werden informelle Beteiligungsformen vielfach als
wirkungsvoller eingeschätzt als formelle Verfahren, da bei den formellen Verfah-
ren die Bedürfnisse der Bürger nach Anhörung meist keine Beachtung finden
(vgl. Kahle 2014:47ff.).
Obige Ausführungen zeigen bereits die Vielfalt wissenschaftlicher Betrach-
tungsweisen, Definitionen, Einschätzungen und Bewertungen von Kommunikation
und Beteiligung auf. Ähnliches zeigt sich auch in der Praxis. Die Sichtweisen von
Projektakteuren, was unter Beteiligung und Kommunikation verstanden werden
kann und mit welchen Effekten diese einher gehen können, weichen teils stark
voneinander ab (vgl. Antalovsky 1993). Aufgrund dieser unterschiedlichen Grund-
verständnisse und Effekte, die den Formen von Beteiligung und Kommunikation
zugeordnet werden, besteht von Beginn an eine gewisse Grundherausforderung bei
Wirkungsfragen (vgl. Antalovsky 1993:124; C.A.R.M.E.N 2014:15). Aus norma-
tiver Perspektive zählen zu vermuteten oder bestätigten Wirkungen von Kommu-
nikation und Beteiligung nur solche, die Fragen nach einer zu stärkenden Bürger-
teilhabe beantworten. Nachfolgende Erörterungen verstehen jedoch mit Blick auf
die offene Strukturierungsweise, die im vorigen Teilkapitel vorgestellt wurde,
unter Wirkung sämtliche Effekte, die durch Kommunikations- und Beteiligungs-
formen eintreten bzw. deren Eintritt vermutet wird, unabhängig davon, ob sie nor-
mativen Anforderungen diesbezüglich gerecht werden oder nicht.
5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung 117

5.2.1 Kommunikation mit geringem Öffentlichkeitseinfluss: Information

Die Ebene der Information steht vor allem bei klassischer Öffentlichkeitsarbeit,
wie sie beispielsweise von Unternehmen betrieben wird, im Vordergrund. Hier
spielt Beteiligung im Sinne einer politischen Beteiligung von Öffentlichkeit
kaum eine Rolle. Vielmehr bedient man sich hier vor allem der Information, um
über Fakten, Aktuelles und seine Bemühungen bzgl. bestimmter Themen (z.B.
Umweltbelange) zu kommunizieren und so das Informationsbedürfnis der Öf-
fentlichkeit zu decken (vgl. Reinhardt 2011).
In umfassenderem Kontext betrachtet, kann Information jedoch weit mehr.
Sie ist eine grundlegende Voraussetzung für Kommunikation, vor allem solche mit
größerem Stakeholdereinfluss, aufgrund der Rahmenbedingungen, die sie für alle
nachfolgenden Kommunikationsprozesse erschafft (vgl. Antalovsky 1993:122).
Denn Information bildet die Basis einer fundierten Meinungs- und Einstellungsbil-
dung bzgl. eines Objekts bzw. Projekts sowie der Fähigkeit, Funktionen und Effek-
te eines Objekts einschätzen zu können (vgl. z.B. Schäfer & Keppler 2013:43;
Schweizer-Ries et al. 2010; Antalovsky 1993). Dies wiederum beeinflusst die
Ausbildung von Stakeholder- bzw. Akteursgruppen aus der Öffentlichkeit. Die
Versorgung dieser Gruppen mit Informationen ist wiederum die Voraussetzung für
diese, sinnstiftendes Feedback auf das Wahrgenommene vorzubereiten (vgl.
O'Faircheallaigh 2010:20), wobei das Bedürfnis nach weiterer Information von
Akteur zu Akteur ganz unterschiedlich ausgeprägt sein kann (vgl. Antalovsky
1993:122). Es hängt unter anderem mit der Frage zusammen, ob Projektträger und
Behörden im Ruf stehen, grundsätzlich sparsam oder eher offen mit Informationen
umzugehen – je sparsamer, desto mehr Information wird vorsichtshalber gefordert,
auch auf die Gefahr einer „Informationsüberflutung“ hin (Antalovsky 1993:123).
Bezüglich der Ausbildung von Akteursgruppen helfen entsprechende Informatio-
nen den Betroffenen abzuschätzen, ob sie sich mit dem Projekt und seinen Maß-
nahmen identifizieren können und das Projekt aus ihrer Sicht in das soziale und
kulturelle Umfeld passt und ob das Projekt als Issue zu bewerten ist oder nicht
(vgl. Antalovsky 1993; Renn 2014:76). Wichtig sind dabei besonders Informatio-
nen, „die den Anwohner einzuschätzen helfen, ob sie selber oder andere, die ihnen
nahestehen, einen Nutzen von dem Vorhaben erfahren werden. Denn ohne Infor-
mationen über den Nutzen lässt sich schwer die Wünschbarkeit der Planungsvor-
haben beurteilen“ (Renn 2014:76). Neben dieser selbstständigen Funktion ist In-
formation auch als Begleitung von Konsultations- und Mitgestaltungsformen be-
deutsam, z.B. um einen einheitlichen Informations- und Wissensstand zu ermögli-
chen (Bildung einer „kommunikativen Infrastruktur“), um Glaubwürdigkeit von
Akteure untereinander (wieder) herzustellen und eine Gesprächsbasis sowie ge-
meinsame Verfahrensregeln zu schaffen (vgl. Hörschinger & Nessmann 2007:
246f.).
118 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

Um Partizipationshemmungen bei zweitseitigen Kommunikationsprozessen


mit stärkerer Beteiligung und Einfluss von Stakeholdern zu senken und die Auf-
merksamkeit hierfür zu fördern, hat dabei nicht nur das Erreichen direkt Betroffe-
ner, sondern vor allem jener, die nicht direkt am Projekt interessiert oder davon
betroffen sind, eklatante Bedeutung (vgl. Antalovsky 1993). Durch die Motivation
dieser weniger aktiven Personen zur Teilnahme kann das vielfach bei Beteiligungs-
formen verzerrte Teilnehmerfeld (vgl. hierzu die weiter unten folgenden Ausfüh-
rungen bzgl. Beteiligungsformen) qualitativ verbessert werden (vgl. Keppler
2010:24). Ergänzend kommt hinzu, dass nicht alle Bürger aktiv beteiligt werden
wollen (oder können) und daher die öffentliche Kommunikation über Beteili-
gungsverfahren besonders wichtig ist, damit auch die nicht direkt eingebundene
Öffentlichkeit über das Projekt sowie den Verfahrensverlauf informiert ist (vgl.
Ewen 2009:162). Gerade den (klassischen) Massenmedien kommt hinsichtlich der
Erreichbarkeit (bislang) weniger interessierter Menschen eine zentrale Bedeutung
zu, aufgrund der Chance, auch hier eine transparente Informationsbasis zu schaf-
fen und ggf. so zur Versachlichung von Diskussionen beizutragen (vgl. Brett-
schneider 2011:40ff.)58. Zu beachten ist jedoch, dass Medien hierbei zwar eine
Übermittlungsfunktion übernehmen, diese aber unter den Bedingungen einer eige-
nen Medienlogik abläuft, die beeinflusst, wie wann welche Ereignisse aufgegriffen
und publiziert werden (vgl. z.B. Renn 1994:182ff.). Aus dieser Sichtweise heraus
spiegeln die Medien nicht die objektive Realität eines Projektes wider, sondern
konstruieren eine eigene, mediale Realität (vgl. z.B. Schulz 1976).
Letztlich werden Kommunikationsformen, im speziellen Informationsformen,
aufgrund ihrer transparenzschaffenden und Informationsdefiziten vorbeugenden
Einsatzmöglichkeiten dennoch überwiegend positive Effekte, vor allem auf die
Akzeptanz von Projekten zugeschrieben (vgl. Bentele 2016:84; Schink 2011a;
Schuster & Lantermann 2002; Brettschneider 2016:236). Für die Entfaltung dieser
Effekte gelten jedoch zahlreiche Bedingungen. Zu den am häufigsten genannten
Anforderungen an Information und Kommunikation zählen ihr frühzeitiger Beginn
sowie ihre kontinuierliche, dauerhafte und umfassende Umsetzung, unter Beglei-
tung wiederholender Erläuterungen und Begründungen bzw. Argumenten, auch
hinsichtlich anderer oder verworfener Alternativen (vgl. z.B. Brettschneider
2012:436; Brettschneider 2013b:322; Appel 2013:347; Funke 2017:16; Bundesmi-
nisterium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2014:11f.; Renn 2011b:5; Renn
2011b; Renn 2014:75f.; Renn & Webler 1998:15). Zu späte oder unvollständige
Informationen können hingegen Protest hervorrufen, also eine Form der Ableh-
nung, die mit entsprechenden Handlungen unterstrichen wird (vgl. Brettschneider
2012:436). Bei Personen mit bereits stark ausgeprägten Einstellungen bezüglich
des Projekts und seiner Prozesse kann es zudem zur selektiven Wahrnehmung

58 Für die weitere Rolle der Medien bei Beteiligungsprozessen vgl. z.B. Bentele (1999).
5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung 119

neuer Inhalte kommen: Sie nehmen dann vor allem jene Aspekte wahr, die ihre
eigenen Positionen unterstützen. Informationen, die ihrer Position widersprechen,
werden seltener wahrgenommen. Dies bedeutet, dass mit zunehmendem Eskalati-
onsniveau bzw. vertiefendem Prozess die Verfestigung von Einstellungen und
damit auch die Informationsselektion zunimmt. Eine frühere Kommunikation hat
damit größere Chancen auf Erfolg (vgl. Brettschneider 2011:44ff.). Hinzu kommen
jedoch unterschiedliche Konsumeigenschaften von Informationen, verschiedene
soziale Kontexte und Kommunikationsprozesse und so kann trotz umfassender
Bemühungen der Absender beim Botschaftsempfänger, dem Akteur, der Eindruck
entstehen, zu spät oder anders bzw. falsch informiert worden zu sein. Diese Dis-
krepanz zwischen Sender und Empfänger sollte bei der Informationsvermittlung
ebenfalls Beachtung finden (vgl. Roßnagel et al. 2016:73).
Dem Hinweis auf frühzeitige Kommunikation steht entgegen, dass Projekt-
träger oftmals Hemmungen haben, mit halbfertigen Entwürfen in die Öffentlich-
keit zu treten, u.a. im Vertrauen darauf, dass eine fachlich ausgereifte und damit
später vorgestellte Lösung größere Überzeugungskraft besitzt. Unterschätzt wird
dabei jedoch die vertrauensbildende Wirkung eines unfertigen Planes oder ver-
schiedener Variantenlösungen, die in der Öffentlichkeit vorgestellt werden (vgl.
Antalovsky 1993:123). Vertrauensbildende Inhalte alleine reichen jedoch nicht
aus. Um die Infragestellung von Aussagen zu vermeiden, bedarf es zusätzlicher
kontextueller Faktoren (z.B. einem glaubwürdigen Sender und eine Einbezie-
hung der Empfänger in die Formulierung von Botschaften; vgl. Roßnagel et al.
2016:75) – „im Sinne von Partizipation bei der Sammlung und Erstellung von
Informationsinhalten“ (ebd.:76).
Hinzu kommen Kriterien der Fairness, der fachlichen Korrektheit sowie der
Legitimität. Das bedeutet im Detail, dass Informationen ehrlich und fachlich kor-
rekt aufbereitet sowie fair gegenüber den Beteiligten gestaltet sein sollten, sodass
Vor- und Nachteile bzw. Kosten und Nutzen gerecht verteilt sind (vgl. z.B. Ewen
2009; Brettschneider 2012:436; Brettschneider 2013b:322). Inhaltlich wird dabei
empfohlen, nicht nur harte, sondern auch weiche Fakten anzusprechen und auf
große Verständlichkeit der Inhalte zu achten (vgl. z.B. Brettschneider 2012:436;
Brettschneider 2013b:322; Ewen 2009). Beispielsweise sollte aus „Experten-
Experten-Kommunikation“ „Experten-Laien-Kommunikation“ werden (Brett-
schneider 2011:43), um Kommunikation auf Augenhöhe überhaupt technisch erst
möglich zu machen, denn „Fachsprache wird als unverständlich und distanzierend
wahrgenommen (vgl. Brettschneider 2012:436). Dies gilt insbesondere für die
Pressearbeit (vgl. Brettschneider & Vetter 2011). Für die Verbreitung von Informa-
tionen wird insgesamt zudem die Wahl geeigneter und unterschiedlicher Medien
empfohlen, um die bereits thematisierte Bandbreite unterschiedlicher Personen
ansprechen und die Zugänglichkeit zu den Informationen gewähren zu können
(vgl. Brettschneider 2011:46; Brettschneider 2012:436; Appel 2013:347). Unter-
120 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

stützende Wirkung wird hierbei verschiedenen Visualisierungsformen zugeschrie-


ben (vgl. Brettschneider 2012:436; Brettschneider 2013b:322), da sie für eine
Vielzahl der genannten Aspekte förderlich sind, beispielsweise Transparenz und
Verständlichkeit. Ebenso wird eine proaktive statt reaktive Herangehensweise (also
beispielsweise die Darlegung von Begründungen auch ohne Aufforderung oder der
Anstoß von Kommunikationsprozessen unabhängig von gesetzlichen Genehmi-
gungsverfahren) als protestmindernd bzw. akzeptanzfördernd wahrgenommen
(vgl. Brettschneider 2011:41f.; Funke 2017:15).
Zusammenfassend können folgende Effekte skizziert werden (vgl. Brett-
schneider 2011; Bürki 2011; Brettschneider & Vetter 2011; Brinker 2011; Stotz &
Kaim 2011; Flachsbarth 2011; Ewen 2012; Schweizer-Ries et al. 2010): Unvoll-
ständige, späte, einseitige, exklusive, unverständliche oder intransparente Kommu-
nikation kann zu Eskalationen, Vertrauensverlust und Missverständnissen führen.
Massenmediale wie auch Grassroots-Kommunikation vergrößern die teilnehmende
Öffentlichkeit. Transparente, verständliche, umfassende und neutrale Kommunika-
tion kann zur Versachlichung einer Diskussion, zur Schaffung einer gemeinsamen
Informationsgrundlage bis hin zu Meinungsänderung führen. Zu den Instrumenten
der Information zählen beispielsweise Printmedien (Broschüren, Flyer, Plakate),
digitale Medien (z.B. Projektwebsite oder -blog, Newsletter), klassische Presse-
und Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Pressemitteilungen) sowie Veranstaltungen und
Events, die rein informativen Charakter haben (z.B. Ausstellungen, Fachvorträge),
aber auch zahlreiche Visualisierungsformen (z.B. Architekturmodelle, Filme; vgl.
Renn 2012a:88).
Roßnagel et al. (2016) haben es bei der partizipativen Erstellung von Inhalten
bereits anklingen lassen und auch andere Autoren weisen darauf hin: Mit Blick auf
das gesteigerte Teilhabebedürfnis der Bürger, die oft komplexen und selten eindi-
mensional interpretierbaren Aspekte bei Großprojekten, steigt die Bedeutung der
Ergänzung von Einweg- bzw. Informationsinstrumenten durch dialogorientierte
Formen, die mit unterschiedlichem Maß an Stakeholdereinfluss einhergehen (vgl.
Brettschneider 2012:436; Brettschneider 2013b:322; Renn 2011a:33).

5.2.2 Kommunikation mit mittlerem Öffentlichkeitseinfluss: Konsultation

Die Ergänzung einseitiger Informationsformen durch zweiseitige Kommunikation,


die Möglichkeit für Feedback und Dialog gibt und zugleich mit steigendem Ein-
fluss der Stakeholder einhergeht, wird mit unterschiedlichen Effekten verbunden.
Ausgangspunkt ist die These, dass durch Dialogverfahren eine gesellschaftliche
Verständigung beispielsweise bezüglich eines Projektes herbeigeführt werden kann
(vgl. Roßnagel et al. 2016:76f.; Reinhardt 2011). Aus Sicht von Roßnagel et al.
(2016) kann diese entweder durch Verhandlungen auf Basis von Machtressourcen
5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung 121

und Verhandlungsstrategien (vgl. Hopmann 1996) oder durch echte Verständi-


gung, basierend auf strikter Logik (vgl. Renn 2012b:191) in Form des „zwanglo-
se[n] Zwang[s] des besseren Arguments“ (Habermas 1991:123, H.n.i.O.) erfolgen.
Zu Kommunikationsinstrumenten dieser Stufe zählen beispielsweise Gesprächs-
runden und Veranstaltungen mit Feedbackmöglichkeit, persönliche Kontakte (z.B.
Projektbüro vor Ort, persönlicher Ansprechpartner) oder digitale Medien (z.B.
Soziale Medien, vgl. u.a. Renn 2012a:88). Entscheidend für die Wahl der Kommu-
nikationsform ist u.a. die Stärke der Stakeholdergruppe(n), ihre Interaktionshäufig-
keit, das Vertrauensverhältnis sowie Abhängigkeits- und Einflussgrad der Grup-
pe(n) (vgl. Reinhardt 2011:150). „Ziel sind symbiotische Veränderungen in den
Einstellungen und Verhaltensweisen des Unternehmens wie auch der Gruppen im
Umfeld“ (Mast 2010:33). Diese auf wechselseitigem Verständnis beruhende
Sichtweise stellt in der Öffentlichkeitsarbeit vielerorts die Maximalausprägung
einer Zweiwege-Interaktion dar. In der Weiterentwicklung der vier PR-Grundmo-
delle von Grunig & Hunt (1984), dem Win-Win-Modell (vgl. Dozier et al. 1995:
48), wird hingegen das gegenseitige Verständnis und mögliche Veränderungen von
Einstellung und Verhalten durch den Aspekt des beidseitigen Nutzens erweitert.
Ziel und Aufgabe der Kommunikation ist es demnach, zwischen Organisations-
und Stakeholderinteressen zu vermitteln und zwar so, dass beide Seiten Nutzen
erfahren. Diese Erweiterung lässt eine zunehmende Stakholderorientierung der
Öffentlichkeitsarbeit erkennen.
Ähnlich wie bei informationsbasierten Formen der Kommunikation, wird
auch der zweiseitigen Kommunikation durch den Einfluss auf Einstellungen ein
Effekt auf die Akzeptanz eines Projektes zugeschrieben. Es wird angenommen,
dass die Schaffung transparenter Verfahren durch Kommunikation und Konsultati-
on die Akzeptanz von Vorhaben erhöht (vgl. z.B. Buchholz & Huge 2014;
Schweizer-Ries et al. 2010; Erp 1998; Kahle 2014), da ein Austausch von Informa-
tionen, Betroffenheiten, Interessen und Bewertungen auch im Falle eines subjektiv
unerwünschten Ergebnisses die Chance hat, legitimiert zu werden (vgl. Schink
2011b:386f.; Pünder 2005) und dieser Prozess eine Vergrößerung der Schnittmen-
ge aus Expertenmeinung, subjektiver Einschätzung der Beteiligten und allgemein
anerkannten, öffentlich konsensfähigen Meinungen erzeugen kann (vgl. Keck
2011:46ff.). In Anspielung auf die Unterscheidung zwischen Verfahrens- und
Ergebnisakzeptanz weist Kahle (2014:76) jedoch darauf hin, dass aus der grund-
sätzlichen Akzeptanz eines Verfahrens keinesfalls zwingend die Akzeptanz des
Prozessergebnisses erfolgen muss. Die Akzeptanz eines Verfahrens trägt jedoch
maßgeblich zur Akzeptanz des Ergebnisses bei (vgl. Brettschneider 2013c:15).
Zugleich wird mit konsultativen Prozessen auch die Hoffnung auf frühzeitige
Identifizierung kritischer Themen und Akteure verbunden (vgl. Hörschinger &
Nessmann 2007:244) sowie die Eruierung von Informationen, (subjektiven) As-
pekten und Bedürfnissen, die bislang keinen Eingang in das Projekt gefunden
122 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

haben, beispielsweise da sie in keinem Gutachten verzeichnet waren (vgl. Keck


2011:48). Die frühzeitige Konsultation vor allem kritischer Akteure gibt die Mög-
lichkeit, deren Belange in den Entscheidungsprozess einfließen zu lassen (vgl.
Nanz & Fritsche 2012:34) und auf diese Weise soziale Konflikte zu verhindern
oder zumindest zu vermindern. Die zweiseitige Kommunikation ermöglicht damit
nicht nur die Chance auf Wissens- und Kompetenzzunahme bei allen, sondern setzt
auf die gegenseitige Beratung (vgl. Nanz & Fritsche 2012:33ff.). Wird hingegen
auf die Konsultation von Stakeholdern verzichtet, so kann dies Konflikte provozie-
ren, die dann Kommunikationsformen mit intensiverem Stakeholdereinfluss und
-beteiligung notwendig machen (vgl. Hörschinger & Nessmann 2007:246).
Bei allen Konsultationen sollte jedoch bedacht werden, dass aufgrund der
oftmals mangelnden Repräsentativität der Dialogpartner von keiner prinzipiellen
Verallgemeinerungsfähigkeit der Erkenntnisse und Ergebnisse ausgegangen wer-
den darf (vgl. Keck 2011:47).
Von welchen Faktoren hängt der Erfolg einer konsultativen Kommunikati-
onsform nun konkret ab? Wie bei Formen der Information wird auch bei Konsul-
tationsformen auf die Bedeutung eines frühzeitigen Beginns hingewiesen, einer-
seits um den Eindruck einer scheinheiligen Konsultation zu vermeiden, in deren
Rahmen der Öffentlichkeit bereits fertige Pläne präsentiert werden und kein
wahrhaftiges Interesse an einem offenen Dialog entsteht, andererseits um aus
planerischer Sicht noch die Chance zu haben, mögliche Veränderungen aufgrund
des Stakeholderinputs vornehmen zu können (vgl. auch Hörschinger & Ness-
mann 2007:245). Offenheit als Erfolgskriterium von Konsultation bezieht sich
hierbei nicht nur auf eine planungsbezogene Offenheit, sondern auch den wahr-
haftigen Willen des Projektträgers, da sonst ein Vertrauensverlust droht. Beach-
tung sollte hierbei jedoch auch das Planungsparadoxon finden. Dieses besagt,
dass bei anfänglich hoher Abstraktion des Projekts das Bürgerinteresse an Pro-
jekt und Beteiligungsverfahren meist gering ist, beispielsweise aufgrund unklarer
Betroffenheiten. Mit zunehmendem Projektfortschritt und damit einhergehender
sinkender Abstraktion zeichnet sich ab, inwiefern wer wo betroffen sein wird,
das Bürgerinteresse steigt, jedoch sinken zugleich die Einflussmöglichkeiten auf
das Projekt aufgrund fortgeschrittener Planungen und Projektfestlegungen (vgl.
Roßnagel et al. 2016:21; Hitschfeld & Eichenseer 2014:54).
Egal zu welchem Zeitpunkt ein Kommunikationsprozess begonnen wird,
empfiehlt sich die Absprache klarer Rahmenbedingungen zu den Absichten, Zielen
und Ansprechpartnern des Prozesses, um Unklarheiten zu vermeiden (vgl. Hör-
schinger & Nessmann 2007:245) und die Basis für eine symmetrische Interaktion
und einen Dialog auf Augenhöhe schaffen (vgl. Renn & Webler 1996:190). Ge-
wichtige Faktoren hierfür sind zum einen eine umfassende Begründung des Vor-
gehens, der Legitimität des Projekts und der Prozess- bzw. Verfahrensgestaltung
seitens der Projektträger (vgl. Hörschinger & Nessmann 2007:245), zum anderen
5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung 123

die Beachtung und Erörterung verschiedener Sichtweisen zwischen und mit allen
Stakeholdern, um eine Verhärtung von Fronten durch Missachtung zu vermeiden
(vgl. Brettschneider 2011:40). Dies setzt voraus, dass neben allen Interessierten
und Betroffenen auch potentiell betroffene Personen und Gruppen einbezogen
werden (vgl. Geis 2005:19). Hierfür bietet sich der Einsatz von Kommunikations-
formen mit niedrigen Beteiligungshürden (z.B. persönliche Gespräche) oder Dia-
logformen, die zeit- und ortsungebunden sind (z.B. soziale Medien, vgl. Brett-
schneider & Vetter 2011) an. Um zu vermeiden, dass bei den Konsultationsformen
immer die „üblichen Verdächtigen“ zu Worte kommen, empfiehlt es sich zudem
beispielsweise Gesprächspartner auch zufällig auszuwählen oder Formen der auf-
suchenden Beteiligung anzuwenden. Hierbei muss nicht der Bürger aktiv werden,
sondern die Kommunikatoren kommen aktiv auf den Bürger zu. Gerade dies senkt
die Hürden der Beteiligung. Persönliche Gespräche, Beiräte und persönliche An-
sprechpartner werden hierbei als besonders wirkungsvolle und vertrauensbildende
Kommunikationsformen angesehen (vgl. z.B. Funke 2017:16; Roßnagel et al.
2016:99f.; Hörschinger & Nessmann 2007:245).
Ergänzend sollte beachtet werden, aus welchen menschlichen Typen der
Stakeholderkreis sich zusammensetzt. Mast & Stehle (2016:141) stellen vier
Stakeholdertypen vor, die unterschiedliche Interessensschwerpunkte und Nei-
gungen verkörpern und damit auch unterschiedliche Ansprüche an die Kommu-
nikation stellen, z.B. hinsichtlich der Dialog- und Austauschbereitschaft, der
Anforderungen an Informationen, bevorzugter Medienarten sowie der Kompro-
missbereitschaft. Unterschieden werden können der „anspruchsvolle Informati-
onstyp“, der „aktive Dialogtyp“, der „nutzenorientierte Gesprächstyp“ sowie der
„verschlossene Heimatverbundene“ (ebd.).
Kommunikative Formen, die einen Einfluss von Stakeholdern in Form von
gegenseitiger Konsultation umfassen, werden zu den zentralen und wirkungsvol-
len Bausteinen der Akzeptanz eines Projektes gezählt. Je nach Fall wird jedoch
die Ergänzung durch Formen der Mitgestaltung bzw. Mitentscheidung empfoh-
len (vgl. z.B. Eisenkopf et al. 2014:48f.; Kahle 2014:74ff.) bzw. als unbedingt
notwendig erachtet (vgl. Appel 2013:347).

5.2.3 Kommunikation mit hohem Öffentlichkeitseinfluss: Mitgestaltung

Beteiligungsformen bei Großprojekten werden besonders dann als notwendig er-


achtet, wenn Kommunikationsformen mit geringerem Stakeholdereinfluss, also
Information und Konsultation, nicht mehr ausreichen, um zentrale Voraussetzun-
gen von Akzeptanz (Nutzen, Identität, Orientierung, Selbstwirksamkeit) zu unter-
stützen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn Projekte besondere Einschnitte in
die Lebenswelt mitbringen (vgl. Renn 2014:75f.; Fisch et al. 2010:177). Die Mit-
124 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

gestaltungsebene bietet die Möglichkeit einer Einbeziehung und Reflektion bei


konkreten Fragen sowie Kontroversen und gegensätzlichen Interessenslagen mit
dem Ziel, eine fokussierte fachliche Orientierung, die Erarbeitung von gemeinsa-
men Richtlinien oder Standards, eine gemeinsame Lösungsfindung oder zumindest
die Klärung von konsensfähigen und dissensgeprägten Aspekten zu erreichen (vgl.
u.a. Renn 2012a:88f.). Inwiefern dabei die Macht der (Mit)Entscheidung auf die
Teilnehmenden übergeht, ist situationsabhängig. Zentraler Aspekt ist vielmehr die
gemeinsame Gestaltung. Zu den typischen Instrumenten der Mitgestaltungsebene
zählen z.B. Runde Tische, Arbeitsgruppen, Zukunftswerkstätten oder Mediationen
(vgl. u.a. Renn 2012a:88f.).
Am Anfang eines Mitgestaltungsprozesses stehen der Austausch und Transfer
von Informationen, Fachwissen und Sichtweisen sowie der Aufbau von Kompe-
tenzen bei den Beteiligten und zwar sowohl bei Projektträgern als auch beteiligten
Stakeholdern (vgl. Nanz & Fritsche 2012:33ff.; O'Faircheallaigh 2010:20ff.; Wie-
demann et al. 1991:165; Irvin & Stransbury 2004:55ff.). Dies ist vor allem bei
komplexen Situationen von Vorteil, da der Akteurs- bzw. Stakeholderinput eine
wichtige Ergänzung zum Expertenwissen sein kann (vgl. Renn 2011a:32f.) und
durch den Austausch ausgewogene und innovative Informationen, Verbesserungs-
vorschläge und technische Ergänzungen generiert werden können, die sonst nicht
aufgekommen wären (vgl. O'Faircheallaigh 2010:20ff.; Beierle 2000; Bundesmi-
nisterium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2014:11f.). Es muss jedoch ein-
schränkend davon ausgegangen werden, dass nur ein gewisser Teil von Stakehol-
dern über ausreichend technisches oder naturwissenschaftliches Vorwissen verfügt,
um technische Ergänzungen einbringen zu können (vgl. Beierle 2000).
Nutzten Verwaltung und Behörden Beteiligungsformate früher, um sicher zu
gehen, dass sie im Sinne der Öffentlichkeit handelten, so werden die Formate heute
eingesetzt, um festzustellen, was überhaupt das Interesse der Öffentlichkeit ist (vgl.
Beierle & Cayford 2002:5). Denn neben objektiven bzw. fachlichen Aspekten
spielt der Austausch subjektiver Aspekte und Empfindungen eine zentrale Rolle;
Präferenzen, Ansichten und Werte der Betroffenen eines Projekts stellen eine
wichtige Grundlage der Entscheidungsfindung dar (vgl. Renn 2011a:33; Bundes-
ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2014:11f.). Diese Formen der
Kommunikation werden von den meisten Autoren unter Beteiligung subsummiert,
unterscheiden sich jedoch in ihrer Art so gesehen noch nicht von den Konsulta-
tionsformen.
Die Funktionen einer tatsächlichen Mitgestaltung entfalten sich hingegen
erst unter gewissen Voraussetzungen, die sich auf das Verhältnis von Kosten und
Nutzen beziehen. Hier hinein zählen ganz allgemein z.B. die Transaktionskosten
5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung 125

und -nutzen eines Verfahrens59, die Zufriedenheit mit dem Ergebnis60, der Ein-
fluss auf die Qualität der Stakeholderbeziehungen sowie die Nachhaltigkeit bzw.
Dauerhaftigkeit eines Prozessergebnisses (vgl. z.B. Ury et al. 1991:28ff.; Schäfer
& Keppler 2013:42; Nanz & Fritsche 2012:32ff.). Bei entsprechendem Verhält-
nis von Kosten und Nutzen wird Mitgestaltungsformen das Potential zugeschrie-
ben, wahrgenommene Nachteile bei Großprojekten reduzieren zu können (vgl.
Erp 1998), beispielsweise durch die Internalisierung externer Effekte (vgl. Coase
1990:174ff.). Die ist zum einen möglich, indem durch Einbeziehung von Betei-
ligten in Verfahren und gemeinsame Beschlüsse externe Effekte nicht mehr als
solche gezählt werden. Zum anderen bietet Beteiligung eine Art Ausgleichsfunk-
tion und ermöglicht die Bildung eines Gegengewichts zum Projektträger (vgl.
Appel 2012:1362), wodurch für die Beteiligten die Chance auf das Gefühl steigt,
durch ein bzw. das gemeinsame Ergebnis hinzu gewonnen zu haben (vgl. auch
Beierle 2000). Sollte es im Rahmen eines Prozesses jedoch nicht gelingen, die
wahrgenommenen Kosten zu senken oder zu kompensieren, so besteht das Risi-
ko, dass die beteiligten Stakeholder auch keinen Nutzen (mehr) in der Mitgestal-
tung sehen, da diese nach wie vor Zugeständnisse ihrerseits erfordert bzw. erfor-
dern wird und zudem Geld und Zeitressourcen eingesetzt werden müssen (vgl.
Schäfer & Keppler 2013:42; Zilleßen 1998b:34; Holtkamp & Stach 1995:8).
Diese Konzeption des Kosten-Nutzen-Verhältnisses durch Mitgestaltungs-
prozesse lässt sich nun weiter durch eine Vielzahl von Aspekten charakterisieren.
Konkret wird beispielsweise in der Bildung eines Gegengewichts zum Projekt-
träger nicht nur eine Ausgleichsfunktion gesehen, sondern die konkrete Mög-
lichkeit zur Abwägung von Expertise und Gegenexpertise (vgl. Wiedemann et al.
1991:165f.), wodurch eine ganzheitliche und integrierende Betrachtung eines
Projekts gestattet wird (Beierle 2000). Denn im Vergleich zu rein technischen
Entscheidungen spielen bei Entscheidungen, die durch Mitgestaltung der Öffent-
lichkeit zustande gekommen sind, auch ethische Aspekte, Fragen der Mittelwahl
sowie die Bewertung von Konsequenzen eine Rolle. Beteiligte Laien können
soziale und normative Aspekte entsprechend ihres Normen- und Wertesystems
einbeziehen – im Vergleich zu Experten, die eher auf Basis „harter Fakten“ be-
gründen (vgl. hierzu die umfangreichen Ausführungen, unter Nennung zahlrei-
cher weiterer Autoren, von Goldschmidt 2012:39ff.). Aus Sicht von Irvin &
Stransbury (2004) erhalten Entscheidungen dadurch eine realitätsnähere Basis.
Nicht nur aus Perspektive der beteiligten Stakeholder kann ein Ergebnis durch
Mitgestaltung selbiger hinzugewinnen. Zahlreiche Autoren weisen auch auf die

59 Beispielsweise materielle und persönliche Kosten, Einbußen, Zeitaufwand, Verlust/Gewinn


von Reputation, gewonnene/verlorene Anerkennung.
60 Inwiefern spiegeln das Ergebnis und der Prozess die Vorstellungen der einzelnen Akteure
wider? Lief das Verfahren fair ab?
126 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

verbesserte Prozessergebnisqualität hin. Zu den möglichen Effekten zählen bei-


spielsweise Prozessergebnisse mit höherer Individualität, Flexibilität und Innovati-
vität sowie gesteigerter Effizienz, hinzu kommt die verbesserte Legitimation und
Umsetzung von Entscheidungen ebenso wie eine höhere Beständigkeit der Ergeb-
nisse und eine bessere Qualität im Vergleich zu anderen Alternativen (vgl. Jansen
1997:275; Newig 2005:11; Reed 2008:2418; Beierle 2000; Troja 1998; Irvin &
Stransbury 2004; Kühnl 2012 unter Nennung weiterer Autoren). Beachtung finden
sollte jedoch auch der Einwand, dass der gesellschaftliche Allgemeinnutzen durch
die Mitgestaltung von Stakeholdern gefährdet sein kann, wenn eine Überbetonung
von Einzelinteressen der am Prozess beteiligten Stakeholdern stattfindet (vgl. Dietz
1998:14; Meyer-Oldenburg 2003:63f.; Wiedemann et al. 1991:167; Zilleßen
1998b:22). Diese oder andere Formen negativ zu bewertender Ergebnisse sind vor
allem dann wahrscheinlich, wenn einzelne (kritisch eingestellte) Gruppen einen
Prozess massiv dominieren (vgl. Irvin & Stransbury 2004:58ff.).
Neben Qualitätseffekten werden auch quantitative Auswirkungen wie bei-
spielsweise Zeiteinsparung vermerkt, wobei vor allem der Vergleich zu gerichtli-
chen Verfahren, die im Falle eskalierter Konflikte drohen, herangezogen wird.
Dabei wird angenommen, dass Mitgestaltungsprozesse die Eskalation von Konflik-
ten oder Konflikte insgesamt verhindern bzw. vermindern und im Schnitt hier-
durch schneller bzw. zeitsparender als bei gerichtlichen Verfahren Prozessergeb-
nisse generiert werden können (vgl. Kühnl 2012:200ff. unter Nennung weiterer
Autoren; Pünder 2005:73). Erwähnt werden muss jedoch auch der zeitliche Auf-
wand, der auf Teilnehmer eines Mitgestaltungsprozesses zukommt (vgl. Irvin &
Stransbury 2004:58ff.), und die Dauer eines solchen Verfahrens selbst (vgl. Wie-
demann et al. 1991:167). Letztere kann sich vor allem dann in die Länge ziehen,
wenn ein Mitgestaltungsprozess zur intendierten Verschleppung von Prozessen
genutzt wird (vgl. Versteyl 2011:9; Irvin & Stransbury 2004). Wird jedoch auf die
Verfahren verzichtet, besteht die Gefahr von entsprechenden Reaktionen der Be-
troffenen (z.B. Protest), wodurch erst recht zeitliche Verzögerungen zu befürchten
sind (vgl. Goldschmidt 2012:44, auch mit Verweis auf weitere Autoren). Auch im
Falle einer erfolgreichen Ergebnisfindung spielt die Zeit eine Rolle: Ein zu langer
Zeitraum zwischen Beteiligungsverfahren mit Ergebnis und Umsetzung dessen
sollte vermieden werden, vor allem wenn dazwischen Generationen (z.B. Regie-
rungen, Aktive Gruppen) wechseln. Sonst kann der Eindruck entstehen, dass ein
mittlerweile nicht mehr zeitgemäßes Ergebnis nur umgesetzt wird, um nicht ein
neues Beteiligungsverfahren ausrollen zu müssen (vgl. Appel 2013:347ff.).
Der Faktor Zeit wird auch bei der Frage nach dem passenden Zeitpunkt für
ein Mitgestaltungsverfahren relevant. Für einen erfolgreichen Prozess sprechen
viele Autoren, ebenso wie bei Informations- und Konsultationsformen, auch bei
Mitgestaltungsprozessen von der Bedeutung eines frühzeitigen Beginns, also bes-
ser in der Planungs- als in der Entscheidungs- oder Genehmigungsphase (vgl. z.B.
5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung 127

Nietzel 2010:147ff.; Antalovsky 1993:124). Die Gründe hierfür sind vielfältig.


Einerseits besteht zu frühen Zeitpunkten noch die Möglichkeit, auf nicht komplett
gefestigte Ansichten bei Bürgern und potentiellen Prozessteilnehmern zu treffen,
wodurch ein ergebnisoffener Prozess wahrscheinlicher wird (vgl. Appel 2013:342),
zugleich kann der Input der Öffentlichkeit zu frühen Zeitpunkten noch mit aufge-
nommen und ggf. umgesetzt werden (vgl. Vetter et al. 2013:264f.; Appel 2013:
347ff.). Dies scheint ein wichtiger Punkt zu sein, da die Klage, zu spät beteiligt
worden zu sein, wenn keine Änderungen mehr möglich sind, oft zu hören ist (vgl.
Kahle 2014:76).
Durch die Verhinderung bzw. Verminderung von Protesten bzw. Konflikt
und damit einhergehenden Zeiteinsparungen, geringer ausfallenden Transakti-
ons- und Beratungskosten sowie qualitativ besseren Ergebnissen wird dem Ein-
satz von Mitgestaltungsinstrumenten im Endeffekt die Einsparung finanzieller
Ressourcen prognostiziert (vgl. z.B. Beierle 2000; Broß 2016:292; Kühnl
2012:200ff.; Goldschmidt 2012:44, Goldschmidt und Kühnl jeweils unter Nen-
nung weiterer Autoren). Nicht vergessen werden darf jedoch, dass die Verfahren
selbst auch mit finanziellen Kosten einhergehen (vgl. Troja 1998:88ff.; Irvin &
Stransbury 2004:55ff.), wobei hier nicht nur der Financier des Verfahrens, son-
dern auch alle anderen Beteiligten betroffen sind, die Geld- und Zeitressourcen
einsetzen (vgl. Zilleßen 1998b:34; Holtkamp & Stach 1995:8).
Neben diesen vor allem ökonomisch zu bewertenden Effekten werden Mitge-
staltungsformen auch rechtliche, administrative, politische und soziale Effekte
zugeschrieben. Die Beteiligung der Öffentlichkeit erhöht die Transparenz von
Verfahren und ermöglicht den Bürgern die Kontrolle der Verwaltung und ihrer
Entscheidungen. Gleichzeitig kann eine Sicherung des Grundrechtsschutzes statt-
finden, da den Bürgern eine frühe Kenntlichmachung eventueller Verletzungen
dieses Schutzes möglich gemacht wird und damit früh interveniert werden kann
(vgl. z.B. Buchholz & Huge 2014; Appel 2012, 2013; Regener 2010; Pünder 2005;
Bachof 1972). Als eine mögliche Konsequenz der frühen Einbindung von Grund-
rechten der Betroffenen wird daher die Vermeidung von gerichtlichen Verfahren
gesehen (vgl. Roßnagel et al. 2016:52ff.; Bundesministerium für Verkehr und
digitale Infrastruktur 2014:11f.), die wiederum zur Vermeidung weiterer Aufwen-
dungen und Kosten für staatliche Institutionen, private Projektträger oder beteiligte
Stakeholder nach sich zieht, hierdurch schließt sich der Kreis zu obigen, ökonomi-
schen Aspekten (vgl. Irvin & Stransbury 2004:55ff.; Pünder 2005:73; Kühnl
2012:200ff., unter Nennung weiterer Autoren).
Unabhängig von einem konkreten Prozessergebnis wird Beteiligungsformen
insgesamt die Verbesserung der Kommunikation unter den Beteiligten zuge-
schrieben, selbst wenn keine Einstimmigkeit bzgl. eines Ergebnisses erzielt wird
(vgl. Bingham 1986:71). Dies ist vor allem dann bedeutsam, wenn bislang an-
gewendete Verfahren mit geringerem Stakeholder-einfluss zum Stillstand ge-
128 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

kommen sind, begleitet durch Misstrauen und feindselige Einstellungen. Durch


die Verbesserung der Kommunikation, die Einbindung in den Prozess und die oft
damit einhergehende Versachlichung von Diskussionen können Mitgestaltungs-
formen zur Lösung komplexer Situationen beitragen (vgl. Irvin & Stransbury
2004:55ff.; Pünder 2005:73; Broß 2016:292ff.). Zugleich besteht jedoch auch die
Gefahr, dass Prozesse hin zu irrelevanten Themen verlagert oder um diese erwei-
tert werden (z.B. von standortbezogenen Prozessen zu Grundsatzdiskussionen,
zu irrelevanten Detailfragen; vgl. Jansen 1997:282ff.).
Auch Effekte sozialer Art werden durch den Einsatz von Mitgestaltungsver-
fahren registriert, z.B. eine vertrauensvollere Atmosphäre im Vergleich zu gericht-
lichen Verfahren, verbesserte Beziehungen zwischen den Akteuren und vermiede-
ne Beziehungsabbrüche, der Abbau von Voreingenommenheit sowie abnehmendes
Misstrauen (vgl. Irvin & Stransbury 2004:55ff.; Kühnl 2012:200ff. unter Nennung
weiterer Autoren), wodurch Beteiligungsformen eine gewissen Integrationsfunkti-
on zugeschrieben werden kann (vgl. Buchholz & Huge 2014:8).
Zu den politischen Effekten zählt die Möglichkeit der Teilhabe an gesell-
schaftlichen und politischen Prozessen, Stichwort Empowerment, und damit ein
Ausdruck des Demokratieprinzips (Artikel 20, Abs. 2 Grundgesetz), das besagt,
dass alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht, auch in der Zeit zwischen den Wahlen
und in Bezug auf konkrete Projekte (vgl. Nanz & Fritsche 2012:33ff.; Mast &
Stehle 2016:20; Irvin & Stransbury 2004:55ff.; Roßnagel et al. 2016:53). Mit-
einher geht bei dieser gemeinsamen Gestaltung von Gemeinschaft zugleich auch
die Übernahme einer gewissen Verantwortung durch die Teilnehmenden (vgl.
Renn 2011a:33) und eine gewisse Sozialisationsfunktion (vgl. Vetter 2002:7).
Aufgrund dieser politischen und administrativen Effekte wird Formen der Mitge-
staltung damit insgesamt eine Legitimationsfunktion zugeschrieben, die sich vor
allem auf den legitimierten Prozess bezieht, der zugleich auch die Erlangung
legitimierter Entscheidungen begünstigt (vgl. z.B. Irvin & Stransbury 2004:55ff.;
Jansen 1997:275; Newig 2005:11) und ein Großprojekt damit auf ein öffentlich
akzeptiertes Fundament von Begründungen stellen kann (vgl. Renn 2011a:33)61.
Die bereits erwähnte Begünstigung der Faktoren Nutzen, Identität, Orientie-
rung und Selbstwirksamkeit mithilfe von Kommunikationsformen, welche die
Öffentlichkeit umfassend in den Willensbildungsprozess einbinden (vgl. Renn
2014:76; Fisch et al. 2010:177), verbleibt jedoch nicht als Selbstzweck. Zu dem
Effekt und Grund für den Einsatz von Beteiligungsinstrumenten zählt die durch die
Förderung dieser Faktoren begünstigte Entwicklung sowie die Sicherung der Ak-
zeptanz von Großprojekten und ihren Prozessen (vgl. z.B. Appel 2013:342; Rege-

61 In Bezug auf politische Effekte von Beteiligungsverfahren könnte noch weitaus umfangreicher
referiert werden. In Hinblick auf den Fokus der vorliegenden Arbeit sei jedoch darauf verzich-
tet und auf die vielfältige Fachliteratur verwiesen.
5.2 Effekte und Funktionen von Kommunikation und Beteiligung 129

ner 2010:97; Goldschmidt 2012:39ff.; Zschocke 2007:77ff.; Broß 2016:292ff.;


Schäfer & Keppler 2013:45; Irvin & Stransbury 2004:55; Nietzel 2010:147ff.).
Zweierlei Einschränkungen sollten jedoch nicht unerwähnt bleiben: Ähnlich wie
konsultative Verfahren stellen Beteiligungsprozesse eine wichtige Determinante
der Akzeptanz dar, jedoch muss auch hier aus der Zustimmung zu einem Prozess-
ergebnis nicht zwingend die Akzeptanz eines Projekts folgen (vgl. Kahle 2014:76).
Zum anderen kann gerade das durch Partizipation gesteigerte Gefühl der Selbst-
wirksamkeit, zumindest zu Beginn eines Prozesses, vorerst zu einer verstärkten
Vertretung der eigenen Position (und damit ggf. zur Akzeptanzverweigerung)
kommen (vgl. Renn 2014:76).
Voraussetzung für die Entfaltung der positiven Effekte ist jedoch die Er-
gebnisoffenheit des Prozesses, dieser sollte weder von den Projektträgern noch
von anderen Akteuren vorherbestimmt sein, das heißt sämtliche Alternativen,
Varianten und Standorte, aber auch die Frage des grundsätzlichen Bedarfs sollten
in die Diskussion aufgenommen werden können (vgl. Appel 2013:347ff.; Zille-
ßen 1998b:31; Geis 2005:83). Kompliziert wird es jedoch dann, wenn unter-
schiedliche Auffassungen von Sinn und Ziel des Prozesses vorherrschen (Wie-
demann et al. 1991:167). Es empfiehlt sich deshalb eine präprozessuale, gemein-
same Festlegung, wie mit dem Ergebnis verfahren werden soll. Hierbei zahlt sich
die Zielsetzung eines gemeinsamen Ergebnisses aus, denn es zeigt sich, dass
diese Prozesse bessere Qualität- und Prozessergebnisse erzielen als Prozesse, die
ohne gemeinsames Ergebnis enden (vgl. Beierle 2000). Wichtig ist schlussend-
lich auch, dass das wie auch immer geartete Ergebnis von den Entscheidern nicht
ignoriert, sondern entsprechend der vereinbarten Regeln beachtet bzw. umgesetzt
wird (vgl. Irvin & Stransbury 2004:58ff.; Nanz & Fritsche 2012:32).
Werden zudem vermittelnde Dritte (z.B. Moderatoren) hinzugezogen, so ist
hier eine neutrale Position dieser Personen bedeutsam, um damit die Basis für
einen vertrauensvollen Prozess insgesamt und die Akzeptanz durch alle Beteilig-
ten zu legen (vgl. Irvin & Stransbury 2004:61f.; Appel 2013:347ff.).
Mit Blick auf die zahlreichen Chancen durch Mitgestaltungsformen stellt sich
die Frage, ob Beteiligung institutionalisiert werden sollte, um eine verbesserte
Berücksichtigung von Bürgerinteressen zu ermöglichen (vgl. Wiedemann et al.
1991:165f.). Antalovsky (1993) gibt hierzu verschiedene Aspekte an die Hand, die
bei der Erörterung dieser Frage Berücksichtigung finden sollten. Einerseits könnte
Institutionalisierung bei der Vermeidung von politischer Willkür und Scheinbetei-
ligungen helfen und autonomes und spontanes Handeln von Akteuren eingrenzen,
wodurch ein Prozess eine höhere Verbindlichkeit und Berechenbarkeit erhalten
könnte, diese aber auch von den Beteiligten gefordert wäre. Andererseits würde
eine Institutionalisierung für mehr Bürokratie sorgen. Insgesamt sollten Beteili-
gungsformate aus Antalovskys Sicht kein Ersatzinstrument für bestehende Instru-
mente sein bzw. Beteiligungsformate sollten kein Aushebeln von geltenden Ver-
130 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

fahren ermöglichen, damit keine „Minderheit die Mehrheit majorisiert“ (Antalo-


vsky 1993:125). Diese Gefahr der Majorisierung durch eine Minderheit steht in
engem Zusammenhang mit der Zusammensetzung der Gruppe. Für einen optima-
len Prozess sollte dieser für alle Interessierten offen sein (vgl. Appel 2013:347ff.).
Hierfür wird eine geringe räumliche Entfernung zwischen den Beteiligten als posi-
tiv empfunden, um die Teilnahme möglichst einfach zu gestalten (vgl. Irvin &
Stransbury 2004:61f.). Bingham (1986:79) prognostiziert für standortbezogene
Prozesse einen höheren Erfolg, da aufgrund des räumlichen Bezugspunktes der
Kreis der zu beteiligenden Stakeholder kleiner ist als bei Projekten mit mehreren
Standorten oder ohne räumliche Festlegung (z.B. Grundsatzdiskussionen). Glei-
ches wird einer homogenen im Vergleich zu einer heterogenen Öffentlichkeit bzw.
Gruppe der Prozessbeteiligten zugeschrieben (vgl. Irvin & Stransbury 2004).
Hinsichtlich gleicher Teilnahmechancen für verschiedene Personengruppen
wird der Blick auf die finanzielle Kompensation bei einem Mitgestaltungsprozess
notwendig. Fehlt diese, so wirkt sich dies aus Sicht von Irvin & Stransbury (2004)
vor allem für Personen ohne die notwendigen sozioökonomischen Voraussetzun-
gen (z.B. ausreichend hohes Einkommen) wenig begünstigend auf deren Teilnah-
memöglichkeit aus, da diese Personen in dieser Zeit dem Einkommenserwerb
nachgehen müssen. Ähnlich ausschließend wirken komplexe Themen und Sachge-
biete, die bestimmte Bevölkerungsgruppen ohne entsprechende Bildung oder
Sachkenntnis von einer Beteiligung abhalten (vgl. Newig 2003:114ff.). Abgesehen
von der Exklusion bestimmter Personen durch bestimmte Themen kann die The-
menart auch insgesamt für wenig Teilnahmeinteresse an Prozessen sorgen, wenn
das Thema öffentlich nicht als dringlich bzw. als Issue wahrgenommen wird und
damit auch kein besonderer Bedarf an der Mitgestaltung einer Lösung hierfür be-
steht (vgl. Irvin & Stransbury 2004:62). Hinzu kommen Aspekte wie eine unglei-
che Verteilung von Geld-, Zeit- oder Machtressourcen (vgl. z.B. Zilleßen
1998b:33; Newig 2005:14), eine gegenseitige Voreingenommenheit (vgl. Beierle
& Cayford 2002:439), mangelnde Wertschätzung (vgl. Jansen 1997:281) oder
bereits bestehende Beziehungsstörungen zwischen den Akteuren (vgl. Jungermann
et al. 1991:167), die sich wenig positiv auf ein sachliches Verfahren auswirken62.
Es sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die genannten Einflüsse in vielen
Fällen unveränderbar vorliegen, d.h. eine andere Ausprägung in Bezug auf einen
reibungslosen Ablauf günstiger wäre, dies jedoch nicht der Realität entspricht (z.B.
Heterogenität bzw. Homogenität der Gruppe der Beteiligten).

62 Die Bedeutung einzelner Eigenschaften der Teilnehmergruppe bzw. einzelner Teilnehmer für
den Prozessverlauf und sein Ergebnis ist facettenreich und bedarf einer differenzierten Betrach-
tung, die mit Blick auf den Forschungsschwerpunkt in der vorliegenden Arbeit nicht durchge-
führt werden kann. Es sei daher auf andere Fachliteratur verwiesen. Einen bemerkenswerten
Überblick über zahlreiche Einflüsse bieten z.B. die Ausführungen von Mendelberg (2002).
5.3 Conclusion zu Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten 131

Wenn die aufgeführten sowie zahlreiche weitere Faktoren die Zusammen-


setzung einer Teilnehmergruppe beeinflussen, welche Folgen hat diese Zusam-
mensetzung dann auf das Prozessergebnis? Viele Autoren sprechen in diesem
Zusammenhang von einer verzerrten Teilnehmerstruktur und einer mangelnden
Repräsentativität der Teilnehmergruppe. Roßnagel et al. (2016:93f.) stellen hier-
zu folgende Überlegungen an: Obwohl Großprojekte meist eine große Öffent-
lichkeit betreffen, nehmen an Beteiligungsprozessen meist nur kleine Gruppen
mit hochengagierten Personen teil, die tendenziell kritisch eingestellt (dies geht
mit einem höheren Motivationsmoment einher) und gut informiert sind. Positiv
eingestellte oder weniger informierte Personen nehmen seltener teil, wodurch das
Teilnehmerfeld einer gewissen Verzerrung unterliegt. Zwei Probleme können
hierdurch auftreten (vgl. Roßnagel et al. 2016:94f.): Erstens besteht aufgrund der
Teilnahme vor allem von Personen mit gefestigten und extremen Positionen die
Gefahr, bestehende Konflikte zu verschärfen und zweitens besteht das Risiko des
Eindrucks, dass das verzerrte Teilnehmerfeld die Mehrheitsmeinung der Öffent-
lichkeit repräsentiert oder es zur tatsächlichen Majorisierung der Mehrheit durch
die Minderheit kommt, wie Antalovsky (1993) angemerkt hat. Da eine tatsächli-
che Repräsentativität nicht vorhanden ist und vermutlich auch nie sein wird, da
beispielsweise Bürgerinitiativen nicht aufgrund und in Form von Repräsentativi-
tät, sondern aufgrund ihres Anliegens bestehen, plädiert Antalovsky (1993) für
eine qualitative Diskussion, um mit dieser immer vorhandenen Verzerrung um-
gehen zu können. Bei allen Ideen der Prozessoptimierung verbleibt bei den Pro-
zessteilnehmern vielfach der Wunsch, die eigene Sichtweise möglichst durchzu-
setzen. Die Abgabe von Macht oder drohender Kontrollverlust kommt den Teil-
nehmern hierbei wenig gelegen (vgl. z.B. Zilleßen 1998b:36; Irvin & Stransbury
2004:58ff.).

5.3 Conclusion zu Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten und


Aufstellung eines integrierenden Modells wesentlicher Determinanten
der Akzeptanz
5.3 Conclusion zu Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten
Wie lassen sich die Erkenntnisse zu Kommunikation und Beteiligung bei Groß-
projekten nun zusammenfassen und welche Rückschlüsse lassen sich aus den
zahlreichen Effekten und Funktionen der unterschiedlichen Formen ziehen?
Grundsätzlich lassen sich zwei maßgebliche Strömungen unterscheiden, die
sich dem Thema Kommunikation und Beteiligung nähern: Erstens politikwissen-
schaftliche bzw. demokratietheoretische Ansätze, die das Thema aus der Position
einer zu stärkenden und selbstbestimmten Öffentlichkeit mit Entscheidung- oder
Selbstbestimmungsmacht angehen und den Fokus auf Fragen des Empowerments
der Bürgerschaft legen, sowie zweitens kommunikationsbezogene Ansätze, die
132 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

Kommunikation offener, als eigenständiges und berechtigtes Konstrukt definieren


und in diesem Zusammenhang die Ausgestaltung dieser Formen hinsichtlich In-
strumentenwahl, Durchführungsmodi und Qualitätskriterien sowie den damit ein-
hergehenden Akteurs- bzw. Stakeholdereinfluss erörtern. Während Ansätze der
ersten Strömung deutlich eine möglichst starke Beteiligung von Bürgern bzw.
Akteuren favorisieren, werden in Ansätzen der zweiten, kommunikationsbezoge-
nen Strömung verschiedenen Kommunikationsformen und -modi kontextabhängi-
ge Einsatzberechtigungen und -empfehlungen zugeschrieben (vgl. Mast & Stehle
2016:20f.). Die kommunikationsbezogene Perspektive aufgreifend, lassen sich die
Stufen verschiedener Kommunikations- und Beteiligungsformen auf drei grund-
sätzliche Ebenen herunterbrechen, die in Anlehnung an Brettschneider (2013c,
2016) und die VDI Richtlinie 7001 (vgl. Verein Deutscher Ingenieure 2013) als
Informationsebene, Konsultationsebene und Ebene der Mitgestaltung beschrieben
werden können und neben zunehmender dialogischer Ausprägung mit einem zu-
nehmenden Maß an Stakeholder- bzw. Akteurseinfluss einhergehen.
Information bildet die Basis, um Großprojekte hinsichtlich ihrer Fähigkeiten,
Funktionen und Effekte einschätzen und bewerten zu können (vgl. Schäfer &
Keppler 2013:43; Schweizer-Ries et al. 2010) und stellte zugleich die kommunika-
tive Infrastruktur und Voraussetzung für nachfolgende Kommunikations- und
Beteiligungsprozesse (vgl. Antalovsky 1993:122; Funke 2017:16). Diesbezüglich
ist nicht nur die Schaffung einer transparenten Informationsbasis bei denjenigen,
die betroffen oder interessiert sind wichtig, sondern auch bei Personen mit geringe-
rem Interesse (vgl. Antalovsky 1993:122). Hierbei kommt der vielfältigen Instru-
mentenwahl und den Massenmedien eine besondere Bedeutung zu (vgl. Brett-
schneider 2011:40ff.). Für die Gestaltung von Information empfiehlt sich eine
vollständige, umfassende, verständliche und transparente Vorgehensweise, um so
vor allem zur Versachlichung von Diskussionen und der Schaffung einer gemein-
samen Informationsgrundlage beizutragen (vgl. Brettschneider 2011; Bürki 2011;
Brettschneider & Vetter 2011; Ewen 2012; Schweizer-Ries et al. 2010).
Konsultationsformen ermöglichen durch Dialog den Austausch von Infor-
mationen, Betroffenheiten, Interessen und Bewertungen zwischen Akteuren, der
durch eine offene Gestaltung auch im Falle eines subjektiv unerwünschten Er-
gebnisses die Chance hat, legitimiert zu werden (vgl. Schink 2011b; Pünder
2005). Zugleich wird hierdurch eine gegenseitige Beratung (vgl. Nanz & Frit-
sche 2012:33ff.) sowie die Aufnahme von neuen Informationen, (subjektiven)
Aspekten und Bedürfnissen in den Prozess ermöglicht, die bislang keinen Ein-
gang in das Projekt gefunden haben (vgl. Keck 2011). Für eine positive Wirkung
konsultativer Formen sind in jedem Fall eine symmetrische Interaktion und ein
Dialog auf Augenhöhe bedeutsam (vgl. Renn & Webler 1996:190).
Formen der Mitgestaltung erhalten besonders dann Relevanz, wenn beste-
hende Formen der Kommunikation bzw. Konsultation und der Information nicht
5.3 Conclusion zu Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten 133

mehr ausreichen, um die Voraussetzungen für Akzeptanz zu schaffen. Dies wird


besonders bei Projekten, die mit besonderen Einschnitten in die Lebenswelt
einhergehen, bedeutsam (vgl. Renn 2014:75f.; Fisch et al. 2010:177). Dem Ver-
hältnis von Kosten und Nutzen kommt hier besondere Bedeutung zu, da Mitge-
staltungsprozessen zum einen die Chance eingeräumt wird, Nutzenaspekte von
Großprojekten zu verstärken, zum anderen Kosten einzudämmen, z.B. durch ihre
Ausgleichsfunktion, die Internalisierung externer Effekte, die Verbesserung der
Ergebnisqualität oder zeitliche Optimierungen (vgl. z.B. Erp 1998; Coase 1990;
Appel 2012; Newig 2005; Beierle 2000; Irvin & Stransbury 2004). Konflikte, die
dadurch vermindert oder verhindert werden können, werden wiederum mit ge-
ringer ausfallenden Transaktions- und Beratungskosten sowie im Endeffekt mit
der Einsparung finanzieller Ressourcen verbunden (vgl. z.B. Beierle 2000; Broß
2016; Kühnl 2012). Hinzu kommen Hinweise auf eine Integrations-, Sozialisati-
ons- und Legitimationsfunktion (vgl. Buchholz & Huge 2014; Vetter 2002; Irvin
& Stransbury 2004; Jansen 1997; Newig 2005). Aufgrund des bei Mitgestal-
tungsformen mit großer Wahrscheinlichkeit verzerrten Teilnehmerfeldes (vgl.
Roßnagel et al. 2016:94f.) wird jedoch für die allgemeine Öffentlichkeit das
Risiko einer Majorisierung durch eine Minderheit (vgl. Antalovsky 1993:125)
gesehen. Aus diesem Grund wird auf Bedeutung niedriger Teilnahmebarrieren
für solcher Prozesse hingewiesen (vgl. Appel 2013:347ff.).
Während aufgrund der unterschiedlichen Disziplinen und Forschungstraditio-
nen Uneinigkeit hinsichtlich der Frage herrscht, welches Ausmaß an Öffentlich-
keits- bzw. Stakeholdereinfluss anzustreben ist, zeigen sich überraschend viele
Überschneidungen hinsichtlich der von den unterschiedlichen Formen ausgehen-
den Effekte, teils mit empirischem Nachweis, teils als reine These bzw. Prognose.
Hierzu zählt auch die Einsicht, dass keine Kommunikationsform alleine ausreicht,
sondern verschiedene Formen der Information, Kommunikation und Beteiligung
notwendig sind, um die Betroffenen bzw. die Öffentlichkeit in einen Zustand der
Mündigkeit zu versetzen, also eine persönliche Beurteilung von Phänomenen mög-
lich zu machen (vgl. Renn 2005a:11). „Dabei sind die unterschiedlichen Kommu-
nikationsformen von der Information bis zur Beteiligung als ein Kontinuum zu-
nehmender Intensität und Wechselhaftigkeit der Beziehung zwischen den Kom-
munikationspartnern zu sehen“ (ebd.). Während Formen der einseitigen Informati-
on den Transfer von umfassenden Aspekten sowie vor allem der Moderation von
Kosten- und Nutzenaspekten über ein Projekt ermöglicht, wodurch Aufmerksam-
keit, Interesse, Betroffenheit und Bewertung beeinflusst werden können, dient die
Konsultation dem Dialog darüber zwischen Öffentlichkeit und Projektträger. Mit-
gestaltungsformen binden die Öffentlichkeit noch intensiver und geregelter in den
Kommunikationsprozess ein und statten sie mit einem steigenden Maß an Einfluss
aus, z.B. in Form von Beratungs-, Mitentscheidungs- bis hin zu Selbstgestaltungs-
134 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

rechten. Sämtliche Kommunikationsformen beinhalten dabei Formen von Kosten


und Nutzen des Projekts selbst wie auch ihrer eigenen Durchführung.
Neben der katalysatorischen Wirkung auf die erörterten Faktoren, vor allem
die Kosten- und Nutzenaspekte (vgl. auch Schiersmann & Thiel 2011), wird allen
drei Formen der Kommunikation das Potential für einen positiven Einfluss auf die
Akzeptanz zugeschrieben (vgl. z.B. Appel 2013; Goldschmidt 2014; Bürki 2011;
Beierle & Cayford 2002; Renn 1994; Gans 1994; Brettschneider 2016; Schäfer &
Keppler 2013; Broß 2016; Irvin & Stransbury 2004). Kommunikation, egal ob im
Rahmen formeller oder informeller Verfahren, fungiert dabei selbst als Faktor von
Akzeptanz bzw. Konflikt. Bezüglich des Verhältnisses von informellen Instrumen-
ten zu formellen Verfahren und bestehenden Institutionen wird nicht der Ersatz
von letzteren, sondern eine Ergänzung durch enge Verzahnung der formellen und
informellen Verfahren empfohlen (vgl. z.B. Bentele et al. 2015b:7f.; Ewen 2009;
Schink 2011a, 2011b). Die „Legitimation durch Verfahren“ wird durch die „Legi-
timation durch Kommunikation“ ergänzt (Brettschneider 2011:42).
Die Effekte von Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten wurden
bislang vor allem an Umwelt- oder Infrastrukturprojekten untersucht, maßgeblich
anhand von zahlreichen Fallstudien, wenigen repräsentativen Bevölkerungsumfra-
gen oder vereinzelten Metastudien. Erkenntnisse, die sich über diese spezifischen
Projektarten hinaus sowie projektübergreifenden Phänomenen widmen, sind bis-
lang kaum zu finden. Weiter beruhen viele der genannten Effekte verschiedener
Kommunikations- und Beteiligungsformen auf reinen Prognosen, einzelnen Kon-
texten, individuellen Erfahrungswerten und Eindrücken, die teilweise auch zu
konträren Erkenntnissen führen (vgl. Reed 2008:2418). Vergleichende, empirische
Untersuchungen der Effekte auf die zwei zentralen Aspekte, das Kosten- und-
Nutzen-Verhältnis sowie die Projektakzeptanz werden jedoch kaum durchgeführt.
Vor allem bezüglich des Vergleichs zwischen den einzelnen Kommunikations- und
Beteiligungsarten sind Forschungslücken zu finden (vgl. hierzu auch Mast & Steh-
le 2016:26).
Mit Blick auf diese Herausforderungen und die zentrale Bedeutung von
Kommunikation für Großprojekte in vielfältiger Hinsicht (vgl. hierzu z.B. Brett-
schneider 2016:223; Zilleßen 2007:84f.) im gesellschaftlichen Spannungsfeld
(vgl. z.B. Glaab 2016:4) kann und muss die oben genannte Leitfrage L4 „Welche
Rolle nehmen Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten ein? Welche
Zusammenhänge bestehen hierbei zu den anderen Dimensionen bei Großprojek-
ten, z.B. den Kosten- und Nutzeneffekten und der Akzeptanz?“ durch detaillierte
Forschungsfragen konkretisiert werden. Besonders in den Fokus werden dabei
die eingesetzten Kommunikations- und Beteiligungsformen und deren Wirkung
auf die Prozesse und Akteure von Großprojekten gerückt. Den Hinweisen auf
vielfältige Vernetzungen zwischen kommunikativen Aspekten, den Kosten und
5.3 Conclusion zu Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten 135

Nutzen bei Großprojekten sowie dem Maß an Akzeptanz soll dabei ebenfalls
Rechnung getragen werden. Folgende Fragen greifen diese Aspekte auf:

F4.1: Welche Formen der Kommunikation und Beteiligung werden bei Groß-
projekten eingesetzt? Lassen sich dabei bestimmte Muster erkennen?
F4.2: Welche Zusammenhänge zeigen sich zwischen der Kommunikation und
Beteiligung bei Projekten und den wahrgenommenen Kosten- und Nut-
zeneffekten?
F4.3: Welche Zusammenhänge zeigen sich zwischen der Kommunikation und
Beteiligung bei Projekten und dem Maß an Akzeptanz und mit welchen
Effekten und Bedingungen gehen sie einher?
F4.4: Wie wirken sich eventuelle Zusammenhänge zwischen Kommunikation
und Beteiligung mit dem Maß an Akzeptanz auf Kosten und Nutzen bei
Großprojekten, vor allem für den Projektträger, aus?

Abbildung 13: Integrierendes heuristisches Modell wesentlicher Determinanten


der Akzeptanz von Großprojekten

Das Modell fasst die bisherigen Erkenntnisse zu den wesentlichen Determinanten


der Akzeptanz von Großprojekten knapp zusammen. Ausgangspunkt sind folgende
zentrale Dimensionen: Prozesseigenschaften, gesellschaftliche und politische Fak-
136 5 Kommunikation und Beteiligung bei Großprojekten

toren, akteursbezogene Determinanten, Aspekte der Kommunikation und Beteili-


gung sowie projektbezogene Faktoren und hier vor allem Kosten- und Nutzenas-
pekte. Im Hinblick auf den aktuellen Forschungsstand zu Kommunikations- und
Beteiligungsformen bei Großprojekten kann eine Unterscheidung von Kommuni-
kation und Beteiligung in drei Ebenen vorgenommen werden: Information, Kon-
sultation und Mitgestaltung. Die bisherigen, allgemeinen Erkenntnisse zur Rolle
von Kosten- und Nutzenaspekten bei der Bildung von Einstellungen und Findung
von Entscheidungen legen eine Unterscheidung folgender sieben Effektarten nahe:
ökonomische, soziale, ökologische, politische/gesellschaftliche und individuell
Effekte sowie Verhältnis- und Prozesseffekte.
6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und
Akzeptanz bei Großprojekten

Die vorangegangenen Ausführungen zur Genese von Akzeptanz, der Rolle von
Kosten und Nutzen sowie verschiedenen Formen der Kommunikation zeigen die
Lücken dieser Bereiche in Bezug auf Großprojekte sowie den Mangel kommuni-
kationswissenschaftlicher Betrachtungsweisen hierbei auf. Nachfolgende Aus-
führungen erläutern ein Forschungsdesign, mit dessen Hilfe zur Schließung die-
ser Lücken und der Generierung fundierter Erkenntnisse für die Projektpraxis
beigetragen werden soll.
Das Gebiet der Großprojektforschung präsentiert sich dabei gerade im aktu-
ellen Zeitgeschehen als äußerst schwieriges Terrain für sozialwissenschaftliche
Forschung. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Impliziert durch den Terminus
Großprojekt ist meist eine größere Anzahl von Akteuren und eine weitreichende
Öffentlichkeit von einem Projekt betroffen, Gelder und Machtpositionen sind im
Spiel, gegensätzliche Meinungen bis hin zu rechtlichen oder sogar handgreifli-
chen Auseinandersetzungen sind zu beobachten. Dies gilt nicht nur für konflikt-
beladene Projekte – auch die Akteure konfliktfreier Projekte achten auf ihre
Positionierung, spielen mit Machtverhältnissen, üben strategisches Verhalten zur
Durchsetzung ihrer Interessen aus und lassen subjektive Wahrnehmungen und
Bewertungen von Situationen erkennen (vgl. hierzu z.B. Boger et al. 2012).
Hierzu kommen die Eigenheiten der Erforschung von Eliten (vgl. z.B. Scholl
2015:234ff.), zu denen die Projektakteure größtenteils zählen. Durch diese pro-
jektspezifische Logik befindet sich die empirische Forschung auf diesem The-
mengebiet in einer spannungsgeladenen und komplexen Situation. Potentielle
Einflussversuche auf den Forschungsprozess, Vorbehalte und Misstrauen gegen-
über hinzukommenden Dritten (wozu der Forscher ab dem Moment der Kontakt-
aufnahme zu allen zentralen Akteuren eines Projekts zählt) und eine mögliche
Zurückhaltung oder Falschangabe von Informationen aus strategischen Zwecken
sind nicht selten anzutreffen.
Es bedarf daher einer bedachten und komplexen methodischen Vorgehens-
weise, um sich der Aufgabe einer objektiven Ergründung deutscher Großprojekte
widmen zu können.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
I. M. Schmalz, Akzeptanz von Großprojekten, Politik gestalten – Kommunikation,
Deliberation und Partizipation bei politisch relevanten
Projekten, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23639-7_6
138 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

6.1 Überblick über Forschungsdesign und Studienablauf

Zur Gewinnung einer geeigneten Datengrundlage für die Untersuchung von


Großprojekten wurde mit einem komplexen dreiteiligen Studiendesign unter
Kombination verschiedener quantitativer und qualitativer Methoden gearbeitet,
die durch Integration eine umfassende und vielschichtige Ergründung des The-
menfeldes ermöglichten (vgl. hierzu auch Jakob 2001; Scholl 2015:59ff.,107f.).
Die Studie S1 diente dem Scanning und Monitoring sowie der Analyse und
Auswahl deutscher Großprojekte auf Basis von Onlinekommunikation (z.B. Medi-
enberichterstattung, Öffentlichkeitsarbeit, Grassroots-Kommunikation). Sie wurde
mit der Ergründung des Forschungsfeldes im Sinne einer Identifizierung und Be-
obachtung von Projekten begonnen. Auf dieser Basis erfolgte die kriteriengeleitete
Zusammenstellung eines Samples (Auswahl A1). Studie S1 gibt damit erstmalig
einen Überblick über eine deutsche Großprojektlandschaft mit besonderem Fokus
auf Kommunikationsformen, Themengebieten und dem Akzeptanzlevel.
Die darauf aufbauende Studie S2 wurde als mehrheitlich standardisiertes
(voll-standardisiert mit teil-standardisierten Elementen) Onlinetool zur Befragung
von Projektakteuren konzipiert. Sie diente vor allem der Untersuchung des Akzep-
tanzlevels (als zentrale abhängige Variable), der Untersuchung von Akzeptanz-
bzw. Konfliktfaktoren sowie der Ergründung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses aus
Perspektive der einzelnen Projektakteure und der mit dem Projekt verbundenen
Kommunikationsformen. Das Sample dieser Studie setzte sich aus den zentralen
Vertretern von Projektakteuren (z.B. Projektträger, Politik, Behörden/Verwaltung,
Sozial- und Wirtschaftsverbände, Bürgerinitiativen, Natur- und Umweltschutzver-
bände, Medien etc.) der in Studie S1 identifizierten Projekte zusammen.
Die dritte Studie S3 ergänzt die bisherigen Sichtweisen auf Großprojekte
durch eine weitere qualitative Betrachtung in Form teil-standardisierter Leitfa-
dengespräche mit Projektakteuren zum Zweck der tieferen Ergründung einzelner
Aspekte. Neben den Projektträgern der in Studie S2 enthaltenen Projekte wurden
Akteure zur Teilnahme eingeladen, die durch ihre aktiven Rückmeldungen (tele-
fonisch, per Mail etc.) ein hohes Involvement vermuten ließen. Studie S3 um-
fasste im Wesentlichen Aspekte der zeitlichen und rechtlichen Einordnung der
Projekte, Aspekte der Projektkommunikation sowie negative respektive positive
Effekte durch die Prävention, Behandlung und Folgenbeseitigung bei Konflikten.
Die Leitfadeninterviews mit Projektträgern fokussierten dabei auf die Vertiefung
und Reflektion der kompletten Geschichte des Projekts aus Projektträgerperspek-
tive. Die Interviews mit den weiteren Akteuren hingegen setzten den Schwer-
punkt auf die Reflektion der Knackpunkte von Akzeptanz (bzw. Konflikt) bei
dem jeweiligen Projekt und die Auswirkungen der zum Einsatz gekommenen
Kommunikationsformen.
6.1 Überblick über Forschungsdesign und Studienablauf 139

Abbildung 14: Untersuchungsaufbau der vorliegenden Arbeit

Mehrebenenintegration durch triangulative Vorgehensweise

„Die Verbindung von quantitativer und qualitativer Forschung kann […] die Nach-
teile beider Methodologien überwinden helfen und Erkenntnisse gewinnen, die
einerseits über rein statistische Zahlen und andererseits über einzelne Fälle hin-
ausweisen“ (Schneider 2014:15). Dieser Gedanke der Komplementarität von Er-
kenntnissen (vgl. Lamnek 1995:252) bezieht sich jedoch nicht ausschließlich auf
Daten: „Triangulation beinhaltet die Einnahme unterschiedlicher Perspektiven auf
einen untersuchten Gegenstand oder allgemeiner: bei der Beantwortung von For-
schungsfragen“ (Flick 2011:12). Dabei kann Triangulation neben der Datenebene
auch auf Ebene von Methode, Theorie, Forschenden und Disziplinen vollzogen
werden (vgl. Schneider 2014:18) und dabei der Erhöhung von Tiefe, Breite und
Konsequenz der methodischen Vorgehensweise dienen (vgl. z.B. Flick 2011)63.
Das hier verfolgte Studiendesign machte sich diese Möglichkeiten zunutze.
Auf Datenebene wurden gleiche Daten aus verschiedenen Quellen (Studie S2,
Wahrnehmungen und Bewertungen der Großprojekte durch ihre Akteure) mit
verschiedenen Daten aus gleichen Quellen (Befragung von Projektträgern und
weiteren Akteuren in Studie S2 und S3) ergänzt. Eine Triangulation der Methoden
fand sowohl innerhalb der Methode der Befragung (within-methods, quantitative
bzw. standardisierte Befragung bei S2 und teil-standardisierte, qualitative Befra-

63 Für ausholende Erläuterungen zum Begriff der Triangulation vgl. z.B. Flick (2011).
140 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

gung bei S3) sowie durch die Kombination von Befragung (S2, S3) und Inhalts-
analyse (S1, between-methods) statt. Ergänzung fand dies durch das Aufgreifen
von Ansätzen verschiedenster theoretischer Perspektiven auf das Phänomen der
Großprojekte.
Die Kombination unterschiedlich stark standardisierter Erhebungsformen
kann entweder mit qualitativen Instrumenten als explorative Vorarbeit für weite-
re, quantitative Erhebungen durchgeführt werden oder umgekehrt durch voran-
gestellte quantitative Erhebungen, deren Erkenntnisse mithilfe weniger standar-
disierter, qualitativer Vorgehensweisen konkretisiert und ergänzt werden. Letzte-
res ermöglicht es, bestimmte Zusammenhänge und Phänomene, die z.B. aus
standardisierten Befragungen ersichtlich wurden, hinsichtlich ihrer „zugrunde
liegenden Mechanismen“ (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2014:182) genauer zu
untersuchen. Die angewendete Kombination verschiedener Befragungsformen64
in diesem Projekt ließ in Studie S3 eine vertiefende Behandlung von Aspekten
zu, die in Studie S2 noch offen waren bzw. in S2 nicht umfassend behandelt
werden konnten (vgl. hierzu auch Seipel & Rieker 2003:224ff.).
Die Kombination schriftlicher und mündlicher Verfahren sorgte einerseits
für die notwendige Anonymität (Onlinebefragung S2), um Aspekte aufzudecken,
andererseits für die notwendige persönliche Situation (telefonische Leitfadenge-
spräche S3), um Aspekte zu vertiefen. Die Kombination von Inhaltsanalyse und
Befragung erlaubte eine komplementäre Betrachtung von medial vermittelter
und subjektiv wahrgenommener Wirklichkeit. Eine ausschließliche Betrachtung
medial konstruierter Wirklichkeit durch inhaltsanalytische Vorgehensweisen
hätte eine direkte Analyse subjektiver Wahrnehmungen und Bewertungen der
Projektakteure und damit ihrer subjektiv konstruierten Realität verhindert, wel-
cher jedoch eine zentrale Rolle mit Blick auf ihre Zusammenhänge zum Ak-
teursverhalten zugeschrieben wird (vgl. Kapitel 2.3.2, Kapitel 6.2).

6.2 Ansatz zur Messung der Akzeptanz von Großprojekten

Die Ausführungen in Kapitel 2.3 zu verschiedenen Ansätzen des Verhältnisses von


Einstellung und Verhalten zur Erklärung von Akzeptanz sowie der Mangel an
validen Optionen zur Messung von Akzeptanz legen die Konzeptionierung eines
neuen Ansatzes nahe. Zentraler Aspekt scheint hierbei die Erfassung beider Di-
mensionen (Verhalten und Einstellung), jedoch in getrennter Form zu sein, um eine
freie Kombination unterschiedlicher Ausmaße von Einstellungs- und Verhaltens-

64 Für eine allgemeine und umfassende Darstellung unterschiedlicher Befragungsformen vgl. z.B.
Schnell et al. (2013:314ff.) oder Atteslander (1984:108).
6.2 Ansatz zur Messung der Akzeptanz von Großprojekten 141

stärke möglich zu machen65. Zugleich ermöglicht die getrennte Erhebung die Iden-
tifikation von Hinweisen auf gezwungene oder verhinderte Nutzer (vgl. Müller-
Böling & Müller 1986) bei starken Abweichungen zwischen Einstellung und Ver-
halten. Eindimensionale Ansätze, die beispielsweise direkt danach fragen, wie
akzeptabel ein Objekt empfunden wird, werden diesen Anforderungen nicht aus-
reichend gerecht (vgl. z.B. Schreck 1998). Differenzierter vorgehende Ansätze z.B.
zur Messung der Akzeptanz von Personen (z.B. Akzeptanz von Migranten, vgl.
Weimer et al., Selbstakzeptanz/Akzeptanz Anderer, vgl. Bergemann & Johann
1985) beziehen sich vor allem auf die Einstellungsdimension und lassen sich auf-
grund des großen Unterschieds der Akzeptanzobjekte kaum transferieren. Ansätze
der eher objektbezogenen Akzeptanz, die sowohl die Einstellungs- als auch die
Verhaltensdimension umfassen, lassen zumeist keine freie Kombination von Ein-
stellung und Verhalten zu (vgl. z.B. London 1976) oder verfügen nur über eine
ungenaue oder schlussendlich nicht umgesetzte Operationalisierung der Verhal-
tensdimension (vgl. z.B. Schweizer-Ries et al. 2010; Müller-Böling & Müller
1986).
Der Ansatz dieser Arbeit zur Messung der Akzeptanz bei Großprojekten
umfasst daher beide Dimensionen: Einstellung und Verhalten. Er nimmt Anlei-
hen bei den Modellen von Liebecke et al. (2011), Hofinger (2001), Helmreich
(1980) und London (1976). Verhalten und Einstellung werden jeweils getrennt
erfasst und können anschließend integriert dargestellt und analysiert werden (vgl.
Modell zur Abbildung und Messung von Akzeptanz in Kapitel 2.3).
Der Ansatz wurde folgendermaßen operationalisiert: Die Einschätzung der
Einstellung gegenüber dem Akzeptanzobjekt wurde als Single-Item basierte
Bewertung mit Abstufungen hinsichtlich Richtung und Stärke erfasst, angelehnt
an die Ansätze von Liebecke et al. (2011) und Hofinger (2001), mit dem Ziel,
das Ausmaß von Zustimmung zum bzw. Ablehnung des Großprojekts zu erheben
(13-Punkte-Skala, Antwortvorgaben von „lehne komplett ab“ über „neutral/am-
bivalent“ bis hin zu „stimme voll zu“)66.
Die Erfassung der Verhaltensdimension erfolgte über die Aktivitätsstärke, an-
gelehnt an die Ansätze von London (1976), Liebecke et al. (2011), Schweizer-Ries
et al. (2010), Hofinger (2001) und Helmreich (1980). Die konkrete Operationalisie-
rung wurde über die Erhebung der Durchführungshäufigkeit von Aktivitäten, die
im Zusammenhang mit Großprojekten ausgeführt werden können, vorgenommen.
Einen passenden Anknüpfungspunkt bot hierfür der Ansatz von Barnes & Kaase
(2014), die konventionelle politische Partizipationsformen in eine eindimensionale,

65 Hier soll zugleich der Tatsache Rechnung getragen werden, dass Einstellung und Verhalten gleich
ausgerichtet sein können, aber nicht zwingend müssen, vgl. hierzu die Ausführungen in Kapitel
2.3.
66 „Wie schätzen Sie aktuell Ihre Zustimmung zu dem Projekt, so wie es momentan angedacht ist,
ein?“
142 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

kumulative Guttman-Skala überführen, um ein Maß zur Quantifizierung politischer


Partizipation zu bieten. Zur Konzeptionierung einer für den vorliegenden Zweck
geeigneten Guttman-Skala wurden sechs Items zu Aktivitätsformen formuliert, die
sich inhaltlich an empirisch vorgefundenen Aktivitätsarten bei Großprojekten ori-
entierten (vgl. Baumgarten & Rucht 2013). Die Aktivitäten umfassten die Tätigkei-
ten „sich informieren“, „Gespräche führen“, „Andere überzeugen“, „an Aktionen
teilnehmen (z.B. Demonstrationen)“, „medial kommunizieren (z.B. Leserbriefe/
Postings etc. schreiben)“ sowie „Aktionen organisieren“. Die Häufigkeitsangabe
erfolgte anhand einer Sechs-Punkte-Skala mit Antwortvorgaben von „nie“ bis
„sehr häufig“67. Dieses Konzept wurde im Rahmen eines Skalentests mithilfe einer
Onlinebefragung überprüft. Die Kurzstudie, an der insgesamt 253 Personen teil-
nahmen, bezog sich auf das Infrastruktur- und Verkehrsprojekt Stuttgart 21. Zur
Auswertung wurden die Antwortvorgaben der sechs Items im Nachhinein binär
recodiert. Bei den drei Items Information, Gespräche sowie Überzeugungsarbeit
wurden 0=nie, 1 und 2 in „nein“ sowie 3, 4 und 5=sehr häufig in „ja“ recodiert. Bei
den Items zur Teilnahme an Aktionen (z.B. Demonstrationen), medialen Kommu-
nikationsformen (z.B. Leserbriefe/Postings schreiben) sowie die Organisation von
Aktionen wurde 0=nie und 1 in „nein“ sowie 2, 3, 4 und 5=sehr häufig in „ja“ re-
codiert68. Der für die Items zur Einschätzung der individuellen Aktivität in Bezug
auf ein Großprojekt berechnete Reproduktionskoeffizient69 ergab einen Wert von
CR=0,9470 sowie einen Skalierbarkeitskoeffizienten in Höhe von CS=0,7371. Auf-
grund dessen konnte die Skala als intern konsistent und eindimensional angesehen
werden.
Die sich daraus ergebende Guttman-Skala zur Messung der Aktivität bei
Großprojekten konzipierte sich demnach aus den genannten sechs Items in fol-
gender Rangfolge:

1. Ich informiere mich darüber (z.B. über Zeitungen, Internet etc.).


2. Ich spreche mit Anderen darüber.
3. Ich versuche Andere von meiner Meinung zu überzeugen.
4. Ich nehme an Treffen/Gesprächen/Veranstaltungen/Aktionen teil.

67 „Nachfolgend finden Sie eine Liste mit Tätigkeiten, die Menschen allgemein in Bezug auf
Großprojekte durchführen. Bitte geben Sie jeweils an, wie häufig Sie so etwas in Bezug auf das
Großprojekt momentan tun bzw. wie häufig das bei Ihnen vorkommt.“
68 Aufgrund der Vermutung, dass die Tätigkeiten der drei letztgenannten Items prinzipiell weniger
häufig ausgeführt werden können, z.B. aufgrund des organisatorischen/zeitlichen Aufwands, wur-
de die spätere Recodierung in „ja“ hier umfassender vorgenommen.
69 Goodenough-Edwards Technik (vgl. McIver & Carmines 1981:42f.).
70 Coefficient of Reproducibility (CR): 0 bis 1, Schwellenwert 0,90 (vgl. McIver & Carmines
1981:48).
71 Coefficient of Scalability (CS): 0 bis 1, Schwellenwert 0,60 (vgl. Menzel 1953).
6.3 Methodik von Studie S1: Analyse der deutschen Großprojektlandschaft 143

5. Ich schreibe/bringe Pressemitteilungen/Stellungnahmen oder Beiträge/Arti-


kel/Leserbriefe in (sozialen) Medien.
6. Ich organisiere Treffen/Gespräche/Veranstaltungen/Aktionen.

Gemäß dem Prinzip einer konsistenten Guttman-Skala ergibt die Anzahl der
bejahten Items den Skalenwert. Dieser ist Anhaltspunkt für das Maß an Aktivität,
das die Verhaltensdimension widerspiegelt. Ein hoher Skalenwert entspricht
damit einem hohen Maß an Aktivität. Wird kein Item mit ja beantwortet, so
beträgt der Skalenwert 0 (vgl. auch Bortz & Döring 2013:207). Im vorliegenden
Fall ergab sich dadurch eine siebenstufige Skala. Die Einstellungsdimension
wurde durch das Maß an Zustimmungsstärke, die von vollkommener Ablehnung
über neutrale bzw. ambivalente Einstellungen bis hin zur vollkommener Zu-
stimmung reicht, repräsentiert. Das Maß an Akzeptanz konzipierte sich demnach
durch die so erfasste Zustimmungs- und Aktivitätsstärke.
Der hier konzipierte Ansatz wurde in Studie S2 zum Einsatz gebracht. Für
die finale Version der an die Stichprobe von Studie S2 angepassten Skala sei auf
Kapitel 6.4.2.2 verwiesen.

6.3 Methodik von Studie S1: Analyse der deutschen Großprojektlandschaft

6.3.1 Grundsätzliche Überlegungen und Studienaufbau

Vor dem Hintergrund einer qualitativen Vorarbeit zur Ergründung des For-
schungsfeldes (vgl. Lamnek 2005) gingen Studie S1 und Auswahlverfahren A1
miteinander einher. Ziel war die Deskription der deutschen Großprojektland-
schaft durch die Identifizierung, Beobachtung und grundlegende Analyse von
Projekten hinsichtlich zentraler Merkmale sowie die Erstellung eines Großpro-
jektsamples für die darauffolgenden Studien S2 und S3 auf Basis online abrufba-
rer Kommunikationsbeiträge (z.B. Produkte von Medienberichterstattung, Öf-
fentlichkeitsarbeit und Grassroots-Kommunikation).
Die Studie S1 gliederte sich in drei Arbeitsschritte: Schritt 1, die Scanning-
und Monitoringphase, diente der Erkennung und Beobachtung relevanter Groß-
projekte über die Identifizierung von Kommunikationsbeiträgen. In Schritt 2, der
Analysephase, wurden identifizierte Projekte hinsichtlich vorgegebener Krite-
rien, die sich in vorigen Studien als zentral erwiesen hatten (vgl. Schmalz 2013),
analysiert. In der letzten Phase, Schritt 3, wurde auf Basis der Analyseergebnisse
144 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

aus Schritt 2 eine Auswahl relevanter Projekte sowie eine erste Analyse des
Akzeptanzlevels der Projekte vorgenommen72.
Die Schritte 1 und 2 wurden in einem achtwöchigen Zeitraum (Welle 1)
sowie sieben Monate später in einem vierwöchigen Zeitraum (Welle 2) durchge-
führt. Die Vorgehensweise der zweiten Welle glich dabei der ersten Welle, je-
doch mit dem Ziel einer Aktualitätsüberprüfung und Ergänzung der Erkenntnisse
aus Welle 1. Durch die doppelte Prüfung von Kommunikationsbeiträgen zu un-
terschiedlichen Zeitpunkten konnte sichergestellt werden, dass alle identifizierten
Projekte über längere Zeit den notwendigen Kriterien entsprachen und keine
saisonalen Einflüsse die Untersuchung beeinflussten. Auf eine Messung der
Intracoderreliabilität wurde jedoch aus zwei Gründen verzichtet. Zum einen
musste während des Zeitraums zwischen Welle 1 und 2 von einer natürlichen
Veränderung des Untersuchungsmaterials ausgegangen werden. Zum anderen
verfügte das Datenmaterial über eine hohe Spezifität je Projekt. Der damit ein-
hergehende hohe Erinnerungswert an die erste Codierung hätte bei der zweiten
Codierung desselben Materials (zur Überprüfung der Intracoderreliabilität) zu
einer Überlagerung von fachlicher Einschätzung auf Basis des Codebuchs und
Erinnerungswert geführt und damit Gültigkeit der Intracoderreliabilitätsprüfung
in Frage gestellt. Dies zeigte sich bei probeweise durchgeführten Reliabilitäts-
tests. Mit Blick auf die tiefe fachliche Verankerung der Forscherin, ihre enge
Orientierung am Codebuch sowie der fachlichen Reflektion des Codebuchs und
der Codierungen durch andere Forscher wurde deshalb auf eine Prüfung der
Intracoderreliabilität verzichtet. Da sämtliche Arbeitsschritte von der Forscherin
selbst durchgeführt wurden, entfiel zudem eine Messung der Intercoderreliabili-
tät. Auf Basis der Ergebnisse der Schritte 1 und 2 wurde am Ende der zweiten
Welle die Bestimmung des Akzeptanzlevels sowie die Durchführung von Schritt
3 (Auswahl relevanter Projekte) vorgenommen.

6.3.2 Schritt 1: Scanning und Monitoring der Großprojektlandschaft

Die grundsätzliche Idee der Identifikation und des Beobachtens von Projekten
wurde den Methoden des Issues Management (Scanning und Monitoring) ent-
nommen. Scanning und Monitoring sind Verfahren, die die „Beobachtungs- und
Informationsverarbeitungsfähigkeit sicher[stellen]“ (Röttger 2001:11) und damit
der Gewinnung und Interpretation von relevanten Umfeldinformationen dienen
(vgl. z.B. Lütgens 2001:60; Hafner & Reineke 1992:30). Die vor allem im wirt-

72 Ein umfassendes Codebuch und Lastenheft sicherte die regelgeleitete Vorgehensweise ab. Alle
Anweisungen zur Vorgehensweise, genaue Definitionen und Schlagwörter sind im Codebuch
und Lastenheft (siehe Anhang) zu finden.
6.3 Methodik von Studie S1: Analyse der deutschen Großprojektlandschaft 145

schaftlichen und politischen Kontext angewendete Methodik zur Abschätzung


der „Karrierechancen relevanter Themen der öffentlichen Kommunikation“ (Im-
hof & Eisenegger 2001:257) wurde in der vorliegenden Arbeit auf deutsche
Großprojekte adaptiert. Unter einem Issue wird nach Heath (1997:4), aufbauend
auf der Definition von Heath & Nelson (1986), eine „contestable question of
fact, value or policy that affects how stakeholders grant or withhold support
[…]“ verstanden, die über Konfliktpotential mit öffentlichem Interesse verfügt
(Röttger 2001:16). Scanning kann als induktive Beobachtung der Umwelt ohne
bestimmte Vorgaben definiert werden, Monitoring als deduktive Beobachtung
der Umwelt mit bestimmten Vorgaben. Hierunter fällt beispielsweise die Be-
obachtung bereits identifizierter Issues (vgl. Liebl 1996181ff.; Imhof & Eiseneg-
ger 2001:263ff.). Im Zuge des klassischen Issues Management bezieht sich die-
ses Verständnis meist auf die Umwelt von Organisationen. Bei der hier vorlie-
genden Identifizierung relevanter Projekte und damit zusammenhängender Fra-
gen (Akteure, Themenfelder etc.) wurden Issues jedoch nicht aus der klassischen
Perspektive einer Organisation (z.B. Unternehmen, Partei, Verband) eruiert,
sondern es wurde, um den Definitionen von Heath (1997:4) und Röttger (2001:
16) zu folgen, nach strittigen Fragen gesucht, die über Konfliktpotential mit
öffentlichem Interesse verfügten und die zugleich für mehrere Akteure gültig
waren. Erst diese Vorgehensweise ermöglichte die Identifizierung von Großpro-
jekten, da jeder Großprojektkonflikt bzw. jedes Konfliktpotential sowie jede Zu-
oder Absprechung von Akzeptanz ein Issue für die beteiligten Akteure darstellte.
Aufgrund der geringen Kenntnisse über die Grundgesamtheit von Großpro-
jekten in Deutschland73 wurde der erste Schritt auf die Identifizierung und Be-
obachtung von Projekten von öffentlichem Interesse und mit Konfliktpotential
ausgerichtet. Raum der Beobachtung und damit zugleich das allem zugrundelie-
gende Mediensample war die Kommunikation im Internet (nachfolgend auch
Kommunikationsbeiträge genannt). Diese umfasste sämtliche im Internet zum
Untersuchungszeitraum frei und öffentlich abrufbare Onlinekommunikation von
und über Großprojekte. Quellen der Kommunikationsbeiträge waren die mas-
senmediale Onlineberichterstattung, online abrufbare Instrumente bzw. Ergeb-

73 Definiert wird hierbei allgemein die angestrebte „Menge von Individuen, Fällen, Ereignissen
[…], auf die sich Aussagen der Untersuchung beziehen sollen und die im Hinblick auf die Fra-
gestellung und die Operationalisierung vorher eindeutig abgegrenzt werden muss“ (Kromrey
2009:255). Im vorliegenden Projekt wurde dabei auf die in Kapitel 2.2 angeführte Begriffsbe-
stimmung, in Abgrenzung zu anderen Phänomenen ähnlicher Art, Bezug genommen. Aufgrund
der dispersen und heterogenen Forschungslandschaft und Disziplinenvielfalt sowie der fehlen-
den einheitlichen Definition des Großprojektterminus fehlen bislang konkrete Angaben zu ei-
ner möglichen Grundgesamtheit in der Literatur. Hinsichtlich der späteren Aussagekraft wis-
senschaftlicher Erkenntnisse (Stichwort Repräsentativität) wäre deren Bestimmung jedoch
wünschenswert (vgl. Friedrichs 1982:125).
146 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

nisse der Öffentlichkeitsarbeit von Akteuren eines Großprojekts (z.B. Websites,


Pressemittteilungen) sowie Grassroots-Kommunikation, also eine durch Bürger
getriebene Kommunikation von Themen und Meinungen, die z.B. durch soziale
Medien (z.B. soziale Netzwerke, Blogs) übermittelt wurde. Warum sich zur
Identifizierung, Beobachtung und Analyse dessen, was von öffentlichem Interes-
se ist, ein medial gestalteter Raum eignete, lässt sich anhand des Konzepts von
Öffentlichkeit erläutern. Unter Öffentlichkeit wird in diesem Zusammenhang der
soziale Raum verstanden, „wo der Einzelne [und auch das Einzelne] von allen
gesehen und beurteilt wird“ (Noelle-Neumann 2004:401), gemeinsame Auf-
merksamkeits- und Deutungsmuster, Images und Ideologien entstehen und zer-
fallen sowie Konfliktentstehung und Konfliktabbau stattfinden (vgl. Imhof &
Eisenegger 2001:263). In der gegenwärtig funktional stark ausdifferenzierten
Gesellschaft spielen (Massen)Medien eine besondere Rolle: Sie sind es, die den
Kontakt zur Umwelt überhaupt erst herstellen (vgl. Schenk 1995:1). „Öffentlich-
keit [ist] in modernen Gesellschaften empirisch in erster Linie eine massenmedi-
al hergestellte Öffentlichkeit, meint öffentliche Meinung, insbesondere veröf-
fentlichte Meinung“ (Gerhards 1993:98). In der vorliegenden Studie wurde zur
Auffindung von Projekten, die im öffentlichen Interesse stehen, deshalb auf die
Kommunikation durch bestimmte Medien als Indikator zurückgegriffen: Es wur-
de festgelegt, dass nur Kommunikation erfasst wird, die über quartäre Medien
erfolgt (vgl. Dittmar 2010:38), gemeint sind damit digitale Medien. Die Digitali-
sierung ermöglicht in dieser vierten Medienstufe die Möglichkeit der Mischung
und Integration primärer Medien (kein Gerät notwendig), sekundärer (Gerät bei
Sender/Produzent notwendig) und tertiärer Medien (Gerät bei Sender/Produzent
und Empfänger/Konsument notwendig) und damit dynamische Optionen sowohl
für massenmediale als auch für individuelle Kommunikation (vgl. ebd.). Kom-
munikation, die online abläuft, kann somit die Vorzüge verschiedener Medien
vereinen und spielt vor allem bei Großprojekten eine bedeutsame Rolle: Neben
online verfügbarer Medienberichterstattung wird das Internet auch von den Akt-
euren bei Großprojekten z.B. zur Öffentlichkeitsarbeit (z.B. durch Websites)
genutzt. Aber auch die bereits genannte Grassroots-Kommunikation, der bürger-
basierte Journalismus bzw. bürgerbetriebene Kommunikation ist bedeutsam:
Soziale Medien aller Art (z.B. Facebook, Twitter, Blogs) werden vor allem von
Bürgerinitiativen zur Kommunikation verwendet, wie vorausgehende Studien
gezeigt haben (vgl. Boger et al. 2012). Der Rückgriff rein auf sekundäre Medien
(z.B. Printberichterstattung) hätte aus organisationspraktischer Sicht zu Proble-
men geführt, da Datenbanken, die Zugriff auf Printberichterstattung ermögli-
chen, zahlreiche regionale und lokale Zeitungen nicht enthalten, die für die Ent-
wicklung von Großprojektkonflikten jedoch von zentraler Bedeutung sind (vgl.
ebd.). Gleichzeitig hätte dies die Beobachtung onlinebasierter Öffentlichkeitsar-
beit und vor allem die Grassroots-Aktivitäten ausgeschlossen.
6.3 Methodik von Studie S1: Analyse der deutschen Großprojektlandschaft 147

Die mögliche Diskrepanz zwischen veröffentlichter Meinung und öffentli-


cher Meinung über ein Großprojekt wurde bei dieser Suche nach Phänomenen
von öffentlichem Interesse nicht gänzlich ignoriert, jedoch wurde mit Blick auf
die essentielle Bedeutung der Medien für die Selbstbeobachtung der Gesellschaft
(vgl. Luhmann 1996:173ff.) die Onlinekommunikation als vorerst ausreichender
Indikator dafür gesehen, welche Themen (bzw. Projekte) überhaupt Teil einer
gesellschaftlichen Diskussion sind (vgl. z.B. Schulz 1976; Perrin 2010). Die
Kommunikationsbeiträge dienten damit nur als Trägermaterial, die eigentliche
Analyse galt den in den Beiträgen genannten Großprojekten; damit stellte jedes
Projekt eine eigene Analyseeinheit von Studie S1 dar.
Der Ablauf der Scanning- und Monitoringphase orientierte sich an der Vor-
gehensweise des Issues Management (vgl. z.B. Imhof & Eisenegger 2001;
Schmidt 2001) und erfolgte durch Schlagwortsuchen in verschiedenen Suchma-
schinen (beispielsweise Goggle, Yahoo, Duckduckgo). Für die Schlagwortsuche
wurden mehr als 30 zentrale Begriffe bestimmt, diese hatten sich zuvor als zent-
ral und wiederkehrend für den Forschungsgegenstand Großprojekt erwiesen. Die
Vorgehensweise beruhte dabei auf dem Prinzip der Linkpopularität (vgl. Deg
2012:153): Projekte, deren Kommunikationsbeiträge die genannten Schlagworte
(bzw. mindestens eines davon) beinhalteten, konnten prinzipiell durch die
Schlagwortsuche gefunden werden. Je öfter ein Kommunikationsbeitrag an ande-
rer Stelle verlinkt war, desto höher war dabei seine Linkpopularität. Je höher die
Linkpopularität, desto weiter vorne bzw. oben war der Beitrag bei den Ergebnis-
sen der Suchmaschinen zu finden und konnte daher auch leichter identifiziert
werden. Die Suchmöglichkeit über das Internet war bedingt durch die erläuterte
Relevanz lokaler Medien und der Grassroots-Kommunikation, dabei wurde die
Suche auf deutsche Kommunikationsbeiträge über Projekte auf dem Hoheitsge-
biet der Bundesrepublik Deutschland beschränkt. Es wurden zudem nur Beiträge
über Projekte erfasst, die der gewählten Definition von Großprojekten entspra-
chen (vgl. hierzu ausführlich Kapitel 2.2). Diese impliziert gewisse zeitliche,
finanzielle oder räumliche Umfänge, ein spezifisches Verfahren durch Politik
und/oder Verwaltung, eine soziale bzw. politische Dimension sowie das Thema-
tisieren eines Artefakts. Weiter wurde eine Zuteilung der identifizierten Projekte
zu Leistungsphasen vorgenommen, um sicherzustellen, dass Projekte, die über
kein bestimmtes Maß an Entwurf bzw. Planung verfügen, sowie Projekte, die
bereits abgeschlossen und in Betrieb sind, nicht einbezogen werden. Zur Einord-
nung wurde, angelehnt an die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure
(HOAI), Paragraph 34 „Leistungsbild Gebäude“ (vgl. Bundesministerium für
Justiz und Verbraucherschutz 2013), eine leicht vereinfachte und allgemeinere
Leistungsübersicht mit vier Leistungsphasen, von den ersten Vorgesprächen bis
148 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

hin zur Fertigstellung des Projekts, entwickelt74. Weiter wurden nur Kommuni-
kationsbeiträge zu Projekten beachtet, die sich einem der globalen Megatrends
(„Energie und Klima“, „Mobilität und Verkehr“, „Leben und Arbeiten“, „Natur
und Umwelt“, vgl. hierzu Kapitel 2.1) zuordnen ließen, um eine gesellschaftliche
Relevanz der Projekte sicherzustellen. Projekte, die durch das Scanningverfahren
identifiziert wurden, wurden registriert und hinsichtlich ihrer Entwicklung weiter
beobachtet (Monitoring). Grundsätzlich wurden die Ergebnisse aller Arbeits-
schritte für den weiteren Ablauf schriftlich festgehalten. Für jedes identifizierte
Projekt wurde eine Projektnummer (fortlaufend), ein Projektname (zur eindeuti-
gen Identifikation), URLs zu den Kommunikationsbeiträgen sowie der zugehöri-
ge Themenbereich (Globaler Megatrend) festgehalten. Projekte, die nicht den
Kriterien entsprachen oder im Laufe des Prozesses verworfen wurden, wurden
auf einer gesonderten Liste vermerkt (siehe Anhang).

6.3.3 Schritt 2: Analyse der identifizierten Projekte hinsichtlich zentraler


Kriterien

Der Phase des Scannings und Monitorings schloss sich die Projektanalyse, zur
Vorbereitung der Auswahl A1, an. Anhand von zentralen Merkmalen (Merkmale
zweiter Ordnung75), die als potentielle Einflüsse auf Akzeptanz und Konflikt
angesehen werden (vgl. Schmalz 2013), wurden die identifizierten Projekte cha-
rakterisiert. Zu den zentralen Merkmalen zählen Projekteigenschaften bzw. Pro-
jektarten, die ablaufende Kommunikation, Prozesse und Kontexte der Projekte
und das Akteursportfolio. Deuteten die Kommunikationsbeiträge bzw. deren
Inhalt auf eine besondere Ausprägung der einzelnen Merkmale bei einem Projekt
hin, so wurde dies ebenfalls festgehalten.

6.3.4 Schritt 3: Auswahl relevanter Projekte

Da hinsichtlich deutscher Großprojekte weder vollumfänglich eine Anzahl noch


eine vollständige Auflistung möglicher Projektarten vorgelegt werden konnte,
muss im vorliegenden Fall von einer „angestrebten Grundgesamtheit“ (Kromrey
2009:255) ausgegangen werden. Die Definition einer möglichen Grundgesamt-

74 Ausführliche Erläuterungen zur Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) sowie
die daraus entwickelte, vereinfachte Übersicht der Leistungsphasen ist in Kapitel 2.2 zu finden.
75 Als Merkmal erster Ordnung wird hier der Themenbereich/globale Trend eines Projektes
angesehen, da eine Zuordnung zu diesem Merkmal als notwendige Bedingung für eine potenti-
elle Samplezugehörigkeit definiert wurde. Die Merkmale zweiter Ordnung dienen der weiteren
Unterscheidung der Projekte in den Themenbereichen.
6.3 Methodik von Studie S1: Analyse der deutschen Großprojektlandschaft 149

heit beschränkt sich daher auf die Beschreibungen zu Großprojekten in Kapitel


2.2. Eine Vollerhebung der Projekte schloss sich aus diesen sowie aus zeit- und
sachlogischen Gründen aus und machte die Ziehung einer Stichprobe erforder-
lich (vgl. hierzu Schulze & Porath 2012:410).
Mit Blick auf diese Ausgangssituation erfolgte die Zusammenstellung der
für die weiteren Studien relevanten Projekte auf Basis von Überlegungen der
qualitativen Sozialforschung, die eine strukturierte Auswahl von Untersuchungs-
objekten auch unter diesen Bedingungen zulässt (vgl. Heinze 2001:27). Bei der
Fallauswahl stand deshalb nicht die der quantitativen Forschung vorstehende
Repräsentativität, die numerische Schlüsse einer kleineren Gruppierung auf eine
definierte Grundgesamtheit zulässt (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2014:32),
im Vordergrund. Es wurde vielmehr die inhaltliche (vgl. Lamnek 2005:193)
bzw. konzeptuelle (vgl. Strübing 2004:31) Repräsentativität angestrebt, „d.h. es
sollen alle Fälle und Daten erhoben werden, die für eine vollständige und analy-
tische Entwicklung sämtlicher Eigenschaften und Dimensionen der jeweiligen
gegenstandsbezogenen Theorie, relevanten Konzepte und Kategorien erforder-
lich sind“ (ebd.:31). Geht die quantitative Forschung zum Zweck der Repräsen-
tativität (bzw. schlussendlich zum Zweck des Inferenzschlusses, vgl. hierzu z.B.
Schnell et al. 2013:261ff.) über die Zufallsauswahl, um so auch theoretische
Verzerrungen und willkürliche Häufungen auszuschließen, so wählt die qualita-
tive Forschung zur Vermeidung von Verzerrungen und Häufungen gezielt und
regelgeleitet Fälle aus (vgl. Kelle & Kluge 2010:42). Zwei grundsätzliche Vari-
anten des Samplings aufzeigend, kann zwischen theoretischem Sampling (zuge-
hörig zur Grounded Theory, der gegenstandsbezogenen Theorie, vgl. Glaser &
Strauss 1998), bei dem sich die Auswahlkriterien datengetrieben im Laufe des
Forschungsprozesses herausbilden (vgl. Wiedemann 2008:443), und selektivem
Sampling nach vorab definierten Kriterien unterschieden werden (vgl. Kelle &
Kluge 2010:43f.). Eine dritte Samplingart stellt das purposeful Sampling (vgl.
Patton 1990) dar, das eine Zwischenform der vorab erläuterten Samplingarten ist
und eine Verbindung zwischen der Samplingstrategie und dem Forschungszweck
schafft und sich über selektives und theoretisches Sampling spannt (vgl. Coyne
1997). Hierbei werden die zu untersuchenden Fälle nach forschungszweckbezo-
genen Kriterien ausgewählt, z.B. typische Fälle oder politisch wichtige Fälle.
Bei dem in dieser Arbeit angewendeten selektiven Sampling wurden auf Ba-
sis von Vorüberlegungen Merkmale identifiziert, die der Fallauswahl mit dem
Bestreben dienten, alle relevanten Merkmalskombinationen zu berücksichtigen
(vgl. Kelle & Kluge 2010:43ff.). Durch die Heranziehung von Merkmalen kann
ein qualitativer Stichprobenplan erstellt werden, der vor allem auf die Untersu-
chung möglichst unterschiedlicher Fälle ausgerichtet ist (vgl. Kelle & Kluge
2010). Diese, der allgemeinen sozialwissenschaftlichen Methodenlehre zuzuord-
nende Vorgehensweise fand im Rahmen dieser Arbeit Ergänzung durch quasi-
150 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

experimentelle Methoden zur Fallauswahl aus der Politikwissenschaft, begründet


durch die zentrale Bedeutung politischer und sozialer Aspekte bei Großprojek-
ten. Die Politologie bedient sich dieser alternativen Vorgehensweise vor allem in
der Staatenforschung: Aufgrund der fehlenden Möglichkeit, Staaten bzw. Syste-
me wie bei experimentellen Methoden zu verändern bzw. zu kontrollieren, wird
hier auf den Vergleich zwischen Staaten bzw. Systemen zur Erkennung kausaler
Zusammenhänge gesetzt; aus diesem Grund kommt auch hier der Auswahl der
Fälle eine zentrale Rolle zu (vgl. Sartori 2016:224). Prinzipiell unterschieden
werden kann hierbei zwischen der Arbeit mit gleichen bzw. ähnlichen Fällen
zum Zwecke der Suche nach Unterschieden und der Arbeit mit unterschiedlichen
Fällen zum Zwecke der Suche nach Gemeinsamkeiten der Fälle. Oftmals unkon-
kret abgegrenzt oder bisweilen gleichgesetzt, werden Methoden der Fallauswahl
und Methoden zur Analyse von Fällen, nachfolgend in Anlehnung an Hönnige
(2007:144ff.) dargestellt: Während die vielfach angewendete Konkordanzmetho-
de und Differenzmethode eher den Analysemethoden bei bereits ausgewählten
Fällen zuzuordnen sind und auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen
einzelnen Variablen fokussieren, zählen das Most Different System Design
(MDSD) und das Most Similar System Design (MSSD) (vgl. Przeworski & Te-
une 1970) tendenziell zu den Auswahlmethoden und beziehen sich eher auf Fälle
als auf einzelne Variablen (vgl. Jahn 2013).
Mit den beiden Designs nach Przeworski & Teune (1970) können unter-
schiedliche Zielsetzungen verfolgt werden: Das Most Similar System Design
dient dazu, Unterschiede bei ansonsten gleichen bzw. sehr ähnlichen Fällen zu
erklären (vgl. Przeworski & Teune 1970:32), wodurch das Design der Grundidee
eines Experiments ähnelt. Das Most Different System Design verfolgt einen an-
deren Ansatz: Hier werden möglichst unterschiedliche Fälle herangezogen und
anschließend auf Gemeinsamkeiten hin überprüft (vgl. ebd.:34)76.

Kombination von selektivem Sampling und Most Different System Design zur
Untersuchung der Akzeptanz von Großprojekten

Aufgrund der Frage nach wiederkehrenden Einflüssen auf die Akzeptanz, Kos-
ten-Nutzen-Verhältnissen und den Auswirkungen von Kommunikationsformen
bei Großprojekten wurde im vorliegenden Projekten zum selektiven Sampling
das Most Different System Design ergänzt, das eine Analyse verschiedener

76 Voraussetzung für die Annahme kausaler Effekte ist neben dem Kriterium der Unabhängigkeit
zweier Variablen die Homogenitätsannahme (vgl. Przeworski & Teune 1970; Hönnige 2007). Das
heißt, dass bei zwei verschiedenen Entitäten bei Änderung einer unabhängigen Variable auch bei
beiden mindestens eine ähnliche Änderung der abhängigen Variable eintreten muss, also bei glei-
cher Ursache eine ähnliche (bis gleiche) Wirkung eintritt (vgl. King et al. 1994:91ff.).
6.3 Methodik von Studie S1: Analyse der deutschen Großprojektlandschaft 151

Großprojekte hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten zuließ. Die Erstellung eines


Auswahlschemas diente dem Ziel der Vorteilsnutzung beider Verfahren und der
Eliminierung von Nachteilen77. Weiter implizierte die gewählte Vorgehensweise
eine analytische Positivauswahl, also der Auswahl von Fällen bei Vorliegen
bestimmter Aspekte (vgl. Jahn 2013:233f.). Wird im klassischen Most Different
System Design-Ansatz auf größtmögliche Vielfalt bzw. Unterschiede bei den
politischen Systemen geachtet (vgl. Przeworski & Teune 1970:34), so wurde in
dieser Arbeit die Heterogenität von Projekten durch die in Schritt 2 vorgenom-
mene Einordnung in verschiedene Themenbereiche (globale Trends) sicherge-
stellt (Merkmal erster Ordnung). Mit dem Ziel der Maximierung von Unter-
schieden wurde innerhalb der Themenbereiche erneut auf eine möglichst große
Bandbreite von Projekten geachtet. Diese Bandbreite konnte anhand der weiteren
zur Analyse bzw. Charakterisierung (siehe ebenfalls Schritt 2) herangezogenen
zentralen Merkmale (Merkmale zweiter Ordnung) erreicht werden. Das Kriteri-
um Themenbereich wurde dabei aus zweierlei Gründen gewählt: Zum einen
stellen die aufgezeigten Themenbereiche zentrale globale Trends dar, aus denen
sich die Initiierungsgründe für deutsche Großprojekte ableiten lassen (beispiels-
weise zahlreiche Projekte zu erneuerbaren Energien aufgrund der nur endlich
vorhandenen Ressourcen), zum anderen zeigen sie die Vielfalt der deutschen
Großprojektlandschaft auf; eine Eigenschaft, die für die Auswahl nach dem Most
Different System Design von Bedeutung ist.
Neben der Zielsetzung größtmöglicher Unterschiede auf systemischer Ebe-
ne (beschriebene Maximierung der Unterschiede unabhängiger Variablen) sucht
das Most Different System Design nach Gemeinsamkeiten der zu untersuchen-
den Fälle bei anderen Variablen (hier: abhängige Variable). Dabei sind in aller-
erster Linie Gemeinsamkeiten auf Individualebene gemeint, jedoch werden bei
fehlenden Zusammenhängen auch höher gelagerte Ebenen (z.B. Mesoebene)
einbezogen. Dadurch besteht bei der Fallauswahl die Gefahr eines Selection Bias
(vgl. Geddes 1990), also einer verzerrten Auswahl, die bereits mit Blick auf die
Ausprägung der abhängigen Variable erfolgt und somit in diesem Fall die Gefahr
besteht, dass vor allem Fälle ausgewählt werden, die bereits offensichtliche Ge-
meinsamkeiten auf der Ebene abhängiger Variablen besitzen. Da das For-
schungsinteresse die Akzeptanz von Großprojekten in den Mittelpunkt stellte
und damit bereits eine abhängige Variable definiert wurde, war diese Gefahr der
verzerrten Auswahl hier besonders groß. Um dieser Verzerrung vorzubeugen und
nicht ausschließlich Projekte mit hoher Akzeptanz oder niedriger Akzeptanz
auszuwählen, wurde das Most Different System Design doppelt angewendet –

77 Da das Design in dieser Studie schwerpunktmäßig für die Auswahl der Fälle und nicht die
Auswertung herangezogen wurde, wurde die Nicht-Kontrolle der Sekundärvarianz bzw. der ex-
ternen Varianz (vgl. Jahn 2013; Hönnige 2007) billigend in Kauf genommen.
152 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

einmal durch die Auswahl von Projekten mit hoher Akzeptanz und einmal durch
die Auswahl von Projekten mit niedriger Akzeptanz. So bot sich die Möglich-
keit, bei den späteren Analysen die doppelten Konkordanzmethode bzw. indirek-
ten Differenzmethode (vgl. Mill 1890) anzuwenden.
Die Bestimmung des Akzeptanzlevels wurde dabei mithilfe eines mehrdi-
mensionalen Ansatzes vorgenommen: Zuerst erfolgte eine Einschätzung der
Zustimmungsstärke zum Projekt (Einstellungsdimension) der identifizierten Ak-
teure bzw. Akteursgruppen auf Basis einer dreistufigen, bipolaren Skala (Ableh-
nung, indifferente/ambivalente Bewertung, Zustimmung). Anschließend wurden
die Akteure bzw. Akteursgruppen hinsichtlich ihrer Aktivitätsstärke, mit der sie
ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen (Verhaltensdimension), bewertet, mithil-
fe einer unipolaren, dreistufigen Skala (keine oder nur selten ausgeübte, geringe
Aktivität, niedrige Aktivität, hohe Aktivität).
Zum Zwecke einer eindeutigen, späteren Zuteilung wurden die beiden Di-
mensionen zu einem rein binären Akzeptanzlevel (hohe Akzeptanz/geringe Ak-
zeptanz) zusammengeführt. Dies erfolgte durch eine integrierte Betrachtung von
Zustimmungsstärke und Aktivitätsstärke (vor allem die der Kritiker) sowie das
mengenmäßige Verhältnis von Befürwortern und Kritikern. Alle exakten Anwei-
sungen zur Vorgehensweise, genaue Definitionen und Regeln zur integrierten
Betrachtung der Akzeptanzdimensionen sind im Codebuch und Lastenheft (siehe
Anhang) zu finden. Folgendes Schema ergab sich dadurch:

Abbildung 15: Finale Merkmalsmatrix zur Projektauswahl der Studie S1:


Strukturierung durch Themenbereich/globaler Trend (Merkmal
erster Ordnung mit dem Ziel maximale Heterogenität) sowie
Akzeptanzlevel (maximale Homogenität)78

Themenbereich Mobilität & Energie & Leben & Natur &


Verkehr Klima Arbeiten Umwelt
Akzeptanzlevel
Hohe Akzeptanz

Geringe Akzeptanz

Im Unterschied zu dem in Kapitel 6.2 ausführlich dargestellten Messkonzept wur-


de in dieser Studie die vereinfachte Form der Zustimmungs- und Aktivitätsstär-
keskalen angewandt, bei der die ursprünglich feingliedrige Unterteilung der Skalen

78 Auf die Darstellung des mehrdimensionalen Merkmalraums (Merkmale zweiter Ordnung) wird
aus Gründen der Übersichtlichkeit hier verzichtet.
6.4 Studie S2: Onlinebefragung von Akteuren deutscher Großprojekte 153

auf drei Stufen heruntergebrochen wurde, um eine valide Fremdeinschätzung der


Projekte bzw. der einzelnen Akteure auf Basis der identifizierten Kommunika-
tionsbeiträge überhaupt möglich zu machen. Für eine Anwendung der eigens ent-
wickelten Guttman-Skala (vgl. Kapitel 6.2) wäre eine Kenntnis aller Aktivitäts-
formen der Akteure notwendig gewesen. Diese konnten jedoch aus den vorliegen-
den Materialien nicht vollständig erschlossen werden, weshalb auf diese verein-
fachte Einstufung der Aktivität durch den Vergleich der Aktivitätsformen der Ak-
teure zurückgegriffen wurde. Für die Zwecke von Studie S1 (Einschätzung und
Unterteilung der Projekte nach Akzeptanzlevel) war diese vereinfachte Arbeitswei-
se völlig ausreichend.
Um eine größtmögliche Heterogenität (Sampling anhand der Themenberei-
che und zentralen Merkmale) und zugleich größtmögliche Homogenität (Samp-
ling anhand des Akzeptanzlevels) der ausgewählten Projekte (Fälle) zu erreichen,
wurde bei Vorliegen gleicher Ausprägungskombinationen bei Projekten jeweils
das Projekt präferiert, das stärker kommuniziert wurde, d.h. quantitativ über
mehr Publikationen bzw. Kommunikationsbeiträge verfügte.
Im Rahmen des Scanning- und Monitoringprozesses wurden über 90 Pro-
jekte identifiziert und beobachtet. Nach anschließender Analyse schieden über 30
Projekte aus (siehe Anhang). Das finale Sample setzte sich aus 60 Projekten,
verteilt auf die vier Themenbereiche, zusammen.

6.4 Studie S2: Onlinebefragung von Akteuren deutscher Großprojekte

6.4.1 Grundsätzliche Überlegungen und Studienaufbau

Ausgangspunkt der Onlinebefragung in mehrheitlich standardisierter Form war der


Gedanke der umfassenden Analyse deutscher Großprojekte durch Einschätzungen
der beteiligten Akteure. Die Betrachtung und die Analyse von Objekten sind nach
empirisch-analytischem Wissenschaftsverständnis auf Daten angewiesen, die ent-
weder durch eine unmittelbar-objektive oder zumindest intersubjektiv nachvoll-
ziehbare Datenerfassung von statischen und dynamischen Phänomenen erfolgt
oder durch eine mittelbare Erfassung der zu untersuchenden Phänomene über
Teilnehmende der Situation, beispielsweise durch Befragung. Die mittelbare Erfas-
sung bietet sich vor allem dann an, wenn keine unmittelbare und objektive (bzw.
intersubjektiv nachvollziehbare) Zugangsmöglichkeit zu Daten vorhanden ist. Die
Situationsteilnehmer sind damit zugleich Beobachter und Handelnde; die Sozial-
forschung unterteilt bei der Befragung von Personen in dieser Doppelfunktion
daher in „direktes Messen von Merkmalen am Befragten als Untersuchungsob-
154 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

jekt“79 und „indirektes Messen durch den Befragten“ (Kromrey 2009:237), wobei
der Befragte bei der indirekten Messung Angaben zu Zuständen macht, also über
die Merkmalsausprägungen der Forschungsobjekte (aus seiner Perspektive heraus)
informiert (vgl. hierzu ausführlich Kromrey 2009; Meulemann 1993). Im vorlie-
genden Projekt waren die Akteure als Träger beider Rollen gefragt: Ihre Wahr-
nehmung einer Situation bzw. des Großprojektes (hier Untersuchungsobjekt =
Großprojekt) trug ebenso zum Erkenntnisgewinn bei wie Merkmale der Akteure
selbst (hier Untersuchungsobjekt = Akteur, vgl. Kromrey 2009:366f.; Noelle-
Neumann & Petersen 1996).
Unter Projektakteuren wurden dabei, angelehnt an die klassische Stakehol-
derdefinition von Freeman (1984:52), alle Gruppen und Personen verstanden, die
ein Großprojekt beeinflussten oder durch ein Großprojekt beeinflusst wurden. Es
konnte dabei mit Blick auf den gemeinsamen Sachverhalt, dem die Akteure be-
wusst und vielfach organisiert gegenüberstanden, auch von einer situativen Öf-
fentlichkeit (vgl. Mast 2010:119f., H.n.i.O., mit Verweis auf Grunig und Hunt
1984) gesprochen werden.
Mit dem Ziel fallübergreifender Analysen anhand einer möglichst aussage-
kräftigen Stichprobe wurde das Erhebungsinstrument in mehrheitlich standardi-
sierter Form konzipiert. Dies ermöglichte zugleich bezüglich organisatorischer,
zeitlicher und finanzieller Aspekte im Rahmen zu bleiben (vgl. hierzu auch
Scholl 2015:44f.). Durch Kombination mit einzelnen offenen Elementen wurde
trotzdem Raum für ergänzende Beschreibungen gegeben. Der Einbau von Trig-
gerelementen in den Onlinefragebogen ermöglichte dann, die durch die Befra-
gungsteilnehmer selbst eingetragenen Inhalte (z.B. Themen) in anderem Kontext
später erneut aufzuführen (z.B. zur Bewertung dieser Themen).
Mit Blick auf die sensible Thematik der Großprojektforschung (vgl. hierzu
auch die Einführung in Kapitel 6) musste von Versuchen einseitiger, persönli-
cher Einflussnahme auf die Forscherin durch die Projektakteure ausgegangen
werden, zugleich jedoch von einem hohen Bedürfnis nach einer anonymen Be-
fragungssituation, um strategisch weniger angreifbar zu sein. Diese Anonymität
konnte durch die online durchgeführte Befragung geboten werden. Zugleich
konnte dadurch der Herausforderung der geographisch weit verteilten Projekte
(und Projektakteure) begegnet werden, weshalb eine Präsenzbefragung auch aus
zeit- und sachlogischen Gründen ausschied (vgl. Taddicken 2007:98f.). Weiter

79 Genau genommen wird mithilfe der Befragung nicht das Merkmal eines Befragten selbst, sondern
das kommunikativ vermittelte Substitut hiervon erfasst. Dieses Inferenzproblem (vgl. Scholl 2015:
22f.) kommt jeweils dann zum Tragen, wenn „Bewusstseinselemente (Gedanken, Gefühle) und
Verhaltensweisen nur indirekt erschließbar sind“ (ebd.:22). Dies tritt aber laut Scholl nicht nur bei
der Methode der Befragung, sondern ebenso bei Inhaltsanalysen (vgl. Merten 1995) und Beobach-
tungen (vgl. Gehrau 2002) auf, bei denen von Texten respektive Verhaltensweisen auf latente
Konstrukte geschlossen wird.
6.4 Studie S2: Onlinebefragung von Akteuren deutscher Großprojekte 155

erforderte die hohe Komplexität und Individualität der zu untersuchenden Groß-


projekte sowie der zu befragenden Akteure ein dem jeweiligen Akteur angepass-
tes Erhebungsinstrument, um den unterschiedlichen Ausgangslangen der Projek-
te gerecht zu werden. Auch diesem Anspruch konnte mithilfe des Onlinefragbo-
gens und dem hierbei möglichen Einsatz dynamischer Elemente nachgekommen
werden. Elemente wie automatische Filterführung, Setzung von Verweisen,
dynamische Antwortfelder sowie Trigger zur Auslösung von Follow-up Aktio-
nen ermöglichten eine gezielte Fragbogenführung auf Basis der durch die Befra-
gungsteilnehmer angegebenen Daten80.

6.4.2 Konstruktion des Befragungsinstruments

Das Befragungsinstrument setzte sich aus einzelnen Elementen zusammen, die


das komplette Feld der im Fokus stehenden Forschungsfragen aufgreifen.81 Der
Fragebogen wurde dabei so konzipiert, dass allgemeine, das Projekt auf Me-
taebene behandelnde Fragen (z.B. Akzeptanzlevel) zuerst gestellt wurden. So
konnte sichergestellt werden, dass Einstellung und Verhalten gegenüber dem
jeweiligen Großprojekt unbeeinflusst durch die nachfolgenden Fragebogeninhal-
te erhoben werden konnten. Im weiteren Verlauf wurden dann konkretere Fragen
zu bestimmten Themen sowie Kosten-und Nutzenaspekten gestellt. Um eine
strategische Anpassung der Antworten auf nachfolgende, themenbezogene Fra-
gen zu vermeiden, konnten bereits beantwortete Fragen nicht mehr aufgerufen
bzw. verändert werden. Der Fragebogen setzt sich aus offenen, halboffenen und
geschlossenen Fragen zusammen. Mehrheitlich wurde dabei mit einer siebenstu-
figen Skala gearbeitet, in Orientierung an das vorab beschriebene Modell zur
Messung des Akzeptanzlevels.

6.4.2.1 Gestaltung des Onlinefragebogens

Mit der Bitte um die Einschätzung der persönlichen Akzeptanz des jeweiligen
Projektes wurde zu Beginn eine bereits vorhandene Einstellung abgefragt und
zugleich eines der zentralen Elemente der Befragung bestimmt. Dies erfolgte

80 Zur Effizienz von Onlineerhebungen vgl. z.B. auch Gadeib (1999). Für weitere Gründe und
Vorteile sowie Nachteile und Risiken mehrheitlich standardisierter Befragungen und Onlinebe-
fragungen vgl. z.B. Scholl (2015).
81 Bei der Zusammensetzung der Fragearten, Skalen und Antwortvorgaben wurde nach grundsätz-
lichen Regeln der Fragebogengestaltung gearbeitet, wie sie z.B. von Scholl (2015); Schnell et al.
(2013); Brosius et al. (2012); Noelle-Neumann & Petersen (1996) oder Kromrey (2009) beschrie-
ben werden.
156 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

durch den zweidimensionalen Ansatz zur Akzeptanzmessung, bestehend aus der


individuellen Zustimmungsstärke und Aktivitätsstärke (vgl. Kapitel 6.2 sowie
die nachfolgenden Ausführungen in diesem Kapitel zur Anpassung der Skala für
die vorliegende Studie). Ergänzend wurde zudem die Zustimmungsstärke der
allgemeinen Öffentlichkeit durch die Einschätzung der Projektakteure erhoben.
Mit dem Ziel, den Einfluss zentraler Projektereignisse (z.B. Auftaktveran-
staltungen), gesellschaftlicher Ereignisse (z.B. Wahlen) und Vorkommnisse (z.B.
Umweltkatastrophen) auf die Projektakzeptanz (vgl. z.B. Brettschneider 2011;
Boger et al. 2012) betrachten zu können widmete sich der Fragebogen in einem
nächsten Schritt der Einordnung des Projekts in das gesellschaftliche Gesamtge-
schehen. Um die zentralen Ereignisse im Verlauf von Großprojekten und damit
möglichen Wendepunkte der Entwicklung von Projekten und ihrer Akzeptanz
nachvollziehen zu können, wurde nach Meilensteinen gefragt, die für das jewei-
lige Großprojekt besonders wichtig oder von großem öffentlichen bzw. medialen
Interesse waren oder in deren Zusammenhang sich die Zustimmung oder Aktivi-
tät der Akteure entscheidend veränderte. Den Befragungsteilnehmern wurde
hierzu eine Liste mit potentiellen Ereignissen vorgelegt, die zudem selbstständig
ergänzt werden konnte. Die Auswahlliste enthielt mögliche Ereignisse, die im
Laufe eines Großprojekts auftreten, z.B. Elemente des standardisierten Projek-
tablaufs nach HOAI (z.B. Beginn der Umsetzungsphase), Elemente eines öffent-
lichen und/oder medialen Diskurses (z.B. öffentliche Diskussion über Projektal-
ternativen), gesellschaftliche Ereignisse (z.B. Wahl, Großveranstaltung) sowie
Elemente der politischen und juristischen Willensbildung.
Vorhergehende Studien (vgl. z.B. Schmalz 2013) lassen erahnen, dass eine
Vielzahl unterschiedlicher Faktoren die Akzeptanz eines Projektes beeinflussen
kann. Bislang wurden die tatsächliche empirische Bedeutung der einzelnen Fakto-
ren jedoch vor allem anhand von Fallstudien oder repräsentativen Bevölkerungs-
umfragen ergründet. Vergleichende, empirische Betrachtungen verschiedener
Großprojekte sind jedoch kaum zu finden. Mit dem Ziel, den Einfluss der zahlrei-
chen prognostizierten Einflussfaktoren auf die Akzeptanz von Großprojekten näher
zu ergründen (vgl. Kapitel 3.1), wurden diese deshalb vor allem in Form von The-
sen in den Fragebogen aufgenommen, mit der Bitte an die Befragungsteilnehmer,
anzugeben, inwiefern die Behauptungen mit Blick auf das von ihnen bewertete
Projekt zutreffen. Die Vielzahl potentieller Faktoren erforderte hierfür einige vor-
hergehende Maßnahmen: Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden ähnliche
Faktoren jeweils zusammengefasst, Faktoren ausgelassen, die keine Variation
zwischen den Projekten erwarten ließen (z.B. Art des politischen Systems), nur
solche aufgenommen, die sich nicht aus anderen Faktoren ergaben, und jene ausge-
lassen, die intensiv in Studie S3 behandelt wurden. Final wurden dadurch Faktoren
mit direktem Bezug zu Projekteigenschaften (z.B. Standort des Projekts, individu-
6.4 Studie S2: Onlinebefragung von Akteuren deutscher Großprojekte 157

elle Entfernung zum Projekt) und der zugrundeliegenden Technologie, mit Bezug
zu Kommunikationseigenschaften und -formen (z.B. mediale Berichterstattung,
Öffentlichkeitsarbeit) mit Bezug zum zugehörigen Sozialgefüge im Projekt (z.B.
Stimmung unter den Akteuren, Kooperationsbereitschaft), dem politisch-gesell-
schaftlichen Umfeld (z.B. politische Entscheidungen) und den ablaufenden Prozes-
sen (z.B. Zufriedenheit mit den Prozessen) aufgenommen.
Mit Blick auf die Bedeutung von Kommunikation bei Großprojekten (vgl.
z.B. Brettschneider 2016; Renn & Webler 1994; Beierle & Cayford 2002; Appel
2013) wurde im nächsten Schritt das kommunikative Verhalten der Akteure näher
betrachtet. Hierzu wurden verschiedene Kommunikationsformen und -maßnahmen
gestützt, mit Möglichkeiten zur eigenen Ergänzung, abgefragt. Interessensschwer-
punkt waren hier Art und Häufigkeit (dauerhaft, in regelmäßigen Abständen, an-
lassbezogen/phasenweise) der angewendeten Maßnahmen. Zur Erstellung einer
möglichst umfassenden Übersicht potentieller Instrumente wurden verschiedene
Ordnungsprinzipien herangezogen: ein objektorientiertes Ordnungsprinzip zur
Unterscheidung von Primär-, Sekundär-, Tertiär- und Quartärmedien, eine Unter-
scheidung zwischen Text- und Bildorientierung, ein dialogorientiertes Ordnungs-
prinzip hinsichtlich Ein- und Mehrwegekommunikation sowie ein entscheidungs-
basiertes Ordnungsprinzip zur Unterscheidung von Instrumenten mit und ohne
Mitentscheidungsmöglichkeiten. Die Liste umfasste beispielsweise Kommunikati-
onsformen wie persönliche Gespräche, Infomaterialien, Pressegespräche, werbli-
che Kommunikationsformen, digitale Kommunikationsarten sowie verschiedene
Visualisierungsmöglichkeiten.
Das letzte Themenfeld des Fragebogens wurde der Erhebung von Kosten- und
Nutzenaspekten gewidmet. Die Ausführungen in Kapitel 4 unterstreichen die Rolle
dieser, machen jedoch zugleich deutlich, dass diesbezüglich noch große For-
schungslücken zu schließen sind, vor allem hinsichtlich der Frage, welche Aspekte
bei Großprojekten von Bedeutung sind und welche Relevanz diesen durch die
Akteure zugeordnet wird. Zur Erhebung der im Zusammenhang mit Großprojekten
bedeutsamen Kosten- und Nutzenformen wurden assoziierte, wahrgenommene und
vermutete positive und negative Auswirkungen des jeweiligen Projekts und seiner
Prozesse in offener Form abgefragt. Diese ungestützte Abfrage war aufgrund der
mangelnden Datenlage notwendig. Vorab durchgeführte Inhaltsanalysen von Pro-
jektberichten, Projekthandbüchern, Projektevaluationen, Leitfäden und Studien
über Großprojekte (mit dem Ziel der Identifikation zentraler Kosten- und Nutzen-
aspekte zur geschlossenen Abfrage) ergaben zwar eine Vielzahl einzelner positiver
wie negativer Auswirkungen (über 250 Aspekte, unterteilt in 28 Kategorien) er-
laubten aber keine praktikable Aufnahme dieser in den Fragebogen. Aus Mangel
valider Quellen zur Zusammenfassung bzw. zusammengefassten Präsentation der
identifizierten Effekte wurde die Entscheidung für eine ungestützte Abfrage inklu-
158 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

sive subjektiver Bedeutungszuweisung zu den einzelnen Effekten getroffen. In


einem nächsten Schritt wurden die Befragten um eine Gewichtung der genannten
Kosten- und Nutzenaspekte gebeten, um so einen Eindruck bzgl. der Bedeutung
der einzelnen Aspekte erheben zu können.
Die Abfrage von Akteurseigenschaften (soziodemographische Daten, u.a. Ak-
teursgruppe) rundeten den Fragebogen ab. Die Fragen82 sind im Anhang zu finden.

6.4.2.2 Finale Skala zur Messung der Akzeptanz von Großprojekten

Der in der Vorstudie (vgl. Kapitel 6.2) entwickelte Ansatz zur Messung von Ak-
zeptanz wurde im Onlinefragebogen der Studie S2 mit den sechs Items in folgen-
der Reihenfolge eingesetzt: 1) Informieren, 2) Gespräche führen, 3) Überzeu-
gungsarbeit leisten, 4) Teilnahme an Aktionen, 5) medial kommunizieren, 6) Or-
ganisieren von Aktionen. Ähnlich wie bei der vorab durchgeführten Kurzstudie
wurde auch hier eine binäre Recodierung der Antwortvorgaben vorgenommen
(vgl. Kapitel 6.2). Anschließend wurden zur Überprüfung der theoretischen An-
nahmen die notwendigen Gütekriterien anhand der vorliegenden Daten berechnet.
Nach Umstellung der Itemreihenfolge (neue Reihenfolge: 2, 4, 5, 6, 3) und
Entfernung eines Items (Item 1: informieren)83 ergab sich final ein Reprodukti-
onskoeffizient von CR=0,9384 sowie ein minimaler marginaler Reproduktionsko-
effizient von MMR=0,8185, wodurch ein Skalierbarkeitskoeffizient in Höhe von
CS=0,6186 berechnet werden konnte. Den Anforderungen einer konsistenten und
eindimensionalen Skala konnte damit entsprochen werden.
Final konnte für diese Studie eine sechsstufige (statt siebenstufige) Gutt-
man-Skala (fünf Aktivitätsformen sowie die Ausprägung „keine Aktivität“) zur
Messung der individuellen (bzw. akteursgruppenbezogenen) Aktivität bei Groß-
projekten erstellt werden. Nach Sortierung der Items anhand der Häufigkeiten
ihrer Nennung ergab sich folgende Reihenfolge:

82 Der Fragebogen wurde vor der Datenerhebung entsprechenden Pretests unterzogen. Für die
zentralen Aspekte eines Pretests bei Befragungen sei auf Scholl (2015); Kurz et al. (1999); Ja-
cob et al. (2013) oder Schnell et al. (2013) verwiesen.
83 Dieses Item musste ausgeschlossen werden, da es nicht sinnvoll in die Rangfolge einreihen ließ
und zur eklatanten Verschlechterung der Kennwerte führte.
84 Coefficient of Reproducibility (CR): 0 bis 1, Schwellenwert 0,90 (vgl. McIver & Carmines 1981).
85 Minimal marginal Reproducibility (MMR), vgl. ebd.
86 Coefficient of Scalability (CS): 0 bis 1, Schwellenwert 0,60 (vgl. Menzel 1953).
6.4 Studie S2: Onlinebefragung von Akteuren deutscher Großprojekte 159

0. (Keine Aktivität)
1. Ich/wir spreche(n) mit Anderen über das Projekt.
2. Ich/wir nehme(n) an Treffen/Gesprächen/Veranstaltungen/Aktionen teil.
3. Ich/wir schreibe(n)/bringe(n) Pressemitteilungen/Stellungnahmen oder
Beiträge/Artikel/Leser-briefe in (sozialen) Medien.
4. Ich/wir organisiere(n) Treffen/Gespräche/Veranstaltungen/Aktionen.
5. Ich/wir versuche(n) Andere von meiner/unserer Meinung zu überzeugen.

Der Skalenwert ergibt sich durch die Summe der bejahten Items. Wird keines der
Items bejaht, so ist der Skalenwert 0. Es lassen sich außerdem folgende Kenn-
zahlen beschreiben:

Abbildung 16: Prozentuale Häufigkeitsverteilung, Mittelwerte und


Standardabweichungen der einzelnen Aktivitätsitems (alte
Rangfolge, inklusive Informationsitem)
1) 2) 3) 4) 5) 6)
Informieren Gespräche Überzeu- Teilnahme Medial Organi-
führen gungsarbeit an Aktionen kommunizie- sieren von
leisten ren Aktionen

0: Nie 1,55 1,55 10,47 4,71 12,50 13,47

1 1,04 2,07 6,81 6,28 7,81 10,88

2 2,59 3,11 8,90 5,24 7,81 10,88

3 5,70 12,95 9,95 15,71 15,63 15,54

4 24,35 24,87 24,61 23,04 21,35 20,21

5: Sehr
64,77 55,44 39,27 45,03 34,90 29,02
häufig

N 193 193 191 191 192 193

M 5,45 5,24 4,49 4,81 4,30 4,05


SD 0,98 1,09 1,70 1,45 1,75 1,77

6.4.3 Auswahlverfahren und Zusammensetzung der Stichprobe von Studie S2

Die Auswahl der Untersuchungsteilnehmer folgte wie bereits Studie S1 dem


Gedanken der inhaltlichen bzw. konzeptuellen Repräsentativität (vgl. hierzu
160 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

ausführlich Kapitel 6.3.4): Ziel war die Auswahl aller zentralen Akteure87 der in
Studie S1 eruierten Projekte. Diese Form der Fallauswahl ähnelt der Ziehung
einer Klumpenstichprobe (Cluster-Sampling, vgl. allgemein hierzu z.B. Schnell
et al. 2013:270ff.; Kromrey 2009:289f.), aufgrund der Intention einer Vollerhe-
bung der Clusterelemente (Erhebungseinheiten, Akteure). Sie weicht jedoch von
ihr ab, weil die Cluster selbst (Auswahleinheiten, Großprojekte) nicht in Form
einer Zufallsstichprobe, sondern bewusst durch selektives Sampling in Kombina-
tion mit dem Most Different System Design ausgewählt wurden (vgl. hierzu
ausführlich Kapitel 6.3.4). Diese Auswahlmethode kann mit der Relevanz des
sozialen Umfelds eines Akteurs für dessen Interaktion und Handlung (vgl. Krom-
rey 2009:287) begründet werden. Der Handlungskontext, hier vorliegend in
Form des Projektkontextes inklusive aller zentralen Akteure, wäre bei Teilerhe-
bungen verloren gegangen. Notwendig zur Ermöglichung einer Vollerhebung je
Cluster war in einem ersten Schritt die Identifizierung aller zentralen Akteure
(Person oder Gruppe) der Projekte sowie im zweiten Schritt die Wahl eines An-
sprechpartners je identifiziertem Akteur. Dieser zweite Auswahlschritt folgte
dem Gedanken der Expertenauswahl der qualitativen Forschung. Unter einem
Ansprechpartner (Experte) wurde dabei ein Mitglied bzw. Vertreter der Akteurs-
gruppe verstanden, das bzw. der „in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für
den Entwurf, die Implementierung einer Problemlösung“ und „über einen privi-
legierten Zugang zu Informationen zu Personengruppen oder Entscheidungspro-
zesse[n] verfügt“ (Meuser & Nagel 1991:443). Der Ansprechpartner sollte zu-
dem als Repräsentant von Problemlösungen oder Entscheidungsstrukturen er-
kennbar sein (vgl. ebd.:444)88.
Die Identifizierung und Codierung anhand zentraler Merkmale erfolgte an-
hand des Codebuchs zur Projektidentifikation und -analyse (S1), der bereits vor-
handenen Informationen aus S1 über die Projekte und im Rahmen von S1 identifi-
zierte Quellen sowie einer Liste mit potentiellen Akteursgruppen. In insgesamt vier
mehrstündigen Sitzungen wurde ein Codiererteam mit dem Ziel geschult, im An-
schluss daran eine möglichst valide und reliable Akteursidentifikation durchführen

87 Bei Akzeptanzkonzepten der Innovations- und Diffusionsforschung werden vielfach ausschließ-


lich die Nutzer als relevante Akteure angesehen, obwohl sich gerade bei Großprojekten zeigt, dass
die Gruppe der eventuellen Nutzer eine untergeordnete Rolle spielt, im Vergleich zu anderen Akt-
euren (vgl. Schäfer & Keppler 2013:5).
88 Da die endgültige Datenerhebung mit Bitte um Beantwortung der Fragen im Sinne der gesam-
ten Akteursgruppe (bzw. bei Einzelpersonen mit Blick auf die persönliche Meinung dazu) er-
folgte, intendierte die Vorgehensweise die Wahl einer Person (Experten), der als Repräsentant
die Meinung der gesamten Akteursgruppe wiedergeben konnte.
6.4 Studie S2: Onlinebefragung von Akteuren deutscher Großprojekte 161

zu können. Auf Basis einer ausreichend hohen Intercoderreliabilität (rH=0,9489)


konnte die Identifikation und Codierung vorgenommen werden.
Insgesamt konnten 426 Experten (Ansprechpartner der Akteursgruppen) aus
den in Studie S1 selektierten 60 Projekten identifiziert werden. Hiervon haben
194 Personen mit der Beantwortung des Fragebogens begonnen, 131 komplett
ausgefüllte Bögen konnten schlussendlich gewonnen werden. Sofern dies mög-
lich war, wurden für die Auswertungen jedoch auch teilweise ausgefüllte Frage-
bögen herangezogen. Damit waren 56 der in Studie S1 eruierten 60 Großprojekte
durch Studienteilnehmer in der Studie S2 vertreten. Vier Projekte (P17, 19, 34,
3590) entfielen, da keine Akteure dieser Projekte an der Befragung teilnahmen91.
34 (17,5 Prozent) der Befragten waren Frauen, 159 (82 Prozent) Männer, ein
Teilnehmer konnte keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet werden. 37,9 Pro-
zent der Befragten entstammten dem Themenbereich „Mobilität und Verkehr“,
28,2 Prozent dem Bereich „Leben und Arbeiten“. Die restlichen rund 34 Prozent
entfielen auf die Bereiche „Energie und Klima“ (22,1 Prozent) sowie „Natur und
Umwelt“ (11,8 Prozent). Aufgrund verschiedener Gründe der Nicht-Teilnahme
von Akteuren (vgl. hierzu ausführlich Kapitel 0) repräsentierte die endgültige
Stichprobe die eigentlich anvisierte Stichprobe hinsichtlich der gewählten
Merkmale (vgl. hierzu Kromrey 2009:262f.) nur unzureichend.
Bezugnehmend hierauf und auf die Basis der zugrundeliegenden Großpro-
jekte liegt keine klassische Repräsentativität der Fälle vor, die valide inferenzsta-
tistische Aussagen ermöglicht hätte. Die Ergebnisse der nachfolgenden deskrip-
tiven Auswertungen sind daher eher hinweisend als beweisend, leisten jedoch
trotzdem einen Beitrag zur Ergründung des noch weitestgehend unbekannten
Feldes der deutschen Großprojektlandschaft.

6.4.4 Vorgehensweise und Ablauf

Für die Datenerhebung per Onlinefragebogen92 wurde allen Akteuren des Samp-
les (Ausgangssample) zur Erlangung erster Aufmerksamkeit, der Bekanntgabe

89 Reliabilitätskoeffizient nach Holsti (vgl. Rössler 2005:190). Die Intracoderreliabilität wurde hier
nicht gemessen, da aufgrund der wenigen, jedoch komplexen Codierschritte die Erinnerung an
den vorigen Codiervorgang möglicherweise zu einem Bias der Testergebnisse geführt hätte. Er-
satzweise wurde jedoch eine Überprüfung der identifizierten Akteure durch denselben Codierer
vor der Finalisierung des Samples S2 vorgenommen. Zudem erfolgten regelmäßige, gemeinsame
Besprechungen der Ergebnisse sowie problematischer oder unklarer Fälle.
90 Zuordnungen siehe Anhang.
91 Damit ein Projekt Teil von Stichprobe S2 wurde, musste mindestens ein Projektakteur an der
Befragung teilnehmen.
92 Die Vorgehensweise orientierte sich an zentralen Hinweisen zur optimalen Durchführung von
schriftlichen Befragungen (vgl. hierzu Scholl 2015:47ff.).
162 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

von Vorabinformationen zur Studie sowie der Überprüfung von Ansprechpartner


und Kontaktdaten eine Ankündigungsmail93 gesendet. Zwei Wochen später er-
folgte per Mail die Versendung der eigentlichen Einladung zur Studie mit weite-
ren Informationen und direktem Link zum Onlinefragebogen. Damit startete die
Feldphase. Zur Erhöhung der Teilnahmequote wurde zwei Wochen nach Beginn
der Feldphase eine schriftliche Erinnerungsmail an die Akteure gesendet. Für
eine letzte Erinnerung (telefonisch, sechs Wochen nach Beginn der Feldphase)
wurde das Codiererteam erneut geschult. Während der gesamten Feldphase er-
folgte die Beantwortung von Rückfragen. Um möglichst viele Teilnehmer zu
gewinnen, wurde die Feldphase erst nach vier Monaten beendet.

6.5 Studie S3: Leitfadengespräche mit Projektträgern und


High-Involvement-Akteuren
6.5 Studie S3: Leitfadengespräche mit Projektträgern und High-Involvement-Akteuren
6.5.1 Grundsätzliche Überlegungen und Studienaufbau

Durch die mehrheitlich standardisierte Onlinebefragung von Akteuren (Studie


S2) konnte eine breite Datenbasis erstellt werden, die einen Blick auf zahlreiche
Projekte und Akteure erlaubt. Ein tieferer und verstehender Einblick in die
Sichtweise der an den Projekten beteiligten Personen, die als Handelnde die
soziale Interaktion sowie die einzelnen Großprojekte in ihrem Verlauf gestalten,
bleibt durch standardisierte Verfahren jedoch verschlossen. Vor allem individu-
elle Kontextfaktoren werden aufgrund der Standardisierung nur am Rande er-
fasst. Die Notwendigkeit, diesen Beachtung zu schenken, besteht jedoch, um
erstens eine valide Einordnung der in Studie S2 gewonnen Erkenntnisse (z.B.
hinsichtlich Projektbeginn, Genehmigungsverfahren, Beteiligungsverfahren) zu
ermöglichen und zweitens zur ganzheitlichen Nachvollziehung kompletter Pro-
jektabläufe und -stadien sowie zur Ergründung neuralgischer Punkte der Projekt-
geschichte. In Manier der qualitativen Sozialforschung dient die Beachtung eines
Kontextes in der wissenschaftlichen Untersuchung der aktiven Einbeziehung des
Verweiszusammenhangs einer Handlung bzw. Situation (vgl. Przyborski &
Wohlrab-Sahr 2014:16f.) und arbeitet mit einer verstehenden Herangehensweise.
Dieses methodisch kontrollierte Fremdverstehen (vgl. Schütze et al. 1973) wird
dabei so durchgeführt, „dass die Erforschten ihre Relevanzsysteme formal und
inhaltlich eigenständig entfalten können. Die einzelnen Äußerungen werden erst
in diesem Kontext, innerhalb der Selbstreferenzialität der gewählten Einheit,
interpretierbar“ (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2014:17). Durch Differenzierung

93 Zu den positiven Effekten von Ankündigungsschreiben zählen zudem eine geringere Verwei-
gerungsrate und eine verbesserte Datenqualität (vgl. Dillman et al. 1976).
6.5 Studie S3: Leitfadengespräche mit Projektträgern und High-Involvement-Akteuren 163

zwischen Interpretationsrahmen des Forschers und dem des Erforschten findet


eine methodische Kontrolle statt (vgl. ebd.). Im Setting kommunikativer Erhe-
bungsmethoden eignete sich die qualitative Befragungsform des Leitfadenge-
sprächs mit Experten94 in besonderer Weise für die hier vorliegende Situation,
um „tieferes Verstehen und Verständnis vom Forschungsgegenstand“ (Scholl
2015:25) zu erlangen. Die Heranziehung einer qualitativen Methodik empfahl
sich zur Abrundung der Empirie dieses Forschungsvorhabens daher unbedingt.
Im Mittelpunkt der vorliegenden Studie S3 standen die Träger der Großpro-
jekte aus der Stichprobe der Studie S2. In ihrer Rolle als zentrale Gestalter eines
Großprojekts und seiner Kommunikationsformen, boten sich Leitfadengespräche
zur näheren Untersuchung dieser Rolle an. Ergänzt wurden diese Gespräche um
Interviews mit weiteren Akteuren (Verbandsvertreter, Medienvertreter, Bürger
etc.), die durch ihre aktiven Rückmeldungen (per Mail, telefonisch etc.) ein hohes
Involvement bezüglich der ihnen zuzuordnenden Großprojekte vermuten ließen.
Durch die Gesprächsform gestaltete sich diese Datenerhebung persönlicher
und individueller als der vorangegangene schriftliche Fragebogen und lud zu
einem umfassenden Austausch ein, was sich motivationssteigernd auf die ange-
fragten Gesprächsteilnehmer auswirkte95. Die Gespräche wurden telefonisch
durchgeführt, um einen respektvollen Abstand zum Gesprächspartner zu halten
und unerwünschte Interviewereinflüsse zu minimieren. Telefoninterviews gelten
zudem als weniger störanfällig für Veränderungen (z.B. bei leicht abgeänderter
Frageformulierung) und ermöglichen daher eine höhere Datenqualität durch die
Reduzierung der sozialen Interaktion auf eine akustische Dimension (vgl. Fuchs
1994:188f.). Die ggf. abgeschwächte Vermittlung emotionaler Sachverhalte (vgl.
ebd.) war hinnehmbar, da es sich um Experteninterviews handelte.
Das Begriffsverständnis eines Experten wurde aus Studie S2 übernommen.
Eine lückenlose Dokumentation der Interviews durch Audioaufnahmen und daraus
angefertigten, wortwörtlichen Transkripten (Transkription in Anlehnung an Kall-
meyer & Schütze 1976) sowie eine transparente und intersubjektiv nachvollziehba-
re Auswertung durch qualitative Inhaltsanalysen in quasi-nomothetischer Vorge-
hensweise (vgl. Kvale & Brinkmann 2009:201ff.; Przyborski & Wohlrab-Sahr
2014:369ff.) tragen dazu bei, den Gütekriterien der qualitativen Forschung (vgl.
z.B. Rubin & Rubin 2005) gerecht zu werden.

94 Auf eine umfassendere Erläuterung allgemeiner Hinweise und Möglichkeiten dieser Methode
sei an dieser Stelle verzichtet und auf einschlägige Fachliteratur verwiesen, z.B. auf die Aus-
führungen von Scholl (2015); Schnell et al. (2013) oder Przyborski & Wohlrab-Sahr (2014).
95 Zur Steigerung der Teilnahmemotivation von Personen an Expertengesprächen vgl. z.B. Krafft
& Günter (1995).
164 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

6.5.2 Konstruktion der Interviewleitfäden

Zur Strukturierung der Interviews wurden zwei unterschiedliche Leitfäden er-


stellt. Ein ausführlicher Leitfaden diente dem geleiteten Gespräch mit Projektträ-
gern, ein etwas kürzerer Leitfaden diente dem Gespräch mit High-Involvement-
Akteuren.
Das Telefongespräch sollte durch eine sehr offene Frageweise dem Projekt-
träger die Möglichkeit geben, die Geschichte des Projekts, die besonderen Eigen-
schaften, Akteure und Ursachen und Wirkungen dieser Prozesse aus der eigenen
Perspektive wiederzugeben und dabei auch eigene Schwerpunkte zu setzen. Durch
die Gespräche entstand dabei keineswegs ein vollständiges Abbild der Projekte,
vielmehr wurden einige, in den vorigen Studien noch nicht behandelte Themenbe-
reiche aufgegriffen. Zugleich enthielt der Leitfaden auch Fragen und Gesprächs-
aufforderungen zu Themen, die bereits in Studie S2 behandelt wurden, einerseits,
um durch die Betrachtung desselben Phänomens mithilfe unterschiedlicher Metho-
dik eine Verifizierung von gewonnenen Erkenntnissen sowie die Validierung der
Ergebnisinterpretation zu ermöglichen, andererseits um weitere Erkenntnisse zu
gewinnen.
Der Fragebogen für die Projektträger setzte sich demnach maßgeblich aus
Fragen zu konkreten Projekteigenschaften (Genehmigungsverfahren, Projektbe-
ginn, aktuelle Leistungsphase) sowie Fragen zum Ausmaß von Konflikt bzw. Ak-
zeptanz des Projektes zusammen. Hierdurch wurde eine Unterteilung der Projekte
nach Konfliktausmaß und gezielte Fragen bezüglich der Konfliktgründe möglich.
Durch offene Frageformulierungen wurde zugleich zu einer Nacherzählung der
Projektgeschichte angeregt. Aufbauend auf dieser konfliktursachenbezogenen
Betrachtung folgte eine kostenbezogene Betrachtung. Im Fokus standen dabei
Kosten, die durch Kommunikations- und Beteiligungsmaßnahmen bei Konflikt
bzw. durch präventive oder behandelnde Maßnahmen entstanden sind, inkl. einer
Einschätzung ihrer Bedeutung. Die Definition des Kostenbegriffs folgte dabei der
in Kapitel 4 erarbeiteten Bedeutung und bezog sich demnach nicht nur auf be-
triebswirtschaftliche, sondern z.B. auch auf soziale oder ökologische Aspekte.
Entsprechend wurden bei konfliktfreien Projekten Fragen zu allgemeinen Kosten
gestellt, die für Kommunikation und Beteiligung aufgenommen wurden, sowie
Fragen zu eingesparten Kosten insgesamt. Auch hier folgte die Bitte um Einschät-
zung der Bedeutung (Gewichtung) der einzelnen Kosten. Darauf aufbauend wur-
den die Rolle und die Effekte eingesetzter Kommunikations- und Beteiligungsfor-
men näher betrachtet.
Die Gespräche mit den High-Involvement-Akteuren hatten vor allem die
Erörterung der Knackpunkte von Akzeptanz (bzw. Konflikt) bei dem jeweiligen
Projekt zum Ziel sowie die Reflektion von Effekten unterschiedlicher Kommu-
nikationsformen, die in dem Projekt zum Einsatz kamen. Der Leitfaden umfasste
6.5 Studie S3: Leitfadengespräche mit Projektträgern und High-Involvement-Akteuren 165

deshalb auch hier Fragen zu Ausmaß und Form von Akzeptanz bzw. Konflikt bei
dem jeweiligen Projekt, ebenso wurde zur Nacherzählung der Projektgeschichte
angeregt, wodurch zugleich Kosten- und Nutzenaspekte des Projekts aufgegrif-
fen wurden. Fragen zur Wahrnehmung von Rolle und Effekten der Kommunika-
tion und Beteiligung ergänzten den Leitfaden. Die finalen Gesprächsleitfäden96
sind im Anhang zu finden.

6.5.3 Auswahlverfahren und Zusammensetzung der Stichprobe von Studie S3

Ausgangspunkt der Studie war die gestaltende Rolle der Träger von Projekten
und Vorhaben. Sie wird vielfach deutlich, z.B. durch die originäre Planungs-
kompetenz sowie die taktgebende Funktion des Projektträgers für den grundle-
genden Modus von Kommunikation, Beteiligung und Interaktion im Projekt (vgl.
Appel 2013:347). Sein Handeln und die dominante Stellung (vgl. ebd.) ist damit
Ausgangspunkt für das Handeln anderer Akteure und Dynamiken. Es kann ent-
sprechend von einem hohen Involvement der Projektträger ausgegangen werden.
Eine Analyse seiner Wahrnehmungen, Bewertungen und Verhaltensweisen ist
daher von besonderer Bedeutung. Ergänzend zeigte sich in Studie S2, dass weite-
re Akteure (Verbandsvertreter, Medienvertreter, Bürger etc.) durch besonders
aktive Rückmeldungen (per Mail, telefonisch etc.) in den Vordergrund traten,
wodurch ein ebenfalls hohes Aktivitätslevel und Involvement vermutet werden
konnte. Um diese Vielfalt an Informationen und Rückmeldungen in einen für die
wissenschaftliche Auswertung geeigneten Modus zu überführen, wurden auch
diese Akteure zu einem Leitfadengespräch eingeladen. Hierdurch wurde eine
ergänzende Datenlage geschaffen, die vor allem der Kontextinterpretation diente.
Die Auswahlmethode der Studienteilnehmer von Studie S3 entsprach damit
den Kriterien des selektiven Samplings97, wobei diese Auswahl auf der Basis der
in Studie S2 identifizierten Projektträger (und der weiteren Akteure) getroffen
wurde. Die Auswahl nach vorab festgelegten Kriterien eignete sich mit Blick auf
die Integration der drei Studien besonders, da sie eine stringente Verknüpfung
von Daten unterschiedlich stark standardisierter Erhebungen (vgl. Przyborski &
Wohlrab-Sahr 2014:182) möglich machte.
Angefragt wurden sämtliche Projektträger sowie weitere Akteure mit ho-
hem Involvement der in Studie S2 beinhalteten Projekte, außer diejenigen, die
schon bei Studie S2 eine Teilnahme abgelehnt hatten. Existierte bei einem Pro-
jekt (noch) kein expliziter Projektträger (z.B. aufgrund eines noch frühen Pro-

96 Beide Leitfäden wurden vor der Datenerhebung entsprechenden Pretests unterzogen, methodisch
wurde hierbei Orientierung an Prüfer & Rexroth (1996), vor allem den Verfahren des Probings
und Paraphrasings, genommen. Für die zentralen Aspekte eines Pretests vgl. auch Scholl (2015);
Jacob et al. (2013); Kurz et al. (1999); oder Schnell et al. (2013).
97 Selektionskriterium: Projektträgerschaft bzw. besonders hohes, vermutetes Involvement.
166 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

jektstadiums oder unklarer Sachlage), so wurden ersatzweise Akteure herange-


zogen, die vorrübergehend bzw. vorbereitend die Rolle des Projektträgers inne-
hatten oder eine anderweitig zentrale, einem Projektträger ähnliche Rolle ein-
nahmen (z.B. Geldgeber/Investoren).
Von 54 angefragten Projektträgern nahmen schlussendlich 25 teil, von den
weiteren High-Involvement-Akteuren nahmen neun von 22 angefragten Perso-
nen teil. Insgesamt wurden somit 34 Interviews geführt. Das Sample der Inter-
viewpartner erstreckt sich über 31 Projekte, dabei wurden bei zwei Projekten
sowohl Interviews mit dem Projektträger als auch mit einem High-Involvement-
Akteur geführt, bei einem Projekt wurden zwei Interviews mit verschiedenen
Vertretern des Projektträgers geführt, aufgrund einer Stellenteilung. Die weiteren
neun High-Involvement-Akteure konnten folgenden Akteursgruppen zugeordnet
werden: Naturschutzvertreter (N=2), Journalisten (N=2), Lokalpolitiker (N=1),
Behördenvertreter (N=2), Vertreter von Bürgerinitiativen (N=2). Von diesen
Akteuren definierten sich vier als Projektbefürworter und fünf als Projektkritiker
der jeweiligen Projekte. Der Anteil männlicher Studienteilnehmer lag bei rund
82 Prozent (N=28) und entsprach damit dem der männlichen Studienteilnehmer
aus Studie S2. Von den vertretenen Projekten stammten insgesamt zwölf aus
dem Themenfeld „Energie und Klima“, jeweils acht aus den Bereich „Mobilität
und Verkehr“ und „Leben und Arbeiten“ sowie drei aus dem Feld „Natur und
Umwelt“. Projekte, die ausschließlich durch High-Involvement-Akteure (nicht
durch den Projektträger) vertreten waren, entstammten den Bereichen „Energie
und Klima“ (drei Projekte), „Mobilität und Verkehr“ (zwei Projekte) sowie „Le-
ben und Arbeiten“ (ein Projekt).
Von den 34 geführten Interviews bezogen sich 23 auf Projekte öffentlicher
Träger (bzw. Träger mit Beteiligung der öffentlichen Hand) und elf Gespräche
auf Projekte privater Träger. Die vertretenen Projekte deckten dabei alle vier
Entwicklungsstadien ab (Entwurfsphase, Planungs- und Genehmigungsphase,
Einrichtungs-oder Erstellungsphase und Anlaufphase/Phase der Inbetriebnahme).
Auch hinsichtlich der gesetzlichen Rahmenbedingungen waren bei den Projekten
verschiedene Verfahren vertreten, maßgeblich handelte es sich hierbei um Ge-
nehmigungsverfahren nach Bundesimmissionsschutzgesetz (BimSchG), Verfah-
ren rund um Flächennutzungs- und Bebauungspläne, Planfeststellungsverfahren
sowie Raumordnungsverfahren. Bezüglich der Akzeptanz der thematisierten
Projekte charakterisierten 18 Gesprächspartner ihr jeweiliges Projekt als insge-
samt stark konfliktbelastet und wenig akzeptiert, zehn nahmen kleine bzw. leise
Konflikte und eine insgesamt mäßige Akzeptanz wahr, die verbleibenden sechs
Gesprächspartner attestierten dem von ihnen bewerteten Projekt eine weitestge-
hend gute Akzeptanz. Die Gesprächspartner unterschieden bei ihrer Einschät-
zung nicht in Zustimmung und Aktivität, sondern schilderten nur ihre Eindrücke
bezüglich der Gesamtakzeptanz und ggf. vorkommenden Konflikten.
6.6 Exkurs 167

Da die vorliegende Fallauswahl auf den Mechanismen und Ergebnissen der


Fallauswahlen der Studien S1 und S2 beruhte und den vorliegenden Situationen
und Sachlagen der einzelnen Projekte angepasst wurden, sind auch hier Aussa-
gen, die über die untersuchten Fälle hinausgehen, kaum möglich. Deskriptive
Analysen dieser Daten tragen jedoch ebenfalls zur weiteren explorativen Ergrün-
dung des Forschungsfeldes bei.

6.5.4 Vorgehensweise und Ablauf

Die Projektträger sowie die High-Involvement-Akteure wurden per Mail zur Teil-
nahme an der Studie eingeladen. Für die Projektträger wurde dabei eine Beantwor-
tung des Onlinefragebogens vorausgesetzt, um auf Erkenntnissen daraus aufbauen
zu können. Der Ablauf der Interviews sowie die Gestaltung orientierte sich an
Hermanns (2000), dabei wurden bestimmte Schlüsselworte (projektbezogene,
zentrale Jahreszahlen, Genehmigungsverfahren, Orte etc.) genannt, um eine ver-
traute Situation zu erschaffen. Andererseits wurde auf eine passiv-rezeptive Hal-
tung des Interviewers geachtet (vgl. Hopf 2000). Die digitalen Aufnahmen der
Telefongespräche wurden im Anschluss daran durch ein dreiköpfiges Team ver-
schriftlicht (wortwörtlich, in Anlehnung an Kallmeyer & Schütze (1976), das vor-
ab in einer mehrstündigen Transkriptionsschulung geschult wurde. Bei der an-
schließenden Auswertung wurde zum einen die Methode der qualitativen Inhalts-
analyse in Form einer inhaltlich-strukturierten Analyse (deduktive Analyseschritte)
mit evaluativen Elementen sowie einer zusammenfassenden Analyse (induktive
Analyseschritte) (vgl. Mayring 2010) eingesetzt.

6.6 Exkurs: Teilnahmeverhalten, Feedback von Akteuren und


Maßnahmen zur Erhöhung der Teilnahmebereitschaft
6.6 Exkurs
Während der Datenerhebungen der Studien S2 und S3 traten verschiedene Her-
ausforderungen auf, die sich vor allem auf die Teilnahmebereitschaft der Projek-
takteure bzw. die Thematik der Nicht-Kooperation bezog (vgl. hierzu z.B. Lucke
1995:277ff.; Scholl 2015:228ff.). Die Rückmeldungen setzten sich sowohl aus
positiven aber auch aus kritischen und negativen Antworten zusammen. Neben
Zusendung zusätzlicher Informationen zu verschiedenen Projekten (z.B. Positio-
nierungsschreiben, Fachgutachten etc.) standen vor allem Rückmeldungen zu
einzelnen Themen bzw. zu den Studien insgesamt sowie zur individuellen Teil-
nahmebereitschaft im Vordergrund. Die einzelnen Rückmeldungen lassen sich
zusammengefasst folgendermaßen beschreiben:
168 6 Forschungsdesign zur Analyse von Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Inhaltliche und prozessuale Rückfragen


 Fragen zu einzelnen Inhalten
 Zweck und Ablauf der Studien
 Finanzierung der Studien
 Art und Bezeichnung der in die Studien aufgenommenen Großprojekte

Individuelle, personenbezogene Rückmeldungen


 Absage aus zeitlichen Gründen (Ausschließlich von Vertretern aus Politik
und Verwaltung vorgebracht)
 Hinweis auf Überfrachtung mit Anfragen dieser Art (z.B. „Ich habe meine
Meinung bereits so oft kundgetan“)

Forschungsinstitutions- und verwertungsbezogene Rückmeldungen


 Misstrauen gegenüber dem Forscherteam bzw. der Wissenschaft in diesem
Themenfeld allgemein
 Befürchtungen und Vorwürfe von mangelnder Neutralität des Forscherte-
ams (sowohl durch Projektträger als auch durch Bürgerinitiativen und Na-
turschutzverbände)
 Befürchtung und Resignation, dass Studienergebnisse der unbalancierten
Stärkung von Wirtschaftsunternehmen und Politik für deren Vorgehen ge-
gen Bürgerinitiativen bzw. Verbände dienen könnten

Rückmeldungen bzgl. Gründe des Teilnahmeabbruchs


 Aufgrund Kritik an den gestellten Fragen (z.B. Fragebogen thematisiert das
Falsche, taugt nichts, erfasst Problemstellung nicht)
 Aufgrund unzureichenden Wissens über das jeweilige Projekt und/oder
dessen Entwicklung der letzten Zeit
 Aufgrund der Dauer, die die Beantwortung der Fragen in Anspruch nahm

Projektbezogene Rückmeldungen
 Absage aufgrund eines laufenden Verfahrens, an dem die Akteure beteiligt
waren (z.B. Gerichtsangehöriger bzw. Projektträger bei Gerichtsverfahren,
Genehmigungsbehörde bei laufendem Genehmigungsverfahren, Gerichtsgut-
achter)
 Hinweis, dass das Projekt bereit beendet wäre und Teilnahme an Studie des-
wegen nutzlos sei (von anderer Seite kam jedoch die Information, dass Pro-
jekt nur auf Eis gelegt wurde wegen Protest)
 Forderungen, die Untersuchung bestimmter Projekte einzustellen, teilweise
ergänzt mit verbalen Ausfällen (durch Projektträger und Bürgerinitiativen).
6.6 Exkurs 169

Ergänzend zu diesen explizit formulierten Rückmeldungen muss die komplexe


Ausgangslage der Großprojektforschung (vgl. hierzu die einleitenden Worte in
Kapitel 6) zur Einordnung der Ergebnisdaten herangezogen werden. Bei heiklen
oder unangenehmen Frageinhalten, wozu Fragen rund um Großprojekte zumeist
zählen, kann insgesamt von einer höheren Zahl an Non-Responses sowie einer
niedrigeren Zuverlässigkeit der Daten (hinsichtlich des Wahrheitsgehalts) ausge-
gangen werden (vgl. Schnell et al. 2013:331). Die Non-Response-Gründe und
Rückmeldungen der Akteure weisen auf eine hohe Sensibilität hin, mit der das
Thema und seine Beteiligten zu behandeln sind. Das Vorkommen heikler Fra-
gen, die eine mögliche Antwortverweigerung nach sich ziehen, ist jedoch kaum
zu verhindern.
Zugleich muss beachtet werden, dass die originäre Aufgabe und Motivation
der Projektakteure in der expliziten Kommunikation ihrer Sichtweise liegt. Dies
wiederum spricht gegen eine Teilnahmeverweigerung aus Sensibilitätsgründen.
Ergänzend zu den bereits vorab vorgenommenen Maßnahmen (z.B. Versen-
dung von Ankündigungsmails) wurden deshalb weitere Maßnahmen zur Erhö-
hung der Teilnahmebereitschaft durchgeführt:

 Beim Onlinefragebogen wurde die Feldzeit verlängert, um so vielen Akteu-


ren die Möglichkeit zur Teilnahme zu geben.
 Rückmeldungen wurden umfassend schriftlich oder telefonisch beantwortet,
vor allem unter Erläuterungen von Aufbau und Relevanz der Studien, zu
Teilnehmerfeld bzw. Heterogenität der Stichprobe sowie zur Neutralitäts-
verpflichtung und dem Datenschutz. Zudem wurde auf die Relevanz aller
Meinungen und Perspektiven hingewiesen.
 Rückfragen direkt zum Fragebogen wurden ebenfalls telefonisch und per
Mail beantwortet.
 Die Anzahl der Pflichtfragen im Fragenbogen bei Studie S2 wurde so ge-
ring wie möglich gehalten, um die Abbruchsquote zu minimieren.
 Der Zeitraum für die Leitfadengespräche bei Studie S3 wurde ebenfalls aus-
gedehnt und es wurde auf eine teilnehmerorientierte Terminfindung geachtet.
7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und
Akzeptanz bei Großprojekten

Nachfolgende Ausführungen umfassen die Erläuterung, Interpretation und Einord-


nung der Ergebnisse der empirischen Studien S1, S2 und S3. Eine integrierte Dar-
stellung mit inhaltlich getriebener statt studienorientierter Struktur ermöglicht die
Herstellung thematischer Bezüge zwischen den Themengebieten und die Anwen-
dung der Vorteile einer triangulativen Vorgehensweise mit dem Ziel der Komple-
mentarität von Erkenntnissen (vgl. Lamnek 1995:252). Durch die Begleitung von
Hinweisen bzgl. der Ergebnisherkunft bzw. der zugehörigen Studie, sollen Irritati-
onen vermieden und zugleich eine Einordnung in den Gesamtzusammenhang er-
möglicht werden. Die thematisch geprägte Struktur lässt jedoch trotzdem Bezüge
zwischen verschiedenen Themenbereichen zu, die aufgrund der zahlreichen Ver-
flechtungen zwischen den Themen entstehen. Aufgrund der komplexen Ausgangs-
situation und die hierdurch determinierte Studiengestaltung, die keine klassisch-
statistische Repräsentativität und damit direkte Rückschlüsse auf die Grundge-
samtheit ermöglicht (vgl. hierzu Kapitel 6), wurde auf die Durchführung von Sig-
nifikanztests verzichtet und stattdessen mit deskriptiven Ansätzen gearbeitet.

7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick

Wie kann man sich eine deutsche Großprojektlandschaft vorstellen? Welche Pro-
jekte sind von öffentlicher Bedeutung, wer engagiert sich hier und mit welcher
Akzeptanz gehen die Projekte einher? Die zur Charakterisierung des Forschungs-
felds durchgeführt Studie S1 zeigt eine Landschaft aus final 60 gesichteten Groß-
projekten auf, die sich über vier Themenbereiche „Mobilität und Verkehr“, „Ener-
gie und Klima“, „Leben und Arbeiten“ sowie „Natur und Umwelt“ (mit Land- und
Forstwirtschaft) erstreckt98. Die auf Basis online verfügbarer Kommunikationsbei-
träge selektierten Großprojekte stellen eine Auswahl der sich in Deutschland be-
findlichen Großprojekte in der Entwurfs-, Planungs-/Genehmigungs-, Einrich-

98 Sämtliche Ergebnisse beziehen sich auf den Zeitraum der Datenerhebung und damit auf den
Stand der Projekte zu dieser Zeit. Spätere Änderungen (z.B. Änderung des Akzeptanzlevels)
sind in diesen Ergebnissen nicht enthalten.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019
I. M. Schmalz, Akzeptanz von Großprojekten, Politik gestalten – Kommunikation,
Deliberation und Partizipation bei politisch relevanten
Projekten, https://doi.org/10.1007/978-3-658-23639-7_7
172 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

tungsphase oder Anlaufphase/Phase der Inbetriebnahme dar. Viele zu Beginn der


Datenerhebung identifizierten Projekte schieden im weiteren Analyseverlauf aus,
da sie bereits in den Normalbetrieb übergegangen waren. Da nur Großprojekte
innerhalb der definierten Leistungsphasen, endend mit der Anlaufphase/Phase der
Inbetriebnahme (vgl. Kapitel 2.2), erfasst werden sollten, konnten diese Projekte
nicht weiter berücksichtigt werden. Die Vorgehensweise bei der Fallauswahl für
diese Studie erfolgte nach einem regelgeleiteten, qualitativen Auswahlverfahren
definierter Elemente. Aufgrund der bislang jedoch geringen Kenntnisse über die
deutsche Großprojektlandschaft insgesamt kann nur eine theoretische, keinesfalls
empirische Aussage über die Grundgesamtheit getätigt werden, wodurch zugleich
keine Aussage darüber getätigt werden kann, ob die gezogene Stichprobe der Pro-
jekte das verkleinerte Abbild ihrer Grundgesamtheit darstellt99. Trotz der sorgfälti-
gen Vorgehensweise sind die final ausgewählten Projekte damit nicht repräsentativ
im eigentlichen Sinne. Nichtsdestotrotz wurde die Identifikation und Auswahl mit
dem Ziel durchgeführt, eine Deskription von Großprojekten zu ermöglichen, die
zum Erhebungszeitpunkt von zentraler öffentlicher Bedeutung waren. Mit Blick
auf die entsprechend formulierten Kriterien kann dem Sample daher trotzdem die
Zielerreichung zugesprochen werden, einen wichtigen Beitrag zur Ergründung der
deutschen Großprojektlandschaft zu leisten.

7.1.1 Erkenntnisse auf Projektebene

7.1.1.1 Themenfelder, Projektträgerstrukturen und Akzeptanzlevel

Die 60 in Studie 1 selektierten Großprojekte100 verteilen sich zu ungleichen Teilen


über die vier Themenbereiche. 16 Projekte entfallen auf den Bereich „Mobilität
und Verkehr“ (P1-16), ebenso wie auf den Bereich „Energie und Klima“ (P17-32).
Mit 20 Projekten (rund 33 Prozent) umfasst das Themenfeld „Leben und Arbeiten“
die meisten Projekte (P33-52). Die geringste Projektanzahl (acht Projekte) entfällt
auf den Bereich „Natur und Umwelt“ (mit Land- und Forstwirtschaft).

99 Für das Ziel einer repräsentativen Stichprobenziehung formuliert Friedrichs (1982) vier zur er-
füllende Kriterien: „1. Die Stichprobe muss ein verkleinertes Abbild der Grundgesamtheit hin-
sichtlich der Heterogenität der Elemente und hinsichtlich der Repräsentativität der für die Hy-
pothesenprüfung relevanten Variablen sein.
2. Die Einheiten oder Elemente der Stichprobe müssen definiert sein.
3. Die Grundgesamtheit sollte angebbar oder empirisch definiert sein.
4. Das Auswahlverfahren muss angebbar sein und Forderung (1) erfüllen“.
100 Die Projekte werden nachfolgend unter anderem abgekürzt bezeichnet. Die abgekürzte Bezeich-
nung der Projekte besteht aus dem Buchstaben P für „Projekt“ sowie der eindeutigen Nummer des
Projektes, entsprechend der sich nachfolgend und im Anhang befindlichen Auflistung.
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 173

Abbildung 17: Verteilung der selektierten Großprojekte auf die Themenfelder


Mobilität & Energie & Leben & Natur & Gesamt
Verkehr Klima Arbeiten Umwelt
Hohe 7 4 10 5 26
Akzeptanz
Geringe 9 12 10 3 34
Akzeptanz
Gesamt 16 16 20 8 60

Rund 43 Prozent (N=26) der Projekte können zum Erhebungszeitpunkt in ihrer


vorliegenden Form als öffentlich weitestgehend akzeptiert eingestuft werden
können, 34 Projekte und damit knapp 57 Prozent werden entsprechend der Krite-
rien als wenig akzeptiert charakterisiert.
In allen Themenbereichen bis auf den Bereich „Natur und Umwelt“ kann die
Mehrheit oder mindestens die Hälfte der Projekte zum Erhebungszeitpunkt als
nicht akzeptiert eingestuft werden. Den größten Anteil an den 34 nicht akzeptierten
Projekte machen Projekte aus den Bereichen „Energie und Klima“ (N=12) sowie
„Leben und Arbeiten“ (N=10) aus. Der Grund für die höhere Zahl akzeptanzloser
Projekte kann in einer tatsächlich höheren Zahl akzeptanzloser Projekte liegen,
bezogen auf die (bislang nicht exakt bestimmbare) Grundgesamtheit der Großpro-
jekte in Deutschland. Da negative Ereignisse, hierzu zählen auch Nicht-Akzeptanz
und Konflikt von Großprojekten, allgemein jedoch eine hohe Aufmerksamkeit
geschenkt wird (vgl. Schwarz, Andreas 2010:15), negative Ereignisse höher ge-
wichtet werden als positive (vgl. z.B. Baumeister et al. 2001) und im Rahmen von
Nachrichtenfaktoren eher Eingang in die mediale Berichterstattung finden (vgl.
z.B. Scheufele & Haas 2008:89f.), ist es hingegen auch möglich, dass konfliktbe-
ladene Projekte eher als Auslöser von Kommunikationsbeiträgen fungieren als
Projekte, die mit Akzeptanz einhergehen. Durch diese erhöhte Chance, eher kon-
fliktbeladene Projekte über onlineverfügbare Beiträge zu identifizieren, besteht die
Möglichkeit, dass dadurch die finale Selektion der Projekte entsprechend beein-
flusst wurde, also nicht akzeptierte Projekte schlichtweg online mehr Aufmerk-
samkeit erhielten und eher identifiziert werden konnten, auch wenn sie ggf. zah-
lenmäßig in der Grundgesamt keinen größeren Anteil einnehmen.
Der Bereich „Natur und Umwelt“ ist insgesamt am schwächsten vertreten
(acht Projekte) und die Mehrzahl der hier registrierten Projekte gilt als akzeptiert.
Dieses Ergebnis kann mehrere Ursachen haben. Einerseits ist es auch hier mög-
lich, dass insgesamt weniger Projekte auf Forst- und Landwirtschaft sowie den
Schutz von Umwelt und Natur entfallen. Andererseits kann ebenfalls die Wahl
der Untersuchungskriterien ausschlaggebend hierfür sein: Projekte des Bereichs
„Natur und Umwelt“ sind aufgrund ihrer inhärenten Eigenschaften vermutlich
174 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

eher in ländlichen Räumen zu finden101. Da Anzahl und Art der online verfügba-
ren Kommunikationsbeiträge entscheidend die Selektion beeinflusst haben, ist es
möglich, dass Projekte, die insgesamt eine zahlenmäßig kleinere Öffentlichkeit
erreicht haben (z.B. aufgrund geringerer Bevölkerungsdichte in ländlichen Räu-
men, vgl. Gerber 2011:62ff.), prinzipiell über weniger Kommunikationsbeiträge
verfügen als Projekte in urbanen Räumen. Außerdem war während der Datener-
hebungsphase zu beobachten, dass Projektträger land- und forstwirtschaftlicher
Projekte bei Protest und Konflikt die Projekte an den vorgesehenen Orten eher
komplett zurückziehen (Nullvariante), anstatt über längere Zeit hinweg mit Pro-
jektakteuren nach alternativen Lösungen zu suchen. Aus diesem Grund ist zu
vermuten, dass nicht akzeptierte Projekte sich nur kurze Zeit auf der Agenda der
öffentlichen Kommunikation befinden und Umfang und Ausmaß der Onlineko-
mmunikation insgesamt geringer ausfallen.
Die hohe Zahl der Großprojekte aus dem Themenfeld „Leben und Arbeiten“
(N=20) kann möglicherweise ebenfalls auf die Menge der betroffenen Personen
und die in diesem Fall höhere Bevölkerungsdichte in urbanen Räumen (vgl. ebd.)
zurückzuführen sein: Viele der diesem Themenbereich zuzuordnenden Projekte
sind städtebaulicher Art und gehen dadurch mit einer großen Zahl an Betroffenen
einher, wodurch die Anzahl derjenigen, die Kommunikationsbeiträge online
veröffentlichen, vermutlich ebenfalls hoch ausfällt. Hierdurch konnten diese
Projekte ggf. mit größerer Wahrscheinlichkeit in die Stichprobe eingehen.
Im Themenbereich „Energie und Klima“ ist die größte Diskrepanz zwischen
der Zahl der akzeptierten (N=4) und nicht akzeptierten (N=12) Projekte zu fin-
den, einhergehend mit dem größten Anteil abgelehnter Projekte – 35 Prozent der
abgelehnten Projekte entfallen auf den Bereich „Energie und Klima“. Dies lässt
eine besondere Brisanz des Themenfeldes vermuten. Die Projekte des Themen-
bereiches „Mobilität und Verkehr“ teilen sich annähernd gleichmäßig in sieben
akzeptierte und neun abgelehnte Projekte auf.

Projektträgerstrukturen

Werden die Projekte hinsichtlich ihrer Projektträgerstrukturen unterteilt, so zeigt


sich eine veränderte Aufteilung. Rund 72 Prozent (N=43) aller Projekte laufen
unter Beteiligung der öffentlichen Hand in direktem oder indirektem Sinne ab102.
Hierbei sind Projekte, deren Projektträgerschaft eine Beteiligung der öffentlichen
Hand umfasst, fast zu gleichen Teilen hoch akzeptiert (N=21) wie gering akzep-

101 Bis auf Projekt 54 (Bundesgartenschau 2019), das sich in urbanem Umfeld befindet.
102 Projekte erhielten dann die Bezeichnung „Projekt mit öffentlichem Projektträger“, wenn min-
destens einer der Träger die öffentliche Hand selbst war oder ein Unternehmen, an dem die öf-
fentliche Hand entsprechende Anteile hält (z.B. Deutsche Bahn AG).
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 175

tiert (N=22). Bei Projekten ohne Beteiligung der öffentlichen Hand findet mit
rund 30 Prozent (N=5) ein deutlich geringerer Anteil Akzeptanz. Es muss hierbei
beachtet werden, dass im vorliegenden Fall nur Projekte, an denen die öffentli-
che Hand überhaupt nicht, also weder direkt oder indirekt über Tochterunter-
nehmen, an einem Projekt beteiligt ist als „Projekt ohne Beteiligung der öffentli-
chen Hand“ bezeichnet werden. Hält die öffentliche Hand also Anteile an einem
Unternehmen, das als Projektträger fungiert (alleine oder zusammen mit anderen
Projektträgern), so wird dies als Beteiligung der öffentlichen Hand verstanden.
Bei Rückschlüssen mit Blick auf diese Verteilung sollte daher die angewendete
Definitionsweise auf jeden Fall beachtet werden103.

Abbildung 18: Verteilung der selektierten Großprojekte hinsichtlich


Projektträgerstrukturen

Projekte mit Beteiligung Projekte ohne Beteiligung Gesamt


der öffentlichen Hand der öffentlichen Hand
Hohe Akzeptanz 21 5 26
Geringe Akzeptanz 22 12 34
Gesamt 43 17 60

7.1.1.2 Projektarten

Themenbereich „Mobilität und Verkehr“

Die spezifische Verteilung der Projekte auf die vier Themenbereiche lädt zur nähe-
ren Betrachtung der einzelnen Projekte bzw. Projektarten in den Merkmalsräumen
ein104. Der Themenbereich „Mobilität und Verkehr“ umfasst vor allem Projekte für
den (Aus)Bau von Straßen- und Bahninfrastruktur (N=13), zwei Projekte (P13, 14)
entfallen auf flugverkehrsbezogene Maßnahmen, ein Projekt auf die Automobil-
entwicklung (P6). Die aufgeführten Projekte setzen sich zu gleichen Teilen (je
sieben Projekte) aus Projekten des öffentlichen Verkehrs (P2, 5, 7, 11, 13, 14, 15)

103 Eine andere Möglichkeit wäre die Einteilung von Projekten danach, welchen Einfluss die öffent-
liche Hand direkt auf ein Projekt nehmen kann und wie genau sie von möglichen Folgen betroffen
ist. Diese Einteilung erfordert jedoch noch umfassendere Kenntnisse über die Besitz- und Ein-
flussverhältnisse bei den einzelnen Projektträgern und konnte im vorliegenden Rahmen aus zeit-
und sachlogischen Gründen nicht vorgenommen werden.
104 Die Ergebnisse entstammen Studie S1. Vollständige Beschreibungen aller Projekte können dem
Anhang entnommen werden.
176 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

und des Individualverkehrs105 (P1, 3, 6, 8-10, 16) zusammen106. Zwei Projekte


umfassen beiderlei Verkehrsarten (P4, 12). Diese paritätische Aufteilung zwischen
Individualverkehr und öffentlichem Verkehr ist sowohl bei den Projekten mit Ak-
zeptanz wie auch bei den Projekten ohne Akzeptanz vorzufinden.

Abbildung 19: Projekte des Themenbereichs „Mobilität und Verkehr“, unterteilt


nach Akzeptanzlevel (im Zeitraum Sommer 2014 bis Sommer
2015)
Mobilität und Verkehr
Hohe Akzeptanz 1. Bundesautobahn A 81 (Böblingen)
2. Bahnhof Hamburg Altona
3. Jagdbergtunnel Jena
4. Kombilösung Karlsruhe
5. Nord-Süd-Stadtbahn Köln
6. Prüf- und Technologiezentrum Immendingen
7. Zweite Stammstrecke München
Geringe Akzeptanz 8. Bundesautobahn A 98 „Hochrheinautobahn“
(Rheinfelden)
9. Bundesstraße B 50 „Hochmoselbrücke“
10. Bundesautobahn A 39 (Lüneburg-Wolfsburg)
11. Dritte Startbahn Flughafen München
12. Fehmarnbeltquerung
13. Flughafen Berlin Brandenburg BER
14. Flughafen Frankfurt Terminal 3
15. S-Bahn Nürnberg-Fürth
16. Zweite Rheinbrücke (Karlsruhe-Wörth)

105 Das Prüf- und Technologiezentrum Immendingen wird hier dem Individualverkehr zugerech-
net, da Ziel des Projektes die Erprobung und Entwicklung von Autos, also Verkehrsmitteln des
Individualverkehrs, ist.
106 Die Einteilung in öffentlichen Verkehr und Individualverkehr orientierte sich an Gather et al.
(2008:27).
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 177

Themenbereich „Energie und Klima“

Die 16 Projekte des Bereichs „Energie und Klima“ umfassen verschiedene Formen
der Energiegewinnung bzw. der Gewinnung von Rohstoffen zur Energieherstel-
lung, der Energiespeicherung und des Energietransports. Projekte der Energiege-
winnung/Gewinnung von Rohstoffen (N=12) nehmen mit 75 Prozent den größten
Anteil ein. Im Detail umfasst der größte Teil der Projekte die Einrichtung und den
Betrieb von Windkraftanlagen (ca. 44 Prozent, P17-19, 29-32), gefolgt vom Ab-
bau/Gewinnung fossiler Brennstoffe (ca. 19 Prozent, P21,22,28) und abschließend
zu gleichen Teilen (je zwei Projekte) der Energiegewinnung aus Kohle (P23, 25),
der Energiespeicherung (P20, 24) und des Energietransports (P26, 27).

Abbildung 20: Projekte des Themenbereichs „Energie und Klima“, unterteilt


nach Akzeptanzlevel (im Zeitraum Sommer 2014 bis Sommer
2015)
Energie und Klima
Hohe Akzeptanz 1. Bioenergiepark Saerbeck
2. Bürgerwindpark Südliche Ortenau
3. Offshore Windpark Nordsee Ost
4. Pumpspeicherkraftwerk Forbach
Geringe Akzeptanz 5. Braunkohletagebau Garzweiler
6. Fracking Bohrstelle „Bötersen Z11“
(Rotenburg/Wümme)
7. Steinkohlekraftwerk Datteln IV
8. Pumpspeicherkraftwerk Atdorf
9. Steinkohlekraftwerk RDK8 Karlsruhe
10. Gleichstrompassage Süd-Ost
(Neuburg-Schrobenhausen)
11. Süd-West-Kuppelleitung (Schalkau)
12. Braunkohletagebau Hambach
13. Windpark Mönchberg
14. Windpark Thalheim/Meßkirch
15. Windpark Denklingen/Fuchstal
16. Windpark Tautenhain
178 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Projekte, die schwerpunktmäßig im Zusammenhang mit der Energiewende ent-


stehen, also dem Übergang zur Nutzung nachhaltiger und regenerativer Energien
dienen (P17-20, 24, 26, 27, 29-32), sind sowohl im Bereich der akzeptierten als
auch der nicht akzeptierten Projekte zu finden. Die zahlreichen gering akzeptier-
ten Projekte (75 Prozent der Projekte des Themenbereichs) unterscheiden sich
von den akzeptierten Projekten vor allem durch jene Projekte, die im Zusam-
menhang mit der Gewinnung und Verarbeitung fossiler Energieträger stehen
(P21-23, 25, 28). Keines dieser Projekte mit Bezug auf fossile Energieträger
erfährt in der vorliegenden Stichprobe Akzeptanz, ebenso wie die Projekte im
Zusammenhang mit Energietransport (P26, 27).

Themenbereich „Leben und Arbeiten“

Auf den Themenbereich „Leben und Arbeiten“ entfällt mit 20 Objekten ein Drit-
tel der in der Stichprobe enthaltenen Großprojekte.

Abbildung 21: Projekte des Themenbereichs „Leben und Arbeiten“, unterteilt


nach Akzeptanzlevel (im Zeitraum Sommer 2014 bis Sommer
2015)
Leben und Arbeiten
Hohe Akzeptanz 1. Messe Essen
2. BND-Zentrale Berlin
3. Bundestag Besucher- und Informationszentrum
4. Dorotheenquartier Stuttgart
5. Jüdisches Museum Köln
6. Kölner Moschee
7. Quartier Schwabinger Tor München
8. Staatsoper Berlin
9. Stadtschloss Berlin
10. Tempelhofer Feld Berlin
Geringe Akzeptanz 11. Porschezentrum Weissach
12. CO-Pipeline (Krefeld/Dormagen)
13. Elbphilharmonie Hamburg
14. Esso Häuser Hamburg/Wohnen am Spielbudenplatz
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 179

15. Freizeitpark Nürburgring


16. Fußballstadion Freiburg
17. Goldscheidefabrik Hafner/C. Hafner Edelmetall
Technologie (Wimsheim)
18. JVA Rottweil
19. Quartier Sedelhöfe Ulm
20. Schrebergartenkolonie „Oeynhausen“

Alle Projekte befinden sich in bzw. zumindest am Rand urbaner Räume und
lassen sich zu vier Themenblöcken zusammenfassen: Acht Projekte (40 Prozent,
P35, 37, 38, 40, 41, 45, 47, 48) zählen zum Block Kultur, Bildung, Freizeitge-
staltung und Religion, sechs Projekte (30 Prozent, 36, 39, 42, 46, 51, 52) sind
den Themen urbanes Wohnen, Gastronomie und Handel zuzuordnen, vier Pro-
jekte (20 Prozent, P33, 43, 44, 49) vorwiegend wirtschaftlich-industriellen The-
men und zwei Projekte (10 Prozent) der Erfüllung staatlicher Aufgaben (P 34,
50). Alle vier Themenblöcke sind sowohl bei den akzeptierten als auch bei den
nicht akzeptierten Projekten zu finden. Unter den akzeptierten Projekten sind
jedoch etwas mehr Kulturprojekte (N=5), bei den nicht akzeptierten etwas mehr
Industrieprojekte (N=3) enthalten.

Themenbereich „Natur und Umwelt“

Auf diesen Themenbereich entfällt mit rund 13 Prozent (N=8) der geringste
Anteil der Projekte dieser Stichprobe. Zugeordnet wurden hier Projekte des Na-
tur- und Umweltschutzes, aber auch der Forst- und Landwirtschaft. Naturschutz-
großgebiete machen rund die Hälfte dieser Projekte aus (P53, 55, 56, 59), gefolgt
von drei landwirtschaftlichen Projekten (P57, 58, 60) sowie einem gartenbauli-
chen Projekt (P54). Landwirtschaftliche und naturschutzbezogene Projekte ver-
teilen sich sowohl über akzeptierte als auch über nicht akzeptierte Projekte. Die
Naturschutzprojekte sind jedoch mit drei Projekten bei den akzeptierten Projek-
ten etwas stärker vertreten, die landwirtschaftlichen Projekte mit zwei Projekten
bei den nicht akzeptierten Projekten.
180 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Abbildung 22: Projekte des Themenbereichs „Natur und Umwelt“, unterteilt nach
Akzeptanzlevel (im Zeitraum Sommer 2014 bis Sommer 2015)
Natur und Umwelt
Hohe Akzeptanz 1. Naturschutzgroßprojekte „Bergwiesen im Osterzgebirge“
2. Bundesgartenschau 2019 Heilbronn
3. Naturschutzgebiet „Grünes Band Eichsfeld-Werratal“
4. Naturschutzgroßprojekt „Vogelsberg“
5. Schweinemastanlage Pasewalk
Geringe Akzeptanz 6. Hähnchenmastanlage Gumtow
7. Nationalpark Schwarzwald
8. Schweinemastanlage Handorf

7.1.1.3 Räumliche Lage und Verteilung

Ergänzend zur themenbezogenen Betrachtung der in der Stichprobe von Studie S1


befindlichen Großprojekte gibt eine räumliche Betrachtung der Projekte Einblick
in geografische Verteilung der Projekte. Mehr als dreiviertel aller Projekte (zudem
ein Projekt (P55) bundeslandübergreifend) sind in den alten Bundesländern zu
verorten. Darin enthalten sind 90 Prozent (N=14) der Energie- und Klimaprojekte
und der Mobilitäts- und Verkehrsprojekte sowie 70 Prozent (N=14) der Projekte
des Themenbereiches „Leben und Arbeiten“. Hingegen wird die Hälfte (N=4) der
Projekte aus dem Bereich „Natur und Umwelt“ in den neuen Bundesländern umge-
setzt.
Die Betrachtung der Projektverteilung auf urbane und ländliche Räume
zeigt Projekte des Bereiches „Leben und Arbeiten“ (Symbol Stern) vor allem in
der Nähe von bzw. in urbanen Räumen, naturschutzbezogene und landwirtschaft-
liche Projekte (Symbol Dreieck) sind eher in ländlichen Räumen zu finden. Mo-
bilitäts- und Verkehrsprojekte (Symbol Quadrat) befinden sich sowohl in direk-
ter Nähe von bzw. in urbanen Räumen, zugleich aber auch zwischen diesen. Mit
Blick auf die einzelnen Projektarten dieses Themenbereichs kann vermutet wer-
den, dass sich die Verteilung auf die Zielsetzung einer besseren infrastrukturellen
Verbindung urbaner Räume oder die Anbindung ländlicher Räume bezieht.
Süddeutschland (Baden-Württemberg, Bayern) zeigt sich in der Studie be-
sonders projektstark, 25 Projekte (ca. 42 Prozent) sind dort insgesamt angesie-
delt. Daneben sind zahlreiche Projekte im Rheinland, in Berlin sowie in Ham-
burg und in Niedersachsen zu finden.
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 181

Abbildung 23: Lage der Großprojekte (jede Zahl steht für ein Projekt107,
Abbildung mit Material von d-maps.com108, eigene Ergänzung
der Bundeslandbezeichnungen) (im Zeitraum Sommer 2014 bis
Sommer 2015)

107 Die Ziffern entsprechen den im Anhang zugeordneten Projektziffern.


108 http://d-maps.com/m/europa/germany/allemagne/allemagne70.gif.
182 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Abbildung 24: Lage der Großprojekte, unterteilt nach Themenbereichen


(Abbildung mit Material von d-maps.com109, eigene Ergänzung
der Bundeslandbezeichnungen) (im Zeitraum Sommer 2014 bis
Sommer 2015)

109 http://d-maps.com/m/europa/germany/allemagne/allemagne70.gif.
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 183

Abbildung 25: Lage der Großprojekte, unterteilt nach Akzeptanzlevel


(Abbildung mit Material von d-maps.com 110, eigene Ergänzung
der Bundeslandbezeichnungen) (im Zeitraum Sommer 2014 bis
Sommer 2015)

110 http://d-maps.com/m/europa/germany/allemagne/allemagne70.gif.
184 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Die Aufteilung nach akzeptierten und nicht akzeptierten Projekten zeigt knapp die
Hälfte der nicht akzeptierten Projekte (47 Prozent, N=16) in Baden-Württemberg
und Bayern. Im nördlichen und mittleren Teils Deutschlands sind hingegen akzep-
tierte wie nicht akzeptierte Projekte gleichermaßen zu finden. Berlin sticht mit fünf
akzeptierten von insgesamt sieben Projekten besonders hervor.

7.1.1.4 Meilensteine bei Großprojekten

Die Pläne für das Projekt wurden bekanntgegeben, der Gemeinderat entscheidet,
der Bagger kommt – Entwicklungen eines Großprojekts und seiner Akzeptanz
stehen nicht im luftleeren Raum, sondern manifestieren sich anhand konkreter
Ereignisse. Nicht nur projektbezogenen Meilensteinen, sondern auch gesell-
schaftlichen Ereignissen oder Vorkommnissen wie Wahlen, Großveranstaltungen
oder Umweltkatastrophen wird eine Bedeutung für die Akzeptanz und Entwick-
lung von Großprojekten zugesprochen (vgl. z.B. Brettschneider 2011; Boger et
al. 2012). Welche Meilensteine sind aus Sicht von Akteuren im Prozess eines
konkreten Projektes von Bedeutung, welchen Ereignissen und Entwicklungen
wird eine zentrale Rolle zugeschrieben? Gefragt waren dabei Ereignisse, die aus
Sicht der Akteure aus Studie S2 das Projekt entscheidend beeinflussten oder in
deren Zusammenhang sich die Zustimmung zum bzw. Ablehnung des Projekts
entscheidend änderte.
Folgende Meilensteine bzw. Meilensteingruppen wurden bei der Entwick-
lung eines Großprojektes von den Akteuren als relevant erachtet:

Abbildung 26: Zentrale Ereignisse der Großprojektentwicklung (Entwurfs- bis


Anlaufphase, N=1093)

Anzahl der
Meilensteine
Nennungen (N)
Ereignisse mit spezifischem Bezug zu Kommunikation und
Medienberichterstattung
Gruppe „Information“ 208
Gruppe „Ereignisse der Medienberichterstattung“ 187
Gruppe „Konsultation“ 84
Gruppe „Mitbestimmung“ 55
Gruppe „Öffentliche Diskussionen über inhaltliche Themen“ 47
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 185

Ereignisse mit Bezug zu einzelnen Projektphasen und der


Projektverwirklichung
Gruppe „Ereignisse der Entwurfsphase“ 134
Gruppe „Ereignisse der Planungs- und Genehmigungsphase“ 107
Gruppe „Organisations-, prozess- und vorgehensbezogene
42
Ereignisse“
Gruppe „Ereignisse der Erstellungsphase“ 16
Gruppe „Ereignisse bezüglich Fachgutachten/Studien“
9

Ereignisse mit Bezug zu juristischen, administrativen oder politischen


Aspekten
Gruppe „Behördenbezogene/politische Ereignisse“ 143
Gruppe „Juristische/gerichtliche Ereignisse“ 53
Ereignisse mit wirtschaftlichen oder individuellen Bezügen
Gruppe „Ereignisse mit wirtschaftlichem Hintergrund“ 4
Gruppe „Psychische/Individuelle Aspekte“ 4
Gesamt 1093

Ereignisse mit spezifischem Bezug zu Kommunikation und


Medienberichterstattung

Mit 581 von 1093 Nennungen haben rund 53 Prozent der genannten Ereignisse
Bezug zu einer Form von Kommunikation. Mit den meisten Nennungen führen
Ereignisse, die im Bezug mit Information stehen, die Liste an. Hierzu zählen bei-
spielsweise Veranstaltungsformate wie Informationsveranstaltungen für Bürger
aber auch Demonstrationen von Gegnern sowie das zur Verfügung stellen von
Informationen (z.B. online auf einer Projektwebsite) oder öffentliche Stellungnah-
men und Informationskampagnen einzelner Akteursgruppen (z.B. des Projektträ-
gers oder von Bürgerinitiativen). Die Bekanntgabe von bestimmten Informationen
sowie Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem Projekt werden von den Pro-
jektakteuren damit am häufigsten genannt, wenn es um die Frage geht, welche
Meilensteine und Ereignisse die Entwicklung und Akzeptanz eines Projektes be-
einflusst haben.
Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Massenmedien durch ihre Be-
richterstattung über das Projekt, seine Prozesse und Akteure, aber auch konkrete
inhaltliche Aspekte, vor allem dann, wenn durch Medien Aspekte aufgedeckt
186 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

oder thematisiert werden, die bislang noch keine Rolle gespielt haben oder unbe-
kannt waren. Als Beispiel kann hier die Aufdeckung von Projektmissständen
durch die Presse genannt werden. Öffentliche Diskussionen, die u.a. aufgrund
der Medienberichterstattung entstehen, können dabei ebenfalls zum zentralen
Ereignis werden. Dies umfasst beispielsweise Diskussionen in der Öffentlichkeit
über die Frage, ob öffentliche Gelder in einem Projekt mit der notwendigen
Sorgfalt verwendet werden.
Kommunikationsformen wie Konsultation und Mitgestaltung, die mehr Ein-
fluss durch die Bürger wie auch organisierten Akteure implizieren, werden eben-
falls häufig als zentrale Ereignisse genannt. Beispielhaft können hier der Beginn
von Dialogverfahren mit Bürgern und organisierten Akteuren (z.B. Umwelt- und
Naturschutzverbänden), öffentliche Arbeitsgruppen zu bestimmten Fachthemen,
Bürgerbefragungen und vor allem auch die öffentliche Prüfung und Diskussion
von Themen (sognannte Faktenchecks) genannt werden. Bei Faktenchecks wer-
den z.B. sämtliche offenen Sachfragen in einer öffentlichen Veranstaltung durch
Experten erläutert und diskutiert

Ereignisse mit Bezug zu einzelnen Projektphasen und der Projektverwirklichung

Die Entwicklungen, die ein Projekt im Laufe seines Verwirklichungsprozesses


macht, werden von den Akteuren anhand von 308 Nennungen zu den zentralen
Ereignissen gezählt. Hiermit sind konkrete Fortschritte des Projektes gemeint.
Besonders Ereignisse der Entwurfsphase fallen darunter. Diese bezieht sich auf
Ereignisse, die in der frühen Phase der Projektentwicklung vonstattengehen, in
der noch viele Fragen offen sind und mögliche Alternativen diskutiert werden.
Hierzu zählen beispielsweise Abwägungsprozesse bzgl. verschiedener Standorte
oder Umsetzungsvarianten oder auch, wenn zum ersten Mal bekannt wird, dass
überhaupt ein Projekt geplant ist. Etwas weniger häufig werden verschiedene
Ereignisse der Planungs- und Genehmigungsphase genannt, also dann, wenn aus
der grundsätzlichen Idee konkrete Pläne entstehen und damit auch Vorbereitun-
gen zur Genehmigungen dieser getroffen werden. Hierzu zählen beispielsweise
die Bekanntgabe konkretisierter Projektdetails (z.B. genaue Objektgröße) oder
die Durchführung gesetzlich festgelegter Verfahren, die die Einbindung der Öf-
fentlichkeit implizieren. Hierzu zählen verschiedene Verfahren (z.B. Planfeststel-
lungsverfahren), bei denen die Ansichten der Öffentlichkeit, bzw. von Betroffe-
nen, angehört, erörtert und abgewogen werden. Auch diesen Terminen kommt
demnach aus Sicht der Akteure eine Bedeutung für die Entwicklung und Akzep-
tanz eines Projektes zu.
In Ereignissen in Bezug zur Erstellungsphase, also die konkrete Ausfüh-
rung, den Bau oder die Einrichtung eines Projekts, sehen ebenfalls einige Befrag-
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 187

te bedeutsame Meilensteine. Hierzu zählen beispielsweise vorbereitende Maß-


nahmen (Auszug bisheriger Geländenutzer, Umsiedlungen, Baumfällungen etc.),
aber auch offizielle Ereignisse, wie Spatenstich oder Richtfest und die Zeitpunk-
te, wenn die optischen Ausmaße eines Projekts deutlich werden. Ebenso genannt
werden (Arbeits)Unfälle oder Schädigungen Anderer (z.B. Gebäudeschäden), die
im Rahmen der Erstellungsphase auftreten.
Phasenunabhängig wird das Bekanntwerden bzw. -geben von Studienergeb-
nissen und Gutachten (z.B. zu den Auswirkungen eines Projekts auf die Umwelt)
ebenfalls als möglicher Eckpunkt von Projekten angesehen, vor allem dann,
wenn die Ergebnisse strittig oder unerwartet sind.
Nicht nur Ereignisse, die der eigentlichen Projektentwicklung zuzuordnen
sind, sondern auch Themen, die der Organisation und Vorgehensweise insgesamt
angehören, können bei Bekanntwerden zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt
der Akzeptanz werden. Hierbei nennen die Befragten vor allem negativ auffallende
Themen: Das Bekanntwerden von Baumängeln, von Zeit- und/oder Kostenüber-
schreitungen oder von Intransparenzen und Unwahrheiten. Aber auch Aspekte wie
die Formierung von oder Veränderung der Akteursstrukturen (z.B. Veränderungen
bei den verantwortlichen Personen, Wechsel des Projektträgers, Gründung von
Bürgerinitiativen, Ausscheiden von Akteuren) werden zu den relevanten Ereignis-
sen gezählt.
Bei Betrachtung der Ereignisse in einzelnen Projektphasen ist zu beachten,
dass sich die Projekte, auf deren Basis die Akteure die Bewertungen vornehmen,
in unterschiedlichen Phasen befinden. Möglicherweise verfügen beispielsweise
Ereignisse der Entwurfsphase deshalb über so viele Nennungen, weil eine große
Zahl der Projekte sich in dieser Phase zum Zeitpunkt der Datenerhebung befand.
Der Fokus sollte hier also weniger auf die Zahl der Nennungen als vielmehr auf
die Art der Ereignisse gelegt werden.

Ereignisse mit Bezug zu juristischen, administrativen oder politischen Aspekten

Ereignisse, die der politischen oder administrativen Ebene zuzuordnen sind,


werden von den Akteuren ebenfalls als projekt- bzw. akzeptanzdeterminierend
erachtet. Hierzu zählen sämtliche Ereignisse der staatlichen Administration, des
politischen sowie des juristischen Systems. Zu nennen sind z.B. politische Wah-
len und Wahlergebnisse (beispielsweise mit nachfolgendem Regierungswechsel),
Entscheidungen politischer Gremien oder Behörden sowie das Verhalten politi-
scher Akteure (z.B. Verwaltungs- oder Gemeinderatsentscheidungen, politische
Unterstützung eines Projekts, plötzliche Änderung politischer Ziele). Kommt es
im Falle strittiger Situationen zu rechtlichen Auseinandersetzungen, so wird vor
allem die schlussendliche Urteilsverkündung eines Verhandlungs- oder Ge-
richtsurteils zu relevanten rechtsbezogenen Meilensteinen gezählt. Jedem dieser
188 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Ereignisse wird das Potential zur Veränderung der Akzeptanz bzw. Entwicklung
eines Projektes zugesprochen.

Ereignisse mit wirtschaftlichen oder individuellen Bezügen

Auch die ökonomische Komponente jenseits oben genannter Kostenüberschrei-


tungen findet Eingang als Eckpfeiler der Projektentwicklung. Und zwar dann,
wenn bedeutende betriebswirtschaftliche Vorgänge im Zusammenhang mit ei-
nem Projekt zu beobachten sind. Dies können beispielsweise Insolvenzverfahren
oder Verkaufsprozesse ganzer Unternehmen sein, sei es der Projektträger oder
auch mit dem Projekt anderweitig verbundene Unternehmen. Aber auch die
Entstehung oder der Wegfall von Arbeitsplätzen sowie wirtschaftliche Auswir-
kungen auf die umliegende Region zählen hierzu. Nicht nur große wirtschaftli-
che Betroffenheit, sondern auch individuelle Betroffenheit von Bürgern können
zum Meilenstein werden, beispielsweise wenn durch Konkretisierung von Pla-
nungen oder dem Fortschreiten des Projekts eine plötzliche räumliche oder sach-
liche Betroffenheit wahrgenommen wird. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn
Anwohner optische oder akustische Beeinträchtigungen wahrnehmen.

7.1.2 Erkenntnisse auf Akteursebene

Die Charakteristika von Großprojekten auf Ebene der einzelnen Projekte kom-
men nicht ohne die Gestaltung durch die jeweils zugehörigen Akteure zustande.
Nachfolgende Ausführungen widmen sich deswegen gezielt der Beschreibung
und Analyse der Akteursarten sowie ihren Einstellungen und Verhaltensweisen
unter Zuhilfenahme des spezifisch entwickelten Ansatzes zur Messung der Ak-
zeptanz bei Großprojekten (vgl. auch Kapitel 6.2).

7.1.2.1 Art und Anzahl der Akteure

Unter den 194 Teilnehmern der Befragung (Studie S2) konnten elf Akteursgrup-
penarten identifiziert werden, wobei maßgeblich sechs Gruppen zu nennen sind,
die rund 93 Prozent der Akteure einschließen: 180 Akteure sind den Gruppen Pro-
jektträger/zentrale Akteure, Initiativen/Bündnisse/Aktive, Politiker, Natur- und
Umweltschutzvertreter, Behörden/Verwaltung oder Medienvertreter zuzurechnen.
Die verbleibenden sieben Prozent (N=14) der Befragungsteilnehmer entstammen
den restlichen fünf Gruppen (Sachverständige/Experten, Vertreter von Wirt-
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 189

schaft/Handel/Gewerbe, Vertreter von Forst- und Landwirtschaft, Vertreter von


Planung/Organisation/Bau, Intervenierende (z.B. Mediatoren/Moderatoren).
Diese Zusammensetzung der Stichprobe, vor allem hinsichtlich der sechs
meistgenannten Gruppen, spiegelt insgesamt die Erkenntnisse anderer Autoren
und Studien wider (vgl. z.B. Gobert 2016; Boger et al. 2012; ferner auch Schäfer
& Keppler 2013). Der hohe Anteil von (Bürger)Initiativen und Projektträgern
zeigt zum einen den (vermutlich) insgesamt hohen Anteil dieser Akteursgruppen
auf; im Schnitt entfällt knapp auf jeden Projektträger eine (Bürger)Initiative.
Andererseits ist zu vermuten, dass das Teilnahmeinteresse an der Studie dieser
Akteure aufgrund hohen Involvements verhältnismäßig hoch ist.

Abbildung 27: Verteilung der Befragungsteilnehmer (N=194) auf elf


Akteursgruppenarten
Akteursgruppe N Prozent
Projektträger/zentraler Akteur 44 22,7
Initiativen/Bündnisse/Aktive 42 21,6
Politiker 28 14,4
Natur- und Umweltschutzvertreter 22 11,3
Vertreter von Behörden/Verwaltung 22 11,3
Medienvertreter 22 11,3
Sachverständige/Experten 5 2,6
Vertreter von Wirtschaft/Handel/Gewerbe 4 2,1
Vertreter von Forst- und Landwirtschaft 3 1,5
Vertreter von Planung/Organisation/Bau 1 0,5
Intervenierende (z.B. Mediatoren/Moderatoren) 1 0,5
Gesamt 194 100,0

7.1.2.2 Formen der Akzeptanz: Einstellung und Verhalten von Akteuren

Die Akzeptanz der einzelnen Projekte wurde mit Hilfe des zweidimensionalen
Ansatzes (vgl. Kapitel 2.3.4.2, 6.2, 6.4.2.2), bestehend aus Einstellung (Zustim-
mungsstärke) und Verhalten (Aktivitätsstärke), gemessen. Neben der Erhebung der
individuellen Ausprägungen (bzw. der Haltung, die der Akteur als Vertreter seiner
Gruppe einnimmt) wurde versuchsweise die allgemeine, öffentliche Akzeptanz der
jeweiligen Projekte durch Einschätzung der einzelnen Akteure analysiert.
190 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Zustimmungsdimension

Die Erhebung der Zustimmungsstärke auf einer bipolaren 13-Punkte Skala ergibt
75 Akteure (rund 39 Prozent), die das von ihnen bewertete Projekt ablehnen, 16
neutral oder ambivalent eingestellte Personen (rund 8 Prozent) sowie 103 (rund
53 Prozent) dem jeweiligen Projekt zustimmende Personen. Wird nur die Stärke
der Einstellung, unabhängig ob pro, contra, oder neutral betrachtet, so verfügen
knapp 69 Prozent (N=133) der 194 Befragten über eine extreme Einstellung,
lehnen das Projekt also vollständig oder fast vollständig ab oder stimmen ihm
vollständig oder fast vollständig zu. Insgesamt 16 Akteure schätzen sich als neut-
rale bzw. ambivalent eingestellte Personen ein.

Abbildung 28: Verteilung der Zustimmungsstärke der Befragungsteilnehmer


(N=194) in Prozent. Eine negative Zustimmung ist als
Ablehnung zu werten.

Die Anteile der extrem eingestellten Personen verwundern wenig, denn die Defini-
tion einer Person oder Gruppe als Akteur, beruhend auf Freemans (1984) Stake-
holderdefinition oder der Einteilung von Publics nach Grunig & Hunt (1984), lässt
bereits erahnen, dass die Motive Jener, die sich (ehrenamtlich) für oder gegen ein
Projekt engagieren und damit als Akteur oder auch aktive Teilöffentlichkeit auftre-
ten, unter anderem durch die persönliche Betroffenheit und die hierdurch geprägte
(positive oder negative) Bewertung des Projektes beeinflusst werden. Anders ge-
sagt kann vermutet werden, dass moderat eingestellte Personen oder Gruppen
tendenziell seltener aktiv werden, da die notwendige Betroffenheit fehlt.
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 191

Bei Betrachtung der durchschnittlichen Zustimmungsstärken (arithmeti-


sches Mittel, 13-Punkte-Skala) der einzelnen Akteursgruppen zeigen sich deutli-
che Unterschiede. Während die Vertreter der Projektträger, der Wirtschaft und
des Bau- bzw. Planungsgewerbes hohe Zustimmungen aufweisen (M=11,75-13;
SD=0-1,5), sind Vertreter von Behörden/Verwaltung und Medien als moderate
Befürworter einzuschätzen (M=9,36 bzw. 8,73) wobei sich hier eine höhere
Streuung der Werte zeigt (SD=4,04 bzw. 3,21). Politiker (M=6,36) und Initiati-
ven (M=4,84) zählen zu den eher projektablehnenden Akteuren, weisen jedoch
zugleich die höchsten Streuungen auf (Politiker SD=5,55; Initiativen SD=4,84).
Vertreter von Forst- und Landwirtschaft, Sachverständige/Experten sowie Natur-
und Umweltschutzvertreter lehnen die von ihnen bewerteten Projekte eher ab
(M=3,18-4,67; SD=2,07-3,54). Mit einem Gesamt-Mittelwert von M=7,67
(SD=5,01) zeigt sich die Stichprobe im Gesamten fast neutral bzw. ambivalent.

Abbildung 29: Durchschnittliche Zustimmungsstärke der Akteursgruppen auf der


13-Punkte-Skala (1-6=contra, 7=neutral/ambivalent, 8-13=pro)

Akteursgruppe N M SD
Vertreter von Planung/Organisation/Bau 1 13,00 -
Projektträger/zentraler Akteur 44 12,34 1,43
Vertreter von Wirtschaft/Handel/Gewerbe 4 11,75 1,50
Vertreter von Behörden/Verwaltung 22 9,36 4,04
Pro

Medienvertreter 22 8,73 3,21


Intervenierende (z.B. Mediatoren/ 1 7,00 -
Moderatoren)
ambivalent
Neutral/

Politiker 28 6,36 5,55


Initiativen/Bündnisse/Aktive 42 4,76 4,84
Vertreter von Forst- und Landwirtschaft 3 4,67 3,06
Contra

Sachverständige/Experten 5 3,60 2,07


Natur- und Umweltschutzvertreter 22 3,18 3,54
Gesamt 194 7,67 5,01
192 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Die Unterteilung nach Projekt mit Beteiligung der öffentlichen Hand als Projekt-
träger vs. komplett private Projekte zeigt bei den hier vorliegenden Daten eine
leicht höhere, durchschnittliche Zustimmung bei privaten Projekten (M=8,26;
SD=5,00, N=54) als bei öffentlichen Projekten (M=7,44; SD=5,02; N=140). Bei
Betrachtung der einzelnen Themenfelder entfallen die höchsten durchschnittli-
chen Zustimmungswerte auf die Bereiche „Leben und Arbeiten“ (M=8,65;
SD=4,69; N=55) und „Natur und Umwelt“ (M=8,00, SD=5,27; N=22), wohinge-
gen die Projekte der Bereiche „Energie und Klima“ (M=7,30, SD=5,05; N=43)
und „Mobilität und Verkehr“ (M=7,05; SD=5,12; N=74) im Schnitt annähernd
neutral/ambivalent bewertet werden. Über alle Themenfelder hinweg sind hohe
Streuungswerte zu erkennen.

Exkurs: Allgemeine Akzeptanz der Öffentlichkeit

Die Erhebung bzw. Berechnung einer allgemeinen Akzeptanz, also der Akzep-
tanz, die einem Projekt von seiner direkten Umgebung (Community Acceptance)
oder der weiteren, politischen Öffentlichkeit (Socio-political Acceptance111, vgl.
Hampl & Wüstenhagen 2012:572) entgegengebracht wird, wäre wünschenswert.
Eine hierfür geeignete, repräsentative Befragung der Öffentlichkeit bzw. der
Bürger rund um die hier inkludierten 60 Großprojekte wäre jedoch mit methodi-
schen wie auch zeitlichen und sachlogischen Problemen behaftet gewesen. Er-
satzweise wurde in der vorliegenden Studie der Versuch unternommen, die all-
gemeine Akzeptanz durch Konglomerierung der Einschätzungen der allgemeinen
Akzeptanz durch die den einzelnen Projekten zuzurechnenden Akteuren zu erhe-
ben. Konkret wurden die Akteure darum gebeten, anzugeben, wie hoch die Zu-
stimmung zum jeweiligen Projekt in der allgemeinen Öffentlichkeit ausfällt.
Bezüglich dieser Einschätzung der allgemeinen Zustimmung zeigen sich inte-
ressante Ergebnisse: Es ist erkennbar, dass zwischen den Mittelwerten der ver-
schiedenen Akteursgruppen erkennbare Unterschiede vorherrschen, wodurch die
These aufgestellt werden kann, dass die Einschätzung der allgemeinen Zustim-
mung sich in Teilen durch die eigene, individuelle Zustimmung der Akteure be-
schreiben lässt. Die daraufhin durchgeführte lineare Regression (Einschlussverfah-
ren, N=182), in der die allgemeine Zustimmung auf die individuelle Zustimmung
regrediert wurde, ergab einen Erklärungswert von immerhin R²=0,425 bzw.
R²korr=0,422. Dies entspricht einem Anteil von fast 43 Prozent erklärter Streuung
der Einschätzung der allgemeinen Zustimmung durch die individuelle Zustimmung
der Akteure. Stichprobenartig vorgenommene Betrachtungen der eingeschätzten,
allgemeinen Zustimmungswerte bei einzelnen Projekten zeigen umfassende Unter-

111 Weiter kann die Marktakzeptanz hiervon unterschieden werden (vgl. Hampl & Wüstenhagen
2012:572).
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 193

schiede zwischen den Einschätzungen der Akteure ein und desselben Projekts auf.
Von einer objektiven Wahrnehmung bzw. Einschätzung allgemeiner Zustimmung
(bzw. insgesamt der allgemeinen Akzeptanz) durch Akteure eines Projektes kann
also nicht ausgegangen werden, die herangezogene Vorgehensweise stellt sich
damit als wenig geeignet heraus. Es darf vermutet werden, dass hier Formen der
selektiven Wahrnehmung bei den Akteuren zum Tragen kommen (vgl. z.B. Leese
2013) und diese sich auf das (Bewertungs)Verhalten der Akteure auswirkt, auch
mit Blick auf die Einschätzung anderer Personen. Die Betrachtung psychische
Verarbeitungsprozesse zeigt, dass nach selektiver Aufmerksamkeit und Wahrneh-
mung u.a. komplexe zyklische Bewertungs- und Bewältigungsprozesse folgen, die
sich primär auf die individuelle Bewertung auswirken (vgl. z.B. Ruff 1993). Im
vorliegenden Kontext aber angenommen werden darf, dass sich diese Prozesse
auch auf die individuelle Einschätzung, wie Andere diese Bewertung vornehmen
bzw. vornehmen werden, auswirken kann.
Die Hinweise lassen durchaus aufmerken, vor allem mit Blick auf die Pra-
xis, wenn die Einstellung der allgemeinen, nicht organisierten Öffentlichkeit zur
weiteren Gestaltung eines Großprojektes eingeschätzt werden soll. Neben der
Frage, wie valide solche Einschätzungen dann sind, besteht die Gefahr der In-
strumentalisierung dieser.

Aktivitätsdimension

Unter Anwendung der neu konzipierten sechsstufigen Guttmanskala (1=keine


Aktivität, 6=hohe Aktivität, vgl. Kapitel 6.4.2.2112) zeigt sich bezüglich der ak-
teursbezogenen Aktivität eine wenig überraschende Verteilung der Häufigkeiten.
Rund 73 Prozent der Befragten (N=193) sind demnach sehr aktiv, lassen sich
also der höchsten Aktivitätsstufe 6 zuordnen sowie rund 9 bzw. 8 Prozent den
Stufen 5 bzw. 4. Auf die verbleibenden Stufen 3 und 2 entfallen jeweils 3,6 Pro-
zent, auf Stufe 1 und damit auf die Ausprägung „keine Aktivität“ entfallen 3,1
Prozent. Im Durschnitt zeigen die Akteure insgesamt eine hohe Aktivität von
M=5,35 (SD=1,29; N=193)113. Bei Betrachtung der verschiedenen Akteursgrup-
pen (vgl. Abbildung I im Anhang) zeichnet sich ein differenziertes Bild ab. Ver-
treter der Wirtschaft und der Organisations- und Baubranche fallen hierbei durch

112 Aus methodischen Gründen wurde die Skala von ursprünglich 0-5 auf 1-6 transformiert.
113 Aufgrund der grundsätzlichen Einstufung von Guttmanskalen als Ordinalskalen dürften hier
streng genommen nur Verfahren und Kennwerte zum Einsatz kommen, die für Ordinalskalen ge-
eignet sind. Zur besseren Vergleichbarkeit wird jedoch in der vorliegenden Arbeit von äquidistan-
ten Beziehungen der Skalenwerte dieser Skala ausgegangen und metrische Verfahren zum Einsatz
gebracht (vgl. auch die ausführlichen Begründungen diesbezüglich von Opp & Schmidt 1976).
194 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

den höchsten Mittelwert und die geringste Streuung, jedoch auch durch eine
geringe Fallzahl auf (M=6; SD=0,0, N=5). Projektträger/zentrale Akteure, Ver-
treter von Natur- und Umweltschutz, Initiativen, Politiker sowie Vertreter von
Forst- und Landwirtschaft sind ebenfalls hoch aktiv (M=5,50-5,90, SD=0,48-
1,01). Verhältnismäßig geringe Aktivitätswerte weisen die Vertreter von Behör-
den und Verwaltung (M=4,68; SD=1,67; N=22) sowie Sachverständige/Experten
(M=4,00, SD=2,35; N=5) und Medienvertreter auf (M=3,64; SD=1,56; N=22).
Zwischen privaten Projekten (M=5,31; SD=1,31; N=54) und Projekten mit Be-
teiligung der öffentlichen Hand (M=5,36; SD=1,29; N=139) besteht kein nen-
nenswerter Unterschied hinsichtlich der durchschnittlichen Aktivität (vgl. Abbil-
dung J im Anhang). Die Betrachtung der einzelnen Themenfelder zeigt ebenfalls
kaum Unterschiede auf, die Mittelwerte der Aktivität liegen zwischen M=5,12
(„Energie und Klima“, SD=1,47; N=42) und M=5,73 („Natur und Umwelt“,
SD=0,63; N=22, vgl. Abbildung K im Anhang).

Zusammenhang zwischen Zustimmung und Aktivität: Akzeptanzformen

Welche Zusammenhänge lassen sich nun zwischen individueller (bzw. auf die
Akteursgruppe bezogener) Zustimmung und Aktivität erkennen? Wie gestaltet
sich also die Akzeptanz der Akteure?
Die Darstellung der aus Übersichtsgründen zusammengefassten Zustim-
mungs- und Aktivitätswerte als zweidimensionales Streudiagramm mit Interpola-
tionslinie zeigt hohe Aktivitätswerte bei extrem hohen Zustimmungswerten (Zu-
stimmungsstärke 5 im Streudiagramm) wie auch bei extrem niedrigen Zustim-
mungswerten (Zustimmungsstärke 1). Niedrigere Aktivitätswerte sind hingegen
bei weniger extrem bis hin zu neutral/ambivalent ausgeprägter Zustimmung bzw.
Ablehnung (z.B. Zustimmungsstärke 3) zu erkennen. Für einen besseren Über-
blick wurde die 13-stufige Zustimmungsskala auf fünf Stufen zusammengefasst
und die sechsstufige Aktivitätsskala auf drei Stufen114.
Beim Vergleich der Aktivitätswerte bei niedriger Zustimmung (entspricht
Ablehnung, linke Hälfte der Abbildung) mit den Aktivitätswerten bei hoher
Zustimmung (rechte Hälfte der Abbildung) zeigt sich ein in den Grundzügen V-
förmiger Aufbau, der den Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten,
wie ihn das Modell von Liebecke et al. (2011)115 beschreibt, mit empirischen
Daten unterlegt und bestätigt. Der hier gewählte Ansatz der freien Kombination

114 Die ursprünglichen Ausprägungen der 13-stufigen Zustimmungsskala und der sechsstufigen
Aktivitätsskala wurden folgendermaßen zusammengefasst: Zustimmung: 1/2=1; 3/4/5=2;
6/7/8=3; 9/10/11=4; 12/13=5; Aktivität: 1/2=1; 3/4=2; 5/6=3.
115 Vgl. Kapitel 2.3.2.
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 195

jeder Zustimmungsstärke mit jeder Aktivitätsstärke erweist sich mit Blick auf die
Ausprägungen als hilfreich, um auch Akzeptanzformen außerhalb des V-
förmigen Aufbaus darstellen zu können. Der spiegelbare Aufbau eignet sich für
die genauere Ergründung des Zusammenhangs der beiden Variablen, denn um
den Zusammenhang zu quantifizieren, kann nun auf eine Korrelationsberech-
nung zurückgegriffen werden. Hierfür wird die Zustimmungsstärke in eine Ein-
stellungsstärke (Betrag der Zustimmungsstärke) umgewandelt. Letztere fokus-
siert nur auf die Höhe der Ausprägung, die Richtung der Ausprägung (pro oder
contra) wird jedoch außen vorgelassen. Entsprechend wurden die spiegelbaren
Ausprägungen der Zustimmungsstärke folgendermaßen zusammengefasst und
neu benannt: 13 und 1 der Zustimmungsstärke wurden zur Einstellungsstärke 7;
12 und 2 zu 6 usw., die 7 wurde zur 1. Zur übersichtlichen Visualisierung wurde
die Skala nochmals zusammengefasst, es ergibt sich nun das folgende Streudia-
gramm mit Interpolationslinie116.

Abbildung 30: Streudiagramm mit schrittweiser Interpolationslinie:


Kombinationen von Aktivität und Zustimmung
(zusammengefasste Ausprägungen). Die Anzahl der jeweiligen
Kombination findet sich in den Kästchen, N=194.

116 Die ursprünglichen Ausprägungen der 13-stufigen Zustimmungsskala und der sechsstufigen Akti-
vitätsskala wurden folgendermaßen zusammengefasst: Einstellungsstärke: 6/7/8=1; 3/4/5/9/10/
11=2; 1/2/12/13=3; Aktivität: 1/2=1; 3/4=2; 5/6=3. Die Berechnungen wurden auf Basis der 13-
stufigen Zustimmungsskala (bzw. siebenstufigen Skala der Einstellungsstärke) sowie der sechs-
stufigen Aktivitätsskala vorgenommen. Die zusammengefassten Ausprägungen dieser Abbildun-
gen dienen nur der visuellen Darstellung.
196 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Abbildung 31: Streudiagramm mit schrittweiser Interpolationslinie:


Kombinationen von Aktivität und Einstellungsstärke
(zusammengefasste Ausprägungen). Die Anzahl der jeweiligen
Kombination findet sich in den Kästchen, N=194.

Die berechnete Korrelation zeigt einen positiven Zusammenhang zwischen Ein-


stellungsstärke und Aktivitätsstärke (Kendalls-Tau b r=0,438; N=194): Je stärker
die Einstellung für oder gegen ein Projekt bei einem Akteur ausgeprägt ist, desto
tendenziell aktiver handelt der Akteur im Rahmen des Akzeptanzobjekts bzw.
seiner Prozesse117. Findet entsprechend der Auswertungen niedrige Zustimmung
(bzw. hohe Ablehnung) eines Projektes Begleitung durch entsprechendes, akti-
ves Handeln der Akteure bei Großprojekten, so entstehen soziale Konflikte, da
einem projektablehnend handelnden Akteur mindestens immer ein Projektträger
gegenübersteht, wodurch die zentralen Bedingungen für soziale Konflikte (kont-
räre Meinungen, soziales Handeln, zwei oder mehr Akteure) abgedeckt werden
(vgl. z.B. Anhut 2008; Bonacker & Imbusch 2010; Dahrendorf 1965).
Die Erkenntnis bezüglich der Gestaltung von Akzeptanz durch Einstellung
und Verhalten entspricht den Auffassungen anderer Ansätze (vgl. z.B. Sauer et al.
2005; Liebecke et al. 2011; London 1976), wonach im Grundsatz mit zunehmend
extremerer Einstellung im Hinblick auf ein Akzeptanzobjekt mit einem entspre-

117 Aufgrund der vergleichsweise niedrigen Aktivität, die Medienvertreter aufweisen (s.o. Aktivitäts-
stärke je Akteursgruppe), wurde vermutet, dass dieser positive Zusammenhang zwischen Einstel-
lung und Verhalten bei Medienvertretern weniger stark oder überhaupt nicht ausgeprägt ist. In Be-
tracht gezogen wurde beispielsweise eine mögliche (beruflich begründete) neutrale Haltung von
Journalisten bei gleichzeitig hoher (beruflicher) Aktivität. Die gesonderten Auswertungen zeigten
jedoch bei Journalisten einen ähnlich positiven Zusammenhang wie bei Nicht-Journalisten bzw.
wie bei der Gesamtauswertung.
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 197

chend aktiver werdenden Verhalten diesem Objekt einhergeht bzw. einhergehen


kann118.
Wird im vorliegenden Fall die Annahme zugrunde gelegt, dass unter be-
stimmten Umständen die individuelle Einstellung in gewissem Maß das indivi-
duelle Verhalten beeinflusst (vgl. z.B. Kroeber-Riel et al. 2011; Eagly & Chai-
ken 1993; Kim & Hunter 1993), so kann von einem Einfluss der Zustimmung
auf die Aktivität bei einem Großprojekt ausgegangen werden. Zur Analyse dies-
bezüglich wird ebenfalls auf die Einstellungsstärke (Betrag der Zustimmungs-
stärke) zurückgegriffen. Die diesbezüglich berechnete lineare Regression119
(Einschlussverfahren, N=194) zur Beschreibung des Einflusses der Einstellung
auf die Aktivität besitzt einen Erklärungswert von R²=0,212 bzw. R²korr=0,208;
damit können durch das Modell rund 21 Prozent der Streuung der Aktivität er-
klärt werden. Für den einzig aufgenommenen Prädiktor „Einstellungsstärke“
wird dabei ein Regressionskoeffizient von b=0,312 bzw. beta=0,46 ausgewiesen
wodurch sich insgesamt folgende Modellgleichung beschreiben lässt:
Individuelle Aktivität = 3,564 + 0,312 * Einstellungsstärke

7.1.3 Conclusion zur Großprojektlandschaft in Deutschland

Welche Antworten geben die Studienergebnisse nun auf die Frage nach der em-
pirischen Charakterisierung der Großprojektlandschaft in Deutschland? Die
identifizierten Projektarten der vier Themenbereiche „Mobilität und Verkehr“,
„Energie und Klima“, „Leben und Arbeiten“ sowie „Natur und Umwelt“ (mit
Land- und Forstwirtschaft) spiegeln weitestgehend die in anderen Studien be-
handelten Projektarten wider, vor allem hinsichtlich klassischer Infrastrukturpro-
jekte, Projekten zu erneuerbaren Energien sowie zu Naturschutzgroßgebieten
(vgl. z.B. Schweizer-Ries et al. 2010; Ruschkowski 2010; Benighaus et al. 2010;
Brettschneider 2015; Flachsbarth 2011). Gleichzeitig können jedoch auch beson-
dere bzw. neue Projektarten beispielsweise der Bau von Teststrecken oder Jus-
tizvollzugsanstalten identifiziert werden. Die Zahl der Projekte, die mit solider,
öffentlicher Akzeptanz einhergehen (rund 40 Prozent der Projekte), zeigt, dass
entgegen der allgemeinen, wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Fokussie-
rung auf konfliktbehaftetet Projekte, auch zahlreiche Projekte in Deutschland
ohne oder mit nur wenig Konflikt gestaltet werden können. Dass diese jedoch im
subjektiven Eindruck kaum existieren, könnte möglicherweise darauf zurückzu-

118 Nicht-freiwillige Verhaltensweisen werden hierbei nicht behandelt.


119 Sowohl bei der Aktivitäts- als auch bei der Zustimmungsskala wird von äquidistanten Beziehun-
gen der Skalenwerte ausgegangen, vgl. auch die obigen Hinweise in diesem Kapitel bzgl. der Ak-
tivitätsskala.
198 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

führen sein, dass sie aufgrund der geringeren Konflikthaltigkeit nicht in gleicher
Weise Eingang in überregionale bzw. bundesweite öffentliche Diskussionen oder
die Medienberichterstattung finden (vgl. hierzu Scheufele & Haas 2008). Die
Zahl der Projekte, die sich auf erneuerbare Energien, nachhaltige Mobilitätsfor-
men oder den Schutz von Umwelt und Natur beziehen, verleihen dem gesell-
schaftlichen Wunsch nach einer nachhaltigen Lebensweise (vgl. z.B. Rusch-
kowski 2010; Walz et al. 2013) Ausdruck, auch wenn aus unterschiedlichsten
Gründen nicht alle Projekte davon mit hoher Akzeptanz einhergehen.
Geografisch gesehen zeigen sich vor allem Süddeutschland mit Baden-
Württemberg und Bayern, das Rheinland und Berlin besonders projektstark. Berlin
zeichnet sich dabei durch besonders viele Projekte aus dem Bereich „Leben und
Arbeiten“ aus. Hinsichtlich der Meilensteine, die den Entstehungsprozess eines
Projektes sowie die Entwicklung der Projektakzeptanz zeitlich charakterisieren und
markieren, werden vor allem kommunikationsbezogene Ereignisse von den Akteu-
ren genannt, gefolgt von entwicklungsbezogenen Ereignissen. Die hierdurch defi-
nierte Stellung von Kommunikation unterstreicht die vielfach betonte Bedeutung
der Kommunikation als Ankerelement im Akzeptanzprozess von Großprojekten
bzw. die Sensibilität von Akzeptanz auf Kommunikation (vgl. z.B. Antalovsky
1993; Renn 1994; Brettschneider 2013b; Stransfeld 1993). Bezogen auf die Akzep-
tanz der Projekte stellen die Ereignisse bzw. Meilensteine häufig Wendepunkte
dar, an deren sich das bisherige Akzeptanzniveau spürbar ändert.
Mit Projektträgern/zentralen Akteuren, Initiativen/Bündnissen/Aktiven, Poli-
tikern, Natur- und Umweltschutzvertretern, Vertretern von Behörden/Verwaltung
sowie Medienvertretern engagieren sich themenfeldübergreifend bereits bekannte
Akteursarten bei Großprojekten (vgl. z.B. Gobert 2016; Boger et al. 2012; ferner
auch Schäfer & Keppler 2013). Ein großer Teil der Akteure verfügt hierbei über
eine stark ausgeprägte positive oder negative Einstellung zum jeweiligen Projekt
oder positioniert sich bewusst (annähernd) neutral (z.B. Medienvertreter, interve-
nierende Dritte, Politiker). Dies steht im Gegensatz zu den auf die allgemeine Öf-
fentlichkeit bezogenen Einschätzungen, dass Jene, die sich (annähernd) neutral
positionieren, dies aus Gründen mangelnden Interesses oder sozialer Erwünschtheit
tun (vgl. Rentsch 1988; Liebecke et al. 2011). Die stark projektzustimmenden
Haltungen der Projektträger/zentralen Akteure, der Vertreter von Planung/Orga-
nisation/Bau sowie der Vertreter von Wirtschaft/Handel/Gewerbe erstaunen wenig,
da diese Gruppen meist bei der Umsetzung von Projekten involviert sind oder
davon in direkter Weise profitieren (vgl. hierzu auch die unten folgenden Erkennt-
nisse zu Kosten und Nutzen). Ebenso wenig überraschend fällt die im Durchschnitt
ablehnende Haltung von Initiativen und Bündnissen aus, da deren Engagement oft
als eine Art Gegengewicht zur Position des Projektträgers gesehen wird (vgl. Ap-
pel 2012).
7.1 Großprojekte in Deutschland – ein Überblick 199

Die empirische Betrachtung der Akzeptanzdimensionen Einstellung (Zu-


stimmung) und Verhalten (Aktivität) und ihrer Zusammenhänge bei den Akteuren
von Großprojekten konkretisiert den Gedanken des prinzipiellen Zusammenhangs
zwischen Einstellung und Verhalten bzw. die verhaltensprägende Wirkung von
Einstellungen (vgl. Kroeber-Riel et al. 2011; Eagly & Chaiken 1993; Kim & Hun-
ter 1993; Knoll 2015). Im vorliegenden Kontext zeigen die Analysen, dass die
Dimensionen miteinander moderat korrelieren (Kendalls-Tau b r=0,438; N=194)
und sich die Aktivitätsstärke zu einem gewissen Maß durch die Einstellungsstärke
(Betrag der Zustimmungsstärke) erklären lässt (R²=0,212 bzw. R²korr=0,208;
N=194; Individuelle Aktivität = 3,564 + 0,312 * Einstellungsstärke).
Das Korrelations- wie auch das Regressionsmodell dienen hierbei weniger
der festen Bestimmung einzelner Zahlenwerte. Statt einer beweisenden geht es
vielmehr um eine hinweisende Auswertung der vorhandenen Daten, weshalb
teilweise vereinfachende Transformationen (z.B. bezüglich der Skalen) vorge-
nommen wurden. Trotz des nur mäßig hohen Erklärungswertes der Regression
von R²=0,212 bzw. R²korr=0,208 ist zu beobachten, dass sich die Verhaltensstärke
der Akteure in gewissem Maß durch deren Einstellung beschreiben lässt. Mit
Blick hierauf wird deshalb in den folgenden Analysen vor allem die Einstellung
bzw. die Zustimmungsstärke der Akteure im Mittelpunkt stehen, da sich das
Verhalten bzw. die Aktivität hieraus zumindest in Teilen erschließen ließe.

Abbildung 32: Das empirische Verhältnis von Zustimmung (Einstellung) und


Aktivität (Verhalten) bei Großprojekten; zweidimensionales
Modell der Akzeptanz von Großprojekten
200 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von


Großprojekten

Die im vorigen Kapitel aufgezeigten Formen der Akzeptanz von Großprojekten


machen neugierig auf die Frage, welche der zahlreichen Faktoren, die seitens ver-
schiedener Forschungsdisziplinen in den Raum gestellt werden, als Determinanten
der Akzeptanz fungieren bzw. die aufgezeigten Formen der Akzeptanz bedingen.
Nachfolgende Ausführungen erörtern die empirische Bedeutung verschie-
dener Faktoren bzw. Faktorengruppen, unterteilt in Anlehnung an das in Kapitel
3.1 vorgestellte fünfteilige Konzept (vgl. Schmalz 2013) in die Bereiche Pro-
jekteigenschaften, Akteure, Prozesse, Kommunikation sowie Staat und Gesell-
schaft. Zur Beschreibung der Zusammenhänge zwischen der abhängigen Variab-
len Zustimmung und den potentiellen Akzeptanzfaktoren (unabhängige Variab-
len) wurde aufgrund der besonderen Eignung hierfür maßgeblich auf (lineare)
multiple Regressionsanalysen zurückgegriffen, wenn konkrete Wirkungsrichtun-
gen zwischen den Variablen angegeben werden konnten (vgl. Backhaus et al.
2011). Die Projektträger wurden bei allen Analysen ausgeschlossen, da bei ihnen
eine, weitestgehend von den beschriebenen Faktoren unabhängige Zustimmung
angenommen wird. Ergänzt werden diese quantitativen Analyseergebnisse aus
Studie S2 durch qualitative Ergebnisse aus Studie S3.

7.2.1 Einflüsse mit Bezug zu Projekteigenschaften

Faktoren, die den direkten Eigenschaften eines Projekts zuzurechnen sind, um-
fassen vor allem Fragen der Projektart bzw. der Technologie, des Projektstand-
orts sowie mit dem Projekt einhergehende Veränderungen.
Die Vorabüberprüfung diesbezüglich in Betracht gezogener Einflussfakto-
ren ergab sechs Faktoren, die in das multiple Regressionsverfahren aufgenom-
men wurden: Ausmaß der Gemeinwohlorientierung des Projekts, die Transpa-
renz von Kosten (vor allem jenen, die für die Öffentlichkeit entstehen), Nut-
zungskonkurrenzen um die vorgesehene Fläche, vom Projekt ausgehende Risi-
ken sowie die Ablehnung bzw. Bevorzugung der Projekteinrichtung am vorgese-
henen Standort. Die spezifisch standortbezogene Ablehnung kann dabei als ein
Aspekt des sogenannten NIMBY-Phänomens (Not In My Backyard) oder Sankt-
Florian-Prinzips verstanden werden, wonach ein Projekt vor allem deswegen
abgelehnt wird, weil es aus Sicht des Bewertenden aufgrund örtlicher Nähe per-
sönliche Räume und damit seine eigene Lebensqualität verletzt. Die Belastung
anderer Personen durch Positionierung an einem anderen Standort wird dabei in
Kauf genommen (vgl. u.a. Vatter & Heidelberger 2012; Brettschneider 2013c).
Das Gegenstück hierzu stellt die persönliche Wahrnehmung erhöhter Lebensqua-
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 201

lität durch ein Projekt in räumlicher Nähe dar: YIMBY (Yes In My Backyard,
vgl. z.B. Vatter & Heidelberger 2012). Auch dieser Aspekt wurde in das Modell
aufgenommen. Bei Faktoren wie dem sogenannten NIABY (Not In Anyone’s
Backyard), also eine Ablehnung des Projekts prinzipiell, egal an welchem
Standort bzw. seinem Gegenstück hierzu, wonach das Projekt an jedem Standort
begrüßt wird (vgl. Kullmann 2012), dem Einfluss von Verbindungen zu anderen
Großprojekten (vgl. Schweizer-Ries et al. 2010) sowie die Frage, inwiefern das
Projekt emanzipiert im Lichte der Öffentlichkeit steht und wieviel diese darüber
weiß (vgl. Ohlhorst & Schön 2010), zeigte sich auf Basis der vorliegenden Daten
kein eindeutiger Zusammenhang mit der individuellen Zustimmung der Akteure.
Bezüglich der letztgenannten Faktoren ist hierbei auch die verzerrte Wahrneh-
mung der Akteure in Bezug auf Einflüsse, welche die Öffentlichkeit betreffen,
als Grund in Betracht zu ziehen (vgl. hierzu Kapitel 7.1.2). Diese Faktoren wur-
den deshalb nicht in das Regressionsmodell aufgenommen.

Abbildung 33: Ausgewählte, den Projekteigenschaften zuzurechnende Einflüsse


auf die individuelle Zustimmung von Akteuren, berechnet durch
die multiple Regressionsanalyse120, N=93
Regressoren b beta
Gemeinwohlorientierung 0,273 0,133
Transparenz der Kosten für die Öffentlichkeit 0,236 0,103
Unterschiedliche/Andere Nutzungs-oder Verwendungs-
-0,292 -0,123
interessen des vorgesehenen Standorts.
Ablehnung des vorgesehenen Standorts -0,624 -0,340
Präferenz des vorgesehenen Standorts 0,694 0,349

Die Regressionsanalyse (Einschlussverfahren, N=93) zur Erklärung der indivi-


duellen Zustimmung anhand der individuellen Einschätzung von Projekteigen-
schaften durch die Akteure zeigt einen positiven Einfluss der Regressoren „Ge-
meinwohlorientierung“ und „Kostentransparenz“ sowie einen starken positiven
Einfluss der „Präferenz des vorgesehenen Standorts“. Steigen diese Aspekte aus
Sicht der Bewertenden durch das Projekt an, so fördert dies eine Steigerung der
individuellen Zustimmung, vor allem die persönliche „Präferenz des vorgesehe-
nen Standorts“ scheint hierbei bedeutsam (b=0,694). Ähnlich bedeutsam, jedoch
in negativer Form, präsentieren sich die „Ablehnung des vorgesehenen Stand-

120 Der Regressionskoeffizient zu „Vom Projekt ausgehendes Risiko“ zeigt einen kaum merklichen
Einfluss (b<0,1) und wird aus Gründen der Übersichtlichkeit deshalb in der Abbildung nicht auf-
geführt.
202 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

orts“ (b=-0,624) sowie weitaus weniger gewichtig „konkurrierende Nutzungsin-


teressen“ (b=-0,292). Eine wahrgenommene Zunahme dieser Faktoren begünstigt
eine Abnahme der individuellen Zustimmung. Insgesamt besitzt das Modell mit
R²=0,756 bzw. R²korr=0,739 einen soliden Erklärungswert von knapp 76 Prozent.
Zu den Aspekten des NIMBY-Phänomens bzw. des Sankt-Florian-Prinzips
wird neben der subjektiv bestimmten Betroffenheit des persönlichen Raumes in
Form der oben beschriebenen Standortablehnung auch die Messung der direkten
Entfernung zum Projekt (Luftlinie) als objektiverer Indikator angewendet. Wäh-
rend Ergebnisse anderer Studien darauf hindeuten, dass mit (objektiv bestimm-
ter) zunehmender Entfernung zum Projekt die Zustimmung in der Bevölkerung
zunimmt (vgl. z.B. Vatter & Heidelberger 2012), lässt sich dieser Zusammen-
hang in Bezug auf organisierte Akteure anhand der vorliegenden Stichprobe
nicht feststellen. Berechnete Korrelationen zeigen keinen Zusammenhang zwi-
schen der individuellen Zustimmung der organisierten Akteure und deren Dis-
tanz zum Projekt (Kendalls-Tau b r=0,01; N=110). Dies lässt sich möglicher-
weise anhand einer starken Prägung des akteursgruppenspezifischen Standpunkts
durch inhaltliche bzw. fachliche Argumente und der davon unabhängigen Entfer-
nung des Gruppensitzes erklären. Zudem sind bei bereits verfassten Akteurs-
gruppen (z.B. Umwelt- und Naturschutzverbände oder Wirtschaftsvertreter)
grundsätzliche Positionen oder Argumentationen meist durch den Grundgedan-
ken der Organisation vorangelegt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Zusam-
menhang zwischen Zustimmung und Distanz auf Ebene der allgemeinen, nicht
organisierten Öffentlichkeit nicht vorhanden sein kann. Für diese Überprüfung
wären allerdings (repräsentative) Bevölkerungsumfragen notwendig gewesen121.
Inhaltlich eng mit einem konkreten Großprojekt verbunden ist die Technolo-
gie, die dem Projekt zugrunde liegt: Eigenschaften oder Assoziationen, die mit der
Technologie verknüpft werden, wirken sich auch auf die Bewertung eines konkre-
ten Projektes aus und umgekehrt, so der Gedanke (vgl. z.B. Umbach 2011:159;
Schweizer-Ries et al. 2010:93ff.; Blinkert 2015:82ff.). Die auf Basis der vorliegen-
den Daten durchgeführte Analyse über verschiedene Projektarten hinweg bestätigt
diesen Zusammenhang: Die Zustimmung zum jeweiligen (konkreten) Projekt
korreliert hoch mit der Zustimmung zur zugrundeliegenden Technologie (Ken-
dalls-Tau b r=0,682; N=110). Dies bedeutet zugleich, dass die Akzeptanz bzw.
Nicht-Akzeptanz eines konkreten Projektes in gewissem Maß durch die Zustim-
mung bzw. Ablehnung der zugrundeliegenden Technologie begründet werden
kann und umgekehrt.

121 Diese Vorgehensweise wendet beispielsweise Blinkert (2015) in seiner Fallstudie über den
Nationalpark Schwarzwald an, hier zeigen sich allerdings ebenfalls differente Ergebnisse hin-
sichtlich des Zusammenhangs zwischen dem Faktor Entfernung und der Aufmerksamkeit und
Bewertung des Projekts.
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 203

Auch in den Interviews122 weisen Kritiker, Projektträger und neutrale Ak-


teure explizit auf die Bedeutung der zugrundeliegenden Technologie bzw.
Grundidee hin. Wird diese als negativ eingestuft, ihr ein schlechtes Image oder
Risiko nachgesagt, so wirkt sich dies auch aus Sicht der Gesprächspartner auf die
Bewertung eines spezifischen Projektes aus. Verfügt die Technologie jedoch
bereits über eine Tradition vor Ort, besteht also ein ähnliches Projekt bereits seit
Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, so kann dies, trotz Nachteilen oder Gefahren die
Akzeptanz eines Projektes fördern (PT, N)123. Ähnliches beschreibt auch Funke
(2016:37f.) in Bezug auf die Akzeptanz von Windkraftanlagen.
Einen weiteren zentralen Einfluss auf die Akzeptanz eines Projektes sehen
die Gesprächspartner im Zuge ihrer Reflektionen in der Klärung der Bedarfsfra-
ge. Der Idee eines Großprojektes geht in den meisten Fällen ein Problem oder
ein Bedarf voraus. Es gilt also die Frage nach der prinzipiellen Notwendigkeit
eines Projektes zu stellen und hierbei zu klären, ob und inwieweit ein solches
Projekt Lösung für den identifizierten Bedarf oder das Problem sein kann oder
ob nicht eine andere Handlung bzw. ein anderes Projekt der Lösung näher führt
(PT, K). Werden diese Fragen im Sinne von Grundsatzdialogen offen diskutiert,
so trägt dies zu positiven Entwicklung eines Prozesses bei (PT), bleibt dieser
Dialog jedoch aus und entsteht das Gefühl der Absurdität eines solchen Projektes
in der Öffentlichkeit, so besteht die Gefahr eines Konflikts (K). Gleiches droht
dann, wenn durch die Realisierung des Projekts andere Projekte in ihrer Umset-
zung oder dem Betrieb gefährdet sind, entweder durch Substitution der Leistung
oder Nutzung der eigentlich für andere Projekte angedachten Ressourcen (PT).
Diesen Aspekt führen beispielsweise auch Irvin & Stransbury (2004) an.
Trotz der Sogwirkung der zugrundeliegenden Technologie wird der fachli-
chen Ausgestaltung eines spezifischen Projekts ein nicht zu unterschätzender
Einfluss zugeschrieben. Die Gestaltung eines Projekts entgegen verbreiteter
fachlicher Erkenntnisse oder auf Basis unausgewogener Begründungen (PT, K)
schmälert das Maß an Akzeptanz ebenso wie die Identifizierung fragwürdiger
Prozesse (z.B. spezifische Vorgehensweisen, K) oder die Feststellung eklatanter
fachlicher wie auch finanzieller Mängel (PT).
Fragen der Standwortwahl, wie sie bereits Eingang in die obige Regression
gefunden haben, werden auch von den Gesprächspartnern thematisiert. Die hier
wirkenden Faktoren gestalten sich äußerst komplex: Einerseits wirkt es sich
akzeptanzfördernd aus, wenn ein vorgesehenes Projekt eine Lücke füllt, sowohl
im räumlichen als auch im gesellschaftlichen Sinne. Dies ist beispielsweise bei
der Nutzung von Konversionsflächen der Fall oder durch die Übernahme von

122 Diese und nachfolgende Ergebnisse entstammen Studie S3.


123 Aussagen von Projektträgern werden durch die Abkürzung „PT“, von Neutralen durch „N“ und
von Kritikern durch „K“ gekennzeichnet.
204 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

gesellschaftlichen Aufgaben durch das Projekt bzw. den Projektträger (PT), die
zuvor von einem anderen Träger übernommen wurden (z.B. als großer Arbeitge-
ber). Gibt es am vorgesehenen Standort jedoch Nutzungskonkurrenzen (z.B. mit
Landwirtschaft oder Naturschutz) oder kann von einem Flächenverbrauch ge-
sprochen werden, so wirkt sich dies konfliktfördernd aus. Gleiches gilt dann,
wenn die Fläche traditionell einer anderen Nutzung zugeschrieben wurde (PT,
vgl. hierzu auch Granoszewski & Spiller 2012a). Diese Form der Nutzung muss
dabei keinesfalls legaler Art und Weise sein. Es reicht bereits aus, wenn sie über
Jahre hinweg öffentlich so ausgeübt wurde, z.B. bei „quasi autonomer“ Nutzung
einer eigentlich privaten Fläche durch die Öffentlichkeit (PT).
Neben Aspekten vergangener Standortnutzung spielt auch die Zukunftsfähig-
keit eines Standortes eine Rolle. Die Platzierung eines Projektes wird durch die
Öffentlichkeit meist kritisch geprüft (PT). Kompliziert wird es dann, wenn die
Öffentlichkeit einen Standort favorisiert, der aus fachlicher Sicht nicht geeignet ist
(PT) oder einem Projekt nirgendwo einen Standort im Suchgebiet zugesteht, sei es
aufgrund der Wahrnehmung, dass das Projekt (kulturell) gesehen nicht in die Um-
gebung passt oder weil eine räumliche Nähe zum Projekt aus ganz subjektiver
Sicht abgelehnt wird (Stichwort NIMBY). Hiermit in Verbindung stehen oftmals
optische Aspekte des Projekts und Veränderungen des Stadt- und Landschaftsbil-
des (PT, N). Vor allem Sichtbeziehungen zum Projekt (PT, K, N) und die Ein-
schätzung, dass ein Projekt optisch besonders wenig reizvoll ist (P) sowie die prin-
zipielle Positionierung technischer bzw. technisch anmutender Projekte in touris-
tisch geprägten Regionen (K) erweisen sich als wenig akzeptanzfördernd. Wobei
hier zugleich von neutralen Gesprächspartnern die Frage in den Raum gestellt
wird, bis zu welchem Grad subjektives, optisches Empfinden legitimer Grund einer
Ablehnung sein darf. Der Aspekt der optisch begründeten Ablehnung geht eng mit
einer wahrgenommenen Einschränkung individueller Lebensqualität einher (N)
bzw. insgesamt befürchteten (gesundheitlichen) Risiken, z.B. durch Lärmbelastung
(PT, K). Diese kann beispielsweise durch vermehrten Verkehr entstehen; Ver-
kehrsbelastungen werden Projekten grundsätzlich negativ angerechnet (PT, K).
Besteht jedoch die Möglichkeit einer verbesserten Verkehrsanbindung der Region
durch ein Projekt oder einer Verbesserung der Verkehrssicherheit, so schlägt dies
positiv zu Buche (PT). Diese Erkenntnisse bezüglich visueller, auditiver sowie
olfaktorischer Auswirkungen eines Projektes stützen die anhand von vorhergehen-
den (Fall)Studien aufgezeigte Bedeutung (vgl. z.B. Schäfer & Keppler 2013;
Schreck 1998; Funke 2017) auf direkte Weise.
Neben verkehrsbezogenen Modifikationen werden mit Blick auf die Lebens-
qualität auch die Veränderung von Haus oder Wohnung sowie des Wohnumfeldes
bedeutsam. Während städtebauliche Projekte teilweise durch die Schaffung von
Wohnraum auf Zustimmung stoßen (PT), werden insgesamt eher Einschränkungen
der Wohnqualität durch Großprojekte befürchtet (K), beispielsweise durch eine
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 205

Veränderung der Zusammensetzung der Personen, die sich im Bereich des Projek-
tes aufhalten werden, steigende Mieten bis zur Angst des Wohnraumverlustes oder
einem insgesamt verdichteten Wohnraum sowie damit einhergehenden Folgen
(z.B. Parkplatznot) (PT). Ebenso negativ wirken sich (befürchtete) Wertminderun-
gen von (Wohn)Eigentum (N), insbesondere aber sämtliche Formen der Enteig-
nung aus (K). Dabei kann es durchaus auch zum Dilemma zwischen verschiedenen
Schutzgütern kommen, z.B. wenn entweder Mensch oder Natur auf besondere
Weise im Rahmen der Projektverwirklichung geschützt werden können. Ob
Mensch vs. Natur oder Natur vs. Umwelt – jedes Dilemma birgt die Gefahr eines
Konflikts (PT). Nicht auszuschließen ist dabei, dass der Projektträger zwischen die
Fronten unterschiedlicher Lobbygruppen gerät, die für ihr Schutzgut agieren (PT).
Die Berührung von Natur- und Umweltbereichen wird insgesamt von den Ge-
sprächspartnern als zentraler Einflussfaktor wahrgenommen (PT, K, N), vor allem
wenn spezifische Naturschutzgebiete (PT) oder auch Frischluft- oder Erholungsge-
biete sowie die natürliche Wasserversorgung betroffen sein könnten (PT, K) – hier
steht schnell der Vorwurf der „Vernichtung von Grün“ im Raum(PT).
Trotz aller Sorgen um Natur und Umwelt stehen auch wirtschaftliche und
finanzielle Aspekte von Großprojekten im Fokus bei der Bewertung solcher
Projekte. Hoffnungen auf neue oder erhaltene Arbeitsplätze vor Ort (PT), ein
prosperierendes Umfeld für neuen und bestehenden, lokalen Handel und Gewer-
be (z.B. durch eine verbesserte Auftragslage für die Gewerbetreibenden; PT)
schaffen eine optimistische Basis für einen Großprojektprozess. Auch die Betei-
ligung der Bürgerschaft an einem Projekterfolg (z.B. über eine Bürgergenossen-
schaft) oder der Möglichkeit der Produktnutzung (beispielsweise lokal erzeugter
Energie; PT) fördern die Findung einer gemeinsamen Lösung. Gleiches gilt bei
Entstehung eines Mehrwerts für die betroffene(n) Gemeinde(n), z.B. in Form
steigender Steuereinnahmen oder freiwillig gezahlter Ausgleichsmaßnahmen
(PT). Dabei werden zwei Bedingungen gesetzt: Zum einen wird erwartet, dass
sämtliche öffentliche Gelder, die zur Projektunterstützung aufgewendet werden
oder durch ein Projekt eingehen, sorgsam und verantwortungsvoll verwaltet
werden (PT). Gerade bei öffentlichen Projektträgern trägt die wahrgenommene
Verschleuderung von Steuergeldern oder der sinnentleerte Umgang zur Akzep-
tanzverweigerung bei. Problematisch wird es bei potentiellen oder im Nach-
hinein aufkommenden Kostensteigerungen, da hier die Frage aufkommt, wie
diese entstehen könnten/bzw. entstanden sind. Zudem besteht die Gefahr, dass
vorher zugestandene Akzeptanz in Folge der Kostensteigerung wieder zurückge-
nommen wird, mit der Begründung, dass diese Zustimmung unter anderen, kos-
tengünstigeren bzw. belastungsärmeren Bedingungen zustande kam (PT, K).
Zum anderen darf ein öffentlicher Benefit nicht zu Lasten von Betroffenen
gehen, diese müssen angemessen entschädigt werden (K, PT). In vielen Fällen
wurden jedoch trotz finanzieller Entschädigung weitreichende, darauf zurückge-
206 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

hende Konflikte wahrgenommen, wodurch angenommen werden kann, dass finan-


zielle Entschädigungen notwendige, jedoch nicht hinreichende Formen der Ent-
schädigung für die entstehenden Einbußen darstellen (PT, K, N). Auf Basis dieser
Einschätzungen kann die Bedeutung von finanziellen Aspekten (Ausgleich, Teil-
habe), wie sie von einigen Autoren hervorgehoben wird (vgl. z.B. Schweizer-Ries
et al. 2010; Funke 2017, 2016; C.A.R.M.E.N 2014; RWE 2012), nicht bestätigt
werden. Der direkte Vergleich von Kosten- und Nutzenaspekten insgesamt (vgl.
Kapitel 7.3) scheint bezüglich dieser Frage aufschlussreicher zu sein. Hierauf wei-
sen auch andere Indizien hin: Die im Rahmen der obigen Regression aufgezeigte
Bedeutung der Gemeinwohlorientierung eines Projektes findet zugleich Bestäti-
gung durch die Aussagen der Gesprächspartner, die das Nutzenausmaß für die
Allgemeinheit hervorheben (PT, K, N), zugleich deckt sich dies mit den Erkennt-
nissen von Pietzner & Schumann (2012). Gestaltet sich dieser Nutzen als zu abs-
trakt, bleibt er unklar, komplex oder komplett aus oder besteht öffentlicher Dissens
darüber, ob die Effekte überhaupt als Nutzen einzustufen sind, so wird diesbezüg-
lich die öffentliche Projektunterstützung eher unwahrscheinlich (PT, K, N). Glei-
ches gilt dann, wenn zwar Nutzen deutlich wird, dieser jedoch eher der Bedienung
von Individualinteressen Einzelner (Projektgegner eingeschlossen) statt der Allge-
meinheit dient, diese jedoch die Schäden bzw. negativen Effekte tragen muss (PT,
K). Auch eine räumlich mangelhafte Gemeinwohlorientierung wirkt akzeptanz-
mindernd, beispielsweise dann, wenn negative Effekte nur lokal oder regional
auftreten, die positiven Effekte eines Projektes jedoch darüber hinaus wirken (K).
Insgesamt muss das Gesamtpaket, das mit einem Projekt einhergeht, stimmen:
Vorteile und Nachteile eines Projekts müssen gerecht verteilt werden, wobei die
Vorteile des Projektes für die Öffentlichkeit überwiegen sollten (PT, K). Neben
Bedeutung des erwähnten Kosten-Nutzen-Verhältnisses weisen diese Reflektionen
auch auf die Relevanz von Gerechtigkeit hin.

7.2.2 Akteursbezogene Einflüsse

Der Bereich der akteursbezogenen Einflüsse umfasst individuelle Eigenschaften


der Projektakteure, z.B. deren fachliche Kompetenzen wie auch überindividuelle
Eigenschaften, z.B. soziale Handlungsweisen oder Formen der Netzwerkbildung.
Die Akteure nehmen als Akzeptanz- bzw. Konfliktsubjekte bei Großprojektpro-
zessen eine zentrale Rolle ein, da ihre Wahrnehmungen, Bewertungen und (sozi-
ale) Handlungen Dreh- und Angelpunkt der Projekt- bzw. Prozessentwicklung
sind (vgl. Lucke 1995). Die Untersuchung des Einflusses akteursbezogener Fak-
toren auf die individuelle (bzw. gruppenbezogene) Zustimmung zählt deshalb zu
den zentralen Analysen. Kapitel 3 zeigt nur einen Bruchteil potentieller Einfluss-
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 207

größen auf und doch kristallisiert sich hier bereits eine stattliche Anzahl heraus.
Durch Selektion der zentralsten Einflussfaktoren auf Basis des aktuellen For-
schungsstands wurde deshalb die Vielzahl der potentiellen Faktoren auf ein für
die Regressionsanalyse bei den vorliegenden Fallzahlen geeignetes Maß redu-
ziert. In diesem Zusammenhang wurden auch jene Faktoren aus dem Regressi-
onsmodell ausgeschlossen, die keine (oder keine linearen) Zusammenhänge mit
dem Regressand erkennen ließen, beispielsweise Fragen des Ansehens bzw.
Images der Akteure und des Vertrauens, das beteiligte Politiker und der bzw. die
Projektträger in der allgemeinen Öffentlichkeit genießen124. Aus den gleichen
Gründen wurde der Umgangsstil der Akteure untereinander sowie die spezifi-
sche, fachliche Kompetenz der Befürworter ausgeschlossen.
Nach linearer Regression der individuellen Zustimmung auf die verbleiben-
den Prädiktoren (Einschlussverfahren, N=87) ergibt sich für das entstehende
Modell ein Bestimmtheitsmaß von R²=0,685 bzw. R²korr=0,653, was einem
Erklärungswert von rund 69 Prozent entspricht. Dieser Wert ist damit etwas
geringer als Erklärungswert, der durch Regression der obigen Projekteigenschaf-
ten beschrieben werden kann.

Abbildung 34: Ausgewählte, den Akteurseigenschaften zuzurechnende


Einflüsse auf die individuelle Zustimmung von Akteuren,
berechnet durch die multiple Regressionsanalyse125, N=87

Regressoren b beta
Kontaktpflege/Netzwerkbildung mit anderen Akteuren des
-0,228 -0,085
Projekts
Vollständigkeit des Akteursportfolios 0,471 0,191
Vertrauen zwischen den Projektakteuren 0,181 0,066
Empathievermögen der Kritiker -0,357 -0,110
Empathievermögen der Befürworter 0,859 0,290
Fachliche Kompetenz der Kritiker -0,785 -0,250
Kooperationsbereitschaft des Projektträgers 0,638 0,296

124 Bezüglich dieses Aspekts der Einschätzung von Sichtweisen der Öffentlichkeit sollten die
Verzerrungen, die bei Akteuren in diesem Rahmen entstehen können, beachtet werden, vgl.
hierzu die Ausführungen in Kapitel 7.1.2.2.
125 Der Regressionskoeffizient zu „Kontaktpflege/Netzwerkbildung mit Akteuren anderer Projek-
te“ zeigt einen kaum merklichen Einfluss (b<0,1) und wird aus Gründen der Übersichtlichkeit
deshalb in der Abbildung nicht aufgeführt.
208 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Einen positiven Einfluss auf das Maß an Zustimmung zu einem Projekt weisen die
„Vollständigkeit des Akteursportfolios“, das gegenseitige „Vertrauen zwischen den
Akteuren“ sowie das „Empathievermögen der Befürworter“ und die „Kooperati-
onsbereitschaft des Projektträgers“ auf. Haben die Akteure also den Eindruck, dass
alle diejenigen, die an einem Prozess beteiligt werden sollten, auch tatsächlich
beteiligt sind, fördert dies die Zustimmung (b=0,471). Während sich bezüglich des
Vertrauens in politische Akteure und den Projektträger keine Entwicklung zeigte
(weshalb der Faktor ausgeschlossen wurde), so zeigt sich hinsichtlich des Vertrau-
ens zwischen den Akteuren durchaus ein positiver, wenn auch nur geringer Ein-
fluss auf die Zustimmung (b=0,181). Verhältnismäßig hoch fallen hingegen die
Regressionskoeffizienten der „Kooperationsbereitschaft des Projektträgers“
(b=0,638) sowie des „Empathiervermögens der Befürworter“ (b=0,859) aus, letzte-
res nimmt insgesamt den vergleichsweise größten Einfluss im Modell.
Der größte negative Einfluss auf die Zustimmung zu einem Projekt wird hin-
gegen der „fachlichen Kompetenz der Kritiker“ zugeschrieben (b=-0,785). Werden
die Kritiker eines Projekts als fachlich kompetent eingeschätzt, so mindert dies die
Zustimmung zum Projekt. Gleiches, wenn auch in schwächerem Maße, gilt für das
„Empathievermögen der Kritiker“ (b=-0,357). Insgesamt bestätigen diese Ergeb-
nisse weitestgehend die Erkenntnisse anderer Autoren, die in Kapitel 3.1.2 aufge-
führt wurden (vgl. u.a. Schweizer-Ries et al. 2010; Hüsing et al. 2002; Schäfer &
Keppler 2013; Weidner 1996; Renn 1998; Troja 2001). Die Rolle von Empathie-
vermögen, Fachkompetenz oder Kooperationsbereitschaft scheint dabei auf den
ersten Blick wenig erstaunlich, da diese als Eigenschaften eines Kommunikators
für die Wahrnehmung und Wirkung seiner Botschaft ähnlich bedeutsam sein kön-
nen wie die Botschaft selbst (vgl. z.B. Schenk 2004; Hovland et al. 1953). Mit
Blick auf die Folgen, die sich hierdurch jedoch für die Genese von Akzeptanz und
Konflikt durch eine persuasive Wirkung der Faktoren ergeben können, erlangen
diese Faktoren eine ganz neue Bedeutung. Wer sich kompetent, zugänglich und
empathisch zeigt, hat demnach größere Chancen auch Andere entsprechend zu
beeinflussen. Vor allem aber unterstützt jedes einzeln beeinflusste Individuum die
Chance, das Maß von Akzeptanz oder Konflikt bei einem Projekt insgesamt zu
beeinflussen, indem dadurch die Zahl derer, die dann jene Einstellung teilen, steigt.
Hinsichtlich der Kontakt- und Netzwerkpflege zeigen sich nur schwache
Auswirkungen: Pflegen die Akteure einen engen Kontakt zu anderen Akteuren des
Projekts, so führt dies zu weniger Zustimmung (b=-0,228). Da sich dieser Faktor
jedoch auf eine Selbsteinschätzung der eigenen Kontaktpflege bezieht, ist weniger
davon auszugehen, dass Kontaktpflege per se der Zustimmung schadet, sondern
eher, dass vor allem Kritiker (jene, die über eine geringe Zustimmung verfügen)
netzwerken und deswegen hier mit zunehmender Vernetzung eine geringere Zu-
stimmung einhergeht.
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 209

Die Ergebnisse der qualitativen Studie stützen und erweitern obige Erkennt-
nisse. Der Projektträger als zentraler Akteur wird hierbei nicht nur hinsichtlich
seiner Kooperationsbereitschaft wahrgenommen, sondern auch im Hinblick auf im
Rahmen des Projektträgers agierende Personen (Projektleiter etc.). Ein öffentlich
umstrittener Projektleiter wirkt ebenso akzeptanzmindernd (PT)126 wie ein positi-
ver Projektleiter akzeptanzfördernd wirken kann, der selbst und mit dem Projekt
als Teil des gesellschaftlichen Lebens agiert (PT, N). Ein positives Ansehen in der
Gesellschaft kann insgesamt hilfreich sein, ist jedoch keinesfalls Garant für Akzep-
tanz (PT, K, N). Aber nicht nur der Projektträger, sondern auch Eigenschaften
anderer Akteure, vor allem die von Verbänden und Initiativen, beeinflussen den
Prozess. Grundsätzlich wird der „großen Klaviatur, sich mitzuteilen“ sowie dem
starken Mobilisierungs- und Kommunikationspotential dieser Gruppen (PT) ein
deutlicher Einfluss auf Großprojektprozesse zugesprochen. Hinzu kommt, dass
bereits bestehende Gruppen ein Projekt teilweise als Thema aufgreifen und im
Sinne ihrer prinzipiellen Interessen bespielen können (PT). Es manifestiert sich bei
den Gesprächspartnern dabei der Eindruck, dass sich kritische Gruppen eher grün-
den (N), mächtiger als (meist weniger organisierte) Befürworter erscheinen und
lauter bzw. aktiver als diese agieren (PT). Insgesamt werden aus Sicht der Inter-
viewpartner kritische wie befürwortende Gruppen als erfolgreich wahrgenommen,
vorausgesetzt sie sind sich intern einig und extern gut vernetzt (PT, N) und können
ihre Interessen artikulieren und bündeln (PT). Zudem wirkt es sich für diese Grup-
pen hilfreich aus, wenn ihre Versprechen und Forderungen (zumindest teilweise)
eintreten und die allgemeine, nicht organisierte Öffentlichkeit eine Gruppe stützt
oder zumindest durch Schweigen begleitet. Diese Beobachtungen der Gesprächs-
partner legen ein bedeutsame Rolle intra- und intergruppaler Prozesse und Struk-
turen für die Zielerreichung einer Gruppe nahe (vgl. auch Mendelberg 2002). Das
Aufgreifen eines Projektes durch bereits bestehende Gruppen, die Bedeutung der
Artikulation sowie die Notwendigkeit einer gewissen Zielerreichung und die Suche
nach Unterstützern aus der nicht organisierten Öffentlichkeit zeigen Verbindungen
zum Themenbereich des Framings durch soziale Bewegungen auf (vgl. Benford &
Snow 2000). Die Definition eines Großprojektes als Problemthema, die Artikulati-
on eigener Lösungsansätze und die Bemühungen, die Öffentlichkeit entsprechend
zu motivieren bzw. zu aktivieren, spiegeln dabei Elemente des diagnostic, des
prognostic und des motivational Framings (vgl. ebd:615) wider. Die positive
Auswirkung interner Einigkeit gilt nicht nur für Initiativen und Verbände. Gerade
bei öffentlichen Projektträgern ist, vor allem wenn mehrere hiervon gemeinsam an
einem Projekt arbeiten, Einigkeit unter den Projektträgern eine wichtige Voraus-
setzung für Erfolg (PT).

126 Aussagen von Projektträgern werden durch die Abkürzung „PT“, von Neutralen durch „N“ und
von Kritikern durch „K“ gekennzeichnet.
210 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Doch zurück zu den bürger- und verbandsassoziierten Gruppierungen. Aus


Sicht sowohl projektablehnender als auch projektbefürwortender Interviewpartner
sind unter den Akteuren auch teilweise kritische Akteursgruppen dabei, die eine
individualinteressensorientierte Minderheitsmeinung vertreten und versuchen, für
diese in der schweigenden Öffentlichkeit Zustimmung zu generieren (N, PT). Dies
wird aus Sicht der Projektträger als höchst konfliktfördernd wahrgenommen, eben-
so wie ein entsprechender Einfluss jener Gruppen auf die Politik. Insgesamt gestal-
tet sich die Findung einer gemeinsam akzeptierten Lösung unter Teilnahme von
verfassten Akteuren mit klaren Ansprechpartnern einfacher als mit einer kaum
organisierten Öffentlichkeit (PT). Aus Perspektive der Projektträger sind aber aus
der Bürgerschaft immer dieselben Leute politisch aktiv, egal ob fest organisiert
oder nicht. Zudem sind die Agierenden gut gebildet und bei Bürgerinitiativen oft
im Rentenalter.
Der Gestaltung des Akteursportfolios (vgl. obige Regression) kommt auch
aus Sicht der Interviewpartner große Bedeutung zu. Der Kreis der Beteiligten muss
offen genug definiert werden, um Konflikten bzgl. des Ausschlusses von Personen
oder Gruppen sowie einer Konzentration erwählter Eliten vorzubeugen (PT), wo-
bei sich zugleich die Frage stellt, wer genau zu den Betroffenen zählt und wie sich
eine legitime Betroffenheit definiert (PT, N). Eine Einbeziehung fragwürdiger
Personen und Gruppierungen (z.B. Personen mit krimineller Vergangenheit) wirkt
sich dabei negativ auf den Prozess aus (K). Die Struktur der Beteiligten fungiert als
Basis für die sozialen Handlungen der Akteure untereinander.
Für diesen sozialen Prozess wirkt sich aus Sicht der Befragten ein offenes,
flexibles und verlässliches Vorgehen der Projektträger, bei dem nicht nur große
Fragen diskutiert werden, sondern auch individuellen Problemen, Ängsten und
Detailfragen Raum und Aufmerksamkeit geschenkt wird, positiv aus (PT). Wer
sich als Projektträger hinsichtlich Umsetzungsdetails und neuer Gedanken aufge-
schlossen zeigt, wer nicht nur technischen, sondern auch sozialen und kulturellen
Aspekten Raum gibt, hat höhere Chancen auf positive Resonanz (PT, N, vgl. hier-
zu auch Mast & Stehle 2016:145). Negativ auf einen Prozess sowie die Ergebnis-
findung wirkt sich hingegen eine völlige Inflexibilität der Beteiligten aus (N),
beispielsweise wenn sich die Projektumsetzung (oder auch deren Nicht-Umset-
zung) als alternativlos präsentiert (PT) oder „Ganz-oder-Gar nicht“-Haltungen
eingenommen werden (PT). Gleiches gilt für die Bevormundung von Akteuren
durch Vertreter von Politik oder Wirtschaft bzw. allgemein Eliten (K, N), die
Missachtung von Akteuren und Entscheidungen über deren Köpfe hinweg, ebenso
wie Unwahrheiten oder individuelle Absprachen zwischen einigen Akteuren. Hier-
bei ist irrelevant, ob dies tatsächlich so ist, es reicht bereits ein Gerücht, ein Ein-
druck oder ein Gefühl (PT, K, N). Neben der Gestaltung des sozialen Umgangs
wird dem Erwartungsmanagement deshalb eine zentrale Bedeutung zugewiesen.
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 211

Falsche oder überhöhte Vorstellungen von der Leistungsfähigkeit eines Projektes


oder seinen Auswirkungen können ebenfalls die Akzeptanz eines Projektes bzw.
seiner Prozesse mindern (PT).

7.2.3 Prozessbezogene Einflüsse

Die im Rahmen eines Großprojektes auftretenden Prozesse und Verfahren wer-


den im vorliegenden Kontext als eigenständiger Themenkomplex behandelt,
aufgrund der hohen Dynamik der hierbei zustande kommenden Situationen,
Sachstände und Konstellationen eines Projekts (vgl. Feindt 2010; Ewen 2009;
Glasl 2013; Saretzki 2010; Schmalz 2013). Aus diesem Grund ist auch die Frage
von besonderem Interesse, welche Eigenschaften von Verfahren und Prozessen
sich in welcher Form auf die Akzeptanz, betrachtet über die Zustimmung zu
einem Projekt, auswirken. Zur quantitativen Betrachtung dieser Frage wurde
deshalb auch in diesem Themenfeld eine aus methodischen Gründen notwendige
Selektion der wesentlichen, potentiellen Einflussfaktoren vorgenommen.
Bei Prüfung der Regressionsvoraussetzungen wurden Hinweise auf eine ho-
he Multikollinearität der Faktoren Fairness, Transparenz, fachliche Korrektheit
und klare Spielregeln bei den Prozessen gefunden. Eine daraufhin durchgeführte
Faktorenanalyse erlaubte die Berechnung eines Indexes der „Guten Prozessge-
staltung“ aus den genannten Faktoren.
Die schlussendlich in das Regressionsmodell (Einschlussverfahren, N=100)
aufgenommenen Prozessfaktoren stehen alle127 in einem positiven Zusammen-
hang mit dem Regressand. Den stärksten Einfluss auf die individuelle Zustim-
mung weist hierbei die „gute Prozessgestaltung auf“ (b=0,848), gefolgt von der
„rechtlichen Korrektheit der Prozesse“ sowie der „Ergebnisoffenheit“. Die Frage,
mit welchem Grad an Öffentlichkeit ein Prozess ausgetragen wird bzw. wie ge-
heim oder exklusiv ein Prozess stattfindet, geht nur mit geringem Einfluss in das
Modell ein (b=0,184). Insgesamt erklärt das Modell nur rund 53 Prozent der
Streuung (R²=0,527 bzw. R²korr=0,502). Die andere Hälfte lässt sich auf Basis
dieser prozessbezogenen Faktoren alleine nicht erklären.
Neben den im Regressionsmodell verzeichneten Faktoren kristallisieren
sich in den Leitfadengesprächen zwei weitere Einflüsse heraus: der Bau- bzw.
Einrichtungsfortschritt sowie die Komplexität, der im Rahmen der Regressions-
analyse ein negativer, jedoch sehr schwacher Einfluss zugeschrieben wurde,
weshalb diese nicht weiter aufgeführt wurde.

127 Der Regressionskoeffizient zu „Komplexität der Verfahren und Prozesse“ zeigt einen negati-
ven, jedoch kaum merklichen Einfluss (b<0,1) und wird aus Gründen der Übersichtlichkeit
deshalb nicht in der Abbildung aufgeführt.
212 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Abbildung 35: Ausgewählte, prozessgezogene Einflüsse auf die individuelle


Zustimmung von Akteuren, berechnet durch die multiple
Regressionsanalyse, N=100
Regressoren b beta
Gute Prozessgestaltung: Faire, fachlich korrekte und
transparente Prozessgestaltung mit klaren Spielregeln/ 0,848 0,350
klarer Herangehensweise
Rechtliche Korrektheit 0,629 0,279
Ergebnisoffenheit 0,283 0,125
Öffentlichkeitsgrad 0,184 0,080

Die fachliche bzw. thematische Komplexität von (Genehmigungs)Verfahren und


der Materie bzw. Technologie des Projektes (PT)128 wirkt akzeptanzhemmend,
vor allem dann, wenn aus der Komplexität umfassende Unwissenheit sowie
Unsicherheit im Umgang mit den Themen resultieren (PT, N). Hinsichtlich der
Bau- bzw. Einrichtungsphase fördern Bauzeitpunkt, -dauer und -fortschritt, je
nachdem, wie lange, störend und stagnierend sie sich gestalten, den Protest ge-
gen ein Projekt (PT). Explizit positiv wird hingegen aus Sicht der Projektträger
eine ständig fortschreitende Entwicklung bei Bau und Einrichtung bewertet, vor
allem dann, wenn der Fortschritt für die Öffentlichkeit gut sichtbar ist und bis-
lang abstrakte Vorstellungen durch Fakten konkretisieren kann (PT).

7.2.4 Kommunikationsbezogene Einflüsse

Die Kommunikation eines Großprojektes präsentiert sich in mehreren Facetten.


Zum einen nimmt die Kommunikation des Projektträgers bei der Gestaltung eines
Projekts eine zentrale Position ein (vgl. Appel 2013), zum anderen aber auch die
Anschlusskommunikation, die zwischen den Akteuren entsteht. Die dritte Rolle
übernehmen Massenmedien, die u.a. durch Art und Weise der Berichterstattung,
Thematisierung und Setzen von Interpretations- bzw. Deutungsrahmen Teil des
Prozesses werden. Als Ausgangspunkt der projektbezogenen Kommunikationspro-
zesse können die von den Akteuren und Medien ausgesendeten Botschaften be-
trachtet werden. Ihre Wirkung auf die individuelle Einstellung zu einem Großpro-
jekt entfalten diese jedoch erst nach subjektiver Wahrnehmung und Verarbeitung
durch den jeweiligen Empfänger.

128 Aussagen von Projektträgern werden durch die Abkürzung „PT“, von Neutralen durch „N“ und
von Kritikern durch „K“ gekennzeichnet.
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 213

Die nachfolgende, quantitative Betrachtung kommunikativer Einflüsse auf die


Akzeptanz wurde auf einige zentrale Faktoren beschränkt. Insgesamt fanden neun
Variablen Eingang in das lineare Regressionsmodell (Einschlussverfahren, N=93),
das mit einem Bestimmtheitsmaß von R²=0,551 bzw. R²korr=0,505, ähnlich wie das
vorhergehend berechnete Modell mit Prozessen und Verfahren, rund 55 Prozent
der Streuung erklärt. Die Kommunikation der Akteure, geprägt durch Zeitpunkt,
Taktung, Wortwahl und visuelle Unterstützung, weist im vorliegenden Modell
unterschiedliche Einflussstärken auf. Einer ausreichend frühzeitig begonnenen
Kommunikation über das Projekt (b=0,448) sowie ihrer kontinuierlichen Ausfüh-
rung (b=0,492) wird ein moderater positiver Einfluss auf die individuelle Zustim-
mung zugewiesen. Gleiches, wenn auch mit geringerem Einfluss (b=0,124), kann
für die „visuelle Kommunikation der Befürworter“ festgestellt werden129.
Wird die Wortwahl der Befürworter als angemessen empfunden, so fördert
dies, wenn auch nur mäßig stark, ebenfalls die Zustimmung (b=0,366). Bezug-
nehmend auf die Wortwahl der Kritiker führt eine hier wahrgenommene Ange-
messenheit hingegen zur deutlichen Verminderung der Zustimmung (b=-0,818).
Der Vergleich der beiden Regressionskoeffizienten lässt den Schluss zu, dass die
Kritiker demnach mit der richtigen Wortwahl mehr als doppelt so stark Einfluss
auf die Zustimmung nehmen können wie die Befürworter.

Abbildung 36: Ausgewählte, kommunikationsbezogene Einflüsse auf die


individuelle Zustimmung von Akteuren, berechnet durch die
multiple Regressionsanalyse, N=93
Regressoren b beta
Positive Bewertung des Projekts durch die Medien 1,402 0,504
Berichterstattung vor allem über projektbefürwortende
-0,659 -0,250
Meinungen
Berichterstattung vor allem über projektablehnende
0,493 0,156
Meinungen
Gute visuelle Kommunikation der Befürworter 0,124 0,048
Angemessenes Wording der Kritiker -0,818 -0,339
Angemessenes Wording der Befürworter 0,366 0,136
Kontinuität der Kommunikation 0,492 0,201
Frühzeitigkeit der Kommunikation 0,448 0,210

129 Der Regressionskoeffizient zu „Gute visuelle Kommunikation der Kritiker“ zeigt einen negati-
ven, jedoch kaum merklichen Einfluss (b<0,1) und wird aus Gründen der Übersichtlichkeit
deshalb nicht in der Abbildung aufgeführt.
214 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Die mit Abstand stärkste Änderung der Zustimmung wird der medialen Berichter-
stattung zugewiesen. Wird dieser eine positive Bewertung eines Projektes ent-
nommen, so steigt die Zustimmung bedeutend an (b=1,402). Wird jedoch ein Un-
gleichgewicht hinsichtlich der in den Medien repräsentierten Meinungen wahrge-
nommen („Berichterstattung vor allem über projektablehnende bzw. projektbefür-
wortende Meinungen“), so fördert dies gegenläufige Veränderungen der Zustim-
mung. Überrepräsentierte, positive Meinungen fördern ein Absinken der Zustim-
mung (b=-0,659), eine Überrepräsentation ablehnender Meinungen fördert den
Anstieg (b=0,493). Dies lässt eine Form ausgleichender Gegenreaktionen auf die
wahrgenommene Unausgeglichenheit der Berichterstattung vermuten, ähnlich wie
sie im April 2017 entstand als die ARD einen „Moscheereport“ ausstrahlte, der von
vielen Zuschauern als einseitig wahrgenommen wurde130. In Folge dessen wurden
in den sozialen Medien unter dem Hashtag #meinmoscheereport eine Vielzahl
positiver und individueller Erfahrungen aus (deutschen) Moscheen veröffentlicht,
um ein Gegengewicht zur ausgestrahlten Sendung zu setzen.
In den Leitfadengesprächen werden ganz ähnliche Einflüsse der Kommunika-
tion beschrieben. Art und Weise der Kommunikation, Zeitpunkt und Stil zählen
demnach zu den zentralen Determinanten der Großprojektakzeptanz. Bei jeder
Form der Kommunikation stellt sich aus Projektträgersicht die Herausforderung
der Erreichbarkeit der breiten Bevölkerung (PT)131. Während engagieret und/oder
verfasste Akteure oftmals persönlich bekannt bzw. aufgrund ihres hohen Involve-
ments kommunikativ leicht zu erreichen sind, gelten für die breite Bevölkerung
andere Bedingungen. Aufgrund der Heterogenität und damit einhergehendem,
unterschiedlichem Interesse am Projekt sowie individuellen Mediennutzungsge-
wohnheiten stellt sich neben der Frage der zu kommunizierenden Inhalte und Bot-
schaften die Frage nach dem passenden Kommunikationsmedium (PT). Onlinean-
gebote (z.B. Projektwebsite) bergen die Chance, große Informationsmengen und
Visualisierungsmöglichkeiten bereit zu halten. In Frage steht jedoch hierbei die
Erreichbarkeit der breiten Bevölkerung, vor allem bei älteren oder weniger gut
gebildeten Menschen. Auch die Tatsache, dass die Informationen hier von den
Bürgern selbst abgerufen werden müssen (Pullmedien), stellt eine Konsumbarriere
dar (PT). Printangebote hingegen erreichen die besagten Gruppen besser und sen-
ken als Pushmedium die Konsumschwelle. Gleichzeitig können einzelnen Print-
formen (z.B. Postwurfsendungen) möglicherweise als aufdringlich empfunden
werden (PT). Als prinzipiell wichtig wird der Einsatz einer großen Bandbreite an

130 Vgl. hierzu den offenen Brief der Islamwissenschaftlerin Pink: http://www.tagesspiegel.de/
politik/kritik-am-moscheereport-muslime-stehen-immer-staerker-unter-
rechtfertigungsdruck/19601536.html.
131 Aussagen von Projektträgern werden durch die Abkürzung „PT“, von Neutralen durch „N“ und
von Kritikern durch „K“ gekennzeichnet.
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 215

Kommunikationsformen empfunden, um die Nachteile einzelner Kommunikati-


onsformen auszugleichen und einen großen Teil der breiten Bevölkerung angemes-
sen zu erreichen (PT).
Wann aber ist der richtige Zeitpunkt, mit der Kommunikation zu beginnen?
Hierbei spielen aus Sicht der Akteure mehrere Faktoren eine Rolle, vor allem der
Planungsstand des Projekts, das Interessensausmaß der Bevölkerung sowie die
Entstehung von Betroffenheit. Die Erkenntnisse der obigen Regression werden
dabei gestützt: Es herrscht Einigkeit zwischen den Akteuren, dass eine frühzeitig
begonnene Kommunikation unerlässlich ist, um einen unvoreingenommenen Dia-
log mit der Bevölkerung überhaupt zu ermöglichen (PT, K, N). Kommunikation,
die erst dann begonnen wird, wenn das Projekt fixiert ist, kommt definitiv zu spät
(PT). Die Herausforderung besteht allerdings darin, dass zu einem frühen Zeit-
punkt viele Projektdetails noch offen sind, das Abstraktionsniveau also hoch ist,
ebenso aber auch Modifikationsmöglichkeiten bestehen. Vielfach ist zu diesem
Zeitpunkt noch nicht bekannt, wer konkret betroffen sein wird bzw. in welchem
Umfang sich Bürger betroffen fühlen werden. Mit zunehmendem Planungsfort-
schritt kann die Kommunikation inhaltlich konkreter werden, Betroffenheit zeich-
net sich nach und nach ab, die Möglichkeiten der Modifikation werden jedoch
geringer (PT, K, N). Als Katalysator wirkt hierbei das öffentliche Interesse; ist es
gering, besteht die Gefahr, dass wichtige Entwicklungen und Projektentscheidun-
gen an der Öffentlichkeit vorbeigehen, ist es hoch, so werden alle Entscheidungen
im Rahmen des Projekts genau verfolgt (PT). In beiden Fällen ist eine frühzeitige
und durchgängige Kommunikation wichtig, um den Zeitpunkt nicht zu verpassen,
an dem Betroffenheit entsteht.
Wie die obige Regression bereits andeutet (Faktor „Gute visuelle Kommuni-
kation der Befürworter“), spielen Fragen der Visualisierung dabei ebenfalls eine
Rolle. Diese hilft einerseits, das Abstraktionsniveau eines Projektes zu senken und
einen besseren Einblick in die optischen Ausmaße und die Gestaltung des Projekts
zu geben (PT). Zugleich aber gestaltet sie sich in frühen Phasen eines Projekts
schwierig, denn es gilt den Spagat zwischen einer noch weitestgehend offenen
Projektgestaltung und damit noch vielen nicht festgelegten Details und dem Be-
darf, der Öffentlichkeit einen Eindruck von den Grundideen des Projektes zu ver-
mitteln, zu überwinden (PT). Ist die Visualisierung zu konkret, besteht die Gefahr,
dass das Projekt bereits fertig geplant erscheint. Ist sie zu unkonkret, bleibt das
Abstraktionsniveau für sachliche Diskussionen zu hoch (PT). Beachtet werden
sollte jedoch, dass Visualisierungen keine vorgegebene Lesart mitbringen, sondern
die Beteiligten einen eigenen Deutungsrahmen anlegen. Unterschiedliche Deu-
tungsrahmen und entsprechende Interpretationen können Konflikte anheizen (PT,
N). Beispiel ist die Visualisierung eines Projekts, mit deren Hilfe die Projektträger
die zur Umgebung passende und innovative Architektur vorstellen wollten, die die
216 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Projektkritiker diese Visualisierung jedoch als Beweis für eine optische Überdi-
mensionalität des Projektes hernahmen (N).
Harte Fragen wie die der Erreichbarkeit und der Medienwahl finden Ergän-
zung durch weiche Faktoren wie den Kommunikationsstil. Positive Erfahrungen
beschreiben die Projektträger hier durch eine proaktive Vorgehensweise, bei der
der Träger zum Bürger kommt und nicht umgekehrt, bei der nicht erst durch ge-
setzlichen Zwang kommuniziert, sondern die Öffentlichkeit proaktiv einbezogen
wird und bei der den Bürgern persönliche Ansprechpartner zur Verfügung stehen,
die dem Projekt ein Gesicht geben. Anonymität hingegen sorgt für Misstrauen
(PT). Die Pflege von persönlicher Kommunikation wird dabei als besonders wich-
tig und erfolgreich empfunden, unter der Bedingung, dass eine gewisse Kontinuität
der Ansprechpartner gewährleistet ist. Hierzu zählen auch scheinbar banale Details
wie die Bereitstellung direkter Kontaktdaten dieser Personen (PT). Dies stützt die
oben erläuterte Relevanz von Kontinuität in der Kommunikation.
Negativ hingegen wirkt sich eine von oben herab gestaltete Kommunikation
aus, die nur informiert, anstatt ernsthaft mitzunehmen (PT), ebenso wie eine feh-
lende Präsenz von hochrangigen Vertretern des Projektträgers. Dies ist beispiels-
weise dann der Fall, wenn die Ansprechpartner und öffentlichen Vertreter des
Projekts keine entscheidungswirksame Position im Projekt innehaben und der
Eindruck erweckt wird, dass den öffentlichen Belangen damit keine Relevanz
zugestanden wird (K). Die angesprochene Kommunikation, die mitnimmt, statt nur
zu informieren, leitet über zu Faktoren der Partizipation, also der Frage, wie und
ob die Öffentlichkeit bei der Gestaltung eines Projektes mitwirken kann. In den
Ausführungen der Gesprächspartner wird deutlich, dass die Vorstellungen, was
unter Mitgestaltung oder Beteiligung verstanden wird, weit auseinandergehen –
nicht nur zwischen Befürwortern und Kritikern, sondern auch in der Bürgerschaft
sowie der Politik (PT, K). Während die einen unter Beteiligung die vollumfassende
Entscheidungsmacht, die nicht nur „Wie“-Fragen, sondern auch die „Ob“-Frage
inkludiert, verstehen, sehen andere in der Beteiligung der Öffentlichkeit ein bera-
tendes und abwägendes Instrument (PT, N). Dass der Begriff der Beteiligung dabei
eigentlich ein juristisch fest definierter Terminus ist, spielt dabei kaum eine Rolle
(N). Hierbei besteht eine enge Verknüpfung zum geeigneten Zeitpunkt der Kom-
munikation und Beteiligung (s.o.); so erfordern Verfahren mit Entscheidungsge-
walt andere Zeiträume und Zeitpunkte als beratende Verfahren (K). Hinzu kom-
men geringe Erfahrungswerte auf allen Seiten, sowohl bei denjenigen, die beteiligt
werden wollen oder sollen, wie auch seitens derjenigen, die beteiligen, z.B. Behör-
den oder Projektträgern (PT). Entsprechend unterschiedlich sind die Erwartungen
an einen Beteiligungsprozess und seine Ergebnisse (PT).
Der juristische Begriff der Beteiligung wird jedoch dann bedeutsam, wenn
es um Projekte der öffentlichen Hand geht. Diese sind von politischer Seite oft-
mals weitestgehend vorbestimmt, beispielsweise durch gesetzliche Vorgaben,
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 217

wodurch der Spielraum für eine Mitgestaltung durch die Öffentlichkeit weiter
eingeschränkt wird (PT). Die entstehende Lücke zwischen Beteiligungserwar-
tung der Öffentlichkeit und Handlungsspielraum der zuständigen Behörden dies-
bezüglich bietet Nährboden für Konflikte.
Unabhängig davon, wie ein Prozess gestaltet wird, zählt ein gemeinsames
Commitment, welche Möglichkeiten, aber auch Grenzen dieser Prozess umfas-
sen soll, und damit auch ein aktives Erwartungsmanagement seitens Behörden
und Projektträgern, zu den zentralen Erfolgsfaktoren eines solchen Prozesses
(PT). Beim Blick auf die Durchführung weisen Projektträger noch auf zwei wei-
tere Herausforderungen hin: Das Angebot einer wie auch immer gearteten Ein-
beziehung in ein Projekt funktioniert nur dann, wenn die Öffentlichkeit das An-
gebot auch tatsächlich wahrnimmt. Zweitens muss jedoch damit gerechnet wer-
den, dass zu den Teilnehmern solcher Prozesse auch jene mit dogmatischen An-
sichten gehören, die sich in keiner Weise auf einen diskursiven Prozess einlassen
wollen, sondern „nur beteiligt werden [wollen], um „Nein“ zu sagen“ (PT). Bis
zu einer „Kultur des Begegnens“ (PT), bei der sich alle Beteiligten mit legitimen
Ansprüchen auf einen fairen Diskurs einlassen, sehen viele Gesprächspartner
noch einen weiten Weg, sowohl bei Bürgern und Projektträgern als auch bei
Politik, Behörden, Verbänden und Initiativen.
Im vorliegenden Regressionsmodell wird als einflussreichster Faktor auf die
Zustimmung die Projektbewertung durch Massenmedien definiert. Auch im per-
sönlichen Gespräch weisen die Akteure auf deren zentrale Bedeutung und die
Einflussnahme auf Prozesse hin (PT, K, N). Bezug genommen wird dabei nicht nur
auf die Berichterstattung klassischer Massenmedien, sondern auch auf Kommuni-
kation durch soziale Medien, die neue Formen der Dynamik und Transparenz
mitbringen (PT). Um für Transparenz in der Öffentlichkeit zu sorgen, wird Aufge-
schlossenheit und Interesse der Medien am Projekt als hilfreich empfunden (PT).
Einer gemeinsamen Lösung näher bringt mediales Interesse aus Sicht der Projekt-
träger jedoch dann nicht, wenn ein Projekt zum Sommerlochthema in den Medien
wird, da aus jedem Projektdetail eine Sensationsmeldung wird, ohne dass dies von
öffentlichem Interesse wäre (PT). Konfliktfördernd wird die journalistische Be-
richterstattung auch dann empfunden, wenn Journalisten des Nachrichtenwertes
wegen und mit Blick auf eine hohe Auflage, Akteure und Situationen überzogen
darstellen, dramatisieren oder der eigenen Meinung mehr Raum als den sachlichen
Fakten einräumen (PT, K). (Einzelne) Medienberichte werden besonders dann als
stark beeinflussend wahrgenommen, wenn die Öffentlichkeit selbst wenig Kontakt
zu einem Projekt hat und dies auch für einen großen Teil der Presselandschaft gilt.
Einzelne Artikel über spezifische Aspekte eines Projekts können so zum Auslöser
für mediales und schlussendlich öffentliches Interesse werden, geprägt durch einen
oder wenige medial gesetzte Interpretationsrahmen (K). Eine so gestaltete Bericht-
erstattung, die den Anschein fehlender Objektivität, Ausgewogenheit und Unab-
218 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

hängigkeit erweckt, wird von vielen Gesprächspartnern wahrgenommen und als


konfliktfördernd beschrieben.
In den obigen Ausführungen liegt der Schwerpunkt auf der Betrachtung von
Auswirkungen der Kommunikation auf die individuelle Zustimmung. Letztere
Beobachtungen legen jedoch die Beachtung einer möglicherweise andersherum
verlaufenden Wirkungsbeziehung nahe, also eine Wirkung der individuellen Zu-
stimmung auf die Wahrnehmung der Berichterstattung. Auf Basis der vorliegenden
Beobachtungen wäre diesbezüglich zu vermuten, dass mit zunehmender Ableh-
nung (zunehmender Zustimmung) eines Projektes der Eindruck zunimmt, dass die
Medien vor allem über anderslautende, projektbefürwortende (projektablehnende)
Meinungen berichten. Dies würde für einen Hostile-Media-Effect sprechen (vgl.
Vallone et al. 1985), bei dem Menschen mit stark ausgeprägter Einstellung hin-
sichtlich eines strittigen Themas, wozu die meisten Großprojekte zählen, die medi-
ale (neutrale) Berichterstattung darüber als verzerrt (bzw. unfair) und zum Nachteil
für die eigene Einstellung empfinden (vgl. auch Giner-Sorolla & Chaiken 1994).

7.2.5 Einflüsse mit Bezug zu Staat und Gesellschaft

Der Themenbereich „Staat und Gesellschaft“ umfasst das institutionelle sowie das
gesellschaftliche Gefüge, in das deutsche Großprojekte eingebettet sind. Gesell-
schaftliche Strukturen und Ereignisse, kulturelle Entwicklungen wie auch das poli-
tische System und seine Institutionen und Akteure sowie die konkret daraus her-
vorgehenden rechtlichen Vorgaben prägen den Kontext eines Projekts (vgl. z.B.
Schäfer & Keppler 2013; Ohlhorst & Schön 2010; Mautz 2010; Schweizer-Ries et
al. 2010; Zimmermann 2009). Viele der Faktoren (beispielsweise das politische
System und die sich daraus ableitenden institutionellen Rahmendbedingungen)
wirken von Bundesebene bzw. gesamtgesellschaftlicher Ebene aus und variieren
daher zwischen einzelnen Projekten kaum oder gar nicht. Andere Faktoren wiede-
rum entziehen sich einer möglichen Einbeziehung im vorliegenden Kontext aus
methodischen sowie zeit- oder sachlogischen Gründen. Hierzu zählen beispiels-
weise die Einflüsse von Cleavages, also gesellschaftlichen Konfliktlinien wie
Zentrum vs. Peripherie oder Arbeit vs. Kapital.
Die im vorliegenden Kontext durchgeführte quantitative Betrachtung fokus-
sierte deshalb nur auf zwei Faktoren: die rechtlichen bzw. politischen Bedingun-
gen (z.B. anzuwendende Verfahren, Gesetze und Richtlinien), die für die einzel-
nen Projekte gelten, sowie die schlussendlichen Abläufe und das Handeln der
politischen und administrativen Akteure im Rahmen der Projekte. Das hierzu
erstellte Regressionsmodell (Einschlussverfahren, N=103) weist beiden Prä-
diktoren einen positiven Einfluss auf die individuelle Zustimmung zu. Werden
die gesetzlichen Vorgaben und Verfahren, die bei einem Projekt Anwendung
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 219

finden, als angemessen empfunden, so fördert dies die Zustimmung (b=0,654).


Ein ebenfalls positiver, jedoch noch deutlicherer Einfluss wird dem individuellen
Handeln der zuständigen Behörden und/oder beteiligten politischen Akteure
zugeschrieben (b=1,031). Insgesamt erreicht das Modell einen nur mäßigen Er-
klärungswert von 52 Prozent (R²=0,520 bzw. R²korr=0,510).

Abbildung 37: Ausgewählte Einflüsse aus Staat & Gesellschaft auf die
individuelle Zustimmung von Akteuren, berechnet durch die
multiple Regressionsanalyse, N=103
Regressoren b beta
Angemessenes Handeln politischer Akteure/Behörden 1,031 0,501
Angemessene gesetzliche Vorgaben/Verfahren 0,654 0,286

Die qualitative Ergründung staatlich bzw. gesellschaftlich zu verortender Konflikt-


faktoren gestaltet das Feld wiederum etwas weiter. Der Einfluss gesetzlicher Ver-
fahren und Vorgaben wird auch hier explizit genannt. Als konfliktfördernd bzw.
der Findung einer gemeinsamen Lösung maßgeblich entgegenstehend, wurde aus
Sicht der Projektträger (PT)132 vor allem die lange Dauer vieler gesetzlicher Ver-
fahren bezeichnet sowie die nicht mehr zeitgemäßen Vorgaben und Vorschläge zur
Beteiligung der allgemeinen Öffentlichkeit. Teilweise werden diese als unzu-
reichend oder als nicht den heutigen Anforderungen einer individualisierten Ge-
sellschaft entsprechend empfunden. Auch Kritiker (K) sehen vor allem in der Dau-
er und hierdurch entstehenden Schwebesituationen (z.B. Situation großer Unsi-
cherheit aufgrund fehlender Klarheit bzgl. Gültigkeit von Entscheidungen) der
Genehmigungsverfahren Potential für Konflikt. Es wird der Gedanke in den Raum
gestellt, ob eine Fixierung von Teilschritten bei langwierigen Verfahren die Pla-
nungssicherheit für alle Beteiligten verbessern könnte (PT).
Der Aspekt nicht mehr zeitgemäßer Verfahren kommt besonders dann zum
Ausdruck, wenn der Eindruck entsteht, dass Art und Umfang eines Projekts eigent-
lich einer Einbindung der Öffentlichkeit bedürfen, die gewählten bzw. angewende-
ten Verfahren dies jedoch nicht oder nicht ausreichend vorsehen. Kritisch wird es
auch dann, wenn Entscheidungsspielräume von Behörden und Projektträgern zum
Zuge kommen, beispielsweise wenn der Projektträger aus verfahrenstechnischen
Gründen die Wahl zwischen einem Verfahren mit oder ohne öffentliche Beteili-

132 Aussagen von Projektträgern werden durch die Abkürzung „PT“, von Neutralen durch „N“ und
von Kritikern durch „K“ gekennzeichnet.
220 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

gung hat (N)133. Gleichermaßen konfliktschürend ist die Entstehung des Eindrucks,
dass die gesetzgebenden Organe im Rahmen eines Projekts geltende Regelungen
soweit abändern, dass Betroffenen hierdurch kein (finanzieller) Ausgleich mehr
zusteht (K).
Hinzu kommen Aspekte, die die in der Regression aufgezeigte Bedeutung
des individuellen Handels politischer und staatlicher Akteure weiter stützen.
Hierzu zählt die Positionierung politischer Akteure (bzw. prominenter Personen
insgesamt) für oder gegen ein Projekt, die aufgrund der Multiplikatorfunktion
entsprechend dynamisierend wirken kann (PT, N). Einfluss wird vor allem Lo-
kalpolitikern und lokaler Prominenz (z.B. Bürgermeister, Unternehmer vor Ort)
zugeschrieben. Zugleich muss auch der Beobachtung, dass Multiplikatoren sich
Projekte für ihre Eigeninteressen zunutze machen, Beachtung geschenkt werden.
Aus Sicht der Interviewpartner kann sich deren öffentliche Positionierung des-
halb durchaus spontan ändern oder komplett entfallen (K, PT, N). Explizit kon-
fliktfördernd wirkt aus Sicht der Kritiker auch eine Voreingenommenheit politi-
scher Akteure (K).
Neben der allgemeinen politischen Lage vor Ort (PT) sind auch anstehende
Wahlen ein möglicher Einflussfaktor, vor allem dann, wenn ein Projekt bzw. des-
sen Themenfeld Teil der Wahlkampfagenda werden (PT). Besonders bei Projekten
unter Beteiligung der öffentlichen Hand wird Wahlen eine nicht zu unterschätzen-
de Dynamisierung von Projekten bescheinigt (PT). Neben dem Wahlkampf selbst
wird auch politischen Wechseln ein möglicher Einfluss attestiert, aber auch politi-
schen Kehrtwenden bestehender Akteure (PT, N). Durch diese projektübergreifen-
den Erkenntnisse können die Ergebnisse verschiedener Fallstudien bestätigt wer-
den, wonach ein Großprojekt als Wahlkampfthema in zweierlei Hinsicht Bedeu-
tung erlangt: Einerseits können Wahlen katalysatorische Wirkung auf Großprojek-
te und ihre Prozesse entfalten, unter anderem durch die spezifische Logik von
Wahlkämpfen (vgl. z.B. Brettschneider 2011), andersherum kann auch die Thema-
tisierung von Großprojekten im Wahlkampf Einfluss auf die Wahl nehmen, bei-
spielsweise durch die Beeinflussung der Wahlbeteiligung oder Wahlentscheidung
(vgl. Brettschneider & Schwarz 2013). Hinzu kommt, dass eine bislang bestehende
(oder fehlende) politische Unterstützung durch einen Regierungswechsel und da-
mit einhergehende Veränderungen politischer Schwerpunkte und Sichtweisen
wegfallen (oder hinzukommen) kann (vgl. Boger et al. 2012).
Neben Wahlen werden auch anderen gesellschaftlichen Entwicklungen und
Ereignissen Einfluss auf Projektverläufe bescheinigt, beispielsweise der Atomka-
tastrophe von Fukushima 2011 oder dem starken Zustrom von Flüchtlingen im
Jahr 2015 (PT).

133 Dies kann vorkommen, wenn der Gesetzgeber z.B. bei Verfahren nach Bundesimmissions-
schutzgesetz kein förmliches Verfahren (mit Beteiligung der Öffentlichkeit) vorschreibt, die
Behörde jedoch dem Träger ein solches (anstatt eines vereinfachten) empfiehlt.
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 221

Aus anderer Perspektive werden Großprojekte als Lösungsformel angesehen,


beispielsweise als Teil des Kampfes gegen den demographischen Wandel und
Wegzug aus ländlichen Bereichen, als Garant für den Erhalt von Schulen und Be-
treuungseinrichtungen oder als allgemeine Förderung für das gesellschaftliche
Leben. Nicht nur das Projekt selbst, sondern die Aufwertung von Ortschaften,
Belebung von Innenstädten, Schaffung von öffentlichen Räumen und Plätzen so-
wie die Förderung von Kultur, die mit einem Projekt einhergehen können, werden
hierbei eingezogen (PT).
Die Angst vor unkontrollierbaren Veränderungen oder Überfremdung (N),
Unsicherheit in der Bürgerschaft (PT) oder eine insgesamt wegbrechende Schub-
kraft der projektbezogenen Technologie (z.B. durch gesellschaftlichen Richtungs-
wechsel) wird hingegen als wenig förderlich für eine gemeinsam akzeptierte Lö-
sung beschrieben, ebenso wenig wie eine „Kultur des Dagegens“, die von manchen
Projektträgern wahrgenommen wird (PT). Die angesprochene Furcht vor bzw.
Ablehnung von Veränderungen findet sich in urbanen und in ländlichen Gebieten
auf unterschiedliche Weise wieder. Bei Projekten in ländlichen Regionen konkreti-
siert sich die Ablehnung in Form alteingesessener Bürger mit starkem Regional-
und Traditionsbezug sowie zugezogenen Bürgern mit dem Wunsch nach Ruhe und
ländlicher Idylle. Urbane Projekte stehen hingegen unter dem Einfluss von be-
fürchteter Gentrifizierung und damit einer Furcht von Alteingesessenen sowie
zugleich dem Wunsch nach Ruhe von Denjenigen, die im Zuge von Gentrifizie-
rung den betroffenen Stadtteil neu entdeckt haben (PT, N). Insgesamt wird der
Trend der Individualisierung, der vermehrt Individualwohl vor Gemeinwohl setzt,
gerade bei Großprojekten, die meist mit Betroffenheit großer Gruppen und damit
gemeinsam zu tragenden Benefits wie auch Nachteilen einhergehen können, als
wenig förderlich wahrgenommen (PT).

7.2.6 Conclusion zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten

Welche Erkenntnisse können aus den Studien hinsichtlich der empirischen Be-
deutung von Einflussfaktoren auf die Genese von Konflikt und Akzeptanz bei
Großprojekte insgesamt gewonnen werden?
Die zahlreichen, vor allem durch Fallstudien aufgezeigten Einflussgrößen
lassen sich mit Blick auf die vorliegende, projektübergreifende Stichprobe in
vielen Fällen grundsätzlich bestätigen. Neben der Art des Wirkungszusammen-
hangs mit der individuellen Zustimmung (positiv oder negativ) ermöglichen die
durchgeführten Analysen Rückschlüsse auf die Bedeutung der einzelnen Fakto-
ren. Die qualitativen Ergebnisse von Studie S3 validieren, ergänzen und diffe-
renzieren hierbei die Erkenntnisse der quantitativen Studie S2.
222 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Die Betrachtung des Einflusses direkter Eigenschaften eines Projektes zeigt


vor allem zwei bedeutsame Themenfelder auf: zum einen die Effekte, die mit der
spürbaren Platzierung eines Artefaktes in räumlicher Nähe einhergehen, sowie
zum anderen die Vor- und Nachteile, die insgesamt durch ein Projekt für Be-
troffene entstehen. Die spürbaren Effekte stehen dabei vorwiegend in negativem
Zusammenhang mit der individuellen Zustimmung, ihr Auftreten wirkt also
akzeptanzmindernd. Hierzu zählen beispielsweise sämtliche visuellen, auditiven
sowie olfaktorischen Auswirkungen. Besonders hervorzuheben sind hierbei jene,
die das Landschaftsbild dauerhaft verändern (vgl. hierzu auch Boger et al. 2012)
oder von denen ein gesundheitliches Risiko ausgehen könnte – beides wird als
Einschränkung der persönlichen Lebensqualität wahrgenommen. Im Falle der
Befürchtung gesundheitlicher Risiken werden zudem physiologische Bedürfnisse
sowie das Sicherheitsbedürfnis (vgl. Maslow 1943) gestreift, wodurch die zent-
ralsten Bedürfnisse des Menschen berührt werden. Entsprechend sensibel sind
die Reaktionen auf Aspekte der Standortwahl, bei der auch Fragen alternativer
Nutzungsinteressen (z.B. durch die Landwirtschaft), der Konversion von Flächen
oder der Bedrohung von Schutzräumen angesprochen werden. Kurz gesagt be-
ziehen sich diese Effekte auf die Furcht bzw. Ablehnung einschneidender Ver-
änderungen von Umwelt und Natur oder des persönlichen Wohn- und Lebens-
raumes. Neben der besonderen Komplexität, die mit den hierbei zusätzlich auf-
kommenden Dilemmata Mensch vs. Natur bzw. Umwelt einhergeht, ist bei diesen
Aspekten von einer besonderen Emotionalität auszugehen, zurückzuführen auf
die besondere Beziehung zwischen Mensch und Landschaft bzw. auf das indivi-
duelle Landschaftsbewusstsein, das durch kognitive, ästhetische, emotionale und
körperlich-physische Beziehungen geprägt wird (vgl. Kost 2013:132).
Neben diesen ganz persönlich zu tragenden Belastungen spielt die Betrof-
fenheit der Allgemeinheit eine wichtige Rolle, wobei hier neben den absoluten
Effekten das Verhältnis von Vor- und Nachteilen sowie von Individual- und
Eigenwohl kritisch betrachtet wird. Zentrale Kriterien hierbei sind der effektiv
entstehende Nutzen für die Allgemeinheit sowie das Maß an Gerechtigkeit, das
mit dieser Allokation der Effekte einhergeht (vgl. auch Ohlhorst & Schön 2010;
Köberle 1994; Huijts et al. 2012). Nicht zu unterschätzen ist trotz all dieser As-
pekte die u.a. von Umbach (2011), Schweizer-Ries et al. (2010) oder Blinkert
(2015) aufgezeigte, enge Verbindung zwischen der projektbezogenen Zustim-
mung und der technologiebezogenen Zustimmung, der durch eine deutliche Kor-
relation der beiden Variablen Ausdruck verliehen wird. Bei der Frage nach Ef-
fekten durch Projekteigenschaften muss daher neben dem Projekt selbst die da-
hinterstehende Technologie beachtet werden.
Die akteursbezogenen Einflüsse umfassen vor allem Effekte, die mit den Fä-
higkeiten und Eigenschaften der Akteure zusammenhängen, sowie solche, die im
Rahmen der sozialen Interaktion entstehen. Die individuellen Eigenschaften und
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 223

Fähigkeiten sind maßgeblich für die Wahrnehmung und Wirkung kommunizierter


Botschaften. Hierbei unterstützt ein fachlich fundiertes, empathisches und koopera-
tives Auftreten die Wirkung der eigenen Position. Vor allem hinsichtlich der Ver-
haltensweise des Projektträgers zeichnet sich ein positiver Einfluss auf die Projekt-
zustimmung durch eine entsprechende Prozessgestaltung ab. Hierzu zählt bei-
spielsweise die Offenheit gegenüber kulturellen, emotionalen und sozialen Aspek-
ten, eine hohe Flexibilität sowie die realistische Gestaltung von Erwartungen. Eine
besondere Rolle nimmt hierbei die Projektleitung bzw. der Ansprechpartner für die
Akteure und die an diesen gerichteten Erwartungen ein. Letztere weisen in Teilen
Züge eines Corporate Citizenship auf, also das gesellschaftliche Engagement eines
Unternehmens (bzw. hier eines Projektes) ähnlich dem eines Bürgers in der Gesell-
schaft (vgl. Habisch 2003:58). Diese durch die Akteure bzw. Öffentlichkeit einge-
forderte Teilhabe vom Projektträger am öffentlichen Leben vor Ort findet Ergän-
zung durch Formen der Personalisierung, also der Verknüpfung eines Projektes
mit einem Gesicht bzw. einer oder mehreren konkreten Personen (vgl. Szyszka
2010). Ist diese Verknüpfung aufgrund hoher Anonymität des Projektträgers bzw.
seiner Vertreter nicht möglich, so trägt dies wenig zur Bildung von Vertrauen und
zur Akzeptanz eines Projektes bei. Auswirkungen sozialer Interaktionsformen in
und zwischen den Akteursgruppen komplementieren die akteursbezogenen Fakto-
ren, sie nehmen unter anderem Einfluss darauf, wie die einzelnen Akteure ihre
eigenen Themen und Positionen setzen können. Hierbei ist nicht auszuschließen,
dass auch illegitime oder reine Individualinteressen verfolgt und im Falle einer
schweigenden Mehrheit134 auch durchgesetzt werden können.
Hinsichtlich der Prozessgestaltung bei Großprojekten zeigen die Ergebnisse
wenig Überraschendes. Eine fachliche und rechtlich korrekte, faire und transparen-
te Herangehensweise mit klaren Spielregeln und einem nicht von vorneherein
feststehenden Prozessergebnis entspricht dem Legalitäts- und Legitimitätsver-
ständnis von organisierten Akteuren und nicht organisierter Öffentlichkeit und
fördert so die Zustimmung zu einem Projekt, ebenso wie die Verletzung dieser
Kriterien die Ablehnung fördert. Ähnlich hilfreich wirkt die Reduzierung der
Komplexität von Themen, Prozessen und Strukturen sowie die Sichtbarmachung
von Fortschritten, sowohl hinsichtlich des Prozesses wie auch des Projektes selbst,
um auch hierdurch das Abstraktionsniveau und dadurch letztlich die Komplexität
des Projektes zu senken.
Die Einflussfaktoren mit Bezug zur Kommunikation zeigen die zentrale Rolle
von Medien auf. Zum einen wird auf Basis der Ergebnisse die Bedeutung der mas-
senmedialen Berichterstattung deutlich. Diese umfasst vor allem die Bewertung
eines Projekts durch die Medien, von der ein positiver Einfluss auf die individuelle

134 Hierbei sei auf die umfassenden Prozesse im Rahmen der Schweigespirale verwiesen, die
Noelle-Neumann (1993) beschreibt.
224 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Zustimmung ausgeht. Hinzu kommt die Auswirkung des Aufgreifens projektableh-


nender bzw. projektbefürwortender Meinungen durch die Medien. Hier nehmen
vor allem wahrgenommene Ungleichgewichte Einfluss auf die Zustimmung. Eben-
so wichtig ist mit Blick auf die Kommunikation von Informationen und Positionen
die Auswahl der akteurseigenen Medien, vor allem durch den Projektträger. Eine
Herausforderung stellen dabei die unterschiedlichen Mediennutzungseigenschaften
und Interessen des dispersen Publikums dar, die die Erreichung möglichst aller
relevanten Stakeholder bzw. der Öffentlichkeit verkomplizieren.
Ergänzung finden die medienbezogenen Faktoren durch den Kommunikati-
onsstil (z.B. Wortwahl, Kontinuität und Visualisierung) sowie den richtigen Kom-
munikationszeitpunkt. Hierbei stützt eine (durch den Projektträger) frühzeitig be-
gonnene Kommunikation prinzipiell die Zustimmung zu einem Projekt, nicht aus-
zuschließen sind hierbei jedoch Effekte des Planungsparadoxons (vgl. Kapitel
5.2.2). Dieses umfasst das Phänomen, dass bei anfänglich hoher Abstraktion eines
Projekts geringes öffentliches Interesse am Projekt und der Kommunikation vor-
herrscht sowie eine unklare bzw. keine Betroffenheit. Je konkreter sich das Projekt
entwickelt und der Projektfortschritt deutlich wird, desto eher zeichnet sich ab,
inwiefern wer wo betroffen sein wird. Erst im Zuge dessen steigt dann das öffentli-
che Interesse an der Kommunikation des Projektträgers, gleichzeitig sinken jedoch
die Einflussmöglichkeiten auf das Projekt aufgrund fortgeschrittener Planungen
und Projektfestlegungen (vgl. Roßnagel et al. 2016:21; Hitschfeld & Eichenseer
2014:54). Hiervon ist auch die visuelle Kommunikation betroffen, die mit der
Herausforderung konfrontiert wird, ein Projekt keinesfalls zu konkret darzustellen,
um das Gefühl bereits gefallener Würfel zu vermeiden, andererseits ausreichend
konkret darstellen sollte, um ein Projekt nicht zu abstrakt scheinen zu lassen.
Hinsichtlich unterschiedlicher Formen von Kommunikation und Beteiligung
zeigt sich ein äußerst heterogenes Verständnis des Beteiligungsbegriffes bei Akteu-
ren und Öffentlichkeit, wodurch auch die Erwartungen an solche Interaktionsfor-
men und das vorherrschende Fachwissen zur Gestaltung dieser ebenfalls höchst
unterschiedlich sind. Verkompliziert werden diese Situationen beispielsweise
durch politische Vorentscheidungen, wodurch der Entscheidungsspielrum für eine
mögliche Öffentlichkeitsbeteiligung entsprechend kleiner wird. Die Reflektionen
der Interviewpartner weisen hierbei erneut auf die Bedeutung eines umfassenden
Erwartungsmanagements hin, um dieser Herausforderung zu begegnen.
Die untersuchten Einflussfaktoren der gesamtgesellschaftlichen Ebene wei-
sen abschließend auf die Rolle von Verfahren und Gesetzen hin. Hierbei wird
deutlich, dass zahlreiche der bei Großprojekten zur Anwendung kommenden
Verfahren und Gesetzen als nicht mehr zeitgemäß empfunden werden und eine
Überarbeitung dieser in zahlreichen Fällen als dringend notwendig empfunden
wird, um sie wissenschaftlichen Erkenntnissen, veränderten Projektabläufen und
nicht zuletzt den veränderten Bedürfnissen (z.B. hinsichtlich Beteiligungsfor-
7.2 Empirische Erkenntnisse zu Determinanten der Akzeptanz von Großprojekten 225

men) der Öffentlichkeit sowie der Akteure anzupassen. Besonderes Gewicht


wird neben diesen strukturellen Voraussetzungen vor allem dem konkreten Han-
deln politischer und administrativer Akteure zugeschrieben. Dies kann als ein
Hinweis darauf gewertet werden, dass Verfahren und Gesetze zwar bedeutsam,
die schließlich auf dieser Basis ausgeführten, konkreten Handlungen durch Poli-
tik und Behörden jedoch besonders entscheidend sind.
Die finale Betrachtung zeigt, dass alles in allem grundsätzliche Konstellati-
onen wie die soziodemografischen Eigenschaften der organisierten Akteure so-
wie der nicht organisierten Öffentlichkeit, die infrastrukturelle Gegebenheiten
der betroffenen Region sowie die demografischen Entwicklungen in der Gesell-
schaft den Ausgangspunkt der Genese von Akzeptanz und Konflikt darstellen.
Das nachfolgende Modell fasst die allgemeinen Determinanten der Akzep-
tanz von Großprojekten übersichtlich zusammen. Basis hierfür sind die fünf
Grunddimensionen der Akzeptanzgenese: Prozessgestaltung, projektbezogene
Faktoren, Determinanten der Kommunikation und Beteiligung, akteursbezogene
Aspekte und gesellschaftliche/politische Faktoren. Die Ergänzung von Plus- und
Minuszeichen zeigt an, ob der aufgeführte Faktor akzeptanzfördernd (+) oder
akzeptanzmindern (-) wirkt. Ist sowohl das Plus- als auch das Minuszeichen (+/-)
vermerkt, so ist die Wirkungsrichtung (akzeptanzfördernd oder akzeptanzmin-
dernd) des Faktors abhängig von dessen inhaltlicher Ausprägung,
226 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Abbildung 38: Empirisches Modell allgemeiner Determinanten der Akzeptanz


von Großprojekten
7.3 Empirische Erkenntnisse zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten 227

7.3 Empirische Erkenntnisse zu Kosten- und Nutzenaspekten bei


Großprojekten

Das vorhergehende Kapitel 7.2 zeigt die Determinanten der individuellen Zu-
stimmung und damit der Akzeptanz von Großprojekten detailliert auf. Die inhalt-
liche Ausprägung vieler Faktoren, worunter die konkreten Effekte von Projekten
zu verstehen sind, wird hierbei jedoch nicht weiter ausgeführt. Das vorliegende
Kapitel widmet sich diesen Effekten näher und beantwortet die Fragen nach Art,
Bedeutung und Verhältnis verschiedener Effekte.
Diesbezüglich wurde auf eine Kombination von qualitativen und quantitati-
ven Daten aus Studie S2 zurückgegriffen, in Form offen erhobener, relevanter
Kosten- und Nutzenformen mit anschließender quantitativer Bewertung dieser
Formen. Die Darstellung der identifizierten Effekte wurde an die in Kapitel 4.2
eruierte Struktur angelehnt, die sich selbst an Beck & Schwarz (2008) orientiert.

7.3.1 Wahrgenommene Kosten- und Nutzenarten

7.3.1.1 Nutzenformen bei Großprojekten

Welche Formen von Nutzen, Vorteilen oder Chancen werden von den Akteuren
mit Großprojekten assoziiert, beobachtet oder angenommen und fließen damit in
das individuelle Kosten-Nutzen-Verhältnis ein? Insgesamt lassen sich in den
Nennungen der Akteure 235 positive Effekte durch Großprojekte identifizieren,
die nachfolgend thematisch strukturiert vorgestellt und erläutert werden.

Effekte mit Bezug zu Infrastruktur, Versorgungslage, Freizeit und Kultur

Die meisten positiven Effekte (70 Nennungen) entfallen auf Auswirkungen von
Großprojekten auf strukturelle Gegebenheiten. Hierunter werden Effekte auf die
technische Infrastruktur verstanden, welche die Neuerschaffung und Verbesserung
von Gebäude- und Verkehrsinfrastruktur sowie die Energieversorgung umfasst.
Bezüglich der Gebäude- und Verkehrsinfrastruktur wird neben Neuschaffung die
Chance der Entlastung bestimmter Räume und Regionen sowie bereits bestehender
Infrastruktur gesehen. Hinzu kommt die Annahme einer verbesserten Anbindung
und Vernetzung, nicht nur, aber vor allem ländlicher Räume, einerseits aus ver-
kehrbezogener Perspektive, andererseits aus wirtschaftlicher Perspektive. Hierbei
wird auf eine gesteigerte Attraktivität als Wirtschaftsstandort bzw. Stärkung be-
reits bestehender Wirtschaftsstandorte gesetzt. Durch ein Projekt, so der Gedanke,
kommen positive Impulse in die Regionen, wodurch der Wirtschaftsstandort
228 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Deutschland gesichert und ausgebaut wird und nicht zuletzt eine verbesserte Ver-
sorgungslage vor Ort ermöglicht wird. Die sichere, unabhängige und wirtschaftli-
che Versorgung mit Energie wird dabei als zentraler Aspekt angesehen, zum einen
im Kontext der europäischen Integration, zum anderen im Kontext der Energie-
wende hin zu erneuerbaren Energien. Diese harten Nutzenformen decken sich in
vielen Teilen mit den Initiierungsgründen bzw. originären Beweggründen von
Großprojekten (vgl. Kapitel 4.2.1.1), die die Verbesserung bzw. Erneuerung von
verschiedenen Formen der Infrastruktur zum Ziel haben. Hierzu zählen vor allem
Energie- und Kommunikationsinfrastruktur sowie Wohn- und Mobilitätsstrukturen
(vgl. z.B. Benighaus et al. 2010; RWE 2012; Forschungsinitiative ZukunftBAU
2013).
Neben Formen harter Infrastruktur wird auch die Verbesserung weicher, so-
zialer Infrastruktur prognostiziert. Gemeint sind die Qualität öffentlicher Räume
sowie Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, vor allem für Kinder, Jugendli-
che und ältere Menschen. Chancen werden zugleich in erhöhten Kultur-, Frei-
zeit- und Fremdenverkehrswerten der Regionen und damit insgesamt positiven
Impulsen für den Tourismus und das kulturelle Leben, teilweise durch die Pro-
jekte selbst, wenn sie sich für diese Zwecke eignen, aber auch als Folge anderer
Effekte, z.B. durch Zuzug neuer Bürger, gesehen.

Ökonomische Effekte

Wirtschaftliche Nutzenaspekte werden nicht nur im abstrakt-strukturellen Zusam-


menhang mit Großprojekten verknüpft, sondern auch in direkter Verbindung mit
gesellschaftlichem Wohlstand und finanziellen Aspekten, sowohl privater als auch
öffentlicher Institutionen, gesehen, verdeutlicht durch 46 Nennungen der Akteure.
In erster Linie stellen die Projekte einen Beitrag zur Erreichung der Ziele der Pro-
jektträger in Bezug zu deren Geschäftsmodell dar. Dies bezieht sich nicht nur auf
ökonomische, sondern auch auf ökologische, administrative, politische oder soziale
Zielsetzungen (je nach Art des Projektträgers). Aber nicht nur für diesen, sondern
auch für umliegend angesiedelte Unternehmen und Einrichtungen wird auf positive
Effekte gehofft, beispielsweise in Form einer verbesserten Auftragslage und er-
höhter Wirtschaftskraft. Vor allem die Unterstützung der lokalen Wertschöpfung
und Infrastruktur wird dabei als zentral angesehen, z.B. durch erhöhte Effizienzen
oder eine Minimierung allgemeiner Beeinträchtigungen, geringere Belastungen
aufgrund modernisierter Technik oder effizienterer Verfahren und Lösungswege.
Durch eine direkt-wirtschaftliche Beteiligung von Bürgern sowie den Erhalt
oder die Neuschaffung von Arbeitsplätzen vor Ort entsteht ein weiterer Nutzen-
faktor. Die direkte wirtschaftliche Beteiligung bezieht sich beispielsweise auf die
7.3 Empirische Erkenntnisse zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten 229

Möglichkeit der Bürger, Anteile am Projekt zu erwerben oder zu erhalten. Der


langfristige Erhalt und Zuwachs von Arbeitsplätzen wird einerseits auf die Pro-
jektverwirklichung bezogen (z.B. im Rahmen von Bautätigkeiten) oder auf das
fertiggestellte Projekt. Andererseits werden auch Impulse für umliegende Ar-
beitgeber für möglich gehalten. Gerade die Einrichtungs- und Erstellungsphase
bei großen Projekten wird hinsichtlich der hierbei entstehenden Impulse (z.B. für
Hotellerie, Gastronomie und den lokalen Einzelhandel) als nutzenstiftend ange-
sehen. Zugleich wird mit steigendem wirtschaftlichen Erfolg ansässiger Unter-
nehmen auf steigende Steuereinnahmen sowie durch die Projekte verursachte
öffentliche Zuwendungen gehofft und damit auf eine Aufbesserung der kommu-
nalen Kassen. Diese Prognosen und Wahrnehmungen finden Ergänzung durch
die Hoffnung auf Anregung von Wirtschaft- und Finanzkreisläufen insgesamt.
Die Ergebnisse validieren die bei Fallstudien bereits identifizierte Bedeutung
der wirtschaftlichen Zugkraft von Großprojekten für die umliegende Region (vgl.
z.B. Hüsing et al. 2002). Die Literatur geht hierbei bislang jedoch weniger von
einem umfassenden wirtschaftlichen Aufschwung aus, sondern eher von stabilisie-
renden Wirkungen auf eine bereits bestehende Dynamik durch die Verhinderung
der Schwächung von Standorten und dem Erhalt von Entwicklungs- und Erneue-
rungsmöglichkeiten (vgl. u.a. Gans 1994; Bundesministerium für Verkehr und
digitale Infrastruktur 2014; RWE 2012). Die neu aufgezeigten, sehr konkreten
ökonomischen Nutzenformen erweitern daher die bisherigen Erkenntnisse um
anschauliche Effekte, die vor allem für das räumliche bzw. geografische oder fach-
liche Umfeld von Großprojekten wahrgenommen bzw. angenommen werden.

Politische und zivilgesellschaftliche Effekte

Bei den positiven Effekten auf gesellschaftlicher Ebene können fünf maßgebli-
che Arten unterschieden werden, denen die Akteure durch 17 Nennungen Aus-
druck verleihen.
Erstens wird auf Ebene der Implementierung von Politik der Nutzen von
Großprojekten im Beitrag dieser zur Umsetzung von bestimmten Entscheidun-
gen gesehen, bezogen vor allem auf jene Projekte der öffentlichen Hand, die auf
Basis eines Gesetzes initiiert werden.
Finden zweitens bei Großprojekten Formen der Bürgerbeteiligung Anwen-
dung, so stellen diese aus Sicht der Akteure einen Nutzen im Hinblick auf eine
verbesserte Verknüpfung von Staat und Zivilgesellschaft dar. Das im Zusam-
menhang mit Großprojekten oftmals entstehende Engagement der Bürgerschaft
(z.B. in Form von Bürgerinitiativen) wird drittens als Zeichen einer vitalen Ge-
sellschaft gesehen. Viertens wird einzelnen Projekten eine Förderung der gesell-
schaftlichen Integration sowie Inklusion (z.B. städtebauliche oder infrastrukturel-
230 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

le Projekte) oder der Kultur- und Geschichtspflege (z.B. kulturelle Projekte)


zugeschrieben. Im Rahmen von Effekten, die als Folge anderer, primärer Effekte
auftreten (z.B. wirtschaftlichem Aufschwung, Förderung von Kultur- und Frei-
zeiträumen, verbesserte Bildungs- und Betreuungsangeboten), wird fünftens eine
Chance gesehen, die Abwanderung von Menschen aus meist ländlichen Regio-
nen aufzuhalten bzw. den Zuzug dorthin zu fördern. Diese Reflektionen, die
insgesamt unter dem Thema der Integration und lebendige Zivilgesellschaft zu-
sammengefasst werden können und mit vermehrt bürgerschaftlichem Engage-
ment einhergehen, unterstreichen anhand der umfassenden Stichprobe die bishe-
rigen Kenntnisse und Hoffnungen diesbezüglich, die bislang vor allem in Pro-
jekthandbüchern Berücksichtigung finden (vgl. Arbter 2010; Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin 2011; Arbter et al. 2005; Führungsaka-
demie Baden-Württemberg 2012).

Soziale Effekte

Neben gesellschaftlichen Effekten auf Makroebene werden auch 22 soziale Nut-


zeneffekte der Mesoebene mit Großprojekten assoziiert. Eine zentrale Rolle wird
vor allem den zahlreichen sozialen Handlungen im Rahmen eines Projektes zuge-
schrieben, die durch die Kommunikation zwischen den Akteuren zum Austausch
von Argumenten und Meinungen sowie zur Abstimmung untereinander zustande
kommen. Unabhängig ob mit Gleich- oder Andersgesinnten wird dadurch eine
Qualitätsverbesserung sozialer Beziehungen, effektivere Zusammenarbeit und ein
intensiverer Kontakt sowohl unter den Akteuren als auch zur nicht organisierten
Bürgerschaft wahrgenommen. Zudem können Themen, die sonst kaum auf der
öffentlichen Agenda stehen, hierdurch Eingang in die Öffentlichkeit bzw. gesell-
schaftliche Diskussion finden. Häufigere Kontakte und soziale Situationen fördern
aus Sicht der Akteure wiederum eine kontinuierliche Kommunikation und einen
offenen Diskurs sowie gegenseitiges Kennenlernen und Vertrauen. Hiermit geht
oftmals auch eine erhöhte Aufmerksamkeit bzw. ein höherer Bekanntheitsgrad
sowohl für das Projekt, den Ort wie auch die Akteure selbst einher. Auf dieser
Basis besteht auch die Chance für Image- und Reputationsgewinne bei Akteuren,
Städten und Themen. Hinsichtlich dieser Ergebnisse darf angenommen werden,
dass sich Annahmen zur positiven Wirkung sozialer Interaktionen, die bislang vor
allem im Kontext kleinerer bis mittlerer Gruppen, ohne spezifischen Bezug zu
Großprojekten oder anhand von Einzelfallstudien untersucht wurden (vgl. z.B.
Mendelberg 2002; Bark 2012; Himes 1966; Bercovitch 1984; Benighaus et al.
2010), insgesamt auf verschiedene Projektformen und -kontexte von Großprojek-
ten und deren Konflikt- bzw. Akzeptanzprozesse übertragen lassen.
7.3 Empirische Erkenntnisse zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten 231

Individuelle Effekte

Positive Effekte auf individueller Ebene werden durch rund 30 Nennungen ver-
balisiert. Hierbei können vor allem die Verbesserung von Lebens-, Wohn- und
Arbeitsbedingungen sowie individuelle Lerneffekte genannt werden.
Vor allem städtebaulichen und naturschutzbezogenen Projekten werden Ver-
besserungen und Neuschaffungen von Wohn- und Lebensräumen zugeschrieben,
aber auch beispielsweise Verkehrsprojekten durch ihr Entlastungspotenzial be-
stimmter Räume. Modernisierte, sicherere und angenehmere Arbeitsbedingungen
zählen ebenso zu den positiven Effekten. Hinzu kommt vor allem mit Mobilitäts-
und Verkehrsprojekten die Hoffnung auf eine Verbesserung der Sicherheit durch
weniger Unfälle. Nicht nur die objektive Verbesserung von Bedingungen, sondern
auch die Sensibilisierung und Schärfung der subjektiven Wertschätzung für den
eigenen Lebensraum und die (soziale) Umgebung können dabei aus Sicht der Ak-
teure durch ein Großprojekt und seine Prozesse gefördert werden. Die identifizier-
ten Nutzenformen hinsichtlich Fragen der Lebensqualität nehmen damit Bezug zu
den zentralen menschlichen Bedürfnissen Sicherheit und Gesundheit (vgl. Maslow
1943) und weisen diesbezüglich auf verschiedene positive Aspekte bei Großpro-
jekten hin. Dies stellt eine wichtige Ergänzung der bisherigen Erkenntnisse dar, da
sich diese vor allem auf negative Effekte bzgl. der Lebensqualität beziehen (vgl.
z.B. Schreck 1998; Luge 2011; Benighaus et al. 2010; RWE 2012; BUND 2013).
Die individuellen Lerneffekte durch Großprojekte beziehen sich auf den
Zuwachs von Wissen und Fähigkeiten, der mit dem Projektzweck (z.B. Natur-
und Umweltbildung bei Naturschutzprojekten), aber auch mit den einhergehen-
den Prozessen verbunden sein kann. Diesbezüglich nennen die Akteure z.B. die
Kompetenzsteigerung durch Einarbeitung in neue Themen, den Wissenszuwachs
im Rahmen von Diskussionen bezüglich Fachthemen, aber auch gesetzlichen
Abläufen und Verfahren sowie umfangreichere Kenntnisse über lokale Gegeben-
heiten und Zustände. Dementsprechend lassen sich die Erkenntnisse anderer
Autoren hinsichtlich verschiedenartiger Informations- und Wissenszuwächse
bestätigen (vgl. z.B. Oppermann & Langer 2000; Brettschneider & Vetter 2011;
Brettschneider 2011; Ewen 2009).

Effekte der Raum-, Landschafts- und Stadtgestaltung

In Bezug auf die Veränderung von öffentlichen Räumen und Landschaftsbildern


sowie die Möglichkeiten der Raum- und Stadtgestaltung werden ebenfalls positive
Effekte durch Großprojekte wahrgenommen (16 Nennungen). Diese werden vor
allem in der Verwertung bereits bestehender Immobilien, einem im Verhältnis
232 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

geringeren Platzbedarf oder der sinnvollen Nutzung von Konversionsflächen gese-


hen. Vor allem die Konversion entspannt zugleich mögliche Flächennutzungskon-
kurrenzen mit Landwirtschaft oder Naturschutz. Zum anderen werden optische
Aufwertungen des Landschaftsbildes angemerkt, vor allem durch den Rückbau
alter oder überholter Einrichtungen. Schlussendlich bieten sich aus Sicht der Ak-
teure durch Großprojekte städte- und landschaftsbauliche Chancen der (Neu)Ge-
staltung von öffentlichen Räumen. Diese Formen des Flächen- und Objektrecyc-
lings lassen eine Ergänzung der bislang maßgeblich in negativem Zusammenhang
beachteten Auswirkungen (vgl. z.B. Benighaus et al. 2010) zu, vor allem hinsicht-
lich der Aufwertung des Landschaftsbildes durch Rück- oder Umbau bzw. Umnut-
zung bestehender bzw. bereits genutzter Objekte und Flächen.

Verkehrseffekte

Aufgrund der räumlichen Bedeutung eines Großprojektes werden in seinem Zu-


sammenhang auch Effekte auf und durch den Verkehr als bedeutsam gesehen, wie
Akteure anhand von zwölf Nennungen (maßgeblich in Bezug auf Verkehrs- und
Mobilitätsprojekte) verdeutlichen. Die Möglichkeit zur Stärkung des öffentlichen
Verkehrs im Vergleich zum Individualverkehr und dadurch nachfolgende Effekte
(z.B. weniger Stau, Verbesserung der Luftqualität) wird hierbei besonders betont.
Aber auch Effizienzgewinne und die Bündelung von Individualverkehr werden
vereinzelt genannt. Insgesamt wird auf eine Verbesserung des Verkehrsflusses im
Rahmen dieser Projekte gesetzt. Diese, vor allem im Zusammenhang mit Ver-
kehrs- und Mobilitätsprojekten, identifizierten Nutzenformen, spiegeln ähnlich wie
die oben erörterten strukturellen Nutzeneffekte die Initiierungs- bzw. originären
Beweggründe von Projekten (in diesem Fall von Verkehrs und Mobilitätsprojek-
ten) wider und tragen hierdurch zur Erfüllung der Projektziele bei.

Effekte mit Bezug zu Ökologie und Nachhaltigkeit

Die Neu- oder Umgestaltungsprozesse durch Projekte und die damit einherge-
henden Effekte verbesserter Effektivität und Effizienz beziehen sich nicht nur
auf finanziell-wirtschaftliche, sondern, basierend auf 22 Nennungen der Akteure,
auch auf ökologische Aspekte. Ein verbesserter Schutz der Umwelt durch Projek-
te, die diesen zum Projektzweck haben (z.B. Nutzung erneuerbarer Energien),
aber auch ökologischer Nutzen durch andere Projekte zählen hierzu. Neben der
allgemeinen Verminderung von Schadstoffemission ist vor allem eine geringere
Lärmbelastung zu nennen, die sich die Akteure durch verschiedene Großprojekte
erhoffen. Der Schutz der Natur, durch Erhaltung und Verbesserung von Böden
7.3 Empirische Erkenntnisse zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten 233

und Biodiversität, wird ebenfalls als Nutzenaspekt genannt. Sämtliche ökologi-


schen Effekte beziehen sich neben dem Erhalt vorhandener Zustände auf die
Verbesserung von Zuständen, beispielsweise durch ökologische Ausgleichsmaß-
nahmen, die im Rahmen von verschiedenen Großprojekten durchgeführt werden
müssen (z.B. Renaturierung von Flächen). Insgesamt wird in diesen positiven
Effekten ein wichtiger Aspekt der nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung gese-
hen. Die identifizierten ökologischen Effekte machen deutlich, wie wichtig die
Einbeziehung dieser bei der Einschätzung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses bei
Großprojekten ist, die jedoch bei klassischen Ansätzen aufgrund der Herausfor-
derungen der Operationalisierung dieser Effekte bislang stark vernachlässigt
wird (vgl. z.B. Macharzina & Wolf 2008 sowie die Ausführungen in Kapitel 4).

7.3.1.2 Kostenformen bei Großprojekten

Neben den positiven Auswirkungen die mit Großprojekten verbunden werden,


nennen die Akteure auch zahlreiche abträgliche Effekte. Durch insgesamt 259
Nennungen geben die befragten Akteure Einblick in ihre Wahrnehmungen und
Bewertungen von negativen Aspekten.

Effekte mit Bezug zu Infrastruktur, Versorgungslage, Freizeit und Kultur

Strukturelle Effekte negativer Art finden zahlenmäßig keinen so großen Eingang in


das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Großprojekten wie die beschriebenen positiven
strukturellen Effekte. 15 Nennungen entfallen auf dieses Themenfeld, das ebenfalls
Auswirkungen auf die soziale und technische Infrastruktur umfasst. Durch die Ein-
oder Errichtung von Projekten werden eine Überlastung vorhandener technischer
Infrastruktur befürchtet (z.B. vorhandener Straßen und Brücken) sowie ein Weg-
fall von Infrastruktur aufgrund von Verdrängungswettbewerben. In Bezug auf eine
in die Zukunft gerichtete Energieinfrastruktur besteht die Befürchtung, die Ener-
giewende und die damit einhergehenden Veränderungen durch die Realisierung
bestimmter Projekte nicht bewältigen zu können. Dies bezieht sich vor allem auf
Energieprojekte, die im Zusammenhang mit konventionellen Energien (z.B. Strom
aus Kohle) stehen. Nachteile für die soziale Infrastruktur werden vor allem hin-
sichtlich eines abnehmenden Tourismus- und Erholungswertes von (Nah)Erho-
lungsräumen und -regionen sowie Grünbereichen erwartet, beispielsweise durch
Wegfall oder Verkleinerung dieser Bereiche.
234 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

Effekte mit Bezug zu ökonomischen und fachlichen Aspekten

Der größte Teil negativer Aspekte entfällt mit 79 Nennungen auf ökonomische
Aspekte und jene mit Bezug zu Vergleich und Verhältnismäßigkeiten. Die Inves-
titionskosten, die im Rahmen eines Projektes für die Realisierung fällig werden
(sei es für die Planungen, Planänderungen, den Bau oder die Einrichtung) wer-
den von zahlreichen Akteuren als zentraler Kostenfaktor genannt. Besonders
dann, wenn es sich um öffentliche Projekte handelt, wird die Belastung des Steu-
erzahlers angemerkt, aber auch im Fall der Förderung oder Unterstützung priva-
ter Projekte durch öffentliche Gelder (z.B. Subventionen, Bau speziell notwendi-
ger Straßen). Sowohl bei öffentlichen als auch bei privaten, jedoch öffentlich
geförderten Projekten werden hohe wertbezogene Ansprüche an den Projektträ-
ger gestellt; beispielsweise wird die Unterstützung fragwürdiger Projektträger
durch öffentliche Gelder besonders abgelehnt. Zudem wird ein hohes Maß an
Sorgfalt im Mittelumgang erwartet. Bei Projekten, die diese Sorgfalt vermissen
lassen, wird die Ausgabe öffentlicher Gelder explizit als „Geldverschwendung“
bezeichnet. Der sorgfältige Umgang mit Ressourcen bezieht sich dabei nicht nur
auf die direkten, bei Bau bzw. Einrichtung entstehenden Kosten, sondern auch
auf nachfolgende Unterhalts- und Instandhaltungskosten sowie Belastungen, die
auf die Allgemeinheit durch das Projekt zukommen. Vor allem (ungeplante)
Kostensteigerungen durch Mängel in der Konzeption werden als negativ bewer-
tet. Die negative Bewertung von Kosten und Kostensteigerungen bezieht sich auf
die Entstehung dieser an sich, jedoch auch bereits auf die Unsicherheit bzw. das
Risiko, dass sie ggf. entstehen könnten.
Negativ konnotiert sind zudem entstehende oder zu befürchtende (Kosten)
Barrieren für andere Projekte. Bezug genommen wird hierbei auf die Projektreali-
sierung zu Lasten von, aus der Sicht der Akteure, dringender benötigten Projekten,
auf die Ausbremsung innovativer Technologien oder den Abzug von Personalka-
pazitäten aus anderen Bereichen, um die Realisierung eines spezifischen Projekts
bewältigen zu können. Gerade bezüglich des Realisierungsprozesses wird der
insgesamt für den Projektträger (z.B. Planungsaufwand), aber auch für Verwal-
tung, Politik und Akteure entstehende Aufwand thematisiert. Hierbei wird bei-
spielsweise ein erhöhter Verwaltungs- und Kommunikationsaufwand genannt.
Letzterer umfasst die Gestaltung von Informationsinstrumenten und -prozessen
sowie die Konzeption und Durchführung von Konsultations- und Mitgestaltungs-
formen. Vor allem für Ämter, die für die Begleitung und Genehmigung eines Pro-
jektes zuständig sind, wird in diesem Zusammenhang ein hoher Personalbedarf, die
Bindung von Ressourcen und Kosten der Prozessorganisation wahrgenommen,
unter anderem durch die Pflicht zur Information der Öffentlichkeit über das Projekt
und damit einhergehender Anfragen sowie dem Abstimmungsbedarf. Diese aus-
führlichen Details hinsichtlich des Umgangs mit öffentlichen Geldern legen eine
7.3 Empirische Erkenntnisse zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten 235

besondere Bedeutung dieser Effekte im Hinblick auf die Akzeptanzgenese nahe.


Zwar finden Fragen nach Art und Höhe des Ressourcenaufwands von Projekten im
Vergleich zu dem hierdurch entstehenden Output bereits Berücksichtigung in an-
deren Untersuchungen (vgl. hierzu Kapitel 3.1.1), diese detailbezogene Wahrneh-
mung und Bewertung des Umgangs mit öffentlichen Geldern stellt jedoch eine
neue Tiefe des Themenbereiches dar und legt eine stärkere Fokussierung wissen-
schaftlicher Untersuchungen diesbezüglich nahe.
Hinzu kommen wirtschaftliche Belastungen, die vor allem für Anrainer be-
fürchtet werden. Hierzu zählen z.B. Gesundheitskosten durch projektbezogene
Erkrankungen, die Wertminderung naheliegender Immobilien und Grundstücke
oder auch die Enteignung/Vertreibung von Anliegern. Hinsichtlich negativer
Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft wird der Verlust oder ein fehlender
Ausbau von Arbeitsplätzen aufgrund eines Projektes genannt.
Anhand ökonomischer Indikatoren wird auch der Faktor Zeit bei einem Pro-
jekt gemessen. Wird eine langjährige Belastung von Anwohnern (z.B. durch Bau-
lärm), ein bedeutender Zeitverlust für Kunden (z.B. durch verminderte Taktzeiten
im Bahnverkehr) oder einfach insgesamt kein Zeitgewinn durch ein Projekt gese-
hen, wird dies als negativer Aspekt von Projekten wahrgenommen. Gleichermaßen
werden fachliche Mängel eines Großprojektes aus ökonomischer Perspektive be-
trachtet, beispielsweise werden fehlende oder mangelhafte Gesamtkonzepte zur
Einbettung eines Projektes in die umliegende Region und ihre Wirtschaft als Nach-
teil wahrgenommen. Ergänzend dazu zählen für die Akteure auch die Verhältnis-
mäßigkeiten eines Projekts: Ein schlechtes Verhältnis von Kosten und Nutzen oder
eine als ungerecht angesehene Verteilung positiver und negativer Effekte (z.B. auf
unterschiedliche Regionen) im Rahmen eines Projektes werden ebenfalls zu den
negativen Aspekten gezählt.
Die Wahrnehmung und Bewertung mangelnder Gerechtigkeit oder Verhält-
nismäßigkeit als Kosteneffekt unterstreicht die in Kapitel 7.2 aufgezeigte Bedeu-
tung dieser Aspekte als allgemeine Konflikt- bzw. Akzeptanzfaktoren (vgl. auch
Ohlhorst & Schön 2010; Köberle 1994; Huijts et al. 2012; Schweizer-Ries et al.
2010). Dass diese Effekte nur bei den Kosten-, jedoch nicht bei den Nutzenas-
pekten identifiziert werden können, lässt den Schluss zu, dass besonders das
Fehlen dieser Eigenschaften bzw. eine mangelhafte Ausprägung Relevanz für
das Kosten-Nutzen-Verhältnis und dadurch für die Projektakzeptanz entwickelt.

Politische und zivilgesellschaftliche Effekte

Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens bzw. Effekte auf gesellschaftlicher


Ebene werden von den Akteuren mit 21 Nennungen berücksichtigt. Relativ allge-
mein gehalten wird die Befürchtung, dass mit einem Projekt überhaupt irgendwel-
236 7 Empirische Erkenntnisse zu Konflikt und Akzeptanz bei Großprojekten

che Nachteile für die Allgemeinheit einhergehen könnten, z.B. durch finanzielle
Kosten, Einschränkungen, Verbote oder zunehmende Risiken. Konkreter hingegen
sind Ängste hinsichtlich einer zu erwartenden Gentrifizierung (vor allem bei städ-
tebaulichen Projekten) und damit einhergehender Folgen (z.B. steigende Mieten,
Verschwinden kultureller Merkmale) sowie die Befürchtung von Abwanderungs-
prozessen aus ländlichen Regionen bzw. einem geringeren Zuzug dorthin.

Soziale Effekte

Negative oder einschränkende Effekte auf den sozialen Umgang untereinander


werden in 20 Nennungen thematisiert. Hierbei werden ganz ähnliche Aspekte
angesprochen, wie sie oben mit Blick auf positive Effekte Erwähnung finden. Vor
allem hinsichtlich der Qualität sozialer Beziehungen, der in obigen Beschreibun-
gen (vgl. Ausführungen zu Nutzenformen) durch vermehrte soziale Interaktion die
Chance auf Verbesserung eingeräumt wird, werden auch Verschlechterungen
durch Großprojekte festgestellt. Genannt werden beispielsweise harte Auseinan-
dersetzungen und Konflikte, gefolgt von einem Aufbau starker Fronten, bis hin zur
Gefahr der Spaltung sozialer Gruppen bzw. der Bevölkerung oder der Gefährdung
des sozialen Friedens. Ausdruck findet dies auch in mangelnder Transparenz und
Fairness untereinander, Diffamierungen, persönlichen Angriffen oder anderweitig
schädigenden Verhaltensweisen von Akteuren (illegitimes bis hin zu illegalem
Verhalten). Schlussendlich können sich diese Entwicklungen in Image- und Repu-
tationsverlusten niederschlagen. Vielfach werden hierbei die Projektträger als
Geschädigte genannt, es können jedoch auch andere Akteure hiervon betroffen
sein (z.B. Behörden, Politiker, Sachverständige). Ähnlich wie die sozialen Nutzen-
effekte zeigen auch diese negativen Wahrnehmungen, dass sich Wirkungen sozia-
ler Interaktion, die in anderen Kontexten vorzufinden sind, in Teilen auch auf
Großprojektsituationen übertragen lassen.

Individuelle Effekte

Neben Auswirkungen auf der Mesoebene werden auch Effekte auf die Mikro-
ebene befürchtet bzw. wahrgenommen, ausgedrückt durch 24 Nennungen. Ge-
nannt werden vor allem Befürchtungen hinsichtlich Gesundheitsgefahren durch
Emissionen, z.B. Unwohlsein verursachende bis hin zu krebserregenden Stoffen
sowie insgesamt schädigende Formen von Strahlung oder Schall. Auch die Ver-
schlechterung der allgemeinen Sicherheitslage wird befürchtet (z.B. durch mehr
Unfälle, höhere Kriminalität). Neben Ängsten spielt auch ein möglicher persön-
licher Frust, der vor allem im Zusammenhang mit langwierigen Konfliktsituatio-
nen genannt wird, eine Rolle sowie ein gegenseitiger Vertrauensverlust vor allem
7.3 Empirische Erkenntnisse zu Kosten- und Nutzenaspekten bei Großprojekten 237

in jene Akteure, die durch intransparente oder unehrliche Kommunikation aufge-


fallen sind. Vor allem sinkendes Vertrauen in Vertreter der Politik wird dabei als
folgenschwer empfunden.
Auch eine potentielle Verschlechterung von Arbeits-, Wohn- und Lebens-
verhältnissen wird von den Akteuren als Manko empfunden. Dies umfasst konk-
ret z.B. den Verlust oder die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen (z.B.
Arbeitsplatzverlagerungen) oder Wohnräumen (z.B. Kündigungen) sowie etwas
abstrakter eine Abnahme der Lebensqualität durch insgesamt hohe Belastungen
und geringer oder kleiner werdende Rückzugsräume. Die W