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RÜDIGE R

SCHMIT T

DIE IRANISCHEN

SPRACHEN

IN GESCHICHTE UND GEGENWART

REICHER T VERLA G

• WIESBADE N

2000

Die Deutsche Bibliothek -

CIP-Einheitsaufnahme

Schmitt, Rüdiger:

Die iranischenSprachen In Geschichte und Gegenwart / Rüdiger Schmitt. Wiesbaden: Reichert, 2000 ISBN 3-89500-150-3

© 2000 Dr. Ludwig Reichert Verlag Wiesbaden ISBN 3-89500-150-3

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Vorwort

Da eine kurze, auf Deutsch geschriebene einführende Übersicht über die iranischen Sprachen nicht zur Hand war, hat die Redaktion der von der Kulturabteilung der Botschaft der Islamischen Republik Iran in Bonn veröffentlichten Zeitschrift „Spektrum Iran" im Sommer 1994 den Herausgeber des 1989 erschienenen „Compendium Linguarum Iranicarum" (CLI) zu einer Aufsatzreihe angeregt, die in Anlehnung an dieses Sammelwerk eine breitere Öffentlichkeit weit über die Sprach­ wissenschaft hinaus in noch stärker komprimierter Form über diesen Forschungs­ gegenstand informieren sollte. Unter dem Titel „Die iranischen Sprachen. Eine Einführung in 5 Teilen" ist diese Serie dann zwischen 1995 und 1998 erschienen (Spektrum Iran 8, 4, 1995, 6-27; 9, 2, 1996, 6-32; 9, 3/4, 1996, 6-32; 10, 1, 1997, 10-38; 11, 1, 1998, 14-42).

Die Initiative zu einer zusammenfassenden Publikation der fünf Teile, die bezüglich Form und Umfang gewisse Vorgaben einzuhalten hatten, in einem eigenen kleinen Ein- führungsbändchen ging von dem gerade um die Iranistik in besonderem Maße verdienten Verlag aus. Auch seitens der Zeitschrift „Spektrum Iran" fanden diese Überlegungen wohlwollendes Entgegenkommen. Im Hinblick auf die Neuausgabe wurde der ursprüngliche Text gründlich durchgesehen, redaktionell selbstverständlich an die geänderte Publikationsweise angepaßt und an einzelnen Stellen durch Nachträge sowie Hinweise auf neuere Literatur, die nicht schon in der Bibliographie des entsprechenden CLI-Kapitels verzeichnet ist, aktualisiert. Der Grundcharakter dieses Überblicks über „Die iranischen Sprachen in Geschichte und Gegenwart" als einer Art Extrakt des viel reicheren Inhalts des seinerzeit in demselben Verlag erschienenen „Compendium Linguarum Iranicarum" sollte aber unverändert erhalten bleiben. Hinweise auf weiterführende Literatur werden deshalb auch hier nur spärlich geboten und beschränken sich in der Hauptsache auf die entsprechenden CLI-Kapitel.

Allen an der Herstellung dieses Büchleins Beteiligten gilt mein herzlicher Dank.

Saarbrücken, Herbst 1999

Rüdiger

Schmitt

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Ahbildungsvcr/cichnis

Abkürzungen

Inhaltsverzeichnis

I).

Nam e und Begriff

iranische

Sprachen "

1.

Vorgeschichte

2.

Die Sprachen der altir,mischen Periode

 

3.

Die Sprachen der mittel iranischen Periode

4.

Die westiranischen

Sprachen der neuiranischen

Periode

5.

Die ostiranischen

Sprachen der ncuiranischcn

1'crindc

Abbildungsverzeichnis

Abb.

1:

Schrifttafel

der Avestaschrift

der altpersischen

(aus Hoffmann-Forssman, 41)

23

Abb. 2:

Schrifttafel

Keilschrift (aus CLI 63)

35

Abb. 3:

Karte: Die iranischen Sprachen in ihrer heutigen Verbreitung (aus CLI)

am Schluß des Bandes

Al)kür/.unj>cn

Acli -- Acta Iraniea. leiden usv. l|et/M IAH,HIN) . AcOr = Acta (Inentalia. I niac. AlSt = Algliaii Studies. London. AK = Act ;i Kurilica. Lhc Inter natu mal Journal of Kin dish and

BSI. = Bulletin du Iii Socicl e de Linguistii|tic de I',iris, far is BS()(A)S = Bulletin ot I he School <>l Or lentil I (anil Air lean) Studies. I • mdon ("llr = Corpus Inscriptionuni Iranicarurn. I ondon. CT.I = ('onipeiKlium Linguarum Iranicarum Hisg. u>n Rüdiger Sehinili. Wicsludtn 1'»'>*' ( RAI = Comptcs reiulus de rAcadeime des Inscnplions et Belles 1 litres . Pans

Llr = Kncvclopicdia Iranica. l-.d b\ I hsan Yarshater. London us» . liet/ l Winona I.ike. Ind | l'/hS I! JA = Journal Asiaiique. Pans. JdS = Journal des Savants, Paris.

I .A I.HiS = I .AUKS. Actes des Sessions de l.incuistiquc el de I literature. Pans SPAW = Sil/unesbcrtchtc der Preußischen Akademie der Wissense haften. Berlin

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I = Zcitschntt lur Indologie und Iranistik. I eip/ig

0. Name und Begriff „iranische

Sprachen "

0.1. Der Begriff „iranische Sprachen" bezeichnet nicht - dies muß gleich eingangs klargestellt werden - die Sprachen Irans (also der heutigen Islamischen Republik Iran) im Sinne dieser erst seit einigen Jahrzehnten geläufigen Benennung eines Staatswesens. Er zielt vielmehr auf eine Gruppe genetisch verwandter Sprachen, die weit über die Staatsgrenzen Irans hinaus verbreitet sind: Sie werden heute auch in Afghanistan, Pakistan, den neuerdings unabhängig gewordenen transkaukasischen und mittelasiati­ schen Republiken der einstigen Sowjetunion und einigen anderen Ländern des Orients gesprochen, genauer in einem Gebiet, das im Westen bis zum oberen Euphrat, ver­ einzelt aber noch tiefer in die Türkei, im Nordwesten über den Hauptkamm des Kaukasus, im Norden bis an das Kaspische Meer, im Nordosten bis nach Usbekistan und Tadschikistan, im Osten über den Pamir und Hindukusch, im Südosten bis an das Arabische Meer und den unteren Indus, im Süden schließlich nicht nur bis an den Persischen Golf reicht, sondern jenseits der Straße von Hurmuz auch einen Teil der omanischen Halbinsel Masandam umfaßt. In früheren Zeiten, insbesondere vor der großen Westausbreitung der Turkvölker, waren Stämme iranischer Sprache aber in einem noch viel größeren Bereich zu finden, denn im Altertum waren entlang der Nordküste und sogar an der Westküste des Schwarzen Meeres die iranischen Skythen und Sarmaten ansässig, und bis um das Jahr 1000 n. Chr. sind die ebenfalls iranischen Saken und Sogder in Ostturkestan, bis in die nördliche Mongolei und an die Grenzen des alten China nachgewiesen. Über die genaue Ausdehnung iranischer Sprachen und Völker nach Norden hin läßt sich für die Frühzeit, insbesondere vor der Herrschaft der Achaimeniden, mangels deutlicher Zeug­ nisse allerdings nicht sicher urteilen. Nach Aussage zahlreicher Lehnwörter, die aus alt- und mitteliranischen Sprachen, aber auch schon aus dem „Uriranischen" und dessen Vorläufern, in slavische und finno-ugrische Sprachen übernommen worden sind, müssen die iranischen Völker in diesen zentralasiatischen Gebieten über einen längeren Zeitraum in unmittelbarer Nachbarschaft mit den Slaven und mit finno-ugrischen Völkern gesiedelt haben.

Der Name „iranische Sprachen" ist also ein Begriff der (historischen) Sprachwissen­ schaft - in diesem Sinne verwenden ihn ab 1840 zuerst offenbar August Friedrich Pott und Christian Lassen - und bezeichnet eine Sprachgruppe, die mit den indoarischen Sprachen des Indischen Subkontinents näher verwandt ist und zusammen mit diesen den „indoiranischen" oder „arischen" Zweig der indogermanischen Sprachfamilie bildet. Er ist in säsänidischer Zeit geschaffen worden und hergeleitet von dem seit

alters überkommenen Begriff neupers. Iran < mittelpers. Erän 1 , der nicht einen primär politischen, sondern einen ethnischen Inhalt hat und die Gesamtheit iranischer (Sprachen und) Völker und deren nicht durch exakte Grenzlinien zu markierendes Verbreitungsgebiet bezeichnet. Dieser Name geht zurück auf altpers. ariya- (= avest. airiia-) < iran. *arya- „arisch, Arier", das Gegenstück von altindoar. ärya- „arisch, Arier", die jeweils - im Alten Indien wie in Iran - als die alte Selbstbenennung dieser „arischen" 2 , d. h. indoiranischen Stämme dienen. Zu diesem arischen Sprachzweig gehören unverkennbar auch die erst in moderner Zeit belegten sog. Nüristän-Sprachen, deren genaue Stellung innerhalb der Gruppe allerdings noch nicht endgültig geklärt ist und die hier nicht weiter berücksichtigt zu werden brauchen.

Ein solcher ethnischer Bedeutungsinhalt wird an einigen Belegstellen ganz deutlich widergespiegelt: Auf ihren Inschriften bezeichnen sich die Achaimenidenkönige Dareios I. (522^186 v. Chr.) und Xerxes I. (486-465 v. Chr.) nicht nur als „Perser" und „Sohn eines Persers", sondern auch als (altpers.) Ariya „Arier" und Ariya ciga „arischen Ursprungs"; und für die Säsänidenkönige vom 3. Jahrhundert n. Chr. an zeigt der auf deren Inschriften bezeugte Titel (mittelpers. sähän sah Erän u Anerän „König der Könige von Erän und Nicht-Erän") in gleicher Weise, daß Erän keine politisch fest umrissene Größe meint. Die genaue Grundform, auf die Erän (> Iran) zurückgeht, läßt sich zwar nicht mit letzter Sicherheit feststellen, aber sie läßt sich doch vermuten als der Genetiv Plural iran. *Aryänäm, der in einem Ausdruck wie „Land der Arier", „Reich der Arier" (mittelpers. Erän-sahr) o. dgl. als dessen nähere Bestimmung von einem solchen Wort abhängig war.

0.2. Da also ein Mißverständnis des Namens „iranische Sprachen" jederzeit möglich

ist - die Verbreitung dieser Sprachen in Geschichte und Gegenwart macht eindeutig klar, daß kein unmittelbarer Zusammenhang mit dem Staatsnamen Iran besteht, obwohl er auf der Hand zu liegen scheint hat es in neuerer Zeit nicht an Ersatzvorschlägen für eine eindeutigere Bezeichnung dieser Sprachgruppe gefehlt. Von all diesen Alter­ nativvorschlägen verdient aber weitere Beachtung allein der des französischen Iranisten Gilbert Lazard, der in Entsprechung zu der Bezeichnung „indoarisch" (statt des gleich­ falls ungenauen „indisch") den durch die Doppelung allerdings redundanten Namen „iranoarische Sprachen" empfiehlt („irano-aryen"). Diese beiden Parallelbildungen

Es werden

hier folgende

in sprachwissenschaftlicher

Fachliteratur eingebürgerte

Zeichen

verwendet:

< = entstanden aus; > = entwickelt zu; * = nicht bezeugt, nur rekonstruiert;

Sprachbezeichnungen werden nicht abgekürzt, es sei denn um das Suffix -isch.

Der Begriff „arisch" wird hier nur in diesem sprachwissenschaftlich gerechtfertigten Sinne verwendet; der Mißbrauch durch die Nationalsozialisten und Gleichgesinnte ist vor allem in den Rassenlehren des Comte Joseph Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlains angelegt, die von der Gleich­ setzung von „arisch" mit „indogermanisch" ausgingen, die ihrerseits aber auf völlig verfehlten etymologischen Verknüpfungen der indoiranischen Bezeichnung mit keltischen und germanischen Wörtern und Namen beruhte. Vgl. zuletzt Wiesehöfcr.

„indoarisch" und „iranoarisch" lassen die historische Zusammengehörigkeit der beiden Sprachgruppen deutlich hervortreten und bezeichnen sie als unterschiedliche Aus­ prägungen des Arischen. Im übrigen trage, so Lazard, der Name „iranoarisch" auch den Empfindungen oder Empfindlichkeiten der Sprecher iranischer Sprachen von außerhalb Irans Rechnung. Allerdings ist wie in vielen ähnlichen Fällen auch hier kaum zu

erwarten, daß das Streben nach größerer Genauigkeit und Eindeutigkeit in der Begriffs­

wahl zu einer Änderung der eingebürgerten Terminologie führen wird 3 .

0.3. Aus den früheren Perioden der Sprachentwicklung sind eine Reihe dieser sog. iranischen Sprachen in Schriftzeugnissen verschiedenster Art und unterschiedlichsten Inhalts erhalten geblieben (bzw. wiederentdeckt worden), die sich zugleich mehreren Entwicklungsstufen der Sprachgeschichte zuordnen lassen. Konventionell hält die Forschung, analog zum Indoarischen und zu anderen Sprachen und Sprachgruppen und primär aufgrund von außersprachlichen Kriterien, drei Perioden auseinander, die man als die „altiranische" (vgl. Kapitel 2), „mitteliranische" (vgl. Kapitel 3) und „neu­ iranische" (vgl. Kapitel 4-5) bezeichnet. Die Epochengrenzen werden etwa ins 4./3. Jahrhundert v. Chr. bzw. 8./9. Jahrhundert n. Chr. gelegt, d. h. in die politische Umbruchszeit nach dem Untergang des Achaimenidenreiches — Dareios III. wurde 330 v. Chr. ermordet - bzw. des Säsänidenreiches, das mit der Ermordung Yazdegirds III. im Jahr 651 n. Chr. endgültig zu bestehen aufhört. Für die altiranisch e Periode, die mit dem Einsetzen schriftlicher Überliefe­ rung die vorhistorische Zeit des „Uriranischen", des „Gemeiniranischen" und der Herausbildung der einzelnen iranischen Sprachen ablöst, sind durch Texte direkt und authentisch nur zwei Sprachen bezeugt: das sog. Avestische, die Sprache der zoro- astrischen religiösen Texte des „Avesta", und das Altpersische der achaimenidischen Königsinschriften, deren älteste, die Trilingue Dareios' I. vom BIsutün-Felsen von 521/520 v. Chr. (für die die altpersische Keilschrift erstmals verwendet worden ist), das älteste genau datierbare Textzeugnis in einer iranischen Sprache überhaupt darstellt. Für andere Sprachen, die nicht durch Texte bekannt sind, lassen sich nur einzelne Wörter und Namen erschließen, etwa für die Sprache der Meder oder das Skythische der Skythen. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Formen, die in anderssprachiger Überlieferung - man spricht genauer von „Nebenüberlieferung" - ausdrücklich als einer solchen Sprache zugehörig bezeichnet werden (etwa „medisch" cntäica „Hund" bei Herodot 1, 110, 1), oder um Wörter bzw. Namen, die in eine andere Sprache ent­ lehnt worden sind, in der sie sich durch ihre auffällige, lauthistorisch anomale Gestalt als Fremdelemente zu erkennen geben (beispielsweise altpers. vispa- „all, ganz" als Lehnwort aus dem Medischen gegenüber echt-altpers. visa- „dass."). In Kapitel 2.14 soll darauf noch genauer eingegangen werden. Für die mitteliranisch e Periode haben die verfügbaren Textzeugnisse im Laufe des zu Ende gehenden Jahrhunderts so stark zugenommen, daß heute sechs

3 Für genauere Angaben sei verwiesen auf Schmitt; scharfe Kritik an dem Vorschlag „iranoarisch" übte Moinfar.

solcher Sprachen durch zusammenhängende Texte bekannt sind - noch 1900 war es nur eine einzige - und zugleich die obwaltenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich erkennen lassen: Das primär inschriftlich sowie durch manichäische Texte überlieferte Parthische und das auf säsänidenzeitlichen Inschriften, in den zoroastri- schen (sog. „PahlavT-")Büchern und in manichäischen Texten bezeugte Mittelpersische sind westiranische Sprachen. Das in Inschriften (v. a. aus dem Mutterland) und auf­ grund der Turfanfunde in Texten dreier Religionsgemeinschaften (von Buddhisten, Manichäern und nestorianischen Christen) vorliegende Sogdische, das ebenfalls epi­ graphisch und in frühislamischer Zeit durch Glossen und Glossare überlieferte Chwaresmische, das vornehmlich durch buddhistische Schriften aus dem Königreich von Khotan bekannte Sakische sowie, mit einem schmaleren Textcorpus, das (bis auf eine Ausnahme) in einer Variante der griechischen Schrift geschriebene Baktrische gehören zur ostiranischen Dialektgruppe, die sich von der westiranischen deutlich ab­ hebt. Beide Gruppen zeigen im übrigen eine starke Binnengliederung und stellen, wie in Kapitel 3.17 noch dargelegt werden soll, keineswegs eine Einheit dar. Darüber hinaus lassen sich auch hier einzelne Sprachen oder Dialekte bloß indirekt in Zeugnissen der sog. „Nebenüberlieferung" erkennen (etwa das Sarmatische) und sind andere gar nur aufgrund von auffälligen Formen oder wegen von der Norm ab­ weichenden Entwicklungen erschlossen worden.

Mitteliranische

In

der

neuiranische n

Periode

wird

diese

zuerst

für

das

deutlicher erkennbare Dialektunterteilung durch die große Zahl der heute in Iran und darüber hinaus gesprochenen Idiome bzw. der durch Textüberlieferung aus der Zeit nach der Eroberung Irans durch die Araber bezeugten Sprachen relativ getreu fortgesetzt. Zu der westiranischen Gruppe, die in Kapitel 4 vorgestellt werden soll, gehören neben der heutigen Staatssprache Irans FärsT oder Neupersisch (mit ihren Spielformen Dan in Afghanistan und Tadschikisch in den postsowjetischen Staaten Mittelasiens) vor allem die Lur- und Färsdialekte, das Kurdische, das Belutschische oder BalöcT und die kaspischen Dialekte. In der ostiranischen Gruppe, der schließlich Kapitel 5 gewidmet sein wird, nimmt das Ossetische als die am weitesten nördlich gesprochene und als die einzige von Einflüssen des Neupersischen weitgehend frei gebliebene neuiranische Sprache eine gewisse Sonderstellung ein gegenüber dem Paschtu (Pastö) oder Afghanischen, dem das Sogdische fortsetzenden Jagnobischen oder YagnöbT im nordtadschikischen Jagnob-Tal, den zahlreichen sehr archaischen Pamirsprachen beiderseits der afghanisch-tadschikischen Grenze und im chinesischen Xin-jiang (Sinkiang) sowie einigen anderen im Pamir- und Hindukuschgebiet gespro­ chenen Idiomen, - soweit sich in Afghanistan die Verhältnisse nicht infolge der sowje­ tischen Okkupation von 1979 bis 1989, des seitdem andauernden Bürgerkrieges und der dadurch ausgelösten gewaltigen Bevölkerungsverschiebungen völlig verändert haben.

Sprachfamilie

gehörig und als mit dem Indoarischen näher verwandt bezeichnet worden. Die Ein-

0.4. Die iranischen Sprachen sind oben als zu der indogermanischen

beziehung des Iranischen in Gestalt des Neupersischen, wenn auch noch nicht des Altpersischen und des Avestischen, bereits seit den ersten Anfängen einer ernsthaften Sprachvergleichung auf dem Gebiet der indogermanischen Sprachen zu Beginn des 19. Jahrhunderts erklärt sich vor allem daraus, daß man aufgrund etlicher persisch­ deutscher Wortgleichungen schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts immer wieder die Hypothese einer engeren Verwandtschaft dieser beiden Sprachen vertreten hat 4 . Sprachliche Verwandtschaft wie in jener großen indogermanischen Sprachfamilie beruht auf gemeinsamem Ursprung. Die verwandtschaftlichen Beziehungen können sich im Laufe der Zeit aber lockern, wenn die Träger der verwandten Sprachen sich auseinanderentwickeln, nicht mehr in engem räumlichem Kontakt miteinander leben usw., kurz: wenn die ursprüngliche Einheit zerfällt. Es liegt daher auf der Hand, daß die miteinander verglichenen verwandten Sprachen desto mehr Ähnlichkeiten aufweisen, je älter die verglichenen sprachlichen Erscheinungen bezeugt sind. So lassen etwa klas­ sisches Griechisch und klassisches Latein ihre Verwandtschaft deutlicher erkennen als Neugriechisch und Französisch.

Dieser Sachverhalt der größeren Ähnlichkeit zwischen verwandten Sprachen in älteren Sprachstadien soll für den iranischen Bereich an einem einfachen Beispiel illustriert werden, dem ererbten indogermanischen Wort für „Bruder", auf das auch diese deutsche Bezeichnung zurückgeht. In den (heute gesprochenen) neuiranischen Sprachen und Dialekten findet man, in Auswahl, etwa folgende Formen: neupers. berädar, tadschik. barodar, nord-täti birar, tälesi bdro-ar, gilaki bzrar, semnäni bäre, kurd. bra, bira, belutsch, brät, paschtu wror (Plural wruna), munjT vroy, sugnl virö(d), sariqölT v(i)rud, yazguläml v(d)red, wakfil vr'it, paräc! byä, osset. cervad (digor. cervadce), jagnob. viröt. Für das Mitteliranische seien zitiert parth. bräd, mittelpers. bräd (Obliquus Singular brädar), sogd. ßrät (Plural ßrätart), chwaresm. ßräd, khotansak. brate = tumsuqsak. bräde (d. i. /ßräde/). Diese Formen lassen bereits eine viel größere Ähnlichkeit erkennen, und dieser Umstand beweist für viele weiterreichende Veränderungen der modernen Formen wie etwa die Sproßvokale zur Auflösung der anlautenden Konso­ nantengruppe westiran. br-, ostiran. ßr-lvr- oder die Metathese und den Vorschlags­ vokal im Ossetischen (yr- > rv- > cerv-) deren jüngeres Alter. In den beiden altiranischen Sprachen Avestisch und Altpersisch schließlich sind in voller Überein­ stimmung der Stamm brätar- und dazu der Nominativ Singular (altavest., altpers.) brätä bezeugt. Aber weder die hier gegebene Formengleichheit noch eine Angabe wie die des griechischen Geographen Strabon (15, 2, 8), daß Perser und Meder, Baktrier und Sogder „nahezu dieselbe Sprache sprechen" (öuöytaoTTOi 7iapa uucpöv) , darf über große Dialektunterschiede auch schon in altiranischer Zeit hinwegtäuschen.

das

Iranische überhaupt als ursprünglich anzusehen sind, also als „uriranisch", -

dem Ansatz iran. * brätar- berechtigt - wird dadurch erhärtet, daß diese Rekonstruk-

Daß die zitierten identischen

Formen des Avestischen

und

Altpersischen

für

was zu

4 Zuletzt hat über diese Fragen Hiersche gehandelt.

tionsform bis auf eine kleine Verschiedenheit im Anlaut dem altindoarischen Gegenstück ved. bhratar-, Nominativ bhratä entspricht. Und dieser Unterschied von aspiriertem bh- statt iran. *b- findet sich in vielen weiteren Fällen gleichermaßen und ausnahmslos, ist also eine ganz regelmäßige, „lautgesetzliche" Veränderung. Durch die weitere Vergleichung - die hier natürlich nicht im einzelnen begründet werden kann - mit griech. (ppäin p (ö), latein. fräter, got. bröpar, deutsch Bruder und anderen Formen, die alle aus derselben Grundform herzuleiten sind, erweist sich der Anlaut indoar. bh- als gegenüber iran. *b- primär und ergeben sich schließlich als Ausgangsformen ar. (d. i. indoiran.) *b h rätar- und, noch eine Stufe weiter zurück, indogerman. *b h rater- alias *b h reh 2 ter- 5 .

0.5. Die besondere Schwierigkeit, der sich die sprachhistorisch-vergleichende Erfor­

schung der iranischen Sprachen gegenübersieht, ist nun die, daß die Überlieferung auf der altiranischen Entwicklungsstufe insgesamt sehr fragmentarisch und lückenhaft ist, insbesondere im Vergleich zu der ältesten indoarischen Sprachstufe, dem Vedischen, dessen Sprachsystem und Wortschatz praktisch vollständig bekannt sind. Jene Lücken der altiranischen, in geringerem Maße auch der mitteliranischen Überlieferung lassen sich aber durch möglichst umfassendes Ausschöpfen der anderen verfügbaren Quellen jedenfalls für den Wortschatz in einem gewissen Grad schließen. Diese Quellen sind zum einen solche der „Nebenüberlieferung" in anderen Sprachen (die in Kapitel 2.9-10 noch näher charakterisiert werden sollen) und zum anderen die erst im Mittel- und Neuiranischen bezeugten Fortsetzer. Doch hier kommt eine zweite Schwierigkeit hinzu, nämlich die, daß die auf den verschiedenen Entwicklungsstufen bezeugten iranischen Sprachen im historischen Längsschnitt nur selten direkte und enge Beziehungen zu­ einander erkennen lassen.

Die einzige iranische Sprache, deren Entwicklung, wenn auch nicht ohne Unter­

brechung, über etwa 2500 Jahre nachgezeichnet werden kann, ist das Persische mit der Reihe Altpersisch-Mittelpersisch-Neupersisch: Kontinuität und Veränderung lassen sich hier schön an einem Beispiel wie dem uralten Königstitel altpers. xsäyaMya xsäyaßiyänäm „König der Könige", mittelpers. sähän sah, neupers. sähan-säh demon­ strieren. Ansonsten setzt das Jagnobische, wie bereits angedeutet, einen sogdischen Dialekt fort - am klarsten ist dies zu sehen bei der Bildung des nominalen Plurals (auf -t) und bei der Kennzeichnung des Präteritums durch das sonst im Mittel- und Neuiranischen nicht mehr bewahrte sog. Augment (zu jagnob. kun- „machen" etwa

a-kün „er machte") - , das Ossetische ein Idiom

skythischen, sarmatischen, alanischen usw. Sprachdenkmälern nur ganz schattenhaft erkennbar ist und deshalb eher umgekehrt der Beleuchtung durch das Ossetische bedarf. Aber keine der späterhin bezeugten Sprachen setzt etwa das Avestische fort, und weder in altiranischer noch in neuiranischer Zeit ist eine mehr oder weniger genaue

jener Dialektgruppe, die in den

•'' Daß indogerman. zumindest in früheren Phasen der indogermanischen Grundsprache nach heute geläufiger Anschauung teilweise auf eine Lautfolge *e + sog. „Laryngal" *h 2 (mit Umfärbung des *e in *a, also *eh 2 > *ah 2 > *ä) zurückgeht, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden.

Vorstufe bzw. Fortsetzung des Sakischen oder Baktrischen auszumachen. Wenn schließlich frühere Ausprägungen des Paschtu oder der Pamirsprachen überliefert wären, so verhießen diese für die sprachgeschichtliche Erforschung der genannten Sprachen wohl höchstinteressante Aufschlüsse.

Literatur zu Kapitel 0.1-0.2:

MacKenzie, D. N.: F.rän, Eränäahr. in: EIr VIII. 1998. 534 535.

Moïnfar, Mohammad Djafar: Un néologisme non fonde: Trano-Aryen', Ix' Message de l'Islam 67, 1989.

24-27.

Schmitt, Rüdiger: Iranische Sprachen: Begriff und Name, in: CL1 1-3.

Wiesehöfer, Josef: Zur Geschichte der Begriffe 'Arier' und 'arisch' in der deutschen Sprachwissenschaft und Althistorie des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Achacmenid History. V: The Roots of the European Tradition. Ed. by H. Sancisi-Wcerdenburg and J. W. Drijvers, Leiden 1991),

149-165.

Literatur zu Kapitel 0.3:

Rossi, Adriano V.: La situazione linguistica irano-afghano-pakistana, in: Dialetti e lingue nazionali. Atti

del XXVII Congresso della Società di Linguistica Italiana, Roma 1995,

169-187.

Schmitt, Rüdiger (Hrsg.): CLI, passim.

Sims-Williams, Nicholas: The Iranian Languages, in: The Indo-European languages. Ed. by Anna

Giacalone Ramat and Paolo Ramat, London/New York 1998, 125-153.

Literatur zu Kapitel 0.4:

Hiersche.

Rolf:

Zu

Etymologie

und

Sprachvergleichung

vor

Bopp.

in:

Sprachwissenschaftliche

Forschungen. Festschrift für Johann Knobloeh. Innsbruck 1985, 157-165 .

1. Vorgeschichte

1.1. Ihrer bruchstückhaften Überlieferung zum Trotz lassen die altiranischen Sprach­

zeugnisse bemerkenswerte und sehr enge Gemeinsamkeiten mit dem ältesten Indo­ arischen erkennen, insbesondere im dichterischen und religiösen Wortschatz und Wortgebrauch, aber auch auf den anderen sprachlichen Ebenen wie Formenlehre oder Syntax. Auf dieser Basis läßt sich nicht nur die arische bzw. indoiranische Grund­ sprache rekonstruieren, vielmehr sind aus den teilweise übereinstimmenden faktischen Gegebenheiten auch Ausschnitte der Lebenswelt und der geistigen und materiellen Kultur der Arier zu erschließen.

Im Hinblick auf die sprachwissenschaftliche Definition 1 des Begriffs „iranische Sprachen" (die ohne die erforderlichen Details nun einmal nicht abgeht) ist zunächst zu betonen, daß sich die iranischen Sprachen und die indoarischen Sprachen zusammen gegenüber den anderen verwandten indogermanischen Sprachen durch eine Reihe von Übereinstimmungen auszeichnen, die „gemeinsame exklusive Neuerungen" darstellen, d. h. exklusiv auf diese beiden Sprachgruppen beschränkt sind und den zugrunde­ liegenden Befund der indogermanischen Grundsprache durch eine Neuerung verändert haben. Diese Erscheinungen genügen zum Nachweis dafür, daß die beiden Sprach­ gruppen eine ursprüngliche Einheit repräsentieren, das offenbar kaum in Dialekte untergliederte „Indoiranische", und daß sie dies fortsetzen. Zu diesen Gemeinsamkeiten gehören etwa folgende Züge:

von

indogerman. *ä, *e, *ö in indoiran. (ved. ästi „ist" = avest., altpers. asti = latein. est; ved. näpät- „Enkel" = avest., altpers. napät- = latein. nepöt- usw.);

(b) die Vertretung der (ursprünglich konsonantischen) sog. „Laryngale" (vgl. oben

Anm. 5 zu Kapitel 0.4) indogerman. *hj, *h 2 , *h 3 , soweit sie in einzelnen Sprachen und

unter bestimmten Bedingungen zu einem Vokal entwickelt wurden, durch indoiran. *i (ved. pitär- „Vater" = avest., altpers. pitar- = latein. pater usw. < indogerman. *ph 2 ter-);

(c) die Palatalisierung der Velare und Labiovelare indogerman. *k, *№ usw. vor

ursprünglichen Vorderzungenvokalen zu indoiran. *c usw. (ved. -ca „und" = avest. -ca = altpers. -cä = latein. -que < indogerman. *-We; ved. hänti „(er)schlägt" = altpers. janti = hethit. kuenzi < indogerman. *gV h enti usw.);

(a) der

Zusammenfall

von

indogerman.

*a,

*e,

*o

in

indoiran.

*a

und

1 Zum Folgenden vgl. Schmitt, 2 und hierzu Mayrhofer.

(d) der Übergang von indogerman. *s nach *i, *ü, *r/r, *k (sowie /- und u- Diphthongen) in indoiran. *s (Superlativformans avest. -Uta-, z. B. äs-ista- „raschest" = ved. as-istha- [mit Weiterentwicklung von *s zu Retroflex s] = griech. COKIOTOC, < indogerman. *-isto-; ved. müs- „Maus" = avest. müs- [vgl. neupers. müs] = latein. müs < indogerman. müs usw.);

(e) beim Nomen der Aufbau einer Endung indoiran. *-näm (mit Dehnung eines

vorangehenden Kurzvokals) im Genetiv Plural der vokalischen Stammklassen (ved. märtyänäm „der Menschen" = altpers. martiyänäm = jungavest. masiiänqm als Ersatz für indogerman. *-öm); (f) beim Verbum die Herausbildung einer Passiv-Konjugation mittels eines Präsens­ stammformans indoiran. *-ya- (ved. han-yä-te „wird er-/geschlagen" = avest. jan-iia- = altpers. jan-iya- zur Wurzel indogerman. *gV h en-, vgl. oben (c)).

1.2. In entsprechender Weise läßt sich nun auch die Eigenständigkeit der iranischen

Sprachen gegenüber dem Indoarischen darlegen, indem man die bestehenden Unter­ schiede hervorhebt und insbesondere solche aufzeigt, die sich erst nach der Trennung der beiden Sprachgruppen herausgebildet haben und bei denen die Neuerung auf Seiten des Iranischen liegt. Als solche charakteristische Merkmale, die in ihrer Summe auf das Iranische begrenzt sind, dürfen insbesondere die folgenden zwei Züge gezählt werden:

(g) der Verlust der Aspiration der aspirierten Verschlußlaute indogerman., indoiran.

*b h , *d h , (*g h l*gv h >) *g h (> iran. *b, *d, *g) und der entsprechende Wandel des aspirierten Palatals (indogerman. *g h >) indoiran. *j h (woraus indoar. h) zur Affrikata iran. *dz (außer „Bruder" [vgl. oben Kapitel 0.4] ved. dhär-äya- „(fest)halten" = avest.

där-aiia- = altpers. där-aya-; ved. gharmä- „Hitze" = avest. gar 3 ma- = mittel-, neupers.

garm „warm, heiß" = latein. formus < indoiran. *g h armä- < indogerman. *g^ h ormö- sowie ved. ahäm „ich" = avest. azsm = altpers. adam < indoiran. *aj h äm < indogerman. *eg h 6m [vgl. latein. ego usw.]);

(h) der Übergang der stimmlosen Verschlußlaute indogerman., indoiran. *p, *t,

stimmlose n Reibelaut e iran . */> *ü, *x i n de r Positio n neben ,

insbesondere vor Konsonant (ved. pra- „vor(an)" = avest., altpers. fra- = latein. pro-;

ved. tvam „dich" = avest. ßßqm = altpers. [*üväm >] iluväm, ved. ksäp- „Nacht" = avest., altpers. xsap-). In beiden Fällen werden Laute herausgebildet - zum einen die Affrikata iran. *dz (mit den Entsprechungen iran. *ts bzw. *dz bei den nicht-aspirierten palatalen Verschlußlauten indogerman. *lc und *g), zum anderen die Reibelaute iran. */,

Lautinventar noch fremd waren und

auch dem Indoarischen fehlen, so daß es sich um eine Neuerung des Iranischen handeln

muß. Aus diesem Grund mag es gestattet sein, von der Aufzählung weiterer charak­ teristischer Merkmale des Iranischen abzusehen.

(*kl*k" >) *k i n di e

*x - , die dem zugrundeliegenden indoiranischen

1.3. Aber der Hinweis auf Neuerungen des Iranischen wie die gerade genannten bedeu­ tet nicht, daß das Iranische durchwegs der „jüngere" der beiden Hauptzweige des

Indoiranischen ist. Im Gegenteil, es zeigt sich immer deutlicher, daß das Iranische sich - abgesehen von jenen Neuerungen - auch durch eine Reihe von bemerkenswerten Archaismen auszeichnet, die dem Indoarischen und selbst dessen ältester Ausprägung, dem Vedischen, fehlen':

(i) Das indogermanische Wort für „Vater" (indogerman. *ph 2 ter- > ved. pitär- = avest., altpers. pitar- [vgl. oben Kapitel 1.1 (b)]) zeigt nur im Avestischen Formen, in denen der grundsprachliche „Laryngal" nicht zu i vokalisiert wurde, sondern konsonantisch geblieben und dann geschwunden ist: So ist beispielsweise der Dativ Singular im Altavestischen f s 8röi geschrieben, aber da diese Form nach Ausweis des Metrums einsilbig zu werten ist, steht sie für *ßrai, das letztlich auf indogerman. *ph 2 tr-ei (mit schwundstufigem Stammbildungssuffix) zurückzuführen ist und dieser komplexen, viergliedrigen Konsonantengruppe ^phjtr- (etwa im Gegensatz zum Akkusativ indogerman. *pli2ter-m > indoiran. *pitar-am) und der damit kausal zusammenhängenden Endungsbetonung seine abweichende Entwicklung verdankt. Demgegenüber zeigt ved. pitr-e (wie dessen gleichfalls bezeugtes Pendant altavest. p't&re) die Verallgemeinerung der nur in den sog. „starken" Kasus erwarteten Form mit anlautendem pit-.

(k) Die indogermanischen s-stämmigen Neutra des in latein. gen-us „Geschlecht"

(< altlatein. *gen-os), Genetiv gen-er-is (< altlatein. *gen-es-es) vorliegenden Typs weisen, wie schon das lateinische Beispiel zeigt, Suffixablaut zwischen indogerman. *-os und *-es- auf. Obwohl im Indoiranischen indogerman. *e und *o an sich in *a zusammenfallen (vgl. oben Kapitel 1.1 (a)), müßte dieser Ablaut sich in Einzelfällen noch erkennen lassen: Gemäß dem sog. „Palatalgesetz" müssen dem Suffix vorausgehende indogermanische Velare und Labiovelare (vgl. ebenda (c)) nämlich vor indogerman. *e und *o zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. In altavest. aogö „Kraft, Macht" < indoiran. *aug-as gegenüber Instrumentalis aojarjh-ä < indoiran. *auj-as-ä ist dies auch, wie man es von indogerman. *aug-os, aber *aug-es- her erwarten darf, getreulich bewahrt; dagegen ist in ved. öjas, Instrumentalis öjas-ä diese Alternation zugunsten der Instrumental-Variante ausgeglichen, - so wie auch im Jungavestischen, wo der Nominativ-Akkusativ aojö bezeugt ist.

Da die Diskussion gerade solcher Fragen von Natur aus recht kompliziert ist und, um an Stichhaltigkeit nichts einzubüßen, kaum Vereinfachungen zuläßt, soll sie an dieser Stelle abgebrochen werden. An sich verdienten noch einige weitere auch aus indogermanistischer Sicht höchst aufschlußreiche und sogar ganz einzigartige morpho­ logische Altertümlichkeiten des Iranischen eine Besprechung, bei denen sich das Vedische wiederum dadurch auszeichnet, daß es zur Verallgemeinerung einer von mehreren Varianten und zum Formenausgleich tendiert.

2 Für das Folgende verweise ich auf Mayrhofer, 119f.

1.4.

Die gemeinsame Vorstufe der iranischen Sprachen, die durch deren Vergleich und

darauf fußende Rekonstruktion erreichbar ist, das Uriranische, erweist sich, wie bereits

dargelegt, als so eng verwandt mit dem Indoarischen, daß in ganz entsprechender Weise nach den Grundsätzen historisch-vergleichender Sprachwissenschaft und sprach­ wissenschaftlicher Rekonstruktion deren Quelle, das weitgehend einheitliche Urarische erschlossen werden kann. Die Übereinstimmungen zwischen den beiden arischen Sprachzweigen sind so zahlreich, und zwar hauptsächlich im Bereich des Wortschatzes, d. h. der Bildung, Bedeutung und Verwendung der Wörter, daß frühere Forscher zu Demonstrationszwecken immer wieder vollständige Sätze aus Avestatexten und sogar ganze Strophen einfach nach den Regeln der historischen Lautlehre und nach den „Lautgesetzen" in ein fehlerloses Altindoarisch umsetzen konnten. Die große Zahl dieser (nicht auf sprachliche Erscheinungen allein beschränkten) Gemeinsamkeiten und ihre enge formale Übereinstimmung erheben die Existenz der arischen oder indo­ iranischen Spracheinheit, obwohl sie nicht historisch bezeugt, sondern nur durch Rekonstruktion zu erschließen ist, zu absoluter Gewißheit. Diese Ähnlichkeiten zwischen altiranischen und ältesten vedischen Texten betreffen in besonderer Weise auch zusammengesetzte Wörter sowie phraseologische Überein­ stimmungen, die mehr als nur eine Verwandtschaft der Sprachen beweisen, nämlich eine geistige und kulturelle Gemeinsamkeit. Zur Illustration seien aus einer großen Zahl solcher Wendungen nur zwei angeführt: avest. namanhä ustäna-zasta- „in Ehr­ furcht (indoiran. *nämas-) mit ausgestreckten Händen" (Yasna 28, 1) = ved. uttänä- hasta- nämasä (Rigveda 6, 16, 46 usw.) sowie avest. zdradä-cä mananhä-cä „mit (seinem) Herzen (indoiran. *j h rd-) und mit (seinem) Denken (indoiran. *mänas-y' (Yasna 31, 12) = ved. hrda mänasä (Rigveda 1, 61, 2 usw.). Diese Gemeinsamkeiten der avestischen und der vedischen Dichtersprache 3 tragen wesentlich dazu bei, daß Veda und Avesta sich gegenseitig erhellen, wie am deutlichsten für das Wortfeld von ved. ksaträ- = avest. xsaüra- = altpers. xsaca- „Herrschaft, Reich, Königtum" gezeigt werden konnte 4 .

1.5. Diese gemeinsamen, ererbten Traditionen, Vorstellungen und Bräuche der Indo- arier und Iraner, die am eindringlichsten in den Bereichen von Religion, Mythologie und Kult zutage treten, betreffen darüber hinaus auch die übereinstimmende politisch­ soziale und wirtschaftliche Terminologie. Daß (im weitesten Sinn) religiöse Begriffe so sehr im Vordergrund stehen, ist hauptsächlich die Folge der Zufälligkeiten der Über­ lieferung, die eben vor allem zur Bewahrung religiöser Texte geführt haben. Die Gemeinsamkeiten beginnen mit dem Wort für „Gott" indoiran. *daivä- (eigentlich „Himmlischer"), das in ved. devä- seine ursprüngliche Bedeutung bewahrt hat,

5 Die reichhaltigste (aber nicht vollständige) Übersicht über diese Textfiguren bietet Schlerath, Awesta- Wörterbuch, 148-161; zu vergleichen ist jetzt immer auch Mayrhofer, wo jeweils unter dem einschlägigen vedischen Lemma die indo-iranischen Übereinstimmungen sorgfältig verzeichnet werden.

4 Vgl. Schlerath, Königtum, 128-131.

während avest. daeuua- = altpers. daiva- infolge religiöser Umwälzungen, v. a. der

Reform Zarathustras, zur Bezeichnung von „falschen" (eben den vor-zarathustrischen) Göttern, also von „Götzen" und „Dämonen" geworden ist. Sie setzen sich fort über die Namen abstrakter Vorstellungen, die dann personifiziert und vergöttlicht werden, wie indoiran. *rtä-lärta- „Wahrheit, (kosmische) Ordnung" (ved. rtä- = altpers. rta- bzw. avest. asa-) oder indoiran. *miträ- „Vertrag", *Miträ- „Gott Vertrag" (ved. Miträ- = avest. Miüra-), ferner kultische Begriffe wie indoiran. *yajnä- „Verehrung, Opfer" (ved. yajnä- = avest. yasna-) oder indoiran. *mäntra- „Spruch, Formel", eigentlich „(formulierter) Gedanke" (ved. mäntra- - avest. mqßra-) bis hin zu den Priestertiteln indoiran. *j h äutar- (ved. hötar- = avest. zaotar-) und indoiran. *ät h arvan- (ved.

ätharvan- = avest.

Es steht außer jedem Zweifel, daß die Indoiranier bereits während dieser Zeit vor ihrer Trennung eine Dichtung, insbesondere eine von den Priestern gepflegte religiöse Dichtung - diese tritt uns jedenfalls am unmittelbarsten vor Augen - , und eine Dichtersprache besaßen, deren Formeln und Figuren und deren metrische Schemata in den Literaturen der beiden Völker weiterlebten 5 . Zumindest Preislieder in kürzeren Versen (ursprünglich wohl Achtsilblern) und gnomische (Spruch-)Dichtung mit einem primär elfsilbigen Versmaß lassen sich nach Aussage der verfügbaren Zeugnisse zuversichtlich in noch indoiranische Zeit zurückführen. Sowohl in der vedischen wie in der avestischen Dichtung finden sich - dies unterstreicht den Traditionalismus und das Traditionsbewußtsein - Anspielungen auf frühere Lieder und frühere Sänger. Eine besonders eigenartige Ausdrucksweise aber schlägt sich umgekehrt nieder in einem Adjektiv, mit dem der Dichter den neuartigen Charakter seiner Formulierungen und zugleich seinen Stolz auf seine unvergleichbare Leistung ausdrückt, wenn er sein Lied nämlich als „ohne ein früheres", also als „beispiellos, noch nie dagewesen" bezeichnet (avest. apa oll ruuTm = ved. äpürvyam).

*aüa"ruuan-/äürauuan-).

1.6. Diese arische Spracheinheit zerfiel wahrscheinlich zu Beginn des 2. Jahrtausends

v. Chr. dadurch, daß Teile der Stämme, die sie gebildet haben, die gemeinsamen Wohnsitze verließen, nach Osten und Südosten hin weiterzogen und über die Hindukusch-Pässe hinweg schließlich in den Nordwesten des Indischen Subkontinents vordrangen - nämlich die nachmaligen Indoarier - , andere Teile dagegen nicht, die späteren Iraner. Es stellt sich somit die Frage, wo jenes ursprüngliche Siedlungsgebiet der Indoiranier zu suchen ist: die in der Forschung überwiegende Meinung besagt, daß man sich diese „Heimat" der nomadisierenden Indoiranier in dem ostiranisch-zentral­ asiatischen Steppengürtel von Sogdien, Chwaresmien und Baktrien sowie nördlich davon (also etwa in dem Raum von der unteren Wolga bis nach Kasachstan) vorstellen darf. Für diese These sprechen insbesondere zwei wichtige Punkte: Zum einen fehlen für diesen riesigen Raum - anders als für die sonstigen von Iranern besiedelten

^ Jüngst wurde eine spezielle Gattung herausgestellt von Tichy.

Territorien - sichere Spuren einer nicht-arischen, d. h. vor-arischen Bevölkerung, etwa in Form alter vor-arischer Namen. Und zum anderen haben eine Reihe geographischer Namen, die in diesem ostiranischen Gebiet zu lokalisieren und im Avesta-Corpus bzw. auf den altpersischen Inschriften bezeugt sind, genaue Entsprechungen in altindo- arischen Quellen. Dies ist etwa der Fall bei dem Namen der Landschaft „Areia" (d. h. des Landes um Herät) altpers. Haraiva- = avest. Haröiuua-, der abgeleitet ist von dem iranischen Gegenstück (mit *H- < *S-) zu dem Flußnamen ved. Sardyu-'', oder bei dem Namen „Arachosiens" (des von Qandahär aus beherrschten Landes) avest. Harax v a'tJ-

-

altpers. Harauvati-,

der identisch ist mit dem Flußnamen ved.

Särasvati-.

Während die Indoarier also von diesem Gebiet aus weitergezogen sind, blieben die iranischen Stämme wohl zunächst weiterhin dort ansässig. Auch sie haben sich dann aber, nach allgemeiner Ansicht sehr viel später als die Indoarier, allmählich in weitgreifenden Wanderbewegungen über ein riesiges Gebiet auf dem Iranischen Hoch­ land und in den umliegenden Regionen verbreitet und in der 1. Hälfte des 1. Jahr­ tausends v. Chr. ihre größte Ausdehnung erreicht 7 . Über diese Vorgänge geben historische Nachrichten und archäologische Hinterlassenschaften nur sehr spärlich Auskunft: Darnach liegt die Annahme nahe, daß Stämme oder Stammesgruppen jeweils verschiedener iranischer Sprache in mehreren aufeinanderfolgenden Schüben langsam vorgerückt und in ihre historischen Sitze eingewandert sind. Als früheste Einwanderer in das Gebiet Irans im eigentlichen Sinne gelten die westiranischen Stämme - für uns sind vor allem die Namen der Meder und Perser geläufig - , deren Wanderung gewöhnlich um die Wende vom 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. datiert wird und von jenen nördlichen Steppengebieten entweder am Kaspischen Meer entlang und über den Kaukasus und das Armenische Hochland oder aber auf direktem Wege über die Berge des Kopet Däg und quer durch die Salzwüste bis zu den Zagros-Bergen geführt hat.

Die Meder sind unter der Namensform assyr. Matai (die iran. *Mäda- = altpers. Mäda- wiedergibt) erstmals 836 v. Chr. in einer assyrischen Inschrift Salmanassars III. bezeugt, der gegen sie zu Felde zog. Gesiedelt haben sie im westlichen Zentral-Iran, westlich der Salzwüste, wo verschiedene bekannte archäologische Fundstätten wie GodTn Tepe, Bäbä Jan Tepe, Tepe Nüs-e Jan oder Tepe Sialk Nachweise dafür liefern. Das eigentliche Zentrum der Meder, die nach Ausweis der geographischen Namen der assyrischen Texte in den Zagros-Bergen nicht so fest Fuß gefaßt hatten wie in den östlich vorgelagerten Becken, war die Gegend um Hamadän, ihre alte Residenzstadt Ekbatana.

Die Perser sind schon ein paar Jahre vorher, nämlich 843 v. Chr. - dies ist das erste eindeutige Zeugnis für die Präsenz iranischer Stämme in Iran - unter dem Namen Parsuas bezeugt, und zwar für den Raum südlich und westlich des Urmia-Sees. Die Südostwanderung der Perser von dort in ihre historischen Wohnsitze in der Persis, der

h

Zur

Verdeutlichung

notiere

ich

die

Rekonstruktionsformen

Saräyu-) und *Saraiu-a- (woraus iran. "Haraiva-).

'

Hierzu vgl. aus neuerer Zeil u. a. Ghirshman sowie Diakonoff,

als

indoiran.

'Saram- (woraus

41-5 7 und Skjacrvo. 155-157.

ved.

heutigen iranischen Provinz Färs, läßt sich für die folgenden zwei Jahrhunderte durch inschriftliche Quellen verfolgen - es sei denn, man rechnet mit mehreren Stämmen gleichen Namens ParsuasIParsumas - , da das Gebiet der Parsuas nämlich unter dem assyrischen König Tiglatpilesar III. bereits weiter südöstlich im mittleren Zagros gesucht werden muß und unter Sanherib die Parsuas mit den Elamern verbündet und in den Baxüari-Bergen ansässig waren, bevor sie unter Assurbanipal erstmals in Färs nachzuweisen sind: Nach der Unterwerfung des Elamischen Reiches zog dieser König 639 v. Chr. gegen den Achaimeniden Kyros I., der, wie es heißt, über Parsumas und Aman herrschte, d. h. über Färs und das Gebiet um Tall-e-Mallän, das die Perser zuvor von den Elamern erobert haben müssen.

1.7. Es ist klar, daß mit der Trennung von Indoariern und Iranern und mit der Weiter­

wanderung der Indoarier um 2000 v. Chr. die Herausbildung jeweils eigenständiger Sprachen, hier der iranischen, dort der indoarischen einsetzt. Diese iranische Sprach­ entwicklung ist für die älteste, vorhistorische Phase von dem allmählichen Zerfall des Uriranischen bis zum Einsetzen der frühesten Zeugnisse, mit denen die iranischen Sprachen ins Licht der Geschichte treten, allein durch sprachliche Rekonstruktion greifbar. Und dieses „Licht der Geschichte" ist zunächst auch nur ein gebrochener Dämmerschein, denn die früheste Überlieferung iranischer Sprachformen findet sich in Gestalt iranischer Personen- und geographischer Namen, die vom 9. Jahrhundert v. Chr. an wiederholt in assyrischen und babylonischen, vereinzelt auch in urartäischen Inschriften vorkommen. Allerdings nimmt es angesichts von deren doppelter Brechung in fremder Sprache und fremder Schrift kaum wunder, daß diese Zeugnisse, um mit Goethe zu sprechen, mehr „irrlichtelieren" als tatsächlich helles Licht verbreiten. Immerhin sind dies aber, wie wir in Kapitel 1.6 gesehen haben, die frühesten Indizien für das Eindringen iranischer Stämme in den Westen des Iranischen Hochlandes. Dieser Zustand der schattenhaften Überlieferung ändert sich praktisch erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr., denn im Jahr 521/520 setzt mit der ersten achaimeni- dischen Königsinschrift, der des Dareios I. vom Felsen von BTsutün die unmittelbare und authentische Überlieferung des Altpersischen ein (vgl. unten Kapitel 2.8 ff.). Die andere durch zusammenhängende Texte direkt bezeugte altiranische Sprache, das Avestische, und insbesondere dessen ältere Ausprägung, das Altavestische, die Sprach­ form vornehmlich der von Zarathustra selbst stammenden Gäthäs oder „Lieder" (vgl. dazu Kapitel 2.2 ff.), läßt sich jedoch nicht fest in Raum und Zeit verankern und gibt deshalb für die chronologische Einordnung und für die Abgrenzung der vor- und früh­ geschichtlichen Phasen der iranischen Sprachgeschichte keinerlei Stütze ab. Dieses Dilemma ist vornehmlich eine Folge davon, daß sich über die Heimat und die Lebenszeit, d. h. die räumliche und zeitliche Fixierung des Religionsstifters Zarathustra selbst bis heute eine einhellige Forschungsmeinung nicht herausgebildet hat. Ein Lautwandel, der sich - entgegen früherer Ansicht - erst innerhalb des Iranischen in vorhistorischer Zeit und sogar in einer relativ späten Phase des Gemeiniranischen vollzogen haben dürfte, ist der Übergang von iran. *s (< indoiran., indogerman. *s) in h

in der Stellung vor folgendem Vokal. Das übereinstimmende Zeugnis der beiden Sprachen mit textlicher Überlieferung, des Avestischen und des Altpersischen, - etwa in Fällen wie avest. haenä- „(feindliches) Heer" = altpers. hainä- = ved. senä- < indoiran. *sainä- oder avest. ha"ruua- „all, ganz" = altpers. haruva- = ved. sârva- < indoiran. *sârva— legt zwar den Gedanken nahe, schon für das Uriranische Formen mit *h-, also iran. *hainä- bzw. *harva- anzusetzen, doch stehen einer solchen Auf­ fassung Indizien verschiedener Art entgegen, die zusätzlich zu dem Terminus ante quem der avestischen und altpersischen Überlieferung für Einzelfälle einen Terminus post quem liefern: Daß der im Altpersischen bezeugte Name des Landes „Elam", altpers. Üja- < *Hüza- (vgl. parth. Xüzestänf, mit dem Namen der Stadt „Susa", der ursprünglich wohl etwa *Süsa(n) gelautet hat, zu verbinden ist und daß er aus diesem entlehnt worden ist, setzt voraus, daß Perser und Elamer in direkte Berührung miteinander gekommen sind. Dies ist vor dem 9. Jahrhundert v. Chr. nicht möglich, so daß der Wandel *s > h also erst zu dieser Zeit vollzogen worden sein dürfte. In die gleiche Richtung weist der auf einer assyrischen Inschrift wohl des 8. oder 7. Jahrhunderts v. Chr. bezeugte Gottesname i As-sa-ra a Ma-za-âs, der mit einiger Wahr­ scheinlichkeit als Wiedergabe von iran. (hier wohl med.) *Asuramazdäs, univerbiert aus *Asura- *Mazdä- „Herr Weisheit", interpretiert werden darf. So lautete vor jenem Wandel *s > h der Name des obersten Gottes, der später in den Formen avest. Ahura- Mazdä- (Nominativ Ahurö Mazda) und altpers. Auramazdä bezeugt ist.

1.8. Durch ihre sehr fragmentarische Überlieferung hindurch lassen die beiden aus Textzeugnissen bekannten altiranischen Sprachen deutlich werden, daß in dieser Periode der iranischen Sprachgeschichte - und auf jeden Fall in der Zeit, aus der die älteren Texte stammen - die Sprachen ihrem grammatischen Bau nach noch ganz auf dem Stand des Uriranischen sind: Wenn es in der lautlichen Entwicklung auch zum Teil charakteristische und mitunter von Sprache zu Sprache sehr divergente Verände­ rungen gegeben hat, so sind doch andererseits die ererbten ursprünglichen Flexions­ systeme bei Nomen, Pronomen und Verbum mit ihrem großen Formenreichtum mehr oder weniger unversehrt erhalten geblieben. Die weitere Entwicklung hin zum Mittel­ iranischen ist dagegen, wie sich in Kapitel 3.4 bei genauerer Betrachtung zeigen wird, zumindest im Bereich der westiranischen Sprachgruppe dadurch gekennzeichnet, daß infolge hauptsächlich des Schwundes aller Endsilben von mehrsilbigen Wörtern das gesamte morphologische System zusammengebrochen ist. Dieser Verfall, der zu einer vollständigen Veränderung des Sprachtypus führt, setzt während der altiranischen Periode ein und läßt sich in ersten Ansätzen bereits an altpersischen Inschriften der späteren Achaimenidenzeit (des 4. Jahrhunderts v. Chr.) deutlich beobachten (vgl. Kapitel 2.11).

8 Im Altpersischen wird iran. *h vor u nicht geschrieben; es wurde wohl nur schwach artikuliert oder war überhaupt geschwunden. Unbeschadet dieses ungelösten Problems genügt für die hier anstehende Diskussion der bloße Hinweis auf das Faktum als solches.

Daß die bezeugten iranischen Sprachen auf eine weitgehend einheitliche, kaum in Dialekte differenzierte Sprachstufe zurückgehen, muß natürlich nicht bedeuten, daß sich daran niemals etwas geändert hat. Und auch wenn man die altiranischen Sprachen als recht archaisch und konservativ bezeichnen darf, so haben doch gewisse Neue­ rungen vor allem in der lautgeschichtlichen Entwicklung - aber auch an morpho­ logischen und lexikalischen Divergenzen fehlt es nicht - dazu geführt, daß sich deutlich voneinander unterschiedene Sprachen mit jeweils eigenem Gepräge herausgebildet haben, das Altpersische, das Avestische und andere, nur trümmerhaft bezeugte oder kaum noch erkennbare altiranische Dialekte. Diese starke inner-iranische Veränderung und Auseinanderentwicklung ist am wahrscheinlichsten auf eine Lockerung der Beziehungen zwischen den iranischen Stämmen zurückzuführen - diese haben sich im Zuge der Einwanderung in ihre endgültigen, historischen Wohnsitze bekanntlich über ein sehr viel größeres Territorium verbreitet, als sie es vorher innehatten, und haben dabei jeweils die vor ihnen ansässige Bevölkerung überlagert - , und sie ist zugleich wohl durch Einflüsse seitens jener in sich ethnisch und sprachlich sehr heterogenen Vorbevölkerung hervorgerufen, obwohl zuzugeben ist, daß von dieser Vorbevölkerung meist, mit Ausnahme der Elamer, kaum mehr als nur die Namen der jeweiligen Völker und Stämme bekannt ist.

1.9. Die entscheidenden lautgeschichtlichen Veränderungen, die zu divergenten Ent­ wicklungen innerhalb des Iranischen bereits in alter Zeit und damit zu einer

Differenzierung verschiedener iranischer Dialekte geführt haben, liegen in den folgen­

gilt, da diese Dialektunterscheidung 9

die gesamte weitere Sprachentwicklung des Iranischen durchzieht:

(1) Übergang der palatalen Verschlußlaute indogerman. *K, *g, *g h > indoiran. *c, */> *j h (woraus indoar. s, j , h) zu avest. s, z, z, aber altpers. d, d: avest. vls- „Absiedlung, Haus" = altpers. viü- = ved. vis- < indoiran. *uic-\ Präsensstamm avest. zänä- „kennen" = altpers. dänä- = ved. jäna- < indoiran. *jäna-; avest. azsm „ich" = altpers. adam = ved. ahäm < indoiran. *aj h äm (vgl. oben Kapitel 1.2 (g)); die

den Erscheinungen,

die es nun genauer zu belegen

divergierende Entwicklung innerhalb des Iranischen geht am plausibelsten - in genauer typologischer Parallele zu den iberoromanischen Sprachen, wie die Fortsetzer von latein. [k] > [c], nämlich altspan. [ts], portugies., katalan. [s] und span. [6] zeigen - von einer Zwischenstufe mit Affrikaten uriran. [ts, dz, dz] aus, die sich ihrerseits von dem urarischen Zustand (mit palatalisierten Affrikaten *c usw.) nur durch den Verlust der

Palatalisierung unterscheidet 10 ; von den Fortsetzern der gemäß oben Kapitel 1.1 (c) ursprünglichen Vorderzungenvokalen palatalisierten stimmhaften Velare und Labio-

vor

'' Zum Folgenden vgl. Schmitt. '" Vgl. Mayrhofer, 6.

im

Iranischen übrigens, anders als im Indoarischen 1 ', immer getrennt geblieben;

(m) Lautwandel von uriran. *ßr, das in den anderen Sprachen unverändert erhalten

bleibt, zu altpers. „c" (so die heute übliche Notierung), einem Laut, der einerseits von s

deutlich verschieden, andererseits diesem ähnlich gewesen sein muß, da die beiden Laute in der weiteren Entwicklung zum Mittelpersischen zusammenfielen: uriran.

*g 1 -', *gV h sind

velare

indogerman.

*g,

*g h

und

diese

Fortsetzer

der

Palatale

*puüra-

„Sohn" (< indoiran. *puträ- [= ved. pulrä-] < indogerman. *putlö-) > avest.

puüra-,

aber altpers. puqa- (> mittelpers. pus);

(n)

Übergang von uriran. *tsv (< indoiran. *cu < indogerman. *Ku) - und

Entsprechendes gilt für das stimmhafte Pendant - einerseits zu avest., med. usw. sp. andererseits (mit einer ganz eigenständigen Entwicklung) zu altpers. s: avest., med. (indirekt nachweisbar) aspa- „Pferd" (< uriran. *atsva- < indoiran. *äcua- [> ved. asva-] < indogerman. *ek\io-), aber altpers. asa- (wobei sich in jüngeren ostiranischen Sprachen als dritte Entwicklungsvariante ein palataler Sibilant zeigt: vgl. khotansak. assa-, wakhT yas „Pferd");

(o) Lautwandel von uriran. *üy, *i}n, die im übrigen nicht verändert werden, zu

altpers. sly, sn: altpers. hasiya- „wahr" < *haüya-

(= avest. ha'üiia-) < uriran. *saflya-

< indoiran. *satiä- (= ved. satyä-); altpers. arasni- „Elle" < uriran. *arm)ni- (vgl. avest. arsdna) < indoiran. *aratni- (= ved. araini-).

1.10. Diese inneriranische Dialektverschiedenheit läßt sich für die altiranische Periode allerdings der dürftigen Überlieferungslage halber nicht so genau eruieren, wie man sich dies wünschte. Das Bild, das sich gewinnen läßt, leidet auch darunter, daß zum einen die Einordnung des Avestischen nicht klar ist - bei manchem Punkt, der einen Aufschluß geben könnte, läßt sich nicht ausschließen, daß es sich um eine Veränderung im Laufe der Avesta-Überlieferung und nicht um die ursprüngliche avestische Sprach­ form handelt - und daß zum anderen das Altpersische eine Reihe von Wörtern enthält, deren Form ihre dialektfremde Herkunft erkennen läßt. Und diese von der laut-

"

(vor Vorderzungenvokalcn) andererseits mit der Beseitigung der Palatalitätsopposition im Indoarischen

bzw. des A.spitationsgegcnsatzcs im Iranischen stellt sich schematisch so dar:

Die unterschiedliche

Entwicklung

von indogerman.

"g, *g" einerseits und indogerman.

"gig»,

'g h ig vh

indogerman.

A. *g

B.

C

D.

*g/g"

*g h

*gV*

indoiran.

V

7

V"

altindoar.

]

i

h

h

uriran.

"ilz

7

"dz

7

avest.

z

i

z

i

altpi

d

j

d

J

Beispiele:

A. indogerman. *gonh,o-

belegt);

„Wesen, Mensch,

Stamm": ved. Jana-,

avest. zana-.

altpers.

*dana-

(indirekt

B.

indogerman.

"g'-'hiö- „lebendig": ved.yiva-. avest. ("jha-

>) juua-,

altpers.

iiva-:

C.

indogerman.

"eg h 6m

ich":

ved. ahäm. avest. az?m, altpers.

adanv,

D.

indogerman.

*g'-'"enti

(er)schlägt":

ved. hänti. avest. ja'nü.

altpers.

janli.

geschichtlichen Norm abweichende Gestalt enthüllt zugleich den Charakter des Alt­ persischen als einer „Hofsprache", die mit dem in der Persis tatsächlich gesprochenen südwestiranischen Dialekt nicht identisch sein muß. Gleichwohl steht das Altpersische in etlichen der obengenannten Punkte ganz für sich, so daß sich also in der Hauptsache nur eine Unterscheidung von Persisch und Nicht-Persisch ergibt. Für die späteren Perioden der iranischen Sprachgeschichte läßt die breitere Über­ lieferung die Dialektverhältnisse und damit auch die Dialektunterschiede insgesamt sehr viel klarer erkennen, unbeschadet dessen, daß hier dann zusätzliche jüngere Dialektunterschiede hinzukommen. Grundlegend ist für die spätere Zeit die Trennung einer ostiranischen von einer westiranischen Dialektgruppe 12 , wobei als Grenzraum zwischen (grob gesagt) ostiranischen Sprachen in Zentralasien und westiranischen Sprachen in West-Iran die riesigen, kaum besiedelten Salzwüsten (Dast-i KawTr und Dast-i Lüt) anzunehmen sind. Für die altiranische Periode ist diese Zweiteilung, da sich das Avestische einer sicheren Einordnung entzieht, nur insofern von Relevanz, als innerhalb der westiranischen Dialektgruppe mehr oder weniger deutlich ein Süddialekt und ein (nicht direkt bezeugter) Norddialekt auseinanderzuhalten sind, das südwest­ iranische Persische und das nordwestiranische Medische.

1.11. Den entscheidenden Fortschritt in der Erforschung der iranischen historischen

Dialektologie haben die vier Preußischen Expeditionen in die Oase von Turfan (Chinesisch-Turkestan) zwischen 1902 und 1914 angebahnt, die ungemein reiche und vielfältige Textfunde erbracht haben. Seit den allerersten Textpublikationen durch F. W. K. Müller im Jahr 1904 wurde speziell die Kenntnis der mitteliranischen Sprachen in ungeahnter und unvorstellbarer Weise vermehrt, ja in gewissem Sinne revolutioniert, denn allein für diesen Teilbereich der Turfanfunde in mitteliranischen Sprachen sind damals, wie in Kapitel 3 im einzelnen darzustellen ist, insgesamt Texte in einem halben Dutzend verschiedener Schriften und Sprachen erstmals zu Tage gekommen. Bis dahin war dagegen, wie noch der seinerzeit gerade zum Abschluß gekommene „Grundriss der Iranischen Philologie" deutlich zeigt, nur eine einzige dieser mitteliranischen Sprachen, nämlich das Mittelpersische, und auch dieses nur in einer spezifischen Ausprägung bekannt, in der Form des Mittelpersischen der zoroastrischen Bücher, des sog. „PahlavI". Und von ostiranischen Sprachen der mitteliranischen Periode hatte man vor dem Auftauchen dieser turkestanischen Funde praktisch noch gar kein Bild.

Insofern stellt das Jahr 1904 eine wichtige Epochengrenze der iranistischen Forschung dar: Praktisch eine ganze Epoche der Erforschung des vorislamischen Iran, die gerade mit den beiden monumentalen Bänden des von Wilhelm Geiger und Ernst Kuhn herausgegebenen „Grundrisses", mit der großen dreibändigen „Avesta"-Ausgabe

, : Stau einer Ost-West-Teilung zieht Windfuhr, 365, hauptsächlich im Hinblick auf das Ossetische, eine Nord-Süd-Gliederung vor.

durch Karl Friedrich Geldner und dem hierauf fußenden „Altiranischen Wörterbuch" von Christian Bartholomae ihre Krönung gefunden hatte, ist damals zu Ende gegangen. In den Mittelpunkt des Interesses rückte ein völlig neuer Forschungszweig, die Turfan- Forschung mit ihrem Schwerpunkt im Bereich der Mitteliranisch-Studien; sie konnte im Laufe der Zeit viel dazu beitragen, das Wissen von iranischen Schriften und Sprachen, Kulturen und Religionen nach vielen Richtungen hin zu erweitern, und sie hat vor allem für die Geschichte der iranischen Sprachen in ihrer Gesamtheit vielfach befruchtend gewirkt, da sie neues Sprachmaterial und damit vielfältige neue Aspekte in die Diskussion eingeführt hat, die auch scheinbar entfernter liegende alt- oder neu- iranistische Probleme einer Lösung näherbrachten.

Literatur zu Kapitel 1.1-1.2:

Mayrhofer, Manfred: Vorgeschichte der iranischen Sprachen; Uriranisch, in CLI 4-24 . Schmitt, Rüdiger: Iranische Sprachen: Begriff und Name, in CLI 1-3.

Literatur zu Kapitel 1.3:

Mayrhofer, Manfred: L'indo-iranien, in: Langues indo-européennes. Sous la direction de Françoise

Bader, Paris 2 1997, 101-122.

Literatur zu Kapitel 1.4-1.5:

Mayrhofer, Manfred: Etymologisches Wörterbuch des Altindoarischen. I— II, Heidelberg 1992-1996. Schlerath, Bernfried; Das Königtum im Rig- und Atharvaveda, Wiesbaden 1960. Schlerath, Bernfried: Awesta-Wörterbuch. Vorarbeiten II: Konkordanz, Wiesbaden 1968.

Tichy, Eva: Indoiranische Hymnen, in: Hymnen der Alten Welt im Kulturvergleich. Hrsg. von Walter

Burkert und Fritz Stolz, Freiburg/Göttingen 1994,

79-95 .

Literatur zu Kapitel 1.6-1.7:

Diakonoff, I. M.: Media, in: The Cambridge History of Iran. II: The Median and Achaemenian Periods, ed. by Ilya Gershevitch, Cambridge usw. 1985, 36-148. Ghirshman, R.: L'Iran et la migration des Indo-Aryens cl des Iraniens, Leiden 1977. Hintze, Almut: The Migrations of the Indo-Iranians and the Iranian Sound-Change 5 > h, in: Sprache und Kultur der Indogermanen. Akten der X. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft. Hrsg. von Wolfgang Meid, Innsbruck 1998, 139-153. Skj<erv0, P. Oktor: The Avesta as source for the early history of the lranians, in: The Indo-Aryans of Ancient South Asia. Language, Material Culture and Ethnicity. Ed. by George Erdosy, Berlin/New York 1995, 155-176.

Literatur zu Kapitel 1.9-1.10:

Mayrhofer, Manfred: Vorgeschichte der iranischen Sprachen; Uriranisch, in: CLI

Schmitt, Rüdiger: Die altiranischen Sprachen im Überblick, in: CLI 25-31 .

Sims-Williams, Nicholas: Eastern Iranian Languages, in: EIr VII, 1996, 649-652 .

Windfuhr, Gemot L.: Dialectology, in: EIr VII, 1996,

362-370 .

4-24 .

Literatur zu Kapitel 1.11:

Bartholomae, Christian: Altiranisches Wörterbuch, Strassburg 1904.

Geiger, Wilh., und Ernst Kuhn (Hrsg.): Grundriss der Iranischen Philologie. I—II, Strassburg 1895-1901,

1896-1904.

Geldner, Karl F.: Avesta. The Sacred Books of the Parsis. I—III, Stuttgart 1886-1896.

2. Die Sprachen der altiranischen

Periode

2.1. Für die altiranische Periode (bis etwa 4./3. Jahrhundert v. Chr.) sind, wie bereits

erwähnt 1 , nur zwei Sprachen direkt durch authentische Zeugnisse belegt, das sog. Avestische des „Avesta"-Corpus der Zoroastrier und das Altpersische der achaimeni- dischen Königsinschriften. Für andere, nicht durch Textüberlieferung bekannte Sprachen wie das Medische oder das Skythische lassen sich dagegen nur einzelne Wörter und Namen erschließen, gewöhnlich Formen aus jeweils anderssprachiger Überlieferung, die ausdrücklich einer jener Sprachen zugewiesen werden oder sich aufgrund sprachwissenschaftlicher Kriterien als Fremdelemente in der Überlieferungs­ sprache zu erkennen geben. Damit sind Inhalt und Gliederung dieses zweiten Kapitels sozusagen vorherbestimmt: Zunächst sollen das Avestische und das Altpersische in knapper Übersichtsdarstellung nach dem gegenwärtigen Forschungsstand dargestellt werden. Das sich hieraus für die altiranische Periode ergebende recht lückenhafte Bild wird dann durch Hinweise auf die sog. „Nebenüberlieferung" iranischen Sprach- und Namengutes in anderssprachigen Quellen und durch eine Besprechung der Sprachreste abgerundet, die für andere altiranische Sprachen und Dialekte in Anspruch genommen werden können.

2.2. „ A v e s t i s c h " ist (wie etwa „Vedisch") eine jener Sprachbezeichnungen, die

nicht auf dem Namen eines Volkes oder Landes beruhen, sondern nach dem Textcorpus

gewählt sind, in dem die betreffenden Sprachen verwendet werden. Das Avestische 2

heißt also nach dem „Avesta", der Sammlung der heiligen Bücher der von Zarathustra

Religion 3 , sozusagen Avesta-Sprache (wie schon vor

mehr als tausend Jahren in der zoroastrischen Enzyklopädie „Denkard"), und es läßt sich räumlich nicht exakt einordnen, da keine der aus jüngerer Zeit bezeugten Sprachen es direkt fortsetzt. Die ältesten Texte dieses Corpus, die sog. Gäthäs (avest. gätiä), stammen von Zarathustra selbst, dessen Lebensdaten von der Mehrheit der Forscher heute um das Jahr 1000 v. Chr. angesetzt, von anderen aber auch tief in das 2. Jahrtausend hinein zurückversetzt oder bis ins 7./6. Jahrhundert v. Chr. herabdatiert werden. Aufgezeichnet ist das Avesta in der Avestaschrift, einer eigenen, linksläufig geschriebenen, sehr lautgetreuen Schrift, deren zahlreiche einzelne Zeichen in säsäni-

(avest. Zaraüustra-) gestifteten

1 Vgl. oben Kapitel 0.3.

2 Für das Avestische verweise ich insbesondere auf Kcllens, Avestique; die hauptsächlichen historischen Fragen sind zuletzt behandelt worden von Humbach.

3 Die maßgebende (aber nicht ganz vollständige) Ausgabe ist die von Gcldner.

discher Zeit auf der Basis der für das Mittelpersische verwendeten PahlavI-Buchschrift bzw. von deren verschiedenen Abarten geschaffen, zum Teil aber auch ad hoc erfunden

worden sind. Im Gegensatz zu der PahlavI-Buchschrift ermöglicht die Avestaschrift aber eine genaue Bezeichnung der Vokale (vgl. Abb. I) 4 , und sie versucht mit größter Genauigkeit die feinsten Details der damals gepflegten liturgischen Aussprache der Texte phonetisch exakt wiederzugeben. Die Wahl des Vorbilds für diese Schrift weist eindeutig auf die Zeit der Säsäniden, unter denen der Zoroastrismus (Mazdaismus) zur Staatsreligion erhoben worden ist und das Mittelpersische im weltlichen und kirch­ lichen Bereich eine entsprechend starke Position einnahm. Die erste Aufzeichnung des Avesta in dieser (eigens hierfür geschaffenen) Schrift erfolgte wahrscheinlich im 4.

Jahrhundert unter Säbuhr II. (309-379 n.

Dieser Säsänidische Archetypus, wie er genannt wird, ein für den Gebrauch in den Priesterschulen bestimmter „kanonischer" Grundtext, stellt den „Wendepunkt zwischen mündlicher und schriftlicher Avesta-Tradition" dar 6 . Er ist aber nicht erhalten. Aus dem mittelpersischen „Denkard" wissen wir, daß das säsänidische Avesta aus 21 Abtei­ lungen (mittelpers. nask) bestand, deren Inhalt die Denkard-Bücher 8 und 9 angeben. Dies erlaubt uns, trotz gewisser Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Angaben (die auf der mittelpersischen Übersetzung des Avesta fußen) festzustellen, daß unsere Hand­ schriften von dem seinerzeit (im 9. Jahrhundert n. Chr.) noch vorhandenen Textbestand nur etwa ein Viertel enthalten, im großen ganzen anscheinend aber gerade die ältesten und wichtigsten Teile. Dieser große Verlust innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit hängt letztlich mit der islamischen Eroberung Irans Mitte des 7. Jahrhunderts zu­ sammen, die die Zoroastrier schwer getroffen, zum Teil auch nach Indien ins Exil getrieben hat und die vor allem zu einem immensen Schwund von Handschriften - vorhandene gingen verloren, neue wurden nicht kopiert - und in letzter Konsequenz somit zum Verlust von Texten überhaupt geführt hat. Von jenen Texten, die diese Zeit überdauert haben, liegen uns nur sehr viel jüngere und oftmals nicht gut erhaltene Handschriften vor, deren älteste (der Kopenhagener Codex K 7a.b) aus dem späten 13. Jahrhundert stammt, während die meisten und wichtigsten gar erst im 16. bis 18. Jahrhundert kopiert worden sind. Aus diesen Handschriften, die zu unterschiedlichen Klassen (die den Avestatext allein oder zusammen mit PahlavI- und/oder Sanskrit- Übersetzung enthalten) und zu verschiedenen (indischen oder iranischen) Über­ lieferungszweigen gehören, die für die einzelnen Texte jeweils genau zu beachten sind, läßt sich nach den vornehmlich in der Klassischen Philologie entwickelten Methoden der Textkritik nur auf deren gemeinsame Stammhandschrift schließen, die durch zahlreiche in allen Handschriften vorliegende Fehler nahegelegt wird und die etwa um das Jahr 1000 n. Chr. angesetzt werden kann. Dabei ist aber auch zu beachten, daß die

Chr.) 5 .

4

Grundlegend

Hoff-

mann/Forssman, bes. 39-43. Diesem Werk (S. 41) ist auch die Schriftlafel von Abb. 1 entnommen. ' Eine „zeitliche Übersicht über die Vorstufen und die Geschichte des Avestischen" bieten Hoff- mann/Forssman, 37 f.

h Vgl. Hoffmann/Narten, 36.

für die Analyse

der avestischen

Schrift

ist jetzt

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Abb. 1: Schrifttafel der Avestaschrift (aus Hoffmann-Forssman, 41)

mündliche Tradition (die Textweitergabe durch Auswendiglernen) diejenige durch Kopisten immer beeinflussen konnte, da diese den abzuschreibenden Text ja auswendig kannten und deshalb unbewußt (wenn nicht gar bewußt) verändern konnten. Für die gesamte weitere Rekonstruktion der Texttradition von der Zeit des jeweiligen Verfassers über den Säsänidischen Archetypus bis zu jener Stammhand­ schrift lassen sich aus dem überlieferten Wortlaut heraus nicht unmittelbar, höchstens durch die Analyse der Schriftzeichen irgendwelche Schlüsse ziehen. Deshalb muß die Verläßlichkeit jeder einzelnen Form einer zusätzlichen Überprüfung auf ihre sprach­ liche, v. a. lautgeschichtliche Plausibilität unterzogen werden, wobei in aller Regel dem engstens verwandten Altindoarischen der ältesten vedischen Texte - gewissermaßen als indirektem Zeugen des vorauszusetzenden Urarischen 7 , des entfernten Vorläufers des Avestischen - entscheidende Aussagekraft zukommt.

2.3. Die Avestatexte haben bis zu jenem Säsänidischen Archetypus schon eine lange

(Vor-)Geschichte hinter sich, in deren Verlauf sich manche Änderungen vollzogen haben und sich insbesondere die Aussprache bei der liturgischen Rezitation der Texte weiterentwickelt hat. Die erste Frage, die zu stellen ist, muß die sein, ob dem Säsänidischen Archetypus, wie man mitunter postuliert hat, ein in früherer Zeit (etwa unter den Arsakiden) mit den unzureichenden Mitteln der PahlavTschrift oder eines verwandten Systems aufgezeichneter Text vorausgegangen ist. Insbesondere Friedrich Carl Andreas hatte mit einem arsakidischen Archetypus gerechnet, der später rein mechanisch in die avestische Schrift umgeschrieben worden sei, und hatte dement­ sprechend postuliert, daß man die überlieferten avestischen Formen ebenso mechanisch wieder zurückverwandeln müsse. Diese Andreas'sche Theorie wird heute allgemein abgelehnt, nicht zuletzt deshalb, weil die phonetisch so überaus getreue avestische Schrift offenkundig entwickelt worden ist, um die Einzelheiten der tatsächlichen Rezi­ tationsaussprache genau zu bezeichnen, nicht um die Lautgestalt eines nicht eindeutig geschriebenen Textes wiederherzustellen. Und damit werden die wenigen Punkte, die sich mit Hilfe jener Theorie vielleicht einfacher erklären lassen mögen, mehr als aufge­ wogen.

Über die Geschichte der mündlichen Texttradition, die dem Säsänidischen Arche­ typus vorausgeht, lassen sich einzelne begründete Aussagen machen: In der Säsäni- denzeit ist als religiöse Sprache der Zoroastrier, wie auch die Gesamtheit des an das Avesta anknüpfenden exegetischen Schrifttums zeigt (vgl. hierzu Kapitel 3.5), das Mittelpersische gebraucht worden, wahrscheinlich aufgrund jahrhundertelanger Praxis (seit der Achaimenidenzeit), die auch mit mündlicher Überlieferung des Avesta in der Persis Hand in Hand geht. Ein sprachliches Indiz dafür sieht man in der im Avestischen und Altpersischen übereinstimmenden Entwicklung der Lautgruppen Konsonant + iran. *i oder *u, in die ein Vokal i bzw. u eingefügt wird (avest. a'niia- [d.i. aniya-] „ander" = altpers. aniya- < iran. *anya- = ved. anyä-; avest. ha"ruua- [d. i. haruva-] „all, ganz"

7 Hierfür verweise ich auf die Ausführungen in Kapitel 1.1-3.

= altpers. haruva- < iran. *harva- = ved. särva-), was als persischer Dialekteinfluß eine Erklärung findet. Lautliche Gemeinsamkeiten des Avestischen mit dem (erst auf mitteliranischer Stufe bekannten) Sogdischen und mit dem Parthischen lassen vermu­ ten, daß auch Sprecher dieser Sprachen im Laufe der Avesta-Überlieferung eine Rolle gespielt haben. Viel wichtiger scheinen Spuren eines vom Avestischen abweichenden ostiranischen Dialektes zu sein, der, wie weiter unten (Kapitel 2.15) noch dargelegt werden soll, speziell auf Arachosien deutet und deshalb nach Karl Hoffmann eine arachotische Avesta-Tradition vor der Verpflanzung in die Persis nahelegt 8 . Daß das Avesta-Corpus und damit die Avesta-Sprache nicht genau lokalisiert

werden kann - wenn denn alle Teile der Textsammlung überhaupt in derselben Gegend entstanden sind (vgl. unten) - , wurde schon betont. Völlig sicher steht nur fest, daß das Avestische, das sich vom Altpersischen in einzelnen Zügen deutlich unterscheidet, nicht der Dialekt der Persis ist. Alles Weitere ist nicht mit letzter Bestimmtheit zu behaupten, und deshalb wurden auch schon die unterschiedlichsten Thesen aufgestellt. Die in jungavestischen Texten vorkommenden und lokalisierbaren geographischen Namen weisen jedenfalls auf den ostiranischen Raum als ursprüngliches Wirkungs­

gebiet Zarathustras, am wahrscheinlichsten gemäß

auf das Bergland um Mashad und Saraxs bzw. die Flußgebiete von HarT-rüd und Kasaf-rüd.

dem Vorschlag Helmut Humbachs 9

2.4. Die Sprachform der avestischen Texte insgesamt ist nicht einheitlich; es lassen sich zwei Hauptgruppen unterscheiden, die nicht nur chronologisch, sondern in einzelnen Punkten auch dialektologisch voneinander zu trennen sind: Das Altavestische (oder Gäthische) liegt in den 17 zarathustrischen Gäthäs (Yasna 28-34; 43-51 und 53), im sog. Yasna Haptanhäiti (Yasna 35, 3-41, 6) und in einigen weiteren kurzen Text­ passagen vor. Ihm steht in der Hauptmasse der Texte das Jungavestische gegenüber, wobei es auch ein paar kleine ursprünglich jungavestische Texte gibt, die nur äußerlich ein altavestisches Aussehen bekommen haben. Das auffälligste lautliche Merkmal des Altavestischen besteht darin, daß alle auslautenden Vokale als Langvokale geschrieben werden, im Gegensatz zum Jungavestischen, das (außer in einsilbigen Formen) nur

auslautende Kurzvokale kennt: vgl. einerseits 3. P. Sing. Perf. altavest. vaedä „er weiß"

= jungavest. vaeöa = ved. veda < indoiran. *uäida, andererseits Nom. Sing. fem.

altavest. varj"hi „die gute" = jungavest. varj"hi < iran. *vahvT = ved. väsvT. Nicht als rein chronologischer Unterschied läßt sich erklären, daß das Adjektiv vispa- „all, ganz" im Altavestischen wie ein Substantiv flektiert wird (mit Nom. Plur. mask. vlspanhö), während im Jungavestischen die (nach Ausweis der vedischen Form) ererbte pronomi­ nale Flexion erhalten ist in Nom. Plur. mask. vispe = ved. visve < indoiran. *uicuai, so wie auch in einigen verwandten indogermanischen Sprachen Adjektive, die von ihrer Bedeutung her Pronomina nahestehen, zum Teil wie solche flektiert werden. Aber auch innerhalb der Gruppe der altavestischen Texte besteht anscheinend keine absolute

8

Zu den Dialekteinflüssen vgl. Kellens, Avestique, 35 §§ 2.1.1.5.2-4. " Vgl. Humbach, 30-49.

sprachliche Gleichförmigkeit, etwa insofern daß zu der Wurzel varz- „machen, wirken" in den Gäthäs ein s-Aorist vars-, im Yasna Haptanhäiti aber ein Wurzelaorist varz- gebraucht wird. Die jungavestischen Texte sind von sehr unterschiedlicher sprachlich-stilistischer und inhaltlicher Qualität. Die eigenständigsten und anspruchsvollsten Abschnitte (v.a. der sog. großen Yasts) lassen sich in ihrer Sprachform, insbesondere wegen des de facto eingetretenen Verlustes des ererbten Gegensatzes zwischen den verschiedenen Vergangenheitsausdrücken, ungefähr auf die gleiche Entwicklungsstufe stellen wie das Altpersische der Achaimenidenzeit. Sie werden deshalb auch etwa in das 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. datiert und machen folglich eine um mehrere Jahrhunderte höhere Datierung der Gäthäs (vgl. oben Kapitel 2.2) notwendig. Andere Texte sind von sehr viel geringerem Rang und zeigen eine sehr uneinheitliche und oft grammatisch fehler­ hafte Sprache, die deutlich verrät, daß die Textverfasser oder -kompilatoren sie gar nicht mehr verstanden haben. Die größeren Bücher des Avesta-Corpus sind: (1) das Buch Yasna („Opfer") mit vermischten liturgischen Texten und Gebeten, darin eingebettet die Gäthäs oder „Lieder" des Zarathustra und der (sog. „siebenteilige") Yasna Haptanhäiti; (2) als Anhang dazu das Buch VTsperad mit Anrufungen an „alle Herren" (avest. vlspe ratauuö); (3) die Yasts (mittelpers. yast „Gebet"), großenteils metrische Götter- preislieder mit stereotypen Eingangs- und Schlußformeln, darunter die sog. großen Yasts (Yast 5, 8, 10, 13, 14, 17, 19; dazu zwei weitere im Buch Yasna überlieferte Texte), die mit Resten altiranischer epischer Dichtung auch literarhistorisches Interesse verdienen; (4) das Buch Videvdäd (avest. vidaeuua- data- „Gesetz über die Ab­ schwörung der Götter"), eine im ganzen wohl jüngere Sammlung religiöser Gesetze und ritueller Vorschriften.

2.5. Bei der Aufzeichnung des Avesta-Corpus in avestischer Schrift wurde, wie gesagt,

von Anfang an versucht, alle Feinheiten der Rezitationsaussprache des mündlich über­ lieferten Textes so lautgetreu wie nur möglich wiederzugeben. Abgesehen von Verän­ derungen in der weiteren Überlieferung, mit denen natürlich gerechnet werden muß, ist nicht jedes Detail der seinerzeit angestrebten phonetischen Schreibung des Avestatextes als sprachlich relevant und bedeutungsunterscheidend zu betrachten, also als „phone­ misch" anzusehen.

Ein einfaches Beispiel, bei dem drei solcher Punkte zu beachten sind, die Form mäijhdm, soll dies deutlich werden lassen: Hier geht es einmal um das Zeichen ä, das in seinem Gebrauch sehr beschränkt ist, da es sich im Wortinlaut nur vor rjh, rjh, rfh und vor n + Konsonant in solchen Fällen findet, wo ä erwartet wird, so daß ä also kein Phonem ist, sondern nur eine auf bestimmte Stellungen oder Kontexte beschränkte Variante des Phonems ä; im sprachwissenschaftlichen Fachjargon heißt dies: ä ist ein stellungsbedingtes (oder kontextsensitives) Allophon von ä. - Der auf solches a oft folgende velare Nasal rj (mit den palatalisierten und labialisierten Varianten g und tf) ist gleichfalls nicht phonemisch, da er (abgesehen von nachträglich durch Lautschwund

erst zustande gekommenen Verbindungen) nur vor h auftritt, wobei er selbst sekundär ist und sozusagen parasitär vor h entwickelt wurde. - Und schließlich ist avest. a vor wortschließendem Nasal (also in -am und -an), wie z. T. auch in anderen Stellungen, aus a entstanden, das in dieser Position nicht vorkommt, so daß also auch a hier nur „Allophon" von a ist. Alle drei Punkte zusammengenommen besagen, daß eine Form wie das handschriftlich überlieferte märjhdm, Akk. Sing. mask. „den Mond, Monat", wenn man sie aller zwar phonetisch realisierten, aber phonemisch irrelevanten Eigenschaften entkleidet, für /mäham/ steht, das, nur durch den inneriranischen 10 Übergang von *s > h verändert, in genauer Entsprechung ved. masam gegenübersteht. Viele der lautlichen Veränderungen, die sich im Avestischen vollzogen haben - insbesondere bei den Vokalen sind die Varianten sehr zahlreich, zweifellos als Folge

Bestrebens, diese genau wiederzugeben - , lassen sich

nicht genau chronologisch fixieren und einem bestimmten Stadium der Texttradition zuordnen. Man hat sie aber bei jeder einzelnen Form im Auge zu behalten, um diese hinsichtlich ihres sprachlichen Wertes richtig beurteilen zu können. Andere Erscheinungen, die das Aussehen avestischer Wörter stark verändern, diese oft recht bizarr erscheinen lassen und die geradezu ein typisches Charakteristikum des Avestischen ausmachen, sind Anaptyxe und Epenthese: Anaptyktische (oder Sproß-)Vokale, meistens in Form von a, dienen sehr häufig dazu, die Aussprache von Konsonantengruppen, insbesondere auch solchen mit r, zu erleichtern. So stehen z. B. avest. ar 3 -&a- „Sache" für /arr>a-/ = ved. ärtha-, g 3 nä- „Frau" für /gnä-/ = ved. gna-, us'mahT „wir wünschen" für /usmahi/ = ved. usmäsi usw. - Durch Epenthese, d. h. Einschub von i bzw. u (die aber einer etymologischen Grundlage entbehren) - sie werden deshalb hochgestellt - wird die durch t, ü (= ii) oder I (< *ai oder *iä) bzw. u der folgenden Silbe hervorgerufene palatalisierte bzw. labialisierte Aussprache eines Vokals bezeichnet: So steht z. B. altavest. a'bl „zu" für /abi/ = altpers. abi = ved. abhi oder po"ru „viel" für *poru < /paru/ = altpers. paru (= ved. purü). Beide Erscheinungen, Anaptyxe und Epenthese, können auch gemeinsam vorkommen, etwa in altavest. d"'bitä „ein weiteres Mal" für /dvitäV = altpers. duvitä- = ved. dvita. Dadurch wird das geringere Alter der Epenthese erwiesen. Bei den Vokalen ist im übrigen zu bemerken, daß Lang- und Kurzvokale häufig eine unmotivierte Veränderung dessen zeigen, was durch den Vergleich mit anderen iranischen Sprachen oder dem Altindoarischen nahegelegt wird, daß solche Auffällig­ keiten aber teilweise ganz konsequent befolgt werden. Während z. B. der avestische Fortsetzer des Präverbs indoiran. *ni- „nieder" immer ni- lautet, wird indoiran. *ui- „auseinander, weg" konsequent durch avest. vT-, mit langem I, vertreten, so wie über­ haupt fast jeder Wortanlaut *ui- im Avestischen als vT- erscheint. Ebenso wie dies zunächst unverständlich vorkommt, steht es auch mit folgendem Beispiel: Im Gegen­ satz zu avest. ahura- „Herr; (Gott) Ahura", das mit seinem -u- genau zu ved. äsura- stimmt, weicht das davon abgeleitete feminine Adjektiv ähurT- „von Ahura stammend"

der Rezitationspraxis

und des

Dieser Lautwandel ist oben in Kapitel 1.7 besprochen worden.

(vgl. ved. äsun-) in der Quantität des -ü- ab, während die hierzu gehörige Genetivform ähuröis ihrerseits dann wieder -u- zeigt. Aus den Fällen solcher Störung des ererbten Quantitätsgegensatzes hat man geschlossen, daß hier gar nicht verschiedene Quanti­ täten (lange und kurze Vokale), sondern vielmehr verschiedene Öffnungsgrade der Vokale (offenere und geschlossenere Vokale) bezeichnet worden seien, denn auch in anderen Sprachen werden bzw. wurden die kurzen Vokale geschlossener artikuliert und die langen offener.

2.6. Die Stamm- und Formenbildung des Nomens, Pronomens und Verbums bewahrt im Avestischen im großen ganzen die indoiranischen Verhältnisse, entspricht also weit­ gehend der des Altpersischen und stärker noch der des ältesten Altindoarischen, weshalb die systematische Heranziehung vedischer Vergleichsformen für das Verständ­ nis des Avestischen unverzichtbar ist. Das Avestische bewahrt unverändert den ererbten Zustand des Nomens der indo­ germanischen Grundsprache und des Urarischen, insofern als es drei grammatische Genera, drei Numeri (neben Singular und Plural auch den Dual zur Bezeichnung von zwei Personen oder Gegenständen) und acht Kasus (Nominativ, Vokativ, Akkusativ, Genetiv, Ablativ, Dativ, Lokativ, Instrumentalis) unterscheidet. All diese Funktionen werden durch Endungen bezeichnet, die an den sog. Stamm (auf -a-, -ä-, -i-, -ü-, -i-, -u-, -n-, -r-, -r-l-n-, -man-, -ah- oder Konsonant) antreten, der seinerseits zum Teil in unterschiedlichen Ablautstufen erscheint (z. B. -i-l-ai-, -u-l-au-), wobei in aller Regel - aber auch hier bewahrt das Avestische nur uraltes Erbe - die sog. „starken" Kasus (Sing.: Nom., Akk., Lok.; Dual: Nom.-Akk.; Plur.: Nom.) den „schwachen" Kasus gegenüberstehen (z. B. zu äp-, fem. „Wasser" Sing. Nom. äfs < *äp-s, Akk. äp3m, aber Instr. apa = ved. ap-ä). Eine Neuerung des Jungavestischen, die es z. B. mit dem Lateinischen gemein hat, besteht darin, daß es für alle Stammklassen im Singular eigene Ablativformen auf -/ besitzt (etwa zu dem i-Stamm ga'ri-, mask. „Berg" Abi. garöi-t), während das Altavestische noch den ererbten Zustand bewahrt hat, daß der Ablativ überall dem Genetiv gleich ist außer bei den a-Stämmen (zu yasna- „Opfer" Abi. yasnät).

Für das Verbalsystem gilt im Prinzip das gleiche: insbesondere das des Alt- avestischen ist sehr archaisch - daß im Jungavestischen die verschiedenen Formen zum Ausdruck der Vergangenheit praktisch nicht mehr auseinandergehalten werden, ist schon betont worden - , im ganzen und in vielen Details ist es dem Vedischen, dessen Altertümlichkeit es manchmal noch in den Schatten stellt, vergleichbar, so daß es immer mit dessen vollständig und eben nicht nur bruchstückhaft erkennbarem System zu konfrontieren ist. Die verschiedenen grammatischen Funktionen werden durch die sog. Personalendungen bezeichnet, von denen es vier verschiedene Gruppen gibt (die sog. Primär- und Sekundärendungen, ferner eigene Imperativ- sowie Perfektendungen) und die jeweils drei Personen in drei Numeri sowie zwei sog. Diathesen angeben (Aktiv und Medium, dies zum Ausdruck des eigenen Interesses des Subjekts oder des reflexiven, reziproken usw. Charakters der Handlung).

Von der Wurzel eines Verbums, der dessen lexikalische Bedeutung innewohnt, werden durch antretende Suffixe die sog. Tempusstämme (Präsens-, Aorist- und Perfektstämme) gebildet, die in Wirklichkeit aber nicht Tempora bezeichnen: Durch den Präsensstamm wird vielmehr eine im Verlauf befindliche Handlung (oder ein allgemeiner Sachverhalt ohne Zeitbezug), durch den Aoriststamm (den das Jung-

avestische nur noch in Resten kennt) eine abgeschlossene Handlung zum Ausdruck gebracht, während der außerhalb der Opposition von imperfektivem gegenüber perfektivem Aspekt stehende Perfektstamm ursprünglich einen Zustand charakterisiert, der das Ergebnis einer vorhergegangenen Handlung darstellt. Innerhalb dieser zahlreichen und gleichfalls in ihrem Formenreichtum ererbten sog. Tempusstämme werden des weiteren ebenso wie im Vedischen mehrere Modi unterschieden: Indikativ, Injunktiv, Imperativ, Konjunktiv und Optativ. Ein genauer Tempusbezug wird nur durch die sog. Primärendungen zum Ausdruck gebracht, die (im Indikativ Präsens) die aktuelle Gegenwart der Handlung bezeichnen, ähnlich wie dies bei der sog.

des Englischen der Fall ist. Die sich aus diesem Ensemble von

funktionellen Kategorien und Unterscheidungsmöglichkeiten ableitende Formen­ vielfalt, die zu jeder Wurzel Hunderte von einzelnen Formen zu bilden erlaubt, kann hier nicht im einzelnen dargestellt werden. Der Ausdruck des Futurs geschieht durch Formen zu einem Stamm auf iran. *-sya- (altavest. vax-siiä „ich werde sagen" = ved. vaksyä- von der Wurzel vac „sprechen, reden"), der wie ein normaler Präsensstamm konjugiert wird. Vergleichbar ist die Behandlung des Passivs 1 1 , die ebenfalls durch eine eigene Stammbildung erfolgt, nämlich auf indoiran. *-ya- (avest. kir-iia- „getan werden" < indoiran. *kr-yä-), verbunden mit aktiven oder medialen Personalendungen. Eine ganz bemerkenswerte Ausdrucksweise, die sich auch im Altpersischen wiederfindet, ist die Bezeichnung einer wiederholten Handlung in der Vergangenheit durch den (gewöhnlich mit dem Augment 1 2 versehenen) Optativ Präsens: z. B. apataiidn „sie pflegten dahinzustürmen" (vgl. altpers. aväjaniyä < *ava-a-jan-yä-t „er pflegte zu töten").

Verlaufsform

2.7. Um den hocharchaischen Charakter des Altavestischen anzudeuten, sollen zwei Beispiele genügen: Bei den thematischen Präsensstämmen (auf -a-) weist das Alt- avestische in der 1. P. Sing. Ind. Akt. die „kurze" Form (z. B. zu pdrdsa- „fragen" p3r3sä „ich frage") ohne die im Jungavestischen, im Altpersischen und im gesamten Altindoarischen ausnahmslos durchgeführte Endung -mi auf (vgl. jungavest. barä-mi

„ich trage" = ved. bhärä-mi), so daß es hierin griech. (pepoo, latein./erö näher steht als seinen engsten Verwandten. - Zu der Wurzel avest. ah- „sein" < indoiran. *as- lautet die Imperativform der 2. P. Sing, altavest. z-di „sei!" mit der regelgemäß schwund­ stufigen Form *s- der Wurzel, während hier das AJtindoarische (wohl vom Plural her)

die Vollstufe der Wurzel eingeführt hat in ved. edhi < urindoar.

*as-d h i.

" Vgl. bereits Kapitel 1.1, Punkt (f) der indoiranisch.cn Gemeinsamkeiten.

Das sog. Augment genheit.

1 2

dient im Indikativ Imperfekt und Aorist zum Ausdruck der Zeitstufe Vergan­

Der Wortschatz des Avestischen zeigt eine besonders auffällige Eigenheit darin, daß infolge der dualistischen Weltsicht des Zoroastrismus viele Begriffe durch zwei unterschiedliche Wörter (Personen-, Sach- und Tätigkeitsbezeichnungen) ausgedrückt werden, je nachdem ob die „gute" Welthälfte des Ahura Mazda „Herr Weisheit" oder die „böse" der Daeuuas „Dämonen" (d. h. der vor-zarathustrischen Götter) betroffen ist. So ist die ganze Welt zweifach unterteilt, angefangen von den „guten" ibaga-, eigentlich „[Gott] Zuteilung", yazata- „Verehrungswürdiger") und „schlechten" Göttern (daeuua-), von denen die einen einen „Mund" (äh-) haben und „essen" (x v ar-), die anderen aber einen „Rachen" (zafar-) haben und „fressen" (gah-), bis zu der ureigensten Lebenswelt der an Ahura Mazda bzw. das Böse glaubenden Menschen, denn während der „Sohn" eines Rechtgläubigen puüra- (= altpers. puqa-, ved. puträ- < idg. *putlö-) genannt wird, heißt der eines Daeva-Anhängers hunu- (= ved. sünü- < idg. *sünü-). Wie es zu dieser semantischen Dichotomie im Wortschatz gekommen ist und inwieweit Euphemismen, tabuistische Umschreibungen und ähnliche Erscheinungen dabei eine Rolle spielten, ist noch nicht in allem aufgeklärt. Das Phänomen selbst aber ist ganz eigenartig.

2.8. Im Gegensatz zum Avestischen mit seinen Überlieferungsproblemen ist das Altpersische 1 3 in den Königsinschriften der Achaimeniden vom 6. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. authentisch bezeugt und damit frei von Fehlern, Verbesserungen und Veränderungen durch spätere Kopisten. Und es ist in Raum und Zeit fest verankert, da es im wesentlichen einen südwestiranischen Dialekt, den der Persis (des heutigen Färs) repräsentiert. Gleichwohl sind auch mit dieser Sprache besondere Probleme verknüpft, die sich zum einen aus dem für sie benutzten Keilschriftsystem, zum anderen aus dem geringen Umfang des Textcorpus, zum dritten aber auch daraus ergeben, daß die in den Inschriften bezeugte Sprachform nirgends genau so gesprochen worden, daß sie also insofern „künstlich" ist, als sie mit dialektfremden Wörtern sowie archaischen Formen durchsetzt ist und deutliche Charakteristika einer Stilisierung in sich trägt.

Das Altpersische ist in seinem Gebrauch auf den Großkönig beschränkt, ist also „Sprache des Königs", und nicht nur deshalb darf man annehmen, daß es sich hier um die Muttersprache der Königsfamilie handelt. Des weiteren ist deutlich, daß das Altpersische zu Repräsentationszwecken dient, da es für Inschriften verwendet worden ist, die zum Teil gar nicht zum Lesen bestimmt sein konnten, weil sie nämlich entweder zu hoch oben an Felswänden eingemeißelt oder (wie bei mehreren Gründungsurkunden von Palästen) eingemauert worden waren. Solche Texte muß es natürlich auch in anderer Form gegeben haben; und in der Tat sind aus anderen Reichsteilen (hie Babylon, da Oberägypten) für eine der großen Inschriften Reste einer Abschrift auf Stein bzw. einer aramäischen Übersetzung auf Papyrus bekannt.

"

Vgl. Schmitt, Altpersisch.

Mit Nachdruck ist auch zu unterstreichen, daß das Altpersische nicht über das ganze

verbreitet worden ist, jenes Großreich und jenen Vielvölkerstaat,

den Kyros II. (559-530 v. Chr.) nach der Unterwerfung der Meder binnen weniger Jahre begründet hat und der dann unter Dareios I. (522-486 v. Chr.) seine größte Ausdehnung erreichte. Für die eigentliche Reichsverwaltung spielte das Altpersische überhaupt keine Rolle. Kanzleisprache, offizielle Schrift- und Verwaltungssprache ist vielmehr das Aramäische gewesen, das in der modernen Forschung sog. „Reichs­ aramäische", und zwar sowohl in der zentralen Reichsverwaltung wie in der Regionalverwaltung einzelner Reichsländer und im interregionalen Schriftverkehr. Daneben wurden, aber nur in beschränktem Umfang, auch lokale oder regionale Sprachen gebraucht, z. B. das Elamische in der Hofverwaltung von Persepolis, das Babylonische in Babylonien, das Ägyptische in Ägypten, das Griechische und verschiedene einheimische Sprachen in Kleinasien. Man kann also das Altpersische als die „Sprache des achaimenidischen Königtums" bezeichnen, die nur dessen Prestige fördern und sozusagen ad maiorem regis gloriam dienen soll. Gleiches gilt für die altpersische Keilschrift, eine reine Prunkschrift, die nicht für den Alltag bestimmt war. Die meisten der Inschriften in dieser Schrift und Sprache stammen aus der Persis (aus Persepolis, vom Grab Dareios' I. in Naqs-i Rustam und aus Pasargadai), aus Elam (aus Susa, darunter zwei längere Bauinschriften und die Inschrift einer dort gefundenen, aber in Ägypten geschaffenen Dareios-Statue) und aus Medien (aus Ekbatana/Hamadän sowie, als größte und politisch-historisch bedeutsamste Inschrift, die vom Felsen von BTsutün). Von den übrigen Texten sind die drei Inschriften Dareios' I. vom Suezkanal die wichtigsten.

Achaimenidenreich 14

Die in aller Regel dreisprachig auf Altpersisch, Elamisch und Babylonisch abgefaßten Inschriften - bei den in Ägypten entstandenen Texten kommt eine hieroglyphische Fassung hinzu - stehen überall, wo sich eine bestimmte Rangfolge (und nicht ein chronologisches Nacheinander) erkennen läßt, in eben dieser Reihung. Das Altpersische hat den Vorrang offensichtlich als Muttersprache der Herrscher­ dynastie vor dem Elamischen, das die jahrtausendealte Kultursprache jener Gegenden war, die sich die Achaimeniden zuerst unterworfen hatten. Mit diesem Anknüpfen an Elamisches hängt es letztlich aber auch zusammen, daß die achaimenidische Hof­ verwaltung bis nach 460 v. Chr. auf Tontäfelchen in elamischer Sprache geführt wurde. Da das Babylonische in achaimenidischer Zeit außerhalb Babyloniens keine offizielle Verwendung fand, ist es auffällig, daß die Könige es in ihren Inschriften überhaupt pflegen; offenbar knüpfen sie auch hierin, so wie sie sich in der Nachfolge der großen babylonisch-assyrischen Könige sehen, an alte mesopotamische Traditionen an.

2.9. Das Nebeneinander so zahlreicher Sprachen, wie man sie im Achaimenidenreich findet - außer den schon genannten etwa noch Phrygisch, Lydisch, Lykisch, Phoinikisch, Hebräisch, Arabisch und andere bis zum Indoarischen am Indus - , hat

1 4

Eine ausführliche Darstellung der Sprachsituation in diesem Reich bietet Schmitt, Sprachverhältnisse.

selbstverständlich zu einer Fülle gegenseitiger Beeinflussungen geführt. So wie Ein­ wirkungen des Altpersischen auf die aramäische Kanzleisprache und auf die Sprache (v. a. die Syntax) der elamischen Übersetzungen der Königsinschriften festgestellt worden sind, ist umgekehrt auch mit Einflüssen des Aramäischen und Babylonischen, aber auch, wohl über assyrisch-medische Vermittlung, des Urartäischen auf das Altpersische zu rechnen, letzteres sicher etwa im Falle der stereotypen Formel vasnä Auramazdäha „nach dem Willen des Auramazdä". Ein ganz deutliches Beispiel für Fremdbeeinflussung darf man auch bei der auffälligen Wortstellung in dem Königstitel xsäyatfiya xsäyaßiyönäm „König der Könige" erkennen, wo der attributive Genetiv nach den für die alten indoiranischen Sprachen gültigen Regeln der Wortfolge eigentlich ebenso voranstehen müßte, wie dies später in mittelpers. sahän sah, neupers. sähan-säh der Fall ist. Der achaimenidische Titel stellt offenbar die Lehnübersetzung eines alten mesopotamischen (bei Assyriern und Urartäern bezeugten) Königstitels dar, dessen ursprüngliche Wortfolge beibehalten worden ist. Ein besonderer Effekt der Vielsprachigkeit des Achaimenidenreiches liegt darin, daß die (oben kurz angesprochene) fremdsprachige Überlieferung eine Vielzahl von iranischen Wörtern und insbesondere Namen bietet, die wegen des beschränkten Textcorpus im Altpersischen selbst (oder auch im Avestischen) nicht erhalten geblieben sind. Solches aus fremden Quellen bekanntes altiranisches Sprachgut hat schon bei der Keilschriftentzifferung eine Rolle gespielt und ist immer berücksichtigt worden. Angeregt durch zahlreiche Neufunde und -editionen, hat sich die Forschung in den letzten Jahrzehnten gerade um diese Materialien der sog. „Nebenüberlieferung" besonders intensiv bemüht und aufgezeigt, daß jeder der einzelnen Überlieferungs­ zweige seine besonderen Probleme bietet und ebenso strenge wie systematische Untersuchung erfordert.

2.10. Ein äußerst interessantes und aufschlußreiches Beispiel für die Vielfalt dieser Nebenüberlieferung und für die Mannigfaltigkeit der mit ihr verbundenen Detailfragen

bietet der (weiterhin auch in viele europäische Sprachen übernommene) Titel „Satrap" 1 5 . Dieser ist zwar auf den Königsinschriften in der Form altpers. Nom. Sing. xsagapävä (Stamm -van-) bezeugt, die sich unschwer analysieren läßt in altpers. xsaqa-

- avest. xsaßra- < iran. *xsat)ra- = ved. ksaträ- „Herrschaft, Reich, Königtum" und ein

Nomen agentis *-pä-van- „schützend, Schützer", das mit Suffix -van- von der Wurzel indoiran. *pä- „schützen" gebildet ist. Der Titel bezeichnet also - und zwar mit einer (wegen -c-) typisch persischen Dialektform - den „Reichs- oder Herrschaftsschützer"' 6 . Mit dieser altpersischen Form des Titels lassen sich die zahlreichen anderssprachigen Belege, die es gibt, jedoch nicht ohne weiteres gleichsetzen, ausgenommen nur die

1 5 Ausführlich wird das Gesamtmaterial vorgelegt und besprochen von Schmitt, Titel „Satrap". Bemerkenswerterweise ist die verbale Fügung xsagam + pci- „die Herrschaft/das Reich schützen", die gleichfalls in den Texten bezeugt ist, immer auf den obersten Gott Auramazdä bezogen. Dies bedeutet bei dem terminologischen Gebrauch des Titels also eine Spezialisierung und Verengung der Bedeutung.

elamische Form sa-ak-sa-ba-ma, die sich als eine (wenn auch nicht ganz getreue) Wiedergabe des altpersischen Nominativs erklären läßt.

Dem stehen nun eine ganze Reihe anderer Zeugnisse gegenüber, die sich im Wortausgang von altpers. -pävan- unterscheiden und die als ersten Bestandteil des Titels eine Form *xsar)ra- voraussetzen, also jene Form, die fast überall in Alt-Iran außer bei den Persern zu erwarten ist, unter anderem im Dialekt der Meder. Und wenn die Dinge denn so liegen, läßt sich dies aus historischen Erwägungen nicht anders interpretieren, als daß dieser Titel bereits bei den Medern existiert und sich in medischer Lautgestalt verbreitet hat. So bieten spätbabylonische Wirtschaftstexte die Form ahsadrapanu (ah-sä-da-ra-pa-nu usw.), die altiran. (hier also med.) *xsaßra-pä- na- widerspiegelt; sowohl in den hebräisch wie den aramäisch geschriebenen Büchern des Alten Testaments findet man '"hasdarpan, das offenbar für dieselbe Ausgangsform steht und (wegen -d-) am wahrscheinlichsten durch babylonische Vermittlung - ich erinnere nur an das Babylonische Exil der Juden - ins Aramäische und Hebräische gelangt ist. Eine Stütze findet die Annahme dieser indirekten Entlehnung darin, daß in den „reichsaramäischen" Inschriften eine abweichende, aber zum iranischen (medi- schen) Original genauer stimmende Form begegnet, hsatrapan (geschrieben hstrpn-), der auch ägypt. hstrpn (in hieroglyphischen und demotischen Quellen) entspricht, da nämlich alle Iranismen des Ägyptischen durch das Aramäische vermittelt worden sind. Im Griechischen ist nochmals eine andere Form reflektiert, med. *xsaüra-pä-, und zwar nicht nur in der am weitesten verbreiteten Form ocn;p(X7ir|c, sondern auch in einigen Varianten (mit E^-, -5p- usw.), die aber nur die griechische Wiedergabe der ungriechischen Lautkomplexe /xs/ und /$r/ betreffen, nicht die Ausgangsform selbst. Aus der gleichen Quelle wie all diese griechischen Formen stammt auch lyk. xssadrapa bzw. xssadrapa-, wobei diese Form vorausgesetzt wird durch ein davon abgeleitetes Verbum („Satrap sein", wie griech. oaTpaTceiJEtv), das wie die genannte reichs­ aramäische Form und die einmalige griechische Variante tja8pci.7r.ric, auf einer dreisprachigen griechisch-lykisch-aramäischen Inschrift aus dem Letö-Heiligtum beim lykischen Xanthos begegnet. Die nach-achaimenidischen Wiedergaben im Syrischen und Lateinischen sowie die Weiterentwicklungen im Parthischen, Mittelpersischen usw. erbringen für die Bestim­ mung der Ausgangsformen keine neuen Gesichtspunkte, so daß nur die Frage noch zu beantworten bleibt, ob diese drei nebeneinanderstehenden Formen auf altiran. *-pä- van-, *-pä-na- und *-pä- (sog. Wurzelnomen, gegebenenfalls mit Übergang zum fl-Stamm *-pa-) als Wortbildungsmuster in Frage kommen. Und da zeigt sich sehr schnell, daß neben der ersten Stammform, die ja im Altpersischen direkt bezeugt ist, auch die beiden anderen nachgewiesen werden können und daß es in dem nächstverwandten, aber bekanntlich viel reicher bezeugten Vedischen ähnliche Reihen solcher Bildungen mit denselben Suffixvarianten gibt, so daß also hier in den verschiedenen Überlieferungssträngen, deren Endpunkte wir vor uns haben, nur die Wortbildungsmöglichkeiten ausgeschöpft worden sind, die in der Morphologie der alten indoiranischen Sprachen zur Verfügung standen.

2.11. Die einzigen direkten Zeugnisse des Altpersischen sind, wie gesagt, die aus der Zeit von Dareios I. bis zu Artaxerxes III. (359/8-338/7 v. Chr.) stammenden, insgesamt sehr monoton-formelhaften und sich ständig wiederholenden Königsinschriften, die sich ausnahmslos nur auf festen Gegenständen (Stein, Metall, Tontafeln), nicht aber auf Pergament oder Papyrus finden, da die altpersische Keilschrift für solche Schriftträger nicht taugte. Die große Mehrheit der Texte gehört in die Regierungszeit nur Dareios' I. und Xerxes' I. (486-465 v. Chr.), während die Texte schon von dessen Sohn Artaxerxes I. (465^125/4 v. Chr.) an rasch abnehmen und fast bloß noch vorgeprägte Formeln enthalten und meist auch nur einsprachig-altpersisch sind. In der Zeit nach Xerxes I. ist offenbar bereits mit der Weiterentwicklung der Sprache zum Mittelpersischen hin zu rechnen, denn teilweise gravierende gramma­ tische Fehler in den späteren Texten deuten darauf, daß deren Verfasser die Sprache, die sie der Tradition halber weitherhin verwenden wollten, nicht mehr vollständig beherrschten. Wenn man sich bemüht, die Fehler im einzelnen zu analysieren und zu erklären, so stellt man fest, daß es sich hier um Versuche der Textverfasser handelt, Formen, die sie in der von ihnen im Alltag gesprochenen, schon fast auf den Stand des Mittelpersischen fortgeschrittenen Sprache in anderer Gestalt, insbesondere ohne die ursprünglichen Endungen gebrauchten, in solche der traditionellen Schriftsprache zurückzuverwandeln, daß diese Versuche aber fehlgeschlagen sind, weil die laut­ geschichtliche Entwicklung infolge von konvergierenden Lautveränderungen teilweise zu mehrdeutigen Formen geführt hat, und daß wir sie nur deshalb überhaupt zu erkennen vermögen. Statt korrektem altpers. Akk. Sing, siyätim „Glück" findet man auf einer der spätesten Inschriften von Artaxerxes III. zum Beispiel fälschlich säyatäm geschrieben. Dies erklärt sich folgendermaßen: Altpers. siyäli- war zu „frühmittelpers." (oder wie immer man diese Sprachform nennen will) sät geworden, dem aber nicht mehr anzusehen war, ob -ä- hier auf altpers. -iyä- (was in diesem Fall das Richtige gewesen wäre) oder auf altpers. -äya- fußte (wie es etwa für den Königstitel mittelpers. sah < altpers. xsäyaßiya- gilt). Vielleicht durch den Königstitel verleitet, hat der des Altpersischen nicht mehr mächtige Autor jedenfalls einen Fehlgriff getan und gesprochenes sät in falsches säyat- rückverwandelt, - und dann obendrein (wie in weiteren ähnlichen Fällen) nicht der richtigen Flexionsklasse zugeordnet.

2.12. Geschrieben sind die altpersischen Inschriften bekanntlich in einer eigenen

Schrift, der „altpersischen Keilschrift" (vgl. Abb. 2)' 7 , die zum ersten Mal von Dareios I. in seiner großen Inschrift am Felsen von BIsutün („DB") verwendet wurde. Daß schon unter Kyros II., um die Muttersprache des Königs schriftlich fixieren zu können, mit der Entwicklung dieses neuen Schriftsystems begonnen wurde, dieses dann jedoch erst unter Dareios in Gebrauch genommen worden ist, lassen insbesondere einige Auffälligkeiten 18 vermuten, die zu der Annahme einer noch vor der Ingebrauchnahme

Die Schrifttafel von Abb. 2 ist Schmitt, Altpcrsisch, 63 entnommen. Diese Auffälligkeiten hat Hoffmann im Detail besprochen und zu erklären versucht.

2. Die Sprachen der altiranischen Periode

Lautzeichen (abecedarisch geordnet):

TT

a

b«

d"

 

Ti=

< r

 

TTT-

r"

s*

s*

t*

Wortzeichen:

x s

«T

D H ,

«TT

DH 2

BG

 

T «

<T>-

d 1

P

g'

>TtT T<t=

W

 

m 1

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n a

K T

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^

4

g"

n u

« I T

u

V*

V 1

BU

AM,

AMj

h*

TO-

y* "

i

AMha

M

z 1

xsäyadiya-

dahyu-

baga-

bümi-

Auramazdä-

Auramazdäha

 

„König"

„Land"

„Gott"

„Erde"

(GN)

(GN, Gen.Sing.)

Worttrenner:

 

"

(nur DB)

\

(sonst)

Abb. 2: Schrifttafel der altpersischen Keilschrift (aus CLI 63)

der Schrift durchgeführten Reform des ursprünglichen Konzepts zwingen und damit einen gewissen Zeitraum zwischen Schrift„erfindung" und Schriftverwendung voraus­ setzen. Nur in einer solchen aus formal-stilistischen Gründen (nämlich zur Vermeidung komplexerer Zeichengebilde und gekreuzter Keile) vorgenommenen und überhastet durchgeführten Reform finden die phonetisch unerklärlichen „Lücken" im Zeichen­ inventar und die dadurch verursachte inkonsequente Vokal- und Diphthong­ bezeichnung mit ihren zahlreichen Mehrdeutigkeiten eine überzeugende Begründung. Und nur dies läßt auch verstehen, daß man sich bei der Ingebrauchnahme ganz auf das Schreibenkönnen konzentriert und dabei die eindeutige Lesbarkeit des Geschriebenen außer acht gelassen hat. Daß die Schrift für den altpersischen BTsutün-Text 19 eingeführt worden ist, wird durch die Entstehungsgeschichte des Monumentes selbst bewiesen, da dort die altpersischen Beischriften zu den Figuren des Reliefs und die große Inschrift nicht von Anfang an vorgesehen waren und erst später eingefügt worden sind. Die ursprüngliche Planung hatte nämlich nur elamische, eine erste Erweiterung dann auch babylonische Beschriftung vorgesehen, aber keine altpersische. Diese Beschränkung auf die vor- achaimenidischen Kultursprachen bei gleichzeitiger Nichtberücksichtigung der Muttersprache der Könige kann nichts anderes bedeuten, als daß man bis dahin das Altpersische eben noch nicht schriftlich verwendet hat. Mit den alten mesopotamischen Keilschriftsystemen hat die altpersische Schrift gemein, daß sie Keile und Winkelhaken als Elemente der einzelnen Schriftzeichen verwendet und daß sie rechtsläufig geschrieben wird. Im übrigen aber ist sie eine eigenständige Neuschöpfung, die sich auch die Vorzüge der aramäischen Konso­ nantenschrift zu eigen zu machen versuchte. Das Zeicheninventar (vgl. Abb. 2) umfaßt - neben einigen (nicht konsequent benutzten) Wortzeichen, den Zahlzeichen und zwei Varianten des Worttrenners - 36 Lautzeichen, die zu vier Gruppen gehören: 1. reinen Vokalzeichen (a, /, u), 2. Konsonantzeichen mit inhärierendem i-Vokal, 3. solchen mit inhärierendem u sowie, mehrheitlich, 4. solchen mit entweder inhärierendem a-Vokal oder bloßem konsonantischem Wert (ba oder b usw.). Die Ambiguität dieser letzten Gruppe, überhaupt der unsystematische Aufbau des Zeicheninventars (in dem n\ t' usw. fehlen) macht eine Vielzahl von „Schreibregeln" nötig, die für die Wiedergabe bestimmter Lautfolgen beachtet werden mußten, aber nicht jede Mehrdeutigkeit ausschließen konnten. So sind etwa Langvokale (mit Ausnahme von -ä- im Wort- innern) nicht sicher erkennbar, auslautende /-!/ und /-ü7 durch -i-y bzw. -u-v geschrieben, Diphthonge nur teilweise von einfachen Vokalen unterschieden, Nasal­ konsonanten in antekonsonantischer Position praktisch nicht bezeichnet 20 und ähnliches mehr. Die Folge des Ganzen ist, daß kaum eine belegte Form wirklich eindeutig zu interpretieren ist.

Dessen maßgebende Ausgabe ist jetzt die von Schmitt.

Die beiden letztgenannten Konventionen bedeuten einen empfindlichen

Vcrbalformen

unterscheiden läßt.

weder

/-ti/

von

/-tai/

(Aktiv

von

Passiv)

noch /-ti/

von

Mangel, da sich deshalb in

Plural)

/-nti/

(Singular

von

Aus den gegebenen Möglichkeiten ist durch philologisch-sprachwissenschaftliche, meist etymologische Analyse die richtige auszuwählen, gewöhnlich indem man das avestische oder altindoarische, das mittel- oder neupersische Gegenstück oder auch

einmal das Zeugnis der anderssprachigen Inschriftenversionen oder sonstiger „Neben­ überlieferung" zum Vergleich heranzieht. Ein triviales Beispiel soll dies für eine ganz geläufige Form veranschaulichen: Während avest. asti „ist" durch die Avestaschrift

für altpers. a-s a -t"-i-y" „ist" theoretisch

72 Lesungsmöglichkeiten: für a vier (a, ä, an, än), für s" drei (s, sa, san), für f-i drei

und für y" zwei (y, ya), insgesamt also 4x3x3x 2 = 72. Daß die

Interpretation als „astiy", konventionelle Schreibung für /asti/ (vgl. oben), die einzig richtige ist, kann man nur deshalb sicher behaupten, weil ved. asti, avest. asti die Vorläuferformen als indoiran., iran. *ästi erweisen, mittel- und neupers. ast die Fortsetzung bilden und innerhalb dieser Kette eine Alternative zu asti somit nicht gegeben ist. Leider will nur nicht jede Formenbestimmung so einfach gelingen wie diese.

Ein besonders komplexes Problem der Laut- und Schriftgeschichte betrifft das silbische Irl, „Allophon" zu /r/ in der Stellung zwischen Konsonanten und anlautend vor Konsonant: Es ist im Altpersischen erhalten, wahrscheinlich als [or] gesprochen worden, aber in der Schrift nur behelfsweise bezeichnet, nämlich wie die Folge /ar/ durch das r-Zeichen. Um silbisches /r/ erweisen zu können, bedarf es deshalb morphologischer Indizien (Wurzelschwundstufe in krta- „gemacht" = av. karata-, ved. krtä-) oder - ich erinnere an das eben diskutierte Beispiel asti - etymologischer Gleichungen mit Vorstufen oder Fortsetzern wie bei v-z-r-k- „groß" (das wegen -ur- in neupers. buzurg als vazrka- anzusetzen ist) oder bei a-r-s-t-i- „Speer" (das wegen ved. rsti- ebenso rsti- ist); im Anlaut lassen auch elamische Wiedergaben deutlich altpers. /r-/ erkennen, das dort, anders als /är-/, durch ir- reflektiert ist.

fast eindeutig wiedergegeben wird 2 1 , bestehen

(ti, ti, taif 2

2.13. Bei einzelnen Konsonantengruppen zeigt das Altpersische einen weiter als sonst im Altiranischen fortgeschrittenen Entwicklungszustand. Dialektologisch bedeutsam ist, wie schon in Kapitel 1.9, Punkt (m) ausgeführt, insbesondere der Wandel von uriran. *tir > altpers. c (womit ein dem s relativ ähnlicher Laut gemeint ist), etwa in altpers. puca- „Sohn" (> mittelpers. pus) = avest. pußra-, der das Altpersische deutlich vor allem vom Medischen abhebt. Gleiches gilt auch für die Entwicklung von uriran. *tsv > altpers. 5, etwa in altpers. asa- „Pferd" = avest., med. aspa-, wo das Altpersische überhaupt für sich steht (vgl. ebenda Punkt (n)). Das Phänomen der Epenthese, das für das Avestische so charakteristisch ist, läßt sich im Altpersischen der Königsinschriften nicht nachweisen. Die aus der Neben­ überlieferung vorgelegten Belege dürften, soweit sie überhaupt anzuerkennen sind - ich selbst habe hier starke Bedenken - , eher der gesprochenen altpersischen Umgangs-

2 1 Wie oben in Kapitel 2.4 ausgeführt wurde, ist die Schreibung des Auslautvokals konventionell geregelt und ist altavest. -/", jungavest. -/ generalisiert.

2 2 Eine Lautfolge VtaT/ ist systemwidrig.

spräche als der inschriftlich verwendeten Hochsprache zuzuweisen sein. Neben solchen „spontanen" Lautveränderungen finden sich nämlich auch rezente Züge fort­ geschrittener Sprachentwicklung (gewissermaßen „frühmittelpersischen Typs") auf­ fallend häufiger in dem Sprachgut der Nebenüberlieferung als auf den altpersischen Inschriften selbst. Das ererbte (und im Avestischen noch bewahrte) System von acht Kasus erscheint im Altpersischen reduziert, weil zum einen der Dativ völlig aufgegeben und dessen Funktion vom Genetiv mit übernommen worden ist und zum anderen formale Unterscheidungen verwischt worden und dadurch Formen zusammengefallen sind, etwa Gen.(-Dat), Abi., Lok. und Instr. im Singular der ä-Stämme. Auch beim Verbum zeigt das Altpersische zahlreiche grundlegende Neuerungen und Umbildungen, sowohl auf der Inhaltsseite, etwa wenn es die Aspektopposition zwischen Aorist und Imperfekt praktisch aufgehoben hat, wie auch auf der Ausdrucksseite, etwa durch die Passivbildung mit dem (wie im Avestischen) ererbten Stamm indoiran. *-ya-, der hier aber Aktivendungen und vollstufige Wurzel zeigt

(akariya < *a-kar-ya-t „wurde verarbeitet" gegenüber ved. kriyä-te „wird getan" und avest. kir-iia-). Als Ersatz für das alte Perfekt, das nur in einer Optativform fortlebt (altpers. caxriyä „er hätte gemacht"), hat das Altpersische, um eine vollendete Handlung oder den dadurch erreichten Zustand zu bezeichnen, eine periphrastische Konstruktion aus dem Verbaladjektiv (bzw. Passivpartizip) auf -ta- und dem Hilfsverbum as- „sein" (dessen Form asti aber gewöhnlich erspart wird) eingeführt, die man „Neoperfekt" nennen kann: z. B. ima, taya manä krtam „dies (ist), was (taya) von

was ich getan habe". Diese

mir (Gen.-Dat. manä) getan (worden ist)", d. h. „

Ausdrucksweise mit der Bezeichnung des Agens im Gen.-Dat. lebt im Mittelpersischen wie in vielen neuiranischen Sprachen und Dialekten weiter und wird heute gewöhnlich als „Ergativkonstruktion" bezeichnet: mittelpers. man kard „ich machte". Im Neupersischen ist sie zu man kard-am umgebildet worden, indem die gewöhnlichen aktiven Personalendungen darantraten. Derartige Neuerungen, deren ich einige genannt habe, sind es, die das Altpersische teilweise als sehr „rezent" erscheinen lassen und die ihm, nicht zuletzt im Vergleich mit dem Avestischen und dem Altindoarischen, das Aussehen eines - als Paradoxon formuliert - „alten Mittelpersisch" verleihen.

Aus dem Bereich der Syntax sei auf eine Ausdrucksweise hingewiesen, die avestische Entsprechungen hat, die aber vor allem die weitere persische Sprach­ geschichte durchzieht: Bei bestimmten Relativkonstruktionen hat das Relativpronomen altpers. haya- (nur Nom. Sing, mask./fem.) bzw. taya-, das durch Univerbierung aus korrelativischen Verbindungen von Demonstrativum (indoiran. *sä-/tä-) und Relativum (indoiran. *yä-) neu gebildet ist, die Funktion eines bloßen Artikels, um Attribute verschiedener Art anfügen zu können: z. B. Nom. Gaumäta haya magus „Gaumäta der Mager", Akk. (mit sog. Kasusattraktion) Gaumätam tayam magum „Gaumäta den Mager" usw. (vgl. avest. Midro yö vouru.gaoiiao'tis „Mithra der weite-Rinderweiden- besitzende"). Derartige Konstruktionen haben im Mittelpersischen ihren Verwen­ dungsbereich stark erweitert: Die Relativpartikel T verknüpft Substantive mit weiteren

Nomina oder mit Wortgruppen, und wo sie ein Genetivattribut bezeichnet, bietet sie zugleich Ersatz für den gegenüber dem Altpersischen eingetretenen Endungsverlust. Letztlich liegt diese relativische Konstruktion auch der neupersischen Izäfat-Kon- struktion mit -e zugrunde (z. B. yäl-e asb „Pferdemähne", sag-e man „mein Hund"). Im Wortschatz des Altpersischen kann man, obwohl dieser bekanntlich nur sehr bruchstückhaft bezeugt ist, als lexikalische Besonderheiten dieser Sprache beispiels­ weise die gewöhnlichen Verben für „sprechen" und „hören" ausmachen: Für „sprechen" sind die Verben ererbt, die in avest. vac- (= ved. vac-) und mrü- (= ved. brü-) vorliegen; demgegenüber verwendet das Altpersische gaub- (im Medium „sich nennen"), das zu sogd. ywß- „preisen" gehört, und dieser Stamm lebt in mittelpers. gö(w)-, guftan, neupers. gü(y)-, goftan fort. Auch für „hören" bietet das Altpersische keinen Fortsetzer des Erbwortes iran. *tsru- (> avest. sru-) = ved. sru-, sondern ä-xsnu- „vernehmen", das über mittelpers. äsnaw-, äsnüdan gleichfalls ins heutige Neu­ persische gelangt ist (senou-, senüdan).

2.14. Im altpersischen Wort- und Namenschatz fällt der hohe Anteil von dialekt­ fremden Formen auf. In einem Vielvölkerstaat wie dem Achaimenidenreich ist dies aber nicht verwunderlich. Eine besondere Rolle spielen darunter die medischen Lehnwörter des Altpersischen, die ihre Begründung darin finden, daß die Perser, die bis auf Kyros II. unter deren Oberherrschaft gestanden hatten, sich dann als Erben der Meder gefühlt haben. Die Sachgebiete, in denen solche Medismen gehäuft vorkommen, sind etwa die von Königtum und Hofverwaltung, Militärwesen und Rechtsprechung. Der Nachweis dafür, daß bestimmte Termini aus dem Medischen stammen, fußt jeweils auf lauthistorischen Kriterien, obwohl die festgestellten, dem Altpersischen fremden Lautentwicklungen meist nicht speziell medisch sind, sondern auch in anderen altiranischen Dialekten vorkommen. Eine Vielzahl solcher lokaler Sprachen und Dialekte muß neben Avestisch und Altpersisch in Alt-Iran existiert haben, wie sich aus der Analogie zu der Sprachenvielfalt, die in mitteliranischer Zeit auch bezeugt ist und in Kapitel 3 dargestellt wird, ebenso ergibt wie nach Ausweis übereinstimmender Eigenbenennungen von Sprachen wie „Parthisch" oder „Sogdisch" in parthischen bzw. sogdischen Texten mit den Namen von Volksgruppen, hier der Parther und Sogder, die bereits für das Achaimenidenreich bezeugt sind. Die grundlegenden Erkenntnisse auf dem Gebiet der iranischen Dialektologie sind aufgrund der mitteliranischen Verhältnisse anhand der zwei- bzw. dreisprachigen Säsänideninschriften und der in mehreren Sprachen vorliegenden manichäischen Texte gewonnen und dann durch die neuiranischen Gegebenheiten bestätigt worden. Für die

altiranische Periode läßt sich dieses Bild leider nur vereinzelt durch isolierte Wörter

abzuleitenden lauthistorischen Fakten ergänzen 2 3 . Die

oder Namen und die daraus

und die Methoden der Erforschung dieser Fragen vgl. Schmitt,

Andere Dialekte, ferner, zusammen mit ausgewählten Demonstrationsbeispielen für den Gesamtbereich des Altiranischen, Schmitt, Ermittlung.

2 5 Über altiranische Dialektviclfalt

wesentlichen allgemeineren Gesichtspunkte sind schon in Kapitel 1.9-1.10 ange­ sprochen worden. Mit Dialektverschiedenheiten bereits innerhalb des Altpersischen hat man deshalb zu rechnen, weil der Dialekt, der dem Mittelpersischen der manichäischen Texte (aus denen der tatsächliche Lautstand am besten zu erkennen ist) zugrunde liegt, in einzelnen Punkten von der achaimenidischen Inschriftensprache abweicht, etwa darin, daß uriran. *hu- nicht wie in dem Standarddialekt der Inschriften das h- verloren hat:

altiran. *huska- „trocken" (= avest. huska-) wird durch inschriftlich-altpers. uska-, aber dialektal "huska- > mittelpers. husk (nicht *usk) fortgesetzt. Das Medische, das als die Sprache jenes Volkes, das zuerst ein von Iraniern getragenes Reich begründet hat, historische Bedeutung erlangte, ist nur indirekt in Spuren zu erschließen. Dabei muß der Nachweis mit Wortformen geführt werden, die ein für das Medische auch tatsächlich bezeugtes Dialektmerkmal enthalten. Aus der von Herodot 1, 110,1 ausdrücklich als „medisch" bezeichneten Form araxKa „Hündin" läßt sich med. *spaka- erschließen, während mittel-, neupers. sag „Hund" auf altpers. *saka- führen. Das Nebeneinander von altpers. s gegenüber avest. und (wie hier) med. sp als Fortsetzer von uriran. *tsv und letztlich idg. *ku ist dabei durchaus regelmäßig. Ganz entsprechend findet man nun bei dem Wort für „Pferd" nebeneinander asa- und aspa-Formen, auch innerhalb des Altpersischen: dabei ist aber aspa- beschränkt auf die zwei Personennamen Aspacanah- und Vistäspa- sowie das formelhafte Epitheton uv- aspa- „mit guten Rossen", die alle in irgendeiner Weise traditionsverhaftet sein und daher einem anderen Dialekt entstammen können, während asa- als selbständiges Wort und in Komposita lebendig ist und somit dem Altpersischen angehört, - in vollem Einklang mit dem, was bei *spaka-/saka- festgestellt werden konnte. Indem man andere Formenpaare, auch Varianten zwischen den verschiedenen Inschriftenversionen und in sonstiger Nebenüberlieferung, an solche unumstößliche Beispiele anschließt, kann man weitere lautgeschichtlich entstandene Entsprechungs­ paare dem Medischen und Altpersischen zuschreiben. Die Zuweisung an das Medische bedarf aber jeweils eines festen Anhaltspunktes in der Überlieferung und einer meist komplexen (kultur)historisch-geographisch-dialektologischen Beweisführung. Manche bisher für das Medische in Anspruch genommene Erscheinungen und Wortformen genügen diesen Anforderungen denn auch nicht: so besteht zwar durchaus die

aus dem Medischen entlehnt

ist; er muß aber nicht zwingend als Entlehnung verstanden werden und läßt sich als

Möglichkeit, daß etwa der Königstitel altpers. xsäyaüiya-

solche nicht erweisen.

2.15. Auch innerhalb des Überlieferungskomplexes des Avestischen lassen sich Dialektverschiedenheiten sehr wohl ausmachen, schon für einen Teil der Divergenzen zwischen Alt- und Jungavestisch, aber auch sonst aufgrund lautgeschichtlich ent­ standener Dubletten innerhalb des Avesta-Corpus. Das Beweisverfahren gleicht grund­ sätzlich auch dem zur Bestimmung der altpersischen „Medismen" angewendeten, es führt aber nicht zu einer Lokalisierung der Sonderformen und ist deshalb dialekto-

logisch irrelevant. Eine Ausnahme bilden nur solche Phänomene, die geographische Namen betreffen, da diese sich in aller Regel eher räumlich fixieren lassen. Dies gilt zum Beispiel für den Namen Arachosiens (der Landschaft um das heutige Qandahär), dessen avestische Form Akk. Harax v a'tim nämlich eine lautgeschichtliche Sonder­ entwicklung aufweist, -x v - statt normalem -n v h- als Fortsetzer von iran. *-hv-. An diese Form, die zuerst Karl Hoffmann als einen in die Avesta-Überlieferung eingedrungenen Arachotismus zu verstehen gelehrt hat, sind vermutungsweise weitere Zeugnisse und Dialektmerkmale des Arachotischen angekoppelt worden, die aber nicht ebensolche Beweiskraft besitzen.

Ein Problem für sich bieten, schon aus räumlichen Gründen, die Zeugnisse, die für die Nomadenstämme des ukrainisch-südrussischen Steppengürtels, für Skythen, Sarmaten usw., überliefert sind. Viele Fragen der ethnologisch-geographischen Ein­ ordnung dieser Stämme und der Untergliederung und Schichtung der ihnen zugewiese­ nen Sprachzeugnisse lassen sich hier nicht endgültig klären. Der ältesten, zweifellos altiranischen Schicht gehören praktisch nur die Nachrichten Herodots in dem Skythen- Exkurs seines Geschichtswerkes an. Dort werden - auf diese wenigen Hinweise will ich mich hier beschränken - Skythenkönige mit den Namen Äpia7UEr0T|<; und ETcapyccTteiönc, genannt, die von ihrer Laut- und Wortstruktur her auf einer Stufe stehen mit achaimenidischen Namen wie Äpiapäuvric,, 'YaiäaTrric, und andere. Ein Name allerdings, der gewöhnlich für skythisch gilt, hat mit dieser Sprache nichts zu tun, der des „Schwarzen Meeres", griech. növxoc, "AE,ewoq < iran. *Axsaina- „Schwarzes (Meer)". Da dieser Name eindeutig in ein System gehört, das die Himmelsrichtungen symbolisch durch Farbwörter bezeichnet, und deshalb das „nörd­ liche Meer" meint, muß er von einem Volk stammen, das südlich dieses Meeres saß:

sind nach meiner Überzeugung 2 4 die Perser zur Achaimenidenzeit (während der

Dies

dieser Name ebenso wie der des „sogenannten Roten Meeres" als des „südlichen Meeres" erstmals belegt ist), in deren Weltbild dies auch gut paßt. Nicht in Frage kommen jedoch die Skythen.

Literatur zu Kapitel 2.2-2.7:

Geldner, Karl F.: Avesta. The Sacred Books of Ihe Parsis. I-III, Stuttgart 1886-1896. Hoffmann, Karl: Das Avesta in der Persis, in: Prolegomena to the Sources on thc History of Pre-Islamic Central Asia. Ed. by J. Harmatta, Budapest 1979, 89-93. Hoffmann, Karl, und Bernhard Forssman: Avestische Laut- und Flexionslehre, Innsbruck 1996. Hoffmann, Karl, und Johanna Narten: Der Sasanidische Archetypus. Untersuchungen zu Schreibung und Lautgestalt des Avestischen, Wiesbaden 1989. Humbach, Helmut: The Gäthäs of Zarathushtra and the Other Old Avestan Texts. I: Introduction - Text and Translation, Heidelberg 1991. Kellens, Jean: Avestiquc, in: CLI 32-55.

" 4 Vgl. Schmitt, Considerations.

Kellens, Jean: Considerations sur l'histoire de l'Avesta, JA 286, 1998, 451-519.

Skjaerv0, P. Oktor: The Avesta as source for the early history of the Iranians, in: The Indo-Aryans of

Ancient South Asia. Language, Material Culture and Ethnicity. Ed. by George Erdosy, Berlin/New

York 1995, 155-176.

Literatur zu Kapitel 2.8-2.9:

Schmitt, Rüdiger: Altpersisch, in: CLI 56-85 .

Schmitt, Rüdiger: Die Sprachverhältnisse im Achaimenidenreich, in: Lingue e culture in contatto nel

mondo antico e altomedievale. Atti dell "Vili Convegno Internazionale di Linguisti, Brescia 1993,

77-102.

Literatur zu Kapitel 2.10:

Schmitt, Rüdiger: Der Titel „Satrap", in: Studies in Greek, Italic, and Indo-European Linguistics Offered

to Leonard R. Palmer, Innsbruck 1976, 373-390.

Literatur zu Kapitel 2.11:

Schmitt,

Rüdiger:

Beiträge

zu

altpersischen

Inschriften,

spätachaimenidische Altpersische).

Wiesbaden

1999,

speziell

59-118

(5.

Das

Literatur zu Kapitel 2.12:

Hoffmann, Karl: Aufsätze zur Indoiranistik. II, Wiesbaden 1976, 620-645 (Zur altpersischen Schrift).

Schmitt, Rüdiger: Altpersisch, in: CLI 56-85.

Schmitt,

Rüdiger: The

Bisitun Inscriptions of Darius the Great. Old

Persian Text (Cllr I/I/Texts I),

London 1991.

Literatur zu Kapitel 2.14-2.15:

Hoffmann, Karl: Das Avesta in der Pcrsis, in: Prolegomena to the Sources on the History of Pre-Islamic

Central Asia. Ed. by J. Harmatta, Budapest 1979, 89-93.

Schmitt,

Rüdiger: Zur Ermittlung von

183-207.

Dialekten

in

altiranischer

Zeit,

Sprachwissenschaft

9,

1984,

Schmitt, Rüdiger:

Schmitt, Rüdiger: Considerations on the Name of the Black Sea: What Can the Historian Learn from It?,

in: Hellas und der griechische Osten. Studien zur Geschichte und Numismatik der griechischen Welt.

Andere altiranische Dialekte, in: CLI 86-94 .

3. Die Sprachen der mitteliranischen Periode

3.1. Als die mitteliranische Periode (vom 4./3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 8./9. Jahrhundert n. Chr. und teilweise noch länger) wird, wie in Kapitel 0.3 ausgeführt, die Zeit bis zur Islamisierung Irans nach dessen Eroberung durch die Araber bezeichnet. Da gegenüber der altiranischen Zeit (abgesehen von der fehlenden Kontinuität in der Überlieferung) ein Bruch hinsichtlich der Schriftverwendung zu beobachten ist - die altpersische Keilschrift ging mit dem Achaimenidenreich unter - lassen sich als mittel­ iranische Sprachen diejenigen bezeichnen, deren schriftliche Verwendung und Über­ lieferung in nach-achaimenidischer, aber vor-islamischer Zeit einsetzt. In diesem Sinne läßt sich der Begriff der mitteliranischen Sprachen also, insbesondere wenn man jene Sprachformen mit einbezieht, die in anderen, sekundär in Iran verwendeten Schriften wie der manichäischen, nestorianisch-syrischen oder arabischen Schrift geschrieben sind, von dem Medium Schrift her definieren. Für vier der sechs authentisch durch Texte bezeugten mitteliranischen Sprachen (vgl. im Detail unten) werden einander ähnliche, gemeinsam aus der aramäischen entstandene Schriften verwendet: Das Parthische, Mittelpersische, Sogdische und Chwaresmische bewahren damit ein unter der Achaimenidenherrschaft geknüpftes Band, während das Baktrische größtenteils eine lokale Variante des griechischen Alphabets 1 und das Khotan- und Tumsuqsakische zentralasiatische Spielarten der indischen BrähmT-Schrift eingeführt haben. Aramäische Schrift und Sprache, die als Mittel der achaimenidischen Reichsverwaltung über das gesamte Reich verbreitet worden waren und die sich insbesondere in vorher schriftlosen Reichsteilen festgesetzt haben, blieben mangels einer brauchbaren Alternative auch in den größeren und kleineren Nachfolgestaaten dieses Reiches in Verwendung. Dabei vollzog sich aller­ dings in vielfacher Hinsicht ein kontinuierlicher Wandel, für den ausschlaggebend war, daß in diesen kleineren Staatswesen hauptsächlich Übersetzer nur für ein einziges Sprachenpaar, Aramäisch und die jeweilige iranische Sprache, benötigt wurden und dadurch Schreiber iranischer Muttersprache - „Schreiben" und „Übersetzen" bzw. „Dolmetschen" gehörten zusammen - nach und nach die Aramäer ablösten, so daß die niedergeschriebenen Texte zunehmend mit iranischen Wörtern durchsetzt wurden und die weiterhin verwendeten aramäischen Formen mit der Zeit zu konventionell gebrauchten Symbolen erstarrten.

1 Dieses auf den ersten Blick überraschende Faktum erklärt sich daraus, daß Baktrien nach der Eroberung durch Alexander den Großen fast zwei Jahrhunderte unter griechischer Herrschaft stand.

Bemerkenswert ist allerdings, daß keine dieser aus dem Aramäischen hervor­ gegangenen Schriftarten sich von derartigen Fremdschreibungen, den sog. „Hetero- grammen" oder „Aramäogrammen" völlig befreien konnte. Als einfache Beispiele solcher Heterogramme (die üblicherweise in Großbuchstaben umschrieben werden) zitiere ich mittelpers. LYLYA, Emphaticus zu aram. layle „Nacht", als Ausdruck von mittelpers. sab (< altpers. xsap- „Nacht") und parth. MLKYN MLKA (mit aram. mäläk „König") für parth. sähän sah „König der Könige". Diese allmähliche Umgestaltung des Schriftsystems 2 hat sich wohl im 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. vollzogen - das fast gänzliche Fehlen von Schrift- und Sprachzeugnissen für die entscheidende Umbruchs­ zeit läßt die tiefgreifenden Veränderungen des Schriftgebrauchs allerdings nicht Schritt für Schritt in der wünschenswerten Deutlichkeit erkennen - und ist erst im 1. Jahr­ hundert v. Chr. sicher nachweisbar. Daß aramäisch geschriebene Wortformen als Heterogramme aufzufassen, also iranisch (parthisch, mittelpersisch usw.) zu „lesen" sind, was man ihnen ja nicht ansieht, läßt sich übrigens am eindeutigsten an morpho­ logisch-syntaktischen Phänomenen feststellen, etwa wenn die Wortstellung den Regeln des Aramäischen zuwiderläuft, aber denen des Iranischen entspricht (wie im Falle von parth. MLKYN MLKA mit voranstehendem Determinans).

Im folgenden sollen nun zunächst einmal (Kapitel 3.2-3.15), bevor abschließend einige übergreifende Gesichtspunkte ins Auge gefaßt werden (Kapitel 3.16-3.17), die uns bekannten Sprachen der mitteliranischen Periode in knapper Skizzierung dargestellt werden.

3.2. Das P а r t h i s с h e ist die Sprache Parthiens (altpers. Parßava-), der

historische n Landschaft, die ungefähr Churäsä n un d Gurgä n sowi e de m jetz t unab ­ hängigen Turkmenistan entspricht. Sprachgeschichtlich hat das Parthische 3 Bedeutung erlangt als die Hof- und Verwaltungssprache des von der Arsakiden-Dynastie (247 v. Chr. bis 224 n. Chr.) beherrschten Reiches. Die wichtigsten und sichersten Sprach­ zeugnisse des Parthischen stammen allerdings nicht aus arsakidischer, sondern erst aus säsänidischer Zeit, da Dichtung und religiöse Tradition zunächst vornehmlich mündlich überliefert wurden, die Münzen lange Zeit, bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., griechisch e Legende n trugen und die wirklic h in parthische r Schrif t geschriebene n Zeugnisse noch so viel Aramäisches in sich tragen, daß man für das Parthische nach dem in Kapitel 3.1 Angedeuteten daraus kaum etwas gewinnt. Diese Einschätzung zielt gleichermaßen auf die wenigen Felsinschriften in parthischer Schrift und Sprache (etwa von Sar-Pul- i Zuhä b im Zagros ) wi e auf di e kleine n Gefäßinschriften ; abe r grund ­ sätzlich gilt sie ebens o für die Dokumente auf Ostrak a aus Sahr-i Qumi s (Nordostiran ) un d die au s de m Archi v vo n Nis ä (Turkmenistan ) mit wei t übe r 200 0 Ostraka - Fragmenten des 1. Jahrhunderts v. Chr., die Weinlieferungen und Lebensmittel­ zuteilungen betreffen, sowie für die Pergamenturkunden aus Awrömän (Westiran).

" Vgl. Schmitt, 95-97.

Als

maßgebende

zusammenfassende

Darstellung

nenne

ich

die

von

Sundermann;

für die

Sprach-

/eugnissc des Partherreiches vergleiche man auch Schmitt.

In säsänidischer Zeit ist den frühesten Königsinschriften von ArdasTr I., Säbuhr I. und Narseh I. neben der mittelpersischen (und teils einer griechischen) eine parthische Version beigegeben, insbesondere den umfangreichsten und historisch bedeutsamsten Texten, dem Tatenbericht Säbuhrs von der sog. Ka'ba-yi Zardust in Naqs-i Rustam und der Narseh-lnschrift von PäikülT. Aus dieser Epoche, nämlich aus der Zeit der persischen Besatzung der Stadt stammen auch verschiedene parthische Texte (Wand- inschriften und ein Brief auf Pergament) aus Dura-Europos am Euphrat. Dem Umfang nach an der Spitze stehen aber die Fragmente manichäischer Texte in parthischer Sprache, die in Turfan (Chinesisch-Turkestan) gefunden worden sind und aus säsänidi­ scher oder jüngerer, nach-säsänidischer Zeit stammen. In den Manichäer-Gemeinden Mittel- und Zentralasiens hat sich das Parthische als Kirchensprache, bevor es durch das alttürkische Uigurische und das Neupersische verdrängt wurde, nämlich noch sehr lange über die Blütezeit des parthischen Manichäismus hinaus, vermutlich bis ins 13. Jahrhundert gehalten, als dieser im Mutterland schon längst untergegangen war. Die Interpretation dieser manichäisch-parthischen Texte wird - und hieraus erklärt sich ihre Vorrangstellung - dadurch erleichtert, daß sie wie die manichäischen Texte der anderen iranischen Völker in der von Mani eigens für das Mittelpersische auf palmyrenisch- aramäischer Basis geschaffenen Schrift geschrieben sind, die von der heterographi­ schen Tradition frei ist und deshalb die tatsächliche Lautung der Wörter (im 3. Jahr­ hundert n. Chr.) genauer erkennen läßt. Von der in parthischer Sprache geschriebenen Literatur sind nur indirekte Spuren nachzuweisen, da zwei Werke des mittelpersischen Schrifttums der spät- oder nach- säsänidischen Zeit erwiesenermaßen auf parthische Vorbilder zurückgehen, die sich in der Bewahrung parthischer Wörter noch greifen lassen. Diese beiden Werke sind das Rangstreitgedicht Draxt l asürig „Der assyrische Baum" (d. h. die Palme, die sich mit der Ziege darüber streitet, wer denn das nützlichere und das „bessere" Geschöpf ist) und das „Gedenkwerk Zarérs" (Ayädgär i Zarerän), ein Buch epischen Charakters, das auch viele Kennzeichen mündlicher Epik wie feste Epitheta oder stereotype Wieder­ holungen aufweist.

3.3. Obwohl die (parthischen Versionen der) säsänidischen Königsinschriften zum Teil schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt und seit Silvestre de Sacy (1793) entziffert waren, ist das Parthische als Sprache erst durch die Publikation der ersten manichäi­ schen Textfunde aus Turfan im Jahre 1904 greifbar geworden. Darin wurde neben dem Mittelpersischen sofort ein nahe verwandter Dialekt festgestellt, den zuerst Friedrich Carl Andreas als „Parthisch" bezeichnet hat, obwohl die Heimat dieses Dialektes, der keinen modernen Fortsetzer hat und dessen altiranischer Vorstufe, dem „Altparthi- schen" wir höchstens ein paar Namen zuweisen können, nur ungefähr im Nordwesten Irans - „Iran" natürlich im historischen Sinne verstanden als das Verbreitungsgebiet iranischer Sprachen und Völker - lokalisiert werden konnte. Heute steht fest, daß in den beiden Textgruppen mit dieser besonderen „nordwestlichen" Sprachform, den manichäischen Turfantexten und den säsänidischen Inschriftenversionen, ein und

dieselbe Sprache vorliegt und daß diese das Parthische ist. Denn daß wir in den parthischen Turfantexten eben diese Sprache vor uns haben, ergibt sich daraus, daß Mam zur Missionierung Parthiens seinen Schüler Mär Animo gerade wegen seiner Kenntnis der „parthischen Sprache" (pahlawänfg izwän) ausgewählt hat. Die Unterschiede des Parthischen vom Mittelpersischen sind immer klarer zutage getreten und betreffen nicht nur lautgeschichtliche und morphologische Divergenzen, sondern auch deutliche lexikalische und phraseologische Verschiedenheiten. Auch das heterographische Schriftsystem der parthischen Inschriftenversionen stellt eine vom Mittelpersischen unabhängige Entwicklung dar; überhaupt geht das parthische System (auch der arsakidenzeitlichen Texte) bei der Wahl der Heterogramme, insbesondere für die Verba und die verschiedenen Verbalstämme, durchaus seine eigenen Wege.

Diese älteren Dokumente arsakidischer Zeit (z. B. die aus Nisä und Awrömän) waren in der Forschung lange hinsichtlich ihres Sprachcharakters umstritten, da sie ja oberflächlich überwiegend aramäische Formen aufweisen: Die einen sahen darin Zeugnisse eines späten und stark mit iranischen Elementen versetzten Aramäisch (das seinerseits im Arsakidenreich Amtssprache geblieben sei), die anderen dagegen Zeug­ nisse eines frühen Parthischen und noch sehr weitgehend heterographischer Schreib­ weise. Als entscheidend für diese zweite Auffassung fallen ins Gewicht die eigentlich falsch verwendeten aramäischen Formen (wie BRY „mein Sohn" statt BR „Sohn" für parth. puhr) und die den iranischen Normen entsprechenden Wortstellungen (wie MLKYN MLKA „König der Könige" statt aram. mäläkmalke). Die dominierende Position des Parthischen in Iran und seinen Nachbargebieten während der Arsakidenherrschaft, das hier als Träger iranischer Kultur im gesamten Vorderen und Mittleren Orient eine bedeutsame Rolle spielte, hat dazu geführt, daß parthische Wörter in großer Zahl in andere Sprachen eingedrungen sind: in das Mittel­ persische (von wo aus sie weiter ins Neupersische 4 gelangten) und das Sogdische, außerhalb des iranischen Bereiches in das Aramäische (einschließlich Syrisch und Mandäisch) und ganz besonders das Armenische. Dort machen diese infolge jahr­ hundertelanger unmittelbarer politischer Abhängigkeit ungemein zahlreich vorhan­ denen Fremdelemente einen wesentlichen Bestandteil der Sprache aus, der nicht nur den Wortschatz, sondern auch bestimmte Wortbildungselemente, die Phraseologie und Namen aller Art betrifft.

Diese reiche Nebenüberlieferung des Parthischen in vielen Sprachen (insbesondere aber im Armenischen mit seiner die Vokale eindeutig bezeichnenden Schrift) hat es ermöglicht, den Lautstand des älteren (Mittel-)Parthischen festzustellen, der durch das heterographische Schriftsystem und die in extremer Weise historisierende Graphie der in parthischer (PahlavTk-)Schrift geschriebenen Texte verborgen wird. Die parthischen Texte der Manichäer (in manichäischer Schrift) bieten dagegen ein recht genaues Bild über den Lautstand der späteren Sprache. Von den in mittelparthischer Zeit erfolgten Lautveränderungen ist das Schicksal des aus dem Altiranischen überkommenen d

4 Die grundlegende Untersuchung dieser Frage ist noch immer der Aufsatz von Lcntz.

bemerkenswert, das vornehmlich in Gruppen wie -r?r- auftrat. Aus der Neben­ überlieferung ergibt sich, daß es in früharsakidischer Zeit noch vorhanden war; aber spätestens im 1. Jahrhundert v. Chr. ist der Übergang zu h (und damit der von -ßr- > -hr-) vollzogen, wie etwa die Namenformen Mipa-ßavöctKTic, und Mipa-öä-rnc. der griechischen Awrömän-Dokumente belegen, die zweifelsohne den Gottesnamen Mihr (< altiran. *Mißra-) als erstes Element aufweisen.

3.4. Generell ist die Entwicklung vom Alt- zum Mitteliranischen und weiterhin

während der mitteliranischen Periode durch den Verfall des morphologischen Systems charakterisiert, genauer: durch weitestgehende Reduzierung der altiranischen „Endun­ gen", d. h. Stammbildungen und Einzelformen in der Nominaldeklination und Ver­ balkonjugation. Die Ursache für diese Entwicklung, die denn auch für das Parthische gilt, liegt letztlich in einem auf der vorletzten (bzw. drittletzten) Silbe fixierten Druckakzent, der zum Schwund der Auslautsilben geführt hat. Der Verlust des ererbten Formenreichtums, der das syntaktische System der Sprachen, hier des Parthischen, unmittelbar berühren mußte, hat seinerseits zur Herausbildung neuer, meist analytisch- periphrastischer Formationen geführt. Beim Nomen ist auf diese Weise der Verlust des Duals und sämtlicher Genus-Unterscheidungen zu erklären.

Die verschiedenen syntaktischen Funktionen der Nomina (und Pronomina) werden nur durch zwei unterschiedliche Formen ausgedrückt, die gewöhnlich „Rectus" (v. a. zur Bezeichnung von Subjekt und Prädikatsnomen, aber auch des direkten Objekts) und „Obliquus" (v. a. zum Ausdruck des Agens und des indirekten Objekts sowie der von Präpositionen regierten Wortformen) genannt werden. Deutlich erkennbar ist diese Unterscheidung aber nur beim Plural der Nomina (Obliquus -an < altiran. Gen. Plur. *-änäm) und beim Personalpronomen „ich" mit den Formen az „ich" (< altiran. *azam, vgl. avest. azdm) und Obliquus man (< altiran. Gen. *mana, vgl. avest. manaf. Die spätere Entwicklung geht aber dahin, daß der Plural-Obliquus die Funktion des endungslosen Rectus übernimmt und dadurch die Numerusunterscheidung über die Kasusunterscheidung dominiert. Zum Ausdruck der syntaktischen Funktionen (ein­ schließlich der des Agens und der Objekte) spielen deshalb Präpositionalphrasen (mit päd „in, bei, an, mit, für", 5 „zu, bis, für", az „von, seit, wegen, aus") eine bedeutende Rolle; ein wichtiges Mittel zur Vermeidung von Unklarheiten ist auch eine (syntaktische Funktionen mit übernehmende) ziemlich feste Wortfolge mit voran­ stehendem Subjekt oder Agens und dem Verbum in Endstellung.

Auch für das Verbum ist der Verlust zahlreicher Formen und Kategorien kennzeichnend: Betroffen sind von den Tempora Aorist, Perfekt und Futur, von den Diathesen das Medium und Passiv, von den ursprünglich drei Numeri der Dual. Alle

5 Wahrscheinlich verbirgt sich hinter den unterschiedlichen

der Nisä-Dokumente (LK) eine parallele Unterscheidung von Rectus „du" (< altiran. *luvam, vgl. altpers. tuvam) und Obliquus (< altiran. Gen. *tava, vgl. avest. tauua).

Heterogrammen der Inschriften (ANT) bzw.

parthischen Verbalformen 6 sind abgeleitet von einem Präsens- oder Präteritalstamm der Art, wie sie im Altiranischen vorkamen; dabei sind in den Präsensklassen aber zwei Bildungen verallgemeinert worden, eine mit an die Wurzel tretendem -e- (< altiran. *-aya-) für Indikativ und Imperativ, eine mit angefügtem -ä- (< altiran. *-ä-, eigentlich Stammbildungssuffix *-a- + Konjunktivzeichen *-a-) für den Konjunktiv. Die Perso­ nalendungen, die am deutlichsten in den manichäischen Texten, also in späterer Zeit nachweisbar sind, setzen mit wenigen Ausnahmen die alten sog. Primärendungen des Ind. Präs. fort (z. B. 3. P. Sing. Ind. -ed < altiran. *-aya-ti, 3. P. Plur. Konj. -änd < altiran. *-ä-nti). Unter den infiniten Bildungen sind die wichtigsten die Partizipien (Präs. Akt. auf -end oder -ag, Prät. Akt. bzw. Pass. auf -t bzw. [nach stimmhaften Lauten] -d < altiran. *-ta-). Der oben angedeutete Verlust zahlreicher im Altiranischen eigenständiger Formen wurde kompensiert durch die Entwicklung von Ersatzformen oder von analytischen Bildungen mittels eines Hilfsverbs. Unter den Neubildungen beanspruchen die sog. Inchoativa (auf -s-) einen wichtigen Platz, die teilweise auch die Funktionen des verlorengegangenen alten Passivs (auf altiran. *-ya-) übernommen haben. Kausativa werden teilweise dadurch gebildet, daß -en- oder -än- an den Präsensstamm des Grund­ verbs antritt, Denominativa gewöhnlich einfach durch die Verwendung des Nomens selbst als Präsensstamm. Unter den analytischen bzw. periphrastischen Bildungen ist am wichtigsten die Entwicklung von Ausdrücken mit dem (bei transitiven Verben passivischen, bei intransitiven Verben aktivischen) Präteritalpartizip plus finiten Formen der Hilfsverben h-lah- „sein", baw- „werden" und ist- „stehen": z. B. ägad kern „ich bin gekommen", aber grift hem „ich wurde ergriffen" und sogar grift büd hem „ich war ergriffen worden" (Plusquamperfekt). Die finite Verbalform wird in der 3. P. Sing, gewöhnlich weggelassen und fehlt auch in der 3. P. Plur. sehr häufig (z. B. grift „er wurde ergriffen"). Zur Bezeichnung des Aktivs des Präteritums transitiver Verben dienen Passivkonstruktionen, die zusätzlich den Agens ausdrücken: z. B. man dist apaöan „ich habe einen Palast gebaut", eigentlich „von mir (man) wurde (0) gebaut (dist) ein Palast (apaöan)". Auf diese Konstruktion ist unten (Kapitel 3.7) bei der Besprechung des mittelpersischen Gegenstückes genauer einzugehen, für das sich die sprachgeschichtliche Vorstufe im Altpersischen noch ermitteln läßt.

3.5. Das Mittelpersische , ursprünglich in der südwestiranischen Provinz Pars

(heute Färs) beheimatet, ist nach dem Untergang des Achaimenidenreiches aus dem Altpersischen 7 hervorgegangen und bis zum 8./9. Jahrhundert n. Chr. als lebende Sprache erhalten geblieben. Im Reich der Säsäniden (224-651 n. Chr.) diente es als Amts- und Verkehrssprache. Aber auch als diese Sprache nach der Islamisierung ins Neupersische übergegangen war, ist das Mittelpersische als „tote" Kirchensprache von den Zoroastriern Irans bis ins 10., von den Manichäern in Zentralasien (in der Turfan-

Die vollständigste Darstellung des parthischen Verbums und seiner Konjugation findet sich noch immer bei Ghilain. Zu diesem vgl. Kapitel 2.8-2.14.

oase in Chinesisch-Turkestan) bis ins 13. Jahrhundert n. Chr. verwendet worden. Die überwiegende Zahl der Zeugnisse des Mittelpersischen 8 - das man früher allgemein und auch heute noch hie und da unpräzise als „PahlavI" bezeichnet (hat) - stammt aus der Säsänidenzeit oder aus einer Epoche, als diese Sprache im 9. (und 10.) Jahrhundert eine gewisse Renaissance erlebte.

Die mehr als tausendjährige Verwendung und Bezeugung dieser Sprache und ihre Verbreitung weit über ihre südwestiranische Heimat hinaus sind der Grund dafür, daß diese Zeugnisse zum Teil unterschiedliche Dialektausprägungen und sprachgeschicht­ liche Entwicklungen bezeugen. So zeichnet sich etwa die Sprache der im 9. und 10. Jahrhundert n. Chr. entstandenen zoroastrischen Bücher, das sog. „Buch-PahlavI", durch eine größere Zahl von parthischen Lehnwörtern aus als die manichäischen Texte, deren Sprache das Mittelpersische - wie Werner Sundermann es formulierte 9 - „sozusagen in seiner ursprünglichen, provinziellen Reinheit" verkörpert. Die zoroastri­ schen Texte reflektieren dagegen die spätsäsänidische Sprachform, die jahrhunderte­ lang, insbesondere unter den Arsakiden, parthischen Einflüssen in den Bereichen der administrativen, militärischen und teilweise auch religiösen Terminologie ausgesetzt war, hatte das Parthische sich doch unter den Arsakiden über ganz Iran als allgemeine Verkehrs- und Kultursprache verbreitet, zu einer Zeit, als das Mittelpersische noch auf Pars beschränkt war. Schon im vorsäsänidischen Mittelpersischen sind parthische Beeinflussungen anzunehmen; auch dies ist einer der Gründe dafür, daß das Alt­ persische der Achaimenideninschriften und das Mittelpersische sprachliche Unter­ schiede aufweisen, daß dieses also jenes nicht unmittelbar fortsetzt.

Außer kurzen Münzlegenden gibt es praktisch keine Sprachzeugnisse aus der Zeit vor dem 3. Jahrhundert n. Chr., in dem dann die säsänidischen Fels- und Stein­ inschriften gleich einen besonderen Akzent setzen. Ihrem Umfang und ihrer Bedeutung nach ragen unter diesen in Lapidarschrift geschriebenen Texten die Inschriften der Könige Säbuhr I. an der Ka'ba-yi Zardust (dreisprachig) und Narseh I. von PäikülT (zweisprachig) sowie die des Oberpriesters KerdTr hervor. Den übrigen Königs- oder Privatinschriften - dies sind meist Grabinschriften in kursivem Duktus - kommt ebenso wie den Münzlegenden (bis ins 10. Jahrhundert), den Inschriften auf Siegeln, Gemmen und Bullen sowie den Gefäßinschriften aus sprachlicher Sicht geringere Bedeutung zu. Juristische und administrative Urkunden sind nur in beschränkter Zahl erhalten: einige Pergamenturkunden aus Dura-Europos (aus der Besatzungszeit im 3. Jahrhundert), etliche Papyri aus Ägypten (aus der Besatzungszeit zu Beginn des 7. Jahrhunderts) sowie nachsäsänidische Ostraka aus Iran.

Von den Buchtexten in mittelpersischer Sprache ist der älteste das in Bulayi'q (Turfanoase) gefundene Fragment einer Übersetzung der Psalmen des Alten Testa­ ments. Die Entstehungszeit muß nach Schrift und Sprache jünger sein als die großen Felsinschriften des 3. Jahrhunderts, läßt sich aber innerhalb der Säsänidenzeit nicht mit

8

Ich

verweise

generei!

auf

die

weiterführende

zusammenfassende

Mittelpersisch. Vgl. Sundermann, Mitlelpersisch, 139.

Darstellung

von

Sundermann,

Sicherheit weiter eingrenzen. Sehr viel umfangreicher sind die Texte der Zoroastrier , die von spätsäsänidischer Zeit an aufgezeichnet wurden, aber nur in jüngeren Handschriften (seit dem 14. Jahrhundert) erhalten geblieben sind. Sie umfassen eine Übersetzung großer Teile des Avesta-Corpus 11 , weitere religiöse und didaktische Literatur, aber auch profanes Schrifttum. Die dogmatischen und juristischen Traktate, die die Hauptmasse dieser Bücher ausmachen, sind aber erst während der schon kurz angesprochenen „Pahlavf'-Renaissance in nachsäsänidischer Zeit entstanden. Ebenfalls bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. zurück reicht die auf Mittelpersisch geschriebene manichäische Literatur, die der Religionsstifter Mani (216-277) selbst begründet hat, von dessen dem König Säbuhr I. gewidmeter Schrift Säbuhragän längere Bruchstücke erhalten sind. Zahlreiche weitere Werke dogmatischen und homiletischen Inhalts sowie Hymnen von Mani, seinen Schülern und viel späteren Anhängern sind aus Turfan fragmentarisch bekanntgeworden.

3.6. Abgesehen von den manichäischen Texten, für deren Aufzeichnung die sehr

lautgetreue manichäische Schrift Verwendung fand, sind alle mittelpersischen Textzeugnisse bis zum Untergang des Säsänidenreiches in dem auf das Aramäische zurückgehenden heterographischen Schriftsystem geschrieben, dessen spezifisch per­ sische Variante (der Inschriften, Münzen, Papyri, Bücher usw.) traditionellerweise PahlavTschrift genannt wird. Wenn diese Schrift auch immer weiter vereinfacht wurde und ihre Zeichenformen sich in der kursiven Buchschrift einander stark annäherten - die Komplexität des Systems wird aber durch die Zahl von fast 1000 Heterogrammen verdeutlicht - , so ist doch ihr Hauptcharakteristikum der Konservativismus bzw. Historizismus: Die bis zu den jüngsten Texten praktisch unveränderten Schreib­ konventionen spiegeln nämlich den Sprachzustand der Arsakidenzeit wider und ent­ sprechen nicht den aktuellen Verhältnissen. Auf den Lautstand der so geschriebenen Texte ist nur durch den Vergleich mit den anderen Quellen zu schließen. Weil in nach­ säsänidischer Zeit die Kenntnis dieser Schrift aber nach und nach verlorenging, wurden zoroastrische Texte dann teilweise auch in Avestaschrift 12 oder in arabisch-persischer Schrift aufgezeichnet. Man nennt diese mechanischen Umsetzungen Päzand- bzw. PärsT-Texte und kann ihnen mitunter aufschlußreiche Hinweise auf den tatsächlichen Lautstand dieser späten Zeit entnehmen.

Die großen Probleme der Umschreibung (sei es einer ein-eindeutigen Transliteration oder einer interpretierenden Transkription) dieser Schrift, für die ein einheitliches Verfahren bis heute nicht erreicht wurde, können hier nicht umfassend aufgerollt werden 1 3 .

'" Einen informativen Überblick, wenn auch nicht mehr auf dem heutigen Forschungsstand, vermittelt Tavadia.

1 !

Für die wichtigsten Texte vgl. Kapitel 2.4.

'" Hierzu vgl. Kapitel 2.2.

Emen

knappen Überblick über die bisherigen Gepflogenheiten und eine Abwägung des Pro und

Contra findet man bei Sundermann, Mittelpersisch, 145-147.

3.7.

Nach der sprachgeschichtlichen Entwicklung steht das Mittelpersische weitgehend

auf derselben Stufe wie das Parthische, so daß im folgenden nur auf die hiervon abweichenden Eigenheiten eingegangen werden soll. Beim Nomen zeigt das Mittel­ persische im Gegensatz zum Parthischen eine vollständige Unterscheidung von Rectus und Obliquus im Singular und Plural bei den alten Verwandtschaftsbezeichnungen auf -tar, jedenfalls für das 3. Jahrhundert n. Chr.: Etwa für „Bruder" sind im Singular Rectus bräd (< altpers. brätä) und Obl. brädar, im Plural Rectus brädar und Obl. brädarän (alle vom Stamm altpers. brätar-) bezeugt. Erst die weitere Entwicklung des Mittelpersischen, v. a. in nachsäsänidischer Zeit, führt zur Vereinfachung und zur Bewahrung von nur zwei Formen, die ohne Funktionsunterschied verwendet werden. Auf diesem Weg geht dann das Neupersische noch einen Schritt weiter, indem es die Obliquusformen wie brädar verallgemeinert (neupers. berädar). Die ererbten suffi­ gierten Personalpronomina treten im Mittelpersischen häufiger auf als im Parthischen; sie stehen immer in der Funktion des Obliquus und werden, unabhängig von dessen Wortart, an das erste Wort eines (Teil-)Satzes angehängt: z. B. ku-s pesi nambar-äm „daß (kü) wir uns verneigen (1. P. Plur. Konj.) vor (pesT) ihr (-i) [nämlich der Sonne]".

Bereits für die altiranischen Sprachen wurde in Kapitel 2.13 hingewiesen auf die Relativkonstruktionen des Typs altpers. Gaumäta haya magus „Gaumäta der Mager" und auf deren Fortleben im Mittel- und Neupersischen. Die Gebrauchsweise dieser Konstruktion mit der Relativpartikel i - und damit ihre Häufigkeit - hat im Mittel­ persischen stark zugenommen, da sie in Konstruktionen verschiedenster Art Substan­ tive mit anderen Nomina oder Pronomina, teils auch mit ganzen Nebensätzen verbinden kann. Mit der neupersischen Izäfat-Konstruktion ist die mittelpersische Relativkonstruktion durchaus vergleichbar, obwohl ihre Verwendung noch etwas seltener ist als später und sich die Funktionen der beiden Ausdrucksweisen nicht völlig decken. Beim Verbum entspricht der Formenverlust des Mittelpersischen etwa dem des Parthischen; umgekehrt finden auch die Bewahrung zahlreicher altiranischer Präsens­ stammbildungen und die Verallgemeinerung bestimmter Stämme für die eigentliche Formenbildung dort ihre Entsprechung. Die mittelpersischen Neubildungen zum Aus­ gleich der eingetretenen Verluste umfassen u. a. Passivstämme auf -ih- (wohl altiran. *-ya- fortsetzend), Inchoativa auf -5- (vom Präteritalstamm gebildet) und Kausativa auf -en- oder -än- (vom Präsensstamm gebildet). Wie beim Parthischen ist die Heraus­ bildung aktivischer und passivischer Präteritalformen auf der Grundlage des Verbal­ adjektivs auf altpers. -ta- die auffallendste Neuerung des Mittelpersischen. Dabei hat den Ausschlag gegeben, daß dieses Verbaladjektiv bei transitiven Verben passivisch, bei intransitiven aber aktivisch aufgefaßt werden konnte. Ähnlich den oben angeführten parthischen Beispielen heißt es im Mittelpersischen ämad hem „ich bin gekommen" (3. P. Sing, ämad ohne Hilfsverb), paymöxt hem „ich wurde bekleidet" und im Aktiv transitiver Verben etwa man paymöxt hend „ich bekleidete sie", eigentlich „von mir {man) wurden sie (hend) bekleidet". Diese analytische Präteritalbildung hat ihren Vorläufer im Altpersischen, wo derartige Periphrasen, von mir „Neoperfekt" genannt,

ganz geläufig sind (manä krtam „von mir [Gen.-Dat. manä] ist [0] getan [krtam] worden" > mittelpers. man kard „dass."), die als eindeutig passivisch zu verstehen sind und, eine ererbte Ausdrucksweise nur systematisierend, einen Genetiv der Zugehörig­ keit zur Agens-Bezeichnung verwenden 1 4 .

3.8. Einmal mehr ist hier zu erkennen, daß für das Persische die geschichtliche

Entwicklung über die Jahrtausende hin am besten nachzuzeichnen ist. Dabei zeigt sich erstaunlicherweise allerdings, daß zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Dialekt­ ausprägungen dominierten und den Rang von Literatursprachen erwarben, denn weder das Mittelpersische der Säsänideninschriften noch das der manichäischen Texte erweist sich als unmittelbarer Fortsetzer des Achaimenidisch-Altpersischen. In entsprechender Weise deuten morphologische Unterschiede zwischen Mittel- und Neupersisch - laut­ liche Veränderungen hat es kaum mehr gegeben - vor allem im Bereich des Verbal­ systems darauf, daß als Grundlage der nach der Islamisierung Irans zur „Hofsprache" (Dan) erhobenen Sprachform die damalige (mittelpersische) Umgangssprache diente und nicht die von den Zoroastriem gepflegte Literatursprache des sog. „Buch-PahlavT" mit seinen Besonderheiten.

Von der vorangehenden altiranischen Sprachperiode heben sich Parthisch und

schon aus jener Zeit Dialektunterschiede 1 5 ererbt haben

(etwa parth. puhr „Sohn" < altiran. *pußra-, aber mittelpers. pus < altpers. puqa-), durch eine Reihe charakteristischer Entwicklungen ab, insbesondere die Sonorisierung (Stimmhaftwerdung) stimmloser Verschlußlaute in der Stellung nach stimmhaften Lauten (parth., mittelpers. bräd „Bruder" < altpers. brätä) - während sie im Anlaut

unverändert blieben - , wobei die so entstandenen stimmhaften Verschlußlaute sich nach Vokalen weiter zu Spiranten wandelten (b, d,g> parth. ß, ö, y bzw. mittelpers. w, y, y). Wie auch in allen anderen mitteliranischen Sprachen sind die (alt)iranischen Diphthonge *ai und *au zu e bzw . ö monophthongiert worden (z. B. mittelpers., parth. gös „Ohr" < altpers. gausa-). Die Anfänge der vornehmlich im grammatischen System so tiefgreifenden Veränderungen liegen übrigens nach Ausweis der äußerst „fehler­

Mittelpersisch, die zum Teil

haften" spätachaimenidischen Inschriften

Insgesamt, so zeigt sich deutlich, gehören Parthisch und Mittelpersisch eng zusammen; und da sie den übrigen Sprachen derselben Periode fernerstehen, werden sie als westiranische Gruppe zusammengefaßt 1 7 . Über die Existenz weiterer west­ iranischer Sprachen und Dialekte, die es jedenfalls bis zur Ausbreitung der Arsakiden- herrschaft ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. und - in deren Gefolge - des Parthischen

bereits in dieser Zeit 1 6 .

1 4

Au s vergleichend-indogermanistischer 43-45 betrachtet.

L " Ich verweise auf Kapitel 1.9, wo diese dialektologischen Fragen bereits, wenn auch

Sicht hat diese vielbehandelte Konstruktion zuletzt Hettrich,

nicht primär mit

Blick auf den Unterschied zwischen Persisch und Parthisch, besprochen wurden. Im übrigen vgl. Schmitt, 98f.

1 6 Vgl. die in Kapitel 2.11 diskutierten Beispiele.

'' Zur Charakterisierung dieser Dialektgruppe sei verwiesen auf Sundcrmann, Weslmittcliranisch.

gegeben haben muß, sind nur Vermutungen möglich. Vor allem hat man ein „Mittel- medisch" aus Wörtern, v. a. aus in das Armenische übernommenen Lehnwörtern, zu erschließen versucht,