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RÜDIGER SCHMITT

DIE IRANISCHEN SPRACHEN


IN GESCHICHTE
U N D GEGENWART

R E I C H E R T V E R L A G • W I E S B A D E N 2000
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Schmitt, Rüdiger:
Die iranischenSprachen In Geschichte und Gegenwart / Rüdiger Schmitt.
Wiesbaden: Reichert, 2000
ISBN 3-89500-150-3

© 2000 Dr. Ludwig Reichert Verlag Wiesbaden


ISBN 3-89500-150-3
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
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Printed in Gcrmany
Vorwort

Da eine kurze, auf Deutsch geschriebene einführende Übersicht über die iranischen
Sprachen nicht zur Hand war, hat die Redaktion der von der Kulturabteilung der
Botschaft der Islamischen Republik Iran in Bonn veröffentlichten Zeitschrift
„Spektrum Iran" im Sommer 1994 den Herausgeber des 1989 erschienenen
„Compendium Linguarum Iranicarum" (CLI) zu einer Aufsatzreihe angeregt, die in
Anlehnung an dieses Sammelwerk eine breitere Öffentlichkeit weit über die Sprach­
wissenschaft hinaus in noch stärker komprimierter Form über diesen Forschungs­
gegenstand informieren sollte. Unter dem Titel „Die iranischen Sprachen. Eine
Einführung in 5 Teilen" ist diese Serie dann zwischen 1995 und 1998 erschienen
(Spektrum Iran 8, 4, 1995, 6-27; 9, 2, 1996, 6-32; 9, 3/4, 1996, 6-32; 10, 1, 1997,
10-38; 11, 1, 1998, 14-42).
Die Initiative zu einer zusammenfassenden Publikation der fünf Teile, die bezüglich
Form und Umfang gewisse Vorgaben einzuhalten hatten, in einem eigenen kleinen Ein-
führungsbändchen ging von dem gerade um die Iranistik in besonderem Maße
verdienten Verlag aus. Auch seitens der Zeitschrift „Spektrum Iran" fanden diese
Überlegungen wohlwollendes Entgegenkommen. Im Hinblick auf die Neuausgabe
wurde der ursprüngliche Text gründlich durchgesehen, redaktionell selbstverständlich
an die geänderte Publikationsweise angepaßt und an einzelnen Stellen durch Nachträge
sowie Hinweise auf neuere Literatur, die nicht schon in der Bibliographie des
entsprechenden CLI-Kapitels verzeichnet ist, aktualisiert. Der Grundcharakter dieses
Überblicks über „Die iranischen Sprachen in Geschichte und Gegenwart" als einer Art
Extrakt des viel reicheren Inhalts des seinerzeit in demselben Verlag erschienenen
„Compendium Linguarum Iranicarum" sollte aber unverändert erhalten bleiben.
Hinweise auf weiterführende Literatur werden deshalb auch hier nur spärlich geboten
und beschränken sich in der Hauptsache auf die entsprechenden CLI-Kapitel.
Allen an der Herstellung dieses Büchleins Beteiligten gilt mein herzlicher Dank.

Saarbrücken, Herbst 1999 Rüdiger Schmitt


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Ahbildungsvcr/cichnis

Abkürzungen

I). Name und Begriff ..iranische Sprachen"

1. Vorgeschichte

2. Die Sprachen der altir,mischen Periode

3. Die Sprachen der mittel iranischen Periode

4. Die westiranischen Sprachen der neuiranischen Periode

5. Die ostiranischen Sprachen der ncuiranischcn 1'crindc


Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Schrifttafel der Avestaschrift (aus Hoffmann-Forssman, 41) 23


Abb. 2: Schrifttafel der altpersischen Keilschrift (aus CLI 63) 35
Abb. 3: Karte: Die iranischen Sprachen in ihrer heutigen
Verbreitung (aus CLI) am Schluß des Bandes
Al)kür/.unj>cn

Acli -- Acta Iraniea. leiden usv. l|et/M IAH,HIN).

AcOr = Acta (Inentalia. I niac.


AlSt = Algliaii Studies. London.
AK = Act ;i Kurilica. Lhc Inter natu mal Journal of Kin dish and Iranian Studio. I, ,ndi m
BSI. = Bulletin du Iii Socicle de Linguistii|tic de I',iris, far is
BS()(A)S = Bulletin ot I he School <>l Or lentil I (anil Air lean) Studies. I • mdon
("llr = Corpus Inscriptionuni Iranicarurn. I ondon.
CT.I = ('onipeiKlium Linguarum Iranicarum Hisg. u>n Rüdiger Sehinili. Wicsludtn 1'»'>*'
( RAI = Comptcs reiulus de rAcadeime des Inscnplions et Belles 1 litres. Pans
Llr = Kncvclopicdia Iranica. l-.d b\ I hsan Yarshater. London us». liet/l Winona I.ike. Ind | l'/hS I!
JA = Journal Asiaiique. Pans.
JdS = Journal des Savants, Paris.
I .A I.HiS = I .AUKS. Actes des Sessions de l.incuistiquc el de I literature. Pans
SPAW = Sil/unesbcrtchtc der Preußischen Akademie der Wissense haften. Berlin
SR A A = Silk Ro,,d Art and Archac..|.»g\. Kamakura.
Stir = Studia Iranica. Paris
'I I'liS = Transactions of the Philological SoeieU. < )\ toi d.
/II = Zcitschntt lur Indologie und Iranistik. I eip/ig
0. N a m e u n d Begriff „ i r a n i s c h e S p r a c h e n "

0.1. Der Begriff „iranische Sprachen" bezeichnet nicht - dies muß gleich eingangs
klargestellt werden - die Sprachen Irans (also der heutigen Islamischen Republik Iran)
im Sinne dieser erst seit einigen Jahrzehnten geläufigen Benennung eines Staatswesens.
Er zielt vielmehr auf eine Gruppe genetisch verwandter Sprachen, die weit über die
Staatsgrenzen Irans hinaus verbreitet sind: Sie werden heute auch in Afghanistan,
Pakistan, den neuerdings unabhängig gewordenen transkaukasischen und mittelasiati­
schen Republiken der einstigen Sowjetunion und einigen anderen Ländern des Orients
gesprochen, genauer in einem Gebiet, das im Westen bis zum oberen Euphrat, ver­
einzelt aber noch tiefer in die Türkei, im Nordwesten über den Hauptkamm des
Kaukasus, im Norden bis an das Kaspische Meer, im Nordosten bis nach Usbekistan
und Tadschikistan, im Osten über den Pamir und Hindukusch, im Südosten bis an das
Arabische Meer und den unteren Indus, im Süden schließlich nicht nur bis an den
Persischen Golf reicht, sondern jenseits der Straße von Hurmuz auch einen Teil der
omanischen Halbinsel Masandam umfaßt.
In früheren Zeiten, insbesondere vor der großen Westausbreitung der Turkvölker,
waren Stämme iranischer Sprache aber in einem noch viel größeren Bereich zu finden,
denn im Altertum waren entlang der Nordküste und sogar an der Westküste des
Schwarzen Meeres die iranischen Skythen und Sarmaten ansässig, und bis um das Jahr
1000 n. Chr. sind die ebenfalls iranischen Saken und Sogder in Ostturkestan, bis in die
nördliche Mongolei und an die Grenzen des alten China nachgewiesen. Über die
genaue Ausdehnung iranischer Sprachen und Völker nach Norden hin läßt sich für die
Frühzeit, insbesondere vor der Herrschaft der Achaimeniden, mangels deutlicher Zeug­
nisse allerdings nicht sicher urteilen. Nach Aussage zahlreicher Lehnwörter, die aus alt-
und mitteliranischen Sprachen, aber auch schon aus dem „Uriranischen" und dessen
Vorläufern, in slavische und finno-ugrische Sprachen übernommen worden sind,
müssen die iranischen Völker in diesen zentralasiatischen Gebieten über einen längeren
Zeitraum in unmittelbarer Nachbarschaft mit den Slaven und mit finno-ugrischen
Völkern gesiedelt haben.
Der Name „iranische Sprachen" ist also ein Begriff der (historischen) Sprachwissen­
schaft - in diesem Sinne verwenden ihn ab 1840 zuerst offenbar August Friedrich Pott
und Christian Lassen - und bezeichnet eine Sprachgruppe, die mit den indoarischen
Sprachen des Indischen Subkontinents näher verwandt ist und zusammen mit diesen
den „indoiranischen" oder „arischen" Zweig der indogermanischen Sprachfamilie
bildet. Er ist in säsänidischer Zeit geschaffen worden und hergeleitet von dem seit
1
alters überkommenen Begriff neupers. Iran < mittelpers. Erän , der nicht einen primär
politischen, sondern einen ethnischen Inhalt hat und die Gesamtheit iranischer
(Sprachen und) Völker und deren nicht durch exakte Grenzlinien zu markierendes
Verbreitungsgebiet bezeichnet. Dieser Name geht zurück auf altpers. ariya- (= avest.
airiia-) < iran. *arya- „arisch, Arier", das Gegenstück von altindoar. ärya- „arisch,
Arier", die jeweils - im Alten Indien wie in Iran - als die alte Selbstbenennung dieser
2
„arischen" , d. h. indoiranischen Stämme dienen. Zu diesem arischen Sprachzweig
gehören unverkennbar auch die erst in moderner Zeit belegten sog. Nüristän-Sprachen,
deren genaue Stellung innerhalb der Gruppe allerdings noch nicht endgültig geklärt ist
und die hier nicht weiter berücksichtigt zu werden brauchen.
Ein solcher ethnischer Bedeutungsinhalt wird an einigen Belegstellen ganz deutlich
widergespiegelt: Auf ihren Inschriften bezeichnen sich die Achaimenidenkönige
Dareios I. (522^186 v. Chr.) und Xerxes I. (486-465 v. Chr.) nicht nur als „Perser" und
„Sohn eines Persers", sondern auch als (altpers.) Ariya „Arier" und Ariya ciga
„arischen Ursprungs"; und für die Säsänidenkönige vom 3. Jahrhundert n. Chr. an zeigt
der auf deren Inschriften bezeugte Titel (mittelpers. sähän sah Erän u Anerän „König
der Könige von Erän und Nicht-Erän") in gleicher Weise, daß Erän keine politisch fest
umrissene Größe meint. Die genaue Grundform, auf die Erän (> Iran) zurückgeht, läßt
sich zwar nicht mit letzter Sicherheit feststellen, aber sie läßt sich doch vermuten als
der Genetiv Plural iran. *Aryänäm, der in einem Ausdruck wie „Land der Arier",
„Reich der Arier" (mittelpers. Erän-sahr) o. dgl. als dessen nähere Bestimmung von
einem solchen Wort abhängig war.

0.2. Da also ein Mißverständnis des Namens „iranische Sprachen" jederzeit möglich
ist - die Verbreitung dieser Sprachen in Geschichte und Gegenwart macht eindeutig
klar, daß kein unmittelbarer Zusammenhang mit dem Staatsnamen Iran besteht, obwohl
er auf der Hand zu liegen scheint hat es in neuerer Zeit nicht an Ersatzvorschlägen
für eine eindeutigere Bezeichnung dieser Sprachgruppe gefehlt. Von all diesen Alter­
nativvorschlägen verdient aber weitere Beachtung allein der des französischen Iranisten
Gilbert Lazard, der in Entsprechung zu der Bezeichnung „indoarisch" (statt des gleich­
falls ungenauen „indisch") den durch die Doppelung allerdings redundanten Namen
„iranoarische Sprachen" empfiehlt („irano-aryen"). Diese beiden Parallelbildungen

Es werden hier folgende in sprachwissenschaftlicher Fachliteratur eingebürgerte Zeichen verwendet:


< = entstanden aus;
> = entwickelt zu;
* = nicht bezeugt, nur rekonstruiert;
Sprachbezeichnungen werden nicht abgekürzt, es sei denn um das Suffix -isch.
Der Begriff „arisch" wird hier nur in diesem sprachwissenschaftlich gerechtfertigten Sinne verwendet;
der Mißbrauch durch die Nationalsozialisten und Gleichgesinnte ist vor allem in den Rassenlehren des
Comte Joseph Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlains angelegt, die von der Gleich­
setzung von „arisch" mit „indogermanisch" ausgingen, die ihrerseits aber auf völlig verfehlten
etymologischen Verknüpfungen der indoiranischen Bezeichnung mit keltischen und germanischen
Wörtern und Namen beruhte. Vgl. zuletzt Wiesehöfcr.
„indoarisch" und „iranoarisch" lassen die historische Zusammengehörigkeit der beiden
Sprachgruppen deutlich hervortreten und bezeichnen sie als unterschiedliche Aus­
prägungen des Arischen. Im übrigen trage, so Lazard, der Name „iranoarisch" auch den
Empfindungen oder Empfindlichkeiten der Sprecher iranischer Sprachen von außerhalb
Irans Rechnung. Allerdings ist wie in vielen ähnlichen Fällen auch hier kaum zu
erwarten, daß das Streben nach größerer Genauigkeit und Eindeutigkeit in der Begriffs­
3
wahl zu einer Änderung der eingebürgerten Terminologie führen wird .

0.3. Aus den früheren Perioden der Sprachentwicklung sind eine Reihe dieser sog.
iranischen Sprachen in Schriftzeugnissen verschiedenster Art und unterschiedlichsten
Inhalts erhalten geblieben (bzw. wiederentdeckt worden), die sich zugleich mehreren
Entwicklungsstufen der Sprachgeschichte zuordnen lassen. Konventionell hält die
Forschung, analog zum Indoarischen und zu anderen Sprachen und Sprachgruppen und
primär aufgrund von außersprachlichen Kriterien, drei Perioden auseinander, die man
als die „altiranische" (vgl. Kapitel 2), „mitteliranische" (vgl. Kapitel 3) und „neu­
iranische" (vgl. Kapitel 4-5) bezeichnet. Die Epochengrenzen werden etwa ins 4./3.
Jahrhundert v. Chr. bzw. 8./9. Jahrhundert n. Chr. gelegt, d. h. in die politische
Umbruchszeit nach dem Untergang des Achaimenidenreiches — Dareios III. wurde 330
v. Chr. ermordet - bzw. des Säsänidenreiches, das mit der Ermordung Yazdegirds III.
im Jahr 651 n. Chr. endgültig zu bestehen aufhört.
Für die a l t i r a n i s c h e Periode, die mit dem Einsetzen schriftlicher Überliefe­
rung die vorhistorische Zeit des „Uriranischen", des „Gemeiniranischen" und der
Herausbildung der einzelnen iranischen Sprachen ablöst, sind durch Texte direkt und
authentisch nur zwei Sprachen bezeugt: das sog. Avestische, die Sprache der zoro-
astrischen religiösen Texte des „Avesta", und das Altpersische der achaimenidischen
Königsinschriften, deren älteste, die Trilingue Dareios' I. vom BIsutün-Felsen von
521/520 v. Chr. (für die die altpersische Keilschrift erstmals verwendet worden ist), das
älteste genau datierbare Textzeugnis in einer iranischen Sprache überhaupt darstellt.
Für andere Sprachen, die nicht durch Texte bekannt sind, lassen sich nur einzelne
Wörter und Namen erschließen, etwa für die Sprache der Meder oder das Skythische
der Skythen. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Formen, die in anderssprachiger
Überlieferung - man spricht genauer von „Nebenüberlieferung" - ausdrücklich als
einer solchen Sprache zugehörig bezeichnet werden (etwa „medisch" cntäica „Hund"
bei Herodot 1, 110, 1), oder um Wörter bzw. Namen, die in eine andere Sprache ent­
lehnt worden sind, in der sie sich durch ihre auffällige, lauthistorisch anomale Gestalt
als Fremdelemente zu erkennen geben (beispielsweise altpers. vispa- „all, ganz" als
Lehnwort aus dem Medischen gegenüber echt-altpers. visa- „dass."). In Kapitel 2.14
soll darauf noch genauer eingegangen werden.
Für die m i t t e l i r a n i s c h e Periode haben die verfügbaren Textzeugnisse im
Laufe des zu Ende gehenden Jahrhunderts so stark zugenommen, daß heute sechs

3
Für genauere Angaben sei verwiesen auf Schmitt; scharfe Kritik an dem Vorschlag „iranoarisch" übte
Moinfar.
solcher Sprachen durch zusammenhängende Texte bekannt sind - noch 1900 war es
nur eine einzige - und zugleich die obwaltenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede
deutlich erkennen lassen: Das primär inschriftlich sowie durch manichäische Texte
überlieferte Parthische und das auf säsänidenzeitlichen Inschriften, in den zoroastri-
schen (sog. „PahlavT-")Büchern und in manichäischen Texten bezeugte Mittelpersische
sind westiranische Sprachen. Das in Inschriften (v. a. aus dem Mutterland) und auf­
grund der Turfanfunde in Texten dreier Religionsgemeinschaften (von Buddhisten,
Manichäern und nestorianischen Christen) vorliegende Sogdische, das ebenfalls epi­
graphisch und in frühislamischer Zeit durch Glossen und Glossare überlieferte
Chwaresmische, das vornehmlich durch buddhistische Schriften aus dem Königreich
von Khotan bekannte Sakische sowie, mit einem schmaleren Textcorpus, das (bis auf
eine Ausnahme) in einer Variante der griechischen Schrift geschriebene Baktrische
gehören zur ostiranischen Dialektgruppe, die sich von der westiranischen deutlich ab­
hebt. Beide Gruppen zeigen im übrigen eine starke Binnengliederung und stellen, wie
in Kapitel 3.17 noch dargelegt werden soll, keineswegs eine Einheit dar. Darüber
hinaus lassen sich auch hier einzelne Sprachen oder Dialekte bloß indirekt in
Zeugnissen der sog. „Nebenüberlieferung" erkennen (etwa das Sarmatische) und sind
andere gar nur aufgrund von auffälligen Formen oder wegen von der Norm ab­
weichenden Entwicklungen erschlossen worden.
In der n e u i r a n i s c h e n Periode wird diese zuerst für das Mitteliranische
deutlicher erkennbare Dialektunterteilung durch die große Zahl der heute in Iran und
darüber hinaus gesprochenen Idiome bzw. der durch Textüberlieferung aus der Zeit
nach der Eroberung Irans durch die Araber bezeugten Sprachen relativ getreu
fortgesetzt. Zu der westiranischen Gruppe, die in Kapitel 4 vorgestellt werden soll,
gehören neben der heutigen Staatssprache Irans FärsT oder Neupersisch (mit ihren
Spielformen Dan in Afghanistan und Tadschikisch in den postsowjetischen Staaten
Mittelasiens) vor allem die Lur- und Färsdialekte, das Kurdische, das Belutschische
oder BalöcT und die kaspischen Dialekte. In der ostiranischen Gruppe, der schließlich
Kapitel 5 gewidmet sein wird, nimmt das Ossetische als die am weitesten nördlich
gesprochene und als die einzige von Einflüssen des Neupersischen weitgehend frei
gebliebene neuiranische Sprache eine gewisse Sonderstellung ein gegenüber dem
Paschtu (Pastö) oder Afghanischen, dem das Sogdische fortsetzenden Jagnobischen
oder YagnöbT im nordtadschikischen Jagnob-Tal, den zahlreichen sehr archaischen
Pamirsprachen beiderseits der afghanisch-tadschikischen Grenze und im chinesischen
Xin-jiang (Sinkiang) sowie einigen anderen im Pamir- und Hindukuschgebiet gespro­
chenen Idiomen, - soweit sich in Afghanistan die Verhältnisse nicht infolge der sowje­
tischen Okkupation von 1979 bis 1989, des seitdem andauernden Bürgerkrieges und
der dadurch ausgelösten gewaltigen Bevölkerungsverschiebungen völlig verändert
haben.

0.4. Die iranischen Sprachen sind oben als zu der indogermanischen Sprachfamilie
gehörig und als mit dem Indoarischen näher verwandt bezeichnet worden. Die Ein-
beziehung des Iranischen in Gestalt des Neupersischen, wenn auch noch nicht des
Altpersischen und des Avestischen, bereits seit den ersten Anfängen einer ernsthaften
Sprachvergleichung auf dem Gebiet der indogermanischen Sprachen zu Beginn des 19.
Jahrhunderts erklärt sich vor allem daraus, daß man aufgrund etlicher persisch­
deutscher Wortgleichungen schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts immer wieder
4
die Hypothese einer engeren Verwandtschaft dieser beiden Sprachen vertreten hat .
Sprachliche Verwandtschaft wie in jener großen indogermanischen Sprachfamilie
beruht auf gemeinsamem Ursprung. Die verwandtschaftlichen Beziehungen können
sich im Laufe der Zeit aber lockern, wenn die Träger der verwandten Sprachen sich
auseinanderentwickeln, nicht mehr in engem räumlichem Kontakt miteinander leben
usw., kurz: wenn die ursprüngliche Einheit zerfällt. Es liegt daher auf der Hand, daß die
miteinander verglichenen verwandten Sprachen desto mehr Ähnlichkeiten aufweisen, je
älter die verglichenen sprachlichen Erscheinungen bezeugt sind. So lassen etwa klas­
sisches Griechisch und klassisches Latein ihre Verwandtschaft deutlicher erkennen als
Neugriechisch und Französisch.
Dieser Sachverhalt der größeren Ähnlichkeit zwischen verwandten Sprachen in
älteren Sprachstadien soll für den iranischen Bereich an einem einfachen Beispiel
illustriert werden, dem ererbten indogermanischen Wort für „Bruder", auf das auch
diese deutsche Bezeichnung zurückgeht. In den (heute gesprochenen) neuiranischen
Sprachen und Dialekten findet man, in Auswahl, etwa folgende Formen: neupers.
berädar, tadschik. barodar, nord-täti birar, tälesi bdro-ar, gilaki bzrar, semnäni bäre,
kurd. bra, bira, belutsch, brät, paschtu wror (Plural wruna), munjT vroy, sugnl virö(d),
sariqölT v(i)rud, yazguläml v(d)red, wakfil vr'it, paräc! byä, osset. cervad (digor.
cervadce), jagnob. viröt.
Für das Mitteliranische seien zitiert parth. bräd, mittelpers. bräd (Obliquus Singular
brädar), sogd. ßrät (Plural ßrätart), chwaresm. ßräd, khotansak. brate = tumsuqsak.
bräde (d. i. /ßräde/). Diese Formen lassen bereits eine viel größere Ähnlichkeit
erkennen, und dieser Umstand beweist für viele weiterreichende Veränderungen der
modernen Formen wie etwa die Sproßvokale zur Auflösung der anlautenden Konso­
nantengruppe westiran. br-, ostiran. ßr-lvr- oder die Metathese und den Vorschlags­
vokal im Ossetischen (yr- > rv- > cerv-) deren jüngeres Alter. In den beiden
altiranischen Sprachen Avestisch und Altpersisch schließlich sind in voller Überein­
stimmung der Stamm brätar- und dazu der Nominativ Singular (altavest., altpers.)
brätä bezeugt. Aber weder die hier gegebene Formengleichheit noch eine Angabe wie
die des griechischen Geographen Strabon (15, 2, 8), daß Perser und Meder, Baktrier
und Sogder „nahezu dieselbe Sprache sprechen" (öuöytaoTTOi 7iapa u u c p ö v ) , darf über
große Dialektunterschiede auch schon in altiranischer Zeit hinwegtäuschen.
Daß die zitierten identischen Formen des Avestischen und Altpersischen für das
Iranische überhaupt als ursprünglich anzusehen sind, also als „uriranisch", - was zu
dem Ansatz iran. * brätar- berechtigt - wird dadurch erhärtet, daß diese Rekonstruk-

4
Zuletzt hat über diese Fragen Hiersche gehandelt.
tionsform bis auf eine kleine Verschiedenheit im Anlaut dem altindoarischen
Gegenstück ved. bhratar-, Nominativ bhratä entspricht. Und dieser Unterschied von
aspiriertem bh- statt iran. *b- findet sich in vielen weiteren Fällen gleichermaßen und
ausnahmslos, ist also eine ganz regelmäßige, „lautgesetzliche" Veränderung. Durch die
weitere Vergleichung - die hier natürlich nicht im einzelnen begründet werden kann -
mit griech. ( p p ä i n p (ö), latein. fräter, got. bröpar, deutsch Bruder und anderen Formen,
die alle aus derselben Grundform herzuleiten sind, erweist sich der Anlaut indoar. bh-
als gegenüber iran. *b- primär und ergeben sich schließlich als Ausgangsformen ar.
h h
(d. i. indoiran.) *b rätar- und, noch eine Stufe weiter zurück, indogerman. *b rater-
h 5
alias *b reh ter- .
2

0.5. Die besondere Schwierigkeit, der sich die sprachhistorisch-vergleichende Erfor­


schung der iranischen Sprachen gegenübersieht, ist nun die, daß die Überlieferung auf
der altiranischen Entwicklungsstufe insgesamt sehr fragmentarisch und lückenhaft ist,
insbesondere im Vergleich zu der ältesten indoarischen Sprachstufe, dem Vedischen,
dessen Sprachsystem und Wortschatz praktisch vollständig bekannt sind. Jene Lücken
der altiranischen, in geringerem Maße auch der mitteliranischen Überlieferung lassen
sich aber durch möglichst umfassendes Ausschöpfen der anderen verfügbaren Quellen
jedenfalls für den Wortschatz in einem gewissen Grad schließen. Diese Quellen sind
zum einen solche der „Nebenüberlieferung" in anderen Sprachen (die in Kapitel 2.9-10
noch näher charakterisiert werden sollen) und zum anderen die erst im Mittel- und
Neuiranischen bezeugten Fortsetzer. Doch hier kommt eine zweite Schwierigkeit hinzu,
nämlich die, daß die auf den verschiedenen Entwicklungsstufen bezeugten iranischen
Sprachen im historischen Längsschnitt nur selten direkte und enge Beziehungen zu­
einander erkennen lassen.
Die einzige iranische Sprache, deren Entwicklung, wenn auch nicht ohne Unter­
brechung, über etwa 2500 Jahre nachgezeichnet werden kann, ist das Persische mit der
Reihe Altpersisch-Mittelpersisch-Neupersisch: Kontinuität und Veränderung lassen
sich hier schön an einem Beispiel wie dem uralten Königstitel altpers. xsäyaMya
xsäyaßiyänäm „König der Könige", mittelpers. sähän sah, neupers. sähan-säh demon­
strieren. Ansonsten setzt das Jagnobische, wie bereits angedeutet, einen sogdischen
Dialekt fort - am klarsten ist dies zu sehen bei der Bildung des nominalen Plurals
(auf -t) und bei der Kennzeichnung des Präteritums durch das sonst im Mittel- und
Neuiranischen nicht mehr bewahrte sog. Augment (zu jagnob. kun- „machen" etwa
a-kün „er machte") - , das Ossetische ein Idiom jener Dialektgruppe, die in den
skythischen, sarmatischen, alanischen usw. Sprachdenkmälern nur ganz schattenhaft
erkennbar ist und deshalb eher umgekehrt der Beleuchtung durch das Ossetische
bedarf. Aber keine der späterhin bezeugten Sprachen setzt etwa das Avestische fort,
und weder in altiranischer noch in neuiranischer Zeit ist eine mehr oder weniger genaue

•'' Daß indogerman. *ä zumindest in früheren Phasen der indogermanischen Grundsprache nach heute
geläufiger Anschauung teilweise auf eine Lautfolge *e + sog. „Laryngal" *h (mit Umfärbung des *e in
2

*a, also *eh > *ah > *ä) zurückgeht, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden.
2 2
Vorstufe bzw. Fortsetzung des Sakischen oder Baktrischen auszumachen. Wenn
schließlich frühere Ausprägungen des Paschtu oder der Pamirsprachen überliefert
wären, so verhießen diese für die sprachgeschichtliche Erforschung der genannten
Sprachen wohl höchstinteressante Aufschlüsse.

Literatur zu Kapitel 0.1-0.2:


MacKenzie, D. N.: F.rän, Eränäahr. in: EIr VIII. 1998. 534 535.
Moïnfar, Mohammad Djafar: Un néologisme non fonde: Trano-Aryen', Ix' Message de l'Islam 67, 1989.
24-27.
Schmitt, Rüdiger: Iranische Sprachen: Begriff und Name, in: CL1 1-3.
Wiesehöfer, Josef: Zur Geschichte der Begriffe 'Arier' und 'arisch' in der deutschen Sprachwissenschaft
und Althistorie des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Achacmenid History. V: The
Roots of the European Tradition. Ed. by H. Sancisi-Wcerdenburg and J. W. Drijvers, Leiden 1991),
149-165.

Literatur zu Kapitel 0.3:


Rossi, Adriano V.: La situazione linguistica irano-afghano-pakistana, in: Dialetti e lingue nazionali. Atti
del XXVII Congresso della Società di Linguistica Italiana, Roma 1995, 169-187.
Schmitt, Rüdiger (Hrsg.): CLI, passim.
Sims-Williams, Nicholas: The Iranian Languages, in: The Indo-European languages. Ed. by Anna
Giacalone Ramat and Paolo Ramat, London/New York 1998, 125-153.

Literatur zu Kapitel 0.4:


Hiersche. Rolf: Zu Etymologie und Sprachvergleichung vor Bopp. in: Sprachwissenschaftliche
Forschungen. Festschrift für Johann Knobloeh. Innsbruck 1985, 157-165.
1. Vorgeschichte

1.1. Ihrer bruchstückhaften Überlieferung zum Trotz lassen die altiranischen Sprach­
zeugnisse bemerkenswerte und sehr enge Gemeinsamkeiten mit dem ältesten Indo­
arischen erkennen, insbesondere im dichterischen und religiösen Wortschatz und
Wortgebrauch, aber auch auf den anderen sprachlichen Ebenen wie Formenlehre oder
Syntax. Auf dieser Basis läßt sich nicht nur die arische bzw. indoiranische Grund­
sprache rekonstruieren, vielmehr sind aus den teilweise übereinstimmenden faktischen
Gegebenheiten auch Ausschnitte der Lebenswelt und der geistigen und materiellen
Kultur der Arier zu erschließen.
1
Im Hinblick auf die sprachwissenschaftliche Definition des Begriffs „iranische
Sprachen" (die ohne die erforderlichen Details nun einmal nicht abgeht) ist zunächst zu
betonen, daß sich die iranischen Sprachen und die indoarischen Sprachen zusammen
gegenüber den anderen verwandten indogermanischen Sprachen durch eine Reihe von
Übereinstimmungen auszeichnen, die „gemeinsame exklusive Neuerungen" darstellen,
d. h. exklusiv auf diese beiden Sprachgruppen beschränkt sind und den zugrunde­
liegenden Befund der indogermanischen Grundsprache durch eine Neuerung verändert
haben. Diese Erscheinungen genügen zum Nachweis dafür, daß die beiden Sprach­
gruppen eine ursprüngliche Einheit repräsentieren, das offenbar kaum in Dialekte
untergliederte „Indoiranische", und daß sie dies fortsetzen. Zu diesen Gemeinsamkeiten
gehören etwa folgende Züge:
(a) der Zusammenfall von indogerman. *a, *e, *o in indoiran. *a und von
indogerman. *ä, *e, *ö in indoiran. *ä (ved. ästi „ist" = avest., altpers. asti = latein. est;
ved. näpät- „Enkel" = avest., altpers. napät- = latein. nepöt- usw.);
(b) die Vertretung der (ursprünglich konsonantischen) sog. „Laryngale" (vgl. oben
Anm. 5 zu Kapitel 0.4) indogerman. *hj, *h , *h , soweit sie in einzelnen Sprachen und
2 3

unter bestimmten Bedingungen zu einem Vokal entwickelt wurden, durch indoiran. *i


(ved. pitär- „Vater" = avest., altpers. pitar- = latein. pater usw. < indogerman.
*ph ter-);
2

(c) die Palatalisierung der Velare und Labiovelare indogerman. *k, *№ usw. vor
ursprünglichen Vorderzungenvokalen zu indoiran. *c usw. (ved. -ca „und" = avest. -ca
= altpers. -cä = latein. -que < indogerman. *-We; ved. hänti „(er)schlägt" = altpers.
h
janti = hethit. kuenzi < indogerman. *gV enti usw.);

1
Zum Folgenden vgl. Schmitt, 2 und hierzu Mayrhofer.
(d) der Übergang von indogerman. *s nach *i, *ü, *r/r, *k (sowie /- und u-
Diphthongen) in indoiran. *s (Superlativformans avest. -Uta-, z. B. äs-ista- „raschest"
= ved. as-istha- [mit Weiterentwicklung von *s zu Retroflex s] = griech. COKIOTOC, <
indogerman. *-isto-; ved. müs- „Maus" = avest. müs- [vgl. neupers. müs] = latein. müs
< indogerman. müs usw.);
(e) beim Nomen der Aufbau einer Endung indoiran. *-näm (mit Dehnung eines
vorangehenden Kurzvokals) im Genetiv Plural der vokalischen Stammklassen (ved.
märtyänäm „der Menschen" = altpers. martiyänäm = jungavest. masiiänqm als Ersatz
für indogerman. *-öm);
(f) beim Verbum die Herausbildung einer Passiv-Konjugation mittels eines Präsens­
stammformans indoiran. *-ya- (ved. han-yä-te „wird er-/geschlagen" = avest. jan-iia- =
h
altpers. jan-iya- zur Wurzel indogerman. *gV en-, vgl. oben (c)).

1.2. In entsprechender Weise läßt sich nun auch die Eigenständigkeit der iranischen
Sprachen gegenüber dem Indoarischen darlegen, indem man die bestehenden Unter­
schiede hervorhebt und insbesondere solche aufzeigt, die sich erst nach der Trennung
der beiden Sprachgruppen herausgebildet haben und bei denen die Neuerung auf Seiten
des Iranischen liegt. Als solche charakteristische Merkmale, die in ihrer Summe auf das
Iranische begrenzt sind, dürfen insbesondere die folgenden zwei Züge gezählt werden:
(g) der Verlust der Aspiration der aspirierten Verschlußlaute indogerman., indoiran.
h h h h h
*b , *d , (*g l*gv >) *g (> iran. *b, *d, *g) und der entsprechende Wandel des
h h
aspirierten Palatals (indogerman. *g >) indoiran. *j (woraus indoar. h) zur Affrikata
iran. *dz (außer „Bruder" [vgl. oben Kapitel 0.4] ved. dhär-äya- „(fest)halten" = avest.
3
där-aiia- = altpers. där-aya-; ved. gharmä- „Hitze" = avest. gar ma- = mittel-, neupers.
h h
garm „warm, heiß" = latein. formus < indoiran. *g armä- < indogerman. *g^ ormö-
h
sowie ved. ahäm „ich" = avest. azsm = altpers. adam < indoiran. *aj äm < indogerman.
h
*eg 6m [vgl. latein. ego usw.]);
(h) der Übergang der stimmlosen Verschlußlaute indogerman., indoiran. *p, *t,
(*kl*k" >) *k in die stimmlosen Reibelaute iran. */> *ü, *x in der Position neben,
insbesondere vor Konsonant (ved. pra- „vor(an)" = avest., altpers. fra- = latein. pro-;
ved. tvam „dich" = avest. ßßqm = altpers. [*üväm >] iluväm, ved. ksäp- „Nacht" =
avest., altpers. xsap-).
In beiden Fällen werden Laute herausgebildet - zum einen die Affrikata iran. *dz
(mit den Entsprechungen iran. *ts bzw. *dz bei den nicht-aspirierten palatalen
Verschlußlauten indogerman. *lc und *g), zum anderen die Reibelaute iran. */,
*x - , die dem zugrundeliegenden indoiranischen Lautinventar noch fremd waren und
auch dem Indoarischen fehlen, so daß es sich um eine Neuerung des Iranischen handeln
muß. Aus diesem Grund mag es gestattet sein, von der Aufzählung weiterer charak­
teristischer Merkmale des Iranischen abzusehen.

1.3. Aber der Hinweis auf Neuerungen des Iranischen wie die gerade genannten bedeu­
tet nicht, daß das Iranische durchwegs der „jüngere" der beiden Hauptzweige des
Indoiranischen ist. Im Gegenteil, es zeigt sich immer deutlicher, daß das Iranische sich
- abgesehen von jenen Neuerungen - auch durch eine Reihe von bemerkenswerten
Archaismen auszeichnet, die dem Indoarischen und selbst dessen ältester Ausprägung,
dem Vedischen, fehlen':
(i) Das indogermanische Wort für „Vater" (indogerman. *ph ter- > ved. pitär- =
2

avest., altpers. pitar- [vgl. oben Kapitel 1.1 (b)]) zeigt nur im Avestischen Formen, in
denen der grundsprachliche „Laryngal" nicht zu i vokalisiert wurde, sondern
konsonantisch geblieben und dann geschwunden ist: So ist beispielsweise der Dativ
s
Singular im Altavestischen f 8 r ö i geschrieben, aber da diese Form nach Ausweis des
Metrums einsilbig zu werten ist, steht sie für *ßrai, das letztlich auf indogerman.
*ph tr-ei (mit schwundstufigem Stammbildungssuffix) zurückzuführen ist und dieser
2

komplexen, viergliedrigen Konsonantengruppe ^phjtr- (etwa im Gegensatz zum


Akkusativ indogerman. *pli2ter-m > indoiran. *pitar-am) und der damit kausal
zusammenhängenden Endungsbetonung seine abweichende Entwicklung verdankt.
Demgegenüber zeigt ved. pitr-e (wie dessen gleichfalls bezeugtes Pendant altavest.
p't&re) die Verallgemeinerung der nur in den sog. „starken" Kasus erwarteten Form mit
anlautendem pit-.
(k) Die indogermanischen s-stämmigen Neutra des in latein. gen-us „Geschlecht"
(< altlatein. *gen-os), Genetiv gen-er-is (< altlatein. *gen-es-es) vorliegenden Typs
weisen, wie schon das lateinische Beispiel zeigt, Suffixablaut zwischen indogerman.
*-os und *-es- auf. Obwohl im Indoiranischen indogerman. *e und *o an sich in *a
zusammenfallen (vgl. oben Kapitel 1.1 (a)), müßte dieser Ablaut sich in Einzelfällen
noch erkennen lassen: Gemäß dem sog. „Palatalgesetz" müssen dem Suffix
vorausgehende indogermanische Velare und Labiovelare (vgl. ebenda (c)) nämlich vor
indogerman. *e und *o zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. In altavest. aogö
„Kraft, Macht" < indoiran. *aug-as gegenüber Instrumentalis aojarjh-ä < indoiran.
*auj-as-ä ist dies auch, wie man es von indogerman. *aug-os, aber *aug-es- her
erwarten darf, getreulich bewahrt; dagegen ist in ved. öjas, Instrumentalis öjas-ä diese
Alternation zugunsten der Instrumental-Variante ausgeglichen, - so wie auch im
Jungavestischen, wo der Nominativ-Akkusativ aojö bezeugt ist.
Da die Diskussion gerade solcher Fragen von Natur aus recht kompliziert ist und,
um an Stichhaltigkeit nichts einzubüßen, kaum Vereinfachungen zuläßt, soll sie an
dieser Stelle abgebrochen werden. An sich verdienten noch einige weitere auch aus
indogermanistischer Sicht höchst aufschlußreiche und sogar ganz einzigartige morpho­
logische Altertümlichkeiten des Iranischen eine Besprechung, bei denen sich das
Vedische wiederum dadurch auszeichnet, daß es zur Verallgemeinerung einer von
mehreren Varianten und zum Formenausgleich tendiert.

2
Für das Folgende verweise ich auf Mayrhofer, 119f.
1.4. Die gemeinsame Vorstufe der iranischen Sprachen, die durch deren Vergleich und
darauf fußende Rekonstruktion erreichbar ist, das Uriranische, erweist sich, wie bereits
dargelegt, als so eng verwandt mit dem Indoarischen, daß in ganz entsprechender
Weise nach den Grundsätzen historisch-vergleichender Sprachwissenschaft und sprach­
wissenschaftlicher Rekonstruktion deren Quelle, das weitgehend einheitliche Urarische
erschlossen werden kann. Die Übereinstimmungen zwischen den beiden arischen
Sprachzweigen sind so zahlreich, und zwar hauptsächlich im Bereich des Wortschatzes,
d. h. der Bildung, Bedeutung und Verwendung der Wörter, daß frühere Forscher zu
Demonstrationszwecken immer wieder vollständige Sätze aus Avestatexten und sogar
ganze Strophen einfach nach den Regeln der historischen Lautlehre und nach den
„Lautgesetzen" in ein fehlerloses Altindoarisch umsetzen konnten. Die große Zahl
dieser (nicht auf sprachliche Erscheinungen allein beschränkten) Gemeinsamkeiten und
ihre enge formale Übereinstimmung erheben die Existenz der arischen oder indo­
iranischen Spracheinheit, obwohl sie nicht historisch bezeugt, sondern nur durch
Rekonstruktion zu erschließen ist, zu absoluter Gewißheit.
Diese Ähnlichkeiten zwischen altiranischen und ältesten vedischen Texten betreffen
in besonderer Weise auch zusammengesetzte Wörter sowie phraseologische Überein­
stimmungen, die mehr als nur eine Verwandtschaft der Sprachen beweisen, nämlich
eine geistige und kulturelle Gemeinsamkeit. Zur Illustration seien aus einer großen
Zahl solcher Wendungen nur zwei angeführt: avest. namanhä ustäna-zasta- „in Ehr­
furcht (indoiran. *nämas-) mit ausgestreckten Händen" (Yasna 28, 1) = ved. uttänä-
hasta- nämasä (Rigveda 6, 16, 46 usw.) sowie avest. zdradä-cä mananhä-cä „mit
h
(seinem) Herzen (indoiran. *j rd-) und mit (seinem) Denken (indoiran. *mänas-y'
(Yasna 31, 12) = ved. hrda mänasä (Rigveda 1, 61, 2 usw.). Diese Gemeinsamkeiten
3
der avestischen und der vedischen Dichtersprache tragen wesentlich dazu bei, daß
Veda und Avesta sich gegenseitig erhellen, wie am deutlichsten für das Wortfeld von
ved. ksaträ- = avest. xsaüra- = altpers. xsaca- „Herrschaft, Reich, Königtum" gezeigt
4
werden konnte .

1.5. Diese gemeinsamen, ererbten Traditionen, Vorstellungen und Bräuche der Indo-
arier und Iraner, die am eindringlichsten in den Bereichen von Religion, Mythologie
und Kult zutage treten, betreffen darüber hinaus auch die übereinstimmende politisch­
soziale und wirtschaftliche Terminologie. Daß (im weitesten Sinn) religiöse Begriffe so
sehr im Vordergrund stehen, ist hauptsächlich die Folge der Zufälligkeiten der Über­
lieferung, die eben vor allem zur Bewahrung religiöser Texte geführt haben. Die
Gemeinsamkeiten beginnen mit dem Wort für „Gott" indoiran. *daivä- (eigentlich
„Himmlischer"), das in ved. devä- seine ursprüngliche Bedeutung bewahrt hat,

5
Die reichhaltigste (aber nicht vollständige) Übersicht über diese Textfiguren bietet Schlerath, Awesta-
Wörterbuch, 148-161; zu vergleichen ist jetzt immer auch Mayrhofer, wo jeweils unter dem
einschlägigen vedischen Lemma die indo-iranischen Übereinstimmungen sorgfältig verzeichnet werden.
4
Vgl. Schlerath, Königtum, 128-131.
während avest. daeuua- = altpers. daiva- infolge religiöser Umwälzungen, v. a. der
Reform Zarathustras, zur Bezeichnung von „falschen" (eben den vor-zarathustrischen)
Göttern, also von „Götzen" und „Dämonen" geworden ist. Sie setzen sich fort über die
Namen abstrakter Vorstellungen, die dann personifiziert und vergöttlicht werden, wie
indoiran. *rtä-lärta- „Wahrheit, (kosmische) Ordnung" (ved. rtä- = altpers. rta- bzw.
avest. asa-) oder indoiran. *miträ- „Vertrag", *Miträ- „Gott Vertrag" (ved. Miträ- =
avest. Miüra-), ferner kultische Begriffe wie indoiran. *yajnä- „Verehrung, Opfer"
(ved. yajnä- = avest. yasna-) oder indoiran. *mäntra- „Spruch, Formel", eigentlich
„(formulierter) Gedanke" (ved. mäntra- - avest. mqßra-) bis hin zu den Priestertiteln
h h
indoiran. *j äutar- (ved. hötar- = avest. zaotar-) und indoiran. *ät arvan- (ved.
ätharvan- = avest. *aüa"ruuan-/äürauuan-).
Es steht außer jedem Zweifel, daß die Indoiranier bereits während dieser Zeit vor
ihrer Trennung eine Dichtung, insbesondere eine von den Priestern gepflegte religiöse
Dichtung - diese tritt uns jedenfalls am unmittelbarsten vor Augen - , und eine
Dichtersprache besaßen, deren Formeln und Figuren und deren metrische Schemata in
5
den Literaturen der beiden Völker weiterlebten . Zumindest Preislieder in kürzeren
Versen (ursprünglich wohl Achtsilblern) und gnomische (Spruch-)Dichtung mit einem
primär elfsilbigen Versmaß lassen sich nach Aussage der verfügbaren Zeugnisse
zuversichtlich in noch indoiranische Zeit zurückführen. Sowohl in der vedischen wie in
der avestischen Dichtung finden sich - dies unterstreicht den Traditionalismus und das
Traditionsbewußtsein - Anspielungen auf frühere Lieder und frühere Sänger. Eine
besonders eigenartige Ausdrucksweise aber schlägt sich umgekehrt nieder in einem
Adjektiv, mit dem der Dichter den neuartigen Charakter seiner Formulierungen und
zugleich seinen Stolz auf seine unvergleichbare Leistung ausdrückt, wenn er sein Lied
nämlich als „ohne ein früheres", also als „beispiellos, noch nie dagewesen" bezeichnet
oll
(avest. apa ruuTm = ved. äpürvyam).

1.6. Diese arische Spracheinheit zerfiel wahrscheinlich zu Beginn des 2. Jahrtausends


v. Chr. dadurch, daß Teile der Stämme, die sie gebildet haben, die gemeinsamen
Wohnsitze verließen, nach Osten und Südosten hin weiterzogen und über die
Hindukusch-Pässe hinweg schließlich in den Nordwesten des Indischen Subkontinents
vordrangen - nämlich die nachmaligen Indoarier - , andere Teile dagegen nicht, die
späteren Iraner. Es stellt sich somit die Frage, wo jenes ursprüngliche Siedlungsgebiet
der Indoiranier zu suchen ist: die in der Forschung überwiegende Meinung besagt, daß
man sich diese „Heimat" der nomadisierenden Indoiranier in dem ostiranisch-zentral­
asiatischen Steppengürtel von Sogdien, Chwaresmien und Baktrien sowie nördlich
davon (also etwa in dem Raum von der unteren Wolga bis nach Kasachstan) vorstellen
darf. Für diese These sprechen insbesondere zwei wichtige Punkte: Zum einen fehlen
für diesen riesigen Raum - anders als für die sonstigen von Iranern besiedelten

^ Jüngst wurde eine spezielle Gattung herausgestellt von Tichy.


Territorien - sichere Spuren einer nicht-arischen, d. h. vor-arischen Bevölkerung, etwa
in Form alter vor-arischer Namen. Und zum anderen haben eine Reihe geographischer
Namen, die in diesem ostiranischen Gebiet zu lokalisieren und im Avesta-Corpus bzw.
auf den altpersischen Inschriften bezeugt sind, genaue Entsprechungen in altindo-
arischen Quellen. Dies ist etwa der Fall bei dem Namen der Landschaft „Areia" (d. h.
des Landes um Herät) altpers. Haraiva- = avest. Haröiuua-, der abgeleitet ist von dem
iranischen Gegenstück (mit *H- < *S-) zu dem Flußnamen ved. Sardyu-'', oder bei dem
v
Namen „Arachosiens" (des von Qandahär aus beherrschten Landes) avest. Harax a'tJ-
- altpers. Harauvati-, der identisch ist mit dem Flußnamen ved. Särasvati-.
Während die Indoarier also von diesem Gebiet aus weitergezogen sind, blieben die
iranischen Stämme wohl zunächst weiterhin dort ansässig. Auch sie haben sich dann
aber, nach allgemeiner Ansicht sehr viel später als die Indoarier, allmählich in
weitgreifenden Wanderbewegungen über ein riesiges Gebiet auf dem Iranischen Hoch­
land und in den umliegenden Regionen verbreitet und in der 1. Hälfte des 1. Jahr­
7
tausends v. Chr. ihre größte Ausdehnung erreicht . Über diese Vorgänge geben
historische Nachrichten und archäologische Hinterlassenschaften nur sehr spärlich
Auskunft: Darnach liegt die Annahme nahe, daß Stämme oder Stammesgruppen jeweils
verschiedener iranischer Sprache in mehreren aufeinanderfolgenden Schüben langsam
vorgerückt und in ihre historischen Sitze eingewandert sind. Als früheste Einwanderer
in das Gebiet Irans im eigentlichen Sinne gelten die westiranischen Stämme - für uns
sind vor allem die Namen der Meder und Perser geläufig - , deren Wanderung
gewöhnlich um die Wende vom 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. datiert wird und von
jenen nördlichen Steppengebieten entweder am Kaspischen Meer entlang und über den
Kaukasus und das Armenische Hochland oder aber auf direktem Wege über die Berge
des Kopet Däg und quer durch die Salzwüste bis zu den Zagros-Bergen geführt hat.
Die Meder sind unter der Namensform assyr. Matai (die iran. *Mäda- = altpers.
Mäda- wiedergibt) erstmals 836 v. Chr. in einer assyrischen Inschrift Salmanassars III.
bezeugt, der gegen sie zu Felde zog. Gesiedelt haben sie im westlichen Zentral-Iran,
westlich der Salzwüste, wo verschiedene bekannte archäologische Fundstätten wie
GodTn Tepe, Bäbä Jan Tepe, Tepe Nüs-e Jan oder Tepe Sialk Nachweise dafür liefern.
Das eigentliche Zentrum der Meder, die nach Ausweis der geographischen Namen der
assyrischen Texte in den Zagros-Bergen nicht so fest Fuß gefaßt hatten wie in den
östlich vorgelagerten Becken, war die Gegend um Hamadän, ihre alte Residenzstadt
Ekbatana.
Die Perser sind schon ein paar Jahre vorher, nämlich 843 v. Chr. - dies ist das erste
eindeutige Zeugnis für die Präsenz iranischer Stämme in Iran - unter dem Namen
Parsuas bezeugt, und zwar für den Raum südlich und westlich des Urmia-Sees. Die
Südostwanderung der Perser von dort in ihre historischen Wohnsitze in der Persis, der

h
Zur Verdeutlichung notiere ich die Rekonstruktionsformen als indoiran. 'Saram- (woraus ved.
Saräyu-) und *Saraiu-a- (woraus iran. "Haraiva-).
' Hierzu vgl. aus neuerer Zeil u. a. Ghirshman sowie Diakonoff, 41-57 und Skjacrvo. 155-157.
heutigen iranischen Provinz Färs, läßt sich für die folgenden zwei Jahrhunderte durch
inschriftliche Quellen verfolgen - es sei denn, man rechnet mit mehreren Stämmen
gleichen Namens ParsuasIParsumas - , da das Gebiet der Parsuas nämlich unter dem
assyrischen König Tiglatpilesar III. bereits weiter südöstlich im mittleren Zagros
gesucht werden muß und unter Sanherib die Parsuas mit den Elamern verbündet und in
den Baxüari-Bergen ansässig waren, bevor sie unter Assurbanipal erstmals in Färs
nachzuweisen sind: Nach der Unterwerfung des Elamischen Reiches zog dieser König
639 v. Chr. gegen den Achaimeniden Kyros I., der, wie es heißt, über Parsumas und
Aman herrschte, d. h. über Färs und das Gebiet um Tall-e-Mallän, das die Perser zuvor
von den Elamern erobert haben müssen.

1.7. Es ist klar, daß mit der Trennung von Indoariern und Iranern und mit der Weiter­
wanderung der Indoarier um 2000 v. Chr. die Herausbildung jeweils eigenständiger
Sprachen, hier der iranischen, dort der indoarischen einsetzt. Diese iranische Sprach­
entwicklung ist für die älteste, vorhistorische Phase von dem allmählichen Zerfall des
Uriranischen bis zum Einsetzen der frühesten Zeugnisse, mit denen die iranischen
Sprachen ins Licht der Geschichte treten, allein durch sprachliche Rekonstruktion
greifbar. Und dieses „Licht der Geschichte" ist zunächst auch nur ein gebrochener
Dämmerschein, denn die früheste Überlieferung iranischer Sprachformen findet sich in
Gestalt iranischer Personen- und geographischer Namen, die vom 9. Jahrhundert
v. Chr. an wiederholt in assyrischen und babylonischen, vereinzelt auch in urartäischen
Inschriften vorkommen. Allerdings nimmt es angesichts von deren doppelter Brechung
in fremder Sprache und fremder Schrift kaum wunder, daß diese Zeugnisse, um mit
Goethe zu sprechen, mehr „irrlichtelieren" als tatsächlich helles Licht verbreiten.
Immerhin sind dies aber, wie wir in Kapitel 1.6 gesehen haben, die frühesten Indizien
für das Eindringen iranischer Stämme in den Westen des Iranischen Hochlandes.
Dieser Zustand der schattenhaften Überlieferung ändert sich praktisch erst gegen
Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr., denn im Jahr 521/520 setzt mit der ersten achaimeni-
dischen Königsinschrift, der des Dareios I. vom Felsen von BTsutün die unmittelbare
und authentische Überlieferung des Altpersischen ein (vgl. unten Kapitel 2.8 ff.). Die
andere durch zusammenhängende Texte direkt bezeugte altiranische Sprache, das
Avestische, und insbesondere dessen ältere Ausprägung, das Altavestische, die Sprach­
form vornehmlich der von Zarathustra selbst stammenden Gäthäs oder „Lieder" (vgl.
dazu Kapitel 2.2 ff.), läßt sich jedoch nicht fest in Raum und Zeit verankern und gibt
deshalb für die chronologische Einordnung und für die Abgrenzung der vor- und früh­
geschichtlichen Phasen der iranischen Sprachgeschichte keinerlei Stütze ab. Dieses
Dilemma ist vornehmlich eine Folge davon, daß sich über die Heimat und die
Lebenszeit, d. h. die räumliche und zeitliche Fixierung des Religionsstifters Zarathustra
selbst bis heute eine einhellige Forschungsmeinung nicht herausgebildet hat.
Ein Lautwandel, der sich - entgegen früherer Ansicht - erst innerhalb des Iranischen
in vorhistorischer Zeit und sogar in einer relativ späten Phase des Gemeiniranischen
vollzogen haben dürfte, ist der Übergang von iran. *s (< indoiran., indogerman. *s) in h
in der Stellung vor folgendem Vokal. Das übereinstimmende Zeugnis der beiden
Sprachen mit textlicher Überlieferung, des Avestischen und des Altpersischen, - etwa
in Fällen wie avest. haenä- „(feindliches) Heer" = altpers. hainä- = ved. senä-
< indoiran. *sainä- oder avest. ha"ruua- „all, ganz" = altpers. haruva- = ved. sârva- <
indoiran. *sârva— legt zwar den Gedanken nahe, schon für das Uriranische Formen
mit *h-, also iran. *hainä- bzw. *harva- anzusetzen, doch stehen einer solchen Auf­
fassung Indizien verschiedener Art entgegen, die zusätzlich zu dem Terminus ante
quem der avestischen und altpersischen Überlieferung für Einzelfälle einen Terminus
post quem liefern: Daß der im Altpersischen bezeugte Name des Landes „Elam",
altpers. Üja- < *Hüza- (vgl. parth. Xüzestänf, mit dem Namen der Stadt „Susa", der
ursprünglich wohl etwa *Süsa(n) gelautet hat, zu verbinden ist und daß er aus diesem
entlehnt worden ist, setzt voraus, daß Perser und Elamer in direkte Berührung
miteinander gekommen sind. Dies ist vor dem 9. Jahrhundert v. Chr. nicht möglich, so
daß der Wandel *s > h also erst zu dieser Zeit vollzogen worden sein dürfte. In die
gleiche Richtung weist der auf einer assyrischen Inschrift wohl des 8. oder 7.
i a
Jahrhunderts v. Chr. bezeugte Gottesname As-sa-ra Ma-za-âs, der mit einiger Wahr­
scheinlichkeit als Wiedergabe von iran. (hier wohl med.) *Asuramazdäs, univerbiert
aus *Asura- *Mazdä- „Herr Weisheit", interpretiert werden darf. So lautete vor jenem
Wandel *s > h der Name des obersten Gottes, der später in den Formen avest. Ahura-
Mazdä- (Nominativ Ahurö Mazda) und altpers. Auramazdä bezeugt ist.

1.8. Durch ihre sehr fragmentarische Überlieferung hindurch lassen die beiden aus
Textzeugnissen bekannten altiranischen Sprachen deutlich werden, daß in dieser
Periode der iranischen Sprachgeschichte - und auf jeden Fall in der Zeit, aus der die
älteren Texte stammen - die Sprachen ihrem grammatischen Bau nach noch ganz auf
dem Stand des Uriranischen sind: Wenn es in der lautlichen Entwicklung auch zum
Teil charakteristische und mitunter von Sprache zu Sprache sehr divergente Verände­
rungen gegeben hat, so sind doch andererseits die ererbten ursprünglichen Flexions­
systeme bei Nomen, Pronomen und Verbum mit ihrem großen Formenreichtum mehr
oder weniger unversehrt erhalten geblieben. Die weitere Entwicklung hin zum Mittel­
iranischen ist dagegen, wie sich in Kapitel 3.4 bei genauerer Betrachtung zeigen wird,
zumindest im Bereich der westiranischen Sprachgruppe dadurch gekennzeichnet, daß
infolge hauptsächlich des Schwundes aller Endsilben von mehrsilbigen Wörtern das
gesamte morphologische System zusammengebrochen ist. Dieser Verfall, der zu einer
vollständigen Veränderung des Sprachtypus führt, setzt während der altiranischen
Periode ein und läßt sich in ersten Ansätzen bereits an altpersischen Inschriften der
späteren Achaimenidenzeit (des 4. Jahrhunderts v. Chr.) deutlich beobachten (vgl.
Kapitel 2.11).

8
Im Altpersischen wird iran. *h vor u nicht geschrieben; es wurde wohl nur schwach artikuliert oder
war überhaupt geschwunden. Unbeschadet dieses ungelösten Problems genügt für die hier anstehende
Diskussion der bloße Hinweis auf das Faktum als solches.
Daß die bezeugten iranischen Sprachen auf eine weitgehend einheitliche, kaum in
Dialekte differenzierte Sprachstufe zurückgehen, muß natürlich nicht bedeuten, daß
sich daran niemals etwas geändert hat. Und auch wenn man die altiranischen Sprachen
als recht archaisch und konservativ bezeichnen darf, so haben doch gewisse Neue­
rungen vor allem in der lautgeschichtlichen Entwicklung - aber auch an morpho­
logischen und lexikalischen Divergenzen fehlt es nicht - dazu geführt, daß sich deutlich
voneinander unterschiedene Sprachen mit jeweils eigenem Gepräge herausgebildet
haben, das Altpersische, das Avestische und andere, nur trümmerhaft bezeugte oder
kaum noch erkennbare altiranische Dialekte. Diese starke inner-iranische Veränderung
und Auseinanderentwicklung ist am wahrscheinlichsten auf eine Lockerung der
Beziehungen zwischen den iranischen Stämmen zurückzuführen - diese haben sich im
Zuge der Einwanderung in ihre endgültigen, historischen Wohnsitze bekanntlich über
ein sehr viel größeres Territorium verbreitet, als sie es vorher innehatten, und haben
dabei jeweils die vor ihnen ansässige Bevölkerung überlagert - , und sie ist zugleich
wohl durch Einflüsse seitens jener in sich ethnisch und sprachlich sehr heterogenen
Vorbevölkerung hervorgerufen, obwohl zuzugeben ist, daß von dieser Vorbevölkerung
meist, mit Ausnahme der Elamer, kaum mehr als nur die Namen der jeweiligen Völker
und Stämme bekannt ist.

1.9. Die entscheidenden lautgeschichtlichen Veränderungen, die zu divergenten Ent­


wicklungen innerhalb des Iranischen bereits in alter Zeit und damit zu einer
Differenzierung verschiedener iranischer Dialekte geführt haben, liegen in den folgen­
9
den Erscheinungen, die es nun genauer zu belegen gilt, da diese Dialektunterscheidung
die gesamte weitere Sprachentwicklung des Iranischen durchzieht:
h
(1) Übergang der palatalen Verschlußlaute indogerman. *K, *g, *g > indoiran. *c,
h
*/> *j (woraus indoar. s, j , h) zu avest. s, z, z, aber altpers. d, d: avest. vls-
„ Absiedlung, Haus" = altpers. viü- = ved. vis- < indoiran. *uic-\ Präsensstamm avest.
zänä- „kennen" = altpers. dänä- = ved. jäna- < indoiran. *jäna-; avest. azsm „ich" =
h
altpers. adam = ved. ahäm < indoiran. *aj äm (vgl. oben Kapitel 1.2 (g)); die
divergierende Entwicklung innerhalb des Iranischen geht am plausibelsten - in genauer
typologischer Parallele zu den iberoromanischen Sprachen, wie die Fortsetzer von
latein. [k] > [c], nämlich altspan. [ts], portugies., katalan. [s] und span. [6] zeigen - von
einer Zwischenstufe mit Affrikaten uriran. [ts, dz, dz] aus, die sich ihrerseits von dem
urarischen Zustand (mit palatalisierten Affrikaten *c usw.) nur durch den Verlust der
10
Palatalisierung unterscheidet ; von den Fortsetzern der gemäß oben Kapitel 1.1 (c) vor
ursprünglichen Vorderzungenvokalen palatalisierten stimmhaften Velare und Labio-

'' Zum Folgenden vgl. Schmitt.


'" Vgl. Mayrhofer, 6.
h 1 h
velare indogerman. *g, *g und *g -', *gV sind diese Fortsetzer der Palatale im
1
Iranischen übrigens, anders als im Indoarischen ', immer getrennt geblieben;
(m) Lautwandel von uriran. *ßr, das in den anderen Sprachen unverändert erhalten
bleibt, zu altpers. „c" (so die heute übliche Notierung), einem Laut, der einerseits von s
deutlich verschieden, andererseits diesem ähnlich gewesen sein muß, da die beiden
Laute in der weiteren Entwicklung zum Mittelpersischen zusammenfielen: uriran.
*puüra- „Sohn" (< indoiran. *puträ- [= ved. pulrä-] < indogerman. *putlö-) > avest.
puüra-, aber altpers. puqa- (> mittelpers. pus);
(n) Übergang von uriran. *tsv (< indoiran. *cu < indogerman. *Ku) - und
Entsprechendes gilt für das stimmhafte Pendant - einerseits zu avest., med. usw. sp.
andererseits (mit einer ganz eigenständigen Entwicklung) zu altpers. s: avest., med.
(indirekt nachweisbar) aspa- „Pferd" (< uriran. *atsva- < indoiran. *äcua- [> ved.
asva-] < indogerman. *ek\io-), aber altpers. asa- (wobei sich in jüngeren ostiranischen
Sprachen als dritte Entwicklungsvariante ein palataler Sibilant zeigt: vgl. khotansak.
assa-, wakhT yas „Pferd");
(o) Lautwandel von uriran. *üy, *i}n, die im übrigen nicht verändert werden, zu
altpers. sly, sn: altpers. hasiya- „wahr" < *haüya- (= avest. ha'üiia-) < uriran. *saflya-
< indoiran. *satiä- (= ved. satyä-); altpers. arasni- „Elle" < uriran. *arm)ni- (vgl. avest.
arsdna) < indoiran. *aratni- (= ved. araini-).

1.10. Diese inneriranische Dialektverschiedenheit läßt sich für die altiranische Periode
allerdings der dürftigen Überlieferungslage halber nicht so genau eruieren, wie man
sich dies wünschte. Das Bild, das sich gewinnen läßt, leidet auch darunter, daß zum
einen die Einordnung des Avestischen nicht klar ist - bei manchem Punkt, der einen
Aufschluß geben könnte, läßt sich nicht ausschließen, daß es sich um eine Veränderung
im Laufe der Avesta-Überlieferung und nicht um die ursprüngliche avestische Sprach­
form handelt - und daß zum anderen das Altpersische eine Reihe von Wörtern enthält,
deren Form ihre dialektfremde Herkunft erkennen läßt. Und diese von der laut-

h vh
" Die unterschiedliche Entwicklung von indogerman. "g, *g" einerseits und indogerman. "gig», 'g ig
(vor Vorderzungenvokalcn) andererseits mit der Beseitigung der Palatalitätsopposition im Indoarischen
bzw. des A.spitationsgegcnsatzcs im Iranischen stellt sich schematisch so dar:
indogerman. indoiran. altindoar. uriran. avest. altpi
A. *g V ] "ilz z d
B. *g/g" 7 i 7 i j
C *g h
h "dz z d
D. *gV* V" h 7 i J
Beispiele:
A. indogerman. *gonh,o- „Wesen, Mensch, Stamm": ved. Jana-, avest. zana-. altpers. *dana- (indirekt
belegt);
B. indogerman. "g'-'hiö- „lebendig": ved.yiva-. avest. ("jha- >) juua-, altpers. iiva-:
h
C. indogerman. "eg 6m ..ich": ved. ahäm. avest. az?m, altpers. adanv,
D. indogerman. *g'-'"enti ..(er)schlägt": ved. hänti. avest. ja'nü. altpers. janli.
geschichtlichen Norm abweichende Gestalt enthüllt zugleich den Charakter des Alt­
persischen als einer „Hofsprache", die mit dem in der Persis tatsächlich gesprochenen
südwestiranischen Dialekt nicht identisch sein muß. Gleichwohl steht das Altpersische
in etlichen der obengenannten Punkte ganz für sich, so daß sich also in der Hauptsache
nur eine Unterscheidung von Persisch und Nicht-Persisch ergibt.
Für die späteren Perioden der iranischen Sprachgeschichte läßt die breitere Über­
lieferung die Dialektverhältnisse und damit auch die Dialektunterschiede insgesamt
sehr viel klarer erkennen, unbeschadet dessen, daß hier dann zusätzliche jüngere
Dialektunterschiede hinzukommen. Grundlegend ist für die spätere Zeit die Trennung
12
einer ostiranischen von einer westiranischen Dialektgruppe , wobei als Grenzraum
zwischen (grob gesagt) ostiranischen Sprachen in Zentralasien und westiranischen
Sprachen in West-Iran die riesigen, kaum besiedelten Salzwüsten (Dast-i KawTr und
Dast-i Lüt) anzunehmen sind. Für die altiranische Periode ist diese Zweiteilung, da sich
das Avestische einer sicheren Einordnung entzieht, nur insofern von Relevanz, als
innerhalb der westiranischen Dialektgruppe mehr oder weniger deutlich ein Süddialekt
und ein (nicht direkt bezeugter) Norddialekt auseinanderzuhalten sind, das südwest­
iranische Persische und das nordwestiranische Medische.

1.11. Den entscheidenden Fortschritt in der Erforschung der iranischen historischen


Dialektologie haben die vier Preußischen Expeditionen in die Oase von Turfan
(Chinesisch-Turkestan) zwischen 1902 und 1914 angebahnt, die ungemein reiche und
vielfältige Textfunde erbracht haben. Seit den allerersten Textpublikationen durch
F. W. K. Müller im Jahr 1904 wurde speziell die Kenntnis der mitteliranischen
Sprachen in ungeahnter und unvorstellbarer Weise vermehrt, ja in gewissem Sinne
revolutioniert, denn allein für diesen Teilbereich der Turfanfunde in mitteliranischen
Sprachen sind damals, wie in Kapitel 3 im einzelnen darzustellen ist, insgesamt Texte
in einem halben Dutzend verschiedener Schriften und Sprachen erstmals zu Tage
gekommen. Bis dahin war dagegen, wie noch der seinerzeit gerade zum Abschluß
gekommene „Grundriss der Iranischen Philologie" deutlich zeigt, nur eine einzige
dieser mitteliranischen Sprachen, nämlich das Mittelpersische, und auch dieses nur in
einer spezifischen Ausprägung bekannt, in der Form des Mittelpersischen der
zoroastrischen Bücher, des sog. „PahlavI". Und von ostiranischen Sprachen der
mitteliranischen Periode hatte man vor dem Auftauchen dieser turkestanischen Funde
praktisch noch gar kein Bild.
Insofern stellt das Jahr 1904 eine wichtige Epochengrenze der iranistischen
Forschung dar: Praktisch eine ganze Epoche der Erforschung des vorislamischen Iran,
die gerade mit den beiden monumentalen Bänden des von Wilhelm Geiger und Ernst
Kuhn herausgegebenen „Grundrisses", mit der großen dreibändigen „Avesta"-Ausgabe

, :
Stau einer Ost-West-Teilung zieht Windfuhr, 365, hauptsächlich im Hinblick auf das Ossetische, eine
Nord-Süd-Gliederung vor.
durch Karl Friedrich Geldner und dem hierauf fußenden „Altiranischen Wörterbuch"
von Christian Bartholomae ihre Krönung gefunden hatte, ist damals zu Ende gegangen.
In den Mittelpunkt des Interesses rückte ein völlig neuer Forschungszweig, die Turfan-
Forschung mit ihrem Schwerpunkt im Bereich der Mitteliranisch-Studien; sie konnte
im Laufe der Zeit viel dazu beitragen, das Wissen von iranischen Schriften und
Sprachen, Kulturen und Religionen nach vielen Richtungen hin zu erweitern, und sie
hat vor allem für die Geschichte der iranischen Sprachen in ihrer Gesamtheit vielfach
befruchtend gewirkt, da sie neues Sprachmaterial und damit vielfältige neue Aspekte in
die Diskussion eingeführt hat, die auch scheinbar entfernter liegende alt- oder neu-
iranistische Probleme einer Lösung näherbrachten.

Literatur zu Kapitel 1.1-1.2:


Mayrhofer, Manfred: Vorgeschichte der iranischen Sprachen; Uriranisch, in CLI 4-24.
Schmitt, Rüdiger: Iranische Sprachen: Begriff und Name, in CLI 1-3.

Literatur zu Kapitel 1.3:


Mayrhofer, Manfred: L'indo-iranien, in: Langues indo-européennes. Sous la direction de Françoise
2
Bader, Paris 1997, 101-122.

Literatur zu Kapitel 1.4-1.5:


Mayrhofer, Manfred: Etymologisches Wörterbuch des Altindoarischen. I— II, Heidelberg 1992-1996.
Schlerath, Bernfried; Das Königtum im Rig- und Atharvaveda, Wiesbaden 1960.
Schlerath, Bernfried: Awesta-Wörterbuch. Vorarbeiten II: Konkordanz, Wiesbaden 1968.
Tichy, Eva: Indoiranische Hymnen, in: Hymnen der Alten Welt im Kulturvergleich. Hrsg. von Walter
Burkert und Fritz Stolz, Freiburg/Göttingen 1994, 79-95.

Literatur zu Kapitel 1.6-1.7:


Diakonoff, I. M.: Media, in: The Cambridge History of Iran. II: The Median and Achaemenian Periods,
ed. by Ilya Gershevitch, Cambridge usw. 1985, 36-148.
Ghirshman, R.: L'Iran et la migration des Indo-Aryens cl des Iraniens, Leiden 1977.
Hintze, Almut: The Migrations of the Indo-Iranians and the Iranian Sound-Change 5 > h, in: Sprache und
Kultur der Indogermanen. Akten der X. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft. Hrsg. von
Wolfgang Meid, Innsbruck 1998, 139-153.
Skj<erv0, P. Oktor: The Avesta as source for the early history of the lranians, in: The Indo-Aryans of
Ancient South Asia. Language, Material Culture and Ethnicity. Ed. by George Erdosy, Berlin/New
York 1995, 155-176.
Literatur zu Kapitel 1.9-1.10:
Mayrhofer, Manfred: Vorgeschichte der iranischen Sprachen; Uriranisch, in: CLI 4-24.
Schmitt, Rüdiger: Die altiranischen Sprachen im Überblick, in: CLI 25-31.
Sims-Williams, Nicholas: Eastern Iranian Languages, in: EIr VII, 1996, 649-652.
Windfuhr, Gemot L.: Dialectology, in: EIr VII, 1996, 362-370.

Literatur zu Kapitel 1.11:


Bartholomae, Christian: Altiranisches Wörterbuch, Strassburg 1904.
Geiger, Wilh., und Ernst Kuhn (Hrsg.): Grundriss der Iranischen Philologie. I—II, Strassburg 1895-1901,
1896-1904.
Geldner, Karl F.: Avesta. The Sacred Books of the Parsis. I—III, Stuttgart 1886-1896.
2. Die S p r a c h e n d e r a l t i r a n i s c h e n P e r i o d e

2.1. Für die altiranische Periode (bis etwa 4./3. Jahrhundert v. Chr.) sind, wie bereits
1
erwähnt , nur zwei Sprachen direkt durch authentische Zeugnisse belegt, das sog.
Avestische des „Avesta"-Corpus der Zoroastrier und das Altpersische der achaimeni-
dischen Königsinschriften. Für andere, nicht durch Textüberlieferung bekannte
Sprachen wie das Medische oder das Skythische lassen sich dagegen nur einzelne
Wörter und Namen erschließen, gewöhnlich Formen aus jeweils anderssprachiger
Überlieferung, die ausdrücklich einer jener Sprachen zugewiesen werden oder sich
aufgrund sprachwissenschaftlicher Kriterien als Fremdelemente in der Überlieferungs­
sprache zu erkennen geben. Damit sind Inhalt und Gliederung dieses zweiten Kapitels
sozusagen vorherbestimmt: Zunächst sollen das Avestische und das Altpersische in
knapper Übersichtsdarstellung nach dem gegenwärtigen Forschungsstand dargestellt
werden. Das sich hieraus für die altiranische Periode ergebende recht lückenhafte Bild
wird dann durch Hinweise auf die sog. „Nebenüberlieferung" iranischen Sprach- und
Namengutes in anderssprachigen Quellen und durch eine Besprechung der Sprachreste
abgerundet, die für andere altiranische Sprachen und Dialekte in Anspruch genommen
werden können.

2.2. „ A v e s t i s c h " ist (wie etwa „Vedisch") eine jener Sprachbezeichnungen, die
nicht auf dem Namen eines Volkes oder Landes beruhen, sondern nach dem Textcorpus
2
gewählt sind, in dem die betreffenden Sprachen verwendet werden. Das Avestische
heißt also nach dem „Avesta", der Sammlung der heiligen Bücher der von Zarathustra
3
(avest. Zaraüustra-) gestifteten Religion , sozusagen Avesta-Sprache (wie schon vor
mehr als tausend Jahren in der zoroastrischen Enzyklopädie „Denkard"), und es läßt
sich räumlich nicht exakt einordnen, da keine der aus jüngerer Zeit bezeugten Sprachen
es direkt fortsetzt. Die ältesten Texte dieses Corpus, die sog. Gäthäs (avest. gätiä),
stammen von Zarathustra selbst, dessen Lebensdaten von der Mehrheit der Forscher
heute um das Jahr 1000 v. Chr. angesetzt, von anderen aber auch tief in das 2.
Jahrtausend hinein zurückversetzt oder bis ins 7./6. Jahrhundert v. Chr. herabdatiert
werden.
Aufgezeichnet ist das Avesta in der Avestaschrift, einer eigenen, linksläufig
geschriebenen, sehr lautgetreuen Schrift, deren zahlreiche einzelne Zeichen in säsäni-

1
Vgl. oben Kapitel 0.3.
2
Für das Avestische verweise ich insbesondere auf Kcllens, Avestique; die hauptsächlichen historischen
Fragen sind zuletzt behandelt worden von Humbach.
3
Die maßgebende (aber nicht ganz vollständige) Ausgabe ist die von Gcldner.
discher Zeit auf der Basis der für das Mittelpersische verwendeten PahlavI-Buchschrift
bzw. von deren verschiedenen Abarten geschaffen, zum Teil aber auch ad hoc erfunden
worden sind. Im Gegensatz zu der PahlavI-Buchschrift ermöglicht die Avestaschrift
4
aber eine genaue Bezeichnung der Vokale (vgl. Abb. I ) , und sie versucht mit größter
Genauigkeit die feinsten Details der damals gepflegten liturgischen Aussprache der
Texte phonetisch exakt wiederzugeben. Die Wahl des Vorbilds für diese Schrift weist
eindeutig auf die Zeit der Säsäniden, unter denen der Zoroastrismus (Mazdaismus) zur
Staatsreligion erhoben worden ist und das Mittelpersische im weltlichen und kirch­
lichen Bereich eine entsprechend starke Position einnahm. Die erste Aufzeichnung des
Avesta in dieser (eigens hierfür geschaffenen) Schrift erfolgte wahrscheinlich im 4.
5
Jahrhundert unter Säbuhr II. (309-379 n. Chr.) .
Dieser Säsänidische Archetypus, wie er genannt wird, ein für den Gebrauch in den
Priesterschulen bestimmter „kanonischer" Grundtext, stellt den „Wendepunkt zwischen
6
mündlicher und schriftlicher Avesta-Tradition" dar . Er ist aber nicht erhalten. Aus dem
mittelpersischen „Denkard" wissen wir, daß das säsänidische Avesta aus 21 Abtei­
lungen (mittelpers. nask) bestand, deren Inhalt die Denkard-Bücher 8 und 9 angeben.
Dies erlaubt uns, trotz gewisser Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Angaben (die auf
der mittelpersischen Übersetzung des Avesta fußen) festzustellen, daß unsere Hand­
schriften von dem seinerzeit (im 9. Jahrhundert n. Chr.) noch vorhandenen Textbestand
nur etwa ein Viertel enthalten, im großen ganzen anscheinend aber gerade die ältesten
und wichtigsten Teile. Dieser große Verlust innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit
hängt letztlich mit der islamischen Eroberung Irans Mitte des 7. Jahrhunderts zu­
sammen, die die Zoroastrier schwer getroffen, zum Teil auch nach Indien ins Exil
getrieben hat und die vor allem zu einem immensen Schwund von Handschriften -
vorhandene gingen verloren, neue wurden nicht kopiert - und in letzter Konsequenz
somit zum Verlust von Texten überhaupt geführt hat. Von jenen Texten, die diese Zeit
überdauert haben, liegen uns nur sehr viel jüngere und oftmals nicht gut erhaltene
Handschriften vor, deren älteste (der Kopenhagener Codex K 7a.b) aus dem späten 13.
Jahrhundert stammt, während die meisten und wichtigsten gar erst im 16. bis 18.
Jahrhundert kopiert worden sind. Aus diesen Handschriften, die zu unterschiedlichen
Klassen (die den Avestatext allein oder zusammen mit PahlavI- und/oder Sanskrit-
Übersetzung enthalten) und zu verschiedenen (indischen oder iranischen) Über­
lieferungszweigen gehören, die für die einzelnen Texte jeweils genau zu beachten sind,
läßt sich nach den vornehmlich in der Klassischen Philologie entwickelten Methoden
der Textkritik nur auf deren gemeinsame Stammhandschrift schließen, die durch
zahlreiche in allen Handschriften vorliegende Fehler nahegelegt wird und die etwa um
das Jahr 1000 n. Chr. angesetzt werden kann. Dabei ist aber auch zu beachten, daß die

4
Grundlegend für die Analyse der avestischen Schrift ist jetzt Hoffmann/Narten; vgl. auch Hoff-
mann/Forssman, bes. 3 9 - 4 3 . Diesem Werk (S. 41) ist auch die Schriftlafel von Abb. 1 entnommen.
' Eine „zeitliche Übersicht über die Vorstufen und die Geschichte des Avestischen" bieten Hoff-
mann/Forssman, 37 f.
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Vgl. Hoffmann/Narten, 36.
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Abb. 1: Schrifttafel der Avestaschrift (aus Hoffmann-Forssman, 41)


mündliche Tradition (die Textweitergabe durch Auswendiglernen) diejenige durch
Kopisten immer beeinflussen konnte, da diese den abzuschreibenden Text ja auswendig
kannten und deshalb unbewußt (wenn nicht gar bewußt) verändern konnten.
Für die gesamte weitere Rekonstruktion der Texttradition von der Zeit des
jeweiligen Verfassers über den Säsänidischen Archetypus bis zu jener Stammhand­
schrift lassen sich aus dem überlieferten Wortlaut heraus nicht unmittelbar, höchstens
durch die Analyse der Schriftzeichen irgendwelche Schlüsse ziehen. Deshalb muß die
Verläßlichkeit jeder einzelnen Form einer zusätzlichen Überprüfung auf ihre sprach­
liche, v. a. lautgeschichtliche Plausibilität unterzogen werden, wobei in aller Regel dem
engstens verwandten Altindoarischen der ältesten vedischen Texte - gewissermaßen als
7
indirektem Zeugen des vorauszusetzenden Urarischen , des entfernten Vorläufers des
Avestischen - entscheidende Aussagekraft zukommt.

2.3. Die Avestatexte haben bis zu jenem Säsänidischen Archetypus schon eine lange
(Vor-)Geschichte hinter sich, in deren Verlauf sich manche Änderungen vollzogen
haben und sich insbesondere die Aussprache bei der liturgischen Rezitation der Texte
weiterentwickelt hat. Die erste Frage, die zu stellen ist, muß die sein, ob dem
Säsänidischen Archetypus, wie man mitunter postuliert hat, ein in früherer Zeit (etwa
unter den Arsakiden) mit den unzureichenden Mitteln der PahlavTschrift oder eines
verwandten Systems aufgezeichneter Text vorausgegangen ist. Insbesondere Friedrich
Carl Andreas hatte mit einem arsakidischen Archetypus gerechnet, der später rein
mechanisch in die avestische Schrift umgeschrieben worden sei, und hatte dement­
sprechend postuliert, daß man die überlieferten avestischen Formen ebenso mechanisch
wieder zurückverwandeln müsse. Diese Andreas'sche Theorie wird heute allgemein
abgelehnt, nicht zuletzt deshalb, weil die phonetisch so überaus getreue avestische
Schrift offenkundig entwickelt worden ist, um die Einzelheiten der tatsächlichen Rezi­
tationsaussprache genau zu bezeichnen, nicht um die Lautgestalt eines nicht eindeutig
geschriebenen Textes wiederherzustellen. Und damit werden die wenigen Punkte, die
sich mit Hilfe jener Theorie vielleicht einfacher erklären lassen mögen, mehr als aufge­
wogen.
Über die Geschichte der mündlichen Texttradition, die dem Säsänidischen Arche­
typus vorausgeht, lassen sich einzelne begründete Aussagen machen: In der Säsäni-
denzeit ist als religiöse Sprache der Zoroastrier, wie auch die Gesamtheit des an das
Avesta anknüpfenden exegetischen Schrifttums zeigt (vgl. hierzu Kapitel 3.5), das
Mittelpersische gebraucht worden, wahrscheinlich aufgrund jahrhundertelanger Praxis
(seit der Achaimenidenzeit), die auch mit mündlicher Überlieferung des Avesta in der
Persis Hand in Hand geht. Ein sprachliches Indiz dafür sieht man in der im Avestischen
und Altpersischen übereinstimmenden Entwicklung der Lautgruppen Konsonant + iran.
*i oder *u, in die ein Vokal i bzw. u eingefügt wird (avest. a'niia- [d.i. aniya-] „ander"
= altpers. aniya- < iran. *anya- = ved. anyä-; avest. ha"ruua- [d. i. haruva-] „all, ganz"

7
Hierfür verweise ich auf die Ausführungen in Kapitel 1.1-3.
= altpers. haruva- < iran. *harva- = ved. särva-), was als persischer Dialekteinfluß eine
Erklärung findet. Lautliche Gemeinsamkeiten des Avestischen mit dem (erst auf
mitteliranischer Stufe bekannten) Sogdischen und mit dem Parthischen lassen vermu­
ten, daß auch Sprecher dieser Sprachen im Laufe der Avesta-Überlieferung eine Rolle
gespielt haben. Viel wichtiger scheinen Spuren eines vom Avestischen abweichenden
ostiranischen Dialektes zu sein, der, wie weiter unten (Kapitel 2.15) noch dargelegt
werden soll, speziell auf Arachosien deutet und deshalb nach Karl Hoffmann eine
8
arachotische Avesta-Tradition vor der Verpflanzung in die Persis nahelegt .
Daß das Avesta-Corpus und damit die Avesta-Sprache nicht genau lokalisiert
werden kann - wenn denn alle Teile der Textsammlung überhaupt in derselben Gegend
entstanden sind (vgl. unten) - , wurde schon betont. Völlig sicher steht nur fest, daß das
Avestische, das sich vom Altpersischen in einzelnen Zügen deutlich unterscheidet,
nicht der Dialekt der Persis ist. Alles Weitere ist nicht mit letzter Bestimmtheit zu
behaupten, und deshalb wurden auch schon die unterschiedlichsten Thesen aufgestellt.
Die in jungavestischen Texten vorkommenden und lokalisierbaren geographischen
Namen weisen jedenfalls auf den ostiranischen Raum als ursprüngliches Wirkungs­
9
gebiet Zarathustras, am wahrscheinlichsten gemäß dem Vorschlag Helmut Humbachs
auf das Bergland um Mashad und Saraxs bzw. die Flußgebiete von HarT-rüd und
Kasaf-rüd.

2.4. Die Sprachform der avestischen Texte insgesamt ist nicht einheitlich; es lassen
sich zwei Hauptgruppen unterscheiden, die nicht nur chronologisch, sondern in
einzelnen Punkten auch dialektologisch voneinander zu trennen sind: Das Altavestische
(oder Gäthische) liegt in den 17 zarathustrischen Gäthäs (Yasna 28-34; 43-51 und 53),
im sog. Yasna Haptanhäiti (Yasna 35, 3-41, 6) und in einigen weiteren kurzen Text­
passagen vor. Ihm steht in der Hauptmasse der Texte das Jungavestische gegenüber,
wobei es auch ein paar kleine ursprünglich jungavestische Texte gibt, die nur äußerlich
ein altavestisches Aussehen bekommen haben. Das auffälligste lautliche Merkmal des
Altavestischen besteht darin, daß alle auslautenden Vokale als Langvokale geschrieben
werden, im Gegensatz zum Jungavestischen, das (außer in einsilbigen Formen) nur
auslautende Kurzvokale kennt: vgl. einerseits 3. P. Sing. Perf. altavest. vaedä „er weiß"
= jungavest. vaeöa = ved. veda < indoiran. *uäida, andererseits Nom. Sing. fem.
altavest. varj"hi „die gute" = jungavest. varj"hi < iran. *vahvT = ved. väsvT. Nicht als
rein chronologischer Unterschied läßt sich erklären, daß das Adjektiv vispa- „all, ganz"
im Altavestischen wie ein Substantiv flektiert wird (mit Nom. Plur. mask. vlspanhö),
während im Jungavestischen die (nach Ausweis der vedischen Form) ererbte pronomi­
nale Flexion erhalten ist in Nom. Plur. mask. vispe = ved. visve < indoiran. *uicuai, so
wie auch in einigen verwandten indogermanischen Sprachen Adjektive, die von ihrer
Bedeutung her Pronomina nahestehen, zum Teil wie solche flektiert werden. Aber auch
innerhalb der Gruppe der altavestischen Texte besteht anscheinend keine absolute

8
Zu den Dialekteinflüssen vgl. Kellens, Avestique, 35 §§ 2.1.1.5.2-4.
" Vgl. Humbach, 30-49.
sprachliche Gleichförmigkeit, etwa insofern daß zu der Wurzel varz- „machen, wirken"
in den Gäthäs ein s-Aorist vars-, im Yasna Haptanhäiti aber ein Wurzelaorist varz-
gebraucht wird.
Die jungavestischen Texte sind von sehr unterschiedlicher sprachlich-stilistischer
und inhaltlicher Qualität. Die eigenständigsten und anspruchsvollsten Abschnitte (v.a.
der sog. großen Yasts) lassen sich in ihrer Sprachform, insbesondere wegen des de
facto eingetretenen Verlustes des ererbten Gegensatzes zwischen den verschiedenen
Vergangenheitsausdrücken, ungefähr auf die gleiche Entwicklungsstufe stellen wie das
Altpersische der Achaimenidenzeit. Sie werden deshalb auch etwa in das 6. bis 5.
Jahrhundert v. Chr. datiert und machen folglich eine um mehrere Jahrhunderte höhere
Datierung der Gäthäs (vgl. oben Kapitel 2.2) notwendig. Andere Texte sind von sehr
viel geringerem Rang und zeigen eine sehr uneinheitliche und oft grammatisch fehler­
hafte Sprache, die deutlich verrät, daß die Textverfasser oder -kompilatoren sie gar
nicht mehr verstanden haben.
Die größeren Bücher des Avesta-Corpus sind: (1) das Buch Yasna („Opfer") mit
vermischten liturgischen Texten und Gebeten, darin eingebettet die Gäthäs oder
„Lieder" des Zarathustra und der (sog. „siebenteilige") Yasna Haptanhäiti; (2) als
Anhang dazu das Buch VTsperad mit Anrufungen an „alle Herren" (avest. vlspe
ratauuö); (3) die Yasts (mittelpers. yast „Gebet"), großenteils metrische Götter-
preislieder mit stereotypen Eingangs- und Schlußformeln, darunter die sog. großen
Yasts (Yast 5, 8, 10, 13, 14, 17, 19; dazu zwei weitere im Buch Yasna überlieferte
Texte), die mit Resten altiranischer epischer Dichtung auch literarhistorisches Interesse
verdienen; (4) das Buch Videvdäd (avest. vidaeuua- data- „Gesetz über die Ab­
schwörung der Götter"), eine im ganzen wohl jüngere Sammlung religiöser Gesetze
und ritueller Vorschriften.

2.5. Bei der Aufzeichnung des Avesta-Corpus in avestischer Schrift wurde, wie gesagt,
von Anfang an versucht, alle Feinheiten der Rezitationsaussprache des mündlich über­
lieferten Textes so lautgetreu wie nur möglich wiederzugeben. Abgesehen von Verän­
derungen in der weiteren Überlieferung, mit denen natürlich gerechnet werden muß, ist
nicht jedes Detail der seinerzeit angestrebten phonetischen Schreibung des Avestatextes
als sprachlich relevant und bedeutungsunterscheidend zu betrachten, also als „phone­
misch" anzusehen.
Ein einfaches Beispiel, bei dem drei solcher Punkte zu beachten sind, die Form
mäijhdm, soll dies deutlich werden lassen: Hier geht es einmal um das Zeichen ä, das in
seinem Gebrauch sehr beschränkt ist, da es sich im Wortinlaut nur vor rjh, rjh, rfh und
vor n + Konsonant in solchen Fällen findet, wo ä erwartet wird, so daß ä also kein
Phonem ist, sondern nur eine auf bestimmte Stellungen oder Kontexte beschränkte
Variante des Phonems ä; im sprachwissenschaftlichen Fachjargon heißt dies: ä ist ein
stellungsbedingtes (oder kontextsensitives) Allophon von ä. - Der auf solches a oft
folgende velare Nasal rj (mit den palatalisierten und labialisierten Varianten g und tf)
ist gleichfalls nicht phonemisch, da er (abgesehen von nachträglich durch Lautschwund
erst zustande gekommenen Verbindungen) nur vor h auftritt, wobei er selbst sekundär
ist und sozusagen parasitär vor h entwickelt wurde. - Und schließlich ist avest. a vor
wortschließendem Nasal (also in -am und -an), wie z. T. auch in anderen Stellungen,
aus a entstanden, das in dieser Position nicht vorkommt, so daß also auch a hier nur
„Allophon" von a ist. Alle drei Punkte zusammengenommen besagen, daß eine Form
wie das handschriftlich überlieferte märjhdm, Akk. Sing. mask. „den Mond, Monat",
wenn man sie aller zwar phonetisch realisierten, aber phonemisch irrelevanten
10
Eigenschaften entkleidet, für /mäham/ steht, das, nur durch den inneriranischen
Übergang von *s > h verändert, in genauer Entsprechung ved. masam gegenübersteht.
Viele der lautlichen Veränderungen, die sich im Avestischen vollzogen haben -
insbesondere bei den Vokalen sind die Varianten sehr zahlreich, zweifellos als Folge
der Rezitationspraxis und des Bestrebens, diese genau wiederzugeben - , lassen sich
nicht genau chronologisch fixieren und einem bestimmten Stadium der Texttradition
zuordnen. Man hat sie aber bei jeder einzelnen Form im Auge zu behalten, um diese
hinsichtlich ihres sprachlichen Wertes richtig beurteilen zu können.
Andere Erscheinungen, die das Aussehen avestischer Wörter stark verändern, diese
oft recht bizarr erscheinen lassen und die geradezu ein typisches Charakteristikum des
Avestischen ausmachen, sind Anaptyxe und Epenthese: Anaptyktische (oder
Sproß-)Vokale, meistens in Form von a, dienen sehr häufig dazu, die Aussprache von
Konsonantengruppen, insbesondere auch solchen mit r, zu erleichtern. So stehen z. B.
3 3
avest. ar -&a- „Sache" für /arr>a-/ = ved. ärtha-, g nä- „Frau" für /gnä-/ = ved. gna-,
us'mahT „wir wünschen" für /usmahi/ = ved. usmäsi usw. - Durch Epenthese, d. h.
Einschub von i bzw. u (die aber einer etymologischen Grundlage entbehren) - sie
werden deshalb hochgestellt - wird die durch t, ü (= ii) oder I (< *ai oder *iä) bzw. u
der folgenden Silbe hervorgerufene palatalisierte bzw. labialisierte Aussprache eines
Vokals bezeichnet: So steht z. B. altavest. a'bl „zu" für /abi/ = altpers. abi = ved. abhi
oder po"ru „viel" für *poru < /paru/ = altpers. paru (= ved. purü). Beide
Erscheinungen, Anaptyxe und Epenthese, können auch gemeinsam vorkommen, etwa
in altavest. d"'bitä „ein weiteres Mal" für /dvitäV = altpers. duvitä- = ved. dvita.
Dadurch wird das geringere Alter der Epenthese erwiesen.
Bei den Vokalen ist im übrigen zu bemerken, daß Lang- und Kurzvokale häufig eine
unmotivierte Veränderung dessen zeigen, was durch den Vergleich mit anderen
iranischen Sprachen oder dem Altindoarischen nahegelegt wird, daß solche Auffällig­
keiten aber teilweise ganz konsequent befolgt werden. Während z. B. der avestische
Fortsetzer des Präverbs indoiran. *ni- „nieder" immer ni- lautet, wird indoiran. *ui-
„auseinander, weg" konsequent durch avest. vT-, mit langem I, vertreten, so wie über­
haupt fast jeder Wortanlaut *ui- im Avestischen als vT- erscheint. Ebenso wie dies
zunächst unverständlich vorkommt, steht es auch mit folgendem Beispiel: Im Gegen­
satz zu avest. ahura- „Herr; (Gott) Ahura", das mit seinem -u- genau zu ved. äsura-
stimmt, weicht das davon abgeleitete feminine Adjektiv ähurT- „von Ahura stammend"

Dieser Lautwandel ist oben in Kapitel 1.7 besprochen worden.


(vgl. ved. äsun-) in der Quantität des -ü- ab, während die hierzu gehörige Genetivform
ähuröis ihrerseits dann wieder -u- zeigt. Aus den Fällen solcher Störung des ererbten
Quantitätsgegensatzes hat man geschlossen, daß hier gar nicht verschiedene Quanti­
täten (lange und kurze Vokale), sondern vielmehr verschiedene Öffnungsgrade der
Vokale (offenere und geschlossenere Vokale) bezeichnet worden seien, denn auch in
anderen Sprachen werden bzw. wurden die kurzen Vokale geschlossener artikuliert und
die langen offener.

2.6. Die Stamm- und Formenbildung des Nomens, Pronomens und Verbums bewahrt
im Avestischen im großen ganzen die indoiranischen Verhältnisse, entspricht also weit­
gehend der des Altpersischen und stärker noch der des ältesten Altindoarischen,
weshalb die systematische Heranziehung vedischer Vergleichsformen für das Verständ­
nis des Avestischen unverzichtbar ist.
Das Avestische bewahrt unverändert den ererbten Zustand des Nomens der indo­
germanischen Grundsprache und des Urarischen, insofern als es drei grammatische
Genera, drei Numeri (neben Singular und Plural auch den Dual zur Bezeichnung von
zwei Personen oder Gegenständen) und acht Kasus (Nominativ, Vokativ, Akkusativ,
Genetiv, Ablativ, Dativ, Lokativ, Instrumentalis) unterscheidet. All diese Funktionen
werden durch Endungen bezeichnet, die an den sog. Stamm (auf -a-, -ä-, -i-, -ü-, -i-,
-u-, -n-, -r-, -r-l-n-, -man-, -ah- oder Konsonant) antreten, der seinerseits zum Teil in
unterschiedlichen Ablautstufen erscheint (z. B. -i-l-ai-, -u-l-au-), wobei in aller Regel -
aber auch hier bewahrt das Avestische nur uraltes Erbe - die sog. „starken" Kasus
(Sing.: Nom., Akk., Lok.; Dual: Nom.-Akk.; Plur.: Nom.) den „schwachen" Kasus
gegenüberstehen (z. B. zu äp-, fem. „Wasser" Sing. Nom. äfs < *äp-s, Akk. äp3m, aber
Instr. apa = ved. ap-ä). Eine Neuerung des Jungavestischen, die es z. B. mit dem
Lateinischen gemein hat, besteht darin, daß es für alle Stammklassen im Singular
eigene Ablativformen auf -/ besitzt (etwa zu dem i-Stamm ga'ri-, mask. „Berg" Abi.
garöi-t), während das Altavestische noch den ererbten Zustand bewahrt hat, daß der
Ablativ überall dem Genetiv gleich ist außer bei den a-Stämmen (zu yasna- „Opfer"
Abi. yasnät).
Für das Verbalsystem gilt im Prinzip das gleiche: insbesondere das des Alt-
avestischen ist sehr archaisch - daß im Jungavestischen die verschiedenen Formen zum
Ausdruck der Vergangenheit praktisch nicht mehr auseinandergehalten werden, ist
schon betont worden - , im ganzen und in vielen Details ist es dem Vedischen, dessen
Altertümlichkeit es manchmal noch in den Schatten stellt, vergleichbar, so daß es
immer mit dessen vollständig und eben nicht nur bruchstückhaft erkennbarem System
zu konfrontieren ist. Die verschiedenen grammatischen Funktionen werden durch die
sog. Personalendungen bezeichnet, von denen es vier verschiedene Gruppen gibt (die
sog. Primär- und Sekundärendungen, ferner eigene Imperativ- sowie Perfektendungen)
und die jeweils drei Personen in drei Numeri sowie zwei sog. Diathesen angeben
(Aktiv und Medium, dies zum Ausdruck des eigenen Interesses des Subjekts oder des
reflexiven, reziproken usw. Charakters der Handlung).
Von der Wurzel eines Verbums, der dessen lexikalische Bedeutung innewohnt,
werden durch antretende Suffixe die sog. Tempusstämme (Präsens-, Aorist- und
Perfektstämme) gebildet, die in Wirklichkeit aber nicht Tempora bezeichnen: Durch
den Präsensstamm wird vielmehr eine im Verlauf befindliche Handlung (oder ein
allgemeiner Sachverhalt ohne Zeitbezug), durch den Aoriststamm (den das Jung-
avestische nur noch in Resten kennt) eine abgeschlossene Handlung zum Ausdruck
gebracht, während der außerhalb der Opposition von imperfektivem gegenüber
perfektivem Aspekt stehende Perfektstamm ursprünglich einen Zustand charakterisiert,
der das Ergebnis einer vorhergegangenen Handlung darstellt. Innerhalb dieser
zahlreichen und gleichfalls in ihrem Formenreichtum ererbten sog. Tempusstämme
werden des weiteren ebenso wie im Vedischen mehrere Modi unterschieden: Indikativ,
Injunktiv, Imperativ, Konjunktiv und Optativ. Ein genauer Tempusbezug wird nur
durch die sog. Primärendungen zum Ausdruck gebracht, die (im Indikativ Präsens) die
aktuelle Gegenwart der Handlung bezeichnen, ähnlich wie dies bei der sog.
Verlaufsform des Englischen der Fall ist. Die sich aus diesem Ensemble von
funktionellen Kategorien und Unterscheidungsmöglichkeiten ableitende Formen­
vielfalt, die zu jeder Wurzel Hunderte von einzelnen Formen zu bilden erlaubt, kann
hier nicht im einzelnen dargestellt werden.
Der Ausdruck des Futurs geschieht durch Formen zu einem Stamm auf iran. *-sya-
(altavest. vax-siiä „ich werde sagen" = ved. vaksyä- von der Wurzel vac „sprechen,
reden"), der wie ein normaler Präsensstamm konjugiert wird. Vergleichbar ist die
11
Behandlung des Passivs , die ebenfalls durch eine eigene Stammbildung erfolgt,
nämlich auf indoiran. *-ya- (avest. kir-iia- „getan werden" < indoiran. *kr-yä-),
verbunden mit aktiven oder medialen Personalendungen. Eine ganz bemerkenswerte
Ausdrucksweise, die sich auch im Altpersischen wiederfindet, ist die Bezeichnung
einer wiederholten Handlung in der Vergangenheit durch den (gewöhnlich mit dem
12
Augment versehenen) Optativ Präsens: z. B. apataiidn „sie pflegten dahinzustürmen"
(vgl. altpers. aväjaniyä < *ava-a-jan-yä-t „er pflegte zu töten").

2.7. Um den hocharchaischen Charakter des Altavestischen anzudeuten, sollen zwei


Beispiele genügen: Bei den thematischen Präsensstämmen (auf -a-) weist das Alt-
avestische in der 1. P. Sing. Ind. Akt. die „kurze" Form -ä (z. B. zu pdrdsa- „fragen"
p3r3sä „ich frage") ohne die im Jungavestischen, im Altpersischen und im gesamten
Altindoarischen ausnahmslos durchgeführte Endung -mi auf (vgl. jungavest. barä-mi
„ich trage" = ved. bhärä-mi), so daß es hierin griech. (pepoo, latein./erö näher steht als
seinen engsten Verwandten. - Zu der Wurzel avest. ah- „sein" < indoiran. *as- lautet
die Imperativform der 2. P. Sing, altavest. z-di „sei!" mit der regelgemäß schwund­
stufigen Form *s- der Wurzel, während hier das AJtindoarische (wohl vom Plural her)
h
die Vollstufe der Wurzel eingeführt hat in ved. edhi < urindoar. *as-d i.

" Vgl. bereits Kapitel 1.1, Punkt (f) der indoiranisch.cn Gemeinsamkeiten.
12
Das sog. Augment dient im Indikativ Imperfekt und Aorist zum Ausdruck der Zeitstufe Vergan­
genheit.
Der Wortschatz des Avestischen zeigt eine besonders auffällige Eigenheit darin, daß
infolge der dualistischen Weltsicht des Zoroastrismus viele Begriffe durch zwei
unterschiedliche Wörter (Personen-, Sach- und Tätigkeitsbezeichnungen) ausgedrückt
werden, je nachdem ob die „gute" Welthälfte des Ahura Mazda „Herr Weisheit" oder
die „böse" der Daeuuas „Dämonen" (d. h. der vor-zarathustrischen Götter) betroffen
ist. So ist die ganze Welt zweifach unterteilt, angefangen von den „guten" ibaga-,
eigentlich „[Gott] Zuteilung", yazata- „Verehrungswürdiger") und „schlechten"
v
Göttern (daeuua-), von denen die einen einen „Mund" (äh-) haben und „essen" (x ar-),
die anderen aber einen „Rachen" (zafar-) haben und „fressen" (gah-), bis zu der
ureigensten Lebenswelt der an Ahura Mazda bzw. das Böse glaubenden Menschen,
denn während der „Sohn" eines Rechtgläubigen puüra- (= altpers. puqa-, ved. puträ- <
idg. *putlö-) genannt wird, heißt der eines Daeva-Anhängers hunu- (= ved. sünü- < idg.
*sünü-). Wie es zu dieser semantischen Dichotomie im Wortschatz gekommen ist und
inwieweit Euphemismen, tabuistische Umschreibungen und ähnliche Erscheinungen
dabei eine Rolle spielten, ist noch nicht in allem aufgeklärt. Das Phänomen selbst aber
ist ganz eigenartig.

2.8. Im Gegensatz zum Avestischen mit seinen Überlieferungsproblemen ist das


1 3
Altpersische in den Königsinschriften der Achaimeniden vom 6. bis zum 4.
Jahrhundert v. Chr. authentisch bezeugt und damit frei von Fehlern, Verbesserungen
und Veränderungen durch spätere Kopisten. Und es ist in Raum und Zeit fest verankert,
da es im wesentlichen einen südwestiranischen Dialekt, den der Persis (des heutigen
Färs) repräsentiert. Gleichwohl sind auch mit dieser Sprache besondere Probleme
verknüpft, die sich zum einen aus dem für sie benutzten Keilschriftsystem, zum
anderen aus dem geringen Umfang des Textcorpus, zum dritten aber auch daraus
ergeben, daß die in den Inschriften bezeugte Sprachform nirgends genau so gesprochen
worden, daß sie also insofern „künstlich" ist, als sie mit dialektfremden Wörtern sowie
archaischen Formen durchsetzt ist und deutliche Charakteristika einer Stilisierung in
sich trägt.
Das Altpersische ist in seinem Gebrauch auf den Großkönig beschränkt, ist also
„Sprache des Königs", und nicht nur deshalb darf man annehmen, daß es sich hier um
die Muttersprache der Königsfamilie handelt. Des weiteren ist deutlich, daß das
Altpersische zu Repräsentationszwecken dient, da es für Inschriften verwendet worden
ist, die zum Teil gar nicht zum Lesen bestimmt sein konnten, weil sie nämlich entweder
zu hoch oben an Felswänden eingemeißelt oder (wie bei mehreren Gründungsurkunden
von Palästen) eingemauert worden waren. Solche Texte muß es natürlich auch in
anderer Form gegeben haben; und in der Tat sind aus anderen Reichsteilen (hie
Babylon, da Oberägypten) für eine der großen Inschriften Reste einer Abschrift auf
Stein bzw. einer aramäischen Übersetzung auf Papyrus bekannt.

" Vgl. Schmitt, Altpersisch.


Mit Nachdruck ist auch zu unterstreichen, daß das Altpersische nicht über das ganze
14
Achaimenidenreich verbreitet worden ist, jenes Großreich und jenen Vielvölkerstaat,
den Kyros II. (559-530 v. Chr.) nach der Unterwerfung der Meder binnen weniger
Jahre begründet hat und der dann unter Dareios I. (522-486 v. Chr.) seine größte
Ausdehnung erreichte. Für die eigentliche Reichsverwaltung spielte das Altpersische
überhaupt keine Rolle. Kanzleisprache, offizielle Schrift- und Verwaltungssprache ist
vielmehr das Aramäische gewesen, das in der modernen Forschung sog. „Reichs­
aramäische", und zwar sowohl in der zentralen Reichsverwaltung wie in der
Regionalverwaltung einzelner Reichsländer und im interregionalen Schriftverkehr.
Daneben wurden, aber nur in beschränktem Umfang, auch lokale oder regionale
Sprachen gebraucht, z. B. das Elamische in der Hofverwaltung von Persepolis, das
Babylonische in Babylonien, das Ägyptische in Ägypten, das Griechische und
verschiedene einheimische Sprachen in Kleinasien.
Man kann also das Altpersische als die „Sprache des achaimenidischen Königtums"
bezeichnen, die nur dessen Prestige fördern und sozusagen ad maiorem regis gloriam
dienen soll. Gleiches gilt für die altpersische Keilschrift, eine reine Prunkschrift, die
nicht für den Alltag bestimmt war. Die meisten der Inschriften in dieser Schrift und
Sprache stammen aus der Persis (aus Persepolis, vom Grab Dareios' I. in Naqs-i
Rustam und aus Pasargadai), aus Elam (aus Susa, darunter zwei längere Bauinschriften
und die Inschrift einer dort gefundenen, aber in Ägypten geschaffenen Dareios-Statue)
und aus Medien (aus Ekbatana/Hamadän sowie, als größte und politisch-historisch
bedeutsamste Inschrift, die vom Felsen von BTsutün). Von den übrigen Texten sind die
drei Inschriften Dareios' I. vom Suezkanal die wichtigsten.
Die in aller Regel dreisprachig auf Altpersisch, Elamisch und Babylonisch
abgefaßten Inschriften - bei den in Ägypten entstandenen Texten kommt eine
hieroglyphische Fassung hinzu - stehen überall, wo sich eine bestimmte Rangfolge
(und nicht ein chronologisches Nacheinander) erkennen läßt, in eben dieser Reihung.
Das Altpersische hat den Vorrang offensichtlich als Muttersprache der Herrscher­
dynastie vor dem Elamischen, das die jahrtausendealte Kultursprache jener Gegenden
war, die sich die Achaimeniden zuerst unterworfen hatten. Mit diesem Anknüpfen an
Elamisches hängt es letztlich aber auch zusammen, daß die achaimenidische Hof­
verwaltung bis nach 460 v. Chr. auf Tontäfelchen in elamischer Sprache geführt wurde.
Da das Babylonische in achaimenidischer Zeit außerhalb Babyloniens keine offizielle
Verwendung fand, ist es auffällig, daß die Könige es in ihren Inschriften überhaupt
pflegen; offenbar knüpfen sie auch hierin, so wie sie sich in der Nachfolge der großen
babylonisch-assyrischen Könige sehen, an alte mesopotamische Traditionen an.

2.9. Das Nebeneinander so zahlreicher Sprachen, wie man sie im Achaimenidenreich


findet - außer den schon genannten etwa noch Phrygisch, Lydisch, Lykisch,
Phoinikisch, Hebräisch, Arabisch und andere bis zum Indoarischen am Indus - , hat

14
Eine ausführliche Darstellung der Sprachsituation in diesem Reich bietet Schmitt, Sprachverhältnisse.
selbstverständlich zu einer Fülle gegenseitiger Beeinflussungen geführt. So wie Ein­
wirkungen des Altpersischen auf die aramäische Kanzleisprache und auf die Sprache
(v. a. die Syntax) der elamischen Übersetzungen der Königsinschriften festgestellt
worden sind, ist umgekehrt auch mit Einflüssen des Aramäischen und Babylonischen,
aber auch, wohl über assyrisch-medische Vermittlung, des Urartäischen auf das
Altpersische zu rechnen, letzteres sicher etwa im Falle der stereotypen Formel vasnä
Auramazdäha „nach dem Willen des Auramazdä". Ein ganz deutliches Beispiel für
Fremdbeeinflussung darf man auch bei der auffälligen Wortstellung in dem Königstitel
xsäyatfiya xsäyaßiyönäm „König der Könige" erkennen, wo der attributive Genetiv
nach den für die alten indoiranischen Sprachen gültigen Regeln der Wortfolge
eigentlich ebenso voranstehen müßte, wie dies später in mittelpers. sahän sah, neupers.
sähan-säh der Fall ist. Der achaimenidische Titel stellt offenbar die Lehnübersetzung
eines alten mesopotamischen (bei Assyriern und Urartäern bezeugten) Königstitels dar,
dessen ursprüngliche Wortfolge beibehalten worden ist.
Ein besonderer Effekt der Vielsprachigkeit des Achaimenidenreiches liegt darin, daß
die (oben kurz angesprochene) fremdsprachige Überlieferung eine Vielzahl von
iranischen Wörtern und insbesondere Namen bietet, die wegen des beschränkten
Textcorpus im Altpersischen selbst (oder auch im Avestischen) nicht erhalten
geblieben sind. Solches aus fremden Quellen bekanntes altiranisches Sprachgut hat
schon bei der Keilschriftentzifferung eine Rolle gespielt und ist immer berücksichtigt
worden. Angeregt durch zahlreiche Neufunde und -editionen, hat sich die Forschung in
den letzten Jahrzehnten gerade um diese Materialien der sog. „Nebenüberlieferung"
besonders intensiv bemüht und aufgezeigt, daß jeder der einzelnen Überlieferungs­
zweige seine besonderen Probleme bietet und ebenso strenge wie systematische
Untersuchung erfordert.

2.10. Ein äußerst interessantes und aufschlußreiches Beispiel für die Vielfalt dieser
Nebenüberlieferung und für die Mannigfaltigkeit der mit ihr verbundenen Detailfragen
bietet der (weiterhin auch in viele europäische Sprachen übernommene) Titel
15
„Satrap" . Dieser ist zwar auf den Königsinschriften in der Form altpers. Nom. Sing.
xsagapävä (Stamm -van-) bezeugt, die sich unschwer analysieren läßt in altpers. xsaqa-
- avest. xsaßra- < iran. *xsat)ra- = ved. ksaträ- „Herrschaft, Reich, Königtum" und ein
Nomen agentis *-pä-van- „schützend, Schützer", das mit Suffix -van- von der Wurzel
indoiran. *pä- „schützen" gebildet ist. Der Titel bezeichnet also - und zwar mit einer
6
(wegen -c-) typisch persischen Dialektform - den „Reichs- oder Herrschaftsschützer"' .
Mit dieser altpersischen Form des Titels lassen sich die zahlreichen anderssprachigen
Belege, die es gibt, jedoch nicht ohne weiteres gleichsetzen, ausgenommen nur die

15
Ausführlich wird das Gesamtmaterial vorgelegt und besprochen von Schmitt, Titel „Satrap".
Bemerkenswerterweise ist die verbale Fügung xsagam + pci- „die Herrschaft/das Reich schützen", die
gleichfalls in den Texten bezeugt ist, immer auf den obersten Gott Auramazdä bezogen. Dies bedeutet
bei dem terminologischen Gebrauch des Titels also eine Spezialisierung und Verengung der Bedeutung.
elamische Form sa-ak-sa-ba-ma, die sich als eine (wenn auch nicht ganz getreue)
Wiedergabe des altpersischen Nominativs erklären läßt.
Dem stehen nun eine ganze Reihe anderer Zeugnisse gegenüber, die sich im
Wortausgang von altpers. -pävan- unterscheiden und die als ersten Bestandteil des
Titels eine Form *xsar)ra- voraussetzen, also jene Form, die fast überall in Alt-Iran
außer bei den Persern zu erwarten ist, unter anderem im Dialekt der Meder. Und wenn
die Dinge denn so liegen, läßt sich dies aus historischen Erwägungen nicht anders
interpretieren, als daß dieser Titel bereits bei den Medern existiert und sich in
medischer Lautgestalt verbreitet hat. So bieten spätbabylonische Wirtschaftstexte die
Form ahsadrapanu (ah-sä-da-ra-pa-nu usw.), die altiran. (hier also med.) *xsaßra-pä-
na- widerspiegelt; sowohl in den hebräisch wie den aramäisch geschriebenen Büchern
des Alten Testaments findet man '"hasdarpan, das offenbar für dieselbe Ausgangsform
steht und (wegen -d-) am wahrscheinlichsten durch babylonische Vermittlung - ich
erinnere nur an das Babylonische Exil der Juden - ins Aramäische und Hebräische
gelangt ist. Eine Stütze findet die Annahme dieser indirekten Entlehnung darin, daß in
den „reichsaramäischen" Inschriften eine abweichende, aber zum iranischen (medi-
schen) Original genauer stimmende Form begegnet, hsatrapan (geschrieben hstrpn-),
der auch ägypt. hstrpn (in hieroglyphischen und demotischen Quellen) entspricht, da
nämlich alle Iranismen des Ägyptischen durch das Aramäische vermittelt worden sind.
Im Griechischen ist nochmals eine andere Form reflektiert, med. *xsaüra-pä-, und
zwar nicht nur in der am weitesten verbreiteten Form ocn;p(X7ir|c, sondern auch in
einigen Varianten (mit E^-, -5p- usw.), die aber nur die griechische Wiedergabe der
ungriechischen Lautkomplexe /xs/ und /$r/ betreffen, nicht die Ausgangsform selbst.
Aus der gleichen Quelle wie all diese griechischen Formen stammt auch lyk. xssadrapa
bzw. xssadrapa-, wobei diese Form vorausgesetzt wird durch ein davon abgeleitetes
Verbum („Satrap sein", wie griech. oaTpaTceiJEtv), das wie die genannte reichs­
aramäische Form und die einmalige griechische Variante tja8pci.7r.ric, auf einer
dreisprachigen griechisch-lykisch-aramäischen Inschrift aus dem Letö-Heiligtum beim
lykischen Xanthos begegnet.
Die nach-achaimenidischen Wiedergaben im Syrischen und Lateinischen sowie die
Weiterentwicklungen im Parthischen, Mittelpersischen usw. erbringen für die Bestim­
mung der Ausgangsformen keine neuen Gesichtspunkte, so daß nur die Frage noch zu
beantworten bleibt, ob diese drei nebeneinanderstehenden Formen auf altiran. *-pä-
van-, *-pä-na- und *-pä- (sog. Wurzelnomen, gegebenenfalls mit Übergang zum
fl-Stamm *-pa-) als Wortbildungsmuster in Frage kommen. Und da zeigt sich sehr
schnell, daß neben der ersten Stammform, die ja im Altpersischen direkt bezeugt ist,
auch die beiden anderen nachgewiesen werden können und daß es in dem
nächstverwandten, aber bekanntlich viel reicher bezeugten Vedischen ähnliche Reihen
solcher Bildungen mit denselben Suffixvarianten gibt, so daß also hier in den
verschiedenen Überlieferungssträngen, deren Endpunkte wir vor uns haben, nur die
Wortbildungsmöglichkeiten ausgeschöpft worden sind, die in der Morphologie der
alten indoiranischen Sprachen zur Verfügung standen.
2.11. Die einzigen direkten Zeugnisse des Altpersischen sind, wie gesagt, die aus der
Zeit von Dareios I. bis zu Artaxerxes III. (359/8-338/7 v. Chr.) stammenden, insgesamt
sehr monoton-formelhaften und sich ständig wiederholenden Königsinschriften, die
sich ausnahmslos nur auf festen Gegenständen (Stein, Metall, Tontafeln), nicht aber auf
Pergament oder Papyrus finden, da die altpersische Keilschrift für solche Schriftträger
nicht taugte. Die große Mehrheit der Texte gehört in die Regierungszeit nur Dareios' I.
und Xerxes' I. (486-465 v. Chr.), während die Texte schon von dessen Sohn
Artaxerxes I. (465^125/4 v. Chr.) an rasch abnehmen und fast bloß noch vorgeprägte
Formeln enthalten und meist auch nur einsprachig-altpersisch sind.
In der Zeit nach Xerxes I. ist offenbar bereits mit der Weiterentwicklung der
Sprache zum Mittelpersischen hin zu rechnen, denn teilweise gravierende gramma­
tische Fehler in den späteren Texten deuten darauf, daß deren Verfasser die Sprache,
die sie der Tradition halber weitherhin verwenden wollten, nicht mehr vollständig
beherrschten. Wenn man sich bemüht, die Fehler im einzelnen zu analysieren und zu
erklären, so stellt man fest, daß es sich hier um Versuche der Textverfasser handelt,
Formen, die sie in der von ihnen im Alltag gesprochenen, schon fast auf den Stand des
Mittelpersischen fortgeschrittenen Sprache in anderer Gestalt, insbesondere ohne die
ursprünglichen Endungen gebrauchten, in solche der traditionellen Schriftsprache
zurückzuverwandeln, daß diese Versuche aber fehlgeschlagen sind, weil die laut­
geschichtliche Entwicklung infolge von konvergierenden Lautveränderungen teilweise
zu mehrdeutigen Formen geführt hat, und daß wir sie nur deshalb überhaupt zu
erkennen vermögen. Statt korrektem altpers. Akk. Sing, siyätim „Glück" findet man auf
einer der spätesten Inschriften von Artaxerxes III. zum Beispiel fälschlich säyatäm
geschrieben. Dies erklärt sich folgendermaßen: Altpers. siyäli- war zu „frühmittelpers."
(oder wie immer man diese Sprachform nennen will) sät geworden, dem aber nicht
mehr anzusehen war, ob -ä- hier auf altpers. -iyä- (was in diesem Fall das Richtige
gewesen wäre) oder auf altpers. -äya- fußte (wie es etwa für den Königstitel mittelpers.
sah < altpers. xsäyaßiya- gilt). Vielleicht durch den Königstitel verleitet, hat der des
Altpersischen nicht mehr mächtige Autor jedenfalls einen Fehlgriff getan und
gesprochenes sät in falsches säyat- rückverwandelt, - und dann obendrein (wie in
weiteren ähnlichen Fällen) nicht der richtigen Flexionsklasse zugeordnet.

2.12. Geschrieben sind die altpersischen Inschriften bekanntlich in einer eigenen


7
Schrift, der „altpersischen Keilschrift" (vgl. Abb. 2)' , die zum ersten Mal von Dareios
I. in seiner großen Inschrift am Felsen von BIsutün („DB") verwendet wurde. Daß
schon unter Kyros II., um die Muttersprache des Königs schriftlich fixieren zu können,
mit der Entwicklung dieses neuen Schriftsystems begonnen wurde, dieses dann jedoch
erst unter Dareios in Gebrauch genommen worden ist, lassen insbesondere einige
18
Auffälligkeiten vermuten, die zu der Annahme einer noch vor der Ingebrauchnahme

Die Schrifttafel von Abb. 2 ist Schmitt, Altpcrsisch, 63 entnommen.


Diese Auffälligkeiten hat Hoffmann im Detail besprochen und zu erklären versucht.
2. Die Sprachen der altiranischen Periode

Lautzeichen (abecedarisch geordnet):


TT T« <T>-
a b« d" 1
d d» P g' g" h* i

Ti= <r >TtT T<t= 1 u


W
a u
m m n n p» r»

TTT- K T <rT ^ 4 «IT TO- M


1
r" s* s* t* t» 9» u V* V 1
y* " z

Wortzeichen:

«T «TT
xs DH, DH 2 BG BU AM, AMj AMha
xsäyadiya- dahyu- baga- bümi- Auramazdä- Auramazdäha
„König" „Land" „Gott" „Erde" (GN) (GN, Gen.Sing.)

Worttrenner:
" (nur DB) \ (sonst)

Abb. 2: Schrifttafel der altpersischen Keilschrift (aus CLI 63)


der Schrift durchgeführten Reform des ursprünglichen Konzepts zwingen und damit
einen gewissen Zeitraum zwischen Schrift„erfindung" und Schriftverwendung voraus­
setzen. Nur in einer solchen aus formal-stilistischen Gründen (nämlich zur Vermeidung
komplexerer Zeichengebilde und gekreuzter Keile) vorgenommenen und überhastet
durchgeführten Reform finden die phonetisch unerklärlichen „Lücken" im Zeichen­
inventar und die dadurch verursachte inkonsequente Vokal- und Diphthong­
bezeichnung mit ihren zahlreichen Mehrdeutigkeiten eine überzeugende Begründung.
Und nur dies läßt auch verstehen, daß man sich bei der Ingebrauchnahme ganz auf das
Schreibenkönnen konzentriert und dabei die eindeutige Lesbarkeit des Geschriebenen
außer acht gelassen hat.
19
Daß die Schrift für den altpersischen BTsutün-Text eingeführt worden ist, wird
durch die Entstehungsgeschichte des Monumentes selbst bewiesen, da dort die
altpersischen Beischriften zu den Figuren des Reliefs und die große Inschrift nicht von
Anfang an vorgesehen waren und erst später eingefügt worden sind. Die ursprüngliche
Planung hatte nämlich nur elamische, eine erste Erweiterung dann auch babylonische
Beschriftung vorgesehen, aber keine altpersische. Diese Beschränkung auf die vor-
achaimenidischen Kultursprachen bei gleichzeitiger Nichtberücksichtigung der
Muttersprache der Könige kann nichts anderes bedeuten, als daß man bis dahin das
Altpersische eben noch nicht schriftlich verwendet hat.
Mit den alten mesopotamischen Keilschriftsystemen hat die altpersische Schrift
gemein, daß sie Keile und Winkelhaken als Elemente der einzelnen Schriftzeichen
verwendet und daß sie rechtsläufig geschrieben wird. Im übrigen aber ist sie eine
eigenständige Neuschöpfung, die sich auch die Vorzüge der aramäischen Konso­
nantenschrift zu eigen zu machen versuchte. Das Zeicheninventar (vgl. Abb. 2) umfaßt
- neben einigen (nicht konsequent benutzten) Wortzeichen, den Zahlzeichen und zwei
Varianten des Worttrenners - 36 Lautzeichen, die zu vier Gruppen gehören: 1. reinen
Vokalzeichen (a, /, u), 2. Konsonantzeichen mit inhärierendem i-Vokal, 3. solchen mit
inhärierendem u sowie, mehrheitlich, 4. solchen mit entweder inhärierendem a-Vokal
oder bloßem konsonantischem Wert (ba oder b usw.). Die Ambiguität dieser letzten
Gruppe, überhaupt der unsystematische Aufbau des Zeicheninventars (in dem n\ t'
usw. fehlen) macht eine Vielzahl von „Schreibregeln" nötig, die für die Wiedergabe
bestimmter Lautfolgen beachtet werden mußten, aber nicht jede Mehrdeutigkeit
ausschließen konnten. So sind etwa Langvokale (mit Ausnahme von -ä- im Wort-
innern) nicht sicher erkennbar, auslautende /-!/ und /-ü7 durch -i-y bzw. -u-v
geschrieben, Diphthonge nur teilweise von einfachen Vokalen unterschieden, Nasal­
20
konsonanten in antekonsonantischer Position praktisch nicht bezeichnet und ähnliches
mehr. Die Folge des Ganzen ist, daß kaum eine belegte Form wirklich eindeutig zu
interpretieren ist.

Dessen maßgebende Ausgabe ist jetzt die von Schmitt.


Die beiden letztgenannten Konventionen bedeuten einen empfindlichen Mangel, da sich deshalb in
Vcrbalformen weder /-ti/ von /-tai/ (Aktiv von Passiv) noch /-ti/ von /-nti/ (Singular von Plural)
unterscheiden läßt.
Aus den gegebenen Möglichkeiten ist durch philologisch-sprachwissenschaftliche,
meist etymologische Analyse die richtige auszuwählen, gewöhnlich indem man das
avestische oder altindoarische, das mittel- oder neupersische Gegenstück oder auch
einmal das Zeugnis der anderssprachigen Inschriftenversionen oder sonstiger „Neben­
überlieferung" zum Vergleich heranzieht. Ein triviales Beispiel soll dies für eine ganz
geläufige Form veranschaulichen: Während avest. asti „ist" durch die Avestaschrift
21 a
fast eindeutig wiedergegeben wird , bestehen für altpers. a-s -t"-i-y" „ist" theoretisch
72 Lesungsmöglichkeiten: für a vier (a, ä, an, än), für s" drei (s, sa, san), für f-i drei
2
(ti, ti, taif und für y" zwei (y, ya), insgesamt also 4 x 3 x 3 x 2 = 72. Daß die
Interpretation als „astiy", konventionelle Schreibung für /asti/ (vgl. oben), die einzig
richtige ist, kann man nur deshalb sicher behaupten, weil ved. asti, avest. asti die
Vorläuferformen als indoiran., iran. *ästi erweisen, mittel- und neupers. ast die
Fortsetzung bilden und innerhalb dieser Kette eine Alternative zu asti somit nicht
gegeben ist. Leider will nur nicht jede Formenbestimmung so einfach gelingen wie
diese.
Ein besonders komplexes Problem der Laut- und Schriftgeschichte betrifft das
silbische Irl, „Allophon" zu /r/ in der Stellung zwischen Konsonanten und anlautend
vor Konsonant: Es ist im Altpersischen erhalten, wahrscheinlich als [or] gesprochen
worden, aber in der Schrift nur behelfsweise bezeichnet, nämlich wie die Folge /ar/
durch das r-Zeichen. Um silbisches /r/ erweisen zu können, bedarf es deshalb
morphologischer Indizien (Wurzelschwundstufe in krta- „gemacht" = av. karata-, ved.
krtä-) oder - ich erinnere an das eben diskutierte Beispiel asti - etymologischer
Gleichungen mit Vorstufen oder Fortsetzern wie bei v-z-r-k- „groß" (das wegen -ur- in
neupers. buzurg als vazrka- anzusetzen ist) oder bei a-r-s-t-i- „Speer" (das wegen ved.
rsti- ebenso rsti- ist); im Anlaut lassen auch elamische Wiedergaben deutlich altpers.
/r-/ erkennen, das dort, anders als /är-/, durch ir- reflektiert ist.

2.13. Bei einzelnen Konsonantengruppen zeigt das Altpersische einen weiter als sonst
im Altiranischen fortgeschrittenen Entwicklungszustand. Dialektologisch bedeutsam
ist, wie schon in Kapitel 1.9, Punkt (m) ausgeführt, insbesondere der Wandel von
uriran. *tir > altpers. c (womit ein dem s relativ ähnlicher Laut gemeint ist), etwa in
altpers. puca- „Sohn" (> mittelpers. pus) = avest. pußra-, der das Altpersische deutlich
vor allem vom Medischen abhebt. Gleiches gilt auch für die Entwicklung von uriran.
*tsv > altpers. 5, etwa in altpers. asa- „Pferd" = avest., med. aspa-, wo das Altpersische
überhaupt für sich steht (vgl. ebenda Punkt (n)).
Das Phänomen der Epenthese, das für das Avestische so charakteristisch ist, läßt
sich im Altpersischen der Königsinschriften nicht nachweisen. Die aus der Neben­
überlieferung vorgelegten Belege dürften, soweit sie überhaupt anzuerkennen sind - ich
selbst habe hier starke Bedenken - , eher der gesprochenen altpersischen Umgangs-

21
Wie oben in Kapitel 2.4 ausgeführt wurde, ist die Schreibung des Auslautvokals konventionell
geregelt und ist altavest. -/", jungavest. -/ generalisiert.
2 2
Eine Lautfolge VtaT/ ist systemwidrig.
spräche als der inschriftlich verwendeten Hochsprache zuzuweisen sein. Neben solchen
„spontanen" Lautveränderungen finden sich nämlich auch rezente Züge fort­
geschrittener Sprachentwicklung (gewissermaßen „frühmittelpersischen Typs") auf­
fallend häufiger in dem Sprachgut der Nebenüberlieferung als auf den altpersischen
Inschriften selbst.
Das ererbte (und im Avestischen noch bewahrte) System von acht Kasus erscheint
im Altpersischen reduziert, weil zum einen der Dativ völlig aufgegeben und dessen
Funktion vom Genetiv mit übernommen worden ist und zum anderen formale
Unterscheidungen verwischt worden und dadurch Formen zusammengefallen sind,
etwa Gen.(-Dat), Abi., Lok. und Instr. im Singular der ä-Stämme.
Auch beim Verbum zeigt das Altpersische zahlreiche grundlegende Neuerungen und
Umbildungen, sowohl auf der Inhaltsseite, etwa wenn es die Aspektopposition
zwischen Aorist und Imperfekt praktisch aufgehoben hat, wie auch auf der
Ausdrucksseite, etwa durch die Passivbildung mit dem (wie im Avestischen) ererbten
Stamm indoiran. *-ya-, der hier aber Aktivendungen und vollstufige Wurzel zeigt
(akariya < *a-kar-ya-t „wurde verarbeitet" gegenüber ved. kriyä-te „wird getan" und
avest. kir-iia-). Als Ersatz für das alte Perfekt, das nur in einer Optativform fortlebt
(altpers. caxriyä „er hätte gemacht"), hat das Altpersische, um eine vollendete
Handlung oder den dadurch erreichten Zustand zu bezeichnen, eine periphrastische
Konstruktion aus dem Verbaladjektiv (bzw. Passivpartizip) auf -ta- und dem
Hilfsverbum as- „sein" (dessen Form asti aber gewöhnlich erspart wird) eingeführt, die
man „Neoperfekt" nennen kann: z. B. ima, taya manä krtam „dies (ist), was (taya) von
mir (Gen.-Dat. manä) getan (worden ist)", d. h. „... was ich getan habe". Diese
Ausdrucksweise mit der Bezeichnung des Agens im Gen.-Dat. lebt im Mittelpersischen
wie in vielen neuiranischen Sprachen und Dialekten weiter und wird heute gewöhnlich
als „Ergativkonstruktion" bezeichnet: mittelpers. man kard „ich machte". Im
Neupersischen ist sie zu man kard-am umgebildet worden, indem die gewöhnlichen
aktiven Personalendungen darantraten. Derartige Neuerungen, deren ich einige genannt
habe, sind es, die das Altpersische teilweise als sehr „rezent" erscheinen lassen und die
ihm, nicht zuletzt im Vergleich mit dem Avestischen und dem Altindoarischen, das
Aussehen eines - als Paradoxon formuliert - „alten Mittelpersisch" verleihen.
Aus dem Bereich der Syntax sei auf eine Ausdrucksweise hingewiesen, die
avestische Entsprechungen hat, die aber vor allem die weitere persische Sprach­
geschichte durchzieht: Bei bestimmten Relativkonstruktionen hat das Relativpronomen
altpers. haya- (nur Nom. Sing, mask./fem.) bzw. taya-, das durch Univerbierung aus
korrelativischen Verbindungen von Demonstrativum (indoiran. *sä-/tä-) und Relativum
(indoiran. *yä-) neu gebildet ist, die Funktion eines bloßen Artikels, um Attribute
verschiedener Art anfügen zu können: z. B. Nom. Gaumäta haya magus „Gaumäta der
Mager", Akk. (mit sog. Kasusattraktion) Gaumätam tayam magum „Gaumäta den
Mager" usw. (vgl. avest. Midro yö vouru.gaoiiao'tis „Mithra der weite-Rinderweiden-
besitzende"). Derartige Konstruktionen haben im Mittelpersischen ihren Verwen­
dungsbereich stark erweitert: Die Relativpartikel T verknüpft Substantive mit weiteren
Nomina oder mit Wortgruppen, und wo sie ein Genetivattribut bezeichnet, bietet sie
zugleich Ersatz für den gegenüber dem Altpersischen eingetretenen Endungsverlust.
Letztlich liegt diese relativische Konstruktion auch der neupersischen Izäfat-Kon-
struktion mit -e zugrunde (z. B. yäl-e asb „Pferdemähne", sag-e man „mein Hund").
Im Wortschatz des Altpersischen kann man, obwohl dieser bekanntlich nur sehr
bruchstückhaft bezeugt ist, als lexikalische Besonderheiten dieser Sprache beispiels­
weise die gewöhnlichen Verben für „sprechen" und „hören" ausmachen: Für
„sprechen" sind die Verben ererbt, die in avest. vac- (= ved. vac-) und mrü- (= ved.
brü-) vorliegen; demgegenüber verwendet das Altpersische gaub- (im Medium „sich
nennen"), das zu sogd. ywß- „preisen" gehört, und dieser Stamm lebt in mittelpers.
gö(w)-, guftan, neupers. gü(y)-, goftan fort. Auch für „hören" bietet das Altpersische
keinen Fortsetzer des Erbwortes iran. *tsru- (> avest. sru-) = ved. sru-, sondern ä-xsnu-
„vernehmen", das über mittelpers. äsnaw-, äsnüdan gleichfalls ins heutige Neu­
persische gelangt ist (senou-, senüdan).

2.14. Im altpersischen Wort- und Namenschatz fällt der hohe Anteil von dialekt­
fremden Formen auf. In einem Vielvölkerstaat wie dem Achaimenidenreich ist dies
aber nicht verwunderlich. Eine besondere Rolle spielen darunter die medischen
Lehnwörter des Altpersischen, die ihre Begründung darin finden, daß die Perser, die bis
auf Kyros II. unter deren Oberherrschaft gestanden hatten, sich dann als Erben der
Meder gefühlt haben. Die Sachgebiete, in denen solche Medismen gehäuft vorkommen,
sind etwa die von Königtum und Hofverwaltung, Militärwesen und Rechtsprechung.
Der Nachweis dafür, daß bestimmte Termini aus dem Medischen stammen, fußt
jeweils auf lauthistorischen Kriterien, obwohl die festgestellten, dem Altpersischen
fremden Lautentwicklungen meist nicht speziell medisch sind, sondern auch in anderen
altiranischen Dialekten vorkommen. Eine Vielzahl solcher lokaler Sprachen und
Dialekte muß neben Avestisch und Altpersisch in Alt-Iran existiert haben, wie sich aus
der Analogie zu der Sprachenvielfalt, die in mitteliranischer Zeit auch bezeugt ist und
in Kapitel 3 dargestellt wird, ebenso ergibt wie nach Ausweis übereinstimmender
Eigenbenennungen von Sprachen wie „Parthisch" oder „Sogdisch" in parthischen bzw.
sogdischen Texten mit den Namen von Volksgruppen, hier der Parther und Sogder, die
bereits für das Achaimenidenreich bezeugt sind.
Die grundlegenden Erkenntnisse auf dem Gebiet der iranischen Dialektologie sind
aufgrund der mitteliranischen Verhältnisse anhand der zwei- bzw. dreisprachigen
Säsänideninschriften und der in mehreren Sprachen vorliegenden manichäischen Texte
gewonnen und dann durch die neuiranischen Gegebenheiten bestätigt worden. Für die
altiranische Periode läßt sich dieses Bild leider nur vereinzelt durch isolierte Wörter
23
oder Namen und die daraus abzuleitenden lauthistorischen Fakten ergänzen . Die

2 5
Über altiranische Dialektviclfalt und die Methoden der Erforschung dieser Fragen vgl. Schmitt,
Andere Dialekte, ferner, zusammen mit ausgewählten Demonstrationsbeispielen für den Gesamtbereich
des Altiranischen, Schmitt, Ermittlung.
wesentlichen allgemeineren Gesichtspunkte sind schon in Kapitel 1.9-1.10 ange­
sprochen worden.
Mit Dialektverschiedenheiten bereits innerhalb des Altpersischen hat man deshalb
zu rechnen, weil der Dialekt, der dem Mittelpersischen der manichäischen Texte (aus
denen der tatsächliche Lautstand am besten zu erkennen ist) zugrunde liegt, in
einzelnen Punkten von der achaimenidischen Inschriftensprache abweicht, etwa darin,
daß uriran. *hu- nicht wie in dem Standarddialekt der Inschriften das h- verloren hat:
altiran. *huska- „trocken" (= avest. huska-) wird durch inschriftlich-altpers. uska-, aber
dialektal "huska- > mittelpers. husk (nicht *usk) fortgesetzt.
Das Medische, das als die Sprache jenes Volkes, das zuerst ein von Iraniern
getragenes Reich begründet hat, historische Bedeutung erlangte, ist nur indirekt in
Spuren zu erschließen. Dabei muß der Nachweis mit Wortformen geführt werden, die
ein für das Medische auch tatsächlich bezeugtes Dialektmerkmal enthalten. Aus der
von Herodot 1, 110,1 ausdrücklich als „medisch" bezeichneten Form araxKa „Hündin"
läßt sich med. *spaka- erschließen, während mittel-, neupers. sag „Hund" auf altpers.
*saka- führen. Das Nebeneinander von altpers. s gegenüber avest. und (wie hier) med.
sp als Fortsetzer von uriran. *tsv und letztlich idg. *ku ist dabei durchaus regelmäßig.
Ganz entsprechend findet man nun bei dem Wort für „Pferd" nebeneinander asa- und
aspa-Formen, auch innerhalb des Altpersischen: dabei ist aber aspa- beschränkt auf die
zwei Personennamen Aspacanah- und Vistäspa- sowie das formelhafte Epitheton uv-
aspa- „mit guten Rossen", die alle in irgendeiner Weise traditionsverhaftet sein und
daher einem anderen Dialekt entstammen können, während asa- als selbständiges Wort
und in Komposita lebendig ist und somit dem Altpersischen angehört, - in vollem
Einklang mit dem, was bei *spaka-/saka- festgestellt werden konnte.
Indem man andere Formenpaare, auch Varianten zwischen den verschiedenen
Inschriftenversionen und in sonstiger Nebenüberlieferung, an solche unumstößliche
Beispiele anschließt, kann man weitere lautgeschichtlich entstandene Entsprechungs­
paare dem Medischen und Altpersischen zuschreiben. Die Zuweisung an das Medische
bedarf aber jeweils eines festen Anhaltspunktes in der Überlieferung und einer meist
komplexen (kultur)historisch-geographisch-dialektologischen Beweisführung. Manche
bisher für das Medische in Anspruch genommene Erscheinungen und Wortformen
genügen diesen Anforderungen denn auch nicht: so besteht zwar durchaus die
Möglichkeit, daß etwa der Königstitel altpers. xsäyaüiya- aus dem Medischen entlehnt
ist; er muß aber nicht zwingend als Entlehnung verstanden werden und läßt sich als
solche nicht erweisen.

2.15. Auch innerhalb des Überlieferungskomplexes des Avestischen lassen sich


Dialektverschiedenheiten sehr wohl ausmachen, schon für einen Teil der Divergenzen
zwischen Alt- und Jungavestisch, aber auch sonst aufgrund lautgeschichtlich ent­
standener Dubletten innerhalb des Avesta-Corpus. Das Beweisverfahren gleicht grund­
sätzlich auch dem zur Bestimmung der altpersischen „Medismen" angewendeten, es
führt aber nicht zu einer Lokalisierung der Sonderformen und ist deshalb dialekto-
logisch irrelevant. Eine Ausnahme bilden nur solche Phänomene, die geographische
Namen betreffen, da diese sich in aller Regel eher räumlich fixieren lassen. Dies gilt
zum Beispiel für den Namen Arachosiens (der Landschaft um das heutige Qandahär),
v
dessen avestische Form Akk. Harax a'tim nämlich eine lautgeschichtliche Sonder­
v v
entwicklung aufweist, -x - statt normalem -n h- als Fortsetzer von iran. *-hv-. An diese
Form, die zuerst Karl Hoffmann als einen in die Avesta-Überlieferung eingedrungenen
Arachotismus zu verstehen gelehrt hat, sind vermutungsweise weitere Zeugnisse und
Dialektmerkmale des Arachotischen angekoppelt worden, die aber nicht ebensolche
Beweiskraft besitzen.
Ein Problem für sich bieten, schon aus räumlichen Gründen, die Zeugnisse, die für
die Nomadenstämme des ukrainisch-südrussischen Steppengürtels, für Skythen,
Sarmaten usw., überliefert sind. Viele Fragen der ethnologisch-geographischen Ein­
ordnung dieser Stämme und der Untergliederung und Schichtung der ihnen zugewiese­
nen Sprachzeugnisse lassen sich hier nicht endgültig klären. Der ältesten, zweifellos
altiranischen Schicht gehören praktisch nur die Nachrichten Herodots in dem Skythen-
Exkurs seines Geschichtswerkes an. Dort werden - auf diese wenigen Hinweise will
ich mich hier beschränken - Skythenkönige mit den Namen Äpia7UEr0T|<; und
ETcapyccTteiönc, genannt, die von ihrer Laut- und Wortstruktur her auf einer Stufe stehen
mit achaimenidischen Namen wie Äpiapäuvric,, 'YaiäaTrric, und andere.
Ein Name allerdings, der gewöhnlich für skythisch gilt, hat mit dieser Sprache nichts
zu tun, der des „Schwarzen Meeres", griech. növxoc, "AE,ewoq < iran. *Axsaina-
„Schwarzes (Meer)". Da dieser Name eindeutig in ein System gehört, das die
Himmelsrichtungen symbolisch durch Farbwörter bezeichnet, und deshalb das „nörd­
liche Meer" meint, muß er von einem Volk stammen, das südlich dieses Meeres saß:
24
Dies sind nach meiner Überzeugung die Perser zur Achaimenidenzeit (während der
dieser Name ebenso wie der des „sogenannten Roten Meeres" als des „südlichen
Meeres" erstmals belegt ist), in deren Weltbild dies auch gut paßt. Nicht in Frage
kommen jedoch die Skythen.

Literatur zu Kapitel 2.2-2.7:


Geldner, Karl F.: Avesta. The Sacred Books of Ihe Parsis. I-III, Stuttgart 1886-1896.
Hoffmann, Karl: Das Avesta in der Persis, in: Prolegomena to the Sources on thc History of Pre-Islamic
Central Asia. Ed. by J. Harmatta, Budapest 1979, 89-93.
Hoffmann, Karl, und Bernhard Forssman: Avestische Laut- und Flexionslehre, Innsbruck 1996.
Hoffmann, Karl, und Johanna Narten: Der Sasanidische Archetypus. Untersuchungen zu Schreibung und
Lautgestalt des Avestischen, Wiesbaden 1989.
Humbach, Helmut: The Gäthäs of Zarathushtra and the Other Old Avestan Texts. I: Introduction - Text
and Translation, Heidelberg 1991.
Kellens, Jean: Avestiquc, in: CLI 32-55.

4
" Vgl. Schmitt, Considerations.
Kellens, Jean: Considerations sur l'histoire de l'Avesta, JA 286, 1998, 451-519.
Skjaerv0, P. Oktor: The Avesta as source for the early history of the Iranians, in: The Indo-Aryans of
Ancient South Asia. Language, Material Culture and Ethnicity. Ed. by George Erdosy, Berlin/New
York 1995, 155-176.

Literatur zu Kapitel 2.8-2.9:


Schmitt, Rüdiger: Altpersisch, in: CLI 56-85.
Schmitt, Rüdiger: Die Sprachverhältnisse im Achaimenidenreich, in: Lingue e culture in contatto nel
mondo antico e altomedievale. Atti dell "Vili Convegno Internazionale di Linguisti, Brescia 1993,
77-102.

Literatur zu Kapitel 2.10:


Schmitt, Rüdiger: Der Titel „Satrap", in: Studies in Greek, Italic, and Indo-European Linguistics Offered
to Leonard R. Palmer, Innsbruck 1976, 373-390.

Literatur zu Kapitel 2.11:


Schmitt, Rüdiger: Beiträge zu altpersischen Inschriften, Wiesbaden 1999, speziell 59-118 (5. Das
spätachaimenidische Altpersische).

Literatur zu Kapitel 2.12:


Hoffmann, Karl: Aufsätze zur Indoiranistik. II, Wiesbaden 1976, 620-645 (Zur altpersischen Schrift).
Schmitt, Rüdiger: Altpersisch, in: CLI 56-85.
Schmitt, Rüdiger: The Bisitun Inscriptions of Darius the Great. Old Persian Text (Cllr I/I/Texts I),
London 1991.

Literatur zu Kapitel 2.14-2.15:


Hoffmann, Karl: Das Avesta in der Pcrsis, in: Prolegomena to the Sources on the History of Pre-Islamic
Central Asia. Ed. by J. Harmatta, Budapest 1979, 89-93.
Schmitt, Rüdiger: Zur Ermittlung von Dialekten in altiranischer Zeit, Sprachwissenschaft 9, 1984,
183-207.
Schmitt, Rüdiger: Andere altiranische Dialekte, in: CLI 86-94.
Schmitt, Rüdiger: Considerations on the Name of the Black Sea: What Can the Historian Learn from It?,
in: Hellas und der griechische Osten. Studien zur Geschichte und Numismatik der griechischen Welt.
Festschrift für Peter Robert Franke, Saarbrücken 1996, 219-224.
3. Die Sprachen der mitteliranischen Periode

3.1. Als die mitteliranische Periode (vom 4./3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 8./9.
Jahrhundert n. Chr. und teilweise noch länger) wird, wie in Kapitel 0.3 ausgeführt, die
Zeit bis zur Islamisierung Irans nach dessen Eroberung durch die Araber bezeichnet.
Da gegenüber der altiranischen Zeit (abgesehen von der fehlenden Kontinuität in der
Überlieferung) ein Bruch hinsichtlich der Schriftverwendung zu beobachten ist - die
altpersische Keilschrift ging mit dem Achaimenidenreich unter - lassen sich als mittel­
iranische Sprachen diejenigen bezeichnen, deren schriftliche Verwendung und Über­
lieferung in nach-achaimenidischer, aber vor-islamischer Zeit einsetzt. In diesem Sinne
läßt sich der Begriff der mitteliranischen Sprachen also, insbesondere wenn man jene
Sprachformen mit einbezieht, die in anderen, sekundär in Iran verwendeten Schriften
wie der manichäischen, nestorianisch-syrischen oder arabischen Schrift geschrieben
sind, von dem Medium Schrift her definieren.
Für vier der sechs authentisch durch Texte bezeugten mitteliranischen Sprachen
(vgl. im Detail unten) werden einander ähnliche, gemeinsam aus der aramäischen
entstandene Schriften verwendet: Das Parthische, Mittelpersische, Sogdische und
Chwaresmische bewahren damit ein unter der Achaimenidenherrschaft geknüpftes
Band, während das Baktrische größtenteils eine lokale Variante des griechischen
1
Alphabets und das Khotan- und Tumsuqsakische zentralasiatische Spielarten der
indischen BrähmT-Schrift eingeführt haben. Aramäische Schrift und Sprache, die als
Mittel der achaimenidischen Reichsverwaltung über das gesamte Reich verbreitet
worden waren und die sich insbesondere in vorher schriftlosen Reichsteilen festgesetzt
haben, blieben mangels einer brauchbaren Alternative auch in den größeren und
kleineren Nachfolgestaaten dieses Reiches in Verwendung. Dabei vollzog sich aller­
dings in vielfacher Hinsicht ein kontinuierlicher Wandel, für den ausschlaggebend war,
daß in diesen kleineren Staatswesen hauptsächlich Übersetzer nur für ein einziges
Sprachenpaar, Aramäisch und die jeweilige iranische Sprache, benötigt wurden und
dadurch Schreiber iranischer Muttersprache - „Schreiben" und „Übersetzen" bzw.
„Dolmetschen" gehörten zusammen - nach und nach die Aramäer ablösten, so daß die
niedergeschriebenen Texte zunehmend mit iranischen Wörtern durchsetzt wurden und
die weiterhin verwendeten aramäischen Formen mit der Zeit zu konventionell
gebrauchten Symbolen erstarrten.

1
Dieses auf den ersten Blick überraschende Faktum erklärt sich daraus, daß Baktrien nach der
Eroberung durch Alexander den Großen fast zwei Jahrhunderte unter griechischer Herrschaft stand.
Bemerkenswert ist allerdings, daß keine dieser aus dem Aramäischen hervor­
gegangenen Schriftarten sich von derartigen Fremdschreibungen, den sog. „Hetero-
grammen" oder „Aramäogrammen" völlig befreien konnte. Als einfache Beispiele
solcher Heterogramme (die üblicherweise in Großbuchstaben umschrieben werden)
zitiere ich mittelpers. LYLYA, Emphaticus zu aram. layle „Nacht", als Ausdruck von
mittelpers. sab (< altpers. xsap- „Nacht") und parth. MLKYN MLKA (mit aram. mäläk
„König") für parth. sähän sah „König der Könige". Diese allmähliche Umgestaltung
2
des Schriftsystems hat sich wohl im 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. vollzogen - das fast
gänzliche Fehlen von Schrift- und Sprachzeugnissen für die entscheidende Umbruchs­
zeit läßt die tiefgreifenden Veränderungen des Schriftgebrauchs allerdings nicht Schritt
für Schritt in der wünschenswerten Deutlichkeit erkennen - und ist erst im 1. Jahr­
hundert v. Chr. sicher nachweisbar. Daß aramäisch geschriebene Wortformen als
Heterogramme aufzufassen, also iranisch (parthisch, mittelpersisch usw.) zu „lesen"
sind, was man ihnen ja nicht ansieht, läßt sich übrigens am eindeutigsten an morpho­
logisch-syntaktischen Phänomenen feststellen, etwa wenn die Wortstellung den Regeln
des Aramäischen zuwiderläuft, aber denen des Iranischen entspricht (wie im Falle von
parth. MLKYN MLKA mit voranstehendem Determinans).
Im folgenden sollen nun zunächst einmal (Kapitel 3.2-3.15), bevor abschließend
einige übergreifende Gesichtspunkte ins Auge gefaßt werden (Kapitel 3.16-3.17), die
uns bekannten Sprachen der mitteliranischen Periode in knapper Skizzierung dargestellt
werden.

3.2. Das P а r t h i s с h e ist die Sprache Parthiens (altpers. Parßava-), der


historischen Landschaft, die ungefähr Churäsän und Gurgän sowie dem jetzt unab­
3
hängigen Turkmenistan entspricht. Sprachgeschichtlich hat das Parthische Bedeutung
erlangt als die Hof- und Verwaltungssprache des von der Arsakiden-Dynastie (247
v. Chr. bis 224 n. Chr.) beherrschten Reiches. Die wichtigsten und sichersten Sprach­
zeugnisse des Parthischen stammen allerdings nicht aus arsakidischer, sondern erst aus
säsänidischer Zeit, da Dichtung und religiöse Tradition zunächst vornehmlich mündlich
überliefert wurden, die Münzen lange Zeit, bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.,
griechische Legenden trugen und die wirklich in parthischer Schrift geschriebenen
Zeugnisse noch so viel Aramäisches in sich tragen, daß man für das Parthische nach
dem in Kapitel 3.1 Angedeuteten daraus kaum etwas gewinnt. Diese Einschätzung zielt
gleichermaßen auf die wenigen Felsinschriften in parthischer Schrift und Sprache (etwa
von Sar-Pul-i Zuhäb im Zagros) wie auf die kleinen Gefäßinschriften; aber grund­
sätzlich gilt sie ebenso für die Dokumente auf Ostraka aus Sahr-i Qumis (Nordostiran)
und die aus dem Archiv von Nisä (Turkmenistan) mit weit über 2000 Ostraka-
Fragmenten des 1. Jahrhunderts v. Chr., die Weinlieferungen und Lebensmittel­
zuteilungen betreffen, sowie für die Pergamenturkunden aus Awrömän (Westiran).

" Vgl. Schmitt, 95-97.


Als maßgebende zusammenfassende Darstellung nenne ich die von Sundermann; für die Sprach-
/eugnissc des Partherreiches vergleiche man auch Schmitt.
In säsänidischer Zeit ist den frühesten Königsinschriften von ArdasTr I., Säbuhr I.
und Narseh I. neben der mittelpersischen (und teils einer griechischen) eine parthische
Version beigegeben, insbesondere den umfangreichsten und historisch bedeutsamsten
Texten, dem Tatenbericht Säbuhrs von der sog. Ka'ba-yi Zardust in Naqs-i Rustam und
der Narseh-lnschrift von PäikülT. Aus dieser Epoche, nämlich aus der Zeit der
persischen Besatzung der Stadt stammen auch verschiedene parthische Texte (Wand-
inschriften und ein Brief auf Pergament) aus Dura-Europos am Euphrat. Dem Umfang
nach an der Spitze stehen aber die Fragmente manichäischer Texte in parthischer
Sprache, die in Turfan (Chinesisch-Turkestan) gefunden worden sind und aus säsänidi­
scher oder jüngerer, nach-säsänidischer Zeit stammen. In den Manichäer-Gemeinden
Mittel- und Zentralasiens hat sich das Parthische als Kirchensprache, bevor es durch
das alttürkische Uigurische und das Neupersische verdrängt wurde, nämlich noch sehr
lange über die Blütezeit des parthischen Manichäismus hinaus, vermutlich bis ins 13.
Jahrhundert gehalten, als dieser im Mutterland schon längst untergegangen war. Die
Interpretation dieser manichäisch-parthischen Texte wird - und hieraus erklärt sich ihre
Vorrangstellung - dadurch erleichtert, daß sie wie die manichäischen Texte der anderen
iranischen Völker in der von Mani eigens für das Mittelpersische auf palmyrenisch-
aramäischer Basis geschaffenen Schrift geschrieben sind, die von der heterographi­
schen Tradition frei ist und deshalb die tatsächliche Lautung der Wörter (im 3. Jahr­
hundert n. Chr.) genauer erkennen läßt.
Von der in parthischer Sprache geschriebenen Literatur sind nur indirekte Spuren
nachzuweisen, da zwei Werke des mittelpersischen Schrifttums der spät- oder nach-
säsänidischen Zeit erwiesenermaßen auf parthische Vorbilder zurückgehen, die sich in
der Bewahrung parthischer Wörter noch greifen lassen. Diese beiden Werke sind das
Rangstreitgedicht Draxt l asürig „Der assyrische Baum" (d. h. die Palme, die sich mit
der Ziege darüber streitet, wer denn das nützlichere und das „bessere" Geschöpf ist)
und das „Gedenkwerk Zarérs" (Ayädgär i Zarerän), ein Buch epischen Charakters, das
auch viele Kennzeichen mündlicher Epik wie feste Epitheta oder stereotype Wieder­
holungen aufweist.

3.3. Obwohl die (parthischen Versionen der) säsänidischen Königsinschriften zum Teil
schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt und seit Silvestre de Sacy (1793) entziffert
waren, ist das Parthische als Sprache erst durch die Publikation der ersten manichäi­
schen Textfunde aus Turfan im Jahre 1904 greifbar geworden. Darin wurde neben dem
Mittelpersischen sofort ein nahe verwandter Dialekt festgestellt, den zuerst Friedrich
Carl Andreas als „Parthisch" bezeichnet hat, obwohl die Heimat dieses Dialektes, der
keinen modernen Fortsetzer hat und dessen altiranischer Vorstufe, dem „Altparthi-
schen" wir höchstens ein paar Namen zuweisen können, nur ungefähr im Nordwesten
Irans - „Iran" natürlich im historischen Sinne verstanden als das Verbreitungsgebiet
iranischer Sprachen und Völker - lokalisiert werden konnte. Heute steht fest, daß in
den beiden Textgruppen mit dieser besonderen „nordwestlichen" Sprachform, den
manichäischen Turfantexten und den säsänidischen Inschriftenversionen, ein und
dieselbe Sprache vorliegt und daß diese das Parthische ist. Denn daß wir in den
parthischen Turfantexten eben diese Sprache vor uns haben, ergibt sich daraus, daß
Mam zur Missionierung Parthiens seinen Schüler Mär Animo gerade wegen seiner
Kenntnis der „parthischen Sprache" (pahlawänfg izwän) ausgewählt hat.
Die Unterschiede des Parthischen vom Mittelpersischen sind immer klarer zutage
getreten und betreffen nicht nur lautgeschichtliche und morphologische Divergenzen,
sondern auch deutliche lexikalische und phraseologische Verschiedenheiten. Auch das
heterographische Schriftsystem der parthischen Inschriftenversionen stellt eine vom
Mittelpersischen unabhängige Entwicklung dar; überhaupt geht das parthische System
(auch der arsakidenzeitlichen Texte) bei der Wahl der Heterogramme, insbesondere für
die Verba und die verschiedenen Verbalstämme, durchaus seine eigenen Wege.
Diese älteren Dokumente arsakidischer Zeit (z. B. die aus Nisä und Awrömän)
waren in der Forschung lange hinsichtlich ihres Sprachcharakters umstritten, da sie ja
oberflächlich überwiegend aramäische Formen aufweisen: Die einen sahen darin
Zeugnisse eines späten und stark mit iranischen Elementen versetzten Aramäisch (das
seinerseits im Arsakidenreich Amtssprache geblieben sei), die anderen dagegen Zeug­
nisse eines frühen Parthischen und noch sehr weitgehend heterographischer Schreib­
weise. Als entscheidend für diese zweite Auffassung fallen ins Gewicht die eigentlich
falsch verwendeten aramäischen Formen (wie BRY „mein Sohn" statt BR „Sohn" für
parth. puhr) und die den iranischen Normen entsprechenden Wortstellungen (wie
MLKYN MLKA „König der Könige" statt aram. mäläkmalke).
Die dominierende Position des Parthischen in Iran und seinen Nachbargebieten
während der Arsakidenherrschaft, das hier als Träger iranischer Kultur im gesamten
Vorderen und Mittleren Orient eine bedeutsame Rolle spielte, hat dazu geführt, daß
parthische Wörter in großer Zahl in andere Sprachen eingedrungen sind: in das Mittel­
4
persische (von wo aus sie weiter ins Neupersische gelangten) und das Sogdische,
außerhalb des iranischen Bereiches in das Aramäische (einschließlich Syrisch und
Mandäisch) und ganz besonders das Armenische. Dort machen diese infolge jahr­
hundertelanger unmittelbarer politischer Abhängigkeit ungemein zahlreich vorhan­
denen Fremdelemente einen wesentlichen Bestandteil der Sprache aus, der nicht nur
den Wortschatz, sondern auch bestimmte Wortbildungselemente, die Phraseologie und
Namen aller Art betrifft.
Diese reiche Nebenüberlieferung des Parthischen in vielen Sprachen (insbesondere
aber im Armenischen mit seiner die Vokale eindeutig bezeichnenden Schrift) hat es
ermöglicht, den Lautstand des älteren (Mittel-)Parthischen festzustellen, der durch das
heterographische Schriftsystem und die in extremer Weise historisierende Graphie der
in parthischer (PahlavTk-)Schrift geschriebenen Texte verborgen wird. Die parthischen
Texte der Manichäer (in manichäischer Schrift) bieten dagegen ein recht genaues Bild
über den Lautstand der späteren Sprache. Von den in mittelparthischer Zeit erfolgten
Lautveränderungen ist das Schicksal des aus dem Altiranischen überkommenen d

4
Die grundlegende Untersuchung dieser Frage ist noch immer der Aufsatz von Lcntz.
bemerkenswert, das vornehmlich in Gruppen wie -r?r- auftrat. Aus der Neben­
überlieferung ergibt sich, daß es in früharsakidischer Zeit noch vorhanden war; aber
spätestens im 1. Jahrhundert v. Chr. ist der Übergang zu h (und damit der von -ßr- >
-hr-) vollzogen, wie etwa die Namenformen Mipa-ßavöctKTic, und Mipa-öä-rnc. der
griechischen Awrömän-Dokumente belegen, die zweifelsohne den Gottesnamen Mihr
(< altiran. *Mißra-) als erstes Element aufweisen.

3.4. Generell ist die Entwicklung vom Alt- zum Mitteliranischen und weiterhin
während der mitteliranischen Periode durch den Verfall des morphologischen Systems
charakterisiert, genauer: durch weitestgehende Reduzierung der altiranischen „Endun­
gen", d. h. Stammbildungen und Einzelformen in der Nominaldeklination und Ver­
balkonjugation. Die Ursache für diese Entwicklung, die denn auch für das Parthische
gilt, liegt letztlich in einem auf der vorletzten (bzw. drittletzten) Silbe fixierten
Druckakzent, der zum Schwund der Auslautsilben geführt hat. Der Verlust des ererbten
Formenreichtums, der das syntaktische System der Sprachen, hier des Parthischen,
unmittelbar berühren mußte, hat seinerseits zur Herausbildung neuer, meist analytisch-
periphrastischer Formationen geführt. Beim Nomen ist auf diese Weise der Verlust des
Duals und sämtlicher Genus-Unterscheidungen zu erklären.
Die verschiedenen syntaktischen Funktionen der Nomina (und Pronomina) werden
nur durch zwei unterschiedliche Formen ausgedrückt, die gewöhnlich „Rectus" (v. a.
zur Bezeichnung von Subjekt und Prädikatsnomen, aber auch des direkten Objekts) und
„Obliquus" (v. a. zum Ausdruck des Agens und des indirekten Objekts sowie der von
Präpositionen regierten Wortformen) genannt werden. Deutlich erkennbar ist diese
Unterscheidung aber nur beim Plural der Nomina (Obliquus -an < altiran. Gen. Plur.
*-änäm) und beim Personalpronomen „ich" mit den Formen az „ich" (< altiran. *azam,
vgl. avest. azdm) und Obliquus man (< altiran. Gen. *mana, vgl. avest. manaf. Die
spätere Entwicklung geht aber dahin, daß der Plural-Obliquus die Funktion des
endungslosen Rectus übernimmt und dadurch die Numerusunterscheidung über die
Kasusunterscheidung dominiert. Zum Ausdruck der syntaktischen Funktionen (ein­
schließlich der des Agens und der Objekte) spielen deshalb Präpositionalphrasen (mit
päd „in, bei, an, mit, für", 5 „zu, bis, für", az „von, seit, wegen, aus") eine bedeutende
Rolle; ein wichtiges Mittel zur Vermeidung von Unklarheiten ist auch eine
(syntaktische Funktionen mit übernehmende) ziemlich feste Wortfolge mit voran­
stehendem Subjekt oder Agens und dem Verbum in Endstellung.
Auch für das Verbum ist der Verlust zahlreicher Formen und Kategorien
kennzeichnend: Betroffen sind von den Tempora Aorist, Perfekt und Futur, von den
Diathesen das Medium und Passiv, von den ursprünglich drei Numeri der Dual. Alle

5
Wahrscheinlich verbirgt sich hinter den unterschiedlichen Heterogrammen der Inschriften (ANT) bzw.
der Nisä-Dokumente (LK) eine parallele Unterscheidung von Rectus lü „du" (< altiran. *luvam, vgl.
altpers. tuvam) und Obliquus tö (< altiran. Gen. *tava, vgl. avest. tauua).
6
parthischen Verbalformen sind abgeleitet von einem Präsens- oder Präteritalstamm der
Art, wie sie im Altiranischen vorkamen; dabei sind in den Präsensklassen aber zwei
Bildungen verallgemeinert worden, eine mit an die Wurzel tretendem -e- (< altiran.
*-aya-) für Indikativ und Imperativ, eine mit angefügtem -ä- (< altiran. *-ä-, eigentlich
Stammbildungssuffix *-a- + Konjunktivzeichen *-a-) für den Konjunktiv. Die Perso­
nalendungen, die am deutlichsten in den manichäischen Texten, also in späterer Zeit
nachweisbar sind, setzen mit wenigen Ausnahmen die alten sog. Primärendungen des
Ind. Präs. fort (z. B. 3. P. Sing. Ind. -ed < altiran. *-aya-ti, 3. P. Plur. Konj. -änd <
altiran. *-ä-nti). Unter den infiniten Bildungen sind die wichtigsten die Partizipien
(Präs. Akt. auf -end oder -ag, Prät. Akt. bzw. Pass. auf -t bzw. [nach stimmhaften
Lauten] -d < altiran. *-ta-).
Der oben angedeutete Verlust zahlreicher im Altiranischen eigenständiger Formen
wurde kompensiert durch die Entwicklung von Ersatzformen oder von analytischen
Bildungen mittels eines Hilfsverbs. Unter den Neubildungen beanspruchen die sog.
Inchoativa (auf -s-) einen wichtigen Platz, die teilweise auch die Funktionen des
verlorengegangenen alten Passivs (auf altiran. *-ya-) übernommen haben. Kausativa
werden teilweise dadurch gebildet, daß -en- oder -än- an den Präsensstamm des Grund­
verbs antritt, Denominativa gewöhnlich einfach durch die Verwendung des Nomens
selbst als Präsensstamm. Unter den analytischen bzw. periphrastischen Bildungen ist
am wichtigsten die Entwicklung von Ausdrücken mit dem (bei transitiven Verben
passivischen, bei intransitiven Verben aktivischen) Präteritalpartizip plus finiten
Formen der Hilfsverben h-lah- „sein", baw- „werden" und ist- „stehen": z. B. ägad kern
„ich bin gekommen", aber grift hem „ich wurde ergriffen" und sogar grift büd hem „ich
war ergriffen worden" (Plusquamperfekt). Die finite Verbalform wird in der 3. P. Sing,
gewöhnlich weggelassen und fehlt auch in der 3. P. Plur. sehr häufig (z. B. grift „er
wurde ergriffen"). Zur Bezeichnung des Aktivs des Präteritums transitiver Verben
dienen Passivkonstruktionen, die zusätzlich den Agens ausdrücken: z. B. man dist
apaöan „ich habe einen Palast gebaut", eigentlich „von mir (man) wurde (0) gebaut
(dist) ein Palast (apaöan)". Auf diese Konstruktion ist unten (Kapitel 3.7) bei der
Besprechung des mittelpersischen Gegenstückes genauer einzugehen, für das sich die
sprachgeschichtliche Vorstufe im Altpersischen noch ermitteln läßt.

3.5. Das M i t t e l p e r s i s c h e , ursprünglich in der südwestiranischen Provinz Pars


(heute Färs) beheimatet, ist nach dem Untergang des Achaimenidenreiches aus dem
7
Altpersischen hervorgegangen und bis zum 8./9. Jahrhundert n. Chr. als lebende
Sprache erhalten geblieben. Im Reich der Säsäniden (224-651 n. Chr.) diente es als
Amts- und Verkehrssprache. Aber auch als diese Sprache nach der Islamisierung ins
Neupersische übergegangen war, ist das Mittelpersische als „tote" Kirchensprache von
den Zoroastriern Irans bis ins 10., von den Manichäern in Zentralasien (in der Turfan-

Die vollständigste Darstellung des parthischen Verbums und seiner Konjugation findet sich noch
immer bei Ghilain.
Zu diesem vgl. Kapitel 2.8-2.14.
oase in Chinesisch-Turkestan) bis ins 13. Jahrhundert n. Chr. verwendet worden. Die
8
überwiegende Zahl der Zeugnisse des Mittelpersischen - das man früher allgemein
und auch heute noch hie und da unpräzise als „PahlavI" bezeichnet (hat) - stammt aus
der Säsänidenzeit oder aus einer Epoche, als diese Sprache im 9. (und 10.) Jahrhundert
eine gewisse Renaissance erlebte.
Die mehr als tausendjährige Verwendung und Bezeugung dieser Sprache und ihre
Verbreitung weit über ihre südwestiranische Heimat hinaus sind der Grund dafür, daß
diese Zeugnisse zum Teil unterschiedliche Dialektausprägungen und sprachgeschicht­
liche Entwicklungen bezeugen. So zeichnet sich etwa die Sprache der im 9. und 10.
Jahrhundert n. Chr. entstandenen zoroastrischen Bücher, das sog. „Buch-PahlavI",
durch eine größere Zahl von parthischen Lehnwörtern aus als die manichäischen Texte,
9
deren Sprache das Mittelpersische - wie Werner Sundermann es formulierte -
„sozusagen in seiner ursprünglichen, provinziellen Reinheit" verkörpert. Die zoroastri­
schen Texte reflektieren dagegen die spätsäsänidische Sprachform, die jahrhunderte­
lang, insbesondere unter den Arsakiden, parthischen Einflüssen in den Bereichen der
administrativen, militärischen und teilweise auch religiösen Terminologie ausgesetzt
war, hatte das Parthische sich doch unter den Arsakiden über ganz Iran als allgemeine
Verkehrs- und Kultursprache verbreitet, zu einer Zeit, als das Mittelpersische noch auf
Pars beschränkt war. Schon im vorsäsänidischen Mittelpersischen sind parthische
Beeinflussungen anzunehmen; auch dies ist einer der Gründe dafür, daß das Alt­
persische der Achaimenideninschriften und das Mittelpersische sprachliche Unter­
schiede aufweisen, daß dieses also jenes nicht unmittelbar fortsetzt.
Außer kurzen Münzlegenden gibt es praktisch keine Sprachzeugnisse aus der Zeit
vor dem 3. Jahrhundert n. Chr., in dem dann die säsänidischen Fels- und Stein­
inschriften gleich einen besonderen Akzent setzen. Ihrem Umfang und ihrer Bedeutung
nach ragen unter diesen in Lapidarschrift geschriebenen Texten die Inschriften der
Könige Säbuhr I. an der Ka'ba-yi Zardust (dreisprachig) und Narseh I. von PäikülT
(zweisprachig) sowie die des Oberpriesters KerdTr hervor. Den übrigen Königs- oder
Privatinschriften - dies sind meist Grabinschriften in kursivem Duktus - kommt ebenso
wie den Münzlegenden (bis ins 10. Jahrhundert), den Inschriften auf Siegeln, Gemmen
und Bullen sowie den Gefäßinschriften aus sprachlicher Sicht geringere Bedeutung zu.
Juristische und administrative Urkunden sind nur in beschränkter Zahl erhalten: einige
Pergamenturkunden aus Dura-Europos (aus der Besatzungszeit im 3. Jahrhundert),
etliche Papyri aus Ägypten (aus der Besatzungszeit zu Beginn des 7. Jahrhunderts)
sowie nachsäsänidische Ostraka aus Iran.
Von den Buchtexten in mittelpersischer Sprache ist der älteste das in Bulayi'q
(Turfanoase) gefundene Fragment einer Übersetzung der Psalmen des Alten Testa­
ments. Die Entstehungszeit muß nach Schrift und Sprache jünger sein als die großen
Felsinschriften des 3. Jahrhunderts, läßt sich aber innerhalb der Säsänidenzeit nicht mit

8
Ich verweise generei! auf die weiterführende zusammenfassende Darstellung von Sundermann,
Mittelpersisch.
Vgl. Sundermann, Mitlelpersisch, 139.
Sicherheit weiter eingrenzen. Sehr viel umfangreicher sind die Texte der Zoroastrier ,
die von spätsäsänidischer Zeit an aufgezeichnet wurden, aber nur in jüngeren
Handschriften (seit dem 14. Jahrhundert) erhalten geblieben sind. Sie umfassen eine
11
Übersetzung großer Teile des Avesta-Corpus , weitere religiöse und didaktische
Literatur, aber auch profanes Schrifttum. Die dogmatischen und juristischen Traktate,
die die Hauptmasse dieser Bücher ausmachen, sind aber erst während der schon kurz
angesprochenen „Pahlavf'-Renaissance in nachsäsänidischer Zeit entstanden. Ebenfalls
bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. zurück reicht die auf Mittelpersisch geschriebene
manichäische Literatur, die der Religionsstifter Mani (216-277) selbst begründet hat,
von dessen dem König Säbuhr I. gewidmeter Schrift Säbuhragän längere Bruchstücke
erhalten sind. Zahlreiche weitere Werke dogmatischen und homiletischen Inhalts sowie
Hymnen von Mani, seinen Schülern und viel späteren Anhängern sind aus Turfan
fragmentarisch bekanntgeworden.

3.6. Abgesehen von den manichäischen Texten, für deren Aufzeichnung die sehr
lautgetreue manichäische Schrift Verwendung fand, sind alle mittelpersischen
Textzeugnisse bis zum Untergang des Säsänidenreiches in dem auf das Aramäische
zurückgehenden heterographischen Schriftsystem geschrieben, dessen spezifisch per­
sische Variante (der Inschriften, Münzen, Papyri, Bücher usw.) traditionellerweise
PahlavTschrift genannt wird. Wenn diese Schrift auch immer weiter vereinfacht wurde
und ihre Zeichenformen sich in der kursiven Buchschrift einander stark annäherten -
die Komplexität des Systems wird aber durch die Zahl von fast 1000 Heterogrammen
verdeutlicht - , so ist doch ihr Hauptcharakteristikum der Konservativismus bzw.
Historizismus: Die bis zu den jüngsten Texten praktisch unveränderten Schreib­
konventionen spiegeln nämlich den Sprachzustand der Arsakidenzeit wider und ent­
sprechen nicht den aktuellen Verhältnissen. Auf den Lautstand der so geschriebenen
Texte ist nur durch den Vergleich mit den anderen Quellen zu schließen. Weil in nach­
säsänidischer Zeit die Kenntnis dieser Schrift aber nach und nach verlorenging, wurden
12
zoroastrische Texte dann teilweise auch in Avestaschrift oder in arabisch-persischer
Schrift aufgezeichnet. Man nennt diese mechanischen Umsetzungen Päzand- bzw.
PärsT-Texte und kann ihnen mitunter aufschlußreiche Hinweise auf den tatsächlichen
Lautstand dieser späten Zeit entnehmen.
Die großen Probleme der Umschreibung (sei es einer ein-eindeutigen Transliteration
oder einer interpretierenden Transkription) dieser Schrift, für die ein einheitliches
Verfahren bis heute nicht erreicht wurde, können hier nicht umfassend aufgerollt
13
werden .

'" Einen informativen Überblick, wenn auch nicht mehr auf dem heutigen Forschungsstand, vermittelt
Tavadia.
1!
Für die wichtigsten Texte vgl. Kapitel 2.4.
'" Hierzu vgl. Kapitel 2.2.
Emen knappen Überblick über die bisherigen Gepflogenheiten und eine Abwägung des Pro und
Contra findet man bei Sundermann, Mittelpersisch, 145-147.
3.7. Nach der sprachgeschichtlichen Entwicklung steht das Mittelpersische weitgehend
auf derselben Stufe wie das Parthische, so daß im folgenden nur auf die hiervon
abweichenden Eigenheiten eingegangen werden soll. Beim Nomen zeigt das Mittel­
persische im Gegensatz zum Parthischen eine vollständige Unterscheidung von Rectus
und Obliquus im Singular und Plural bei den alten Verwandtschaftsbezeichnungen auf
-tar, jedenfalls für das 3. Jahrhundert n. Chr.: Etwa für „Bruder" sind im Singular
Rectus bräd (< altpers. brätä) und Obl. brädar, im Plural Rectus brädar und Obl.
brädarän (alle vom Stamm altpers. brätar-) bezeugt. Erst die weitere Entwicklung des
Mittelpersischen, v. a. in nachsäsänidischer Zeit, führt zur Vereinfachung und zur
Bewahrung von nur zwei Formen, die ohne Funktionsunterschied verwendet werden.
Auf diesem Weg geht dann das Neupersische noch einen Schritt weiter, indem es die
Obliquusformen wie brädar verallgemeinert (neupers. berädar). Die ererbten suffi­
gierten Personalpronomina treten im Mittelpersischen häufiger auf als im Parthischen;
sie stehen immer in der Funktion des Obliquus und werden, unabhängig von dessen
Wortart, an das erste Wort eines (Teil-)Satzes angehängt: z. B. ku-s pesi nambar-äm
„daß (kü) wir uns verneigen (1. P. Plur. Konj.) vor (pesT) ihr (-i) [nämlich der Sonne]".
Bereits für die altiranischen Sprachen wurde in Kapitel 2.13 hingewiesen auf die
Relativkonstruktionen des Typs altpers. Gaumäta haya magus „Gaumäta der Mager"
und auf deren Fortleben im Mittel- und Neupersischen. Die Gebrauchsweise dieser
Konstruktion mit der Relativpartikel i - und damit ihre Häufigkeit - hat im Mittel­
persischen stark zugenommen, da sie in Konstruktionen verschiedenster Art Substan­
tive mit anderen Nomina oder Pronomina, teils auch mit ganzen Nebensätzen
verbinden kann. Mit der neupersischen Izäfat-Konstruktion ist die mittelpersische
Relativkonstruktion durchaus vergleichbar, obwohl ihre Verwendung noch etwas
seltener ist als später und sich die Funktionen der beiden Ausdrucksweisen nicht völlig
decken.
Beim Verbum entspricht der Formenverlust des Mittelpersischen etwa dem des
Parthischen; umgekehrt finden auch die Bewahrung zahlreicher altiranischer Präsens­
stammbildungen und die Verallgemeinerung bestimmter Stämme für die eigentliche
Formenbildung dort ihre Entsprechung. Die mittelpersischen Neubildungen zum Aus­
gleich der eingetretenen Verluste umfassen u. a. Passivstämme auf -ih- (wohl altiran.
*-ya- fortsetzend), Inchoativa auf -5- (vom Präteritalstamm gebildet) und Kausativa auf
-en- oder -än- (vom Präsensstamm gebildet). Wie beim Parthischen ist die Heraus­
bildung aktivischer und passivischer Präteritalformen auf der Grundlage des Verbal­
adjektivs auf altpers. -ta- die auffallendste Neuerung des Mittelpersischen. Dabei hat
den Ausschlag gegeben, daß dieses Verbaladjektiv bei transitiven Verben passivisch,
bei intransitiven aber aktivisch aufgefaßt werden konnte. Ähnlich den oben angeführten
parthischen Beispielen heißt es im Mittelpersischen ämad hem „ich bin gekommen"
(3. P. Sing, ämad ohne Hilfsverb), paymöxt hem „ich wurde bekleidet" und im Aktiv
transitiver Verben etwa man paymöxt hend „ich bekleidete sie", eigentlich „von mir
{man) wurden sie (hend) bekleidet". Diese analytische Präteritalbildung hat ihren
Vorläufer im Altpersischen, wo derartige Periphrasen, von mir „Neoperfekt" genannt,
ganz geläufig sind (manä krtam „von mir [Gen.-Dat. manä] ist [0] getan [krtam]
worden" > mittelpers. man kard „dass."), die als eindeutig passivisch zu verstehen sind
und, eine ererbte Ausdrucksweise nur systematisierend, einen Genetiv der Zugehörig­
14
keit zur Agens-Bezeichnung verwenden .

3.8. Einmal mehr ist hier zu erkennen, daß für das Persische die geschichtliche
Entwicklung über die Jahrtausende hin am besten nachzuzeichnen ist. Dabei zeigt sich
erstaunlicherweise allerdings, daß zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Dialekt­
ausprägungen dominierten und den Rang von Literatursprachen erwarben, denn weder
das Mittelpersische der Säsänideninschriften noch das der manichäischen Texte erweist
sich als unmittelbarer Fortsetzer des Achaimenidisch-Altpersischen. In entsprechender
Weise deuten morphologische Unterschiede zwischen Mittel- und Neupersisch - laut­
liche Veränderungen hat es kaum mehr gegeben - vor allem im Bereich des Verbal­
systems darauf, daß als Grundlage der nach der Islamisierung Irans zur „Hofsprache"
(Dan) erhobenen Sprachform die damalige (mittelpersische) Umgangssprache diente
und nicht die von den Zoroastriem gepflegte Literatursprache des sog. „Buch-PahlavT"
mit seinen Besonderheiten.
Von der vorangehenden altiranischen Sprachperiode heben sich Parthisch und
15
Mittelpersisch, die zum Teil schon aus jener Zeit Dialektunterschiede ererbt haben
(etwa parth. puhr „Sohn" < altiran. *pußra-, aber mittelpers. pus < altpers. puqa-),
durch eine Reihe charakteristischer Entwicklungen ab, insbesondere die Sonorisierung
(Stimmhaftwerdung) stimmloser Verschlußlaute in der Stellung nach stimmhaften
Lauten (parth., mittelpers. bräd „Bruder" < altpers. brätä) - während sie im Anlaut
unverändert blieben - , wobei die so entstandenen stimmhaften Verschlußlaute sich
nach Vokalen weiter zu Spiranten wandelten (b, d,g> parth. ß, ö, y bzw. mittelpers. w,
y, y). Wie auch in allen anderen mitteliranischen Sprachen sind die (alt)iranischen
Diphthonge *ai und *au zu e bzw. ö monophthongiert worden (z. B. mittelpers., parth.
gös „Ohr" < altpers. gausa-). Die Anfänge der vornehmlich im grammatischen System
so tiefgreifenden Veränderungen liegen übrigens nach Ausweis der äußerst „fehler­
16
haften" spätachaimenidischen Inschriften bereits in dieser Zeit .
Insgesamt, so zeigt sich deutlich, gehören Parthisch und Mittelpersisch eng
zusammen; und da sie den übrigen Sprachen derselben Periode fernerstehen, werden
17
sie als westiranische Gruppe zusammengefaßt . Über die Existenz weiterer west­
iranischer Sprachen und Dialekte, die es jedenfalls bis zur Ausbreitung der Arsakiden-
herrschaft ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. und - in deren Gefolge - des Parthischen

14
Aus vergleichend-indogermanistischer Sicht hat diese vielbehandelte Konstruktion zuletzt Hettrich,
43-45 betrachtet.
L
" Ich verweise auf Kapitel 1.9, wo diese dialektologischen Fragen bereits, wenn auch nicht primär mit
Blick auf den Unterschied zwischen Persisch und Parthisch, besprochen wurden. Im übrigen vgl.
Schmitt, 98f.
16
Vgl. die in Kapitel 2.11 diskutierten Beispiele.
'' Zur Charakterisierung dieser Dialektgruppe sei verwiesen auf Sundcrmann, Weslmittcliranisch.
gegeben haben muß, sind nur Vermutungen möglich. Vor allem hat man ein „Mittel-
medisch" aus Wörtern, v. a. aus in das Armenische übernommenen Lehnwörtern, zu
erschließen versucht, die vom Mittelpersischen und Parthischen abweichende
Lautentwicklungen bezeugen (etwa anlautendes hr- statt sonst gewöhnlich bewahrtem
fr- < altiran. */''-, z. B. mittelpers. hrestag „Bote" neben frestag, armen, hrestak „dass."
neben parth. frestag usw.). So plausibel diese Zuweisung auch sein mag, sie ist nicht
bewiesen und durch das spärliche Belegmaterial vorderhand auch nicht beweisbar.

3.9. Der westiranischen stellt die Forschung gewöhnlich eine ostiranische Gruppe zur
18
Seite, obwohl Sundermann statt dessen mit Recht zu erwägen gibt, die westiranischen
Sprachen als die „Sprachen Irans im engeren Sinne" zu bezeichnen, da nur sie über
jenen Raum verbreitet sind, in dem bis zur Eroberung durch die Araber ein als „Iran"
bezeichnetes Staatswesen existiert hat. Die ostiranischen Sprachen, die sich auch
untereinander stärker unterscheiden, findet man dagegen in dem weiten Raum vom
Schwarzen Meer bis Chinesisch-Turkestan verbreitet.
Die bestbekannte und am reichsten bezeugte ostiranische Sprache der mittel­
19
iranischen Periode ist das S o g d i s c h e , die Sprache des Landes Sogdien (altpers.
Sugda-, sogd. Suyd) mit Samarkand als Mittelpunkt, die infolge der Gründung zahl­
reicher Handelskolonien sogdischer Kaufleute entlang der Seidenstraße zur allge­
meinen Verkehrssprache Ostturkestans wurde. Trotz der weiten Verbreitung sogdischer
Texte v o m Mutterland zwischen Oxus (Ämü-daryä) und Iaxartes (Syr-daryä) bis nach
Turfan und Tunhuang sind kaum Dialektunterschiede, sondern höchstens chrono­
logische, orthographische oder soziolektische Divergenzen auszumachen. Die Bezeu­
gung der Sprache beginnt im 2. Jahrhundert n. Chr. mit Münzlegenden; sprachlich
ertragreicher sind aber erst die sog. „Alten Briefe" aus dem frühen 4. Jahrhundert, die
zwischen Tunhuang und Loulan an der Chinesischen Mauer gefunden wurden, und die
Hunderte von Graffiti vom oberen Indus (Nordpakistan), die ihrer Schrift nach kaum
jünger sind. Unter den profanen Texten (Dokumenten und Inschriften, die sich bis nach
Kirgisien und in die Mongolei erstrecken) sind ohne Zweifel am bedeutsamsten die
vom Berg Mug, wohin der letzte Herrscher von Panjikant Teile seines Archivs
(juristische, Verwaltungs- und Wirtschaftstexte usw.) um das Jahr 722 n. Chr. vor den
Arabern in Sicherheit brachte.
Dem Umfang nach überwiegt aber die reiche Literatur dreier Religionsgemein­
schaften, von Buddhisten, Manichäern und nestorianischen Christen. Die meisten der
buddhistischen Texte (v. a. aus Tunhuang und der Turfanoase) sind aus dem
Chinesischen übersetzt; einen sogdischen Originaltext haben wir aber wohl bei dem
Vessantara Jätaka vor uns. Die manichäischen Texte (aus Turfan), die im Gegensatz zu
den teils recht umfangreichen buddhistischen insgesamt leider sehr bruchstückhaft sind,
schließen außer Übersetzungen aus dem Mittelpersischen und Parthischen auch

l s
Sundermann, Wcstmitteliranisch, 107. - Vgl. aber auch oben Anm. 12 zu Kapitel 1.
Eine informative Skizze über diese Sprache aus der Feder ihres gegenwärtig besten Kenners liegt vor
in Sims-Williams, Sogdian.
zahlreiche Originaltexte unterschiedlichsten Inhalts ein. Die christlich-sogdischen
Texte, die alle aus einem Kloster in Bulayiq (Turfanoase) stammen, sind praktisch
ausnahmslos aus syrischen Originalen übersetzt, die sich gewöhnlich identifizieren
lassen. Während die Texte der beiden letztgenannten Gruppen in manichäischer bzw.
syrischer Schrift geschrieben sind, haben die buddhistischen mit den profanen Texten
gemein, daß sie, wenn auch in verschiedenen (formelleren oder kursiven) Varianten,
die einheimisch-sogdische Schrift verwenden, die - ebenso wie die für das Parthische
und Mittelpersische verwendeten heterographischen Systeme - auf das aramäische
Alphabet zurückgeht, das in achaimenidischer Zeit auch in Sogdien gebraucht wurde.
Heterogramme gibt es im Sogdischen allerdings weit weniger als in den beiden
westmitteliranischen Sprachen. Erst neuerdings sind unter den Berliner Turfan-Texten
auch ein paar Fragmente sogdischer Handschriften in Brähml-Schrift entdeckt worden,
meist von medizinischen Texten und teilweise zweisprachig sanskrit-sogdisch.

3.10. Im Bereich der Lautlehre ist als ein besonders charakteristischer Zug des
Sogdischen hervorzuheben, daß die Vokale einschneidende Veränderungen erlitten
haben infolge der Wirkungen eines starken Druckakzentes in der Zeit vor Einsetzen der
Überlieferung: Unbetonte Kurzvokale sind dabei oft geschwunden, aber die Aus­
sprache der so entstandenen Konsonantengruppen ist dann durch prothetische und
Sproßvokale oft auch wieder erleichtert worden, - mit der Folge allerdings, daß die
sogdischen Wörter und Formen hinsichtlich des Vokalismus kaum noch Ähnlichkeiten
zeigen mit ihren (alt- oder ur-)iranischen Vorstufen. Typisch ist auch, daß die nach der
ursprünglichen Regelung betonten Vokale palatalisiert wurden (etwa altiran. *zäranya-
„Gold" > sogd. zern) und daß altiran. *r ganz unterschiedliche Fortsetzungen gefunden
hat.
Der gerade angesprochene sogdische Druckakzent verlagerte sich noch in vor­
literarischer Zeit auf die erste „schwere" Silbe mit Langvokal oder Diphthong;
zusammen mit den daraus folgenden Lautveränderungen (Schwund oder Kontraktion
unbetonter Vokale) führte dies praktisch im gesamten morphologischen Bereich zu
einem Nebeneinander von, wie man sagt, „leichten" und „schweren Stämmen", das
20
durch das sog. „sogdische Rhythmusgesetz" geregelt war. Nicholas Sims-Williams
hat für diese Stammtypen mittlerweile die einfache Definition gefunden, daß „schwere
Stämme" solche sind, die mindestens eine Silbe mit Langvokal oder Diphthong
enthalten. Bedeutsam ist diese ganz eigentümliche Unterscheidung deshalb, weil die
„leichten Stämme" die ursprünglichen altiranischen Endungen in vollerer Form be­
wahrt haben als die „schweren Stämme" (z. B. in ßayi „Gott" < altiran. *bagah, aber
тёв „Tag" < altiran. *maiüah).
Im Gegensatz zu den westmitteliranischen Sprachen ist beim sogdischen Nomen die
alte, ererbte Formenvielfalt recht gut bewahrt geblieben: es werden z. T. noch drei
Genera (etwa bei den thematischen, auf altiran. *-a-l-ä- fußenden „leichten" Stämmen

Sims-Williams, Sogdian, 181 f.


Maskulina auf -i < *-ah, Feminina auf -ä < *-ä und Neutra auf -ü < *-am), bei den
„leichten" Stämmen noch sechs Kasus und in Resten auch Dualformen neben Singular
und Plural unterschieden, wenngleich mit anderer Funktion. Daneben stehen aber ganz
unvermittelt auch tiefgreifende Neuerungen, etwa wenn die Deklination der „schweren
Stämme" statt dieser sechs Kasus nur zwei unterscheidet, Rectus und Obliquus, deren
Bildungsweise völlig dem Typus agglutinierender Sprachen entspricht, indem beide
Numeri die gleichen Endungen aufweisen, die im Plural nur durch das eigene Plural­
zeichen vom Stamm getrennt sind: Sing. Rectus meO „Tag", Obl. meO-l, Plur. Rectus
med-t, Obl. meO-t-i.
Auch beim Verbum zeichnet sich das Sogdische unter allen mitteliranischen
Sprachen als diejenige aus, die den größten Reichtum an Formen für Modi, Tempora
usw. besitzt, wenngleich auch hier einzelne Formenkategorien verlorengegangen und
durch Neubildungen ersetzt worden sind: So hat man z. B. durch Anfügung unver­
änderlicher Partikeln ein Durativum oder durch eine periphrastische Konstruktion einen
Potentialis geschaffen. Analytische Konstruktionen, die das ererbte -^-Partizip mit
Hilfsverben verbinden, spielen im Sogdischen nicht dieselbe dominierende Rolle wie in
den westiranischen Sprachen, da das Imperfekt als einfache Vergangenheitsform in
Konkurrenz dazu steht.

3.11. Unmittelbar nördlich schließt an Sogdien das Verbreitungsgebiet des


21
C h w a r e s m i s c h e n an , das am Unterlauf des Oxus (Ämü-daryä) und im Raum
von dessen Mündungsdelta gesprochen wurde und offenbar erst Ende des 14.
Jahrhunderts endgültig untergegangen ist. Die ältesten Zeugnisse des (Mittel-)Chwares-
mischen sind zwei Inschriften auf Tongefäßen aus Qoy-Qrylgan-Qal'a, die ins 3. oder
2. Jahrhundert v. Chr. datiert werden und die in einer einheimischen Schrift ara­
mäischen Ursprungs - Humbach nennt sie „aramäo-chwaresmisch" - geschrieben sind.
Die gleiche, wiederum heterographische Elemente enthaltende Schrift und dieselbe
Sprache findet sich des weiteren insbesondere auf sehr zahlreichen Münzen, in In­
schriften auf Silbergefäßen aus dem Uralgebiet, in Dokumenten auf Holz und Leder aus
Topraq-qal'a und Jakke-Parsan sowie auf alabasternen Ossuarien aus Toq-qal'a. Ein
Großteil dieser Texte ist bis heute aber noch nicht ediert. Und obwohl etliche der
Dokumente und Urneninschriften Datierungsangaben enthalten, läßt sich hieraus wenig
gewinnen, da die Ära, nach der sie datiert sind, strittig bzw. unbekannt ist.
Besser als die Sprache dieser Quellen aus der vorislamischen Zeit - die arabische
Eroberung zu Anfang des 8. Jahrhunderts muß die Scheidelinie bilden - kennt man das
Spät-Chwaresmische einiger Texte, die in arabischer, wegen etlicher Zusatzzeichen
genauer: arabo-chwaresmischer Schrift geschrieben sind. Es sind dies zum einen eine
chwaresmische Interlinearversion von az-Zamaxsaris (1075-1144) „Muqaddimat
22
al-adab", die in einer Handschrift (von etwa 1200) aus Konya erhalten ist , und zum

21
Vgl. Humbach.
2 2
Hinzu kommen weiter auch chwaresmische Glossen in anderen Handschritten dieses Werkes.
anderen Zitate aus juristischen Schriften des 13. Jahrhunderts, nämlich von az-Zähidls
„Qunyat al-munya" und at-Tarjumänls „YatTmat ad-dahr" sowie ein einschlägiges
23
Glossar der dort vorkommenden chwaresmischen Wörter . Dieser Gruppe von Sprach­
zeugnissen anzuschließen ist auch eine Reihe von chwaresmischen Namen, Glossen,
astronomischen und kalendarischen Termini (Tages-, Monatsnamen usw.) bei dem
Universalgelehrten chwaresmischer Herkunft al-BTrünT (973-1048), der auch aus­
drücklich bezeugt, daß die Chwaresmier eine eigene Schrift und Literatur besaßen.
Die genaue sprachliche Interpretation der in arabischer Schrift geschriebenen
Quellen wird dadurch beeinträchtigt, daß die Vokalisierung der Texte sehr unregel­
mäßig ist und die diakritischen Zeichen teils ganz fehlen, teils unvollständig gesetzt
sind. Bemerkenswert ist die Existenz besonderer längerer Formen in Pausastellung, am
Satzende, die offenbar auf Betonung und Längung des Vokals der letzten (ursprünglich
vorletzten) Silbe deuten (z. B. zadik [geschrieben z'dk] „Sohn" < altiran. *zätaka-, aber
Pausaform zädik [geschrieben z'dyk]).
Beim Nomen ist zwar das Neutrum aufgegeben, aber es gibt noch eine Vielzahl
formal differenzierter Kasus, die oft nur nach Präpositionen verwendet werden, und
auch noch einige Reste von Dualformen. Das Verbum unterscheidet Präsens- und
Imperfektstamm und kennt ein Perfektpartizip; aber die einzelnen Formen(kategorien)
sind sehr ungleichmäßig bezeugt. Für das Chwaresmische charakteristisch ist der reiche
Gebrauch von suffigierten Personalpronomina, Adverbien und Postpositionen, die auch
in gehäufter Zahl an finite Verbalformen antreten können: vgl. z. B. h'ß'ryd - häßäred
(< altiran. *fräbärayat) „er sprach", aber h'ß'rydyd = häßäredeO aus * h'ß'ryd'-hy-9 =
*häßäreda-hi-8 „er sprach mit (-9) ihm (-hi-)". Ganz isoliert steht das spätere
Chwaresmische unter den iranischen Sprachen mit einer Konstruktion, für die man
schon an türkischen Einfluß gedacht hat: Wenn das Verbum im Satz vor dem Objekt
steht - an sich ist die Wortstellung frei - , so wird dieses in der Verbalform durch ein
suffigiertes Pronomen vorweggenommen und insofern also doppelt zum Ausdruck
gebracht: h'ßrnyd' y' öyd'm' = häßimedi (< *häßirna-hi-di) yä öuydämi „ich habe sie
(-hi-) dir (-di) gegeben, meine (-mi) Tochter".

3.12. Im Süden grenzt an Sogdien die beiderseits des Mittellaufs des Oxus (Ämü-
daryä) gelegene antike Landschaft Baktrien, deren Hauptstadt - bei den Griechen
BäKtpa geheißen - in den Ruinen von Balx (Nord-Afghanistan) gesucht wird. Die
2 4
Sprache dieses Landes, das B a k t r i s c h e , das erst in den letzten Jahrzehnten
einigermaßen bekannt geworden ist, verdankt sein Überleben in schriftlichen Quellen
vor allem dem Umstand, daß es in dem im 1. Jahrhundert n. Chr. von Kujula Kadphises
gegründeten und sich von Turkestan bis nach Nordindien erstreckenden Reich der

^ Dieses Material ist erst von MacKcnzie herausgegeben worden.


4
" Zur ersten Information dient die Skizze von Sims-Williams, Bactrian; vgl. auch den ökolinguistisch
orientierten Überblick bei Schmitt. Für die neuesten Inschriftenfunde und die zahlreichen Dokumente,
die seither bekannt wurden, sei global verwiesen auf die jüngsten hier zitierten Arbeiten von Nicholas
Sims-Williams.
Kusän-Könige zur offiziellen Verwaltungssprache wurde, als griechische Schrift und
Sprache, die dort seit Alexander dem Großen offiziell verwendet worden waren,
zugunsten des einheimischen Idioms aufgegeben wurden.
Der auf die gräko-baktrische Herrschaft zurückgehende Gebrauch des Griechischen
wirkt aber insofern weiter, als auch das Baktrische fast ausnahmslos in griechischer
(Kursiv-)Schrift geschrieben wurde, und zwar unter den Kusän-Herrschern in einem
sehr sorgfältig geschriebenen fvlonumentalduktus, später, in nachkusanischer Zeit, in
einer sehr viel kursiveren und nicht immer eindeutigen Form. (Wie immer besteht der
Hauptunterschied zwischen Kursiv- und Lapidar- oder Monumentalschrift darin, ob die
einzelnen Zeichen in der Praxis miteinander verbunden werden oder nicht.) Diese
„gräko-baktrische" Schrift umfaßt ein zusätzliches Zeichen für s, verzichtet umgekehrt
auf ^ und v|/ und bedient sich einiger eigenartiger Schreibweisen (etwa wenn u für h
steht). Diese Schrift war übrigens auch dem chinesischen Reisenden Hsüan-tsang (7.
Jahrhundert n. Chr.) bekannt, der berichtet, daß die Sprache dieses Landes in einer
Schrift mit 25 Zeichen geschrieben werde, - was einen Chinesen ja wahrlich erstaunen
lassen muß!
Das Baktrische wurde unter der Kusän-Herrschaft im 1.-3. Jahrhundert n. Chr. weit
über Baktrien hinaus in andere Teile von deren Reich bzw. deren Nachfolgestaaten
unter Säsäniden, Hephthaliten und anderen Hunnenvölkern getragen und mindestens
bis ins 9. Jahrhundert n. Chr. verwendet: Bezeugt ist es daher auf einem weiten Gebiet
durch Münzen und Siegel, Inschriften und, aus späterer Zeit, wohl dem 7. bis 9. Jahr­
hundert, durch Handschriftenfragmente, v. a. die aus Tuyoq (Turfanoase) stammenden
sog. Hephthalitenfragmente. Die jüngsten datierten Inschriften aus den Jahren um 860
n. Chr. stammen aus dem TöcT-Tal (Pakistan), darunter auch je eine Bilingüe mit einem
Sanskrit- und einem arabischen Paralleltext. Aber dem Umfang und der Bedeutung
nach werden alle publizierten Texte, gleich welcher Art und Herkunft, in den Schatten
gestellt durch die große, vollständig lesbare und weitgehend verständliche 25-Zeilen-
Inschrift von Surx-Kötal (bei Baglän, Nord-Afghanistan), die die Restaurierung des
dortigen Kusan-Heiligtums unter der Herrschaft Huviskas zum Gegenstand hat und von
der es zwei kürzere Parallelfassungen gibt, sowie die etwa gleich große, nicht ganz so
gut erhaltene, 1993 gefundene Kalksteininschrift von Rabatak (nordwestlich von Surx-
Kötal), in der Ereignisse des ersten Regierungsjahres von Kaniska I. und vor allem die
Ausbreitung der Kusän-Herrschaft über Nordindien geschildert werden. Daneben
stehen weitere Bauinschriften aus der Gegend von Balx und von Termez am nördlichen
Oxus-Ufer. Reiche Funde stammen aus dem buddhistischen Höhlenkloster vom Kara-
Tepe in Termez, neben Gefäßinschriften auch Freskenbeischriften (Graffiti), die
offenbar Besuchern des Klosters zu verdanken sind. Ähnliche „Touristen-Inschriften"
kennen wir auch aus Afräsiäb (Alt-Samarkand, Sogdien) und vom oberen Indus-Tal
(Nord-Pakistan). Übertroffen wird all dies aber durch knapp 100 auf Leder ge­
schriebene, offenbar aus den Provinzen Samingän und Bamyän (Nord-Afghanistan)
stammende Dokumente, großenteils Briefe, zum Teil aber auch Texte juristischen
Inhalts, die der Forschung erst ab 1991 zugänglich geworden sind und deren Er-
S c h l i e ß u n g noch in vollem Gange ist. Schon was bislang publiziert vorliegt, zeigt, daß
die Kenntnis des Baktrischen dadurch einen Riesenschritt vorankommen wird.
Eine Stellung ganz für sich nimmt ein in manichäischer Schrift geschriebenes Blatt
der Berliner Turfantexte ein, das ein Fragment eines manichäischen Homilientextes in
baktrischer (oder jedenfalls dem Baktrischen sehr nahestehender) Sprache enthält. Es
stammt offenbar von einer baktrischen „Kolonie" im Turfangebiet (in Qoco) und zeigt,
daß die dortigen Manichäer ebenso wie einige andere Sprachen auch das Baktrische in
ihrer eigenen Schrift geschrieben haben, während die Buddhisten - und zumindest
einer der sog. Hephthalitentexte erweist sich als buddhistischen Inhalts - jene Schrift
verwendeten, die auch bei profaner Zweckbestimmung zum Schreiben diente. Es sei
daran erinnert, daß Gleiches bereits für das Sogdische zu bemerken war.
Was die baktrische Sprache anlangt, so lassen sich mittlerweile nicht nur Aussagen
zur Lautlehre machen, sondern tritt auch das Formeninventar und Formensystem immer
deutlicher zutage. Im Lautlichen fällt auf, daß sich im Gegensatz zu altiran. *b, *g
(woraus baktr. ß, y) altiran. *d weiterentwickelt hat zu / (vgl. №,a „Festung" < altiran.
*dizä; manich.-baktr. l'dßr = lädßar „Richter" gegenüber mittel-, neupers. dädwar <
altiran. *dätabara-). Das Zeichen o dient allem Anschein nach auch zum Ausdruck
eines reduzierten Vokals [s] in unbetonter Silbe, wie cppo- für das Präverb altiran. *fra-
oder Wechselformen wie voßr/jo neben (etymologisch gerechtfertigtem) vißixro
„geschrieben" (vgl. altpers. ni-pista- „dass.") andeuten. Ebenso erklärt sich wohl der
häufige Wortauslaut -o als [s], etwa ßtxyo „Gott" =/fay (< altiran. *bagah).

3.13. Eine weitere erst um 1900 wieder dem Vergessen entrissene mittelostiranische
Sprache ist das S a k i s c h e , die Sprache der Saken (altpers. Saka-, griech. Z c t K a i ) ,
die nach Ausweis chinesischer Quellen in Ostturkestan seit mindestens etwa 200
v. Chr. ansässig waren. Daß diese Sprache, die in zwei Dialekten bekannt geworden ist,
die nach den Hauptfundgegenden Khotansakisch und Tumsuqsakisch genannt werden,
25
in der Tat das Sakische ist, ergibt sich daraus, daß sich für diese Sprache typische
Wörter, Formen und Schreibgepflogenheiten in der Sprache der indischen Sakas oder
„Indo-Skythen" und in den Inschriften und Münzlegenden aus dem Nordwest-Indien
26
der Sakaperiode (etwa 1. Jahrhundert v. Chr. bis 3. Jahrhundert n. Chr.) wiederfinden .
Sehr reich bezeugt ist das Khotansakische aufgrund umfänglicher (und bis heute
noch n i c h t gänzlich publizierter) Textfunde aus buddhistischen Klöstern und Heilig­
tümern in dem alten Königreich von Khotan, im weiteren Umkreis um die heutige Stadt
Khotan (Ho-t'ien) südöstlich von Käsyar, sowie in der „Höhle der tausend Buddhas"
von Tunhuang. Das Reich von Khotan ist nämlich in der zweiten Hälfte des 1. Jahr­
tausends n. Chr. ein bedeutendes Zentrum des Buddhismus gewesen, und es soll dort
68 größere, 95 mittlere und 148 kleinere Klöster gegeben haben. Die Bezeichnung
dieser Sprache, die offenbar bald nach der türkischen Eroberung zu Anfang des 11.

2 5
Einen hervorragenden Überblick, vornehmlich aus sprachhistorischer Sicht, bietet Emmerick,
Khotanesc.
6
" Der Nachweis hierfür wird Lüders verdankt.
Jahrhunderts untergegangen ist, als „khotanisch" kann sich darauf stützen, daß sie in
den Dokumenten selbst hvatana- „khotanisch" genannt wird.
Die Texte, die aus dem 7. bis 10. Jahrhundert n. Chr. stammen, befinden sich teils in
sog. Pothi-Handschriften, die aus beidseitig beschriebenen und durchgehend pagi­
nierten länglichen Blättern bestehen, die mittels einer durch Löcher geführten Schnur
zusammengehalten werden, teils auf chinesischen Buchrollen, bei denen die Rückseite
chinesischer Texte zur Niederschrift des khotansakischen Textes (wieder)verwendet
27
wurde. Fast sämtliche erhalten gebliebene Texte sind buddhistischen Inhalts, in der
Regel Ubersetzungen aus dem Sanskrit; und daß zahlreiche, teils sehr umfangreiche
Bilinguen mit chinesischem, tibetischem oder Sanskrit-Paralleltext zur Hand sind,
erleichtert ihre sprachliche Interpretation oft beträchtlich. Der wichtigste Text dieser
Gruppe ist ein der ältesten bezeugten Sprachstufe angehörendes Lehrgedicht, das
verschiedene Aspekte des Buddhismus behandelt und buddhistische Legenden erzählt,
28
das nach seinem Auftraggeber benannte „Buch des Zambasta" . Im übrigen gibt es
eine Reihe von Dokumenten und sonstigen profanen Texten wie medizinischen Trakta­
ten, Briefen und lyrischen Gedichten, sogar ein Reisetagebuch über eine Reise von
Khotan nach Srinagar. Nur in geringer Zahl finden sich Holz- und Wandinschriften.
Geschrieben sind diese khotansakischen Texte in verschiedenen Varianten der in
Zentralasien gebräuchlichen indischen Brähmlschrift, die älteren literarischen Texte in
einer deutlichen Buchschrift, die späteren Dokumente in einem sehr kursiven Duktus.
Dabei mußte diese Schrift natürlich den lautlichen Besonderheiten des Khotan­
sakischen angepaßt werden, etwa durch die Verwendung der Ligaturys (die im Sanskrit
nicht benötigt wird) zur Bezeichnung des stimmhaften z (z. B. in aysu /azu/ „ich" <
altiran. *azam, vgl. avest. azani).
Weit schlechter als das Khotansakische ist das altertümlichere Tumsuqsakische
bezeugt, das nur aus einer buddhistischen Handschrift von Tumsuq (nordöstlich von
Käsyar) und einigen in der Nähe gefundenen Urkunden bekannt ist. Daß es der Sprache
von Khotan engstens verwandt ist und daß beide nur verschiedene Dialekte ein und
derselben Sprache sind, zeigen eine Reihe morphologischer und lexikalischer Gemein­
samkeiten. Das Tumsuqsakische repräsentiert eine archaischere Entwicklungsstufe als
das Khotansakische, da es bestimmte jüngere Erscheinungen nicht aufweist, z. B.
Palatalisierungen (vgl. tumsuqsak. andi „sie sind", nästi „ist nicht" vs. khotansak. Inda
bzw. nistä). Auch für das Tumsuqsakische wird eine der verschiedenen zentral­
asiatischen BrähmT-Varianten verwendet, hier aber mit weit mehr eigenen Zusatz-
zeichen als im Khotansakischen (z. B. auch für stimmhaftes z in azu „ich" = khotansak.
aysu).

3.14. Innerhalb der großen Masse der khotansakischen Texte sind tiefgreifende
sprachliche Änderungen und ist ein fortschreitender sprachlicher Verfall deutlich

2 7
Ein unverzichtbares Hilfsmittel zur Orientierung bildet Emmerick, Guide.
K
" Emmerick, Book.
erkennbar. Insbesondere sind in den spätkhotansakischen Texten viele Auslautsilben
geschwunden, die in Texten älterer Zeit noch vorhanden sind: Beispiele wie spät a
„ich" < aysu, ä „er ist gekommen" < ätä (< altiran. *ägata-) oder hvam < hvana- <
hvamna- < hvatäna- < hvatana- „khotanisch" erscheinen fast bis zur Unkenntlichkeit
verkürzt. In der Nominaldeklination sind zum Ausgleich hierfür Verdeutlichungs­
prozesse zu beobachten, werden z. B. suffigierte Formen verwendet.
Von bemerkenswerter Altertümlichkeit ist im Gegensatz zu dem stark veränderten
lautlichen Erscheinungsbild der Wörter das Kasussystem von Nomina und Pronomina,
das im Prinzip noch sechs Formen auseinanderhält: Von den ursprünglichen acht Kasus
(vgl. oben Kapitel 2.6) sind nur Genetiv und Dativ einerseits, Instrumentalis und
Ablativ andererseits formal zusammengefallen; im Plural werden auch Nominativ und
Akkusativ nicht mehr unterschieden. Die für das Spätkhotansakische typischen laut­
lichen Reduktionen haben aber natürlich auch diese Verhältnisse stark beeinträchtigt.
Auffällig ist angesichts eines solchen Konservativismus, daß der Dual beim Nomen
kaum irgendwelche und beim Verbum überhaupt keine Spuren hinterlassen hat.
Beim Verbum sind gleichfalls alle im Altiranischen vorhandenen Modi (vgl. Kapitel
2.6), jedenfalls in Resten, im Präsens erhalten geblieben, während im Tempussystem
nur noch Präsens und Präteritum auseinandergehalten werden und man für weitere
Unterscheidungen zu periphrastischen Ausdrücken griff. Sogar den alten, ererbten
Gegensatz zwischen Aktiv und Medium hat das Khotansakische in unterschiedlichen
Endungen und in einzelnen Formpaaren bewahrt, bei denen einem transitiven Aktiv
(z. B. bar- „tragen") ein intransitives Medium (bar- „reiten") zur Seite steht. Das
Präteritum, das mit dem alten -ta-Partizip gebildet und sowohl für transitive wie auch
intransitive Verben gebraucht wird, hat im Singular unterschiedliche, vom Genus des
Subjekts abhängige Formen (z. B. hvate „er hat gesagt" vs. hvatätä „sie hat gesagt").
Ein Potentialis wird durch eine analytische Konstruktion ausgedrückt, die das
Passivpartizip des Perfekts (auf -u < altiran. *-am, also im Neutrum) mit dem Verbum
yan- „tun, machen" (bzw. im Passiv harn- „werden") verbindet. In entsprechender
Weise werden auch im Präteritum die nicht vorhandenen Modusformen für Konjunktiv
und Optativ sowie das Plusquamperfekt durch Umschreibungen mittels Hilfsverbum
(ah- „sein" bzw. Perfekt väta-) bezeichnet.
Da die Texte fast ausnahmslos buddhistischen Inhalts sind, nimmt es nicht wunder,
daß der Wortschatz in starkem Maße mit indoarischen Elementen durchsetzt ist, die
direkt aus dem buddhistischen Sanskrit oder aus der nordwestindischen Volkssprache,
dem sog. Gändhäri(-Präkrit) stammen. Daneben fällt dann um so mehr ein Wort wie
urmaysde „Sonne" auf, das iranischen Ursprungs, dabei aber deutlich zoroastrisch
beeinflußt ist, da es den regelmäßigen Fortsetzer des Gottesnamens altiran. *Ahura-
Mazdä- (= avest. Nom. Ahurö Mazda) darstellt.
Auf die lautgeschichtlich bemerkenswerten Entwicklungen soll hier im einzelnen
nicht eingegangen werden. Hervorhebung verdient aber der Wandel von uriran. *tsv
(< indoiran. *cu) > khotansak. .vi (etwa in assa- „Pferd" gegenüber avest., med. aspa-,
altpers. asa-), der dem Sakischen eine dialektologische Sonderstellung verleiht, der es
andererseits aber auch mit einer der heutigen Pämirsprachen in nähere Beziehung
bringt, nämlich dem Wakhl (vgl. wakhiyas „Pferd").

3.15. Die zahlreichen sarmatischen, alanischen und verwandten Stämme, die nördlich
des Kaukasus sowie des Schwarzen und des Kaspischen Meeres siedelten, haben kaum
direkte Sprachzeugnisse hinterlassen, so daß über deren Dialekte (oder Sprachen) nur
29
wenige fundierte Aussagen möglich sind . Am ehesten greifbar ist für die Forschung
bislang das iranische Namengut der kaiserzeitlichen griechischen Inschriften aus den
Griechen-Kolonien entlang der Schwarzmeernordküste - vom 4. Jahrhundert v. Chr. an
sind Sarmaten in diesen Raum eingedrungen -, zu dem weitere Namen (Personen-,
Stammes- und geographische Namen) sowie Wörter (einzelne Glossen) aus literari­
scher oder inschriftlicher Überlieferung in einer Vielzahl von Sprachen und schließlich
moderne toponomastische Fortsetzer sowie Lehnwörter (v. a. die aus dem Alanischen
im Ungarischen) hinzutreten.
Den Alanen sind auch zwei in griechischer Schrift geschriebene Texte zu ver­
danken: zum einen die alanische („altossetische") Inschrift einer Grabstele vom Ufer
des Großen Zelencuk (eines Kuban-Nebenflusses) etwa aus dem 10. bis 12. Jahrhundert
n. Chr., zum anderen zwei Verse im Epilog zur „Theogonie" des Byzantiners Johannes
Tzetzes (Mitte des 12. Jahrhunderts). Eine Form wie cpoupt „Sohn" (viermal auf der
Zelencuk-Inschrift), die genau osset. digor. furt gleicht und dem sarmatischen
Personennamen d>oupTac; zugrunde liegt, der aus Tanais an der Don-Mündung bekannt
ist - auszugehen ist von altiran. *pwdra- „Sohn" (vgl. oben Kapitel 1.9, Punkt (m)
sowie 3.8) - , fügt sich genau der Entwicklungslinie Sarmatisch-Alanisch-Ossetisch.
Überhaupt bietet die augenfällige Verknüpfung mit dem (sprachhistorisch gesehen)
nordostiranischen Ossetischen in bestimmten charakteristischen Lautentwicklungen
oftmals das durchschlagendste Argument bei der Interpretation des dürftigen
sarmatisch-alanischen Sprach- und Namengutes.

3.16. Neben diesen durch Textüberlieferung faßbaren mitteliranischen Sprachen muß


es weitere Sprachen und Dialekte gegeben haben. So hat nach Angaben indischer
Quellen im Osten Afghanistans das Volk der Kambojas gewohnt, für deren Sprache
indische Grammatiker auch einzelne Formen (wie savati „geht", genau avest. sauuaiti
entsprechend) zitieren, die darauf hindeuten, daß dies eine iranische, genauer: eine
ostiranische Sprache gewesen ist. Mit diesem „KamböjT" hat man verschiedene Sprach­
zeugnisse in Verbindung zu bringen versucht (einerseits zwei Felsinschriften von
Dast-i Näwur westlich von GhaznT „in unbekannter Schrift und Sprache", andererseits
die in aramäischer Schrift, aber wohl ostiranischer Sprache geschriebenen Versionen
der Edikte des indischen Maurya-Kaisers Asoka), doch bleibt dies alles völlig
30
hypothetisch .

Die Forschungs- und Problemgcsehichte stellt Bielmeier, Sarmatisch dar.


Vgl. zu diesen beiden Komplexen Schmitt, Sprachzeugnisse, 185-189 bzw. 177-181.
Ostiranische Lokaldialekte von Buchara (gewiß zum Sogdischen gehörig), STstän,
Zäbulistän oder der Gegend um Käsyar findet man gelegentlich bei islamischen
Autoren erwähnt, etwa bei al-BTrünl. Hinweise auf bestimmte andere Dialekte ergeben
sich zum Teil nur aus der indirekten Evidenz von Lehnwörtern, denn auch für den
Bereich des Mitteliranischen kommt der sog. „Nebenüberlieferung" in anderen Spra­
chen eine gewichtige Rolle zu.
An der Spitze stehen dabei nach Zahl und Bedeutsamkeit die Entlehnungen ins
Armenische, nicht zuletzt deshalb, weil sie dort in einer Schrift mit vollständiger und
eindeutiger Vokalbezeichnung geschrieben sind. Diese iranischen Elemente des Arme­
nischen, die schon zu Beginn der armenischen Überlieferung im 5. Jahrhundert n. Chr.
voll integriert sind und der Sprache ein so stark iranisches Aussehen verleihen, daß die
Forschung sie anfangs verkannt und das Armenische bis 1875 zum Iranischen
gerechnet hat, sind der jahrhundertelangen politischen Abhängigkeit Armeniens von
iranischen Staaten und insbesondere der direkten Herrschaft der Arsakiden über
Armenien zu verdanken. So überwiegen denn auch die Entlehnungen aus dem
Parthischen, die den Grundwortschatz und alle Bereiche des Lexikons betreffen und im
Armenischen gewissermaßen Wurzeln geschlagen haben, gegenüber den jüngeren,
säsänidenzeitlichen aus dem Mittelpersischen, die überwiegend Fachtermini und Titel
sind und großenteils nur vereinzelt vorkommen.
Gegenüber dem Armenischen treten als Nebenüberlieferungssprachen alle anderen -
Griechisch, Aramäisch/Syrisch, Arabisch, Georgisch, Indoarisch, Tocharisch,
Uigurisch ebenso wie Chinesisch - zurück, obwohl auch diese zum Teil größere
Mengen von Wörtern iranischer Herkunft aufweisen. Je nach den geographischen und
historischen Verhältnissen betreffen diese Lehnbeziehungen das Parthische, Mittel­
31
persische oder auch ostiranische Sprachen .
Dialekte, die man nur indirekt aus lautlichen Sonderentwicklungen erschließt, die
sich in der Nebenüberlieferung widerspiegeln, sind insbesondere das „Mittelmedische"
und das „Parnische". Zum Beispiel fallen im Armenischen Wörter auf, die weder dem
parthischen noch dem mittelpersischen Lautstand entsprechen, sondern offenbar dem
eines dritten Dialekts, in dem viele Forscher die Mundart des „atropatenischen
Medien", also ein „Mittelmedisch" sehen, das aus historischen Gründen niemals den
Rang einer Schriftsprache erlangt hat.
Ebenfalls nur indirekt schließt man auf die ostiranische (letztlich wohl sakische)
Mundart der zu den „skythischen" Dahern gehörigen Parner, denen die Arsakiden
angehörten und die im 3. Jahrhundert v. Chr. westwärts gezogen sind und sich Parthien
unterworfen haben, dessen Sprache sie allerdings in ihrem Herrschaftsbereich weiterhin
pflegten. Die Kenntnis dieser Zusammenhänge wirkt noch bei Iustinus (41, 2, 3) nach,
der die parthische Sprache als zwischen dem Skythischen (d. h. Sakischen) und
Medischen stehend und als Gemisch aus beiden bezeichnet: sermo his inter Scythicum
Medicumque medius et utrimque mixtus. Daß auf diese Weise einiges typisch

Zu diesen Fragen der Nebenüberlieferung mitteliranischer Sprachen vgl. die knappe Zusammen­
fassung von Schmitt, Mitteliranisch, 10(1-103.
ostiranisches Sprachgut ins Parthische gelangte, ist nicht weiter auffällig (z. B. parth.
päh „Pfeil" aus sogd., chwaresm. paß im Gegensatz zu mittelpers. tiyr, tir). Und ebenso
sind, wie man annimmt, speziell ostiranische Wörter auch ins Armenische gelangt,
etwa kari „sehr" (< *kaSi) oder margare „Zauberer", die nur in sogd. k'Sy /kä8i/ bzw.
m'rkr'y /märgaräy/ ihr genaues Gegenstück finden.

32
3.17. Die ostiranische Gruppe ist in manchem Punkt wesentlich konservativer als die
westiranische, insbesondere insofern, als die Auslautsilben - offenbar aufgrund anders­
artiger Akzentverhältnisse - nicht geschwunden sind: Im Gegensatz zu parth. az „ich"
< altiran. *azam oder sad „100" < altiran. *satam heißt es im Khotansakischen aysu
/azu/ bzw. satä /sade/ und im Sogdischen 'zw /azu/ bzw. stw /satu/. Infolgedessen sind
auch Morphologie und Syntax insgesamt auf einem älteren Stand stehengeblieben, da
im Nominal- und Verbalsystem teilweise eine weitaus größere Vielfalt von Formen­
kategorien erhalten geblieben und noch nicht völlig untergegangen ist. Andererseits
aber hebt sich das Ostiranische vom Westiranischen deutlich durch Neuerungen ab,
insbesondere im Phonologischen durch die Spirantisierung von iran. *b-, *d-, *g- (im
Anlaut) > ostiran. *ß-, *ö-, *y- (vgl. iran. *brätar- „Bruder" > sogd. ßrät, chwaresm.
ßräd, khotansak. brätar- /ßrädar-/; iran. *gausa- „Ohr" > sogd. yös, chwaresm. yöx
33
usw.) und die Sonorisierung (Stimmhaftwerdung) der Gruppen iran. *xt, *ft > *yd,
*ßd (z. B. iran. *hafta „7" > sogd., chwaresm. aßd, weitergehend khotansak. hauda
/hauöa/ usw.).
Eine Vielzahl von Unterschieden in Einzelzügen läßt das Ostiranische als recht
uneinheitlich erscheinen, so daß die ostiranischen Sprachen gegenseitig wohl weniger
34
leicht verständlich waren. Sims-Williams sieht hinsichtlich der morphologischen
Komplexität der ostiranischen Sprachen ein deutliches Ost-West-Gefälle: am konser­
vativsten sei das Khotansakische, weniger ausgeprägt sei dieser Zug im Sogdischen
und Chwaresmischen (die enger miteinander verbunden sind), während das Baktrische
gar schon recht früh den gleichen Zustand erreicht habe wie die westiranischen
Sprachen. Gleichwohl zeichnen die angeführten exklusiven Neuerungen das Ost­
iranische als eine eigenständige, zusammengehörige Sprachgruppe aus, deren Binnen­
gliederung in Süd- und Nordostiranisch allerdings erst auf der neuiranischen
Entwicklungsstufe greifbar wird, da keine als südostiranisch zu klassifizierende
Sprache in älterer Zeit bezeugt ist.

Vgl. Sims-Williams, Eastern Middle Iranian.


Für das Khotan- und Tumsuqsakische sind hier gewisse Vorbehalte zu machen.
Sims-Williams, Eastern Middle Iranian, 168.
Literatur zu Kapitel 3.1:
Schmitt, Rüdiger: Die mitteliranischen Sprachen im Überblick, in: CL1 95-105.
Skjaerv0, P. Oktor: Aramaic Scripts for Iranian Languages, in: The World's Writing Systems. Ed. by
Peter T. Daniels and William Bright, New York/Oxford 1996, 515-535.

Literatur zu Kapitel 3.2-3.4:


Ghilain, A.: Essai sur la langue parthe. Son système verbal d'après les textes manichéens du Turkestan
Oriental, Louvain 1939.
Lcntz, Wolfgang: Die nordiranischen Elemente in der neupersischen Literatursprache bei Firdosi, ZU 4,
1926, 251-316.
Schmitt, Rüdiger: Parthische Sprach- und Namenübcrlieferung aus arsakidischer Zeit, in: Das Parther-
reich und seine Zeugnisse. Hrsg. von Josef Wiesehöfer, Stuttgart 1998, 163-204.
Sundermann, Werner: Parthisch, in: CLI 114-137.

Literatur zu Kapitel 3.5-3.8:


Hettrich, Heinrich: Der Agens in passivischen Sätzen altindogcrmanischer Sprachen, Göttingen 1990.
Schmitt, Rüdiger: Die mitteliranischen Sprachen im Überblick, in: CLI 95-105.
Sundermann, Werner: Westmitteliranische Sprachen, in: CLI 106-113.
Sundermann, Werner: Mittelpersisch, in: CLI 138-164.

Tavadia, Jehangir C : Die mittelpersische Sprache und Literatur der Zarathustrier, Leipzig 1956.

Literatur zu Kapitel 3.9-3.10:

Gharib, B.: Sogdian Dictionary: Sogdian-Persian-English, Tehran 1995.


Sims-Williams, Nicholas: Sogdian, in: CLI 173-192.
Sims-Williams, Nicholas: Sogdian and other Iranian Inscriptions of the Upper Indus. I—II ( d i r II/III/
I—II), London 1989-1992.
Sims-Williams, Nicholas: The Sogdian manuscripts in BrähmT script as evidence for Sogdian phonology,
in: Turfan, Khotan und Dunhuang. Vorträge der Tagung „Annemarie v. Gabain und die Turfan-
forschung". Hrsg. von Ronald E. Emmerick, Werner Sundermann u. a., Berlin 1996, 307-315.

Literatur zu Kapitel 3.11:


Humbach, Helmut: Choresmian, in: CLI 193-203.
MacKenzie, D.N.: The Khwarezmian dement in the „Qunyat al-munya", London 1990.
MacKenzie, D.N.: Chorasmia. iii. The Chorasmian Language, in: EIr V, 1992, 517-520.
Literatur zu Kapitel 3.12:
Schmitt, Rüdiger: Sprachzeugnissc alt- und mitteliranischer Sprachen aus Afghanistan, in: Indo­
germánica et Caucásica. Festschrift für Karl Horst Schmidt, Berlin/New York 1994, 168-196.
Sims-Williams, Nicholas: Bactrian, in: CLI 230-235.
Sims-Williams, Nicholas: Nouveaux documents sur l'histoire et la langue de la Bactriane, CRAI 1996.
633-654.
Sims-Williams, Nicholas: New Light on Ancient Afghanistan. The Decipherment of Bactrian, London
1997.
Sims-Williams, Nicholas: Further notes on the Bactrian inscription of Rabatak, with an Appendix on the
names of Kujula Kadphises and Vima Taktu in Chinese, in: Proceedings of the Third European
Conference of Iranian Studies. Part 1: Old and Middle Iranian Studies. Ed. by Nicholas Sims-
Williams, Wiesbaden 1998, 79-92.
Sims-Williams, Nicholas, and Joe Cribb: A New Bactrian Inscription of Kanishka the Great, S RAA 4,

1995/96, 7 5 - Í 4 2 .

Literatur zu Kapitel 3.13-3.14:


Emmerick, R. E. (Ed.): The Book of Zambasta. A Khotanese poem on Buddhism, ed. and translated,

London 1968.
Emmerick, Ronald E.: Khotanese and Tumsuqese, in: CLI 204-229.
2
Emmerick, Ronald E.: A Guide to the Literature of Khotan, Tokyo 1992.
Luders, Heinrich: Die Sakas und die 'nordarische' Sprache, SPAW 1 9 1 3 , 4 0 6 ^ 2 7 .

Literatur zu Kapitel 3.15:


Bielmeier, Roland; Sarmatisch, Alanisch, Jassisch und Altossetisch, in: CLI 236-245.
Bielmeier, R , Das Alanische bei Tze.zes, in: Medioiranica. Proceedings of the International Colloqurum,
ed. by Wojciech Skalmowski and Alois van Tongerloo, Leuven 1993, 1-28.
2
Christol, Alain: Des Scythes aux Ossetes, Rouen 1989.

Literatur zu Kapitel 3.16:


Schmitt, Rüdiger: Die mitteliranischen Sprachen im Überblick, in: CLI 95-105.
Schmitt, Rüdiger: Sprachzeugnisse .1,- und mitteliranischer Sprachen aus Afghanistan ,n: Indo­
germanica et Caucásica. Festschrift für Karl Horst Schmidt, Berl.n/New York 1994, 168-196.

Literatur zu Kapitel 3.17:


Sims-Williams, Nicholas: Eastern Middle Iranian, in: CLI 165-172.
4. Die westiranischen S p r a c h e n d e r n e u i r a n i s c h e n P e r i o d e

4 . 1 . Von der Islamisierung der iranischen Welt an, die eine unmittelbare Folge der
Eroberung Irans durch die Araber ist, rechnet man gewöhnlich die neuiranische Sprach-
periode. Die Epochengliederung der iranischen Sprachen tritt am augenfälligsten
bekanntlich beim Persischen hervor, das über mehr als zweieinhalb Jahrtausende
1
bezeugt ist . Es ist deshalb praktisch die Herausbildung des Neupersischen zur Gemein-
sprache eines Großteils der iranischen Länder, auch jenseits des Oxus (Ämü-daryä) und
im heutigen Afghanistan, die man - die dort gegebene Situation generalisierend - als
maßgebendes Einteilungskriterium für die Gesamtheit der iranischen Sprachen nimmt,
- obwohl das Neupersische sich im Vergleich zum Mittelpersischen sprachgeschicht-
2
lich kaum weiterentwickelt hat, denn schon Antoine Meillet hatte seinerzeit ge-
schrieben, daß dieses „n'est qu'une forme archaïque du persan, dont il ne diffère au
point de vue grammatical par presque rien de vraiment essentiel", daß es vielmehr bloß
„des changements de détail" gegeben habe, aber „la structure générale du persan est
restée en gros la même".
3
Neuiranische Sprachen sind also zum einen jene, die heute gesprochen werden, und
zum anderen jene, deren schriftliche Dokumentation erst nach der Islamisierung, die
zugleich auch die arabische Schrift nach Iran gebracht hat, einsetzt. Um diese zur
Niederschrift iranischer Sprachen tauglich zu machen, sind mittels diakritischer
Zeichen einige Veränderungen vorgenommen und im Falle des Neupersischen die
„typisch persischen" Zeichen p, c, z und g (durch zusätzliche Punktierung bzw. einen
Zusatzstrich) geschaffen worden. Bei den anderen „größeren" iranischen Schrift-
sprachen (Paschtu, Kurdisch und Belutschisch) sind, je nach Erfordernis, andere
Lösungen gefunden worden.
Auch wenn hier - wie so häufig in Geschichte und Gegenwart (bzw. jüngerer
Vergangenheit) - eine enge Abhängigkeit des Schriftsystems von der herrschenden
Religion zu beobachten ist, so besagt dies nicht, daß sämtliche neuiranischen Sprachen
nun mit arabischen Zeichen verschriftet werden. Von dieser Regel gibt es mehrere
Ausnahmen: das Persische selbst ist von den Juden immer in hebräischer Schrift
geschrieben worden (das sog. „Jüdisch-Persische"); die christlichen Osseten hatten sich
zuerst der kirchenslavischen und georgischen, später der (russisch-)kyrillischen Schrift
bedient; in der ehemaligen Sowjetunion war (v. a. auch für das Tadschikische) in den
1920er Jahren die Lateinschrift, Ende der 1930er Jahre die kyrillische Schrift als

1
Vgl. oben Kapitel 0.5; 3.5.
2
Meillet, 390.
Allgemeine, v. a. auch soziolinguistische Aspekte erörtert Windfuhr.
verbindlich eingeführt worden; noch komplizierter sind die Verhältnisse beim Kur­
dischen, für das heute in den verschiedenen Ländern, in denen Kurden leben, die
kyrillische, arabische und Lateinschrift Verwendung finden.
Das Verbreitungsgebiet der iranischen Sprachen greift heute über Iran und
Afghanistan, die den Kernbereich bilden, nach allen Richtungen hin aus - vgl. Kapitel
4
0.1 und die hier beigegebene Karte (vgl. Abb. 3) - und erreicht etwa die gleiche Größe
wie das der indoarischen Sprachen, obwohl die Zahl der Sprecher natürlich weit
niedriger ist: nur Neupersisch (FärsT mit seinen Varianten Tadschikisch und Dan),
Paschtu, Kurdisch und Belutschisch überschreiten bei der Sprecherzahl die Millionen­
grenze, Ossetisch erreicht etwa eine halbe Million. Ich verzichte im folgenden aber
generell auf derartige Angaben, da mir gegenwartsnahe Zahlen von einiger Zuver­
lässigkeit nicht zur Verfügung stehen und insbesondere über die sprachlich-ethnischen
Verhältnisse im heutigen Afghanistan nach den Geschehnissen seit 1979 ein Urteil
völlig unmöglich ist.
Die Dialektverschiedenheiten, die bereits in alt- und mitteliranischer Zeit deutlich
hervortreten (vgl. Kapitel 1.9-1.10), sind trotz der dominierenden Rolle v. a. des
Persischen nicht völlig eingeebnet worden, obwohl sämtliche anderen Sprachen und
Dialekte (mit Ausnahme des etwas isoliert stehenden Ossetischen), aber insbesondere
die zahlreichen kleineren, „schriftlosen" Dialekte, die ihm nicht (wie viele andere)
vollständig zum Opfer gefallen sind, natürlich sehr stark vom Neupersischen beeinflußt
wurden und heute mehr denn je beeinflußt werden. Auch ohne Herausbildung einer
Schrifttradition und ohne dadurch ermöglichte Kenntnis früherer Überlieferung - denn
solche gibt es allein für FärsT, Kurdisch und Paschtu, mit Einschränkungen für
Ossetisch und Belutschisch - läßt sich die uralte Klassifikation in ost- und west­
iranische Sprachen noch klar erkennen. Und so kann auch für die neuiranische Periode
generell der für das Ostiranische charakteristische Konservativismus im Bereich der
Morphologie von Nomen und Verbum behauptet werden.
In Kapitel 4 sollen die westiranischen Idiome vorgestellt werden. Im Zentrum steht
dabei FärsT (samt Tadschikisch und Dan); daneben werden die übrigen Sprachen und
Dialekte vergleichsweise knapp abgehandelt: die zentraliranischen Dialekte, das Kur­
dische, die kaspischen und Nordwestdialekte, das Belutschische und die Dialekte Süd-
Irans. - Die wichtigsten Glieder der ostiranischen Gruppe, die dann Gegenstand von
Kapitel 5 sein wird, - sie ist im Vergleich zum 1. Jahrtausend n. Chr., vornehmlich
durch die Expansion der Turkvölker, auf ein kleineres Gebiet zurückgedrängt worden -
sind Paschtu, Yidgä und MunjT, die Pämirsprachen, ParäcT und ÖrmurT, Ossetisch und
YagnöbT.

5
4.2. N e u p e r s i s c h umfaßt im weiteren Sinne drei Sprachformen, die heute
offizielle Staatssprachen in drei Staaten sind: FärsT (zabän-e Järsi „persische Sprache"),

4
Die Karte von Abb. 3 ist aus CLI, nach S. 529, entnommen.
5
Eine Beschreibung der heutigen Sprachform bietet Lazard, Persan; diese Skizze versucht v. a. auch die
zahlreichen noch ungelösten Probleme der scheinbar so einfach strukturierten Sprache aufzuzeigen.
das Neupersische im engeren Sinne, ist die Staatssprache Irans, die vom größten Teil
der Bevölkerung verstanden wird, auch soweit sie von Haus aus andere (auch nicht­
iranische) Sprachen oder Dialekte spricht; es ist aber auch in einzelnen Sprachinseln
außerhalb Irans verbreitet. Als zweite Staatssprache Afghanistans neben Paschtu, ob­
wohl Muttersprache nur etwa eines Viertels der Bevölkerung, wird es heute gewöhnlich
als Dan bezeichnet; ursprünglich hatte dieser Name allerdings, wie gleich noch genauer
auszuführen ist, eine andere Bedeutung. Die dritte Variante ist das Tadschikische
(tofiki), das nicht nur offizielle Sprache in Tadschikistan ist, sondern auch in Teilen
Usbekistans und vereinzelt in den anderen Staaten des ehemals sowjetischen Mittel­
asien gesprochen wird. Gemeinsam ist diesen drei Ausprägungen ein und derselben
Sprache, daß sie (mehr oder weniger) direkt das Alt- und Mittelpersische fortsetzen;
allerdings haben alle drei Sprachstufen, Alt-, Mittel- und Neupersisch, in gewissem
Umfang Fremdelemente in sich aufgenommen und jedenfalls insofern Besonderheiten
je eigener Art herausgebildet.
Vom Mittelpersischen als der geläufigen Kultur-, Verkehrs- und Handelssprache im
Säsänidenreich (vgl. Kapitel 3.5) hebt sich das (ältere) Neupersische nur durch
vergleichsweise wenige lautliche Veränderungen ab, während einige morphologische
Neuerungen insbesondere im Bereich des Verbalsystems auf einen gewissen „Um­
bruch" hindeuten, v. a. aber fremde (nord- oder ostiranische und arabische) Elemente
im Wortschatz. Dabei läßt sich deutlich erkennen, daß das Neupersische nicht die
mittelpersische Literatursprache fortsetzt, sondern die Umgangssprache jener Zeit, die
am Säsäniden-Hof (in Ktesiphon) und in den städtischen Zentren von deren Reich
gesprochen worden ist. Von entscheidender Bedeutung für diese Erkenntnis ist ein die
ausgehende Säsänidenzeit betreffendes Zeugnis des Ibn al-Muqaffa', der aus Färs
stammte und als Übersetzer ins Arabische eine reiche Tätigkeit entfaltet hat. Diese in
6
Schriften späterer Zeit wiederholt (mit oder ohne Namensnennung) zitierte Nachricht
besagt, daß es verschiedene Sprachformen nebeneinander gegeben habe, darunter - und
7
nur diese sind hier von Interesse - pahlavi (arab. al-fahlawlya) „Parthisch" , darf (arab.
al-darfya), die „Sprache des Hofes" (nach dar „Tür, Tor; Palast") und der Hauptstadt,
und pars! (arab. al-förisiya), die „Sprache der Möbeds (d. h. der zoroastrischen
Oberpriester) und Gelehrten". Von dieser, wie in Kapitel 3.5-3.6 gezeigt, archaischen
bzw. stark archaisierenden und sich nicht weiterentwickelnden Literatursprache hebt
sich darf also, ohne daß es aber eine andere Sprache wäre, als die am Hof und in den
Städten gesprochene Sprache deutlich und mit der Zeit immer deutlicher ab. Und daß
Ibn al-Muqaffa' in diesem Zusammenhang auch Churäsän und Balx (Nord-
Afghanistan) ausdrücklich nennt, läßt erkennen, daß dar! hier die gemeinsame

6
Diese Zeugnisse hat erst Lazard, Pahlavi, verständlich gemacht.
7
Ein in frühislamischer Zeit eingetretener Bedeutungswandel hat bei dem Terminus pahlavi große
Verwirrung gestiftet: er hat dann nicht mehr das Parthische bezeichnet, sondern die einzige nicht mehr
allgemein verstandene „aitehrwürdige" Sprache, von der man wußte, eben das literarische Mittel-
persische. Aus diesem Grund sollte man heute der Klarheit halber „Pahlavi" als Sprachbezeichnung
meiden.
Verkehrssprache des ganzen Säsänidenreiches und überhaupt der iranischen Welt
bezeichnet, die sich im Zuge der islamischen Eroberung weit nach Norden und Osten
hin verbreitet hatte.
8
Und dort - Gilbert Lazard hat das Paradoxon hervorgehoben, daß erst die Araber­
herrschaft „l'unite linguistique du monde iranien" bewirkt habe - hat sich diese
9
Sprache bekanntlich vom 9. Jahrhundert an zuerst zu jener Literatursprache ent­
wickelt, die binnen kürzester Frist ihre erste prachtvolle Hochblüte erleben sollte. Die
entscheidenden Ansätze kamen dabei - stichwortartig formuliert und in sehr verein­
fachter Form ausgedrückt - von der mündlichen Dichtung, denn das Mittelpersische,
das auf den zoroastrischen Bereich beschänkt war, ist für die zum Islam Übergetretenen
nicht in Frage gekommen und ansonsten hat als Schriftsprache nur das Arabische eine
Rolle gespielt. Solche mündliche Dichtung ist uns v. a. für die vorislamische Zeit
naturgemäß nur in ganz bescheidenen Resten greifbar, die aus irgendwelchem Grund
zufällig niedergeschrieben wurden. Aber es hat sie unbestreitbar gegeben, und zwar
selbstverständlich in der üblicherweise gesprochenen Sprache, also dem darr, und so
hat sich im Osten, fernab von den stark arabisch beeinflußten Zentren, diese mündliche
(Volks-)Dichtung allmählich zu einer „Literatur" im eigentlichen Sinne des Wortes
entwickelt. Aber es bleibt festzuhalten, daß nur in diesen östlichen Ländern das weit­
verbreitete darf diese Entwicklung nehmen konnte, da hier nicht die Konkurrenz mit
der alten mittelpersischen Literatursprache bestand und der Einfluß des Arabischen
auch an den Höfen der lokalen Machthaber sehr viel geringer war als im Westen.
Auch die moderne Bezeichnung toßkT für das Neupersische der Länder jenseits des
Oxus gibt noch gewisse Hinweise: sie geht auf den persischen Namen der Araber (täzT)
zurück, der ursprünglich „Muslim" bedeutet hat, dann außer Arabern auch die islami-
sierten Perser bezeichnen konnte, die bei der Eroberung des Ostens eine führende Rolle
gespielt haben, und so über „Sprecher der Sprache der Muslime" dort zu „Sprecher des
Neupersischen" geworden ist. Sozusagen das Tüpfelchen auf das i gesetzt hat Werner
10
Sundermann, der bei der Interpretation eines sogdischen Textes aus Turfan zeigen
konnte, daß (sogd.) täzik dort auch zur Bezeichnung von Manichäern (!) geworden ist,
die Neupersisch (die Sprache der Muslime) sprachen.

4.3. Den ersten Höhepunkt der klassischen persischen Dichtung, an deren Anfang
lyrisch-panegyrische Gedichte in der Form der QasTde stehen, stellt das „Königsbuch"
(Sähnäme) des Abu'l-Qäsim Mansür FirdausT dar, der im churasanischen Tüs geboren
und der nach dem Jahr 1020 gestorben ist. Das „Schähnäme" erzählt in epischer Form
und auf der Grundlage älterer Werke ähnlichen Inhalts die Geschichte Irans seit der
Frühzeit; die älteste Handschrift dieses Werkes, die erst 1978 in der Biblioteca
Nazionale Centrale in Florenz entdeckt worden ist - ein früherer Bibliothekar hatte sie

Lazard, Persan, 263.


9
Hierzu vgl. des weiteren Lazard, Rise, und die in Lazard, Formation, gesammelten Aufsätze.
10
Es handelt sich um die liturgische Anweisung zum Gesang eines mittelpersischen Hymnus, pr
i'iyg'nyy "*>'k „in 'tadschikischer' Singweise", aus der Sundermann, Attestation, dies ableitet.
einst als anonymen Koran-Kommentar katalogisiert! - , ist recht alt und stammt aus
dem Jahr 1217 n. Chr. (= 614 der Hijra).
Beachtlich ist die Kontinuität des Neupersischen, die es für den, der der
neupersischen Schriftsprache mächtig ist, ermöglicht, die ältesten Dokumente der
klassischen persischen Literatur ohne Schwierigkeiten zu verstehen. Über der ziemlich
einheitlichen Literatursprache darf aber nicht die Vielfalt von lokalen Varianten der
gesprochenen Sprache übersehen werden, die es auf diesem riesigen Sprachgebiet von
jeher gab - der arabische Geograph al-MuqaddasT bietet ebenso wie ältere Texte deut­
liche Hinweise darauf - , die es noch heute gibt und die es von den „nicht-persischen"
Dialekten scharf zu trennen gilt. Stärker untergliedert ist insbesondere auch, wie noch
zu zeigen sein wird, das Sprachgebiet des Tadschikischen.
Von daher nimmt es nicht wunder, daß diese älteren Varietäten, die durch
verschiedenartige Beeinflussungen begründet sind - parthische Elemente im dar! von
Churasan und Afghanistan, sogdische in dem der Transoxiana, kaum Fremdeinflüsse
im dar! von Südwest-Iran - , bis heute die wesentlichen Unterschiede jener „drei
Sprachen in einer" ausmachen. Diese Formulierung versucht eingestandenermaßen das
Problem zu überdecken, inwieweit es gerechtfertigt ist, von drei verschiedenen Spra­
chen zu reden, ein Problem, das weniger ein sprachwissenschaftliches ist als ein
soziolinguistisches und das sich dann mit einem Schlag ganz anders darstellte, wenn
sich die politischen Bedingungen einmal ändern sollten und etwa in Tadschikistan die
arabische Schrift anstelle der kyrillischen eingeführt würde. - Nicht zu vergessen ist
weiter, daß das Neupersische als Verwaltungs- und Literatursprache zeitweise weit
über die iranische Welt hinaus Verwendung fand, etwa im seldschukischen Kleinasien,
in den Emiraten Mittelasiens oder unter den Großmoguln in Indien.
11
Eine spezielle Form des Neupersischen, die für die Erforschung von dessen
Sprachgeschichte eine besondere Rolle spielt, da sie außerhalb der hauptsächlichen
Entwicklungslinie steht, ist das Jüdisch-Persische, die Sprache, die die Juden der
iranischen Welt verwendet und für die sie sich der hebräischen Schrift, zum Teil auch
unter Zuhilfenahme diakritischer Zeichen, bedient haben. Das gleiche Phänomen, daß
die Juden die Sprache des Landes, in dem sie lebten, angenommen und mit hebräischen
Buchstaben geschrieben haben, kennt man übrigens auch sonst: ich erinnere nur an das
Ladino oder Judenspanische und das (ältere) Jiddische.
Jüdisch-persisch sind - dies macht ihre Bedeutung aus - die ältesten Zeugnisse neu­
persischer Sprache überhaupt, die drei Inschriften von Tang-i Azao (West-Afghanistan)
von 752/3 n. Chr. und ein Brieffragment etwa derselben Zeit, das in Dandän-Uiliq bei
Khotan (Ostturkestan) zutage gekommen ist. Die weitere jüdisch-persische Literatur
umfaßt in der Hauptsache Texte dreier Genera, zum einen Übersetzungen jüdischer
religiöser Literatur (beginnend mit der Handschrift einer Pentateuch-Übersetzung aus
dem 14. Jahrhundert), zum anderen Originalwerke persischer Juden und zum dritten

11
Nur beiläufig erwähne ich, daß in der Turfanoase (Ostturkestan) in Bulayi'q auch Reste einer neu­
persischen Psalmenübersetzung in syrischer Schrift und Fragmente manichäischer Texte gefunden wur­
den, die natürlich in manichäischer Schrift geschrieben sind.
Übertragungen aus islamisch-persischen „Klassikern". Insgesamt ist das Jüdisch-
Persische, da es keine verbindliche schriftsprachliche Norm gibt, viel stärker in
einzelne Dialekte differenziert, deren lokale Besonderheiten je nach Textverfasser oder
Handschriftenkopist variieren. Und dabei ist weiter bemerkenswert, daß man hier ganz
andere Dialektformen (nämlich solche aus West-Iran) findet als in dem im Nordosten
ausgebildeten „klassischen" Neupersischen; die vorhandenen jüdisch-persischen Hand­
schriften sind nämlich im Westen Irans, hauptsächlich in Isfahan, Hamadan, Schiras
und Jazd entstanden.

4.4. Gegenüber der frühneupersischen Sprache von vor tausend Jahren hat sich in der
heutigen Sprache im Laut- und Formensystem relativ wenig geändert. Im Lautlichen ist
an erster Stelle der Zusammenfall der aus Diphthongen entstandenen sog. Maj'hül-
Vokale e, ö - mafliül heißt „unecht" - mit den „echten" Langvokalen i, ü zu nennen:
neupers. din „Religion" wie bim „Furcht" (im Gegensatz zu mittelpers. den und bim
bzw. weiter avest. daenä-, aber ved. bhimä- „furchtbar"), gün „Farbe" wie dür „fern"
(im Gegensatz zu mittelpers. gön und dür bzw. weiter avest. gaona- und dura-). Dabei
erweisen sich neben der Etymologie und neben Angaben älterer Lexika als besonders
zuverlässiges Hilfsmittel zur Bestimmung des Ursprünglichen auch die Reime bei den
alten Dichtern, die die beiden Reihen der „echten" und „unechten" Langvokale noch
streng auseinanderhielten (so wie die Dialekte von östlich der großen Salzwüsten). Im
übrigen ist der ursprüngliche Quantitätsunterschied bei den Vokalen mehr und mehr
durch einen Unterschied im Öffnungsgrad abgelöst worden (ä, i, ü neben [a, e, o] aus
älteren a, i, u) und nur noch in bestimmten Stellungen, nämlich in offenen Inlautsilben
bewahrt.
Ganz anders sieht es beim Wortschatz aus: Infolge der Eroberung Irans durch die
Araber und der Islamisierung der Iraner ist aus dem Arabischen, der Sprache zugleich
der Eroberer und des Korans, eine große Masse von Wörtern in das Persische ein­
gedrungen. Nach statistischen Untersuchungen sind in dem größten Werk der früh-
neupersischen Literatur, FirdausTs „Schähnäme", etwa 6% des Gesamtwortschatzes
arabischen Ursprungs; in den anderen literarischen Werken des 10. Jahrhunderts liegt
der entsprechende Anteil dagegen bei etwa 25%. Man hat also mit Unterschieden von
einem Autor zum anderen und in den einzelnen literarischen Genera zu rechnen:
während das Epos recht wenig beeinflußt ist, ist es die älteste Lyrik um so mehr. Und
vom 12. Jahrhundert an hat sich der Anteil der Arabismen bis heute bei etwa 50%
gehalten. Diese Verhältnisse erinnern sehr stark an das Englische mit seinem immensen
romanischen Wortbestand und an das Armenische mit dem großen Anteil iranischen
Lehnguts (vgl. Kapitel 3.16). Die Kehrseite dieses starken Arabisch-Einflusses liegt
selbstverständlich darin, daß viele Wörter, die im Frühneupersischen noch vorhanden
waren, in Vergessenheit geraten sind und allenfalls noch in Mundarten ihr Dasein
fristen.
Besonders zahlreich sind die Arabismen in den Bereichen von Religion und
Wissenschaft; aber auch der Alltagswortschatz ist nicht frei von solchen Lexemen. Im
20. Jahrhundert hat nun eine Gegenbewegung gegen diese übermäßige Arabisierung
eingesetzt, die bestrebt ist, echt persische Wörter an die Stelle der arabischen zu setzen.
Diese puristischen Bestrebungen hatten allerdings nur auf Teilgebieten, etwa im
politisch-administrativen Wortschatz einen gewissen Erfolg. - Gegenüber den arabi­
schen Lehnwörtern treten die übrigen stark zurück, obwohl es weder an solchen aus
dem Türkischen und Mongolischen noch an solchen aus europäischen Sprachen (dem
Französischen, Englischen, Russischen) fehlt, die mit den Errungenschaften von Tech­
nik und Zivilisation oder mit neueren Ideologien Eingang fanden.
Unter allen westiranischen Sprachen ist das Neupersische diejenige, die die meisten
analytisch gebildeten Konstruktionen aufweist. Da beim Nomen keine der alten
Deklinationsklassen bewahrt, das grammatische Genus aufgegeben und als einziger
Rest nominaler Flexion ein an den Stamm angefügtes Pluralzeichen vorhanden ist (-än
[< mittelpers. -än] v. a. bei einigen Bezeichnungen für Lebewesen; gewöhnlich aber
-hä, das aus einem Kollektivsuffix entstanden ist), kommt einer großen Zahl von
Suffixen und Partikeln eine große Bedeutung zu. Als besonders charakteristisch gilt die
(wie in Kapitel 2.13 schon ausgeführt, letztlich auf altiranische Vorläufer zurück­
gehende) Izäfat-Konstruktion, die, jedenfalls in der Schriftsprache, zur Modifizierung
bzw. näheren Bestimmung eines Nomens durch ein Adjektiv, Substantiv, Syntagma
usw. dient und an das Nomen einen „Konnektor" -e anfügt (vgl. sägerd-e bähüs „der
kluge Schüler", sägerd-e ostäd „der Schüler des Meisters").

4.5. Ursprünglich war das Persische die Sprache von Färs; so stellt sich also die Frage,
wann und wie es sich über dieses riesige Territorium verbreitet hat, in dem es heute
gesprochen wird. Aus der Überlieferungsgeschichte von Parthisch und Mittelpersisch
in säsänidischer Zeit läßt sich schließen, daß die Säsäniden um 300 n. Chr. den ent­
scheidenden Vorstoß dazu unternahmen, das Mittelpersische zur einzigen offiziellen
Sprache ihres Reiches zu machen: Der letzte offizielle Text mit einer parthischen
Fassung neben der mittelpersischen ist die Päiküll-Bilingue von Narseh I. (293-302
n. Chr.), nach der es dann in parthischer Sprache nur noch einige kurze Privat­
inschriften aus Churäsän, also dem eigentlichen Parthien gibt. Insbesondere im
4. Jahrhundert n. Chr. wird diese Ausbreitung des (Mittel-)Persischen über ganz Iran
erfolgt sein, die sich auch nach dem Ende der Säsäniden noch fortgesetzt und dabei
dann vornehmlich die Länder im Norden bzw. Nordosten, also außerhalb des heutigen
Iran erreicht hat, die nicht zum Säsänidenreich gehört hatten und erst jetzt von den
Muslimen erobert wurden.
Diese Ausbreitung des Persischen weit über sein Ursprungsgebiet hinaus hat dazu
geführt, daß es andere Sprachen, hauptsächlich das Parthische in Churäsän und das
Sogdische in der Transoxiana (das in ganz Mittel- und Zentralasien Verkehrs-, Han­
dels- und Kultursprache gewesen war) verdrängt hat, jedoch nicht ohne lexikalische
Elemente dieser östlichen „Substratsprachen" in sich aufzunehmen, zumal da sich
gerade in diesen Ländern die neupersische Literatursprache herauszubilden begann.
Seit frühneupersischer Zeit haben sich solche Parthizismen und Sogdizismen im
12
Persischen festgesetzt . Typische Beispiele für Parthizismen sind sahr „Stadt" (im
Mittelpersischen „Land") < altiran. xsadra- (vgl. altpers. xsaga- „Reich"), pur < puhr
„Sohn" < parth. puhr (vgl. mittelpers. pus < altpers. puga-), hazär „1000", zar „Gold",
pälez „Garten" usw., für Sogdizismen räy „Feld, Bergabhang" aus sogd. räy „Ebene",
fayßr „Kaiser (von China); Porzellan" aus sogd. ßaypür, eigentlich „Gottessohn", äyäz
„Anfang" aus sogd. äyäz usw.

4.6. Die Sprachform, die als Schrift-, Literatur- und Verwaltungssprache Afghanistans
gebraucht und offiziell als „Dar!" bezeichnet wird, unterscheidet sich vom FärsT Irans
durch grammatische ebenso wie durch lexikalische und phraseologische Eigentümlich­
keiten. Dabei geht es mit der gesprochenen Sprache bzw. genauer: mit den zahlreichen
auf afghanischem Boden von der seßhaften oder halbnomadischen Bevölkerung als
Erst- oder Zweitsprache gesprochenen Mundarten zusammen. Unter diesen nimmt
seinerseits das KäbulT, der Dialekt der Hauptstadt Kabul, als eine Art überregional ver­
wendeter Verkehrssprache eine führende Rolle ein.
Dan zeigt Gemeinsamkeiten mit dem Tadschikischen, teilweise auch unter Aus­
schluß des FärsT, ohne daß dies aber die von sowjetischen Gelehrten vertretene
Anschauung rechtfertigte, Dan sei eher als Variante des Tadschikischen denn als
solche des FärsT zu betrachten. Mitunter stellt sich Dan aber auch in einen Gegensatz
zu beiden anderen Ausprägungen des Neupersischen, etwa bei der Bildung der
„progressive form" karda merawad „er ist im Begriff zu tun" (gegenüber tadschik.
karda istoda-ast und färsT därad mikonad „dass."), aber auch darin, daß die modernen
Lehnwörter hauptsächlich (über Indien bzw. Pakistan) aus dem Englischen stammen.
Was das Tadschikische angeht, die persische Sprache der Transoxiana, so hat es sich
erst im Laufe der Zeit in phonologischer, morphologischer und lexikalischer Hinsicht
merklich vom FärsT entfernt. Dies bedeutet, daß es mit diesem nicht nur die vor­
islamische Vorgeschichte teilt, sondern daß auch die frühneupersische „klassische"
Literatur von Dichtern wie RüdakT (der übrigens im Zarafsän-Tal geboren ist) und
FirdausT, Sa'dTund Häfiz gemeinsames Kulturerbe ist.
Eine moderne tadschikische Schriftsprache ist in der seinerzeitigen Tadschikischen
Sowjetrepublik 1930 v. a. auch im Hinblick auf die Beseitigung des Analphabetentums
geschaffen und eingeführt worden. Diese neue Sprachnorm, für die seit 1940 die
kyrillische Schrift verbindlich ist, orientierte sich sowohl an der klassischen Literatur­
sprache wie auch an den Dialekten, die infolge der politischen und kulturellen
Zersplitterung im Laufe der Zeit entstanden waren, v. a. an denen der nördlichen
Gruppe. Eine führende Rolle hat bei diesen Bestrebungen der aus Buchara gebürtige
Dichter und Lexikograph 'Ain! (1878-1954) gespielt.
Während für die ältere Zeit Unterschiede zum FärsT, die es schon lange gegeben
haben muß, insbesondere im Vokalismus (wo die alten Majhül-Vokale nicht mit den
echten Langvokalen zusammengefallen sind), durch die traditionelle Orthographie

1 2
Die maßgebenden Arbeiten sind noch immer die von Lentz bzw. Henning.
verschleiert wurden, sind sie heute unübersehbar vorhanden. Zum Teil hängen sie
damit zusammen, daß sich das Tadschikische eben auf ursprünglich ostiranischem
Territorium herausgebildet hatte und daher für einzelne Gebiete sogdische Einflüsse
besonders stark waren.
Das Tadschikische unterscheidet sich vom Persischen Irans durch zahlreiche Eigen­
13
heiten , v. a. im Formenbestand des Verbums, im Gebrauch „komponierter Verbal­
ausdrücke", die mittels Partizipial- und Gerundivformen auf -a gebildet werden, und im
Wortschatz. Insbesondere gilt dies für den „modernen" Wortschatz von Technik und
Wissenschaften, Wirtschaft und Gesellschaft, der im Tadschikischen hauptsächlich
Entlehnungen aus dem Russischen aufweist. Eine Stellung für sich nehmen die
nördlichsten Dialekte ein, die durch eine Vielzahl usbekischer Einflüsse in Wortschatz,
Phraseologie und Syntax charakterisiert sind. Dieser starke Einfluß des Usbekischen
erklärt sich aus einem weitverbreiteten Bilingualismus sowohl der usbekischen
Minderheit in Tadschikistan wie auch der in Usbekistan lebenden Tadschiken.

4.7. Trotz seiner seit vielen Jahrhunderten überragenden Stellung als Kultur- und
Verwaltungssprache hat das Neupersische nicht sämtliche anderen auf iranischem
Boden gesprochenen Sprachen und Dialekte verdrängen können, wenngleich diese
Entwicklung sich in jüngster Zeit, begünstigt durch die modernen Kommunikations­
medien, beschleunigt. Nicht mehr gesprochen wird heute aber beispielsweise der
frühere Dialekt von Gurgän östlich des Kaspischen Meeres, GurgänT; und im übrigen
hat man sich vor Augen zu halten, daß die Dialektkarte Irans auch deshalb noch viele
weiße Flecken enthält, weil in diesen Gebieten (etwa im Alburz oder in dem für den
Verkehr weniger gut erschlossenen Hinterland der Küste am Persischen Golf) kaum
dialektologische Feldforschung betrieben worden ist.
14
Die westiranischen Sprachen und Dialekte der neuiranischen Periode zeigen eine
ebensogroße Vielfalt und Unterschiedlichkeit wie die ostiranischen Sprachen, bei
denen allerdings die historische Verankerung der Dialektgegensätze deshalb deutlicher
hervortritt und von der Forschung stärker wahrgenommen wurde, weil diese Ver­
15
schiedenheiten dort schon auf mitteliranischer Ebene besser belegt sind . In der Tat
gibt es im westiranischen Sprachbereich eine Reihe von Sprachen, die sich nicht auf
Mittelpersisch und Parthisch zurückführen lassen, sondern bestätigen, was schon bei
der Besprechung der mitteliranischen Sprachen knapp angedeutet wurde (vgl. Kapitel
3.8), daß nämlich neben diesen beiden authentisch bezeugten Sprachen weitere Idiome
existiert haben müssen, auf die sich nur indirekt schließen läßt.
Eine strenge Klassifikation der westiranischen Sprachen ist hier nicht angestrebt
worden, weil sich je nach der Wahl der als maßgeblich eingestuften (diachronischen,
typologischen usw. bzw. lautlichen, morphologischen oder syntaktischen) Kriterien
recht unterschiedliche Ergebnisse einstellten. In den folgenden Kurzskizzen über die

Vgl. insbesondere Lazard. Das erste deutschsprachige Lehrbuch liegt vor in Rzehak.
14
Vgl. Windfuhr, New West Iranian.
15
Dafür sei generell auf Kapitel 3.9-3.17 verwiesen.
16
einzelnen Sprachen und Dialekte schließe ich mich der Übersicht von Windfuhr an,
der die Reihung gewählt hat, daß an der Spitze die zentraliranischen Dialekte stehen
und ihnen die übrigen Dialekte, im Westen beginnend und dem Uhrzeigersinn folgend,
der Reihe nach angeschlossen werden.

4.8. Als z e n t r a l i r a n i s c h e D i a l e k t e werden die in dem etwa durch


Alburz, Dast-i KawTr und BaxtTärT-Berge begrenzten und dünnbesiedelten Zentralgebiet
Irans außerhalb der Städte gesprochenen Dialekte nordwestiranischer Ausprägung zu­
17
sammengefaßt , die sich dort gewissermaßen in einzelnen Sprachinseln auf dem
weiten Meer des Neupersischen bewahrt haben. Diese Zusammenfassung ist aber, auch
mit dieser Begrenzung, als ein Notbehelf zu betrachten, da die genaueren genetischen
Zusammenhänge dieser räumlich benachbarten Mundarten nicht eruiert werden können
und der allgegenwärtige Einfluß des Neupersischen es oft nicht gestattet, zwischen
lokaler Variante des FärsT, eigenständigem lokalem Dialekt und einer Zwischenstufe
zwischen diesen Extremen zu unterscheiden. Es gehören hierher insbesondere die
Dialekte (a) aus dem Umkreis von Isfahän (Gaz, Sedeh, Zefre, Kafrön), (b) aus Xunsär,
Vönisun und Mahallät weiter westlich, (c) aus dem Raum zwischen Hamadän, Säve
und Qüm, (d) aus dem Gebiet von Kasan und Nätanz sowie (e) von Nä'in bis nach
Kermän und zu verschiedenen Oasen weiter östlich.
Hinzu kommen des weiteren die von den Juden in Hamadän, Kasan, Isfahän, Yazd,
Kermän usw. und die von den Zoroastriern (Zardustls) in der Gegend von Yazd und
Kermän gesprochenen Dialekte. Dabei ist historisch wie soziologisch bemerkenswert,
daß nur die Juden und Zardustls dieser Städte das alte Lokalidiom bewahrten, während
sich die muslimische Bevölkerung des FärsT bedient. Enge Beziehungen zu den
Dialekten Zentralirans hat auch das in STvand (80 km nördlich von Schiras) in Färs
18
gesprochene STvandT , das innerhalb seiner weiteren Umgebung wie ein Fremdkörper
ganz isoliert steht.
All diese Subdialekte unterscheiden sich sehr stark voneinander bei der Bildung der
Präsensstämme der Verben, so daß man mitunter versuchte, mit deren Hilfe eine
gewisse Ordnung in diese Dialektvielfalt zu bekommen. Die Formen für „ich mache"
(von der Wurzel iran. *kar-) bieten sich zur Illustration dieses Variantenreichtums an;
ich führe nur folgende Beispiele an: yazdT m-e-kr-e, gazT ker-än-e, xunsäri et-ker-än,
käsänT ker-om, qohrüdT (von Qohrüd bei Kasan) a-ker-ün, nätanzT kor-ö, nä'inT mi kiri,
zefreT kor-ön, vafst (von Vafs östlich von Hamadän) ar-kar-om, sTvandT me-ker-i usw.;
gemeinsam ist all diesen Formen, daß sie nicht den ererbten Präsensstamm fortsetzen
3
so wie etwa neupers. (mi-)kon-am < altpers. kunau- = avest. kdr nao- [d.i. krnau-] =
ved. kr-nö-, sondern auf der Wurzel basieren, an die dann gegebenenfalls Präfixe
unterschiedlicher Art und auch verschiedene Personalendungen antreten. Da aber

1 6
Windfuhr, Western Iranian.
17
Vgl. Lecoq, dialectes du centre; Windfuhr.
18
In Verbindung mit den südwestiranischen Dialekten der Umgebung wird STvandT besprochen bei
Lecoq, dialectes du sud-ouest.
andere Kriterien das Gesamtgebiet dieser Dialekte in anderer Weise kreuzen, ist eine
definitive Klassifizierung nur nach einzelnen derartigen Merkmalen nicht möglich.
Bei dieser Gelegenheit sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß all diese Dialekte -
und diese Bemerkung gilt generell für einen Großteil der folgenden Ausführungen -
praktisch niemals geschrieben worden sind. Es sind die gesprochenen Formen nur von
den Exploratoren dieser Dialekte aufgezeichnet worden; dabei darf aber nicht über­
sehen werden, daß die Aufzeichnung je nach Herkunft, Ausbildung usw. der Forscher
in unterschiedlicher Weise erfolgte, so daß die aufgezeichneten Formen sowohl von
einem Forscher zum anderen verschieden aussehen können als auch zum Teil stärker zu
divergieren scheinen, als dies tatsächlich der Fall ist.
Die genetische Zugehörigkeit dieser Dialekte zu der nordwestiranischen Gruppe
ergibt sich eindeutig aus entsprechenden lautgeschichtlichen Charakteristika gemäß den
in Kapitel 1.9 (hier Punkte 1 und n) besprochenen Einteilungskriterien, etwa z (statt
neupers. d) oder sp (statt neupers. s). So heißt „Hund" im Gegensatz zu neupers. sag
(aus *saka-) und in Fortsetzung von altiran. [med.] *spaka- etwa vafsl asba, mahallätl
isba, qohrüdl espa, kermänT espo, slvandl espe usw. Bedeutsam ist auch, daß die
Wörter für „reden, sprechen" die Wurzel iran. *vac- (und nicht iran. *gaub- wie neu­
pers. güy-lgoft-) fortsetzen: yazdT wät-, xunsäri väz-, nä'inl väj-, slvandl vätan usw.

4.9. Am weitesten von allen iranischen Sprachen hat sich nach Westen hin das
1 9
Kurdische ausgebreitet, das in zahlreichen, teils stark voneinander abweichen­
den Dialekten von etlichen Millionen Kurden gesprochen wird - wirklich seriöse und
zuverlässige Schätzungen über die Sprecherzahlen sind nicht zur Hand - , und zwar in
einem mehr oder weniger zusammenhängenden Gebiet im Westen Irans (entlang der
Grenzen zum Irak und zur Türkei), im Nord-Irak, in Nordost-Syrien und der gesamten
östlichen Türkei. Über die Bergregionen dieses „Kurdistan" (im weiteren Sinne) hinaus
findet man Kurden in den Großstädten des Nahen Ostens und der „Diaspora" sowie
Kurdensiedlungen auch in anderen Provinzen Irans (Äzarbaijän, Xuräsän, Färs,
Balücestän), im Libanon, in Afghanistan sowie den postsowjetischen Republiken
Transkaukasiens (v. a. Armenien) und Mittelasiens. Die Kurden im Nordosten und im
Süden Irans sind hauptsächlich seit dem 16. Jahrhundert zur Verteidigung der Grenzen
angesiedelt worden, im Norden zum Schutz vor den Türken.
Die zahlreichen Dialekte weichen teilweise stark voneinander ab, da die hohen
Berge des „wilden Kurdistan" eher trennen als verbinden und die politische Zer­
splitterung diese Wirkung noch verstärkt. Vornehmlich aufgrund phonologischer und
morphologischer Kriterien werden drei Hauptdialektgruppen (mit einer Reihe von
20
Subdialekten) unterschieden :
(1) das Nordkurdische, das der Sprecherzahl nach am bedeutsamsten ist und zwei
Untergruppen umfaßt, (a) die westlichen KurmänjI-Dialekte in der Türkei, in Syrien

Über das Kurdische informiert in sehr knapper Zusammenfassung Blau.


Die umfassendste Untersuchung über die Dialektklassifikation wird MacKenzie verdankt.
und dem Libanon sowie im Norden und Osten Irans, und (b) die östliche Gruppe, zu
der die Dialekte der früheren Sowjetrepubliken sowie das (nach dem alten Fürstentum
von BahdTnän benannte) BädTnänT gehören, die nordirakischen Dialekte von Zakho,
Dohuk, Amadiyya, Akra und Mosul;
(2) das Zentralkurdische (etwa südöstlich des Großen Zäb) mit (a) dem Söränl (das
nach dem einstigen Sörän so heißt) in den irakischen Provinzen Sulaimäniyya, Arbil
und Kirkuk, (b) dem Mukrl südlich des Rezä'iya-Sees und (c) dem Sine'I in der
iranischen Region Kurdistan, sowie
(3) das Süd(ost)kurdische einer größeren Zahl einzelner, recht unterschiedlicher
Dialekte (Kermänsäh!, Kalhorl, Lakkl usw.) in den iranischen Provinzen Bäxtarän und
Sanandaj. Nur in der Nordgruppe (1) gibt es zum Beispiel aspirierte Verschlußlaute [p ,
h

h h
t , k ] und den stimmhaften Reibelaut [v] (statt des halbvokalischen w [u]).
Literarische Werke in kurdischer Sprache reichen bis ins 17. Jahrhundert n. Chr.
zurück: Vom Namen und von ihren Schöpfungen her sind uns einige ältere kurdische
Dichter bekannt wie 'All Hann, Malaye Jazlri oder Feqiye Teyran; den höchsten Rang
weist man gewöhnlich den Gedichten von Ahmad! Xän! zu. Daneben gibt es einen
getreu bewahrten reichen Schatz mündlich überlieferten Lied- und Erzählgutes, das im
Zuge der Dialekterforschung teilweise aufgezeichnet werden konnte. Trotz dieser
längeren Tradition ist eine kurdische Schriftsprache aber noch nicht vorhanden. Es gibt
zwar kurdische Bücher, Zeitungen und Zeitschriften seit dem Ende des 19. Jahrhun­
derts, doch haben die ausgeprägte dialektologische Zersplitterung und die politische
Aufteilung der Kurden auf mehrere Staaten - es hat nie einen gemeinsamen Kurden­
staat gegeben - trotz wiederholter Ansätze die Herausbildung einer einheitlichen
überregionalen bzw. „supradialektalen" Schrift- und Literatursprache verhindert. Hinzu
kommt, daß für die einzelnen Dialekte in den einzelnen Ländern verschiedene Schrift­
systeme in Gebrauch sind: Während man früher überall und allgemein die arabische
Schrift benutzte, ist deren Verwendung heute auf Iran und Irak beschränkt; in Syrien
und der Türkei (und in der westlichen Diaspora) hat sich für das Kurmänjl nach
türkischem Vorbild seit den 1930er Jahren das lateinische Abece in der von den
Brüdern Badir Xän vorgeschlagenen Variante durchgesetzt, während in den Staaten der
seinerzeitigen Sowjetunion (wo man zuvor armenische, dann lateinische Buchstaben
verwendet hatte) 1945 schließlich die kyrillische Schrift als verbindlich eingeführt
wurde. Dabei ging es natürlich nirgends ohne gewisse Adaptationen ab, die durch die
Lautsysteme der verschiedenen Dialekte gefordert wurden.
Der heutige Status des Kurdischen in den verschiedenen Staaten mit kurdisch-
sprachiger Bevölkerung ist sehr unterschiedlich. Das politische Geschehen im Nahen
Osten und die Veränderungen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion haben diese
Lage aber weder gebessert noch leichter durchschaubar gemacht.
Daß das Kurdische zu den nordwestiranischen Sprachen gehört und somit einen dem
alten Medischen nahestehenden Dialekt fortsetzt - offen bleibt allerdings die Frage, ob
die „Karduchen" (Kapöoüxoi, vgl. armen. Kordowk' usw.), von denen Xenophon und
andere sprechen, die Vorfahren der Kurden sind - , zeigen die üblichen laut-
geschichtlichen Merkmale wie s (statt neupers. h) oder z (statt neupers. d), etwa kurd.
(söränT, mukrl) zän- „kennen" (gegenüber neupers. dän-), kurd. (söränT) zäwa „Schwie­
21
gersohn" < altiran. *zämätar- (= avest. zämätar- , gegenüber neupers. dämäd).
Unter den sonstigen Eigentümlichkeiten des Kurdischen ist hervorzuheben, daß es in
der Nominaldeklination zum Teil eine formale Differenzierung der Genera gibt - was
ja bei weitem nicht allen neuiranischen Sprachen eigen ist - , vor allem bei der mit der
neupersischen Izäfat vergleichbaren Partikel zur Anfügung von Attributen (dest-e
[mask.] min „meine Hand"; xüsk-a [fem.] min „meine Schwester"), aber zum Teil auch
in der eigentlichen Flexion beim Obliquus (fem. -e vs. mask. -f oder Null, wenn kein
Artikel steht; usw.).

4.10. Innerhalb des Gebietes, in dem kurdische Dialekte gesprochen werden, finden
22
sich zwei weitere eigenständige iranische Sprachen, Guränl und Zäzä , die mit dem
Kurdischen keine engere genetische Beziehung aufweisen, ungeachtet dessen ihm aber
oft einfach zugerechnet werden.
Die Z ä z ä - Sprache (ZazakT), deren sprachwissenschaftliche Erforschung bis vor
wenigen Jahren stark vernachlässigt war, ist in der Osttürkei in einem Bereich ver­
breitet, der vom Van-See nach Westen bis kurz vor Sivas reicht und in Nord-Süd-
Richtung von Erzincan und Erzurum bis Diyarbakir und Siverek. Mit dem Kurdischen
verbinden sie weiters die starke Beeinträchtigung durch die türkische Minderheiten­
politik und die weite Verbreitung über verschiedene westeuropäische Länder - allein in
Deutschland soll es eine Viertelmillion Zäzä geben - durch zahlreiche Arbeits­
immigranten (sog. Gastarbeiter) in den letzten Jahrzehnten. In der europäischen
„Diaspora" sind dann auch Versuche unternommen worden, eine Art Zäzä-Schrift-
sprache zu schaffen. Es sind offenbar zwei Hauptdialektgruppen zu unterscheiden, ein
Norddialekt (im Raum Dersim, Erzincan usw.) sowie ein Süddialekt, für den allein
23
auch Ethnikon und Sprachbezeichnung „Dim(i)ll" angemessen wäre.
Für alle Zäzä-Dialekte ist charakteristisch, daß Maskulinum und Femininum gene­
rell unterschieden werden; selbst beim Verbum gibt es für alle drei Personen im
Singular Formen mit Genusdifferenzierung, z. B. k-an-ö (mask.), k-an-ä (fem.) „ich
mache". - Zu den typisch nordwestiranischen Merkmalen gehören zäzä z (< iran. *dz),
b (< iran. *du-, etwa in bär „Tür" wie parth. bar entgegen mittel-, neupers. dar) oder
väz- „sagen" (< iran. *väc-).

4.11. G u r ä n l -Dialekte werden vorwiegend in abgeschiedenen Tälern des mittleren


Zagros gesprochen, in Iranisch-Kurdistan westlich und nördlich von Bäxtarän und um

21
Entsprechend verkürzt ist z. B. auch kurd. b(i)ra „Bruder" < brälar-; für -w- < *-m- vgl. näw „Name"
< iran. *näman-.
Zur ersten Orientierung diene Blau; vgl. aus neuester Zeit auch Hadank sowie die Zäzä-Grammatiken
von Paul und Selcan.
2 3
Zu dem in dieser Hinsicht komplexen Befund vgl. auch Blau, 338; Selcan, 119-122 und Paul,
xii-xiv.
Kandüla sowie BTwanTj, in dem Hawrämän-Distrikt westlich von Sanandaj, in der
Gegend um Zohäb und Qasr-e STrin (das Bäjalänl) sowie, weiter im Westen, in einigen
Dörfern in der irakischen Provinz Mosul, insgesamt also in einigen Sprachinseln
inmitten des Kurdengebietes und in engerem Kontext mit dem Kurdischen, das das
GuränT stark beeinflußt und wohl auch immer mehr verdrängt hat. Die Gurän-Stämme
dürften nämlich schon in der Antike in diesem Raum gesiedelt haben, wenn man ihren
Namen zu Recht mit dem der Toupävioi identifiziert, die der Geograph Strabon 11, 14,
14 als Nachbarn von Medern und Armeniern nennt. In GuränT gibt es auch eine reichere
epische und Erzählliteratur und religiöse Texte, die von verschiedenen islamischen
Sekten, v. a. von der der Ahl-e Haqq herrühren.
Ein archaischer Zug in der Phonologie des GuränT ist die Bewahrung von iran. *y-
im Anlaut (hawränl yahar „Leber" < iran. *yäkar- = avest. yäkar-; vgl. neupers. jigar,
kurd. /arg) und von w- < iran. *v- (in wahär „Frühling" gegenüber kurd., neupers.
bahär usw.) bzw. iran. *hv- (in war „Sonne" < iran. *hvar-; vgl. avest. huuar-, aber
mittel-, neupers. xwar). Auch eine Genusunterscheidung zwischen Maskulinum und
Femininum ist verbreitet, die dort, wo nicht das natürliche Geschlecht sie regelt, von
der Wortform abhängt und die im übrigen auch das Pronomen und teilweise das
Verbum erfaßt (z. B. -ä „er ist" vs. -ana „sie ist"). Die dialektologische Einordnung der
Sprache als nordwestiranisch wird auch in diesem Fall durch die üblichen Charakte­
ristika wie etwa z (statt d; in zän- „wissen") oder b- (statt d- < iran. *dv-; in bara „Tür")
bewiesen.

4.12. Im Nordwesten Irans wird, teils in turksprachlicher Umgebung, eine größere


Zahl von Dialekten gesprochen, die - bis auf das gleich zu besprechende TätT, das eine
24
Stellung für sich einnimmt - enger zusammengehören : Am weitesten nach Norden,
nämlich bis zu einigen Sprachinseln in Daghestan (um Derbent) und im äußersten
Nordosten Aserbaidschans (v. a. auf der Halbinsel Apseron östlich Baku) reicht das
Verbreitungsgebiet der TätT -Dialekte, die dialektgeographisch bemerkenswer­
terweise zur südwestiranischen Dialektgruppe gehören und insofern dem FärsT
nahestehen. Sie sollen nach der Überlieferung auf säsänidische Militärgarnisonen
zurückgehen, die durch archäologische Funde von Befestigungsanlagen (in der Gegend
von Derbent) eine gewisse Bestätigung finden. Auffallend ist die starke Beeinflussung
durch das Aserbaidschanische auf allen sprachlichen Ebenen (am stärksten im
Wortschatz); in Aserbaidschan kommt sie daher, daß alle TätT-Sprecher zweisprachig
sind, während in Daghestan die Situation der Sprache günstiger ist und es dort auch seit
den 1920er Jahren eine TafT-Literatur gibt.
Für die Klassifizierung als südwestiranische Sprache maßgebend sind Kriterien wie
d- < iran. *dv- (vgl. dar „Tür"), d < iran. *dz (etwa in dunustan „wissen" = neupers.
dänestän, dumbär „Schwiegersohn" = neupers. dämäd) oder das Verbum guftan
„sprechen" (statt eines Fortsetzers der Wurzel iran. *väc-). Aber der typische

2 4
Vgl. die entsprechenden Abschnitte Uber TätT, Täleäl, ÄzarT usw. bei Lecoq.
'Rhotazismus' des Tat! mit r (gegenüber neupers. d) < iran. *t (etwa in dür „Rauch" =
neupers. düd < iran. *düta- oder den Infinitiven auf -ran = neupers. -dan < altpers.
-tanai) verleiht diesen Dialekten auch innerhalb des Südwestiranischen einen beson­
deren Platz.

4.13. An der Südwestküste des Kaspischen Meeres werden im südlichsten Teil


Aserbaidschans (um Lenkoran, Lerik, Astara usw.) und im Norden der iranischen
Provinz GTlän - am besten erforscht ist der Dialekt von Mäsule - verschiedene Abarten
25
des T ä 1 e s T gesprochen . Es setzt einen der nordwestiranischen Dialekte fort, die in
diesem Raum vor der Einwanderung der türkischen Aserbaidschaner zwischen dem 11.
und dem 16. Jahrhundert n. Chr. gesprochen worden sind und von denen man bis ins
14. Jahrhundert zurückreichende Spuren in Vierzeilern aus der Gegend von Ardabll
vermutet hat. Der aserbaidschanische Einfluß ist sehr ausgeprägt, so daß alle An­
strengungen zur Fundierung einer Tälesl-Schriftsprache erfolglos blieben.
In einigen Dialekten fällt der weitgehende Schwund von intervokalischen
Konsonanten auf - zum Teil gibt es in dem benachbarten GTlakT Ähnliches -, der aber
etwa damit kontrastiert, daß das Personalpronomen „ich" die alte Nominativform
bewahrt hat (az = kurd. az, osset. cez, avest. azdm usw.) und sich beim Nomen offenbar
Reste der alten Flexion gehalten haben (z. B. Obliquus p-ar zu pa „Vater", was an
altpers. Sing. Nom. pitä, Akk. pitaram erinnert). Über die dialektologische Einordnung
geben nordwestiranische Charakteristika Aufschluß wie z statt d (in zomo „Schwieger­
sohn", vgl. avest. zämätar-, aber neupers. dämäd), rz statt *rd > neupers. / (in barz
„hoch", vgl. avest. barVz-, aber neupers. bul-and) und andere.
Eine umfangreiche Dialektgruppe, die praktisch erst in den letzten Jahrzehnten seit
dem epochalen Aufsatz von Henning über „The Ancient Language of Azerbaijan"
durch Beschreibungen einzelner lokaler Mundarten (v. a. von Ehsan Yarshater) bekannt
wurde, ist über das ganze weitgehend aserbaidschanisch-sprachige Gebiet von Harzand
(bei Julfa) im Nordwesten bis in die Umgebung von Teheran und Säva verbreitet: sie
umfaßt insbesondere die Dialekte der Distrikte Harzand, Dezmär, Xalxäl, Tarom,
Kajal, Xo'in, Täkestän, Cäl, Estehärd, Rudbär und Alamüt. Die gebräuchlichen Be­
26
zeichnungen für diese Gruppe, sowohl Yarshaters „Süd-Tätf wie auch „Äzari", dem
27
Lecoq den Vorzug gibt, sind nicht glücklich gewählt, da sie zu Mißverständnissen
Anlaß geben können.
Diese Dialekte weisen keinerlei Zusammenhang auf mit den (vom Dialekto­
logischen her: südwestiranischen) TätT-Dialekten in Daghestan und Aserbaidschan, -
außer im Hinblick auf den Namen Tat, der alle Iraner in turksprachiger Umgebung
einfach als „nicht Türkisch sprechend", also als Fremde kennzeichnet. Diese „S ü d -
T ä t T -Dialekte" sind so unterschiedlich, daß sich eine Aufzählung einzelner
Charakteristika nicht empfiehlt; sie zeigen teilweise aber in Archaismen ebenso wie in

2 5
Vgl. auch, zu dem Dialekt von Asälem, Yarshater, Taleshi.
2 6
Vgl. insbesondere Yar-Shater, Grammar.
2 7
Vgl. Lecoq, 296, 301 ff.
Neuerungen recht bemerkenswerte Züge. Für die Klassifizierung als „nordwest­
iranisch" sind die üblichen Schibboleth-Merkmale entscheidend wie z statt d (in zämä,
zömä „Schwiegersohn" vs. neupers. dämäd), sp statt s (in aspa, esbe, seba, isbä usw.,
karingänl pä [mit Vereinfachung von *sp- > p-] „Hund" vs. neupers. sag) oder
Fortsetzer der Wurzel iran. *väc- > väj- „sprechen" (vs. neupers. guftan).

4.14. Als k a s p i s c h e D i a l e k t e werden die entlang der Südküste des Kas-


pischen Meeres gesprochenen Dialekte GTlakI und MäzandaränT sowie die Dialekte der
Stadt Semnän und ihrer Umgebung zusammengefaßt. Auch sie sind noch Teil der
großen, zusammengehörenden Dialektgruppe Nordwest-Irans. GllakT ist in der Provinz
GTlän verbreitet; neben dem Dialekt von deren Hauptstadt Rast gibt es weitere Sub-
dialekte wie GälisT, LähTjänl oder LangarüdT. MäzandaränT wird - östlich daran an­
schließend - in der Provinz Mäzandarän gesprochen, in Bäbol, Amol, SähT, Cälüs usw.,
aber auch im Alburz-Gebirge in Velätru, Sähmerzäd und anderen Orten. Den Übergang
von diesen beiden (im engeren Sinne „kaspischen") Dialekten zu den bereits oben in
Kapitel 4.8 vorgestellten zentraliranischen Dialekten bilden das SemnänT und die
Mundarten von Sorxe, Läsgard, Sangesar, Aftar und Biyäbänak im Raum um Semnän.
Da der größte Teil der Sprecher all dieser Dialekte sich auch des FärsT bedienen
kann, übt diese Staatssprache Irans auf sie einen großen und sich immer verstärkenden
Einfluß aus, der alle Versuche zur Schaffung etwa einer GTlakT-Schriftsprache scheitern
ließ. In Mäzandarän, das bei mittelalterlichen arabischen Geographen Tabarestän heißt
- man vergleiche die Tdt7Cupoi griechischer Autoren - , gibt es dagegen bis ins Mittel­
alter zurückreichende Zeugnisse einer literarischen Tradition (in Tabari), die aber eher
im Verborgenen geblüht hat. Das deutlichste dialektologische Kennzeichen der
Zugehörigkeit zur Nordwestgruppe ist einmal mehr z (gegenüber neupers. d), etwa in
den Wörtern für „Herz" (mäzand. zila vs. neupers. dil) oder „Schwiegersohn" (gTlakl
zamö, mäzand. zumö vs. neupers. dämäd).

28
4.15. Zu den nordwestiranischen Sprachen gehört auch das Belutschische oder
BalöcT, obwohl es ganz an den südöstlichen Rand des Verbreitungsgebietes der
iranischen Sprachen geraten ist. Das kompakte BalöcT-Gebiet umfaßt hauptsächlich die
südpakistanische Provinz Baluchistan und die daran angrenzende südostiranische Pro­
vinz STstän-va-Balücestän sowie die benachbarten Gegenden Süd-Afghanistans (v. a.
im Helmand-Tal). Darüber hinaus gibt es belutschische Streusiedlungen in Iran östlich
der großen Salzwüsten bis an die turkmenische Grenze, und auch in Turkmenistan
selbst haben sich in der Oase von Marv Gruppen afghanischer und iranischer Ein­
wanderer angesiedelt. Ebenso ist das Belutschische in Pakistan weit über diesen
Kernbereich hinaus verbreitet in der Provinz Sind (v. a. in Karatschi) und im Süden des
eigentlichen Pandschab bis nach Dera GhäzT Khan. Und von Pakistan haben sich auch
größere Scharen von Emigranten nach Kuwait, Oman und in die Vereinigten Ara-

Vgl. Elfenbein, BalöcT


bischen Emirate gewandt, wo sich bessere Verdienstmöglichkeiten eröffnen als in dem
recht unwirtlichen Baluchistan selbst.
Literarisch-schriftlicher Gebrauch des Belutschischen ist nicht übermäßig reich
29
nachweisbar , wenngleich es Handschriften schon aus dem 19. Jahrhundert gibt; und
er tritt stark zurück gegenüber dem Reichtum an mündlich überlieferter Volksdichtung
(aller Art), deren bis ins 15. oder 16. Jahrhundert zurückreichende älteste Teile nicht
nur das Stammesleben, sondern auch Kriege und Wanderzüge schildern und dadurch
interessante historische Quellen darstellen. Eine moderne Schrift- und Literatursprache
hat sich in den letzten Jahrzehnten in Pakistan (v. a. in Quetta) langsam herausgebildet,
wo man sich, den Anregungen von Muhammad Husayn 'Unqä (1909-1977) folgend,
nach dem Vorbild des Urdu richtet. Entsprechende Aktivitäten sind in Afghanistan und
Iran erst seit 1979 bzw. 1980 zu beobachten. Aber insgesamt fehlt für eine
30
Standardisierung der Sprache in diesen Ländern noch fast jeder Ansatz .
Daß die Balöc heute weit im Süden siedeln, ist das Ergebnis wiederholter Wande­
rungen: Aus der Gegend südöstlich des Kaspischen Meeres haben sie sich wohl vom
Ende der Säsänidenzeit an südostwärts bewegt, nach Kermän, STstän und Mekrän zu,
ohne daß allerdings Genaueres über ihre ältere Geschichte festzustellen wäre. Seit
einigen Jahrhunderten leben die Belutschen mittlerweile in engem Kontakt mit dem
dravidischen Volk der BrähüT, dessen Sprache vielerlei Einflüsse seitens des Balöci
erfahren und insbesondere im Lexikon viele belutschische Wörter aufgenommen hat.
In dem weiten Raum, den das Belutschische heute einnimmt, sind sechs Dialekt­
31
gruppen zu unterscheiden , die sich zwar deutlich voneinander abheben, deren
Sprecher sich aber mit Ausnahme der letzten Gruppe gegenseitig verstehen können.
Der Hauptdialekt ist, nach Verbreitung und Sprecherzahl, das Raxsänl (mit drei Sub-
dialekten: KalätT, Panjgürl und Sarhaddl), das in dem gesamten Gebiet von Marv bis
Kabul und fast bis Karatschi gesprochen wird. In Südost-Iran (v. a. um Saräwän) ist
nahe und jenseits der pakistanischen Grenze das Saräwänl verbreitet, südlich hiervon
das konservativere und dadurch etwas isolierte Läsari (um Lasar südlich von Iränsahr).
Vorwiegend auf das Kec-Tal im pakistanischen Makrän ist das Keci beschränkt,
während entlang der Makrän-Küste Irans und Pakistans von Bläbän bis Karatschi und
in deren Hinterland die sog. Küstendialekte gesprochen werden. Etwas für sich stehen
32
dagegen die von Elfenbein als „Eastern Hill Balöcf bezeichneten Bergdialekte in der
Sulaiman Range östlich und nördlich von Quetta bis zum Indus, der noch heute zu
einem guten Stück das iranische Sprachgebiet vom indoarischen abgrenzt. Nur in
diesen östlichen Dialekten sind aspirierte Verschlußlaute sekundär entstanden und
Spirantisierungen (kußa statt kuta „gemacht" < altifan. *krta-) eingetreten.

Eine stattliche Anthologie hat jetzt Elfenbein, Anthology, vorgelegt.


3 0
Vgl. Jahani.
3 1
Die maßgebende Untersuchung hierzu ist Elfenbein, Baluchi; vgl. jetzt auch Elfenbein, Anthology, II,
VII-XVIII.
3 2
Elfenbein, Balöcl, 360.
Für das Belutschische charakteristisch ist der ausgeprägte Konservativismus im
Lautstand, der sich in der Bewahrung der unterschiedlichen Vokalquantitäten und,
mehr noch, in der Bewahrung des ursprünglichen Zustandes der Verschlußlaute und
Affrikaten manifestiert (vgl. belutsch, äp „Wasser" [gegenüber kurd. äw] < iran. *äp-;
dantän „Zahn" < altiran. Akk. Sing. *dantän-am usw.), wodurch es sich praktisch von
allen anderen modernen westiranischen Sprachen abhebt. Eine bemerkenswerte Neue­
rung besteht andererseits in dem Wandel von iran. *v- > belutsch, gw- (gwät „Wind"
< iran. *väta-) bzw. g- (vor hellem Vokal: gist „20" < altiran. *visati; vgl. parth.,
mittelpers. vist), während belutsch, w- wie im GüränT iran. *hv- fortsetzt (etwa war-
„essen" < iran. *hvar-, vgl. avest. x"ar-).
Die nordwestiranische Herkunft der Belutschen findet eine Stütze in den typisch
nordwestiranischen Dialektmerkmalen ihrer Sprache, als welche einmal mehr beson­
ders z statt südwestiran. d (< iran. *dz; etwa in zämät „Schwiegersohn"; zird „Herz" =
parth. zird gegenüber mittel-, neupers. dil < iran. *dzrd-) oder s statt h (vgl. belutsch.
asin „Eisen" mit kurd. äsin, aber neupers. ähan) ins Auge stechen.

4.16. Im Süden Irans lassen sich, sieht man von den vielen unerforschten Gebieten ab,
33
mehrere deutlich voneinander abgegrenzte Dialekte feststellen . An das Belutschische
der Makrän-Küste schließen nach Westen hin die B a s k a r d T - Dialekte in Basakerd
und der Gegend von Hurmuz und Mlnäb an, für die unsere Kenntnis aber noch immer
bedauerlich gering ist. Westlich hiervon, in Lärestän, wird L ä r e s t ä n l gesprochen,
das durch Dialektaufnahmen an verschiedenen Orten (v. a. in Lär und Geras) bekannt
ist. Zugehörig ist auch das jenseits des Persischen Golfs auf der omanischen Halbinsel
Masandam gesprochene K u m z ä r I , das naturgemäß weniger direkt als die übrigen
Mundarten dem Einfluß des Färsi ausgesetzt war und ist, dafür stärker dem arabischer
Dialekte. Die Kumäzara, die Sprecher des KumzärT dürften also von der Nordküste des
Golfs eingewandert sein, vielleicht unter den ersten Säsäniden, da Oman Teil von deren
Reich gewesen zu sein scheint.
In der Provinz Färs werden verschiedene lokale Mundarten gesprochen, die als
F ä r s - Dialekte bezeichnet werden. Da sie dem Färsi und seinen umgangssprachlichen
Varianten sehr nahe stehen, was es natürlich erschwert, sie überhaupt zu erkennen,
scheinen sie sich nur an entlegeneren Orten im Umkreis von Schiras und Käzerün ge­
halten zu haben, etwa in Büringün, Mäsarm, Somgün, Päpün, Ardakän und Davän; aber
sie sind völlig unzureichend untersucht. In diesem Zusammenhang ist auch der Dialekt
der Juden von Schiras zu nennen, der aus einigen älteren Gedichten bekannt ist.
Von Färs über Xüzestän bis westlich von Isfahän erstreckt sich in den Vorbergen
des Zagros das Gebiet, in dem die schriftlosen L u r T - Dialekte gesprochen werden,
die insgesamt dem FärsT nahe und stark unter seinem Einfluß stehen. Es sind die
Dialekte der Lur-Stämme: der Klein-Luren (Feil!) um Xorramäbäd und Groß-Luren
(MamassanT und KühgalüT) in Färs sowie der (zahlenmäßig bedeutsameren) Baxfiäri im

Vgl. Lecoq, dialectes du sud-ouest (für Färs- und Lur-Dialekte) sowie Skjaerv0.
Umkreis von Masjld-i Sulaimän, die auch eine mündlich überlieferte Literatur kennen.
Auffällige Entwicklungen zeigen diese Dialekte mit dem Lautwandel ä > ü und ü > T
sowie weitgehenden Auslautkürzungen: mamassanl dümä „Schwiegersohn", baxtläri
düvä vs. neupers. dämäd; baxtläri, feil! di „Rauch" vs. mittel-, neupers. düd < iran.
*düta-; baxtläri Lür-istün, feillLur-isu „Lurestän" usw.
Zur Illustration der Unterschiede zwischen den Dialekten Süd-Irans insgesamt
mögen die Formen der 1. Pers. Sing, des Indikativs Präsens von kun- „tun, machen"
dienen: baskardi a-kan-om, kumzäri it-kum, büringünT usw. ml-kun-om, davänl
me-kur-e (mit auffälligem Wandel n > r), feill ml-kon-im, baxtläri i-kun-um usw.
Aus dialektologischer Sicht entscheidende südwestiranische Charakteristika sind
u. a. Formen mit d, nicht z aus iran. *dz (besonders aufschlußreich etwa kumzäri
dimestän, baskardi domestän „Winter" wie manich.-mittelpers. damestän entgegen
zoroastr.-mittelpers., neupers. zamestän, das aus einem Nordwestdialekt entlehnt ist),
die offenbar archaische Form jüd.-sTräzT ßal „Jahr" (vs. mittel-, neupers. sät), die im
Anlaut altpers. üard- entspricht, oder das Verbum für „sprechen", das mit mäsarml
Part, gu < *guft (vgl. neupers. goft-) iran. *gaub- fortsetzt.
Mit den Luri-Dialekten, die im Zagros an das Verbreitungsgebiet des Kurdischen
34
grenzen, schließt sich somit bei unserer Betrachtung der westiranischen Sprachen der
Kreis. Zum Schluß wird die Übersicht über die ostiranischen Sprachen der neu-
iranischen Periode das heutige Staatsgebiet Irans gänzlich verlassen müssen.

Literatur zu Kapitel 4.1:


Meillet, A.: Analyse critique du Grundriss der iranischen Philologie, JdS 1902, 382-393.
Windfuhr, Gernot L.: New Iranian Languages: Overview, in: CLI 246-250.

Literatur zu Kapitel 4.2-4.3:


Lazard, Gilbert: Pahlavi, Parsi, Dari: Les Langues de l'Iran d'Après Ibn al Muqaffa', in: Iran and Islam,
in memory of the late Vladimir Minorsky, Edinburgh 1971, 361-391.
Lazard, Gilbert: The Rise of the New Persian Language, in: The Cambridge History of Iran. IV: The
Period from the Arab Invasion to the Saljuqs, ed. by R. N. Frye, Cambridge 1975, 595-632.
Lazard, Gilbert: Le persan, in: CLI 263-293.
Lazard, Gilbert: La formation de la langue persane, Paris 1995.
Sundermann, W.: An Early Attestation of the Name of the Tajiks, in: Medioiranica. Proceedings of the
International Colloquium, ed. by Wojciech Skalmowski and Alois van Tongerloo, Leuven 1993,
163-171.

Nicht bloß (wie hier) eine geographische Ordnung in die Vielfalt dieser Sprachen und Dialekte zu
bringen, unternahm neuerdings Lecoq, classement.
Literatur zu Kapitel 4.5-4.6:
Henning, W. B.: Sogdian Loan-words in New Persian, BSOS 1 0 , 1 9 3 9 - 4 2 , 9 3 - 1 0 6 .
Lazard, Gilbert: Caractères distinctifs de la langue tadjik, B S L 5 2 , 1 9 5 6 , 1 1 7 - 1 8 6 .
Lentz, Wolfgang: Die nordiranischen Elemente in der neupersischen Literatursprache bei Firdosi, ZU 4,
1926, 251-316.
Lorenz, Manfred: Das Tadschikische - eine Variante des Persischen, in: Bamberger Mittelasienstudien.
Hrsg. von Bert G. Fragner, Birgitt Hoffmann, Berlin 1994,169-178.
Rzehak, Lutz: Tadschikische Studiengrammatik, Wiesbaden 1999.

Literatur zu Kapitel 4.7:


Windfuhr, Gernot L.: New West Iranian, in: CLI 251-262.
Windfuhr, Gernot L.: Western Iranian Dialects, in: CLI 294-295.

Literatur zu Kapitel 4.8:


Lecoq, Pierre: Les dialectes du centre de l'Iran, in: CLI 313-326.
Lecoq, Pierre: Les dialectes du sud-ouest de l'Iran, in: CLI 341-349.
Windfuhr, Gernot L.: Central Dialects, in: EIr V, 1992, 242-252.

Literatur zu Kapitel 4.9:


Asatrian, Garnik, et Vladimir Livshits, Origine du système consonantique de la langue kurde, AK 1,
1994,81-108.
Blau, Joyce: Le kurde, in: CLI 327-335.
Lazard, Gilbert: Le dialecte laki d'Aleshtar (kurde méridional), Stir 21, 1992, 215-245.
MacKenzie, D. N.: Kurdish Dialect Studies. I—II, Oxford 1961-62.

Literatur zu Kapitel 4.10-4.11:


Blau, Joyce: Gurânî et zâzâ, in: CLI 336-340.
Hadank, Karl: Zur Klassifizierung westiranischer Sprachen (hrsg. von Ztlfi Selcan), AcOr 53, 1992,
28-75.
Paul, Ludwig: Zazaki. Grammatik und Versuch einer Dialektologie, Wiesbaden 1998.
Selcan, Zülfü: Grammatik der Zaza-Sprache: Nord-Dialekt (Dersim-Dialekt), Berlin 1998.

Literatur zu Kapitel 4.12-4.14:


Henning, W. B.: The Ancient Language of Azerbaijan, TPhS 1954 (1955), 157-177.
Lazard, Gilbert: Le dialecte de Rudbär (Gilän), Aclr 30, 1990, 110-123.
Lecoq, Pierre: Les dialectes caspiens et les dialectes du nord-ouest de l'Iran, in: CLI 296-312.
Yar-Shater, Ehsan: A Grammar of Southern Tati Dialects, The Hague/Paris 1969.
Yarshater, E.: Azerbaijan, vii. The Iranian Language of Azerbaijan, in: EIr III, 1989, 238-245.
Yarshater, Ehsan: The Taleshi of Asälem, Stir 25, 1996, 83-113.

Literatur zu Kapitel 4.15:


Elfenbein, J. H.: The Baluchi Language. A Dialectology with Texts, London 1966.
Elfenbein, Josef: Balöcr, in: CLI 350-362.
Elfenbein, Josef: An Anthology of Classical and Modern Balochi Literature. I—II, Wiesbaden 1990.
Jahani, Carina: Standardization and Orthography in the Balochi Language, Uppsala 1989.

Literatur zu Kapitel 4.16:


Lecoq, Pierre: Les dialectes du sud-ouest de l'Iran, in: CLI 341-349.
Lecoq, P.: Le classement des langues irano-aryennes occidentales, in: Études irano-aryennes offertes à
Gilbert Lazard, Paris 1989,247-264.
Mahamedi, Hamid: Davân. ii. The Davànî Dialect, in: EIr VII, 1996, 129-132.
Skj£erv0, Prods O.: Languages of Southeast Iran: Lârestânl, Kumzârî, Baakardî, in: CLI 363-369.
Windfuhr, Gemot: Fars. viii. Dialects, in: EIr IX, 1999,362-373.
5. Die o s t i r a n i s c h e n S p r a c h e n d e r n e u i r a n i s c h e n P e r i o d e

5.1. Bereits in den einleitenden Sätzen von Kapitel 0.1 ist deutlich unterstrichen
worden, daß von der einschlägigen Forschung als „iranische Sprachen" nicht die
Sprachen Irans, d. h. der Islamischen Republik Iran bezeichnet werden, sondern eine
Gruppe genetisch verwandter Sprachen, die (heute wie in früheren Zeiten) weit über die
Staatsgrenzen Irans hinausreichen. Dies gilt in erster Linie für die vom dialekto-
logischen Standpunkt aus „ostiranisch" genannten Sprachen, die in einem weiten
Gebiet nicht nur östlich der großen iranischen Salzwüsten, nach Afghanistan und
Pakistan hin gesprochen werden, sondern vor allem auch nördlich des modernen
iranischen Staates vom Kaukasus bis nach Ostturkestan in einigen der ehemaligen
Sowjetrepubliken verbreitet sind, also in jenem Raum, für den auch schon aus früheren
Jahrhunderten iranische Sprachen wie das Sogdische, Baktrische oder Sakische bekannt
sind (vgl. Kapitel 3.9-3.15).
Die sprachwissenschaftliche Beurteilung wird allerdings dadurch beeinträchtigt, daß
zwischen den soeben genannten und den heute gesprochenen ostiranischen Sprachen
unmittelbare Beziehungen kaum bestehen. Nur das Jagnobische wird durch eine Reihe
1
gemeinsamer Züge mit dem Sogdischen des 1. Jahrtausends n. Chr. verbunden , so daß
es wohl als Fortsetzer eines allerdings unbezeugten sogdischen Dialekts anzusehen ist,
und das Wakhl zeigt eine in ganz charakteristischer Weise mit dem Sakischen über-
einstimmende Lautentwicklung, nämlich wakhl s, khotansak. ss < uriran. *tsv, die auf
eine nähere Verwandtschaft der Vorstufe dieser beiden Sprachen hinweist.
Das letzte Kapitel dieser Einführung in die iranischen Sprachen bietet eine Übersicht
über diese sog. ostiranischen Sprachen, von deren Verbreitungsgebiet die beigegebene
Karte (vgl. Abb. 3) einen ersten, wenn auch schematischen Eindruck geben kann. Die
Besprechung selbst folgt, ähnlich dem in Kapitel 4 gewählten Verfahren, dem Uhr-
zeigersinn und führt, mit dem Ossetischen im Kaukasus beginnend, im Bogen um die
westiranischen Sprachen, die „Sprachen Irans im engeren Sinne" herum, wenn sie der
Reihe nach Jagnobisch (Yagnöbi), die verschiedenen Idiome der Pämirsprachen, Yidgä
und Munjl, Paschtu (Pastö) sowie ParäcT und Örmuri ins Auge faßt.
2
Als charakteristische Züge der ostiranischen Sprachen sollen hier nur ein paar
hervorgehoben werden:

1
Zu nennen sind v. a. das sog. Augment beim Verbum und die Stämme der Demonstrativpronomina.
2
Eine sehr materialreiche und informative Übersicht über die für die modernen ostiranischen Sprachen
typischen Merkmale und über die aus sprachvergleichend-historischer Sicht wichtigsten Charakteristika
bietet Skj£erv0.
(a) das Vorhandensein von zwei Reihen von Affrikaten (nämlich [ts, dz] und [tj,
d3]) in diesen Sprachen, z. T. nebeneinander und z. T. verbunden mit einem Übergang
von iran. *c [tj~] in [ts];
(b) die Spirantisierung anlautender stimmhafter Verschlußlaute (iran. *b- > v- usw.)
in der Nordostgruppe (vgl. unten Kapitel 5.7 und 5.14);
(c) beim Personalpronomen „ich" die weitgehende Bewahrung der alten, vom
Obliquusstamm verschiedenen Nominativform iran. *adzam in osset. cez, örmurT az,
paschtu Z3 usw. (vgl. aber paräcl än, jagnob. man);
(d) beim Nomen das Pluralsuffix *-tä- in jagnob. -t, yazgulänn -aß, osset. -tce (vgl.
sogd. -t' 1-täJ usw.), woneben aber verschiedene andere Bildungen fortgesetzt sind.
Auch im Wortschatz ist, wie dies gleichermaßen für die mitteliranische Periode gilt,
mit einzelnen „typisch ostiranischen Wörtern" zu rechnen; hierher gehören etwa
*maißä- „Tag" in sugnT meß usw., jagnob. met/ß, yidgä-munjl mix (vgl. sogd.,
chwaresm. myß /med/) oder *säna- „Feind" in osset. son (vgl. sogd. s'n /sän/,
khotansak. säna-).
Die vergleichsweise vielfältigeren nachbarschaftlichen Beziehungen, so des Osse­
tischen zu kaukasischen Sprachen oder v. a. von Wakhi und ParäcT zu indoarischen
Sprachen, haben aber auch zur Herausbildung ganz unterschiedlicher Besonderheiten
geführt, hier zu glottalisierten Verschlußlauten, dort zu Retroflexen und zu aspirierten
Verschlußlauten.

3
5.2. Das O s s e t i s c h e , die westlichste der ostiranischen Sprachen, ist die von den
4
Osseten, richtiger: Ossen - die Bezeichnung Os „Oss(et)e" ist georgisch und bildet die
Grundlage für den Landesnamen (georg.) Os-eti - im mittleren Kaukasus, in dem zur
Russischen Föderation gehörenden Nordossetien und dem georgischen Südossetien
gesprochene und literarisch verwendete Sprache; darüber hinaus gibt es vereinzelt
Osseten im russischen Kabardino-Balkarien, in der Gegend von Stavropol', in Ost-
Georgien und der östlichen Türkei.
Man unterscheidet zwei Hauptdialekte, Ostossetisch oder Iron (Iron cevzag „Sprache
der Ir") bei etwa vier Fünfteln der Ossetisch-Sprecher und das lautlich wie
grammatisch archaischere Westossetische oder Digorische (Digoron cevzag „Sprache
der Digor"), das auf einige Bezirke im Norden und Westen Nordossetiens (um Digora)
beschränkt ist. Iron ist wegen seiner weiteren Verbreitung zur Grundlage der erst im 19.
5
Jahrhundert ausgebildeten Literatursprache geworden, die jetzt in Nord- und Südos­
setien verwendet wird. Als eigentlicher Schöpfer der ossetischen Literatur(sprache) und
als der Nationaldichter der Osseten gilt der Lyriker und Dramatiker Xetaegkati' K'osta

5
Eine ausgezeichnete komprimierte Beschreibung des Ossetischen bietet Thordarson, Ossetic; vgl. auch
Christol.
4
Es liegt hier also keine Selbstbezeichnung vor; die Osseten nennen sich nur mit den Stammesnamen Ir
oder Digor.
5
Das älteste gedruckte Buch ist ein 1798 in Moskau erschienener, aus dem Kirchenslavischen über­
setzter kleiner Katechismus.
(russ. Hetagurov, 1859-1906). Durch mündliche Überlieferung über viele Jahrhunderte
hinweg erhalten geblieben sind die uralten, aus der Zeit vor der Christianisierung stam­
menden epischen Gesänge, die v. a. von Heldentaten der mythischen Nartce „Narten"
berichten.
Die beiden Dialekte unterscheiden sich teilweise beträchtlich voneinander, auf allen
sprachlichen Ebenen von der Lautlehre bis zum Wortschatz; aber da sie in den wesent­
lichen Punkten ihrer Entwicklung doch unverkennbar übereinstimmen, ist anzunehmen,
daß sie auf eine gemeinsame Vorstufe zurückgehen und sich erst in neuerer Zeit stärker
auseinanderentwickelt haben. An älteren Zeugnissen findet sich jedoch nur eine kurze
Wörterliste auf der (nachträglich beschriebenen) Rückseite einer ungarischen Urkunde
von 1422 mit Wörtern der in Ungarn lebenden „Jassen" - ungar. Jäsz reflektiert den
alten AJanen-Namen Äs, der georg. Os entspricht - , darunter etwa ban „Tag" = osset.
bon < iran. *bänu- „Glanz" oder dan „Wasser" = osset. dort < iran. *dänu- „Fluß".
Das Ossetische setzt also als einzige moderne Sprache die weitverbreitete, wenn
auch nur sehr dürftig bezeugte skythisch-sarmatisch-alanische Dialektgruppe der alt-
und mitteliranischen Zeit (vgl. Kapitel 2.15 und 3.15) fort, deren Sprecher sehr früh
durch andere Völker aus den Weiten der ukrainisch-südrussischen Steppen und des
Schwarzmeergebiets immer mehr zum Kaukasus hin abgedrängt worden sind, in dessen
abgeschiedenen Tälern sie Schutz fanden. Infolge ihrer so zustande gekommenen Iso­
lierung hat diese Sprache ohne Kontakt mit anderen iranischen Sprachen gestanden und
eine sehr eigenständige, insbesondere eine nicht durch das Neupersische dominierte
Entwicklung genommen. Wenn das Ossetische somit als sog. Randsprache einerseits
sehr archaisch ist, so haben andererseits die Kontakte mit nordkaukasischen (Tscher-
kessisch, Kabardinisch, Inguschisch) und Turksprachen (Balkarisch, Nogaisch), mit
dem südkaukasischen Georgischen und dem Russischen - und viele Sprecher sind
zwei- oder mehrsprachig - starken Einfluß auf das Ossetische ausgeübt und es durch
die Aufnahme glottalisierter Verschlußlaute nach kaukasischem Vorbild (und vornehm­
lich in Lehnwörtern) und durch die Herausbildung eines Systems lokaler „Kasus" oder
von Ausdrucksformen für lokale Beziehungen mit einem Allativ (Richtungskasus),
Inessiv ('inneren' Lokativ, „im K o p f ) oder Adessiv ('äußeren' Lokativ, „auf dem
K o p f ) enorm verfremdet. Gleichwohl ist das Ossetische seinem Bau nach und, wie der
6
Grundwortschatz zeigt , in seinem Kern eine iranische Sprache geblieben.

5.3. Als einzige iranische Sprache hat das Ossetische nach dem Verlust des ererbten
Systems der Nominaldeklination - eine Zwischenstufe dieser reduzierten Art, die in
Analogie zu den verwandten Sprachen postuliert wird, liegt für uns in schriftlosem
Dunkel - ein völlig neues, dem Typus der „agglutinierenden" Sprachen ähnelndes
System aufgebaut, teils mittels alter Flexionsformen, teils durch Neubildungen mit
Postpositionen: So werden z. B. von iron scer „Kopf u. a. folgende Formen gebildet,
Sing. Nom. scer, Gen. scer-i, Dat. scer-cen usw., Plur. Nom. scer-tce (mit dem typisch

6
Hierzu vgl. die Untersuchung von Bielmeier.
ostiranischen Formans *-tä-), Gen. scer-t-i, Dat. scer-t-oen usw., die deutlich zeigen, daß
das Pluralzeichen -t- jeweils der eigentlichen Kasusendung vorausgeht.
Zur Verschriftung des Ossetischen sind im Laufe der Zeit schon die verschiedensten
Schriftsysteme benutzt worden: von 1923 bis 1938 bzw. 1939 bediente man sich
offiziell der lateinischen Schrift, zwischen 1939 und 1954 verwendete man in Süd-
ossetien die georgische Schrift, aber seit jeher stand im Vordergrund die kyrillische
Schrift, zuerst 1798 bei dem Erstdruck, ab 1844 durch das von Andreas Johan Sjögren
in seiner „Ossetischen Sprachlehre" eingeführte System und jetzt seit 1938 bzw. 1954
7
durch eine neue Variante der Kirillica .
Die Lautentwicklung des Ossetischen ist teilweise durch einen bemerkenswerten
Konservativismus gekennzeichnet. In manchen Punkten zeigen die beiden Dialekte
dagegen unterschiedliche Ergebnisse, so z. B. bei den Fortsetzern von iran. *i, и und
*ai, au: im Digorischen werden i und и streng auseinandergehalten, im Iron jedoch sind
sie in i [э] zusammengefallen (digor. ciry „scharf, iron ciry < iran. *tigra-; digor. furt
„Sohn", iron firt < iran. *pu$ra-). Dieses letztgenannte Beispiel (vgl. auch Kapitel
3.15) verdeutlicht ebenso wie etwa /onj „5" < iran. *panca mit dem Übergang von
iran. *p- > osset. /- im Anlaut eines der auffälligsten lauthistorischen Charakteristika
des Ossetischen. Als solches dem Ostiranischen sonst fremdes Merkmal verdient glei­
chermaßen Hervorhebung der Wandel von iran. *ry > osset. / (etwa in ncel „Männchen"
< iran. *narya-, vgl. avest. na'riia- „männlich"). Andererseits teilt das Ossetische aber
natürlich auch Entwicklungen, die in den ostiranischen Sprachen weiter verbreitet sind,
etwa daß die Gruppen altiran. *xt, *ft stimmhaft werden wie in avd „7" < altiran. *hafta
wie sogd. 'ßt' /aßd/, chwaresm. 'ßd usw.
Beim Zahlwort findet sich eine auffällige Neuerung bei „9", wo osset. far-ast (etwa
„über 8 [= osset. ast] hinaus") als Ersatz für das ererbte Wort iran. *nava eintritt, das in
iron nu-dxs, digor. ncew-dces „19" aber durchaus weiterlebt. Noch wichtiger ist, daß
von „20" an - und dergleichen ist den iranischen Sprachen sonst gänzlich fremd - zwei
Zählweisen nebeneinanderstehen, nämlich die ererbte dezimale, die im Westosseti­
schen noch in einzelnen Formen und Mundarten gebraucht wird und neuerdings auch
als gelehrte Form in der Schriftsprache zu Ehren kommt, und die kaukasische vige-
simale Zählweise (nach dem „20er-System"), die im Alltag dominiert: In das
Dezimalsystem gehören z. B. cexsai, xsai „60" (< iran. *xsvasti-, vgl. avest. xsuuasti-,
mittel-, neupers. sast usw.) und satdce „100" (< iran. *tsatam, vgl. avest. satsm, mittel-,
neupers. sad usw.), während aus dem sekundär „aufgepfropften" Vigesimalsystem
Formen zu erklären sind wie certissce^i) „3 (mal) 20" = „60" und fonyssce^i „5 (mal)
20" = „100" mit den iranischen Numeralia certce, rtce „3" (< iran. *§rayas), fonj „5"
(< iran. *panca) und iron issxj, ssa:j, digor. inscei „20" (< altiran. *vinsati), von
komplexeren Ausdrücken wie iron nudxs aemae ssce^, digor. ncewdces агта inscei „19
und 20" = „39" ganz abgesehen, die den an das Dezimalsystem Gewöhnten vor
anspruchsvollere Rechenoperationen stellen können.

7
Eine Vergleichstabelle bietet Thordarson, Ossetic, 458.
Gerade solche Beispiele wie derartige Zahlwörter machen augenfällig, daß das
Ossetische innerhalb der iranischen Sprachfamilie eine Sonderstellung einnimmt, die
dem Betrachter verschlossen bleibt, der es allein aus der historischen Perspektive
anschaut.

5.4. So wie das Ossetische die westlichste der ostiranischen Sprachen ist, ist die
8
nördlichste das J a g n o b i s c h e (yaynobi zivök), das, wie gesagt, den einzigen
modernen Fortsetzer eines sogdischen Dialekts darstellt und in dem ziemlich abge­
schiedenen Hochtal des Yagnöb nördlich von Duschanbe (Tadschikistan) von 2.000 bis
3.000 Yagnöbls gesprochen wird. In den letzten Jahrzehnten haben viele Yagnöbls
ihrer Heimat den Rücken gekehrt, vor allem in dem strengen Winter 1970/71 - über die
gegenwärtige Situation ist Genaueres nicht bekannt - , wodurch der Einfluß des Tad­
schikischen auf das Jagnobische noch zugenommen hat, zumal da jenes für die
Yagnöbls auch Schriftsprache ist. Fast alle Yagnöbls sind folglich zweisprachig und bis
zu einem gewissen Grad des Tadschikischen mächtig. Die Tadschikisch-Einflüsse
betreffen aber vorwiegend Wortbildung und Phraseologie, äußern sich also großenteils
in Lehnbildungen und Lehnübersetzungen. Typisch sind nominal-verbale Fügungen
nach tadschikischer Art wie xusk kun- „trocken machen > trocknen"; auch die
Zahlwörter von „11" ab sind die des Tadschikischen, während bei den Einern die
ererbten Formen bewahrt sind.
Aufzeichnungen in dieser Sprache gibt es nicht, es sei denn von Dialektforschern,
die die ihnen mündlich vorgetragenen Erzählungen niedergeschrieben haben.
Schon die ersten Untersuchungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen
erkennen, daß aufgrund von Unterschieden im Lautlichen und im Wortschatz mit
einem westlichen und einem östlichen Dialekt zu rechnen ist, neben denen aber nach
9
den Forschungen Heinrich Junkers noch Übergangsformen anzunehmen sind, da sich
der Verlauf der einzelnen Isoglossenlinien nicht deckt. Diese komplexe Gliederung des
10
doch sehr geschlossenen Sprachraumes findet, wie Junker weiters gezeigt hat , ihre
Begründung vor allem in der natürlichen landschaftlichen Gliederung, die zur Bildung
von Siedlungsgemeinschaften geführt hat, und in eigentümlichen Gewohnheiten des
Weidebetriebs am Mittellauf des Yagnöb, wo das Großvieh der Dörfer von beiden
Seiten des Flusses gemeinsam Sommerweiden auf der Südseite, der Schattenseite des
Tales bezieht, während die Schafe und Ziegen auf die sonnige Nordseite kommen.
Die besonderen Beziehungen des Jagnobischen zum Sogdischen, die gleich bei der
Publikation der ersten sogdischen Texte festgestellt wurden, hat man jetzt, wo das
Sogdische infolge reicherer Quellenzeugnisse besser bekannt ist, etwas zu relativieren.
Das Jagnobische unterscheidet sich nämlich von dem in den sogdischen Texten ver­
wendeten Dialekt in einigen wesentlichen Punkten, die auf eine andere Dialektgrund­
lage als Basis hindeuten. Genannt seien als Beispiele nur die Entwicklungen, die iran.

Vgl. Bielmeier.
9
Vgl. Junker; dessen sprachgeographische Forschungen spiegeln den Zustand von 1913.
10
Junker, 131.
*ßr- (z. B. in *$rayas „3", vgl. avest. üräiiö) genommen hat: einerseits sogd. s- (u. a.
in sy /se7 „3"), andererseits westjagnob. *tr- > tir- (tiräy), aber ostjagnob. *sr- > sar-
(sardy). Dabei zeigen diese Beispiele, deren Yagnöbl-Entwicklung von der sogdischen
unabhängig ist, zugleich auch, daß im Jagnobischen anlautende Konsonantengruppen
mittels Sproßvokalen beseitigt werden.
Bei dieser Flexion des Nomens kennt das Jagnobische, wie die meisten modernen
iranischen Sprachen, nur zwei Kasusformen, einen unmarkierten Nominativ und einen
Obliquus (auf -il-y). Die Pluralbildung erfolgt mit dem Formans -t (= osset. -tat; vgl.
oben Kapitel 5.1 und 5.3), dem - ganz in agglutinierender Weise - jeweils das
Kasuszeichen des Obliquus folgt.
Ein besonders auffälliger Archaismus, der das Jagnobische als einzige neuiranische
Sprache überhaupt auszeichnet, ist die Verwendung des Augments a- zur Bildung der
Präteritalformen beim Verbum: so gehören z. B. zu kun- „tun, machen" 1. P. Sing. Prät.
akünim „ich machte", 2. P. Sing, aküni, 3. P. Plur. akünor usw.

5.5. Als P a m i r s p r a c h e n bezeichnet man in zusammenfassender Benennung


eine Gruppe von Sprachen, die in den Tälern des Pamirgebirges, genauer: in den Tälern
des Panj/Pjandz (des südlichen Quellflusses des Ämü-daryä) und seiner Quell- und
Nebenflüsse beiderseits der afghanisch-tadschikischen Grenze gesprochen werden, die
sich infolge ihrer landschaftlichen Isolierung in zahlreichen Hochgebirgstälern und der
dadurch geförderten jeweils eigenständigen Entwicklung stark voneinander unter­
11
scheiden, aber insgesamt in höchstem Maße archaisch sind . Die wichtigsten dieser
12
schriftlosen Sprachen sind Sugni, RosanT, Bartangl, RosorvT, SariqölT (die zusammen
die Sugnl-RosanT-Gruppe bilden und mit dem SariqölT am Ostabhang des Pamir, auf
13
chinesischem Territorium die heute am weitesten im Osten gesprochene iranische
Sprache aufweisen), YazgulämT, ferner IskäsmT, ZebäkT, SanglTcT (die sog. IskäsmT-
Gruppe) und schließlich das WakhT.
Die Gesamtzahl der Sprecher dieser Sprachen in dem tadschikischen Gebiet Berg-
Badaxsän (mit dem Verwaltungsmittelpunkt Horog), in der afghanischen Provinz
Badaxsän und in der Landschaft Sariqöl wird auf etwa 100.000 geschätzt. Aber die
Situation ist in Tadschikistan deshalb nicht günstig für die kleineren dieser Idiome, weil
zum einen das Tadschikische als Schul- und Schriftsprache die gewöhnliche Zweit­
sprache der erwachsenen Bevölkerung ist und zum anderen auch das SugnT, die von
den meisten Pämiris gesprochene Sprache der einzigen größeren Stadt, als allgemeine
Verkehrssprache unter diesen (den sog. „Berg- oder Pamirtadschiken") dient. Die
Unterschiede zwischen den vier Untergruppen sind nämlich so beträchtlich, daß die
Sprecher einer dieser Mundarten sich bei denen einer anderen sonst nicht verständlich
machen können; in aller Regel sind die Pämiris denn auch in Tadschikistan wie in

" Zusammenfassend betrachtet sind sie bei Payne.


12
Es gibt in neuester Zeit aber für einzelne dieser Sprachen, etwa das WakhT, durchaus ernste Versuche
zur Begründung einer Literatur und zur Schaffung einer Literatursprache.
13
Das SariqölT ist die einzige indogermanische Sprache der Volksrepublik China!
Afghanistan zweisprachig. In den 1930er Jahren unternommene Versuche, SugnT unter
Verwendung der Lateinschrift als Schriftsprache einzuführen, sind bald wieder auf­
gegeben worden.
Die Dialekte der SugnT-Gruppe werden zu beiden Seiten des Panj flußabwärts von
Darmärokh bis zur Yazguläm-Mündung und in den östlichen Seitentälern des Panj
gesprochen:
(a) SugnT selbst (sugnl xufnun ziv) in Sugnän (dem Flußabschnitt von Horog samt
den Tälern von Gunt und Sahdara), wobei dem Sahdara-Dialekt und dem BajuvT, dem
Dialekt von Bajü im Norden des Sugnän, eine eigenständige Position zukommt;
(b) RosanT in dem nördlich anschließenden Teil des Panj-Tales bis Sipad und dem
Seitental des Xüf (hier das XüfT) in der Region Rosan, in deren Namen der Name der
antiken Stadt Tatcjavöucr] fortlebt;
(c) BartangT im mittleren Bartang-Tal;
(d) RosorvT (früher Orösöri genannt) im oberen Tal des Bartang um Rosorv und im
Bereich seiner Quellflüßchen;
(e) das isoliert stehende SariqölT als die Sprache der Nachkommen von Auswan­
derern aus Sugnän in den Hochtälern östlich der Sariqöl-Berge, des östlichsten Pamir-
Massivs in dem autonomen „Tadschiken"-Bezirk im äußersten Südwesten Sinkiangs.
Für das SariqölT konnten drei Mundarten festgestellt werden, ein Zentraldialekt um
Taskurgan, ein „nahöstlicher" (im Vacä-Tal) und ein „fernöstlicher" (in der Gegend
von Burangsal und Tung): Das SariqölT hat sich seit längerem unabhängig von den
anderen genannten Dialekten und in kulturell anders geprägter Umgebung mit
uigurischer, nicht tadschikischer Schriftsprache in recht eigenständiger Weise ent­
wickelt.

5.6. Eng mit der SugnT-Gruppe verwandt ist die unmittelbare Nachbarsprache im
Norden, das Yazguläml (yazg. yüzdöml z9veg), das von den Bewohnern des Tales des
Yazguläm (eines rechten Panj-Nebenflusses) gesprochen wird, die auch dadurch eine
Sonderstellung einnehmen, daß sie als einzige der Pämiris keine Ismailiten sind. Die
wesentlichen Züge, die diese Sprache von der SugnT-Gruppe trennen, sind die Bewah­
rung von iran. *c, dem in der SugnT-Gruppe die Affrikate c [ts] entspricht (yazg. cäm
„Auge" vs. sugnT cem usw. < iran. *casman-, vgl. avest. casman-), und der Velare iran.
*k, g, x vor ä-Vokal (yazg. kusk „Gerste" vs. sugnT cüsj usw. < iran. *kasaka-).
Ungeachtet dieser Divergenzen stehen sich YazgulämT und SugnT-Gruppe so nahe, daß
sie von der sowjetischen Forschung auf eine gemeinsame Vorstufe zurückgeführt
wurden.
Die drei Dialekte IskäsmT, ZebäkT und SanglTcT gehören zusammen und bilden
praktisch eine Einheit; sie werden ganz überwiegend auf afghanischem Boden gespro­
chen und sind deshalb stark dem Einfluß des Dan ausgesetzt:
(a) IskäsmT in ßkäsim und seinen Nachbarorten am Panj-Knie (und in Ryn auf
tadschikischer Seite), südwestlich davon
(b) Zebäkl in und um Zebäk am Zusammenfluß der verschiedenen Quellbäche des
Vardüj,
(c) SanglTcT in drei Dörfern im SanglTc-Tal, das zum Dorah-Paß hinauffuhrt. Unter
den auffälligen Besonderheiten dieser Dialekte verdient das Wort für „Sonne" Hervor­
hebung, iskäsmT remüzd, zebäkl örmözd, sangllcT ormozd, das wie khotansak. urmaysde
„Sonne" der Form nach den Gottesnamen altiran. Ahura- Mazda- (vgl. avest. Ahurö
Mazda) fortsetzt und religionshistorisch insofern aufschlußreich ist, als hier nicht, wie
sonst gewöhnlich, der Gott (avest.) M'r&ra-, sondern der oberste Gott des zoroastrischen
Pantheons mit der Sonne gleichgesetzt wurde.
Östlich des Sprachgebietes der Iskäsml-Gruppe wird in der Landschaft Wakhän am
oberen Panj und an dessen Quellflüssen Wakhän-daryä und Pämir-daryä, also in dem
Korridor zwischen Pamir und Hindukusch, das hocharchaische Wakhl (wakh! xik zik)
gesprochen. Diese tadschikische Namensform fußt auf dem einheimischen Namen
Wux, der seinerseits den alten Namen des Oxus, iran. *Vaxsu-, fortsetzen dürfte. Und
da der Wakhän-Korridor schon in alten buddhistischen Schriften auf Sanskrit (hier als
Vokkäna-) oder Chinesisch bezeugt ist, wird man folgern dürfen, daß die Wakhl-
14
Sprecher die Nachfahren einer seit alter Zeit hier ansässigen Bevölkerung sind .
Sowohl auf tadschikischer wie auf afghanischer Seite sind fast alle WakhI-Sprecher
zweisprachig, da mit den anderen Pamirsprachen keine Verständigungsmöglichkeit
besteht und für die Wakhls, die ihre Muttersprache nur in mündlichem Gebrauch
verwenden, noch immer Tadschikisch bzw. Dan Schriftsprache ist, da eine
verbindliche WakhI-Literatursprache noch nicht herausgebildet wurde.
WakhI-Sprecher finden sich auch in den oberen Abschnitten der benachbarten
Hochtäler, nach Süden hin in Pakistan im oberen Hunza-Tal und in Citräl am Oberlauf
des Yärxun, nach Osten im Sariqöl-Gebiet; diese Siedlungen gehen auf Einwanderer
des 19. Jahrhunderts zurück. Von den Mundarten des Wakhän selbst unterscheiden sich
diese Diaspora-Dialekte nicht zuletzt infolge des Einflusses der Nachbarsprachen, des
(mit keiner bekannten Sprache der Erde nachweislich verwandten) Burusaski im
Hunza-Tal, des in Citräl und im Gilgit-Tal verbreiteten indoarischen Khowar (im
Yärxun-Tal) und des SariqölT.
Einer der bemerkenswerten Archaismen des Wakhl, die zur Untermauerung der
These herangezogen werden, daß es einer früheren Einwandererwelle von Iranern in
das Pamirgebiet zu verdanken sei, ist die Bewahrung intervokalischer stimmloser
Verschlußlaute (wie im YagnöbT), etwa in vrü „Bruder" < iran. *brätar- oder yupk
„Wasser" < iran. *äpaka-. Vielleicht noch bedeutsamer ist die Obliquusform des Perso­
nalpronomens der 1. Person, maz, die das einzige Vergleichsstück zu Dat. Sing. ved.
mähya(m) „mir" im Iranischen überhaupt bietet, gegenüber dem die ältestbezeugte
iranische Form, altavest. ma'biiä, ma'biiö, eine Neuerung darstellt, nämlich eine
Umbildung nach ta'biiö, ta'biiä- „dir". Beachtliche Eigenheiten zeigt das WakhT auch
mit dem Wandel von iran. *§r > wakhl tr (ähnlich wie im YagnöbT) etwa in truy „3"

14
Vgl. Morgenstierne, 27.
5
< iran. *ßrayas (vgl. avest. ßräiiof oder patr „Sohn" < iran. *pudra- (= avest.
putira-) und dem Übergang von iran. *tsv (< indoiran. *cu) > wakhl s etwa in yas
„Pferd" (wie khotansak. assa-) < iran. *atsva- (> avest. aspa- usw.; vgl. Kapitel 1.9,
Punkt (n)).

5.7. Das Verbreitungsgebiet der Pamirsprachen ist in neuerer Zeit, vor allem infolge
des Einflusses von Dan bzw. Tadschikisch, immer stärker geschrumpft. So ist das zu
dieser Gruppe gehörige Sarguläml, das früher am Oberlauf des Sarguläm östlich der
afghanischen Provinzhauptstadt Fäizäbäd gesprochen wurde, heute offenbar nicht mehr
auszumachen, also „ausgestorben". Auch die früher im Tal des Wanc (eines tad­
schikischen Panj-Nebenflusses nördlich des Yazguläm) gesprochene Sprache, das alte
WancI, ist etwa in den 1920er Jahren untergegangen. Beide Sprachen, von denen ein
russischer Forscher (Ivan I. Zarubin) 1915/16 noch ein paar Wörter hat aufzeichnen
können, sind jedenfalls noch so weit greifbar, daß ihre Zugehörigkeit zu den Pamir­
sprachen und für das WancI speziell die zum Yazguläm! feststeht.
Insgesamt sind die Pamirsprachen ganz deutlich durch die charakteristischen
Merkmale des Ostiranischen ausgezeichnet, (a) die Spirantisierung von iran. *b-, *d-,
*g- (im Anlaut) > ostiran. *ß-, *6-, *y- und (b) die Sonorisierung der Gruppen iran. *xt,
*ft > ostiran. *yd, *ßd (vgl. Kapitel 3.17). Illustrationsbeispiele seien noch einmal die
Wörter für „Bruder" (iran. *brätar- > sugn! virö(d), sariqölT v(i)rud, yazguläm! v(a)red,
iskäsml vru(d), wakhl vrit), „Ohr" (iran. *gausa- > sugn! yüy, rosan! yöw, sariqöl! yewl,
16
iskäsml yül, yül, wakhl fis ) und „7" (iran. *hafta > sugn! (wjüvd, sariqöl! ivd,
yazguläm! uvd, iskäsml uvd, wakhl ib).
17
Aber wegen der zwischen den vier (oder allenfalls drei) Untergruppen
bestehenden, teilweise beträchtlichen Unterschiede muß es trotzdem fraglich bleiben,
18
ob eine gemeinsame Vorstufe für alle, eine „proto-Pämir unity" angesetzt werden
darf, die sich von den anderen ostiranischen Sprachen klar abgrenzen läßt. Die
Schwierigkeit liegt darin, daß die einzelnen gemeinsamen oder unterschiedlichen
lautlichen usw. Entwicklungen sich nicht exakt genug datieren lassen, selbst nicht im
Sinne einer relativen Chronologie. Viele Gemeinsamkeiten sind ja auch einfach die
Folge der oben schon betonten Mehrsprachigkeit der meisten Pämirls, und ein gut Teil
der spezifischen Merkmale einzelner Sprachen ist auch auf unterschiedliche
Substrateinflüsse zurückzuführen.
Eine der schwer einzuordnenden Besonderheiten ist der a- oder «'-Umlaut, der in
einem Teil der SugnI-Gruppe eine bedeutende Rolle spielt, und zwar nicht nur als

15
Die Entwicklungen in der SugnI-Gruppe (äugnl aräy, sariqöl: aroy), im YazgulämT (cuy, mit *&r- >
c-) und in der IskäämT-Gruppe (iäk. rüy) weichen deutlich ab.
16
In dem Wakhl-Wort ist *$ als ? bewahrt, während die anderen Formen eine Zwischenstufe mit stimm­
haftem *z (o. ä.) voraussetzen und insofern eine Gemeinsamkeit mit dem Paschtu (vgl. ywaz „Ohr")
aufweisen.
17
Das heißt: bei Annahme einer SugnI-YazgulämT-Gruppe.
18
Dies ist die Formulierung von Payne, 420 f.
lautliches Phänomen, sondern auch als morphologisches Mittel zur Unterscheidung des
grammatischen Genus Femininum vom Maskulinum. Gewöhnlich stehen da nämlich
Formenpaare nebeneinander, die durch eine Vokalalternation charakterisiert sind und
die letztlich auf altiran. *-ah (mask.) vs. *-ä oder *-f (fem.) zurückgehen: etwa sugnl
kud „Hund" vs. kid „Hündin" < altiran. *kutahl*kuti mit «-Umlaut; cux „Hahn" vs. cax
„Henne" < altiran. *krxah/*krxä mit a-Umlaut. In diesen Sprachen gibt es auch eine
Reihe von Adjektiven, die in ganz analoger Weise für Maskulinum und Femininum
verschiedene Formen aufweisen, z. B. kut, mask. vs. kat, fem. „kurz".
Bemerkenswert ist im Phonemsystem aller Pamirsprachen die hohe Zahl der Frika-
tive oder Reibelaute; den Vogel schießt dabei das Wakhl ab, das außer dem marginalen
h (das bloß in Lehnwörtern vorkommt) 14 solcher Phoneme kennt, sieben durch den
Gegensatz stimmlos vs. stimmhaft charakterisierte Paare von labio-dentalen (f, v),
dentalen (ö, ¿5), alveolo-dentalen (s, z), palato-alveolaren (s, z), retroflexen (s, i),
velaren (i, y) und uvularen (x, y) Frikativen. Zu den beiden letzten Serien kommen im
Yazguläml noch labialisierte Reibelaute hinzu (x° sowie x°, y°). Es ist hier nicht der
Ort, die phonetischen Begriffe und die Fakten, die bei einzelnen, dem Europäer
fremdartig anmutenden Lauten dahinterstehen, im einzelnen zu erläutern; aber Hin-
weise auf Phänomene dieser Art erklären wohl zur Genüge, warum gerade die Pamir-
sprachen ein ebenso interessantes wie ertragreiches Feld für sprachwissenschaftliche
Forschung darstellen.

5.8. An das zusammenhängende Verbreitungsgebiet der Pamirsprachen schließt sich


im Süden, d. h. an das SangllcT-Gebiet, das Territorium an, in dem von etwa 2.000 bzw.
1 9
1.000 Sprechern M u n j ! und Y i d g ä gesprochen werden. Sie werden mitunter
20
zu den Pamirsprachen gerechnet, und in neuerer Zeit ist die sowjetische Forscherin
Valentina S. Sokolova sogar so weit gegangen, daß sie Munjl als Teil der Sugm-
YazgulämT-Gruppe erweisen wollte. Aber die deutlich erkennbaren Unterschiede in der
Lautentwicklung sprechen nicht unbedingt zugunsten dieser These.
Die im nördlichen afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet beheimateten Sprachen
MunjT und Yidgä gehören unstrittig eng zusammen: Munjl wird in der Landschaft
Munjän gesprochen, in dem sehr abgeschlossenen Hochtal, das durch den oberen
Kokca und dessen Quellbäche bewässert wird und nach Nordosten (SanglTc) hin durch
den Xalargai-Paß und nach Osten, zum Lutkoh-Tal hin durch den Dorah-Paß (über den
auch die afghanisch-pakistanische Grenze verläuft) getrennt ist. Auf dessen Südostseite
wird in einigen Dörfern dieses Tals - der Lutkoh ist ein rechter Nebenfluß des Kunar in
Citräl - auf einem ganz kleinen Gebiet Yidgä gesprochen. Die Sprache ist dorthin, in
das Land südlich des Hindukusch, von Auswanderern aus dem Munjän gebracht
worden, bildet also praktisch einen Dialektableger des MunjT. Die enge sprachliche

" Vgl. die Skizze von Skjaervö.


211
Es wird nicht weiter erstaunen, daß gerade die Sprachen des Pamir-Hindukusch-Gebietes eine
Domäne der sowjetischen Forschung waren. Auf entsprechende bibliographische Nachweise wird hier
verzichtet.
Zusammengehörigkeit wird durch die im Volk lebendige Überlieferung bestätigt, daß
die Yidgs (yidgä Idag, Plur. läge) aus dem Munjän gekommen sind.
Während es auf dem kleinen Yidgä-Sprachgebiet, das ja auch junger Kolonialboden
ist, nach dem verhältnismäßig geringen Quellenmaterial praktisch keine weiteren
Differenzierungen gibt, sind für das Munjl vornehmlich durch Aleksandr L. Grjunberg
drei Dialekte unterschieden worden, ein nördlicher bzw. unterer (im Raum um Sahr-i
Munjän), ein zentraler (weiter talaufwärts bis Gaz) und ein südlicher bzw. oberer
Dialekt (oberhalb von Sarjangal).
An lautgeschichtlich bemerkenswerten Entwicklungen lassen sich anführen:
21
(a) der Übergang von iran. *ßr- > xr- in munjl xiray, yidgä xuroi „3" < iran.
*ßrayas - in keiner der Pamirsprachen findet man vergleichbare Entwicklungen von
*ßr- (vgl. oben Kapitel 5.6 mit Anm. 15) -;
(b) der Wandel von iran. *d> *ö> l (wie insbesondere im Baktrischen und Paschtu)
in munjl tevar, yidgä hvor „Tür" < iran. *dvära-; munjl teyda, yidgä luydo „Tochter" <
3
iran. *dugdar- (vgl. altavest. dug dar-, paschtu lür usw.) und anderen Beispielen.
Eine auffällige Besonderheit ganz spezieller Art ist die Entwicklung von iran. *st >
munjl sk', aber mit weiterer Palatalisierung > yidgä sc: Präteritalstamm munjl hsk'-,
yidgä lisc- (zu Präs. win- „sehen") < iran. *drsta- „gesehen" (= avest. darssta-); munjl
osk'ä, yidgä ascö „8" < iran. *astä (= jungavest. asta). Hier liegt auch eine deutliche
Divergenz zwischen MunjT und Yidgä vor.
Zu den historischen Divergenzen zwischen Yidgä und MunjT in der Lautentwicklung
(wie z. B. bei iran. *st) kommen weitere Unterschiede im Lexikon hinzu: Yidgä
bewahrt gelegentlich alte „Erbwörter", die im Munjl einem Dari-Lehnwort zum Opfer
gefallen sind (wie etwa yidgä wisto „20" < altiran. *visati vs. munjl bist wie neupers.
bist); in anderen Fällen stehen Dari-Lehnwörtern des MunjT im Yidgä solche aus dem
hier benachbarten indoarischen Khowar zur Seite. Dieses hat auch zu einer Erweiterung
des Phonemsystems des Yidgä seinen Beitrag geleistet, indem es durch Lehnwörter zur
Aufnahme der Retroflexe t, d, n, r geführt hat.

5.9. Über weite Teile, grob gesagt: die Südhälfte Afghanistans sowie in dem angren-
zenden Nordwesten Pakistans ist das P a s c h t u (Pastö) oder Afghanische (neupers.
22
Afgäni), die Sprache der Paschtunen verbreitet . Ausgeklammert sind von dem durch-
gehenden Sprachgebiet aber die primär persisch-(dari-)sprachigen Gegenden um Kabul
und Gaznl; andererseits gibt es auch im Norden Afghanistans, v. a. im Raum des alten
Baktrien, in nicht zusammenhängendem Gebiet, einzelne neuere Paschtunensiedlungen.
In Pakistan wird Paschtu in der sog. North West Frontier Province gesprochen, im
Norden etwa bis Dir; von dort reicht das Territorium, in dem Paschtu die dominierende
Sprache ist, aber tief in die Provinzen Panjäb (westlich des Indus) und Baluchistan bis

21
Der mit x umschriebene Laut entspricht etwa dem deutschen Ich-Laut [5].
2 2
Eine eingehende Darstellung der Sprache mit einer detaillierten Historischen Lautlehre als Glanzstück
bietet Skj£erv0.
zur Höhe von Quetta bzw. Dera GhäzT Khan. Vereinzelt finden sich Paschtu-Sprecher
auch darüber hinaus, im Nordosten in Citräl und Kaschmir, im Westen entlang der
iranischen Grenze zu Afghanistan.
Paschtu ist die Sprache jener Stämme, die im 18. Jahrhundert die Gründung eines
eigenen afghanischen Staates erreichten und die diesen lange Zeit trugen. Seit 1936 ist
Paschtu neben Dan Staatssprache in Afghanistan, dessen Bevölkerung es nach den
verläßlichsten Angaben etwa zur Hälfte als Muttersprache spricht. Die Gesamtzahlen
der Paschtu-Sprecher, d. h. von Paschtunen (so nach afghanischem Sprachgebrauch;
vgl. paschtu Pastün, Plur. Pastäm) und Pathanen (so nach pakistanischem Sprach­
gebrauch; vgl. neuindoar. Pathän) zusammen, mag man auf über 15 Millionen
schätzen. Allerdings ist gegenüber dieser Zahl der Vorbehalt zu machen, daß sie den
Veränderungen der sprachlichen Landschaft infolge der Okkupation Afghanistans
durch sowjetische Truppen von 1979 bis 1989, des andauernden Bürgerkrieges und der
dadurch ausgelösten Bevölkerungsverschiebungen nicht Rechnung trägt. In ähnlicher
Weise besteht aber überhaupt bei sämtlichen Afghanistan betreffenden Angaben die
Gefahr, daß sie noch Verhältnisse widerspiegeln können, die längst der Vergangenheit
angehören.
Der Name Pastö wird üblicherweise auf eine Vorform mit dem Anlaut iran. *pars°
zurückgeführt. Ob eine Verbindung mit dem Landes- und Volksnamen (altpers.) Pärsa-
„Persis; persisch, Perser" besteht, bleibt unsicher. Näher liegt es jedenfalls, die Form
mit den Namen früherer ostiranischer Stämme zu verknüpfen, die in antiken Quellen
bezeugt sind, insbesondere mit denen der ndpaioi „Parsier" und der napaifijai
„Parsieter", die beide nach den Angaben des griechischen Geographen Ptolemaios
(6, 18, 3) in dem durch Baktrien, Areia (Haraiva, Herät), Arachosien und das Indus-
23
Gebiet begrenzten Land, also im östlichen Afghanistan ansässig waren .

5.10. Geschrieben wird Paschtu wie Färsl und Dar! in einer modifizierten Form der
arabischen Schrift, nämlich mit Zusatzzeichen für die Retroflexe (t, d, n, r, s, z) und die
Affrikaten (c, j) sowie mit weiteren Diakritika zur genaueren Vokal- und Diphthong­
bezeichnung. Diese Regelungen haben sich allerdings erst im Laufe der Zeit entwickelt,
und in den älteren Paschtu-Texten sind durchaus noch ungenaue oder mehrdeutige
Schreibungen an der Tagesordnung.
Dies ist deshalb von Relevanz, weil Paschtu eine lange und reiche literarische
Tradition aufweist. Die Überlieferung der Paschtu-Literatur setzt nämlich im 16.
Jahrhundert ein. Ältere Werke, die bis ins 11. oder gar ins 8. Jahrhundert zurückreichen
sollen, sind jedoch in ihrer Authentizität aus sprachlichen wie historischen Gründen
angezweifelt worden: Die Textsammlung Pdta Xazäna „Verborgener Schatz", die im
18. oder 19. Jahrhundert entstanden ist, mag ältere Bestandteile enthalten, die auf

Das Problem des Namens Pa$tö diskutiert am ausführlichsten Morgenstierne, Irano-Dardica,


168-174.
mündlicher Überlieferung basieren; aber allzu viele Fragen bleiben dabei nach wie vor
offen.
Ihre erste Blüte erlebte die Paschtu-Literatur mit den Werken von BäyazTd Ansäri
(1524-1585). Bekannt ist von den älteren Dichtern insbesondere noch Xusxäl Xän
Xatsk (1613-1689), der den Ehrennamen „Vater des Paschtu" erhalten hat. Reichstens
ausgebildet ist eine sehr ansprechende, meist schlichte, aber um so reichhaltigere
Volksdichtung, von der die verschiedensten Formen bekannt sind, lyrische Gesänge,
Sinnsprüche und Sprichwörter ebenso wie historische oder romantische Balladen mit
Helden-, Liebes- und anderen Geschichten aus dem Leben der Paschtunen-Stämme.
Geringere Eigenständigkeit zeigen demgegenüber die verschiedenen Genres gelehrt­
wissenschaftlicher Literatur.
Erst seit seiner Einführung als offizielle Staatssprache Afghanistans haben sich die
Bemühungen um das Paschtu, um eine Standardisierung der Sprache und um ihre
Einführung als Schulsprache verstärkt. Die führende Rolle in dieser „Paschtu-Bewe-
gung" spielte die 1931 gegründete „Paschtu-Akademie" (Da Pastö Töbna) in Kabul;
ein ähnliches Gremium gibt es seit 1956 auch in Pakistan, mit Sitz in Pesäwar. In dieser
jüngsten Zeit haben dann auch die Bemühungen zugenommen, eine moderne Paschtu-
Literatur zu etablieren und Zeitungen, Zeitschriften, Fachschrifttum sowie belletri­
stische Werke zu veröffentlichen. Dieser angestrebten Literatursprache liegt in
Afghanistan der Qandahär-Dialekt als afghanische Standardform des Paschtu zugrunde,
in Pakistan ganz entsprechend die dortige Standardvariante, der Dialekt von Pesäwar.

5.11. Sehr deutlich ist die scharfe Unterteilung des Paschtu in zahlreiche Dialekte und
mehrere Dialektgruppen; dies ist das Ergebnis der über sehr lange Zeit ausgeprägt
partikularistischen Geschichte des Afghanenvolkes, besser: der Afghanen, und die
Folge davon, daß es zahlreiche Paschtunenstämme gibt, die jeweils ihr Eigenleben
führen. Die Klassifizierung der Dialekte stützt sich primär auf lautliche bzw. laut­
geschichtliche Differenzierungskriterien; die größte Rolle kommt dabei dem sehr
ausgeprägten Gegensatz bei der Realisierung der Phoneme /s, ?/ zu, die in den Süd­
west-Dialekten (etwa dem von Qandahär) als retroflexe Sibilanten [s, zj, in den
Nordost-Dialekten (etwa des Pesäwar-Tales) als Velare [x, g] gesprochen werden.
Da diese Isoglosse beispielsweise im Namen der Sprache selbst (qandahär! [pastö],
pesäwärl [paxtö]) eine Rolle spielt, hat man hier gelegentlich von Pastö- und Paxtö-
24
Mundarten gesprochen .
Da andere Unterscheidungsmerkmale abweichende Grenzverläufe - im sprachwis­
senschaftlichen Fachjargon: „Isoglossenlinien" - aufweisen, hat man mit weiteren
Unterteilungen oder mit Übergangsdialekten zu rechnen. In schematischer Zusammen­
25
fassung hat David Neil MacKenzie vier Dialektgruppen aufgestellt , für die die

2 4
Hieraus erklärt sich auch, daß der Name der pakistanischen (vordem indischen) Variante dieser
Sprache früher häufig als „Pakhtö", „Pukhtö" o. ä. geschrieben worden ist.
2 5
Zu den Fragen der Standardisierung des Paschtu und der Paschtu-Dialekte vgl. MacKenzie, Standard
Pashto.
phonetische Realisierung, also die Aussprache bestimmter Phoneme charakteristisch
ist:
Phoneme SW-Dialekte SO-Dialekte NW-Dialekte NO-Dialekte
26
/Ii/ [s,zj [|, ]
3 fojf [X,g]

in [3] [3l 28
[3] №1
29 29
/c,j7
Dabei bezeichnet[ts,dz] [ts,dz] die von Qandahär
man als SW-Dialekte [ s , z ] und Südwest-Afghanistan,
[s,z]
als NW-Dialekte die der Stämme von Ost- und Nordost-Afghanistan; unter SO-Dialek-
ten versteht man die von Pakistanisch-Baluchistan (um Quetta), unter NO-Dialekten die
von Nordwest-Pakistan, insbesondere von Pesäwar.
Innerhalb dieser Dialektgruppen, die offenbar alle auf eine gemeinsame Grundlage
zurückgehen, die der Sprache der ältesten Quellen aus dem 16. Jahrhundert nicht
fernsteht, bestehen aber weitere Unterschiede, die das skizzierte Schema als zu sehr
vereinfacht erscheinen lassen: Innerhalb der NO- und SO-Dialekte gibt es einzelne, die
durch eine Reihe gemeinsamer Veränderungen im vokalischen Bereich zusammen­
30
gebunden werden. Hierher gehören Afridl (ein NO-Dialekt) und WazTri (ein SO-
Dialekt), in denen (standard-)paschtu ä, 5, ü als ö, o (oder e) bzw. 1 erscheinen: paschtu
plär „Vater", mör „Mutter", lür „Tochter" > wazlri plör, mor, Hr.
Unter den zahlreichen Dialekten und Subdialekten ist der, der am meisten vom
„Standard-Paschtu" abweicht, das Wanetsi (genauer: WanecT), das im Nordosten von
Baluchistan, in der Region um HarnaT und Sährig zwischen Quetta und Loralai
ziemlich isoliert steht und neuerdings immer mehr durch das Paschtu nivelliert wird. Es
weist zahlreiche Archaismen, vor allem aber ein paar charakteristische Merkmale auf,
durch die es sich von sämtlichen anderen Paschtu-Dialekten unterscheidet. Dies sind
insbesondere
(a) die Bewahrung von paschtu *rz, das sonst überall als Retroflex i erscheint
(wanetsi yirz „Bär" vs. vor-paschtu yaz < altiran. *rsah, vgl. neupers. xirs) -
Entsprechendes gilt für *rs (> paschtu i) - und
(b) der Übergang von intervokalisch iran. *-t- > -y- o. ä., nicht > (wanetsi piyär
„Vater" vs. paschtu plär < altiran. Akk. Sing. *pitaram).

Das stimmlose Phonem dieser Reihe wird in den einzelnen Dialektgruppen als Retroflex (s), wie
deutsch sch (J), als Ich-Laut (cj bzw. als Ach-Laut (x) gesprochen!
2 7
Umschrieben wird dieses Lautpaar häufig als x, y.
2 8
Die Phoneme der beiden ersten Reihen fallen in den SO-Dialekten also zusammen.
2 9
Die Phoneme der dritten Reihe fallen in den NW- und NO-Dialekten also mit den normalen Dentalen
s, z zusammen.
311
Der Name des Paschtunenstammes der AfrTdl ist möglicherweise mit dem von Herodot 3, 91, 4
zusammen mit ra.v5o.pioi „Gandhärer" und SaTTav<>5at „Sattagyden" genannten, also im afghanisch­
pakistanischen Raum zu lokalisierenden Stamm der Änaputai zu verbinden; vgl. Morgenstierne,
Stratification, 29.
Daneben wäre aber noch eine ganze Reihe weiterer phonologischer sowie mor-
phologischer und lexikalischer Besonderheiten zu nennen. Sie legen den Schluß nahe,
daß Wanetsi sich wohl früher als andere Dialekte vom Kerngebiet des Paschtu abge-
trennt hat und insofern also die einzig erkennbare Spur einer älteren (nach Morgen-
stierne schon frühmitteliranischen) Dialektspaltung darstellt.

5.12. Das Lautsystem des Paschtu ist etwa von dem des Neupersischen (Fârsï-Darï-
Tadschikischen) völlig verschieden, u. a. dadurch, daß es vier Affrikaten (die dentalen
c, j und die palato-alveolaren c,j) und infolge sekundärer Entwicklung in Lautgruppen
eine ganze Serie von Retroflexen (t, d, n, r, s, z) kennt. Besonders bedeutsam ist aber
der freie, d. h. phonemisch relevante Wortakzent; das Paschtu ist damit die einzige
unter den neuiranischen Sprachen, in der der Wortakzent nicht auf eine bestimmte,
gewöhnlich die letzte Silbe des Wortes fixiert ist und in der er „funktionell", d. h.
bedeutungsdifferenzierend ist, so daß es also Wortpaare gibt, die sich nur durch die
Akzentstelle unterscheiden, sonst aber gleich lauten, sog. „Minimalpaare" (z. B. cara
„Arbeit" vs. cära „Mittel, Ausweg" oder âspa „Stute" vs. aspâ als Krank-
heitsbezeichnung). Dieser Akzent, genauer: der Unterschied zwischen endbetonten und
nicht-endbetonten Wortformen spielt denn in der Flexion von Nomen und Verbum eine
große Rolle.
Wie Georg Morgenstierne erkannt hat, ist in dem freien, „beweglichen" Paschtu-
Akzent der alte indoiranische (und letztlich indogermanische) freie Wortakzent
bewahrt. Da dieser am deutlichsten im vedischen Indoarischen festzustellen ist, läßt
sich diese Behauptung am besten durch Parallelen zwischen Paschtu-Wörtern und ihren
vedischen Entsprechungen aufzeigen. So gehen beispielsweise auch in der Anfangs-
betonung paschtu âspa „Stute" = ved. asvä und zama „Kiefer" = jâmbha- zusammen,
auch in der (ursprünglichen) Endbetonung paschtu spa „Nacht" = ved. ksapa, ricâ
„Nisse" = liksa und zda „kund" < iran. *azdä = ved. addha „sicher, bekannt". Da der
Akzent somit ererbt ist, darf es nicht wundernehmen, daß er in ganz besonderem Maße
die gesamte lautgeschichtliche Entwicklung des Paschtu dominiert hat und zahlreiche
Besonderheiten und Unterschiede in ihm ihre Erklärung finden.
Die Lautgeschichte des Paschtu, die bislang noch nicht in der erwünschten
Gründlichkeit erforscht ist, zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Komplexität aus.
Neben dem Akzent haben auch Synkopierungen und kombinatorische Veränderungen
wie Assimilationen und Dissimilationen, Metathesen, Nasalierungen, Palatalisierungen
31
und nicht zuletzt Vereinfachungen von Konsonantengruppen dazu beigetragen, den
Paschtu-Wörtern ein Aussehen zu verleihen, das von dem der Wörter in den ver-
wandten neuiranischen Sprachen und von den iranischen Grundformen stark abweicht.

5.13. Die Morphologie des Paschtu ist insgesamt durch einen beachtenswerten
Formenreichtum ausgezeichnet. Wichtig ist, daß in der Flexion von Substantiven,

31
Zahlreiche Beispiele für all diese Phänomene stellte Skjsrvo, 407 ff. zusammen.
Adjektiven und Pronomina außer zwei Kasus und zwei Numeri auch zwei Genera
(Maskulinum und Femininum) unterschieden werden; und eine derartige Unter­
scheidung findet sich dann auch in solchen Verbalformen, denen alte Partizipial-
konstruktionen zugrunde liegen.
Am ostiranischen Charakter des Paschtu besteht kein Zweifel, da es die typischen
Merkmale aufweist (oder als Zwischenstufe einer weitergehenden Entwicklung voraus­
setzt): z. B. altiran. *b-, *g- > paschtu w-, y- in wror „Bruder" < iran. *brätar-
(= avest., altpers. brätar-), yar „Berg" < iran. *gari- (= avest. ga'ri-, vgl. khotansak.
ggara-). Zu bemerken ist aber, daß es zu einigen der anderen ostiranischen Sprachen
besonders auffällige Beziehungen aufweist; insbesondere geht es mit dem Baktrischen
sowie mit dem Yidgä und MunJT darin zusammen, daß iran. *d zu / entwickelt wurde
(las „10" vs. neupers. dah < iran. *datsa).
Man mag aus solchen Übereinstimmungen den Schluß ziehen, daß die Heimat des
Paschtu weiter im Norden gesucht werden muß - verläßliche historische Nachrichten
gibt es darüber nicht - und daß das Paschtu als ein sakischer Dialekt wie etwa das
Khotansakische zu betrachten sei. Eine genaue Einordnung der Sprache in das Gesamt­
spektrum der iranischen Sprachen ist aber nicht möglich, wenngleich es durchaus
denkbar wäre, daß die Vorfahren der Paschtu-Sprecher mit jenen Saken in Verbindung
standen, die im 2. Jahrhundert v. Chr. von Norden her in die damalige Drangiana um
Helmand und Hämün-See eingefallen sind, die dann nach ihnen den Namen LaKaoTavn
bzw. SIstän trug.

3 2
5.14. Als einzige der neuostiranischen Sprachen sind P a r ä c l und Ö r m u r i ,
die enger zusammengehören, dadurch charakterisiert, daß sie im Anlaut die stimm­
33
haften Verschlußlaute iran. *b-, *d-, *g- unverändert als solche bewahren : z. B. paräcl
dös, dös, örmurT das „10" vs. paschtu las < iran. *datsa; paräcl gü, örmurT göy „Kuh"
vs. paschtu ywa < iran. *gau-. Georg Morgenstierne sieht deshalb in diesen beiden
34
schriftlosen Sprachen die einzigen Relikte der südostiranischen Sprachgruppe , die
dem Vordringen von Persisch und Paschtu nach Osten bislang noch nicht zum Opfer
gefallen sind.
Paräcl wird nordöstlich von Kabul in einigen Sprachinseln, die über primär anders­
sprachige Territorien verstreut sind, in drei Tälern am Südabhang des Hindukusch
gesprochen: im Tal des Sotol (eines rechten Nebenflusses des PanjsTr) und südöstlich
davon im Bezirk Nejrao in den PanjsTr-Seitentälern von Gocülän und Pacagän, während
bei den ersten Feldforschungen durch Morgenstierne 1924 Paräcl auch noch in einem
Dorf des PanjsTr-Tales selbst angetroffen worden war. Die Sprache scheint, obwohl
noch von einigen tausend gesprochen, in ihrem Weiterbestand extrem gefährdet zu sein
und ist wegen der Zweisprachigkeit praktisch aller ParäcT-Sprecher der vollständigen

3 2
Vgl. hierzu Kieffer.
5 1
Im Nordostiranischen gilt dagegen iran. *b-, *d-, *g- > ß-, S-, y-; vgl. oben Kapitel 5.1 und 5.7.
3 4
Morgenstierne, Report, 28-36.
35
Verdrängung durch überregionale Sprachen, vor allem Dan ausgesetzt . Stark ist im
Nejrao-Gebiet auch der Einfluß seitens des benachbarten neuindoarisehen Pasal auf
Morphologie und Wortschatz des ParäcT.
Bei aller Unterschiedlichkeit, die heute unverkennbar ist, besteht zwischen ParäcT
und dem etwas weiter im Süden gesprochenen Örmun doch eine engere Verbindung.
Zusammen bilden diese beiden Sprachen - und deshalb kommt ihnen einige Bedeutung
zu - die letzten erhaltenen Überbleibsel der ursprünglich einmal in Nordost-Afghani­
stan, im weiteren Umkreis von Kabul gesprochenen iranischen Sprachen.
Noch stärker zurückgedrängt als das ParäcT ist das ÖrmurT, das noch in zwei
voneinander abweichenden Ausprägungen fortlebt: Zum einen wird es von ganz
wenigen Leuten in der Umgebung von BarakT-Barak, dem Hauptort des Lögar-Tales
(südlich von Kabul) gesprochen, zum anderen von etwa 1.000 Sprechern, die sich
selbst als BarkT, B(a)raki bezeichnen, in Känlg(u)räm nördlich von Wäna in der paki­
stanischen North West Frontier Province im ansonsten paschtusprachigen WazTristän.
Diese beiden Sprachinseln stehen aber schon seit langem nicht mehr in Beziehung
zueinander, haben sich völlig getrennt weiterentwickelt und stehen sich jetzt so fern,
daß Charles Kieffer beim Vorspielen von Tonbändern mit Texten des jeweils anderen
36
Dialekts feststellen mußte, daß sie nicht verstanden wurden .
Früher war ÖrmurT - der Paschtu-Name der Örmur erklärt sich aus paschtu ör-mar
„Feuerauslöscher" - auf einem viel größeren Gebiet verbreitet, auch im Raum nördlich
von Kabul. Durch die Ausdehnung von Dan und vor allem Paschtu ist es immer mehr
zurückgedrängt worden, wie sich für einzelne Regionen nachweisen läßt und im Lögar-
Tal sozusagen beobachtet werden kann, da es dort nur noch von Erwachsenen
(überwiegend von Alten) gesprochen wird, während die Jüngeren es nicht mehr
verwenden. In Känlg(u)räm ist es dagegen noch häusliche Umgangssprache einer
homogenen ethnischen Gruppe. Der ständig fortschreitende Sprachverfall, gefördert
durch praktisch vollständige Zwei- oder Mehrsprachigkeit der (männlichen) Bevölke­
rung zeigt sich besonders in dem Überhandnehmen von Lehnwörtern und Lehnüber­
setzungen, das den ÖrmurT-Wortschatz schon weitgehend verfremdet hat.

5.15. Die Lautentwicklung von ParäcT und ÖrmurT ist vornehmlich durch einige
auffällige Erscheinungen charakterisiert wie den Lautwandel von
(a) iran. *v- > *yw- > y- (paräc! yarp, örmun yöf „Schnee" vs. paschtu wawra,
neupers. barf< iran. *vafra-)\
(b) iran. *dv- > b- (paräcT bor, ÖrmurT bar „Tür" vs. paschtu war < iran. *dvära-);
(c) iran. *dr > paräcT s, ÖrmurT f (paräcT sT, örmun fe „3" < iran. *ßrayas; paräcT
pus „Sohn" < iran. *pußra-).

3 5
Morgenstierne, Stratification, 27 f. macht diese Gefahr deutlich durch den Vergleich der Verhältnisse
von 1924 mit denen von 1971.
3 6
Vgl. Kieffer, 454.
In anderen Fällen haben sich aber auch divergierende Ergebnisse eingestellt, etwa
wenn iran. *rt/rt im ParäcT zu retroflexem r (bur „getragen" < iran. *brta-, mur „tot" <
iran. *mrta-), im ÖrmurT aber zu 1(1) geführt hat (mulluk „tot" < iran. *mrtaka-) oder
wenn iran. *c im ParäcT an- und inlautend bewahrt ist (rüc „Tag" vs. neupers. röz <
iran. *raucah-), im ÖrmurT aber im Anlaut (wie im Paschtu und in den meisten
Pamirsprachen) zu c- [ts-] entpalatalisiert wurde (örmurl cär „4" vs. paräcT cor < iran.
*ca$väras, vgl. avest. caüßärö). In dem archaischeren Känlg(u)räm-Dialekt des
ÖrmurT finden sich auch Reste einer Genus-Unterscheidung von Maskulinum vs.
Femininum - in Lögar hat Dan-Einfluß zum Verlust dieses Unterschiedes geführt - in
alten Partizipialformen wie nastak, mask. vs. näsk, fem. „er/sie hat sich gesetzt" oder
xwalak, mask. vs. xwälk, fem. „er/sie hat gegessen", deren unterschiedliche Form auf
einen früheren Akzentunterschied zurückgeführt wird.
Gerade bei diesen beiden Sprachen ist es besonders zu bedauern, daß historische
Zeugnisse kaum verfügbar sind; außer den Sprachaufnahmen im 19. und 20. Jahr­
hundert kommen nämlich fast nur Hinweise in Frage, die bloß auf die Existenz dieser
Sprachen weisen, etwa wenn der Timuride Bäbur sie um 1500 unter den elf Sprachen
nennt, die seinerzeit im Raum Kabul gesprochen wurden. Ansonsten sind allenfalls
Mutmaßungen möglich über das frühere Schicksal dieser Sprachen und ihr Verbrei­
tungsgebiet südlich des Hindukusch in der Zeit vor der Ausbreitung von Paschtu und
Persisch. Die Annahme, daß die auf den kusan-zeitlichen Felsinschriften von Da§t-i
Näwur (westlich von GaznT) in unbekannter Schrift bezeugte Sprache ein dort damals
einheimisches Idiom darstelle, hat zwar alle Wahrscheinlichkeit für sich; aber daß dies
eine Vorstufe des ÖrmurT sei, bleibt unerweisbar.
So darf es angesichts dieser Isolierung von ParäcT und ÖrmurT nicht verwundern,
wenn ihre Klassifizierung bis heute umstritten und die Anschauung Georg Morgen-
stiernes, der ich mich oben (vgl. 5.14) angeschlossen habe, nicht allgemein akzeptiert
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ist . Wenn auch manche Merkmale ParäcT und ÖrmurT in die Nähe der westiranischen
Sprachen rücken mögen (am deutlichsten die Bewahrung von iran. *b-, *d-, *g-), so
spricht anderes doch entschieden dagegen, vor allem das Vorhandensein des Wortes
ÖrmurT g(i)ri „Berg", paräcT gir, ger „Stein" < iran. *gari- „Berg" (vgl. avest. ga'ri-,
paschtu yar), das ein typisch ostiranisches Lexem ist und im Westiranischen altpers.
kaufa-, mittelpers., parth. köf„Beig" usw. weichen mußte.
Diese Probleme verdeutlichen einmal mehr, wie sehr sich insbesondere in
Afghanistan, aber auch überhaupt im ostiranischen Bereich die Sprachenkarte im Laufe
der Zeit verändert hat. Es ist jedoch nicht nur das Vordringen der Turksprachen (des
Uigurischen, Usbekischen, Turkmenischen usw.), das hier die ehedem dort gesproche­
nen iranischen Sprachen durcheinandergewirbelt, zurückgedrängt und verdrängt hat,
sondern es sind auch Verlagerungen iranischer Sprachen und Völker, die uns den
Durchblick in frühere Zeiten verwehren. So zeigt uns dieser Überblick über die
modernen ostiranischen Sprachen ganz besonders eindringlich, wie sehr man sich davor

Auch ihr Urheber selbst hat sie in seinen letzten Lebensjahren nicht immer eindeutig vertreten: vgl.
Morgenstierne, Stratification, 27 f.
hüten muß, die jetzigen Verhältnisse einfach schematisch in frühere Perioden
zurückzuprojizieren.

Literatur zu Kapitel 5.1:

Skjasrv0, Prods O.: Modern East Iranian Languages, in: CLI 370-383.

Literatur zu Kapitel 5.2-5.3:

Bielmeier, Roland: Historische Untersuchungen zum Erb- und Lehnwortschatzanteil im ossetischen


Grundwortschatz, Frankfurt am Main usw. 1977.
Christol, Alain: Introduction à l'ossète. Éléments de grammaire comparée, LALIES 8, 1990, 7-50.
Gippert-Fritz, Sonja: Die Osseten - eine iranische Minderheit im Kaukasus, in: Bamberger Mittelasien-
studien. Hrsg. von Bert G. Fragner, Birgitt Hoffmann, Berlin 1994, 137-151.
Thordarson, Fridrik: Ossetic, in: CLI 456-479.
Thordarson, Fridrik: Digor, in: EIr VII, 1996, 402-404.

Literatur zu Kapitel 5.4:


Bielmeier, Roland: YaghnöbT, in: CLI 480^488.
Junker, Heinrich: Arische Forschungen. Yaghnöbl-Studien. I: Die sprachgeographische Gliederung des
Yaghnöb-Tales, Leipzig 1930.

Literatur zu Kapitel 5.5-5.7:


Buddruss, G.: BartangT, In: Elr III, 1989, 827-830.
Grünberg, A. L., und I. M. Stéblin-Kamensky: La langue wakhi. I—II, Paris 1988.
Morgenstierne, Georg: The Linguistic Stratification of Afghanistan, AfSt 2, 1979, 23-33.
Payne, John: Pamir Languages, in: CLI 417-444.
Steblin-Kamensky, I. M.: Eäkaä(e)ml, in: EIr VIII, 1998, 614-615.

Literatur zu Kapitel 5.8:

Skja;rv0, Prods O.: Yidgha and MunjT, in: CLI 41 l ^ t l 6 .

Literatur zu Kapitel 5.9-5.13:

Lorenz, Manfred: Die Entwicklung des Paschto als moderne Literatursprache, in: Language Reform:
History and Future. V. Ed. by Istvân Fodor, Claude Hagège, Hamburg 1990, 105-125.
MacKenzie, D. N.: A Standard Pashto, BSOAS 22,1959,231-235.
MacKenzie, D. N.: The Development of the Pashto Script, in: Languages and Scripts of Central Asia. Ed.
by Shirin Akiner and Nicholas Sims-Williams, London 1997, 137-143.
Morgenstierne, Georg: Irano-Dardica, Wiesbaden 1973.
Morgenstierne, Georg: The Linguistic Stratification of Afghanistan, AfSt 2, 1979, 23-33.
Skjaerv0, Prods O.: Pashto, in: CLI 384-410.

Literatur zu Kapitel 5.14-5.15:


Kieffer, Charles M.: Le paräcT, l'örmurl et le groupe des langues du Sud-Est, in: CLI 445-455.
Morgenstierne, Georg: Report on a Linguistic Mission to Afghanistan, Oslo 1926.
Morgenstierne, Georg: The Linguistic Stratification of Afghanistan, AfSt 2, 1979, 23-33.

Umv.-Sibl.
Bamberg
Die i r a n i s c h e n S p r a c h e n in ihrer h e u t i g e n V e r b r e i t u n g

Persisch (Farsi, Dan, TàJikI)


Tati
TàlesT
Äzari (»Süd-Täti«)
Gilaki/Mäzanderäni
Semnäni
Dialekte Zentralirans
Kurdisch