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S O N D E R D R U C K /O F F P R I N T

Priscis Libentius et Liberius Novis


Studien
zur historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft

Herausgegeben von
Harald Bichlmeier und Velizar Sadovski

Band 11
Priscis Libentius et Liberius Novis
Indogermanische und sprachwissenschaftliche Studien

Festschrift für Gerhard Meiser zum 65. Geburtstag

Herausgegeben von
Olav Hackstein und Andreas Opfermann

unter Mitarbeit von


Harald Bichlmeier und Sabine Häusler

baar
Hamburg 2018
Baar-Verlag
Hamburg
URL: http://baar-verlag.com
E-Mail: info@baar-verlag.com

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Printed and bound in Poland.

ISBN 978-3-935536-38-7
ISSN 2192-0133
INHALTSVERZEICHNIS

Geleitwort 9
Schriftenverzeichnis von Gerhard Meiser 11

ITALICA
Bock, Bettina
vir virtutis est quis? Eine wortfeldbezogene Analyse von lateinisch virtus 19
Dupraz, Emmanuel
Die onomastische Formel im Vokativ in der oskischen Grabinschrift
Crawford CVMAE 13 39
Fortson, Benjamin W. IV
A cover-up: Latin amiciō 49
Hackstein, Olav
NEG > Q: Die lateinische Interrogativpartikel ⸗ne 65
Kümmel, Martin J.
Oskisch fangwā- ,Zunge‘ und die italische Lautgeschichte 73
Malzahn, Melanie
Two difficult Latin verbs 81
Martzloff, Vincent
Questions de linguistique et de poétique en langue vénète 99
Opfermann, Andreas
Gedanken über einen oskischen Graffito:
ST Po 79 und das Pronomen oskisch pis·pis 111
Poccetti, Paolo
Ein neuer Beleg des oskischen Futurums des Verbums ,sein‘
zwischen Textinterpretation und Modussyntax 131
Rocca, Giovanna
Instrumentum inscriptum da Satricum e Acqua Acetosa Laurentina 145
6 INHALTSVERZEICHNIS

Steer, Thomas
Lateinisch uerpa und uerpus 159
Vine, Brent
On the treatment of PIE *ghR- in Latin 177

ETRUSCUM ET RAETICUM
Briquel, Dominique
Die etruskischen Inschriften des archäologischen Museums
der Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg 193
Kluge, Sindy
Ex antiquo praeter sonum linguae… 201

INDOGERMANICA
Bichlmeier, Harald
Zu den Etymologien zweier Ortsnamen in Sachsen-Anhalt:
Merseburg und Halle 215
Harðarson, Jón Axel
Germanisch *truwa‑, *trewwa- und *‑trewwija-
und ihre urindogermanischen Grundlagen 229
Lindner, Thomas
Die Frühgeschichte von Indogermanist und Indogermanistik 265
Litscher, Roland / Widmer, Paul / Zehnder, Thomas
Vedisch gatáśrī- ‚glücklich‘ und nachvedisch gataśrī- ‚unglücklich‘ 271
Lühr, Rosemarie
Information Structure in Hittite and Vedic 283
Meier-Brügger, Michael
βλασφημέω 295
Oettinger, Norbert
Warum spielen Frauen in indogermanischen Mythen keine aktive Rolle? 299
Panagl, Oswald
The construction ‘καθʼ ὅλον καὶ μέρος’: some thoughts on its emergence,
diachronic development and comparative syntactic reconstruction 307
Pinault, Georges-Jean
Cracking the nucleus of the Caland system 313
INHALTSVERZEICHNIS 7

Rieken, Elisabeth
Zur Etymologie von hethitisch pūl- n. ,Los, Losmarke, Schicksal‘ 337
Schulze-Thulin, Britta
Zur Wirkung der DNTLS-Regel im Conamara-Irischen 349
Schumacher, Stefan
Ein t-Präteritum im Altbretonischen: leit me ,ich las‘ 361
Weiss, Michael
Tocharian and the West 373
Ziegler, Sabine
Nachrichten aus Mittelfranken:
Was bedeutet und woher kommt oozulld? 383

VARIA
Antos, Gerd
Festschrift für den homo loquens?
Wenn Roboter sprechen, werden Menschen verstummen?
Der disruptive Einbruch der Digital- in die Sprachkultur 393
Das, Rahul Peter
Sanskrit und Computer 409
Pfänder, Stefan / Schumann, Elke / Ehmer, Oliver
Synchronisation multimodal: Erste empirische Befunde
eines interdisziplinären Forschungsprojekts 423

Adressen der Autoren 443


EX ANTIQUO PRAETER SONUM LINGUAE…

Sindy Kluge, Wien

1. Im 5. Buch seines Werks Ab urbe condita berichtet der römische Geschichts-


schreiber Livius:
(1) Alpinis quoque ea gentibus haud dubie origo est, maxime Raetis, quos loca ipsa efferarunt,
ne quid ex antiquo praeter sonum linguae nec eum incorruptum retinerent. (Liv. 5, 33, 11)
„Auch die Alpenvölker haben ohne Zweifel diesen Ursprung (sc. diesen etruskischen, von
den Etruskern), in der Hauptsache die Räter, die die Gegend selbst hat verwildern lassen, so
dass sie vom Althergebrachten außer dem Klang der Sprache, und auch den nicht unver-
fälscht, bewahrt haben.“
Livius ist neben Plinius1 und Iustinus2 eine der antiken Quellen, die die Verbin-
dung zwischen Etruskern und Rätern vermerken, wobei er als Einziger der an-
tiken Autoren explizit die Sprache (sonum linguae) hervorhebt.
Ausgehend von den antiken Quellen können drei große geographische Räume
umrissen werden, die den Rätern zugeordnet werden können.3 Wertet man die
antiken Quellen eingehend aus, so können die Räter wie folgt beschrieben wer-

1
Plin. nat. 3, 133: Raetos Tuscorum prolem arbitrantur.
2
Iust. 20, 5, 9 (Auszug der Weltgeschichte des Pompeius Trogus): Tusci quoque duce Raeto avitis
sedibus amissis Alpes occupavere et ex nomine ducis gentem Raetorum condiderunt.
3
Als Kerngebiet der rätischen Besiedlung kann die Gegend um Verona gelten, genauer die Vor-
alpen, z. B. die Monti Lessini, nordwärts entlang der Etsch bis in den Raum um Bozen und Meran.
Anhaltspunkte für die Festlegung dieses ersten Rätergebietes sind die Aussagen über den rätischen
Wein in den antiken Quellen: Verg. Georg. 2, 95: […] et quo te carmine dicam / Raeticam (vitem)?;
Serv. ad Verg. Georg. 2, 95: (Raeticam) uvam Cato praecipuus laudat in libris quos scripsit ad
filium; Suet. Div. Aug. 77: […] et maxime delectatus est Raetico (vino) neque temere interdiu bibit;
Plin. nat. 14, 16: […] ante eum Raeticis prior mensa erat uvis ex Veroniensium agro; Plin. nat.
14, 67: In Veroniensi item Raetica Falernis tantum postlata a Vergilio; Strab. IV, 6, 8: Καὶ ὅ γε
Ῥαιτικὸς οἶνος, τῶν ἐν τοῖς Ἰταλικοῖς ἐπαινουμένων οὐκ ἀπολείπεσθαι δοκῶν […]. Ein zweites klar
definiertes Rätergebiet umfasst die Rheinquellen, z. B. Plin. nat. 3, 135: Raetorum Vennonenses et
Sarunetesque ortus Rheni amnis accolunt. Weiterhin Strab. III, 3, 3; IV, 6, 6; Ptol. Geogr. II, 12.
Die Südalpentäler bezeichnen das dritte Rätergebiet. Hauptquelle hierfür ist Strabon. Diese Anga-
be ist jedoch sehr widersprüchlich, da Strabon sich an anderer Stelle hierzu gegenteilig äußert und
zudem andere Autoren diesen geographischen Raum nicht als rätisch vermerken. Zu den Rätern in
den antiken Quellen vgl. Frei-Stolba 1993a.
202 SINDY KLUGE

den: Die Bezeichnung Räter 4 ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene


Stämme,5 die im Gebiet der Voralpen und in verschiedenen Alpenregionen sie-
delten. Diese wiesen starke Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten in Schrift und
Sprache, Kult und Ritus sowie Tracht und Bewaffnung auf. Die Räter haben
schriftliche Zeugnisse hinterlassen, die sich zumeist auf Metallobjekten oder
Gegenständen aus Knochen sowie Geweih finden. Für diese rätischen Texte
lassen sich zwei Alphabete herausarbeiten: das Alphabet von Sanzeno6 und das
Alphabet von Magrè, wobei das Vorkommen der ersten Gruppe sich mit dem
zentralen Bereich des Rätergebietes (vgl. Fn. 3) deckt, d. h. dem Nonstal – hier
vor allem in und um Sanzeno sowie in Cles – und dem Etschtal, wozu auch der
Vinschgau gezählt werden muss. Die zweite Gruppe, nach dem Hauptfundort
Magrè benannt, tritt nördlich und südlich des zentralen Rätergebietes auf.

2. Ausgehend von der Arbeitshypothese, dass es sich beim Etruskischen und


Rätischen um verwandte Sprachen handelt,7 formulierte Helmut Rix in seiner
Studie Rätisch und Etruskisch 1998 erstmalig das Ergebnis:
„Rätisch und Etruskisch sind aus ein und derselben Grundsprache hervorgegangen […]. Sie
kann Urtyrsenisch genannt und in einigen Grundzügen rekonstruiert werden.“ (Rix 1998: 60)
Und weiter erklärt er, dass das Rätische für die Frühgeschichte des Etruskischen
zu Rate gezogen werden kann, ebenso wie das Etruskische für die Grammatik,
den Wortschatz und die Texte des Rätischen weitere Erkenntnisse erbringen
kann.8 Vorab hielt er fest:
„grundsätzlich enthalten […] die Texte der beiden Alphabetgruppen die selbe (sic!) Spra-
che, unabhängig von einzelnen orthographischen und lautlichen Varianten.“ (Rix 1998: 10)9
Derzeit liegen insgesamt 394 rätische Inschriften vor, von denen 213 aus mehr
als zwei Buchstaben bestehen.10 Rix führt in seiner Studie 1998 „noch wenig

4
Ein interessanter Verweis auf die Bezeichnung Räter gibt eine Statue im Sebastaion, der julisch-
claudischen Kaiserkultanlage in Aphrodisias. Die Statue stellte die Personifikation des ΕΘΝΟΥΣ
ΡΑΙΤΩΝ dar. Heute ist die Statue zwar verloren, dennoch ist die Inschrift erhalten. Vgl. Frei-Stolba
1993b.
5
Plin. nat. 3, 132–133: […] his contermini Raeti et Vindelici, omnes in multas civitates divisi.
6
Das Alphabet von Sanzeno wurde gemäß der Unterteilung, die von Carl Pauli etabliert wurde,
ehemals als Alphabet von Bozen betitelt; eine Bezeichnung, die zur Zeit Paulis auf die primär aus
dem Raum um Bozen stammenden beschriebenen Objekte zurückgeht. Durch den Zuwachs der In-
schriften im Bozner Alphabet in und um Sanzeno im Verlauf des 20. Jh.s setzte sich seither die
Benennung Alphabet von Sanzeno durch. Zur Alphabet-Unterteilung nach Pauli vgl. Pauli 1885.
7
Rix 1998: 5, 9.
8
Rix 1998: 60.
9
Mit dieser Aussage bezieht sich Rix auf die oben genannte Unterscheidung in das Alphabet von
Sanzeno und in das Alphabet von Magrè.
EX ANTIQUO PRAETER SONUM LINGUAE… 203

mehr als 100 […] Inschriften“11 an. Somit ist ein bemerkenswerter Fortschritt
wahrnehmbar, wobei dieser sich nicht nur in der Anzahl der Inschriften nieder-
schlägt, sondern auch in Bezug auf Deutung und Lesung mit einer fortschrei-
tenden Entwicklung einhergeht.

2.1. Neulesungen
In seiner Studie führt Rix unter dem Punkt Appellativa auch die Lesungen zu
den Steinberg-Inschriften an. Basierend auf der Lesung von Schumacher gibt
er für ST-1, ST-2, ST-3 und ST-4 die Sequenz nlape bzw. nlaupe an.12 Die da-
maligen Lesungen können aber nunmehr korrigiert werden:
(2) ST-1: e󿭁a‫󿪄󿪄פ‬VƣeƣIƣeƣIY󿬁ƣ 𝈲
kastriesi eθunnuale
(3) ST-2: ]󿬁e‫פ‬aΛ󿪄ƣI󿬜󿩂ƣa𝈲ƣIƣe󿪄‫פ‬a󿬁ƣI‫פ‬
pitauṇesi kaszrinụale t[
(4) ST-3: ]󿭁aΛ󿪄ƣI󿬜󿩂ƣa𝈲ƣIƣe󿪄MƣIƣe
esimnesi kaszrinuaḷ[?
(5) ST-4: e󿭁AΛ󿪄 󿬤ƣIƣAψe󿭁ƣI󿩃A
azileψaθiv·nuale
Basierend auf der Korrektur zeigt sich nun, dass die Inschriften von Steinberg
in die von Rix angeführte Kategorie der Flexionsformen13 integriert werden
müssen, da die Steinberg-Inschriften Personennamen im Pertinentiv angeben,
wie es durch die Suffixe -si und -ale verdeutlicht wird. Die Personennamen be-
stehen hierbei aus dem Individualnamen und dem Patronym, letzteres angege-
ben durch das Suffix -nu.14

10
Die Daten gehen auf die aktuellen Angaben in der online verfügbaren Datenbank Thesaurus In-
scriptionum Raeticarum (TIR) zurück (abgerufen am 23. Mai 2016, 13:55).
11
Rix 1998: 7.
12
Rix 1998: 11.
13
Bei den Flexionsformen gibt Rix in seiner Übersicht zunächst ausschließlich Formen an, die den
rätischen Pertinentiv anzeigen. Vgl. Rix 1998: 11. Nähere Ausführungen zum rätischen Pertinentiv
finden sich in Rix 1998: 22–24. Später im Text geht er weiterhin auf den Genitiv (Rix 1998: 27–29)
und Lokativ (Rix 1998: 24–27) ein.
14
Rix 1998: 17–20; Kluge/Salomon 2015: 92f. Für das Rätische ist eine Namensformel bezeugt, die
sich aus zwei Gliedern zusammensetzt: Individualname und Patronym. Der Großteil der bisher be-
legten rätischen Individualnamen endet auf -i/-e/-ie, wobei derselbe Name mit variierendem Auslaut
auftreten kann. Darüber hinaus finden sich Namen, die auf -u oder -a enden. Die verschiedenen For-
men des Auslauts können wohl auf regionale Sprach- und Schreibvarianten zurückgeführt werden.
Das zweite Glied der Namensformel, das Patronym, besteht aus einem Individualnamen und einem
angehängten Suffix -nu bzw. -na. Das Suffix -nu steht hierbei bezogen auf Männernamen; MA-19:
lasθe φutiχinu („Lasθe, Sohn von Φutiχi“). Das Suffix -na wird hingegen bei Frauennamen ver-
wendet; SZ-31: remina („Tochter von Remi“). Bei Personen verschiedenen Geschlechts wird das
Suffix -nu angehängt; SZ-2.1: φrima / remi visteχanu („Φrima und Remi, Sohn von Visteχa“).
204 SINDY KLUGE

Für ST-1, ST-2 und ST-3 gilt: Beide Glieder werden im Pertinentiv wiederge-
geben, wobei der Individualname stets das Suffix -si enthält, das Patronym hin-
gegen auf -nu + -ale gebildet wird. Die Deutung der Inschriften lässt sich wohl
am besten mit „von Person XY“ wiedergeben, dennoch ist die Funktion der
Inschriften bislang nicht geklärt. Eine Hypothese ist, die Inschriften in Verbin-
dungen mit Weihgaben zu sehen, da die Felsinschriften sich zumeist in der Nä-
he von Quellen befinden, d. h. es kann möglicherweise von Weihungen an eine
Gottheit ausgegangen werden, die mit Natur, speziell mit Wasser, in Zusammen-
hang steht. Möglicherweise haben diese Weihungen in Form von Naturalien
stattgefunden, so dass wir von der eigentlichen Weihung keine Spuren mehr ha-
ben. Ebenfalls vorstellbar ist eine Verewigung des eigenen Namens; ein Vorge-
hen, das wir u. a. auch an den Felsen mit rätischen Inschriften anhand von Bele-
gen in Form von Inschriften und/oder Zeichnungen, vor allem durch Hirten oder
Soldaten des Ersten Weltkrieges, für die Neuzeit bestätigt finden. Im Kontext der
Steinberg-Inschriften und ihrer Neulesung ist insbesondere interessant, dass sich
hier ein direkter Beleg für das rätische Namensystem findet, da in den Personen
der Inschriften ST-2 und ST-3 die Söhne der in ST-1 angegebenen Person gese-
hen werden müssen.15 Ein weiterer bemerkenswerter Punkt ist, dass die bloße
Wiedergabe der Namen und diese zudem ausschließlich im Pertinentiv sich nun
durch neuentdeckte Felsinschriften bestätigt findet. Im Gebiet um Achenkirch
wurden 2011 drei Felsen entdeckt, von denen zwei rätische Inschriften zeigen.16
Der erste große Felsen weist insgesamt 21 horizontale Bänder auf, innerhalb
derer Spuren von rätischen Inschriften ausgemacht werden können. Von insge-
samt 21 Belegen enthalten mindestens sieben die Sequenz -ale bzw. -nu + ale.17

2.2. Neue Erkenntnisse


Rix merkt in seiner Studie an, dass hinsichtlich der rätischen Texte der häu-
figste Typ die Votivinschriften sind.18 Vergleicht man diese Aussage mit dem
heutigen Stand der rätischen Belege, so hat sie weiterhin Gültigkeit.
Ausgehend von einer bereits seit 1846 bekannten Weihinschrift sollen nachfol-
gend einige neue Aspekte zur rätischen Sprache vorgestellt werden.
Auf dem Sockel einer 10,5 cm großen Bronzestatuette,19 die vermutlich einen
Krieger20 darstellt, befindet sich die lange linksläufige Inschrift

15
Kluge/Salomon 2015: 92. ST-1: „Kastrie, Sohn des Ethun“, ST-2: „Pitaune, Sohn des Kasz/trie“,
ST-3: „Esimne, Sohn des Kasz/trie“.
16
Mandl 2011.
17
Siehe AK-1.1, AK-1.2, AK-1.6, AK-1.7, AK-1.11, AK-1.19, AK-1.21 in: TIR (vgl. Fn. 10,
abgerufen am: 23. Mai 2016, 14:05).
18
Rix 1998: 14.
EX ANTIQUO PRAETER SONUM LINGUAE… 205

(6) SZ-16: 󿪄ƣI󿪄aγa󿫅V󿪄aƣIγƣI󿫅V󿬜Vƣa󿬰


laθurusitianusatanin
Es lässt sich folgende Segmentierung vornehmen: 1920
(7) SZ-16: laθurusi tianusa tanin
Zur Deutung: tanin umschreibt einen Nominativ, der von zwei Objekten beglei-
tet wird. Das erste (laθurusi) steht hierbei im Pertinentiv (laθuru-si),21 das zwei-
te (tianusa) hingegen im Genitiv (tianus-a bzw. tianu-sa).22 Die Struktur der
Inschrift auf der Bronzestatuette entspricht somit dem Schema:
Pertinentiv–Genitiv–Nominativ = Objekt–Objekt–Subjekt.
Der Pertinentiv laθurusi zeigt sich mit dem Ausgang -si, d. h. im Nominativ ist
von laθuru auszugehen. Bisher gibt es jedoch nur einen einzigen weiteren Be-
leg für diesen Individualnamen.
In der Inschrift laθur / lumene χa / lu (VN-10) auf einem gelochten Knochen
erscheint der Individualname laθur ohne auslautendes -u. Somit muss von la-
θur(u) ausgegangen werden. Der etruskische und auch der rätische Pertinentiv
sind auf der inhaltlichen Ebene ambig, d. h. laθur kann sowohl den Agens,
d. h. den Dedikanten, als auch den Adressaten wiedergeben. Somit bleibt vor-
erst nur die Deutungsoption: ,von bzw. für Laθur‘.
Auf den Pertinentiv folgt ebenfalls ein Individualname, diesmal im Genitiv.
Von einer Genitivbildung auf -a ausgehend ergibt sich für die Genitivform tia-
nusa somit die Nominativform tianus. Doch ebenso, und dies erscheint im Zu-
sammenhang mit der Bildung im Rätischen auf -u 23 einleuchtender, ist von

19
Museo del Castello del Buonconsiglio, Inv.Nr 3.038. Die Bronzestatuette zählt mit zu den ersten
rätischen Objekten. Sie wurde 1846 in Sanzeno gefunden. Erstmalig wurde sie von Sulzer 1855
vorgestellt; vgl. Sulzer 1855: 306–310, tav. X.
20
Primär beläuft sich die Deutung der Statuette auf die eines Kriegers. Vgl. Walde Psenner 1983:
107f., Nr. 85. In letzter Zeit jedoch wird dieser meist die Interpretation Mars hinzugefügt. Vgl.
z. B. Oberosler 2004: 657f. In der Erstpublikation beschreibt Sulzer die Bronzestatuette als „un
voto a qualche divinità, oppure un monumento di qualche eroe“ (Sulzer 1855: 308). Ob es sich um
einen Krieger oder die Darstellung eines Heroen oder gar des Kriegsgottes selbst handelt, kann
nicht sicher festgestellt werden. Die Inschrift enthält zwar die Dedikation an die Gottheit Tianu(s)
(dazu weiter unten), jedoch kann über die Charakterisierung dieser rätischen Gottheit bisher nichts
Eindeutiges gesagt werden. In Hinblick auf die Machart der Statuette ist von einer etruskischen Ar-
beit des fortgeschrittenen 5. Jh.s v. Chr. auszugehen. Die Inschrift muss demzufolge zu einem spä-
teren Zeitpunkt angebracht worden sein. Ein bemerkenswertes Vergleichsbeispiel liegt in einer Bron-
zestatuette der 1. Hälfte des 5. Jh.s v. Chr. mit etruskischer Inschrift aus Perugia vor: Pe 3.5: θucer
hermenas turuce [l]aru[n]s. Aufgrund der Weiheinschrift korrespondiert diese eindeutig mit Mars
(laruns). Augenfällige Gemeinsamkeiten zeigen sich insbesondere im Brustpanzer und in den Bein-
schienen. Vgl. Sulzer 1855: tav. X.
21
Zum rätischen Pertinentiv vgl. Rix 1998: 22–24.
22
Zum rätischen Genitiv auf -a vgl. Rix 1998: 28f.
23
Vgl. oben lathuru bzw. lathur. Weiterhin Fn. 14.
206 SINDY KLUGE

einer Nominativform tianu auszugehen.24 tianusa kann also mit ,von bzw. für
Tianu(s)‘ übersetzt werden.
Als letztes Glied verbleibt tanin, das als Nominativ angesehen werden muss.
Eine tentative Deutung ist somit: „der/die/das Tanin des (von bzw. für) Tianu(s)
von bzw. für Laθur(u)“. In Bezug auf eine mögliche Deutung des Wortes tanin
können derzeit insgesamt sechs Belege für das Rätische angeführt werden:
(8) BZ-3: taniun : laśanuale / utiku : terunies : sχaistala
(9) HU-7: ?ẹḳiesi uṭiku tanin / metḷainile
(10) NO-2:25 tianusa tan
(11) NO-16: tianusa / taniun
(12) SZ-16: laθurusi tianusa tanin
(13) VR-3:26 tanini utiku remieshi ratasuvakhi kvelisanes

24
Einschub beim Genitiv vgl. ebenso MA-11: ẹ]ṣθuva, wobei esθu-va die Genitivform zu esθu ist.
Rix 1998: 29.
25
Die Inschrift tianusa tan (NO-2) findet sich auf einer fragmentierten Kasserolle, wobei die Echt-
heit der Inschrift nicht eindeutig geklärt ist. Schumacher ging davon aus, dass das Objekt als sol-
ches antik, jedoch die Inschrift eine Fälschung ist. Schumacher 2004: 338. Das Objekt ist ein Alt-
fund des ausgehenden 19. Jh.s. Wie im Verzeichnis des Museums vermerkt, kam die Kasserolle als
Geschenk von Isidore Bertolini 1898 ins Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Sie wurde in Cles
gefunden, weiterführende Angaben sind jedoch nicht mehr auszumachen. Vgl. Franz 1958: 39f. Die
zweite Hälfte des 19. Jh.s brachte einige Fälschungen im Bereich der Raetica hervor, wobei der
Schlüssel von Dambel das bekannteste Beispiel ist. Vgl. Marzatico 1996: 58f. Darüber hinaus ist
aber auch eine antike Bronzeaxt bekannt, auf der eine Inschrift in dieser Zeit angebracht wurde.
Vgl. Weber 1909: 190–192. Beide Inschriften ahmen teilweise die Inschrift auf der Situla di Cembra
nach. Daher wäre eine Fälschung nicht verwunderlich, die einen Teil der Inschrift der Statuette
imitiert. Darüber hinaus erscheint der Anbringungsort der Inschrift ebenfalls ungewöhnlich. Latei-
nische Inschriften erscheinen auf diesen Trullae zumeist auf dem Henkel und vorwiegend als Stem-
pelinschrift. Jedoch lässt sich ein Vergleich die scheinbar ungewöhnliche Position der Inschrift be-
treffend im venetischen Bereich finden: Eine Trulla, ebenfalls aus dem 1. Jh. n. Chr., aus Lagole di
Calalzo, zeigt zwei Inschriften. Eine lateinische Inschrift ist in punktiert ausgeführten Lettern auf
dem Henkel, die zweite Inschrift ist fein eingeritzt im Inneren des Schöpfers zu sehen. Vgl. Akeo:
233, Nr. 55. Zudem birgt eine aus dieser Sequenz bestehende gefälschte Inschrift in Verbindung
mit dem Fundort (dazu weiter unten) eine sehr große Zufälligkeit.
26
Bezüglich der Deutung des Buchstabens 󿫉 besteht weiterhin keine vollständige Sicherheit. Zu-
nächst erfolgte die Lesung als dentaler Laut, bevor die Lesung als φ bevorzugt wurde. Jedoch kehrte
bereits Marstrander erneut zu einer Lesung als Dental zurück. Vgl. Marstrander 1927: 23f. Mari-
netti hingegen liest den Buchstaben als φ. Vgl. Marinetti 1987: 135. Da der Buchstabe 󿫉 in der In-
schrift VR-3 dreimal erscheint und zudem einmal in Verbindung mit dem Wort utiku, hier ΛKƣI󿫉Λ,
ist eine Favorisierung des Dentals einleuchtender. Vgl. Salomon: VR-3, in: TIR (vgl. Fn. 10, abge-
rufen am 23. Mai 2016, 14:25). Somit ergibt sich für ƣI󿪄ƣI󿪄A󿫉 tanini. Ein weiteres Beispiel findet sich
zudem in einem Teil der Inschrift auf einer Situla: HU-7: Λ󿫉ƣIƣΛ󿫉AƣƣIƣ (Teil). Dieser Auszug ist
ebenso als utiku tanin zu lesen. Eine genaue Übersetzung des deverbalen utiku steht weiterhin aus.
Da die Form jedoch in allen Belegen einem rituellen bzw. votivischen Kontext entstammt, kann
davon ausgegangen werden, dass die Bedeutung ebenfalls in diesem Zusammenhang steht. Hinzu
kommt, dass Rix auf die mögliche semantische Nähe zum etruskischen utince hinweist. Dieses ist
im Liber Linteus belegt (LL II.5, LL II.9) und muss mit einer für das Opfer zu erbringenden Leis-
tung in Verbindung gesetzt werden. Vgl. Rix 1998: 38 mit weiterführender Literatur. Somit kann
vorzugsweise eine Deutung im Sinne von ,geopfert, geweiht‘ vorgenommen werden.
EX ANTIQUO PRAETER SONUM LINGUAE… 207

Zusammenfassend: Viermal erscheint die Form ohne -u- in der letzten Silbe,
zweimal hingegen mit eingeschobenem -u-. Dennoch ist von demselben Wort
auszugehen. Einmal findet sich die verkürzte Form tan.27 Zweimal liegt die
Struktur Genitiv–Nominativ vor. Einmal findet sich Pertinentiv–Genitiv–No-
minativ. Insgesamt dreimal erscheint die Form in Verbindung mit dem Verbal-
nomen utiku28 und einer Pertinentivform. Es liegt nahe, das Wort tanin mit
,(Weihe)gabe‘ zu übersetzen. Hierbei muss jedoch angemerkt werden, dass für
das Rätische insgesamt dreimal die Form aχvil / akvil belegt ist. Ausgehend von
diesen rätischen Belegen ergab sich für Rix eine Wortgleichung zwischen dem
Rätischen und Etruskischen, wobei er nunmehr das etruskische aχvil in der
Übersetzung als ,Gabe‘ vorschlägt und diese Bedeutung ebenso für das Räti-
sche annimmt.29 Dennoch spricht nichts gegen eine semantische Nähe von tanin
und aχvil im Sinne von ,Geschenk, Gabe, Weihegabe‘, die somit als Synony-
me auftreten können.
Zurückkehrend zur tentativen Deutung kann nun gesagt werden:
(14) „die Weihegabe/das Geschenk des (von bzw. für) Tianu(s) von bzw. für Laθur(u)“
D. h. die im Pertinentiv und Genitiv angeführten Personen geben den Dedi-
kanten und den Adressaten an, das Wort tanin im Nominativ umschreibt die
Weihegabe. Es stellt sich doch weiterhin die Frage, ob bei den zwei Personen-
nennungen ein Dedikant und ein Adressat unterschieden werden kann.
Wie oben angesprochen, finden sich für den Individualnamen Laθur(u) bisher
zwei Belege, wovon einer im Pertinentiv erscheint. Für Tianu(s) hingegen lie-
gen aktuell insgesamt vier Belegstellen vor:
(15) NO-2: 󿪄aγaƣV󿪄aƣIγ
tianusa tan
(16) NO-15: 󿫅Λ 󿫅ƣI 󿫅V󿪄aƣIγV𝈲ƣIγVe󿬰aV󿪄ƣV󿪄
esumnesi nuþnuale utiku tianus
(17) NO-16: aƣV󿪄aƣIγ / 󿪄VƣI󿪄aγ
tianusa / taniun
(18) SZ-16: 󿪄ƣI󿪄aγa󿫅V󿪄aƣIγƣI󿫅V󿬜Vƣa󿬰
laθurusi tianusa tanin
In drei der oben gegebenen Beispiele erscheint tianu(s) im benefaktiven Geni-
tiv (tianusa );30 ihn als Adressaten zu erkennen, liegt somit nahe.

27
Ob es sich in der Tat um eine Kurzform handelt oder hier eine fragmentarische Form aufgrund
der Fälschung vorliegt, muss derzeit unbeantwortet bleiben. Vgl. Fn. 25.
28
Vgl. Fn. 26.
29
Rix 1998: 32f., Fn. 45.
30
Dass der Adressat im Formular von Weihinschriften im Genitiv angegeben ist, merkte bereits Rix
an. Die Wiedergabe des Adressaten im Genitiv stellt eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Etrus-
kischen dar, da hier ebenso der Adressat im Genitiv erscheint. Vgl. z. B. Ta 3.4: turns turce ramθa
venatres („Ramθa Venatres hat der Turns [= Venus] geweiht“). Rix 1998: 42f.
208 SINDY KLUGE

Zudem kann die Hypothese aufgestellt werden, Tianu(s) als Theonym zu deu-
ten. 31 Diese Hypothese findet sich insbesondere durch die zwei Neufunde
(NO-15 sowie NO-16) bestätigt. Für beide Objekte, die während der Grabun-
gen auf den Campi Neri in Cles (Trentino, Italien) zwischen 1999 und 2007
zum Vorschein kamen, ist die Funddokumentation sehr gut überliefert. Zusam-
men mit anderen Objekten der jüngeren Eisenzeit, die dem rätischen Horizont
zwischen dem 5. und 2. Jh. v. Chr. zugerechnet werden können, waren sie Teil
eines Depots, das anlässlich der Anlage und Einweihung der römischen Pro-
zessionsstraße niedergelegt wurde.32 Die Campi Neri gelten bereits seit dem
Anfang des 19. Jh.s als wichtiger antiker Kultplatz, dessen Laufzeit von der
ausgehenden Bronzezeit bis in die spätrömische Epoche für Kultkontinuität und
eine bedeutende Rolle in diesem Raum spricht. Vor allem zeigt sich für die rö-
mische Zeit aufgrund der Funde von vier Weihungen, darunter zwei Votivaltäre,
und einem Marmorkopf eine starke Verehrung für den Gott Saturn.33 Für die
Römerzeit können wir folglich von einem wichtigen lokalen Heiligtum für Sa-
turn auf den Campi Neri ausgehen.34 Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die
rätische Gottheit Tianu(s) eine Gottheit war, die dem Saturn ähnliche Merkma-
le aufwies, und somit kann in Saturn eine interpretatio romana der lokalen Gott-
heit angenommen werden. Hierfür sprechen verschiedene Faktoren: Drei der vier
Weihungen für Tianu(s) stammen von den Campi Neri; die vierte kommt indes
aus Sanzeno, doch auch für Sanzeno findet sich ein Hinweis auf Saturn.35 Dar-
über hinaus sind die Campi Neri in jedem Fall als Kultstätte mit Kreisanlage
und Prozessionsstraße (Bronzezeit), Brandopferplatz (Eisenzeit), Prozessions-
straße und vermutlich Tempelanlagen (römische Epoche) zu deuten.36 Zudem
findet der Saturn-Kult über den stadtrömischen Raum und einige Gebiete in Mit-

31
Somit nimmt Tianu(s) die gleiche Position wie turns (= Turan = Venus) im etruskischen Beispiel
von Ta 3.4. ein. Vgl. Fn. 30.
32
Endrizzi 2014: 128. Die Objekte fungierten bereits in rätischer Zeit als Weihegaben, in römischer
Zeit fanden sie als ,Antiquarien‘ dann erneut Verwendung als Votive in einem Depot. Man kann
davon ausgehen, dass trotz der Änderung des kulturellen Horizonts Funktion der Objekte und ins-
besondere Adressat der Weihegaben gleich blieben.
33
CIL V, 5067; CIL V, 5068; CIL V, 5068a; CIL V, 5069; SI 715. Ältere Literatur: Giovanelli 1828;
Campi 1886–87. Neuere Literatur: Ciurletti/Degasperi/Endrizzi 2004.
34
Paci vermerkt ebenso eine erhöhte Konzentration der Saturn-Verehrung für das Nonstal, wobei
Cles als Zentrum erscheint. Vgl. Paci 2001: 10, Abb. 1 [Karte].
35
In spätrömischer Zeit erfolgte die Christianisierung der paganen Bevölkerung im Nonstal. Am
29. Mai 397 wurden die drei Missionare Alexander, Sisinnius und Martyrius in conspectu Saturni,
d. h. vermutlich vor einem Kultbild des Saturns, von den heidnischen Anauni getötet. Noch heute
zeugt die Basilica dei Santi Martiri in Sanzeno vom Ort des Flammenmartyriums der drei Missio-
nare. Vgl. Mastrocinque 1994: 99.
36
Ciurletti/Degasperi/Endrizzi 2004: 453–456.
EX ANTIQUO PRAETER SONUM LINGUAE… 209

telitalien hinaus eine starke Verbreitung insbesondere in zwei Bereichen, näm-


lich in Nordafrika37 und im Veroneser Raum und im Gebiet des heutigen Trenti-
no und Südtirol.38 Weiterhin ist im Gebiet um Brescia die regionale Gottheit Alus
epigraphisch überliefert, die ebenfalls mit Saturn gleichgesetzt werden kann.39
Über die Gottheit Alus können keine weiteren Aussagen getroffen werden, Glei-
ches gilt auch für den rätischen Tianu(s). Dennoch ist es wahrscheinlich, dass
der rätische Tianu(s)–Saturn eine chthonische Gottheit war, die vor allem mit
der Landwirtschaft verbunden war.40
Somit zeigen sich hier Parallelen mit dem mittelitalischen Saturn.41 Zudem sieht
Mastrocinque in der Übernahme des Saturns einen Hinweis auf die Verbindung
von Rätern und Etruskern, da Saturn einer der Hauptgötter der padanischen
Etrusker war.42

3. Die sprachliche Verwandtschaft zwischen Etruskisch und Rätisch konnte


mit zahlreichen Belegen bestätigt werden. Ebenso zeigen sich bemerkenswerte
Gemeinsamkeiten im kulturellen Bereich. Übereinstimmungen lassen sich z. B.
bei den Objekttypen finden oder sind ikonographischer Natur. Ein weiterer ge-
meinsamer Nenner scheint die Gelagekultur gewesen zu sein. Diese manifes-
tiert sich nicht nur in verschiedenen Objekten wie Situlen, Schöpfkellen und

37
In der nordafrikanischen Ausprägung zeigt sich der römische Saturn in interpretatio romana als
Baal in punischer Tradition; Mastrocinque 1994: 97; Paci 2011: 18.
38
Vgl. hierzu Fn. 34. Paci 2001: 10, Abb. 1 [Karte]. Für den relevanten geographischen Raum, d. h.
um Verona und Trentino sowie Südtirol zeigt sich natürlich eine evidente Deckung mit dem in den
antiken Quellen als erstes Rätergebiet herausgearbeiteten Gegenden. Vgl. Fn. 3.
39
CIL V, 4197; CIL V, 4198. Mastrocinque 1994: 100, 102.
40
Bereits die antiken Quellen nennen die Landwirtschaft und Agrarproduktion als Hauptbetäti-
gungsfelder der Räter. Plinius verweist auf eine spezielle Weizensorte und eine bestimmte Pflug-
art, wobei letztere mit dem Namen der Räter verbunden ist (Plin. nat. 18,72). Bei Strabo findet sich
weiterhin ein kurzer Exkurs über die alpine Wirtschaft. In diesem Zusammenhang werden auch Ex-
portprodukte aus dem alpinen Gebiet behandelt: Harz, Pech, Holz, Wachs, Käse und Honig (Strab.
IV, 6, 9; Plin. nat. 17, 69). Daher ist eine rätische Hauptgottheit mit chthonischen und agraren Cha-
rakteristika nicht verwunderlich.
41
Mastrocinque 1994: 109.
42
Mastrocinque 1994: 109. Mastrocinque sieht in der bloßen interpretatio romana einer lokalen Gott-
heit der Räter eine unbefriedigende Schlussfolgerung, da sich für chthonische Gottheiten, die mit
der Landwirtschaft verbunden werden können, auch zahlreiche andere Gottheiten des römischen
Kultes hätten finden lassen können. Ausgehend von der nachgewiesenen interpretatio graeca etrus-
kischer Gottheiten favorisiert er die Übernahme des padanischen Saturns der Etrusker, der hier als
interpretatio graeca auftritt. Eine Parallele sieht er in der venetischen Gottheit Reitia. Diese kann
auch für den rätischen Raum angenommen werden, da im Reitia-Heiligtum in Magrè auch zahl-
reiche rätische Weihungen zum Vorschein kamen. Reitia kann hierbei als interpretatio graeca der
Argivischen Hera und/oder der Ätolischen Artemis angesehen werden. Zu Reitia und ihrer Deu-
tung vgl. ebenso Gleirscher 1991: 54–56; Marzatico 1996: 56f.
210 SINDY KLUGE

Bratspießen, sondern ist ebenso fester Bestandteil des Figurenprogramms der


verzierten Situlen. Vorläufer der Situlen, einer konischen Gefäßform, die aus
Bronzeblech gefertigt und genietet wurde, muss wohl in den tyrrhenischen Am-
phoren gesehen werden.43 Zumeist sind die Situlen figural verziert, wobei sie
in verschiedene Zonen (Friese) aufgeteilt sind. Doch nicht nur die Gefäßform
als solche lässt auf eine Verbindung zu den Etruskern schließen, ebenso zeigt
ein Großteil der figürlichen Szenen Anleihen aus der etruskischen Kunst. Als
immer wiederkehrendes Motiv ist der Caestuskämpfer hervorzuheben, der sich
sowohl in der griechischen Vasenmalerei als auch in der etruskischen Kunst
(Toreutik, Grabmalerei) finden lässt. Eine gleichermaßen häufig auftretende
Komponente im Bildprogramm sind die Gelageszenen. Insgesamt lässt sich sa-
gen, dass das Bildprogramm der Situlen eine Gesellschaft und deren Traditio-
nen und Werte wiederspiegelt, die aristokratisch geprägt war. Dies zeigt sich
an den thematischen Feldern wie Jagd, Wagenrennen, Reiten und Bankett. Die
Szenen geben Vergleichsmöglichkeiten zu gleich oder ähnlich gestalteten Moti-
ven im etruskischen Bereich, dürfen jedoch nicht ausschließlich auf die Etrus-
ker bezogen werden, sondern müssen als typisch für eine aristokratisch geprägte
Gesellschaftsform gesehen werden.
Zudem sollte der Ausgangspunkt kein ausschließlich etruskischer sein. Wie für
das Rätische festgehalten werden kann, besteht ein Verwandtschaftsverhältnis
zum Etruskischen, die Schrift jedoch kam über die Veneter als Vermittler zu
den Rätern.44 Daher müssen Nachbarkulturen wie Veneter und Kelten ebenso
in die Betrachtung der kulturellen Aspekte der Räter einbezogen werden. Der-
artige Einflüsse zeigen sich u. a. in den Bronzefiguren, die Pferde und/oder Rei-
ter darstellen. Diese finden sich ebenfalls im venetischen Raum. Doch ebenso
zeigen sich Vergleiche zum slowenischen und istrischen Raum. An dieser Stelle
sei auf eine fragmentierte Reiterfigur aus Knochen hingewiesen. Ein Exemplar
aus dem rätischen Raum stammt aus Mechel, zwei beinahe identische Reiter-
figuren, ebenfalls aus Knochen, kommen aus Nesazio und Vače.45 Der sloweni-
sche Raum spielt zudem in Hinblick auf die Verbreitung der Situlen eine große
Rolle. Keltische Einflüsse lassen sich vor allem in der Bewaffnung finden, wo-
bei hier als einzige Ausnahme der Negauer Helm explizit hervorgehoben wer-
den muss.46

43
Gamper 2006: 355. Die tyrrhenischen Amphoren stellen attische Produkte dar, die rein für den
etruskischen Markt geschaffen wurden. Doch finden sich derartige eimerförmige Gefäßformen eben-
falls bereits in der Urnenfelderkultur, vgl. Zemmer-Plank 1976: 290.
44
Rix 1998: 49–56. Ebenso muss die Situlenkunst gewertet werden: Sie kann von etruskischen Vor-
bildern abgeleitet werden, in die rätische Kultur gelangte sie wohl jedoch durch Vermittlung des
venetischen Kulturraumes. Vgl. Frey 1962: 62.
45
Marzatico 2009: 273, Abb. 1.i, 1.l, 1.m.
EX ANTIQUO PRAETER SONUM LINGUAE… 211

Zusammenfassend betrachtet ergibt sich für die rätische Kultur eine insbeson-
dere durch die sprachliche Verwandtschaft zwischen Rätisch und Etruskisch
starke Verbindung zur etruskischen Kultur. Es muss jedoch stets berücksich-
tigt werden, dass zahlreiche dieser etruskischen Aspekte durch die Vermittler-
rolle der Veneter in die rätische Kultur gelangten und durch die geographische
Lage – an der Grenze zur Keltiké – keltische Einflüsse auf die rätische Kultur
gleichfalls sichtbar werden. 46

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46
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