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Schriften zum Strafrecht Heft 89

Die überlange Dauer von Strafverfahren

Materiellrechtliche und prozessuale Rechtsfolgen

Von Dr. inr. Dr. phil. Uwe Scheffler

Privatdozent an der Freien Universität Berlin

Duncker & Humblot . Berlin

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Schemer, Uwe:

Die überlange Dauer von Strafverfahren : materiellrechtliche und prozessuale Rechtsfolgen / von Uwe Scheffler. - Berlin :

Duncker und Humblot, 1991 (Schriften zum Strafrecht ; H. 89) Zugl.: Berlin, Freie Univ., Habil.-Schr., 1990/91 ISBN 3-428-07244-8 NE:GT

Alle Rechte vorbehalten

© 1991 Duncker & Humblot GmbH, Berlin 41

Fremddatenübemahme: Berliner Buchdruckerei Union GmbH, Berlin 61

Druck: Druckerei Gerike GmbH, Berlin 36 Printed in Germany

ISSN 0558-9126

ISBN 3-428-07244-8

Meinen Eltern

Vorwort

Diese Arbeit hat dem Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität Berlin im Wintersemester 1990/91 als Habilitationsschrift vorgelegen.

Literatur und Rechtsprechung sind bis November 1990 berücksichtigt; auf Neueres, insbesondere das Einstellungsurteil des LG Berlin im sog. "Schmücker- Verfahren" 1, habe ich gelegentlich noch in den Fußnoten hingewiesen.

Ich habe vielfältigen Dank abzustatten. Dies gilt zuallererst für Herrn Prof. Dr. Axel Montenbruck, der mir in den Jahren, die ich an seinem Lehrstuhl tätig war, wohlwollendste Förderung zuteil werden ließ. Ohne seine ständige Anteil- nahme unter Gewährung wissenschaftlichen und zeitlichen Freiraums wäre die Entstehung dieser Arbeit kaum möglich gewesen. Ihm fühle ich mich zutiefst verpflichtet. Zu danken habe ich auch Herrn Prof. Dr. Klaus Geppert für zahlreiche Anregungen und die schnelle Erstellung des Zweitgutachtens. Ferner gilt mein Dank meinen Assistentenkollegen, den Herren Gero Meinen und Thomas Babel, die in freundschaftlicher Solidarität so manche durch meine Habilitation bedingte Mehrlast getragen haben. Herr Assessor Günter Räcke hat durch einige scharfsin- nige Gedanken meine Überlegungen gefördert. Es ist mir insbesondere auch ein großes Bedürfnis, Frau Sabine Rabbel meine Dankbarkeit dafür auszusprechen, daß sie die ganzen Jahre über das sich ständig verändernde Manuskript mit größter Sorgfalt und Zuverlässigkeit erstellt hat. Herrn Professor Norbert Simon und seinen Mitarbeitern danke ich für die verlegerische Betreuung.

Meine Eltern haben meinen wissenschaftlichen Werdegang in jeder nur denk- baren Hinsicht beständig gefördert. Ihnen widme ich dieses Buch.

Berlin, im September 1991

Uwe Scheffler

1 Nunmehr als Dokumentation abgedruckt in StV 1991, S. 371 - 397; ich habe das Urteil in einem Aufsatz für die JZ ausführlicher besprochen.

Inhaltsübersicht

Einleitung

19

Erster Teil

Grundlagen der Rechtsfolgenbestimmung überlanger Verfahrensdauer _ Forschungsstand, Begriff der Uberlänge

21

1. Überblick über den Forschungsstand. Zur Notwendigkeit weiterer Erörte- rung der Rechtsfolgen

Kap.:

21

2. Schwierigkeiten der Beschleunigung von Strafverfahren. Zur Relevanz eines umfassenden Rechtsfolgensystems

Kap.:

49

3. Aufgliederung des Begriffs der überlangen Verfahrensdauer. Zur Ermög-

Kap.:

Zweiter Teil

lichung neuer Rechtsfolgenbestimmung

105

Die einzelnen Rechtsfolgen - Freispruch, Einstellung, Beweiserleichterung, Strafmilderung, Entschädigung

131

4. Freispruch wegen Verwirkung des Strafanspruchs

Kap.:

134

5. Einstellung wegen Verletzung von Verfahrensrecht

Kap.:

155

6. Kap.: Beweiserleichterung wegen Unterganges von Beweismitteln

184

7. Strafmilderung wegen Strafzumessungsrelevanz

Kap.:

201

8. Entschädigung wegen Schadenszufügung

Kap.:

262

Schluß betrachtung

271

Anhang: Auszüge aus nicht (vollständig) veröffentlichten höchstrichterlichen Entscheidungen zu den Rechtsfolgen überlanger Verfahrensdauer

276

Schrifttumsverzeichnis

283

,11

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

 

19

 

Erster Teil

Grundlagen der Rechtsfolgenbestimmung überlanger Verfahrensdauer - Forschungsstand, Beschleunigungsproblematik, Begriff der Überlänge

21

 

Erstes Kapitel

 

Überblick über den Forschungsstand Zur Notwendigkeit weiterer Erörterung der Rechtsfolgen

21

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

23

I.

Der Weg der Rechtsprechung

23

1.

BGHSt 21, 81

24

2. BGHSt 24, 239

27

3. BVerfG (Vorprüfungsausschuß), NJW 1984,967

30

4. BGHSt 35, 137

33

II.

Der Diskussionsstand in der Literatur

36

1.

Zur Verfahrensdauer allgemein

36

2.

Zu den Rechtsfolgen überlanger Verfahrensdauer

39

B. Kritik der heute herrschenden Meinung

42

I.

Zum qualitativen Umschlagen in den Extremfall überlanger Verfahrens-

dauer

42

11.

Zum Vorliegen von Verzögerungen

43

III.

Zur dogmatischen Begründung

45

 

Zweites Kapitel

 

Schwierigkeiten der Beschleunigung von Strafverfahren Zur Relevanz eines umfassenden Rechtsfolgensystems

49

A. Verfahrensbeschleunigung durch den Gesetzgeber

49

I.

Verhinderung von Verzögerungen

51

I.

Fristsetzungen

51

2.

Personelle und organisatorische Maßnahmen

54

II.

Vereinfachungen der Verfahrensstruktur

56

I.

Strafprozeßreforrn - Einige Beispiele

56

 

a) Die Argumentation des Gesetzgebers

58

b) Zur empirischen Absicherung

59

c) Zur Problematik von Strukturänderungen

61

aa)

Die Rügepräklusion gemäß § 222 b StPO

62

bb)

Das Selbstleseverfahren gemäß § 249 II StPO

63

8

Inhaltsverzeichnis

 

d) Das Problem von Fristverlängerungen

66

e) Die Nichtverfolgung gemäß § 154 I Nr. 2 StPO

68

 

2.

Reformvorschläge - Einige Beispiele

70

 

a) Neuerungen für das Strafprozeßrecht

70

b) Übertragungen aus dem Ordnungswidrigkeitenrecht

71

 

aa)

Der Umfang der Beweisaufnahme gemäß § 77 OWiG

72

bb) Die Zulassung der Rechtsbeschwerde gemäß § 80 OWiG

74

B.

Verfahrensbeschleunigung durch den Beschuldigten

75

 

I.

Obliegenheit des Beschuldigten?

76

11.

Befugnis des Beschuldigten

77

 

I.

Anträge (i.w. S.) an das verzögernde Organ

77

 

a) Antrag und Gegenvorstellung

77

b) Ablehnungsgesuch wegen Befangenheit

78

aa) Verfahrensverzögerung

78

 

bb)

Nicht-

oder Falschbescheidung

80

 

2.

Rechtsbehelfe (i. w. S.)

82

 

a) Beschwerde, § 304 StPO

82

b) Antrag auf gerichtliche Entscheidung, §§ 23 ff. EGGVG

85

c) Dienstaufsichtsbeschwerde

87

d) Strafanzeige

89

aa) Zur Strafbarkeit des Amtsträgers bei grammatikalischer Aus- legung der §§ 336,258 a StGB

91

bb) Zur Straflosigkeit des Amtsträgers bei restriktiver Interpreta- tion der §§ 336, 258 a StGB

93

e) Wiederaufnahme des Verfahrens, § 359 StPO

f)

97

Verfassungs- und Menschenrechtsbeschwerde

98

aa) Verfassungsbeschwerde

99

bb) Menschenrechtsbeschwerde

103

 

Drittes Kapitel

 

Aufgliederung des Begriffs der überlangen Verfahrensdauer Zur Ermöglichung neuer Rechtsfolgenbestimmung

105

A.

Zur Unterscheidung von Verfahrenslänge und -verzögerungen

107

 

I.

Untersuchungshaftdauer

108

11.

Verfahrensdauer

 

109

B.

Zur Einordnung mit Hilfe des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes

111

 

I.

Geeignetheit und überflüssiges Tun

112

11.

Erforderlichkeit und Verzögerungen

113

III.

Proportionalität und Dauer

117

 

I.

Verjährung als abschließende Regelung

117

2.

Aufhebung des Haftbefehls als Hilfserwägung

118

3.

Entkriminalisierung von Bagatellsachen als Konsequenz

119

 

a) Die vereinfachten Kriminalstrafverfahren

120

b) Die entkriminalisierten Verfahren

122

 

IV.

Zumutbarkeit und Belastungen

124

V.

"Vernünftigkeit" und Gesamtwürdigung

126

 

Inhaltsverzeichnis

9

Zweiter Teil

Die einzelnen Rechtsfolgen - Freispruch, Einstellung, Beweiserleichterung, Strafmilderung, Entschädigung

131

Viertes Kapitel

Freispruch wegen Verwirkung des Strafanspruchs

134

A. Zur Verwirkbarkeit des Strafanspruchs

138

I. Verwirkung durch Arglist

141

 

I.

Rügeverwirkung zu Lasten des Beschuldigten

141

2.

Verzögerung zwecks Verurteilung

143

11.

Verwirkung durch Zeitablauf

145

I.

Rechtsbehelfsverwirkung zu Lasten des Beschuldigten

146

2.

Enttäuschung berechtigten Vertrauens

147

B. Zum Freispruch infolge Srafaufhebungsgrundes

151

 

Fünftes Kapitel

Einstellung wegen Verletzung von Verfahrensrecht

155

A. Überlange Verfahrensdauer als Verfahrenshindernis

155

I.

Verfahrensdauer und Verjährung

156

11.

Verfahrensbelastungen und Verhandlungsunfähigkeit

160

III. Verfahrensverzögerungen und Verfahrenshindernis praeter legern

162

 

I.

Menschenrechtskonvention und Einstellung

163

2.

Strafprozeßordnung und Einstellung

164

B. Schwerwiegende Rechtsstaatswidrigkeit als Verfolgungsverbot

165

I.

Der Meinungswandel zum Verfolgungsverbot

165

1. "Ein" Vorprüfungsausschuß des Bundesverfassungsgerichts

166

2. Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs

168

11.

Der qualitative Sprung zum Verfolgungsverbot

169

1. Rechtsverweigerung

171

2. Verfahrensstillstand

173

3. Willkür

174

4. Irreparabilität

176

 

a) Beweismittelverlust durch Verzögerungen

177

b) Rechtsverluste durch sonstige Rechtsstaatswidrigkeiten

179

Sechstes Kapitel

Beweiserleichterung wegen Unterganges von Beweismitteln

184

A. Beweisverlust - Die Ausgangslage

184

B. Beweisvereitelung - Das Extrem

186

I. Die gesetzlichen Anknüpfungspunkte

187

 

1. Beeinträchtigung des Erinnerungsvermögens, § 136 all StPO

187

2. Beseitigung einer Urkunde, § 444 ZPO

188

10

Inhaltsverzeichnis

 

11.

Die rechtlichen Parallelen

188

 

1.

Indizbeweis und Alibi

190

2.

Indizbeweis und Blutalkoholkonzentration

191

 

III.

Die praktische Umsetzung

193

C.

Unterlasselle Beweissicherung - Der Hauptfall

194

 

I.

Freie Beweiswürdigung - Die faktische Gleichstellung mit dem Beweis- verlust

194

11.

Beweiserleichterung - Die normative Gleichstellung mit der Beweis- vereitelung

197

1. Verspätete Beweiserhebung - Die erste Sorgfaltspflichtverletzung 197

2. Verkennung der Sicherungsbedürftigkeit - Die zweite Sorgfalts-

 

pflichtverletzung

198

 

Siebtes Kapitel

Strafmilderung wegen Strafzumessungsrelevanz

201

A. Verzögerungen als Strafzumessungsgrund

201

 

I.

Flexibilität - Das pragmatische Argument

202

 

1. Erste Probleme mit der Strafzumessungslösung

202

2. Das Versagen der Strafzumessungslösung

205

 

11.

Strafzumessungsirrelevanz - Der dogmatische Einwand

206

 

1. Zum schuldabhängigen Milderungsgrund

207

2. Zum schuldunterschreitenden Milderungsgrund

208

B. Tatfeme als Strafzumessungsgrund

211

 

I.

Verringertes Strafbedürfnis und Stratböhenbemessung

212

 

1. Sprunghafter Wegfall? - Das Verhältnis zur Verfolgungsverjährung

214

2. Kontinuierliche Abschwächung? - Das Verhältnis zur Integrations- prävention

217

 

11.

Verbesserte Sozialprognose und Strafaussetzung zur Bewährung

218

C.

Belastungen als Strafzumessungsgrund

219

 

I.

Verzögerungen und Belastungen

220

 

1. Belastungen als abgeleiteter Strafzumessungsfakor

220

2. Belastungen als

selbständiger Strafzumessungsfaktor

223

 

11.

Verfahrensdauer und Belastungen

224

 

1. Anrechnung - Der objektive Maßstab

224

a) Zur Anrechenbarkeit von Untersuchungshaft

227

b) Zur Anrechenbarkeit von Verfahrensbelastungen

228

2. Schon-bestraft-Sein - Der gemischte Maßstab

230

a) Anwendungsbereich

230

aa)

Absehen von Strafe

230

bb)

Strafmilderung

234

cc)

Strafaussetzung zur Bewährung

235

dd)

Strafvollstreckungs- und -vollzugserleichterungen (Straf- milderung i. w. S.)

237

b) Rechtsfortbildung

238

Inhaltsverzeichnis

II

III. Verschleppung und Belastungen

241

 

1. Konfrontationsstrategie des Beschuldigten

241

a) Erschleichen von Strafmilderung

244

b) Selbstbegünstigung

245

c) Rechtsmißbrauch

247

2. Kooperationsstrategie des Beschuldigten

250

IV. Verfahrensbeendigung und Belastungen

254

 

1. Vor der Hauptverhandlung

255

2. Während der Hauptverhandlung

256

3. Nach der Hauptverhandlung

257

a)

Eigene Sachentscheidung des Revisionsgerichts bei Rechtsver-

letzung, § 354 StPO

258

b) Eigene Sachentscheidung des Revisionsgerichts bei Änderung der Rechtslage, § 354 a StPO

260

 

Achtes Kapitel

Entschädigung wegen Schadenszufügung

262

A. Allgemeines Staatshaftungsrecht - Überblick über den Anwendungsbereich bei überlanger Verfahrensdauer

263

I.

Amtshaftung

263

11. Aufopferung

 

265

B. Strafrechtsentschädigungsrecht - Ausblick auf Erweiterungsmöglichkeiten hinsichtlich überlanger Verfahrensdauer

267

I.

Analoge Anwendung der Anspruchsgrundlagen, §§ 1, 2 StrEG

267

II.

Analoge Anwendung der Zuständigkeitsregeln, §§ 8, 9 StrEG

268

Schlußbetrachtung

 

271

Anhang: Auszüge aus nicht (vollständig) veröffentlichten höchstrichterlichen Entscheidungen zu den Rechtsfolgen überlanger Verfahrensdauer

276

Schrifttumsverzeichnis

283

Abkürzungsverzeichnis

13

Abkürzungsverzeichnis

a.

a. am angegebenen Ort Absatz Abschnitt Archiv für die civilistische Praxis Alternativentwurf Änderungsgesetz alte Fassung Amtsgericht Arbeitsgemeinschaft Strafrecht Alternativkommentar Die strafprozessualen Entscheidungen der Oberlandesgerich- te, herausgegeben von Alsberg und Friedrich Alternative Anhang Anmerkung Anwaltsblatt Abgabenordnung Archiv des öffentlichen Rechts Arbeitsgerichtsgesetz Artikel Allgemeiner Teil Auflage Arbeit und Recht = Blutalkohol Baden-württembergisches Gesetz zur Ausführung des Ge- richtsverfassungsgesetzes Bundesarbeitsgericht Entscheidungen des Bundesarbeitsgerichts Blutalkoholkonzentration Bayerisches Oberstes Landesgericht Entscheidungen des Bayerischen Obersten Landesgerichts in Strafsachen Bayerisches Strafgesetzbuch Entscheidungen des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes Der Betriebs-Berater Band Bundesdisziplinarordnung

Anh.

Alt.

AlsbE

AK

AG Strafrecht

AG

a. F.

ÄndG

AE

AcP

Abschn.

Abs.

A.

a. O.

anderer Ansicht

Anm.

AnwBI.

AO

AöR

ArbGG

Art.

AT

Aufl.

AuR

BA

Bad.-württ. AGGVG

BAG

BAGE

BAK

BayObLG

BayObLGSt

Bay. StGB

BayVerfGHE

BB

Bd.

BDO

bearb.

bearbeitet

BEG

Bundesentschädigungsgesetz

Begr.

Begründung

Bf.

Beschwerdeführer

BFH

Bundesfinanzhof

BGB

Bürgerliches Gesetzbuch

BGH

Bundesgerichtshof

BGHR

BGH-Rechtsprechung in Strafsachen

BGHSt

Entscheidungen des Bundesgerichtshofs in Strafsachen

BGHZ

Entscheidungen des Bundesgerichtshofs in Zivilsachen

BonnKomm

Bonner Kommentar zum Grundgesetz

BRat

Bundesrat

BRatE

Gesetzesentwurf des Bundesrates

BR-DrS

Drucksachen des Deutschen Bundesrates

BSG

Bundessozialgericht

BT

Besonderer Teil

BT-DrS

Drucksachen des Deutschen Bundestages

BtMG

Betäubungsmittelgesetz

BVerfG

Bundesverfassungsgericht

BVerfGE

Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts

BVerfGG

Gesetz über das Bundesverfassungsgericht

BVerwG

Bundesverwaltungsgericht

BZRG

B

undeszentralregistergesetz

bzw.

beziehungsweise

ca.

circa

CD

Collection of Decisions, Sammlung der Entscheidungen der

Cilip

Europäischen Kommission für Menschenrechte Bürgerrechte und Polizei

DAR

Deutsches Autorecht

DAV

Deutscher Anwaltverein

DB

Der Betrieb

ders.

derselbe

d. h.

das heißt

Diss.

Dissertation

DJT

Deutscher Juristentag

DJZ

Deutsche Juristenzeitung

DNotZ

Deutsche Notar-Zeitschrift

DÖV

Die Öffentliche Verwaltung

dpa

Deutsche Presse-Agentur

DR

Decisions and Reports, Sammlung der Entscheidungen und Berichte der Europäischen Kommission für Menschenrechte

DR

Deutsches Recht

DRB

Deutscher Richterbund

DRiG

Deutsches Richtergesetz

DRiZ

Deutsche Richterzeitung

14

Abkürzungsverzeichnis

DuR

Demokratie und Recht

DVBl.

Deutsches Verwaltungsblatt

E 1962

Regierungsentwurf eines Strafgesetzbuches (E 1962),

EGGVG

BT-DrS IV /650 Einführungsgesetz zum Gerichtsverfassungsgesetz

EGH

Ehrengerichtshof

EGMR

Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Men-

EGMR

schenrechte (Deutsche Übersetzung) Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte

EGOWiG

Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten

EGStGB

Einführungsgesetz zum Strafgesetzbuch

Einl.

Einleitung

EKMR

Europäische Kommission für Menschenrechte

EMRK

Europäische Menschenrechtskonvention

etc.

et cetera

EuGRZ

Europäische Grundrechte-Zeitschrift

evtl.

eventuell

EZSt

Entscheidungssammlung zum Straf- und Ordnungswidrigkei- tenrecht

f.

folgende

ff.

fortfolgende

FamRZ

Zeitschrift für das gesamte Familienrecht

FG

Festgabe

Fn.

Fußnote

FS

Festschrift

GA

Goltdammer's Archiv für Strafrecht

GebGabe

Geburtstagsgabe

GebColloquium

Geburtstagscolloquium

gern.

gemäß

GerS

Der Gerichtssaal

gesetzl.

gesetzlich

GG

Grundgesetz

ggf.

gegebenenfalls

GKG

Gerichtskostengesetz

GS

Gedächtnisschrift

GVG

Gerichtsverfassungsgesetz

Ha1bbd.

Halbband

HansOLG

Hanseatisches Oberlandesgericht

HdB

Handbuch

HESt

Höchstrichterliche Entscheidungen. Sammlung von Entschei-

h. L.

dungen der Oberlandesgerichte und der Obersten Gerichte in Strafsachen herrschende Lehre

RR

Höchstrichterliche Rechtsprechung

Hrsg.

Herausgeber

hrsg.

herausgegeben

HWiStR

Abkürzungsverzeichnis

15

Handwörterbuch des Wirtschafts- und Steuerstrafrechts

i.

d. F.

= in der Fassung

Information

Deutscher Richterbund. Information

insbes.

insbesondere

IntKomm

Internationaler Kommentar zur Europäischen Menschen-

IPBR

rechtskonvention Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte

i. S. d.

im Sinne des / der

i.

S. v.

im Sinne von

iur.

= juristisch

i. w. S.

im weiteren Sinne

 

JA

Juristische Arbeitsblätter

JGG

Jugendgerichtsgesetz

JherJb.

Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen

 

JK

Rechts Jura-Kartei

JMBl. NW

= Justizministerialblatt für das Land Nordrhein-Westfa1en

 

JR

= Juristische Rundschau

Jura

= Juristische Ausbildung

JurBüro

= Juristisches Büro

JuS

= Juristische Schulung

Justiz

= Die Justiz

JVA

= Justizvollzugsanstalt

JVBl.

= Justizverwaltungsblatt

JW

= Juristische Wochenschrift

 

JZ

= Juristenzeitung

Kap.

= Kapitel

 

KB

Kriminalsoziologische Bibliographie

KG

Kammergericht

KK

Kar1sruher Kommentar

 

Kl.

Kläger

KMR

Kleinknecht / Müller / Reitberger

KO

Konkursordnung

KpS

Kriminalpolizeiliche personenbezogene Sammlung

Krim

Kriminalistik

KrimJ

Kriminologisches Journal

KritJ

Kritische Justiz

KritV

Kritische Vierteljahresschrift

KV

Kostenverzeichnis

l.

1etzte(r)

LAG

Landesarbeitsgericht

Lehrkomm.

Lehrkommentar

Lfg.

Lieferung

 

LG

Landgericht

1it.

litera

LK

= Leipziger Kommentar zum Strafgesetzbuch

16

LM

LR

LwVG

MDR

Abkürzungsverzeichnis

Lindenmaier / Möhring, Entscheidungen des Bundesgerichts- hofs Löwe / Rosenberg Gesetz über das gerichtliche Verfahren in Landwirtschaftssa- chen

Monatsschrift für Deutsches Recht

m. E.

meines Erachtens

MiStra

Anordnung über Mitteilungen in Strafsachen

MRK

(Europäische) Menschenrechtskonvention

MschrKrim

Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform

MStGB

Militärstrafgesetzbuch

MünchKomm

Münchener Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch

m. w.N.

mit weiteren Nachweisen

Nachtr.

Nachtrag

Nachw.

Nachweise

Nds. AGGVG

Niedersächsisches Gesetz zur Ausführung des Gerichtsverfas- sungsgesetzes

NdsRpfl.

Niedersächsische Rechtspflege

n. F.

neue Fassung

NJW

Neue Juristische Wochenschrift

NJW-RR

Neue Juristische Wochenschrift - Rechtsprechungs-Report Zivilrecht

Nr.

Nummer

NS

Nationalsozialismus

NStE

Neue Entscheidungssammlung für Strafrecht

NStZ

Neue Zeitschrift für Strafrecht

NuR

Natur und Recht

NZVR

Neue Zeitschrift für Verkehrsrecht

NZWehrr

Neue Zeitschrift für Wehrrecht

ÖJZ

Österreichische Juristenzeitung

OGH

Oberster Gerichtshof (Österreich)

OGHBZ

Oberster Gerichtshof für die Britische Zone

OGHSt

Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs für die Britische Zone in Strafsachen

OGHZ

Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs für die Britische Zone in Zivilsachen

OLG

Oberlandesgericht

OLGSt (alt)

Entscheidungen der Oberlandesgerichte zum Straf- und Strafverfahrensrecht (alte Folge)

OLGSt (neu)

Entscheidungen der Oberlandesgerichte in Straf-, Ordnungs- widrigkeiten- und Ehrengerichtssachen (neue Folge)

OLGZ

Entscheidungen der Oberlandesgerichte in Zivilsachen

Olshausen's Komm.

Olshausen's Kommentar zum Strafgesetzbuch

Abkürzungsverzeichnis

17

OVG

Oberverwaltungsgericht

OVGE

Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts

OWi

Ordungswidrigkeit

OWiG

Gesetz über Ordungswidrigkeiten

Polizei

Die Polizei

RdJB

Recht der Jugend und des Bildungswesens

RegE

Regierungsentwurf

RG

Reichsgericht

RGB!.

Reichsgesetzblatt

RGSt

Entscheidungen des Reichsgerichts in Strafsachen

RGZ

Entscheidungen des Reichsgerichts in Zivilsachen

RiStBV

Richtlinien für das Strafverfahren und das Bußgeldverfahren

RIGG

Reichsjugendgerichtsgesetz

RKG

Reichskammergericht

Rn.

Randnummer

RPfleger

Der Deutsche Rechtspfleger

RuP

Recht und Politik

RzW

Rechtsprechung zum Wiedergutmachungsrecht

S.

Seite

SchlHA

Schleswig-Holsteinische Anzeigen

SchSch

Schönke/Schröder

SchwZStR

Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht

SK

Systematischer Kommentar

 

sog.

sogenannte(r)

Sp.

Spalte

 

StA

Staatsanwaltschaft

StGB

Strafgesetzbuch

StPÄG

Gesetz zur Änderung der Strafprozeßordnung

StPO

Strafprozeßordnung

StrÄndG

Strafrechtsänderungsgesetz

StrEG

Gesetz über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnah-

StrRG

men Gesetz zur Reform des Strafrechts

StrRK

Strafrechtskommission

st. Rspr.

ständige Rechtsprechung

 

StV

Strafverteidiger

StVÄG

Strafverfahrensänderungsgesetz

StVG

Straßenverkehrsgesetz

StVollzG

Strafvollzugsgesetz

StVRG

Gesetz zur Reform des Strafverfahrensrechts

1. StVRGErgG

Gesetz zur Ergänzung des Ersten Gesetzes zur Reform des

StVZO

Strafverfahrensrechts Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung

teilw. abw.

teilweise abweichend

u.

a.

unter anderem

u.

a.

und anderen

2 Scheffler

18

Abkürzungsverzeichnis

u. u.

v.

VereinfVO

VereinhG

Verh.

VersR

VfGH

VG

vgI.

VO

vorI.

VRS

VV

VwGO

wistra

WM

WStG

ZAkDR

ZaöRV

z. B.

ZHR

zit. b.

zit. n.

ZPO

ZRP

ZSchwR

ZStW

Zweitbearb.

ZZP

unter Umständen

von, vom Vereinfachungsverordnung Vereinheitlichungsgesetz Verhandlungen Versicherungsrecht Verfassungsgerichtshof (Österreich) Verwaltungsgericht vergleiche Verordnung vorletzte(r)

Verkehrsrecht -Sammlung Verwaltungsvorschriften zum Strafvollzugsgesetz Verwaltungsgerichtsordnung Zeitschrift für Wirtschaft, Steuer, Strafrecht Wertpapier-Mitteilungen Wehrstrafgesetz

Zeitschrift der Akademie für Deutsches Recht Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völker- recht zum Beispiel

Zeitschrift für das gesamte Handels- und Wirtschaftsrecht zitiert bei zitiert nach Zivilprozeßordnung Zeitschrift für Rechtspolitik Zeitschrift für Schweizerisches Recht Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft Zweitbearbeitung Zeitschrift für Zivilprozeß

Einleitung

Es war Beccaria, der sich schon 1764 vehement gegen die überlange Dauer von Strafverfahren wandte: "Der Prozeß selber muß in möglichst kurzer Zeit abgeschlossen werden" I. Feuerbach betonte ein halbes Jahrhundert später: "Nicht zögern ist Richterpflicht"2. Obwohl Hommel1778 meinte, man habe "in Deutsch- land eher Ursache, sich über Eilfertigkeit, als Verzögerung, zu beklagen"3, dürfte wohl eher davon auszugehen sein, "daß der Prozeßverschlepp jahrhundertelang ungeheuerlich gewesen sein muß"4.

Nun ist die Strafjustiz heute von solchen Zuständen weit entfernt. Überlange Verfahrensdauer hat sich erst Anfang der siebziger Jahre zu einem ernsteren Problem entwickelt 5. Grund hierfür dürfte neben der ansteigenden Verfahrensflut die seitdem intensivere Betreibung von Wirtschafts strafverfahren 6, die gestiegene Aufklärungsschwierigkeit in NS-Sachen 7 und der Beginn der Terroristenprozesse sein. Seitdem beschäftigen sich verstärkt Gesetzgebung, Rechtsprechung und

I Beccaria, Über Verbrechen und Strafen, S. 93.

2 Feuerbach in: Kleine Schriften vennischten Inhalts, S. 132.

3 Hommel, Des Herrn Marquis von Beccaria unsterbliches Werk von Verbrechen und Strafen, S. 95; kritisch dazu auch Hillenkamp, JR 1975, S. 133.

4 Kip, Das sogenannte Mündlichkeitsprinzip, S. 25; vgI. auch Vollkommer, ZZP 81

(1968), S. 121 f.; Baur, Justizaufsicht und richterliche Unabhängigkeit, S. 9; Döhring, Geschichte der deutschen Rechtspflege seit 1500, S. 28. So hatte Friedrich der Große in einem Reskript vom 31. Oktober 1765 Anlaß zu dem . Befehl, auf die Beschleunigung von Strafsachen ein besonderes Augenmerk zu richten, "daß die Inquisiten durch Verzögerung der Prozesse nicht zu viel leiden mögen" (zit. n. Kern, MschrKrimPsych 15 <1924>, S. 240 - unrichtig wiedergegeben bei Hillen- kamp, JR 1975, S. 133 Fn. 3 -; vgI. auch Baur, a. a. 0., S. 8 f.; Eb. Schmidt, Kammerge- richt und Rechtsstaat, S. 25; 27; Vollkommer, a. a. 0., S. 110 f.). Das Reichskammerge- richt (RKG), allerdings weniger in Strafsachen tätig (v gI. etwa Rüping, Grundriß der Strafrechtsgeschichte, § 6 1c bb; Weitze1, Der Kampf um die Appellation ans Reichs- kammergericht, S. 34 Fn. 38; unklar Schmidt-v. Rhein, NJW 1990, S. 489), hatte regel- mäßig die Territorialgerichte aufgrund der gemeinrechtlichen Beschwerde wegen Justiz- verweigerung und Justizverzögerung (querela denegatae ve1 protractae justitiae) zu rügen (v gI. Döhring, a. a. 0., S. 28; Weitzel, a. a. 0., S.44; Vollkommer, a. a. 0., S. 121 f.; Baur, a. a. 0., S. 6; Gritschneder, DRiZ 1988, S. 453). Aber auch am RKG selbst sah es nicht besser aus (v gI. Rüping, a. a. 0., § 6 1c aa; Vollkommer, a. a. 0., S. 121 f.; Gritschneder, a. a. 0., S. 452). So berichtet Goethe, 1772 Praktikant am RKG von der "nach und nach aufschwellenden ungeheuren Anzahl von verspäteten Prozessen" (Goe- the, Aus meinem Leben - Dichtung und Wahrheit, 3. Teil, 12. Buch, S. 143).

5 VgI. Hammerstein in: Absprache im Strafprozeß, S.95; Wolfslast, NStZ 1990,

S.41O.

6 Schünemann, Verh. 58. DJT, S. B 16.

7 VgI. RückerI, NS-Verbrechen vor Gericht 2 , S. 269 f.; 273 f.

2*

20

Einleitung

Wissenschaft mit der Thematik. Dies geschieht in unterschiedlicher Weise: Der Gesetzgeber hat sich in, wie Kohlmann meint 8 , "bislang wenig erfolgreichen Bemühungen" für eine Vereinfachung der Verfahrens struktur eingesetzt. Von der Literatur ist die Strafprozeßreform - wenngleich auch gelegentlich kritisch

- begleitet worden, wobei vor allem die Suche nach möglichen Ursachen über-

langer Verfahrens dauer den Ausgangspunkt darstellte. Seit einigen Jahren be- herrscht nun mehr und mehr das Thema "Verständigung im Strafverfahren" die wissenschaftliche Diskussion; sowohl das Aufkommen von Verständigungen soll danach Folge längerer Verfahrensdauer 9 als auch ihr weiterer Ausbau probates Mittel gegen lange Verfahrensdauer 10 sein. Die Rechtsprechung schließlich hat sich vor allem - bedingt durch ihre Funktion - mit im Einzelfall in Rede stehender überlanger Verfahrensdauer beschäftigen müssen, wobei es regelmäßig um die Frage der rechtlichen Konsequenzen für das konkrete Strafverfahren gegangen ist.

Das Problem der Rechtsfolgen überlanger Dauer von Strafverfahren soll Ge- genstand der nachfolgenden Untersuchung sein. Sie ist insofern gerade auch darauf ausgerichtet, der Rechtsprechung Hilfestellung anzubieten. Demzufolge legt sie einen Schwerpunkt auf die kritische Überprüfung der Lösungsansätze der bisherigen Judikatur. Im 1. Kapitel des 1. Teils, der Grundlagen der Rechtsfol- genbestimmung überlanger Verfahrensdauer vorbehalten ist, wird der Meinungs- stand in Rechtsprechung und Literatur erörtert. Im 2. Kapitel sind - zunächst

- die Bemühungen von Gesetzgebung und Wissenschaft um eine Beschleuni-

gung von Strafverfahren zu betrachten. Zu prüfen ist, ob von weiteren Änderungen des Strafprozeßrechts erwartet werden könnte, überlange Verfahrensdauer rein tatsächlich zu verhindern. Dies hätte zur Folge, daß das Suchen nach Rechtsfolgen nur das Ansetzen an den Symptomen eines zu beseitigenden Mißstandes wäre. Danach ist zu erörtern, inwieweit für den Beschuldigten Möglichkeiten bestehen, drohender überlanger Verfahrensdauer entgegenzutreten, so daß insoweit die Einräumung umfassender Rechtsfolgen unnötig sein könnte. Im 3. Kapitel soll

dann der Begriff der überlangen Verfahrensdauer präzisiert werden. Es ist zu fragen, nach welchen Kriterien sich entscheidet, ob ein Verfahren "überlang" ist und deshalb Rechtsfolgen auslösen soll. Im 2. Teil schließlich werden in den Kapiteln 4-8 die einzelnen in Betracht kommenden Rechtsfolgen zu diskutieren sein, wobei ein weiter Rechtsfolgenbegriff zugrunde zu legen ist: "Rechtsfolgen" sind danach nicht nur solche des 3. Abschnitts des StGB (§§ 38 ff.), sondern auch sonstige, insbesondere prozeßrechtliche Konsequenzen innerhalb des Straf- verfahrens.

8 Kohlmann, FS Pfeiffer, S. 210. 9 Siehe etwa Schünemann, Verh. 58. DJT, S. B 16.

10 Siehe etwa Schmidt-Hieber, FS Deutsche Richterakademie, S. 193 ff.: "Beschleuni- gung des Strafverfahrens durch Kooperation".

Erster Teil

Grundlagen der Rechtsfolgenbestimmung überlanger Verfahrensdauer

Forschungsstand, Beschleunigungsproblematik, Begriff der Überlänge

Erstes Kapitel

Überblick über den Forschungsstand

Zur Notwendigkeit weiterer Erörterung der Rechtsfolgen

Die Schwierigkeit der Rechtsfolgenbestimmung zeigt sich schon bei einem ersten Blick auf einige "Meilensteine" in der Entwicklung der Rechtsprechung zur überlangen Verfahrensdauer:

- 21.12.1962: Der 4. Strafsenat des BGH erklärt, der Länge des Strafverfahren komme "grundsätzlich keine rechtliche Bedeutung" zu 1.

- 12.6.1966: Der 1. Strafsenat des BGH führt aus, eine Verletzung des Be- schleunigungsgrundsatzes habe "jedenfalls nicht ohne weiteres die Unzuläs- sigkeit des Verfahrens zur Folge"2.

- 1O. 11. 1971: Für den 2. Senat des BGH ist "nicht Verfahrenseinstellung, sondern Berücksichtigung bei der Strafzumessung das geeignete Mittel", überlanger Verfahrensdauer Rechnung zu tragen 3.

- 2.7.1974: Der 5. Strafsenat des BGH stellt ein Verfahren nach § 206a StPO ein, weil es sich "ungewöhnlich lange hingezogen" habe 4.

- 24.11.1983: Ein Vorprüfungsausschuß des BVerfG befindet, "in extrem ge- lagerten Fällen" von Verfahrensverzögerung läge es nahe, "von Verfassungs

I BOH, DAR 1963, S. 169. 2 BOHSt 21, S. 81 (84). 3 BOHSt 24, S. 239 (242). 4 BOH, Besch!. v. 2.7.1974 - 5 StR 48/74 (Anhang 3).

22 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

wegen ein Verfahrenshindernis unmittelbar aus dem Rechtsstaatsgebot des Grundgesetzes abzuleiten" 5.

9.12.1987: Der 3. Strafsenat des BGH ordnet den Abbruch eines Strafverfah- rens wegen "willkürlicher und schwerwiegender Verletzung des Beschleuni- gungsgebots" an, was sich "nicht notwendig mit der Annahme eines allgemei- nen Verfahrenshindernisses der überlangen Verfahrensdauer" decke 6.

Auch ein Blickrichtungswechsel auf drei spätere Urteile in spektakulären Ver- fahren, und zwar einem NS-Verfahren, einem Terroristenprozeß und einer Wirt- schaftsstrafsache (also in Beispielen der drei Hauptgruppen von Großverfahren 7), ergibt, daß bislang die Rechtsprechung dogmatisch keinen festen Standpunkt gefunden hat:

1988 hebt der 2. Strafsenat des BGH im sog. Euthanasie-Verfahren gegen Bunke und Ullrich die Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 11.000 bzw. 4.500 Fällen zu je vier Jahren Freiheitsstrafe auf: Der Schuld- spruch sei auf 9.200 bzw. 2.340 Mordfälle zu beschränken. Vor allem weil die Ermittlungsverfahren bereits vor über 28 Jahren eingeleitet wurden, ver- wies der BGH zur Rechtsfolgenbestimmung nicht zurück, sondern setzte selbst (vgl. § 354 I StPO) die Strafe auf die Mindeststrafe von drei Jahren fest 8

- Im sog. Schmücker-Verfahren, das als "längster Prozeß der deutschen Justiz- geschichte" bezeichnet wird 9 , erklärte Anfang 1989 der 5. Strafsenat des BGH nach rund dreizehn Jahren Verhandlungsdauer und sieben Jahren Unter- suchungshaft für die Hauptangeklagte 10 bei der dritten Urteilsaufhebung, es lägen keine "besonderen Umstände" vor, die Veranlassung gäben, das Verfah- ren durch Einstellung "abzubrechen"; er verwies zur vierten Hauptverhand- lung über den Mordvorwurf zurück 11.

Ende 1989 stellte wiederum der 2. Senat dann im sog. Herstatt-Komplex ein Verfahren anstatt der an sich gebotenen Zurückverweisung nach § 153 StPO ein: Zwar habe, sollte sich der Anklagevorwurfbestätigen, der zu zwei Jahren

5 BVerfG (Vorprüfungsausschuß), NJW 1984, S. 967.

6 BGHSt 35, S. 137 (142 f.).

7 Vgl. K. Peters in: Strafprozeß und Refonn, S. 82; Rebmann, NStZ 1984, S. 241; Herrmann, ZStW 85 (1973), S. 256 ff.; Baumann, FS Klug, S. 463 f.

8 BGH, NStZ 1989, S. 238 (239).

9 Vgl. etwa Strate, DuR 1986, S. 363; J. Blau, DuR 1989, S. 251. Das eben erwähnte Euthanasie-Verfahren dauerte insofern nicht 28 Jahre, als es 16 Jahre wegen Verhand- lungsunfähigkeit der Angeklagten vorläufig eingestellt war (v gl. dazu Renz, Lauter pflichtbewußte Leute, S. 126). Zuvor kam dieser Titel zunächst dem 1971 beendeten Contergan-Verfahren zu (LG Aachen, JZ 1971, S. 507 <519 f.>; Bmns, FS Maurach, S. 469; Tiedemann in: Die Verbrechen in der Wirtschaft', S. 37), dann dem Majdanek- Prozeß (Renz, a.a.O., S. 144). Im Juni 1991 wurde das Schmücker-Verfahren inzwischen endgültig beendet.

10 Vgl. Grünwald, StV 1987, S. 457.

11 BGH, StV 1989, S. 187 (188).

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

23

und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilte Angeklagte nicht nur geringe Schuld auf sich geladen. Insbesondere aufgrund der langen Verfahrensdauer und des jahrelangen Verfahrensdrucks sei jedoch nunmehr trotzdem § 153 StPO anwendbar 12

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

I. Der Weg der Rechtsprechung

Die Entwicklung in der Dogmatik der höchstrichterlichen Rechtsprechung zur überlangen Verfahrensdauer ist also nicht geradlinig verlaufen. Auch die prakti- sche Bewältigung spektakulärer Strafverfahren erweckt den Eindruck, vor allem auf Lösungen für den Einzelfall orientiert zu sein. Es scheint so, als ob der konkrete Entscheidungsdruck 13 den BGH in Fällen überlanger Verfahrensdauer gelegentlich veranlaßt hat, zum Erreichen des für richtig gehaltenen Ergebnisses mehr oder weniger weitreichende Modifikationen bisheriger Rechtsprechung vorzunehmen 14. Manchmal wird dies wohl dadurch hervorgerufen, daß in einer früheren höchstrichterlichen Entscheidung ein Satz aufgestellt wurde, der dort das gewünschte Ergebnis ermöglichte, hier nun aber im Wege steht. Darüber hinaus kann die Unsicherheit der Rechtsprechung auch zu vagen und vorsichtigen Formulierungen führen, mit denen eine Festlegung der Rechtsentwicklung offen- bar vermieden und jede Entscheidungsmöglichkeit für die Zukunft offengehalten werden soll. Dann ist aber nicht auszuschließen, daß genau diese Rechtsfrage bald wieder zu entscheiden ist, weil Verteidiger sie bei nächster Gelegenheit für ihre praktischen Fälle nutzbar zu machen suchen 15 und untere Gerichte dies gelegentlich aufgreifen und die Rechtsunsicherheit vergrößern 16. Dieses Problem könnte sich in Zukunft noch verstärkt stellen, da zu den nun schon seit rund einem Jahrzehnt existierenden Spezialzeitschriften (NStZ, StV, wistra) einige strafrechtliche Entscheidungssammlungen (EZSt, NStE, BGHR) getreten sind, so daß praktisch "keine Entscheidung der obersten Richter mehr der Veröffentli- chung" entgeht l7

12 BGH, wistra 1990, S. 65. 13 Vgl. Schlüter, Das Obiter dictum, S. 32 f.

14 Vgl. dazu Hattenhauer, Die Kritik des Zivilurteils, S. 128 ff.; E. Schneider, MDR

1971, S. 184.

15 Vgl. Bmns, NStZ 1985, S. 565; Hillenkamp, NJW 1989, S. 2845 Fn. 54.

16 Vgl. Strate, StV 1990, S. 393.

17 E. Blankenburg, KritV 1988, S. 111.

24 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

1. BGHSt 21, 81

Ein solcher Fall findet sich, vollzieht man die Entwicklung der Rechtsprechung nach, gleich am Anfang der Historie: Nachdem die erwähnte Entscheidung des 4. Strafsenats des BGH 18, Verfahrensdauer sei für die Rechtsfolgen schlechter- dings unbeachtlich, kaum auf Resonanz stieß 19 und auch nur relativ entlegen veröffentlicht wurde, hat 1966 der 1. Strafsenat seine Entscheidung sogar in die amtliche Sammlung aufnehmen lassen (BGHSt 21,81): Ihr lag die "nicht alltäg- liche Revisionsrüge" eines "einfallsreichen Verteidigers" zugrunde 20, wonach das Recht des Beschuldigten "auf alsbaldige und schnelle Verhandlung" nach Art. VII Abs. 91it. ades NATO-Truppenstatuts durch die lange Verfahrensdauer nicht gewahrt worden sei, was zur Einstellung des Verfahrens zwinge. Das LG Bad Kreuznach als Instanzengericht hatte dies apodiktisch abgelehnt 21 . Der Senat führte aus, eine Verletzung des Beschleunigungsgrundsatzes habe - auch unter dem Blickwinkel von Art. 6 I EMRK, der Gehör innerhalb einer "angemessenen Frist" garantiert - "jedenfalls nicht ohne weiteres" die Unzulässigkeit des Ver- fahrens zur Folge 22 • Zwar möge eine gewisse Verzögerung eingetreten und das staatsanwaltschaftliehe Ermittlungsverfahren etwas unzulänglich gefördert wor- den sein; unter Berücksichtigung aller Umstände, insbesondere der Schwere des Tatvorwurfs (Totschlag), sei es aber zweifelhaft, ob das Recht des Beschuldigten auf alsbaldige und schnelle Verhandlung in nennenswertem Maß verletzt worden sei 23. Immerhin erging das angefochtene tatrichterliche Urteil auch nur gut einein- halb Jahre nach Tat und Verhaftung des Beschuldigten 24

Diese Entscheidung beschäftigte in den nächsten Jahren Literatur und Recht- sprechung. Unklarheiten entstanden nicht zuletzt dadurch, daß der Senat im Leitsatz der Entscheidung lediglich formulierte: "nicht ohne weiteres", also das Wort "jedenfalls" wegließ 25. So waren demzufolge zwei Interpretationen mög- lich 26 : Zum einen die, der 1. Strafsenat habe die Möglichkeit des Verfahrenshin- dernisses offen gelassen 27 , aber auch die, er habe prinzipiell, beschränkt auf besondere Fälle, das Prozeßhindernis der überlangen Verfahrensdauer anerkannt.

18

BGH, DAR 1963, S. 169.

19

Zustimmend aber Bruns, Strafzumessungsrechtl, S. 411.

20 Hübner, LM NT. 1 zu NATO-Truppen statut. 21 Siehe dazu Schwenk, ZStW 79 (1967), S. 721; vgl. auch LG Duisburg, NJW 1965, S.643 (644), das die Norm überhaupt nicht erwähnt.

22

BGHSt 21, S. 81 (84).

23

BGHSt 21, S. 81 (82).

24 Vgl. Hübner, LM NT. 1 zu NATO-Truppenstatut; Schwenk, ZStW 79 (1967), S. 721 f.

25 Vgl. dazu Sarstedt / Hamm, Die Revision in Strafsachen', Rn. 515; Hattenhauer, Die Kritik des Zivilurteils, S. 145.

26 Ähnlich Schwenk, ZStW 79 (1967), S. 737; JZ 1976, S. 583; Kramer, Menschen- rechtskonvention, S. 59.

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

25

So hat etwa kurz darauf das OLG Stuttgart zwar im konkreten Fall Verzögerun- gen verneint, aber in einem obiter dictum aus dieser BGH-Entscheidung gefolgert, man könne aus einer Verletzung der genannten Bestimmung des NATO- Truppen- statuts für den Fall ihrer Mißachtung "keineswegs schlechthin" auf die Unzuläs- sigkeit des folgenden Verfahrens schließen, sondern es müßten irgendwelche besonderen Umstände vorhanden sein, die ausnahmsweise eine Sperre des weite-

ren Verfahrens begründen

1970 nahm mit dem LG Frankfurt erstmals, soweit ersichtlich, ein Gericht an, daß aus dem Verbot überlanger Verfahrensdauer in Art. 6 I EMRK ein Verfah- renshindernis gefolgert werden könnte 29. Das LG Frankfurt knüpfte an den 1. Strafsenat des BGH sowie an eine Bemerkung Tiedemanns bezüglich des Conter- gan- Verfahrens an, das dessen Ansicht zufolge wegen Verletzung des Beschleuni- gungsprinzips hätte eingestellt werden müssen 30. Noch darüber hinausgehend äußerte das Landgericht, daß dann, wenn im Einzelfall die Dauer eines Strafver- fahrens die angemessene Frist in Art. 6 EMRK überschritten hat, die Konsequenz nur darin bestehen könne, wegen eines Prozeßhindernisses einzustellen. Da Aus- legungsrichtlinien und Präzedenzentscheidungen nicht existierten, versuchte das LG Frankfurt selbst, den Begriff der Angemessenheit i. S. v. Art. 6 I EMRK auszulegen. Zuvörderst seien sachbezogene Umstände heranzuziehen: Es sei die für das Verfahren benötigte Zeit in Verhältnis zu setzen zu der Bedeutung des Verfahrens gegenstands, dem Maß der Schuld des Beschuldigten, der Aussicht auf zuverlässige und vollständige Wahrheitsermittlung, der Straferwartung im Falle der Verurteilung, dem Umfang der Sache, dem Schwierigkeitsgrad der Ermittlungen und der Führung des Ermittlungsverfahrens 31 Ergibt nicht schon diese Prüfung, daß ein Strafverfahren unangemessen lang sei, so ist für das LG Frankfurt weiterhin "personen bezogen" zu untersuchen, ob der Beschuldigte durch die Dauer des Verfahrens gesundheitlich und wirtschaftlich so sehr betrof- fen worden ist, daß dessen Fortsetzung ihm nicht mehr zugemutet werden kann 32.

Ohne Bezug auf diese Entscheidungen stellte kurz darauf das LG Aachen im "Contergan-Beschluß" etwas mißverständlich fest, ein Verfahrenshindernis be- stünde nicht, weil keine Vorschrift "im vorliegenden Falle" einen Verfahrensab- bruch "gebieten" würde 33.

könnten 28

_

---

27 So BGHSt 24, S.239 (243); OLG Karlsruhe, NJW 1972, S. 1907 (1909); LG Frankfurt, JZ 1971, S. 234 (235); LG Krefeld, JZ 1971, S. 733 (735). 28 OLG Stuttgart, NJW 1967, S. 508 (509 f.); vgl. auch OLG Koblenz, NJW 1972, S. 404 f.; Hillenkamp, JR 1975, S. 137 Fn. 65; Schultz, MDR 1971, S. 191.

29 LG Frankfurt, JZ 1971, S. 234.

30 Tiedemann in: Die Verbrechen in der Wirtschaft', S. 37. Vgl. auch Schultz, MDR 1971, S. 191.

31 LG Frankfurt, JZ 1971, S. 234 (236).

32 LG Frankfurt, JZ 1971, S. 234 (236).

33 LG Aachen, JZ 1971, S. 507 (521); siehe auch StA Aachen, DRiZ 1971, S. 45.

26 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

Dem LG Frankfurt widersprach wenige Monate später das LG Krefeld 34: Es käme nicht auf tat- und persönlichkeitsbezogene Umstände an, sondern aus- schließlich darauf, ob die tatsächliche Verfahrensdauer, gemessen an der notwen- digen Verfahrensdauer, unangemessen lang gewesen sei. Ob dies "ohne weiteres" die Unzulässigkeit des Verfahrens zur Folge hätte, ließ die Kammer mit Hinweis auf die Entscheidung des 1. Strafsenats des BGH offen, da dies hier schon deshalb nicht in Betracht käme, weil der zur Revisionsaufhebung und damit zur Verfah- rensdauer führende Verfahrensfehler auch auf das Verhalten der Verteidigung zurückzuführen sei 35

Ende 1971 erwog das LG Lübeck dem Revisionsgericht zufolge, ein Verfahren

wegen

Das OLG Koblenz 37 , das den 1. Strafsenat des BGH dahingehend verstand, daß dieser grundsätzlich schon für bestimmte Fälle das Vorliegen eines Verfah- renshindernisses bejaht hätte 38, schränkte den Anwendungsspielraum zur gleichen Zeit gegenüber den genannten Landgerichten dadurch ein, daß ein Prozeßhinder- nis erst dann vorliegen sollte, wenn das Beschleunigungsprinzip in so unerträgli- cher, in so gravierender und unzumutbarer Weise verletzt sei, daß die eingetretene Verzögerung einer "Rechtsverweigerung" gleichkomme. Das OLG nahm diese Einschränkung vor, nachdem es das insgesamt über neunjährige Ermittlungs- und Eröffnungsverfahren als zum Teil verzögert angesehen hatte.

Auch das OLG Karlsruhe knüpfte in seinem Urteil vom 20. 1. 1972 noch an die Entscheidung des 1. Strafsenats an 39 und ließ dahingestellt sein, ob unter ganz besonderen Umständen eine Verfahrensverzögerung einmal ein Verfahrens- hindernis begründen könnte 40. Das OLG Karlsruhe stand allerdings vor dem Problem, daß es aufgrund jahrelanger Nichtbetreibung des Verfahrens auch bei dieser Einschränkung Art. 6 I EMRK als an sich verletzt ansah. Es hielt dem aber entgegen, daß dem Beschuldigten auferlegt sei, wollte er aus einer Verfah- rensverzögerung Rechte herleiten, sein Recht auf Förderung des Verfahrens bei von ihm feststellbaren Verzögerungen mit Entschiedenheit, insbesondere mittels einer Dienstaufsichtsbeschwerde, geltend zu machen.

Verstoßes gegen Art. 6 I EMRK einzustellen 36

34 LG Krefeld, IZ 1971, S. 733.

35 LG Krefeld, IZ 1971, S. 733 (735). 36 Vgl. BGH, Beschl. v. 2.7.1974 - 5 StR 48/74 (Anhang 3).

37

OLG Koblenz, NIW 1972, S. 404.

38

Vgl. auch BGH, Urt. v. 14.6.1972 - 2 StR 3/72 (Anhang 2).

39 Die Entscheidung des OLG Karlsruhe erging zwar nach der Grundsatzentscheidung des 2. Senats (BGHSt 24, S. 239 vom 10.11.1971); offenbar war dieses Urteil dem OLG Karlsruhe jedoch noch nicht bekannt. Allerdings wies das OLG ebenfalls auf die - erstmals in dem Urteil des 2. Senats ausgesprochene - Möglichkeit der Strafmilderung hin.

40 OLG Karlsruhe, NIW 1972, S. 1907.

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

2. BGHSt 24, 239

27

Die Zurückhaltung der Oberlandesgerichte, auf Verfahrensverzögerungen mit Einstellungen zu reagieren, wurde durch eine Grundsatzentscheidung des 2.

Strafsenats des BGH bestätigt 41 Auch der 2. Senat stellte fest, "daß

wöhnlich lange Dauer des Vorverfahrens zu einem wesentlichen Teil auf unzu- längliche Förderung durch die für seinen Fortgang verantwortlichen Organe zurückgeführt werden muß", und folgerte daraus einen Verstoß gegen Art. 6 I EMRK. Trotzdem lehnte der BGH jedoch die Möglichkeit des Vorliegens eines Verfahrenshindernisses grundsätzlich und apodiktisch ab. Die Berücksichtigung bei der Strafzumessung sei "das geeignete Mittel", einer Verletzung des Beschleu- nigungsprinzips Rechnung zu tragen. Die Strafzumessung gewähre einen Spiel- raum, der ausreiche, um auf unangemessene Verzögerungen des Verfahrens zu reagieren. Dies könne in den vom Gesetz vorgesehenen Fällen bis zum völligen Absehen von Strafe gehen. Bei Vergehen könne das Verfahren nach § 153 StPO

die unge-

eingestellt werden, bei Verbrechen sei regelmäßig die Möglichkeit des Zurückge- hens auf die gesetzliche Mindeststrafe ausreichend 42

Diese überraschende Entscheidung läßt sich vielleicht tatsächlich, wie Kristian Kühl meint, durch die "Schubkraft" des Art. 6 I EMRK 43 und durch das Wemhoff- Urteil des EGMR erklären, in dem dieser 1968 erstmalig - und zwar gegen die Bundesrepublik Deutschland - über eine Verletzung des Beschleunigungsprin- zips zu befinden hatte 44. Der 1. Strafsenat hätte 1966 in seiner mehrfach erwähnten Entscheidung das Vorliegen überlanger Verfahrensdauer, hielte er es für strafzu- messungsrelevant, nicht einfach dahingestellt lassen dürfen 45, sofern der Be- schwerdeführer, wie es regelmäßig geschieht 46 , (auch) die allgemeine Sachriige erhoben hatte 47.

Der 2. Senat vertrat die Auffassung, daß die Entscheidung des 1. Senats nicht seinem Ergebnis entgegenstehen würde. Es habe sich dort nur um eine beiläufige Erörterung der Folgen eines Verstoßes gegen das Beschleunigungsprinzip gehan- delt; die Worte "nicht ohne weiteres" sollten nur die vorgreifliche Beantwortung einer für die Entscheidung unerheblichen Frage vermeiden, nicht aber die Mög- lichkeit der Entstehung eines Verfahrenshindernisses im Grundsatz bejahen.

41 BGHSt 24, S. 239. 42 BGHSt 24, S. 239 (242 f.).

43 K. Kühl, ZStW 100 (1988), S. 642. Kritisch aber Ress in: Europäischer Menschen- rechtsschutz, S. 276.

44

EGMR, IR 1968, S. 463.

45

BGHSt 21, S. 81 (82).

46 Vgl. etwa Grethlein, Problematik des Verschlechterungsverbotes im Hinblick auf die besonderen Maßnahmen des Jugendrechts, S. 29 Fn. 26a; Kodde, Zur Praxis der Beschlußverwerfung von Revisionen 349 Abs. 2 StPO), S. 27. Vgl. aber auch Sarstedt / Hamm, Die Revision in Strafsachen" Rn. 10; Doller, MDR 1977, S. 370.

47 Vgl. BayObLG, StV 1989, S. 394 (395); Ulsamer, FS Zeidler, S. 1804 f.

28 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

So richtig diese Begründung im Ergebnis sein dürfte, so sind im einzelnen doch erhebliche Zweifel anzumelden. Zunächst spricht gegen die Annahme eines "unverbindlichen Schlenkers"48 durch den 1. Strafsenat, daß diese Ausführungen den Inhalt des - noch dazu einzigen - Leitsatzes der Entscheidung darstellen 49, die der 1. Senat zur Veröffentlichung in der amtlichen Sammlung für geeignet gehalten hat. Zwar sind solche Darlegungen gerade beim 1. Senat nicht unüblich, wie etwa die Senatsentscheidungen BGHSt 32,345 5 °; 35, 308 51 und StV 1986, 374 52 zeigen. Sie dürften aber doch wohlbedacht sein, etwa, um damit ganz allgemein Hinweise an die Tatrichter zu geben oder um die anderen BGH-Senate zu beeinflussen 53. Zudem mag aus der Formulierung des Leitsatzes - und nur die hat der 2. Senat wiedergegeben - kaum die sprachliche Auslegung möglich sein, daß hier eine Rechtsfrage offengelassen werden sollte. Die Gedankenfüh- rung des 2. Senats dürfte allerdings dann richtig sein, wenn man das beim 1. Senat in der Begründung auftauchende Wort ,jedenfalls" mit zur Würdigung heranzieht. Selbst wenn man jedoch eine Unvereinbarkeit zwischen den beiden Entscheidun- gen feststellen sollte, wäre auch dann der 2. Strafsenat nicht zu einer Vorlage an den Großen Strafsenat des BGH gemäß § 136 I GVG genötigt gewesen, da

die Entscheidung des 1. Senats

Die gegen die Entscheidung des 2. Senats erhobene Verfassungsbeschwerde verwarf das BVerfG mit der Begründung, die Ablehnung der Verfahrenseinstel- lung und die Berücksichtigung der langen Verfahrensdauer bei der Strafzumes-

sung

diese Entscheidung, was in der Literatur regelmäßig übersehen wird 56, schon an,

verstoße hier nicht gegen rechts staatliche Grundsätze 55 . Allerdings deutet

nicht auf dieser Passage beruht 54.

daß in schwerwiegenderen Fällen anderes gelten könnte. Die dagegen eingelegte Menschenrechtsbeschwerde sah die Kommission als zulässig an 57. Das Verfahren konnte durch einen freundschaftlichen Ausgleich (vgl. Art. 28 lit. b EMRK) beendet werden, nachdem dem Beschwerdeführer der Rest der dreijährigen Frei- heitsstrafe nach Verbüßung von wenig mehr als einem Drittel im Gnadenwege bedingt erlassen wurde 58.

48 Kramer, Menschenrechtskonvention, S. 59.

49 Vgl. Bruns, MDR 1987, S. 177; vgl. aber auch Sarstedt/Hamm, Die Revision in

Strafsachen 5 , Rn. 8.

50 Vgl. Bruns, StV 1984, S. 389 f.

51 Vgl. G. Blau, BA 1989, S. 4.

52 Vgl. Metzger, GebColloquium Kielwein, S. 97.

53 Vgl. Bruns, StV 1984, S. 389 f.

54 Vgl. BGHSt 9, S. 24 (29); 11, S. 159 (162);

55 BVerfG (Vorprüfungsausschuß), Beschl. v. 21.6.1972 - 2 BvR 146/72 (An-

19, S. 7 (9).

hang 1).

56 Vgl. Vogler, ZStW 89 (1977), S. 781; Peukert, EuGRZ 1979, S. 264 Fn. 20.

57 EKMR, CD 44 (1973), S. 81.

58 Vogler, ZStW 89 (1977), S. 781 f. Siehe auch Peukert, EuGRZ 1979, S. 274.

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

29

Nachdem der 2. Senat 1972 in einem Hinweis an den Tatrichter wiederholte, daß aus Art. 6 I EMRK kein Verfahrenshindernis hergeleitet werden könne, stellte 1974 der 5. Strafsenat des BGH ein Strafverfahren wegen Verstoßes gegen diese Vorschrift ein, weil die Taten erst abgeurteilt worden seien, "nachdem sich das Verfahren über die dreifache Verjährungsfrist 67 Abs. 2 StGB) und annä- hernd 2 weitere Jahre hingeschleppt hat" 59. Wenngleich der 5. Senat betonte, hierin würde sich dieses Verfahren wesentlich von demjenigen unterscheiden, das dem Urteil BGHSt 24, 239 zugrunde lag, hätte er gemäß § 136 I GVG die

- für beide Entscheidungen erhebliche - Rechtsfrage, ob aus Art. 6 I EMRK

ein Verfahrenshindernis herleitbar ist, dem Großen Senat vorlegen müssen. Aller- dings hat die Entscheidung des 5. Senats die Rechtsentwicklung nicht beeinflußt. Selbst nicht veröffentlicht, ist sie, soweit ersichtlich, weder in der Literatur noch in der (veröffentlichten) Rechtsprechung jemals auch nur erwähnt worden. Ledig- lich der 5. Senat selbst zitierte die Entscheidung zwei Jahre später in einem ebenfalls unveröffentlichten Urteil mit der Bemerkung, er halte an der dort niedergelegten Auffassung nicht fest 60.

In der Ablehnung der Annahme eines Verfahrenshindernisses und der Befür- wortung der Berücksichtigung von Verfahrensverzögerungen in der Strafzumes- sung schlossen sich in der Folgezeit auch alle anderen Senate des BGH - also ebenfalls der 1. Senat - dem 2. Strafsenat an 61 . Lediglich der 3. Strafsenat akzeptierte in einer Entscheidung, daß die ca. zehnjährige Verfahrensdauer vom Tatgericht nicht strafmildernd herangezogen wurde 62 . Im einzelnen präzisierten vor allem der 2. und der 3. Senat die "Strafzumessungslösung": Strafmilderung dürfe es nur im Rahmen der gesetzlichen Voraussetzungen geben 63, überlange Verfahrensdauer könne aber auch für die Strafaussetzung zur Bewährung Bedeu-

59 BGH, Beschl. v. 2.7.1974 - 5 StR 48/74 (Anhang 3).

60 BGH, Urt. v. 6.7.1976 - 5 StR 184/76 (Anhang 7).

61 1. Senat: GA 1977, S.275; NStZ 1987, S.232; StV 1988, S.487; NStZ 1989,

S.526; wistra 1990, S.20; Urt. v. 24.2.1977 - 1 StR 554/76 (Anhang 8); Urt. v.

5.7.1990 - 1 StR 135/90 (Anhang 16; jetzt auch bei Deuer, NStZ 1991, S. 274).

2. Senat: NStZ 1982, S.291; 1983, S. 135; 1986, S. 162; S.217; 1989, S. 238; NJW 1986, S. 75; StV 1983, S. 502; 1985, S. 322; S. 411; wistra 1990, S. 65; BGHR StPO

§ 154a Abs. 3 Wiedereinbeziehung 1; wohl auch BGHR StGB § 46 Abs. 2 Nachtatverhal-

ten 4 (insoweit nicht in NStZ 1987, S. 171 abgedruckt); Urt. v. 14.6.1972 - 2 StR 3/ 72 (Anhang 2); Urt. v. 18.2.1976 - 2 StR 566/75 (Anhang 4); Urt. v. 19.2.1976- 2 StR 585/73 (Anhang 5); Urt. v. 5.1. 1978 - 2 StR 425/77 (Anhang 12).

3. Senat: BGHSt 27, S. 274; 35, S. 137; StV 1982, S. 266; wistra 1982, S. 108; 1983,

S. 106; bei Mösl, NStZ 1983, S. 494; Urt. v. 31.3.1976 - 3 StR 502/75 (Anhang 6).

4. Senat: Urt. v. 24.11.1977 - 4 StR 459/77 (Anhang 11).

5. Senat: BGH, StV 1989, S. 187 (188); bei Pfeiffer/Miebach, NStZ 1987, S. 19; Urt.

v. 6.7.1976 - 5 StR 184/76 (Anhang 7); Urt. v. 5.7.1977 - 5 StR 771/76 (Anhang

5 StR 616/77 (Anhang 10); Urt. v. 4.3.1980 - 5 StR

9); Beschl. v. 25.10.1977 - 14/80 (Anhang 13).

62 BGH, Urt. v. 31.3.1976 - 3 StR 502/75 (Anhang 6).

63 BGHSt 27, S. 274.

30 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

tung erlangen 64. Verzögerungen von Mitbeschuldigten dürfen dem Beschuldigten genausowenig entgegengehalten werden 65 wie der durch sein eigenes Leugnen verursachte Zeitablauf 66 .

Auch von den Oberlandesgerichten wurde diese Rechtsprechung nicht in Frage gestellt. So hat das OLG Koblenz 1978 in Abweichung zu seiner erwähnten Entscheidung von 1971 67 auch die Strafzumessungslösung übemommen 68 . Aller- dings ist gelegentlich eine leichte Distanz spürbar geworden. Das OLG Stuttgart hat etwa weiterhin nicht ausgeschlossen, daß ein Verfahrenshindernis im Einzel- fall möglich sein könnte 69 . Das OLG Hamm bemerkte, der ihm vorliegende Fall weise keine Besonderheiten auf, die zu einer vom BGH abweichenden Beurtei- lung Anlaß geben könnten 70. Von den Instanzengerichten hat das LG Köln 1975, wie aus der aufhebenden Entscheidung des 2. Senats des BGH zu entnehmen ist7 l , ein Verfahren mit der Begründung eingestellt, "das Recht des Angeklagten auf Durchführung des Strafverfahrens innerhalb einer angemessenen Frist sei seitens der Justiz in unerträglicher Weise verletzt worden" 72.

3. BVerfG (Vorprüfungsausschuß), NJW 1984,967

Erst 1983 wurde diese nahezu einhellige Rechtsprechung erstmalig wieder in Frage gestellt durch ein "Vorbeben" 73: Ein - damals noch so genannter - Vorprüfungsausschuß des BVerfG führte nunmehr in einem obiter dictum aus, daß die Auffassung des BGH, aus einer Verletzung des Beschleunigungsgebots könne in keinem Falle ein Verfahrenshindernis hergeleitet werden, verfassungs- rechtlichen Bedenken unterliege. Im Einzelfall sei eine so erhebliche Verletzung des Rechtsstaatsgebots im Strafverfahren möglich, daß ein anerkennenswertes Interesse an weiterer Strafverfolgung, die allgemein dem verfassungsrechtlich gebotenen Rechtsgüterschutz dient, nicht mehr besteht und eine Fortsetzung des Verfahrens rechtsstaatlich nicht mehr hinnehmbar ist. In solch extrem gelagerten

64 BGR, StV 1983, S. 502; 1985, S. 322; S. 411. Siehe auch schon BGR, Beschl. v.

25.10.1977 - 5 StR 616/77 (Anhang 10).

65 BGR, NStZ 1982, S. 291 (292).

66 BGR, wistra 1983, S. 106.

67 OLG Koblenz, NJW 1972, S. 404.

68 OLG Koblenz, Beschl. v. 23. I. 1978 (zit. n. Krey, Strafverfahrensrecht I, Rn. 137

Fn.30).

69 OLG Stuttgart, JZ 1974, S. 268.

70 OLG Ramm, NJW 1975, S. 702.

71 BGR, Urt. v. 18.2.1976 - 2 StR 566/75 (Anhang 4).

72 Im Fall Eckle hat das LG Köln 1977 nicht, wie die Ausführungen des EGMR, EuGRZ 1983, S. 553 (555), zur Entschädigung nach Art. 50 EMRK zu bedeuten scheinen, wegen überlanger Verfahrensdauer das Verfahren eingestellt; vgl. EGMR, EuGRZ 1983,

S. 371 (377; 379).

73 Rillenkamp, NJW 1989, S. 2842; 2843; 2845.

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

31

Fällen sei ein Verfahrenshindernis unmittelbar aus dem Rechtsstaatsgebot des Grundgesetzes abzuleiten 74.

Diesen Ausführungen kommt gerade deshalb besondere Bedeutung zu, weil es sich um ein obiter dictum handelt, was für Karlheinz Meyer sogar eine "offen- sichtliche Überschreitung" der "Befugnisse nach § 93a Abs. 3 BVerfGG" dar- stellt7 s . Der Vorprüfungsausschuß sah sich also offensichtlich aufgrund der stän- digen Rechtsprechung des BGH genötigt7 6 , sich zu diesem Punkt zu äußern, was dann auch mit deutlichen Worten geschehen ist 77

Allerdings dürfte dieser Beschluß wohl weniger als Reaktion auf das Eckle- Urteip8 des EGMR von 1982 anzusehen sein, durch das die Bundesrepublik zum ersten - und bisher einzigen - Mal wegen überlanger Dauer eines Strafverfah- rens verurteilt wurde 79. Denn nach den vorsichtigen Ausführungen des erwähnten Nichtannahmebeschlusses gegen BGHSt 24, 239 80 ließ 1979 ein Vorprüfungsaus- schuß des BVerfG zur überlangen Verfahrensdauer eines Konkursverfahrens ausdrücklich offen, ob "über die in §§ 202 ff. KO gesetzlich vorgesehenen Ein- stellungsmöglichkeiten hinaus eine Einstellung des Konkursverfahrens in Be-

unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten gebo-

tracht kommt oder sogar

ten sein kann" 81. Diese Bemerkung könnte eher durch das König-Urteil 82 initiiert

sein 83, das der Dreierausschuß ausdrücklich erwähnt und das 1978 die erste Verurteilung der Bundesrepublik wegen überlanger Verfahrensdauer, nämlich eines Verwaltungsverfahrens, darstellte.

Der Beschluß des Vorprüfungsausschusses zur überlangen Strafverfahrensdau- er von 1983 wurde durch zwei weitere Nichtannahmebeschlüsse, die zu dem

In

Problemkreis der völkerrechtswidrigen Verschleppung ergingen, bekräftigt 84 .

bei den Entscheidungen, die der Dreierausschuß, seit 1986 Kammer genannt, in jeweils völlig anderer Besetzung traf, tauchte der Satz auf, daß auch in der Rechtsprechung das Eingreifen eines Verfahrenshindernisses von Verfassungs wegen in Fällen überlanger Verfahrensdauer "als möglich erachtet" würde. Dies muß überraschen, weil jedenfalls vor Fassung des ersten der bei den Beschlüsse seit über zehn Jahren keine Entscheidung mehr - außer eben der des Vorprü-

74 BVerfG (Vorprüfungsausschuß), NJW 1984, S. 967.

75 K. Meyer, FS Kleinknecht, S. 272. Vgl. auch Bruns, StV 1984, S. 389.

76 So auch K. Meyer, FS Kleinknecht, S. 272.

77 Kritisch zu dieser Praxis des BVerfG Sarstedt / Ramm, Die Revision in Strafsachen', Rn. 8 Fn. 21.

78 EGMR, EuGRZ 1983, S. 371.

79 Vgl. dazu K. Kühl, ZStW 100 (1988), S. 605.

80 Siehe oben, 2.

81 BVerfG (Vorprüfungsausschuß), EuGRZ 1979, S. 363 (364).

82 EGMR, EuGRZ 1978, S. 406.

83 Vgl. dazu Ress in: Europäischer Menschenrechtsschutz, S. 276.

84 BVerfG (Vorprüfungsausschuß), NStZ 1986, S. 178 (179); (Kammer), NStZ 1986,

S. 468; vgl. auch NJW 1987, S. 1874.

32 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

fungsausschusses - veröffentlicht worden war 85 , in der ein Verfahrenshindernis auch nur für denkbar gehalten wurde.

Wenngleich Entscheidungen des Dreierausschusses gern. § 31 I B VerfGG keine Bindungswirkung haben, weil in einem summarischen Verfahren lediglich die Annahme der Verfassungsbeschwerde zur Entscheidung abgelehnt wird 86 , haben diese Entscheidungen die gefestigte Rechtsprechung ins Wanken gebracht und, wie auch sonst häufig 87 , die Rechtsentwicklung mitbestimmt.

Unter Berufung auf den Beschluß des Vorprüfungsausschusses des BVerfG zur überlangen Verfahrensdauer stellte 1987 das LG Düsseldorf ein Strafverfah- ren ein 88 , nachdem zuvor (in anderer Sache) schon das OLG Düsseldorf hatte dahinstehen lassen, ob aufgrund des obiter dictum des Vorprüfungsausschusses ein Verfahrenshindernis denkbar sei 89. Überlange Verfahrensdauer könne ein unmittelbar aus dem Rechtsstaatsgebot des Grundgesetzes abzuleitendes Verfah- renshindernis sein, wenn eine extreme, vom Beschuldigten nicht zu vertretende

Verfahrensverzögerung vorliegt. Aus dieser sei zu folgern, daß ein anerkennens- wertes Interesse an weiterer Strafverfolgung nicht mehr besteht. Auch das OLG

der Argumentation des

Karlsruhe 90 und das OLG Koblenz 91 folgten nunmehr Vorprüfungsausschusses.

Aber auch in die Rechtsprechung des BGH kam Bewegung, wenngleich sich die Vermutung von Miehsler / Vogler, durch die Entscheidung des Vorprüfungs- ausschusses sei die bisherige Ansicht des BGH überholt, zunächst nicht als richtig erwies 92. Insbesondere der 2. Strafsenat erwähnte den Nichtannahmebeschluß allenfalls, um darauf hinzuweisen, der Vorprüfungsausschuß habe die Strafzu- messungslösung des BGH gebilligt 93 .

85 Zuletzt OLG Hamm, NJW 1975, S. 702. K. Schäfer in LR24, Ein!. Kap. 12 Rn. 91

Fn. 184, führt hier zu Unrecht das LG Flensburg, MDR 1979, S. 76, an.

86 BVerfGE 23, S. 191 (207); 33, 1 (11); 53, S.336 (348); Schmidt-Bleibtreu in

Maunz / Schmidt-Bleibtreu / Klein / Ulsamer, BVerfGG, § 93b Rn. 14; Pestalozza, Ver- fassungsprozeBrecht 2 , § 14 vor 1. Soweit die fehlende damit be,gründet wird, die Entscheidung des Vorprüfung saus schusses beruhe mcht auf diesen (BGHSt 32, S. 345 <351>; Pfeiffer in KK StP02, Ein!. Rn. 131) bzw. es handele sich um ein obiter dictum (RieB in LR24, § 206a Rn. 56), ist dies deshalb nur vom Ergebnis her richtig.

87 Vg!. dazu Gilles, JuS 1981, S.405; Jekewitz, StV 1982, S. 124; K. Meyer, FS

Kleinknecht, S. 272; Hillenkamp, NJW 1989, S. 2842; Zuck, NJW 1990, S. 2450; dage- gen Schlaich, Das Bundesverfassungsgericht, S. 125 f.

88 LG Düsseldorf, NStZ 1988, S. 427.

89 OLG Düsseldorf, NJW 1986, S. 2204 (2205); vg!. aber auch NStE Nr. 56 zu § 46

StGB.

90 OLG Karlsruhe, StV 1986, S. 10 (11).

91 OLG Koblenz, GA 1987, S. 367 (368).

92 Miehsler / Vogler in IntKomm, Art. 6 Rn. 329 Fn.1. Richtiger die Einschätzung von Bruns, StV 1984, S. 393: Es sei "Hoffnung auf eine Anderung der Rechtsprechung zwar gegeben", diese dürfe aber "nicht überschätzt werden"; zurückhaltend auch RieB, JR 1985, S. 46.

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

33

Auch der 1. Senat zeigte sich von der Entscheidung offenbar "unbeein- druckt"94, wenn er ausführt, sie beruhe nicht auf dieser Erwägung und der zustän- dige Senat des BVerfG habe sich zu dieser Frage noch nicht geäußert 95 . Wie der 1. zitierte auch der 3. Senat des BGH die "Auffassung", die "ein" Vorprü- fungsausschuß vertreten hat, um sich von dieser sogleich zu distanzieren 96. Dieser womöglich mit abwertender Tendenz gemeinte Hinweis 97 ist insofern nicht präzi- se, als durch anders besetzte Dreierausschüsse der Entscheidung zugestimmt worden ist. Da hierbei nicht nur die Entscheidung einstimmig getroffen werden muß (vgl. §§ 92a II a. F., 93b I n. F. BVerfGG), sondern auch Einstimmigkeit in der rechtlichen Begründung gefordert wird 98 , haben somit sieben Richter des 2. Senats des BVerfG dieser Auffassung beigepflichtet: Zeidler, Wand, Träger, Steinberger, Böckenförde, NiebIer und Klein 99. Die Vermutung Karlheinz Meyers, die drei Richter des Vorprüfungsausschusses würden bei einer späteren Senatsent- scheidung zur überlangen Dauer von Strafverfahren ein Sondervotum abgeben müssen 100, dürfte sich als nicht zutreffend erwiesen haben.

Der 5. Senat schließlich stellte 1986 fest, überlange Verfahrensdauer begründe nach der Rechtsprechung des BGH kein Verfahrenshindernis; er halte an dieser Auffassung trotz des Beschlusses des Vorprüfungsausschusses "jedenfalls für die Fälle" fest, in denen der Tatrichter dem Zeitablauf bei der Strafzumessung (i. w. S.) in angemessener Weise Rechnung tragen könne 101. Der 5. Senat sah sich interessanterweise zu dieser Entscheidung deshalb genötigt, weil 1985 das LG Frankfurt - wiederum - ein Verfahren wegen überlanger Verfahrensdauer eingestellt hatte. Auch in einer späteren Entscheidung folgte der 5. Senat nicht dem Vorprüfungsausschuß "angesichts der Schwere des Tatvorwurfs und der Schwierigkeit der Beweislage" 102.

4. BGHSt 35,137

Ende 1987 kam es dann zu einem heftigen Beben: Der 3. Strafsenat des BGH stellte ein Verfahren wegen überlanger Verfahrensdauer einlOJ, dem "unvorstell-

93 BGH, NJW 1986, S. 75 (76); ähnlich NStZ 1986, S. 162.

94 Krey, Strafverfahrensrecht I, Rn. 126 Fn. 7a.

95 BGHSt 32, S. 345 (351).

96 BGHSt 35, S. 137 (140); allerdings kommt der 3. Senat doch zur Verfahrenseinstel-

lung, siehe dazu unten, 4.

97 Vg!. Bruns, StV 1984, S. 391; Becker, StV 1985, S. 400.

98 Schmidt-Bleibtreu in Maunz / Schmidt-Bleibtreu / Klein / Ulsamer, BVerfGG,

§ 93b Rn. 10; Rupprecht, JZ 1970, S. 209 f.

99 Vg!. EuGRZ 1984, S. 95; 1986, S. 21; 1987, S. 93.

100 K. Meyer, FS Kleinknecht, S. 272 Fn. 30.

101 BGH bei Pfeiffer/Miebach, NStZ 1987, S. 19.

102 BGH, StV 1989, S. 187 (188).

103 BGHSt 35, S. 137.

3 Scheffler

34 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

bare Geschehnisse" 104 zugrunde lagen: Entgegen § 347 StPO waren die Akten vom LG Frankfurt fast fünf Jahre lang nicht an den BGH weitergeleitet worden 105. Der BGH meinte nun an sich, die Sache (auch) aus sonstigen sachlich-rechtlichen Gründen zurückverweisen zu müssen. Er sah das Dilemma, daß durch die dann folgende Hauptverhandlung, die - es lag ein Fall von Wirtschaftskriminalität vor - wiederum erhebliche Zeit in Anspruch nehmen dürfte, das Verfahren weitere Jahre dauerte. Zudem bestand für den Senat eine gewisse Wahrscheinlich- keit, daß die erneute Hauptverhandlung mit einem Freispruch enden würde, so daß er den Weg, das Problem der überlangen Verfahrensdauer über die Strafzu- messung zu lösen, verbaut sah. Da dem BGH selbst für eine Einstellung gemäß § 153a StPO die Freispruchswahrscheinlichkeit zu groß war und die Staatsanwalt- schaft bei dem Landgericht sich gegen eine Einstellung nach § 153 StPO sperrte, stellte er schlichtweg ohne Angabe einer Rechtsgrundlage ein 106.

Aufgrund des Geschäftsverteilungsplans des BGH 107 und der gesonderten Ver- folgung eines Mitbeschuldigten hatte wenige Wochen nach der Entscheidung des 3. Strafsenats der 2. Strafsenat einen letztlich sehr ähnlichen Sachverhalt 108 zu entscheiden 109. Ohne die Entscheidung des 3. Senats, die dem 2. Senat bekannt gewesen sein dürfte, auch nur zu erwähnen, traf hier der 2. Senat eine eigene Sachentscheidung und sprach frei. Dies mag zwar aufgrund im einzelnen nuancie- render tatsächlicher Feststellungen in den beiden tatrichterlichen Urteilen gerecht- fertigt sein, deutet aber doch an, daß der 2. Strafsenat nicht den Weg des 3. Senats gehen wollte. Ferner mußte der 2. Senat, um zu dem Ergebnis der Verfahrensbeen- digung zu kommen, in Erweiterung der umstrittenen Rechtsprechung zur Wieder- einbeziehung ausgeschiedener Tatteile in der Revisionsinstanz 110 unter Hinweis auf das Beschleunigungsprinzip es ablehnen, die Sache zur Verhandlung über den ausgeschiedenen Tatteil zurückzuverweisen 111. Auch in einer weiteren Ent-

104 Kühne, EuGRZ 1988, S. 306.

105 Zum Hintergrund teilt Leppert, Frankfurter Rundschau v. 25.8.1988, S. 12, mit:

Frankfurter Richters, der sich

vorzeitig pensionieren ließ. Immer hatte er an seiner Akte noch etwas verändern oder

verbessern wollen - bis es dem Bundesgerichtshof in einem Fall zu viel wurde

106 Dies mißversteht Hasserner, JuS 1989, S. 146 f., dem zufolge der BGH der Einstel- lung § 153 StPO zugrunde gelegt hat.

107 Sämtlichen vor dem LG Frankfurt Angeklagten - die Verantwortlichen der zusam- mengebrochenen Selmi-Bank AG, Frankfurt - war u. a. eine Zuwiderhandlung gegen § 129 StGB vorgeworfen worden. Daher war die Staatsschutzkammer gern. § 74a I Nr. 4 GVG zuständig mit der Folge, daß nach dem Geschäftsverteilungsplan des BGH der 3. Strafsenat zuständig gewesen ist. Zur Zuständigkeit des 2. Strafsenats bezüglich des einen gesonderten verfolgten Angeklagten kam es dadurch, daß dieser von der Schweiz ausgeliefert werden mußte und das schweizerische Bundesgericht die Auslieferung allein wegen des Vorwurfs der Untreue bewilligte, so daß es bei der Zuständigkeit des 2. Straf- senats für die Revisionen des Bezirks des OLG Frankfurt blieb.

"

über Jahre nicht verfügbar waren die Akten eines

"

108 Vgl. den redaktionellen Hinweis in wistra 1988, S. 230.

109 BGH, wistra 1988, S. 227.

110 BGHSt 21, S. 326 (328 f.).

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

35

scheidung vermied der 2. Senat die Erwähnung des Urteils des 3. Senats 112, traf aber selbst eine abschließende Sachentscheidung unter äußerst extensiver Inter- pretation von § 354 I StPO 113. Ob sich etwas anderes aus einem neueren Beschluß des 2. Strafsenats ergibt, in dem dieser ein Verfahren nach § 153 StPO einstellte und erwähnte, der BGH habe ein Verfahrenshindernis "bisher" verneint, bleibt abzuwarten 114. Immerhin wird hier das verfahrensbeendende Urteil des 3. Strafse- nats wenigstens zitiert, der inzwischen Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ent- scheidungen hervorgehoben hat 115.

Der 1. Strafsenat des BGH erwähnte die Entscheidung BGHSt 35, 137 in einem Beschluß zwar, jedoch ausschließlich als Beleg dafür, daß nach der ständi- gen Rechtsprechung des BGH eine der Vorschrift des Art. 6 I EMRK zuwiderlau- fende Verfahrensverzögerung zugunsten des Angeklagten strafmildernd berück- sichtigt werden müsse, ging jedoch auf die sonstige dort angesprochene Problema- tik mit keinem Wort ein, sondern wies die Sache unter Aufhebung des Strafaus- spruchs an das Landgericht zurück 116. In anderen Entscheidungen zur überlangen

Verfahrensdauer

Vor allem dieser Senat scheint mit Krey übereinzustimmen, der davor warnt, die

Entscheidung des 3. Senats überzubewerten: "hard cases make bad law" 118.

Der 5. Senat bekräftigte u. a. unter Berufung auf BGHSt 35, 137 nochmals, daß ungewöhnlich lange Verfahrensdauer "grundsätzlich" kein Verfahrenshinder- nis begründe; er lehnte einzelfallorientiert und ohne nähere Begründung ab, das Verfahren durch Einstellung "abzubrechen", weil die besonderen Umstände, die den 3. Senat dazu veranlaßt hätten, im konkreten Fall nicht vorlägen 119.

Das OLG Zweibrücken nahm unter Bezug sowohl auf die Entscheidung des Vorprüfungsausschusses des Bundesverfassungsgerichts als auch die des 3. Se- nats des BGH in einem Fall "schwerwiegender Verfahrensverzögerung" ein Verfahrenshindernis an 120. In dem Verfahren war wegen Fahrens ohne Führer- schein eine Geldstrafe verhängt worden. Im Rechtsmittelverfahren waren, wie das OLG Zweibrücken berichtet, zahlreiche Verfahrensfehler unterlaufen, so u. a. die beantragte Wiedereinsetzung in die versäumte Berufungsfrist nicht gewährt

wurde das Urteil des 3. Strafsenats überhaupt nicht erwähnt l17

111 BGHR StPO § 154a Abs. 3 Wiedereinbeziehung 1 (insoweit nicht in wistra 1988, S. 227 abgedruckt).

112 BGH, NStZ 1989, S. 238.

113 Vgl. Daub, KritJ 22 (1989), S. 330.

114 BGH, wistra 1990, S. 65.

115 BGHSt 36, S. 363 (372).

116 BGH, StV 1988, S. 487.

117 BGH, NStZ 1989, S. 526; wistra 1990, S. 20; Urt. v. 5.7.1990 - I StR 135/90 (Anhang 16; jetzt auch bei Detter, NStZ 1991, S. 274).

118 Krey, Strafverfahrensrecht II, Rn. 587.

119 BGH, StV 1989, S. 187 (188).

120 OLG Zweibrücken, StV 1989, S. 51.

3*

36 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

und Ersatzfreiheitsstrafe vollstreckt worden. Ein Ausgleich über die Strafzumes- sung schied insofern von vornherein aus. Mit Rücksicht auf das außergewöhnliche Ausmaß der durch Justizorgane verursachten Verzögerung und der dadurch be- dingten Gesamtdauer des Strafverfahrens, das nicht besonders erhebliche Gewicht des Tatvorwurfs und Verfahrensgegenstandes einerseits und die beträchtlichen tatsächlichen, auf den Zeitablauf zurückzuführenden Beweisschwierigkeiten an- dererseits sowie aufgrund der Prozeßmängel in der ersten Instanz und der - durch die Strafvollstreckung und sie begleitende Zwangsmaßnahmen verstärkten

- Belastung des Angeklagten durch das Verfahren sah es das OLG als geboten an, das Verfahren einzustellen.

Andere Gerichte haben in der darauffolgenden Zeit ihnen vorliegende Sachver- halte immer wieder an den Kriterien des 3. Senats des BGH geprüft, jedoch jeweils die Auffassung vertreten, daß die "besonderen Umstände" des dortigen Falles nicht vorlägen 121.

11. Der Diskussionsstand in der Literatur

1. Zur Verfahrensdauer allgemein

In der Literatur wird die Diskussion um die überlange Verfahrensdauer vor allem von der Rechtstatsachenforschung bestimmt.

Nachdem der Gesetzgeber in der Begründung zum 1. StVRG 1974 122 und vor allem zum StV ÄG 1979 123 statistisches Material zur Dauer von Strafverfahren vorgelegt hatte, präsentierte 1981 RießI24 umfangreiche, neuere Daten. Einige aktuelle Zahlen veröffentlichte vor kurzem Caesar l25 . Älteres Datenmaterial findet sich bei Ritter 126 und bei Stein / Schumann / Winter 127. Bei diesen Statisti- ken ist zu beachten, daß sie nicht einmal Aussagen über korrelative Zusammen- hänge zwischen Verfahrensdauer und bestimmten Verfahrensereignissen zulas- sen 128. Rechtstatsächliche Untersuchungen, die solche Aussagen erlauben, haben

121 OLG Düsseldorf, MDR 1989, S.935; BayObLG, StV 1989, S.394; LG Köln, NStZ 1989, S. 442. So auch der 3. Strafsenat des BGH selbst (BGHSt 36, S. 363 <372». Das OLG Köln, StV 1991, S. 248 (249), hat neuerdings die Möglichkeit eines Verfahrens- hindernisses apodiktisch abgelehnt, ohne den BGH auch nur zu erwähnen. Das LG Berlin hat dagegen am 28. 1.1991 den sog. Schmücker-ProzeB (auch) wegen überlanger Verfahrensdauer unter Berufung auf den 3. BGH-Senat und den VorprüfungsausschuB des BVerfG eingestellt.

122 Begr. RegE 1. StVRG, BT-DrS 7/559, S. 35.

123 Begr. RegE StV ÄG 1979, BT-DrS 8/976, S. 73 ff.

124 RieB, FS Sarstedt, S. 271 ff.

125 Caesar, RuP 1990, S. 48.

126 Ritter, Der praktische Gang der Strafrechtspflege, S. 25 ff.

127 Stein / Schumann / Winter in: Der ProzeB der Kriminalisierung, S. 119 ff.

128 Vgl. RieB, FS Sarstedt, S. 272; Dahs, NJW 1974, S. 1542.

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

37

zwar Baumgärtel 129 , Erhard Blankenburg 130 und neuestens Rottleuthner / Rott- leuthner-Lutter 131 zur Dauer des Zivilprozesses und Ule 132 zur Dauer des Verwal- tungs- und Finanzprozesses vorgelegt; solche allgemeinen Untersuchungen fehlen jedoch bisher für das Strafverfahren.

Detaillierte Daten sind jedoch gelegentlich zu Teilbereichen veröffentlicht worden: Vor allem Berckhauer 133, Liebl 134 und Blankenburg / Sessar / Steffen 135 haben Material zur Dauer von Wirtschaftsstrafverfahren vorgelegt. Einige Daten zur Länge von NS-Strafverfahren ermittelten Oppitz 136 sowie Rückerl 137 . Bei Hertwig 138 sowie bei Meinberg 139 finden sich Angaben zum Verhältnis der Ein- stellung von Strafverfahren wegen Geringfügigkeit zur Verfahrensdauer. Hergen- röder legte 1986 empirisches Material zur Länge von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren vor 140. Bender / Heissler berichten über eine Untersuchung zur Dauer von Berufungsverfahren 141, Hanack untersuchte den Zeitablauf bei Zurückverweisung durch das Revisionsgericht 142.

Auch ohne statistische Grundlage wird in der Literatur häufig zu Ursachen überlanger Verfahrensdauer Stellung genommen: Während (auch) in der Rechts-

129 Baumgärtel / Mes, Rechtstatsachen zur Dauer des Zivilprozesses (erste Instanz); Baumgärtel / Hohmann, Rechtstatsachen zur Dauer des Zivilprozesses (zweite Instanz); Baumgärtel, JZ 1971, S. 441 ff. Vgl. auch Mes, AnwBI. 1970, S. 333 ff.; ZRP 1971, S. 90 ff.

130 Blankenburg / Blankenburg / Erlbruch / Feest, Die Dauer von Zivilprozessen erster Instanz vor dem Landgericht; Blankenburg / Morasch / Wolff in: Empirische Rechtsso- ziologie, S. 235 ff.; vgl. auch E. Blankenburg, ZRP 1986, S. 262 ff.

131 Rottleuthner / Rottleuthner-Lutter, Die Dauer von Gerichtsverfahren; DRiZ 1987,

S. 139 ff.; vgl. auch Rottleuthner-Lutter, Evaluation mit Hilfe der Box-Jenkins-Methode.

132 Die, Rechtstatsachen zur Dauer des Verwaltungs-(Finanz- )Prozesses.

133 Berckhauer, Die Strafverfolgung bei schweren Wirtschaftsdelikten, S. 248 ff.; For- schungsbericht über die Bundesweite Erfassung von Wirtschaftsstraftaten nach einheitli- chen Gesichtspunkten im Jahre 1974, S. 8 f.; 38 f.; 74 ff.; Berckhauer / Rada, Forschungs- bericht über die Bundesweite Erfassung von Wirtschaftsstraftaten nach einheitlichen Gesichtspunkten im Jahre 1975, S. 39 ff.; 86 ff. 134 Liebl, Die Bundesweite Erfassung von Wirtschaftsstraftaten nach einheitlichen Gesichtspunkten, S. 169 ff.; 327 ff.; 457 ff.; 588 ff.; Krim 1982, S.8; wistra 1983,

S. 85 ff.

135 Blankenburg / Sessar / Steffen, Die Staatsanwaltschaft im ProzeB strafrechtlicher Sozialkontrolle, S. 287 ff.

136 Oppitz, Strafverfahren und Strafvollstreckung bei NS-Gewaltverbrechen 2 , S. 63 ff.; 156 ff.

137 RückerI, NS-Verbrechen vor Gericht 2 , S. 273.

138 Hertwig, Die Einstellung des Strafverfahrens wegen Geringfügigkeit, S. 140 ff.

139 Meinberg, Geringfügigkeitseinstellungen von Wirtschaftsstrafsachen, S. 161 ff.

140 Hergenröder, Das staatsanwaltschaftliehe Verfahren, S. 102 ff. 14\ Bender / Heissler, ZRP 1978, S. 30 ff.; kritisch hierzu Helmken, ZRP 1978,

S. 133 ff.

142 Hanack, Aufhebung hessischer strafgerichtlicher Entscheidungen durch den Bun- desgerichtshof, S. 36 ff.

38 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

pflege Tätige vor allem auf Strukturen in StPO und GVG hinweisen 143, legen vornehmlich Strafrechtsdogmatiker zusätzliches Augenmerk auf Verkomplizie- rungen im materiellen Strafrecht (Wandel in Richtung Täterstrafrecht, Hinwen- dung zu subjektiven Tatbestandsmerkmalen) 144. Unter kriminologischen Ge- sichtspunkten wird auch auf einen Wandel in der Kriminalität (Professionalisie- rung) und in den gesellschaftlichen Auffassungen (Strafrechtsmüdigkeit) 145, in der Verteidigermentalität 146 sowie in der Belastung und Belastbarkeit der Strafver- folgungsbehörden 147 aufmerksam gemacht.

Neben diesen Aussagen zu Phänomenologie und Ätiologie ist das Thema der überlangen Dauer von Strafverfahren gelegentlich rechtsvergleichend betrachtet worden: Erwähnt sei die Freiburger Dissertation von Prochnow, der 1971 die deutschen Reformvorschläge mit dem österreichischen, schweizerischen und französischen Recht verglich 148. Daneben findet sich rechtsvergleichendes Mate- rial etwa bei Schwenk, der über das Recht auf alsbaldige und schnelle Verhandlung in den USA und Großbritannien berichtet 149. Kohlmann analysiert den Anspruch des Beschuldigten auf schnelle Durchführung des Ermittlungsverfahrens nach dem Recht der (ehemaligen) DDR ISO. Einen japanischen Fall überlanger Verfah- rensdauer beschreibt Nose 151; ein holländisches Strafverfahren erwähnt Peu- kert l52 • Umgekehrt haben 1984 Driendl 153 für das österreichische und Küng-

 

143

Vgl. etwa K. Peters in: Strafprozeß und Reform, S. 83 ff.; Michaelsen, Krim 1982,

S.

498 ff.; Kohlhaas, ZRP 1972, S. 7 ff.; Bode, DRiZ 1982, S. 454 ff.; Gössel, GA 1979,

S.

241 ff.; G. Schmidt, DRiZ 1971, S. 77 ff.; Sack, NJW 1976, S. 604 ff.; Keller / Schmid,

wistra 1984, S. 201 ff.; Dästner, RuP 1978, S. 219 ff.; v. Glasenapp, NJW 1982,

S.

1057 f.; Dahs, NJW 1974, S. 1542 f.

144

K. Peters in: Strafprozeß und Reform, S. 84 f.; Küng-Hofer, Beschleunigung,

S.

6 ff.; Rönnau, Die Absprache im Strafprozeß, S. 45; vgl. auch Kohlmann, FS Pfeiffer,

S.

206 ff.; Nestler-Tremel, DRiZ 1988, S.289; Schünemann, FS Pfeiffer, S. 173 f.;

Schroeder, NJW 1983, S. 137.

145 K. Peters in: Strafprozeß und Reform, S. 86 f.; Küng-Hofer, Beschleunigung, S. 10 ff.

146 Vgl. dazu etwa Gatzweiler, FG L. Koch, S. 93 ff.; Franzheim, GA 1990, S. 331 f.; Hanack, StV 1987, S. 500 ff.; Terhorst, DRiZ 1988, S. 298; Nestler-Tremel, DRiZ 1988, S.289; Kintzi, JR 1990, S. 313; Römer, FS Schmidt-Leichner, S. 143 ff.; Wolfs last, NStZ 1990, S. 410; Caesar, RuP 1990, S. 46.

147 Vgl. etwa Rönnau, Die Absprache im Strafprozeß, S. 42 ff.; K. Peters in: Strafpro- zeß und Reform, S. 88 f.

148 Prochnow, Die Beschleunigung des Strafverfahrens in rechtsvergleichender Be-

trachtung.

149 Schwenk, ZStW 79 (1967), S. 726 ff.; vgl. auch Küng-Hofer, Beschleunigung,

S. 97 ff.; Nose, ZStW 82 (1970), S. 792 Fn. 28; Vollkommer, ZZP 81 (1968), S. 106;

Adam, DRiZ 1974, S. 261 f. ISO Kohlmann, FS Maurach, S. 512 ff.; ZRP 1972, S. 212 f.

151 Nose, ZStW 82 (1970), S. 790 f. In einem anderen asiatischen Staat, Indien, soll

1990 das längste Strafverfahren nach 33 Jahren eingestellt worden sein (Weser-Kurier

v. 21.12.1990, S. 16).

152 Peukert, EuGRZ 1979, S. 264 Fn. 19. 153 Driendl, Verfahrensökonomie und Strafprozeßreform.

A. Entwicklung zur heute herrschenden Meinung

39

Hofer 154 für das schweizerische Recht Untersuchungen vorgelegt, die rechtsver- gleichend die deutsche Rechtslage mit herangezogen haben.

Alle diese Untersuchungen stehen mit der Frage der Rechtsfolgen überlanger Verfahrensdauer nur in indirektem Zusammenhang, da man aus ihnen am ehesten etwas zur Verfahrensbeschleunigung de lege ferenda, weniger zur rechtlichen Reaktion de lege lata ableiten kann, zu der sich die meisten Autoren allenfalls am Rande geäußert haben.

2. Zu den Rechtsfolgen überlanger Verfahrensdauer

In der Literatur zu den Rechtsfolgen überlanger Verfahrensdauer hat sich, jedenfalls im Anschluß an den Beschluß des Vorprüfungsausschusses des B VerfG von 1983, die Auffassung durchgesetzt 155, daß in Fällen krassester Verzögerung Verfahrensbeendigung eintreten müßte 156. So hat etwa C laus Roxin von "extrem gelagerten Fällen, bei denen eine überlange Verfahrensdauer hauptsächlich auf justizinternen Unzulänglichkeiten beruht", gesprochen 157. Für Karl Peters ist ein Verfahrenshindernis notwendig bei übermäßiger Verfahrensdauer, die zu einem unmenschlichen Verfahren führen kann, "namentlich wenn sie von Justizbehör- den zu vertreten ist" 158. Rogall nennt erhebliche Verfahrensverzögerungen "durch gravierende Versäumnisse der Strafverfolgungsbehörden" 159. Auch für Kühne, Hillenkamp und Imme Roxin ist die Einstellung in "Extremfällen" von Verfahrens- verzögerungen geboten 160.

In den Jahren davor hat die Strafrechtswissenschaft ähnliches nur gelegentlich anklingen lassen: Bruns etwa sprach von "extrem krassen Fällen" 161, Kramer von "seltensten Ausnahmen", von "ganz besonderen, geradezu einmaligen Um- ständen" 162, unter denen ein Verfahrenshindernis einmal in Betracht kommt. Ansonsten war in der Literatur zunehmend die Tendenz zu beobachten, von der Einstellungslösung weg zur Strafzumessungslösung des BGH zu wechseln. Ent- gegen Michael 163 war das Problem zu dieser Zeit nicht in Richtung Einstellung "in Fluß".

154 Küng-Hofer, Beschleunigung; siehe dazu Scheffler, MschrKrim 68 (1985), S. 67 f.

155 Dagegen aber noch Kleinknecht/Meyer, StP039, Art. 6 MRK Rn. 9; wohl auch Krey, Strafverfahrensrecht I, Rn. 126; II, Rn. 587. Vgl. auch Kohlmann, FS Pfeiffer, S. 211; G. Schäfer, Die Praxis des Strafverfahrens', § 11 III 3.

156

So auch Neumann, ZStW 101 (1989), S. 74.

157

C. Roxin, Strafverfahrensrecht 20 , § 16 C.

158

K. Peters, Strafprozeß" § 28 IV 6.

159

Rogall in SK StPO, vor § 133 Rn. 120.

160 Kühne, Strafprozeßlehre 3 , Rn. 128.1; Hillenkamp, NJW 1989, S.2845; 2848; 1. Roxin, Rechtsfolgen, S. 268.

161 Bmns, FS Maurach, S. 472; wohl auch Leitfaden des StrafzumessungsrechtsI, S. 154; ähnlich Priebe, FS v. Simson, S. 309.

162 Kramer, Menschenrechtskonvention, S. 198.

40 1. Kap.: Überblick über den Forschungsstand

Die frühesten Erörterungen des Themas in der Literatur in den sechziger Jahren durch Baumann 164 und Schwenk 165 gingen dagegen sogar noch davon aus, daß jede überlange Verfahrensdauer verfahrensbeendende Wirkung haben könnte. Dem trat Hanack 1971 - praktisch zeitgleich mit der Grundsatzentscheidung des 2. Senats des BGH, mit der dieser die Strafzumessungslösung konstituierte

- entgegen 166: In ausführlicher Auseinandersetzung mit den Urteilen der Landge- richte Frankfurt und Krefeld verneinte er die Möglichkeit eines Prozeßhindernis- ses des überlangen Strafverfahrens. Nunmehr war auch in der Literatur die Einstellungslösung auf dem Rückzug l67 . Lediglich v. Stackelberg war 1979 in einigen kurzen, wenig auf Differenzierung angelegten Bemerkungen noch so zu verstehen, als schriebe er der Verletzung des Beschleunigungsprinzips grundsätz- lich verfahrensbeendende Wirkung zu 168. Eine Mittelposition nahmen Hillenkamp und Ulsenheimer ein, die ein Verfahrenshindernis bei "gravierenden Verstößen" bejahten 169.

Ansonsten wurde die Einstellungslösung - weder allgemein noch bezogen auf schwere, noch auf schwerste Fälle - im Spezialschrifttum praktisch nicht mehr vertreten 170. Die Kommentar- und Lehrbuchliteratur schloß sich dem BGH sogar nahezu geschlossen an 171. Symptomatisch war etwa der Wandel von Karl Peters und Kleinknecht. Während Karl Peters noch Ende der siebziger Jahre die Annahme eines Prozeßhindernisses für "richtig" bei einer "eindeutigen" Verfah- rensverzögerung hielt und die Entscheidung des 2. Strafsenats des BGH kritisier- te 172, hielt er 1981 dessen Weg nur in Ausnahmefällen nicht für hinreichend 173. Auch Kleinknecht formulierte 1971 in der 30. Aufl. seines Kommentars noch unter Hinweis auf das LG Frankfurt, bei insgesamt unerträglicher Verletzung des Beschleunigungsgebots käme die Unzulässigkeit des Verfahrens in Be- tracht 174, während er dann in der 31. Aufl. von 1974 nur noch ausführte, daß auch die starke Verletzung des Beschleunigungsgebots keine verfahrensbeenden- de Wirkung habe 175.

163 Michael, Der Grundsatz in dubio pro reo im Strafverfahrensrecht, S. 172.

164 Baumann, FS Eb. Schmidt, S. 540 f.

165 Schwen