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WENIGER STRESS, MEHR ERFOLG

"Wir müssen lernen, Pausen zu machen"

Schlafmangel und Überlastung gelten als Statussymbole für Menschen in anspruchsvollen


Berufen. Doch wer Erholung einplant, ist leistungsfähiger. Zeit für ein wenig Ruhe, mahnt der
Wissenschaftsphilosoph Alex Soojung-Kim Pang.

Die heutige Welt bewegt sich zu schnell, als dass wir uns einmal ausruhen könnten. Die globale
Wirtschaft läuft rund um die Uhr. Innovationen ereignen sich in halsbrecherischem Tempo,
unermüdlicher Einsatz scheint Voraussetzung zu sein für Erfolg.

Wir sind immer auf Draht und permanent vernetzt. Überarbeitung gilt als Statussymbol; mehr
noch: Wir betrachten das Bedürfnis nach Ferien sogar als Schwäche. Aber einige der
kreativsten, produktivsten und leistungsstärksten Menschen der Welt sind zu der Einsicht
gelangt, dass diese Einstellung kontraproduktiv ist. Viele hochrangige Wissenschaftler, Künstler
und Schriftsteller arbeiten viel weniger Stunden als die meisten von uns – schaffen aber
dennoch beeindruckende Werke. Topathleten wissen, dass sie schneller sein können als die
Konkurrenz, wenn sie sich ausreichend Ruhe gönnen. Piloten und Matrosen achten darauf,
Schlafdefizite zu vermeiden, um aufmerksam zu bleiben. Sie alle widerstehen dem
Sirenengesang der Überarbeitung. Sie finden Wege, Arbeit und Ruhe in Einklang zu bringen.
Offenbar wissen diese Menschen genau, wie wichtig es ist, Pausen einzulegen.

Ein kreativer Kopf braucht Zeit, um Ideen zu vertiefen

Der Psychologe Anders Ericsson vertritt den Standpunkt, dass Musikschüler von Weltklasse sich
vor allem deswegen vom Durchschnitt abheben, weil sie sehr viel und ausdauernd üben:
hochkonzentrierte, hochintensive Sitzungen von mehreren Stunden am Tag. Ich bin der Ansicht:
Das Geheimnis ihres Erfolgs liegt mindestens ebenso sehr in den Pausen. Die Ruhezeiten geben
den Musikern die Möglichkeit, ihre Batterien aufzuladen – sowohl mental als auch körperlich.
Kreative Geister brauchen Zeit, um Ideen zu vertiefen und neue zu entwickeln.

Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass das Hirn nicht abschaltet, wenn wir uns
entspannen. Zwar fahren jene Gehirnnetzwerke herunter, die für Aufmerksamkeit zuständig
sind. Dafür aber wird das Ruhezustandsnetzwerk aktiv. Dieses Netzwerk eignet sich
hervorragend dazu, Fakten abzurufen sich die Zukunft vorzustellen und neue Verbindungen zu
knüpfen. Viele kreative Menschen haben festgestellt, dass dieser Ruhezustandsmodus auch bei
Spaziergängen oder beim Fitnesstraining funktioniert. Gerade der Wechsel zwischen Stunden
fokussierter Arbeit – genug, um tief in ein Problem einzutauchen, ohne sich dabei
überzustrapazieren – und bewusster Ruhe ermöglicht es kreativen Köpfen, weiter an
Problemen zu arbeiten, während sie ihre bewusste Aufmerksamkeit entspannen.
Es kann Jahre dauern, bis man diese Art der bewussten Ruhe meistert. Manche Menschen
schaffen dies erst im mittleren Lebensalter; aber es lohnt sich. Die bewusste Ruhe lässt
schneller bessere Ideen entstehen. Sie hilft uns, ein ausgeglicheneres Leben zu führen. Im
Gegensatz zu hektischen Überstunden, die doch zu nichts anderem als Erschöpfung führen,
können gezielte Pausen helfen, einen auf lange Sicht produktiveren Arbeitsstil zu erlernen. Die
bewusste Ruhe hilft auch, länger ein kreativeres Leben zu führen: Viele Menschen, die bewusst
ruhen, arbeiten bis in ihre Achtziger und Neunziger.

Schon eine kurze Rast erhöht die Wachsamkeit

Wissenschaftler haben entdeckt, dass das Gehirn im Schlaf die Erinnerungen des Tages
verarbeitet und toxische Proteine abbaut, die mit Demenz in Verbindung gebracht werden.
Schon ein kurzes Nickerchen kann Energie und Wachsamkeit steigern. Etliche Athleten, Ärzte,
Piloten und Soldaten nutzen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse. In früheren Zeiten galt
ihnen Schlafentzug als berufliche Notwendigkeit oder als ein Zeichen der Stärke.

Doch mittlerweile wissen sie: Der Lohn eines gezielten Nickerchens sind erhöhte Wachsamkeit,
kürzere Reaktionszeiten, bessere Reflexe und klügere Entscheidungen. Erstaunlich ist auch, wie
viele ehrgeizige und hart arbeitende Menschen Hobbys nachgehen, die zeitaufwendig,
körperlich anstrengend und sogar gefährlich sind. Sie geben sich etwas hin, das ich „Deep play“
nenne – tiefes Spiel, Versunkensein im Spielemodus. Aktivitäten, die psychisch und körperlich
herausfordernd sind, bieten dabei ähnliche Befriedigung wie die Arbeit, aber in einem anderen
Kontext. Viele Forscher sagen beispielsweise, Sportklettern habe große Ähnlichkeit mit
wissenschaftlicher Arbeit: Am Fels ebenso wie im Labor kommt es darauf an, große Probleme in
viele kleinere Teile aufzubrechen und sich dabei total zu konzentrieren.

Wer Ruhezeiten zu nutzen lernt, hat mehr vom Leben

Darüber hinaus regt Klettern das Belohnungszentrum an, bringt einen ins Freie und lockt mit
dem Kitzel gefährlicher Herausforderungen – etwas, das das Labor nicht bieten kann. Wir
sollten unsere Grundannahmen über die Natur der Ruhe und die Beziehung zwischen Ruhe und
Arbeit überdenken. Die wertvollsten Arten von Ruhe sind nicht passiv, sondern aktiv: Eine
Stunde im Fitnessstudio gibt uns mehr Energie als eine Stunde auf der Couch. Pausen sind
etwas Natürliches; sie richtig einzusetzen ist aber auch eine zu trainierende Fähigkeit.

So wie Sänger lernen, ihre Atmung bewusst einzusetzen, um ihre Stimme zu unterstützen,
können wir alle lernen, Ruhe zu nutzen, um mehr kreative Tage zu erleben und mehr vom
Leben zu haben. Es ist an der Zeit, Arbeit und Ruhe als Partner und nicht als Konkurrenten zu
sehen. Erst im harmonischen Zusammenspiel können sie uns helfen, ein längeres, produktiveres
und glücklicheres Leben zu führen.