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Reinhard Mehring

Carl Schmitt:
Denker im
Widerstreit
Werk –
Wirkung –
Aktualität

VERLAG KARL ALBER B


VERLAG KARL ALBER A
Carl Schmitt (1888–1985) ist als Theoretiker des Ausnahmezustands
heute wieder ein Autor der Stunde: Kein anderer Jurist des 20. Jahr-
hunderts analysierte die Erosionen und Transformationen liberalde-
mokratischer Verfassungen in präsidiale, autoritäre und diktatorische
Regimes so scharfsinnig und wirkmächtig. Er war zwar ein gefähr-
licher Mineur der Weimarer Verfassung und »Kronjurist« des Natio-
nalsozialismus, wirkte aber auch nach 1945 noch als brillanter Kopf
und ingeniöser Anreger. Die folgende Sammlung bündelt einige –
meist stark überarbeitete – neuere Studien zum Werk, zur Wirkung
und Aktualität auf der Grundlage des Nachlasses und der zahlreichen
neueren Editionen. Sie erschließt die Entwicklungsgeschichte des
Werkes, Schmitts ausgeprägte Selbstdeutungen sowie die intensiven
Korrespondenzen und Auseinandersetzungen mit engen Weggefähr-
ten und Schülern: mit Ernst Rudolf Huber, Arnold Gehlen, Joachim
Ritter, Reinhart Koselleck, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Hans Blu-
menberg und anderen mehr. Die Sammlung endet mit drei Studien
zur Aktualität Carl Schmitts in der »außergewöhnlichen Situation«
(Kanzlerin Merkel) unserer Tage.

Der Autor:
Reinhard Mehring ist Professor für Politikwissenschaft und deren
Didaktik an der PH Heidelberg. Er publizierte neben anderen Mono-
graphien auch zahlreiche Schriften zu Carl Schmitt, u. a.: Carl
Schmitt. Aufstieg und Fall. Eine Biographie, Beck-Verlag, München
2009; Carl Schmitt zur Einführung, Junius-Verlag, 5. Aufl. Hamburg
2017.
Reinhard Mehring
Carl Schmitt:
Denker im Widerstreit

Verlag Karl Alber Freiburg / München


Reinhard Mehring

Carl Schmitt:
Denker im Widerstreit
Werk – Wirkung – Aktualität

Verlag Karl Alber Freiburg / München


Originalausgabe

© VERLAG KARL ALBER


in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München 2017
Alle Rechte vorbehalten
www.verlag-alber.de

Umschlagmotiv: Carl Schmitt © Carl-Schmitt-Gesellschaft e. V.

Satz und PDF-E-Book: SatzWeise GmbH, Trier


Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN (Buch) 978-3-495-48897-3


ISBN (PDF-E-Book) 978-3-495-81348-5
Carl Schmitt: Denker im Widerstreit.
Werk – Wirkung – Aktualität

Die Optik des Ausnahmezustands ist heute in Kerneuropa weit ver-


breitet. Mancherlei Krisen-Komposita lassen sich dafür listen: Terro-
rismus, Eurokrise, Finanzkrise und Bankenkrise, Flüchtlingskrise,
Brexit-Begehren und anderes mehr. Carl Schmitt (1888–1985) er-
scheint da wieder einmal als ein Autor der Stunde: als Theoretiker
des Ausnahmezustands und der Erosionen und Transformationen li-
beraldemokratischer Verfassungen in präsidiale, autoritäre und dikta-
torische Regimes. Er gilt zwar als »gefährlicher Geist«, war aber auch
ein brillanter Kopf und ingeniöser Anreger.
Die folgende Sammlung bündelt einige – teils stark überarbeite-
te, erweiterte und gekürzte – neuere Studien zum Werk und zur Wir-
kungsgeschichte. Solche Aufsatzsammlungen sind ein heikles Genre.
Carl Schmitt hat dazu in unterschiedlichen Lagen seines Werkes zwei
starke Muster publiziert; beide verfolgten politische Tendenzen: Die
Sammlung Positionen und Begriffe, unmittelbar vor Kriegsausbruch
auf den 20. August 1939 datiert, dokumentierte mit nationalsozialis-
tischem Vorzeichen einen positionell entschiedenen, kontinuierlichen
Kampf mit Weimar – Genf – Versailles. 1 Die Sammlung Verfassungs-
rechtliche Aufsätze, von 1958, bezeichnete sich als »Dokumente zum
Schicksal der Weimarer Verfassung« (VRA 7) und Materialien zu
einer Verfassungslehre. Deren apologetische Tendenz kam schon in
der Widmung an den »letzten preußischen Finanzminister« Johannes
Popitz zum Ausdruck, den Schmitt mit seinem Todesdatum als Wi-
derstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus erinnerte, ohne
dessen vorgängige Option für Hitler zu erwähnen. Während die
Sammlung von 1940 die nationalsozialistische Tendenz von Schmitts
»Positionen und Begriffen« herausstellte, betonte die Sammlung von
1958 ein Ringen um den Erhalt der »Substanz« der Weimarer Ver-

1 Dazu prägnant vgl. Helmut Quaritsch, Positionen und Begriffe Carl Schmitts, Ber-
lin 1989

7
Carl Schmitt: Denker im Widerstreit. Werk – Wirkung – Aktualität

fassung. Im Vorwort der Positionen und Begriffe problematisierte


Schmitt selbst die heikle Form gebündelter Wiederveröffentlichun-
gen. Dort schreibt er:
»Nach langer Arbeit in meinem Fach kenne ich viele Vorreden aller Art.
Darunter sind manche, in denen der Autor versucht, nahe- oder fern lie-
gende Bedenken vorwegzunehmen und allen möglichen törichten oder bös-
artigen Unterstellungen durch gute und ehrliche Worte zuvorzukommen.
Solche Autoren hoffen, einer spezifischen Berufsgefahr, den ›Geschossen
der Verleumdung‹, den ›tela calumniae‹, zu entgehen. Aber auch den Besten
und Klügsten unter ihnen ist das nicht gelungen. Darum will ich mich nicht
damit aufhalten. Doch grüße ich jeden echten Gegner, und vor keinem wei-
che ich aus, der sich mir auf dem Wege der wissenschaftlichen Wahrheit
stellt. Möge also jeder nach seinem Sinn sich dieses bequemen Zugangs zu
meinen Reden und Aufsätzen bedienen. ›Willkommen, gut und bös!‹«
(PB 5)

Solche starken Worte rechtfertigen nicht die folgende schlichte


Sammlung überarbeiteter Aufsätze, obgleich auch Schmitt-For-
schung eigentümlich politisiert ist, sondern sie erklären nur die Rede
vom »Denker im Widerstreit«. Sie ist zwar so geläufig, dass sie auf
Anhieb fast abgeschmackt klingt, bezeichnet aber die Linie und Rich-
tung der folgenden Studien doch treffend: Rezeptionsgeschichten, die
nicht eingleisig und unproblematisch sein konnten, sondern frucht-
bare Prozesse intellektueller Auseinandersetzungen und Transforma-
tionen wurden. Auch Schmitt lag aber mit sich selbst oft im Streit.
Den ständigen Fluss seiner Positionen und Begriffe sprach er selbst
im Vorwort von 1940 unter Berufung auf Heraklit an. Die Diskurse,
die hier rekonstruiert werden, haben auch sein Denken verändert.
Auch Schmitt hat von den Auseinandersetzungen seiner Schüler ge-
lernt. Die folgenden ersten Teile versammeln Studien zur Entwick-
lungsgeschichte und Selbstdeutung des Werkes. Die letzten beiden
beschreiben intellektuell anspruchsvolle Wirkungsgeschichten sowie
rohe Aktualisierungen.
Erörtert werden hier nur intellektuell bedeutsame Diskurse und
Transformationen. Man kann andere Wirkungsgeschichten schreiben
und Schmitt in die Geschichte des Öffentlichen Rechts, Rechtsintel-
lektualismus und europäischen Faschismus oder auch des antilibera-
len und extremistischen Denkens der Zwischenkriegszeit stellen. Das
alles ist interessant und geschieht auch. Mein Fokus ist enger und
philologisch strikter: Die Studien erschließen den Quellenbestand,
der seit den 90er Jahren durch die Öffnung des Nachlasses und zahl-

8
Carl Schmitt: Denker im Widerstreit. Werk – Wirkung – Aktualität

reiche neuere Editionen gegeben ist. Diese konzentrierte Arbeit an


den Primärquellen vernachlässigt die Verweise auf die Sekundär-
literatur etwas, die ich aber extensiv rezensiert habe. Mir stellt sich
die Forschungsdynamik 2 in vereinfachter Linie etwa folgendermaßen
dar:
Karl Löwiths These 3 vom »okkasionellen« Opportunismus und
Dezisionismus wirkte nach 1945 stark: insbesondere auf die Pionier-
arbeiten von Christian v. Krockow 4 und Hasso Hofmann. 5 Hofmann
nahm Schmitts Werk dabei von der Legitimitätsfrage her erneut auch
als rechtsphilosophische Problemgeschichte ernst. Ingeborg Maus 6
kritisierte es dann demokratietheoretisch. Nach Schmitts Tod, 1985,
begann parallel zur Öffnung des Nachlasses und andauernden edito-
rischen Ausweitung des Quellenbestands ein globaler und inter-
disziplinärer Hype um Schmitt als »geisteswissenschaftlicher« Meis-
terdenker des 20. Jahrhunderts. Vereinfachenden dogmatischen
Rekonstruktionen der »Politischen Theologie« 7 – oft oberhalb und
jenseits konfessioneller Fragen 8 angesiedelt – stellte Helmut Qua-

2
Der »deutsche« Fokus ergibt sich schon durch das Kriterium der Quellenarbeit am
Nachlass Carl Schmitts im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen. Abteilung Rheinland.
Standort Duisburg (früher Düsseldorf).
3 Karl Löwith, Politischer Dezisionismus, in: Internationale Zeitschrift für Theorie

des Rechts 9 (1935), 101–123


4 Christian von Krockow, Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst Jünger,

Carl Schmitt und Martin Heidegger, Stuttgart 1958; neuere geistesgeschichtliche Ein-
ordnung von Taubes angeregt: Norbert Bolz, Auszug aus der entzauberten Welt. Phi-
losophischer Extremismus zwischen den Weltkriegen, München 1989
5 Hasso Hofmann, Legitimität gegen Legalität. Der Weg der politischen Philosophie

Carl Schmitts, Neuwied 1964


6 Ingeborg Maus, Bürgerliche Rechtstheorie und Faschismus. Zur sozialen Funktion

und politischen Wirkung Carl Schmitts, München 1976; Über Volkssouveränität. Ele-
mente einer Demokratietheorie, Berlin 2011
7
Heinrich Meier, Carl Schmitt, Leo Strauss und Der Begriff des Politischen. Zu
einem Dialog unter Abwesenden, Stuttgart 1988; Die Lehre Carl Schmitts. Vier Ka-
pitel zur Unterscheidung Politischer Theologie und Politischer Philosophie, Stuttgart
1994
8 Starke Relativierung von Schmitts »Katholizismus« schon bei Manfred Dahl-

heimer, Carl Schmitt und der deutsche Katholizismus 1888–1936, Paderborn 1998;
vgl. Mathias Eichhorn, ›Es wird regiert!‹ Der Staat im Denken Karl Barths und Carl
Schmitts, Berlin 1994; Ruth Groh, Arbeit an der Heillosigkeit der Welt. Zur politisch-
theologischen Mythologie und Anthropologie Carl Schmitts, Frankfurt 1998; frucht-
bar ist auch die Frage nach Schmitts Verhältnis zum orthodoxen Christentum: dazu
etwa Dimitrios Kisoudis, Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche,
Marburg 2007

9
Carl Schmitt: Denker im Widerstreit. Werk – Wirkung – Aktualität

ritsch 9 dabei die fruchtbare These von einer »vierfachen« und konfli-
gierenden Prägung – durch Katholizismus und Ästhetizismus, Natio-
nalismus und Etatismus – entgegen. Bernd Rüthers 10 profilierte
Schmitt als »Kronjurist« innerhalb der polykratischen NS-Jurispru-
denz. Der Antisemitismus, im vollen Umfang erst durch die Publika-
tion des Glossariums 1991 bekannt geworden, wurde dann zu einem
zentralen Aspekt. 11 Michael Stolleis 12 publizierte seine umfassende
Historisierung des öffentlichen Rechts, die die zentrale Rolle und
starke Wirkungsgeschichte Schmitts bestätigte.
Mit der Öffnung des Nachlasses stellte sich die Frage nach der
Akteursperspektive neu. Schmitts politisch-praktischer und interven-
tionistischer Auffassung seines Werkes, seinem Primat der Teilneh-
merperspektive folgend, kam diese Entdeckung des Akteurs einem
umstürzenden Perzeptionswandel gleich: Schmitt erschien nun pri-
mär als Akteur. Seit den 90er Jahren wurde hier vor allem die Apolo-
gie des Präsidialsystems diskutiert: Diente sie dem Erhalt der »Sub-
stanz« Weimars und der Abwehr des Nationalsozialismus? Stimmte
Schmitts Mythos vom »Aufhalter«? Die Pionierarbeit von Andreas
Koenen 13 betonte die Orientierung an der Kanzlerschaft Franz v. Pa-
pens; andere sahen Schmitt mehr als Anwalt Kurt v. Schleichers. 14
Nach Publikation der Tagebücher lässt sich heute deutlicher zwischen
dem advokatorischen Engagement und dem politischen Wollen unter-
scheiden. Die Akteursrolle im Nationalsozialismus vor und nach 1936

9 Helmut Quaritsch, Positionen und Begriffe Carl Schmitts, Berlin 1989


10 Bernd Rüthers, Entartetes Recht. Rechtslehren und Kronjuristen im Dritten Reich,
München 1988; Carl Schmitt im Dritten Reich. Wissenschaft als Zeitgeist-Verstär-
kung?, München 1989
11 Dazu vgl. Raphael Gross, Carl Schmitt und die Juden. Eine deutsche Rechtslehre,

Frankfurt 2000
12
Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland. Dritter Band:
1914–1945, München 1999; Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland. Vier-
ter Band: 1945–1990, München 2012; vgl. auch Anna-Maria v. Lösch, Der nackte
Geist. Die juristische Fakultät der Berliner Universität im Umbruch von 1933, Tübin-
gen 1999
13 Andreas Koenen, Der Fall Carl Schmitts. Sein Aufstieg zum ›Kronjuristen des Drit-

ten Reiches‹, Darmstadt 1995


14 So Lutz Berthold, Carl Schmitt und der Staatsnotstandsplan am Ende der Weima-

rer Republik, Berlin 1999; Gabriel Seiberth, Anwalt des Reiches. Carl Schmitt und der
Prozess ›Preußen contra Reich‹ vor dem Staatsgerichtshof, Berlin 2001; vgl. auch Dirk
Blasius, Carl Schmitt und der 30. Januar 1933. Studien zu Carl Schmitt, Frankfurt
2009; ders., Carl Schmitt. Preußischer Staatsrat in Hitlers Reich, Göttingen 2001

10
Carl Schmitt: Denker im Widerstreit. Werk – Wirkung – Aktualität

ist aber in vielen Fragen – schon aufgrund der schwierigen Quellen-


lage – noch nicht tiefenscharf ausgeleuchtet.
Dirk van Laak 15 präsentierte die »liberale« und akademische
Wirkungsgeschichte Schmitts in der »frühen« Bundesrepublik erst-
mals auf der Grundlage des Nachlasses; er zeigte die Netzwerkarbeit
eindrucksvoll vor. Meine vorliegenden Studien knüpfen hier an und
rekonstruieren den akademischen Output eingehender. Selbst
Schmitts labyrinthischer Nachlass ist nicht unerschöpflich: Das Werk
liegt heute in den Schriften, Tagebüchern und Korrespondenzen eini-
germaßen übersichtlich und vollständig vor. Zwar sind einige wichti-
ge Korrespondenzen – etwa mit Nachkriegsschülern wie Koselleck,
Schnur und Böckenförde – noch nicht publiziert; seit Schmitts Tod
1985 hat sich die Quellenlage aber geradezu vervielfacht. Die For-
schung ist damit inzwischen von dogmatischen Rekonstruktionen
zur tiefenscharfen – mit Schmitt gesprochen: »konkreten« – Histori-
sierung des Werkes fortgeschritten. 16 Es zeichnet sich heute deshalb
auch eine Rückwendung zur theoretischen Auseinandersetzung 17
und – mit Agamben und Mouffe etwas freischwebenden – politischen
Aktualisierung 18 ab. Vor der Aktualisierung steht aber die strikte His-
torisierung Schmitts als Autor der »Zwischenkriegszeit« oder des
»zweiten dreißigjährigen Krieges«, wie gelegentlich betont wird.
Schmitt wollte kein transhistorischer »Klassiker« sein und histori-
sierte mit dem Staatsbegriff noch die Kernposition seines »Etatis-
mus«. Mit seinem exzentrischen Leben und Werk ist er uns heute
denkbar fern und fremd. Die Originalität und Schärfe, Radikalität
und Klarheit seines Denkens aber erkannten selbst seine stärksten
Gegner und Antipoden an. Er beeindruckte seine Mitwelt und wirkte
als akademischer Lehrer nachhaltig. Meiner Einführung und his-

15 Dirk van Laak, Gespräche in der Sicherheit des Schweigens. Carl Schmitt in der
politischen Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik, Berlin 1993; vgl. auch Timo
Frasch, Zwischen Selbstinszenierung und Rezeption. Carl Schmitts Ort in der Bun-
desrepublik Deutschland, Bonn 2006; Jan Werner Müller, Ein gefährlicher Geist. Carl
Schmitts Wirkung in Europa, Darmstadt 2007
16 Dazu als Zwischenfazit Verf., Rekonstruktion und Historisierung. Zur neueren

Carl Schmitt-Forschung, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 49 (2001), 1000–


1011
17
Dazu etwa Volker Neumann, Carl Schmitt als Jurist, Tübingen 2015
18 Rüdiger Voigt, Denken in Widersprüchen. Carl Schmitt wider den Zeitgeist,

Baden-Baden 2015

11
Carl Schmitt: Denker im Widerstreit. Werk – Wirkung – Aktualität

torisch-biographischen Gesamteinschätzung stelle ich deshalb die fol-


gende Sammlung wirkungsgeschichtlicher Studien zur Seite. 19
Seit nun schon drei Jahrzehnten bin ich an der Edition und Inter-
pretation, Kontextualisierung und Historisierung des Quellenbestan-
des intensiv beteiligt. Zahlreiche Weggefährten, Schüler und Kritiker
sind mir dabei begegnet: so Ernst Rudolf Huber, Ernst-Wolfgang Bö-
ckenförde und Hermann Lübbe, Hasso Hofmann, Bernd Rüthers, In-
geborg Maus und Michael Stolleis. Wilhelm Hennis und Hasso Hof-
mann, Hans Boldt und Herfried Münkler verdanke ich die nähere
akademische Förderung meiner Schmitt-Studien. Fast alle folgenden
Texte entstanden nach Anfragen als Vorträge oder Aufsätze. Schon
deshalb wären weitere Anreger zu nennen. Oft war ich auch zu Vor-
trägen unterwegs und konnte mich – von New York bis Tokio – von
der globalen Wirkung Schmitts überzeugen. Von den vielen Ge-
sprächspartnern, mit denen ich häufiger über Schmitt sprach, nenne
ich hier aber nur Dirk van Laak für die frühen 90er Jahre und Ernst
Hüsmert und Gerd Giesler für die 2000er Jahre.
Wenn ich meine fortdauernde und beharrliche Auseinanderset-
zung mit Carl Schmitt rechtfertigen soll, so tue ich es, trotz der In-
kongruenz des Vergleichs, gerne mit Worten von 1856, von Karl Ro-
senkranz:
»Ich bin mir in meiner Sympathie einer sehr sachlichen Nüchternheit be-
wusst, die nicht geneigt ist, im Dunst von Illusionen zu schwelgen. Meine
Begeisterung gehört nicht zu jener weichlichen Art, die nur im Jauchzen
dumpfen Erstaunens sich gefällt und von der Macht und Schönheit ihres
Gegenstandes nicht sowohl erbauet, als berauscht wird. Ich fürchte mich
nicht, Flecken in meiner Sonne zu entdecken.« 20
An spekulativen Filiationen und kühnen Theorierekursen herrscht
kein Mangel. Die vorliegende Sammlung will Schmitt-Forschung da-
gegen historisch-philologisch rekonstruktiv, exakt und eng fassen. Sie
führt an die Schwelle theoretischer Fragen, ohne sich vom Buch-
staben zu lösen und systematische Geltungsansprüche zu stellen.
Der Leser sollte für diese speziellen Forschungen mit Schmitts Werk

19 Für meine Gesamtsicht: Carl Schmitt zur Einführung, 1992, 5. überarb. Aufl.
Hamburg 2017; Carl Schmitt. Aufstieg und Fall. Eine Biographie, München 2009;
Kriegstechniker des Begriffs. Biographische Studien zu Carl Schmitt, Tübingen 2014;
im Text wird auf weitere Arbeiten verwiesen.
20 Karl Rosenkranz, Goethe und seine Werke, 2. Aufl. Königsberg 1856, VIII (Vor-

wort)

12
Carl Schmitt: Denker im Widerstreit. Werk – Wirkung – Aktualität

und dessen Kontexten schon einigermaßen vertraut sein, auch wenn


die folgenden Studien um der Lesbarkeit willen von manchem Detail-
verweis entlastet wurden.

Heidelberg, im Oktober 2016

13
Gliederung

Teil I: Positionen

I. Der Apologet als Mineur. Carl Schmitts agonale Ideen-


geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

II. Der Bürger als Picaro. Die antibürgerliche Selbstdarstel-


lung Carl Schmitts im Tagebuch . . . . . . . . . . . . 44

III. Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«.


Schmitts Schrift Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen
Parlamentarismus (1923/26) . . . . . . . . . . . . . . . 57

IV. Carl Schmitt und Hegel. Romantikkritik und bürgerliche


Verfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70

V. Vom Staatsrat zum Führerrat? Carl Schmitts Staatsrat-


Projekt von 1933 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80

VI. »Die Waffen sind das Wesen der Kämpfer selbst«.


Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt . . . . . . 98

Teil II: Selbstbespiegelungen

VII. René Königs Machiavelli-Identifikation . . . . . . . . . 109

VIII. Utopiker der Intellektuellenherrschaft: Karl Mannheim


und Carl Schmitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

IX. Das Lachen der Besiegten. Carl Schmitt und Gelimer . . 130

15
Gliederung

X. Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung . . . . . . . . . . . . 139

Teil III: Wechselwirkungen

XI. »Steine als Geschenk«. Ernst Rudolf Hubers verfassungs-


theoretische Revision von Schmitts »Dezisionismus« . . 151

XII. Anthropologische Fundamentierung? Arnold Gehlens


objektivistische Wendung der Sozialphilosophie . . . . 182

XIII. Das Odium des Nehmens. Carl Schmitts Antwort auf


Joachim Ritter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

XIV. Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945 . . . . . . . . . 225

XV. Hexenmeister und Zauberlehrling in neuer Gesellschaft.


Rüdiger Altmann und Carl Schmitt . . . . . . . . . . . 238

XVI. Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno . 256

XVII. Politische Theologie oder Staatskirchenrecht? Der enga-


gierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt . . 265

XVIII. Ernst-Wolfgang Böckenfördes dogmatischer Durchbruch


in Heidelberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281

XIX. Begriffsgeschichte mit Carl Schmitt: Reinhart Koselleck . 293

XX. Nemo contra theologum nisi theologus ipse.


Carl Schmitts Antwort auf Erik Peterson . . . . . . . . 311

XXI. »Die dritte Religion der Deutschen«. Carl Schmitts


Kanonpolitik, Hans Blumenberg und der lange Weg zu
Goethe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337

16
Gliederung

Teil IV: Aktualisierungsskizzen

XXII. Carl Schmitts Aktualität. Sondierung eines globalen


Phänomens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353

XXIII. Zur Aktualität Carl Schmitts (2016).


Interview von Timo Frasch mit Reinhard Mehring . . . . 373

XXIV. Weltkonflikte mit Carl Schmitt (2015/16) . . . . . . . . 385

Nachweise der Erstveröffentlichungen . . . . . . . . . . . . . 407

Siglen der wichtigsten Werke Schmitts . . . . . . . . . . . . . 410

17
Detaillierte Gliederung

Teil I: Positionen

I. Der Apologet als Mineur. Carl Schmitts agonale


Ideengeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
1. Ideengeschichte und Geistesgeschichte . . . . . . 27
2. Schmitts ideenpolitische Auffassung der Begriffe . 29
3. Geistesgeschichte als »Politische Theologie« . . . 35
4. Schmitts ideengeschichtliche Studien . . . . . . . 37
5. Dekonstruktives Verfahren . . . . . . . . . . . . 39

II. Der Bürger als Picaro. Die antibürgerliche Selbst-


darstellung Carl Schmitts im Tagebuch . . . . . . . . . 44
1. Antiargumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
2. Basisfunktion Kalender . . . . . . . . . . . . . . 48
3. Editionspolitische Weichenstellungen . . . . . . 50
4. Selbstdarstellung des Bürgers als Picaro . . . . . 54

III. Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«.


Schmitts Schrift Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen
Parlamentarismus (1923/26) . . . . . . . . . . . . . . . 57
1. Textfassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
2. Dialektik der Legitimität . . . . . . . . . . . . . 60
3. »Unmittelbare Demokratie« als antiliberale
Alternative? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
4. Phänomenologie der »demokratischen
Legitimität«? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65

19
Detaillierte Gliederung

IV. Carl Schmitt und Hegel. Romantikkritik und bürgerliche


Verfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
1. Antimarxistische Hegelstrategie . . . . . . . . . 70
2. Romantikkritik: vom »subjektiven Idealismus«
zum »subjektiven Okkasionalismus« . . . . . . . 71
3. Bürgerliches Individuum und bürgerliche
Verfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75

V. Vom Staatsrat zum Führerrat? Carl Schmitts Staatsrat-


Projekt von 1933 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
1. Zur offenen Lage von 1933 . . . . . . . . . . . . 80
2. Von Göring zu Hitler? Auf der Suche nach dem
»Zugang zum Machthaber« . . . . . . . . . . . 83
3. Die institutionelle Alternative des Staatsrats . . . 90

VI. »Die Waffen sind das Wesen der Kämpfer selbst«.


Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt . . . . . . 98

Teil II: Selbstbespiegelungen

VII. René Königs Machiavelli-Identifikation . . . . . . . . . 109

VIII. Utopiker der Intellektuellenherrschaft: Karl Mannheim


und Carl Schmitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
1. Carl Schmitts »Antwort« an Mannheim . . . . . 119
2. Ekstatiker der »gegenwärtigen Konstellation« . . 124
3. Warum erwartete Schmitt von Mannheim
»Verständnis«? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

IX. Das Lachen der Besiegten. Carl Schmitt und Gelimer . . 130
1. Der Topos vom Besiegten . . . . . . . . . . . . 130
2. Die Anekdote von Gelimers Lachen . . . . . . . 131
3. Gelimer und Belisar . . . . . . . . . . . . . . . 134

X. Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung . . . . . . . . . . . . 139

20
Detaillierte Gliederung

Teil III: Wechselwirkungen

XI. »Steine als Geschenk«. Ernst Rudolf Hubers verfassungs-


theoretische Revision von Schmitts »Dezisionismus« . . 151
1. Konstitutionalismus ohne »Verfassungsidee«? . . 151
2. Der Bonner Schüler . . . . . . . . . . . . . . . 156
3. Huber als Ahnherr der Dezisionismus-Kritik . . . 160
4. Die Spannung der »Gestalten« . . . . . . . . . . 165
5. Hubers »völkische Verfassung« . . . . . . . . . 170
6. Rückblick auf Schmitt . . . . . . . . . . . . . . 174

XII. Anthropologische Fundamentierung? Arnold Gehlens


objektivistische Wendung der Sozialphilosophie . . . . 182
1. Zur Theorie des »objektiven Geistes« . . . . . . 183
2. Anthropologischer Unterbau? . . . . . . . . . . 189
3. Institutionalismus von Schmitt zu Gehlen . . . . 194
4. Genealogische Ethos-Analyse als Sozialphilo-
sophie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
5. Schlussbemerkung: Gehlens anti-universalistische
Wende der Sozialphilosophie . . . . . . . . . . . 198

XIII. Das Odium des Nehmens. Carl Schmitts Antwort auf


Joachim Ritter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
1. Philosophisches Interesse am Hegelianismus . . . 201
2. Von der Metaphysik zur Politik? . . . . . . . . . 205
3. Adressat Geschichtslehrer . . . . . . . . . . . . 208
4. Appellativer Sinn der Europäisierungsthese . . . 210
5. Koalition gegen Ernst Jünger . . . . . . . . . . . 213
6. Antikolonialismus als europäische Intellektuellen-
ideologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
7. Spanische Antwort von 1962: Kalter Krieg als
Wirtschaftskrieg um Entwicklungshilfe . . . . . 219
8. Schluss: letzte Antwort auf den »Nomos der Erde«
mit und gegen Ritter . . . . . . . . . . . . . . . 222

21
Detaillierte Gliederung

XIV. Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945 . . . . . . . . . 225


1. Nachkriegshobbes . . . . . . . . . . . . . . . . 225
2. Reformatorische Deutung . . . . . . . . . . . . 230
3. Erste Gegendeutungen . . . . . . . . . . . . . . 233

XV. Hexenmeister und Zauberlehrling in neuer Gesellschaft.


Rüdiger Altmann und Carl Schmitt . . . . . . . . . . . 238
1. Vom »Kronjuristen« zum Gesellschaftssatiriker . 239
2. Der Titel Die neue Gesellschaft . . . . . . . . . . 240
3. Die Vollendung der Zeitkritik im ironischen
Spottgedicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
4. Lyrik des Hexenmeisters . . . . . . . . . . . . . 246
5. Status quo und Vision des Wohlfahrtsstaates . . . 251
6. Diskurspolitik eines Publizisten . . . . . . . . . 254

XVI. Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno . 256

XVII. Politische Theologie oder Staatskirchenrecht?


Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu
Carl Schmitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
2. Carl Schmitts Entkoppelung von Politischer
Theologie und Staatskirchenrecht . . . . . . . . 266
3. Staatskirchenrechtliche Rezeption durch Bonner
Schüler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
4. Böckenfördes Rückwendung zur »Politischen
Theologie« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
5. Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280

XVIII. Ernst-Wolfgang Böckenfördes dogmatischer Durchbruch


in Heidelberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
1. Der Heidelberger« Maßnahme«-Diskurs nach
Carl Schmitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
2. Die individuelle Freiheit als Heidelberger Antwort 284
3. Begründung des Hochschulwechsels . . . . . . . 289
4. Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290

22
Detaillierte Gliederung

XIX. Begriffsgeschichte mit Carl Schmitt: Reinhart Koselleck . 293


1. Kosellecks Umgang mit Schmitt . . . . . . . . . 293
2. Kosellecks geschichtstheoretische Kritik . . . . . 296
3. Begriffsgeschichte als Begriffspolitik . . . . . . . 307

XX. Nemo contra theologum nisi theologus ipse.


Carl Schmitts Antwort auf Erik Peterson . . . . . . . . 311
1. Biographische Annäherung: Dissens über
Judentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
2. Kooperative Interessen . . . . . . . . . . . . . . 314
3. Petersons eschatologischer Ansatz . . . . . . . . 317
4. Handexemplare und Marginalien im Schmitt-
Nachlass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
5. Letzte Kontakte nach 1945 . . . . . . . . . . . . 327
6. Schmitts »Substanz-Analyse« von Petersons
Legende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
7. Letzte Erledigungen nach 1970: in Richtung auf
eine Politische Theologie III? . . . . . . . . . . . 333

XXI. »Die dritte Religion der Deutschen«. Carl Schmitts


Kanonpolitik, Hans Blumenberg und der lange Weg zu
Goethe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
1. Gegenkanon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
2. Der Picaro des Bürgerkriegs bei Goethe . . . . . 338
3. Späte Wendung zu Goethe? . . . . . . . . . . . 340
4. Blumenbergs Erneuerung der »Erledigungsthese«
in der Arbeit am Mythos . . . . . . . . . . . . . 344
5. Schmitts Glossen im Handexemplar . . . . . . . 348

Teil IV: Aktualisierungsskizzen

XXII. Carl Schmitts Aktualität. Sondierung eines globalen


Phänomens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353
1. Selbsthistorisierung und systematische Stichworte 353
2. Präsenz in der Diskussion . . . . . . . . . . . . 357
3. Systemform des Rechts . . . . . . . . . . . . . 363

23
Detaillierte Gliederung

4. Das doppelte Register des Ausnahme- und des


Normalzustands . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
5. Umwertung Carl Schmitts: für einen Primat der
Liberalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370

XXIII. Zur Aktualität Carl Schmitts (2016). Interview von


Timo Frasch mit Reinhard Mehring . . . . . . . . . . . 373

XXIV. Weltkonflikte mit Carl Schmitt (2015/16) . . . . . . . . 385


1. Selektive Aktualisierung . . . . . . . . . . . . . 385
2. Freund-Feind-Theorie deskriptiv und normativ . 386
3. Aktualisierung der Theorie des Partisanen . . . . 387
4. Großraum und Revanchismus: Russland und die
Ukraine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393
5. Europäisierung der Souveränität . . . . . . . . . 396
6. Zur Rolle Deutschlands in Europa . . . . . . . . 402

Nachweise der Erstveröffentlichungen . . . . . . . . . . . . . 407

Siglen der wichtigsten Werke Schmitts . . . . . . . . . . . . . 410

24
Teil I: Positionsnahmen
I. Der Apologet als Mineur.
Carl Schmitts agonale Ideengeschichte 1

Schmitt konzipierte seine Positionen und Begriffe als thetische Ant-


worten auf eine gegebene Lage, die er für die Zwischenkriegszeit
durch die Stichworte »Versailles«, »Genf« und »Weimar« kenn-
zeichnete. Alle spezifisch politischen Begriffe verstand er dabei
grundsätzlich als »polemische« Begriffe. Daraus folgte eine Absage
an ein historistisches Objektivitätsideal und ein Bekenntnis zur Ten-
denzgeschichtsschreibung: zu einer politisch-polemischen Form der
Ideengeschichtsschreibung, die hier im dekonstruktiven Verfahren
elementar charakterisiert wird.

1. Ideengeschichte und Geistesgeschichte

Das Wort »Ideengeschichte« hat einen idealistischen Klang. Die ältere


Form der Ideengeschichtsschreibung, von der Schmitt sich abstieß,
entstand nach Hegel im Historismus des 19. Jahrhunderts. Leopold
von Ranke skizzierte seine Ideenlehre 1836 in seinem politischen
Lehrgespräch über Die großen Mächte. Dort unterschied er zwischen
den »Formen« und dem »Geist« einer Verfassung; er meinte, dass die
Formen nur »ein zweites, untergeordnetes Element« sind; ursprüng-
lich sei »das Ideen eigentümliche geistige Dasein des individuellen
Staates, sein Prinzip.« 2 Durch diesen »Geist« habe jeder Staat sein
individuelles »Leben«. Ranke findet diese »moralische Energie« vor
allem in den großen europäischen Nationen verkörpert, die zur Na-
tionalstaatsbildung tendieren und ihre Potentiale mehr oder weniger

1 Der – bisher nur in brasilianischer Übersetzung publizierte – Text wurde am 17. De-
zember 2012 im Kolloquium von Prof. Dr. Gerald Raulet an der Pariser Universität
Sorbonne und am 8. Januar 2013 im Kolloquium von Prof. Dr. Karsten Fischer an der
LMU-München vorgetragen.
2 Leopold von Ranke, Die großen Mächte. Politisches Gespräch, hrsg. Theodor Schie-

der, Göttingen 1955, 54

27
I. · Carl Schmitts agonale Ideengeschichte

kongruent realisieren: »Individualitäten, eine der andern analog, –


aber wesentlich abhängig voneinander. […] geistige Wesenheiten,
originale Schöpfungen des Menschengeistes, – man darf sagen, Ge-
danken Gottes.« 3 Rankes Lehrgespräch verteidigte das »monarchische
Prinzip« gegen demokratische Konsequenzen. Auch seine kontem-
plative Emphase war hier ein Stück Politik: Orientierung an der res-
taurierten Allianz der großen europäischen Monarchien nach 1815.
Ranke zählt zu den Begründern der Historischen Schule und
modernen Historiographie. Für die weitere Entwicklung wurde Wil-
helm Dilthey besonders prägend. Grob gesagt vermittelte er Ranke
und Schleiermacher mit Hegel und spannte die protestantische
»Unmittelbarkeit« des Individuums zu Gott in eine starke Meister-
erzählung vom Gang der »Geistesgeschichte« ein. Seine Meta-
physikgeschichte war politisch grundiert. Dilthey meinte, dass die
Entdeckung und Entwicklung des »organischen Systems« der Geis-
teswissenschaften im Rahmen der preußischen Geschichte erfolgte,
und betrachtete den Aufbruch Preußens, seinen riskanten Aufstieg
zur europäischen Großmacht, als den Erfahrungsboden, der mit den
preußischen Reformen und der Berliner Universität den deutschen
Idealismus und Historismus des »organischen Systems« ermöglichte.
Seine großangelegte politische Geistesgeschichte und Weltanschau-
ungslehre war an der Berliner Universität ein philosophisches Pen-
dant zu Heinrich von Treitschkes Nationalgeschichte.
Die Projekte einer »borussischen« Nationalgeschichte von der
deutschen Sendung Preußens und der philosophischen Geistes-
geschichte Diltheys gehören zusammen. Der Historismus wird aber
oft einseitig nur als rein fachhistorisches Projekt betrachtet. 4 Die me-
taphysikgeschichtlichen Motive von Diltheys Geistesgeschichte gin-
gen in Heideggers »Seinsgeschichte« unter. 5 In der Zwischenkriegs-
zeit wurde deshalb insbesondere der Berliner Historiker Friedrich
Meinecke zum letzten Erben und Apologeten des Historismus, der
das Erbe des Historismus gegen die nationalsozialistische Tendenz-

3 Ebd., 61
4 Klassische Darstellungen: Ernst Troeltsch, Der Historismus und seine Probleme,
Tübingen 1922; ders., Der Historismus und seine Überwindung, Berlin 1924; Erich
Rothacker, Einleitung in die Geisteswissenschaften, Tübingen 2. Aufl. 1930; Friedrich
Meinecke, Die Entstehung des Historismus, München 1936
5
Dazu Martin Heidegger, Wilhelm Diltheys Forschungsarbeit und der gegenwärtige
Kampf um eine historische Weltanschauung, in: ders., Vorträge Teil I: 1915–1932.
Heidegger-Gesamtausgabe Bd. 80.1, Frankfurt 2016, 103–157

28
Schmitts ideenpolitische Auffassung der Begriffe

geschichtsschreibung stellte. Diese Geschichte des Historismus wirk-


te über den Epochenbruch der Zwischenkriegszeit hinaus. In der His-
toriographie des Historismus siegte Meinecke über Dilthey und
Troeltsch; die initialen philosophischen Motive wurden seither kaum
noch vernommen. Damit wurde der Historismus auf ein geschichts-
wissenschaftliches Projekt verengt und in die Geschichtswissenschaft
abgeschoben. Der Historismus vertrat anfänglich aber keinen engen
geschichtswissenschaftlichen Positivismus: Er war eine »Welt-
anschauung« mit starken religiösen, politischen und philosophischen
Motiven. Man sollte also nicht nur an Goethe und Ranke, Treitschke
und Meinecke denken, sondern auch an Hegel und Dilthey, Ernst
Troeltsch, Eduard Spranger und Werner Jaeger, um zu sehen, wovon
Schmitt sich abstieß.

2. Schmitts ideenpolitische Auffassung der Begriffe 6

Schmitt hielt sich nicht lange mit methodologischen Vorüberlegun-


gen auf, sondern erläuterte seine Methodik in der Anwendung. Seine
erste größere ideengeschichtliche Monographie brachte die politische
Romantik auf eine »metaphysische Formel« (PR 22) und definierte
die »Struktur des romantischen Geistes« als »subjektivierten Okka-
sionalismus.« (PR 23) Schmitt nahm die politische Romantik als
»geistige Bewegung metaphysisch und moralisch ernst« (PR 7) und
kritisierte sie als aktuelle Tendenz. Seit seiner Dissertation Über
Schuld und Schuldarten unterschied er scharf zwischen einem bloß
»terminologischen« und einem »systematischen« Vorgehen. Für
einen Autor seines Rangs schrieb er überraschend viele Rezensionen.
Am Beginn der Weimarer Republik verstrickte er sich dabei in hitzige
Rezensionsfehden. Seine Klinge forderte stets scharfe Begrifflichkei-
ten und genaue politische Kontextualisierung ein. Mit der Rezeption
seiner Schriften war er nie zufrieden. So machte er die »Meinecke-
Clique« und »Spann-Bande« für die angeblich mangelnde Beachtung
seiner Politischen Romantik verantwortlich und publizierte 1926
einen scharfen Verriss von Meineckes Idee der Staatsraison, den er

6
Auszug aus dem Aufsatz: Begriffsgeschichte mit Carl Schmitt, in: Hans Joas u. Peter
Vogt (Hg.), Begriffene Geschichte. Beiträge zum Werk Reinhart Kosellecks, Frankfurt
2010, 138–168, hier: 142–149

29
I. · Carl Schmitts agonale Ideengeschichte

»mit einem höflichen Brief« (TB 11. 9. 1926) persönlich übersandte. 7


Dieser Meinecke-Verriss ist ein Muster seiner begrifflichen Forde-
rungen. Schmitt nahm ihn deshalb auch in seine Sammlung Positio-
nen und Begriffe auf.
Schmitt bemängelt hier zunächst, dass Meineckes »Mosaik der
tausend Nuancen« »jedem Versuch einer Kritik« zuvorkomme
(PB 45). Jede begriffliche Festlegung sei sorgfältig vermieden. Der
»Verzicht auf den Begriff« bedeute aber nicht nur einen »Verzicht
auf jede Spannung dialektischer Entwicklung«, sondern auch »auf
eine strenge Architektur überhaupt«. Deshalb zerfalle die Studie in
eine »Reihe von Essays und Portraits«. Schmitt führt aus, wie ein
»moralischer Dualismus« an die Stelle der alten Idee der Staatsraison
tritt; er abstrahiert ein Spektrum polarer Begriffe, deren organisie-
rende moralische »Grundanschauung« Meinecke nicht präzise for-
muliert habe. Dessen »geistige Eigenart« sei durch das »Bild von der
Pendelschwingung« (PB 49) annähernd erfasst: Meinecke pendele
zwischen seinen Begriffen hin und her. Schmitt charakterisiert ihn
damit als »liberalen« Romantiker. Die begrifflichen Defizite macht
er vor allem an der Rede vom »Tragischen« fest. Schmitt schreibt
dazu:
»›Tragisch‹ ist keine Kategorie, die, wenn man einmal ein moralisches Gebot
ernst nimmt, die letzte Antwort auf einen Konflikt geben könnte. Das Wort
ist höchstens ein Ausdruck der inneren Problematik dieses moralischen Ge-
botes selbst, eine Umschreibung tiefen Bedauerns und der Erschütterung,
die aus der historischen Einsicht in die Ohnmacht des Gebotes oder in die
Unvermeidlichkeit der Durchbrechung entsteht, aber es kann nicht der
überzeugende Schluss eines Werkes sein, in welchem das Problem der
Staatsräson von der moralischen Seite gestellt wird. Ein solches Wort be-
deutet, dass das Buch kein letztes Wort hat. Eine nur historische Schil-
derung braucht allerdings auch kein letztes Wort zu haben. Anders aber
ein Werk, das nun einmal den Standpunkt des Moralgebotes anerkannt
hat.« (PB 50 f.)
Wer ein »allgemeines Moralgesetz« akzeptiert, kann keine »Durch-
brechung« billigen, sondern muss moralische Defizite und Verfeh-
lungen einklagen. Meinecke schlage zwar eine moralistische Tonart
an, führe sie aber nicht konsequent durch. Dass er von »Tragik« statt

7
Meineckes überraschend freundliche Antwort vom 25. September 1926 ist abge-
druckt in: Friedrich Meinecke, Neue Briefe und Dokumente, hrsg. Gisela Bock u.
Gerhard A. Ritter, München 2012, 287, vgl. 319 f.

30
Schmitts ideenpolitische Auffassung der Begriffe

von Verfehlung spricht, hält Schmitt für moralisch inkonsequent und


politisch symptomatisch. Schmitt deutet eine alternative Auffassung
der Staatsräson an, akzeptiert einen Unterschied zwischen der »al-
ten«, absolutistischen Staatsräson und der Gegenwart und will die
»neue« Staatsräson vom »Gegensatz von normalen und abnormen
Fällen« (PB 46) und der »Annahme der abnormen Situation« (PB 47)
her aufgefasst wissen. Von dieser Souveränitätslehre her ergebe sich
eine spezifisch politische Betrachtungsweise, die zu einer wahrhaft
historischen gehöre. In der Meinecke-Rezension spielt Schmitt also
seine Souveränitätslehre gegen die Romantik aus. Er betrachtet
Meineckes »Moralismus« und »Dualismus« als Hemmnis, zu einer
politischen Sicht der Geschichte durchzudringen.
Seine Kritik ist systematisch treffend: Die geläufige Unterschei-
dung »moralischer« und »politischer« Betrachtungsweisen scheint
wirklich nur sinnvoll, wenn Moral und Politik nicht als symmetrische
Gegenbegriffe, sondern als Begriffe unterschiedlicher Ordnung be-
trachtet werden. Moral bezieht sich auf die Wertung von Verhalten
als gut oder böse, Politik dagegen auf die strategische Durchsetzung
moralischer Überzeugungen. Politik ist nicht an sich gut oder böse.
Nicht Politik überhaupt, sondern nur eine bestimmte Politik lässt sich
moralisch qualifizieren. Moralische Betrachtungsweisen können des-
halb nicht an die Stelle politischer treten. Wichtiger ist hier aber die
überraschende These, dass Meineckes unpolitischer Dualismus zu
einer unhistorischen Betrachtungsweise führte. Schmitt schreibt da-
zu am Ende seiner Besprechung:
»Wenn er [Meinecke] trotzdem versuchte, die Idee der Staatsräson auch
noch im 19. und sogar noch im 20. Jahrhundert als Mittelpunkt seiner Dar-
stellung beizubehalten, so war ihm das nur möglich, weil er den Begriff zu
einer ganz allgemeinen Vorstellung von Machtstreben, Machtpolitik und
dergleichen erweiterte und ihn einem ebenso allgemeinen Moralgebot ge-
genüberstellte. Höchst auffällig, ja widerspruchsvoll. Denn nicht nur das
Spezifische des Begriffes geht verloren – das hat den Verfasser ex professo
niemals interessiert –, sondern gerade das, was der Historiker gegenüber
dem generellen Moralismus früherer Jahrhunderte sonst immer betont
und was die Überlegenheit der neueren deutschen Geschichtsschreibung
ausmacht. So rächt sich der verachtete Begriff. Wenn wir ins Allgemeine
gehen und von den historischen Besonderheiten absehen, dann ist nämlich
die ›gereinigte‹ oder ›wahrhaft weise‹ Staatsräson schließlich nichts anderes,
als die ›gute‹ Staatsräson, die schon im 16. und 17. Jahrhundert einer
schlechten, cattiva ragione di stato entgegengesetzt wurde.« (PB 52)

31
I. · Carl Schmitts agonale Ideengeschichte

Schmitt führt also in seiner Meinecke-Besprechung an einem Haupt-


vertreter der alten, noch mit Ranke verbundenen Ideengeschichts-
schreibung seine Forderung nach einer historisch-politisch »kon-
kreten« Betrachtungsweise für sein Thema, die Staatsräson bzw.
Souveränität, vor. Er verbindet den Nachweis von Meineckes unhis-
torischer Befangenheit in Moralismen mit einem Anspruch auf schar-
fe Begrifflichkeiten und historisch-politische Kontextualisierung und
schreibt seine programmatische Kritik in der Gewissheit, über eine
überlegene Methodik zu verfügen.
Schmitts Methodik ist formelhaft bekannt: »Alle prägnanten Be-
griffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Be-
griffe.« (PT 49) »Jeder politische Begriff ist ein polemischer Begriff.«
(HP 5; vgl. BP 31) Schmitt spricht von einer »Soziologie von Begrif-
fen«, die das »metaphysische Bild« einer Epoche suche. Er bietet dafür
eine synchrone und eine diachrone Lesart an: In synchroner Lesart
spricht er von »Strukturidentität«: »Das metaphysische Bild, das sich
ein bestimmtes Zeitalter von der Welt macht, hat dieselbe Struktur
wie das, was ihr als Form einer politischen Organisation ohne wei-
teres einleuchtet. Die Feststellung einer solchen Identität ist die So-
ziologie des Souveränitätsbegriffes.« (PT 59 f.) In diachroner Lesart
spricht Schmitt von einem Prozess der »Neutralisierungen und Ent-
politisierungen« (BP 79–95). Er legt die Entwicklungsdynamik dieses
Prozesses politisch aus und betrachtet die Dynamik der »Neutralisie-
rung« als notwendig scheiternden Versuch, den Frieden stabiler Deu-
tungen durch Flucht in vermeintlich »unpolitische« Sachgebiete zu
erreichen. Eine dauerhafte Stabilität kollektiver »Lebens- und Welt-
anschauungen« (Dilthey) gibt es nach Schmitt nicht. Weil alle Orien-
tierungssysteme bestimmte Träger haben, sind sie umkämpft und in-
stabil. Jede Politik der Wahrheit entzündet Konflikte.
Schmitt spricht von politischer Theologie, Geistesgeschichte und
Metaphysik ziemlich lax und undifferenziert. Zwar deutet er eine
Eigenart metaphysikgeschichtlicher Betrachtung in der Schrift über
Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus an.
Das Verhältnis von politischer Geschichte und Metaphysikgeschichte
bleibt aber unklar. Von der synchronen und systematischen Variante
her gelesen besagt Schmitts »Politische Theologie« etwa Folgendes:
Zentrale oder »prägnante« juristische Begriffe haben weltanschau-
liche oder metaphysische Hintergrundannahmen. So ist der neuzeit-
liche Souveränitätsbegriff nur im Horizont der vorherrschenden
Metaphysik begründet und verständlich. Politische und juristische

32
Schmitts ideenpolitische Auffassung der Begriffe

Begriffe haben einen metaphysischen Index und sind philosophisch


lesbar, weil die politischen Formen, die solche Begriffe reflektieren,
nur innerhalb einer (weltanschaulich) im Ganzen gedeuteten Welt
»prägnant«, sinnvoll und stabil sind. Weil Schmitt eine solche herme-
neutische These oder »Weltanschauungslehre«, wenn auch sehr
allgemein und undifferenziert, vertritt, hält er einen utopischen
Standpunkt jenseits aller Weltanschauungen für unmöglich. Er be-
ansprucht deshalb auch keine weltanschaulich neutrale Beobachter-
position, sondern positioniert sich innerhalb des analytisch sondier-
ten Terrains. Schon seine an Hobbes exemplifizierte These vom
Zusammenhang von Personalismus und Dezisionismus konnte ihn
davon überzeugen, dass die rechtsphilosophische Option für den De-
zisionismus ein personalistisches Weltbild impliziert. Die »begriffs-
soziologische« Beobachtung politischer Theologie drängte ihn zu
einer politisch-theologischen Parteinahme, wie der Gedankengang
der Programmschrift von 1922 deutlich zeigt.
In machtanalytischer Lesart betrachtet Schmitt den politischen
Diskurs im Zusammenhang der Absichten seiner Träger. In diesem
Rahmen betont er die polemische Profilierung von Bedeutungen. In
metaphysik- oder geistesgeschichtlicher Lesart fragt er verstehend-
soziologisch nach dem »Glauben«, den solche Diskurse bei ihren Trä-
gern finden. Er scheint der Auffassung zu sein, dass sich Bedeutun-
gen im polemischen Gebrauch, durch freund-feindliche Gegensätze,
derart profilieren, dass sie bestimmte Bedeutungen fixieren, die sich
als handlungsleitende normative Überzeugungen pragmatisch be-
währen. »Prägnante« »metaphysische« Begriffe im Sinne Schmitts
wären demnach politisch fixierte Begriffe, mit denen sich ihre Träger
moralisch identifizieren.
Schmitt verbindet die Frage nach der Fügsamkeit, nach dem
»Glauben«, den »Prinzipien« und »Begriffe« finden, mit deren politi-
scher Funktion, Ordnung zu schaffen, indem sie Freund und Feind
unterscheiden. Nur diejenigen Begriffe scheinen ihm glaubwürdig,
die relative Ordnung schaffen. Solche pragmatischen Ordnungs- bzw.
Pazifizierungsleistungen von Begriffen sind aber nur von relativer
Dauer. Indem Begriffe Freund und Feind polarisieren, profilieren sie
mit der Ordnung zugleich deren Gegner; sie schärfen die »Kritik«
und tragen so den Keim der Zerstörung in sich.
Schmitts diverse Rekonstruktionen der Weimarer Verfassung
führen diese Ambivalenz der Begriffe, ihre Assoziations- und Dis-
soziationskraft, eindringlich vor. In der Geistesgeschichtlichen Lage

33
I. · Carl Schmitts agonale Ideengeschichte

ebenso wie in der Verfassungslehre, im Hüter der Verfassung und,


besonders deutlich, in Legalität und Legitimität rekonstruiert
Schmitt die Weimarer Verfassung idealtypisch unter Hinweis auf
tödliche Inkonsequenzen und Sollbruchstellen im Gefüge. Der be-
griffliche Anspruch dieser Schriften ist allenthalben greifbar: Schmitt
entwickelt den »Begriff der Verfassung«, den »Begriff des Politi-
schen«, »Prinzipien des Parlamentarismus«, einen Idealtypus vom
Weimarer »Gesetzgebungsstaat« und stellt die Frage nach dem
»Hüter« der Verfassung. Später verweist er auf Bismarcks Bitte um
»Indemnität« oder auf die Gewährung der Glaubensfreiheit als
»Todeskeim« und Bruchstelle von Staat und Verfassung. Er spielt
nicht eigentlich Verfassungswirklichkeit gegen Verfassungsrecht aus,
sondern zeigt vielmehr, dass politische Bewegungen Widersprüche
und Inkonsequenzen entfalten, die im Verfassungsgefüge angelegt
sind. Mit Max Weber gesprochen, weist er darauf hin, dass Idealtypen
als Handlungsmodelle normativ-praktische Effekte zeitigen. Das gilt
auch für die juristische Kritik: Auch deren systematische Rekon-
struktionen sind ein Politikum. Prägnante begriffliche Analysen for-
mulieren demnach als rationale Rekonstruktionen politischer Formen
normative Orientierungen von Akteuren und können deshalb auch
einen prognostischen Gehalt haben. Diese Pfad- oder Weichenstel-
lung prägnanter politischer Analysen und Begrifflichkeiten meint
Schmitt mit seiner Rede vom »Begriffs-Realismus«.
Die politische Betrachtung der Diskurse, der Sinn für die Bedeu-
tung einer Herrschaft über die politische Semantik, zeigt sich im
Werk durchgängig. »Der Sieger schreibt die Geschichte« (ECS 25),
schreibt Schmitt seinen Lesern ins Stammbuch, um sie daran zu er-
innern, dass auch der Besiegte im Kampf gegen die »geistige Unter-
werfung« bisweilen siegreich sein kann. Entpuppt er vor 1933 Ver-
sailles als Machtbedingung von Weimar und Genf, so geht er seit
1933 bei der »geistigen Eroberung« des Vokabulars in die national-
sozialistische Offensive. Immer wieder schärft er die Bedeutung die-
ses ideenpolitischen Kampfes um Positionen und Begriffe ein. Bald
nimmt er die ideenpolitische Auseinandersetzung um »Grundworte«,
wie »Rechtsstaat« und »Recht«, auch etymologisch auf. Im selben
Maße, wie er die Träger seiner Politik schwinden sieht, verlegt er
seine politischen Absichten auf die hermeneutische Bewahrung ihrer
Verständnisvoraussetzungen. Formelhaft proklamiert er – in Nomos-
Nahme-Name – einen »Zusammenhang von Nahme und Name«

34
Geistesgeschichte als »Politische Theologie«

(SGN 584 f.), wonach Recht mit der Durchsetzung echter Namen und
Begriffe verknüpft sei. Ins Glossarium notiert er die Devise:
»Begreife den Machthaber, der nach Dir greift; setze seinen Griffen keine
Gegengriffe gleichen Niveaus entgegen; erprobe lieber an seinen Bewegun-
gen Deine Kraft zu Begriffen. Auch nach Deinen Begriffen wird er greifen.
Doch laß ihn nur greifen. Er wird sich in die Pfoten schneiden.« (GL 109)

3. Geistesgeschichte als »Politische Theologie«

In einer kleinen Rezension forderte Schmitt 1925 starke historiogra-


phische Linienführungen: »Ob man eine Geschichte politischer Ideen
in der Form einer Galerie von ›Persönlichkeiten‹ oder als eine begriff-
liche, dogmen- oder ideengeschichtliche Entwicklung darstellen soll,
ist heute wohl keine Frage mehr. Die Methode der Porträtierung er-
scheint uns heute als ziemlich veraltet und Residuum eines vergan-
genen Liberalismus.« 8 Das zielte auch gegen den Historismus.
Schmitt lobte die Hegelianer für ihren »Glauben« an eine »dialekti-
sche Entwicklung der Begriffe«, las die Entwicklungsdynamik aber
politisch. Jederzeit betonte er den strategischen, politischen und prä-
sentistisch auf bestimmte Lagen und Bedürfnisse der Gegenwart zu-
geschnittenen Umgang mit der Geschichte. Programmatisch sprach
er das nach 1933 besonders prägnant in einem kurzen Aufsatz über
»neuen Aufgaben der Verfassungsgeschichte« aus. 9 Seine Broschüre
Staatsgefüge und Zusammenbruch des zweiten Reiches vom Früh-
jahr 1934 realisierte dieses tendenzhistorische Programm. Der Berli-
ner Kollege Fritz Hartung 10 verteidigte damals dagegen die historisti-
schen Standards. So gibt es wenigstens zwei führende Berliner

8 Carl Schmitt, Rezension von Charles Vaughan, Studies in the history of political
philosophy before and after Rousseau, London 1925, in: Deutsche Literaturzeitung 46
(1925), 2086–2090, hier: 2088
9
Carl Schmitt, Über die neuen Aufgaben der Verfassungsgeschichte, 1936 (PB 229–
234); dazu vgl. Ewald Grothe, Verfassungsgeschichte als »politische Wissenschaft«.
Carl Schmitt »über die neuen Aufgaben« und die Deutung der deutschen Verfas-
sungsgeschichte im Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte
29 (2007), 66–87
10 Fritz Hartung, Staatsgefüge und Zusammenbruch des zweiten Reiches, in: Histori-

sche Zeitschrift 151 (1935), 528–544; dazu vgl. Hans-Christof Kraus, Soldatenstaat
oder Verfassungsstaat? Zur Kontroverse zwischen Carl Schmitt und Fritz Hartung
über den preußisch-deutschen Konstitutionalismus (1934/35), in: Jahrbuch für die
Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 45 (1999), 275–310

35
I. · Carl Schmitts agonale Ideengeschichte

Vertreter des Historismus, mit denen Schmitt in den 20er und 30er
Jahren in Kontroversen geriet: Friedrich Meinecke und Fritz Hartung.
Stets betrachtete Schmitt die intellektuelle Auseinandersetzung
als eine Form des Kampfes. Programmatisch vertrat er eine politische
Ideengeschichtsschreibung, die die Geschichte in starken Linien deu-
tete und offensive Geschichtspolitik betrieb. Alle politischen Begriffe
sind polemische Begriffe, meinte er. Alle politischen Positionen müs-
sen in agonalen, freund-feindlichen Konstellationen gelesen werden.
So sind seine ideengeschichtlichen Statements bewusst so perspekti-
visch und pointiert formuliert, dass sie sich eigentlich erst im agona-
len Kontext in ihrem »konkreten« Sinn angemessen verstehen lassen.
Deshalb ist Schmitt auch ein Pionier der Diskursanalyse. Seine ideen-
geschichtlichen Interventionen sollten in ihrem perspektivischen
Feld, ihrem Adressaten, ihrer Rhetorik und Wirkung gelesen werden.
Schmitt wollte nicht entkontextualisierend als »Klassiker« gele-
sen werden und keine transhistorischen Botschaften vermitteln. Da-
bei verstand er sich primär als Jurist. Seine Verfassungslehre bezeich-
nete er aber als eine »Politische Theologie«. Er las bestimmte
Herausforderungen irgendwie »theologisch« und antwortete poli-
tisch. Schmitt adressierte sein Werk präsentistisch an die Mitwelt.
Die »Ideengeschichte« als solche interessierte ihn nicht. Wenn er aber
von »geistesgeschichtlicher Lage« und »Politischer Theologie«
sprach, klingen noch Hintergrundmotive des Berliner Historismus
an. Der Titel der Geistesgeschichte war ja durch die Dilthey- und die
Meinecke-Schule besetzt. Eine theologische Lesart muss zwar nicht
religiös gebunden sein; Schmitt vertrat mit seiner »Theologie« aber
auch religiöse Ansprüche. Dabei trennte er kaum zwischen den Gel-
tungsansprüchen von Philosophie und Theologie: Beide las er als
konfessionellen Diskurs. Vor allem suchte er mit der »Theologie«
den Schritt aus der neutralen Beobachtung in die konfessionelle Teil-
nahme, aus der Theorie in die Praxis.
Diltheys metaphysikgeschichtlicher Horizont ist dabei nicht
gänzlich verlassen. So klingt Diltheys Unterscheidung zwischen
einem »organischen« und einem »natürlichen« System der Geistes-
geschichte in der durchgängigen Unterscheidung zwischen einem
»organischen« und einem positivistisch-»normativistischen« Staats-
denken an. 11 Schmitt steht dem »organischen« Staatsdenken buch-

11 Dazu aber auch Erich Kaufmann, Studien zur Staatslehre des monarchischen Prin-
zips, Leipzig 1906

36
Schmitts ideengeschichtliche Studien

stäblich zwar immer wieder vorbehaltlich gegenüber; andererseits


zog er die »organische« Staatslehre aber der neueren Traditionslinie
des »normativistischen« und »positivistischen« Staatsrechtsdenkens
eindeutig vor. Während Dilthey einen Übergang vom »natürlichen
System« der Aufklärung zum »organischen System« des preußisch-
deutschen Idealismus und Historismus konstatierte, ging Schmitt
von einer Hegemonie des positivistisch-normativistischen Staats-
rechtsdenkens aus und argumentierte für dessen Überwindung durch
Rückgang auf die ältere Traditionslinie. Hobbes, Hegel und Lorenz
von Stein wurden ihm dabei zu strategischen Argumenten im Kampf
gegen den positivistischen und normativistischen Zug zur Emanzipa-
tion des Rechtsdenkens aus allen metajuristischen Bezügen und Per-
spektiven. Systematisch vertrat er aber weder Hobbes noch Hegel;
sein geschichtliches Denken schloss die Restauration irgendeiner
Klassik eigentlich aus.

4. Schmitts ideengeschichtliche Studien

Schmitts erste größere geistesgeschichtliche Monographie, die Studie


zur Politischen Romantik, klärte den Anti-Individualismus geistes-
geschichtlich. Mit dieser Studie positionierte Schmitt sich am Beginn
der Weimarer Republik zur katholischen Publizistik seiner Zeit. Inner-
halb dieser Publizistik distanzierte er sich vom Mainstream des ka-
tholischen Naturrechts. Er neigte starken Trennungen von Religion,
Moral und Recht zu, lehnte alle dogmatischen und neuscholastischen
Synthesen ab, die sich einem Primat Roms oder der Zentrumspartei
zuordnen ließen, und rezipierte die religiös vagabundierende Publi-
zistik im breiten Strom des existentialisierenden Christentums nach
Kierkegaard, dem französischen Renouveau catholique und der Ac-
tion français. Nach der Romantikkritik arbeitete er die neuzeitlichen
Staats- und Souveränitätstheorien von Machiavelli bis Rousseau
durch. Seine Monographie Die Diktatur zielte auf den begriffs-
geschichtlichen Befund eines Übergangs von der »kommissarischen«
zur »souveränen« Diktatur. Erstmals beschrieb Schmitt hier die
verfassungsgeschichtliche Wendung zum Exekutivstaat, die für sein
weiteres Verfassungsdenken leitend bleibt. Schon 1921 ist seine poli-
tische Ideengeschichte der Neuzeit deshalb auch in den Grundlinien
entwickelt. Hier vor allem wollte er die Standards einer verfassungs-
geschichtlich akzentuierten Ideengeschichtsschreibung prägnant er-

37
I. · Carl Schmitts agonale Ideengeschichte

füllen. Danach griff er nur noch selektiv zu. Schon in seiner Münch-
ner und Bonner Zeit lehrte Schmitt zwar die neuzeitlichen Klassiker
politischer Theorie. Niemals aber machte er sich die umfassende
Beschreibung der politischen Ideengeschichte zur vordringlichen
Aufgabe.
Romantikkritik und Etatismus führten Schmitt am Beginn der
Weimarer Republik in die Reihen der Gegenrevolution. Seine frühe
Skizze zur Entwicklung der gegenrevolutionären Staatstheorie –
»von der Legitimität zur Diktatur« – ergänzte er dabei durch auto-
biographisch grundierte Aufsätze zu Donoso Cortés. Sein schlankes
Buch Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes, von
1938, ist dann alles andere als eine umfassende Hobbes-Darstellung
vom »Leben und Werk« oder eine eingehende Analyse des »kontrak-
tualistischen Arguments« oder der naturrechtlichen Philosophie. Die
Philosophie von Hobbes kommt in diesem Hobbes-Buch kaum vor. 12
Stattdessen erörtert Schmitt, laut Untertitel, den »Sinn und Fehl-
schlag« des politischen Leviathan-Symbols. In antisemitischer Zu-
spitzung entwickelt Schmitt hier die pointierte These, dass der genui-
ne »Sinn« des Leviathan-Symbols, die Konstruktion politischer
Totalität, durch die liberale Rezeptions- und Auslegungsgeschichte
gleichsam pervertiert worden sei. Hobbes sei es nicht wirklich gelun-
gen, seinen mythopolitischen Ansatz in die rationale Konstruktion
des Verfassungsstaats zu integrieren; Spinoza habe die »große Ein-
bruchstelle« erkannt und zum Angelpunkt der Zähmung des Levia-
than gemacht, die eine jüdische »Front« dann strategisch konsequent
aufriss. Als »Sinn« des Symbols rekonstruiert Schmitt einerseits die
biblische Herkunft und religiöse Bedeutung und andererseits den ak-
tuellen mythopolitischen Einsatz des »Symbols« als propagan-
distisches Mittel zur Rekonstruktion eines »totalen Staates«. Kein
Rechtsstaat hat die Macht über die Gewissen, meint Schmitt: Mit
der Legalität formiert sich der moralische Gewissensvorbehalt. Diese
neuzeitliche Trennung von Moral und Recht will Schmitt mit den
Mittel des politischen Mythos und propagandistischen Einsatz des
Leviathan-Symbols kassieren: Das Schreckbild vom Leviathan soll
die Bürger in der Furcht vor einem »totalen Staat« halten. Diesen
propagandistischen Mehrwert des Mythos, im Leviathan-Symbol
kondensiert, gelte es für den Nationalsozialismus zu nutzen.

12Dazu Verf., Carl Schmitt, Leo Strauss, Thomas Hobbes und die Philosophie, in:
Philosophisches Jahrbuch 112 (2005), 378–392

38
Dekonstruktives Verfahren

Schmitts polemische Verzerrungen müssen hier nicht aus-


geführt werden. Es kann genügen, dass das Leviathan-Buch von
1938, Schmitts einzige klassikerzentrierte Monographie, das Zen-
trum von Hobbes’ Selbstverständnis, Hobbes’ Philosophie, auffällig
und ostentativ ignoriert und stattdessen eine mythopolitische Aktua-
lisierung vorschlägt, die Schmitt durch eine äußerst problematische
und nur andeutend ausgearbeitete religionsgeschichtliche Lesart
stützt. Das konfessionelle Szenario vom weltgeschichtlichen Kampf
zwischen Judentum und Christentum und das antisemitische Zerr-
und Schreckbild vom »jüdischen Geist« müssen hier nicht ausbuch-
stabiert werden, um Schmitts Absage an jeden ideengeschichtlichen
Historismus und Objektivismus und seinen politisch-polemischen
Umgang mit der »Geistesgeschichte« zu sehen.

5. Dekonstruktives Verfahren

Schon in seiner Habilitationsschrift Der Wert des Staates und die


Bedeutung des Einzelnen zitierte Schmitt – nach Harnacks Sohm-
Kritik – die Wendung Goethes, eine Idee trete »immer als fremder
Gast in die Erscheinung« (WdS 76). Später entwickelte er daraus ge-
wichtige Überlegungen zum exzentrischen oder »voraussetzungs-
losen Vollstrecker«: 1948 schrieb er in sein Glossarium: »Die Idee
bemächtigt sich eines Individuums und tritt dadurch immer als frem-
der Gast in die Erscheinung. Der fremde Gast war Adolf [Hitler]. Er
war fremd bis zur Karikatur.« (GL 114) In vielen Varianten themati-
sierte und problematisierte Schmitt die Relation zwischen »Idee« und
»Wirklichkeit«. Bei Goethe hieß es wörtlich:
»Eine jede Idee tritt als ein fremder Gast in die Erscheinung, und wie sie
sich zu realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie und Phantasterei zu
unterscheiden.« 13
Goethe meinte aber auch:
»Jede große Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt tyrannisch; daher
die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzu bald in Nachteile verwan-
deln. Man kann deshalb eine jede Institution verteidigen und rühmen,

13Johann Wolfgang v. Goethe, Maximen und Reflexionen, in: Werke. Hamburger


Ausgabe, hrsg. Erich Trunz, München 1981, Bd. XII, 439

39
I. · Carl Schmitts agonale Ideengeschichte

wenn man an ihre Anfänge erinnert und darzutun weiß, dass alles, was von
ihr im Anfange gegolten, auch jetzt noch gelte.« 14
Eine solche konservative Strategie positiver Rückbindung an Anfänge
suchte Schmitt nicht. Er erzählte negative Perversionsgeschichten
vom Abfall oder der Entfremdung von ursprünglichen Konzepten.
Die Verfallslogik der politischen Ideen und »Systeme« beschrieb er
dabei in dekonstruktiver Absicht. Schmitt vertrat einen starken His-
torismus, Systematizismus, Idealismus und Personalismus der Geis-
tesgeschichtsschreibung. Seine Personalisierung der Geistesgeschich-
te und Zuschreibung aller politischen Ideen und Formen an Autoren
und nomothetische Gründer ist dabei sachlich nicht zwingend: Auto-
ren sind keine Originalgenies und vertreten oft nur mehr oder weni-
ger geläufige Vorstellungen. Die Wirkungsgeschichte eines Autors
hängt von einer ganzen Reihe kontingenter Faktoren ab. Schmitt per-
sonalisierte die Geistesgeschichte aber nicht zuletzt strategisch.
Einerseits war er wirklich der Auffassung, dass es starke Autoren
der Geistes- und Verfassungsgeschichte gab, die geschichtsmächtige
Positionen und Begriffe formulierten; andererseits schätzte er die
Personalisierung als ein einfaches rhetorisches Mittel im Kampf. Die
personalisierende Zuspitzung ermöglichte ihm freund-feindliche
Profilierungen, Demagogie und Propaganda.
Spätestens seit der Politischen Romantik finden sich bei Schmitt
starke Personalisierungen: 1919 demontierte er die Romantik exem-
plarisch am Beispiel Adam Müllers. Er erweiterte das Personal seiner
Geistesgeschichte dann immer mehr und arbeitete die »Stadien« und
Etappen der Verfallsgeschichte rekonstruktiv immer deutlicher aus.
Schmitt entwickelte einen antibürgerlichen, antiliberalen und eli-
tären Gegenkanon und baute Autoren gezielt als Gegner auf. So setz-
te er Lorenz von Stein und Bruno Bauer 15 als Hegelianer um 1848
gegen Karl Marx; Donoso Cortés repräsentierte ihm ein bestimmtes
Stadium katholischer Gegenrevolution und Opposition gegen die Do-
minanz des Hegelianismus im Vormärz. Den Rechtspositivismus 16

14 Johann Wolfgang v. Goethe, Maximen und Reflexionen, Bd. XII, 381 f.


15 Dazu Verf., »Autor vor allem der ›Judenfrage‹ von 1843«. Carl Schmitts Bruno
Bauer, in: Klaus-Michael Kodalle / Tilman Reitz (Hg.), Bruno Bauer. Ein ›Partisan
des Weltgeistes‹ ?, Würzburg 2010, 335–350
16
Dazu Verf., »Die Austreibung des Heidelberger Geistes«. Carl Schmitt und der
Heidelberger Rechtspositivismus, in: Kriegstechniker des Begriffs, Tübingen 2014,
47–72

40
Dekonstruktives Verfahren

konfrontierte er mit dem »Ernstfall« des Ausnahmezustands. An-


schütz’ Kapitulationserklärung machte er dabei an dem Satz fest:
»Das Staatsrecht hört hier auf.« 17 Kelsens »Relativismus« betrachtete
er als eine betrügerische Kulisse des »jüdischen Geistes«. Schmitt de-
konstruierte Hitler in privaten Aufzeichnungen, bei dessen exzentri-
scher Herkunft und Biographie ansetzend, als einen »falschen Deme-
trius« 18 und las Thomas Mann von Wälsungenblut her. 19 Seine
letzten dekonstruktiven Minen zündete er im Spätwerk mit seinen
Vereinnahmungen von Walter Benjamin 20 und Hugo Ball gegen die
paradigmatische Rezeption der marxistischen politischen Ökonomie
in der neuen Linken. Seine letzte Monographie Politische Theologie II
richtete sich gegen alte Weggefährten und Freunde: gegen die Theo-
logen Erik Peterson und Hans Barion. Weitere dekonstruktive Angel-
punkte ließen sich finden. Dabei verlegte Schmitt die freund-feind-
lichen Gegensätze gelegentlich auch in einen Autor selbst. So spielte
er den mythopolitischen Hobbes gegen den Philosophen aus. Ähnlich
sah er die Fronten des Links- und Rechtshegelianismus in einem
»Doppelgesicht« 21 Hegels inauguriert. Mit seiner nationalsozialisti-
schen Entscheidung wechselte Schmitt 1933 von der Dekonstruktion
in die Apologie über. Parallel findet sich ein Bemühen, missliebige
»Einbruchstellen« zu verdecken. Das apologetische Bemühen mar-
kiert aber nun seinerseits verräterische Angelpunkte der Dekonstruk-
tion. So schlagen Schmitts Apologien leicht in Dekonstruktionen um:
Der Apologet wird zum Mineur wider Willen.
Die Personalisierung der Fronten ist ein Stück politisch-theo-
logischer Entlarvung und Aufklärung. Schmitts Schlüsselerfahrung
ist hier das Verhältnis von Versailles und Genf: Den Genfer Völker-
bund betrachtete er als eine rechtliche Verklärung und Legitimierung
des Status quo von Versailles. Schon 1925 fand er dafür die prägnante
Formulierung, dass dem »Unrecht der Fremdherrschaft« mit der Le-

17 Gerhard Anschütz, Lehrbuch des Deutschen Staatsrechts, 7. Aufl. 1919, 906; zitiert
Schmitt PT 22
18 Dazu Verf., Friedrich Schillers »Demetrius«. Ein später Baustein zu Carl Schmitts

Hitler-Bild, in: Kriegstechniker des Begriffs, Tübingen 2014, 111–136


19 Dazu Verf., Der »Gross-Verwerter«: Carl Schmitts Geburtstagsmappe für Thomas

Mann, in: Das »Problem der Humanität«. Thomas Manns politische Philosophie, Pa-
derborn 2003, 119–130
20 Dazu Verf., »Geist ist das Vermögen, Diktatur auszuüben«. Carl Schmitts Margi-

nalien zu Walter Benjamin, in: Kriegstechniker des Begriffs, Tübingen 2014, 137–162
21 Nach Julius Löwenstein, Hegels Staatsidee. Ihr Doppelgesicht und ihr Einfluss im

19. Jahrhundert, Berlin 1927

41
I. · Carl Schmitts agonale Ideengeschichte

gitimitätsfassade des Völkerbundes der »Betrug der Anonymität«


(FP 36) hinzugefügt wurde. Fortan wollte Schmitt die Machthaber
hinter den Diskursen namhaft machen und die Souveräne oder Her-
ren des Diskurses deutlich benennen. Schmitt kritisierte die Ver-
wechselung von Macht mit Recht, Legalität mit Legitimität. Seine
Suche nach Urhebern kaprizierte sich im Zuge antisemitischer Radi-
kalisierung dabei verstärkt auf ein verschwörungstheoretisches Sze-
nario von den Frontlinien und »Masken« des »jüdischen Geistes«.
Seine politisch-theologische Konstruktion und Profilierung der Geis-
tesgeschichte muss heute von dieser antisemitischen Paranoia befreit
und auf sachliche Studien zur religiösen und konfessionspolitischen
Grundierung intellektueller Diskurse und Debatten zurückgeführt
werden. Dann lässt sich der Diskurspartisan als ein Pionier dekon-
struktiver Verfahren schätzen.
Sein Verfahren ließe sich mit dem weiten Feld des neueren De-
konstruktivismus vergleichen. Es mangelt in der Literatur auch nicht
an solchen Brückenschlägen und Crossovers zwischen dem Rechts-
und dem Linksintellektualismus Weimars, der Prämoderne und Post-
moderne, Schmitt und Benjamin, Derrida oder Foucault. Sie sind oft
anregend und fruchtbar. Dabei war Schmitt aber ein dekonstruktiver
Systemdenker. Er forderte nicht nur scharfe Begrifflichkeiten, son-
dern auch konsequente Systemkonstruktionen. Liberalismus und De-
mokratie waren ihm keine bloßen Stichworte, sondern ganze Verfas-
sungsgefüge und Systemansprüche. Die Arbeit am Begriff zielte auf
die Dekonstruktion des Systems. Ein System steht und fällt mit der
Konsequenz seiner Realisation. Dieser starke Konnex von Idee, Be-
griff und System ist heute selten. Schmitt glaubte zwar niemals wirk-
lich an die Chance stabiler Systeme. Als Jurist wollte er diesen idea-
listischen Anspruch aber doch nicht ganz aufgeben. Erst nach 1945
warf er mit der Epoche der Staatlichkeit auch sein juristisches Sys-
temdenken ab. Gerade als Systemdenker war er Dekonstrukteur.
Schon das unterscheidet ihn wohl vom neueren Dekonstruktivismus.

Zusammenfassende Thesen

1. Schmitt lehnte die positivistische, objektivistische und antiqua-


rische, liberale und relativistische Doxographie des Historismus
ab. Er intendierte keine umfassenden Beschreibungen vom
»Leben und Werk« irgendeines »Klassikers«.

42
Dekonstruktives Verfahren

2. Schmitt verstand sich primär nicht als Ideenhistoriker. Er be-


trachtete die Ideen aber idealistisch als geschichtsmächtige Wei-
chensteller und betrieb Ideengeschichte als Teil der Verfassungs-
geschichte.
3. Schmitt kehrte unter anderen politisch-theologischen Vorzei-
chen zur älteren »Geistesgeschichte« nach Hegel und Dilthey
zurück. Anders als die nationalliberale Geistesgeschichtsschrei-
bung des 19. Jahrhunderts vertrat er seinen Nationalismus anti-
liberal. Eine klare Trennung von Philosophie und Theologie fin-
det sich bei ihm nicht.
4. Schmitt rezipierte ideengeschichtliche Autoren nicht als trans-
historische »Klassiker« in systematischer Absicht. Schon des-
halb ist er auch nicht – als »Hobbesianer« oder »Hegelianer« o. ä.
– durch einen Referenzautor charakterisierbar.
5. Schmitts selektiver Umgang mit »Klassikern« ist autobiogra-
phisch und politisch-theologisch grundiert. Die autobiographi-
schen Identifikationen (mit Donoso Cortés, Thomas Hobbes,
Bruno Bauer, Tocqueville, Savigny, Raoul Salan, Eusebius u. a.)
betreffen primär keine Doktrin, sondern eine politisch-theologi-
sche Frontlinie und Konstellation.
6. Schmitts perspektivischer Umgang mit »Klassikern« muss des-
halb verfassungsgeschichtlich und politisch-theologisch »kon-
kret« aus dem jeweiligen Kontext verstanden und rekonstruiert
werden.
7. Schmitts starke Personalisierung der Geistesgeschichte hat sach-
liche und strategische Gründe.
8. Schmitt formulierte einen geistesgeschichtlichen Gegenkanon.
9. Schmitt identifizierte die politisch-theologischen Frontlinien in
nomothetischen Autoren.
10. Schmitt suchte bei den feindlichen Autoren gezielt nach dekon-
struktiven Angelpunkten und Einbruchstellen.
11. Der starke Konnex von Idee, Begriff und System und der dekon-
struktivistische Systemanspruch unterscheiden ihn vom neue-
ren postmodernen Dekonstruktivismus.

43
II. Der Bürger als Picaro.
Die antibürgerliche Selbstdarstellung
Carl Schmitts im Tagebuch 1

»Lieber Leser, vielleicht bist du ein / verkommenes Subjekt, vielleicht


treibst du dich / in Bordellen herum und liest die Frankfurter Zei-
tung. Vielleicht hältst du Gerhart Hauptmann für einen großen Dich-
ter / und Rainer Maria Rilke für ein Genie. / Sei unbesorgt. Ich liebe
dich.« (TB 1921/24, 549) Solche Sätze sind kaum jemandem sonst
zuzutrauen als Carl Schmitt. Er schrieb oder schmierte sie 1924 in
stenographisch verschlüsselte Tagebücher, die er niemals zur Ver-
öffentlichung bestimmte. Vielleicht hätte ihn die posthume Edition
dennoch nicht gewundert. Denn er wusste ja: »Ich kümmere mich
nicht um den kommenden Tag, mir gehört die Zukunft. Zwischen
dem kommenden Tag und der Zukunft ist ein großer Unterschied.«
(TB 1921/24, 413)
Das Eingangszitat deutet schon an: Schmitt war ein ziemlich ex-
tremer, komplizierter und auch widersprüchlicher Typ. Er war ein
politischer Romantiker, der die Romantik hasste, ein Soldat, der den
»Militarismus« fürchtete, ein Etatist, der den Begriff des Politischen
vom Staatsbegriff entkoppelte, ein Liberalismuskritiker, der libertär
lebte und liberaler Toleranz bedurfte, ein Plebiszitärdemokrat, der
die Massen scheute, ein Antisemit, der sich gerne mit jüdischen In-
tellektuellen unterhielt, ein erklärter Katholik, der kaum eine Häresie
ausließ, ein passionierter Diarist, der das Tagebuchschreiben verpönte
und manches mehr. Schmitt warf sich dabei nicht nur faktisch in die
Kontingenz des Alltags hinein, sondern dramatisierte seinen Alltag
auch autobiographisch als Ausnahmezustand. 2 Das Tagebuch führte
den autobiographischen Komplementärbeweis für die Wirklichkeit

1 Der Text wurde als Vortrag am 12. Juli 2014 auf der Tagung Selbstreflexion und
Weltdeutungen. Tagebücher in der Geschichte und der Geschichtsschreibung des
20. Jahrhunderts an der Universität Bochum vorgetragen.
2 Dazu vgl. Verf., Ein Leben im Ausnahmezustand, in: Kriegstechniker des Begriffs,

Tübingen 2014, 1–29

44
Antiargumente

des Ausnahmezustands. Der folgende Text sammelt einige Argumen-


te Schmitts gegen das Tagebuchschreiben und stellt seine komplexe
Tagebuchpraxis dann in einigen Aspekten vor.

1. Antiargumente

Schmitt führte beinah sein Leben lang Tagebücher und lehnte solche
individualistische, bürgerlich-romantische Selbstbespiegelungen
doch mit religiöser Emphase energisch ab. 1918 publizierte er, in der
exquisiten Zeitschrift Summa des befreundeten Literaturkritikers
Franz Blei – hier nach dem Wiederabdruck in den Tagebüchern zi-
tiert –, eine »geschichtsphilosophische« Satire auf den »Buribunken«
als fiktiven Prototypus des modernen Menschen, der vor dem wirk-
lichen Leben in autobiographische Geschichten flüchtet.
Schmitt parodiert die Geschichte der Autobiographie von Don
Juan und Leporello ausgehend; er spottet über die »Unzulänglichkeit
der Leporelloschen Registerführung« und konstruiert weitere fiktive
Buribunken. Als eigentlicher »Held«, der den Idealtypus erfüllt, tritt
dabei ein gewisser Schnekke auf, den Schmitt früher als koautor-
schaftliche Romanfigur geplant hatte: »Er ist nichts mehr als Ta-
gebuchführer, er lebt für das Tagebuch« (TB 1915/19, 464 f.) und or-
ganisiert die »buribunkische Innerlichkeit« als bürokratische
Registratur der Totalität aller Tagebücher. Sein »Reich des Buribun-
kentums« ist eine Behörde wie das Münchner Stellvertretende Ge-
neralkommando, in dem Schmitt bis 1919 als Soldat arbeitete, wie
ein schwarzes Gemälde aus einem Roman Franz Kafkas. Die »Pflicht
zum Tagebuch« ist das Gebot. Das Reich der Buribunken organisiert
einen »Willen zur Macht über die Geschichte« (TB 1915/19, 469) und
ersetzt das wirkliche Leben durch mehr oder weniger fiktive Auf-
zeichnungen. Die Individualität des Tagebuchautors erlischt in der
organisierten Totalität des Archivs als »Standpunkt des Absoluten«
(TB 1915/19, 471). Schmitt verteidigt die zeitlichen Ekstasen der Ge-
genwart und Zukunft gegen diese leer laufende Historie. Er variiert
Nietzsches unzeitgemäße Betrachtung Vom Nutzen und Nachteil der
Historie für das Leben und beleuchtet die sterile Ausflucht vor den
Kontingenzen des Lebens in ihren metaphysischen Prämissen. Seine
subtilen Überlegungen formulieren einen religiösen Einspruch gegen
die egozentrische Selbstbespiegelung im Tagebuch.
Nach dem Buribunken-Essay setzt Schmitt sein Tagebuchschrei-

45
II · Die antibürgerliche Selbstdarstellung Carl Schmitts im Tagebuch

ben deshalb auch wahrscheinlich für einige Zeit ab. »Carl Schmitt
hielt sich an seinen Vorsatz, kein Tagebuch zu führen, bis 1921. Da-
nach finden sich in seinem Nachlass datierte Notizzettel, die sich Mit-
te 1922 zu täglichen Notierungen verdichten und schließlich wieder
zu einer Folge regelrechter Tagebücher werden.« 3 Seit den frühen
20er Jahren sind seine Tagebücher bis 1934 dann einigermaßen lü-
ckenlos erhalten. Nach dem 30. Juni 1934 verzichtete er einige Zeit,
vielleicht aus politischer Vorsicht, auf Notizen. Für die Kriegsjahre
und erste Nachkriegszeit 1945 in Berlin finden sich dann erneut ste-
nographisch verfasste und bisher nicht dechiffrierte Tagebücher.
Schmitt wurde im Herbst 1945 verhaftet und in einem Berliner Camp
interniert, nach seiner Freilassung im Herbst 1946 im Frühjahr 1947
einige Wochen im Zusammenhang der Nürnberger Prozesse inhaf-
tiert, verhört und im Mai 1947 freigelassen. Im August 1947 nahm er
das Tagebuch in der Form eines »Glossariums« wieder auf und führte
dann ziemlich kontinuierlich weitere Sorten von Aufzeichnungen.
Damals entfremdete er sich von seinem Berliner Weggefährten und
Freund Ernst Jünger. Im Glossarium formulierte er deshalb seine Kri-
tik am Tagebuch auch primär gegen Jünger. 4
Im April 1948 notiert Schmitt drei Bedenken: allzumenschlicher
Intimismus, Häresie und mangelnde reflexive Deutung der »Roh-
materialien«. Schmitt formuliert das wortgewaltig: »Es ist zuviel
von privaten Dingen die Rede, zuviel Burgunder, zuviel Orchideen,
zuviel Doktoressen, zu sybaritisch 5 und auch zuviele Lagebespre-
chungen. Gefahr der Erwähnung sybaritischenBefindens und kleiner
Begegnungen; es schwimmt ein Schuss Pepysmus 6 mit, zur persön-
lichen Freude oder Entrüstung des Lesers, je nach dem Vorurteil, wie
er der Person Jüngers gegenübersteht.« (GL 98) Schmitt nennt das
Verdikt des »Intimismus« eine »allzu billige Kritik«. Als »ernsthaf-
tere Kritik« lässt er dagegen »Bedenken gegen fromme und christ-

3
Gerd Giesler und Ernst Hüsmert, Vorwort zu: Carl Schmitt, Tagebücher 1915–1919,
Berlin 2005, VIII
4 Dazu vgl. Helmuth Kiesel, ›Fruktifizierung des eigenen Briefwechsels‹. Zu einem

Vorwurf Carl Schmitts an Ernst Jünger, in: Detlev Schöttker (Hg.), Adressat Nach-
welt. Briefkultur und Ruhmesbildung, München 2008, 209–216
5 Nach der antiken Stadt Sybaris sprichwörtlich für schwelgendes Luxusleben, hier

wohl: »genüsslich«
6
Samuel Pepys (1633–1703), Parlamentsabgeordneter, Verfasser posthum veröffent-
lichter stenographischer Tagebücher intimem und zeitdiagnostischem Inhalts, viel-
bändig auch auf Deutsch erschienen

46
Antiargumente

liche Stellen insbesondere bei der Bibellektüre« gelten: »Es ist schwer,
hier den Stil zu finden«. Als Gefahren führt er auf: auf der einen Seite
»Heuchelei, Bigotterie, Bondieuserie, 7 Sakristei- und Bibel-Routine,
auf der anderen Seite […] Kritiker-Ironie, Parodie und Aufklärung
mit allen Worten und Wendungen dieser Sphäre« (GL 98). Der »Me-
moiren-Charakter dieser Tagebücher«, so sein dritter Einwand gegen
Jünger, sei nicht gelungen: »Diese Tagebücher sind keine Memoiren;
sie sind nichts als Materia prima, Rohmaterialien eines Buches; buch-
händlerisch-publizistische Verwertung des noch nicht Geformten!
Photokopie der Palimpseste, statt echter Editionen.« (GL 99) Dieser
dritte und letzte Einwand des Rohmaterialismus richtet sich nur ge-
gen Jüngers Strahlungen, soweit dieses Werk überhaupt Memoiren-
literatur sein wollte. Tagebücher sind keine Memoiren. Insoweit trifft
der Einwand die eigene Praxis nicht.
Nach einer gescheiterten Begegnung vom November 1949 pole-
misiert Schmitt ziemlich hemmungslos gegen den literarischen »Ver-
werter«. 8 So notiert er am 20. Dezember 1949 in sein Glossarium:
»Immer wieder setzt Jüngers Verwertungsmethode in Erstaunen.
Die Nachwelt und der Nachruhm werden mit einkalkuliert. Tage-
bücher, die für bisherige Begriffe nur der Nachwelt zugänglich sein
konnten, werden zu Lebzeiten aller Beteiligten literarisch vom Autor
selbst verwertet, als normale Buchpublikationen.« (GL 216) Jünger
heißt nun »der Brief- und Traum- und Tagebuch-Verwerter« (GL
217). Der Einwand richtet sich gegen den Seitenblick auf die literari-
sche Verwertung und Nachwelt:
»Es ist mit Ernst Jünger wie mit vielen berühmten Figuren, die auf der
Bühne der literarischen oder künstlerischen Öffentlichkeit stehen. Sie kon-
zentrieren alle ihre Kräfte auf ihr öffentliches Auftreten, das nennen sie:
auf ihre Arbeit. Sie sammeln sich für die Momente ihres öffentlichen Beru-
fes, auch wenn das die Momente am Schreibtisch sind. Sie vergeuden sich
nicht im Privaten, in keinem Gespräch und keiner nicht unmittelbar ver-
wertbaren Unterhaltung. Sie treiben eine wohlbegründete Ökonomie ihrer
Kräfte und Strahlungen und lassen nichts verkommen. Sie sind Verwerter
alles irgendwie Verwertbaren, ohne sich zu entäußern. Infolgedessen liegt
ihre Präsenz restlos in ihrem öffentlichen Werk. Ihre Existenz geht in der
Öffentlichkeit restlos auf.« (GL 212)

7
Religiöser Schnickschnack
8Dazu Verf., Don Capisco und sein Soldat. Carl Schmitt und Ernst Jünger, in ders.,
Kriegstechniker des Begriffs, Tübingen 2014, 153–172

47
II · Die antibürgerliche Selbstdarstellung Carl Schmitts im Tagebuch

In der Auseinandersetzung mit Jünger formuliert Schmitt implizit


einige normative Kriterien für die eigene Tagebuchpraxis: Tage-
bücher sollen privat bleiben und nicht auf Öffentlichkeit schielen.
Sie sollen weder der Vergangenheit noch der Zukunft dienen, son-
dern Gegenwart erfassen. Tagebücher entstehen oft übermüdet und
beiläufig. Schon das knappe Zeitbudget verleitet zu allzu flüchtigen
und phrasenhaft verschliffenen Eintragungen im additiven und para-
taktischen Telegrammstil. Auch knappste Notate fungieren aber
pragmatisch als Sätze. Schmitts Telegrammstil beschränkte sich nicht
auf die Fakten, sondern ergänzte affektive Eindrücke und Evaluatio-
nen. Viele Begebenheiten werden mit »Angst« oder »Ekel« regis-
triert. Sein Tagebuch ist deshalb mehr Erlebnis- als Ereignisprotokoll.
Was Tagebuchaufzeichnungen in der flüchtigen Notiz einfangen sol-
len, ist die »konkrete« Gegenwart und »Aktualität«. Sie dienen nicht
der romantischen Selbstbespiegelung, sollen keine Bruchstücke auto-
biographischer Konfessionen sein, keine schöne Literatur, kein Vor-
lauf in antizipierte Memoiren. Man sollte sie im Deutungsanspruch
niedrig hängen, flüchtiger nehmen als etwa das, was Schmitt in sei-
nem autobiographischen Bekenntnisbüchlein Ex Captivitate Salus im
Untertitel »Erfahrungen der Zeit« nennt. Schmitts Erfahrungsaus-
legung ist hochstufig reflektiert und coram publico verfasst. Gedeu-
tete Erfahrung ist aber keine zentrale Aufgabe und Funktion der
Tagebücher. Deutungen stiften Werke, Tagebücher aber sind keine
Werke, sondern rein private Zeugnisse.
Diese Aufgabenteilung und -trennung ist allerdings nicht leicht
zu erreichen und durchzuhalten. Der protokollarische Präsentismus
des kalendarischen Tagebuches widerspricht schon den literarischen
Ambitionen des Autors. Literarisch zielen Tagebücher wenigstens auf
den Autor als Leser: Er will sich mit seinem Tagebuch nicht lang-
weilen und mit der Fixierung des flüchtigen Moments autobiographi-
sche Orientierungen ermöglichen. Auch Tagebücher sind ein Stück
Literatur, und der ingeniöse Autor schielte mit seiner ganzen Exzen-
trik und Extravaganz nach literarischem Publikum.

2. Basisfunktion Kalender

Schmitt las gelegentlich in seinen Tagebüchern, notierte Relektüren.


Ein spätes Zeitzeugengespräch führte er auf Grundlage seiner Ta-
gebücher. Sein Schlüsselwort für diese Tagebuchfunktion ist der Ka-

48
Basisfunktion Kalender

lender: »Das ist gut, wenn man da Tagebücher führt, das ist wirklich
schön. […] Also ich kann Ihnen sagen, es gibt nur geschriebene Ge-
schichte, und das hängt am Kalender. Ohne Kalender keine Geschich-
te.« 9 Im Gespräch nutzte Schmitt den Kalender zur Verschiebung der
Fragestellung. Die Warum-Frage – »›Warum haben Sie bei Hitler
mitgemacht‹« – übersetzte er in eine kalendarische Wann-Frage: »Ich
will mal versuchen, die Frage so zu beantworten, dass ich erst die
Chronologie klarstelle. Es geht einfach nicht ohne Kalender.« 10 Paral-
lel zum Tagebuch führte Schmitt Taschenkalender. Schon deshalb war
sein Tagebuch nicht nur Kalender. Der Kalender im äußerlichen Sin-
ne der Addition von Namen, Orten und Daten ist kein Tagebuch im
eminenten Sinne der »konkreten« Erfassung der Gegenwart. Wahr-
nehmung ist immer selektiv und evaluativ. Von den faktischen Ereig-
nissen zu hochstufigen autobiographischen Erfahrungen ist es aber
ein langer Weg. Der kalendarische Protokollsatz des Tagebuchs nennt
nicht nur Ort, Zeit und Begebenheit, sondern auch den Modus der
Erfassung. »X getroffen, widerlich«, lautet der typische Erinnerungs-
kern für rückblickende Betrachtungen. Im Gespräch findet sich
Schmitts vielleicht wichtigste Selbsterklärung seiner Praxis:
»Ich habe ja ein exakt geführtes Tagebuch, kein romantisches und psycho-
logisches, sondern ein rein chronistisch-kalendarisches Tagebuch, und das
ist für mich eine sehr starke Stütze, namentlich jetzt im Alter. Es war aber
auch schon immer eine Stütze. Wenn Dinge über mich behauptet werden,
konnte ich sie doch, soweit es sich um Daten und einige Fakten handelte,
exakt, absolut zuverlässig (soweit es menschliche Zuverlässigkeit gibt) kon-
trollieren. Und so habe ich an Hand dieses Tagebuches diese Zeit schnell
noch einmal überflogen, was eine schwere Anstrengung für mich ist – es
ist stenographiert, einiges ist mit Bleistift stenographiert, weil ich das jeden
Abend machte, um exakt zu bleiben bei dem Kalender, bei dem Kalender
und bei den Daten usw. Ich bin auch kein Samuel Pepys oder so was. Die
Art Tagebuch ist es auch nicht. Es ist ein Tagebuch, dessen psychologische
Erklärung wieder ein Problem für sich ist. Es gibt ja verschiedene Arten von
Tagebüchern. Aber ich kann es vorzeigen, es ist als Dokument so einwand-
frei, wie es nur irgendwie ein Dokument ist, wobei ich amtliche und nicht-
amtliche Dokumente nicht unterscheide. Das gibt mir die Sicherheit, mit
der ich hier antworten kann.« 11

9 »Solange das Imperium da ist«. Carl Schmitt im Gespräch 1971, hrsg. Frank Hert-
weck / Dimitrios Kisoudis, Berlin 2010, 44
10 »Solange das Imperium da ist«, 86

11
»Solange das Imperium da ist«, 88

49
II · Die antibürgerliche Selbstdarstellung Carl Schmitts im Tagebuch

3. Editionspolitische Weichenstellungen

Schmitt adressierte sich nicht als »Klassiker« an eine ferne Nachwelt,


sondern an seine Mitwelt. Er hinterließ deshalb bei seinem Tod 1985
auch keinen detaillierten Masterplan zum Umgang mit seinem Nach-
lass. Heidegger adressierte sich – mit Nietzsche – an den »künftigen
Menschen«, organisierte seit den späten 30er Jahren den Umgang mit
seinem Nachlass selbst und fusionierte so Selbstinterpretation und
Nachlasseditionspolitik. 12 Schmitt entwickelte ebenfalls starke Selbst-
deutungen seiner Rolle und seines Werkes, setzte sie aber nicht detail-
liert in Nachlasseditionspolitik um. Er äußerte sich nicht autoritativ
über die posthumen editorischen Aufgaben und Schritte. Weil auch
Schmitts einzige Tochter Anima 1983 bereits verstorben war, musste
ohne die Familie posthum über die Nachlasspolitik und Editionsstra-
tegie entschieden werden. Schmitt hatte Ende der 70er Jahre zunächst
Ernst-Wolfgang Böckenförde zum Nachlassverwalter eingesetzt. Er
änderte diese Verfügung aber Anfang der 80er Jahre und ernannte
einen älteren Schüler, Joseph H. Kaiser, zum ersten Verwalter des wis-
senschaftlichen Nachlasses. Kaiser verfolgte zunächst eine eher res-
triktive Nachlasspolitik, unterstützte aber die erste Nachlassedition
des Nachkriegstagebuchs Glossarium. Anfang der 90er Jahre schei-
terten Bemühungen von Reinhart Koselleck, Wolfgang J. Mommsen
und Lutz Niethammer, eine öffentlich geförderte Gesamtausgabe zu
organisieren. Helmut Quaritsch, 13 ein juristischer Schmitt-Schüler,
publizierte dann zwei wichtige unveröffentlichte Texte der frühen
Nachkriegszeit. Nach dem Tod Kaisers (1998) wurde dessen Schüler
Jürgen Becker Nachlassverwalter und pflegte fortan eine liberale
Nachlasspolitik, die keine restriktiven Einschränkungen mehr mach-
te. Gerd Giesler (* 1940) und Ernst Hüsmert (* 1928), einst Pletten-
berger Nachbarskinder, übernahmen die Initiative und organisierten
und realisierten diverse Editionen der Tagebücher und Korrespon-
denzen, Schriften und weiterer Texte. Diese umfassende Erschlie-

12 Dazu Verf., Heideggers ›große Politik‹. Die semantische Revolution der Gesamt-
ausgabe, Tübingen 2016
13 Helmut Quaritsch (Hg.), Das internationalrechtliche Verbrechen des Angriffskrie-

ges und der Grundsatz ›Nullum crimen, nulla poena sine lege‹, Berlin 1994; Antwor-
ten in Nürnberg, Berlin 2000; dazu vgl. Hans-Christof Kraus, Helmut Quaritsch
(1930–2011), in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte GA 131
(2014), 749–807

50
Editionspolitische Weichenstellungen

ßung hat das Bild von Schmitt sehr verändert und die Historisierung
vorangetrieben.
Die Edition der Tagebücher begann wenige Jahre nach Schmitts
Tod mit der Publikation des Glossariums, das im Untertitel Aufzeich-
nungen der Jahre 1947–1951 heißt. Der Herausgeber Eberhard vom
Medem war nach 1933 ein enger Berliner Mitarbeiter Schmitts gewe-
sen. Die Publikation war 1991 sensationell, dokumentierte sie doch
erstmals Schmitts geistesgeschichtlich ebenso gelehrte wie polemisch
vergiftete Dämonologie. 14 Der fortdauernde Antisemitismus wurde
unabweisbar. Die Edition war fehlerhaft und mit dem Abschluss von
1951 auch nicht zwingend. 2015 erschien eine erweiterte, korrigierte
und kommentierte Neuausgabe. 15 Das Glossarium war in Langschrift
verfasst und evtl. von Schmitt selbst zur Veröffentlichung vorge-
sehen. Mit seinen letzten Aufzeichnungen taufte Schmitt die Bun-
desrepublik auf »den Namen Kafkanien« (GL 376) und verkündete:
»Das Gelächter Gelimers hört nicht auf.« (GL 380) Das letzte Buch
des Glossariums trägt den Untertitel: Gelimer Bd. V (GL 400). Viel-
leicht erwog Schmitt die Publikation unter dem Titel »Gelimers Ge-
lächter«. Nachlassinterpretationspolitisch überzeugte das Glossarium
die Schmitt-Kreise jedenfalls schon in der fehlerhaften Edition von
1991 »trotz anfänglicher Bedenken« von einer vollständigen »Druck-
legung sämtlicher Passagen« 16 und einer liberalen und offenen Nach-
lasspolitik. Es wurde klar, dass Schmitt durch die Publikation seiner
privaten Zeugnisse, Obsessionen und Konfessionen auch gewinnen
konnte. Dies betrifft einerseits die politische Diskussion und Skanda-
lisierung und andererseits seine Historisierung als relevante Gestalt
der Zeitgeschichte und individuum ineffabile. Es wurde deutlich, dass
dieser Typ tatsächlich merkwürdig fremd und interessant war.
Das Glossarium war lesbar verfasst. Wohl alle anderen Tage-
bücher und Taschenkalender sind dagegen in idiomatischer Gabels-
berger Stenoschrift geschrieben. Schmitts Kurzschrift stellt beson-
dere Anforderungen an die Entzifferung; nur der professionelle
Stenograph Hans Gebhardt (1925–2013) vermochte sie zu lesen,

14 Dazu schon Verf., Carl Schmitts Dämonologie – nach dem Glossarium, in: Rechts-
theorie 23 (1992), 258–271
15 Dazu meine Besprechung: Carl Schmitt, Glossarium. Aufzeichnungen aus den Jah-

ren 1947 bis 1958. Neuausgabe, hrsg. Gerd Giesler / Martin Tielke, Berlin 2015, in:
Philosophischer Literaturanzeiger 68 (2015), 354–361
16
Ernst Hüsmert, Vorwort zu: Carl Schmitt Tagebücher 1912–1915, Berlin 2003, X

51
II · Die antibürgerliche Selbstdarstellung Carl Schmitts im Tagebuch

sämtliche Transkriptionen der Tagebücher von 1912 bis 1934 stam-


men bis heute von ihm. Die vorläufigen Transkriptionen der Jahre
1925 bis 1929 sind noch nicht ediert. Es ist heute noch kaum abzuse-
hen, wann weitere Quellen – so etwa die Taschenkalender und Ta-
gebücher der NS-Kriegsjahre – erscheinen können. Die »Buribunko-
logie« des Werkes steht auch eigentlich erst am Anfang. Wir wissen
noch erstaunlich wenig über Schmitts Umgang mit seinem Tagebuch
und seine Praxis des Schreibens. 1971 stellte Schmitt rückblickend,
wie oben zitiert, den chronistisch-kalendarischen Kern und die Funk-
tion als Erinnerungsstütze und Beweismaterial in der amtlichen
Selbstverteidigung heraus und grenzte das positivistisch-exakte Ta-
gebuch vom »romantischen« und »psychologischen« Tagebuch ab.
Das positivistische Protokoll peinlicher Intimitäten ist erstaunlich.
Schmitt meinte dazu selbst: »Es ist ein Tagebuch, dessen psychologi-
sche Erklärung wieder ein Problem für sich ist.« Es findet sich keine
romantische Psychologie ausschweifend leer laufender Reflexionen
auf Beziehungsfragen, aber eine Manie des Protokoll- und Bekennt-
niszwanges, Ressentiments und der Selbsterhöhung, Selbstanklage
und Selbsterniedrigung.
Die Tagebücher der frühen 20er Jahre stellte Schmitt unter den
Titel Der Schatten Gottes und legte damit eine religiöse Deutung
nahe. Die Herausgeber sprechen von »Introspektionen« und »Obses-
sionen« und schreiben: »›Der Schatten Gottes‹ hebt sich mit seiner
freieren, assoziativen Anlage von dem teilweise parallel geführten
›strengen‹ Tagebuch ab. […] Die Herausgeber sind davon überzeugt,
dass der Gedanke des Schatten Gottes über dem Gesamt der Intro-
spektionen, der Tagebücher und der Brief(entwürfe)e des gewählten
Zeitraums steht.« 17 Die Rede vom Schatten Gottes geht auf die Psal-
men zurück. Schmitt notiert: »Der Herr ist dein Schatten über deiner
rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der
Mond des Nachts.« (TB 1921/24, 405) »Gott wirft einen Schatten,
weil er eine Substanz hat« (TB 1921/24, 456). »Der Schatten ist der
Beweis einer Substanz« (TB 1921/24, 457). Schmitt betont den christ-
lichen Schatten über dem Eros und stellt seine Passion exzentrisch
gebildet in Traditionen der Liebespoesie. Man könnte von einer auto-
biographischen Selbstdeutung der Liebe als Thema der Jahre 1921 bis

17Gerd Giesler, Ernst Hüsmert, Wolfgang Spindler, Vorwort zu: Carl Schmitt, Der
Schatten Gottes, Berlin 2014, VI

52
Editionspolitische Weichenstellungen

1924 sprechen: Schmitt erfährt sich von Frauen abhängig, dem


»Schicksal« hingegeben und doch im »Examen« der Bewährung sei-
ner Liebe. Zeigten die frühen Tagebücher der Jahre 1912 bis 1915 vor
allem die Anfänge des Ehedramas um Carita Dorotič, wird der Leser
nun ein intimer Zeuge der Trennung. In den frühen 20er Jahren, dem
Entstehungsraum der Programmschriften Politische Theologie und
Römischer Katholizismus und politische Form, entwickeln seine Ta-
gebücher eine Theologie der Passion vom »Schatten Gottes«: Schmitt
reflektiert seine erotischen Abhängigkeiten und Liebesstafette des
Übergangs von seiner ersten Frau über die irisch-australische Roma-
nistikstudentin Kathleen Murray und das Intermezzo der Affäre mit
einer Münchner Ärztin bis hin zum vermeintlich sicheren Hafen der
Verlobung mit Duschka Todorovič, die allerdings damals bereits le-
bensgefährlich an Tuberkulose erkrankt ist und Schmitt in neue Ka-
tastrophen und Eskapaden werfen wird. Die Tagebücher reflektieren
die politische Krisenzeit der Jahre 1921 bis 1924 also als Passage zur
späteren Ehefrau, der Schmitt erstmals im Januar 1923 als Überset-
zerin persönlicher Informationen zur betrügerischen Identität seiner
ersten Frau begegnet. Datierte er seine satirische Geschichte des Ta-
gebuchs von Don Juan ausgehend, so erfährt sich der christlich ge-
prägte Don Juan, der novellistisch gespiegelte »treue Zigeuner«, bald
als verzweifelter Othello.
Die publizierten Tagebücher 1930 bis 1934 setzen das journal
intime und die Praxis des Paralleltagebuches fort, in denen Schmitt
neben aphoristischen Gedankensplittern und Vorüberlegungen zu
wissenschaftlichen Publikationen nicht zuletzt zahlreiche fragmenta-
rische Briefentwürfe einzeichnet. Das Glossarium ersetzt das journal
intime dann durch ambitionierte »geistesgeschichtliche« Ausführun-
gen und Erklärungen der eigenen Lage als »Besiegter« von 1945.
Publizierte Schmitt mit Ex Captivitate Salus eine autoritative und
konfessionelle Selbsterklärung seines nationalsozialistischen Falles,
so wandte er sich nun verstärkt der politischen Gegenwartsdeutung
im geistesgeschichtlichen Rahmen zu. Dieser Wandel in den Auf-
gaben, Funktionen und Formen des Tagebuch hing auch mit der
veränderten Lebenslage zusammen: Schmitt war seit 1945 aus der
politischen Öffentlichkeit ausgeschlossen. Er hatte seine Professur
verloren, hatte bis zur Gründung der Bundesrepublik Publikations-
verbot und konnte auch später nicht mehr ohne Widerstand in der
akademischen Öffentlichkeit agieren. Seine frühere Trennung zwi-
schen dem publiken Juristenwerk und intimen Aufzeichnungen fiel

53
II · Die antibürgerliche Selbstdarstellung Carl Schmitts im Tagebuch

damit fort und das Tagebuch übernahm juristisch-politische Funktio-


nen des Werkes. Es mutierte vom journal intime zum zeitdiagnosti-
schen Kommentar und Glossarium. Der alte Schmitt führte dann
über viele Jahre weitere tagebuchartige Aufzeichnungen.
Die literarische Formgeschichte seiner Tagebuchpraxis ist hier
nicht zu schreiben. Wichtig ist aber, dass es über die protokollarische
Kernfunktion der Tagebücher hinaus eine solche Formgeschichte gab,
Literarisierungen und literarische Experimente, mit denen Schmitt
den eigenen Vorbehalten gegen das Tagebuch und Wandlungen sei-
ner privaten und öffentlichen Rolle begegnete. In diesem Sinne wur-
de sein »Antiburibunkentum buribunkisch«.

4. Selbstdarstellung des Bürgers als Picaro

Es wurde gesagt, dass die Tagebucheditionen das Bild von Schmitt


erheblich veränderten. Erste naheliegende Rezeptionsinteressen sind
politisch und historisch. Fragen betreffen etwa die Akteursrolle als
politischer Denker und rechtstechnischer Berater vor und nach 1933.
Interessant sind hier die verschiedenen Kreise, in denen Schmitt sich
bewegte: einige politische Prominenz, Hochschulkollegen, publizisti-
sche Netze der »konservativen Revolution« und des neuen Natio-
nalismus. Zentrale Personen seines Lebens sind in den Schriften gar
nicht oder nur marginal erwähnt und tauchen erst im Tagebuch auf:
außer den Ehefrauen und Geliebten etwa Fritz van Calker, Ludwig
Feuchtwanger, die Familie Eisler 18 und Franz Blei. Standardfragen
der Forschung betreffen das Verhältnis zum Nationalsozialismus, die
Datierung seines Fahnenwechsels, Fragen nach Kontinuität und
Wandel, Antisemitismus und ähnliches mehr. Eine besondere Ak-
teursnähe zu Kanzler Schleicher lässt sich heute schwerlich weiter
behaupten. Die Tagebücher belegen ein engeres Verhältnis zu Franz
von Papen und scheinen auch eine schärfere Trennung zwischen der
Rolle als Rechtsberater und seiner politischen Haltung zu erzwingen.
Der politische Akteur stimmte mit dem juristischen Gutachter nicht
immer überein. So finden sich schon vor 1933 einige Sympathien für
nationalsozialistische Politik, auch wenn Schmitt nicht vor dem
30. Januar 1933 für den Nationalsozialismus optierte. Ein unlängst

18Dazu Verf., Die Hamburger Verlegerfamilie Eisler und Carl Schmitt, Plettenberger
Miniaturen Heft 2, Plettenberg 2009

54
Selbstdarstellung des Bürgers als Picaro

publizierter Vortrag vom 23. Februar 1933 19 ist eine interessante


Quelle für den Übergang nach dem 30. Januar: Schmitt distanziert
sich darin bereits eindeutig von Papen und Schleicher. Sein Auftritt
vor dem Leipziger Staatsgerichtshof in der Sache »Preußen contra
Reich« war der Höhepunkt seiner verfassungspolitischen Wirksam-
keit. Größeren Einfluss hatte er nur für wenige Monate nach dem
Preußenschlag unter Papen. Diese Rolle muss man relativ sehen:
Verglichen mit anderen Berliner Staatsrechtslehrern, wie Heinrich
Triepel oder Erich Kaufmann, dürfte sein Einfluss jenseits dieser Pro-
zessverteidigung eher geringer gewesen sein. Zweifellos sind die Ta-
gebücher für sein Akteurshandeln und die politische Atmosphäre
Berlins vor 1933 interessant; Schmitt verkehrte aber nicht ständig in
führenden politischen Kreisen.
Quellenwert haben die Tagebücher auch für andere Fragen: für
die Entstehungsbedingungen und -kontexte der Publikationen bei-
spielsweise und die kollegialen Auseinandersetzungen im Weimarer
Richtungs- und Positivismusstreit der Zunft. Auch die Auseinander-
setzungen im rheinischen katholischen Milieu spiegeln sich in den
Tagebüchern. Weitere kultur- und mentalitätsgeschichtliche Fragen,
bis hin zur Sexualpraxis, lassen sich stellen. Nicht zufällig datierte
Schmitt die Geschichte des Buribunken seit Don Juan. Der Schatten
Gottes schreitet von Don Juan zu Othello als Paradigma des Lieb-
habers. Zwischen diesen Polen lebt Schmitt im Tagebuch und inter-
pretiert sein Leben immer wieder als Kampf: »Der Grundaffekt mei-
nes Lebens: Das Leben ist ein Kampf, gewiss, aber ein Kampf in einer
Arena vor Zuschauern, besonders vor weiblichen Zuschauern, die
Trophäen bereit halten; das Gefühl des Torero, des Gladiators. / Die
andere Auffassung vom Leben als Kampf: Der Kampf des Raubritters,
des Freibeuters, des Piraten, des Landsknechts.« (TB 1921/24, 482)
Der Picaro ist ein Glücksritter des Augenblicks im Ausnahmezustand.
Simplicius Simplicissimus ist in der deutschen Literatur, an den spa-
nischen Schelmenroman anknüpfend, seine paradigmatische Gestalt.
Schmitts Tagebücher haben ihre zeitdiagnostische Bedeutung in der
kritischen Einsicht in den Konnex zwischen der »picarischen« Exis-
tenz und politischen Krisenlage. Im Ausnahmezustand lebt der Aben-
teurer als Glücksritter des Augenblicks. Schon Goethe bemerkte da-

19Dazu Thomas Marschler (Hg.), Carl Schmitt, Bund, Staat und Reich. Vortrag in
Berlin vom 22. Februar 1933, in: Schmittiana II N.F. (2014), 21–41

55
II · Die antibürgerliche Selbstdarstellung Carl Schmitts im Tagebuch

zu: »Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und


Schamlosigkeit. (Picarden, Wiedertäufer, Sansculotten.)« 20
Schmitt wünschte kein Bürger zu sein. Auch seine Tagebücher
sind, trotz ihrer protokollarischen Authentizität, literarische Stücke
antibürgerlicher Selbstdarstellung und Selbstdemonstration. Sie füh-
ren einen Komplementärbeweis für die politische Theorie vom Aus-
nahmezustand; seine Theorie hat hier ihren »existentiellen« Erfah-
rungsgrund und biographischen Ursprung. Vielleicht lässt sich
sagen, dass diese Tagebücher eine eigene Differenz von Alltäglichem
und Außeralltäglichem konstruieren und ein antibürgerliches Leben
gezielt stilisieren. Thomas Mann konnte in seinen Tagebüchern ein-
gehend über Hausmädchenprobleme räsonieren; auch tagespolitische
Fragen nahmen bei ihm einen breiteren Raum ein. Schmitts Rhetorik
und Ökonomie des Tagebuches war eine andere. Man könnte von
einer antibürgerlichen Dramatik des Selbstprotokolls sprechen. In
diesem Sinne lesen sich seine Tagebücher komplementär zum fach-
lichen Werk.
Das Tagebuch ist eine Arena der antibürgerlichen Selbstdarstel-
lung des Intellektuellen im 20. Jahrhundert. Es ist auch ein agonales
Forum der Selbstqualifizierung in der Konkurrenz mit anderen anti-
bürgerlichen Prätendenten: Wem gelang die Emanzipation vom Bür-
gertum bis in private Intimitäten hinein? Wer sprang aus der bürger-
lichen Sozialisation heraus und politisierte das Private? Schmitt sieht
seine Tagebuchpraxis in der Konkurrenz mit Ernst Jünger: Der
Kriegsheld und prototypische »Soldat« war verspießerter Bürgerlich-
keit zwar eigentlich unverdächtig. In der Konkurrenz der Tagebücher
überführt Schmitt seinen alten Freund aber der bourgeoisen Selbst-
bespiegelung. Seine Tagebücher buhlen um den Selbstbeweis antibür-
gerlicher Konsequenz. Schmitt wollte Kontingenz und Ausnahme-
zustand als Existential erweisen und die Möglichkeiten und Grenzen
antibürgerlicher Lebensführung erkunden. In der romantischen
Form des Tagebuches führte er den autobiographischen Komplemen-
tärbeweis für seine Theorie. Dieser zerrissene Typus des antibürger-
lichen Professors war in der Weimarer Krisenzeit gar nicht so selten.

20
Johann Wolfgang v. Goethe, Maximen und Reflexionen, hrsg. Max Hecker, Wei-
mar 1907, 203; zu den Metamorphosen des Typus nach Hobbes vorzüglich jetzt Dieter
Thomä, Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds, Berlin 2016

56
III. Phänomenologie der
»demokratischen Legitimität«
Schmitts Schrift Die geistesgeschichtliche Lage des
heutigen Parlamentarismus (1923/1926)

1. Textfassungen

Die Broschüre Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamen-


tarismus (GLP) gehört in eine Reihe knapper Programmschriften zur
Ausarbeitung der Weimarer Verfassungslehre. Der Text erschien zu-
nächst im August 1923 in einer Festgabe der Bonner Fakultät für den
emeritierten Zivilrechtler Ernst Zitelmann und Ende Oktober dann
als selbständige Broschüre im Hausverlag Duncker & Humblot. 1
1926 publizierte Schmitt ihn in einer – hier zitierten – erweiterten
Fassung: um eine »Vorbemerkung« ergänzt, die vom »Gegensatz
von Parlamentarismus und Demokratie« handelt und damit ans erste
Kapitel »Demokratie und Parlamentarismus« anknüpft. Die Vor-
bemerkung war als Vorabdruck zunächst in der Zeitschrift Hochland
erschienen und wurde von Schmitt später, ebenso wie das letzte Ka-
pitel, auch in seine Sammlung Positionen und Begriffe aufgenom-
men. Eine dritte Auflage erschien 1961, und 1985, in Schmitts Todes-
jahr, folgte bereits eine sechste Auflage der Schrift, die heute in
zahlreiche Sprachen übersetzt ist und weltweit wirkt. Sie wird vor
allem als »klassische« Kritik des »klassischen« Parlamentarismus re-
zipiert. Dabei wird zwischen den Fassungen von 1923 und 1926 meist
nicht genau unterschieden und holistisch vom Gesamtwerk her ge-
deutet. Die Parlamentarismuskritik ist 1923 aber erst ein Auftakt zur
Liberalismuskritik. 2
Die Schrift markiert im Krisenjahr 1923 einen Übergang vom

1 Schmitts stilistische Korrekturen lassen sich anhand der Handexemplare gut nach-
vollziehen: Der Sonderdruck aus der Zitelmann-Festgabe (RW 265–28267) war –
schwarze Tintenkorrekturen – offenbar eine Vorfassung des Korrekturexemplars für
den Satz.
2
Dazu Verf., Liberale Demokratie als Paradoxon? Carl Schmitts Beisetzung des klas-
sischen Liberalismus, in: Ewald Grothe / Ulrich Sieg (Hg.), Liberalismus als Feindbild,
Göttingen 2014, 203–227

57
III. · Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«

früheren Themenfeld der Diktatur zur juristischen Analyse der Wei-


marer Verfassung. Sie gliedert sich in eine knappe Vorbemerkung
und vier Kapitel. Während die letzten beiden an frühere Schriften
anknüpfen, weisen die ersten beiden auf spätere Arbeiten voraus. Da-
bei wurde oft ein Zusammenhang zwischen der Schrift Politische Ro-
mantik (1919/1925) und der Prinzipienanalyse des Parlamentarismus
gesehen: Schmitt denunzierte die parlamentarische Debatte als ein
romantisches »unendliches« Gespräch, das niemals zur Entscheidung
gelangt. Wirklich neu ist nicht zuletzt der Demokratiebegriff, den
Schmitt im ersten Kapitel gegen das parlamentarische Repräsentati-
onskonzept ausspielt. An diesem »Begriff der modernen Demokratie«
entzündete sich auch sogleich eine Debatte, 3 auf die Schmitt 1926
einging. Das letzte Kapitel der Schrift druckte er unter dem Titel »Die
politische Theorie des Mythus« dann als eröffnenden Beitrag seiner
Sammlung Positionen und Begriffe (1940) wieder ab, die einen sieg-
reichen Dreifrontenkampf mit nationalsozialistischem Akzent doku-
mentierte. Schmitt datierte den Beginn seines Kampfes mit »Weimar
– Genf – Versailles« also rückblickend auf das Jahr 1923 mit dem
Erscheinen seiner Parlamentarismusschrift. Dabei betonte er die po-
sitive Funktion seines Demokratiebegriffs als »politische Theorie des
Mythus«.
Schmitt schrieb seinen »Aufsatz zu Zitelmann« und »über Par-
lamentarismus«, wie das Tagebuch belegt, in kürzester Zeit fast bei-
läufig am Beginn des Sommersemesters. Er sagte seinen Beitrag dem
Bonner Kollegen Ernst Landsberg zwar bereits im November 1922
zu, begann aber mit der Niederschrift eigentlich erst, als die Deadline
gerade abgelaufen war. Privat stand er damals zwischen drei bis vier
Frauen. Die Broschüre Römischer Katholizismus und politische Form
war gerade erschienen. Schmitt war damals erst seit einem Jahr in
Bonn und bemühte sich um gute kollegiale Kontakte. Er hatte engen
Umgang mit Landsberg, dem Organisator der Festgabe, und auch
Erich Kaufmann, und suchte den Kontakt mit seinem Amtsvorgänger
Rudolf Smend und anderen Kollegen in der Juristischen Fakultät. Da-
rüber hinaus pflegte er engen Umgang mit dem Theologen Wilhelm
Neuss und dem Musikwissenschaftler Arnold Schmitz, dem er le-
benslang verbunden blieb. Er betreute erste Promotionen. Seine Bon-
ner Wirksamkeit formierte sich damals gerade erst: Schmitt hatte

3Dazu Richard Thoma, Zur Ideologie des Parlamentarismus und der Diktatur, in:
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 53 (1925), 212–217

58
Textfassungen

noch nicht einmal eine feste Wohnung; privat war er nicht gebunden,
der baldige Streit und Bruch mit Kaufmann zeichnete sich noch kaum
ab; der Theologe Erik Peterson und die Meisterschüler, die mit der
Bonner Zeit eng verbunden werden (Waldemar Gurian, Werner Be-
cker, Ernst Forsthoff, Ernst Rudolf Huber, Werner Weber, Otto Kirch-
heimer u. a.), sind noch nicht da. Als Verfassungsjurist ist Schmitt
damals noch nicht hervorgetreten. Auch seine extensive Deutung
der Diktaturbefugnisse des Reichspräsidenten liegt noch nicht vor.
Er hat sich mit seiner Schrift Politische Theologie aber bereits in die
Reihen der »Gegenrevolution« hineingeschrieben, weshalb die nach-
trägliche Datierung seines »Kampfes« auf das Krisenjahr 1923 etwas
verwundert.
Kommunistische Alternativen zur Weimarer Republik scheinen
damals zwar gerade niedergeschlagen zu sein, doch die Folgen von
»Versailles« eskalieren. Die Inflation beschleunigt sich zur Hyper-
inflation; im Januar 1923 erfolgt der Einmarsch französischer und
belgischer Truppen in das Ruhrgebiet und die politische Zukunft des
Rheinlandes ist unklar. Der Lektor und Verleger Feuchtwanger
nimmt die Schrift begeistert auf; sie habe »das schwere Panzerhemd«
des akademischen Apparates abgeworfen und wirke »wie David mit
der Schleuder« (CSLF 35). Schmitt liest im August 1923 Geschichte
und Klassenbewusstsein von Georg Lukács und erwägt eine »Vor-
bemerkung über die Bücher von Lukács und Ric[arda] Huch« (CSLF
37). Gemeint ist Huchs Buch Michael Bakunin und die Anarchie von
1923. In der Vorbemerkung hätte er sich also zum Marxismus und
Anarchismus geäußert und die »Sonderausgabe« noch stärker in die
antiparlamentarische Gegenwart geführt. Schmitt schreibt dann aber
erst für die zweite Auflage seine längere Vorbemerkung »über den
Gegensatz von Parlamentarismus und Demokratie« von 1926. Im
September 1923 nimmt er mit den letzten Fahnenkorrekturen noch
»viele schöne Verbesserungen« (TB 1921/24, 243) vor, die aber rein
stilistisch sind. Seine Broschüre erscheint dann wenige Tage vor Hit-
lers Marsch auf die Feldherrenhalle. Der Sieg des »nationalen My-
thus« (GLP 89) über den Bolschewismus, den die Schrift mit Beru-
fung auf Mussolini am Ende zu beschwören scheint, steht damals
noch aus. Festgabe und Sonderausgabe sind nicht ganz textidentisch.
»Wichtige Korrekturen« (TB 1921/24, 244), von denen das Tagebuch
spricht, gibt es – jenseits der Erweiterungen von 1926 – aber eigent-
lich nicht.
Eine Analyse der Schrift muss die verschiedenen Fassungen und

59
III. · Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«

Kontexte, einzelne Kapitel und die Verknüpfung zu einer Gesamtaus-


sage unterscheiden. Die Liberalismuskritik tritt eigentlich erst mit
der Vorbemerkung von 1926 und dem Begriff des Politischen von
1927 deutlicher hervor. Zentrale Begriffe sind nicht nur Parlamenta-
rismus und Demokratie, sondern auch Rationalismus und Irrationa-
lismus, Diktatur, Dialektik und Gewaltanwendung.

2. Dialektik der Legitimität

Schmitts Broschüre ist ein Essay: keine monographische Abhand-


lung, die ein eng begrenztes Thema erschöpfend behandelte, sondern
eine meinungsstarke, thetische, vielschichtige und assoziative Skizze,
die eine Fülle von Beobachtungen und Aspekten rhetorisch prägnant
hinwirft. Landläufig wird sie als »geistesgeschichtliche Todeserklä-
rung« des Parlamentarismus aufgefasst. In der knappen Einleitung
betont Schmitt, seine »Untersuchung« wolle »den letzten Kern der
Institution des modernen Parlaments« (GLP 30) treffen: den »Boden«
des »Glaubens« an die moralischen und geistigen »Prinzipien«. Der
Gedankengang und Gesamtzusammenhang der Schrift erschließt sich
aber erst dann, wenn die Todeserklärung des Parlamentarismus ledig-
lich als Teilziel der Schrift verstanden wird. Schmitt erörtert auch die
»Gegenpositionen« 4 des Marxismus, Bolschewismus und Fascismus;
er unterscheidet zwischen dem »Apparat« oder »Betrieb« und der
kollektiven »Evidenz«, den »Prinzipien« und der »Idee« der Institu-
tion und spricht dafür terminologisch von »Legitimität«. Der Weber-
Schüler übersetzt Max Webers herrschaftssoziologischen und de-
skriptiven Legitimitätsbegriff dabei in einen differenzierten juristi-
schen Gebrauch: Es gibt kollektive Überzeugungen von der Form
legitimer Herrschaft; jede Verfassung positiviert solche Legitimitäts-
grundlagen. Ganz grundsätzlich unterscheidet Schmitt als Jurist,
abweichend von Webers Legitimitätstypologie, zwischen »dynasti-
scher« und »demokratischer« Legitimität: Der Wiener Kongress habe
1815 zwar die dynastische Legitimität restauriert; die demokratische
Legitimität sei damals aber bereits längst auf dem Vormarsch gewe-
sen. Schmitt zielt insgesamt auf eine Kritik der »demokratischen Le-
gitimität«. Der Schlüsselsatz seiner Schrift lautet: »Die Entwicklung

4 Dazu vgl. Hans Rothfels, Rezension von GLP in: Historische Zeitschrift 142 (1930),
316–319, hier: 317

60
Dialektik der Legitimität

von 1815 bis 1918 lässt sich darstellen als die Entwicklung eines Legi-
timitätsbegriffs: von der dynastischen zur demokratischen Legitimi-
tät.« (GLP 39) Ihr Titel könnte deshalb sachlich treffender lauten:
»Die geistesgeschichtliche Lage der demokratischen Legitimität«.
Die Rede von »Geistesgeschichte« war damals in Deutschland
durch Dilthey und dessen Schule verbreitet. Diltheys Konzept wurde
allerdings gerade auf einen historisch-philologischen Positivismus
eingeschränkt. Dagegen hielt Schmitt noch an einem religiösen Nim-
bus des »Geistes« fest. Zum Fernziel seines Essays schreibt er deshalb
auch: »Eine wissenschaftliche Betrachtung der Demokratie wird sich
auf ein besonderes Gebiet begeben müssen, das ich als politische
Theologie bezeichnet habe.« (GLP 41) Es muss hier dahingestellt blei-
ben, ob er tatsächlich eine starke politisch-theologische Kritik der de-
mokratischen Legitimität entwickelte. Das ist aber buchstäblich über
die Parlamentarismuskritik hinaus sein Anspruch.
Das erste Kapitel »Demokratie und Parlamentarismus« konsta-
tiert einen »Siegeszug der Demokratie« (GLP 30): Die demokratische
Legitimität habe als »polemischer Begriff« gegen die herrschenden
Monarchien ihre »Evidenz« (GLP 32) gefunden und sich in verschie-
denen Formen realisiert. Die demokratische Legitimität sei inzwi-
schen fast »allgemein anerkannt« (GLP 39); ihr – von Rousseau klar
formulierter – »Kern« sei die »Behauptung einer Identität von Gesetz
und Volkswillen« (GLP 35). Schmitt gibt diesem Befund eine analyti-
sche Wendung: Wenn fast alle modernen politischen Bewegungen die
demokratische Parole für sich reklamieren und eine »Reihe von Iden-
titäten« (GLP 35) beanspruchen, sei die Demokratierhetorik auf ihre
propagandistischen Techniken der »Identifikation« zu hinterfragen.
»Weder juristisch noch politisch noch soziologisch handelt es sich
um etwas real Gleiches, sondern um Identifikationen.« (GLP 35).
Kein Volkswille sei real konsensuell; jeder »Generalwille« sei fingiert
und propagandistisch erkauft. »Es scheint also das Schicksal der De-
mokratie zu sein, sich im Problem der Willensbildung selbst aufzuhe-
ben.« (GLP 37) Demokratie tendiere zur »Volkserziehung« und Er-
ziehungsdiktatur: zur »Suspension der Demokratie im Namen der
wahren, erst noch zu schaffenden Demokratie.« (GLP 37) Schmitt
nennt die Levellers, Jakobiner und den zeitgenössischen Bolschewis-
mus als Beispiele. Seine Schrift kritisiert in den folgenden Kapiteln
nicht nur den liberalen Parlamentarismus, sondern auch das marxis-
tische Diktaturkonzept und den Syndikalismus, Bolschewismus und
Fascismus als aktuelle Varianten diktatorischer Suspension demokra-

61
III. · Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«

tischer Legitimität. Die Diktatur erscheint als Wirklichkeit der demo-


kratischen Verheißung. Die Schrift könnte deshalb auch heißen:
»Diktatur als Wirklichkeit der Demokratie«.
Das zweite Kapitel erörtert »Öffentlichkeit und Diskussion«
(GLP 61) in gelehrten ideengeschichtlichen Ausführungen als »Die
Prinzipien des Parlamentarismus«. Gegen die arkane Kabinettspolitik
der Monarchien habe der Parlamentarismus die öffentliche Debatte
gesetzt. Von Klassikern des Liberalismus – Guizot, Bolinbroke, Mon-
tesquieu, Hegel, v. Mohl u. a. – abstrahiert Schmitt das »metaphysi-
sche System« (GLP 45) des Liberalismus: den balancierten Rechts-
staat, der Exekutive und Legislative, Maßnahme und Gesetz klar
unterscheidet und auch das Parlament selbst als »in sich« differen-
zierte Parteienlandschaft auffasst. Schmitt spricht 1923 von einem
»relativen Rationalismus«: von parlamentarischen und diskursiven
Verfahren der Entscheidungsfindung, die im deutschen Liberalismus
seit Hegel und v. Mohl in eine »Lehre von der organischen Vermitt-
lung« (GLP 58) politischer Gegensätze umgebildet wurden. Der klas-
sische Liberalismus und Parlamentarismus lebte, so Schmitt, in der
konstitutionellen Monarchie vom Gegensatz von Legislative und
Exekutive. Mit der »Beteiligung der Volksvertretung an der Regie-
rung« (GLP 62) sei aber die klassische Balancierung von Macht und
Recht, Befehl und Gesetz, Exekutive und Legislative entfallen und das
Plenum des Parlaments zur »Fassade« (GLP 62) verkommen. Der de-
mokratische Parteienstaat entwickelte neue Formen der »Arkanpra-
xis«. Schmitt bestreitet nicht die zivilisierende (moderierende und
balancierende) Kraft politischer Öffentlichkeit und Diskussion, aber
er bezweifelt, dass diese Prinzipien jenseits des konstitutionellen
Dualismus von monarchischer Exekutive und parlamentarischer Le-
gislative im Parlament noch ihre eigentliche Stätte haben. Schon mit
Condorcet, einem Autor der Französischen Revolution, datiert er eine
Aufhebung der liberalen Gewaltenbalancierung und Wendung zum
»absoluten Rationalismus«.
Argumentiert Schmitt im zweiten Kapitel ideengeschichtlich
differenziert, so gibt das dritte Kapitel »Die Diktatur im marxisti-
schen Denken« eine freihändige ingeniöse Skizze der marxistischen
Umschrift von Hegels Geschichtsphilosophie: Schon die Französische
Revolution schritt mit den Jakobinern und Napoleon zur Diktatur;
Hegel begriff Napoleon als »welthistorischen Heroen«; Marx gab
dem Sozialismus dann die geschichtsphilosophischen Weihen des He-
gelianismus: »Die Wissenschaftlichkeit des Marxistischen Sozialis-

62
Dialektik der Legitimität

mus beruht also auf dem Prinzip der Hegelschen Geschichtsphiloso-


phie.« (GLP 68) Der Geschichtsphilosoph erklärte sich zur Avantgar-
de und zum »Vortrupp des Weltgeistes« (GLP 70): Marx ersetzte den
welthistorischen Heroen durch die »Klasse« und erhob den Bourgeois
zur »welthistorischen Figur«. Schmitt pointiert, dass Marx die »Zu-
kunftsgesellschaft« (GLP 74) nur negativ als Ende des Kapitalismus
bestimmen konnte: Die welthistorische Negation endete im abstrak-
ten »Fieber« (GLP 76) der apokalyptischen Entscheidungsschlacht.
Mit Lenin und Trotzki sei dieser Moment aus marxistischer Sicht
gegenwärtig gekommen.
In kühnen und komplexen Argumentationen lässt das vierte und
letzte Kapitel »Irrationalistische Theorien unmittelbarer Gewalt-
anwendung als Gegner des Parlamentarismus« dann den Anarchis-
mus über den Marxismus und den italienischen Fascismus über den
Bolschewismus siegen. Schmitt beruft sich auf den anarchosyndika-
listischen Lebensphilosophen Georges Sorel, dessen Réflexions sur la
violence er damals in die deutsche Debatte einführte. Einleitend stellt
er die Frage, »warum gerade in Russland« (GLP 78) der Marxismus
siegte. Seine Antwort ist überraschend: Über den rationalistischen
Marxismus hinaus habe der Bolschewismus auch revolutionäre und
irrationalistische Kräfte des Anarchismus und Nationalismus auf-
genommen. Proudhon und Bakunin hatten 1848 schon den anarchis-
tischen und syndikalistischen Mythos vom Generalstreik geschmie-
det. Schmitt spiegelt die Lage nach 1918 in der kleinen Parallele von
1848: 5 Nicht die Diktatur der Intellektuellen, sondern die »schöpferi-
sche Gewalt« (GLP 84) der unmittelbaren Aktion habe die Massen
zur »Entscheidungsschlacht« (GLP 81) begeistert. Erst als der Mar-
xismus sich in Moskau mit dem russischen Nationalismus und
»Hass« (GLP 87) auf die westliche Zivilisation verband, wurde er mi-
litant und siegreich. Überall sei der Nationalismus eigentlich stärker
als der Marxismus, meint Schmitt; das habe Mussolini verstanden
und ausgesprochen. Starke politische Bilder und Mythen – von exis-
tentiellen Feinden und Entscheidungsschlachten – triumphierten ge-
genwärtig als »Grundlage einer neuen Autorität« (GLP 89) über den
liberalen Parlamentarismus.

5 Dazu vgl. Verf., Politische Theologie des Anarchismus. Fritz Mauthner und Gustav
Landauer im Visier Carl Schmitts, in: Gerald Hartung (Hg.), An den Grenzen der
Sprachkritik. Fritz Mauthners Beiträge zur Sprach- und Kulturtheorie, Würzburg
2013, Fritz Mauthner, Würzburg 2013, 85–111

63
III. · Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«

3. »Unmittelbare Demokratie« als antiliberale Alternative?

Schmitts Schrift wirkte sogleich in die verschiedensten Richtungen


akademisch anregend. Die Ausführungen zum Marxismus, Bolsche-
wismus und Fascismus traten dabei nach 1923, im Interim der Kon-
solidierung der Weimarer Republik, aber zunächst hinter die Rezep-
tion des Demokratiebegriffs und der Parlamentarismuskritik etwas
zurück. Schmitt führte sie in den 20er Jahren auch kaum aus und hielt
sich mit näheren Ausführungen zum italienischen Fascismus zurück.
In Vorträgen äußerte er sich aber zu aktuellen Fragen des Weimarer
Parlamentarismus und suchte zu zeigen, »dass der deutsche Parla-
mentarismus keine einzige der Voraussetzungen erfüllt, die das eng-
lische System zum Musterbeispiel machen«. 6 In der Vorbemerkung
zur zweiten Auflage von 1926 geht er auf die Kritik des Heidelberger
Staatsrechtlers Richard Thoma näher ein: Thoma verwies u. a. mit
Max Weber auf die elitensoziologische Rechtfertigung des Parlamen-
tarismus als »Auslese-Instrument« und »Mittel der politischen Füh-
rerauslese« (GLP 8); Schmitt bezweifelt dieses Argument, zumal er
auf Lenin, Trotzki und Mussolini verwiesen hatte, und liest es als
indirekte Bestätigung des verlorenen Glaubens an das Parlament als
exklusiven und privilegierten Ort öffentlicher Debatten und Persua-
sion auch des politischen Gegners: als »Schauplatz eines Umschal-
tungsprozesses […] vom egoistischen Partei- zum verantwortlichen
Staatswillen«, wie Schmitt es im Hüter der Verfassung (HdV 88 f.)
formulierte. Max Weber hatte – 1919 in Politik als Beruf – bereits,
an Robert Michels anknüpfend, den »Einzug der plebiszitären Demo-
kratie« und maschinen- oder betriebsförmigen Organisation in den
alten Parlamentarismus beschrieben; Schmitt markiert nun ebenfalls
einen scharfen Schnitt zwischen dem liberalen Parlamentarismus und
pluralistischen Parteienstaat.
Seine Vorbemerkung von 1926 erneuert aber nicht nur das prin-
zipielle Argument, sondern entwickelt den Demokratiebegriff auch
mit Rekurs auf Rousseau 7 weiter: Hatte Schmitt 1923 den Fokus zu-
nächst von der Demokratierhetorik auf die kritische Analyse der po-

6 Dazu etwa die eingehenden Berichte über Vorträge vom 29. Januar und 5. Februar
1926 in der Recklinghäuser Zeitung vom 1. und 8. Februar 1926, die Dr. Matthias
Kordes in der Vestischen Zeitschrift der Vereine für Orts und Heimatkunde Bd. 108
kommentiert publizieren wird.
7 Dazu Verf., Vordenker der souveränen Diktatur? Das antiliberale Rousseau-Bild

und Carl Schmitt, in: Politisches Denken. Jahrbuch 2012, 129–144

64
Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«?

litischen Mittel und Techniken der »Volkserziehung« verschoben, so


tritt er nun stärker aus der Beobachterperspektive heraus und unter-
scheidet zwischen der liberalen und universalistischen »Menschheits-
demokratie«, die er ablehnt, und der politischen Konstruktion einer
»substanziellen« Gleichheit und Homogenität, einer Kraft zur »Aus-
scheidung oder Vernichtung des Heterogenen« (GLP 14). Schmitt
betont nun, seinen Begriff des Politischen (1927) antizipierend, dass
jede demokratische Identität auch das »Korrelat einer Ungleichheit«
(GLP 18) habe und schon Rousseau an die »Einmütigkeit« (GLP 20)
einer indisponiblen nationalen Homogenität und Substanz dachte.
Anders als die liberale »Menschheitsdemokratie« realisierten Bol-
schewismus und Fascismus die Möglichkeit einer antiliberalen und
»unmittelbaren Demokratie« (GLP 22): einer »modernen Massen-
demokratie«, in der das Volk vital und politisch in der »Sphäre der
Publizität« existierte.
Den nationalistischen Grundzug seines Verfassungsdenkens ex-
pliziert Schmitt damals, außer im Begriff des Politischen, vor allem in
seinen völkerrechtlichen Schriften. Beginnend mit der Broschüre
Volksentscheid und Volksbegehren (1927) übersetzt er seine Katego-
rien dann aber so subtil in eine verfassungsrechtliche Darstellung der
Weimarer Republik, dass der starke Hinweis auf die antiliberalen Al-
ternativen des Bolschewismus und des Fascismus einige Zeit aus dem
Fokus verschwand. Nach 1945 wurde die Brücke von 1923 zu 1933
geschlagen und Schmitt immer wieder eine vorgängige Option für
den »totalen Führerstaat« 8 unterstellt. Es lässt sich auch schwer be-
streiten, dass er den Caesarismus einer antiliberalen und diktatori-
schen Demokratie durchgängig vertrat. Für Hitler optierte er aber
letztlich erst 1933.

4. Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«?

Man kann die Schrift Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen


Parlamentarismus (GLP) zunächst im Kontext betrachten: in der
Zeit- und Entstehungsgeschichte als Antwort auf aktuelle Diskussio-

8 Dazu vgl. Jürgen Fijalkowski. Ideologische Komponenten in der politischen Philoso-


phie Carl Schmitts, Köln 1958

65
III. · Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«

nen und Zeitgenossen: etwa auf Max Weber, Moritz Julius Bonn, 9
Rudolf Smend, 10 Erich Kaufmann und auch Hans Kelsen. 11 Man muss
sie auch im Rahmen von Schmitts Gesamtwerk lesen: Hier ist beson-
ders die Broschüre Legalität und Legitimität von 1932 als Pendant
interessant: Sie diagnostizierte den »Gegensatz« von Liberalismus
und Demokratie systematisch als interne Spannung und wider-
sprüchliche Struktur der Weimarer Verfassung selbst; Schmitt war
der Auffassung, dass solche »Dualismen« Konfliktdynamiken ent-
zündeten und einen Verfassungswandel in Richtung auf neue Ant-
worten anstießen.
Eine eingehende Diskussion der Schrift im Gesamtzusammen-
hang des Werkes ist hier nicht möglich. Schon für sich genommen
wirft sie mit ihrer Überfülle an Aspekten und starken Thesen zahlrei-
che Fragen auf. Eine ideengeschichtliche Betrachtung etwa kann
Schmitts Referenzkanon prüfen und die Sicht der liberalen »Klassi-
ker« oder das Rousseau-, Marx- oder Sorel-Bild diskutieren. Von sol-
chen historisch-philologischen Fragen ist der starke Idealtyp vom
»Liberalismus als konsequentes, umfassendes, metaphysisches Sys-
tem« (GLP 45) zu unterscheiden: Selbst wenn die Klassikerexegesen
schief, schwach oder spärlich sein sollten, könnte die idealtypische
Rekonstruktion der liberalistischen »Metaphysik« anregend und tref-
fend sein. Dabei ist die Systematik des »bürgerlichen Rechtsstaats«,
wie sie die Verfassungslehre (1928) ausführt, 1923 noch nicht ganz
entwickelt. Die Unterscheidung zwischen dem frühen Liberalismus
(vor 1789) und dem späteren »organischen« Liberalismus seit der
deutschen Romantik, Hegel und v. Mohl wirkte anregend. Schmitts
antiliberale und nationalistische Auslegung von Rousseaus volonté
générale ist strittig. 12 Die Auffassung von Marx als Geschichtsphilo-
soph und Hegelianer dürfte unproblematischer sein. Die kühnen
Ausführungen zum Bolschewismus und Fascismus werfen eine Reihe

9 Dazu Jens Hacke (Hg), Briefwechsel Moritz Julius Bonn – Carl Schmitt 1919–1932,
in: Schmittiana III N.F. (2016), 233–251
10 Dazu Rudolf Smend, Die politische Gewalt im Verfassungsstaat und das Problem

der Staatsform« (1923), in: ders., Staatsrechtliche Abhandlungen, Berlin 1955, 68–88
11 Dazu Verf., Antipodische Polemik: Zur Kontroverse zwischen Hans Kelsen und

Carl Schmitt, in: Manfred Walther (Hg.), »Religion und Politik«. Zu Theorie und
Praxis des theologisch-politischen Komplexes, Baden-Baden 2004, 265–272; von der
Option für Kelsen her kritisch eindrucksvoll: Volker Neumann, Carl Schmitt als Ju-
rist, Tübingen 2015
12 Dazu etwa Ingeborg Maus, Über Volkssouveränität. Elemente einer Demokratie-

theorie, Berlin 2011

66
Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«?

weiterer Fragen auf: Schmitt betrachtete diese Bewegungen als kom-


plexe Strömungen, in denen Motive und Energien des Marxismus,
Anarchismus und Nationalismus in unterschiedlicher Weise wirksam
wurden, und er unterstellte ihnen eine irrationalistische »Philosophie
konkreten Lebens« (GLP 76), die Sorel prototypisch erfasst habe.
Schmitt entfernte sich damit vom Selbstverständnis der Bewegungen
und entwickelte eine eigene starke und spekulative Deutung. In seine
Auffassung von »Moskau« ging eine zeittypische Slawophilie (nach
Tolstoi und Dostojewski) ein, die auch eine intime Note hatte:
Schmitt liierte sich damals mit einer orthodoxen Serbokroatin und
optierte überhaupt »terran«, kontinental und osteuropäisch gegen
den angelsächsischen Raum. Schmitt zitierte Sorel und Mussolini
für seine Einschätzung, »dass die Energie des Nationalen größer ist
als die des Klassenkampfmythos« (GLP 88). Am Ende spielte er Mus-
solini gegen den liberalen Parlamentarismus wie den Bolschewismus
aus.
Die apodiktische Setzung der »Prinzipien des Parlamentaris-
mus« wurde vielfach diskutiert. Leo Wittmayer 13 kritisierte sie in
scharfem Ton als Themaverfehlung: Schmitt habe die Grundlagen
des aktuellen Parlamentarismus gar nicht erörtert. Rudolf Smend
sprach treffend von »Begriffsrealismus«: Die ursprüngliche Ideologie
sei »nur ein Moment der Integration«; der Glaube an die ausschließ-
liche Bedeutung der Ideologie sei »Rationalismus oder (wie bei
C. Schmitt) Begriffsrealismus.« 14 Smend meinte einen Kurzschluss
von Wort und Sache: Eine Institution muss nicht mit ihrer initialen
Idee fallen, wie die Ehe nicht mit der Liebe. Es ist auch zwischen der
politikwissenschaftlichen Diagnose eines »Strukturwandels« (vom li-
beralen Parlamentarismus zum »Parteienstaat« der »Massendemo-
kratie«) und einer normativen und philosophischen Diskussion der
Prinzipien zu unterscheiden. Mit der Institution des Parlamentaris-
mus fällt auch nach Schmitt aber nicht zwingend der Glaube an die
zivilisierende und pazifizierende Kraft öffentlicher Debatten und po-
litische Öffentlichkeiten. Deshalb ließe sich das heutige komplexere
Verhältnis des Parlamentarismus zu den pluralen Öffentlichkeiten
auch mit Schmitt systematisch bejahen. Als Alternative zum politi-

13 Leo Wittmayer, Rezension von Schmitt 1923, in: Archiv des öffentlichen Rechts 47
(1925), 231–233
14 Rudolf Smend, Verfassung und Verfassungsrecht (1928), in: ders., Staatsrechtliche

Abhandlungen, Berlin 1955, 119–276. hier: 153

67
III. · Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«

schen Rationalismus und Idealismus des öffentlichen Diskurses be-


tonte Schmitt zwar den Schritt in die »unmittelbare Gewaltanwen-
dung«; gelegentlich bekannte er sich aber auch ausdrücklich zu den
Prinzipien rationaler Politik. In der Vorbemerkung von 1926 betonte
er gegen falsche Missverständnisse: »Dass der Glaube an Öffentlich-
keit und Diskussion heute als etwas Veraltetes erscheint, ist auch
meine Befürchtung.« (GLP 6) Schon deshalb lässt sich die Schrift
nicht auf ein Bekenntnis zu den »irrationalistischen Theorien unmit-
telbarer Gewaltanwendung« und Option für Mussolini (evtl. gar als
Deckname für Hitler) festlegen. Die parlamentarische Debatte funk-
tioniert nur im Kontext demokratischer Öffentlichkeiten, und die zi-
vilisierende Kraft des politischen Diskurses ist nicht exklusiv an die
Form des Parlaments gebunden.
Allerdings argumentierte Schmitt »geistesgeschichtlich«. Seine
Form der Geistesgeschichte ähnelt dabei mehr dem Typus des Hege-
lianismus als der kultur- und literaturwissenschaftlich akzentuierten
Geistesgeschichtsschreibung Diltheys, die sich um 1900 von der star-
ken »dialektischen« Konstruktion eines eigenlogischen »absoluten
Geistes« der Hegelianer absetzte. Schmitt kennt zwar keine eigen-
logisch zwingende Dialektik, keinen dialektischen Determinismus;
auch seine Skizze scheint jedoch zu charakterisieren, was Schmitt
über Marx’ Verhältnis zu »Hegels Geschichtsdialektik« schreibt.
Auch seine Broschüre zeigt: »Die dialektische Konstruktion steigen-
der Bewusstheit zwingt den konstruierenden Denker, sich selbst mit
seinem Denken als die Spitze der Entwicklung zu denken.« (GLP 73)
Der Leser identifiziert Schmitts Hermeneutik des Fascismus deshalb
auch allzu leicht mit einer Parteinahme. Dabei sollte er aber nicht
überlesen, was Schmitt über Hegels Geschichtsphilosophie auch
schreibt: »Wenn die Weltgeschichte das Weltgericht ist, so ist sie ein
Prozess ohne letzte Instanz und ohne definitives disjunktives Urteil.«
(GLP 69) Schmitt skizziert eine eigenartige Phänomenologie der »de-
mokratischen Legitimität«. Nicht zufällig zitiert er (GLP 74) gerade
die Phänomenologie des Geistes, das philosophische Werk, das er, ne-
ben Hobbes’ Leviathan, wohl am meisten bewunderte. Wenn die Bro-
schüre eine letzte Instanz kennt, heißt sie buchstäblich nicht
»Schmitt«, sondern »Evidenz«, »Glauben« oder »Legitimität«.
Schmitt skizziert einige Formen und Stufen der demokratischen
Legitimität und argumentiert als Hermeneut des kollektiven Glau-
bens an politische Ideen und Institutionen. Ideen schaffen sich zwar
ihre Institutionen, meint er, aber sie wandeln sich auch. Schmitt be-

68
Phänomenologie der »demokratischen Legitimität«?

hauptet nicht, dass ein »absoluter Rationalismus« sich mit logischer


Notwendigkeit aus einem »relativen Rationalismus« entwickelte und
dann irgendwie in einen Irrationalismus unmittelbarer Gewalt-
anwendung umschlug; er zeigt, dass hohe Erwartungen vom par-
lamentarischen Betrieb enttäuscht wurden und neue Bewegungen
entstanden, die in der Abgrenzung noch den Prinzipien und Formen,
Ideen und Institutionen negativ verbunden blieben, von denen sie
sich absetzten. Den italienischen Fascismus betrachtete er dabei als
aktuelle »gegenrevolutionäre« Antwort auf den Bolschewismus. Er
entwickelte einen Typus hermeneutischer Bewegungsgeschichts-
schreibung, der die politische Bewegung von den kollektiven »Ideen«
und »Evidenzen« her schrieb. Seine personalisierende, an »Klassi-
kern« orientierte Legitimitätsgeschichte verfassungbildender Be-
wegungen scheint allerdings eine politisch nicht uninteressierte
systematische Präferenz für reine Formen und »unmittelbare« De-
mokratie zu vertreten, weshalb Schmitt 1933 auch den Namen Adolf
Hitlers einschrieb, wo 1923 Mussolini stand. Das dialektische Feuer-
werk seiner Schrift ist anregend, gedankenreich und anstößig. Eine
Wirkungsgeschichte der kleinen Broschüre müsste Epochen, Kon-
tinente und Bände umfassen. Man sollte die Schrift jedenfalls nicht
auf eine idealistische Parlamentarismuskritik verkürzen, die »klassi-
sche« Prinzipien gegen den aktualen Betrieb ausspielte.

69
IV. Carl Schmitt und Hegel.
Romantikkritik und bürgerliche Verfassung 1

Hegel und Carl Schmitt sind heute zwei global player der deutschen
Geisteswissenschaft. Beide polemisierten gegen die romantische Sub-
jektivität. Während Hegel aber das »Prinzip der subjektiven Freiheit«
in seinem System der Sittlichkeit systematisch berechtigte, argumen-
tierte Schmitt durchgängig antiindividualistisch und antiliberal. Ver-
glichen mit Schmitt erscheint Hegel deshalb auch als der modernere
Autor.

1. Antimarxistische Hegelstrategie

Schmitt war Jurist. Er war kein Philosoph und wollte das nicht sein.
Als Jurist teilte er zwar mit der Philosophie den normativen An-
spruch. Hinter seine politische Begründung der Rechtsgeltung durch
»positive« »Grundentscheidungen« ging er aber nicht zurück. Inten-
sive Lektüre von Platon und Aristoteles, Kant oder Nietzsche ist nicht
bezeugt. 2 Sie werden in Schmitts Werk auch kaum je erwähnt. Zwar
las Schmitt mit starken persönlichen Identifikationen immer wieder
Thomas Hobbes. Sein Hobbes-Buch von 1938 ignorierte dessen Sys-

1 Am 16. September 2010 auf dem 28. Internationalen Hegel-Kongress in Sarajevo


vorgetragen
2 Schmitt hatte breite Kenntnisse der patristischen und scholastischen Literatur, des

gesamten Naturrechtsdiskurses, der frühneuzeitlichen Philosophie und vieler anderer


Autoren. Er hatte auch genaue Kenntnisse von Hegel und dem Hegelianismus. Platon
und Aristoteles, Kant und Nietzsche spielen aber in seinem Werk fast keinerlei Rolle.
Der junge Schmitt setzte sich intensiv mit dem zeitgenössischen Neukantianismus
auseinander. In seinen Straßburger Qualifikationsarbeiten distanzierte er sich vom
Marburger Neukantianismus. Erst viel später, in der Tyrannei der Werte, grenzte er
sich auch von der südwestdeutschen Wertphilosophie ab. Schmitt las den philosophi-
schen Diskurs als konfessionellen Diskurs in junghegelianischer Tradition primär
theologie- und religionsgeschichtlich und verwarf das rationalistische Projekt phi-
losophischer Vernunftautonomie insgesamt.

70
Vom »subjektiven Idealismus« zum »subjektiven Okkasionalismus«

temphilosophie aber auffällig. Sein wichtigster philosophischer Refe-


renzautor war Hegel. Schmitt zitierte ihn schon in seiner Habilitati-
onsschrift an zentralen Stellen. Er ließ sich von der Romantikkritik
intensiv anregen und spielte Hegel dann konsequent gegen die mar-
xistische Rezeption und »Hegel-Nahme« aus. Schmitt war zwar kein
Hegelianer: Gegen die marxistische Vereinnahmung berief er sich
aber systematisch und konsequent auf Hegel. Seit 1923 führte er die-
sen Kampf namentlich mit Georg Lukács. Wichtige Stationen seiner
antimarxistischen Hegelstrategie sind: Ausführungen zur Politisie-
rung der Hegelschen Dialektik durch die marxistische Diktatur-
theorie (GLP 63 ff.), einige Skizzen zur Aufhebung des politischen
Dualismus von Staat und Gesellschaft nach Hegel (HP 13 ff.), ein
Radiovortrag von 1931, Hegels 100. Todesjahr, über »Hegel und
Marx«, 3 das Lob von Hegels »konkretem Ordnungsdenken« (DARD
37 ff.), die Autorisierung der Dialektik von »Land und Meer« durch
Hegel (SGN 543), die Ablehnung linkshegelianischer und humanisti-
scher Verkehrungen von Hegels Christologie im Schlusswerk »Poli-
tische Theologie II« (PT II 121 f.). Den Kampf gegen die junghegelia-
nische und marxistische »Hegel-Nahme«, Vereinnehmung und
Monopolisierung der Hegel-Deutung, führte Schmitt dabei auch mit
Lorenz von Stein und Bruno Bauer. Konsequent lehnte er den Jung-
und Linkshegelianismus ab und bekämpfte diese Deutungstraditio-
nen auch als politische Bewegungen. Eine akademisch ausgewogene
und umfassende Hegel-Interpretation wollte er aber niemals ent-
wickeln und hatte mit den Rechtshegelianern seiner Zeit auch keinen
Kontakt.

2. Romantikkritik: vom »subjektiven Idealismus« zum


»subjektiven Okkasionalismus«

Mit seinen ersten Monographien entwickelt Schmitt eine anti-indivi-


dualistische Rechts- und Staatstheorie. Schon in seiner Dissertation
Über Schuld und Schuldarten trennt er Moral und Recht. Die Habi-
litationsschrift Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzel-
nen limitiert dann den Individualismus auf apokalyptische »Zeiten
der Unmittelbarkeit«. Schmitt konfrontiert eine satirische Abrech-
nung mit dem modernen Individualismus dann mit einer »scholasti-

3
Carl Schmitt, Hegel und Marx, in: Marx-Engels-Jahrbuch 2004, 219–227

71
IV. · Carl Schmitt und Hegel

schen Erwägung« zur Ordnung der Kirche. Parallel schreibt er 1917/


18 sein erstes größeres Buch Politische Romantik. In die Endphase
des Ersten Weltkriegs hinein korrigiert er die Fahnen. Anfang 1919
erscheint das Buch, dessen Entstehung in die biographisch dunkelste
Zeit fällt. Weshalb Schmitt dieses Buch, zwischen Münchner Heeres-
verwaltung und Straßburger Universität pendelnd, eigentlich schrieb,
ist unklar. Für die gängigen Erwartungen an einen werdenden Staats-
rechtslehrer war es einigermaßen exzentrisch. Zwar arbeitete Schmitt
damals bereits an seiner Begriffsgeschichte der Diktatur; er wollte
aber auch seine Individualismuskritik zu einem geistesgeschicht-
lichen Abschluss bringen. Weder Hegel noch Kierkegaard werden im
Buch zwar als romantikkritische Vorgänger eingehender dargestellt;
Schmitt bezieht sich mehr auf die französische Romantikforschung;
die Anregung durch Hegel und hegelianisierende Autoren wie Ruge
und Haym ist aber ganz unübersehbar. 4
Schmitt kritisiert die politische Romantik exemplarisch ins-
besondere am Beispiel Adam Müllers. Novalis und Friedrich Schlegel
zieht er nur ergänzend heran. Zwei Müller-Kapitel umklammern
zwei Kapitel zur »Struktur des romantischen Geistes«. Schmitt über-
nimmt einige polemische Topoi von Hegels Romantikkritik. Hegel
konzentrierte sich in seiner Romantikkritik aber auf Friedrich Schle-
gel und führte die romantische Auslegung moderner Subjektivität
philosophiegeschichtlich auf den »subjektiven Idealismus« seines
Berliner Vorgängers Johann Gottlieb Fichte zurück; Schmitt dis-
loziert diese philosophiegeschichtliche Herleitung, wenn er die Ro-
mantik nicht von Kant und Fichte, sondern von Descartes und Male-
branche herleitet. Er verwirft mit der Romantik nicht nur Kant und
die Folgen, sondern auch den neuzeitlichen Rationalismus insgesamt.
Schmitt betrachtet die Romantik als eine pseudokonservative
»Reaktion gegen den modernen Rationalismus«, die die »höchste
Realität« der alten Metaphysik, das vorreflexive Sein Gottes, durch
moderne Ideen von »Volk« und »Geschichte« ersetzte. Zum Okkasio-
nalismus sagt er in der Politischen Romantik aber philosophisch
eigentlich nicht viel. An die Zeitschrift für öffentliches Recht, das
Organ der Kelsen-Schule, schreibt er damals, einen Beitrag kommen-
tierend, dass der okkasionalistische »Parallelismus« nicht als Wech-
selwirkung auszulegen sei, sondern dass »der Lösungsversuch des ei-

4 Das sah schon Karl-Heinz Bohrer, Die Kritik der Romantik. Der Verdacht der Phi-
losophie gegen die literarische Moderne, Frankfurt 1989, 284–311

72
Vom »subjektiven Idealismus« zum »subjektiven Okkasionalismus«

gentlichen Occasionalismus mir gerade darin zu bestehen scheint,


dass jedes Moment jeder der beiden parallelen Reihen [des Staates
als historisch-politische und als juristische Erscheinung] zur occasio
für die allein wesentliche dritte, höhere Kraft (bei den historischen
Occasionalisten: Gott) wird, in deren umfassender und alleiniger
Wirksamkeit der Gegensatz und die Parallelität in Nichts verschwin-
det.« 5 Schmitt verweist auf den transzendenten »Gott«. Wo Hegel
von einer Subjektivierung des transzendentalen Idealismus spricht,
findet er eine Subjektivierung des Okkasionalismus. Die Folgen be-
schreibt er ähnlich wie Hegel: Er kritisiert den Typus des Romanti-
kers moralistisch als eitlen, ästhetizistischen Bourgeois.
Der Schwenk von Kant und Fichte zu Descartes und Malebran-
che hat erhebliche Konsequenzen für den Status der Untersuchung.
Während Hegels Ansatz als philosophiegeschichtlicher Befund nicht
unzutreffend ist, dürfte die Wendung zu Malebranche eine historisch
merkwürdige Fremdzuschreibung sein: Die Romantiker haben Kant
und Fichte gelesen; Malebranche aber haben sie kaum gekannt. Me-
thodisch wechselt Schmitt damit aus der philosophiehistorischen Stu-
die in einen Essay über. Dem Essay ist eine externe Fremdzuschrei-
bung erlaubt; er darf den Okkasionalismus zum Anlass einer eigenen
Definition nehmen, die nicht mit den Selbstbeschreibungen der Ro-
mantiker identisch ist und verwechselt werden darf.
Viele weitere Eigenheiten, Fehler und Verzerrungen ließen sich
monieren: Das Adam Müller-Bild ist offenbar ungerecht. Wichtige
politische Romantiker wie Franz von Baader und Joseph Görres kom-
men nicht vor. Schmitt diskutiert Müllers freundschaftliche Zusam-
menarbeit mit Heinrich von Kleist nicht und ignoriert so das Verhält-
nis von Preußentum und Romantik. Schmitt kritisiert die Modernität
der Romantik auch ganz einseitig und verbucht die konservativen
Motive und Bemühungen auf das Konto des politischen Opportunis-
mus. Den offenkundigen Beitrag der Romantik zur Nationalisierung
des Verfassungsdenkens erörtert er auch nicht und geht so an der
romantischen Entdeckung eines weiteren Begriffs vom Nationalstaat
vorbei. Wenn Schmitt dagegen die Romantiker als politische Oppor-
tunisten entlarvt, liest sich sein Buch wie eine vorweggenommene

5 Maschinenschriftl. Brief (Durchschlag) Schmitts vom 9. Oktober 1919 wohl an


Hans Kelsen als Herausgeber der Zeitschrift für öffentliches Recht (RW 265–13588).
Der Brief ist auch deshalb interessant, weil er Schmitts frühe Anregung in der geistes-
geschichtlichen oder politisch-theologischen Sicht durch die Kelsen-Schule belegt.

73
IV. · Carl Schmitt und Hegel

Selbstinquisition: Was für Müller fraglich ist, trifft auf seine eigene
politische Biographie zu. Der Name Adams Müllers ließe sich im
Buch deshalb durch Carl Schmitt ersetzen. Als eine solche Selbstent-
larvung des politischen Romantikers haben frühe Kritiker das Buch
sogleich gelesen: Johannes Kirschwang und Waldemar Gurian, Karl
Löwith und Gottfried Salomon richteten das Charakterbild vom poli-
tischen Opportunisten gegen Schmitt selbst. 6
Schmitt führt die katholische Gegenrevolution und vorrationa-
listische Metaphysik gegen die Romantik ins Feld. Gegen die katholi-
sierende Tendenz der Romantik scheint er eine Disjunktion von Ka-
tholizismus und Romantik aufzumachen. Sein Essay richtet sich
damit primär an die innerkatholische Diskussion. Mit dem pole-
mischen Besen der Romantikkritik sondiert er – auch in der frühen
Korrespondenz mit Gurian 7 – das katholische Terrain. Seiner Mitwelt
macht er die Romantik zum Prüfstein. Dabei distanziert er sich von
der romantischen Fassung katholischer Soziallehre und katholischen
Naturrechts. Sein Buch traf 1919/25 in die Selbstverständigungs-
debatten des damaligen Katholizismus und Konservatismus hinein
und war heftig umstritten. Erich Pryzwara 8 las eine Disjunktion von
»Augustinismus und Romantik« heraus. Eine solche »katholische«
Auffassung der Romantikkritik war Schmitt zwar nicht unlieb, im
Werk und Leben zeigte er sich aber nicht als treuer Katholik. Die
Trennung von »Geist« und »Sein« scheidet seine Grundstellung von
Hegels Philosophie des »absoluten Idealismus«, eine scholastische
und dogmatische Identifizierung seiner »Theologie« ist kaum mög-
lich.

6 Johannes Kirschweng, Der Romantiker Carl Schmitt, in: Rhein-Mainische Volks-


zeitung Nr. 16 vom 21. Januar 1926; Wiederabdruck in: Schmittiana I N.F. (2011),
108–110; Waldemar Gurian (Paul Müller), Entscheidung und Ordnung. Zu den
Schriften von Carl Schmitt, in: Schweizerische Rundschau 34 (1934/35), 566–576;
Karl Löwith, Politischer Dezisionismus, in: Internationale Zeitschrift für Theorie des
Rechts 9 (1935), 101–123; Gottfried Salomon, Staatsrecht in Deutschland, in: Emil J.
Gumbel (Hrsg.), Freie Wissenschaft. Ein Sammelbuch aus der deutschen Emigration,
Strasbourg 1938, 174–189
7 Dazu Ellen Thümmler u. Reinhard Mehring (Hg.), »Und erwähnen Sie die Neger-

plastik«. Waldemar Gurian-Carl Schmitt. Briefwechsel 1924–1932, in: Schmittiana I


N.F. (2011), 59–111; vgl. auch Schmitts negative Rezension von Paul Kluckhohn, Per-
sönlichkeit und Gemeinschaft. Studien zur Staatsauffassung der deutschen Romantik,
Halle 1925, in: Deutsche Literaturzeitung 47 (1926), Sp. 1061–1063
8 Erich Pryzwara, Augustinismus und Romantik, in: Stimmen der Zeit 109 (1925),

470–472

74
Bürgerliches Individuum und bürgerliche Verfassung

3. Bürgerliches Individuum und bürgerliche Verfassung

Schmitt dachte über Gott und Staat anders als Hegel. In seiner Ver-
fassungsgeschichte von der Zähmung des Leviathan oder Konstitu-
tionalisierung des Staates war er zwar niemandem näher als Hegel:
Hegel steht in seiner wissenschaftsgeschichtlichen Linie der Staats-
lehre für die klare Unterscheidung von Staat und Gesellschaft und
einen Anfang »organischen« Staatsdenkens, der dem »mechanisti-
schen« Staatsdenken des kontraktualistischen Naturrechts und der
rechtspositivistischen Linie nach 1848 überlegen sei. Nimmt man
Schmitts schematische Darstellungen aber ganz ernst, so stand er
der neuzeitlichen Trennung von Staat und Kirche und dem modernen
Konstitutionalisierungs- und Demokratisierungsprozess insgesamt
ablehnend gegenüber. Vor 1933 artikulierte er seine radikale Konsti-
tutionalismuskritik freilich nicht in aller Offenheit, sondern be-
schränkte sich auf eine strategische Dekonstruktion der liberalen
Elemente des Verfassungsstaates zugunsten eines plebiszitärdemo-
kratisch legitimierten Caesarismus.
Was Schmitt mit Hegel verbindet, ist ein weites Verfassungsver-
ständnis im Rahmen politischer Theologie. Schmitt ist aber kein Den-
ker der Synthese und »Aufhebung«, sondern der polemischen Kon-
frontation, des Konflikts, Ausnahmezustands und der diktatorischen
Entscheidung. Anders als Hegel beschreibt er die Weltgeschichte
nicht als einen Fortschrittsprozess, in dem verfassungsgeschichtliche
Errungenschaften bewahrt sind. So betrachtet er auch den Protestan-
tismus nicht als »Fortschritt« gegenüber dem Katholizismus, obgleich
Schmitt mit Hegel einig war, den Staat gegenüber den »besonderen
Kirchen« als »das Allgemeine« (GPR § 270; VII, 428) und »das Wis-
sende« (GPR § 270; VII, 425) 9 anzusehen. Schmitt bejaht den moder-
nen Individualismus nicht aus der moralischen Perspektive des indi-
viduellen Autonomieanspruchs als normativ unterhintergehbares
Postulat und rechtliche Forderung an den Staat. Anders als Hegel will
er »Legalität« und »Moralität« nicht im Staat bewahren. Er reduziert
das »System der Sittlichkeit« auf eine Spannung von Staat und Ge-
sellschaft, ohne die Funktion der Familie analog Hegel zu thematisie-
ren. Hegels systematische Überlegungen zur familiären Sozialisation
und Versittlichung der Individuen nimmt er nicht auf. Die positive
Aufgabe und Rolle der Familie bei der sittlichen Einbindung und Bil-

9
Hegel wird hier zitiert nach der Theorie-Werkausgabe, Frankfurt 1970

75
IV. · Carl Schmitt und Hegel

dung der Individuen sieht er nicht. Im »anthropologischen Glaubens-


bekenntnis« folgt er mehr Hobbes als Hegel. Hegels Ansicht, dass das
Prinzip der Familie im sittlichen Staat reflektiert und bewahrt sei,
steht er fern. Schmitt kennt überhaupt keinen »sittlichen Staat« im
Sinne Hegels. Während Hegel den moralischen Standpunkt des Indi-
viduums systematisch berechtigt und die Moralität im sittlichen Staat
respektiert wissen möchte, trennt Schmitt zwischen Moral und Poli-
tik und setzt den »absoluten« Staat gegen die politische Virulenz mo-
ralischer Selbstansprüche der Individuen ins Recht. So kritisiert er
auch die liberalen Momente von Hobbes’ Leviathan. Er war vor 1945
auch nicht rechtsdogmatisch gezwungen, staats- und völkerrechtlich
vom Primat der Grundrechte des Individuums auszugehen. Aus der
antiindividualistischen Ausgangsstellung resultiert ein Anti-Libera-
lismus und weitreichender Anti-Positivismus und -Legalismus. Auch
hier erscheint Hegel »moderner«.
Betrachten wird dies kurz am Verfassungsbegriff: Schmitt unter-
scheidet in seiner systematischen Verfassungslehre vor allem zwi-
schen der »absoluten« und der »positiven« Verfassung eines Staates.
Als positive Rechtsverfassung bezeichnet er die Summe der politi-
schen Grundentscheidungen einer politischen »Einheit«, des Volkes
als Nation. Die »absolute« Verfassung nennt er die Summe aller Be-
dingungen und Voraussetzungen der Legalität. Er spricht auch von
der geschichtlichen »Substanz« einer positiven Rechtsverfassung
und nähert sich damit Hegels Terminologie und Betrachtungsweise
an. Hegels Philosophie des »absoluten« Geistes formuliert geistes-
geschichtliche Voraussetzungen der Verfassungsgeschichte. Formel-
haft spricht sie von Korrespondenzen zwischen der »Reformation«
der Geister und »Revolution« der Verfassung. Schmitt zitiert Hegel
hier wiederholt und betont mit seiner vieldeutigen »Politischen
Theologie« selbst soziokulturelle Voraussetzungen von Rechtsgel-
tung. Er nimmt diese Fragen aber mehr von Weber und Kelsen her
auf.
Schmitt konstatiert einen neuzeitlichen Säkularisierungspro-
zess, den Wandel von Transzendenz- zu »Immanenzvorstellungen«,
und betrachtet die konfessionelle Prägung als unhintergehbare Sinn-
ressource und Handlungsdisposition. Kelsen band die Möglichkeit
der Demokratie an den weltanschaulichen Relativismus. 10 Schmitt

10Hans Kelsen, Vom Wesen und Wert der Demokratie, Tübingen 2. Aufl. 1929, 118;
vgl. ders., Staatsform und Weltanschauung, Tübingen 1933

76
Bürgerliches Individuum und bürgerliche Verfassung

stimmt dieser Analyse zu: Auch er meint, dass der weltanschauliche


Relativismus zur liberalen Demokratie neigt. Dagegen optiert er aber
für Theismus und Personalismus. Er glaubt, dass die politische Auto-
rität nur im Rahmen eines theistisch-personalistischen Weltbildes
gesichert ist. Zivilpolitisch argumentiert Schmitt für die offensive
Verteidigung des Theismus und Personalismus als Voraussetzung
staatlicher Autorität: Um der Autorität willen bejaht er das persona-
listische und theistische Weltbild. Er entwickelt diese Überlegungen
aber nicht philosophisch vom Personalismus ausgehend, sondern
setzt sie apodiktisch als politisches Postulat. Trotz seiner Romantik-
kritik hätte er den Personalismus deshalb zum Ausgangspunkt einer
christlichen Staatslehre nehmen können, die die staatliche Autorität
sichert. Er hätte sich damit auch im Einklang mit zeitgenössischen
katholischen Philosophen (wie Max Scheler) befunden. Sein juristi-
scher Ausgangspunkt und sein politischer Antiliberalismus verboten
ihm aber wohl eine solche Konsequenz.
Anders als Hegel entwickelte Schmitt keine Staatsphilosophie,
die das Individuum in seiner Moralität (Glaubens- und Gewissens-
freiheit) zum Ausgangspunkt nimmt und relativ berechtigt. Es lassen
sich dennoch einige Übereinstimmungen mit Hegels Staat finden:
Hegel betrachtete den Staat emphatisch als »Organismus« (GPR
§ 269). Als organische oder »politische Verfassung« (GPR § 269) be-
griff er die »Totalität« der Institutionen oder »Gewalten« in ihrer
systemisch funktionalen »Idealität« (GPR § 272). Der systemische
Idealismus der Gewalten fordert nach Hegel die konstitutionelle Mo-
narchie: Der Monarch verkörpert die »Souveränität« und »Persön-
lichkeit« des Staates. Hegel lehnte deshalb die revolutionäre Volks-
souveränität ab, die Schmitt emphatisch betonte, und rechtfertigte
Residuen extrakonstitutioneller Souveränität, so das Begnadigungs-
recht des Monarchen. Seine Verteidigung der dynastischen Legitimi-
tät wurde schon von vielen Zeitgenossen, nicht nur im Linkshegelia-
nismus, als konservativer Opportunismus abgelehnt. Das Verhältnis
von Verfassung und Verfassungswirklichkeit ist auch bei Hegel dehn-
bar. Manche Ausführungen erscheinen systematisch nicht zwingend.
Schmitt legt Hegels »Wirklichkeit der sittlichen Idee« auf einen »Be-
amtenstaat« fest. 11 Von der Verfassungslage nach 1815 abstrahiert, ist

11
Das betont zutreffend Wolfgang Schild, »An diesem 30. Januar (1933) ist ›Hegel
gestorben‹. Anmerkungen zu einer These Carl Schmitts, in: Transzendentale Konzep-
te in aktuellen Bezügen, hrsg. Hans-Dieter Klein u. Rudolf Langthaler, Würzburg

77
IV. · Carl Schmitt und Hegel

Hegels weiter Begriff vom staatlichen »Organismus« aber Schmitt


nicht ganz fremd.
Die Betonung der »Souveränität«, »Idealität« und »Persönlich-
keit« des Staates entspricht auch seiner Auffassung. Schmitt machte
diese Kriterien aber nicht an der »konstitutionellen Monarchie« fest.
Die »dynastische Legitimität« der Monarchen hatte seiner Auffas-
sung nach 1918 ausgespielt. Schmitt war kein Monarchist, wünschte
sich die Hohenzollern, Habsburger oder Wittelsbacher nicht zurück.
Er betrachtete die verfassungsförmige Bindung des souveränen
Staatshandelns auch als politisches Risiko und Problem. Mit Hegel
könnte man sagen, dass er die Souveränität und Idealität der Verfas-
sung gegen deren legalistische Bindung ins unbeschränkte Recht
setzte. Schmitt optierte bekanntlich für eine extensive politische Aus-
legung der Verfassung, im äußersten Konflikt auch gegen die Legali-
tät und für die Legitimität der Grundentscheidungen, und stellte die
Verfassung stärker zur Disposition der politischen Führung. Viel-
leicht stand Hegel einer solchen Auffassung nicht ganz fern. Viel-
leicht weisen beispielsweise seine umstrittenen Überlegungen zur
Souveränität des zwischenstaatlichen Staatshandelns 12 in diese Rich-
tung. So lehnte auch Hegel den Universalismus von Kants Frie-
densschrift ab. Schmitt sah den Funktionsmodus der Legalität aber
insgesamt eindeutig negativer: Er unterschied Liberalismus und
Demokratie, baute die liberalen Bestandteile zugunsten der Führer-
demokratie ab, identifizierte den Volkswillen im Führerwillen.
Als Fazit des kleinen Vergleichs lässt sich sagen: Hegel argumen-
tiert als Staatsphilosoph deutlich moderner, indem er die Moralität
des Individuums im Staat berechtigt und dem Funktionsmodus des
Rechts eine stärkere Bindungskraft einräumt. Das zeigt sich schon in
seiner Romantikkritik. Schon hier setzt er seine Bedenken gegen
einen bourgeois entgleisten Individualismus weniger apodiktisch an.
Systematisch berechtigt er Typen gelingender Individualität gegen
die »bösen« Romantiker. Seine Unterscheidung zwischen der abstrak-
ten Moralität und dem wirklichen, ins System der Sittlichkeit ein-
sozialisierten Individuum ist systematisch interessant: sowohl in den
Überlegungen zur Sozialisation des Individuums als auch in der An-

2010, 37–55; zu Hegels beamtenstaatlicher Konstruktion einer mäßigenden politi-


schen Mitte jetzt Herfried Münkler, Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ord-
nung, Berlin 2010, 101 ff.
12
Zur Kritik etwa Vittorio Hösle, Hegels System, Hamburg 1988, Bd. II, 579 ff.

78
Bürgerliches Individuum und bürgerliche Verfassung

erkennung seiner eigenlogischen Moralität. Schmitt bringt Staat und


Individuum dagegen niemals in eine Systematik. Seine Biographie
dementierte jedoch den Anti-Individualismus, Anti-Liberalismus
und Anti-Konstitutionalismus seines Verfassungsdenkens: Seinen
theoretischen Anti-Individualismus konnte er nicht wirklich leben.
Hegel fand aus seiner Romantikkritik heraus zu einer Berechtigung
des Individuums. Schmitt dagegen sah zwar die Notwendigkeit einer
systematischen Begründung des Personalismus, verwies sie aber in
den Bereich des »Mythos« und gelangte nicht zu einer tragenden Ver-
hältnisbestimmung von Mensch und Staat.
Der radikale Anti-Individualismus seines Staatsdenkens ist heu-
te, im Zeitalter der Menschenrechte, juristisch nicht mehr anschluss-
fähig. Einige seiner Schüler, so Ernst-Wolfgang Böckenförde, 13 unter-
nahmen deshalb nach 1949 auch bald den Versuch, Schmitt mit
Hegel, genauer: mit Joachim Ritters Hegel-Deutung, liberal zu rezi-
pieren und die Glaubens- und Gewissensfreiheit des Individuums
zum Angelpunkt einer Transformation seiner Verfassungstheorie zu
machen. Hegel führte seine ablehnende Sicht des romantischen Ty-
pus nicht zu einer radikalen Verwerfung des modernen Individuums.
Seine politische Anerkennung des modernen Individuums hatte aber
philosophische und religiöse Gründe, die Schmitt nicht teilte: die An-
erkennung des Individuums als »Geist« mit der Lehre von der »Iden-
tität der göttlichen und menschlichen Natur«. Schmitt sah diesen
christologischen Differenzpunkt und schrieb deshalb auch die Ro-
mantikkritik um.

13
Dazu vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Der Staat als sittlicher Staat, Berlin 1978;
ders., Bemerkungen zum Verhältnis von Staat und Religion bei Hegel, in: ders., Recht,
Staat, Freiheit. Erweiterte Ausgabe, Frankfurt 2006, 115–142

79
V. Vom Staatsrat zum Führerrat?
Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933 1

1. Zur offenen Lage von 1933

Carl Schmitt war auf den auf Lebenszeit verliehenen Titel des Staats-
rats stolz und ließ sich auch nach 1945 noch gerne als Staatsrat an-
schreiben und ansprechen. 1951 notierte er in sein Glossarium: »Für
drei Dinge danke ich Gott: Erstens, dass ich ein Mensch bin und kein
Tier. Zweitens, dass ich ein Mann bin und keine Frau. Drittens, dass
ich preußischer Staatsrat bin und kein Nobelpreisträger.« (GL 252) 2
Vor 1945 nahm er gerne Privilegien des Staatsrats in Anspruch. Das
Amt war für ihn aber nicht nur Pomp und Staatsoper. Bei seinem
Sturz und Fall in der NS-Ämterkarriere schützten ihn der Titel und
die Protektion Görings auch gegen einen drohenden Totalabsturz und
Verlust etwa des Berliner Lehrstuhls. 3
Hier soll nicht weiter interessieren, was Titel und Amt für

1
Der vorliegende Text dokumentiert einen Vortrag, der am 19. November 2015 auf
Einladung von Helmuth Lethen im Internationalen Forschungszentrum Kulturwis-
senschaften der Kunstuniversität Linz in Wien gehalten wurde. Die Tagung hieß:
»Das brillante Quartett des Preussischen Staatsrats 1933–1945. Carl Schmitt, Ferdi-
nand Sauerbruch, Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler«.
2 Zur Geschichte des Staatsrats vgl. Hans Schneider, Der preußische Staatsrat 1817–

1918, München 1952; Joachim Lilla, Der Preußische Staatsrat 1921–1933. Ein bio-
graphisches Handbuch. Mit einer Dokumentation der im ›Dritten Reich‹ berufenen
Staatsräte, Düsseldorf 2005; zu Görings Staatsrat zeitgenössisch vgl. Ernst-Ewald
Kunckel, Der preußische Staatsrat. Görings Arbeit am Neubau des Reiches, Berlin
1933; Adolf W. Remé, Der preußische Staatsrat, Berlin 1935; die Literatur zu Carl
Schmitt ist uferlos. Starke Identifikationen seiner verfassungspolitischen Zielen mit
dem »Zähmungskonzept« Schleichers oder auch einem katholisch-autoritären Staats-
modell (Papens) sind inzwischen durch den Fortgang der Quelleneditionen weit-
gehend ad acta. Schmitts rechtspolitische Interventionen in der formierenden Phase
des Nationalsozialismus sind aber noch kaum detailliert erforscht. Zur Situierung vgl.
Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland. Bd. 3, München
1999; Horst Dreier, Staatsrecht in Demokratie und Diktatur, Tübingen 2016
3
Das Schutzversprechen gehörte zur persönlichen Rechtsstellung aller Staatsräte

80
Zur offenen Lage von 1933

Schmitt 1936 oder nach 1945 bedeuteten, sondern welche Perspekti-


ven er mit der Institution in der formativen Phase des Nationalsozia-
lismus verband. Es wäre bei der dunklen Quellenlage für die späteren
Jahre nach 1934 schon äußerst schwierig, auch nur ein ungefähres
Bild von Schmitts Göring-Bild zu bekommen. Für die Historisierung
seines Staatsrat-Projekts im formativen Jahr 1933 ist die relativ offe-
ne Gesamtlage zu bedenken und eine Über- wie Unterschätzung der
strategischen Ausgangslage zu vermeiden. Schmitt betrachtete die
nationalsozialistische Machtergreifung als eine »legale Revolution«
und sah die revolutionäre Bedeutung der Ereignisse. Er wusste, dass
die institutionellen Verhältnisse von Staat, Bewegung und Volk, um
im Titel seiner Programmschrift von 1933 zu sprechen, zur Disposi-
tion standen und der »totale Staat« neue Machtzentren ausbilden
würde. Bereits vor seinem Eintritt in die NSDAP wurde Schmitt An-
fang April 1933 durch Franz von Papen und Johannes Popitz als
rechtstechnischer Berater für die Ausarbeitung des »Reichsstatthal-
tergesetzes« zur politischen »Gleichschaltung« der Länder heran-
gezogen. Durch seine extensive Auslegung der Diktaturbefugnisse
des Reichspräsidenten, Apologie des Präsidialsystems und Verteidi-
gung des »Preußenschlages« war er als profilierter Staatsrechtspro-
fessor damals wie wenige sonst für den Nationalsozialismus interes-
sant geworden.
Er konnte deshalb anfangs begründet hoffen, im Nationalsozia-
lismus als »Kronjurist« eine exponierte Rolle zu spielen. Zwar wurde
ihm die Rolle des »Kronjuristen« – insbesondere durch den nationa-
listischen Konkurrenten Otto Koellreutter – bald bestritten. Die Geg-
nerschaft einer SS-Jurisprudenz, die seine NS-Karriere Ende 1936
dann zu Fall brachte, gab es aber noch nicht. Und die fortdauernde
Bedeutung des Reichsjustizministeriums unter Franz Gürtner war
noch nicht absehbar. Schmitt durfte also auf eine größere Karriere
als »Kronjurist« hoffen. Sein verfassungspolitisches Denken war da-
bei seit den Anfängen der Weimarer Republik schon mit den Stich-
worten von »Diktatur« und »Gegenrevolution« verbunden.
Sondiert man seine Wirksamkeit im Nationalsozialismus, so las-

und wurde mit der Ernennungsurkunde Göring schon förmlich zugesichert. In der
Ernennungsurkunde heißt es: »Zugleich sichere ich Ihnen meinen besonderen Schutz
zu.« (zitiert nach: Remé, Der preußische Staatsrat, 1935, 41) Mit diesem förmlichen
Schutzversprechen intervenierte Göring Ende 1936 nach Angriffen auf Schmitt im
Schwarzen Corps.

81
V. · Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933

sen sich bis Ende 1936 eine juristisch-institutionelle und eine antise-
mitische Sinngebung unterscheiden. Die juristisch-institutionelle
Sinngebung endete mit dem sog. »Röhm-Putsch« vom 30. Juni 1934.
Zwar rechtfertigte Schmitt diese publiken Staatsmorde bekanntlich
mit seinem Artikel Der Führer schützt das Recht; damals markierte
er aber auch einen Perspektivenwechsel; er bezweifelte fortan die Ver-
fassungsfähigkeit des Nationalsozialismus und wechselte aus dem
Register des Normalzustands in die Optik des Ausnahmezustands.
In dieser Optik stellte er seine apologetische Strategie um und ging
zu einer antisemitischen Rechtfertigung bzw. Sinngebung des Natio-
nalsozialismus über. Dieser offensive Sprung in die antisemitische
Rechtfertigung ist sein zweiter und eigentlicher »Sündenfall«, wenn
solche Kategorien erlaubt und geboten sind. Zwar äußerte Schmitt
sich auch 1933 schon massiv antisemitisch, und die diskriminieren-
den Kosten seiner damaligen Interventionen sind keinesfalls zu baga-
tellisieren; dennoch gibt es nach dem 30. Juni 1934 einen qualitativen
Sprung. Zwischen beiden Rechtfertigungsstrategien ist deutlich zu
unterscheiden. Dabei ist Schmitts verfassungspolitisches Projekt
einer juristisch-institutionellen Sinngebung nicht mit einer »etatisti-
schen« Strategie der Verteidigung der überlieferten staatlichen For-
men gegen die revolutionäre Partei kurzzuschließen. Sein verfas-
sungspolitisches Wollen wurde zwar immer wieder »etatistisch«
gedeutet. Es ist aber weiter zu fragen, welchen Souveränitätskern er
eigentlich verteidigte. Schmitt pflegte nach 1945 seinen Mythos vom
»Aufhalter« nicht zuletzt durch seine Staatsrat-Legende; sie besagte,
dass er ein »etatistischer Aufhalter« war, der anfangs mit einem Zäh-
mungskonzept strategisch auf Göring setzte und nach dem 30. Juni
1934 den Versuch einer institutionell-etatistischen Sinn- und Verfas-
sungsstiftung aufgab.
Diese Legende propagierte Schmitt nach 1945 mündlich wie
schriftlich vielfach. In seinem Handexemplar 4 des Werkes Der Hüter
der Verfassung stellte der uralte Schmitt 1978/79 den Staatsrat in die
Tradition des Verfassungsschutzes seit den Ephoren und pflegte so
erneut die Legende vom »Aufhalter«. Zutreffend ist hier, dass er den
30. Juni 1934 sogleich als Einschnitt verstand. Hitler verachtete Juris-
ten und Schmitt war kein altgedienter Parteigenosse. Dass er den
»Zugang zum Machthaber« finden könnte, war damals im Frühjahr
1933 keineswegs ausgemacht. Schmitt war allerdings davon über-

4
RW 265–28063; dazu in Schmittiana III N.F. (2016), 320–322

82
Von Göring zu Hitler? Auf der Suche nach dem »Zugang zum Machthaber«

zeugt, dass auch die »nationale Revolution« rechtstechnischen Bei-


stand brauchte. Der »Funktionsmodus« der Legalität schien ihm im
modernen Staat unentbehrlich. Schmitt träumte aber nicht von
einem Immediatzugang zu Hitler, sondern setzte zunächst auf Göring
und das Staatsrat-Projekt als erstes und wichtigstes Trittbrett für sei-
ne NS-Karriere. Man sollte deshalb genauer betrachten, was er ei-
gentlich mit Göring und der Institution des preußischen Staatsrats
verband. Dabei ist zwischen der Person und dem Amt zu unterschei-
den: Was erwartete Schmitt von Göring und was von der Institution
des Staatsrats? Dazu folgen zwei Thesen, die in zwei Teilen erläutert
werden: Hermann Göring war zwar Schmitts erster, aber nicht sein
einziger nationalsozialistischer Mentor. In der »Polykratie der Paladi-
ne« (Hans Boldt) war Schmitt fast jeder Umgang Recht, um im Sys-
tem an Einfluss und an Einsichten zu gewinnen. Strategisch setzte er
auf die Institution des Staatsrats als eine Form des »Zugangs zum
Machthaber« und hoffte auf reichspolitische Perspektiven des Amtes.

2. Von Göring zu Hitler?


Auf der Suche nach dem »Zugang zum Machthaber«

Für Schmitts Kontakte und Umgang mit Nazi-Größen seien zunächst


ausführlicher die wichtigsten apologetischen Selbstaussagen in
Nürnberger Untersuchungshaft vom Frühjahr 1947 zitiert. Schmitt
erklärt hier mit den ersten Absätzen seiner ersten Stellungnahme
ungefragt:
»Ich habe niemals in meinem Leben auch nur ein Wort mit Hitler gespro-
chen. Ich bin ihm auch in den 12 Jahren seiner politischen Macht niemals
vorgestellt worden und habe ihm niemals die Hand gegeben. Ich habe auch
niemals den Versuch dazu gemacht oder den Wunsch danach empfunden
und niemals jemand in dieser Hinsicht bemüht. Ebenso habe ich Hitler,
Göbbels, Rosenberg, Hess, Bohle und die meisten anderen Männer des Re-
gimes niemals gesprochen oder mich darum bemüht, sie zu sprechen. Bei
keinem habe ich auch nur eine Sekunde antichambriert. Göring habe ich
seit 1936 nicht mehr gesprochen; ich habe mich auch nicht darum bemüht,
ihn zu sehen oder zu sprechen. Ribbentrop habe ich ein einziges Mal 1936
gesehen und einige belanglose Worte mit ihm gewechselt. Sonst habe ich
ihn nie gesprochen und auch nicht um eine Besprechung gebeten. Frank
habe ich seit meiner öffentlichen Diffamierung vom Dezember 1936 nur
noch einige Male gesehen, zwei- oder dreimal in den Jahren 1937/38 in
Angelegenheiten der Akademie für Deutsches Recht, einmal mit Richard

83
V. · Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933

Strauss zusammen und zweimal während des Krieges bei zufälligen, durch
Frau Frank veranlassten Besuchen«. (AN 69)
Zu seiner Rolle als Staatsrat schreibt Schmitt in seiner zweiten Stel-
lungnahme:
»Ich war seit Gründung des preußischen Staatsrats (Juli 1933) Mitglied und
hatte anfangs großes Interesse an dieser Institution. Ich sah hier, mit mei-
nem Freunde Popitz, große Arbeitsmöglichkeiten und hoffte, dort könnte
sich eine Stätte sachlicher Erörterung von Verwaltungsfragen und damit
ein Gegengewicht gegen den Parteibetrieb bilden. Aber die Einrichtung litt
von Anfang an an dem inneren Zwiespalt, der mit der problematischen Per-
sönlichkeit Görings zusammenhing. Auf der einen Seite war der Staatsrat
von Popitz und einigen anderen, darunter auch von mir, als Träger einer
durch spezifische Sachlichkeit und Sachkunde qualifizierten Arbeit gedacht;
auf der anderen Seite musste er in den Händen Görings zu einem leeren
Prunkstück werden. Ich persönlich habe an dem Preußischen Gemeindege-
setz vom Dezember 1933 mitgearbeitet und sehe darin keine Mitwirkung
an der Vorbereitung eines Angriffskrieges.« (AN 86)
Zuvor hatte Schmitt zur Institution des Staatsrats ausgeführt:
»Seine Tätigkeit bezog sich auf sachliche Fragen der preußischen Verwal-
tung und Organisation. Seine Hauptleistung waren die preußischen Kom-
munalgesetze vom Dezember 1933 (Gemeindegesetz und Gemeindefinanz-
gesetz). Auch diese Tätigkeit hat schon im Frühjahr 1936 ihr Ende
gefunden. Seit dieser Zeit ist der preußische Staatsrat nicht mehr einberu-
fen worden. […] Die Gründe für dieses schnelle Absinken einer scheinbar
glanzvollen inaugurierten Institution sind mannigfacher Natur. Der nächst-
liegende ist, dass Preußen kein Staat mehr war, sondern nur ein Verwal-
tungskomplex, und ein Preußischer Staatsrat infolgedessen auf die Dauer
nicht mehr hätte sein können als ein Verwaltungsorgan. Das trifft ohne
Zweifel zu. Aber in einem politischen System wie dem Hitlers ist die ganz
persönliche Haltung und Einstellung von Hitler selbst das allein Entschei-
dende. Darum wirkte sich die Tatsache, dass Hitler in auffälliger Weise der
feierlichen Eröffnung des Preußischen Staatsrats im September 1933 fern-
blieb, von Anfang an in den Augen der Partei als eine Degradierung aus.
Göring hatte im Grunde nur Hausmacht- und Repräsentationsinteressen an
der Einrichtung. Die wirkliche Arbeit hing an dem preußischen Finanz-
minister Prof. Dr. Johannes Popitz.« (AN 85 f.)

In seinen Nürnberger Stellungnahmen macht Schmitt zu apologeti-


schem Zweck weitere wichtige Aussagen, die die Forschung bis heute
nicht hinreichend berücksichtigt. So betont er für die Jahre bis 1936
die größere Rolle Hans Franks als nationalsozialistischer Mentor. Von
dieser Mentorschaft schweigt er in späteren Selbstaussagen fast voll-

84
Von Göring zu Hitler? Auf der Suche nach dem »Zugang zum Machthaber«

ständig. Seine Staatsrat-Legende hatte vor allem die Funktion, von


Frank auf Göring abzulenken und das nationalsozialistische Engage-
ment so im Kern auf das Jahr 1933 zu begrenzen. Die Nürnberger
Antworten sind im Kern erhellend. Die Aussagen sind verlässlich.
Unüberhörbar ist freilich Schmitts apologetisches Interesse, das sach-
liche Interesse an der Institution gegen die Person Görings auszuspie-
len und die geringe und eher unpolitische verwaltungspraktische Be-
deutung des Staatsrats zu betonen. Schmitt verweist für seine
Mitarbeit auf seine Beziehung zu Popitz. 5 Dieses Freundschaftsargu-
ment spielt in seiner Selbstdarstellung seines NS-Engagements ins-
gesamt eine erhebliche Rolle. Deutlich klingt aber auch an, dass
weitergehende Hoffnungen und Erwartungen durch Hitler und die
Haltung der Partei enttäuscht wurden. Das ist ernst zu nehmen. Es
ist also zwischen der rückblickenden Beleuchtung der Person Görings
und der Institution und den hohen Erwartungen und Hoffnungen
von 1933 zu unterscheiden. Hier ist festzustellen: Schmitt verband
mit der Institution anfänglich weitergehende Hoffnungen und Erwar-
tungen; er setzte für seinen Aufstieg im Nationalsozialismus zu-
nächst auf die Person Görings und beobachtete hier schon früh eine
Differenz zu Hitler. Das lässt sich aus den Tagebüchern einigermaßen
belegen.
Schmitts Sprung in den Nationalsozialismus ist hier nicht einge-
hend darzustellen. 6 Anhand seiner Tagebucheintragungen und eini-
ger Vorträge und Publikationen ist er für die entscheidenden Wochen
nach dem 30. Januar 1933 aber einigermaßen nachvollziehbar:
Schmitt sah sein Engagement zwar in einer gewissen Konsequenz
und Linie des Engagements für Papen: des »Preußenschlags« und
der Revision des Leipziger Staatsgerichtshofurteils, das er als persön-
liche Niederlage empfunden hatte. 7 Ein Vortrag vom 22. Februar
1933 distanziert sich zwar bereits vom »Experiment Schleicher-Pa-
pen«. 8 Erst mit dem Ermächtigungsgesetz vom 23./24. März ent-

5 Zur Person vgl. Anne C. Nagel, Johannes Popitz. Görings Finanzminister und Ver-
schwörer gegen Hitler, Köln 2015.
6 Dazu Verf., Carl Schmitt. Aufstieg und Fall. Eine Biographie, München 2009, 304 ff.

7 Dazu vgl. Carl Schmitt, Ein Jahr deutsche Politik. Rückblick vom 20. Juli 1932. Von

Papen über Schleicher zum ersten deutschen Volkskanzler Adolf Hitler, in: Westdeut-
scher Beobachter 9 (1933), Nr. 176 vom 23. Juli 1933
8 Carl Schmitt, Bund, Staat und Reich. Vortrag in Berlin am 22. Februar 1933, hrsg.

Thomas Marschler, in: Schmittiana 2 N.F. (2014), 21–51, hier: 39

85
V. · Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933

schied Schmitt sich jedoch definitiv für den Nationalsozialismus und


erst Ende April 1933 trat er in die Partei ein.
Die Zeit nach dem 30. Januar bringt für Schmitt zunächst einen
Abschied von Berlin und Wechsel nach Köln. Schon deshalb ist er in
sehr ambivalenter und gedrückter Stimmung. Er trifft häufig Ernst
Jünger und andere Vertreter der »konservativen Revolution« und
erörtert die Übergangslage nicht zuletzt antisemitisch. Ein klares Be-
kenntnis zu Hitler findet sich in den Tagebuchaufzeichnungen dieser
Wochen noch nicht. Reichstagsbrand und Märzwahlen scheint
Schmitt beiläufig aufzunehmen und mehr die juristische Schlüssel-
bedeutung des Ermächtigungsgesetzes zu sehen. Am Tag der Ver-
abschiedung, am 23. März, verabredet Schmitt seinen knappen Kom-
mentar zum »Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich« für
die Deutsche Juristen-Zeitung, den er am nächsten Tag bereits dik-
tiert und der wenige Tage später erscheint. An diesem 23. März trifft
er, laut Tagebuch, auch Ernst Jünger und berät sich mit Carl Bilfinger
und Eugen Ott über den Aufsatz. Nach dem Diktat bespricht er sich
am 24. März dann auch mit Edgar J. Jung, einem Berater Papens, der
am 30. Juni 1934 dann von der SS ermordet wurde.
Schmitts kurzer Aufsatz für die Juristen-Zeitung argumentiert
mit »Staatsnotrecht« und spricht von einer »nationalen Revolu-
tion«. 9 Sehr deutlich erkennt er das Ermächtigungsgesetz bereits als
revolutionären »Wendepunkt von verfassungsgeschichtlicher Bedeu-
tung«. Schmitt stellt die außerordentlichen Besonderheiten und Be-
fugnisse der Reichsregierung heraus, wirft aber auch die Frage nach
der »Identität der gegenwärtigen Regierung« auf und knüpft sie über
Hitler hinaus an eine »Reihe anderer Merkmale«, zu denen er neben
dem »Vertrauen des Reichspräsidenten« auch die »Mitarbeit von
Fachministern« – wie Popitz – zählt. 10 Eine »Ersetzung durch reine
Parteileute« schwächt seiner Auffassung nach die »nationale« Legi-
timität dieser »legalen Revolution«. Schmitt scheint hier also noch
für Popitz und Papen zu argumentieren.
Am 26. März reist er dann nach Weimar und hält einen Vortrag
über »Das Staatsnotrecht im modernen Verfassungsleben«, der – laut
Mitschrift – den »Sprung« der »nationalen Revolution« über die
»Grenze der Legalität« eingehender mit Rekurs auf ein »politisches

9
Carl Schmitt, Das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich, in: Deutsche
Juristen-Zeitung 38 (1933), Sp. 455–458
10
Schmitt, Das Gesetz zur Behebung der Not, 457

86
Von Göring zu Hitler? Auf der Suche nach dem »Zugang zum Machthaber«

Staatsnotrecht« 11 begründet. Popitz nimmt ebenfalls an der Tagung


teil. Dessen Vortrag findet Schmitt aber »nicht interessant« (TB
1930/34, 274). Mit Popitz zusammen besucht er das Goethe-Haus
und Grab Goethes. Für das Goethejahr 1932 war damals ein Erweite-
rungsbau geplant gewesen, der Haus und Museum trennen sollte.
Infolge der Wirtschaftskrise scheiterte er aber an der Finanzierung
und so fanden Popitz und Schmitt im März 1933 wahrscheinlich noch
den Bauzaun von 1932 am Goethehaus vor, auf dem ein Witzbold mit
breitem Pinsel unübersehbar geschrieben hatte: »Hier horstet nun
der Pleite-Geier: Finanzministers Goethe-Feier«. 12 Den Finanzminis-
ter Popitz dürfte das peinlich berührt haben, zumal Preußen Mitte
des 19. Jahrhunderts schon, in Parallelaktion zur Reichsgründung,
zunächst aber noch großdeutsch mit Österreich verbunden, den Goe-
the-Kult als »National-Stiftung« vorangetrieben hatte. Erst der Na-
tionalsozialismus realisierte dann den Erweiterungsbau. Hans Wahl,
dem damaligen Direktor des Goethe-Museums, gelang es dabei, über
Hans Frank, Hitler für das Vorhaben zu gewinnen. 13 Frank wandte
sich im April 1934 erfolgreich an Hitler persönlich. Bereits 1935 wur-
de der Bau dann von Göbbels feierlich eröffnet. Es ist nicht aus-
geschlossen, dass Frank, nach Göring Schmitts zweiter und letztlich
wichtigster NS-Mentor, damals auch mit seinem Rechtsexperten
über das Vorhaben gesprochen hat.
Im März 1933 jedoch empfindet Schmitt, anders als Popitz, die
»Pilgerfahrt« zu Goethe deutlich als eine »Art Reaktion«: »zur Fürs-
tengruft mit dem Grab Goethes, peinliche Sache. Der tolerante Bür-
ger neben den Fürstengräbern« (TB 1930/34, 275). Anders als Popitz
profiliert Schmitt die »nationale Revolution« im März 1933 bereits
gegen Goethes liberalen Kompromiss mit der Adelsgesellschaft und
verortet die »nationale Revolution« nicht mehr im Neuhumanismus
des Weimarer Bündnisses. Am gleichen Tag noch, am 29. März 1933,
trifft er in Jena deshalb auch den nationalsozialistischen Scharf-
macher Otto Koellreutter und diskutiert die Zukunft der Staatsrechts-
lehrervereinigung. Schmitt reist dann nach München und berät wei-
tere Schritte seiner nationalsozialistischen Karriere. Zurück in Berlin

11 Carl Schmitt, Das Staatsnotrecht im modernen Verfassungsleben, in: Deutsche


Richterzeitung 25 (1933), 254–255
12
Foto mit Aufschrift abgebildet bei Paul Kahl, Die Erfindung des Dichterhauses. Das
Goethe-Nationalmuseum in Weimar. Eine Kulturgeschichte, Göttingen 2015, 162
13
Dazu Kahl, Die Erfindung des Dichterhauses, 168 ff.

87
V. · Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933

rückt ihm nun auch Papen fern: »Papen meint, das letzte Ziel sei die
Reichsmonarchie.« (TB 1930/34, 276) Die »nationale Revolution« ver-
bindet Schmitt jetzt bereits enger mit dem Nationalsozialismus.
Schon vor 1933 finden sich in Schmitts Tagebüchern nur wenige
positive Erwähnungen Görings. Am 31. März erhält er in München,
zwischen den Berufungsverhandlungen, dann aber das erwünschte
»Telegramm aus München« (TB 1930/34, 276), das Schmitt als
rechtstechnischen Berater in die Kommission zur Ausarbeitung des
Reichsstatthaltergesetzes beruft. In dieser Kommission begegnet
Schmitt erstmals nun »große Politik« aus der Nähe. Das Tagebuch
notiert für den 3. April:
»Um 4 Uhr holte Popitz mich ab, wir fuhren zum Reichsministerium des
Innern. Wieder diese scheußliche Atmosphäre. Frick, Staatssekretär
Pfundtner, Papen, Popitz, nachher kam Göring. Erst aussichtslos. Der Büro-
krat hatte Bedenken, schlechter Eindruck, feige und schurkisch. Göring da-
gegen schwungvoll. Schmiss die Sache in einigen Minuten: der Reichskanz-
ler, nicht der Reichspräsident, ist Staatspräsident Deutschlands. Großartig.
Wir waren berauscht. Schnell einen neuen Entwurf diktiert und dann noch
eine Stunde herumgelaufen, sehr erleichtert. Göring merkwürdig, aber
nicht unsympathisch, […] vielleicht der richtige Typus für diese Zeit.« (TB
1930/34, 277 f.)
Dieser erste starke Eindruck von Göring bleibt für Schmitts Engage-
ment wichtig. In den folgenden Tagen sind aber keine weiteren Be-
gegnungen mit Göring im Tagebuch verzeichnet. Am 4. April notiert
Schmitt:
»Fortsetzung der Beratung mit Papen, Popitz, Neumann […]. Unser Plan,
den Reichskanzler zum geborenen Staatspräsidenten zu machen, ging nicht
durch. Dafür wurde er Statthalter Preußens. Mir gleichgültig. Ich war de-
primiert, diktierte aber den neuen Entwurf und sprach noch einmal mit
Papen, der ganz entzückend war, mir versprach, dass ich dieser Tage zu einer
gemeinsamen Beratung mit Hitler eingeladen würde. Sehr aufgeregt und
erhaben weggegangen.« (TB 1930/34, 278)
Diese transkribierten Notate sind vorsichtig zu lesen. Wichtig ist aber
der »starke Eindruck von Göring« und die reichspolitische Ambition:
Hitler hätte demnach, nach Görings Entwurf und mit Schmitts em-
phatischer Zustimmung, schon im April 1933 Hindenburg entmach-
tet und als Staatspräsident beerbt. Nicht zuletzt Papen scheint das
verhindert zu haben, der den deprimierten Schmitt im Gegenzug
mit dem Versprechen einer persönlichen Begegnung mit Hitler kom-
pensiert. Daraus wird aber zwei Tage später, am 6. April, nur ein

88
Von Göring zu Hitler? Auf der Suche nach dem »Zugang zum Machthaber«

»Presseempfang« und eine zwiespältige Wahrnehmung Hitlers: »Im


Taxi zu Popitz zum Presseempfang, sah Hitler und Goebbels. Sah
beide genau. Hitler wie der gierige Stier in der Arena. Erschüttert
von diesem Blick.« (TB 1930/34, 279) Diese erste Wahrnehmung Hit-
lers als »gieriger« und geblendeter Stier hat Schmitt rückblickend
näher ausgeführt. 14
Wichtig ist hier, dass sich damals schon eine differente Wahr-
nehmung von Göring und Hitler abzeichnet und dass die Kooperation
mit Göring zunächst nicht im föderalistischen Zeichen Preußens,
sondern im Zeichen einer unitarischen Stärkung des Führerstaates
stand. Diese reichspolitischen Hoffnungen auf Göring kommen in
der Programmschrift Staat, Bewegung, Volk dann in einer zentralen
Referenzstelle zum Ausdruck. Gegen Ende der Schrift fordert
Schmitt hier die »Einrichtung eines Führerrates«. Diese Forderung
ist sein vielleicht wichtigster institutioneller Vorschlag überhaupt.
Er schreibt:
»Zu dem neuen, für den nationalsozialistischen Staat artbestimmenden
Führergedanken gehört als natürliche Ergänzung die Einrichtung eines
Führerrats. Dieser steht dem Führer mit Rat, Anregung und Gutachten
zur Seite; er unterstützt und fördert ihn, hält ihn mit der Gefolgschaft und
dem Volk in lebendiger Verbindung, aber er kann dem Führer keine Ver-
antwortung abnehmen […] Führer und Führerrat […] haben in dem Preu-
ßischen Staatsrat, dem großen konstruktiven Werk des preußischen Minis-
terpräsidenten Göring, die erste anschauliche und vorbildliche Gestalt
gefunden.« (SBV 35 f.)
Anfang April 1933 lernt Schmitt in der Arbeit am Reichsstatthalter-
gesetz also wichtige Nazi-Politiker kennen. Damals wechselt er aber
an die Kölner Universität. 15 In Köln lernt er schnell einige lokale Grö-
ßen des dortigen Nationalsozialismus näher kennen: so den Gauleiter
Josef Grohé und Staatskommissar Peter Winkelnkemper. Die Partei-
zeitung Westdeutscher Beobachter steht ihm zur Verfügung. Das
Kölner Semester ist ein Probelauf auf seine Ambitionen und Rolle
des »Kronjuristen«. Schmitt ist nun ständig mit propagandistischen
Vorträgen unterwegs und betreibt auch Berufungsverhandlungen in
Heidelberg, München und Berlin. Er ist aber nicht in Berlin vor Ort
und begegnet Göring vor der Eröffnung des Staatsrats vielleicht über-
haupt nicht wieder. Die Kölner NS-Größen sind für ihn zugänglicher

14 Dazu Verf., Kriegstechniker des Begriffs, 2014, 112–114


15
Dazu Verf., Kriegstechniker des Begriffs, 2014, 73–98

89
V. · Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933

als die Berliner. Auch deshalb ist zu beachten, dass außer Berliner
Bekannten wie Popitz auch die Gauleiter Grohé und Terboven Mit-
glieder des Staatsrats waren, denen Schmitt in Köln begegnete. Wahr-
scheinlich verdankte er seine Ernennung zum Staatsrat aber der Ver-
mittlung von Popitz; es ist keineswegs sicher, dass Göring selbst
initiativ wurde und an eine Ernennung dachte. Die Tagebuchnotizen
vom April deuten nicht auf näheren Umgang hin.

3. Die institutionelle Alternative des Staatsrats

Schmitt hat den nationalsozialistischen »Führerstaat« früh schon als


charismatisch-personalistisch integriertes System wahrgenommen,
das die Rolle der Institutionen gegenüber den allmächtigen »Füh-
rern« relativierte. Er destruierte selbst den Rechtscode und Legali-
tätsmodus. Dennoch war ihm als Jurist, verglichen etwa mit Hei-
degger, 16 die Rolle der Institutionen und bürokratischen Verwaltung
klar. In seinen damaligen Schriften argumentierte er selten mit dem
Namen der nationalsozialistischen Akteure. Die Namen Hitlers oder
Görings fallen in seinen Schriften vergleichsweise selten. Aus den
Publikationen lässt sich ein differenziertes Hitler- oder Göring-Bild
kaum ablesen. Schmitt wäre als Jurist und politischer Denker auch
nicht sonderlich ernst zu nehmen, wenn er alle politischen Fragen
restlos personalisiert hätte. Bis zum 30. Juni 1934 lässt sich aber
vom Versuch einer juristisch-institutionellen Sinngebung sprechen.
Schmitt glaubte damals noch an die staatsbildende Kraft und Verfas-
sungsfähigkeit des Nationalsozialismus. Über die Rolle des »Hüters
der Verfassung« hinaus wollte er dabei auch gesetzgeberisch wirken.

16 Bekanntlich wollte Heidegger, nach einem Wort von Karl Jaspers, der »Führer des
Führers« werden. Seine ideologische Umstellung auf postmetaphysisch »anderes
Denken« interessierte den Nationalsozialismus aber nicht. Gleichwohl wünschte Hei-
degger im Herbst 1933 »an Hitler heranzukommen« (Heidegger am 19. September
1933 an Elisabeth Blochmann, in: Martin Heidegger-Gesamtausgabe Bd. XVI, 168)
und erwartete bei seinen Berufungsgesprächen in Berlin eine Art Immediatzugang
zum »Führer«. Als nicht einmal der Minister ihn zu den Verhandlungen empfängt,
sondern nur ein Staatssekretär, und Staatsrat Schmitt ihm im Luxushotel Kaiserhof
vorführt, wie man den Glanz der Macht zelebriert, warf Heidegger das Handtuch und
verzog sich in die Schwarzwälder Ecke (dazu: Verf., Kriegstechniker des Begriffs,
2014, 99–109). Schmitt wusste als Jurist dagegen um die Rolle der Institutionen und
die bürokratische Verfahrenstechnik und suchte den Zugang über den Vorhof des
Führers und die Polykratie der Paladine.

90
Die institutionelle Alternative des Staatsrats

Vor 1933 war Schmitt ein scharfer Kritiker des Parlamentaris-


mus und des »Parteienstaates«. An der »geistesgeschichtlichen Lage«
des Parlamentarismus kritisierte er vor 1933 vor allem die Absorption
des liberalen Repräsentationskonzepts durch die parteienstaatliche
Organisation. Schon vor 1933 konstatierte er eine »Wendung zum
totalen Staat«. 1931 schrieb er:
»Der Unterschied zwischen einem parlamentarischen Parteienstaat mit
freien, das heißt nicht festorganisierten Parteien und einem pluralistischen
Parteienstaat mit festorganisierten Gebilden als den Trägern der staatlichen
Willensbildung kann größer sein als der von Monarchie und Republik oder
irgendeiner andern Staatsform […] So wird das Parlament aus dem Schau-
platz einer einheitsbildenden, freien Verhandlung freier Volksvertreter, aus
dem Transformator parteiischer Interessen in einen überparteiischen Wil-
len, zu einem Schauplatz pluralistischer Aufteilung der organisierten ge-
sellschaftlichen Mächte.« (VRA 155 f.)
Vor dem 30. Januar 1933 verfasste Schmitt auch einen Artikel über
die Weiterentwicklung des totalen Staats in Deutschland, der grell
zeichnet:
»Näher gesehen, haben wir heute in Deutschland überhaupt keinen totalen
Staat, sondern eine Mehrzahl totaler Parteien, die jede in sich die Totalität
zu verwirklichen suchen« (VRA 362) »Es ist in der Sache geradezu eine
phantastische Option zwischen fünf untereinander völlig unvereinbaren,
völlig entgegengesetzten, in ihrem Nebeneinander sinnlosen, aber jedes in
sich geschlossenen und in sich totalen Systemen mit fünf entgegengesetz-
ten Weltanschauungen, Staatsformen und Wirtschaftssystemen« (VRA.
364).

Schmitt meint damals plastisch, man habe »zwischen Moskau, Rom,


Wittenberg, Genf und Braunem Haus und ähnlichen inkompatiblen
Freund-Feind-Alternativen« (VRA 364) zu wählen. Das überdreht
rhetorisch: Eine Option zwischen Rom, Wittenberg und Genf stand
in der Weimarer Parteienlandschaft nicht zur Wahl. Faktisch bestand
auch nicht wirklich die Gefahr, dass Deutschland Moskau würde. Ber-
lin drohte aber zum Braunen Haus zu werden. Schmitts damaliger
Artikel wirkt weniger als Warnung vor der Machtergreifung totalitä-
rer Parteien denn als antipluralistischer Sprung in den Einparteien-
staat.
Der Kritiker des Parteienstaats brauchte dafür allerdings ein al-
ternatives Modell. Die verfassungspolitischen Debatten des Weima-
rer Laboratoriums hatten vor 1933 mehrere Alternativen diskutiert.
Eine war der »Ständestaat«. Schmitts Schrift Der Hüter der Verfas-

91
V. · Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933

sung erörterte nicht nur die Alternative Reichspräsident oder Staats-


gerichtshof; sie nennt auch die Debatten um eine »Wirtschaftsverfas-
sung«, Ansätze zu einem »Expertenstaat« (HdV 104) und die Suche
nach »neutralen Größen«. In seinem nachgelassenen Handexemplar
schrieb Schmitt die Institution des Staatsrats rückblickend in die Tra-
dition der Ephoren hinein. Seine exorbitante Fußnote zum »Ephorat
im Lacedämonischen Staat« (HdV 7) steht im Hüter der Verfassung
paradigmatisch für die Suche nach alternativen Institutionen des Ver-
fassungsschutzes. Schmitt stellt die Frage damals ähnlich formal und
abstrakt wie den Begriff des Politischen. Entkoppelt er mit seinem
Freund-Feind-Kriterium die Identifikation der »maßgebenden« poli-
tischen Subjekte von der klassischen Staatslehre und identifiziert er
anschließend etwa Piraten und Partisanen, aber auch andere Picaros
des 20. Jahrhunderts, als politische »Gestalten«, so weitet er am Ende
der Weimarer Republik auch die Frage nach potentiellen »Hütern«
der Verfassung aus. Verfassungsschutz und Verfassunggebung sind
in Krisenzeiten kaum unterscheidbar; Krisen verlangen nach neuen
Antworten, die semantisch kreativ oder pragmatisch als Verfassungs-
schutz verkauft werden.
Dirk Blasius schreibt in seinem Buch über Schmitt als Preußi-
scher Staatsrat in Hitlers Reich: »Popitz war der geistige Vater des
›Gesetzes über den Staatsrat‹«. 17 Blasius betont Schmitts engagierte
Rolle als »Kommentator des nationalsozialistischen Führerstaates« 18
und geht selbstverständlich von dessen reichspolitischen Ambitionen
aus. Im Leipziger Staatsgerichtshofprozess hatte Schmitt die »Ehre
und Dignität Preußens« (PB 184) beschworen. Er selbst optierte aber
unitarisch für das Reich gegen die Eigenstaatlichkeit der Länder.
Nachdem die Länder gleichgeschaltet waren, stellte sich gerade für
Preußen die Frage einer Neuordnung des Verhältnisses von Politik
und Verwaltung. Nach dem Reichsstatthaltergesetz lag deshalb die
Neubegründung eines Staatsrats nahe. Man könnte die Institution
als ein politisch kastriertes, auf Beratungsfunktionen zurechtgestutz-
tes Schattenkabinett bezeichnen. Nach 1806 war seine Geschichte in
Preußen wechselvoll. Schmitt konnte 1933 durchaus die Hoffnung
hegen, plötzlich in einen Raum gelangt zu sein, der an der Schnitt-

17 Dirk Blasius, Carl Schmitt. Preußischer Staatsrat in Hitlers Reich, 2001, 86; vgl.
ders., Weimars Ende. Bürgerkrieg und Politik 1930–1933, Göttingen 2005; Carl
Schmitt und der 30. Januar 1933. Studien zu Carl Schmitt, Frankfurt 2009
18
Blasius, Carl Schmitt. Preußischer Staatsrat, 93.

92
Die institutionelle Alternative des Staatsrats

stelle von Politik und Verwaltung hohe Kontakte und Einfluss ver-
sprach. Zutreffend betont Blasius Schmitts reichspolitischen Ehrgeiz
in der Rolle des Staatsrats: Der preußische Staatsrat suchte den Zu-
gang zu »Hitlers Reich«; es gelang ihm allerdings schon 1933 nicht,
näheren Umgang mit Göring zu finden.
Seine Ernennung zum Staatsrat quittierte Schmitt im Westdeut-
schen Beobachter am 16. Juli 1933 umgehend mit dem Artikel Die
Bedeutung des neuen Staatsrats 19. Staatsrat Schmitt feiert hier buch-
stäblich den Kölner Gauleiter Grohé als Staatsrat, dessen Konterfei
im Zentrum des Artikels im Bilde prangt. Der Artikel bezeichnet
den Staatsrat als »Hilfsorgan« der »Staatsführung« und listet die Zu-
sammensetzung aus Vertretern der »drei Organisationsreihen« Staat,
Partei und den »übrigen Sphären des öffentlichen Lebens« auf. Er
unterscheidet den Staatsrat von der »öffentlichen Diskussion« des
Parlamentarismus und betont die Einwirkungsmöglichkeiten Hitlers:
»Er kann auch jederzeit die Einberufung des Preußischen Staatsrats
verlangen, im Staatsrat jederzeit erscheinen und das Wort nehmen«.
Rückblickend betonte Schmitt in Nürnberg, dass Hitler dies nicht tat.
Offenbar hoffte er 1933 zunächst auf eine reichspolitische Ausstrah-
lungskraft und Bedeutung des Staatsrats. Von wichtigen kommuna-
len und föderalen Gestaltungsmöglichkeiten spricht er in seinem frü-
hen Artikel nicht. Er konzipiert Preußen nicht als föderalistische
Pfründe eines NS-Paladins und Territorialfürsten. Vielmehr betont
schon das Reichsstatthaltergesetz die besonders enge Verknüpfung
von Preußen mit dem Reich. Im Kommentar zum Reichsstatthalter-
gesetz schreibt Schmitt dazu im April 1933:
»In Preußen übt der Reichskanzler die Befugnisse des Reichstatthalters aus.
[…] Gerade dadurch, dass es in Preußen keinen besonderen Reichsstatthal-
ter gibt, treten die engere Verbindung von Reich und Preußen, die Über-
windung des alten komplizierten und gefährlichen ›Dualismus‹ und die
Stellung Preußens als der ›Hausmacht‹ des Reichs noch klarer und deut-
licher hervor.« 20
Schmitt hoffte also, dass Hitler im Staatsrat präsent sein würde und
sich daraus Perspektiven ergeben würden. Es ist zu beachten, dass er
im Artikel vom 16. Juli 1933 nicht von der faktischen Macht, sondern

19 Carl Schmitt, Die Bedeutung des neuen Staatsrates, in: Westdeutscher Beobachter
(Euskirchener Zeitung) Nr. 169 vom 16. Juli 1933, 1.
20 Carl Schmitt, Das Reichsstatthaltergesetz, München 1933, 19; Ernst Rudolf Huber

(CSHU 449) weist in einer Besprechung darauf hin.

93
V. · Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933

von der potentiellen »Bedeutung des neuen Staatsrates« spricht, die


am Interesse und Engagement Hitlers hing. Dabei wehrt er eingangs
die Parallele zum »großen faschistischen Rat« Mussolinis ab, der
»mehr ein Organ der faschistischen Partei« sei. 21 Er betont in seinem
Artikel, dass der Staatsrat, im Unterschied zum parlamentarischen
System, ein rein beratendes und nichtöffentliches »Staatsorgan« sei.
Sein Schlüsselsatz und Hoffnungsanker lautet im Artikel: »Ein guter
Berater kann bei einer guten Führung wesentliche Einflussmöglich-
keiten haben« 22.
Nicht alle Staatsräte waren damals effektiv im Staatsrat enga-
giert. Gerade die hohen Parteifunktionäre, so die Gauleiter, hatten
jenseits dieses Gremiums noch ganz andere Möglichkeiten der Ein-
flussnahme. Schmitt gehörte im Staatsrat zur dritten Gruppe der Ver-
treter des »öffentlichen Lebens« jenseits der Partei, die die Einfluss-
möglichkeiten des Amtes effektiv nutzen wollten. Sein Ehrgeiz zielte
dabei über die sporadische Arbeit der Institution hinaus auf den Zu-
gang zum Machthaber. Man kann die Staatsräte wahrscheinlich an
einer Hand aufzählen, die nur mit diesen Zugangsmöglichkeiten, jen-
seits anderer Einflussmöglichkeiten, hohe Ambitionen verbanden.
Richard Strauss, Ferdinand Sauerbruch oder Gustav Gründgens bei-
spielsweise wollten das Amt vermutlich nicht, wie Schmitt, als Entre-
billet für den näheren Zugang zum Gestaltungsraum des Macht-
habers nutzen. Es ist deshalb besonders zu beachten, dass Schmitt
schon im Juli 1933 nicht die faktische Macht der Institution, sondern
deren potentielle »Bedeutung« mit Blick auf Hitler betonte. Dass Hit-
ler oder Göring wirklich sachliche und expertokratische Beratung
durch »neutrale Größen« suchten und sich staatsethisch dem Wohle
des Ganzen verpflichtet fühlten, konnte er allerdings – nach seiner
Parteienkritik und Wahrnehmung der NS-Akteure – nicht ernsthaft
annehmen. Er musste eigentlich schon im Frühjahr 1933 verstanden
haben, dass Hitler wie Göring beratungsresistent waren und
Deutschland in ein Braunes Haus verwandeln wollten, das in Trüm-
mern und Ruinen endete.
Ich glaube nicht, dass Schmitt sich über die Institution des
Staatsrats größere Illusionen machte und mit den letzten Relikten

21 Der im Dezember 1922 begründete Große Faschistische Rat (Gran Consiglio Del
Fascismo) hatte eine weit größere Machtfülle in Partei und Staat. Das zeigte sich nicht
zuletzt in der Absetzung Mussolinis am 24. Juli 1943.
22
Schmitt, Die Bedeutung des neuen Staatsrates, 1

94
Die institutionelle Alternative des Staatsrats

und Gestaltungsräumen in Preußen ein ambitioniertes Projekt ver-


band. Schließlich hatte er selbst am Reichsstatthaltergesetz mit-
gewirkt und den deutschen Föderalismus nach Kräften begraben. Ein
Brief Ernst Jüngers vom 17. August 1933 bezieht sich auf ein Ge-
spräch über den Staatsrat: Jünger weist Schmitt auf ein Buch über
den französischen Staatsrat Napoleons hin und betont, dass dieser
Staatsrat als »zivile Einrichtung […] bereits ein reines Arbeitsinstru-
ment« (JS 16) war. Jünger tröstet Schmitt schon im August 1933, vor
der feierlichen Eröffnung des Staatsrats, über die relative Ohnmacht
hinweg. Darüber dürften beide gesprochen haben. Die Parallele Na-
poleon-Hitler klingt an, die Schmitt gerne bemühte. Schmitt befasste
sich später auch gelegentlich mit der Geschichte der Institution. Er
regte Studien von Gueydan de Roussell und Hans Schneider 23 mit
an und spiegelte sich 1943/44 in Friedrich Carl v. Savigny, dem Be-
gründer der Historischen Rechtsschule und konservativen Lehrer
vom »Volksgeist«: der »Unglücksfigur«, die später als Präsident des
preußischen Staatsrats für eine »Vereinfachung und Beschleunigung
der Gesetzgebung« (VRA 418) optierte. Die bald überholten preußi-
schen Kommunalgesetze vom Dezember 1933, an denen Schmitt mit-
wirkte, erinnerte er später nicht nachhaltig als sein preußisches Pro-
jekt vom Jahre 1933.
Spätestens am 1. Februar 1934 begrub er alle preußischen Am-
bitionen. In der Berliner Ausgabe des Völkischen Beobachters kom-
mentierte er das Gesetz über den Neubau des Reiches vom 30. Januar
1934, 24 zum Jahrestag der Machtergreifung, dahin, dass alle Verfas-
sungsfragen der Länder beseitigt seien und sich nur noch Fragen der
»Verwaltungsorganisation« stellten. Alle Hoheitsrechte der Länder
seien auf das Reich übergegangen. Alle Reichsstatthalter seien fortan
der Dienstaufsicht des Innenministeriums unterstellt. Die Staatsräte
seien nur noch ein »Ausfluss der Hoheitsrechte des Reiches« (TB
1930/34, 477). Die Neuregelung zeige, »wie wohlüberlegt die Kon-
struktion des Reichsstatthalter-Gesetzes« war: Preußen werde, anders
als die anderen Länder, durch den »Reichskanzler unmittelbar oder
durch den Preußischen Ministerpräsidenten« (TB 1930/34, 478) ver-

23 Hans Schneider (Der preußische Staatsrat, 1952, 1) verweist auf Gueydan de Rous-
sel und betont, dass der französische Staatsrat für Preußen nicht »vorbildlich« war
(48–50). Schneider stand schon vor 1945 in enger Verbindung mit Schmitt.
24
Carl Schmitt, Das neue Verfassungsgesetz, in: Völkischer Beobachter. Berliner
Ausgabe. Ausgabe A vom 1. Februar 1934, hier zitiert nach dem Wiederabdruck in:
TB 1930/34, 476–479.

95
V. · Carl Schmitts Staatsrat-Projekt von 1933

waltet, der nur dem Kanzler und nicht dem Innenministerium unter-
stellt ist. Der preußische Staatsrat kann sich damit nun eigentlich als
unmittelbarer »Ausfluss der Hoheitsrechte des Reiches« oder als
deutscher Staatsrat verstehen. Vielleicht sah er die Institution schon
1933 als bloße strategische Leiter oder als ein Karrieresprungbrett an,
das nach dem Absprung zerfallen mochte. Der Staatsrat trat dann als
Totengräber Preußens an und der Titel wurde ihm, neudeutsch ge-
sagt, gleichsam als Abwrackprämie verliehen. Es ging ihm nicht pri-
mär um Preußen, sondern um das Reich. Da er den »Stier« Hitler von
Anfang an, seit dem April 1933, als wenig emphatisch und zugänglich
betrachtete, setzte er seine Hoffnungen – gegen den »Bürokraten«
Frick – zunächst mehr auf Göring, der ihn als Politiker aber dann auch
bald enttäuschte.
Vor der Eröffnung des Staatsrats gab es am 15. September zwar
ein »Frühstück bei Göring« (TB 1930/34, 303), das aber nicht als in-
time Privataudienz vorzustellen ist. Am 16. September folgte die ze-
remonielle und pompöse Eröffnung des Staatsrats in Berlin und Pots-
dam. Schmitt erwähnte am 31. Dezember noch ein freundliches
Dankestelegramm (TB 1930/34, 315) Görings, das vermutlich an alle
Staatsräte ging, und schickte ein Geburtstagstelegramm. Das war es
1933 aber auch schon. Engere persönliche Begegnungen mit Göring
hätte er vermutlich im Tagebuch erwähnt. Mit seiner Ernennung
zum Staatsrat verband er im Juli 1933 wahrscheinlich größere Hoff-
nungen auf engere politische Kontakte, die dann aber schon im
Spätsommer einigermaßen enttäuscht waren. Rückblickend meinte
Schmitt dazu: »Es war ja alles sehr schwierig, ich konnte von Köln
aus diese Kontakte ja auf die Dauer nicht aufrechterhalten.« 25 Ende
Juli begegnete er in Köln erstmals Hans Frank, der plötzlich als zu-
gänglichere Alternative, zweitbeste Fahrt und Reserveticket erschien
und dann bis Ende 1936 sein wichtigster nationalsozialistischer Men-
tor, Umgang und Zugang zur NS-Elite wurde. Vom baldigen Schei-
tern der Option für Göring her muss man die klare Option für Hans
Frank sehen. Dabei wusste Schmitt, dass Frank in der nationalsozia-
listischen Polykratie bei weitem nicht die exponierte Stellung Gö-
rings hatte. Der Zugang zu Hitler rückte schon im Herbst 1933 in
einige Ferne. Die verfassungspolitische Forderung nach einem »Füh-

25Frank Hertweck / Dimitros Kisoudis (Hg.), »Solange das Imperium da ist«. Carl
Schmitt im Gespräch 1971, 2010, 107.

96
Die institutionelle Alternative des Staatsrats

rerrat« war da im Dezember 1933 in Staat, Bewegung, Volk schon


fast ein Notschrei.
Zusammengefasst ist also zu sagen: Schmitt suchte 1933 die
Nähe zu NS-Spitzenpolitikern; er wollte als Rechtsberater gesetz-
geberisch oder nomothetisch wirken und rechnete zwar mit einer re-
lativen Ohnmacht des preußischen Staatsrat, hoffte aber auf eine
Ausstrahlungswirkung und prototypische reichspolitische Bedeutung
der Institution. So wollte er über Göring an Hitler herankommen.
Ende 1933 wusste er aber bereits um das Scheitern seiner großen
Ambitionen. Noch 1935 konnte es jedoch in einer zeitgenössischen
Darstellung unter Berufung auf Göring immerhin noch heißen:
»Nachdem der Weimarer Reichsrat inzwischen beseitigt ist, ist die
Bahn frei, den Preußischen Staatsrat ins Reich zu übernehmen und
ihn […] im Zuge der kommenden Reichsreform zu einem Deutschen
Reichsrat auszubauen.« 26 Das war wohl die anfängliche Hoffnung
Schmitts an der Seite von Popitz und im Pakt mit Göring.

26
Remé, Der preußische Staatsrat, 1935, 43.

97
VI. »Die Waffen sind das Wesen der
Kämpfer selbst«. Form und Sinn des
Krieges nach Carl Schmitt

1.

»Kriegstheorie« ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Ge-


sichtspunkte. Ihre »Klassiker« kommen aus verschiedenen Institutio-
nen und Fächern und an der Universität ist sie unter diesem Titel
nicht etabliert. Es gibt sie als empirische Wissenschaft vom militäri-
schen Handeln vielleicht nur in militärischen Einrichtungen. So
wirkte Carl von Clausewitz, der moderne »Klassiker«, als Direktor
der Allgemeinen Kriegsschule (Kriegsakademie) in Berlin. Kriegs-
theorie ist ein Arcanwissen, dessen neueste Varianten hinter militä-
rische Mauern verschlossen werden. Hier gilt vielleicht der Schluss-
satz von »Don Capiscos [Carl Schmitts elitentheoretischem]
Handorakel«: »Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu
schreiben wagt.« (GL 137)
Nach 1900 war der Krieg in Deutschland vor allem ein Thema
der Historiker. Nach Versailles wurde die »Kriegsschuldfrage« zu
ihrem zentralen Thema. Schmitt schrieb keine umfassende Geschich-
te der Kriegskunst oder des Verhältnisses von Heer und Staat, 1
Staatskunst und Kriegshandwerk, 2 sondern beschäftigte sich mit
dem Krieg aus der Perspektive des Juristen: mit dem Bürgerkrieg,
Staatenkrieg, Partisanenkrieg. Das Problem des Krieges ist in seinem
Werk allgegenwärtig. Schmitts staatsrechtliches Zentralthema aber
war die Diktatur. Dieser Grenzfall von Politik und Recht begegnete
ihm schon während des Ersten Weltkriegs als Soldat in der Heeres-

1 Otto Hintze, Staatsverfassung und Heeresverfassung, in: ders., Staat und Verfas-
sung. Gesammelte Abhandlungen, 2. erw. Aufl. Göttingen 1962, 52–83; Fritz Har-
tung, Staatsverfassung und Heeresverfassung, in: ders., Volk und Staat in der deut-
schen Geschichte. Gesammelte Abhandlungen, Leipzig 1940, 28–40; Ernst Rudolf
Huber, Heer und Staat in der deutschen Geschichte, Hamburg 1938
2 Gerhard Ritter, Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des »Militarismus«

in Deutschland, 4 Bde., München 1954/1968

98
VI. · Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt

verwaltung und die Optik des »Ausnahmezustands« und das Pathos


des »Ernstfalls« durchtönten dann sein Werk. Sein Begriff des Politi-
schen schien »Feindschaft« und Krieg geradezu herbeizurufen.
Schmitt emanzipierte »das Politische« vom Staatsbegriff und vertrat
einen weiten, institutionell nicht festgelegten Begriff, der Feindschaft
und Krieg auch als »existentielle« Kreatoren neuer politischer Sub-
jekte und Einheiten ansah. 3 Seine nationalistische Botschaft richtete
sich primär gegen den Liberalismus und Universalismus: »Mensch-
heit« sei »kein politischer Begriff«; »Kriege im Namen der Mensch-
heit« hätten deshalb regelmäßig »einen besonders intensiven poli-
tischen Sinn« (BP 55). Schmitt selbst lehnte den Vorwurf des
»Bellizismus« aber ab und verstand sich nach 1945 verstärkt als An-
walt des neuzeitlich-klassischen Völkerrechts, der »Souveränität« der
Einzelstaaten, des jus belli und kriegsrechtlich »gehegten« Kriegs.
Deshalb berief er sich auch auf Clausewitz. So sehr ihn pazifistische
Moralisierungen auch degoutierten, scheute er den Krieg doch mora-
lisch und religiös. Mancher Interpret mag es nicht glauben: Schmitt
lehnte die »Ideen von 1914« und den preußischen »Militarismus« im
Ersten Weltkrieg massiv ab und auch die »Entfesselung« des Zweiten
Weltkriegs seit dem Russlandfeldzug und Kriegseintritt der USA sah
er apokalyptisch. Schmitt war ein Theoretiker der Verhältnisbestim-
mung von Politik und Recht. Rechtssoziologisch betrachtete er ein
Minimum an Effektivität als essentielles Kriterium des Rechts. Des-
halb perspektivierte er den juristischen »Sinn« des Krieges auch von
der politischen Machtanalyse her.

2.

Schmitt datierte seinen »Kampf« mit Versailles, Genf und Weimar ab


1923. In Bonn und Berlin las er regelmäßig über Völkerrecht. Seine
Flugschrift Die Rheinlande als Objekt internationaler Politik unter-
scheidet 1925 zwischen dem »Unrecht der Fremdherrschaft« und dem
»Betrug der Anonymität« (FP 36). Das Stichwort »Versailles« steht

3 Zur Unterscheidung zwischen einer »instrumentellen« und einer »existentiellen«


Auffassung vgl. Herfried Münkler, Über den Krieg. Stationen der Kriegsgeschichte im
Spiegel ihrer theoretischen Reflexion, Weilerswist 2003, 113 ff.; vgl. ders., Der Wan-
del des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie, Weilerswist 2006; Niederwer-
fen oder Ermatten? Vom Kampf der Intellektuellen um die Hegemonie, in: Idee. Zeit-
schrift für Ideengeschichte 4 (2009), Heft 3, 5–16.

99
VI. · Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt

dabei für die »Fremdherrschaft«, »Genf« aber für die Gefahr einer
»geistigen Unterwerfung« unter das Recht der Sieger qua rechtlicher
Legitimierung und Anerkennung des imperialen Status quo.4 Genf
legitimiert Versailles, meinte Schmitt; die Legalität von Versailles
sollte aber nicht mit der Legitimität verwechselt werden: Das System
der Sieger ist nicht legitim. Erst die Anerkennung der Fremdherr-
schaft und liberalen Ideologie macht die Rheinlande zu einem bloßen
»Objekt« internationaler Politik. Schmitt betrachtet völkerrechtliche
Institute als Instrumente im Kampf. Er fragt politisch: Wie sind die
Machtverhältnisse? Wer ist Souverän des Völkerrechts? Wer ist Herr
des Verfahrens? Wie setzt er das Recht strategisch ein? Der Sieger
bestimmt das Vokabular, schreibt Schmitt seinen Hörern ins Stamm-
buch. Nicht nur zentrale Stichworte, sondern die ganze Semantik und
Systematik des Rechts könne als Instrument »indirekter« Herrschaft
dienen. Schmitt analysiert das positive Recht als ein Machtmittel des
»modernen Imperialismus« und als effiziente Kriegsökonomie. Die
Legalität ist ziemlich effektiv und billig. Sieger suchen eine günstige
Relation von Aufwand und Ertrag und gehen deshalb zu Formen »in-
direkter« Herrschaft über. Die Intellektuellen kämpfen hier an einer
semantischen Front. Schmitts erste Einsicht in den Formwandel des
Krieges gilt diesem Übergang von offenen und direkten zu indirekten
Formen imperialer Herrschaft. Die Herrschaft über die Semantik des
Rechts betrachtet er als politische Ressource und Waffe im Kampf.
Formelhaft verkürzt gilt sein Kampf deshalb »Genf« als Instrument
von »Versailles«.
Seine zahlreichen Analysen zum »Sinnwandel« des Genfer Völ-
kerbundes führen die Formdiagnose und die Sinnanalyse vor 1933
aber noch nicht eng zusammen. Schmitt löst den Konnex von Form
und Sinn, Feindschaft und Krieg, auch niemals in eine eindeutige
kausale und zeitliche Priorität auf. Er sagt nicht, dass der Krieg stets
der Feindschaft vorausgeht oder die Feindschaft dem Krieg; er formu-
liert also auch keinen strikten Primat der Technik – oder genauer: der

4 Zur politischen Betrachtung des Völkerrechts vgl. auch einige von Schmitt als Erst-
gutachter betreute Promotionen: Mitchell Benedict Caroll, Die wirtschaftlichen For-
derungen in Friedensverträgen, Diss. Bonn 1923; Felix Schneider, Die deutschen Ko-
lonien unter den Mandaten des Versailler Friedensvertrages, Diss. Bonn 1925; Johann
Heinrich Wilckens, Die Entwicklung des Abrüstungsbegriffs, Diss. Bonn 1928; Hans
Wolters, Der Rechtsbegriff Soldat, Diss. Berlin 1938; Gholamreza Bahrami, Kapitula-
tionen. Ein Beitrag zur Lehre vom ›ius inter potestas‹, Diss. Berlin 1941; Ferdinand
Friedensburg, Der Kriegsschauplatz, Diss. Berlin 1944

100
VI. · Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt

Militärtechnikgeschichte – vor den »Sinngebungen« und Rechtfer-


tigungen von Kriegen durch politische Feinderklärungen und juristi-
sche Argumentationen. Da er seine Positionen und Begriffe aber als
Waffen versteht, vertritt er grundsätzlich die Möglichkeit, dass juris-
tisch-politische »Sinngebungen« Kriege herbeirufen, verursachen
oder auslösen könnten. Die Sprache ist ihm kein harmloses Werk-
zeug, sondern eine Form des Handelns und Waffe im Kampf.
Schmitt sieht Deutschland nach 1918 allerdings weniger in der
Rolle des Akteurs und Aggressors denn als reaktives Opfer und blo-
ßes »Objekt«. Vehement fordert er die »Selbstbehauptung« der deut-
schen »Nation« gegen die Sieger des Ersten Weltkriegs. Schmitt sieht
sich in der defensiven Rolle, an das »Grundrecht« zur politischen
Selbstbestimmung erinnern zu müssen. So sehr er deshalb auch
Feindschaften auf die Gefahr möglicher Kriege mobilisiert, so deut-
lich ist ihm der Primat der Politik und die Souveränität humaner Ver-
fügungsmacht ein Problem. Viele Formulierungen gehen deshalb in
Richtung einer Dominanz entgleister Kräfte und eines Selbstlaufs der
Technik. Das lehrte ihn auch der Erste Weltkrieg. 1938 schreibt er:
»Man sagt mit einer oft wiederholten Redewendung, dass die europäischen
Völker im Sommer 1914 ›in den Krieg hineingetaumelt‹ sind. In Wirklich-
keit sind sie allmählich in die Totalität des Krieges hineingeglitten […].
Hier entstand also die Totalität des Krieges nicht aus einer vorangehenden,
totalen Feindschaft, vielmehr wuchs die Totalität der Feindschaft aus einem
allmählich total werdenden Krieg. Die Beendigung eines solchen Krieges
war notwendigerweise kein ›Vertrag‹ und kein ›Frieden‹ und erst recht kein
›Friedensvertrag‹ im völkerrechtlichen Sinne, sondern ein Verdammungs-
urteil der Sieger über den Besiegten. Dieser wird umso mehr nachträglich
zum Feind gestempelt, je mehr er der Besiegte ist.« (PB 244 f.; BP 102 f.)

Grundsätzlich meint Schmitt damals auch: »Im Kriege steckt der


Kern der Dinge. Von der Art des totalen Krieges her bestimmen sich
Art und Gestalt der Totalität des Staates; von der besonderen Art der
entscheidenden Waffen her bestimmt sich die besondere Art und Ge-
stalt der Totalität des Krieges. Der totale Krieg aber erhält seinen Sinn
durch den totalen Feind.« (PB 236) Feindschaft erscheint so als eine
nachträgliche Legitimation kriegerischer Tendenzen, die von der
Kriegstechnik ausgehen. Der Militarismus der Waffen wird zum be-
stimmenden Faktor. Das Völkerrecht sucht reaktiv »einen Feind zu
konstruieren und dadurch einem sonst sinnlosen Krieg einen Sinn
zu geben.« (PB 245) Die grundsätzliche Verhältnisbestimmung lautet
deshalb: »Der Krieg hat seinen Sinn in der Feindschaft.« (TP 63) Die

101
VI. · Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt

Formel ist leicht doppelbödig: Schmitt problematisiert den »wirk-


lichen Feind«. Zwar unterstellt er die wirkliche Feindschaft der deut-
schen »Nation« zu Genf und Versailles. Dabei sieht er aber bereits
Grenzen nationalistischer Sinngebung von Feindschaft und Krieg.
Nicht erst im Gespräch mit Jünger gewärtigt er, dass der Heroismus
des Kampfes durch die moderne Kriegstechnik gleichsam torpediert
wird und die »totale Mobilmachung« nicht in der persönlichen Iden-
tifikation aufgeht.
Als Apologet des Präsidialsystems findet Schmitt schon vor 1933
Zugang zu militärischen Kreisen. Sympathisiert er in der Weimarer
Endzeit mit einer – caesaristisch durch den Reichspräsidenten legi-
timierten – kommissarischen Militärdiktatur, argumentiert er im
Nationalsozialismus bis 1934 mehr für eine Rekonstruktion des (ur-
sprünglich preußischen) Beamten- und Militärstaates gegen die per-
manente Revolution des nationalsozialistischen »Bewegungsstaates«.
Schmitt wünscht den »Sieg des Bürgers über den Soldaten« (SZZR)
rückgängig zu machen. Sein »Ordnungsdenken« bleibt aber wenig
»konkret«. Erst nach 1936 beschreibt er den Konnex von Kriegs-
geschichte und Kriegsrecht eingehender. Dabei beobachtet er vor
allem zwei langfristige Tendenzen: die Wendung zu einem »diskri-
minierenden« Kriegsbegriff (WdK), der mit dem Krieg auch die po-
litische Ordnung von Freundschaft und Feindschaft ächtet, sowie die
Tendenz zu einem poststaatlich-universalen, weltstaatlichen Völker-
recht (VGO). Der »Universalismus« führt nach Schmitts Auffas-
sung zu einer »Entthronung« der einzelstaatlichen Souveränität,
Abkehr vom jus belli und Diskriminierung einzelstaatlich begrenz-
ter Kriege.
Schmitt diskutiert hier vor allem das Recht zum Krieg, weniger
das Recht im Krieg und nach dem Krieg. Dabei argumentiert er mit
den dekonstruktiven Mitteln immanenter Kritik; er schreibt Perver-
sionsgeschichten: Geschichten vom »Sinn«- und »Bedeutungswan-
del« ursprünglich defensiver, rechtlich »hegender« Konzepte. 5 Rechts-
wissenschaftlich identifiziert er Gründer und Verfälscher. Dabei
renationalisiert und rekonfessionalisiert er die Ahnengalerie und ge-

5 Lothar Gruchmann, Nationalsozialistische Großraumordnung. Die Konstruktion


einer deutschen Monroe-Doktrin, Stuttgart 1962; Mathias Schmoeckel, Die Groß-
raumtheorie. Ein Beitrag zur Geschichte der Völkerrechtswissenschaft im Dritten
Reich, insbesondere der Kriegszeit, Berlin 1994; Michael Stolleis, Geschichte des öff-
fentlichen Rechts. Bd. III, München 1999, 380 ff.

102
VI. · Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt

langt zu einer starken nationalistischen Fassung der Völkerrechts-


und Kriegsrechtsgeschichte. Deutschland ist ihm hier erneut vor al-
lem »Objekt«. Schmitt unterscheidet das französisch-kontinentale
vom angelsächsischen Völkerrechtsdenken und codiert den »Sinn-
wandel« auch antisemitisch. Mit seiner Schrift Land und Meer pola-
risiert er die Mentalitäten der Völkerrechtssysteme weiter zum
»Ausdruck verschiedener Welten und entgegengesetzter rechtlicher
Überzeugungen« (LM 87): Während der kontinentale Landkrieg noch
»Hegungen« kannte, sei das angelsächsische, vom Seekrieg her gebil-
dete Kriegs- und Völkerrechtsdenken schärfer diskriminierend.
Schmitt schreibt der »westlichen Hemisphäre« die Entgrenzung des
Krieges und des Völkerrechts zu. Den Luftkrieg erkennt er als eine
»Raumrevolution« von umwälzender militärischer und mentalitäts-
geschichtlicher Bedeutung. Die Lufthoheit entscheidet über den Aus-
gang des Zweiten Weltkriegs, meint Schmitt 1942 schon sehr deut-
lich. Nach 1945 arbeitet er seine Sicht in seinem Buch Der Nomos der
Erde aus, seiner großen Summe vom Aufstieg und Fall des neuzeit-
lich-klassischen, nichtdiskriminierenden Völkerrechts. Im Schlussteil
führt er den »Krieg der modernen Vernichtungsmittel« hier auf einen
»Sinnwandel« des Kriegs und der völkerrechtlichen Anerkennung
unter der Hegemonie der USA zurück. Im Ergebnis konstatiert er
eine Wiederkehr der diskriminierenden Ideologie vom »gerechten
Krieg«.
Schmitt schreibt die Wendung zum diskriminierenden Kriegs-
begriff also einer angelsächsischen Hegemonie zu. Von der deutschen
Kriegsschuld schweigt er weitgehend. In seiner Theorie des Partisa-
nen kommt er dem deutschen Anteil am Zweiten Weltkrieg aber 1963
etwas näher. Schmitt stellt hier den Partisanen als neuen, irregulären
Akteur »außerhalb jeder Hegung« ins Zentrum; er betont ein »Miss-
verhältnis« (TP 38 ff.) von Preußentum und Partisanentum und wirft
Fragen nach der deutschen Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg auf.
Dabei erkennt er eine »nationale« Legitimität des Partisanenkriegs
an. Er sieht aber, dass die Motive sich wandeln: an die Stelle des »de-
fensiv-autochthonen Verteidigers der Heimat« (TP 35) tritt nach
1945 der terroristische Weltrevolutionär.
Verstärkt greift Schmitt hier technikgeschichtliche Aspekte auf.
Er visioniert den neuen Typus des technisch aufgerüsteten »Indus-
trie-Partisanen« (TP 81) und fürchtet eine Tyrannei der Technik über
den Menschen. Die neuen Waffen fordern automatisierte Hand-
lungsabläufe und legitimierende Feindschaften. »Absolute« Vernich-

103
VI. · Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt

tungsmittel lassen sich nur durch einen »absoluten Feind« recht-


fertigen:
»Die letzte Gefahr liegt also nicht einmal in dem Vorhandensein der Ver-
nichtungsmittel und einer praemeditierenden Bosheit der Menschen. Sie
besteht in der Unentrinnbarkeit eines moralischen Zwanges. Die Men-
schen, die jene Mittel gegen andere Menschen anwenden, sehen sich ge-
zwungen, diese anderen Menschen, d. h. ihre Opfer und Objekte, auch mo-
ralisch zu vernichten. Sie müssen die Gegenseite als ganzes für
verbrecherisch und unmenschlich erklären, für einen totalen Unwert. Sonst
sind sie eben selber Verbrecher und Unmenschen.« (TP 95)
Schmitt zitiert dafür an wichtigen Stellen den Philosophen Hegel:
»Die Waffen sind das Wesen der Kämpfer selbst.« (TP 94, vgl. NE
299) Hegel schreibt in der Phänomenologie des Geistes – im Ab-
schnitt »Die Tugend und der Weltlauf« – wörtlich: »Denn die Waffen
sind nichts anderes als das Wesen der Kämpfer selbst«. Hegel hätte
seine Formel wohl einen »spekulativen Satz« genannt: einen Satz, der
nicht informativ ist, sondern einen Begriff lediglich analytisch expli-
ziert. Die Waffen wären demnach mit dem menschlichen Wesen des
Kämpfers bereits »gesetzt«. Schmitt dagegen kennt ein geschicht-
liches »Wesen«, einen »Wesenswandel« und Wesensverlust des Men-
schen. Wenn die Waffen den Habitus bestimmen, beherrscht die
Technik den Menschen, wie Frankensteins Monster seinen Erfinder
oder der Besen den Zauberlehrling. Wenn die Technik das »Wesen«
definiert, ist alle Sinngebung eine Rechtfertigung des Sinnlosen.
Schmitt dekonstruiert so am Ende sein Projekt einer nationalistischen
und etatistischen Repolitisierung. Zuletzt erinnert er deshalb beinahe
nostalgisch an Clausewitz als politischen Denker, der das politische
Denken von der Kriegswissenschaft her rekonstruierte.

3.

Kriegstheorie ist Theorie des Krieges. Der Krieg definiert sich gegen
bloße Gewalt normativ als politisches Mittel und Form menschlichen
Handelns. Kriegstheorie betrachtet militärisches Handeln also als
Mittel der Politik. Solches Handeln greift über bloße Kriegshandlun-
gen hinaus und umfasst auch präventive und pazifizierende Maßnah-
men. Die Kriegstheorie hat deshalb ein weites Feld. Schmitt begrenzt
es auf juristische Antworten. Er ist kein Kriegsphilosoph, der anthro-
pologische und ethische Voraussetzungen und Konsequenzen von

104
VI. · Form und Sinn des Krieges nach Carl Schmitt

Kriegshandlungen thematisierte, aber auch kein empirischer Kriegs-


wissenschaftler, der eine umfassende Beschreibung des militärischen
Handelns in seinen Voraussetzungen, Akteuren, Mitteln, Strategien
und Folgen intendierte. Seine juristische Perspektive hat in normati-
ver wie empirischer Hinsicht klare Grenzen: Es fehlen die philosophi-
sche Normbegründung und die umfassende empirische Beschrei-
bung. Positiv gesagt zerredet Schmitt die Normbegründung nicht in
uferlosen Diskursen und fokussiert die sozialwissenschaftliche Be-
schreibung praktisch lösungsorientiert.
Schmitt ist ein Zeuge des »Weltbürgerkriegs« und Übergangs
aus nationalstaatlichen und nationalistischen Zeiten in supranationa-
le Verhältnisse. Er beantwortet die Tendenz zur Entstaatlichung und
Privatisierung des Krieges mit dem Projekt einer Repolitisierung und
formuliert dabei einen Konnex von Kriegsgeschichte und Kriegs-
rechtsgeschichte. Seinen juristischen Fokus legt er auf Konsequenzen
des Sinnwandels: Kriege verändern die Rechtslage. Man muss die La-
ge sehen, um ihr Recht zu erkennen. Das neuzeitlich-klassische Völ-
kerrecht betrachtet er polemisch. 6 Diese Antwort befriedigt ihn aber
eigentlich selbst nicht. Denn er betont immer wieder, dass institutio-
nelle Lösungen auf spezifische Herausforderungen und Fragen ant-
worten und eine geschichtliche Antwort »nur einmal wahr« ist.
Schmitt spricht vom »Ende der Epoche der Staatlichkeit«, einzelstaat-
licher Souveränität und des nichtdiskriminierenden jus belli, sieht
aber keine normative Basis jenseits des Rechts auf »Selbstbehaup-
tung« einer politischen Einheit. Dieses Recht stellt er nicht weiter in
Frage. Dabei lehnt er die Gleichsetzung von Macht und Recht ab. Sein
Begriff des Politischen löst das Recht auf Selbstbehauptung aus der
etatistischen Perspektive heraus. In globalisierten Verhältnissen kann
die einzelstaatliche Souveränität nicht mehr das normative Fun-
dament geben. Schmitt bietet aber keine Alternative mehr an. Sein
ganzes Werk basiert auf einer starken Disjunktion von Politik und
Moral und rein politischen Analyse moralischer Ansprüche in der
Politik. Niemals diskutiert es die Moral der Politik. Deshalb kann es
schon das eigene Pathos der »Selbstbehauptung« nicht begründen.

6 Dagegen Jürgen Habermas, Kants Idee des ewigen Friedens – aus dem historischen
Abstand von 200 Jahren, in: ders., Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politi-
schen Theorie, Frankfurt 1996, 192–236; ders., Hat die Konstitutionalisierung des
Völkerrechts noch eine Chance?, in: ders., Der gespaltene Westen. Kleine Politische
Schriften X, Frankfurt 2004, 113–193.

105
Teil II: Selbstbespiegelungen
VII. René Königs Machiavelli-Identifikation

Die Langfassung des folgenden Textes war Herfried Münkler gewid-


met und unterschied alte und neue Intellektuelle typologisch. Oft
wird Münkler in die »realistische« und machtanalytische Linie des
politischen Denkens gestellt und als ein Erbe von Machiavelli und
Schmitt betrachtet. In einem gelegentlichen autobiographischen Text
schrieb er zu seiner Dissertationsentscheidung: 1 Machiavelli war im
Frankfurter Umkreis Iring Fetschers »noch frei«: »Die Stellungen
waren nach wie vor durch Hans Freyer und René König abgesteckt,
und beide hatten ihre Machiavelli-Bücher im Hinblick auf Mussolini
und Hitler sowie die Positionierung der damaligen Intellektuellen zu
ihnen geschrieben. Das konnte und sollte, meinte ich, nicht das letzte
Wort zu Machiavelli sein.« 2 Diese beiläufige These wird hier für René
König untersucht. Dabei wird die These vertreten, dass Königs Ma-
chiavelli-Portrait sich zeitgenössisch »konkret« nicht zuletzt gegen
Carl Schmitt richtete und eine Schmitt-Kritik im historischen Spiegel
der Machivalli-Kritik formulierte. Freyer 3 meinte mit seinem »politi-
schen Abenteurer« vor allem Hitler; König 4 dagegen münzte sein
Machiavelli-Buch auf Schmitt. Er übertrug Löwiths 5 charakterologi-
sche Kritik von 1935 in sein Machiavelli-Bild und betrachtete Schmitt
als Prototyp des machiavellistisch-opportunistischen, karrieristischen
Intellektuellen.

1
Dazu vgl. Herfried Münkler, Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens
der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, Frankfurt 1982
2 Herfried Münkler, Danksagung. Einige Überlegungen zur Bedeutung des Schrei-

bens fürs Denken, in: Hans T. Siepe (Hg.), Gesellschaften der Moderne. Dr. Meyer-
Struckmann-Preis 2009, Düsseldorf 2010, 43–63, hier: 60
3 Hans Freyer, Machiavelli, Leipzig 1938

4 Hier zitiert nach der Erstauflage: René König, Niccolo Machiavelli. Zur Krisenana-

lyse einer Zeitenwende, Zürich 1941 (M)


5 Karl Löwith, Politischer Dezisionismus, in: Internationale Zeitschrift für Theorie

des Rechts 9 (1935), 101–123

109
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

1.

René König (1906–1992) wuchs u. a. in Paris, Halle und Danzig auf.


Ab 1925 studierte er Philosophie und Ethnologie und promovierte
1930 bei Max Dessoir, Spranger und Alfred Vierkandt in Berlin. Nach
seiner Dissertation lebte er mit längerem Aufenthalt in Paris weiter
in Berlin und arbeitete an einer Habilitationsschrift. »Im Herbst 1932
praktisch abgeschlossen«, 6 wurde eine Berliner Habilitation mit der
nationalsozialistischen Machtergreifung aber unmöglich. König
schrieb nun seinen Abgesang auf das »Wesen der deutschen Univer-
sität«, 7 arbeitete einige Zeit für den u. a. von Wolfgang Frommel 8
begründeten Verlag Die Runde und lektorierte hier u. a. Löwiths
Nietzsche-Buch. 9 In seinen Erinnerungen spricht er für die Jahre
1935/36 von einer freundschaftlichen und engen Zusammenarbeit
mit Löwith. 10 Wolfgang Köhler riet zur Emigration. König überarbei-
tete die Habilitationsschrift, wechselte nach Zürich und habilitierte
sich dort 1937/38. 11 Einer seiner Züricher Schüler wurde Jacob Tau-
bes. 12 Akademisch war König aber vor allem in der Berliner Philo-
sophie sozialisiert.
Die erste Fassung seiner Habilitationsschrift ist nicht erhalten.
Im Vorwort zur späten Veröffentlichung gibt König einige Hinweise
zur Abfassung: Zunächst stand demnach die Auseinandersetzung mit
Durkheim im Vordergrund. Durch die nationalsozialistische Erfah-
rung und Selbstbesinnung auf das »Wesen« der Berliner Universität
kam dann die »Auseinandersetzung mit der historisch-existentialisti-
schen Soziologie und der Existentialontologie von Martin Heidegger«

6 René König, Leben im Widerspruch, in: ders., Autobiographische Schriften. René


König Schriften (RKS) Bd. XVIII, Opladen 1999, 89
7 René König, Vom Wesen der deutschen Universität, Berlin 1935, in: ders., RKS II,

Opladen 2000, dort auch das Vorwort von 1969 zum Neudruck, 15 ff.
8 Dazu René König, Autobiographische Schriften RKS XVIII, 323 ff.; zu Frommel vgl.

Ulrich Raulff, Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben, München 2009; zu
Königs Georginischer Prägung und Konzessionen an den Nationalsozialismus vgl.
Hans Peter Turn, Nachwort RSK II, 243 ff.
9 Karl Löwith, Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen, Berlin

1935
10
König, Autobiographische Schriften RKS XVIII, 96 f., vgl. 323 ff.
11 König, Autobiographische Schriften RKS XVIII, 329

12
König, Autobiographische Schriften RKS XVIII, 123, 399 f.

110
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

hinzu. 13 König deutet an, dass hinter der Auseinandersetzung mit den
»Existentialisten« auch die »Diltheyaner« standen. Die Habilitations-
schrift arbeitete also die Berliner Prägung ab. Er schrieb sein Machia-
vellibuch (M) dann im Frühjahr 1940 im Auge des Orkans zwischen
dem nationalsozialistischen Polen- und Frankreichfeldzug. Rück-
blickend betonte er die Parallele zwischen Machiavellis »Roman des
sterbenden Italien« und der Lage Westeuropas von 1940. König such-
te die Parallele von Machiavellis »Krisenanalyse einer Zeitenwende«
auch um des Vertriebes im NS-Deutschland willen. Sein Buch gehört
in eine Reihe negativer Stigmatisierungen Schmitts aus der Emi-
gration. 14
Einleitend grenzt König sich von Hans Freyer und der älteren
Einordnung Machiavellis in den Diskurs über Machtstaat und Staats-
raison ab. 15 Er betrachtet Machiavelli nicht mehr als politischen Rea-
listen, sondern als Ästhetizisten, schreibt die »Krisenanalyse einer
Zeitenwende« als »innere Biographie« oder Krisenbiographie Ma-
chiavellis und kritisiert den Renaissancehumanismus insgesamt als
ästhetizistisches Krisenphänomen. Dabei unterscheidet er verschie-
dene Typen des Humanismus: den »wurzellos«-literarischen Typus
(Petrarca), den »bodenständigen«, frühkapitalistisch-geschäftssinni-
gen Bürgerhumanismus (Alberti) und den »politischen Humanis-
mus« (Machiavelli). Machiavelli erscheint zwar als Prototyp des poli-
tischen Humanisten und publizistischer Bruder des Condottiere
(Cesare Borgia). Der politische Humanist ist als Humanist aber auch
ein Ästhetizist. König deutet ihn als politischen Ästhetizisten oder
Ästheten zweiter oder metaphysischer Ordnung. Den literarischen
Humanismus Petrarcas identifiziert er dabei polemisch in den Kate-
gorien von Schmitts Romantikkritik (M 120, 133). Ottmann schreibt
dazu treffend: »In Anlehnung an Schmitts Kritik der Romantik, die
dieser als ›ästhetischen Occasionalismus‹ und als Flucht vor der Ent-
scheidung gedeutet hatte, macht er aus Machiavelli einen ästhetizis-

13 René König, Kritik der historisch-existentialistischen Soziologie. Ein Beitrag zur


Begründung einer objektiven Soziologie, München 1975, Vorwort, 12
14 Alfons Söllner, »Kronjurist des Dritten Reiches«. Das Bild Carl Schmitts in den

Schriften der Emigranten, in: Jahrbuch für Extremismusforschung 1 (1992), 191–213


15
Dazu vgl. René König (pseudonym: Paul Kern), Rezension zu Hans Freyer, Ma-
chiavelli, Leipzig 1938, in: Maß und Wert 2 (1939), 848–854; vgl. Herfried Münkler,
Einleitung, in: Niccolò Machiavelli, Politische Schriften, Frankfurt 1990, 46

111
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

tischen Occasionalisten.« 16 Machiavellis »Flucht« in den Ästhetizis-


mus deutet König als eine Reaktion auf Exil und Emigration und
spricht hier 1940, damals selbst in der Schweizer Emigration lebend,
sogar von einem »Emigrantenressentiment« (M 331, vgl. 113).
Seine ästhetizistische Deutung der »inneren Biographie« Ma-
chiavellis hat vor allem zwei Probleme zu lösen: Sie muss das Ver-
hältnis der Discorsi zum Principe klären und den Principe als »Kunst-
werk« erweisen. König betrachtet das »Bild einer freischwebenden
Republik als Maßstab« (M 226) im »Hinblick auf die Krise«: als »um-
gekehrte Utopie« (280), »fiktiver Maßstab« (M 245) und »Einlei-
tung« zum Principe; den Principe aber deutet er als eine Flucht aus
dem politischen Realismus in die idealisierende Verzeichnung und
»Überhöhung« des neuen Fürsten zum »Bild« und zur »Gestalt«.
Königs Rede vom »Kunstwerk« ist etwas doppeldeutig: Sie meint
nicht nur die literarische Formung, sondern auch den Methodenwan-
del von der politischen Analyse zum idealisierten »Bild« und ikono-
logischen Argument. König attestiert Machiavelli ein »gestörtes
Wirklichkeitsbewusstsein« (M 305) und setzt mit Giucciardini am
Ende ein Ethos der »Mitte« und »Form« (M 246 f.) gegen die »dilem-
matische« »Kontrastdialektik«.
Anklänge an Schlüsselworte des Georgekreises sind nicht zufäl-
lig: König bewegte sich auch als Lektor des Runde-Verlages in diesen
Kreisen. Er nimmt 1940 also eine politische Selbstkritik des George-
kreises vor. Nicht weniger wichtig sind aber die Debatten der Berliner
Universitätsphilosophie, aus denen König kam: Als Schüler Dessoirs
war er ein Enkelschüler Diltheys; Dessoir war Diltheys ältester Schü-
ler in der Berliner Philosophie, Sohn des Hofschauspielers Ludwig
Dessoir, ein Ästhetiker 17 und Psychologe mit okkulten Interessen. 18
Königs Unterscheidung zwischen einem literarischen und einem »po-
litischen Humanismus« nimmt einen zentralen Diskussionspunkt der
Berliner Universität der Zwischenkriegszeit auf. Insbesondere Wer-
ner Jaeger vertrat dort die »Gegenwärtigkeit« der Griechen als »drit-
ten« und »politischen Humanismus« und richtete sich gegen eine
ästhetische Engführung der Geistesgeschichte und des Humanismus,

16 Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens Bd. III/1, Stuttgart 2006,
53 f.
17
Max Dessoir, Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, Stuttgart 1906
18 Dazu nur Max Dessoir, Vom Jenseits der Seele, Stuttgart 1917; Buch der Erinne-

rung, Stuttgart 1946

112
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

die schon Dilthey selbst, der Weggefährte Treitschkes, nie gewollt


hatte. Wolfgang Frommel, ein George-Schüler, publizierte damals
(unter dem Namen Lothar Helbing) das Buch Der dritte Humanis-
mus im Verlag Die Runde. 19
König stellt diese Debatten nun mit Nietzsche unter das Verdikt
des »Ästhetizismus«. Dabei klingt ein Generalverdikt an, das Löwith
1935 gegen Schmitt gerichtet hatte: Löwith kehrte den Vorwurf des
romantischen Ästhetizismus, Okkasionalismus und Opportunismus
gegen Schmitt. Diese Wendung war in den 20er Jahren schon als To-
pos verbreitet. So schrieb Johannes Kirschweng aus Bonner Bekannt-
schaft: »Wir halten ihn [Schmitt] in der Tat für einen ganz hervor-
ragenden Romantiker im Sinne seiner eigenen Definition«; wer
einmal die »Legende Carl Schmitts« schreiben werde, dürfe »das Ju-
daskapitel nicht auslassen«. Auf dieser Anklagebank säße Schmitt
auch als »Verräter seiner selbst«. 20 Auch andere Rezensenten schrie-
ben vor 1933 schon, dass »Schmitt – dank seiner eigenen Definition –
der allervorzüglichste Romantiker ist«. 21 Schmitt antwortete 1933
mit seiner Polemik gegen Die deutschen Intellektuellen; 22 er mobili-
sierte das »Schimpfwort« für die jüdischen Emigranten und verriet
damit auch seine Weimarer Gefährten. Der Bonner Schüler Walde-
mar Gurian strengte dann in zahlreichen Artikeln den Prozess »Carl
Schmitt gegen Carl Schmitt« an.
Königs Charakterbild Machiavellis ist zweifellos von der Aus-
einandersetzung mit Schmitt angeregt. Schon in seiner Habilitations-
schrift setzte König sich auch ausdrücklich mit Schmitts Begriff des
Politischen auseinander. Unter Verweis auf die philosophische Kritik
von Helmut Kuhn und Karl Löwith nennt er Schmitts Begriffsschrift
in einem »Exkurs über das Problem der politischen Existenz« zwar
die »bedeutsamste Kategorialbestimmung«, die »das Politische in

19 Lothar Helbing, Der dritte Humanismus, Berlin 1932


20 Johannes Kirschweng, Der Romantiker Carl Schmitt, in: Rhein-Mainische-Volks-
zeitung Nr. 16 vom 21. Januar 1926, 1; Wiederabdruck Schmittiana I N.F. (2011), 110
21 Johannes Sauter, Antiromantik oder Unromantik?, in: Wiener Reichspost Nr. 68

vom 7. März 1926, 22; Wiederabdruck Schmittiana I N.F. (2011), 111


22 Carl Schmitt, Die deutschen Intellektuellen, in: Westdeutscher Beobachter 9

(1933), Nr. 126 vom 31. Mai 1933, 1 f.; vgl. dazu Thomas Blanke, Carl Schmitt. Ein
intellektueller Antiintellektueller, in: Thomas Jung (Hg.), Fliegende Fische. Eine So-
ziologie des Intellektuellen in 20 Portraits, Frankfurt 2009, 250–268

113
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

letzter Zeit gefunden hat«, 23 betrachtet sie aber als »Ausdruck des
vollendeten Nihilismus«. 24 König liest die Priorisierung des Feind-
begriffs als seins- und selbstvergessene Orientierung an einem »Für-
jemand-sein«, das die Substanz einer »Freundschaft« und »Gemein-
schaft« verstellt. Ausführlich zitiert er Kuhn und Löwith (Fiala) und
spricht vom »Abgrund eines ›ästhetischen Dekadenz-Immoralis-
mus‹«, von »welthistorischer Gefahr« und vom »reinsten Ausdruck
des allgemeinen europäischen Krisenzustandes«. 25 In seiner Freyer-
Besprechung schlägt er den Bogen dann explizit:
»Selbst wenn über der Staatsgründung des Cesare Borgia ein dunkler, dia-
bolischer und verführerischer Glanz von Verbrechen und Räuberromantik
liegt, der allerdings nur für ein zutiefst unweises und auch unreifes, ästhe-
tisch-freischwebendes Denken gefährlich werden kann. Solch Fin de siècle-
und Dekadenz-Immoralismus liegt jedoch einem großen Teil der gegenwär-
tigen deutschen Spekulation über den Staat zugrunde (Carl Schmitt), wo er
sich paart mit dem schneidigen Rodomontieren blitzender Aperçus der spät
erweckten Romantiker (Ernst Jünger)«. 26
Im Machiavellibuch münzt König Schmitts Romantikkritik wörtlich
auf Petrarca. Ausdrücklich erwähnt er später (1984) im Nachwort zur
Taschenbuch-Neuausgabe 27 – neben der Freyer-Besprechung – aber
auch seine Besprechung von Schmitts Leviathan-Buch als Vorarbeit;
sie erschien 1939/40, zur Zeit des Machiavelli-Buches, in Thomas
Manns Exilzeitschrift Maß und Wert. 28 Königs Besprechung konzen-
trierte sich auf die politische Mythologie des Leviathan-Buches und
den »lächerliche[n] Popanz der jüdischen Zerstörungssucht«. 29 Sie
spricht von »Nihilismus«, »dialektische[r] Rabulistik« und »Schau-

23 René König, Kritik der historisch-existentialistischen Soziologie, München 1975,


138
24 König, Kritik der historisch-existentialistischen Soziologie, 139

25
König, Kritik der historisch-existentialistischen Soziologie, 142
26 König, Rezension zu Freyer, Maß und Wert 2 (1939), 848–854, hier: 852

27
René König, Über die Entstehung dieses Buches. Nachwort für die Taschenbuch-
ausgabe, in: ders., Machiavelli, Frankfurt 1984, 353–360, hier: 360
28 René König, Besprechung von Carl Schmitt, Der Leviathan, 1938, in: Maß und

Wert 3 (1939/40), 673–679


29 Später schrieb König Schmitts antisemitische Version von der Avantgarde des Li-

beralismus positiv um: René König, Die Freiheit der Distanz. Der Beitrag des Juden-
tums zur Soziologie, in: Der Monat 13 (1961), 70–76; Schmitt las diesen Beitrag auf-
merksam; dazu vgl. Frank Hertweck / Dimitrios Kisoudis (Hg.), »Solange das
Imperium da ist«. Carl Schmitt im Gespräch mit Klaus Figge und Dieter Groh 1971,
Berlin 2010, 163

114
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

kelspiel«, verweist auf die Parallele zu Machiavelli und evoziert am


Ende den »wahren Staat« gegen Schmitts »Surrogate des Geistes«.
Später nennt König Schmitt den »wohl charakterlosesten und geistig
unredlichsten Vertreter des orientierungslosen deutschen Bürger-
tums der zwanziger Jahre«. 30 Wahrscheinlich trägt sein Machiavelli-
Bild von 1940 also bewusst Züge eines polemischen Schmitt-Por-
traits.

2.

Schon in den 20er Jahren hatte Schmitt sich mit Machiavelli identifi-
ziert (SGN 102–106). Nach seinem Sturz in der NS-Ämterhierarchie
Ende 1936 war seine Wendung zum »Symbol« und »Mythos« ein
politisches Signal. Nach 1945 parallelisierte er seine Plettenberger
Lage als »Outlaw« und »Sündenbock« gezielt mit Machiavellis San
Casciano. Die Identifikation mit Machiavelli war aber schon ein Topos
der frühen Kritik. Schon Gurian betrachtete Schmitt als gänzlich
amoralischen Wendehals, »Nihilisten« und »Zyniker«. Auch andere
Weggefährten sahen es so. Franz Neumann beschrieb den »totalen
Staat« in den seitenberichtigten Kategorien Schmitts. Gerhard Rit-
ter 31 war in seiner Unterscheidung von »Machtstaat und Utopie«
ebenfalls von Schmitt angeregt. Auch er betrachtete die »Dämonie
der Macht«, die ältere Kritik am deutschen »Machtstaatsgedanken«
weiterführend, in der Fokussierung auf Schmitt. Nach 1945 wurde es
dann gängig, eine Linie von Machiavelli zu Hitler zu ziehen und den
Machtstaatsgedanken als »modernen Machiavellismus« 32 zu kritisie-
ren. Der reife Schluss dieser Linie sind Dolf Sternbergers Drei Wur-
zeln der Politik. 33 Auch hier figuriert Schmitt als Inbegriff des intel-
lektuellen Machiavellisten, der die nationalsozialistische Eschatologik
in seinen zynischen Dienst nahm. Königs Machiavellibuch ist eine
wichtige Schaltstelle der Übersetzung des älteren Romantikvorwurfs

30 René König, Zur Soziologie der zwanziger Jahre, in: Die Zeit ohne Eigenschaften.
Eine Bilanz der zwanziger Jahre, hrsg. Leonhard Reinisch, Stuttgart 1961, 82–118,
hier: 113
31 Gerhard Ritter, Machtstaat und Utopie. Vom Streit um die Dämonie der Macht seit

Machiavelli und Morus, München 1940; dazu auch Herfried Münkler, Die Deutschen
und ihre Mythen, Berlin 2009, 125 ff.
32 Erwin Faul, Der moderne Machiavellismus, Köln 1961

33
Dolf Sternberger, Drei Wurzeln der Politik, Frankfurt 1978

115
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

in das Machiavellismusverdikt. Seine Pointe liegt dabei auf der Über-


bietung: Der Machiavellist erscheint als Romantiker zweiter oder
metaphysischer Stufe.
Diese Form einer »inneren Biographie« ist als »Krisenanalyse«
nicht ganz unproblematisch. Das zentrale Argument, dass Machiavel-
li aus dem politischen Realismus in den Mythos flüchten ließ, ist auch
nicht sonderlich stark. König müsste deutlicher zwischen Krisen-
analyse und Rezeptur unterscheiden. Auch seine abschließenden
Worte zur »Form« der »Mitte« und zum Gegenspieler Giucciardini
bleiben etwas blass. Das Machiavelli-Buch liebäugelt noch mit einer
unausgeführten platonischen Alternative und einem starken Begriff
von der »Form« des Menschen und dem »wahren Staat«. König steckt
hier noch in den humanistischen Debatten der Berliner Zeit. Er er-
wägt damals auch noch die neoklassische Alternative, wie sie nach
1945 die »Rehabilitierung« politischer Philosophie bestimmte, 34 ent-
scheidet sich dann aber für die soziologische Objektivierung. Sein
Machiavellibuch wählt noch die Form philosophischer Dekonstruk-
tion der »inneren Biographie«. König meint: Machiavelli gab nicht
nur die falsche politische Antwort: das »Gift« der Diktatur, das zu
verschreiben er mutig genug war; er reagierte in der Krise seines
Lebens, aus »Emigrantenressentiment«, auch als Autor falsch, indem
er sich in der »Gestalt« vergriff. König interessierte die humane Pro-
blematik und innere Krise Machiavellis. Sie war ihm letztlich weniger
ein politisches als ein moralisches Problem: eine Frage humaner Ant-
wort. Diese »Krisenanalyse« folgte noch den philosophischen Fragen
nach dem »politischen Humanismus«. Es war eine Selbstkritik des
Berliner Humanismus.

3.

König schrieb sein Buch in schwierigen Zeiten als sozial und politisch
ungesicherter Intellektueller und Emigrant. Für den Humanismus
verwandte er geläufige Negativstereotype von den »wurzellosen«
und »freischwebenden« Intellektuellen. Er zitierte den Intellektuellen
als »Schimpfwort« (Dietz Bering) herbei, um sich vom »Emigranten-

34
Kritische Bestandsaufnahme jetzt bei Henning Ottmann, Geschichte des politi-
schen Denkens Bd. IV/1: Der Totalitarismus und seine Überwindung, Stuttgart 2010,
408–511

116
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

ressentiment« abzusetzen und so auch die nationalsozialistische Zen-


sur zu überlisten. Selten bleibt Hintersinn aber verborgen. Was der
Zensor nicht bemerkt, wird auch der Leser schwerlich sehen. Esoteri-
sches Schreiben ist oft nur eine literarisch verspielte Form der Selbst-
behauptung. Voegelin schrieb Leo Strauss zur Übersendung von Per-
secution and the Art of Writing:
»Ist nicht das, was als Camouflage eines Philosophen erscheinen mag, schon
das schlechte Gewissen des ›modernen‹ Menschen, der es nicht ganz wagt,
die Schurkerei herauszusagen, die er eigentlich vorhat; und sie darum nicht
vor anderen, sondern auch vor sich selbst, durch den reichlichen Gebrauch
von konventionellem Vokabular verdeckt?« 35
Indirekte Schreibweisen sind Formen der Literarisierung. Wissen-
schaftliche Prosa zielt unter Publizitäts- und Wahrhaftigkeitszwang
dagegen auf eine Einheit von Verfasser, Autor und Erzähler; der Ver-
fasser soll positionell greifbar und verantwortlich sein. Faktisch ist
der wissenschaftliche Diskurs aber ein strategischer Raum, in dem
Autoren im semantischen Feld um Deutungshoheiten streiten. Poli-
tische Esoterik ist da eine literarische Ermattungsstrategie. Autoren
lieben Masken und verstecken sich hinter Protagonisten. Die deut-
sche Geisteswissenschaft personalisiert klassikerorientiert. Manche
betrachten ihren Umgang mit »Klassikern« dabei als mehr oder we-
niger verschämtes Gipfelgespräch der Meisterdenker. Auch die De-
mut selbstloser Exegese neigt zum Hochmut der Klassikeridentifika-
tion. Die Autormaske dient aber auch der didaktischen Vereinfachung
und Zuspitzung, Polarisierung und Polemisierung in der publizisti-
schen Agenda. Ethnologisch betrachtet gehört sie zum religiösen Kult
(magische Bezwingung der Wirklichkeit, Partizipation an göttlicher
Macht, Vergegenwärtigung der Ahnen, rituelle Beschwörung kollek-
tiver Identität u. ä.). Anthropologisch betrachtet stabilisiert sie per-
sonale Identitäten und soziale Performanz.
Carl Schmitt inszenierte die Geistesgeschichte als virtuosen
Maskentanz. Die Reihe seiner Autorenmasken ist lang: Er identifi-
zierte sich »okkasionell« mit literarischen Figuren wie Julien Sorel,
Othello, Hamlet und Benito Cereno, spiegelte sich in Machiavelli,
Hobbes, Donoso Cortés, Bruno Bauer und anderen Autoren um 1848.
Seine Identifikationsautoren nannte er »Freunde« und »Brüder«

35
Voegelin am 13. April 1953 an Leo Strauss, in: Glaube und Wissen. Der Briefwech-
sel zwischen Eric Voegelin und Leo Strauss von 1934 bis 1964, hrsg. Peter J. Opitz,
München 2010, 112 f.

117
VII. · René Königs Machiavelli-Identifikation

(ECS 63 f.). Seinem Publikum wollte er dabei in autobiographischer


Spiegelung auch den »unbekannten« Autor nahe bringen. So meinte
er 1929: »In seinem privaten Wesen hat Donoso etwas im besten Sin-
ne Liberales, ist er sogar besser und wesenhafter liberal als seine hu-
manitär moralisierenden Gegner« (PB 120). Ähnliches sagte Schmitt
über Machiavelli: »Bei ihm ist die Humanität noch nicht zur Senti-
mentalität geworden.« (SGN 104) Grundsätzlich meinte er: »Der
Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt.« (ECS 90) Machiavelli be-
schrieb sein Verhältnis zu den römischen Klassikern in einem be-
rühmten Brief vom 10. Dezember 1513 an Francesco Vettori:
»Wenn der Abend kommt, kehre ich nach Hause zurück und gehe in mein
Arbeitszimmer. An der Schwelle werfe ich die Bauerntracht ab, voll
Schmutz und Kot, ich lege prächtige Hofgewänder an und, angemessen
bekleidet, begebe ich mich in die Säulenhallen der großen Alten. Freundlich
von ihnen aufgenommen, nähre ich mich da mit der Speise, die allein die
meine ist, für die ich geboren ward. Da hält mich die Scham nicht zurück,
mit ihnen zu sprechen, sie um den Grund ihrer Handlungen zu fragen, und
ihre Menschlichkeit macht, dass sie mir antworten. Vier Stunden lang fühle
ich keinen Kummer, vergesse alle Leiden, fürchte nicht die Armut, es
schreckt mich nicht der Tod; ganz versetze ich mich in sie.« 36
Mit seinem Machiavelli-Buch ist König das annähernd gelungen.
Vielleicht hätte Schmitt die Identifikation sogar gefallen und ge-
schmeichelt.

36 Machiavelli am 10. Dezember 1513 an Francesco Vittori, in: ders., Politische Schrif-
ten, hrsg. Herfried Münkler, Frankfurt1990, 434

118
VIII. Utopiker der Intellektuellenherrschaft:
Karl Mannheim und Carl Schmitt 1

1. Carl Schmitts »Antwort« an Mannheim

Karl Mannheim wurde 1893 in Budapest geboren. 1911 begann er


dort sein Studium. Er studierte dann weiter in Heidelberg, Freiburg
und Paris und promovierte 1918 in Budapest. Dort lehrte er kurz an
der Universität und beteiligte sich dann zusammen mit Georg Lukács
an der ungarischen Revolution, weshalb er nach deren Niederschla-
gung 1919 auch emigrieren musste. Er ging nach Wien, Freiburg und
erneut nach Heidelberg. Frühe Eindrücke vom dortigen intellektuel-
len Leben formulierte er 1921/22 in Briefen aus Heidelberg, die er in
ungarischer Sprache publizierte. 2 Sie betonen das dezentrale kulturel-
le Leben im föderalen Deutschland, die Suche nach intellektueller
Orientierung und »Propheten« im Nachkriegsdeutschland und kon-
frontieren die Heidelberger Alternativen Max Weber und Stefan
George, wie sie Weber selbst stilisierte. Mannheim habilitierte sich
1926 mit Unterstützung von Alfred Weber, Carl Brinckmann und
Emil Lederer 3 und wurde 1930 als Nachfolger von Franz Oppenheim

1 Der Text wurde am 29. Oktober 2011 auf einer von Tilmann Reitz organisierten
Tagung der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft für Philosophie vorgetragen. Er ist
David Kettler dankbar gewidmet. Karl Mannheim wird in folgenden Ausgaben zitiert:
Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens, hrsg. David Kettler u. Volker
Meja, Frankfurt 1984; Ideologie und Utopie, 1929, Frankfurt 7. Aufl. 1985 (Kürzel:
IU); Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus, Darmstadt 1958; Diagnose
unserer Zeit. Gedanken eines Soziologen, Zürich 1951; Wissenssoziologie. Auswahl
aus dem Werk, hrsg. Kurt H. Wolff, Neuwied 1964.
2 Deutsche Übersetzung in: Eva Karádi u. Erzsébet Vezér, Georg Lukács, Karl Mann-

heim und der Sonntagskreis, Frankfurt 1985, 73–91; hier nach der englischen Über-
setzung in: David Kettler u. Colin Loader (Hg.), Karl Mannheim, Sociology as Politi-
cal Education, New Brunswick 2001, 79–97
3
Zur Biographie vgl. David Kettler, Marxismus und Kultur. Mannheim und Lukács
in der ungarischen Revolution 1918/1919, Neuwied 1967; Thomas Jung, Die Seins-
gebundenheit des Denkens. Karl Mannheim und die Grundlegung einer Denksozio-

119
VIII. · Utopiker der Intellektuellenherrschaft: Karl Mannheim und Carl Schmitt

Ordinarius für Soziologie in Frankfurt; 4 1933 entlassen, emigrierte er


nach England, arbeitete dort an der London School of Economics,
wurde englischer Staatsbürger und wechselte 1941 als Lecturer an
das Institute für Education der Universität London. 1945 wurde er
dort Professor. 1947 verstarb er in London.
Die Heidelberger Atmosphäre der Zwischenkriegszeit wurde
vielfach beschrieben. Edgar Salin erinnerte an die »Soziologischen
Diskussionsabende« bei Alfred Weber, »an denen stets viele der geis-
tig regsten Hochschul-Lehrer und -Hörer teilnahmen«: »Hier war
der Turnierplatz, wo die Freunde die geistigen Waffen übten und
schärften, die sie dann auf dem schwierigsten Kampffeld gebrauchen
mussten, – im Kampf mit Max Weber.« 5 Diese Heidelberger Jahre
wurden auch für Mannheim prägend. 1929 löste sein Buch Ideologie
und Utopie (IU) dann als Pionierschrift der Begründung »politischer«
Wissenschaft heftige Kontroversen aus. Aus diesen Jahren datieren
wenige Begegnungen mit Schmitt.
Wenn Schmitts Interesse an Mannheim auch eher peripher war,
gibt es doch ein überraschendes Kapitel in der 1950 erschienenen Ex-
kulpationsschrift Ex Captivitate Salus, das nähere Betrachtung lohnt.
»Antwortende Bemerkungen zu einem Rundfunkvortrag von Karl
Mannheim« überschrieben, ist es auf den »Winter 1945/46« datiert.
Mannheim sprach damals mehrere »Talks to Germany« im Londoner
Rundfunk. Sehr wahrscheinlich antwortete Schmitt aber nicht auf
eine Radioübertragung, sondern auf die auszugsweise Veröffent-
lichung der Rede über »Die Rolle der Universitäten«. Sie erschien zur
Jahreswende 1945/46 im vierten Heft der Monatsschrift Neue Aus-
lese, einer vom »Alliierten Informationsdienst« herausgegebenen Art
Reeducations-Reader’s-Digest, der ausgewählte Artikel publizierte. 6

logie, Bielefeld 2007; knappe Gesamtdarstellung der intellektuellen Entwicklung mit


eingehender Berücksichtigung der Londoner Zeit bei David Kettler u. Volker Meja,
Politisches Wissen. Studien zu Karl Mannheim, Frankfurt 1989
4
Zur damaligen Frankfurter Soziologie vgl. Peter Gastmann/Jens Koolway, ›Der Tag
war da: so stand der Stein‹. C. H. Becker und die Frankfurter Soziologie der Zwischen-
kriegszeit, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 5 (2011), 17–32
5 Edgar Salin, Um Stefan George. Erinnerung und Zeugnis, 2. Aufl. München 1954,

107
6 Karl Mannheim, Die Rolle der Universitäten. Aus einer deutschen Sendung des

Londoner Rundfunks, in: Neue Auslese. Aus dem Schrifttum der Gegenwart. Eine
Monatszeitschrift 1 (1945/46), 49–53; weitere Titel von Mannheims Rundfunk-
ansprachen waren: Die Zukunft der Erwachsenenbildung; Das Problem der Neuerzie-
hung; Wie ist Neuerziehung möglich? Freundliche Mitteilung von David Kettler und

120
Carl Schmitts »Antwort« an Mannheim

Schmitt zitiert wörtlich aus dieser Veröffentlichung. Vom Ende Sep-


tember 1945 bis Anfang Oktober 1946 war er damals nach persön-
licher Intervention Karl Löwensteins in einem Berliner Lager inter-
niert. Er las den Auszug also wahrscheinlich in der Lagerhaft.
Mannheim spricht in seiner Rede u. a. von einer nötigen »Ent-
politisierung« der Wissenschaft: Das »Überpolitische« sei nur durch
eine freie und offene Diskussion der »Streitfragen« zu gewinnen.
Mannheim fordert den »Geist der Toleranz«: »Es kommt dabei nicht
nur auf eine passive Duldung des Gegners an, sondern die Voraus-
setzung hierfür ist eine fundamentale Neugierde, die jeden Men-
schen, jede andere Gruppe oder Partei in ihrer Andersheit ergreifen
möchte.« 7 Schmitt zitiert aus diesem Passus, greift die deutliche Kri-
tik am »arroganten Nationalismus« und der »seelischen Verskla-
vung« der Universitäten aber nur indirekt auf und betont in seiner
Antwort, dass eine »totale« nazistische Vereinnahmung der Univer-
sitäten nicht gelungen sei. Im Text spricht er Mannheim sogar per-
sönlich an. 8 Wörtlich greift er aber nur dessen Aussage auf, dass die
Neugierde eine elementare »Voraussetzung der wissenschaftlichen
Freiheit« sei; Schmitt zitiert: Neugierde für eine »Person in ihrem
Anderssein« (ECS 13). Seine Rede vom »Anderssein« hatte seit 1933
als »Andersartigkeit« einen antisemitischen Beiklang. Schmitt ant-
wortet mit Mannheim bewusst einem Juden und mehrfach geflüch-
teten Emigranten. Im Büchlein Ex Captivitate Salus schließen seine
antwortenden Bemerkungen an eine scharfe Distanzierung von Edu-
ard Spranger an, den man als Vertreter des Weimarer akademischen
Establishments und Repräsentanten der »inneren Emigration« be-
zeichnen kann. Mit Spranger stand Schmitt einige Jahre in engerer
persönlicher Verbindung. Schmitt antwortet also der inneren und der

Volker Meja (Mail David Kettlers vom 10. 4. 2011); Heft 4 eröffnet mit einem Gedicht
Dietrich Bonhoeffers »Zum neuen Jahr« (1945), sodass Heft 4 vermutlich zum Jahres-
wechsel erschien. Das entspricht Schmitts Datierung seiner Antwort auf den »Winter
1945/46«. Weitere Beiträger zu Heft 4 waren u. a. Martin Beheim-Schwarzbach und
Lewis Mumford. Das Heft endet mit einem Nachruf auf Hugo Sinzheimer, der im
September 1945 verstarb.
7 Karl Mannheim, Die Rolle der Universitäten, in: Neue Auslese 1 (1945/46), 49–53,

hier: 52
8 ECS 16: »Der Geist hat seinen Stolz, seine Taktik, seine unveräußerliche Freiheit

und, verzeihen Sie, sogar seinen Schutzengel.« Schmitts christlicher Bezug auf einen
»Schutzengel« spielt indirekt auf Mannheims Judentum an. Ansonsten zitiert
Schmitt Mannheim nur in der dritten Person.

121
VIII. · Utopiker der Intellektuellenherrschaft: Karl Mannheim und Carl Schmitt

äußeren Emigration, bevor er seine Sicht seines nationalsozialisti-


schen »Falles« entwickelt.
Die Antwort an Mannheim ist ein vergangenheitspolitischer
Schlüsseltext; Mannheim gegenüber formuliert Schmitt vor allem
zwei starke Behauptungen: Er betont zunächst, dass es im National-
sozialismus wissenschaftliche Produktivität gab; dann beansprucht er,
wenigstens für sein Hobbes-Buch von 1938, dass seine Wissenschaft
esoterisch oppositionell war. Schmitt führt aus, dass auch der Natio-
nalsozialismus keine vollständige, hundertprozentige »Totalität«
schaffen konnte und der akademische »Geist« auch »in den Fängen
des Leviathan«, wie Schmitt schreibt, seine »Krypten und Kata-
komben« (ECS 16) fand.
Solche Grenzen der Gleichschaltung gab es gewiss. Schon Goe-
the und Schiller spotteten in ihren Zahmen Xenien über die asym-
metrischen Waffen im Verhältnis der Intellektuellen zum Staat. Un-
ter der Überschrift »Der Leviathan und die Epigramme« schrieben
sie:
»Fürchterlich bist du [der Leviathan] im Kampf, nur brauchst du etwas viel
Wasser, /
Aber versuch es einmal, Fisch! In den Lüften mit uns.« 9
Eine solche intellektuelle Distanz hat Schmitt im Nationalsozialismus
zwar schwerlich gesucht, nach 1945 betont er nun aber, dass sich die
deutsche Innerlichkeit der totalen Gleichschaltung widersetzt habe
und sein Hobbes-Buch als ein Jüngers Marmorklippen vergleichbares
Dokument der Mentalreservation zu lesen sei. 10 Melvilles Novellen-

9 Xenien 1796. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs, hrsg. Erich
Schmidt u. Bernhard Suphan, Weimar 1893, 93.
10 Schmitt schreibt: »Im Sommer 1938 erschien in Deutschland ein Buch, in dem es

heißt: ›Wenn in einem Lande nur noch die von der staatlichen Macht organisierte
Öffentlichkeit gilt, dann begibt sich die Seele eines Volkes auf den geheimnisvollen
Weg, der nach Innen führt; dann wächst die Gegenkraft des Schweigens und der
Stille.‹« (ECS 21) Schmitts Selbstzitat ist, wie in der Forschung bekannt, sehr fehler-
haft. Tatsächlich schrieb Schmitt 1938: »Wenn aber wirklich die öffentliche Macht nur
noch öffentlich sein will, wenn Staat und Bekenntnis den innerlichen Glauben ins
Private abdrängen, dann begibt sich die Seele eines Volkes auf den ›geheimnisvollen
Weg‹, der nach innen führt. Dann wächst die Gegenkraft des Schweigens und der
Stille.« (L 94). Schmitts Selbstzitat ist also nur im zweiten Teil wörtlich korrekt. Der
erste Teil ist auch deshalb falsch zitiert, weil Schmitt 1938 die Selbstbegrenzung der
öffentlichen Macht und den Weg »ins Private« kritisierte. Sein Versuch einer mytho-
politischen Rekonstruktion des »totalen Staates« richtete sich gegen die Formierung
einer »inneren Emigration« oder oppositionellen Innerlichkeit, die Schmitt nachträg-

122
Carl Schmitts »Antwort« an Mannheim

held Benito Cereno, eine Identifikationsfigur Schmitts, sei das »Sym-


bol für die Lage der Intelligenz im Nationalsozialismus« (ECS 21 f.)
gewesen. Benito Cereno, der Kapitän eines Piratenschiffes, entpuppte
sich am Ende der Novelle als Geisel der Besatzung. Das antwortet
Schmitt im Winter 1945/46 ausgerechnet Karl Mannheim, zu dem
er niemals eine engere Beziehung hatte.
Warum Mannheim? Warum gibt er ihm gegenüber nach 1945
seine erste und wichtigste »soziologische« Erklärung seines national-
sozialistischen »Falles« ab? Ein Grund ist die zufällige Entstehung des
Textes unter schwierigen Bedingungen. Sicher aber hätte er nicht je-
den Radiovortrag oder jeden Text zur Lage der nationalsozialistischen
Intellektuellen mit einer solchen Selbsterklärung beantwortet. Für
Schmitt war es wichtig, dass Mannheim ein Emigrant und Jude war,
mit dem sich das Stichwort von der »Wissenssoziologie« verband und
den er vor 1933 persönlich gekannt hatte. Schmitt schreibt:
»Ich will versuchen, diese antwortenden Bemerkungen an Karl Mannheim
gelangen zu lassen. Unter den Soziologen war so oft und so viel von ›Ver-
stehen‹ die Rede, dass es gut wäre, dieses Verstehen auch einmal in einer
verzweifelten Situation zu erproben und nicht nur in der Atmosphäre gut-
organisierter Soziologenkongresse. Ich erinnere mich mancher guter Ge-
spräche mit Karl Mannheim. Vielleicht versteht er es, dass mich die wissen-
schaftliche Neugier zu allen Zeiten und auch heute nicht weniger plagt als
ihn, und dass die Lautsprecher von heute für mich ebenso wenig eine In-
stanz sind wie die Lautsprecher von gestern. Vor allem aber wird er meine
Anknüpfung an seine Formel von der wissenschaftlichen Neugierde nicht
als einen Appell an den Sieger missverstehen.« (ECS 23)
Hier wäre manches zurechtzurücken, angefangen bei der Gleichset-
zung der Systeme vor und nach 1945: Schmitt betont das Curiositas-

lich 1945 für sich in Anspruch nahm. Wenn das fehlerhafte Selbstzitat und apologe-
tische Gedächtnis 1945/46 durch die Lagerhaft auch einigermaßen erklärlich ist, stellt
sich doch die Frage, weshalb Schmitt das Zitat 1950 für die Veröffentlichung nicht
korrigierte. Vier Gründe liegen nahe: 1. Schmitt lag in Plettenberg kein Exemplar
seines Hobbes-Buches von 1938 vor, um das Zitat zu korrigieren; 2. er dachte ver-
sehentlich nicht an eine Prüfung des Zitats; 3. er wollte nicht in die Authentizität
des Lagertextes von 1945/46 eingreifen; 4. er ließ das Zitat vergangenheitspolitisch
absichtlich fehlerhaft stehen, um seine Position von 1938 zu verfälschen. Der erste
Grund scheidet aus: Schmitt hatte 1950 Zugang zum Hobbes-Buch. Ein Respekt vor
der Authentizität des Textes ist möglich, hätte aber andere Lösungen wie einen Fuß-
notenzusatz erlaubt, wie Schmitt ihn in der Mannheim-Antwort auch machte (ECS
23). Eine Nachlässigkeit ist nicht ganz auszuschließen. Auch dafür aber ist der Autor
verantwortlich.

123
VIII. · Utopiker der Intellektuellenherrschaft: Karl Mannheim und Carl Schmitt

Argument 11 als Motiv seines nationalsozialistischen Engagements.


Das war gewiss ein Grund, aber wohl nicht der entscheidende. Er
spielt das »Verstehen« in das objektive, wissenssoziologische Verste-
hen der »verstehenden« Soziologie der Schule Webers hinüber und
appelliert so an die verbindende akademische Ausgangslage. Er wehrt
das naheliegende Verständnis ab, er appelliere an einen »Sieger«, er-
bete Protektion. Tatsächlich aber erwartete Schmitt von manchen
Weggefährten, die er 1933 verraten hatte, nach 1945 Unterstützung.
Eines der erwähnten »guten Gespräche« fand vielleicht am Ran-
de eines Soziologenkongresses statt. Viele waren es nicht. Nur ein
Brief Mannheims vom 4. Februar 1927 ist im Nachlass erhalten. 12
Mannheim entschuldigt sich darin nach einer Beschwerde Schmitts
bei Lederer, die Politische Romantik nicht ordentlich zitiert zu haben.
Am 6. Februar 1929 notiert Schmitt einen Besuch ins Tagebuch:
»Mannheim beschwätzte mich.« Ein letztes Gespräch registriert er
von einer Abendbegegnung bei Werner Sombart am 14. Mai 1931 in
Berlin: »scheußlicher, elender Ostjude, schämte mich, im Ernst mit
ihm gesprochen zu haben« (TB 1930/34, 109). Die Spuren Mann-
heims in Werk und Nachlass sind spärlich. Ein Widmungsexemplar
der Monographie Die Gegenwartsaufgaben der Soziologie von 1932
hat Schmitt nachweislich besessen. Ein mit »Empfehlungen« gewid-
meter Sonderdruck des Handbuchartikels »Wissenssoziologie« von
1931 13 ist bis in die Literaturangaben hinein durchgearbeitet. »Begriff
des Politischen fehlt!«, steht dazu doppelt unterstrichen auf den Um-
schlag. Dem persönlichen Bezug auf Mannheim entsprach vor 1933
also kein engeres Verhältnis. Mannheim konnte sich nach 1945 aber
gegen Schmitts publizistische Vereinnahmung nicht mehr wehren. Er
verstarb 1947 in London.

2. Ekstatiker der »gegenwärtigen Konstellation«

Wie Schmitt andeutet, gehen verwandte Problemstellungen auf die


Lage der »verstehenden« Soziologie nach Max Weber zurück. Mann-

11 Verf., Carl Schmitt. Aufstieg und Fall, München 2009, 312 (»Neugier ist legitim!
Was da kommt, will ich aus der Nähe sehen!«)
12
Nachlass Carl Schmitt. Sammlung Tommissen RW 579–225
13 Karl Mannheim, Wissenssoziologie, in: Alfred Vierkandt (Hg.), Handwörterbuch

der Soziologie, Stuttgart 1931, 659–680 (Nachlass Carl Schmitt RW 265–27145)

124
Ekstatiker der »gegenwärtigen Konstellation«

heim wandte seine »Wissenssoziologie« dabei zunächst auf den Kon-


servatismus an. Das beschäftigte auch Schmitt. Mannheim zitiert
zwei frühe Schriften: die Politische Romantik und Die geistes-
geschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus. Die Politische
Theologie erwähnt er nicht, obgleich sie ein einschlägiges Kapitel
»Zur Staatsphilosophie der Gegenrevolution« enthielt. Die Habilita-
tionsschrift untersucht mit den Mittel der »Wissenssoziologie« die
Entstehung des »Historismus« an der Genese des modernen Konser-
vatismus. Die Themenwahl war sicher auch strategisch motiviert. 14
Was Mannheim besonders interessierte, war eine differenzierte Ana-
lyse des Basis-Überbau-Verhältnisses, 15 wie es durch Webers Marxis-
muskritik aufgegeben war. Die Entstehung des modernen Konser-
vatismus war hier ein wichtiges Beispiel. Ähnlich wie Schmitt fragt
Mannheim aber »soziologisch« nicht allzu konkret nach den Trägern
und Akteuren; indem er Webers Stichwort vom »Rationalismus« auf-
nahm, geht er auf die Weltanschauungsfragen zurück und analysiert
die »seinsgebundenen« und »seinsverbundenen« »Denkstile« und
»Denkstandorte«. Ähnlich wie Schmitt und andere Romantikforscher
betrachtet er den romantischen »Irrationalismus« dabei als eine Ge-
genbewegung zum liberalen und naturrechtlichen »Rationalismus«.
Er stellt Möser, Adam Müller und Savigny ins Zentrum und betrach-
tet den modernen Konservatismus als ein »Reflexivwerden des Tradi-
tionalismus«: 16 als spezifisch modernes Phänomen. Den »Altkonser-
vatismus« setzt er von einem neueren Konservatismus ab, für den
etwa die sog. »konservative Revolution« der Weimarer Republik
stand. Mannheim bricht eine allzu enge, auch bei Schmitt zu findende
Fixierung auf 1789 auf, indem er den Erfahrungssprung zwischen
Möser und Müller, Haller und Savigny betont. Er sieht auch, dass
Savigny das »Irrationale« und das »Leben« anders und umfassender
konzipierte als Müller, und markiert nicht nur einen einfachen Um-
bruch von Möser zu Müller, sondern betrachtet die Romantik als eine
große reflexive und intellektuelle Bewegung, entwickelt aber keine
geschlossene Geschichte der Romantik und des Rechtsintellektualis-

14 Zu Mannheims Einsatz bei der Historismusdiskussion eingehend Reinhard Laube,


Karl Mannheim und die Krise des Historismus. Historismus als wissenssoziologischer
Perspektivismus, Göttingen 2004
15 Mannheim, Konservatismus, 52

16
Mannheim, Konservatismus, 111

125
VIII. · Utopiker der Intellektuellenherrschaft: Karl Mannheim und Carl Schmitt

mus bis zur Gegenwart, sondern bricht mit Hegel abrupt und unvoll-
endet ab.
Ähnlich wie Schmitt meint auch Mannheim, dass die Romanti-
ker als ungesicherte Intellektuelle typische »Rechtfertigungsdenker«
und Ideologen waren, die zum politischen Opportunismus neigten.
Wie Schmitt betrachtet er dabei Adam Müller als Prototyp des politi-
schen Romantikers. Ganz anders als Schmitt nimmt er Müller aber
als Intellektuellen ernst. Mannheim sympathisiert damals, von Lu-
kács angeregt, als liberaler Denker mit der »sozialistischen« Antwort;
Schmitt suchte dagegen Mitte der 20er Jahre noch den Anschluss
seiner gegenrevolutionären »Theologie« an die Katholizismusdiskus-
sion. Ein Stichwort schon zeigt Nähen beider Ansätze: Mannheims
Rede von der »Seinsgebundenheit« und »Seinsverbundenheit« des
Denkens. 17
Mannheims bekanntes Buch Ideologie und Utopie (IU) von 1929
knüpft eng an die Konservatismusstudie an. Mannheim übernimmt
hier vom Konservatismus, seiner Beschreibung folgend, die An-
nahme eines »kollektiven Unbewussten« (IU 30 ff.) und irrationalen
»Lebens«. Er bekennt sich zu einem »situationsgebundenen« Teil-
nehmerstandpunkt und einer »essayistisch-experimentierenden
Denkhaltung« sowie einem »totalen«, wertfreien Ideologiebegriff
und »Relativismus«. Die idealtypische Beschreibung von Liberalis-
mus, Konservatismus und Sozialismus ergänzt er nun um den »Fas-
cismus« und folgt dabei ausdrücklich auch Schmitts Parlamentaris-
musschrift. Mannheim übersetzt die Dialektik von Rationalismus
und Irrationalismus anschließend an Marx, Lenin und Schmitt in
eine Verhältnisbestimmung von Theorie und Praxis und bezieht sich
auch auf Sorels Lehre vom Mythos. Wie Schmitt unterscheidet er
zwischen dem marxistischen und dem fascistischen Primat der Praxis,
zieht aber eine andere Konsequenz, die Schmitt interessierte: Er gibt
dem »sozial freischwebenden Intellektuellen« positiv eine Chance,
eine parteiübergreifende perspektivische Überschau zu entwickeln.

17 Dazu grundsätzlich vgl. Thomas Jung, Die Seinsgebundenheit des Denkens. Karl
Mannheim und die Grundlegung einer Denksoziologie, Bielefeld 2007; zur weiteren
Methodisierung der »Wissenssoziologie« vgl. Amalia Barboza, Karl Mannheim, Kon-
stanz 2009; von der »seinsmäßigen Negierung eines anderen Seins« spricht Schmitt
im Begriff des Politischen in vielen Varianten. In Staat, Bewegung, Volk spricht
Schmitt 1933 für die »Artgleichheit« auch explizit von der »Wahrheit der Seins-
gebundenheit alles menschlichen Denkens« (SBV 45).

126
Ekstatiker der »gegenwärtigen Konstellation«

Deshalb spricht er auch von einem »Gegenbegriff« (IU 101) zu


Schmitts »Begriff des Politischen«: Der »Geist« transzendiert die so-
ziale Lage; die Intellektuellen sind in der Lage, plurale Perspektiven
zu übernehmen und ihren Horizont zu erweitern. Sie sind nach
Mannheim nicht die Avantgarde einer Partei, etwa der Arbeiterklas-
se, sondern eine Avantgarde der relativierenden Synthese. Ihre »Mis-
sion« liegt in der Bildung einer parteiübergreifenden »Plattform« po-
litischen Wissens und politischer Wissenschaft im »politischen Feld«.
Sie sollen sich nicht auf einen Beobachterposten zurückziehen, son-
dern einseitige Parteistandpunkte relativieren und ein überpartei-
liches Wissen institutionalisieren, »Übersicht« und »konkrete Orien-
tierung« (IU 152) geben. Mannheim denkt hier mit John Dewey auch
an neue Formen kooperativen demokratischen Lernens.
Die titelgebende Unterscheidung von »Ideologie« und »Utopie«
ist vielleicht der wichtigste Ertrag der Schrift: Denken ist nicht
»falsch«; Utopien sind möglich. Idealtypen konstruieren nach Weber
»objektive Möglichkeiten«. Wirklichkeitstranszendente Ideologien
können als Utopien wirksam werden. Die Utopien von heute sind die
»Wirklichkeiten von morgen« (IU 177). Die Realitätsgehalte der Uto-
pien sind kontingent: Was Utopien zu Ideologien macht, hängt von
der Entwicklung der Realität ab. Mannheim skizziert vier Gestalten
des utopischen Bewusstseins: die Wiedertäufer, liberal-humanitäre
Geschichtsphilosophien, Konservatismus und Sozialismus. Den Kon-
servatismus beschreibt er als ein »Bedingungsbewusstsein«, von dem
der Sozialismus lernte. Die »gegenwärtige Konstellation« sieht er in
einer Alternative: »Verabschiedung« aller Utopien zugunsten einer
neuen »Sachlichkeit« oder »Wetterleuchten« »freischwebender Geis-
tigkeit« und neue Utopien durch »die wenigen Geistigen« (IU 221)
einer intellektuellen Avantgarde. Mannheim rechnet sich zur neuen
Elite der Intellektuellen, die sich nicht als Parvenues in verbrauchten
Ideologien einrichten wollen, sondern eine neue »Mission« über die
bloße Zusammenschau hinaus übernehmen. Der Zeitgeistdiagnosti-
ker wird zur Avantgarde des kommenden »Gestaltenwandels«. Solche
Überlegungen sind schon am Ende der Konservatismusstudie ange-
deutet, wo Mannheim vom »irreduziblen Plus« der »schöpferischen
Genialität« (IU 223) spricht.

127
VIII. · Utopiker der Intellektuellenherrschaft: Karl Mannheim und Carl Schmitt

3. Warum erwartete Schmitt von Mannheim »Verständnis«?

Mannheim entwickelte vor 1933 also eine Geschichte des Konser-


vatismus und der Intellektuellen, die sich von Schmitts Ansatz vor
allem durch die Absage an die politische Parteilichkeit und die Suche
nach liberaler Distanz und »Synthese« unterschied. Damit ist deutli-
cher, weshalb Schmitt aus der Kenntnis der frühen Schriften einiges
»Verständnis« erwarten konnte. Er antwortete 1945/46 auf die aus-
zugsweise Veröffentlichung von Mannheims Radioansprache deshalb
auch mit der Erklärung, dass dem Nationalsozialismus eine »totale«
Gleichschaltung nicht gelungen sei. Diese Aussage ist nicht ganz ab-
wegig: Selbst während des Krieges waren seriöse Publikationen (etwa
von Alfred Weber oder Meinecke) noch möglich. Schmitts Verweis
auf sein Leviathanbuch ist hier allerdings ganz unpassend. Was
Mannheim 1945 aber über die »Neugierde« und die »gemeinsame
Verarbeitung [der Streitfragen] im Geiste der Toleranz« sagte, dachte
und schrieb er schon vor 1933. Das wusste Schmitt, und so ist seine
Antwort an Mannheim sachlich nicht falsch.
Mannheims Vision einer elitären und ekstatischen Elite konnte
er auch zustimmen. In ähnliche Richtung argumentierte er 1929
schon in seiner Rede über das »Zeitalter der Neutralisierungen und
Entpolitisierungen«, die von der »Wiedergeburt« einer »neuen Elite«
(BP 93) aus Armut und Askese sprach. 18 Direkte Anregungen durch
Mannheims Programmschrift sind nicht unwahrscheinlich. Schmitt
konstatiert 1929 vier »Stufen« und »säkulare Schritte« des europäi-
schen »Geistes in der Neuzeit: Sie entsprechen den vier Jahrhunder-
ten und gehen vom Theologischen zum Metaphysischen, von dort
zum Humanitär-Moralischen und schließlich zum Ökonomischen.«
(BP 80) Als letztes Stadium erscheint der magische »Glaube an die
Technik« (BP 84). Schmitt benennt intellektuelle Träger, »Eliten«
und eine »Pluralität« des »Clerc-Typus« (BP 86). 19 Er profiliert eine
politische Geistesgeschichtsschreibung und argumentiert gegen alle
neuzeitlichen Neutralisierungs- und Entpolitisierungserwartungen.

18 Dazu vgl. Henning Ottmann, »Das Zeitalter der Neutralisierungen und Entpoliti-
sierungen«. Carl Schmitts Theorie der Neuzeit, in: Reinhard Mehring (Hg.), Carl
Schmitt. Der Begriff des Politischen. Ein kooperativer Kommentar, Berlin 2003, 156–
169; Schmitt Lob der mönchischen Askese ist vielleicht angeregt von Hugo Ball,
Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben, München 1923
19 Schmitts Rede vom »Clerc« wohl nach Julien Benda, La Trahison des clercs, Paris

1928

128
Warum erwartete Schmitt von Mannheim »Verständnis«?

Jede intellektuelle Umbesetzung und Flucht in ein neues »Zentral-


gebiet«, jede Hoffnung auf ein »neutrales« Terrain ist nach Schmitts
Begriff des Politischen eine Illusion: Neutralisierungen führen nur zu
neuen Politisierungen. Die Hoffnung der Intellektuellen auf eine
»neutrale« Sphäre und pazifizierende Funktion ist chimärisch und
bewirkt neue Ideologien und Verschleierungen.
Damit ist seine erstaunliche Erwartung von 1945, sein »Fall«
könne bei Mannheim Verständnis finden, einigermaßen geklärt:
Schmitt bezog sich mit seiner Erwartung nicht nur auf Mannheims
Radiovortrag, sondern auch auf die Gespräche und Schriften vor
1933. Er ging von ähnlichen Problemstellungen aus und vertrat einen
ähnlichen Irrationalismus der Teilnahme am »Leben«. Dabei betrach-
tete er sich ebenfalls als intellektuelle Avantgarde. Der Text, mit dem
er Mannheim besonders nahe stand, ist seine Rede über das »Zeitalter
der Neutralisierungen und Entpolitisierungen«. Sie skizziert eine al-
ternative politische Intellektuellensoziologie. 1931 sprach Mannheim
denn auch im Handbuchartikel »Wissenssoziologie«, den er Schmitt
schickte, für die Intellektuellen von einer »Neutralisierung« und »Lö-
sung« von der Seinsgebundenheit. Offenbar rezipierte er Schmitts
Rede und sah Nähen zu seiner Auffassung der intellektuellen Eliten.
Max Weber hatte in der Einleitung zur Religionssoziologie wichtige
Stichworte zur Lage der Intellektuellen und deren Bedürfnis nach
Lösungen der »Inkongruenz von Schicksal und Verdienst« 20 gegeben.
Nach Weber lassen sich im apokalyptischen Klima der Zwischen-
kriegszeit eine ganze Reihe verwandter Träger des Ordens vom »uto-
pischen Bewusstsein« nennen. Mit Mannheims Utopiebegriff setzte
Schmitt sich denn auch nach 1945 erneut auseinander. In seinem
»System Plettenberg« entstanden dann bedeutende Arbeiten zu
»Utopie und Eschatologie«.

20Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1920, Bd. I,


246 f.

129
IX. Das Lachen der Besiegten.
Carl Schmitt und Gelimer

1. Der Topos vom Besiegten

Im Kampf gegen die Siegerhistorie gab Carl Schmitt nach 1945 die
Losung aus, dass die Besiegten die besseren Historiker seien. Er ver-
stand sich dabei als einer der »großen Jasager von 1933« (GL 145) und
»Besiegten« von 1945: »Wie harmlos waren die, die beim Aufbruch
1933 in Deutschland geistige Morgenluft witterten, im Vergleich zu
denen, die 1945 an Deutschland geistig Rache nahmen, weil sie nichts
gewittert und angeblich alles vorausgesehen haben«, notierte er
ernstlich in sein Glossarium (GL 164). Formelhaft meinte er nach
1945: »Erobern kann nur derjenige, der seine Beute besser kennt als
sie sich selbst.« (ECS 18, 37) Oft verwies er auf seine frühe katho-
lische Defensive im Kulturkampf.
Im amerikanischen Internierungslager eröffnete er im August
1946 einen Essay über die Geschichtsschreibung mit den Sätzen: »Ein
Spruch, den ich in meiner Jugend oft gehört habe, liegt mir noch
heute im Ohr: Der Sieger schreibt die Geschichte.« (ECS 25) Sein
Gegenbeispiel ist Tocqueville, der seine politische Niederlage in einen
Triumph der Geschichtsschreibung ummünzte und die »säkulare
Prognose« stellte, »dass die Menschheit den Weg zur Zentralisierung
und Demokratisierung, den sie seit langem geht, unweigerlich und
unwiderstehlich weitergehen wird.« (ECS 28) »Tocqueville war ein
Besiegter«, schreibt Schmitt: »In ihm sammelten sich alle Arten von
Niederlagen« (ECS 30). Er war als Aristokrat, Liberaler, Franzose und
auch als Christ besiegt. »Als Christ […] erlag er dem wissenschaftli-
chen Agnostizismus des Zeitalters. Darum ist er nicht das geworden,
wozu er mehr als jeder andere prädestiniert schien: ein christlicher
Epimetheus. Ihm fehlte der heilsgeschichtliche Halt, der seine ge-
schichtliche Idee von Europa vor der Verzweiflung bewahrte. Europa
war ohne die Idee eines Katechon verloren. Tocqueville kannte keinen
Katechon. […] So wurde er ein Besiegter, der seine Niederlage akzep-

130
Die Anekdote von Gelimers Lachen

tierte.« (ECS 31) Das tat Schmitt nicht, und deshalb suchte er immer
wieder die »große Parallele« der Gegenwart zur urchristlichen Spät-
antike. Eine große Portion Ressentiment und ein gutes Stück Herr-
Knecht-Dialektik ging in seine These ein, dass die Besiegten die bes-
seren Historiker sind. Koselleck bestätigte später die These aber für
die Geschichte der Geschichtswissenschaften; er betonte einen Zu-
sammenhang von »Erfahrungswandel und Methodenwechsel« und
exemplizierte die Wendung von der Geschichte der Sieger zur His-
torie der Besiegten für einige antike und neuzeitliche Autoren. Er
verwies auf Niebuhr und Humboldt, Tocqueville und Marx und stell-
te abschließend die Frage, »ob Max Weber nicht auch zu den politisch
und existentiell Besiegten gehört.« 1 Koselleck hatte andere politische
Erfahrungen und Motive als Schmitt. Zweifellos war auch er aber in
seiner Geschichte der Besiegten vom Plettenberger Mineur angeregt.

2. Die Anekdote von Gelimers Lachen

Die Souveräne des Diskurses schreiben selbstgewisse Wälzer, Lehr-


bücher und kathedrale Werke. Die Besiegtenrhetorik ist dagegen de-
konstruktiv und subversiv. Die sokratische Form der Anekdote ist ein
Splitter Besiegtenrhetorik. Der alte Schmitt übersetzte seinen Topos
von der Besiegtenhistorie in die historische Anekdote von Gelimers
Lachen. Am 29. September 1958 schrieb er an Armin Mohler: »Jas-
pers, Ihr Heimatgenosse aus Basel, sprach in seiner gestrigen Predigt
in der Paulskirche 2 von einem ›grimmigen Lachen‹, das einem Deut-
schen bleibt. Das ist wohl das Gelächter Gelimers?« (BS 254) Jaspers
sagte damals in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises
des Deutschen Buchhandels:
»Wo Deutsche in optimistischen Fiktionen leben oder in dumpfer Angst
oder in der gedankenlosen Ruhe eines materiell sich scheinbar stets verbes-
sernden Daseins, da ist kein Ansatz für deutsches Selbstbewusstsein und für
staatliches Verantwortungsbewusstsein. Solcher Ansatz liegt noch eher in

1 Reinhart Koselleck, Erfahrungswandel und Methodenwechsel. Eine historisch-an-


thropologische Studie (1988), in: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt
2000, 27–77, hier: 76
2
Karl Jaspers, Wahrheit, Freiheit und Friede. Rede vom 28. September 1958 in der
Paulskirche zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, München
1958

131
IX. · Das Lachen der Besiegten. Carl Schmitt und Gelimer

der deutschen Verzweiflung, die sich so verquer äußert, im Zorn und im


grimmigen Lachen, die die Liebe verbergen, weil der Gegenstand der Liebe,
den sie doch in sich tragen, verloren scheint.« 3
Schmitt hätte Jaspers hier eigentlich zustimmen können. Er tat es
nicht, weil er Jaspers’ Alternative zur »verlorenen« Vaterlandsliebe
nicht vertreten wollte. Stattdessen ironisierte er den Ingrimm durch
eine historische Parallele: Gemeint ist ein Lachen des besiegten Van-
dalenkönigs Gelimer, das der spätantike Historiker Prokopios von
Caesarea (Prokop) überlieferte. Auf die Anekdote war Schmitt schon
einige Jahre zuvor gestoßen. Im Juli 1958 las er dann, bei der Tochter
Anima in Spanien zu Besuch, ein Buch über Gelimer. 4 Seitdem zitier-
te er Gelimers Gelächter in verschiedenen Zusammenhängen. Ins
Glossarium schrieb er damals: »Uns bleibt wohl nichts als das Geläch-
ter Gelimers.« (GL 371) Mit seinen letzten Aufzeichnungen taufte
Schmitt die Bundesrepublik auf »den Namen Kafkanien« (GL 376)
und verkündete: »Das Gelächter Gelimers hört nicht auf.« (GL 380)
Das letzte Buch des Glossariums, seit 1955 geführt, trägt den Unter-
titel: Gelimer Bd. V (GL 400). Demnach hat Schmitt sein gesamtes
Glossarium nachträglich nach Gelimers Gelächter benannt.
Von Jaspers verlegte er den Vergleich aber auf Max Weber. 1959
schrieb er in einer Buchanzeige zur Neuausgabe von Webers politi-
schen Schriften:
»Man wird fragen, wo diese 28 verschiedenen Aufsätze ihren eigentlichen
Schwerpunkt haben, ob sie in erster Linie Material zur Geschichte der Bis-
marckschen und zur Vorgeschichte der Weimarer Verfassung sind, oder in
der Hauptsache Betrachtungen zur Soziologie und politischen Wissenschaft
der modernen Demokratie, oder aber vor allem Dokumente zur Biographie
des großen Gelehrten und leidenschaftlichen Politikers, dessen Tempera-
ment so heftig durchbricht, dass der heutige Leser einmal – in dem Aufsatz
über Deutschland unter den europäischen Weltmächten (S. 171/72) – schon
fast einen Ansatz zum Gelächter Gelimers heraushören kann.« 5
Die Stelle verweist auf Bismarcks »Verhandlungen über den Eintritt
Bayerns in das Deutsche Reich«. Weber zitiert Bismarck: »›Wenn ein

3 Karl Jaspers, Wahrheit, Freiheit und Friede, in: ders., Wahrheit und Leben. Aus-
gewählte Schriften, Zürich o. J., 521–534, hier: 532
4
Christian Courtois, Les Vandales et l’Afrique, Paris 1955
5 Carl Schmitt, Rezension von Max Weber, Gesammelte Politische Schriften, Tübin-

gen 1958, in: Das historisch-politische Buch 7 (1959), 53

132
Die Anekdote von Gelimers Lachen

Freund seine Hand in meine gelegt hat, so werde ich sie doch nicht
zerquetschen‹«. Vermutlich meint Schmitt diese Stelle; er kontras-
tiert Webers Orientierung an Bismarck mit der traumatischen Sicht
von Versailles, spielt auf politische Friedensenttäuschungen an und
münzt den Vergleich auf die Gegenwart, ohne dass eine klare Polemik
gegen die europäische Einbindung der Bundesrepublik herauszulesen
wäre. Er meint seinen Vergleich mit Weber und Gelimer ganz all-
gemein und pauschal.
Bald kontrastiert er Gelimers Lachen mit dem Lächeln des stei-
nernen Propheten Daniel. 6 An Forsthoff schreibt er im Juni 1960:
»Aus dem Portico de la Gloria der Kathedrale in Santiago; dieser Pro-
phet Daniel scheint mir eine Antwort zu geben auf das Gelächter
Gelimers (534); jedenfalls sagt er mir heute mehr und Wichtigeres,
als mir und meiner Generation vor 50 Jahren der Bamberger Reiter
sagte.« (EFCS 161) Schmitt spielt hier auf die nationalistische Rezep-
tion des Bamberger Reiters an und setzt die religiöse Verkündigung
über das nationalistische Credo. Immer wieder sprach er vom lächeln-
den Daniel. Als »Besiegter von 1945« identifizierte er sich nun mit
dem »überlegenen Lächeln« der Portikusfigur der Kathedrale von
Santiago de Compostella und verschickte seine »mimische Symbol-
geste« (Bredekamp) gerne als Bildpostkarte im Kreis. Schmitt neigte
zu symbolischen Gesten. Die Umstellung der Selbstbeschreibung
vom sardonischen Lachen auf ein gelöstes Lächeln ließe sich als Zei-
chen persönlicher »Vergangenheitsbewältigung« deuten: Der späte
Schmitt entsagte so dem Ingrimm und Ressentiment des Besiegten.
Solche ikonischen Gesten sind aber reflektierte Botschaften; man
wird sie nicht einfach als authentische Expressionen verstehen
dürfen. Eher wäre von einer gezielten Pathosformel zu sprechen:
Schmitt signalisierte einen psychodynamischen Befindlichkeitswech-
sel, pflegte die Gelimer-Anekdote und -Identifikation aber auch wei-
ter und verschickte Fotokopien der klassischen Referenzstelle von Ge-
limers Lachen: Prokopios von Caesarea aus dessen Geschichte der
Gotenkriege.

6 Dazu jetzt eingehend Horst Bredekamp, Der Behemoth. Metamorphosen des Anti-
Leviathan, Berlin 2016, 73 ff.

133
IX. · Das Lachen der Besiegten. Carl Schmitt und Gelimer

3. Gelimer und Belisar

Gelimer war seit 530 der letzte, leicht illegitime Vandalenkönig in


Karthago. Die Vandalen beherrschten damals fast 100 Jahre lang
Nordafrika. Am Beginn des 5. Jahrhunderts waren sie im Zuge der
Völkerwanderung zunächst nach Gallien eingedrungen, zogen nach
Spanien und setzten 429 unter ihrem großen König und Feldherrn
Geiserich in die römische Provinz Africa über. 439 eroberten sie Ka-
thago. Von dort aus etablierten sie ein Reich, unternahmen Beute-
züge ins Mittelmeer und plünderten im Jahr 455 unter Geiserich so-
gar Rom. Damit teilte sich die Macht im Mittelmeer zwischen dem
Vandalenreich und Ostrom. Für einige Zeit kam es unter Geiserich zu
einem Friedensvertrag mit Ostrom. Nach dessen Tod brach der
Machtkampf zwischen Karthago und Byzanz wieder auf. Dem Unter-
gang des Imperiums in der Völkerwanderung stemmte sich insbeson-
dere der oströmische Kaiser Justinian I. (um 482–565) entgegen, der
seit 528 in Byzanz caesaropapistisch regierte und eine Rückeroberung
oder renovatio imperii anstrebte. Justinian musste das Römische
Reich vor allem gegen das mächtige persische Sassanidenreich si-
chern. Er erstrebte aber auch eine Reetablierung im Westen und
einen Sieg über die Vandalen in Nordafrika. Die Flanke des Balkan
(Awaren) brachte er nicht unter Kontrolle. Als orthodoxer Christ be-
kämpfte er das arianische Christentum, dem auch die Vandalen an-
hingen; er erbaute u. a. die Hagia Sophia und das Katharinenkloster
auf dem Sinai und schloss die platonische Akademie in Athen und den
Isis-Tempel in Philae. Die Religionspolitik Justinians führte zu einer
umfassenden Sakralisierung des Lebens. Der Byzantinismus prägte
sich aus. Unter seiner Regierung wurde der Corpus Iuris Civilis re-
daktioniert, mit dem »zeitloses Römertum in die letzte folgenreiche
Gestalt eintrat«. 7 An der Ostgrenze des Reiches suchte Justinian
Frieden mit den Persern, um die Rückeroberung des Imperiums im
Westen massiv voranzutreiben. Sein Feldherr Belisar (485–565)
schritt zum Krieg gegen Gelimer. Alexander Demandt schreibt:
»Bei Decimum, einer südlichen Vorstadt des heutigen Tunis, stießen die
Heere am 13. September 533 aufeinander. Die Byzantiner ergriffen schon
die Flucht, da verlor Gelimer über den Tod seines Bruders Ammatas die
Fassung. Nun griff Belisar nochmals an, und die Vandalen wurden gewor-

7So Franz Wieacker, Corpus juris, in: ders., Vom Römischen Recht. Wirklichkeit und
Überlieferung, Leipzig 1944, 154

134
Gelimer und Belisar

fen. Nachdem auch die Flotte nachgekommen war, zog Belisar in Karthago
ein. Gelimer sammelte seine Leute in Bulla Regia und gewann auch Mauren
für seine Sache. Die vandalische Expeditionsarmee kehrte aus Sardinien zu-
rück, und mit ihr zog Gelimer in Richtung Karthago.«8
Doch Belisar siegte erneut. Gelimer verschanzte sich daraufhin mit
den Resten seiner Armee in einer numidischen Bergfestung.
»Belisar stellte ihm nicht nur Begnadigung, sondern auch die Erhebung in
den Principat in Aussicht, falls er in den Dienst des Kaisers träte. Gelimer
hingegen forderte von den Herulern, die ihn belagerten, nur ein Brot, weil
ihn hungere, einen Schwamm, um seine Tränen zu trocknen, und eine Leier,
um sein Unglück zu besiegen. Anfang 534 musste er sich ergeben, wurde
von Belisar nach Byzanz gebracht und mit seinen Verwandten in Galatien
angesiedelt. Justinian hätte ihm auch jetzt noch den Patriciat verliehen,
wenn er sich zur Orthodoxie bekehrt hätte.« 9
Gelimers Behandlung durch Belisar und Justinian war also recht mil-
de. Das Vandalenreich wurde dem oströmischen Reich einverleibt
und Karthago wurde oströmisch. Belisar kämpfte dann weiter sieg-
reich für die Rückeroberung des Imperiums, besetzte Sizilien, Neapel
und Rom. Justinians »katechontischer« Versuch, das Imperium Ro-
manum auf dem Weg der Rückeroberung wiederherzustellen, war
also mit Belisar und Narses zwischenzeitig sehr erfolgreich.
Belisar ereilte aber »das Geschick, das allen bedeutenden Feldherrn der
Spätantike drohte. Er wurde 562 zum dritten Male einer Verschwörung ver-
dächtigt, in Haft genommen und starb im März 565. Seine Güter wurden
vom Kaiser eingezogen. Der spätere Volksroman über Belisar hat den Sturz
des Generals dramatisiert. Vom Kaiser geblendet, hätte Belisar sich sein
Brot in den Straßen Konstantinopels erbetteln müssen.« 10
In der barocken Malerei der absolutistischen Neuzeit wurde dieses
Sinnbild vom Ende des Feldherrn oft gemalt. Belisars Ende war dem-
nach nicht weniger schmählich als dasjenige Gelimers.
Der oströmische Historiker Prokopios von Caesarea (um 500–
562), ein gelehrter Diplomat und Berater Belisars, wahrscheinlich
oströmischer Christ, überlieferte die Geschichte von Belisar und Ge-
limer als Teil der Kaisergeschichte Justinians. Außer acht schon von

8 Alexander Demandt, Geschichte der Spätantike. Das Römische Reich von Diocletian
bis Justinian, München 1998, 171; zu Justinian jetzt auch Lutz Berger, Die Entstehung
des Islam, München 2016, 45 ff., 65 f.
9 Demandt, Geschichte der Spätantike, 171

10
Demandt, Geschichte der Spätantike, 175

135
IX. · Das Lachen der Besiegten. Carl Schmitt und Gelimer

Hugo Grotius aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzten


»Büchern über den Krieg« (die Perserkriege, Vandalenkriege und Go-
tenkriege Justinians) sind von Prokopios noch die Anekdota oder Ge-
heimgeschichten (Historia Arcana) vom skandalösen und verworfe-
nen Leben und Charakter Justinians und seiner Frau Theodora sowie
die »Bauten« (De Aedificiis), eine panegyrische Lobrede auf Justini-
ans Wirken überliefert. Prokopios wurde das Widerspiel der Geheim-
geschichten und Elogen auf Justinian immer wieder vorgeworfen, ob-
gleich sich Kriegsgeschichte, Herrscherlob und Skandalbiographie
nicht unbedingt widersprechen müssen. Apologie und Dekonstruk-
tion gehen in der Herr-Knecht-Dialektik oft Hand in Hand. Prokopios
war aber ein echter Zeuge mit historiographischem Abstand, kein
unkritischer Apologet der Reichspolitik Justinians.
Schmitt zitiert Gelimers Lachen aus Prokops Vandalenkriegen
(Buch IV.7). Geschichtspolitisch wirksam und populär wurde dieses
Bild von den Vandalenkriegen und letzten Schlachten des Imperiums
aber um 1900 durch Felix Dahn (1834–1912). Dahn war ein veritabler
Rechtshistoriker, Ordinarius in Würzburg, Königsberg und Breslau.
Schon in seiner umfangreichen, Theodor Mommsen gewidmeten
Prokopios-Monographie 11 von 1865 verwies er die »quellenmäßige
Erforschung des deutschen Staatslebens und Staatsrechts« auf die
»erschöpfende Kenntnis ihres Anfangs« 12 und erforschte die Institute
des römischen Rechts, wie Mommsen, auch um kritischer Einsichten
in das aktuale deutsche Staatsleben willen. Preußen stand damals vor
der kleindeutschen Entscheidung gegen Österreich, und das wilhel-
minische Reich war noch nicht gegründet. Prokopios war für Dahn
der »wichtigste Gewährsmann« der Geschichte der Germanen; er
folgte dem Römer aber nicht in die Reichsapologie und skeptische
Diagnose des kommenden Untergangs, machte sich vielmehr explizit
zum »Richter« seiner »Weltanschauung« und kritisierte, dass Pro-
kopios seine Sorge und seinen »Schmerz« um das »sinkende Römert-
hum« nicht »im religiösen Glauben zu überwinden« 13 vermochte.
Dahn warf die historische Parallele zum spätantiken Untergang Roms
seit den 70er Jahren dann mit nationalistischem Pathos und protes-
tantischem Abstand geschichtspolitisch in das neue Reich und Klima

11 Dazu vgl. Felix Dahn, Procopius von Caesarea. Ein Beitrag zur Historiographie der
Völkerwanderung und des sinkenden Römertums, Berlin 1865
12 Dahn, Procopios von Caesarea, 3

13
Dahn, Procopios von Caesarea, 10

136
Gelimer und Belisar

des Wilhelminismus. Auch sein »Kampf um Rom« (1876), ein Kampf


gegen Rom, Markstein protestantisch-nationalistischer Verwertung
des Germanendiskurses, 14 zehrte von Prokop. Dahn betrachtete die
Endkämpfe des Imperiums aus der Perspektive des Untergangs der
Goten. Seit den frühen 1880er Jahren publizierte er nicht weniger
als dreizehn »kleine Romane aus der Völkerwanderung«. Als dritter
Band dieser Reihe erschien Gelimer 1885. Dessen Leben hatte Dahn
einige Jahre zuvor schon in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek
mit wissenschaftlichem Anspruch skizziert. In der ADB schrieb Dahn
über Gelimer:
»Als er gefangen in Karthago eingeführt wurde, brach er in schallendes
Gelächter aus: man hielt es für ein Zeichen des Wahnsinnes. Seine Freunde
aber erklärten es als das bittere Hohnlachen über die Eitelkeit aller mensch-
lichen Dinge, dass er, von königlichem Blut und selbst ein König, solchen
Umschlag des Glücks erfahren. In dem glänzenden Triumph Belisar’s zu
Byzanz wurde auch G. im Purpurmantel mit seinen Gesippen gefangen
aufgeführt. Als er bei dem Eintritt in das Hypodrom den Kaiser auf hohem
Thron sah und die ganze Tiefe des eigenen Falls erkannte, da weinte und
klagte er nicht, sondern rief immer wieder den Spruch Salomon’s: ›Eitelkeit
der Eitelkeiten. Alles ist eitel.‹ Vor dem Thron legte er den Purpur ab und
warf sich vor Justinian zur Erde. Er erhielt mit seinen Verwandten reiche
Güter in Galatien, aber nicht den versprochenen Patriciat, weil er sich wei-
gerte, aus dem Arianismus zum Katholizismus überzutreten.« 15
Prokop trennt hier deutlich zwischen der Gefangennahme Gelimers
am Berg Papua, dem Lachen vor Belisar nahe Karthago und der reli-
giösen Klage vor Justinian beim Triumphzug Belisars in Byzanz. Pro-
kop charakterisiert Gelimer etwas verzeichnend aus der Sicht Belisars
als »schwächlichen Phantasten«, »schicksalsgebeugten Dulder« und
»gefühlsbetonten Skeptiker«. 16 Als Chronist schildert er Gelimers
Lachen. In der von Schmitt verwandten englischen Übersetzung
heißt es:
»And it happened that Belisarius was staying for a time in the suburb of the
city which they call Aclas. Accordingly Gelimer came before him in that
place, laughing with such laughter as was neither moderate nor the kind
one could conceal, and some of those who were looking at him suspected

14 Dazu ausführlich Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009,
147, 197, 200 ff.
15
Felix Dahn, Stichwortartikel Gelimer, in: ADB 8 (1878), 539–543, hier: 542 f.
16 So Otto Veh, Einführung, in: Prokop, Vandalenkriege, München 1971, 380, 381

und 417

137
IX. · Das Lachen der Besiegten. Carl Schmitt und Gelimer

that by reason of the extremity of his affiction he had changed entirely


from his natural state an that, already beside himself, he was laughing for
no reason. But his friends would have it that the man was in his sound
mind, and that because he had been born in a royal family, and had ascended
the throne, and had been clothed with great power and immense wealth
from childhood even to old age, and then being driven to flight and plunged
into great fear had undergone the sufferings on Papua, and now had come as
a captive, having in his way had experience of all the gifts of fortune, both
good and evil, for that reason, they believed, he thought that man’s lot was
worthy of nothing else than much laughter.«
Der Chronist bemerkt zur Bedeutung dieses Lachens nüchtern: »Now
concerning this laughter of Gelimer’s, let each one speak according to
his judgment, both enemy and friend.« 17 Erst Dahn gibt Gelimers
Lachen in seinem historischen Roman eine dramatische und interpre-
tative Schlüsselbedeutung, indem er seinen Roman, anders als Pro-
kopios’ Bericht, mit der Frage nach der Bedeutung des Lachens enden
lässt. Dahns historischer Roman über den edlen König und Helden
Gelimer, vom Feldherrn Belisar und Verrat des katholischen Bischofs
von Karthago besiegt, endet mit dem »gellenden Lachen« und der
»Verzweiflung« oder »Frömmigkeit« Gelimers vor Belisar, ohne sein
weiteres Schicksal – den Einzug als Gefangener in Byzanz, die Szene
vor Justinian oder sein späteres Leben in der Verbannung – zu erzäh-
len. »›Ist nun dies das letzte Wort des Christentums?‹«, fragt der Ich-
Erzähler am Ende des Romans. Und Belisar antwortet: »›Nein, das ist
Wahnsinn‹ […] An Bord! Und zum Triumphzug – nach Byzanz!« 18
Dahn sucht hier eher einen ironischen und religionspolitischen als
einen nationalistischen Schluss. Gegen Prokopios sucht er den christ-
lichen Sinn. Vielleicht übernahm Schmitt seine Gelimer-Anekdote
von Dahm. Sie passte jedenfalls in sein Geschichtsbild von der »gro-
ßen Parallele« zwischen der Gegenwart und urchristlichen Spätanti-
ke. Ein echter Märtyrer war Gelimer zwar nicht. Auch sein relativ
unspektakuläres Ende im Exil eignete sich aber zur Identifikation,
lebte Schmitt doch nach 1945 noch 40 Jahre als Privatier in seiner
Plettenberger Heimat. Der Verdammung des Vandalismus setzte er
seine anekdotische Rehabilitierung des letzten Vandalenkönigs ent-
gegen.

17 History of The Wars IV, 7, hrsg. Henry B. Dewing u. Glenvielle Downey, London
1916, Bd. II, 269
18 Felix Dahn, Gelimer. Historischer Roman aus der Völkerwanderung, 1885, in: Wer-

ke Bd. IX, Leipzig 1898, 328

138
X. Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

Carl Schmitt gibt reichlich Stoff für einen veritablen Schelmen-


roman. Er bietet so ziemlich alles, was man sich hier wünschen kann:
Theorie und Praxis, Aufstieg und Fall, falsche Gräfinnen, exzentri-
sche Freunde, subtilen Eros und krasse Sexualität, hohe Politik,
Schurken und Verbrecher, gefährliches Spiel, Intrige und Sturz, Über-
leben, Verhaftung und Verdammnis, legendären Ruhm. Andererseits
ist der Roman dieses Lebens heikel und vermint. Kann der Biograph
seinem schwarzen Helden in seiner Andersartigkeit gerecht werden?
In einem Radiointerview meinte Schmitt am 1. Februar 1933, einen
Tag nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler: »Meine Arbeit er-
hält ihren Sinn dadurch, dass ich nichts anderes bin als ein Organ
dieses substanzhaften Rechtes des konkreten Volkes, dem ich angehö-
re.« 1 Er suche »die Verbundenheit mit dem eigenen Volke, die Teilha-
be, die Partizipation bis in die äußersten, sublimsten Spitzen geistigen
Lebens hinein«. 2 Franz Blei, bis 1933 ein enger Freund, erinnert
Schmitt 1930 noch wie den geflügelten Amor von Caravaggio als ein
»in jedem Nerv gespanntes, von eindringlichen Augen überleuchtetes
Gesicht, der Mund wie mit dem Lächeln eines Knaben geladen« 3. Bald
wird er ihm dann als Verräter erscheinen:
»Wie konnte dieser römische, rheinländische, gänzlich unromantische Ka-
tholik, der die klassische Schrift ›Römischer Katholizismus und politische
Form‹ geschrieben hat, dem Leviathan Staat unterliegen? Wie dieser Geg-
ner der politischen Romantik einem politischen Sensationsroman des ge-
ängstigten Kleinbürgers?« 4 »Der in der ›Diktatur‹ den Satz schrieb: ›Unter
dem Vorwand, die Ordnung wieder herzustellen, wird eine grenzenlose Ge-
walt ausgeübt, und was früher Freiheit genannt wurde, heisst jetzt Auf-

1 Carl Schmitt, Ein Rundfunkgespräch vom 1. Februar 1933, in: Piet Tommissen,
Over en in zake Carl Schmitt, Brussel 1975, 113–119, hier: 115
2
Schmitt, Ein Rundfunkgespräch, 117
3 Franz Blei, Erzählung eines Lebens, Leipzig 1930, 494

4
Franz Blei, Zeitgenössische Bildnisse, Amsterdam 1940, 20 f.

139
X. · Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

ruhr‹, der kann nicht mit gutem geistigem Gewissen heute den Satz schrei-
ben von ›der Artgleichheit des in sich einigen deutschen Volkes‹«. 5
Waldemar Gurian sah es ähnlich. Auch er betrachtete Schmitt im
Nationalsozialismus als zynischen Spieler. Nach der Führerapotheose
zum 30. Juni 1934, dem Artikel Der Führer schützt das Recht, schrieb
er: »Man kann annehmen, dass der Kronjurist des III. Reiches seiner
ganzen Vergangenheit nach den Nationalsozialismus nicht ernst
nimmt, sondern nur als Mittel für persönliche Zwecke benutzt.« 6
Ähnlich äußerte sich Gottfried Salomon 7 1938. Das geläufigste »Ur-
wort« über Schmitt ist der »okkasionelle Dezisionismus«. Gemeint
war der opportunistische Wendehals, der sein Fähnlein strategisch
nach dem Wind ausrichtete. Löwith zog es von Schmitts Romantik-
kritik ab und münzte es um; er wählte 1935 die Strategie »Carl
Schmitt gegen Carl Schmitt«, ließ Schmitt über seine eigenen Begrif-
fe und eigene Vergangenheit stolpern.
Für eine Festgabe an Ernst Jünger gab Schmitt im November
1954 folgende Autorangaben:
»C. S. geb. 1888 in Plettenberg (Westfalen), studierte in Berlin, München
und Strassburg, habilitierte sich 1916 in Strassburg, verlor infolge des Aus-
gangs des ersten Weltkriegs seine Dozentur; von 1921–1945 ordentlicher
Professor des öffentlichen Rechts in Greifswald, Bonn, Köln und Berlin; 8
1933 Preußischer Staatsrat; verlor 1945 infolge des Ausgangs des zweiten
Weltkriegs seinen Lehrstuhl und lebt seit 1947 in Plettenberg (Westfalen).
Drei Hauptwerke: Die Diktatur 1921; Verfassungslehre 1928 (Neudruck
1954); Der Nomos der Erde 1950.« (BS 183)

5 Blei, Zeitgenössische Bildnisse, 29


6 Waldemar Gurian, Carl Schmitt, der Kronjurist des III. Reiches, in: Deutsche Briefe
1934–1938. Ein Blatt der katholischen Emigration, Bd. I, Mainz 1969, 52–54, hier: 54;
auch Helmut Quaritsch, Schmitt noch eng verbunden, hat für den erstaunlichen »Ni-
veauverlust« des Werkes im Nationalsozialismus vor allem zwei Überlegungen: »Der
ideologische Konvertit Schmitt meinte alle anderen Juristen in ›Führertreue‹ und An-
tisemitismus übertreffen zu müssen. Oder er legte in seine Bekenntnisse bewusst so
viel byzantinische Übertreibung hinein, dass sie bei näherer Betrachtung den Adepten
als Narrenjubel und Nonsens-Proskynese erkennbar wurden […] Ein solches Spiel im
Spiel, getrieben bis zu einer ›Parodie von sich selbst‹, ist Carl Schmitt zuzutrauen.«
(Helmut Quaritsch, Positionen und Begriffe Carl Schmitts, Berlin 1989, 101)
7 Gottfried Salomon, Staatsrecht in Deutschland, in: Emil Julius Gumbel (Hg.), Freie

Wissenschaft. Ein Sammelbuch aus der deutschen Emigration, Strasbourg 1938, 174–
189
8 Seine hauptamtliche Münchner Dozentur an der Handelshochschule 1919 bis 1921

galt formal nicht als Professur.

140
X. · Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

»Ich denke das genügt«, fügte er seinem Brief an Mohler hinzu; »die
3 Bücher können Sie streichen. Doch finde ich ihre Erwähnung nicht
schlecht. Die Identität mit dem Schicksal Deutschlands, die Einheit
von wissenschaftlichem Beruf und Schicksal wird deutlich genug in
diesen Daten.« (BS 183) Als Mohler eine Kürzung der biographi-
schen Angaben wünscht, antwortet Schmitt: »Schließlich genügt:
C. S. geb. 1888, weißer Rabe, der auf keiner schwarzen Liste fehlt.«
(BS 186) Er sieht sich als »Unglücksrabe« und Sündenbock und
knüpft eine verführerische Legende von seiner »Identität mit dem
Schicksal Deutschlands«.
Schmitt spiegelte sein bewegtes Leben ständig in Literatur.
Schon früh sah er sich als Don Quijote 9 und Don Juan. Bald erlebte
er sich als Othello. Er setzte seinem Werk weitere autobiographische
Masken auf und verdeckte seine Positionen in geistesgeschichtlichen
Spiegelungen. So ergriff er 1922 die gegenrevolutionäre Maske des
Donoso Cortés und hielt sie fest. Er spiegelte seine Sicht und Rolle
seit den frühen 30er Jahren dann verstärkt in Autoren der »kleinen«
historischen Parallele um 1848: Lorenz von Stein, Bruno Bauer, Savi-
gny, Tocqueville. Seine bekanntesten Identifikationen sind Machia-
velli und Hobbes. Nach 1945 identifizierte er sich aber auch mit dem
Vandalenkönig Gelimer und dem caesaropapistischen Kirchenhistori-
ker Eusebius. Summarisch solidarisierte er sich mit den Picaros und
Partisanen der Neuzeit.
Schmitt spiegelte sich seit den frühen 40er Jahren auch in Her-
mann Melvilles Novellengestalt Benito Cereno und betonte so eine
Doppeldeutigkeit seiner Rolle im Nationalsozialismus: Cereno, der
von außen als Kapitän eines Piratenschiffs erscheint, ist in Wahrheit
die Geisel seiner Besatzung. »Pirat ist nach einer alten Auffassung
immer das Schiff als Ganzes«, schreibt Schmitt 1945 dazu in seinem
Rechtsgutachten über Das Verbrechen des Angriffskriegs: »Jeder, der
auf dem Piratenschiff vorgefunden wird, wird als Pirat behandelt,
wenn es nicht offensichtlich ist, dass er sich dort als Gefangener oder
sonstwie als Opfer der Piraten aufhielt.« (VA 63) Begeistert schreibt
er Ernst Jünger 1941 (JS 114 f., 118, 129) von seiner Entdeckung des
»Situations-Symbols«. Mehrfach erwähnen beide die Novellengestalt
im Briefwechsel. Jünger »verwertete« die Parallele dann 1947 in sei-

9 Carl Schmitt, Don Quijote und das Publikum, in: Die Rheinlande 12 (1912), 348–
350

141
X. · Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

nem Reisebericht Atlantische Fahrt, 10 zu einem Zeitpunkt, als


Schmitt noch von einer Anklage im Rahmen der Nürnberger Prozes-
se bedroht war und in Untersuchungshaft saß. Jünger veranlasste die
Sendung eines Widmungsexemplars über Heinrich Gremmels. 11
Gremmels besuchte den inzwischen entlassenen Schmitt im Juli
1947 12 und übergab die Londoner Erstauflage der Atlantischen Fahrt.
Die Widmung lautet: »Für Carl Schmitt, / Invitation au Voyage, /
Ernst Jünger / Kirchhorst, / 12. 6. 1947.«
Schmitts autobiographische Identifikationen sind im Werk mehr
oder weniger exoterisch und esoterisch angedeutet und ausbuch-
stabiert. Manche sind aus seinen Publikationen gänzlich herausgehal-
ten und allenfalls in Briefwechseln erwähnt. Vor allem zwei Identifi-
kationen hat Schmitt in seinen Schriften aber eingehender umrissen:
Donoso Cortés und Hamlet. Während der spanische Gegenrevolutio-
när dabei von der Mitwelt stets als Autorenmaske gelesen wurde,
wurden Schmitts Hamlet-Studien selten als autobiographische Spie-
gelungen verstanden. Das Shakespeare-Büchlein Hamlet oder Heku-
ba wurde als merkwürdiges Seitenwerk und Pausenspiel vernachläs-
sigt, obgleich es Schmitts eigenständigstes Projekt der 50er Jahre und
seine wichtigste autobiographische Spiegelung seiner Rolle im Natio-
nalsozialismus ist. Die Hamlet-Identifikation geht aus älteren Shake-
speare-Identifikationen und der Beschäftigung mit Schillers Demetri-
us-Fragment hervor. 13 Das Hamlet-Büchlein handelt vom Schicksal
des Katholizismus und »göttlichen Rechts des Königtums« (»dynas-
tische Legitimität«), bearbeitet aber auch die eigene nationalsozialis-
tische Erfahrung. Zwei echte »Einbrüche« der Geschichte hebt
Schmitt hervor, die Shakespeare seinem Publikum dichterisch vor-
stellt: Shakespeare tabuisierte die Schuld der Königin und hamleti-

10 Ernst Jünger, Atlantische Fahrt, London 1947, 68 (Erwähnung auf den 2. Dezember
1936 datiert); dazu vgl. den Kommentar von Detlev Schöttker zur Neuausgabe Stutt-
gart 2013, 103 f.; Schmitt bestand auf seiner allegorischen Interpretation auch gegen-
über der historisch-philologischen Rekonstruktion des zeitgenössischen Kontextes,
wie jetzt ein interessanter Briefwechsel eingehend zeigt: Martin Tielke (Hg.), Carl
Schmitts Briefwechsel mit Marianne Kesting, in: Schmittiana III N.F. (2016), 251–316
11 JS 205; Handexemplar RW 265–22249; Gremmels war als »Leiter der Londoner

Publikationsabteilung des ›Weltbundes der Christlichen Vereine‹« für den Zaun-


könig-Verlag und die Publikation verantwortlich (dazu Schöttker, Nachwort Neu-
ausgabe Stuttgart 2013, 193 ff.).
12
Dazu die Briefe Gremmels vom 10. und 21. 7. 1947 an Schmitt (RW 579, 116)
13 Dazu Verf., Friedrich Schillers »Demetrius«. Ein später Baustein zu Carl Schmitts

Hitler-Bild, in: Kriegstechniker des Begriffs, Tübingen 2014, 111–136

142
X. · Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

sierte den Rächer. Schmitt vergleicht die Öffentlichkeit des Dramas


mit dem »Berliner Publikum des Jahres 1934« in der »damaligen
Röhm-Affäre« 14 und deutet an, dass seine damaligen Artikel für eine
»gemeinsame Öffentlichkeit« bestimmt waren, »nicht für irgendein
neutrales oder fremdes Publikum und auch nicht für die Nachwelt
geschrieben, sondern für die Mitwelt«, die das »durchsichtige inco-
gnito« (HH 39) durchschaute. In literarischer Spiegelung der eigenen
Rolle im Nationalsozialismus erklärte er so, weshalb er, gewisse Ta-
bus respektierend, überhaupt publizierte, und warum er keine kon-
servative Kritik der Ereignisse schrieb, die im durchsichtigen Inkog-
nito möglich gewesen wäre.
Schmitt spricht von einer »Unvereinbarkeit von Tragik und frei-
er Erfindung«: Anders als die antiken Tragiker ging Shakespeare
nicht vom gemeinsamen Boden des Mythos aus, sondern schuf aus
der dichterischen Erfassung der Zeitgeschichte einen neuen Mythos.
Damit lehnt Schmitt auch Walter Benjamins scharfe Unterscheidung
zwischen Trauerspiel und Tragödie ab. Benjamin schickte sein Trauer-
spiel-Buch 15 einst mit kurzem Dankesbrief. Mit Benjamins spätem
Ruhm in der Bundesrepublik wird Schmitt diese Referenz zuneh-
mend interessant. Er lehnt es aber ab, dass Benjamins scharfe Unter-
scheidung von antiker Tragödie und christlichem Trauerspiel das Po-
litische aus dem christlichen Raum exkludiert: Nicht das Verhältnis
zum Christentum, sondern die zeitgeschichtliche Substanz, der »Ein-
bruch der Zeit ins Spiel«, erhebe das Spiel zur Tragödie. Schmitt liest
Hamlet als »Situations-Symbol« und Modell politischer Kommuni-
kation und Öffentlichkeit. Sein Hamlet-Essay trifft an die Stelle einer
Melville-Studie, einer größeren Schiller-Arbeit, die Schmitt ge-
legentlich auch erwog, oder eines großen Buches über Shakespeare
in der elisabethanischen Zeit, dem »Heldenzeitalter der maritimen
Existenz«.
Die offenste Spiegelung seiner Rolle als Hamlet hat Schmitt aber
niemals publiziert. Am 21. Januar 1957 hielt er in Aachen einen Vor-
trag über Shakespeares Hamlet als mythische Figur der Gegenwart. 16
Wenige Tage zuvor war er Kojève in Düsseldorf begegnet und bald

14 Carl Schmitt, Vorwort, in: Lilian Winstanley, Hamlet. Sohn der Maria Stuart, Pful-
lingen 1952, 7–25, hier: 12
15
Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, Berlin 1928
16 Einladung des Aussen-Instituts der RWTH v. 8. Oktober 1956 (RW 265–557; dazu

JS 320)

143
X. · Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

danach referierte er im Ritter-Kolloquium in Münster über den ge-


genwärtigen »Nomos der Erde«. Ein zweiseitiges Einleitungstypo-
skript und eine ausführliche Vortragsdisposition 17 sind zum Aachener
Vortrag erhalten; Schmitt spricht über Hamlet als »mythische Figur
des europäischen Intellektuellen«, den das »Missverhältnis von Den-
ken und Tun, die Lähmung durch Reflexion und Selbstbetrachtung«
kennzeichne. Dabei interessiert ihn auch die mediale Perspektive: Das
»Zeitalter der Massendemokratie« bedürfe einer »Art von Ersatz-
Mythen« für das Massenpublikum. »Die Tagespublizistik bedarf
ihrer und verwandelt echte Mythen in Slogans«. »Hamlet« werde da
zum Disqualifikationstitel. Schmitt geht auf die Suez-Krise vom
Herbst 1956 ein und greift das Beispiel des jüngsten amerikanischen
Wahlkampfes auf. Bewusst nennt er aktuelle Beispiele, um den Vor-
trag nicht zu autobiographisch auf die eigene Rolle im Nationalsozia-
lismus zu beziehen. Wenn er beiläufig aber auch auf Reichskanzler
Brüning als »hamletische Figur« verweist, pflegt er Legenden vom
eigenen Werk und Wirken, die erst durch die neuere Quellenlage zer-
stört sind: Schmitt war zwar ein Apologet des Präsidialsystems, nie-
mals aber ein Anwalt Brünings. Brüning hatte Schmitts Avancen
vielmehr abgelehnt. Und auch die starke Rede vom »Missverhältnis
von Denken und Tun« trifft die Akteursrolle bis 1936 wohl kaum:
Schmitts Politik war nicht gerade durch reflexive Hemmungen und
Handlungslähmungen gekennzeichnet. Seine relative Ohnmacht und
sein Sturz im Nationalsozialismus hatten eher andere Gründe.
Schon die Selbstbeschreibung als »Intellektueller« kommt einem
nachträglichen Rollenwechsel gleich, den Schmitt sonst stets zurück-
wies: Er verstand sich als Jurist, betonte seinen Akteurs- und Teil-
nahmestandpunkt und wollte kein »freischwebender« Intellektueller
sein. Juden und Emigranten stigmatisierte er höhnisch als Die deut-
schen Intellektuellen. Am 31. Mai 1933 schrieb er in der Parteizeit-
schrift Westdeutscher Beobachter in einem seiner aggressivsten
Hetzartikel: »Es gibt keinen einzigen großen Gelehrten, den man
ernsthaft als einen Intellektuellen definieren könnte. In dem Wort
liegt nun einmal etwas Herabsetzendes.« Und den Emigranten der
ersten Stunde rief er als Schlusssatz nach: »Aus Deutschland sind sie

17
Vortragsdisposition RW 265–20313; Typoskript und Disposition RW 265–20311;
umfangreiche Exzerpte und Materialsammlungen zur Hamlet-Deutung in RW 265–
21087

144
X. · Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

ausgespieen für alle Zeiten.« 18 Wenn Schmitt sich nun 1957 in den
Mythos vom europäischen Intellektuellen hineinschreibt und mit
Hamlet identifiziert, lenkt er exkulpativ von der eigenen historischen
Rolle ab.
Sein Vortrag über »Hamlet als Mythos des Intellektuellen« geht
historisch vor. Es sind zwei Dispositionen erhalten, die einander er-
gänzen, aber auch widersprechen. Die eine differenziert die Geschich-
te im 19. Jahrhundert ausführlicher, die andere, stärker stenogra-
phisch gehalten, schlägt einen weiteren Bogen bis in die Gegenwart.
Die Linienführung des Exposés ist in Langschrift verfasst, an die ste-
nographische Kommentare anschließen, die hier nicht berücksichtigt
wurden. Im Kern zeigen beide Gliederungsentwürfe übereinstim-
mend, dass Schmitt über die Entwicklung des Hamlet-Mythos von
der Aufklärung bis zur Gegenwart sprach, wobei er sich auf die Ge-
schichte des »bürgerlichen« Intellektuellenmythos konzentrierte und
besonders die deutsche und die französische Entwicklung berück-
sichtigte.
Schmitt beginnt, dem Exposé folgend, im 18. Jahrhundert mit
der Aufklärung, wobei er von Voltaire, Diderot und Rousseau auf
Descartes, Hobbes und Spinoza zurückgeht und Goethes Werke als
»Übergang« vom 18. ins 19. Jahrhundert auffasst. Im 19. Jahrhundert
erörtert er die politische Romantik, Schlegel und romantische Ham-
let-Deutungen und geht dann zur »politischen Aktualisierung Ham-
lets durch die liberale bürgerliche Revolution von 1848« über: zu den
»Jungdeutschen« Heine, Börne, Freiligrath sowie Gervinus 19 als
»wichtigstem Beitrag«. Anschließend erörtert er eine »Entpolitisie-
rung« nach 1848, Abkehr von der »Situation« und Wendung zum
»allegorischen Symbol«, die Schmitt auch an der Ablösung des
Faust-Mythos durch den Hamlet-Mythos festmacht. Im nächsten
Schritt beschäftigt ihn ein »Lösungsakt des bürgerlichen Hamlet-
Mythos« seit dem Ersten Weltkrieg. Schmitt geht auf Hofmannsthal
und auf den Literaturkritiker Julius Bab ein, 20 den er persönlich kann-
te, sowie auf die Psychoanalyse, wobei er den »Hamlet-Komplex« mit
dem »Ödipus-Komplex« vergleicht. Er erörtert dann eine »Identitäts-

18 Carl Schmitt, Die deutschen Intellektuellen, in: Westdeutscher Beobachter 9


(1933), vom 31. Mai 1933, 1 f., hier: 2
19
Georg Gottfried Gervinus, Shakespeare, 4 Bde., Leipzig 1849/50
20 Julius Bab, Fortinbras oder der Kampf des 19. Jahrhunderts mit dem Geiste der

Romantik, Sechs Reden, 2. Aufl. Berlin 1921

145
X. · Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

krise Europas« insbesondere bei Paul Valery: »Europa ist Hamlet«,


die durch eine »Identitätskrise der Westlichen Welt« abgelöst werde.
Im zweiten, evtl. älteren Steno-Entwurf thematisiert Schmitt
auch die Dreyfuß-Affäre vor 1914. Der Entwurf schreibt die Ge-
schichte nach 1918 näher aus: Er geht vom »Sieg des marxistischen
Kommunismus in Russland« und von der Sowjetunion aus und ana-
lysiert dann die »scharfe Trennung von bürgerlichen und marxisti-
schen Intellektuellen«. Schmitt unterscheidet zwei Linien: die mar-
xistische und die bürgerliche »Position«. Er kritisiert zunächst den
marxistischen Intellektuellen als Träger des »Fortschritts«: Lenin als
»Urbild« und Bert Brecht als weiteres »Dokument«. Dann geht er zu
den »bürgerlichen Ländern« über und analysiert die Entwicklung des
»Hamlet-Bildes« in Deutschland, England und den USA. Zuletzt
erörtert er den »heutigen Weltzustand« und »Nomos der Erde. Die
Intellektuellen seien heute »eingepasst«. »Ihr alter Mythos ist zu
Ende«, konstatiert Schmitt und bezieht sich auf die Kritik von Ray-
mond Aron. 21 »Ich sprach von Hamlet als einem geschichtlichen
Mythos«, meint er abschließend. Damals schreibt er eine – zum Ge-
burtstag am 11. Juli 1956 ins Glossarium (GL 349) verzeichnete –
»Hieroglyphe der Westlichen Welt« gerne in Widmungsexemplare
hinein. Sie nennt Deutschland, Europa, die ganze Welt Hamlet.
Schmitts Vortragsdisposition ist eine Vorgabe für eine Bio-
graphie: Carl Schmitt als Hamlet in der Geschichte des bürgerlichen
Intellektuellen, in der Spannung von »Geist und Macht«. Der Vortrag
analysiert gewissermaßen die Situation, für die Hamlet das »Sym-
bol« wurde. Schmitt spricht erneut vom Sinn und Schicksal oder
Fehlschlag eines Symbols: diesmal des Intellektuellen. Einiges
schreibt er damals auch in die Glossen seiner Verfassungsrechtlichen
Aufsätze hinein: insbesondere die Rolle der Intellektuellen beim
Schritt von der Legitimität zur Legalität und der Politisierung der
Legalität zur »vergifteten Waffe« (VRA 450). Schmitt betrachtet sich
erneut als »Gegenrevolutionär«, deutet die Gegenrevolution aber
nun als gescheiterte »bürgerliche« Antwort auf die marxistische He-
rausforderung.
Schmitt sieht sich nach 1945 nicht nur im Nationalsozialismus
gescheitert. Auch über sein »Comeback« als Autor ist er unzufrieden.
Die Resonanz seines Hamlet-Büchleins enttäuscht ihn. Im Hause des

21Raymond Aron, Opium für Intellektuelle oder Die Sucht nach Weltanschauung,
Köln 1957

146
X. · Carl Schmitts Hamlet-Stilisierung

Verlegers Diederichs eröffnet er am 12. Juni 1956 22 zum Erscheinen


des Bändchens deshalb einen Diskussionsabend mit einer motzigen
Erklärung: »Was habe ich getan?« Er analysiert die negative Aufnah-
me seiner Schrift und findet die Antwort im »Tabu des autonomen
Kunstwerks«, an dem er gerüttelt habe. Schmitts – auf Anfrage Tom-
missens 23 – 1957 publizierte Erklärung lenkt in hermeneutische Fra-
gen ab. Die wahre Esoterik der Schrift liegt aber in der zeitgeschicht-
lichen Spiegelung, die Schmitt sucht: der Parallele zur eigenen Lage.
Die Hamlet-Deutung markiert einen Abschluss esoterischer Rechen-
schaft vom Nationalsozialismus. Jünger bemerkt dazu leicht ironisch:
»Ich glaube, dass bei Ihnen immer Nebenabsichten vermutet werden, auch
wenn Sie über ein Glas Wasser schreiben. Wer hat, dem wird gegeben, und
sie bekommen noch Scharfsinn zugelegt.« (JS 308)

22 Dazu Diederichs zustimmender Brief vom 2. Juni 1956 an Schmitt (RW 265–
16998); Diederichs rechnet mit 40/50 Hörern.
23 Tommissens Bitte vom 22. August 1952 um einen Beitrag für die Zeitschrift Diets-

land-Europa (RW 265–16162); Schmitt verteilt von Hamlet oder Hekuba über 100
Exemplare und auch das Exposé fast 100 Mal. Beides leitet er beispielsweise auch Jacob
Taubes zu; Andreas Höfele (Der Einburch der Zeit: Carl Schmitt liest Hamlet, Mün-
chen 2014) bestätigt die autobiographische Lesart, wenn er Schmitts historische
(Winstanley-) These zurückweist und Schmitts »Hamlet-Mythos« als Fortsetzung
seiner Katechon-Spekulationen deutet. Zur Stellung im rechtsintellektuellen Ham-
let-Diskurs jetzt Andreas Höfele, No Hamlets. German Shakespeare from Nietzsche
to Carl Schmidt, Oxford 2016.

147
Teil III: Wechselwirkungen

Zwei Jahrzehnte kostest du mir, zehn Jahre verlohr ich


Dich zu begreifen und zehn, mich zu befreyen von dir. 1

1 Xenien 1796. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs, hrsg. Erich
Schmidt / Bernhard Suphan, Weimar 1893, 43
XI. »Steine als Geschenk«.
Ernst Rudolf Hubers verfassungs-
theoretische Revision von Schmitts
»Dezisionismus«

1. Konstitutionalismus ohne »Verfassungsidee«?

Die Steuerungskompetenz der Politik scheint heute so eng begrenzt


zu sein, dass mancher zweifelt, ob die politischen Kräfte und Konflik-
te überhaupt noch zu zügeln sind und politische Ordnung qua Ver-
fassung möglich ist. Die alte Frage des Bundespräsidenten Richard
von Weizsäcker, ob wir in »guter« Verfassung sind, im Mai 1989 beim
Staatsakt zur Feier von 40 Jahren Grundgesetz gestellt, erscheint heu-
te fast schief. Das nationale Gemeinschaftspathos eines kollektiven
Habitus oder einer Mentalität ist fraglich und Recht und Verfassung,
heute stark internationalisiert, werden von den Akteuren in kurz-
atmigem Krisenmanagement extensiv gedehnt. Die Ansprüche an
Antworten und Lösungen werden ermäßigt und schon das »muddling
through« 1 erscheint als »realistische« Lösung und nachhaltiges Er-
gebnis.
Am 24. August 2015 erklärte die Bundeskanzlerin an der Seite
des französischen Staatspräsidenten Hollande, nach fremdenfeind-
lichen Ausschreitungen, zur Flüchtlingsfrage: »Es gibt Momente in
der europäischen Geschichte, wo wir vor außergewöhnlichen Situa-
tionen stehen. Heute ist das so eine außergewöhnliche Situation, aber
eine außergewöhnliche Situation, die anhalten wird, so lange die Kri-
sen nicht gelöst sind. Wir sollten nicht warten und nicht nur Tag für
Tag versuchen, diese Situation zu handhaben. Wir müssen uns orga-
nisieren und unsere Politik absprechen. Das schlagen Deutschland
und Frankreich vor.« 2 Merkels Worte wurden oft aufgegriffen und

1 Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, Frankfurt 2014, 221
2 www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2015/08/
2015-08-24-pressestatements-merkel-hollande.html; Frankreich erklärte nach den
Anschlägen vom November förmlich den Ausnahmezustand, der zuletzt nach dem
schweren Anschlag vom 14. Juli 2016 (am Nationalfeiertag) verlängert wurde und
aktual gilt.

151
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

kritisiert. Nach den Pariser Terroranschlägen vom 13. November


2015 erneuerte Merkel ihre Worte dennoch, indem sie sich beim
Staatsakt für den verstorbenen Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt,
am 23. November, mit dem Krisenmanager der Hamburger Sturmflut
von 1961 identifizierte. Sie bestätigte dabei Metaphern von Damm-
bruch und Flut und schob rechtsstaatliche Bedenken beiseite, die man
schon in der Erklärung vom August vermisst hatte; sie begrüßte, dass
Schmidt handelte, obgleich er »verfassungsrechtlich nicht dazu be-
fugt« war, die Bundeswehr zu Hilfe zu rufen. Emphatisch meinte sie:
»Damit lebte er [Schmidt] vor, dass außergewöhnliche Situationen
außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Und er lebte vor, was es
bedeutet, in einer solchen Situation Verantwortung zu überneh-
men.« 3 Merkel beantwortete ihr Diktum von der »außergewöhn-
lichen Situation« in der Bundespressekonferenz vom 31. August 2015
mit ihrer mehr oder wenigen spontan improvisierten Schaffensphrase
»Wir schaffen das!«, die zu einem Schibboleth wurde, an dem sich die
Debatten und Geister scheiden. Wer schafft hier was? Am 7. Septem-
ber 2016 verkündigte die Kanzlerin im Deutschen Bundestag erneut
prophetisch: »Deutschland wird Deutschland bleiben!« Wenn das kei-
ne Tautologie oder Plattitüde bezeichnet, ist es offenbar falsch. Hohle
Phrasen verselbständigen sich in der politischen Agenda aber leicht zu
Eigentoren. Nach verlorenen Landtagswahlen hat Merkel ihre Schaf-
fensphrase am 19. September 2016 denn auch als »Endlosschleife«
öffentlich bedauert. Nach dem Anschlag vom 19. Dezember 2016 in
Berlin fordert sie nun einen »starken Staat«.
Namhafte Juristen äußerten in letzter Zeit immer wieder ernste
Sorgen über den Umgang der europäischen Politik mit der Rechts-
und Verfassungsstaatlichkeit. So schreibt heute, 2016, der amtierende
Präsident des Bundesverfassungsgerichts: »Die Krise scheint die neue
Normallage der Politik […] Indes: Eine Ordnung kann nicht dauer-
haft im Modus der Krise operieren. Gesellschaft ist nur dort möglich,
wo Regel und Ausnahme als solche erkennbar sind.« 4 Vosskuhle plä-
diert hier, politisch zurückhaltend, nur vage für eine »Verfassung der
Mitte« und »Dogmatik der Verhältnismäßigkeit«.
Vielleicht brauchen wir heute erneut einen weiten Verfassungs-

3 www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Rede/2015/11/2015-11-23-merkel-staats-
aktes-helmut-schmidt.html
4 Andreas Vosskuhle, Die Verfassung der Mitte. Themenheft 101 der Siemens-Stif-

tung, München 2016, hier: 7, 9

152
Konstitutionalismus ohne »Verfassungsidee«?

begriff, der die Frage nach den »verfassungbildenden Kräften« im


Bewusstsein des prekären Guten stellt. Hoffentlich sehen wir diese
Frage dann nicht mehr allzu eilfertig im dogmatischen Bewusstsein
überlegener Antworten und Lösungen und halten auch unsere »nor-
mativistischen« Vorurteile, Optionen und Wünsche zurück. Bei sol-
cher Verfassungssuche und solchem »Ordnungsdenken« wäre Ernst
Rudolf Huber dann vielleicht eine Alternative zu Carl Schmitt. Hu-
bers jugendbewegten Glauben an die deutsche »Nation« und die Kraft
der konstitutionellen Bewegung teilen wir aber nicht mehr. Sein star-
ker verfassungstheoretischer Idealismus, wonach »Ideen« als eigen-
dynamische Kräfte und »Gestalten« Verfassung machen, ist uns
fremd geworden. Unser Schlusswerk hieße nicht »Nationalstaat und
Verfassungsstaat«. Wie könnte ein Titel lauten, der die Dynamik der
neueren konstitutionellen Bewegung in Such- und Zielbegriffe ein-
fängt?
Die verfassungsbildende Kraft von »Volk« und »Nation« war
Hubers jugendbewegte Hoffnung. Die »Kontinuität des deutschen
Verfassungsstaates« musste ihm nach 1918 und 1945 aber aus der
Perspektive des »Verfassungsnotstandes« fragwürdig sein. Sein Spät-
werk fundiert den Verfassungsstaat deshalb auch terminologisch in
der »Kulturverfassung«. 5 Sein Verhältnis zur Nationalkultur war
synoptisch und holistisch, entelechistisch und harmonistisch. Huber
verstand Nationalkultur als die Geschichte der Selbstauslegung der
Einheit und Ganzheit eines Volkes. 1903 geboren, prägte ihn, anders
als Schmitt oder Heidegger, nicht mehr der expressionistische Auf-
bruch zur »klassischen« Avantgarde. Er hatte kein polemisches Ver-
hältnis zur Nationalkultur und spielte Hölderlin nicht als Dichter des
20. Jahrhunderts gegen den »bürgerlichen« Neuhumanismus Goe-
thes aus. Bei der Wiedereröffnung der »Reichsuniversität« Straßburg
pries er Herders Durchbruch zum »gesamtdeutschen« Volksbewusst-
sein und Hegels »Gleichsetzung von Volk und Staat«. Die »totale«
Verstaatlichung des Volkes habe zwar ihre »Gefahren«, die europäi-
sche Durchsetzung dieses Volksstaats sei aber gerade »im deutschen
Elsass« wieder aufzunehmen. 6 Parallel dazu schrieb Huber am 7. De-
zember 1941 an Schmitt über die elsässischen Studenten: »Die jun-

5 Dazu Ernst Rudolf Huber, Bewahrung und Wandlung. Studien zur deutschen
Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Berlin 1975
6 Ernst Rudolf Huber, Aufstieg und Entfaltung des deutschen Volksbewusstseins,

Leipzig 1942

153
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

gen Leute wissen nichts von deutscher Geschichte, nichts von deut-
scher Literatur, nichts von der deutschen politischen Entwicklung der
letzten 25 Jahre – und es fehlen deshalb alle Assoziationen, auf die das
Kolleg angewiesen ist.« (CSHU 296) Die briefliche Aussage revoziert
den Festvortrag: An einen neuen Aufstieg und eine neue Entfaltung
deutschen Volksbewusstseins im besetzten Elsass konnte Huber nach
seiner brieflichen Feststellung eigentlich selbst kaum glauben. Die na-
tionalistische und »völkische« Phrase musste ihm unglaubwürdig
sein. Mehrfach deutet Schmitt in der Korrespondenz an, dass ihm ge-
rade die »Aufsätze über Goethe und ähnliches ziemlich fremd geblie-
ben« (CSHU 332) seien. Der Unterschied der Temperamente lässt sich
schon im Verhältnis zur Nationalkultur sehen: illusionistischer Holist
hier und Spalter dort. In den verfassungstheoretischen Kategorien
hieße das: Ordnungssucher hier und polemischer Dezisionist dort.
Huber erscheint uns heute als politischer Romantiker und Idea-
list. Die nationalistische Einheitsrhetorik scheint seine verfassungs-
theoretischen Einsichten völlig zu überblenden. Als Jurist analysierte
er immer im Raum der Antwort. Offenbar setzte er auf den National-
sozialismus als Antwort. Das »Büßerwerk« seiner monumentalen
Verfassungsgeschichte wurde zwar als vorsichtige Verteidigung der
konstitutionellen Monarchie gelesen. Die Huber-Debatte der 70er
Jahre, von Hans Boldt 7 mit initiiert und von Böckenförde dokumen-
tiert, 8 bezog sich aber nur auf die ersten Bände. Die letzten haben,
soweit ich sehe, keine größeren Debatten mehr angestoßen. Huber
schloss 1984 mit dem Untergang Weimars, den er ein halbes Jahr-
hundert zuvor, »nach dem Fehlschlag von 1932« (CSHU 564), leiden-
schaftlich begrüßt und beschleunigt hatte. Sicher optierte er mit
seinem Spätwerk nicht für die konstitutionelle Monarchie als Alter-
native zur parlamentarischen Demokratie. Sein Werk zeigt eine
Suchbewegung der Spannung von Verfassungsidee und Verfassungs-
wirklichkeit, »Volk« und Verfassung.
Die breite Klaviatur der Verfassungssemantik und großen Worte

7 Hans Boldt, Verfassungskonflikt und Verfassungshistorie. Eine Auseinanderset-


zung mit Ernst Rudolf Huber, in: Ernst-Wolfgang Böckenförde (Hg.), Probleme des
Konstitutionalismus im 19. Jahrhundert, Berlin 1975, 75–102; ders. Rezension: Ernst
Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, in: Geschichte und Gesell-
schaft 11 (1985), 252–271; vgl. auch ders., Einführung in die Verfassungsgeschichte,
Düsseldorf 1984
8 Ernst-Wolfgang Böckenförde (Hg.), Moderne deutsche Verfassungsgeschichte

(1815–1914), 2. Aufl. Königstein 1981

154
Konstitutionalismus ohne »Verfassungsidee«?

und Formeln lotete niemand sonst so wortreich aus. Kein anderer hat
aber den Prozess der Konstitutionalisierung auch so differenziert be-
schrieben. Hubers Werk harrt heute in seinen Fragen und Antworten
noch der detaillierten Wiederentdeckung. Die Apologie des National-
sozialismus ist dabei undiskutabel: Niemand musste sich als Jurist
derart aus dem Fenster lehnen, wie Schmitt und Huber es taten. Auch
hätte Huber sich in die Verfassungsgeschichte oder beredtes Schwei-
gen zurückziehen können. Die Weihen des Verfassungsbegriffes, die
er dem Behemoth überzog, waren peinlich und fatal. Man sollte die
damaligen »Rechtfertigungen des Unrechts« aber nicht unterkom-
plex als »Vereinheitlichung von Recht und Moral« 9 kategorisieren.
Wenigstens zwischen Moral, Politik und Recht wäre zu unterschei-
den. Statt von »Moralisierung« wäre in erster Annäherung auch bes-
ser von »Politisierung« zu sprechen, und die Strategien und Formen
der Politisierung des Rechts wären differenziert zu betrachten. Juris-
ten pflegen nicht die Sprache der Moral, sondern orientieren sich an
der Legalität. Dabei unterstellen sie die Legitimität des Rechtssys-
tems im Ganzen gegenüber Inkonsequenzen und Unregelmäßigkei-
ten im Detail. Das Ethos des Juristen 10 besteht gerade in der Selbst-
relativierung und Distanzierung der eigenen moralischen Urteile und
Intuitionen zugunsten der kollektiven »Sittlichkeit« und Verrecht-
lichung normativer Standpunkte. Moralische Disqualifizierungen
juristischen Handelns sind deshalb heikel. Solange Rechtswissen-
schaftler als – mehr oder weniger extensive – Ausleger der Legalität
sprechen, ist ihr Urteil als Rechtsurteil gegen moralische Vorhaltun-
gen immunisiert. Juristen fügen sich der Legitimität und Legalität.
Und die Legitimität der Legalität liegt dabei bisweilen nicht so ein-
fach, dass Recht und Moral eindeutig zu unterscheiden wären.
Huber war kein Politiker, sondern Jurist. Er vertrat allerdings
eine dezidiert politische Verfassungslehre und ein Recht auf Revolu-
tion. Wo Schmitt Liberalismus und Demokratie antithetisch spannte
und einem plebiszitär legitimierten Caesarismus zuneigte, fügte er
den »Nationalismus« 11 als politische Idee hinzu. Den älteren Natio-

9 So Herlinde Pauder-Studer, Einleitung, in: dies / Julian Fink (Hg.), Rechtfertigun-


gen des Unrechts. Das Rechtsdenken des Nationalsozialismus in Originaltexten,
Frankfurt 2014, 15–135, hier: 134; vgl. auch Christoph Möllers, Ernst Rudolf Hubers
letzte Fußnote. Die normative Ordnung des Nationalsozialismus und die Grenzen der
Kulturgeschichte, in: Idee. Zeitschrift für Ideengeschichte (2016), Heft 1, 47–64
10 Dazu Ernst-Wolfgang Böckenförde, Vom Ethos des Juristen, Berlin 2011

11
Ernst Rudolf Huber, Vom Sinn der Verfassung, Hamburg 1935

155
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

nalliberalismus rechtfertigte er dezidiert nationalistisch. 12 Er argu-


mentierte aber vergleichsweise unpolemisch mit starken Linien und
Begriffen. »Verfassungsideen« sind hermeneutische Konstrukte,
Ziel- und Sinnbestimmungen ex post von der nachträglichen Rekon-
struktion her. Der Holismus der Einheitsbehauptung und die natio-
nalistische Emphase hat das Verfassungsdenken lange kontaminiert.
Welcher Idee und Ordnung des »Reiches« Huber genau zuneigte und
welchen Kreisen er sich vor und nach 1945 eigentlich verbunden
fühlte, lässt sich im Gebirge des Werkes oft nur schwer sagen. Seine
elegant geschwungene Prosa hat etwas Elegisches. Huber war ein ju-
gendbewegter Nationalist aus der »Generation des Unbedingten«. Als
Meisterschüler Schmitts war er auch dessen Zauberlehrling: Vor
1933 schon suchte er Schmitt verfassungstheoretisch besser zu ver-
stehen als dieser sich selbst. Dabei warf er eine zentrale Forschungs-
frage auf: die Frage nach dem Verhältnis von Entscheidung und Ord-
nung. Seine frühe Revision von Schmitts »Dezisionismus« blieb für
sein weiteres Verfassungsdenken leitend, wie hier gezeigt werden
soll.

2. Der Bonner Schüler

Huber wurde 1903 in Oberstein geboren, das damals als Exklave des
Großherzogtums Oldenburg staatsrechtlich zur preußischen Rhein-
provinz gehörte. Der dortige Bergbau lieferte auch Kristalle und Edel-
steine. Als Huber seine Dissertation abschließt, bittet Schmitt ihn um
den Ankauf von Edelsteinen, die Huber umgehend »als Geschenk«
(CSHU 51) besorgt und die Schmitt, trotz anfänglicher Weigerung,
letztlich 13 annimmt. Diese fragwürdige Gabe ist wie ein anfängliches
Symbol der Beziehung. Hubers Verhältnis zu Schmitt war höchst
ambivalent. Einerseits sah er sich immer als Schmitts Schüler an
und andererseits sah er doch nicht nur manche charakterliche Makel,
sondern empfand dessen Politisierung des Verfassungsdenkens auch
als Verhängnis. Huber sah in Schmitt den Quartiermacher seines fa-

12 Für die nationalistische Verteidigung des Nationalliberalismus etwa Ernst Rudolf


Huber, Friedrich Christoph Dahlmann und die deutsche Verfassungsbewegung, Ham-
burg 1937
13 Dazu Schmitts Brief vom 28. 3. 1931 (CSHU 79): »Einen der schönen Amethyste

[…], den Sie mir einmal schenkten, habe ich verloren.«

156
Der Bonner Schüler

talen nationalsozialistischen Engagements, ohne seine Schuld ganz


auf den Lehrer abschieben zu wollen. Der harte Stein der Verstri-
ckung blieb ihm unverdaulich. Eine ganze »Kette von Missverständ-
nissen« kommt im Briefwechsel zur Sprache. Immer wieder ver-
sichert Huber auch seine Loyalität. Nach 1945 suchte er mit Schmitt
zwar erneut das Gespräch und pflegte seit den 50er Jahren mehr
pflichtschuldig und gelegentlich die Korrespondenz; die Wiederbe-
gegnung nach 1945 mied er aber, auch wenn er sich immer wieder
zu seinem prägenden Lehrer bekannte.
Seit dem Sommersemester 1924 studierte Huber in Bonn und ab
dem Wintersemester 1924/25 nahm er an Schmitts Seminar teil. An-
fang 1926 legte er sein Erstes Staatsexamen ab und schloss noch im
gleichen Jahr, parallel zum Referendariat, seine Dissertation ab.
Schmitts Gutachten vom November 1926 schätzt bereits den Stil der
»musterhaften Sachlichkeit und der ruhigen Sicherheit, mit der ein
besonders schwieriges und delikates Thema behandelt ist« (CSHU
395). Nach seinem Zweiten Staatsexamen wurde Huber im Herbst
1930 Assistent von Heinrich Göppert in Bonn und habilitierte sich
dort 1931. Parallel zu seinen staatskirchenrechtlichen und wirt-
schaftsverwaltungsrechtlichen Arbeiten begann er damals seine ver-
fassungstheoretische Auseinandersetzung mit Schmitts Schriften,
warf sich in die nationalistischen Kreise der »Konservativen Revolu-
tion« und publizierte zahlreiche pseudonyme Artikel und Rezensio-
nen in deren Organen. Schmitt war 1928 an die Berliner Handels-
hochschule gewechselt. Huber schrieb ihm am 20. Oktober 1931,
»wie sehr ich gerade in diesen Jahren, in denen ich äußerlich von
Ihnen getrennt war, Ihr Schüler geworden bin.« (CSHU 93) Schon
in den ersten verfassungstheoretischen Arbeiten trat er aber auch
selbstständig auf. Er bezog sich stärker auf Hegel und betonte nach-
träglich auch den starken Einfluss von Rudolf Smend und Erich Kauf-
mann auf seine Theoriebildung. 14 Huber gehörte der Jugendbewe-
gung an und bekannte sich auch nach 1945 noch zur »bündischen«
Bewegung. Er war Protestant und rezipierte die theologischen Debat-
ten intensiv, vertrat aber einen starken Primat des Nationalismus.
Schülerschaft bestimmt sich zunächst nach formalen Kriterien
der Zugehörigkeit zum Seminar, des Abschlusses von Qualifikations-

14
Dazu Ernst Rudolf Huber, Verfassungswirklichkeit und Verfassungswert im
Staatsdenken der Weimarer Zeit, in: Arbeiten zur Rechtsgeschichte. FS Schmelzeisen,
Stuttgart 1980, 126–141

157
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

arbeiten und einem Mitarbeiterstatus. Die »Schmitt-Schule« ist von


Anfang an heterogen. In erster Annäherung lassen sich vier Genera-
tionen unterscheiden: Bonner Schüler, Berliner Schüler vor und nach
1933 sowie bundesrepublikanische Schüler. Das lässt sich weiter dif-
ferenzieren. Die »bundesrepublikanischen« Schüler standen nicht
mehr in einem formalen Schülerverhältnis. Formale Schüler müssen
keine Schmittianer oder Schmittisten sein. »Schmittisten« nehmen
einzelne Anregungen auf und schmücken ihre Schriften mit Schmitt;
»Schmittianer« gehen aufs Ganze und rezipieren das Verfassungs-
denken im ganzen Assoziationsraum und Kontext »Politischer Theo-
logie«. Epigonale Anschlüsse machen noch nicht den »Schmittianer«.
Niemand kann heute auch ernstlich dem Radikalismus und der Eso-
terik Schmitts folgen. Bedeutende Schüler folgen nicht sklavisch.
Schmitt erkannte Niveau und wusste zwischen originären Schülern,
Epigonen und bloßen Wiederkäuern zu unterscheiden. Huber pro-
movierte zwar nicht mit der Bestnote; spätestens seit 1931 wusste
Schmitt aber um das außerordentliche Niveau und den Charakter
Hubers. So ermutigte er ihn auch zu »kritischen Äußerungen«
(CSHU 83). Und auch Huber meinte gegenüber Schmitt:
»Ich habe immer gefunden, dass sich in der Fähigkeit zum Streitgespräch
die echte Gemeinschaft am sichersten und lautersten bewährt. Deshalb mei-
ne ich auch immer noch, dass Ihre treuesten Freunde diejenigen waren, die
es auf sich nahmen, Ihnen mit Widerspruch zu begegnen.« (CSHU 333)

Für Schmitt galt die Trennung von Promotion und Habilitation.


Schüler sollten sich als Habilitanden anderswo bewähren. Erst nach
1933 habilitierte er einige überraschende Kandidaten. Nicht alle Pro-
movenden und Habilitanden waren enge Schüler. Gerade in Bonn
betreute er einige Arbeiten mehr betriebsbedingt. Mit einigen seiner
Doktoranden stand er aber im engen persönlichen Gespräch. Lang-
jährige Mitarbeiter waren Ernst Friesenhahn, Karl Lohmann und der
NS-Aktivist Herbert Gutjahr. Schmitt pflegte auch freundschaftliche
Kontakte mit »linken« Schülern wie Otto Kirchheimer, neigte aber
zunächst mehr den katholischen und dann den nationalistischen
Kreisen zu. Viele seiner Beziehungen entwickelten sich negativ. Die
politischen Zäsuren von 1930 und 1933 waren auch Bruchlinien per-
sönlicher Beziehungen. 1933 brach Schmitt alle seine Kontakte mit
»linken« und »jüdischen« Freunden und Bekannten ab. Sein radikales
Engagement führte dann zu weiteren Verwerfungen. Enge Bonner
Schüler – wie Friesenhahn, Becker, Forsthoff und auch Huber – bra-

158
Der Bonner Schüler

chen nach 1933 für einige Zeit oder gänzlich mit Schmitt. Nach 1933
wählte Schmitt seine Doktoranden auch nach politischen Kriterien
aus. Seine nationalsozialistischen Schüler konnten in der Bundes-
republik dann keine akademische Karriere mehr machen. Nur die
frühen Bonner Schüler repräsentieren die juristische »Schmitt-Schu-
le« im formalen Sinn. Huber konnte dabei, wie Grothe 15 gezeigt hat,
nach seiner nationalsozialistischen Belastung erst spät wieder auf
einen randständigen Lehrstuhl zurückkehren und arbeitete nach 1945
primär wirtschaftsrechtlich und verfassungshistorisch.
Er gehörte nicht zu den ältesten Bonner Schülern (wie Bernhard
Braubach, Alois Zimmer, Hermann Reiners oder Werner Becker) und
trat erst nach seinem Staatsexamen, ab 1926 etwa, mit der Arbeit an
seiner Dissertation in näheren Kontakt. Als er in Bonn ankommt, ist
Schmitt dort inzwischen eingelebt. Er hat die Trennung von seiner
ersten Frau Carita Dorotić vollzogen, seine Affäre mit Kathleen Mur-
ray verwunden und ist bereits mit seiner späteren Frau Duschka To-
dorović liiert, die Huber als aktive Seminarteilnehmerin erinnert.
Seine erste Ehe ist annuliert, die Parlamentarismuskritik publiziert,
die katholische, nicht zuletzt scheidungstechnisch gehisste Flagge he-
runtergefahren und der Weg in die Ausarbeitung der Verfassungs-
lehre ist gebahnt. Damals tritt Schmitt aus dem katholischen Milieu
und Selbstverständnis heraus. Der enge Umgang mit Wilhelm Neuss
bricht ab und Erik Peterson wird sein engster theologischer Ge-
sprächspartner.
Als Huber 1924 in Bonn ankommt, lernt er Schmitt nicht mehr
in dessen Übergangsphase, sondern in der Konzentration auf die Aus-
arbeitung seiner Verfassungstheorie kennen. Dass Schmitt sein rö-
misch-katholisches Credo damals bereits zurückgenommen hatte,
war für die staatskirchenrechtliche Dissertation des Protestanten ver-
mutlich nicht unwichtig. Erst nach Schmitts Bruch mit der Kirche
war ihm die nüchterne Behandlung staatskirchenrechtlicher Fragen
eigentlich möglich. Die Bonner Zeit waren relativ »goldene« Jahre
der Stabilisierung der Weimarer Republik nach der Hyperinflation

15 Ewald Grothe, Über den Umgang mit Zeitenwenden. Der Verfassungshistoriker


Ernst Rudolf Huber und seine Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart
1933 und 1945, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 53 (2005), 216–235; ders.,
»Strengste Zurückhaltung und unbedingter Takt«. Der Verfassungshistoriker Ernst
Rudolf Huber und die NS-Vergangenheit, in: Eva Schumann (Hg.), Kontinuitäten
und Zäsuren. Rechtswissenschaft und Justiz im ›Dritten Reich‹ und in der Nach-
kriegszeit, Göttingen, 327–348

159
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

von 1923. Vor 1924 war Schmitt von »katholischen« Fragen präokku-
piert; 1927 stellte er dann die Pflege der Schülerbeziehungen hinter
die rasante Abfassung seiner Verfassungslehre etwas zurück. Huber
erlebte den gereiften Bonner Lehrer, der sich auf das juristische Kern-
geschäft der Ausarbeitung seiner Verfassungstheorie konzentrierte.
Friesenhahn wurde damals Schmitts Assistent. Im Rückblick erwähnt
Huber auch den Umgang mit Werner Weber und Ernst Forsthoff.
Wahrscheinlich war Schmitt gerade in diesen Jahren als Verfassungs-
theoretiker besonders anregend. Nach der Promotion und seinem Re-
ferendariat wechselte Huber dann, auf Schmitts Vermittlung hin, ins
Wirtschaftsverwaltungsrecht über und warf sich in die publizistische
Bewegung der »konservativen Revolution«. Er reflektierte dabei auch
auf verfassungstheoretische Grundbegriffe und führte seine Über-
legungen in seine erste große Auseinandersetzung mit Schmitts
Verfassungslehre zusammen. Seine Bibliographie weist damals auch
kleinere Rezensionen und Artikel zum Protestantismus und Natio-
nalismus aus: Huber publizierte über »Geschichte und Dogma«, »Kir-
che und Theologie«, »Religion und Politik«, über »Protestantismus
und Sozialismus« und beobachtete 1931 bereits, nach den September-
wahlen von 1930, die Reaktionen diverser politischer Richtungen auf
den dramatischen Stimmenzuwachs des Nationalsozialismus. 16
Schmitt bezog ihn dann in seine staatsrechtliche Ausdeutung des
»Preußenschlages« ein und organisierte dafür im Vorfeld des Leipzi-
ger Staatsgerichtshofprozesses auch ein Honorar. Es steht außer
Zweifel, dass Huber trotz seiner intellektuellen Eigenständigkeit und
des spannungsvollen Verhältnisses nach formalen wie sachlichen Kri-
terien als enger Schüler zu bezeichnen ist.

3. Huber als Ahnherr der Dezisionismus-Kritik

Ich beschränke mich hier auf die verfassungstheoretische Debatte


und vernachlässige die verfassungspolitischen, verfassungsrecht-

16 Dazu vgl. Ernst Rudolf Huber (pseudonyme Artikel), Nationalsozialismus und


kirchliche Publizistik, in: Der Ring 4 (1931), 567–568; Sozialistische Deutung und
Kritik des Nationalsozialismus, in: Der Ring 4 (1931), 568–569; Sozialrevolutionärer
Nationalismus, in: Der Ring 4 (1931), 569; Reich Gottes-Marxismus-Nationalsozia-
lismus, in: Der Ring 4 (1931), 921; vgl. auch Hubers Kritik an der preußischen Wei-
gerung, Nationalsozialisten zu verbeamten: Die politische Freiheit der Beamten, in:
Deutsches Volkstum 14 (1932), 418–419

160
Huber als Ahnherr der Dezisionismus-Kritik

lichen und verfassungsgeschichtlichen Anknüpfungen und Aus-


einandersetzungen. Ich erörtere also nicht Hubers Mitarbeit bei der
Ausdeutung des Präsidialsystems und des Leipziger Prozesses 17 oder
die rechtsdogmatischen Differenzen in der Apologie des Nationalso-
zialismus. Ich vergleiche nicht die Kollaboration, kläre Hubers Stel-
lung zwischen Schmitt und »Kieler Schule« nicht und erörtere auch
die eindringlichen reflexiven Auseinandersetzungen im Spiegel der
Verfassungsgeschichte nicht: die abweichende Deutung des Konstitu-
tionalismus, wie sie mit Heer und Staat hervortritt und schon vor
1945 in bedeutenden Briefen gespiegelt ist.
Ich vertrete die These, dass Huber der erste und wichtigste ver-
fassungstheoretische Kritiker von Schmitts »Dezisionismus« war und
Schmitt seine idealtypische Polarisierung des »Normativismus« und
»Dezisionismus«, 1922 in der Politischen Theologie programmatisch
formuliert, unter dem Eindruck von Hubers früher Kritik um die
Kategorie des »Ordnungs- und Gestaltungsdenkens« erweiterte. Es
soll hier weiter gezeigt werden, dass Huber seine Dezisionismus-Kri-
tik in seine eigene Verfassungstheorie und Verfassungslehre von der
»völkischen Verfassung« übersetzte und die Verhältnisbestimmung
von »Dezisionismus« und »Ordnungsdenken« auch nach 1945 in der
rückblickenden »Vergangenheitsbewältigung« und Formulierung der
persönlichen Spannungen und »Wesensverschiedenheiten« (CSHU
332) leitend blieb. Terminologisch hielt Huber an seiner verfassungs-
theoretischen Revision des »Dezisionismus« fest. Diese Übersetzung
der verfassungstheoretischen Kategorien in die nationalsozialistische
Verfassungsdogmatik wird hier aber nur angedeutet. Die Überset-
zungsthese behauptet nicht, dass Hubers nationalsozialistische Aus-
legung zwingend war. Die verfassungstheoretischen Kategorien sind
für sich genommen abstrakt und politisch neutral. Die Debatte um
»Dezisionismus« und »Ordnungsdenken« verdient deshalb auch
theoretisches Interesse jenseits der verfassungspolitischen Kontexte
und Konsequenzen, die Schmitt und Huber sahen. Eine systemati-
sche Diskussion dieser Kategorien ist hier im Rahmen eines Huber-
Aufsatzes aber nicht beabsichtigt.
Aus Sicht der Schmitt-Forschung lassen sich »geisteswissen-
schaftliche« und »juristische« Rezeptionsstränge unterscheiden.

17
Ernst Rudolf Huber, Reichsgewalt und Staatsgerichtshof, Oldenburg 1932; zum
»bedenklichen« Ausgang des Prozesses dann (pseudonym) ders, Das Urteil des Staats-
gerichtshofs, in: Deutsches Volkstum 14 (1932), 985–986

161
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

Schmitts Werk wurde spätestens seit Erscheinen der Politischen Ro-


mantik stark diskutiert. Schmitts Romantikdeutung wurde dabei aus
Sicht des Mehrheitskatholizismus stark kritisiert und sein »katho-
lisches« und »theologisches« Selbstverständnis war von Anfang an
umstritten. Markiert Hugo Balls Hochland-Essay 18 den Auftakt der
»geisteswissenschaftlichen« Debatten um Schmitts »Politische Theo-
logie«, so eröffnete Hubers Kritik die verfassungstheoretische Debat-
te um Schmitts Werk. Mit der Broschürefassung des Begriffs des
Politischen verschob sich die Debatte dann in die Richtung philoso-
phischer Rezeptionen. Viele Topoi späterer Kritik finden sich schon
vor 1933. Die Dezisionismus-Kritik wird dabei auch heute noch als
ein Kern kritischer Auseinandersetzung mit Schmitts Werk verstan-
den. Hubers verfassungstheoretischer Auftakt blieb deshalb weg-
weisend. Auch heute noch muss eine systematische Rezeption die
grundsätzlichen Fragen nach »Dezisionismus« und »Ordnungsden-
ken« klären. Auch Balls Essay lässt sich in diese Debatten stellen, las
Ball die Apologie der »politischen Form« des Katholizismus doch als
Schmitts Selbstrevision des Dezisionismus. In Balls Lesart hatte
Schmitt schon 1923 mit der Kirche die Antwort gefunden und den
Schritt zurück aus der Dezision in die Autorität der Form gefunden.
So lasen es auch andere »katholische« Schüler, wie Waldemar Gurian.
Schmitts Bruch mit der Kirche erzwang dann aber eine neue Lesart
des Verhältnisses von Entscheidung und Ordnung.
Huber löste die Debatte aus ihrer »theologischen« Bedeutungs-
dimension und abstrahierte und emanzipierte sie von ihrer starken
Verbindung mit konfessionellen Fragen. Er autonomisierte den ver-
fassungstheoretischen Schmitt-Diskurs, trennte ihn von den initialen
religiösen und theologischen Fragen und mied auch philosophische
Bezüge. Mit seiner nationalistischen Rezeption belastete er dabei die
verfassungstheoretische Rezeption allerdings erneut und politisierte
sie in problematischer Weise. Verfassungstheorie, Verfassungspolitik
und Verfassungsrecht waren schon bei Schmitt nicht streng getrennt.
Schmitt verstand Jurisprudenz als eine praktische Wissenschaft, die
er aus der Teilnehmerperspektive eines »nationalistisch« gebundenen
Akteurs betrieb. Den Gegensatz von Teilnehmer- und Beobachterper-
spektive profilierte er dabei nicht zuletzt gegen Kelsen. Huber folgte
seinem Lehrer in allen diesen Fragen: sowohl in der Emanzipation der
Verfassungstheorie von starken konfessionellen, theologischen und

18
Hugo Ball, Carl Schmitts Politische Theologie, in: Hochland 21 (1924), 263–285

162
Huber als Ahnherr der Dezisionismus-Kritik

philosophischen Explikationen als auch in der verfassungspolitischen


Kontamination.
Als Ahnherr der verfassungstheoretischen Dezisionismus-Kritik
vertrat Huber also eine bestimmte Variante. Wirkungsgeschichtlich
wurden andere einflussreicher. Die Schmitt-Forschung bezog sich
stärker auf die polemischen Darstellungen seit Helmut Kuhn, Walde-
mar Gurian und Karl Löwith. 19 Gurian vertrat dabei die »katholische«
Kritik, Kuhn und Löwith betonten einen starken Konnex von Dezisio-
nismus und Existentialismus und suchten durch Schmitt hindurch
nicht zuletzt Heidegger zu treffen. 20 Sie vertraten einen Konnex von
Dezisionismus und Existentialismus sowie eine Komplementarität
wechselseitiger Ergänzung und Erhellung von Heideggers »Existen-
tialismus« und Schmitts Verfassungstheorie. Dabei lasen sie Schmitts
Theorie politisch und verstanden das nationalsozialistische Engage-
ment als eine nahe liegende, wenn auch nicht zwingende Konsequenz.
Neben dem Konnex von Dezisionismus und Existentialismus und der
Komplementarität von Schmitt und Heidegger betonten sie also auch
eine Identität von Theorie und Praxis und eine Affinität zwischen der
politischen Verfassungslehre und dem nationalsozialistischen Enga-
gement. Dabei muss hier nicht weiter interessieren, dass Kuhn stärker
als Löwith auf Sokrates und Platon als philosophische Alternative
zum zeitgenössischen Existentialismus (Heideggers) verwies. Kuhn
publizierte seine Kritik im April 1933; Löwith antwortete mit seiner
Besprechungsabhandlung, ebenso wie Gurian, bereits auf Schmitts
nationalsozialistische Entscheidung. Löwith formulierte deshalb eine

19 Helmut Kuhn, Politik, existenzphilosophisch verstanden. Eine Auseinanderset-


zung mit Carl Schmitts ›Der Begriff des Politischen‹, in: Kant-Studien 38 (1933),
190–196; Waldemar Gurian, Entscheidung und Ordnung. Zu den Schriften von Carl
Schmitt, in: Schweizerische Rundschau 34 (1934), 566–576; Karl Löwith, Der Okka-
sionelle Dezisionismus von C. Schmitt, in: ders., Gesammelte Abhandlungen. Zur
Kritik der geschichtlichen Existenz, Stuttgart 1960, 93–126; einige weitere Auseinan-
dersetzungen wären zu nennen, so etwa wichtige Besprechungen der Verfassungs-
lehre durch Otto Hintze (HZ 139, 1929, 562–568), Fritz Hartung (ZgStW 82, 1929,
225–239), Karl Larenz (BldPh 5, 1931, 159–162) und Erich Voegelin (ZöR 11, 1931,
89–109), Otto Kirchheimers Einwand des »Begriffsrealismus« (ASwSp 68, 1932/33,
457–487), Leo Strauss’ »liberale« Deutung des Begriffs des Politischen (ASwSp 67,
1932, 732–749) oder auch Aurel Kolnais (ZgStW 94, 1933, 1–38) Vorwurf eines bel-
lizistischen »Primats der Außenpolitik« und der Ziellosigkeit.
20
Dazu ausführlicher Verf., Formalismus, Dezisionismus, Nihilismus. Jüdische Hei-
degger-Schüler als Schmitt-Kritiker, in: ders., Heideggers ›große Politik‹. Die seman-
tische Revolution der Gesamtausgabe, Tübingen 2016, 93–117

163
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

starke Variante der Affinitätsthese: Er übernahm die ältere pole-


mische Strategie, die Romantikkritik gegen Schmitt zu wenden, und
betrachtete den dezisionistischen »Okkasionalismus« als politischen
Opportunismus. Im Kern seines Arguments betonte er also keine
starke ideologische oder weltanschauliche Affinität, sondern sah die
Affinität eher moralisch in einer Art konstitutionellen Charakter-
losigkeit begründet.
Ähnlich argumentierten auch Gurian sowie der einflussreiche
nationalsozialistische Rivale Otto Koellreutter. Schmitts Selbsthis-
torisierung des Entscheidungs- und Ordnungsdenkens wurde damals
auch in nationalsozialistischen Schülerarbeiten rezipiert; Günther
Krauß 21 und Hans Krupa 22 skizzierten eine Entwicklungsgeschichte
des Werkes und einen Schritt vom »Dezisionismus« zum »Ord-
nungsdenken«, der weiteres Öl in das Feuer des Opportunismusver-
dachtes goss. Gurian, Löwith und Koellreutter wollten damals, aus
konträren politischen Interessen, Schmitts nationalsozialistische Kar-
riere stoppen und stürzen. Nachweislich wurde der massive Opportu-
nismusvorwurf aus der Emigration von den nationalsozialistischen
Rivalen für Schmitts Akte, Fall und Sturz verwendet. Auch ideologi-
sche Differenzen wurden bemüht.
Wichtig ist hier, dass bereits Ende 1936, bei Schmitts Sturz, ver-
schiedene Varianten der Dezisionismuskritik vorlagen, die in diverse
Auslegungsrichtungen gingen. Die weitere Schmitt-Forschung rezi-
pierte aber nicht alle Pfade gleich intensiv. Der historische Befund
dürfte vielmehr zeigen, dass fast ausschließlich Löwiths Variante –
zunächst wohl bei René König – zündete. Insbesondere an Löwith
knüpften nach 1945 dann die wegweisenden und wirkmächtigen Dar-
stellungen von Christian von Krockow 23 und Hasso Hofmann 24 an. In
der frühen Auseinandersetzung wurde Schmitts Bekenntnis zum
»Dezisionismus« mit Etatismus und Formalismus, Hobbesianismus,
Existentialismus, okkasionalistischem Opportunismus und Nihilis-
mus eng verbunden. Die Debatten tendierten zu starken Bejahungen

21 Günther Krauß, Zum Neubau deutscher Staatslehre. Die Forschungen Carl


Schmitts, in: Jugend und Recht 10 (1936), 252–253
22 Hans Krupa, Carl Schmitts Theorie des ›Politischen‹, Leipzig 1937

23 Christian von Krockow, Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst Jünger,

Carl Schmitt und Martin Heidegger, Stuttgart 1958


24
Hasso Hofmann, Legitimität gegen Legalität. Der Weg der Politischen Philosophie
Carl Schmitts, Neuwied 1964; vgl. dazu Verf., Der menschenrechtliche Einwand. Has-
so Hofmanns Antwort auf Carl Schmitt, in: Der Staat 47 (2008), 241–257

164
Die Spannung der »Gestalten«

und suggestiven Identifikationen. Schmitt wurde als normblinder


Dezisionist, Formalist und Nihilist verstanden, der einem politischen
Opportunismus auf der Basis eines Hobbesianischen Existentialismus
zuneigte. Was das im Einzelnen heißen kann, muss hier nicht aus-
geführt werden.

4. Die Spannung der »Gestalten«

Nach Hubers Zweitem Staatsexamen intensivierte sich 1930 erneut


der Kontakt. Huber liest die Fahnen des Hüters der Verfassung Kor-
rektur, schreibt eine pseudonyme Rezension und schließt unter dem
Titel Verfassung und Verfassungswirklichkeit bei Carl Schmitt 25 eine
erste Gesamtwürdigung des verfassungstheoretischen Ansatzes an.
Er verzichtet dabei auf ein längeres Referat der Beschreibung der Ver-
fassungslage und schreibt an Schmitt:
»Ich will vielmehr untersuchen, in welchem Sinn solche verfassungspoliti-
schen Entwicklungserscheinungen überhaupt Gegenstand einer ›Verfas-
sungstheorie‹ sein können. Dazu bedarf es einer Auseinandersetzung mit
dem ›positiven Verfassungsbegriff‹, der Ihrer Verfassungslehre zugrunde
liegt. Ich hoffe zeigen zu können, dass Gegenstand einer wirklichen Ver-
fassungslehre (wie Sie sie begründet und systematisch aufgebaut haben)
gerade die Spannung ist, die zwischen der ›geltenden‹ Verfassung und den
›Erscheinungen der Verfassungswirklichkeit‹ besteht, dass also weder eine
statische noch eine rein dynamische Betrachtung, ebenso weder eine rein
normative noch eine existentielle Betrachtung zu einer wirklichen Verfas-
sungstheorie führt.« (CSHU 80)
Huber bezeichnet damit präzise seine Fragestellung und seinen Stand
zwischen Schmitt und Smend, Hans Kelsen und Hans Freyer und
schreibt bereits offen, dass er »Bedenken gegen die Definition der
Verfassung als ›Entscheidung‹« (CSHU 81) habe.
Huber verliert sich in seiner Rezensionsabhandlung nicht in
Einzelheiten, sondern fragt nach dem Fortschritt des Hüters der Ver-
fassung über die Verfassungslehre hinaus. Was bedeutet die Analyse
der »konkreten Verfassungslage« geltungstheoretisch oder rechtsphi-
losophisch für den Ansatz der Verfassungslehre? Huber findet hier

25
Ernst Rudolf Huber, Verfassung und Verfassungswirklichkeit bei Carl Schmitt, in:
Blätter für Deutsche Philosophie 5 (1931/32), 302–315; hier zitiert nach dem Wieder-
abdruck in: ders., Bewahrung und Wandlung, Berlin 1975, 18–36 (BW)

165
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

eine wichtige Präzisierung des Verhältnisses von »absoluter« und


»positiver« Verfassung. Dabei schreckt er nicht davor zurück,
Schmitts Ansatz zu präzisieren: Lässt sich »dezisionistisch« von einer
»positiven« Verfassungsentscheidung sprechen, wenn eine Verfas-
sung »absolut« gegeben ist? Die »absolute« Verfassung steht nicht
zur vollen Disposition der Verfassungsgebung. Ein »Minimum un-
mittelbar gegebener Form« (BW 23) ist stets vorausgesetzt. Huber
zieht die Konsequenz, man müsse »darauf verzichten, die ›bewusste
Gestaltung‹ durch den Träger der verfassunggebenden Gewalt als ihre
entscheidende Grundlage anzusehen.« (BW 25) Terminologisch
schlägt er vor, den Begriff der »Entscheidung« durch »Gestaltung«
zu ersetzen. »Verfassungsgebung ist vielmehr bewusste Gesamt-
gestaltung« (BW 22), »Verfassungsgestaltung«. Damit führt er die
terminologische Differenzierung zwischen dem »Dezisionismus«
und dem konkreten »Ordnungs- und Gestaltungsdenken« ein, die
Schmitt 1934 als wesentliche Weiterentwicklung seiner Politischen
Theologie exponieren wird. Der damals inflationär gebrauchte, vom
George-Kreis stark besetzte Gestaltbegriff bleibt für Huber zentral.
So publiziert er 1934 eine Broschüre über Die Gestalt des deutschen
Sozialismus. 1937 schreibt er: »Im Begriff der ›Gestalt‹ ist der Gegen-
satz von dynamischer Kraft und statischer Form zu einer neuen
Ganzheit verbunden.« 26 Schmitt registrierte die »Meinungsverschie-
denheit über den Gestalt-Begriff« (CSHU 173); Huber verweist für
seine Auffassung auf Hegel.
1931 bereits zieht er aus seiner Revision des »Dezisionismus«
noch eine Konsequenz: Er hält den Streit zwischen einer »statischen«
und einer »dynamischen« Verfassungstheorie, wie Schmitt ihn als
Differenzpunkt zu Smend profilierte, für ein Scheingefecht. Die säu-
berliche Trennung zwischen »Dezision« und »Integration«, wie sie
die Frontlager der Schulen nach 1945 bestimmte, 27 sei falsch. Die Ver-
fassung sei als Herrschaftsordnung ein »Faktum, das aus sich selbst
Geltung beanspruchen kann« (BW 27) und eine Dynamik des Wer-
dens ordnet. Schmitt habe diese »Spannung zwischen unmittelbarer
realer Gegebenheit und normativer Geltung« (BW 29) erkannt. Da-
mit wahre er den Unterschied »zwischen einer [genuin juristischen]

26
Ernst Rudolf Huber, Verfassung, Hamburg 1937, 69
27 Dazu Frieder Günther, Denken vom Staat her. Die bundesdeutsche Staatsrechts-
lehre zwischen Dezision und Integration 1949–1970, München 2004

166
Die Spannung der »Gestalten«

Verfassungstheorie und einer politischen Soziologie« (BW 27). Eine


juristische Verfassungslehre beschreibt Verfassungszustände, die le-
gitimerweise »aus sich selbst Geltung beanspruchen« (BW 27) dür-
fen. Nicht jeder Verfassungszustand verdient Geltung.
Hubers verfassungstheoretische Lesart, dass Schmitts Geltungs-
lehre einen »absoluten« Begriff der Verfassung impliziert, der, im
Unterschied zur soziologischen Zustandsbeschreibung, in sich dyna-
misch ist und die Spannung von Verfassungswirklichkeit und Verfas-
sungsgeltung positiv qualifiziert, ist anregend und wohl auch zutref-
fend. Huber stellt klar, dass Schmitts »positiver« Verfassungsbegriff
»absolute« Voraussetzungen hat und eine »dynamische« Spannung
und normative Perspektive auf den Verfassungswandel berechtigt.
Anknüpfend an Schmitts negative Beschreibungen der konkreten
Verfassungslage und Tendenzen von »Polykratie« und »Föderalis-
mus«, sieht er sich deshalb auch gezwungen, die Entwicklungen nor-
mativ zu bewerten und negative Entwicklungstendenzen von positi-
ven abzuscheiden.
Hubers Kriterium scheint die staatliche »Einheit« zu sein: Dyna-
mische Entwicklungen sind nur dann normativ berechtigt, wenn sie
der »Einheit« dienen. Huber erörtert die normativen Kriterien der
Wertung von legitimen und illegitimen Entwicklungsdynamiken
aber nicht näher, sondern führt stattdessen die Rede von »Herr-
schaft« und »politischer Idee« ein: »Nur die Herrschaft ist ein Fak-
tum, das aus sich selbst Geltung beanspruchen kann.« (BW 27) »Die
konkrete Herrschaft ist durch eine tragende politische Idee legitimiert
und besitzt eben dadurch den Anspruch auf dauernde Geltung.« (BW
28) Dieser normativ aufgeladene Begriff von »Herrschaft« knüpft
weder an Max Webers beschreibende Herrschaftssoziologie noch an
Schmitts Terminologie an. Huber scheint die »Herrschaft« auch zu
personalisieren und an bestimmte Eliten zu denken, die »tragende
politische« Ideen vertreten. Ein Stück jungrevolutionärer Elitismus
scheint in seine Diktion einzubrechen. Nach dem »Preußenschlag«
vom 20. Juli 1932 erinnert Huber dann an die protestantische »Ob-
rigkeit«. 28 Es bleibt aber offen, inwieweit seine Konzeption von Elite-
herrschaft durch die Verfassung selbst gedeckt war. Wenn neuere
Verfassungstendenzen, wie parteienstaatliche »Polykratie«, negativ

28
Pseudonym: Obrigkeit und Volk, in: Deutsches Volkstum 14 (1932), 682–684; vgl.
auch ders., Die Deutsche Nation, in: Deutsches Volkstum 14 (1932), 564–571; Huber
setzt hier die deutsche »Herrschaft« vom französischen Nationsverständnis ab.

167
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

zu werten sind, muss die politisch legitimierte »Herrschaft« das


Recht zur selektiven Weiterentwicklung der Verfassung haben. Hu-
ber legt deshalb bereits Schmitts Schrift Der Hüter der Verfassung als
forcierte Legitimierung einer Tendenz zum »totalen Staat« aus.
Seine Besprechungsabhandlung klärt nicht nur die verfassungs-
theoretische Verhältnisbestimmung von »positiver« und »absoluter«
Verfassung und deutet Schmitts »dezisionistische« Statik in ein dy-
namisches Konzept vom Verfassungswandel um, sondern politisiert
die Legitimierung des Verfassungswandels auch über Schmitt hinaus
in »jungkonservative« Richtung. Eine Machtübernahme der Deu-
tungshegemonie durch nationalistische Ideologen klingt an. Mit der
Diagnose einer »Wendung zum totalen Staat« habe auch Schmitt
zwar eigentlich bereits im Präsidialsystem die Konsequenz gezogen,
dass die Spannung zwischen Verfassungslage und Verfassungsrecht,
»absoluter« und »positiver« Verfassung, delegitimierende Kon-
sequenzen haben kann, bis hin zu dem Punkt, wo die konkrete Ver-
fassungslage eine alternative »politische Idee« gebärt und eine »neue
Verfassung im Werden« (BW 30) ist, die das geltende Verfassungs-
recht im Kern der Verfassungsentscheidung trifft. Dann sei ein »An-
trieb« gegeben, der eine neue »Zuordnung von Herrschaft und Volk«
erforderlich mache (BW 35 f.). Solche umwälzenden Konsequenzen
habe Schmitt aber nicht offen gezogen, sondern vor allem nur das
Instrumentarium für die Einsicht geschärft, wie das positive Verfas-
sungsrecht von der »politischen Idee« einer konkreten Verfassungs-
lage dynamisch fortgetragen wird.
Huber formuliert nicht ganz eindeutig, wo er den Rahmen
Schmitts und Rubikon des Verfassungsrechts überschreitet. Zweifel-
los ist seine extensive Deutung politisch interessiert; sie hält aber
auch die Eigenart systematischer verfassungstheoretischer Fragen
und den Unterschied zwischen Verfassungstheorie und Verfassungs-
politik immer wieder fest. So schreibt Huber zum Befund normativer
Spannung zwischen »Verfassungszustand und Verfassungsgeltung«:
»In dieser Feststellung verfassungsrechtlicher Spannungszustände ist, so
scheint mir, eine Erkenntnis von allgemeiner verfassungstheoretischer Be-
deutung enthalten. Es enthüllt sich hier nämlich, dass überhaupt die Span-
nung zwischen entgegengesetzten Prinzipien und Kräften der eigentliche
politische Antrieb ist, aus dem sich die nationale Einheit entfaltet.« (BW 35)
Huber nennt hier noch einmal sein Kriterium der »nationalen Ein-
heit« und grenzt es von der »liberalen Unterscheidung von Staat und

168
Die Spannung der »Gestalten«

Gesellschaft« ab.29 Seine anschließende, stärker referierende Rezensi-


on von Legalität und Legitimität liest Schmitts Schrift als Feststel-
lung eines gravierenden Verfassungswandels. 30 Huber bindet das Wi-
derstandsrecht damals an die »Idee des Rechts« 31 zurück und billigt
den Verfassungsnotstand, Johannes Heckel rezensierend, nur für den
Fall einer »Entscheidungsunfähigkeit des Volkes«. 32 Schmitt wurde
damals von seinen jungen Adepten rechts überholt. 33 Rückblickend
äußerte Huber im abschließenden siebten Band seiner Verfassungs-
geschichte einige Selbstkritik am politischen Radikalismus und Dün-
kel seiner damaligen nationalistischen Kreise.
Liest man die Besprechungsabhandlung des gerade 28jährigen
Autors in ihrer verfassungstheoretischen Stärke, so stellt sie das Licht
heraus, das vom Hüter der Verfassung auf den Ansatz der Verfas-
sungslehre fällt: Es betrifft das Verhältnis des »absoluten« zum »po-
sitiven« Verfassungsbegriff. Am 19. Oktober 1931 schreibt Schmitt
deshalb auch zu Hubers Darstellung: »Besonders dankbar bin ich
Ihnen auch für die Richtigstellung der oft geradezu kindischen Miss-
deutungen des ›Dezisionismus‹.« (CSHU 91) Er bezieht sich damit
auf die »dynamische« Umdeutung des »politischen Dezisionismus«.
Huber versucht damit bereits zwischen Schmitt und Smend zu ver-
mitteln und Schmitts normativen Dezisionismus mit Smends Inte-
grationsgedanken zu dynamisieren. Die Besprechungsabhandlung
meidet die Erwähnung anderer Autoren aber und nennt Smend nur
beiläufig abgrenzend. Später wird Huber immer wieder betonen, dass
seine eigenständige Rezeption und Weiterentwicklung von Smend
und auch Erich Kaufmann mit beeinflusst war. Beide lernte er schon
vor 1933 kennen. Nach Smends Entscheidung gegen das Präsidialsys-
tem trennten ihn allerdings 1931 bereits zitationspolitische Motive
von starken Referenzen an die »Integrationslehre«. Dabei ließ sich
diese Lehre bekanntlich auch nationalistisch adaptieren, und Hubers
Begriff der »Herrschaft« scheint auch von Smends Faktor der »per-

29 Dazu vgl. auch (pseudonym) Ernst Rudolf Huber, Staat und Gesellschaft. Bemer-
kungen zu Hans Freyers ›Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft‹, in: Deutsches
Volkstum 14 (1932), 299–305 (mit Berufung auf Schmitt)
30 (Pseudonym): Verfassung und Legalität, in: Deutsches Volkstum 14 (1932), 733–

737
31 (Pseudonym): Das Volk als Hüter der Verfassung, in: Deutsches Volkstum 14

(1932), 807–808
32 (Pseudonym): Verfassungsnotstand, in: Deutsches Volkstum 14 (1932), 983–984

33
Das zeigt Stefan Breuer, Carl Schmitt im Kontext, Berlin 2012

169
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

sönlichen Integration« 34 angeregt zu sein. Erst ab 1937 intensiviert


sich aber die Beziehung zu Smend. 35 Erst nach 1933 wird Huber sei-
nen Ansatz verstärkt wissenschaftsgeschichtlich situieren und sich
dabei in die Tradition der »gesamten Staatswissenschaften« seit Hegel
und Lorenz von Stein stellen. 36 Die Referenz an Hegel ist dabei auch
eine Stellvertretung für »Smend« und ein Differenzpunkt gegenüber
Schmitt.

5. Hubers »völkische Verfassung«

1933 wird Huber nach Kiel berufen und er gehört dann bald zu den
exponiertesten nationalsozialistischen Staatsrechtslehrern. Auch als
Mitherausgeber der traditionsreichen Zeitschrift für die gesamten
Staatswissenschaften hat er eine zentrale Stellung im Fach inne. So-
gleich macht er sich an die Ausarbeitung einer eigenen Verfassungs-
lehre. Seine Kieler Rede Vom Sinn der Verfassung kann als deren
erste Ankündigung betrachtet werden. Verfassungstheoretisch
grundlegend ist dann die Broschüre Wesen und Inhalt der politischen
Verfassung (WI), 37 die im Spätsommer 1935, einige Wochen vor den
Nürnberger Rassegesetzen, in Schmitts Reihe Der deutsche Staat der
Gegenwart erscheint. Huber knüpft hier an die Resultate seiner Be-

34 Rudolf Smend, Verfassung und Verfassungsrecht, in: Staatsrechtliche Abhandlun-


gen, Berlin 1955, 142 ff.
35 Etwa 25 Briefe Hubers sind im Nachlass Smend (Cod Ms R. Smend A 389 und C

16) erhalten. Zwar schickte Huber Smend schon vor 1933 seine frühen Monogra-
phien, fand seine Broschüre zum Leipziger Prozess aber dann von Triepel, Kaufmann
und Smend abgelehnt. Am 16. November 1937 bittet Huber Smend um Mitarbeit an
der ZgStW. Er vermittelt Smend 1939 dann eine Vertretung in Leipzig und empfiehlt
ihn als seinen Nachfolger. Er erlangt eine Zusage Smends für Hubers »Kriegseinsatz«
in der »Aktion Rittersbusch«, die Smend aber nicht einlöst. 1947 versucht Huber
Smend dann sein nationalsozialistisches Engagement zu erklären. 1955 dankt er
Smend für die Unterstützung bei der Reintegration in die Staatsrechtslehrervereini-
gung und die Zusendung von Smends »Staatsrechtlichen Abhandlungen«. Nachdem
Huber von Wilhelmshafen an die Universität Göttingen wechseln konnte, kommt es
dann – anders als bei Schmitt – in den 60er Jahren zu mehreren freundlichen Be-
suchen. Huber schreibt Smend auch, ähnlich wie an Schmitt, mehrere große, rück-
blickend dankende Geburtstagsbriefe sowie einen Nachruf (Rudolf Smend, in: Jahr-
buch der Akademie der Wissenschaften in Göttingen 1976, Göttingen 1977, 105–
121).
36 Ernst Rudolf Huber, Die deutsche Staatswissenschaft, in: ZgStW 95 (1935), 1–65

37
Ernst Rudolf Huber, Wesen und Inhalt der politischen Verfassung, Hamburg 1935

170
Hubers »völkische Verfassung«

sprechungsabhandlung von 1931 an und macht dies auch durch zahl-


reiche Verweise deutlich. Politisch betrachtet er Schmitt nun als
Vordenker des Nationalsozialismus. Er skizziert die Entwicklung des
Verfassungsbegriffs, erklärt Smends »dynamische« Konzeption in
längeren Ausführungen für »unhaltbar« (WI 25) und zieht die termi-
nologische Konsequenz, die Spannung von »absoluter« und »positi-
ver« Verfassung in einen »politischen Verfassungsbegriff« (WI 6)
aufzuheben, der die »völkische Einheit und Ganzheit« herausstreicht
und das Volk als »Wesen und Inhalt« (WI 46) der politischen Ver-
fassung auffasst. Die »völkische Verfassung« begreift er dabei von
einer knappen Rekapitulation seiner Revision von Schmitts »Dezisio-
nismus« ausgehend: Die »Entscheidung ergibt sich nicht aus dem
Nichts« (WI 40), formuliert er nun griffig; »sie ist nicht der Anfang
des Rechts und der Verfassung, sondern sie bedarf selbst der Ord-
nung, aus der sie Richtung, Sinn und Wert erhält. Daher muss der
dezisionistische Verfassungsbegriff heute stark umgebildet und fort-
gestaltet werden, um in das völkische Denken eingehen zu können.«
(WI 40) Die Verfassung sei »nicht Entscheidung, sondern Ordnung«
(WI 42)
Stärker als Schmitt betont Huber die »Art und Idee des Volkes«
(WI 52) als Legitimitätskriterium der Verfassung. Koellreutters
Schmitt-Kritik weist er zwar ausdrücklich zurück, betont aber ande-
rerseits ebenfalls den Primat des »Volksbegriffs« gegen Schmitt. Sein
»völkisches« Vokabular klingt sehr forciert. Ausführungen zum
»Werden und Vergehen der Verfassung« sprechen nun Klartext über
1931 hinaus: Huber kritisiert Schmitts Anknüpfung an das französi-
sche Drehbuch und Vokabular vom »pouvoir constituant« und stellt
die Frage nach dem »Träger« des Verfassungswandels und der revo-
lutionären Änderung der Verfassung bis hin zum »Verfassungs-
umsturz«. »Nicht jedes politische Sein besitzt Verbindlichkeit« (WI
70), meint er nun. Er kennt eine »Legitimität neuen ungeschriebenen
Rechts« (WI 71) und verteidigt das Recht der Revolution: »Gibt es ein
Recht zur Revolution?«, fragt er. Nicht im alten ständischen Sinne
natürlich. »Aber es gibt ein Widerstandsrecht des Volkes, ein unent-
ziehbares Recht zur Revolution, wenn die Verfassung aufhört, die
wirkliche Ordnung der völkischen Einheit und Ganzheit zu sein«
(WI 77). Deshalb skizziert Huber den Aufbau der »Einheit und Ganz-
heit des Volkes« abschließend auch von der revolutionären »Füh-
rung« und »Bewegung« her.
Die Broschüre Wesen und Inhalt der politischen Verfassung ba-

171
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

siert verfassungstheoretisch weitgehend auf den Befunden von 1931.


Sie ist aber das Mittelstück der Übersetzung der Schmitt-Kritik in
den Gegenentwurf eines dogmatischen Lehrbuchs von der natio-
nalsozialistischen Verfassung. Zentrale Einwände sind hier sehr
deutlich: Schmitts »Dezisionismus« muss vom Grundbegriff der
»völkischen Verfassung« bzw. »Volksordnung« her revidiert werden;
dynamische Aspekte bis hin zur Anerkennung eines »Rechts zur Re-
volution« müssen terminologisch stärker berücksichtigt werden; re-
volutionäre Gründungsgewalt ist legitim; nur eine »konservative Re-
volution« ist aber legitim, die vom Vorrang des »Volkes« ausgeht und
die Ordnung des Volkes realisiert. Noch 1942 meinte Huber hier:
»Aber Revolution bedeutet uns nicht Umsturz und Zerstörung, son-
dern Wiederherstellung und Erneuerung, Reinigung und Festigung
deutschen Wesens.« 38
Hubers »Recht der Revolution« klang 1931 schon in der An-
erkennung einer »Herrschaft« an, die sich durch eine »politische
Idee« legitimiert. Als diese Idee tritt 1935 nun die »völkische Verfas-
sung« deutlich hervor, wobei Huber deren diskriminierende Kosten
nur dezent und abstrakt mit einigen Verweisen auf Schmitts Freund-
Feind-Unterscheidung andeutet. In zahlreichen verfassungsrecht-
lichen Stellungnahmen und in der komprimierten Darstellung des
Lehrbuchs Verfassung ist die »naturhafte« und rassistische Aus-
legung des Volksbegriffs dann aber voll präsent. Dass Hubers »Liebe
zum eigenen Volkstum notwendig zur Achtung fremden Volkstums«
führt, ändert daran nichts: »Diese Anerkennung und Achtung frem-
den Volkstums ist ein politischer Grundsatz der völkischen Welt-
anschauung und daher auch ein rechtlicher Grundsatz der völkischen
Verfassung.« 39 Dass Huber solche Sätze 1937, nach der Nürnberger
Rassegesetzgebung, schreibt, erscheint uns heute geradezu obszön.
Das Lehrbuch der Verfassung nimmt die Stichworte von der »völki-
schen Verfassung« und vom »politischen Begriff« des Volkes wieder
auf und betont den revolutionären Charakter des Nationalsozialis-
mus. Die »ungeschriebene« neue Grundordnung datiert Huber dabei
vom »Staatsakt von Potsdam«, dem Schaubündnis mit den alten Eli-
ten, als erstem »Verfassungsakt des neuen Reiches« her. Grundsätze

38
Ernst Rudolf Huber, Aufstieg und Entfaltung des deutschen Volksbewusstseins,
Leipzig 1942, 24
39
Ernst Rudolf Huber, Verfassung, Hamburg 1937, 81

172
Hubers »völkische Verfassung«

der völkischen Verfassung seien die »Prinzipien der völkischen Ein-


heit und Ganzheit, der Bewegung und der Führung«: »Mit der Tat-
sache der Revolution hat sich ohne weiteres dieser neue Verfassungs-
kern durchgesetzt.« 40
Man mag kaum glauben, dass Huber ernsthaft bejaht, was er
sachlich beschreibt. Die verschiedenen Rechtsstellungen im Reichs-
bürgerrecht etwa, die er 1941 in Bau und Gefüge des Reiches auf-
listet, 41 missverstehen wir heute von starken Gleichheitsvermutun-
gen und Gleichbehandlungsintuitionen her leicht als leise Kritik.
Performativ gibt es aber am apologetischen Gesamtsinn der Ausfüh-
rungen keinen Zweifel. Jede verfassungsrechtsdogmatische Publika-
tion schloss eine Gesamtbejahung des Nationalsozialismus funktional
ein. Manche briefliche Äußerungen relativieren und korrigieren zwar
eine starke apologetische Lesart. Es ist auch zu konzedieren, dass die
briefliche Korrespondenz unter Zensurbedingungen und mit Rück-
sicht auf den Adressaten zurückhaltend sein musste. Es ist Huber
zuzugestehen, dass er spätestens seit 1942 mit vielen Zügen der
»Reichsgewalt« 42 nicht mehr ganz einverstanden war und seinen na-
tionalsozialistischen Aktivismus bereute. Mit der sich abzeichnenden
Kriegsniederlage zog er sich aus der vollmundigen Apologie zurück
und pries den »Volksbegriff« nurmehr in ideenhistorischen Studien.
Sein Engagement wird dadurch aber nicht wesentlich besser, dass es
nicht alle Diskriminierungskosten der »völkischen Verfassung« voll
mittragen wollte. Die Diskriminierungslogik des »völkischen« Ho-
mogenitätswahns von »Einheit und Ganzheit« musste ihm hinrei-
chend bewusst gewesen sein. Im Wintersemester 1944/45 problema-
tisierte er in einem eindrucksvollen Vortrag denn auch die Legalität
des nationalsozialistischen »Führernotrechts« mutig und offen. 43

40
Ernst Rudolf Huber, Verfassung, Hamburg 1937, 48
41 Ernst Rudolf Huber, Bau und Gefüge des Reiches, Hamburg 1941, 30 f.
42 Für eine solche skeptische und kritische Lesart bes. Ernst Rudolf Huber, Reichs-

gewalt und Reichsführung im Kriege, in: ZgStW 101 (1940/41), 530–579; aggressiv
nationalsozialistisch dagegen noch Hubers negative Besprechung von Gerhard Ritter,
Machtstaat und Utopie, in: ZgStW 102 (1941/42), 168–176
43 Dazu Verf. / Ewald Grothe (Hg.), Das ›Problem des geheimen Gesetzes‹ und die

Grenze des ›Führernotrechts‹. Erstveröffentlichung von Ernst Rudolf Hubers Vortrag


›Gesetz und Maßnahme‹ aus dem Wintersemester 1944/45, in: Der Staat 55 (2016),
69–96

173
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

6. Rückblick auf Schmitt

Das spannungsvolle Verhältnis zwischen Huber und Schmitt ist aus


der Korrespondenz nicht ganz zu erhellen. Huber und Schmitt deute-
ten ihre »Wesensverschiedenheiten« aber selbst immer wieder an.
Gewiss war der höfliche, zurückhaltende und sachliche Huber über
Schmitts Führergebaren und Gefolgschaftsforderung, seinen diskri-
minierenden Stil und massiven Antisemitismus Mitte der 30er Jahre
nachhaltig verstimmt. Anfang 1936 brach er den Kontakt für über
zwei Jahre ab. Sein Kontaktabbruch fällt in die Zeit aggressivster an-
tisemitischer Ausfälle Schmitts. Erst im Frühjahr 1938 nahm er die
Beziehung anlässlich von Schmitts 50. Geburtstag unter veränderten
Umständen wieder auf. Huber ist nun der Autor des Lehrbuchs von
der nationalsozialistischen Verfassung, Schmitts Ämterehrgeiz ist
verklungen und seine weitere Rolle im Nationalsozialismus ist offen.
Ende 1939 erscheint die Sammlung der Positionen und Begriffe,
deren Endredaktion Schmitt mit Kriegsbeginn datierte. Huber erhält
sie im Januar 1940 und antwortet mit Worten der »Freundschaft und
Verbundenheit«. Er beabsichtigt damals aber nicht sogleich, einen
»Aufsatz« oder eine Besprechungsabhandlung zu schreiben. Erst
nach weiteren Treffen und Gesprächen schreibt er, wohl im Sommer
1940, seine zweite große »Auseinandersetzung mit Carl Schmitt«. 44
Die Korrekturfahnen schickt er am 2. November 1940 an Schmitt und
spricht von »Bemühungen um eine fachliche Auseinandersetzung«
und »einen eigenen Standpunkt« (CSHU 273). Seine umfangreiche
Besprechungsabhandlung, um die Jahreswende erschienen, ist damals
auch eine Versöhnungsbemühung nach den »Zeiten des Schweigens«
(CSHU 263). Sachlich knüpft sie an die erste Auseinandersetzung an:
Hatte Huber 1931 den Primat vorausgesetzter »Ordnung« in
Schmitts »Dezisionismus« herausgebracht, prüft er nun an der Do-
kumentation des Entwicklungsgangs, ob seine verfassungstheoreti-
sche These zutraf und der Weg des Dezisionisten als Suche nach Ord-
nung rekonstruierbar ist. Hubers Grundfrage lautet also nun: War
Schmitt tatsächlich ein Ordnungsdenker? Er nimmt die frühere De-
batte wieder auf, indem er hinter der dezisionistischen »Situations-
gebundenheit« von Schmitts Positionen und Begriffen Stufen des

44
Ernst Rudolf Huber, ›Positionen und Begriffe‹. Eine Auseinandersetzung mit Carl
Schmitt, in: ZgStW 101 (1941), 1–44; hier zitiert nach dem Wiederabdruck im Brief-
wechsel Huber-Schmitt.

174
Rückblick auf Schmitt

»Ordnungsdenkens« findet, und verteidigt Schmitts Weg gegen den


geläufigen Okkasionalismus- und Opportunismusvorwurf, der Ende
1936 bei Hans Frank zum Sturz Schmitts verwendet worden war.
Huber entkräftet den Einwand aus zeitlichem Abstand, nachdem die
politische Auseinandersetzung verstummt, Schmitts Verbleib an der
Berliner Universität gesichert und sein neues Prestige als Völker-
rechtler begründet war.
Hubers Wiederanknüpfung an die Verhältnisbestimmung von
Entscheidungs- und Ordnungsdenken zeigt sich innerhalb der Be-
sprechungsabhandlung schon in eigenen Abschnitten zu Hobbes und
Hegel. Huber erörtert Schmitts »Auseinandersetzung mit Hobbes«
und seine »Kritik an Hegel« ziemlich ausführlich. Schmitt nannte
Hobbes und Hegel als Hauptvertreter des Dezisionismus und des
»konkreten Ordnungs- und Gemeinschaftsdenkens«. Hegel war auch
ein wichtiger Referenzautor für Huber. Das Verhältnis zu Hegel war
also ein Indikator von »Ordnungsdenken«. Huber liest Schmitts Le-
viathan-Buch zutreffend als Distanzierung von Hobbes, von der
»Brüchigkeit der Gesamtkonstruktion« des absolutistisch-bürokrati-
schen Staates, konstatiert aber auch »eine letzte und unüberwindliche
Reserve gegenüber Hegel und seiner Staatsphilosophie«: »Gerade die
Wende des Jahres 1933, die in vielem so stark zu einer Hegel-Renais-
sance geführt hat, hat Schmitt zu immer stärkerem Protest gegen
Hegel veranlasst.« (CSHU 457) Hubers einleitende Ausführungen
zu den »rechtstheoretischen Grundlagen« signalisieren also Zweifel,
dass Schmitt tatsächlich den vollen Durchbruch zum »Ordnungsden-
ken« gefunden hat. Der Prüfstein Hegel war zwar von Schmitt her
nicht abwegig, aber nur begrenzt tauglich und ließ sich überdies ge-
gen Huber selbst wenden. 45 Aus Hubers Sicht konnte ein gründlicher

45 Ein persönlicher Hinweis sei hier erlaubt: Der Prüfstein Hegel war auch der Tür-
öffner für ein persönliches Gespräch mit Huber, das ich im Frühjahr 1988 führen
konnte. Am 25. Januar 1988 schrieb ich Huber im Rahmen meines Dissertationspro-
jektes über Schmitt und Hegel an, dass ich »meinte festgestellt zu haben, dass Carl
Schmitt sich in seinem politischen Denken konsequent auf Hegel beruft, um den
marxistischen Atheismus und die Revolution ideell zu besiegen. Ich verstehe auch
Ihre eigene Arbeit als Fortsetzung dieses Versuches.« Huber antwortete am 3. Februar
1988: »Zu einer Unterhaltung bin ich gern bereit. Ich muß allerdings vorweg bemer-
ken, dass ich, nach den Anhaltspunkten, die ich aus dem persönlichen Umgang mit
Schmitt besitze, dazu neige, ihn für einen Nicht-Hegelianer zu halten.« Heute sehe
ich genauer, weshalb Huber überhaupt antwortete: Das Hegel-Thema war seiner Ein-
schätzung nach für Schmitt-Forschungen keineswegs unwichtig; es war der einfachste
Prüfstein auf »Ordnungsdenken«.

175
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

Vergleich für die Klärung von Schmitts Verfassungslehre jedoch hilf-


reich sein. Eine neuhegelianische Schmitt-Kritik betraf dabei nicht
nur den Buchstaben der Texte, sondern auch und vor allem die Be-
schreibung der Verfassungslage. Lorenz von Stein schien hier für eine
solche Aktualisierung Hegels vorbildlich.
Hubers Besprechungsabhandlung rekonstruiert Schmitts
»Grundbegriffe der Staatstheorie« von den polemischen Antipositio-
nen her und erörtert den »Neubau der Völkerrechtstheorie«. Huber
bezieht dabei auch neuere monographische Schriften ein: das Levia-
than-Buch sowie Die Wendung zum diskriminierenden Kriegsbegriff
und Völkerrechtliche Großraumordnung. Interessant ist auch seine
Berücksichtigung von Schmitts Separatveröffentlichung 46 von Lo-
renz von Steins Aufsatz Zur preußischen Verfassungsfrage. Mit
Lorenz von Stein stellen Schmitt und Huber die Verfassungsfrage
für die Lage von 1940 und sprechen über »Verfassungsfähigkeit«
und »Verfassungsunfähigkeit«. Huber markiert seine Differenz in
der Wertung des deutschen Konstitutionalismus, den er, anders als
Schmitt, vom Parlamentarismus deutlich unterscheidet, und liest
Schmitts jüngste völkerrechtliche Schriften als Versuch, Macht und
Recht erneut zu unterscheiden und die Großraumordnung als neue
politische Ordnung vom alten »Imperialismus« abzusetzen. Auch im
Kriegsgeschehen suchten Schmitts völkerrechtliche Schriften den
Punkt der »Verwandlung der Machtlage in den Rechtszustand«
(CSHU 484). Schmitt erwies sich damit, nach Hubers Rekonstruk-
tion, gerade in seinen jüngsten Schriften erneut als ein Ordnungs-
denker, der Rechtsverhältnisse identifizieren und von bloßen Macht-
lagen absetzen will.
Schmitt dankt umgehend für das »Meisterstück an klärender,
erhellender Darlegung« (CSHU 275). Das »Wort ›Auseinanderset-
zung‹ ist durchaus passend«, meint er, »ohne falschen Nebensinn,
denn sie haben sich mit mir auseinanderzusetzen, weil wir sehr ver-
schieden sind und Sie Ihre ruhige und unauffällige Eigenart mir ge-
genüber sehr wirksam zu behaupten wissen.« (CSHU 275) Schmitt
versteht auch die Ausführungen zu Hobbes und Hegel in diese Rich-
tung; sie würden ihn »zwingen, noch einmal Stellung zu nehmen.«
Beide bejahen damals das Kriegsgeschehen noch, hoffen auf eine
deutsche Hegemonie in Europa und Stabilisierung der Lage. Erst im
September 1941, nach Beginn des Russlandfeldzugs, fragt Huber,

46
Lorenz von Stein, Zur preußischen Verfassungsfrage, Berlin 1940

176
Rückblick auf Schmitt

»wie weit unser personalistisch-dynamisches System von Ordnung


und Institution und damit von ›Verfassung‹ entfernt ist« (CSHU
288). Im November 1941 meint er dann: »Die letzten Jahre haben
uns die Fragwürdigkeit der totalen Verstaatlichung des Individuums,
die durch die völkischen Ideologien nur notdürftig verdeckt wird,
sehr deutlich werden lassen« (CSHU 293).
Huber erörtert die Lage nun als Verhältnisbestimmung von
Reich, Staat und Volk. 47 Einerseits trägt er nun selbst Bedenken gegen
die starke Identifizierung von Volk und Staat und die »Verstaat-
lichung« des Volkes, wie sie den Homogenitätstraum des National-
staats kennzeichnete; andererseits konstatiert er den Verlust staat-
licher Standards im Großraum des Reiches. Der nationalstaatliche
Identitätstraum war mit dem Kriegsgeschehen ausgeträumt. Die Ex-
pansion des Reiches führte zu neuen komplexen Verhältnissen von
Reich, Staat und Volk. Das nationalsozialistische Reich eroberte
fremde Völker und beherrschte sie nicht mehr in den überlieferten
Formen neuzeitlicher Staatlichkeit. Schmitt und Huber beurteilen
die »Verstaatlichung« von Volk und Reich nun ambivalent: Einerseits
entpuppte der totale Staat sich als Leviathan; andererseits wirkten
viele verworfene verfassungsstaatliche Hegungen doch zivilisierend.
Huber und Schmitt sehen die Reichseinheit nun in nationalsozialisti-
sche Polykratie und Refeudalisierung zerfallen, weshalb der Reichs-
zerfall der frühen Neuzeit ihnen auch ein verfassungsgeschichtlicher
Spiegel wird. Huber schreibt nun endlich offen:
»Aber man fragt sich doch oft, ob alles von unserer Seite geschehen ist, um
dieses und andere Missverständnisse auszuschließen und ob wir nicht durch
allzu schnelle und glatte Parolen die Verantwortung für eine Fehlentschei-
dung tragen, die wir in ihren ersten Ansätzen gefördert haben, ohne ihre
Tendenz und Dynamik ganz zu übersehen.« (CSHU 304)
Unter Zensurbedingungen sind das deutliche Worte. Huber will nun
»den Weg vom Bürger, vom Arbeiter, vom Soldaten wieder zum
Menschen finden.« (CSHU 311) Die erhaltene Korrespondenz bricht
im April 1944 ab. Die Nachkriegskorrespondenz setzt Anfang 1947
dann wieder ein und ist bis Ende 1950 sehr dicht, verstummt dann
aber bis auf pietätvolle Rückerinnerungen fast vollständig. Dabei be-

47 Ernst Rudolf Huber, Reich, Volk und Staat in der Reichsrechtswissenschaft des 17.
und 18. Jahrhunderts, in: ZgStW 102 (1942), 593–627; ders., Lessing, Klopstock, Mö-
ser und die Wendung vom aufgeklärten zum historisch-individuellen Volksbegriff, in:
ZgStW 104 (1944), 121–159

177
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

ginnt sie zunächst vertraulich. Huber schreibt »aus dem Exil in das
Exil« (CSHU 323). Schon Mitte 1948 zeigen sich aber erneut die alten
»Wesensverschiedenheiten« und »Grenzen des gegenseitigen Ver-
stehens«. Huber meint:
»Ich glaube, die Dinge etwas anders als Sie zu sehen, und was ich dazu zu
sagen hätte, würde eine Art Streitgespräch sein […] Ich meine allerdings
auch, dass es notwendig ist, das in Nürnberg zusammengetragene Tatsa-
chenmaterial voll in sich aufzunehmen und so wenigstens nachträglich
ganz zu realisieren, was das ›Dritte Reich‹ als Vernichtungssystem effektiv
bedeutet hat. Für den, der Akten zu lesen versteht, gibt es keine erschüt-
terndere Dokumentation als den aktenmäßigen Niederschlag des Terroris-
mus.« (CSHU 333 f.)
Schmitt meint dazu:
»Das Thema eines echten ›Streitgesprächs‹, das sich immer deutlicher aus-
prägt, betrifft aber mehr zwei ›Gestalten‹ rechtswissenschaftlicher Geistig-
keit, als einzelne, isolierbare Fragestellungen. Das ist sehr aufregend, jeden-
falls für mich, als den älteren. Doch müsste es eben ein Gespräch und nicht
nur ein durch viele Hindernisse gestörter Briefwechsel sein.« (CSHU 337)
Schmitt nimmt die alten Fragen um Dezisionismus und Ordnungs-
denken hier leicht ironisch mit Hubers Gestaltbegriff auf und entmo-
ralisiert und entpolitisiert damit schon ein Stück weit die Auseinan-
dersetzung; er fragt hinter die Fakten auf die Auffassungsweisen
zurück und erklärt die Differenzen zur mehr oder weniger unverant-
wortlichen Charakterfrage. Die »Problematik des modernen Terrors«
möchte er etwas anders diskutieren als Huber; er möchte mehr vom
Nachkriegsterror des »säkularisierten Puritaner-Moralismus« spre-
chen. Hubers neuerlichem Engagement in Restformen der bün-
dischen Bewegung begegnet Schmitt damals mit spitzen Zweifeln an
der modernen »Massen-Demokratie«. Er richtet sich erneut gegen
Hubers nationalistisches Vertrauen auf das »Volk« und meint:
»Hitlers Macht hatte alle Legalität und sogar die demokratische Legitimität
auf ihrer Seite […] Im Deutschland des Hitler-Regimes gab es aber nicht
einmal den Schatten einer Gegen-Regierung!« (CSHU 341)
Huber teilt damals Schmitts negative Sicht der Nachkriegsentwick-
lung zwar noch recht weitgehend und sieht die Nürnberger Prozesse
und den Umgang mit den nationalsozialistisch belasteten Professoren
überwiegend negativ; er konfrontiert Schmitt aber auch mit den alten
Differenzpunkten. So schreibt er 1950:

178
Rückblick auf Schmitt

»Seit der Existentialismus eine makabre Modesache geworden ist, ist es


misslich geworden, davon zu reden. Doch frage ich mich zuweilen, ob Ihre
Art der Rechts- und Staatslehre nicht im Grunde ein Ausdruck existentia-
listischer Rechtsphilosophie ist. Die Argumentation von der Grenz-Situa-
tion her, das Durchstoßen durch die normativen Fiktionen zur Substanz des
Daseins, das Wissen um existentielle Konflikte und um den Sinn existen-
tieller Entscheidungen scheint mir mehr als nur einen Gleichklang des Vo-
kabulars anzudeuten.« (CSHU 357 f.)
Huber wärmt hier die alte Dezisionismuskritik mit positivem Akzent
wieder auf und behauptet erneut einen starken Konnex von Dezisio-
nismus und Existentialismus. Deutlich verstimmt und verärgert ist
Schmitt dann über Hubers eingehenden Brief vom Juni 1950 zum
Erscheinen der Broschüre Die Lage der europäischen Rechtswissen-
schaft; es war Schmitts erste selbständige Publikation nach 1945, ei-
gentlich seit Land und Meer von 1942: Huber liest den »meisterlichen
Essay« als neuerliche »Polemik gegen den Gesetzesbegriff«:
»Bei aller Polemik gegen die legalitäre Instrumentalisierung darf dann wohl
auch nicht vergessen werden, dass in dieser Endphase der Dekomposition
nicht nur das ›Gesetz‹, sondern auch das ›Naturrecht‹ zu einem Werkzeug
der Willkür, der Diskriminierung und des Terrors wird. Die Berufung auf
›konkrete Ordnung‹, auf ›gesundes Rechts- und Volksempfinden‹, auf irra-
tionale Energien, auf Natur oder Vernunft, auf Gerechtigkeit und Mensch-
lichkeit, auf christliches Naturrecht und auf göttliches Rechtsgebot wird so
gut wie das Gesetz zu einer Waffe der planmäßigen Diskriminierung, Ent-
rechtung und Vernichtung. So wird die Dekomposition erst vollendet, in-
dem sich zur offenen Brutalität pseudo-legalitärer Setzungen das Gift pseu-
do-legitimer Beteuerungen gesellt, immer unter dem Beistand einer
beflissenen Jurisprudenz. Es fragt sich, wo es in einem solchen Zustand
noch ein Asyl des unverfälschten Rechtsbewusstseins geben kann.« (CSHU
365 f.)
Schmitt sieht die dilemmatische Lage der Rechtswissenschaft »zwi-
schen Theologie und Technik« zwar ähnlich, verbittet sich aber An-
spielungen auf seine Rolle. Huber notiert im nächsten Brief denn
auch »eine gewisse Entfremdung«. So gespannt stand das Verhältnis
schon Mitte der dreißiger Jahre, weshalb es sich nicht mehr einrenkt.
Der Briefwechsel strandet in pietätvollen Erinnerungen an die Wei-
marer Zeit. Huber trifft seinen verehrten Lehrer nach Kriegsende in
vierzig Jahren niemals wieder. Er gratuliert zum 65. und 70. Geburts-
tag und erinnert verspätet zum 75. Geburtstag an die »Tradition«, die
Schmitt im »Reich des Geistes« (CSHU 379) gestiftet habe. Danach
verstummt er fast völlig. 1976 fühlt Schmitt sich von Bemerkungen

179
XI. · Ernst Rudolf Hubers verfassungstheoretische Revision

Hubers angegriffen. Es ärgert ihn, dass ihm der dritte Band der Ver-
fassungsgeschichte die »Spitzmarke ›ultrakonservativ‹ angehängt«
hatte. Schmitt appelliert gegenüber Huber an Amnestie und Indem-
nität und wünscht die Konfliktstrategie des beredten Schweigens.
Huber schickt ihm weiter seine Publikationen. Die letzte Sendung
von 1981, mit einem Aufsatz zum Richtungsstreit, der Smend gegen
Schmitt lobt, nennt Schmitt am Briefrand dann »vergiftet«. Das Band
knüpfte sich nach 1950 eigentlich niemals mehr ganz.
Es lässt sich heute nur mutmaßen, weshalb nach 1945 keine per-
sönliche Begegnung und Erneuerung der alten Bindung erfolgte. Für
die diskrete Formulierung der persönlichen Differenzen griffen beide
im Briefwechsel auf die typologische Unterscheidung des Dezisionis-
mus und des Ordnungsdenkens zurück. Diese säuberliche Trennung
der »Gestalten« war eine Beschwichtigungsformel, betonten beide
doch das Ordnungsdenken als Grund des Dezisionismus. Huber kon-
frontierte Schmitt nach 1945 in der Korrespondenz mit ethisch-poli-
tischen Fragen zur nationalsozialistischen Zeit; Schmitt wehrte die
briefliche Erörterung solcher Fragen ab; Huber mied aber die persön-
liche Wiederbegegnung.
Zweifellos war die Erinnerungsarbeit für beide schmerzlich. Hu-
bers energischer und konfrontativer Part war Schmitt dabei suspekt.
Er empfand einen Schuss Rechthaberei und Überlegenheitsdünkel im
Geständnis- und Wahrhaftigkeitspathos. Seiner Auffassung nach be-
durfte er keiner Hinweise auf den Missbrauch von Legalität und Legi-
timität. Schmitt fühlte sich zur Rede gestellt und inkriminiert. Früh-
zeitig hatte er die Verfassungsfrage im Nationalsozialismus anders als
Huber beantwortet; nach dem 30. Juni 1934 schon zweifelte er an der
Verfassungsfähigkeit und wechselte aus der Rhetorik der Normalisie-
rung in das Register des Ausnahmezustandes über. Er suspendierte
1934 bereits die Rhetorik des Normalzustandes, die Rede von Rechts-
staat und Verfassung, stellte seine Apologie auf eine antisemitische
Sinngebung um und agierte immer hemmungsloser polemisch. Da-
mals begann Huber erst den Schleier seiner Verfassungslehre über
den Leviathan zu ziehen. Schmitt fand diese rosarote Tünche in ihrer
Eigenart nicht weniger problematisch als seine Tinte des Ausnahme-
zustandes. Vermutlich meinte er, dass Hubers Selbstkritik sich in
neue Illusionen verfing und mit ihrer Wahrhaftigkeitspose aufs hohe
moralische Ross setzte.
Huber stellte seinen ganzen Versuch rückblickend als Kon-
sequenz der Option von 1933 dar. Die Weihen der Verfassungslehre

180
Rückblick auf Schmitt

setzten eine permanente Bejahung der Frage der »Verfassungsfähig-


keit« des Nationalsozialismus voraus. Schmitt hätte entgegnet, dass
diese positive Entscheidung nach 1934 illusorisch war. Hubers rück-
blickende monumentale Verfassungsgeschichte endet mit dem »Un-
tergang der Weimarer Republik«. 48 Huber spricht von einer »Macht-
übergabe« an die »totalitäre Herrschaft«, 49 wo er einst 1933 eine neue
Verfassungsbemühung hatte entdecken wollen. Nachträglich stimmt
er also dem Einwand zu, dass es irrig war, auf die Verfassungsfähig-
keit des Nationalsozialismus zu bauen und eine Verfassung zu su-
chen. Allerdings weist er die »Verfassungsverantwortung« letztlich
der deutschen Nation zu und spricht für die Alternative vom Januar
1933 – diktatorische Notstandsverfassung oder Machtübergabe an
Hitler – von einer »fast ausweglosen« und »tragischen« Lage. Die
»tragische Fragwürdigkeit der um die Jahreswende 1932/33 gegebe-
nen Gesamtumstände«, schreibt Huber, schließt es aus, »von ›Schuld‹
im Sinn der ethischen Verantwortlichkeit« 50 zu sprechen. Nicht
»Schuld«, sondern »Tragik« steht als letztes Wort auch zum eigenen
Fall. Vieles wäre zu diesen Streitfragen zu sagen. Huber suchte nach
1945 jedenfalls die Aussprache über die politischen und moralischen
Irrtümer und Verfehlungen. Kein anderer enger Weggefährte stellte
Schmitt so zur Rede. Schmitt verweigerte seinem Schüler die Ant-
wort auch nicht völlig, wollte aber nach 1945 nicht Hubers »Sünden-
bock« sein. So sehr Huber in der Korrespondenz mit Schmitt mora-
lisch gewinnt, wird man diese Reserve auch verstehen.

48 Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. VII: Ausbau,
Schutz und Untergang der Weimarer Republik, Stuttgart 1984, 1255 ff.; Hubers spä-
tere Quellensammlung endet ebenfalls 1933; seine erste Quellensammlung berück-
sichtigt allerdings auch die Nachkriegszeit: Ernst Rudolf Huber (Hg.), Deutsche Ver-
fassungsdokumente der Gegenwart, Tübingen 1951
49 Ernst Rudolf Huber, Verfassungsgeschichte, Bd. VII, 1281

50
Ernst Rudolf Huber, Verfassungsgeschichte, Bd. VII, 1280

181
XII. Anthropologische Fundamentierung?
Arnold Gehlens objektivistische Wendung
der Sozialphilosophie

Carl Schmitt und Arnold Gehlen werden als nationalsozialistische


Rechtsintellektuelle und Institutionalisten oft miteinander kooptiert.
Rekonstruktionen eines verwandten oder gemeinsamen Projekts fin-
den sich schon früh. So zog Gerhard Lehmann 1943, in seiner Vor-
geschichte und Geschichte der nationalsozialistischen Philosophie,
eine Linie von Schmitt zu Gehlen. Zunächst markierte er mit Schmitt
eine politische Wendung und »Korrektur« 1 der Existenzphilosophie:
Mit seiner »Um- und Neuzentrierung des Politischen« 2 habe Schmitt
die ältere »Staatszentrierung« überwunden; Gehlen habe dann die
Konsequenz einer Umstellung der Staatsphilosophie »in Richtung
einer politischen Anthropologie« 3 gezogen. So wird der politische
Existentialismus heute noch häufig rekonstruiert: Man kanonisiert
Heidegger, Schmitt und Gehlen als mehr oder weniger problemati-
sche Klassiker und Väter des »politischen Existentialismus« und
kümmert sich nicht weiter um biographische Bezüge. Schmitt und
Gehlen repräsentieren dann primär unterschiedliche Stadien in der
Geschichte des deutschen Rechtsintellektualismus.
Schmitt lernte Gehlen aber schon recht früh über Hans Freyer
kennen. Es wäre auch naiv, die Beziehung nur vom akademischen
Austausch und von intellektuellen Anregungen her zu rekonstruie-
ren. Vielmehr stehen beide in komplexen politischen Vernetzungen.
Eine umfassendere Konstellationsanalyse muss wenigstens Hans
Freyer und Helmut Schelsky mit einbeziehen. Freyer war der Leipzi-

1 Gerhard Lehmann, Die deutsche Philosophie der Gegenwart, Stuttgart 1943, 498
2 Lehmann, Die deutsche Philosophie, 494
3 Lehmann, Die deutsche Philosophie, 504; Lehmann schließt seine Darstellung der

Position Gehlens direkt an Schmitt an; er optiert gegen Koellreutter für Schmitt und
rekonstruiert dann die nationalsozialistischen Hofideologen Rosenberg, Krieck,
Baeumler und Heyse als »Ausdruck der nationalsozialistischen Bewegung«. Man
wird dies auch als Versuch der Ausgrenzung nationalsozialistischer Hofideologie aus
der reinen Theoriegeschichte lesen müssen.

182
Zur Theorie des »objektiven Geistes«

ger Lehrer, Schelsky wurde Gehlens Assistent. Der Leipziger Philo-


soph Hugo Fischer gehört ebenfalls in diese Konstellation; Schmitt
lernte ihn über Ernst Jünger kennen. Fischer war als Schüler von
Felix Krüger der Herausgeber und Redakteur der Blätter für deutsche
Philosophie. Jünger hatte in den 20er Jahren einige Zeit in Leipzig
gelebt und war mit Fischer befreundet. Die Beziehung zwischen
Schmitt und Gehlen ist vom Stichwort und Projekt »Philosophische
Anthropologie« her kaum zu schreiben. Andere Aspekte sind für die
Anfänge wichtiger: die nationalistischen Kreise in Berlin und Leipzig.
Der philosophische Brennpunkt von Schmitts Interesse lag besonders
bei der Debatte um Thomas Hobbes. Gehlen springt mit seinem Werk
aus diesen Leipziger Anfängen heraus und steht für eine paradigma-
tische Umstellung des Rechtsintellektualismus und ein späteres Sta-
dium des deutschen Nationalismus und Konservatismus. In dieser
Umstellung und Modernisierung des Konservatismus liegt vermut-
lich ein Teil seiner Bedeutung und auch Distanz zu Schmitt. Schmitt
verhandelte dies unter dem Stichwort der »Hegel-Linie«. Schon vor
1933 begann er mit der Konstruktion einer »anderen Hegel-Linie«,
die sich gegen die Deutungshegemonie des Marxismus richtete, und
schrieb Hans Freyer in diese Linie hinein. Die Konstellation Schmitt-
Gehlen wird deshalb hier von Freyer ausgehend kartiert.

1. Zur Theorie des »objektiven Geistes«

Schmitt kommunizierte sehr universitär und stand vor und nach


1933 mit zahlreichen Juristen und Theologen, Historikern, National-
ökonomen und Soziologen im Gespräch. 4 Loser waren seine Kontakte
in die Weimarer Universitätsphilosophie. Nur mit Hans Pichler und
Eduard Spranger verkehrte und korrespondierte er näher. Öfters be-
gegnete er Paul Ludwig Landsberg, dem Sohn seines Bonner Kollegen
Ernst Landsberg. Berührungen mit Hans Lipps, Helmuth Plessner
oder Leo Strauss waren dagegen eher peripher. Hobbes und Hegel
interessierten Schmitt als »Klassiker« besonders intensiv. Die natio-
nalistische Deutsche Philosophische Gesellschaft, die Kant-Gesell-
schaft und die Hobbes-Gesellschaft waren Foren gelegentlicher Vor-
träge. Erst mit der Veröffentlichung des Begriffs des Politischen

4 Dazu meine Editionen in Schmittiana II N.F. (2014), 119–199 und Schmittiana III N.
F. (2016), 23–118

183
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

begann die philosophische Auseinandersetzung mit Schmitts Werk


dabei eigentlich. Leo Strauss, Helmut Kuhn, Herbert Marcuse und
Karl Löwith schrieben philosophische Auseinandersetzungen. Diese
»jüdischen« Heideggerschüler sahen Schmitt im Horizont des phi-
losophischen Existentialismus, lasen Schmitt und Heidegger komple-
mentär und versuchten deren Irrtümer und Irrwege wechselseitig zu
erhellen. 1933 und 1945 gruppierte sich Schmitts akademisches Netz
dann dramatisch um. Nur wenige Beziehungen blieben über die Zä-
suren hinweg relativ ungebrochen und unverändert. Schmitt machte
nun die Haltung zu den »Siegern von 1945« zu einem Prüfstein der
Beziehungen. Engere Kontakte zerbrachen daran, losere ließen sich
über die nationalsozialistischen Hypotheken und vergangenheitspoli-
tischen Fragen hinweg halten und verschwiegen retten. Schmitt
suchte seine Kontakte nach 1945 zwar nicht nur in den Netzwerken
der Altnazis, nahm im Gespräch mit älteren Weggefährten aber
selbstverständlich auch einen nationalsozialistischen Restkonsens
und geteilte Überzeugungen vom »Unrecht« der alliierten Reeduca-
tion und bundesrepublikanischen Vergangenheitspolitik in An-
spruch. Mit Freyer und Gehlen blieb er auch über den Umbruch von
1945 hinweg im Kontakt.
Schmitt begegnete Freyer spätestens 1929 auf einer Tagung der
Kant-Gesellschaft in Halle. Ein näheres Verhältnis datiert dann seit
Freyers wiederholten Einladungen nach Ungarn. Schmitt machte sei-
ne positive Wertschätzung nach 1945 durch eine Rezension sowie
einen Zeitungsartikel vom 25. Juli 1957 zum 70. Geburtstag publik. 5
Keinem anderen Weggefährten und Generationsgenossen widmete er
eine solche Ehrung. Sein Geburtstagsgruß ist sachlich gewichtig:
Schmitt stellt Freyer als »Europäer« ans Ende einer Linie Hegel-Dil-
they-Freyer und schreibt ihm das Verdienst zu, die »erste Antwort«
auf den Zweiten Weltkrieg gegeben zu haben. Er verknüpft diese
Antwort mit dem eigenen Werk, wenn er Freyers »Aufhalter« in sei-
ne geschichtstheologischen Spekulationen vom »Aufhalter« hinein-
zieht und eine Parallele zur politischen Rolle im Nationalsozialismus
zeichnet. Er erinnert an den Tyrannendiskurs und schlägt eine Brücke
zu Platon in Syrakus, um sich mit Freyer zusammen in der Rolle des
weisen Philosophen gegenüber dem Tyrannen zu sehen. Der Ge-
burtstagsartikel ist nicht zuletzt eine Selbstapologie. Das gilt auch

5Carl Schmitt, Die andere Hegel-Linie. Hans Freyer zum 70. Geburtstag, in: Christ
und Welt Nr. 30 vom 25. Juli 1957, 2 (bisher nirgendwo sonst abgedruckt)

184
Zur Theorie des »objektiven Geistes«

für die Betonung der Feindschaft: »Ein Denker, der so exponiert in


einer Linie steht, die mit Hegel beginnt, 6 hat sich intensivster Feind-
schaft zu versehen«, meint Schmitt: »Denn eine andere Linie, die
ebenfalls mit Hegel beginnt, endet mit Lenin und Stalin, und diese
Linie beansprucht für sich ein Monopol der Hegel-Deutung«.
Schon vor 1933 betrachtete Schmitt den geschichtsphilosophi-
schen Kampf um die »Sinndeutung« der Gegenwart als einen Kampf
um Hegel und die »Hegel-Nahme«. Lukacs empfand er dabei als sei-
nen stärksten Gegenspieler. Schon 1923 las er Geschichte und Klas-
senbewusstsein. Im Begriff des Politischen stellt er erstmals die »Fra-
ge, wie lange der Geist Hegels wirklich in Berlin residiert hat.« (BP
50) Er konstatiert einen Abbruch der Berliner »Aktualität Hegels«
mit Friedrich Julius Stahl, »während Hegel über Karl Marx zu Lenin
und nach Moskau wanderte« und gegenwärtig bei Lukács »am stärks-
ten lebendig« sei. Damals beginnt Schmitt seinen Deutungskampf
um Hegel. Verstärkt deutet er nun sein Gesamtwerk als eine Antwort
auf den Marxismus. In seiner Programmschrift Staat, Bewegung,
Volk schreibt er, dass Hegels Staat mit dem 30. Januar 1933 »ge-
storben« sei. Das wurde als politisches Signal sogleich intensiv ver-
nommen. Während Marcuse beispielsweise die Wendung gegen den
Marxismus heraushörte, las Heidegger es im Hegel-Seminar des
Wintersemester 1934/35 empört als Absage an die rechtsphilosophi-
sche Apologie des Nationalsozialismus. 7 In seinem Bericht von einer
Privataudienz bei Mussolini 8 markierte Schmitt mit der Frage nach
der »Aktualität« Hegels die Verhältnisbestimmung von Partei und
Staat. Hegel hatte die »Wirklichkeit der sittlichen Idee« im Primat
des Staates verankert. Während der Nationalsozialismus mehr auf
die »Bewegung« setzte, propagierte Mussolini den »Staat«. Staat, Be-
wegung, Volk wirft die Frage nach dem Primat zu einem Zeitpunkt
auf, als Schmitt noch eindeutig als Apologet des Nationalsozialismus
auftritt. Die verfassungsgeschichtliche Programmschrift Staatsgefü-
ge und Zusammenbruch des Zweiten Reiches thematisiert die dama-
ligen Auseinandersetzungen um Staat und Revolution, im Frühjahr

6 Schmitt verweist häufiger auf Joachim Ritter, Hegel und die Französische Revoluti-
on, Köln 1957
7 Dazu vgl. Herbert Marcuse, Rez. Schmitt, Begriff des Politischen, 1933, in: Zeit-

schrift für Sozialforschung 3 (1934), 102–103; Heidegger in HGA 86, 85, 606; dazu
Verf., Heideggers ›große Politik‹, 2016, 104 ff.
8 Carl Schmitt, Faschistische und nationalsozialistische Rechtswissenschaft, in: Deut-

sche Juristen-Zeitung 41 (1936), Sp. 337–341

185
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

1934, vielleicht mit leisen Bedenken gegen den Primat der Revolution
und für den Erhalt »etatistischer« Formen. Nach 1945 kehrt Schmitt
seinem Kampf um die »Hegel-Nahme« und »Aktualität« Hegels dann
im Zeichen des Kalten Krieges wieder gegen den Marxismus. Der
Neuausgabe von Land und Meer fügt er 1981 noch eine Nachbemer-
kung an, die seine Ausführungen als »Anfang eines Versuches« be-
zeichnen, § 247 von Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts
gegen die marxistische Auslegung Hegels »zur Entfaltung« (LM 109)
zu bringen. Schmitt konstruiert zwei Hegel-Linien im Weltbürger-
krieg: Als Gegenmacht des Stalinismus erscheinen Europa und der
»europäische Geist«. Schmitt positioniert sich so in vorderster Front
des Weltbürgerkrieges um Hegel. Lukács 9 trat damals auch tatsäch-
lich gegen Dilthey und dessen »theologische« Sicht des jungen Hegel
an. 10
Wenn Schmitt Hans Freyer als Statthalter und Stellvertreter in
die Lücke des eigenen Namens und »andere Hegel-Linie« hinein-
schreibt, kann er sich etwa auf dessen Theorie des objektiven Geistes
und Theorie des gegenwärtigen Zeitalters beziehen. 11 Ausdrücklich
nennt er Freyers Konzept vom »sekundären System«. Damit bezeich-
nete Freyer 1955 in seiner – im Titel auf Fichte anspielenden – Theo-
rie des gegenwärtigen Zeitalters ein idealisiertes »Modell« vom »in-
dustriellen System« und der »modernen Sozialstruktur« als Form der
»Entfremdung«. 12 Freyer richtete sich ausdrücklich gegen Marx’
Konzept von der Entfremdung des »Proletariats« im industriellen
System. Er verwies auf die »Gleichzeitigkeit des Nicht-Gleichzeiti-
gen« 13 und die konservativen Ressourcen der »Zeitschichten« (Rein-
hart Koselleck) und formulierte Topoi des neueren bundesrepublika-
nischen Konservatismus. Schmitts Einordnung Freyers in die »andere
Hegel-Linie« ist also nicht unbegründet. Die Engführung eines Welt-
bürgerkriegstheorems mit einer Rezeptionsgeschichte Hegels ist aber

9
Georg Lukács, Der junge Hegel. Über die Beziehungen von Dialektik und Öko-
nomie, Zürich 1948
10 Wilhelm Dilthey, Die Jugendgeschichte Hegels, in: ders., Gesammelte Schriften

Bd. IV, Leipzig 1921, 1–187; vgl. Hermann Nohl, Hegels theologische Jugendschrif-
ten, Tübingen 1907
11 Hans Freyer, Theorie des objektiven Geistes, 2. Aufl. Leipzig 1928; Soziologie als

Wirklichkeitswissenschaft. Logische Grundlegung des Systems der Soziologie, Leip-


zig 1930; Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, Stuttgart 1955
12 So etwa Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, 89

13
Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, 7

186
Zur Theorie des »objektiven Geistes«

sachlich problematisch. 14 Welches Kontinuitätsband sollte die »ande-


re Hegel-Linie« von Dilthey zu Freyer und Schmitt genau charakte-
risieren? Sollte sie durch theologische, philosophische oder politische
Überzeugungen geeint sein? Wirkte Diltheys Hegel-Interpretation
überhaupt in die Sozialwissenschaften?
Diltheys Werk rezipierte Schmitt zwar nur peripher; Dilthey-
Schülern wie Spranger stand er distanziert gegenüber und den kul-
turprotestantischen Hegelianismus lehnte er ab; Schmitt lehnte aber
auch den juristischen und rechtsphilosophischen Rechts-Hegelianis-
mus der Zwischenkriegszeit ab. Das zeigt sich sowohl in seinem
Unverhältnis zu Karl Larenz als auch in seinem Desinteresse gegen-
über Hubers Versuchen, die Verfassungstheorie mit Hegel (und
Smend) zu dynamisieren und an die »gesamten Staatswissenschaf-
ten« anzuschließen. Schmitt gehörte buchstäblich nicht in die Rezep-
tions- und Wirkungsgeschichte des Hegelianismus nach Dilthey oder
Julius Binder. Sicher gehörte er zwar irgendwie in die »idealistische«
Tradition; Schlüsselbegriffe von Hegels Philosophie des »Geistes«
mied er aber. So sprach er, anders als Freyer, nicht terminologisch
vom »objektiven Geist«. Eine Linie Hegel-Dilthey-Schmitt ist sehr
fragwürdig. Als philosophiegeschichtliche These lässt sie sich kaum
halten und als politisch-theologische Aussage ist sie noch problema-
tischer. Sinnvoll ist dagegen eine Linie Hegel-Dilthey-Freyer, auch
wenn sie Freyers Hegelrezeption aus philosophiegeschichtlicher Sicht
zu viel Ehre gibt.
Diltheys großangelegte Geistesgeschichte und Weltanschau-
ungslehre trägt nun zweifellos einige Züge konservativer Traditions-
bewahrung. Dilthey war aber nicht Gadamer. Dilthey historisierte –
unter ausdrücklicher Berufung auf Comte – die antike »Metaphysik«
und stellte sich emphatisch in die »organische« Geisteswissenschaft
des protestantisch-preußischen Idealismus und der Berliner Histori-
schen Schule. Dabei hielt er starke philosophische Ansprüche fest.
Seine »Geisteswissenschaft« war keine rein historisch-philologische
und positivistische Disziplin. Diltheys Weltanschauungslehre ver-
stand sich dezidiert als »Philosophie der Philosophie« und betrachtete
die Philosophie nicht nur »von außen«. Dilthey betrieb Philosophie

14Dazu vgl. Hubert Kiesewetter, Von Hegel zu Hitler. Eine Analyse der Hegelschen
Machtstaatsideologie und der politischen Wirkungsgeschichte des Rechtshegelianis-
mus, Hamburg 1974; Henning Ottmann, Individuum und Gemeinschaft bei Hegel.
Hegel im Spiegel der Interpretationen, Berlin 1977

187
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

nicht aus der Beobachterperspektive und vertrat keinen strengen


»historischen Relativismus«, sondern suchte eine »Überwindung des
Relativismus«. 15 Windelband und Troeltsch, Weber, Jaspers und viele
andere übernahmen dann diese Aufgabe. Dieser – oft übersehene –
systematische Anspruch ist in Diltheys »Philosophie der Philoso-
phie«, seiner späten Weltanschauungslehre, am besten greifbar. Au-
toren wie Georg Simmel und Karl Jaspers haben das auch sogleich
erkannt.
Jaspers’ Psychologie der Weltanschauungen von 1919, 16 stark
auf Heidegger wirkend, ist nicht zuletzt eine Antwort auf Dilthey
und Weber. Webers Religionssoziologie hatte eine Typologie der
wenigen rational möglichen Weltanschauungsoptionen aus sinn-
verstehender Beobachterperspektive entworfen. Jaspers ging mit sei-
ner geisteswissenschaftlich »verstehenden« Psychologie der Welt-
anschauungen philosophisch weiter. Damit ging er auf Dilthey
zurück. Die Überzeugung vom pluralen und antinomischen Charak-
ter weniger rational vertretbarer Weltanschauungen war Dilthey
schon in seinem Berliner Lehrer Trendelenburg begegnet. Dilthey
schrieb Hegels philosophische Geschichte des »absoluten« Geistes
mit Trendelenburgs antinomischem Pluralismus der Systeme in seine
Weltanschauungslehre um. Weber und Jaspers (später auch Gehlen)
gingen anschließend ebenfalls von einer begrenzten Anzahl mögli-
cher Weltanschauungen aus. Dilthey unterschied hier vor allem den
»Naturalismus«, »Idealismus der Freiheit« und »objektiven Idealis-
mus«. Dabei neigte er mit Hegel und Goethe dem »objektiven Idea-
lismus« zu. Dieser »objektive Idealismus« unterschied sich sehr von
Freyers Theorie des objektiven Geistes. Schmitt lehnte zwar den
»Pluralismus« und »Polytheismus« (Max Weber) der Weltanschau-
ungen jederzeit ab, bestritt aber nicht das Faktum, sondern er be-
kämpfte es politisch-theologisch. Der Kampf implizierte die Anerken-
nung gegebener und sinnvoll möglicher Pluralität. Einen »absoluten
Geist« setzte Schmitt nicht als objektives Datum voraus.
Was besagt dies nun für seine »andere Hegel-Linie«? Diese Linie
ist kein streng philologischer Befund, sondern nur eine vage und lose
»geisteswissenschaftliche« Ausrichtung der Sozialwissenschaften.
Ohne Dilthey kein Freyer. Auch Spranger sah es so und zählte Freyer

15
Vittorio Hösle, Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie. Rückblick auf den
deutschen Geist, München 2013, 235 f.
16
Karl Jaspers, Psychologie der Weltanschauungen, Berlin 1919

188
Anthropologischer Unterbau?

zu den »Nachfolgern Diltheys«. 17 Aus philosophiegeschichtlicher


Sicht hätten andere Autoren allerdings eher Anspruch auf Hegel-
und Dilthey-Nachfolge. Einen profilierten sozialphilosophischen He-
gelianismus vertrat vor 1933 beispielsweise Theodor Litt, 18 an den
sich die Verfassungstheorie Smends anschloss. Auch Spranger 19 oder
Nicolai Hartmann 20 wären zu nennen. Sinnvollerweise kann Schmitt
mit seiner »anderen« Linie eigentlich nur den Anspruch auf eine
philosophische Theorie des »objektiven Geistes« meinen. Der Schlüs-
selakzent liegt hier auf der Theorie des »objektiven Geistes«, einer
Kultur- und Sozialphilosophie, die kulturelle Werke als »Objektiva-
tionen« menschlicher Tätigkeit und Schöpfungskraft ansieht. Das
Subjekt des »Geistes« ist das menschliche Individuum, das mit seiner
Energie und Kraft des »Geistes« in einem Prozess der Zivilisation
oder Geschichte des »objektiven Geistes« steht, den der »subjektive«
Geist auch in seinen unhintergehbaren »absoluten« Voraussetzungen
und Formen reflektiert.

2. Anthropologischer Unterbau?

Das Projekt der Philosophischen Anthropologie war eine Hauptten-


denz der Philosophie der Zwischenkriegszeit. Der Darwinismus hatte
die Mensch-Tier-Differenz fundamental in Frage gestellt. Das Projekt
der philosophischen Anthropologie antwortete auf diese Herausfor-
derung und betonte die Mensch-Tier-Differenz, Andersartigkeit und
»Exzentrizität« des Menschen, erneut als Abwehrgefecht der huma-
nen und philosophischen Freiheitspräsupposition. Franz Kafka kas-
sierte die Differenz dagegen literarisch. 21 Wissenschaftsgeschichtlich
anregend waren damals erste empirische Studien zur Verhaltensfor-

17
Eduard Spranger, Grundfragen der Psychologie, 1957, in: ders., Gesammelte
Schriften Bd. IV, Tübingen 1974, 94–125, hier: 118
18
Theodor Litt, Individuum und Gemeinschaft. Grundfragen der sozialen Theorie
und Ethik, Leipzig 1919; ders., Hegel. Versuch einer kritischen Erneuerung, Heidel-
berg 1953
19 Dazu etwa Eduard Spranger, Objektiver Geist, 1934, in: Grundlagen der Geistes-

wissenschaften. Gesammelte Schriften Bd. VI, Tübingen 1980, 184–200


20 Nicolai Hartmann, Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grund-

legung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, Berlin 1933


21
Franz Kafka wählte die literarische Perspektive der »Verwandlung« des Menschen
in tierische Lebensformen und erhob das Tier zum Paradigma existentieller Defizienz
des Menschen gegenüber seinen humanen Potentialen. Kafkas Tiere wählen dabei –

189
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

schung und Intelligenz der höheren Primaten (Wolfgang Köhler).


Das Projekt einer philosophischen Anthropologie diente der Empiri-
sierung, Modernisierung, Aktualisierung und Verteidigung der »ex-
zentrischen« Sonderstellung und Freiheit des Menschen. Schmitt
kannte die wichtigsten Hauptvertreter des »Projekts« allesamt per-
sönlich: Max Scheler, Paul Ludwig Landsberg, Helmuth Plessner
und Arnold Gehlen. Gelegentlich begegnete er Hans Lipps und auch
Erich Rothacker, der dem Projekt mitunter zugeordnet wird. 22 In
näherer Beziehung über einen längeren Zeitraum hinweg stand er
aber nur mit Gehlen.
Gehlen betrachtete den Menschen mit Nietzsche als ein »nicht
festgestelltes« Tier und polykompetentes Mängelwesen. Nach 1945
wandte er sich verstärkt der sozialphilosophischen Kritik der Bundes-
republik zu. In den 50er Jahren begegnete er Schmitt wiederholt. Die
– nicht vollständig erschlossene – Korrespondenz umfasst die Jahre
1937 bis 1962. Die Erwartung liegt nahe, dass Schmitt sein »anthro-
pologisches Glaubensbekenntnis« mit Gehlens Anthropologie ir-
gendwie empirisierte, naturalisierte und soziobiologisch präzisierte.
»Anthropologische« Fragen stehen aber in der Korrespondenz ganz
im Hintergrund. Überhaupt waren Schmitt und Gehlen beide keine
forschen Naturalisten und Biologisten. Gehlens Anthropologie wird
vielmehr als Kulturalismus kritisiert. 23 Schmitt wie Gehlen gehen
beide von der weltoffenen Freiheit des naturalistisch »nicht fest-
gestellten« Tieres Mensch aus. Schmitt setzt die neuere Abgrenzung
und Grenzbestimmung der philosophischen Anthropologie voraus.
Auf eine biologistische oder ethologische Betrachtung des Menschen
lässt er sich nicht ein. Die politische Betrachtung trennt er von der
biologischen ab: Für ihn ist der Mensch selbstverständlich kein Tier.

im Bericht für eine Akademie – als »Mängelwesen« in der Alternative »Zoologischer


Garten oder Varieté« das Humanexperiment des Varietés.
22 Dazu vgl. Erich Rothacker, Die Schichten der Persönlichkeit, Leipzig 1938; vgl.

Verf., Nationalsozialistische Erfahrung und begriffsgeschichtliche Revision. Der


Briefwechsel zwischen Erich Rothacker und Carl Schmitt 1933–1960, in: Deutsche
Zeitschrift für Philosophie 63 (2015), 727–741
23 Mit guten Gründen Henning Ottmann, Gehlens Anthropologie als kulturalistische

Theorie, in: Helmut Klages u. Helmut Quaritsch (Hg.), Zur geisteswissenschaftlichen


Bedeutung Arnold Gehlens, Berlin 1994, 469–481; ähnlich auch Herbert Schnädel-
bach, Nachwort zu: Arnold Gehlen, Anthropologische und sozialpsychologische Un-
tersuchungen, Reinbek 1986, 267–277, hier: 269 (»extrem kulturalistisches ›Bild vom
Menschen‹«); vgl. Johannes Weiß, Weltverlust und Subjektivität. Zur Kritik der In-
stitutionenlehre Arnold Gehlens, Freiburg 1971

190
Anthropologischer Unterbau?

Schmitt glaubte an die menschliche »Freiheit« und strebte – vor und


nach 1933 – niemals eine starke Naturalisierung und Animalisierung
des Menschen an. Sein »anthropologisches Glaubensbekenntnis« war
als analytische Voraussetzung der Herrschaftsbedürftigkeit des Men-
schen für diverse fundierende Theorieangebote offen. 24 Schmitt hatte
kein Interesse an einer Einschränkung der Anschlussfähigkeit seiner
Theorie an diverse Fundierungstheorien. Sicher zielte er nicht auf
eine starke Empirisierung und Naturalisierung seines anthropologi-
schen Credos. Eine sachliche Nähe zwischen Hobbes und Gehlen ge-
nügte ihm als anthropologischer Unterbau völlig.
Am 8. Juli 1931 sprach er auf Einladung der Philosophischen
Gesellschaft in Leipzig über seinen Begriff des Politischen. Alfred
Baeumler, Felix Krüger und Freyer waren beim Vortrag anwesend.
Vielleicht saß auch der Leipziger Privatdozent Gehlen damals im Pu-
blikum. Die erhaltene Korrespondenz 25 beginnt aber erst 1937 mit
Schmitts Sendung seines Aufsatzes über den Staat als Mechanismus
bei Hobbes und Descartes. 26 Schmitt zitierte später eigentlich nur
Gehlens Fichte-Buch (FP 900) 27 und schätzte ein religionsgeschicht-
liches Interesse, das die späteren Schriften dann aber enttäuschten.
Schmitt blieb bei seiner »theologischen« Letztauffassung, während
Gehlen auf »Anthropologie« umstellte und so für ein späteres Sta-
dium des Rechtsintellektualismus paradigmatisch wurde. Dennoch
schickte Schmitt ihm auch in den nächsten Jahren regelmäßig Bücher
und Schriften.
Am 21. Januar 1938 sprach er »in der von Prof. Arnold Gehlen
geleiteten Philosophischen Gesellschaft in Leipzig« (L 5) über
Hobbes’ Leviathan. Einen besseren Auftakt konnte die Beziehung
kaum haben. Gehlen wechselte dann aber nach Königsberg. Anknüp-
fend an Schmitts Publikation über Lorenz von Stein erörterte er in

24
So schon sehr klar Udo Tietz, Anthropologischer Ansatz politischer Theorien. Die
Freund-Feind-Distinktion von Carl Schmitt und das animal rationale, in: Reinhard
Mehring (Hg.), Carl Schmitt. Der Begriff des Politischen. Ein kooperativer Kommen-
tar, Berlin 2003, 123–138
25 Diese Korrespondenz habe ich vor einigen Jahren bereits anhand der Briefe Geh-

lens vorgestellt. Inzwischen wurden mir wenige Briefe Schmitts an Gehlen aus dem
Marbacher Nachlass Gehlens zugänglich. Dazu Verf., Enttäuschende Entwicklung?
Arnold Gehlens Briefe an Carl Schmitt, in: Berliner Debatte Initial 18 (2007), 105–112
26 Dazu die Replik von Helmut Schelsky, Die Totalität des Staates bei Hobbes, in:

ARSp 31 (1938), 176–193; vgl. ders., Thomas Hobbes. Eine politische Lehre, Berlin
1981
27
Arnold Gehlen, Deutschtum und Christentum bei Fichte, Berlin 1935

191
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

einem langen Brief vom 20. September 1940 das Verhältnis des deut-
schen Idealismus zum Christentum und zur »›deutschen Bewegung‹«
und stellte Fichte dabei über Hegel. Die Wirkungen des Idealismus
erklärte er für einen »Drehschwindel« (RW 265–4673), der die Reli-
gion säkularisierte und so ein überholtes Deutungsschema konser-
vierte. Schmitts Aufsätze der frühen 40er Jahre über »staatliche Sou-
veränität« und die Funktionselite der »Legisten« machten ihm aber
einen starken Eindruck und wirken bis ins Spätwerk nach. Schmitt
schickte Gehlen noch Land und Meer. Von 1943 bis 1947 gibt es dann
eine Lücke in der erhaltenen Korrespondenz.
Am 1. April 1948 nimmt Gehlen die Korrespondenz mit der Ab-
sicht wieder auf, an die frühere »Bekanntschaft« anzuknüpfen. Er
erklärt seine »Befriedigung«, »dass das Erdbeben den Seismographen
nicht zerschlug« (RW 265–4677). Gehlens starke Formulierung am-
nestiert die Schuldfrage gleich doppelt: Die Weltgeschichte erscheint
als »Erdbeben« und Schmitt als »Seismograph«. Gehlen formuliert
aber dann doch auch ein Interesse an der Erörterung von Schuldfra-
gen, wenn er weiter schreibt: »Die Unterhaltungen zwischen Ihnen
und Herrn [Robert] Kempner gehört zu haben, würde ich viel geben,
umsomehr, da ich als Philosoph bereits eine berühmte Unterhaltung
versäumte, die zwischen Spinoza und Leibniz.« Schmitts Nürnberger
Untersuchungshaft rückt hier in den Rang eines klassischen Disputs.
Gehlen suspendiert unangenehme Fragen nicht gänzlich, sondern
deutet nur an, dass er Schmitt gegenüber aus Interesse am Gespräch
auf moralisch-politische Beschuldigungen verzichtet. Am 21. April
1948 kritisiert er mit Bezug auf Legalität und Legitimität das aktuelle
»Fehlen jeglicher Legitimitätsgrundlage«, »nachdem die plebiszitäre
Legitimität vom N-S-mus kompromittiert wurde« (RW 265–4678).
Schmitts monographische Publikationen von 1950 liest Gehlen inte-
ressiert. In diesen Jahren ist die Beziehung recht intensiv: Das früher
asymmetrische Verhältnis zum »Staatsrat« ist nun ausgeglichen; bei-
de teilen die politische Sicht der NS-Belastungen nach 1945. Schmitt
ist inzwischen aus dem universitären System ausgeschieden, Gehlen
an der Verwaltungs-Akademie Speyer noch nicht voll etabliert. Legi-
timitätsfragen der frühen Bundesrepublik tragen das Gespräch.
Gehlen kritisiert damals den »Planismus« und »Sozialterror«
der Industriegesellschaft (RW 265–4685). Die erste Hamlet-Publika-
tion von 1952 nimmt er interessiert auf. Mitte März 1953 kommt es
zu einer näheren Begegnung in Plettenberg. Am 65. Geburtstag
Schmitts nimmt Gehlen dann aber im Juli 1953 nicht teil. Im April

192
Anthropologischer Unterbau?

1956 wünscht er eingehende Äußerungen über Urmensch und Spät-


kultur. Die »maliziöse und giftige Kritik von Habermas in der Frank-
furter Allg.« 28 findet er damals »ganz passend, man kann seine Dis-
tanz zu dieser Art Kultur, wie sie dort propagiert wird, nicht deutlich
genug betont wünschen.« (RW 265–4693) Gehlen kommt es »nur
noch auf das Urteil Weniger an, darunter das Ihre«. Das aber scheint
auszubleiben. Stattdessen gibt es eine Verstimmung: Gehlen scheint
im Streit mit Johannes Winckelmann eine Parteinahme zu erwarten;
Schmitt stand Winckelmann aber persönlich näher. Sachlich betrifft
der Streit den Unterschied zwischen einem herrschaftssoziologischen
und einem genuin juristischen Legitimitätsbegriff. Schmitt sieht
Gehlen hier mit Weber auf der Seite der empirisch beschreibenden
Herrschaftssoziologie und stellt sich dagegen an die Seite Winckel-
manns. Gehlens letzter im Nachlass erhaltener Brief datiert vom
11. Juli 1956, Schmitts 58. Geburtstag. Das Verhältnis ist damals
zwar noch nicht zerbrochen; beide begegnen sich 1957 auch auf Frey-
ers 70. Geburtstag wieder; starke positive Referenzen an Gehlens
Werk finden sich in den Schriften aber nirgendwo. Gehlen zitiert
Schmitt nur spärlich; anders als Freyer ist er auch an keiner Fest-
schrift beteiligt. Anfang der 60er Jahre klingt das Verhältnis ruhig
aus. Eine letzte Karte vom »Palmsonntag 1962« gratuliert zur »neuen
Verortung« an der RWTH-Aachen. Als Gehlen räumlich näher
kommt, ist das Verhältnis schon fast eingeschlafen. Ein intensives
persönliches und sachliches Verhältnis haben beide eigentlich nie ge-
habt.
Gehlens »Philosophie« ist für Schmitt systematisch nicht wich-
tig. Starke Referenzen an Philosophen mied er insgesamt. Das Inte-
resse an Gehlen ist eher zeitdiagnostisch und politisch. Dabei spricht
Schmitt Gehlen auch als »Besiegten von 1945« an. Schmitt las Gehlen
vor allem als Sozialphilosophen, dessen Philosophie ein polemisches
Potential bereitstellte. Gehlens Spätwerke profilieren polemische An-
tithesen und Gegenbegriffe. Eine atavistische Moral vom Urmen-
schen spielte Gehlen aber nicht ernstlich gegen die spätkulturelle
»Hypermoral« der frühen Bundesrepublik aus. Seine Spätphilosophie
war mehr polemisch gemeint. Das gefiel Schmitt, auch wenn er als
Jurist den moralphilosophischen Kritikmodus nicht brauchte.

28
Dazu Jürgen Habermas, Der Zerfall der Institutionen, in: FAZ vom 7. April 1956;
Wiederabdruck in ders., Philosophisch-politische Profile, 3. Aufl. Frankfurt 1984,
101–106

193
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

3. Institutionalismus von Schmitt zu Gehlen

Gehlens philosophische Anthropologie war für Schmitt nicht sonder-


lich wichtig. Größer scheinen die Nähen in der Institutionenlehre.
Vor 1933 sprach Schmitt bereits von »institutionellen Garantien«
und »Institutionsgarantien« und meinte das Beamtentum und die
»neutralen Größen« des Staates überhaupt. Nach 1933 propagierte
er ein »konkretes Ordnungsdenken«, das er auch als »Theorie der
Institutionen« (DARD 18. 38 f.) bezeichnete. Gehlens »Philosophie
der Institutionen« macht zwar keine starke Referenz an Schmitt.
Dessen Verfassungslehre wurde aber für die Entstehung eines bun-
desrepublikanischen »Institutionalismus« wichtig. 29 Buchstäblich
nimmt Gehlen den Institutionalismus in der neueren Fassung der
Verwaltungslehre Forsthoffs postmetaphysisch und säkular ernüch-
tert auf. Gehlen weitet den Begriff der Institutionen aber philoso-
phisch aus und überdehnt ihn geradezu zu einem Synonym für kul-
turelle Werke überhaupt. Das schwächt den Objektivismus des
Institutionenappells und stärkt die Verfügungsmacht der »Subjekti-
vität«. Der Ausweitung des Institutionenbegriffs korrespondiert des-
halb auch eine kompensatorische Dramatisierung der Subjektivis-
muskritik, über das Niveau an Individualismusschelte hinaus, wie
sie Schmitt etwa in der Politischen Romantik formulierte. Vittorio
Hösle schreibt in seinem Rückblick auf den deutschen Geist, dass
Gehlen »die Würde des Menschen darin sah, sich von einer Institu-
tion konsumieren zu lassen«. 30 Der Institutionalismus zielte auf eine
politische Entschärfung des Subjektivismusproblems durch den »ent-
lastenden« Hinweis auf strukturelle »Hintergrunderfüllungen« und
Prädeterminationen vor jeder Individualitätskultur.
Heidegger hatte die individualistische Beschreibung des Men-
schen in Sein und Zeit durch die »Sorge« um das endliche »Dasein«
ersetzt. Bei Forsthoff tritt die »Daseinsvorsorge«, 1938 erstmals for-
muliert, 31 dann explizit an die Stelle der suspendierten »bürger-

29 Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland. Bd. IV: 1945–
1990, München 2012, 211 ff.; vgl. Florian Meinel, Der Jurist in der industriellen Ge-
sellschaft. Ernst Forsthoff und seine Zeit, Berlin 2011
30 Vittorio Hösle, Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie. Rückblick auf den

deutschen Geist, München 2013, 277; kurze Einordnung Gehlens auch bei Paul Nolte,
Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im
20. Jahrhundert, München 2000, 285 ff.
31
Ernst Forsthoff, Die Verwaltung als Leistungsträger, Berlin 1938

194
Genealogische Ethos-Analyse als Sozialphilosophie?

lichen« Grundrechte. Karl Jaspers 32 sprach in seiner Broschüre über


Die geistesgeschichtliche Lage der Zeit noch von der »Massen-
ordnung in Daseinsfürsorge«. Forsthoffs semantischer Shift von der
personalen und caritativen »Fürsorge« zur strukturellen und ent-
persönlichten »Vorsorge« markiert einen epochalen Bruch. 33 Seine
»Daseinsvorsorge« meint einen infrastrukturellen Leistungsstandard
des Staates, der vom konkreten Rechtsanspruch des Individuums se-
mantisch entkoppelt ist. Institutionen sind transpersonal und un-
persönlich. Der Begriff der Institution ratifiziert die Wendung vom
»bürgerlichen Rechtsstaat« zum »totalen« Wirtschafts- und Verwal-
tungsstaat der Industriegesellschaft. Gehlen erklärt das bürgerliche
Individuum nicht zum normativen Maßstab, Grund und Zweck der
Gesellschaft. Stattdessen spielt er den kollektiv gebundenen »Urmen-
schen« gegen die »Spätkultur« aus. Schmitts »konkretes Ordnungs-
denken« ist hier zwar ein Vorgänger, Forsthoffs Werk repräsentiert
dann aber die Tabula rasa einer entindividualisierenden Verwaltungs-
lehre, die Gehlen für seine polemische Beschreibung der »Spätkul-
tur« gebrauchte. Von Schmitt über Forsthoff zu Gehlen kommt es so
zu erheblichen Umbildungen des Institutionalismus. Wie steht es
aber um diejenige Institution, die für Schmitts Institutionalismus
zentral war? Wie steht es um Gehlens Staatsbegriff? Ist hier ein spe-
zifischer Einfluss Schmitts erkennbar?

4. Genealogische Ethos-Analyse als Sozialphilosophie?

Schon Urmensch und Spätkultur, diese »Philosophie der Institutio-


nen«, ist als polemische Konfrontation des »Urmenschen« mit der
Spätkultur des »Zeitalters der Subjektivität« eine Streitschrift. Mehr
noch ist Moral und Hypermoral (MH) 34 eine polemische Streit-
schrift. Anthropologische Forschung im anspruchsvollen Sinne findet
sich hier nicht mehr. Auch eine philosophische Ethik, im Untertitel
versprochen, wird analytisch kaum geboten. Akademisch erscheint
die Schrift geradezu fahrlässig. Im Vorwort verweist Gehlen selbst
auf seinen ausgiebigen oder ausufernden »Gebrauch« von Zitaten.

32 Karl Jaspers, Die geistige Situation der Zeit, Berlin 1931, 25 ff.
33
Dazu vgl. Michael Stolleis, Geschichte des Sozialrechts in Deutschland. Ein Grund-
riss, Stuttgart 2003
34
Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik, Frankfurt 1969

195
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

Ziemlich wahllos reichert er sein Werk mit kontingenten Lesefrüch-


ten an. Es liest sich über weite Strecken wie der umgestürzte Zettel-
kasten eines launigen Politschwadroneurs. Statt des Gegenbildes vom
»Urmenschen« finden sich nun Antike-Rekurse, die Spätkultur wird
am Zerrbild der Bundesrepublik verhandelt. Moral und Hypermoral
ist ein hypertropher Essay.
Will man ihn in seiner Stärke nehmen und seinen thematischen
Kern genauer erfassen, muss man sich von deontologischen Erwar-
tungen lösen und den Text in der Nachfolge von Nietzsches Genea-
logie der Moral als eine Ethos-Analyse oder Moralsoziologie lesen.
Gehlen bietet eine Kritik des »Humanitarismus«. Dafür zitiert er An-
tisthenes und Zenon eingangs ohne philologischen Anspruch als an-
tike Autoren des Humanitarismus. Gehlen konstatiert einen Konnex
von Kosmopolitismus und Humanitarismus sowie eine Allianz zwi-
schen Humanitarismus und »Eudaimonismus«. Er zitiert Lesefrüchte
herbei, ohne seine starken Thesen wirklich auszuführen. Dünn belegt
sind etwa die ethnologischen und anthropologischen Thesen zum Ur-
sprung des »Ethos der Gegenseitigkeit« 35 in der Familie und zur
Spannung von »Familienethos« oder »Sippenethos« und »Staats-
ethos«. Als »Moralhypertrophie« betrachtet Gehlen die Übertragung
eines Familienethos auf das Staatsethos. Er nimmt ältere Diskussio-
nen um die Eigenart einer »politischen Ethik« auf 36 und macht das
Christentum und den neueren Protestantismus (Karl Barth) für die
spätkulturelle Hypermoral besonders verantwortlich. Seine »plura-
listische Ethik« betont die konfligierenden Ansprüche von Familie,
Kirche und Staat und konzentriert sich auf die Spannung von Familie
und Staat. Das Kapitel »Staat« verteidigt das »Eigenethos des Staa-
tes« (MH 104), ein »Institutions-Ethos«, als »Machtethos« gegen das
»Humanitätsethos« (MH 114). Hier beruft Gehlen sich auf die ver-
fassungsgeschichtliche Sicht von Schmitt und dessen Schule. Dabei
liest er Forsthoffs »Daseinsvorsorge« als etatistische Kritik am Wan-
del der Staatsaufgaben. Was er seiner Konfrontation von Moral und
Hypermoral an beiläufigen politischen Konnotationen beimischt, ist
teils unqualifiziert und ärgerlich. Am Ende verteidigt er die »Sprach-

35 Dazu schon Arnold Gehlen, Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse


und Aussagen, Bonn 1956, 50 ff.
36
Dazu auch Hans Freyer, Antäus. Grundlegung einer Ethik des bewussten Lebens,
Jena 1922; Preußentum und Aufklärung und andere Studien zu Ethik und Politik,
Weinheim 1986; Machiavelli, Leipzig 1938

196
Genealogische Ethos-Analyse als Sozialphilosophie?

losigkeit« seiner pointillistischen Impressionen gegen die bundes-


republikanische »Lüge« (MH 185) geschichtspolitischer Verabsolu-
tierung der deutschen Kriegsschuld. Gehlen verklärt seine »Sprach-
losigkeit« zum Diktat der Sieger.
Sein Kapitel »Staat« ist offenbar von der verfassungsgeschicht-
lichen Sicht der Schmitt-Schule geprägt. Gehlen zitiert Schmitt,
Forsthoff, Böckenförde und Roman Schnur. An diese Autoren an-
schließend betrachtet er den Staat als Vorgang der »Säkularisation«
und »Neutralisierung« und deutet das »Humanitätsethos« als Säku-
larisat. Die Staatsaufgaben spitzt er polemisch auf die einfache Alter-
native zwischen »Leviathan« und »Milchkuh« zu. Das obligate Zitat
(MH 110) lautet: »So nimmt der Leviathan mehr und mehr die Züge
einer Milchkuh an«. Entweder bietet der Staat Sicherheit, oder er
überfordert sich durch humanitär motivierte und wohlfahrtstaatliche
Daseinsvorsorge. Dass der Zuwachs an Staatsaufgaben und die Ent-
stehung des Sozialstaats auf die »soziale Frage« antwortete und einen
Klassenausgleich und sozialen Frieden bot, scheint Gehlen nicht zu
bedenken. Seine Entstehung des neuzeitlichen Staates referiert das
verfassungsgeschichtliche Bild der Schmitt-Schule insgesamt nur
sehr oberflächlich. Philosophisch vertritt Gehlen eine anti-univer-
salistische Moral. Sein »Ethos der Gegenseitigkeit« beruft sich auf
den Ethnologen Marcel Mauss und den Ethologen Konrad Lorenz.
Eingehende empirische Belege zur Moral der Familie – familiensozio-
logisch bleibt seine »Familie« vage – und Hypermoral des humanitär
entfesselten Staatsethos fehlen aber. Gehlen bleibt weitgehend in der
pauschalen und polemischen Konfrontation stecken. Seine Moralso-
ziologie in politischer Absicht ist essayistische Polemik mit philoso-
phischer Schlüsselattitüde.
Schmitt begab sich (jenseits seiner Parteiartikel) nicht auf dieses
Niveau. Als Jurist mied er auch starke anthropologische und moral-
soziologische Aussagen. Zwar findet sich bei ihm auch ein ausgespro-
chener Anti-Individualismus und Anti-Universalismus, Anti-Eudai-
monismus und Anti-Humanitarismus. Niemals aber spielte er ein
Familienethos systematisch und normativ gegen das Staatsethos aus.
Von Hegels Trias Familie – bürgerliche Gesellschaft – Staat blieb nur
ein Dualismus von Staat und Gesellschaft übrig. Eine solche Verkür-
zung des Systems der Sittlichkeit findet sich damals überraschend
häufig. Auch der Rechtshegelianismus war familienvergessen und
konnte deshalb die »versöhnende« Funktion des Staates, Hegels Wie-
derkehr des Familienprinzips der Liebe im Staat, nicht wirklich sehen.

197
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

Schmitt ging von der normativen Kraft der politischen Einheit bzw.
vom Rechtsetzungsmonopol des Staates aus. Eine Spannung von
Staatsethos und Humanitarismus kannte er zwar auch; er schrieb sie
aber nicht auf das Konto der hypertrophen Familie des Christentums,
sondern primär auf die Rechnung des Liberalismus. Der Liberalismus
»denaturierte«, laut Begriff des Politischen, alle politischen Begriffe
und löste sie in die »Polarität« von Wirtschaft und Ethik (BP 68 ff.)
auf. Eine Moralsoziologie der »Gesellschaft« schrieb Schmitt nicht
und machte das Christentum auch nicht pauschal für Humanitaris-
mus und Pazifismus verantwortlich. Mit Hobbes betonte er vielmehr
die Gefahr religiöser Konfliktverschärfungen in Richtung des konfes-
sionellen Bürgerkriegs. Selbstredend sind Schmitt und Gehlen sich in
vielen Fragen politisch einig. Gehlens Anthropologie und Ethik hat
Schmitt aber nicht geteilt.

5. Schlussbemerkung: Gehlens anti-individualistische Wende


der Sozialphilosophie

Gehlens Philosophie hat in Schmitts Werk keine tieferen Spuren hin-


terlassen. Eine Wirkung Schmitts auf Gehlen dagegen lässt sich kaum
bestreiten. Sie zeigt sich insbesondere im Institutionalismus und im
Staatsbegriff. Die stärksten Wirkungen liefen aber eher indirekt über
einige Schüler. Viele Übereinstimmungen finden sich zwar in der In-
tellektuellenschelte und Subjektivismuskritik. Das sind aber Topoi
des Rechtsintellektualismus. Versucht man dennoch substanzielle
problemgeschichtliche Verwandtschaften festzustellen und Gehlen
etwa in die »andere Hegel-Linie« oder die von Schmitt markierte Al-
lianz hineinzuschreiben, so muss man die disziplinären Differenzen
und Rhetoriken mit bedenken. Moral und Hypermoral ist als Moral-
soziologie in polemischer Absicht ärgerlich. Jürgen Habermas nannte
die Schrift treffend ein »Satyrspiel« auf den solideren »gegenaufklä-
rerischen Institutionalismus«, 37 den Urmensch und Spätkultur im-
merhin gebracht habe. Moral und Hypermoral ist für Gehlens Ge-
samtwerk trotz solcher Einwände aber systematisch wichtig, weil es
den sozialphilosophischen Anspruch durch eine »Ethik« begründet.
In der – ihrerseits problematischen – philosophischen Begründungs-

37Jürgen Habermas, Nachgeahmte Substantialität (1970), in: ders., Politisch-philoso-


phische Profile, Frankfurt 1981, 107–126, hier: 107

198
Schlussbemerkung

arbeit liegt Gehlens spezifischer Beitrag zum neueren Konservatis-


mus über Freyer hinaus. Die »andere Hegel-Linie« ist durch eine
rechts- und sozialwissenschaftliche Wendung zum »objektiven
Geist« und »sekundären System« gekennzeichnet. Auch bei Gehlen
findet sich diese Wendung zur diagnostischen und kritischen Analyse
der Spätkultur. Was er mit Freyer und Schmitt teilt, ist vor allem der
Anti-Individualismus und Objektivismus.
Von Hegel zu Dilthey war die Sozialphilosophie des 19. Jahr-
hunderts individualistisch. Wo Hegel vom »subjektiven Geist«
sprach, betonte Dilthey das unergründliche »Rätsel« und »Leben«
des Individuums. Plessner knüpfte mit seinem Ansatz beim Men-
schen als »offene Frage« 38 daran an. Bei Dilthey findet sich bereits
eine positivistische und objektivistische Wendung der Sozialphiloso-
phie. So spricht Dilthey – im Aufbau der geschichtlichen Welt – gerne
vom Individuum als »Kreuzungspunkt« 39 der »Kultursysteme«. Die
individualistische Linie der Sozialphilosophie endet dann nach Dil-
they bei Simmel, Litt und Jaspers. Damals wird die »andere Hegel-
Linie« objektivistisch. Sie droht mit dem Individuum ihre sozialphi-
losophische Basis zu verlieren und zum soziologischen Funktionalis-
mus zu mutieren. Gehlen repräsentiert dagegen den Neuansatz einer
anti-individualistischen Sozialphilosophie. Wie Schmitt argumen-
tiert auch er anti-universalistisch. Seine normativistische Basis ist
aber vergleichsweise schwach. Moral und Hypermoral bietet eigent-
lich nur eine Ethos-Analyse konfligierender Systemimperative.
Wenn Gehlens Werk mit einer – unbefriedigend formulierten –
Spannung von »Familienethos« und »Staatsethos« schließt, ist der
sozialphilosophische Anspruch im Kern der ethischen Grundlegung
eigentlich gescheitert. Gehlens Werk wird so zur zeitkritischen Mo-
ralistik und Essayistik. Der »Institutionalismus« wandert dann zu
den beschreibenden Soziologen einerseits und den Historikern ande-
rerseits ab, die – wie etwa Koselleck – die Spannung von Individuum
und Gesellschaft als Verschränkung von Struktur- und Ereignis-
geschichte analysieren und das »Zeitalter der Subjektivität« in den
Zeitschichten und langen Bögen der Strukturgeschichte entspannter
sehen. Gehlens Sozialphilosophie scheitert an der polemischen Basis
des anfänglichen »Ethos«. Mit Hegel ist gegen dieses Ende der anti-

38
Helmuth Plessner, Macht und menschliche Natur, Berlin 1931
39 Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaf-
ten. Gesammelte Schriften Bd. VII, Stuttgart 2. Aufl. 1958, 135, 278 u. ö.

199
XII. · Arnold Gehlens objektivistische Wendung der Sozialphilosophie

individualistischen Sozialphilosophie zu sagen: »Das Recht der Be-


sonderheit des Subjekts, sich befriedigt zu finden, oder, was dasselbe
ist, das Recht der subjektiven Freiheit macht den Wende- und Mittel-
punkt in dem Unterschiede des Altertums und der modernen Zeit.« 40

40Georg W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, in: Theorie-Werkaus-


gabe, Frankfurt 1970, Bd. VII, 233

200
XIII. Das Odium des Nehmens.
Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

1. Philosophisches Interesse am Hegelianismus

Carl Schmitt hatte lange ein relativ distanziertes Verhältnis zur eta-
blierten Universitätsphilosophie. Dabei rückte er sie als konfessionel-
len Diskurs in die Nähe der Theologie. In Aufzeichnungen der frühen
20er Jahre schreibt er: »Die Philosophie und Wissenschaft waren die
Mägde der Theologie; o wären sie es doch! Heute sind sie nur Schuh-
putzer. Etwas Ökonomisches.« (TB 1921/24, 502) Seine spätere Kritik
an der Wertphilosophie scheint hier schon anzuklingen. Von den Or-
dinarien stand er bis 1933 nur mit Eduard Spranger in näherem Kon-
takt, nach 1933 dann mit dem nationalsozialistisch exponierten
Rechtsphilosophen Carl August Emge, der aber ein direkter Berliner
Kollege in der juristischen Fakultät war. Nach 1945 ist Joachim Ritter
dann der dritte deutsche Universitätsphilosoph, dem Schmitt näher
begegnete. Für jede politische Epoche seines Werkes lässt sich also
immerhin ein fachphilosophischer Gesprächspartner nennen.
Was die großen Alternativen der »Klassiker« angeht, ist die Ant-
wort noch einfacher und eindeutiger: Nur Hegel und den Hegelianis-
mus hat Schmitt durchgängig rezipiert, nur die »Hegel-Nahme« war
ihm ein ständiges Thema. Als anti-individualistischer Rechtsausleger
stellte Schmitt sich dabei gegen den Linkshegelianismus in eine »an-
dere Hegel-Linie«. Platon und Aristoteles, Augustinus und Thomas,
Kant oder Nietzsche spielten dagegen fast gar keine Rolle. Nur Hob-
bes kommt als philosophischer Klassiker ansonsten noch in Betracht.
Er erscheint im Werk auch deutlich exponierter als Hegel, widmete
Schmitt ihm doch mehrere Aufsätze, Rezensionen und eine Mono-
graphie; Schmitt ignorierte aber gerade in seinem Hobbes-Buch von
1938 den spezifisch philosophischen und »naturrechtlichen« Ansatz
auffällig. Seine Hobbes-Rezeption hatte nicht zuletzt das politische
Ziel, den »kontraktualistischen« und liberalen Ansatz zu eskamotie-
ren und Hobbes mythenpolitisch zu aktualisieren. Häufig stellte

201
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

Schmitt Hegel über Hobbes. In frühen Aufzeichnungen heißt es


auch: »Hobbes steht dem Leviathan doch noch von außen gegenüber;
bei Hegel wird der Leviat.[han] immanent.« (TB 1921/24, 504)
Spätestens seit den zwanziger Jahren wird man von detaillierten
Hegel-Kenntnissen ausgehen dürfen. Dabei kannte Schmitt auch den
Systemphilosophen genau; er scheint aber am Jenaer Hegel der Phä-
nomenologie des Geistes besonders interessiert gewesen zu sein. Auf-
fällig ist eine Diskrepanz zwischen systematischen Interessen, signifi-
kanten Hinweisen und dem bewussten Verzicht auf eine eingehende
Thematisierung. Schmitt mied auch Kontakte zum Weimarer Rechts-
hegelianismus und wollte keinesfalls als Rechtshegelianer erschei-
nen. Hegels Konzept vom »absoluten Geist« lehnte er vermutlich
auch aus religiösen Gründen ab. Stets ließ er sich aber vom spekula-
tiven Esprit anregen. Sein Interesse an Hegel tritt dabei nach 1945
auch in der Form einer pseudonymen Heidegger- und Hegelparodie
hervor: der »Ballade vom reinen Sein«, die Schmitt in seinen Kreisen
kursieren ließ und unter dem Titel Die Sub-Stanz und das Sub-Jekt
pseudonym und anonym publizierte. 1 Sie parodiert Hegels Beiset-
zung der Substanzphilosophie Spinozas sowie Heideggers »Schritt
zurück« hinter die abendländische Metaphysik. Vor Erscheinen von
Ritters Abhandlung über Hegel und die Französische Revolution va-
riiert und persifliert Schmitt hier schon das Revolutionsthema mit
Hegel. Nach seinem Münsteraner Vortrag im Ritter-Kolloquium ver-
las er diesen Text. Schmitts publizistisches Comeback stand nach 1945
zunächst im Zeichen des Abschlusses und der Veröffentlichung älte-
rer Werke, vor allem des Nomos der Erde. In den frühen 50er Jahren
beschäftigte er sich intensiv mit Shakespeare-Studien. 1956 erschien
Hamlet oder Hekuba. Danach nahm Schmitt sein Hegel-Thema ver-
stärkt wieder auf. Damals suchte er auch erneut das Gespräch mit
Philosophen. 1947 war Kojèves Introduction à la lecture de Hegel
erschienen, 1948 Lukács’ Der junge Hegel. 2 Erst nach Schmitts
Münsteraner Vortrag folgte Ritters knappe Studie über Hegel und
die Französische Revolution. Eine eingehendere Konstellationsana-
lyse des Gesprächs mit Ritter kann von Schmitts langem Kampf um
die »Hegel-Nahme« kaum absehen. Gerade die erste initiale Begeg-

1
Wiederabdruck u. a. in: BS 192–198; GDS 16–21
2 Alexandre Kojève, Introduction à la lecture de Hegel, Paris 1947; Georg Lukács, Der
junge Hegel. Über die Beziehungen von Dialektik und Oekonomie, Zürich 1948

202
Philosophisches Interesse am Hegelianismus

nung von 1957 steht im Zeichen des Kampfes um Hegel und eine
»andere Hegel-Linie«.
Die Korrespondenz mit Kojève 3 beginnt nach der Lektüre der
Introduction von Seiten Schmitts am 9. Mai 1955 – für einen Russen
der 10. Jahrestag der deutschen Kapitulation – mit der Sendung sei-
nes Beitrags zur Jünger-Festschrift und dem Hinweis auf den eigenen
»Anspruch« einer Hegel-Nahme, »für den ich auf der heutigen Erde
keinen anderen kompetenten Schiedsrichter anerkenne als Sie, Herr
Kojève«. 4 Schmitt findet damals bei Kojève die Frage nach »Hegels
Gott-Nahme« gestellt und hofft auf Kojève als politisch-theologi-
schen Gesprächspartner.
»Wer kann diese Erkenntnis der Gott-Nahme heute verstehen?«, notiert er
in sein Glossarium: »Keiner unserer heutigen Staats- und Gesellschafts-
Christen. Kein zolibatärer Bürokrat – der wird nur bösartig, wenn er davon
hört – und kein Pharisäer. Ich muss also wohl auf einen Juden warten. Viel-
leicht Jacob Taubes; vielleicht Kojève.« (GL 313)
Schmitts Neugier und Interesse mündet dann in eine Vortragseinla-
dung. Am 16. Januar 1957 spricht Kojève auf Vermittlung von
Schmitt in Düsseldorf über den »Kolonialismus aus europäischer
Sicht« 5 und es kommt anschließend zu einem längeren Gespräch.
Schmitt notiert davon begeisterte Eindrücke in sein Glossarium (GL
354 ff.) und berichtet Nicolaus Sombart darüber brieflich eingehend. 6
Nach dieser Begegnung erlosch die Korrespondenz aber aus ungeklär-
ten Motiven bald. Schmitts Bemühungen um Kojève kulminieren
deshalb in der Begegnung vom 16. Januar. Wenige Tage später, am
21. Januar, spricht er dann in Aachen über den »Mythos« des euro-
päischen Intellektuellen und am 25. Januar schickt er sein Vortrags-
thema nach Münster. Erst nach Kojèves Vortrag legt er also sein
Münsteraner Thema definitiv fest. Am 9. März erfolgt dann der Vor-
trag im Ritter-Kolloquium. Ritter steht damals am Übergang von sei-
nen Aristoteles-Publikationen zu den späteren Hegel-Publikationen.

3 Dazu vgl. Piet Tommissen (Hg.), Der Briefwechsel Kojève-Schmitt, in: Schmittiana
6 (1998), 100–124; vgl. auch Martin Meyer, Ende der Geschichte? München 1993
4 Schmitt am 9. Mai 1955 an Kojève, in: Der Briefwechsel Kojève-Schmitt, in:

Schmittiana 6 (1998), 100–124, hier: 101


5
Abdruck des Textes in: Schmittiana 6 (1998), 126–140
6 Carl Schmitt am 3. Februar 1957 an Nicolaus Sombart, in: Martin Tielke (Hg.),

Sombart und Schmitt, Berlin 2015, 97 f.

203
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

Gerade die frühe Abhandlung über Hegel und die französische Revo-
lution interessiert Schmitt nachhaltig.
Der folgende Beitrag schreibt keine umfassende Konstellations-
analyse von Schmitts Hegel-Diskursen nach 1945. Er analysiert nur
den Auftakt des Gesprächs und beschränkt sich auf den Europäisie-
rungsaufsatz und Schmitts alternative Antwort. Die Hegel-Publika-
tionen von Ritter lagen damals noch nicht vor. Schon durch Kojève
waren Europäisierungsthema und Hegel-Nahme für Schmitt aber
miteinander verbunden. Und auch Ritter betrachtete die Europäisie-
rung mit Hegel. Einen vorläufigen Abschluss finden die damaligen
Hegel-Diskurse in dem knappen Artikel Die andere Hegel-Linie 7
vom Juli 1957 sowie einigen Marginalien zu den Verfassungsrecht-
lichen Aufsätzen. Wenn Schmitt seine Überlegungen zu einer »ande-
ren Hegel-Linie« damals mit einer Würdigung von Hans Freyer ver-
bindet, lassen sich für »Freyer« getrost auch die Namen von Kojève,
Ritter oder Schmitt einsetzen.
Zwar steht Freyer in großzügiger Auslegung für eine undogma-
tische und alternative, nicht-marxistische Hegel-Deutung nach Dil-
they; zwar findet Schmitt bei Freyer auch das Thema der Europäisie-
rung oder »Weltgeschichte Europas« sowie ein konservatives
Konzept vom »Aufhalter«; zwar konstruiert Schmitt mit Freyer auch
ein Verhältnis zum deutschen Widerstand gegen Hitler; Schmitts
»anderer Hegel« war aber kaum von Dilthey und weniger noch von
Freyer inspiriert. Kojève und Ritter standen ihm im Hegel-Bild näher.
Deshalb versäumt Schmitt im Freyer-Artikel auch nicht den Hinweis
auf den Tyrannis-Dialog zwischen Kojève und Strauss. »Die andere
Hegel-Linie« vereinnahmt politisch großzügig und philosophisch un-
scharf. Schmitt sucht die »Aktualität« Hegels hier jenseits eines phi-
lologisch strikten und doktrinären Hegelianismus. Seine politische
Mobilisierung hat dennoch einigermaßen erkennbare Vorlieben und
Konturen: Schmitt folgt dem »liberalen« Hegel-Bild Ritters 8 letztlich
nicht und sucht die »Aktualität« Hegels mehr bei Kojève. Seine eige-
ne »Hegel-Nahme« blieb systematisch unausgeführt. Trotz späterer
Andeutungen bleibt es bei Schmitts Diktum von 1958:

7 Carl Schmitt, Die andere Hegel-Linie. Hans Freyer zum 70. Geburtstag, in: Christ
und Welt Jg. 10 Nr. 30 vom 25. Juli 1957
8
Zur Einordnung vgl. Henning Ottmann, Individuum und Gemeinschaft bei Hegel.
Hegel im Spiegel der Interpretationen, Berlin 1977; vgl. ders., Der Geist der Geistes-
wissenschaften, in: Synthesis Philosophica 49 (2010), 101–107

204
Von der Metaphysik zur Politik?

»Schon meiner Dissertation ›Über Schuld und Schuldarten‹ von 1910 hatte
Karl Binding mit vollem Recht entgegengehalten, dass ihr die Auseinander-
setzung mit dem Hegelianischen Strafrecht fehlt. In den folgenden Jahr-
zehnten bin ich den bedeutenden hegelianischen Rechtsphilosophen meiner
Zeit, Julius Binder und Karl Larenz, eine Erwiderung auf ihre Argumente
schuldig geblieben. An dieser Stelle kann ich das große Versäumnis nicht
nachholen.« (VRA 428)

2. Von der Metaphysik zur Politik?

Jenseits des monumentalen Wörterbuchs ist Ritter als Philosoph vor


allem durch seine beiden Aufsatzsammlungen von 1969 und 1974
bekannt. Das Frühwerk vor 1945 9 dokumentiert die Sammlung von
1974 mit zwei Studien und betont so Kontinuitäten. Zweifellos fußt
Ritters schlanke und schlichte Darstellung der Einheit der abend-
ländischen Metaphysik – von Aristoteles zu Hegel – auf einem kom-
plexeren Wissen. 10 Die Wirkungsmacht seiner Sicht beruhte aber
nicht zuletzt auf dem doppelten Fundament der Aristoteles- und der
Hegel-Studien. Dabei scheint das Werk von Aristoteles zu Hegel zu
schreiten.
Die philosophiegeschichtliche Stellung dieses Doppelbaus ist in
erster Annäherung durch das alternative Verhältnis zur Heidegger-
Schule profiliert. Als Schüler Cassirers hatte Ritter Heidegger schon
auf der berühmten Davoser Tagung erlebt; er war zwar beeindruckt,
stellte Heideggers Destruktion der abendländischen Metaphysik aber
eine eigene Rekonstruktion von Aristoteles und Hegel positiv ent-
gegen. Heidegger knüpfte für seine Destruktion an den doppelten
Enden von Platon und Nietzsche an und spielte das »anfängliche«
und »andere Denken« der Vorsokratik gegen den abendländischen

9
Dazu Jens Thiel, Akademische »Zinnsoldaten«? Karrieren deutscher Geisteswissen-
schaftler zwischen Beruf und Berufung (1933/1945), in: Rüdiger vom Bruch u. a.
(Hg.), Kontinuitäen und Diskontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte des
20. Jahrhunderts, Stuttgart 2006, 167–194; knappe intellektuelle Biographie mit um-
fassender Bibliographie bei Mark Schweda, Entzweiung und Kompensation. Joachim
Ritters Theorie der modernen Welt, Freiburg 2013; vgl. ders., Joachim Ritter und die
Ritter-Schule zur Einführung, Hamburg 2015
10
Dazu Joachim Ritter, Docta Ignorantia. Die Theorie des Nichtwissens bei Nicolaus
Cusanus, Leipzig 1927; ders., Mundus intelligibilis. Eine Untersuchung zur Aufnah-
me und Umwandlung der neuplatonischen Ontologie bei Augustinus, Frankfurt 1937

205
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

Platonismus und – wie Heidegger meinte – »Nihilismus« aus. Ritter


mied diese Enden und konzentrierte sich mit Aristoteles und Hegel
auf zwei unstrittige Klassiker und Hauptvertreter der abendlän-
dischen Metaphysik.
Eine zentrale Frage betrifft das Verhältnis von Ritters Funk-
tionsbestimmung und Begriff der »Geisteswissenschaften« zur
abendländischen »Metaphysik«. Verabschiedete er die philosophische
Tradition der Metaphysik zugunsten einer philologischen und be-
griffsgeschichtlichen »Geisteswissenschaft«, der er eine politische
und »kompensative« Rolle zuwies? Vertrat auch Ritter, weniger pole-
misch, eine Variante der These vom »Ende der Philosophie«? Ich will
diese Frage hier nicht entscheiden, meine aber, dass die Forschung
diese zentrale Frage oft nicht hinreichend bedenkt: Kennt Ritter post-
metaphysische Philosophie? Fundierte er die »modernen« Geistes-
wissenschaften in einer Philosophie? Oder vertrat er ein systematisch
schwaches und politisch um so ambitionierteres Konzept von der Tra-
ditionsbewahrung durch bildungspolitische Praktik der Geisteswis-
senschaften? Was genau besagt der berühmte Titel »Metaphysik
und Politik« eigentlich? Ich neige hier der Auffassung zu, dass Ritter,
anders als die Heidegger-Schule, die Geschichte der Philosophie mit
Hegel im Wesentlichen abschloss, weil er die »Möglichkeiten« oder
den Begriff vom Menschen substantiell vollendet fand. Ritter identi-
fizierte Philosophie nicht mit den modernen Geisteswissenschaften.
Vielmehr war er der Auffassung, dass die metaphysische Aufgabe der
Philosophie durch Hegel vollendet wurde und heute nur noch kom-
pensatorische ideenpolitische Erinnerung bleibt.
Ritters Anliegen zeigt sich in Metaphysik und Politik (MP) 11
schon in der einleitenden Studie Die Lehre vom Ursprung und Sinn
der Theorie bei Aristoteles. Die »Natur« des Menschen ist es nach
Aristoteles, meint Ritter, individuelle Lebenskonzepte formulieren
und realisieren zu können. Die Polis war der geschichtliche Ort, wo
diese Frage nach dem »Seinkönnen« des einzelnen Menschen aufkam
und Chancen zur Verwirklichung erhielt. Aristoteles’ Einsicht, dass
der »Mensch als Mensch« Subjekt des Rechts und des Staates sei,
wurde jedoch seit der Französischen Revolution darauf reduziert, dass
der private Mensch in seiner Bedürftigkeit, das Subjekt der entste-
henden bürgerlichen Gesellschaft, auch Zweck des Staates sei. Ritter

11 Joachim Ritter, Metaphysik und Politik. Studien zu Aristoteles und Hegel, Frank-
furt 1969 (MP)

206
Von der Metaphysik zur Politik?

pointiert die Konsequenzen in seinen Studien zu Hegel. Mit großer


Entschiedenheit betont er, dass es Hegel um den »gegenwärtigen
Vollzug der Metaphysik« (MP 190) ging. Gegenüber der Gefahr einer
geschichtlichen »Entzweiung« von »Herkunft und Zukunft« (MP
211 ff., 335, 338, 351) suchte Hegel die Kontinuität der Geschichte
zu wahren, indem er die »Gesellschaftstheorie« der Revolution phi-
losophisch rezipierte und durch eine Lehre vom Staat ergänzte, die
eine ethische Theorie der Institutionen wiederentdeckte (MP 291 ff.).
Hegels Erinnerung des »ganzen« Menschen wurde aber bald nur
noch als Restaurationsideologie wahrgenommen.
Schließt Metaphysik und Politik mit einem Ausblick auf die ge-
genwärtige »Weltzivilisation«, so erörtert der – 1974 in Ritters To-
desjahr erschienene – Band Subjektivität (S) die heutige Lage von
Metaphysik und Politik. Dabei gehen nur die letzten beiden Aufsätze
über die Studien zu Metaphysik und Politik hinaus. Die Aufgabe der
Geisteswissenschaft in der modernen Gesellschaft, 12 1963 erstmals
veröffentlicht, zeigt, dass die neuhumanistische philosophische Be-
gründung der Universität sich seit dem Niedergang des deutschen
Idealismus nicht mehr halten ließ: Die moderne Entzweiung von Her-
kunft und Zukunft schlug sich institutionell in einer Zweiteilung von
Natur- und Geisteswissenschaften nieder. Während die Naturwissen-
schaften sich dem Fortschritt der bürgerlichen Gesellschaft verban-
den, blieb den Geisteswissenschaften nur die Aufgabe der »Kompen-
sation« und »Korrektur« (S 131 f.) 13 der Herkunftsvergessenheit der
bürgerlichen Gesellschaft. Die modernen Geisteswissenschaften ent-
standen »unabhängig vom Austrag theologischer und metaphysi-
scher Fragen« (S 125 f.). Sie können die Metaphysik methodisch
kaum noch vergegenwärtigen und allenfalls die Differenz zur Phi-
losophie erinnern. Da die metaphysische Begründung aber seit Aris-
toteles und Hegel im Wesentlichen feststeht und die Auslegung der
gegenwärtigen Wirklichkeit des Menschen nur ein Bild der Verein-
seitigung liefert, kann die kritische Funktion geisteswissenschaft-
licher Erinnerung an die Stelle metaphysischer Vergegenwärtigung
treten. Ist die Grundlegung geleistet und das »Bild vom Menschen«

12 In: Joachim Ritter, Subjektivität. Sechs Aufsätze, Frankfurt 1974, 105–140


13
Dazu schon Joachim Ritter, Über die antinomische Struktur der geisteswissen-
schaftlichen Geschichtsauffassung bei Dilthey (1931); Wiederabdruck in: Dilthey-
Jahrbuch 9 (1994/95), 182–206

207
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

festgestellt, treten ideen- und wissenschaftspolitische Aufgaben – wie


das Historische Wörterbuch der Philosophie – in den Vordergrund. 14
Auch bei Ritter findet sich also eine – schon den Junghegelianern
geläufige – endgeschichtliche Sicht der Philosophie, die Heidegger
nach seinen universitätspolitischen Enttäuschungen in anderer Weise
pflegte. Ritter akzeptierte den Übergang zur universitäts- und bil-
dungspolitischen Intervention, weil er die philosophische Metaphysik
– mit Hegel auf dem Boden der modernen Welt – vollendet fand und
ihre philosophische Aktualisierung akademisch kaum noch für mög-
lich hielt. Er transformierte damit philosophische Fragestellungen
und Methoden in geistes- und sozialwissenschaftliche. Praxisorien-
tierte Wissenschaft trat an die Stelle politisch relevanter Metaphysik.

3. Adressat Geschichtslehrer

Ritter gilt heute als »politischer« Philosoph. Jens Hacke 15 betonte


seine starke Wirkung auf die intellektuelle »Gründung« der Bundes-
republik und berücksichtigte dabei auch Schüler wie Ernst-Wolfgang
Böckenförde und Hermann Lübbe. Mit zahlreichen dieser Ritter-
Schüler stand auch Schmitt im persönlichen Kontakt. 16 Diese
Schmitt-Ritter-Schüler sollen hier nicht weiter Thema sein und auch
der »politische« Charakter von Ritters Wirken wird hier nicht weiter
erörtert. Nimmt man Ritters Aufsatzsammlungen, so springen poli-
tische Themen nicht gerade an. Nur zwei Beiträge aus Metaphysik
und Politik widmen sich ausdrücklich der »›Weltzivilisation‹«. Den
Begriff der Weltzivilisation rückt Ritter dabei in Gänsefüsschen und
fasst ihn vorbehaltlich. Unter diesem Titel stehen zwei Beiträge: Eu-
ropäisierung als europäisches Problem von 1956 und Die große Stadt
von 1960. Der letzte verweist auf die Polis und die aristotelische

14 Dazu vgl. Hermann Lübbe, Affirmationen. Joachim Ritters Philosophie im aka-


demischen Kontext der zweiten deutschen Demokratie, in: Ulrich Dierse (Hg.), Joa-
chim Ritter zum Gedenken, Mainz 2004, 89–109
15 Jens Hacke, Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberal-konservative Begründung

der Bundesrepublik, Göttingen 2006; vgl. auch Tilman Reitz, Kreise mit schwachen
Meistern. Die Frankfurter und die Münsteraner Schule bundesdeutscher Sozialphi-
losophie, in: Thomas Kroll / ders. (Hg.), Intellektuelle in der Bundesrepublik. Ver-
schiebungen im politischen Feld der 1960er und 1970 Jahre, Göttingen 2013, 167–184
16
Diese »liberale« Rezeption betonte schon Hermann Lübbe, Carl Schmitt liberal
rezipiert, in: Helmut Quaritsch (Hg.), Complexio Oppositorum. Über Carl Schmitt,
Berlin 1988, 427–440

208
Adressat Geschichtslehrer

Theorie vom Glück des »bürgerlichen Lebens«. Europäisierung als


europäisches Problem formuliert demnach eine Problemanzeige, für
die Die große Stadt – eher Münster als Mumbai – eine Antwort und
Lösung sein könnte. Realisiert die »Europäisierung« die Weltzivilisa-
tion als »große Stadt«? Bewahrt der Verfassungsstaat das Erbe der
Polis?
Wir sprechen heute ständig von »Globalisierung«. Einer solchen
Formulierung tritt Ritter terminologisch gleich doppelt entgegen: Er
spricht von »Europäisierung« und adressiert sie als »europäisches
Problem« primär an die Europäer. Der Terminus der »Globalisie-
rung« war damals noch nicht etabliert; Ritters emphatische Betonung
der »Europäisierung« scheint aber bereits eine besondere europäische
Verantwortung im Globalisierungsprozess herauszustreichen. Der
Text wurde als Vortrag in einem außeruniversitären Raum auf einer
Tagung in Bottrop gehalten und vom »Vorstand des Landesverbandes
nordrhein-westfälischer Geschichtslehrer« veröffentlicht. Die Doku-
mentation der Tagung erschien unter dem Titel Europäisch-asiati-
scher Dialog 17 und enthält neun Beiträge. Ritters Beitrag eröffnet
den Band und gibt das Stichwort aus. Ein anschließender Beitrag des
Münsteraner Turkologen Gerhard Jäschke erörtert den Islam in der
modernen Türkei. Vermutlich waren beide Münsteraner Türkei-Bei-
träge aufeinander abgestimmt. Weitere Beiträge renommierter Pro-
fessoren behandeln Indien, die chinesische Revolution und Südost-
asien. Zwei sind deutlich aus christlicher Sicht geschrieben: Ein
Beitrag zum »Europäismus in der modernen Asienmission und seine
Überwindung« sowie ein Beitrag zur Notwendigkeit des europäisch-
asiatischen Dialogs. Ein Schlussbeitrag signalisiert zwar geschichts-
didaktische Anwendungen für den »Geschichtsunterricht«, ähnelt
heutigen geschichtsdidaktischen Standards aber nur entfernt. Ins-
gesamt ist ein Fortbildungslehrgang für Geschichtslehrer erkennbar,
von ausgewiesenen Experten der jeweiligen Fachrichtungen verfasst,
der die »Europäisierung als europäisches Problem« erörtert, indem er
den Europäismus oder Eurozentrismus landeskundlich in Frage stellt.
Der Sammelband erschien in einer Reihe jährlicher Fortbildungsbän-
de. Ritters Beitrag unterscheidet sich von den anderen durch den

17
Europäisch-asiatischer Dialog. Vorträge gehalten auf der Tagung des Landesver-
bandes nordrhein-westfälischer Geschichtslehrer in Bottrop, hrsg. I. H. Pollmüller,
Düsseldorf 1956

209
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

grundlegenden und exemplarischen Ansatz einerseits und die Zu-


rückhaltung in der Thematisierung von Islam und Christentum an-
dererseits. Der seriöse Sammelband war insgesamt nicht an ein
philosophisches Fachpublikum, sondern an Geschichtslehrer und
Multiplikatoren adressiert. Das ist zweifellos auch für Ritters Argu-
mentation wichtig.

4. Appellativer Sinn der Europäisierungsthese

Der Beitrag Europäisierung als europäisches Problem 18 knüpft einlei-


tend an Ernst Jüngers 19 gerade erschienenen geschichtsphilosophi-
schen Essay Der gordische Knoten an und lehnt dessen pauschale Ver-
teidigung der abendländischen Freiheit gegen den »asiatischen
Schrecken« ab: »Abendland« und »Asien« seien durch die Annahme
einer substantialistischen Herkunftseinheit verzeichnet. Ritter diffe-
renziert »Asien« und betont der substantialistischen Annahme der
»Kontinuität« einer »Herkunftsgeschichte« gegenüber die allgemei-
ne Modernisierungsbewegung und »Umwälzung«. Dann formuliert
er seine These von der »Europäisierung«: »Ursprungsort« der Ver-
änderungen sei Europa. Ritter konstatiert eine allgemeine Europäisie-
rungsbewegung in diversen »nationalen Revolutionen« und spricht
einige der Länder an, die in weiteren Beiträgen der Tagung näher
behandelt sind; er exemplifiziert diesen Prozess dann für die moderne
Türkei, in der er von 1953 bis 1955 gelebt hatte und aus der er gerade
zurückgekehrt war. Ritter spricht deshalb auch aus der Perspektive
eines »Reisenden« und beansprucht nur den Status subjektiver Be-
obachtungen in der Tradition von Reisebeschreibungen: keine orien-
talistische Expertise. Ritter hatte in Istanbul gelehrt, exemplifizierte
die revolutionäre Europäisierung der Türkei aber vor allem an Anka-
ra. Istanbul war keine revolutionäre Neugründung; die Modernisie-
rung der Türkei war an Ankara besser zu zeigen. Ritter demonstriert
an der Türkei eine Schere von Herkunft und Zukunft:
»Was in die Zukunft weiterführt, hat keine Kontinuität zum geschichtlich
Gewordenen. Der Fortschritt schließt seine Auflösung und seinen Unter-

18
Hier zitiert nach dem Wiederabdruck in: Metaphysik und Politik, Frankfurt 1969,
321–340 (MP)
19
Ernst Jünger, Der gordische Knoten, Frankfurt 1953

210
Appellativer Sinn der Europäisierungsthese

gang ein. Das Alte und das Neue beginnen im Prozess der Europäisierung
auseinanderzutreten. […] Zukunft und Herkunft sind ohne Beziehung.«
(MP 329)

Diese Modernisierungserfahrung reflektiert Ritter auch als positive


Selbsterfahrung der Europäisierung: Die Kontrasterfahrung von Alt
und Neu lässt den »Reisenden« die Errungenschaften der Moderne
erneut evident werden: »Die Erfahrung der Europäisierung wird ihm
so am Ende zu einer positiven Erfahrung des Europäischen selbst.«
(MP 330) Der Europamüde entdeckt erneut die »Leidenschaft des
Neuen« (MP 331), sieht aber auch den »Schmerz« in der »Dialektik
des Fortschritts«, realisiert die »Trennung der bürgerlichen und reli-
giösen Sphäre«, »Spannung der zwei Ordnungen« und »Spaltung des
Daseins« (MP 333). Die Spannung von Staat und Religion zeigt sich
neu. »Die Europäisierung erzeugt so als ihr Widerspiel eine zuweilen
düstere und fanatische Reaktion« (MP 334). In diesem Kampf von
Herkunft und Zukunft fragt Ritter nach der »Macht der Versöhnung
und Vermittlung« (MP 335) und setzt auf »Bildung« (MP 339). Er
nennt aber keine bestimmte Bildungsform, sondern erwähnt nur
noch einen indischen Historiker. Er spricht für die Geschichtslehrer
nicht von Philosophie, sondern grenzt sich vielmehr von Hegels ge-
schichtsphilosophischem Ausblick auf Amerika als »Land der Zu-
kunft« ab und setzt auf eine neue Form der Weltgeschichtsschrei-
bung, die den klassischen Eurozentrismus hinter sich lässt.
Historiker sprechen dafür heute gerne von »Globalgeschichte«.
Man könnte Ritters Überlegungen nun in den Europadiskurs
nach 1945 einordnen: Von »Globalisierung« wurde damals zwar noch
kaum gesprochen, eine Engführung von Modernisierungs- und Eu-
ropäisierungsgeschichte war aber schon problematisch und hatte As-
pekte eines defensiven Abwehrdiskurses. Eine »Weltgeschichte Euro-
pas« (Hans Freyer) ging an der Dezentrierung Europas und dem
konkurrierenden Narrativ der »Amerikanisierung« vorbei. Auch die
moderne Wissenschaft und Technik war längst nicht mehr mit euro-
päischer Wissenschaft und Technik identifizierbar. Eine andere Frage
betrifft das Verhältnis dieser Europäisierungsdiagnose zum damali-
gen Türkeidiskurs. Die Römischen Verträge vom März 1957 waren
noch nicht beschlossen, »Kerneuropa« formierte sich erst. Die geo-
strategisch zentrale Stellung der modernen Türkei innerhalb der
NATO und ihre Neigung zum Projekt einer europäischen »Gemein-
schaft« war aber durch den Ost-West-Konflikt bereits eine wichtige

211
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

Frage. Die ersten Beitrittsversprechungen und –abkommen datieren


aus den 50er Jahren. Heute liegt der Türkeidiskurs anders.
Man könnte nun nach dem prognostischen Gehalt der Konflikt-
diagnose fragen: Zutreffend betont Ritter die revolutionäre Grün-
dungsgewalt Atatürks und macht sie u. a. an der Einführung der
»europäischen Zeitrechnung« fest. Jeder Besucher des Atatürk-Mau-
soleums Anitkabir in Ankara wird von dieser revolutionären Grün-
dungsgewalt der Modernisierungsentscheidungen berührt sein. Rit-
ter streicht das heraus und sieht die Gefahr reaktionärer Widerstände
und Regressionen. Der spätere Aufstieg Recep Erdogans (* 1954) und
seiner Partei AKP wurde immer wieder als Reaktion auf den Kema-
lismus und Kampf der »alten«, agrarischen und islamischen Türkei
gegen die rasante Modernisierung beschrieben. Heute, im Herbst
2016, ist der Kurdenkonflikt mit dem Bürgerkrieg in Syrien und
dem Zerfall des Irak erneut entfesselt und die Türkei droht in Terror
und Ausnahmezustand, Diktatur und Bürgerkrieg zu versinken. In-
nerhalb der islamischen »Welt« war die Türkei lange eine Moderni-
sierungsavantgarde. Ritters Exemplifizierung der »Europäisierung«
»Asiens« am Beispiel der Türkei ist deshalb wenig irritierend. Seine
Skizze einer Dialektik von Modernisierung und Reaktion ist auch
heute noch sachlich anregend.
Die Differenzierung eines pauschalen Labels »Asien« ist jedoch
inzwischen derart fortgeschritten, dass eine summarische Erwähnung
der »Völker Asiens« (MP 323), wie sie Ritter vornimmt, kaum noch
verstanden wird. Etiketten wie »Asien« oder »Orient« sind ver-
braucht. China und Indien, die Türkei und Ägypten werden geopoli-
tisch nicht mehr als eine »Achse« wahrgenommen. Das betrifft nicht
nur die Unterscheidung zwischen Entwicklungs- und Schwellenlän-
dern, ökonomisch-technischen Niveaus, sondern primär auch die kul-
turelle und religiöse Differenzierung. Die Modernisierung Chinas
beschreiben wir heute nicht mehr als Europäisierung und die Türkei
dient nicht mehr als Exempel für Länder wie China und Korea. Rit-
ters Europäisierungsbegriff ist deshalb heute überholt und wird auch
kaum noch verwendet. Globalisierungsgeschichten werden nicht
mehr als Europäisierungsgeschichten erzählt. Die allgemeinen For-
mulierungen einer Schere von Herkunft und Zukunft und »Diskon-
tinuität« der Geschichte mögen zwar noch einigermaßen tragen, klin-
gen aber diagnostisch kaum frischer als ältere Kampfbegriffe von
»Fortschritt« und »Reaktion«. Das gilt auch für eine abstrakte Be-
schwörung der »Bildung« als »Macht der Versöhnung und Vermitt-

212
Koalition gegen Ernst Jünger

lung«. Man wüsste gerne genauer, welche Bildung eigentlich gemeint


ist. Ritter exponiert das transkulturelle metaphysische Vermächtnis
Europas:
»Die Vernunft der Philosophie gehört von Anbeginn weder den Griechen
noch den Römern für sich; wo sie in die Geschichte eingetreten ist, da wird
das Menschsein des Menschen zum Subjekt und zur Substanz aller politi-
schen Ordnung und aller Geschichte.« (MP 338)
Meint Ritter damit auch die Universalität der Menschenrechte? Seine
Stichworte bleiben vage und allgemein. Wenn die Europäisierungs-
these deskriptiv und diagnostisch heute deshalb auch nur noch be-
grenzt anzuregen vermag, bleibt doch die Rückadressierung an »die
Europäer« als »europäisches Problem« appellativ wichtig: Ritter
scheint die besondere Verantwortung der Europäer für die Globalisie-
rungsprozesse anzusprechen. Zugespitzt gesagt ist sein Beitrag heute
weniger historisch als politisch interessant; weniger die Europäisie-
rungsthese als deren Adressierung an die Europäer als »europäisches
Problem« ist heute noch beachtlich.

5. Koalition gegen Ernst Jünger

Piet Tommissen publizierte 1998 – nicht ganz vollständig – den Brief-


wechsel Kojève-Schmitt. Er beginnt 1955 sehr intensiv und erlahmt
nach dem Januar 1957 dann fast gänzlich. Das Gespräch kulminiert in
der persönlichen Begegnung von 1957. Der – von Mark Schweda pu-
blizierte 20 – Briefwechsel von Joachim Ritter mit Schmitt beginnt
zeitnah in den Jahren 1956/57 ebenfalls sehr dicht und endet dann
1974 mit dem Tod Ritters. Es gab mehrere persönliche Begegnungen
und die Verbindung wurde auch durch gemeinsame Schüler getragen.
Schmitts persönliche Beziehung zu Ritter war deshalb weit enger als
der periphere Kontakt mit Kojève. Sie war auch intensiver als die
früheren Philosophenkontakte zu Spranger oder Emge, so dass die
Konstellation Ritter-Schmitt für die Erörterung seiner Philosophen-
kontakte insgesamt von zentraler Bedeutung ist. Schmitts philoso-
phische Debatten gingen aber nicht im förmlichen Kontakt mit etab-
lierten Universitätsphilosophen auf. Mit einigen Ritter-Schülern hat

20
Mark Schweda (Hg.), »Die ›nicht selbstverständliche‹ Begegnung zwischen uns«:
Der Briefwechsel von Joachim Ritter und Carl Schmitt im wirkungsgeschichtlichen
Horizont, in: Schmittiana II N.F. (2014), 201–274

213
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

Schmitt vermutlich auch intensiver »philosophiert« als mit Ritter


selbst. Zu den engsten und wichtigsten Gesprächspartnern gehörte
Ritter niemals. Der Gesprächsbeginn 1956/57 war dabei besonders
intensiv. 20 der 60 erhaltenen Briefe fallen in diese Zeit.
Aus den ersten Briefen geht deutlich hervor, dass die Auseinan-
dersetzung mit Jünger und dem Europäisierungs-Aufsatz erste The-
men waren. Schmitt eröffnet die Korrespondenz, indem er Ritter
durch Winckelmann einen Sonderdruck seiner Jünger-Auseinander-
setzung übergeben lässt. Auch seine Korrespondenz mit Kojève be-
gann mit der Übersendung des Jünger-Festschriftbeitrags. Ritter er-
schien ihm von Anbeginn wohl als ein möglicher Koalitionär in der
Absetzung vom spekulativen Großessayisten. »Europa« steht bei
wichtigen Nachkriegstiteln schon im Titel: Die Lage der europäischen
Rechtswissenschaft, Donoso Cortés in gesamteuropäischer Interpre-
tation, Der Nomos der Erde im Jus Publicum Europaeum. Das ist
beachtlich, auch unabhängig von der Tatsache, dass Schmitt seine
Teilnehmerperspektive nach 1945 sehr elastisch von »Deutschland«
auf »Europa« umstellte.
Mit seinem ersten Brief vom 7. Januar 1956 antwortet Ritter auf
Schmitts Jünger-Kritik und kündigt die Sendung seines Europäisie-
rungs-Vortrages an, der damals bereits »in Druck gegangen« ist.
Schmitt antwortet umgehend: »Besonders begierig bin ich auf Ihre
Erfahrungen mit der ›Europäisierung‹ der Türkei und Ihre Auseinan-
dersetzung mit Ernst Jüngers Europa-Asien-Theorie.« 21 Im Juli über-
sendet Ritter dann den Europäisierungs-Text mit begleitendem Brief
und am 6. Januar 1957 lädt er Schmitt zum Jubiläumssymposion des
zehnjährigen Bestehens des Collegium Philosophicum nach Münster.
Er wünscht einen Vortrag aus dem »Umkreis des ›Nomos‹«; 22 Schmitt
soll die Nachmittagssitzung übernehmen, während Winckelmann am
Vormittag über das »Problem des modernen Staates« spricht. Für bei-
de Sitzungen sind je drei Stunden veranschlagt; Schmitts Thema ist
von Winckelmann unabhängig.
Schon in seiner Antwort vom 13. Januar verbindet Schmitt das
»Thema Nomos oder Nomos der Erde« mit Ritters Aufsatz: »Das
Thema Ihres Aufsatzes über Europäisierung interessiert mich auch
in der türkischen Anwendung.« Bemerkenswert ist es, dass er dabei
für Kojève wirbt, während er in der Korrespondenz mit Kojève von

21 Schmitt am 9. Februar 1956 an Ritter, in: Schmittiana II N.F. (2014), 220


22
Ritter am 6. Januar 1957 an Schmitt, in: Schmittiana II N.F. (2014), 227

214
Koalition gegen Ernst Jünger

Ritter schweigt. Schmitt hatte Kojèves zeitnahen Vortrag in Düssel-


dorf »veranlasst«: »Dass Sie dabei anwesend sein könnten, wage ich
allerdings nicht zu hoffen. Ich bedaure das, denn ich bin sicher, dass es
sich um eine überaus lebhafte Auseinandersetzung handeln wird. Mit
A. Kojève stehe ich seit 2 Jahren in Briefwechsel.« 23 Konnte er Ritter
nicht zeitiger einladen? Warum antizipierte er eine ablehnende Ant-
wort und lud Ritter nicht ergebnisoffen ein? Wollte er Ritter nicht
mit Kojève bekannt machen? Wollte er gar vermeiden, dass Ritter
Kojèves Thesen kannte, damit Schmitt selbst in Münster mit Kojève
brillieren konnte? Eine solche Deutung wäre überzogen, das Zeitfens-
ter war zu eng. Jedenfalls signalisiert Schmitt aber zum Auftakt des
Ritter-Gesprächs sogleich sein Interesse an Kojève. Von Anfang an
gibt es deshalb gleichsam ein Gespräch zu Dritt, mit einem abwesen-
den und interessierten Dritten, der agonal auf der Schulter sitzt. Ne-
ben Jünger ist im Gespräch mit Ritter auch Kojève als Gegenspieler
von Anfang an präsent. Schmitts Antwort auf Ritter wird dann Kojè-
ves These vom »gebenden Kolonialismus« sachlich nahe stehen.
In diesen Tagen verdichten sich diverse Themen: Am 16. Januar
hält Kojève seinen Düsseldorfer Vortrag über »Kolonialismus in eu-
ropäischer Sicht«. Wenige Tage später spricht Schmitt in Aachen über
»Hamlet als mythische Figur der Gegenwart« und am 25. Januar
kündigt er für Münster »Der heutige Nomos der Erde« an. Auch dort
ist die politische Rolle der Intellektuellen ein Aspekt, worauf schon
der rückblickende Dankesbrief Schmitts hindeutet, der auch das
Hamlet-Thema anspricht. 24 Der Korrespondenz lassen sich weitere
Andeutungen entnehmen, worüber in Münster gesprochen wurde:
Schmitts Vortrag antwortete primär auf Kojève und Ritter und nicht
auf Winckelmann. Dessen Vortrag wurde unter dem Titel Gesell-
schaft und Staat in der verstehenden Soziologie Max Webers 1957
publiziert. 25 Schmitt rezensierte diese Schrift, mit Hinweis auf Müns-
ter, leicht distanziert: Er vermisst eine Klärung der »Verbindungen«
zu Dilthey und Husserl sowie das »quälende Zwei-Welten-Problem –
Wissenschaft und Weltanschauung –, das immer auch ein Zwei-See-
len-Problem ist«. 26 Dilthey steht hier für »Weltanschauung«, Hus-

23 Schmitt am 13. Januar 1957 an Ritter, in: Schmittiana II N.F. (2014), 229
24 Schmitt am 14. März 1957 an Ritter, in: Schmittiana II N.F. (2014), 232 ff.
25 Johannes Winckelmann, Gesellschaft und Staat in der verstehenden Soziologie

Max Webers, Berlin 1957


26 Carl Schmitt, Rezension zu: Winckelmann 1957, in: Das Historisch-politische Buch

6 (1958), 102; vgl. auch Schmitts Rezensionen von: Max Weber, Wirtschaft und Ge-

215
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

serl für Wissenschaft; Schmitt wünscht mehr »Weltanschauung«,


führt die »andere Hegel-Linie« damals auf Dilthey zurück. Bald wird
er sich mit Winckelmann über Wolfgang Mommsens nationalistische
Weber-Deutung entzweien. Schmitt stimmt Mommsen gegen Win-
ckelmann zu und findet im Nationalismus die »Weltanschauung«
Webers, die er positiv bejahen kann.
An Ritters Europäisierungsaufsatz gefiel Schmitt schon die Ab-
grenzung von Ernst Jünger. In diesen 50er Jahren war sein Verhältnis
zu Jünger sehr gespannt. Mit Gretha Jünger hatte es ein Zerwürfnis
gegeben und die Korrespondenz blieb jahrelang distanziert. In diese
Zerwürfnisphase hinein publizierte Schmitt in der Festschrift für
Jünger, von Armin Mohler organisiert, seinen Beitrag Die geschicht-
liche Struktur des Gegensatzes von Ost und West, der sich einleitend
ebenfalls, wie Ritters Beitrag, von Jüngers Schrift Der Gordische
Knoten absetzte; der Beitrag war eine diskret formulierte Kritik. So
schreibt Schmitt:
»Das Denken in Polaritäten – seien es die Polaritäten Goethes, oder Schel-
lings oder Ernst Jüngers – setzt sich von dem konkret-geschichtlichen Den-
ken so deutlich ab, dass wir, ohne Polemik oder Eristik, der polaren Deutung
das konkret-geschichtliche Bild an die Seite stellen können.« (SGN 531)
Für das »konkret-geschichtliche« Gegenbild berief Schmitt sich auf
eine »Frage-Antwort-Struktur« neuerer Geschichtsphilosophen und
schloss mit einem Verweis auf Hegels Rechtsphilosophie § 247:
»Ich breche hier ab und überlasse es dem aufmerksamen Leser, in meinen
bisherigen Ausführungen den Anfang eines Versuches zu finden, diesen
§ 247 in ähnlicher Weise zur Entfaltung zu bringen wie die §§ 243/246 im
Marxismus zur Entfaltung gebracht worden sind.« (SGN 543 ff.)
In der Theorie des Partisanen und zuletzt 1981 noch in der Nach-
bemerkung zur Neuausgabe von Land und Meer – Schmitt ist fast
93 Jahre alt – erneuert er diesen »Anspruch« (TP 27). Beide Aspekte
– Gegendeutung zu Jünger und Ansatz bei Hegel – klingen auch in
Ritters Europäisierungsaufsatz an.
Schon vor der persönlichen Begegnung konnte Schmitt das Ge-
spräch mit Ritter deshalb als eine mögliche Alternative zum verwor-
fenen Gespräch mit Jünger suchen. Er schickte Jünger deshalb im

sellschaft, 4. Aufl. Tübingen 1956, in: Das Historisch-politische Buch 4 (1956), 195–
196; Wolfgang Mommsen, Max Weber und die deutsche Politik, Tübingen 1959, in:
Das Historisch-politische Buch 8 (1960), 180–181

216
Antikolonialismus als europäische Intellektuellenideologie

März 1957 auch seine Münsteraner Vortragsdisposition; Jüngers


Antwort wird ihn in seiner Ablehnung des undialektischen »Denkens
in Polaritäten« bestätigt haben; Jünger antwortete mit einem astrolo-
gischen Schema und bemerkte dazu: »Der Anspruch der Astrologen,
als Wissenschaftler anerkannt zu werden, ist eine Bewerbung um
Degradation.« Jünger unterschied im großzügigen Epochenschema
von je zwei Jahrtausenden Zeitalter vom Stier, Widder, der Fische
und des Wassermann. Für das Jahr 2000 konstatiert er einen Über-
gang der Fische zum Wassermann. Die Fische assoziiert er dabei mit
dem »Sohn« und den Wassermann mit dem »Heiligen Geist«.
Schmitts »konkret-geschichtliche« Frage nach dem »neuen Nomos
der Erde« ist hier negiert. Dennoch fragt Jünger am Ende seines Brie-
fes: »Lässt sich das Schema annehmen?« (JS 329) Schmitt antwortet
umgehend: »Ihr Schema der 2000-jährigen Weltalter ist mir seit
50 Jahren geläufig, und als Schema verdächtig, weil es in den Kreisen
okkultisch-theo- und anthroposophischer Magier allzu beliebt und
benutzt ist.« (JS 330) Er lehnt Jüngers Deutungsschema ab und sucht
nach anderen Gesprächspartnern. Nicht nur der Jünger-Kritik und
Hegel-Rezeption wegen war Joachim Ritter hier eine erste Wahl.

6. Antikolonialismus als europäische Intellektuellenideologie

Schmitts Monographie Der Nomos der Erde endet 1950 mit der Frage
nach dem neuen Nomos der Erde. Die Münsteraner Vortragsdisposi-
tion schematisiert Weiterführungen der 50er Jahre und skizziert eine
»Übersicht über das konkrete Problem des heutigen Nomos der Er-
de«. Schmitt unterscheidet drei »Fragebereiche«. Der erste betrifft
Einheit, Zweiheit oder Vielheit; seine Publikation Die Einheit der
Welt beantwortet diese Frage 1952 mit der These, dass eine wirkliche
oder alternativistische Pluralität durch die »Einheit« geschichtsphi-
losophischer Ideologie versperrt sei. Für den zweiten Fragebereich
und »Aspekt der Elemente« verweist Schmitt auf seinen Beitrag zur
Jünger-Festschrift. Den dritten Fragebereich kennzeichnet er nun
durch das »auf Europa lastende Odium des Kolonialismus«. Bei die-
sem Fragebereich unterscheidet er drei Aspekte: 1. die aktuelle »Uni-
versalität dieses Odiums« im »Antikolonialismus«; 2. die europäische
Herkunft seit der »antispanischen Propaganda des 16./17. Jahrhun-
derts«. Auch die »humanitäre Aufklärung des 18. Jahrhunderts« und
die »egalitären Menschenrechte des 19. und 20. Jahrhunderts« erör-

217
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

tert er hier als Folgen des »Antikolonialismus« und formuliert im


Ergebnis: »Europa als Welt-Aggressor«. Diese gegenwärtige Klage
oder Selbstkritik verbindet er namentlich mit Toynbee und scheint
seine Ausführungen erneut gegen Toynbee zu richten, von dem er
einst in Berlin einen Vortrag gehört hatte und mit dem er sich schon
in anderen Publikationen auseinandersetzte.
Schmitt will den gegenwärtigen Antikolonialismus in Münster
demnach auf eine Geschichte der europäischen Selbstkritik zurück-
führen. Als dritten Unterpunkt formuliert er seine These: »Das
Odium des Kolonialismus ist das Odium des Nehmens: es stammt
aus einer tiefen Wandlung sozial- und wirtschaftsethischer Begriffe.
Dieser letzte Punkt 3 ist das Thema meines heutigen Vortrages.« (JS
326) Es überrascht, dass Schmitt sich lediglich auf die Schlussthese
beschränken möchte und nicht den ganzen Fragebereich als Weiter-
führung früherer Antwortansätze präsentierte. Denn die Schlussthe-
se wird erst durch die Geistesgeschichte des Antikolonialismus ver-
ständlich. Vom Kolonialismus als Erscheinungsform imperialer
»Nahme« sprach Schmitt schon in seinem Text Nehmen / Teilen /
Weiden; Kojève knüpfte in seinem Düsseldorfer Vortrag daran an.
Die »antispanische Propaganda« und Anfänge der »humanitären
Aufklärung« oder des Humanitarismus erörterte schon das Vitoria-
Kapitel des Nomos der Erde (NE 69–96).
Das Schlüsselwort vom »Odium« ist eine hermetische Verunklä-
rung. Der Sache nach spricht Schmitt in Münster von bekannten his-
torischen Tatsachen wie Kolonialismus und Imperialismus unter
ideologiegeschichtlichem Aspekt. Beim »Odium« mag Benjamins
»Aura« anklingen. Man könnte auch originelle Aspekte einer »Men-
talitätsgeschichte« vermuten. Als Antwort auf Ritter gelesen sind die
Europäisierungsthese und der Aspekt des »europäischen Problems«
aber unüberhörbar: Schmitt betont, dass die antikolonialistische
»Propaganda« nicht in den europäisierten Kontinenten von Amerika,
Asien und Afrika entstand, sondern dass die Europäer gleichsam als
Begleitmusik zu ihrer Herrschaft auch die antieuropäische Ideologie
mit exportierten. Der Antikolonialismus ist seiner Herkunft nach
eine europäische Ideologie. Es sind nicht die Erniedrigten und Belei-
digten, die Verdammten dieser Erde, die aus der Not ihrer Unter-
drückung heraus ihre Befreiungsparolen und –propaganda formulier-
ten, sondern die europäischen Intellektuellen sind es selbst, die zur
Selbstkritik schreiten und den Anti-Kolonialismus armieren. Deshalb
ist die Europäisierung auch ein »europäisches Problem«. Das »Odium

218
Kalter Krieg als Wirtschaftskrieg um Entwicklungshilfe

des Kolonialismus« lastet nicht auf den Kolonien, sondern auf den
Europäern, die sich von den Gespenstern der Selbstkritik emanzipie-
ren sollten.
Schmitt deutet an, woher das Odium europäischer Selbstkritik
eigentlich stammt: »aus einer tiefen Wandlung sozial- und wirt-
schaftsethischer Begriffe«. Terminologisch begegnet die Rede von
»sozial- und wirtschaftsethischen Begriffen« bei Schmitt sonst nicht:
Er greift hier in das Vokabular der Nationalökonomie Max Webers
und liefert dem Mitdiskutanten Winckelmann so eine Steilvorlage.
»Wirtschaftsethik« ist ein zentraler Terminus Webers, bei Schmitt
sonst nicht zu finden. Wie Schmitt aber die »tiefe Wandlung« diag-
nostiziert, das macht schon seine Trias »Nehmen, Teilen, Weiden«
stichwortartig deutlich: Schmitt betont – ähnlich wie Kojève – den
Primat der Nahme. Die ideologischen Akzente haben sich seiner Auf-
fassung nach gegenwärtig auf das Teilen und Weiden, den konsump-
tiven Verbrauch verschoben. Die Konsumgesellschaft ist mit Umver-
teilung beschäftigt und übersieht und verleugnet den Primat der
Nahme. Gegen die marxistische Ideologie von der Umverteilung setzt
Schmitt seinen »anderen Hegel«. Gegen Lukács und die marxistische
»Hegel-Nahme« erscheint ihm dabei Kojève wichtiger als Ritter. Ko-
jève sprach in Düsseldorf vom »gebenden« Kolonialismus.

7. Spanische Antwort von 1962: Kalter Krieg als


Wirtschaftskrieg um Entwicklungshilfe

Fünf Jahre später, im März 1962, hält Schmitt in Spanien einen Vor-
trag über Die Ordnung der Welt nach dem zweiten Weltkrieg, der den
Münsteraner Vortrag weiterführt. Schmitt setzt nun direkt beim An-
tikolonialismus ein und skizziert einige Stadien des »Kalten Krieges«.
In voller Übereinstimmung mit dem Vortrag von 1957 sagt er nun
zum Anti-Kolonialismus der »anti-europäischen Propaganda«:
»Seine Geschichte stellt sich uns dar als Geschichte von Propaganda-Kam-
pagnen, die leider als inner-europäische Kampagnen begannen. Am Beginn
steht die anti-spanische Propaganda Frankreichs und Englands, die leyenda
negro des XVI. und XVII. Jahrhunderts: diese Propaganda nahm während
der humanistischen Aufklärung des XVIII. Jahrhunderts zu, sie verall-
gemeinerte sich und zuletzt ist ganz Europa als Welt-Aggressor eingestuft
und auf die Anklagebank gesetzt worden, so in der geschichtlichen Vision
des Beraters der UNO, Arnold Toynbee.« (SGN 594)

219
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

Das entspricht bis hin zur Identifizierung Toynbees der Vortragsdis-


position von 1957. Doch was schreibt Schmitt nun zum »Odium des
Nehmens«? Das Wort kommt nur noch beiläufig vor. Er schreibt nur
knapp:
»Es scheint, dass die von den nicht europäischen Völkern unternommenen
Eroberungen, Landnahmen und Suppressionen nicht mit dem Odium des
Anti-Kolonialismus behaftet sind.« (SGN 595)
Schmitt spricht 1962 in Spanien nicht mehr auratisch vom »Odium«,
sondern von Ideologie: vom »revolutionären Krieg« und Missbrauch
der »klassischen Begriffe des Völkerrechts«; er scheint in Überein-
stimmung mit früheren Schriften erneut den »klassischen Kriegs-
begriff« zu vertreten und unterscheidet in seinem materialen Haupt-
teil »drei Stadien des kalten Krieges«: Das »monistische« Stadium der
Allianz von Roosevelt und Stalin gegen Hitler sei dabei inzwischen
zerfallen und das bipolare Stadium gegenwärtig durch einen Kampf
um weitere Staaten oder eine Formierung der Großräume gekenn-
zeichnet. Schmitts zentrale These zu dieser bipolaren Konkurrenz
um »neutrale« Dritte ist es nun, dass die Entwicklungshilfe das neue
Machtmittel im Kalten Krieg sei. Er schreibt:
»Wenn Sie mich nun jetzt, in diesem Sinne des Terminus ›Nomos‹ fragen,
was heute der Nomos der Erde sei, kann ich Ihnen klar antworten: es ist die
Teilung der Erde in industriell entwickelte und weniger entwickelte Zonen,
verbunden mit der unmittelbar folgenden Frage nach demjenigen, der sie
nimmt. Diese Verteilung ist heute die wirkliche Verfassung der Erde. Ihr
großes Ursprungs-Dokument ist der Artikel 4 der Truman-Doktrin vom
20. Januar 1949, die ausdrücklich diese Verteilung statuiert und die mit aller
Feierlichkeit die industrielle Entwicklung der Erde als Vorhaben und als Ziel
der Vereinigten Staaten proklamiert.« (SGN 605)
Der Kalte Krieg wird demnach als Wirtschaftskrieg mit den Mitteln
der Entwicklungshilfe geführt. Die Großmächte verteilen in ihrer
Konkurrenz um Einflusszonen und Dritte; die Entwicklungsländer
nehmen gerne und spielen die Geberländer dabei gegeneinander aus.
Schmitt nennt Indien den »radikalsten Champion des anti-europäi-
schen Antikolonialismus« (SGN 606); er kommt aber auch auf die
Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft zu sprechen, und man ist
heute versucht, Osterweiterung und Finanzkrise, »Transferunion«,
Griechenland und die Ukraine als Beispiele zu ergänzen. Schmitts
Pointe liegt auf der politischen Ausnutzung der Entwicklungshilfe
durch die Nehmerländer.

220
Kalter Krieg als Wirtschaftskrieg um Entwicklungshilfe

Die Kontinuität zur früheren Problemübersicht zeigt sich schon


in der Nennung der Truman-Doktrin. Schon 1957 begann Schmitt
seine Übersicht mit der These: »Heutiger Nomos der Erde ist der
Art. 4 der Truman-Doktrin vom 20. Januar 1949; Einteilung der Erde
in industriell-entwickelte und unterentwickelte Gebiete«. Schmitt
sagte vermutlich schon damals in Münster auch bereits ziemlich ein-
deutig, wie die Welt auf die »Europäisierung als europäisches Pro-
blem« antwortete: Die Antwort des Kalten Krieges war die Entwick-
lungshilfe. Europa und die »westliche Hemisphäre« emanzipieren
sich vom Odium des Kolonialismus durch den Übergang von direkten
zu indirekten Formen der Herrschaft. Entwicklungshilfe ist ein
Machtmittel indirekter Herrschaft: Die Herrschaft wird nicht mehr
im Kolonialherrn sichtbar. Es herrscht die wirtschaftliche Abhängig-
keit von Entwicklungshilfe. Schmitt betont dabei eine Dialektik der
Abhängigkeiten: Indem die Großmächte von Strategien des Nehmens
zu Strategien des Teilens und Verteilens übergehen, geraten sie als
Geber in Abhängigkeiten von den Nehmerländern. Diesem Macht-
wechsel entspricht ein Umschlag des bipolaren in ein pluralistisches
Stadium der Großräume und des kalten Krieges. Die Nehmerländer
profitieren von der Konkurrenz der Geber und übernehmen mit der
politischen Prämie auf den Empfang von Wirtschaftshilfe auch Ak-
teursmacht. Entwicklungshilfe wird damit zu einer eigenartigen Hilfe
zur Selbsthilfe. Das Machtmittel der Entwicklungshilfe wechselt sei-
ne Farbe: Die Geber übergeben mit der Hilfe auch Macht an die Neh-
mer und die Nehmerländer kassieren über die ökonomischen Hilfen
hinaus noch den politischen Mehrwert der Gabe. Das ist Schmitts
Antwort auf das »Odium des Nehmens«. Jenseits schwieriger Rekon-
struktionen des Vortrags von 1957 lässt sie sich dem Vortrag von
1962 im Kern relativ eindeutig entnehmen. Vermutlich hat Schmitt
seine machtanalytische Antwort auf Ritters Europäisierungsaufsatz
aber schon in Münster deutlich formuliert und dabei auch Kojèves
Überlegungen zum »gebenden« Kolonialismus aufgenommen, die
sich ihrerseits auf Schmitts Nehmen / Teilen / Weiden bezogen.
Vieles ließe sich entgegnen. Wichtig ist aber vor allem, wie ge-
nau Schmitt auf Ritters Beschreibung der »Europäisierung als euro-
päisches Problem« antwortete und dass er seine »konkrete« oder
machtpolitische Beschreibung der Interdependenzen gegen den libe-
ralen Hegelianismus der »Vermittlung und Versöhnung« qua »Bil-
dung« setzte. Anders als Ritter betrachtete er die »Bildung« als nor-
mativistischen oder ideologischen Reflex der Machtbeziehungen.

221
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

Seiner Auffassung nach ging Ritters Deutung an den fundamentalen


Machtverhältnissen vorbei. Ritters Schriften werden denn auch von
Schmitt kaum zitiert. »Die UNO konstituiert nichts« (SGN 593),
schreibt er und wiederholt damit seine »realistische« Betrachtung
des Völkerbundes aus der Zwischenkriegszeit. Damals führte er Wei-
mar und Genf auf das factum brutum von Versailles zurück; nun
betrachtet er die Truman-Doktrin als Kern der NATO und der UNO.
Seine Antwort ist ebenso anregend wie einseitig. Schmitt analysiert
den politischen Einsatz der UNO, Menschenrechte und Entwick-
lungshilfe nicht detailliert. Die Politik von Geben und Nehmen ist in
ihren Intentionen, Strategien und kurz- und mittelfristigen Folgen
auch nicht einfach zu beschreiben. Seiner politischen Dialektik der
»Antwort« ist eine komplexere Dialektik der »Vernetzung« ent-
gegenzusetzen, in der intentionales Handeln und contraintentionale
Folgen, Unübersichtlichkeiten und relative Ohnmacht auf allen Sei-
ten zu finden sind.

8. Schluss: letzte Antwort auf den »Nomos der Erde« mit


und gegen Ritter

Schmitts dritte und letzte Antwort auf die Frage nach dem neuen
Nomos der Erde, seine ausführlichste Analyse der »Stadien« des Kal-
ten Krieges, wächst also aus der Auseinandersetzung mit Kojève und
Ritters Europäisierungs-Aufsatz hervor. In den letzten kryptischen
Publikationen ist das zwar wenig explizit; die Verfassungsrechtlichen
Aufsätze enden aber mit Ausführungen zu Kojève:
»In einem Vortrag vom 18. Januar prägte Alexandre Kojève im Hinblick auf
den neuen Nomos der Erde […] den Ausdruck ›gebender Kapitalismus‹. Da-
mit sollte gesagt werden, dass der moderne, fordistisch aufgeklärte Kapita-
lismus, der auf die Steigerung der Kaufkraft der Industriearbeiter und indus-
trielle Entwicklung der industriell unterentwickelten Gebiete bedacht ist,
etwas wesentlich anderes bedeutet, als der nur nehmende Kapitalismus, den
Karl Marx im Auge hatte. Es wurde Kojève erwidert, dass kein Mensch geben
kann, ohne irgendwie genommen zu haben. Nur ein Gott, der die Welt aus
dem Nichts erschafft, kann geben ohne zu nehmen, und auch er nur im
Rahmen der von ihm aus diesem Nichts erschaffenen Welt.« (VRA 504)

Schmitt zitiert hier seine eigene briefliche Erwiderung herbei. Auch


Ritter erhält in den Verfassungsrechtlichen Aufsätzen nur eine bei-
läufige Erwähnung; Schmitt schreibt:

222
Schluss: letzte Antwort auf den »Nomos der Erde« mit und gegen Ritter

»Man darf sich hier durch die große Hegel-Nahme, die Georg Lukács ins
Werk setzt, nicht davon ablenken lassen, dass Hegels Philosophie ein Sys-
tem von Vermittlungen ist. Es verbindet Herkunft und Zukunft, wie Joa-
chim Ritter in seinem Vortrag ›Hegel und die französische Revolution‹
(Westdeutscher Verlag Köln und Opladen, 1957) sehr gut gezeigt hat.«
(VRA 429)
In der Theorie des Partisanen verweist Schmitt 1963 erneut auf Rit-
ters Abhandlung:
»Nach den Freiheitskriegen dominierte in Preußen die Philosophie Hegels.
Sie versuchte eine systematische Vermittlung von Revolution und Traditi-
on.« (TP 52)
Schmitt scheint hier der »liberalen« Deutung von Hegel als »Ver-
mittler« zuzustimmen. Sein eigener Hegel betont aber weniger den
Reformer als den katechontischen »Aufhalter«. Diesen »anderen«
Hegel hat er niemals systematisch ausgeführt. Eine größere Hegel-
Studie hat er wohl auch niemals ernsthaft geplant. Schmitt hielt sich
im Rahmen seiner juristischen Profession und entsagte starken phi-
losophischen Geltungsansprüchen. Schon deshalb blieb sein »ande-
rer« Hegel ungeschrieben. Umso wichtiger wurde ihm aber die He-
gel-Diskussion. Er suchte bei anderen, was er nicht schreiben wollte.
Ritter war für ihn hier eine erste Adresse. Obwohl dessen Name im
Werk buchstäblich kaum zu finden ist und auch der Europäisierungs-
Aufsatz nirgendwo zitiert ist, hat der Kontakt dennoch eine wichtige
Spur im Werk hinterlassen.
Die weitere Entwicklung der Beziehung soll hier nicht mehr be-
trachtet werden. Schweda hat Ritters neo-aristotelische Antwort re-
konstruiert und von einer grundlegenden »Differenz im Ansatz« 27
gesprochen: Gegen Schmitts alternative Hegel-Nahme verwies Ritter
erneut auf Aristoteles; Schmitts Motiv der »Selbstbehauptung« er-
schien ihm dabei als ein »archaisches« Politikverständnis. Ritter setz-
te nicht einfach einen modernen Individualismus gegen Schmitts
»antiken« oder »archaischen« Gemeinschaftsprimat, sondern er kon-
terte im Gespräch mit Schmitt dessen Hinweis auf einen »anderen
Hegel« mit einer anderen Antike. Auch Schmitt hatte ja seinen Be-
griff des Politischen antikisiert; Schmitt bezog sich aber auf eine vor-
sokratische Antike und Nomos-Auslegung, während Ritter die Polis

27
Mark Schweda, Joachim Ritters Begriff des Politischen. Carl Schmitt und das
Münsteraner Collegium Philosophicum, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 4 (2010),
Heft 1, 91–111, hier: 106

223
XIII. · Carl Schmitts Antwort auf Joachim Ritter

mit Aristoteles liberalisierte. Vielleicht vollendete und publizierte


Ritter seinen Festschriftbeitrag auch deshalb nicht, weil er sich nicht
auf einen dialektischen Überbietungswettstreit einlassen wollte, wie
er einst am Beginn der Beziehung mit der Absetzung von Ernst Jün-
ger stand. Zum weiteren Gespräch wäre noch vieles zu sagen. Schwe-
da spricht anregend davon, dass die liberale Schmitt-Rezeption einige
Ritter-Schüler in Richtung eines gemäßigten »›Rechtsritterianis-
mus‹« trieb. 28 Diese Wirkungsgeschichte der Auseinandersetzung ist
heute ein akademisches Thema. Ein weiteres Thema wären die me-
dienpolitischen Langzeitfolgen über Henning Ritter, den Sohn, der
als Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über viele Jahre
das öffentliche Bild mit bestimmte und, mit Schmitt zu sprechen, für
eine interessierte »Propaganda« sorgte. Der vorliegende Beitrag be-
schränkte sich auf den Auftakt des Gespräches. Er zeigte, dass Schmitt
zum liberalen Hegelianismus Ritters auf Distanz ging und einen »an-
deren Hegel« vertrat.

28
Schweda, Joachim Ritters Begriff des Politischen, 110

224
XIV. Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945

1. Nachkriegshobbes

Schmitt gilt als herausragender Hobbes-Forscher. 1 Schon in seiner


Münchener Zeit liest er über Hobbes als neuzeitlichen Souveränitäts-
theoretiker und Vater des modernen »Einheitsstaates«. In der Mono-
graphie über Die Diktatur tritt Hobbes eingangs gegen das feudale
»Gerechtigkeitsnaturrecht« (D 24, 118) mit der These auf, dass es
»außerhalb des Staates kein Recht gibt und der Wert des Staats gerade
darin liegt, dass er das Recht schafft, indem er den Streit um das Recht
entscheidet« (D 22). Schmitt gebraucht bereits spätere Schlüsselfor-
mulierungen: »Die im Gesetz liegende Entscheidung ist, normativ
betrachtet, aus einem Nichts geboren.« (D 23) Umgehend erklärt er
Hobbes zum »klassischen« Vertreter des juristischen »Dezisionis-
mus«; später relativiert er den Dezisionismus durch sein »konkretes
Ordnungsdenken«, Hobbes durch Hegel. In den Wirren Weimars
entdeckt er Hobbes als Klassiker des politischen Denkens erneut. Als
ihm sein Lektor einmal schreibt: »Die alten Meister Machiavelli und
Bodin, Hobbes und Burke […] werden fatal lebendig« (CSLF 44), ant-
wortet Schmitt im November 1923: »Einige Kapitel des Leviathan
sind einfach so aktuell wie ein Artikel von Radek.« (CSLF 45) Doch
nur Machiavelli, dessen Werke er sich 1926 zur Hochzeit schenkte,
feiert er damals zum 400. Todestag in einem kleinen Artikel.
Mit Ferdinand Tönnies steht er damals in gelegentlichem Kon-
takt. Dessen »rationalistischer« Deutung stellt er später seine mytho-
politische Rezeption des Leviathan-Symbols entgegen. Früh betreut
er die Hobbes-Dissertation seines Bonner Schülers Werner Becker. 2

1 Übersicht bei Reinhard Stumpf, Hobbes im deutschen Sprachraum. Eine Bibliogra-


phie, in: Reinhart Koselleck u. Roman Schnur (Hg.), Hobbes-Forschungen, Berlin
1969, 287–300
2
Werner Becker, Die politische Systematik der Staatslehren des Thomas Hobbes,

225
XIV. · Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945

Später fördert er die Hobbes-Studien von Leo Strauss und wird von
Strauss im Gegenzug mit Hobbes in die Reihe klassischer Staatstheo-
retiker gestellt. Mit Cay v. Brockdorff und der Hobbes-Gesellschaft
pflegt Schmitt Kontakt. Schelsky schreibt seine Hobbes-Habilitation
im kritischen Gespräch mit Schmitt. 3 Nach dem Sturz in der natio-
nalsozialistischen Ämterleiter revidiert Schmitt sein Konzept vom
»totalen« Staat mit Hobbes: Als sein erster Aufsatz über den Staat
des Mechanismus bei Hobbes und Descartes im August 1937 er-
scheint, hat er das »Gefühl, dass die eigentliche Erörterung« des »To-
talitätsproblems« gerade erst einsetzt; 4 Hobbes sei eigentlich auf der
ganzen Linie gescheitert: die individualistische Absicht (der Begrün-
dung einer »Relation von Schutz und Gehorsam«) an der Mechani-
sierung der Vertragskonstruktion und die totalitäre Konsequenz an
der ironischen Behandlung des mythischen Bildes. Immerhin stelle
Hobbes der rationalistischen und individualistischen Begrenzung der
Macht des Staates eine mythopolitische Revitalisierung gegenüber.
Sein Leviathan sei ein zwiespältiges und doppeldeutiges Zeugnis
einer Zeitenwende. Schmitt zielt auf eine Begründung politischer To-
talität durch »Mythisierung«: Was er von Hobbes vor allem kon-
struktiv aufnimmt, ist der Ansatz zum politischen Mythos. Aber ge-
rade hier sei Hobbes gescheitert. Schmitt sucht deshalb mit seiner
Hobbes-Monographie von 1938 den »Sinn« des Leviathan-Symbols
gegen den »Fehlschlag« von Hobbes zu rekonstruieren. Seine Studie
konzentriert sich ganz auf den Versuch mythopolitischer Rekon-
struktion politischer Einheit.
Schmitt schließt das Buch pünktlich zu seinem 50. Geburtstag ab
und verschickt es im Kreis. Die Geburtstagsgratulationen sind des-
halb oft mit Äußerungen zum Hobbes-Buch verbunden. Das Bündel
Briefe zum Hobbes-Buch versammelt das ganze Spektrum möglicher
Äußerungen im Nationalsozialismus. Das Büchlein geht von der Kri-
tik am »mechanistischen« Ansatz zur genaueren Prüfung der Leis-
tungskraft des Symbols über. Im Ergebnis sieht Schmitt den Versuch

Köln 1928; erhellend auch ders., Briefe an Carl Schmitt, hrsg. Piet Tommissen, Berlin
1998
3 Dazu das nachträgliche Vorwort in Helmut Schelsky, Thomas Hobbes. Eine politi-

sche Lehre, Berlin 1981; Schelsky schickte Schmitt das Buch Ende 1981 »als ein spätes
Zeichen meiner Dankbarkeit« und als »ein Lebewohl« (RW 265–28253)
4
Brief vom 19. Juli 1937 an Jünger (JS 66); dazu vgl. auch Otto Koellreutter, Levia-
than und totaler Staat, in: Reichsverwaltungsblatt 59 (1938), 803–807; Paul Ritter-
busch, Der totale Staat bei Thomas Hobbes, Kiel 1938

226
Nachkriegshobbes

als gescheitert an, die liberalen Grenzen staatlicher Macht durch


politische Mythologie zu überspielen und eine effektive »politische
Einheit« zu stiften. Seine Hobbes-Studien sind keine liberale Mental-
reservation; sie sind eine kritische Diagnose, dass die mythische Be-
gründung des »totalen« Staates gescheitert sei. Dafür macht Schmitt
den Einfluss des Judentums mit verantwortlich. Er sucht ein neues
Niveau der Verwissenschaftlichung seines Antisemitismus und legt
1938 seine gewichtigste Analyse des »Sinns und Fehlschlags« eines
Staates vor.
Nach 1945 identifiziert er sich dann mit Hobbes als »Sünden-
bock«. Im Juni 1945 schickt er eine Warnung vor dem »esoterischen«
Charakter des Leviathan-Buchs an Ernst Jünger, die nahe legen soll,
dass sein Hobbes-Buch die Entfesselung des nationalsozialistischen
»Leviathan« esoterisch beschrieb. Im Sommer 1946 schreibt er, im
Berliner Internierungscamp, dazu ein Kapitel über die »Zwischenla-
ge« der frühneuzeitlichen Klassiker, das Hobbes als »großen Ein-
samen«, »Aufklärer und Agnostiker« (ECS 66 f.) identifikatorisch fei-
ert. Als Herbert Gremmels ihm dann sein »Büchlein ›Der Leviathan
und die totale Demobilmachung‹« 5 schickt, meint Schmitt verärgert:
»Wie kommen Sie dazu, einen solchen Namen auf Ihr Titelblatt zu
schreiben? […] Ihr Leviathan ist ein Kaninchen, und Ihr Staat ein
Schrebergarten, der dem Morgenthau-Plan entspricht. Warum also
beschwören Sie einen magischen Namen?« 6 Ende 1948 sucht er mit
Norberto Bobbio über Editionsfragen ins Gespräch zu kommen. Er
rezensiert Bobbios Ausgabe von De Cive und fragt nach den »Figuren
auf dem Frontispiz«. 7 Am 21. Mai 1949 schreibt er Bobbio beiläufig:
»Es wäre übrigens an der Zeit, einmal über Hobbes’ Stellung im Rah-
men der lutherischen Gedanken zu sprechen.« 8 Er erkundigt sich
nach der italienischen Semantik von »Staat«: »Ich empfinde immer
mehr, dass ›Staat‹ ein zeitgebundenes Wort ist; es gilt nur von Hobbes
bis Hegel.« 9 Bobbio nimmt Schmitts erste Nachkriegspublikationen
dann aber nicht zustimmend auf. Für Donoso Cortés hat er »wenig

5 Herbert Gremmels, Der Leviathan und die totale Demobilmachung, Wuppertal


1948
6 Christian Gremmels (Hg.), Carl Schmitt – Heinrich Gremmels. Briefe 1938–1956,

in: Schmittiana 7 (2001), 51–109, hier: 79


7 Carl Schmitt in: Universitas 4 (1949), 330 und 511

8
Brief Schmitts vom 21. Mai 1949 an Noberto Bobbio, in: Piet Tommissen, In Sachen
Carl Schmitt, Wien 1987, 113–155, hier: 124
9
Schmitt am 3. Juli 1949 an Bobbio, In Sachen Carl Schmitt, 126

227
XIV. · Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945

Sympathie«. Als Schmitt ihn dann zu einer »300-Jahrfeier« zum Er-


scheinen des Leviathan einlädt, antwortet der offen:
»Hobbes ist vielleicht der größte, gewiss der scharfsinnigste Theoretiker des
modernen Staates. Aber wohin hat heute diese ›Logik‹ des modernen Staa-
tes geführt, die Hobbes so gut analysiert, versteht und rekonstruiert? Be-
finden wir uns nicht im Kampf mit diesem menschenverschlingenden Un-
geheuer […]? Wenn wir Hobbes feiern, würde das heute nicht bedeuten,
dass wir nicht nur seine Diagnose anerkennen, sondern auch seine Lösung
gutheißen? Dass wir den Leviathan nicht als Warnung, sondern als Modell
akzeptieren? Und dass wir daher darauf verzichten, den Mythos und die
Realität des modernen Staates zu bekämpfen?« 10
Bobbio will nicht feiern, was Menschen verschlingt. Am 5. April 1951
veranstaltet Schmitt in Frankfurt dennoch seine kleine Tagung »Drei-
hundert Jahre Leviathan« »etwas improvisiert«. Der befreundete
Winckelmann meint zur Einladung: »Eine Feier von Thomas Hobbes
kommt mir vor wie ein Gläs’chen Sekt auf das Wohl des Scharfrich-
ters.« 11 An der Feier nehmen u. a. Nicolaus Sombart, Winckelmann
und Alfred Andersch vom Hessischen Rundfunk teil. Schmitts kurzer
Vortrag hebt in autobiographischer Spiegelung ganz auf die Ächtung
als »Sündenbock« ab und sieht erste publizistische Anzeichen für eine
Wiederentdeckung in Ost und West:
»Es zeigt sich, dass der Osten in Hobbes ein verwertbares Potential erblickt,
ein wesentliches Stück des okzidentalen Rationalismus, den er für sich ein-
setzt, mag es sich nun um Atomkernforschung oder um Hegels Geschichts-
dialektik handelt. Im Westen zeigt sich, dass die überkommene Diffamie-
rung der Staatslehre des Hobbes in den Erfahrungen des heutigen
Bürgerkrieges von selber aufhört.« (SGN 154)
Der Text erscheint am 5. April 1951 in der Züricher Zeitung Tat.
Schmitt schickt ihn u. a. an Bobbio, Oakeshott, Voegelin. 12 Sein Ge-
spräch über die Macht denkt 1954 dann Hobbes’ »Gefährlichkeits-
Relation« – der Mensch ist dem Menschen gefährlich – durch. Wei-
tere Hobbes-Studien verfasst Schmitt vorerst nicht.
Intensiv nimmt er in den 50er Jahren aber an den Dissertationen
von Hanno Kesting, Reinhart Koselleck und Roman Schnur Anteil.

10 Bobbio am 4. Februar 1951 an Schmitt, In Sachen Carl Schmitt, 131


11 Winckelmann am 2. April 1951 an Schmitt (RW 265–18125); Dank vom 17. April
1951 »für den schönen Abend« (RW 265–18126)
12 Das geht aus der exakt datierten Empfängerliste hervor, die Schmitt für alle seine

Publikationen und Texte nach 1945 führte (RW 265–19600 Bl. 17)

228
Nachkriegshobbes

Im Oktober 1952 arrangiert Sombart ein Treffen in Heidelberg, bei


dem Schnur erstmals »so gute Köpfe wie Kesting und Koselleck ken-
nen« lernt und mit ihnen über »die Ideologie als Mittel zum Bürger-
krieg« spricht. 13 Schnur erwägt damals zunächst eine Dissertation
über die »Legisten« 14 und arbeitet sein Legisten-Projekt nach seiner
Dissertation über den »Rheinbund von 1658« dann zu einer Studie
über Die französischen Juristen im konfessionellen Bürgerkrieg des
16. Jahrhunderts aus, die zunächst für die gescheiterte Festschrift von
1953 vorgesehen war und dann in der Festschrift von 1959 er-
scheint. 15 Die überarbeiteten Dissertationen von Kesting und Kosel-
leck erscheinen damals ebenfalls. 16 Kersting liest die Geschichtsphi-
losophie mit Hobbes und Schmitt damals als »Waffe« im Weltbürger-
krieg; Kosellecks berühmtes Buch Kritik und Krise schreibt Schmitts
Leviathan-Buch in eine Dialektik der Aufklärung und »Pathogenese«
der »bürgerlichen Welt« um. Schmitt rezensiert Kosellecks Buch um-
gehend:
»In drei Kapiteln werden drei Stadien einleuchtend: der absolutistische
Staat als Antwort auf die Situation des religiösen Bürgerkrieges; die Kritik
der Aufklärung als Antwort auf die Situation des absolutistischen Staates;
und die Weitertreibung der Kritik zur Krise als Weg zu einem neuen Bür-
gerkrieg, der geschichtsphilosophisch als ›Revolution‹ konstruiert und legi-
timiert wurde«. 17
Seine Lesart propagiert Schmitt damals auch durch einen »esoteri-
schen« »Hobbes-Kristall«, 18 den er im Kreis verschickt. 1963 publi-
ziert Schnur dann ein schmales Buch über Individualismus und Ab-

13 Schnur am 10. Oktober 1952 an Schmitt (RW 265–14218)


14 Schnur am 22. Juni 1951 an Schmitt (RW 265–14194)
15 Roman Schnur, Die französischen Legisten im konfessionellen Bürgerkrieg des

16. Jahrhunderts, in: Festschrift für Carl Schmitt zum 70. Geburtstag, Berlin 1959,
179–219; Die französischen Legisten im konfessionellen Bürgerkrieg des 16. Jahrhun-
derts, Berlin 1963
16
Hanno Kesting, Geschichtsphilosophie und Weltbürgerkrieg. Deutungen der Ge-
schichte von der Französischen Revolution bis zum Ost-West-Konflikt, Heidelberg
1959; Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürger-
lichen Welt, Freiburg 1959; vgl. auch Roman Schnur, Revolution und Weltbürger-
krieg. Studien zur Ouverture nach 1789, Berlin 1983
17 Carl Schmitt, Rezension von Koselleck, in: Das Historisch-politische Buch 7 (1959),

302; Typoskript RW 265–20028


18
Dazu Schmitts Mappe »Thomas Hobbes« mit den Skizzen zum Kristall und der
Empfängerliste RW 265–20804 Bl. 75, weitere Empfängerliste mit Taubes, Willms,
Portinaro in RW 265–21171

229
XIV. · Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945

solutismus vor Thomas Hobbes, 19 das Überlegungen zum barocken


Weltbild und Manierismus aufnimmt. Schnur rekonstruiert die Aus-
gangslage oder Frage, auf die Hobbes antwortete, geht von einem
Ordnungsverlust und von »Individualisierung« in der frühen Neu-
zeit aus und erörtert den »manieristischen Ordnungsversuch« des
barocken Weltbilds als die metaphysische Krisenlage, die Hobbes
vorfand. Böckenförde 20 publiziert damals 21 zwar keine Studien zu
Hobbes, sondern orientiert sich als Ritter-Schüler enger an Hegel,
steuert zur Forsthoff-Festgabe dann aber seine große Studie über
»Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation« bei.
Helmut Quaritsch 22 arbeitet damals seine Habilitationsschrift über
Staat und Souveränität aus. Rainer Specht geht dagegen hinter die
frühneuzeitliche Epochenschwelle auf die spanische Spätscholastik
zurück. Die bundesdeutschen Schmitt-Schüler arbeiten also die wis-
senschafts- und verfassungsgeschichtliche Vertiefung weiter aus, die
Schmitt nach seinem Hobbes-Buch noch in einigen Studien auf den
Weg brachte.

2. Reformatorische Deutung

Im März 1965 veröffentlicht Schmitt eine Besprechungsabhandlung,


die eine Zwischenbilanz und Neujustierung der Diskussion markiert.
Schmitt befasst sich mit Deutungen von Francis Campell Hood, Diet-
rich Braun und Hans Barion. Mit Barion ist er schon lange befreun-
det, mit Hood und Braun steht er damals in Korrespondenz. Darüber
hinaus nimmt er zu einigen Hobbes-Publikationen aus seinem Um-

19 Roman Schnur, Individualismus und Absolutismus. Zur politischen Theorie vor


Thomas Hobbes (1600–1640), Berlin 1963; Schmitt erhielt von Schnur (am 14. Juni
1962 und 7. Oktober 1962) zwei Fassungen im Typoskript. Die ältere arbeitete er mit
wenigen stenographischen Bemerkungen durch (RW 265–19450).
20
Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkula-
risation, 1967, in: ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staats-
theorie und Verfassungsgeschichte. Erweiterte Ausgabe, Frankfurt 2006, 92–114; zu-
sammenfassend dann ders., Staat – Gesellschaft – Kirche. in: Schriften zu Staat –
Gesellschaft – Kirche Bd. III: Religionsfreiheit. Die Kirche in der modernen Welt,
Freiburg 1990, 113–211
21 Später aber: Ernst-Wolfgang Böckenförde, Sicherheit und Selbsterhaltung vor Ge-

rechtigkeit: Der Paradigmenwechsel und Uebergang von einer naturrechtlichen zur


positiv-rechtlichen Grundlegung des Rechtssystems bei Thomas Hobbes, Basel 2004
22
Helmut Quaritsch, Staat und Souveränität Bd. I: Die Grundlagen, Frankfurt 1970

230
Reformatorische Deutung

feld Stellung. In einer kleinen Rezension von Hood exponiert er vor-


ab den Ausgangspunkt seiner Besprechungsabhandlung: die Frage
oder These Hans Barions nämlich, »›dass Hobbes mit seinem mythi-
schen Bild vom Leviathan sachlich nur die Societas-christiana-Lehre
des hierokratischen Mittelalters umkehrt‹«. 23 Die Hobbes-Disserta-
tion des Baseler Theologen und Barth-Schülers Dietrich Braun 24 gibt
ihm damals den Anstoß zu einer tiefgreifenden Revision seiner
Hobbes-Interpretation. Seit 1963 steht er mit Braun im brieflichen
Kontakt. 25 Als er im Frühjahr 1964 die Druckfassung erhält, baut er
die Braun-Besprechung zu einer Sammelbesprechung mit grundsätz-
licher Stoßrichtung aus. Braun schreibt ihm am 28. Mai 1964: 26 »Erst
Leviathan ist Ausdruck vollendeter Reformation.« Schmitt unter-
streicht den Satz und macht seinen Titel daraus. Dieser Satz ist die
Frage, auf die er antwortet, indem er Barions These prüft.
Brauns politisch-theologische Kritik motiviert ihn zur Klärung
seiner christlichen Deutung. Im Ergebnis vertritt er eine Gegendeu-
tung: Braun las Hobbes’ Option gegen den Behemoth als Polemik
gegen die »englischen Presbyterianer und Independenten«: »Der re-
formierte Theologe steht auf der Seite des Behemoth, wenn er den
Autor des Leviathan als einen Zyniker zu entlarven sucht.« (L 146)
Schmitt findet diese »zynische« Deutung des esoterischen Masken-
spiels falsch; 27 er verweist mit Schnur – und älteren Überlegungen
des Glossariums – auf den barocken Manierismus und weitet seine
Kontextanalyse religionsgeschichtlich aus: Hobbes stand im Kontext
der protestantischen Sektenbewegungen. Zwar argumentierte er tat-
sächlich »vom Individuum her«. Im Prozess der Säkularisierung und
Neutralisierung vertrat er aber, anders als etwa Lessing, immer noch

23 Carl Schmitt, Rezension von Hood, in: Das Historisch-politische Buch 12 (1964),
202; (dazu Schmitts Brief vom 24. Mai 1965 an Hood, RW 265–13100)
24 Dietrich Braun, Der sterbliche Gott oder Leviathan gegen Behemoth. Teil 1: Erwä-

gungen zu Ort und Funktion der Lehre von der Königsherrschaft Christi in Thomas
Hobbes’ ›Leviathan‹, Zürich 1963
25 Zahlreiche lange Briefe Dietrich Brauns an Schmitt sind zwischen dem 5. Oktober

1963 und 19. Dezember 1966 erhalten (RW 265–1985/2001)


26 Dietrich Braun am 28. Mai 1964 an Schmitt (RW 265–1987)

27 Braun fühlte sich hier allerdings von Schmitt »missverstanden« (Brief vom

10. März 1965 an Schmitt, RW 265–1990). Einen lange geplanten Besuch in Pletten-
berg sagte Braun aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig telegraphisch am 21. Sep-
tember 1965 ab. Anfang November 1965 kommt es dann aber zu einem Treffen in
Plettenberg.

231
XIV. · Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945

den »Kern der apostolischen Verkündigung« (L 164) und formulierte


den »konkreten geschichtlichen Gegensatz von geistlicher und welt-
licher Gewalt« (L 174 f.) im Interesse christlicher Frömmigkeit. Ein
»totalitärer« Denker war er nicht. Schmitt zitiert Barion für die zen-
trale These seiner Rezensionsabhandlung, dass Hobbes in die christ-
liche Bewegung gehört und die Reformation vollendete, indem er den
»rein politischen Sinn des geistlichen Entscheidungsanspruchs«
(L 167) enthüllte. Diese Emanzipation des säkularen Staates von der
Kirche scheint Schmitt als Befreiung der Kirche vom Staat nun theo-
logisch zu begrüßen. Am Ende zielt seine Abhandlung aber nur noch
darauf, die »geistesgeschichtlichen« Gründe für die Verkennung von
Hobbes’ »formaler« Rationalität und praktischer Philosophie zu ver-
deutlichen. Als Motto zitiert er Hegel: »Es ist für eine Torheit neuerer
Zeit zu achten, eine Revolution ohne Reformation gemacht zu ha-
ben«. Schmitt führt seine Überlegungen zur »vollendeten Revolu-
tion« und Verhältnisbestimmung von Reformation und Revolution
später noch in seiner letzten Besprechungsabhandlung über »Clause-
witz als politischen Denker« vielschichtig weiter und schließt sie im
Nachwort seiner Politischen Theologie II ab.
Schmitt adressiert seine Besprechungsabhandlung in die alten
Bonner Diskussionen zurück, wenn er sie engen Gefährten widmen
will: dem protestantischen Theologen Heinrich Oberheid, dem Bon-
ner Schüler Werner Becker und Hans Barion. Er schickt Sonder-
drucke beispielsweise an Rüdiger Altmann, Piet Tommissen, Karl-
Heinz Ilting, Dietrich Braun, Günther Rohrmoser, Karlfried Gründer,
Ernst-Wolfgang Böckenförde, Theodor Maunz, Robert Hepp, Rein-
hart Koselleck und Helmut Quaritsch. 28 Er schickt auch an Erwin Ja-
cobi, der 1933 aus »rassischen« Gründen seinen Lehrstuhl verlor. Ja-
cobi hatte 1923 den zweiten Band von Sohms Kirchenrecht 29
herausgegeben, der für Schmitts Protestantismusbild und seine ge-
samte staatskirchenrechtliche Auffassung von zentraler Bedeutung
war. Rainer Specht nimmt die Hermetik des Textes leicht ironisch auf:
»Ich sage nicht, dass ich den Aufsatz verstanden habe, das lässt sich schwer
kontrollieren, aber ich habe ihn mehrmals und Ihre Unterstreichungen und

28 Empfängerverzeichnis RW 265–19600; längere Empfängerliste und Materialien


dann RW 265–19958
29
Rudolph Sohm, Katholisches Kirchenrecht, München und Leipzig 1923; Anlass ist
auch ein Artikel von Erwin Jacobi, Rudolf Sohm und das Kirchenrecht, in: Forschun-
gen und Fortschritte 38 (1964), 345–347 (RW 265–20559)

232
Erste Gegendeutungen

Anmerkungen noch öfter gelesen. Ich glaube, das eine oder andere habe ich
auch verstanden.« 30

3. Erste Gegendeutungen

Aus dem Umkreis von Schmitt entstehen nach 1965 weitere Hobbes-
Studien: Koselleck und Roman Schnur veranstalten ein internationa-
les Hobbes-Symposion. 31 In der Druckfassung geht Schmitt die ab-
schließende Bibliographie »Hobbes im deutschen Sprachraum« durch
und liest Reinhart Maurers 32 »Stellungnahme zu einigen Referaten
des Hobbes-Kolloquiums«. Martin Jänicke 33 publiziert damals einen
Aufsatz über die politische Tendenz von Schmitts Hobbes-Deutung.
Bernard Willms, im Bochumer Band nicht vertretener Ritter-Schüler,
revidierte im ersten Jahrgang der Zeitschrift Der Staat schon »Einige
Aspekte der neueren Hobbes-Literatur« und beobachtete dann die
weitere »Vermessung des Leviathan«. 34 1969 referierte er in Ebrach.
1970 publizierte er seine Monographie Die Antwort des Leviathan,
die Hobbes’ »Vertragstheorie als transzendentale Theorie der Gesell-
schaft« explizit gegen Schmitts »mythischen Aspekt« 35 in Anschlag
bringt; sie sieht Schmitts strikte Disjunktion von Philosophie und
»Theologie« und liest Hobbes’ »Politische Theologie« als »Synthese«
religiöser und metaphysischer Fragen. Sein Forschungsbericht Der
Weg des Leviathan, als Beiheft zum Staat erschienen, strebt dann
eine umfassende Bestandsaufnahme der internationalen Literatur 36

30 Specht am 12. September 1965 an Schmitt (RW 265–15526)


31 Reinhart Koselleck und Roman Schnur (Hg.), Hobbes-Studien, Berlin 1969
32 Reinhart Klemens Maurer, Stellungnahme zu einigen Referaten des Hobbes-Kol-

loquiums, in: Reinhart Koselleck und Roman Schnur (Hg.), Hobbes-Studien, Berlin
1969, 245–258 (Handexemplar RW 265–22384)
33 Martin Jänicke, Die ›abgründige Wissenschaft‹ vom Leviathan. Zur Hobbes-Deu-

tung im Dritten Reich, in: Zeitschrift für Politik 16 (1969), 401–415; vgl. dann Klaus-
Michael Kodalle, Carl Schmitt und die neueste Hobbes-Literatur, in: Philosophische
Rundschau 18 (1971), 116–130
34 Bernard Willms, Einige Aspekte der neueren englischen Hobbes-Literatur, in: Der

Staat 1 (1962), 93–106; ders., Von der Vermessung des Leviathan. Aspekte neuerer
Hobbes-Literatur, in: Der Staat 6 (1967), 75–100 u. 220–236
35 Bernard Willms, Die Antwort des Leviathan. Thomas Hobbes’ politische Theorie,

Neuwied 1970, 177


36 Bernard Willms, Der Weg des Leviathan. Die Hobbes-Forschung von 1968–1978,

Berlin 1979, Vorbemerkung

233
XIV. · Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945

an. Willms abstrahiert insbesondere vier große »Probleme«: »Metho-


de und Politik: Das Strauss-Problem«, »Moral and ›obligation‹ : Das
Warrender-Problem«, »Ökonomie und Geschichte: Das Macpherson-
Problem« und »Politik und Theologie: Das Schmitt-Problem«.
Willms bricht so eine zu enge Fokussierung der Forschung auf den
Gigantenkampf Schmitt-Strauss auf. Schmitts Problemfrage lautete
1938: Ist der »Fehlschlag« des Leviathan durch den »Sinn« des politi-
schen Symbols restituierbar? Lässt sich ein »totaler« Staat durch po-
litische Mythen rekonstruieren? Willms versucht den Forschungs-
streit nicht autoritativ zu entscheiden, sondern sondiert nur die
umfassende Literatur. Der Zwang zur problemgeschichtlichen Re-
konstruktion und originären Formulierung ergibt sich schon aus der
Diskrepanz zwischen Schmitts Sicht von 1938 und 1965. Die wir-
kungsgeschichtliche Abstraktion des »Problems« wirft die Frage nach
der »vollendeten Interpretation« auf. Ist Schmitts Hobbes’ überhaupt
publik? Ist die »Esoterik« seiner Interpretation entschlüsselt? Haben
die Schüler den Meister verstanden?
Willms’ Forschungsbericht kann als eine erste Historisierung
der schmittianischen Hobbes-Diskussion und Abschluss der affirma-
tiven Weiterführungen betrachtet werden. Schmitt nennt ihn ein
»Kabinettstück ersten Ranges«. 37 Willms machte sich dann aber
durch eine 68er-Arbeit über Revolution und Protest unbeliebt, 38 die
Schmitt als »spätbürgerlichen« Intellektuellen kritisierte. Schmitt
notiert ätzend an den Briefrand: »Wer hätte da kein Mitleid mit
einem solchen Subjekt? Jeder brüllt mit Schmitt«. 39 Erst Mitte der
70er kehrt Willms reuig zu Schmitt und zum »nationalistischen«
Standpunkt zurück und bittet um einen Termin: »Mein erster – und
bis dato letzter Besuch in Plettenberg liegt ja nunmehr schon gut
17 Jahre zurück« 40. Schmitt nimmt Willms nationalistische Wendung
nun etwas ironisch auf: »Sie, lieber Herr Willms, gehören nicht zu
den Besiegten des Jahres 1945«, schreibt er 1979. 41
Martin Kriele, ebenfalls aus dem Ritter-Kreis in loser Verbin-

37 Schmitt am 18. Januar 1980 an Willms (RWN 260–390)


38 Bernard Willms, Revolution und Protest oder Glanz und Elend des bürgerlichen
Subjekts, Stuttgart 1969
39 Randnotizen Schmitts zu Willms’ Brief vom 8. Februar 1971 an Schmitt (RW 265–

18020)
40
Willms am 1. Advent 1977 an Schmitt (RW 265–18023); 1978 kommt es dann zu
diesem Besuch.
41
Schmitt am 31. Januar 1979 an Willms (RWN 260–415)

234
Erste Gegendeutungen

dung, formuliert den liberalen Vorbehalt gegen Schmitts Hobbes


dann besonders prägnant. Im Oktober 1970 schickt er sein »Büchlein
über Hobbes und die englischen Juristen« mit einer rechtfertigenden
Erläuterung:
»Widersprüche zu Ihren Gedanken erklären sich einfach aus der anderen
Ausgangslage meiner Generation, für die die Information über das Dritte
Reich das politische Grunderlebnis gewesen ist, so wie für die vorige Gene-
ration die Erlebnisse von 1914 oder von 1918/19 und die Auseinanderset-
zung mit der technischen Zivilisation. Glauben Sie mir bitte trotz der anti-
thetischen Stellung in vieler Hinsicht den Ausdruck meiner Dankbarkeit
und Ehrerbietung.« 42
Das schmale Buch Die Herausforderung des Verfassungsstaates 43
verwirft Schmitts Hobbes mit schmittianischen Mitteln. Kriele re-
konstruiert die »Kontroverse« von Hobbes mit den englischen Juris-
ten, für die insbesondere Edward Coke und Matthew Hale stehen.
Hobbes habe das »englische Verfassungsrecht insgesamt aus den An-
geln […] heben und durch die Staatsphilosophie des Thomas Hobbes
[…] ersetzten wollen«; er übertrug die »französische Souveränitäts-
doktrin auf die englischen Verhältnisse« 44 und ersetzte das common
law durch ein revolutionäres Naturrecht. »In England ging die Dok-
trin dem Bürgerkrieg voraus.« 45 Hobbes sei deshalb eher ein Auslöser
als eine Antwort und Lösung gewesen. Kriele wirft Schmitt also eine
unhistorische Verkennung der Rolle und »Lage« des Hobbes vor.
Zwar habe Hobbes praktisch für die Vermeidung des Bürgerkriegs
durch Unterwerfung plädiert; er zielte aber »nicht auf aufgeklärte
Institutionen, sondern auf aufgeklärte Machthaber« 46 und sei im
Übrigen anthropologischer Optimist gewesen. Kriele bestreitet so
ziemlich alles, was im Anschluss an Schmitt vertreten wurde. Gegen
Hobbes profiliert er die praktische Vernunft und Lösung des Verfas-
sungsstaates. 47 In einer Fußnote verwahrt er Schmitt auch gegen die

42
Kriele am 26. Oktober 1970 an Schmitt (RW 265–8459)
43 Martin Kriele, Die Herausforderung des Verfassungsstaates. Hobbes und die eng-
lischen Juristen, Neuwied 1970; vgl. ders., Notes on the Controversy between Hobbes
and English Jurists, in: Koselleck/Schnur (Hg.), Hobbes-Forschungen, Berlin 1969,
211–222; vgl. ders., Zwei Konzeptionen des modernen Staates. Hobbes und die eng-
lischen Juristen, in: Studium Generale 22 (1969), 839–848
44 Kriele, Die Herausforderung des Verfassungsstaates, 26

45
Kriele, Die Herausforderung des Verfassungsstaates, 32
46 Kriele, Die Herausforderung des Verfassungsstaates, 46

47
Vgl. dann Martin Kriele, Einführung in die Staatslehre, Reinbek 1975; Recht und

235
XIV. · Carl Schmitts Hobbes-Bild nach 1945

»liberalen Hobbesianer«: namentlich gegen Koselleck, Schnur und


Willms, die »zugleich mit Hobbes auch Schmitt liberal interpretieren
wollen«. 48 Beides ginge nicht. Hobbes und Schmitt sind Absolutisten,
meint Kriele, die auf politische Unterwerfung setzen, und das wider-
spricht der Friedenslogik des modernen Verfassungsstaates.
Schärfer ließ sich die Absage kaum formulieren. Schmitt dankt
umgehend für die »Zusendung einer hochinteressanten Schrift« 49
und setzt seine Replik bei Coke als »Idealbild des Verfassungsstaat-
lichen Juristen« an. Coke sei nur ein »dunkler Ehrenmann«, »Urtyp
einer privilegierten Juristenkaste«: »Eine diskutable Doktrin des libe-
ralen Verfassungsstaates haben erst die sogenannten Doktrinäre des
19. Jahrhundert geliefert, zu denen übrigens ein liberaler Mann wie
Tocqueville gehörte.« Kriele dankt für die eingehende Kritik und ver-
teidigt die »legendäre Parlamentssouveränität«. Auch nach diesem
Disput schickt er weiter Publikationen. Am 3. Februar 1980 kommt
er mit Taubes nach Plettenberg. Schmitt 50 dankt jenseits seines
90. Lebensjahres mit eingehenden Bemerkungen zu Krieles Buch
Recht und praktische Vernunft; Kriele antwortet nun recht pessimis-
tisch, nur das »Papsttum« verwahre heute die »Humanität« noch ge-
gen die nackte »Politik der Stärke«. Die christlichen Motive der Aus-
einandersetzung klingen hier noch einmal deutlich an. Auch darauf
antwortet Schmitt brieflich noch.
Weitere Hobbes-Forschungen wären zu nennen, die von der per-
sönlichen Begegnung und Auseinandersetzung mit Schmitt angeregt
waren: einige Arbeiten von Klaus-Michael Kodalle etwa, der auch an
Ebracher Seminaren teilgenommen hatte. 51 Jacob Taubes schrieb
einen Hobbes-Artikel. 52 Und selbst Herfried Münkler stand nach
1980 noch in Korrespondenz mit Schmitt. Einen Abschluss der direk-
ten Wirkungen könnte man mit der Neuausgabe des Leviathan-Bu-
ches datieren. 53 Seit den frühen 60er Jahren kam diese Frage immer

praktische Vernunft, Göttingen 1979; Befreiung und politische Aufklärung. Plädoyer


für die Würde des Menschen, Freiburg 1980 (diese Bücher besaß Schmitt)
48 Kriele, Die Herausforderung des Verfassungsstaates, 98

49 Schmitt am 6. November 1970 an Kriele (RWN 260–395)

50 Schmitt am 11. Februar 1980 an Kriele (RWN 265–395)

51 Klaus-Michael Kodalle, Politik als Macht und Mythos, Stuttgart 1973; Thomas

Hobbes. Logik der Herrschaft und Vernunft des Friedens, München 1972
52 Jacob Taubes, Leviathan als sterblicher Gott. Zum 300. Todestag von Thomas Hob-

bes, in: Neue Zürcher Zeitung Nr. 278 vom 30. November 1979 S. 35; von Schmitt
gesammelt in: RW 265–21849
53
Carl Schmitt, Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes. Sinn und Fehl-

236
Erste Gegendeutungen

wieder auf Schmitt zu. Das Buch war so verschollen, dass Schmitt –
durch seinen Berliner Schüler Hubertus Bung – 1963 eine Abschrift
erhielt und als Typoskript verteilte. 54 Die Wiederveröffentlichung
war 1982 noch ein Wagnis. Nach Schmitts Tod setzte dann eine breite
internationale Diskussion an. Mit Schnur, Kesting und Koselleck,
Kriele und Willms dürften jedoch die wichtigsten Autoren genannt
sein, die in einem engeren Schülerverhältnis standen und wichtige
Beiträge zur Hobbes-Diskussion der alten Bundesrepublik verfassten.
Schmitts letzte Schüler historisierten den »Leviathan« verfassungs-
historisch, ohne sein Symbol mythopolitisch zu aktualisieren. Die
bundesrepublikanischen Schüler historisierten Schmitts Hobbes-Bild
zunehmend kritisch und folgten dem absolutistischen Staatsmodell
nicht, auch wenn ihnen der »Staat« ein besonderes Anliegen und Ar-
gument blieb.

schlag eines politischen Symbols. Mit einem Anhang sowie einem Nachwort des He-
rausgebers, Köln 1982
54 Ein gebundenes Typoskript ist erhalten: RW 265–20224; Schmitt notierte die Em-

pfänger in die Innenseite. Karl-Heinz Ilting und Dietrich Braun erhielten 1964 von
Schmitt ein Typoskript. Empfängerliste letzter gebundener Exemplare zwischen 1953
und 1980 im Handexemplar RW 265–27463; Empfängerliste der Neuausgabe von
1982 dann in Schmitts Handexemplar vom 23. Oktober 1982 (RW 265–27464)

237
XV. Hexenmeister und Zauberlehrling
in neuer Gesellschaft.
Rüdiger Altmann und Carl Schmitt 1

Rüdiger Altmann, 1922 geboren, wurde 1941 nach dem Abitur in die
Wehrmacht eingezogen und begann nach einer Kriegsverletzung ab
1943 in Berlin bei Schmitt zu studieren. Erst nach seiner Marburger
Promotion über Das Problem der Repräsentation nahm er 1955 aber
den Kontakt wieder auf, der sogleich eng wurde. 2 Altmann war mit
dem Publizisten Johannes Gross befreundet, engagierte sich im
RCDS und arbeitete an der Zeitschrift Civis der Parteijugendorgani-
sation mit, an der sich Schmitt mit einigen pseudonymen Spott-
gedichten beteiligte. Ein Blick in die Korrespondenz zeigt, dass
Schmitt ihn in sein »System Plettenberg« intensiv einsponn. Er lud
ihn also regelmäßig zum Gespräch, nahm ihn gleichsam in den Ver-
teiler seiner serienbriefähnlichen Glossen auf und warb um ihn als
Multiplikator und Rezensent. Schmitts Spuren lassen sich in Alt-
manns Schriften vielfach nachweisen. Altmann äußerte sich später
auch wiederholt ausdrücklich über Schmitt. Ich beschränke mich aber
auf die frühen Publikationen: vor allem auf Die neue Gesellschaft und
Das Erbe Adenauers, und vernachlässige neben der Marburger Zeit
auch den späteren »Abschied vom Staat«, der zweifellos auch noch
von Schmitt beeinflusst war.

1 Vortrag, am 11. Februar 2016 auf Einladung von Dr. Jörg Probst im Rahmen der
Tagung Zwischen den Fronten. Rüdiger Altmann und die Politikwissenschaft an der
Universität Marburg gehalten. Herrn Probst verdanke ich auch die Kenntnis der Kor-
respondenz zwischen Altmann und Schmitt. Der Altmann-Nachlass befindet sich in
der Ebert-Stiftung in Bonn.
2 Ein erster langer Brief Altmanns vom 12. September 1955 an Schmitt ist abgedruckt

in: Carl Schmitt und die Öffentlichkeit, hrsg. Kai Burkhardt, Berlin 2013, 144–147

238
Vom »Kronjuristen« zum Gesellschaftssatiriker

1. Vom »Kronjuristen« zum Gesellschaftssatiriker

Altmann promovierte mit einer Arbeit über den Begriff der Reprä-
sentation. Schmitt hat diese unveröffentlichte Arbeit sicher gekannt
und gelegentlich auf sie verwiesen. Das soll hier nicht weiter interes-
sieren. Altmanns Kooperation mit Johannes Gross an der Zeitschrift
Civis kann hier in den historisch-biographischen Aspekten auch nicht
rekonstruiert werden. Der erste und wichtigste Ertrag der satirischen
Korrespondenzen zwischen Altmann, Gross und Schmitt, dieser Folie
à trois, ist das – Ende 1958 erschienene – Kooperativwerk Die neue
Gesellschaft. Die konzeptionellen Anteile sind hier nicht auseinan-
derzudividieren. Man sollte Schmitts pseudonyme Mitwirkung aber
nicht leicht nehmen. Um ihren Anspruch zu ermessen, ist seine da-
malige mentale und publizistische Lage mit zu bedenken: Schon der
junge Schmitt publizierte mit den Schattenrissen eine kooperativ ver-
fasste satirische Zeitkritik. Koautorschaftlich wirkte er auch an der
romanistischen Dissertation seiner irisch-australischen Geliebten
Kathleen Murray mit. 3 Die juristische Arbeit am Staat trat dann aber
in den Vordergrund. Nach 1945 hatte Schmitt zunächst Publikations-
verbot. Erst nach der Gründung der Bundesrepublik trat er 1950 er-
neut als Autor von gleich vier monographischen Publikationen her-
vor. Dieses literarische »Comeback« wurde damals in Leitmedien
kritisch aufgenommen. Man betrachtete Schmitt als gefährlichen
Altnazi und Wendehals. Schmitt verweigerte nach 1945 aber osten-
tative Reue und ein politisches Bekenntnis zur Bundesrepublik und
kritisierte selbst Autoren wie Jünger und Heidegger als Wendehälse.
Er verabschiedete den Staatsbegriff, die Zugehörigkeit zur Staats-
rechtslehrervereinigung und die methodische Arbeit am positiv gel-
tenden Recht, verzichtete auf alternative Berufstätigkeiten und lebte
nach der Klärung seiner Versorgungsansprüche wieder in seiner Hei-
matstadt Plettenberg als »freier« Publizist und Rentier. Seine Frau
verstarb, die einzige Tochter ging aus dem Haus und Schmitt floh
aus der Isolation in sein Plettenberger »System« informeller Vernet-
zungen. Er suchte Kontakte mit der akademischen Jugend und fand
als »charismatischer« Lehrer eine »dritte Generation« bundesrepubli-
kanischer Schüler.
Mit dem »System Plettenberg« stellte er seine ganze Rhetorik
um. Er zog sich aus der juristischen Fachpublikation zurück und

3
Kathleen Murray, Taine und die englische Romantik, München 1924

239
XV. · Rüdiger Altmann und Carl Schmitt

wechselte seinen Adressaten. Zwar besorgte er eine Neuauflage sei-


ner Verfassungslehre sowie die anspruchsvoll glossierten Verfas-
sungsrechtlichen Schriften. Größere neue Monographien publizierte
er aber nicht mehr. Schmitt trat aus der juristischen Autorschaft zu-
rück und experimentierte mit neuen Formen. Er nahm eine ziemlich
umfangreiche Rezensionstätigkeit auf, betrieb Shakespeare-Studien
und veröffentlichte kleine Lehrdialoge. 1954 publizierte er das Ge-
spräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber, 1955 folgte
in Christ und Welt ein »Gespräch zu dritt«, aus dem das längere »Ge-
spräch über den neuen Raum« hervorging. Während das Gespräch
über die Macht nur zwei Gesprächspartner hat – eine fragende Ju-
gend und einen antwortenden »C. S.« –, treten im Rollendiskurs über
den »Neuen Raum« namentlich ein »Altmann«, ein »Neumeyer«
und ein »MacFuture« auf. Schmitt lässt seine konservative Position
also durch einen »Altmann« vertreten, was wohl als ironische Refe-
renz zu verstehen ist. Die Pointierung des »Neuen Raumes«, mit der
Unterscheidung von »Neumeyer« und »MacFuture«, rückt den Er-
wartungshorizont der Schere von Vergangenheit und Zukunft ins
Zentrum, wie sie Schmitt in zahlreichen Schriften pointierte und Ko-
selleck dann wirkungsvoll formulierte. Der Titel Die neue Gesell-
schaft nimmt das auf. Schmitt wechselte in den 50er Jahren also die
Rhetorik und den Adressaten. Er analysierte nicht mehr die Staatlich-
keit oder gar Souveränität der Bundesrepublik, sondern gab – im Un-
tertitel von Ex Captivitate Salus gesprochen – »Erfahrungen der
Zeit« oder – mit dem Untertitel von Altmann/Gross gesprochen –
»Bemerkungen zum Zeitbewusstsein«.

2. Der Titel Die neue Gesellschaft

Schmitt beschrieb die Neuzeit vor 1933 durch eine Dialektik von Po-
litisierung und Entpolitisierung, wonach alle Entpolitisierungsbestre-
bungen scheitern, weil die politische Energie sich auf immer neue
»Zentralgebiete« verlegt; Theologie, Metaphysik, Moral, Kunst und
Technik wurden so im Prozess der Neuzeit politisiert. In seiner Ver-
fassungsgeschichte skizzierte Schmitt einen Übergang von der Kirche
zum Staat und zur Gesellschaft. Zuletzt konstatierte er vor 1933 eine
Wendung zum »totalen Staat« und zur Politisierung der Gesellschaft.
In seiner Rede über Hugo Preuß führte er 1930 aus, dass die »organi-
sche Staatslehre« die staatliche Souveränität angriff und zu einer »In-

240
Der Titel Die neue Gesellschaft

tegrationslehre« führte, die den Staat als »›Selbstorganisation‹« und


»Selbstintegrierung der Gesellschaft« auffasste. Das erste Kapitel des
Begriffs des Politischen meinte dann, dass der »totale Staat« als
»Identität von Staat und Gesellschaft« zu begreifen sei. Diese Identi-
tät realisierte sich als Parteienstaat und Einparteienstaat. Solche
Überlegungen führte Schmitt nach 1945 weiter: Auf den »totalen
Staat« folgte im Prozess der Neuzeit die »totale Gesellschaft«. 4
Schmitt beschrieb den Zug von der Kirche über den Staat zur Gesell-
schaft zuletzt in seiner Hobbes-Besprechungsabhandlung von 1965
sowie in der Politischen Theologie II. Dort formulierte er ziemlich
kryptisch, dass das »moderne Kirche-Staat-Gesellschaft-Problem«
(PT II 23) politisch-theologisch mit der Emanzipation der Gesell-
schaft vom Staat bei einer revolutionären Christologie der Vergött-
lichung des Menschen angekommen sei, die den säkularen Humanis-
mus entfesselte.
Den Junghegelianismus und das »neue Christentum« des Saint-
Simonismus betrachtete Schmitt schon früh als Auftakt zur »homo-
homini-homo-Eschatologie« und »hominisierenden Gesellschaft«
(PT II 37), die er selbst für die rassistische Übermensch- und Unter-
mensch-Ideologie des Nationalismus mit verantwortlich machte.
Schon in den 50er Jahren setzte er seine Schüler auf diese politisch-
theologischen Gründe und Ursprünge der modernen Soziologie an.
Sombart und Spaemann, aber auch Kesting und Koselleck schrieben
dann an der Ursprungsgeschichte der emanzipierten Gesellschaft und
säkularen Soziologie. Der Titel Die neue Gesellschaft klingt in diesem
Kontext, in Schmitts Lesart, an Henri de Saint-Simon (1760–1825)
und dessen 1825 – im Todesjahr posthum – erschienenes Werk Le
Nouveau Christianisme an. Schmitts Kritik der anarchistischen
»Menschheits-Gnosis« konnten Altmann/Gross damals schon in Ex
Captivitate Salus nachlesen. Die Ironie des Titels ist in diesen Zu-
sammenhängen zu lesen: Die Rede von einer »neuen Gesellschaft«
ironisiert die Gesellschaft nicht nur gegenüber der untergegangenen
staatlichen Souveränität, sondern kritisiert auch die religiöse Auf-
ladung der neuen humanistischen und anarchischen Verheißungen:
das Heilsversprechen der emanzipierten Gesellschaft.

4 Dazu von Schmitt beeinflusst vgl. Bernard Willms, Die totale Freiheit. Fichtes poli-
tische Philosophie, Köln 1967

241
XV. · Rüdiger Altmann und Carl Schmitt

3. Die Vollendung der Zeitkritik im ironischen Spottgedicht

Betrachten wir die Sammlung Die neue Gesellschaft (NG) etwas ein-
gehender. 5 Sie ist 1958 im Verlag von Friedrich Vorwerk erschienen,
einem Autor der »Konservativen Revolution«, den Schmitt schon vor
1933 ziemlich gut kannte. Das Buch enthält außer dem kurzen Vor-
wort 34 kleinere Texte, darunter fünf pseudonyme Gedichte von
Schmitt und wenige weitere Gedichte. Der Schutzumschlag zeigt eine
Karikatur »Der Festredner« von Charles Harrison, 1899 in der briti-
schen Satirezeitschrift Punch erschienen: Zwei indignierte Gentle-
man sitzen an einer Tafel, mit einem dezent lächelnden Butler im
Hintergrund. Zur Ansprache hat sich der Festredner erhoben: eine
Holzfigur mit dem Kopf eines Grammophons. Unterhalb des Gram-
mophontrichters steht eine Platte mit dampfenden Speisen, die als
Eisbein, Kohl oder gar Fäkalien identifizierbar sind. Der Holzspre-
chermann erscheint, mit einem Wort Schmitts, als »Lautsprecher«
oder »Lautverstärker«, und die unappetitlichen Speisen, auf die
»Fresswelle« der 50er Jahre anspielend, könnten als Abfall des Laut-
sprechers oder Zeitgeistes aus dem Trichter gefallen sein. Die indi-
gnierten Gentlemen lassen sich dann als Alter Egos der Autoren Alt-
mann und Gross verstehen, die halb aufmerksam und halb
angewidert den Lautsprecher und dessen deftige Gaben betrachten.
Das Vorwort bekennt sich zur »Kritik« und zur Demokratie, zur
CDU sowie zur »christlichen Demokratie«.
Die meisten Texte von Altmann und Gross sind mit einem Kür-
zel namentlich gekennzeichnet. Demnach hat Altmann etwa 20 Bei-
träge verfasst, auch im Umfang den weitaus größten Anteil. Die Bei-
träge von Gross scheinen stärker zur Satire zu neigen. Fast alle
zeitkritischen Spottgedichte stammen von Schmitt. Die Sammlung
enthält einige kritische Rezensionen sowie weitere Texte, die formal
als Miszellen zu kennzeichnen sind. Politik und Kunst sind die wich-
tigsten Themen. Es finden sich Nachbetrachtungen zur Weimarer
Republik und dem Nationalsozialismus, »soziologische« Betrachtun-
gen zur neuen »politischen Elite« und Funktion des Rundfunks, zur
Lage der SPD und zum »Widerstand« in der DDR sowie Rezensionen
zu Thomas Mann, Ernst Jünger und auch Carl Schmitt.
Für die Auffassung der Bundesrepublik sind die Beiträge »Poli-
tische Elite« und »Was heißt christliche Demokratie?« besonders in-

5
Rüdiger Altmann / Johannes Gross, Die neue Gesellschaft, Stuttgart 1958 (NG)

242
Die Vollendung der Zeitkritik im ironischen Spottgedicht

teressant. Eine elitensoziologische Auffassung der Demokratie war


schon in der Weimarer Republik geläufig und findet sich auch bei
Schmitt; Altmann fragt eröffnend nach den neuen Eliten der Bundes-
republik. Systematisch bekennt er sich zur »konstitutionellen« bzw.
»christlichen Demokratie« und »Wertüberzeugung« als »Maß« (NG
45). Darüber mokierte sich Schmitt schon 1955, bei der ersten Publi-
kation des Textes, in seinem Glossarium:
»Schreibtafel her! Nach Friedrich Glum (Spiegel und Zerrspiegel der Phi-
losophen) ist das Christentum für die Demokratie unentbehrlich, allerdings
nur säkularisiertes Christentum, in dem sowohl Christen wie Nicht-Chris-
ten sich einrichten können. Oder Rüdiger Altmann (in Civis, Nov. 55): tat-
sächlich gibt es heute keine andere materiale Ethik im westlichen Kultur-
kreis als die christliche. Welch ein neues Christentum!« (GL 327)

Schmitt zitiert Altmanns Artikel und betrachtet dessen Konnex von


Christentum und Demokratie als Gefahr für das Christentum. Termi-
nologisch greift Altmann mit der »materialen Ethik« Scheler auf und
adaptiert Smends Begriff der »Integration« ambivalent. Einerseits
ironisiert er die Integration eines »Gesamt-Bewusstseins« (NG 61 f.)
und andererseits fordert die Sammlung doch einen politischen Wer-
tekonsens und klare Grundentscheidungen ein. Gross kennzeichnet
Weimar deshalb auch als problematischen Zwischenzustand einer
»offenen Situation« (NG 29 ff.). Die neue Gesellschaft legt die politi-
sche Grundentscheidung also anders als Schmitt aus. Allerdings ver-
teidigt sie durchgängig die »Freiheit im Spiel«. Altmann zeigt das am
Sport. Vor allem verteidigen Altmann und Gross aber das ästhetisch-
ironische Spiel der Kunst und inszenieren es auch durch die Aufnah-
me von Schmitts Spottgedichten sowie den Abschluss mit einigen
parodischen Gedichten.
Mit Schmitt könnte man von einer entpolitisierenden Flucht aus
dem Ernst der Politik ins ironische Spiel der Kunst sprechen. Die neue
Gesellschaft verteidigt die »Bildung« des »Intellektuellen« explizit
gegen die doktrinäre Verschulung und »Organisation« (NG 135).
Dahinter steht ein verbreitetes Unbehagen an der politischen »Ver-
gangenheitsbewältigung« und »Reeducation«. Der Titel Die neue Ge-
sellschaft war in den 50er Jahren publizistisch eigentlich an die
gleichnamige SPD-Parteizeitschrift vergeben. Altmann führt in sei-
nem längeren – titelgebenden – Beitrag (NG 48 ff.) aus, dass dieses
Konkurrenzblatt Profil und Niveau verloren habe. Die SPD sei da-
mals – vor der Godesberger Wende – überhaupt zwischen doktrinä-

243
XV. · Rüdiger Altmann und Carl Schmitt

rem Marxismus und pragmatischer Sozialdemokratie noch gespalten


(NG 22 ff.). Altmann und Gross übernehmen den verwässerten SPD-
Titel mit anderem satirischen Anspruch. Sie treten zwar auch als So-
ziologen auf, zielen aber mehr politikwissenschaftlich auf die Lage der
»Demokratie«.
Soziologische Gesellschaftsdiagnose jenseits des Staates formu-
liert etwa ein Beitrag über das Radio sowie der längere Beitrag über
»Lager und Lage«, der in seinen Ausführungen zu den »terroristi-
schen Zwangslagern« und im hemdsärmeligen Vergleich mit Jugend-
lagern problematisch ist. Die KZ-Literatur und Erinnerungsliteratur
von KZ-Überlebenden war auch damals schon entwickelt. Altmann
und Gross behandeln das Thema Nationalsozialismus insgesamt eher
beiläufig. Zur politischen Kultur der 50er Jahre gehörten damals
Meisterdenker wie Thomas Mann, Ernst Jünger und Carl Schmitt.
Während Schmitt die Großschriftsteller Mann und Jünger äußerst
kritisch sah, kommt Manns Krull-Roman als »Komödie des entpro-
blematisierten Europäers« (NG 21) in Altmanns Kritik respektvoll
weg, wogegen Jünger ambivalent betrachtet wird: Der von Schmitt
massiv abgelehnte Heliopolis-Roman wird vehement kritisiert, wäh-
rend die Gläsernen Bienen positiver aufgenommen werden. Schmitts
Hamlet-Studie von 1956 wird als »mythischer Archetyp des europäi-
schen Intellektuellen« (NG 133) betrachtet. Buchstäblich erscheint
Schmitt damit im Triumvirat der Meisterdenker Mann, Jünger,
Schmitt, während Heidegger oder Benn fehlen. Das Shakespeare-
Büchlein könnte zwar Mann und Jünger gegenüber etwas leicht-
gewichtig wirken; Altmanns Besprechung lotet die Abgründe dieser
Selbstkommentierung des nationalsozialistischen Engagements auch
nicht wirklich aus; Mitte der 50er Jahre bietet sich aber gerade diese
Schrift zur Kritik an. 1957 hielt Schmitt in Aachen einen Vortrag
über Hamlet als Mythos des europäischen Intellektuellen, den Alt-
mann hörte. 6 Bestimmt sprach er mit Schmitt über das Shakespeare-
Buch und dessen Rezension.
Der Einfluss Schmitts auf die Sammlung reicht über diese Re-
zension hinaus und betrifft auch die Verhältnisbestimmung von
Kunst und Politik und die Rolle von Ironie und Satire. Altmann er-
weist Schmitt auch in seinem satirischen Schlüsseltext »Die große
Ent-Entung« seine Referenz. Das Wort »Ententung« findet sich be-

6 So Schmitt am 3. Februar 1957 an Nicolas Sombart, in: Schmitt und Sombart, Ber-
lin 2015, 97

244
Die Vollendung der Zeitkritik im ironischen Spottgedicht

reits in Schmitts Ballade vom reinen Sein, deren satirischen Ansatz


Altmann übersetzt. Er erwähnt Schmitt auch in der Linie ideenpoli-
tischer Schlüsselautoren, die durch die »Ententung eines Begriffs«
semantische »Konkursverfahren« (NG 87) eröffneten. Altmann führt
die Linie auf: von Marx’ »Entfremdung« über Nietzsches »Entwer-
tung«, Freuds »Entlarvung« und Webers »Entzauberung« hin zu
Schmitts »Entpolitisierung«, die die politische Dynamik der semanti-
schen Strategie der »Ententung« benennt. Altmann schreibt mit sei-
ner Satire »Die große Ent-Entung«, an Schmitts Ballade vom reinen
Sein anknüpfend, also ein Gegenstück zu Schmitts geschichtsphiloso-
phischem Vortrag »Das Zeitalter der Neutralisierungen und Entpoli-
tisierungen«. Er überlässt Schmitts »Entpolitisierung« aber nicht das
letzte Wort, sondern nennt darüber hinaus noch die Kategorie der
»Entlastung« (NG 89), die Gehlen gerade mit Urmensch und Spät-
kultur profiliert hatte.
Als Mittel der »Entlastung« bietet Die neue Gesellschaft vor al-
lem das ästhetische »Spiel« an. Schmitt hätte hier von einer Flucht in
den Ästhetizismus gesprochen und die Perspektiven der »Entlastung«
eher gering geschätzt. Auch hier folgt Altmann also nicht strikt. Den-
noch ist »Die große Ent-Entung« sein bester Text. Hier findet die
»Kritik« die abstrakte Form semantischer Zeitkritik und Satire. Nicht
zufällig geht Schmitt im Briefwechsel gerade auf diesen Text näher
ein. Hier schreibt er am 2. Mai 1956: »Ihre Notiz zum Gesamt-Den-
ken ist sehr gut. Auch zur Ent-Entung fallen mir immer neue Bei-
spiele ein.« Er nennt z. B. Schelskys »Ent-Ideologisierung«. Zur FAZ-
Publikation schreibt er am 18. Januar 1958 dann allerdings: »Viele
glänzende Einzeltreffer, im Ganzen aber scheint er mir nicht gelun-
gen zu sein«. 7 Altmanns Satire bleibt gegenüber Schmitts Ballade
auch epigonal; sie gewinnt nicht die satirische Klarheit und Schärfe
des Spottgedichts, auf das die Sammlung Die neue Gesellschaft ins-
gesamt tendiert.
Die Sammlung unterscheidet sich von der reinen Parteizeit-
schrift durch die literarische Zuspitzung der »Kritik« zur satirischen
Form. Diese Form erfüllt sich im Spottgedicht, in dem »die ironische
Begegnung mit der Macht«, um den Titel des Jünger-Verrisses zu
zitieren, visuelle konkrete Poesie wird. Das typographische Figuren-
gedicht, mit dem die Sammlung schließt, ist relativ schlicht und epi-
gonal. Schmitts satirisches Meisterstück, Ballade vom reinen Sein, im

7
Abdruck in: Carl Schmitt und die Öffentlichkeit, 151

245
XV. · Rüdiger Altmann und Carl Schmitt

Juni 1955 erstmals in Civis erschienen, überragt dagegen alle anderen


Beiträge im Umfang und Anspruch. Insgesamt übernimmt die
Sammlung Die neue Gesellschaft Schmitts politisch-theologische
Ironisierung des Gesellschaftsbegriffs und wird durch dessen lyrische
Spottgedichte gleichsam gekrönt.

4. Lyrik des Hexenmeisters

Nur wenige Gedichte Schmitts sind bekannt, noch weniger wurden


zu Lebzeiten publiziert, nur ein einziges im eigenen Namen: Schmitt
verschickte seinen Gesang des Sechzigjährigen zum Geburtstag am
11. Juli 1948 im Kreis und schloss damit sein autobiographisches Be-
kenntnisbuch Ex Captivitate Salus ab. Darüber hinaus publizierte er
nur noch pseudonym fünf Gedichte in der Zeitschrift Civis, die alle in
Die neue Gesellschaft aufgenommen sind. Schmitt schrieb weitere
Gedichte, die inzwischen in einem Heft Gedichte für und von Carl
Schmitt in Auswahl publiziert wurden. Das Heft enthält spöttische
Personengedichte auf Rilke, Adorno, Benn, Adolf Schüle, Theodor
Heuss und Ernst Jünger. Schmitt problematisierte die Form der »Rei-
mereien«. Er sammelte seine Gedichte als »Reim-Übungen, ins Un-
reine notiert« und rechtfertigte sie als spontane Einfälle: »Ein Reim
stellt sich ein.« (GCS 29) Das lyrische Ich angelt Reime und endet als
»der Menschheit letzter Wille« beim Reim: »Niete-Elite-Schiete!«
(GCS 30) Ein anderes Gedicht heißt: »Das Reimen hört von selber
auf, / wer heute reimt, der schleimt sich rauf / in eine falsche Dimen-
sion«. (GCS 30) Schmitt vertritt also eine Geschichtsphilosophie des
Ästhetischen, wonach das lyrische Sprechen nach 1945 »falsch«
klingt. Er meint zwar nicht dogmatisch, dass »nach Auschwitz ein
Gedicht zu schreiben« einfach »barbarisch« sei; 8 auch er entsagt aber
dem hohen Ton und beschränkt sich auf satirische Spottgedichte von
einfachem Versbau und Metrum. Es sind Stegreifgedichte, die politi-
sche Aussagen witzig vermitteln. Für die weitere Öffentlichkeit trat
Schmitt nicht als Lyriker auf und erhob keinen Anspruch auf Dich-
terruhm. Eine Rückwendung zu den einfachen lyrischen Formen fin-
det sich als Antwort auf die »Revolution der modernen Lyrik« (Hugo
Friedrich) nach Baudelaire und Mallarmé, Rilke und George schon bei

8Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft, in: ders., Prismen. Kulturkritik


und Gesellschaft, Frankfurt 1955, 7–31, hier: 31

246
Lyrik des Hexenmeisters

Bert Brecht, der die Balladenform bevorzugte. Hannah Arendt


schreibt dazu:
»Denn die Ballade, deren Ursprung nicht nur das Volkslied bildet, sondern
auch die endlosen Strophen der Dienstbotengesänge mit ihren gefallenen
Mädchen, treulosen Liebhaberinnen und unschuldigen Kindsmörderinnen,
die ins Wasser gehen oder auf dem Schafott enden, sie hat von jeher den
unmittelbarsten Kontakt mit dem präliterarischen, nur in der mündlichen
Tradition aufbewahrten Schatz der Volkspoesie gewahrt. Es ist die Form, in
der das Volk der Unsichtbarkeit und dem Vergessenwerden zu entrinnen
trachtet und gleichsam auf eigene Faust versucht, sich auch ein Stück Un-
sterblichkeit zu sichern.« 9
Schmitt springt einmal mehr aus dem elitären Ästhetizismus heraus
und wählt den Grobianismus einfacher Formen und simpler pole-
misch-politischer Aussagen. Er knüpft an Traditionen der Biertisch-
poesie und Stegreiflyrik an, doch er wendet sie ironisch. Nur die Bal-
lade vom reinen Sein kann eigentlich Anspruch auf lyrische Artistik
machen. Die meisten anderen Gedichte sind eher Stegreiflyrik in der
Nachfolge etwa von Wilhelm Busch, den Schmitt gelegentlich als
»Humorist der Schadenfreude und des Neides« (GL 66) bezeichnete
und dessen Biedermeierlichkeit er als »Gefühlsmaske« (GL 17) des
Nihilismus verstand. Spöttisch meinte Schmitt: »Wilhelm Busch ist
der deutsche Nationaldichter.« (GL 150) Ganz bewusst stellte er sich
mit seinen satirischen Spottgedichten aber in diese Tradition und
nahm nur mit seinem Geburtstagshymnus und der philosophischen
Ballade ambitioniertere ästhetische Distanz.
Der Strauss-Zyklus von vier publizierten Gedichten ergibt kei-
nen Kranz und keine geschlossene Aussage. Drei der Gedichte (NG
60, 68, 86, 99; GCS 23 f.) lassen sich als kurze »Lieder« aber eng mit-
einander vergleichen. Strauss spricht aus der Wir-Perspektive eines
»normalen Deutschen« (GCS 22) in einfachem Vers- und Strophen-
bau. Ein Gedicht ist auf den »Sedanstag« nach der Suez-Krise datiert.
Der Sedanstag erinnerte an den Sieg von 1870 im Deutsch-Französi-
schen Krieg und so an die Geburt des Zweiten Reichs aus dem Sieg
über Frankreich. Er wurde 1919 zwar als Nationalfeiertag abgeschafft,
aber auch später noch nationalistisch begangen. Die Suez-Krise vom
Herbst 1956 bezeichnet die militärische Intervention einer Allianz
aus Großbritannien, Frankreich und Israel zur Sicherung des Suez-

9 Hannah Arendt, Berthold Brecht, in: dies., Menschen in finsteren Zeiten, München
1989, 243–289, hier: 276 f.

247
XV. · Rüdiger Altmann und Carl Schmitt

Kanals gegen dessen Verstaatlichung durch den ägyptischen Prä-


sidenten Nasser. »Jetzt sind wir biedere Kanalbenutzer / Und fleißige
Monadenputzer« (NG 60; GCS 23), heißt es im Gedicht. Schmitt
spielt auf die verlorene Souveränität an, vielleicht auch auf Israel.
Die beiden anderen Gedichte, der »Neujahrsgruss 1957« und das
»Lied des Neutralisten 1957«, ironisieren ebenfalls den Verlust eines
selbständigen politischen Standpunkts. Weitere Deutschlandgedichte
wurden vielleicht nur deshalb nicht in Civis veröffentlicht, weil sie
vor der Wiederbegegnung mit Altmann im Jahr 1955 entstanden.
Das quantitativ wie qualitativ gewichtigste satirische Gedicht ist
aber zweifellos die Ballade vom reinen Sein (NG 112–117; GCS 16–
21), die Schmitt unter dem Titel Die Sub-Stanz und das Sub-Jekt
unter dem Strauss-Pseudonym als erstes seiner Civis-Gedichte 1955
veröffentlichte. Das Gedicht ist in Metrum und Reim (Trochäus) sehr
regelmäßig gebaut, durch Zwischenüberschriften gegliedert und in
den Strophen etwas unregelmäßig gefügt. Zweifellos ist es formal
von allen Gedichten am anspruchsvollsten und strengsten durch-
gestaltet. Die Ballade vom reinen Sein spielt mit philosophischen Ter-
mini: mit der Unterscheidung zwischen Substanz und Subjekt, die
Hegel philosophiegeschichtlich auch auf Spinoza und religions-
geschichtlich auf den Unterschied zwischen Judentum und Christen-
tum bezog. Die Rede vom »reinen Sein« steht am Anfang von Hegels
Logik. Eine klassische Formulierung aus der Vorrede der Phänome-
nologie des Geistes, die Schmitt vor allem las, lautet: »Es kommt nach
meiner Einsicht, welche sich nur durch die Darstellung des Systems
selbst rechtfertigen muss, alles darauf an, das Wahre nicht als Sub-
stanz, sondern eben so sehr als Subjekt aufzufassen und auszudrü-
cken.« (TWA III, 23 f.) Spinoza und das Judentum haben das Absolu-
te, nach Hegel, nur als Substanz und nicht auch als Subjekt, Person
und »Geist« begriffen.
Schmitt gibt nun eine andere Darstellung der Dynamik und Dia-
lektik von Substanz und Subjekt. Sie scheint terminologische Sprach-
spiele zu kritisieren, die neologistisch verfremden. Solche terminolo-
gische Bricolage hat Schmitt zwar selbst mit »dadaistischem«
Einschlag immer wieder betrieben, buchstäblich scheint er aber Hei-
deggers terminologische Jongleurspiele aufzugreifen und zu parodie-
ren. Hegel unterschied Substanz und Subjekt nicht disjunktiv: Das
Absolute sollte »eben so sehr« als Substanz wie als Subjekt begriffen
werden. Der Substanzbegriff war nicht verabschiedet, Spinozas Aus-
legung des Absoluten nicht einfach negiert, sondern in eine andere

248
Lyrik des Hexenmeisters

Position »aufgehoben« und »bewahrt«. Schmitts Ballade beschreibt


dagegen eine »Entflechtung«. Sie erzählt nicht von einer Subjektwer-
dung der Substanz, einem Werden zu sich, sondern von einer »En-
tentung« oder Abstoßung des gemeinsamen Präfix, die Schmitt als
»Ent-Subung« bezeichnet. In der freund-feindlichen Begegnung der
Begriffe stoßen die Termini den verbindenden Präfix ab. Das ist kein
Werk eines philosophischen Wortmagiers oder Jongleurs, wie Heideg-
ger, sondern eine Arbeit des Begriffs oder der Seinssemantik selbst.
Eingangs heißt es:
Die Substanz und das Subjekt
Liegen müßig hingestreckt.
Die Substanz kaut an der Prosa
Eines Benedikt Spinosa
Das Subjekt liest nur noch Hegel
Und benimmt sich wie ein Flegel
Jeder hofft den jeweils Andern
Mit sich selbst zu unterwandern. (NG 112; GCS 16)

Schmitt spricht hier nicht nur von philosophischen Konkurrenzen,


sondern, mit Hegel, vermutlich auch vom Verhältnis von Judentum
und Christentum. Trifft diese starke Deutung zu, so meint er mit der
»Entflechtung«, »Ent-Subung« und »Re-Subung« auch die deutsch-
jüdische Symbiose, die um 1800 von Goethe und Hegel im Zeichen
des Spinozismusstreites und der Spinoza-Rezeption begründet wur-
de. Schmitt formuliert den Prozess der »Entflechtung« existentialis-
tisch: »Plötzlich sehn sich aufgeschreckt / Die Substanz und das Sub-
jekt« (NG 112; GCS 16). Der Blick markiert eine freund-feindliche
Identifikation im Prozess des Anerkennens. Der Moment plötzlicher
Identitätserkenntnis klingt an Hegel, Sartre, Schmitt und die damali-
ge Kojève-Lektüre an; die Reaktion aber formuliert Schmitt mit
Heideggers Konzept metaphysischer »Angst«: »Angst erfasst sie jetzt
und Grauen / Wenn sie sich konkret beschauen« (NG 112; GCS 16).
Die Wahrnehmung des verbindenden Präfix realisieren die metaphy-
sischen Letztbegriffe mit »Hass« als »SUB-Defekt« und reagieren
beide gleichzeitig und gleichermaßen mit einem »starken Stoß«. Sie
reißen sich vom gemeinsamen Präfix los und streben auseinander in
eine neue »Daseins-Lichtung«, wie Schmitt erneut mit Heidegger
formuliert.
Die Lichtung der Entflechtung stößt die Präfixe in eine neue
»Unterwelt«, ein rebellisches Chaos, das sich in »massierten Trupps«

249
XV. · Rüdiger Altmann und Carl Schmitt

als wilder »Klub« gebärdet, wie Schmitt über mehrere Strophen vir-
tuos ausführt, und »zur Materie integriert« dionysische »Orgien«
feiert. Vielleicht spielt er hier auf Anarchisten, Nietzsche und die
»Panisken« der Epochenwende an, von denen Ex Captivitate Salus
sprach. Die vom Präfix emanzipierten Wortstämme verfallen in der
Ballade aber bald in ein »Vakuum« fehlender Identität und Dynamik.
Die Revolte der neuen Materie bedroht die »müden Reinen«. Etwas
unvermittelt reintegriert die »Sub-Kultur« sie am Ende doch in ihren
Klub: »Der heroischen Ent-Mischung / Folgt jetzt die Total-Ver-
wischung« (NG 116; GCS 20), die Schmitt als »großen Omnibus«
bezeichnet. Es folgt ein versöhnlicher Schluss, der den »Umweg«,
erneut in Anspielung auf Heidegger, als »Seins-Erhellung« (NG 117;
GCS 21) rechtfertigt und die gegenwärtige Lage oder »metaphysische
Grundstellung« (Heidegger) etwas unklar mit Thomas Mann, Ernst
Wiechert und Jacques Maritain markiert. Schmitt hatte Maritain
einst über Karl Eschweiler in Bonn persönlich kennengelernt. Mit
Maritain kritisiert er jetzt die herrschende christliche Religionsphi-
losophie. Auch das deutet darauf hin, dass Schmitt über eine Revolu-
tionssatire und Hegel-Parodie hinaus eine Satire des Zeitgeistes
schreibt, die den Gegenwartsdiskurs nach Heidegger bezeichnet. Die
Nachkriegszeit erscheint ironisch als Zeit metaphysischer Versöh-
nung: »Was bisher verfeindet war / Küsst sich brüderlich polar.«
(NG 117; GCS 21) Stets kritisierte Schmitt die naiven politischen
Selbsttäuschungen über die wahren Herrschaftsverhältnisse und Par-
teiungen.
Sein virtuoses Gedicht soll hier nicht überdeutet werden. Als
Religions- und Metaphysikgeschichte kritisiert es gleichermaßen das
Streben nach »Entflechtung« wie die »Total-Verwischung« aller me-
taphysischen Differenzen und Identitäten. Das Spiel mit den Gegen-
begriffen ist für Schmitt überaus charakteristisch, ebenso der Gedan-
ke, dass das abgestoßene und emanzipierte Andere seine eigene
Dynamik entwickelt. Altmanns gewiss geistreiche und gelungene Sa-
tire »Die große Ent-Entung« knüpft an Schmitts Ballade an, ohne
deren abstrakte und allegorische Vielschichtigkeit und formale Kon-
sequenz zu erreichen. Die Parallelen zu Goethes Ballade vom Zauber-
lehrling liegen auf der Hand: Wo Schmitt vom Aufstand der Präfixe
erzählt, emanzipiert Goethe den Besen vom magischen Willen des
Zauberlehrlings und nur der alte Hexenmeister kann den Aufstand
der Dinge bei seiner Rückkehr mit souveränem Machtspruch und
Zauberwort wieder fügen. Die kooperative Sammlung Die neue Ge-

250
Status Quo und Vision des Wohlfahrtsstaates

sellschaft ist auch eine intellektuelle Konkurrenz: Der »alte Meister«


zeigt seinen Zauberlehrlingen mit seiner Ballade und seinen Spott-
gedichten noch einmal, wie man Geister bannt.

5. Status Quo und Vision des Wohlfahrtsstaates

Die Plettenberger Gespräche zielten aber von Anfang an über die sa-
tirische Gesellschaftskritik hinaus. Altmann und Gross bezogen dabei
gegen Schmitt für die »christliche Demokratie« der Bundesrepublik
Position und schätzten eine wertgebundene Integration und Stabili-
tät. Schmitt äußerte sich nach 1949 nur sehr vorbehaltlich und spär-
lich zur Lage und Verfassung der Bundesrepublik. Das überließ er
seinen Schülern. Die fortdauernde Prägung Altmanns durch Schmitt
zeigt sich in dessen späteren Schriften nicht zuletzt im theoretischen
Ehrgeiz und Anspruch. Wo Schmitt das Ende der »Epoche der Staat-
lichkeit« (BP 10) verkündete, schrieb Altmann mit seiner »späten
Nachricht vom Staat« gleichsam am Abgesang. Das zeigt sich schon
in seinem Büchlein Das Erbe Adenauers (EA), 10 das 1960 seinen pu-
blizistischen Ruf begründete. Es sollte nicht zu leicht genommen wer-
den, beschränkt es sich doch nicht auf die strategische Nachfolgefrage
und auch nicht auf die Analyse eines Regierungsstils, sondern zielt
mit Schmitt auch über Max Weber hinaus auf sehr weitreichende
theoretische Aussagen und Orientierungen.
Für das CDU-Mitglied lag die Frage nach dem Erbe Adenauers
1960 nahe. Weber hatte die »Erbschaft Bismarcks« 1918 in Parlament
und Regierung im neugeordneten Deutschland klassisch analysiert.
Altmann orientiert sich an diesem hohen Muster. Sein langer Essay,
von Fußnoten nicht getrübt, lässt sich in weiten Teilen als gutes Stück
Politikwissenschaft lesen. Schmitt las den Text im Manuskript und
schrieb am 21. März 1960 dazu lobend: 11
»Ich sehe jetzt, dass das Buch ein deutliches, wunderbar transparentes Bild
gibt, ein Kabinettstück dessen, was man mit Fug und Recht ›political sci-
ence‹ nennen könnte. Werden Ratschläge so honoriert[,] wie sie es verdie-
nen, so wären Sie ein gemachter Mann als politischer Berater. Ich will Sie
damit nicht etwa mit den alternden Generaldirektoren auf eine Stufe stel-

10 Rüdiger Altmann, Das Erbe Adenauers, Stuttgart 1960


11
Abdruck in: Carl Schmitt und die Öffentlichkeit, 154 f.

251
XV. · Rüdiger Altmann und Carl Schmitt

len, die durch ihre berüchtigten ›Beraterverträge‹ rechtzeitig einen schönen


Lebensabend sichern.«
Schmitt greift hier Altmanns Berufsziel auf und versteht den Essay
als Bravourstück praktischer Wissenschaft.
Altmann erörtert zunächst Adenauers Ausprägung des »Regie-
rungsmodells« der »Kanzlerdemokratie« und dessen Auswirkungen
auf den Parlamentarismus und die Parteienlandschaft. Er betont die
exekutive, »gouvernementale« Schieflage der Kanzlerdemokratie,
den »Sieg der Regierung über das Parlament«, was Schmitt mit ande-
rer Tonlage für die Weimarer »Wendung« zum Exekutiv- und Ver-
waltungsstaat feststellte. Altmann erörtert dann die Entwicklung des
Parteiensystems und die Optionen und Chancen bei kommenden
Wahlen, prognostiziert eine Entwicklung zum Dreiparteiensystem
und sieht Perspektiven für eine »große Koalition«. Solche politikwis-
senschaftliche Betrachtungen hatte Schmitt als Jurist gemieden, wie
ihm eine positive Differenzierung der Parteienlandschaft überhaupt
fern lag. Leider äußerte er sich in seinen Briefen 1960 nicht zur zwei-
ten Hälfte von Altmanns Essay, die für ihn systematisch noch interes-
santer gewesen sein dürfte: Altmanns verfassungspolitische Betrach-
tung der Machtverschiebungen zwischen Exekutive und Parlament
war zwar ein innovatives Stück Politikwissenschaft; die eingängige,
prägnante und amüsante Beschreibung der »Kanzlerdemokratie«
wurde stilbildend. Wahrscheinlich aber fand weniger Beachtung, wo-
rauf Altmanns Ehrgeiz auch ging; Die neue Gesellschaft hatte die
intellektuelle Mediokrität der frühen Bundesrepublik verspottet; der
zweite Teil des Essays bietet Deutschland nun nicht weniger als eine
»neue Weltorientierung« und »neue Deutung seines Daseins« (EA
186) an. Diese Ausführungen zur »Zukunft des Status quo« und den
aktuellen Aufgaben und Chancen der westlichen Außenpolitik in der
»globalen Konkurrenz« sind näher an Schmitt, gerade am Spätwerk,
und Altmann erwähnt das auch namentlich (EA 154).
Altmann geht über die Analyse des politischen Systems weit
hinaus, wenn er den innenpolitischen Status Quo als ein »Regime
des Pluralismus« in der Organisation von »Parität« beschreibt und
den »Wohlfahrtsstaat« als Errungenschaft des Kapitalismus positiv
auffasst, der durch »Sozialisierung des Konsums« ein »neues Sozial-
system« schafft, das Stabilität sichert und soziale Konflikte unterhalb
existentieller Eskalationsstufen hält. Altmann bejaht den kapitalisti-
schen Wohlfahrtsstaat als innenpolitisch pazifizierendes »Sozialsys-

252
Status Quo und Vision des Wohlfahrtsstaates

tem«; er vertritt eine positive Einschätzung des Wohlfahrtsstaats jen-


seits von Schmitts Kritik am Sozialstaat, der verteilt und umverteilt.
Originell greift er in die damaligen Debatten um Sozialstaatlichkeit
ein: Während Forsthoff die Vereinbarkeit des Sozialstaats mit dem
liberalen Rechtsstaat problematisierte, bejaht Altmann die Sozialinte-
gration qua »Sozialisierung des Konsums« politisch. Mit seinen au-
ßenpolitischen Folgerungen nähert er sich dann aber erneut eng an
Schmitt an. Im Kapitel »Außenpolitik als globale Konkurrenz« führt
er aus, dass der westliche Wohlfahrtsstaat die »Konkurrenz mit dem
Kommunismus« offensiv aufnehmen sollte und jenseits des bürokra-
tischen Elitenprojekts der EU, das Altmann hellsichtig skeptisch sieht
(EA 170 ff.), die Systemkonkurrenz mit dem Kommunismus gerade
in der Entwicklungspolitik zu gewinnen ist. Ganz schlicht meint Alt-
mann:
»Wir müssen den Beweis erbringen, dass wir eine höhere Entwicklungs-
stufe als der Kommunismus erreicht haben. Höher nicht im Alter, sondern
in der Bewegung auf die neue Weltzivilisation.« (EA 161) »Wenn wir den
Sowjets offensiv begegnen wollen, können wir uns nicht auf Europa be-
schränken – wir brauchen den Schauplatz Asien. Wir müssen die Russen
zwingen, sich mit uns in den Entwicklungsländern ökonomisch und sozial
zu schlagen.« (EA 181) »Die Frage ist, ob die Sowjets eine totale Konkur-
renz mit dem Westen durchhalten können.« (EA 182)
Der Mauerfall 1989/90 wurde gelegentlich auf den strategischen Ver-
such Ronald Reagans zurückgeführt, die Sowjetunion im Wettrüsten
ökonomisch zu überfordern. Einen solchen Erschöpfungstod visio-
niert Altmann 1960 bereits als agonale Aufgabe des Westens und
»neue Weltorientierung« (EA 186). Schmitt hatte den Kampf um die
Entwicklungsländer in Münster als »heutigen Nomos der Erde« be-
zeichnet. 1962 sprach er in Spanien eingehender über die Entwick-
lungshilfe und Rolle von Asien und Afrika im Ost-West-Konflikt. In
der Theorie des Partisanen erörterte er dann die Rolle Chinas. Über
geopolitische Fragen, Großräume und Entwicklungspolitik dachten
damals viele nach. Zweifellos sind Altmanns Überlegungen zur Pro-
filierung des westlichen Wohlfahrtsstaats in der Systemkonkurrenz
originell. Ganz sicher sprach er aber mit Schmitt auch über diese Fra-
gen und nahm dessen Überlegungen zur Kenntnis. Seine Analyse der
Erbschaft Adenauers zielte über eine verfassungspolitische Analyse
der Kräfteverteilungen in der Kanzlerdemokratie hinaus auf die Zu-
kunft des »Wohlfahrtsstaats«. Altmann wollte keinen klassischen
Parlamentarismus restaurieren, er ging soziologisch von der Wirk-

253
XV. · Rüdiger Altmann und Carl Schmitt

lichkeit des Wohlfahrtsstaats aus und bejahte den sozialen »Aus-


tausch und Ausgleich« auch im »globalen Maßstab« (EA 162).

6. Diskurspolitik eines Publizisten

Schmitt lobte Altmanns Buch Das Erbe Adenauers in den damaligen


Korrespondenzen wiederholt. An Mohler schrieb er am 22. März
1960: »Rüdiger Altmanns Buch (Das Erbe Adenauers) wird glänzend;
es soll im Mai erscheinen; er ist ein bedeutender Intellekt, dieser Alt-
mann.« (BS 276) Die nachfolgenden Publikationen sind eigentlich
nur im Kontext der damaligen Debatten und bei Berücksichtigung
von Altmanns spezifischer Rolle zwischen Publizistik und Politikbe-
ratung angemessen zu würdigen. Nimmt man etwa die Essaysamm-
lung Späte Nachricht vom Staat (SN), die 1968 erschien, so wird man
heute keinem der Essays besonderes Gewicht zusprechen. Das gilt
auch für Die Formierte Gesellschaft, der als Stichwort politisch wirk-
te. Eine starke Theorie oder eingehende Beschreibung lässt sich kaum
ablesen. Altmann führt seine Charakterisierung des »Regimes des
Pluralismus« und der organisierten »Parität« weiter aus. Er polemi-
siert in essayistischer Form, ohne konkrete Beispiele und Belege, da-
bei gegen den »überentwickelten Pluralismus«, dem er als »formierte
Gesellschaft« einige Regularität und Stabilität zubilligt, betrachtet die
Haushalts- und Wirtschaftspolitik des »Verteilerstaates« (SN 40 f.,
53) eingehender 12 und sorgt sich um die »Staatsfähigkeit der manipu-
lierten Gesellschaft« (SN 58). Soziologisch beobachtet er Korrespon-
denzen von Staat und Gesellschaft: »Die expandierende Daseinsvor-
sorge des Verwaltungsstaates und der Pluralismus der organisierten
Interessen haben sich gegenseitig provoziert und ergänzt.« (SN 37)
Der Begriff der Gesellschaft bleibt grundlegend; Altmann meint: »Die
Gesellschaft, nicht der Staat ist in Deutschland total geworden.« (SN
49) Mit Schmitt formuliert er das auch als Verflechtung von Legalität
und Legitimität: »Der demokratische Staat legitimiert sich also nicht
mehr allein durch seine eigene Legalität, sondern dadurch, dass er die
Gesellschaft – d. h. den gesellschaftlichen Pluralismus – legalisiert.«
(SN 50) Als Festgabe für Schmitt problematisiert Altmann die Frie-
densrhetorik als »Aktionsbegriff« (SN 74) und schließt mit kräftigen

12
Rüdiger Altmann, Späte Nachricht vom Staat. Politische Essays, Stuttgart 1968

254
Diskurspolitik eines Publizisten

Worten zur innenpolitischen Feindbestimmung der »Störer« der


Bundesrepublik.
Auch diese Essays argumentieren noch in der Logik von
Schmitts Verfassungsgeschichte. Vielfältig korrespondieren sie mit
dem damaligen rechtsintellektuellen Diskurs, wobei sich auch einige
Nähen zur Linken ergeben. Altmanns Späte Nachricht vom Staat
klingt heute sehr abstrakt. Für sich genommen wirken die Texte heu-
te nicht sonderlich stark. Ihre Rhetorik muss im Kontext der damali-
gen Diskurse, Foren und Adressaten gewürdigt werden. Altmanns
Rede von »Theorie« darf dabei nicht mit starken wissenschaftlichen
Theorieansprüchen gleichgesetzt werden. 13 Die Spuren Schmitts rei-
chen jedenfalls über das Frühwerk hinaus und sind bis in die Schrift
Der wilde Friede von 1987 hinein deutlich bis überdeutlich. Altmann
bewegt sich weiter in Schmitts Referenzkanon und adaptiert auch die
Theorie des Partisanen und andere späte Schriften. Die pluralistisch
»organisierte Gesellschaft« und »Anspruchsgesellschaft« sind dabei
neue Themen über Schmitt hinaus. Altmann suchte prägnante Rhe-
toriken für die publizistischen Kontexte, in denen er agierte. Seine
Texte waren für die Mitwelt und unmittelbare Wirkung geschrieben.
Sein Werk gehört deshalb heute nicht in eine Theoriegeschichte der
Politikwissenschaft, sondern in eine politische Intellektuellen-
geschichte der alten Bundesrepublik. Dieses Werk wurde vielleicht
noch nicht geschrieben.

13 Dazu ausdrücklich Rüdiger Altmann, Der wilde Frieden. Notizen zu einer politi-
schen Theorie des Scheiterns, Stuttgart 1987, 9

255
XVI. Carl Schmitts Schmähgedicht auf
Theodor W. Adorno 1

1.

Goethe hat sich für mancherlei »Schelme« interessiert. Auch er war


in die Campagne gezogen und hatte die Verwüstungen der Revoluti-
onskriege aus der Nähe gesehen und erlebt. Im Umkreis des Wilhelm
Meister übersetzte er den Benvenuto Cellini sowie Rameaus Neffe.
Hegel hatte seine Herr/Knecht-Dialektik nicht nur an Hobbes, son-
dern auch an Diderot geschärft, dessen nachgelassenes Fragment über
Umwege von Goethes Jugendfreund Klinger in einer Abschrift in St.
Petersburg entdeckt worden war und das 1805 in Goethes Überset-
zung erschien. Rameaus Neffe, der fast zum Clochard herunter-
gekommene Neffe des großen Musikers, rechnet mit der Tugend der
Genies ab und verachtet doch seine »Mittelmäßigkeit« und Mediokri-
tät. Er kultiviert sein Ressentiment als Niedertracht und will seine
»Schändlichkeit« zur Größe steigern. Er weiß: »Man spuckt auf einen
kleinen Schelm, aber man kann einem großen Verbrecher eine Art
Achtung nicht verweigern.« 2 Der »kleine Rameau« erzählt dem Ich-
Erzähler und »Philosophen« die Geschichte von einem »Renegaten«,
der sich mit einem »heimlichen Juden« anfreundet und ihn dann ver-
rät. Er führt aus:
»Bis jetzt ist der Renegat nichts weiter; es ist ein verächtlicher Schuft, dem
niemand gleichen möchte. Aber das Erhabene seiner Bosheit zeigt sich erst

1 Auf Einladung von Silvio Vietta als längerer Vortrag unter dem Titel »Weltgesell-
schaft bei Carl Schmitt und Theodor W. Adorno« am 6. Oktober 2016 auf der Tagung
Dimensionen und Perspektiven einer Weltgesellschaft? in Hildesheim vorgetragen.
2 Denis Diderot, Rameaus Neffe. Aus dem Manuskript übersetzt und mit Anmerkun-

gen begleitet von Goethe, in: Goethes sämtliche Werke. Jubiläumsausgabe, Stuttgart
o. J., Bd. XXXIV, 49–196, hier: 117; zur zentralen Bedeutung von Diderots – auf He-
gel, Marx und neuere anarchistische und marxistische Autoren wirkendem – Text
jetzt Dieter Thomä, Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds, Berlin 2016,
122 ff.; dazu vgl. GL 350

256
XVI. · Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno

darin, dass er selbst seinen Freund, den Israeliten, angegeben hatte, dass die
Inquisition diesen bei seinem Erwachen in Empfang nahm und nach einigen
Tagen ein Luftfeuerchen mit ihm anstellte; und so war der Renegat ruhiger
Besitzer des Vermögens dieses verfluchten Abkömmlings derer, die unseren
Herrn gekreuzigt haben.« 3
Trifft diese Geschichte auf Carl Schmitt zu? War Schmitt ein ent-
sprungener Katholik und »Renegat«, der seine Bosheit zur Größe
steigerte und vom Freundesverrat profitierte? Manche haben es so
gesehen. Der Philosoph, Goethes Stimme als Übersetzer, antwortet
auf Rameaus Ausführungen umgehend: »Ich weiß nicht, wovor ich
mich mehr entsetzen soll: vor der Verruchtheit des Renegaten oder
vor dem Ton, mit dem ihr davon sprecht.« 4 Wie soll man Schmitts
antisemitische Polemiken angemessen thematisieren? Seine Worte
und Taten? Wie kommentiert man auch seine fortdauernden antise-
mitischen Äußerungen nach 1945? Wir überschauen heute einiger-
maßen seinen jüdischen Bekannten- und Freundeskreis vor 1933. Die
Geschichte scheint vor allem für sein Verhalten gegenüber seinem
ältesten und engsten Jugendfreund Georg Eisler zuzutreffen, der nie
zum Christentum konvertiert war. Bei meinen Recherchen zum
Schicksal Georg Eislers 5 fand ich im August 2008 noch einen kurzen
Mailkontakt zu dessen Sohn, dem bedeutenden Kunsthistoriker Colin
Eisler, der im März 1931 als Carl Eisler in Hamburg geboren und nach
Schmitt benannt wurde, worüber der sich im Tagebuch »sehr ge-
rührt« (TB 1930/34, 101) zeigte. Colin Eisler antwortete umgehend
und zeigte sich »horrified« bei dem Gedanken, seine Eltern könnten
nur entfernt mit Schmitt verbunden werden. Er schrieb,6 Schmitt
habe die frühe (»fortunately early«) Emigration in keiner Weise un-
terstützt, »within a few weeks of the war’s ending« aber sogleich
einen Bittbrief nach New York geschickt. Eisler nannte das Anliegen
einer Schmitt-Biographie im Mail »intrinsically ignominious«, ei-
gentlich schändlich, »no matter how highly regarded his intellect is
seen to be today«, und lehnte weitere Auskünfte ab. 1996 publizierte
er bei DuMont ein umfangreiches und prächtig aufgemachtes Stan-

3 Rameaus Neffe, 120


4 Rameaus Neffe, 120
5
Dazu Verf., Die Hamburger Verlegerfamilie Eisler und Carl Schmitt, Plettenberger
Miniaturen Heft 2, Plettenberg 2009
6
Mail Colin Eislers vom 26. August 2008 an den Verf.

257
XVI. · Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno

dardwerk Meisterwerke in Berlin über die Berliner Gemäldesamm-


lungen und schrieb dann eine ergreifende Widmung, in der es heißt:
»Als Jude, der in jungen Jahren aus Deutschland fliehen musste, schreibe
ich dieses Buch zu Ehren des wertvollsten Schatzes, den Berlin verloren hat,
zu Ehren jener Menschen, die ihrem Gewissen folgten und der Schreckens-
herrschaft der Nazis Widerstand leisteten. […] Zwischen 1930 und 1991
wurden zahllose Angehörige der moralischen Elite Berlins verraten, inhaf-
tiert, ausgewiesen, ermordet oder auf andere Weise zum Schweigen ge-
bracht. Sie fielen nicht nur den diversen Formen der Tyrannei zum Opfer,
sondern auch dem Mitläufertum, der Gleichgültigkeit, der Feigheit, dem
Opportunismus oder der Furcht ihrer Mitbürger.« 7
Gewiss hat Colin Eisler hier auch an seinen früheren Namenspatron
gedacht. Vergegenwärtigt man sich aus den Tagebüchern nur Georg
Eislers selbstlose Freundschaft und Unterstützung, so ist das Entset-
zen des Sohnes über Schmitts Verhalten nur zu verständlich. Auch
für die Beziehungen zu Ludwig Feuchtwanger, Moritz Bonn oder an-
deren ließe sich von unverzeihlichem Freundschaftsverrat sprechen.
Weniger moralisch und auf den engsten Kreis der Beziehungen ge-
sprochen, wäre über die antisemitischen Äußerungen hinausgehend,
Schmitts rechtspolitische Wirksamkeit als Akteur im Nationalsozia-
lismus detailliert zu untersuchen: seine apologetische Auslegung der
Nürnberger Rassegesetze etwa oder seine Berliner Tagung Das Ju-
dentum in der Rechtswissenschaft vom Oktober 1936. Eine einge-
hende Studie zu Schmitts antisemitischer Diskriminierungspolitik
als Akteur im Nationalsozialismus fehlt im vorliegenden Sammel-
band aber. Das Thema ist so gewichtig und die Quellenlage für eine
tiefenscharfe umfassende Analyse so schwierig, dass dieses dunkle
Thema hier herausgehalten wurde. Deshalb schien eine Vorbemer-
kung nötig, wenn im Folgenden ein antisemitisches Schmähgedicht
analysiert wird, das die fortdauernde singuläre Polemik Schmitts
auch nach 1945 exemplarisch zeigt.

2.

Schmitt war 15 Jahre älter als Adorno. Adorno kommt in seinen


Schriften nicht vor. Erst als Remigrant wird er in der Bundesrepublik

7Colin Eisler, Meisterwerke in Berlin. Die Gemälde vom Mittelalter zur Moderne,
Köln 1996, VIII

258
XVI. · Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno

bekannt, zu einem Zeitpunkt, als Schmitt als Autor der Bundesrepu-


blik weitgehend verstummte. Nimmt man die Reihe seiner selbstän-
digen Publikationen, so tritt Adorno nach der grundlegenden Dialek-
tik der Aufklärung lange vor allem als Fürsprecher der »neuen
Musik« auf, genauer: der sog. Zweiten Wiener Schule, von der er einst
als Schüler Alban Bergs ausgegangen war. Er analysiert also die Kul-
tur der Gesellschaft und trennt und wertet – so in der Philosophie der
neuen Musik – dabei scharf zwischen »Fortschritt« und »Reaktion«,
E- und U-Musik, »Kulturindustrie« und den wenigen wahren Wer-
ken. Adorno hat dabei vor allem die Differenz zwischen seinem avant-
gardistischen Wien und Hollywood im Blick. Sein Thema ist die Kul-
tur der »Gesellschaft«. Recht und Staat, Schmitts Themen, betrachtet
er dagegen nicht näher, weil er die »Gesellschaft« in marxistischer
Tradition vom Primat der kapitalistischen Wirtschaft her sieht. Ador-
no analysierte den »Spätkapitalismus« nicht eingehend; eine ent-
wickelte politische Ökonomie mit starken ökonomischen Thesen
schrieb er nicht, sondern setzte den Primat des Spätkapitalismus als
transhumanes System gleichsam axiomatisch voraus. Den Einfluss-
raum des Kapitalismus bestimmte er dabei nicht territorial, auch nicht
gegenüber dem sozialistischen Lager oder sowjetischen Einfluss-
bereich. Sehr abstrakt erscheint der »Spätkapitalismus« als ein totales,
totalisierendes oder gar totalitäres »System« der »Verdinglichung«.
Adorno konstatiert die Universalität und Totalität spätkapitalistischer
Vergesellschaftung der Kultur. Sein Fluchtpunkt und seine Alterna-
tive war die ästhetische Erfahrung avantgardistischer Kunst. Schmitt
setzte dagegen die stete Möglichkeit politischer Alternativen voraus
und machte die Institutionalisierung politischen Handelns im Verfas-
sungssystem zum zentralen Thema seines Werkes. Er identifizierte
personale Akteure und betrachtete Gesellschaften als politische Inter-
aktionssysteme. In seiner Optik geht der »Weltstaat« der »Welt-
gesellschaft« voraus. Adorno scheint die »Weltgesellschaft« dagegen
an die Universalität des Kapitalismus zu binden.
Schaut man auf die Theoriebildung, bietet sich ein Zugang über
Hegel an: Adorno entwickelte seine »negative Dialektik« von Hegel
her; seine Aspekte der Hegelschen Philosophie hat Schmitt gekannt.
Adorno liest Hegel mit Marx; er spricht von einer Ȇbersetzung des
Hegelschen Geistbegriffs in gesellschaftliche Arbeit« und meint:
»Der Gesellschaft kommt eben das zu, was Hegel dem Geist gegenüber allen
isolierten Einzelelementen der Empirie reserviert. […] Das Prinzip der

259
XVI. · Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno

Äquivalenz gesellschaftlicher Arbeit macht Gesellschaft im neuzeitlichen


bürgerlichen Sinn zum Abstrakten und zum Allerwirklichsten, ganz wie
Hegel es vom emphatischen Begriff des Begriffs lehrt.« 8
Adorno kritisiert zwar Hegels Primat des Staatsbegriffs, erkennt als
Schüler von Marx aber auch die forcierte Theorie der bürgerlichen
Gesellschaft an: »Nirgends ist die hegelsche Philosophie der Wahrheit
über ihr eigentliches Substrat, die Gesellschaft, nähergekommen als
dort, wo sie ihr gegenüber zum Aberwitz wird.« 9 Adorno setzt die
Totalität der spätkapitalistischen Gesellschaft als basale Wirklichkeit
und Agens einfach voraus. Der Anfang seiner Logik lautete dann:
Gesellschaft, reine Gesellschaft. Das Wesen und Werden der Gesell-
schaft heißt »Arbeit«. Viele Adorno-Publikationen analysieren den
Vorrang des Allgemeinen und der Gesellschaft gegenüber der indivi-
duellen »Natur« und den autonomen »Werken«. So endet die (post-
hum erschienene) Ästhetische Theorie 10 mit einem Kapitel »Gesell-
schaft«, das den »Doppelcharakter der Kunst« als Werk und Ware an
Beispielen expliziert und die »Immanenz der Gesellschaft im Werk«
(ÄT 344) als objektiven »Gehalt« und »Wahrheit« der Kunst hervor-
hebt, nicht als kruden »Realismus«, sondern als »Befreiung der
Form« (ÄT 379) in der ästhetischen Erfahrung von »autonomen«
Werken. Die ästhetische Erlösung war Schmitt zwar nicht weniger
vertraut als Adorno; er setzte aber stärker auf das politische Handeln
und die politische Selbstbestimmung als Chance.
Schmitt hat Adorno in seinen Schriften wohl nirgendwo signifi-
kant zitiert. Ein Blick in seine Bibliothek zeigt aber immerhin, dass er
wenigstens den Versuch über Wagner in der Suhrkamp-Ausgabe von
1952 sowie die Aspekte der Hegelschen Philosophie von 1957 beses-
sen, gelesen und durchgearbeitet hat. Eine erste Erwähnung findet
sich im posthum publizierten Nachkriegs-Tagebuch Glossarium. Im
Oktober 1953 kommentiert Schmitt hier die Heidegger-Kritik von
Habermas 11 mit einem Adorno-Zitat aus den Minima Moralia und

8 Theodor W. Adorno, Aspekte, in: Drei Studien zu Hegel, Frankfurt 1963, 13–65,
hier: 32; wenig konkrete Begriffsbestimmung auch bei Adorno, Gesellschaft (1965),
in: Soziologische Schriften I. Gesammelte Schriften Bd. VIII, 9–19
9 Ebd., 43

10 Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie. Gesammelte Schriften Bd. VII, Frank-

furt 1970 (ÄT)


11
Jürgen Habermas, Mit Heidegger gegen Heidegger denken. Zur Veröffentlichung
von Vorlesungen aus dem Jahre 1935, in: FAZ vom 25. Juli 1953; Wiederabdruck in
ders., Philosophisch-politische Profile. Erweiterte Ausgabe, Frankfurt 1981, 65–72

260
XVI. · Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno

schlägt so eine Brücke von Adorno zu Habermas. Er greift eine eigen-


tümliche namenspolitische Spekulation von Adorno auf und spielt sie
gegen Adorno und Habermas aus. Schmitt zitiert aus Adornos Glosse
»Der böse Kamerad«:
»›Wenn die Bürgerklasse seit unvordenklichen Tagen den Traum der wüs-
ten Volksgemeinschaft, der Unterdrückung aller durch alle hegt, dann ha-
ben Kinder, die schon mit Vornamen Horst und Jürgen, und mit Nach-
namen Bergenroth, Bojunga und Eckhardt heißen, den Traum tragiert
(sic), ehe die Erwachsenen reif dazu waren, ihn zu verwirklichen.‹ Bravo!
Und Jürgen Habermas war der gegebene, prädestinierte Name für das Ha-
berfeldtreiben gegen Martin Heidegger.« (GL 304)
Schmitt spielt also Adorno gegen Habermas aus, um dessen Heideg-
gerkritik als einen Aufstand der »bösen Kameraden« und »Kinder«
gegen die Etablierten zu deuten. Ein »Haberfeldtreiben« meint ein
volkstümliches rituelles Rügegericht. Schmitt rechnet Habermas,
den einstigen Hitlerjungen, in einem perfiden Schlenker zur »wüsten
Volksgemeinschaft« und spricht ihm gegen Heidegger denselben re-
volutionär-revanchistischen Impuls zu, den Heidegger 1933 mit
»Volk« und »Revolution« propagierte. Schmitt exkulpiert Heidegger,
indem er dessen Impuls mit Adorno auf Habermas verschiebt. Er
spricht dabei auch die Namenspolitik von »Theodor Wiesengrund
Adorno« an und notiert dazu später an den Rand: »Man sollte ihn
fragen: Wie kommst du zu dem Vornamen Theodor?« 12 Schon das
beiläufige Notat konstruiert eine antisemitische Front. Später schrieb
Schmitt ein böses Spottgedicht auf Adorno, etwa um 1960, das er
nicht veröffentlichte und entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten
auch nicht im Kreis herumschickte. Es lautet:
We call him Adorno
Nun hören wir die Kunde
Sie gibt uns einen Schock
Von einem Wiesengrunde
Da wohnt ein arger Schmock
Er spuckt in jede Quelle
Und pisst in jeden Bach
Er sitzt auf jeder Welle
Und rutscht in jedes Fach.
12
Carl Schmitt, Glossarium. Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1958, hrsg.
Gerd Giesler / Martin Tielke, Berlin 2015, 304; Schmitt zitiert Adorno, Minima Mo-
ralia, Frankfurt 1951, 365

261
XVI. · Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno

Man hört ihn mächtig quaken


In jedem Radio
Den Club der Kakerlaken
Regiert er sowieso.
Allüberall dazwischen
In jedem Kulturverweserpferch
In jeder Television
Totaler Riesenzwerg (GCS 26)
Man wird der schlicht und regelmäßig gebauten Ballade das lyrische
Format nicht ganz absprechen können. Für Schmitts satirische Lyrik
ist es typisch. Die flüchtige Niederschrift deutet auf weinselige nächt-
liche Entstehung hin. Vielleicht hatte Schmitt gerade eine Radiosen-
dung Adornos gehört. Das Gedicht ist ein Hexenmeisterstück antise-
mitischer Häme. Kein anderes seiner Gedichte ist derart offen
antisemitisch. Jüngst wurde der romantische Wiesengrund als Ro-
manfigur entdeckt. 13 Bei Schmitt erscheint der Wiesengrund dagegen
als ein Sumpf, der die reine Quelle oder Brunnen vergiftet. Schmitt
konkretisiert die Quelle als »Welle« und »Fach«, Radio und Televisi-
on. Adorno erscheint als böser Geist und Grund, als Oberteufel, der
den »Club der Kakerlaken« regiert, Kulturbetrieb herunterzieht und
in einen »Kulturverweserpferch« verwandelt. Schmitts Feindbegriff
lautet am Ende: »totaler Riesenzwerg«!
So metamorph wie das ganze Gedicht, das den Namen und das
Bild vom Wiesengrund konkretisiert und dabei das Vornahmekürzel,
wie Schmitt 14 es 1936 gefordert hatte, als jüdische Namenspolitik
stigmatisiert, so doppeldeutig ist das Wort vom »Riesenzwerg«. Zu-
nächst meint es die Spannung von geringer Körpergröße und großer
medialer Allpräsenz; es verzwergt dann aber die Größe der Kultur-
präsenz sogleich wieder auf den »Kulturverweserpferch«. Für unser
Thema ist wichtig, dass Schmitt hier von Totalität spricht: von einem
»totalen« Riesenzwerg, der die Kultur vergiftet und mittels Kaker-
laken oder Unterteufel den Kulturverweserpferch weiter herunter-
zieht. Schmitt, der Wagnerkenner und Leser des Versuchs über Wag-
ner, wird dabei nicht übersehen haben, wie der Riesenzwerg in
Wagners Ring hieß: Alberich. Wellgune spottet eingangs im Rhein-

13 Gisela von Wysocki, Wiesengrund. Roman, Berlin 2016; vgl. auch Reinhard Pabst
(Hrsg.), Theodor W. Adorno. Kindheit in Amorbach, Frankfurt 2003
14 Dazu vgl. Carl Schmitt, Die deutsche Rechtswissenschaft im Kampf gegen den jü-

dischen Geist, in: Deutsche Juristen-Zeitung 41 (1936), 1193–1199

262
XVI. · Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno

gold »auf dem Grund des Rheines«: »Pfui du haariger, / höckriger


Geck! / Schwarzes, schwieliges / Schwefelgezwerg!« 15 Vielleicht war
Schmitt aber für den Splitter im Auge blind, der ihn selbst traf: die
eigene Identifikation und Wahrnehmung als Alberich-Riesenzwerg.
Erda warnt: »Weiche, Wotan, weiche! / Flieh des Ringes Fluch!« 16
Schmitt war gewiss noch einige Zentimeter kleiner als Adorno, und
er wollte selber gerne über die Wellen verfügen und sein Liedchen ins
Radio trällern: We call him Adorno! Aber vielleicht sah er die Albe-
rich-Identifikation auch. Jedenfalls benannte er Adornos Versuch
über Wagner im Handexemplar kurzerhand in einen Mord=Versuch
an Wagner um und ergänzte: »Versuch einer Überlegenheit über
Wagner = destruktives Talent, doch kein Charakter[,] so das Ver-
suchsmodell einer moralischen Vernichtung (Rufmord)[,] bei Heine
dagegen noch umgekehrt: ›kein Talent, doch ein Charakter‹, also Ver-
höhnung der intellektuellen Inferiorität des deutschen ›guten Kerls‹
(Atta Troll)«. 17 Heine ironisierte mit der Formel »Kein Talent, doch
ein Charakter!« im Atta Troll 18 das Gesinnungspathos der Rede vom
»Charakter«. Schmitt konstruiert also eine dekonstruktive Linie von
Heine zu Adorno. Gegen Adornos »Rufmord« identifiziert er sich
mit Wagner, dessen Polemik gegen »Das Judentum in der Musik« er
ja schon 1936 mit seiner Tagung »Das Judentum in der Rechtswis-
senschaft« programmatisch gefolgt war. 19 Wenn er seinen Anti-
semitismus in die Linie Wagners stellt, so betont er dessen moderne
und säkulare Genealogie und grenzt sich von einem traditionalen
»Antijudaismus« ab. Schmitt sah in Adorno den totalisierenden Kul-
turkritiker, der sich mephistophelisch, qua linkshegelianischer »Dia-
lektik«, jenseits akademischer Fächergrenzen für essayistisch-all-
zuständig erklärte und von der breiten Öffentlichkeit in seiner
Medienpolitik und seinen politisch-theologischen Motiven nicht
durchschaut wurde. Er polemisierte gegen Adorno als führenden Ver-

15
Wellgune über Alberich in: Richard Wagner, Das Rheingold, in: ders., Gesammelte
Schriften und Dichtungen, hrsg. Wolfgang Golther, Berlin o. J., Bd. V, 205
16 Erda zu Wotan, in: Das Rheingold, Bd. V, 261

17 Handexemplar Theodor W. Adorno, Versuch über Wagner, Berlin 1952 (RW 265–

28120); Abbildung in: Schmittiana I N.F. (2011), 272 f.


18 Heinrich Heine, Atta Troll. Kaput XXIV, in: Gesammelte Werke, hrsg. Wolfgang

Harich, Berlin 1951, Bd. II, 75; zu Heine positiv umwertend vgl. Jürgen Habermas,
Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland, in: ders., Eine Art
Schadensabwicklung, Frankfurt 1987, 27–54
19
Dazu Verf., Carl Schmitt. Aufstieg und Fall, München 2009, 372 ff.

263
XVI. · Carl Schmitts Schmähgedicht auf Theodor W. Adorno

treter des »jüdischen« Geistes und »jüdischer« Politischer Theologie,


der auf »Kulturverwesung« zielte. Der Verweser ist hier nicht der
getreue Verwalter, sondern der diabolische Zerstörer. Den Kritiker
der »Kulturindustrie« und »verwalteten Welt« betrachtete Schmitt
also als strategischen Destrukteur. Es braucht nicht weiter ausgeführt
zu werden, dass diese antisemitische Frontbildung auch und vor al-
lem den Urheber charakterisiert. So kennzeichnete Rüdiger Altmann
Schmitt wohl im Gespräch mitunter durch die Formel: »ein Talent,
doch kein Charakter!« 20

20
Persönliche Mitteilung von Bernd Rüthers an Verf.

264
XVII. Politische Theologie oder Staatskirchen-
recht? Der engagierte Laie in der Nähe
und Differenz zu Carl Schmitt 1

1. Einleitung

Ernst-Wolfgang Böckenförde (* 1930) hat viele akademische Prägun-


gen und Traditionen selbständig aufgenommen und verarbeitet. Im
autobiographischen Interview nennt er vor allem Franz Schnabel
und Hans J. Wolff, Joachim Ritter und Carl Schmitt. 2 Darüber hinaus
sind Thomas von Aquin, Hegel, Hermann Heller und viele andere
»Klassiker« für sein Werk ebenfalls in teils exakt angebbaren Aspek-
ten und Grundgedanken von zentraler Bedeutung. Eine reductio ad
Carl Schmitt ist deshalb sachlich unangemessen und überdies miss-
verständlich. Der folgende Beitrag zeigt das an einem weniger beach-
teten Aspekt: Zwar vertrat Böckenförde, ähnlich wie Schmitt, einen
Primat »Politischer Theologie« und ein Recht des katholischen Laien
auf politisches Engagement; sein Rückgang hinter das bestehende
Staatskirchenrecht auf »Politische Theologie« hatte aber andere Mo-
tive: In der relativen Normallage der alten Bundesrepublik fand er
seine normativ von Schmitt klar unterschiedene Position spätestens
seit dem 2. Vatikanum vom Mehrheitskatholizismus grundsätzlich
getragen und berechtigt; anders als Schmitt bedurfte sein integres
und liberales Engagement deshalb keiner polemischen Opposition
und Spannung zur katholischen Lehre und Kirche. Möllers bemerkt
dazu: »Vielleicht sorgte sein Konflikt mit dem organisierten Katholi-
zismus auch dafür, dass er als einer der produktivsten religionsrecht-
lichen Autoren niemals zum christlich-ökumenischen Professoren-

1 Der Text basiert auf einem Vortrag, der am 18. Mai 2014 auf Einladung von Dr.
Hanns-Gregor Nissing im Rahmen einer Tagung des Geistlichen Zentrums des Mal-
teserordens in Ehreshoven gehalten wurde. Die erste Druckfassung von 2014 erschien
2016 leicht erweitert auch in einem von Nissing 2016 herausgegebenen Band.
2
Dieter Gosewinkel, Biographisches Interview mit Ernst-Wolfgang Böckenförde, in:
Ernst-Wolfgang Böckenförde, Wissenschaft, Politik, Verfassungsgericht, Frankfurt,
2011, 307–486

265
XVII. · Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt

klüngel gehörte, der die längste Zeit der Bundesrepublik die Aus-
legung des Religionsrechts im Sinne der inkorporierten christlichen
Religionsgemeinschaften betrieben hat.« 3 Während Schmitt seine
»Politische Theologie« in eine exzentrische, undogmatische und hä-
retische Apokalyptik trieb, verblieb Böckenförde mit seinen reformis-
tischen und innerkirchlich teils kontroversen Positionen im Rahmen
der Kirche und des liberaldemokratischen Verfassungsstaats. Er öff-
nete seinen religionsrechtlichen Horizont aber mit dem Stichwort der
»Politischen Theologie« über den gängigen staatskirchenrechtlichen
Rahmen hinaus. Seine »Politische Theologie« ist deshalb auch trans-
konfessionell interessant.

2. Carl Schmitts Entkoppelung von


Politischer Theologie und Staatskirchenrecht

In seinem ersten Apostolischen Schreiben vom 24. November 2013,


Evangelii gaudium, wünschte Papst Franziskus, am 13. März 2013
zum Papst gewählt, sich u. a. »eine arme Kirche für die Armen« und
proklamierte eine »bevorzugte Option für die Armen«. »Die riesige
Mehrheit der Armen ist besonders offen für den Glauben«, schrieb er
und fand scharfe Worte gegen die ungerechte Verteilung von Wohl-
stand und Lebenschancen: »Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist
die Wurzel der sozialen Übel«. Der Papst erklärte sich gegen den öko-
nomischen Neoliberalismus und berief sich dagegen auf die antike
Ökonomie und »angemessene Verwaltung des gemeinsamen Hau-
ses«. Emphatisch forderte er dazu auf, sich der »Schwachen« an-
zunehmen. Der gezielte Regelverstoß gegen kirchliche Etikette und
die urchristliche Demonstration scheint nun auch die ersten Jahre des
Pontifikats zu kennzeichnen. Auf seiner Südamerikareise im Juli
2015 beispielsweise bereiste der Papst die Länder Ecuador, Bolivien
und Paraguay. In Bolivien besuchte er u. a. die Gefangenenstadt Pa-
linsola und sprach mit Vertretern indigener Völker. In Paraguay ging
er in eine Jesuitenmission und predigte in einem Armenviertel gegen
Ausbeutung und Unterdrückung. Der Bolivianische Präsident Evo
Morales schenkte ihm einen Kruzifix in Form von Hammer und Si-

3
Christoph Möllers, Römischer Konziliarismus und politische Reform. Ernst-Wolf-
gang Böckenförde zum 80. Geburtstag, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 4 (2010),
Heft 3, 107–114, hier: 109

266
Carl Schmitts Entkoppelung von Politischer Theologie und Staatskirchenrecht

chel. Die päpstliche Enyklika Laudato si widmete sich dann den öko-
logischen Gefahren. Papst Franziskus, Mitglied des Jesuitenordens,
berief sich eingangs auf Franz von Assisi und dessen Sonnengesang
oder »Lob der Schöpfung«. Die »Mutter Erde« bezeichnete er als »ge-
meinsames Haus« und »Schwester«. Seine Namenswahl erklärte er
als »Leitbild« und »Inspiration im Moment meiner Wahl« und nann-
te Franziskus einen »Mystiker« und »Pilger«, der auch von vielen
»Nichtchristen« geliebt werde. In ersten Reaktionen wurde die detail-
lierte Thematisierung der ökologischen Herausforderungen als starke
Neuerung und bedeutender Impuls gewürdigt.
Der erste südamerikanische Papst ist zweifellos von Traditionen
der »Theologie der Befreiung« mit geprägt. Erleben wir unter seinem
Pontifikat ein Revival von Debatten der späten 60er und frühen 70er
Jahre? Schmitts letzte Monographie Politische Theologie II, im
Herbst 1970 erschienen, richtet sich eingangs gegen eine solche »lin-
ke« Aktualisierung. Anderseits verteidigte Schmitt grundsätzlich das
Anliegen Politischer Theologie, die theologische Zulässigkeit einer
Politik des Glaubens, gegen einen dogmatischen und unhistorischen
Augustinismus und Staat-Kirche-Dualismus. Er hätte viele päpstliche
Äußerungen jedoch spitz betrachtet und sich dabei auch für die Na-
menswahl des Papstes interessiert, las er Namen doch stets politisch;
er hätte sich verwundert, dass ein Mitglied des Jesuitenordens sich
ausgerechnet Franziskus nennt. Bedenkt man Schmitts ätzende Kritik
am politischen Katholizismus und der Macht des Vatikan, so wird er
eine zynische Deutung vertreten und die Armutsrhetorik als Camou-
flage gedeutet haben. Wenn ein Jesuit sich Franziskus nennt, mag er
etwas verbergen. Wenn ein Papst von der Utopie einer »armen Kir-
che« spricht, tabuisiert er vielleicht den Blick auf den gegenwärtigen
Reichtum der Kirche. Im Gespräch über die Macht und den Zugang
zum Machthaber schreibt Schmitt lapidar:
»Übrigens war Machiavelli […] kein Machiavellist. […] Wenn Machiavelli
ein Machiavellist gewesen wäre, dann hätte er bestimmt keine Bücher ge-
schrieben, die ihn in ein schlechtes Licht gesetzt hätten. Er hätte fromme
und erbauliche Bücher veröffentlicht, am besten einen Anti-Machiavell.«
(GM 28)
Und so hätte er vielleicht vermutet, dass ein Papst Franziskus sich in
die lange Tradition des kirchlichen Machiavellismus einfügt, die
Machtinteressen tarnt und unliebsame Positionen auf den Index
setzt. Was die Einschätzung der katholischen Kirche angeht, so war

267
XVII. · Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt

Schmitt zunächst und zumeist ein Hobbesianer. Hobbes ging davon


aus, dass es weder religiöse Unmittelbarkeit noch Stellvertretung
gibt. Schmitt glaubte zwar an religiöse Unmittelbarkeit und blieb des-
halb Christ, bestritt der Kirche aber religiöse Gründe der Vermitt-
lung. Hobbes erkannte den primär politischen Sinn des kirchlichen
Entscheidungsanspruchs. Wer sich als Stellvertreter Gottes versteht,
redet eigentlich nur politisch. Die Kirche hat eine politische Form und
die Souveränität des Papstes unterscheidet sich ihrer politischen Na-
tur nach nicht von staatlichen Urteilen. Daraus folgte für Schmitt
auch: Auctoritas, non veritas facit legem. Es gibt keine wahre Politik.
Zweifellos wurde Schmitt katholisch sozialisiert. Soweit wir wis-
sen, prägte das aber schon seine Jugend nicht sonderlich. Er war kein
Messdiener, verhielt sich ziemlich häretisch, wollte niemals Theo-
logie studieren, lebte nicht streng »katholisch«. Er war kein regel-
mäßiger Kirchgänger und praktizierte kein Gemeindeleben. Als
Rechtsphilosoph vertrat er kein katholisches Naturrecht. Den politi-
schen Katholizismus und Vernunftrepublikanismus der Weimarer
Zentrumspartei lehnte er ab. Er segelte aber im breiten Strom religiö-
ser Apokalyptik, trennte Religiosität und Moral, entwarf spekulative
heilsgeschichtliche Szenarien vom »Aufhalter« des »Antichristen«
und war in wüster Melange von philosemitischen und antisemiti-
schen Affekten schon in den 20er Jahre trotz seiner zahlreichen jü-
dischen Gesprächspartner ein glühender Antisemit. Eine Zeit lang
wies Schmitt der katholischen Kirche vielleicht eine besondere Rolle
im heilsgeschichtlichen Prozess zu. Die Frühschrift Der Wert des
Staates und die Bedeutung des Einzelnen scheint einen Staat-Kir-
che-Dualismus zu vertreten. Allerdings betont auch diese Schrift
schon im doppelten Register von Normal- und Ausnahmezustand
die vorpolitische Unmittelbarkeit des religiösen Individuums vor
Gott.
Als religiöser Apokalyptiker bedurfte Schmitt zeitlebens nicht
der institutionellen Vermittlung durch Staat und Kirche. Schon 1923
betonte er primär die »politische Form« und den politischen Charak-
ter der Institution Kirche. 4 Nach seinem gescheiterten Prozess mit der
Kirche um die Nullifizierung seiner ersten Ehe wurde er im rhei-
nisch-katholischen Milieu zunehmend zu einer persona non grata.
1926 heiratete er seine serbisch-orthodoxe Gefährtin und war damit
exkommuniziert. Damals erwog er ernstlich eine orthodoxe Wieder-

4
Carl Schmitt, Römischer Katholizismus und politische Form, Hellerau 1923

268
Carl Schmitts Entkoppelung von Politischer Theologie und Staatskirchenrecht

verheiratung. Schmitt floh von Bonn nach Berlin. Dort radikalisierte


er sich im Rechtsintellektualismus und warf sich dann nach dem Er-
mächtigungsgesetz vom März 1933 dem Nationalsozialismus und
charakterlosen Prassern und Verbrechern wie Hermann Göring und
Hans Frank an den Hals. Nach 1945 verweigerte er die öffentliche
Selbstkritik, distanzierte sich nicht deutlich von den Verbrechen des
Nationalismus – bedauernde Äußerungen über den Holocaust etwa
sind nicht bekannt – und optierte niemals für die Bundesrepublik als
vorzugswürdiges politisches System. Lebenslang wähnte er sich un-
gerecht behandelt, diffamiert und politisch verfolgt.
Alle diese Aussagen sind heute ziemlich unstrittig. Weniger be-
achtet wird dabei aber der Befund, dass Schmitts programmatischem
und unübersehbaren Bekenntnis zur »Politischen Theologie« eine er-
staunliche Abstinenz und ein weitgehendes Schweigen zu staatskir-
chenrechtlichen oder gar kanonistischen Fragen korreliert. Es gibt
keine einzige Schrift von Schmitt, die solche Fragen näher behandel-
te. Nur das Lehrbuch Verfassungslehre von 1928 äußert sich dazu
knapp. Im Sachregister nennt es zwei Referenzstellen. Die erste steht
in einem interessanten Kontext: Schmitt führt die staatskirchenrecht-
lichen Fragen als Beispiel für einen »dilatorischen Formelkompro-
miss« – die strategische Vertagung einer Entscheidung – ein. Dabei
geht er von folgendem verfassungsrechtlichen Befund aus: »Staat
und Kirche sind durch die Weimarer Verfassung nicht voneinander
getrennt, d. h. die Kirche wird nicht als private Gesellschaft, Religion
also nicht als ›Privatsache‹ behandelt. Die Forderungen des radikalen
bürgerlichen Liberalismus und das Programm der Sozialdemokratie,
das in diesem sogenannten kulturpolitischen Programm durchaus li-
beral ist, sind also nicht verwirklicht.« (VL 32 f.) Schmitt erläutert das
an einzelnen Fragen und betont: »Die Frage, ob die Öffentlichkeit des
Lebens in Deutschland wie bisher einen spezifisch christlichen Cha-
rakter behalten soll, wird nicht klar verneint.« (VL 33) Abschließend
meint er: »Im Ganzen kann man sagen, dass nach den Bestimmungen
der Weimarer Verfassung zwar der Staat von der Kirche getrennt und
ferngehalten, also seines Einflusses beraubt ist, nicht aber umgekehrt
die Kirche vom Staat getrennt wurde.« (VL 34)
Grundsätzlich gilt Schmitt als »Dezisionist«, der dilatorische
Kompromisse ablehnte. Demnach würde er klare Entscheidungen
präferieren. Für ein Verbot staatlicher Leistungen an die Kirche
scheint er hier aber nicht zu argumentieren. Diese Position schreibt
er vielmehr in der Verfassungslehre ablehnend einem »jüdisch« klin-

269
XVII. · Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt

genden Autor 5 zu und konnotiert damit schon 1928 die liberalistische


und laizistische Trennungsthese als »jüdische« Religionspolitik. An-
dererseits scheint er die gegenwärtige Tendenz nicht zu begrüßen,
dass »der Staat von der Kirche getrennt und ferngehalten« wird. Das
macht er zwei Jahre später auch in seiner Kritik an der zeitgenössi-
schen »pluralistischen« Staatstheorie deutlich. Das »eigentlich Über-
raschende« dieser aktuellen Debatte findet er 1930 darin, »dass Argu-
mente und Gesichtspunkte, die sonst den Sozialphilosophen der
römisch-katholischen Kirche oder anderen Kirchen oder auch religiö-
sen Sekten dazu dienten, den Staat gegenüber der Kirche zu relati-
vieren, nunmehr im Interesse eines gewerkschaftlichen oder syndika-
listischen Sozialismus vorgebracht werden.« (PB 135, vgl. L 116 f.)
Schmitt nennt Kirchen und Sekten hier sicher nicht unpole-
misch in einem Atemzug und konstatiert ein Bündnis der Kirchen
und Gewerkschaften gegen den Staat. Gerade die römisch-katholische
Kirche beanspruche »vor- und überstaatliche Rechte« (VL 174). Diese
Lehre von der »Kirche als selbständige societas perfecta neben dem
Staat« (PB 137) 6 bahnte einem neuen Pluralismus den Weg. »Aus
dieser eigenartigen Haltung erklärt sich jene auf den ersten Blick
etwas seltsame geistesgeschichtliche Allianz von römisch-katho-
lischer Kirche und gewerkschaftlichem Föderalismus, der bei [dem
Staatstheoretiker Harold] Laski zutage tritt« (PB 137), schreibt
Schmitt und kritisiert einen organisierten Linkskatholizismus, den
es auch heute noch in mitunter überraschenden Allianzen gibt.
Das sind vor 1933 die vielleicht wichtigsten staatskirchenrecht-
lichen Äußerungen. Schmitt wünschte keine strikte laizistische Tren-
nung, aber auch keine Reservation der Kirche. Was er stattdessen
wollte, machte er 1933 dann kirchenpolitisch deutlich: eine klare Ent-
machtung und nationalsozialistische Gleichschaltung der Kirchen. In
diesen Kernaussagen ist wenig zu finden von einer säkularisations-
geschichtlichen und ziviltheologischen Option für die soziomora-
lischen und vorpolitischen Ressourcen des christlichen Glaubens und
der kirchlichen Ordnung. Um einen Schutz der Kirche vor dem Staat
scheint es nicht zu gehen. Im Nationalsozialismus agierte Schmitt

5 Carl Israel, Reich, Staat, Kirche. Zwei Studien zu den kirchenrechtlichen Bestim-
mungen der Reichsverfassung, Berlin 1926
6
Zu dieser »traditionellen« Vorstellung eingehend Ernst-Wolfgang Böckenförde,
Staat-Gesellschaft-Kirche, in: Schriften zu Staat-Gesellschaft-Kirche Bd. III, Freiburg
1990, 117 ff.

270
Carl Schmitts Entkoppelung von Politischer Theologie und Staatskirchenrecht

dann selbstverständlich nicht als Katholik. Nationalsozialistische Ri-


valen denunzierten ihn dennoch vielfach als entsprungenen Katholi-
ken. Nach 1945 versuchte er sich einige Jahre an einer Rekatholisie-
rung seines Werkes. Die katholische Mehrheitsöffentlichkeit empörte
sich aber umgehend über den neuen katholischen Schafspelz des hob-
besianischen Wolfes. Man nahm ihm seine Reue und Selbstinterpre-
tation nicht ab und Schmitt verzichtete deshalb auch bald auf diesen
verfehlten Versuch. Auch seine Politische Theologie II ist kein demü-
tiges Bekenntnis zu einem linientreuen Katholizismus, sondern ein
Frontalangriff auf den Augustinismus und die scholastische Methode.
Schmitts eigene trinitarische Spekulationen im Nachwort dieses
Letztwerkes dürften erneut häretische Hybris sein.
Schmitt verteidigte vor und nach 1933 also nicht die Kirche und
mied staatskirchenrechtliche Äußerungen. Das heißt nicht, dass er
die Institution verbieten oder abschaffen wollte, aber er ordnete sie
dem politischen Primat des Staates unter. Damit wird seine Perspek-
tive »Politischer Theologie« von kirchenpolitischen und kirchen-
rechtlichen Fragen relativ unabhängig. Schmitt konnte seine »Politi-
sche Theologie« von der Kirche entkoppeln, weil er seit seinem
Frühwerk einen religiösen und apokalyptischen Individualismus ver-
trat. Religiosität war ihm letztlich eine persönliche und individuelle
Angelegenheit. »Stellvertreter« Gottes auf Erden verfälschen die re-
ligiöse Unmittelbarkeit zu Gott nur. Mit diesem religiösen Indivi-
dualismus lässt sich Schmitt in den breiten Strom existentialistischer
Religiosität nach Kierkegaard einordnen. Schmitt selbst hätte bei-
spielsweise auf Bruno Bauer verwiesen. Die weltgeschichtliche Rolle
und Bedeutung der Kirche hat für ihn in der Neuzeit eigentlich aus-
gespielt. Das lässt sich vermutlich auch seinem kryptischen Spätwerk
Der Nomos der Erde von 1950 entnehmen, das eine neuzeitliche Um-
besetzung des katholischen und christlichen Universalismus in den
politisch problematischen humanistischen Interventionismus der
»westlichen Hemisphäre« konstatiert.
Schmitt münzte seine »Politische Theologie« nicht staatskir-
chenrechtlich um. In weiter säkularisationsgeschichtlicher Auslegung
betonte er aber Restbestände und Ressourcen der europäischen Über-
lieferung im Prozess der Neuzeit. In enger Lesart formulierte er 1922
mit seiner »Politischen Theologie« vor allem einen strikten Konnex
von Theismus, Personalismus und politischer Autorität und Dezision.
Schmitt formulierte gleichsam eine transzendentale Logik des Rechts-
denken: Gesetze basieren auf Urteilen; Dezisionen setzen die Auto-

271
XVII. · Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt

rität eines individuellen Entscheiders und also einen starken Begriff


der Person voraus. Ein starker Personalismus ist aber nach Schmitt
nur mit einem theistischen und christlichen Weltbild zu haben.
Theismus ist eine notwendige Idee und metaphysische Vorausset-
zung von Personalismus und Dezisionismus. Selbst Kant hätte diesen
Kern von Schmitts »Politischer Theologie« akzeptieren können. Kant
geht bekanntlich vom »Faktum« des Sittengesetzes oder der Idee
menschlicher »Freiheit« aus und begreift »Gott« als transzendentale
Bedingung und notwendige Idee der Möglichkeit von Freiheit. Nichts
anderes vertritt Schmitt im Kern seiner »Politischen Theologie«. Sein
Transzendentalismus ist insbesondere der Straßburger Habilitations-
schrift Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen noch
deutlich ablesbar.
Nun will ich ihn nicht zum Kantianer oder Neukantianer erklä-
ren, sondern nur sagen, dass Schmitt seine »Politischen Theologie«
nicht in ein kirchenrechtliches Konzept umsetzte, sondern in ein
Rechtsdenken und eine Souveränitätslehre, die sich gegen politische
Autoritätsanmaßungen der Kirchen richtete. Seine Souveränitätsleh-
re legte er gegenrevolutionär und ab 1933 nationalsozialistisch aus.
Der autoritative Entscheider wurde zum willkürherrlichen starken
»Führer« und Gesetzgeber. 7 Schmitt kassierte die Gewaltenteilung
und vertrat ein terroristisches Konzept vom »Leviathan« und »Füh-
rerstaat«. Es ließen sich jedoch auch andere Konsequenzen aus sei-
nem Ansatz ziehen, und einige Schüler taten genau das. Man kann
nämlich Schmitts Entkoppelung des Staatskirchenrechts von der »Po-
litischen Theologie« revozieren und sagen, dass die Kirchen in koope-
rativer Arbeitsteilung mit dem Staat für die Pflege der soziomora-
lischen Ressourcen und Bedingungen der Möglichkeit staatlicher
Autorität mit zuständig sind. Man kann auch zugeben, dass Schmitts
Anliegen, politische Autorität und Entscheidungen als solche sichtbar
zu machen und nicht als kirchliches »Naturrecht« zu verschleiern,
der Raison der demokratischen Legitimität und des modernen Ver-
fassungsstaates zwingend entspricht. Nur die sichtbare und öffent-
liche Macht ist einer demokratischen Legitimitätsentscheidung zu-
gänglich. Erst wenn der Souverän in seiner politischen Wirklichkeit
und Dezision öffentlich zur Disposition steht, gibt es einen legitimen
Souverän. Legitimität braucht Souveränität. Sichtbarkeit der Macht

7Dazu vgl. auch Herbert Schnädelbach, Zur politischen Theologie des Monotheis-
mus, in: ders., Religion in der modernen Welt, Frankfurt 2009, 100–120

272
Staatskirchenrechtliche Rezeption durch Bonner Schüler

ist eine Bedingung der Möglichkeit ihrer Legitimierung. Diese Logik


demokratischer Legitimität hat Schmitt schon in seiner Verfassungs-
lehre gesehen.

3. Staatskirchenrechtliche Rezeption durch Bonner Schüler

Das weite Feld teils bedeutender staatskirchenrechtlicher Publikatio-


nen der Schmitt-Schule kann hier nur angedeutet werden: Ein früher
Gesprächspartner Münchner Zeit war Franz Blei, der scharfe kirchen-
kritische Positionen vertrat. In Bonn befreundete Schmitt sich dann
zunächst mit dem katholischen Theologen und Kirchenhistoriker
Wilhelm Neuss, der sich aber mit Schmitts kirchlichem Prozess dis-
tanzierte und kirchentreue Positionen vertrat. Zweifellos wirkte
Schmitt dann in Bonn intensiv auf Erik Petersons Kirchenbegriff ein.
Sondiert man die Reihe der Bonner Dissertationen, die Schmitt bis
1928 betreute, so sind Anton Betz – später ein bedeutender Verleger
– mit einer Arbeit über die Zentrumspartei, Joseph Schlossers Arbeit
über Die rechtliche Stellung der Religionsgesellschaften hinsichtlich
des Religionsunterrichts (1926) sowie vor allem Ernst Rudolf Hubers
Dissertation Die kirchliche Garantie der kirchlichen Vermögensrech-
te in der Weimarer Verfassung zu nennen (1927), deren Publikation
Schmitt an den Verlag Mohr-Siebeck vermittelte. Huber legte 1930
dann eine große historische Darstellung der Verträge zwischen Staat
und Kirche im Deutschen Reich nach. Nach 1945 publizierte er zu-
sammen mit seinem Sohn Wolfgang Huber, dem späteren EKD-Rats-
vorsitzenden, eine umfassende Sammlung von Dokumenten zur Ge-
schichte des deutschen Staatskirchenrechts. 8 Die Wendung vom Staat
zur Kirche zeichnet sich schon bei einem anderen abtrünnigen Schü-
ler und Kritiker ab: bei Waldemar Gurian, der sich Ende 1927 über die
Einschätzung der indizierten Action français mit Schmitt verstritt
und dann aus der Emigration heraus den Kampf um die Kirche im

8 Anton Betz, Beiträge zur Ideengeschichte der Staats- und Finanzpolitik der deut-
schen Zentrumspartei von 1870–1918, Saarlouis 1924; Joseph Schlosser, Die recht-
liche Stellung der Religionsgesellschaften hinsichtlich des Religionsunterrichts nach
der Reichsverfassung vom 11. August 1919, Bonn 1926; Ernst Rudolf Huber, Die
Garantie der kirchlichen Vermögensrechte in der Weimarer Verfassung, Tübingen
1927; ders., Verträge zwischen Staat und Kirche im Deutschen Reich, Breslau 1930;
ders. u. Wolfgang Huber (Hg.), Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert. Doku-
mente zur Geschichte des deutschen Staatskirchenrechts, 5 Bde., Berlin 1973–1995

273
XVII. · Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt

Dritten Reich beobachtete. 9 Gurian stellte sich gegen Schmitt auf die
Seite der katholischen Kirche. Der Bonner Schüler Werner Becker
optierte ebenfalls als Priester und Mönch für die Kirche. Schmitt da-
gegen suchte um 1933 auch durch befreundete Theologen wie Karl
Eschweiler und Hans Barion 10 sowie Heinrich Oberheid an der natio-
nalsozialistischen Gleichschaltung der Kirchen mitzuwirken.
Ein umfassenderes Bild von den staatskirchenrechtlichen Arbei-
ten müsste auch spätere Arbeiten von Werner Weber 11 und Ernst
Forsthoff 12 näher berücksichtigen, die es vor und während des Krieges
verstärkt unternahmen, die Kirche als eigene Ordnung in vorsichti-
ger Abgrenzung vom Nationalsozialismus zu rekonstruieren. Eine
solche Reservation oder gar Apologie der Kirche ist vor und nach
1933 wie 1945 bei Schmitt auch in Ansätzen nicht erkennbar. Der
Befund lautete für ihn: Politische Theologie statt Kirchenrecht.
Schmitt war an der Institution nicht sonderlich interessiert. Dabei
konnte seine Perspektive Politischer Theologie auch und gerade zu
staatskirchenrechtlichen Fragen führen. Wenigstens drei enge Bon-
ner Schüler haben aber unter seinem Einfluss, wie angedeutet, schon
vor 1945 einsetzend staatskirchenrechtliche Ansätze und Beiträge
entwickelt: Huber, Weber und Forsthoff.

4. Böckenfördes Rückwendung zur »Politischen Theologie«

Böckenförde war Schmitt seit Mitte der 50er Jahre persönlich und
fachlich eng verbunden. Ebenso zweifellos entwickelte er eine liberale

9 Waldemar Gurian, Die politischen und sozialen Ideen des französischen Katholizis-
mus, Mönchengladbach 1929; Der Integrale Nationalismus in Frankreich. Charles
Maurras und die Action Française, Frankfurt 1931; Der Bolschewismus. Einführung
in Geschichte und Lehre, Freiburg 1931; Der Kampf um die Kirche im Dritten Reich,
Luzern 1936
10
Dazu die vorzüglichen Monographien von Thomas Marschler, Kirchenrecht im
Bannkreis Carl Schmitts. Hans Barion vor und nach 1945, Bonn 2004; Karl Eschweiler
(1886–1936). Theologische Erkenntnislehre und nationalsozialistische Ideologie, Re-
gensburg 2011
11 Werner Weber, Staatskirchenrecht. Textausgabe, München 1936; Neues Staatskir-

chenrecht, München 1938; Die politische Klausel in den Konkordaten. Staat und Bi-
schofsamt, Hamburg 1939; Staat und Kirche in der Gegenwart. Rechtswissenschaft-
liche Beiträge aus vier Jahrzehnten, Tübingen 1978
12 Ernst Forsthoff, Recht und Sprache. Prolegomena zu einer richterlichen Herme-

neutik, Halle 1940

274
Böckenfördes Rückwendung zur »Politischen Theologie«

Rezeption und Antithese. Ganz anders als Schmitt suchte er die ka-
tholische Lebensführung in der Kirche. In seinem autobiographischen
Rückblick berichtet er über seine Sozialisation: »Es war ein religiöses
Leben, aber zugleich offen und ohne Kritikverbote«. 13 Die Details
seiner Interventionen und Kämpfe für einen liberalen Katholizismus
sind hier nicht darzustellen. Autobiographisch betont Böckenförde,
dass er, 1930 geboren, den Katholizismus im Nationalsozialismus
leidlich ungefährdet und selbstverständlich erlebte. Die frühe Nach-
kriegszeit wurde dann für seine Haltung prägend. »Man fühlte sich
als Opfer und auch als Sieger«, schreibt Böckenförde. 14 Die »Renais-
sance des christlichen Naturrechts« führte dazu, »dass die Demokra-
tie dem Naturrecht untergeordnet wurde«. 15 Dieser »Vorbehalt der
Katholiken gegenüber der Demokratie« 16 wurde zu einer Schlüssel-
erfahrung. Schon die frühen, wirkmächtigen und bedeutenden Auf-
sätze – meist im Hochland oder den Stimmen der Zeit erschienen –
kämpfen um die Anerkennung und Durchsetzung von Demokratie
und Glaubensfreiheit innerhalb der Kirche. Mit dem 2. Vatikanum
hatte Böckenfördes Standpunkt grundsätzlich gesiegt, weshalb er
auch in der grundsätzlichen Sicht und Verhältnisbestimmung von
Kirche und Staat zu einem Vordenker und Anwalt der alten Bundes-
republik werden konnte.
Die eindringliche Konsequenz, mit der er Schmitt liberal und
demokratisch rezipierte und transformierte, 17 wird hier nur in einem
Aspekt angedeutet: im Ertrag neuerlicher Entkoppelung von Politi-
scher Theologie und Staatskirchenrecht. Während die Bonner Schü-
ler staatskirchenrechtliche Konsequenzen zogen, nach 1945 verstärkt
in Richtung einer Verteidigung der Kirchen, publizierte Böckenförde
trotz eines engagierten Katholizismus überraschend wenig zum
Staatskirchenrecht und bezog sich terminologisch wieder positiv auf

13
Ernst-Wolfgang Böckenförde, Biographisches Interview mit Dieter Gosewinkel, in:
ders., Wissenschaft, Politik, Verfassungsgericht, Frankfurt 2011, hier: 316
14
Böckenförde, Biographisches Interview mit Dieter Gosewinkel, 325
15 Böckenförde, Biographisches Interview mit Dieter Gosewinkel, 325

16 Böckenförde, Biographisches Interview mit Dieter Gosewinkel, 326

17 Dazu schon Verf., Zu den neu gesammelten Schriften und Studien Ernst-Wolfgang

Böckenfördes, in: Archiv des öffentlichen Rechts 117 (1992), 449–473; Carl Schmitt
und die Verfassungslehre unserer Tage, in: Archiv des öffentlichen Rechts 120 (1995),
177–204; Rezension von Böckenförde, Staat, Nation, Europa, Frankfurt 1999, in: Po-
litisches Denken. Jahrbuch 2001, 213–217; Rezension von Böckenförde, Geschichte
der Rechts- und Staatsphilosophie. Antike und Mittelalter, Tübingen 2002, in: Phi-
losophischer Literaturanzeiger 55 (2002), 366–368

275
XVII. · Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt

»Politische Theologie«. Teilte er also Schmitts Auffassung vom Pri-


mat »Politischer Theologie«? Seine zahlreichen einschlägigen Arbei-
ten werden hier nicht eingehend dargestellt; es wird nur gezeigt, dass
Böckenförde der Trennung von »Politischer Theologie« und Staats-
kirchenrecht einen anderen, spezifisch katholischen und liberalen
Sinn gab, von dem her er die aktuellen religions- und kirchenpoliti-
schen Fragen betrachtete.
Publikationsstrategisch hat Böckenförde seine Schriften zu Kir-
che und Christentum von seinen – in mehreren Suhrkamp-Samm-
lungen greifbaren – juristischen Beiträgen getrennt. Er sammelte sie
dreibändig unter dem Gesamttitel Schriften zu Staat-Gesellschaft-
Kirche und später erneut unter dem Titel Kirche und christlicher
Glaube in den Herausforderungen der Zeit. 18 Die Herder-Reihe endet
mit einer gleichnamigen Schlussabhandlung Staat-Gesellschaft-Kir-
che von 1982, die als Herzstück der christlichen Selbstverständigung
betrachtet werden kann. Böckenförde argumentiert als katholischer
»Laie« und vertritt eine »Theologie der Politik« (III, 203). Möglich
wurde ihm dies durch die kirchliche Anerkennung der Glaubensfrei-
heit seit dem 2. Vatikanum und die appellative politische Theologie
von Johannes Paul II. Formelhaft spricht Böckenförde von einem epo-
chalen Schritt vom »Recht der Wahrheit« zum »Recht der Person«
(II, 46, 63, 134). Damit erhält auch der katholische »Laie« den kirch-
lichen Auftrag zum politischen Handeln und die »Gesellschaft« ver-
mittelt in neuer Weise zwischen Staat und Kirche. Ein dogmatischer
und alternativer Dualismus von Staat und Kirche ist überwunden und
durch ein weiteres und komplexer interagierendes »Beziehungsfeld«,
wie Böckenförde mit Verweis auf Schmitts Begriff des Politischen
sagt, neu konstelliert.
Mit der kirchlichen Berechtigung des politisch agierenden Laien
durch die »Glaubensfreiheit« ändert sich für ihn, verglichen mit
Schmitt, gänzlich die Lage. Der katholische Laie ist nicht mehr ge-
zwungen, sich einseitig für Staat oder Kirche zu entscheiden und
einer dieser Institutionen strikt unterzuordnen. Seine laienreligiöse
»Mündigkeit« (III, 178) rückt gleichsam aus dem Ausnahmezustand
heraus, in dem Schmitt sie einzig berechtigt sah. Schmitt hatte gegen

18 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Schriften zu Staat-Gesellschaft-Kirche, 3 Bde., Frei-


burg 1988–1990 (im Folgenden mit Bandangabe direkt im Haupttext zitiert); Kirche
und christlicher Glaube in der Herausforderung der Zeit. Beiträge zur politisch-theo-
logischen Verfassungsgeschichte 1957–2002, Münster 2. Aufl. 2007

276
Böckenfördes Rückwendung zur »Politischen Theologie«

einen überspannten Gehorsamsanspruch und eine naturrechtliche


Monopolisierung des politischen Handlungsauftrags durch die Kirche
einst die Partei des Staates ergriffen; Böckenförde zeigt nun in weit-
und tiefdringenden Studien auf, wie dieser Dualismus durch die poli-
tische Emanzipation und religiöse Berechtigung der Gesellschaft wie
des Individuums grundsätzlich gelöst ist. Er limitiert das »politische
Mandat« der Kirche zugunsten der allgemeinen Botschaft an alle
Christen und vertritt eine appellative und institutionelle politische
Theologie oder Theologie der Politik (vgl. II, 150 ff.).
Die christliche Botschaft richtet sich mit ihrem Umsetzungsauf-
trag an alle. Die appellativen Konsequenzen der Glaubensfreiheit hat
gerade das Pontifikat von Johannes Paul II. deutlich herausgestellt.
Systematisch betont Böckenförde immer wieder die Grenzen des ab-
strakten Naturrechts: Naturrecht bietet nicht mehr und nicht weni-
ger als Orientierungen durch rechtsethische »Prinzipien«. Seine
»Konkretisierung« bedarf der verantwortlichen Umsetzung durch
andere Instanzen und Bereiche. Der Kirche fehlt schon die »Kom-
petenz« zum konkreten politischen Urteil. Naturrechtliche Prinzipien
bieten »keine [direkten] Handlungsanweisungen« (II, 187) für den
konkreten Einzelfall. Auch und gerade der katholische Laie, der Jurist
ist, ist deshalb gefordert. Das Ethos des Juristen zielt über das Gesetz
hinaus auf die verantwortliche Suche nach der konkreten Einzelfall-
gerechtigkeit. 19 Böckenförde agierte deshalb auch fallbezogen »kon-
kret« und interventionistisch in zahlreichen Streitfragen, so zur
naturrechtlichen Kriegslehre und zum § 218. 20
Seine zusammenfassende Überblicksdarstellung von 1982 zeigt
die veränderte Lage des modernen Katholizismus: Böckenförde be-
tont (mit Hegel) den positiven Beitrag der Kirche zur »Freisetzung
der Weltlichkeit« (III, 81) und »Herausbildung der Modernen Welt«
(III, 80). Die fortdauernde Spannung von Transzendenz und Imma-
nenz, Kirche und Welt, sieht er dabei auch als Chance zur konservati-
ven »Stabilisierung« (III, 97) der gefahrenvollen Modernisierungs-
dynamik an. Bei der »Umsetzung« der christlichen Botschaft spricht
er von einer möglichen positiven »Zuordnung« und »Gegenläufig-
keit« im arbeitsteiligen Zusammenwirken. In Übereinstimmung mit
der kirchlichen Lehre betont er aber die Neutralität der Kirche in der
Staatsformenfrage: Nur die Menschenrechte seien mit der »Glau-

19 Dazu vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Vom Ethos der Juristen, Berlin 2010
20
Dazu Böckenförde, Biographisches Interview mit Dieter Gosewinkel, 392 ff.

277
XVII. · Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt

bensfreiheit« gleichsam gesetzt, aber bei der Demokratie sei das an-
ders. »Die christliche Lehre kann Demokratie nicht theologisch legi-
timieren.« (III, 204) Böckenförde bekennt sich zum Weimarer Kir-
chenkompromiss 21 und zur »Neutralitätsthese« und fordert eine
»offene Neutralität« von Kirche und Staat. Schon 1982 sieht er dabei
eine christliche »Minderheitsposition« (III, 197) – Diasporasituation
– überraschend nüchtern und positiv. In den letzten Jahren setzt er die
»balancierte Trennung« 22 und religionsfreundliche »offene Neutrali-
tät« schärfer von der »distanzierenden Neutralität« des Laizismus ab
und betont auch die »Barrieren« des staatlichen Gesetzes gegenüber
fundamentalistischen Übergriffen. 23
Schon mit seiner vielzitierten Formel formuliert Böckenförde
eine tragische Schere der Freiheit: Die moderne Freiheit zehrt ihre
»Voraussetzungen« bzw. Möglichkeitsbedingungen auf. So konsta-
tiert er auch eine »Selbstsäkularisierung innerhalb der Kirche«. 24 Re-
ligionspolitisch äußert er sich zurückhaltend. Zum Protestantismus,
Judentum oder Islam publizierte er nicht viel. Er distanzierte sich von
islamkritischen Tönen einer neueren Darstellung des Verhältnisses
von Christentum und säkularem Staat, 25 argumentierte aber gegen
einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. 26 Für den Juristen
ist es selbstverständlich, dass der moderne Staat den Rechtsgehorsam
effektiv erzwingen kann, darf und muss. Der Politische Theologe
weiß aber auch, dass die »Voraussetzungen« der modernen Welt für
andere Kulturen und Religionen nicht erzwingbar sind und ein
»Nachvollzug« 27 der Modernisierung als Pensum vielfach problema-
tisch aussteht. Böckenförde hat es erlebt, wie seine Kirche trotz
christlicher Bahnen lange um die Anerkennung der Glaubensfreiheit

21 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Als Christ im Amt eines Verfassungsrichters, 1999,


in: Kirche und christlicher Glaube in den Herausforderungen der Zeit, 415–423, hier:
420
22 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Religion im säkularen Staat, in: Kirche und christ-

licher Glaube in den Herausforderungen der Zeit, 425–437, 431


23 Dazu Ernst-Wolfgang Böckenförde, Der säkularisierte Staat. Sein Charakter, seine

Probleme und seine Rechtfertigung im 21. Jahrhundert, in: ders., Der säkularisierte
Staat (Themenheft 86 der Siemens-Stiftung), München 2007, bes. 18, 40 f.
24 Böckenförde, Der säkularisierte Staat, 27

25 Ernst Wolfgang Böckenförde, Vorwort zu: Martin Rhonheimer, Christentum und

säkularer Staat. Geschichte-Gegenwart-Zukunft, Freiburg 2012, 9–13


26
Böckenförde, Europa und die Türkei (2005), in: Wissenschaft, Politik, Verfassungs-
gericht, Frankfurt 2011, 281–298
27
Böckenförde, Der säkularisierte Staat, 40

278
Böckenfördes Rückwendung zur »Politischen Theologie«

ringen musste. Er ist deshalb den anderen Kulturen und Religionen


gegenüber auch geduldig.
Freilich gibt es begründete Zweifel am globalen Modernisie-
rungspfad der Weltgesellschaft. Das kommende »Beziehungsfeld«
wird Geschichte nicht wiederholen, die Zukunft der Weltgesellschaft
wird nicht im überlieferten Sinne christlich sein. Böckenförde meidet
deshalb auch konkrete religionspolitische Prognosen und verweist
nur relativ pauschal auf »den Islam«. Unter dem Pontifikat von Papst
Benedikt XVI. betonte er die religionsphilosophische Aufgabe einer
»Reinigung des Glaubens durch die Vernunft«, 28 eine Aufgabe, der
sich einige andere Kulturen und Religionen vorerst schwerlich stel-
len: jedenfalls nicht im Sinne alteuropäisch ausdifferenzierter und
freier Wissenschaft. Böckenförde setzt neben dem Religionsunter-
richt heute auf »einen obligatorischen Ethikunterricht«. 29 Die Erwar-
tungen an einen solchen Unterricht dürfen jedoch nicht überspannt
werden und auch Böckenförde betrachtet die haltenden und regene-
rierenden Kräfte nicht allzu optimistisch. Aus der Böckenförde-For-
mel vom säkularistischen Abbau der Voraussetzungen ergibt sich
auch die Aufgabe einer nüchternen Defizitanalyse. Im biographi-
schen Interview meint Böckenförde:
»Wenn ich noch mal Zeit hätte, wäre es die Sache wert, die permanente
Vernachlässigung des staatlichen Erziehungsauftrags, der im Grundgesetz
(Art. 7) für den Schulbereich ausdrücklich anerkannt ist, zu beleuchten. Die
Bewusstseinsbildung, die Weitergabe und Lebendigerhaltung von Ethos-
beständen, das macht sich doch alles nicht von selbst.« 30
Böckenfördes Katholizismus ruht noch im thomistischen Einklang
von Glauben und Wissen. Er vertraut auf philosophische Vernunft
als Korrelat des Glaubens. Eine bewahrende Vermittlung von »Ethos-
beständen« ist in der multikonfessionellen Gesellschaft aber äußerst
schwierig. Böckenfördes zentrale religionspolitische Frage betrifft
heute, der »Neutralitätsthese« folgend, wohl weniger die Demokra-
tiefähigkeit anderer Kulturen und Religionen als die Anerkennung
der Glaubensfreiheit. Diese christliche Kernforderung ist einerseits

28 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Der säkularisierte, religionsneutrale Staat als sitt-


liche Idee. Die Reinigung des Glaubens durch die Vernunft, in: ders., Wissenschaft,
Politik, Verfassungsgericht, Frankfurt 2011, 84–93
29 Böckenförde, Biographisches Interview mit Dieter Gosewinkel, 433

30
Böckenförde, Biographisches Interview mit Dieter Gosewinkel, 432

279
XVII. · Der engagierte Laie in der Nähe und Differenz zu Carl Schmitt

schlichter und andererseits vielleicht sogar anspruchsvoller als das


Demokratisierungspostulat.

5. Schluss

Die weitläufigen Ausführungen sollten zeigen, weshalb Böckenförde


zur Perspektive »Politischer Theologie« zurückkehrte, wo ältere Bon-
ner Schüler zum Staatskirchenrecht schritten: Mit der Glaubensfrei-
heit fand er sich als katholischer »Laie« zu einer umfassenden Theo-
logie der Politik berechtigt, die den Handlungsauftrag des Christen
weiter fasste und die Heilsbotschaft appellativ als Auftrag an alle ver-
stand. Der katholische Jurist handelt in der Rolle des Verfassungs-
richters politisch. Wo der politische Katholizismus in seiner institu-
tionellen Macht durch den säkularisierten Staat depotenziert wurde,
ein Prozess, den Böckenförde theologisch unbedingt bejaht, wechselt
der appellativ angesprochene und »konkret« engagierte Katholik aus
der Kirche in den Staat: nicht als »U-Boot« oder Agent der Kirche,
sondern mit hohem Bewusstsein vom Ethos der Eigenart der säkula-
ren Friedensordnung des staatlichen Rechts. 31 Böckenförde wurde ge-
rade um des kirchlichen Auftrags zum politischen Handeln willen zu
einem kardinalen Verfassungsjuristen und Verfassungsrichter. Die
philosophische Vernunftvermutung liegt heute zwar beim »natura-
listischen« Paradigma: Die zentralen metaphysischen Entscheidun-
gen fallen heute im Feld der Naturwissenschaften. Die menschliche
Freiheit ist nicht mehr unsterblich und kennt keinen persönlichen
Gott. Paradigmatisch herrscht die radikale Endlichkeit des Daseins,
weshalb der Kern des Christentums, und somit auch das großartige
System des Katholizismus, im metaphysischen Fundament unglaub-
würdig geworden sind. Doch auch wenn man letzte Gründe und Ver-
nunftvermutungen für den Katholizismus ablehnt, lässt sich die
Trennung der letzten und vorletzten Fragen bejahen und ein gewal-
tenbeschränkender Staat-Kirche-Dualismus zivilpolitisch begrüßen.
Man kann Böckenförde deshalb weitgehend folgen, ohne seine reli-
giösen Gründe zu teilen.

31
Dazu Ernst-Wolfgang Böckenförde, Als Christ im Amt des Verfassungsrichters, in:
Kirche und christlicher Glaube in den Herausforderungen der Zeit, Münster 2. Aufl.
2007, 415 ff.; Böckenförde, Biographisches Interview mit Dieter Gosewinkel, 442 ff.

280
XVIII. Ernst-Wolfgang Böckenfördes dogma-
tischer Durchbruch in Heidelberg

Böckenförde (* 1930) feierte 2015 seinen 85. Geburtstag. Wie wenige


sonst verkörpert er die »intellektuelle Gründung« und Staatsrechts-
lehre der alten Bundesrepublik. Er promovierte und habilitierte sich
in Münster, wurde 1964 nach Heidelberg berufen und wechselte 1969
dann an die Universität Bielefeld, später nach Freiburg. Von 1983 bis
1996 war er Bundesverfassungsrichter und gestaltete damit auch den
Prozess der Wiedervereinigung mit. Der folgende Text untersucht
nur seine Heidelberger Jahre. 1 In einem biographischen Interview 2
deutete Böckenförde an, was alles an prägenden Erfahrungen in seine
Heidelberger Zeit fiel: das Zweite Vatikanum, das den liberalen Ka-
tholiken tiefgreifend prägte, der Eintritt in die SPD, die ersten eige-
nen Lehrveranstaltungen, die Böckenförde mit reformistischem Elan
als didaktische Herausforderung begriff, 3 sowie das Wirken als Pro-
dekan und Dekan in stürmischer Zeit. Bei diesen vielfältigen Auf-
gaben und Herausforderungen verwundert es nicht, dass nur ein
schmales Buch für die Heidelberger Zeit steht: eine bemerkenswert
sachliche Auseinandersetzung mit der Rechtsauffassung im kom-
munistischen Staat. Darüber hinaus sind aber einige bedeutende
Aufsätze zu nennen: Festschriftbeiträge für Joachim Ritter, Ernst
Forsthoff und Adolf Arndt sowie ein abschließender Vortrag über
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit. In Heidelberg entwickelte

1 Der vorliegende Text wurde anlässlich von Böckenfördes 85. Geburtstag am 20. Ok-
tober 2015 auf Einladung von Klaus-Peter Schröder und der Juristischen Gesellschaft
in Heidelberg vorgetragen und in einer längeren Fassung in der Juristen-Zeitung
publiziert.
2 Dieter Gosewinkel, Biographisches Interview mit Ernst-Wolfgang Böckenförde, in:

Wissenschaft, Politik, Verfassungsgericht. Aufsätze von Ernst-Wolfgang Böckenför-


de, Frankfurt 2011, 416 ff.
3 Dazu vgl. Martin Otto, Ernst-Wolfgang Böckenförde und die Reformdiskussion des

juristischen Studiums, in: ders. / Reinhard Mehring (Hrsg.), Voraussetzungen und


Garantien des Staates. Ernst-Wolfgang Böckenfördes Staatsverständnis, Baden-Baden
2014, 30–45

281
XVIII. · Ernst-Wolfgang Böckenfördes dogmatischer Durchbruch in Heidelberg

Böckenförde den dogmatischen Kern seiner liberalen Verfassungs-


theorie, die er in Bielefeld dann systematisch ausarbeitete. Man könn-
te deshalb von einem Heidelberger »Durchbruch« zur Rechtsdogma-
tik sprechen. Was Böckenförde zunächst als verfassungshistorische
These entwickelte, die Einsicht in die liberalen Möglichkeiten der
Moderne, setzte er in seiner Heidelberger Zeit in eine Grundrechts-
theorie und -dogmatik um.

1. Der Heidelberger »Maßnahme«-Diskurs nach


Carl Schmitt

Vor 1933 verkörperte die Heidelberger Fakultät u. a. durch Gerhard


Anschütz, Richard Thoma und Gustav Radbruch einen »rechtspositi-
vistischen« und »liberalen« Geist; im nationalsozialistischen Gegen-
schlag war eine Berufung von Schmitt zwar 1933 gescheitert; Forst-
hoff wechselte 1943 dann aber nach Heidelberg und proklamierte
später nach Auseinandersetzungen um den Erhalt seines Lehrstuhles
eine berufungspolitische »Austreibung des Heidelberger Geistes«
(EFCS 133) 4 aus der Fakultät. Schmitt hatte in seinem systematischen
Hauptwerk Verfassungslehre politische und rechtsstaatliche Bestand-
teile der modernen Verfassung unterschieden und die »Prinzipien des
bürgerlichen Rechtsstaats« der Reihe nach dekonstruiert. Das »Ver-
teilungsprinzip« der Grundrechte und das »Organisationsprinzip«
der Gewaltenteilung fundierte er dabei in einem »rechtsstaatlichen
Gesetzesbegriff«, der den »generellen Charakter« und die Allgemein-
heit der Gesetzesnorm betonte. Der »bürgerliche Rechtstaat« steht
und fällt demnach mit der »Allgemeinheit« des Gesetzes. Schmitts
interessierte Diagnose der Dekomposition des »bürgerlichen Rechts-
staats« und Apologie des Präsidialsystems hing am Befund, dass die
Extension der Diktaturbefugnisse des Reichspräsidenten diese Diffe-
renz verschleift. Die rechtstheoretische Analyse der Erosion der Ge-
setzesform gehört zu Schmitts interessantesten juristischen Leistun-
gen. Sie ermöglichte nach 1933 auch Einsichten in die rechtsstaatliche
Abnormität des Leviathan. Nicht nur die »Links-Schmittisten« Ernst
Fraenkel und Franz Neumann nahmen Schmitts Diagnosen in ihren

4
Zur »aktiven und konservativ gestimmten Berufungspolitik« von Forsthoff und
Hans Schneider vgl. Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutsch-
land. Bd. IV, München 2012, 435 f.

282
Der Heidelberger »Maßnahme«-Diskurs nach Carl Schmitt

wegweisenden Analysen des nationalsozialistischen »Doppelstaates«


zum Ausgangspunkt, sondern auch Forsthoffs Wendung zur Verwal-
tungslehre basiert auf dem rechtstheoretischen Befund einer epocha-
len Wendung vom Gesetz zur Maßnahme und vom parlamentari-
schen Gesetzesstaat zum exekutiven Verwaltungsstaat.
Im letzten Brief vor Kriegsende schreibt Huber 1944 an Schmitt:
»Wir haben jetzt erlebt, was die Preisgabe des Gesetzes-Begriffs staats-
rechtlich bedeutet. Autorität und Freiheit finden ihre sicherste Gewähr im
Gesetz […] Im ›Kampf des Rechts gegen das Gesetz‹, den eine wohlmeinen-
de Staatsrechtslehre vor 2 Jahrzehnten einleitete, hat sich auch das Recht
selbst zerstört. Was daraus entstand, war das bürokratische Regime der Ver-
ordnung, die Diktatur der Maßnahme und die Willkür der Interpretation.«
(CSHU 316)
Huber macht hier den Adressaten seines Briefes massiv für die Zer-
störung der Gesetzesform mit verantwortlich, denn die »wohlmei-
nende Staatsrechtslehre« von 1924, die die »Diktatur der Maßnah-
me« einleitete, meint nichts anderes als Schmitts initialen Vortrag
auf der Jenaer Staatsrechtslehrertagung über die »Diktatur des
Reichspräsidenten«. Im Wintersemester 1944/45 hielt Huber damals
in Forsthoffs Heidelberger Seminar einen Vortrag Gesetz und Maß-
nahme, 5 der die nationalsozialistische »Auflösung der Form des Ge-
setzes« und »Preisgabe der Gesetzesform« im »Dynamismus« und
»Voluntarismus« der »Bewegung« kritisiert. Huber gibt nun offen
zu, dass auch die Rechtswissenschaft »ein hohes Maß an Schuld an
der Entformung unseres rechtlichen Daseins« 6 trage. Für seine »Fra-
ge nach der ›Form‹ des Gesetzes« greift er in eine NS-Debatte um
»geheime Gesetze« ein. »Ein nicht verkündetes Gesetz ist kein Ge-
setz, weil es der unentbehrlichen Form des Gesetzes entbehrt«, 7
schreibt Huber und nennt Rechtsverordnungen eines NS-Kriegskol-
legiums, für die er eine »Ermächtigung unbekannten Umfangs« 8 qua
Geheimerlass des Führers vermutet. Er beschränkt das Recht zu sol-
chen geheimen Maßnahmen auf die erklärte Voraussetzung eines
»Führernotrechts« und betont ausdrücklich gegen Schmitt und Rein-

5 Verf. / Ewald Grothe (Hg.), Das ›Problem des geheimen Gesetzes‹ und die Grenze
des ›Führernotrechts‹. Erstveröffentlichung von Ernst Rudolf Hubers Vortrag ›Gesetz
und Maßnahme‹ aus dem Wintersemester 1944/45, in: Der Staat 55 (2016), 69–96
6
Huber, Gesetz und Maßnahme, 77
7 Huber, Gesetz und Maßnahme, 82 f.

8
Huber, Gesetz und Maßnahme, 85

283
XVIII. · Ernst-Wolfgang Böckenfördes dogmatischer Durchbruch in Heidelberg

hard Höhn, dass die Leugnung eines »Führernotrechts« das Ausnah-


merecht zum Normalzustand erklärt und die Führergewalt »zur
schlechthin schrankenlosen Führerallmacht steigert«. 9 In Heidelberg
kennzeichnet er die Lage als abnorm. In seiner 1946/47 verfassten
autobiographischen Rechenschaft schreibt er dann zutreffend:
»In einer im kleineren Kreis gehaltenen, im Winter 1944/45 in Heidelberg
in meinem dortigen Seminar wiederholten Rede wandte ich mich gegen die
vom Hitler-Regime in den letzten Jahren entwickelte Praxis der ›Geheimen
Gesetze‹, die ich als schlechthin rechtswidrig und unwirksam verwarf. Auch
an der sonstigen Diktatur-Praxis Hitlers übte ich in diesem vor Professoren
und Studenten gehaltenen Vortrag unverhohlene Kritik.« (CSHU 550 f.)
Es lässt sich darüber streiten, ob Schmitt und dessen Bonner Schüler
jemals zum »Normalzustand« liberaler Unterscheidung von Gesetz
und Maßnahme zurückstrebten. Forsthoffs »Maßnahmegesetz« ak-
zeptierte wohl die Irreversibilität der Entwicklung. Konrad Huber,
ein Sohn, nannte das Maßnahmegesetz dann eine »neue Form nor-
maler Gesetzgebung«: »Im neunzehnten Jahrhundert war das Maß-
nahmegesetz ein Ausnahmegesetz; heute gehört es zum gewöhn-
lichen Instrumentarium des staatlichen Eingriffs.« 10 Sein Schlusssatz
lautete: »Das Maßnahmegesetz ist die sozialstaatliche Form des
rechtsstaatlichen Gesetzesbegriffs.« 11 Das war der Stand, den Böcken-
förde Mitte der 50er Jahre vorfand. Wo kann die Rekonstruktion
eines liberalen Verfassungsstandards ansetzen, wenn die sozialstaat-
liche Vollzugsform sich gegen die Allgemeinheit des Gesetzes sperrt?

2. Die individuelle Freiheit als Heidelberger Antwort

Böckenförde absolvierte sein juristisches Studium seit dem Winter-


semester 1949/50 in Münster und schloss seine juristische Disserta-
tion Gesetz und gesetzgebende Gewalt im Dezember 1956 ab. Die
1958 publizierte Arbeit ging von der skizzierten »Auseinanderset-

9 Huber, Gesetz und Maßnahme, 89


10 Konrad Huber, Maßnahmegesetz und Rechtsgesetz. Eine Studie zum rechtsstaatli-
chen Gesetzesbegriff, Berlin 1963, 179; Huber definiert: »Ein Maßnahmegesetz ist
jede unmittelbare Intervention in der Form des Gesetzes zur Behebung einer Störung
im rechtlichen Zustand des Gemeinwesens.« (125, vgl. 168)
11
Huber, Maßnahmegesetz und Rechtsgesetz, 182

284
Die individuelle Freiheit als Heidelberger Antwort

zung um den Gesetzesbegriff« aus. 12 Aber sie stellte nicht mehr die
rechtstheoretische Problematik des Maßnahmegesetzes ins Zentrum,
sondern hielt die Nachkriegswendung fest, dass Maßnahmegesetze
für den intervenierenden Sozialstaat unverzichtbar sind und rechts-
staatliche Bedenken erst im Rahmen einer funktionalen Gesamt-
betrachtung tragen. Parallel zu der verfassungstheoretischen Wen-
dung des rechtstheoretischen Maßnahmediskurses, den die juristi-
schen Qualifikationsschriften vollzogen, publizierte Böckenförde
damals bedeutende Aufsätze zur Haltung der Kirche und des katho-
lischen »Laien«. Als er 1964 als Wunschkandidat Forsthoffs nach
Heidelberg berufen wurde, sind die juristischen Konsequenzen der
katholischen Option aber noch nicht klar. Am Anfang steht im Okto-
ber 1964 das »Böckenförde-Diktum«, am Ende steht ein Vortrag über
Das Grundrecht der Gewissensfreiheit, den Böckenförde als liberalen
Kern seines Verfassungsdenkens im Oktober 1969 auf der Berner Ta-
gung der Staatsrechtslehrervereinigung hielt. Die Jahre von 1964 bis
1969 könnte man deshalb als »dogmatischen Durchbruch« charakte-
risieren.
Im Oktober 1964 spricht der junge Ordinarius in Forsthoffs
Ebracher Seminar über Die Entstehung des Staates als Vorgang der
Säkularisation. Dort findet sich das kursiv gedruckte, unter Juristen
fast sprichwörtlich bekannte »Böckenförde-Diktum«: »Der freiheitli-
che, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht
garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit
willen, eingegangen ist.« 13 Das Diktum wird meist als Hinweis auf
soziomoralische Ressourcen verstanden. Offen bleibt aber, von wel-
cher Freiheit eigentlich die Rede ist: von der liberalen Freiheit oder
der von der Kirche emanzipierten Freiheit und Souveränität des Staa-
tes, dem das Diktum eine Art Eigenleben zuschreibt. Geht Böckenför-
de von einem unentrinnbaren Verfallsprozess und Verschleiß der
Ressourcen aus? Der oft nur formelhaft verkürzt rezipierte Vortrag
entwickelt eine Frühdatierung der Säkularisierung seit dem Investi-
turstreit und nennt das Zeitalter der »konfessionellen Bürgerkriege«
die »zweite Stufe der Säkularisation«. Damit spitzt er die Lage der

12 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Gesetz und gesetzgebende Gewalt. Von den Anfän-


gen der deutschen Staatsrechtslehre bis zur Höhe des staatsrechtlichen Positivismus,
Berlin 1958, 7
13
Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkula-
risation, in: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und
Verfassungsgeschichte, Frankfurt 2006 (erw. Aufl.), 92–114, hier: 112

285
XVIII. · Ernst-Wolfgang Böckenfördes dogmatischer Durchbruch in Heidelberg

Moderne zu. Die »Ausschaltung des Christentums« aus der Politik sei
eigentlich schon mit Hobbes vollzogen. Seitdem gewährte der neu-
zeitliche Staat »Religionsfreiheit« nur noch in politischer Rücksicht.
In dieser Lage deutete Hegel die Religionsfreiheit al