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RUDIGER SCHMITT PERSER UND PERSISCHES IN DER ALTEN ATTISCHEN KOMODIE Perser und persisches Kolorit erscheinen auf den Biihnen Athens seit den Jahren jener epochalen militdrischen Auseinandersetzung zwischen Hellenen und Persern, die fiir immer mit den Namen der Schlachten von Marathon, Salamis und Plataiai verbunden ist. Das dlteste volistandig erhalten gebliebene Werk dieser Art ist die an den Dionysien des Jahres 472 v. Chr. aufgefiihrte «Perser»-Tragédie des Aischylos, die durch die Angaben iiber die Heerfiihrer der ungeheuren gen Griechenland ziehenden Streitmacht auch iranistisches, nicht zuletzt onomastisches Interesse beanspruchen darf', Was nun die attische Komédie anlangt — und ich beschrinke mich hier auf deren dltere, in Aristophanes (ca. 445-ca. 385 v. Chr.) kulminierende Phase —, so stand iiber ihrer Uberlieferung bedauer- licherweise ein nicht so giinstiger Stern. Eine Reihe von Komédien, die in irgendeiner Weise iiber Perser und Persisches gehandelt haben, sind uns praktisch bis auf den Titel verlorengegangen?. Zu diesen Stiicken gehéren die allein durch den in dieser Form unglaubhaften Titel bekannten Mépoat 7 “Aocbpiot des Chionides (CAF I, p. 5) ebenso wie die Tlépoat des Pherekrates (CAF I, p. 181 ff. frg. 126-133), die ©ovptonépoa des Metagenes (CAF I, p. 706f. frg. 6-9), die die Einwohner von Thurioi ihres ‘persischen’ Luxus wegen angreifen, und der Mij50g des Theopompos (CAF I, p. 740f. frg. 29-31), aus denen jeweils nur einzeIne Verse und Worter allein deshalb erhalten geblieben sind, weil Spatere, vor allen Athenaios, sie aus irgendeinem Grunde zitiert haben, Mit der alleinigen Ausnahme des Aristophanes finden sich persische, oder allgemeiner: iranische Namen und Worter nur vereinzelt. In den Werken des Aristophanes, den vollstandig erhaltenen wie auch einigen * Vgl. zuletzt Verf., Die Iranier-Namen bei Aischylos (Jranica Graeca Vetustiora. 1), Wien 1978 (= SbOAW 337 = Verdffentichungen der Iranischen Kommission 6). ? Vgl. Raffaele Cantarella, »La Persia nella letteratura greca«, Atti del convegno sul tema: La Persia ¢ il mondo greco-romano, Roma 1966, S, 497. — Zitiert wird im folgenden nach der Ausgabe von Theodorus Kock, Comicorum Atticorum Fragmenta. Volumen I, Lipsiae 1880 (hinfort abgekiirzt als: CAF 1). 460 RUDIGER SCHMITT anderen, trifft man bemerkenswerte Hinweise auf Iranisches dagegen in groBerer Zahl, zeichnet diesen Dichter doch iiberhaupt das Bestreben aus, seine Zuschauer durch ‘Auslinder’, die auf die Biihne kommen, und durch deren Sprechweise zu erheitern, sei diese nun ‘barbarisch’ oder nur ein verfremdetes Griechisch*. In den «Acharnern», die ihm an den Lenden des Jahres 425 v. Chr. den Sieg brachten, hat Aristophanes denn sogar einen Perser auftreten lassen: Die vom groBkéniglichen Hof zuriickkehrenden athenischen Gesandten bringen den Pseudartabas mit, der mit einem gelaufigen Titel als ‘Auge des KGnigs’ vorgestellt wird und auch selbst auf der Biihne einige seltsame Worte spricht, die fiir die Forschung eine Herausforderung waren, der sie sich bislang ohne durchschlagenden Erfolg gestellt hat. GemaB einem schon wiederholt verfochtenen und _praktizierten Grundsatz* hat die Untersuchung des iranischen Sprach- und Namen- materials der einzelnen Zweige der sog. Nebeniiberlieferung fiir die Rekonstruktion der iranischen Ausgangsformen von jenen Wortern und Namen auszugehen, die auf den achaimenidischen Keilinschriften in altpersischer Sprache selbst authentisch bezeugt sind. Bei dem hier untersuchten Corpus sind dies nur die folgenden: Aapeiog = Darayavaus »das Gute festhaltend«; *ExBatava = Hagmatana »(Stadt) Ekbatana«; MeyaBufog = Bagabuxsa »Gott erfreuend/dienend«; MijSos, -Sot = (med.) Mada »Meder«; Mépoat = Parsa »Perser«. Zu den einzelnen Namen ist noch zu bemerken: Aapeiog (Ar. Av. 484; Ran. 1028), Konigsname, in Ran. 1028 auf Aischylos’ »Perser« und somit auf Dareios I. bezogen, ebenso wohl auch in Av. 484 wegen der Korrelation mit Meyafatoc, der mit dem bei Herodot mehrfach erwihnten gleichnamigen Feldhermn des Dareios zu identifizieren sein diirfte. Zu dem Namen selbst und zu der Formenvielfalt der Nebeniiberlieferung vgl. Verf., a. Anm. 1 a.0.,S. 25f. und Mayrhofer *, IPNB I, S. II/18f. Nr. 26. 2 Die einschlagigen Stellen tiberblickt man am besten bei Emile Janssens, »Les étrangers comme élément comique dans les comédies d’Aristophanex, Mélanges Georges Smets, Bruxelles 1952, S. 455-460; das von solchen Fremden gesprochene feblerhafie Attisch hat sprachwissenschaftlich untersucht Johannes Friedrich, »Das Attische im Munde von ‘Auslindern bei Aristophanes, Philologus 75, 1918, 274-303. + Vol. zuletzt a. Anm. 1 a.0., 8. 22M, + Manfred Mayrhofer, Iranisches Personennamenbuch. Band 1: Die altiranischen Namen, Wien 1979 (= OAW. Sonderpublikation der Iranischen Kommission). PERSER UND PERSISCHES 461 “ExPatava (Ar., Ach. 64 [Vok. @«B@tava als Ausruf des Erstaunens], 613; Equ. 1089; Vesp. 1143, 1144 [als Herstellungsort des kavvaxn genannten Gewandes]), Name der medischen Residenzstadt, den die Griechen urspriinglich als ‘AyPétava wiedergaben (so bei Aischylos und Herodot in einem Teil der Uberlieferung® sowie vor allem auf dem sehr alten Papyros mit Timotheos’ Tlépout-Nomos), bevor er zu der geldufigeren Form “ExPétava volksetymologisch umgestaltet wurde. Val. Verf., a. Anm. 6 a.0. sowie a. Anm. 1a.0.,S.30. MeyaBufog (Krates, frg. 33,2: Konjektur fiir peta), Name eines Wohlhabenden, iiber dessen Identitat nur Vermutungen méglich sind (vielleicht des persischen Feldherrn, der im Jahr 455/54 den agyptischen Aufstand unter Inaros niedergeschlagen hat 7); die korrektere Namens- form ist, wie schon die Herodot-Uberlieferung zeigt (vgl. Verf., a. Anm. 6 a.O., S. 121 Anm. 17), die €-Form MeyaBv€oc, die — bis auf die volksetymologische Wiedergabe durch griech. peya-* — genau dem Namen altpers. Bagabuxsa- »Gott erfreuend/dienend« entspricht, der im Altpersischen selbst wie auch in der Nebeniiberlieferung gut bezeugt ist. Zu diesem vgl. zuletzt Mayrhofer, a. Anm. 5 a.0., S. II/16. Mijéor (Ar., Equ. 478, 781; Vesp. 12 [Mi5dc t1s ... Gnvog*}, 1099; Pax 108; Av. 277%, 278 [MijS0g = Tepotxds Spvic »persischer Vogel = »Hahn«'°]; Lys. 1253 [iiber die Schlacht von Artemision]; Thesm. 337, 365; Theopomp, frg. 17,1) samt der Ableitung Mnduxdc (Ar., Equ. 606 [noia Mndixh »medischer Klee« = »Luzerne« als Pferdefutter * 653; Ran. 938 [zu napanétacpa »(bemalter) Vorhang«)) ist der gelfiufige Volksname, meint aber jeweils einfach die »Perser« '?. * Vel. zur Uberlieferung der Form und zu dieser Wiedergabe Gberhaupt Vert, »Medisches und persisches Sprachgut bei Herodot«, ZDMG 117, 1967, 123 mit Anm, 36-37. 7 Val. John Maxwell Edmonds, The Fragments of Attic Comedy. Volume I, Leiden 1957, 8, 167 ad loc. * Hierzu vgl. zuletzt Verf., a. Anm. fa. 0., S. 42. ° Vel. zu dieser Metapher Jean Taillardat, Les images d’Aristophane. Etudes de langue et de style, Paris 1962, S. 118f. §237. ‘0 Der Hahn stand im Alten Iran in hohen Ehren (vgl. Wilhelm Geiger, Ostiranische Kultur im Altertum, Erlangen 1882, Nachdruck Aalen 1979, S. 365-368); die Griechen haben den Haushahn nach allgemeiner Anschauung erst im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Perser iber ganz Vorderasien von diesen kennengelernt und ihn daher als ‘persischen Vogel’ bezeichnet: vgl. Victor Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere, Berlin "1911 (Nachdruck Hildesheim 1963), S. 3264f.; O. Schrader — A. Nehring, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde. Band I, Berlin/Leipzig 1917-1923, S. 4291T. “Vol. diber die Futterpflanze Médica Hehn, a. Anm, 10 a.0., S. 410{f.; Schrader- Nehring, a.a.0., Band I, Berlin/Leipzig 1929, S. 20. "2 Die Verwendungsweise der Termini MijSog/MijSot und Tlépong/Mépoar, die fir die