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Niedriglohn-Alarm in Deutschland 20.04.

08 12:50

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Arbeitsmarkt
Niedriglohn-Alarm in Deutschland
VON EVA ROTH

In Deutschland könnte der Niedriglohn-Sektor bald größer sein als in den USA, warnen
Forscher. Schon heute arbeiten 22 Prozent der Beschäftigten für wenig Geld - damit
liegt die Rate nur noch knapp unter dem amerikanischen Niveau. Das zeigen
Länderstudien, die heute in Amsterdam vorgestellt werden.

Die Wissenschaftler haben in fünf europäischen Staaten den Niedriglohn-Sektor


Viel Arbeit, wenig Lohnerkundet, der in den USA schon seit langem erforscht wird. "Die Befunde für die
(dpa)
Bundesrepublik sind besorgnis erregend", sagte Gerhard Bosch der Frankfurter
Rundschau. Der Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) ist einer der beiden Leiter der deutschen
Studie.

Keine Aufstiegschancen

Innerhalb eines Jahrzehnts sei der Anteil der Geringverdiener stark gestiegen - und zwar von 15 auf 22 Prozent.
Damit lag Deutschland 2005 knapp über dem britischen Niveau. Selbst der folgende Konjunkturaufschwung habe
den Trend nicht gestoppt, die Rate stieg noch mal leicht an. Inzwischen sind rund 6,5 Millionen Menschen
Geringverdiener. In Frankreich ist die Quote gerade mal halb so hoch wie hierzulande, in Dänemark ist sie noch
niedriger.

Eine unerfreuliche deutsche Besonderheit sind extrem niedrige Einkommen


Niedriglohn
unter fünf Euro pro Stunde, mit denen sich rund zwei Millionen Menschen
begnügen müssen. Solche Löhne seien selbst in Großbritannien unzulässig, Was ist ein Niedriglohn? Wer
weniger als zwei Drittel des
weil es dort eine gesetzliche Untergrenze gibt, so die Forscher des IAQ. Auch
mittleren Stundenlohns
die Aufstiegschancen der Geringverdiener seien hierzulande besonders verdient, gilt als Niedriglöhner.
schlecht. "Ein solches für die soziale Marktwirtschaft in Deutschland wenig In Deutschland lag die Schwelle
2006 bei 6,81 Euro im Osten
schmeichelhaftes Ergebnis hatten wir nicht erwartet", heißt es in der deutschen
und 9,61 Euro im Westen. Im
Studie. Durchschnitt erhalten
Geringverdiener gerade mal
Warum hat sich der Niedriglohn-Sektor so stark ausgebreitet? Die Vereinigung 5,43 Euro im Osten und 7,12
Euro im Westen.
und die daraus folgende Wachstumsschwäche sei nur ein Grund, meinen die
Wissenschaftler. Hinzu kommt, dass der Einfluss der Tarifparteien Wer sind die
geschwunden ist. Früher haben Gewerkschaften und Arbeitgeber für die Geringverdiener? Ungelernte
sind in der Minderheit: Drei
meisten Beschäftigten Einkünfte und Arbeitsbedingungen geregelt. Heute Viertel der Leute haben eine
gelten nur noch für einen Teil der Jobs hohe Tarifstandards. Eine wachsende Berufsausbildung oder einen
Zone des Arbeitsmarkts ist kaum noch oder gar nicht reguliert, weil die Hochschulabschluss.
Qualifikation allein schützt also
Unternehmen nicht tarifgebunden oder die Gewerkschaften zu schwach sind.
nicht vor Niedriglohn. Daher
Das gilt insbesondere für den privaten Dienstleistungssektor, und genau hier sind gesetzliche und tarifliche
gibt es besonders viele Geringverdiener. Konzerne und Kommunen bleiben Untergrenzen nötig, meint
Gerhard Bosch vom Institut
zwar tarifgebunden, sie lagern aber Tätigkeiten aus in Unternehmen, die ihre
Arbeit und Qualifikation in
Leute schlechter bezahlen. Duisburg. 68 Prozent der
Geringverdiener sind Frauen, 46
Die Hartz-Gesetze haben den Trend verstärkt, meint Bosch. Denn die Politik Prozent Vollzeit-Beschäftigte.
hat Leiharbeit dereguliert - und sie fördert Minijobs, indem sie die Leute von Wo arbeiten sie? Im
Sozialabgaben befreit. Fast alle 400-Euro-Jobber werden gering entlohnt, viele Gastgewerbe sind 63 Prozent
haben miserable Aufstiegschancen. Der Nobelpreisträger Robert Solow der Beschäftigten
Geringverdiener, im

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Niedriglohn-Alarm in Deutschland 20.04.08 12:50

Geringverdiener, im
kritisiert diese Beschäftigungsform in seinem Vorwort zur deutschen Studie: Einzelhandel sind es 40 Prozent.
"Ganz offensichtlich stellt sich die Frage, ob diese Institution eine tragfähige Bei Dienstleistungen für
Langzeit-Lösung in einer modernen Wirtschaft ist." Unternehmen – hierunter fällt
auch Leiharbeit – beträgt die
Quote 36 Prozent.
Deutschland ist auf dem Holzweg, warnt Bosch: "Wenn die Politik nicht
gegensteuert, kann der Niedriglohnsektor in Deutschland größer werden als in den USA, wo jeder Vierte
Geringverdiener ist."

Was ist also zu tun? Ein gesetzlicher Mindestlohn würde immerhin den Menschen helfen,
die Hungerlöhne von vier oder fünf Euro kriegen, meint der Volkswirt. Er ist aber kein
Allheilmittel, wie ein Blick nach Großbritannien lehrt. Daher fordert er: "Wir müssen die
Tarifpolitik stärken." Insbesondere, indem mehr Tarifverträge für allgemein verbindlich
erklärt werden. Auf diese Weise ließen sich mittlere Einkommen stabilisieren.

Die Dänen können sich glücklich schätzen, sie haben schon eine Lösung gefunden. Dort
gibt es kaum Billigjobs - und kaum Arbeitslose. Das Land ist mit einem eigenwilligen
Politikmix erfolgreich. So sind Kündigungen relativ einfach und die
Arbeitslosenunterstützung großzügig. Die Gewerkschaften sind stark und sorgen für eine
geringe Lohnspreizung - nach unten und nach oben.

Niedriglohn (FR- Für Arbeit, die in Deutschland und den USA schlecht bezahlt wird, etwa in der
Infografik)
Fleischindustrie, gibt es in Dänemark anständige Gehälter, berichten die Wissenschaftler.
Zu schaffen macht den Dänen das hiesige Lohndumping: Schlachtereien haben Jobs nach Deutschland verlagert.

Kommentar: An die Arbeit

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Dokument erstellt am 17.04.2008 um 17:36:02 Uhr
Letzte Änderung am 18.04.2008 um 07:48:01 Uhr
Erscheinungsdatum 18.04.2008

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